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5. Mai 1982

INHALT

DOKUMENTATION
Ansprache des US-Botschafters zur Eröffnung der Deutsch-Amerikanischen
Freundschaftswoche in Mannheim
Eagleburger: Junge Generation braucht demokratische Ziele
- Rede des US-Staatssekretärs für Politische Angelegenheiten -

HINTERGRUNDMATERIAL
Nach Zurückweisung des amerikanischen Falklandplans: Keine US-Hilfe
für Argentinien
- Von unserem Korrespondenten Russell E. Dybvik Sowjetisches Verhalten schädlich für Rüstungskontrolle und Abrüstung
- Von unserer Korrespondentin Marie Koenig Was ein Oberlebender von Hiroshima von der Abrüstung hält
- Von Shinkichi Eto -

Um Über/endung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Mai 1982

ANSPRACHE DES US-BOTSCHAFTERS ZUR ERÖFFNUNG DER
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN FREUNDSCHAFTSWOCHE IN MANNHEIM

MANNHEIM - (AD) - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik
Deutschland, Arthur F. Burns, hielt am 2. Mai 1982 anläßlich der Eröffnung
der deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche in Mannheim eine Ansprache,
die folgenden Wortlaut hat:
Ich freue mich aus zweierlei Gründen, heute hier zu sein. Als amerikanischer Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland schätze ich die
Gelegenheit, an dieser Feierlichkeit zur Eröffnung der deutsch-amerikanischen
Freundschaftswoche teilzunehmen. Und als ein Bürger, der die Tätigkeiten
der Deutsch-Amerikanischen Clubs schätzt, nehme ich auch rein persönlichen
Anteil.
Ein nützliches Verhältnis zwischen zwei Regierungen muß, wenn es dauerhaft sein soll, eine solide Grundlage der tagtäglichen Freundschaft zwischen
einzelnen Menschen haben. Ihren Anstrengungen ist es qanz wesentlich zu verdanken, daß Freundschaften zwischen Deutschen und Amerikanern heute weit verbreitet sind. Aus eben diesem Grunde zögere ich nicht zu sagen - was immer
Gegenteiliges Sie lesen oder hören mögen -, daß die Beziehungen zwischen der
Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten grundsätzlich ena und
harmonisch sind und bleiben.
Jeder, der

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�Jeder, der täglichen Kontakt zu den Bürgern dieses Landes hat, weiß,
daß die Deutschen geneigt sind, Amerika zu mögen und zu unterstützen.

Wir

wissen das aus unseren Gesprächen und persönlichen Beobachtungen sowie auch
aus den Briefen, die uns erreichen.

Darüber hinaus teilen mir militärische

und zivile Vertreter mit, daß die Beziehungen zwischen den amerikanischen
Soldaten in Deutschland und den Gemeinden, in denen sie stationiert sind,
im allgemeinen ausgezeichnet sind.

Und diese persönlichen Aussagen werden

durch öffentliche Meinungsumfragen erhärtet: Obwohl viele Deutsche vielleicht diese oder jene amerikanische Politik nicht mögen, so ist eine wesentliche Mehrheit von ihnen nachdrücklich pro-amerikanisch.
Angesichts dieses eindrucksvollen Beweises einer allgemeinen Harmonie
ist es besonders wichtig, sich zu fragen, warum es heute einen solchen Chor
von Beschwerden auf beiden Seiten des Atlantik gibt. Warum ist der öffentliche Dialog zwischen Deutschen und Amerikanern in der letzten Zeit so mißtönend geworden?
Auf amerikanischer Seite behaupten Journalisten häufig, daß es den Europäern am Interesse für ihre eigene Verteidigung mangele; politische Analytiker warnen davor, daß Deutschland den Rapallo-Vertrag von 1922 erneuern
könnte; und eine Anzahl von Mitgliedern des Kongresses fordert erneut, die
amerikanischen Truppen zurückzuholen. Auf" dieser Seite des Atlantik hören
wir, die amerikanische Außenpolitik sei oft sprunghaft und gelegentlich kriegerisch; die Vereinigten Staaten könnten Europa in eine nukleare Wüste verwandeln; die amerikanischen Hochzinsen seien für den Niedergang der europäischen Volkswirtschaften verantwortlich; die Amerikaner schätzten auf jeden Fall die europäischen Interessen gering.
Warum, um die Ihnen gerade gestellte Frage weiter zu verfolgen, besteht
eine solche scharfe Divergenz zwischen der derzeitigen öffentlichen Debatte
und den unter den Menschen vorherrschenden Einstellungen?

Die Antwort läßt

sich, wie ich meine, in bestimmten falschen Vorstellungen finden:

Erstens

in einem Mangel an ausreichendem Verständnis für die Vergangenheit; zweitens

- 2 -

�Vergangenheit; zweitens in einer falschen Sicht der herrschenden Umstände;
und drittens in einem Mangel an ausreichendem Vertrauen in die Zukunft.
Lassen Sie mich dazu im einzelnen etwas sagen.
Wenn ich von einem Mangel an Verständnis für die Vergangenheit spreche,
dann meine ich mehr als nur die oft festgestellte Tatsache, daß die Generation führender Politiker, die heute an die Macht gelangt, keine direkte Erinnerung an die Ereignisse hat, die die Nachkriegszeit gestalteten.

Viel-

leicht gerade als Ergebnis des Friedens und des Wohlstandes, die diese Zeit
charakterisiert haben, besteht heute eine Neigung zu einer neuen Kirchturmspolitik hier und in den Vereinigten Staaten - fast eine Rückkehr zu der politischen Inselmentalität, die vor dem Kriege herrschte.

Dies ist am deut-

lichsten in den Vereinigten Staaten zu beobachten, wo das Interesse an Fremdsprachen und fremden Kulturen, das nach dem Zweiten Weltkrieg
Schritt für Schritt schwindet.

aufblühte,

Auch das Studium der Geschichte und der Phi-

lologie ist zurückgegangen.
Leider existieren ähnliche Trends auch in diesem Lande.

Ich habe unter

jungen Deutschen eine beunruhigende Unkenntnis ihrer eigenen Geschichte in
diesem Jahrhundert vorgefunden.

Ein Teil dieser Geschichte ist sicherlich

schmerzlich, aber sie zu unterdrücken, oder sie durch eine romantische Suche
nach Identität zu ersetzen, ist gefährlich.

Eine Armut an Wissen existiert

auch unter vielen deutschen Studenten bezüglich Amerikas und seinen sich wandelnden sozialen Einrichtungen.
Das sind Fragen, mit denen sich Staatsministerin Hamm-Brücher und Staatssekretär Eagleburger in ihrer Eigenschaft als Koordinatoren der deutsch-amerikanischen Kulturbeziehungen jetzt befassen.

Sie unternehmen eine wichtige

Anstrengung, die unsere Unterstützung verdient und für die ausreichende Mittel bereitgestellt werden müssen.

Es besteht ohne Frage in unseren beiden

Ländern die klare Notwendigkeit eines besser ausgewogenen Programms an Auslandsstudien und eines klareren Geschichtsbegriffs.

In diesem Zusammenhang

sollten wir hier einen Anfang machen, in dem wir jeder amerikanischen Schule

�amerikanischen Schule
facht zu machen.

auferlegen, deutsche Sprache und Kultur zum Pflicht-

Wie ich höre, werden diese Fächer heute freiwillig, wenn

überhaupt, angeboten.
Eine zweite Kategorie falscher Vorstellungen ergibt sich aus der Tatsache, daß unsere Urteile oft auf überholten Prämissen beruhen.

So halten

beispielsweise viele Europäer noch immer an der Vorstellung einer wirtschaftlichen Vorherrschaft Amerikas gegenüber Europa fest, einer Vorherrschaft, die
seit langem verschwunden ist.

Solche Ideen gehen auf die ausgehenden vier-

ziger Jahre zurück, als die Vereinigten Staaten und Kanada zusammen die doppelte Produktion Westeuropas hatten.

Heute übersteigt selbstverständlich die

Gesamtproduktion Westeuropas die Nordamerikas.
Ein ähnliches Beispiel läßt sich in der noch immer herrschenden europäischen Auffassung finden, daß die amerikanische Militärmacht jener der
Sowjetunion überlegen sei. Ein Festhalten an dieser Idee wie auch an den
übertriebenen Vorstellungen von der wirtschaftlichen Stärke Amerikas ist
irreführend. Die Realität ist - wie wir heute alle wissen sollten -, daß
die Sowjets ihre militärische und politische Macht während des letzten Jahrzehnts gewaltig ausgedehnt haben und bereits in der Lage sind, sie weltweit
darzustellen.
Ich bin mir darüber im klaren, daß auch die Amerikaner in ihrem Verständnis der europäischen Szene zurückgeblieben sind, daß sie vor allem die
Veränderungen nicht erkennen können, die durch ein Jahrzehnt der Entspännung
in den Beziehungen zwischen den östlichen und westlichen Teilen Europas herbeigeführt wurden. Da der Ost-West-Handel für die europäische Wirtschaft
ein größerer Faktor ist als für die amerikanische, schreiben nicht wenige
meiner Landsleute das europäische Zögern, Sanktionen gegen Polen und die
Sowjetunion zu verhängen, einfach finanziellen Motiven zu. Dabei unterschätzen Amerikaner die hinter der Entspannung stehende politische Kraft, die in
Europa, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland, vorherrscht. Es kann
kein Zweifel daran bestehen, daß gefühlsmäßig belastete Ziele, wie Familien-

�wie Familienzusammenführung, die Aufnahme Deutschstämmiger und die Verbesserung der innerdeutschen Beziehungen zu den Hauptgründen gehören, warum die
Bundesrepublik Deutschland die bestehenden Bindungen zwischen Ost und West
aufrechterhalten möchte.
Ein letztes Beispiel für eine ganz andere Art von Mißverständnis ist
die immer wiederkehrende Beschwerde, daß Amerika Deutschland behandle, als
ob es eine Kolonie sei. Wenn dies je gestimmt haben sollte, dann stimmt es
heute sicherlich nicht.

Die Beziehungen zwischen unseren Regierungen sind

Beziehungen zwischen Ebenbürtigen und Unabhängigen.

Die amerikanischen

Streitkräfte sind in Deutschland, um unsere gemeinsamen Sicherheitsinteressen zu schützen.

Wenn irgendjemand

dies bezweifelt, dann braucht er nur

das amerikanische Verhältnis zu Deutschland mit dem sowjetischen Verhältnis
zu Polen vergleichen.

Er wird weder ein amerikanisches Pendant zur Breschnew-

Doktrin noch einen amerikanischen Lackmus-Test für ideologische Reinheit finden.

Er wird sicherlich keine plumpen Androhungen einer militärischen Inter-

vention finden, wenn sich die Ereignisse nicht nach unserem Geschmack entwickeln.

Im Gegenteil, und das brauche ich wohl kaum zu sagen, die amerika-

nischen Streitkräfte sind in Deutschland, weil sie gebraucht werden und weil
sie hier willkommen sind.
Und schließlich komme ich noch zu dem Punkt, daß es nicht gelingt, mit
den heutigen Realitäten fertigzuwerden, was es Amerikanern und Europäern erschwert, eine gemeinsame Vorstellung von der Zukunft zu entwickeln.

Es gibt

ein Gebiet,über das gegenwärtig gesprochen wird, das besondere Sorgen bereitet.

Ich spreche von den finanziellen und wirtschaftlichen Beziehungen zu

der Sowjetunion und anderen Ländern Osteuropas.
Während des letzten Jahrzehnts haben wir eine außerordentliche Erhöhung
der Verschuldung dieser Länder gegenüber dem Westen erlebt.

Unter dem Druck

von Firmen, die ihre Güter im Osten verkaufen wollen, und durch die Mitarbeit
westlicher Banken sind diese Schulden ständig gestiegen und werden heute auf
insgesamt über 80 Milliarden Dollar geschätzt.

Regierungen des Bündnisses

�des Bündnisses haben durch ihre Praxis der Gewährung subventionierter Kredite und Kreditgarantien selbst zu dieser Erhöhung beigetragen.

Diese Kre-

dite haben es der Sowjetunion und ihren Satelliten praktisch ermöglicht, einige der schweren Entscheidungen zu vermeiden, zu denen sie sonst gezwungen
gewesen wären.

Die Sowjets konnten den Lebensstandard ihrer Bevölkerung

verbessern und gleichzeitig eine großangelegte Modernisierung ihrer Streitkräfte vornehmen.
In den letzten Monaten haben die Länder des Warschauer Paktes mehr und
mehr Schwierigkeiten erlebt, ihre Schulden im Westen zu bedienen.

Der Fall

Polen ist so bekannt, daß man darüber nichts Näheres zu sagen braucht, aber
dieses Land ist nicht allein mit seinen finanziellen Schwierigkeiten.

Selbst

die Sowjetunion, die noch bis vor kurzer Zeit weitgehend als der letztliche
Garant für die Schulden des gesamten Sowjetblocks angesehen wurde, hat jetzt
Liquiditätsprobleme, die sich aus den Unzulänglichkeiten ihrer Landwirtschaft
und Industrie ergeben.

Die Sowjets sind zu außergewöhnlichen Maßnahmen ge-

zwungen worden, einschließlich des Verkaufs großer Mengen von Gold, um die
Mittel zur Deckung ihrer Verpflichtungen im Westen aufzubringen.
Glücklicherweise werden die Finanzströme aus dem Westen nach dem Sowjetblock bereits in wesentlichem Umfang durch die normalen Kräfte des Marktes
korrigiert. Privatbanken im Westen sind sich ihres Mangels an Voraussicht
bei der Gewährung von Krediten an Länder Osteuropas bewußt geworden und sie
sind bereits dabei, die Kredite für diese Länder auf eine selektive Weise zu
beschränken. Im großen und ganzen ist das genau richtig. Handelsbanken müssen die Interessen ihrer Einleger, ihrer Aktionäre und ihres gemeinsamen Besitzes schützen. Aber auch unsere Regierungen haben ihre Verantwortung. Sie
sollten jeden Versuch vermeiden, den Kräften des Marktes durch eine Erhöhung
der Verfügbarkeit amtlicher Kredite oder Kreditgarantien entgegenzuwirken.
Die Klugheit erfordert es heute, daß alle westlichen Regierungen ihre Normen
für 'Kreditsubventionen und Kreditgarantien sorgfältig überprüfen. In diesen
und anderen damit zusammenhängenden Fragen, wie etwa der Verkauf von Industrierüstung mit potentiell militärischer Anwendungsmöglichkeit oder strategisch
empfindlichen Gütern streben die Vereinigten Staaten und die Länder Westeuro-

�Länder Westeuropas heute einen beiderseits befriedigenden Weg an. Dies wird
nicht leicht sein, denn es handelt sich um komplexe Fragen und es geht um
große Interessen. Aber mit gutem Willen und etwas Mut, dessen bin ich sicher,
wird eine gemeinsame Haltung gefunden werden.
Ein zweites Thema von großer Besorgnis für das Bündnis, das eine gründlichere öffentliche Aufmerksamkeit erfordert, hängt mit dem Thema der nuklearen Mittel Streckensysteme zusammen.

Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten

Vorstellung ist die Dislozierung modernisierter Kernwaffen in Europa, die die
Sowjetunion erreichen können, keine Sache, die Amerika zögernden europäischen
Regierungen aufzuzwingen sucht.

Im Gegenteil, das, was als der NATO-Doppelbe-

schluß bekanntgeworden ist, war eine Entscheidung, die im Dezember 1979 von
den Mitgliedern des Bündnisses einstimmig getroffen wurde.

Dieser Beschluß

stellte eine direkte Antwort auf die Bedrohung Westeuropas durch die Einführung der SS-20-Raketen durch die Sowjets dar. Als Folge dieses NATO-Doppelbeschlusses werden Pläne verfolgt, PERSHING II-Raketen und landgestützte
Marschflugkörper in Westeuropa in dem Falle zu dislozieren, daß die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sich nicht darüber einigen können, wie diese
Kernwaffen am besten unter Kontrolle gebracht werden können.
Entsprechend der im Dezember 1979 getroffenen Maßnahme finden jetzt in
Genf Ost-West-Verhandlungen statt. Um diese Verhandlungen zu fördern, hat
Präsident Reagan - nach umfassenden Besprechungen mit anderen Führern des
Bündnisses - im November vorigen Jahres angeboten, alle Pläne für die Dislozierung nuklearer Mittelstreckensysteme aufzugeben, wenn die Sowjetunion ihre
entsprechenden Streitkräfte abbauen würde.

Dieser außergewöhnlich vernünftige

Vorschlag wurde leider von den Sowjets beiseite geschoben.

Sie haben statt

dessen eine Reihe von "Einfrierungs"-Vorschlägen unterbreitet, deren letzter
- von Breschnew Mitte März angeboten - auf den europäischen Teil der Sowjetunion beschränkt ist.

Ein solches Moratorium würde es ganz offensichtlich

seiner Regierung freistellen, die SS-20-Aufrüstung östlich des Ural fortzusetzen, von wo aus sie noch immer Westeuropa treffen können.

Es würde ferner

die bestehende Situation unverändert lassen, in der die Sowjetunion über viele

- 7 -

�über viele nukleare Mittelstreckenraketenköpfe-verfügt, die-auf Europa gerichtet sind, während die NATO keine nuklearen Waffen ähnlicher Reichweite
oder Zerstörungskraft zur Verfügung hat, die als Abschreckung dienen könnten.
Die sowjetische Antwort auf den Rüstungskontroll Vorschlag Präsident
Reagans läßt erkennen, daß die Sowjets neben ihrem bereits bestehenden Übergewicht an konventionellen Streitkräften jetzt auch ein europäisches Nuklearpotential anstreben, dem die westliche Seite nichts Entsprechendes entgegenzusetzen hat. Auch hier werden leider die grundlegenden Probleme durch
unlogische Rhetorik verdreht.

In den heutigen Debatten wird häufig die Tat-

sache übersehen, daß die Westeuropa verbleibenden Optionen noch weniger angenehm wären, wenn die amerikanische Dislozierung modernisierter Kernwaffen
durch politische Opposition zu Fall gebracht würde.

Die westeuropäischen

Länder könnten natürlich ihre konventionellen Streitkräfte augenfällig verstärken, aber sie würden damit ihren bereits überlasteten Haushalten eine
zusätzliche Belastung aufbürden.

Als Alternative könnte der Westen sich in

eine neutralistische Richtung bewegen und damit das schwere Risiko eingehen,
sich für seine Sicherheit und Freiheit auf den guten Willen der Sowjets verlassen zu müssen.
Diese Bemühungen, die Dislozierung modernisierter Kernwaffen in Europa
zu stoppen, gleichgültig, was bei den Genfer Verhandlungen herauskommt, ist
in der Bundesrepublik Deutschland und auch andernorts in Westeuropa zu einer
wichtigen politischen Frage geworden.
beladen.

Diese Frage ist schwer mit Emotionen

Viele deutsche und andere europäischen Gegner der Dislozierung schei-

nen diese Entscheidung zu einem Symbol ihrer verschiedenartigen Ängste machen
zu wollen.

In ähnlicher Weise scheinen einige amerikanische Politiker die An-

drohung von Verringerungen unserer Streitkräfte in Europa als ein Mittel anzusehen, alle möglichen Trends in Europa zu treffen, die sie nicht mögen.
Solche Regungen sind kurzsichtig.

Sie könnten gefährliche Ergebnisse produ-

zieren - die sehr schwer wieder zu korrigieren wären.
Die Worte

�Die Worte "Krise" und "Belastung" sind im NATO-Lexikon kaum neu. Seit
ihrer Gründung hat die NATO zahlreiche Krisen - einige davon ernst, andere
marginal - überwunden.

In jüngster Zeit ist es in manchen Kreisen modern ge-

worden, so zu argumentieren, daß europäische und amerikanische Interessen
heute zu weit auseinander lägen, als daß sie erfolgreich überbrückt werden
könnten.

Mein Ziel heute ist es, solchen zwecklosen Skeptizismus auf seinen

Platz zu verweisen, und statt dessen die überragende Tatsache hervorzuheben,
daß trotz in die Augen fallender Unterschiede in den Auffassungen der Mitglieder des Bündnisses die fundamentalen Interessen, die ursprünglich das Bündnis
zusammengeschmiedet haben, völlig intakt sind und bleiben. Die sowjetische
Bedrohung unserer demokratischen Lebensweise sowie unserer auf Freiheit der
Wahl und Achtung vor den Menschenrechten basierenden Institutionen ist nicht
geringer geworden.

Das westliche Bündnis ist die einzige Garantie, die wir

und unsere europäischen Freunde haben, daß unsere Freiheit, unser Wohlstand
und unsere Sicherheit überleben können.
Es genügt jedoch nicht, daß wir uns mit diesen Überlegungen trösten.
Es ist eine große Anstrengung erforderlich, um die Wolken zu zerstreuen, die
heute über dem deutsch-amerikanischen Verhältnis liegen.

Ich, möchte als An-

fang zwei Empfehlungen unterbreiten: Erstens sollten Amerikaner aufhören, sofort "Anti-Amerikanismus" zu schreien, wenn jemand nicht ihrer Meinung ist.
Und die Deutschen wiederum sollten davon ablassen, jeden Vorschlag, der an
sie herangetragen wird, als eine Bewährungsprobe für ihre Loyalität gegenüber dem Bündnis oder als ein Signal zu betrachten, daß wir uns bereit machten, sie aufzugeben.
Zweitens, und das ist von nicht weniger grundlegender Bedeutung, müssen
wir die Strukturen, durch die unsere Regierungen zusammenarbeiten, überprüfen.

Die Einrichtungen der NATO haben gut funktioniert und über 30 Jahre

lang den Frieden bewahrt. Aber die Herausforderungen, auf die sie reagieren
müssen, haben sich verändert, und sie müssen mit den neuen Herausforderungen
fertigwerden.

Als die NATO gegründet wurde, konnte Europa noch immer als eine

gesonderte internationale Bühne betrachtet werden, und die NATO-Einrichtungen

- 9 -

�NATO-Einrichtungen waren deshalb nicht befugt, sich mit Bedrohungen zu befassen, die von außerhalb Europas oder Nordamerikas kamen.

In der heutigen

Welt ist es unrealistisch geworden, die gemeinsame Gefahr so eng zu definieren. Außenminister Haig meinte die Notwendigkeit einer gewissen neuen Ausrichtung, als er kürzlich eine "Stärkung des Koordinierungsmechanismus" und
"eine Erweiterung der politischen Dimension" des Bündnisses forderte.
Der Pessimist, so sagt eine Volksweisheit, sieht bei jeder Gelegenheit
eine Gefahr, und der Optimist bei jeder Gefahr eine Gelegenheit.
Ihnen dringend die optimistische Betrachtungsweise.

Ich empfehle

Lassen Sie uns als loyale

Mitglieder des Bündnisses zusammenarbeiten, um die Zweifel zu zerstreuen, die
oft Schatten auf unsere Freundschaft werfen. Lassen Sie uns die Gefahren, vor
denen wir stehen, in eine neue kühne Vision einer Zukunft umwandeln, in der
unsere gemeinsame Sicherheit gestärkt wird, während unsere politische Freiheit
und unser wirtschaftlicher Wohlstand gedeihen.

- 10 -

�4

111lj^
• il I d i

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

18

5. Mai 1982

EAGLEBURGER: JUNGE GENERATION BRAUCHT DEMOKRATISCHE ZIELE
Rede des US-Staatssekretärs für Politische Angelegenheiten -

NEW HAVEN - (AD) - In einer Rede am 24. April 1982 auf einer Konferenz
über "Fragen der amerikanischen Außenpolitik: Gespräche zur Erinnerung an
den Dean Acheson" in New Haven erklärte Lawrence S. Eagleburger, Staatssekretär für Politische Angelegenheiten im amerikanischen Außenministerium: "Wir
müssen vor allem endlich damit aufhören, in Verlegenheit zu geraten, wenn wir
über Freiheit, Demokratie und Freiheit des Einzelmenschen sprechen."
Die Rede Eagleburgers hat folgenden Wortlaut:
Genau wie ich vor kurzem bei meiner Arbeit von Fragen europäischer Problematik zu globalen Themen übergegangen bin, so möchte ich unsere Haltung bezüglich der amerikanisch-europäischen Beziehungen im Lichte einer weltweiten
Strategie betrachten. Während der ganzen Nachkriegszeit war das Fundament der
amerikanischen Außenpolitik das Atlantische Bündnis.
-- Jetzt aber

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Telex: 08-85432

�— Jetzt aber gibt es auf dieser Seite des Atlantik bohrende Fragen,
ob wir die amerikanische Politik mit weniger Berücksichtigung der Einstellungen und Interessen unserer NATO-Verbü'ndeten betreiben sollten.
— Und in Europa werden Forderungen laut, eine Rolle irgendwo zwischen
den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu spielen und in der Dritten
Welt eine andere Haltung einzunehmen.
Die Beziehungen innerhalb der nordatlantischen Gemeinschaft waren häufiger turbulent als ruhig. Aber trotz mehrerer Krisen - Suez 1956, Vietnam
in den sechziger Jahren und

Ölkrise in den frühen siebziger Jahren - haben

sich keine strukturellen Mängel gezeigt. Es ist meine feste Oberzeugung, daß
auch keine aufzutreten brauchen, wenn die Vereinigten Staaten genügend Urteilsvermögen und Weitblick demonstrieren

und wenn wir zu der Einsicht gelangen,

daß es keine sinnvolle Alternative zu einer Koalition der größten Demokratien
dieser Welt gibt, um mit den Problemen fertigzuwerden, vor denen wir im Westen stehen.
Um unsere Beziehungen stand es immer dann am besten, wenn wir eine einheitliche Vorstellung von den wesentlichen Bedrohungen hatten, die uns motivierten, sowie gemeinsame Projekte, um uns mit diesen Bedrohungen auseinanderzusetzen und unsere Energien in die gleiche Richtung zu lenken. Das war die
Einstellung, die unsere Unternehmung überhaupt erst entstehen ließ.
In einer Rede, die Präsident Truman den "Prolog zum Marshall-Plan"
nannte, verdeutlichte der damalige Außenminister Dean Acheson die Gefahr, vor
der wir alle im Mai 1947 standen. Europa und Asien befanden sich in einem Zustand äußerster Erschöpfung und wirtschaftlicher Zerrüttung. Hungersnöte
drohten. In jenem Jahr setzte eine Politik ein, die, um mit Achesons späteren Worten zu sprechen, "eine Tiefe der Konzeption und eine Kühnheit des
Handelns zeigte, die in der Geschichte dieses Landes neu waren.Die Übernahme
von Verantwortung im östlichen Mittelmeerraum, die Großartigkeit des MarshallPlans, die Reaktion auf die Blockade Berlins 1949 und die Intervention in Korea
1950 - all dies waren weitausgreifende Schritte, wirklich heroische Schritte.
- 2 -

�heroische Schritte. Sie alle waren gefährlich,und alle erforderten die seltene
Fähigkeit zur Entscheidung und zum Handeln."
Vor welchen Bedrohungen stehen wir heute? Welches sind die Pläne, die
die kommende Generation auf beiden Seiten des Atlantik inspirieren, leiten und
zusammenführen können?
I

Die Bedrohungen

Lassen Sie mich, bevor wir über alle diese Bedrohungen sprechen, vor denen
wir stehen, klarstellen, daß ich die Sowjetunion nicht als einen Riesen und den
Westen als einen Zwerg betrachte. Die Sowjets sind weder allmächtig noch allwissend. Während des vergangenen Jahrzehnts erlitten sie beträchtliche Rückschläge - vor allem mit China und Ägypten. Sie trugen auch zu einigen bemerkenswerten Leistungen bei. Der Vertrag über Raketenabwehr-Raketen

(ABM-Vertrag)

und das Nachlassen der Spannungen in und um Berlin waren große Leistungen, an
denen wir gemeinsam Anteil hatten.
In der Tat liegt gerade hier eine Quelle der Probleme innerhalb des Bündnisses. Für die Europäer ist das Jahrzehnt der Entspannung noch immer zumindest
teilweise ein Erfolg. Dadurch wurden die Spannungen in Europa vermindert.
Unter Betonung dieser bedeutsamen Veränderungen wies der damalige Außenminister Kissinger in einer Rede 1973 ("Pacem in Terris") auf dem Höhepunkt
der Entspannung darauf hin, daß für die Vereinigten Staaten die Koexistenz auch
weiterhin eine präzise Bedeutung habe. Er nannte drei Grundsätze:
"-- Wir werden uns dem Versuch eines jeden Landes widersetzen, eine Stellung der Vorherrschaft - sei es in globalem oder regionalem Bereich zu erlangen.
— Wir werden jedem Versuch widerstehen, die Entspannungspolitik zur Schwächung unserer Bündnisse auszunutzen.
-- Wir werden entsprechend reagieren, falls die Entspannungsbemühungen
- 3 -

�Entspannungsbemühungen als ein Tarnschild benutzt werden, um dahinter
an den internationalen Krisenpunkten Konflikte zu schüren."
Und er fuhr fort: "Die Sowjetunion kann sich in keinem Gebiet der Welt über
diese Prinzipien hinwegsetzen, ohne dadurch das gesamte Gefüge ihrer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu gefährden."
Während einige der Erfolge der Entspannung seit der Rede Kissingers andauerten, gibt uns das sowjetische Verhalten im Sinne seiner umfassenderen
Grundsätze Grund zu großer Besorgnis.
Die Bedrohungen, vor denen wir heute stehen, sind militärischer, geopolitischer, wirtschaftlicher und moralischer Natur. Entweder hat die Sowjetunion
ihre Hand im Spiel und verursacht diese Bedrohungen, oder sie ist Hauptnutznießer, wenn die Ursachen anderswo liegen. Die Bedrohungen sind nicht weniger
ernst, weil sie komplexer sind als jene, vor denen der Westen Ende der vierziger Jahre stand. Ja, es geht sogar noch um viel mehr, denn das Spiel wird jetzt
auf einem Brett von weltweitem Ausmaß und mit der Gefahr einer nuklearen Katastrophe gespielt.
Die militärische Bedrohung: In einem Zeitalter, das große Hoffnungen auf
Rüstungskontrolle wachrief, in einer Periode, die wechselseitige Zurückhaltung
bringen sollte, zeigte sich im militärischen Bereich jedoch ein scharfer Kontrast zwischen amerikanischen und sowjetischen Militärprogrammen. Während dieses Zeitraums verringerten die Vereinigten Staaten die Anzahl ihrer Soldaten,
ihre realen Militärausgaben und die Größe ihrer Flotte. Die Sowjetunion erhöhte
den Umfang ihrer Streitkräfte auf das Doppelte jener der Vereinigten Staaten,
steigerte ihre realen Militärausgaben um 50 Prozent auf ein Niveau, das weit
über dem der Vereinigten Staaten liegt - gleich, welchen Maßstab man anlegt und vergrößerte ihre Seestreitkräfte beträchtlich.
Am bedrohlichsten für die europäische Sicherheit: Die Sowjetunion beseitigte den amerikanischen Vorsprung bei den strategischen Kernwaffen, auf den

- 4 -

�auf den sich die westliche Strategie stützte, um die konventionelle Stärke
der Sowjets auszugleichen. Zudem erzielten die Sowjets die absolute Überlegenheit bei den nuklearen Mittel Streckensystemen. Sogar wenn man alle luft- und
seegestützten Systeme der Vereinigten Staaten sowie alle französischen und britischen Systeme zusammennimmt, so haben die Sowjets bei den nuklearen Mittelstreckensystemen noch immer eine Überlegenheit von 3 zu 1.
Es ist keine Frage, daß die Trends beim militärischen Gleichgewicht im
vergangenen Jahrzehnt gegen uns gearbeitet haben, ja, daß die Sowjets mit einigem Erfolg versucht haben, die Entspannung zu benützen, um die Aufmerksamkeit
von ihrer umfassenden und anhaltenden Aufrüstung abzulenken.
Ein Blick in die Zukunft bietet wenig Grund zum Trost. Trotz einer gewissen Verlangsamung der sowjetischen Wirtschaft halten die jährlich vier- bis
fünfprozentigen Steigerungen der Militärausgaben an; ähnlich sieht es auch in
naher und mittlerer Zukunft aus.
Unser größtes Problem ist vielleicht unsere eigene Reaktion auf diese Entwicklung. Teile unserer Gesellschaften sehen in der Rüstungskontrolle jetzt
einen Ersatz für angemessene Verteidigungsprogramme und begreifen nicht, daß
Abrüstungsverhandlungen selbst keinen Erfolg haben, wenn wir sie immer geschwächter führen. Die Sowjets benützen sowohl Zuckerbrot als auch Peitsche,
wie dies Breschnew im vergangenen Monat mit seinem Versprechen von Raketenbegrenzungen einerseits und Kriegsdrohungen andererseits tat, als er davon
sprach, Raketen nach Kuba zu bringen. Dialektik liegt in ihrer Natur. Wir verstehen nicht immer ihre Taktiken, noch weniger ihre Strategie. Furcht und
Wunschdenken bewegen derzeit viele Menschen auf beiden Seiten des Atlantik.
Geopolitische Bedrohung: Gerade der Erfolg des Atlantischen Bündnisses
bei der Eindämmung des sowjetischen Expansionismus in Europa hat die Sowjetunion zu noch nie dagewesenen Anstrengungen veranlaßt, in der Dritten Welt
die Kontrolle über Punkte zu erringen, an denen der Westen verletztlich ist.
und

dadurch das geostrategische Gleichgewicht entscheidend zu ihren Gunsten

zu verschieben.

s it

M m

�Seit Mitte der siebziger Jahre haben die Sowjets neue Basen militärischer
und politischer Macht in Äthiopien und im Jemen erhalten, wodurch die Quellen
für das Erdöl des Westens im Persischen Golf und vor allem in Saudi-Arabien
bedroht werden. Im südlichen Afrika haben sie Schritte unternommen, um in
Angola, in Mozambique und anderen Plätzen den Grundstein für den Versuch zu
legen, in Südafrika selbst ein marxistisch-leninistisches Regime zu errichten
und dadurch die Kontrolle über dieses für die strategischen Rohstoffe und die
westliche Schiffahrt entscheidende Gebiet zu erhalten.
In Mittelamerika und in der Karibik verfolgen die Sowjets und die Kubaner
die gleichen Ziele. Fast die Hälfte des gesamten amerikanischen Handels und
mehr als die Hälfte unseres importierten Erdöls und der Rohstoffe kommen durch
den Panamakanal oder den Golf von Mexiko. Schon während des Zweiten Weltkrieges
gelang es ein paar wenigen deutschen Unterseebooten, die ohne Stützpunkte in
dieser Hemisphäre operierten, in der Karibik einen beträchtlichen Teil all der
amerikanischen Schiffe zu versenken, die überhaupt während des Krieges auf
diese Weise zerstört wurden. Jetzt hat Kuba seine eigenen Unterseeboote der
"Foxtrotf-Klasse und eine wachsende Stützpunktstruktur, die sowjetische
Unterseeboote aufnehmen könnte. Kubas Streitkräfte, eine Viertelmillion stark,
sind doppelt so groß wie die von Mexiko, obgleich die Bevölkerung Mexikos
siebenmal so groß ist

wie die von Kuba.

Die neue marxistisch-leninistische Regierung in Nicaragua, die mit sowjetischer und kubanischer Hilfe eine echte Revolution verzerrt hat, geht in dieselbe
Richtung. Sie hat die größte Armee in der Geschichte Mittelamerikas aufgebaut,
einschließlich rund 2ooo kubanischer und sowjetischer Militärberater. Der
nächste Schritt wird bereits getan: Von der Sowjetunion und Kuba unterstützte
Guerillaaktivität gibt es in El Salvador, Guatemala, Honduras und Costarica.
Manche von uns sind der festen Überzeugung, daß Panama und Mexiko letztlich
die Ziele sind.
Wirtschaftliche Bedrohung: Genau zu der Zeit, da der Westen den sowjetischen
Bedrohungen gegenüber verwundbarer geworden ist, sind wir wirtschaftlich stärker

- 6 -

�wirtschaftlich stärker von der Dritten Welt abhängig,und unsere Volkswirtschaften stagnieren. Unsere europäischen Verbündeten sind in dem gleichen
Teufelskreis von geringem Produktivitätsanstieg sowie wachsender Arbeitslosigkeit und höheren Zinsen gefangen. Dies wiederum verringert die Bereitschaft zu
Erhöhung der Verteidigungsausgaben. Neben den zunehmenden Forderungen nach
Protektionismus gibt es verstärkte Spannungen im Gefüge der atlantischen Beziehungen.
So stehen wir zum Beispiel vor der paradoxen Situation, daß die Unzufriedenheit hierzulande mit den europäischen Verteidigungsanstrengungen neue
Forderungen dahingehend schafft, unsere Streitkräfte aus Europa abzuziehen gerade in dem Augenblick, da wir versuchen, die Verteidigung des Westens zu
stärken.
Die wirtschaftliche Malaise bedroht alle anderen Aspekte unserer Beziehungen
und potentiell sogar den Sozialvertrag innerhalb unserer Gesellschaften.
Moralische Bedrohung: Schließlich erfüllt unsere Gesellschaften und unsere
Beziehungen eine Bedrohung, die moralischer Natur ist.
Zivilisationen können nur dann gedeihen, wenn sie an ihre eigene Zukunft
glauben und eine klare Vorstellung von ihrer moralischen Zielsetzung haben. In
vielen Bereichen der westlichen Gesellschaft, vor allem bei vielen jungen
Menschen, herrscht heute Unklarheit über Werte und Zielsetzungen. Es werden
Bewegungen als "progressiv" definiert, die versuchen, Modelle wie Kuba durchzusetzen - ein Land, das für sein Volk weder Brot noch Freiheit gebracht hat.
Die sich entwickelnden demokratischen Modelle - wie in Malaysia, Portugal,
Venezuela und Spanien - werden ignoriert. Man stellt sich gegen Anstrengungen
im Westen, das militärische Gleichgewicht wiederherzustellen, während einseitige
Rüstungskontroll Vorschläge des Ostens unterstützt werden.
Zweierlei Maßstab wird hierbei offenkundig. Hunderttausend sowjetische
Soldaten zerstören in Afghanistan ganze Dörfer in dem Bestreben, eine Diktatur
zu errichten. Aber im Westen läßt dies nur wenige besorgte Stimmen laut werden
und findet in der Presse wenig Aufmerksamkeit. Fünfzig amerikanische Militär- 7 -

�amerikanische Militärberater versuchen,in El Salvador eine Regierung zu unterstützen, die angesichts gewalttätiger Versuche, noch eine weitere marxistischleninistische Diktatur zu errichten, eine Landreform und freie Wahlen durchführt - dies aber ruft sogleich den emotionellen Widerstand im Westen hervor, und di
Presse weiß von nichts anderem zu berichten.
In Washington schlössen sich am internationalen Afghanistantag hundert
junge Amerikaner mehreren Hundert jungen Afghanen bei einer Demonstration
an. Eine Woche später demonstrierten in Washington 23 000 junge Amerikaner
gegen freie Wahlen in El Salvador. Am darauffolgenden Tag gingen 83 Prozent
der wahlberechtigten Bevölkerung in El Salvador an die Wahlurnen und bewiesen
trotz Todesdrohung ihre Verpflichtung gegenüber Demokratie und Frieden.
Seit 18 Monaten läuft in Polen der Versuch eines friedlichen Reformprozesses,
der lediglich durch die Verhängung des Kriegsrechtes gegen den offenkundigen Wunsch
des gesamten polnischen Volkes erstickt werden konnte. Schon die Erwähnung
freier Wahlen in Polen wird als Provokation angesehen.
Viele im Westen akzeptieren dies als "normal", ja, als nahezu legitim. In
gewisser Weise wird es mit der Lage in der Türkei verglichen, wo nach mehreren
Jahren des Terrorismus und bei täglich mehr als 20 Toten das Kriegsrecht mit
offenkundiger Unterstützung des türkischen Volkes erklärt wurde. Die dortige
Regierung hat, wiederum mit offenkundiger Unterstützung des Volkes, ein festes
Datum für Wahlen angekündigt. Der Gegensatz zwischen der Verpflichtung der
polnischen und der türkischen Regierung gegenüber der Demokratie könnte nicht
krasser sein.
Und doch gibt es im Westen eine Tendenz zu behaupten, daß Polen und die
Türkei, Afghanistan und El Salvador, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
sich durch nichts unterschieden.
Bei jeder dieser Fragen geht es bei der westlichen Reaktion um grundlegende
moralische Fragen. Welches ist unsere Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit?
Was ist der Zweck des wirtschaftlichen Wachstums? Was ist die Natur der politischen, religiösen und individuellen Freiheit?
-- Unterstützen wir

�— Unterstützen wir Systeme, die im Namen einer sozialen Abstraktion den
Bauern ihr Land nehmen,oder unterstützen wir Systeme, die versuchen, durch
Reform und durch Gesetz den Bauern eigenes Land zu garantieren?
-- Unterstützen wir die Gewinner oder die Verlierer, wenn wir zum Wachstum
anregen und es dazu verwenden, den Lebensstandard des einfachen Menschen zu verbessern anstatt die Bedürfnisse des Staates: Unterstützen wir West- oder Ostdeutschland, Oesterreich oder die Tschechoslowakei, Malaysia oder Vietnam?
— Unterstützen wir Bewegungen, die aus prinzipiellen Gründen die freie
Presse, die Gewerkschaften, die religiöse Freiheit, im Wettbewerb miteinander
stehende politische Parteien, kulturelle Vielfalt und Bewegungsfreiheit unterdrücken,oder solche, die den Versuch machen, diese entscheidende Infrastruktur
sozialer, wirtschaftlicher und politischer Rechte zu stärken und zu garantieren?
Die größte Herausforderung, vor der wir stehen, könnte ganz einfach ein
Bemühen um mehr Verständnis sein. Wir müssen unser Auge von einzelnen Besorgnissen und Tagesereignissen abwenden und auf den umfassenden Entwurf blicken.
Wir brauchen den Mut, uns der Realität zu stellen, auch wenn sie in Konflikt
mit unseren Vorstellungen von der Welt gerät, wie wir sie gerne sehen möchten.
Um noch einmal mit Dean Acheson zu sprechen: Es ist ein Fehler, die Erkenntnisse des Dichters zu wörtlich zu nehmen, daß die Dinge nicht sind, was
sie zu sein scheinen. Manchmal sind sie es, und oft ist es für das überleben
entscheidend, zu wissen, wann sie es sind und wann nicht.

II Die gemeinsamen Projekte
Gegen Ende der vierziger Jahre taten sich Westeuropa und Amerika in einer
noch nie dagewesenen gemeinsamen Unternehmung zusammen, weil sie dieselbe Vorstellung von ihrer Bedrohung hatten. Angesichts einer neuen Auffassung von den
Bedrohungen, vor der diese Generation steht, ist eine neuerliche Willensanstrengung und eine neue Kreativität möglich, ja sogar wahrscheinlich.
Ich sehe

�Ich sehe vier wesentliche gemeinsame Projekte, um den Westen für den Rest
dieses Jahrhunderts zusammenzubinden.
~

Erstens, die Schaffung einer neuen Ära der Sicherheit in Europa durch

eine angemessene Verteidigung und ehrgeizige Rüstungskontrolle.
— Zweitens, die Gestaltung einer neuen Ära des Friedens in kritischen
Regionen außerhalb Europas durch aktive Diplomatie und regionale Sicherheit.
—

Drittens, die Förderung einer neuen Ära des wirtschaftlichen Wachstums

durch aufgeklärte Zusammenarbeit zwischen Ost und West sowie Nord und Süd.
— Viertens, die Verwirklichung einer neuen Ära der Demokratie durch konzertierte Programme zur Ermutigung des Aufbaus freier Institutionen in den erwachenden Demokratien, den rechten Diktaturen und in den kommunistischen Ländern.
Viel bleibt noch hinsichtlich konkreter Vorschläge für alle diese Bereiche
zu tun. Dies kann auch nicht die Aufgabe einer einzelnen Partei, einer einzelnen
Administration oder der Vereinigten Staaten allein sein. Dies ist eine schöpferische Anstrengung, für die sich die besten Köpfe Amerikas und Europas einsetzen
müssen, einschließlich vor allem unserer Professoren und Intelektuellen. Für
all diejenigen, die die Extreme vermeiden möchten - die Extreme rechter oder
linker Diktatur, totaler Konfrontation oder Beschwichtigung, immer schnelleres
Wettrüsten oder einseitige Abrüstung - gibt es hier zumindest eine gemeinsame
Tagesordnung.
Ohne Rezepte für alle diese vier Bereiche geben zu wollen, lassen Sie mich
einige Gedanken skizzieren, die uns bei unseren gemeinsamen Anstrengungen leiten
können.
Verteidigung und Rüstungskontrolle: Lassen Sie uns realistisch, aber auch
ehrgeizig sein, während wir die gemeinsamen Anstrengungen für die Verteidigung
Europas und die Rüstungskontrolle umschreiben.
Warum können

- 10 -

�Warum können wir nicht den Abstand bei den konventionellen Streitkräften
während des nächsten Jahrzehnts verringern und dadurch die Nuklearschwelle wesentlich erhöhen? Gibt es irgendwelche echte Hindernisse, daß die westeuropäischen Staaten, die zusammen sowohl ein größeres Bruttosozialprodukt als auch
eine größere Bevölkerung haben, keine konventionellen Streitkräfte aufstellen
könnten, die denen der Sowjetunion ebenbürtig wären?Der europäische Anstieg
bei den Verteidigungsausgaben in den siebziger Jahren war größer als der der
Vereinigten Staaten. Es ist falsch zu behaupten, daß es grundlegende Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Notwendigkeit einer angemessenen Verteidigung
gäbe.
Desgleichen bei der Rüstungskontrolle: Warum sollen wir nur von bescheidenen
Zielsetzungen sprechen oder von solchen, die sofort für die Sowjetunion akzeptierbar wären? Die Beseitigung aller landgestützten nuklearen Mittelstreckenraketen
- was diese Administration und das Bündnis wollen - ist ein konkretes und verdienstvolles Ziel und zugleich eines, bei dessen Verfolg mit voller Entschlossenheit wir nicht zögern sollten. Desgleichen strebt die Administration bei der
Formulierung eines Vorschlags für die START-Verhandlungen nicht lediglich ein
Einfrieren einer bereits unannehmbaren Situation an. Wir akzeptieren auch nicht,
daß die derzeitige Konzentration konventioneller Streitkräfte im Herzen Europas
auf ihrem

unnötig hohen Niveau bleiben muß. Wir suchen nach Wegen, um neues

Leben in die Gespräche über die Truppenverminderung in Wien, die schon zehn
Jahre andauern, zu bringen.
Es ist eine solche ehrgeizige Politik zur Stärkung des Friedens, durch
die wir die Unterstützung der Nachfolgegeneration auf beiden Seiten des Atlantik
gewährleisten und erhalten können.
Geostrategische Zusammenarbeit: Es gibt eine wachsende Tendenz zu behaupten, daß die Europäer ganz einfach eine unterschiedliche Ansicht von dem
haben, was in der Dritten Welt geschieht und wie die Sowjetunion zu behandeln
sei. Es ist klar, daß zum Beispiel Europas geographische Nähe zu Osteuropa und
seine Entfernung von Mittelamerika dazu führen, daß es auf Ereignisse in beiden
Bereichen mit einer etwas unterschiedlichen Mischung aus Besorgnis und Nachdruck
rea

9iert-

Ich bin
- 11 -

�Ich bin jedoch überzeugt, daß unsere derzeitigen Meinungsverschiedenheiten mehr von einem Jahrzehnt der nachlassenden amerikanischen Stärke und
unberechenbarer amerikanischer Politik kommen

sowie von der wirtschaftlichen

Stagnation und moralischen Verwirrung auf beiden Seiten des Atlantik

als

von irgendwelchen unterschiedlichen Interessen und Einstellungen.
Unsere Zusammenarbeit bei den Problemen Namibia und Angola ist ein Modell dafür, was wir zusammen leisten können.

Es ist bisher der gemeinsamen

Strategie und den gemeinsamen Anstrengungen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt
worden, die wir unternommen haben, um Namibias Unabhängigkeit zu erringen
und in Angola eine politische Lösung herbeizuführen.

Von allen Krisenpunkten,

um die wir uns derzeit bemühen, bietet sich unserer Diplomatie hier vielleicht
die größte Hoffnung auf einen echten Durchbruch im Jahr 1982. Dies ist in
beträchtlichem Maße der Tatsache zu verdanken, daß der Westen gemeinsam handelt und alle unsere gewaltigen gemeinsamen Fähigkeiten und Stärken für das
Erreichen einer friedlichen, demokratischen Lösung eingesetzt werden.
Gegenüber Afghanistan nehmen wir dieselbe Haltung ein und in einem hohen
Maße auch im Nahen Osten, denkt man an die mutige Entscheidung mehrerer europäischer Staaten, sich an der multilateralen Streitmacht von Beobachtern zu
beteiligen, die auf die Sinai-Halbinsel gehen werden.
Es gibt Bereiche, wo Meinungsverschiedenheiten zwischen uns herrschen,
genau wie es in jedem unserer Länder auch unterschiedliche Auffassungen gibt.
Aber mit schöpferischen gemeinsamen Projekten können wir diese Meinungsverschiedenheiten überwinden oder zumindest auf ein angemessenes Maß bringen und
unsere Energien für gemeinsame Ziele einspannen. Die Initiative für das
Karibische Becken und die Hilfe für die demokratischen Kräfte in Mittelamerika
sind solche Projekte, die der europäischen und amerikanischen Unterstützung
wert sind.
Wirtschaft:

Diejenigen, die einen transatlantischen Niedergang voraus-

sagen, sind vor allem im wirtschaftlichen Bereich besonders aktiv.

Obwohl

die Theorien von den Grenzen des Wachstums heute etwas weniger in Mode sind
- 12 -

�Mode sind als noch vor ein paar Jahren, beschäftigen wir uns noch immer stärker
damit, das zu bewahren, was wir haben, anstatt das Wachstum anzuregen. Allerdings ist eindeutig, daß wir unsere eigenen sozialen Ansprüche nicht befriedigen können - und noch viel weniger die Ansprüche von vier Fünfteln der
Menschheit, die in der Entwicklungswelt leben -, wenn unsere Volkswirtschaften
stagnieren.
Es gibt derzeit mehrere Versuche, die westlichen Volkswirtschaften
wieder auf den Weg des Wachstums bei geringeren Inflationsraten zu führen.
Diese Administration versucht, übermäßige Eingriffe des Staates zu verringern
und private Investitionen zu ermutigen, während die Franzosen einen anderen
Weg einschlagen. Desgleichen werden auch in der Dritten Welt viele verschiedene Modelle ausprobiert. Die einst modische Einstellung, daß die Regierung
versuchen sollte, eine immer größere Rolle in der Wirtschaft eines jeden Entwicklungslandes zu spielen, wird an breiter Front entgegengetreten. Einige
der wirklichen Wirtschaftswunder in der Dritten Welt sind über die Ermutigung
des privaten Sektors gekommen.
Aber gleich, welches besonders nationale Modell, müssen der Welthandel,
die Investitionen und die Hilfe so ausgerichtet werden, daß das Wachstum gefördert wird. Auch in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und Inflation - ja,
gerade in einer solchen Zeit - müssen wir jene Art von protektionistischer
Handelskriege vermeiden, die das wirtschaftliche Unglück in den dreißiger Jahren nur noch verstärkten. Wir werden die nationalen Wirtschaftsprobleme

nur

noch verstärken, wenn wir versuchen, sie auf Kosten des Gesamtrahmens der
internationalen Wirtschaftszusammenarbeit zu lösen.
Demokratie:

über die militärischen, geopolitischen und wirtschaftlichen

Zielsetzungen hinaus betrifft das wichtigste gemeinsame Projekt, das wir in
die Wege leiten können, vielleicht unsere wichtigsten Werte. Europa und
Amerika müssen ihre Überzeugung zum Ausdruck bringen, daß die Demokratie und
nicht die marxistisch-leninistische oder rechtsextreme Diktatur die Sache der
Zukunft ist, und müssen anfangen, konkrete Schritte zu unternehmen, um ihr
Wachstum zu unterstützen. Wir sollten und braucheh nicht hinzunehmen, daß
- 13 -

�hinzunehmen, daß ein Land für immer verToren ist, wenn es kommunistisch geworden ist,oder daß rechte Regime nicht verändert werden können.
- Die Anziehungskraft des Marxismus-Leninismus wird um so geringer, je
länger eine Regierung versucht, ihn zum Funktionieren zu bringen.
- Es gibt zahlreiche Beispiele eines erfolgreichen Übergangs von rechtsgerichteten Diktaturen zur Demokratie, sogar inmitten von Gewalt - wie in
Venezuela und Kolumbien.

Wir müssen vor allem endlich damit aufhören, in

Verlegenheit zu geraten, wenn wir über Freiheit, Demokratie und Freiheit
des Einzelmenschen sprechen.
eine Sache, ein Ideal

Wir müssen die jüngere Generation um ein Ziel,

scharen. Was könnte ein besseres Projekt sein, als

konkrete Maßnahmen zu erarbeiten, um dabei zu helfen, daß demokratische Gewerkschaften, Parteien, Zeitungen und Jugendgruppen in kommunistischen genauso
wie in nicht-kommunistischen Ländern in Erscheinung treten.

Schlußfolgerung
Ein Lieblingszitat Achesons war die Bemerkung von General Marshall:
"Bekämpfen Sie das Problem nicht, meine Herren, lösen Sie es!" Die westliche
Zivilisation sollte nie ihre Fähigkeit zur Reflektion, zur Debatte und zur
Selbstkritik verlieren. Aber wir müssen dies im Zusammenhang mit der Notwendigkeit für eine anhaltende Offensive tun, unsere Ideale und unsere Interessen
zu fördern. Psychoanalyse ist kein Ersatz für Politik. Beschäftigung mit unseren Meinungsverschiedenheiten ist keine Alternative zur Erkenntnis der Bedrohungen, vor denen wir stehen, und der Notwendigkeit, in einer Welt des
Wettbewerbs in diesen Wettbewerb einzutreten. Strategische Naivität, moralischer Agnostizismus und politische Paralyse sind ein Rezept für die Katastrophe. Die Völker und die Regierungen Europas und der Vereinigten Staaten schulden es der Zivilisation, die wir ererbt haben, mit der Aufgabe der
Schaffung einer friedlicheren, wohlhabenderen und demokratischeren Welt fortzufahren.

+ + + + +
- 14 -

�18

5. Mai 1982

NACH ZURÜCKWEISUNG DES AMERIKANISCHEN FALKLANDPLANS:
KEINE US-HILFE FÜR ARGENTINIEN
- Von unserem Korrespondenten Russell E. Dybvik -

WASHINGTON - (AD) - Nach Ablehnung des amerikanischen Kompromißvorschlags für eine friedliche Lösung des Falkland-Konflikts mit Großbritannien
durch die argentinische Regierung haben die Vereinigten Staaten am 30. April
1982 ihre Hilfe an Argentinien in vier Bereichen eingestellt.
Diese Maßnahme wurde von Außenminister Haig nur wenige Stunden nach der
Errichtung einer totalen Blockade der Falkland^-Inseln durch Großbritannien und
weniger als zwei Tage nach Erhalt einer schriftlichen Note Argentiniens verkündet, die von einem hohen amerikanischen Regierungsvertreter als "eine
sehr, sehr eindeutige Zurückweisung"des amerikanischen Vorschlags bezeichnet
wurde.
Gleichzeitig erklärte Haig, Präsident Reagan habe angeordnet, daß die
Vereinigten Staaten "positiv auf Ersuchen nach materieller Unterstützung für
die britischen Streitkräfte reagieren" sollen.
Sowohl der

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Telex: 08-85432

�Sowohl der Präsident als auch der Außenminister stellten klar, daß es
keinerlei direktes amerikanisches Eingreifen in dieser Krise geben wird.
"Die südatlantische Krise ist im Begriff, in eine neue und gefährliche
Phase einzutreten, bei der militärische Maßnahmen in größerem Umfang möglich
sind," erklärte Haig in einer formellen, vom Fernsehen übertragenen Erklärung.
"Die amerikanische Politik wird auch weiterhin geleitet sein von unserer
Sorge um die Herrschaft des Gesetzes und von unserem Wunsch, eine baldige und
gerechte Lösung zu ermöglichen. Die Vereinigten Staaten sind auch weiterhin
bereit, den Parteien bei der Suche nach einer solchen Lösung behilflich zu
sein.

Eine rein militärische Lösung kann auf Dauer keinen Bestand haben."
Im Gespräch mit einer Gruppe von Redakteuren aus dem Mittleren Westen

der Vereinigten Staaten im Weißen Haus erklärte Präsident Reagan:

"Wir he-

gen noch immer die Hoffnung, daß eine diplomatische Lösung erreicht wird,
bevor es zu einem militärischen Einsatz kommt."
Er unterstrich, daß die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht stehende getan hätten, um eine solche Lösung möglich zu machen, und fügte hinzu:

"Noch gibt es bei den Vereinten Nationen Gespräche.

Keine Seite wünscht

Gewaltanwendung."
Hinsichtlich der materiellen Unterstützung für Großbritannien, die Haig
erwähnte, stellte der Präsident fest, daß jegliches Material gemäß den bereits bestehenden bilateralen Abkommen und Verträgen gestellt werden würde.
In seiner vorbereiteten Erklärung erläuterte Haig, was die Vereinigten
Staaten bisher in der Krise getan haben, gab die Gründe dafür an und umriß
auch, was nunmehr ihre Aufgabe sei. Die Vereinigten Staaten, so sagte Haig,
hätten "eine entschlossene Anstrengung" unternommen, um den Frieden durch
Verwirklichung der Resolution 502 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen

- 2 -

�Vereinten Nationen wiederherzustellen, die eine Beendigung der Feindseligkeiten, den Rückzug der argentinischen Streitkräfte von den Falkland-Inseln
und eine diplomatische Lösung des Streites fordert.

Auf Reagans Anweisung hin hatte Haig "viele Tage der intensiven Diskussion mit den Parteien.

Als die Aussichten auf noch stärkere Feindseligkeiten

wuchsen, unterbreiteten wir einen amerikanischen Vorschlag, der unserer Einschätzung nach das enthielt, was von den beiden Parteien vernünftigerweise
akzeptiert werden konnte..."

Haig nannte ihn "einen fairen und soliden Vor-

schlag, der eine Beendigung der Feindseligkeiten, einen Rückzug sowohl der
argentinischen als auch der britischen Streitkräfte, eine Aufhebung der Sanktionen, die Errichtung einer Interimsverwaltung durch die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und Argentinien zur Einhaltung der Vereinbarungen, eine Fortführung der bisherigen lokalen Verwaltung der Inseln mit argentinischer Beteiligung, Verfahren zur Ermutigung der Zusammenarbeit bei der Entwicklung
der Falkland-Inseln und einen Verhandlungsrahmen für eine abschließende Einigung enthielt, der die Interessen der beiden Seiten und die Wünsche der
Inselbewohner selbst mit in Rechnung stellen sollte.

Haig stellte fest, die Vereinigten Staaten hatten "Grund zur Hoffnung,
daß das Vereinigte Königreich eine Beilegung im Sinne unseres Vorschlags erwägen würde."

Jedoch "informierte uns Argentinien gestern darüber, daß es

ihn nicht akzeptieren könne."

Zentrales Problem war Haig zufolge das argentinische Bestehen darauf,
daß es "jetzt eine Zusicherung hinsichtlich der letztlichen Souveränität oder
aber eine sofortige de facto-Rolle bei der Beherrschung der Inseln erhalten
müsse, die zur Souveränität führen würde."

Angesichts des Unvermögens Argentiniens, dem Kompromiß zuzustimmen, so
führte Haig weiter aus, "müssen wir konkrete Maßnahmen ergreifen, um zu unterstreichen, daß die Vereinigten Staaten die Anwendung ungesetzlicher Gewalt
zur Lösung von Streitigkeiten nicht gutheißen können und nicht gutheißen
werden."
Als Folge

�Als Folge hiervon habe Präsident Reagan folgendes angeordnet:
- die Aussetzung aller militärischen Exporte nach Argentinien;
- die Zurückhaltung der Anerkennung des argentinischen Anspruchs auf
Militärkäufe;
- die Aussetzung neuer Export-Import-Bankkredite und -garantien; und
- die Suspendierung von Handelsb'ürgschaften.
Später erklärte das Außenministerium, daß die Aussetzung der Export-Import-Bankkredite nicht auch die derzeitigen Darlehen an Argentinien betreffen wird, die am 31. März 1982 insgesamt 1 Milliarde Dollar betrugen.
t

Die Suspendierung der Handelsbürgschaften betrifft vorgesehene Weichholzimporte im Wert von etwa zwei Millionen Dollar im laufenden Haushaltsjahr.
Die Aussetzung der militärischen Exporte würde Güter im Werte von rund 5,9
Millionen Dollar betreffen.

- 4 -

�18

5. Mai 1982

SOWJETISCHES VERHALTEN SCHÄDLICH FÜR RÜSTUNGSKONTROLLE UND ABROSTUNG
- Von unserer Korrespondentin Marie Koenig -

WASHINGTON - (AD) - Die Reagan-Administration sieht in der Besorgnis der
amerikanischen und westeuropäischen Öffentlichkeit hinsichtlich der Kernwaffen,
der Rüstungskontrolle und der Abrüstung eine gesunde und begründete Entwicklung,
Dies wurde soeben auch von Präsident Reagan selbst bestätigt, der in
Kürze der Sowjetunion einen Terminvorschlag für den Beginn der Gespräche über
eine Verringerung der strategischen Waffen (START-Gespräche) unterbreiten wird.
Reagan erklärte: "Ich weiß, daß es sehr viele Menschen gibt, die auf den unvorstellbaren Schrecken eines Atomkriegs hinweisen. Ich teile diese Sorge."
Die START-Gespräche werden, genau wie der Beginn der amerikanischsowjetischen Verhandlungen über die Nuklearen Mittel Streckensysteme in Europa
(INF-Systeme), eine überaus bedeutsame Entwicklung darstellen. Washington und
seine Verbündeten hatten seit 1979 versucht, Moskau dazu zu bringen, in die
INF-Gespräche einzutreten; doch die Sowjetunion fuhr mit der Dislozierung von
Atomraketen fort, die auf Westeuropa gerichtet sind.
Lang bevor

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Telex: 08-85432

�Lang bevor die Vereinigten Staaten die START-Initiative ergriffen, stellten
sie die sowjetische Bereitschaft auf die Probe, in verschiedenen Bereichen der
Rüstungskontrolle und der Abrüstung zu konkreten Ergebnissen zu gelangen. Sie
taten dies auf der Madrider Folgekonferenz der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE), beim Genfer Abrüstungsausschuß und bei den
Wiener Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenverminderungen
in Mitteleuropa (MBFR).
Außenminister Haig erklärte in einer grundlegenden Rede am 27. April, daß
der Fortschritt in all diesen RüstungskontroiIbereichen zutiefst von dem sowjetischen Verhalten und dem Klima der Ost-West-Beziehungen beeinflußt werde. Er
sagte dies angesichts der Tatsache, daß Polen noch immer unter dem Kriegsrecht
leidet und die Afghanen von den sowjetischen Besatzungstruppen unterdrückt werden.
Wie sieht es in den verschiedenen Bereichen der Abrüstungsgespräche aus?
Die KSZE-Konferenz war für die Vereinigten Staaten eine Enttäuschung, bei
den MBFR-Verhandlungen gab es kaum einen Fortschritt und auf den Sitzungen des
Abrüstungsausschusses nur geringen Erfolg bei Fragen der Verifizierbarkeit.
KSZE: Nach sechzehnmonatigen Verhandlungen vertagte sich die von 35 Staaten
beschickte Konferenz, die die Einhaltung der Helsinki-Schlußakte überprüfen
sollte, am 12. März mit einer nüchternen Verlautbarung aufgrund der PattSituation, zu der es durch die polnische Krise gekommen war.
Westliche Delegierte vertraten die Ansicht, daß es wenig Aussicht auf
konkrete Verhandlungen über ein Abschlußdokument geben werde, wenn die Konferenz
im November weitergeht, solange es keine deutliche Verbesserung des internationalen Klimas gibt. Gemäß dem ursprünglichen Terminplan

hätte das Madrider

Treffen schon vor einem Jahr ein Dokument erarbeitet haben sollen, das die
Grundsätze von Helsinki bekräftigt und verbreitert.
Die Delegierten

�Die Delegierten verließen Madrid in deutlicher Meinungsverschiedenheit
zwischen Ost und West hinsichtlich eines Mandats, durch das eine europäische
Abrüstungskonferenz nach Madrid einberufen werden könnte.
Ein westlicher Vorschlag, von Frankreich 1980 erstmals unterbreitet, sah
vor, daß das erste Thema, das auf dieser Abrüstungskonferenz behandelt werden
sollte, vertrauensbildende Maßnahmen sein müßten, einschließlich der Verpflichtung
eines jeden Landes, im voraus verifizierbare Informationen über alle in Europa
geplanten Truppenmanöver, so auch im

gesamten europäischen Bereich

der

Sowjetunion,zu geben.
Dies hätte die Vereinbarungen von Helsinki aus dem Jahr 1975 gestärkt, die
eine solche vorherige Benachrichtigung fordern - dies jedoch auf freiwilliger
Grundlage und nur für Westeuropa und einen schmalen Streifen sowjetischen Gebietes.
Moskau reagierte hierauf jedoch mit einem Vorschlag, von dem viele westliche
Delegierte den Eindruck hatten, es sei damit beabsichtigt, ein Mandat für eine
europäische Abrüstungskonferenz zu sabotieren und dadurch ein Dokument zu vermeiden, das die vertrauensbildenen Maßnahmen bis hin zum Ural ausgeweitet hätte.
Moskau schlug vor, daß auch ausgedehnte Gebiete des atlantischen Luft- und
Seeraums und von nichteuropäischen Ländern, wie etwa den Vereinigten Staaten,
einbezogen werden sollten. Westliche Vertreter erklärten diesen Vorschlag als
unannehmbar.
Bei der Vertagung des Madrider Treffens erklärte der amerikanische Chefdelegierte Max Kampelman: "Sollte es zu der bedauerlichen Situation kommen, daß
wir kein Abkommen zustandebringen können, wenn wir im Herbst wieder zusammentreffen, so wird es für unsere Unfähigkeit nur eine Erklärung geben. ... Schuld
wäre der anhaltende Einsatz der Militärmacht der Sowjetunion zur Unterdrückung
ihrer Nachbarn - direkt, wie in Afghanistan, und durch offenkundigen Druck,...
wie dies die Methode war, als man die Wünsche des polnischen Volkes nach
größerer Freiheit und mehr Würde unterdrückte."
MBFR: Die

�MBFR: Die Reagan-Administration wünscht eine Fortsetzung der Gespräche
über beiderseitige Truppenverminderungen in Mitteleuropa und wird versuchen,
sie trotz des Fehlens eines konkreten Fortschritts auf diesem Forum seit acht
Jahren wiederzubeleben.
Der Warschauer Pakt hat sich geweigert, detaillierte Informationen über
seine Truppen zur Verfügung zu stellen, die notwendig sind, um die Frage nach
der Truppenstärke zu beantworten.
Die westlichen Länder argumentieren, daß die NATO und der Warschauer Pakt
sich bei der Datenfrage hinsichtlich der Streitkräfte beider Seiten einigen
müssen, damit ein Ausgangspunkt für Verminderungen bestimmt werden kann. Der
Westen ist weiterhin der Ansicht, daß ohne Einigkeit bei der Datenfrage ein
Abkommen unmöglich ist, bei dem es um Truppenverminderungen und -begrenzungen
geht.
Der Westen ist der Meinung, daß es in Mitteleuropa auf östlicher Seite rund
200 000 Soldaten mehr gibt, als diese

eingesteht.

Die MBFR-Verhandlungen sind derzeit vertagt, und der Warschauer Pakt hat
erklärt, er wolle einen westlichen Vorschlag überdenken, demzufolge die bislang
in den 26 Gesprächsrunden erzielten Ergebnisse zusammengestellt werden sollen.
Der Westen hält diesen Vorschlag für wichtig, weil beide Seiten damit zum
ersten Mal gemeinsam eine schriftliche Zusammenstellung ihrer Positionen vorbereiten würden, die dabei helfen könnte, Obereinstimmung und Meinungsverschiedenheiten zu klären.
In seiner Rede über Rüstungskontrolle am 18. November 1981 erklärte
Präsident Reagan, es sei grundlegende amerikanische Politik, bei den konventionellen Streitkräften in Europa Gleichheit auf niedrigerem Niveau zu erreichen.
Der Abrüstungsausschuß - der in Genf

tätige und von 40 Staaten beschickte

Ausschuß - hat sich im April vertagt und wird im Juli für den zweiten Teil

- 4 -

�zweiten Teil seiner Sitzungsperiode des Jahres 1982 wieder zusammenkommen. Im
Verlauf der Debatten des Ausschusses erklärte die amerikanische Delegation, daß
die ständige Zunahme der sowjetischen Waffen sowie die zunehmend aggressive
Politik der Sowjetunion die Grundlage für Rüstungskontroll Verhandlungen negativ
beeinflußt.
Allerdings wurden die Vereinigten Staaten dadurch ermutigt, daß es zu
einem Einverständnis darüber kam, eine Arbeitsgruppe über Verifizierung und
Einhaltung eines möglichen umfassenden Abkommens über ein Verbot von Atomversuchen (CTB) zu bilden.
CTB-Verifizierung und -Einhaltung sind wesentliche Fragen der Rüstungskontrolle, weil sie auf alle anderen Rüstungskontroi.labkommen angewendet werden
könnten.
Man hofft nun, daß diese Arbeitsgruppe den Kern der Verifizierungs- und
Einhaltungsproblematik angehen wird, wenn der Abrüstungsausschuß seine Arbeit
im Juli wieder aufnimmt.
Eugene Rostow, der Direktor der amerikanischen Behörde für Rüstungskontrolle
und Abrüstung,erklärte hierzu vor dem Senat im vergangenen Jahr: "Angesichts
der Bedeutung der Verifizierbarkeit für den Erfolg der ganzen Rüstungskontrolle
könnte die sowjetische Bereitschaft, kooperative Maßnahmen zur Verbesserung
der Verifizierbarkeit spezifischer Begrenzungen in Erwägung zu ziehen, ein
Lackmustest ihrer Verpflichtung zu ernsthaften Begrenzungen sein."
+++++

- 5 -

�18

5. Mai 1982

WAS EIN ÜBERLEBENDER VON HIROSHIMA VON DER ABROSTUNG HÄLT
Von Shinkichi Eto

Professor Shinkichi Eto lehrt
Internationale Beziehungen an der
Universität von Tokio. Der nachfolgende Artikel erschien in der Sankei
Shimbun; Nachdruck mit freundlicher
Genehmigung des Wall Street Journal.
Copyright (c) Dow Jones and Company, Inc. 1982

Aus meinen Erfahrungen als Opfer einer Atombombe erweckt der 15. August
eines jeden Jahres schmerzliche Erinnerungen in mir. Auf der anderen Seite habe
ich eine negative Einstellung zu der Anti-Atombewegung, und dieser Zwiespalt
quält mich. Manchmal wird dieser Zwiespalt so stark, daß ich mich am liebsten
dem pazifistischen Lager anschließen möchte, um inneren Frieden zu finden.
Aber seit über 30 Jahren habe ich mir immer wieder gesagt, daß ein Mensch,
der von Berufs wegen internationale Angelegenheiten analysiert, versuchen muß,
objektiv zu sein. Diese Überzeugung hat meine schwankende Haltung wieder ge-

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Telex: 08-85432

�wieder gefestigt und mich veranlaßt, den Realitäten der Welt ins Auge zu
sehen. Gelöst habe ich das Dilemma allerdings noch nicht.
Im August 1945 war ich als Soldat in Hiroshima stationiert, nachdem ich
zum Heer eingezogen worden war. Unsere Unterkunft war die Höhere Handelsschule
Matsumoto nördlich des Bahnhofs. Als am 6. August die Bombe fiel, war ich im Gebäude und bin nicht verbrannt. Ich war zwar unter den Trümmern begraben und erstickte fast, aber ich kam mit ein paar Kratzern davon.
Als die Brände nachließen, gingen wir in das Explosionsgebiet, um den
Schutt wegzuräumen. Wir arbeiteten mehrere Tage lang in der Nähe der Explosionsstelle und ich war der Sekundärstrahlung ausgesetzt.
Ich hatte keine Kraft mehr und fühlte mich ständig erschöpft, und mein
Haar begann auszufallen. Der Haarausfall ließ nach einem Monat nach, aber ich
litt 15 Jahre lang unter Leukämie. Ich fragte mich lange, ob ich nicht eine Bescheinigung als Atombombengeschädigter beantragen sollte, um kostenlose medizinische Behandlung zu erhalten. Aber ich hielt meinen Zustand nicht für ernst
genug, um das zu rechtfertigen.
Ich war in einer Fernmeldeeinheit und wir hörten jeden Abend die amerikanischen Soldatensender ab. Wir erfuhren am 12. August, daß Japan der Kapitulation zugestimmt habe, also schon drei Tage vor der amtlichen Bekanntgabe. Der
kommandierende Offizier unserer Einheit war ein Reservist, der an der Kaiserlichen Universität von Tokio Wirtschaftswissenschaft studiert hatte. Als ich ihm
die obige Information mitteilte, war seine einzige Reaktion ein niedergeschlagenes
"So so .sagen Sie das niemandem".
Meine Erleichterung, daß es keine Luftangriffe mehr gab und ich den Krieg
überlebt hatte, wurde durch die Verzweiflung aufgewogen, wie wir als geschlagene Nation weiterleben könnten. Ich arbeitete jeden Tag in der starken Hitze,
um Leichen zu bergen. Am Abend war ich erschöpft, aber ich konnte nicht schlafen. Ich war zu aufgewühlt und warf mich die ganze Nacht auf meinem Bett herum
und oft liefen mir die Tränen das Gesicht herunter.

Als der

�Als der 15. August anbrach, war jeder Mann verzweifelt über die Niederlage Japans und einige Offiziere wollten den Krieg fortsetzen. Aber bald wollten alle Soldaten, vor allem jene mit Frau und Kindern, sobald wie möglich
nach Hause zurückkehren. Einige der Offiziere und Unteroffiziere versuchten,
sich mit den Versorgungsgütern der Einheit davonzumachen. Ich war entsetzt,
wie rasch disziplinierte Männer zu Dieben werden konnten.
Meine Erinnerungen an jene Zeiten sind noch immer schmerzlich. Ich möchte
daher hinter niemandem zurückstehen in meinem Haß des Krieges und meinem Wunsch
nach Frieden. Und doch unterscheide ich mich von einigen der anderen Pazifisten
der Welt.
Als die Bewegung zur Ächtung der Atom- und Wasserstoffbomben im Jahr 1953
begann, hoffte ich, daß sie die böse Entwicklung zu einer nuklearen Katastrophe
ändern könnte und ich tat das meinige dazu. Aber die ehrliche Opposition der
Bevölkerung gegen die Bombe wurde zu einem politischen Spielball, als die
Kommunisten und die Sozialisten miteinander rivalisierende Antiatombombengruppen ins Leben riefen. Sie verbrachten mehr Zeit damit, einander zu bekämpfen, als gegen Kernwaffenversuche und Kernwaffen zu Felde zu ziehen. Das
brachte meine Abkehr von den Massenbewegungen. Seither habe ich mich für keine
mehr engagiert und ich habe nicht einmal mehr Appelle unterzeichnet.
Die Friedensbewegung und die Friedensforscher in Japan messen mit zweierlei Maß: Sie sind gegenüber den "progressiven" - d.h. sozialistischen Ländern - tolerant und gegenüber den "reaktionären" - d.h. westlichen - Ländern
sehr kritisch. Nach meiner Überzeugung ruhen unsere Hoffnungen noch immer auf
den Vereinigten Staaten, wo die politische Macht durch die öffentliche Meinung beeinflußt werden kann. In einem totalitären Land ist, sobald einige
wenige Führer über eine Politik entschieden haben, diese unwiderruflich gleichgültig, was die öffentliche Meinung im eigenen Lande oder eine internationale Opposition davon halten. Realistische Pläne für Rüstungskontrolle
und nukleare Abrüstung müssen das in Rechnung stellen.
Je mehr mächtige Massenbewegungen die Abschaffung der Kernwaffen verlangen,
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�Kernwaffen verlangen, desto mehr Einfluß haben sie auf die amerikanische Regierung, aber nicht auf die Sowjetunion. Das könnte die Vereinigten Staaten fesseln,
während die Russen ohne Scheu ihre nuklearen Arsenale weiter ausbauen. Selbst
wenn es nicht zu einer solch extremen Situation kommt, so gibt die Rücksichtslosigkeit des Kreml gegenüber der öffentlichen Meinung diesem einen Vorteil.
Ich habe an mehreren internationalen Konferenzen mit russischen Wissenschaftlern teilgenommen, die immer der Friedensforschung ein hohes Lob singen und sich
für Abrüstung aussprechen. Aber sind sie auch gegenüber der Rüstungspolitik ihrer
eigenen Regierung kritisch? Kein einziger war es, ihre Auffassungen stehen in
völligem Einklang mit den Richtlinien der amtlichen Politik Moskaus. Diese Reglementierung in totalitären Ländern macht diese zu beängstigenden Gegnern.
Forscher in der freien Welt können anderer Meinung sein als ihre Regierungen und sie analysieren die amtliche Politik und die amtlichen Maßnahmen kritisch. Das ist ein fundamentaler Unterschied.
Die Friedensforschung ist von großem Wert und sie wird immer mehr Wissenschaftler anziehen. Wenn es ihnen gelingt, die Verteidigungspolitiken der Regierungen der freien Welt zu beeinflussen, dann sollten diese Aktivisten nicht vergessen, daß es für die Russen keine Einschränkungen gibt.

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