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23. Juni 1976

Inhalt
HINTERGRUNDMATERIAL:
USA 200
Das dritte Jahrhundert Amerikas
Ausstellung über Wissenschaft und Technik im Kennedy-Raumflugzentrum
US-Marine feiert Amerikas 200. Geburtstag
Internationale Flottenparade und Segel schifftreffen in New York

WIRTSCHAFT:
Wirtschaftsaufschwung in den USA übertraf Erwartungen
Auszüge aus dem Halbjahresbericht des Wirtschaftsbeirates Präsident Fords

US-Kongreß entwickelt Alternativprogramm gegen die Arbeitslosigkeit

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
Neue Materie-Teilchen entdeckt

Um

Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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USA 200
(5)
DAS DRITTE JAHRHUNDERT AMERIKAS
Ausstellung über Wissenschaft und Technik im Kennedy-Raumflugzentrum

Eine Vorschau auf das Leben in Amerika im dritten Jahrhundert der Geschichte der Vereinigten Staaten soll eine von Präsident Ford angeregte Ausstellung vermitteln, die bis zum 7. September 1976 auf dem Gelände des John
F. Kennedy-Raumflugzentrums am Kap Canaveral in Florida zu sehen ist. Als
einzige der zahlreichen Ausstellungen, die anläßlich des 200. Geburtstages
der Vereinigten Staaten vorgesehen sind, ist diese ausschließlich von der
Regierung selbst ausgerichtet worden. Die gezeigten Objekte stammen aus Laboratorien von 16 Ministerien und anderen Bundesbehörden, von 10 führenden
Firmen der Industrie und von zahlreichen Universitäten des Landes.
15 Fuller-Kuppeln rund um die riesige Halle, in der einst die Mondraketen SATURN V und die APOLLO-Raumschiffe montiert wurden, beherbergen, wie
die Halle selbst und zwei der ehemaligen KontrollZentren für den Start der
Raumschiffe, für drei Monate die "Zukunftsschau". Sie vermittelt Einblicke
in die erwarteten Auswirkungen der Fortschritte von Wissenschaft und Technik
auf das tägliche Leben.
An der südlichen Peripherie sind die riesigen Stufen der Mondrakete
und ein APOLLO-Raumschiff horizontal aufgebaut.
- 1 -

Sie erinnern an die Großtat

�I

4
Großtat der sechziger Jahre - Landung von Menschen auf dem Mond.

In einem

Kontrollraum können die Besucher noch einmal die letzte Phase des Countdown
und den Start von APOLLO 11 an den Schaltkonsolen, Bildschirmen und mitsamt
dem Funksprechverkehr miterleben.

Eine Multi-Media-Schau erläutert das amerika-

nische Raumfahrtprogramm mit unbemannten Satelliten.
Das amerikanische Landwirtschaftsministerium präsentiert eine Ausstellung, die der Nahrungsmittel Versorgung und der notwendigen Steigerung der
Nahrungsmittelproduktion angesichts der rapide wachsenden Weltbevölkerung gewidmet ist» U.a. werden neue Verfahren der Bodenbearbeitung, des Schutzes vor
Erosion und Auslaugung demonstriert,, die gleichzeitig helfen, Zerit, Arbeitsaufwand und Traktortreibstoff zu sparen.
Die NOAA (US-Bundesbehörde für Meeres- und Atmosphärenforschung) zeigt
eine mit Instrumenten vollgepackte Boje (Gewicht 100 Tonnen,

Durchmesser 12 m ) ,

die automatisch meteorologische und meereskundliche Meßdaten sammelt und über
eine Weltraum-Relaisstation, d.h. einen Nachrichtensatelliten, zu Empfangsstellen an der Küste funkt.

Von dort aus werden sie zum Wetterdienst für die

täglichen Vorhersagemeldungen und an zentrale Informationsstellen für die
Schiffahrt weitergeleitet.
tung.

Etwa ein Jahr lang braucht die Boje keinerlei War-

Den Betriebsstrom liefern leistungsstarke Batterien.

Am Pavillon der Energieforschungs- und Entwicklungsbehörde (ERDA) können
Besucher Probefahrten mit Turbinen- und Elektroautos unternehmen - mit Fahrzeugen, die umweltfreundlich sind und zur Reduzierung der Luftverschmutzung
beitragen könnten. Allgemeine und spezielle Probleme der Wasserversorgung,
Produktion und Verbrauch von Energie und Mineralien, ferner AbfallWirtschaft
und Recycling, Arbeit und Freizeit, Vermessung und Prospektierung der Schelfgebiete, Raumordnung und Bodennutzung sind.Themen, die das amerikanische
Innenministerium aufgegriffen hat.
"Freiheit von Abhängigkeit"
ministeriums.

lautet das Motto im Pavillon des Gesundheits-

Hier wird der Fortschritt'der medizinischen Technik in seinen

Auswirkungen für Diagnose und Therapie erläutert - Leistungen, die in Verbin- 2 -

�Verbindung mit medizinischer Vorsorge und vernünftiger Lebensweise die Gefährdungen durch Krankheit verringern und die Lebenserwartung erhöhen.

Viele der neuen Entwicklungen in der Medizin gehen direkt oder indirekt
auf die Raumfahrt zurück.
NASA.

Einige davon demonstriert auch die Raumfahrtbehörde

Von Besuchern ständig umlagert ist ein Stand, wo man nur die Handfläche

auf eine Platte zu legen braucht, um ein EKG (Elektrokardiogramm) zu bekommen.
Die Herzstromkurven erscheinen auf einem Bildschirm.

Blutdruckwerte und Herz-

dimension werden mit Hilfe weniger Meßpunkte ermittelt.

Röntgen- und Ultraviolett-Astronomie, Anwendung der Weltraumfotografie,
Atmosphärenforschung, Astrophysik, Planetenforschung und mikrobiologische
Untersuchungen fallen unter Projekte der Auftragsforschung, die die NASA an
amerikanische Universitäten vergeben hat.

In einem der Ausstellungspavillons

können sich die Besucher über interessante Einzelheiten informieren.

Nutzbarmachung der Sonnenkraft zur Stromerzeugung im großen Stil mittels
riesiger Sammlerplatten im Weltraum und auf der Erde, Kolonien und Industriezentren im Weltraum oder Bergbau auf dem Mond sind zwar noch Zukunftsmusik.
Aber eines Tages dürfte auch dies realisiert werden, wie Funk und Fernsehen
via Satelliten rund um die Erde längst selbstverständlich geworden sind.

Die NASA zeigt u.a. ein Modell des Anwendungssatelliten ATS-6, mit dem
vom 1. August bis zum 31. Oktober 1976 Demonstrationsprojekte für

30 Länder

in Südost- und Vorderasien, Afrika, Mittel- und Südamerika geplant sind.

Sie

sollen zeigen, wie mit Hilfe eines solchen Geräts, das in 36 000 km Höhe über
der Erdoberfläche "stationiert" werden kann, Verbesserungen im Bildungs-, Gesundheits- und Nachrichtenwesen, bei der Erfassung und Überwachung landwirtschaftlicher Anbauflächen und Waldgebiete, der Boden- und Wassernutzung, der
Städteplanung und Wetterbeobachtung zum Wohle der Allgemeinheit zu erreichen
sind.

Am 1. August läuft die Jahresfrist ab, für die die indische Regierung
ATS-6 von den USA gepachtet hatte, um über den leistungsstarken Nachrichten-

�Nachrichtensatelliten, der übrigens auch großflächige Wolkenfeidbilder aufnimmt, Schul Programme in 2400 abgelegene Dörfer auszustrahlen und der Bevölkerung zahlreiche andere Informationen zu geben.
Der Satellit wird nun langsam von seinem gegenwärtigen Standort über dem
35

Grad östlicher Länge zu einem Punkt über dem 130. Längengrad West "ver-

schoben", was drei Monate in Anspruch nimmt.

Die NASA stellt den Ländern in

deren unmittelbaren Bereich er dabei kommt, auf Wunsch Techniker zur Verfügung, die Sende- und Empfangsgeräte zur Übermittlung landeseigener Programme
über ATS-6 installieren.

Dabei können die Regierungen selbst Erfahrungen

über die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten dieser Technik für die Landesentwicklung sammeln.

Das Amt für Internationale Entwicklung (AID) ist gemeinsam

mit der NASA an dem Projekt beteiligt.

Von November 1976 an dient ATS-6 als

Weltraum-Relaisstation, über die versuchsweise Bildungsprogramme und medizinische Informationen in abgelegene Gebiete der Vereinigten Staaten ausgestrahlt
werden.

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U/1976
USA 200
US-Marine feiert Amerikas 200. Geburtstag

Internationale Flottenparade und Segel schifftreffen 1n N?w York

— ( A D ) - - Mit einer Internationalen Flottenparade von 88 Kriegsschiffen aus
27 Ländern im Hafen von New York und einem Segelschiffkonvol aus 225 Seglern auf dem Hudson River erreichen die Feier der amerikanischen Marine aus
Anlaß des 200. Jahrestages der Proklamierung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten am 4. Juli 1776 Ihren Höhepunkt.
Die an der International Naval Review und der Operation Sail '76 auf dem
Hudson teilnehmenden Schiffe werden am frühen Morgen des 3. Juli im New Yorker
Hafen erwartet und sollen gegen acht Uhr Liegeplätze auf dem Hudson und in
der Upper Bay einnehmen. Am gleichen Tag sollen in New York auch Offiziersabordnungen aus 14 Ländern eintreffen, die keine Schiffe entsenden.
Die amerikanische Schiffsabordnung aus 2o Einheiten modernster Bauart
- darunter mit Fernlenkwaffen bestückte Kreuzer, Fregatten und Zerstörer sowie Versorgungsschiffen und Amphibienfahrzeugen wird von der USS F0RRESTAL,
einem 8 ooo-Tonnen Flugzeugträger angeführt. Die Bundesmarine entsendet den
Lenkwaffenzerstörer HESSEN, und das Segel schulschiff GORCH FOCK.
Am

- 1 -

�Am 4. Juli werden die Schiffe von Deck eines Lenkwaffen-Kreuzers der
amerikanischen Atlantikflotte aus durch Vertreter der Admiralität mit militärischen Ehren begrüßt.

Anschließend tritt der Segelschiffkonvoi von der

Verrazano-Brücke aus über The Narrows die Fahrt in die Upper Bay an der
Freiheitsstatue vorbei an. Der Konvoi wird nach rund sechsstündiger Fahrt
den Hudson River aufwärts am Manhattan Tower vorbei den Zielpunkt bei
Spuyten Duvil rund 3,5 km oberhalb der George Washington-Brücke erreichen.
Hauptattraktion werden die Marine-Segelschulschiffe aus acht Ländern sein.
An der Spitze segeln die EAGLE, ein Schulschiff der US-Küstenwache, und die
GAZEL PRIMEIRO aus dem Besitz des Marinemuseums von Philadelphia.

Die

Operation Sail '76 mit 16 Großschiffen und Hunderten von Seglern aller Kies*
sen kann als eine der spektakulärsten Veranstaltungen aus Anlaß des 200. Geburtstages der Vereinigten Staaten betrachtet werden.
Am 5. Juli werden alle an der International Naval Review und an der
Operation Sail '76 beteiligten Schiffe an Kais in Manhattan, Jersey City,
Port Newark, Brooklyn und Hoboken festmachen und zur Besichtigunc freigegeben.
Einen Tag darauf werden Abordnungen der Kriegsschiffe aus Offizieren und Kadetten in den Straßen von Lower Manhattan paradieren.

Die meisten Schiffe

werden am 7. Juli ihre Heim- bezw, Weiterreise antreten.

Ein Treffen von

Segelschiffen der Größenordnung der Operation Sail '76 hat es bisher noch
nirgends auf der Welt gegeben.

Die diesjährige internationale Flottenparade ist die vierte, die die Vereinigten Staaten veranstalten. Die erste derartige Veranstaltung fand im Jahre
1893 aus Anlaß des 400. Jahrestages der Entdeckung Amerikas durch Columbus
statt. Die Hafenstadt Hampton Roads im Staate Virginia richtete dann 1907
und 1957 in Erinnerung an die Gründung der Siedlung Jamestown vor 300 bezw.
35o Jahren die zweite und dritte Flottenparade aus. Die einzige sonstige internationale Flottenparade dieser Größenordnung fand im Zusammenhang mit der
Krönung von Königin Elizabeth II von England im Juni 1953 statt.

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11/1976
WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG IN DEN USA OBERTRAF ERWARTUNGEN
Auszüge aus dem Halbjahresbericht des Wirtschaftsbeirates Präsident Fords

WASHINGTON --(AD)-- Der Wirtschaftsaufschwung in den USA im ersten Halbjahr
1976 hat alle Erwartungen übertroffen. Dies stellt der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirates Präsident Fords, Alan Greenspan, in seinem am 10„ Juni veröffentlichten Halbjahresbericht an den amerikanischen Kongreß fest. Greenspan
zeigte sich nicht nur optimistisch hinsichtlich des weiteren Verlaufes der
Konjunktur, sondern auch hinsichtlich des Abbaus der Arbeitslosenquote, die
Ende des Jahres bei 7 Prozent liegen werde, und des weiteren Rückgangs der
Inflationsrate. Als tragende Kraft des derzeitigen Wirtschaftsaufschwungs
nannte Greenspan die Verbrauchernachfrage. Der Erfolg bei der Bekämpfung der
Inflation habe das Vertrauen der Verbraucher in die künftige wirtschaftliche
Entwicklung gestärkt und so zu einer Belebung der Nachfrage geführt.
In seinem Bericht führt der Wirtschaftsbeirat unter anderem aus:
" Ein Rückblick auf die erste Hälfte dieses Jahres zeigt, daß die Wirtschaft fast alle früheren Erwartungen - auch meine eigenen - übertroffen hat.».
In den letzten drei Quartalen ist das Bruttosozialprodukt real mit einer Jahresrate von 8,4 Prozent gestiegen. Die Wiedererholung auf dem Arbeitsmarkt war
ebenso bemerkenswert. Die Arbeitslosenquote ist zwar immer noch hoch, ist

�4
ist jedoch schneller zurückgegangen, als dies die optimistischsten Beobachter noch vor einem Jahr zu hoffen gewagt hätten, da die Zahl der Arbeitsuchenden damals eine sehr starke Zuwachsrate aufwies.
Die Inflation ist nicht nur weiter zurückgegangen, auch die jüngsten
Anzeichen - unter gebührender Berücksichtigung der einer solchen Voraussage
innewohnenden Unsicherheite . - deuten darauf hin, daß die beim Abbau der Inflation und der Überwindung der Inflationsmentalität erzielten Erfolge sich
nunmehr konsolidieren. Nach dem kürzlichen Rückgang wird sich jetzt möglicherweise zeigen, daß ein Anziehen der Preisindexe zu einem großen Teil nur auf temporäre Faktoren

.urückzuführen ist. Es mag auch sein, daß die Inflationsri-

siken jetzt unterschätzt werden. In ihrer Gesamtheit jedoch deuten die vorliegenden Zahlen darauf hin, daß die grundlegende Inflationsrate in den Vereinigten Staaten auf etwa 5 bis 6 Prozent abgebaut worden ist...
Der Anstieg der Produktion im ersten Quartal dieses Jahres wurde durch
die einsetzenden Bemühungen um eine Wiederaufstockung der Lagerbestände auf
einen normaleren Stand noch beschleunigt. Trotzdem ist die Nachfrage seitens
der Endverbraucher real rasch angestiegen, wobei dieser Anstieg in den letzten
drei Quartalen eine Jahresrate von 4,7 Prozent verzeichnet- Wir sollten jedoch nicht erwarten,daß der Anstieg der Produktion in den nächsten Quartalen
das Tempo der letzten neun Monate beibehalten wird.
Nicht nur die Wiedererholung der Wirtschaft hat an Schwung gewonnen, sondern die ihr innewohnenden grundlegenden Elemente hauen sich ebenfalls progressiv immer mehr gefestigt. Der Wiederaufschwung war gut ausgewogen, was
angesichts seines raschen Tempos überrascht...
Vielleicht am wichtigsten ist jedoch, daß der Abbau der zugrundeliegenden
Inflationsrate wie auch der Arbeitslosigkeit zu einer wesentlichen Wiederherstellung des Vertrauens der Verbraucher wie auch der Unternehmer in die

�die Kraft dieses Wiederaufschwungs geführt haben. Nachdem man sich über die
inzwischen eingetretene wesentliche Wiedererholung klar geworden war, zeigten
sich die Verbraucher wieder eher geneigt, in größerem Umfang Kraftfahrzeuge,
Häuser und andere Dauergüter zu kaufen. Die Investitionen der Wirtschaft, obwohl noch zu niedrig, beginnen zuzunehmen. Die Absichten oder Pläne der Wirtschaft für künftige Investitionen werden nach oben hin revidiert. Daher liegen, obwohl mit einer geringfügigen Verlangsamung des Tempos des Wiederaufschwungs gerechnet werden sollte, keinerlei Anzeichen dafür vor, daß der Wiederaufschwung in naher oder ferner Zukunft sich abflacher oder gar auslaufen
könnte. Vielmehr lassen - nachdem keinerlei Ungleichgewichte bestehen - der
Erfolg beim Abbau der Inflation und der Überwindung der Inflationsmentalität, die jetzt zu verzeichnenden beträchtlichen Zunahmen bei Einkommen und
Beschäftigtenzahl sowie die starke grundlegende Nachfrage nach Kapitalgütern,
mit der wir für Ende dieses Jahres rechnen, vermehrt eine stetige und dauerhafte Wiedererholung erwarten.
Zur Jahresmitte hat es daher nicht den Anschein, als ob zwingende Gründe
wesentliche Veränderungen in der Gesamtvorschau auf das Jahr 1976 erforderlich machen, die der Wirtschaftsbeirat in seinem Wirtschaftsbericht im Januar
gegeben hat..., in der er von einer jährlichen Zunahme des Bruttosozialproduktes um real 6 bis 6,5 Prozent ausging. Unter Berücksichtigung der letzten
Entwicklungen wären wir allerdings heute geneigt, unsere Erwartungen etwas
höher anzusetzen,. Wir möchten annehmen, daß der von uns erwartete jährliche
Anstieg der Preise um 6 Prozent etwas, allerdings nur geringfügig, niedriger
ausfallen wird. Einige der Faktoren, die dazu beitrugen, daß der erwartete
Preisanstieg in den letzten Monaten etwas niedriger war, vor allem bei Nahrungsmitteln und Energie, dürften kaum länger Bestand haben»..
Die Kapitalinvestitionen der Wirtschaft haben im 1. Quartal 1976 mit
einer Jahresrate von real 1],9 Prozent zugenommen und uns somit in unserer
Auffassung bestärkt, daß die Kapitalinvestitionen für die Wiedererholung in
diesem Jahr zu einem wichtigen Faktor werden dürften...

- 3 -

�Zur Zeit sind wir der Ansicht, daß die in dem Bericht auf 5 bis 6 Prozent veranschlagte Zunahme der Kapitalinvestitionen immer noch eine angemessene Voraussage darstellt. Die verbesserte Wirtschaftslage und das bessere
Investitionsklima haben uns jedoch in der Auffassung bestärkt, daß die latente starke Nachfrage nach Kapitalgütern auch 1977 weiterhin zum Tragen kommen
wird...

Der Index der Verbraucherpreise ist im vorigen Jahr (April 1975 bis
April 1976) um 6,1 Prozent gestiegen, aber die Zuwachsrate betrug in den
letzten vier Monaten lediglich 3,5 Prozent. Der rasche und anhaltende Rückgang
der Inflation Anfang 1976 war

auf ein beträchtliches Nachgeben der Preise

für Nahrungsmittel und für Energie zurückzuführen....
Alle anderen vom Verbraucherpreisindex erfaßten Warengruppen hatten eine
Zunahme - auf Jahresbasis - von 7,5 Prozent zu verzeichnen. In den nächsten
Monaten ist mit einem mäßigen Anziehen der Nahrungsmittel preise zu rechnen...
Wenn die Ernte in den USA und in der übrigen Welt so ausfällt, wie dies vom
amerikanischen Landwirtschaftsministerium und privaten Organisationen vorausgesagt worden ist, dann wird die relative Preisstabilität bei Nahrungsmitteln
auch 1977 weiter andauern. Natürlich können wetterbedingte Änderungen der
Voranschläge für die diesjährige Getreideernte die Situation ändern.„.
In jüngster Zeit b estand eine gewisse Tendenz für
hen der Preise für sensitive Industrierohstoffe. Es ist
festzustellen, daß die Preise für Industrierohstoffe in
- saisonbereinigt - mit einer Jahresrate von noch nicht
sind.

ein zyklisches Anziedaher ermutigend,
diesem Jahr bisher
3 Prozent gestiegen

Die im 1. Quartal dieses Jahres ausgehandelten großen Kollektivabkommen
haben für das erste Jahr ihrer Laufzeit zu Lohnerhöhungen von durchschnittlich
8,8 Prozent geführt. Der durchschnittliche Stundenlohn der Arbeiter - ohne
Landwirtschaft - ohne überstunden-und Schichtzuschläge erhöhte sich von Dezem-

- 4 -

�Dezember 1975 bis Mai 1976 - auf einer saisonbereinigten Jahresbasis um 6,9 Prozent. Vor uns liegen schwierige Lohnverhandlungen, aber die bisherigen Erfahrungen in diesem Jahr sind in ihrer Gesamtheit ermutigend. Die Lchnabschlüsse entsprachen dem allgemeinen Preisverhalten, wie wir dies für dieses Jahr vorgeschlagen hatten.
Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Besserung auf dem Arbeitsmarkt
anhalten wird. Die Arbeitslosenquote ist fast ununterbrochen von 8,9 Prozent
im Mai 1975 auf 7,3 Prozent im Mai 1976 zurückgegangen...

Die Haushaltsansätze sind kritisiert worden, weil sie für die Aufrechterhaltung des Tempos des Wiederaufschwungs unzureichend seien, Das Hauptargument stützte sich auf die Auffassung, die Wiederbelebung der Nachfrage sei
schwächer, als in unseren Voraussagen angegeben, Daraus wird gefolgert, daß
der vorgeschlagene Abbau des Defizits im Bundeshaushalt für 1977 eine zu
starke Zurückhaltung bedeute und möglicherweise dazu führen könne, daß sich
der Wiederaufschwung totläuft,
Wir haben dieser Ansicht nicht beigepflichtet, sondern glauben, daß e&gt;ne
starke Wiederbelebung der privaten Nachfrage sowohl das wahrscheinlichste wie
auch das wünschenswerteste Ergebnis sein dürfte. Diese Auffassung bedingt jedoch eine deutliche und progressive Änderung der Finanzpolitik in Richtung
auf geringere fiskalische Anreize in den nächsten drei Jahren, beginnend mit
dem Finanzjahr 1977.
Bisher stützen die vorliegenden Fakten eindeutig die Auffassung, daß der
Wiederaufschwung weiterhin stark sein wird» Es hat jedoch den Anschein, als ob
es bei diesem Argument in Wirklichkeit um weit mehr geht als darum, welche
Voraussage richtig und welche falsch ist. Nehmen wir an, unsere Voraussage
sei zu optimistisch und die private Nachfrage entwickelt sich weniger stark
als vorausgesagt» Sollte dies eintreten, dann verfügen wir über Möglichkeiten,
durch Steuersenkungen und geringere fiskalische Zurückhaltung recht rasch

�rasch gegenzusteuern. Praktisch könnte ein solcher Fehler sehr leicht korrigiert werden, und er wäre daher weniger schwerwiegend als die Folgen eines Fehlers in anderer Richtung, Eine Politik, die sich praktisch auf der Erwartung
einer sehr bescheidenen Zunahme der privaten Nachfrage und dementsprechend auf
der Notwendigkeit stärkerer fiskalischer Anreize begründet, läßt sich nicht
so rasch korrigieren, falls sie sich als falsch erweisen sollte, Die Risiken,
unter einem solchen Plan ein neues Inflationsfeuer zu entfachen, wären sehr
groß, weil unsere Möglichkeiten, bei den Bundesausgaben zu bremsen oder die
Steuern zu erhöhen, stark begrenzt sind„,,
Unser Unvermögen, die Folgen einer zu expansionistischen Politik zu
meistern, beweist eindeutig, wie erwünscht ein größeres Maß an Vorsicht bei
der von uns befolgten Politik ist. Wir sind der Ansicht, daß die wirtschaftliche Entwicklung höchstwahrscheinlich eine fiskalische Zurückhaltung erfordern
wird» Die Wirtschaftsstatistiken der letzten Monate besagen recht eindeutig,
daß ein solches Vorgehen richtig sein dürfte".

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11/1976

US-KONGRESS ENTWICKELT ALTERNATIVPROGRAMM GEGEN DIE ARBEITSLOSIGKEIT

WASHINGTON --(AD)-- Die Erfahrungen der letzten Jahre, als die Vereinigten
Staaten und andere Industrienationen schwere Inflation und starke Arbeitslosigkeit gleichzeitig erlebten - man spricht heute von Stagflation - haben
die nie endende Debatte über "Vollbeschäftigungspolitik" in den USA tiefgreifend beeinflußt. Man glaubt nicht mehr daran, daß man nur die richtige
Kombination von geld oder haushaltspolitischen Maßnahmen zu finden und anzuwenden brauche, um ganz leicht die Vollbeschäftigung und ein nichtinflationäres Wachstum zu gewährleisten. Und wenn es jemals eine wesentliche Gruppe
von Amerikanern gab, die "ein bißchen" Inflation als sichere Kur gegen die
Arbeitslosigkeit betrachteten, dann ist auch dieser Glaube zutiefst erschüttert,
Und seit den schlechten Erfahrungen mit den Lohn- und Preiskontrollen vor
einigen Jahren sind die meisten Amerikaner jeder Art von "Einkommenspolitik"
- also jedem Versuch der Regierung, die Lohn- und Preisentscheidungen direkt
zu beeinflussen - gegenüber höchst mißtrauisch.
Man sucht daher nach neuen Kombinationen politischer Maßnahmen, die die
Arbeitslosigkeit auf einem möglichst niedrigen Stand halten, ohne gleichzeitig wieder eine unnannehmbar

hohe Inflationsrate zu bewirken.
Der

- 1 -

�Der amerikanische Kongreß hat sich mit der Behandlung des "Gesetzes
über Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum von 1976" aktiv in das Problem
eingeschaltet. Der "Füll Employment and Balanced Growth Act of 1976" oder,
nach seinen Hauptinitiatoren, Senator Hubert Humphrey und Abgeordneter
Augustus Hawkins, als Humphrey-Hawkins-Bill bekannt, wird in mehreren Ausschüssen und Anhörungen gegenwärtig heftig debattiert.
Die Vorlage kann als Alternativprogramm der demokratischen Mehrheit im
Kongreß betrachtet werden, und wird praktisch von allen Bewerbern um die demokratische Präsidentschaftskandidatur unterstützt. Bei der republikanischen Administration unter Präsident Ford hat das Programm allerdings keine Unterstützung gefunden. Aber auch von Seiten führender Vertreter der Demokraten
fehlt bisher noch die letzte Zustimmung in bezug auf Einzelheiten seiner
Durchführung. Man kann jedoch damit rechnen, daß der Gesetzesvorschlag nach
gründlichen Ausschußdebatten und entsprechenden Abänderungen und Verbesserungen den Demokraten als Alternativprogramm zur derzeitigen Binnenwirtschaftspolitik der Ford-Administration dienen und damit zu einem wesentlichen Punkt in
dem bevorstehenden Präsidentschaftswahl kämpf werden wird*
Faktisch vereint die Humphrey-Hawkins-Bill zwei Problemkomplexe: die
Frage, welche Politik die amerikanische Regierung einschlagen soll, und die
andere Frage, wie weit sich die Regierung in die Koordinierung der Wirtschaftstätigkeit der Nation einschalten sollo
Was die Arbeitslosigkeit anbetrifft, so fordert die Vorlage, daß die Bundesregierung das Ziel einer Arbeitslosenrate von 3 Prozent bei den Erwachsenen
ansteuern solle, eine Zahl, die spätestens vier Jahre nach Inkrafttreten des
Gesetzes zu erreichen sei. Von der Regierung wurde gefordert, daß sie ihre
fiskalischen und monetären Werkzeuge auf die Erreichung dieses Zieles ansetzt,
daß sie aber zugleich ein ganzes Spektrum spezifischerer Maßnahmen entwickelt,
um die Zahl der Arbeitsplätze zu vermehren, und zwar vor allem auf dem priva-

- 2 -

«

�privaten Sektor. Sollte trotz dieser Maßnahmen die Zahl der Arbeitslosen
nicht rasch genug zurückgehen, so wäre die Regierung gehalten, yewissermas*en
als letztes Mittel, Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst zu schaffen, um so
das gesetzte Ziel einer Arbeitslosenrate von 3 Prozent zu erreichen.
Was die Planung anbetrifft, so sieht das Gesetz einen sorgsam bis ins
Detail ausgearbeiteten Prozeß vor, vermittels dessen der Präsident, der Wirtschaftsbeirat, die Bundesbank, der Kongreß und eine Gruppe von Beratergremier,
alljährlich einen "Plan für Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum'
aufstellen würden. Dieser Plan wäre aber keine Direktive für alle Sektoren
der Wirtschaft, sondern würde nur soweit ins Detail gehen, daß er "eine umfassende Gesamtperspektive unserer Bedürfnisse und Kapazitäten liefert und
als weit voraus weisende Richtlinie ftlr optimale private, bundesstaatliche,
einzelstaatliche und lokale Maßnahmen dient".
Alle an den Debatten über die Gesetzesvorlage Beteiligten stimmen darin
überein, daß es eine äußerst schwierige Aufgabe sein werde, die Arbeitslosenziffer bei den Erwachsenen auf 3 Prozent herunterzubringen. Im gegenwärtigen
Stadium besteht auch noch keine Klarheit darüber, wie der Begriff der "Erwachsenenarbeitslosigkeit" aufgefaßt werden soll. Doch hat der Staatssekretär
im Arbeitsministerium, William H. Kolberg, dazu vor den Kongreßmitgliedern
folgende Erklärung unter den verschiedenartigen Voraussetzungen gegeben:
"Wenn sich das Ziel der 3 Prozent auf diejenigen bezieht, die 18 Jahre
oder älter sind, dann wäre dies gleichbedeutend mit einer Arbeitslosenziffer
von fast 3 1/2 Prozent für alle Erwerbstätigen, sofern man ihre derzeitige
Zusammensetzung zugrundelegt. Während der letzten 30 Jahre hat die Arbeitslosenziffer für die Gruppe von 18 Jahren und darüber nur in den Jahren 1952-53
und 1968-69 in der Nähe der Drei prozentmarke gelegen; dies aber waren Perioden, in denen die Zahl der bei den Streitkräften tätigen Männer bei über
3,5 Millionen lag... Bezieht sich die bei diesem Ziel angestrebte Arbeits-

- 3 -

�Arbeitslosenziffer aber auf die Altersgruppe von 21 Jahren und darüber, so
entspräche dies

nach unserem besten Wissen einer Arbeitslosenziffer für

alle zivilen Erwerbstätigen von annähernd 4,1 Prozent. Im Verlauf der letzten
3o Jahre ist eine solche Ziffer in den Perioden von 1947-48, von 1951-53 und
von 1966-69 erreicht worden". Kolberg und andere Gegner der Gesetzesvorlage
argumentieren, daß die stimulierenden Maßnahmen, die notwendig wären, um
eine solche Ziffer zu erreichen, mit Sicherheit einen gefährlichen inflationären Druck erzeugen würden.
Das auf 3 Prozent festgesetzte Ziel hat selbst bei liberalen Wirtschaftsexperten, die im allgemeinen die Ziele der Demokraten unterstützen, Kritik
hervorgerufen.
So verwies Charles Schultze von der Brooking Institution vor einem Senatsausschuß auf die Relation zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit während
der vier Inflationsperioden in den Vereinigten Staaten seit 1949. "Der zentrale Punkt", so sagte er, "ist klar - sowie die Arbeitslosenziffer bei den
Erwachsenen unter die 4,5 Prozentschwelle herabgedrückt wird, steigt die Inflationsrate über ihr anfängliches Niveau. Solange es keine neuen wirksamen
Instrumente für eine Inflationskontrolle gibt, würde das Herabdrücken der Erwachsenenarbeitslosenziffer auf das Drei-Prozent-Ziel mit Sicherheit zu beträchtlicher Inflation führen."
Die Leiterin des Budgetamtes des Kongresses, Alice Rivlin, hat warnend
darauf hingewiesen, daß "niemand sich mit der Möglichkeit einer Beschleunigung
der Inflation, sobald die Wirtschaft

sich der Drei-Prozent-Ziffer in der Ar-

beitslosigkeit nähert, unbesorgt abfinden könne."
Vor einigen Jahren, als die Inflationsrate in den Vereinigten Staaten
weitaus niedriger lag als heute und auch niedriger als in den meisten anderen
Industriestaaten, wurde von vielen die Ansicht vertreten, daß die Vereinigten
Staaten gewillt sein müßten, eine höhere Inflationsrate zu akzeptieren, um

- 4 -

�*

um auf diese Weise menschliches Leid zu mildern und die sozialen Kosten zu
vermeiden, die sich aus einer hohen Arbeitslosigkeit ergeben. John Kenneth
Galbraith hat sich in seinen Darlegungen vor dem Bankenausschuß des Senats
der Auffassung anderer dort ihre Ansicht vertretender Zeugen angeschlossen,
wenn er warnend darauf hinwies, daß dieser Standpunkt heute niemals die politische Unterstützung finden würde, die für eine Verabschiedung des Gesetzes
notwendig wäre.
Da die fiskalische und monetäre Politik die Inflation bekämpft, ind*»sie Arbeitslosigkeit schafft, bleibt nach Ansicht von Galbraith nur die eine
Alternative, daß man der Regierunq die Macht gibt, durch Intervention die
Lohn- und Preissteigerungen zu bremsen.
Nicht jeder jedoch ist von der Wirksamkeit der Einkommenspolitik überzeugt, und auch andere Experten, die vor dem Ausschuß ihre Aussagen zu diesem
Themenkomplex machten, sind mit Schultze der gleichen Meinung, daß zusätzliche
Instrumente eingesetzt werden müßten, um die Arbeitslosenziffer zu senken,
ohne deshalb eine inflationistische Wirkung hervorzurufen.
In der Humphrey-Hawkins-Bill sind bereits mehrere Arten zusätzlicher Maßnahmen, die r?.n °r"reifen könnte, aufgeführt, darunter ein erweitertes Ausbildungsprogramm

für arbeitslose Jugendliche, Beschleunigung bei der Durch-

führung öffentlicher Bauvorhaben, die bei steigender Arbeitslosigkeit automatisch in Angriff genommen werden würden, und direkte Einstellungen im öffentlichen Dienst, um Arbeitsplätze für all diejenigen zu schaffen, die trotz der
anderen Maßnahmen keinen Arbeitsplatz gefunden haben.
In einem immer wieder gegen den Gesetzesvorschlag vorgebrachten Einwand
wird darauf hingewiesen, daß eben diese Bestimmung, Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst als "letztes Mittel" zu schaffen, sich stark inflationär auswirken würde . Nach der Vorlage würde die Regierung gehalten sein, für diese

- 5 -

�*

diese Arbeitsplätze die "gängigen" Löhne zu zahlen. Viele Kommentatoren haben
nun hervorgehoben, daß diese "«ängigen" Löhne relativ hoch liegen und daß
manche, die dann Stellen mit niedrigen Löhnen haben, versucht sein könnten,
ihre derzeitigen Arbeitsplätze aufzugeben, für einige Wochen Arbeitslosenun*
terstützung zu beziehen, um dann Anspruch auf eine Stelle im öffentlichen
Dienst zu erheben, die ihnen mehr Geld einbringt, als sie an ihrem früheren
Arbeitsplatz verdienten.
An dem Gesetzentwurf sind, seit er im vorigen Jahr zum erstenmal eingebracht wurde, schon drastische Revisionen vorgenommen worden,und es spricht
vieles dafür, daß noch weitere Revisionen erfolgen werden. Senator Humphrey
bemerkte vor kurzem, daß die Gesetzesvorlage "während der Debatte, den Erörterungen und Hearings zweifellos noch poliert und verbessert werden wird."
Aber selbst eine drastisch revidierte Version dürfte kaum die Gunst der
derzeitigen Administration finden. Alan Greenspan, der Vorsitzende des Wirtschaftsbeirates von Präsident Ford, vertritt die Ansicht, daß die beste Antwort auf das Problem der exzessiven Arbeitslosigkeit in den USA wohl in einem
guten Arbeitslosenversicherungsprogramm zu liegen scheine - wie es die Nation
bereits hat - gekoppelt mit langfristigen Ausbildungs- und Umschulungsprogrammen .
Wie Greenspan hinzufügte, "wird das Fehlen an produktiven Arbeitsplätzen
für unsere Arbeiterschaft im privaten Sektor der Wirtschaft eine erhebliche
Steigerung an Kapitalinvestitionen erfordern." In diesen Ausführungen wird
seine Überzeugung deutlich, daß die Regierung nur dann Vollbeschäftigung erreichen kann, wenn sie eine Politik verfolgt, die solche Investitionen ermutigt.
Die Bundesregierung ist nach dem noch geltenden Beschäftigungsgesetz
von 1946 ohnehin verpflichtet, für Vollbeschäftigung zu sorgen. Danach muß
sie alles in ihren Kräften stehende tun, um Bedingungen zu schaffen, "die

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�I
"die maximale Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft fördern."

Durch

dieses Gesetz wurden unter anderem auch der Wirtschaftsbeirat des Präsidenten
und der Gemeinsame Wirtschaftsausschuß (beider Häuser) des amerikanischen
Kongresses ins Leben gerufen.
Das Gesetz aus dem Jahre 1946 wird jedoch heute von vielen Befürwortern
der Vollbeschäftigung als nicht mehr strikt genug betrachtet. Hier soll die
neue Vorlage von 1976 Abhilfe schaffen. Aber ob die Fachleute, und vor allem
die Öffentlichkeit, diese Vorlage als besser empfinden werben, solange sie
nicht neben dem Ziel der Vollbeschäftigung auch eine antiinflationäre Zielsetzung enthält, ist noch sehr die Frage.

X X X

- 7 -

�amerika dienst
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11/1976

NEUE MATERIE-TEILCHEN ENTDECKT

— ( A D ) - - Die Entdeckung eines "höchst exotischen Atoms" gab Ende Mai 1976
Professor Melvin Schwartz (Stanford-Universität) bekannt, der zur Zeit
mit einer Forschergruppe am Brookhaven National Laboratory (New York)
arbeitet. Es handelt sich um die Kombination eines geladenen Pi-Mesons mit
einem entgegengesetzt geladenen My-Meson, in der die beiden Partikel durch
elektrostatische Anziehung miteinander verbunden sind. Diese Objekte, die
von ihren Entdeckern als "Pionium-Atome" bezeichnet werden,

ähneln dem ge-

wöhnlichen Wasserstoffatom, sind aber hundertmal kleiner. Sie entstehen als
außerordentlich seltene Zerfallsprodukte des neutralen K-Mesons (K°. ), eines
Atomteilchens mit der Lebensdauer von 50 Milliardstel Sekunden.
Die Bausteine des Pioniums sind überaus instabile Teilchen, die normalerweise nur äußerst flücl.-ig bei der Kollision energiereicher Partikel wie
Protonen und Neutronen auftreten. Das Pi-Meson, auch Pion genannt, wird zur
Gruppe jener Teilchen gerechnet, die vermutlich den "Kitt" der Atomkerne darstellen. Im freien Zustand existiert es höchstens für die Dauer von 20
Milliardstel Sekunden, um dann in ein My-Meson (Myon) und ein Neutrino zu
zerfallen. Das Myon verhält sich ganz ähnlich wie schweres Elektron. Seine
Rolle beim Ablauf von Kernreaktionen ist eines der großen Rätsel in der Teilchenphysik. Mit einer Lebensdauer von ca. 2 Millionstel Sekunden gilt es
als eines der "langlebigen" Partikel.

DU

�Die eigentliche Motivation für die Durchführung der Experimente war
laut Professor Schwartz die Tatsache, daß das Pionium ein einzigartiges
empfindliches System für das Studium der Wechselwirkungskräfte zwischen einem
Pion und einem Myon darstellte Den heute gültigen Hypothesen zufolge ist diese
Kraft elektromagnetischer Natur« Deshalb seien, so wird daraus gefolgert, alle
Eigenschaften des Pioniums und seine Produktionsrate gut v-hersagbar. Jede
Abweichung von solchen Voraucsagen aber zeige eine - für die theoretische
Kernphysik interessante - Anomalie in der Pion-Myon-Bindung an, die möglicherweise Aufschluß über die Natur des My-Mesons geben könne.

Welche Schwierigkeiten diese Art von Experimenten bereiten, ist daraus
ersichtlich, daß nur etwa alle 10 Stunden ein Pionium-Atom nachzuweisen war«
Die errechnete Wahrscheinlichkeit für das Zustandekommen einer Bindung zwischen
einem Pion und einem Myon liegt bei 1:10 000 000. Man versucht jetzt, diese
auch experimentell zu bestimmen. Alles in allem wurden bisher erst 21 Pionium"Kandidaten" ermittelt» Professor Schwartz will durch weitere Experimente
mehr Informationen zu dem von ihm und seinen Mitarbeitern entdeckten Partikel
sammeln, dessen Existenz bisher nur postuliert, aber nicht beobachtet worden
war.
Ein ähnlich wichtiger Schritt gelang Wissenschaftlern vom Lawrence
Berkeley Laboratory (LBL) der Universität Kalifornien und des Linearbeschleuniger-Instituts (SLAC) der Stanford-Universität in Palo Alto (Kalifornien) mit
der Entdeckung eines Teilchens, das sich durch die seit langem vorausgesagten,
jetzt aber zum ersten Mal experimentell erfaßten "Charm"- Eigenschaften auszeichnet. Die Masse dieses Teilchens, dem seine Entdecker noch keinen Namen
gegeben haben, ist fast doppelt so groß wie die eines Protons (Atomkern von
einfachem Wasserstoff). Es ist von relativ langer Lebensdauer, bevor es in
leichtere, häufiger auftretende Partikel zerfällt.
Diese Eigenschaften und die Zerfallsreaktionen lassen darauf schließen,
daß es zu eine.r völlig neuen Familie subatomarer Teilchen mit "Charm"- Eiigen -

�Eigenschaften gehört. "Charm" hat in diesem Zusammenhang eine ähnlich große
Bedeutung wie zum Beispiel die elektrische Ladung.

Der Entdeckung gingen - ur^er Anwendung von Neutrino-Strahlen - langwierige Versuchsserien am Bronkhaven National Laboratory (New York), am FermiNational Laboratory (Chicago) und am Europäischen Kernforschungszentrum
(CERN) in Meyrin bei Genf voraus, in deren Verlauf die beteiligten Physiker
aufgrund ihrer Beobachtungen bereits zu der Vermutung kamen, daß "charmed
particles" existieren müßten. Aber sie vermochten weder die Masse noch die
Zerfallsreaktionen dieser Teilchen aufzuspüren.
Bei den Experimenten der Gruppen von Berkeley und Stanford wurden Elektroden- und Positronen-Strahlen frontal aufeinandergerichtet. Mit der Kollision
kirn es zu einer "Zerstrahlung" und gegenseitigen Auslöschung der Materiefeil chen, die in den Zustand reiner Energie übergingen. Daraus wiederum entstanden, bekannten physikalischen Gesetzen folgend, Materie-Partikel in verschiedenen Kombinationen. Auf diese Weise lassen sich Eigenschaften subatomarer Partikel unter kontrollierten Bedingungen studieren. Die Experimente
werden fortgesetzt.

XXX

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