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londcrdicn/l
Embassy of the United States of America

1. Dezember 1982

POLEN: DIE VERWEHRTE FREIHEIT

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�1. Dezember 1982

INHALT

SONDERDIENST: DIE VERWEHRTE FREIHEIT
Kampelman: Alle Internierten in Polen müssen freigelassen werden
- Auszüge aus der Rede vor der KSZE-Nachfolgekonferenz in Madrid Neue Hilfssendungen des polnisch-amerikanischen Kongresses für Polen
Osteuropa - Erst der Anfang
- Von David Buchan Was kann man für Polen tun?
- Von Walter Laqueur Aufzeichnungen eines internierten polnischen Gewerkschafters

�KAMPELMAN: ALLE INTERNIERTEN IN POLEN MÜSSEN FREIGELASSEN WERDEN
- Auszüge aus der Rede vor der KSZE-Nachfolgekonferenz in Madrid -

MADRID - (AD) - Der Chefdelegierte der amerikanischen Delegation auf
der KSZE-Nachfolgekonferenz in Madrid, Botschafter Max Kampelman, hat in
einer Rede am 16. November 1982 die Freilassung aller Internierten in Polen
gefordert. Die USA hofften, daß eine solche Maßnahme zu einem erneuten Dialog
zwischen der Regierung, der Solidarität und der Kirche in Polen führen werde.
Bevor sich der amerikanische Delegierte der Situation in Polen zuwandte,
hatte er unterstrichen, daß die Schlußakte von Helsinki auf der Voraussetzung
beruhe, daß wahre Sicherheit und wahrer Friede die Schaffung beiderseitigen
Vertrauens zwischen Ost und West erfordere. Er versicherte, die Vereinigten
Staaten seien geduldig und würden auch weiterhin Geduld üben, weil einfach zu
viel auf dem Spiele stehe, um ungeduldig zu sein.
Zur Lage in Polen führte Kampelman folgendes aus:
Herr Vorsitzender, ich möchte einige Worte sagen zu den unglücklichen
Bemerkungen, die der Leiter der polnischen Delegation, der Stellvertretende
Außenminister seines Landes, in der vergangenen Woche gemacht hat.
Er sprach

�Er sprach von der "Arroganz der Macht" ... Ich möchte meinen, daß keiner
arroganter sein kann als jene, die törichterweise glauben, daß die Macht des
Augenblicks, die von Bajonetten und Polizeischlagstöcken herrührt, dauerhaft
sein könne. Das historische Streben des polnischen Volkes nach der Freiheit
wird schließlich obsiegen. Es wird sich einmal der "Freiheit der Entscheidung"
erfreuen, die ihm jetzt genommen ist.
Herr Vorsitzender, vor ein paar Tagen haben die polnischen Militärbehörden
die Freilassung von Lech Walesa bekanntgegeben, dem Führer der Solidarität.
Wir freuen uns sehr für ihn, seine Frau und seine Kinder. Diese Freilassung
war sowohl aus humanitären Gründen als auch im Hinblick auf Helsinki längst
überfällig. Wir hoffen, daß diesem Schritt die Freilassung der anderen internierten Führer, Mitglieder und Berater der Solidarität folgt und daß dies zu
einem erneuerten Dialog zwischen der Regierung, der Solidarität und der Kirche
führen wird. Lech Walesa war elf Monate lang inhaftiert, davon die letzten
sieben - wie es heißt - praktisch in Einzelhaft. Sein Verbrechen bestand darin,
daß er sich bemüht hat, Rechte für Arbeiter zu erlangen, indem er eine freie
Gewerkschaft ins Leben rief. Ein Staat, der sich selbst einen Arbeiterstaat
nennt, verwirkte sein Recht auf die Führung dieses Namens, indem er ihn
(Walesa) zunächst bestrafte und dann kürzlich die Solidarität für illegal erklärte.
Die Gewerkschaftsbewegung Solidarität ist das Symbol für die Hoffnungen
und Bestrebungen des polnischen Volkes geworden. Zu den ersten Punkten des
Programms der Solidarität gehörte die Forderung, den Text der Schlußakte von
Helsinki in der polnischen Presse abzudrucken. Die Entscheidung der polnischen
Militärbehörden, die Solidarität zu zerstören, ist ein Schlag gegen genau den
Inhalt dieser Schlußakte; sie stellt eine Verletzung der Konventionen 87, 98
und 105 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) dar und bedeutet praktisch
eine Kriegserklärung des Militärs an die arbeitende Bevölkerung.

Papst Johannes Paul II

- 2 -

�Papst Johannes Paul II hat sich nachdrücklich gegen diese Maßnahme der
Unterdrückung gewandt, indem er erklärte, daß sie "die Grundrechte des Menschen
und der Gesellschaft verletzt" (10. Oktober 1982). Erzbischof Josef Glemp
stellte betrübt fest, daß die polnischen Militärbehörden "die Nation verbittern",
indem sie "auf den Menschen herumtrampeln" und "eine Mißachtung der Menschenwürde" zeigten. Er bete, daß der Tag kommen möge, da sein Land "frei von solchem
Übel" sei.
Der Geist der Polen kann nicht hinter Gitter gesperrt werden. Ein System,
das auf den Spitzen von Bajonetten beruht, wird nicht von Dauer sein.
Der polnische Delegierte sprach von einer, wie er es nannte,
"nostalgischen Sehnsucht" meines Landes. Sie ist nicht nostalgisch. Es ist
eine praktische Hoffnung auf Frieden und Freiheit und die Menschenwürde für
alle. Das ist die Leitlinie des amerikanischen Volkes und seiner frei gewählten
Regierung. Das ist auch die Leitlinie der Schlußakte von Helsinki.

+ + +

- 3 -

�NEUE HILFSSENDUNGEN DES POLNISCH-AMERIKANISCHEN KONGRESSES FÜR POLEN

WASHINGTON - (AD) - Der Polnisch-Amerikanische Kongreß (PAC) kündigte
am 18. November 1982 die Lieferung von über 20 000 kg an Medikamenten und
anderem Klinikmaterial für Polen an, um dem polnischen Volk in einer Zeit
der akuten Knappheit an fast allen Materialien der Gesundheitsfürsorge zu
helfen.
Die zwölf Container, die Chikago am 15. November mit Bestimmung Baltimore
verließen, wurden dort an Bord der "Pulaski", einem Schiff der staatlich
kontrollierten polnischen Schiffahrtsgesellschaft, verladen. Von Baltimore aus
wird die Sendung zur Verteilung nach Danzig gehen.
Neun der zwölf Container enthalten Medikamente, chirurgische Instrumente
und EKG-Geräte, in den anderen drei befinden sich 75 000 Paar Schuhe. PAC-Vertreter schätzen den Wert der Gesamtladung auf eine Million Dollar.
Die Hilfsorganisation PAC, die von Chikago aus arbeitet, kündigte außerdem
den Transport von zwei weiteren Containern mit Saatgut an. Geschätzt auf
2 Millionen Dollar, sollen sie am 20. November in Polen ankommen.
Der PAC

�Der PAC ist eine Dachorganisation verschiedener, von polnischstä'mmigen
Amerikanern gegründeter Organisationen sowie deren römisch katholischer
Gemeinden und der polnischen Nationalkirche in Amerika. Der PAC vertritt
zehn Millionen polenstämmiger Amerikaner. Präsident ist Aloysius A. Mazewski.
Seit Beginn der Arbeiterunruhen in Polen vor über zwei Jahren hat der
PAC in enger Zusammenarbeit mit der Wohltätigkeitsorganisation "Projekt
Hoffnung" Mittel zur Hilfe für das polnische Volk bereitgestellt. Vom April
1981 bis Oktober 1982 hat der PAC 3,4 Millionen kg an Nahrungsmittel für über
10 Millionen Dollar, Krankenhausmaterial für über 10 Millionen Dollar und
70 000 kg an Kleidungsstücken für 4,1 Millionen Dollar nach Polen geschickt.
Außerdem plant der PAC am 14. Dezember eine weitere Lieferung für Polen,
einschließlich von mehr als 100 Krankenhausbetten.
Auch andere amerikanische Hilfsorganisationen haben für das polnische Volk
eine ganze Reihe von Hilfssendungen organisiert. Dazu gehören CARE, die
katholischen Hilfswerke und das amerikanische Rote Kreuz.
Die amerikanische Regierung hat ihre Hilfe angesichts der Verhängung des
Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 eingestellt. Allerdings hat die ReaganAdministration klargestellt, daß sie nichts gegen weitere amerikanische
Privathilfe hat, solange diese auch wirklich das polnische Volk erreicht.
+ + +

- 2 -

�OSTEUROPA - ERST DER ANFANG
- Von David Buchan -

Kürzung und Nachdruck mit Genehmigung
von The Washington Quarterly: A Review
of Strategie and International Issues,
Frühjahr 1982. Copyright c 1982
The Center for Strategie and International Studies, Georgetown University,
Washington, D.C.
David Buchan ist Osteuropakorrespondent
der Londoner Financial Times.
Die Verhängung des Kriegsrechts durch General Wojciech Jaruzelski war
nicht das Ende, sondern in mancher Hinsicht der Anfang der polnischen Krise.
Die Solidarität besteht im Untergrund weiter, die katholische Kirche ist noch
immer eine Kraft, die es in Rechnung zu stellen gilt, und die Volkswirtschaft
ist ebenfalls noch in einem chaotischen Zustand.
Auch wenn die Ereignisse in Polen im übrigen osteuropäischen Imperium der
Sowjetunion keine Nachahmer fanden, so hatten sie dennoch auf dieses Gebiet
schwerwiegende Auswirkungen. Eine ganze Anzahl indirekter Indikatoren zeigt,
daß der Konflikt bereits
- die Spannungen zwischen Ost und West verschärft hat, eine Entwicklung,
die von allen osteuropäischen Ländern bedauert wird, insbesondere von

�insbesondere von Ungarn mit seinen wachsenden wirtschaftlichen Beziehungen zum Westen und von Rumänien mit seiner relativ unabhängigen
Außenpolitik;
- die Beziehungen Moskaus zu den westlichen Eurokommunisten geschwächt,
im Fall der Kommunistischen Partei Italiens sogar zu einer fast völligen
Trennung geführt hat - wobei lediglich die neo-stalinistische Kommunistische Partei Frankreichs loyal zum Kreml steht;
- das Gespenst des Bonapartismus erstehen läßt, wobei hier das kommunistische Dogma auf den Kopf gestellt wird, demzufolge die Partei die
Gewehre kontrolliert;
- die Schwächen verdeutlicht, die allen Ländern des Rates für Gegenseitige
Wirtschaftshilfe (RGW oder COMECON) eigen sind: geringe Produktivität,
Überzentralisierung und Mangel an Anreizen für die industrielle
Produktivität;
- im Westen neue Zweifel darüber nährt, ob es sinnvoll ist, dem Osten
Kredite zu gewähren, und zugleich Zweifel über die Fähigkeit der Sowjetunion, angesichts ihrer eigenen Probleme als Osteuropas Garant bei
diesen Geschäften zu zeichnen.
Natürlich gaben praktisch alle osteuropäischen Regierungen rasch ihrer
offiziellen Unterstützung der Unterdrückung in Polen Ausdruck. Dabei waren
die Tschechen, die Ostdeutschen und die Bulgaren die Lautesten, als es darum
ging, ihren Beifall für den Schritt General Jaruzelskis zu bekunden. Rumänien
tat dies zwar nicht so nachdrücklich, gab aber dennoch seine Zustimmung; am
wenigsten eindeutig legte sich Ungarn fest. Und nur Jugoslawien äußerte sich
schockiert über die Verhängung des Kriegsrechts.
Das Gefühl der Erleichterung, das die meisten osteuropäischen Regierungen
überkam, entstammte natürlich der Furcht, Lech Walesas Solidarität könnte zu
einer politisch gefährlichen Infektion werden, die sich ausbreiten und Gewerkschaftler in anderen Ländern dazu ermutigen könnte, über ihre bisherige Rolle

- 2 -

�bisherige Rolle hinauszuwachsen. Einige Regierungen hatten sogar vielleicht
die Hoffnung, das Kriegsrecht würde den Niedergang der polnischen Volkswirtschaft aufhalten. So hatten sich zum Beispiel die Tschechen lauthals darüber
beklagt, daß Polen nicht mehr seinen vertraglichen Verpflichtungen zur Lieferung
von Kohle, Schwefel und Kupfer für die tschechische Industrie nachkommen würde.
Die gleichen Klagen kamen von den Ostdeutschen, die bei Rohstoffen ebenfalls
von Polen abhängig sind. All dies bedeutete natürlich einen Exportrückgang für
Polen. Und in diesem Sinn war die polnische Wirtschaftskrise nicht nur ein
Symptom, sondern auch eine Ursache für die umfassendere wirtschaftliche Malaise
Osteuropas.
Da aber die polnische Volkswirtschaft noch immer nur wenige Signale einer
Erholung erkennen läßt, dürften den osteuropäischen Regierungen wohl ernste
Zweifel hinsichtlich der Maßnahmen von General Jaruzelski gekommen sein. Denn
all diese Regierungen ziehen ja ihre Vorteile aus einer Verringerung der OstWest-Spannungen, auch wenn es nur wenige so offen sagen wie die Rumänen und die
Jugoslawen. Ihr politischer Spielraum mit dem Westen wird nunmehr stark eingeschränkt, und sie dürften wohl General Jaruzelski und seine Helfer im Kreml dafür
verantwortlich machen.
Als der (ehemalige) amerikanische Außenminister Alexander Haig Mitte
Februar 1982 Rumänien besuchte, zeigte Präsident Nicolae Ceauscescu natürlich
keinerlei Verständnis für die amerikanischen Sanktionen. Aber der Außenminister
sah zugleich die große Besorgnis des rumänischen Staatschefs, dem offenkundig
wegen zweier Zentralthemen der Bukarester Regierung an einer Aufhebung des
Kriegsrechts gelegen war - zum einen sollte dieses Problem nicht die Abrüstungsgespräche unterbrechen, zum andern nicht die Madrider Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa gefährden.
Von den westeuropäischen Kommunisten gebrauchten nur George Marchais
und die anderen Spitzenfunktionäre der französischen KP Ausflüchte angesichts
der polnischen Maßnahmen: Man wolle, so ihr Argument, nichts sagen, was die
Lage nur noch verschlechtern könne. Praktisch alle anderen Eurokommunisten

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�anderen Eurokommunisten - in Italien, Griechenland, Spanien, Belgien und
Großbritannien - übten deutliche Kritik.
So brachte die Krise in Polen die Beziehungen zwischen Moskau und der
italienischen KP praktisch vor den Scheidungsrichter. So schlimm ist es
zwischen beiden Seiten geworden, daß die Kommunistische Partei Italiens nicht
nur die sowjetische Rolle bei der Ermutigung der Unterdrückung in Polen brandmarkte, sondern sogar das gesamte Modell des sowjetischen Kommunismus rügte.
Als Antwort griff die Prawda auf eine Sprache zurück, die sie in der Vergangenheit benutzte, um abtrünnige Ideologien wie den Maoismus und den Titoismus zu
verurteilen: Die italienischen Kommunisten, so die Anklage, seien "verleumderisch
bei ihrer Kritik der Sowjetunion und dienten damit nur der Sache des Antikommunismus. Die Prawda nannte es ein "Sakrileg" der Partei Berlinguers, zu
behaupten, es bestünde kein Unterschied mehr zwischen der Außenpolitik der
Sowjetunion und der der Vereinigten Staaten.
Allen Mitgliedern der kommunistischen Staatengemeinschaft - von Jugoslawien
bis hin zur Sowjetunion selbst - bereitet es Sorge, daß die Armee, zumindest
zeitweilig, die Kommunistische Partei in Polen ersetzt hat. Sämtliche RGW-Partner
Polens waren darum bemüht, das Kriegsrecht lediglich als einen ersten Schritt
darzustellen, der vielleicht notwendig war, um die widerspenstigen Polen auf
die richtige Linie zurückzubringen, wobei dem eine Rückkehr zum "realen
Sozialismus" folgen würde und die kommunistische Partei wieder die Führungsposition zu übernehmen hätte.
Sogar Jugoslawien stimmte in den Chor der Stimmen ein, die den Zusammenbruch
der polnischen Partei wegen Korruption, Inkompetenz und Fraktionskämpfen verurteilten, der in einem gewissen Sinn die Machtübernahme durch das Militär beschleunigte. Die kommunistische Partei Jugoslawiens mag liberal in der Hinsicht
sein, daß sie die Arbeiterselbstverwaltung erlaubt, aber sie teilt die gemeinsame
Sorge der Herrschenden um die Bewahrung ihres Machtmonopols.
Der Kreml

�Der Kreml wurde von der Reagan-Administration und vom gesamten Westen dafür
kritisiert, die militärische Machtübernahme in Polen unterstützt und bei ihrer
Organisation geholfen zu haben.
Es ist offenkundig, daß die sowjetische Führung gegen Ende 1981 zu dem
Schluß gekommen war, daß die Anwendung von Gewalt der einzige Weg war, "die
polnischen Zustände in den Griff zu bekommen". Aber es gibt zugleich Gründe
für die Annahme, daß diese Schlußfolgerung nur zögernd getroffen wurde.
Eine der letzten Handlungen des Chefideologen des Kreml, Michail Suslow,
der im Januar 1982 starb, bestand darin, den polnischen Außenminister nach
Moskau zu zitieren und ihm eine Lektion über Militärherrschaft als Abweichung
von der reinen Lehre zu erteilen sowie über die Notwendigkeit, so rasch wie
möglich wieder die Kontrolle der Situation durch die Partei herbeizuführen.
Generell sind die osteuropäischen Regime bestrebt, die Probleme Polens
zum Anlaß zu nehmen, sich selbst angesichts ihrer eigenen relativ besseren
Leistung auf die Schulter zu klopfen. So wurde den Bulgaren und Rumänen in
ihren Medien erklärt, wie gut ihre Gewerkschaften seien, und Tschechen und
Slowaken wurden immer wieder daran erinnert, wie sehr sich ihr Präsident für
ihre Interessen einsetze. Aber haben es denn die Partner Polens besser gemacht?
Nicht viel besser jedenfalls.
Sogar Ungarn mit seiner vergleichsweise erfolgreichsten Wirtschaft hat
Probleme: Für 1982 wird dort eine Wachstumsrate von nur 1 bis 1,5 Prozent erwartet - nach einem einprozentigen Zuwachs im Jahr 1981. Ungarns relativer
Erfolg erklärt sich aus der Tatsache, daß dort im Gegensatz zu seinen RWG-Partnern
die Landwirtschaft nicht unter Mißmanagement leidet, die wirtschaftlichen Entscheidungen bis zu einem gewissen Grad dezentralisiert sind und Wege gefunden
wurden, die Preise flexibel an die ölpreisexplosion und an andere externe
wirtschaftliche Schockwirkungen anzupassen. Die Schwerfälligkeit der zentralen
Planwirtschaft zeigte sich in Polen besonders deutlich, wurden dort doch die
notwendigen Preiserhöhungen erst künstlich hinausgezögert und dann durch brutale

- 5 -

�durch brutale Zuschläge aufgefangen. Am 1. Februar 1982 stiegen die Lebensmittelpreise um durchschnittlich 241 Prozent, die Energiekosten um durchschnittlich 171 Prozent. Auch in der Tschechoslowakei und in Rumänien stiegen
die Preise Anfang 1982 in nur leicht geringerem Umfang.
Zu einem Wachstum kam es in den siebziger Jahren in Osteuropa zu einem
großen Teil aufgrund westlicher Kredite, so daß man sich dort im Jahr 1980
bereits mit mindestens 55 Milliarden Dollar beim Westen verschuldet hatte.
Solange die polnischen Schulden nicht beglichen sind, wird es aber nur wenig
oder gar keine westliche Kredite mehr geben. Daher stellt sich die Frage,
ob Moskau es sich leisten kann, seine Satelliten auch weiterhin finanziell
zu unterstützen. Wahrscheinlich nicht, auch wenn die Sowjetunion Polen gegenüber eine besondere Anstrengung unternimmt, wobei das Land 1981 fast 5 Milliarden
Dollar Devisen erhielt und zwischen 1980 und 1981 Handelssubventionen im Wert
von rund 6,5 Milliarden Dollar in Form von sowjetischem Erdöl zu Sonderpreisen
und von Sowjetkäufen polnischer Kohle zu einem Preis, der über dem Weltmarktpreis liegt. Denn die Sowjetunion selbst befindet sich in einer prekären Devisensituation und hat nicht nur ihre eigenen Gläubiger um einen Zahlungsaufschub
bei ihren Rückzahlungen gebeten, sondern verkauft - trotz der derzeitig niedrigen
Weltmarktpreise - Gold, Erdöl, Holz und Diamanten in großen Mengen.
Es ist klar, daß der Schaden für das sowjetische Imperium umso größer wird,
je länger die polnische Krise anhält.
Die Panzerfahrzeuge mögen von den Straßen verschwinden, die aktiven Proteste
einschlafen, die nächtlichen Ausgangssperren mögen aufgehoben werden und die
Truppen zum größten Teil wieder in den Kasernen verschwinden; auch die abendlichen Fernsehnachrichten werden vielleicht nicht mehr von einem Mann in Uniform
verlesen. Aber von nun an wird die Rückkehr der Armee eine fortwährende Drohung
sein. Die psychologische Barriere wurde niedergerissen: Nachdem die Armee erst
einmal aus der Kulisse heraus auf die Bühne getreten ist, weiß jedermann, daß
sie es erneut tun kann.
General Jaruzelski

�General Jaruzelski erklärt, er wolle Polen zur "Normalität" zurückführen,
sobald dies praktikabel sei. Dies ist ein so vages Versprechen, daß es keinen
Grund gibt, es nicht zu glauben. Das Verbot praktisch aller Streiks bleibt
jedoch in Kraft, Militärkommissare werden wachsam in den Fabriken, den Bergwerken und den Universitäten präsent bleiben, und die Meinung von Andersdenkenden
wird nicht geduldet werden.
"Normalität" scheint nicht die Rückkehr zur Situation vor dem Auftreten der
Gewerkschaftsbewegung Solidarität im August 1980 zu bedeuten. Die Vorstellung
der Armee von einem "normalen" Polen scheint vielmehr folgendes zu beinhalten:
Die Kommunistische Partei wird sowohl von den Liberalen gereinigt als auch von
jenen korrupten und inkompetenten Figuren, die unter dem Ersten Sekretär
Eduard Gierek an die Macht kamen. Mit der katastrophalen Wirtschaftspolitik
unter der Regierung Gierek wird Schluß gemacht. Die Preise für Nahrungsmittel
und Konsumgüter wurden bereits drastisch heraufgesetzt, um den Konsum einzudämmen und die Produktion anzuregen. Versprechen auf weitere wirtschaftliche
Reformen - die in Richtung auf größere Flexibilität und Dezentralisierung im
wirtschaftlichen EntScheidungsprozeß gehen müßten - werden sich wahrscheinlich
als leer erweisen.
Angesichts der Beteiligung der Armee an dem Geschehen werden alle Veränderungen wahrscheinlich in Richtung auf größere Reglementierung gehen. Und ohne neue
Kredite aus dem Westen und mit Polens totalem Devisenmangel wird das Land noch
mehr von seinen sozialistischen Brüdern im RGW abhängen. Mag die gewerkschaftliche
Tätigkeit auch wieder zunehmen, so wird es doch den "Unsinn" freier Wahlen und
des freien Zugangs zu den Medien nicht mehr geben. Die Gewerkschaftsführungen
werden angewiesen, ihre Ansichten auf die Fragen zu begrenzen, die man als
ihren Zuständigkeitsbereich nennt, nämlich Löhne, Preise und Produktivität.
Die wichtigste Frage für General Jaruzelski ist die, wie er von dem einen
Punkt zum andern gelangen kann. Wenn die Führung der Solidarität ihre Untergrundorganisation aufrechterhalten kann, wenn die Demonstrationen andauern und

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�andauern und wenn die Aktionen der Arbeiter im Sinne einer produktionshemmenden
Arbeit nach Vorschrift fortgesetzt werden, würde für ihn eine noch schwierigere
Zeit kommen. Dabei dürfte es kaum noch ein Mehr an Produktionsunterbrechungen
geben, als dies jetzt schon durch den Mangel an Rohstoffen und Ersatzteilen der
Fall ist.
General Jaruzelski, der sich für einen Gemäßigten hält, versucht anscheinend,
Gleichgesinnte in der kommunistischen Partei, in der katholischen Kirche und in
dem zu finden, was von den Gewerkschaften übriggeblieben ist. Innerhalb der
kommunistischen Partei und der Regierung werden die Männer der Mitte, die eine
gewisse Form der nationalen Versöhnung anstreben, von Mieczyslaw Rakowski,
Kazimierz Bracikowski und Hieronim Kubiak angeführt. Ihnen stehen gegenüber
die Vertreter der konservativen harten Linie - wie Stefan Olszowski und Albin
Siwak, die eine Rückkehr zur neostalinistischen Orthodoxie wollen. Solange
dieser Grabenkampf nicht entschieden ist, hat die demoralisierte und diskreditierte
kommunistische Partei in Polen keine Chance, der Armee die Macht wieder abzunehmen.
+ + +

�WAS KANN MAN FÜR POLEN TUN?
- von Walter Laqueur -

Dieser Artikel erschien in der März-Ausgabe
1982 der amerikanischen Zeitschrift
"Commentary". Walter Laqueur ist der Leiter
des Zentrums für Strategische und Internationale Studien der Georgetown-Universität in Washington.
Gekürzte Fassung mit freundlicher Genehmigung von "Commentary".
Alle Rechte vorbehalten.
Was kann man für Polen tun? Vor allem müssen den osteuropäischen Nationen
und den Völkern der Sowjetunion die Fakten zur Kenntnis gebracht werden. Es
ist die kommunistische Strategie in Osteuropa, der Bevölkerung politische
Informationen vorzuenthalten, damit sie durch Unwissenheit und Apathie gefügig
wird. Und genau deswegen können die westlichen Rundfunksender in diesem Zusammenhang eine große Rolle spielen.
Zweitens gibt es die Frage der wirtschaftlichen Sanktionen. Die Lobby
in Washington, die sich für einen Handel mit der Sowjetunion einsetzt, hat
seit langem argumentiert, daß alle Sanktionen praktisch unwirksam seien. In
Europa befürchtet diese Lobby umgekehrt, daß die Sanktionen so wirksam sein
könnten, daß sie zum Krieg führen werden. Der Westen sollte vielmehr daran

�vielmehr daran interessiert sein, seine Handelsbeziehungen zum Sowjetblock zu
erweitern, weil eine prosperierende Sowjetunion weit eher geneigt sei, im
Inland wie gegenüber dem Ausland eine gemäßigte Politik zu verfolgen.
Dabei übersteigt es die Fähigkeiten der Demokratien weit, den Sowjetblock
in eine funktionierende Wirtschaft zu verwandeln, vor allem zum gegenwärtigen
Zeitpunkt, da sie selbst im eigenen Lande mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
Aber selbst wenn es möglich wäre, ist es doch zweifelhaft, ob die politischen
Konsequenzen so vorteilhaft und nützlich wären, wie man uns das glauben machen
möchte. Viel wahrscheinlicher ist, daß ein weiterer Zustrom von westlichem
Kapital und westlichem Know-how den Interessen des Westens genau entgegenlaufen
würde - wie dies ja schon im Zusammenhang mit der sowjetischen Aufrüstung der
Fall war. Ein polnischer Autor, Stefan Kisiliewski, wies vor kurzem darauf hin,
daß denjenigen, die für engere wirtschaftliche Bindungen mit dem Sowjetblock
eintreten, nichts gleichgültiger sei als "Mässigung" in Polen (oder anderswo);
sie seien an Profiten interessiert, nicht an der Freiheit. Die Geschichte dürfte
Kisiliewski kaum der Verleumdung für schuldig befinden.
Sicherlich ist das Argument nicht ohne Gewicht, daß Sanktionen nicht
funktionieren. Sanktionen haben gegenüber kleinen Ländern funktioniert oder
gegenüber solchen, denen es an wichtigen Rohstoffen mangelt. Ein großer Wirtschaftsblock wie die COMECON-Länder ist jedoch weniger verwundbar. Aus diesem
Grunde ist es unwahrscheinlich, daß ein Eingriff in normale Handelsbeziehungen
entscheidende politische Auswirkungen haben würde.
Andererseits haben wirtschaftliche Sanktionen unter bestimmten Bedingungen
aber doch eine gewisse Auswirkung. Das nach Afghanistan verhängte Getreideembargo, '
das Präsident Reagan als "unwirksam" bezeichnete, hat die Sowjetunion schon
getroffen: Die Sowjets erhielten weniger Getreide, als sie es wünschten, und
mußten wenigstens eine Milliarde Dollar mehr für das bezahlen, was sie bekamen.
Ein Getreideembargo, das sich über einen längeren Zeitraum erstrecken würde,
würde sich ganz sicherlich auf die sowjetische Wirtschaft auswirken und die

- 2 -

�und die sowjetische Führung vielleicht sogar zwingen, ihre Militärausgaben zu
kürzen.
Noch bedeutsamer ist die Frage der Kredite. Westliche Bankiers haben
Milliarden in die COMECON-Volkswirtschaften gepumpt. Ihnen wurde von ihren
politischen Beratern gesagt, daß sie praktisch kein Risiko eingingen, da das
westeuropäische System sehr stabil sei, und wenn es zum Schlimmsten käme,
gäbe es immer noch den "sowjetischen Schirm". Ihnen wurde jedoch nicht gesagt,
daß Osteuropa während der vergangenen fünfzehn Jahre zu einer Belastung der
sowjetischen Ressourcen geworden ist und daß die westlichen Bankiers mit ihren
massiven Krediten der Sowjetunion bei der Aufrechterhaltung ihres Imperiums
helfen. Man könnte diese Kredite mit etwas mehr innerem Abstand sehen, wenn
der Schaden auf jene begrenzt bliebe, die verantwortlich sind. Praktisch aber
wird der Steuerzahler im Westen - direkt oder indirekt - die Rechnung zu bezahlen haben, ganz zu schweigen von den politischen Kosten.
Heute sehen sich alle osteuropäischen Länder, einschließlich Ostdeutschlands und Ungarns, größeren finanziellen Schwierigkeiten gegenüber. Polen
allein benötigt für die nächsten Jahre 20 Milliarden Dollar; bis 1985 wird
sich die COMECON-Schuld in harter Währung - nach der Wharton-Schätzung - auf
132 bis 140 Millionen Dollar belaufen. Polen ist schon nicht mehr in der Lage,
seine Schulden zu tilgen und die Zinsen zu bezahlen; andere COMECON-Länder
werden in ein oder zwei Jahren diesen Punkt erreicht haben. Und von einem
sowjetischen Schirm sieht man nirgendwo etwas. Die sowjetischen Wirtschaftsplaner
nehmen offensichtlich an, daß für die westlichen Banken jetzt in Polen und in
anderen COMECON-Ländern so viel auf dem Spiele steht, daß sie einen Zusammenbruch nicht zulassen können.
Lenins berühmter Ausspruch über die Kapitalisten, die für Profit fast alles
zu tun bereit seien, ja sogar noch den Strick zum ejgenen Aufhängen liefern würden,
ist damit noch einen Schritt weiter geführt worden: Nachdem es nun keinerlei
Profit mehr gibt und der C0MEC0N es sich nicht leisten kann, für den Strick

- 3 -

�den Strick zu bezahlen, sind die westlichen Kapitalisten offensichtlich
bereit, selbst das Geld zu geben, mit dem dieser Wirtschaftsblock den Strick
kaufen kann. John Barry, ein Wirtschaftskommentator, hat darauf hingewiesen,
daß Italien aus dem Euromarkt ausgeschlossen wurde - das heißt, daß es keine
weiteren Anleihen erhält -, als sein Schuldendienstverhältnis zehn Prozent
erreichte; im Falle Osteuropas liehen die westlichen Bankiers noch Geld, als
das Verhältnis 25 Prozent oder noch mehr betrug. Es stimmt, daß Polen vom
mittel- und langfristigen Kreditmarkt ausgeschlossen wurde, als die Solidarität
auf der Szene erschien. Aber sollte man General Jaruzelski geben, was man Lech
Walesa verweigerte?
Manche Leute bejahen diese Frage. Sie argumentieren, daß der Westen - wenn
er keine positivere Politik verfolge, mit Zuckerbrot und Peitsche - keinerlei
Einfluß auf die Ereignisse in Polen haben werde. Daher solle er seine Bereitschaft für eine Umschuldung erklären unter der Bedingung, daß General Jaruzelski
und die Kommunisten in Polen einen neuen "Sozialkontrakt" mit dem polnischen
Volk abschließen. Diese Gefühlsregung ist so lobenswert, wie die Idee töricht
ist. Denn wenn ein solcher Kontrakt möglich wäre, hätte es schon gar nicht die
Notwendigkeit für eine militärische Machtübernahme gegeben.
Da die Sowjetunion Osteuropa beherrscht, gibt es keinen vernünftigen
Grund, warum sie nicht gezwungen werden sollte, die volle finanzielle Verantwortung für die unter ihrer Ägide verfolgte Politik zu übernehmen. Wenn sie
nicht dazu bereit ist, sollte man zulassen, daß diese Volkswirtschaften zusammenbrechen. Doch sind einige Banken schon Gefangene ihrer eigenen Fehler
geworden und sind daher bereit, immer mehr gutes Geld nachzuwerfen, nur um den
unvermeidlichen Tag der Abrechnung hinauszuschieben.
Es gibt noch zwei weitere Dinge - den "Export" von Hochtechnologie über
verschiedene "Fronten" in Europa und die sowjetisch-europäische Erdgasleitung.
Der illegale Transfer oder der Diebstahl solcher Technologie ist zu einem
größeren Skandal geworden. Das ist eine Sache, mit der sich das amerikanische

- 4 -

�das amerikanische Bundeskriminalamt (FBI) befassen sollte und nicht der amerikanische Handelsminister. Was die Erdgasleitung angeht, so ist dies eher ein
europäisches als ein amerikanisches Problem, obwohl es natürlich die Zukunft
des Bündnisses berührt. Denn jene in Europa, die sich heute so verhalten, als
hätten sie keine volle Aktionsfreiheit mehr, werden sicherlich eine noch größere
Vorsicht an den Tag legen müssen, wenn sich ihre Abhängigkeit von den sowjetischen Lieferungen erhöht. Eine Gesamtenergiepolitik des Westens könnte sehr
viel zur Verminderung der Verwundbarkeit Europas beitragen, aber in dieser
Richtung hat es schon seit Jahren keinerlei Fortschritte gegeben. Andererseits
hoffen einige europäische Industrien, die sich gegenwärtig in Schwierigkeiten
befinden, daß das Erdgasgeschäft für eine Reihe von Jahren Arbeit bringen wird.
Das ist jedoch eine kurzsichtige Einstellung, da das Geschäft keinerlei Grundprobleme lösen und harte Entscheidungen lediglich hinauszögern wird.
Wenn ein friedlicher, allmählicher Wandel im Sowjetimperium möglich wäre,
dann wäre es ohne Frage im Interesse des Westens, diesen Prozeß zu unterstützen.
Aber die Hauptlehre, die man aus Polen ziehen muß, scheint zu sein, daß sich
nur durch heftige Konvulsionen ein merklicher Wandel vollziehen kann. Angesichts
dieser Realität stehen Geschenke des Westens an den Sowjetblock in Widerspruch
nicht nur mit den Interessen des Westens, sondern auch mit den Interessen der
Menschen in Osteuropa.
+ + +

�AUFZEICHNUNGEN EINES INTERNIERTEN POLNISCHEN GEWERKSCHAFTERS

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der
amerikanischen Gewerkschaftspublikation
"AFL-CIO Free Trade Union News". Die nachfolgenden Aufzeichnungen, die in den Westen
geschmuggelt wurden, beschreiben die Verhältnisse, unter denen Mitglieder der polnischen Gewerkschaft Solidarität nach Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember
1981 interniert wurden.

Am 12. Dezember 1981 habe ich beim Abendessen einen Witz erzählt, der
für die sowjetische Wirklichkeit typisch ist und sich rückblickend als prophetisch erwiesen hat: Eine Gruppe von Leuten aus aller Herren Länder unterhielt
sich über den glücklichsten Tag im Leben eines jeden einzelnen. Ein Amerikaner
sprach von einem tollen Geschäft, ein Franzose von seiner ersten Liebe usw.
Alle warteten, was der Russe nennen würde. "Ich saß glücklich und zufrieden
mit meiner Familie am Tisch", so erzählte er. "Plötzlich klingelt es. An
der Tür der KGB. Ich wurde blaß. Sie fragten: "Wohnt hier Iwan Iwanowitsch?"
"Nein", sagte ich, "der wohnt ein Stockwerk höher". Das war der glücklichste
Tag in meinem Leben.
Ich hatte kein solches Glück.
gelte.

Ich war kaum eingeschlafen, als es klin-

Es klingelte so beharrlich, daß meine ganze Familie aufwachte.

ich hinter der geschlossenen Tür fragte, was los sei, hörte ich nur:
machen, Miliz".
schlagen.

Ich protestierte laut.

Mein Nachbar beschwerte sich.

Als
"Auf-

Aber sie fingen an, gegen die Tür zu
Die Kinder fingen an zu weinen.

�zu weinen.

Ehe die Miliz die Tür ganz einschlug, öffnete ich.

Sie kamen mit vier Mann herein: ein Zivilist und drei Milizsoldaten.
Eine"hatte ein Brecheisen.

Der Zivilist teilte mir mit, daß der Kriegszu-

stand ausgerufen worden sei und ich deshalb unter Arrest stünde.

Ich fragte,

wer Polen angegriffen habe.

Ich fand heraus, daß die Sicherheitskräfte das

eigene Land besetzt hatten.

Meine Frau verlangte von dem Zivilisten einen

Ausweis.

Er schwenkte ein Stück Papier in der Luft herum, ließ es uns aber

nicht lesen.

Vielleicht hatte er Angst, daß er später zur Verantwortung ge-

zogen werden könnte.

Er zeigte mir einen Haftbefehl, aus dem ich entnahm,

daß ich nach Wloclawek transportiert werden sollte.
nenden Kinder zu beruhigen.

Ich versuchte,meine wei-

Dann bat ich meine Frau um ein Glas Wasser.

Ich

zog die ältesten Kleider an, denn ich dachte, wenn ich erschossen werden
sollte, dann sollten wenigstens keine guten Sachen ruiniert werden.

Im Be-

mühen, meine Liebsten zu beruhigen, brachte ich sie erst recht zur Verzweiflung.
Ich verabschiedete mich von meiner Familie und wurde zu einem Milizauto eskortiert, das auf der anderen Straßenseite parkte.
(Nach einigen Stunden in einem Milizgefängnis wurde der Autor dieses
Berichtes zusammen mit anderen Mitgliedern der Solidarität mit einem Lastwagen in ein Internierungslager auf dem Lande gebracht.)
Wir kamen in ein einstöckiges Gebäude. Der Wärter öffnete die dritte
Zelle auf der linken Seite. Gott sei Dank sah ich einige meiner Kollegen.
Selbst im Gefängnis kann man sich über etwas freuen. Die Zelle übertraf jedoch meine schlimmsten Erwartungen. Der Raum hatte drei Meter auf zweieinhalb Meter mit eisernen Bettstellen übereinander. In der Ecke ein offenes
klo. Man schämt sich, es zu benutzen. Es stinkt fürchterlich, wie eine
Jauchegrube.
Natürlich ist das Klo verstopft. Eine Scheibe im Fenster ist zerbrochen; es ist fürchterlich kalt. Auf den Bettgestellen liegen alte drecki- 2 -

�alte dreckige Strohsäcke, deren schmutziger Inhalt herauskommt, wenn man sie
nur anfaßt, gibt es Wolken von Staub.
Ich war so steif gefroren, daß ich mich nicht hinsetzen konnte.

In

der Zelle im Milizgefängnis war ich schon eiskalt geworden,und seither konnte
ich mich nicht mehr aufwärmen.

Meine Kollegen legten sich einfach auf die

schmutzigen Strohsäcke und schliefen ein.

Ich versuchte es auch.

Ich legte

mich mit Mantel und Mütze hin, aber mir war so kalt, daß ich einfach nicht
einschlafen konnte.
Nach zwei oder drei Stunden kam ein Wärter herein und jagte uns heraus.
Er blieb immer schön hinter uns.
Wir kamen in Block 5. Die Zelle war etwas größer, etwa dreieinhalb
mal fünf Meter, darin vier doppelstöckige Betten mit alten Decken, wie sie
in Auschwitz gewesen sein mögen. Der Heizkörper unter dem vergitterten
Fenster schien nicht ganz kalt zu sein. Ich nahm mir ein oberes Bett, um
nicht allen Staub in die Augen zu bekommen. Das Klo war bald voll mit Exkrementen und verstopft, und wir hatten nichts, um den Abfluß freizumachen.
Der Wärter erklärte uns, im Gefängnis sei jeder sein eigener Klempner und das
einzige Werkzeug, das man brauche, sei der Arm.
Während des ganzen 13. Dezember haben wir nichts gegessen. Am Abend
wurden Teller, Schüsseln, Tassen und Löffel aus Metall ausgegeben. Schließlich sollten wir um neun Uhr herum unsere erste Mahlzeit bekommen.
Der Wärter öffnete die Zellentür und befahl uns, in den Gang herauszutreten.

Dort standen zwei große Töpfe,und die Kalfakter gaben uns unter Auf-

sicht der Wärter unsere Rationen.

Aus dem einen Topf gab es mit einem Holz-

schöpfer graue, kalte Kartoffeln, über die aus dem anderen Topf salziges
Wasser geleert wurde.

Wir waren sehr hungrig, aber diesen "Auschwitz-Fraß"

brachten wir nicht hinunter.
Nach dieser

�Nach dieser "Mahlzeit" bekamen wir jeder zwei Laken und eine Decke.
Die Laken müssen früher einmal weiß gewesen sein, jetzt waren sie grau mit
braunen Streifen.
Es
kremente.

Die Decken stanken erbärmlich.

war in der Zelle kaum auszuhalten.

Die Kloschüssel war voller Ex-

Dazu kam noch der typische Gefängnisgestank. Es stank nicht nur,

sondern die Luft war feucht und überall war Dreck.
sich, die Zelle zu lüften.

Meine Kollegen weigerten

Sie meinten, es sei noch niemand erstunken, aber

die Kälte habe die Armee Napoleons besiegt.
Man kann sich an den Gestank gewöhnen.

Vielleicht hatten sie recht.

Wenn der Geruchssinn so massiv an-

gegriffen wird, dann streikt er einfach.
Die Zelle ist mit Riegeln und einem "Schloß" versperrt.

Vor zehn

Uhr morgens befiehlt uns der Wärter, unsere Kleider und unsere Schuhe in
dem vorgeschriebenen "Würfel" vor der Tür aufzuschichten; soviele Würfel,
soviele Zelleninsassen.
Nachts macht

der Wärter alle halbe Stunde das Licht in der Zelle an

und wirft einen Blick durch den Spion in der Tür.

Am Morgen werden wir mit

Geschrei aufgeweckt,und das Licht wird angedreht.

Wir können das Licht weder

an- noch ausmachen, da sich der Schalter draußen im Gang befindet.
Um acht Uhr morgens werden die Zellentüren geöffnet,und wir stellen
uns mit unseren Schüsseln auf.

Das Küchenpersonal verteilt Milchsuppe und

eine Flüssigkeit, die als Kaffee bezeichnet wird; ferner gibt es Brot und
Schweineschmalz.
Zum Mittagessen gibt es zwei "Gerichte" - das eine erinnert an Suppe,
das andere an eine Wiederholung der "Auschwitz-Kartoffeln" vom ersten Abend.
Zum Abendessen gibt es Ersatzkaffee ohne Zucker und etwas Brot und Schweineschmalz von unserer täglichen Ration.
folge vom Vortag.

Jeden Tag wiederholt sich die Speise-

Wir erhalten zwar etwas Kohlehydrate und Fett, aber es be-

steht ein völliger Mangel an Eiweiß und Vitaminen.

Und bald begannen wir

unter Vitaminmangel und Muskelschwund zu leiden.
Der Lautsprecher
- 4 -

�Der Lautsprecher ist nicht aus der Zelle entfernt worden.
zu Zeit kommen Nachrichten.

Von Zeit

Der "Lautsprecher" des Regimes ermöglicht es

uns, Folgerungen zu ziehen, die den Absichten der Sendungen völlig widersprechen.

So bedeutet beispielsweise der Ausdruck "zehnter Versorgungsgrad",

daß die meisten Fabriken streiken.
Am 14. Dezember wurde die Zelle geöffnet»und die Wärter erlaubten uns
unseren ersten Freigang.

Auch die Zellenfenster wurden geöffnet,und die

Insassen von Block 5 gr ßten uns mit einem Lächeln.

Mit der Zeit fanden wir

heraus, wer auf der anderen Seite des Ganges eingesperrt war.
Später stattete uns der Lagerkommandant in Begleitung einiger untergeordneter Chargen einen Besuch ab. Er befahl uns aufzustehen,und auf seinen wiederholten Befehl taten wir dies auch. Er beschuldigte uns eines Mangels an Höflichkeit, denn, so erklärte er, man empfange einen Gast stehend.
Darauf erwiderte einer der Insassen: "Zunächst einmal sind wir nicht zuhause und zweitens sind Sie nicht unser Gast." Das verwirrte ihn etwas,
denn so spricht man hier nicht mit Vorgesetzten.
Der Oberst teilte uns mit, daß in Polen das Kriegsrecht eingeführt
worden sei und keine internationalen Gesetze mehr für uns gelten würden.
Das klang düster. Wir waren Gefangene ohne jede Rechte,und wir waren der
Willkür unserer Schergen ausgeliefert. Sie konnten uns zusammenschlagen
oder uns moralisch oder körperlich foltern. Was uns anging, so war alles
möglich.
Am nächsten Tag hatten wir wieder Frei gang. Dieses Mal mußten wir am
Ende des Blocks in einem Kreis gehen, um nicht mit den Insassen der anderen
Zellen Kontakt aufnehmen zu können. Wir liefen um ein schneebedecktes Blumenbeet,und um uns herum war eine dichte Postenkette mit Hunden.
Ich zählte die Stacheldrahtzäune um das Lager
wir uns hinter einer fünffachen Umzäunung befanden.

und fand heraus, daß
Zwischen dem ersten

und zweiten Zaun Fotozellen; zwischen dem dritten und vierten freilaufende
- 5 -

�vierten freilaufende Schäferhunde.
türmen.

Der letzte Zaun war eine Mauer mit Wach-

Darüber hinaus waren die Zäune mit Querzäunen verbunden, die den Raum

in Sektoren aufteilten.

Auschwitz war nichts dagegen.

Unsere Burschen kön-

nen es noch besser.
Am 16. Dezember beschlossen wir, der vor elf Jahren in
deten zu gedenken.

Danzig Ermor-

Wir standen in zwei Reihen vor dem Block,und einer von uns

sagte, wir sollten der Toten durch eine Schweigeminute gedenken.
sphäre war sehr feierlich.

Die Atmo-

Irgendwie fühlten wir uns in der Tradition der

Helden von vor elf Jahren.
Mit der Zeit nahmen wir Kontakt zu den anderen Zellen auf.
eine Namensliste der in Block 5 Inhaftierten an.
Liste mit 150 Namen.

Wir legten

Heute erhielt ich eine

Der Block hat 42 Zellen mit je acht Betten.

Einige

Zellen sind leer wahrscheinlich mit Absicht, um den Kontakt zu erschweren.
Wir stellen die Listen der Internierten nach den Regionen auf, aus denen sie
kommen.
Ich habe eine Liste von Solidaritätsmitgliedern aus den Regionen Plock,
Wloclawek, Konin und Krakau aufgestellt.

Unsere Statistiken zeigten, daß wir

am 20. Dezember 231 Personen waren, von denen sich 186 in Block 5 und 45 im
Transitblock befanden.
Am 17. Dezember teilte der "Lautsprecher" mit, daß während der Befriedungsaktion auf der Zeche Wujek sieben Menschen getötet wurden.
Die polnische Armee hat noch niemals einer ausländischen Macht zur Eroberung des Landes gedient. Zum ersten Mal in der Geschichte hat sie ihre
Dienste dem Feind zur Verfügung gestellt und die Ehre des polnischen Soldaten
besudelt.
Wir wollten eine weitere Schweigeminute zu Ehren dieser Toten abhalten.
Wir schnitten mit der geschärften Kante eines Löffels Stoffbänder von einem

- 6 -

�von einem Lumpen ab, schwärzten sie mit Schuhwichse und legten sie als Armbinden an. An diesem Tag erhielten wir jedoch keinen Frei gang.

Der wurde

gestrichen.
Deshalb beschlossen wir, daß um 21.15 Uhr der gesamte Block bei offenem
Fenster die Nationalhymne singen werde.

Das ganze Gebäude erzitterte unter

dem Klang unserer Stimmen,und dieses Mal trauten sich die Wärter nicht einzugreifen.
Als Protestzeichen beschlossen wir, unsere gefalteten Kleider am Abend
nicht in den Gang herauszulegen. Gleichzeitig suchten wir nach erfolgreicheren
Formen des Protestes,und einige schlugen einen Hungerstreik vor. Zu dieser
Zeit waren zwei Mann bereits im Hungerstreik. Die Wärter antworteten auf
diese Mitteilung nur mit den Worten: "Wenn einer steif wird, legt ihn heraus".
Medizinische Versorgung gab es überhaupt nicht. Als jedoch nach einer Woche
einer der Hungerstreiker ohnmächtig wurde, wurde er in eine Einzelzelle verlegt. Die älteren Insassen rieten von einem Massenhungerstreik ab, denn dieser, so sagten sie, würde nur unsere Gesundheit ruinieren. Wir sollten durch
passiven Widerstand protestieren. Wenn alles nichts helfe, dann könnten wir
noch immer in einen Hungerstreik treten, aber dann alle gleichzeitig.
Am 19. Dezember durften wir uns in einem Duschraum waschen.

Wir zogen

uns in einem bestialisch kalten Vorraum aus und gingen unter die Duschen.
Das Wasser war einmal kalt und einmal warm.
meine Unterhosen.

Ich wusch schnell mein Hemd und

Es blieb keine Zeit, sich richtig

zu waschen, denn das

Wasser lief nur wenige Minuten.
Mit der Zeit wurden Leute aus dem Gefängnis entlassen, aber wir wußten
nicht, ob sie heim durften oder in eine andere Strafanstalt verbracht wurden.
Jetzt begann die Sicherheitspolizei ihre Arbeit in unserem Block.
Insasse nach dem anderen wurde verhört.

Ein

Sie boten eine Erklärung zur Unter-

zeichnung an, in der die Loyalität zu Volkspolen versprochen werden mußte.
Manche unterzeichneten, manche nicht.
. 7 _

Wir erfuhren,

�Wir erfuhren, daß die Zellen durchsucht werden sollten.
teten unsere Korrespondenz.

Wir vernich-

Dieses "Filzen" der Zellen wird vorgenommen,

wenn die Insassen unter der Dusche oder in eine leere Zelle verlegt worden
sind.
Der erste Besuch unserer engsten Familienangehörigen fand am Weihnachtsabend statt und zwar in dem Block, in dem sich Kriminelle in Untersuchungshaft befinden.

Alles war voller Wärter und Milizsoldaten.

genen und Besucher saß ein Milizaufseher.

Bei jedem Gefan-

Trotz der Anwesenheit der "Staats-

macht" versuchten wir,so viele Informationen wie möglich über die Lebensbedingungen im Gefängnis nach draußen zu vermitteln.
fuhren wir, was draußen los war.

Auf der anderen Seite er-

Wir schrieben diese Mitteilungen auf win-

zige Papierstückchen und tauschten sie auf nur uns bekannte Weise unter den
Zellen aus.
Nach den Informationen, die wir im Gefängnis erhielten, bereiteten die
Partei und die Militärregierung eine umfassende Aktion gegen die Solidarität
vor.
Vertreter der Gewerkschaft wurden jeder Arbeitsmöglichkeit und der Arbeitslosenunterstützung beraubt. Sie sollten zum Verhungern verurteilt werden. Aktivisten wie auch aus den Gefängnissen Entlassene erhielten trotz
der angeblichen Amnestie keine Arbeit,oder es wurden ihnen anderswo schlechtere Arbeitsplätze angeboten. Seit die Vergebung der Sünden von vor dem 13.
Dezember verkündet wurde, litt das Land unter Terror und Unterdrückung. Die
Freigelassenen müssen sich alle paar Tage bei der Polizei melden. Sie werden
einige Stunden festgehalten,und man erklärt ihnen die gegenwärtige Lage, man
spricht über die angebliche Rolle der Solidarität und über die Zukunft des
Landes. Und immer wieder erwähnen die Polizisten die Tätigkeiten des Mannes
vor dem 13. Dezember. Es ist nicht schwer herauszufinden, was sie wirklich
wollen. Diese Verhöre schaffen ein ständiges Gefühl der Bedrohung. Vielleicht will man gerade eine solche Psychose hervorrufen. Vielleicht will
man die Menschen einschüchtern, schwächen, verstören, daß ihnen keine Willens-

- 8 -

�keine Willenskraft mehr bleibt, irgendwelche Aktionen zu unternehmen.
Behörden haben alle Rechte, die Bürger keine.

Die

Das Gesetz, auf das sich die

Militärs berufen, ist nichts weiter als die Gesetzlosigkeit der Nazis oder
des NKWD.

Die Opfer werden außerhalb des Rechts gestellt und können ihre

Rechte nicht geltend machen.

Kann ein solcher Zustand lange andauern?

Wir haben mit Freude erfahren, daß Mitglieder der Solidarität dieser
Verhaftung entkamen, materielle Hilfe für die Familien der Internierten und
der Arbeitslosen organisieren.
Rolle.

Die Kirche spielt dabei eine unschätzbare

Unter den vom Regime geschaffenen schwierigen Verhältnissen werden

die zwischenmenschlichen Beziehungen in unserer Gesellschaft immer enger.
Die Versuche der Behörden, die Nation zu spalten, haben genau die entgegengesetzte Wirkung.

Das hilft, mit Hoffnung auf die Zukunft der Solidarität

zu blicken.
Unsere Gewerkschaft wird auch im Untergrund weiter arbeiten.

Die

Spreu wird vom Weizen getrennt,und die Besten werden einen Block bilden, der
unbesiegbar sein wird.

+ + + + +

- 9 -

�</text>
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