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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America
2. Februar 1983

INHALT

DEUTSCHLAND-BESUCH DES US-VIZEPRÄSIDENTEN
DOKUMENTATION
Ankunftserklärung von US-Vizepräsident Bush in Bonn
Presseerklärung des US-Vizepräsidenten nach seinem Treffen mit
Bundeskanzler Kohl in Bonn
Trinkspruch des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika
in Bonn
Erklärung des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika,
George Bush, bei seiner Ankunft in Berlin
Ansprache von US-Vizepräsident Bush in Berlin
Wortlaut des offenen Briefes Präsident Reagans

Um Uber/endung von
ßelegcKempIcwcn
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

2. Februar 1983

ANKUNFTSERKLÄRUNG VON US-VIZEPRÄSIDENT BUSH IN BONN

BONN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident, George Bush, gab bei
seinem Eintreffen auf dem Flughafen Köln-Bonn, der ersten Station seiner
Europareise, am 30. Januar 1983 folgende Erklärung ab:
Ich freue mich, daß meine erste Station auf dieser zweiwöchigen Reise
durch Europa gerade Deutschland ist.

Präsident Reagan hat mich gebeten,

diese Reise zu unternehmen, um Konsultationen mit unseren Freunden und Verbündeten in der NATO zu fuhren.

Er ist, wie wir alle, der Überzeugung, daß

unser Bündnis die beste Chance für die Erhaltung des Friedens bietet, den
wir jetzt so viele Jahre lang erfolgreich gewahrt haben.
Wir sind ein Bündnis freier Völker. Wir haben Differenzen, aber in
freien Gesellschaften begrüßen wir die Debatte. Gerade das Recht, ohne
Furcht unsere Meinungen zum Ausdruck zu bringen, ist das, was unser Bündnis
von dem anderen Bündnis auf dem europäischen Kontinent unterscheidet. Wir
können sicherstellen, daß diese Freiheiten und der Frieden überleben, indem
wir wachsam bleiben.
Die Partnerschaft

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Partnerschaft unter den NATO-Verbündeten ist stark, weil wir uns
bewußt sind, daß persönliche Freiheit und soziale Gerechtigkeit das Kernstück der menschlichen Würde und des menschlichen Friedens sind.

Sie ist

auch deshalb stark, weil wir wissen, daß unsere Sicherheit ein Bündnis erfordert, das sowohl seinen Prinzipien treu bleibt als auch flexibel ist,
wenn es vor Herausforderungen und Bedrohungen von außen steht.
Es wäre schwer, heute abend in Deutschland anzukommen, ohne sich des
Jahrestages bewußt zu sein, den der heutige Tag darstellt.

Und es wäre

schwer, nicht an die schreckliche Erfahrung des Krieges erinnert zu werden,
die unsere Generation durchmachen mußte.

Wer kennt den entsetzlichen Tribut

an Leiden und Verheerung, die die Kriege dieses Jahrhunderts mit sich gebracht haben, besser als das deutsche Volk?

Und wer weiß besser, welche

Anstrengungen es erforderte, dieses Land wieder aufzubauen, als das deutsche
Volk?
Das amerikanische Volk ist stolz, daß es zu dieser Anstrengung durch
den Marshan-Plan beitrug, dessen 35. Jahrestag wir im vergangenen Jahr
begingen.

Wir teilen Ihren Stolz, und wir verspüren große Befriedigung

über Ihre starken demokratischen Institutionen und über das bemerkenswerte
wirtschaftliche Wachstum und die bemerkenswerte wirtschaftliche Prosperität,
die Sie in der Nachkriegsperiode erreicht haben.
Fast vier Jahrzehnte lang haben wir und unsere NATO-Verbündeten den
Frieden in Europa bewahrt.

Wir haben dies getan, indem wir unsere Stärke

und unseren Willen aufrechterhalten haben, uns selbst zu verteidigen;
indem wir die Sicherheit der Vereinigten Staaten und Europas miteinander
verbunden haben; indem wir für den Dialog offen sind, der darauf abzielt,
Spannungen mit dem Osten abzubauen; und indem wir zu echten Rüstungsverminderungen verpflichtet sind.
bleibt unsere Politik heute.

Das war unsere Politik, und das ist und
Und darum bin ich zuversichtlich, daß meine

Gespräche mit unseren Verbündeten unsere Einigkeit in einer Politik bekräftigen werden, die uns die längste Periode ununterbrochenen Friedens

�ununterbrochenen Friedens in Europa seit über einem Jahrhundert beschert
hat.
In diesem Geiste möchte ich unseren deutschen Gastgebern und dem ganzen deutschen Volk sagen: Unsere Mission ist es, den Frieden zu bewahren,
und wir freuen uns, daß uns unere Reise hierher geführt hat.

+ + + + +

- 3 -

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II

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ITTlST

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

2. Februar 1983

PRESSEERKLÄRUNG DES US-VIZEPRÄSIDENTEN NACH SEINEM TREFFEN MIT
BUNDESKANZLER KOHL IN BONN

BONN - (AD) - Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
George Bush, gab nach seinem Treffen mit Bundeskanzler Helmut Kohl am 31. Jannuar 1983 vor der Presse in Bonn folgende Erklärung (in deutscher Übersetzung)
ab:
Ich freue mich sehr,in Bonn zu sein,und, wie ich schon vor Antritt meiner
Reise gesagt habe, besteht der Zweck meiner Reise nach Europa darin, mit unseren Verbündeten und Freunden in Europa zusammenzutreffen und mit ihnen bezüglich des Hauptpunktes der politischen Tagesordnung Konsultationen zu pflegen,
vor allem was unsere gemeinsamen Bemühungen angeht, den Stand der Kernwaffen
nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt zu senken.
Unser Gespräch heute morgen war, das darf ich sicherlich sagen, herzlich,
freundlich und offen, so wie es auch sein soll bei Gesprächen unter Freunden.
Und das sage ich ganz persönlich frei heraus, und nicht als diplomatische
Floskel.
Die Beziehungen

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
Deutschland basieren auf gemeinsamen Werten, unserem Vertrauen in demokratische Institutionen und auf unserem Glauben an die Menschenrechte.

Und die-

ses Jahr bringt die Dreihundertjahrfeier, die deutsch-amerikanische Dreihundertjahrfeier, und wie der Herr Bundeskanzler schon mitgeteilt hat, habe ich seine
Einladung angenommen, am 25. Juni nach Krefeld zu kommen als weiteres Symbol
dieser andauernden Freundschaft.
Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
Deutschland ist von entscheidender Bedeutung, wenn wir weiterhin Frieden und
Sicherheit so wie in den letzten vier Jahrzehnten erhalten wollen.
Unsere Besprechungen konzentrierten sich auf die Ost-West-Beziehun^en
und auf die gegenwärtig in Genf stattfindenden Verhandlungen über nukleare
Mittel Streckensysteme.

Und unser Treffen hat wiederum unsere gemeinsame Auf-

fassung bekräftigt, daß wir weiterhin dafür arbeiten und danach streben müssen,
die Beseitigung dieser neuen Generation von Kernwaffen zu erreichen.
Ich habe Herrn Bundeskanzler Kohl die Bereitschaft von Präsident Reagan
mitgeteilt, ernsthafte sowjetische Vorschläge zu prüfen. Der Präsident ist
persönlich verpflichtet, eine Verringerung der Kernwaffen auszuhandeln.
In unserem Gespräch waren wir auch einig, an dem Doppelbeschluß festzuhalten, der von der NATO 1979 gefaßt worden ist. Und wir werden keinen Zweifel daran lassen, daß unsere Stärke in der Einigkeit liegt. Und unsere Stärke, unsere gemeinsame Zielsetzung und die gegenseitige Zusammenarbeit sind
die stärkste Abschreckung vor einen Krieg und haben die längste Zeitspanne
seit einem Jahrhundert den Frieden in Europa erhalten.
Die Null-Option ist eine moralisch unbestreitbare Position.

Was könnte

besser sein, als eine ganze Generation neuer Waffen von dieser Erde zu verbannen.
Heute nachmittag
- 2 -

�r

Heute nachmittag werden wir von Bonn nach Berlin Weiterreisen.
Und jetzt möchte ich die Gelegenheit benutzen, um den führenden Persönlichkeiten dieses großen Landes und der Bevölkerung dieser schönen Stadt für
all ihre Freundlichkeit und Gastfreundschaft meinen Dank auszusprechen.
Und wenn ich jetzt eine ganz persönliche Bemerkung machen darf.

Ich

kann Ihnen gar nicht sagen, wie erregt ich bin, bei dem Gedanken, daß ich
die Gelegenheit habe, heute nachmittag nach Berlin zu reisen - mit dem Bundeskanzler zusammen - und Berlin zum ersten Mal zu sehen.

Ich bin schon mehrmals

in der Bundesrepublik gewesen, aber für alle Amerikaner ist es ein aufregendes
Ereignis in ihrem Leben,die Gelegenheit zu haben, nach Berlin zu kommen,und
ich freue mich darauf.
Ich danke Ihnen sehr!

+ + + + +

- 3 -

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United States Information Service
Embassy of the United States of America

2. Februar 1983

TRINKSPRUCH DES VIZEPRÄSIDENTEN DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
IN BONN

BONN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident George Bush brachte auf
dem von Bundeskanzler Helmut Kohl gegebenen Essen am 31. Januar 1983 folgenden
Trinkspruch aus:
Ich möchte meinem Freund, Bundeskanzler Helmut Kohl, sehr herzlich dafür
danken, daß er uns das Gefühl gegeben hat, so willkommen zu sein. Seit unserer
Ankunft sind wir von Gemütlichkeit überwältigt worden.
Da ich heute abend in Berlin eine lange Rede halten werde, möchte ich
Ihnen hier längere Ausführungen ersparen.
Lassen Sie mich einfach sagen, wie angetan ich bin von meinen Gesprächen
mit Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher und noch einmal wie glücklich
ich bin, daß die Bundesrepublik Deutschland die erste Station auf meinem zweiwöchigen Besuch bei unseren europäischen Verbündeten und Freunden ist.
Die Partnerschaft

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Telex: 8-85432

�Die Partnerschaft zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten ist
stark und von entscheidender Bedeutung für die internationale Sicherheit.
Unsere Freundschaft hat den Frieden fast vier Jahrzehnte lang gestärkt und
dazu beigetragen, ihn zu bewahren.

Wenn wir und unsere Verbündeten die vor

uns liegenden Herausforderungen Gestehen, dann wird auch der Frieden bestehen.
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft geht natürlich viel weiter zurück als vier Jahrzehnte.

Dieses Jahr bringt den 300. Jahrestag deutscher

Einwanderung in Nordamerika.

Fast 20 Prozent des amerikanischen Volkes kön-

nen heute auf Vorfahren verweisen, die aus Deutschland kamen.

Die erste

kühne Gruppe von Einwanderern bestand aus 13 Familien aus Krefeld im Rheinland.
Bei dieser Gelegenheit möchte ich sagen, wie glücklich ich bin, die Einladung anzunehmen, am 25. Juni dieses Jahres nach Krefeld zu kommen und die
Vereinigten Staaten bei dieser Dreihundertjahrfeier zu vertreten. Ich werde
ferner an der Eröffnung des neuen Joseph Albers-Museums in Bottrop am gleichen
Tag teilnehmen. Der Höhepunkt der Feiern in den Vereinigten Staaten wird am
6. Oktober kommen, wenn Bundespräsident Carstens unser Gast in Philadelphia
sein wird.
Und so möchte ich Sie in dem Geiste unserer Dreihundertjahrfeier bitten,
mit mir einen Trinkspruch auszubringen auf die enge Freundschaft, die uns verbindet, und auf das Wohl unserer deutschen Freunde zu trinken, die uns und
so vielen Amerikanern eine so wunderbare Gastfreundschaft gewährt haben.

�•»ITT

Dokumentation
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2. Februar 1983

ERKLÄRUNG DES VIZEPRÄSIDENTEN DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA,
GEORGE BUSH, BEI SEINER ANKUNFT IN BERLIN

BERLIN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident George Bush gab bei
seiner Ankunft in Berlin auf dem Flughafen Tegel, am Montag, den 31. Januar
1983, folgende Erklärung ab.
Herr Regierender Bürgermeister, General Liron, General Mostyn, Botschafter
Burnsi
Meine Frau und ich sind sehr glücklich, heute hier in Berlin sein zu
dürfen, und wir freuen uns sehr, daß Deutschland die erste Station auf unserem zweiwöchigen Besuch bei unseren europäischen Verbündeten ist.

Präsi-

dent Reagan hat mich gebeten, allen Berlinern und allen Deutschen seine besten
Wünsche zu übermitteln.
Uns liegt, wie allen Amerikanern, Berlin ganz besonders am Herzen. Wie
ein Amerikaner, der vor 20 Jahren hier eintraf, sagte, ist dies die Stadt
der Stolzen und Mutigen, die am Tor die Wache halten.

Wem die Freiheit viel

bedeutet, dem bedeutet auch Berlin viel, denn keine andere Stadt hat sich in
den letzten vier Jahrzehnten so tapfer gegen die Kräfte der Unterdrückung
gewehrt.
Mein Aufenthalt

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Telex: 8-85432

�Mein Aufenthalt hier ist leider zu kurz, aber ich möchte so viel in
mich aufnehmen, wie ich nur kann. Es drängt mich , mit Ihren führenden Persönlichkeiten und mit den Menschen hier zusammenzukommen,und es drängt mich
auch, zum ersten Mal das gewaltige,berüchtigte Symbol der kommunistischen
Unterdrückung in der Welt zu sehen - die Berliner Mauer.
Aber Berlin selbst ist ein Symbol - ein Symbol der Einigkeit der Völker
Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten. Denn
hier in Berlin stehen wir fest und Schulter an Schulter in der Verteidigung
von Idealen zusammen, die uns Freiheit, Frieden und Wohlstand gebracht haben.
Darum fühlen wir uns ganz besonders geehrt, Gäste Ihrer Stadt zu sein.
Ich danke Ihnen sehr.

+ + + + +

- 2 -

�I

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2. Februar 1983

ANSPRACHE VON US-VIZEPRÄSIDENT BUSH IN BERLIN

BERLIN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident George Bush hat am
31. Januar 1983 in Berlin eine vielbeachtete Ansprache gehalten, in der er
die gemeinsamen Ziele des Atlantischen Bündnisses hervorhob.

Die Ausführun-

gen des Vizepräsidenten auf einem Essen, das der Regierende Bürgermeister,
Richard von Weizsäcker, zu seien Ehren im Intercontinental Hotel gab, haben
folgenden Wortlaut:
Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren,
erlauben Sie mir zuerst, Dank zu sagen für die Einladung, heute abend
zu Ihnen zu sprechen.
Als ich vor einigen Monaten zu einem Begräbnis nach Moskau reiste, bin ich
über Deutschland gekommen, aber dies ist das erste Mal, daß ich in Berlin bin.
Diese Tatsache erstaunt mich eigentlich, denn Berlin ist mir seit langem im
Bewußtsein gewesen, so wie es im Bewußtsein aller Amerikaner ist.

Vor 20 Jahren

hielt auf einem Platz, der heute John F. Kennedy-Platz genannt wird, ein amerikanischer Präsident eine Rede, an die noch viele denken.

In seiner Rede sagte

er - an jene gewandt, die die großen Probleme zwischen der freien Welt und der
kommunistischen Welt nicht verstehen - "Laßt sie nach Berlin kommen".

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Tel.: 0228-339 22 40
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�Ich bin glücklich, daß ich diese Rede am ersten Tag meiner Europareise
halten darf.

Keine andere Stadt in Europa könnte einen überzeugenderen Rahmen

für die Diskussion heute abend bieten.

Denn Berlin ist einzigartig, eine

Insel der Demokratie in einem tobenden Meer.

Es hat schwere Stürme überlebt.

Immer haben der Charakter und der unerschütterliche Mut seiner Bürger die
freiheitsliebenden Menschen in aller Welt begeistert.
Seit jetzt fast vier Jahrzehnten haben die Bundesrepublik Deutschland
und ihre Verbündeten mit Beharrlichkeit und Engagement zusammengearbeitet,
um dafür zu sorgen, daß Berlin als eine freie Stadt überlebt hat.
gerade davon, daß Berlin im Bewußtsein der Amerikaner lebt.

Ich sprach

Jene von uns,

die die Jahre 1948 und 1949 erlebt haben, werden sich noch lebhaft an den Kampf
um Berlin erinnern.

Die Erinnerungen der Berliner, die diese Periode mit-

gemacht haben, erwecken noch immer die tiefsten Gefühle für das, was uns verbindet.
Ich denke an den Berliner Arbeiter, der sagte: "Wenn wir frühmorgens
aufwachten, war das erste, was wir taten, festzustellen, ob der Lärm von
Flugzeugmotoren zu hören war. Das gab uns die Gewißheit, daß wir nicht allein waren, daß die ganze zivilisierte Welt an dem Kampf um die Freiheit
Berlins teilnahm".
Und ich denke auch an einen anderen echten Berliner, der sich, nachdem
alles vorüber war, folgende Gedanken machte: "Weiß Gott, selbst die beste
Blockade taugt nichts, aber wenn es schon eine Blockade sein muß, dann ist es
besser, von den Sowjets blockiert und von den Amerikanern versorgt zu werden.
Stellt euch nur einmal vor, wie es andersherum wäre."
Das deutsche und das amerikanische Volk verbindet eine lange und lebendige
Freundschaft. Fast 20 Prozent des amerikanischen Volkes haben ihren Ursprung
in diesem Lande. In diesem Jahr werden wir den 300. Jahrestag des Eintreffens
der ersten deutschen Einwanderer in Amerika begehen. Ich erwarte icht, daß
Sie davon besonders beeindruckt sind. 300 Jahre sind für die Einwohner einer

- 2 -

�Stadt, die fast 750 Jahre alt ist, kein allzu langer Zeitraum.

Aber für uns

ist es wahrlich eine sehr lange Zeit.
Morgen früh werde ich die Berliner Mauer sehen, ein Monument des großen
Übels.

Ich werde sie nur sehen, aber Sie müssen mit ihr leben und mit all

dem, was sie dem deutschen Volke antut.
Diese schreckliche Mauer hilft uns allen, darüber nachzudenken, was wir
erreicht haben

und wie wir es erreicht haben.

Das Bündnis auf der anderen

Seite der Mauer ist auf Beherrschung gegründet, das unsrige auf Zusammenarbeit.
Und eben in diesem Geiste bin ich nach Europa gekommen.
nach Frieden gekommen.

Ich bin im Streben

Während der nächsten zehn Tage werde

führenden Staatsmännern Europas zusammenkommen.

ich mit vielen

Und wenn mein Besuch in Europa

die öffentliche Debatte anregt, so begrüße ich das.

Die NATO ist stark genug,

selbst die lebhafteste öffentliche Debatte auszuhalten.

Wir schrecken nicht

vor dem Dialog zurück, denn für die westlichen Demokratien ist die Vielfalt
immer die Quelle unserer Stärke gewesen.
Und so bin ich weder mit Belehrungen noch mit Drohungen nach Deutschland
gekommen.

Sie sind in den letzten Wochen beidem seitens jener ausgesetzt wor-

den, die Ihre Gastfreundschaft in Anspruch genommen haben.
sagen pflegen, "genug ist genug."

Und wie Sie zu

Als vor 20 Jahren Präsident Kennedy in Berlin

eintraf, sagte er, "jene, die dem Gegner am nächsten leben, jene, die am Tor
Wache halten, sind immer stolzer, mutiger und lebendiger als jene, die weit
hinten in der Etappe leben".

Wer glaubt, Berliner belehren zu können, nimmt

sich wahrhaft viel vor.
Jene von uns, die in der Etappe leben -, wenn man in diesem Atomzeitalter
wirklich noch ein Gebiet als Etappe bezeichnen kann -, können etwas lernen,
wenn sie im Schatten der Mauer stehen.
auf dem unser Bündnis beruht.

Ebenso überzeugend ist das Prinzip,

Es steht, um es Freund und Feind zu zeigen, in

Artikel 5 des Nordatlantikvertrages, daß ein bewaffneter Angriff gegen einen

- 3 -

�"als ein Angriff gegen alle angesehen wird".
Die Strategie der NATO hat kein wichtigeres Ziel, als diesem Prinzip
Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Wenn unsere Bindung aneinander glaubwürdig

ist, dann können wir die Abschreckung gewährleisten, dann können wir unsere
Freiheit gewährleisten, und dann können wir den Frieden gewährleisten.
Aber die beispiellose Aufrüstung der Sowjetunion während der letzten
15 Jahre droht die Glaubwürdigkeit der NATO-Abschreckung zu untergraben.
Und die Sowjets haben versucht, die Bindung zwischen der Sicherheit Europas
und der Sicherheit der Vereinigten Staaten zu zerreißen, die für Artikel 5 so
wesentlich ist.

Die sowjetische Aufrüstung war unnachgiebig und gründlich auf

konventionellem und auf nuklearem Gebiet.
schiedenheit geben.

Darüber kann es keine Meinungsver-

Und eines der gefährlichsten neuen Elemente ist das sowje-

tische Monopol für nukleare Mittelstreckenraketen, die Europa treffen können.
Ich rede von Waffen, die diesen Raum hier in wenigen Minuten erreichen könnten.
Wenn es der Sowjetunion mit der Zeit gelänge, diese Bindung zu zerreißen
- wenn es ihr gelänge, die Vereinigten Staaten und ihre Streitkräfte von der
Verteidigung unserer Verbündeten in Europa zu trennen -, dann wäre unsere Abschreckung untergraben und damit der Frieden, den wir alle fast vier Jahrzehnte
läng bewahrt haben.
Und das ist genau der Grund, warum im Dezember 1979 die Staaten der NATO
- a l l e Staaten der NATO - einen Doppelbeschluß gefaßt haben: Erstens, in Europa
NATO-Waffen zu stationieren, die fähig sind, vor einem Angriff durch sowjetische
SS-20-Raketen und andere nukleare Mittel Streckensysteme abzuschrecken. Der
zweite Teil des Beschlusses war, in Verhandlungen mit der Sowjetunion einzutreten, um den Stand dieser Waffen auf beiden Seiten zu verringern.
Als Fußnote zur Entscheidung vom Dezember 1979 ist es wert, sich daran zu
erinnern, daß dies auch der Monat war, in dem die Sowjetunion Zehntausende ihrer
Soldaten nach Afghanistan entsandt hat, wo heute noch mehr als 100 000 stationiert sind.
- 4 -

�Der Beschluß der NATO war das Ergebnis erschöpfender Konsultationen.
Daraus folgert, daß es die richtige Entscheidung war.

Es war damals die

richtige Entscheidung, und es ist heute die richtige Entscheidung.
Es wurde auch eine umstrittene Entscheidung.
Sie ist zum Teil deshalb umstritten, weil bestimmte Märchen Geltung
gewonnen haben.

Im Lichte der Vernunft lösen sich diese Märchen in Nichts

auf, denn sie sind körperlose Schatten.
Das erste Märchen ist, daß die Stationierung dieser nuklearen Mittelstreckensysteme die Strategie der NATO verändern würde.
Genau das Gegenteil ist der Fall:

Das ist nicht wahr.

Die INF-Entscheidung ist in Wahrheit we-

sentlich, um die Strategie aufrechtzuerhalten, die immer zu den Grundfesten
der NATO gehörte:

Aufrechterhaltung der Bindung zwischen den Vereinigten

Staaten und ihren Verbündeten, die die Abschreckung gewährleisten.
Das zweite Märchen ist, daß dieser Beschluß einem widerstrebenden Europa von den Vereinigten Staaten irgendwie aufgezwungen worden sei.
der auch nur Zeitungen liest, weiß, daß dies absurd ist.

Jeder,

Der NATO-Beschluß

war eine Antwort auf weitverbreitete Befürchtungen, vor allem in Europa, wegen der alarmierenden Aufrüstung der sowjetischen INF-Streitkräfte.
Drittens, man will uns glauben machen, daß die INF-Stationierungen die
Abstützung des Bündnisses auf Kernwaffen vergrößern würden.

In Wirklich-

keit haben wir jedoch gleichzeitig beschlossen, 1000 nukleare Gefechtsköpfe
aus Europa abzuziehen.

Dieser Abzug ist abgeschlossen.

Das bedeutet, daß

selbst nach der jetzt geplanten INF-Stationierung weniger alliierte nukleare Gefechtsköpfe in Europa stünden als im Jahr 1979.
Das vierte und letzte Märchen ist, daß diese INF-Stationierungen ein
Schritt zur Führung eines Atomkrieges und zur Führung eines Krieges wären,
der auf Europa allein begrenzt bliebe.

Aber die Politik der NATO ist immer

eine Politik des Friedens und der Abschreckung gewesen, die vom Gleichgewicht,
- 5 -

�nicht vom Ungleichgewicht abhängt.

Und was die Vorstellung anbetrifft, die

Vereinigten Staaten wünschten einen Konflikt auf Europa allein zu beschränken, so meine ich, daß dieser Vorschlag eine bittere Ironie enthält.

Ich

kann nichts Besseres tun, als aus einer europäischen Publikation, dem
Londoner "Economist", zu zitieren und zwar aus einem Leitartikel mit der
Überschrift:
ren?

"Können sich so viele junge Menschen bezüglich der Bombe ir-

Ja, sie können."

In dem Artikel heißt es:

"Nichts regt die Amerika-

ner zurecht mehr auf, als die Behauptung, daß sie Marschflugkörper und
PERSHING TI-Raketen in Europa stationieren wollen, um einen rein europäischen
Atomkrieg führen zu können.

Diese Raketen wurden ursprünglich - von Euro-

päern - genau aus dem umgekehrten Grund vorgeschlagen."
hat recht.

Der "Economist"

Nichts regt den Präsidenten und mich mehr auf als die Behaup-

tung, wir würden die Führung eines Atomkriegs vorbereiten, denn wir bereiten keinen Atomkrieg vor.

Wir bereiten die Abschreckung vor einem Krieg vor.

Es ist gerade die Anwesenheit amerikanischer Streitkräfte, die die Garantie dafür bietet, daß die Vereinigten Staaten von jedem Angriff auf Westeuropa mitbetroffen sind. Und das wiederum bedeutet eine wesentliche Garantie dafür, daß die Sowjets nicht ermutigt sein werden, einen solchen Angriff
zu unternehmen. In Europa befinden sich rund 350 000 amerikanische Soldaten,
die als Teil der Sicherheitsstreitkräfte der NATO nach Präsident Reagans
Worten die "lebendige" Garantie für unsere Verpflichtung für den Frieden und
die Sicherheit Europas bieten. Unsere Sicherheit ist unteilbar von der Sicherheit Europas. Ein Angriff auf Sie ist ein Angriff auf uns.
Von Zeit zu Zeit werde ich gefragt, was ich von den Antiatom-Friedensdemonstranten halte. Ich gestehe, daß ich manchmal versucht bin zu sagen,
"Welche meinen Sie? Jene hier oder jene in der Lubjanka?" Meine Antwort
lautet jedenfalls so: Ich habe große Sympathie für jeden, der für den Frieden ist. Wir sind nämlich auch für den Frieden. Ich habe auch die größte
Sympathie für jeden, der gegen den Atomkrieg ist. Wir sind nämlich auch gegen den Atomkrieg.

- 6 -

�Die NATO-Länder haben gekämpft und den Preis für den Frei heitsrahmen
bezahlt, innerhalb dessen diese Gruppen von Atomgegnern marschieren und demonstrieren und ihre Meinung äußern können.

Ist unter uns einer, der nicht

stolz darauf ist, daß diese Stimmen hier in unseren Ländern ihren vollsten
Ausdruck finden können?

Ist unter uns jemand, der nicht den Anblick von Anti-

atom-Demonstrationen auf dem Roten Platz begrüßen würde, ja, begeistert darüber wäre?

Gibt es einen Westdeutschen, der nicht traurig wäre über die so-

fortige und unbarmherzige

Unterdrückung einer ähnlichen Bewegung auf der

anderen Seite der Mauer?

Wenn Franz Kafka noch leben würde, hätte er sich

wahrscheinlich unbändig über die Tatsache amüsiert, daß das Regime im Osten
sogar genau das Symbol seiner Bewegung verboten hat: eine sowjetische Statue eines Mannes, der ein Schwert zu einer Pflugschar schmiedet.
Es hat noch andere Bewegungen in den Ländern des Warschauer Paktes gegeben.

Und wir erinnern uns gut an sie. Wir erinnern uns an Ostdeutschland

im Jahr 1953.

Wir erinnern uns an Ungarn im Jahr 1956.

Wir erinnern uns an

die Tschechoslowakei im Jahr 1968, und heute denken wir an Polen.
Mehr als 100 bewaffnete Konflikte hat die Welt außerhalb Europas seit
der Erschaffung des NATO-Bündnisses erlebt.

Es ist wohl wert, darüber nach-

zudenken, was Josef Luns, der Generalsekretär unseres Bündnisses, gesagt hat:
"Die NATO ist die wahre Friedensbewegung".
Wir suchen immer - und heute ganz besonders - nach neuen Wegen, um das
zu bewahren, was wir während der letzten vier Jahrzehnte erreicht haben.

Das

ist der Grund, warum beide Elemente des NATO-Beschlusses über INF untrennbar
sind und sich gegenseitig bestärken.

Damit meine ich nichts weniger als das:

Wenn wir in unseren Rüstungsverhandlungen glaubwürdig bleiben wollen, dann
muß das Bündnis in seiner Entschlossenheit vereint sein, wenn notwendig die
INF-Systeme zu stationieren.

Warum?

Weil sonst die Sowjetunion überhaupt

keinen Anreiz hätte, ernsthaft zu verhandeln - überhaupt keinen.
Als Präsident Reagan sein Amt antrat, überprüfte er den INF-Beschluß
und stellte sich hinter ihn.

Dann unterbreitete er im November 1981 einen
- 7 -

�Vorschlag.

Die Vereinigten Staaten, so erklärte er, würden die völlige Be-

seitigung dieser höchst destabilisierenden und bedrohlichen Waffen anstreben:

der landgestützten nuklearen Mittelstreckenraketen.
Die Sowjetunion antwortete inzwischen mit einem donnernden "njet", auf das

eine gewaltige öffentliche Offensive folgte - darauf angelegt, einen Keil zwischen die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten zu treiben.
Im Rahmen dieser Offensive ist der Außenminister der Sowjetunion, Gromyko,
kürzlich nach Deutschland gereist.

Er verwandte einen guten Teil seiner Zeit

auf die Erklärung, daß die Vereinigten Staaten wie üblich versuchten, die Welt
in eine nukleare Katastrophe zu stürzen.

Ich habe die Erklärungen von Herrn

Gromyko sehr genau verfolgt, und ich mußte mich wirklich fragen, ob er die
Deutschen an das deutsche Sprichwort erinnern wollte:

"Wenn der Fuchs pre-

digt, schau auf deine Gänse".
Die Sowjets haben eigene Vorschläge unterbreitet.
Null-Lösung sei unannehmbar.

Sie erklärten die

Dann erklärten sie, daß selbst ein Zwischenab-

kommen über eine Stationierung unannehmbar sei. Man muß zu dem Schluß kommen, daß das, was die Sowjets annehmbar finden, ihr eigenes Monopol der Kernwaffen ist, die auf das Herz Europas gerichtet sind.

Nachdem ich das gesagt

habe, kann ich mit einiger Sicherheit voraussagen, daß die Sowjetunion morgen verkünden wird, daß sie mich unannehmbar findet.
Präsident Reagan hat seinerseits erklärt, daß die Vereinigten Staaten jedwedes vernünftige sowjetische Angebot am Verhandlungstisch in Genf in Erwägung ziehen und prüfen werden. Und das ist genau das, was wir jetzt tun. Botschafter Paul Nitze trifft jetzt mit seinem sowjetischen Verhandlungspartner
zusammen, um einen Vertrag auszuhandeln, der die Sicherheit der NATO aufrechterhalten und den Frieden bewahren wird.
Die Vereinigten Staaten sind Mitglied eines Verteidigungsbündnisses.
Und sie sind stolz darauf, daß sie seit 1945 versucht haben, durch Verhandlungen mit der Sowjetunion eine Rüstungskontrolle herbeizuführen.

Der aller-

erste Vorschlag für eine internationale Kontrolle der Atombomben wurde von
- 8 -

�Präsident Truman bei den Vereinten Nationen unterbreitet.

Der Baruch-Plan,

wie er genannt wurde, forderte die Schaffung einer internationalen Atomenergieentwicklungsbehörde, der alle Aspekte der Entwicklung und Anwendung von Atomenergie übertragen werden sollten.

Der Baruch-Plan, der die Inspektion nukle-

arer Einrichtungen an Ort und Stelle forderte, wurde von der Sowjetunion abgelehnt - zu einer Zeit, als die Vereinigten Staaten die einzige Nation im
Besitz von Atomwaffen waren.
Dann forderte Präsident Eisenhower im Jahr 1955 eine Politik der "offenen
Himmel".

Er schlug vor, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion so-

fort die Pläne ihrer militärischen Einrichtungen austauschen und mit einer
Luftaufklärung beginnen sollten, um einen Überraschungsangriff zu verhüten,
und ein umfassendes und wirksames Inspektions- und Abrüstungssystem einführen
sollten.
Auch das würde von der Sowjetunion abgelehnt.
Andere amerikanische Präsidenten haben einige Fortschritte erzielt, wenn
auch in Grenzen.

Präsident Kennedy hat den Vertrag über das Verbot von Atom-

versuchen in der Atmosphäre vorgelegt, und Präsident Nixon war in der Lage,
den Vertrag über Raketenabwehr-Raketen und SALT I auszuhandeln.

Aber diese

Verträge haben der weiteren Ausbreitung von immer höher entwickelten Kernwaffen keinen Einhalt geboten.
Während der vergangenen 37 Jahre haben wir es mit entschlossenen Gegnern
zu tun gehabt, die ihre Ziele kennen und die methodisch vorangegangen sind,
um sie zu erreichen.

Ihre Ziele - nicht unsere, sondern ihre - sind:

klare

militärische Überlegenheit über die Vereinigten Staaten und unsere europäischen
Verbündeten in der Absicht, die Sicherheitsbindungen zu zerreißen, die das
NATO-Bündnis so effektiv gemacht haben.
Aber trotz alledem haben die Vereinigten Staaten über ein Jahrzehnt lang
eine Politik der einseitigen nuklearen Zurückhaltung verfolgt.

Wie ich be-

reits erwähnt habe, haben die Vereinigten Staaten allein 1981

1000 nukleare

- 9 -

�Gefechtsköpfe aus Westeuropa abgezogen.

Mir ist keine vergleichbare nukleare

Verringerung durch die Sowjetunion ohne Gegenleistung während der ganzen
Nachkriegszeit bekannt.

Es ist sogar so, daß die Vereinigten Staaten seit

Mitte der sechziger Jahre ihr nukleares Arsenal weltweit um rund 8000 Gefechtsköpfe verkleinert haben.
Im letzten Jahrzehnt haben die Vereinigten Staaten keine neuen Interkontinentalraketen aufgestellt - und auch keine neuen Unterseeboote mit ballistischen Raketen oder neue Bomber disloziert.

Die Sowjetunion jedoch hat

im selben Zeitraum eine ganze neue Generation von landgestützten strategischen
Raketen disloziert, einschließlich landgestützter Systeme mit drei Gefechtsköpfen, wie auch drei neue Unterseeboot-Systeme und einen neuen Bomber.
Mit anderen Worten, die Vereinigten Staaten haben sich ein Jahrzehnt
lang ein de-facto Moratorium auferlegt, während die Sowjetunion im selben
Zeitraum ihr Militärpotential mit Nachdruck ausgebaut hat.
Am 2. November 1977 erklärte Leonid Breschnew: "Wir wollen das gegenwärtig bestehende ungefähre Gleichgewicht zwischen dem Osten und dem Westen
in Mitteleuropa oder zwischen der UdSSR und den USA nicht stören"...
Damals besaß die Sowjetunion etwa ein Dutzend SS-20.
Lenin, der schlaue Fuchs, hat einmal gesagt: "Fakten sind nicht wegzuwischen." Seit jener Breschnew-Erklärung schössen die sowjetischen SS-20Raketen wie Spargel aus der Erde. Schon gibt es insgesamt über 300.
Der'Grund kann nicht gewesen sein, irgendein vom Westen geschaffenes
hypothetisches militärisches Ungleichgewicht wieder auszugleichen.
besitzt keine vergleichbaren Waffen.

Die NATO

Die ersten vergleichbaren NATO-Waffen

werden erst Ende dieses Jahres zur Dislozierung zur Verfügung stehen - mehr
als sechs Jahre nach dem Erscheinen der ersten SS-20-Raketen.

Im Lichte

dieser Umstände ist es schwer zu glauben, daß die Motivierung der Sowjetunion, wie von ihr behauptet, rein defensiver Natur sein soll.

- 10 -

�Die Berliner wissen besser als die meisten anderen Menschen, was es bedeutet, der Sowjetunion ein akzeptables Abkommen abzuringen.

Heute sprechen

die Schlagzeilen von den Stationierungsplänen der NATO, vor zehn Jahren aber
sprachen sie von den Verhandlungen über den Status dieser Stadt - Berlin.
Damals hatten die Sowjets eine öffentliche Kampagne aufgezogen, um die Verbündeten zu spalten - und heute machen sie es genauso.

Dem Westen gelang es

damals aber durch mit gutem Willen geführte Verhandlungen, durch Kreativität
und Flexibilität und durch das Festhalten an jenen Prinzipien, denen wir bis
heute so vieles verdanken, ein Abkommen zu erreichen, durch das die Lebensinteressen Berlins gewahrt wurden.
Die Vereinigten Staaten betrachten ihre Präsenz in Berlin als eine unumstößliche und ernste Verpflichtung.

Unsere Streitkräfte

stehen bereit,

die westlichen Sektoren gegen jede Bedrohung zu verteidigen.

Wir sind dem

Viermächte-Abkommen zur Gänze verpflichtet und erwarten auch in der Zukunft,
daß alle seine Bestimmungen in allen Sektoren Berlins, im Osten und im Westen,
strikt eingehalten und voll durchgeführt werden.

Die Bindungen zwischen

Berlin und der Bundesrepublik Deutschland genießen unsere volle Unterstützung,
weil sie für den wirtschaftlichen Wohlstand und für die Demokratie in den
westlichen Sektoren die lebenswichtige Grundlage darstellen.
Die Frage erhebt sich also: "Sind wir starrsinnig, wenn wir heute in
unseren Verhandlungen mit der Sowjetunion den selben Weg einschlagen wie
vor zehn Jahren? Oder sind wir klug?"
Wir wissen, daß viele Leute in Europa und in den Vereinigten Staaten
begierig sind auf ein rasches Abkommen - auf einen Durchbruch in unseren
Rüstungsverhandlungen in Genf.
merkung.

Erlauben Sie mir bitte eine persönliche An-

Ich arbeite sehr eng mit Präsident Reagan zusammen.

Und Sie können

mich beim Wort nehmen, wenn ich Ihnen sage, daß niemand begieriger ist auf
ein gerechtes Abkommen als er.

Und niemand ist entschlossener als er, ein

solches zu erreichen.

- 11 -

�Und jetzt erlauben Sie mir, diese Frage zu stellen:

Dürfen wir in un-

serem Eifer, ein rasches Abkommen zu erreichen - zu irgendeinem Abkommen
zu gelangen -, unsere grundlegenden Ziele aus dem Auge verlieren, wobei wir
immer daran denken müssen, daß es sich dabei um nicht weniger handelt als
um Sicherheit und Frieden?
Eine solche Frage beantwortet sich selbst.

Nein, wir dürfen nicht zu-

lassen, daß unser Eifer, zu einem raschen Fortschritt in den Verhandlungen
zu gelangen, uns dazu führt, unser grundlegendes Ziel aus dem Auge zu verlieren oder aufs Spiel zu setzen - Ziele, die lebenswichtig für die Erreichung
eines Abkommens sind, das die Sicherheit Europas gewährleistet.
Erstens, wir müssen die nukleare Bedrohung Europas auf den niedrigst
möglichen Stand bringen.

Wir würden in unserer Verantwortung gegenüber uns

selbst und gegenüber unseren Kindern in schlimmer Weise versagen, wenn wir
lediglich den bereits furchtbaren Stand der nuklearen Feuerkraft rechtlich
festschreiben würden, die die Sowjets gegen Europa richten.

Wir würden auch

versagen, wenn wir ein etwas niedrigeres, aber noch immer unvorstellbar zerstörerisches sowjetisches Monopol akzeptieren würden.

Das ist der Grund,

warum wir die völlige Abschaffung der nuklearen Mittelstreckenraketen vorgeschlagen haben.

Denn das ist der Weg, um die nukleare Bedrohung auf den

niedrigst möglichen Stand zu verringern.
Zweitens, wir müssen ein ausgewogenes Abkommen zustandebringen. Es kann
für den Westen nicht akzeptabel sein, den Sowjets ein permanentes Monopol
an Nuklearraketen zuzugestehen, ohne der NATO zu erlauben, vergleichbare
Systeme zu stationieren, um vor der Drohung abzuschrecken, die die ersteren
darstellen.
Drittens, ein ehrliches Abkommen muß eine kunstvolle Umgehung ausschließen. Es genügt nicht, den Sowjets zu erlauben, mobile Raketen lediglich hinter irgendeine künstlich gezogene Linie zurückzuziehen, nur damit sie diese
Linie kurzfristig wieder überschreiten können. Und es genügt auch nicht, es
den Sowjets hoch anzurechnen, wenn sie die Beseitigung einiger veralteter
- 12 -

�und unzuverlässiger Raketen - wirklich militärische Antiquitäten - anbieten.
Wollen wir uns doch alle darin einig sein, daß wir wirksamere Maßnahmen als
diese brauchen, wenn wir die nukleare Bedrohung Europas verringern wollen.
Viertens und letztens, wir brauchen ein Abkommen, das verifiziert werden kann. Selbst mit hochentwickelten Möglichkeiten der Aufklärung ist es
sehr schwierig, mobile Raketen im Auge zu behalten.

Tatsache ist, daß es

leichter ist, Raketen zu entdecken, wenn eigentlich "überhaupt keine vorhanden sein sollten, als festzustellen, daß 60 Raketen vorhanden sind, wenn es
eigentlich nur 50 sein sollten.

Das ist ein entscheidender Punkt.

Und das

umso mehr, wenn man sich bei seinem Verhandlungspartner nicht darauf verlassen kann, daß er bei unseren Versuchen, den Umfang seines Arsenals zu verifizieren, volles Entgegenkommen zeigt.
Ich habe heute abend in einiger Ausführlichkeit gesprochen. Die Verzweigtheit der uns vorliegenden Fragen ist manchmal überwältigend. Die Zahl
von Raketen, die Zahl von Abschußeinrichtungen, die Zahl von Gefechtsköpfen,
ihr Wurfgewicht, Vorschlag, Gegenvorschlag, Gegengegenvorschlag - all diese
Tatsachen und Zahlen haben, wie ich meine, eine sehr viel zentralere und
sehr viel zwingendere Erkenntnis vernebelt, denn wir sind uns alle darin
einig, daß es um Notwendigkeiten geht, die weit mehr bedeuten als nur Zahlen.
Es ist schwer, um die Details herumzukommen.

Aber wenn Zahlen unserem Be-

wußtsein und unserer Argumentation etwas sagen sollen, sollten wir dann nicht
an allererster Stelle an die Zahl 38 denken?
deutet:

Wir wissen alle, was sie be-

Die Zahl von Jahren, die wir in dem Frieden und der Sicherheit ge-

lebt haben, die wir gemeinsam möglich machten, indem wir uns miteinander
verbunden haben.

38 Jahre: die längste ununterbrochene Friedenszeit, die

dieser Kontinent in diesem Jahrhundert erlebt hat.

Dann wird unsere wirk-

liche mathematische Berechnung und unsere anspruchsvolle Aufgabe die sein:
Wie verringern wir die tödlichen Zahlen und sorgen dafür, daß aus den vier
Jahrzehnten des Friedens viele Jahrzehnte mehr werden.
+ + + + +
- 13 -

�2. Februar 1983

5

WORTLAUT DES OFFENEN BRIEFES PRÄSIDENT REAGANS

BERLIN - (AD) - Der amerikanische Vizepräsident George Bush verlas im
Anschluß an seine Ansprache im Intercontinental Hotel in Berlin am 31. Januar
1983 einen offenen Brief von Präsident Reagan zur Abrüstung.

Das vom 28.

Januar datierte Schreiben hat folgenden Wortlaut:
Die Verhandlungen zwischen amerikanischen und sowjetischen Regierungsvertretern mit dem Ziel, ein Abkommen zur Kontrolle der Kernwaffen mittlerer
Reichweite abzuschließen, sind gerade wieder aufgenommen worden. Wir haben
den Sowjets vorgeschlagen und werden sie weiterhin dazu auffordern, einem
Gesamtverbot sowohl ihrer landgestützten Kernraketenwaffen mittlerer Reichweite wie auch derjenigen, die wir als Entgegnung auf ihren Rüstungsausbau
stationieren wollen, zuzustimmen.

Das Haupthindernis bleibt weiterhin, daß

die Sowjets darauf bestehen, eine nukleare Bedrohung der mit Amerika verbündeten Länder

aufrechtzuerhalten, während sie ihnen gleichzeitig die ent-

sprechenden Mittel versagen, dieser Bedrohung zu begegnen.
Es muß ein Weg gefunden werden, dieses Hindernis zu überwinden. Genauso wie unsere Verbündeten sich darauf verlassen können, daß die Vereinig-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�die Vereinigten Staaten Europa um jeden Preis verteidigen werden, können
sie sich darauf verlassen, daß wir keine Bemühung scheuen werden, um ein
faires und sinnvolles Abkommen zu erreichen, welches die sowjetische Bedrohung mindert.
Von diesem Gedanken getragen, habe ich Vizepräsident Bush gebeten,
in der Stadt, wo sich Ost und West begegnen, dem sowjetischen Generalsekretär Andropow diesen Vorschlag zu machen: Daß er und ich uns treffen, wo
immer und wann immer es ihm recht ist, um ein Abkommen zu unterzeichnen,
welches gewährleistet, daß alle amerikanischen und sowjetischen landgestützten Kernraketenwaffen mittlerer Reichweite von diesem Erdball verschwinden.
Ich mache diesen Vorschlag in der Überzeugung, daß ein solches Abkommen im Interesse beider Seiten liegt und daß die Menschen in Europa - und
dies ist das Wichtigste - nichts sehnlicher erstreben.

Ich fordere Herrn

Andropow auf, diesen Vorschlag anzunehmen.

gez.

+ + + + +

- 2-

Ronald Reagan

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