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und
Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

24. November 1982

46/A

INHALT

DOKUMENTATION
USA zu Neuregelung des Verhältnisses zur UdSSR bereit
- Pressekonferenz des US-Außenministers vom 18. November 1982 Die amerikanische Abschreckungsstrategie als Friedensstrategie
- Brief des Sicherheitsbeauftragten des Präsidenten an die
Amerikanische Bischofskonferenz INFORMATION
Donald Hodel - neuer amerikanischer Energieminister
WIRTSCHAFT
Beryl Sprinkel:

Wirtschaftsprogramm der Reagan-Administration

wird weiterverfolgt
- "Wall Street Week"-Interview mit Finanzstaatssekretär (Auszüge)
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Rehabilitation
- Hilfe zur Selbsthilfe und zu weniger Abhängigkeit -

Um Übei/endung von
ßeleQCKcmplarcn
uiifd gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�46

24. November 1982

USA ZU NEUREGELUNG DES VERHÄLTNISSES ZUR UDSSR BEREIT
Pressekonferenz des US-Außenministers vom 18. November 1982 -

WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister George Shultz hat
auf einer Pressekonferenz am 18. November 1982 betont, daß die Vereinigten
Staaten bereit seien, die Probleme mit der Sowjetunion zu lösen, daß sie jedoch eine Änderung des sowjetischen Verhaltens in wichtigen Fragen als Beweis
dafür erwarteten, daß auch Moskau an besseren Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten interessiert sei. Man erwarte nicht nur Worte, sondern auch Taten.
Die Pressekonferenz des amerikanischen Außenministers hat - mit wenigen
Auslassungen innenpolitisch orientierter Fragen - folgenden Wortlaut:
FRAGE: Nachdem jetzt in der Sowjetunion eine neue Führung angetreten
ist und Sie mit dem neuen Führer, Jurij Andropow, zusammengetroffen sind,
können Sie uns etwas über die Chancen für verbesserte amerikanisch-sowjetische
Beziehungen sagen und sich zu unserer Strategie im Umgang mit Moskau in der
Nach-Breschnewära äußern?
ANTWORT: Erstens,

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D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�I

ANTWORT:

Erstens, ich glaube, es ist wichtig, darauf hinzuweisen,

daß wir auch bisher eine Politik gegenüber der Sowjetunion hatten.

Diese Po-

litik ist richtig und wird auch weiterhin richtig sein.
Diese Politik ist zunächst einmal realistisch bezüglich dessen, was sich
hinsichtlich der militärischen Kapazität, deren Anwendung, der Menschenrechtsaspekte und anderer Dinge abspielt.
Zweitens, sie ist sich der Bedeutung unserer eigenen Stärke und der
Stärke unseres Bündnisses angesichts des sowjetischen Verhaltens völlig bewußt.
Drittens, wir sind immer bereit, an Problemen zu arbeiten und zu versuchen, Probleme zu lösen.

Die Vereinigten Staaten standen immer an der Spitze,

wenn es darum ging, zu einer Lösung der vielen Probleme in der Welt beizutragen.
Und schließlich wissen wir, daß Chancen für eine bessere Welt bestehen,
wenn Probleme gelöst werden können.
Mit dem Antreten einer neuen Führung in der Sowjetunion hat der Präsident eine Reihe von Erklärungen abgegeben, die, so möchte ich sagen, den dritten
Punkt in dieser Reihe besonders unterstreichen. Aber ich glaube, wir dürfen
nicht vergessen, daß es die ganze Reihe von Punkten gibt. Wir sind bereit, Probleme zu lösen, an Problemen zu arbeiten, aber wir sind auch weiterhin realistisch
bezüglich der Dinge, um die es bei der Lösung von Problemen geht; was wir erwarten, sind nicht einfach Worte, sondern Taten, und das wird unsere Haltung sein.
FRAGE: Herr Außenminister, was würden Sie bezüglich eines bedeutungsvollen Signals der neuen Führung im Kreml, zu einem deutlichen Signal in Richtung einer Erleichterung der Beziehungen sagen?
ANTWORT:

Immer und überall höre ich das Wort "Signal".

Das fängt bei

kleinen Dingen an, die die Art und Weise berühren, wie man behandelt wird und ich möchte sagen, daß der Vizepräsident und ich und Botschafter Hartman
während unseres kurzen Besuches in der Sowjetunion mit großer Höflichkeit be- 2 -

�Höflichkeit behandelt wurden.
und vielleicht ist es eines.

Es gibt Leute, die sagen, dies sei ein Signal,
Aber ich meine, die Dinge, die wir nach all den

Signalen wirklich erwarten, ist eine wesentliche Änderung im Verhalten in
wichtigen Fragen.
Wir führen derzeit aktive Verhandlungen über RüstungsVerringerungen in
Genf und in Wien.

Wir führen zusammen mit unseren europäischen Verbündeten in

Madrid aktive Diskussionen mit der Sowjetunion und mit anderen.

Es gibt also

zwei oder drei Rahmen, innerhalb derer derzeit Gespräche stattfinden und wo
wir eine Bewegung nach vorne begrüßen würden.
Das sind also die Dinge, die wir gerne erleben möchten. Signale sind
schön und gut, und Hinweise, daß Leute bereit sind, sich an den Tisch zu setzen und ernsthaft zu verhandeln,sind schön und gut, und wir haben selbst solche Signale gegeben. Wenn die Dinge jetzt weitergehen, dann werden wir - wie
ich meine - nach sachlichen Antworten Ausschau halten.
FRAGE:

Würden Sie innerhalb der absehbaren Zukunft - Sie sprechen von

Zusammenkünften und an den Tisch setzen - irgendeine Art Gipfelkonferenz erwarten?
ANTWORT: Der Präsident ist immer zu einem Gipfeltreffen bereit gewesen,
wenn durch ein solches Treffen wirklich etwas erreicht werden kann. Ein Treffen um eines Treffens willen bringt im Grunde nichts. Es muß, wie ich meine,
eine Aussicht auf echte positive Ergebnisse bestehen. Das ist der Standpunkt
des Präsidenten gewesen und ist sein Standpunkt auch heute.
FRAGE:

Könnten Sie etwas näher umreißen, welche Schritte die Vereinigten

Staaten von der Sowjetunion in den Foren erwarten, die Sie gerade erwähnt haben,
oder anderswo, bevor verbesserte Beziehungen eintreten können, und welche spezifischen Schritte die Vereinigten Staaten zu unternehmen bereit wären, um die
Beziehungen zu verbessern.
ANTWORT:

Was

�ANTWORT:

Was die Einzelheiten der Schritte angeht» so werden wir unsere

Verhandlungen natürlich in jenen Foren führen.

Aber wenn man in Verhandlungen

begriffen ist, dann ist selbstverständlich der Prozeß des Gebens und Nehmens
etwas, das was man erwartet und spürt. Wir würden auf solche Zeichen und diese Art von Bewegung warten, aber ich möchte nicht versuchen, auf irgendeinen
bestimmten Punkt näher einzugehen.
FRAGE:

Herr Außenminister, verschiedene sowjetische Sprecher haben am

letzten Wochenende behauptet, die Vereinigten Staaten benützten den Handel
als politische Waffe. Sind Sie der Meinung, daß die Vereinigten Staaten dies
getan haben?

Sind Sie der Meinung, daß die Vereinigten Staaten den Handel

als Teil eines größeren politischen Bildes betrachten, und können Sie sich den
Handel losgelöst von der Politik denken?
ANTWORT: Wir müssen unsere Beziehungen zur Sowjetunion in all ihren
Dimensionen sehen, wie Sie wissen, und wenn sie auch nicht alle eng miteinander verflochten sind, so stehen sie doch sicherlich in einer Beziehung zueinander.

Die Sanktionen gegen die Rohrleitung waren ein Punkt.

Und irgend-

wie gehört dieser Punkt zur politischen Dimension einer wirtschaftlichen Beziehung.

Und in den Gesprächen mit unseren Freunden in Europa und Japan haben wir

uns genau mit diesem Punkt befaßt, um zu sehen, ob wir einen besseren strategischen Sinn in unseren wirtschaftlichen Beziehungen zur Sowjetunion und ihren
Satelliten entwickeln können - und ich glaube, wir können das, und wir sind
auf dem besten Wege, es zu tun.
Das bedeutet nicht, daß der gesamte Handel einer solchen Art von Überprüfung unterliegt, aber in bestimmten kritischen Kategorien und Aspekten glauben wir, daß es sein muß.
FRAGE:

Diesen Monat reisen Sie mit Präsident Reagan in ein Gebiet vol-

ler finanzieller Probleme und Krisen.

Ich frage mich, an was Sie denken, was

die Situation nach Ihrem Besuch erleichtern könnte?
ANTWORT:

Das

�ANTWORT:

Das Gebiet von Süd- und Mittel amenka ist nicht nur voller

Probleme wie die meisten Gebiete der Welt, sondern es ist auch voller Chancen,
voller Menschen, und es liegt in unserer Nachbarschaft.

Ich bin sicher, was

der Präsident unterstreichen und unterstützen möchte, wenn er durch diese Länder reist, ist die Unterstützung der Idee der Demokratie, die Unterstützung
frei gewählter Regierungen und die Unterstützung wirtschaftlicher Entwicklungen.

Wie Sie wissen, haben wir versucht, hilfreich zu sein,und sind in ei-

nigen der finanziellen Schwierigkeiten, die Sie erwähnt haben, hilfreich gewesen, und vor allem auf dem Gebiet des Friedens und der Sicherheit, auf dem
wir große Anstrengungen unternommen haben.
Ich halte es für bemerkenswert, daß unsere Hemisphäre im Vergleich zu anderen Teilen der Welt über einen langen Zeitraum hinweg ausgesprochen friedlich war, und das war ein sehr wichtiger und nützlicher Faktor in der Entwicklung der Vereinigten Staaten und der Entwicklung anderer Länder unserer Hemisphäre. Das ist etwas Wichtiges und Lohnendes, was wir auch in Zukunft
unterstützen werden.
FRAGE: Herr Außenminister, werden Sie dem Präsidenten raten, als ein
Mittel zur Erleichterung einiger ihrer diplomatischen Probleme sowohl mit den
Europäern als auch mit der Sowjetunion den Zuwachs der Verteidigungsausgaben
zu kürzen?
ANTWORT: Sicherlich nicht. Ich halte es für ganz wesentlich, daß wir
die Stärke unserer Verteidigungsposition aufrechterhalten. Das bedeutet natürlich, daß wir unseren Verteidigungshaushalt überprüfen müssen. Dort braucht
es keine unnötigen Ausgaben und all das zu geben. Aber ich halte es für wesentlich, daß wir die Stärke unserer Verteidigungsposition aufrechterhalten,
wie sie der Präsident angesetzt hat.
FRAGE:

Herr Außenminister, könnten Sie uns etwas sagen, wie Sie die

jüngsten diplomatischen Kontakte zwischen der Sowjetunion und China beurteilen?
ANTWORT:

Natürlich

�ANTWORT:

Natürlich haben diese Entwicklungen stattgefunden.

sie beobachtet und darüber gelesen.

Wir haben

Ich bin natürlich nicht eingeweiht und

weiß auch nicht genau, was vorgeht.
Ich kenne einige der Besorgnisse, die die Chinesen haben.

Sie sind be-

sorgt über die sowjetische Präsenz in Afghanistan und haben dies zum Ausdruck
gebracht.

Sie sind besorgt über das Verhalten der sowjetischen Stellvertreter-

staaten Vietnam und Kampuchea.
FRAGE:

Herr Außenminister, in Beantwortung einer früheren Frage schienen

Sie einige Hoffnung zum Ausdruck zu bringen, daß irgendwann
vereinbart werden könnte.
ANTWORT:

ein Gipfeltreffen

Möchten Sie sagen, daß das jetzt verfrüht wäre?

Die Diskussion über ein Gipfeltreffen ist irgendwie aus der

Luft gegriffen, so wie ich es sehe.

Es hat keine direkten Gespräche mit sowje-

tischen Vertretern gegeben, von denen ich wüßte.

Es kam in meinen Gesprächen

mit Außenminister Gromyko in New York nicht zur Sprache, die vor einigen Monaten
stattgefunden haben, und es kam nicht zur Sprache in den Treffen des Vizepräsidenten mit Andropow.
Das heißt nicht ja, und das heißt nicht nein, und das ist genau das, was
ich gesagt habe.

Wenn etwas Positives und Konstruktives erreicht werden kann,

dann ist der Präsident immer bereit, aber es liegt ihm nichts an einer Reise
oder an einem Treffen um einer Reise oder eines Treffens willen.
FRAGE: Gelten diese gleichen Kriterien auch für Ihre eigenen Treffen mit
Außenminister Gromyko, und haben Sie für die nahe Zukunft schon Zusammenkünfte
geplant?
ANTWORT:

Wir haben für die nahe Zukunft keine Treffen geplant, aber es

ist immer vorstellbar, daß eines stattfinden könnte.
FRAGE:

Herr Außenminister, um noch einmal auf die Frage des Handels mit

der Sowjetunion zurückzukommen:

Sehen Sie die Möglichkeit, daß ein freierer
- 6 -

�ein freierer Handel mit den Vereinigten Staaten die Sowjetunion dazu bringen
könnte, sich in einer Weise zu verhalten, wie Sie es gerne hätten - und wie
dies von bisherigen Administrationen auch angedeutet wurde?
ANTWORT:

Ich glaube, es lohnt sich nicht, an diese Dinge im Sinne des

Dies-Für-Das heranzugehen.

Man muß das Gesamtbild der Beziehungen sehen, in

seiner ganzen Kompliziertheit und in seiner ganzen Wechselseitigkeit, mit seinen vielen wichtigen Dimensionen.
FRAGE:

Handel ist davon eine, aber eben nur eine.

Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion scheinen derzeit das

auszutauschen, was man vielleicht als versöhnliche "Stimmungsmusik" bezeichnen
könnte, wobei jede Seite darauf wartet, daß die andere bestimmte Schritte unternimmt.

Wie lange kann man einfach nur Musik machen?

ANTWORT:

Wir müssen sehen, was sich ergibt.

Ich war ja bei dem Begräbnis

und stand 2 1/2 Stunden lang auf dem Roten Platz und sah, was da vorging.

Na-

türlich gibt es diese Stimmungsmusik, auf die sich jeder zu konzentrieren
scheint - insbesondere auf die Erklärungen des Präsidenten und die Erklärungen
der anderen Seite.
Aber es gibt auch andere "Stimmungsmusik".
rend.

Und die war ziemlich schockie-

Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen das Begräbnis am Fernsehen sahen,

aber nachdem Breschnew beerdigt war und die Mitglieder des Politbüros wieder
auf ihrer Tribüne standen, da war es so, als habe jemand an einem Schalter gedreht,
denn plötzlich erklang kämpferische Musik, und es gab einen langen Truppenaufmarsch.

Ich dachte, dies war auch "Stimmungsmusik".

Da haben wir wieder alle diese Dimensionen, und wir müssen an die militärische Stärke der anderen denken und daran, daß wir nicht zulassen, daß das,
was Sie vielleicht ganz angemessen als "Stimmungsmusik" bezeichneten, uns
täuscht und uns unsere Überzeugung raubt, daß wir das Notwendige für unsere eigene Verteidigung tun müssen.
FRAGE:
- 7 -

Es kommen

�FRAGE:

Es kommen derzeit aus dem Nahen Osten Berichte darüber, daß

die PLO gegenseitige Anerkennung mit Israel sucht und die Vereinigten Staaten
eine Rolle der PLO in dem Friedensprozeß akzeptieren sollten, sei es eine unabhängige Rolle oder im Rahmen einer arabischen Delegation.

Glauben Sie, daß

eine gegenseitige Anerkennung seitens der PLO ein Schritt vorwärts ist? Und
würden die Vereinigten Staaten in dem Verhandlungsprozeß einen Platz der PLO
unterstützen?
ANTWORT:

Die Position der Vereinigten Staaten wurde oft genug von Prä-

sident Reagan klargestellt, auch in seiner jüngsten Erklärung vor der Presse
und in direkten privaten Gesprächen mit vielen Leuten, und sie bleibt die
gleiche.

Die Vereinigten Staaten werden keine direkten Gespräche mit der Füh-

rung der PLO haben, solange diese nicht das Existenzrecht Israels anerkennt
und nicht die Resolutionen des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen als
Grundlage für Verhandlungen akzeptiert.
Was die Haltung Israels hinsichtlich der PLO angeht, so spreche ich nicht
für Israel.

Israel spricht für sich selbst.

FRAGE: Herr Außenminister, könnten Sie uns Ihre Einschätzung der gegenwärtigen Anstrengungen geben, die ausländischen Streitkräfte aus dem Libanon
abzuziehen? Ist es noch realistisch, zu erwarten, daß dies noch bis zum Ende
dieses Jahres geschehen könnte?
ANTWORT: Wir wünschen und arbeiten an einem raschen Abzug aller ausländischen Streitkräfte. Die Gespräche hierüber und die Ausarbeitung eines funktionsfähigen Plans fanden eine Menge Aufmerksamkeit. All dies geht nicht so
rasch, wie wir es gerne hätten, aber es hat bereits eine Reihe von Gesprächen
gegeben, und ich glaube, die Konzeption steht. Wir drängen auf einen möglichst
raschen Abzug aller ausländischen Streitkräfte, damit der Libanon wieder zu
einem Land wird, das die Kontrolle über sich selbst erhält und dies auf der
Grundlage der Versöhnung der verschiedenen religiösen Gruppen tut und dadurch
wieder die Fähigkeit bekommt, sich selbst zu regieren.
Noch einmal:
- 8 -

�Noch einmal:
FRAGE:

Es wird nicht leicht sein, aber wir arbeiten daran.

Haben Sie nicht auch den Eindruck, daß eine der Schwierigkeiten

in dem israelischen Wunsch nach einer politischen Komponente der Lösung des
Problems zu sehen ist?
ANTWORT:

Wie sieht hier die amerikanische Position aus?

Da gab es zunächst den Gedanken eines Friedensvertrages.

Wir sind der Meinung, daß Friedensverträge zwischen Israel und seinen Nachbarn höchst wünschenswert sind.

Darum geht es ja letztlich überhaupt beim

Friedensprozeß.
Andererseits muß ein Friedensvertrag, um überhaupt etwas zu bedeuten,
freiwillig von einem Land ausgehandelt werden, das auch die Chance hatte, im
Innern einen Konsens hierüber zu entwickeln.
Unsere Position ist, daß es noch verfrüht wäre, den Libanon zu einem
solchen Vertrag oder zu etwas Gleichwertigem zu drängen.

Dies wäre einfach

keine realistische Position.
Um noch einmal zu meiner Ausgangserklärung zurückzukommen: Unsere^Meinung nach ist ein Zustand des Friedens und der normalen Beziehungen zwischen
allen Staaten des Nahen Ostens höchst wünschenswert, und hierum geht es bei
den Friedensbemühungen letztlich.
FRAGE:

Herr Außenminister, als Sie über die speziellen Schritte sprachen,

die die Sowjets ergreifen könnten, nannten Sie die beiden Rüstungskontroll Verhandlungen in Genf, die MBFR-Gespräche in Wien und die KSZE-Konferenz in Madrid.
Sie haben nicht die Regionalthemen erwähnt, die in der Vergangenheit auf Ihrer
Wunschliste standen.
ANTWORT:

Sie stehen auf der Liste der Dinge, die uns beschäftigen.

Aber

wir führen mit den Sowjets keine Gespräche etwa über Afghanistan.
Außer den Gesprächen mit ihrer Führung haben wir keine anderen direkten

�anderen direkten Kontakte, es gibt sonst nichts an Verhandlungen von der Art
wie Genf.

Deshalb habe ich dazu auch nichts gesagt.

FRAGE:

Aber hätte ein sowjetischer Rückzug aus Afghanistan nicht Kon-

sequenzen - ich möchte ungern das Wort "Signal" benützen?

Wäre es nicht zu-

mindest ein Zeichen, daß sie an besseren Beziehungen interessiert sind?
ANTWORT:

Das wäre natürlich Teil einer konstruktiven Verhaltensweise.

Würde so etwas passieren, so würde sich das zusammen mit anderem zu einer Möglichkeit verbesserter Beziehungen addieren.
FRAGE:

Wenn die Sowjets ihre Truppen entlang der chinesischen Grenze

verringern würden, wäre dies in Ihren Augen ein negativer oder ein positiver
Schritt?
ANTWORT:

Das ist eine Frage zwischen Chinesen und Russen, ich möchte

hierzu nichts bemerken.
FRAGE:

Herr Außenminister, Sie trafen letzte Woche mit dem ägyptischen

Außenminister zusammen.

Wie sehen Sie die Verschlechterung der Beziehungen

zwischen Ägypten und Israel, und was wollen die Vereinigten Staaten tun, um
dies zu ändern?
ANTWORT: Das Verhältnis zwischen Israel und Ägypten könnte besser sein,
und es gibt auch Zeichen, daß dies möglich ist, vor allem wenn man dies im
Kontext mit Fortschritt in anderen Problemenbereichen des Nahen Ostens sieht
- etwa mit einem Plan für den Abzug aller ausländischen Streitkräfte aus dem
Libanon und Bewegung bei der Friedenssuche insgesamt.
FRAGE: Herr Außenminister, darf ich daran eine Frage anschließen?
Als Khamal Hassan Ali in der vergangenen Woche mit Reportern sprach, erklärte
er, daß seiner Ansicht nach das Siedlungsproblem im Westjordanland so drohende
Konturen annimmt, daß dadurch einige der gemäßigten arabischen Staaten davon
abgehalten würden, sich dem Friedensprozeß anzuschließen. Sind Sie auch
- 10 -

�Sie auch dieser Meinung?
ANTWORT:

Dies ist ganz sicherlich ein großes Hindernis, und, wie ich

schon zuvor sagte, halte ich dies in keiner Weise für konstruktiv, um den Friedensprozeß voranzubringen.
Aus meinen Gesprächen mit Vertretern aus all den betroffenen Ländern habe
ich jedoch den Eindruck gewonnen, daß der Friedensprozeß überaus lebendig und
daß man sich im Nahen Osten allgemein darüber im klaren ist, daß der Friede von
entscheidender Bedeutung ist.
Das ist heute jedem klar. Und irgendwie glaube ich, daß wir bei der
Bedeutung eines solchen Zieles, das die Leute anstreben, erreichen wollen und
an das sie glauben, auch in der einen oder anderen Weise einen Weg zur Verwirklichung finden werden, wenn wir uns mit allen Kräften darum bemühen. Aber,
wie schon gesagt, dies ist nicht einfach.
FRAGE: Sie sprechen oft davon, daß es nötig sei, die Leute an einen
Tisch zu bringen. Sind Sie diesem Ziel nähergekommen? Zum Beispiel die
Jordanier?
ANTWORT:

Was heißt denn schon näher?

Ich würde sagen, wir arbeiten

daran, und ich glaube, auf Seiten der arabischen Gemeinschaft sind die Dinge
in diesem Zusammenhang doch sehr in Bewegung geraten.

Dies zeigte sich in

dem Besuch von König Hassan und des ihn begleitenden Ministerpräsidenten.
Ich meine also, daß dies ein echter Fortschritt ist.
FRAGE: Herr Außenminister, erwarten Sie, daß Frankreich sich in Kürze
dem alliierten Abkommen über den Ost-West-Handel anschließen wird, das gerade
ausgearbeitet wird? Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um das zu erreichen?
ANTWORT:

Ich glaube, wir müssen jetzt damit aufhören, dauernd zu fra-

gen, ob denn nun ein Übereinkommen besteht oder nicht.
- 11 -

Wir müssen anfangen,

�müssen anfangen, es auszuführen.
FRAGE:

Herr Außenminister, können Sie sich noch einmal formell mit dem

Vorschlag befassen, den Sie gestern der Organisation Amerikanischer Staaten
(OAS) unterbreitet haben, daß alle ausländischen Militärberater in Mittel amerika und auch diese Länder übereinkommen, keine größeren Offensivwaffen
zu importieren?
ANTWORT:

Aber gewiß,

über diese von den Vereinigten Staaten ausgehen-

den Vorstellungen wurde gestern ja nicht zum ersten Mal gesprochen, und in zunehmendem Maße wird dies diskutiert.
sition.

Ich meine, wir haben da eine gute Po-

Es geht eine Menge Anreiz davon aus, und wir werden auch weiterhin

darüber sprechen.

Aber das ist ja nur ein Weg:

Es gibt noch andere, um in

Mittelamerika ein größeres Gefühl der Stabilität zu entwickeln.

Wenn wir die

von uns angestrebte wirtschaftliche Entwicklung erreichen und das Gefühl der
persönlichen Sicherheit und der Menschlichkeit dort haben, dann wünschen wir
natürlich eine weitaus größere Stabilität in diesem Gebiet, als wir sie jetzt
haben.

Dafür haben wir uns immer eingesetzt.
FRAGE:

Herr Außenminister, noch ein Wort der Klärung, bevor diese

Pressekonferenz beendet ist:

Wollen Sie den Eindruck hinterlassen, daß die

amerikanische Position darin besteht, daß die Sowjets den ersten wesentlichen
Schritt tun müssen, bevor es eine wirkliche Änderung in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen geben kann?
ANTWORT: Wir suchen nach Änderungen des Verhaltens oder nach Anzeichen
einer Bereitschaft, darüber zu sprechen. Wir haben unsere Bereitschaft erklärt, dies zu tun. Ich meine, wenn man auf die Probleme blickt, vor denen
wir stehen, dann sieht man, daß diese Probleme im großen und ganzen von den
Sowjets geschaffen wurden. Was also erforderlich erscheint, ist, daß sie
(die Sowjets) in dieser Hinsicht weniger kreativ sind. Aber wir sind bereit,
darüber zu sprechen und zu versuchen, die Dinge sorgfältig und ernsthaft anzugehen.
+ + + + +

- 12 -

�1I I I I T »

ITTTTJ
46

Dokumentation
United States Information Service
Embassy of the United States of America

24. November 1982

DIE AMERIKANISCHE ABSCHRECKUNGSSTRATEGIE ALS FRIEDENSSTRATEGIE
Brief des Sicherheitsbeauftragten des Präsidenten an die
Amerikanische Bischofskonferenz -

WASHINGTON - (AD) - Der Berater Präsident Reagans für
Fragen der Nationalen Sicherheit, William P. Clark,
erklärte in einem Schreiben vom 16. November 1982
an den Vorsitzenden der Amerikanischen Bischofskonferenz,
den Erzbischof von Cincinnati, Joseph L. Bernardin, die
amerikanische Abschreckungsstrategie sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Verhinderung eines Krieges. Er
versicherte in dem Brief - einer erbetenen Stellungnahme
zu einem vom ad hoc-Ausschuß für Fragen von Krieg und
Frieden erstellten und der Amerikanischen Bischofskonferenz
zugeleiteten zweiten Entwurf zu einem Hirtenbrief an die
Katholiken in den Vereinigten Staaten - die Entscheidungen der amerikanischen Regierung bezüglich der nuklearen
Rüstung und der Verteidigungsposition der USA seien von
moralischen Erwägungen geleitet und so zwingend wie nur
irgendwelche Entscheidungen, vor die sich die Menschheit
je gestellt sah.
Die Amerikanische Bischofskonferenz, die gegenwärtig in
Washington tagt, beschäftigt sich auch mit dem genannten
Entwurf zu einem Hirtenbrief zur Frage der moralischen
Berechtigung der Abschreckung. Die Stellungnahme Clarks,
in der alle, dem genannten Entwurf entnommenen Zitate mit
Anführungszeichen gekennzeichnet sind, hat folgenden
Wortlaut:
Gestatten Sie

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�Gestatten Sie mir, die Gelegenheit zu einer Entgegnung auf die Frage
nach unserer Auffassung zum zweiten Entwurf des Hirtenbriefes, der kürzlich
vom ad hoc-Ausschuß zu Fragen von Krieg und Frieden zur Vorlage bei der
Amerikanischen Bischofskonferenz ausgearbeitet wurde, auch im Namen Präsident
Reagans, Außenminister Shultz, Verteidigungsminister Weinberger, des Direktors
der Abrüstungsbehörde, Rostow, und anderer Angehöriger der Regierung, wahrzunehmen. Ich darf Ihnen versichern, daß wir beide Entwürfe mit großem Interesse
und großer Sorgfalt gelesen haben.
Als Beamte, Bürger und Laien teilen wir das tiefe Interesse an Ihrer
Antwort auf die in dem Briefentwurf aufgeworfene Frage, "ob und wie unsere
religiös-moralischen Traditionen mithelfen können, die Bedrohung abzuschätzen,
zu beurteilen, zu beschränken und möglicherweise zu beseitigen, die die
nuklearen Arsenale der Welt für die Familie des Menschen bedeuten". Wir stellen
fest, daß Sie sich in dem Versuch, diese Frage zu beantworten, auf ein "breites
Spektrum von Beratern unterschiedlicher Auffassungen" stützen, um das Wesen
der WaffenSysteme, der militärischen Doktrinen und Konsequenzen zu untersuchen.
Wir anerkennen die Ernsthaftigkeit und Schwierigkeit der Aufgabe, die Sie sich
selbst gestellt haben, nämlich "gemeinsam mit Vertretern des Staates" zu versuchen, "einen moralischen Kurs für die vielschichtige Debatte über die
staatliche Politik festzulegen". Sicherlich müssen alle bewußt zusammenarbeiten,
wenn wir "in den langfristigen Anstrengungen fortfahren wollen, die notwendig
sind, um die Welt auf dem Weg zu einem stabilen und gesicherten Frieden voranzubringen".
Gerade wegen der Zielsetzungen, die Ihr Ausschuß zu der Zeit zum Ausdruck
brachte, lieferten wir damals, als der erste Entwurf des Hirtenbriefes Anfang
des Jahres zirkuliert wurde, in Erwiderung Ihres Ersuchens eingehende Kommentare.
Abschriften unserer vorausgegangenen Korrespondenz schließe ich zur Kenntnisnahme durch Ihren Ausschuß bei. Wir waren damals der Auffassung, unsere Kommentare
würden vom Ausschuß in Fortführung seiner wichtigen Arbeit vollständig gewürdigt
werden. Wir gingen in unserer Stellungnahme bis in Einzelheiten, weil wir un-

- 2 -

�weil wir uneingeschränkt anerkannten, daß, eben weil diese Fragen sehr vielschichtig sind und ernsthafte moralische Dilemmas berühren, "die Möglichkeit
des Friedens angesichts der bestehenden Hindernisse und der gegen ihn gerichteten Angriffe fortgesetzt geschützt und bewahrt werden muß".
Meines Erachtens stimmen wir darin überein, daß es Zweck jeder moralischen
Verteidigungstheorie ist, "nicht in erster Linie den Krieg zu legitimieren,
sondern ihn zu verhindern", und das ist natürlich das, was die amerikanische
Abschreckungspolitik zu erreichen sucht. Meiner Überzeugung nach stimmen wir
ferner darin überein, daß alle Vorschläge und Empfehlungen zu Veränderungen
an strategischen Systemen oder Doktrinen, unabhängig davon, ob sie von der
amerikanischen Regierung oder von Ihrem Ausschuß ausgehen, "im Lichte dessen"
beurteilt werden sollten, "ob sie den Fortschritt in Richtung auf die Rüstungskontrolle oder Abrüstung wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen".
Unserer Überzeugung nach stehen unsere Waffensysteme (die nicht als "Erstschlag"
-Systeme entwickelt wurden), unsere Abschreckungsposition (die auf Verteidigung
abgestellt ist) und unsere Initiativen auf dem Gebiet der Rüstungsbeschränkung
(die auf einschneidende und verifizierbare Verringerungen abzielen) im Einklang
mit dieser Forderung.
Weil wir uns in das tiefe Gefühl der Verantwortlichkeit für den Schutz
unseres Volkes und unserer Werte teilen, begrüßen wir das Engagement der
katholischen Bischöfe für die Bemühungen, eine wirksame Rüstungskontrolle
sicherzustellen und das Kriegsrisiko zu verringern. Um so mehr bedauern wir
es deshalb, daß der jüngste Entwurf des Ausschusses noch immer grundlegende
Mißinterpretationen amerikanischer Politiken widerspiegelt und im Grunde die
weitreichenden amerikanischen Vorschläge auch weiterhin übergeht, die gegenwärtig Gegenstand der Verhandlungen mit der Sowjetunion über erhebliche Verringerungen der Kernwaffenarsenale, über die Verringerung der konventionellen
Streitkräfte und über eine Vielfalt von Verifizierungs- und vertrauensbildenden
Maßnahmen als Mittel zur weiteren Verminderung des Kriegsrisikos sind. Wenn
mithin im Entwurf des Ausschusses Alternativen zu den derzeitigen nuklearen
Arsenalen und Strategien gefordert werden, so geschieht dies ohne den Bürger,

- 3 -

�den Bürger, der sich um die Fragen von Krieg und Frieden sorgt, auch nur die
geringsten Informationen über die Initiativen an die Hand zu geben, die die
Vereinigten Staaten unternehmen, um die Welt der Abrüstung, dem Frieden und
der Aussöhnung näherzubringen.
Die Ihnen zugeleiteten früheren Kommentare der Administration, zum
Beispiel mein Brief an ein Mitglied des Papst-Johannes-Paul-II.-Zentrum für
Gebet und Friedensstudien, Botschafterin Cläre Boothe Luce, enthielten eine
Übersicht über eine Reihe dieser Rüstungskontrollinitiativen und suchten die
fehlerhaften Darstellungen der amerikanischen nuklearen Strategie richtigzustellen. Wir halten die in Praxis erfolgte Auslassung dieser Perspektiven angesichts der erklärten Absicht des Hirtenbriefs für irreführend, nämlich
"unsere Argumente in diesem Hirtenbrief detailiert und nuanciert darzulegen",
damit "dieser Hirtenbrief in seiner Mannigfaltigkeit als Rahmen für die Gewissensbildung" dienen kann, und um "gemeinsam zu lernen, wie man richtige
und verantwortliche, moralische Urteile fällt".
Was den ersten Hirtenbriefentwurf des Ausschusses angeht, so beunruhigt
es mich besonders, daß ich bei der Lektüre des zweiten Entwurfs keine
der ernsthaften Rüstungskontrollbemühungen der Vereinigten Staaten und auch
keine unserer größeren diesbezüglichen Initiativen und laufenden amerikanischsowjetischen Verhandlungen im Text beschreiben oder auch nur angedeutet fand.
Unsere Vorschläge zielen nicht auf eine Einfrierung der derzeitigen hohen
Obergrenzen ab. Eine solche Einfrierung würde den Anreiz für die Erreichung
von Verringerungen beseitigen und auf jeden Fall umfassende vorausgehende Verhandlungen erforderlich machen, um Übereinstimmung darüber zu erzielen, welche
Zahl und Art von Systemen einzufrieren wären und auch darüber, wie sich derartige Einfrierungen wirksam verifizieren ließen. Unsere Initiativen sind
Initiativen, die auf die Verminderung, wenn nicht gar die Eliminierung der
am stärksten destabilisierend wirkenden Systeme gerichtet sind. Sie schließen
neue Schritte zur Verifizierung und neue vertrauensbildende Maßnahmen ein, die
den Zweck verfolgen, Vertrauen zu schaffen und die Einhaltung der zu vereinbarenden Regelungen sicherzustellen.
Weil diese
- 4 -

�Weil diese wichtigen Initiativen und Verhandlungen in diesem Entwurf
zu einem Hirtenbrief abermals unerwähnt blieben, obwohl sie so deutlich den
Hoffnungen all derjenigen entsprechen, die sich um den Abbau der Arsenale,
die Verringerung des Kriegsrisikos und den Fortschritt auf dem Weg zum Frieden
sorgen, möchte ich sie für Sie hier noch einmal summarisch darstellen. Ich tue
dies in der erneuten Hoffnung, daß die Kommentare, die Ihr Ausschuß auf eigenes
Ersuchen von Vertretern der amerikanischen Regierung erhält, von diesem sorgfältig geprüft werden, so wie er bittet, daß sein Entwurf von anderen
"respektvoll in Erwägung gezogen werde".
Die RüstungskontroiIbemühungen dieser Administration schließen folgende
größere Initiativen ein:
- In den amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über die Verringerung der
strategischen Rüstungen (Strategie Arms Reduction Talks- START), die am
30. Juli 1982 begonnen haben, schlagen wir vor, mit einer Verminderung der
Zahl der Gefechtsköpfe auf boden- und seegestützten ballistischen Raketen und
der am stärksten destabilisierend wirkenden Systeme auf beiden Seiten zu beginnen und die bodengestützten ballistischen Raketen auf etwa die Hälfte des
derzeitigen Standes auf amerikanischer Seite zu verringern. In einer zweiten
Phase schlagen wir vor, das zerstörerische Potential der verbleibenden Raketen
auf ein gleiches Niveau zu verringern, das niedriger ist, als das derzeitige,
wobei wir gleichzeitig auch andere strategische Systeme hier mit einbeziehen
können.
- In den amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über nukleare Mittel streckenräketeri

(Intermediate-Range Nuklear Forces - INF), die am

30. November 1981 begonnen haben, schlagen wir vor, mit der vollständigen
Eliminierung der am stärksten destabilisierend und bedrohend wirkenden Raketen
durch beide Seiten zu beginnen - den bodengestützten Raketensystemen. Wir und
unsere NATO-Verbündeten bieten an, unsere Pläne für die Dislozierung amerikanischer (GB) Pershing-Raketen und bodengestützter Marschflugkörper im Austausch
für die dementsprechende Demontage von Sowjetraketen der Typen SS-20, SS-4 und

- 5 -

�Typen SS-20, SS-4 und SS-5 aufzugeben. Andere Elemente des Gleichgewichts
könnten im Anschluß daran begrenzt werden.
- In den multilateralen Verhandlungen über eine beiderseitige und ausgewogene Verminderung der Streitkräfte (Mutual and Balanced Force Reductions MBFR) schlagen die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Verbündeten den Ländern
des Warschauer Paktes größere einleitende Verringerungen an militärischem
Personal bis auf gemeinsame Höchstgrenzen und einen umfassenden Katalog an
neuen Verifizierungsmaßnahmen vor.
- Auf dem Gebiet der Einschränkung von nuklearen Tests und Tests mit
chemischen und biologischen Waffen nehmen die Vereinigten Staaten aktiv an den
Diskussionen im Abrüstungsausschuß in Genf teil, in denen es darum geht, Verfahren zur Verifizierung und Überwachung der Einhaltung entsprechender Abkommen
zu entwickeln, die derartige Begrenzungen tatsächlich wirksam machen könnten.
Natürlich fühlen wir uns am stärksten durch den eingehenden und inhumanen
Einsatz toxischer und chemischer Stoffe gegen verteidigungslose Populationen
in Afghanistan, Laos und Kambodscha beunruhigt.
In allen laufenden RüstungskontrollVerhandlungen und -erörterungen unterstreichen wir die Bedeutung beträchtlicher einleitender Verminderungen und
wirksamer Verifizierungs- und vertrauensbildender Maßnahmen. Ihr Ausschuß wird
sicherlich erkennen, daß die Vorschläge der Administration in bezug auf
nukleare Verringerungen eindeutig mit den Empfehlungen des Hirtenbriefes betreffs
der Begrenzung der Kernwaffenarsenale übereinstimmen, und daß die anderen
multilateralen Bemühungen, an denen wir uns gegenwärtig beteiligen, sehr eng
mit der Forderung des Hirtenbriefs übereinstimmen, Bemühungen zu unternehmen,
'die auf eine Verminderung und Begrenzung der konventionellen Streitkräfte und
die Schaffung von Vertrauen zwischen möglichen Gegnern, insbesondere in Gebieten
größerer militärischer Konfrontation, abzielen sowie auch nach Schritten, um
zu einem wirksamen Verbot des Einsatzes von chemischen und biologischen
Waffen zu gelangen".
Ich glaube

- 6 -

�Ich glaube auch weiterhin, daß sich die Bischofskonferenz im Verlauf der
Überprüfung neuer Entwürfe für einen Hirtenbrief anhand einer klaren Darlegung
dieser Initiativen zu einem starken Eintreten für sie bestimmen lassen wird.
Wie ich in meinen Kommentaren zum ersten Entwurf anführte, wäre

eine solche

Unterstützung äußerst hilfreich, wenn es darum geht, der Welt Amerikas Ernsthaftigkeit in den einschlägigen Bemühungen klarzumachen und insbesondere den
Anreiz für die Sowjets zu verstärken, den von uns angestrebten Verringerungen
und verifizierbaren Begrenzungen zuzustimmen.
Wenn ich Sie dringend ersuche sicherzustellen, daß künftige Entwürfe des
Ausschusses eine Darlegung der bedeutenderen amerikanischen Rüstungskontroi 1initiativen enthalten, über die gegenwärtig verhandelt wird, und, wie ich hoffe,
ein Eintreten für dieselben erkennen lassen, halte ich auch die Feststellung
für besonders wichtig, daß die Abschreckungsposition, auf die sich die Streitkräfte unserer Völker und unsere Nuklearstrategien stützen, in dem Hirtenbrief
als moralisch vertretbar beurteilt wird. Es ist ganz klar, daß die Beurteilung,
die in dem Brief als im Sinne der Ansichten von Papst Johannes Paul II. und
der Bischofskonferenz bezeichnet wird, das fortgesetzte Bedürfnis und die
Moralität der Aufrechterhaltung wirksamer nuklearer Abschreckungskräfte stützt.
Diese Einschätzung des Hirtenwortes ergibt sich daraus, daß eine nukleare Abrüstung abgelehnt wird, wir aber stattdessen gedrängt werden, wirklich effektive
Rüstungsbegrenzungsvereinbarungen der Art anzustreben, um die wir uns gegenwärtig
tatsächlich bemühen. Ich halte dies für eine Tatsache, die von entscheidender
Bedeutung für gewissenhafte Kleriker, Laien und Bürger ist und die diese verstehen sollten.

Lassen Sie mich das, was ich mit vorstehenden Ausführungen meine, noch
weiter erklären. In dem Hirtenbrief stellen die Bischöfe fest: "Wir befürworten
keine Politik der einseitigen Abrüstung." Sie argumentieren des weiteren, "die
Vereinigten Staaten wären" angesichts der selbständigen amerikanischen Rüstungskontrollinitiativen im Falle des Ausbleibens "einer angemessenen Erwiderung
nicht mehr länger an die bisher unternommenen Schritte gebunden". Papst Johannes
Paul II. wird mit seiner Botschaft vom 13. Dezember 1981 zitiert, in der er zum

- 7 -

�er

zum Ausdruck brachte, wir müßten, wie wir dies bereits getan haben, in

Richtung auf die "Verringerung der Nuklearwaffen" voranmachen, "während wir
auf deren vollständige Eliminierung in der Zukunft warten, die von allen Beteiligten gleichzeitig aufgrund ausdrücklicher Vereinbarungen und unter der
Verpflichtung zur Duldung wirksamer Kontrollen durchgeführt werden". Papst Johannes Paul II. wird ein zweites Mal zitiert mit seiner Ansprache vor den
Vereinten Nationen vom Juni 1982 anläßlich einer Sondersitzung über Abrüstungsfragen, in der er betonte, daß "die Abschreckung, die sich auf ein Gleichgewicht stützt, gewiß kein Selbstzweck ist, aber als Schritt in Richtung auf
eine fortschreitende Abrüstung noch als moralisch annehmbar beurteilt werden
kann". Kardinal Kroll wird mit einer Erklärung namens der Bischofskonferenz
zitiert, derzufolge "es von höchster Bedeutung ist, daß die Verhandlungen zu
bedeutenden und anhaltenden Verringerungen führen", und daß die katholische
Moral lehre, solange die Hoffnung hierauf besteht, es zulasse, den Besitz
von Nuklearwaffen zum Zwecke der Abschreckung auf die Dauer als das geringere
von zwei Übeln zu tolerieren.

In Anerkennung dessen, daß unseren Abschreckungsstreitkräften die entscheidende positive Rolle zukommt, einen Krieg zu verhindern, spiegelt der
Hirtenbrief die Folgerung der Bischöfe wider, daß, "so eindeutig unbefriedigend
die Abschreckungsposition der Vereinigten Staaten auch ist, der Einsatz von
Kernwaffen durch irgendeine der Nuklearmächte doch vom moralischen Standpunkt
aus ein noch weit größeres Übel wäre". Alles in allem sind die Bischöfe, wie
es in dem Brief heißt, "der Auffassung, daß der Besitz von Kernwaffen als
nötige Abschreckung toleriert werden kann, solange sinnvolle Anstrengungen
unternommen werden, zu einer multilateralen Abrüstung zu gelangen."
Während wir ernsthaft mit dem Ziel verhandeln, die einschneidenden Verringerungen und wirksamen Begrenzungen der Arsenale des Krieges zu vereinbaren,
die wir alle wünschen, gibt es eindeutig zu verstehen, daß unsere Streitkräfte
so bewaffnet und organisiert sind, daß sie vor einem Angriff und vor Gewalt abschrecken und einen Krieg verhindern. Es ist unsere Politik, und die unserer
Verbündeten, keine Streitkräfte einzusetzen, ob nukleare oder nicht-nukleare,

- 8 -

�oder nicht-nukleare, es sei denn, für Zwecke der Abschreckung und der Verteidigung gegen Aggressionen, Wir müssen deshalb angesichts des beispiellosen
sowjetischen militärischen Aufbaus der letzten zehn Jahre und länger sicherstellen, daß unsere Abschreckungsstreitkräfte hinreichend stark und glaubwürdig bleiben, um eine wirksame Abschreckung aufrechtzuerhalten.
Der Entwurf des Hirtenbriefes beschreibt weder die Tatsache noch die
Auswirkungen des sowjetischen Aufbaus, mit dem wir uns konfrontiert sehen
und der weit über ihre Verteidigungserfordernisse hinausgeht. Und er beschreibt
auch keine der vielen einseitigen Initiativen, die die Vereinigten Staaten im
letzten Jahrzehnt zur Rüstungsbegrenzung ergriffen haben, wie die Reduzierung
unseres Verteidigungshaushaltes, in realer Kaufkraft ausgedrückt, und die
Eliminierung oder das Hinauszögern wichtiger amerikanischer militärischer
Modernisierungsprogramme. Das sind bedeutende Faktoren, die der Ausschuß bei
einer künftigen Einschätzung der Dinge berücksichtigen sollte.

Der Hirtenbrief-Entwurf erinnert den Leser daran, daß im Hirtenbrief der
Bischöfe von 1980, den Marxismus betreffend, die wichtigsten Unterschiede
zwischen der christlichen Lehre und dem Marxismus dargelegt wurden. Darin
wird auch festgestellt, daß "die Tatsache einer sowjetischen Bedrohung und
die Existenz eines sowjetischen imperialen Drangs nach Hegemonie, mindestens
in Gebieten von größerem strategischen Interesse, nicht zu leugnen ist". Der
Brief erinnert an repressive sowjetische Praktiken in Osteuropa und seit
jüngerer Zeit auch in Afghanistan und Polen. Es hätte die Rede auch von Südostasien, Afrika und Zentralamerika sein können - von Gebieten also, in denen
die militärische Macht der Sowjetunion und ihrer Verbündeten mit Waffengewalt
immer stärker ausgeweitet wurde. In diesem Zusammenhang fordert der Entwurf zu
dem neuen Hirtenbrief die Gläubigen dringend auf, "romantische idealistische
Vorstellungen von den sowjetischen Absichten und Möglichkeiten" zurückzuweisen,
und erklärt, daß'sich die Amerikaner keine Illusionen über das sowjetische
System der Repression und dessen Mangel an Respekt vor den Menschen machen" sollten.
Die Bischofskonferenz

_ 9 .

�Die Bischofskonferenz muß wissen, daß unsere Entscheidungen bezüglich der
nuklearen Rüstung und unserer Verteidigungsposition von moralischen Überlegungen geleitet und ebenso dringend sind, wie alle anderen, vor die sich die
Menschheit gestellt sieht. Die Strategie der Abschreckung, auf die sich unsere
Politik stützt, ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um den Krieg zu
verhindern und die Werte zu erhalten, die wir achten: individuelle Freiheit,
Religionsfreiheit, Freiheit des Gewissens und der Meinungsäußerung, Achtung
vor der Heiligkeit menschlichen Lebens und die Herrschaft des Rechts durch
repräsentative Institutionen. Als Amerikaner gehören wir zu den wenigen Glücklichen in der Welt, die sich dieser Segnungen erfreuen.
Diese Traditionen und Werte werden von der Sowjetunion nicht geteilt,
die das Recht des Individuums den Erfordernissen des totalitären Staates unterordnet. Stimmen einzelner, einschließlich jener, die die freie Religionsausübung fordern oder die sich um die Bewahrung des Friedens sorgen, werden
kompromißlos unterdrückt - sowohl innerhalb der Sowjetunion als auch in jenen
Ländern, auf die es seinen Zugriff ausgedehnt hat. Unterdrückung ist in vielen
Teilen der Welt an der Tagesordnung; die Sowjetunion aber hat sie in ihr
militärisches Arsenal und in ihr militantes Dogma einbezogen, die den Frieden
und die Freiheit überall auf der Erde bedrohen.
Wir vertrauen darauf, daß die Bischöfe in ihrem Studium der Probleme des
Rüstungsabbaus, der Verhinderung von Kriegen und der Förderung eines echten
Friedens fortfahren werden und daß ihnen dabei die Bedeutung aufgeht, die den
Bemühungen um mehr Unterstützung für den internationalen Rahmen von Recht und
Gesetz zur Kenntnis zukommt, die in der Charta der Vereinten Nationen und in
der Vereinbarung von Helsinki proklamiert wurde. Wenn wir darauf hinarbeiten,
die Risiken und die Ursachen von Kriegen zu vermindern, dann haben wir ein
mehr als gerechtfertigtes Interesse an der Erhaltung der Tradition der Freiheit;
wir tragen eine moralische Verantwortung für künftige Generationen. Als Erben
der Tradition der Freiheit müssen wir die Last ihrer Erhaltung und ihres
Wachstums auf uns nehmen.
Wir glauben,

- 10 -

�Wir glauben, daß wir durch die Aufrechterhaltung einer wirksamen Abschreckung und unser Bemühen um wirksame Rüstungskontrollen den Frieden und
mit ihm auch die grundlegenden Werte der westlichen Zivilisation erhalten
helfen, in die auch Sie sich mit uns teilen. Wir würden es begrüßen, wenn
wir Gelegenheit erhielten, diese entscheidend wichtigen Fragen mit Ihnen
und Ihren Kollegen zu erörtern. Wir bitten Sie, unsere Kommentare zu wägen
und weiterzuverbreiten. Wir setzen unsere ernsthaften Bemühungen, einem
echten Frieden näherzukommen, in der Oberzeugung fort, daß die Abkehr von
einem Kurs, der den Frieden mehr als drei Jahrzehnte des Kernzeitalters hindurch bewahren half, darauf hinausliefe, die Risiken eines Krieges zu vermehren und die Sache der Freiheit überall auf der Welt zu gefährden.
Mit vorzüglicher Hochachtung
(gez.) William P. Clark
+ + +

- 11 -

�DONALD HODEL - NEUER AMERIKANISCHER ENERGIEMINISTER

WASHINGTON - (AD) - Donald Hodel, seit Januar 1981 Stellvertretender
Innenminister und Staatssekretär im amerikanischen Innenministerium, wurde
von Präsident Reagan an die Spitze des vor fünf Jahren geschaffenen Energieministeriums der Vereinigten Staaten berufen. Sein Vorgänger, Dr. James
Edwards, folgte einem Ruf an die Medizinische Universität South Carolina,
wo er das Amt des Präsidenten übernahm. Bis zur Bestätigung durch den amerikanischen Senat führt Hodel kommissarisch die Amtsgeschäfte des Energieministers.
Donald Hodel studierte an der Universität Oregon Rechtswissenschaften
und spezialisierte sich nach Abschluß des Studiums im Jahr 1960 auf die Fachgebiete "natürliche Hilfsquellen" und "Energie" im Hinblick auf Rechtsfragen,
Beratung, Interessen von Industrie und Regierung. Von 1969 bis 1972 war
Hodel Stellvertretender Direktor, von 1972 bis 1977 Direktor des regierungseigenen Wasserkraftwerk-Komplexes für den Nordwesten der USA mit Sitz in
Bonneville (Oregon). Von dort aus wird das größte Starkstrom-Oberlandnetz
der freien Welt betrieben. Von 1977 bis 1981 leitete er ein eigenes Industrieberatungsunternehmen. In dieser Zeit war er auch Berater der "Nationalen Kommission für gesicherte Stromversorgung" und Delegierter der Vereinigten Staaten für die Weltenergie-Konferenz. Hodel ist 47 Jahre alt.
+ + + ++

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�24. November 1982

46

BERYL SPRINKEL: WIRTSCHAFTSPROGRAMM DER REAGAN-ADMINISTRATION
WIRD WEITERVERFOLGT
• "Wall Street Week"-Interview mit Finanzstaatssekretär (Auszüge)

WASHINGTON - (AD) - Beryl Sprinkel, der für Währungsfragen zuständige
Staatssekretär im amerikanischen Finanzministerium, nahm in einem Interview
im Rahmen des Rundfunkprogramms

i:

Wall Street Week" am 5. November 1982 zum

Wirtschaftsprogramm der Reagan-Administration Stellung. Der Staatssekretär
unterstrich dabei, daß die Regierung angesichts der überstandenen Rezession
und des für das kommende Jahr zu erwartenden realen Wirtschaftswachstums von
3,5 bis 4 Prozent "im wesentlichen den Kurs beibehalten" wird.
Die wichtigsten Auszüge haben folgenden Wortlaut:
FRAGE: Mit einer Arbeitslosigkeit, die seit vier Jahrzehnten noch nie so
hoch war: Sind wir hinsichtlich der Arbeitsplätze auf dem richtigen Weg?
ANTWORT: Im wesentlichen, ja. Die gute Nachricht - der steigenden Aktienkurse - ist symbolisch für meine Sicht der Zukunft. Wir haben die schwere

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�die schwere Arbeit hinter uns, die Inflation und die Zinsen zu senken, und
wir wissen, daß der nächste Schritt Wertsteigerung bei den Aktien, Steigerung
der Produktion und der Beschäftigung sowie ein Rückganq der Arbeitslosigkeit
ist. Wir haben den schmerzlichsten Teil hinter uns, Ich freue mich jetzt wirklich sehr auf den erfreulichen Teil und glaube, daß er uns unmittelbar bevorsteht.
FRAGE: Die meisten Wirtschaftsexperten stimmen darin überein, daß der
Trend bei der Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr nach unten geht, aber es
herrscht auch Übereinstimmung, daß es nur ein leichter Abwärtstrend sein wird.
Was halten Sie davon?
ANTWORT: Es handelt sich hierbei leider um einen Indikator, der immer
etwas nachhinkt - aber eben nicht für immer. In der Frühphase eines Wiederaufschwungs kommen auch wieder viele derjenigen auf den Arbeitsmarkt zurück, die
bislang entmutigt waren. Dadurch werden auch sie zu den Arbeitslosen hinzugerechnet, obgleich insgesamt die Arbeitsplätze zunehmen. Zudem steigt auch die
Produktivität, so daß man einen höheren Ausstoß pro Arbeitnehmer hat. Des
weiteren stellen Unternehmer auch nicht sofort Leute ein, wenn die Auftragslage
sich verbessert, weil man sich seiner Sache noch nicht sicher ist. So lassen
sie lieber Überstunden arbeiten. All diese Aspekte wirken verlangsamend auf
die rückgehende Arbeitslosigkeit ein. Deshalb spreche ich auch nicht von einem
raschen, völligen Rückgang der Arbeitslosigkeit, sondern bin eben der Überzeugung,
daß wir den Höhepunkt überschritten haben und hier ein Abwärtstrend einsetzt.
FRAGE: Sicherlich war die beste Nachricht im ökonomischen Bereich die
hinsichtlich der Inflation und der Zinssätze. Dies ist sicherlich zu einem
großen Teil der Bundesbank zu verdanken. Sie waren während der letzten Jahre
ihr gegenüber sowohl kritisch als auch positiv eingestellt. Wie ist Ihre Meinung
über das Erreichte?
ANTWORT: Hinsichtlich der Verringerung der Geldzuwachsrate und ihres Beitrags zur Senkung der Inflation und der Zinsen hat sie hervorragende Arbeit
geleistet. Das ganze war äußerst schwierig und hatte auch unangenehme Auswirkungen

- 2 -

�unangenehme Auswirkungen - etwa bei der Schaffung von Einkommen, wobei die
Wirtschaft weiter zurückgeworfen wurde als vielleicht notwendig gewesen wäre.
Auch hatten wir im Durchschnitt höhere Zinsen, als der Fall gewesen wäre,
wenn wir einen beständigeren Kurs gehabt hätten» Insgesamt hat sie also ihre
Aufgabe erfüllt. Wir hätten weniger Kummer gehabt, wenn wir die Politik verfolgt hätten, die immer wieder von dieser Administration vorgeschlagen wurde,
nämlich einen ganz graduellen Rückgang des Geldzuwachses.
FRAGE: Manche von denen, die genau an der Stelle saßen, an der Sie jetzt
sitzen, haben gesagt, daß man mit dem stetigen Geldmengenwachstum ein Ziel
setzt, das nicht erreicht werden kann. Sie sagten: Erstens wissen wir nicht,
was Geld ist, und zweitens ist es auch unmöglich, es so genau zu kontrollieren.
Wie reagieren Sie hierauf?
ANTWORT: Sicher, die Bundesbank kann die verschiedenen Geldmengen nicht
mit aller Präzision kontrollieren. Worauf ich von Anfang an gedrängt habe, war,
daß man sich auf das Kontrollieren dessen konzentrieren sollte, was die Bundesbank kontrollieren kann - also aie monetäre Basis und die Bankreserven. Es
steht außer Zweifel, daß dies kontrolliert werden kann. Leider hatten wir
große Ausschläge bei den Faktoren, die sie kontrollieren kann, eben den Reserven
und der monetären Basis.
FRAGE: Wenn Sie das (dem Bundesbankchef) Paul Volcker sagen: Hört er?
ANTWORT: Er hört mir zu, aber manchmal stimmen wir darin überein, nicht
übereinzustimmen ...
FRAGE: Wir haben über ein wichtiges Gebiet noch nicht gesprochen: Die Weltwirtschaft, den Welthandel und die Versäumnisse mancher Staaten bei ihren
Schulden. Wie sehen Sie das?

ANTWORT: Hier geht

- 3 -

�ANTWORT: Hier geht es um zweierlei. Manche Stimmen sind der Meinung, man
brauche eine Neubelebung, und alle Probleme erledigten sich von selbst. Ich
glaube, das wäre die falsche Richtung. Wir würden die gleichen, sich beschleunigenden Inflationsprobleme und hohen Zinsen bekommen, die wir zuvor hatten. Das
andere Problem besteht in dem Versuch, einige der Staaten allmählich zu
disziplinieren, die in Schwierigkeiten geraten sind, indem sichergestellt
wird, daß der Internationale Währungsfonds genug Mittel hat, diesen Ländern bei
ihrer Anpassung behilflich zu sein, indem es zu einer Zusammenarbeit mit den
verschiedenen Zentralbanken und letztlich natürlich mit den Handelsbanken
kommt. Da gibt es keine rasche Lösung. Wir versuchen, alle diese Probleme dann
anzugehen, wenn sie auftreten. Man kann sie sicher in den Griff bekommen, aber
es ist eben schwierig. Und das wichtigste dabei ist, sicherzustellen, daß wir
dem Internationalen Währungsfonds die angemessenen Geldmittel zur Verfügung
stellen. Und hieran arbeiten wir jeden Tag.
FRAGE: Die Inflationsrate ist nach unten gegangen, die Zinsen ebenfalls.
Dennoch verstärkt sich die Rezession, werden die Defizite größer und liegt die
Arbeitslosigkeit bei 10,4 Prozent. Rund 11,5 Millionen Menschen sind ohne
Arbeit, genug, um zweihundert Fußball Stadien bis zum Rand

zu füllen. An

welchem Punkt werden Präsident Reagan und seine Mitarbeiter, wie etwa Sie
selbst, die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik aufgeben und eine praktische
Haltung einnehmen, in dem Versuch, diese schrecklichen Probleme in den Griff
zu bekommen?
ANTWORT: Wir haben eine praktische Methode. Es gibt keinen Zweifel, daß
das Programm im wesentlichen funktioniert. Nicht alle Ziele können gleichzeitig
und ohne Schmerzen erreicht werden. Ich wünschte, es wäre so. Aber es gibt
keinen Staat, der nicht ohne Schwierigkeiten von Inflation und hohen Zinsen
herunterkam. Wir verlangen von der Bundesbank kein monetäres Nullwachstum,
sondern einen bescheidenen Geldmengenzuwachs. Wir beseitigen nicht die öffentlichen Ausgaben, wir verlangsamen nur die Zuwachsrate. Das sich hieraus ergebende
Stimulans wird groß genug sein, um Privatausgaben und Produktion zu erhöhen
und die Arbeitslosigkeit zu senken. Ich hoffe, Sie fragen mich in einem Jahr

-

4

-

�einem Jahr noch einmal, ob ich recht gehabt habe. Ich bin sehr zuversichtlich,
daß ich recht habe.
FRAGE: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Wirtschaft 1983 aus - hinsichtlich
Inflation, hinsichtlich Zinsen und hinsichtlich Arbeitslosigkeit?
ANTWORT: Erstens, die Zinsen. Die Zinsen sind ein ganzes Stück zurückgegangen. Dennoch sind sie immer noch ungewöhnlich hoch im Vergleich zur derzeitigen Inflationsrate. Der reale Zinssatz ist, der heutigen Inflationsrate
angepaßt, immer noch hoch, und deshalb erwarte ich einen weiteren Rückgang bis
in den einstelligen Bereich. Bei der Inflationsrate sind wir jetzt bei etwa
5 Prozent. Der eine wird sagen, etwas höher, der andere, etwas niedriger. Ich
würde also erwarten, daß sie im kommenden Jahr noch etwas zurückgehen wird.
Also können wir eine niedrigere Inflation, niedrigere Zinsen und gleichzeitig
jedoch eine expandierende Wirtschaft erwarten. Ich erwarte keine hochschnellende Wirtschaftsentwicklung. Wir brauchen auch keine massiven Stimulantia, die
uns nur wieder in die inflationäre Zwangslage bringen. Ich würde von 3,5 bis
4 Prozent realem Wachstum sprechen.
FRAGE: Ist die Rezession vorüber?
ANTWORT: Das werden wir immer erst dann genau wissen, wenn das Ganze
Geschichte geworden ist, denn die Zahlen ändern sich immer wieder. Sie ist
entweder vorüber oder sehr bald vorüber; ich würde sagen: sie ist vorüber.
+ + +

- 5 -

�46

24. November 1982

REHABILITATION
Hilfe zur Selbsthilfe und zu weniger Abhängigkeit
Von G. Weiss

- (AD) - "Rehabilitation: Wiederherstellung bzw. Herstellung eines
höchstmöglichen Grades an Lebenstüchtigkeit und Erwerbsfä'higkeit bei körperlich, psychisch oder geistig geschädigten Menschen und deren Eingliederung
oder Wiedereingliederung in das gesellschaftliche Leben. Rehab. erfolgt durch
medizinische, pädagogische, technische und soziale Maßnahmen." So erklärt
das Lexikon in Kurzfassung einen Begriff, der in den Jahren des wirtschaftlichen Wohlstandes viel gebraucht, gelegentlich auch strapaziert wurde. In
vereinzelt gigantischen Ausmaßen wurden Zentren gebaut, um Behinderte aufnehmen, zum Teil auch behandeln und soweit wie möglich auf das Berufsleben
vorbereiten zu können. Badeorte und Spezialkliniken hatten Hochkonjunktur,
ebenso Berufe wie Physio-, Ergo-, Beschäftigungs- und Sprachtherapeuten,
Psychotherapeuten, Sonderpädagogen und Sozialarbeiter spezieller Fachrichtungen. Viele Tausende von Behinderten erhielten Gelegenheit - und viele
haben sie genutzt -, sich ein sinnvolles Leben, möglichst frei von Abhängigkeiten, aufzubauen.

Jetzt, da der

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�Jetzt, da der Wind schärfer weht, wird "Rehabilitation" zurückhaltender
gehandhabt.

Manche der als notwendig erachteten Programme werden eingeschränkt,

zum Teil in Frage gestellt.
einigten Staaten zu erkennen.

Diese Tendenz ist heute in Europa wie in den VerUnd vielleicht ist es auch an der Zeit, sich

mehr als bisher Gedanken darüber zu machen, was wirklich notwendig ist, wie
Notwendiges aufrechterhalten, verbessert und noch ausgebaut werden kann, was
aber andererseits weniger wichtig ist oder gar zu Mißbrauch der vielfältigen
Leistungen verleitet.

Kriegs- und Polioopfer gaben den Anstoß
Erste Anstöße zu einer gezielten Rehabilitation ergaben sich diesseits
und jenseits des Atlantik durch Bemühungen, die Opfer des Zweiten Weltkrieges
und die vielen Opfer der Polioepidemien in den vierziger und fünfziger Jahren
- vom Kleinkind bis zum Erwachsenen im leistungsfähigsten Alter - angemessener
zu versorgen.

Schon damals war man in den Vereinigten Staaten vielerorts

überzeugt, daß mit einer Therapie im Team, zu dem sich Ärzte, Krankengymnasten,
Beschäftigungstherapeuten, Techniker, Schul- und Berufspädagogen, bald auch
Psychologen und Sozialarbeiter zusammenfanden, mehr zu erreichen sei. An die
Stelle wenig oder nicht koordinierter Stufenbehandlung nach zunächst medizinischen und dann arbeitstechnischen Gesichtspunkten traten erste Versuche einer
Ganzheitstherapie, die dem Patienten in seiner Gesamtpersönlichkeit galt.
Es entstanden ein paar regionale Therapiezentren mit Mitarbeitern, die
außer ihrem Fachwissen eine gute Portion Begeisterung für die Sache und viel
Einfallsreichtum mitbrachten.

Die finanzielle Grundlage war durch private

Initiativen, die in den USA ohnehin eine wichtige Rolle spielen - allen voran "March of Dimes" (Pfennigparade) -, sowie durch die Förderung von Stiftungen und staatlichen oder kommunalen Stellen gesichert.
Rückblickend kann man sagen, daß Einrichtungen wie das Institut für Rehabilitationsmedizin der Universität New York unter der Leitung von Dr. Howard
A. Rusk für die Entwicklung und den heutigen Stand der medizinischen Rehabi- 2 -

�medizinischen Rehabilitation, der physikalischen Medizin, der Sonderpädagogik
bis hin zur beruflichen und sozialen Rehabilitation körperlich schwer behinderter Menschen tonangebend wurden.

Ihre Pionierarbeit hat viel dazu beige-

tragen, daß diese Menschen nicht mehr zu Inaktivitä't und Isoliertsein verurteilt sind, sondern an Schul-, Hochschul- und Berufsausbildung, am Arbeitsund Familienleben, am menschlichen Miteinander aktiv teilnehmen können.

Und

ihre Art, das Dasein zu meistern, hat sich oftmals als eine Bereicherung für
das Leben anderer erwiesen.

Latente Fähigkeiten
Bei diesem Personenkreis kommt es vor allem darauf an, latente Fähigkeiten zu fördern, die man als Gesunder an sich kaum entdeckt und schon gar
nicht entwickelt. Denn in dem doch weitgehend "genormten" Alltag werden sie
nicht gebraucht. Die Natur hat aber im Menschen enorme körperlich und
geistig-seelische Reserven gespeichert, die zur Kompensation verlorengegangener oder infolge von Schädigungen irgendwelcher Art nicht entwickelter Fähigkeiten eingesetzt werden können. Bei der auch von Nicht-Medizinern mitgetragenen Suche nach Lösungen für die speziellen Probleme der großen Zahl
von Patienten, die durch Krankheit, Verwundung, Unfall, Mißbildungen oder
bei der Geburt erlittene Schädigungen behindert waren, begann man, solche
Fähigkeiten zu erfassen und zu nutzen.
Der Blinde "sieht" ja mit seinem übernormal ausgebildeten Gehör und
Tastsinn.

Der Gehörlose lernt, das Sehvermögen so zu schärfen, daß er seinem

Gesprächspartner Worte von den Lippen abliest.
keln viel Kraft in den Armen.

Querschnittgelähmte entwik-

Armlose vermögen durch den Gebrauch ihrer

Füße - zum Essen und Trinken, zum Anziehen, zum Schreiben, auch zum Tasten vieles zu tun und aus ihrer Umwelt zu erfahren, was dem anderen der Gebrauch
seiner Hände vermittelt.

Je nach der individuellen Behinderung und geistigen

Konstitution werden Art und Umfang der Kompensation unterschiedlich ausfallen.
Und nicht immer und überall dürfte die Umgebung bereit sein, solche kompensatorischen Fähigkeiten als zwar andersgeartete, aber zum Gewohnten gleich- 3 -

�Gewohnten gleichwertige Aktivitäten zu akzeptieren.

Auf diesem Gebiet wie

überhaupt in einer positiven Wertung von "Anderssein" ist noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten.

Als ein Beitrag dazu war das von den Vereinten Na-

tionen für 1981 proklamierte "Internationale Jahr der Behinderten" gedacht.
Aber kaum weniger notwendig ist Entwicklungsarbeit bei einem Teil der
Behinderten selbst.
vität

Resignation wie Auflehnung gegen das Schicksal, Aggressi-

und Anspruchsdenken gegenüber der Umwelt führen nicht weiter.

Vielmehr

sollten sie sich bemühen, ihre Situation zu akzeptieren, die ihnen verbliebenen
Möglichkeiten zu erkennen, Fähigkeiten aufs Beste zu entwickeln und mit ihnen
ihr Leben zu gestalten.

So können sie mithelfen, die Verständigung mit der

Umwelt zu verbessern.

Es kann jeden treffen
Amerikanischen Statistiken zufolge erleiden in den Vereinigten Staaten
jedes Jahr etwa 10 000 - meist junge - Menschen durch Verkehrs- oder Sportunfälle Wirbel Säulenverletzungen mit schweren Lähmungsfolgen.

(Von 105 000

Unfällen mit tödlichem Ausgang im Jahr 1980 waren 52 600 Verkehrsunfälle;
bei den meisten war Alkohol im Spiel.)

150 000 der etwas über zwei Millionen

Verkehrsunfallopfer trugen bleibende Schäden davon - im Vergleich dazu 80 000
durch Arbeitsunfälle, 90 000 durch Unfälle im Haus, 60 000 durch Unfälle anderer Ursachen außer Haus.

Unfall Verletzungen führten in dem genannten Jahr

zu 22,7 Milliarden Dollar Verlust an Arbeitseinkommen, zu 10,3 Milliarden
Dollar medizinischen Kosten und zu 16,6 Milliarden Dollar Aufwendungen an Versicherungsleistungen.
Für den einzelnen kann ein Unfall die radikale Veränderung seines Lebens
von einer Sekunde zur anderen bedeuten. Persönliche Wünsche, unbekümmertes
Pläneschmieden - das alles gilt plötzlich nichts mehr. Wichtig ist nur noch,
aus Hilfslosigkeit und Abhängigkeit irgendwie herauszukommen. Meist ohne
Vorwarnung kommt auch der Schlaganfall. In zunehmendem Maße treten sogar bei
jüngeren Menschen Embolien im Gehirn auf. Zwei Millionen neuer Fälle wurden
- 4 -

�Fälle wurden 1980 in den USA registriert.

Nach der Akutversorgung hängt

es sehr oft vom Rehabilitattionsprogramm und dessen Durchführung ab, ob und
inwieweit Lähmungserscheinungen verringert werden können.
Chronische Herz-, Kreislauf- und Gefäßerkrankungen bilden angesichts
der hohen Zahl von Patienten das Problem Nummer Eins in der Rehabilitationsmedizin, gefolgt von Krankheiten des sog. rheumatischen Formenkreises samt
Arthrosen und von Krebs.

Die Fortschritte der Medizin in diesem Jahrhundert

haben dazu geführt, daß sich das Schwergewicht von den akuten auf chronische
Krankheiten verlagerte.

Sie machten im Jahr 1980 etwa 90 Prozent, um die

Jahrhundertwende nur etwa 15 Prozent aller Krankheiten aus.

Chronische Stoff-

wechsel- und Nierenkrankheiten, die früher einem Todesurteil gleichkamen, sind
dank konsequenter medizinisch-rehabilitativer Maßnahmen zu beherrschen.

Dem

Patienten ermöglichen sie ein fast normales Dasein.
Alle diese Entwicklungen tragen natürlich zur "Kostenexplosion im Gesundheitswesen" bei. Wie der amerikanische Gesundheitsminister Dr. Everett
Koop kürzlich in einem Interview mit "U.S. News &amp; World Report" erklärte,
erwartet ja jeder Patient die bestmögliche, aber keine zweitklassige Behandlung. In einem Land mit hochqualifizierter Technik finden die neuesten
Verfahren wie z.B. die überaus kostspielige Computer-Tomografie sehr schnell
Eingang in die Praxis. Diese Methode, bei der neuerdings nicht mehr mit
Röntgenstrahlen, sondern mit elektromagnetischen Resonanzeffekten oder Protonenstrahlen gearbeitet wird, erlaubt von außen die eingehende Untersuchung kleinster
Gewebeabschnitte im Gehirn, die Inspizierung von Körperhöhlen oder Organen
und sogar die Beobachtung des Herzens in einzelnen Aktionsphasen. Die junge
Ärztegeneration sei, so Dr. Koop, in dieser technologischen Explosion aufgewachsen und gewohnt, die besten und teuersten diagnostischen Verfahren bei geringstem Zeitaufwand anzuwenden.
Angaben der Amerikanischen Krebsgesellschaft zufolge ist jedes Jahr mit
etwa 770 000 Neuerkrankungen zu rechnen.

Bei mehr als der Hälfte der Krebs-

patienten sei eine erfolgreiche Behandlung möglich und die Lebensspanne nicht
verkürzt.

Die meisten Krebspatienten brauchen allerdings Rehabilitation in
- 5 -

�Rehabilitation in medizinischer wie psychischer Hinsicht - ein noch relativ
neuer Aufgabenbereich der Medizin.

Die Therapie ist entweder auf Wiederher-

stellung gerichtet, um dem Patienten zu helfen, sein Leben ähnlich weiterzuführen wie vor der Erkrankung, oder sie muß ihn unterstützen, eine durch unumgängliche chirurgische Eingriffe eingetretene Behinderung z.B. mit bestmöglicher Prothesenversorgung oder mit anderen technischen Hilfen zu mildern.

Angeborene Behinderungen
Von den 31,5 Millionen Behinderten in den Vereinigten Staaten leiden
etwa 15 Millionen an Folgen angeborener körperlicher oder geistiger Schäden.
Manche Anomalien sind aufgrund genetischer Tests bereits im Mutterleib feststellbar.

Aber auch von der Erbsubstanz her gesunde Babies können mit Miß-

bildungen zur Welt kommen - Herz, Gehirn, Augen und andere Organe, Gaumen,
Blutgefäße und Nervensystem
lungshemmung betroffen sein.
bei fast drei Prozent.

oder Gliedmaßen können infolge einer EntwickDie Häufigkeit unter den Neugeborenen liegt

Aber nur für knapp ein Drittel der Geburtsfehler sind

außer den genetischen Ursachen andere auslösende Faktoren erwiesen, die schon
während der ersten zwei Schwangerschaftsmonate das Schicksal des Kindes prägen.
Zu ihnen gehören die Rötelninfektion, eine mit hohem Fieber verbundene Erkrankung, übermäßiger Alkoholgenuß (durchschnittlich eines von 750 Neugeborenen
hat typische alkoholbedingte Schädigungen verschiedener Schweregrade), Einwirkung intensiver Strahlung oder bestimmter chemischer Stoffe.
Zu den letztgenannten Ursachen zählte das Schlafmittel Contergan mit
seinem Wirkstoff Thalidomid.

Einige weitere Medikamente, auch Drogen, der

nicht ärztlich überwachte Gebrauch der Pille und zu frühe Schwangerschaften
nach deren Absetzen, Vitaminmangel, Bestandteile von Insektiziden und Herbiziden stehen im Verdacht, teratogene (angeborene) Schädigungen hervorzurufen.
Eindeutige Beweise stehen jedoch noch aus.
Von der Contergan-Katastrophe waren allein in der Bundesrepublik mehr
als 2600 Kinder, weitere Hunderte in einigen anderen europäischen Ländern be- 6 -

�Ländern betroffen.

(Die USA blieben weitgehend verschont; die Arzneimittel -

behörde FDA hatte das Präparat nicht zugelassen.)

So sahen sich hier Ende

der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre mit der plötzlichen Häufung,
Schwere und Vielfalt von Mißbildungen Ärzte und Kliniken Problemen gegenüber, die es in solcher Form nur ganz vereinzelt, in diesem Ausmaß noch nie
gegeben hatte.

Wie war den Kindern, wie ihren verzweifelten Eltern zu helfen?

In dieser Notsituation waren Anregungen von besonderem Gewicht, die
Kontakten deutscher Wissenschaftler mit Klinikteams und Kollegen in einigen
amerikanischen Rehabilitationsinstituten zu verdanken waren. Sie führten etwa
ab Mitte der fünfziger Jahre in Deutschland zu einer einschneidenden Verbesserung der Prothesenversorgung bei Kindern, die bis dahin eher nur eine Kopie
der Versorgung bei Erwachsenen gewesen war. In einer seiner zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema der Gliedmaßenschädigungen beim Kind weist Prof.
Ernst Marquardt (Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg) auf die bei
ersten Besuchen in den USA gemachte Beobachtung hin, daß bei armlosen Patienten, die nicht durch einen Unfall, sondern von Geburt an geschädigt sind,
körpereigene kompensatorische Funktionen ganz besondere Bedeutung haben.
Demgegenüber sind Kunstglieder, d.h. Prothesen, die technisch noch so vollkommen sein mögen, stets nur von begrenztem Wert. Diese Erfahrung hat sich
z. B. in den Spezialkliniken für Patienten mit amputierten und fehl gebildeten Gliedmaßen (jeder amerikanische Bundesstaat verfügt über mindestens eine
derartige Institution) immer wieder bestätigt.
So erhielt in den Bemühungen um eine bestmögliche Therapie für die
Contergan-Patienten zunächst das Training restlicher und potentieller Fähigkeiten Vorrang vor koorektiven Maßnahmen, einschließlich z. T. sehr komplizierter chirurgischer Eingriffe. Kinder, die ohne Arme oder mit stark verkürzten Armen und Stummel fingern geboren wurden, lernten schon im Säuglingsund Kleinkindalter, Beine und Füße als Arm- und Handersatz zu nutzen. Dies
gibt ihnen auch im späteren Leben eine Unabhängigkeit, die von einem Erwachsenen nach Armamputation nie zu erreichen ist. Auf die Armprothese wird
dennoch nicht verzichtet - die Versorgung mit einfachen Hilfsmitteln beginnt,
sobald das Baby sitzen kann. Bei entsprechendem Training kommt es dann zu
- 7 -

�dann zu einer optimalen Kombination natürlicher und prothetischer Funktionen,
die später der Behinderte einsetzt, wie es die Situation gerade erfordert.
Ein wichtiges Resümee Prof. Marquardts aufgrund vieler Jahre der Erfahrung mit - meist jugendlichen - Patienten, die durch Unfall, Krankheit oder
von Geburt an behindert sind, ist die Forderung, stets die funktionelle Beziehung aller vorhandenen Bewegungsorgane zueinander zu berücksichtigen.
Chirurgische Korrekturen, die in erster Linie nach kosmetischen Gesichtspunkten
vorgenommen werden, können unter Umständen auf lange Sicht mehr schaden als
nützen.

Dies ist ein Grundsatz, der ganz allgemein für die Therapie bei

schweren körperlichen Schäden auch im Hinblick auf Spätauswirkungen mehr Bedeutung haben könnte, als es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat.
Ziel der von Marquardt vertretenen Ganzheitstherapie, in die die familiäre Umwelt des Patienten einbezogen wird, ist die jeweils dem Alter, der
körperlichen und geistigen Entwicklung entsprechende Selbständigkeit.

Art

und Umfang dieser Therapie, dazu die Entwicklung neuer Operationstechniken,
die in bestimmten Fällen die Voraussetzung für den Gebrauch von Arm- und Beinprothesen deutlich verbessern, haben weltweit Anerkennung gefunden.

Prof.

Marquardt, Ehrenmitglied der amerikanischen "Association of Children
Prosthetic and Orthotic Clinics", war zur diesjährigen Gemeinschaftstagung
dea "American Congress of Rehabilitation Medicine" (ACRM) und der "American
Academy of Physical Medicine and Rehabilitation" (AAPMR) Anfang November in
Houston vom ACRM eingeladen, den Festvortrag zu halten.

Für seine "ermuti-

genden und wegweisenden Beiträge zur physikalischen Medizin" wurde ihm die
Coulter-Medaille dazu der "Gold Key Award" verliehen.

Mit diesem Preis wür-

digte der Kongreß in besonderer Weise "außerordentliche Verdienste um die
Sache der Rehabilitationsmedizin".

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