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                  <text>Information
und
Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of Amei i

5. März 1980

14
INHALT

DOKUMENTATION
Rede des amerikanischen Außenministers Vance vor dem "Chicago Council"
- Wortlaut Interview des Stell vertretenden US-Außenministers mit dem holländischen
Fernsehen

INFORMATION
Von der Konfrontation zur Annäherung der Meinungen
- US-Sonderbotschafter Gerard Smith zu den Ergebnissen der Konferenz über
Kernbrennstoffzyklen und die Risiken nuklearer Proliferation HINTERGRUNDMATERIAL
—

—

-

—

-

•*

i

i

•

Die sowjetische Intervention in Afghanistan - Moskau auf der Suche nach
einem Vorwand
- Von Marshall Shulman Mit freundlicher Genehmigung von World Paper
WISSENSCHAFT UND TECHNIK
US-Regierung fördert Bau von Hydrierwerken
- Gas und Benzin aus Kohle mit teilweise neuen Verfahren -

Um Ubcr/cndung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 02221 - 8 9 32 4 0
Telex:08-85432

�1

Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

5. März 1980

14

REDE DES AMERIKANISCHEN AUSSENMINISTERS VANCE VOR DEM "CHICAGO COUNCIL'
- Wortlaut -

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor dem "Chicago Council on Foreign
Relations" umriß der amerikanische Außenminister Cyrus Vance am 3. März 1980
die Ziele der amerikanischen Außenpolitik im Hinblick auf die Lage in
Afghanistan und im Iran.
Die Rede hat folgenden Wortlaut:
Ich freue mich, hier bei Ihnen zu sein.

Der "Chicago Council on Foreign

Relations" blickt auf eine stolze Tradition zurück als ein Forum, auf dem bedeutsame Fragen der Weltpolitik untersucht und diskutiert werden können.

Seit nahe-

zu 60 Jahren ist diese Organisation ein Zentrum des Nachdenkens, der Erziehung
und der durchdachten Debatte über Amerikas Weg in der Welt.
Ich möchte mich heute mit Ihnen über diesen Weg unterhalten. Denn nie
war es in den zurückliegenden Jahren für unser Volk wichtiger, sich über die
Ziele unserer Nation klar zu sein und über die Schritte, die wir zu deren Verwirklichung zu unternehmen bereit sind.
c ,
So lange

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Solange Amerikaner im Iran gefangengehalten werden, ist ihre unversehrte
Befreiung unser oberstes Ziel.

Die Angelegenheit hat derzeit ein heikles und

schwieriges Stadium erreicht.

Es wäre nicht angemessen, wenn ich heute im De-

tail zu dieser Situation Stellung nehmen würde.
Lassen Sie mich ganz einfach feststellen, daß es unser Ziel ist, die gegenwärtige Krise zu einem frühen Ende zu bringen. Wir hoffen, daß die Arbeit
der Kommission zu diesem Ziel beiträgt.

Unsere Geiseln müssen freigelassen

und unversehrt in die Vereinigten Staaten zurückgebracht werden.

Gleichzeitig

hoffen wir auf einen unabhängigen und sicheren Iran und haben keinerlei Wunsch,
uns in seine inneren Angelegenheiten einzumischen.
Heute möchte ich mich mit Ihnen über eine andere ernste Herausforderung
unterhalten, vor der wir stehen:

die sowjetische Aggression gegen Afghanistan

und die Schritte, die wir in deren Beantwortung unternommen haben.
Ich möchte insbesondere die Absichten diskutieren, die unseren Schritten
zugrundeliegen - und in welcher Beziehung sie zu den langfristigen Zielen der
amerikanischen Außenpolitik stehen.
Lassen Sie mich damit beginnen, zu unterstreichen, worum es geht.
Aufgrund unserer Verpflichtung gegenüber den Prinzipien der nationalen
Unabhängigkeit, der territorialen Integrität und der Menschenrechte können wir
uns nicht abwenden, wenn Staatsgrenzen verletzt werden, - wenn die Unabhängigkeit eines anderen Landes zerstört wird, - wenn der Volkswille durch rohe militärische Gewalt unterdrückt wird.
Worum es in Afghanistan vor allem geht, ist die Freiheit einer Nation und
eines Volkes.
Wir haben es zugleich mit der umfassenderen Bedrohung zu tun, die die
sowjetischen Schritte für Südwestasien und das Gebiet um den Persischen Golf
darstellen.

Wi&gt;

- 2 -

�Wir hängen von diesem Teil der Welt durch ungefähr 25 Prozent unserer
jährlichen Erdöleinfuhren ab.

Unsere Verbündeten und andere Staaten - Entwicklungsländer ebenso wie
Industrieländer - sind in noch größerem Maß von dem öl aus diesem Gebiet abhängig.

Annähernd zwei Drittel der ölimporte Westeuropas und drei Viertel der

japanischen öleinfuhren kommen aus dem Persischen Golf.

Und wir dürfen nicht

vergessen, daß unsere eigene wirtschaftliche Gesundheit eng mit der ihrigen
verbunden ist.

Unser Interesse an dieser Region geht jedoch über das öl, über das Wirtschaftliche hinaus.

Friede und Stabilität in dieser Region sind für die Zukunft unserer
Freunde dort von entscheidender Bedeutung.

Die Stärke und die Fertigkeit,

die wir bei der Unterstützung ihrer Unabhängigkeit zeigen, wird ihnen und anderen die Beständigkeit unserer Absicht demonstrieren.

Dies ist für den

Charakter unserer Bündnisse wichtig, ist wichtig für unsere Beziehungen zu
befreundeten Nationen in allen Regionen der Welt und für unsere zukünftigen
Beziehungen zur Sowjetunion

Es ist daher absolut zutreffend zu sagen, daß die lebenswichtigen Interessen der Vereinigten Staaten, ja, fast der ganzen Welt, in dieser Region auf
dem Spiel stehen.

Ein Versuch jeder äußeren Kraft, die Kontrolle über die

Golfregion zu erlangen, würde einen Angriff auf diese lebenswichtigen Interessen bedeuten.

Und wie der Präsident gesagt hat, würde er "mit allen notwen-

digen Mitteln zurückgewiesen werden, einschließlich militärischer Gewalt."

Nicht einmal die gründlichste Analyse kann mit Sicherheit die sowjetischen
Absichten in diesem Gebiet festlegen - ob ihre Motive in Afghanistan begrenzter Natur sind oder Teil einer umfassenderen Strategie.

Tatsache ist, daß

Zehntausende sowjetischer Soldaten in Afghanistan stehen.

Tatsache ist, daß

die sowjetischen Schritte eine potentielle Bedrohung für die Sicherheit der

- 3 -

�der Staaten in dieser Region und für den freien Zugang der Welt zu den lebenswichtigen Rohstoffquellen und Schiffahrtslinien geschaffen haben.
Eine entschlossene Antwort auf diese potentielle Bedrohung zu geben, bedeutet nicht, apokalyptisch zu sein; es bedeutet lediglich, klug zu sein.
In einer solchen Lage müssen unser eigenes Volk, unsere Verbündeten und
die Führung der Sowjetunion nicht nur verstehen, was die Vereinigten Staaten
in dieser Krise tun, sondern auch, warum sie es tun.
Vor einigen Tagen flog ich auf den Wunsch des Präsidenten hin nach Europa,
um eine Reihe unserer Verbündeten wegen der sowjetischen Invasion Afghanistans
zu konsultieren.

Wir sprachen über unsere gemeinsamen Interessen und über un-

sere gemeinsamen Verantwortlichkeiten.
Ich erklärte, wie die Schritte Amerikas fünf wesentlichen Zielen dienten.
Heute möchte ich sie Ihnen - und der größeren Zuhörerschaft über diesen Raum
hinaus - kurz umreißen.
Unsere erste Absicht ist es, einen hohen Preis für diese Aggression aufzuerlegen - aufgrund unserer Abscheu vor dem, was dem afghanischen Volk angetan wurde, und um dabei zu helfen, vor ähnlichen Unternehmungen anderswo abzuschrecken. Die sowjetische Führung muß begreifen, daß die internationale
Reaktion auf Aggression rasch und entschlossen ist.
Die Schritte, die wir unternommen haben - hinsichtlich Getreide, Technologie, der Olympischen Spiele, der Fischerei rechte und auf anderen Gebieten zeigen unsere Entschlossenheit auf das deutlichste.
Diese Maßnahmen stehen indessen nicht allein.

Denn die Sowjets begegnen

einem hartnäckigen, weitgestützten afghanischen Widerstand.

Und sie wurden

von der überwältigenden Mehrheit der Staaten dieser Welt verurteilt.
.

•

Die

�Die von uns ergriffenen Maßnahmen enthalten Opfer - für unsere Bauern
und unsere Geschäftswelt, für unsere Sportler und unsere Wissenschaftler, ja,
für uns alle.
Aber das amerikanische Volk ist bereit, für den Frieden, den wir lieben,
Opfer zu bringen.
Die Schritte, die wir unternommen haben, dienen aber auch dazu, uns einem
zweiten Ziel näherzubringen: dem Abzug aller sowjetischer Streitkräfte aus
Afghanistan.
Lassen Sie mich heute unterstreichen, daß die Sanktionen, die wir als
Antwort auf die sowjetische Invasion ergriffen haben, so lange in Kraft bleiben werden, bis alle sowjetischen Truppen aus Afghanistan abgezogen sind.
Lassen Sie mich ebenso deutlich unterstreichen, daß es unsere Absicht
ist, diese von uns auferlegten Sanktionen seit der Invasion dieses Landes zurückzunehmen, wenn diese Invasion aufhört, wenn die sowjetischen Truppen vollständig aus Afghanistan abgezogen sind.
Um zu diesem Abzug zu ermutigen, sind wir ebenso bereit - der Präsident
hat es gesagt -, Anstrengungen der internationalen Staatengemeinschaft für
eine neutrale, bündnisfreie afghanische Regierung zu unterstützen, die sich
den Wünschen des afghanischen Volkes empfänglich zeigt. Bei einem sofortigen
Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan wären die Vereinigten Staaten bereit, sich den Nachbarn Afghanistans anzuschließen, um Afghanistans
echte Neutralität und die Nichteinmischung in seine inneren Angelegenheiten
zu garantieren.
Eine solche politische Regelung würde der Brutalität und dem Blutvergießen in Afghanistan ein Ende setzen. Sie würde keinerlei Interessen irgendeines anderen Landes bedrohen, und sie würde unser aller Interesse dienen.
Aber

- 5 -

�Aber lassen Sie mich offen sein: derzeit gibt es keinerlei Anzeichen
für einen sowjetischen Abzug.

Wenn Liberhaupt, so weisen die gegenwärtigen

Zeichen auf das Gegenteil hin.

Der sowjetische Aufmarsch geht weiter, und

ständige Einrichtungen werden geschaffen.
Dies macht unser drittes Ziel umso wichtiger.

Während für die Aggression

so lange wie nötig Strafmaßnahmen auferlegt werden, liegt es zutiefst im Interesse der Vereinigten Staaten und unserer Verbündeten, die Ost-West-Beziehungen in einer Weise zu unterhalten, die deren wesentliches Rahmenwerk bewahrt.
Unsere Beziehungen zur Sowjetunion waren und werden im wesentlichen kompetitiver Natur sein.

Unsere fundamentalen Werte unterscheiden sich.

Interessen divergieren häufig.

Unsere

Wir werden unsere Interessen und unsere Werte

fördern, und wir werden der Aggression entgegentreten.
Aber unser Wettstreit muß durch Zurückhaltung und durch das Gefühl für
die lebenswichtigen Interessen des anderen in Schranken gehalten werden.
Denn eine solche Beziehung zwischen den beiden Supermächten ist für den Frieden von zentraler Bedeutung.
Wir trachten nicht nach der Rückkehr zum Kalten Krieg, zur blinden Konfrontation früherer Zeiten.
Wir werden auch weiterhin unsere, nationalen Interessen im Rahmen ausgewogener und verifizierbarer Rüstungskontroll Vereinbarungen verfolgen - beim
SALT-Prozeß, bei den konventionellen Streitkräften und den nuklearen Mittelstreckensystemen in Europa (TNF), bei den Teststopps für Kernwaffen und in anderen Bereichen.

Vor allem bleibt das Angebot zur Aushandlung eines Abkommens

über die Begrenzung der nuklearen Mittel Streckensysteme in Europa auf dem Tisch.
Die Sowjetunion sollte es mit uns verfolgen.
•

Unser Land hat aus den Rüstungskontroi labkommen Nutzen gezogen, die wir
erzielt haben.

Im Jahr 1963 stellten wir die verderblichen Kernwaffentests

in der Atmosphäre ein.

Das SALT I-Zwischenabkommen fror die Anzahl der stra-

�strategischen Offensivwaffen ein, als die Sowjets in diesem Bereich aufrüsteten, wir aber nicht. Der Vertrag über die ballistischen Abwehrraketen hielt
ein potentiell kostspieliges und destabilisierendes Wettrüsten bei diesen Defensivwaffen auf.
Der SALT II-Vertrag, den wir ausgehandelt haben, dient ebenfalls den
Sicherheitsinteressen Amerikas. Er würde die strategischen Programme der
Sowjets bis 1985 einschränken. Er würde die künftigen Bedrohungen begrenzen,
vor denen wir stehen werden und daher unsere eigene Verteidigungsplanung gesicherter machen. Er würde uns unsere Fähigkeit bewahren, die strategischen
Entwicklungen der Sowjets zu überwachen. Und er würde uns den Fortgang unserer eigenen Modernisierungsanstrengungen erlauben.
SALT II ist kein Zuckerbrot. Und auch keine Peitsche. Er spricht für
sich als integraler Teil unserer nationalen Sicherheitspolitik.
Er ist von besonderer Bedeutung in einer Zeit der erhöhten Spannung zwischen den beiden Supermächten.
Wir bleiben der Ratifizierung des Vertrags zutiefst verpflichtet.

Es

liegt nicht in unserem Interesse, auf seine Sicherheitsvorteile zu verzichten
Es ist auch nicht in unserem Interesse, im Lauf einer Periode erhöhter
Spannung das Rahmenwerk der Ost-West-Beziehungen niederzureißen, das in mehr
als zwei Jahrzehnten aufgebaut wurde.
Um dabei zu helfen, dieses Rahmenwerk zu bewahren und auch, weil wir uns
dem Völkerrecht unterwerfen, brechen wir keine formellen Abkommen mit der
Sowjetunion.
Wir fahren mit den Vorbereitungen für die Folgekonferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa fort, die in diesem Jahr in Madrid abgehalten
wi rd.
Wir

�Wir werden unsere Politik fortsetzen, engere Beziehungen zu den Staaten
Osteuropas zu unterhalten.
Und wir sind weiterhin bereit, eine stabilere Beziehung zur Sowjetunion
aufzubauen, sobald es die Umstände erlauben.
Unser viertes Ziel ist es, mit den Staaten von Südwestasien sowie mit
anderen zusammenzuarbeiten, um die Sicherheit, die Stabilität und die Unabhängigkeit dieser Region zu stärken.

Es ist unser tiefer Glaube, daß die

Staaten dieser Region ihr eigenes Schicksal bestimmen sollten.

Und ganz ent-

schieden sind wir der Ansicht, daß die Rohstoffe dieser Region ihren Staaten
und ihren Völkern gehören.
uns dar.

Ihre Unabhängigkeit stellt keine Bedrohung für

Die Bedrohung würde in dem Verlust ihrer Unabhängigkeit liegen.

Wir verstärken unsere Fähigkeit, rasch und wirkungsvoll zu reagieren,
wenn unsere lebenswichtigen Interessen gefährdet sind. Wir haben unsere
Flottenpräsenz im Indischen Ozean verstärkt. Wir hatten positive Gespräche
mit Staaten in diesem Gebiet über amerikanischen Zugang zu Luft- und SeestützPunkten..
Unsere eigene militärische Bereitschaft ist jedoch nur ein Element unserer Strategie in dem Gebiet. Die Schaffung eines Rahmenwerks für Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich in dem Gebiet muß, ihrem Wesen gemäß, ein kooperatives Unternehmen sein.
Dies bedeutet, daß wir mit den Staaten der Region zusammenarbeiten, um
dabei zu helfen, ihre Fähigkeit zur Verteidigung ihrer Unabhängigkeit und
zur Vergrößerung ihrer politischen und wirtschaftlichen Stabilität zu verstärken.
Es bedeutet, daß wir auch weiterhin mit anderen auf friedliche Lösungen
der Spannungen zwischen Staaten in der Region hin zusammenarbeiten werden
- am wichtigsten zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.
Und

�Und es bedeutet, daß wir daran arbeiten werden, unsere Beziehungen zu
all den Staaten in der Region zu verbessern, bei denen es eine Basis der
gemeinsamen Interessen gibt.

Die Vereinigten Staaten begrüßen die wachsende

Lebenskraft der islamischen Welt und sehen darin einen schöpferischen Beitrag
zu einer Welt, die sich auf Vielfalt und Selbständigkeit gründet.

Unser fünftes Ziel muß es sein, aus diesen Ereignissen eine erneuerte
Verpflichtung zum Ausbau der grundlegenden militärischen und wirtschaftlichen
Stärke Amerikas zu ziehen.

Unser Land hat mit der umfassendsten Modernisierung unserer Verteidigungskräfte über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt begonnen.

Wir

werden schnell mit den begonnenen Programmen weitermachen, um jeden Pfeiler
unserer strategischen Streitkräfte zu modernisieren, um die NATO-Entscheidung vom vorigen Dezember über unsere nuklearen Mittel Streckensysteme in Europa auszuführen und unsere konventionellen Streitkräfte zu verstärken.

Afghanistan bringt die Bedeutung dieser langfristigen Verteidigungsinvestitionen in aller Schärfe zum Vorschein und rückt erneut die Notwendigkeit erhöhter militärischer Mobilität in den Mittelpunkt.

Diese Programme erfordern höhere Verteidigungshaushalte - in diesem
Jahr und für die absehbare Zukunft.

Unsere Entschlossenheit muß deutlich

werden, den Erfordernissen der Sicherheit und des Schutzes für unser Land
und unsere Verbündeten nachzukommen.

Die Ereignisse in Südwestasien müssen außerdem unsere Entschlossenheit
stärken, eine zukünftige Energiekatastrophe zu verhindern.

Denn, ganz schlicht

gesagt, genau das ist es, was auf uns zukommen könnte.

Es sollte keines Winkes hinsichtlich der Kosten und der Risiken unserer
Abhängigkeit im Energiebereich bedürfen.

Sie
- 9-

�Sie heizt unsere

Inflation an.

schwächt unsere Zahlungsbilanz.

Sie setzt den Dollar unter Druck.

Sie

Sie erhöht unsere Verwundbarkeit.

Die Botschaft ist klar; Energiepolitik ist für unsere Außenpolitik entscheidend.

Langfristig gesehen, können wir nicht unabhängig, stark und frei

sein - und gleichzeitig in hohem Maße von ausländischer Energie abhängig
bleiben.
Wir haben in den vergangenen Jahren einigen Fortschritt gemacht.

Unser

Gesamtölverbrauch fiel 1979. Dies galt auch für den Benzinverbrauch.

Unter

der Führung des Präsidenten haben wir wesentliche Schritte auf größere Energiesicherheit hin getan.

Aber, wie der Präsident gesagt hat, es muß noch viel

mehr getan werden.
Die Kontrolle über unsere Energiezukunft zu gewinnen, ist wesentlicher
Teil einer klugen Antwort auf die kürzlichen Ereignisse in Südwestasien.
Jedes dieser Ziele - das Erreichen eines Rückzugs aller sowjetischen
Streitkräfte aus Afghanistan, die Abschreckung weiterer sowjetischer Aggression, die verständige Handhabung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
in einer Zeit gesteigerter Spannungen, die Hilfe bei der Stärkung der Staaten
in der Golfregion und der Ausbau der Stärke Amerikas -, jedes dient nicht nur
den Interessen Amerikas, sondern auch all jener Staaten, die ein Interesse
am Frieden und an der Stabilität der Welt haben. Und sie beinhalten die Anstrengungen anderer wie auch unsere eigenen.
Während wir gemeinsam weitergehen, müssen unsere Verbündeten wissen, daß
die Vereinigten Staaten stark bleiben.

Und wir werden es.

Sie müssen wissen, daß wir der gemeinsamen Verteidigung verpflichtet
sind.

Wir sind es, und wir bleiben es.
Sie
- 10 -

�Sie müssen gleichzeitig wissen, daß die Vereinigten Staaten, was die
USA anbelangt, eine stabilere Beziehung zur Sowjetunion begrüßen würden.
Und wir würden das.
Wir fordern unsere Verbündeten nicht auf, das Rahmenwerk der Ost-WestBeziehungen niederzureißen. Wir fordern sie auf, Maßnahmen zu ergreifen in
der Absicht, den Rückzug der sowjetischen Streitkräfte aus Afghanistan herbeizuführen und die Sowjets vor neuen Abenteuern abzuschrecken, die neue
Krisen bewirken werden.
Entspannung kann nicht von Abschreckung getrennt werden. Wenn wir der
Aggression jetzt Widerstand leisten, dann fördern wir damit den Frieden in
der Zukunft - die Verhältnisse für einen Fortschritt in den Ost-West-Beziehungen. Es wäre kurzsichtig und gefährlich, anzunehmen, daß wir den Nutzen
der Entspannung erlangen könnten, wenn wir die Notwendigkeit für eine Abschreckung außer acht ließen. Ich bin davon überzeugt, daß wir dies nicht
tun werden.
Wenn wir mit anderen Nationen zusammenarbeiten, dann bemühen wir uns
gleichzeitig auch um das Verständnis und die Unterstützung des amerikanischen
Volkes für die von mir beschriebenen Ziele.
Die Stärke Amerikas liegt nicht nur in unseren Waffen und Laboratorien,
unseren Fabriken und unseren Farmen - sie wurzelt in der Entschlossenheit
und dem Urteilsvermögen unseres Volkes, wenn es sich zu gemeinsamen Vorhaben zusammenschließt.
Denn die Gestaltung unserer Zukunft hängt von unserem Willen und unserer
Klugheit ab - dem Willen, auf Aggression mit einer erneuerten nationalen
Stärke zu reagieren, und der Klugheit, bei unserer Antwort auf unmittelbare
Krisen eine neue nationale Einheit für unsere Außenpolitik in der Zukunft
zu finden.
Das
- 11 -

�Das führt mich zu meinem letzten Punkt.
Die sowjetische Invasion Afghanistans hat eine entscheidende Auswirkung auf unsere Außenpolitik gehabt, auf die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen und auf die gemeinsame Agenda mit unseren Verbündeten.

Aber sie

sollte uns nicht - und wird es auch nicht - ablenken von den fundamentalen
Zielen, die unsere Länder in der Welt verfolgt haben.

Sie bleiben weiterhin

zutiefst in unserem nationalen Interesse.
•

- Es liegt in unserem nationalen Interesse, der Aushandlung friedlicher
Lösungen bei regionalen Spannungen Amerikas vollste Unterstützung zu
leihen.
•.

•

Schwärende regionale Streitfragen heizen ein örtliches Wettrüsten an,
das wiederum für humane Erfordernisse dringend benötigte Mittel abzweigt.

Sie bieten günstige Gelegenheit für eine Intervention und Aus-

beutung von außen.

Und sie können sich zu offenen Konflikten entwic-

keln, die die Gefahr größerer Kriege mit sich bringen.
Gerade weil die Welt in den vergangenen Monaten ein gefährlicherer Ort
geworden ist, werden wir auch weiterhin daran arbeiten, die Gefahren
zu vermindern.
- Es liegt in unserem nationalen Interesse, unsere traditionellen Bündnisse auch in Zukunft zu stärken, neue Beziehungen anzuknüpfen, wie dies
mit China der Fall war, und mit unseren Bemühungen zum Aufbau kooperativer Beziehungen mit den Entwicklungsländern fortzufahren.
•

-,

•

•

Der beste Weg, um eine sowjetische Einmischung in der Dritten Welt zu
vereiteln, liegt darin, dort eine eigene positive Politik zu verfolgen
- eine Politik, die sich den wahren Interessen zuwendet, die wir hinsichtlich der Freiheit der Entwicklungsländer gemeinsam haben - der Freiheit von der Beherrschung von ausländischen Mächten, von der Bitterkeit

�Bitterkeit rassischer Ungerechtigkeiten, von der Verschwendung, die
regionale Konflikte mit sich bringen, von den Lasten der Armut.

Diese Strategie bedeutet nicht, daß wir unsere Meinungsunterschiede
mit den Entwicklungsländern verbergen.

Aber wir können überaus wirk-

sam bei Fragen von entscheidender Bedeutung zusammenarbeiten, wenn sie
wissen, daß wir ihre Ziele der politischen Unabhängigkeit und der wirtschaftlichen Gerechtigkeit teilen.
Diese Politik baut auf unsere Stärke auf - denn es ist meistens der
Westen, an den diese Länder sich zuerst wenden, um Unterstützung bei
der Erfüllung ihrer wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Belange
zu finden.

Und diese Politik greift auch.

Es gibt zwar ernsthafte Krisenpunkte.

Aber es ist eine Tatsache, daß unsere Beziehungen mit den meisten Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas heute stärker sind, als dies
seit Jahren der Fall war.

- Und schließlich liegt es nicht nur in unserem Nationalcharakter, sondern auch zutiefst in unserem nationalen Interesse, unser Eintreten
für die Freiheit in eine praktische Unterstützung für die menschliche
Freiheit in anderen Ländern umzusetzen.

Länder, die die Rechte ihrer Bürger respektieren, die offen sind gegenüber dem Ausdruck und der Anpassung miteinander in Konflikt stehender
Ansichten und Interessen, befinden sich in einer stärkeren Position, um
ihr nationales Gleichgewicht und ihre nationale Unabhängigkeit zu bewahren.

Wir sind uns darüber im klaren, daß schwelende Frustrationen schnell
Radikalismus und Gewalt führen können, die die Interessen Amerikas gefähr.

Aber es ist auch wahr, daß heute immer häufiger der Wandel und die Ver-

- 13 -

�Veränderung auf friedlicher Weise stattfinden - und dies führt zur Freiheit
des Menschen.
Es liegt in unserem Interesse, Teil dieser Entwicklung zu werden.

Und

es liegt in unserem Interesse, die Menschenrechte zu verteidigen, wenn sie
in Gefahr sind.
Ja, eine zentrale Frage, vor die sich die gesamte Welt aufgrund der
sowjetischen Maßnahmen in Afghanistan gestellt sieht, ist die der Menschenrechte:
- Das Recht, über seine eigene Regierung zu entscheiden;
- das Recht auf religiöse Freiheit; und
- das Recht, in Frieden zu leben.
Wir werden auch weiterhin nach diesen Dingen streben - wir wollen nicht
anderen unsere eigenen Einrichtungen auferlegen, sondern wir wollen anderen
dabei helfen, sich auf ihre eigene Weise auszudrücken - bei ihrem ununterdrückbaren Menschenrecht, frei zu sein.
Letztendlich liegt das Ziel - und das Maß - unserer Außenpolitik in
ihrer Auswirkung auf das Leben unseres Volkes und anderer.
Seit über 200 Jahren stehen die Vereinigten Staaten auf der Seite der
Freiheit und des Fortschrittes. Wenn wir die Welt auch als einen gefährlichen
Ort kennengelernt haben, der unsere Stärke und unsere Wachsamkeit erfordert,
so haben wir auch erkannt, daß sie uns nicht feindlich gesonnen zu sein braucht.
Wenn sich die menschlichen Bedingungen verbessern, wenn die Menschen überall
in der Welt ein besseres und sichereres Leben führen können, dann wird diese
Welt auch ein sichererer Ort für Amerika.

�Es ist diese Überzeugung, die den amerikanischen Charakter seit Bestehen
unserer Republik geprägt hat.
Wir glauben auch heute daran.

+ + + + +

- 15 -

�1

1
I

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Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14

5. März 1980

INTERVIEW DES STELLVERTRETENDEN US-AUSSENMINISTERS
MIT DEM HOLLÄNDISCHEN FERNSEHEN

WASHINGTON

- (AD) - Nachstehendes Interview, das der Stellver-

tretende amerikanische Außenminister Warren Christopher dem niederländischen
Fernsehnetz VARA-TV am 29. Februar über Satellit gewährte, betrifft wichtige
politische Tagesfragen:

Afghanistan und die amerikanisch-europäischen

und die Ost-West-Beziehungen.

Als Gesprächspartner Christophers waren an

der Sendung W.L. Brugsma von VARA-TV, Andre Fontaine von Le Monde, Ingeborg
Wurster vom ZDF und Peter Jenkins von The Guardian beteiligt.
Die Fernsehdebatte hatte folgenden Wortlaut:
JENKINS:

Herr Christopher, lassen Sie mich eine Frage stellen, die

meiner Auffassung nach die grundlegendste aller hier zu erörternden Fragen
ist:

Womit haben wir es nach Auffassung der Administration der Vereinigten

Staaten auf beiden Seiten des Atlantik

in Wirklichkeit zu tun?

Geht es

um eine Art von globalem Vorstoß der Sowjetunion, der in die Richtung
der lebenswichtigen Ölvorkommen im Nahen Osten zielt, oder geht es um

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Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�um weniger als das, eher um eine lokale Angelegenheit?
CHRISTOPHER:

Herr Jenkins, es geht um die objektive Tatsache, daß

ein Land, Afghanistan, das bisher ein Puffer war,nunmehr zu einem Keil
geworden ist. Die Sowjetunion ist in Abweichung von ihrer bisherigen
Politik in ein unabhängiges Land eingedrungen.

Ihre Zukunftsabsichten

sind selbstverständlich schwer zu deuten, und unsere Analytiker bemühen
sich sämtlich

um eine solche Deutung.

Beabsichtigen sie einen Vorstoß in warme Gewässer?

Beabsichtigen

sie einen Vorstoß nach dem Iran oder in den Persischen Golf?

Was wirklich

zählt, ist die objektive Tatsache, daß sie in ein zuvor unabhängiges Land
eingefallen sind, dort die Staatsgewalt übernommen haben und nunmehr
versuchen, die Bevölkerung zu unterjochen.
FONTAINE:

Sie erwähnten eben, daß Afghanistan vor der Invasion ein

Pufferstaat war. Tatsächlich aber hat sich Afghanistan, wie ich die Dinge
sehe, im April 1978 dem Sowjetblock angeschlossen, und es waren dort seither viele sowjetische Berater einschließlich Militärberater tätig.

Warum

also hat die Regierung der Vereinigten Staaten mit ihrer Reaktion auf die
Entwicklungen in Afghanistan gewartet, bis es zu der Invasion großen Stils
kam, die dann im Dezember letzten Jahres erfolgt ist?
CHRISTOPHER: Herr Fontaine, nach meinem Dafürhalten ist am Weihnachtstag des vergangenen Jahres tatsächlich eine grundlegende Änderung eingetreten, als die Invasion Afghanistans durch sowjetische Truppen erfolgte.
Zuvor war jenes Land Teil der Bewegung der Blockfreien. Das dortige
Regime war in der Tat der Sowjetunion freundlich gesonnen; die Präsenz
von rund 100 000 bewaffneten sowjetischen Soldaten in Afghanistan aber
stellt eine grundlegende Veränderung in der Politik der Sowjetunion dar.
Und eben diese Veränderung hat die sehr scharfe Reaktion seitens der
Vereinigten Staaten wie auch ihrer westlichen Verbündeten hervorgerufen.
FONTAINE:
- 2 -

�FONTAINE:

Herr Außenminister, natürlich wünscht ein jeder, daß diese

Invasion aufhört und die sowjetischen Truppen Afghanistan räumen. Glauben
Sie aber wirklich, Sie können die Sowjets durch Sanktionen und Boykotte
aus Afghanistan vertreiben?
CHRISTOPHER: Unserer Überzeugung nach ist der Sowjetunion mit dem
Einmarsch in Afghanistan eine grundlegende Fehleinschätzung der Lage unterlaufen. Die Ereignisse überall auf der Erde aber haben den Sowjets vor
Augen geführt, ein wie hoher Preis für Invasionen dieser Art zu entrichten
ist. Wir hoffen, dies wird sie dazu bewegen, das Richtige zu tun: nämlich
ihre Truppen zurückzuziehen und jenem Land zu gestatten, eine neutrale
blockfreie Position einzunehmen.
FONTAINE: Herr Christopher, das ist eine interessante Antwort, weil
es mir noch vor einigen Wochen so schien, als ob das Schwergewicht der
amerikanischen Politik darauf gerichtet schien, den Sowjets einen sehr
hochen Preis dafür abzufordern, was sie getan haben - und zwar in der Absicht,
sie davor abzuschrecken, etwas ähnliches noch einmal zu versuchen.
Wie Sie es soeben formuliert haben, steht zu vermuten, daß Ihre
Diplomatie darauf gerichtet ist, sie dazu zu überreden, aus Afghanistan
herauszugehen.

Stellt dies einen Wandel dar?

CHRISTOPHER: Nein, wir haben stets ein doppeltes Ziel verfolgt.
Wir haben versucht, den Sowjets das Fehlerhafte dessen aufzuzeigen, was
sie getan haben, damit sie ihre Truppen aus Afghanistan abziehen. Wir
haben aber auch das andere Ziel zu erreichen versucht, ihnen klarzumachen,
daß für diese Art aggressiver Aktionen ein sehr hoher Preis besteht.
FONTAINE:

Und Sie glauben, daß sie ihre Truppen aus Afghanistan

zurückziehen werden?
CHRISTOPHER:

- 3 -

�CHRISTOPHER:

Nach meinem Dafürhalten werden sie im Laufe der Zeit

einsehen, daß sie ein unabhängiges Land nicht unterjochen können.

Es

ist nach meinem weiteren Dafürhalten eine faire Chance gegeben, daß die
Sowjetunion im Laufe der Zeit aus der scharfen Reaktion der Völkergemeinschaft
herauslesen wird, daß die Kosten des Verbleibs in Afghanistan höher sind
als die des Abzugs.
Ich möchte realistisch bleiben und sagen, daß dies wahrscheinlich nicht
in sehr naher Zukunft der Fall sein wird, obwohl die Ereignisse in
Afghanistan innerhalb der letzten 48 Stunden erkennen lassen, welche
Schwierigkeiten die Sowjets mit der Unterjochung der dortigen Bevölkerung
haben.
FONTAINE: Ein Rückzug der Sowjets aus Afghanistan liefe meiner
Meinung nach aber auf das Eingeständnis eines völligen Fehlschlags hinaus.
Ich glaube nicht, daß es viele Präzedenzfälle eines solchen Eingeständnisses
durch die Sowjetunion gibt. Nach meinem Dafürhalten müssen Sie den Sowjets
eine irgendwie geartete Möglichkeit bieten, einigermaßen Gesicht zu bewahren.
Ferner möchte ich hieran die Frage nach der Art der Sanktionen anschließen, die die Regierung der Vereinigten Staaten gegen die Sowjetunion
anwendet. Die meisten Sanktionen stehen im Zusammenhang mit dem Boykott
der Olympischen Spiele oder berühren wirtschaftliche Belange. Die Sowjetunion sieht sich im gegenwärtigen Augenblick vor große wirtschaftliche
Schwierigkeiten gestellt, und ich glaube, auch ihre Satellitenstaaten
stehen vor wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Glauben Sie nicht, daß diese Schwierigkeiten und damit auch die
Spannungen innerhalb des sowjetischen Blocks mit der Verlagerung der
Drohung auf das wirtschaftliche Gebiet noch vergrößert werden - und
das zu einem Zeitpunkt, zu dem Sie sicher sein können, daß die sowjetische

�sowjetische Regierung das Gewicht ihres Mi 11tSrhaushalts keineswegs
vermindern wird?

Birgt das nicht das Risiko, daß es auf Grund der wirt-

schaftlichen Sanktionen zu einer Vermehrung der Spannungen kommen wird,
was darauf hinauslaufen würde, daß die Sanktionen das Gegenteil des erwünschten Effekts bewirken?
CHRISTOPHER: Es ist uns, wie ich klarstellen möchte,sehr daran
gelegen, daß das Rahmenwerk der amer^kanischen-sowjetisehen Beziehungen
in Takt bleibt. Wir geben auf vielfältige Weise zu erkennen, daß wir im
Bereich der Rüstungsbeschränkungen, um ein Beispiel zu nennen, eifrig
bemüht sind, die verschiedenen Rüstungsbegrenzungsbemühungen weiterzuverfolgen, über die bereits Verhandlungen im Gange waren.
Wir halten auch an den Regierungsabkommen fest, die wir mit der
Sowjetunion getroffen haben.
aufrecht - hier wie in Moskau

Wir halten den Dialog mit der Sowjetunion
Wir beabsichtigen mit der Konferenz

in Madrid, der KSZE-Konferenz, voranzugehen

Wir erwarten sehr wohl,

wie ich hier unterstreichen möchte, daß die Sowjets einen hohen Preis
für ihre Invasion Afghanistans entrichten müssen, sehen aber dennoch
dem Tag erwartungsvoll entgegen, an dem uns T hr Verhalten die Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit ihnen gestatten wird
Nach meinem Dafürhalten sind die wirtschaftlichen Schritte, die
wir eingeleitet haben, anderen Formen der Gegenwirkung weitaus vorzuziehen, derer sich die Vereinigten Staaten und die restliche Welt ebenfalls
hätten bedienen können.
JENKINS:

Ich möchte mich nunmehr den militärischen Aspekten der

Antworten der Vereinigten Staaten zuwenden.
Ihre erste Antwort, Herr Christopher.

Ich komme damit zurück auf

Sie erklärten darin, die objektive

Tatsache der Anwesenheit der Sowjets in Afghanistan zähle unabhängig
davon, was "ihre Motivation war oder bleiben wird.

- 5 -

Der Präsident verkündete

�verkündete das, was man in Kurzfassung die Carter-Doktrin nennen kann.
Sie besagt im Grunde, daß es zu militärischen Gegenmaßnahmen kommen wird,
falls die Sowjetunion die öl lieferungen aus dem Gebiet des Golfs in den
Westen bedroht.
Welche Art der militärischen Entgegnungen außer einem dritten Weltkrieg steht den Vereinigten Staaten zur Verfügung?
CHRISTOPHER:

Was der Präsident erklärte - und hier sollten wir uns

sehr präzise ausdrücken -, besagt, daß jeder Versuch einer dritten Macht,
Kontrolle über das Gebiet des Persischen Golfs zu erlangen, seitens der
Vereinigten Staaten als ein Angriff auf ihre lebenswichtigen Interessen
angesehen werden würde. Die Vereinigten Staaten würden angemessene
Maßnahmen ergreifen, einschließlich militärischer Aktionen, um diese Kräfte
zurückzudrängen.
Ich halte es nicht für nützlich, Spekulationen über eine ganze Reihe
von möglichen Entwicklungen anzustellen. Ich denke, wir haben der Sowjetunion inzwischen klar zu verstehen gegeben, daß die Vereinigten Staaten
im Falle eines Versuchs der Sowjets, die Kontrolle über das Gebiet des
Persischen Golfs zu erlangen, sehr starke Maßnahmen ergreifen würden.
JENKINS:

Sehr viele amerikanische Kommentatoren bezweifeln die

Fähigkeit der Vereinigten Staaten, die militärischen Drohungen des Präsidenten
wahrzumachen. .
CHRISTOPHER:

Wir haben, davon bin ich überzeugt, sehr viele Möglich-

keiten, und wir sind dabei, unsere Kapazitäten weiter auszuweiten.

Wir

stärken unsere Seemacht im Gebiet des Persischen Golfs; wir erhalten
Zutritt zu zusätzlichen Einrichtungen in jenem Gebiet; und wir unternehmen Schritte, die unabhängigen Länder jener Region zu stärken, die ergänzt werden durch die Hilfe, die unsere Verbündeten in Europa hierzu leisten.
Nach

�Nach meinem Dafürhalten sollte niemand die Macht der Vereinigten
Staaten unterschätzen.

Ich möchte mich hier nicht auf Säbelrasseln

verlegen - das wäre das letzte, was ich wollte. Auf der anderen Seite wäre
es ein ernster Fehler für jedes Land der Erde, unsere Macht zu unterschätzen.
BRUGSMA:

Da ist noch eine Frage an Sie zum gleichen Thema aus einem

mit uns verbündeten Land, aus Deutschland.
WURSTER:

Frau Wurster.

Herr Christopher, können Sie mir sagen, auf welches der

Länder jener Region Sie sich wirklich verlassen können?
CHRISTOPHER: Nach meiner Auffassung unterhalten wir unterschiedliche
Beziehungen zu den verschiedenen Ländern in jenem Gebiet. Ich rechne nicht
damit, daß wir jene Art der engen Allianz dort haben werden, die wir in
Westeuropa haben. Andererseits meine ich, daß jedes der Länder in diesem
Gebiet die eigene Unabhängigkeit schätzt und daß wir ihrer Mitarbeit sicher
sein können, wenn sie sich von Kräften von außen her bedroht fühlen.
FONTAINE:

Sie haben lange auf den Iran vertraut, dem Sie in Jahren

sehr wichtige Hilfe geleistet haben.

Fürchten Sie nicht, daß andere

Länder, auf die Sie sich heute stützen, dem Beispiel des Iran folgen könnten?
CHRISTOPHER: Meiner Meinung nach muß jedes Land auf seine eigene
innere Stabilität bedacht sein und versuchen, dort Abhilfe zu schaffen,
wo diesbezügliche Probleme gegeben sind. Die Rolle der Vereinigten Staaten
besteht meiner Auffassung nach darin, jenen Ländern im Verein mit ihren
Verbündeten zu helfen, ihre Unabhängigkeit zu wahren.
Natürlich müssen diese selbst es wünschen, ihre Unabhängigkeit
aufrechtzuerhalten. Ich glaube aber, daß dies das gemeinsame Bestreben
aller Länder dieser Region ist.
WURSTER:

�WURSTER:

Herr Außenminister, besteht hierbei nicht die Gefahr,

daß Amerika dieselben Fehler macht, die es im Iran und in Pakistan gemacht
hat?
CHRISTOPHER:

Ich glaube, daß Pakistan erkannt hat, daß es einer neuen

Bedrohung gegenübersteht, die in der Vergangenheit nie bestanden hat.
Wir beabsichtigen Pakistan auf eine Art und Weise zu helfen, die es zufriedenstellen wird.

Meiner Auffassung nach befleißigt sich der Führer -

der derzeitige Führer - Pakistans, Präident Zia, einer ruhigen Analyse
der Situation.

Wir führen unsere Politik der Non-Proliferation und der

Verwirklichung der Bürgerrechte weiter; die Sicherheit Pakistans aber
ist für uns im gegenwärtigen Zeitpunkt von größerer Wichtigkeit,und wir
haben die Absicht, jenem Land zu helfen.
Meines Wissens sind sich die führenden Politiker Pakistans der
Situation ihres Landes sehr bewußt.
FONTAINE:

Herr Christopher, Amerikas Beziehungen zu Rotchina

entwickeln sich gegenwärtig zu einer Art Bündnis. Haben Sie nicht das
Gefühl, dieses Bündnis könnte die Sowjetunion dazu verleiten, eine äußerst
defensive Haltung sowohl gegenüber China als auch gegenüber den Vereinigten
Staaten zu beziehen?
CHRISTOPHER: Die Vereinigten Staaten haben, wie Sie, Herr Fontaine,
wissen,ihre Beziehungen zur Volksrepublik China etwa vor vierzehn Monaten
normalisiert. Wir sind auf dem ordentlichen Weg zur Normalisierung ein
großes Stück vorangekommen. Wir sind aber tatsächlich gegenüber einer
Reihe von westeuropäischen Ländern auf dem Weg zur Normalisierung weit im
Hintertreffen. Ich würde unsere Beziehungen keineswegs als Bündnis darstellen wollen.

Wir

�Wir pflegen freundlicheren Umgang untereinander als in der Vergangenheit.
Wir haben aber kein militärisches Bündnis mit China.
China militärische Waffen zu verkaufen.

Wir beabsichtigen nicht,

Meiner festen Überzeugung nach

bietet unser Verhalten gegenüber China keine Grundlage für irgendwelche
Besorgnisse anderer Länder.

FONTAINE:

Schließen Sie die Möglichkeit des Verkaufs von Waffen an

China vollständig aus?
CHRISTOPHER:

Ja, wir haben nicht die Absicht, China militärische

Waffen zu verkaufen.

JENKINS:

Unsere derzeitige Politik verbietet uns das.

Herr Christopher, es bildet sich auf dieser Seite des

Atlantik - wie Sie sicherlich wissen - die Auffassung heraus, daß man für
den Fall, daß das Problem im Nahen Osten darin besteht, die Stabilität
der Nachbarstaaten Afghanistans und des Iran zu erhalten, der Beendigung
oder dem Näherkommen einer angemessenen Lösung des arabisch-israelischen
Konflikts hohe Dringlichkeit beimessen muß.

Einige europäische Regierungen würden meines Wissens gerne über
die Vorschläge von Camp David hinausgehen, die sie vor dem Hintergrund
der Autonomiegespräche wahrscheinlich als nicht sehr produktiv ansehen, und
die Resolution 242 des Sicherheitsrats am liebsten neu formulieren, um das
Recht des palästinensischen Volkes auf irgendeine Form der Selbstbestimmung
zum Ausdruck zu bringen.

Was sagen Sie hierzu?

CHRISTOPHER:

Ich sage, die höchste Priorität kommt im gegenwärtigen

Zeitpunkt den Autonomiegesprächen zu.

Wie Sie wissen, ist Botschafter

Linowitz bestrebt, den Teilnehmern an diesen Verhandlungen Hilfestellung
zu leisten.

Es gibt einen wichtigen Termin im Mai, den 24. Mai, den Jahrestag

- 9 -

�Jahrestag der Unterzeichnung der Vereinbarungen von Camp David.
•

Wir sollten uns meiner Meinung nach auf den Zeitraum zwischen heute
und dem 24. Mai konzentrieren, wenn uns daran gelegen ist, maximale Fortschritte in den Autonomiegesprächen zu machen.

Das sind entsetzlich

schwierige Probleme mit einer langen ernsten Vorgeschichte.

Lösungen

können wir meiner Meinung nach nicht von heute auf morgen finden.

Meiner

Erfahrung mit Gesprächen mit Vertretern des Nahen Ostens und Menschen überall
auf der Welt nach zu urteilen, ist das, worauf es ankommt, daß Fortschritte
erzielt werden.

Und ich glaube, daß Botschafter Linowitz und seine

Verhandlungspartner aus Israel und Ägypten im gegenwärtigen Zeitpunkt echte
Fortschritte machen, und das ist genau das, worauf wir uns meines Erachtens
konzentrieren sollten.
JENKINS:

Wenn ich da kurz nachhaken darf:

stimmen Sie darin mit

mir 'überein, daß viele islamische und arabische Regierungen den arabischisraelischen Konflikt als eher noch ominöser und als von noch größerer
Dringlichkeit für sich selbst ansehen als, sagen wir einmal, die Invasion
Afghanistans?
CHRISTOPHER:
ist.

Ich bin sicher, daß dies für diese von hoher Priorität

Auf meiner jüngsten Reise nach dem Nahen Osten war ich verblüfft,

feststellen zu müssen, wieviel Angst die Invasion Afghanistans durch die
Sowjets in diesem Raum hervorgerufen hat. Die Ergebnisse der islamischen
Konferenz sind nach meinem Dafürhalten ein Hinweis auf den Ernst jener
Besorgnisse.
Wenn Sie sich die Entschließung der islamischen Konferenz zur Hand
nehmen, gewinnen Sie einen anderen Maßstab für den Ernst der Besorgnisse,
als ihn Ihre Frage impliziert. Das heißt, die islamischen Länder scheinen
jener besonderen Bedrohung eine höhere Priorität beizumessen. Nun möchte
ich sicherlich die Bedeutung des Versuchs nicht unterschätzen, jenes

- 10 -

�jenes langbestehende historische Problem zu lösen.

Was ich sagen möchte,

ist vielmehr-und ich hoffe, das klingt nicht allzusehr nach Eigenlob daß die Vereinigten Staaten eines der Länder der Welt

die sich aktiv

an den Versuchen zur Lösung jenes Problems beteiligen.
BRUGSMA: Darf ich das Gespräch an diesem Punkt kurz unterbrechen?
Ich möchte die Diskussionsteilnehmer, ehe wir uns einem anderen Gebiet
zuwenden, fragen, ob Sie noch irgendwelche weitere Fragen zum Nahen Osten
oder dem israelisch-arabischen Konflikt haben?
Keine; gut also, ich gehe davon aus, daß wir gewissermaßen mit
Siebenmeilenstiefeln durch verschiedene Regionen der Erde gestreift sind.
Jetzt kehren wir zurück auf unseren alten eigenen Kontinent, nach Europa,
und zu unseren alten Verbündeten. Sicherlich bestehen bezüglich dieses
Themenkreises verschiedene Fragen, und ich möchte Frau Ingeborg Wurster
bitten, die erste an Sie zu stellen.
WURSTER: Wir wissen, daß die Amerikaner über ihre europäischen
Verbündeten recht entäuscht sind. Wir wissen auch, daß selbst Walter
Cronkite neulich von sogenannten Verbündeten sprach. Sie wissen aber
genauso gut, daß wir auch einigermaßen über Washington enttäuscht sind,
und deshalb meine Frage: Können Sie uns einen Grund nennen, warum Sie
uns nicht schon frühzeitig informieren, warum Sie keine Konsultationen
führen?
CHRISTOPHER:

Lassen Sie mich allem voraus sagen, daß ich von unseren

westeuropäischen Verbündeten nicht enttäuscht bin. Außenminister Vance
ist eben erst von einer Europareise zurückgekehrt, und ich habe mit ihm
sehr ausführlich darüber gesprochen.

Wir haben ein gemeinsames Bewußtsein

der Bedrohung, die von der sowjetischen Aktion in Afghanistan ausgeht.
Wir sind uns in der gemeinsamen Beurteilung einig, daß es notwendig ist,
feste Schritte zu unternehmen.

Kleine Unterschiede bestehen in bezug auf

- 11 -

�auf die Taktik.
So gehe ich nicht konform mit der Auffassung, wir seien von unseren
Verbündeten enttäuscht.

Ich bin vielmehr stolz auf unsere Verbündeten.

Auf der anderen Seite ihrer Frage darf ich sagen, daß das Problem der
Konsultation dem Streben nach Perfektionen verhaftet ist.

Wir geben uns

Mühe, bei jeder Gelegenheit die richtige Art der Konsultation zu finden.
Manchmal gelingt uns das sehr gut - beispielsweise in der Frage der
nuklearen Mittel Streckensysteme (TNF) gab es gute Konsultationen bezüglich
des gesamten Fragenkomplexes.
Es gibt auch Zeiten, in denen wir das Ideal perfekter Konsultationen
nicht erreichen.

Die Vereinigten Staaten bedauern es, wenn es dazu kommt,

und ein solches Versäumnis bestärkt uns in dem Entschluß, es das nächste
Mal besser zu machen.

Ich war im Januar zweimal in Europa, in den ersten

Tagen des Monats und am 15.}und sprach über die Problemkreise, die wir
hier behandelt haben.
Das war eine Form der Konsultation. Wenn wir aber in manchen Fällen
nicht zu perfekten Konsultationen finden, dann kann ich dazu nur sagen,
daß wir entschlossen sind, uns so weitgehend gegenseitig zu konsultieren,
wie wir nur können - auf allen Ebenen. Und wenn es in der jüngsten
Vergangenheit nicht so ganz geklappt hat, dann wird dies nur unseren
Entschluß verdoppeln, es in Zukunft besser zu machen.
WURSTER: Darf ich weiterfragen zu dem.was Sie eben gesagt haben?
Sie haben Ihren Besuch im Januar erwähnt. Ich darf Sie daran erinnern,
daß Sie im Januar auch in Bonn waren. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel
geben für das, was ich meinte, als ich von dem Versäumnis sprach, uns
rechtzeitig zu informieren und zu konsultieren.
Meines

- 12 -

�Meines Wissens wurden Sie während Ihres Hierseins 1m Januar gefragt,
was es mit den GerUchten Über einen geplanten Boykott der Olympischen
Sommerspiele auf sich habe.

Meines Wissens haben Sie geantwortet, dem

sei nicht viel Gewicht beizumessen, es gäbe keine diesbezügliche Entscheidung,und es würde Wochen dauern, bis sich Amerika darüber klar
werde.

Sie waren kaum abgereist, als Ihr Präsident im Fernsehen bekanntgab,

daß ein Boykott erfolgen werde.

Ist es möglich, daß Sie selbst nicht informiert waren?

CHRISTOPHER:
hinweg rundweg

Nun, es ist nicht sehr eizvoll, Ihnen über den Atlantik

widersprechen zu müssen;

ich glaube aber, wenn Sie sich

die Mühe machen wollten, die Protokolle dessen nachzulesen, was ich in
Europa öffentlich erklärt habe - nicht nur an einem Ort, sondern an
verschiedenen Orten - werden Sie sehen, daß ich von einer steigenden Flut
der Opposition gegen eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in den
Vereinigten Staaten sprach und auch davon, daß ich eine ähnliche Welle
auch in Europa angetroffen habe.

Im übrigen wurde hierüber in den Vereinigten Staaten berichtet.
Man machte sich mancherorts sogar über mich lustig und meinte, das wäre
vielleicht lediglich ein Trick meinerseits gewesen.

Das aber, was ich in

Europa Mitte jener Woche, mämlich am 15. und 16.,gesagt habe, hätte als
Hinweis darauf dienen können, daß wir uns, wenn ich schon von einer
steigenden Flut sprach, in die Richtung auf eine Entscheidung über Olympia
bewegten.

Erst am Sonntag jener Woche hat der Präsident die Entscheidung der
Vereinigten Staaten im Fernsehen bekanntgegeben.

Diese Entscheidung wurde

mithin fünf oder sechs Tage nach meiner Europareise getroffen - sie wurde
über das Wochenende getroffen und am Sonntag bekanntgegeben.

Wenn es in

dieser Frage zu einem Fehlverhalten gekommen sein sollte, dann bestand es,

- 13 -

�es, glaube ich, wohl darin, daß wir in den Tagen unmittelbar vor der
Entscheidung des Präsidenten nicht jenes Maß an Perfektion erreichten,
von dem ich vorhin in bezug auf die Konsultationen gesprochen habe.
FONTAINE:

Herr Christopher, ich glaube,wir haben alle mit großem

Interesse Ihre positive Beurteilung des Verhaltens der europäischen
Regierungen in der Afghanistan-Krise zur Kenntnis genommen.

Sie unterscheidet

sich allerdings sehr stark von dem, was wir beispielsweise in der amerikanischen Presse zu lesen bekommen haben. Wir bekommen zu lesen, daß der
amerikanische Botschafter in Paris von neutralistischem Unsinn spricht.
Stimmen Sie hierin mit Herrn Hartman überein?
•

CHRISTOPHER:
gesagt haben soll?
FONTAINE:
BRUGSMA:

Verzeihung, würden Sie wiederholen, was Herr Hartman
Die Tonübertragung ist nicht sehr gut.

Neutralistischer Unsinn.
Mit diesen Worten umschrieb der Botschafter die Haltung einiger

Europäer oder einiger europäischer Länder.
CHRISTOPHER: Meine Antwort hierauf lautet: Außenminister Vance
kam aus Europa in der Überzeugung zurück, daß die Beurteilung der Bedrohung,
die von der Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion ausgeht, in allen
Ländern, die er besuchte, die gleiche war.
Ich glaube,wir hoffen alle, daß sich

die Sowjetunion aus Afghanistan

zurückziehen und jenes Land in einem neutralen oder blockfreiem Status zurücklassen werde. Wenn dies die Kommentare zu harmonisieren vermag, ist es gut,
denn mehr kann ich nicht tun.

Für mich selber aber darf ich sagen:

Wir

haben Meinungsverschiedenheiten in Fragen der Taktik, und es mag Gebiete
geben, auf denen wir hoffen, daß unsere Verbündete Schritte im wirtschaftlichen
Bereich unternehmen, die stärker und den unsrigen gleichgerichteter sein

- 14 -

�sein sollten.

Dennoch halte ich das Bündnis für intakt und stark.

Und

ich erwarte von uns allen, daß wir gemeinsame Schritte unternehmen, der
gemeinsamen Bedrohung entgegenzutreten.
JENKINS: Herr Christopher, ich glaube, daß hier eine echte Meinungsverschiedenheit besteht, eine Meinungsverschiedenheit, derer sich keiner
unter uns zu schämen braucht oder hinter den Berg zu halten braucht.
Sie wird im Zusammenhang mit der fast theologischen Frage erörtert, ob
die Detente teilbar oder unteilbar ist.
Nach meinem Verständnis bedeutet das, daß die europäischen Länder ein
sehr echtes Interesse an der Entspannung haben, daß beim Abwägen diese
Krise schwerer wiegt als die Sorge der Vereinigten Staaten nicht nur in
bezug auf das weltweite Verhalten der Sowjetunion, sondern auch in bezug
auf die iranische Krise und auf die Geiseln in den Händen der Iraner und
auch in bezug auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl.
CHRISTOPHER:
kann.

Lassen Sie mich das so klar heraustellen.wie ich nur

Wir sind an der Entspannung so sehr interessiert wie nur irgendwer

auf der Erde.

Unsere wichtigste Verantwortung ist die Verhinderung eines

Atomkrieges.
Wir haben keine Wiederaufnahme des Kalten Krieges im Sinn. Wir
sorgen uns ebenso um die unteilbare Detente wie nur irgendjemand in Europa,
und wir wollen mit Ihnen zusammenarbeiten,um sie zu erhalten.
Wenn sie durch die jUngsten Ereignisse verletzt worden sein sollte wir wünschen uns nichts mehr,als daß uns das Verhalten der Sowjetunion in
die Lage versetzt, in die Zeit der Kooperation zurückzufinden.
BRUGSMA:

Das bringt uns zu dem Schlußthema dieses transatlantischen

Teils der Aussprache.

Die Situation ist einigermaßen verwirrend,und die

- 15 -

�die berühmte Quizfrage lautet:

Wie finden wir heraus aus diesem Wirrwarr?

Im Denken der europäischen Teilnehmer an dieser Diskussion steht ganz
vorn sicherlich die Frage, was vermag Europa zu tun, aus dieser mißlichen
Situation herauszukommen, und sowohl unseren amerikanischen Verbündeten
als auch unseren sowjetischen Gegnern dabei zu helfen, ihr Gesicht zu wahren.
CHRISTOPHER:

Nach meinem Dafürhalten liegt die Hauptverantwortung

hier bei der Sowjetunion.

Ihr Verhalten hat uns in dieses Problem hinein-

gebracht,und ihr Verhalten muß uns den Weg aus diesem Problem weisen.

Ich

möchte aber noch einmal auf die Bemerkung zurückkommen, die ich schon
eingangs gemacht habe, daß wir nämlich ein neutrales, blockfreies Afghanistan
begrüßen würden und bereit wären, uns den Ländern jenes Raumes um Afghanistan
bei der Garantie anzuschließen, daß keine Intervention von dritter Seite
erfolgen wird.
Mag sein, daß die Verantwortlichkeit für die Rückkehr auf den Pfad
der Zusammenarbeit auf jenem Gebiet liegt - einer Zusammenarbeit, die
sicherlich ein wichtiges Ziel für die Vereinigten Staaten und, dessen bin
ich sicher, für ganz Europa darstellt.
FONTAINE: Glauben Sie, daß die Idee der Neutralisierung Afghanistans,
die von den Ministerpräsidenten der neun Länder Westeuropas vorgebracht
wurde, mit dazu beitragen kann, eine Lösung zu finden?
CHRISTOPHER: Ja, ich halte das für eine wertvolle Idee. Sie ist
sehr vielschichtig und es wird viel Zeit in Anspruch nehmen, sie voll auszuarbeiten.
Es gibt aber gewisse Anzeichen in der Rede Breschnews und gewisse
Anzeichen in Äußerungen Gromykos, daß die Sowjets willens sein könnten,
diese Idee zumindest weiter zu sondieren.

Was sie gesagt haben, erfordert

ein hohes Maß an Klarstellung, und die Rede Breschnews mag in mancher

�mancher Hinsicht nicht entgegenkommend sein, wie frühere Erklärungen.
Dennoch ist es unsere Pflicht, diese so sorgfältig wie nur möglich zu
prüfen und uns Gedanken darüber zu machen, wie ein Weg gefunden werden
kann, Afghanistan wieder in die Hände: der Menschen dieses Landes zurückzugeben,statt

es unter die Kontrolle der sowjetischen Armeen zu bringen.

WURSTER: Sie haben vorhin erwähnt, daß Sie bemüht seien, den Dialog
an verschiedenen Orten offenzuhalten. Es scheint mir aber augenfällig,
daß Ihr heißer Draht, oder wie immer Sie Ihr Telefon oder Ihren roten
Fernschreiber bezeichnen mögen, nicht benutzt wird.
Können Sie sich vorstellen, daß ein Dritter zu erfolgreichen Schlichtungsbemühungen beitragen oder als Vermittler fungieren könnte?
CHRISTOPHER: Ja, ich kann mir eine Reihe von Dritten vorstellen,
die in dieser Hinsicht behilflich sein können. Einige der Länder in jenem
Raum könnten sehr hilfreich sein. Wir würden ihre Vermittlerdienste sehr
begrüßen, solange sie einsehen, daß das, was wir hierbei zu erreichen
suchen, der Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan und die Schaffung
eines blockfreien Staates ist, der seinem Volk ermöglicht, seine eigenen
Rechte wahrzunehmen.
JENKINS:

Herr Christopher, es gab sehr viele Diskussionen um die Frage,

was die angemessene Arbeitsteilung zwischen der europäischen und der amerikanischen Seite des Bündnisses wäre. Aber würden es die Vereinigten Staaten
gerne sehen, wenn der europäische Teil der NATO eine militärische Rolle
außerhalb ihres derzeitigen Gebietes spielen wollte?
CHRISTOPHER:

Nach meinem Dafürhalten werden die Länder der NATO

sicherlich wichtige Hilfe außerhalb der NATO leisten.

Das Bündnis als

Ganzes - das ist wirklich eine Frage des Bündnisses selbst. Wir glauben
aber, daß es - wie Sie sagen - eine Rolle für Arbeitsteilung gibt, während

- 17 -

�während wir dabei sind, unsere Streitkräfte im südwestasiatischen Raum
und im Gebiet des Persischen Golfs zu verstärken.
BRUGSMA:
Außenminister.

Und jetzt eine letzte Frage von mir, Herr stellvertretender
Welche Rolle soll Europa bei dieser Arbeitsteilung spielen?

CHRISTOPHER:

Die Rolle der Europäer konnte darin bestehen, uns in die

Lage zu versetzen, das Recht zu erlangen, verschiedene Territorien zu überqueren, uns bei der Erlangung von Einrichtungen und Anlagen in einigen
Ländern im Nahen Osten zu helfen, zu denen Sie besonders starke Beziehungen
unterhalten.

Ich kann mir Länder in Europa vorsellen, die ihre eigene

Stärke im Nahen Osten verfestigen.
Ich möchte aber sagen, daß der Hauptinhalt dessen, was wir zusammen
tun können, die Stärkung unserer Verteidigung ist - durch Stärkung der
NATO und durch Verringerung unseres Energieverbrauchs.

Das sind die beiden

Dinge, die den Westen stark machen und in die Lage versetzen werden, seine
Position in der Welt zu wahren.

+ + + + +

- 18 -

�Information

i

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

5. März 1980

14

VON DER KONFRONTATION ZUR ANNÄHERUNG DER MEINUNGEN
US-Sonderbotschafter Gerard Smith zu den Ergebnissen der
Konferenz über Kernbrennstoffzyklen und die Risiken
nuklearer Proliferation

- (AD) - Die von der "Internationalen Konferenz über die Bewertung
von Kernbrennstoff-Zyklen (INFCE)" veranlaßten Studien haben in amerikanischer Sicht das Bewußtsein für die politischen Risiken der Nukleartechnologie in der ganzen Welt geschärft. Die Ergebnisse, die unter Führung
eines technischen Koordinierungsausschusses von acht Fachgruppen im Verlauf
von zwei Jahren erarbeitet wurden, liegen jetzt in einer neunbändigen Studie
vor. Sie wurden in den Hauptpunkten auf der abschließenden Plenartagung
in Wien (25.-27. Februar 1980) erörtert.
Die INFCE-Organisation, die auf Anregung Präsident Carters vor
etwas mehr als zwei Jahren als Studien- und Beratungsgremium geschaffen
wurde und der 66 Länder sowie fünf internationale Organisationen angehörten,
bemühte sich in zahlreichen Untersuchungen und Analysen um die Klärung
nuklearwirtschaftlicher und nukleartechnischer Fragen im Zusammenhang mit

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex: 08-85432

�mit den Risiken einer Weiterverbreitung von Kernwaffen (nukleare Proliferation)
als Folge der Entwicklung und des fortgesetzten Gebrauchs von Kernkraft.

Sie

hatte nicht die Aufgabe, als Verhandlungsrunde zu fungieren, die einen für
Regierungen bindenden Vertragstext ausarbeitet.

Es galt vielmehr, ungeachtet

der unterschiedlichen Einzelinteressen Experten und Wissenschaftler der
beteiligten Länder zu Wort kommen zu lassen und unter Vermeidung von Polemik
nach Wegen zu suchen, die die Nutzung von Kernkraft in größerem Umfang
ermöglichen und dennoch die Risiken nuklearer Proliferation auf ein Minimum
beschränken.

INFCE hat sowohl Regierungen als auch den mit Atomenergie

befaßten internationalen Organisationen wichtige Anregungen geben können.
Sonderbotschafter Gerard Smith, der Leiter der amerikanischen Delegation
für die Abschlußtagung in Wien, unterstrich in seinem Resümee den nützlichen
und konstruktiven Charakter der Konferenz trotz der zutage getretenen
Meinungsunterschiede.

Smith erklärte am 25. Februar 1980 in Wien u.a.:

"Wir alle teilen die Überzeugung, daß Kernkraft notwendig ist, um
wertvolle, nicht regenerierbare Ressourcen zu schonen und in vielen Ländern
unerträgliche Abhängigkeiten von importierten fossilen Brennstoffen zu
vermindern.

Gewiß wollen wir alle auch sicherstellen, daß Kernkraft nur

unter Bedingungen erzeugt wird, die der Verringerung der Gefahren nuklearer
Proliferation auf ein Minimum dienlich sind.
Mehr als zwei Jahre lang haben sich Delegierte der hier versammelten
Länder und Organisationen gemeinsam und gründlich in einer bisher einzigartigen Aktion internationaler Zusammenarbeit bemüht. Wir haben unsere
besten Analytiker vereint, damit sie die verschiedenen Brennstoffzyklen,
deren Risiken und die Möglichkeiten prüfen, wie diese Risiken durch
institutionelle und technische Maßnahmen auf ein Mindestmaß veringert werden
könnten. Wir haben nach Mitteln und Wegen gesucht, die nuklearen Versorungsgarantien zu verbessern, und wir haben die Aufmerksamkeit auf die besonderne
Erfordernisse der Entwicklungsländer gelenkt.
Wir
- 2 -

�Wir hatten nicht die Aufgabe, über Lösungen zu verhandeln, sondern
Analysen der Auswirkungen verschiedener Technologie-Linien zu erarbeiten,
um sie den Regierungen an die Hand zu geben.
Staaten war INFCE ein Erfolg.

Nach Überzeugung der Vereinigten

Unser besonderer Dank sollte der Internationalen

Atomenergie-Organisation (IAEO) für ihre wertvolle Hilfe und Professor
Abram Chayes gelten, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des
Technischen Koordinierungsausschusses eine Schlüsselrolle dabei spielte,
den erfolgreichen und rechtzeitigen Abschluß dieser Bewertung sicherzustellen.

Wenn ich INFCE als Erfolg bezeichne, so soll das nicht heißen, daß
die Vereinigten Staaten oder irgendeine andere Nation mit allem übereinstimmen,
was in den Berichten gesagt wird.

Die Teilnehmer an INFCE haben als

Experten gearbeitet, die sich um Konsens bemühten.

Die Berichte sind das

Spiegelbild eines weiten Spektrums von Anschauungen, Urteilen und Standpunkten.

Sie enthalten beispielsweise die Standpunkte von Entwicklungs-

ländern,die sich den Zugang zu den Vorteilen der Kernkraft sichern wollen.
Sie enthalten ebenso die Anschauungen sowohl von Exporteuren als auch
Importeuren von Uran, Anreicherungsleistungen und Reaktoren.

Sie zeigen

die Standpunkte von Nationen wie z.B. meinem Land, die überzeugt sind, auf
vernünftige Weise Maßnahmen,die zwangsläufig zu einer Plutomium-Wirtschaft
führen, aufschieben zu können.

In der Mehrzahl der wesentlichen Punkte gelang es den Mitgliedern der
Arbeitsgruppen und des Technischen Koordinierungsausschusses, sich auf
eine bestimmte Meinung zu einigen.

In einigen Fragen jedoch wurde eine

solche Annäherung der Standpunkte nicht erreicht, und die verbleibenden
Meinungsunterschiede kommen in den Berichten zum Ausdruck.

Das gesamte

Verfahren hat, ohne die Atomkraftpolitik irgend einer Nation oder einer
Gruppe von Nationen zu rechtfertigen oder zu'kritisieren, eine gemeinsame
Basis von Fakten und Resultaten geschaffen, die unser Denken leiten,neue
internationale Verständigung auf politischer Ebene erleichtern und zur
Schaffung einer besser geordneten internationalen Gemeinschaft beitragen

- 3 -

�beitragen sollte, wenn wir uns darum bemühen, die Vorteile der Kernkraft
unter Bedingungen zu realisieren, die mit Non-Proliferations-Politik vereinbar sind.
In der festen Überzeugung, daß INFCE konstruktiv war, möchte ich auf
einige Dinge zu sprechen kommen, die uns besonders nützlich erscheinen,
und auch kurz auf ein paar Gebiete eingehen, wo unseres Erachtens Vorsicht
geboten ist... INFCE hat zu einer besseren Kommunikation zwischen den Ländern
mit Atomprogrammen und zu einem Abbau von Spannungen und Mißverständnissen
zwischen Liefer- und Verbraucherländern viel beigetragen.

Wir haben jetzt

mehr Verständnis für die Ziele, Erfordernisse und Interessen des anderen.
Wir alle sind jetzt besser über den weltweiten Atomenergiebedarf und die
nuklearen Ressourcen, die weltweite Besorgnis über die nukleare Proliferation
und über die technischen und institutionellen Probleme und Möglichkeiten
informiert, die vor uns liegen.

Wir hoffen, daß die IAEO unsere Resultate

gemeinsam mit allen interessierten Staaten prüfen wird, damit jene INFCEAufgaben benannt werden, die eine Weiterführung durch IAEO-Maßnahmen verdienen.
Innerhalb der INFCE wurde klar erkannt, daß Kernkraft jetzt und künftig
für viele unserer Volkswirtschaften von Bedeutung ist. Gleichzeitig
bestand weitgehend Übereinstimmung hinsichtlich der Existenz von ProliferationsRisiken im Zusammenhang mit Kernkraft und der Notwendigkeit von Maßnahmen,
die solche Risiken erträglicher machen und durch die man sie besser in den
Griff bekommt. Wir alle wissen, daß Proliferation im Grunde eine politische
Angelegenheit ist, und daß eine Nation, die sich zur Entwicklung nuklearer
Sprengsätze entschließt, dies ohne Mißbrauch ziviler Atomkraftanlagen tun
kann. INFCE hebt jedoch die Möglichkeit zum Mißbrauch solcher Anlagen hervor
und verweist darauf, daß es deshalb wichtig sei, künftige Brennstoffzyklen
unter sorgfältiger Beachtung der Proliferationsrisiken zu planen. Die
Vereinigten Staaten haben erkannt, daß solche Risiken in jedem BrennstoffZyklus liegen. INFCE hat keine einzige technische Lösung aufgezeigt, die

- 4 -

�die solche Risiken ausschaltet. Aber die Konferenz identifizierte eine
Anzahl wichtiger positiver Faktoren,die für die künftige Planung nützlich
sind.
Wir akzeptieren den INFCE-Standpunkt, daß Verallgemeinerungen hinsichtlich
vergleichender Proliferationsrisiken der verschiedenen Brennstoffzyklen
unangebracht sind. Wir haben beispielsweise Verständnis dafür, daß bei
einem Vergleich zwischen der Proliferations-Resistenz des Leichtwasserreaktors
mit seinem Kernbrennstoff-Zyklus des einmaligen Durchsatzes und alternativen
Brennstoffzyklen auch der Standort und die Art der Urananreicherungsanlagen sowie die Art und Weise in Betracht gezogen werden müssen, wie diese
gegen Mißbrauch gesichert sind.
Ich glaube, wir alle wissen, daß es im Zusammenhang mit für Waffen
geeigneten Materialien und den Technologien zu deren Produktion erhebliche
Risiken gibt. Dies sollte helfen, die Zukunft der Kernkraft in sicherere
Richtungen zu steuern.. Neue Schutzmaßnahmen unter Einschluß verbesserter
Sicherungen, jedoch nicht nur diese, sind erforderlich, um Brennstoffzyklen
gewachsen zu sein, die leichten Zugang zu erheblichen Mengen von waffenfähigem Material bieten.
Wir sind uns jetzt der langfristigen Auswirkungen mittelfristiger
Aktionen besser bewußt und schicken uns bereits an, die Verwendung waffenfähiger Materialien in Reaktoren zu begrenzen, wenn diese Verwendung nicht
unbedingt notwendig ist.

Ein Beispiel dafür ist der kürzlich eingebrachte

Antrag, Forschungsreaktoren auf Kernbrennstoff mit geringerem Anreicherungsgrad umzustellen.
Ein einziger Brennstoffzyklus wird den Erfordernissen aller Nationen
nicht gerecht werden können. Unterschiedliche Gegebenheiten bei den
einzelnen Nationen verlangen eindeutig unterschiedliches Vorgehen. So
wird beispielsweise die Notwendigkeit und der Zeitpunkt für eine Brüter-

- 5 -

�Brüter-Entwicklung bei den einzelnen Ländern entsprechend ihrer technischen
Infrastruktur, dem Umfang ihres Stromverteilernetzes, dem Vertrauen in die
Verfügbarkeit von Uranressourcen und anderen Faktoren variieren

Besonders

wichtig ist die Relation zwischen Strombedarf und der Verfügbarkeit sowie
dem Preis von Uran.
Hinsichtlich der Rohstoff-Frage leistete meines Erachtens INFCE
gute Dienste in der Bewertung der Faktoren, die für die Aussichten auf
die Verfügbarkeit von Natururan von Bedeutung sind. Auf der Bedarfsseite
wird es notwendig sein, die in der INFCE-Konferenz erarbeiteten Schätzdaten
von Zeit zu Zeit zu überprüfen. So kam es beispielsweise seit Aufstellung
dieser Schätzdaten vor zwei Jahren zu einem erheblichen Rückgang bei Reaktoraufträgen und von langwierigen Verzögerungen in der Bauausführung. Für
die Vereinigten Staaten, die einen hohen Anteil am Gesamtbedarf haben, führte
dies zu einer Minderung der für 1995 vorausgesagten Nuklearkapazität um
30 Prozent. Da die Dringlichkeit des Baues zusätzlicher BrennstoffzyklusAnlagen und der Einführung neuer Technologien von der Relation zwischen
Bedarf und Angebot abhängt, ist es wichtig, Schätzungen auf dem jeweils
neuesten Stand zu halten.
Bedarfs- und Angebotsrelationen sind auch wichtigem beurteilen
zu können, ob es genügend und angemessene Anreicherungsdienste gibt« Wir
dürften uns darüber einig sein, daß zumindest bis Mitte der neunziger Jahre
eine ausreichende Anreicherungskapazität vorhanden ist. Neue Kapazitäten
können rechtzeitig in Betrieb genommen werden, um den nach diesem Zeitpunkt
sich ergebenden Bedarf zu decken.
Wiederaufarbeitung, Rückführung von Plutonium in Hochtemperaturreaktoren
und die Notwendigkeit sowie der Zeitplan für Brutreaktoren waren Schlüsselfragen im INFCE-Forum. Aus unserer Perspektive ergeben sich mehrere wichtige
Einsichten: Während Wiederaufarbeitung in einigen Ländern als der Weg zur
Behandlung verbrauchten Kernbrennstoffs bevorzugt wird, macht die INFCE-

�INFCE-Bewertung deutlich, daß es andere Möglichkeiten gibt. Verbrauchter
Kernbrennstoff kann mittel- oder langfristig sicher gelagert werden, und
eine Endlagerung ohne Wiederaufarbeitung scheint sowohl aus wirtschaftlichen
Gründen als auch aus Gründen der Non-Proliferation eine realistische Möglichkeit
zu sein. Ich hebe diesen Punkt hervor, weil ich glaube, daß Nuklearenergie
nur davon profitieren kann, wenn hinsichtlich der im Zusammenhang damit
eingeschlagenen Wege Flexibilität vorhanden ist. Die große Mehrheit der
INFCE-Teilnehmer teilte die Auffassung, daß aus wirtschaftlichen Gründen
Wiederaufarbeitungsanlagen, wenn sie gebaut werden, ebenso wie Anreicherungsanlagen als große Betriebe konzipiert sein sollten. Und abgesehen von der
Wirtschaftlichkeit ist die Größenordnung aus Gründen der Non-Proliferation
ein wichtiger Faktor. Außerdem lohnt es sich, hier die übereinstimmende
Meinung aller Beteiligten zu vermerken, daß der wirtschaftliche Nutzen einer
Plutoniumrückführung in Leichtwasser-Reaktoren günstigstenfalls gering sein
wi rd.
Die INFCE-Arbeitsgruppen kamen zu dem Schluß, daß wirksame internationale
Sicherungsmaßnahmen ein wesentliches Merkmal für Anlagen für den nuklearen
Brennstoffzyklus darstellen. Die besondere Notwendigkeit der Anwendung
wirksamer Sicherungen - insbesondere für die sensitiven Phasen des Brennstoffkreislaufs wie Anreicherung, Wiederaufarbeitung und Herstellung von
Kernbrennstoff unter Verwendung von Plutonium oder stark angereichertem Uran wurde unterstrichen. Man fordert die Einbeziehung einer Planung für Sicherungsmaßnahmen schon in die allerersten Stadien der Bauplanung. Es wurde betont,
wie wichtig es sei, der Erprobung und Optimierung neuer, verbesserter
Sicherungsverfahren für die sensitiven Phasen des Brennstoffkreislaufs
höchste Priorität zu geben.
In diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, welch große Bedeutung
die Vereinigten Staaten der Anwendung wirksamer Sicherungsmaßnahmen der
Internationalen Atomenergie-Organisation in allen zivilen Nuklearanlagen
beimessen.

Für ebenso wichtig halten sie es, daß die IAEO zusätzliche Mittel,

- 7 -

�Mittel, mehr ausgebildetes Personal und die politische Unterstützung erhält,
die sie zur Wahrnehmung ihrer sich ausweitenden Sicherungsaufgaben benötigt.
Wenn auch Sicherungsmaßnahmen allein nicht ausreichen, um Proliferationsrisiken aus sensitiven Brennstoffzyklus-Phasen so gering wie möglich zu
halten, sind wir doch von der Notwendigkeit umfassender Sicherungsaktivitäten
überzeugt, wenn die Kernenergie die ihr angemessene Rolle bei der Deckung
des Weltenergiebedarfs spielen soll.
Die Teilnehmer schienen die Ansicht zu teilen, daß die gegenwärtig
bestehenden Beschränkungen hinsichtlich einer Wiederaufarbeitung und des
abgetrennten Plutoniums durch andere Schutzmechanismen verstärkt werden
müssen.

So wurde beispielsweise bei der Erörterung der besonders ernsten

Besorgnisse im Zusammenhang mit abgetrenntem Plutomium empfohlen, künftig
besonders aufmerksam darauf zu achten, daß überschüssiges Plutonium
internationaler Kontrolle unterstellt wird.

Die Vereinigten Staaten sind

bereit zur Zusammenarbeit, um ein wirksames internationales Verfahren der
Plutonium-Lagerung zu schaffen.

Wir beteiligen uns außerdem an der Studie

der IAEO über internationale Vorkehrungen zur Lagerung verbrauchter Brennelemente.
Die Notwendigkeit von Brutreaktoren und die Aussichten dieser Technologie
erfahren verständlicherweise große Aufmerksamkeit angesichts dessen, was
sie verheißen,und des Interesses, das einige Nationen an dieser Technologie
haben. Zweifellos könnten, langfristig gesehen, die Uranreserven durch
Brutreaktoren auf dramatische Weise gestreckt werden. Dies ist der Grund
für die hohen Investitionen, die die Vereinigten Staaten und andere Länder
für die Brüterentwicklung und für die Analyse der Möglichkeiten zu einer
technischen Realisierung, der wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Technologie
sowie ihrer Auswirkungen auf die nukleare Proliferation aufwenden. Jedenfalls gibt es keinen Brüter ohne seine hohen Kosten, seine Risiken und
Ungewißheiten. Von diesen sind einige im Bericht der Arbeitsgruppe Fünf
aufgeführt, wenn auch dieser Bericht erheblich mehr auf die positiven

�positiven Aspekte der Technologie ausgerichtet ist. Wir nehmen zur Kenntnis,
daß der Bericht zu dem Schluß kommt, die Entwicklung und Stationierung von
Brutreaktoren sei für .Nationen mit bescheidenen Atomkraftprogrammen
wirtschaftlich wohl kaum attraktiv.

INFCE vermittelte wertvolle Einsichten in

die speziellen Bedürfnisse von Entwicklungsländern.

Wir hoffen, daß die

IAEO als Teil ihrer Anschluf3maßnahmen mit besonderem Nachdruck Empfehlungen
verfolgt, die für die Dritte Welt von größtem Interesse sind.
Bei der Prüfung möglicher Proliferationsrisiken, die sich aus den
verschiedenen Wegen zur Nutzung von Kernkraft ergeben, befaßten sich die
INFCE-Berichte ausgiebig mit denkbaren Maßnahmen zur Verringerung solcher
Risiken. Man kam allgemein zu dem Resultat, daß eine Kombination von
neuen Sicherungsaktivitä'ten, technischen und institutionellen Maßnahmen wie
z.B. der Schaffung multinationaler Unternehmen, einen verheißungsvollen
Weg darstellen. Es wird große Anstrengungen seitens vieler Nationen erfordern,
um solche Maßnahmen bis zu dem Zeitpunkt durchzusetzen, an dem sie notwendig
sind, damit in angemessener Weise den Proliferationsrisiken im Zusammenhang
mit sensitiven Anlagen begegnet werden kann. Wir müssen jetzt handeln,
nachdem schon viel zu lange darüber geredet worden ist.
Schließlich hat INFCE auch eine Anzahl wichtiger Empfehlungen auf dem
Gebiet der nuklearen Versorgung gegeben, die in künftigen Regierungsentscheidungen vorrangig berücksichtigt werden sollten.

Demnach muß ein Land

mit einem Atomkraftprogramm vertrauensvoll z.B. hinsichtlicn der ReaktorBrennstoffversorgung und der Entsorgung für verbrauchten Kernbrennstoff
vorausplanen können.

Wir sind alle der Meinung, daß es von entscheidender

Bedeutung sein wird, ein hohes Maß an Vertrauen und Stabilität in den
Beziehungen bei der nuklearen Versorgung

zu erhalten, wenn die Kernkraft

eine lebensfähige Energiequelle bleiben und die verfrühte Ausbreitung
sensitiver Anlagen verhindert werden soll.

Den Berichten der Arbeitsgruppen

ist zu entnehmen, daß man der Notwendigkeit einer besseren Vorhersehbarkeit
der Bedingungen für eine Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen und den nach-

- 9 -

�nachteiligen Folgen abrupter oder einseitiger Veränderungen in der Versorgungslage besondere Aufmerksamkeit widmet.

Andererseits erkennen die Berichte an,

daß von den Lieferstaaten nicht zu erwarten ist, an einer starren Politik
festzuhalten oder Situationen zu ignorieren, die Anstrengungen zur Verhinderung
einer Proliferation nuklearer Sprengsätze ernstlich erschweren.
Die in den Berichten erhobene Forderung nach einem höheren Grad von
Sachgerechtigkeit und Voraussehbarkeit in den Handelsbedingungen auf
nukleartechnischem Gebiet stellt uns eine bedeutsame Aufgabe. Die Vereinigten
Staaten sind überzeugt, daß dieses Ziel erreichbar ist, und wir beabsichtigen,
unsere Energien und Ideen dafür einzusetzen, dieser Aufgabe baldmöglichst
gerecht zu werden."

+ + + + +

'.,

10 -

�I a

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

14

5. März 1980

DIE SOWJETISCHE INTERVENTION IN AFGHANISTAN - MOSKAU AUF DER SUCHE
NACH EINEM VORWAND
Von Marshall Shulman
Mit freundlicher Genehmigung von World Paper
Copyright: World Paper 1980
Die sowjetische Invasion und Besetzung Afghanistans hat die internationale Landschaft für die nächste Zeit beträchtlich verändert.

Für die Vereinig-

ten Staaten ist es bedauernswert, daß die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen als Folge von Moskaus schlechtberatenem Kurs gelitten haben. Aber während
die weiterreichenden Folgen des sowjetischen Rückgriffs zur Gewalt gegen einen
bündnisfreien Nachbarn deutlich werden, ist es - weltweit gesehen - die Stabilität des internationalen Systems selbst, die gelitten hat. Alle Länder sind
weniger sicher, wenn ein einziges Land seine Souveränität und Unabhängigkeit
durch die sowjetische Aggression verliert.
Es wird wahrscheinlich niemals möglich sein, all die Berechnungen zufriedenstellend zu rekonstruieren, die in Moskaus Entscheidung einflössen.

Deut-

lich ist, daß es irgendwann einmal grobe Fehleinschätzungen gab - oder vielleicht sogar während all der Monate, in denen Moskau seine Intervention vorbereitete.

Für denjenigen, der sich mit der sowjetischen Außenpolitik auseinan-

dersetzt, ist indessen überraschend, daß man dabei versagte, eine plausible Er-

Postfach 2 0 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 4 0
Telex:08-85432

�Erklärung parat zu haben, die den extremen Schritt einer bewaffneten Invasion
rechtfertigen könnte.

Die sowjetische Version der Ereignisse fiel immer dann

in sich zusammen, sobald sie dem prüfenden Urteil unterzogen wurde, und machte
es dem Analytiker und dem Politiker unmöglich, mehr als nur Vermutungen darüber
anzustellen, was wirklich zu dem Coup vom 27. Dezember gegen Präsident Hafizullah
Amin führte

und was es für die zukünftigen sowjetischen Absichten bedeutet.

Vielleicht ist es erhellend, einige der Widersprüchlichkeiten der Moskauer
Erklärungen zu untersuchen und an dem zu messen, was über die Ereignisse in Kabul
bekannt ist.

Der Kern der offiziellen sowjetischen Erklärungen an die Vereinig-

ten Staaten und viele andere. Regierungen bestand angeblich darin, daß ihre militärischen Streitkräfte von der afghanischen Regierung eingeladen wurden, um ihr
in einem Kampf gegen äußere Kräfte beizustehen.

Dies spricht den überwältigen-

den Beweisen dafür Hohn, daß die sowjetische Invasion in erster Linie die Absicht hatte, einen Volksaufstand gegen eine repressive Regierung zu unterdrücken.
Man könnte der sowjetischen Version leichter Glauben schenken, wären die
Ereignisse in jener Nacht des 27. Dezember während der sowjetischen Übernahme
glatter abgelaufen. Afghanische Truppen jedoch, die loyal zu Präsident Amin
standen, eröffneten einen harten Kampf gegen die Sowjets, die ihn im DurulamanPalast am Rande von Kabul angriffen und ihn töteten. Hunderte von Toten auf
beiden Seiten gaben Zeugnis für den afghanischen Widerstand gegen ein von den
Sowjets eingesetztes Regime ab. Vielleicht wäre der Widerstand ohne sowjetische
Täuschung noch größer gewesen: Die afghanischen Streitkräfte wurden zum Teil
durch sowjetische Militärberater auf dem Kampfplatz neutralisiert, die vorgaben, Afghanistan zu helfen - ein anschauliches Beispiel für andere Länder - wo
sowjetische Militärberater anwesend sind.
Andere Aspekte des Coups waren ebenfalls nicht gerade perfekt in Einklang gebracht. Eine auf Tonband aufgenommene Meldung des Exilkommunisten
Babrak Karmal, der von Moskau als Instrument ausgewählt worden war, wurde von
einem Sender auf sowjetischem Territorium ausgestrahlt. Die Meldung über den

- 2 -

�den Coup kam angeblich von Radio Kabul, das in Wirklichkeit von sowjetischen
Truppen belagert wurde.

Erst mehrere Stunden später sendete der echte Sender

Kabul die Meldung - und erst mehrere Tage später zeigte sich Babrak Kamal
öffentlich im Land.

Es war dies ein hervorragendes Beispiel für eine schief-

gelaufene sowjetische Bühneninszenierung.

Eine weitere Widersprüchlichkeit in der Serie der Ereignisse, die den
Coup begleiteten, war der unerklärliche Tod von Viktor Paputin, dem Ersten
Stellvertretenden Innenminister: der Sowjetunion.

Paputins Anwesenheit in

Kabul wurde Anfang Dezember festgestellt, obgleich über seine Mission keine
offizielle Erklärung abgegeben wurde.

Die nächste öffentliche Erwähnung

Paputins geschah Anfang Januar in der "Prawda" - in einer Todesanzeige.

Die

Todesanzeige stand an weit weniger ins Auge fallender Stelle,als dies bei
Paputins Stellung zu erwarten gewesen wäre, und es wurden auch keine Einzelheiten über seinen Tod bekanntgegeben - lediglich das Datum: 28. Dezember
1979, der Tag nach dem Coup in Afghanistan.

Wenn der sowjetische Anspruch, zur Invasion eingeladen worden zu sein,
dürftig ist, so ist es auch das Argument, daß Afghanistan durch äußere Kräfte
bedroht gewesen sei.

Erst Wochen nach der Invasion und erst infolge der Ab-

stimmungen in den Vereinten Nationen zur Verurteilung Moskaus (12 : 2 im
Sicherheitsrat, 104 : 18 in der Vollversammlung) entwickelte die sowjetische
Propaganda diese hohle Anschuldigung.

Am 19. Januar sprach Alexeij Petrow in

einem Leitartikel der "Prawda" von "zehntausenden" von Söldnern, die angeblich vor der sowjetischen Invasion an den Kämpfen in Afghanistan beteiligt gewesen seien.

Dennoch brachte die frühere afghanische Regierung zu keiner Zeit

eine Klage bei den Vereinten Nationen vor, und die Tatsachen zeigen an, daß
der Widerstand gegen die von Amin geführten Kommunisten im wesentlichen eine
einheimische, selbständige Bewegung islamischer Nationalisten war.

Petrow

behauptete auch, die Namen zweier Schiffe zu kennen, die angeblich afghanische
Rebellen, die von Pakistan aus operierten, mit Waffen versorgten.
hauptungen verdrehen den wahren Sachverhalt:

Seine Be-

Die meisten der von den Gegnern

des "revolutionären" Regimes benutzten Waffen, das 1978 zur Macht kam, waren

- 3 -

�waren sowjetischer Herkunft und von der afghanischen Armee gestohlen; später
konnten sie erlangt werden, weil afghanische Militäreinheiten in großem Umfang
desertierten.
Keine sowjetische Intrigengeschichte ist vollständig ohne das amerikanische Zentralamt für Nachrichten und Abwehr (CIA) - und so klebte Petrow dem
bekannten amerikanischen Anthropologen Louis Dupree, der in Pakistan lebt
und dessen Hunderte von Freunden in dieser Gegend wissen, daß diese Behauptung falsch ist, einfach ein CIA-Etikett an.

Eine sogar noch erstaunlichere

Anschuldigung hinsichtlich CIA-Verbindungen war eine Sendung von Leonid
Samjatin, einem führenden Propagandisten des Stabs des Zentralkomitees der
WdSU Ende Januar im Moskauer Fernsehen.

Samjatin behauptete, Präsident

Hafizullah Amin sei ein CIA-Agent gewesen, der die Revolution betrügen wollte.

Es gelang Samjatin jedoch nicht, zu erklären, warum ein CIA-Agent ver-

sucht haben sollte, seinem Land ein marxistisches Regime aufzuzwingen - wie
Amin es getan hatte.

Es gelang Samjatin auch nicht, zu erklären, warum ein

CIA-Agent um eine massive sowjetische Militärintervention hätte ersuchen sollen - was Amin der sowjetischen Propaganda nach ausgerechnet vor seinem Tod
getan haben soll.

Man kann nur feststellen, daß es Präsident Breschnew

- nicht Präsident Carter - war, der Amin zu seiner "Wahl" zum Präsidenten
von Afghanistan im September 1979 gratulierte.
Die Versuche zur Diskreditierung Amins und die erfundenen sowjetischen
Behauptungen über äußere Kräfte, die Afghanistan bedrohten, weisen auf eine
Mutmaßung über die echten Gründe für die sowjetische Invasion hin. Die Sowjetunion bemerkte eine allmähliche Verschlechterung der innenpolitischen Lage
des marxistischen Regimes, das Präsident Daoud im April 1978 abgesetzt hatte,
und verlor die Geduld mit Amins Gruppe, die sich weigerte, sowjetischen Rat
anzunehmen, wie das Land zu regieren sei. Nicht gewillt, den Ereignissen
ihren eigenen Lauf zu lassen, setzten die Sowjets durch bewaffnete Intervention eine Marionettenregierung ein. Die große Gefahr besteht darin, daß sie
damit Erfolg haben und dies den sowjetischen Appetit auf ähnliche Aggressionen
anderswo anregt.
Die
- 4 -

�Die Antwort des afghanischen Volkes und der gesamten internationalen
Gemeinschaft gibt Grund für die Hoffnung, daß der sowjetische Schritt in
Afghanistan keinen Erfolg haben wird.

Ist dieser weitverbreitete Widerstand

erst einmal von Moskau erkannt und sind die sowjetischen Streitkräfte zurückgezogen, kann die Aufgabe des Wiederaufbaus der erschütterten internationalen
Stabilität von neuem beginnen.

+ + + + +

- 5 -

�Wi//en/chaft
und Technik

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

5. März 1980

14

US-REGIERUNG FÖRDERT BAU VON HYDRIERWERKEN
Gas und Benzin aus Kohle mit teilweise neuen Verfahren

- (AD) - Pläne zum Bau einer Demonstrationsanlage für Kohlevergasung
im US-Bundesstaat Tennessee gab jetzt das amerikanische Energieministerium
bekannt.

Sobald der genaue Standort feststehe, könne, wie Energieminister

Charles W. Duncan erklärte, das 700-Millionen-Dollar-Projekt in Angriff genommen werden.

Die Anlage soll stark schwefelhaltige Kohle aus den

amerikanischen Oststaaten in Gas umwandeln, das für die industrielle Verwendung geeignet ist. Man hoffe, das Synthesegas ab 1984 in Versorgungsleitungen einspeisen zu können.

Das amerikanische Energieministerium werde

außerdem Studien für eine weitere Kohleveredelungsanlage im benachbarten
Kentucky finanzieren.

Während beim erstgenannten Betrieb die Stadt Memphis

Partner Washingtons ist, wird es in Kentucky die W.R. Grace

Company sein.

In dieser zweiten Anlage, in der neben bereits bewährten Verfahren wie z.B.
dem Lurgi-Prozeß auch völlig neue Technologien angewandt bzw. erprobt
werden sollen, will man Kohle zunächst in Gas umwandeln und dieses dann
zur Benzinproduktion nutzen.

Unter Umständen wird das Versuchswerk zu einer

kommerziellen Großanlage bei Gesamtinvestitionen in der Größenordnung von

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D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�von drei Milliarden Dollar ausgebaut.
Das amerikanische Energieministerium fördert nach Aussage des Fachministers Test- und Demonstrationsanlagen verschiedener Art, um die bestmöglichen Verfahren zur Verwertung der nach Art und Qualität recht unterschiedlichen amerikanischen Kohlearten zu finden.

Im Werk Memphis will man

das sogenannte U-Gas-Verfahren anwenden, das vom Institut für Gastechnologie
in Chicago entwickelt wurde und sich vor allem für die Verwertung von Kohle
aus den amerikanischen Oststaaten eignet, die leicht verbackt und darauf
nicht eingerichtete Vergasungsanlagen bald blockiert.

Um das Verbacken zu

verhindern, werden der Retorte von unten her Wasserdampf und Sauerstoff zugeführt und mit fein gemahlener Kohle "verwirbelt".

Die Anlage würde pro Tag

3 100 Tonnen stark schwefelhaltige Kohle in 4,3 Millionen Kubikmeter Gas
von mittlerem Heizwert umwandeln.

Dieses erreicht zwar nicht den Wirkungs-

grad von Erdgas, eignet sich jedoch zum Beheizen von Kesseln in zwei riesigen
Industriekomplexen, in deren Nähe die Vergasungsanlage erbaut werden soll.
In der Anlage von Kentucky, für die das Energieministerium vorläufig
12 - 16 Millionen Dollar bereitstellt, will man für die Benzingewinnung aus
Kohle zwei neue Verfahren kombinieren. Das Synthesegas, eine Mischung aus
Kohlenmonoxid und Wasserstoff, wird zu anderen Produkten weiterverarbeitet.
Die Fa. W.R. Grace beabsichtigt, das erste Produkt, Kohlegas, nach dem
Einschleusungsverfahren der Texaco Oil Company herzustellen. Im Gegensatz
zum U-Verfahren wird Kohle zunächst mit Wasser aufgeschlämmt und die Masse
dann mit hoher Geschwindigkeit durch den Reaktor geführt. Das Produktgas
wird für weitere Reaktionen zur Herstellung von Methanol genutzt. Anschließend soll mit einem neuen, von der Mobil Oil Company entwickelten
Verfahren unter Einsatz eines Katalysators Methanol in Benzin hoher Oktanzahl umgewandelt werden. Dieser Prozeß wurde bereits in einem Betrieb der
Mobil Oil in New Jersey demonstriert. Zur Zeit werden Pläne ausgearbeitet,
um eine nach diesem Verfahren arbeitende Anlage mit einer Tagesproduktion
von knapp 16 000 Litern Benzin in der Bundesrepublik Deutschland zu bauen.
Vertreter

�Vertreter der Fa. W.R. Grace schätzen, daß ca. 29 000 Tonnen hochschwefelhaltiger Kohle pro Tag erforderlich wären, um daraus täglich 16 000 Tonnen
Methanol herzustellen, das wiederum in 11,95 Millionen Liter Benzin umgewandelt würde. Der Preis für "M-Benzin" dürfte, vor Steuern und Verteilungskosten, bei knapp 48 Cents pro Liter liegen.

Den Preis von Kohlegas aus

dem U-Vergasungsverfahren wird 1985 ungefähr dem von Erdgas entsprechen oder
geringfügig niedriger sein. Vertreter der Industrie in Memphis nehmen an,
daß sie für das Synthesegas ebensoviel zu zahlen hätten wie für das öl, das
sie jetzt verfeuern.

Robert Porter vom amerikanischen Energieministerium

erklärte, die Bundesregierung unterstütze die beiden Projekte vor allem
deshalb, weil "wir überzeugt sind, daß sich damit Brennstoff produzieren
läßt, der ab 1985 mit Importöl konkurrieren kann".

+ + + + +

- 3 -

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