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                  <text>FRIEDEN UND ABSCHRECKUNG
0

Rede des US-Außenministers vor der Georgetown-Universität
- 6. April 1982

Postfach 20 03 00 Tel.: 0228-339 22 40
D 5300 Bonn 2
Telex: 08-85432

�WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Außenminister Alexander Haig hat
am 6. April 1982 in einer vielbeachteten Rede vor dem Zentrum für Strategische
und Internationale Studien an der Georgetown-Universität über die Verteidigungsposition des Westens angesichts einer wachsenden sowjetischen Bedrohung
und die Notwendigkeit der Abschreckung für die Erhaltung des Friedens gesproch
Die Rede des amerikanischen Außenministers mit dem Titel "Frieden und
Abschreckung" hat folgenden Wortlaut:
Es ist eine traurige Tatsache des modernen Zeitalters, daß der Mensch
ein Mittel zu seiner eigenen Vernichtung erfunden hat. Seit 37 Jahren muß
die Menschheit mit der schrecklichen Last der Kernwaffen leben. Seit dem
Anbruch des Atomzeitalters sind diese Waffen Anlaß zur ernsten Sorge unserer
Völker und stehen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Jeder Präsident
der Vereinigten Staaten hat seither diese Sorgen geteilt. Jede Administration
mußte sich in diese Debatte einschalten.
Es ist richtig, daß jede nachfolgende Generation erneut die Art und Weise
in Frage stellen sollte, mit der ihre Führer so furchterregende Verantwortung
ausüben. Es ist richtig, daß jede neue Administration sich dem furchtbaren
Dilemma stellen muß, das der Besitz von Kernwaffen mit sich bringt. Es ist
richtig, daß unsere Nuklearstrategie einer ständigen Überprüfung ausgesetzt
wird.
Die Strategie

�Die Strategie der nuklearen Abschreckung
Wenn wir über diese Fragen debattieren, dann dürfen wir nicht zulassen,
daß die Komplexität der Probleme und die Schicksalsschwere dieser Fragen uns
blind gegenüber der gemeinsamen Position macht, auf der wir alle stehen.
Niemand ist jemals für den Atomkrieg eingetreten. Keine verantwortungsbewußte
Stimme hat jemals versucht, seine Schrecken zu bagatellisieren. Im Gegenteil,
seit den ersten Tagen der Nachkriegszeit haben die Führer Amerikas die einzige

&gt;

Nuklearstrategie erkannt, die im Einklang mit unseren Werten und unserem Oberleben - unserer physischen Existenz und was das Leben lebenswert macht steht, nämlich die Strategie der Abschreckung. Die massive Zerstörungsmacht
dieser Waffen schließt aus, daß sie einem anderen als diesem Zweck dienen
können. Die katastrophalen Folgen eines weiteren Weltkrieges - mit oder ohne
Kernwaffen - lassen die Abschreckung vor einem Konflikt zu unserem höchsten
Ziel und zu unserer einzigen vernünftigen militärischen Strategie in der
modernen Zeit werden.
Seit Ende des Zweiten Weltkrieges hat die Strategie Amerikas und des
Westens daher den Kernwaffen eine einzige Funktion zugewiesen: Die Verhütung
des Krieges und die Erhaltung des Friedens. Das Kernstück dieser Abschreckungsstrategie ist das Erfordernis, daß das Risiko der Führung eines Krieges so
hoch angesetzt werden muß, daß es jede möglichen Vorteile einer Aggression
überwiegt. Die Kosten der Aggression dürfen nicht auf die Opfer der Aggression
beschränkt werden.
Diese Strategie der Abschreckung hat die ständige Billigung der Völker

*
*

des Westens gefunden. Sie hat im amerikanischen Kongreß überparteiliche Unterstützung erhalten. Sie hat die einhellige Unterstützung aller aufeinander
folgenden verbündeten Regierungen gefunden.
Die Abschreckung hat Unterstützung gefunden, weil sie funktioniert. Nukleare
Abschreckung und kollektive Verteidigung haben den Frieden in Europa, dem Ausgangspunkt von zwei Weltkriegen in diesem Jahrhundert, bewahrt. Sicherlich

�bewahrt. Sicherlich haben weder Verbesserungen der Natur des Menschen noch
eine Stärkung der internationalen Ordnung Kriege weniger häufig oder weniger
brutal werden lassen. Seit 1945 sind Millionen von Menschen in über 130
internationalen Kriegen und Bürgerkriegen umgekommen. Aber die nukleare Abschreckung hat einen Konflikt zwischen den beiden Supermächten verhütet einen Konflikt, der selbst ohne Kernwaffen der zerstörerischste Krieg in der
Geschichte der Menschheit wäre.

Die Erfordernisse der westlichen Strategie
Der Besitz von Kernwaffen allein garantiert noch keine Abschreckung. In
der ganzen Geschichte haben Gesellschaften ihre totale Vernichtung riskiert,
wenn der Preis des Sieges groß genug war oder die Folgen der Unterwerfung
schwer genug waren. Vor einem Krieg, vor allem einem Atomkrieg, kann jedoch
noch abgeschreckt werden, wenn wir in der Lage sind, einem Aggressor einen
militärischen Vorteil aus seinem Handeln zu verwehren, und damit sicherstellen,
daß er sich bewußt ist, daß er in einem Konflikt mit uns nicht die Oberhand
gewinnen kann. Abschreckung erfordert, kurz gesagt, die Aufrechterhaltung
eines sicheren militärischen Gleichgewichts - eines Gleichgewichts, das
nicht durch einen Überraschungsangriff oder einen plötzlichen technologischen
Durchbruch umgestoßen werden kann. Die Qualität und Glaubwürdigkeit der Abschreckung muß an diesen Kriterien gemessen werden. Alle Administrationen
haben diese Tatsache begriffen und die Bedeutung eines Gesamtgleichgewichtes
unterstrichen. Die jetzige Administration kann dahinter nicht zurückbleiben.
Die Strategie der Abschreckung ist in ihren wesentlichen Punkten die
gleiche geblieben. Aber es haben sich die Erfordernisse für die Aufrechterhaltung einer sicheren Kapazität zur Abschreckung in allen Umständen weiter
entwickelt. In den ersten Tagen der unangefochtenen nuklearen Überlegenheit
Amerikas war die Aufgabe, einen Aggressor vor ein unannehmbares Risiko zu
stellen, nicht schwierig. Die Drohung der massiven Vergeltung war so lange
voll glaubwürdig, wie die Sowjetunion nicht entsprechend reagieren konnte.

- 3 -

�reagieren konnte. In dem Maße jedoch, in dem das nukleare Arsenal der Sowjetunion wuchs, begann diese Drohung, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Um die Glaubwürdigkeit der westlichen Abschreckung aufrechtzuerhalten,
wurde das Konzept der flexiblen Antwort (flexible response) ausgearbeitet
und im Jahre 1967 von den Vereinigten Staaten und ihren NATO-Partnern formell
eingeführt. Seitdem wurde vereinbart, daß die NATO einer Aggression zunächst
auf derjenigen Ebene entgegentreten würde, auf der sie stattfindet, während
sie sich die Flexibilität vorbehält, den Konflikt, wenn notwendig, zu
eskalieren, um die Einstellung der Aggression und den Abzug des Aggressors
zu gewährleisten. Der Zweck dieser Strategie besteht nicht lediglich darin,
in einem Konflikt, wenn er uns aufgezwungen wird, erfolgreich zu bestehen,
sondern, was noch wichtiger ist, den Ausbruch eines Konfliktes von vornherein zu verhüten.
Die Strategie der flexiblen Antwort geht nicht von der Prämisse aus, daß
ein Atomkrieg unter Kontrolle gehalten werden könne. Jede aufeinanderfolgende
verbündete und amerikanische Regierung waren davon überzeugt, daß ein Atomkrieg, wenn er erst einmal begonnen habe, sich einer solchen Kontrolle entziehen könnte. Sie haben sich daher auf eine Strategie geeinigt, die die
Abschreckungswirkung einer möglichen nuklearen Antwort beibehält, ohne einen
solchen Schritt in irgendeiner Form zu automatisieren.
Das Bündnis hat die Verwirklichung der Strategie der flexiblen Antwort
auf ein Spektrum von Streitkräften gestützt, von denen jedes Element eine
unerläßliche Rolle bei der Gewährleistung der Glaubwürdigkeit einer westlichen
Strategie der Abschreckung spielt. An dem einen Ende des Spektrums stehen
die strategischen Streitkräfte Amerikas - unsere schweren Bomber, Interkontinentalraketen und Raketenunterseeboote. Seit Gründung der NATO bildeten
diese Streitkräfte die letztliche Garantie der westlichen Sicherheit - eine
Rolle, die sie auch in Zukunft beibehalten werden.
Am anderen

�Am anderen Ende des Spektrums stehen die konventionellen Streitkräfte
des Bündnisses, einschließlich der amerikanischen Truppen in Europa. Diese
Streitkräfte müssen stark genug sein, um jede noch so massive und anhaltende
konventionelle Aggression niederschlagen zu können. Sie müssen widerstandsfähig und ausdauernd genug sein, um den politischen Führern Zeit genug zu
gewähren, die Schwere der Bedrohung abzuschätzen, sich den in der Sache
liegenden entmutigenden Aussichten der nuklearen Eskalation zu stellen und
durch Diplomatie die Einstellung eines Konflikts und die Wiedergewinnung
etwa

verlorengegangenen westlichen Territoriums zu erreichen. Die lebens-

wichtige Rolle, die die konventionellen Streitkräfte in der Abschreckung
spielen, wird zu oft zu gering eingeschätzt - vor allem von jenen, die lautstark ihre Besorgnis darüber zum Ausdruck bringen, daß man sich auf Kernwaffen
verläßt. Eine verstärkte konventionelle Verteidigungsposition stärkt die Abschreckungswirkung der Nuklearstreitkräfte und verringert die Aussicht, daß
sie je eingesetzt werden müßten.
Die Verbindung der strategischen und der konventionellen Streitkräfte
sind die nuklearen Streitkräfte am Schauplatz, d.h., die nuklearen MittelStreckensysteme der NATO in Europa. Diese Systeme sind ein konkreter Beweis
für die Ernsthaftigkeit der amerikanischen Verpflichtung. Sie sind ein
konkreter Ausdruck der Bereitschaft der NATO, zu Kernwaffen Zuflucht zu
nehmen, wenn dies notwendig ist, um die Freiheit und Unabhängigkeit ihrer
Mitglieder zu erhalten. Darüber hinaus gewährleistet die Präsenz von Kernwaffen in Europa, daß die Sowjetunion niemals glauben kann, daß sie die
Vereinigten Staaten von ihren Verbündeten trennen oder einen begrenzten
Krieg mit begrenzten Risiken gegen irgendein NATO-Mitglied führen könnte.
Die Strategie der flexiblen Antwort und die Streitkräfte, die ihre
Glaubwürdigkeit darstellen, bringen mehr zum Ausdruck als einfach nur das
herrschende militärische Kräfteverhältnis. Die Strategie des Westens bringt
auch die politische und geographische Realität eines Bündnisses von 15
unabhängigen Nationen zum Ausdruck, von denen die mächtigste von allen anderen
- außer einer - durch 4 000 Meilen Ozean getrennt ist.
Abschreckung ist
- 5 -

�Abschreckung ist also mehr als eine militärische Strategie. Sie ist das
wesentliche politische Faktum, das die westliche Koalition verbindet. Zweimal
in diesem Jahrhundert ist es Amerika nicht gelungen, sich aus den Konflikten
Europas herauszuhalten, aber es war in der Lage, rechtzeitig die Verwüstung
Westeuropas zu verhindern. Weder wir noch unsere Verbündeten können es uns
leisten, daß sich die Geschichte nach dem gleichen Muster ein drittes Mal
wiederholt. Wir haben deshalb eine Strategie gewählt, die die amerikanische Macht
und die Verteidigung Europas einbezieht und dem Prinzip Substanz verleiht,
daß die Sicherheit des Bündnisses unteilbar ist.

Die vor uns liegende Aufgabe
Während des letzten Jahrzehnts hat die Sowjetunion eine anhaltende Aufrüstung in dem ganzen Bereich ihrer Nuklearstreitkräfte durchgeführt, die
darauf angelegt ist, diese Strategie des Bündnisses zu untergraben. Die
sowjetischen Modernisierungsanstrengungen haben diejenigen des Westens bei
weitem übertroffen. Die Entwicklung und Dislozierung sowjetischer Interkontinentalraketen stellt heute eine ernste und wachsende Bedrohung eines großen
Teiles unserer landgestützten Interkontinentalraketen-Streitmacht dar. Eine
neue Generation sowjetischer Mittelstreckenraketen ist auf unsere europäischen
Verbündeten gerichtet.
Während der letzten zehn Jahre haben die Sowjets eine beispiellose Vielfalt neuer strategischer Systeme und Systeme des Mittel Streckenbereichs in
ihre Arsenale eingeführt, einschließlich der SS-17-, SS-18- und SS-19-Interkontinentalraketen, des Backfire-Bombers, der Typhoon-Unterseeboote und
mehrerer neuer Typen von unterseebootgestützten Raketen sowie die Mittelstreckenrakete SS-20. Im Gegensatz dazu haben die Vereinigten Staaten im gleichen Zeitraum Zurückhaltung geübt und nur die Tridentrakete und das Trident-Unterseeboot
sowie die langsameren Marschflugkörper eingeführt.
Um das sich hieraus ergebende Ungleichgewicht in den Griff zu bekommen,
hat Präsident Reagan eine Verteidigungskonzeption übernommen und dem amerikanischen

�dem amerikanischen Kongreß Programme vorgeschlagen, die dazu dienen sollen,
die Abschreckung aufrechtzuerhalten, das Ungleichgewicht zu beheben und dadurch die westliche Strategie zu stützen, die ich umrissen habe.
Sein kraftvolles strategisches Modernisierungsprogramm, das im vergangenen Oktober vorgestellt wurde, dient dazu, die Aufrechterhaltung einer
sicheren und verläßlichen Kapazität sicherzustellen, die einem Gegner den
Vorteil jeglicher Form von Aggression verwehrt - einschließlich eines Überraschungsangriffs.
Die Entscheidung des Präsidenten in der ersten Woche seiner Amtsübernahme,
in Einklang mit dem NATO-Beschluß vom Dezember 1979 mit der Produktion und
der Dislozierung der PERSHING II und der landgestützten Marschflugkörper
voranzugehen, stellt eine Anstrengung zur Verstärkung der Verbindung
zwischen den strategischen Streitkräften der Vereinigten Staaten und den
konventionellen und nuklearen Streitkräften der NATO in Europa dar. Dieser
NATO-Beschluß wurde als Reaktion auf die massive Aufrüstung mit der auf
Westeuropa

gerichteten SS-20 getroffen

um sicherzustellen, daß die UdSSR

niemals eine Aggression in dem Glauben beginnt, ihr eigenes Territorium könne
einem Angriff gegenüber immun bleiben oder die europäische Sicherheit könne
jemals von der der Vereinigten Staaten abgekoppelt werden.
Die Verbesserungen, die wir bei unseren eigenen konventionellen Streitkräften vornehmen - bezüglich ihrer Bereitschaft, ihrer Mobilität, ihrer Ausbildung und ihrer Ausrüstung -, sollen jene Art kraftvoller und elastischer
konventioneller Kapazität sicherstellen, die die Strategie der flexiblen Antwort erfordert.
Es ist wichtig, die Wechselbeziehung zwischen diesen drei Typen von
Streitkräften zu sehen. Die Erfordernisse in jeder Kategorie hängen von dem
Umfang bei den anderen ab. Ähnlich sind ihre Funktionen miteinander verbunden.
Dies versteht auch die Sowjetunion. Aus diesem Grunde hat sie folgerichtig

- 7 -

�sie folgerichtig eine Verpflichtung gegen den Ersteinsatz von Kernwaffen vorgeschlagen, die hier im Westen einigen Widerhall gefunden hat.
Die NATO hat ebenfalls folgerichtig solche sowjetische Vorschläge zurückgewiesen, die so viel bedeuten, wie Europa ungefährdet konventionell angreifen zu können.
Wenn der Westen Moskau die Freiheit lassen würde, die Ebene des Konflikts

•&gt;

zu wählen, die ihm am meisten paßt, und Natur und zeitlichen Ablauf jeglicher
Eskalation gänzlich dem sowjetischen Belieben überließe, wären wir gezwungen,
konventionelle Streitkräfte in einem Umfang zu unterhalten, der mindestens
dem der Sowjetunion und ihrer Verbündeten im Warschauer Pakt entspräche.
Diejenigen im Westen, die sich für die Übernahme einer Politik einsetzen,
die

keinen Ersteinsatz

("no first use policy") fordert, gelangen selten

zugleich auch zu dem Vorschlag, die Vereinigten Staaten sollten wieder die
Wehrpflicht einführen, den Umfang ihrer Streitkräfte verdreifachen und ihre
Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umstellen. Und doch läßt das Fehlen solcher
Maßnahmen und die Forderung nach Vermeidung eines Ersteinsatzes dem Westen
praktisch nichts, womit er die konventionellen Vorteile und die geopolitische
Lage der Sowjetunion gegenüber Europa ausgleichen könnte. Die westlichen Befürworter einer Politik des Verbots eines Ersteinsatzes verschließen sich
auch den Konsequenzen, die eine amerikanische Entscheidung für das westliche
Bündnis hätte, bei der Verteidigung Europas das Risiko eines Atomkriegs
nicht zu akzeptieren. Eine solche Politik des "Nichtersteinsatzes" wäre das
Ende der Strategie der flexiblen Antwort und damit der Glaubwürdigkeit der
westlichen Strategie der Abschreckung. Nähmen die Vereinigten Staaten eine
solche Haltung ein, würden sie ihre Verpflichtung gegenüber Europa einschränken. Aber das Bündnis kann nicht als Gesellschaft mit beschränkter Haftung
funktionieren. Es kann nur als eine Partnerschaft überleben, der sich alle
voll und gleichermaßen verpflichtet fühlen - geteilter Nutzen, geteilte Lasten,
geteilte Risiken.
Ein weiteres

»

�Ein weiteres Konzept, das in letzter Zeit das Interesse wachgerufen hat,
ist das eines Einfrierens der Kernwaffen. Während wir für die Sorgen empfänglich sind, die diesem Vorschlag zugrundeliegen, so müssen wir doch auch die
schwachen Punkte einer solchen Haltung verdeutlichen.

Ein Einfrieren auf gegen-

wärtigem Niveau würde ein instabiles und unausgewogenes militärisches Kräfteverhältnis fortbestehen lassen.

Es würde ein Jahrzehnt einseitiger sowjetischer

Aufrüstung belohnen und die Vereinigten Staaten für ein Jahrzehnt einseitiger
Zurückhaltung bestrafen. Wie Präsident Reagan vergangene Woche unterstrichen
hat, würde ein solches Einfrieren alle sowjetischen Anreize beseitigen, sich
an einer sinnvollen Rüstungskontrolle zu beteiligen, die die Kriegsausrüstung
beschneidet und das Risiko eines Krieges vermindert.
Ein Großteil der Argumentation für ein nukleares Einfrieren dreht sich
um die Frage, wieviel "genug" ist. Jede Seite besitzt Tausende abschußbereiter
Kernwaffen. Macht es dann wirklich einen Unterschied, wer vorn liegt? Die
Frage selbst ist irreführend, da sie davon ausgeht, daß Abschreckung lediglich
eine Angelegenheit der Anzahl der Waffen sei oder der Anzahl der Toten, die
es geben würde. Das ist nicht der Fall.
Denken wir doch zuerst und zuförderst daran, daß wir versuchen, die
Sowjetunion, nicht uns selbst abzuschrecken. Die dynamische Natur der nuklearen Aufrüstung der Sowjetunion beweist, daß die sowjetischen Führer nicht an
das Konzept der "Angemessenheit" glauben. Sie werden sich sicherlich nicht
durch eine Strategie oder durch Streitkräfte abschrecken lassen, die darauf
beruhen.

Erinnern wir uns auch daran, daß die nukleare Abschreckung nicht nur in
Friedenszeiten funktionieren muß, in Momenten der Ruhe. Die Abschreckung steht
vor ihrer eigentlichen Bewährungsprobe in Zeiten höchster Spannung, sogar
inmitten des aktuellen Konflikts. Unter solch extremen Umständen, wenn es
bereits um Ungeheures gehen könnte, wenn die sowjetische Führung das Gefühl
haben könnte, die Existenz ihres Regimes selbst sei gefährdet - wer kann sagen, ob sie ein gewaltiges Risiko eingehen würde oder nicht, wenn sie der
- 9 -

�sie der Ansicht wäre, daß letztendlich der sowjetische Staat den Sieg davontragen wird?
Die Abschreckung beruht also nicht auf einem statistischen Vergleich der
Anzahl oder der Größe von Kernwaffen.

Vielmehr hängt die Abschreckung von

unserer Fähigkeit ab, einen Aggressor von der Erlangung eines militärischen

v

Vorteils abzuhalten, und nicht zuzulassen, daß er in einem Konflikt den Sieg
davonträgt, sogar, nachdem man einen massiven Nuklearschlag erlitten hat.

*

Nur wenn wir eine solche Kapazität aufrechterhalten, können wir vor einem
solchen Schlag abschrecken.

Die Abschreckung hängt konsequenterweise von

einem militärischen Gleichgewicht ab, das sich nicht nach Anzahl der Gefechtsköpfe bemessen läßt, sondern von einem Gleichgewicht der komplexen Wechselbeziehung von Kapazität und Verwundbarkeiten.

Militärisches Gleichgewicht, Krisenmanagement und amerikanische Diplomatie
Der Zustand des militärischen Gleichgewichts und seine Auswirkung auf
den Abschreckungswert der amerikanischen Streitkräfte wirft einen Schatten
über jede geopolitische Entscheidung größeren Umfangs.

Es hat von Tag zu

Tag Auswirkungen auf das Verhalten der amerikanischen Diplomatie.

Es beein-

flußt das Management internationaler Krisen und die Bedingungen, unter denen
sie bewältigt werden.
Das Bemühen um das nationale

Intersse

und die nationale

Sicherheit

gehört zu den wichtigsten Beschäftigungen der Führung eines jeden Landes
dieser Erde.

Ihre Entscheidungen und ihre Außenpolitik werden tiefgreifend

von ihrer Sicht beeinflußt, die sie von dem militärischen Gleichgewicht zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion haben, sowie von der Kapazität, über die diese beiden verfügen, zu ihrer Sicherheit beizutragen oder
sie zu bedrohen.
Und noch

- 10 -

*

�Und noch wichtiger:

Die Vorstellung vom militärischen Gleichgewicht

beeinflußt auch die psychologische Haltung sowohl der amerikanischen als
auch der sowjetischen Führung, wie sie auf Ereignisse in der Welt reagieren.
Für die absehbare Zukunft wird das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion so sein, daß unsere Meinungsverschiedenheiten die Gemeinsamkeiten überwiegen.

Es muß unser Ziel sein, diesen Wettbewerb in Gren-

zen zu halten, ihn unter Gewaltniveau zu halten, während wir unsere Interessen und die unserer Verbündeten schützen. Unsere Fähigkeit zur Sicherung
dieser Ziele wird entscheidend von dem Zustand des strategischen Gleichgewichts beeinflußt. Jede Beurteilung, die wir treffen, und jede Beurteilung
durch die sowjetische Führung wird davon überschattet.
Daher muß die sowjetische Führung beim Kalkulieren ihrer Risiken bei
Subversion und Aggression, bei der Suche nach neuen Stellvertretern oder bei
der Stützung schwankender Stellvertreter sorgfältig die Möglichkeiten und Aussichten auf eine wirksame amerikanische Reaktion abwägen.

Die sowjetischen

Kalkulationen müssen nicht nur die amerikanischen Kapazitäten zur Beeinflussung regionaler Entwicklungen in Rechnung stellen, sondern auch die amerikanische Bereitschaft, sich der Aussicht auf eine amerikanisch-sowjetische Konfrontation und daraus folgender Eskalation zu stellen.

Eine amerikanische

Führung muß auch ihrerseits vergleichbare Kalkulationen anstellen, während
sie auf regionale Konflikte reagiert, auf sowjetisches Abenteurertum reagiert
und versucht, internationale Krisen auf eine Weise zu bewältigen, die in Einklang mit den amerikanischen Interessen steht.
Schlicht gesagt, hängt unsere eigene Verwundbarkeit gegenüber nuklearer
Erpressung sowie die unserer Freunde gegenüber politischer Erpressung von
unserer Fähigkeit und Bereitschaft ab, glaubwürdig mit jeglicher sowjetischer
Bedrohung fertigzuwerden.

Eine starke und glaubwürdige strategische Position

vergrößert die Stabilität und entmutigt jegliche sowjetische Versuchung zum
Abenteurertum, stärkt aber gleichzeitig unsere Position bei der Reaktion auf
politisch-militärische Drohungen der Sowjetunion.
Rüstungskontrolle

�Rüstungskontrolle und nukleare Abschreckung
In keinem anderen Bereich der Diplomatie hat das militärische Gleichgewicht größere Wirkung als bei der Rüstungskontrolle.

Die Rüstungskontrolle

kann die Abschreckung verstärken und das militärische Gleichgewicht auf einem
niedrigeren Niveau des Risikos und der Anstrengung stabilisieren.

Die

Rüstungskontrolle kann aber ein Gleichgewicht Weder bringen, noch wiederherstellen, das durch unsere Verteidigungsanstrengungen aufrechtzuerhalten wir
nicht gewillt sind.
Genau wie die einzig zu rechtfertigende Nuklearstrategie die der Abschreckung ist, so ist das übergeordnete Ziel der Rüstungskontrolle die Verminderung des Kriegsrisikos.

Der entscheidende Zweck der Rüstungskontrolle

ist es nicht, Geld zu sparen, auch wenn sie dies täte; ihr Zweck ist es nicht,
angenehme Gefühle zu verbreiten oder die internationalen Beziehungen zu verbessern, auch wenn sie solche Wirkungen haben mag.

Der zentrale Zweck der

Rüstungskontrolle muß sein, das militärische Gleichgewicht zu stärken, von
dem die Abschreckung abhängt - auf vermindertem Waffen- und Risikoniveau.
Am 18. November 1981 legte Präsident Reagan den Rahmen für ein umfassendes Programm der Rüstungskontrolle dar, dazu entworfen, diesen Zielen zu dienen. Er verpflichtete die Vereinigten Staaten zur Suche nach umfassenden
Verringerungen bei den nuklearen und konventionellen Streitkräften, die zu
gleichen, vereinbarten Begrenzungen auf beiden Seiten führen soll. Vergangene Woche legte er die Schritte dar, die wir unternommen haben:
- In Genf haben wir detaillierte Vorschläge unterbreitet, die die Kernwaffen mittlerer Reichweite begrenzen und jene Raketen gänzlich beseitigen
sollen, die beiden Seiten die größte Sorge bereiten. Dieser Vorschlag hat
die starke und einhellige Unterstützung unserer Verbündeten erhalten.
- In Wien verhandeln wir zusammen mit unseren Verbündeten über Verringerungen des Umfangs der konventionellen Streitkräfte in Europa.

Diese Ver-

handlungen dauern nun schon über acht Jahre an - ohne echten Forschritt. Da^
- 12 -

�Da wir nunmehr vor einer diplomatischen Auszehrung stehen, müssen wir dringend
darüber nachdenken, wie wir die Ost-West-Gesprä'che über die Verringerung der
konventionellen Streitkräfte neu beleben und den Fortschritt bei diesen Gesprächen stimulieren können.
- Höchste Priorität in den vergangenen Monaten hatte für uns die Beendigung der Vorbereitungen für die Verhandlungen mit der Sowjetunion über die
strategischen Waffen.

Auch hier werden wir umfassende Verringerungen auf ein

verifizierbares, gleiches Niveau vorschlagen.

Auch hier werden wir detaillier

te Vorschläge unterbreiten, wenn die Verhandlungen eröffnet werden.
Die Erfolgsaussichten in jedem dieser Bereiche der Rüstungskontrolle
hängen von der Unterstützung des Verteidigungsprogramms des Präsidenten ab.
Diese notwendige Forderung wurde als eine Politik der Aufrüstung zum Zweck
der Verminderung der Waffen karikiert.

Das ist ganz einfach nicht wahr.

Wie die Vorschläge von Präsident Reagan für die Raketen mittlerer Reichweite
verdeutlichen, hoffen wir, daß wir diese Systeme niemals dislozieren müssen.
Aber wir müssen die Bereitschaft demonstrieren, das Gleichgewicht durch solche Dislozierungen aufrechtzuerhalten, wenn wir überhaupt Aussicht auf ihre
Reduzierung und Stabilisierung durch Rüstungskontrolle haben sollen.
Die Verhandlungen Anfang der siebziger Jahre über einen Vertrag zur Begrenzung von Raketen-Abwehrsystemen (ABM-Systemen) stellen ein historisches
Beispiel dar.

Damals hatten die Sowjets bereits um Moskau ein Verteidigungs-

system gegen ballistische Raketen gebaut.
Die Vereinigten Staaten hatten kein solches System disloziert.

Die

Rüstungskontrolle war das einzige Mittel, um einen ansonsten attraktiven
und kostspieligen Weg des Wettrüstens auszuschließen.

Und doch begannen

die Sowjets erst mit ernsthaften Verhandlungen, nachdem die amerikanische Regierung sich um die Unterstützung des Kongresses für ein amerikanisches ABMProgramm bemüht und dies sichergestellt hatte.

Das Ergebnis war der Vertrag

von 1972, der die Raketen-Abwehrsysteme begrenzte und der heute noch in Kraft
ist.
Dieser Vorgang
- 13 -

�Dieser Vorgang wiederholte sich erst kürzlich bei den Mittelstreckenraketen. Jahrelang hatten sich die Sowjets um eine Begrenzung der amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Europa bemüht; sie hatten sich jedoch immer
geweigert, irgendwelche Begrenzungen ihrer eigenen, auf Europa gerichteten
Nuklearstreitkrä'fte in Erwägung zu ziehen.

Erst nachdem die NATO ihre Ent-'

Scheidung vom Dezember 1979 traf, amerikanische PERSHING II-Raketen und
landgestützte Marschflugkörper zu dislozieren, war die Sowjetunion bereit,
ihre SS 20-Raketen auf den Verhandlungstisch zu legen.
Auch auf dem Gebiet der strategischen Rüstungen gibt es wenig Aussichten,
daß die Sowjetunion jemals gleichwertigen Begrenzungen auf niedrigerer Ebene
zustimmen wird, es sei denn, sie wird zuerst davon überzeugt, daß die Vereinigten Staaten sonst entschlossen sind, eine Gleichwertigkeit auf höherer
Ebene aufrechtzuerhalten.

Es ist beispielsweise unrealistisch anzunehmen,

daß die Sowjetunion einer Reduzierung des bedrohendsten Elementes ihrer Streit
kräftestruktur, nämlich ihrer schweren, mit Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüsteten Interkontinentalraketen zustimmen würde, wenn sie nicht davon überzeugt wäre, daß sonst die Antwort der Vereinigten Staaten in der Dislozierung
vergleichbarer Systeme bestehen würde.
Für viele, die es ablehnen, daß man sich auf Kernwaffen verläßt selbst für die Verteidigung oder Abschreckung - ist die ganze Angelegenheit
moralischer Natur. Auch für jene, die die Strategie der Abschreckung erarbeitet haben, und für jene, die sich um eine Aufrechterhaltung ihrer Wirksamkeit bemühen, ist diese Frage ebenfalls vorrangig moralischer Natur. Ein
Argument, das man immer wieder hört, läuft darauf hinaus, daß wir uns im
Atomzeitalter entscheiden müssten, zwischen unseren Werten und unserer
Existenz. Wenn die Nuklearwaffen die einzige Abschreckung gegenüber nuklearer Erpressung darstellen, dann - so argumentieren einige - sollten wir das
Risiko eines nuklearen Konfliktes lieber fallen lassen als es einzugehen.
Diese Entscheidung ist jedoch falsch. Indem wir das militärische Gleichgewicht und die Abschreckung aufrechterhalten, schützen wir die entscheidend
wichtigen Werte der westlichen Zivilisation - eine demokratische Regierung,
persönliche Freiheit und die religiöse Freiheit - und bewahren den Frieden.
- 14 -

�den Frieden.

Wenn wir die Abschreckung nicht aufrechterhalten, dann würden

wir letztlich unsere Freiheit opfern, während wir tatsächlich die Wahrscheinlichkeit erhöhten, auch eine nukleare Zerstörung zu erleiden.
Als Menschen, als freie Männer und Frauen, müssen wir diese falsche Alternative zurückweisen und die Extreme nukleare Katastrophe und nukleare Erpressung zurückweisen.

Im Atomzeitalter ist die einzige mit dem überleben und

der Zivilisation in Übereinstimmung stehende Entscheidung die Abschreckung.
Ein hervorragender Theologe hat einmal unser Zeitalter als eine Ära
bezeichnet, in der "die größten Möglichkeiten unentwirrbar mit den schrecklichsten Gefahren vermengt sind".

Die wissenschaftlichen und technologischen

Fortschritte, die für unsere Zivilisation so entscheidend sind, machen auch
ihre Zerstörung möglich.

Vor dieser Realität kann man nicht die Augen ver-

schließen.
Die Amerikaner waren sich immer des Dilemmas bewußt, das die Kernwaffe mit sich bringt. Von dem Augenblick an, da die Wissenschaft das Atom
freisetzte, waren unser Instinkt und unsere Politik darauf gerichtet, es auch
zu kontrollieren.

Diejenigen, die heute die Verteidigungspolitik Amerikas

leiten, teilen voll und ganz den Wunsch der Menschen in aller Welt, das nukleare Wettrüsten zu beenden und mit der Erreichung wesentlicher Reduzierungen
der nuklearen Rüstungen zu beginnen.
Angesichts der schrecklichen Gefahren solcher Waffen hat Amerika in
einer Weise reagiert, die am besten sowohl die Sicherheit als auch den Frieden
erhält, die unsere Gesellschaft und unsere Werte schützt und Hoffnung ohne
Illusion bietet.

Die Strategie der Abschreckung hat den Frieden mehr als 30

Jahre lang erhalten.

Sie hat die Grundlage für Rüstungskontrollbemühungen

gebildet, und sie bietet die beste Möglichkeit für die Kontrolle und den Abbau der Gefahren, denen wir uns gegenübersehen.
Abschreckung erfolgt nicht automatisch.
Weise erlangt werden.

Sie kann nicht auf billige

Unsere Fähigkeit, sie zu bewahren, hängt von unserer
- 15 -

�von unserer Fähigkeit ab, das militärische Gleichgewicht zu erhalten, das
gegenwärtig durch die sowjetische Aufrüstung bedroht wird.

Wenn wir die Ab-

schreckung durch Rüstungskontrolle und Rüstungsreduzierung verstärken wollen,
dann müssen wir die Sowjets davon überzeugen, daß ihre Anstrengungen zur
Unterminierung der Abschreckungswirkung unserer Streitkräfte keinen Erfolg
haben werden.

I
Die Kontrolle und Reduzierung der nuklearen Waffen, gestützt auf Ab-

i

schreckung, ist die einzig wirksame geistige, politische und moralische Antwort auf Nuklearwaffen.

Es steht zu viel auf dem Spiel, und die Folgen eines

Irrtums sind zu katastrophal^ um Abschreckung auszutauschen gegen einen Sprung
ins Ungewisse.

Die Anreize für eine wirkliche Rüstungskontrolle sind vorhan-

den, und beide Seiten haben die Möglichkeiten und die Pflicht, sie zum Tragen
zu bringen.
Wir müssen uns klar sein über unsere Ziele im Atomzeitalter. Wir bemühen
uns um eine Reduzierung des Kriegsrisikos und um die Schaffung eines stabilen
militärischen Gleichgewichts auf einem niedrigeren Niveau des Risikos und der
Anstrengung. Wenn wir dies heute tun, dann können wir vielleicht ein Gefühl
des beiderseitigen Vertrauens und der Zusammenarbeit schaffen, das die Grundlage für noch ehrgeizigere Schritte morgen bietet. Aber vor allem werden wir
"die größte Chance" für den Frieden suchen.

+ + + + +

(

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              <text>Frieden und Abschreckung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede des US-Außenministers vor der Georgetown-Universität -&lt;/em&gt;</text>
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