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                  <text>und
Dokumentation

1* J

United States Information Service

32

14. Dezember 1977
I N H A L T

DOKUMENTATION
USA halten an Konsultation mit europäischen NATO-Verbündeten fest
- Außenminister Vance und Verteidigungsminister Brown in Brüssel Präsident Carter legt dritten Halbjahresbericht zur KSZE vor
- Wortlaut des Einführungskapitels WIRTSCHAFT
Wie stark ist der US-Dollar wirklich?
von George E„ Cruikshank
Inflation durch Einkommenspolitik bekämpfen
- Interview mit Professor Walter Heller HINTERGRUNDMATERIAL
Der Schutz der Menschenrechte in den Vereinigten Staaten
von Charles F, Abernathy
Amerikas Frauen beschlossen einheitlichen Aktionsplan
- Die Frauenrechtskonferenz von Houston WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Raumfahrtprojekte auf internationaler Basis
- USA arbeiten mit anderen Ländern zusammen
Leben unter ewigem Eis
- Forschungssaison 1977/78 in der Antarktis

Um Über/endung von
Belegexemplaren wircl
gebeten

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Dokumentation
United States Information Service

14. Dezember 1977

32

USA HALTEN AN KONSULTATION MIT EUROPÄISCHEN NATO-VERBONDETEN FEST
• Außenminister Vance und Verteidigungsminister Brown in Brüssel -

BRÜSSEL - (AD) - Der amerikanische Außenminister Cyrus R. Vance
und Verteidigungsminister Harold Brown haben im Rahmen der Wintertagung
des Atlantischen Bündnisses im NATO-Hauptquartier

in Brüssel versichert,

daß die Vereinigten Staaten bei ihren Verhandlungen mit der Sowjetunion
über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen (SALT) die Interessen
ihrer europäischen Verbündeten nicht außer acht lassen werden.
Auf der Ministertagung des Nordatlantikrates am 8c Dezember, die hinter
verschlossenen Türen stattfand, hat Außenminister Vance nach Mitteilung
amerikanischer Regierungsvertreter darauf hingewiesen, daß ein SALT II
Abkommen mit der Sowjetunion zwar keine Garantie für die Stabilität biete,
daß es aber ohne ein solches Abkommen erst recht keine Stabilität geben
könne. Die strategisch nukleare, taktisch nukleare und konventionelle Abschreckung des Bündnisses seien jedoch weiterhin unerläßlich. Vance bekräftigte ferner, daß eine neues amerikanisch-sowjetisches Abkommen
nicht die Entwicklung und Erprobung von Marschflugkörpern (Cruise Missile
oder Flugkörper mit Luftstrahltriebwerk) verhindern werde, sondern nur die

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Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�nur die Dislozierung solcher Flugkörper drei Jahre lang begrenzen werde.
Die USA hätten auch alle Versuche der Sowjetunion abgelehnt, die vorgeschobenen Stützpunkte der Vereinigten Staaten 1n Westeuropa in ein
SALT-Abkommen einzubeziehen.
Vance hat, wie aus amtlichen Kreisen verlautet, betont, daß die
Vereinigten Staaten auf ihre europäischen Verbündeten hörten, sich ihrer
Besorgnisse bewußt seien und weiterhin mit ihnen zusammenarbeiten würden»
Auf einer Pressekonferenz am 9„ Dezember vor seiner Abreise nach dem
Nahen Osten bestätigte Außerminister Vance seine vor dem Nordatlantikrat
gemachten Ausführungen. In einer einleitenden Erklärung sowie in Beantwortung von Fragen nahm er zum Verlauf der NATO-Wintertagung wie folgt
Stellung:
(Andere Fragen bezogen sich auf die Situation im Nahen Osten)
.... Ich verlasse die Ministertagung, die wir gerade beendet haben,
mit erneutem Vertrauen in das Bündnis als dem Eckpfeiler unserer Beziehungen
zu Europa und der amerikanischen Außenpolitik, Wenn diese Tagung auch keine
dramatischen Ereignisse brachte, so war sie meiner Meinung nach doch produktiv und sehr nützlich. Wir überprüften sehr eingehend den Stand der
Ost-West-Beziehungen und die laufenden SALT-Verhandlungen mit der Sowjetunion sowie die Gespräche über eine beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung (MBFR) in Wien. Darüber hinaus haben wir die noch nicht beendeten Gespräche erörtert, die gegenwärtig in Belgrad stattfinden. Wir
überprüften ferner die Fortschritte, die bis heute bei der Verwirklichung
des Arbeitsprogrammes erzielt wurden, das wir auf der letzten Gipfelkonferenz im Mai abgesteckt hatten, und ich glaube, wir alle gelangten zu
dem Schluß, daß die hinsichtlich der verschiedenen Studien gemachten Fortschritte ermutigend sind. Wenn auch die Fragen, denen wir uns gegenübersehen, komplex und nicht leicht lösbar sind, so waren die Gespräche zwischen
den fünfzehn souveränen Nationen doch durch Harmonie gekennzeichnet.
Es ist klar,

�Es ist klar, daß die Entschlossenheit der Verbündeten, alles zu
tun, was für die Aufrechterhaltung der Wirksamkeit der NATO notwendig
ist, von allen geteilt wird. Und ich verlasse Brüssel in der Überzeugung,
daß das Bündnis den Willen, die Entschlossenheit jnd die Mittel hat, jeder
Bedrohung seiner Zielsetzung, seiner Stärke oder seines Zusammenhalts
zu begegnen.
Ich werde jetzt sehr gerne Ihre Fragen beantworten.
Frage: Herr Außenminister, haben Sie irgendeinen Eindruck darüber
gewonnen, ob das Bündnis wünscht, daß die Vereinigten Staaten mit der
Entwicklung und der Dislozierung der Neutronenwaffe fortfahren?
Antwort: Auf unserer Ministertagung wurde die Waffe mit der verminderten
Sprengwirkung, die sogenannte Neutronenbombe, nur zweimal - und das auch
nur sehr kurz - erwähnt. Verteidigungsminister Harold Brown hat sich mit
dieser Frage auf seiner Pressekonferenz ausführlich befaßt, und ich unterstütze, was er Ihnen hierzu vor zwei Tagen gesagt hat. Ich möchte hier
lediglich anmerken, daß der Präsident der Vereinigten Staaten hinsichtlich
der Produktion oder der Dislozierung (dieser Waffe) noch keine Entscheidung
getroffen hat. Der Präsident hat klargemacht, daß wir die Ansichten aller
unserer Verbündeten hinsichtlich sowohl der Frage der Produktion als auch
der Frage der Dislozierung kennenlernen möchten; wir haben bisher noch nicht
die Ansichten aller unserer Verbündeten erfahren, und wir warten darauf, daß
sie uns ihre Vorstellung
und Vorschläge bezüglich dieser Angelegenehit
mitteilen.
Frage: Wir haben sehr viel darüber gehört, daß die Verbündeten eine
größere

Beteiligung in bezug auf SALT III wünschen, und wir haben gehört,

daß die Richtlinien für SALT III Teil von SALT II sein sollen.Ich möchte
gerne wissen, ob Sie zu diesem Wunsch Stellung nehmen können und was nach
Ihrer Meinung die amerikanische Regierung in diesem Zusammenhang tun kann?
Antwort:

�Antwort: Dieses Thema habe ich gestern eingehend in meinen Ausführungen auf der Ministertagung behandelt. Ich gab unseren Kollegen
Zusicherungen hinsichtlich zweier oder dreier Fragen, über die Besorgnisse zum Ausdruck gebracht worden waren. Ich glaube, alle von ihnen
akzeptieren die Versicherungen, die ich ihnen gegeben habe. Wir sind der
festen Überzeugung, daß es hinsichtlich von SALT II volle und umfassende
Konsultationen mit unseren NATO-Verbündeten geben sollte, und auch hinsichtlich von SALT III, wenn wir das in Angriff nehmen.
Das ist von großer Bedeutung, und wir haben uns mit unseren NATOVerbündeten im Zuge von SALT II konsultiert. Wenn Sie mit den Ministern
der verschiedenen Länder sprechen, so glaube ich, daß sie Ihnen erklären
werden, daß ihrer Ansicht nach diese Konsultationen vollständig und
nützlich gewesen sind.
Wenn wir uns in Zukunft auf SALT III zubewegen, so glaube ich, daß
es wichtig ist, diese Konsultationen noch zu intensivieren, weil wir dann
in zunehmendem Maße auf immer komplexere Dinge stoßen werden. Daher ist
es wichtig, daß wir dann eine noch stärkere Konsultation als in früherer
Zeit führen werden, als wir uns noch mit nicht so vielen komplexen Fragen
befassen mußten.
FragerHerr Außenminister, mehrere Länder haben uns erklärt, daß jetzt
Aussichten auf eine gewisse Vorwärtsbewegung bei den Verhandlungen über eine
beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierung in Wien bestehen. Ist
das auch der amerikanische Eindruck? Und wenn ja, welche Form würde dieser
Fortschritt haben?
Antwort: Wii haben ziemlich ausführlich die MBFR-Gespräche sowie verschiedene mögliche Schritte erörtert, uie ergriffen werden müßten, wenn es
Fortschritte bei diesen Gesprächen geben soll. Ich glaube, es war die einstimmige Meinung aller Minister, daß es im Interesse beider Seiten läge, wenn
Fortschritte erzielt werden können. Die erste Frage, die geklärt werden

- 4 -

�werden müßte, ist die Frage des Datenaustauschs, die von grundlegender
Bedeutung für alle anderen Nationen ist; und dies ist ein Gebiet, auf dem
- wie ich hoffe und erwarte - wir vielleicht die ersten wirklichen Fortschritte sehen werden.
Ähnlich hatte sich der amerikanische Verteidigungsminister Harold Brown
auf einer Pressekonferenz am 7. Dezember nach Abschluß der Tagung des
Verteidigungsplanungsausschusses (DPG) der NATO ausgesprochen.
Die Pressekonferenz von Verteidigungsminister Brown vom 7. Dezember
1977 in Brüssel geben wir nachstehend im Wortlaut wieder.
Brown gab zunächst folgende einleitende Erklärung ab:
"Ich habe nicht gezählt, aber ich glaube, das ist meine fünfte NATOMinistertagung in diesem Jahr - drei Tagungen des Verteidigungsplanungsauschusses (DPG) und zwei Tagungen der Nuklearen Planungsgruppe (NPG) und ich halte die letzte Sitzung für die ermutigendste und fruchtbarste.
Ich fühle mich besonders ermutigt durch den Fortschritt bei den kurzfristigen
Initiativen, über die man sich im Mai geeinigt hatte, und mehr noch durch
die Reaktion der Verbündeten auf den drei für diese kurzfristigen Initiativen
ausgewählten kritischen Gebieten: Panzerabwehr, Reserven und erhöhte Einsatzbereitschaft. Ich kann Ihnen beispielsweise Zahlen über die PanzerabwehrLenkflugkörper geben, über die das Bündnis verfügt. Auf der Grundlage der
bereits erteilten oder eingeplanten Aufträge wird sich die Zahl der im
Bündnis verfügbaren Panzerabwehr-Lenkflugkörper in der Zeit von Ende 1976
bis Ende 1978 - die jetzt etwa zur Hälfte abgelaufen ist - um etwa 47 000
auf insgesamt rund 193 000 erhöhen. Ich freue mich über den Fortschritt, den
wir bisher hinsichtlich der Weiterentwicklung der zehn langfristigen Verteidigungsprogramme gemacht haben. Die Hälfte der Zeit zwischen der letzten
Gipfelkonferenz und dem NATO-Gipfel und dem nächsten Gipfeltreffen, das in
Washington stattfinden wird, ist verstrichen. Wir sind somit noch nicht in
vorherzusagen,
der Lage, wieweit aiese Programme vorangetrieben werden können. Wir haben

�•&gt;

Wir haben aber echte Fortschritte erzielt. Wie Ihnen meines Wissens
Unterstaatssekretär General Mumford berichtete, haben die Arbeitsgruppen
bereits spezifische Punkte auf jedem der zehn Bereiche der langfristigen
Programme herausgegriffen, auf die wir uns konzentrieren werden, und die
Minister haben dieses Vorgehen gebilligt. Ich möchte damit nicht implizieren, wir werden im Mai kommenden Jahres, wenn das Gipfeltreffen stattfinden wird, bereits feststellen können: "Die langfristigen Programme sind
ein Erfolg." Es sieht aber so aus, als ob mindestens die meisten von ihnen
bis dahin so weit gediehen sein werden, daß man sie als etabliert bezeichnen
kann und daß die Pläne zur Verwirklichung der NATO-Programme in jedem
Bereich zum Vorteil des ganzen Bündnisses in Angriff genommen wurden. Ich
bin gerne bereit, nunmehr Fragen zu beantworten.
Frage: Herr Minister, unter den europäischen NATO-Partnern scheinen
gewisse Sorgen zu bestehen, die Vereinigten Staaten könnten bei den kommenden
SALT-Gesprächen der Sowjetunion Zugeständnisse machen, die geeignet wären,
die Abschreckungskapazität der europäischen Partner zu vermindern. Deshalb
frage ich: Trifft es zu, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, den Europäern Zugang zur Technologie der Marschflugkörper zu gewähren und daß sie
beabsichtigen, eine Beschränkung der Reichweite derselben auf 2500 km für luftgestützte und von 600 km für land- oder seegestützte Marschflugkörper vorzuschlagen?
Antwort: Die Verhandlungen mit der Sowjetunion, soweit sie see- und
landgestützte Marschflugkörper betreffen, finden ihren vollständigen Niederschlag in einem Protokoll, das voraussichtlich auf drei Jahre befristet sein
wird - eine Zeit, während der die Vereinigten Staaten und meines Erachtens
auch ihre europäischen Verbündeten tatsächlich nicht in der Lage wären, derartige Flugkörper zu dislozieren, weil ihre Entwicklung noch nicht an dem
Punkt angelangt ist, eine wesentlich frühere Dislozierung zu gestatten. Es
besteht mithin keine Einschränkung bezüglich dessen, was die USA oder ihre
europäischen Verbündeten tatsächlich bewerkstelligen könnten. Die Begrenzung
der Reichweite für see- oder landgestützte Marschflugkörper wird, was Ent-

- 6 -

�was Entwicklung und Erprobung angeht, nicht auf 600 km festgesetzt werden
- der vorläufigen Gestalt des Abkommens nach, das natürlich noch keineswegs
fixiert ist. Die Begrenzung wird einen erheblich größeren Bereich zulassen.
Die luftgestützten Marschflugkörper werden natürlich auf die amerikanischen
schweren Bomber beschränkt sein. Wir beabsichtigen sowohl für die Zeit der
Gültigkeit des Protokolls als auch für den Zeitraum danach, der der Vertragsdauer entsprechen wird, eine hinreichende Reichweite beizubehalten,
die genügen würde, jene Ziele in der Sowjetunion zu erreichen, gegen die
wir zu einem Vergeltungsschlag fähig bleiben müssen, wollen wir unsere
Abschreckungskapazität sicherstellen. Die Vereinigten Staaten haben keine
Verpflichtung übernommen, technologische Kenntnisse nicht an ihre europäischen Verbündeten zu transferieren. Dies alles ist selbstverständlich
im Zusammenhang mit der Notwendigkeit eines Abschlusses eines Abkommens zur
Begrenzung der strategischen Rüstungen zu sehen, die meines Wissens alle
NATO-Verbündeten stark befürworten. Ich habe noch von keinem europäischen
Verbündeten gehört, der ein Abkommen über die strategischen Rüstungen nicht
für wünschenswert erachtet. Die Vereinigten Staaten haben es jedenfalls nach
meinem Dafürhalten möglich gemacht - und das Abkommen ist natürlich noch
nicht fertiggestellt, und dennoch war meiner Überzeugung nach möglich und
wird es auch künftig möglich sein -, die Optionen des Bündnisses bezüglich
der see- und landgestützten Marschflugkörper in praxi offenzuhalten. Während
der Laufzeit des Protokolls werden sie und ihre Verbündeten meine ich, die
Frage der möglichen militärischen Vorteile und Grenzen der Marschflugkörper
sehr sorgfältig prüfen - ebenso wie die einer potentiellen Bedrohung durch
sowjetische Marschflugkörper. Und auf dieser Basis wie auch auf der des
Eigeninteresses des Bündnisses wird das Bündnis sicherlich nach Ablauf der
dreijährigen Laufzeit des Protokolls in der Position sein - eine Position,
die natürlich von den Vereinigten Staaten geteilt werden wird -, unsere
militärischen Kapazitäten aufrechtzuerhalten insoweit wir Marschflugkörper
hierzu für notwendig halten.

Frage:
- 7 -

�Frage: Sie scheinen zu sagen wollen, die Vereinigten Staaten schlagen vor,
eine auf drei Jahre veranschlagte Begrenzung der Reichweite von Marschflugkörpern vorzunehmen, während derer die USA ohnehin nichts zu deren Dislozierung tun könnten. Was ist Sinn und Zweck einer solchen Vereinbarung,
und warum sollten Ihnen die Russen hierfür irgendwelche Gegenleistungen
bieten?
Antwort: Ganz eindeutig wird beim Ablauf des Protokolls ein politischer
Druck entstehen, der auf die Beibehaltung der Begrenzungen hinwirken wird»
Ich kann die (sowjetischen) Motive nicht wirklich beurteilen; ich würde aber
sagen, daß ein Motiv möglicherweise darin besteht, einen Aufschub der Dislozierung von Marschflugkörpern zu erreichen, die meines Erachtens etwa gegro
Ende dieses Drei-Jahres-Zeiträums möglich sein wird. Ich habe nicht gesagt
in diesen drei Jahren könnten praktisch überhaupt keine solchen Flugkörper
disloziert werden. Ich wollte damit nur implizieren, daß bis dahin eine erhebliche diesbezügliche militärische Kapazität ohnehin nicht zu verwirklichen
wäre. Meines

Erachtens ist den Sowjets die Gewähr einiges wert, daß keine

Dislozierungen in der Zeit vorgenommen werden, während derer wir Beschränkungen
für dieses Waffensystem und möglicherweise auch andere

Systeme für die Folge-

zeit ausarbeiten.
Frage: Diese Ministertagung hat der Sorge über die starke Ausweitung der
militärischen Kapazitäten des Warschauer Paktes Ausdruck gegeben. Können Sie
angeben, welche Aspekte dieses Fragenkomplexe? Anlaß zu solchen Befürchtungen
geben?
Antwort: Das Interessante an der Erhöhung der Kapazität des Warschauer
Paktes besteht darin, daß dieselbe ihrem Wesen nach durchgehend war und in
der Tat fünfzehn Jahre lang in stetigem Tempo fortgeführt worden ist. Ich
möchte es jedem einzelnen überlassen, wie er die Frage beantworten möchte,
was Anlaß zu größerer Besorgnis gibt: ein plötzlicher Spurt oder ein offenkundiger Aufbau über weit mehr als ein Jahrzehnt hinweg, bei dem keinerlei
Anzeichen einer Verlangsamung zu erkennen sind. Letzteres scheint mir besonders

�besonders beunruhigend.
Der Aufbau der Warschauer-Pakt-Mä'chte schließt nicht nur die strategischen Kapazitäten der Sowjetunion ein, die während des Zeitraumes von der
Mitte der sechziger Jahre bis heute an fast allen Maßstäben gemessen von
einer Position der eindeutigen Unterlegenheit in eine Position der ungefähren Parität im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten aufgerückt ist.
Dazu rechnet auch die Zunahme des Umfangs der Streitkräfte, die in Osteuropa
stationiert sind, die mit der Dislozierung von fünf Divisionen in der
Tschechoslowakei im Jahre 1968 zu anderen Zwecken begonnen hat, die aber
seither dort verblieben sind. Die Verstärkung setzte sich fort mit den
Auffüllungen mit Kräften unter Divisionsstärke - Artillerie, Luftabwehreinheiten und so weiter -, wodurch die numerische Gesamtstärke des WarschauerPaktes wahrscheinlich in einer Größenordnung vor rund 150 000 Mann zugenonmen hat. Eine genaue Zahl ist mir nicht bekannt. Das geschah größtenteils
in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren.
Während der weiteren siebziger Jahre haben die Sowjets eine vollkommen
neue Generation von Ausrüstunger in einer ganzen Reihe von Sparten eingeführt.
Sie haben neue Flugzeugtypen eingeführt, die - im taktischen Sinne - über
lange Entfernungen hinweg große Kampfstärke gegen Bodenziele und eine beträchtliche Tragkraft aufweisen. Sie haber neue Geschütze größeren Kalibers
auf Selbstfahrlafette eingeführt. Sie haben eine neue Generation von Panzern
eingeführt, Panzer des Typs T-72S Ihre Ausrüstung wurde also durchweg verbessert. Sie haben ein neues gepanzertes Mannschaftsfahrzeug eingeführt. Ihre
Marine, die Mitte der sechziger Jahre größtenteils, wenn auch nicht gänzlich,
aus Küstenfahrzeugen bestand, besteht in einem sehr beträchtlichen Ausmaß aus
Hochseeschiffen.
Nichts hiervon sollte uns meiner Meinung nach in Panik stürzen. Das
westliche Bündnis wurde in dieser Zeit ebenfalls gestärkt. Ich halte es für
wichtig, die Sowjets nicht mit den Amerikanern, sondern den Warschauer-Pakt

- 9 -

�Warschauer-Pakt mit der Kapazität der NATO zu vergleichen. Wenn man diese
in Rechnung stellt, würde ich nicht sagen, die Sowjets hätten in irgendeinem
wichtigen Gebiet die Führung erlangt. Der verstärkte Umfang ihrer Streitkräfte in

Westeuropa und ihre neue Generation von Ausrüstungen, mit denen

die Sowjets die qualitative und technologische Überlegenheit des Westens
in erheblichen Maße - wenngleich nicht vollständig - ausgeglichen haben,
zeigen mir, daß das Bündnis wahrlich die Ärmel aufkrempeln muß. Ich meine,
wir sind eben dabei, dies zu tun. Ich halte es für sehr wichtig, das zu
tun, um zu verhindern, daß die Sowjetunion dank
dank des Eindrucks, den diese Streitkräfte in

ihrer

Streitkräfte

und

Europa hervorrufen, in eine

Lage versetzt wird, aus der heraus sie politische Zwänge ausüben könnte.
Frage: Herr Minister, wie werden Ihrer Auffassung nach die hiesigen
Erörterungen Präsident Carters Entscheidung über die Produktion und Dislozierung der sogenannten Neutronenwaffe beeinflussen?
Antwort: Dieses Thema wurde im Verlauf der Ministertagung kurz angeschnitten; es kam jedoch nur zu einer weit weniger eingehenden Diskussion
desselben während der Ministertagung als in der Vorbereitungsphase. Das
erklärt sich daraus, daß wir dieses Thema in der Vergangenheit schon mehrmals bei Ministertagungen behandelt haben und auch an der Tatsache, daß wir,
wie Sie wissen, bei früheren Tagungen den militärischen Wert solcher hochtechnischer Gefechtsköpfe mit verminderter Sprengwirkung, oftmals Neutronenwaffe genannt und besonders anwendbar bei der Panzerbekämpfung, zur Kenntnis
genommen haben. Wir haben auch die politische Besorgnis zur Kenntnis genommen,
die offensichtlich noch immer wegen möglicher Rückwirkungen auf die Frage
der Rüstungsbeschränkung bestehen.
Als erstes ergab sich dabei die Tatsache, daß die vorhandenen Nuklearwaffen eine erhebliche tödliche Wirkung gtjen sowjetische Panzer hätten und
wahrscheinlich die sowjetische Panzertaktik insofern beeinflußt haben, als sie
diese weniger effektiv macht,als sie anderweitig sein würden. Die vorhandenen
Kernwaffen hätten jedoch erheblich größere Nebenwirkungen in Gestalt der

- 10 -

�Gestalt der Vernichtung von befreundeten Truppen, Zivilisten und Wohngebieten in angrenzenden Gebieten als die Neutronenwaffe

unter vergleich-

baren Unständen. Die tödliche Wirkung bei Panzern - Panzerkolonnen - ist
etwa die gleiche, die schädlichen Nebenwirkungen - die Schädigung von
Menschen, seien es Zivilisten oder Angehörige befreundeter Streitkräfte würden aber weitaus geringer sein. Die militärische Seite ist somit ziemlich
klar.
Die Entscheidung über Entwicklung und Produktion bleibt jedoch dem
amerikanischen Präsidenten vorbehalten. Wir pflegen Konsultationen mit
unseren Verbündeten über die Dislozierung solcher Waffen, und wir möchten
gerne ihre Meinung hierzu hören. Wir wollen es nicht dazu kommen lassen, daß
wir sie herstellen und unsere Verbündeten dann beschließen, sie nicht dislozieren zu lassen. Wir haben auf dieser und auf anderen Tagungen einige
Informationen hierzu erhalten, die sämtlich

in die Entscheidung des Prä-

sidenten, wie es auf diesem Gebiet weitergeben wird, eingehen werden.
Frage: Darf ich hierzu noch bemerken: Der Präsident hat, wie wir die
Dinge ursprünglich verstanden, erklärt, er wünsche seine Verbündeten zu
konsultieren,

ehe er seine Entscheidung üder die Produktion treffe, weil

er wissen möchte, welche Möglichkeiten zur Dislozierung bestünden. Soviel ich
weiß, hat Verteidigungsminister Leber gesagt, er werde keinerlei Entscheidung
über eine Dislozierung treffen,ehe der Präsident sich entschieden habe, ob
er die Fertigung anordnen werde. Wo stehen wir mithin heute?
Antwort: Die Bekanntgabe von Entscheidungen fällt nicht immer zeitlich
mit deren Diskussion zusammen. Natürlich müßte eine Ankündigung der Dislozierung
der Ankündigung der Produktion folgen. Die Frage, wie solche Diskussionen
wahrscheinlich ausfallen werden, kann man vorab diskutieren. Das ist wirklich
eine Angelegenheit, die nicht die Verteidigungsminister,sondern die Staatsund Regierungschefs zu entscheiden haben. Ich habe diesen ganzen Fragenkomplex
mehrfach mit Minister Leber erörtert. Ich glaube, wir sehen die Dinge nicht

- 11 -

�nicht

sehr viel anders. Wir müssen uns aber neben den militärischen auch mit

den politischen Problemen auseinandersetzen, und das kann nur auf der Ebene
der Staats- und Regierungschefs geschehen.
Frage: Herr Minister, ich möchte auf SALT und die Marschflugkörper zurückkommen - den Dreijahres -Zeitraum, über den Sie gegenwärtig verhandeln.
Diese Beschränkungen haben, sofern sie in größerem Rannen der sowjetischamerikanischen

Beziehungen ausgehandelt werden, die Tendenz, zu einer

Dauereinrichtung zu werden. Meine Frage geht dahin, wird es ganäß den Beschränkungen, über die Sie gegenwärtig verhandeln, noch möglich sein, Marschflugkörper in Europa zu dislozieren, und wird den Europäern noch die Möglichkeit
verbleiben, mit Hilfe der Vereinigten Staaten Marschflugkörper zu

entwickeln?

Antwort: Es gibt keinen solchen Ausschluß. Das bleibt offen. Es gibt
in der Tat psychologische und politische Pressionen, die von mancher Persönlichkeiten des politischen Lebens und manchen Medienkreisen noch verstärkt
werden dürften, die die Forderung erheben, daß jede zeitlich begrenzte Übereinkunft in eine dauerhafte Vereinbarung umgewandelt werde. Das ist sicherlich
eine Überlegung von alles andere überragender Bedeutung. Um ein Beispiel zu
geben: Das 1972 unterzeichnete Interimsabkommen über die strategischen
Offensivstreitkräfte sah eine ungleiche Anzahl von land- und unterseebootgestützten Raketen sowie Unterseebooten für den Abschuß seegestützter Raketen
für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion vor. Die Übereinkunft von
Wladiwostock und das heute zur Verhandlung stehende SALT-II-Abkommen sind
frei von solchen Ungleichheiten. Es ist somit möglich - sofern eine der
Vertragsparteien entschlossen ist, dies zu tun - Vereinbarungen zu ändern. Ein
weiteres Beispiel ist der Vertrag über die Raketen zur Abwehr ballistischer
Raketen (ABM), der in der ursprünglich vereinbarten Form maximal zwei Abschußgebiete für Abwehrraketen vorsah. Diese Zahl wurde später auf je ein solches
Gebiet verringert; Änderungen sind mithin möglich.

In diesem besonderen Fall möchte ich anmerken, daß die Vereinbarung der
Form nach so geartet sein wird, daß das langfristige Abkommen bei Auslaufen des

- 12 -

�Auslaufen des Protokolls in Kraft bleiben wird und daß es keine derartigen
Beschränkungen für Marschflugkörper beinhalten wird.
Frage: Das, was Sie uns hier sagen, scheint zumindest zu implizieren,
daß dieses Abkommen eine jegliche Dislozierung in Europa oder auch eine
jegliche Entwicklung in Europa für die Zeitdauer des Dreijahres-Protokolls
ausschließt.
Antwort: Nein, das habe ich nicht ausdrücklich gesagt. Ich erklärte,daß
es während des Dreijahres-Zeitraums die Entwicklung von Marschflugkörpern
bis zu einer Reichweite von 2500 km erlaubt und daß es die Dislozierung von
Marschflugkörpern mit einer Reichweite von mehr als 600 km verbietet. Ich
habe ferner darauf hingewiesen, daß der Terminkalender der Entwicklung, der
uns zur Verfügung steht, ebenfalls effektiv dasselbst bewirkt hinsichtlich
der Begrenzung der Dislozierung, so daß dies keinerlei praktischen Effekt in
dieser Hinsicht hat.
Frage: Ich habe zwei Fragen. Die erste betrifft Spanien. Wird die CarterAdministration den schließlichen Beitritt Spaniens zur NATO unterstützen?
Die zweite Frage ist: Welche Meinung hat die Carter-Adninistration zu der
Möglichkeit der Schaffung einer Parallel-NATO für den Südatlantik - d.h.
eines Bündnisses, das aus mehreren südamerikanischen Ländern sowie wahrscheinlich Südafrika besteht?
Antwort: Lassen Sie mich die zweite Frage zuerst beantworten. Soweit
ich weiß, haben wir keinerlei Absicht, ein südatlantisches Bündnis zu schaffen.
Die Regierung hat sich die Ansicht zu eigen gemacht, daß dir lateinamerikanischen
Länder nicht in angemessener Weise als eine homogene Gruppe behandelt werden
können, sondern daß ein jedes Land seine eigene bestimmte Kultur, seine
eigenen bestimmten politischen Vorkehrungen hat und daß die Carter-Administration
sich mit ihnen entsprechend befassen wird; ein jeder ist ein wertvoller
Gesprächspartner in der Gemeinschaft der Nationen.
Hinsichtlich des
- 13 -

�Hinsichtlich des spanischen Beitritts zur NATO muß ich sagen, daß dies eine
Angelegenheit ist, über die die spanische Regierung entscheiden muß. Es ist
ganz klar, daß die Tatsache, daß Spanien sich in Richtung auf eine demokratische Regierungsform bewegt und demokratische Wahlen abgehalten hat, die
Haltung der NATO in bezug auf eine Mitgliedschaft Spaniens

beeinflußt oder

zumindest meiner Meinung nach beeinflussen sollte. Ja, es ist bemerkenswert,
daß es in Europa

keine nicht-leninistische

Diktaturen oder autoritäre

Staaten mehr gibt. Es ist jedoch Sache des spanischen Volkes und

der

spanischen Regierung, darüber zu entscheiden, ob sie sich der NATO anschließen
möchten. Die Reaktion der USA zu jenem Zeitpunkt wird zweifellos wohlwollend
sein, was unsere Überzeugung anbetrifft, daß Spanien sich in Richtung auf
eine demokratische Regierung bewegt hat und sowohl die politischen als auch
die militärischen Interessen mit dem übrigen Europa teilt. Aber, es ist Sache
des spanischen Volkes, zu entscheiden, was es tum möchte; und dann ist es
Sache aller NATO-Länder zu entscheiden, was sie tun möchten. Und dann wiederum
ist es Sache

aller NATO-Länder zu entscheiden

- falls ein solcher Schritt

erfolgt - darauf zu antworten.
Noch eine Frage.
Frage: Die Sowjets könnten diesen schließlichen Beitritt als eine Provokation interpretieren. Würde dies nicht der Kriedensdoktrin Präsident Carters
entgegenstehen?
Antwort: Beziehen Sie sich nun auf die gleiche Frage? Das heißt, wäre
ein spanischer Beitritt zur NATO eine Provokation für die Sowjetunion?
Nun, die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, und für einen eventuellen
Angreifer ist die gemeinsame Verteidigung in der Tat eine Provokation.
+ + + + +

- 14 -

�Dokumentation
United States Information Service

32

14. Dezember 1977

PRÄSIDENT CARTER LEGT DRITTEN HALBJAHRESBERICHT ZUR KSZE VOR
- Wortlaut des Einführungskapitels -

WASHINGTON - AD - Präsident Jimmy Carter hat am 5. Dezember der
amerikanischen Kommission für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa durch
Außenminister Vance seinen dritten Halbjahresbericht unterbreitet, in dem
es heißt, daß im Hinblick auf die Verwirklichung der Menschenrechtsbestimmungen der Schlußakte von Helsinki zwar einige

Fortschritte erzielt

worden seien, daß jedoch in dieser Beziehung noch große Arbeit geleistet
werder Tnüsse.
Das Einführungskapitel des 76-seitigen Berichtes hat folgenden Wortlaut:
Während des Berichtszeitraumes war die wichtigste Entwicklung hinsichtlich der Verwirklichung der auf der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) eingegangenen Verpflichtungen der Beginn der
ersten KSZE-Folgekonferenz

am 4. Oktober in Belgrad.

Die Ernennung des hervorragenden amerikanischen Juristen und Diplomaten
Arthur J. Goldberg zum Vorsitzenden der US-Delegation und zum KSZE-Sonderbotschafter durch Präsident Carter unterstreicht die Bedeutung, die der

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�die der Präsident dem ganzen KSZE-Prozeß und der Belgrader Konferenz im
besonderen beimißt. Diese Konferenz bietet die erste Gelegenheit, einen
Überblick über die in der KSZE-Schlußakte enthaltenen Absprachen vorzunehmen,
die im August 1975 von 35 Staats- und Regierungschefs in Helsinki unterzeichnet wurde, Sie bietet ferner ein Forum, vor dem der persönliche Einsatz
des Präsidenten für einen Dialog über humanitäre Fragen als einen der
fundamentalen Aspekte der Entspannung unmißverständlich dargelegt werden
kann.
Botschafter Goldberg leitet eine Delegation, der alle Kongreßmitglieder
der KSZE-Kommission wie auch Mitglieder des Arbeitsstabes der Kommission,
eine Reihe hervorragender Repräsentanten der Wirtschaft, des akademischen
Lebens, der Gewerkschaften und anderer Sektoren des öffentlichen Lebens
sowie Vertreter verschiedener Ministerien und Regierungsbehörden, darunter
des Außen-, Handels- und des Verteidigungsministeriums, angehören. Bei der
Vorbereitung der Belgrader Konferenz ersuchte die Delegation der Vereinigten
Staaten um die Unterstützung noch anderer Ministerien und verschaffte sich
mit Hilfe der KSZE-Kommission ein Bild über die Absichten zahlreicher privater
Organisationen, deren Interesse von den Bestimmungen der Schlußakte von
Helsinki berührt werden.
Als Folge davon ging Botschafter Goldberg mit der breiten Unterstützung
des amerikanischen Volkes für seine wichtige Aufgabe nach Belgrad. Im Rahmen
der vom Präsidenten persönlich gebilligten Anweisungen sind alle Delegationsmitglieder bestrebt, sicherzustellen, daß die Belgrader Gespräche zu einer
ehrlichen und freimütigen Überprüfung von Gebieten führen, auf denen bereits
Fortschritte erzielt worden sind, und von Gebieten, auf denen noch größere
Anstrengungen unternommen werden müssen, insbesondere auf dem entscheidend
wichtigen Feld der Menschenrechte.
Die Regierung teilt die Ansicht, die in dem anläßlich des zweiten Jahrestages der Gipfelkonferenz von Helsinki von der KSZE-Kommission veröffentlichten
Bericht zum Ausdruck gebracht worden ist» daß die Schlußakte bedeutsame Möglichkeiten für die Verbesserung der Beziehungen zwischen Ost und West bietet.
Wir sind ebenfalls der Meinung, daß ein großer Teil dieser Möglichkeiten
- 2 -

�Möglichkeiten noch verwirklicht werden muß. Die Belgrader Konferenz hat die
einzigartige Möglichkeit geboten, dem mit der Unterzeichnung der Schlußakte
von Helsinki eingeleiteten langfristigen Prozeß neue Imni'lse zu geben und
sicherzustellen, daß das durch diesen Prozeß gebotene große Potential nicht
zerstört wird»
Die Belgrader Konferenz stellt ein neues Vorhaben in der Geschichte
der Ost-West-Beziehungen dar. Es handelt sich um keine Verhandlung als solche,
und sie strebt auch kein neues Abkommen oder Veränderungen in der Schlußakte
von Helsinki an. Ihre Aufgabe besteht darin, einen Meinungsaustausch über
Erfahrungen zu führen, die während der letzten zwei Jahre gewonnen wurden,
sowie Mittel und Wege für eine Vertiefung der Zusammenarbeit in der Zukunft
zu finden. Die im Laufe dieses Meinungsaustausches gewonnenen Erfahrungen
werden eines der wichtigsten Ergebnisse der Konferenz sein. Gestützt auf
diese Erfahrungen sollten die Teilnehmer besser in der Lage sein, eine Verwirklichung der Bestimmungen anzustreben, sowohl in ihren eigenen Ländern
als auch in ihren bilateralen Beziehungen in den könnenden Jahren,
Die Belgrader Konferenz tagte am 1. Dezember noch, und sie wird in
vollem Umfang im nächsten Halbjahresbericht erörtert werden. Während der
ersten beiden Monate der Gespräche haben Botschafter Goldberg und die
amerikanische Delegation jedoch bei der Förderung einer vollen und offenen
Diskussion der anstehenden Fragen eine führende Rolle eingenommen.
In seiner ersten Ansprache auf der Konferenz in Belgrad unterstrich
Botschafter Goldberg das nachdrückliche Eintreten der USA für eine umfassende
und detaillierte Überprüfung der Verwirklichung der Bestimmungen und betonte,
daß eine Verbesserung der politischen Erziehungen zwischen den KSZE-Teilnehmerstaaten nicht von dem Fortschritt hinsichtlich humanitärer Fragen und hinsichtlich der Mense+ienrechte getrennt werden könne, Wenn Botschafter Goldberg
auch deutlich machte, daß alle KSZE-Staaten ihr Verhalten im Hinblick auf die
Verwirklichung der Bestimmungen verbessern könnten, so hat er doch klargestellt,
daß die Staaten des Ostens noch den weitesten Weg in Richtung auf die Erfüllung

- 3 -

�Erfüllung der in Helsinki vereinbarten Verpflichtungen gehen müßten. Er
erklärte, daß die amerikanische Delegation in konstruktiver Weise ihre
Anstrengungen auf eine Förderung dessen konzentrieren würde, was das nobelste
gemeinsame Ziel der Belgrader Konferenz ist, nämlich dem Prozeß der Entspannung einen humanen Aspekt und humanitäre Konturen zu geben.
Die Vereinigten Staaten haben sich seither gemeinsam mit den westlichen
Verbündeten und mit zahlreichen neutralen und blockfreien Staaten ständig
darum bemüht, die von der Schlußakte geforderte gründliche und objektive
Diskussion zu führen. Wir haben spezifische Beispiele angeführt, um jene
Gebiete zu illustrieren, auf denen unserer Meinung nach eine verbesserte
Verwirklichung der Bestimmungen erforderlich ist, und wir haben Behauptungen
zurückgewiesen, daß eine Erörterung der KSZE-Verwirklichungsbestimmungen
eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten darstelle.
Die bisher von der amerikanischen Delegation aufgeworfenen Fragen umfassen
alle drei Körbe der Schlußakte und schließen beispielsweise ein:
- Die repressiven Maßnahmen, die in einigen Ländern gegen Menschenrechtsaktivisten unternommen wurden und insbesondere gegen solche Einzelpersonen
und Gruppen, deren Tätigkeit sich ausschließlich auf die Förderung der Ziele
und Verheißungen der Schlußakte beziehen;
- die andauernden Fälle geteilter Familien und der Behinderung der Bewegungsfreiheit von Menschen zwischen östlichen und westlichen Ländern;
- die Schwierigkeiten, auf die in einigen östlichen Ländern westliche
Journalisten und Wissenschaftler treffen, die ihrer beruflichen Tätigkeit
nachgehen wollen;
- die Schwierigkeiten, denen sich nationale Minderheiten und ethnische
Gruppen bei der Verwirklichung der Rechte gegenübersehen, die in den
Prinzipien sieben und acht der Schlußakte anerkannt werden, sowie die anhaltende Verweigerung der religiösen Freiheiten in einigen Ländern - Freiheiten,

- 4 -

�Freiheiten, die von der KSZE bekräftigt werden;
- der langsame Fortschritt in einigen Ländern hinsichtlich der Erleichterung des Zugangs zu Informationen, die zur Erweiterung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ost und West erforderlich sind, sowie die
anhaltende Behinderung von informellen Kontakten und der Zusammenarbeit
zwischen östlichen und westlichen Wissenschaftlern;
- die anhaltende Störung von internationalen Rundfunksendungen seitens
einiger östlicher Länder trotz der Bestimmungen der Schlußakte, die einen
freieren Austausch von Informationen aller Art vorsehen, und
- die Weigerung einiger KSZE-Länder, sich an die Absprachen hinsichtlich
der Zustellung gewöhnlicher und eingeschriebener Postsendungen zu halten und das trotz des Prinzips zehn der Schlußakte, die die Erfüllung der Verpflichtungen im Rahmen des Völkerrechts vorsieht.
Wenn wir auch der Meinung sind, daß die Belgrader Konferenz sich eingehend mit all diesen Problemen befassen muß, so sind wir uns doch genauso
darüber im klaren, daß der Prozeß einer Durchführungs-Überprüfung schwierig
und kompliziert ist. Die Schlußakte von Helsinki enthält breitangelegte
Verpflichtungen, deren Erfüllung in erster Linie in den Verantwortungsbereich
der einzelnen Staaten fällt; sie enthält keine Bestimmungen für die Durchsetzbarkeit der Verpflichtungen oder für eine Vereinbarung, wie sie ausgeführt werden sollten. Wenn auch alle Signatarstaaten die Verpflichtungen
der Schlußakte akzeptiert haben, so gibt es doch reale Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen hinsichtlich der Frage, wie diese Verpflichtungen
interpretiert oder ir die Praxis umgesetzt werden sollten. Die Vereinigten
Staaten sind sich darüber im klaren, daß die KSZE ein langfristiger Prozeß
ist und daß die Praktiken vieler Jahrzehnte nicht alle in zwei Jahren verändert werden können. Wir sind daher mehr denn je entschlossen, geduldig und
unbeirrt - solange dies notwendig sein mag - daran zu arbeiten, daß die in
Helsinki erklärten Ziele erreicht werden. Wie Außenminister Vance am 6. Juni 1977

- 5 -

�am 6. Juni 1977 in seiner Aussage vor der KSZE-Kommission erklärt hat:
"Die KSZE-Schlußakte ist von 35 Staats- und Regierungschefs nach dreijährigen
intensiven Verhandlungen gebilligt worden. Unternehmungen dieses Gewichts
können daher nicht einfach abgeschwächt oder übersehen werden."
Die Verwirklichungs-

und Durchführungsbilanz, die gegenwärtig in Belgrad

untersucht wird, ist gemischt - es gibt Hinweise für Optimismus und für
Besorgnisse. Die umfassenden Prinzipien von Korb eins bezüglich der Beziehungen
zwischen den Staaten werden weiterhin besser respektiert als die Prinzipien,
die die Beziehungen zwischen Staaten und ihren Völkern betreffen, obwohl eine
echte Sicherheit in Europa die Beseitigung willkürlicher Inhaftierungen
oder Verfolgungen nicht weniger erfordert als die Beseitigung der Gefahr eines
Krieges. Die Vereinigten Staaten haben immer alle wirksamen Initiativen
für eine Kontrolle des Wettrüstens begrüßt und werden sie auch weiterhin
ernsthaft prüfen; dies ist bereits das T hema ainer Anzahl von Verhandlungen,
die gegenwärtig außerhalb des KSZE-Kontextes stattfinden. Der Appell
Präsident Carters vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im Oktober,
die amerikanischen und sowjetischen Nukleararsenale um fünfzig Prozent zu
reduzieren, beweist, wie sehr wir nicht nur für Rüstungsbegrenzungen, sondern
auch für tatsächliche Reduzierungen der Streitkräfte und der Rüstugen eintreten. Wenn wir auch mit unseren Verbündeten die Ansicht teilen, daß die
KSZE nicht das geeignete Forum für die Behandlung spezifischer Rüstungskontroi lmaßnahmen ist, sind wir doch davon überzeugt, H aß unsere ernsthafte
und konstruktive Haltung gegenüber Sicherheitsfragen in Belgrad das Klima
des Vertrauens in Europa fördern und dadurch zur Schaffung der Grundlage beitragen wird, die zur Durchführung von Rüstungsreduzierungen notwendig ist.
Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten jedoch mit Nachdruck auf
jene Bestimmungen von Korb eins dringen, die sich auf die Sicherheit von
Einzelpersonen beziehen. Durch die Einbeziehung der Menschenrechte in die
Grundsatzerklärung der Schlußakte haben alle Signatarstaaten bekräftigt, daß
die Achtung der Menschenrechte ein legitimes

Gesprächsthema zwischen ihnen

ist. Wir haben legale und moralische Verpflichtungen, für eine volle Verwirk-

�Verwirklichung des Prinzips der Menschenrechte zu arbeiten und ihre
bisherige

Verwirklichung in Belgrad zu überprüfen.

Was den Bereich des Korbes zwei angeht, so erkennen wir einige Fortschritte bei der

wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit,

was eine positive Fortsetzung des Prozesses bedeutet, der bereits vor Helsinki eingesetzt hatte. Bestimmte Probleme bestehen jedoch fort, wie
beispielsweise die beklagenswerte Haltung einiger Länder hinsichtlich der
Gewährung wichtiger Informationen für Geschäftsleute oder die Schwierigkeit
einer privaten Zusammenarbeit

zwischen Wissenschaftlern aus Ost und West.

Auch dieo sind Fragen, die von der Belgrader Konferenz in der Hoffnung
geprüft werden, daß sich Verbesserungen und eine größere Zusammenarbeit
ergeben.
Die Situation hinsichtlich der Verwirklichung der humanitären Bestimmungen
der Schlußakte ist von besonderem Interesse für die Millionen von Menschen,
deren Familien und deren Leben das Ost-West-Verhältnis berührt. Wenn auch
einige Fortschritte seit der Gipfelkonferenz von Helsinki erzielt worden
sind, so bleibt doch noch viel zu tun übrig. Wir werden auch weiterhin in Belgrad wie anderswo - humanitäre Einzelfälle mit den östlichen Regierungen
erörtern. Gerade weil die Schlußakte ein ausgewogenes Dokument ist, das als
ein integriertes Ganzes betrachtet werden muß, müssen wir unsere Stimme
erheben, wenn ernsthafte Mängel bei der Verwirklichung irgendeines Abschnittes
(der Schlußakte) festgestellt werden.
Wir sind auch weiterhin bereit, in Belgrad über Kritik an unseren eigenen
Praktiken zu sprechen, wie wir ja auch von anderen erwartet haben, daß sie in
konstruktiver Weise die Ansichten erörtern, die wir über ihre Praktiken

zum

Ausdruck bringen. Auf dem Gebiet der Menschenrechte sind wir der Ansicht, daß
die Macht des Rechts und die Politik der Regierung in den USA auf eine größere
Respektierung des Rechts des Einzelnen und auf die Milderung von Mißbräuchen
gerichtet ist, sollten solche Rechte nicht voll und ganz beachtet werden. Wir
sind stolz auf unsere Leistungen; wir sind jedoch auch bereit, die Dinge zu

- 7 -

�Dinge zu verbessern und auf allen Gebieten noch mehr zu tun.
So hat Präsident Carter beispielsweise während des Berichtszeitraumes
die Konventionen der Vereinten Nationen über die Menschenrechte unterzeichnet,
die speziell in der Grundsatzdeklaration der Schlußakte hervorgehoben wurden.
Wir haben ferner Maßnahmen ergriffen - sie werden in dem nachfolgenden Bericht
erörtert -, die bestimmten Gruppen von Leuten die Reise nach den USA gestatten, nachdem sie dies in der Vergangenheit manchmal aufgrund ihrer
politischen Zugehörigkeit nicht tun konnten. In gleicher Weise hat Präsident
Carter im wesentlichen aufgrund der KSZE und auf Empfehlung der KSZE-Kommission
ein Gremium ernannt, das Mittel und Wege zur Verbesserung des Studiums fremder
Länder und der Fremdsprachen in den Vereinigten Staaten vorschlagen soll.
Die USA erörtern in Belgrad zusammen mit anderen Ländern auch eine Reihe
neuer Initiativen, um die Verwirklichung der Schlußakte durch alle Teilnehmerstaaten zu fördern. Wenn diese Vorhaben auch in keiner Weise eine Verbesserung
der Schlußakte darstellen sollen, so sollten sie doch die Schwungkraft und
Impulse des KSZE-Prozesses erhalten und zur Erfüllung der bestehenden Bestimmungen ermutigen. Wir fördern und unterstützen in Belgrad eine Reihe von
Vorschlägen, die diesen Zielen in bester Weise zugute kommen.
Die folgenden Kapitel bieten eine Übersicht über die Verwirklichung der
KSZE-Bestimmungen während der letzten sechs Monate. Das Fazit zeigt einige
Gebiete des Fortschritts zusammen mit einigen Gebieten der Untätigkeit oder
gar der Verschlechterung. Wie Botschafter Goldberg jedoch auf der Eröffnungssitzung der Belgrader Konferenz erklärt hat: "Diese Konferenz in Belgrad
ist ein Stadium eines dynamischen Prozesses und eines kontinuierlichen Dialogs
... Wir sind dem Anfang näher als dem Ende.
+ + + + +

- 8 -

�Ulirl/choft
United States Information Service

14. Dezember 1977

32

WIE STARK IST DER US-DOLLAR WIRKLICH?
von George E. Cruikshank
Vizepräsident der Morgan Guaranty Trust Company

NEW YORK -- AD -- Der amerikanische Dollar ist in den letzten Wochen
von der Presse mit ganz ungewöhnlicher Aufmerksamkeit bedacht worden.
Zeitungen, die Währungs- und Finanzfragen normalerweise in ihrem Wirtschaftsteil bringen, erschienen häufig auf der ersten Seite mit langen Berichten
über die amerikanische Währung. Und in den Schlagzeilen hieß es, "Kurssturz"
des Dollar oder "amerikanische Währung erreichte neuen Tiefststand".
Viele, die solche Berichte lesen, fragen sich mit Recht, worauf das
starke Abgleiten des Dollar-Kurses wohl zurückzuführen ist. Bedeutet ein
"schwacher"Dollar, daß die Vereinigten Staaten ihren Wettbewerbsvorsprung
auf den Weltmärkten verloren ,aben? Müssen sich hieraus zwangsläufig
schwerwiegende wirtschaftliche Folgen ergeben?
Eine Antwort auf solche Fragen bedingt, daß man die Situation des
Dollars von verschiedenen Gesichtspunkten her beleuchtet, und dies wiederum
erfordert eine eingehende Untersuchung zahlreicher Gebiete. Der hohe Preis
des arabischen Erdöls, das Vordringen der japanischen Exporte auf den Welt-

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Weltmärkten, die niedrige Weizenernte in Rußland, das langsame Wirtschaftswachstum in Europa, die Preisentwicklung in Amerika - alle diese, und noch
viele andere Fragen wirken sich auf den Kurs des US-Dollars und den anderer
wichtiger Währungen an den Devisenmärkten aus.
Der Dollar-Kurs ist an den Devisenmärkten in der Tat in den letzten
Wochen zurückgegangen und zwar erheblich.. Aber dieser Rückgang beschränkte
sich auf einige wenige Währungen - vor allem auf den Japanischen Yen, den
Schweizer Franken und die Deutsche Mark. Dagegen konnte sich der DollarKurs gegenüber verschiedenen anderen Währungen - so unter anderem gegenüber
dem Kanadischen Dollar, der Spanischen Peseta oder der Schwedischen Krone festigen. Und die Abschwächung des Dollar-Kurses gegenüber den Währungen von
15 wichtigen Handelsnationen, als Gruppe betrachtet, war nur relativ gering.
Im Gegensatz zu dem starken Rückgang des Dollar-Kurses gegenüber einigen
wenigen Währungen fiel der Dollar - auf so breiter Basis gemessen - in den
letzten zwei Monaten lediglich um circa 1,5 Prozent zurück.
Die Wirtschaftswissenschaftler sind sich seit langem der Notwendigkeit
bewußt, die Veränderungen des Kurses einer bestimmten Währung gegenüber den
anderen Hauptwährungen - wobei einige gegenüber dieser Währung vielleicht
einen Kursanstieg, andere einen Kursrückgang zu verzeichnen

haben - auf eine

wirtschaftlich aussageträchtige Weise zu messen. Die Idee ist, einen Maßstab für effektive Wechselkursveränderungen zu entwickeln, der die Auswirkungen

unterschiedlicher Wechselkursbewegungen

auf die Wettbewerbs-

position eines Landes gegenüber seinen wichtigsten Handelspartnern zusammenfaßt.
Es ist jetzt sechs Jahre her, daß der Morgan Guaranty Trust (MGT) einen
Maßstab für die nach dem Handelsdurchschnitt gewogenen Wechselkursveränderungen
des Dollar - gegenüber den Hauptwährungen - auf der Basis der Wechselkursparitäten eingeführt hat, wie sie vor dem Juni 1970 bestanden haben. Dieses
Ausgangsdatum war gewählt worden, weil es als Beginn des Floatens der
Wechselkurse betrachtet werden muß. Die MGT-Berechnung gibt einen quantitativen

- 2 -

�quantitativen Anhalt für die Auswirkungen von Wechselkursveränderungen auf
die Wettbewerbsposition der Volkswirtschaft eines jeden Landes auf den
Weltmärkten - einschließlich seines eigenen Binnenmarktes. Dabei wird
davon ausgegangen, daß Änderungen des Wechselkurses einer Währung eine
unterschiedliche Wirkung haben können, je nachdem, welche Währungen gegenüber dem US-Dollar auf- oder abgewertet haben« Die Gewichtung in der MGTAufstellung erfolgt proportional zu dem jeweiligen bilateralen Handel der
Vereinigten Staaten mit diesen 15 Ländern. So würde eine Aufwertung des
kanadischen Dollar gegenüber der amerikanischen Währung um ein Prozent acht
mal so viel wiegen wie eine Aufwertung des holländischen Guldens um ein
Prozent, denn der Anteil Kanadas am US-Handel mit den 15 Ländern beträgt
das Achtfache des Anteils der Niederlande. Ebenso wiegen Wechselkursveränderungen der japanischen Währung nur halb so schwer wie solche der kanadischen Währung - entsprechend dem geringeren Anteil Japans am US-Handel mit
diesen 15 Ländern.
Tabelle 1 im Anhang gibt die effektiven Wechselkursänderungen des
US-Dollar gegenüber den 15 Hauptwährungen - gewichtet nach dem durchschnittlichen bilateralen Handel der Jahre 1974/75 - wider. Sie zeigt, daß
der Wert des US-Dollar in der am 18. November zu Ende gegangenen Woche trotz
allem nur rund 11,6 Prozent unter der Parität lag, wie sie vor dem Juni 1970
galt. Dieser Wert war auch nur geringfügig niedriger als der für Anfang
1977 errechnete Wert von 11,4 Prozent, Der Japanische Yen, die Deutsche Mark
und der Schweizer Franken sind gegenüber dem US-Dollar im Wert stark gestiegen,
wobei die Zunahme 40, 39 und 65 Prozent betrug. Da jedoch der Handel mit
diesen drei Ländern zusammen nicht so stark gewichtet wird wie der mit Kanada
allein, hat der eingetretene Rückgang des Wertes des Kanadischen Dollar gegenüber dem US-Dollar dazu beigetragen, den Rückgang des Wertes der amerikanischen
Währung insgesamt - nach dem durchschnittlichen Handel gewogen - etwas abzumildern.
Warum ist nun der Kurs des US-Dollar gesunken? Der jüngste Druck auf
den Dollar ist zu einem großen Teil auf die Verschlechterung der amerikanischen

- 3 -

�amerikanischen Handelsbilanz zurückzuführen» Die Vereinigten Staaten werden
in diesem Jahr für rund 30 Milliarden Dollar mehr importieren als exportieren, also ein Handelsdefizit aufweisen, das über dreimal so groß
ist wie 1976 (siehe Tabelle 2 ) . Der kürzlich bekanntgegebene Rückgang der
Getreideernte in Rußland wird vielleicht zu größeren Getreidelieferungen
aus den Vereinigten Staaten führen und so das Handelsdefizit etwas verringern.
Ganz allgemein stehen jedoch die Aussichten für die amerikanische Handelsbilanz schlecht, und es ist für 1978 mit einem Handelsdefizit zu rechnen,
das noch höher ausfallen dürfte als in diesem Jahr. Zu dem Rückgang des
Dollar-Kurses hat aber auch beigetragen, daß das Ausland immer weniger
bereit ist, die als Folge des amerikanischen Zahlungsbilanzdefizits erworbenen Dollar zu halten. Da der US-Dollar gegenüber den anderen Währungen
floatet, haben die Verkäufe der unerwünschten amerikanischen Währung ebenfalls zu einem Rückgang des Dollar-Kurses geführt.
Die Verschlechterung der amerikanischen Handelsbilanz in diesem Jahr
ist zum größten Teil auf die stark gestiegenen Erdölimporte zurückzuführen,
die sich bis zum Jahresende auf rund 45 Milliarden Dollar stellen dürften
gegenüber Erdöl einfuhren von 35 Milliarden Dollar 1976 und von 27 Milliarden
Dollar 1975. Die Agrarexporte sind in diesem Jahr zurückgegangen, und das
Gleiche gilt auch für die Erlöse aus den Fertigwarenexporten. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit Amerikas - was die Preise anbetrifft - hat
in den letzten Jahren ebenfalls gelitten - ganz besonders gegenüber den
Produzenten in der Bundesrepublik Deutschland und in Japan. Die Entwicklung
der Inflationsraten in den USA und in den übrigen Ländern zeigt Tabelle 3.
Und schließlich ist der Druck auf den US-Dollar auch auf die Ungewißheit
zurückzuführen, ob es in den Vereinigten Staaten zu einem wirksamen Energieprogramm kommen wird.
Für die Deutsche Mark und den Japanischen Yen, deren Kurse nach oben
tendieren, ergibt sich genau die umgekehrte Situation wie in den USA: ein
expandierender Handel mit hohen Überschüssen. Japan zum Beispiel kann dieses
Jahr mit einem Handelsüberschuß von 17 Milliarden Dollar rechnen gegenüber

�gegenüber einem Handelsliberschuß von 10 Milliarden Dollar 1976. Obwohl der
Yen gegenüber dem Dollar aufgewertet ist - wodurch die japanischen Exportguter in den USA und auf den Weltmärkten teuerer geworden sind - bleiben die
japanischen Erzeugnisse weiterhin wettbewerbsfähig, Ähnlich hat sich auch
der Kurs der Deutschen Mark aufgrund einer starken Handelsbilanz und der
niedrigsten Inflationsrate aller Industriestaaten , mit Ausnahme der Schweiz,
immer weiter gefestigt. Der verhältnismäßig niedrige Anstieg der Einkommen
aus Lohn und Gehalt in der Bundesrepublik Deutschland im ersten Halbjahr 1977
erleichterte ebenfalls die Eindämmung der Inflation. Und die pünktliche
Einhaltung der Lieferfristen sowie ein guter Service haben bewirkt, daß
deutsche Erzeugnisse für ausländische Käufer weiter attraktiv bleiben.
Der Kanadische Dollar, dessen Kurs gegenüber dem US-Dollar dieses Jahr
erheblich abgefallen ist, hatte unter einer lauen Wirtschaftstätigkeit, einer
wachsenden Inflation und den politischen Entwicklungen in der Provinz Quebec
zu leiden. Die niedrigeren Zinsen hatten geringere ausländische Investitionen
in kanadischen Schuldverschreibungen zur Folge. Der Druck in Richtung auf
höhere Preise und Löhne dürfte Anfang 1978 noch zunehmen, wenn die seit zwei
Jahren bestehenden Lohn- und Preiskontrollen aufgehoben werden.
So viel über die Entwicklung des Dollar-Kurses während der letzten
Monate gegenüber den übrigen Hauptwährungen. Aber was kommt jetzt? Wird der
Kurs des US-Dollar weiter zurückgehen? Voraussagen über künftige Wechselkursveränderungen sind eine gefährliche Sache - voll gefährlicher Klippen. Die
Wirtschaftswissenschaftler sind über die künftige Entwicklung häufig unterr
schiedlicher Meinung. Auf die Bitte, etwas über die künftige Kursentwicklung
des US-Dollar zu sagen, gab eine Gruppe amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler kürzlich folgende Antworten: Ein Drittel rechnete mit einem Steigen des
Dollar-Kurses; ein Drittel erwartete einen Rückgang des Dollar-Kurses; und
ein Drittel meinte, daß sich nichts ändern werde. Das war also die Ansicht
der Experten.
Ohne irgendwelche

�Ohne irgendwelche

Geheiminformationen preiszugeben, läßt sich wohl

sagen, daß sich an der Schwäche des Dollar-Kurses gegenüber dem Yen, der
DM und dem Schweizer Franken vorerst nichts ändern dürfte, Die grundlegenden Fakten - die die Wirtschafts- und Währungssituation maßgebend
beeinflussen - lassen keine derartige Änderung erwarten. Auf jeden Fall
wird der Dollar, gewichtet nach dem durchschnittlichen bilateralen Handel,
in der nächsten Zeit, etwa den nächsten sechs Monaten, voraussichtlich
keine wesentlichen Änderungen erfahren»
Die jüngste Schwäche des US-Dollar wie auch das hohe Handelsdefizit
der USA bereiten vor allem deshalb Sorge, weil sie zu einem Wiederaufflammen
des Protektionismus überall auf der Welt führen könnten. Eir Rückgang des
Dollar-Kurses bedeutet, daß die amerikanischen Erzeugnisse auf den Weltmärkten billiger werden. Die anderen Länder könnten nun Maßnahmen ergreifen,
um durch Errichtung von Handel schranken den amerikanischen Importen Einhalt
zu gebieten. In den Vereinigten Staaten selbst wird bereits von Seiten verschiedener Industriezweige Druck ausgeübt, den Vormarsch ausländischer Erzeugnisse auf dem amerikanischen Markt zu unterbinden.
Die folgenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen wären dringend erforderlich, wenn die Welt nicht in die alten Beschränkungen und Restriktionen für
Waren, Dienstleistungen und Kapital zurückfallen soll - Restriktionen, die
nur der Weltwirtschaft schaden würden:
-- Die starken Volkswirtschaften, vor allem die Bundesrepublik Deutschland
und Japan, müssen mehr zur Belebung der Wirtschaftstätigkeit tun und ihre
Einfuhren steigern. Das wäre das sogenannte Lokomotiv-Verfahren, bei dem die
Länder mit einer starken Zahlungsbilanzposition und einem guten Preisklima
die Weltwirtschaft aus ihrem gegenwärtig stagnierenden Wachstum herausziehen.
-- Die Vereinigten Staaten brauchen ein starkes und wirksames Energieprogramm, das sowohl Versorgung wie auch Verbrauch lenkt. Bei einem Rückgang
der Erdölimporte - und einem Anstieg der Fertigwarenexporte in andere Länder

�Länder, vor allem nach Japan - würde der amerikanische Außenhandel wieder
ein vernünftiges Gleichgewicht erreichen können. Leider trägt das Energiegesetz, das zur Zeit dem Vermittlungsausschuß in Washington vorliegt, nach
meiner Meinung dieser Situation noch nicht in ausreichendem Maße Rechnung.
Es steht zu hoffen, daß 1978 auf dem Energiesektor weitere Maßnahmen ergriffen werden.
Das - bereits erschütterte - Vertrauen in den US-Dollar kann wohl kaum
wiederhergestellt werden, so lange nicht den zwingenden Erfordernissen auf
dem Energiesektor entsprochen worden ist.

Tabelle 1
Die effektiven Wechselkursveränderungen des US-Dollar zu einer Gruppe
von Hauptwährungen - gewichtet nach dem durchschnittlichen bilateralen Hände
der Jahre 1974/75 - in Prozenten gegenüber den vor dem Juni 1970 geltenden
Paritäten:

USA
-10,91

Kanadi
Kanada

-10,84

-4,14
-2,48

Oktober
Oktober
Oktober
November
November

-10,82
-10,84

-3,76
-4,83

-10,98
-11,59
-11,34

-5,15
-5,22
-5,47

18. November

-11,64

-5,56

1. Oktober
7. Oktober
14.
21.
28.
4.
11.

Japan
35,62
33,21
35,20
36,15
37,28
38,76
39,31
40,55

Großbritannien
-38,79

Bundesrepublik
Deutschland
38,79

-39,11

38,30

-38,93
-38,82
-38,76
-37,29
-37,61
-37,43

38,43
39,06
39,18
39,45
39,69
39,89

Tabelle 2

�Tabelle 2
Handelsüberschuß/Defi zi t in Mill iarden Dollar
1975

1976

1977+

1978+

USA

11,01

-9,20

-30,00

-35,00

Bundesrepublik
Deutschland

1Q n Q
iy uy

18,31

21,00

23,00

5,03

9,89

17,00

15,00

Großbritannien

-7,00

-6,41

-4,00

-2,50

Kanada

-0,52

1,21

2,50

3,00

Frankreich

1,52

-4,19

-2,75

-2,00

Italien

0,07

-2,26

0,50

1,00

Holland

2,54

2,93

1,30

1,70

Schweiz

0,05

0,53

-0,50

-0,50

14,68

-4,04

Japan

Alle Industriestaaten

'

Schätzungen des Morgan Guaranty Trust

Tabelle 3
Inflationsraten (von Dezember zu Dezember auf der Basis des Indexes
Verbraucherprei se)
1974

1975

1976

1977'

12,2

7,1

4,7

6,8

5,9

5,4

4,0

4,0

Japan

21,9

8,2

10,6

7,0

Großbritannien

19,1

24,9

15,1

14,0

Kanada

12,4

Frankreich

15,2

9,5
9,6

5,8
9,9

8,0
9,0

Italien

24,5

11,2

22,0

16,0

Holland

10,7

Schweiz

7,6

9,1
3,4
9,0

8,3
1.3
8.1

7,0
1,5
8,0

USA
Bundesrepublik
Deutschland

Alle Industriestaaten
+

16,0

Schätzungen des Morgan Guaranty Trust
+ + + + +

�Wift/chciH
United States Information Service

14. Dezember 1977

32

INFLATION DURCH EINKOMMENSPOLITIK BEKÄMPFEN
- Interview mit Professor Walter Heller -

Der ehemalige Vorsitzende des Wirtschaftsbeirats der amerikanischen Regierung unter Präsident Kennedy, Professor Walter
Heller, lehrt heute an der Staatsumversität von Minnesota
Professor Heller genießt nicht nur in den USA, sondern auch
in der übrigen Welt als Wirtschaftswissenschaftler hohes Ansehen und immer wieder
holen Kongreß und Regierung in Washington
seinen Rat ein. In dem folgenden, auszugsweise wiedergegebenen Interview mit dem
Korrespondenten des US-Informationsamtes,
John J. Harter, nimmt Professor Heller zu
den wichtigen gegenwärtigen Wirtschaftsfragen Stellung
FRAGE:
höhlen.

Die Inflation scheint die Wirtschaft fast aller Länder auszu-

Warum ist das so?

ANTWORT: Lassen Sie mich mit einem ermutigenden Hinweis beginnen: Die
Inflation läßt in einigen wichtigen Ländern, unter anderem in den Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik Deutschland, in Japan und der Schweiz, Zeichen eines Abebbens erkennen. Trotzdem ist die Inflation immer noch ein weit-

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D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�weitverbreitetes und ernstes Problem, und es wird sehr schwer fallen, sie
völlig unter Kontrolle zu bringen.
FRAGE:

Was können die Regierungen tun, um die Inflation unter Kontrolle

zu bringen?
ANTWORT:

zunächst einmal müssen sich die Regierungen darüber klar

sein, daß das übernommene Erbe der Inflation sehr komplex ist, daß es kein
einfaches Heilmittel gibt und daß erfolgreiche Bemühungen um eine Eindämmung der Inflation ein beträchtliches Maß an politischem Wollen über geraume
Zeit hinweg erfordern.

Unter anderem setzt dies meines Erachtens eine gute

Einkommenspolitik voraus - eine Politik, die die Mitarbeit der mächtigen Gewerkschaften , der großen Wirtschaftsverbände und anderer Gremien gewinnt,
wie wir dies Anfang der sechziger Jahre bei den Lohn- und Preisleitlinien
hatten.
FRAGE:

Können Sie sich dazu äußern, welche Form von Einkommenspolitik

Ihres Erachtens eingeschlagen werden sollte?
ANTWORT: Das wird von Land zu Land verschieden sein, aber jede Volkswirtschaft braucht heute auf dem privaten Sektor irgendein freiwilliges oder
halb freiwilliges Programm, das mit zur Eindämmung der Lohn- und Preiserhöhungen beiträgt. Auf einem weiten Sektor der modernen Volkswirtschaften
genügt der Wettbewerb als Regulativ einfach nicht mehr, um dem inflationistischen Druck Einhalt zu gebieten. Das führt nur zu leicht dazu, daß
Unternehmer und Gewerkschaften praktisch gemeinsam Löhne und Preise erhöhen
und die höheren Kosten dann an die Verbraucher weitergeben.
Die Einkommenspolitik sollte dieses Problem anpacken, allgemeine Leitlinien, Normen und Markierungen für ein nicht-inflationäres Lohn- und Preisverhalten geben oder durch solche Hilfen dazu anspornen. Das bedeutet nun
nicht, daß ein riesiger bürokratischer Apparat in Gang gesetzt werden soll.
- 2 -

�soll.

Vielmehr sollte der Präsident oder jeweilige Regierungschef die öffent-

liche Meinung gegen die Inflationsmentalität mobilisieren.

Unser Beirat für

Lohn- und Preisstabilität könnte einen solchen von der öffentlichen Meinung
ausgehenden konzentrierten Druck nutzen, um Lohn- und Preisanhebungen in
Schlüsselbereichen der Wirtschaft hinauszuschieben.

Ich möchte aber noch weiter gehen.

Ich möchte, daß die Großindustrie

und die einflußreichen Gewerkschaften die Regierung über ihre Pläne für Lohnund Preiserhöhungen vorher unterrichten.

Auch wenn die Regierung solche

Lohn- und Preiserhöhungen nicht unterbinden kann, so würde ich es doch gerne
sehen, daß die Regierung dann diese Pläne der Öffentlichkeit unterbreitet
und sich dazu äußert, ob diese Pläne inflationär wirken oder nicht.

Ein

sorgfältiges Studium der unter den Regierungen Kennedy und Johnson in den
sechziger Jahren gemachten Erfahrungen hat gezeigt, daß wir auf diese Weise
Lohn- und Preiserhöhungen eindämmen konnten.

FRAGE:

Besteht nicht eines der Hauptprobleme bei der Eindämmung der

Inflation darin, wie ein Anreiz zu höheren Investitionen auf dem privaten
Sektor gegeben werden kann?

ANTWORT:

Wir müssen zwischen kurzfristig und langfristig unterscheiden.

Ein plötzlicher Investitionsboom kann zu einer Quelle der Inflation werden,
wenn die Wirtschaft bereits mit voller Kapazitätsauslastung arbeitet.

Doch

langfristig, wenn da die Privatindustrie Investitionen zur Modernisierung,
Mechanisierung, Rationalisierung oder Steigerung der Produktivität vornimmt,
so könnte das ein starker, dauerhafter Damm gegen die Inflation sein.

FRAGE:

Ist es heute nicht schwieriger, die Privatwirtschaft zu ange-

messenen Investitionen zu bewegen, als es dies eigentlich der Fall sein
sollte?

ANTWORT:

Ja, und dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Einmal

besteht heute ein beträchtliches Maß an Unsicherheit über den Kurs der
- 3 -

�der amerikanischen Wirtschaft - zum Beispiel Unsicherheit über das Energieprogramm, das im nächsten Jahr in Kraft treten soll, über die Steuerreform
und die Steuersenkungsvorschläge des Präsidenten und über die Höhe der Inflationsrate im kommenden Jahr.

Aber selbst wenn diese Unsicherheit nicht

wäre, würden die privaten Investoren nicht zu einer Ausweitung der Produktionskapazitäten schreiten, bevor sie wissen,:daß es auch einen Absatzmarkt für ihre Erzeugnisse gibt.

Und was die Investitionen überall auf der

Welt tatsächlich hemmt, ist die weit verbreitete Auffassung, daß bereits auf
vielen Wirtschaftssektoren überschüssige Kapazitäten vorhanden sind.
In den Vereinigten Staaten sind die Produktionskapazitäten nur zu 83
Prozent ausgenutzt, und die Bundesrepublik Deutschland, Japan und andere
Länder haben ebenfalls ungenutzte Produktionskapazitäten.

Der Grund hier-

für ist, daß die Verbraucherkaufkraft nicht ausreicht, um alles das zu absorbieren, was produziert werden könnte.
FRAGE: Sind Sie der Ansicht, daß Probleme wie Inflation und Rezession
über nationale Grenzen hinweg ansteckend wirken?
ANTWORT:

Ja, zu einem großen Teil.

Und die Abhängigkeit von der üb-

rigen Welt stellt bei Ländern, die 40 Prozent ihrer Güterzeugung exportieren, wie dies bei vielen europäischen Ländern der Fall ist, ein noch weit
größeres Problem dar.

Die Vereinigten Staaten selbst exportieren lediglich

10 Prozent ihrer Gütererzeugung, so daß die amerikanische Wirtschaft viel
immuner ist.
Doch wir tragen heute auf unseren Schultern einen größeren Teil der
Last, die sich für die Welt aus der Anpassung an die hohen Erdölpreise ergibt, sowie der Lasten, die sich aus den hohen Defiziten der Entwicklungsländer ergeben, als alle übrigen Länder zusammengenommen. Wir importieren
nicht nur Erdöl - viel zu viel, so möchte ich hinzufügen - wir importieren
auch zahlreiche andere Güter. Damit helfen wir den Volkswirtschaften der
anderen Länder - und ich meine, die Bundesrepublik Deutschland und Japan, dj_e

�die anderen großen Lokomotiven der Weltwirtschaft, ob sie dies nun gerne
hören oder nicht, sollten hier mehr tun, um zu helfen.

Die auf dem Londoner Wirtschaftsgipfel im Mai dieses Jahres anwesenden
Staatschefs hatten sich zu einer höheren Expansionsrate als im vorangegangenen Jahr verpflichtet - das waren zum Beispiel für die Bundesrepublik
Deutschland damals 5 Prozent und für Japan 6,5 Prozent.

In Wirklichkeit

haben sie jetzt noch nicht einmal dieses Ergebnis erreicht.
Das Ausmaß der internationalen Zusammenarbeit hat noch nicht den Punkt
erreicht, an dem die Regierungen zu einem gleichzeitigen und integrierten
Angriff auf diese zentralen Wirtschaftsprobleme bereit sind.
erlich.

Das ist bedau-

Es wird noch viel Zeit vergehen, bis eine allmähliche Stabilisie-

rung der Wirtschaft erreicht ist,

und das bedingt in der Zwischenzeit ein

hohes Maß an internationaler Zusammenarbeit.

FRAGE:

So betrachten Sie die Handelspolitik als einen wichtigen Faktor

in dem inflationistischen Bild der Weltwirtschaft?

ANTWORT:

Ja, natürlich, aus zwei Gründen

Wenn ein großes Land wie

die Vereinigten Staaten die Zölle heraufsetzt, Importquoten verhängt oder
andere protektionistische Maßnahmen ergreift, dann erhöht es damit auch
seine eigene Inflationsrate.

Darüber hinaus führt dies für die gesamte Welt

zu einem Druck auf die Preise nach oben, da dann die Nachfrage eingeengt
wird, die Gütererzeugung bei den mit niedrigen Kosten arbeitenden Produzenten
abfällt, während sie bei den mit hohen Kosten arbeitenden Betrieben steigt.
Es ist also klar, daß konkurrierender Protektionismus, Handelskriege und
eine Bettelmannspolitik die Weltwirtschaft immer weniger leistungsfähig und
immer inflationsanfälliger machen würden.

Ich bin jedoch überzeugt, daß Präsident Carter einer liberalen Handelspolitik den Vorzug gibt und daß er nachdrücklich auf einen erfolgreichen
Abschluß der gegenwärtigen Handelsverhandlungen drängen wird, von denen er

- 5 -

�er sich einen Abbau der Handelsschranken verspricht.

Und so wie höhere

Importbeschränkungen den inflationistischen Druck verstärken, so führt ein
Abbau dieser Beschränkungen zu größerer wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sinkenden Preisen.
Ich will damit jedoch nicht sagen, daß eine stärkere Liberalisierung
des Welthandels bereits die Inflationsprobleme der Welt lösen würde.

Dies

kann nur durch binnenwirtschaftliche Maßnahmen geschehen, um die Lohn-PreisSpirale zu bremsen.
FRAGE:

Verschiedene Wirtschaftswissenschaftler halten das derzeitige

Wechselkurssystem - nicht exakt festgelegte Kurse wie es das Bretton-WoodsSystem forderte, aber auch kein wirklich freies Floaten - für inflationär.
Sind Sie auch dieser Ansicht?
ANTWORT:

Ich bin der Meinung, daß das relativ freie Floaten, wie wir

es gegenwärtig haben, in Wirklichkeit zur Eindämmung der Inflation beigetragen hat, weil die einzelnen Regierungen leichter nachhaltige Maßnahmen
ergreifen können, um die Inflation im eigenen Lande unter Kontrolle zu bekommen.
FRAGE:

Glauben Sie, daß die Wirtschaftler in den letzten Jahren etwas

dazu gelernt haben, was jetzt den Regierungen bei der Aufrechterhaltung
eines angemessenen Wirtschaftswachstums, ohne daß die Inflationsrate wieder
gefährliche Formen annimmt, nützen könnte?
ANTWORT:

Es ist vielleicht interessant, sich daran zurückzuerinnern,

daß die Wirtschaftler vor 30 Jahren erstmals von dem sogenannten "instabilen Dreieck" sprachen - davon, daß Vollbeschäftigung, Preisstabilität und
wirtschaftliche Freiheit angesichts starker organisierter Erzeugergruppen
nicht nebeneinander existieren können.

Der springende Punkt war, daß ein

Land, das sich zu einem hohen Beschäftigungsstand bekehnt und in dem es starke
- 6 -

�starke Unternehmerverbä'nde, organisierte Gewerkschaften und Landwirtschaftsorganisationen gibt, mit nahezu hundertprozentiger Sicherheit die Preisstabilität aufgeben oder aber zu gewissen Beschränkungen bei Löhnen und Preisen
greifen mußte.

Kein Land hat bisher das Problem, in einer Demokratie eine

angemessene Vollbeschäftigung mit einer angemessenen Preisstabilität in
Einklang zu bringen, wirklich gelöst.

Meines Erachtens werden wir in den kommenden Jahren weitere Experimente
bei der Suche nach neuen Wegen erleben, um die Lohn-Preis- und die PreisLohn-Spirale zu entschärfen.

Die Regierungen werden sich um Sozial abkommen

und eine neue humane Politik der Selbstbeschränkung bei Löhnen und Preisen
bemühen müssen - was auch eine Steuerpolitik mit Zuckerbrot und Peitsche
einschließen könnte, um die angestrebte Mäßigung bei Löhnen und Preisen zu
erreichen.
Dies wird ferner ein Bekenntnis zu langfristigen Produktivitätssteigerungen erfordern, und das ist nicht einfach, wenn sich Regierungen miteinander konkurrierenden Prioritäten gegenübersehen.

Und die Regierungen wer-

den dann ganz generelle Entscheidungen zu treffen haben, wie die Früchte
des Wachstums eingesetzt werden sollen:

Wieviel zum Beispiel zur Verbesse-

rung der Lebensqualität verwandt werden sollte, wieviel für den Umweltschutz und wieviel für die Steigerung des Angebots von Gütern und Dienstleistungen.

Das dürfte harte Nüsse für die Wirtschaftler sein, die es da

zu knacken gibt.

FRAGE:

Bedeutet dies, daß Sie hinsichtlich der Zukunft pessimistisch

sind?

ANTWORT:

Nein, ich bin nicht pessimistisch.

Ich habe nur gesagt, daß

wir keine perfekten Lösungen für diese sehr diffizilen Probleme haben.

Und

wir können sie bestimmt nicht mit einer Wirtschaftspolitik lösen, die nur in
eine Richtung weist - die sich zum Beispiel nur auf die Inflation oder nur

- 7 -

�nur auf die Arbeitsplätze konzentriert.

Aber wir können einer angemessenen

Vollbeschäftigung bei angemessener Preisstabilität ein ganzes Stück näher
kommen.
Ich glaube, wir sind findig genug, um zwischen Regierung, Unternehmern
und Gewerkschaften so viel Verständnis schaffen zu können, daß die ganze
Lohn-Preis- und Preis-Lohn-Spirale gebremst werden kann.
Der Bundesrepublik Deutschland ist das ganz ohne Zwang, aber doch auf
sehr wirkungsvolle Weise gelungen, und Großbritannien hat einige interessante
Versuche auf diesem Gebiet unternommen. Aber es bedarf noch mehr Einfallsreichtums und neuer Mittel, damit die Länder gemeinsam einen Weg zum Abbau
der Inflation und zu einer stetigen Wirtschaftsexpansion beschreiten können.
Das eine haben wir gelernt, daß ein einzelnes Land in der heutigen Welt
nicht einfach dadurch Vollbeschäftigung erreichen kann, daß es die Wirtschaft mit Kaufkraft überschwemmt. Bevor noch genug zusätzliche Kaufkraft
geschaffen ist, um zu gewährleisten, daß sie in der Wirtschaft bis zum
harten Kern der Arbeitslosen gelangt, würde sie bereits das Feuer der Inflation wieder angeheizt haben.
Die Wirtschaftspolitiker in den Vereinigten Staaten wie auch anderswo
müssen sich darüber klar sein, daß die Ausweitung der Beschäftigtenzahl zu
einem Teil durch Schaffung von solchen direkten Arbeitsplätzen geschehen
muß, die keine überschüssige Kaufkraft schaffen. Ich glaube, die Regierungen und auch die Wirtschaftler haben das jetzt begriffen.
So lernen wir im Laufe der Jahre Wege zur Verwirklichung der Vollbeschäftigung kennen, die weit weniger inflationär sind.

+ + + + +

- 8 -

�14. Dezember 1977

DER SCHUTZ DER MENSCHENRECHTE IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
Von Charles F. Abernathy

Die Frage der Menschenrechte ist durch
Erklärungen von Präsident Carter und Mitgliedern seiner Regierung sowie im Hinblick
auf die Belgrader Nachfolgekonferenz der
Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa (KSZE) stärker denn je zuvor in
den Mittelpunkt des Interesses gerückt. In
der Schlußakte von Helsinki aus dem Jahre
1975 haben sich die 35 Signatarstaaten,
darunter auch die USA, zur Einhaltung der
Menschenrechte verpflichtet.
Niemand wäre kompetenter, über den Schutz
der Menschenrechte in den Vereinigten
Staaten zu sprechen, als Charles F. Abernathy,
der sich über die Grenzen seines Landes
hinaus einen Namen als Experte für Bürgerrechte und Verfassungsrecht gemacht hat.

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�gemacht hat. Nach dem Tode von Dr. Martin
Luther King trat Abernathy praktisch an
die Spitze der Bürgerrechtsbewegung in den
USA. Als Schwarzer ist er stets für die
Belange von Minderheiten eingetreten und
hat vor amerikanischen Gerichten wichtige
Prozesse geführt, die Rechtsnormen gesetzt
haben. Gegenwärtig lehrt Abernathy als
Professor an der Juristischen Fakultät der
Georgetown-Universität in Washington, D.C.
Die Menschenrechte, dieses "lästige Insekt" auf dem Gebiet des internationalen Rechts, haben in letzter Zeit an Gewicht und Bedeutung gewonnen.
Nachdem man in internationalen Dokumenten jahrelang nur ein Lippenbekenntnis
ablegte, sind die Menschenrechte in der 1975 in Helsinki unterzeichneten
Schlußakte zum Abschluß der Konferenz für Sicherheit und Zusanmenarbeit in
Europa (KSZE) auf einen zentralen Platz gerückt.
Und es ist fast ohne Beispiel, daß sich die Teilnehmer an dieser Konferenz
darauf einigten, im Jahre 1977 in Belgrad eine Nachfolgekonferenz abzuhalten,
um die Verwirklichung der in der Schlußakte niedergelegten Prinzipien zu
überprüfen.
Die westlichen Nationen, einschließlich der Vereinigten Staaten, haben
in Belgrad eine aktive, vorwärtsdrängende Haltung eingenommen, und die
Vereinigten Staaten haben durch Präsident Carter die Menschenrechte zu einem
zentralen Thema ihrer Außenpolitik gemacht. Angesichts dieser amerikanischen
Aktivität und unter Berücksichtigung des traditionellen Pessimismus hinsichtlich der Einhaltung solcher 'taenschenrechtlicher" Verpflichtungen muß man sich
fragen: Praktiziert Amerika auch das, was es predigt? Schützen die Vereinigten
Staaten die Menschenrechte im eigenen Lande?
Die Antwort

- 2 -

�Die Antwort muß zweigeteilt sein: einmal in den Schutz der Bürgerrechte
und der politischen Rechte und zum zweiten in den Schutz der wirtschaftlichen und sozialen Rechte.

Die Bürgerrechte und die politischen Rechte
Da die Aufnahme der bürgerlichen und politischen Rechte in das internationale Recht hauptsächlich auf Betreiben der Vereinigten Staaten und der
westeuropäischen Länder erfolgte - auf der Grundlage unserer eigenen politischen
Systeme und unserer Sozialethik bezüglich des Wertes und der Würde des Einzelnen - ist es nicht verwunderlich, daß die Vereinigten Staaten über ein
sehr gut ausgebautes System zum Schutz der Bürgerrechte und der politischen
Rechte verfügen. Unter diesen Schutz fallen wesentliche Freiheiten, die durch
die Verfassung wie auch durch ein fast unfehlbares zweigleisiges juristisches
System zur Verteidigung und zum Schutz der garantierten wesentlichen Rechte
gewährleistet werden.
Der erste Zusatzartikel der Verfassung schützt die Rede- und Pressefreiheit und die freie Religionsausübung, und dies schließt auch die Gedanken-und Gewissensfreiheit und das Recht der friedlichen Versammlung ein.
Erst in jüngerer Zeit hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten
in einigen Fällen diese Freiheiten eindeutig bestätigt.
Der wichtigste dieser Fälle ist die Zivilklage (1971) der Regierung
der Vereinigten Staaten gegen die "New York Times". Die Exekutive wollte
die beiden Zeitungen "New York Times" und "Washington Post" daran hindern,
ein geheimes Dokument des Verteidigungsministeriums abzudrucken, das gestohlen oder sonstwie auf unrechtmäßige Weise aus den Akten der Regierung
entfernt worden war. Der Oberste Gerichtshof stellte mit sechs gegen drei
Stimmen fest, daß die Veröffentlichung nach Zusatzartikel I der Verfassung Rede- und Pressefrei hei4" - geschützt sei, da zwar der Exekutive Schaden

- 3 -

�Schaden zugefügt werde,daß aber die Regierungsdokumente eine wichtige
Rolle bei der Information der Öffentlichkeit über den Vietnamkrieg spielen
könnten. Und in dem Fall Gregory gegen die Stadt Chicago (1969) bestätigte
das Oberste Bundesgericht das Recht des für die Gleichberechtigung

und

gegen den Krieg kämpfenden Aktivisten Dick Gregory, eine Demonstration
gegen eine nach seiner Meinung auf eine Rassentrennung hinauslaufende
Wohnungspolitik der amtlichen Stellen anzuführen.
Die Redefreiheit in den Vereinigten Staaten ist nicht nur eine politische
Konzeption mit dem Ziel, die Öffentlichkeit über Angelegenheiten der Regierung
zu informieren, sondern amerikanische Gerichte haben die Auffassung vertreten,
daß Zusatzartikel I der Verfassung dem weitergefaßten Ziel der persönlichen
Entfaltung und Selbstverwirklichung dient.Die Entscheidungen des Obersten
Bundesgerichtshofes schützen daher nicht nur die politische Rede, sondern
auch Bücher, Filme und andere Unterhaltungsmedien, die Ideen verbreiten,
die die Regierung möglicherweise einschränken oder zensieren möchte. Es
wird ein "Marktplatz der Ideen" gefördert, damit Veränderungen in der Regierung und in der Gesellschaft mit den Mitteln der Überzeugung und nicht
des Zwangs stattfinden können.
Andere fundamentale Rechte in den Vereinigten Staaten werden durch
Zusatzartikel V der Verfassung geschützt, der besagt, daß niemand ohne Antrag oder Anklage durch ein Großes Geschworenengericht wegen eines Kapitalverbrechens oder eines sonstigen schimpflichen Verbrechens angeklagt werden
darf. Mit diesem Verfassungszusatz wird auch das Privateigentum des Bürgers
gegen Obergriffe des Staates geschützt.
Der Schutz der Person beginnt bereits vor der formellen Anklageerhebung.
Schutz von Eigentum und Wohnung vor Durchsuchung ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl, Recht auf einen Anwalt - auch einen Pflichtverteidiger usw.
sind Dinge, die für einen Rechtsstaat selbstverständlich sind. Weiter gehören
dazu das Recht auf einen unverzüglichen Prozeß, auf einen Dolmetscher wenn
notwendig, das Recht, einen Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen, von der Anklage-

�Anklagebehörde alle Informationen zu erhalten, die den Angeklagten entlasten könnten. Und vor allem,der Angeklagte hat das Recht auf einen Prozeß
mit 12 Mitbürgern als Geschworenen vor einem unparteiischen Richter.
Diese Verfahrensgrundsä'tze schützen auch andere fundamentale Rechte
außerhalb des Strafrechts. So sind eingeschlossen beispielsweise das Recht
auf unbehinderte Reisen, das Recht auf Eheschließung und Schwangerschaft
sowie der Schutz der Privatsphäre.
Der Oberste Gerichtshof nimmt den Schutz dieser Rechte sogar

so

genau,

daß er in der Regel in der Presse von jenen kritisiert wird, die glauben,
er sei im Schutz der Bürgerrechte zu weit gegangen.
Zusatzartikel XIV der Verfassung schließlich besagt, daß kein Staat der
Union "irgend jemandem innerhalb seines Hoheitsbereiches den gleichen Schutz
durch das Gesetz versagen" darf. Diese Bestimmung hat sich als außerordentlich
wichtig für den Schutz gegen willkürliche Regierungsmaßnahmen, vor allem
mit rassischem Hintergrund, erwiesen. Die Vereinigten Staaten waren zwar
eine Nation mit schwarzen Sklaven, aber die Sklaverei wurde bereits vor
100 Jahren abgeschafft, und es hat sich wohl kaum ein anderes Land in den
letzten 15 Jahren so viel Mühe gegeben, seine Rassenprobleme zu lösen.
Der Schutz rassischer Minderheiten ist praktisch perfekt. Offene Diskriminierungen

haben in den Vereinigten Staaten ein absolutes Minimum er-

reicht, und in den meisten Fällen handelt es sich heute um "de facto" Diskriminierungen. Bei diesen Fällen kann keine Absicht der Diskriminierung
nachgewiesen werden, der Kläger behauptet vielmehr, eine bestimmte Politik
habe diskriminierende Auswirkungen. Der hohe Entwicklungsstand im Kampf
gegen den Rassismus in den Vereinigten Staaten hat jetzt sogar zu Fällen
der "umgekehrten Diskriminierung" geführt. Dabei geht es um ausgleichende
Programme, die frühere Diskriminierungen beheben sollen, indem ein bestimmter
Prozentsatz von Arbeitsplätzen, Parlamentssitzen, Studienplätzen usw. für
Minderheiten garantiert wird. Die Weißen, die aufgrund dieser für die Minder-

- 5 -

�Minderheiten positiven Regelungen keinen Platz erhalten, argumentieren jetzt
- und das ist fast ein Witz der Weltgeschichte - daß Weißen allein aus
rassischen Gründen die Gleichberechtigung verweigert werde. Ein solcher
Musterprozeß ist derzeit beim Obersten Bundesgericht anhängig.
Der Oberste Bundesgerichtshof hat diese Klausel des gleichen Schutzes
für alle auch dahingehend interpretiert, daß sie für alle sozialen Gruppen
in der Gesellschaft gilt, wie. z.B. für religiöse und völkische Minderheiten, Ausländer, Frauen

usw.
•

•

Man darf mit Fug und Recht sagen, daß der gleiche Schutz durch das
Gesetz laut Zusatzartikel XIV der Verfassung mehr ist als nur ein Schutz
auf dem Papier. Nicht zuletzt dank der Bemühungen der Nationalen Vereinigung
zur Förderung Farbiger (NAACP) ha f das Oberste Bundesgericht im Jahre 1954
einstimmig alle Bestimmungen der Einzelstaaten als verfassungswidrig erklärt, die eine Rassentrennung an öffentlichen Schulen vorsahen. Damit wurde
eine ganz entscheidende Anstrengung in die Wege geleitet, nicht nur die
Schulen, sondern auch die Gesellschaft in den Vereinigten Staaten zu integrieren.
Schwierigkeiten mit der Schulintegration gibt es eigentlich nur noch
in den Ballungszentren, wo entweder überwiegend Schwarze oder überwieqend
Weiße wohnen, was sich natürlich auf den Prozentsatz der jeweiligen Minderheit an den Schulen auswirkt. Demographische und soziologische Untersuchungen
der letzten Jahre haben gezeigt, daß die Fälle, in denen noch keine Integration in Großstädten wie Chicago, Detroit, Philadelphia oder Los Angeles
durchgeführt wurde, einfach auf sachliche Faktoren wie die freie Wahl der
Schule zurückzuführen sind und keineswegs auf amtliche Maßnahmen, die auf
eine Rassentrennung in Schule und Wohnung abzielen würden. Diese Studien
lassen ferner erkennen, daß das Ausmaß der selbst gewollten Rassentrennung
nicht größer ist als bei den ethnischen Minderheiten unter den Einwanderern,
die sich früher in den Städten zusammengeballt hatten. Mit der Zeit werden
diese Reste der Rassentrennung durch die Entwicklung beseitigt werden.
So ergibt sich

�So ergibt sich also folgendes Bild: Ein Amerika , das praktisch und
effektiv integriert ist - mit Ausnahme einiger Enklaven im Schulsystem von
Großstädten in Vierteln mit überwiegend schwarzer Bevölkerung - was nicht
auf den bösen Willen der Behörden, sondern auf die Bevölkerungsstruktur
zurückzuführen ist. Im übrigen werden viele dieser großstädtischen Schulsysteme, wie beispielsweise in Washington, D.C„ urd Atlanta, Georgia, von
schwarzen Bürgermeistern kontrolliert» Wenn man diese Schulsysteme aus den
Angeln heben wollte, dann würde man vernünftige

Schul Programme zerstören,

die von Schwarzen selbst ausgearbeitet wurden und den schwarzen und weißen
Bevölkerungsgruppen in diesen Städten zugute kommen.
Der Prozeß der Schulintegratior verlief im großen und ganzen reibungslos
- weit reibungsloser, als man während der turbulenten sechziger Jahre
gedacht hatte. Eine kürz liehe Umfrage in 29 repräsentativen Gemeinden ergab,
daß 27 keinerlei Störungen an der öffentlichen Ordnung oder des Schulbetriebes zu berichten hatten. Interessant in diesem Zusammenhang ist die
Tatsache, daß der Anstoß zur Aufhebung der Rassentrennung an Schulen nur in
34 Prozent der Fälle durch Gerichtsurteile bewirkt wurde, durch behördliche
Maßnahmen in 25 Prozent der Fälle und in 41 Prozent, d.h. der Mehrzahl, von
Initiativen der Schulgemeinden selbst ausging.
I • b - i.

Kein System der Welt kann einen totalen Schutz der Menschenrechte gewährleisten. Letztlich wird es immer auf die Regierung ankommen, daß sie
alle Auswüchse unter Kontrolle hält. Das führt uns zu dem zweiten wichtigen
Charakteristikum des amerikanischen Systems zum Schutz der bürgerlichen und
politischen Rechte - die USA haben ein funktionierendes System vielfältiger
Sicherungen entwickelt, das den Schutz der verfassungsmäßigen Rechte gewährleistet.
Der wichtigste Punkt dieses Systems sind die unabhängigen Bundesrichter,
die über ungewöhnliche Vollmachten verfügen, wenn es gilt, Akte

der Legis-

lative und der Exekutive zu kontrollieren. Diese Richter sind auf Lebenszeit
ernannt und damit gegen politischen Druck immun. Die Unabhängigkeit der Richter
1

!

�Richter hat gelegentlich selbst die Präsidenten überrascht, die sie ernannt haben: So beispielsweise in dem Fall Vereinigte Staaten gegen Nixon
im Jahre 1974, als nicht einer der von Nixon ernannten Obersten Bundesrichter
hinsichtlich der Watergate-Tonbänder den Standpunkt des Präsidenten unterstützte.
Diese unabhängigen Bundesrichter haben auch das Recht, von Gerichten
der Einzelstaaten behandelte Fälle zu revidieren. Damit wird sichergestellt,
daß die Richter der einzelstaatlichen Gerichte die bürgerlichen und politischen
Rechte achten, die durch die über alles stehende Bundesverfassung garantiert
werden.
Den Einzel Staaten wird die Macht jedoch nicht völlig aus der Hand
genommen. Die Staaten selbst haben die Möglichkeit, noch striktere Bestimmungen
zum Schutz der Menschenrechte zu erlassen, die über die Mindestnorm des
Bundes hinausgehen, die von allen Einzel Staaten eingehalten werden muß.
Wenn auch kein Land der Erde für sich in Anspruch nehmen kann, im Schutz
der Menschenrechte perfekt zu sein, so sind die Vereinigten Staaten in ihren
verfassungsmäßigen Bestimnungen hinsichtlich der bürgerlichen und politischen
Rechte und in ihren Verfahren zum Schutz dieser Rechte doch vorbildlich.
Auch wenn sich hier und dort einmal ein Regierungsbediensteter irren mag das wird nie auszuschließen sein - so spielt die amerikanische Regierung
doch eine positive Rolle beim Schutz dieser Rechte - im Gegensatz zu den
Regierungen mancher anderer Länder.
Daß Dissidenten und aktive Bürgerrechtler in Amerika etwas zu bestellen
haben, läßt sich an zwei Beispielen erkennen: Andrew Young, Aktivist in der
Bürgerrechtsszene in den sechziger Jahren, ist heute amerikanischer Botschafter bei den Vereinten Nationen, und Thurgood Marshall, der Führer der
NAACP-Attacke gegen die Rassentrennung an den Schulen, ist heute Oberster
Bundesrichter.
Wirtschaftliche und soziale Rechte
- 8 -

�Wirtschaftliche und soziale Rechte
Im Gegensatz zu den bürgerlichen und politischen Rechten fielen die
wirtschaftlichen und sozialen Rechte - das Recht auf Arbeit, das Recht auf
Gesundheitsfürsorge, das Recht auf Erziehung und Ausbildung und das allgemeine Recht auf ein menschenwürdiges Leben - nach der Tradition nicht
unter die Zuständigkeit und den Schutz des Bundes. Die amerikanische Verfassung sah vielmehr vor, daß solche Dinge des täglichen Lebens in die
Zuständigkeit der einzelstaatlichen Behörden gehörten. Hinsichtlich der
Bildung haben alle Staaten große Anstrengungen unternommen, und in den
meisten herrscht Schulpflicht bis zum 16. Lebensjahr. Hinsichtlich des
Schutzes der anderen Rechte ergab sich ein unterschiedliches Bild.
Die Bundesregierung wurde zum ersten Mal während der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren ernsthaft mit den wirtschaftlichen und
sozialen Rechten befaßt. Damals wurden begrenzte Programme in Angriff genommen, um die Arbeitslosigkeit in Landwirtschaft und Industrie zu mildern und
Rentnern ein Minimaleinkommen zu sichern. Die größten Anstrengungen und
beinahe revolutionäre neue Verpflichtungen zur Förderung der wirtschrftlichen
und sozialen Rechte unternahm die amerikanische Regierung in den letzten
zehn Jahren, als der Kongreß eine ganze Fülle von Programmen verabschiedete,
die dafür sorgen, daß jeder Amerikaner ausreichend gekleidet ist, wohnt,
ernährt und gesundheitlich versorgt ist.
Das Recht auf Arbeit wird durch den National Labor Relations Act (Gesetz
über die Arbeitsverhältnisse) aus dem Jahre 1935 gewährleistet. Dieses Gesetz
garantiert die Tarifautonomie der Sozialpartner. Aber das ist sozusagen nur
die Spitze des Eisbergs. Ein Bundesgesetz legt einen Mindeslohn fest und
sichert den Arbeiter vor Ausbeutung durch unzureichende Entlohnung. Eine
Vielfalt weiterer Bestimmungen regelt und schützt die Arbeitsbedingungen in
amerikanischen Betrieben.
Eine Reihe

�Eine Reihe weiterer, im Jahre 1964 im Rahmen des Bürgerrechtsgesetzes
verabschiedeter Bestimmungen schützt das gleiche Recht auf Arbeit; d.h. diese
Verordnungen

gewährleisten, daß das Recht auf Arbeit nicht aufgrund von

Rasse, Geschlecht, Religion, Alter oder nationaler Herkunft beeinträchtigt
werden darf. Dieser Schutz gilt für den öffentlichen Dienst genauso wie
für die Privatwirtschaft.
Die Bundesregierung hat sich auch in zunehmendem Maße darum gekümmert,
daß jeder Amerikaner sich eines Mindeslebensstandards erfreuen kann. Die
Arbeitslosenunterstützung erfaßt rund 70 Millionen amerikanische Arbeitnehmer und soll sicherstellen, daß jeder Arbeiter während der Zeit der
Beschäftigungslosigkeit seinen Lebensstandard aufrechterhalten kann. In den
letzten Jahren wurden für diese Programme über 10 Milliarden Dollar aufgewandt.
Ein weiteres Programm dient der Unterstützung von Personen mit chronischen
finanziellen Schwierigkeiten, vor allen Familien oder Mütter mit Kindern,
was unter dem Sammelbegriff "Wohlfahrt" fällt. Bei der Bedürftigkeit von
Kindern ist die Arbeitslosigkeit mit 4,1 Prozent übrigens die geringste
Ursache, 17,5 Prozent der Fälle gehen auf Scheidung, 28,9 Prozent auf Trennung
und 31,5 Prozent auf uneheliche Geburt zurück.
Die Bundesregierung hat drei weitere Sozialprogramme für Bedürftige
eingeführt: Medicaid, d.h. unentgeltliche Gesundheitsfürsorge (1976 rund
14 Milliarden Dollar); Medicare, ein Gesundheitsfürsorgeprogramm für ältere
Menschen; und Lebensmittelmarken, die ärmeren Menschen den Bezug von Lebensmitteln ermöglichen.
Und schließlich hat das amerikanische Wohnungsbauministerium ein Wohngeldprogramm entwickelt, das Bedürftigen eine billige oder sogar freie
Wohnung beschafft.
Obwohl Erziehung und Bildung in die Zuständigkeit der Einzelstaaten
fällt, hat die Bundesregierung auch hier fördernd eingegriffen.
Die Bundesregierung
- 10 -

�Die Bundesregierung hat große Beträge für die Unterstützung von
Bildungsstätten in Gemeinden bereitgestellt - im Haushaltsjahr 1975/76
allein 6 Milliarden Dollar, wodurch die Gesamtaufwendungen in den USA für
Bildung auf 67 Milliarden Dollar stiegen, d.h. auf fast 8 Prozent des
Bruttosozialprodukts. Das bedeutet fast eine Verdoppelung in 25 Jahren.
Zweitens hat die Bundesregierung die Grundlagen geschaffen, daß Erziehung und öildung ohne Diskriminierung erfolgen. Niemand darf aufgrund von
Rasse, Geschlecht, Herkunft, Religion, körperlicher Gebrechen usw. benachteiligt werden. Neben der geistigen Entfaltung sorgt sich die Bundesregierung auch um materielle Dinge, wie Schulspeisung usw.
Niemand wird behaupten, in den Vereinigten Staaten seien alle wirtschaftlichen und sozialen Probleme gelöst. Obwohl in jedem Jahr eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze geschaffen wird, so ist dieser Zuwachs doch nicht
ausreichend, um all den neu auf den Arbeitsmarkt drängenden Menschen
Beschäftigung zu geben. Wegen der starken Geburtsjahrgänge nach dem Krieg
ist die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen besonders hoch, vor allem
unter den Schwarzen ohne Schulabschluß.
Zwei Phänomene ragen jedoch aus dem amerikanischen Leben heraus. Einmal
besitzen private gesellschaftliche Organisationen die dynamische Fähigkeit,
das Bewußtsein der Öffentlichkeit ständig aufzurütteln und für einen stärkeren
Schutz der Menschenrechte zu kämpfen. Die NAACP ist bisher nur eii Beispiel
auf dem Gebiet der Bürgerrechte. Zum zweiten steht die Regierung auf der Seite
des sozialen Wandels und Fortschritts, und sie tritt für die sozialen und
wirtschaftlichen Rechte ein. Die legislative Revolution auf diesem Gebiet
in den sechziger Jahren hält weiter an.
Die Vereinigten Staaten haben sowohl auf dem Gebiet der bürgerlichen
und politischen Rechte als auch der wirtschaftlichen und sozialen Rechte
etwas geleistet. Unsere Verfassung legt den Nachdruck auf die politischen
und bürgerlichen Rechte, in der Hoffnung, daß in einem System mit Rede- und

- 11 -

�Rede- und Pressefreiheit, mit freien Wahlen und gleichberechtigter Beteiligung aller am politischen Geschehen das Volk seine wirtschaftlichen und
sozialen Rechte durch eine kluge Gesetzgebung sichern kann. Das hat sich auf
lange Sicht als richtig erwiesen.
Ich glaube nicht, daß amerikanische Bürger ihr System als die einzige
Methode des Schutzes der Menschenrechte ansehen. Aber sie sind der Überzeugung, daß ihr System, mit all seinen Fehlern und Mängeln, den Anforderungen
des internationalen Rechts entspricht, daß die Menschenrechte systematisch
geschützt werden müssen. Dabei geben wir uns keineswegs zufrieden. Wir sind
zwar der Auffassung, daß wir die internationalen Normen der Menschenrechte
ohne Frage erfüllen, aber wir drängen im eigenen Lande unsere Regierung
ständig, weitere Anstrengungen zur Förderung der bürgerlichen und politischen
Rechte wie auch der wirtschaftlichen und sozialen Rechte zu unternehmen.
Wir werden in der einen wie in der anderen Richtung nicht nachlassen.

+ + + + +

- 12 -

�14. Dezember 1977

32

AMERIKAS FRAUEN BESCHLOSSEN EINHEITLICHEN AKTIONSPLAN
- Die Frauenrechtskonferenz von Houston Von Charlotte Astor

HOUSTON, TEXAS - (AD) - Amerikas erste "Nationale Frauenkonferenz",
die vom 18. bis 21. November im Albert Thomas Convention and Exhibits
Center im texanischen Houston stattgefunden hat, endete mit der Verabschiedung von 25 der ursprünglich vorgeschlagenen 26 Punkte eines
"Nationalen Aktionsplans" der amerikanischen Frauenrechtsbewegung. Diese
Veranstaltung geht auf eine Anregung der amerikanischen Regierung zurück
und wurde von ihr - ein absolutes Novum - mit 5 Millionen Dollar bezuschußt.
Den Auftakt zur Konferenz bildete das Eintreffen der Schlußläuferin
eines Stafettenlaufs von Seneca Falls im Staat New York, dem Tagungsort
der ersten Frauenrechtlerinnenkonferenz auf amerikanischem Boden im Jahre
1848, nach Houston. Rund 2000 Läuferinnen hatten die brennende Fackel, die
am 29. September in Seneca Falls entzündet worden war, durch das Gebiet von
14 Unionsstaaten nach dem über rund 4200 km entfernten Houston gebracht, wo
sie von Bella Abzuq, der Vorsitzenden der "Nationalen Frauenkonferenz",und den
bekannten Sportlerinnen Billie Jean King und Wilma Rudolph entgegengenommen

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�entgegengenommen wurde.
Die auf der "Nationalen Frauenkonferenz" gefaßten Beschlüsse sollen
der US-Regierung, dem amerikanischen Volk und der Welt vor Augen führen,
daß sich die Frauenbewegung in den USA zu einer mächtigen Kraft des
öffentlichen Lebens entwickelt hat. Die Frauen wollen und werden nicht
mehr länger schweigend zusehen, was in bezug auf ihre rechtliche Stellung
läuft. Sie wollen künftig auch in Fragen der Innen- und der Außenpolitik
gehört werden und im Sinne ihres Aktionsplans selbst an deren Gestaltung
und Führung mitwirken.
Die Frauenkonferenz von Houston war in mehrerer Hinsicht bemerkenswert.
Sie knüpfte bewußt an

die Tradition der Soufragetten und Frauenrecht-

lerinnen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts an. So rief Dr. Susan B.
Anthony, eine Großnichte der gleichnamigen Führerin der Frauenbewegung von
damals,

den Teilnehmerinnen der Nationalen Frauenkonferenz zu: "Wir wollen

das Rennen beenden, das die Gründermütter unserer Bewegung 1848 in Seneca
Falls begonnen haben."
Zu den Ehrengästen des Nationalen Frauenkongresses gehörten auch die
Gattin Präsident Jimmy Carters, Rosalynn Carter, und die Ex-First Ladies
Betty Ford und Lady Bird Johnson, die sich auch selbst zu Wort meldeten und
der Konferenz mit ihrer aktiven Mitwirkung nur umso größeres Prestige und
Gewicht verliehen.
An den Diskussionen beteiligten sich zahlreiche der insgesamt 2000
Delegierte

aus allen 50 Einzel Staaten und den sechs amerikanischen Terri-

torien. Als Beobachter nahmen an der Konferenz auch 60 Vertreterinnen von
Frauenorganisationen aus 22 Ländern teil. Wichtigster Tagungsgegenstand
war der 38 Seiten umfassende "Nationale Aktionsplan" aus 26 Programmpunkten
und über 100 Empfehlungen, das Ergebnis von 56 Vorkonferenzen des vergangenen Jahres. Die Vorschläge befassen sich mit der Rolle der Frau in
Haushalt, Beruf, Wirtschaft und Politik sowie in Kunst und Wissenschaft,

- 2 -

�Wissenschaft, in den Medien und in der Erziehung und Gesundheitsfürsorge.
Wichtige Punkte betrafen auch den Kinderschutz, die Hilfe für körperbehinderte Frauen, die versicherungsrechtliche Stellung der Frau, die Rechte
weiblicher Minderheitsangehöriger, die Rolle der Frau auf dem Land, die
sexuelle Freiheit der Frau und die Verbesserung der Frauenstatistiken.
Besonders umstritten waren die Forderung nach Errichtung eines Bundesministeriums für Frauenfragen.die schließlich von der Mehrheit der Delegierten abgelehnt wurde, uno die Ratifizierung des 1972 vom Kongreß beschlossenen Verfassungszusatzes zur Gewährleistung der Rechtsgleichheit der Frau,
für die sich die Delegierten ganz entschieden einsetzen wollen. Dieser
Programmpunkt, vorab heftig umstritten, wurde schon am ersten Tag der Veranstaltung fast einstimmig gebilligt. Nach dem Verfassungsrecht muß dieser
Zusatzartikel bis spätestens 22. März 1979 von 38 Staaten ratifiziert werden,
um Rechtskraft zu erlangen; gegenwärtig fehlt hierfür noch die Ratifikation
durch drei Staaten, die bisher aber als nicht sehr wahrscheinlich galt. Gegen
diesen Verfassungszusatz wurden zunächst eherechtliche Bedenken geltend
gemacht, da er alle einzelstaatlichen Gesetze außer Kraft setzen würde, die
den Ehemann gesetzlich für den Unterhalt von Frau und Kindern verantwortlich
machen.
Die Konferenzteilnehmerinnen kamen aus allen Bevölkerungsschichten und
schlössen, wie die Vorsitzende Bella Abzug - eine ehemalige Abgeordnete des
Staates New York im US-Repräsentantenhaus und im Frühjahr 1977 erfolglose
Bewerberin um die Ncminierung für die New Yorker Bürgermeisterwahlen betonte, Frauen aller Rassen und Glaubensbekenntnisse aus allen wirtschaftlichen Schichten ein. Eine nicht geringere Vielfalt herrschte hinsichtlich
der aufgestellten Forderungen: Die Verfechter "der sexuellen Präferenz"
verlangten die Beseitigung der Diskriminierung der lesbischen Liebe; die
Kämpferinnen für "reproduktive Freiheit" setzten sich für das ^echt auf
Abtreibung ein und wandten sich vor allem gegen die
Weigerung de c Bundes
und vieler Einzelstaaten und Gemeinden, die Abtreibung als Gesundheitsmaßnahme
zu bezuschussen.
Die Konferenz hat,

�Die Konferenz hat, das kann man als Fazit festhalten, die amerikanischen
Frauen zu einem neuen Selbstverstä'ndnis geführt. Die Frauenbewegung hat aufgehört, eine ideologisch zerstrittene Gruppierung zu sein; sie hat sich
zu einer straffen Organisation formiert, einem Instrument, das den Bedürfnissen und Forderungen Geltung verschaffen wird. Die Frauenbewegung ist
inzwischen zu wichtig und mächtig geworden, als daß sich Politiker einfach
über sie hinwegsetzen könnten.
Was die Konferenz an rechtlicher und noch mehr in politischen Folgen
zeitigen wird, bleibt erst noch abzuwarten. Die Konferenzleitung wird dem
Präsidenten und dem Kongreß innerhalb von vier Monaten einen Bericht sowie
den "Nationalen Aktionsplan" zuleiten. Die Frauen sind sicher, dal3 viele der
darin enthaltenen Vorschläge als Anregung zu gesetzgeberischen Maßnahmen zur
Festigung der Rechte der Frau dienen werden.
Schon in den ersten Wochen nach der Konferenz zeigte sich ein eindeutiger Erfolg: Die Debatte um das Verfassungsgesetz zur rechtlichen Gleich
Stellung der Frau ist in einer Reihe von Staaten erneut aufgeflammt.

+ + + + +

- 4

�Wi//en/choft
und Technik
United States Information Service

14. November 1977

32

RAUMFAHRTPROJEKTE AUF INTERNATIONALER BASIS
- USA arbeiten mit anderen Ländern zusammen •

- (AD) - Projekte internationaler Zusammenarbeit auf acht wichtigen Gebieten der Raumfahrt verfolgen gegenwärtig die Vereinigten Staaten bis weit
in die achtziger Jahre hinein. Eine Obersicht gibt ein Bericht, den Marjorie
Craig Benton, Mitglied der amerikanischen UN-Delegation, Ende November 1977
dem UN-Ausschuß für die friedliche Nutzung des Weltraums übergab. Das Spektrum reicht von Vorhaben der bemannten Raumfahrt über die Nutzanwendung unbemannter Satelliten für wirtschaftliche Aufgaben im weitesten Sinn bis zu
rein wissenschaftlichen Untersuchungen.
Technologisch wie finanziell gesehen ist der von der US-Weltraumbehörde NASA entwickelte Orbiter im System des wiederverwendbaren Raumtransporters (Space Shuttle) im Verein mit der parallel laufenden europäischen Entwicklung des Weltraumlabors (Spacelab) das aufwendigste Projekt.

Im Hin-

blick auf vier wichtige Kategorien - Technologie, Biologie und Medizin; Erderkundung; extraterrestrische Forschung und Astronomie - kommt ihm allerdings größte Bedeutung zu.

Schafft es doch u.a. die wissenschaftlichen und

technischen Voraussetzungen, um in der Schwerelosigkeit völlig neuartige,
hochwertige Produkte samt ihrer optimalen Herstellungsverfahren zu entwickeln.

Mit diesem Unternehmen wird auch der Industrie solcher Nationen, die

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Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�die nicht zu den führenden Raumfahrtländern zählen, der Einstieg in modernste, zukunftsträchtige Technologien ermöglicht.
Gegenwärtiger Stand:

Die erste Testflugserie der NASA mit Anflug-

und Landemanövern des bemannten Orbiter-Geräts (freier Flug nach HuckepackTransport mit einer Boeing-747 in mehr als 7000 m Höhe) wurde im Oktober
1977 erfolgreich abgeschlossen.

Mitte 1979 erwartet man in den USA ein be-

triebsbereites Modell des bei ERNO in Bremen im Auftrag der Europäischen
Weltraumbehörde ESA gebauten Spacelab, das aus zwei Laboreinheiten und
einer Instrumenten-Doppelpalette bestehen wird.

Ab Ende September 1979

steht das flugfähige Weltraumlabor in Cape Canaveral zur Verfügung, von
wo aus der Start zum ersten Raumflugtest an Bord des Orbiter erfolgt.

In-

zwischen wurden von NASA und ESA Experimente von Wissenschaftlern aus 16
Ländern als Beitrag zum ersten operationellen Flug von Space Shuttle und
Spacelab Ende Dezember 1980 ausgewählt.
LANDSAT-Programm: Von den Fernerkundungssatelliten der NASA profitieren z.Zt. nationale und internationale Forschungsprojekte in 50 Ländern.
Außerdem gibt das LANDSAT-Datenzentrum in Sioux Falls (Süddakota) gegen
Gebühr Sateliiten-Meßdaten und Fotos an Benutzer in ca. 100 Ländern weiter.
Bodenstationen in Kanada, Brasilien und Italien empfangen LANDSAT-Daten
direkt von den Satelliten. Im Iran befindet sich eine Bodenstation in
Bau, die Errichtung weiterer Stationen in Argentinien, Chile und Schweden
ist geplant. Auch Japan, Australien und Indien haben bereits ihr Interesse an eigenen Empfangsstationen bekundet. Das Fernerkundungsprogramm
für Landgebiete wird in Kürze durch das Projekt SEASAT für die Beobachtung der Meere ergänzt werden. Den Start des ersten SEASAT-Satelliten bereitet die NASA für Mai 1978 vor.
Nachrichtentechnik:

Der weiteren technischen Verbesserung von Nach-

richtensatelliten dient ein Projekt, das die NASA gegenwärtig gemeinsam
mit Kanada durchführt.

Besonders interessiert die Übertragung von Fern-

�Fernsehprogrammen über Satelliten sowie der Einsatz kleiner Empfangsstationen und fahrbarer Funkstellen, mit denen via Weltraum Verbindung zu
Schiffen, Flugzeugen und Landfahrzeugen gehalten werden kann.

SAR-Satellitensystem für Such- und Rettungsaktionen:

Mit Sateliten-

unterstützung soll die Ortung und Rettung verunglückter Flugzeuge und
Schiffe erleichtert und beschleunigt werden.

Das Projekt wurde ursprüng-

lich von den USA gemeinsam mit Kanada geplant.

Inzwischen haben auch die

UdSSR und Frankreich die Absicht bekundet, sich daran zu beteiligen.

Orbitersonde für den Planeten Jupiter:

Die NASA führt dieses Projekt,

das für Anfang 1982 geplant ist, gemeinsam mit der Bundesrepublik Deutschland durch.

Die Mission hat die detailliertesten wissenschaftlichen Unter-

suchungen zum Ziel, die vom Planeten, seiner Atmosphäre, seinen Monden und
seiner Umwelt je gemacht wurden.

Astronomie-Satellit für Beobachtungen im Infrarotbereich:

Die NASA

hat mit den Niederlanden und England vereinbart, 1981 einen Forschungssatelliten zu starten, der zum ersten Mal eine komplette Himmelsdurchmusterung im Spektralbereich der infraroten Wellenlängen vornimmt.

Diese sind

von stationären Erdobservatorien aus infolge des Abschirmeffekts der Atmosphäre nicht zu erfassen.

Weltraumteleskop:

Die europäische Weltraumbehörde ESA ist mit der

NASA übereingekommen, wesentliche Beiträge zum "Programm Weltraumteleskop"
zu leisten.

Das Teleskop mit einem 2,4 m großen Spiegel, das im Jahr 1983

an Bord eines Space Shuttle in den Weltraum transportiert wird, ermöglicht
Himmelsbeobachtungen mit einem unvergleichlich größeren Auflösungsvermögen,
als es mit noch so starken Fernrohren von Observatorien an der Erdoberfläche
je zu erreichen wäre.

Bei der Untersuchung von Planeten, Sternen, fernen

Sternsystemen oder auch Kometen lassen sich aus einer Position jenseits der
störenden Erdatmosphäre mit diesem Spiegel Einzelheiten 20 - 30mal besser

- 3 -

�besser auflösen als beispielsweise mit dem 5 m-Spiegel des Observatoriums
auf dem Mount Palomar.

Da außerdem das Luftleuchten als Störfaktor ent-

fällt, könnten selbst sehr schwach leuchtende Objekte in weitaus größeren
Tiefen des Universums, als mit den heutigen Instrumenten überhaupt erreichbar sind, abgebildet und gemessen werden.
Sonnenforschung:

Ein neuer Abschnitt zur Untersuchung des Einflusses

der Sonne auf den erdnahen Raum und damit letztlich auf atmosphärische
Prozesse, die Klima, Wetter und andere Bedingungen an der Erdoberfläche bestimmen, leitete der Zwillingsstart von ISEE I (NASA-Gerät) und ISEE II
(ESA-Gerät) mit einer amerikanischen Trägerrakete am 22. Oktober 1977 ein.
ISEE ist die Abkürzung für "International Sun-Earth Explorers", ein Gemeinschaftsprojekt der NASA und der europäischen Weltraumbehörde ESA.
Die ISEE-Satelliten, von ihren Erbauern liebevoll "Mutter" (ISEE I)
und "Tochter" (ISEE II) genannt, sind mit Instrumenten von 117 Wissenschaftlern ausgerüstet, die an 35 Universitäten in zehn Ländern arbeiten.

Zusam-

men mit einem dritten ISEE-Satelliten, der im Juli 1978 folgt, registrieren
und messen die Geräte mindestens drei Jahre lang physikalisch-chemische Prozesse unter der Einwirkung der Sonnenaktivität - beispielsweise das Auftreten von Partikel strömen im Magnetfeldbereich der Erde, Energieproduktion
und Umsetzungen in bestimmten Bereichen, Vorgänge an den Grenzzonen zum
interplanetaren Raum, Ozonabbau in der Erdatmosphäre.
Der Meßbereich erstreckt sich vorläufig auf ein Gebiet zwischen
240 km - 140 000 km Abstand von der Erde; durch ISEE II wird er bis auf
1,5 Millionen Kilometer ausgedehnt. Denn ISEE III soll am sogenannten Librationspunkt stationiert werden, wo - bei 1/100 des Abstandes der Erde zur
Sonne - die Massenanziehung beider Himmelskörper gleich groß ist. Der
Satellit beobachtet in seiner Position nahezu ununterbrochen solare Phänomene, etwa heftige Ausbrüche glühenden Gases oder den aus ionisiertem
Wasserstoff und Helium bestehenden Sonnenwind, der mit Überschallgeschwindigkeit, aber in unterschiedlicher Intensität ständig in den interplaneta- 4 -

�interplanetaren Raum abströmt.

Die Schwaden ionisierten Gases werden bei

ISEE III etwa eine Stunde früher ankommen als bei ISEE I und II-

Dieser

Umstand macht es den Wissenschaftlern auf der Erde möglich, "Mutter" und
"Tochter", die in "Sichtweite" voneinander die Erde in einer Ellipse zwischen
240 km und 140 000 km Höhe umkreisen (wobei sich ISEE II vom Muttersatelliten
mittels kleiner Düsenmotoren bis zu ein paar Tausend Kilometer entfernen und
sich ihm dann wieder auf geringen Abstand nähern kann), Funkbefehle für ganz
spezielle Beobachtungen zu geben.

Außerdem läßt die Vorwarnung genügend

Zeit, um zusätzlich Forschungsraketen von verschiedenen Punkten der Erdoberfläche aus zu starten und bestimmte Vorgänge im Zusammenhang mit dem Sonnenwind genauer zu untersuchen.
Die Forscher hoffen u.a. exakte Meßdaten darüber zu erhalten, wie sich
solare Materieteilchen, insbesondere aber der Sonnenwind, im Grenzbereich
zum irdischen Magnetfeld verhalten, ob sie direkt oder indirekt Partikelströme und andere Phänomene innerhalb der Magnetosphäre der Erde steuern.
Das ISEE-Programm ist Teil des weltweiten, über drei Jahre laufenden internationalen Studienprojekts "Magnetosphäre".

Jupiter als Steuerungskraft
Nach dem so erfolgreich durchgeführten deutsch-amerikanischen Sonnenforschungsprojekt HELIOS kündigten kürzlich Mitarbeiter des Jet Propulsion
Laboratory (JPL-Institut für Strahlantriebe) in Pasadena e m e sehr viel umfassendere und neuartige Studie an:

NASA und ESA werden zwei identische Sa-

telliten bauen, die Anfang der achtziger Jahre von einem Raumtransporter aus
gestartet werden.

Sie sollen jedoch die Sonne nicht aus der flachen Umlauf-

ebene der Planeten beobachten, sondern aus Positionen nördlich und südlich
der Ekliptik.

Und damit dies überhaupt zu bewerkstelligen ist, müßten sie

von Bord des Space Shuttle in der Erdumlaufbahn in Richtung auf den Planeten

�Planeten Jupiter abgeschossen werden.

Die Massenanziehung dieses größten

Planeten im Sonnensystem würde dann genutzt, um die Satelliten auf Flugbahnen zu zwingen, von denen aus sie die nördliche und südliche Sonnenhemisphäre in allen Breitengraden beobachten können.

Sie würden die von der

Sonne nach allen Richtungen abgegebenen Strahlungen sowie das solare Magnetfeld messen, die äußere Sonnenatmosphäre sowie Oberflächenphänomene überwachen und sogar die Pole der Sonne überfliegen.
des Experiments:

Vier Jahre.

+ + + + +

6 -

Voraussichtliche Dauer

�mim 5fi
»

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

32

14. Dezember 1977

LEBEN UNTER EWIGEM EIS
Forschungssaison 1977/78 in der Antarktis -

- (AD) - Unbekannte kleine Meerestiere, die wie Miniaturbäume aussehen,
fischten amerikanische Wissenschaftler in der Nähe der US-Station McMurdo
aus Schlamm und Bodenwasser unter dickem Eis, das die Oberfläche des RossSchelfmeeres bedeckt.

Die Eisdecke nimmt eine Fläche ein, die etwa der

Größe Frankreichs entspricht.

Eine Forschergruppe der Universität Kalifornien tauchte bis zu 30 m
tief, um die kleinen Lebewesen aus ihrer kalten Umwelt zu holen - d.h. aus
Meerwasser, dessen Temperatur noch unter dem Gefrierpunkt salzfreien Wassers
liegt.

Die Tiere, von denen die größten etwa 5 cm messen, wurden in Kühl-

behälter gepackt, um sie zu einem Laboratorium in den Vereinigten Staaten
transportieren und dort eingehend untersuchen zu können.

Wie Prof. Jere Lipps von der Universität Kalifornien berichtet, wurden
zwei verschiedene Typen dieser seltsamen Lebewesen geborgen.

Die einen

sehen aus wie kleine Bäume, die mit ihrem Astwerk nach Nahrung suchen. Sie
leben in verhältnismäßig großer Zahl im Schlamm unter der Eisdecke. Die
anderen ähneln einem Rumpf mit herabhängenden Armen.

Dieser Typ scheint

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�scheint weniger häufig zu sein.
weder "Augen" noch "Mund".

Sie sind von graubrauner Farbe und haben

Die Wissenschaftler können nocht nicht mit

Sicherheit sagen, wie sie Nahrung aufnehmen.

Dr. Lipps vermutet, daß sie

über ein wurzelähnliches System von "Armen" Nährstoffe absorbieren.

Erste Untersuchungsergebnisse lassen vermuten, daß es sich um einzellige Organismen handelt, die durch Sandkörner fest miteinander verbunden sind und so gleichzeitig geschützt werden.

Zur Verwertung als Nahrung

für Menschen sind sie nicht geeignet, da sie nichts Verwertbares enthalten.
Dr. Lipps und seine Mitarbeiter wählten für ihre "Fangexpedition" unter dem
Eis einen Platz nahe der McMurdo-Station, von dem sie wußten, daß sich infolge der Undurchlässigkeit des Eises für Licht und somit des Fehlens von
Photosyntheseprozessen dort Nahrung auf pflanzlicher Basis so gut wie gar
nicht würde entwickeln können.

Sollten dennoch tierische Lebewesen existie-

ren, müßten sie dem sehr geringen Nahrungsangebot besonders angepaßt sein.
In weiteren Tauchexpeditionen wollen die Forscher nun herausfinden, wie
diese Organismen in Dunkelheit und Kälte leben und sich vermehren.

Die diesjährige Forschungssaison in der Antarktis begann im Oktober
1977 und dauert bis Februar 1978.

Etwa 600 km von der Gruppe aus Kalifornien

entfernt, 664 km südöstlich der Station McMurdo, haben amerikanische Wissenschaftler und Ingenieure zusammen mit Forschern aus Australien, Dänemark,
Neuseeland, Norwegen und der Sowjetunion die Bohrungen im Ross-Eisschelf
wieder aufgenommen.

Man will die hier 420 m mächtige Eisdecke, die sich

bis 800 km weit vom Kontinent aufs Meer hinaus vorgeschoben hat, durchstoßen.

Während die Bohrkerne gesammelt und auf Zusammensetzung physika-

lischer Merkmale und Alter des Eises untersucht werden, versucht man eine
genügend große Öffnung zu schaffen, um Fernsehkameras, die verschiedensten
Meßinstrumente und Probennehmer ins Wasser unter der Eisdecke zu befördern.
Vor allem wird nach Lebewesen gesucht, die, seit Millionen von Jahren von
der übrigen Welt isoliert, womöglich dort in extremer Kälte und ewiger
Nacht existieren.
Mit

�Mit den von der amerikanischen National Science Foundation (NSF Nationale Wissenschaftsstiftung) für die diesjährige Saison bereitgestellten Mitteln werden 90 zum Teil neue, zum Teil schon seit Jahren laufende
Forschungsprojekte finanziert, an denen 335 amerikanische und ausländische
Wissenschaftler mitarbeiten.

Im November flog z.B. eine internationale

Gruppe zu einer abgelegenen Bergregion, um dort nach Meteoriten zu forschen.
Sie setzt unter der Leitung der amerikanischen und japanischen Wissenschaftler, die im vergangenen Jahr 190 km nordwestlich von McMurdo in nur fünf
Wochen an 11 Stellen Meteoriten im Gesamtgewicht von 460 kg zusammentrugen
(davon ein in 33 Trümmer geborstener, 407 kg schwerer Steinmeteorit und
ein 1,4 kg schwerer Eisenmeteorit), die Suche nach Meteoritenfällen fort.
Der erwähnte Steinmeteorit - dieser Typ ist zehnmal häufiger als der des
Metallmeteoriten - ist der bisher größte aus der Antarktis und auch eines
der größten Exemplare unter den Funden in allen übrigen Gebieten der Erde.

"Momentaufnahmen" von kosmischer Strahlung der Vergangenheit

Der Beharrlichkeit japanischer Gletscherforscher nach einer Zufallsentdeckung im Jahr 1969 ist es zu verdanken, daß sie inzwischen in einem
mehrere Hundert Quadratkilometer großen Gebiet nahe dem Indischen Ozean,
ca. 3000 km von der US-Station McMurdo entfernt, fast 1000 Meteoritenfragmente bergen konnten.

Diese stammen vermutlich aus 330 Meteoritenfällen.

Welche Bedeutung sie für die Forschung haben, erhellt aus der Tatsache, daß
außerhalb der Antarktis auf der ganzen Erde zusammen kaum mehr als 2000
Meteoritenfälle und Funde von Überresten auszumachen sind.

Auch in diesem Jahr werden die Meteoritenjäger hauptsächlich in sogenannten Blaueisgebieten suchen - auf Flächen, wo das Kontinentaleis seine
Schneedecke verloren hat und unter dem Einfluß heftiger Stürme langsam abgetragen wird.

Das sehr alte Eis, das zum Vorschein kommt, ist von bläu-

licher Farbe.
Mit

- 3 -

�Mit radioaktiven Datierungsmethoden wurde das "Erdalter" eines der
im Vorjahr gefundenen Trümmer auf ca. 1,7 Millionen Jahre bestimmt.
heißt, daß sich der Meteorit schon so lange auf der Erde befindet.

Das
Für

die Wissenschaft ist es ein besonderer Glücksfall, solche Boten aus dem
Kosmos in einem Gebiet wie der Antarktis aufzufinden.

Denn sie stürzten

in dicken Schnee und zerbrachen vielleicht, machten aber im übrigen kaum
Veränderungen durch.

Dann blieben sie wahrscheinlich lange Zeit unter

Schnee bei extrem trockener Atmosphäre konserviert.

Vor Lufteinwirkung

waren sie nahezu völlig geschützt, und infolge der starken Kälte konnten
auch Oxidationsvorgänge nur sehr langsam ablaufen.

Intensiver Sonnenein-

strahlung waren sie ebenso wenig ausgesetzt wie "Verseuchung" durch organische

Materie.

Solche Meteoriten zeigen, wie einer der amerikanischen

Forscher erklärt, gewissermaßen in "Momentaufnahme" die Aktivität kosmischer Strahlung, wie sie zu jener Zeit bestand, in der sie zur Erde fielen.
Die Bestimmung des "Erdalters" der im Eis gefundenen Meteoriten gibt
außerdem Anhaltspunkte für sein Mindestalter und, sofern man sie an verschiedenen Punkten findet, für die Geschwindigkeit, mit der die Eismassen
über den Kontinent wandern. Von allergrößtem wissenschaftlichem Wert wäre
es, wenn sich auch ein kohlenstoffhaltiger Meteorit unter der Ausbeute
befände. Denn ein solches Exemplar erlaubte der Forschung einen Einblick
in die "kosmische organische Chemie", wie er bisher nicht möglich war.
Neueren Hypothesen zufolge könnten sich organische Verbindungen, deren
extraterrestrische Herkunft mit Sicherheit nachzuweisen ist, durch katalytische Reaktionen von Kohlenmonoxid, Wasserstoff und Ammoniak im Sonnennebel gebildet haben.

Erkältungskrankheiten

- 4 -

�Erkältungskrankheiten werden nicht "ausgetrocknet"

Weitere Projekte der gegenwärtigen Saison umfassen Studien aus dem
Gebiet der Meteorologie, Ozeanographie, Paläobiologie, Geologie, Glaziologie, Biologie und Medizin.

U a. wird eine medizinische Studie über die

Auswirkungen langer Isolierung von Menschen m

nahezu steriler Umgebung,

wie die Antarktis sie darstellt, auf Abwehrmechanismen des menschlichen
Organismus und die Häufigkeit von Erkrankungen der Atemwege weitergeführt.
Aufgrund der Forschungsergebnisse aus der Saison 1975/76 und 1976/77 glaubt
Prof. Elliot C

Dick von der Universität Wisconsin in Madison sagen zu

können, daß die weitverbreitete Meinung, Erkältungskrankheiten würden in
solcher Umgebung gewissermaßen ausgetrocknet, aber auch die physiologischen
Immunreaktionen würden bei langer Isolation abgeschwächt, wohl nicht länger
zu vertreten sei.

Dies zeigten die Beobachtungen über jeweils sieben Monate an insgesamt 77 Personen, die in der amerikanischen Station McMurdo (66 Personen)
und der nahegelegenen neuseeländischen Station Scott Base (11 Personen)
überwinterten.

Weder verschwanden die Erkältungskrankheiten aus dem Tages-

geschehen, noch schienen die Abwehrmechanismen beeinträchtigt zu werden
In beiden Jahren traten während der totalen Isolierung von der Außenwelt
bei einem Viertel der Leute Erkrankungen der Atemwege auf.

Regelmäßig vor-

genommene Blutuntersuchungen ergaben, daß die Zahl der weißen Blutkörperchen als Indikator für die Wirksamkeit des Immunsystems nicht zurückging
und der Spiegel der Immunglobuline im Serum nicht niedriger wurde

Prof

Dick hofft, mit der Untersuchungsserie des nächsten Winters (Februar bis
Ende August 1978) diese Ergebnisse bestätigen zu können.
auch für die bemannte Raumfahrt von Bedeutung.

+ + + + +

- 5 -

Sie sind u a

�</text>
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