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                  <text>Information
und
Dokumentation

1
I

United States Information Service

28

26. Oktober 1977

I N H A L T

DOKUMENTATION
USA wollen echte Abrüstung
- Rede von US-Botschafter Fisher vor dem Politischen Ausschuß der
Vereinten Nationen -

WIRTSCHAFT
Blumenthal:

Wirtschaft braucht Vertrauen in die Zukunft

- Rede des US-Finanzministers vor der Amerikanischen Bankiersvereinigung

HINTERGRUNDMATERIAL
USA fordern internationale Konvention über toxische Substanzen

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Verbundwerkstoffe in atomarer Schichtung
- Synthetische Materialien mit neuartigen Eigenschaften
Manganspiegel und Epilepsie
- Berichtigung -

Um Übersendung von
Belegexemplaren wird
gebeten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�1

Dokumentation

I

United States Information Service

26. Oktober 1977

28

USA WOLLEN ECHTE ABRÜSTUNG
Rede von US-Botschafter Fisher vor dem Politischen Ausschuß der
Vereinten Nationen -

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Die Entschlossenheit der Vereinigten Staaten , bei den gegenwärtigen SALT Il-Verhandlungen und in anderen Verhandlungsgremien zu einer "echten Abrüstung" zu gelangen, unterstrich Botschafter Adrian S. Fisher am 18. Oktober 1977 vor dem Politischen Ausschuß
der Vollversammlung der Vereinten Nationen.

Fisher ist der Leiter der ameri-

kanischen Delegation und zusammen mit dem Vertreter der Sowjetunion der KoVorsitzende der Genfer Abrüstungskonferenz.

An dieser Konferenz sind 30 Na-

tionen beteiligt, die dem Abrüstungsausschuß der Vereinten Nationen (CCD)
angehören.
Botschafter Fisher machte (mit unwesentlichen Kürzungen) folgende Ausführungen:

Die

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�*

Die gegenwärtige Situation
Die Umstände, unter denen wir in diesem Jahr mit der Behandlung von
Abrüstungsfragen begonnen haben, stehen in einem krassen Gegensatz zu den
Umständen, die in den letzten Jahren größtenteils geherrscht haben.

Es ist

ein Gefühl der Erwartung entstanden, daß nach vielen Jahren des Redens und
des Ausweichens eine echte Rüstungskontrolle und ein echter Rüstungsabbau
bevorsteht.

Mit dieser Feststellung soll die Bedeutung so relativ neuer Ab-

kommen, wie des Vertrages über das Verbot von Massenvernichtungswaffen auf
dem Meeresboden oder des Vertrages über das Verbot von Umweltveränderungen für
kriegerische Zwecke,nicht geschmälert werden.

Aber hier handelt es sich so-

zusagen um Medikamente, die einen Virus töten sollen, ehe er sich ausbreitet.
Jetzt wachsen die Aussichten auf einen Fortschritt in unseren multilateralen
Bemühungen um eine Rüstungskontrolle in den harten Fragen der Zügelung wichtiger existierender Waffen - sie überhaupt zu begrenzen oder zu verbieten.
Ich darf mit einiger Befriedigung feststellen, daß das, was Präsident
Carter in seiner Rede zum Amtsantritt über das Rüstungskontroll ziel der Vereinigten Staaten gesagt hat und was er im März vor den Vereinten Nationen
und erneut vor zwei Wochen hier gesagt hat, nicht bloße Worte sind. In dem
ganzen Bereich der Abrüstungsfragen sind die Dinge in Gang gekommen. Direkt
von den laufenden Verhandlungen über zwei Rüstungskontrollfragen - chemische
Waffen und Strahlenwaffen - kommend, stehen mir der Nachdruck und die Dringlichkeit, mit der diese Initiativen verfolgt werden, deutlich vor Augen.
Selbstverständlich sind noch andere Verhandlungen über andere Themen im Gange,
die von großem Interesse für dieses Gremium hier sind. Auf diese Verhandlungen
möchte ich später zurückkommen.
Als Amerikaner bin ich begreiflicherweise stolz auf das, was meine Regierung im vergangenen Jahr getan hat, um die Sache der Abrüstung voranzutreiben.

Aber ebenso bin ich als Bürger dieses kleinen Planeten genau so er-

freut darüber, daß mehr Länder als jemals zuvor positive Beiträge zu unseren
gemeinsamen Zielen leisten.

Viele Länder aus allen möglichen Gebieten der
- 2 -

l

�der Welt haben sich an solchen Aktionen wie der Herbeiführung und Organisation der Sondersitzung über Abrüstung, der Lösung der besonderen Schwierigkeiten bei der Verhinderung der nuklearen Proliferation und der Förderung regionaler Rüstungskontroll initiativen beteiligt, die Spannungen abbauen und
die Stabilität festigen können.
Kurz gesagt, wir befinden uns in einer Periode eines sehr vielversprechenden Umbruchs. Es handelt sich nämlich nicht um einen Umbruch aus überhitzten Wortgefechten oder unrealistischen Vorschlägen heraus. Er gründet
sich vielmehr auf einen neuen Impuls zur Verwirklichung lange gehegter Hoffnungen. Er gründet sich auf die Überzeugung, daß wir die Erfahrung und den
Einfallsreichtum einspannen und nutzen können, wenn wir mit den derzeitigen
Problemen ringen, und in Zukunft noch größeren Fortschritt erzielen können
- einen Fortschritt zum letztlichen Ziel einer echten Abrüstung und eines
dauerhaften Friedens.

Die gegenwärtige Tagesordnung
Die Liste der Punkte, die auf der Tagesordnung der Rüstungskontrolle
stehen, ist lang und außerordentlich weitreichend in ihrem Umfang. Lassen
Sie mich einiges zu den Punkten sagen, die im Vordergrund unseres Interesses
stehen.
Zuerst die nuklearen Fragen:

Strategische Rüstungsbegrenzungen
Das strategische Wettrüsten zurückzudrehen ist die unmittelbare und
überragende Aufgabe der Rüstungskontrolle - und auch eine Aufgabe von atem- 3 -

�»

4

•

•

atemberaubender Schwierigkeit:
- Sie ist wegen des hohen Standes der Kernwaffen und der Trä'gersysteme
der beiden Nuklearmächte und wegen der Notwendigkeit, die Risiken und Kosten
des strategischen Rüstungswettlaufs

zu senken, nicht nur für die Vereinigten

Staaten und die Sowjetunion, sondern für alle Länder wichtig.
- Sie ist schwierig, weil es bei der Begrenzung strategischer Waffen
um Waffensysteme geht, denen beide Staaten die fundamentalste Bedeutung für
die Sicherheit beimessen - Systeme jedoch, die sich wegen unterschiedlicher
Vorstellungen und Fähigkeiten in ganz verschiedene Richtungen entwickelt haben.

Der daraus resultierende Komplex technischer Fragen bei der Ausarbeitung

gerechter und wirksamer Einschränkungen ist sicherlich ohne Beispiel in allen
bisherigen Verhandlungen zwischen souveränen Staaten.
Aus dieser Perspektive betrachtet darf man sagen, daß der bisher erzielte Fortschritt bemerkenswert war. Obwohl die Gespräche über eine Begrenzung strategischer Waffen nur langsam in Gang kamen, wurden bis 1972 zwei
bedeutsame Abkommen erreicht.
- Der ABM-Vertrag, der die Aufstellung von Raketenabwehrsystemen überall
im Lande verbietet, ist ein Meilenstein auf dem Wege zur Zügelung des nuklearen
Wettlaufs. Er beseitigte die ganz reale Aussicht auf ein kostspieliges und
destabilisierendes Wettrennen um die Dislozierung von Raketenabwehrsystemen
(ABM). Das war schon für sich allein ein wichtiger Erfolg und gleichzeitig
eine Voraussetzung für eine ernsthafte Begrenzung von Offensivwaffen. Erst
kürzlich haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion im Zusammenhang
mit der Überprüfung dieses Vertrages nach fünf Jahren ihre nachhaltige Unterstützung dieses Übereinkommens bekräftigt.
- Das im Jahr 1972 unterzeichnete Interimsabkommen oder SALT I-Abkommen
diente dem wesentlichen Zweck der Begrenzung des strategischen Wettstreits,
während beide Seiten ein bedeutsameres und dauerhafteres Abkommen über die Be-

�Begrenzung offensiver Nuklearstreitkräfte anstrebten.

Beide Seiten haben

zu erkennen gegeben, daß sie bis zum Zustandekommen eines neuen Abkommens
ihr Verhalten nach den im vorigen Abkommen enthaltenen Begrenzungen ausrichten wollen.
Die neue amerikanische Administration übernahm ihr Amt mit der Entschlossenheit, das Interimsabkommen SALT I durch einen neuen SALT II-Vertrag
zu ersetzen. Wir wollten sehen, ob wir zusammen mit der Sowjetunion einen
Vertrag aushandeln könnten, der über das Übereinkommen von Wladiwostok im
Jahre 1974 hinausgehen und Verringerungen der derzeitigen strategischen
Systeme und eine Einschränkung in der Entwicklung neuer Systeme vorschreiben
würde. Wir verfolgten unsere Initiative auf hoher Ebene,als Außenminister
Vance im März dieses Jahres Moskau besuchte und im Mai in Genf Außenministergespräche stattfanden.
Als Ergebnis der jüngsten Treffen in Washington zwischen dem sowjetischen
Außenminister Gromyko und Präsident Carter und Außenminister Vance können wir
jetzt erkennen, daß ein SALT II-Abkommen Gestalt annimmt. Wenn ein solches
Abkommen, wie wir hoffen, abgeschlossen sein wird, dann würde es den Stand
der strategischen Waffen auf beiden Seiten senken, bestimmte qualitative Einschränkungen für die Entwicklung potentiell destabilisierender Waffen auferlegen und den Weg für noch weitergehende Begrenzungen in einem SALT III-Abkommen ebnen.

Ein neues SALT II-Abkommen würde den Sicherheitsinteressen der

Vereinigten Staaten und der Sowjetunion dienen, es würde zur Sicherheit der
Welt beitragen und es würde einen Ansporn für einen raschen Fortschritt auf
anderen Gebieten der Rüstungskontrolle geben.
Lassen Sie mich unterstreichen, daß wir keine Abkommen anstreben, die
den Wettstreit lediglich in bequeme Bahnen lenken würden.
legentlich behauptet worden.

Derartiges ist ge-

Aber nichts läge der Wahrheit ferner. Wir stre-

ben eine echte Abrüstung an. Wie Präsident Carter erklärt hat, sind wir hinsichtlich der Kernwaffen bereit, sie "auf gegenseitiger Basis jetzt um 10
Prozent, um 20 Prozent, ja sogar um 50 Prozent zu verringern".
Um
- 5 -

�Um Verringerungen dieser Größenordnungen zu erzielen, wird es viel
Zeit und hingebungsvoller Anstrengungen bedürfen.
Aber man sollte nicht vergessen, daß mit SALT bereits Schritte zu einer
echten Abrüstung getan worden sind.

Der ABM-Vertrag erforderte die Demontage

tatsächlich existierender Waffensysteme, die damals disloziert waren.

Und es

besteht kaum ein Zweifel, daß ein neues SALT II-Abkommen Verringerungen in
gegenwärtigen wie auch geplanten Waffenprogrammen einschließen wird.

Umfassendes Versuchsverbot
Es sind jetzt 23 Jahre vergangen, seit Ministerpräsident Nehru seiner
Besorgnis über die Entwicklung von Kernwaffen Ausdruck verliehen und an die
Nuklearmächte der Welt appeliert hat, ihre Kernversuche einzustellen.

Auf

die katastrophalen Folgen der neuen Waffen mit einer beispiellosen Zerstörungskraft hinweisend, erklärte er 1954 vor dem indischen Parlament:

"Ich habe

öffentlich als unsere Auffassung kundgetan, daß diese Versuche, die die Natur
des Schreckens enthüllen, aufhören müssen."

Und er fuhr fort:

"Ich wieder-

hole, daß dies unser wohlerwogener Standpunkt ist, und wir hegen die Hoffnung,
daß diese Auffassung und die darin zum Ausdruck kommende große Besorgnis, die
weltweit ist, entsprechende und rechtzeitige Reaktionen auslösen wird."
Die ganze Welt fühlte sich erleichtert, als 1963 das Verbot über Nuklearversuche in der Atmosphäre, unter Wasser und im Weltraum zustandekam.

Und vor

einigen Jahren gelang es den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, einen
Vertrag über eine Schwelle für unterirdische Versuche auszuhandeln, der große
Versuche verbietet.

Aber es ist uns nicht gelungen, das Ziel eines

umfassenden Versuchsverbots zu erreichen.
Heute sind wir vielleicht näher daran, zu einer völligen Einstellung
dieser Versuche zu gelangen als jemals zuvor seit Ministerpräsident Nehru

�Nehru mit so beredten Worten dafür plädierte.

Drei der Kernwaffenstaaten

der Welt - Großbritannien, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten - führen gegenwärtig ernsthafte Verhandlungen, die auf ein umfassendes Versuchsverbot gerichtet sind.
Auch bei diesen Verhandlungen geht es um komplexe und schwierige Fragen.
Diese haben wiederholt dazu geführt, daß frühere Bemühungen um ein vereinbartes Versuchsverbot fehlgeschlagen sind.

Wir hegen jedoch jetzt einen vorsich-

tigen Optimismus, daß diese Fragen gelöst werden können.

Die an diesen Ver-

handlungen Beteiligten gehen mit einem höheren Gefühl der Dringlichkeit und
des Zielbewußtseins vor.

Wir hoffen, daß die Genfer Abrüstungskonferenz in

naher Zukunft mit der Behandlung der Ergebnisse dieser dreiseitigen Verhandlung beginnen kann.
Das Ziel eines umfassendes Versuchsverbots besteht darin, alle Versuche
zu verbieten, die der Förderung der Entwicklung von Kernwaffen irgendwo in
der Welt dienlich wären.

Wie Präsident Carter kürzlich vor den Vereinten Na-

tionen erklärt hat, ist es "jetzt an der Zeit, alle Explosionen von nuklearen
Sprengkörpern einzustellen, gleichgültig wie sie gerechtfertigt werden mögen
- friedlich oder militärisch."
Ein umfassendes Versuchsverbot würde Kernwaffenstaaten wie auch Staaten
ohne Kernwaffen in gleicher Weise Begrenzungen auferlegen:
- Es würde ganz wesentlich dazu beitragen, die Anreize für Staaten ohne
Kernwaffen zu verringern, die Entwicklung von Technologien zu verfolgen, die
zur Fähigkeit der Explosion nuklearer Sprengkörper führen.
- Es würde unausweichlich dazu führen, daß die Kernwaffenstaaten weniger
von den Kernwaffen abhängen.
Aufgrund all dieser Auswirkungen wird ein umfassendes Versuchsverbot
ein wichtiger Schritt in Richtung auf die schließliche völlige Abschaffung
- 7 -

�Abschaffung von Kernwaffen sein.
Aber selbst kurzfristig gesehen, dürfte das Zustandekommen eines
umfassenden Versuchsverbotes in unermeßlicher Weise zur Stabilität und
zum Wohlergehen der Welt beitragen und andere wichtige Rüstungskontroi 1anstrengungen fördern und verstärken. Wir sind zuversichtlich und
hoffnungsvoll, daß wir endlich davor stehen, das Ziel ganz zu erreichen,
das uns Ministerpräsident Nehru als erster gesetzt hat und das von Menschen
in aller Welt unterstützt wird - nämlich diese Versuche einzustellen.

Nichtweiterverbreitung (Nonproliferation)
Das vergangene Jahr hat auch eine große Aktivität und eine erneute
Debatte - wie auch einen Fortschritt - in dem Problem der Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen (Nonproliferation) gebracht.
•

- Langgehegte Vorstellungen über die nächste Generation der Technologie sind in Frage gestellt worden. Es sind neue Fragen hinsichtlich
der Folgen für

die Proliferation gestellt worden, wenn wir zu einer

Plutonium-Wirtschaft übergehen.
- Die Besorgnis über den Zugang subnationaler Gruppen zu Material,
das für Waffenzwecke gebraucht werden kann, hat sich erhöht.
- Es wurden heftige Debatten darüber geführt, ob die nukleare Brennstoffversorgung zureichend sei, über die wirtschaftlichen Vorteile und
Nachteile der Wiederaufbereitung von Plutonium und über die Bedeutung
der Wiederaufbereitung für die nukleare Entsorgung.
Während mein Land zu jenen gehört, die diese Fragen aufgegriffen
haben, haben wir auch prompt gehandelt, um uns den durch diese Fragen

- 8 -

�Fragen aufgeworfenen Herausforderungen zu stellen. Ich kann mit Befriedigung mitteilen, daß morgen in Washington die vorbereitende Konferenz
für eine internationale Bewertung und Beurteilung des Brennstoffzyklus
stattfindet - eine Konferenz, die all diese Fragen eingehend prüfen und
Mittel und Wege finden soll, den Bedarf der Welt an Kernkraft sicher
und wirtschaftlich zu decken und gleichzeitig

die Proliferationsrisiken

zu verringern. Dies ist ein Unterfangen, zu dem interessierte Länder
sowohl aus der entwickelten als auch aus der Entwicklungswelt beitragen
werden, und die Ergebnisse werden allen offen zur Verfügung stehen.
Die Verhütung der weiteren Ausbreitung der Fähigkeit zur Herstellung
nuklearer Sprengkörper ist ein Ziel, das allen Nationen dienen würde. Die
unkontrollierte Proliferation würde der Sicherheit eines Landes keineswegs dienen, sondern würde nur die Sicherheit aller Nationen gefährden,
indem das Risiko eines nuklearen Konflikts vergrößert wird. Und sie würde
die Aufgabe der nuklearen Abrüstung ungeheuer erschweren.
Es gibt bestehende Institutionen und neue Initiativen, die in Zusammenarbeit dazu beitragen können, eine faire und wirksame Struktur der Nonproliferation zu schaffen.
Der Nonproliferationsvertrag aus dem Jahre 1968 bleibt der Eckpfeiler
der weltweiten Bemühungen auf diesem Gebiet. Die gesamte internationale
Gemeinschaft muß sich dafür einsetzen, daß er in noch weitergehendem
Umfang eingehalten wird.
- Unter den internationalen Institutionen ist die Internationale
Atomenergiebehörde (IAEA) von entscheidender Bedeutung für die Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft bei der gemeinsamen Nutzung der friedlichen
Nukleartechnologie, während sie gleichzeitig vor den Gefahren der
nuklearen Proliferation schützt. Die IAEA nimmt immer wichtigere Aufgaben
auf sich,und es obliegt all ihren Mitgliedern, die Tätigkeiten der Behörde
weitgehend- wie möglich zu unterstützen, vor allem, wo es um Sicherheits-

- 9 -

so

�Sicherheitsbestimmungen geht.
- Wertvolle Arbeit ist bei der Ausarbeitung von Normen und Verfahren
für die

Aufrechterhaltung der Sicherheit der ständig wachsenden Mengen

an sensitivem nuklearen Material, einschließlich der Arbeit an einer
internationalen Konvention über physische Sicherheit, geleistet worden.
Diese Anstrengungen verdienen ebenfalls weitere internationale Unterstützung.
- In seiner jüngsten Rede vor dieser Versammlung hat Präsident
Carter die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit der Schaffung umfassender
Sicherheitsbestimmungen gerichtet. Die Erreichung dieses Ziels wäre ohne
Frage der wichtigste Beitrag, der zu einer wirksamen Sicherstellung der
Nonproliferation geleistet werden könnte.
Unsere Anstrengungen auf diesem Gebiet - die Erfolg haben müssen,
wenn das Atom weiterhin zur Ausweitung des friedlichen wissenschaftlichen
Bedarfs und des Energiebedarfs der Welt dienen soll - zeigen, daß Rüstungskontrolle unlöslich mit Anstrengungen für den wirtschaftlichen Fortschritt
verbunden ist. Ein Erfolg in der Nonproliferation kann für eine stärkere
friedliche Zusammenarbeit zum Nutzen vieler Länder nur förderlich sein.

Chemische Waffen
Nach jahrelangem Reden und nach jahrelanger Prüfung - aber nur wenig
konkreten Maßnahmen - hat es in den letzten Monaten wichtige Schritte
in Richtung auf eine Konvention gegeben, die die chemischen Waffen verbietet.
Ich habe bereits die bilateralen Gespräche über chemische Waffen zwischen
den Delegationen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in Genf erwähnt, von denen ich gerade komme und zu denen ich heute abend noch zurückkehren werde. Diese Verhandlungen gehen in sehr ernsthafter und detaillierter
Weise voran, und wir machen bemerkenswerte Fortschritte auf dem Wege zu der

- 10 -

�zu der Formulierung einer gemeinsamen Initiative, die der Abrüstungskonferenz

vorgetragen werden soll. Die Ausarbeitung einer internationalen

Konvention über das Verbot chemischer Waffen wäre ein Erfolg von historischen
Ausmaßen.

Konventionelle Rüstung
Die überaus große Bedeutung von Maßnahmen, die in Zusammenhang stehen
mit der Beendigung des nuklearen Wettrüstens und der nuklearen Abrüstung,
wird von aller Welt anerkannt. Es gibt jedoch auch gute Gründe dafür, daß
die Bemühungen zur Entwicklung von Rüstungskontrollmethoden, die sich auf
die konventionellen Waffen beziehen, in dem gleichen Tempo erfolgen sollten
wie die Arbeit auf anderen Gebieten. In seiner kürzlichen Ansprache vor
den Vereinten Nationen hat Präsident Carter besonderen Nachdruck und
Dringlichkeit darauf gelegt, dieses Problem in den Griff zu bekommen.
Alle Nationen, gleichgültig

was ihre Sicherheitserfordernisse sind,

über welche Resourcen sie verfügen und wie groß sie sind, sehen sich mit
denselben grundlegenden Realitäten konfrontiert, die dafür sprechen, daß
ihre Verteidigungsausgaben auf einem Minimum gehalten werden und daß
nach Mitteln und Wegen gesucht wird, um ihre Verteidigungsausgaben durch
Rüstungskontrolle weiter zu senken.
Durch große Ausgaben für die Verteidigung erlangt man nicht immer
auch größere Sicherheit. Neue Waffensysteme können Spannungen erwecken,
neue Runden des Wettrüstens auslösen und die Gefahr von Feinseligkeiten
erhöhen.
Ironischerweise erbringen die Systeme, die diese Auswirkungen haben,
vielleicht nicht einmal eine wirksame oder effektive Verteidigung. Es erweist
sich vielleicht als unmöglich, sie aufrechtzuerhalten, oder sogar als

- 11 -

�•sogar a)s unpraktisch, sie einzusetzen, wenn Feinseligkeiten entstehen.
i

Es gibt keine Gesellschaft, die so reich wäre, daß sie es sich leisten
könnte, Waffen zu kaufen, ohne dadurch Ressourcen zu opfern, die besser
für ih^e wirtschaftliche oder soziale Entwicklung genutzt werden könnten.
Ein Aspekt dieses größeren Problems der konventionellen Rüstungskontrolle
Ist der des Waffentransfers

Als einer der Hauptlieferanten haben die

Veremsgten Staaten an diesem Problem ein starkes Interesse. Wir haben zu
Anfang dieses Jahres eine Politik verkündet, nach der sich unsere eigenen Maßnahmen

^ausrichten werden. Es ist eine Politik, die den Strom unnötiger,

kostspieliger, destabilisierender Waffen eindämmen soll, während gleichzevr-g die legitimen Verteidigungserfordernisse anderer berücksichtigt
werden
Wir versuchen nicht, diese Auffassungen anderen Liefer-oder Empfängerländern aufzuzwingen. Und wir haben auch keine Patentlösung für dieses
weltweite

Problem, Wir akzeptieren in vollem Umfange die Tatsache, daß

dieses Problem nicht durch einen einzelnen

Staat oder durch eine einzige

Staatengruppe gelöst werden kann. Unsere Ansicht ist,daß der Prozeß, hier
eine Lösung zu finden, durch zwei umfassende Prinzipien geleitet werden

muß:

- Alle Staaten haben legitime Sicherheitsansprüche, die erfüllt werden
müssen
- E m Fortschritt bei dieser wichtigen Frage sollte das Anliegen
sowohl der Hersteller -als auch der Empfängerländer sein, und eine erfolgreiche Lösung muß die Gedanken und Interessen beider Gruppen widerspiegeln.
Lassen Sie mich einen Punkt unterstreichen, der all diesem zugrunde
1 legt:
Wir werden dieselben zentralen Maßstäbe auf dieses Gebiet der Rüstungskontroi se anwenden, wie wir und andere Länder dies bei jedem ernsthaften

- 12 -

�ernsthaften Thema im Hinblick auf die internationale Zusammenarbeit tun.
Damit meine ich, daß wir uns in Gesprächen mit anderen bemühen werden,
herauszufinden, wie die gemeinsamen Interessen gefördert werden können wie gemeinsame Fortschritte erreicht werden können.
Wir wissen wie jeder andere auch, daß es einfach keine Grundlage
für die Zusammenarbeit gibt, wenn souveräne Nationen keine Möglichkeit
sehen, wünschenswerte Ziele durch Kooperation zu erreichen.

Fortschritte in Richtung auf eine regionale Rüstungskontrolle
Mit den Fragen , die ich hier

angeführt habe, ist die gegenwärtige

Tagesordnung der Rüstungskontrolle keineswegs erschöpft. Es gibt noch
andere Entwicklungen, die eindrucksvoll und ermutigend sind. Insbesondere
möchte ich auf jene Bemühungen hinweisen, die im Bereich der regionalen
Rüstungskontrolle unternommen worden sind oder unternommen werden.
- Das durch die staatsmännische Haltung Mexikos eingeleitete bahnbrechende Projekt, eine atomwaffenfreie Zone in Lateinamerika zu schaffen,
ist während des vergangenen Jahres der Verwirklichung einen weiteren
Schritt nähergekommen. Die Unterzeichnung des Protokolls von Tlatelolco
durch die Vereinigten Staaten ist ein Schritt, der, wie wir hoffen, andere
Länder inspirieren wird, jene noch verbleibenden Maßnahmen zu treffen, die
notwendig sind, um den Vertrag vo 1 ! in Kraft zu setzen.
- Es gibt ferner eine positive Entwicklung hinsichtlich der Frage der
Spannungen im Indischen Ozean durch den Beginn bilateraler Gespräche zwischen
der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten mit dem Ziel, den Grad der
militärischen Aktivität im Bereich des Indischen Ozeans zu stabilisieren.
Wir bemühen uns in diesen Gesprächen

um praktische Resultate; die die

StSrkuhg des Friedens in Bereich des Indischen Ozeans fördern und zum Abbau

- 13 -

�Abbau der internationalen Spannung beitragen würden. Darüberhinaus betrachten
beide Seiten mit Verständnis und Respekt

den Wunsch der Anliegerstaaten

des Indischen Ozeans, die Stärkung der Sicherheit und die Entwicklung einer
Zusammenarbeit in diesem Gebiet herbeizuführen. Wir werden auch weiterhin
diesen Wunsch in unseren bilateralen Gesprächen in Rechnung stellen. Wir
informieren ferner den UN-Sonderausschuß für den Indischen Ozean über seinen
Vorsitzenden vom Fortschritt dieser Gespräche.
- Die Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen in Mitteleuropa rühren an den Kern der Sicherheit vieler Länder.
Es ist nur

verständlich, daß es nicht leicht ist, Hindernisse auszuräumen,

die aus einer Konfrontation auf einem Kontinent herrühren, die seit so
vielen Jahren bestanden hat. Aber weil so vieles auf dem Spiel steht, und
weil Fortschritte in diesen Verhandlungen weitreichende, positive Auswirkungen sowohl für den Weltfrieden als auch für

die Sicherheit der

Teilnehmerstaaten auf beiden Seiten haben würden, sind wir entschlossen,
auf eine Lösung der Probleme zu drängen, die den Fortschritt bei den
MBFR-Gesprächen bisher behindert haben.
Trotz dieser Beweise von Aktivität steht die regionale Bewältigung der
Rüstungskontrolle noch in ihren ersten Anfängen. Und dennoch könnte ein
regionales Bemühen um eine Beschränkung des Anwachsens der konventionellen
Rüstungskapazität beträchtliche Bedeutung haben. Unter geeigneten Bedingungen
könnte es nämlich möglich sein, auch in anderen Gebieten atomwaffenfreie
Zonen zu schaffen. Der Möglichkeiten gibt es viele, und eine regionale
Abrüstung kann ein fruchtbares Feld für neue Bemühungen sein.

Die zukünftige Tagesordnung der Rüstungskontrolle
Aber es ist nicht nur die gegenwärtige Tätigkeit, die die Grundlage
für Impulse und Anstöße auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle bildet. D^e

�Die Zukunft stellt uns vor noch größere Aufgaben und bietet große Möglichkeiten. In Sicht ist die Sondersitzung über Abrüstung. Wir sollten diesen
Anlaß als eine Möglichkeit ergreifen, um unseren Horizont zu erweitern, uns
von der alleinigen Beschäftigung mit den dringensten Fragen des Augenblicks
zu befreien und zu versuchen, für die Zukunft zu bauen. Wir sind der
Ansicht, daß ein Erfolg der Sondersitzung hinsichtlich der Förderung, der
Erweiterung und der Beschleunigung der Abrüstungsverhandlungen in erster
Linie von den Gedanken und von der Haltung abhängen wird, die die einzelnen
Lander für diese Sitzung entwickeln und in sie einbringen.
In dieser Hinsicht stelle ich mit Genugtuung fest, daß einige Länder
in der Tat in ähnlichen Vorstellungen denken. Wenn ich dies anmerke, so
will ich natürlich damit nicht sagen, daß die Vereinigten Staaten notwendigerweise bereit wären, alle Vorschläge gutzuheißen, die bisher unterbreitet worden sind. Aber es bedeutet doch, daß wir die Absicht haben, mit
anderen Ländern jeden ernsthaften Vorschlag sorgfältig zu prüfen und zu
erörtern, der auf dieser Sondersitzung zur Diskussion gestellt werden wird.
Kurz gesagt, wir sind bereit, die Grenzen

des Möglichen

:i zu prüfen.

Hier einige jüngste Beispiele für das, was ich meine:
- Auf der Abrüstungskonferenz in diesem Sommer gaben verschiedene
Länder wohldurchdachte Beispiele dafür, wie man schwierige Problem anpacken
kann. Ich denke insbesondere an den Vorschlag meines japanisschen Kollegen,
der im Zuge einer wichtigen Prüfung die Frage, wie die Nonproliferation
gestärkt werden könnte, unterbreitet wurde: Daß wir nämlich den seit langem
nicht mehr verfolgten Gedanken wiederbeleben könnten, die Produktion spaltbaren Materials für Waffenzwecke einzustellen und an einen Transfer für
friedliche Zwecke zu denken.
- Wir alle begrüßen die Information, daß die Regierung Frankreichs
dem Abrüstungsproblem auf einer breiten und umfassenden Basis neue Erwägung
zuteil werden läßt. Ich bin sicher, alle von uns sehen mit Erwartung dem

- 15 -

�Erwartung dem Augenblick entgegen, wo wir in den Genuß der französischen
Überlegungen gelangen.
- Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden haben eine sorgfältige
Überprüfung der zahlreichen fundamentalen Aspekte der Beziehung . zwischen
Abrüstung und Entwicklung gefordert - der sogenannte "Nordische Vorschlag".

Abrüstung und Entwicklung
Dies, Herr Vorsitzender, führt mich zu einem Thema, das in immer
stärkerem Maße bedeutsam wird

und das ohne Frage in der Zukunft lebens-

wichtig sein wird. Ich meine die Beziehung zwischen Rüstungskontrolle und
Abrüstung und der Entwicklung.
Natürlich weiß jeder, daß in den letzten Jahren die großen Aufgaben
der Entwicklung

sowie der Nord-Süd-Beziehungen von entscheidender Bedeutung 1n

der Welt der Vereinten; Natiorten- waren.

Und ich weiß auch, daß die Welt-

gemeinschaft einige wichtige Fortschritte bei der Absteckung neuer kooperativer
Wege im Hinblick auf die dringendsten Probleme des internationalen Wirtschaftslebens gemacht hat.
Gleichzeitig wurde den Rüstungskontroll- und Abrüstungsdimensionen
der Nord-Süd-Fragen nur eine begrenzte gemeinsame und produktive Aufmerksamkeit geschenkt. Damit will ich nicht sagen, daß dieses Problem nicht für
viele Länder ein Anliegen sei. Ja, viele Entwicklungsländer haben davon
gesprochen, daß es eine Verbindung geben müsse zwischen den Abrüstungseinsparungen seitens der Großmächte und der Entwicklung. Diese Verklammerung
war jedoch sehr schwer zu konkretisieren. Einmal war es sehr schwierig,
konkrete wesentliche Einsparungen bei der Abrüstung zu identifizieren. Auf
lange Sicht gesehen hoffen wir natürlich alle, daß umfangreiche Rüstungsreduzierungen seitens der Großmächte möglich sein werden und daß sich aus

- 16 -

�sich aus den daraus folgenden Einsparungen an Ressourcen ein weitgehender
Nutzen ergeben wird. Andererseits wirft der Gedanke einer direkten Verbindung zwischen Abrüstungseinsparungen und Entwicklungsbeiträ'gen für eine
ganze Reihe von Ländern - wozu auch mein eigenes Land gehört - verfassungsmäßige Fragen hinsichtlich der Möglichkeit eines automatischen Transfers
von Mitieln auf- wobei ich an die Auflage unserer Verfassung denke, daß
der Kongreß einen Beitrag amerikanischer Gelder für die Entwicklung
gesetzlich verabschieden muß.
Herr Vorsitzender, ich werfe diese Fragen nicht auf, um in unsere
Diskussion negative Elemente einzuführen. Im Gegenteil, ich glaube,daß für
uns alle - für die gesamte internationale Gemeinschaft - die Zeit gekommen
ist, um mit einer neuen kreativen intellektuellen Anstrengung konzentriert
an diese Frage heranzutreten. Ja, in letzter Zeit sind fundamentale neue
Faktoren sichtbar geworden, die wir vielleicht noch nicht voll und ganz
verstehen, die aber ohne Frage eine neue Überprüfung dringlich machen.
- Die Interdependenz von Nationen sowie die Interdependenz menschlicher
Initiativen - Lebensmittel, Energie, Entwicklung, Technologie, Sicherheit wirken sich wie niemals zuvor auf uns aus. Und diese Interdependenz, die von
Jahr zu Jahr wirksamer wird, wird ohne Zweifel noch dringendere Fragen
hinsichtlich der Interdependenz des wirtschaftlichen Wohlergehens und der
Entwicklung auf der einen Seite

sowie der Sicherheit und der Rüstungs-

ausgaben andererseits aufwerfeh.
- Die Ressourcen werden immer knapper. Nicht einmal die reichsten
Länder können für neue Waffen jede Menge Geld ausgeben. Für viele Entwicklungsländer ist der wirtschaftliche Druck besonders ernst. Es mangelt in
großem Maße an Schulen, Unterkünften und der Gesundheitsfürsorge.
- Und schließlich wird man sich in zunehmendem Maße überall in der Welt
neuer Werte und neuer Ziele zur Förderung des Wohlergehens des einzelnen
bewußt. Verschiedene Körperschaften der Vereinten Nationen haben ihre Arbeit

- 17 -

�Arbeit an Strategien intensiviert, um die grundlegenden menschlichen Ansprüche zu befriedigen - ein Ziel, das meine Regierung aus ganzem Herzen
unterstützt. In Zukunft - wenn Entscheidungen über größere Mittel für neue
Waffensysteme getroffen werden -wird eine immer größere Anzahl von
Regierungen zweifellos in verstärktem Maße nicht nur die eigenen Sicherheitserfordernisse in traditionellem Sinne erwägen, sondern sich auch fragen, ob
sie ihre Ressourcen insgesamt gesehen in der besten Weise nutzen, um die
grundlegenden menschlichen Ansprüche ihrer Völker zu erfüllen.
Das sind einige der Gründe, die nach unserer Ansicht eine neue Betrachtung
rechtfertigen. Dieses Thema ist enorm kompliziert. Niemand kann ernsthaft
Patentrezepte anbieten. Aber dennoch ist es notwendig, daß wir dieses Problem
in den Griff bekommen. Nach unserer Ansicht bietet die bevorstehende Sondersitzung einen willkommenen Anreiz für neue Studien wie den wichtigen
Nordischen Vorschlag, von dem ich bereits gesprochen habe, sowie für internationale Gespräche über die Natur des Problems, über mögliche Ziele und
mögliche Schritte zu ihrer Verwirklichung. Wir möchten viel tiefer in dieses
Problem eindringen. Und ich kann Ihnen allen versichern, daß wir dies

nicht

nur mit großer Aufgeschlossenheit tun werden, sondern auch mit dem Willen,
die fundamentalen Ziele zu fördern, die die internationale Gemeinschaft
zusammen verfolgt: Abrüstung, Sicherheit und Entwicklung.

+ + +

18

�28

26. Oktober 1977

BLUMENTHAL: WIRTSCHAFT BRAUCHT VERTRAUEN IN DIE ZUKUNFT
- Rede des US-Finanzministers vor der Amerikanischen Bankiersvereinigung

HOUSTON, TEXAS - (AD) - Der amerikanische Finanzminister W. Michael
Blumenthal hat in einer Rede vor der Jahrestagung der American Bankers
Association (Amerikanischen Bankiersvereinigung - ABA) am 19. Oktober in
Houston, Texas, die Wirtschaft aufgerufen, Vertrauen in die Zukunft zu
haben, und den künftigen wirtschaftspolitischen Kurs der Carter-Administration aufgezeigt. Blumenthal unterstrich die primäre Bedeutung der
Privatwirtschaft für den weiteren Aufschwung und forderte die Geschäftswelt
auf, an der Gestaltung der Wirtschaftspolitik mitzuwirken, um den von
allen erstrebten langfristigen Fortschritt zu erreichen.
Die Rede des amerikanischen Finanzministers hat folgenden Wortlaut:
In den siebziger Jahren haben Wirtschaftswissenschaftler, Wirtschaftspolitiker und führende Geschäftsleute feststellen müssen, daß viele der alten
Rezepte nicht mehr wirken.
Der Wandel der Binnen - wie der Weltwirtschaft stellt unser Verständnis

�Verständnis und unsere Fähigkeit, ein nicht-inflatorisches Wirtschaftswachstum und eine restlose Ausschöpfung unserer menschlichen und materiellen
Ressourcen zu erzielen, auf eine harte Probe.
Wir sehen uns heute beispielsweise mit einer das Maß des Tragbaren
übersteigenden Inflation und Arbeitslosigkeit konfrontiert, die gleichzeitig nebeneinander bestehen und sich offensichtlich

mit den erprobten

und bewährten Heilmethoden der Vergangenheit nicht beseitigen lassen.
Vielleicht ist es die wachsende Unfähigkeit, mit immer neuen Wirtschaftsproblemen fertig zu werden, die das in der Geschäftswelt vorherrschende
Gefühl der Unsicherheit verursacht. Was immer der Grund sein mag, niemand
wird bestreiten wollen, daß gegenwärtig ein Mangel an Vertrauen in die
Zukunft und ein alles durchdringendes Gefühl der Unsicherheit bestehen.
Wir sehen uns in der Tat vor ein beunruhigendes Paradoxon gestellt:
Einen gesunden wirtschaftslichen Wiederaufschwung im Verlauf des Jahres
1977 bei einigermaßen guten Aussichten für 1978 einerseits, und einen
Schwund an Vertrauen in Wirtschaftskreisen wie nie zuvor andererseits.
Gestatten Sie mir, die Situation etwas eingehender zu beleuchten:
Wirtschaftliche Lagebeurteilungen orientieren sich häufig im Übermaß
am Tenor der neuesten Statistiken. Das beste Beispiel der jüngsten Zeit
liefert die heutige Statistik des Bruttosozialprodukts im dritten Quartal,
die auf eine deutliche Verlangsamung der wirtschaftlichen Wachstumsrate
gegenüber der ersten Jahreshälfte hinzuweisen scheint. Sie sollte jedoch
die generell hervorragende Entwicklung unserer Wirtschaft seit der Zeit
des Konjunkturtiefs von März 1975 ebenso wenig wie ihre grundlegende Stärke
und Gesundheit vergessen machen.
Seit dem Tiefstpunkt der Rezession im März 1975 hat das Bruttosozialprodukt um fast 15 Prozent zugenommen und liegt nunmehr 8 Prozent über dem
bisherigen

absoluten Höchststand. Wenngleich die Arbeitslosenrate von

�Arbeitslosenrate von 6,9 Prozent noch immer untragbar hoch ist, stehen
gegenwärtig doch 7 Millionen Arbeitskräfte mehr in einem Beschäftigungsverhältnis als zur Zeit des Konjunkturtiefs von 1975. Allein im bisherigen
Verlauf dieses Jahres hat die Gesamtbeschäftigung um 2,7 Millionen zugenomrren.
Die wirtschaftliche Expansion ist zudem noch von der Verlangsamung
der Inflationierungsrate der Verbraucherpreise begleitet - einem Absinken
von dem
Spitzensatz
von über 14,3 Prozent im Jahre 1974 auf eine
DurchschnittsJahresrate von 5.2 Prozent in dem Dreimonatszeitraum, der im
August 1977 endete.
Gewiß, das Wirtschaftswachstum ist in jüngster Zeit von der sehr hohen
und wahrscheinlich langfristig unhaltbaren Wachstumsrate von 7 Prozent in
der ersten Jahreshälfte auf einen geringeren, aber eher aufrechtzuerhaltenden
Satz zurückgefallen, wie dies in den meisten Vorhersagen prognostiziert
worden war.
Das Nachlassen der Verbraucherkäufe traf manche Wirtschaftszweige zu einem
Zeitpunkt, an dem sie über etwas überhöhte Lagerbestände verfüqten. Es
ergab sich daher in einer Reihe von Industriezweigen ein Machlassen des
Auftragseingangs und der Produktion. Die resultierende Periode der Anpassung dürfte aber nicht lange anhalten. Sobald sie überwunden ist, rechnen
wir

mit einem Einpendeln der Rate des realen Wachstums auf etwas 5 Prozent.
Es gibt noch einen weiteren Faktor, der für ein anhaltendes, gleich-

mäßiges Wachstum spricht. Es ist dies die Tatsache, daß die Erholung in
bemerkenswerter Weise frei von jeglicher überhitzung geblieben ist, die in
früheren Wachstumsphasen der Nachkriegszeit dazu beigetragen hat, eine
weitergehende Expansion zu unterbinden.
- Die Wirtschaft hat die Vorratshaltung raschestens dem Absatz angepaßt.
Die jüngsten Statistiken deuten auf ein vernünftigeres Verhältnis zwischen

- 3 -

�zwischen Lagerbestä'nden und Absatz hin - günstiger jedenfalls als das im
ersten Quartal 1975. Selbst angesichts des relativ flachen Verlaufs der
Kurve der Einzelhandelsumsätze in den letzten Monaten, liegt diese Verhä'ltnisziffer noch immer nur knapp oberhalb des jüngsten zyklischen Tiefs
von März dieses Jahres.
- Trotz der starken Verbrauchernachfrage nach Automobilen kam es
zu keinem Boom der Verbraucherausgaben für Dauergüter, der so geartet wäre,
daß er zu einem späteren Zusammenbruch der Nachfrage führen könnte. Die
privaten Haushaltsausgaben wurden nicht im Obermaß ausgeweitet. Die Verhältnisziffern zwischen den Rückzahlungen der privaten Haushalte auf
Ratenkredite und dem verfügbaren Einkommen liegt mit 14,£ Prozent noch immer
unter dem Satz von nahezu 16 Prozent, der vom Jahre 1969 bis Anfang der
siebziger Jahre bestanden hat.
- Und obwohl die Zinssätze für kurzfristige Kredite gestiegen sind,
haben sich die Zinssätze für langfristige Kredite recht stabil gehalten;
beide Indizes liegen weit unter den vorausgegangenen Höchstsätzen.
Alle diese Faktoren zusammen resultieren in einer anhaltenden Wachstumsrate, die ausreicht, die Arbeitslosigkeit weiter zu vermindern, ohne Pressionen
zur Beschleunigung der inflationistischen Entwicklung auszulösen.
Trotz günstiger Grundvoraussetzungen mangelt es hinsichtlich der
wirtschaftlichen Entwicklung ganz eindeutig an Zuversicht. Der Aktienmarkt
hat den tiefsten Stand seit Herbst 1975 erreicht. Die Investitionen bleiben
beträchtlich hinter denen zurück, die angesichts einer rasch expandierenden
Wirtschaft und hoher Liquidität auf Seiten der Unternehmen zu erwarten
wären, auch wenn sie das Vorjahresniveau um 7 bis 8 Prozent übersteigen.
Was ist der Grund für dieses scheinbare Paradoxon? Mißinterpretiert
die Industrie die wirtschaftliche Entwicklung oder steht ein Knick derselben
bevor? Ist der Staat daran schuld, daß die Industrie den Mut verliert?
- 4 -

�verliert? Oder greift ein irrationaler Pessimismus in der Wirtschaft um
sich?

Es gibt meines Erachtens eine ganze Reihe von Gründen für den Mangel
an Vertrauen in der Wirtschaft.
Der erste Grund besteht darin, daß wir in jüngster Zeit eine Periode
beträchtlicher wirtschaftlicher Schwierigkeiten erlebt haben. Als ein Mann,
der selbst an der Spitze eines großen Unternehmens gestanden hat, habe ich
- wie wohl jeder unter Ihnen - erfahren müssen, wie sich zweistellige
Inflationsraten und eine ernste Rezession auf die Unternehmensplanung
auswirken.
Die unmittelbaren Ausgangpunkte dieser Probleme waren ihrem Wesen nach
einmalig und werden sich, so hoffe ich, niemals wiederholen: der Vietnamkrieg, die fehlerhaften Reaktionen auf ihn in Steuer- und währungspolitischer
Hinsicht und die plötzliche Verfünffachung der Erdölpreise.
Die Nachwehen jener Zeiten halten immer noch an.
Wir in der Wirtschaft wurden von den sprunghaften Manövern der Wirtschftspolitik und deren wiederholten Umformulierung Anfang der siebziger Jahre
hart betroffen. Das Vertrauen in die Konstanz und Vernunft der Regierung
läßt sich nicht so rasch wiederherstellen.
Ein Erbe jener Zeiten ist auch das nach bisherigen Vorstellungen unmögliche Nebeneinander von hohen Inflations-und hohen Arbeitslosenraten.
Die Wirtschaftswelt weiß, daß seitens der Regierung ein ungewöhnliches Maß
an Vorsicht, Glück und Weitblick nötig sein wird, um die Wirtschaft aus
diesem Dilemma herauszuführen - während die meisten Geschäftsleute doch
dem Staat selbst in

noch so guten Zeiten diese Qualitäten kaum zutrauen.

Ein weiterer Faktor ist darin zu sehen, daß echte Investitionen der

- 5 -

�der Wirtschaft auf echte Gewinne gerichtet sind, während die Gewinnentwicklung sehr ungewiß verläuft.
Obwohl die Unternehmensgewinne nach Abzug der Steuern im zweiten
Quartal 1977 die Rekordhöhe von 104,3 Milliarden Dollar erreichten, ergibt
sich ein erheblich anderes Bild, wenn man dieses Gewinnniveau im Verhältnis
zu den Auswirkungen der Inflation auf die Kapitalerneuerung und zum Absatz
betrachtet.
Unter Berücksichtigung dieser Faktoren beliefen sich die Unternehmensgewinne auf nur 6 Prozent des Umsatzes. Dieser Satz liegt unter dem der
Zeit vor 1973 und dem vor dem Höhepunkt der Rezession, als er bei 8 Prozent und damit beträchtlich unter den Raten von mehr als 12 Prozent Mitte
der sechziger Jahre lag, als ein gesunder Anteil am Bruttosozialprodukt
auf die Investitionen entfiel.
Der letzte Faktor ist politischer Natur. Die Geschäftswelt begegnet
einer demokratischen Administration traditionsgemäß mit einem gewissen
Mißtrauen.
Es gibt somit mehrere Erklärungen für das Paradoxon des geringen
Vertrauens der Wirtschaft in einer Phase eines einigermaßen kräftigen
Aufschwungs. Noch wichtiger aber ist die Frage, was wir in dieser Hinsicht
tun können. Ein wichtiger erster Schritt besteht nach meinem Dafürhalten
darin, daß die Regierung ihre wirtschaftlichen Pläne für die nächsten Jahre
Ihnen gegenüber in allen Einzelheiten offenlegt. Sie haben ein Recht, zu
erfahren, welchen Kurs wir einzuschlagen gedenken, und auch warum.
Wir sind gegenwärtig dabei, diese Pläne in methodischer Weise und auf
mehrere Jahre im voraus zu erstellen. Sie werden im Verlauf der nächsten
Monate erkennbar werden, wenn das Steuerreformprogramm vorliegt und der
Prozeß zur Aufstellung des Haushalts für das Finanzjahr 1979 seinem Höhepunkt
erreicht.
Ich hoffe,

�Ich hoffe, daß Sie an diesem Planungsprozeß mitwirken werden - mit
Rat und mit offener Kritik. Gestatten Sie mir, daß ich diesen Dialog
heute morgen eröffne. Ich tue dies dergestalt, daß ich Ihnen die Grundprinzipien aufzeige, die -wie ich hoffe und aufrichtig erwarte - die
Regierung bei der Formulierung der langfristigen Wirtschaftsstrategie
leiten werden.
Das erste Prinzip beruht auf der Erkenntnis, daß der Privatsektor der
Schlüsselsektor für die Gesundheit der ganzen amerikanischen Wirtschaft
ist. Wir müssen staatliche Eingriffe in den Wirtschaftsprozeß hinsichtlich
Zielsetzung und Ausmaß in Grenzen halten. Lassen Sie mich einige spezifische
Bereiche herausgreifen:
- Wir dürfen es nicht zulassen, daß der Prozentsatz des Bruttosozialproduktes, der für die öffentliche Hand aufgewandt wird, langfristig über
21 Prozent hinausgeht. Dieser Satz entspricht dem Durchschnitt während des
letzten Jahrzehnts.
- Wir dürfen es nicht zulassen, daß die Bundes-Einkommensteuer einen
ständig wachsenden Anteil am Einkommen des einzelnen Steuerzahlers in
Anspruch nimmt. Der durchschnittliche Anteil, der bislang zwischen 10 und
12 Prozent schwankte, beläuft sich gegenwärtig auf 13 Prozent und ist im
Steigen begriffen. Wir müssen die Steuern senken, da die Inflation den
Steueranteil automatisch vergrößert. Was die Grenzsteuersätze angeht, so
sollte nach meinem Urteil kein Steuerzahler gezwungen werden, über die
Hälfte eines durch eigene Anstrengungen oder Investitionen erwirtschafteten
zusätzlichen Dollars an den Staat abführen.
- Sobald das Wachstum und die Beschäftigung an die Grenze ihres
Potentials gelangen, muß die Bundesregierung den Staatshaushalt ins Gleichgewicht bringen. Wir dürfen es nicht zulassen, daß Haushaltsdefizite zu einem
ständigen Element der wirtschaftlichen Landschaft werden.
- Wir müssen
- 7 -

�- Wir müssen kühne Maßnahmen ergreifen, um gerade auf dem privaten
Sektor neue Arbeitsplätze - Arbeitsplätze mit Zukunft - für Tausende von
Minderheitsangehörigen und jugendlichen Arbeitskräften zu schaffen, die
gegenwärtig in unseren Großstädten arbeitslos sind. Arbeitsplätze

im

öffentlichen Dienst und staatliche Ausbildungsprogramme sind notwendigekurzfristige Abhilfen, und wir bedienen uns dieser Werkzeuge bewußt.
Die einzige langfristige und wirksame Lösung besteht jedoch darin, die
derzeitigen Arbeitslosen vollständig in den privaten Sektor der Wirtschaft
einzugliedern.
Wir im Finanzministerium sind eifrig darum bemüht, unsere im Entstehen
begriffenen Programme auf den Gebieten der Beschäftigung und der städtischen
Entwicklung auf einfallsreiche Lösungen durch die private Wirtschaft auszurichten. Wir bitten Sie deshalb

bei der Lösung dieser lebenswichtigen

Aufgeben um Ihren Rat und Ihre Hilfe.
Unser zweites Prinzip besagt, daß sich der Staat bemühen muß, die
private Kapitalbildung zu fördern. Das wiederum bedeutet die Verminderung
der steuerlichen Belastung der Gewinne und die Beschränkung der regulatorischen Eingriffe auf ein Mindestmaß.
Um eine Vollbeschäftigungswirtschaft zu erreichen und in Gang zu
halten, müssen wir einen beträchtlichen Anteil unserer realen Produktion
- der Größenordnung nach rund 12 Prozent - auf Investitionen in neue
Kapital guter für eine wachsende Zahl von Arbeitskräften
verwenden;
gegenwärtig beläuft sich dieser Satz auf weniger als 10 Prozent.
Die Folge ist, daß wir gegenwärtig einen beunruhigend geringen
Produktivitätszuwachs zu verzeichnen haben. Der Produktivitätsanstieg wurde
in den sechziger Jahren mit über 3 Prozent im Jahr ausgewiesen. Im Zeitraum von 1973 bis 1976 belief er sich auf noch nicht einmal 1 Prozent. Wenn
wir es zulassen, daß sich dieser Trend

fortsetzt, werden wir die Aus-

sicht unserer Kinder auf Prosperität, Vollbeschäftigung und Preisstabilität
verspielen.
Unser drittes

�Unser drittes Prinzip erfordert, daß die staatliche Politik ein
stabiles und absehbares Umfeld für die Planung der Wirtschaft gewährleistet. Eine der Hauptursachen für die Verlangsamung der Investitionstätigkeit ist die Unsicherheit. Das einzige Mittel gegen die Unsicherheit auf dem privaten Sektor ist Stetigkeit und Besonnenheit auf dem
öffentlichen Sektor.
Ich glaube nicht, daß wir genug wissen, um eine Feinabstimmung
vornehmen zu können. Selbst wenn wir genug wüßten, scheint mir klar,
daß die wesentlicheren unserer wirtschaftlichen Schwierigkeiten langfristiger und chronischer Natur sind. Mit raschen Lösungen wird ihnen
nicht beizukommen sein.
Wir sollten unsere makroökonomische Politik auf die langfristigen
wichtigen Trends und Ausschläge der wirtschaftlichen Entwicklung abstimmen.
Wir müssen lernen, über das Auf und Ab monatlicher Indizes hinwegzusehen,
wei 1 sie weder zu unserem Verständnis der Wirtschaftsentwicklung beitragen noch uns zur Beeinflussung wirtschaftlicher Vorgänge befähigen.
Unser viertes Prinzip läuft darauf hinaus,daß der Staat lernen muß, mit
der Wirtschaft zusammenzuarbeiten statt gegen sie zu arbeiten, wenn es
darum geht, das Land aus Inflation und Arbeitslosigkeit herauszuführen. Das
sind Zieles die uns allen gemeinsam sind.
Nach den Ereignissen des letzten Jahrzehnts ist der Staat nicht in
der Position, dem privaten Sektor in der Frage der wirtschaftlichen Gesundheit irgendwelche Lehren zu erteilen. Wir alle sind Gefangene in der Falle
cer Stagflation, dem Stagnieren der Wirtschaft bei gleichzeitiger Inflation.
Wir können uns aus ihr nur befreien, wenn wir zu einem gemeinsamen Verständnis unseres Dilemmasfinden und eng zusammenarbeiten, um die bestmöglichen

Lösungen zu erarbeiten.

Als ehemaliger Geschäftsmann weiß ich, daß die freie Kommunikation

�Kommunikation zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor eine
Voraussetzung für Vertrauen innerhalb der Geschäftswelt ist. Wir können
Ihnen nicht versprechen, immer mit Ihnen einer Meinung zu sein oder
stets die richtige Politik zu betreiben» Aber wir können Ihnen versprechen,
und wir tun dies auch, daß wir Sie bei deren Formulierung eingehend
zu Rate ziehen werden.
Unser fünftes Prinzip geht dahin, daß die Regierung die Binnenwirtschaftspolitik in Einklang mit den Notwendigkeiten und Erfordernissen
unserer einzigartigen Rolle in der

Weltwirtschaft bringen muß. Wenngleich

unsere Wirtschaft - in bezug auf ein ausgeglichenes Wachstum, die Beschäftigung und die Inflation - in jüngster Zeit alles andere als ideal
funktionierte, wird sie doch von vielen verbündeten Industriestaaten und
auch in Kreisen der internationalen Kapitalgeber vielfach als beispielgebend
angesehen. Die Bedeutung des Dollars für die Weltwirtschaft zwingt uns,
auf dessen guten Ruf bedacht zu sein.
Ein starker und stabiler Dollar ist sowohl für die Vereinigten Staaten
als auch für die gesamte Welt von entscheidender Bedeutung.
Wie Sie wissen, haben wir gegenwärtig ein beträchtliches Außenhandelsdefizit aufzuweisen. Eine Abwertung des Dollars mit Rücksicht auf
dieses Defizit ist jedoch nicht erforderlich; sie würde zudem dieses
Defizit nicht beseitigen.
Die Lösung besteht in der Inkraftsetzung eines wirksamen Energieprogrammes und der Aufrechterhaltung einer

gesunden, expandierenden und

nicht-inflatorischer U.S.-Wirtschaft - sowie in Maßnahmen anderer, hierzu
befähigter Länder, um ihre eigene Volkswirtschaft anzukurbeln und Beschränkungen im Außenhandel abzubauen, wo solche bestehen.
Nach unserer Auffassung besteht die beste Währungspolitik für uns
- gleichzeitig auch die Währungspolitik, die langfristig die größten

- 10 -

�größten Vorteile für alle Länder mit sich bringen wird - darin, den
Wechselkursen zu erlauben, die grundlegenden wirtschaftlichen und finanziellen Umstände des jeweiligen Landes widerzuspiegeln und sich den
Veränderungen in diesen grundlegenden Bedingungen anzupassen.
Die Wechselkurse in Relation zu manchen Ländern mögen fallen und
die zu anderen steigen, weil die grundlegenden Bedingungen von Land zu
Land unterschiedlich sind und unterschiedliche Strukturen vorherrschen.
Sollten die Devisenmärkte durcheinander geraten, werden wir unsere
Politik der Marktintervention zur Behebung von Mißständen fortführen.
Obwohl unsere Handelsbilanz defizitär ist, hat sich unsere internationale
Zahlungsbilanz generell als gesund erwiesen. Wir erwirtschaften auch
weiterhin große Überschüsse auf dem Dienstleistungssektor und haben,
keineswegs überraschend, erhebliche Kapitalzuflüsse zu verzeichnen. Das
sind Quellen der Stärke für den amerikanischen Dollar, die auch weiterhin
fließen dürften.
Unser sechstes und letztes Prinzip gebietet uns, bei unseren Versuchen
zur Lösung der größeren strukturellen Probleme, die die langfristigen
Prosperitätsaussichten bedrohen, die Balance zwischen Kühnheit und Geduld
zu halten.
Wir durchlebten ein Jahr vieler kühner, neuer Initiativen. Gerade das
Tempo der Innovation hat, wie ich sehr wohl weiß, die Unsicherheit im Bereich
der Wirtschaft verstärkt, und man bezichtigt uns deshalb der Ungeduld.
Sie sollten wissen, daß sich das Tempo nunmehr zu verlangsamen beginnt.
Die geplanten politischen Maßnahmen liegen nunmehr größtenteils dem Kongreß
vor und

sind auch der Bevölkerung;bekannt.: Die Zeit ist gekommen, fortan

eher auf Konsolidierung denn auf Neuerungen bedacht zu sein.
Unsere Kühnheit wird aber nach meiner Auffassung durch die Größe der
Probleme

gerechtfertigt, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Wir handeln

- 11 -

�handeln

nicht um des Handelns willen, sondern in Rücksicht auf die

gewaltigen Risiken, die Unterlassungen bergen würden. Unsere Kühnheit
wird durch Vorsicht gemäßigt.
Die Energieversorgung bietet das beste Beispiel. Wir werden dieses
Jahr öl im Werte von 45 Milliarden Dollar einführen, wovon die Hälfte in
den Verbrauch gehen wird. Unsere Abhängigkeit von ausländischen Lieferquellen nimmt dann immer rascher zu. Wenn wir nicht umgehend handeln,
geben wir in praxi die Herrschaft über unser wirtschaftliches Geschick
auf.
Die Auswirkungen unserer diesbezüglichen Abhängigkeit auf die
Wachstums-, Inflations- und Arbeitslosenraten sind bereits heute erheblich.
Sie könnten sehr leicht unberechenbar werden.
Am 20. April schlug Präsident Carter ein umfassendes, faires und
ausgewogenes Programm zur Bewahrung unserer Volkswirtschaft vor diesem
Schicksal vor. Das Programm zielt darauf ab, unsere öl einfuhren bis 1985
um 4,5 Millionen Barrel am Tag zu vermindern, was einer Verminderung unseres
Handelsdefizits in heutigen Preisen ausgedrückt um etwa 23 Milliarden
Dollar im Jahr entspräche.
Die Entscheidung über dieses Programm ist gegenwärtig in der Schwebe.
Die Welt blickt mit Verwunderung auf uns, während wir mit der Möglichkeit
kokettieren, nichts zu unternehmen und die Konsequenzen zu tragen. Ich kann
mir keinen gefährlicheren Kurs für unsere Wirtschaft vorstellen als diesen.
Ohne ein umfassendes Energieprogramm können wir einfach keinen
plausiblen Kurs für unser Wachstum, für unsere Investitionstätigkeit und
für den Kampf gegen die Inflation abstecken. Das weiß die ganze Welt. Das
amerikanische Volk hat nicht mehr lange Zeit, um dies zu begreifen.
Drei wichtige Komponenten des Energieprogrammes des Präsidenten

- 12 -

�Präsidenten werden gegenwärtig in Frage gestellt: die Ausgleichssteuer
auf Rohöl, die öl-und Erdgasverbrauchssteuer und die Besteuerung von
Automobilen mit übermäßigem

Benzinverbrauch. Der größte Teil der

angestrebten Verminderung der öleinfuhren sollte über diese Steuern
realisiert werden.
Die Rohölausgleichssteuer würde den Preis von Rohöl, das in den
Vereinigten Staaten gefördert wird, auf Weltpreisniveau anheben. Damit
würde die unkluge Bezuschussung von Importen, die die amerikanischen
Preiskontrollen bewirken, fortfallen.
Die vorgeschlagene Besteuerung des industriellen Verbrauchs von
öl und Erdgas zielt auf eine weitere Senkung der öl-und Erdgasimporte ab,
während Betriebe, die auf Kohle umstellen, einen Steuernachlaß erhalten
sollen.
Die Steuer auf Automobile mit übermäßigem Benzinverbrauch soll stufenweise gestaffelt sein und im Laufe der Zeit steigen. Sie würde alle neuen
Modelle erfassen, die gewissen Wirtschaftlichkeitserfordernissen hinsichtlich des Brennstoffverbrauchs nicht Genüge leisten.
Allein diese drei Steuern würden bis 1985 eine Verminderung der
amerikanischen Eröleinfuhren um 3 Millionen Barrel pro Tag bewirken, was
einer Minderbelastung unserer Außenhandelsbilanz um 15,3 Milliarden Dollar
im Jahr gleichkäme.
Neue Steuern sind nie populär. Diese Steuern aber sind fair, vernünftig
und notwendig. Die Einkünfte aus ihnen würden weitgehend und gerecht verteilt
wieder an das amerikanische Volk zurückgegeben werden. Alternativen zu
diesen Steuern sind praktisch kaum gegeben und wären jedenfalls noch schwerer
zu verkraften.
Der Präsident hat einen verantwortungsbewußten und vorsichtigen Kurs
für die Energieversorgung der Nation aufgezeigt. Ich ersuche Sie dringend,
- 13 -

�dringend, dieses Programm in Ihrem eigenen wie im Interesse der wirtschaftlichen Zukunft unseres Landes zu unterstützen.
Wir verfolgen einen ähnlich vorsichtigen Kurs hinsichtlich aller
größeren politischen Aufgaben, vor die wir uns gestellt sehen:
- In dem Bemühen, zur Stabilisierung des internationalen Währungssysteins beizutragen, haben wir bei der Schaffung der Witteveen-Fazilität
mitgewirkt die den Ausgleich der Zahlungsbilanzen der Mitgliedstaaten
des Internationalen Währungsfonds (IWF) erleichtern soll.
- In dem Bemühen, der Herausforderung durch den Wettbewerb ausländischer

Importe im Bereich der Stahl - und anderer Industrien gerecht

zu werden, sind wir dabei, eine verantwortungsbewußte Politik zu erarbeiten, die amerikanische Hersteller vor unfairer Konkurrenz schützen
und den Druck auf die Preise auf dem Binnenmarkt so niedrig wie möglich
halten soll - ohne Vergeltungsmaßnahmen herauszufordern, die zu einem
neuen Handelskrieg führen könnten.
- In dem Bemühen, eine Lösung für das schwierige Problem der
Finanzierung der sozialen Sicherheit zu finden, arbeiten wir mit dem
Kongreß zusammen, um etwaige negative Auswirkungen auf die Erholung unserer
Wirtschaft auf ein Mindestmaß zu beschränken.
- Und hinsichtlich der Sozialreform erstreben wir die Inkraftsetzung
eines Gesetzes zur Reorganisation unserer Hilfsprogramme, um Verschwendung
zu vermeiden , Unterstützungsempfänger, die dazu fähig sind, zur Annahme
eines Arbeitsplatzes zu ermutigen und allen denjenigen angemessene Hilfe
zu gewähren, die wirklich Not leiden.
Darüberhinaus arbeiten wir gegenwärtig an zwei grundlegenden wirtschaftlichen Werken: dem Bundeshaushalt 1979 und einer Reform der Einkommensteuergesetzgebung. In beiden Dokumenten werden Sie aus klaren Zahlen den festen

- 14 -

�den festen Kurs ablesen können, den wir mit unserer Politik verfolgen.
Der im Januar vorzulegende Haushaltsentwurf wird der erste sein, den
diese Regierung allein erstellt hat - der erste, der unsere Grundhaltung
zum Ausdruck bringt und nicht lediglich nur eine Überarbeitung des Entwurfs
der vorausgegangenen Administration darstellt. Eingebettet in diesen
Haushaltsvoranschlag werden jene harten Entscheidungen sein, die für eine
wirksame Festsetzung von Prioritäten erforderlich sind: die Ergebnisse
der erstmaligen durchgehenden Anwendung des Konzepts der Haushaltsplanung
auf Nullbasis (zero-based budgeting), die Vorausplanung der Ausgaben auf
fünf Jahre und ein Gesamthaushaltgebaren, das unsere vordringlichsten
makroökonomische

Erfordernisse widerspiegelt.

Die Maßnahmen zur Steuerreform werden die andere Hälfte unserer
fiskalischen Einstellung zu den wirtschaftlichen Aufgaben von heute sein.
Wenn die endgültigen Entscheidungen gefallen sind, werden Sie, dessen bin
ich zuversichtlich, feststellen können, daß sie eine erhebliche und anhaltende Verminderung der Steuerlast der Unternehmen und der privaten
Steuerzahler mit sich bringen werden - Erleichterungen, die mithelfen können,
die Wirtschaft zu verstärkten Investitionen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Steigerung der Produktivität anzuregen.
Mit diesen beiden Dokumenten in Händen wird für diese Administration
die formative Phase ihrer Anstrengungen

abgeschlossen sein. Dann wird ihre

Politik in ihrer Grundgestalt erkennbar werden und die kühnen Initiativen
stärker in den Mittelpunkt treten. Dann werden wir auch mit Ihrer Hilfe
die langfristigen Fortschritte realisieren können, die wir alle erstreben.

+ + + + +

- 15 -

�26. Oktober 1977

28

USA FORDERN INTERNATIONALE KONVENTION OBER
TOXISCHE SUBSTANZEN

- (AD) - Toxische Substanzen sind ein Problem, das nach einer Erklärung von Douglas M. Costle, Leiter der US-Umweltschutzbehörde EPA und Vertreter der Vereinigten Staaten im Umweltausschuß der NATO (CCMS), zu ernster
Besorgnis Anlaß gibt. Deshalb seien Maßnahmen zu seiner Lösung vordringlich. Die Schaffung einer "Internationalen Konvention über toxische Substanzen" könne dazu Wege ebnen und außerordentlich hilfreich sein.
Die USA unterbreiteten den Vorschlag auf der Plenarsitzung des CCMS
(Ausschuß für Aufgaben der Modernen Gesellschaft) im Oktober 1977 in
Brüssel.

Costle zufolge basiert diese amerikanische Initiative zum großen

Teil auf den Ergebnissen von Studien, die das "Nationale Krebsforschungsinstitut" (Teil der medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA - NIH in Bethesda, Maryland) durchführte

bzw. durchführen ließ.

Demnach tre-

ten Krebserkrankungen generell in industriellen Ballungsgebieten "bei verstärkter Aktivität auf dem Chemiesektor" deutlich häufiger auf als anderswo.
In den letzten zwei Jahren sei dort die anteilmäßige Zahl der Todesfälle
durch Krebs viel rascher gestiegen als in den Jahrzehnten zuvor.

Nach

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�Nach Schätzungen der Amerikanischen Krebsgesellschaft dürfte in den USA
jeder Vierte an Krebs in irgendeiner Form erkranken.
Das Ausmaß des internationalen Problems durch toxische Substanzen sei,
wie Costle erklärte, schon anhand der Tatsache abzuschätzen, daß allein in
den USA 30 000 verschiedene chemische Verbindungen hergestellt würden und
jedes Jahr ca. 1000 neue auf den Markt kämen.

"Obgleich wir alle von der

Anwendung von chemischen Stoffen enorm profitieren, sie einen lebenswichtigen Bestandteil unserer Industriegesellschaften bilden und einzeln keineswegs toxisch zu sein brauchen, ist "schon durch ihre bloße Zahl", so Costle,
"durch ihre wachsende Vielfalt, den wachsenden Verbrauch und die inzwischen
erkannten Belastungen für Umwelt und Gesundheit durch einige von ihnen das
ernste Risiko nicht wieder gutzumachender Schäden für die Zukunft gegeben."
Eine Reihe von Ländern hat bereits gesetzliche Regelungen für den
Umgang mit toxischen Substanzen getroffen, die sich an einem Gesetz orientieren, das der US-Kongreß im Jahre 1976 verabschiedete; andere Länder bereiten entsprechende Maßnahmen vor. Costle verwies jedoch auf die "globale
Natur der Konsequenzen aus der Produktion und dem Gebrauch gewisser chemischer
Stoffe wie Quecksilber, Blei, Kadmium, Asbest, Chloroform, Kepone, Vinylchlorid und Fluorchlorkohlenstoffen". Sie seien Anlaß genug, daß die 15
Mitgliedstaaten der CCMS-Gruppe der NATO die Ausarbeitung einer internationalen Konvention auf ihr Arbeitsprogramm setzen und sich auf jene Gebiete
einigen, auf denen eine solche Konvention besonders nützlich sein könnte.
Diese müßte, um wirksam zu sein, in spätestens 5 Jahren in Kraft treten.

+ + + + +

- 2 -

�1
I
28

Wi//cn/chaft
und Technik
United States Information Service

26. Oktober 1977

VERBUNDWERKSTOFFE IN ATOMARER SCHICHTUNG
Synthetische Materialien mit neuartigen Eigenschaften

(AD). - Mit Hilfe der "Planar-Magnetron-Aufdampftechnik" können
Elemente, die in der Natur niemals zusammen vorkommen, zu synthetischen
Schichtwerkstoffen mit einzigartigen magnetischen, elektronischen und
optischen Eigenschaften kombiniert werden. Das Verfahren wurde von
Dr. Troy W. Barbee Jr., Direktor des Instituts für Materialforschung
der Stanford-Universität (Kalifornien), und Forschungsingenieur Douglas
L. Keith entwickelt. Das Institut ist Teil des Stanford-Zentrums für
Materialforschung, das von der Nationalen Wissenschaftsstiftung der USA
(National Science Foundation) finanziell gefördert wird.
Wie Experimente gezeigt haben, lassen sich mindestens 65 der 92
Elemente des Periodischen Systems in hauchdünnen Schichten auf einer
neutralen Unterlage - z.B. Glas oder Plastikfolie - deponieren. Die
Schichtdicke kann zwischen 5 und 5 000 Angström liegen (1 Angström =
1/10 000 000 mm, durchschnittlicher Durchmesser eines Atoms ca. 2,5
Angström).
Die abwechselnde

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Die abwechselnde Beschichtung mit zwei verschiedenen Elementen
in nur wenigen "Atomlagen" hat in vielen Fällen eine Veränderung der
ursprünglichen

physikalischen Merkmale der Ausgangelemente zur Folge.

Ein Beispiel: abwechselnd wird Wolfram mit Kohlenstoff in 20 Angström
dicken Schichten aufgetragen, so ergibt sich bei dem synthetischen
Produkt eine Erhöhung der sogenannten Sprungtemperatur - d.h. jenes
Temperaturpunktes, an dem der elektrische Widerstand plötzlich auf einen
nicht mehr meßbaren

Wert absinkt und das Material superleitfähig wird.

Bei dem erwähnten Schichtmaterial steigt die Sprungtemperatur von
0,01 auf 3 Grad Kelvin, liegt also bei 3 Grad über dem absoluten Nullpunkt (Null Grad Kelvin = -273,15 Grad Celcius). Angesichts der
Schwierigkeiten, die das Abkühlen in diesem extrem tiefen Temperaturbereich
mit flüssigen Helium schon um jedes weitere Zehntel Grad mit sich bringt,
ist eine Möglichkeit zur Anhebung der Sprungtemperatur bestimmter Werkstoffe um fast 3 Grad Kelvin von größtem Interesse für die Technik. Denn
überall auf der Welt sind Wissenschaftler auf der Suche nach geeigneten
supraleitfähigen Materialien mit höheren Sprungtemperaturen als jenen
im Bereich des absoluten Nullpunkts - Materialien, die für Stromleitungen,
Elektromagnete und andere Anlagen verwendet werden sollen, um Größe und
Gewicht elektrischer Anlagen stark zu reduzieren, gleichzeitig ihren
Leistungsbereich zu vergrößern und ihren Eigenverbrauch an Energie zu
senken.
Manche der neuen Schichtkombinationen von Barbee und Keith wiesen eine
außergewöhnlich hohe mechanische Festigkeit bei auffallend guter Verformbarkeit auf. Die Festigkeitswerte lagen oft nahe bei den theoretischen
Grenzen, die man für Metalle errechnet hat. Kürzlich präsentierte Dr. Barbee
ein Material scheibchen von 1,35 Mikron Dicke (1 Mikron • 1/1000 mm), das aus
1800 Schichten von Kupfer und Niobium zusammengesetzt war. Jedes der
abwechselnd aufgebrachten Schichten war 10 bzw. 5 Angström dick. Das bedeutet, daß sie aus jeweils nur 4 bzw. 2 Atomlagen bestanden.
Bei dieser

�Bei dieser Schichtung - d.h. bei Dicken unter 40 Angström - treten
eigenartige Effekte auf: Es kommt beispielsweise zu deutlichen Austauschund Verbindungsreaktionen. In einigen Fällen nehmen Elemente neue Kristallstrukturen an, die denjenigen des Elements der

Nachbarschicht entsprechen.

Andere Elenente verlieren ihre Kristall struktur und werden zu einer Art
amorpher Masse. In beiden Fällen bleibt die Schichtung bestehen, aber die
Kristall strukturen des synthetischen Materials sind anders als jene, die in
der Natur beobachtet werden. Die damit einhergehenden Veränderungen der
optischen, magnetischen und elektronischen Eigenschaften sind noch nicht
alle bekannt, geschweige denn geklärt.
Aktionsmedium für die Beschichtung ist ionisiertes Argongas. Ein
Magnetron beschleunigt die Argon-Ionen auf hohe Geschwindigkeiten und richtet
den Strahl auf die Zielsubstanz (z.B. Niobium, Kupfer, usw.). Aus dieser
Substanz werden Atome freigesetzt, die strahl förmig auf das fortlaufend
weiterbewegte Trägermaterial auftreffen. Durch präzise Steuerung

der

elektrischen Spannung ist es, so Barbee und Keith, möglich, die Schichten
glatt und bemerkenswert einheitlich in der Dicke zu halten. Dazu trägt auch
die Tatsache bei, daß nur das Auflagematerial, nicht aber die Quelle des
Atomstrahls bewegt wird. Deshalb würde sich das Verfahren - mit gewissen
Anpassungsmaßnahmen - auch für technische Prozesse in der Industrie eignen,
beispielsweise für die Herstellung von Solarzellen, zum Beschichten
diffiziler Teile von Maschinen, für korrosionsbeständige Materialien, oder
auch für völlig neuartige Verwendungszwecke.

+ + + + +

- 3 -

�I

Wi//en/chaft
und Technik
United States Information Service

26. Oktober 1977

28

MANGANSPIEGEL UND EPILEPSIE

- (AD) - Ein ungewöhnlich niedriger Manganspiegel im Blut kann in gewissen Fällen die Ursache epileptischer Anfälle sein. Dies berichtete ein
kanadisches Forscherteam Anfang September 1977 auf der Tagung der Amerikanischen Gesellschaft für Chemie in Chicago. Vor allem Kinder, bei denen die
üblichen Labortests zu keinen entsprechenden Ergebnissen führen und irgendwelche neurologischen Erkrankungen in der Familie oder andere mögliche Schädigungen fehlen, die einen Hinweis auf die Ursachen der Anfälle geben könnten,
sollten auf die Konzentration von Spurenelementen im Blut, insbesondere von
Mangan, untersucht werden.
Die Ärztegruppe vom Saint Mary's Hospital in Montreal kam durch den
Fall eines 12jährigen Jungen zufällig diesem Mangel und seinen schwerwiegenden Folgen auf die Spur. Die Anfälle hatten begonnen, als er vier Jahre alt
war, und verschlimmerten sich in den folgenden acht Jahren immer mehr. Die
Routinetests ergaben nicht den geringsten Anhaltspunkt für die Ursache, bis
schließlich Dr. Jukio Tanaka mit zwei seiner Kollegen die Konzentration der
Spurenmetalle im Blut zu prüfen begannen. Dabei zeigte sich, daß der Manganspiegel bei dem Jungen nicht einmal die Hälfte des Normalwertes erreichte;
Auch bei seiner Mutter war er stark erniedrigt.

Nachforschungen in ähnlich cjej

Postfach 300,
D5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex: 08-85432

�gelagerten Fällen erbrachten weitere einschlägige Hinweise, so daß nun die
Untersuchungen auf einen großen Patientenkreis ausgedehnt wurden.

Sie erga-

ben, daß bei epilepsiekranken Kindern der Manganspiegel erniedrigt ist. Ähnliche Anomalien seien manchmal, aber keineswegs immer auch bei erwachsenen
Patienten zu beobachten.

Die Forschergruppe experimentiert gegenwärtig mit

speziellen Nahrungszusätzen, die den Manganmangel ausgleichen sollen.

Sie

hoffen, damit wirksame therapeutische Effekte erzielen und möglicherweise
auch eine vorbeugende Behandlung erreichen zu können.

Die bisherigen vor-

läufigen Ergebnisse seien "sehr ermutigend".
Dr. Tanaka verwies darauf, daß er nicht behaupte, die Ursache oder eine
Möglichkeit zur Heilung der Epilepsie gefunden zu haben. Aber er ist überzeugt, mit seinen Mitarbeitern ein ganz neues Feld für die Erforschung von
Anfallskrankheiten eröffnet zu haben.

Daraus ergebe sich die Chance, zumin-

dest einer Reihe von Patienten wirksam zu helfen.

Schon im Jahr 1963 hatten

übrigens Tierexperimente ergeben, daß sich Manganmangel bei trächtigen Ratten
mit krampfartigen Störungen an ihrer Nachkommenschaft auswirkt.

+ + + + +

Berichtigung
zu unserem Artikel "Neue Mittel gegen Viruskrankheiten"
In unserer Ausgabe Nr. 27 vom 12. Oktober 1977 ist in dem Artikel
"Neue Mittel gegen Viruskrankheiten" (Wissenschaft und Technik) im ersten
Absatz, achte Zeile aus einem technischen Versehen Hirnhautentzündung statt
richtig Gehirnentzündung geschrieben worden. Wir bitten, diesen Fehler zu
entschuldigen und zu korrigieren.

- 2 -

�</text>
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