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                  <text>14. Oktober 1982

40
INHALT

i

i

INFORMATION
30. Jahrestag der Gründung des deutsch-amerikanischen
Fulbright-Programms
DOKUMENTATION
Reagan fordert Streichung der Meistbegünstigungsklausel für Polen
- Wortlaut der Rundfunkansprache des US-Präsidenten Erklärung Präsident Reagans zum Welternährungstag
- USA um weltweite Nahrungsmittel Sicherung bemüht HINTERGRUND
Die Sowjetunion in der Krise
- Dr. Richard Pipes Mitarbeiter des U.S. National Security Council
Erneute Greuel in Afghanistan
- Kommentar der Stimme Amerikas US-Staatssekretär schliesst Präventivkrieg des Westens aus

DelegeKemplaren
wird 9ebetei

�14. Oktober 1982

40

30. JAHRESTAG DER GRÜNDUNG DES DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
FULBRIGHT-PROGRAMMS

BONN - (AD) - In der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in
Bonn fand am 4. Oktober 1982 ein Festakt aus Anlaß des 30. Jahrestages der
Gründung des deutsch-amerikanischen Fulbright-Austausch-Programms statt.
In Anwesenheit von Senator J. William Fulbright sowie deutschen und
amerikanischen Gästen würdigte Staatssekretär Dr. Hans Werner Lautenschlager im Namen des Auswärtigen Amtes die Bedeutung des Austausch-Programms
für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.
In seiner Rede, die unter das Motto "Begegnung und Austausch" gestellt
war, unterstrich Staatssekretär Lautenschlager die gemeinsamen Grundwerte
als "Nährboden und Garanten für die deutsch-amerikanische Freundschaft."
Präsident Reagan sagte in einem Schreiben, das vom amerikanischen Botschafter Arthur F. Burns verlesen wurde: "Der dreißigste Jahrestag der Gründung des Fulbright-Programms in Deutschland ist ein wichtiger Meilenstein in

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Telex: 8-85432

�Meilenstein in den traditionell verankerten geistigen und kulturellen
deutsch-amerikanischen Bindungen." Er bezeichnete das deutsch-amerikanische
Austausch-Programm als "das weltweit größte Programm", das er "ein Beispiel
für die Stärke der deutsch-amerikanischen Beziehungen" nannte. Präsident
Reagan erklärte weiter, "durch die Verbindungen, die wir zwischen unseren
Institutionen hergestellt haben, erweitern und stärken wir dieses Verhältnis und die transatlantischen Bindungen." Er gratulierte 'der Kommission,
ihren Freunden und allen, die ihr auf beiden Seiten des Atlantik verbunden
sind.zu ihrem unermüdlichen Einsatz, der einer so wichtigen Zielsetzung
dient."
Charles Z. Wick, der Direktor des US-Informationsamtes (USIA) und persönlicher Beauftragter Präsident Reagans für den internationalen Studentenaustausch, sagte in einem Schreiben, das von Botschaftsrat Hans N. Tuch verlesen wurde: "An diesem bedeutungsvollen Tag können die Bürger der Bundesrepublik Deutschland und der Vereinigten Staaten mit Stolz auf 30 Jahre erfolgreicher Arbeit der Fulbright-Kommission in Bonn zurückblicken." Wick
unterstrich "die wesentliche Rolle (der Kommission) bei der Förderung und
Durchführung des privaten akademischen Austausches" und nannte die Kommission
"führend in der europäisch-amerikanischen Zusammenarbeit bei Austauschvorhaben der einzelnen Länder." Er sprach der Kommission seine Glückwünsche
"für 30 Jahre ausgezeichneter Arbeit" aus und wünschte ihr "eine erfolgreiche Zukunft."
Die persönliche Grußbotschaft Präsident Reagans an die deutsch-amerikanische Fulbright-Kommission hat folgenden Wortlaut:
"Der dreißigste Jahrestag der Gründung des Fulbright-Programms in der
Bundesrepublik Deutschland ist ein wichtiger Meilenstein in den traditionell
verankerten geistigen und kulturellen deutsch-amerikanischen Bindungen. Diese traditionellen Bindungen reichen für fast drei Jahrhunderte. In der Tat
repräsentiert die nach deutschem Modell eingeführte Hochschulbildung in den
Vereinigten Staaten eine Fortsetzung der europäischen Tradition. Diese Tra-

- 2 -

�Diese Tradition stand seit ihrem Beginn im Dienst der höchsten Bestrebungen der Menschheit - dem Erwerb von Wissen, Verstehen, Frieden und Freiheit.
Das Fulbright-Programm mit der Bundesrepublik Deutschland ist weltweit
das größte Programm und ein Beispiel für die Stärke der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Wenn die Fulbright-Kommission heute das dreißigjährige
Jubiläum dieses akademischen Austauschprogramms feiert, dann nehmen wir das
zum Anlaß, die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Beziehungen entsprechend
zu würdigen - einer Partnerschaft, die auf gegenseitigem Vertrauen und gemeinsamen politischen kulturellen und wirtschaftlichen Wertvorstellungen beruht.
Durch den Austausch von Personen, durch die Verbindungen, die wir zwischen
unseren Institutionen hergestellt haben, erweitern und stärken wir dieses
Verhältnis und die transatlantischen Bindungen. Ich gratuliere der Kommission,
ihren Freunden und allen, die ihr auf beiden Seiten des Atlantik verbunden
sind, zu ihrem unermüdlichen Einsatz, der einer so wichtigen Zielsetzung
dient."
Die Grußbotschaft von USIA Direktor Charles Z. Wick an die FulbrightKommission in Bonn hat folgenden Wortlaut:
"An diesem bedeutungsvollen Tag können die Bürger der Bundesrepublik
und der Vereinigten Staaten mit Stolz auf 30 Jahre erfolgreicher Arbeit der
Fulbright-Kommission in Bonn zurückblicken.
Im Rahmen ihres Auftrags, das gegenseitige Verständnis zwischen dem
deutschen und dem amerikanischen Volk zu fördern, vermittelt die Kommission
den Austausch von ungefähr 800 Fulbrightern pro Jahr. Sie spielt eine wesentliche Rolle bei der Förderung und Durchführung des privaten akademischen
Austausches. Sie ist führend in der europäisch-amerikanischen Zusammenarbeit
bei Austauschvorhaben der einzelnen Länder. In zunehmendem Maße erfahren die
Programme der Kommission Unterstützung durch private Initiative, so bei Vorhaben auf dem multinationalen und dem fortbildenden Sektor, sowie im Austausch von Studenten, Lehrern und Wissenschaftlern zwischen unseren beiden
Staaten&lt;

Die Kommission

�Die Kommission kann nunmehr der Zukunft im Hinblick auf bisher bereits
bewiesenen Ideenreichtum und großherzige Gesinnung von einer Position der
Stärke aus entgegenblicken. Eingedenk der Tradition des wissenschaftlichen
Austausches hoffen wir, daß die Kommission ihre Programmvorhaben weiterhin
unter Berücksichtigung der Möglichkeiten gestalten wird, die sich aus unserer fortdauernden Partnerschaft ergeben. Die Kommission kann ihrer entscheidenden Rolle bei der Erfüllung dieser wichtigen Aufgaben dadurch gerecht werden, daß sie sich weiterhin um gegenseitiges Verständnis zwischen
der kommenden Generation von Führungspersönlichkeiten in unseren beiden
Staaten bemüht.
Ich bin heute im Geiste bei Ihnen und spreche der Fulbright-Kommission
meine Glückwünsche für 30 Jahre ausgezeichneter Arbeit aus und wünsche ihr
eine erfolgreiche Zukunft."

+ + + + +

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United States Information Service
Embassy of the United States of America

14. Oktober 1982

40

REAGAN FORDERT STREICHUNG DER MEISTBEGÜNSTIGUNGSKLAUSEL
FÜR POLEN
- Wortlaut der Rundfunkansprache des US-Präsidenten -

SANTA BARBARA, KALIFORNIEN - (AD) - Präsident Ronald Reagan hat in
einer Rundfunkansprache an das amerikanische Volk am 9. Oktober 1982 die
Streichung der Meistbegünstigungsklausel im Handel mit Polen als Vergeltung für das Verbot der polnischen Gewerkschaft Solidarität angekündigt.
Reagan warnte das polnische Regime, daß er noch weitere Schritte unternehmen könne, wenn die Militärdiktatur ihre, wie er sagte "Verfolgung" des polnischen Volkes fortsetze. Washington, so teilte der amerikanische Präsident
weiter mit, stehe in "dringenden" Konsultationen mit den Verbündeten über
mögliche Reaktionen auf die Maßnahme in Polen.
Der Stellvertretende Pressesprecher des Weissen Hauses, Larry Speakes,
erklärte vor Korrespondenten, die Maßnahmen des Präsidenten würden es Polen
erschweren, seine Produkte in den Vereinigten Staaten abzusetzen und harte
Währung zu verdienen. Die angekündigte Maßnahme ist die dritte Sanktion seit
Verhängung des Kriegesrechtes in Polen durch das Militärregime im Dezember
vorigen Jahres. Im Dezember 1981 und im Juni 1982 hatte Reagan unter anderem
die Aussetzung von Flugrechten, Fischereiprivilegien sowie eine Aussetzung
amtlicher Kredite und Bürgschaften verkündet.

D.

humanitäre

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�Die humanitäre Hilfe für das polnische Volk bleibt von den Sanktionen
unberührt.
Die Ansprache des amerikanischen Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
Meine amerikanischen Mitbürger!
Gestern hat die polnische Regierung, eine Militärdiktatur, einen weiteren tiefgreifenden Schritt in ihrer Verfolgung des eigenen Volkes unternommen. Sie erklärte Solidarität, die Organisation der arbeitenden Männer
und Frauen in Polen, ihre freie Gewerkschaft, als illegal.
Ich weiß, Polen ist ein weit von uns entfernt liegendes Land in Osteuropa. Und doch ist diese Maßnahme eine Sache tiefer Besorgnis für das
ganze amerikanische Volk und die freie Welt.
Seit der brutalen Verhängung des Kriegsrechtes im Dezember vorigen Jahres haben die polnischen Behörden der Welt versichert, daß sie an einer echten Aussöhnung mit dem polnischen Volk interessiert seien. Aber die gestrige
Maßnahme des polnischen Regimes enthüllt die Hohlheit seiner Versprechungen.
Indem

es die Solidarität, eine freie Gewerkschaftsorganisation, der eine

überwältigende Mehrheit der polnischen Arbeiter und Bauern angehört, als
ungesetzlich erklärt, hat das polnische Regime deutlich gemacht, daß es niemals die Absicht hatte, eines der grundlegendsten Menschenrechte wieder einzusetzen - das Recht, einer freien Gewerkschaft anzugehören.
Die sogenannte "neue Gewerkschaftsgesetzgebung", in deren Rahmen dieser Rückschritt ergriffen wurde, soll angeblich ein Ersatz für eine Struktur und einen Rahmen zur Schaffung freier Gewerkschaften in Polen sein.
Aber die freie Welt kann das nur als ein Täuschungsmanöver betrachten. Es
liegt auf der Hand, daß solche Gewerkschaften, sollten sie gegründet werden, nichts weiter als ein verlängerter Arm der kommunistischen Partei in
Polen sein werden.
Die polnischen
- 2 -

�Die polnischen Militärfülrer und ihre sowjetischen Hintermänner haben
gezeigt, daß sie weiterhin die Hoffnungen und Wünsche der Mehrheit des polnischen Volkes zertreten werden. Amerika kann angesichts dieser jüngsten
Drohungen der Repression und Akten der Repression durch die polnische Regierung nicht untätig beiseite stehen.
Ich leite daher heute Schritte ein, um so rasch wie möglich die Aussetzung der Meistbegünstigungsklausel für Polen zu erreichen. Dies wird zu
einer Erhöhung der Zölle für polnische Fertigwaren führen, die nach den
Vereinigten Staaten exportiert werden, und damit die Menge dieser Güter,
die in der Vergangenheit importiert wurden, verringern.
Das polnische Regime sollte wissen, daß wir aufgrund dieser weiteren
Repression in Polen bereit sind, weitere Schritte zu ergreifen. Wir führen
auch dringende Konsultationen mit unseren Verbündeten über Schritte, die
wir als Reaktion auf diese jüngste Gewalttat gemeinsam unternehmen könnten.
Wenn ich diese Schritte unternehme, dann möchte ich gleichzeitig, wie in
der Vergangenheit, klarmachen, daß sie sich nicht gegen das polnische Volk
richten. Wir werden der Bevölkerung Polens weiterhin durch Organisationen
wie den Katholischen Hilfsdienst und CAFE humanitäre Hilfe zukommen lassen,
wie wir das seit Verhängung des Kriegsrechts getan haben.
Und ebenso stehe ich zu meinem früheren Angebot, Wiederaufbauhilfe zu
leisten, um der polnischen Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen, wenn
Warschau dem polnischen Volk seine Menschenrechte wiedergibt.
Es gibt Leute, die sagen, die Maßnahmen der polnischen Regierung bedeuteten das Ende der Solidarität. Ich möchte das niemals glauben. Die Leute, die Polen gut kennen, sind der Meinung, daß,solange die Flamme der
Freiheit in den Herzen der polnischen Männer und Frauen so hell und intensiv
brennt wie heute, der Geist der Solidarität in Polen eine lebendige Macht
seinwird

-

Sicherlich muß

�Sicherlich muß es allen klar sein, daß Polen, solange die Militärbehörden in Warschau nichts tun, um die Solidarität wieder auf ihren rechtmäßigen und hart erkämpften Platz in der polnischen Gesellschaft einzusetzen,
weiterhin von Bitterkeit, Entfremdung, Instabilität und Stagnation heimgesucht werden wird.
Jemand hat gesagt: Wenn einem die Freiheit verwehrt wird, dann wird allen
die Freiheit verwehrt. Der heutige Kampf um die Herzen und Hirne der Menschen
basiert auf einer ganz einfachen Frage: Ist der Mensch geboren, um frei zu
sein oder um Sklave zu sein? In einem Land nach dem anderen haben die Menschen
seit langem die Antwort auf diese Frage gefunden. Wir sind aus göttlichem
Recht frei. Wir sind Herr unseres Schicksals, und wir schaffen Regierungen
nach unserem Belieben. Jene, bei denen es anders ist, begehen ein Verbrechen
und eine Sünde gegen Gott und die Menschen.
Es kann nur einen Weg aus dem heutigen Morast in Polen geben; und das
ist der, daß das Militärregime zu seinen eigenen Grundsatzerklärungen steht
- selbst angesichts des schweren Drucks von außen durch die Sowjetunion das Kriegsrecht aufzuheben, Lech Walesa und seine Kollegen freizulassen,die
heute im Gefängnis schmachten, und erneut mit der Suche nach einem sozialen
Frieden beginnen durch einen mühsamen aber echten Prozeß des Dialogs und der
Aussöhnung mit der Kirche und der Solidarität.
Ich schließe mich meinen Landsleuten, einschließlich der Millionen
von Amerikanern polnischer Abstammung, in dem Gebet an um eine baldige Rückkehr auf den Pfad der Mäßigung und persönlichen Freiheit in Polen.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören. Ich werde nächste Woche wieder zu Ihnen
sprechen. Laßt Polen Polen sein. Gott segne Sie.

+ + + + +

�14. Oktober 1982

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT REAGANS ZUM WELTERNÄHRUNGSTAG
• USA um weltweite Nahrungsmittel Sicherung bemüht •

WASHINGTON - (AD) - In einer am 6. Oktober 1982 veröffentlichten Erklärung zum "Welternährungstag", der am 16. Oktober 1982 auf das Problem der begrenzten Nahrungsmittel Vorräte für die Weltbevölkerung aufmerksam machen soll,
unterstrich Präsident Reagan, daß die Vereinigten Staaten durch hohe Produktion, angemessene Vorratshaltung und Versorgung der Weltmärkte mit ihren
landwirtschaftlichen Produkten das ihre zur Versorgung der Weltbevölkerung
beitragen werden.
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Nahrung ist die Grundlage allen Lebens. Zu den obersten Prioritäten
eines jeden Staates gehört es, eine angemessene und verläßliche Versorgung
mit Nahrungsmitteln zu erreichen und aufrechtzuerhalten.
Die Vereinigten Staaten haben stets das Prinzip verfolgt, daß ein Staat
für seine Stärke auch einer starken landwirtschaftlichen Grundlage bedarf.

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�Grundlage bedarf. Aus unserer Siedlerbewegung im Westen erwuchs ein solides
landwirtschaftliches System, das sich auf die Vorstellung vom privaten Unternehmertum und auf die Vorherrschaft des unabhängigen Familienbetriebes
gründet. Ergebnis war ein System der Nahrungsmittel Produktion, das ohne
Schwierigkeiten in der Lage ist, unsere eigene Bevölkerung zu versorgen und
zugleich den Erfordernissen gerecht zu werden, die von draußen herangetragen wurden.
Nicht alle Staaten sind mit den landwirtschaftlichen Grundlagen gesegnet, wie sie Amerika hat, aber in vielen Ländern gibt es auch nicht die Anreize, die für den Betrieb einer solch erfolgreichen Landwirtschaft nötig
sind. Die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft der Vereinten Nationen

(FAO) schätzt, daß zwischen 400 und 500 Millionen Menschen - vor

allem in der Dritten Welt - aus Gründen der Armut an Unterernährung leiden.
Das amerikanische Volk weiß sich seit langem dazu verpflichtet, in
Zeiten der Not die Gaben und die Technologie seiner Landwirtschaft mit anderen Ländern zu teilen. Wir haben über 30 Milliarden Dollar an Nahrungsmittelhilfe

zur Verfügung gestellt, dazu weitere 10 Millionen Dollar für
ii

Transport, seit das Programm Nahrungsmittel für den Frieden" ins Leben gerufen wurde. Zudem waren Tausende von Landwirtschaftsexperten tätig, wurde
eine Vielzahl von Ausbildungsprogrammen angeboten und die Ergebnisse unserer umfangreichen Agrarforschung zugänglich gemacht. Die Vereinigten Staaten tragen zudem das ihre bei, die weltweite Nahrungsmittelsicherung zu verbessern, indem bei Produktion und Reserveeinlagerung ein hohes Niveau beibehalten wird und ihre landwirtschaftlichen Produkte auf dem Weltmarkt zur
Verfügung gestellt werden, damit andere Länder auf diese Weise ihren Bedarf
an Nahrungsmitteln befriedigen können.
Wir sind nicht die einzigen, die die Aufmerksamkeit auf die Probleme
des Hungers in der Welt lenken, über 100 Staaten haben sich voriges Jahr
daran beteiligt, den ersten Welternährungstag zu begehen. Und wir grüßen
insbesondere die Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), die

- 2 -

�(FAO), die am diesjährigen Welternährungstag auf 37 Jahre engagierter Tätigkeit für die Beseitigung von Hunger und Unterernährung zurückblickt.
Wir wollen unsere gemeinsamen Anstrengungen fortsetzen, die Ursachen
für die Ernährungsprobleme der Welt ausfindig zu machen und uns tatkräftig
um ihre Lösung zu bemühen. Zu diesem Zweck hat der Kongreß der Vereinigten
Staaten erneut durch eine gemeinsame Erklärung reagiert, die den 16. Oktober 1982 zum Welternährungstag proklamiert.
Daher proklamiere ich, Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, den 16. Oktober 1982 zum "Welternährungstag" und rufe die
Bürger der Vereinigten Staaten dazu auf, diesen Tag mit den entsprechenden
Feierlichkeiten und Tätigkeiten zu begehen.

+ + + + +

- 3 -

�14. Oktober 1982

40
DIE SOWJETUNION IN DER KRISE
- Dr. Richard Pipes -

Mitarbeiter des U.S. National Security Council

Nachfolgend sind Auszuege aus
einem Vortrag, den Richard
Pipes am 5. Oktober 1982 im
Amerika Haus Koeln gehalten hat

- (AD) -

.... Die Sowjetunion befindet sich heute in einer echten

Krise. Sie leitet sich von der Tatsache her, dass das vor 50 Jahren
errichtete stalinistische System nicht mehr laenger funktioniert, dass
es ruecksichtslos von elementaren Kraeften unterlaufen wird, die zu
integrieren es sich straeubt, die es aber auch nicht auszuschalten
vermag. Es ist in erster Linie eine Krise der Produktivkraefte der
Wirtschaft, gleichzeitig aber auch eine Krise des politischen Systems
und des imperialen Staatsaufbaus. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass in
der gesamten sowjetischen Gesellschaft ein Unbehagen um sich greift selbst unter der herrschenden Elite, der sogenannten Nomenklatura: das
allgegenwaertige Gefuehl, dass "es so nicht weitergehen koenne". Das
erinnert sehr an die Grundstimmung in der russischen Gesellschaft
Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, am Vorabend grosser
Ereignisse.

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�Ich moechte hier das Wesen der sowjetischen Krise kurz unter den
Gesichtspunkten der Wirtschaft, der Politik und des imperialen Regimes
beschreiben, um dann deren moegliche Loesung und die Rolle zu
skizzieren, die die Politik des Westens in diesem Prozess spielen
kann.

I. Die Wirtschaftliche Krise

Dass die Wirtschaft der Sowjetunion in Schwierigkeiten steckt, ist
selbst jedem noch so fluechtigen Zeitungsleser bekannt. Das sagen
sowjetische Behoerden und das bestaetigen die Sowjetexperten im
Westen. Der Rueckgang des Wachstums der sowjetischen Wirtschaft laesst
sich mit Zahlen belegen: Sie zeigen, dass das Bruttosozialprodukt, das
in den fuenfziger Jahren mit einer durchschnittlichen Jahresrate von
sechs Prozent zugenommen hatte, von da an stetig bis auf nunmehr zwei
Prozent zurueckgegangen ist, das heisst auf ein Drittel des frueheren
Wertes. Vorausberechnungen amerikanischer Fachleute lassen den Schluss
zu, dass das Wachstum des sowjetischen Bruttosozialprodukts noch in
diesem Jahrzehnt auf weniger als zwei Prozent zurueckgehen wird. Die
Wirtschaft der Sowjetunion kann, so wie sie gegenwaertig organisiert
ist, den Anforderungen der Militaers nur auf Kosten des Verbrauchs und
durch eine drastische Senkung der Wachstumsrate der
Kapitalgueterinvestitionen genuegen - Massnahmen, die nicht ohne
groessere langfristige soziale und wirtschaftliche Folgen bleiben
koennen.

Der Hauptschuldige an diesen unheilkuendende Zahlen ist die niedrige
Produktivitaet. Heute, 65 Jahre nach der Revolution und nach
ungeheuren Opfern an Menschenleben, durch die die Sowjetunion hoffte,
mit den Vereinigten Staaten als Industriemacht mindestens gleichziehen
zu koennen, produziert der sowjetische Arbeiter noch immer lediglich
zwei Fuenftel dessen, was sein amerikanischer Kollege produziert -

- 2-

�d.h., im Grunde nicht viel mehr, als um das jähr 1900, als Sergej
Witte die Industrialisierung Russlands einleitete. Doch 1900 war die
niedrigere Arbeitsproduktivitaet in der Industrie fuer Russland kein
ernstes Problem, weil das Land damals in Gestalt der zahllosen,
arbeitsuchenden Bauern ohne eigenen Grund und Boden ueber ein
praktisch unerschoepfliches Reservoir an billigen Arbeitskraeften
verfuegte. Heute ist dies ein sehr ernstes Problem, leidet die
Sowjetunion doch infolge sinkender Geburtenraten unter
Arbeitskraeftemangel. Ich lasse es hier mit dem Hinweis bewenden, dass
die Erwerbsbevoelkerung in den siebziger Jahren um nahezu 20 Millionen
zunahm, waehrend in diesem Jahrzehnt keine zehn Millionen hinzukommen
werden. Eine Steigerung der sowjetischen Produktion kann deshalb nicht
mehr laenger durch Erhoehung der Zahl der Erwerbstaetigen erzielt
werden, sonder erfordert Verbesserungen der Leistungsfaehigkeit;
solche aber sind nirgends zu beobachten. Die Einfuehrung moderner
Maschinen aus dem Westen in der Aera Breschnew hat keine allgemeine
Steigerung der Produktivitaet in der Industrie bewirkt. Das gleiche
gilt fuer die Landwirtschaft: Die Regierung Breschnew hat in den
letzten 17 Jahren mehr Kapital fuer die Modernisierung der
Landwirtschaft aufgewandt als alle vorausgegangen Regierungen seit
1917 zusammengenommen - wiederum ohne das erstrebte Ergebnis.

Es gibt viele Gruende fuer die niedrige Produktivitaet in der
Sowjetunion. Die uebermaessige Konzentration der Entscheidungsprozesse
ist einer von ihnen; die Ueberbewertung der politischen Loyalitaet
gegenueber der professionellen Kompetenz bei der Berufung von
Managementkraeften ist ein anderer, der sich aeusserst schaedlich
auswirkt. Der Hauptgrund aber fuer die niedrige Produktivitaet ist,
alles in allem genommen, in der Haltung der Bevoelkerung der
Sowjetunion zu finden. Verallgemeinernd laesst sich sagen, dass der
Mensch entweder aus Angst oder aus Hoffnung arbeitet: weil er
befuerchtet, eine Degradierung zu erleiden, oder weil er wuenscht,
seinen Status zu verbessern. Die stalinistische Wirtschaft stuetzte
sich in der Hauptsache auf das Prinzip der Angst. Stalin griff damit
- 3 -

�auf die Motivierung zurueck, die in Russland zur Zeit der
Leibeigenschaft bestanden hatte und darin bestand, Faulheit und
Leistungsschwaeche bei den Bauern mit Hunger und bei den
Industriearbeitern mit Einkerkerung zu bestrafen. Stalins Nachfolger
haben den Apparat des wirtschaftlichen Terrors weitgehend abgebaut,
ohne ihn allerdings durch ein System sinnvoller Anreize zu ersetzen mit dem Ergebnis, dass sich die sowjetischen Arbeiter und Bauern von
heute nicht mehr fuerchten, aber auch keinen Anlass haben, groessere
Leistungen zu erbringen....Der in der Sowjetunion zu beobachtende
Rueckgang der Produktivitaet erweist sich letzten Endes als nichts
anderes als die Rache der modernen Leibeigenen an ihrem Herren, dem
Staat.

...Neben der staatlichen Wirtschaft entwickelt sich eine
umfangreiche "zweite Wirtschaft". Sie zeigt sich in mehrfacher
Gestalt. Die produktivste Form besteht aus frei gegruendeten
Partnerschaften von Arbeitern und Bauern unter gewaehlten Vorstehern,
die sich den staatseigenen Unternehmen verpflichten und die erzielten
Gewinne unter ihren Mitgliedern aufteilen. Das ist natuerlich nichts
anderes als das traditionelle russische Artel. In der Industrie
bezeichnet man diese modernen Artel-Arbeiter als Schabaschniki, das
heisst als Freizeit- oder Schwarzarbeiter. Eine besonders wichtige
Rolle spielen sie auf dem Bausektor, wo sie, von vielen beneidet, in
dem Ruf stehen, hochgualifizierte Arbeit zu leisten: Diese "freien
Mitarbeiter", die ihre Arbeitsplaetze in den staatseigenen Betrieben
aufgegeben haben, arbeiten bis zu 15 Stunden am Tag, sieben Tage in
der Woche, und sie verdienen vier- bis fuenfmal so viel, wie normale
Bauarbeiter in staatlichen Betrieben. In manchen Fabriken ist es den
Arbeitern gestattet, Freiwilligenbrigaden zu bilden, die nicht nach
den Einheitsloehnen fuer die Erfuellung der Norm, sondern nach am
Produktionsergebnis orientierten Sondersaetzen bezahlt werden. In
diesen Arbeitsbrigaden soll die Produktivitaet doppelt so hoch sein,
wie unter den normalen Arbeitern. Solche Arbeitsgruppen sind ebenfalls
auf dem Bausektor weit verbreitet, spielen aber auch in der

�Fertigungsindustrie und im Transportwesen eine Rolle. Arbeitsbrigaden
dieser Art und Schabischniki erbringen heute in der Sowjetunion nahezu
zwei Fuenftel aller Bauleistungen. In der Landwirtschaft ist die
Ueberlegenheit privater Betriebsformen besonder augenfaellig. Auf drei
Prozent der Anbauflaeche, die die Landarbeiter frei bewirtschaften
duerfen, produzieren sie nahezu ein Drittel der gesamten Gemueseernte
der Sowjetunion; das gleiche gilt fuer Fleisch und fuer Milchprodukte.
Die Produktivitaet betraegt etwa das Achtfache der Produktivitaet auf
dem staatlichen Sektor - und das trotz der Tatsache, dass diese
Freizeitbauern hinsichtlich der Beschaffung von Futter, Duengemitteln
und Geraetschaften vollkommen von der ihnen nicht gerade
wohlgesonnenen Kolchosbuerokratie abhaengen. In den letzten Jahren
erwies sich in der Landwirtschaft die sogenannte normenfreie Anbindung
- Zusammenschluesse von Kolchosarbeitern, die nicht fuer die
Erfuellung von Normen, sondern fuer die tatsaechlich eingebrachte
Ernte bezahlt werden - als eine weitere erfolgreiche Neuerung. Die
Kombination aus freiem Zusammenschluss und Gewinnstreben fuehrt in
allen Zweigen der sowjetischen Wirtschaft zu ausserordentlichen
Ergebnissen.

Trotz der solchermassen erwiesenen Leistungsfaehigkeit behindern
die Buerokraten den privaten Sektor und suchen ihn abzuschnueren,
haengt doch ihr eigenes Ueberleben von der Aufrechterhaltung des
status guo ab, das heisst vom Fortbestand eines Wirtschaftssystems, in
dem politische Sicherheitserwaegungen die hoechste Rangstufe
einnehmen. Eine der Tragödien des zeitgenoessischen Russland besteht
darin, dass seine herrschende Elite ein tiefverwurzeltes Interesse an
wirtschaftlicher Ineffizienz hat - ein Phaenomen, das ohne Parallele
in der Weltgeschichte sein duerfte.

II.

Die Politische Krise

_Die politische Krise, die die Sowjetunion gegenwaertig durchmacht,
ruehrt von der Unfaehigkeit der herrschenden Schicht, der
- 5 -

�Nomenklatura, her, die Bevoelkerung davon zu ueberzeugen, dass sie ein
verlaesslicher Verwalter und wahrer Hueter der nationalen Interessen
ist. Je mehr der Zweifel hieran um sich greift, umso groesser wird die
Kluft, die die Machthaber von den Beherrschenden trennt, und umso
schwerer faellt es der Regierung, die Bereitschaft zur Mitarbeit zu
wecken - sei es durch Drohungen oder durch Versprechen. Es gibt ein
russisches Bonmot, das die derzeitigen Verhaeltnisse in der
Sowjetunion treffend umreisst, wenn es von einer Lage spricht, in der
"die Regierung nicht kann und das Volk nicht will".

Diese Vertrauenskrise hat wenig mit der Erosion der kommunistischen
Ideologie zu tun. Die kommunistische Ideologie hatte in der
Sowjetunion noch zu keiner Zeit grossen Zulauf. Sie vermochte die
Unterstuetzung einer breiten Oeffentlichkeit nur in dem Masse zu
gewinnen, in dem ihren Verfechtern deren Identifizierung mit dem
Nationalismus gelang: das heisst in dem Masse, in dem sich die
kommunistischen Machthaber ueberzeugend als Vorkaempfer der nationalen
Bedrohung der Russen zu praesentieren verstanden. Das vermochte sie am
ehesten, wenn sie "gegen auslaendische Feinde" kaempften - manchmal
echte Feinde, haeufiger aber noch Feinde, die sie eigens fuer diesen
Zweck kuenstlich konstruiert hatten. Das Problem der derzeitigen
Machthaber besteht deshalb darin, dass heute nicht nur die Intelligenz
sonder auch das Volk insgesamt immer staerker an ihrer Tuechtigkeit
und Glaubwuerdigkeit zu zweifeln beginnt.

Zentrale Ursache dieser Entwicklung ist die Korruption selbst unter
hoechsten Funktionaeren. Allen Berichten nach zu urteilen, breitet
sich das Krebsgeschwuer der Korruption, das frueher nur oertlich eng
umgrenzt auftrat, allmaehlich auf das ganze Sowjetsystem aus. Die
Folge ist, dass ohne Bestechung nichts mehr erworben oder erreicht
werden kann. Die gesetzwidrige und die institutionalisierte Korruption
in Form von Sonderprivilegien fuer die Mitglieder der Nomenklatura
vergiften die gesamte Atmosphaere. Sie veranlassen das Volk, jene, die
Macht ueber es besitzen, als ein Pack von Parasiten anzusehen, die

- 6-

�ausschliesslich auf die Befriedigung ihrer privaten Erfordernisse und
Wuensche aus sind. Der Zorn, den dieses Gefuehl ausloest, ist leicht
zu verstehen. In Polen war es die um sich greifende Korruption, die
vor drei Jahren durch die beharrliche Aufklaerungsarbeit der
Solidaritaet in der Oeffentlichkeit bekannt wurde, die die Flammen der
Rebellion unter den Arbeitern anderer Auffassung im ganzen Volk
verbreiten half. Und tatsaechlich, welche Art von Achtung konnte das
polnische Volk fuer eine Regierung hegen, deren Vertreter in der
Folgezeit in grosser Zahl unter der Beschuldigung der Bestechlichkeit
und des Diebstahls in Haft genommen wurden, darunter der
Ministerpraesident, 18 Minister, sieben stellvertretende
Ministerpraesidenten und 56 Ministerstellvertreter - ganz zu schweigen
von vielen anderen Angehoerigen der Parteihierarchie. Die Korruption
hat sich in der Sowjetunion von einer laestigen Lappalie, die die
Gesellschaft diskret zu uebersehen geneigt war, zum offenen Skandal
ausgeweitet. Selbst die Miliz, angeblich Hueter von Gesetz und
Ordnung, soll bis zum Hals in verbrecherische Machenschaften
verwickelt sein. Dieser Sachverhalt diskreditiert die Regierung in den
Augen selbst noch so unpolitischer Buerger und nimmt ihr jedes
moralische Recht, von diesen buergerliches Pflichtbewusstsein und
persoenliche Opferbereitschaft zu verlangen. Die Folgen sind
verheerend - besonders unter der Jugend, deren Gleichgueltigkeit
gegenueber staatlichen Erfordernissen und deren Zynismus den Behoerden
Anlass zu groesster Sorge bieten.

Die Angehoerigen der russischen Intelligenz sowohl in der
Sowjetunion als auch in der Emigration beurteilen die Regierung auch
nach ihrer Faehigkeit, den nationalen Interessen zu dienen. In dieser
Frage gibt es zwei klar abgegrenzte Denkschulen, die in vieler
Hinsicht den vorrevolutionaeren Tendenzen der Slawophile und der
Westorientierung gleichen. Beide stimmen darin ueberein, dass sich die
Sowjetregierung gegenueber den nationalen Erfordernissen sehr
gleichgeltig verhaelt. Der Streit zwischen beiden Richtungen
konzentriert sich auf die Frage der Beziehung Sowjetrusslands zum
- 7 -

�Westen, wobei die eine Gruppe behauptet, alle Schwierigkeiten des
Landes kaemen vom Einfluss des Westens, waehrend die andere
argumentiert, dass sie im Gegenteil von der unzureichenden
Verwestlichung Russlands herruehren.

Die Westglaeubigen sind im Ausland wohl bekannt, weil sie lange
Jahre hindurch Ziel schwerer staatlicher Verfolgung waren. Es reicht,
wenn ich hier erklaere, dass sie das Sowjetregime als Reincarnation
des moskowitischen Russland ansehen und einen Ausweg aus dessen
selbstverschuldeter Krise ohne ernsthafte Anstrengungen zur
Zivilisierung der Massen durch Wiedererweckung der Achtung vor den
Menschenrechten und vor der Rechtsstaatlichkeit, fuer undenkbar
erachten.

Weniger bekannt ist im Ausland die Gruppe der gemeinhin als
Russophile bezeichneten Anhaenger der gegensaetzlichen Meinung. Die
Haltung der Russophilen beruht auf der Praemisse, der Kommunismus sei
dem Geist der Russen und den historischen Traditionen Russlands fremd,
da es sich um eine Krankheit westlicher Herkunft handele, mit der eine
entwurzelte Intelligenz das Land infiziert habe. Um ihre These zu
stuetzen, idealisieren die Russophilen die vorrevolutionaere Zeit. Die
hauptsaechlichen Organe dieser Bewegung, die junge Garde zum Beispiel,
veroeffentlichen einen breiten Strom von Essays, Romanen und
wissenschaftlichen Monographien, die erfuellt sind mit einer Nostalgie
fuer die russische Vergangenheit und einer kaum verhohlenen Verachtung
fuer Auslaender, insbesondere fuer die Juden. Einige von ihnen scheuen
sich nicht, zu behaupten, das russische Volk sei anderen Voelkern von
seiner Veranlagung her ueberlegen, wie dies vor einem Jahrhundert auch
Fjodor Dostojewski meinte. Die sowjetischen Machthaber nahmen die
russophilen Tendenzen unter ihre eigenen Fittiche - wahrscheinlich
deshalb, weil sie diese fuer gefaehrlicher halten als die
Westorientierung und weil sie es sich nicht leisten koennen, sich
rechts ueberholen zu lassen. Das KGB hat eine besondere Vorliebe fuer
die Russophilen, deren Ideologie die Ausmerzung aller westlichen

- 8-

�Einfluesse aus dem sowjetischen Leben gebietet - eben jener
Einfluesse, die die politische Polizei als verantwortlich fuer den
gefaehrlichsten Trend im ganzen Lande haelt: die
"Verbrauchshoerigkeit", die ihrer Auffassung nach den Anstoss gibt
nicht nur zur Korrumpierung derjenigen, die Macht in Haenden halten,
sondern auch zur Entfremdung der Jugend.
Der Nationalismus gefaehrdet das Sowjetregim auch noch auf andere
Art und Weise. Die Sowjetunion ist ein multinationales Imperium, in
dem die Russen lediglich knapp mehr als die Haelfte der Bevoelkerung
stellen. Sie und die beiden anderen slawischen Voelker - die Ukrainer
und die Weissrussen - haben nach 1917 so schwere Traumata erlebt, dass
sie sich nicht mehr in ausreichendem Masse fortpflanzen. Wie koennten
sie auch angesichts der Tatsache, dass die Durchschnittsrussin im Lauf
ihres Lebens schaetzungsweise zehn Abtreibungen vornehmen Laesst. Das
Problem wird noch verstaerkt durch den Mangel an Maennern slawischer
Herkunft, der offensichtlich auf die hohen Raten an Alkoholikern,
Alkoholvergiftungen und Betriebsunfaellen zurueckzufuehren ist.
3uengste Volkszaehlungen deuten darauf hin, dass die Russen bis Ende
dieses Jahrhunderts unter der Jugend des Landes eine kleine Minderheit
sein werden, waehrend die muselmanischen zentralasiatischen Republiken
allein voraussichtlich 40 Prozent der sowjetischen Jugend stellen
werden. Was eine derartige Verlagerung des demographischen
Gleichgewichts fuer die geographische Verteilung der
Erwerbsbevoelkerung und die voelkische Zusammensetzung der Sowjetarmee
- ganz zu schweigen fuer die moralische Haltung der russischen
Bevoelkerung - bedeuten wird, kann man sich gut vorstellen.

III.

Die Imperiale Krise

_Das sowjetische System hat einen immanenten Hang zu imperialistischer
Expansion - zum grossen Teil deshalb, weil der Nomenklatura eine
legitime politische Basis abgeht, so dass sie sich nur durch
Ausweitung ihrer Machtbasis halten kann. Dieser Sachverhalt wurde von

- 9-

�Professor Michael Voslensky bewundernswert dargelegt, als er schrieb:

"Der expansionistische Drang (der Sowjetunion) ist direkter
Ausdruck der Charakteristika des Systems, vor allem aber des
Klassencharakters des Sowjetstaats. Die Politik der
Sowjetunion ist expansionistisch, weil die politische Macht
die einzige Basis der herrschenden Klasse darstellt. Die
Nomenklatura laesst sich mit der Unternehmerklasse im Westen
vergleichen. Auch diese Klasse ist expansionistisch, wenn auch

nur

auf dem Gebiet der Wirtschaft. Die Klassenbasis der Bourgoisie

ist

das Eigentum und ueber das Eigentum gewinnt sie politischen
Einfluss. Die Klassenbasis der Nomenklatura ist dagegen die
politische Macht; sie erwirbt Eigentum und Privilegien durch
(politische) Macht."

Die sowjetische Regierung legt traditionsgemaess bei
imperialistischen Abenteuern grosse Vorsicht an den Tag - aus Furcht,
dass eine Demuetigung ihrer Streitkraefte durch auslaendische Maechte
Zweifel im Denken der Sowjetbuerger erwecken koennte, ob sie wirklich
so allmaechtig ist, wie sie vorgibt. Vor einem Jahrzehnt oder so liess
Moskau diese Ruecksicht fallen. Die Niederlage Amerikas in Vietnam und
ein emotionsbeladenes Aufbegehren gegen jedwede auslaendische
Verwicklungen der Vereinigten Staaten schienen der Sowjetunion die
einzigartige Chance zu eroeffnen, sich unter geringem Risiko
strategische Brueckenkoepfe weit jenseits der sowjetischen Stammlande
zu verschaffen. Die Entscheidung, eine militaerische Weltpolitik zu
betreiben, die gegen Ende der sechziger Jahre getroffen wurde, fand
ihren Niederschlag im sowjetischen Staatshaushalt. Beginnend mit dem
neunten Fuenfjahresplan, der 1970 in Kraft getreten ist, wurden die
Haushaltmittel fuer Kapitalgueterinvestitionen und fuer den zivilen
Sektor gekuerzt und die auf diese Weise eingesparten Betraege fuer
militaerische Zwecke verfuegbar gemacht. Diese Entscheidung wurde im
zehnten Fuenfjahresplan von 1975 und im elften von 1980 bekraeftigt.
Die Tatsache, dass eine derartige Verlagerung von Haushaltmitteln auf
- 10 -

�die Militaerausgaben genau zu der Zeit erfolgte, zu der die
Vereinigten Staaten ihre Militaerausgaben kuerzten, widerlegt ja wohl
die Behauptung, die militaerischen Vorbereitungen der Sowjetunion
seien lediglich eine Reaktion auf amerikanische Massnahmen: In
Wahrheit scheinen sie von der Verlockung zur Aggression ausgeloest
worden zu sein. Unter Ausnutzung der amerikanischen Wendung nach
innen, begann sie Sowjetunion weltweit eine imperialistische Politik
zu betreiben, die hinsichtlich Intensitaet und Reichweite in der
russischen Geschichte ohne Beispiel ist. Heute unterstuetzen
sowjetische Truppen militaerische Operationen auf vier Kontinenten,
und in Afghanistan sind sie zum ersten Mal seit 1917 unmittelbar in
einen Eroberungsfeldzug verwickelt.

Welche militaerischen oder politischen Vorteile solche
anachronistischen, imperialistischen Abenteuer auch einbringen moegen
- und sie sind zweifelhaft -, fest steht, dass sie die angespannte
sowjetische Wirtschaft schwer belasten. Die sowjetischen Machthaber
begreifen allmaehlich, dass der Imperialismus, entgegen den
amateurhaften Spekulationen Lenins, kein Geschaeft ist. Die
dramatische Zunahme der sowjetischen Unterstuetzungszahlungen an
verbuendete kommunistische Laender muss sie bestuerzen. Diese
Subsidien, die sich vor 10 Jahren in der Groessenordnung von einer
Milliarde Dollar pro Jahr bewegt hatten, stiegen 1979 auf 13,6
Milliarden Dollar und 1980 auf 23,7 Milliarden Dollar an. Es muss
einigen Leuten in der sowjetischen Fuehrung aufgegangen sein, dass
ihre spaerlichen finanziellen Hilfsquellen nicht ausreichen, ein
ehrgeiziges imperialistisches Expansionsprogramm im Stile des
neunzehnten Jahrhunderts durchzustehen....Es liegen Beweise dafuer
vor, dass sich Realisten im sowjetischen politischen und
militaerischen Apparat mit diesen Tatsachen auseinanderzusetzen
beginnen. Die ungewoehnliche Passivitaet der Sowjetunion juengst im
Libanonkonflikt und die praktisch voellige Preisgabe der PLO,
Hilfsempfaenger und arabischer Degen zugleich, koennten durchaus
Manifestitionen wachsender Zweifel an der Weisheit der Entscheidung
- 11 -

�sein, ausgehend von der Basis einer ruecklaeufigen Volkswirtschaft
eine ruecksichtslose Weltpolitik zu betreiben.

IV. Zukunftsaussichten

Welcher Weg fuehrt aus der Krise heraus? Wiewohl ein gewaltsamer
Zusammenbruch des sowjetischen Regimes nicht ausgeschlossen werden
kann, ist die Wahrscheinlichkeit hierfuer doch gering. Wenn ich dies
sage, dann nicht etwa, weil ich glaube, das kommunistische Regime
halte das Land in einem unloesbaren Griff. Die Ereignisse in Ungarn,
in der Tschechoslowakei und allem voran in Polen zeigten,
beziehungsweise zeigen, dass kommunistische Kontrollen unter
Umstaenden rasch und radikal beseitigt werden koennen. Die Zweifel an
einer neuen russischen Revolution leiten sich eher von dem Eindruck
her, dass praktisch keine Gruppe in der Sowjetunion eine solche
wuenscht. Russland hat genug von Revolutionen und die Russen glauben
nicht mehr laenger, dass sie ihr Los durch radikale und gewaltsame
Veraenderungen verbessern koennten. Das ganze Konzept von der
Revolution als einer Art deus ex machina, der auf magische Weise alle
Schwierigkeiten beseitigt, das dem Mittelstand zugehoerigen
Visionaeren in unschuldigeren Laendern so anziehend erscheint, ist in
der Sowjetunion in Misskredit geraten. Die Hoffnungen der
Sowjetbuerger auf Verbesserungen ihres Loses richten sich auf die
Evolution.

Aus der Samisdat-Literatur und aus zahllosen Gespraechen, die ich
in der Sowjetunion fuehrte, kann ich bezeugen, dass ein allmaehlicher
Wandel von Vertretern aller Schattierungen der oeffentlichen Meinung
beguenstigt wird. Aus diesem Grunde sollte man die Argumente der
Befuerworter einer nachgiebigeren Haltung gegenueber der Sowjetunion
nicht allzu ernst nehmen, die besagen, eine staerker
prinzipienverhaftete Politik sei geeignet, Russland auf gefahrvolle
Weise zu "destabilisieren".

- 12 -

�Wenn nicht Revolution, dann also Reform. Reformen brauchen nicht
unbedingt von der Art einer Bewegung in Richtung auf neue und bisher
nicht erprobte Formen zu sein: Erinnern wir uns an jenen
Oxford-Theologen, den Oscar Wilde dahingehend zitiert, sein einziger
Einwand gegen den Fortschritt der Moderne gehe dahin, dass er immer
nach vorne statt nach hinten gerichtet sei. Tatsaechlich gibt es auch
einen Fortschritt nach hinten. Um ein Beispiel zu nennen, eine
"Gegenreform" der Art, wie sie Zar Alexander III Russland in den
achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufzwang.

Eine Option, die der sowjetischen Regierung freisteht, waere die
Rueckkehr zum Stalinismus - natuerlich keine Rueckkehr zum Grand
Guignol der dreissiger Jahre unseres Jahrhunderts und auch nicht zum
staatlich gefoerderten Personenkult, sondern zu einem Staat, dessen
Motor die Furcht ist. Es laesst sich argumentieren, dass insoweit wie
jede Liberalisierung und alle Zugestaendnisse an die Privatinitiative
zwangslaeufig den Monopolanspruch der herrschenden Elite auf die
politische Macht gefaehrden, Maengel des status quo durch den
Rueckgriff auf so schwere Strafen behoben werden muessen, wie sie
unter Stalin auf Pflichversaeumnisse gestanden hatten. Bauern also,
die nicht fuer den Staat arbeiten, moegen ruhig verhungern, und
Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz aufgeben, haeufig zu spaet zur Arbeit
erscheinen, blau feiern oder sich trunken zur Arbeit einfinden, werden
sich alsbald in einem Arbeitslager wiederfinden.

Korrupte Beamte werden schwer bestraft. Leute mit abweichenden
Meinungen werden physisch liquidiert. In den aussenwirtschaftlichen
Beziehungen kommt es zu einer verminderten Importabhaengigkeit und
verstaerkten Autarkiebestrebungen. Verpflichtungen gegenueber der
Dritten Welt werden staerker abgebaut, waehrend die Spannungen entlang
der Grenze der Sowjetunion und ihrer osteuropaeischen Besitzungen
zunehmen.

Eine solche Option waere sicherlich denkbar: fuer konservative
- 13 -

�Kreise und insbesondere fuer das KGB ist sie sogar von grosser
Anziehungskraft, fuerchten sie doch, der derzeitige Kurs werde das
Land in einen Abgrund fuehren. Ob das realistisch ist oder nicht, ist
eine andere Frage. Eine so vielschichtige Volkswirtschaft wie die der
Sowjetunion von heute kann sich aber kaum in die Autarkie fluechten.
Unwahrscheinlich erscheint ferner, dass sie die Ernten angesichts des
Mangels an kraeftigen Maennern auf dem flachen Lande und des
Erschoepfungsgrades eines guten Teils der Boeden mit Drohungen oder
Strafen verbessern koennen. Es ist auch nicht leicht einzusehen, wie
tuechtige Arbeitskraefte in der Produktion elektronischer
Austestungen durch die rauhen Methoden, die Stalin zum Bau von
Kanaelen und Stahlhuetten befaehigten, dazu gebracht werden koennen,
mehr zu leisten als bisher. Stalins Industrialisierung wurde letzten
Endes mit Menschenleben bezahlt. Vor fuenfzig Jahren wies Russland
einen starken Ueberfluss an dieser Art von Kapital auf, heute aber
herrscht ein verzweifelter Mangel an Arbeitskraeften. Dem Land sind
die Eier ausgegangen, die es aufbrechen muesste, um das beruehmte
Omelette zu backen. Strenge Befehle, Haftstrafen und Hinrichtungen
aendern nichts an biologischen Tatsachen. Deshalb lassen sich
Verbesserungen der Produktivitaet nur durch Anreize erreichen, das
heisst durch gerade jene Methoden, die der Spekulation auf die Angst
diametral entgegenstehen.

Eine vernuenftigere Option besteht deshalb in einer liberalen
Wirtschaftsreform nach ungarischem Modell - eine Chance, die den
Verantwortlichen fuer die sowjetische Wirtschaft besonders attraktiv
erscheint. Die Tatsache, dass zwei der konservativsten sowjetischen
Dependancen, die Tschechoslowakei und Bulgarien, kuerzlich die Absicht
bekundeten, den neuen Wirtschaftsmechanismus Ungarns zu uebernehmen,
deutet darauf hin, dass die Verfechter liberaler Reformen in Moskau
einigen Erfolg haben. Die Anziehungskraft des "Gulaschkommunismus"
besteht darin, dass er die Produktivitaet zu steigern vermag ohne die
politische Autoritaet der Partei zu schwaechen oder diese der Vorteile
zu berauben, die ihr hieraus erwachsen. Eine weniger attraktive Seite

- 14 -

i

�resultiert aus der Tatsache, dass eine leistungsgemaesse Entlohnung,
Grundvoraussetzung jeder wirtschaftlichen Rationalisierung,
unausweichlich soziale Unausgewogenheiten nach sich zieht, die die
sowjetische Bevoelkerung strikt ablehnt.

In einem gewissen Sinn wird den sowjetischen Machthabern die
Beantwortung dieser Frage jedoch abgenommen und vom Leben als solchem
entschieden. Das spektakulaere Wachstum der "zweiten Wirtschaft" in
den letzten Jahren - einem dynamischen privatwirtschaftlichen Sektor
innerhalb der kommunistischen Volkswirtscaft, auf den nahezu ein
Drittel der Erzeugung von Grundnahrungsmitteln, ausgenommen Brot, und
ueber ein Drittel des Volumens im Wohnungsbau entfallen - ist eine
Realitaet, die man nur schwer ignorieren kann. Sechzig Jahre vor
Abschaffung der Leibeigenschaft in Russland begann der Anteil der
Leibeigenen an der Gesamtbevoelkerung zu schrumpfen - eine
Entwicklung, die sich ungebrochen bis zum Emanzipationserlass des
Jahres 1861 fortsetzte. In sehnlichem Sinne kann das Gedeihen eines
freien Unternehmertums innerhalb einer im wesentlichen als
Sklavenwirtschaft einzustufenden Wirtschaft als Hinweis auf die
Entstehung eines neuen Systems gewertet werden, eines neuen
Verhaeltnisses, das einige sowjetische Wirtschaftswissenschaftler als
"Partnerschaft" zwischen dem staatlichen und dem privaten Sektor der
Wirtschaft beschreiben: Mit anderen Worten hier zeigt sich etwas, was
stark an eine Mischwirtschaft erinnert.

Welchen Weg die sowjetische Fuehrung einschlagen wird, kann man
heute nicht mit Sicherheit vorhersagen. Es ist ungewiss, ob sie zum
Stalinismus zurueckkehren oder das Risiko liberaler Reformen auf sich
nehmen wird. Die Entscheidung duerfte letzten Endes von den
Persoenlichkeiten abhaengen, die gerade zur Hand sind.

Zwei Dinge aber sind sicher: Es liegt in hohem Masse im Interesse
des Westens, dass die liberalen Reformer triumphieren und dass die
Politik, die der Westen in seinen Beziehungen zur Sowjetunion
- 15 -

�verfolgt, das Ergebnis des inneren Konflikts in Russland nicht negativ
beeinflusst.

Die Annahme eines Programms liberaler Reformen wuerde die Ursachen
der Ost-West-Spannungen auf mannigfaltige Weise verringern. Sie wuerde
zwangsweise Russlands Ressourcen stark in Anspruch nehmen - eine
Verlagerung des Haushaltschwerpunktes vom militaerischen Sektor auf
den Bereich der Investitionen und des Verbrauchs bedingen. Sie wuerde
des weiteren eine betraechtliche -Verringerung der militaerischen und
anderweitiger Verpflichtungen in der Dritten Welt erforderlich machen,
die die Wirtschaft der Sowjetunion zu stark belasten und sich so
schaedlich auf deren Beziehungen zum Westen auswirken. Eine
Dezentralisierung des Managements der Wirtschaft und groessere
Zugestaendnisse an die Privatinitiative wuerden den Einfluss von
Leuten mehren, die weniger Interesse an einer Expansionspolitik haben.
Alle Erfahrungen deuten darauf hin, dass der wirtschaftliche
Pluralismus zwangslaeufig ein gewisses Mass an politischem Pluralismus
nach sich zieht, der wiederum die Politiker zur verstaerkten
Konzentrierung ihrer Energien auf die Sorgen im eigenen Land zwingt.
Ein Russland, das sich nach innen wendet, das Groesse nicht in
Eroberungen sondern im Aufbau einer selbstbewussten und lebensfaehigen
Gesellschaft sucht, wird eine weniger grosse Bedrohung fuer sich
selbst und seine Nachbarn darstellen. Im 19. Jahrhundert nannte man
eine derartige Wendung nach innen, wie sie Russland von Zeit zu Zeit
vornahm, "Recueillement". Diese Sammlungsbewegung wurde besonders von
jenen russischen Patrioten befuerwortet, die, wie sich zeigen sollte,
zur Recht fuerchteten, dass ein ungezuegelter Expansionismus in einer
Katastrophe enden werde. Was heute zu wuenschen waere, und was wir
nach Kraeften zu foerdern bestrebt sein sollten, ist ein abermaliges
russisches Recueillement groesstmoeglichen Ausmasses.

Gewisse Kreise argumentieren, das letztgenannte Ziel liesse sich am
ehesten dadurch erreichen, dass man der sowjetischen Fuehrung das
Leben leichter macht: Indem man ihr und ihren Wirtschaftspartnern

- 16 -

�billige Kredite gewaehrt; indem man ihr, wiederum ueber Kredite, die
Moeglichkeit verschafft, grosse Betraege in harter Waehrung zu
verdienen; indem man die eigenen Reaktionen auf deren weltweite
Unternehmungen auf eine verbale Missbilligung beschraenkt; und indem
man auf die sowjetische militaerische Herausforderung mit einem
Mindestmass an Abschreckung reagiert. Diese Auffassung war auch in den
Vereinigten Staaten zu hoeren; sie findet aber heute dort nur noch
wenige Anhaenger, weil die Erfahrung zeigt, dass derartige Schritte
nicht den gewuenschten Effekt zeigen. Es war vor allem in der Zeit des
Recueillement Amerikas, waehrend der siebziger Jahre also, als die
Sowjetunion besonders grosse und beachtliche Fortschritte in der
Waffentechnik erzielte und sich auf die kuehnsten Auslandsabenteuer
einliess. Heute neigen wir zu dem Schluss, dass die tieferen Wurzeln
der sowjetischen Bedrohung in dem System selbst liegen - und dass sich
daran hoechstwahrscheinlich solange nichts aendern wird, bis dieses
System einen grundlegenden Wandel von innen her erfaehrt.

Kein verantwortungsbewusster Mensch darf sich heute der Illusionen
hingeben, es stuende in der Macht des Westens, das sowjetische System
zu Versendern oder "die Sowjetwirtschaft in die Kniee zu zwingen". Das
waeren unerreichbare Ziele. Was man anstreben kann und sollte, ist,
dBS Sowjetregim dazu zu zwingen, die Konsequenzen seiner eigenen
Prioritaeten selbst zu tragen. Wir sollten es der Nomenklatura nicht
zu einfach machen, ihren Kuchen zu bekommen und ihn in Ruhe zu
verzehren oder, mit anderen Worten, ein leistungsunfaehiges System zu
stuetzen, dessen Fehler die Macht und Stabilitaet des Regimes
gefaehrden, und ihm gleichzeitig zu helfen, eine aggressive
militaerische Streitmacht aufzubauen und sie ueber die ganze Welt zu
verteilen. Jeder Versuch, der Sowjetunion aus ihren wirtschaftlichen
Schwierigkeiten herauszuhelfen, vermindert einerseits den Druck in
Richtung auf innere Reformen und andererseits die Notwendigkeit einer
weltweiten Maessigung. Um eine offenkundige Analogie anzufuehren:
Haette unsere Politik, Suedafrika zum Ablassen von der Apartheit zu
bewegen, irgend eine Erfolgschance wenn wir diesem Land staatlich
- 17 -

�subventionierte und garantierte Kredite fuer den Abbau und Absatz
suedafrikanischer Mineralstoffe gewaehren und ihnen auf Jahrzehnte
hinaus einen Markt fuer deren Absatz bieten wuerden? Sicherlich nicht.
In diesem Fall waere der Zusammenhang zwischen Wirtschaftshilfe und
der Aufrechterhaltung der Rassendiskriminierung offenbar. Warum aber
ist nicht auch im Falle der sibirischen Gasleitung klar, dass ihr Bau
mit westlicher Hilfe der Aufrechterhaltung eines verhassten und auf
gefaehrliche Weise Aggressiven totalitaeren Regimes foerderlich ist?
Die Ertraege, die der erste Strang der sibirischen Rohrleitung
abzuwerfen verspricht, werden die sowjetische Regierung in die Lage
versetzen, auslaendische Technologien in verstaerktem Umfange
einzukaufen und ihre Dependancen und Strohmaenner besser als je zu
unterstuetzen - und das mit Hilfe staatlicher Mittel aus dem Westen
und mit westlichem know how. Diese Ertraege werden es der Sowjetunion
nur leichter machen, den status quo aufrecht zuerhalten, der
andernfalls gefaehrdet ist. Das ist der Grund, warum die Vereinigten
Staaten auf die Ereignisse in Polen vom 13. Dezember 1981 so energisch
reagierten, indem sie eine Liefersperre fuer alle energiebezueglichen
Technologien verfuegten.

Die Argumente, die zugunsten einer Ausdehnung der Meistbeguenstigung auf den Handel mit der Sowjetunion vorgebracht werden,
sind gewoehnlich mit hochtrabenden politischen Begriffen gespickt, die
sich aber bei naeherem Hinsehen als Versuche zur Umdeutung normaler
Handelsinteressen erweisen, die sicherstellen sollen, dass der
Sowjetblock seine Schulden zurueckbezahlen kann und genug Devisen in
harter Waehrung uebrig behaelt, noch mehr Waren aus dem Westen zu
beziehen. Mir ist noch keine ernstzunehmende Analyse zu Gesicht
gekommen, die - nicht auf der Basis vager Hoffnungen, sondern auf der
der sowjetischen Realitaeten - ueberzeugend darlegt, dass die
Wirtschaftshilfe einen maessigenden Einfluss entweder auf das Wesen
des Sowjetregimes oder dessen internationales Verhalten ausgeuebt
habe. Es laesst sich hingegen eindeutig nachweisen, dass sie es der
Nomenklatura erlaubt, harte Entscheidugen zu umgehen. Wirtschaftshilfe

- 18 -

�bestaerkt vielmehr die sowjetischen Konservativen in dem Glauben, sie
koennten das stalinistische System intakt erhalten und gleichzeitig
ihre Macht in aller Ruhe ueber den ganzen Erdball ausbreiten. Wenn sie
unter Druck geraten, argumentieren die Verfechter freiverfuegbarer
Wirtschaftshilfe, dass uns diese mindenstens Zeit einbringe und der
Sowjetunion irgendwie die Moeglichkeit verschaffe, eines Tages ihren
Kurs zu veraendern und vernuenftig zu werden. Wie das aber geschehen
soll, hat noch niemand erklaert - wahrscheinlich deshalb, weil es
nicht zu erklaeren ist. Und was den Zeitgewinn angeht, so darf ich Sie
daran erinnern, dass Zeit, wie die Erfahrung lehrt, etwas ist, was die
Geschichte noch immer und jederzeit feilgeboten hat.

+ + + + +

- 19 -

�40

14

Oktober 1982

ERNEUTE GREUEL IN AFGHANISTAN
Kommentar der Stimme Amerikas

(AD) - Seit 1978 haben die von der Sowjetunion gestützten Machthaber
in Afghanistan immer wieder zum Terror als Mittel gegen die Zivilbevölkerung
gegriffen. Seit jenem Zeitpunkt gibt es mehr als genug glaubwürdige Beweise
für Massengräber und für grausame Angriffe auf Zivilisten, um Moskau zumindest nach einer eindeutigen Erklärung zu fragen.
So gab es in der vergangenen Woche äußerst beunruhigende Nachrichten aus
der Stadt Paghman. Unser Korrespondent in New Delhi berichtete unter Bezug auf
diplomatische Quellen, daß etwa 200 Zivilisten getötet oder verwundet wurden,
als der Marktplatz dieser weniger als 20 Kilometer nördlich von Kabul gelegenen Stadt mit Raketen und Bomben belegt wurde.
Hierbei wurden, den Berichten zufolge, Düsenjäger des sowjetischen Typs
MIG-21 sowie Hubschrauber der afghanischen Luftwaffe eingesetzt. Dieses willkürliche Bombardement von einfachen Zivilisten war eine Vergeltungsmaßnahme
dafür, daß die afghanische Widerstandsbewegung zehn sowjetische Soldaten -

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�sowjetische Soldaten - darunter vier Offiziere - gefangengenommen hatte. Die
afghanischen Freiheitskämpfer ließen wissen, sie hätten die vier Offiziere
nach Pakistan gebracht und die anderen exekutiert.
Es ist kaum anzunehmen, daß ein Luftangriff dieser Art stattfinden
konnte, ohne daß die sowjetische Invasionsarmee hiervon wußte. Ja, das Motiv läßt auf unmittelbare Komplizenschaft der Sowjetunion schließen. Aber
es gibt kein Motiv, das die Brutalität verringern oder entschuldigen würde,
modernste Waffen der mechanisierten Kriegsfü'hrung gegen ein altes Volk einzusetzen, dessen einziges Vergehen in den Augen des Kreml darin besteht, daß
es seine Freiheit wiedererlangen will. Aber Moskau scheint entschlossen zu
sein, sich voll auf den Einsatz von Gewalt zu verlassen: Erst mit dem Einsatz
von chemischen Waffen, bei denen es Verluste unter der Zivilbevölkerung geradezu geben muß - und nun dadurch, daß Unschuldige zum Ziel eines Vergeltungsschlags gemacht werden.
Dies sind desperate Taktiken. Sie sind ein deutliches Zeichen dafür,daß
es der sowjetischen Armee und der afghanischen Marionettenregierung nicht gelungen ist, den Widerstand der Bevölkerung zu unterdrücken. Dies ist in sich
selbst ein ermutigendes Zeichen. Aber es muß dafür auch ein schrecklicher Preis
gezahlt werden.

+ + + + +

�40

14. Oktober 1982

US-STAATSSEKRETÄR SCHLIESST PRÄVENTIVKRIEG
DES WESTENS AUS

WASHINGTON - (AD) - Nach den Worten des Staatssekretärs im amerikanischen Verteidigungsministerium, Fred C. Ikle, ist ein Präventivkrieg kein
Teil der nuklearen oder konventionellen Militärstrategie der Vereinigten
Staaten. Vor Auslandskorrespondenten verneinte Ikle am 8. Oktober 1982 mit
Nachdruck die Frage, ob Washington und seine NATO-Partner einen präventiven militärischen Schritt in kommunistisches Territorium hinein ergreifen
würden, wenn man der Ansicht sei, daß eine sowjetische Invasion unmittel
bar bevorstehe.
"Die klare Antwort auf diese Frage ist Nein", sagte der amerikanische
Staatssekretär. "Das Bündnis - und damit auch die Vereinigten Staaten - halten nichts von einem Präventivkrieg irgendeiner Art. Wir sind ein Verteidigungsbündnis, und die amerikanische Verteidigungspolitik ist rein defensiv,
was natürlich zusätzliche Lasten mit sich bringt. Aber es sind Lasten, die
unsere Demokratien tragen werden." Eine solche Politik bedeute, daß man beträchtliche Ausgaben für die Einsatzbereitschaft auf sich nehmen müsse,
fügte Ikle hinzu. Dies bedeute ferner, daß der Westen gezwungen sein könnte,
dem Gegner den Vorteil des ersten Schrittes überlassen zu müssen. Dies sei
besonders wichtig im nuklearen Bereich, wo die USA über Zweitschlag-Streit-

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�I
Zweitschlag-Streitkräfte verfügen müßten, die nur als Antwort auf einen
nuklearen Angriff eingesetzt würden. Die Vereinigten Staaten, so unterstrich
Ikle, hätten niemals an einen Präventivkrieg gedacht, selbst nicht, als sie
ein Monopol an Atomwaffen gehabt hätten.
"Teil unserer Verteidigungspolitik", so führte der Staatssekretär aus,
"ist es, Gegenoffensiven zu planen und ins Auge zu fassen, die an anderen
Punkten als dem gegnerischen Angriffspunkt stattfinden. Aber das ist ganz
I

etwas anderes als ein Präventivangriff." Die Idee eines Gegenangriffs sei
so alt wie die Militärgeschichte überhaupt und habe wohl in jedem Krieg Anwendung gefunden.
Ikle, der vor einigen Jahren Direktor des amerikanischen Amtes für
Rüstungskontrolle und Abrüstung war, nahm auch zur Frage der amerikanischen
Stützpunkte in Spanien Stellung. Diese Stützpunkte, so sagte er, seien für
die Verteidigung Spaniens, die Verteidigung der NATO und die westlichen Interessen wichtig. Ziel und Zweck dieser Basen stünden in absoluter Übereinstimmung mit der Verteidigungspolitik der USA und der NATO, vor einem Angriff abzuschrecken.
•

In Beantwortung von Fragen der Korrespondenten wies Ikle ferner darauf
hin, daß die USA ihre Sanktionen gegen die sowjetische Erdgasleitung aufrechterhalten würden. "Wenn jedoch etwas anderes vorgeschlagen wird, was
in gleicher Weise effektiv wäre, dann würden wir gerne bereit sein, darüber zu sprechen", fügte der Staatssekretär hinzu.

,

•

«

Ikle betonte ferner, daß die amerikanische Regierung sich nach dem Wiederzusammentreten des US-Kongresses am 29. November mit allem Nachdruck
für die vorgeschlagene Truppenstärke von 350 600 amerikanischen Soldaten
in Europa einsetzen werde. Eine Reduzierung auf den Stand von 1980 würde
keine kurzfristigen Einsparungen bringen und außerdem die Interessen der
Vereinigten Staaten wie auch der NATO insgesamt schädigen.
+ + + + +

- 2 -

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    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
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      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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              <text>Amerikadienst 14.10.1982</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;30. Jahrestag der Gründung des deutsch-amerikanischen Fulbright-Programms&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reagan fordert Streichung der Meistbegünstigungsklausel für Polen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut der Rundfunkansprache des US-Präsidenten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erklärung Präsident Reagans zum Welternährungstag&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- USA um weltweite Nahrungsmittelsicherung bemüht -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Sowjetunion in der Krise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Dr. Richard Pipes -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mitarbeiter des U.S. National Security Council&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erneute Greuel in Afghanistan&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Kommentar der Stimme Amerikas -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Staatssekretär schließt Präventivkrieg des Westens aus</text>
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