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                  <text>amerika dienst
United
53

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Bonn-Bad

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G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

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300

Information
und
Dokumentation

T e I e x : 08 - 8 54 3 2

17. J u l i 1975

14
Inhalt

DOKUMENTATION
Weltweite Herausforderung und internationale Zusammenarbeit
- Rede des amerikanischen Außenministers in Milwaukee -

WIRTSCHAFT
US-Wirtschaftler:

Rohstoffprobleme unter neuem Gesichtspunkt sehen

- Interwiev mit Dr. Lawrence B. Krause von der Brookings Institution

Um

Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

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I n f o r m a t i o n

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Dokumentation

300

0 8 - 8 54 3 2

14/1975

WELTWEITE HERAUSFORDERUNG UND INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
-Rede des amerikanischen Außenministers in Milwaukee-

Der Außenminister der Vereinigten Staaten, Dr. Henry A. Kissinger, hat am 14.
Juli in einer Rede vor dem Institut für
Weltoolitik an der Universität von
Milwaukee die Politik der USA gegenüber
den Vereinten Nationen dargelegt und von
"beunruhigenden" Entwicklungen in der Weltorganisation gesprochen. Der geschlossenste Block, so sagte er, sei heute der
"Block der Blockfreien", Die Rede des
ierikam'sehen Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Vor zehn Tagen ist unsere Nation in das 200. Jahr ihres Bestehens eingetreten. Wir treten unsere 200-Jahrfeiern mit berechtigtem Stolz auf unsere Vergangenheit, einer Erkenntnis der Aufgaben der Gegenwart und großer
Hoffnung auf die Zukunft an.
Die Welt, in der wir heute leben,

schwankt unsicher zwischen einer

Ära großer Unternehmungen und Schöpfungskraft und einem Zeitalter des Chaos
und der Verzweiflung. Auf der einen Seite haben wir Waffen entwickelt, die
uns und unsere Zivilisation zerstören könnten, und auf der anderen Seite
haben wir eine Weltwirtschaft geschaffen, die - zum ersten Mal in der Geschichte - Armut, Hunger und menschliches Leid auslöschen könnte.
Dieser

�Dieser Komplex beispielloser Möglichkeiten und unvergleichlicher Gefahr steht im Mittelpunkt der großen Herausforderung, vor der die Vereinigten Staaten seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer unmittelbarer gestanden
sind. Und es ist unsere Generation, die die Wahl treffen muß, die über Erfolg oder Mißerfolg entscheiden wird. Es ist eine Bürde, die wir mit Kraft
auf unsere Schulter nehmen oder ignorieren können, was gefährlich wäre
- aber es ist eine Last, die wir nicht abwerfen können.
Unser Land ist zum Symbol für die Fähigkeit des Menschen geworden,sein
Schicksal zu meistern. Es ist ein stolzes Erbe, das Millionen von Menschen,
die während der letzter, zwei Jahrhunderte auf uns als einen Leuchtturm der
Freiheit und Gerechtigkeit geblickt haben, Hoffnung und Inspiration gab.
Die heutige Generation vor. Amerikanern muß ihrer Pflicht ebenso treu
bleiben wie frühere Generationen der ihrigen. In einer Zeit, da Waffen in
Minuten von Kontinent zu Kontinent fliegen, ist unsere Sicherheit mit dem
Weltfrieden verflochten. Wenn unsere Fabriken, Farmen und unsere finanzielle Stärke von Entscheidungen tief berührt werden, die von anderen Ländern
getroffen werden, dann ist unsere Prosperität mit der Prosperität der Welt
verknüpft. Der Frieden der Welt und unsere eigene Sicherheit, der Fortschritt der Welt und unsere eigene Prosperität sind unteilbar.

Die Struktur des Friedens
Wir haben eine stolze Grundlage, auf der wir aufbauen können. Wir haben die Stabilität in der Welt aufrechterhalten, die Sicherheit und Unabhängigkeit von Dutzenden von Ländern garantiert und Blut und Gut für die
Verteidigung der Freiheit geopfert. Unsere wirtschaftliche Unterstützung
hat unseren wichtigen Verbündeten geholfen, ihre Stärke wiederzugewinnen.
Wir haben zu einem globalen Handels-und Währungssystem beigetragen, das
die Prosperität in der ganzen Welt gehoben und verbreitet hat. Mit unserer
Ermutigung haben die neuen Staaten ihren Platz in der internationalen

- 2 -

�internationalen Gemeinschaft eingenommen und sich auf den Pfad der wirtschaftlichen Entwicklung begeben. Auf unsere Initiative hin wurden viele alte Streitfälle mit friedlichen Mitteln beigelegt. Konflikte wurden eingedämmt und ein
Weltkrieg wurde verhütet.
Wir haben mehr Wirtschaftshilfe geleistet als irgend ein anderes Land in
der Geschichte. Wir haben mehr Lebensmittel zur Verfügung gestellt, mehr Menschen "|C anderen Länden eine Ausbildung vermittelt und mehr Einwanderer und
Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben das getan, weil wir ein großzügiges Volk
sind - wofür wir uns nicht zu entschuldigen brauchen - und weil wir begriffen
haben, daß unser eigenes Interesse mit dem Schicksal der ganzen Menschheit verknüpft ist.
Diese Erfolge haben große Veränderungen herbeigeführt. Die starren Formen
der Zeit des Kalten Krieges sind gesprengt worden. Macht und Wohlstand, Ideologie und Zielsetzung haben sich ausgebreitet und haben die internationale
Szene verändert. Der Wiederaufstieg Europas und Japans, die Rivalität unter
kommunistischen Staa^°n, das Wachsen der militärischen Technologie, der Aufstieg
und die zunehmende Vielfalt der Entwicklungsländer haben eine neue globale
Umwelt geschaffen - eine Welt mit vielen Machtzentren, der anhaltenden ideologischen Differenzen, umwölkt von der nuklearen Gefahr und im Kampf um wirtschaftliche Sicherheit und wirtschaftlichen Fortschritt. Im Brennpunkt der
amerikanischen Außenpolitik steht die Hilfe bei der Gestaltung dieser Umwelt
zu einer neuen internationalen Struktur, die auf Ausgewogenheit statt Konfrontation beruht, die die Länder durch die Praxis der Kooperation verbindet, die
Ausdruck der Realität der weltweiten Interdependenz ist.
Unsere Aufgabe beginnt im eigenen Lande. Wenn wir im Ausland stark und
effektiv sein wollen, dann müssen wir im eigenen Lande stark und zielbewußt
sein.
Um den Frieden erhalten zu können,muß unser

militärische Stärke über jede

Herausforderung erhaben sein.
Um
- 3 -

�Um die weltweite Prosperität fördern zu können, muß unsere Binnenwirtschaft
blühen.
Um unsere internationalen Anstrengungen bewältigen zu können, müssen wir
ein geeintes Volk sein, sicher in unserer Zielsetzung und entschlossen, auf
den großen Leistungen unseres nationalen Erbes weiter aufzubauen. Unsere erste
Verpflichtung im Ausland gilt den großen industriellen Demokratien, mit denen
uns gemeinsame Geschichte, Prosperität und politische Ideale -erbinden. Unsere
Bündnisse über den Atlantik hinweg und mit Japan sind der Eckpfeiler unserer
Außenpolitik. Sie sind he'^e mehr als nur eine Antwort auf militärische Bedrohung, sie sind auch Instrumente der sozialen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit.
Das letztliche Ziel unserer Bündnisse ist gewesen, die Spaltung der Welt
zu erleichtern, nicht festzuschreiben. In den letzten Jahren haben die Vereinigten Staaten eine Reihe von Schritten getan, um konkrete Problem mit der Sowjet-"
union zu lösen und die Grundlage für positivere Bemühungen zu legen. Wir haben
auch ein neues Verhältnis zur Volksrepublik China zustande gebracht.
Es kann kei&gt;° dauerhafte internationale Stabilität ge K en, solange die
Großmächte nich

lernen, "urückhaltung zu üben und sich wirklich um den Welt-

frieden zu bemüf.c.i. All unsere Hoffnungen auf eine bessere Welt erfordern, daß
sie ihre Macht zum Wohle der Menschheit einsetzen.
Die Dutzende neuer Staaten,die seit dem Zweiten Weltkrieg ihre Unabhängigkeit erlangten, sind jetzt zu Hauptakteuren auf der Weltbühne geworden. In ihrem
Streben nach eigenem Fortschritt stellen sie eine Herausforderung an die üh^A ge Welt dar - zu zeigen, daß die internationale Struktur ihnen eine Rolle bieten kann und einen fairen Anteil sowie Würde und Verantwortung.
Wir sind alle - Verbündete und Gegner, neue Staaten und alte, reiche und
arme - Teil einer Weltgemeinschaft. Unsere Interdependenz auf dieser" Planeten
ist das zentrale Faktum unserer Diplomatie geworden. Energie, Bodenschätze,

*

�Bodenschätze, Umwelt, Bevölkerung, die i'lutzunc des Weltraums und der Meere das alles sind Probleme! deren Segnungen und Bürden weit über nationale Grenzen hinausreichen. Sie tragen die Saat des politischen Konflikts für die
künftige Generation in

sich: sie fordern die Fähigkeiten der internationalen

Gemeinde mit neuen Forderungen nach Weitblick und Staatskunst heraus.
vieles unserer heutigen Agenda ist daher globaler Natur und muß global
angepackt erden. Innerhalb der nächsten zwei Kochen werden zwei große Konferenzen der bedei'tsamsten internationalen Organisationen der Vereinten Nationen
stattfinden. Eine Sondersitzung der Vollversammlung wird sich mit wirtschaftlichen Problemen befassen und die 3C.reguläre Sitzungsperiode der Vollversammlung wird sich dem weiten Bereich internationaler Probleme zuwenden.
Ich möchte daher diese Gelegenheit benutzen,um Jhnen und den anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen eine offene Beurteilung zu geben, wie die amerikanische Regieru11 die heutigen Vereinten Nationen betrachtet - ihre Fähigkeiten und ihre Grenzen, ihre Zukunftsaussichten und die Tendenzen, die den
künftigen Fortschritt bedrohen.

Die bisherige Leistung der UN
Dreißig Jahre nach der Gründung der Vereinten Nationen darf man ihre
Leistungen als wesentlich und ihre Zukunftsaussichten als groß betrachten.
Im größten Teil der Welt herrscht Frieden, über das Nichtvorhandensein des
bewaffneten Konflikts hinaus hat sich ein Übergang von einer Hauptbesorgnis
um die Sicherheit zu einer Sorge ur: den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt der ganzen Menschheit vollzogen.
Und doch wird rsrace in einer Zeit,in der Interdependenz zur internationalen Zusammenarbeit zwingt, und da die Mitgliederschaft der Vereinten Nationen höchst universal ist, die internationale Organisation durch einen neuen
Zusammenstoß der Ideologien und Interessen und durch beharrliche Taktiken
- 5 -

�Taktiken der Konfrontation auf die Probe gestellt. Solche Tendenzen verringern
die Aussichten auf künftige Erfolge und bedrohen die Institution selbst.
Lassen Sie mich diese Tendenzen in eine historische Perspektive rücken.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachte eine Periode des Idealismus und
der Hoffnung. Der Sieg im Kriege gegen tyrannische Regime - durch Länder, die
sich zu diesem Zweck vereint hatten - schien ebenso ein Triumph der Freiheit
als auch des Friedens zu sein. Das Ende des Kolonialzeitalters stand kurz bevor und war klar abzusehen. Die furchtbare Kraft der Nuklearwaffen gab ironischerweise zu der Hoffnung Anlaß, daß sich die zwingende Notwendigkeit der
kollektiven Sicherheit und der friedlichen Beilegung von Streitigkeiten
schließlich der Mr --hheit von selbst aufdrängen w"rde. Der Völkerbund hatte
versagt, aber die Kosten eines neuerlichen Versagens schienen so überwältigend,
daß die Hoffnung entstand, die Völker der Welt würden sich einfach verpflichtet
fühlen, die Vereinten Nationen zu einem Erfolg zu machen.
Kein Land hat diese Hoffnung echter gehegt als die Vereinigten Staaten.
Kein Land hat ernsthafter von den Vereinten Nationen erwartet, daß sie an die
Stelle von Gewalt und Herrschaft die Zusammenarbeit setzen würden. Keine Regie- '
rung hat ernsthafter danach gestrebt, eine Weltorganisation zu schaffen, die in
der Lage wäre, zu handeln. Es ist wert, daran zu erinnern, daß wir ein Je.hr nach
der Konferenz von San Franzisko, als die Vereinigten Staaten im Alleinbesitz
der Nuklearwaffen waren, angeboten haben, diese gesamte Technologie an die
Vereinten Nationen zu übergeben.
Aber selbst damals waren amerikanische Sprecher schon bedacht, darauf hinzuweisen, daß es für das Ausmaß der neuen Organisation realistische Grenzen gebe. Von diesen Grenzen ist die wichtigste und vielleicht die am leichtesten
zu übersehendste, daß die Vereinten Nationen keine Weltregierung sind. Sie
sind eine Organisation souveräner Staaten. Es handelt sich nicht um eine

- 6 -

�eins Körperschaft, die getrennt und für sich von ihren Mitgliedern existiert.
Sie spiegelt den Zusammenhang mit der Welt wieder, in der sie operiert; ihre
Vielfalt,ihre Unzulänglichkeiten, ihre vielen Zentren der Macht und der Initiative , ihre konkurrierenden Werte, ihre weltliche Mischung von Edelmut und
Trarcdie.
Die Hoffnung der Gründer auf Frieden beruhte keineswegs auf dem naiven
Glauben an die Vollkommenheit des Menschen,sondern auf der Hoffnung, daß die
Großnächte, denen eine beherrschende Rolle im Sicherheitsrat eingeräumt w u H e ,
in der Lage wären, sich zur Erhaltur.c des Friedens miteinander abzustimmen.
Diese Hoffnung erwies sich natürlich als ein totgeborenes Kind, als die Vereinten Nationen zur Arena der Konfrontation des Kalten Krieges wurden.
Eine Generation später weisen ihre Annalen in der Erhaltung des Friedens
chl Erfolge als auch Mißerfolge auf. Es gab örtliche Kriege, a^er es gab
keinen Weltkrieg. Mehr als einmal konnten kleine Konflikte, die ii der Vergangenheit zu großen geführt hätten, durch die Bemühungen der Vereinten Matio
nen eingedämmt werden.
Immer wieder - im östlichen Mittelmeer, im Mähen Oster., im Kongo, in
Kaschmir - hat sich die friedenserhaltende Rolle der Vereinten Nationen als unerläßlich für eine Regelung, für Garantien und für die Verhütung einer Intervention der Großmächte erwiesen. Wenn auch nur ein winziger Abglanz der ursprünglich gedachte*1 ^"-"»otion der kollektiven Sicherheit, haben sich diese
Operationen als wer voll

d in zunehmendem Maße als unerläßlich erwiesen.

Sie stellen die fortounnttlichsten Manifestationen der internationalen ZuSETienarbeit auf dem Gebiet der Sicherheit dar, die es bisher gegeben hat.
Die Vereinten Nationen haben den Grundsatz begriffen, daß Frieden nicht
das gleiche ist wie Status quo, sondern auch Verfahren für eine friedliche Veränderung einschließen muß. Ob durch Sonderkontossionen oder Vermittler oder
durch die erweiterte Rolle des Generalsekretärs im Rahmen seiner weitgehenden
Aufgaben nach Artikel 99 der Charta haben sich die Vereinten Nationen seit

" 7"

�seit ihrer Gründung in zahlreichen Fällen als ein flexibles Instrument der
friedlichen Regelur.c anaeboten.
Die Vereinten Nationen haben ein Forum für die Debatte und die Verhandlung
über renicnale oder globale Probleme sowie für multilaterale Bemühungen um die
Rüstungskontrolle und Abrüstung geboten. Das Gespräch stellt ein Sicherheitsventil dar und eine Scndierungsmöglichkeit. Oft wird auf dem Korridor ohne
grofes Aufheben ein Fortschritt erzielt.
kir fanden bald heraus, daß dem Handeln der Vereinten Nationen für Frieden
und Sicherheit Grenzen gesetzt sind. Ihre Zuständigkeit kann nicht weiter gehen
als die Obereinstimmung ihrer Mitglieder,

Und in den umfassenden Fragen von

Krieg und Frieden sind es die Großmächte

die schon allein wegen ihrer terri-

torialen Größe, ihrer militärischen Stärke, ihrer wirtschaftlichen Macht und
wegen ihres politischen Einflusses die Hauptverantwortung für Stabilität und
Sicherheit in der Welt tragen.
•

Neuerdings, da die Großnächte die Praktiken der Koexisten: lernen, besteht die Hoffnung, daß die Vereinten Nationen erneute Möglichkeiten für ein
wirksames Handeln im Einklang mit der Vision ihrer Gründer finden können.
Die Vereinten Nationen, ursprünglich in erster Linie mit Fragen von Frieder, und Sicherheit befaßt, sind zum Brennpunkt einer wachsenden Konzentration
auf wirtschaftliche und soziale Fragen geworden. Die Charta der Vereinten Nationen enthält die Verpflichtung, die "internationale Maschinerie zur Förderung des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts aller Völker einzusetzen.''
Heute werden rund neun Zehntel der Ausgaben innerhalb des Systems der Vereinten Nationen für die wtrtsshaftlicht und soziale Zusammenarbeit aufgewandt. Wir
begrüßen diese Entwicklung und haben großzügig zu ihr beigetragen.
Es sind in der Tat diese Gebiete, auf denen die Arbeit der Vereinten Nationen am erfolgreichsten ist, wenn auch am wenigsten beachtet. Ihr- Srnderorganisationen haben sich auf einer Vielzahl von Gebieten der menschlichen

- 8 "

Jid_

�und internationalen Anliegen wirksam betätigt: Beschleunigung der Entkolonialisierung, Ausbreitung der Bildung, Wissenschaft und Technologie, Organisation der
globalen Zusammenarbeit zir. Bekämpfung von Hunger und Krankheit, zum Schutz der
Umwelt, zur Begrenzung des Bevölkerungswachstums, zur Regulierung des internationalen Verkehrs-und r ^nmeldewesens, zur friedlichen Nutzung der Nuklearenergie, zur Förderung der Menschenrechte und zur Ausbreitung des international
Rechts unter den Ländern, im Weltraum und auf den Meeren, zur Erhaltung des
kostbaren Erbes der Menschheit. Es ist beeindruckend, daß die Vereinten Nationen in der Lage waren, auf so viele Aufgaben der modernen Zeit so schöpferisch
zu reagieren.
So sind also die Vereinten Nationen von beträchtlicher Bedeutung für die
Zukunft der Welt. Sie haben unsere traditionellen sicherheitspolitischen und politischen Anliegen den neuen Bedingungen der internationalen Diplomatie angepaßt.
Sie haben ihren Aufgabenbereich - noch bevor die meiste Nationen dies taten auf die neue Agenda ausgedehnt, vor die die Weltgemeinschaft heute gestellt
ist. Die Vereinten Nationen sind sowohl ein Symbol unserer Interdependenz als
auch unser universales Instrument für den gemeinsamen Fortschritt.
In diesem Zusammenhang möchte ich der hervorragenden Führung der Vereinten
Nationen durch Generalsekretär Waldheim Anerkennung zollen. Er ist unermüdlich
und hat sich völlig dem Frieden» der Fairness und der Zukunft der Vereinten Nationen verschrieben.
Die Schnelligkeit und die Wirksamkeit, mit der er Ende 1973 friedenserhaltende Streitkräfte nach den Mähen Osten entsandte, sind nur ein Beispiel für die
vielen Dienste, die er der Organisation und der internationalen Gemeinschaft geleistet hat.

Die

�Die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen
—

—

Trotz all dieser Erfolge ist die Zukunft der Vereinten Nationen umwölkt.
Vieles, was sich in den letzten Jahren in den Vereinten Nationen zugetragen
hat, stimmt uns nachdenklich. Gerade in dem Augenblick, da die Konfrontationen zwischen den Großmächten ein Ende fanden, kam es in den Vereinten Nationen und einigen ihrer Sonderorganisationen zu beunruhigenden Entwicklungen.
Ideologische Konfrontationen, Blockabstimmungen und neue Versuche, durch
Manipulation der Charta einseitige Ziele zu erreichen, drohten die Vereinten Nationen zu einer Waffe der politischen Kriegführung zu machen, statt
zu einer Institution der Heilung politischer Konflikte und der Förderung des
Wohles der Menschheit.
Die Vereinten Nationen sind naturgemäß ein Spiegelbild der Entwicklung
ihrer Mitgliederschaft. In ihrer ersten Phase spiegelten sie den ideologischen Kampf zwischen dem Westen und dem Osten wieder; in dieser Zeit folgten,
die Vereinten Nationen im allgemeinen der amerikanischen Führung. In jenen
Tagen fanden sich immer wieder um die 5o Stimmer, die unseren Standpunkt unterstützten, und nur eine Handvoll Stimmen von Mitgliedern des kommunistischen Blocks war dagegen.
Zehn Jahre später, als sich die Zahl der Mitglieder auf über 80 erhöht
hatte, war unsere dominierende Stellung in der Vollversammlung nicht mehr
gewährleistet. Weder Ost noch West konnten sich durchsetzen. Im Weltsicherheitsrat fand die amerikanische Position immer noch Unterstützung, während
die Sowjetunion ein Veto nach dem anderen einlegen mußte, um das, was sie
als ihre lebenswichtigen Interessen betrachtete, zu schützen.
Aber mit dem plötzlichen Sprung auf die gegenwärtige Mitgliederzahl von
138 wurden die früheren Tendenzen de) Blockpolitik immer ausgepräcter und gefährlicher. Die jungen Nationen wandten sich aus verständlichen Gründen an
die Vereinten Nationen, in denen sie ein Übergewicht haben, in der Suche

�Suche nach einer Macht, die dort einfach nicht zu finden ist. Die Vollversammlung kann keine rechtlich bindenden Entscheidungen treffen. Und doch haben
rein zahlenmäßige Mehrheiten auf ihrem Willen und ihren Zielen bestanden,
obwohl sie

gemessen an Bevölkerungszahl und Finanzbeiträgen - nur einen

kleinen Teil der tfitgliederschaft darstellen. So wurde im Verlaufe dieses Prozesses ein Forum der Schlichtung zu einem Ort der Konfrontation.
noralische Einfluß, den die Vollversammlung ausüben sollte, ist in
Gefahr geraten und könnte zunichtegemacht werden, sollten die Regierungen
- vor allem diejenigen, die finanziell die Hauptlast tragen - das Vertrauen
in die Organisation verlieren, weil ihr mechanisch und immer willkürlicher
ein Wille aufgezwungen wird.
Es ist eine Ironie, daß gerade in dem Augenblick, da die USA die Blockfreiheit akzeptierten, die Länder, die sich ursprünglich für eine solche Haltung zur Wahrung ihrer souveränen Unabhängigkeit von den mächtigen Militärbündnissen ausgesprochen hatten, nunmehr selbst eigene, starre Rlöcke bilden. Der wohl festeste Block in der heutio«&gt;n Welt ist paradoxerweise der
Block der Blockfreien. Er teilt die Welt auf in Kategorien wie Nord und Süd,
entwickelt und unterentwickelt, herrschende und beherrschte, und zw?^ gerade in einem Augenblick der Geschichte, da solche Kategorien irrelevant und
irreführend geworden sind.
Niemals zuvor hat die Welt dringender kooperativer Lösungen bedurft.
Niemals zuvor waren die Industriestaaten eher bereit, sich mit den Problemen der wirtschaftlichen Entwicklung in einem konstruktiven Geist zu befassen. Aber nach einer Seite neigende, emotionelle Stimmabgabe, voreingenommene Ergebnisse und willkürliche Taktiken drohen diese Möglichkeiten zunichte zu machen..Die Nützlichkeit der Vereinten Nationen als Sicherheitsventil und als Instrument der internationalen Zusammenarbeit wird untergraben.
Tragischerweise werden die Hauptopfer die Länder sein, die das zu erzwingen

- 11 -

�erzwingen suchen, was im Grunde ihnen gehören kinnte, wenn sie sich kooperativ verhielten.
•

•

Eine in gleicher Weise bedauerliche Entwicklung ist der Trend in den Sonderorganisationen, das Hauptaugenmerk auf politische Fragen zu richten und damit von der eigentlichen Arbeit dieser Organisationen abzulenken. Die UNESCO,
deren Aufgabengebiet kulturelle Fragen sind, und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sind in hohem Maße politisiert worden. Ein ungeheuerlicher
Fall ereignete sich kürzlich im Welternährungsrat in Rom. in dem gerade die
Länd^, die am dringendsten Lebensmittelhilfe benötigen und am meisten Nutzen
aus ihr ziehen würden, damit drohten, seine Arbeit durch störende, einer internationalen Organisation unwürdige Taktiken zunichte zu machen. Dieser Rat
war auf amerikanische Initiative hin auf der Welternährungskonferenz im vorigen Jahr ins Leben gerufen worden.
Er bringt unsere tiefsten humanitären Anliegen zum Ausdruck; er stellt
einen ernsthaften Versuch unsererseits dar, Hunger und Unterernährung zu beseitigen. Die Schmähung durch die, denen wir zu helfen suchen, die Angriffe
auf unsere Motive durch die Nutznießer unserer Bemühungen drohen gerade das
Gebäude der Zusammenarbeit auf einem Gebiet zu unterminieren, das langfristig
von entscheidender Bedeutung für die Menschheit ist.
• ' . ' •

Wir sind uns klar darüber, daß jene von uns, die die gegenwärtige Krise
überwinden wollen, ein gewisses Verständnis für ihre Ursprünge aufbringen
müssen. Die Großmächte haben sicherlich nicht immer ein konsequentes Beispiel
einer uneigennützigen oder wohltätigen Haltung gegeben. Die Länder, die die
Industriestaaten in die Kniee zu zwingen suchen, sind selbst in der Vergangenheit in die Kniee gezwungen worden. Die Geschichte zahlt uns allen heim. Aber
gerade um über cie Geschichte hinauszuwachsen, wurden die Vereinten Nationen
gegründet. Und gerade um solchen Tendenzen Einhalt zu gebieten, machen die
V ereinigten Staaten heute auf sie aufmerksam.
•

Dieser
- 12 -

�Dieser Prozeß führt sich eindeutig selbst ad absurdum. Nach den Regeln
in der Vollversammlung sind die unter Zwang Stehenden keineswegs gezwungen,
sich zu unterwerfen. Es werden ihnen im Gegenteil noch zu viele Anreize gegeben, einfach von der Szene abzutreten, sich dem Vorwand zu entziehen. Solche
Anreize werden in unheilvoller Weise gefördert, wenn die Vollversammlung und
die Sonderorganisationen Mitgliedsstaaten ausschließen, weil diese aus dem
einen oder anderen Grund nicht ihre Billigung finden.
Unsere Sorge hat nichts mit unserer Einstellung gegenüber den Praktiken
oder der Po'Mtik der betreffenden Regierungen zu tun, gegen die solche Maßnahmen getroffen werden. Unsere Haltung ist von der Charta bestimmt. Wenn die
Vereinten Nationen von ihrer Charta abzugehen beginnen, nach der Aussetzung
der Mitgliedschaft und Ausschluß eindeutig das Vorrecht des Weltsicherheitsrates sind, fürchten wir um die Integrität und den Fortbestand der Vollversammlung selbst und auch der Sonderorganisationen. Diejenigen, die die UNMitgliedschaft durch Verfahrensmißbrauch zu manipulieren suchen, könnten
eines Tages eine leere Schale erben.
Wir sind entschlossen, allen Bestrebungen entgegenzutreten, die unseres
Erachtens nach die Effektivität der Vereinten Nationen auf nicht wiedergutzumachende Weise untergraben.
Gerade die kleineren Mitglieder der Organisation würden am meisten verlieren. Sie brauchen die Vereinten Nationen mehr als die größeren Mächte, wie
die Vereinigten Staaten, die innerhalb oder außerhalb der Institution gedeihen
können.
Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, damit Macht und Verantwortung
in der Vollversammlung und in den Sonderorganisationen den Realitäten in der
Welt richtiger entsprechen. Die Vereinigten Staaten waren das Land, das den
Vereinten Nationen bei weitem die größte finanzielle Unterstützung gewährt
hat; aber die Unterstützung seitens des amerikanischen Volkes, die das Herz-

�Herzblut der Organisation ist, kommt einer falschen Stelle zugute, wenn nicht
fair play herrscht und die zahlenmäßige Mehrheit nicht die Ansichten der Minderheit respektiert. Das amerikanische Volk ist begreiflicherweise der zündenden Reden gegen uns, des Alles-oder-Nichts-Standpunktes, der von Forderungen nach Opfern unsererseits begleitet wird, müde, die allzu häufig in
den Konferenzsälen der Vereinten Nationen dominieren.
Die Vereinigten Staaten werden trotz dieser Trends alles in ihren Kräften stehende tun, um die Vereinten Nationen bei ihren positiven Vorhaben zu
unterstützen und zu stärken. Trotz aller ihr gesetzten Grenzen und aller ihrer Schwächen ist die Weltorganisation weiterhin eine dringende Notwendigkeit.
Wir sind zur Zusammenarbeit bereit, aber wir sind ebenso entschlossen,
auf ordnungsgemäßen Verfahren und wif Einhaltung der Charta zu bestehen. Die
Vereinten Nationen waren niemals al:

eine Organisation gl eichgesinnter Staa-

ten gedacht, sondern als ein Forum, das eine unterschiedliche Politik und
unterschiedliche Interessen ermöglicht und respektiert. Die Welt braucht kooperatives, nicht willkürliches Handeln;

gemeinsame Anstrengungen, nicht

aufgezwungene Lösungen. In diesem Geiste werden die Verein1'~ten Staaten alles
in ihren Kräften stehende tun, um die Vereinten Nationen zu einer lebendigen
Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu machen.

Die vor uns liegende Tagesordnung
Das ist also die Verheißung und das Problem der Vereinten Nationen. Wir
müssen sicherstellen, daß die Verheißung die Oberhand behält, denn die vor
uns liegende Tagesordnung macht die Institution noch notwendiger als jemals
zuvor.

Di£

- 14 -

�•f

Die Vereinten Nationen stehen erstens vor ständigen und wachsenden Verpflichtungen in ihrer Aufqabe - wie es in den berühmten Worten der Charta
heißt - "die kommenden Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren".
Eines der zentralen Probleme unserer Zeit ist der Nahostkonflikt, und
der Weltsicherheitsrat spielt bei der Suche nach einer Lösung weiterhin eine
entscheidend wichtige Rolle. Die Resolution 338 aus dem Jahre 1973 hat einen
Verhandlungsprozeß in Gang gesetzt, der Früchte getragen und sich als dauerhaft erwiesen hat. Generalsekretär Waldheim hat die erste Sit" mg der Genfer
Konferenz einberufen und vor ihr gesprochen. Die Resolution 242 des Jahres
1967 zeigte die allgemeinen Prinzipien für einen umfassenden Frieden auf. Die
Stationierung von Truppen der Vereinten Nationen war ein unentbehrliches Element der kürzlichen Entspannungsabkommen zwischen Israel und Ägypten und Israel und Syrien im Jahre 1974.
Aber trotz dieser und anderer echter Erfolge stehen die weltweiten Gefahren lokaler Konflikte weiterhin drohend im Hintergrund. Die Welt hat c ich mit
ihnen in einer Weise befaßt, als wäre es möglich, den Konflikt auf ewig einzudämmen. Aber eine solche Toleranz fordert die Feuersbrunst heraus. Auf solche Weise begannen die ersten beiden Weltkriege. Es darf keinen bitten geben; denn bei den modernen Waffen würde es keinen vierten mehr geben.
Es genügt nicht, die auftretenden Krisen einzudämmen; wir müssen ihre Ursachen beseitigen. Präsident Ford ist daher entschlossen, zur Herbeiführung
einer Verhandlungslösung im Nahen Osten, auf Zypern und in anderen strittigen
Gebieten beizutragen. Frieden erhalten und Frieden stiften müssen auf der Tagesordnung der Vereinten Nationen an oberster Stelle stehen.
Ein weiteres Problem für den Frieden, mit dem sich die Völkergemeinschaft
der Welt vordringlich befassen muß, ist die Ausbreitung der Nuklearwaffen.
Ihre furchtbare Wirkung hat diese Waffen fast drei Jahrzehnte lang an die Kette
gelegt; ihr hoher technischer Stand und ihre Kosten haben lange dazu beigetragen, die Zahl der Besitzerländer zu begrenzen. Aber jetzt schwinden die poli-

- 15 -

�politischen Hemmungen. Eine nukleare Katastrophe - ob geplant oder infolge
eines Fehlers, Zufalls, Diebstahls oder einer Erpressung - erscheint nicht
länger unwahrscheinlich.
Es ist dringend notwendig, dem nuklearen Wettrüsten zwischen den Großmächten Einhalt zu gebieten, und es ins Gegenteil zu verkehren. Wir sind

ge-

genwärtig dabei, die in Wladiwostok zwischen Präsid&lt;~t Ford und Generalsekretär Breschnew vereinbarten Prinzipien in einen neuen Vertrag zwischen den
Vereinigten Staate1 und der Sowjetunion zu übertragen, der zum erst^" Mal auf
lange Sicht eine Höchstgrenze für die strategischen Waffen beider Seiten festlegt.
Während w'r uns um eine Verlangsamung der Spirale der nuklearen Rüstungen bemühen, müssen wir gleichzeitig darauf hinarbeiten, ihrer Ausbreitung
Einhalt zu gebieten. Das erfordert politische und technische Maßnahmen. Auf
diesen Gebieten war die Arbeit der Vereinten Nationen wichtig und sie könnte .
von entscheidender Bedeutung sein.
Der 1970 in Kraft getretene Atomwaffen?- ^rrvertrag war ein wichtiger Anfang. Die kürzlich unter der Ägide der Vereinten Nationen abgehaltene Konferenz zur Revision des Vertrages und die Anerkennung seiner Bestimmungen durch
zusätzliche Länder waren wertvolle weitere Schritte.
Jetzt hat die Verschärfung der F-'rhrrungsbestimmungen für den Export nuklearen Materials für friedliche Zwecke Yiorität. Die Ölkrise verleiht dieser Aufgabe neue Dringlichkeit, denn sie hat für eine wachsende Zahl von Ländern die Entwicklung von Kernenergie notwendig gemacht. Das bedeutet, daß Materialien wie Plutonium und Ausrüstungen, d-*' zur Entwicklung von Kernsprengstoffen benutzt werden könnten, in einem größeren Umfang verfügbar werden.
Künftige Generationen können mit Recht von uns erwarten, daß der kommerzielle Wettbewerb zwischen den Industriegüter exportierenden Ländern nicht ^o_

- 16 -

�so rücksichtslos und verantwortungslos geführt wird, daß er die Ausbreitung
von Nuklearwaffen beschleunigt und damit das Risiko einer nuklearen Katastrophe
vergrößert.
Daher haben die Vereinigten Staaten vertrauliche Gespräche mit anderen
Nuklearexport betreibenden Ländern aufgenommen, ••m schärfere und allgemein akzeptierte Sicherungen auszuarbeiten. Bei dieser Aufgabe kommt der Rolle und der
Arb eit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) der Vereinten Nationen
eine entscheidend

ichtige Bedeutung zu. Wenn die friedlichen Nuklearprogramme

an Umfang und Komplexität ständig zunehmen, ist es entscheidend wichtig, daß
Liefer-und Verbraucherländer sich über feste und eindeutige Exportnormen und
verschärfte IAEA-Sicherungsbestimmungen einigen. Ein wirksames Weltsicherungssystem

wird die nuklearen Risiken auf ein Minimum verringern und gleichzeitig

die Entwicklung der friedlichen Kerne- -gie fördern. Die Kontrolle der Nuklearwaffen ist einer der entscheidendster Bewährungsproben dieser Generation. Die
Vereinten Nationen können ganz wesentlich zu der Entscheidung beitragen, ob
wir diese Bewährungsprobe bestehen werden.

Die neue Agenda - das Problem der Interdependenz
In den letzten Jahren hat die Weltwirtschaft eine Reihe von Erschütterungen und Belastungen erlebt.
-- Die Länder haben in weltweitem Ausmaß sowohl unter einer schweren Inflation als auch unter einer tiefen Rezession zu leiden.
-- P°r Preis des wichtigsten Rohstoffes, des Erdöls, ist jäh und willkürlich heraufgesetzt worden.wodurch den Volkswirtschaften aller Verbraucherländer große Belastungen und den ärmsten Ländern schwerste Härten auferlegt
werden.
— Die Nahrungsmittelreserven der Welt sind in nur wenigen Jahren in einem
alarmierenden Maße zurückgegangen. Wenn nicht umfassende Anstrengungen unternommen werden, könnte die Kluft zwischen Bevölkerungswachstum und Nahrungs-

- 17 -

�v

Nahrungsmittelerzeugung verheerende Ausmaße annehmen.
— Das Streben nach wirtschaftlichem Wachstum wird durch die Tatsache der
Interdependenz kompliziert; es kann nicht länger durch nationale Anstrengungen
allein erreicht werden, sondern erfordert koordinierte weltweite Maßnahmen.
Die Sondersitzung der Vollversammlung im kommenden September wird sich auf
die neuen, weltweiten wirtschaftlichen Anliegen konzentrieren.
Es wird eine baldige und wichtige Bewährungsprobe sein: Werden die reichen
Länder und die armen Länder gemeinsame Ziele feststellen und die Probleme zusammen lösen, oder werden sie ihre Meinungsverschiedenheiten noch schärfer
herausstellen? Können wir unsere Kraft statt für Redeschlachten für ein? -raktische Zusammenarbeit aufwenden? Werden die Länder nach belanglosen Abstimmungssi egen oder nach konkreten Fortschritten streben?
Die Vereinigten Staaten haben ihre Entscheidung getr^-^en. Wir glauben
fest an ein kooperatives Vorgehen. Wir glauben, daß die Zeit gekommen ist, um
die technologischen und wirtschaftlichen Begabungen der Menschen in den Dienst,
des Fortschritts für alle zu stellen. Wir werden mit der Entschlossenheit in
die Sondersitzung gehen, Fortschritte zu erzielen; wir werden konkrete und konstruktive Vorschläge auf einem weiten Feld '/irtschaftlicher Tätigkeiten, '.-.ia
Handel und Rohstoffe, Weltnahrungsmittelerzeugung und internationale Finanzmaßnahmen, unterbreiten.
Die Sondersitzung wird strukturelle Veränderungen erwägen, um das Potential der Vereinten Nationen auf dem Gebiet der wirtschaftlichen Entwicklung
zu verbessern.
Eine von Generalsekretär Waldheim eingesetzte Expertengruppe hat soeben
eine Studie zu diesem Thema abgeschlossen. Wir werden während der Debatte in
der Vollversammlung spezifisch zu diesen Empfehlungen Stellung nehmen.

in
- 18 -

�In diesem Geiste möchte ich mich direkt an die jungen Nationen wenden,
die ihre Forderungen mit wachsender Leidenschaft vorgebracht haben. Wir haben
ihre Anliegen gehört und beginnen sie zu verstehen. Wir wollen darauf eingehen. Wir sind bereit, gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um ihre wirtschaftlichen Probleme zu beheben. Es liegt auf der Hand, daß dies eine kooperative Haltung vorai

&gt;tzt. Wenn Nationen einander mit Achtung und Verständ-

nis begegnen, dann können die beiden Tagungen in diesem Herbst den Beginn
einer neuen Ära bedeuten, in der die Realitäten der interdependenten Weltwirtschaft eine weltweite Anstrengung hervorbringen, um einen friedlichen und wesentlichen Wandel herbeizuführen.
Auf der anderen Seite müssen wir ganz offen sagen, was geh. und was
nicht geht. Wir glauben, daß wirtschaftliche Entwicklung in erster Linie ein
interner Prozeß ist.
Entweder schaffen Gesellschaften die Bedingungen für Spartätigkeit und
Investition, für Neuerung und Erfindung, für Unternehmung und Industrie, die
»

schließlich zu einem eigenständigen Wirtschaftswachstum führen, oder sie tun
es nicht. Das läßt sich nicht von heute auf morgen herbeizaubern oder durch
schöne Worte ersetzen. Wer etwas anderes behauptet, verrät eine Notwendigkeit
der ständigen Abhängigkeit von anderen.
In diesem Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung zählt die Erfahrung,
und die Ideologie ist ein unzuverlässiger Führer. Wir wissen zumindest, welche Volkswirtschaften funktioniert und welche versagt haben; wir können nachweisen, welche Gesellschaften wirtschaftliche Fortschritte erzielt und welche
stagniert haben.
Wir wissen aus eigener Fahrung, daß Investitionen aus dem Ausland einen
wichtigen Anstoß zur wirtschaftlichen Entwicklung geben können. Wir wissen
ferner, daß sie gegenwärtig knapp sind. In der Zukunft wird es wie in der Vergangenheit einen Konkurrenzkampf geben, um Kapital anzulocken; daher können

- 19 -

�•

können die, die keine Auslandsinvestitionen wünschen, sicher sein, daß sie
auch keine ert lten werden. In gleicher Weise müssen jene Länder, die an einer
Industrialisierung interessiert sind, bereit sein, die Bedingungen zu schaffen, die Investitionen in großem Umfang anlocken.
Wie die Blöcke in der Vollversammlung abstimmen, entspricht einfach nicht
der wirtschaftlichen Realität. Die Familie der weniger entwickelten Länder umfaßt Erzeuger und Verbraucher von Energie, Importeure und Exporteure von Rohstoffen sowie Länder, die ihre Bevölkerung ernähren können,und solche, die
S'"1! dem Gespenst der Hungersnot ^eqenüber^ehen. Diese divergierenden Interessen müssen einander angepaßt werden und ihren Niederschlag in praktischen
Maßnahmen finden; sie können nicht auf der Basis der Irrealität von Blockstandpunkten gelöst werden.
•

Gleichzeitig muß die industrialisierte Welt ihre eigene Haltung der neuen
Realität einer Vielzahl von jungen Nationen anpassen. Im Grunde genommen ist
die Herausforderung politischer und nicht wirtschaftlicher Natur - ob die In-'
teressen und das Gewicht der weniger entwickelten Länder in die internationale Ordnung eingegliedert werden können. Ihre oolitischen Ziele sind oft legi-*
time Forderungen. Doch dürfen die jungen Nationen auf der anderen Seite nicht
von uns erwarten, daß wir politische Entscheidungen treffen, ohne an die wirtschaftlichen Folgen zu denken. Wenn sie wirklich ihrer Bevölkerung einen
Dienst erweisen wollen, dann muß ihr praktisches Anliegen das effektive Resultat sein.
Wenn die industrialisierte Welt die Haltung der Konfrontation zwischen
Ländern überwinden will, dann muß sie gerechte Lösungen für die weniger glücklichen Teile der Welt anbieten. Genauso wie wir über die wirtschaftlichen Auswirkungen der exorbitant hohen ülpreise mit Recht besorgt sind, so sollten wir
auch V erständnis für die Anliegen der Erzeuger anderer Rohstoffe aufbringen,
deren Einkünfte stark schwanken. Was die Tätigkeit unserer Firmen im Ausland
betrifft, so erachten wir es in unserem eigenen als auch im gemeinsamen Interesse, ein Klima des wechselseitigen Vorteils zu schaffen, in dem unsere

- 20 -

�unsere internationalen Unternehmen weiterhin für die Länder, in denen sie tätig sind, gewinnbringend und von Vorteil sein können. Wir werden diese Frage
auf der Sondersitzung eingehender zur Sprache bringen.

&lt;

Vor allem müssen die industrialisierten Länder erkennen, daß zahlreiche
Entwicklungsländer enttäuschend niedrige Wachstumsraten aufweisen. Statt einem
zufriedenstellenden Fortschritt sehen sie sich einer Fülle von Hindernissen
und einem Oberschuß an Verzweiflung gegenüber.
Die Zukunft der internationalen Politik während der nächsten Generation
- die Art von Welt, die unsere Kinder erben werden - wird dadurch bestimmt, welche Maßnahmen die Regierungen jetzt auf diesem Bereich wirtschaftlicher Fragen ergreifen werden.

Zusammenfassung
Dag Hammarskjoeld hat einst vorausgesagt, daß der Tag kommen werde, da
die Völker die Vereinten Nationen als das sehen, was sie in Wirklichkeit sind
- nicht das abstrakte Gemälde einiger Künstler, sondern eine Zeichnurq, deren
Striche die Völker der Welt gezogen haben. Und das sind sie auch- s e sind
nicht die perfekte Institution der Träumer, die in ihnen den einzig wahren
Weg zur Eintracht auf der Welt sahen; und nicht das böse Werkzeug zur Beherrschung der Welt, als das sie Isolationisten einst darstellen wollten.
Sie sind, wie so viele menschliche Institutionen vor ihnen, ein unvollkommenes Werkzeug - aber trotzdem eines, das zu großen Hoffnungen berechtigt.
Die Vereinigten Staaten bleiben weiterhin den Prinzipien verschrieben, auf d^nen die Vereinten Nationen gegründet wurden. Wir glauben weiterhin, daß sie
einemächtige

und wirksame Triebfeder zur Erhaltung des Friedens und zur über-

brückung der Kluft zwischen den Reichen und den Armen auf der Welt sein können. Wir werden alles in unsei en Kräften stehende tun, um sie dazu zu machen.
Das
- 21 -

�Das zurückliegende Jahrzehnt - und besonders die letzten Jahre - waren
für Amerika eine schwere Zeit. Wir haben die Seelenqualen der inneren Zerstrittenheit und der politischen Unruhe erlebt und die bitteren Kosten eines
langen Krieges. Aber unser Land hat all dies überstanden und auch seine
schwierigste Verfassungskrise seit dem Bürgerkrieg, und dabei sind unsere Institutionen intakt und ist unser Volk beweglich geblieben. Und wir haben erlebt, daß die Welt noch immer von uns Führung bei der Erhaltung des Friedens
und Förderung des wirtschaftlichen Fortschritts für die gesamte Menschheit
erwartet.
Aber das letzte Jahrzehnt hat ebenso klar gezeigt, daß wir - so stark
und reich wir auch sind - die Welt nicht allein neu gestalten können. Die
anderen müssen ihr Teil leisten und ihre Verantwortung tragen beim Aufbau der
besseren Welt, die wir alle für die nach uns kommenden Generationen wünschen.
Bei diesem Unterfangen kommt den Vereinten Nationen eine zentrale Rolle
zu. Gerade dort kann jedes Land, ob groß oder klein, reich oder arm - wenn
es will - seinen Beitrag zum Wohle aller leisten. Und dort müssen die Lände;
erkennen, daß Zurückhaltung das einzige Prinzip ist, das die Welt vor dem
Chaos retten kann, und daß unser aller Schicksal auf diesem kleinen Planeten
wirklich miteinander verflochten ist. Dort werden wir erleben, ob Menschen und
Völker die Klugheit und den Mut besitzen, die Ideale der Charta zur Realität
werden zu lassen, i rwJ letztlich das Parlament der Menschheit zu einem wahren
Ausdruck des menschlichen Gewissens zu machen.
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14/1975
US-WIRTSCHAFTLER: ROHSTOFFPROBLEME UNTER NEUEM GESICHTSPUNKT SEHEN
-Interview mit Dr. Lawrence B. Krause von der Brookings Institution-

in unserer neuen Reihe "Interviews mit
prominenten amerikanischen Wirtschaftlern"
sollen führende Persönlichkeiten, die
nicht der Regierung angehören, zu Wort kommen, wobei die zu anstehenden internationalen Wirtschaftsfra^en geäußerten Ansichten nicht unbedingt auch den Standpunkt
der US-Regierung wiedergeben.
In dem nachfolgenden Interview mit dem
USIA-Korrespondenten John J. Harter befaßt sich Dr. Lawrence B. Krause von der
Brookings Institution in Washington mit
den Beziehungen zwischen den Industriestaaten und der dritten Welt und der Forderung nach einem freien Zugang zu den
Rohstoffmärkten der Entwicklungsländer
wie auch den Absatzmärkten der Industrieländer.

Frage: überall auf der Welt befassen sich die Regierungen eingehend mit
Möglichkeiten, wie die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern neu gestaltet werden können. Was bedeutet das?
Antwort: Meines Erachtens haben die Überlegungen gerade erst begonnen,wie
unser internationales Wirtschaftssystem neu gestaltet werden kann.Das System,
in dessen Rahmen wir seit Ende des Zweiten Weltkrieges gelebt haben,hat dem
größten Teil der Welt sehr gute Dienste gel ei stet.Aber wir müssen uns auch \lar
- 1 -

�klar sein, daß es zahlreiche Länder gibt, deren Wohlstand in dieser Zeit nicht
wesentlich gestiegen ist.
Wir beginnen jetzt damit, neu zu überdenken, wie die Segnungen der Weltwirtschaft de facto unter den Ländern der Welt aufgeteilt sind. Wir stellen
Fragen - und natürlich stellen auch die Entwicklungsländer Fragen - hinsichtlich der grundlegenden Natur und Struktur des Systems,
In der Vergangenheit haben wir uns die Beurteilung der Interessen der Entwicklungsländer allzu einfach gemacht.
Wenn das Bruttosozialprodukt eines Entwicklungslandes schneller zunahm
als die Bevölkerungszahl und sich somit eine Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens
ergab, dann hielten wir das gewöhnlich für ausreichend.. Und wenn die prozentuale Zunahme des Bruttosozialproduktes, auf den Kopf der Bevölkerung umgerechnet, in den Entwicklungsländern höher lag als in den Industriestaaten, dann
meinten wir, würde auf lange Sicht die Hoffnung bestehen, daß die Entwicklungsländer die fortgeschrittenen Länder schließlich einholen würden.
Aber zahlreiche Entwicklungsländer haben erkannt, daß es bei der wirtschaftlichen Entwicklung um weit mehr als nur um eine Steigerung der Einkommen
geht. Sie machen sich ernste Sorgen um die Form der Einkommensverteilung in
ihrem eigenen Lande und um die Struktur ihres Wirtschaftswachstums. Und darüber
hinaus haben sie festgestellt, daß die Abhängigkeit von den reicheren Ländern,
die aie in früheren Zeiten zu spüren bekommen hatten, trotz ihres Wirtschaftswachstums keineswegs abgenommen hat.
Die Entwicklungsländer fordern von dem Wirtschaftssystem mehr als lediglich
Einkommenswachstum. Ihre Ziele sind viel weitgehender und komplexer als wir ursprünglich angenommen hatten.
•

Frage: Können Sie einige der wichtigen spezifischen Probleme aufzeigen, denen
sich Industriestaaten und Entwicklungsländer in diesem internationalen Prozeß
gegenübersehen?
Antwort:

�/

Antwort: Ich glaube, wir sollten mit einem Blick auf die Probleme beginnen, die von den Entwicklungsländern selbst aufgeworfen werden. Im Mittelpunkt
der Weltpolitik dürften auf viele Jahre hinaus wahrscheinlich die Fragen stehen,
die die Entwicklungsländern zu erörtern wünschen und die zu erörtern die Industriestaaten auch bereit sind.
An der Spitze des Aufgabenkatalogs stehen Rohstoffabkommen. Weitere Punkte
auf der Prioritätsliste sind: Handel, Zugang zu den Märkten, Fragen in bezug auf
eine Kontrolle über die Industrie, multinationale Gesellschaften, sowie zahlreiche andere Fragen.

An der Spitze dieser Liste stehen jedoch die Rohstoffe.

Frage: Die Entwicklungsländer sprechen manchmal von einem Trend, wonach
die Preise ihrer Importwaren rascher steigen als die ihrer Exporte. Ist diese
Behauptung berechtigt?
Antwort: Die Rohstoffpreise sind - im Verhältnis zu den Preisen für Fertigerzeugnisse - im allgemeinen

nicht zurückgeblieben. Aber die Preise für jene

Rohstoffe, die die Entwicklungsländer exportieren, sind - mit Ausnahme der ölpreise - zurückgeblieben.
Man sollte jedoch bedenken, daß auch Industriestaaten Rohstoffe exportieren.
Die Vereinigten Staaten zum Beispiel sind ein wichtiger Exporteur für Nahrungsmittel, Kohle und andere Rohstoffe. Ein Index der Agrarprodukte der gemäßigten
Zone - und einiger von Industriestaaten exportierter Metalle, wie zum Beispiel
Aluminium - würde ergeben, daß die Preise dieser Rohstoffe - gemessen an den
Preisen für exportierte Fertigerzeugnisse - nicht zurückgeblieben sind.
Warum nun befinden sich die Industriestaaten in der glücklichen Lage, gerade Rohstoffe dieser Art exportieren zu können, während die Entwicklungsländer
dagegen nur die anderen Rohstoffe exportieren?

Wenn die Erzeuger in einem In-

dustriestaat feststellen, daß die Preise der von ihnen produzierten Rohstoffe
nachgeben, weichen sie auf die Produktion anderer Rohstoffe aus, deren Preise
stabil bleiben oder steigen.. Als zum Beispiel die Baumwollpreise im Süden
der Vereinigten Staaten sanken, stellten die Baumwollfarmer 3o bis 4o Prozent

- 3 -

�Prozent ihrer Anbauflächen auf den Anbau von Sojabohnen um, da die Sojabohnenpreise im Steigen begriffen waren.

Die armen Länder dagegen haben diese Möglichkeit nicht. Sie halten immer
noch an den traditionellen Anbaumethoden fest. Selbst wenn sie auf den Anbau von
Sojabohnen umstellen wollten,so haben sie keine Möglichkeit, das benötigte Saatgut oder die erforderlichen Kredite zu bekommen. Die armen Länder sind deswegen
arm, weil sie ihre Erzeugung nicht den Veränderungen des Marktes anpassen können.
Wären ihre Volkswirtschaften flexibler, so könnten sie auch die sich ihnen auf
dem Markt bietenden Möglichkeiten besser nutzen.
Gibt es nun einen Weg, diesen Zyklus zu durchbrechen?

Ich glaube schon,

aber wir haben die politische Zauberformel noch nicht gefunden. Ein armes Land
kann nur durch Hilfe von außen In die Lage versetzt werden, seine Wirtschaft
umzustellen. Doch das bedingt ein ziemliches Maß an Einmischung in einer Weise,
die sowohl für die Empfänger - als auch für die Geberländer politisch nicht akzeptabel ist. Es ist ein sehr schwieriges Problem.
Frage: Außenminister Kissinger hat in seiner Rede in Kansas City eine Bereitschaft der Vereinigten Staaten angedeutet, auf einer "FaH-zu-Fall-Basis"
bei einzelnen Rohstoffen neue Vereinbarungen zu erörtern, wenn dies die Umstände
rechtfertigen. Ähnliche Worte hatten amerikanische Sprecher bereits seit Jahren
gebraucht, doch herrscht in Washington die Auffassung vor, daß diesen Worten
jetzt mehr Bedeutung zukomme. Ist das richtig?
Antwort: Ja, ich glaube, wir sind uns jetzt im klaren darüber, daß wir die
Rohstoffrage in einem neuen Licht sehen mlissen. Meines Erachtens müssen wir in
der Rohstoffrage den Ansichten der anderen mehr als nur "wohlwollend" gegenüberstehen. Wir müssen hier die Initiative ergreifen. Ich glaube ferner, daß ein
Rohstoff-System nur funktionieren wird, wenn es umfassend ist. In letzter Zeit
herrschten auf den Rohstoffmärkten Bedingungen, die einer Anarchie gleichkamen.
Wir brauchen internationale Obereinkommen und Verfahren, die den Zugang zur

�&gt;

zur Versorgung mit Rohstoffen wie auch zu den Absatzmärkten sicherstellen. Wir
müssen die Notwendigkeit einsehen, daß auf den Rohstoffmärkten Recht und Ordnung wiederhergestellt werden müssen, die in gleicher Weise für Erzeuger und
Verbraucher gelten.
Das gilt nicht nur im Verhältnis zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern, denn auch die Entwicklungsländer importieren - neben ihren Exporten - Rohstoffe.
Die traditionelle Haltung der Vereinigten Staaten in der Rohstofffrage
war, Angebot und Nachfrage auf miteinander konkurrierenden Märkten sich auspendeln zu lassen. In der Praxis war es während der Laufzeit der zwei oder
drei internationalen Rohstoffabkommen sehr schwierig, sie einzuhalten. Es gab
administrative und es gab sachliche Probleme, und viele Beobachter gelangten
zu dem Schluß, daß solche Abkommen nicht durchführbar seien. Meines Erachtens
ist dieser Entschluß falsch. Vielmehr haben wir niemals einen freien Markt für
den internationalen Handel mit Rohstoffen gehabt.
Bei Erzeugnissen jedoch, deren natürliche Vorkommen sich erschöpfen, wäre
selbst in der Theorie die Lehre vom freien Markt kein« richtige Basis für eine
Rohstoffpolitik. Auf einem dem Wettbewerb unterliegenden Markt dürfte man kaum
einen angemessenen Preis für Erzeugnisse erzielen, deren Vorkommen sich erschöpfen, es sei denn, daß ein Vorweg-Zuschlag erhoben wird. Der betreffende
Rohstoff erzielt Preise, die einfach zu niedrig sind, und infolgedessen lebt
die gegenwärtige Verbrauchergeneration auf Kosten künftiger Verbrauchergenerationen.
Der Markt hat sich ferner anfällig für Instabilität, Unterbrechungen und
Störungen erwiesen. Meines Erachtens können wir bei Rohstoffen Vereinbarungen
treffen, die sich besser bewähren als der freie Markt.
Frage:

- 5 -

�Frage: Glauben Sie, daß in der Praxis Rohstoffabkommen erreicht werden
können, die den Exporteuren der Entwicklungsländer helfen und die gleichzeitig
für die Importeure der Industriestaaten akzeptabel sind?

Antwort: Meines Erachtens sollte es unser Ziel sein, ein System zu entwickeln, das für Erzeuger und Verbraucher akzeptabel ist, gleichgültig,ob
es sich dabei um Entwicklungsländer oder Industriestaaten handelt. Ich glaube, wir sollten ein System mit einer Bevorratung unter internationaler Kontrolle haben, so daß für die Erzeuger stets ein Absatz ihrer laufenden Erzeugung zu einem Mindestpreis gesichert ist und die Verbraucher mit stabileren
Preisen rechnen können. Der Verbraucher hätte also die Gewähr, daß seine Versorgung nicht unterbrochen wird, weil die Vorratslager im Falle eines Rückgangs der laufenden Erze"&lt;junrt die Deckung des Bedarfs übernehmen würden.
Die international kontrollierten Lager sollten gro3 genug sein, um diesen
Zweck zu erfüllen. Wenn ein Erzeuger Geld in Produktionseinrichtungen zur Gewinnung eines bestimmten Rohstoffes investiert hat, sollte er auch eine Absatzgarantie für seine gesamte Erzeugung haben, damit eine Unrentabilität des
investierten Kapitals wegen zu geringer Auslastung vermieden wird.
.

Zweitens sollte es vereinbarte Prinzipien für die Festsetzung der Preise
geben, bei denen die Leitung der Bevorratungsstellen eingreifen - einen Mindestpreis, bei dessen Unterschreitung Käufe, und einen Höchstpreis, bei dessen Überschreitung Verkäufe einsetzen würden.
Es sollte ferner vereinbarte Prinzipien für eine Änderung dieser Eingreifpreise geben. Bei Rohstoffen, deren Vorkommen sich erschöpfen - z.B. Erdöl
und Erze - würden diese Eingreifpreise im Laufe der Zeit steigen. Es gibt
theoretische, aber auch praktische Gründe hierfür: Sofern nicht die Preise
für Rohstoffe, deren Vorkommen sich erschöpfen, steigen, würden sich diese
Vorkommen zu schnell erschöpfen und wir würden nicht schnell genug Ersatzstoffe entwickeln. Das bedeutet jedoch nicht, daß für solche Rohstoffe ein

�ein willkürlich hoher Preis festgelegt werden sollte, den ich als Katastrophe
werten würde.
Frage: Warum?
Antwort: Weil er einen starken Anreiz zur Steigerung der Erzeugung bietet, die dann wesentlich über dem Bedarf liegen würde, so daß die Lager immer
größere Mengen aufkaufen müßten, bis schließlich das ganze System zusammenbrechen würde.
Frage: Warum sollte ein solches System, wie Sie sagen, umfassend sein?
Antwort: Es müßte ein Ausgleich zwischen den Interessen von Erzeugern und
Verbrauchern in jedem einzelnen Land geschaffen werden, um Unterstützung für
alle Abkommen zu gewinnen. Solange die Rohstoffabkommen nur fragmentarisch
sind und auf einer "Fall-zu-FaVI-Basis" angewandt werden, wird es bei Belastungen zu einem Zusammenbruch kommen. Was ich vorschlage, ist ein System
von ineinandergreifenden Elementen, die sich gegenseitig stützen und so ein
lebensfähiges Ganzes bilden.
Die Finanzierung all dieser Vorhaben wird eine ganze Menge Geld kosten,
und hier, so möchte ich annehmen, kann es zu einem Transfer von Mitteln kommen. Selbstverständlich sollte das Geld von den reichen Ländern kommen. Die
armen Länder werden aus einem solchen System ebenfalls Nutzen ziehen, aber
sie sollten nicht zur Bestreitung der Kosten aufgerufen werden. Wenn das
System richtig funktioniert, wird es außerdem Gewinn abwerfen, weil die internationalen Bevorratungsstellen die Rohstoffe aufkaufen, wenn sie relativ
billig sind, und sie wieder verkaufen, wenn ihr Preis gestiegen ist. Die G P winne sollten an die armen Länder gehen und so den Transfer der Mittel in
Gang halten.

Wer

�Wer einen Transfer von Mitteln aus reichen in arme Länder erreichen will,
sollte sehr vorsichtig vorgehen und den Transfer nicht auf den Rohstoff selbst
beschränken, denn dies könnte am Endr zu einem Transfer aus den armen Ländern, die Rohstoffe importieren

in solche reichen Länder führen, die Roh-

stoffe exportieren.
Frage: Sie haben ein äußerst hochgestecktes Konzept.
Antwort: Da es so weitreichend ist, sollte es meines Erachtens in zwei
Phasen von Verhandlungen verwirklicht werden. In der ersten Phase sollte lediglich versucht werden, sich über die Prinzipien und den allgemeinen Apparat
einig zu werden, über die einzelnen Rohstoffe sollte nacheinander verhandelt
werden, wobei die Verhandlungspartner jedoch verpflichtet wären, sich an allet
Rohstoffabkommen zu beteiligen. Es muß nicht alles auf einmal getan werden, es
kann ganz allmählich

eschenen.

Praktisch würde die größere Bevorratung den künftigen Preisauftrieb mildern. Daher, so meine ich, sollten wir jetzt die Möglichkeit nutzen, solange
die Preise bei zahlreichen Erzen niedrig sind, um Vorräte anzulegen.
Dies würde zur Stärkung des anti-inflationistischen Drucks beitragen und
z.B. auch den Zinn-und Kupferproduzenten helfen.
Es wären mindestens viererlei Abkommen notwendig:
-- Eines würde sich ausschließlich auf Erdöl erstrecken, da auf diesem Gebiet so viel geschehen Ist, daß es gesondert behandelt werden muß.
— Ein weiteres würde für Rohstoffe erforderlich sein, deren Vorkommen
sich erschöpfen, wie Blei, Zinn oder Bauxit.
— Ein drittes wäre für Agrarprodukte mit langen Produktionszyklen notwendig, wie Naturkautschuk, Kaffee und Kakao.
Und

i

�-- Und schließlich bedürfte es einer vierten Kategorie für Agrarprodukte
mit einem wesentlich kürzeren Produktionszyklus, bei denen es anders oelagerte
Probleme gibt. Es wäre möglich, auf allen diesen Gebieten gleichzeitig Verhandlungen aufzunehmen.
Frage: Die Sprecher einiger Entwicklungsländer haben seit langem ein Embargo oder Sonderabgaben bei allen neuen synthetischen Erzeugnissen oder Ersatzstoffen gefordert, die eine Konkurrenz für die von ihnen exportierten Rohstoffe

darstellen. Könnte es dazu kommen?

Antwort: Ich glaube das nicht, denn es würde dem Trend de- letzten Zeit
widersprechen. Wenn der Markt starke Anreize zur Entwicklung einer möglichen
Alternative für natürliche Hilfsquellen bietet, dann wird es meines Erachtens
dazu kommen. Dann gibt es nichts, was dem Einhalt gebieten könnte. Allerdings
könnte man argumentieren, daß P gierungen keine Ersatzstoffe für importierte
Rohstoffe über Forschung und Entwicklung subventionieren sollten, eben weil
sie solche Rohstoffe importieren.
Ein gut funktionierendes System garantiert die Versorgung mit Rohstoffen
und verringert die Notwendigkeit, daß einzelne Regierungen aus Sicherheitsgründen unter hohen Kosten synthetische Ersatzstoffe für importierte Rohstoffe
entwickeln. Meines Erachtens unterstreicht dieses Argument nur den Wert der
Abkommen, über die wir eben gesprochen haben.

XXX

�</text>
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