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                  <text>und
Dokumentation

I

United States Information Service
Embassy of the United States of America

4. April 1984

14

INHALT

DOKUMENTATION
Das amerikanische Handelsdefizit in der Gesamtsicht
- Von Botschafter Arthur F. Burns HINTERGRUND
Sicherheitspolitik und Rüstungskontrolle
- Von Lawrence Eagleburger, Staatssekretär im US-Außenministerium
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Programm für bevorstehenden CHALLENGER-Flug
Sondierung des Tiefseebodens wird fortgesetzt
- Zehn Länder beteiligen sich an internationalen Programmen -

Um Übcr/cnJung von
DelegeKemploren
w i r d gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 B o n n 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

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14

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

5. April 1984

DAS AMERIKANISCHE HANDELSDEFIZIT IN DER GESAMTSICHT
- von Botschafter Arthur F. Burns Düsseldorf-AD - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik
Deutschland, Arthur F. Burns, sprach am 5. April 1984 vor dem
Industrie-Club in Düsseldorf über das Thema des amerikanischen
Handelsdefizits in seiner Gesamtsicht . Er äusserte sich zu den
finanzpolitischen Themen, die unlängst politische Spannungen
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten hervorgerufen haben.
Seine Rede hat folgenden Wortlaut:
Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, heute hier vor Ihnen
sprechen zu dürfen. Das Thema, das ich mit Ihnen erörtern möchte,
ist der Warenhandel der Vereinigten Staaten mit anderen Ländern.
Ich habe dieses Thema nicht aus Engstirnigkeit gewählt. Zunächst
einmal ist es wichtig, daß die Europäer erkennen, daß der starke
Wiederaufschwung in Produktion und Beschäftigung in Amerika von
einem weiteren Rückgang seines Außenhandels begleitet worden ist.
Zweitens ist das schlechte Abschneiden der Vereinigten Staaten im
Außenhandel während der letzten Jahre Ausdruck eines Ungleichgewichts sowohl in der Weltwirtschaft als auch in unserer Binnenwirtschaft. Das hat unausweichlich zu weitverbreiteten politischen

Postfach 20 03 00 Tel.:0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�weitverbreiteten politischen Belastungen geführt. Die Versprechungen des Wirtschaftsgipfels von Williamsburg im vorigen Jahr
bezüglich des internationalen Handels und der internationalen
Finanzen haben sich nicht erfüllt. Wenn überhaupt, so haben sich
die aus wirtschaftlichen Problemen entstehenden Spannungen im
vergangenen Jahr sogar verstärkt.
Lassen Sie mich damit beginnen, daß ich einige der wesentlichen
Fakten des amerikanischen Außenhandels aufzähle. Bis 1970 erfreute
sich mein Land eines Überschusses im Warenhandel mit der übrigen
Welt. Mit den höheren Ölpreisen und der schärferen Konkurrenz
unserer Handelspartner waren seither Defizite die Regel. Eine
Zeitlang spielte das angesichts der Überschüsse Amerikas in anderen
Bereichen seiner Zahlungsbilanz eine konstruktive internationale
Rolle. Aber das Handelsdefizit machte Ende der siebziger Jahre
einen beträchtlichen Sprung, als es eine Jahresrate von etwa 30
Milliarden Dollar erreichte - eine Rate, die sich bis über die erste
Jahreshälfte 1982 hielt. In jüngerer Zeit ist das Defizit sprunghaft gestiegen. Es erreichte im letzten Quartal 1983 eine Jahresrate von 75 Milliarden Dollar und dürfte in diesem Kalenderjahr 100
Milliarden Dollar übersteigen.
Die Verschlechterung im Warenhandel Amerikas wird sicherlich
noch immer durch unsere traditionellen Überschüsse bei den Dienstleistungen und den Kapitalerträgen aus dem Ausland teilweise aufgefangen. Aber selbst damit erreichte das Defizit in unserer
Leistungsbilanz - die diese Positionen einschließt - im Jahr 1983
eine Höhe von über 40 Milliarden Dollar und hatte im letzten Quartal
dieses Jahres sogar eine noch viel höhere Jahresrate erreicht. Das
Gegenstück zu diesem dramatischen Defizit in der Leistungsbilanz war
ein gewaltiger Zustrom von ausländischem Kapital in die Vereinigten
Staaten, verbunden mit einer scharfen Verringerung unserer traditionellen Kapitalexporte. Das ist für ein Land mit der größten und
reichsten Volkswirtschaft der Welt sicherlich keine begrüßenswerte
Entwicklung.
In amerikanischen

- 2-

�In amerikanischen Kreisen ist die Auffassung verbreitet, daß
viele unserer Industrien nicht mehr mit leistungsfähigeren
japanischen Firmen konkurrieren können. Dann herrscht auch die
Sorge, daß amerikanische Hersteller das Opfer einer unfairen
Konkurrenz von Erzeugern in Entwicklungsländern mit niedrigen Löhnen
und subventionierter Produkte europäischer und anderer ausländischer
Unternehmen werden. Solche Erklärungen für unser Außenhandelsdefizit enthalten ein Körnchen Wahrheit, aber mehr auch kaum. Die
Hauptursachen für die jüngsten Verschlechterungen im amerikanischen
Handel müssen woanders gesucht werden - in dem hohen Wert des Dollar
auf den Devisenmärkten, in der rascheren Erholung von der Rezession
in den Vereinigten Staaten als in Westeuropa oder in Japan und in
der unvermeidlichen Notwendigkeit schuldenbeladener Entwicklungsländer, den Gürtel enger zu schnallen.
Die Stärke des Dollar auf den Devisenmärkten in den letzten
Jahren ist in Europa sehr gut bekannt. Zwischen Ende 1980 und
Anfang dieses Jahres wurde der Dollar gegenüber dem Schweizer
Franken um rund 30 Prozent aufgewertet, gegenüber dem Britischen
Pfund um rund 40 Prozent, gegenüber der D-Mark um rund 50 Prozent
und gegenüber dem Französischen Franc um etwa 100 Prozent. Die Aufwertung des Dollar gegenüber dem Japanischen Yen und der kanadischen
Währung war wesentlich geringer. Wenn man jedoch die Währungen der
zehn wichtigsten Industriestaaten zusammenfaßt, dann erfuhr der
Dollar in dieser Zeitspanne eine durchschnittliche Aufwertung von
rund 50 Prozent. Der hohe Kurs des Dollar hat ganz offensichtlich
amerikanische Güter für ausländische Käufer weniger attraktiv
gemacht, während der niedrige Kurs ausländischer Währungen ausländische Erzeugnisse für Amerikaner attraktiv gemacht hat. Obwohl
der Dollar seit Jahresbeginn nachgegeben hat, behält er doch einen
Großteil seiner nach 1980 eingetretenen Aufwertung gegenüber anderen
Währungen bei.
Eine weitere Hauptursache für die Verschlechterung des amerikanischen Handels ist die Schwierigkeit, die viele Entwicklungsländer in de

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�länder in den letzten zwei oder drei Jahren erlebt haben, wenn sie
Geld im Ausland aufnehmen wollten. Schon 1982 begann eine wachsende
Zahl von Banken und anderen Kreditgebern zu erkennen, daß sie alles
andere als vorsichtig gewesen waren, als sie dem heftigen Verlangen
der Entwicklungsländer nachkamen, Schulden aufzuhäufen - ja, diese
sogar oft dazu ermutigten. Als die Kreditvergabe an diese Länder
spärlicher wurde, sah sich eines nach dem anderen nicht mehr in der
Lage, seinen Rückzahlungsverpflichtungen, ja selbst seinen Zinsverpflichtungen nachkommen zu können. Um einen völligen Bankrott zu
vermeiden, mußten sich ihre Regierungen um finanzielle Hilfe an den
Internationalen Währungsfonds, an andere Regierungen und an private
Kapitalgeber wenden. Aber solche Hilfe konnte sie nicht der Notwendigkeit entheben, eine energische Sparpolitik zu betreiben - vor
allem die Importe einzuschränken und die Exporte zu steigern. Die
Länder Lateinamerikas, die besonders enge Handelsbeziehungen zu den
Vereinigten Staaten pflegen, litten als erste unter Devisenknappheit. Es ist nicht überraschend, daß der Dollarwert unserer Exporte
nach Lateinamerika zwischen dem ersten Quartal 1981 und dem letzten
Quartal 1983 um fast die Hälfte zurückging.
Ein dritter Grund für die Verschlechterung des amerikanischen
Handels ist die ungleiche konjunkturelle Entwicklung in den
wichtigsten Industriestaaten. Die wirtschaftliche Erholung begann
in den Vereinigten Staaten gegen Ende 1982 und gewann rasch an
Schwung. Die Wirtschaft Kanadas erholte sich fast zur gleichen Zeit
und machte fast ebenso rasche Fortschritte. Andere Industrieländer erholten sich nicht so schnell. Die japanische Wirtschaft
machte Fortschritte, aber in einem langsameren Tempo. Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland erholten sich
langsamer als die Vereinigten Staaten, während das übrige Westeuropa
weiterhin Stagnation oder Rezession erlebte. Wegen des Nachhinkens
des Erholungsprozesses außerhalb der Vereinigten Staaten verlangsamten sich unsere Exporte nach Europa und Japan stark, während
unsere Importe sprunghaft anstiegen - eine Entwicklung, die während
der Expansionsphase eines Konjunkturzyklus immer eintritt.
Neben den

�Neben den Hauptgründen für das amerikanische Handelsdefizit,
über die ich gesprochen habe - der starke Dollar, die Notlage der
Entwicklungsländer und der raschere Aufschwung der amerikanischen
Wirtschaft - haben eine Fülle anderer Faktoren ebenfalls eine
gewisse Rolle gespielt. Zwei davon verdienen besondere Aufmerksamkeit: erstens, der weltweite Rückgang der Nachfrage nach Erdöl,
der die OPEC-Mitglieder zu einer Senkung ihrer Importe zwang; und
zweitens, die jüngsten Entwicklungen auf dem Weltagrarmarkt - ein
Thema, auf das ich noch zurückkommen werde - die ebenfalls zu der
Verschlechterung des amerikanischen Außenhandels beigetragen haben.
Die Anhäufung dieser ungünstigen Handelsentwicklungen hat in den
Vereinigten Staaten weitverbreitete Besorgnisse ausgelöst. Das landwirtschaftliche Einkommen war schon Ende der siebziger Jahre
niedrig, und mit dem Rückgang der Exporte ist es seit 1980
abgesackt. Darüber hinaus führte der Rückgang unserer Fertigwarenexporte zu einer Verringerung der Arbeitsplätze und der Gewinne
in zahlreichen Firmen - vor allem im Maschinenbau, im zivilen Flugzeugbau und bei der Herstellung anderer Investitionsgüter. Die
Zunahme der Importe setzte zusätzliche Arbeitnehmer frei, die in der
Herstellung verschiedener Verbrauchs- und Investitionsgüter
beschäftigt waren.
Wirtschaftsfachleute betrachten solche Wechselfälle des Handels
oft als normale Funktionen der Entwicklungen auf einem Wettbewerbsmarkt, und es fällt ihnen nicht schwer, ihr Vertrauen zum Ausdruck
zu bringen, daß die Schwierigkeiten im Laufe der Zeit durch den
Markt selbst behoben werden. Im Prinzip sind solche Auffassungen
durchaus gerechtfertigt.
Mit der weiteren Expansion der amerikanischen Wirtschaft wird
ihre Wachstumsrate zwangsläufig bescheidener werden. Mittlerweile
dürften sich die Anzeichen eines Wirtschaftsaufschwungs in Westeuropa, die sich langsam gezeigt haben, vervielfachen. Und mit der
Verringerung der Kluft in der Wirtschaftsentwicklung zwischen Europa

- 5-

�zwischen Europa und den Vereinigten Staaten wird auch das Handelsdefizit Amerikas kleiner werden. Alles in allem dürften auch die
Entwicklungen in Lateinamerika weniger schädigend für unseren
Außenhandel werden. Im vergangenen Jahr haben die stark verschuldeten Länder Lateinamerikas eine beträchtliche Verbesserung
ihrer Leistungsbilanz gegenüber der übrigen Welt erlebt. Daher
steht kaum zu erwarten, daß die jüngste starke Einschränkung ihrer
Importe aus den Vereinigten Staaten noch verschärft werden wird. Da
darüber hinaus die reale Kaufkraft des Dollar im Verhältnis zu
anderen Währungen beträchtlich überbewertet zu sein scheint, wäre es
keineswegs überraschend, wenn der Rückgang des Wechselkurses des
Dollar, der seit dem Höchststand im Januar eingetreten ist, sich
während der nächsten ein bis zwei Jahre in gemäßigter Form
fortsetzen würde. Kurz gesagt, man kann vernünftigerweise davon
ausgehen, daß der Markt selbst bereits Kräfte freisetzt, die über
kurz oder lang das amerikanische Handelsdefizit verringern werden.
Aber amerikanische Geschäftsleute, Farmer und Arbeiter, die vom
Außenhandel negativ berührt worden sind, neigen selten dazu, die
Dinge so entspannt zu sehen. Auch Politiker denken, vor allem in
einem Wahljahr, nicht so. In letzter Zeit sind die Verfechter einer
restriktiven Handelspolitik in Amerika kühner geworden, und ihre
Beschwerden über Handelspraktiken anderer Länder werden immer
lauter. Ihre Forderungen nach neuen Einfuhrschranken stoßen auf den
Widerhall ähnlicher Forderungen in Europa. Schließlich haben zahlreiche europäische Industrien in den letzten Jahren ebenfalls einen
wirtschaftlichen Rückschlag erlebt, und überall in Westeuropa
herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Mit der Ausbreitung des Virus
protektionistischen Denkens wird die Notwendigkeit staatsmännischen Denkens in der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten und
in Europa dringend.
Das Außenhandelsproblem Amerikas ist auch Europas Problem, und
es ist wichtig, daß Europäer und Amerikaner versuchen, die Handelsund Finanzfragen, die politische Spannungen zwischen uns hervorgerufen haben,

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�gerufen haben, von einem internationalen Standpunkt aus zu sehen.
Wenn wir das tun, dann werden wir zwangsläufig herausfinden, daß es
bei dem, was Amerikaner als ihr besonderes Problem betrachten, um
ein gemeinsames internationales Anliegen geht, das ein besseres
gegenseitiges Verständnis - und häufig auch korrigierende Maßnahmen
- auf beiden Seiten des Atlantik erfordert.
Eines der Probleme, die in den Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und Westeuropa besonders lästig waren, ist der
Agrarhandel. Amerikaner haben sich seit langem über die protektionistische Zielrichtung der Agrarpolitik der Europäischen
Gemeinschaft beklagt - eine Politik, die sich stark auf Preissubventionen stützt, um das Einkommen der Bauern zu sichern. Jedes
Jahr legen die Mitgliedsregierungen der Gemeinschaft für verschiedene landwirtschaftliche Erzeugnisse Festpreise fest. Diese
Preise liegen über den Weltmarktpreisen. Der Binnenmarkt der
Gemeinschaft wird dann durch variable Abschöpfungen gesichert, die
dazu dienen, billigere Importe abzuhalten. Zum Teil als Ergebnis
dieser Politik neigte der Anteil der Gemeinschaft an den gesamten
amerikanischen Agrarexporten dazu, zurückzugehen.
Der Rückgang wäre noch stärker gewesen, wenn die Gemeinschaft
ihre Restriktionen auch auf Sojabohnen und Erzeugnisse daraus - die
einen großen Teil der amerikanischen Agrarexporte ausmachen - ausgedehnt hätte. Dies wurde durch frühere internationale Abkommen
ausgeschlossen, die erlaubten, daß Sojabohnen und Erzeugnisse daraus
zollfrei in die Länder der Gemeinschaft eingeführt werden können.
Dieser Zugang ist kürzlich durch den Vorschlag der Europäischen
Kommission bedroht worden, pflanzliche Öle mit einer Verbrauchssteuer zu belegen. Eine solche Steuer hätte offensichtlich
praktisch die gleiche Wirkung wie eine ausdrückliche Einfuhrbeschränkung.
Die amerikanische Regierung ist außerdem beunruhigt über den
Vorschlag der Kommission, die Einfuhren von Mais-Kleber - einem
Produkt, das

- 7-

�Produkt, das beim Viehfutter Verwendung findet - zu beschränken, der
derzeit gleichfalls auf der Grundlage früherer Abkommen zollfrei in
die Gemeinschaft gelangt. Da die amerikanischen Farmer bislang noch
nicht an dem jüngsten wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben, sind
die Besorgnisse hinsichtlich der restriktiven Maßnahmen gegen MaisKleber und Sojabohnen in den Vereinigten Staaten akut geworden.
Diese neuen europäischen Vorschläge haben daher die stete Klage
der Vereinigten Staaten noch verstärkt - nämlich, daß unser Markt
für landwirtschaftliche Importe weit offener ist als der Markt der
Gemeinschaft. Es läßt sich jedoch nicht leugnen, daß die Europäer
einige legitime Klagen über die amerikanische Landwirtschaftspolitik
haben. So gibt es beispielsweise in den Vereinigten Staaten seit
langem Importquoten für Milchprodukte - eine protektionistische
Maßnahme, die für europäische Bauern schmerzhaft ist. Und erst
kürzlich haben die amerikanischen Winzer versucht, beim Kongreß eine
Begrenzung von Weinimporten zu erwirken.
Der beklagenswerte Ruf nach verstärktem Protektionismus in der
Landwirtschaft stört nicht nur den effizienten Einsatz von Arbeit
und Kapital. Er könnte auch neuen inflationären Druck auslösen unmittelbar durch die Erhöhung von Lebensmittelpreisen, mittelbar
durch Rückwirkungen auf den Arbeitsmarkt. Aber das ist noch nicht
alles. Die Landwirtschaftspolitik in Europa und in den Vereinigten
Staaten wird zur schweren Belastung der öffentlichen Haushalte.
Programme für die Stützung von Preisen und Einkommen in der Landwirtschaft kosteten die amerikanische Regierung im Haushaltsjahr
1983 28 Milliarden Dollar - gegenüber den vorausgegangenen zwei
Jahren eine gewaltige Steigerung. Die Kosten für die Unterstützung
der Landwirtschaft haben auch in der Europäischen Gemeinschaft rasch
zugenommen und haben 1983 über 13 Milliarden Dollar erreicht. Ja,
die Regierungen der Länder der Gemeinschaft sind derzeit ängstlich
darum bemüht, Wege zu finden, wie die Auswirkungen der Agrarausgaben auf ihre Haushalte begrenzt werden können - ein Bemühen,
das in Europa zu ernsten politischen Spannungen geführt hat.
Der Außenhandel

- 8-

�Der Außenhandel mit landwirtschaftlichen Produkten ist daher
sowohl ein innereuropäisches Problem, als auch ein Problem, das die
Vereinigten Staaten und Westeuropa einbezieht - ja, in dieser
Beziehung einen Großteil der ganzen Welt. Eine der Hauptursachen
für dieses gemeinsame Problem ist die Tendenz zur Überproduktion
verschiedener Agrarerzeugnisse. Hierbei traf die Europäer womöglich noch mehr Schuld als die Amerikaner, denn die Agrarstützungsprogramme der Vereinigten Staaten beinhalten üblicherweise
einige Anreize zur Produktionseinschränkung, während dies bei den
europäischen Programmen nicht der Fall ist. Tatsächlich ist die
Art, wie sich die Gemeinschaft ihrer Überschüsse durch subventionierte Verkäufe auf den Weltmärkten entledigt, eine Quelle
beträchtlicher Reibung zwischen den Vereinigten Staaten und der
Gemeinschaft. ,
Ein Blick in die Zukunft zeigt, daß das Problem des Überangebots
durchaus aufgrund des anhaltenden Fortschritts bei der Agrartechnologie - vor allem im Bereich von Getreide und Milchprodukten noch akuter werden könnte. Dies ist ganz offenkundig ein Problem,
das die Bauern der Gemeinschaft und die amerikanischen Farmer gemein
haben. Obgleich die verschiedenen Regierungen dieses Problem
erkannt haben, sind sie noch nicht gemeinsam die Herausforderung angegangen, die die weltweite Überproduktion darstellt.
Glücklicherweise haben sowohl die amerikanische Regierung als auch
die Gemeinschaft in letzter Zeit ihre Rhetorik bei Themen des
Agrarhandels gemäßigt, sind bei ihren Entscheidungen zurückhaltender geworden und haben versucht, die anstehenden Meinungsverschiedenheiten in Ruhe aus der Welt zu schaffen. So hat insbesondere die Regierung der Bundesrepublik ihren entschlossenen
Widerstand gegen eine europäische Verbrauchersteuer auf Pflanzenöle
zum Ausdruck gebracht. Es sollte für Amerikaner wie für Europäer
ein gewisser Trost sein, daß machtvolle Stimmen der Vernunft zu
einem Zeitpunkt laut werden, da der Druck landwirtschaftlicher
Interessen auf die Regierungen so stark geworden ist.
Der Handel

�Der Handel mit Stahlerzeugnissen ist ein weiterer Stein des
Anstoßes in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Gemeinschaft. Die Probleme in diesem Bereich sind in
jüngster Zeit noch schwieriger geworden - zu einem Großteil als
Folge der sinkenden Nachfrage nach Stahlerzeugnissen während der
Rezession, zum Teil aber auch wegen der stärkeren Produktion und der
höheren Exporte einiger Entwicklungsländer. Angesichts dieser veränderten Marktbedingungen waren Stahlfirmen auf beiden Seiten des
Atlantik gezwungen, ihre Produktion zu beschneiden, manche Produktionsanlage völlig stillzulegen und viele Arbeitskräfte zu entlassen.
Anfang der achtziger Jahre baten die amerikanischen Stahlproduzenten unsere Regierung um Schutz gegen die zunehmenden
Stahlimporte aus der Europäischen Gemeinschaft. Das amerikanische
Argument lautete, die europäischen Firmen zögen unfaire Vorteile aus
Exportsubventionen und einige ihrer Erzeugnisse würden in den
Vereinigten Staaten unter ihrem tatsächlichen Wert verkauft. Wäre
diese Klage den vollen Gang der Dinge gegangen, wie es das
amerikanische Gesetz erlaubt, so wäre das Ergebnis sicherlich eine
scharfe Verringerung der europäischen Exporte von unlegiertem Stahl
gewesen. Glücklicherweise obsiegte beiderseitiger guter Wille über
gesetzlichen Wettstreit. Nach langen und schwierigen Verhandlungen,
an denen Stahlhersteller und Regierungen beteiligt waren, wurde im
Oktober 1982 ein Abkommen erreicht, demzufolge die Gemeinschaft bis
Ende 1985 ihre Exporte bestimmter Stahlerzeugnisse in die
Vereinigten Staaten maßvoll begrenzen wird.
Dieses Abkommen hat bislang recht gut funktioniert, aber es hat
keineswegs die Frage des Stahlhandels beruhigt. Die amerikanische
Edelstahlindustrie, die von dem Abkommen des Jahres 1982 nicht
abgedeckt war, hat gleichfalls in den letzten Jahren unter Gewinnverlusten und Rückgang der Beschäftigung gelitten. Ihr dringender
Appell nach Entlastung gemäß amerikanischer Rechte führte im Juli
1983 dazu, daß der Präsident zeitweiligen Quoten und Sonderzöllen für Edelstahlimporte zustimmte. Dieser Schritt stieß in
Europa auf

- 10 -

�Europa auf heftige Kritik - teilweise zweifellos, weil er so rasch
nach dem Gipfel von Williamsburg erfolgte.

Gleichwohl: Die

Europäische Gemeinschaft reagierte hierauf - wie sie dies nach den
Bestimmungen des GATT auch durfte - mit einer Begrenzung gewisser
Produkte im gleichen Betrag aus den Vereinigten Staaten.

Bisweilen

drohte im vergangenen Jahr das Problem des Edelstahls eine ernste
Verstimmung in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Westeuropa herbeizuführen.

Doch auch hier wurde die Angelegenheit

gütlich aus der Welt geschafft dank der Bereitschaft der betroffenen
Parteien, die notwendigen Kompromisse einzugehen.

Leider kommen

jetzt sowohl von amerikanischen Herstellern als auch von ihren
gewerkschaftlich organisierten Arbeitskräften neue, gemeinsame Rufe
nach einer allgemeinen Begrenzung von Stahlimporten.

Die

Schwierigkeiten mit dem Stahlhandel werden uns also bleiben.
Angesichts der Unruhe, die auch weiterhin im internationalen
Stahlhandel herrscht, kann man sich nicht der Folgerung entziehen,
daß Vereinbarungen, wie sie kürzlich von Amerikanern und Europäern
erfolgreich erzielt wurden, lediglich vorläufige Lösungen sind. Die
entscheidende Tatsache ist, daß sowohl die Vereinigten Staaten als
auch Europa vor dem gemeinsamen Problem der Überkapazität in ihren
jeweiligen Ländern stehen - ein Problem, das durch verstärkte
Importe aus den fortgeschritteneren Entwicklungsländern noch
unterstrichen wird. Nur durch gemeinsames Angehen dieser
umfassenderen Fragestellungen gibt es für uns eine vernünftige
Chance, dauerhafte Lösungen für unsere ständigen Probleme beim
Stahlhandel zu finden.
Weil meine Zeit - wie auch mein eigenes Wissen - begrenzt ist,
will ich zu weiteren spezifischen Handelsfragen - wie etwa zu
Kupfer, Schuhwerk, Werkzeugmaschinen und Wein -, denen in diesem
Wahljahr die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wird, nichts mehr
sagen.

Aber angesichts meiner früheren Tätigkeit bei der

Zentralbank, möchte ich mich noch zu einigen Finanzfragen äußern,
die mit Amerikas Handelsdefizit zu tun haben und die in weiten
Bereichen Interesse wie auch Kontroverse ausgelöst haben.
Nehmen wir
- 11 -

�Nehmen wir zunächst den Fall der Aufwertung des Dollar. Sie
diente dazu, in den Vereinigten Staaten den Inflationsdruck zu
verringern, hatte aber in Europa die gegenteilige Wirkung - da ein
sehr großer Teil der europäischen Importe in Dollar fakturiert
wird. Auf der anderen Seite hat die Aufwertung des Dollar dem
amerikanischen Außenhandel stark geschadet, während sie dem Handel
anderer Staaten - einschließlich der westeuropäischen - zum Vorteil
gereicht. Einsichtige Europäer erkennen denn auch an, daß das
Handelsdefizit der Vereinigten Staaten letztlich dazu gedient hat,
die Weltwirtschaft voranzubringen. Sie waren jedoch über ihren
Handelsvorteil nicht erfreut, da sie einsehen, daß die Stärke des
Dollar nicht ewig dauern wird und befürchten deshalb, daß die
industrielle Struktur ihrer Länder im Prozeß der Reaktion auf einen
zeitweiligen Handelsvorteil verzerrt werden könnte.
Die Europäer ziehen natürlich einen stabilen Dollar jenem vor,
dessen Kaufkraft hin- und herpendelt; dies tun aus gleichem Grund
auch die Amerikaner. Aber weder die Europäer noch die Amerikaner
haben bislang einen annehmbaren Weg gefunden, wie man zu jener Art
Stabilität der Wechselkurse zurückfinden könnte, die herrschte,
bevor man das System von Bretton Woods aufgab. In einer Welt, in
der die Kapitalströme oft eine größere Bedeutung haben als die
Handelsströme und in der die Inflationsraten der einzelnen Länder
weit auseinanderklaffen, können Interventionen der Zentralbank auf
den Devisenmärkten - ein Heilmittel, das in einigen politischen
Kreisen noch immer populär ist - nichts erreichen, außer die sehr
kurzfristigen Fluktuationen der Wechselkurse etwas zu glätten.
Sicher haben viele Europäer den Eindruck, die Aufwertung des
Dollar komme hauptsächlich von den relativ hohen Zinsen in den
Vereinigten Staaten. Ihr Argument lautet normalerweise so: Erstens
schädigen die amerikanischen Zinssätze die europäischen Volkswirtschaften, weil dadurch Gelder von den Vereinigten Staaten
angezogen werden, die sonst für Anlageinvestitionen im eigenen Land
verwendet würden. Zweitens sind auch die Zinsen in Europa höher als
sie wären,

- 12 -

�sie wären, gäbe es keinen Kapitalabfluß in die Vereinigten Staaten.
Drittens wird die gigantische Schuldenlast der Entwicklungsländer
durch die hohen amerikanischen Zinssätze noch zusätzlich vermehrt.
Viertens könnten die Vereinigten Staaten diese Probleme dadurch in
den Griff bekommen, daß sie ihre Zinsen senken, was wiederum am
ehesten dadurch erreicht werden könnte, daß die gewaltigen Defizite
des amerikanischen Bundeshaushaltes verringert werden. Schließlich
würde die amerikanische Volkswirtschaft - wie die gesamte Weltwirtschaft - daraus Vorteile ziehen.
Diese Argumentationskette blieb nicht auf die Europäer
beschränkt. Viele Amerikaner sind gleicher Ansicht - was nicht
verwunderlich ist, da obiges Argument eine ganze Menge Wahrheit
enthält. Ich muß allerdings darauf hinweisen, daß es unvollständig
ist. So übersieht es die Tatsache, daß der Dollar für Europäer wie
für andere in Zeiten der internationalen politischen Unruhe - wie
wir sie in den letzten Jahren erlebt haben - ein Hafen der Sicherheit ist. Es übersieht die Tatsache, daß es für hohe Zinssätze noch
andere Gründe gibt als allein die Haushaltsdefizite. Es übersieht
die Tatsache, daß die hohen amerikanischen Zinssätze sich nicht als
ein Hindernis für eine robuste Wiederbelebung in den Vereinigten
Staaten erwiesen haben - einschließlich einer Wiederbelebung sowohl
im Wohnungsbau als auch bei Investitionen in der Industrie. Und was
noch wichtiger ist: Die europäische Argumentation übersieht die
Tatsache, daß die Gewinnchancen in den Vereinigten Staaten sich
gegenüber denen in Westeuropa deutlich verbessert haben. Selbst
wenn die amerikanischen Zinssätze blieben, wie sie sind, so bestünde
durchaus die Möglichkeit, daß dem Kapitalstrom in die Vereinigten
Staaten erheblich Einhalt geboten werden könnte, wenn die europäischen Regierungen mit mehr Entschlossenheit daran gingen, die
Aussichten für Unternehmensgewinne in ihren Ländern zu verbessern ja, daß sich dann unter dem Strich sogar amerikanisches Kapital in
Richtung Europa in Bewegung setzen würde.
Sicherlich kann die amerikanische Regierung dadurch der europäischen Wirtschaft wie auch ihrer eigenen eine Hilfe sein, daß sie
sich mit
- 13 -

�sich mit Entschlossenheit daranmacht, ihre projektierten Haushaltsdefizite zu verringern. Dies wird nunmehr sowohl von der
Reagan-Administration als auch vom Kongreß rückhaltlos anerkannt.
Ich hege die volle Zuversicht, daß es in Bälde zu einer deutlichen
budgetären Korrektur kommen wird - vielleicht sogar noch in diesem
Sommer, sicherlich aber nächstes Frühjahr. Da die Kenntnis dieser
anstehenden Entwicklung sich auf den Finanzmärkten verbreitet, wird
der derzeitige Druck auf die Zinssätze abschwächende Tendenz zeigen
und es dann für Ausländer möglicherweise weniger attraktiv sein,
Kapital in den Vereinigten Staaten anzulegen. Aber auch Europa kann
seinen Teil beitragen - indem nämlich das Umfeld für unternehmerische Risikobereitschaft, Innovationen und Kapitalinvestitionen verbessert wird. Kurz, sowohl die europäischen
Regierungen wie auch die amerikanische Regierung könnten Maßnahmen
ergreifen - wie dies einige ja auch schon tun -, um die vielen
Schwierigkeiten abzubauen, die durch die hohen Zinsen und den
starken Dollar hervorgerufen wurden. In einem gewissen Maß könnte da die Gewinnaussichten in Europa sich zu bessern beginnen - ein
heilsamer Prozeß der wirtschaftlichen Neubelebung durchaus schon
eingesetzt haben.
Während die Vereinigten Staaten ihre Betonung auf eine bestimmte
Politik legen müssen, und Europa auf eine andere, wenn es darum
geht, die Stärke des Dollar in den Griff zu bekommen, so kann und
sollte ihre Haltung gleich sein, wenn es sich darum handelt, mit der
Verschuldung der Entwicklungsländer fertigzuwerden - auch dies ein
Problem, das die Vereinigten Staaten und Westeuropa gemein haben.
Glücklicherweise erkennt man dies auf beiden Seiten des Atlantik.
In der Tat haben die raschen Maßnahmen des Internationalen
Währungsfonds und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in
Zusammenarbeit mit den Regierungen der führenden Industriestaaten
wie auch ihren Zentral- und Geschäftsbanken etwas verhindert, was
ansonsten möglicherweise ein internationaler Finanzkollaps gewesen
wäre. Diese konstruktiven Rettungsmissionen haben jedoch nicht das
zugrundeliegende Schuldenproblem der Entwicklungsländer aus der Welt
geschafft, da

- 14 -

�geschafft, da den Schuldnern eine Zinslast aufgebürdet wird, mit der
fertigzuwerden manche - vielleicht viele - von ihnen für unmöglich
halten dürften.
Alle betroffenen Parteien sollten noch zusätzliche Beiträge
leisten. So werden mit dem weiteren Bemühen der Regierungen der
Industriestaaten um die Förderung eines anhaltenden Wachstums ihrer
Volkswirtschaften auch die Entwicklungsländer die Möglichkeit
erhalten, ihre Exporte zu erhöhen. Dies ist - zusammen mit den
Bemühungen, die Zinsen zu senken und protektionistische Impulse zu
zügeln - von grundlegender Bedeutung. Ihrerseits müssen die Banken
- besonders die Großbanken, die im internationalen Finanzgeschäft
eine führende Rolle spielen - aus Eigeninteresse wie auch um der
Stabilität des internationalen Finanzsystems willen mehr tun als
bislang, um die Schuldnerstaaten bei ihren Zahlungsproblemen zu
entlasten.
So ist es ja durchaus die Regel, daß eine Geschäftsbank, steht
sie vor Schuldenproblemen eines ihrer Kunden, Mittel und Wege
findet, um den Umfang der Verbindlichkeiten oder der entsprechenden
Zinsen zu verringern, wobei sie bisweilen sogar Aktien der Schuldnergesellschaft anstelle aller oder eines Teils der ausstehenden
Schulden akzeptiert. Dieses Geschäftsgebaren könnte eine Anregung
für Maßnahmen sein, die möglicherweise zu ergreifen wären, um die
Verschuldung einiger der notleidenderen Entwicklungsländer in den
Griff zu bekommen.
Eine Möglichkeit bestünde auch darin, daß etwa ein Dutzend der
internationalen Großbanken von sich aus darangeht, die Zinssätze
beträchtlich zu senken, die sie jenen weniger entwickelten Staaten
abverlangen, die bei der Erfüllung des für sie vom Internationalen
Währungsfonds ausgearbeiteten Finanzprogramms in unüberwindliche
Schwierigkeiten geraten sind. In der Praxis ließen sich zwar derlei
freiwillige Senkungen der Zinssätze nicht so verallgemeinern, daß
dies für alle Banken gelten würde, da viele der kleineren Banken
sich scheuen

- 15 -

�sich scheuen würden, der Initiative der Großbanken zu folgen. Dies
ist jedoch kein Einwand, der alles zu Fall bringen könnte, da die
durch die internationalen Großbanken gewährte Entlastung selbst
wieder die Finanzlast merklich verringern würde, vor der die
notleidenden Schuldner stehen.
Wie dem auch sei: Eine Führungsrolle der internationalen Großbanken bei der Verringerung der Zinssätze ist nicht der einzig
mögliche Weg zu einer Entlastung. So könnten zum Beispiel kurzfristig zur Zahlung anstehende Zinsen von Ländern, die sich in
wirklich ernsten Schwierigkeiten befinden, in Verbindlichkeiten
umgewandelt werden, die zeitlich ausreichend gestreckt werden, um
den Schuldnern den notwendigen Raum zum Atmen zu belassen.
Darüber hinaus können die Regierungen der Vereinigten Staaten
und der Länder Westeuropas eine direktere Rolle spielen, wenn es
darum geht, den weniger entwickelten Ländern dabei zu helfen, ihre
Kreditwürdigkeit wiederherzustellen und wieder zu einem wirtschaftlichen Wachstum zu kommen. Die jetzt dem amerikanischen
Kongreß vorliegenden Gesetzesvorlagen, die eine Erneuerung unseres
Systems der Handelspräferenzen fordern, sind in dieser Hinsicht
wichtig. Die Europäische Gemeinschaft ist ebenfalls dabei, die
Konvention von Lome neu auszuhandeln, die einen zollfreien Zugang
von Rohstoffen aus Entwicklungsländern erlaubt. Die bestehenden
europäischen und amerikanischen Systeme allgemeiner Handelspräferenzen verdienen ausgeweitet und in gewissem Umfang weiter
liberalisiert zu werden.
Die Entwicklungsländer müssen jedoch trotzdem ständig daran
erinnert werden, daß es entschieden zu ihrem eigenen Wohle ist, wenn
sie ihre Volkswirtschaften in größerem Maße den Kräften des Marktes
aussetzen. Sich auf Dauer auf eine Vorzugsbehandlung zu verlassen,
ist eine Sackgasse und wird von den Industriestaaten nicht auf ewig
akzeptiert werden. Die Entwicklungsländer müssen vor allem ermutigt
werden, eine Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die ausländische
Investoren anzieht

- 16 -

�Investoren anzieht und daneben einiges von dem gewaltigen Kapital
zurückholt, das ihre eigenen verängstigten Bürger und Unternehmen
ins Ausland gebracht haben. So schwierig eine solche Politik auch
sein mag, so gibt es für die Entwicklungsländer doch keinen anderen
Weg, um die volle Partnerschaft zu erreichen, die sie in dem
Investitions- und Handelssystem der modernen Welt anstreben.
Zum Abschluß meiner Ausführungen möchte ich Ihnen - selbst auf
Kosten einiger Wiederholungen - einige Grundgedanken ans Herz
legen. Als erstes sollte man nicht vergessen, daß vor dem letzten
Jahr das größte Leistungsbilanzdefizit, das je ein Land in einem
Jahr aufzuweisen hatte, etwa 15 Milliarden Dollar betrug. Das
Defizit von 70 bis 80 Milliarden Dollar, mit dem mein Land in diesem
Jahr rechnen muß, unterscheidet sich in erschreckender Weise von all
dem, was wir bisher erlebt haben. Da das Handelsproblem Amerikas
auch Europa zutiefst berührt, ist es wichtig, daß Europäer und
Amerikaner ein besseres Verständnis ihrer beiderseitigen
wirtschaftlichen Sorgen und Anliegen suchen und zu ihrer Lösung
zusammenarbeiten.
Zweitens können die Vereinigten Staaten, wie bereits gesagt, am
besten zur Linderung der Handels- und Schuldenprobleme, vor denen
die Welt steht, beitragen, wenn sie sich mit Entschiedenheit auf
eine noch stärkere Haushaltsdisziplin zubewegen würden. Dies muß
mit einer geschickten Geldpolitik verbunden werden, die die
Heftigkeit des Wirtschaftswachstums dämpft und so vor inflationärem
Druck schützt. In Europa ist das erste Gebot die Einführung
vertrauensbildender Maßnahmen, die zur Schaffung neuer Arbeitsplätze
anregen, damit Europa stärker zum Aufschwung des Welthandels
beitragen kann.
Drittens ist es, da das Problem der internationalen Verschuldung
beispiellos ist - was sowohl ihren Umfang als auch ihr Störpotential
anbetrifft - außerordentlich wichtig, nach Mitteln und Wegen zu
suchen, um den in der gegenwärtigen Phase der Krisenbewältigung
erreichten Fortschritt

- 17 -

�erreichten Fortschritt weiter auszubauen. Wir brauchen vor allem
konstruktive Initiativen, die die Welt in die Lage versetzen werden,
Schwierigkeiten zu überstehen, selbst wenn sich die wirtschaftlichen Entwicklungen der kommenden Jahre als enttäuschend
erweisen sollten.
Viertens ist die Gefahr des Protektionismus trotz einer gewissen
Verbesserung in der Lage der Weltwirtschaft gewachsen. In dieser
Hinsicht müssen sich Amerikaner und Europäer Sorgen machen über die
Auswirkungen des Protektionismus auf die Entwicklungsländer wie auch
über die Schwächung unserer eigenen Volkswirtschaften durch weitere
protektionistische Maßnahmen. Und was noch wichtiger ist, wir
dürfen nicht vergessen, daß die feindseligen Gefühle, die durch
Handelsbeschränkungen entstehen, manchmal auf den Bereich der
Politik überschwappen und sogar die Fähigkeit der Partner im Nordatlantischen Bündnis berühren könnten, so wirkungsvoll zusammenzuarbeiten, wie sie das zur Begegnung der Herausforderungen ihrer
gemeinsamen Sicherheit tun sollten.
Glücklicherweise werden die Gefahren und Erfordernisse, die ich
aufgezeigt habe, auf beiden Seiten des Atlantik in zunehmendem Maße
erkannt. Einige hat man sogar schon in den Griff bekommen, und
andere werden konstruktiv angegangen. Ich sehe daher eine breite
Basis der Hoffnung auf eine bessere wirtschaftliche Zukunft, als wir
es in den letzten Jahren erleben mußten.
Ich habe im Laufe meines Lebens viele Krisen kommen und gehen
sehen. Ich habe auch erlebt, daß Krisen, die man in weiten Kreisen
erwartet hat, gar nicht eingetreten sind. Es ist immer unklug, die
Fähigkeit des Einfallsreichtums und des guten Willens des Menschen
zu unterschätzen, wirtschaftliche Probleme zu lösen - seien sie
national oder international. Wollen wir diese Fähigkeit auch heute
nicht unterschätzen. Als Amerikaner und Europäer wissen wir im
Herzen, daß die ethischen, politischen und kulturellen Werte, die
wir gemeinsam haben, weit wichtiger sind als die Handels- und
Finanzfragen, die uns hin und wieder in Aufregung versetzen.
+ + + + +
- 18 -

�United States Information Service
Embassy of the United States of America

14

4. April 1984

SICHERHEITSPOLITIK UND RÜSTUNGSKONTROLLE
- Von Lawrence Eagleburger
Staatssekretär im US-Außenministerium -

- (AD) - Rü'stungskontrollVerhandlungen - ja, der R'üstungsstand selbst sind genau gesehen ein Spiegelbild der gesamten Realität der Beziehungen zwischen
Nationen und nicht so sehr der bestimmende Faktor dieser Beziehungen. Sie
reflektieren sowohl die Art und Weise, in der wir unseren Platz in der Welt
sehen, als auch unsere Vorstellung davon, wie Weltereignisse und Trends heute
oder in Zukunft auf uns einwirken.
Obwohl die Neigung besteht, Rüstungskontrolle in viele Teilgebiete aufzugliedern, und obwohl ihr Nachrichtenwert sie zu einem Hauptobjekt unserer Aufmerksamkeit gemacht hat, dürfen wir nicht den Fehler begehen, sie mit der Gesamtheit unserer Außenpolitik zu verwechseln.

Die Rüstungskontrolle ist vielmehr

nur eine - wenn auch wichtige - Komponente einer auf einer breiten Grundlage
beruhenden Politik, die nicht nur unsere bilateralen Beziehungen zu einer
konkurrierenden Supermacht umfaßt, sondern auch unsere weltweiten Interessen.
Ich möchte die Grundsätze aufzeigen, die unsere Haltung gegenüber der
Frage der Sicherheit bestimmen, und auch darlegen, wie sich diese Grundsätze
in einigen spezifischen Positionen der Reagan-Administration widerspiegeln.
Ich werde mich dabei auf nukleare Fragen konzentrieren, weil sie verständlicherweise

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�sie verständlicherweise die Öffentlichkeit am meisten interessieren und sorgen.
In diesem Zusammenhang kann ich nicht stark genug betonen, daß Rüstungskontrolle
keine Alternative zur Modernisierung unserer nuklearen Streitkräfte ist.

Viel-

mehr: Die Aufrechterhaltung adäquater Nuklearstreitkräfte - und dazu gehört auch
der Ersatz älterer, überholter Technologien - auf der einen Seite und das Erreichen vernünftiger Rüstungskontroi labkommen auf der anderen stellen Politiken
dar, die voneinander abhängen und sich gegenseitig verstärken.
Vernünftige und verifizierbare Rüstungskontrollabkommen können die Streitkräfteplanung besser vorhersagbar machen und uns dadurch in den Stand setzen,
bessere Entscheiduigen über die Art von Waffen zu treffen, die wir benötigen.
Und doch ist eine klare Verpflichtung unsererseits, die sowjetischen Streitkräfteverbesserungen auszugleichen,ein notwendiger Antrieb dafür, daß die Sowjets
mit Ernsthaftigkeit in RüstungskontrollVerhandlungen eintreten.

Die Erfahrung

der massiven sowjetischen Aufrüstung Ende der sechziger und Anfang der siebziger
Jahre, als Amerika sich zurückhielt, macht nur allzu klar, daß Moskau einseitige
Vorteile nutzen wird, wann immer dies möglich ist.
Lassen Sie mich nun auf die Grundsätze eingehen, die ich oben erwähnt habe.
Der erste ist, daß militärische Stärke ein wesentlicher Teil der Diplomatie
ist.

Für Amerikaner ist es immer schwer, einen solchen Grundsatz zu akzeptieren.

Man hört, beispielsweise von Kritikern unserer Nahostpolitik, daß man nach
diplomatischen statt nach militärischen Lösungen internationaler Probleme suchen
solle.

Aber wir müssen uns nun einmal darüber klar werden, daß die Geschichte

uns seit langem gelehrt hat, daß Diplomatie völlig abgesondert von militärischer
Stärke nicht existiert und nicht existieren kann.
Diese Stärke hat natürlich verschiedene Formen - wirtschaftliche, politische, soziale, moralische und militärische - und die Diplomatie im Idealfall
bringt alle diese Faktoren gemeinsam zum Tragen.

Aber die militärische Stärke

ist ein unverzichtbarer Teil in dieser Gleichung.
Für die Vereinigten

�Für die Vereinigten Staaten muß der tatsächliche Einsatz der militärischen
Stärke selbstverständlich die letzte Zuflucht sein, aber alle müssen sich darüber
im klaren sein, daß wir unter bestimmten Umständen bereit sind, diese Stärke
einzusetzen.

Unsere eigene Verwundbarkeit gegenüber nuklearer Erpressung, die

Anfälligkeit unserer Freunde gegenüber politischer Einschüchterung, das Image
der amerikanischen Stärke sowie die Erfüllung der amerikanischen Verpflichtungen all dies ist nicht zuletzt von der Glaubwürdigkeit der amerikanische Streitkräfte
abhängig.
Das ist insbesondere angesichts des Zustandes der Sowjetunion der Fall,
deren Wirtschaft schwach und schwankend ist, deren Gesellschaftsform in unserer
heutigen Welt praktisch für niemanden mehr ein Beispiel ist und deren moralisches
Verhalten nicht mit Friedenspreisen belohnt wird - es sei denn mit den von ihr
erfundenen.
Aufgrund dieser Einschränkungen spielt die militärische Stärke der Sowjetunion, ob sie nun direkt angewandt wird, wie in Afghanistan oder in Osteuropa,
oder anderswo durch Moskaus Stellvertreter oder ob auch nur damit gedroht wird,
eine überragende

Rolle in der sowjetischen Diplomatie.

In einer Welt also, in

der die Sowjetunion eine der beiden mächtigsten Akteure ist, bleibt die militärische Stärke weiterhin ein entscheidend wichtiger Faktor bei der Gestaltung
internationaler Politik.
Der zweite - und für die Amerikaner der fundamentalste - Grundsatz der
Sicherheitspolitik ist das Ziel, einen Krieg, insbesondere einen Atomkrieg, zu
verhindern.

Wie Präsident Reagan immer und immer wieder gesagt hat, kann ein

Atomkrieg nicht gewonnen und darf niemals geführt werden.
Die Verhinderung eines Krieges ist genau so sehr das Ziel unseres Streitkräftemodernisierungsprogramms wie das unserer Rüstungskontroilbemühungen.

Die

Politik der Abschreckung - die Aufrechterhaltung von Streitkräften, die es jedem
potentiellen Angreifer deutlich machen, daß der Preis für den Beginn eines

- 3 -

�Beginn eines Krieges für ihn weitaus größer wäre als alle erhofften Gewinne hat sich in der Zeit nach dem Kriege nicht geändert.

Wie sehr uns dieses Gleich-

gewicht des Schreckens auch ängstigen mag, so sollten wir doch niemals vergessen,
wie gut es funktioniert hat.

Seit 1945 hat die amerikanische nukleare Abschrek-

kung dazu beigetragen, daß ein direkter Konflikt zwischen uns und der Sowjetunion
verhindert wurde, und sie brachte Europa die längste Zeit des Friedens im
zwanzigsten Jahrhundert.
Wenn die Verhinderung eines Atomkrieges ein moralisches Gebot ist und die
Aufrechterhaltung einer nuklearen Abschreckung weitgehend bewirkt hat, daß wir
keinen Atomkrieg erleben mußten, wie ist es dann möglich, daß manche Kreise
argumentieren, die nukleare Abschreckung sei eine unmoralische Politik?
Das bringt mich zu dem dritten Grundsatz, zu einer der großen Ironien der
Sicherheitspolitik: Um den Frieden zu bewahren, müssen wir ständig unsere
Kriegsführungskapazität verbessern.
Es wird heute viel über den atomaren "Overkill" geredet, und man stellt
gehässige Vergleiche an zwischen den stärksten strategischen Kernwaffen, die
vor einem Krieg abschrecken, und kleineren Kernwaffen, mit denen angeblich ein
solcher geführt werden soll. Solche Darlegungen scheinen die Überzeugung zu
reflektieren, daß alles, was wir für die Garantie einer Abschreckung benötigen,
einige wenige Nuklearwaffen seien - vielleicht auf Bombern oder auf Unterseebooten -, die einen sowjetischen Angriff überleben und dann Moskau erreichen können.
Die eindeutige nukleare Überlegenheit der USA in den sechziger Jahren gewährleistete die Glaubwürdigkeit unserer Drohung, auf jegliche Aggression gegen uns
selbst oder unsere Verbündeten mit dem Einsatz unserer strategischen Nuklearwaffen
zu reagieren. Aber nachdem die Sowjetunion nuklearen Gleichstand in allen Bereichen erlangt hatte - und in einigen sogar bedeutsame Vorteile - wurde es Zusehens weniger glaubwürdig, als Antwort auf einen relativ begrenzten sowjetischen

- 4 -

�begrenzten sowjetischen konventionellen oder auch nuklearen Angriff auf die
Streitkräfte der USA oder ihrer Verbündeten irgendwo auf der Welt einen massiven
nuklearen Vergeltungsschlag der USA in Aussicht zu stellen.

Daher erfordert

Abschreckung, d.h., Kriegsverhütung, heute ein Potential - ein Kriegsführungspotential, wenn man so will - das sich aus nuklearen wie konventionellen Streitkräften zusammensetzt und dessen Einsatz in den verschiedenen Situationen, denen
wir uns gegenübersehen könnten, glaubwürdig erscheinen würde.
Der vierte Leitsatz der amerikanischen Sicherheitspolitik besagt, daß der
gegenwärtige Stand der nuklearen Rüstung wie auch ihre prognostizierte Entwicklung völlig unbefriedigend ist. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß es im
Atomzeitalter keine vertretbare Alternative zur Abschreckungspolitik gibt. Wir
können die Erfindung der Kernwaffen nicht mehr ungeschehen machen, und wir können
sie auch nicht einfach wegzaubern. Was wir mit etwas Geduld und Geschick jedoch
tun können, ist, uns in Verhandlungen über eine beiderseitige Verminderung ihrer
Zahl zu einigen und dabei dennoch eine glaubwürdige Abschreckung aufrechtzuerhalten.
Als die Reagan-Administration die Amtsgeschäfte übernahm, war in der
Sowjetunion eine anhaltende und eindrucksvolle Aufrüstung im Gange, die alle
legitimen Sicherheitserfordernisse weit übertraf.

Moskau schien entschlossen

zu sein, es bei einem allgemeinen Kräftegleichstand mit den Vereinigten Staaten
nicht bewenden zu lassen und sich ein gewisses Maß and Überlegenheit zu sichern.
Infolge qualitativer wie quantitativer Verbesserungen des sowjetischen Kernwaffenarsenals entstand die Möglichkeit einer Zerstörung der Masse der landgestützten amerikanischen Interkontinentalraketen durch einen sowjetischen Erstschlag.

Dies war offenkundig völlig unvereinbar mit dem Grundprinzip der Ab-

schreckung, das besagt, daß keine Seite in der Lage sein darf, der anderen die
Fähigkeit zu nehmen, Vergeltung zu üben, wenn sie selbst mit Atomwaffen angegriffen wird.

Was unseren europäischen Verbündeten ebenso viel Sorgen bereitete,

war die Dislozierung der sowjetischen SS-20-Rakete - einer mobilen Waffe mit hoher

- 5 -

�mit hoher Treffsicherheit, die, selbst nahezu unverwundbar in der Tiefe des
sowjetischen Raumes disloziert, jeden Punkt Westeuropas erreichen kann.

Mit

der Aufstellung dieser Waffe bezweckte Moskau eindeutig die Erzeugung transatlantischer Spannungen, denn der Bedrohung, der sich Europa nun ausgesetzt
sah, hätte gegebenenfalls nur durch Einsatz des strategischen Abschreckungspotentials der Vereinigten Staaten begegnet werden können.

Angesichts dieser

sowjetischen Bedrohung mußten die Europäer zwangsläufig die Frage aufwerfen was sie dann auch tatsächlich taten - ob die Vereinigten Staaten tatsächlich
bereit sein würden, in einer derart massiven Weise auf einen begrenzten sowjetischen Angriff in Europa zu reagieren.
Die NATO faßte daher den gemeinsamen Entschluß, auf die Stationierung der
sowjetischen SS-20 in einer einzigartigen Weise zu antworten, nämlich mit einem
Angebot, über beiderseitige Begrenzungen dieser neuen Kategorie von Waffen zu
verhandeln - gleichzeitig aber auch mit dem entschiedenen Vorsatz, im Falle des
Scheiterns der Verhandlungen durch Modernisierung der eigenen nuklearen Mittelstreckenwaffen das durch die sowjetische Vorrüstung entstandene Ungleichgewicht
wettzumachen.

Letzteres war nicht nur eine rhetorische Drohung.

Die Arbeiten

an den Raketen und die Vorbereitungen für die Stationierung in Europa wurden
in Angriff genommen.

Da die NATO-Raketen aber nicht vor Ablauf von vier Jahren

einsatzbereit sein würden, blieb Moskau reichlich Zeit, die Dislozierung auf
dem Verhandlungswege zu verhindern.
Diese Reaktion auf die Bedrohung durch die SS-20 -'stbezeichnend für die
Grundhaltung der Reagan-Administration in der schwierigen Frage der nuklearen
Abschreckung. Die Politik, die sie verfolgt, ist zweigleisig:
— Zum einen unternimmt sie umfassende Anstrengungen, unsere strategischen
Nuklearwaffen - landgestützte Interkontinentalraketen, unterseebootgestützte
Raketen und Bomber - zu modernisieren und den Beschluß der NATO von 1979 auszuführen, der, als Gegengewicht zu Moskaus SS-20, eine Modernisierung der westlichen
Nuklearstreitkräfte vorsah.
— Zum anderen

�— Zum anderen schlägt sie vor, alle Arten von amerikanischen wie sowjetischen Kernwaffen drastisch zu vermindern, besonders aber diejenigen Systeme,
die wegen ihrer Erstschlagsfähigkeit am stärksten destabilisierend wirken.
Mit der Verbesserung unserer Streitkräfte verfolgen wir das doppelte Ziel,
angesichts der wachsenden sowjetischen Bedrohung die Überlebensfähigkeit unseres
nuklearen Abschreckungspotentials zu erhöhen und Moskau klarzumachen, daß wir
ihm keine militärische Überlegenheit zugestehen werden, die es für
zwecke nutzen könnte.

Erpressungs-

Gleichzeitig machen wir Moskau das Angebot, sich der

wirtschaftlichen und anderer Bürden, die der Sowjetunion infolge des Rüstungswettlaufs auferlegt sind,zu entledigen, indem sie beiderseitigen und verifizierbaren Verminderungen aller Arten von Kernwaffen zustimmt, besonders aber der
Verminderung der Waffen, die die Vergeltungsfähigkeit beider Seiten am stärksten
in Frage stellen.
Wir versuchen nicht, die Sowjetunion zu entwaffnen oder Überlegenheit über
sie zu gewinnen. Unsere RüstungskontroiIverschläge nehmen ihr keine der Waffen,
derer sie zu ihrer Verteidigung bedürfen würde, wenn ihre propagandistische
Darstellung der Vereinigten Staaten als aggressiv und kriegslüstern den Tatsachen entspräche. Unsere Vorschläge über eine beiderseitige Beschränkung gerade
der bedrohlichsten Waffen sind im Gegenteil darauf gerichtet, beiden Seiten ein
Gefühl höherer Sicherheit zu verschaffen, indem sie die überlebensfähigkeit des
sowjetischen ebenso wie des amerikanischen Abschreckungspotentials erhöhen.
Wie Sie wissen, sind jedoch die Ergebnisse, die bis zum heutigen Tage bei
den START- und bei den INF-Verhandlungen erzielt werden konnten, enttäuschend.
Was INF angeht, so hat Moskau die vier Jahre vertan, die zwischen der angekündigten Absicht der NATO, ihre Streitkräfte zu modernisieren, wenn eine
Lösung auf dem Verhandlungswege nicht möglich sein sollte, und der Ankunft der
ersten neuen amerikanischen Flugkörper vergangen sind.

Es hat diesen Zeitraum

nicht zu ernsthaften Verhandlungen genutzt, sondern dazu, die öffentliche
Meinung in Westeuropa zu beeinflussen - in der Hoffnung, es könnte die Angst
vor Atomwaffen dazu benutzen, das Bündnis zu spalten und dadurch unsere Dis- 7 -

�dadurch unsere Dislozierungen zu verhindern.
Bei den INF-Verhandlungen selbst war das durchgehende Thema der verschiedenen sowjetischen Vorschläge, daß amerikanische Nuklearraketen nichts in Europa
zu tun hätten - was auch sie selbst, die Sowjets, immer tun mögen.

Das gehört

zu einer langfristigen Anstrengung der Sowjets, die Vereinigten Staaten nicht
nur von der nuklearen Verteidigung Europas auszuschalten, sondern uns auch - da
die meisten unserer Flugzeuge, die Kernwaffen tragen können, ebenfalls eine entscheidend wichtige konventionelle Verteidigungsrolle spielen - überhaupt gänzlich
aus

Europa herauszudrängen.

Der Fehl schlag dieser Bemühung Moskaus führte, wie wir alle wissen, zum
Abbruch der Verhandlungen seitens der Sowjets. Ob sie mit der Zeit wieder einen
klügeren Kurs einschlagen und an den Verhandlungstisch zurückkehren, bleibt
abzuwarten. Aber in der Zwischenzeit ist es wichtig, daß die Öffentlichkeit
im Westen niemals vergißt, daß es die Sowjets waren, die die Verhandlungen abgebrochen haben und ihre völlig unnötige INF-Rüstung fortsetzen, während die Vereinigten Staaten bereit sind, sofort an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Was die Sowjets bei den START-Verhandlungen zu bieten hatten, war eine
Zeitlang etwas besser. Bevor Moskau auch diese Verhandlungen aus Protest gegen
den Beginn der INF-Dislozierungen abbrach, war einiger echter - wenn auch begrenzter - Fortschritt erzielt worden. Die Sowjets hatten die Notwendigkeit von
Verringerungen unter den Stand von SALT II bei Raketen und Bombern eingesehen.
Die Vorschläge Moskaus bei den START-Verhandlungen hätten jedoch den sowjetischen Vorteil hinsichtlich des Wurfgewichtes oder der Zerstörungskraft verewigt
und hätten wahrscheinlich keine Verringerungen der Zahl der sowjetischen Gefechtsköpfe - im Gegensatz zu den Abschußeinrichtungen - notwendig gemacht. Es wäre
sogar eine starke Erhöhung der Zahl der Gefechtsköpfe möglich gewesen. Aber
das sind auf jeden Fall derzeit akademische Fragen. Die Sowjets sind, wie
bekannt, nicht zu den START-Verhandlungen zurückgekehrt, die sie im vorigen Jahr
I
- 8 -

�vorigen Jahr in Genf verlassen haben. Auch hier sind es wieder die Vereinigten
Staaten, die die Verhandlungen fortsetzen möchten.
Lassen Sie mich hier einmal etwas zu den speziellen Enttäuschungen sagen,
die diese Administration in den letzten drei Jahren im Umgang mit den Sowjets
erlebt hat. Während der Präsidentschaft von Ronald Reagan haben wir mit drei
sowjetischen Führern zu tun gehabt.

Dieser ständige Wechsel im Kreml hat das

Geben und Nehmen in der Diplomatie generell schwer behindert, aber besonders
auf dem Gebiet der RüstungskontrollVerhandlungen.
Als diese Administration ihr Amt antrat, fand sie einen alternden und kranken
Breschnew vor.

Breschnew, ein schlauer und berechnender Führer - Eigenschaften,

die für einen Verhandlungsgegner nicht unbedingt negativ sind - stand in den
Jahren 1981 und 1982 längst nicht mehr auf dem Gipfel seiner Macht.

Im übrigen

waren sich seine Kollegen im Politbüro durchaus seiner Sterblichkeit bewußt
und stellten sich bereits für die Nachfolge in Position.
Andropow übernahm niemals die völlige Kontrolle über den Sowjetstaat, und
er war während des größten Teils seiner kurzen Amtszeit ernsthaft krank.
Tschernenko muß sich noch durchsetzen,

und es ist durch-

aus möglich, daß wir zunächst ein Intervall der politischen Konsolidierung erleben, ehe der Kreml bereit ist, seine volle Aufmerksamkeit auf Rüstungskontroi 1verhandlungen zu richten.
Diese längere Zeitspanne, in der es in der sowjetischen Politik um die Nachfolge ging, hatte meiner Meinung nach eine starke Auswirkung auf die Fähigkeit
der Sowjetunion, Entscheidungen zu treffen. Produktive Verhandlungen setzen
Flexibilität voraus, und Flexibilität setzt eine Führung voraus, die gewillt
ist, schwierige Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung für sie zu
übernehmen. Die Sowjetunion besaß in der Zeit der Reagan-Administration keine
solche Führung. Praktisch ausnahmslos haben wir jedesmal, wenn die Sowjets vor
einer schwierigen Entscheidung standen, eine Periode der internen Debatte erlebt.

.9 ..

�Debatte erlebt, auf die unausweichlich harte Entscheidungen folgten, die eindeutig von den konservativsten Elementen des Politbüros diktiert waren.
Zumindest die letzten vier Jahre haben die Vorstellung der Öffentlichkeit
in Frage gestellt, daß wir in Perioden, in denen die politischen Entwicklungen
in der Sowjetunion im Fluß sind, unseren Einfluß wirksam geltend machen könnten.
Die sowjetische Politik wird wahrscheinlich nicht so bald wieder im Fluß sein
wie in den letzten drei Jahren. Und diese Administration hat sich alle Mühe
gegeben, vernünftige Rüstungskontroll vorschlage zu unterbreiten.

Alles, was

wir zumindest derzeit aufzuweisen haben, ist ein sowjetischer Auszug aus den
beiden wichtigsten RüstungskontrollVerhandlungen - START und INF.

Die letzten

drei Jahre haben erkennen lassen, daß der sowjetische Entscheidungsapparat beim Fehlen einer starken Führung, die bereit ist, ihre Autorität in die Waagschale zu werfen - höchstens dazu bereit ist, eine bürokratisch sichere, aber
in der Sache sterile harte Linie zu verfolgen.
Diese Lähmung der Sowjets ist besonders ärgerlich, wenn wir es sind, die
beschuldigt werden, bei den RüstungskontrollVerhandlungen nicht entgegenkommend
zu sein.

Die Tatsachen zeigen, daß wir auf die Herausforderungen der Rüstungs-

kontrolle konstruktiv und einfallsreich reagiert haben. Es sind die Sowjets,
die weder Flexibilität noch eine Neigung zum Abbau der Spannungen gezeigt haben.
Wenn die RüstungskontrollVerhandlungen wieder beginnen, und ich bin überzeugt, daß sie früher oder später wieder beginnen müssen, dann werden wir jeden
ernsthaften sowjetischen Vorschlag sorgfältig prüfen.

Ein herausragendes Merkmal

der Einstellung der Reagan-Administration zur Rüstungskontrolle war gerade die
Flexibilität.

Sowohl unsere START- als auch unsere INF-Vorschläge haben sich

im Laufe der Zeit nach sorgfältigen Überlegungen dessen weiterentwickelt, was
die Sowjets als ihre Sicherheitsvorstel'lungen und-erfordernisse dargelegt haben.
Wenn die Verhandlungen wieder beginnen, werden wir im gleichen Geiste in sie
eintreten.
Es gibt jedoch

- 10 -

�Es gibt jedoch Dinge, in denen wir nicht flexibel sein werden.
mich einige aufzählen:

Lassen Sie

— Das eine ist unsere Verpflichtung, einen Prozeß wesentlicher Verringerungen einzuleiten.

Ich verstehe den Anklang, den die Forderungen finden, erst

einmal die Kernwaffen einzufrieren und sie dann zu verringern.
zutiefst "überzeugt, daß es so nicht funktionieren wird.

Aber ich bin

Ein Einfrieren würde

durch die Festschreibung der bestehenden militärischen Vorteile der Sowjets
und die Verhinderung einer Modernisierung unserer Streitkräfte den Anreiz der
Sowjets zu Verhandlungen verringern, wenn nicht gar völlig beseitigen.

Ein

Einfrieren aller Kernwaffen würde darüber hinaus sowohl die Sowjets als auch
die Vereinigten Staaten daran hindern, sich auf weniger bedrohende, eindeutig
für Vergeltung bestimmte Systeme umzustellen.

Damit würde ein Einfrieren der

Kernwaffen genau dem Ziel zuwiderlaufen, das seine Fürsprecher anstreben nämlich einer Verringerung der Drohung eines Atomkrieges.
— Der zweite Punkt, in dem wir nicht nachgeben werden, ist der, daß wir
uns auf Dinge konzentrieren, die die Stabilität des strategischen Verhältnisses
zur Sowjetunion wirklich verbessern werden. Wir müssen das Schwergewicht weg
von mehr bedrohenden Kernwaffen auf klar erkennbar für die Vergeltung bestimmte
Waffen verlegen.
-- Drittens werden wir auf ausgewogenen Abkommen beharren, die zu einem
substantiellen Gleichgewicht zwischen den Supermächten führen. Bei den STARTVerhandlungen geht es um einen weiten Bereich sehr unterschiedlicher Waffensysteme, und wo jede Seite ihre eigenen historischen Stärken und Schwächen hat,
haben wir immer wieder unsere Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, zwischen
Gebieten amerikanischer Vorteile und sowjetischer Vorteile gegenseitige Zugeständnisse zu machen.

Bei den INF-Verhandlungen, wo es um eher vergleichbare

Waffen geht, haben wir Moskau praktisch angeboten, eine Zahl zu wählen - eine
möglichst niedrige -, die für beide Seiten in gleicher Weise gilt.

Aber das

Prinzip der gleichen Rechte und Begrenzungen steht nicht zu Verhandlung.
— Viertens muß
- 11 -

�— Viertens muß jedes Abkommen, das wir unterzeichnen, verifizierbar sein.
So wif die Kernwaffen immer komplizierter werden, und vor allem weil wir uns
auf den Qualitätsaspekt des Wettrüstens konzentrieren, wird auch die Verifizierung immer schwieriger und komplizierter. Aber Rüstungskontrolle ist eine
viel zu wichtige Sache, als daß man sich auf bloßes Vertrauen stützen dürfte.

- 12 -

�14

4. April 1984

PROGRAMM FÜR BEVORSTEHENDEN CHALLENGER-FLUG

- (AD) - Wenn die Vorbereitungen und der Countdown planmäßig verlaufen,
startet die amerikanische Raumfähre CHALLENGER für den Flug 41-C, wie die NASA
den bevorstehenden Einsatz bezeichnet, am 6. April 1984 um 14:59 MEZ zu ihrer
fünften Mission im Weltraum.

Am 12. April gegen 14:10 MEZ wird sie am Kap

Canaveral zurückerwartet - mit oder ohne SMM-Fracht.

Das hängt davon ab, ob

die Reparatur des Sonnenforschungssatelliten SMM (Abkürzung für "Solar Maximum
Mission") im Orbit gelingt, oder ob sie im Herstellerwerk durchgeführt werden
muß.

SMM umkreist derzeit die Erde in 486 km Höhe, und in diesen Bereich muß

CHALLENGER gebracht werden.

So kommt es, daß beim elften Start eines Raum-

transporters der große Außentank für die zum Aufstieg benötigten Flüssigtreibstoff, der bei Erreichen der Umlaufbahn abgeworfen wird, nicht im Indischen
Ozean, sondern erst im Pazifik, vermutlich ca. 170 km östlich von Hawaii, von
der Bildfläche verschwindet.

Die NASA hofft, mit Radar- und Kamerabeobachtungen

die Rückkehr des Tanks, der beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre sicherlich
in mehrere Teile aufgebrochen wird und teilweise auch verglüht, im Detail verfolgen zu können.

Zum ersten Mal ist die Gelegenheit dafür günstig, weil der

Tank bzw. seine Trümmer in Landnähe niedergehen.
Die fünfköpfige

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die fünfköpfige Besatzung wird bereits am ersten Flugtag die Vorrichtungen
zur Verankerung,zum Drehen und zum Kippen des SMM-Satelliten im Frachtraum der
CHALLENGER, wo die Reparatur vorgesehen ist, gründlich überprüfen.

Eine der

Voraussetzungen dafür, daß sie überhaupt gelingen kann, ist ja die Fixierung
des SOLARMAX in einer Position, in der die schadhaften Teile für die beiden
Missionsspezialisten Nelson und Van Höften gut zugänglich sind.
Der zweite Flugtag ist dem Absetzen der neun Tonnen schweren VielzweckForschungsplattform vorbehalten.

Sie soll, mit zahlreichen Experimenten be-

stückt, in 460 km Höhe ein Jahr lang um die Erde kreisen und dann von einer
Raumfähre zurückgeholt werden.

Am dritten Flugtag beginnt das SMM-Experiment.

Zum Rendezvous mit dem im Februar 1980 gestarteten Sonnenforschungssatelliten
SOLARMAX manövriert Kommandant Crippen den Orbiter auf 502 km Höhe, unterstützt
von

Kopilot Scobee, der auch die für die Reparatur erforderlichen Prozeduren

koordiniert.

Astronaut Hart bedient aus dem Cockpit den mehrgliedrigen, ins-

gesamt 15 m langen ROBOTARM, mit dem SMM nach der Stabilisierung durch George
Nelson eingeholt werden soll.

Die Astronauten Nelson und Van Höften sind bei

diesen Operationen in ihren Weltraumanzügen unabhängig von der Versorgung aus
dem Raumschiff.

Mit Hilfe ihrer angeschnallten Manövriergeräte können sie sich

bis ca. 90 m Abstand von der CHALLENGER im Raum frei bewegen.
Nach Beendigung der Reparatur ist ein achtstündiges Durchprüfen des Sonnenforschungssatelliten* vorgesehen, das Spezialisten der NASA von einer Bodenstation
aus vornehmen, nachdem sie die Bordanlagen des SMM für die Energieversorgung
wieder eingeschaltet haben.

Erst jetzt wird sich herausstellen, ob er einsatz-

fähig ist und erneut abgesetzt werden kann, oder ob er zur Erde zurückgebracht
werden muß.
Der vierte Flugtag steht zwar als Ruhetag auf dem Programm, wird aber zum
überprüfen und für die Wartung der Weltraumanzüge sowie für die Betreuung eines
Studentenexperiments benötigt, nämlich eines Bienenstocks mit 3 300 Bewohnern.

- 2 -

�3 300 Bewohnern.

Zwei Kameras fotografieren kontinuierlich die Bienen beim

Wabenbau, weil Dan Poskevich, Student am Tennessee Technological Institute,
herausfinden will, ob in der Schwerelosigkeit die übliche Wabenform eingehalten
wird.

Zur gleichen Zeit läuft unter gleichen Licht- und Temperaturbedingungen

ein Kontrollexperiment auf der Erde.
Am fünften Flugtag steht eine diffizile Aufgabe auf dem Programm: Auswechseln
der Hauptschaltung für ein wichtiges Instrument (Koronograph-Polarimeter) des
Sonnenforschungssatelliten, wobei u.a. Kabel Verbindungen abgeknipst, neu hergestellt und elektrische Schraubenzieher benutzt werden müssen.

Verläuft alles

nach Plan, greift der Robotarm den Satelliten, hebt ihn aus dem offenen OrbiterFrachtraum und richtet ihn auf die Sonne aus.

Ferngesteuert wird nun die Hoch-

leistungsantenne des SOLARMAX ausgefahren, so daß er Meßdate
mitteln kann.

Bis zum nächsten Tag verbleibt

zur Erde über-

er am "Weltraumkran", um dann,

nach Anheben der Orbiter-Bahn auf 574 km Höhe, wieder abgesetzt zu werden.
CHALLENGER entfernt sich von ihm.

An Bord des Raumschiffs beginnen jetzt die

Vorbereitungen für die Rückkehr zur Erde.

Sollte am 7. Flugtag (12. April),

schlechtes Wetter am Kap Canaveral die Landung dort verbieten, würde Edwards
Air Force Base in Kalifornien angesteuert werden.

- 3 -

�4. April 1984

14

SONDIERUNG DES TIEFSEEBODENS WIRD FORTGESETZT
Zehn Länder beteiligen sich an internationalen Programmen -

- (AD) - Im Oktober 1984 beginnt ein neues internationales Programm
zur Erkundung der Geschichte unserer Erde aus Bohrkernen vom Grund der Meere.
Entsprechende Vereinbarungen wurden von Dr. Edward A. Knapp, Direktor der
Nationalen Forschungsstiftung der USA (NSF), Dr. Dietrich Maronde von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft und Dr. R. Van Lieshout, Vizepräsident des
Konsortiums für die Europäische Wissenschaftsstiftung, in Washington unterzeichnet.

Diesem Konsortium gehören Italien, die Niederlande, Norwegen,

Schweden und die Schweiz an.

Weitere Partnerländer für das Projekt sind

Kanada, Großbritannien und Frankreich.
Mit dem "Ocean Drilling Programm" (ODP) werden wissenschaftliche Aufgaben fortgesetzt oder erweitert,die seit 1968 mit dem Einsatz des PionierFahrzeugs zur Erkundung des Tiefseebodens, GLOMAR CHALLENGER, eine Fülle
neuer wichtiger Erkenntnisse gebracht haben.

Das jetzt vorgesehene Bohr-

schiff wird langfristig von zwei Firmen (Sedco Inc. und British Petroleum)
gechartert und soll nach Abschluß der im Oktober 1984 beginnenden Tests im
Januar 1985 die erste Forschungsfahrt unternehmen.

Die SEDCO/BP 471 ist

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 2035
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die SEDCO/BP 471 ist 143 • lang, 21,3 m breit und hat eine Wasserverdrängung von fast 17 000 t. Das Bohrger'üst auf dem Schiff hat eine Höhe von 61 m,
die Gewinnung von Bohrkernen aus dem Meeresgrund ist bei Wassertiefen bis
8200 m möglich.

Ein computergesteuertes dynamisches Kontroll System hält die

Position des Schiffes über der jeweiligen Bohrstelle stabil.

Dieses Ver-

fahren wurde mit der GLOMAR CHALLENGER erprobt und verbessert, auch kann eine
bestimmte Bohrstelle jederzeit wieder gefunden werden.

Die SEDCO/BP 471 ist

eines der modernsten und bestausgestatteten Bohrschiffe der Welt.

Sie wurde

1978 in Halifax (Neuschottland) gebaut, hat 52 Mann Besatzung und kann bis
zu 50 Wissenschaftler aufnehmen.
Im Rahmen eines FünfJahresvertrags, den die NSF im Januar 1984 mit
"Joint Oceanographic Institutions Inc. (J0I)" abgeschlossen hat, wird von
dieser Institution das ODP-Programm verwaltet und durchgeführt. Ihr gehören
zehn wichtige Institute für Meeresforschung an. Sie war 1976 zur wissenschaftlichen und organisatorischen Betreuung des Vorläuferprogramms ("Deep Sea
Drilling Porgram" - Bohrprogramm für Tiefseegebiete) ins Leben gerufen worden.
Der Etat beträgt 141 Millionen Dollar für die nächsten fünf Jahre. Die wissenschaftliche Planung für 0DP besorgt J0IDES ("Joint Oceanographic Institutions
for Deep Earth Samplung" - Arbeitsgemeinschaft ozeanographischer Institute
für Tiefenbohrproben). Für 1984 leistet jedes Partnerland einen Beitrag
von 200 000 Dollar, ab 1985 von 2,5 Millionen Dollar pro Jahr. Jedes der
zehn Länder kann JOIDES Projektvorschläge machen, ist in allen Ausschüssen
und Arbeitskreisen der Organisation vertreten und kann jeweils zwei Wissenschaftler zur Teilnahme an einer Forschungsfahrt entsenden. Daten und Bohrkerne sowie die technischen Pläne sind allen Partnerstaaten zugänglich.

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