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                  <text>• *

Information
und
Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. Februar 1980

13
INHALT

DOKUMENTATION
Brief des US-Botschafters in Moskau an die "Literaturnaja Gazeta"
- Wortlaut Die sowjetische Invasion Afghanistans und die Reaktion der Vereinigten
Staaten und ihrer Verbündeten
- Von Arthur A. Hartman, Botschafter der USA in Paris Erklärung des Weißen Hauses zu den Olympischen Spielen in Moskau
Erklärung des Weißen Hauses zur Untersuchungskommission im Iran

HINTERGRUNDMATERIAL
US-Regierung über GiftmUn-Export besorgt
- Rechtslage für staatliche Eingriffe wird geprüft

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Menschliche Gene werden kartiert

Um Über/endung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�Dokumentation

I 1

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. Februar 1980

13

BRIEF DES US-BOTSCHAFTERS IN MOSKAU AN DIE "LITERATURNAJA GAZETA"
- Wortlaut -

MOSKAU - (AD) - Der Botschafter der Vereinigten Staaten in der
UdSSR, Thomas A. Watson, hat in einem Schreiben an die sowjetische Zeitschrift "Literaturnaja Gazeta" den nachhaltigen Wunsch Amerikas nach
"friedlichen und beiderseits nützlichen Beziehungen" zur Sowjetunion
unterstrichen. Die Zeitschrift hatte am 6. Februar einen offenen Brief
an Präsident Carter veröffentlicht, in dem eine Reihe von Maßnahmen der
amerikanischen Regierung als eine Fehleinschätzung der sowjetischen Rolle
in Afghanistan und als Bedrohung des Weltfriedens dargestellt wurde.
In seinem Schreiben an den Chefredakteur der "Gazeta", Alexander
Tschakowskij, gab Botschafter Watson seiner Hoffnung Ausdruck, daß die
Zeitschrift seine Antwort in voller Länge abdrucken werde, damit die Leser
sich ein umfassendes Bild machen könnten.
Am 22. Februar teilte die "Literaturnaja Gazeta" der amerikanischen
Botschaft in Moskau mit, daß sie das Antwortschreiben Watsons nicht

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Telex:08-85432

�nicht veröffentlichen könne.
Das Schreiben von Botschafter Watson an die sowjetische Zeitschrift
hat folgenden Wortlaut:
Sehr geehrter Herr Tschakowskij,
In der Ausgabe der "Literaturnaja Gazeta" vom 6. Februar haben Sie
einen offenen Brief an Präsident Carter veröffentlicht.

Wie Sie wissen,

haben in jüngster Zeit verschiedene große amerikanische Nachrichtenmedien,
darunter Newsweek, The New York Times

und die International Herald Tribüne,

Erklärungen sowjetischer RegierungsVertreter, in denen die sowjetischen
Ansichten zum derzeitigen Stand der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
dargelegt wurden, im vollen Wortlaut veröffentlicht.

Ich vertraue darauf,

daß Sie im gleichen Geiste in der Lage sein werden, diese Antwort in voller
Länge abzudrucken, damit die Leser Ihrer wichtigen Zeitschrift eine ähnliche
Gelegenheit erhalten, sich ein Bild über alle Gesichtspunkte zu machen.
Sie haben Ihrem Brief ein Vorwort vorangestellt, in dem Sie tiefe
Unzufriedenheit und Besorgnis über eine, wie Sie es nannten, "scharfe
Kursänderung in der Politik der amerikanischen Regierung und ihrer möglichen
unerwünschten Folgen für den Weltfrieden" zum Ausdruck brachten. Sie
führten eine Reihe von Maßnahmen der Carter-Administration an, die, wie Sie
sagten, zu einer Verschlechterung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
geführt und letztlich die Intervention der Sowjetunion in Afghanistan
gerechtfertigt hätten. Und schließlich haben Sie den Präsidenten beschuldigt,
die sowjetische Rolle in Afghanistan falsch zu interpretieren und die Motive
und die moralische Berechtigung der amerikanischen Reaktion auf die dortigen
Ereignisse in Frage gestellt.
Es steht außer Frage, Herr Tschakowskij, daß sich die Beziehungen
zwischen unseren beiden Ländern in letzter Zeit verschlechtert haben.

Wie

�Wie Präsident Carter am 20. Januar festgestellt hat, besteht eine eindeutige Bedrohung des Friedens. Aber Ihre Analyse der für diese Situation
verantwortlichen Faktoren ist nicht richtig.
Es ist vielmehr so, daß der Verlauf der amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen seit 1973 durch eine Reihe sowjetischer Handlungen negativ
beeinflußt wurde, die in den Vereinigten Staaten die generelle Unterstützung besserer Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern und eines
Abbaus der Spannungen in der ganzen Welt untergraben haben. Ich will nicht
versuchen, in diesem Schreiben die ganze traurige Geschichte aufzurollen.
Ich möchte jedoch, daß Ihre Leser erkennen, daß in den Vereinigten Staaten
der überwältigende Wunsch herrscht, friedliche und beiderseits nützliche
Beziehungen zur Sowjetunion herzustellen; daß die Amerikaner jedoch meinen,
daß es die sowjetischen Maßnahmen waren, die die Entwicklung solcher Beziehungen
verhindert haben.
Die jüngste Aktion dieser Art - der Einmarsch sowjetischer Streitkräfte in Afghanistan - hat eine sehr negative Auswirkung auf die amerikanischen Vorstellungen bezüglich der vor den Sowjets in der Welt verfolgten
Zielen gehabt. Damit Ihre Leser jedoch nicht glauben, diese Reaktion stehe
lediglich in Verbindung mit der Verschlechterung der amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen, möchte ich die Reaktionen der Völkergemeinschaft der Welt aufzählen.
-

Schon wenige Tage nach der Invasion Afghanistans durch sowjetische
Truppen forderten über 50 Nationen - die Mehrzahl von ihnen
Entwicklungsländer und blockfreie Staaten - den Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen auf, die sowjetische Aktion zu verurteilen
und den Rückzug aus Afghanistan zu verlangen. Die Sowjetunion machte
von ihrem Vetorecht Gebrauch, um so eine Resolution zu blockieren,
die von den Blockfreien abgefaßt und mitgetragen wurde.
Eine

- 3 -

�-

Eine Woche später stimmten 104 Mitglieder der UN-Vollversammlung
- eine überwältigende Mehrheit - für eine ähnliche Resolution, wie
die von der Sowjetunion durch ihr Veto im Sicherheitsrat zu Fall
gebrachte

Wiederum wurde diese Resolution von Mitgliedern der

blockfreien Gruppe abgefaßt und eingebracht.
•

-

Schließlich verurteilten auf der Konferenz von Islamabad vom 26.
bis 29. Januar über 35 islamische Außenminister die sowjetische
Invasion Afghanistans und forderten den Abzug der sowjetischen
Truppen sowie den Abbruch der Beziehungen zu dem mit sowjetischer
Waffengewalt in Afghanistan eingesetzten Regime.
•

-

Diese Reaktionen zeigen die klare Erkenntnis, daß die sowjetische
Invasion Afghanistans eine Herausforderung der gesamten inter- .
nationalen Völkergemeinschaft darstellt.

Noch nie ist eine Aktion

einer Weltmacht auf eine raschere und allgemeinere Verurteilung
gestoßen.

Ihre Leser mögen sich fragen, warum die Welt so energisch

und hart reagierte; eine Rekapitulation der Tatsachen wird ihnen zum
Verständnis helfen:
-

In der Nacht vom 24. zum 25. Dezember begann eine massive Luftlandeoperation sowjetischer Truppen in Kabul und an anderen Punkten in
Afghanistan, die bis zum 27. Dezember anhielt. Angeblich waren
diese Truppen von dem Amin-Regime angefordert worden.

-

Am Abend des 27, Dezember erlangten diese Streitkräfte nach intensiven
Kämpfen mit afghanischen Truppen die Kontrolle über Kabul und
stürzten

die bestehende Regierung.

Präsident Amin, dessen repressives

Regime die UdSSR mit Waffen, Menschen und Material unterstützt hatte,
wurde liquidiert,

(Sowjetische Behauptungen, Amin sei ein amerika-

nischer Agent gewesen, stießen auf ein klares Dementi, und selbst diejenigen, die unseren Dementis nicht glauben, müssen einsehen, daß

�daß - wären diese Behauptungen wahr gesesen - ein angeblicher
CIA-Agent doch wohl kaum sowjetische Truppen in sein Land gerufen
hätte, damit sie ihn absetzen.)
-

Die erste Bekanntgabe von der Ersetzung Amins durch Babrak Karmal
erfolgte nicht von Radio Kabul, das damals unter dem Angriff
sowjetischer Truppen stand, sondern von Sendern in der Sowjetunion.
Karmal war zu jener Zeit offensichtlich nicht einmal in Kabul,
sondern erschien erst einige Tage später in der Öffentlichkeit.

-

Inzwischen hatten sowjetische Truppen in Stärke von 50 000 Mann
die afghanische Grenze überschritten und verteilten sich über das
ganze Land, wobei sie die wichtigsten städtischen Zentren unter
ihre Kontrolle brachten.

-

Zur Zeit befinden sich über 90 000 sowjetische Soldaten in Afghanistan
- wohl kaum ein begrenztes Truppenkontingent.

-

Sie führen Operationen gegen die auf ihre Unabhängigkeit stolze und
religiöse muselmanische Bevölkerung durch. Diese Bevölkerung hatte
früher gegen das Taraki- und Amin-Regime gekämpft, um ihren Glauben
und ihre Lebensformen zu bewahren. Behauptungen, daß die Opposition
des afghanischen Volkes gegen Taraki, Amin und jetzt gegen Karmal
von außen her angefacht worden sei, werden durch keine Tatsachen
gestützt.

-

Ohne die massive sowjetische Präsenz in Afghanistan würde das
Karmal-Regime zusammenbrechen, da es von der Bevölkerung nicht
getragen wird.

-

Ich habe mich mit diesen Tatsachen etwas eingehender befaßt, weil
ich möchte, daß Ihre Leser wissen, warum die öffentliche Welt-

- 5 -

�Weltmeinung von den Ereignissen in Afghanistan so betroffen wurde.
Dies erschien der Welt als ein klares Beispiel für die Einmischung
in die inneren Angelegenheiten eines kleinen, von Unruhen heimgesuchten
Landes durch eine benachbarte Supermacht.

Angesichts der eindrucks-

vollen militärischen Stärke der Sowjetunion ist es schwer zu
akzeptieren, daß dabei irgendeine Gefahr für lebenswichtige sowjetische
Interessen mit im Spiel war, und daher ist es besonders schwer zu
verstehen, warum die sowjetische Regierung sich zu einer Aktion
entschließen sollte, durch die die internationalen Spannungen an
diesem so entscheidend wichtigen Zeitpunkt in der Weltpolitik
gefährlich erhöht werden.
Wie Sie wissen, wurde der wichtige Vertrag über die Begrenzung der
strategischen Kernwaffen, der in Wien von Präsident Carter und Präsident
Breschnew unterzeichnet worden war, dem Senat der Vereinigten Staaten zur
Ratifizierung vorgelegt und eine ernsthafte Debatte während mehrerer Monate
darüber geführt. Angesichts des sowjetischen Vorgehens in Afghanistan hat
Präsident Carter jedoch die weitere Erörterung des Vertrages durch den Senat
ausgesetzt. Er wird auch weiterhin in engen Beratungen mit dem Kongreß
stehen, um die Kernwaffen unter Kontrolle zu bringen, und ich hoffe, daß es
bald möglich sein wird, die Erörterungen des SALT II-Vertrages im Senat
wieder aufzunehmen.
Was die weiteren von Präsident Carter in Reaktion auf die Invasion
angekündigten Maßnahmen anbetrifft, so sind sie zweifellos für unsere
Beziehungen bedeutsam. In ihnen kommt der Ernst der Situation zum Ausdruck,
die durch die Sowjetunion geschaffen wurde. Wie der Präsident hervorhob,
können die Vereinigten Staaten - zusammen mit anderen Ländern, die sich
zu den Prinzipien der nationalen Souveränität und Unabhängigkeit bekennen angesichts dieser Herausforderung gegenüber den etablierten Grundsätzen
des Völkerrechts und des internationalen Verhaltens in ihrem Umgang mit
der Sowjetunion nicht weiterhin so tun, als wäre nichts geschehen. Das

- 6 -

�Das heißt nicht, daß wir die Rückkehr in den Kalten Krieg wollen, und es
heißt auch keinesfalls, daß wir das sowjetische Volk und seine offiziellen
Vertreter, mit denen wir viele gute Möglichkeiten für eine für beide Seiten
nützliche Zusammenarbeit und einen Gedankenaustausch geschaffen haben,
"bestrafen" wollten.

Es heißt jedoch, daß wir wollen, daß die sowjetische

Regierung und das sowjetische Volk verstehen, wie stark wir von dem betroffen sind, was in Afghanistan geschah.
Vor diesem Hintergrund können Sie und Ihre Leser vielleicht die
Trauer verstehen, mit der Amerikaner solche maß- und zügellosen Erklärungen,
wie die in Ihrem Brief aufgestellte Behauptung entgegennehmen, daß Präsident
Carter den Kurs eines "rapiden und hysterischen Anti-Sowjetismus" eingeschlagen habe. Das ist einfach nicht wahr. Ihren Lesern eine solche falsche
Anschuldigung vorzusetzen, erschwert nur unnötig den künftigen Kurs unserer
Beziehungen und die Aussichten auf eine friedliche Welt ohne Gefahr eines
Krieges und ohne Verletzung der Souveränität und Unabhängigkeit der Völker.
Sie fragen in Ihrem Brief, welches die Ziele der USA in der kommenden
Zeit seien. Sie können versichert sein, daß sie sich nicht geändert haben.
Unsere Ziele sind: den Frieden erhalten, Mittel finden (vor allem durch
Rüstungskontrolle), um die Spannungen zwischen unseren beiden Ländern und
in der Welt insgesamt zu verringern, und wo es möglich ist und in unserem
beiderseitigen Interesse liegt, die Kooperation zwischen Ost und West zu
erweitern. Aber ehe wir realistisch einen weiteren Fortschritt in Richtung
auf diese Ziele hin erwarten können, muß die Sowjetunion ihrerseits eine
Frage beantworten: Wird die Sowjetunion helfen, stabilere internationale
Verhältnisse zu schaffen, in denen ihre eigenen und die legitimen friedlichen
Anliegen anderer Länder wahrgenommen werden können und wo kein Land die
Invasion durch ein anderes Land zu fürchten hat?
Hochachtungsvoll
gez.: Thomas J. Watson, Jr.
+ + + + +

- 7 -

�Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. Februar 1980

13

DIE SOWJETISCHE INVASION AFGHANISTANS UND DIE REAKTION
DER VEREINIGTEN STAATEN UND IHRER VERBÜNDETEN
Von Arthur A. Hartman, Botschafter der USA in Paris

PARIS

- (AD) - In einer Rede vor dem "American Club of Paris" ging

der Botschafter der Vereinigten Staaten in Frankreich, Arthur A Hartman,
am 20. Februar 1980 auf die amerikanische Reaktion auf die sowjetische
Invasion Afghanistans sowie auf die Haltung der europäischen Verbündeten
in dieser Frage ein.
Die Rede hat folgenden Wortlaut:
Ich möchte eindringlich und ernsthaft zwei Aspekte des gleichen
Problems behandeln - erstens, die amerikanische Analyse der Ereignisse
in Afghanistan und die darauffolgende Reaktion und zweitens,warum wir nach
meiner Ansicht in dieser Frage Schwierigkeiten mit unseren europäischen
Freunden haben.

Zu

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�Zu Anfang meiner Ausführungen möchte ich sagen, daß ein Großteil
unseres Problems zurückgeht auf die Anwendung des französischen Wortes
"detente" - ein großes Mißverständnis, weil entgegen der gängigen Weisheit
die französische Sprache nicht immer eine Hilfe für luzide Klarheit ist,
sondern vielmehr beim Geschriebenen das bewirken kann, was ein Löschblatt
hervorruft, wenn man darauf mit Tinte schreibt. Vom Standpunkt des Westens
läßt sich der Ausdruck "detente" im allgemeinen Sinne als das Verhalten
beschreiben, das man gegenüber einer expansionistischen und mächtigen
Sowjetunion zu einer Zeit einnimmt, in der ein uneingeschränkter Krieg
durchaus zu einem Mittel geworden ist, um die Welt zu zerstören.

Das

Problem in dieser Form hat uns seit über einem Jahrzehnt begleitet und
stellte sich somit zumindest für die letzten drei amerikanischen Präsidenten:
Nixon, Ford und Carter - als Aufgabe und Herausforderung.

Ich habe an den

Bemühungen um eine Definition von Entspannung (detente) in jeder dieser
Administrationen teilgenommen und bin mehr erstaunt über die Kontinuität
dieser Anstrengungen als über ihre Unterschiede.

Für die Regierung der

Vereinigten Staaten bedeutete Entspannung stets eine zweigleisige Politik.
Einerseits bot sie die Aussicht auf ein sichereres und kooperativeres
Verhältnis zur Sowjetunion:

Verminderung des strategischen Wettrüstens,

Steigerung des für beide Seiten vorteilhaften Handels und Investierens,
Schaffung eines Netzes von Beziehungen auf wissenschaftlichem und kulturellem
Gebiet.

Andererseits erforderte die Entspannung eine Zurückhaltung der

Sowjets in ihrem globalen Verhalten sowie eine ausreichende militärische
Stärke Amerikas, um eine glaubhafte Abschreckung gegen den sowjetischen
Expansionismus zu bieten.

Jeweils war der eine Aspekt dieser Politik

immer von entscheidender Wichtigkeit für den anderen; die Verbindung von
Anreiz und Warnung, von Zuckerbrot und Peitsche mußte zusammen bestehen.
Es erwies sich, daß sich eine solche Politik unter den amerikanischen
Gegebenheiten nur sehr schwer durchführen ließ.

So wurde beispielsweise

die eine Seite - die des Anreizes oder Zuckerbrots - durch die Aktion
des Kongresses im Jahre 1974 geschwächt, die ein absolutes Junktim zwischen

- 2 -

�zwischen dem Handel und der sowjetischen Bereitschaft forderte, eine
bestimmte Quote von Emigranten zuzulassen, und die damit der Administration
die Hände band. Moskau lehnte ein solches Junktim ab, und der Handel
welkte. Auf der Seite der Warnung oder der Peitsche blieb der sowjetischkubanische Vorstoß nach Angola Ende 1976 weitgehend unbeantwortet, weil
es in der Öffentlichkeit keine Unterstützung gab, um ihn zu kontern. Aber
wenn es auch in der Durchführung der amerikanischen Politik Inkonsequenzen
gab, so war es doch die sowjetische Aggressivität, die primär für die
Verschlechterung der Beziehungen im Verlauf der letzten Jahre verantwortlich
war. Niemand in der amerikanischen Führung hat sich je irgendwelche
Illusionen über den rücksichtslosen Opportunismus gemacht, dem Moskau
folgte. Die Sowjets selbst haben sich darüber recht deutlich ausgesprochen.
Wie Breschnew im Jahre 1976 sagte: "Entspannung hebt nicht im geringsten...
die Gesetze des Klassenkampfes auf..." Auf den Vorstoß in Angola erfolgten
die von den Sowjets gestützten Bewegungen in Äthiopien, im Südjemen, in
Kambodscha und in jüngster Zeit in Afghanistan.

Auf welche Weise hat die Regierung Carter die Entspannung betrieben?
Nicht viel anders als ihre Vorgänger, nämlich als eine Kombination von
Verhandlungen zur Ermutigung eines zivilisierten sowjetischen Verhaltens
und von Strafen zur Entmutigung sowjetischer Aggressivität.

Die stärkere

öffentliche Betonung der Menschenrechte lag genau auf dieser Linie und
bedeutete eher einen Wechsel in der Betonung und im Stil.
Auf der einen Seite unternahm der Präsident große Anstrengungen,
um den SALT II-Vertrag fertigzustellen - einen Vertrag, der eindeutig
im Interesse der Vereinigten Staaten liegt, errichtet er doch Höchstgrenzen
für die strategische Rüstung der Sowjetunion. Obgleich die Invasion
Afghanistans den Vertrag gefährdet, bleibt der Präsident doch auch weiterhin
der Kontrolle von Kernwaffen verpflichtet. Auf der anderen Seite gibt es
eine Tendenz, die Schritte zu vergessen, die die Regierung Carter schon
vor Afghanistan unternommen hat, um auf die sowjetische Aufrüstung zu

- 3 -

�zu antworten.

Wir entschlossen uns dazu, die mobile Rakete MX zu bauen,

um eine unverwundbare landgestützte Abschreckungswaffe zu bekommen.

Wir

übernahmen eine führende Rolle bei der Entscheidung des Bündnisses,
modernisierte Kernwaffen in Europa als Antwort auf die sowjetische SS-20
zu dislozieren.

Wir begannen mit der Verbesserung unserer Fähigkeit,

amerikanische Streitkräfte rasch in entfernte Gebiete zu dislozieren.
Hierbei handelt es sich um langfristige Politiken.

Die Invasion Afghanistans

machte deutlich, daß auch eine unmittelbarere Antwort erforderlich war.
Was bedeutet Afghanistan?

Meiner Meinung nach wurden viel Tinte und

Worte in dem Versuch verschwendet, die Beweggründe der Sowjets zu definieren.
Aber was immer ihre Beweggründe sind, so ergeben sich doch bestimmte objektive
Konsequenzen aus der Brutalität der sowjetischen Intervention und den dabei
verwendeten Mitteln:
-

Erstens,

zum erstenmal wurden ganze Einheiten sowjetischer Truppen

außerhalb Osteuropas eingesetzt, um die koloniale Herrschaft
Moskaus auszuweiten.

Und wie die Sowjets den Warschauer Pakt

benützten, um die Invasion in Ungarn und in der Tschechoslowakei
zu rechtfertigen, so haben sie ihren Vertrag über Freundschaft
und Zusammenarbeit mit Afghanistan angeführt, um ihre dortige
Invasion zu verteidigen. Es verdient Beachtung, daß Moskau ähnliche
Verträge mit sechs weiteren Ländern hat. Drei davon - Südjemen,
Äthiopien und Irak - in der kritischen Golfregion.
-

Zweitens, die Einnahme Afghanistans spiegelt eine weitere Ausdehnung
des Machtbereichs Moskaus über seine Grenzen hinaus wider und verstärkt die Stützpunkte auf der arabischen Halbinsel und in Ostafrika.

-

Drittens, sowjetische Truppen sind nunmehr in einer Position, um
die Nachbarn Afghanistans unmittelbar zu bedrohen. Sie sind an
den Grenzen zu Pakistan. Außerdem besteht eine zusätzliche Bedrohung

�Bedrohung des angrenzenden Iran, der bereits durch einen Prozeß
der Desintegration gefährdet ist.

Zudem wird das nahegelegene China

unter zusätzlichen Druck gesetzt.

-

Viertens, der sowjetische Vorstoß nach Afghanistan bedroht eine
Region, in der mehr als zwei Drittel des exportierbaren Öls der Welt
lagern.

Unter solchen Umständen war eine kraftvolle amerikanische Reaktion
eindeutig erforderlich.

Versuchen Sie sich einmal die Lage vorzustellen,

hätte es keine solche amerikanische Reaktion gegeben.

Sicherlich würde

eine ganze Reihe der Staaten - vielleicht einschließlich einiger in dem
kritischen Golfgebiet -, die jene 104: 18-Abstimmung bei den Vereinten
Nationen gegen die sowjetische Invasion zustandebrachten, sich stattdessen
untereinander um eine Beilegung des Streites mit den Sowjets streiten.
Diejenigen in Moskau, die begierig danach sind, ihre Macht auszuweiten,und
von den Kosten nicht überzeugt sind, würden den Schluß gezogen haben,
daß sich ihr Einsatz ausgezahlt hat und das Spiel ungestraft erneut
versucht werden könnte.

Und schließlich:

Viele von denjenigen in West-

europa, die heute von amerikanischer Überreaktion flüstern, würden sich
darüber aufgeregt haben, daß die Vereinigten Staaten "ein weiteres Land
verloren" haben.

Daher war der Schritt des Präsidenten, den Sowjets Getreidelieferungen
und fortgeschrittene Technologie vorzuenthalten, sowie seine Anstrengungen
zur Verlegung, Absagung oder Verschiebung der Olympischen Spiele die
richtige Antwort.
unangemessen.

Manche Leute in Europa kritisieren unsere Schritte als

Ich warte noch immer auf eine Liste der angemessenen Schritte.

Manche sagen, diese Schritte würden dem Volk von Afghanistan nicht helfen.
Ich bin mir nicht so sicher.

Aber es geht ohnehin nicht darum!

Das Ziel

der Schritte des Präsidenten war es nicht, die Sowjets zu bestrafen, sondern
sie dadurch vor einer zukünftigen Aggression abzuschrecken, daß ihnen klar-

- 5-

�klargemacht wird, daß sie dafür einen hohen Preis zahlen müssen.
Aufgrund der Bedrohung angrenzender Gebiete beschränkte sich unsere
Reaktion nicht auf Schritte, die unsere bilateralen Beziehungen mit der
Sowjetunion betreffen.

Wir haben auch unser grundlegendes Interesse an

dem Gebiet um den Persischen Golf zum Ausdruck gebracht und unternehmen
Schritte, um die Sicherheit in dieser Region zu erhöhen:
-

Der Präsident hat die Warnung geäußert, daß jeder Versuch einer
außen stehenden Macht, die Kontrolle über die Region um den
Persischen Golf zu erringen, unter "Einsatz aller notwendigen
Mittel, einschließlich militärischer Macht" zurückgeschlagen werden
wi rd.
•

-

Wir haben unsere Flottenpräsenz im Indischen Ozean erhöht und
verstärkt und unternehmen derzeit Schritte, damit wichtige Flottenund Luftstützpunkte in dem Gebiet um Nordostafrika und den
Persischen Golf von unseren Streitkräften benützt werden können.

-

Wir haben unser Abkommen aus dem Jahr 1959 bekräftigt, Pakistan
bei der Wahrung seiner Unabhängigkeit und Integrität zu helfen,
und arbeiten an einem militärischen und wirtschaftlichen Hilfsprogramm für Pakistan.
"

•

•

'

'

"

•

!

.

-

Wir haben Frau Gandhi gegenüber unser Interesse an einer engeren
Zusammenarbeit mit Indien zum Ausdruck gebracht und betont, daß
unserer Ansicht nach eine aggressive Sowjetunion auch für Indien
eine Gefahr darstellen kann.

-

Wir werden mit der Normalisierung unserer Beziehungen zu China
fortfahren und der Volksrepublik militärisches Hilfsgerät - jedoch
keine eigentlichen Waffen - verkaufen.
über
- 6 -

�über die Golfregion hinaus sind wir auch in anderen Gebieten wachsam,
die sowjetischem Druck gegenüber verwundbar sein könnten. Auf dem Balkan
ist die Stabilität unseres Verbündeten Türkei und des bündnisfreien
Jugoslawien für die amerikanische Politik von größter Bedeutung.

Und wir

arbeiten daran, einen Konflikt im Nahen Osten zu verhindern.
Als Ergebnis des Friedensvertrages zwischen Ägypten und Israel hat
Israel nunmehr zwei Drittel des Sinai an Ägypten zurückgegeben,und die
Beziehungen zwischen den beiden Ländern verbessern sich ständig. Dies ist
eine bemerkenswerte Tatsache, wenn man sich an die Kriege der Jahre 1967
und 1974 zwischen diesen beiden Ländern und an das Maß erinnert, zu welchem
diese die Großmächte hätte einbeziehen können - und auf diese Weise das
Risiko eines Weltkrieges. Was in Camp David erreicht wurde, ist nicht
vollkommen. Wir wissen, daß es heutzutage keine wichtigere Aufgabe gibt
als diejenige, Fortschritte bei der Palästina-Frage zu erzielen. Ein
Fehlschlag bei dieser Aufgabe würde den Nahen Osten zu dauernder Unsicherheit
und Gefahr verurteilen.
Dies also ist Teil einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die die Regierung
der Vereinigten Staaten ergriffen hat. Unsere Antwort auf die Ausweitung
sowjetischer Macht wurde auf mehreren Ebenen gegeben: bilateral, regional
und global. Es handelt sich um eine Antwort, die auf einen Rückzug der
sowjetischen Truppen abzielt, und um einen Versuch, eine garantierte Neutralität
für Afghanistan zu finden. Zugleich ist es eine umfassendere Antwort entworfen, um die Sowjetunion vor Schritten der Aggression an anderen
Stellen abzuschrecken. Sie ignoriert nicht die Tatsache, daß wir uns aus
eigenem Interesse auch weiterhin mit der Sowjetunion auseinandersetzen
werden, besonders in dem Bereich der strategischen Rüstungskontrolle.
Entspannung, verstanden als Methode, die sowohl Anreize als auch Strafen
umfaßt, hat nicht versagt. Aber die sowjetische Aggression hat Strafen
notwendig werden lassen.

Es wird sowjetischer Zurückhaltung bedürfen, um

- 7 -

�um eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit zu ermöglichen. Präsident Carter
deutete die Option an, als er feststellte:
grundlegende Fragen beantworten:

"Die Sowjetuniom muß einige

Will sie dabei helfen, ein stabileres

internationales Umfeld zu fördern, in dem ihre eigenen legitimen, friedlichen
Anliegen verfolgt werden können?

Oder will sie fortfahren, ihre militärische

Macht weit über ihre echten Sicherheitsbedü'rnisse hinaus auszudehnen und
diese Macht für koloniale Eroberung auszunützen?"
Ich glaube, daß die Amerikaner in der gegenwärtigen Krise auf die
einhellige Reaktion unseres Landes auf die zweifache Herausforderung durch
Iran und Afghanistan stolz sein können.

Als Regierung und als Volk haben

wir entschlossen und vernünftig gehandelt - mit Kraft, wenn dies erforderlich
war, mit Zurückhaltung, wenn es solcher bedurfte.

Unsere Antwort auf diese

Herausforderungen hat uns über die Ära nach Vietnam und Watergate hinweggeführt, als wir uns nur allzu oft unbeweglich und gelähmt fanden.
haben wir unsere Stimme und unser Selbstvertrauen wiedergefunden.
eine ruhige, stetige und folgerichtige Politik.

Endlich
Wir verfolgen

Wir würden bei unseren

Verbündeten gern ein gleiches sehen.
Erlauben Sie mir, daß ich mich nun dem Problem zuwende, wie Europa
es sieht»und damit der Frage, warum wir Schwierigkeiten bekamen, zu einer
Verständigung zu gelangen. Erstens, wir sind eine große, offene Demokratie,
die zu ihren Entscheidungen gelangt, indem sie eine unterschiedliche
breite Öffentlichkeit von kontinentalem Größenmaß auf eine vom Präsidenten
vertretene Politik vereint. Fehlt diese Unterstützung durch die breite
Öffentlichkeit, dann kann kein Präsident stark und zielbewußt erscheinen oder in der Tat stark sein. Ein wichtiges Element für jeden amerikanischen
Präsidenten ist die Bekundung vor der Öffentlichkeit, daß unsere Verbündeten
in den gleichen Bahnen denken wir wir selbst.
•

Daher haben die amerikanischen Präsidenten - selbst wenn es keinen
anderen triftigen Grund gab - die Notwendigkeit empfunden, mit ihren

- 8 -

�ihren Verbündeten zu einem Austausch der Ansichten, der Lagebeurteilungen
und der vorgesehenen Strategien zusammenzutreffen.

In Europa scheint in

gewissen Kreisen der entgegengesetzte Impuls zu herrschen.

Da wir relativ

groß und mächtig sind und die einzelnen europäischen Nationen sich selbst
als klein und relativ schwach ansehen, besteht bei den Europäern und vor
allem bei den Franzosen die Tendenz, sich möglichst nicht in eine Lage zu
bringen, in der nach ihrem Gefühl die innenpolitischen Gegner die Führung
beschuldigen könnte, sie beuge sich dem amerikanischen Druck.

Ich fürchte,

daß diese Situation bestehen bleibt bis zu der Zeit, da die wirtschaftliche
Stärke der Europäischen Gemeinschaft -die fast so groß wie die unsrige ist in eine nutzbare politische Kraft und Entscheidung verwandelt werden wird.

Aber wenn wir in dieser Zwischenzeit auch Verständnis für die Probleme
der Form zeigen müssen, was sind denn nun die Fakten?
Als erstes ist hervorzuheben, daß die amerikanischen Ziele und die
unserer Verbündeten die gleichen sind.

Wir wie sie wollen die Bedingungen

schaffen, die notwendig sind, um eine Wiederholung der sowjetischen Aggression
zu verhindern.

Wir wie sie wollen in unseren Beziehungen zu Moskau zu

dem richtigen Gleichgewicht zwischen Festigkeit und Kooperation gelangen,
in dem sich zeigt, was wahre Entspannung überhaupt ist.

Wie sollte das Vorgehen des Westens aussehen?

-

Es muß in der Überzeugung verankert sein, daß Entspannung nicht
teilbar ist; mit anderen Worten, die Sowjets dürfen nicht glauben
können, daß das, was sie in Afghanistan getan haben, in keinem
Zusammenhang mit ihren Beziehungen zu den westlichen Staaten stehe.

-

Ein westliches Vorgehen muß über die bloße Rhetorik hinaus zur
Aktion schreiten.

Die Sowjets werden sich durch Worte allein nicht

davon abbringen lassen, weitere Risiken einzugehen.

- 9-

Sie müssen

�müssen wissen, daß ein fühlbarer Preis zu zahlen sein wird.

So

zu tun, als ob nichts gewesen wäre - das ist kein Rezept für eine
wirksame westliche Antwort auf Afghanistan.
Das westliche Vorgehen muß nicht identische Aktionen seitens der
Verbündeten erfordern, aber es sollte zu parallelen Aktionen führen.
Wie Henry Kissinger vor einigen Wochen in Paris sehr richtig sagte,
wird es nicht gehen,daß die Europäer für sich das Monopol der
Mäßigung haben, während die Amerikaner das Monopol für Druck erhalten.
Das westliche Vorgehen muß nicht die Stärke zum Opfer bringen, die
wir aus unserer politischen Vielfalt ziehen, aber es muß in unseren
gemeinsamen Interessen und Zielsetzungen verwurzelt sein, die uns
als Verbündete einen. Ich glaube, wir sahen diesen Geist in der
Erklärung von Präsident Giscard und Bundeskanzler Schmidt vor zwei
Wochen, als sie die Loyalität ihrer beiden Ländern gegenüber dem
atlantischen Bündnis und ihre Entschlossenheit, ihre dem Bündnis
gegenüber eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, bekräftigten.
In dieser Hinsicht können die Erklärungen gewisser Politiker, daß
Europa "de-nationalisiert" werden und daß Frankreich "einen neuen
Weg zwischen den beiden Supermächten" finden sollte, nur als Ausdruck
neutralistischen Unsinns bezeichnet werden. Es erinnert mich an
eine Episode im Jahre 1939, kurz bevor Hitler den Zweiten Weltkrieg
begann, als die belgische Armee Manöver durchführte, die gegen
Frankreich gerichtet waren, nur um damit ihre Neutralität zu zeigen.
Es scheint mir wichtig, nicht zu vergessen, auf welcher Seite man
steht.

Schließlich gehört zu einem westlichen Vorgehen die Notwendigkeit
häufiger Konsultationen unter den Verbündeten, damit die Gewähr
gegeben ist, daß unsere gemeinsamen Zielsetzungen verfolgt werden,

�werden, daß unsere Lagebeurteilung den letzten Entwicklungen
entspricht und daß unsere Politik in parallelen Richtungen verläuft. Die Mißverständnisse, die die Vorbereitung des Bonner
Treffens überschatteten, sollten nicht unser grundsätzliches Vorgehen überschatten. Ich bin überzeugt, daß das Zusammentreffen
von Außenminister Vance mit Außenminister Francois-Poncet in einem
positiven Geist stattfinden wird.
Warum ist ein einheitliches westliches Vorgehen so wichtig?

Zunächst

einmal deshalb, weil die Vereinigten Staaten kein Monopol auf alle Gelehrsamkeit haben. Wir brauchen den Rat, den Beistand und die Beteiligung
Europas. Außerdem würde ein Mangel an westlicher Einheit es den Sowjets
erlauben, ihr altes Spiel zu betreiben, Europa von den Vereinigten Staaten
zu trennen und Führern in anfälligen Teilen der Welt das Signal zu geben,
daß der Westen Schwäche gezeigt hat. Drittens ist deutlich - auch wenn ich
mir nicht anmaßen möchte, für Europa zu sprechen -, daß die grundlegenden
Interessen Europas betroffen sind, wie die europäische Abhängigkeit von
importiertem Erdöl - neben anderen Faktoren - deutlich machen dürfte.
Wir fordern Europa nicht einfach geistlos dazu auf, sich uns anzuschließen;
aber wir haben ein Recht darauf, von Europa zu erwarten, daß es sich nicht
deshalb von uns distanziert, um seine Unabhängigkeit zu zeigen. Wir fordern
Europa lediglich dazu auf, die Vereinigten Staaten nicht als Kontrastfigur
anzusehen, sondern seine eigenen Interessen zu definieren und danach zu
handeln.
Im Licht unserer gemeinsamen westlichen Ziele kann ich nur erwarten,
daß ein europäischen Vorgehen zum Schutz seiner Interessen den Zusammenhang des Bündnisses stärken würde.

Es wäre tragisch, wenn wir dabei

versagen würden, uns der sowjetischen Herausforderung zu stellen, denn wr
sind so stark, wenn wir einig sind.

Die Sowjets, nicht wir, leiden an

einer alternden Führung, an beginnenden Produktivitätskrisen, an schwerwiegenden Nationalitätenproblemen, hervorgerufen durch die diktatorische

- 11 -

�diktatorische Natur des Regimes.
an zwei Grenzen kümmern.

Sie, nicht wir, müssen sich um Gegner

Sie leiden unter der Unfähigkeit, ihren Einfluß

ander als durch die Ausübung roher Gewalt geltend zu machen,und sind jetzt
von der islamischen Welt als gottlos abgestempelt.

Trotz seiner wirtschaft-

lichen Schwierigkeiten hat der Westen eine wirtschaftliche und technologische
Dynamik - sowie eine politische und moralische Dynamik -, der die Sowjets
nichts entgegensetzen können.
Was wir - wie in allen Zeiten der Krise - als Verbündete brauchen,
ist der politische Wille, uns der Herausforderung auf eine Weise zu stellen,
die unsere gemeinsamen Werte verstärkt. Das ist nicht zuviel verlangt von
Ländern, die das gleiche politische Erbe, die gleichen Vorstellungen von
Freiheit und Demokratie teilen. Die gegenwärtige Herausforderung durch die
Sowjetmacht ist komplex und gefährlich. Aber was mich angeht, so sehe
ich mehr Grund zum Optimismus, was die Antwort der Verbündeten angelangt,
als zur Verzweiflung. Gemeinsam haben wir uns schon früher solcnen Herausforderungen gestellt - in Berlin 1948, in Kuba 1962 und bei der Entscheidung
im vorigen Dezember, der Herausforderung durch die SS-20 mit neuen Raketen
in Westeuropa zu begegnen. Kühle politische Analyse, eine entschlossene
Antwort und eine Fähigkeit, für ein gemeinsames Ziel zusammenzuarbeiten
liegen sicherlich nicht außerhalb unserer Möglichkeiten. Es ist Zeit für
uns alle, daran zu denken, daß das, was uns einigt, wichtiger ist, als was
uns trennt - und weiterzumachen.

+ + + + +

..

.

- 12 -

�Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

27. Februar 1980

13

ERKLÄRUNG DES WEISSEN HAUSES ZU DEN OLYMPISCHEN SPIELEN IN MOSKAU

WASHINGTON - (AD) - Das Weiße Haus gab am 20. Februar bekannt,
daß Präsident Carter dem amerikanischen Olympischen Komitee empfohlen hat,
keine Mannschaft der Vereinigten Staaten zu den Olympischen Sommerspielen
in Moskau zu entsenden.
Vor einem Monat hatte Präsident Carter erklärt, der werde die Führung
des Nationalen Olympischen Komitees der USA auffordern, die Moskauer
Spiele zu boykottieren, falls die sowjetischen Streitkräfte nicht bis zum
20. Februar 1980 aus Afghanistan abgezogen seien.
Nachdem diese Frist unbeachtet abgelaufen war, erklärte das Weiße
Haus:

"Der Präsident hat deshalb dem Olympischen Komitee der Vereinigten

Staaten mitgeteilt, daß seine Entscheidung unverändert feststehe und wir
keine Mannschaft nach Moskau schicken sollten."
Die Erklärung des Weißen Hauses hat folgenden Wortlaut:

Am

Postfach 20 03 0 0
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�Am 20. Januar schrieb der Präsident an den Präsidenten des Olympischen
Komitees der Vereinigten Staaten,Kane, um das Komitee aufzufordern, sich
an das Internationale Olympische Komitee mit dem Vorschlag zu wenden,
die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau zu verlegen, zu verschieben oder
abzusagen, sollten die sowjetischen Streitkräfte nicht innerhalb eines
Monats vollständig aus Afghanistan abgezogen sein.

Der Präsident forderte

darüber hinaus, daß das Olympische Komitee der Vereinigten Staaten auch
keine Mannschaft zu den Moskauer Spielen entsenden sollte, falls diese
Vorschläge nicht angenommen würden.
Diese Haltung erhielt die vollste Unterstützung des Kongresses der
Vereinigten Staaten und des amerikanischen Volkes.
Am 12. Februar kündigte das Internationale Olympische Komitee an,
daß es bei seinen Plänen bleiben werde, die Spiele in Moskau abzuhalten.
Am 14. Februar veröffentlichte der Präsident des amerikanischen Olympischen
Komitees, Kane, eine Erklärung, in der es hieß, das Olympische Komitee der
Vereinigten Staaten werde selbstverständlich jede Entscheidung des
Präsidenten darüber akzeptieren, ob eine Mannschaft nach Moskau geschickt
werden solle.
Ein Monat ist jetzt vergangen und die sowjetischen Streitkräfte haben
noch nicht einmal mit dem Abzug aus Afghanistan begonnen. Der Präsident
hat deshalb dem Olympischen Komitee der Vereinigten Staaten mitgeteilt,
daß seine Entscheidung unverändert feststehe und wir keine Mannschaft
nach Moskau schicken sollten. Der Präsident dankte dem Komitee für dessen
Eifer und patriotischen Anstrengungen bei der Unterbreitung des Vorschlags
einer Verlegung, Verschiebung oder Absage der Spiele und ersuchte es,
unverzüglich Schritte einzuleiten, um die Billigung seiner Entscheidung
zu formalisieren.
Das

- 2 -

�Das Olympische Komitee der Vereinigten Staaten hängt bei seinen
Mitteln von der Großzügigkeit amerikanischer Bürger und der amerikanischen
Geschäftswelt ab.

Obgleich keine amerikanische Mannschaft nach Moskau

geschickt wird, führt das Komitee eine Vielzahl anderer wichtiger und
wertvoller Tätigkeiten durch, um ausgezeichnete Leistungen der Athleten in
diesem Land zu unterstützen.

Der Präsident fordert alle amerikanischen

Bürger dazu auf, ihre finanzielle und moralische Unterstützung des
Komitees fortzusetzen.

+ + + + +

- 3 -

�31
I 3

Dokumentation
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

13

27. Februar 1980

ERKLÄRUNG DES WEISSEN HAUSES ZUR UNTERSUCHUNGSKOMMISSION IM IRAN

WASHINGTON - (AD) - In einer vom Weißen Haus am 20. Februar 1980
veröffentlichten Erklärung wird unterstrichen, daß die von den Vereinten
Nationen eingesetzte Untersuchungskommission kein Tribunal sei, sondern
eine Mission zur "Tatsachenfeststellung" unternehme, die die Beschwerde
beider Seiten anhören werde. Es wird darin die Hoffnung zum Ausdruck
gebracht, daß die Kommission "eine baldige Lösung der Krise zwischen
unseren beiden Ländern erzielen wird, was die Freilassung der Geiseln
erfordert."
Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:
Generalsekretär Waldheim hat die Errichtung einer Untersuchungskommission
angekündigt, die nach Iran gehen soll, um die Beschwerde des Iran anzuhören
und eine baldige Lösung der Krise zwischen dem Iran und den Vereinigten
Staaten zu ermöglichen. Er hat erklärt, daß die Kommission mit allen unseren
Leuten sprechen wird.
Die

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 32 40
Telex:08-85432

�Die Vereinigten Staaten und der Iran stimmen in der Einsetzung der
Kommission, wie sie vom Generalsekretär vorgeschlagen wurde, durch beiderseitig annehmbare offizielle Antworten an ihn Liberein.
Bei ihrem Einverständnis haben die Vereinigten Staaten die Erklärung
des Generalsekretärs zur Kenntnis genommen, daß die Kommission eine
Mission zur Tatsachenfeststellung unternehmen wird.
ein Tribunal handeln.

Es wird sich nicht um

Die Vereinigten Staaten setzen voraus, daß die

Kommission die Beschwerden beider Seiten anhören und dem Generalsekretär
berichten wird.

Das amerikanische Volk ist tief gekränkt darüber, daß

der Iran unsere Mitbürger - nachdem er ihnen Schutz zugesagt hatte - als
Geiseln genommen und seit 108 Tagen unter unerträglichen Bedingungen
festgehalten hat.

Die Vereinigten Staaten hegen keinerlei Wunsch, sich in

die inneren Angelegenheiten des Iran einzumischen, aber sie bestehen auf
der sofortigen Rückkehr der 53 Amerikaner, die derzeit illegal in Teheran
festgehalten werden.
•

Die Vereinigten Staaten haben ebenfalls ihre Haltung dahingehend
klargestellt, daß das Zusammentreffen der Kommission mit unseren Mitbürgern
in Einklang mit dem Völkerrecht stehen muß

und daß die Geiseln unter

keinen Umständen einem Verhör unterworfen werden dürfen.

Es ist für die

Kommission jedoch von größter Bedeutung, daß sie ihre vollzählige Anwesenheit feststellen und ihren Zustand beurteilen kann.
Wir hoffen, daß die Kommission - wie es der Generalsekretär gesagt hat
eine baldige Lösung der Krise zwischen unseren beiden Ländern erzielen
wird, was die Freilassung der Geiseln erfordert.

+ + + + +

- 2 -

�3

I a

(KlInternational Communication Agency
Embassy of the United States of America

13

27. Februar 1980

US-REGIERUNG ÜBER GIFTMULL-EXPORT BESORGT
Rechtslage für staatliche Eingriffe wird geprüft

WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Regierung prüft z.Zt. die
Rechtslage hinsichtlich der ihr möglichen Maßnahmen im Zusammenhang mit
Giftmüllexporten der US-Industrie in andere Länder. Atommüll ist davon
ausgenommen, weil in den Vereinigten Staaten anfallender Atommüll nicht
außer Landes gebracht werden darf. Manche amerikanische Firmen haben mit
anderen Ländern Kontrakte zur Aufnahme von Giftmüll abgeschlossen bzw.
verhandeln noch über solche Projekte, die Transaktionen im Wert von
Millionen von Dollar darstellen.
"Wir sind über mögliche Umwelt- und Gesundheitsprobleme im Zusammenhang mit einer Giftmüll-Lagerung im Ausland besorgt", erklärt Dr. Jack
Blanchard vom Referat Umwelt und Gesundheit im amerikanischen Außenministerium.

Mit dem gleichen Fragenkomplex wurden die Vereinigten Staaten

konfrontiert, als noch vor wenigen Jahren die amerikanische Industrie sich
giftiger Chemikalien und anderer gefährlicher Substanzen an Hunderten von
Stellen im Lande auf verschiedene Weise entledigte.

In einigen Fällen

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�Fällen verseuchten die Abfälle in der Folgezeit das Grundwasser oder
vergifteten anderweitig die Umwelt, was bei Einwohnern des betreffenden
Gebietes gesundheitliche Schäden hervorrief.
In Kürze wird im Rahmen des neuen Gesetzes über den Schutz und die
Rückgewinnung von Rohstoffen die Beseitigung von Sondermüll in den
Vereinigten Staaten mit Hilfe der gegenwärtig von der amerikanischen Umweltschutzbehörde ausgearbeiteten Bestimmungen überwacht.

Es gibt bei be-

stimmten Abfällen genügend Möglichkeiten zur Entgiftung, Entseuchung und
auch zur Lagerung.

Bei anderen chemischen Stoffen müssen erst noch

Verfahren zur sicheren Beseitigung oder Lagerung entwickelt werden.
"Wir würden es vorziehen", so Dr. Blanchard, "dieses Problem nicht zu
exportieren".

Aber die Situation ist heikel, weil die Absicht der

Regierung gleichbedeutend mit einer Einmischung in Verfahren der Abfallbeseitigung bei amerikanischen privaten Unternehmen
in die Importpolitik fremder Regierungen ist.

und darüberhinaus

"Wir können nur hoffen, daß

jene Regierungen, die der Aufnahme von Sondermüll zustimmen, auch in der
Lage sind, ihn ordnungsgemäß zu lagern", meinte Dr. Blanchard.

Er spielte

damit auf die Tatsache an, daß sich manche Regierungen von dem Abschluß
solcher Kontrakte Einnahmen, neue Arbeitsplätze oder anderweitige Vorteile
von der Abnahme oder Aufarbeitung von Sondermüll versprechen.
Die Frage des Sondermüllexports wurde im Oktober 1979 aktuell, als
die Firma NEDLOG TECHNOLOGY Group, Inc., berichtete, daß sie mit der
Regierung von Sierra Leone in Verhandlungen stehe, um gegen die Zahlung
von Millionen von Dollar Sondermüll in dieses Land verbringen zu können.
Die Abfälle würden bei Zustandekommen des Vertrags von einem Hafen der
Republik Sierra Leone aus ins Landesinnere gebracht, wo die Fa. NEDLOG
den Bau einer Aufarbeitungs- und Rückgewinnungsanlage plane. Abfälle,
aus denen sich keine brauchbaren Chemikalien, Metalle oder andere Stoffe
würden gewinnen lassen, werde man in nicht mehr benutzten Erzbergwerken

- 2 -

�Erzbergwerken, abgeschlossen von der Außenwelt, lagern. Damals wurde
bekannt, daß sich NEDL06 auch an Chile und ein nicht näher bezeichnetes
drittes Land gewandt hatte.
Seitdem berichtete die amerikanische Presse des öfteren über Firmen,
die angeblich andere afrikanische sowie südamerikanische Regierungen ersucht
hätten, Sondermülldeponien gegen Bezahlung zur Verfügung zu stellen.
Während die Fa. NEDLOG seit dem vorigen Jahre ihre Auslandspläne mit
Vertretern der amerikanischen Bundesregierung erörtert und, wie sie
erklärt, zur Zeit keinen Sondermüll zu exportieren habe, sind die zuständigen
Bundesbehörden besorgt, daß die ihnen bekannt gewordenen Fälle nur die
Spitze eines Eisbergs darstellen könnten. Man sei sich darüber im klaren,
daß es künftig immer häufiger zu einer solchen Situation kommen könne,
weil die Gesetze von Bund, Einzelstaaten und Kommunen immer strenger werden
und sowohl die Kosten als auch die technischen Schwierigkeiten der Sondermüllbeseitigung zunehmen.
So hatte beispielsweise die Fa. Allied Chemical im Jahr 1978 mit
einem Unternehmen in Großbritannien, das über eine Anlage zur Entgiftung
des Pestizids Kepone verfügte, einen Vertrag über Sondermüll abgeschlossen.
In den USA war die Kepone-Beseitigung zu einem Politikum geworden, weil
12 Angestellte einer Firma, die das Pestizid herstellte, an Vergiftungen
erkrankten. Außerdem war durch Kepone eine erhebliche Verseuchung des
James River im Bundesstaat Virginia verursacht worden. Aber auch in
Großbritannien kam es zu Reaktionen der Öffentlichkeit; schließlich erklärte
sich ein westdeutsches Unternehmen mit entsprechenden Anlagen bereit,
Kepone sachgemäß zu vernichten. In jedem Fall arbeitete laut Dr. Blanchard
die amerikanische Regierung "eng mit dem Unternehmen und hohen Regierungsbeamten der betreffenden Länder zusammen, um zu gewährleisten, daß jede
relevante Information über die Gefahren von Kepone allen, die mit der Sache
zu tun hatten, zugänglich gemacht wurde". Im allgemeinen jedoch möchte
die amerikanische Regierung einen gewissen Frei räum zwischen Staat und

- 3 -

�und Privatindustrie erhalten.
Gegenwärtig arbeiten amerikanische Regierungsbeamte an der Formulierung
geeigneter Richtlinien für den Export von Sondermüll, was getrennt von den
Bemühungen läuft, Maßnahmen hinsichtlich des Exports gefährlicher Produkte
zu entwickeln, die in den Vereinigten Staaten nur begrenzt oder überhaupt
nicht angewendet werden düfen.

(Für derartige Produkte mußes vielfach

unterschiedliche AnwendungsVorschriften geben: Während beispielswiese
das Schädlingsbekämpfungsmittel DDT in den USA nur mit starken Einschränkungen
verwendet werden darf, gilt es in einer Reihe anderer Länder für MoskitoVernichtungsaktionen und damit für den Schutz vor Malaria als dringend
notwendig.)
Sowohl in bezug auf gefährliche Produkte als auch Abfall Stoffe überprüft
gegenwärtig die amerikanische Regierung die im Zusammenhang mit dem Export
solcher Substanzen üblichen Meldeverfahren. Sie unterstützt, wie Dr.
Blanchard betont, "voll und ganz die Resolutionen des Umweltprogramms der
Vereinten Nationen und der UN-Vollversammlung, die vollständige Informationen
über verbotene oder gefährliche Chemikalien verlange, welche für Exporte
vorgesehen sind und deren Ausfuhr erschwert werden solid'.

+ + + + +

�I

Wi//cn/chaft
und Technik
International Cominunication Agency
Embassy of ihe United States of America

13

27. Februar 1980

MENSCHLICHE GENE WERDEN KARTIERT

- (AD) - Ein relativ schnelles und einfaches Verfahren zur Ortsbestimmung von Genen in menschlichen Chromosomen hat eine Gruppe von
Biochemikern, Medizinern und Genetikern der Universität Kalifornien in
einem Institut in San Francisco und am Lawrence Livermore Laboratory
entwickelt. Es gelang ihnen, die Zeit für den Prozeß der Lokalisierung
eines Gens auf ein paar Wochen zu verkürzen, wofür bisher unter Umständen
mehrere Jahre erforderlich waren.
Wie schwierig die Genbestimmung beim Menschen ist, erhellt schon
aus der Tatsache, daß die Gesamtzahl der Gene, die beim gesunden Menschen
auf den 46 Chromosomen gespeichert sind, vorläufig nur geschätzt werden
kann - auf 50 000 bis 100 000, von denen bisher 3 000 identifiziert wurden.
Davon konnte man inzwischen an die 300 lokalisieren, d.h. sie einem der
46 Chromosomen zuordnen und ihren Platz innerhalb des betreffenden
Chromosoms ermitteln. Eine Kartierung der Gene trägt dazu bei, die Struktur
des genetischen Materials für den menschlichen Organismus besser zu bestimmen und vielleicht auch das Zusammenwirken von Genen bei den ver-

Postfach 2 0 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 0 2 2 2 1 - 8 9 32 4 0
Telex:08-85432

�verschiedensten Arten gesundheitlicher Störungen zu erfassen.

Die Gen-

Kartierung könnte außerdem Hinweise auf die Natur von chromosomalen Defekten
geben, die schwerwiegende Auswirkungen haben.

Den Ort jener Gene zu finden,

die beispielsweise für Krankheiten wie Hämophilie (Bluterkrankheit),
bestimmte Formen von geistiger Behinderung oder von Polyarthrosen verantwortlich sind, könnte breits den ersten Schritt zu einer die Ursache angehenden
Therapie bedeuten.
Der Schlüssel zu dem jetzigen Erfolg der Wissenschaftler (beteiligt
sind Tony Carrano vom Lawrence Livermore Laboratory, Roger Lebo und Yuet Kan
vom Institut für Genetik in San Francisco und eine Anzahl von Mitarbeitern)
war die Verwendung des am Livermore-Institut entwickelten Zell-Separators.
Mit Hilfe dieser Maschine ist es möglich, Zellen oder Chromosomen blitzschnell zu analysieren und zu trennen.

Von Tausenden menschlicher Zellen

wurden die Chromosomen abgetrennt - mit einer "Ausbeute" von 200 Chromosomen
pro Sekunde.

Dann ging man daran, den Chromosomenverband in seine ver-

schiedenen Untergruppen zu zerlegen.

Dies hätte bei der Anwendung der

bisherigen Verfahren eine Arbeit von Jahren bedeutet, weil bei den im
Labor gewonnenen Zellkulturen nur eine Isolierung von Chromosomen durch
natürliche Prozesse genutzt

werden konnte.

Ein wichtiger Test für das im Lawrence Livermore Laboratory (LLL
abgekürzt) angewandte Verfahren war die Lokalisierung des Gens, das für
die Produktion des Proteins Hämoglobin (roter Blutfarbstoff) "zuständig"
ist. Die Forscher begannen die Prozedur mit einer "Kopie" des HämoglobinGens. Diese Kopie, in Bakterien kloniert, war ein genaues Duplikat des
"echten" Gens und dazu radioaktiv markiert. Dies wurde durch die
Verwendung eines radioaktiven Isotops von Phosphor erreicht.
Dann galt es, herauszufinden, welchem der 46
Hämoglobin-Gen zuzuordnen ist.

Chromosomen das

Die Wissenschaftler brachten eine Kopie

des Gens mit jedem einzelnen der voneinander getrennten 46 Chromosomen

- 2 -

�Chromosomen in einem "Hybridisierung" genannten Prozeß zusammen.

Beim

Chromosom 11 schließlich war es soweit - die Gen-Kopie verband sich mit
der DNS (Desoxyribonukleinsäure) im Chromosom, das zuständige Chromosom
war gefunden.

Nun wurde der Gen-Ort immer enger eingekreist, bis endlich

mit einer besonderen Aufnahmetechnik die von der Gen-Kopie abgegebene
Radioaktivität den genauen Ort des Hämoglobin-Gens auf dem Chromosom
bestätigte.
"Was unsere Arbeit zur Genort-Bestimmung bisher behinderte, war
die geringe Anzahl von Gen-Kopien, die uns gegenwärtig von verschiedenen
Genen zur Verfügung stehen", berichtet Carrano. Der Forscher hofft, daß
man auf diesem Spezialgebiet schneller vorankommen wird, sobald mehr GenKopien verfügbar werden und mehr Forschungszentren mit besonders leistungsfähigen Zell-Separatoren arbeiten können.

+ + + + +

- 3 -

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