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Embassy of the United States of America

27. November 1904

GEDANKEN 'ÜBER DAS OST-W£ST-VERHÄLTNIS
Rede des US-Botschafters vor der I n d u s t r i e - und Hanaelskammer
in Berlin -

': Dienstag, 27. November 1984, 17.3U Uhr MEZ

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�BERLIN - (AD) - Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika
in der Bundesrepublik Deutschland, Arthur F. Burns, erklärte am 27. November 1984 vor der Industrie- und Handelskammer in Berlin, daß Präsident
Reagan und seine Administration der Herstellung harmonischerer Beziehungen zur Sowjetunion "höchste Priorität einräumen".

Die Vereinigten Staa-

ten seien bereit, mit der Sowjetunion über alle Rüstungskontrollabkommen,
einschließlich der Weltraumwaffen wie auch der strategischen Nuklearwaffen und nuklearen Mittelstreckensysteme (INF), zu sprechen.

Wichtig für

den Erfolg dieser Bemühungen sei vor allem die Solidarität des Westens.

Die Ausführungen von Botschafter Burns unter dem Titel "Gedanken über
die Ost-West-Beziehungen" haben folgenden Wortlaut:

Ich freue mich über die Gelegenheit, vor einem so erlesenen Publikum
über das Thema der Ost-West-Beziehungen sprechen zu dürfen.

Die Stadt

Berlin bietet einen besonders geeigneten Rahmen, um über dieses lebenswichtige Thema zu sprechen.

In keiner Stadt kommt die tragische Spaltung

Europas schmerzlicher zum Ausdruck.

Keine Stadt macht die Notwendigkeit

so deutlich, vernünftige und wirksame Mittel und Wege zur Überwindung
dieser Spaltung zu finden.

Die Berliner kennen die Probleme, die ein geteiltes Europa geschaffen
hat, und die Schwierigkeit, sie zu lösen, aus erster Hand.

Die Berliner

Mauer erinnert sie ständig daran, sich keinen Illusionen hinzugeben, es
wären leichte Lösungen zufinden.

Sie wissen nur zu gut, daß ein verein-

ter Wille, Mut und Geduld für eine bessere Zukunft notwendig sind.

Die

Berliner

�Die Berliner wissen aber auch, daß Grund zur Hoffnung besteht.

Der

Abschluß des Viermächte-Abkommens vor 13 Jahren hat gezeigt, daß für einige der praktischen Probleme, vor denen die Bevölkerung Berlins steht,
vernünftige Lösungen gefunden werden können - trotz anscheinend unüberwindbarer Differenzen zwischen Ost und West.
eindrucksvoller Erfolg.

Dieses Abkommen ist ein

Aufgrund dieses Abkommens leben die Westberliner

heute sicherer, reisen freizügiger und erfreuen sich engerer Kontakte zu
ihren Freunden und Verwandten in Ostberlin und in der Deutschen Demokratischen Republik, als das vor J3 Jahren möglich war.

Die Berliner haben also Grund zum Optimismus.

Sie wissen, daß im Le-

ben der einzelnen und der Familien einige Verbesserungen erreicht worden
sind.

Sie sind sich darüber im klaren, daß weitere Verbesserungen not-

wendig wie auch möglich sind.

Und sie können außerdem versichert sein,

daß weiterer Fortschritt, wann immer er eintritt, das Vertrauen nähren
wird, das notwendig ist, den noch umfassenderen Frieden - eingebettet in
Gerechtigkeit und Freiheit - zu erreichen, den wir alle suchen.

Als Berliner wissen Sie alle, daß die Entwicklung besserer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik eben gerade auch menschliche Beziehungen umfaßt.

So wie

im Falle Ihrer geteilten Stadt besteht auch die Notwendigkeit, praktische
Lösungen der schmerzlichen Probleme zu finden, die sich aus einer geteilten deutschen Nation ergeben.

Dies wird zwangsläufig ein sich lange hin-

ziehender Prozeß sein, der seine Enttäuschungen wie auch Erfolge bringen
wird.

Eine fundamentale Aufgabe für uns alle ist es, die humanitären

Ziele dieses Prozesses im Auge zu behalten und nicht zuzulassen, daß er
anderen Zielsetzungen untergeordnet wird.

Die Bevölkerung und die Regierung der Vereinigten Staaten begrüßen
die Entwicklung engerer Beziehungen zwischen Ost- und Westdeutschland.
Präsident Reagan hat in seiner Rede vor der Vollversammlung der Vereinten
Nationen im September dieses Jahres dieses Ziel ausdrücklich unterstützt.
Ein konstruktiver Dialog zwischen den beiden deutschen Staaten ist offensichtlich von großer Bedeutung für das Wohlergehen des deutschen Volkes,
- 2 -

�deutschen Volkes, und wir in den Vereinigten Staaten sind bereit, alles
in unserer Macht Stehende zu tun, um ihn zu fördern.

Wir Amerikaner tei-

len die Hoffnung des deutschen Volkes, daß ein Prozeß friedlicher Entwicklung am Ende zu einem wiedervereinten und demokratischen Deutschland
in einem Europa führen wird, das von seinem Stacheldraht und seinen Gefängnismauern befreit sein wird.
Wie heute wohl jeder erkennt, ist das Verhältnis zwischen meinem eigenen Lande und der Sowjetunion eine Angelegenheit von vitaler Bedeutung
für die Zukunft Deutschlands - ja, für die Zukunft der ganzen Welt.

Es

ist jetzt fast 40 Jahre her, daß der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

In

diesem Zeitraum hat sich Europa der Segnungen des Friedens erfreut - ein
Zustand, der durch die politische und militärische Einigkeit des Westens
ermöglicht wurde.

Trotzdem ist es eine beunruhigende Tatsache, daß wir

im Westen und der Warschauer Pakt im Osten ständig mit Garnisonen und
wachsenden Rüstungsarsenalen heiastet sind.

Nicht nur, daß die Kosten

dieser Verpflichtung an Menschen und Material wirtschaftlich gesehen hoch
sind, auch die geistige und psychologische Belastung der fortdauernden
Spannung ist groß.

Die Logik der Situation erfordert eindeutig, daß wir mit der Sowjetunion daran arbeiten, ein harmonischeres Verhältnis herzustellen.

Ich

kann Ihnen versichern, daß Präsident Reagan und seine Administration diesem Ziel höchste Priorität einräumen.

Wenn wir Amerikaner und unsere eu-

ropäischen Freunde die Weltlage abwägen und Pläne für eine bessere Zukunft entwerfen, dann macht uns jede vernünftige Überlegung klar, daß ein
konstruktives Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion im Mittelpunkt unseres Anliegens stehen muß.

Im Januar vorigen Jahres hat der Präsident ausführlich die Politik
Amerikas gegenüber der Sowjetunion dargelegt und in seiner jüngsten

Rede

vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen unsere grundsätzliche Politik erneut bestätigt.

Was der Präsident immer wieder hervorhebt, ist

die dringende Notwendigkeit, ein gutes Arbeitsverhältnis zur Sowjetunion
herzustellen - ein Verhältnis, das durch größere Zusammenarbeit und Ver-

�und Verständigung gekennzeichnet ist.
pflichtung zu einem

Genau diesen Punkt, Amerikas Ver-

realistischen, produktiven Ost-West-Dialog, möchte

auch ich heute abend unterstreichen.

Ich weiß, daß unsere europäischen

Verbündeten diese Verpflichtung teilen.

Beziehungen zwischen Ländern sind eine höchst komplexe und sensitive
Angelegenheit.

Auch Regierungen benehmen sich leider nicht immer über-

legt und vernünftig.

Sie bestehen aus einzelnen Menschen, die wie jeder

von uns der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur unterworfen sind.

Bis

zu einem gewissen Grade ist die unvollkommene Einsicht ein untrennbarer
Teil des Lebens selbst.

Wir finden das unter Mitgliedern der gleichen

Familie, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen Pfarrern und
ihrer Gemeinde, zwischen Lehrern und ihren Schülern.
des Mißverständnisses

sind

unter

Regierungen

Die Möglichkeiten

souveräner

Staaten umso

größer, als sie - wie dies gewöhnlich der Fall ist - durch Unterschiede
der Sprache, Geschichte und Kultur wie auch der geographischen Lage getrennt sind.

Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es selbst im täglichen

Leben sehr schwierig ist, das Vertrauen zwischen Personen wiederherzustellen, wenn es erst einmal zerstört ist.

Ich verrate Ihnen kein Ge-

heimnis, wenn ich Ihnen sage, daß die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen derzeit in einer schwierigen Phase stecken - einer Phase, in der die
gigantische Aufgabe der Herstellung von Vertrauen und Zutrauen von größter Bedeutung ist und jetzt in Angriff genommen wird.

Ich möchte heute abend über mehrere Schritte sprechen, die wir alle
in der westlichen Gemeinschaft - Amerikaner und Europäer - unternehmen
könnten, um eine günstige Entwicklung zu fördern.

Diese Schritte würden,

wie ich meine, zur Verbesserung des Klimas zwischen Ost und West beitragen und es erlauben, daß sich die Beziehungen auf einer gesünderen Basis
entwickeln, als dies in der jüngsten Vergangenheit der Fall war.
Der erste Schritt, den ich hervorheben möchte, ist die Notwendigkeit,
daß sich alle Seiten auf dem Gebiet der Ost-West-Beziehungen in der Sprache mäßigen.

Eine heftige Sprache kann nicht zum Bau der Brücke des Ver-

trauens beitragen, die zwischen den NATO-Ländern und den Ländern des War-

�des Warschauer Paktes notwendig ist.

Es ist besonders wichtig, daß die

Vereinigten Staaten als durchaus selbstbewußte Nation der Sowjetunion die
konstruktive Haltung, die Höflichkeit und die Rücksichtnahme entgegenbringen, die für einen nützlichen Dialog notwendig sind.

Natürlich hoffe

ich, daß die Sowjetunion sich in ähnlicher Weise verhalten wird.

Ich bin ferner der Überzeugung, daß politische Führer und Journalisten überall im Westen größere Selbstdisziplin üben und eine Sprache
vermeiden müssen, die dazu neigt, westliche Differenzen bezüglich der
Ost-West-Beziehungen zu übertreiben, oder die unrealistische öffentliche
Erwartungen hinsichtlich dessen weckt, was rasch erreicht werden kann,
oder die ein düstereres Bild malt, als es durch den tatsächlichen Stand
der Dinge gerechtfertigt wäre.

Natürlich machen wir uns alle Gedanken

über das Problem der Ost-West-Beziehungen und möchten unsere Auffassung
zum Ausdruck bringen.

Aber wir müssen dies in einer Art und Weise tun,

die vermeidet, in der Öffentlichkeit Leidenschaften anzustacheln, oder
die das Risiko birgt, Meinungen zu nähren, die der Sache schaden, die wir
alle unterstützen.

Ohne Frage ist jetzt die Zeit für eine ruhige und

leidenschaftslose Erörterung der Beziehungen zwischen Ost und West gekommen - und nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen uns
selbst.

Der zweite Punkt, den ich anführen möchte, ist der, daß wir mehr in
die Zukunft als in die Vergangenheit blicken müssen.

Damit meine ich,

daß wir nicht erwarten sollten, daß die Ost-West-Beziehungen in Zukunft
wieder in den Bahnen des politischen Denkens und Handelns verlaufen werden, die wir mit der Entspannung der siebziger Jahre verbinden.

Die Ge-

schichte wiederholt sich selten so haargenau, und wir sollten damit auch
nicht rechnen.

Wir müssen aus der Vergangenheit lernen, aber wir sollten

nicht versuchen, sie zu wiederholen.

Verbesserte Beziehungen zwischen

der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten, die nach meiner Überzeugung
kommen werden, werden eine neue historische Phase in diesem Verhältnis
darstellen und könnten durchaus neue Formen annehmen.

Es wäre naiv zu erwarten, daß die Schwierigkeiten der letzten Jahre

�letzten Jahre einfach über Bord geworfen werden könnten, und daß das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion einfach wieder an jenem Punkt anknüpfen könnte, an dem es sich zu verschlechtern begann.

Ein Grund

für gelegentliche

Meinungsverschiedenheiten

zwischen

Amerikanern und Europäern ist, daß unsere Völker die Ergebnisse der Entspannung nicht genau gleich bewertet haben.

Die Europäer sahen Vorteile

aus dem Prozeß der Entspannung ebenso wie das amerikanische Volk.

Was

die Amerikaner jedoch auch erkannten und was die Europäer vielleicht unterschätzt haben, als sie die positiven Ergebnisse hervorhoben, war die
diesen Prozeß begleitende sowjetische Verhaltensweise des militärischen
Abenteurertums und der Nichtbeachtung der Menschenrechte.

Aus amerikani-

scher Sicht - und unsere nationalen Interessen sind globalen Ausmaßes war die Bilanz von Gut und Böse aus dem Entspannungsprozeß für uns eindeutig weniger günstig als für die Europäer, die die vorteilhaften Ergebnisse viel direkter sehen konnten als die bedauerlichen Elemente des sowjetischen Verhaltens.

Die Europäer müssen erkennen, daß das Verhalten der Sowjets während
des letzten Jahrzehnts - angefangen von ihrer gewaltigen Aufrüstung zu
einer Zeit, da die amerikanischen Verteidigungsausgaben tatsächlich zurückgingen, bis zu ihrer Intervention in Afghanistan und Polen - Amerika
nicht unberührt lassen konnte.

Wer das nicht einsehen will, kennt das

amerikanische Volk oder die Rolle, die die Vereinigten Staaten in der
heutigen Welt notwendigerweise spielen müssen, nur unzureichend.

Keine

amerikanische Administration, ob republikanisch oder demokratisch, hätte
gegenüber einer solchen Serie von sowjetischen Handlungen ihre Augen verschließen oder nachlässig darauf reagieren können.

Trotzdem, und dies ist mein dritter Punkt, müssen wir in der heutigen
Zeit damit beginnen, die Grundlagen für ein neues Stadium der Ost-WestBeziehungen zu schaffen.

Der vielleicht beste Weg, dies zu tun, besteht

darin, unmittelbare Fortschritte in begrenzten, spezifischen Fragen zu
erzielen und uns nicht durch die gewaltigen Schwierigkeiten entmutigen zu
lassen, denen wir begegnen, wenn wir große und umfassende Abkommen anstreben.

Wie im Falle Berlins müssen wir die gesamte Tagesordnung der
- 6 -

�Tagesordnung der offenstehenden Fragen betrachten und entscheiden, welche
von ihnen - so geringfügig sie auch sein mögen - sich für ein baldiges
Übereinkommen eignen mögen.

Fortschritt in einem Bereich solcher spe-

zifischer Fragen kann dazu beitragen, das Vertrauen und das Zutrauen zu
schaffen, die für noch anspruchsvollere Bemühungen notwendig sind.

Si-

cherlich wäre der konstruktive Dialog gleichzeitig auf allen Gebieten der
Ost-West-Beziehungen außerordentlich wünschenswert, und doch dürfte es so
sein, daß ein wesentlicher Fortschritt in den entscheidenden Rüstungsund Sicherheitsfragen nur in dem Maß stattfinden kann, in dem sich die
psychologische Einstellung verbessert - vor allem bei den Regierenden im
Osten. Und wenn wir auch im Westen gerne eine rasche und günstige Lösung
der Ost-West-Probleme sähen, so warnt uns die Geschichte, daß großzügige
internationale Abkommen, denen das Fundament präziser Definition und gegenseitigen Vertrauens fehlt, auf lange Sicht mehr schaden als nützen
können.

Mein vierter Punkt geht dahin, daß es heute zumindest zwei Bereiche
gibt, in denen wir bald derlei bescheidene Schritte unternehmen können einmal den Bereich des Austausches von Personen,zum andern die Zusammenarbeit bei anderen, nichtpolitischen Angelegenheiten. Meine Besuche in
der Sowjetunion und meine Unterhaltungen mit sowjetischen Bürgern haben
mich davon überzeugt, daß es zur Verbesserung der Beziehungen zwischen
den Regierungen am wichtigsten ist, die direkte Kommunikation aufrechtzuerhalten und so viel wie möglich über den anderen in Erfahrung zu bringen. Ich erinnere mich an einen gehässigen Ausfall gegen die Vereinigten
Staaten durch einen Moskauer Regierungsvertreter in den sechziger Jahren,
auf den ich nur dadurch reagierte, daß ich die Stirn runzelte; als er
aber sich laut damit brüstete, daß die Sowjets bei der Kontrolle des
Rauchausstoßes von Elektrizitätswerken erfolgreicher wären als die Amerikaner, bemerkte ich sofort: "Vielen Dank für diesen Hinweis, denn wir
müssen wirklich von Ihnen lernen." Diese schlichte menschliche Regung erwies sich als ausreichend, um den Weg für eine absolut zivilisierte Unterhaltung zwischen uns zu ebnen, die darauf folgte.

Ich bin der festen Überzeugung, daß eine Stärkung der Studentenaustauschprogramme,

die

Verbesserung

der

Zusammenarbeit

bei den wissen-

�den wissenschaftlichen, kulturellen und kommerziellen Unterfangen sowie
das Bemühen, Menschen zueinanderzubringen, wann immer dies möglich ist,
sowohl dem Osten als auch dem Westen zum Vorteil gereichen.

Es ist

schließlich die sowjetische Seite, die Mauern durch Europa gebaut hat,
und es liegt in unserem Interesse zu zeigen, daß wir Kontakte zwischen
unseren Völkern begrüßen.

Mein fünfter Punkt bezieht sich hauptsächlich auf uns in der westlichen Gemeinschaft.

Die NATO ist heute eindeutig ein stärkeres Bündnis

als vor zwei oder drei Jahren.

Ich meine dennoch, daß wir im Westen in

bezug auf das Thema Ost-West-Beziehungen einen engeren Konsens anstreben
müssen.

Natürlich stimmt es, daß unsere Meinungsverschiedenheiten oft-

mals übertrieben werden.

Dennoch müssen wir ehrlich einsehen, daß unsere

Standpunkte sich bisweilen unterschieden haben und dies bis zu einem gewissen Grad noch immer tun.

Angesichts unserer demokratischen Traditio-

nen und der schwierigen Zeiten, in denen wir leben, sollte dies überhaupt
nicht überraschend sein.

Aber während wir an einer Verbesserung der Ost-

West-Beziehungen arbeiten, ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir
im Westen ein klareres Verständnis davon haben, wohin wir bei unseren Beziehungen mit dem Osten gehen wollen und welche konkrete Politik uns am
ehesten dorthin führen wird.

Neben der Aufgabe klarzustellen, wie wir im Westen die neue Ära
sehen, in die wir vielleicht eintreten werden, und wie wir die Ost-WestBeziehungen am wirkungsvollsten in den Griff bekommen könnten, ist es vom
amerikanischen

Standpunkt

aus von großer

Bedeutung, Fortschritte

bei

solch problematischen Themen wie der Lastenteilung im Verteidigungsbereich und den Möglichkeiten der Behandlung der Sicherheitsprobleme außerhalb Europas zu machen.

Wir müssen auch darüber nachdenken, ob die west-

liche Hauptbeschäftigung der letzten ein, zwei Jahre, zu einem Rüstungskontrollabkommen zu gelangen, nicht vielleicht dazu geführt haben könnte,
Anstrengungen zu vernachlässigen, um ein besseres Verständnis mit der Sowjetunion über andere politische Fragen zu erreichen.

Die Verringerung

von atomaren und anderen tödlichen Waffen ist offenkundig eine Angelegenheit von sehr großer Bedeutung, aber wir dürfen uns nicht der Illusion
- 8 -

�der Illusion hingeben, daß dies allein eine ausreichende Bedingung für
die Bewahrung des Friedens sei.
Notwendig ist es, im Westen zu einem breiteren Konsens zu gelangen,
denn Tatsache ist, daß keiner von uns durch alleiniges Handeln die OstWest-Beziehungen verbessern kann.

Man sollte nicht erwarten, daß wir in

den Vereinigten Staaten es auf eigene Faust tun. Die Anstrengung muß gemeinsam unternommen werden, damit es künftig so wenig Mißverständnisse
innerhalb des Bündnisses oder falsche Vorstellungen des Ostens hinsichtlich unserer Einigkeit wie möglich gibt.

Erst einmal bei einem stabilen

Konsens angekommen, müssen wir bei der Durchführung der Politik, zu der
wir gemeinsam gelangt sind, geduldiger und stetiger werden, als wir dies
bisweilen in den vergangenen Jahren waren.

Mein sechster und letzter Punkt ist der, daß wir in den westlichen
Demokratien im Gegensatz zu geschlossenen Gesellschaften darauf achten
müssen, daß die Bevölkerung bei uns einsieht, daß die Aufrechterhaltung
unserer wirtschaftlichen, militärischen und moralischen Starke die beste
Garantie ist, die es für den Frieden in unserem Zeitalter gibt.

Wir müs-

sen dafür Sorge tragen, daß die Menschen bei uns die Notwendigkeit einer
entschlossenen und einheitlichen Verteidigungspolitik sowie von Maßnahmen
in Richtung auf eine Verringerung der Spannungen zwischen Ost und West
akzeptieren.

Genauso wenig wie Berlin die vergangenen vierzig Jahre hät-

te überleben können, wäre es auf sich allein angewiesen gewesen, so hätte
auch der Westen nicht überleben können, wäre er schwach oder geteilt gewesen.

Dadurch, daß sie es der Sowjetunion unmöglich macht, uns einzu-

schüchtern, hat die NATO Europa die längste Zeit des Friedens in diesem
Jahrhundert beschert.

Der Schlüssel zu unserem Fortschritt bei den Be-

ziehungen zum Osten war in der Vergangenheit stets die westliche Solidarität, und ich bin fest überzeugt, daß dies auch in den kommenden Jahren
so sein wird.

Einige wohlmeinende Stimmen in meinem Land ebenso wie hier in Westeuropa haben zur Verringerung der Spannungen zwischen Ost und West stark
vereinfachende Vorschläge unterbreitet - wie etwa einseitige Abrüstung
- 9 -

�einseitige Abrüstung durch den Westen oder sofortiges Einfrieren der Dislozierung neuer Kernwaffen. Solche Vorschlägesind für die Sache des Friedens gefährlich und müssen durch die verantwortliche politische Führung
in Nordamerika und Westeuropa mit Nachdruck zurückgewiesen werden.

Ich

befürchte, daß einige unserer Bürger, insbesondere unter den jungen Leuten, den komplexen Charakter der Ost-West-Beziehungen

übersehen.

Die

westliche Politik bedarf zweifelsohne der Prüfung durch die Öffentlichkeit, aber sie darf auch nicht Gegenstand hastigen Experimentierens werden.

Die wirkliche Herausforderung, vor der der Westen steht, ist nicht

die Frage nach der Entscheidung, "rot oder tot" zu sein, sondern die
weitaus schwierigere, nämlich sicherzustellen, daß dies für uns nie die
Alternative sein wird.

Ich habe mich über die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion deshalb näher ausgelassen, weil es von lebenswichtiger Bedeutung ist, das zu tun, was wir verantwortlicherweise tun können,
um unsere Beziehungen zu verbessern.

Aber im Interesse einer ausgewo-

genen Perspektive muß ich auch anmerken, daß trotz der Meinungsverschiedenheiten zwischen Amerika und der Sowjetunion auf vielen Ebenen die Kontakte zwischen unseren beiden Ländern fortgeführt werden.

Die Treffen im

September zwischen Präsident Reagan und Außenminister Shultz mit Außenminister Gromyko waren die sichtbarsten dieser Kontakte. Andere finden
routinemäßig statt.

Ich selbst treffe mich von Zeit zu Zeit mit den so-

wjetischen Botschaftern in Berlin und Bonn, um Themen von beiderseitigem
Interesse zu besprechen.

Ohne Zweifel gibt es bei uns in den Vereinigten

Staaten auch weiterhin große Besorgnis über die Tatsache, daß die sowjetischen Unterhändler im vorigen Jahr die ent- scheidenden Verhandlungen
über Kernwaffen in Genf verlassen haben.

Aber die Unterbrechung dieser

Verhandlungen hat uns nicht von der Hoffnung abgebracht, daß sie bald
wieder aufgenommen werden; und wir setzen auch die Bemühungen fort, in
anderen Bereichen eine gemeinsame Basis zu fin- den.

Dabei haben wir

tatsächlich einen gewissen Fortschritt erzielt - zum Beispiel, bei der
technischen Verbesserung der Fernmeldeverbindung zwischen unseren beiden
Regierungen.

Es gibt auch noch andere hoffnungsvolle Zeichen.
- 10 -

Die Stockholmer

�Die Stockholmer Konferenz über Abrüstung in Europa dauert noch immer an,
die

Wiener

Verhandlungen

über

eine

Verringerung

der

konventionellen

Streitkräfte werden fortgeführt und die UN-Abrüstungskonferenz tut ihre
Arbeit.

Was jedoch am wichtigsten ist, der schwierige Prozeß von Ver-

handlungen über verifizierbare Rüstungskontrollabkommen mit den Sowjets
wird, wie vor einigen Tagen bekanntgegeben wurde, in Kürze wieder aufgenommen werden.

Sicherlich sind dies alles Verhandlungen, die nur langsam

vorangehen und bisweilen entmutigen; aber wir müssen geduldig bleiben und
unsere Bemühungen um eine Verbesserung der Ost-West-Beziehungen fortsetzen.

Präsident Reagans Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Natio-

nen war ein Beispiel dafür, als er periodische Konsultationen zwischen
sowjetischen und amerikanischen Experten über regionale Probleme sowie
die Einrichtung regelmäßi- ger Treffen auf Ministerebene vorschlug, um
die gesamte Bandbreite der Themen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion zu besprechen.

Die jüngsten Äußerungen des Staats- und

Parteichefs Tschernenko ließen erkennen, daß er den Vorstellungen des
Präsidenten nicht abgeneigt ist, und sie haben zu einem weiteren nützlichen diplomatischen Meinungs- austausch beigetragen.

Ich versichere Ihnen, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, mit
der

Sowjetunion

Weltraumwaffen

über

alle

Rüstungskontrollthemen,

einschließlich

der

wie auch der strategischen Nuklearwaffen und nuklearen

Mittelstreckensysteme zu sprechen.

Meine Regierung wird sich auch wei-

terhin entschlossen darum bemühen, den Dialog mit der Sowjetunion in eine
konstruktive Richtung zu lenken.

Der Hindernisse für den Fortschritt

gibt es viele; die Gründe für ihre Überwindung sind daher nur umso zwingender.

Lassen Sie mich diese Überlegungen zu den Ost-West-Beziehungen damit
abschließen, daß ich noch einmal auf Ihre schöne Stadt eingehe.

Berlin

ist nicht nur eine Stadt mit tapferen und entschlossenen Einwohnern;
Berlin verkörpert zugleich die Dinge, die wir Amerikaner für verteidigungswert halten.

Ich persönlich schätze meine Bindungen zu Berlin.

Ich

komme oft hierher - nicht nur wegen der Anziehungskraft, die diese Großstadt hat.

Ich komme hierher, um zu arbeiten und den Geist aufzufrischen^
Berlin
- 11 -

ist

eine

�Berlin ist eine Stadt, in der man sich als Amerikaner rasch wohlfühlt.

Seit jeher zieht sie energische Menschen aus allen Teilen Deut-

schlands an und gibt ihnen die Chance, sich zu bewähren.
und Status weniger bedeutsam als Energie und Talent.

Hier sind Rang

Dies sind Werte,

die von den Amerikanern geteilt und bewundert werden.

Deshalb

arbeiten

wir

eng

mit

den

Berlinern,

der

Bundesrepublik

Deutschland sowie unseren britischen und französischen Verbündeten zusammen, um sicherzustellen, daß die Westsektoren Berlins in der modernen
Welt eine Kraft von Bedeutung bleiben.

Hier gibt es eine Vielfalt von

Möglichkeiten auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technologie, in der
Geschäftswelt, in der Städteplanung, bei der Neuerung im Sozial- und
Bildungswesen.

Wir sehen unsere Aufgabe nicht nur in der Verteidigung

der Stadt, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Ihnen auf diesen Gebieten, damit Berlin auch weiterhin eine lebenssprühende
Weltstadt bleibt.

und attraktive

Zusammen mit den Berlinern haben wir kürzlich einen

Ausschuß ins Leben gerufen, um neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen uns zu fördern - insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet, bei der
Städteplanung und bei der Ausweitung des Studentenaustausches.

Wir freu-

en uns über den jüngsten wirtschaftlichen Wiederaufschwung in Berlin; wir
sind in bezug auf Ihre Zukunft zuversichtlich und optimistisch; und wir
versichern Ihnen unsere Entschlossenheit, bei der Entwicklung der Stadt
an Ihrer Seite eine positive Rolle zu spielen.

Aus amerikanischer Sicht braucht der Fortschritt immer wieder eine
solide Grundlage.

Derzeit ist die Position der Alliierten in Ihrer Stadt

naturgemäß mit dem besonderen Status Berlins und der Sicherheit der Stadt
verflochten.

Aus unserer Sicht besteht unsere Funktion hier darin, Sach-

walter der deutschen Nation zu sein.
lungen dieser Stadt nicht als ewig.

Wir erachten die derzeitigen Tei-

Bis zu dem Tag, da beide Teile Ber-

lins und Deutschlands in Freiheit wiedervereint sind, bietet die Präsenz
der Alliierten in Berlin die unersetzliche Grundlage für das Wohlergehen
dieser Stadt.

Die
- 12 -

Erhaltung

�Die Erhaltung dieser Grundlage bringt unvermeidlicherweise für alle
Betroffenen einige Lasten mit sich.

Ich weiß nur zu gut, daß man sich

mit Truppenübungen in Ihren Wäldern und anderen Sachverhalten, die sich
aus unserer Präsenz ergeben, nicht immer leicht abfinden kann.

Aber Sie

können sicher sein, daß die Amerikaner Ihren Anliegen gegenüber aufgeschlossen bleiben werden und daß wir alles in unserer Macht Stehende tun,
um die Schwierigkeiten so gering wie möglich zu halten, die wir bisweilen
bei der Verteidigung der Sicherheit und der Freiheit dieser Stadt verursachen.

Lassen Sie mich zusammenfassend sagen, daß Frieden und Freiheit für
uns im Westen nicht voneinander zu trennen sind.

Das heldenhafte Bei-

spiel der Berliner Bürger während der Luftbrücke 1948-49 zeigte, daß
Frieden und Freiheit
werden können.

sogar unter den

schwierigsten Umständen bewahrt

Es gibt guten Grund zu glauben, daß sie in unserer heu-

tigen Welt gleichfalls voll bewahrt und an die kommenden Generationen
weitergereicht werden können.

* * * * *

- 13 -

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          <name>Creator</name>
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              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
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              <text>Gedanken über das Ost-West-Verhältnis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Botschafters vor der Industrie- und Handelskammer in Berlin -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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