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Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

10. A p r i l 1985

15

INHALT

DOKUMENTATION
Amerikanischer Friedensvorschlag für Nicaragua
- Erklärung Präsident keagans -

WIRTSCHAFT

Wachstum und Handel Hauptthemen auf dem Bonner Wirtschaftsgipfel
&gt;

- Rede von US-Staatssekretär Wallis in New York -

* * * * *

Um Übcr/cn Jung von
ßckgcHcmplorcn
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2035
Telex: 8-85432

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Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

10. April 1985

15

AMERIKANISCHER FRIEDENSVORSCHLAG FLR NICARAGUA
- Erklärung Präsident Reagans -

Washington -(AD)- Am 4. April 1985 rief Präsident Ronald Reagan die
sandinistische Regierung Nicaraguas und die sie bekämpfende demokratische
Widerstandsbewegung dazu auf, die Waffen niederzulegen und unter Vermittlung der Kirche in Gespräche über die Abhaltung freier Wahlen einzutreten. Seine Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Ich möchte heute einen Friedensvorschlag für Mittelamerika bekanntgeben, der die Grundlage für Freiheit und Demokratie in dieser von Unruhe
erschütterten Region bilden und die Sicherheit der Grenzen unseres eigenen Landes, unßerer Wirtschaft und unserer Bürger gewährleisten kann.

Am 1. März trafen die Führer der demokratischen Widerstandsbewegung
Nicaraguas in San Jose, der Hauptstadt Costa Ricas, mit einer breit gefächerten Koalition anderer im Exil lebender nicaraguanischer Demokraten
zusammen. Sie verständigten sich auf einen historischen Vorschlag zur
Wiederherstellung von Frieden und Demokratie in ihrem Lande und unterzeichneten ihn anschließend.
Die Mitglieder

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Mitglieder des demokratischen Widerstandes boten unter der Voraussetzung einen Waffenstillstand an, daß das Regime in Nicaragua sich
dazu bereit erkläre, in einen von der Bischofskonferenz der römischkatholischen Kirche vermittelten Dialog einzutreten, dessen Ziel in der
Wiederherstellung der Demokratie durch freie Wahlen bestehen solle. Bis
zum gegenwärtigen Zeitpunkt lehnt das Regime in Nicaragua dieses Angebot
ab.
Die Staaten Mittelamerikas einschließlich Nicaraguas haben übereinstimmend erklärt, daß eine innenpolitische Aussöhnung eine unumgängliche
Voraussetzung für den Frieden in der Region bilde. Im Gegensatz zu Präsident Duarte von El Salvador, der den Dialog mit seinen Gegnern sucht, haben die Kommunisten in Nicaragua jedoch zumindest bis zum gegenwärtigen
Zeitpunkt den Appellen des Papstes und der nicaraguanischen Bischöfe zur
nationalen Versöhnung die kalte Schulter gezeigt. Wir sind uns darüber im
klaren, daß sich daran ohne irgendwelche Anreize nichts ändern wird.
Aus diesen Gründen fordern viele Nicaraguaner Veränderungen und greifen zu den Waffen, um für die Einlösung der gestohlenen Versprechen von
Freiheit und Demokratie zu kämpfen, 'über 15 000 Menschen - Bauern und
Kleinhändler, Weiße, Schwarze und Miskito-Indianer - haben sich zusammengeschlossen, um für echte Demokratie zu kämpfen.

wir
für
die
ihr

Wir waren schon in der Vergangenheit für Demokratie in Nicaragua, und
sind auch heute für Demokratie. Wir waren schon in der Vergangenheit
nationale Versöhnung, und wir sind auch heute dafür. Wir meinen, daß
Demokratie in Nicaragua genauso viel Unterstützung verdient hat, wie
in El Salvador zuteil geworden ist.

Wir sind stolz auf die Hilfe, die wir El Salvador geleistet haben.
Sie erinnern sich vielleicht daran, daß wir im Jahre 1981 zu hören bekamen, daß die kommunistische Guerilla dabei sei, ihre Endoffensive einzuleiten, daß die Regierung keine Chance mehr habe und daß unsere Haltung
dazu führen werde, daß die Vereinigten Staaten immer tiefer in das Geschehen verwickelt würden.
Nun, die

�Nun, die Kritiker unserer Politik haben Unrecht behalten; Demokratie
und Freiheit sind in El Salvador im Begriff, zu siegen. Präsident Duarte
bringt sein Land wieder in Ordnung und erfreut sich breiter Unterstützung
durch die Bevölkerung. Die amerikanische Hilfe konnte bei alledem strikt
begrenzt gehalten werden.

Die Formel, die sich in El Salvador als richtig erwiesen hat - Unterstützung für Demokratie, Selbstverteidigung, wirtschaftliche Entwicklung
und Dialog - wird sich auch für die gesamte Region als richtig erweisen.
Ohne die Unterstützung durch beide Kongreßarteien

und die Nationale

Überparteiliche Kommission für Mittelamerika unter der Leitung von Henry
Kissinger hätten wir all dies nicht erreichen könnea

Nachdem ich monatelang mit führenden Persönlichkeiten des Kongresses
beraten und mir ihre Bedenken sorgsam angehört habe, unterbreite ich daher heute den folgenden Vorschlag:

Ich rufe beide Seiten auf, die Waffen niederzulegen und auf das Angebot einzugehen, unter Vermittlung der Kirche Gespräche über international
überwachte Wahlen und über eine Beendigung der gegenwärtigen Unterdrückung der Kirche, der Presse und der Rechte des einzelnen aufzunehmen.

Die Angehörigen der demokratischen Widerstandsbewegung ersuche ich,
ihr Angebot eines Waffenstillstands bis zum 1. Juni zu verlängern.

Den Kongreß ersuche ich um die sofortige Freigabe des bereits bewilligten Betrages von 14 Millionen Dollar. Ich verspreche, daü diese Mittel
nicht für Waffen und Munition verwandt werden sollen, solange daü Angebot
eines Waffenstillstands auf dem Tisch liegt. Diese Mittel würden für Nahrungsmittel, Bekleidung, Medikamente und andere lebenswichtige Dinge verwendet werden. Ohne diese grundlegenden Bedarfsgüter kann die demokratische Opposition nicht als Verhandlungspartner auftreten.

Falls die Sandinisten auf dieses Friedensangebot eingehen, werden
diese Beschränkungen bei der Verwendung der Mittel in Kraft bleiben.
Friedensverhandlungen dürfen jedoch nicht zu einem Deckmantel für Täu- 3 -

�für Täuschung und Hinhaltemanöver werden. Wenn nach 60 Verhandlungstagen
keine "Übereinkunft erzielt wird, werde ich diese Beschränkungen aufheben,
falls mich nicht beide Seiten ersuchen, dies zu unterlassen.
Ich möchte betonen, daß die Vereinigten Staaten im Einklang mit den
21 im Rahmen des Contadora-Prozesses definierten Zielen auch weiterhin
folgendes anstreben:
1. Die Erfüllung der von Nicaragua gegenüber der OAS übernommenen
Verpflichtung zur Herstellung demokratischer Zustände.
2. Die Beendigung der Aggression Nicaraguas gegen seine Nachbarn.
3. Den Abzug der nach Tausenden zählenden Militär- und Sicherheitsbediensteten aus dem Ostblock, Kuba und L,ibyen sowie von der PLO und
anderen Stellen.
4. Die Rückführung der nicaraguanischen Streitkräfte auf ein zahlenmäßiges Niveau, das dem der Nachbarstaaten entspricht.
Ich werde heute mit Arturo Cruz, Adolfo Calero und Alfonso Robelo
zusammentreffen, um meinen Vorschlag mit ihnen zu erörtern.
Die Demokratie bildet den Weg zum Frieden. Wenn wir jedoch die tapferen Angehörigen des demokratischen Widerstandes fallen lassen, dann geben
wir den Kommunisten völlig freie Bahn. Die Demokratie kann sich in Mittelamerika durchsetzen, aber der Kongreß muß die Mittel freigeben, durch
die Anreize zum Dialog und zum Frieden geschaffen werden können.
Wenn wir zu wenig Hilfe leisten, dann bedeutet dies ein kommunistisches Mittelamerika und eine Ausbreitung der kommunistischen Subversion
von dort aus nach Süden und Norden. Wir stehen vor der Gefahr, daß 100
Millionen Menschen von Panama bis zu unserer offenen Südgrenze unter die
Herrschaft prosowjetischer Regime geraten könnten. In einem solchen Falle
wären die Vereinigten Staaten von Gewalt, wirtschaftlichem Chaos und einer Flut von Flüchtlingen bedroht.
_ 4 _

Mittelamerika ist

�Mittelamerika ist keineswegs zu einer solch düsteren Zukunft im Zeichen nicht enden wollender Gewalt verurteilt. Wenn die Vereinigten Staaten ihrer Verpflichtung zur Hilfeleistung für die, die heute nach Demokratie streben, gerecht werden, können sie eine vielversprechende Zukunft
schaffen, in der der Friede für alle Amerikaner gesichert ist. Laut uns
im Geiste des Osterfestes entsprechend handeln.

Ich sehe der Zusammenarbeit mit dem Kongreß in dieser wichtigen Angelegenheit in den kommenden Wochen mit Genugtuung entgegen.
(Ende der Erklärung Präsident Reagans;

Nachdem Präsident Reagan seine Erklärung abgegeben hatte, beantwortete er Fragen von Journalisten. Die Fragen und Antworten haben folgenden
Wortlaut (gekürzt):
FRAGE: Herr Präsident, welche Anreize bestehen für die nicaraguanische Regierung ?

ANTWORT: Nun, das gegenwärtige Blutvergießen zu beenden und aus der
schweren Wirtschaftskrise in ihrem Lande herauszukommen, die wegen all
dem, was jene Regierung getan hat, ständig schlimmer wird.
FRAGE: Herr Präsident, Tip 01 Neill hat gesagt, daß dies ein schmutziger Trick sei und daß Sie der amerikanischen Öffentlichkeit weiszumachen versuchten, daß es um humanitäre Hilfe gehe, während Sie in Wirklichkeit einen Geheimplan zu militärischem Vorgehen verfolgten.

ANTWORT: ... Wenn er dies einen schmutzigen Trick nennt, dann hat er
eine merkwürdige Definition für schmutzige Tricks.

FRAGE: Was veranlaßt Sie zu der Annahme, daß dies den Kongreß geneigter machen wird, die von Ihnen vorgeschlagene Hilfe zu akzeptieren ?

ANTWORT: Die Tatsache, daß der Kongreß bei all seinen Bemühungen, die
Fortsetzung unserer Hilfe für die Contras und die Demokratie in Nicaragua
- 5 -

�in Nicaragua zu behindern, die Notwendigkeit einer friedlichen und politischen Lösung betont hat, d.h., einer Lösung von der Art, über die wir
hier sprechen, also einer Lösung, wie sie sich aus Gesprächen zwischen
den Parteien ergeben würde.
FRAGE; Sie haben klargestellt, daü die 14 Millionen Dollar Ihres Erachtens wesentlich sind. Wenn der Kongreß Ihr Ersuchen ablehnen sollte,
würden Sie dann nach anderen Möglichkeiten der Hilfeleistung für die
Contras suchen, d.h., nach anderen Mitteln und Wegen, um Ihren wünsch
nach einer Umstrukturierung der nicaraguanischen Regierung

weiter zu

verfolgen ?
ANTWORT: Ganz gleich was auch geschieht, wir werden nicht einfach
weggehen und sie sich selbst überlassen.
FRAGE: Würden Sie irgendwelche militärischen Aktionen gegen Nicaragua
erwägen ? Sie scheinen Nicaragua ein "entweder - oder" signalisieren zu
wollen, und die 14 Millionen Dollar sind das Drohmittel. Ist das wirklich
genug, um die Regierung Nicaraguas zu stürzen ?
ANTWORT; Es geht nicht um den Sturz der Regierung, sondern um die
Rückkehr zu den Zielen der Revolution, für die einmal sowohl die Contras
als auch die Sandinisten gekämpft haben. Was militärische Aktionen angeht, so hat dergleichen nie in unserer Absicht gelegen. Das haben wir
immer wieder gesagt.
FRAGE: Falls es zu einem Waffenstillstand und zu Gesprächen käme, die
dann aber zu nichts führten, was geschähe dann mit den 14 Millionen Dollar ? Würden davon dann Waffen für die Contras gekauft ?
ANTWORT: Wie ich bereits sagte, könnten wir nach 60 Tagen, falls keine Übereinkunft erzielt würde und falls uns nicht beide Seiten ersuchen
würden, am ursprünglichen Konzept festzuhalten, die 14 Millionen Dollar
verwenden, um den Contras in jeglicher Art und Weise zu helfen. ...
FRAGE: Machen Sie Ihr Friedensangebot vom Rückzug der sowjetischen,

�der sowjetischen, kubanischen und PLO-Berater aus Nicaragua abhängig oder
nur von Gesprächen und einem Ende der Unterdrückung ?

ANTWORT: Wir meinen, daß dies einen Teil der Übereinkunft bilden
sollte, die erzielt werden muß. Genauso haben auch die Contras argumentiert: daß Nicaragua aufhören muß, eine Bedrohung für seine Nachbarn zu
sein, daß die ausländischen Militärs aus dem Land heraus müssen und daß
es zu den demokratischen Zielen zurückkehren muß, von denen die Sandinisten selbst gegenüber der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) gesagt haben, daß sie das gewesen seien, wofür sie im Rahmen der Revolution
gekämpft hättea

FRAGE: Wissen die Contras von Ihrem Vorschlag ? Haben Sie darüber
vorher mit ihnen oder ihren Führern gesprochen ?

ANTWORT: Wir sind gerade dabei, die Leute davon in Kenntnis zu setzen. Sie gehören zu den ersten, die davon erfahren.

FRAGE: Die Sandinisten haben den Vorschlag, den die Contras in San
Jose gemacht haben, bereits abgelehnt. Was veranlaßt Sie zu der Annahme,
daß sie Ihren Vorschlag annehmen werden ?

ANTWORT: Die Tatsache, daß es hier meines Erachtens um mehr geht. Ich
glaube nicht, daß die Sandinisten auf dem amerikanischen Doppelkontinent
völlig allein stehen und alle ihre Nachbarn auf der anderen Seite wissen
wollen. Und wir glauben, daß wir in dieser Angelegenheit die Unterstützung der Contadora-Staaten haben, und wie ich schon sagte, bringt der
Fortgang der Feindseligkeiten große Probleme für die Sandinisten mit sich.
FRAGE: Sie wollen zusichern, daß die 14 Millionen Dollar nicht für
Waffen

und Munition, sondern für humanitäre Hilfe verwendet werden sol-

len ?

ANTWORT: Das ist richtig.

FRAGE: Können die Contras, wenn sie diese Mittel bekommen, nicht das
- 7 -

�nicht das Geld, mit dem sie bisher Nahrungsmittel kaufen mußten, zun Kauf
von Waffen verwenden ? Wäre das unterm Strich nicht das gleiche ?
ANTWORT: Ich glaube, ihre Lage ist nicht so stabil, daß sie sich mit
irgendetwas selbst versorgen können. Darum haben wir vorgeschlagen, daß
diese Mittel zu dem genannten Zweck verwendet werden sollen, solange sie
verhandeln und eine friedliche Regelung herbeizuführen versuchen.
FRAGE; Irgendwie bringen sie es aber auch so fertig, zu überleben;
d.h., sie bekommen Nahrungsmittel und dergleichen. Wenn Sie ihnen also
Geld für Nahrungsmittel geben, können sie dann nicht die Mittel, die sie
bislang dafür aufwenden mußten, für den Kauf von Waffen verwenden ?
ANTWORT; Ich würde sagen, daß sie in einer nahezu verzweifelten Lage
sind.
FRAGE; Wenn Sie alles bekommen, was Sie wollen, würden Sie dann all
unsere Truppen aus Mittelamerika zurück nach Hause bringen ... ?
ANTWORT: Die einzigen Truppen, die wir dort stehen haben, befinden
sich in verschieden Manövern und Übungen.
FRAGE: Das ist zwar richtig, aber sie befinden sich in Gefahr, besonders diejenigen, die gerade nach Honduras geschickt worden sind.
ANTWORT: Nein. ...
FRAGE: Sir, dort unten gibt es Männer und Frauen, die in Gefahr sind.
Würden Sie versprechen, sie wieder heimzubringen ?
ANTWORT: Wenn Sie zurückschauen, dann werden Sie bemerken, daß wir
auf dem Gebiet unserer Nachbarn seit jeher Dschungelausbildung und dergleichen durchgeführt haben. Im Gegensatz zu dem, was einige Stimmen auf
dem Kapitol lauthals verkünden, sind unsere Truppen nicht in diesen Ländern, um irgendjemanden zu bedrohen. Sie sind dort, weil unser Heer seine
neuen Mannschaften ausbilden muß und weil wir gut ausgebildete Streit-

�ausgebildete Streitkräfte brauchen, die überall kämpfen können, wo es
einmal erforderlich sein könnte. Solche Übungen sind in der Vergangenheit
wiederholt in Honduras durchgeführt worden. Das ist alles. Wir haben dort
keine Besatzungstruppen stehen. Auch in El Salvador haben wir immer noch
nicht mehr als 55 Berater ...

* * * *

- 9-

�15

10. April 1985

WACHSTUM UND HANDEL HAUPTTHEMEN REAGANS AUF DEM BONNER
WIRTSCHAFTSGIPFEL

- Rede von US-Staatssekretär Wallis in New York -

NEW YORK - (AD) - Der Staatssekretär für Wirtschaftliche Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium, Allen Wallis, bezeichnete die
Förderung des wirtschaftlichen Wachstums und des Welthandelssystems als
die wichtigsten Themen, die Präsident Ronald Reagan auf dem Wirtschaftsgipfel in Bonn vom 2. bis 4. Mai 1985 von amerikanischer Seite zur Sprache bringen werde.

Wallis, der wesentlich für die Vorbereitungen des

Bonner Wirtschaftsgipfels verantwortlich ist, sprach am 4. April 1985 vor
dem U.S. Council for International Business in New York.

Als weitere

wichtige Themen nannte er das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern, die Zusammenarbeit bei der Lösung der Hungerprobleme in Afrika, Zusammenarbeit im Umweltschutz, Zusammenarbeit bei der Entwicklung einer
bemannten Raumstation und Maßnahmen zur Verhütung von Energiekrisen.

Die Ausführungen von Staatssekretär Wallis haben folgenden Wortlaut:
Das Fr üh j ahr br ing t

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Das Frühjahr bringt eine intensive Runde internationaler Zusammenkünfte, deren Höhepunkt der Bonner Wirtschaftsgipfel sein wird.

Heute in

einer Woche werden der Stellvertretende Außenminister Dam und ich zusammen mit anderen leitenden Regierungsvertretern der Vereinigten Staaten an
der Ministertagung der OECD in Paris teilnehmen.

Nächste Woche werden

hier in Washington die Interims- und Entwicklungsausschüsse des IWF tagen.

Das Gipfeltreffen in Bonn findet vom 2. bis 4. Mai als Eröffnung

des Europabesuches des Präsidenten statt.

Ich möchte heute kurz über unsere Hoffnung für Bonn sprechen.

Zu-

nächst einmal möchte ich jedoch das Gipfeltreffen in die richtige Perspektive rücken.

An den jährlichen Wirtschaftsgipfeln, die 1974 begannen, nehmen die
Staats- und Regierungschefs der sieben größten demokratischen Industrieländer teil:

Japan, Kanada, Großbritannien, die Bundesrepublik Deutsch-

land, Frankreich, Italien und natürlich die Vereinigten Staaten.
der Präsident der Europäischen Kommission ist anwesend.

Auch

Diese Treffen

stellen keinen Anfang oder Selbstzweck dar, sondern sind der wichtigste
Teil eines andauernden Prozesses der Zusammenarbeit und des Dialogs unter
den wichtigen Industriestaaten.

Die Gipfeltreffen bieten nützliche An-

haltspunkte zur Beurteilung dieser Zusammenarbeit.

Die letzten vier Jahre haben eine entscheidende Entwicklung sowohl im
Ton als auch in der Substanz der Gespräche auf höchster Ebene gebracht.
In Ottawa im Jahr 1981 erkannten die meisten Staats- und Regierungschefs,
daß die Tätigkeit ihrer Volkswirtschaften nachließ, aber es fehlte ihnen
an einer klaren Vision, wie die Lage zu beheben sei.

Ja, man war sich

noch nicht ganz im klaren über die Natur der wirtschaftlichen Krise der
Industriewelt,

und

die

marktorientierten

Abhilfsvorschläge

Präsident

Reagans stießen auf unverhüllte Skepsis.

Zur Zeit des Gipfels 1982 in Versailles befanden sich alle großen industriellen Volkswirtschaften in der Rezession, und es lag auf der Hand,
daß ihre wirtschaftlichen Probleme tief verwurzelt waren.

Die Chefs auf

�Die Chefs auf dem Gipfel begannen mit dem schwierigen Prozeß, sich über
Unterschiede in den Ansichten und in der Haltung klar zu werden.

Man

spricht von Versailles gelegentlich als von einem Fehlschlag, weil die
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ländern so klar zu Tage traten und
so stark publiziert wurden.

Es gab Meinungsverschiedenheiten über die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ost und West und über die Wechselkurse.

In dem Bemühen, die

Meinungsverschiedenheiten abzubauen, wurden mehrere Prograirane ins Leben
gerufen. Eines dieser Programme war ein Prozeß intensiverter politischer
Konsultation unter den fünf führenden Staaten der Gruppe.

Dies führte zu

einem intensiven Meinungsaustausch über die verschiedenen Punkte, ohne
den es den westlichen Regierungen nicht möglich gewesen wäre, zu einer
Übereinkunft über die Mittel und Wege zur Bewältigung gemeinsamer wirtschaftlicher Herausforderungen zu kommen.

Eine zweite von Versailles ausgehende Initiative war eine gründliche
Überprüfung der wirtschaftlichen Beziehungen zu den Ländern des Ostens.
Ein drittes Programm befaßte sich mit der Prüfung der Erfahrungen mit Regierungsinterventionen auf den Devisenmärkten.

Der Wert dieser drei Initiativen wurde auf dem Gipfel in Williamsburg
im Jahr 1983 deutlich.

Der Wirtschaftsgipfel in Williamsburg billigte

kooperative Strategien für die Bewältigung globaler Probleme - die Förderung eines anhaltenden, nichtinflationären Wachstums, eine gesunde Währungs- und Finanzpolitik und eine stärkere Abstützung auf die Kräfte des
Marktes; die Inangriffnahme des internationalen Schuldenproblems durch
einen koordinierten Plan zur Förderung geordneter wirtschaftlicher Anpassungen in wirtschaftlich schlecht stehenden Entwicklungsländern; die Eindämmung des Protektionismus und schließlich die Herbeiführung einer vernünftigen gemeinsamen Haltung bezüglich der Wirtschaftsbeziehungen zum
Ostblock.

Im folgenden Jahr haben diese Strategien Frucht getragen, und so waren die Staats- und Regierungschefs im vorigen Jahr in London in der La-

�in der Lage, die Einstellung zu bekräftigen, die sie in den davorliegenden drei Jahren so mühsam zustandegebracht hatten, und Vorschläge zu machen, wie jede dieser Strategien im Lichte neuerer Erfahrungen verbessert
werden könnte.

Es war eine Gelegenheit, um einmal den wirtschaftlichen

Wiederaufschwung festzustellen und zu feiern und zum andern darauf hinzuweisen, wie andere Länder von unserem nichtinflationären Wachstum und
durch Übernahme der Politik, die es ermöglichte, zu profitieren.

Was bleibt also in Bonn noch zu tun?

Eine ganze Menge. Für die Ver-

einigten Staaten gibt es deutliche Parallelen zwischen den Zielen, die
sich Präsident Reagan zu Beginn seiner zweiten Amtsperiode gesetzt hat,
und den Zielen, die sich nach unserer Überzeugung die sieben größten Industriestaaten der Welt im nächsten Monat in Bonn setzen sollten. Sicherlich besteht eines von vier Zielen darin, mehr zu tun in der gleichen
Richtung.

Es hat keinen Sinn, in eine ungesunde Politik zurückzuverfal-

len, wenn die Politik die wir verfolgen, funktioniert.

Der Aufschwung in

vielen der großen industriellen Volkswirtschaften ist noch immer schwach
und unsicher.

Weil eine gute Wirtschaftspolitik und eine gesunde Wirt-

schaftstätigkeit in den Gipfel-Ländern so entscheidend wichtig ist für
das Wohlergehen der Welt, wird der Präsident auf Maßnahmen dringen, um
die Aussichten auf ein anhaltendes Wachstum und mehr Arbeitsplätze zu
stärken.

Wir gehen davon aus, daß sich der Gipfel auf zwei Gebiete konzentrieren wird:

Beseitigung struktureller Hemmnisse und Sicherung und Stärkung

des internationalen Handelssystems.

Bevor ich auf diese beiden Themen

näher eingehe, möchte ich kurz zusammenfassen, welche andere wichtige
Themen in Bonn besprochen werden dürften.

1.

Das erste ist die Notwendigkeit, die Kooperation fortzusetzen, um

ein anhaltendes Wachstum in den Entwicklungsländern zu fördern.

Die

Haltung, die wir den Problemen der Verschuldung und der Anpassung gegenüber eingenommen haben, hat sich bewährt.

Heute in zwei Wochen

werden bei den Tagungen des Interims- und des Entwicklungsausschusses
des IWF in Washington führende Finanzleute aus der ganzen freien Welt

�freien Welt zusammenkommen, um Bestandsaufnahme zu machen und Vorschläge für die Stärkung unserer gemeinsamen Anstrengungen zu unterbreiten.

Wir werden die Notwendigkeit hervorheben, auf lange Sicht

eine kohärente Politik zu verfolgen, um Anpassung

und anhaltendes

Wachstum zu fördern, und auch die Rollen unterstreichen, die ein offener Handel und private Auslandsinvestionen in diesem Prozeß spielen
müssen.

2.

Ein zweites und besonders dringendes Gebiet des kooperativen Han-

delns auf kurze wie auf lange Sicht ist die Behebung der Ernährungskrise im Subsahara-Afrika.

Die Vereinigten Staaten haben bei diesen

Anstrengungen die führende Rolle

übernommen.

Unsere Hunger- und

Flüchtlingshilfe für Afrika in Höhe von über einer Milliarde Dollar
in diesem Jahr ist mehr als alle anderen Geber zusammen aufgebracht
haben.

Auf lange Sicht ermutigen

wir

grundlegende

Agrarreformen

durch bestehende bilaterale Hilfsprogramme, unser neues Afrikanisches
Wirtschaftsreformprogramm, die Initiative Lebensmittel für den Fortschritt sowie unsere Beteiligung

an multilateralen

Institutionen.

Wir fordern auch eine stärkere Koordinierung der bilateralen Spenden,
um die größtmögliche Auswirkung auf die afrikanische Wirtschaftspolitik und die Entwicklungsaussichten zu erreichen.

3.

Drittens wird in diesem Jahr besonderer Nachdruck auf die Zusam-

menarbeit im Umweltschutz und auf das Verhältnis zwischen Umweltschutz und Wirtschaftswachstum gelegt werden.

Es werden Studien und

andere Arbeiten geprüft werden, die vom vorjährigen Wirtschaftsgipfel
in Auftrag gegeben wurden, und die Beschlüsse der Umweltminister auf
ihrem Treffen im Dezember vorigen Jahres in London dürften voraussichtlich bestätigt werden.

4.

Viertens gehen wir davon aus, daß die Staats- und Regierungschefs

auf dem Gipfel über die Zusammenarbeit auf anderen speziellen Gebieten sprechen werden, einschließlich über Bemühungen, eine bemannte
Raumstation zu entwickeln, sowie über Maßnahmen, um die Wahrscheinrlichkeit potentieller Störungen der Energieversorgung zu verringern

- 5-

�zu verringern und deren Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Um auf die Hauptthemen zu kommen:

Der Hauptnachdruck auf dem dies-

jährigen Gipfeltreffen wird auf der Beseitigung struktureller Hemmnisse
für ein anhaltendes Wachstum liegen.

Der Wiederaufschwung der Weltwirtschaft hat sich im abgelaufenen Jahr
weiter verstärkt. Angeführt von den Vereinigten Staaten betrug das reale
Wachstum des Bruttosozialproduktes in den OECD-Ländern im Jahr 1984 fast
fünf Prozent, und unser Wachstum war mit 6,9 Prozent das höchste seit
1951.

Darüber hinaus konnte auch in diesem zweiten Jahr eines starken

Wachstums ein Wiederaufleben der Inflation vermieden werden.

Im vergan-

genen Jahr lag der Anstieg der Verbraucherpreise in den Vereinigten Staaten kaum über vier Prozent - eine Rate, die, wie wir annehmen, sich in
den nächsten Jahren stabilisieren dürfte. Was die OECD insgesamt angeht,
so ging die Inflation im vergangenen Jahr auf 5,5 Prozent zurück - die
niedrigste Rate seit 1972.

Im übrigen erhöhte sich das reale Wachstum

des Bruttosozialprodukts im vorigen Jahr in den nicht-OECD-Staaten auf
etwa vier Prozent.

Wenn wir dieses dritte Jahr einer aufeinander folgenden nichtinflationären Expansion eintreten, gibt es jedoch auch einige beunruhigende
Anzeichen.

In den Entwicklungsländern sind die wirtscnaftlichen Aussich-

ten noch immer unausgewogen.

Für viele der größeren Entwicklungsländer,

die entweder schwere Probleme des Schuldendienstes vermieden oder im Zusammenwirken mit dem Internationalen Währungsfonds

(IWF) Schritte zur

wirtschaftlichen Stabilisierung unternommen haben, sind die Aussichten
günstig.

Aber vielen anderen geht es nicht besonders gut. Die Inflation

ist noch immer hoch, selbst in einigen der Länder, die in anderen Aspekten des Anpassungsprozesses erfolgreich sind, und eine anhaltende Expansion wird eine verstärkte Anstrenyung zur Lösung grundlegender struktureller Probleme erfordern.

Aber diese Problme sind heute bekannt, und selbst wenn der Fortschritt nicht so rasch kommt, wie wir es uns wünschen, so geht der Trend

�der Trend doch in die richtige Richtung.

Was im Zusammenhang mit dem

Bonner Gipfel vielleicht mehr Sorgen bereitet, ist die Tatsache, daß die
Gipfel-Länder selbst noch sehr viel unerledigte Aufgaben in ihren eigenen
Anstrengungen übrig gelassen haben, einen anhaltenden nichtinflationären
Wiederaufschwung zu gewährleisten.

In den Vereinigten Staaten hat Präsident Reagans "grundlegender Wandel" in der Wirtschaftspolitik bereits augenfällige Ergebnisse gebracht.
Um unsere anhaltende Expansion jedoch zu sichern, müssen wir übertriebene
Regierungsausgaben kürzen, um einen zunehmenden Aderlaß bei den Mitteln
für den privaten Verbrauch und private Investitionen zu verhindern.

Wir

müssen auch unser Steuersystem reformieren, um die Verzerrungen zu beseitigen, die in den gegenwärtigen Steuersätzen liegen, und die abschreckende Wirkung der hohen Spitzensteuersätze bei der Einkommenssteuer zu verringern.

Dies wird durch anhaltende Anstrengungen ergänzt werden, eine

gesunde Währungspolitik zu verfolgen, die mit niedriger Inflationsrate
und einer anhaltenden Wachstumsrate vereinbar ist, sowie durch Bemühungen, die Märkte von Verordnungen zu befreien und andere strukturelle
Hemmnisse zu beseitigen, die das freie Spiel der Kräfte auf dem Markt behindern.

Auch Japan muß weiterhin alle Aspekte seiner Wirtschaftspolitik stärken.

Darüber hinaus muß Japan die Verantwortungen westlicher wirtschaft-

licher Führung in größerem Umfang übernehmen, die ihr der bisherige Erfolg seiner Wirtschaftspolitik und die Stärke seiner Wirtschaft auferlegt
haben.

Um das System des internationalen Handels und der internationalen

Investitionen zu stärken - sowohl zum eigenen Wohle als auch zum Wohle
der anderen Beteiligten an diesem System - muß Japan vollständig und
rasch seine Verpflichtungen zur Liberalisierung des Kapitalmarktes und
zur Öffnung seiner Märkte für Güter und Dienstleistungen erfüllen.

Die größten strukturellen Hindernisse
schaftswachstum sind in Europa zu finden.

für

ein

nachhaltiges Wirt-

Das deutlichste Zeichen dafür

ist die Disparität zwischen dem jüngsten Wachstums- und Beschäftigungsstand in Europa und in anderen großen Industrieländern.
- 7 -

Das 5,5prozen-

�Das 5,5prozentige Wachstum in Japan im vergangenen Jahr und das 4,6prozentige Wachstum in Kanada sind beachtlich.

Diese beiden Volkswirtschaf-

ten haben weiter neue Arbeitsplätze geschaffen, und als Ergebnis ging die
Arbeitslosenrate in Kanada zurück und die Rate in Japan stabiliserte sich
auf einem sehr niedrigen Stand.

Im Gegensatz dazu betrug das Wachstum in den vier am Gipfel beteiligten europäischen Ländern im vorigen Jahr nur etwa zwei Prozent - und das
war die stärkste Wirtschaftstätigkeit seit vier Jahren.

Die Arbeitslo-

senraten, die in Europa historisch weit niedriger liegen als in den Vereinigten Staaten, sind praktisch in die zweistelligen Zahlen gestiegen
und werden in diesem Jahr einen neuen Höchststand erreichen.

Die Arbeitslosigkeit ist zu einem großen sozialen Problem geworden.
Manche Beobachter haben geglaubt, daß das Hauptproblem in demographischen
Faktoren zu suchen sei - dem Eintritt der Frau ins Arbeitsleben und einem
"Baby-Boom", der in Europa später. kam als in den Vereinigten Staaten.
Dies habe eine "Ausbuchtung" auf dem europäischen Arbeitsmarkt verursacht.

Wenn dies stimmte, dann müßte sich das Arbeitslosenproblem Euro-

pas mit der Zeit von allein lösen.

Leider lassen uns die Tatsachen kei-

nen Raum für solche Selbstgefälligkeit.

Das Problem ist nicht nur eine

ständige wachsende Zahl von Arbeitssuchenden:

Die Zahl der Arbeitsplätze

in Europa ist seit 1970 praktisch überhaupt nicht gewachsen.

In diesem

Zeitraum hat die amerikanische Wirtschaft 27 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen.

Diese langfristige Stagnation des Arbeitsmarktes in Europa

ist nicht nur für die europäischen Regierungen Anlaß zur Sorge, sondern
auch für ihre Verbündeten und Handelspartner.
Saat politischer

und wirtschaftlicher

Diese Situation trägt die

Instabilität, der

Schwäche des

Bündnisses und des Schadens für die Weltwirtschaft in sich.

Das wesentliche Problem für Europa ist das tiefsitzende Klischee der
Hindernisse für den Wandex, die eine wirksame Nutzung der wirtschaftlichen Ressourcen verhindern.

Diese strukturellen Hindernisse sind auf

dem Arbeitsmarkt besonders lästig, weil sie sowohl das Angebot von wie
auch die Nachfrage nach neuen Beschäftigten verzerren.
Auf der Nachfrageseite
- 8 -

�Auf der Nachfrageseite hat sich die Arbeit selbst so teuer gemacht,
daß sie sich vom Markt verdrängte - vor allem im Herstellungsbereich.
Diese Situation ist nicht nur durch ständige reale Lohnerhöhungen herbeigeführt worden, sondern auch auf Umwegen durch restriktive Arbeitsgesetze
auf gewerkschaftlich organisierten Sektoren und übertrieben gegensätzliche Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen.

Diese selbst zugefügten Wun-

den wurden durch die Regierungspolitik vertieft - einschließlich hoher
Arbeitsnebenkosten aus Sozial- und Altersversorgungsabgaben und strikter
Regierungsregelementierungen

für Entlassungen.

So kann beispielsweise

eine französische Firma, die mehr als 50 Beschäftigte entlassen will,
aufgrund von Regierungsverordnungen gezwungen werden, bis zu einem Jahr
zu warten, ehe die Entlassungen wirksam werden.

Verordnungen dieser Art

wurden erlassen, um die Arbeitsplätze zu schützen, aber wie die meisten
Eingriffe der Regierung in den Markt haben sie genau das Gegenteil von
dem bewirkt, was sie bewirken sollten.

Unternehmer zögern, auch in guten

Zeiten neue Beschäftigte einzustellen, weil sie wissen, daß sie sie bei
einem Rückgang der Geschäfte nicht entlassen können.

Ein Europäer hat

mir einmal gesagt, das Geheimnis des Erfolgs der amerikanischen Wirtschaft liege in den drei Worten:

"Sie sind entlassen".

Die Regierungspolitik hat auch das Angebot von Arbeitskräften in Europa gedrückt und dessen Anpassung an sich verändernde wirtschaftliche
Bedingungen erschwert.

Kein Industriestaat überläßt die Arbeitslosen und

Bedürftigen ganz und gar sich selbst.

Die Arbeitslosen- und die Sozial-

unterstützung in Europa sind so großzügig, daß sie wesentlich zu einer
Verkrustung der Arbeitsmärkte beigetragen haben.

Arbeitslose werden sich

weniger nachhaltig um einen neuen Arbeitsplatz bemühen oder einen Arbeitsplatz akzeptieren, der ihnen weniger Einkommen bringt als ihr früherer Arbeitsplatz, wenn die Kombination von Sozial- und Arbeitslosenunterstützung mehr oder weniger auf Dauer fast das gleiche ausmacht wie ihr
früheres Einkommen.

Die geradezu abschreckende Wirkung der hohen Einkom-

mensersatzraten in Europa wird durch die Großzügigkeit der Zuwendungen
für Langzeitarbeitslose verstärkt.

Während in den Vereinigten Staaten

die Arbeitslosenunterstützung nach einigen Monaten gekürzt wird, steigt
in einigen europäischen Ländern das kombinierte Einkommen aus Arbeitslo-

�aus Arbeitslosenunterstützung und Sozialbezügen sogar mit der Zeit.

Diese Verkrustungen des Arbeitsmarktes haben nicht nur die Rate des
wirtschaftlichen Wachstums gedrückt, sondern auch seine Form verzerrt.
Unternehmer, die vor einer Steigerung eines ihrer relativen Kostenfaktoren für einen ihrer wesentlichen Inputs stehen, haben es schwerer, zu
konkurrieren und zu expandieren.

Aber sie können zurückschlagen, indem

sie den relativen Anteil ihrer Inputs verändern.

Dies geschieht in Eu-

ropa schon eine ganze Zeit lang. Eine Studie der EG-Kommission vom vorigen Jahr hat herausgefunden, daß die hohen Arbeitskosten zu einer bedeu-

k

tenden Verlagerung auf arbeitsplatzsparende statt arbeitsplatzschaffende
Investitionenn geführt hat.

»

über diese Verkrustungen des Arbeitsmarktes hinaus stehen unsere Gipfel-Partner vor weiteren strukturellen Problemen, die ihre Wirtschaftstätigkeit hemmen.

Zu den Problemen, die am direktesten das Ergebnis von

Regierungspolitik sind -, und damit auch am ehesten zu beheben wären gehören Kontrollen der Finanzmärkte, verstaatlichte Industrien, die unwirtschaftlich arbeiten, und Subventionen.

Die Besorgnisse über die langfristigen wirtschaftlichen Aussichten in
Europa haben in der Abschwächung europäischer Währungen während der letzten Jahre ihren Niederschlag gefunden - nicht nur gegenüber dem amerikanischen Dollar, sondern auch gegenüber dem japanischen Yen und dem kanadischen Dollar.

Wir hoffen, daß die Schwäche der europäischen Währungen

in der letzten Zeit dazu beitragen wird, unseren Verbündeten die Dringlichkeit ihrer strukturellen Probleme klar zu machen, die nicht nur eines
der Hauptthemen auf dem Bonner Gipfel, sondern auch in der Arbeit der
OECD in den nächsten Jahren sein dürften.

Unser zweites wichtiges Thema für den Gipfel zielt auf die destruktiven Regierungseingriffe in das internationale Handelssystem ab.

Ich

brauche hier niemanden daran zu erinnern, daß der protektonistische Druck
wächst - nicht nur in Europa, wo die zunehmende Arbeitslosigkeit als Erklärung - wenn auch nicht als Entschuldigung - gelten kann, sondern auch
- 10 -

�sondern auch hier in den Vereinigten Staaten.
selbst zu verstärken:

Der Trend scheint sich

Verfechter von Einfuhrbeschränkungen können auf

"unfaire" Handelspraktiken anderer Länder als Provokation verweisen, und
wenn es ihnen gelingt, den Handel einzuschränken, dann wird oft Gleiches
mit Gleichem vergolten.

So wie die Handelsliberalisierung

das Wirtschaftswachstum

in den

fünfziger und sechziger Jahren angefacht hat, so wird es in den achtziger
Jahren durch den Protektionismus bedroht. Die Schließung von Märkten beseitigt Gewinne aus Handel und Spezialisierung.

Dies gefährdet mehr als

jede andere Gefahrenquelle sowohl den derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung als auch die Aussichten auf eine künftige Expansion. Darüber hinaus macht es unsere Strategie zur Lösung des internationalen Schuldenproblems zunichte. Alle großen Länder der freien Welt haben schwer gearbeitet, um die wirtschaftliche Anpassung zu fördern und zu ermöglichen, die
die in Schwierigkeiten steckenden Schuldnerländer vornehmen müssen, um
ihre wirtschaftliche Gesundheit wiederherzustellen.

Bisher haben sich

solche Anpassungen gelohnt. Die Wachstumsaussichten haben sich in diesen
Ländern gesteigert und die Bedrohung des Weltfinanzsystems ist geringer
geworden.

Wenn die sich in Schwierigkeiten befindlichen Schuldnerländer

für ihre Exporte nicht weiterhin Zugang zu den wachsenden Märkten haben,
wird dieser Prozeß jedoch zum Nachteil aller entgleisen.

Die Lösung liegt auf der Hand:

Es ist wesentlich, diesen Prozeß der

Liberalisierung des Handels zu erneuern.

Hochrangige Verpflichtungen auf

internationalen Treffen, dem Protektionismus zu widerstehen, hat es immer
wieder gegeben.

Aber meist sind es leere Worte.

Wir sind längst über

den Punkt hinaus, an dem Verpflichtungen, weiteren Schaden zu verhüten,
genügen könnten.

Wir müssen in der Lage sein, Forderungen nach Protek-

tionismus im eigenen Lande zu begegnen - bei erkennbarem Fortschritt in
der Beseitigung des Protektionismus im Ausland.

Die Vereinigten Staaten haben im letzten Jahr einigen Erfolg bei der
Zurückdrängung des Protektionismus und den Verhandlungen über die stärkere Öffnung von Märkten erzielt.

Wir befinden uns in der intensivsten

- 11 -

�der intensivsten

Runde bilateraler Verhandlungen mit Japan, die es seit

Jahren gegeben hat. Bilaterale Anstrengungen sind jedoch nur von begrenzter Wirkung.

Jetzt ist die Zeit für eine klare Verpflichtung zu einer

neuen Runde formeller, multilateraler Handelsverhandlungen im Rahmen des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) gekommen. Eine solche Verpflichtung muß sowohl ein bestimmtes baldiges Zieldatum wie auch die Aufforderung zu breiter Beteiligung einschließen.

Sollten die Gipfel-Staa-

ten ihre Absicht erklären, sofort mit Vorbereitungen zu beginnen, wäre es
möglich, daß die formellen Verhandlungen Anfang 1986 beginnen könnten.
Präsident Reagan hat in seiner Botschaft über die Lage der Nation die Bedeutung dieses Ziels für die Vereinigten Staaten klar herausgestellt:
"Heute rufe ich alle unsere Handelspartner - in den Entwicklungsländern
wie in den Industriestaaten - auf, sich uns in einer neuen Runde von Handelsverhandlungen anzuschließen, um Handel und Wettbewerb anzukurbeln und
die Weltwirtschaft zu stärken, und damit im nächsten Jahr zu beginnen."
Wir halten unsere Ohren offen für eine Antwort auf diesen Appell sowohl
auf der OECD-Ministertagung in diesem Monat wie auf dem Wirtschaftsgipfel
im nächsten Monat in Bonn.

Zusammenfassung
Jeder

verantwortungsbewußte

amerikanische

Regierungsvertreter, der

über einen anstehenden Wirtschaftsgipfel spricht, muß seine Zuhörer davor
warnen, dramatische Ereignisse oder große Durchbrüche zu erwarten.

Das

Ziel solcher Treffen besteht nicht darin, die Staats- und Regierungschefs
in spezifische Verhandlungen zu verwickeln, sondern zu einem breitgefächerten und informellen Gespräch zu ermutigen, das es ihnen erlaubt, zu
einem tieferen Verständnis der jeweiligen Standpunkte und deren Begründung zu gelangen.

Diesmal habe ich jedoch die üblichen Grundregeln gebrochen, indem ich
zugegeben habe, daß wir zumindest auf ein Übereinkommen von entscheidender Bedeutung hoffen.

Wenn das freie internationale Handelssystem über-

leben soll, dann dürfen wir uns nicht den Luxus leisten, unsere Schritte
- 12 -

�unsere Schritte dahinzuschleppen oder Haarspalterei zu betreiben.

Wenn

die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel nicht die Gelegenheit ergreifen, sich in einer festen Verpflichtung zusammenzuschließen, um eine
neue Runde von Handelsverhandlungen in Gang zu bringen, dann werden fast
mit Sicherheit die Kräfte des Protektionismus die Oberhand gewinnen.

Um unsere Ziele in Bonn ganz allgemein zusammenzufassen, möchte ich
noch einmal die Botschaft über die Lage der Nation zitieren:
einen guten Anfang gemacht. Aber es ist nur ein Anfang.

"Wir haben

Wir sind nicht

hier versammelt, um uns selbst Glück zu wünschen zu dem, was wir getan
haben, sondern um uns in die Pflicht zu nehmen, das zu vollenden, was wir
noch nicht getan haben."

•

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