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                  <text>9. Mai 1984

19

I N H A L T

DOKUMENTATION
Präsident Reagan unterstreicht Bedeutung der KVAE
- Erklärung zum Beginn der zweiten Konferenzrunde Reagan: Brutale Taktiken der Sowjets in Afghanistan
- Erklärung des US-Präsidenten zur jüngsten Sowjet-Offensive
Abschlußbericht der Scowcroft-Kommission

HINTERGRUNDMATERIAL
Die XXIII. Olympischen Spiele in Los Angeles
- (3) Training für Höchstleistungen -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Neue Strategien gegen Malaria gesucht
- Resistenzentwicklung größtes Problem

Um Uber/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�9. Mai 1984

19

PRÄSIDENT REAGAN UNTERSTREICHT BEDEUTUNG DER KVAE
- Erklärung zum Beginn der zweiten Konferenzrunde -

WASHINGTON - (AD) - Präsident Reagan hat erneut auf die Bedeutung der
Stockholmer Konferenz über Vertrauens- und Sicherheitsbildende Maßnahmen und
Abrüstung in Europa (KVAE) hingewiesen und betont, es sei jetzt wichtig, in
ernsthafte Verhandlungen über die konkreten Vorschläge einzutreten, die der
Westen in der ersten Konferenzrunde unterbreitet habe.

Der Westen, so unter-

strich der amerikanische Präsident in einer am 5. Mai 1984 veröffentlichten
Erklärung, sei zu einem ernsthaften Dialog bereit.
Die Erklärung Reagans hat folgenden Wortlaut:
Die zweite Runde der Konferenz über Vertrauens- und Sicherheitsbildende
Maßnahmen und Abrüstung in Europa beginnt in Stockholm am Dienstag, den 8.
Mai 1984. Die KVAE entstand aus dem "Helsinki-Prozeß", in dessen Rahmen wir
und unsere Verbündeten ausgewogene Fortschritte im Bereich der Sicherheit
und der Menschenrechte anstreben.

Die KVAE-Verhandlungen begannen im Januar

dieses Jahres und stellen einen vielversprechenden neuen Teil des Dialoges
über Fragen der europäischen Sicherheit dar.

Zu den Teilnehmerländern gehö-

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Teilnehmerländern gehören die Vereinigten Staaten, Kanada, unsere europäischen
Verbündeten, die neutralen Staaten Europas sowie die Mitglieder des Warschauer
Paktes.
Die KVAE ist ein wichtiger neuer Weg zur europäischen Sicherheit.

Wir

und unsere Verbündeten streben ein Abkommen über praktische und vernünftige
Möglichkeiten an, um das Risiko eines Überraschungsangriffes sowie die Unsicherheit und das Potential für Mißverständnisse hinsichtlich militärischer
Aktivitäten in Ost und West zu vermindern.

Die Einheit des Westens war ein

entscheidend wichtiger Faktor in dem erzielten Fortschritt und wird es auch
bleiben.
Während der Unterbrechung der Konferenz haben wir enge Konsultationen
mit unseren Verbündeten und anderen Teilnehmerstaaten geführt. Auf mein Ersuchen hin hat unser Botschafter bei der KVAE, James Goodby, soeben Konsultationen auf höherer Ebene in mehreren Hauptstädten, darunter auch Moskau,
abgeschlossen.

Er hatte einen umfassenden und nützlichen Meinungsaustausch

mit sowjetischen Regierungsvertretern.
Jetzt ist es wichtig, in ernsthafte Verhandlungen über die konkreten
Vorschläge einzutreten, die der Westen während der ersten Runde unterbreitet
hat.

Diese Vorschläge sollen:

- das beiderseitige Wissen und Verständnis in bezug auf militärische
Streitkräfte und Aktivitäten in Europa vertiefen;
- die Möglichkeit eines Krieges aufgrund von Fehleinschätzungen vermindern;
- die Fähigkeit aller fördern, mit potentiellen Krisen fertig zu werden;
und
- die Möglichkeit, daß militärische Aktivitäten zur politischen Einschüchterung benutzt werden, auf ein Mindestmaß herabsetzen.
Die westlichen

�Die westlichen Nationen sind zu einem ernsthaften Dialog über diese
Fragen bereit.

Wir hoffen, daß dies auch für den Osten gilt.

Unsere der

Stockholmer Konferenz unterbreiteten Vorschläge sind Teil unserer weitergehenden Anstrengungen, in einem Geist echter Zusammenarbeit im Hinblick auf
die Rüstungskontrolle und die Ost-West-Beziehungen voranzukommen.

Vor zwei

Wochen hat Vizepräsident Bush der Abrüstungskonferenz in Genf einen neuen
amerikanischen Vorschlag für ein umfassendes, weltweites Verbot der chemischen
Waffen unterbreitet.

In der gleichen Woche haben wir und unsere NATO-Verbün-

deten bei den Wiener Verhandlungen über eine beiderseitige und ausgewogene
Truppenreduzierung (MBFR) einen neuen Vorschlag eingebracht.

Diese Initiative

soll den toten Punkt bei den Verhandlungen über eine Verminderung der konventionellen Streitkräfte in Mitteleuropa überwinden.
Bei all diesen drei Verhandlungen bemühen wir uns nachdrücklich um echte
Fortschritte. Genauso entscheidend wichtig ist es jedoch, in der dringenden
Frage der Verminderung der nuklearen Rüstung voranzukommen. Ich hoffe zutiefst, daß die Sowjetunion dem Wunsch der Völkergemeinschaft - und ihres
eigenen Volkes - nachkommt und zu den Verhandlungen über strategische und
nukleare Mittelstreckenraketen zurückkehren wird. Die Möglichkeit für vernünftige Fortschritte auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle ist vorhanden.
Die sowjetischen Führer sollten dies nützen. Unsere Vertreter sind bereit,
an die zwei Verhandlungstische zurückzukehren, und wir werden in gutem Glauben verhandeln. Wie ich schon früher gesagt habe: Wann immer die Sowjetunion dazu bereit ist, werden wir ihr auf halbem Wege entgegenkommen.

- 3 -

�9. Mai 1984

19

REAGAN: BRUTALE TAKTIKEN DER SOWJETS IN AFGHANISTAN
Erklärung des US-Präsidenten zur jüngsten Sowjet-Offensive

FAIRBANKS, ALASKA - (AD) - Die jüngste sowjetische Offensive in
Afghanistan unterstreiche erneut die brutalen, gegen die Zivilbevölkerung
gerichteten Taktiken Moskaus, erklärte Präsident Reagan am 1. Mai in Fairbanks, Alaska.

In der vom Weißen Haus veröffentlichten Verlautbarung verur-

teilte Reagan mit allem Nachdruck die Angriffe der Sowjets im Pandschir-Tal
in Afghanistan, die der dortigen Zivilbevölkerung unsägliches neues Leid zufügten.

Der amerikanische Präsident hatte auf dem Rückflug von der Volksre-

publik China nach den USA in Alaska einen Zwischenaufenthalt eingelegt.
Die Erklärung Reagans hat folgenden Wortlaut:
Wir verurteilen mit allem Nachdruck die sowjetische Eskalation der
Kriegführung im Pandschir-Tal in Afghanistan.

Diese neuen militärischen Hand-

lungen der Sowjets sind in verschiedener Hinsicht beispiellos; dazu gehören
die große Truppenstärke, die im Pandschir-Tal gegen die afghanischen Widerstandskämpfer aufgeboten wird, sowie die für Afghanistan erstmalige Flächenbombardierung aus großer Höhe, die der Zivilbevölkerung unsägliches neues
Leid zufügt.
Diese jüngste

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�Diese jüngste sowjetische Offensive, die massivste in der vierjährigen
Geschichte der sowjetischen Besetzung Afghanistans, unterstreicht erneut die
brutalen, gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Taktiken der Sowjetunion in
ihrem Bemühen, ein unabhängiges Land zu unterwerfen.

Dies verschlimmert die

Instabilität der Region und wirft ernsthafte Fragen hinsichtlich der Aufrichtigkeit sowjetischer Erklärungen auf, wonach Länder keine Gewalt gegeneinander anwenden sollten.
Diese neuen sowjetischen Handlungen untergraben in ernsthafter Weise die
Suche nach einer auf dem Verhandlungswege erreichten politischen Lösung, die
sich auf die vier Elemente der wiederholten Afghanistan-Resolutionen der Vollversammlung der Vereinten Nationen stützt:
1. Abzug der sowjetischen Truppen;
2. Wiederherstellung des unabhängigen und blockfreien Status Afghanistans;
3« Selbstbestimmung für das afghanische Volk; und
4. Erlaubnis für die zwangsweise geflüchteten Afghanen, sicher und ehrenhaft in ihr Land zurückzukehren.
Die Vereinigten Staaten verpflichten sich weiterhin, diese international
vereinbarten Ziele zu verwirklichen.

Es ist allerhöchste Zeit, daß die Sowjet-

union die Wünsche der Völkergemeinschaft respektiert und die Qualen und das
Leid beendet, die sie dem afghanischen Volk auferlegt hat.

+ + + + +

�9. Mai 1984

19

ABSCHLUSSBERICHT DER SCOWCROFT-KOMMISSION

WASHINGTON - (AD) - Die von Präsident Ronald Reagan eingesetzte Kommission für die strategischen Streitkräfte - Scowcroft-Kommission - hat dem
Präsidenten einen Abschlußbericht vorgelegt, den das Weiße Haus am 23. März
1984 veröffentlicht hat.

Dieser Bericht hat folgenden Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Präsident,
in ihren Bericht vom 11. April 1983 hat Ihre Kommission für die strategischen Streitkräfte Ihnen ein integriertes strategisches Programm empfohlen,
das Sie dann gebilligt haben.

Seine Hauptelemente sind eine begrenzte Dislo-

zierung der MX-Rakete, die Entwicklung einer kleinen Interkontinentalrakete
mit einem Gefechtskopf und eine Rüstungskontrollstruktur, die den Schwerpunkt
auf die Förderung der strategischen Stabilität legt.

Die Kommission ist der

Überzeugung, daß es auf jedes dieser Elemente ankommt, wenn das Programm auch
wirklich von Nutzen sein soll.

Die Kommission hat ständig betont, daß ein

überparteiliches Vorgehen für die Formulierung und die Annahme amerikanischer
strategischer Programme wie auch für die Rüstungskontrolle von entscheidender
Bedeutung ist. Alle bisherigen Erfolge der Kommission hingen wesentlich von
diesem überparteilichen Prozeß ab; und wenn ein weiterer Erfolg erzielt werden

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Telex: 8-85432

�erzielt werden soll, dann muß der Dialog zwischen Exekutive und Kongreß
genährt und verstärkt werden.
Nachdem die Kommission ihren Bericht unterbreitet hat, haben Sie sie darum gebeten, an den Erörterungen über die Revision Ihrer START-Vorschläge teilzunehmen, die den Sowjets auf der Sitzungsperiode im Oktober 1983 unterbreitet
wurden.

Ein Großteil dieses Dialogs war wegen der Vertraulichkeit der Verhand-

lungen nicht öffentlich.
wohl bei der MX-Rakete

Es liegt auf der Hand, daß weiterer Fortschritt soals auch bei der kleinen Rakete entscheidend von dem

Verlauf der Rüstungskontrollverhandlungen abhängt.

Daher ist die Kommission

bei Betonung all ihrer Empfehlungen der Auffassung, daß es wichtig ist, sich
in diesem Abschlußbericht an Sie auf die Rüstungskontrollaspekte ihrer früheren
Empfehlungen zu konzentrieren.

Die MX-Rakete
Der Bericht der Kommission - und ein Großteil der Debatte, die sich
an Ihre Billigung anschloß - konzentrierten sich verständlicherweise auf die
Empfehlungen bezüglich der MX-Rakete. Das war die Frage, die eine sofortige
gesetzgeberische Maßnahme erforderte. Das MX-Programm erhielt 1983 zwar in
der Öffentlichkeit und im Kongreß wesentliche Unterstützung. Es muß jedoch
auch in diesem Parlamentsjahr mit erheblicher Opposition im Kongreß rechnen.
Die weitere Verwirklichung des MX-Programms ist nach dem Urteil der Kommission
daher nicht nur weitgehend von nachhaltigen Bemühungen der Administration abhängig, sondern auch von dem parallelen Fortschritt bei den anderen Elementen
des integrierten Programms.

Die kleine

�Die kleine Rakete

Die Kommission hat die ersten Schritte überprüft, die in Verfolg des Programms für die Entwicklung einer kleinen Interkontinentalrakete mit einem Gefechtskopf unternommen worden sind.

Es wurde eine unabhängige Beratungs-

gruppe auf hoher Ebene unter dem Vorsitz des im Ruhestand lebenden Luftwaffengenerals Bernard Schriever eingesetzt, um die Luftwaffe in dem Entwicklungsprogramm für die kleine Rakete zu beraten.

Dieser Ausschuß unterbreitete

im August vorigen Jahres seine sorgfältige abgewogenen Empfehlungen, die eine
feste Grundlage für

ein gesundes Entwicklungsprogramm bilden.

Es gibt Elemen-

te in diesem Programm, die anhaltende Aufmerksamkeit auf hoher Ebene verdienen,
wie etwa die Größe der Rakete, das Lenksystem, das Datum des ersten Probeflugs
und die Gesamtkosten des Systems.

Die Kosteneffektivität der kleinen Rakete

wird weitgehend von der Existenz eines RüstungskontrollUmfeldes abhängen, das
die Zahl der Gefechtsköpfe und das Wurfgewicht von Interkontinentalraketen
stark einschränken würde.

Es ist daher eine entscheidend wichtige Aufgabe

der MX-Rakete, einen Anreiz für ein solches Rüstungskontrollumfeld zu bieten.

Rüstungskontrolle

Zu Beginn der Diskussion über die Vorschläge der Kommission erhielten
deren Rüstungskontroilempfehlungen die am wenigsten detaillierte Aufmerksamkeit.

Diese Empfehlungen basierten auf unserer festen Überzeugung, daß sich

die Rüstungskontrolle weniger auf reine Zahlenadditionen, sondern mehr auf
die strategische Stabilität insgesamt konzentrieren sollte.

Dieser Standpunkt

wurde in dem Bericht durch das Beispiel der negativen Auswirkung der Zählregeln der Rüstungskontrolle auf die Stabilität verdeutlicht.

Der enttäuschende bisherige Verlauf der amerikanisch-sowjetischen
Rüstungskontrollverhandlungen könnte zu der Frage führen, warum wir überhaupt versuchen sollten, formelle Rüstungskontrollmaßnahmen anzustreben.

Wa-

rum sollten wir uns nicht einfach auf die natürliche Vernunft und Klugheit

- 3 -

�und Klugheit der beiden Supermächte und die Einschränkungen durch die Rüstungskosten verlassen, um die strategische Konkurrenz im Rahmen zu halten?

Diese

Frage ist angesichts der vielen Erwartungen, die wir in der Vergangenheit bezüglich der Rüstungskontrolle gehegt haben, besonders aktuell. Gerade wegen dieser vielen Enttäuschungen in der Rüstungskontrolle ist es wichtig, daß wir unsere Erwartungen im Rahmen halten und erkennen, was Rüstungskontrolle erreichen
kann und was nicht.
Rüstungskontrolle kann die Drohung eines Atomkrieges nicht beenden.
Obwohl zwar die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges verringert werden kann,
werden wir mit der Drohung leben müssen, denn wir können die Erfindung der
Kernwaffen nicht ungeschehen machen.

Wenn wir uns etwas anderes vorstellen,

dann ergibt sich für uns die paradoxe Situation, daß das unerreichbare Beste
der Feind des erreichbaren Guten ist. Die Rüstungskontrolle selbst wird kaum
die Verluste und die Schäden verringern, wenn es zu einem Atomkrieg kommen
sollte.

Man braucht nur eine kleine Zahl von Kernwaffen, um der Zivilbevöl-

kerung unvorstellbaren Schaden zuzufügen.

Wenn man versuchte, die Arsenale

jeder Seite auf "sichere" Mengen zu verringern, so hieße das, Instabilitäten
zu riskieren, die selbst wieder die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges erhöhen würden.

Stabilität auf höherem Niveau ist einer Instabilität auf nied-

rigerem Niveau vorzuziehen.
Nukleare Rüstungskontrolle wird es uns nicht ermöglichen, starke oder
baldige Kürzungen unserer Verteidigungshaushalte vorzunehmen. Günstigstenfalls kann sie das Tempo der Zunahme des Haushalts verringern. Strategische
Nuklearstreitkräfte machen überlicherweise weniger als 15 Prozent des Gesamtverteidigungshaushaltes aus. Wenn man die Rüstungskontrolle auf die nichtnuklearen Streitkräfte ausdehnt, dann könnte das potentiell eine günstige Auswirkung auf den Verteidigungshaushalt haben, aber die Probleme, um die es sich
bei der nuklearen Rüstungskontrolle handelt, sind einfach im Vergleich zu
denen der Kontrolle der konventionellen Streitkräfte. Wenn also vielleicht
einige Einsparungen gemacht werden können, so darf man nicht mit großen Einsparungen rechnen. Es ist sogar so, daß eine Verringerung der Nuklearstreit-

�der Nuklearstreitkrä'fte die Notwendigkeit für eine Erhöhung der Stärke und
damit der Kosten für konventionelle Streitkräfte hervorrufen könnte.

Während

die Rüstungskontrolle demnach zwar keine solchen illusorischen Ziele erreichen
kann, so kann sie doch einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit der Vereinigten Staaten leisten.

Ein nuklearer Konflikt wäre so verheerend, daß wir - bei

allem Schutz unserer Freiheit und unserer Lebensinteressen - keinen Weg unversucht
lassen

dürfen, um die Möglichkeit zu verringern, daß ein solcher Konflikt

überhaupt entsteht.

Die zentrale Zielsetzung unserer Rüstungskontrollan-

strengungen sollte daher darin bestehen, die Sicherheit der Vereinigten Staaten durch eine Erhöhung der strategischen Stabilität zu fördern.

Erhöhte

strategische Stabilität verringert die Möglichkeit, daß ein nuklearer Konflikt
zwischen beiden Seiten - den weder die eine, noch die andere Seite will - ausbrechen wird.

Bei all dem, um das es geht, ist dies von großer Bedeutung.

Es gibt noch andere Ziele, die die Rüstungskontrolle erreichen kann.
Durch Rüstungskontrolle mag es manchmal möglich sein, einige der Ausgaben
für Waffensysteme zu vermeiden, die sonst disloziert würden.

Ein wichtiges

Beispiel ist der Vertrag über Raketen-Abwehrraketen (ABM-Vertrag) von 1972.
Er erlaubte beiden Seiten, auf große Ausgaben für Systeme zu verzichten, die
bei dem damaligen Stand der Technologie nur von geringer Wirksamkeit gewesen
wären.
Allein die Tatsache, daß RüstungskontrollVerhandlungen stattfinden, ist
von Nutzen.

Die Erörterungen, die stattgefunden haben, haben im Laufe der

Jahre auf beiden Seiten das Verständnis erweitert für die strategischen Konzepte, die Prioritäten, die Hoffnungen und die Befürchtungen der jeweils anderen Seite. Auch wenn dieser Dialog gelegentlich mühsam sein mag, so kann
er doch das Element der Überraschung verringern und das Verständnis für bestimmte militärische Programme oder Handlungen fördern, die andernfalls in
gefährlicher Weise fehl interpretiert werden könnten.
Und schließlich sollte Rüstungskontrolle betrieben werden, weil die
Völker der Welt das von ihren Führern erwarten.

- 5 -

Das ist ein Grund, der in

�der in einer Demokratie besondere Bedeutung hat.

Aber auch wenn es ein Man-

dat für Rüstungskontroilbemühungen ist, so verpflichtet es doch die Regierungen dazu, keine übertriebenen Erwartungen bezüglich der Resultate aufkommen
zu lassen, die irgendein

Rüstungskontrollprozeß bringen könnte.

Selbst nach

den Enttäuschungen der letzten Jahre machen sich noch viele Menschen übertriebene Vorstellungen von den Beiträgen, die die Rüstungskontrolle leisten kann.
Daß es nicht gelungen ist, diese Erwartungen zu erfüllen, wird nur zu häufig
der Unfähigkeit oder der Obstruktion der VerhandlungsfUhrer zugeschrieben,
statt den großen Schwierigkeiten, bei der ideologischen Kluft und der Asymmetrie der Streitkräftestrukturen bestimmte Gebiete gemeinsamen Interesses
zu finden.
Manche Leute betrachten natürlich Rüstungskontrolle als eine Falle für
demokratische Gesellschaften - als ein Instrument, das von den Sowjets manipuliert wird, um den Westen von wesentlichen militärischen Entwicklungs- und
Dislozierungsprogrammen wegzulocken.

Während eine solche Gefahr zwar nicht

außer acht gelassen werden darf, so dürften doch sorgfältige Definition und
Verfolg realistischer Rüstungskontrollmaßnahmen ausreichen, diese Gefahr zu
verhüten.
Wir können kein Ende der amerikanisch-sowjetischen Konkurrenz absehen,
die immer wieder zu Krisen führen wird. Was wir durch eine Kombination von
Rüstungskontroll- und Waffenprogrammen tun können und tun müssen, ist, die
Chancen zu verringern, daß solche Krisen zu einem Atomkrieg führen.

Strategische Streitkräfteentwicklung und Asymmetrien
Es ist eine Voraussetzung für weiteren Fortschritt, daß wir bezüglich
dessen, was wir von der Rüstungskontrolle fordern und erwarten, realistischer
sind. Eines der Haupthindernisse, die es zu überwinden gilt, ist eben die
unterschiedliche Zusammensetzung der strategischen Streitkräfte der beiden
Seiten und die Art und Weise, in der sie sich entwickelt haben. Solche Asym-

�Solche Asymmetrien lassen die unterschiedlichen historischen Erfahrungen,
strategischen Ziele und militärischen Traditionen der beiden Supermächte
erkennen.

In den Vereinigten Staaten haben die strategischen Vorteile der Vielfalt, unsere eigene militärische Tradition als Luft- und Seemacht sowie ein
gewisses Maß an Konkurrenz unter den Teil Streitkräften starke Streitkräfte
an strategischen Bombern und Unterseebooten wie auch eine landgestützte
Streitmacht an Interkontinentalraketen hervorgebracht.

Dies führte zu der

sogenannten Triade an Bombern, landgestützten und seegestützten Raketen.
Die strategischen Streitkräfte äer Sowjetunion entwickelten sich in ganz anderen Bahnen.

Die Sowjets hatten vor oder während des Zweiten Weltkriegs

keine Tradition der strategischen Bombardierung.

Die sowjetischen Luft-

streitkräfte waren den Landstreitkräften zugeteilt und dienten zu deren Unterstützung.

Die Sowjetunion war auch bis vor kurzem keine Seemacht.

Sie

verfügt zwar über eine Reihe großer Seehäfen, aber nur Murmansk und
Petropawlowsk haben das nanze Jahr über freien Zugann zu den Weltmeeren.
Die Ausgänge aus der Ostsee, den Schwarzen Meer und den Häfen in Asien Wladiwostok - können alle von feindlichen Streitkräften blockiert werden.
Geographie und Geschichte haben Rußland zu einer kontinentalen Landmacht
werden lassen mit einer Tradition des großen Machdrucks auf massive Artilleriestreitkräfte.

Wie man unter solchen Umständen erwarten konnte, hat

sich die Entwicklung der sowjetischen strategischen Nuklearstreitkräfte sehr
stark auf Interkontinentalraketen ausgerichtet.

In den ersten Stadien der

Entwicklung der Interkontinentalraketen waren die sov/jetischen Flüssigtreibstoff-Raketen weniger leistungsfähig, ihre Steuer- und KontrollSysteme wenig
platzsparend und ihre Gefechtsköpfe noch nicht so treffsicher, was zu größeren
Gefechtsköpfen als Ausgleich führte.

Nach den ersten Generationen von Inter-

kontinentalraketen entwickelten sich die landgestützten Raketen beider Seiten
in ganz verschiedenen Bahnen.

Während sich die Vereinigten Staaten auf viel

kleinere Raketen verlegten, legten die Sowjets selbst nach wesentlichen technoionischen Fortschritten den Nachdruck weiterhin auf die Größe der Raketen.

Das Ergebnis

�Das Ergebnis all dieser unterschiedlichen Traditionen und technischen
Fähigkeiten sind strategische Streitkräfte, die sich sehr wenig ähnlich sind.
Darüber hinaus hat jede Komponente der strategischen Streitkräfte ihre eigenen
Stärken und Schwächen, die meist von denen der anderen Komponenten verschieden
sind.

Dies wiederum macht es sehr schwierig, den Aufbau der Streitkräfte zu

vergleichen, und jede Seite neigt dazu, bestimmte Aspekte der Streitkräfteposition der anderen Seite als besonders bedrohlich herauszustellen.
So betrachten die Vereinigten Staaten mit Berechtigung die gewaltigen
sowjetischen Raketentriebwerke für Interkontinentalraketen mit großer Besorgnis.

Der technologische Fortschritt der Sowjets, einschließlich der größeren

Treffsicherheit, hat diese Triebwerke für mehr oder größere Gefechtsköpfe für
den Angriff oder für Täuschungsobjekte und andere Durchdringungshilfen verfügbar gemacht, die wertvoll wären, sollte es zu einem Zusammenbruch

oder einer

Verletzung des ABM-Vertrages kommen.
Die Sowjetunion hat auf der anderen Seite Besorgnisse über die amerikanische, mit Marschflugkörpern bestückte, Bomberstreitmacht geäußert.

Eine

Hauptbesorgnis der Sowjets ist, daß die amerikanische Bomberstreitmacht mit
ihren Marschflugkörpern sie mit treffsicheren Gefechtsköpfen überwältigen
könnte, - ungeachtet der längeren Flugzeit und der Verwundbarkeit durch die
Luftabwehr.
Wenn man sich mit Asymmetrien der Streitkräfte befaßt, dann ist es daher
eine der schwierigsten Aufgaben der Rüstungskontrolle, sich auf eine Norm einen Maßstab - für den Vergleich unterschiedlich zusammengesetzter Streitkräfte beider Seiten zu einigen. Es gibt zwei theoretische Methoden, um zu
einem solchen Maßstab zu gelangen. Die erste besteht in einer numerischen
Aufzählung, die festlegt, daß eine bestimmte Mischung - Mix - von Gefechtsköpfen und Trägerwaffen auf der einen Seite erlaubt ist und auf der anderen
Seite eine andere Mix. Dazu bedarf es der Festlegung getrennter Höchstgrenzen
für die Zahlen der land-, see- und luftgestützten Raketen und Gefechtsköpfe
bestimmter Typen, über die jede Seite verfügen kann. Die andere Methode ver-

- 8 -

�Methode versucht für jeden Waffentyp einen Index zu schaffen nach solchen
Maßstäben wie "Zerstörungspotential", so daß es jeder Seite freisteht, jeden
Mix von Waffen zu besitzen, solange er im Rahmen des vereinbarten Maßes an
gesamtem "Zerstörungspotential" oder eines vergleichbaren Maßstabes bleibt.
Natürlich gibt es auch zahllose Kombinationen beider Methoden.
Die Ausarbeitung einer genauen Methodologie für den Vergleich der Streitkräfte beider Seiten ist ein wichtiger Schritt. Jedes vorgeschlagene Rüstungskontrollabkommen trägt zumindest aus der jeweiligen Sache heraus seinen eigenen
Index oder seine eigene Methodologie in sich. Wenn man die Methodologie deutlich macht, dann kann man die Voraussetzungen vergleichen, mit denen unterschiedliche Personen und Gruppen das strategische Gleichgewicht betrachten.
Ein genauer Index könnte also von beträchtlichem Nutzen sein, wenn es darum
geht, die innere Debatte in den Vereinigten Staaten dahingehend zu klären,
wie unser Gesamtindex und das Gleichgewicht aussehen sollten.

Die Methode

eines genauen Indexes sollte auch von Wert sein, wenn es um die Ausarbeitung
strategischer Rüstungskontrollvorschlage geht, die den Sowjets unterbreitet
werden - ob man sich auf die Methodologie als Bestandteil des Verhandlungspakets geeinigt hat oder nicht.
Wenn man erst einen Index der Gleichwertigkeit akzeptiert hat, dann kann
man gleichwertige Verminderungen festlegen. An diesem Punkt spielt die objektive Förderung der Stabilität eine entscheidende Rolle.

Die sowohl für die

Verminderung als auch für die Modernisierung getroffenen Maßnahmen müssen die
Stabilität betonen.

Es gibt zwei generelle Aspekte der Stabilität. Wenn man

beispielsweise, wie Ihre Kommission hervorgehoben hat, Verminderungen ins Auge faßt, dann ist es wichtig, das Verhältnis von Gefechtsköpfen und Zielen
zu verkleinern.

Der am meisten destabilisierende Aspekt der Konzentration

eines großen Teils der eigenen Streitmacht auf Mehrfachgefechtsköpfe (MIRV)
auf Interkontinentalraketen ist der, daß sie es ermöglichen, Interkontinentalraketen mit zahlreichen Gefechtsköpfen zu vernichten, während der Angreifer
das nur mit ein oder zwei Gefechtsköpfen bezahlt.
Der andere

- 9 -

�Der andere Aspekt der Stabilität ist der des Gesamtgleichgewichts der
Streitkräfte.

Wenn nicht beide Aspekte der Stabilität vorhanden sind, dann

könnte das eine Belohnung für einen Erstschlag bedeuten, was zu Instabilität
in einer Krise beitragen würde.

Die Kommission hat die kleine Rakete zum

Teil deswegen empfohlen, um das Verhältnis von Gefechtsköpfen und Zielen zu
verkleinern.

Die begrenzte Dislozierung der MX-Rakete bietet den Sowjets

einen Anreiz, selbst zu kleinen Interkontinentalraketen zu greifen,und leistet
einen unerläßlichen Beitrag zum Gesamtgleichgewicht der Streitkräfte.
Wenn man Regeln für die Modernisierung aufstellt, dann ist es wichtig
zu erkennen, daß in der Technologie sowohl stabilisierende als auch destabilisierende Tendenzen liegen.

Wenn wir auch nicht zu Systemen zurückkehren

können, die zu ihrer Zeit so unverwundbar waren wie die MINUTEMAN- und POLARISRaketen, so sollten doch Rüstungskontroi labkommen auf die Einschränkung destabilisierender und die Förderung stabilisierender Entwicklungen ausgerichtet
sein.

Zu Modernisierungsmaßnahmen könnten auch solche Dinge wie die Härtung

(Verbunkerung), Täuschung oder bestimmte Typen von Defensivsystemen gehören,
um die Kosten des Angreifers zu erhöhen und einen Erstschlag nicht lohnend
zu machen.
Als ein Mittel, um diese Rüstungskontrollziele zu erreichen, ist das
Konzept des Abbaus vorgeschlagen worden. Abbau erfordert die Vernichtung
älterer Gefechtsköpfe als Preis für die Zulassung der Dislozierung moderner
Gefechtsköpfe. Die Zahl der Gefechtsköpfe, die vernichtet werden müßten,
kann variiert werden, um die Dislozierung neuer Systemen größerer Stabilität
zu fördern. Abbau kann eine sehr nützliche Methode sein, aber sie müßte mit
großer Sorgfalt angewandt werden. Es ist beispielsweise wesentlich, daß die
erforderlichen Verminderungen nicht auf eine Weise formuliert werden, daß sie
zur Instabilität beitragen, indem sie das Verhältnis von Gefechtsköpfen und
Zielen vergrößern.
Das erste Ziel der nuklearen Rüstungskontrollbemühungen sollte sein,
dafür zu sorgen, daß die Art der Streitkräfte jeder Seite keinen militärischen

- 10 -

�keinen militärischen Anreiz bietet, in einer Krise einen Erstschlag mit
Kernwaffen zu führen.

Ein Abkommen sollte, wenn irgend möglich, das Gegen-

teil eines militärischen Anreizes für einen Erstschlag schaffen, d.h. das
Kräfteverhältnis sollte für einen Angreifer nach einem Angriff schlechter
sein als zuvor.

Ein solches gegenseitiges Kräfteverhältnis wird - wenn es

überhaupt erreichbar ist - erst nach langwierigen und anhaltenden Bemühungen
über viele Jahre hinweg zustande kommen.
rasche Lösungen.

Es gibt keine Abkürzungswege oder

Mit dem Ziel der Krisenfestigkeit hat jedoch jeder erfolg-

reich ausgehandelte Schritt die unmittelbare Wirkung, den Charakter des strategischen Gleichgewichts zu verbessern.

Verminderung des Risikos eines Krieges aus Zufall

Andere Mittel, mit denen die Stabilität gefördert werden kann, sind ein
Bündel von Maßnahmen, die die Wahrscheinlichkeit eines Krieges aus Zufall vermindern sollen.

Zu solchen Maßnahmen könnten beispielsweise gehören:

ein

bilateraler Informationsaustausch über Schritte, die fälschlicherweise so ausgelegt werden könnten, als seien sie Hinweise auf einen Angriff (Manöver),
ein Dialog zwischen amerikanischen und sowjetischen Verteidigungsexperten sowie Abkommen zur Verbesserung der Verläßlichkeit und Überlebensfähigkeit von
Raketenwarnsystemen.

Eine Vielfalt solcher Maßnahmen, die die Kommunikation

und Berechenbarkeit verbessern sollen, würde

zur Stabilität beitragen, indem

das beiderseitige Verständnis erhöht sowie das Überraschungsmoment und Fehleinschätzung vermindert werden.

Wenn solche Übereinkünfte auch weniger ins

Auge fallen als Abkommen, die direkt mit dem zentralen nuklearen Gleichgewicht
in Zusammenhang stehen, so können sie doch einen sehr wertvollen Beitrag zu
den Zielen der Rüstungskontrolle leisten.

Verifizierung und Einhaltung

Zwei wesentliche und ungelöste Probleme der Rüstungskontrolle sind die
beiden zueinander gehörigen Fragen der Verifizierung und der Einhaltung.

Der

�Einhaltung.

Der RüstungskontroiIprozeß kann auf Zeit nur fortgeführt werden,

wenn die Einhaltung von Abkommen zufriedenstellend und die Verifizierung ausreichend ist, um eine Einhaltung festzustellen und vor einer Nichteinhaltung
abzuschrecken.

Sonst könnte die Zurückhaltung im Hinblick auf Rüstungskontroi 1-

abkommen einseitig erscheinen, und die unerläßliche Unterstützung der Öffentlichkeit würde schwinden»

Weil wir eine offene Gesellschaft haben, die sowje-

tische jedoch geschlossen ist, ist die Verifizierung für uns wichtiger, aber
auch schwieriger zu erlangen als für die Sowjets.

Wir müssen in der Lage

sein, festzustellen - und zwar durch einen Prozeß, zu dem beide Seiten Vertrauen haben - , daß Rüstungskontroll Verpflichtungen in fairer Weise überwacht
werden.

Da beide Seiten sich in zunehmendem Maße strategischen Systemen zu-

wenden, die sich im Hinblick auf ein überleben auf Verschleierung und Mobilität stützen, werden die Probleme der Verifizierung komplexer, und neue Verifizierungstechniken werden vielleicht erforderlich.

Worauf es bei einem ef-

fektiven Verifizierungsprozeß vor allem ankommt, ist die Tatsache, daß er
mit einem hohen Maß an Zuverlässigkeit jede Serie von Verletzungen entdeckt,
die eine bedeutsame Auswirkung auf das strategische Gleichgewicht haben würden.

Die Kommission ist der Ansicht, daß dieses Ziel in unserer Reichweite

bleibt.

Einhaltung besteht aus Verifizierung und einem Konsultations- und

Erklärungsverfahren bei fragwürdigen Ereignissen oder Vorgängen plus einer
daraus resultierenden Feststellung, ob die beobachtete Handlung oder der beobachtete Umstand tatsächlich eine Verletzung darstellen.

Für den Fall der

Nichteinhaltung muß der erste Schritt darin bestehen, Maßnahmen bezüglich
jeder Verletzung zu ergreifen, die in signifikanter Weise das strategische
Gleichgewicht berührt.

Der zweite Schritt muß sein, zu entscheiden, was

hinsichtlich anderer Aktivitäten oder Umstände zu tun ist, die zwar eine Verletzung von Abkommen darstellen, jedoch nur marginale oder unwichtige militärische Bedeutung haben.

Entscheidungen hinsichtlich geringfügiger Verlet-

zungen können sehr schwierig sein.

Wenn sie vielleicht auch keine bedeut-

samen militärischen Auswirkungen haben, unterhöhlen solche Verletzungen dennoch das Vertrauen des amerikanischen Volkes und der amerikanischen Regierung
in die Abkommen selbst.

Darüber hinaus könnte das Nichtergreifen von Maßnahmen

die Sowjets zu der Ansicht ermutigen, sie könnten ungestraft handeln.
- 12 -

Mög-

�handeln.

Möglicherweise wird man jedoch nicht immer auf wirksame Antworten

zurückgreifen können, die in einem angemessenen Verhältnis zu der Verletzung
selbst stehen.

Der richtige Aktionskurs ist daher, ein Kommunikationssystem

für eine Überprüfung und eine Korrektur solcher Verfälle aufrechtzuerhalten.

Die Rolle der strategischen Verteidigung
Die ballistische Raketenverteidigung ist ein entscheidend wichtiger
Aspekt des strategischen Gleichgewichts und steht daher im Mittelpunkt der
Rüstungskontrolle.

Eines der erfolgreichsten Rüstungskontrollabkommen ist

der Raketen-Abwehr-Raketenvertrag (ABM) aus dem Jahr 1972. Dieser Tatsache
sollte es jedoch nicht erlaubt sein, die Möglichkeit zu verschleiern, daß irgendwann einmal technologische Entwicklungen es im Interesse beider Seiten
liegend erscheinen lassen, den gegenwärtigen Vertrag zu verbessern.

Wenn man

sich diesen Fall vor Augen hält, dann ist wichtig, zu unterscheiden zwischen
defensiven Systemen, die die Überlebensfähigkeit offensiver Systeme fördern
sollen, und jenen, die über weite Bereiche der Vereinigten Staaten oder der
Sowjetunion oder sogar über das ganze Gebiet dieser Länder einen Schild legen sollen.

In Richtung auf die Dislozierung einer aktiven Verteidigung

sollte jedoch kein Schritt gemacht werden ohne die sorgfältigste Erwägung
möglicher strategischer Auswirkungen auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle.
Die Kommission war ersucht worden, den Vorschlag der Regierung für Forschung
auf dem Gebiet der strategischen Verteidigung zu überprüfen.

Nach Ansicht

der Kommission ist die aufgrund des ABM-Vertrages gestattete Forschung wichtig, um die realistischen Möglichkeiten festzustellen, die die Technologie
bieten mag, genauso wie man gegenüber der Möglichkeit eines Ausbrechens der
anderen Seite aus dem ABM-Vertrag auf der Hut sein muß.

Die strategischen

Auswirkungen der Raketenverteidigung sowie die entscheidend wichtige Bedeutung des ABM-Vertrages für weitere Rüstungskontrollabkommen machen äußerste
Vorsicht notwendig, wenn man mit technischen Entwicklungen auf diesem sensitiven Gebiet vorangeht.
Einfrieren der

- 13 -

�Einfrieren der Kernwaffen
Ein Aspekt der Rüstungskontrolle, der überaus populär geworden ist,
ist das Einfrieren der Kernwaffen

Es gibt verschiedene Varianten eines

solchen Einfrierens; im allgemeinen soll jedoch darunter eine beiderseitige,
verifizierbare Beendigung der Dislozierung nuklearer Waffen, ihrer Entwicklung und Erprobung verstanden werden wie auch die Beendigung der Herstellung
und Erprobung nuklearer Gefechtsköpfe und Gefechtskopfmaterials«

Oberfläch-

lich gesehen erscheint dies überaus attraktiv aufgrund der Annahme, dies sei
einfach und Verhandlungen seien leicht zu führen.
Eine genauere Überprüfung eines solchen Schrittes läßt jedoch eine Anzahl ernsthafter Fehler und Schwachstellen erkennen« Der erste dieser Denkfehler bezieht sich auf die angenommene Leichtigkeit von Verhandlungen, SALT I
war ein teilweises Einfrieren, d,h« ein Einfrieren nur hinsichtlich einiger
Kategorien und Aspekte der Raketenabschußeinrichtungen« Darüber mußte man
vier Jahre lang verhandeln,, SALT II weitete das Einfrieren auf zusätzliche
Kategorien aus und schloß auch einige zusätzliche andere Punkte ein,, Darüber
mußte sieben Jahre lang verhandelt werden« Keiner dieser beiden Verträge
schloß so etwas wie die Zahl und die Komplikationen der vielen Aspekte ein,
die nunmehr in den aktuellsten Definitionen eines Einfrierens enthalten sind«
Ist es nützlich, so viel Zeit und so viele Anstrengungen, wie sich dies in
der Vergangenheit als erforderlich erwiesen hat, hierauf zu verwenden, wenn
das einzige Ziel nur die Hoffnung ist, daß wir nicht schlechter aufhören, als
wir angefangen haben? Eines der Hauptziele eines Einfrierens der Kernwaffen
ist, eine Modernisierung zu verhüten« Doch der einzige Weg, mit dessen Hilfe
die strategische Stabilität gefördert werden kann, ist kontrollierte Modernisierung - beispielsweise die Einführung neuer Raketen mit nur einem Gefechtskopf, Ein Einfrieren würde keinesfalls dazu beitragen, die Stabilität zu
vergrößern.

Darüber hinaus würden nichtnukleare Systeme, die jedoch eine direkte
Auswirkung auf das strategische Nukleargleichgewicht haben, durch ein Ein-

- 14 -

�durch ein Einfrieren der Kernwaffen nicht abgedeckt werden.

Dies könnte

sich auf die Überlebensfähigkeit nuklearer Systeme durch Entwicklungen auf
Gebieten wie der U-Bootbekämpfung und der Luftverteidigung auswirken, was
möglicherweise im Laufe der Zeit zu wichtigen Veränderungen hinsichtlich der
Stabilität des strategischen Gleichgewichts führen könnte.
Und schließlich - was jedoch von Bedeutung für die Abschreckung ist würde ein Einfrieren der Kernwaffen die Vereinigten Staaten im Hinblick auf
äußerst treffgenaue Gefechtsköpfe mit hoher Sprengkraft in einen permanenten
Nachteil bringen, d.h., bezüglich der prompten Gegenschlagkapazität.

Mit die-

ser Disparität sollte man sich umgehend sowohl durch Waffenprogramme als auch
durch Rüstungskontrolle befassen.

Ein Einfrieren der Kernwaffen würde also

- weit davon entfernt, daß wir uns mit den ernsthaften Fragen befassen, denen
wir uns gegenübersehen - praktisch die Fähigkeit verzögern oder verhindern,
daß wir diese Fragen in den Griff bekommen.

Zusammenfassung
Das von unserer Kommission vorgeschlagene integrierte und dreiteilige
Programm für die strategischen Streitkräfte soll ein realistischer Weg sein,
um das von uns allen getragene Ziel zu erreichen:

die Möglichkeiten eines

nuklearen Konfliktes zu vermindern.
- Die Rüstungskontrolle ist ein unerläßliches Element dieses Zieles. Unsere Rüstungskontollempfehlungen tragen hierzu bei, indem sie beiden
Seiten einen Ansporn dafür geben, Stabilität durch ein vermindertes
Streitkräfteniveau zu untermauern.
- Die kleine, mit nur einem Gefechtskopf ausgerüstete Rakete trägt zu
diesem Ziel bei und zwar durch ihre größere Überlebensfähigkeit, die
durch den Einzelgefechtskopf sowie durch die Optionen der Stationierung
erreicht wird, was zusammengenommen sich wiederum dahingehend auswirkt,

- 15 -

�dahingehend auswirkt, daß sich für einen Angreifer ein unattraktives
Verhältnis zwischen eingesetzten und zerstörten Gefechtsköpfen ergeben
würde„
- Die MX trägt auf zweifache Weise zu diesem Ziel bei.

Sie beweist

einmal die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, alles Notwendige zu
tun, um die sowjetischen Gegenschiagvorteile auszugleichen,,

Sie bietet

ferner der Sowjetunion den notwendigen Anreiz, vernünftige Voraussetzungen für die kleine Rakete anzustreben und sich ernsthaft in RüstungskontrollVerhandlungen zu engagieren, die die Stabilität fördern sollen«
Die MX ist im eigentlichen Sinne des Wortes kein"Tauschobjekt" ,aber die
Zahl und die Dislozierung der MX sollen - wie alle strategischen Systeme auf die sowjetische Reaktion abgestellt sein»

Es ist nach wie vor die

Ansicht der Kommission, daß im Hinblick auf das gegenwärtige und erwartete Umfeld wie geplant eine Dislozierung von 100 Raketen ausreichend
ist.
Alle drei Elemente des Programms sind zusammengenommen wesentlich für
die Erreichung dieses Zieles» Eines der wichtigen Ziele und Zwecke der Empfehlungen der Kommission war die Entwicklung eines Konsenses, der unsere
Gesellschaft in die Lage versetzen soll, die bittere Spaltung der letzten
Jahre zu überwinden und sich in Richtung auf ein Ziel für die Modernisierung
unserer strategischen Streitkräfte und die Rüstungskontrolle hinzubewegen,
das der Einigung und nicht der Trennung dienlich sein soll» Wir sind der
Oberzeugung, daß nunmehr eine Grundlage für die Entwicklung dieses Konsenses
geschaffen worden ist« Sie ist gegenwärtig jedoch noch überaus zerbrechlich,
und ihr Fortbestand und ihre Stärkung erfordern ständige Aufmerksamkeit und
zwar durch eine entschlossene Verfolgung aller Elemente des vom Kongreß gebilligten Programms und durch die Fortsetzung des wertvollen Dialogs, der
jetzt in Gang gekommen ist.
Die Kommission ist überaus dankbar für das Verständnis und die nachhaltige Unterstützung, die Sie sowie eine überparteiliche Mehrheit des

- 16 -

�Mehrheit des Kongresses ihr in jeder Phase der langanhaltenden Überlegungen
gewährt haben.

Es war für uns alle eine Ehre, die Gelegenheit zu haben, ei

nen Beitrag auf einem Gebiet zu leisten, das für die nationaler. Interessen
der Vereinigten Staaten so lebenswichtig ist.

Hochachtungsvoll
gez

+ + + + +

- 17 -

Brent Scowcroft

�19

9. Mai 1984

DIE XXIII. OLYMPISCHEN SPIELE IN LOS ANGELES
- (3) Training für Höchstleistungen -

- (AD) - Für Sportler aller Staaten sind Training und Vorbereitung auf
die Wettbewerbe bei den Olympischen Spielen lang und mühsam.

Den amerikanischen

Athleten, die in diesem Sommer in Los Angeles antreten, werden allerdings neue
Regeln hinsichtlich des Amateurstatus behilflich sein, die die Vereinigten Staaten stärker mit den Praktiken anderer Länder in Einklang bringen; dazu kommen
neue Sportanlagen und modernste Trainingsmethoden, wie sie bei den bisherigen
Olympiaden noch nicht zur Verfügung standen.
Avery Brundage, der verstorbene langjährige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, hatte auf einem strikten Amateurkodex bestanden,
wobei er die Hingabe des Sportlers mit der eines Künstlers verglich, der in
seiner Dachkammar hungert.

Aber es lag an den einzelnen Ländern, zu beschei-

nigen, wer diesem Ideal gerecht wurde - und jedes Land legte an den Amateurstatus seinen eigenen Maßstab an.
Lange bemühten sich die Vereinigten Staaten, Brundages strikte Definition anzuwenden.

Als Folge hiervon bestritten die amerikanischen Sportler

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�amerikanischen Sportler normalerweise ihre Wettbewerbe während ihrer Universitätsjahre - also etwa bis 23, 24 - und gaben dann den Amateursport auf, um
sich ihrer beruflichen Karriere zuzuwenden und eine Familie zu gründen.

Vom

rein physischen Aspekt her gesehen lagen die besten Jahre noch vor ihnen,
aber aus finanziellen Erwägungen heraus war ihre sportliche Karriere - von
seltenen Ausnahmen abgesehen - zu Ende-

Im Gegensatz hierzu konnten Sport-

ler mancher anderer Staaten - frei von finanziellen Sorgen - noch lange nach
Beendigung ihrer Ausbildung weitermachen.
Seit einigen Jahren verfährt die International Amateur Athletic Federation
nach neuen, liberaleren Regeln, den Amateurstatus betreffend.

So können etwa

Leichtathleten bei einem Wettbewerb Start- und Werbegelder annehmen, solange
diese in einen Treuhänderfonds gezahlt werden, den die Sportler nach Beendigung ihrer sportlichen Karriere verwenden dürfen.
Allerdings können sie davon auch ihre Lebenshaltungskosten bestreiten,
so daß ein Leichtathlet, der früher gezwungen war, in realtiver Armut zu leben, sich nunmehr eines weit angenehmeren Lebensstandards erfreuen kann.
Infolgedessen gehen viele amerikanische Medaillenanwärter - wie etwa
der Hürdenläufer Edwin Moses oder die Läuferin Mary Decker - ganztägig ihrem
Training oder den Wettkämpfen in einem Alter nach, wie dies noch vor einem
Jahrzehnt für die meisten amerikanischen Leichtathleten undenkbar gewesen
wäre - und doch für die Athleten vieler anderer Staaten durchaus nichts Ungewöhnliches. Ein spezielles Stellenprogramm für jüngere Sportler ermutigt
etwa Firmen dazu, potentiellen Teilnehmern künftiger Olympiaden eine Stelle
zu geben - und gleichzeitig genügend freie Zeit, um einem bezahlten Training
nachzugehen und zu Wettkämpfen zu reisen.
Die zweite große Veränderung für die amerikanischen Sportler kam 1978
mit der Umstrukturierung des Amateursports, wobei auch hier die Situation
in den Vereinigten Staaten mehr derjenigen in anderen Ländern angeglichen
wurde. (Eine Ausnahme allerdings gibt es noch immer: In den Vereinigten

- 2 -

�In den Vereinigten Staaten werden keine Staatsgelder zur Unterstützung des
Sports verwendet).
So wurde z.B. durch Mittel privater Geldgeber in Colorado Springs ein
Trainings- und Forschungszentrum errichtet, wo jährlich Tausende vom Sportlern unter Aufsicht von Trainern und Sportmedizinern an sich arbeiten können.
Ein neugeschaffenes landesweites Sportfest ermöglicht es, Teilnehmer
von Mannschaftssportarten schon weit vor den Olymppischen Spielen auszuwählen und dies nicht erst - wie in der Vergangenheit der Fall - in letzter
Minute zu tun. Bestes Beispiel für dieses System war die junge amerikanische
Eishockeymannschaft: Nachdem man ihr genügend Zeit gegeben hatte, sich als
Team zusammenzufinden und einzuspielen, sorgte sie mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den Winterspielen 1980 für die größte Überraschung.
Die Sportmediziner in Colorado Springs setzen dabei auch Computer ein,
um die Sportler auf die Spiele vorzubereiten.
unendlich viel

"Wir können dabei geradezu

lernen ", meint Charles Dillman, Chef des Biomechanischen

Labors des Sportzentrums.
Das dortige Projekt "Eliteathleten" konzentriert sich auf die besten
30 Sportlerinnen und Sportler des Landes: Man fotografiert praktisch jede
ihrer Bewegungen im Wettkampf, zählt jeden Herzschlag und mißt jeden Atemstoß.

Dadurch ermittelt der Computer z. B. ein Profil des Weitspringers

Carl Lewis, das dann anderen als Trainingsmodell dient.

Spezialaufnahmen

- mit 2000 Bildern pro Sekunde - analysieren auf das Genaueste, was Lewis
macht.
"Der Computer sagt, wieviel Kraft, wieviel Schnelligkeit notwendig
ist, um die besten Resultate zu erzielen", meint der Arzt Gideon Ariel.
"Dann simuliert eine computerisierte Maschine für Gewichtstraining die Bewegungsabläufe beim Weitsprung, damit der Sportler zu seiner Höchstleistung
gelangen kann." Und der Arzt fügt hinzu: "Der Computer hilft dabei, ein
Talent ausfindig zu machen, es auszubilden, es mit anderen Talenten zu ver-

�zu vergleichen - und es dann zu verbessern."
Computer im Wert von einer halben Million Dollar analysieren alles von den Bewegungsabläufen eines Kugelstoßers bis hin zu Geschwindigkeit
und Drehmoment eines gespielten Volleyballes.

In Sekundenschnelle kann

ein Computer das herausfinden, was 100 Trainer erst nach 1000 Jahren durch
die Analyse normaler Filme gesehen hätten.
So fand der Computer z. B. heraus, daß der Diskuswerfer Mac Wilkens
an einem bestimmten Punkt seiner Drehbewegung vor dem eigentlichen Abwurf
zu schnell war. Wilkins veränderte seine Technik entsprechend - und es gelang ihm ein neuer Weltrekord.

Ohne Computer hätte er vielleicht zehn Jahre

gebraucht, um auf dieses Problem zu stoßen»
Das Computerprogramm zeigte auch, daß der Sprinter Calvin Smith im
Antritt zwar geschmeidig und leichtfüßig wie eine Katze ist, auf den letzten Metern jedoch ermüdet.

Darauf hingewiesen, beschäftigte sich Smith

mit dem Problem - und schaffte gleichfalls einen neuen Weltrekord über 100
Meter.

+ + + + +

�Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service
Embassy of the United States of America

19

9. Mai 1984

NEUE STRATEGIEN GEGEN MALARIA GESUCHT
- Resistenzentwicklung größtes Problem -

- (AD) - Vor wenig mehr als einem Jahrzehnt glaubte man die Malaria
unter Kontrolle zu haben. Oberall auf der Welt wurden Großaktionen zur Bekämpfung der Anophelesmücken durchgeführt, die Malaria-Erreger von Mensch
zu Mensch übertragen. Mit Insektenvertilgungsmitteln, der Entwässerung von
Sümpfen und der Sanierung von Gewässern führte man den Kampf gegen sie an
ihren Brutstätten. Gleichzeitig wurden von medizinischer Seite vorbeugende
Maßnahmen für gefährdete Personen intensiviert und Behandlungsmethoden, soweit möglich, verbessert.
Jetzt aber entwickelt sich die Malaria vor allem in tropischen Ländern
wieder zu einer ernsthaften Gefahr.

Nach Angaben der UN-Weltgesundheitsor-

ganisation (WHO) sind 108 Länder betroffen.

Im Jahr 1981 waren 365 Millionen

Malariakranke (viermal mehr als 1971) amtlich erfaßt.

Bei 150 Millionen der

Fälle handelt es sich um Neuerkrankungen. WHO und FAO (UN-Organisation für
Ernährung und Landwirtschaft) beriefen eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern als Berater, um neue Mittel und Wege zu suchen, der Malaria wieder
besser Herr zu werden.

Denn die Hauptursache für die Rückkehr dieser Infek-

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�dieser Infektionskrankheit ist Resistenzentwicklung - Resistenz sowohl der
blutausgenden Fiebermücken gegen Insektizide, als auch wachsende Resistenz
der Parasiten im infizierten menschlichen Körper gegen Malariamedikamente.
Die verschiedenen Arten von Plasmodien, die Malaria verursachen und Entwicklungsstufen im Zwischenwirt (Anophelesmücke) und im menschlichen Organismus
durchlaufen, gehören zu bestimmten Untergruppen der einzelligen Protozoen.
Besondere Sorge bereiten derzeit Infektionen mit dem Plasmodium falciparum,
das die perniziöse Malaria (Tropenfieber) auslöst. Mit Medikamenten sind sie
sehr schwer zu bekämpfen.

Unbehandelt sterben etwa 40 Prozent der Opfer an der

Infektion - in Afrika allein jedes Jahr über Jahr eine Million Kinder.

In

einer ganzen Anzahl der 108 Länder hat der Erreger bereits Resistenz gegen
Chloroquin, ein wichtiges sog. Suppresivmittel gegen Parasiten, entwickelt.
Experten im öffentlichen Gesundheitswesen fürchten daher, daß diese Malariaform durch Touristen vor allem aus den westlichen Ländern weiterverbreitet
werden könnte.
Die Gefährlichkeit der Malaria tropica beruht auf der Tatsache, daß sich
die Erreger unter Zerstörung roter Blutzellen überaus schnell vermehren. Die
infizierten Zellen lagern sich an der Wandung von Kapillargefäßen an, die tief
ins Gewebe lebenswichtiger Organe hineinreichen. Vor den Immunreaktionen des
Körpers sind sie dort geschützt. Und sie verstopfen die Gefäße regelrecht,
was zu schweren Komplikationen führt. Es kommt zu inneren Blutungen und zur
Blockierung der Versorgung von Gewebe mit dem lebenswichtigen Sauerstoff.
Der amerikanische Biologe Irwin Sherman und seine Arbeitsgruppe an der
Universität von Kalifornien in Riverside, die der UN-Beratergruppe angehören,
befassen sich mit der detaillierten Erforschung aller Vorgänge im menschlichen
Körper nach einer Infektion mit Plasmodium falciparum. Kürzlich veröffentlichten
sie einige der ersten Aufnahmen,in starker Vergrößerung mit dem Rasterelektronenmikroskop gemacht, von den durch die Infektion veränderten roten Blutzellen.
Die gesunde Zelle, ein bikonkaver scheibenförmiger Körper mit glatter Oberfläche, wird durch die Infektion in einen unregelmäßig geformten Klumpen mit

- 2 -

�Klumpen mit stark narbiger, ja kantiger Oberfläche verwandelt,

48 Stunden

nach dem Eindringen des Erregers platzt die Zelle und setzt viele neue Parasiten im Blutstrom frei.

Der Organismus

reagiert mit Fieber und Schüttel-

frost auf Parasiten und Toxine; die pockige Oberfläche der infizierten roten
Blutzellen trägt zusätzlich zu den Komplikationen in der Form schwerer Schädigungen von Organen und Kreislaufsystemen bei.
Die Arbeitsgruppe Sherman konzentriert sich gegenwärtig darauf, ein
noch detaillierteres Bild von den Vorgängen innerhalb der Zelle zu bekommen.
Dabei interessiert z.B. ganz besonders, wie der Parasit Proteine aufbaut,
die er für seine Vermehrung braucht. "Wir wollen die Stoffwechsel unterschiede
zwischen Parasit und Wirtszelle herausfinden, die möglicherweise zur Entwicklung einer wirksamen medikamentösen Behandlung genutzt werden können", sagt
Sherman. Das Prinzip ist ähnlich wie bei der Chemotherapie von Krebs. Der
Parasit soll überlistet werden, defekte und funktionslose Moleküle bei dem
Versuch, zu wachsen und sich zu vermehren, zu benutzen. Wenn dies gelingt,
vermag er die für die Reproduktion notwendige DNS (Desoxyribonucleinsäure)
in seinem Zellkern nicht zu synthetisieren. "Ob sich Malaria auf weite Sicht
beherrschen läßt", so Sherman, "hängt sowohl von der Forschung als auch von
umfassender Unterstützung aller Maßnahmen ab, mit denen diese Seuche zu bekämpfen ist'"

+ + + + +

- 3-

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