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Information
und
Dokumentation
\

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

18. Juni 1980

29

INHALT

DOKUMENTATION
Cyrus Vance: US-Außenpolitik muß 10 Jahre vorausdenken
- Rede des ehemaligen US-Außenministers in Cambridge -

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Vereinfachtes Schmelzverfahren für die Kupferverhüttung
- Weniger Energieverbrauch - Keine Schwefeldioxid-Belastung
Synthese eines Naturstoffs für die Krebstherapie
- Weniger Nebenwirkungen als beim Naturprodukt -

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�International Communication Agency
Embassy of the United States of America

18. Juni 1980

29

CYRUS VANCE: US-AUSSENPOLITIK MUSS 10 JAHRE VORAUSDENKEN
- Rede des ehemaligen US-Außenministers in Cambridge -

CAMBRIDGE, MASSACHUSETTS - (AD) - Der ehemalige amerikanische
Außenminister Cyrus Vance hat in seiner ersten Rede nach seinem Rücktritt
im April dieses Jahres eine weitblickende Außenpolitik der Vereinigten
Staaten gefordert. Anläßlich der Feierlichkeiten zum Abschluß des Studienganges an der Harvard-Universität in Cambridge im Staate Massachusetts
trat Vance für eine Ratifizierung des SALT II-Vertrages in diesem Jahr
ein, da weder die sowjetische Aggression in Afghanistan noch ein Wahljahr
die USA davon abhalten dürften, in ihrem eigenen nationalen Interesse zu
handeln. Vor allem erinnerte Vance daran, daß die Entscheidungen von 1980
die Welt von 1990 bestimmen werden.
Die Rede des ehemaligen Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Sie sind der erste Jahrgang in Harvard, der im achten Jahrzehnt
dieses Jahrhunderts sein Studium abschließt.

Die Entscheidungen, die

unsere Nation heute trifft, werden die Zukunft in diesem Jahrzehnt gestalten,
Wir

Postfach 20 03 00
Bonn 2

0 5 3 0 0

Tel: 0228-89 32 40
T e | e x : 08-85432

�Wir können entweder daran arbeiten, in kluger und wirksamer Weise
die Veränderungen, die heute unsere Welt zu übermannen drohen, mitzugestalten, oder uns durch unkluges Handeln von ihnen in Fesseln legen lassen.
Die Zeit fordert, daß wir grundlegende Ziele setzen und an ihnen
festhalten.

Weder wir noch die Welt können uns eine amerikanische Außen-

politik leisten, die Gefangene von Gefühlen des Augenblicks ist.
Wir müssen an eine Vorstellung von der Welt denken, wie wir sie
in einem Jahrzehnt haben wollen.

Das 1990, das wir anstreben, muß unser

Handeln 1980 bestimmen oder die Entscheidungen von 1980 könnten uns ein
1990 bescheren, das wir bedauern würden.
Unterstützung der Anstrengungen der Länder der Dritten Welt um die
Erhaltung ihrer Unabhängigkeit und um die Verbesserung der Lebensqualität
für ihre Bevölkerung, vor allem in jenen Ländern die am Rande des
Existenzminimums leben; Stärkung der Gesundheit und des Wohlergehens unseres
Wirtschaftssystems im Rahmen einer starken internationalen Wirtschaft:
Das sind die Entscheidungen, die wir zusammen mit der Aufrechterhaltung
des militärischen Gleichgewichts treffen müssen, während wir wirksam
unseren Wettbewerb mit der Sowjetunion bestehen und starke Bündnisse
freier Nationen fördern - das sind die Entscheidungen, die wir heute
treffen müssen.
Diese Ziele sind anspruchsvoll. Es wäre naiv, wollte man etwas
anderes annehmen. Aber wenn wir die Ziele nicht hoch stecken, dann werden
wir nicht weit kommen.
Bedenken wir immer, wie die Welt aussieht, von der wir ausgehen:
Eine Welt, die sich in einem rapiden Wandel befindet, mit wachsenden
Erwartungen, besserer Bildung, rascheren Kommunikationsmitteln; eine
Welt, in der weder die Vereinigten Staaten noch irgend ein anderes Land

�Land über ein Übergewicht an Macht oder ein Monopol der Weisheit verfügen.
Es ist eine Welt der Konflikte zwischen Ländern und Werten, zwischen
Gesellschaftssystemen und aufstrebenden neuen Interessen,,

Es ist eine

Welt, in der im Wettstreit stehende Supermächte unser gemeinsames überleben
1n den Händen halten, die jedoch paradoxerweise nicht in der Lage sind, die
Ereignisse zu ordnen.
Es herrscht eine beunruhigende Furcht in unserem Lande, daß wir
nicht mehr in der Lage sein könnten, unsere Zukunft zu gestalten. Manche
Leute glauben, unsere militärischen Muskeln seien geschwunden. Andere
machen sich Sorgen, daß unser politischer Wille gelähmt sei.
Ich akzeptiere diese düsteren Vorstellungen nicht. Sie lassen jene
uns eigene pragmatische Denkweise außer acht, die Amerika seit seiner
Gründung gekennzeichnet hat.
Ich halte die Auffassung für falsch, daß wir, und wir allein, für
all die verwirrenden Veränderungen verantwortlich seien, die um uns herum
geschehen. Das ist eine völlige Verkennung unserer Verhältnisse, eine
pervertierte Hybris, die unsere Macht und unsere Verantwortung für das
Übel überschätzt und unsere Fähigkeit zum Guten unterschätzt.
Die internationale Verteilung von Macht und Geist ist eine Tatsache.
Sie wird sich nicht ändern.

Sie erfordert neue und vitale Formen des

Handelns, nicht Bedauern und Heimweh nach den angeblich "guten alten Zeiten".
Was zu bedauern ist, ist das Zögern, unsere grundlegenden Zielsetzungen in Einklang mit diesen neuen Verhältnissen zu bringen.

Die

Antworten von gestern werden keine Lösungen für morgen bieten.
Es scheint mir, daß die derzeitige Unzufriedenheit mit der Welt
und mit unserer Rolle in ihr auf gewissen Irrtümern beruht.

- 3 -

Diese Illusionen

�Illusionen müssen erst zerstört werden, ehe unser Land einen einheitlichen
und zielstrebigen Kurs in der Außenpolitik einschlagen kann.
Der erste Irrtum ist, daß eine einzige Strategie - ein großer
Plan - die Antworten für alle und jede der Entscheidungen böte, vor denen
wir in der Außenpolitik stehen.

Welchen Wert diese Vorstellung auch

in einer bi-polaren Welt gehabt haben mag, heute kann sie uns nur schaden.
Die Welt ist pluralistisch geworden, und es tritt zu Tage, daß die Vorstellung
einer Strategie schlechthin - des großen Wurfes - wo die Tatsachen zurecht
gebogen werden, um in die Theorie zu passen, unzulänglich geworden ist.
Bei der Komplexität der Welt, die wir wohl oder über ererbt haben, hat
das Festhalten an einer einzigen Strategie nur die Wirkung, diese Komplexität
zu verwischen und die Völker in Freunde und Feinde zu trennen.
Der zweite weitverbreitete Irrtum ist die Angst vor Verhandlungen,
die Sorge, daß wir bei allen Absprachen immer als zweiter Sieger hervorgehen würden. Dieser Irrtum beruht auf der falschen Vorstellung, daß wir
eine realistische Alternative hätten, die Dinge allein zu regeln, daß wir
uns um die legitimen Interessen und Wünsche anderer Völker nicht zu kümmern
brauchten. Ohne das faire Abkommen durch Verhandlungen und Diplomatie
kann es nur eine fehlgeleitete, zum Scheitern verurteilte Anstrengung geben,
einander seinen Willen aufzuzwingen.
Wenn anderen ein faires Abkommen und seine Vorteile verweigert
werden, dann wird das deren Verhalten nicht ändern und ihre Macht nicht
verringern. Es wird lediglich die Wirkung haben, daß wir uns selbst der
gleichen Vorteile begeben. Wenn Amerika Angst hat, mit seinen Gegnern
zu verhandeln oder zu einem fairen Abkommen mit Ländern der Dritten
Welt zu gelangen, dann werden wir keine Diplomatie haben. Und wir werden,
nicht weniger als die anderen, die Verlierer sein.

�Ein dritter Irrtum, der ausgeräumt werden muß, ist die Vorstellung,
daß das Eintreten für die Werte Amerikas, wie etwa die Menschenrechte,
mit dem Eintreten für unsere Interessen unvereinbar sei.
Das Eintreten für die Menschenrechte muß ohne Frage auf die Praxis
zugeschnitten sein. Wir mllssen ständig abwägen, wie wir den Fortschritt
am besten fördern können, während wir uns die Fähigkeit erhalten, mit
Regierungen - selbst unpopulären Regierungen - 1n Ländern Umgang zu pflegen,
wo wir wichtige Sicherhe1ts1nteressen haben.
Aber wir mlissen letztlich erkennen, daß die Forderung nach Freiheit
des einzelnen und wirtschaftlichem Fortschritt nicht lange unterdrückt
werden kann, ohne nicht die Saat des gewaltsamen Umbruchs zu säen.
Es liegt daher in unserem eigenen Interesse, den konstruktiven
Wandel zu unterstützen, wie wir es beispielsweise in der Dominikanischen
Republik getan haben und wie wir es in Mittelamerika anstreben, bevor die
Alternativen des Radikalismus oder der Unterdrückung gemäßigte Lösungen
mit Gewalt verhindern.
Wir wissen aus unserer eigenen nationalen Erfahrung, daß das Streben
nach Freiheit des Menschen eine gewaltige Macht und Lebenskraft hat.
Dieses Streben ist weltweit; es ist unwiderstehlich und es kann letztlich
nicht unterdrückt werden.
So decken sich also in einem tiefen Sinne unsere Ideale und unsere
Interessen. Denn die Stabilität, die entsteht, wenn Menschen ihrer Hoffnung
Ausdruck verleihen und ihre Zukunft frei aufbauen können, ist ganz und gar
in unserem Interesse.
Und es besteht noch der gefährliche Irrtum, daß es eine militärische
Lösung für nichtmilitärische Probleme gäbe.

- 5 -

Dieser Irrtum wird besonders

�besonders akut in Zeiten der Frustration, wenn die Verhandlungsprozesse
als langsam und mühsam betrachtet werden.
Die militärische Macht Amerikas ist von entscheidender Bedeutung,
um das weltweite militärische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten»

Unsere

Verteidigungskräfte müssen modernisiert werden - und sie werden modernisiert.
Aber militärische Macht ist eine Basis und kein Ersatz für die Diplomatie.
Ich habe argumentieren hören, daß unsere Antwort auf eine sich
verändernde Welt in einem neuen Nachdruck auf die militärische Macht
Amerikas und dem Willen, sie einzusetzen, liegen müsse.

Dies kommt in den

vorgeschlagenen neuen Haushaltsprioritäten im Kongreß zum Ausdruck, durch
die unnötige Verteidigungsausgaben innenpolitische Programme und die Auslandshilfe verdrängen.

Es herrscht fast einhellig die Meinung, daß eine Erhöhung

der Verteidigungsausgaben notwendig ist. Aber es ist eine Illusion zu
glauben, daß das ein Ersatz für die Diplomatie und die Mittel wäre, die
wir brauchen, um solche Probleme anzupacken wie inneren Wandel und grundlegende Ansprüche in unseren.Ländern oder eine angeschlagene internationale
Wirtschaft.
Die Anwendung militärischer Gewalt ist keine und darf keine wünschenswerte politische Antwort Amerikas auf die Innenpolitik anderer Länder sein.
Wir sind überzeugt, daß wir das Recht haben, unsere eigene Zukunft selbst
zu gestalten. Wir müssen dieses Recht in anderen Ländern achten. Wir
müssen klar und deutlich den Unterschied begreifen zwischen unserer
Bereitschaft, kraftvoll zu handeln, wenn die Lebensinteressen unserer
Nation, unserer Verbündeten und unserer Freunde bedroht werden, und
unserer Einsicht, daß unsere militärische Macht keine befriedigende Antwort
auf rein interne Probleme anderer Länder bieten kann»
Schließlich existiert da

ein weitverbreiteter Irrtum: daß nämlich

Amerika die Macht besitzen würde, die Welt nach unserem Willen zu gestalten.

- 6 -

�gestalten.

Dabei nimmt man zum Beispiel an, daß wir die Sowjetunion

dominieren könnten, daß wir sie daran hindern könnten, eine Supermacht
zu sein - falls wir uns dazu nur entschließen.

Dieser veraltete Gedanke

hat mehr mit Nostalgie zu tun als mit der Realität von heute.
Die Sowjetunion, die die ausgedehntesten Landräume aller Staaten
dieser Erde umfaßt, hat ihre eigenen strategischen Interessen und Ziele.
Aus einem Zustand der Unterentwicklung und der Verwüstung durch den Krieg
heraus hat sie gewaltige militärische und industrielle Mittel geschaffen.
Wir sollten diese Mittel nicht mehr länger unterschätzen noch überbewerten.
Mit der Sowjetunion müssen wir eine Position eines grundlegenden Gleichgewichts erhalten und bewältigen. Es ist naiv zu glauben, daß die Russen
nach unseren Regeln spielen würden - so wenig wie wir die ihrigen
akzeptieren. Es ist naiv zu glauben, daß sie bereitwillig bei der
militärischen Stärke eine zweitrangige Stellung akzeptieren würden, so
wenig wie wir dazu bereit wären.
Eine gefährliche neue Nostalgie steht hinter all diesen Irrtümern,
eine Sehnsucht nach der alten Zeit, als die Welt - zumindest im Rückblick ein geordneter Platz gewesen zu sein schien, wo die amerikanische Macht
allein diese Ordnung bewahren konnte. Diese Nostalgie untergräbt laufend
das Vertrauen in unsere nationale Führung, denn sie ermutigt zu Erwartungen,
die in keinerlei Beziehung zur Wirklichkeit stehen. Und sie läßt den Wandel
in den Bedingungen dieser Welt nur noch als Bedrohung erscheinen - und
nicht als neue Möglichkeit. Sie läßt eine widerspenstige Welt feindlicher
erscheinen als sie ist. Die Tatsache aber ist doch, daß wir ein Volk sind,
das sich der Veränderung nicht nur gut angepaßt hat, sondern dadurch gediehen
ist.
Die neue Nostalgie führt uns zu vereinfachten Lösungen und zur
Illusion, es alles allein machen zu können - und lenkt unsere Energien ab
von dem Kampf um die Gestaltung des Sich-Wandelnden hin zu konstruktiven

- 7 -

�konstruktiven Richtungen.

Es ist ein selbstgefälliger Unsinn, der uns

in Irrtum, wenn nicht Unheil führen muß.
Welcher Kurs steht uns nunmehr offen?
Unsere echten Probleme sind ihrer Natur nach langfristig.

Es

genügt nicht, dramatische Schritte zu unternehmen und zu versuchen, sich
aus unangenehmen Zwickmühlen mit einem Schlag zu befreien.

Angesichts

der wirklichen Probleme, vor denen wir jetzt stehen, wird diese Methode
nicht nur nicht ausreichen, sondern zusätzliche Probleme schaffen.
Es ist klar, daß man sich mit plötzlichen Krisen in dem Moment
auseinandersetzen muß, da sie auftauchen.
Ereignissen lernen.

Und wir sollten aus solchen

Aber man sollte ihnen nie erlauben, die Ziele unserer

Außenpolitik zu verzerren.
Als Weltmacht haben die Vereinigten Staaten eine ungewöhnliche
Bandbreite von Interessen. Aus diesem Grund müssen wir sicherstellen,
daß die Verfolgung des Erwünschten nicht das Erreichen des Wesentlichen
beeinträchtigt.
Wenn wir bis zum Jahr 1990 keinen Fortschritt in den vier grundlegenden Bereichen erzielt haben, die ich oben aufgeführt habe, wirf die
Welt tatsächlich der unwirtliche Platz sein, den viele befürchten. In
jedem Bereich können wir Fortschritte machen - wenn! Wenn wir auf unsere
Hoffnungen nicht weniger hören als auf unsere Ängste. Wenn wir bereit sind,
jetzt für das künftige Gute ein Opfer zu bringen. Und wenn wir - und dies
ist am wichtigsten - mit anderen Staaten zusammenarbeiten, um die Probleme
zu lösen, die keiner allein zu lösen vermag.
Erstens müssen wir das globale militärische Gleichgewicht aufrechterhalten und gleichzeitig ein Gleichgewicht bei unseren politischen

�politischen Beziehungen mit der Sowjetunion erreichen.
Unsere militärische Stärke ist wichtig für unsere eigene Sicherheit
und für eine starke Außenpolitik, die frei von Zwang ist; sie ist wichtig
fUr das Vertrauen von Verbündeten und Freunden, und sie ist wichtig für
die Zukunft der wechselseitigen Rüstungskontrolle und anderer Verhandlungen.
Unsere Stärke stützt auch regionale Gleichgewichte, die durch direkten oder
indirekten Einsatz sowjetischer Macht gestört werden könnten.
Dieses militärische Gleichgewicht zu erhalten, wird teuer sein.
Um die Kosten in Grenzen zu halten und unsere Sicherheit zu erhöhen,
brauchen wir eine wirkungsvolle Rüstungskontroll politik als integralen
Bestandteil unserer Sicherheitspolitik.
Wenn aber einst die Historiker des Jahres 1990 auf das Jahr 1980
zurückschauen werden, so wird wahrscheinlich ein grundlegender Fehler
festgestellt werden können: das Versäumnis der Ratifizierung des SALT IIVertrags. Als ein Symbol für unsere Hoffnung auf eine friedlichere Welt,
als eine Verpflichtung, durch Rüstungskontrolle auf mehr Sicherheit
hinzuarbeiten und als ein Prozeß, der den Versuch unternimmt, Meinungsverschiedenheiten mit einem Gegner abzubauen, steht dieser Vertrag im
Mittelpunkt einer vernünftigen und weitsichtigen amerikanischen Außenpolitik.
Ohne diesen Vertrag werden unsere Anstrengungen zur Verhinderung
der Weiterverbreitung von Kernwaffen in Gefahr geraten. Wenn es den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nicht gelingt, konkrete Fortschritte
in Richtung auf die Kontrolle von Kernwaffen und die Unterlassung von
Kernwaffentests zu machen, werden die Nichtnuklearstaaten immer weniger
Grund für eigene Zurückhaltung haben.
Ohne diesen Vertrag werden beide Seiten mehr Kernwaffen haben als
mit ihm. Die Sowjetunion insbesondere wird tausende zusätzlicher nuklearer

- 9 -

�nuklearer Gefechtsköpfe haben.
Ohne diesen Vertrag wird es für uns viel schwieriger sein,
verläßliche Pläne für unsere militärischen Streitkräfte auszuarbeiten, da
wir in einer weniger guten Position sein werden, um zu wissen, was innerhalb
der Sowjetunion vorgeht.

Der Vertrag untersagt Praktiken, die die jeweilige

Seite daran hindert, die Einhaltung der Vertragsinhalte durch die andere
Seite zu verifizieren.
Ohne diesen Vertrag wird in beiden Gesellschaftssystemen weniger
Wert darauf gelegt werden, Meinungsverschiedenheiten ohne Konflikt aus
der Welt zu räumen.

Politische Elemente, die mehr Betonung auf Konflikt

als auf Kooperation legen, werden gestärkt werden.
Ohne diesen Vertrag wird dem Prozeß der Rüstungskontrolle womöglich
ein Schlag versetzt, von dem er sich nie mehr erholt. Kann es irgendeinen
Zweifel darüber geben, daß dies alles das kommende Jahrzehnt gefährlicher
mächen wird?
Noch ist es nicht zu spät; aber bald könnte es dies sein. Ich bin
der Ansicht, daß der Senat den SALT II-Vertrag noch vor Jahresende ratifizieren
muß. Sicherlich müssen wir unsere standhafte und feste Haltung gegenüber
der sowjetischen Aggression in Afghanistan fortsetzen. Aber weder diese
Aggression noch die Tatsache, daß dies ein wahlpolitisches Jahr ist, sind
genügend Gründe, um nicht in unserem eigenen nationalen Interesse zu handeln.
Ich bin mir der politischen Schwierigkeiten bewußt, in dieser Zeit zu
handeln. Aber wenn wir dabei versagen, werden wir uns eines Tages fragen,
warum wir uns durch Überlegungen des Augenblicks blind machen ließen
und dabei eine lebenswichtige langfristige Gelegenheit versäumten. In
einem Wahljahr ist es viel zu leicht möglich daß etwas, das wie schlaue
Politik aussieht, schlechte Politik produziert.
Die

�Die Vereinigten Staaten wie die Sowjetunion werden in den kommenden
Jahren noch härter arbeiten müssen, um äußerst ernste Konfrontationen zu
vermeiden.

Die Gestaltung unserer Beziehungen zur Sowjetunion wird wo-

möglich der bedeutsamste Prüfstein für die Reife unserer Urteilskraft sein,
für die klarsichtige Erkenntnis unserer wirklichen Interessen und für unsere
Fähigkeit zur Führung.
Es ist dumm und gefährlich zu glauben, daß wir diese Beziehung durch
Abschreckung allein gestalten können. Wir werden auch positive Anregungen
anbieten müssen.
Wir müssen unsere Stärke ebenso wie die Aussicht auf beiderseitig
vorteilhafte Abkommen dazu benützen, um den Wettstreit mit der Sowjetunion
zu gestalten. Wir müssen auf stillschweigende, wenn möglich sogar ausdrückliche
Abkommen hinarbeiten, um unseren Wettstreit durch Beschränkungen einzugrenzen, durch verbindliche Regeln für den Wettstreit, die für beide gelten.
Die Mittel zur Erreichung dieses Ziels sind Geduld, Beständigkeit,
Klarheit und Folgerichtigkeit. Moskau gegenüber können wir uns keine wilden
Pendel ausschlage von übertriebener Vertrauensseligkeit bis zur Hysterie
erlauben. Und während wir diesen beständigen Kurs beibehalten, müssen wir
wissen, daß es der ständigen Anstrengung bedarf, um diese verbindliche
Regel für den Wettstreit zu erhalten. Diese Anstrengung muß Abschreckung
ebenso einschließen wie die Möglichkeit der Zusammenarbeit dort, wo sich
unsere Interessen decken.
Wir müssen auch erneut die Art und Weise überdenken, wie wir unser
Verhältnis zur Volksrepublik China im Vergleich zu dem mit der Sowjetunion
gestalten sollen. Bei der Entwicklung nichtmilitärischer Beziehungen zu
China sollten wir zugleich darauf bedacht sein, wieder ein ausgewogeneres
Verhältnis zu beiden Ländern zu bekommen.
Ein

- 11 -

�Ein zweites und überragendes Ziel für unser Land sollte die Förderung
starker Bündnisse zwischen freien Staaten sein.
Aber man kann nicht leugnen, daß die Beziehungen unter demokratischen
Industriestaaten nicht einfach sind.

Wir müssen die Ursachen dafür

anpacken, und sie dürften womöglich viel grundsätzlicherer Natur sein als
wir zuzugestehen bereit sind.
Wir müssen bessere Wege der Koordination unserer Politiken in Gebieten
finden, die außerhalb unserer Staatsgebiete liegen - denn gerade dort
stehen wir in zunehmendem Maß vor immer neuen Problemen.

Wenn auch unser

unmittelbares Interesse in diesen Gebieten manchmal auseinandergeht, so
laufen unsere grundlegenden Interessen doch parallel

und sollten daher eine

Grundlage für gemeinsame Schritte abgeben.
Unsere Verbündeten müssen erkennen, daß sie von Amerika nicht erwarten
können, einen unverhältnismäßig großen Anteil an den Lasten der Abschreckung
zu tragen - auch wenn der amerikanische Nuklearschild unverrückbar und unsere
Verpflichtung zur gemeinsamen Verteidigung unveränderlich sind.
Auch wir unsererseits müssen die andere Seite dieser Medaille nehmen
wie sie ist. Wir brauchen gemeinsame Anstrengungen, denn wir können nicht
die ganze Last allein tragen - und wir haben auch nicht alle Antworten
parat. Was wir geben müssen, ist die Bereitschaft zur Konsultation und
zur Anpassung um der Übereinstimmung im Bündnis willen. Konsultation kann
kein Ersatz für eine klare Richtung sein. Aber es hat keinen Zweck, einander
zu konsultieren, wenn wir danach nicht bereit sind, unseren Kurs zugunsten
einer gemeinsamen Linie anzugleichen.
Teils wegen der Stärke unserer Bündnisse

werden eher die Länder der

Dritten Welt - und weniger die Gebiete unserer Bündnisse- im kommenden
Jahrzehnt das Krisenzentrum sein.
Sicherlich
- 12 -

�Sicherlich stellen die sowjetischen Maßnahmen Drohungen dar, denen
wir uns stellen müssen - wie wir dies bei Afghanistan und auch sonst in
der Dritten Welt gesehen haben.
Aber dies wird wirkungslos sein, wenn wir lediglich reagieren, indem
wir die sowjetischen Taktiken nachahmen - und den militärischen Aspekt zu
Lasten des politischen unterstreichen, und wenn wir die Sehnsucht in den Ländern
der Dritten Welt nach Unabhängigkeit und wirtschaftlicher Gerechtigkeit
ignorieren.
Wir mUssen den ausgeprägten Nationalstolz und Drang nach Unabhängigkeit
in den Entwicklungsländern begreifen. Nachdem sie dafUr gekämpft haben, die
Last äußerer Beherrschung abzuschütteln, werden sie mit allem Nachdruck die
Anstrengungen anderer Staaten zurückweisen, ihnen ihren Willen aufzuzwingen.
Wir sollten diesen Geist der Unabhängigkeit respektieren und stärken.
Uns ist nicht damit gedient, daß sie so sind wie wir; sondern daß sie frei
sind, um sich uns anzuschließen, um auf die Ziele zuzugehen, die wir gemeinsam
haben.
Unterstützung für politische Unabhängigkeit und wirtschaftliches Wachstum
in den ärmeren Ländern ist zunächst einmal wichtig, weil diese Staaten
eine eigenständige Bedeutung haben.
werden.

Ihre Konflikte können auch unsere Kriege

Unser Handel mit ihnen nimmt zu.

Ihre Instabilität kann unsere

Interessen auf vielfache Weise beeinflussen.
Es dient auch unseren nationalen Interessen, wenn wir durch unsere
Hilfe die Sicherheit der Staaten der Dritten Welt unterstützen.

Wenn wir

ihnen bei der Entwicklung ihrer Volkswirtschaften helfen, dann erfüllen
wir nicht nur dringende menschliche Ansprüche, sondern wir investieren
zugleich in wichtige Handelsbeziehungen.

Es dient unseren Interessen, wenn

wir den friedlichen Wandel in diesen Staaten unterstützen und zur friedlichen
Beilegung ihrer Konflikte ermutigen.
Unseren
- 13 -

�Unseren Interessen ist eindeutig durch unsere Anstrengungen gedient,
bei der Lösung des arabisch-israelischen Konflikts zu helfen und dieser
unruhigen und lebenswichtigen Region Frieden zu bringen.
Im Jahre 1990 werden die Probleme der Dritten Welt genau wie 1980
eine zentrale Herausforderung für unsere Klugheit sein.

Und dennoch existiert

noch immer kein realistischer Plan, um die potentiellen Gefahren zu bannen
oder die Pein von Hunderten Millionen von Menschen zu beenden, die in
erniedrigender Armut leben.

Aber im kommenden Jahrzehnt können die Vereinigten

Staaten hinsichtlich des Ernstes dieser Probleme eine positive Änderung herbeiführen - indem sie dabei helfen, Fortschritt und Hoffnung zu schaffen und
ihr Auge, nicht abwenden von Gewalt und Leiden aus Verzweiflung.
Um diese Änderung herbeizuführen, müssen wir zunächst einmal die
Unterschiede zwischen uns und den Ländern der Dritten Welt erkennen und
zugleich dort mit ihnen zusammenarbeiten, wo sich unsere Interessen decken.
Zu einem Frieden in Zimbabwe kam es durch die Fähigkeit Großbritanniens und
der Vereinigten Staaten, mit den afrikanischen Staaten in dieser Zone zusammenzuarbeiten.

Wenn es nach den Gegnern verbesserter Beziehungen mit Mozambique,

Sambia, Tansania und anderen gegangen wäre, wäre die Lage heute wahrscheinlich
sehr viel anders.

Die logische Schlußfolgerung liegt auf der Hand:

Es hat

keinen Sinn, die Regierung von Angola nicht anzuerkennen6 eine Regierung,
mit der wir bei der Suche nach Frieden im südlichen Afrika trotz grundlegender
Meinungsverschiedenheiten bei anderen Fragen zusammengearbeitet haben.
Es ist auch nötig, unsere Hilfsmittel hinter unsere Politik zu
stellen.
Amerikanische Hilfsprogramme umfassen weniger als 1,5 Prozent unseres
Bundeshaushalts.

Sie aber - und nicht die großen Worte und nicht der gute

Wille allein -, machen den ganzen Unterschied bei der Unterstützung unserer
Diplomatie in der Dritten Welt aus und dabei, wie wir jetzt die Ursachen

- 14 -

�Ursachen späterer Krisen anpacken.

Und dennoch werden sie andauernd

im Kongreß und anderswo angegriffen.
Das Ergebnis ist - ich kann an kein anderes
Unser

Wort denken - beschämend.

Sicherheitsbeistand ist in den letzten 20 Jahren um 25 Prozent

zurückgegangen.
Unter den 17 stärksten Industriemächten stehen die Vereinigten Staaten
an 13. Stelle hinsichtlich des Prozentsatzes des Bruttosozialproduktes, der
für Entwicklungshilfe angesetzt ist.

Es ist ziemlich wahrscheinlich, daß

wir noch weiter zurückfallen.
Wir sind weit im Rückstand beider Verwirklichung unserer Versprechungen,
die wir den multilateralen Entwicklungsbanken gegeben haben - und es ist
wahrscheinlich, daß der Rückstand größer wird.
Es reicht nicht aus, unsere Verteidigung zu stärken. Wir müssen auch
die Hilfsmittel ausweiten, die wir brauchen, um unsere Diplomatie zu unterstützen, eine Diplomatie, die dazu dienen soll, die Möglichkeiten zu vermindern, daß unser Militärapparat überhaupt benötigt wird.
Die anderen Länder wollen nicht die großen Worte der amerikanischen
Führung; sie wollen ihre Substanz. Und die müssen wir bieten. Die globalen
Verhandlungen bei den Vereinten Nationen über die Beziehungen zwischen den
Industrieländern und den Entwicklungsländern - die diesen Herbst in New York
beginnen - bieten uns eine vorzügliche Gelegenheit, diese Führungsrolle zu
demonstrieren.
Dies bringt mich zu einem vierten Ziel für dieses Jahrzehnt: eine
starke amerikanische Wirtschaft in einer starken Weltwirtschaft.
Ich

- 15 -

�Ich möchte Sie bitten, über die Schlußfolgerungen für unsere Zukunft
nachzudenken, die sich aus zwei nackten Statistiken ergeben:
•

Der Internationalen Energieagentur zufolge wird die weltweite Nachfrage nach Erdöl im Jahr 1985 wahrscheinlich die weltweite ölförderung um
2 Millionen Faß pro Tag übertreffen, geht man von den derzeitigen Trends
aus.

überdenken Sie die Folgerungen dieser Tatsache für die ölpreise auf

dem Weltmarkt und für unsere eigene Volkswirtschaft, für die hartbedrängten
Volkswirtschaften der ärmeren Länder und für die Beziehungen zwischen den
Industriestaaten, wenn man sich wieder um die Energie reißt.
Die andere Statistik ist ihrer Natur nach innenpolitisch: In den
Vereinigten Staaten ging die Produktivität im Jahr 1979 von Quartal zu
Quartal zurück, nachdem die Zuwachsrate unserer Produktivität im Verlauf
der vorhergehenden zwei Jahrzehnte ständig geringer geworden war. Abnehmende
Produktivität aber heizt nicht nur die Inflation an. Sie untergräbt auch
unsere Handelsposition und die Stärke des Dollar. Und sinkende Produktivität
bedeutet wachsende Forderungen nach Protektionismus im eigenen Lande.
In beiden Fällen - bei der Bewältigung der Energiekrise und bei der
Überwindung des Produktivitätsproblems - können wir uns nicht auf den
Geniestreich irgendeines Volkswirtschaftlers verlassen, der eine neue Lösung
bringt.

Wir brauchen Akte des politischen Willens.

Wenn die Vereinigten Staaten und die anderen Industriestaaten nicht
entschlossen handeln, um das Niveau unseres Energieverbrauchs zu senken und vor allem unsere Nachfrage nach Erdöl-, werden wir gegen Ende des
Jahrzehnts, oder womöglich noch früher, wirtschaftlich am Rande des Ruins
stehen. Die Anstrengung muß jetzt gemacht werden.
Der Präsident erkannte die Gefahr, die sich aus unserer Energieabhängigkeit ergibt, und war von den ersten Tagen seiner Regierung an um eine

- 16 -

�eine umfassende Gesetzgebung bemüht, um das Problem in den Griff zu bekommen.
Skepsis der Öffentlichkeit und Untätigkeit des Kongresses haben die umfassende
Durchführung seines Programms um drei kostbare Jahre verzögert.

In der

Zwischenzeit haben die ölexporteure willkürlich eine Preiserhöhung nach der
andern vorgenommen und ihre ölwaffe zu politischen Zwecken eingesetzt.
Das wird sich nicht ändern, solange wir nicht bereit sind, die Inlandspreise
für Energie die Realitäten des Marktes widerspiegeln zu lassen und übermäßigen
Verbrauch zu besteuern, anstatt die OPEC dies für uns tun zu lassen; solange
wir keine energiesparenden Autos, Häuser und Geräte herstellen und genügend
Mittel in die Entwicklung alternativer Energiequellen stecken; und solange
wir die Lasten der Einsparung nicht mit den anderen Industrieländern teilen
und gegen ungerechtfertigte Preiserhöhungen nicht gemeinsam Front machen.
Voriges Jahr sank die amerikanische Produktivität in allen vier Quartalen.
Auch die Lösung dieses Problems wird teuer sein.

Aber wir brauchen weniger

Verbrauch und eine höhere Rate bei den Kapitalinvestitionen, eine Bereitschaft,
von überalterten Industrien loszukommen, anstatt sie mit protektionistisehen
Handelsschranken am Leben zu erhalten.

Wir brauchen Anreize zur Innovation

und verantwortungsbewußte Lohn- und Preisforderungen bei Industrie und
Gewerkschaften.

Im Ursprung handelt es sich hier nicht um Fragen der Wirt-

schaftstheorie, sondern um eine Frage des nationalen Willens.
Um sich diesen vier von mir beschriebenen Herausforderungen zu stellen,
bedarf es keiner raschen Reparaturen, keiner neuen Notbehelfe, keiner
Täuschungsmanöver oder Drohungen.

Es bedarf der Standhaftigkeit, des

politischen Willens und des Verständnisses für eine Welt im Wandel.
Wenn wir bereit sind, die Schlußfolgerungen aus einer Welt der verteilten
Macht zu ziehen und mit den anderen dort zusammenzuarbeiten, wo wir allein
nicht erfolgreich sein können, braucht es keine unüberwindbaren Hindernisse
für unseren Fortschritt zu geben.
Es

- 17 -

�Es sollte kein Rätsel sein, wie die Ost-West-Beziehungen mit Realismus
und Klugheit gehandhabt werden können, wie kooperativere Bündnisse geschaffen
werden können, wie die Probleme der Dritten Welt angepackt werden können
und wie wir jetzt handeln können, um unsere Volkswirtschaft fUr die Zukunft
zu stä'rken.
Vor dem RStsel wird der Historiker des Jahres 1990 stehen, wenn wir,
geblendet durch die neue Nostalgie Jetzt dabei versagen, unsere Zukunft
zu gestalten. Das Rätsel wird sein, warum wir uns gegen den Wandel in
der Welt stellten und nicht versuchten, Ihn mltzugestalten. Der
Historiker wird daraus den Schluß ziehen, daß wir nicht versagten, well
wir keine Chance hatten, sondern well wir die Chance nicht nutzten; daß
wir nicht versagten, well es uns an den Mitteln mangelte, sondern an der
Klugheit, sich Ihrer zu bedienen; daß wir nicht versagten, well es am
Intellekt fehlte, sondern an Einsicht und Willen.
Das braucht nicht so zu sein, denn auch heute, wie eh und je, H e g t
unser Schicksal in unseren eigenen Händen.

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18. Juni 1980

VEREINFACHTES SCHMELZVERFAHREN FÜR DIE KUPFERVERHÜTTUNG
Weniger Energieverbrauch - Keine Schweifeldioxid-Belastung

- (AD) - Ein neues Verfahren zur Gewinnung von Kupfer aus dem Erz,
das sich gegenüber herkömmlichen Verhüttungsverfahren durch beträchtliche
Energieeinsparung und Ausschaltung der Emission von Schwefeldioxid (SO2)
auszeichnet, wurde von einer Wissenschaftlergruppe der Universität Utah
und der Firma Envirotech in Salt Lake City (US-Bundesstaat Utah) entwickelt.

Wie die amerikanische Nationale Wissenschaftsstiftung (National

Science Foundation - NSF), die das Universitätsprojekt finanzierte, berichtet,
ist eine neuartige Elektrolysezelle das Kernstück des neuen Verfahrens. Es
ermöglicht sogar kleinen Bergbauunternehmen, die sich herkömmliche Schmelzöfen wegen der hohen Anlage- und Betriebskosten nicht leisten können, den
Einstieg in die Kupferverhüttung, denn es macht die Öfen überflüssig.
Normalerweise wird Kupfer bei sehr hoher Temperatur erschmolzen.
Der im Mineral enthaltene Schwefel verbrennt mit und liefert einen Teil
der erforderlichen Energie. Aber er bildet Schwefeldioxid - einen Schadstoff, der mit der Abluft in die Atmosphäre gelangt. Der nächste Schritt

Postfach 2 0 0 3 0 0
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Bonn 2

T e l : 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Schritt ist die Reinigung des Rohkupfers durch Elektrolyse, was große
Mengen elektrischer Energie erfordert.
Laut Dr. Donald A. Dahlstrom von der Fa. Envirotech faßt das neue
Verfahren außerdem den komplexen Prozeß, Kupfer zunächst in Lösung zu
bringen, damit es sich im Elektrolysetank an der Plattenkathode als reines
Metall niederschlägt, zu einem einzigen, vereinfachten Schritt zusammen,
der sehr viel weniger Energie erfordert.

Der dabei gewählte Weg zur

Extraktion verlangt jedoch, wie Dr. Mi 1 ton E. Wadsworth, Professor der
Metallurgie an der Universität Utah erklärt, daß das Erz sehr fein gemahlen wird, damit sich das darin enthaltene Kupfer möglichst vollständig
herauslösen läßt.

Mit herkömmlichen Methoden ist dies sehr kostspielig.

Deshalb habe man es, so Wadsworth, mit einer Mahlausrüstung versucht, die
in der Farben- und Pigmentindustrie zur Mineral aufbereitung verwendet wird.
Das Verfahren funktionierte ausgezeichnet.
Der "Electro Slurry" - Prozeß, wie das neue Kombi nationsverfahren
zur Kupfergewinnung bezeichnet wird, eignet sich ferner für andere Zwecke beispielsweise zur Verarbeitung des Schmelzofenstaubs, der reich ist an
Kupfer, Zink, Silber, Gold, Blei und anderen wichtigen Metallen. Aber er
enthält auch gefährliche Verunreinigungen wie Arsen, Antimon und Wismuth.
Wegen der Anreicherung dieser Verunreinigungen im Produkt, die den Metallwert stark mindern, kann in vielen Schmelzöfen der Staub nicht verwertet
werden. Bei Anwendung des ElectroSlurry-Verfahrens wird das Problem der
Verunreinigungen weitgehend entschärft,man gewinnt hochwertiges Metall von
höherem Reinheitsgrad. "Das Verfahren eröffnet einen Weg", erklärt Dr.
Dahlstrom, "alle diese metallischen Stäube zu extrahieren, die heute größtenteils noch verloren gehen." Es verbilligt die Kupfergewinnung für kleinere
Betriebe, ermöglicht ihnen die direkte Raffination und macht die Kupfergewinnung im Lohn-Schmelzverfahren überflüssig. Kupferhütten, die Konzentrate
von kleineren Bergbaubetrieben im Auftrag erschmelzen, haben außerdem wegen der
Beimengung von Verunreinigungen im Konzentrat zusätzliche technische Probleme
zu lösen.
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18. Juni 1980

SYNTHESE EINES NATURSTOFFS FÜR DIE KREBSTHERAPIE
Weniger Nebenwirkungen als beim Naturprodukt

- (AD) - Die synthetische Herstellung der für die Krebstherapie
wichtigen Verbindung Streptonigrin gelang nach sechsjähriger Forschungsarbeit und langwierigen Experimenten Chemikern der Pennsylvania State
University (University Park, Pennsylvanien). Die natürliche Substanz
war im Jahr 1959 von amerikanischen Chemikern aus Bodenorganismen
(Streptomyces floeculus) isoliert worden. Sie gehören zu einer großen
Familie von Pilzorganismen in Erde, Staub und Getreide, die beispielsweise
die Grundlage zur Gewinnung so wichtiger Antibiotika wie Streptomycin,
Aureomycin und Neomycin bildeten.
Untersuchungen mit Streptonigrin in den Vereinigten Staaten,
Frankreich und der Sowjetunion ergaben, daß die Substanz möglicherweise
gegen eine Vielzahl bösartiger Tumore eingesetzt werden könnte und in
ihrer Wirksamkeit z.B, einigen Präparaten entspricht, mit denen bestimmte
Leukämieerkrankungen behandelt werden. Jedoch zeigte die natürliche
Substanz in manchen Fällen stark toxische Nebenwirkungen am Knochenmark.

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Tel: 0228-89 32 40
Telex: 08-85432

�Knochenmark. Synthetische Präparate dagegen könnten, wie Prof. Steven M.
Weinreb von der Staatsuniversität Pennsylvanien erklärte, so aufgebaut
werden, daß die Antitumorwirkung erhalten bleibt, aber weniger Nebenwirkungen
auftreten. Prof. Weinreb übergab der amerikanischen National Science
Foundation (NSF - Nationale Wissenschaftsstiftung), die die Forschungen
finanziert hatte, darüber einen ausfuhrlichen wissenschaftlichen Bericht.
.f
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Mehr als 15 Jahre lang hatten Forscher im Laboratorium nach Möglichkeiten
zur Synthese von Streptonigrin gesucht. Die Aufgabe war deshalb so schwierig,
weil die Struktur der Substanz keinerlei Ähnlichkeit mit dem Aufbau anderer
bekannter Naturstoffe aufwies. Die Molekülgruppen des Streptonigrin waren,
wie das Strukturbild schließlich ergab, in einer bis dahin noch nicht
beobachteten und bei Synthesen noch nicht praktizierten Weise zusammengefügt. Schließlich vermochte die Chemikergruppe künstliches Streptonigrin
mittels einer Serie von 30 speziellen Reaktionen zu synthetisieren. Der
Schlüssel dazu war, wie Weinreb erklärte, die Anwendung eines Verfahrens,
auf das man in der Naturstoffsynthese nur gelegentlich zurückgreift.
"Seitdem vermochten wir die verschiedensten anderen Naturstoffe zu synthetisieren. Die Anwendung dieser Methode eröffnete uns ein Gebiet, dem man bisher
wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte."
Eine detaillierte Darstellung der Forschungsergebnisse erschien im
"Journal of the American Chemical Society", Ausgabe Mai 1980.

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