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United
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Service

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300

UnÖ
DOKU möntOtlOn

T e I e x : 08 - 8 54 32

13

2. J u l i

1975

Inhalt

DOKUMENTATION:
Kontinuität und Wandel in der Außenpolitik
Von Dr, Henry Kissinger

HINTERGRUNDMATERIAL:
i

NATO und gemeinsame Sicherheit
Von US-Verteidigungsminister James R. Schlesinger

WIRTSCHAFT:
Simon steckt wirtschaftspolitischen Kurs der USA ab
-Rede des US-Finanzministers vor dem Amerikanischen Bankiersverband-

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
AP0LL0-S0JUS
-Amen kam" sch-sowjeti sches RaumfahrtunternehmenVon G. Weiss
Zehn Jahre Fernmelde-Satellitennetz
Um

Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

Tel:

8 9 - 3 2 4 0

Information

G o d e s b e r g l ,

Service

Dokumentation

Postfach 300

T e I e x : 0 8 - 8 54 3 2

13/1975

KONTINUITÄT UND WANDEL IN DER AUSSENPOLITIK
Von Dr. Henry Kissinger

Der amerikanische Außenminister,
Dr. Henry A. Kissinger, hat am 23. Juni
1975 in einer richtungweisenden Rede
vor dem "Southern Council on International and Public Affairs" und der Handelskammer von Atlanta Leitsätze für die
künftige Außenpolitik der Vereinigten
Staaten umrissen.
Die Ausführungen des amerikanischen
Außenministers haben folgenden Wortlaut:

Wir lammen hier in einem Augenblick zusammen, da Amerika, wie so oft
zuvor in seiner Geschichte, sich in einem Übergang von einer Zeit der Prüfungen in eine Zeit der Erneuerung befindet.
Vor noch nicht ganz drei Monaten wurden unter dem Einfluß der Enttäuschungen in Indochina Zweifel an der Art unseres Engagements in internationalen Fragen laut. Exekutive und Kongreß schienen in eine Sackgasse in der
Außenpolitik hineinzusteuern.
Paradoxerweise

�&gt;

*

Paradoxerweise haben jedoch unsere Rückschläge uns hier - wie auch
der übrigen Welt - gezeigt, wie wichtig Amerika für Frieden und Wohlstand auf
der Welt ist. Und in unserem eigenen Land findet der Dialog zwischen unseren
beiden gleichberechtigten Zweigen der Regierung in einer konstruktiveren
Atmosphäre statt.
Wir haben allen Grund, voll Zuversicht in unsere Zukunft zu blicken. Die
Vereinigten Staaten sind immer noch die größte Demokratie, die es je auf der
Welt gegeben hat. Unsere Institutionen haben ganz außergewöhnliche Unruhen
und Uneinigkeit überdauert und sind daraus mit neuer Lebenskraft und Stärke
hervorgegangen. Wie sehr wir auch enttäuscht waren, wir haben allen Grund,
auf unsere Leistungen stolz zu sein. Wenn heute Frieden auf der Welt herrscht,
so haben unsere Opfer entscheidend dazu beigetragen; wenn es künftig Fortschritt geben soll, so ist unser Beitrag unerläßlich.
Wir haben unwiderruflich die zentrale Tatsache der modernen Welt erfahren: Unsere Sicherheit, unser Wohlstand und unsere Existenz stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der internationalen Atmosphäre, die wir schaffen
können.
Wenn die Schwäche der freien Nationen zur Aggression einlädt, dann
wird das Leben von Amerikanern in Gefahr sein. Wenn die Uneinigkeit der freien Völker zum wirtschaftlichen Chaos einlädt, dann wird der Wohlstand der
Amerikaner gefährdet sein. Wie die Energiekrise uns eindeutig gezeigt hat,
leben wir in einer interdependenten Welt - in einer Welt, in der Worte wie
"Isolation" ur.d "Rückzug" immer mehr zu einem Anachronismus werden.
Daher wollen wir nicht den Kurs der letzten 30 Jahre in sein Gegenteil
verkehren und uns von unseren Verpflichtungen zurückziehen und unsere Freunde
und Verbündete sich selbst in dem Vakuum verteidigen lassen, das unser Vorgehen zwangsläufig dann schaffen würde. Wir werden nicht das Chaos einladen.
Im Gegenteil, vor uns liegt eine neue Chance, Frieden und Fortschritt zu erreichen, die größer ist als

je in unserer jüngsten Vergangenheit.
Seit

�.

&lt;

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Vereinigten Staaten eine führende Rolle in der Welt übernommen, die von den beiden großen politischen Parteien und von allen Administrationen unterstützt worden ist. Diese Politik hat
Frieden und Freiheit bewahrt; sie hat die weltweite Stabilität und die Weltwirtschaft gestärkt. Ja, gerade unsere Taten haben die neuen Bedingungen - und
Probleme - geschaffen, mit denen wir jetzt fertig werden müssen:
-- Amerikas Unterstützung der wirtschaftlichen Wiedererholung Westeuropas
und Japans nach dem Kriege, und unser Verteidigungsschild, haben das Wiedererstarken dieser Verbündeten zu wichtigen und unabhängigen Pfeilern der freien
Welt gefördert.
-- Der unausweichliche Prozeß der Entkolonisierung, den wir gefördert haben,
und unsere bahnbrechenden Anstrengungen auf dem Gebiet der technischen und wirtschaftlichen Entwicklungshilfe haben zahlreichen jungen Nationen dabei geholfen,
ihren eigenen nationalen Fortschritt in Gang zu setzen.
Außenpolitik ist ein fortlaufender Prozeß. Hier gibt es keine Ruhepausen.
Was nicht zum Ausgangspunkt för neuen Fortschritt wird, das wird bald in Stagnation und dann in Rückschritt enden. Somit haben die Leistungen der vorigen Generation die Aufgaben für die nächsten Jahrzehnte gestellt:
—

Die wachsende Stärke und das wachsende Selbstvertrauen unserer Verbünde-

ten erfordern eine Anpassung unserer Bündnisse von amerikanischer Vormundschaft
zu gleichberechtigter Partnerschaft.
—

Die wachsende Vernichtungskraft nuklearer Waffen erfordert eine Alter-

native zur Politik der Konfrontation und einen Abbau der internationalen
Spannungen.
—

Die Interdependenz der Weltwirtschaft muß zu einer verstärkten Zusammen-

arbeit unter den Industriestaaten und einer größeren Anerkennung der Anliegen
der Entwicklungsländer führen.
Dieser

- 3 -

�»

4

Dieser Aufgabenbereich ist groß. Aber es gibt nicht viele Epochen in der
Geschichte, in denen der Mensch die Umrisse seiner eigenen Zukunft so deutlich
vor Augen hat und sie in seinem Sinne gestalten kann. Es steht in unserer Kraft,
den Grundstein

für eine neue internationale Struktur zu legen - in der die

Völker keine Angst mehr vor Fremdherrschaft haben, in der Verhandlungen an
die Stelle der Konfrontation treten, und in der die Erfüllung der grundlegenden menschlichen Ansprüche zu einem zentralen Anliegen der Agenda der internationalen Diplomatie wird.
Eine Welt mit über 140 Ländern ist eine Welt von unvorstellbarer Vielfalt
und Komplexität. Aber sie ist auch eine

Welt mit einem ungeheuren Potential.

Eine Welt des Pluralismus, sich ständig ausbreitender Ideen, unabhängiger Staaten, die frei über ihr eigenes Schicksal bestimmen können, ist eine Welt der
Hoffnung und eine Chance für neue schöpferische Leistung.
Die

Vereinigten Staaten werden sich stets ihrer Verantwortungen bewußt

sein. Wir haben gelernt, wo unsere Grenzen sind, aber wir haben nicht vergessen,welche Möglichkeiten wir haben. Wir sind das größte demokratische Land der Welt;
wir stellen die größte Konzentration wirtschaftlicher und militärischer Macht
dar, wir sind das Land, das über die meisten Erfahrungen bei der Organisation
internationaler Zusammenarbeit verfügt; wir beeinflussen die internationale
Kommunikation am stärksten, übernehmen wir nicht die Führung, kann kein anderes
Land, das für das einsteht, woran wir glauben, unseren Platz einnehmen.
Was wird nun von uns gefordert? Welches sind die Elemente unserer Stärke?

Zunächst einmal müssen wir die Grundlage unserer Sicherheit erhalten. Obwohl Außenpolitik weit über militärische Anliegen hinausreicht, so kann es doch
keinen Ersatz für die Aufrechterhaltung unserer eigenen Verteidigung und die
objektiven Erfordernisse unserer Sicherheit geben. Ein Gleichgewicht der Stärke
ist für jede stabile internationale Ordnung unerläßlich. Eine Welt, in der das
überleben von Nationen der Gnade anderer ausgeliefert ist, ist eine Welt der

- 4 -

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&lt;

der Unsicherheit, der Instabilität und der Unterdrückung.
Die militärische Stärke Amerikas ist stets zur Verteidigung, niemals zur
Unterdrückung eingesetzt worden. In unserem Lande haben wir stets unser Verteidigungsbudget nach unseren nationalen Prioritäten ausgerichtet. Gemessen am Bundeshaushalt und am Bruttosozialprodukt weisen unsere Verteidigungsausgaben gegenwärtig den niedrigsten Stand seit 25 Jahren auf. Doch der Trend der militärischen Programme unserer potentiellen Gegner weist in die Richtung der Expansion.
Daher gibt es ein unreduzierbares Minimum, unter das wir nicht gehen können,
ohne wichtige Interessen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten zu gefährden. Wir werden nach vernünftigen Maßnahmen zur Rüstungskontrolle streben, die
unsere Sicherheit gewährleisten. Aber diese Administration ist entschlossen,
niemals eine Demontage der militärischen Verteidigung der Vereinigten Staaten
zuzulassen.

Wir wollen Bedingungen für die Beilegung und Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten zwischen Gegnern schaffen. Aber Aussöhnung darf nicht auf Schwäche
basieren; Flexibilität ist nur für jene eine Tugend, von denen man weiß, daß
sie eine Alternative haben.
Zweitens haben wir gelernt, daß alle unsere Ziele - unsere Sicherheit,
unser Wohlstand, der Bestand unserer Bündnisse und die Gesundheit des internationalen Klimas - zu einem beachtlichen Teil davon abhängen, daß die amerikanische
Wirtschaft gesund ist. Das ist zu Recht ein unmittelbares Anliegen für jeden
Amerikaner; es ist aber ebenso der Motor eines weltweiten Wirtschaftswachstums
und daher eine internationale Aufgabe.
Die Rezession und Inflation der letzten zwei Jahre hatten böse internationale Folgen - die zu überwinden wir jetzt auf dem Wege sind. Rezession und Inflation zehren an dem Wohlergehen und an den Hoffnungen jener Gruppen am Rande
der Prosperität. Sie erzeugen Uneinigkeit im eigenen Lande, ziehen die Energie
der Völker von den internationalen Anliegen ab und erschweren die Harmonie der

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�I

\

der internationalen Beziehungen. Im eigenen Lande untergraben sie den sozialen

,

Frieden, das Vertrauen in die Regierung und die Lebenskraft der demokratischen
Prozesse. Draußen verführen die wirtschaftlichen Belastungen die Regierungen
der Industrieländer zum Protektionismus oder zu Rivalitätsmaßnahmen und drohen
eine Ära des Wirtschaftskrieges der Blöcke zwischen reichen und armen Ländern
an.
Aber keine Regierung hat die Möglichkeit, im alleinigen Handeln die
grundsätzlichen wirtschaftlichen Bedingungen zu verbessern, unter denen sie
lebt. In der modernen Welt sind unsere Volkswirtschaften miteinander verbunden.
Entweder wir gedeihen zusammen oder wir verderben zusammen. Die Wiederherstellung
des wirtschaftlichen Wachstums bietet unsere beste Hoffnung, den Erwartungen all
jener gerecht zu werden, die um die Verbesserung ihrer eigenen Zukunft wetteifern. Sie setzt die Mittel frei, um alle nationalen Ansprüche erfüllen zu können.
Sie stellt den Glauben an demokratische Einrichtungen und demokratische Führer
wieder her.
Die Stellung der amerikanischen Wirtschaft ist zentral. Wie der Präsident
in seiner Botschaft über die Lage der Nation im Januar sagte: "Eine wiederauf- ,
strebende amerikanische Wirtschaft würde mehr zur Wiederherstellung des Vertrauens
der Welt in ihre eigene Zukunft beitragen als irgend etwas anderes". Wir werden
das Erforderliche tun.
Und schließlich hängt unsere nationale Stärke von unserer Einigkeit als Volk
ab. Dem,was freie Menschen in gemeinsamem Handeln leisten können, sind keine
Grenzen gesetzt.
Im letzten Quartal dieses Jahrhunderts sind wir nicht mehr vorherrschend.
Wir können unsere Probleme nicht mehr mit unseren eigenen Mitteln überwinden. Die
Vielfalt und Komplexität der heutigen Welt läßt keine moralische Einfalt mehr zu.
Wir sind daher wie nie zuvor aufgerufen, in unserer Außenpolitik Zielbewußtsein,
Zusammenhalt, Flexibilität und Einfallsreichtum zu zeigen.
Wir

�Wir müssen eine Nation, eine Regierung sein. Unsere Institutionen müssen
bei der Definition des nationalen Interesses die Sonderinteressen mäßigen. Wir
müssen Selbstdisziplin haben, unsere Debatten im eigenen Lande zu einem positiven
und nicht zu einem negativen Prozeß zu gestalten. Wir müssen unsere Probleme
- und nicht uns gegenseitig - angreifen. Wir können uns in unserer Außenpolitik
Uneinigkeit, Durcheinander oder Spaltung nicht länger mehr leisten.
Die Übereinstimmung, die unser wohlverstandenes Engagement in außenpolitischen Angelegenheiten seit über einer Generation getragen hat, ist unser kostbarster nationaler Schatz. Wir sind auf dem Wege, unsere Einigkeit, unsere Handlungsfähigkeit als Nation mit Selbstvertrauen wiederherzustellen. Wir werden
alles in unseren Kräften stehende tun, um diesen Prozeß fortzusetzen, damit wir
unserem dritten Jahrhundert als Nation und seinen Aufgaben als einiges Volk
entgegengehen.
Lassen Sie mich jetzt auf unseren Aufgabenkreis eingehen und die Umrisse
unserer Politik aufzeigen.
Bündnisse: Unsere Verbündeten und Freunde bleiben unsere erste internationale Priorität.
Was uns mit unseren Verbündeten verbindet, sind nicht einfach nur die Verträge, die vor einer Generation unterzeichnet wurden, sondern die unausweichlichen Notwendigkeiten der heutigen Welt. In den letzten Wochen haben wir unsere
Zusagen gegenüber unseren Bündnissen bekräftigt. Wir haben klargemacht, daß die
Vereinigten Staaten zu ihren Verpflichtungen in Asien wie in Europa stehen.
Aber was unseren Bündnissen Leben verleiht, sind nicht verbale Bekräftigungen,
sondern ist die Realität des gemeinsamen Handelns gegenüber gemeinsamen Problemen. Wir müssen eine gemeinsame Zielsetzung in Aufgaben finden, die über die
Notwendigkeit der militärischen Verteidigung hinausgehen. Darum habe ich in der
vorigen Woche im Namen des Präsidenten die Agenda unserer engen Beziehungen zu
Japan und Asien aufgezeigt. Darum hat der Präsident auf seiner Reise nach Europa
die Fragen aufgezeigt, vor denen alle Länder des westlichen Bündnisses stehen.

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i

stehen. Die Aufgaben, die der Präsident auf dem NATO-Gipfeltreffen genannt
hat, können als Agenda für all unsere Bündnisse dienen:
-- Wir müssen eine starke, moderne und glaubwürdige Verteidigung aufrechterhalten. Ein Bündnis, das nicht die Kraft und Hingabe hat, sich selbst zu verteidigen, versagt in seiner Hauptzielsetzung.
-- Wir müssen die Qualität und Integrität unserer politischen Beziehungen verbessern. Beteiligung und Verantwortlichkeit müssen uneingeschränkt sein,
wenn sie glaubhaft sein sollen.
-- Wir müssen unsere politische Konsultation verbessern, um eine

gemeinsame

Politik zur Lösung gemeinsamer Probleme zu entwickeln.
-- Wir müssen bei der Festlegung einer produktiven und realistischen Agenda
für den Abbau der Spannungen zusammenarbeiten.
-- Wir müssen auf die Gesundheit unserer demokratischen Institutionen achten.
-- Wir müssen begreifen, daß die Industriegesellschaften den Schlüssel zur
Lösung der neuen Probleme der Bevölkerung, der Ernährung, der Energie und der
Rohstoffe in der Hand halten.
Bei all diesen Problemen bedarf es dringend des kooperativen Handelns.
Bündnisse müssen sich wandelnden Sicherheitserfordernissen angepaßt werden, oder
sie werden zerfallen. Sie müssen Ausdruck gemeinsamer politischer Zielsetzungen
und einer gemeinsamen Strategie zu ihrer Verwirklichung sein, oder ihre Verteidii

gungskapazität wird ziellos sein. Darum messen wir verbesserten politischen Konsultationen so große Bedeutung bei.
Wir dürfen niemals vergessen, daß starke Institutionen im eigenen Lande
letztlich den besten Schutz gegen Subversion wie auch die Hauptstütze für eine
Verteidigung gegen eine Aggression bieten.
Wir
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�Wir haben Fortschritte gemacht, aber es bleibt noch viel zu tun. Was das
zentrale Problem des Wirtschaftswachstums angeht, so haben die führenden Männer
im Bündnis damit begonnen, in einem bisher nie dagewesenen Maße die nationale
Wirtschaftspolitik zu koordinieren.
Was das entscheidend wichtige Thema Energie anbetrifft, so haben die Industrieländer eine Internationale Energieagentur gegründet, um die Anstrengungen
der Hauptverbraucherländer zusammenzufassen. Wir haben uns auf Vorkehrungen
gegen eine neue Ölkrise geeinigt. Wir haben einen mit 25 Milliarden Dollar ausgestatteten Solidaritätsfonds geschaffen, um uns vor Währungsverzerrungen aufgrund
der massiven Zahlungsbilanzungleichgewichte zu schützen, die durch Energiekosten
verursacht werden. Wir haben neue Programme zur Sparsamkeit mit den vorhandenen
Vorräten und zur Entwicklung alternativer Energiequellen in Angriff genommen. Wir
schaffen die Grundlagen für einen konstruktiven Dialog mit den Energieproduzenten
und rechnen auf lange Sicht mit fairen und gerechten wirtschaftlichen Beziehungen.
Dies bleibt ein vorrangiges Anliegen. Wir sind entschlossen, unserer Anfälligkeit gegen Entscheidungen von außerhalb oder einen Druck von außerhalb ein Ende
zu bereiten. Wenn die Volkswirtschaften der Industrieländer wieder zu expandieren
beginnen, dann wird die Notwendigkeit zur Energieeinsparung und Entwicklung neuer
Energiequellen noch dringlicher. Wenn wir jetzt keine entschlossenen Anstrengungen machen, dann wird die Zunahme der Nachfrage den Erzeugern freien Raum geben,
die Preise auf dem gegenwärtigen Stand zu halten oder zu erhöhen oder die Energieversorgung für politische Zwecke zu nutzen.
Das nationale Interesse erfordert ein umfassendes und wirksames Energieprogramm. Der Präsident wird mit dem Kongreß zusammenarbeiten, um es zu erhalten.
Aber wenn diese Bemühungen fehlschlagen sollten, dann wird er die ihm zur Verfügung stehenden Vollmachten benutzen, um unsere Abhängigkeit von ausländischen
Energiequellen zu verringern.

- 9 -

�In unseren politischen Beziehungen haben wir und unsere Verbündeten eine
Verpflichtung an ein gemeinsames Interesse. Wir helfen anderen bei ihrer Verteidigung nicht aus einem Akt der Nächstenliebe heraus, sondern in unserem bei derseitigen Interesse. Wenn wir die Militärhilfe oder sogar Waffer.verkäufe an
einen Verbündeten einstellen, dann schaden wir uns im Grunde selbst. Wir schwächen die politischen Bindungen, gefährden unsere kollektive Verteidigung und es
gelingt uns darüber hinaus nicht einmal, den Zweck zu erreichen,

dem die Ein-

schränkung der Hilfe dienen sollte. Aus diesem Grunde hat sich der Präsident mit
Nachdruck gegen die Einstellung der Militärhilfe an die Türkei durch den Kongreß
gewandt und bemühte er sich intensiv darum, daß der Kongreß diese Hilfe sofort
wieder genehmigt.
Auf der anderen Seite gilt genauso, daß kein Land glauben sollte, es täte
uns einen Gefallen, mit uns in einem Bündnis zu bleiben. Jeder Verbündete, dessen
Vorstellungen von seinem nationalen Interesse sich ändern sollten, findet uns
bereit, unsere vertraglichen Beziehungen anzupassen oder zu beenden. Kein Verbündeter kann uns mit der Drohung eines Austritts unter Druck setzen. Wir werden
nicht akzeptieren, daß seine Sicherheit uns wichtiger sein sollte als ihm
selbst.
Wir gehen davon aus, daß unsere Freunde ihre Bindungen an uns als ihren
eigenen nationalen Zielsetzungen dienend betrachten und nicht als ein Privileg,
das man als Druckmittel gewähren oder zurückziehen kann. Wo es keine gemeinsamen
Vorstellungen gibt, ist ohne Frage die Zeit für eine Änderung gekommen. Wo es
eine gemeinsame Auffassung gibt, werden die Vereinigten Staaten ein fester
Freund sein.
Wir betrachten unsere Bündnisse als Eckpfeiler unserer Außenpolitik und als
die wesentlichen Säulen des Gebäudes der internationalen Stabilität.
•

Abbau

- 10 -

�Abbau der Spannungen: So fundamental unsere Bündnisse sein mögen, so
müssen wir erkennen, daß ein Frieden, der lediglich auf einem Gleichgewicht der
Kräfte und sich aufhebenden Blöcken beruht, brüchig und steril ist. Wir sind
daher verpflichtet, die Anstrengungen zur Verbesserung unserer Beziehungen zu
den kommunistischen Ländern fortzusetzen. Im thermonuklearen Zeitalter gibt es
keine Alternative für eine ernsthafte Anstrengung zur Lockerung der Spannungen
auf einer verläßlichen und wechselseitigen Grundlage.
Daher haben wir in den letzten Jahren eine Reihe zweckmäßiger Schritte zur
Regelung unserer Beziehungen zur Sowjetunion ergriffen. Das Ziel war, die Gefahr
eines Krieges in unserem eigenen Interesse zu verringern und neue Formen der Beziehungen und des internationalen Verhaltens zu fördern.
Dieser Prozeß vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen. Wir haben ausgewogene
und wirksame Abkommen zur Begrenzung der strategischen Rüstungen auf beiden Seiten sowie in anderen Bereichen der Rüstungskontrolle ausgehandelt.
In unseren bilateralen Beziehungen haben wir eine Reihe von Abkommen über
eine wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit erreicht - Abkommen, die beiden
Seiten Vorteile bringen und die beiden Seiten ein Interesse an der Fortsetzung
positiver Beziehungen geben.
Bei der Beilegung politischer Konflikte in entscheidend wichtigen Gebieten,
an der wir, wie in Europa, beide direkt beteiligt waren, haben wir 1971 ein Abkommen erreicht, um Berlin noch sicherer zu machen. Wir stehen gegenwärtig in
umfassenden Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen und über die weitergehenden Fragen der Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa.
In anderen Gebieten der Welt, wie im Nahen Osten, in Süd-und in Südostasien entwickelten sich die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen ungleichmäßig.
Es gab Fälle, in denen die Spannungen sich unseres Erachtens unnötig verschärft
haben. Wenn wir in den letzten sechs Jahren beträchtlichen Fortschritt in

- 11 -

�in unseren Beziehungen zur Sowjetunion gemacht haben, so haben wir dies ohne
irgendwelche Illusionen getan. Die UdSSR bleibt weiterhin unser ideologischer
und politischer Rivale. Sollte sie danach trachten, die Entspannung als Vorwand für eine selektive Ausnutzung strategischer Möglichkeiten zu benutzen,
dann würde das ganze Gebäude unserer sich entwickelnden Beziehungen in Frage
gestellt werden.
Gleichzeitig ist es entscheidend wichtig, daß wir uns einen ungetrübten
Blick erhalten. Wir dürfen niemals die Tatsache aus dem Auge verlieren, daß
ein Krieg zwischen nuklearen Supermächten das Risiko einer Vernichtung der
Menschheit in sich birgt. Wir sind ideologische Gegner; die Technologie steigert den Wettbewerb zwischen uns; politische Konflikte in allen Teilen der
Welt machen uns zu Rivalen. Wenn die Menschheit nicht ständig am Rande des Abgrunds leben und schließlich von ihrer Technologie vernichtet werden soll,
müssen wir uns bemühen, beiderseits die Zurückhaltung weiter zu pflegen, die
mit so viel Mühe erreicht worden ist, und uns vor der Tendenz hüten, unsere
sich verbessernden

Beziehungen zur Sowjetunion zum Prügelknaben für unsere Ent-

täuschungen zu machen.
Entspannung kann niemals ein Ersatz für unsere eigenen Anstrengungen sein;
wo unsere eigenen Anstrengungen nachlassen, sollten wir die daraus resultierenden Rückschläge nicht unseren Gegnern anlasten. Internationale Ereignisse in
einer turbulenten Welt und innenpolitische Gegebenheiten in zahlreichen Ländern
bilden eine ausreichende Erklärung für zahlreiche Probleme. Wir sollten den
sowjetischen Einfluß nicht zu sehr überbewerten, indem wir ihm alle Schwierigkeiten anlasten.
Die Erfahrungen in Indochina sollten uns gelehrt haben, daß es leichter
ist, Konfrontationen zu beginnen als durchzustehen. Harte Worte sind nicht das
Gleiche wie ständige harte Maßnahmen. Aber wir können das über einen längeren
Zeitraum hinaus mit Erfolg nur dann leisten, wenn unser Volk weiß, daß wir zunächst einmal alle nur denkbaren Alternativen zu einer Konfrontation ausgeschöpft haben.
- 12 -

�Die wichtigste Frage auf der amerikanisch-sowjetischen Agenda heute ist
SALT - die Gespräche über eine Begrenzung der strategischen Rüstungen. Wir sind
aktiv bemüht, ein neues Abkommen auszuarbeiten, das auf den von dem Präsidenten
und Generalsekretär Breschnew bereits im November vorigen Jahres in Wladiwostok
vereinbarten Prinzipien basiert. Wenn wir die noch zwischen uns bestehenden strittigen Fragen lösen können - und ich glaube, wir können es - dann werden wir
erstmals in der Geschichte dem nuklearen Wettrüsten eine Höchstgrenze gesetzt
haben.
Unsere neuen Beziehungen zur Volksrepublik China sind jetzt ein dauerhafter
Aspekt des Weltbildes. Sie dienen unseren beiderseitigen Interessen und den umfassenderen Interessen des Friedens und der Stabilität in Asien und überall auf
der Welt.
Es ist keine stabile Weltordnung denkbar ohne Teilnahme dieses Viertels
der Menschheit. Wie Sie wissen plant Präsident Ford einen Besuch in China, mit
dem er die Dauerhaftigkeit unserer Beziehungen

und die weitere Stärkung der

Bande zwischen unseren beiden Ländern auf der Basis des Kommuniques von Shanghai
bekräftigen will.

Der Nahe Osten:
Unsere gegenwärtige Agenda schließt zwangsläufig auch solche Gebiete ein,
in denen die Gefahr eines größeren Brandes besteht. Es ist eine amerikanische
Tradition, die zumindest bis auf den Beginn dieses Jahrhunderts zurückgeht,
zum Abbau von Konflikten beizutragen, wenn unsere Vermittlung erwünscht ist.
Die Geschichte hat gezeigt, daß der Zusammenbruch des Friedens überall auf der
Welt sich auch direkt auf das Leben unserer Bürger auswirkt, und es gibt einige
Streitfälle, bei denen uns, wie im Nahen Osten, eine besondere Verantwortung
zufällt.
Dieses

�Dieses Unruhegebiet birgt immer noch die ernste Gefahr eines Krieges
oder weltweiter wirtschaftlicher Störungen in sich. Das Mißtrauen von Jahrhunderten läßt sich nicht so einfach überwinden.
Die internationalen Auswirkungen der chronischen Krise in diesem Gebiet
und die moralischen und strategischen Verpflichtungen ausländischer Mächte
bilden die grundlegenden Schwierigkeiten. Sie erfordern aber auch ständige Fortschritte in Richtung auf eine dauerhafte Lösung. Eine aktive amerikanische Rolle
ist zwingend:
•

.

•

•

'

.

.

.

.

-- weil wir dem überleben und dem Wohlergehen Israels historisch und
moralisch verpflichtet sind;
-- weil wir wichtige Interessen in der arabischen Welt haben - ein Gebiet
mit über 150 Millionen Menschen, und den größten ölreserven der Welt;
— weil ein Ausbruch der Krise im Nahen Osten zu einer ernsten Belastung
unserer Beziehungen zu unseren Verbündeten in Europa und Japan führen würde ;
— weil eine anhaltende Instabilität das Risiko einer neuen internationalen
Ölkrise sowie eines neuen Rückschlages für die Hoffnungen der Welt auf eine wirt
schaftliche Wiedererholung in sich birgt und weil sie den Wohlstand nichtnur der
industrialisierten Welt, sondern auch der meisten Länder auf der Erde gefährdet;
und
-- weil eine Krise im Nahen Osten zwangsläufig das Risiko einer direkten
amerikanisch-sowjetischen Konfrontation mit sich bringt, und das war schon früher so, wobei seit dem Beginn die Gefahr mit jeder Krise immer größer geworden
ist.

�Wir dürfen niemals die Tatsache aus den Augen verlieren, daß die amerikanische Außenpolitik alles in ihren Kräften stehende tun muß, um alle unsere Interessen im Nahen Osten zu schützen. Angesichts unserer unausweichlichen Verwicklung - wirtschaftlich, politisch und militärisch - gibt es keine Alternative zu einem vollen und aktiven Engagement der Vereinigten Staaten in der
Friedensdiplomatie im Nahen Osten.
Seit Oktober 1973 haben wir große Anstrengungen unternommen, um den sich
bekämpfenden Parteien bei der Beilegung ihrer Meinungsverschiedenheiten zu helfen. Zwischen Israel und Ägypten und zwischen Israel und Syrien sind Entspannunnsabkommen ausgehandelt worden, die von allen Beteiligten eingehalten worden
sind. Obwohl zwar weiterhin tiefes Mißtrauen herrscht, dürften diese Abkommen
den Beteiligten gezeigt haben, daß es eine Alternative zum Krieg gibt.
Wir begrüßen die Öffnung des Suez-Kanals; wir glauben, daß die syrische
Entscheidung, das Mandat der Vereinten Nationen um sechs Monate zu verlängern,
nützlich war; und die jüngste Entscheidung der israelischen Regierung über
eine Ausdünnung und einen Abzug eines Teiles ihrer Truppen und Ausrüstungen auf
der Sinai-Halbinsel war ein konstruktiver Schritt. Wir dürfen uns ob der relativen Ruhe in den letzten Monaten nicht zur Untätigkeit einschläfern lassen;
die grundlegenden Fragen bleiben weiterhin ungelöst. Es wärt, unklug, ^ e jüngsten
Schritte - so wertvoll sie auch sind - als ein Zeichen zu wertejp, daß weiterer
Fortschritt nicht länger vordringlich sei. Die Ereignisse haben sich in den
letzten Monaten beruhigt - zu einem beträchtlichen Teil aufgrund der Erwartung
- und unserer feierlichen Zusage - daß die amerikanischen Bemühungen wieder aufgenommen würden. Wir stehen heute an einem Punkt, an dem wir uns entweder dem
Frieden oder neuen Krisen zuwenden müssen.

Wir betrachten eine Stagnation der diplomatischen Tätigkeit als eine Einladung zur Konfrontation. Wir werden weder aufgrund vorübergehender Enttäuschungen
noch großen Zornes von unserem Kurs abgehen. Der Präsident hat wiederholt erklärt, daß die Vereinigten Staaten kein Patt und keine Stagnation akzeptieren

- - 15 -

�akzeptieren werden. Wir fordern alle Parteien nachdrücklich auf, diese Worte
ernst zu nehmen, die mit Bedacht gewählt worden sind.
In den letzten Wochen hat Präsident Ford wichtige Konsultationen mit König
Hussein, Präsident Sadat, Ministerpräsident Rabin und dem stellvertretenden syrischen Ministerpräsidenten Khaddam gepflogen. Wir gehen davon aus, daß wir bald
zu einem Urteil kommen werden, wie wir weiter verfahren sollen.
Die Vereinigten Staaten werden den Kurs einschlagen, der am vielversprechendsten ist. Wir sind für die beste Methode zugänglich, seien es Interimsabkommen oder sei es die baldige Einberufung der Genfer Konferenz. Jeder Kurs hat
anerkannte Vorteile, Nachteile und Risiken. Wir sind nicht auf eine bestimmte
Methode eingeschworen, wir sind auf den Fortschritt eingeschworen.
Unser letztliches Ziel ist klar - Lösungen zu finden, die die territoriale
Integrität und das Recht auf ein Leben in Sicherheit und Frieden für alle Staaten und Völker in dieser Region gewährleistet. Die Erreichung dieses Zieles erfordert Zugeständnisse von allen Beteiligten. Wir sind entschlossen, an der Ver-.
folgung dessen festzuhalten, was wir als das fundamentale nationale Interesse
der Vereinigten Staaten betrachten - die Sicherheit und das wirtschaftliche Wohlergehen unseres Landes, unserer Verbündeten und vor allem der Völker in dem Gebiet, die es verdienen.
•

Entwicklungsländer: In den letzten Jahren sind die Probleme der neuen Nationen in der Entwicklungswelt immer dringlicher geworden.
in

i .1i

Die Stärke des Dollar, die Ausweitung des Handels, der freie Fluß der Investitionen, die Versorgung und der Preis bei Energie, Nahrungsmitteln und anderen
lebenswichtigen Rohstoffen hängen von der Lebenskraft des internationalen Wirtschaftssystems ab. Aber kein Wirtschaftssystem kann stabil sein, wenn reihenweise
Nationen sich als außerhalb stehend betrachten und ihm feindselig gegenüberstehen.

- 16 -

�gegenüberstehen. Das gegenwärtige globale Wirtschaftssystem ist groß genug,
um für das Wohlergehen von Verbrauchern und Erzeugern, Armen und Reichen, zu sorgen. Wenn es nicht alle einschließt, dann stehen wir vor einer Generation des
Wirtschaftskrieges. Die Vereinigten Staaten sind bereit, mit Verständnis und Einfall sreichtum für diesen Wandel zu arbeiten.

Aber das muß im Rahmen eines Pro-

zesses der gegenseitigen Anpassung geschehen, der die Interessen aller Nationen
garantiert. Wir werden uns nicht der Erpressung, dem Druck von Blöcken oder
ideologischen Bekundungen beugen. Wir werden unsere Interessen verteidigen, aber
wir werden auf vernünftige Argumente hören und produktive Reformvorschläge
sorgfältig überlegen.
Die Vereinigten Staaten haben bereits mit neuen Vorschlägen in einer ganzen
Reihe

lebenswichtiger Fragen für die Entwicklungswelt die Führung übernommen:

-- Um die Geißel des Hungers zu bekämpfen hat unsere Regierung aus der
Erkenntnis heraus, daß die amerikanische Lebensmittelhilfe keine langfristige
Lösung des globalen Ernährungsproblems darstellen kann, eine Welternährungskonferenz gefordert, die im November vorigen Jahres in Rom tagte. Auf dieser Konferenz haben wir andere Länder zu einer multilateralen Verpflichtung gebracht, die
Lebensmittelerzeugung zu steigern, die Finanzierung der Landwirtschaft und die
Verteilung zu verbessern und ein internationales System von Getreidereserven in
nationalem Besitz anzulegen.
-- Gegenwärtig sind 14o Länder in beispiellosen Verhandlungen über ein umfassendes neues Seerecht verwickelt. Es geht um die Ausdehnung der Hoheitsgewässer, die Sicherheit der Schiffahrtsrouten und den Zugang zu gewaltigen natürlichen Hilfsquellen. Ein Erfolg dieser Verhandlungen würde eine beispiellose
Leistung der Zusammenarbeit in einem Gebiet darstellen, das sich über drei Viertel unseres Planeten mit ungeheuren Mineral vorkommen und anderen Reichtümern erstreckt. Die Vereinigten Staaten werden eine wesentliche Anstrengung machen, um
diese Konferenz auf ihrer Schlußsitzung im März nächsten Jahres zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen
-- Was

�• Was die allgemeinere Frage der Rohstoffe angeht, so erstreben die Entwicklungsländer ein stabiles und faires Einkommen aus Waren, die für ihre Entwicklungsprogramme zentral sind. Wir wiederum erstreben eine zuverlässige Versorgung unserer Industrie. Die Vereinigten Staaten haben daher neue internationale Regeln und Verfahren für den Zugang zu Versorgungsquellen und Märkten vorgeschlagen; Erörterungen über neue Vereinbarungen für den Warenhandel jeweils
von Fall zu Fall sowie neue Wege zur Finanzierung der Rohstoffentwicklung in den
Erzeugerländern.
All diese Fragen werden auf einer Sondersitzung der Vollversammlung der
Vereinten Nationen im September behandelt worden. In enger Zusammenarbeit mit
dem Kongreß arbeiten wir gegenwärtig konkrete Details aus, und wir erhoffen uns
schöpferische Vorschläge für diese Sitzung. Wir haben die Absicht, unter vollem
Schutz der Interessen unseres Landes, kontroverse Fragen mit Realismus, Einfallsreichtum und Verständnis einer Lösung zuzuführen. Wir hoffen, daß andere uns
im gleichen Geist begegnen werden.
Die Aufgaben im eigenen Lande: Vor uns liegt eine lange Tagesordnung. Der
Frieden und die Prosperität künftiger Generationen hängt von den Entscheidungen
ab, die wir heute treffen. Die Wahl ist relativ einfach: Entweder wir nutzen unsere Stärke und unsere Möglichkeiten zum Guten, oder andere werden ihre Stärke zur
Erreichung von Zielen benutzen, die mit unseren Wertvorstellungen unvereinbar sind.
Die Probleme, vor denen wir stehen, sind so gewaltig, und die Antworten sind so
komplex.,- und die Möglichkeiten sind so weitreichend - daß man sich an das letzte
Quartal des 20. Jahrhunderts entweder als eine neue Periode der amerikanischen
Führung und schöpferischen Kraft oder als eine Zeit des wachsenden Chaos und der
wachsenden Verzweiflung erinnern wird.
Es ist daher an der Zeit, daß wir dem Selbstzweifel und dem Zynismus, die
das Leben Amerikas einen so großen Teil des letzten Jahrzehnts gekennzeichnet
und verschandelt haben, ein Ende bereiten. Es ist an der Zeit, daß wir uns daran erinnern, daß Amerika in der Vergangenheit Großes geleistet hat, und daß es
noch Größeres zu leisten gilt.
In

�In unserer pluralistischen Gesellschaft hängt das nationale Handeln von der
Unterstützung durch alle Bürger ab - nicht nur in der Regierung, sondern auch in
den freien Berufen, in Wirtschaft und Arbeit, an den Universitäten, in den Städten
und auf dem Lande - in ganz Amerika. Diese Menschen haben zu Millionen seit über
einer Generation ein einsichtiges internationales Engagement unterstützt, denn
sie wußten im Herzen, daß die größte Nation der Welt nicht von ihrer Umwelt
isoliert, bleiben konnte. Und heute,'in einer neuerlichen Zeit der Entscheidung,
wird es wieder das amerikanische Volk sein, das, so wie es richtig ist, entscheiden wird, welchen Kurs sein Land einschlagen soll.
An dem Resultat dieses EntScheidungsprozesses kann es keinen Zweifel geben.
Das amerikanische Volk wird entscheiden, daß sein Land die Säule der Stabilität
und die Vision der Hoffnung bleiben soll, die es zwei Jahrhunderte lang gewesen
ist. Es wird unsere Führung in der Suche nach einer neuen, dauerhaften, gerechten und friedlichen internationalen Ordnung unterstützen.
Amerika hat sich in seiner ganzen Geschichte immer als zur Erneuerung und
zur Größe fähig erwiesen. Die Siedler, die an die Küsten einer Wildnis kamen;
die Gründerväter, die die einzige Revolution in der Welt vollbracht haben, die
niemals in eine Tyrannei ausartete; die Pioniere, deren Augen immer auf den
Horizont gerechtet waren; die Unternehmer, die amerikanische Produktivität und
Leistungsfähigkeit zum Weltstandard gemacht haben; die Soldaten und Staatsmänner
unseres Jahrhunderts, die eine große und konstruktive Weltmacht aufgebaut haben;
und die schöpferischen Köpfe einer demokratischen Gesellschaft, die Männern und
Frauen auf der ganzen Welt den Atem und den Geist der Freiheit geschenkt haben
- sie alle bilden die Grundlage, auf der wir bauen und die Tradition, die wir
fortsetzen wollen.
Gleiche und getreue Gerechtigkeit für alle Menschen - so hat Thomas Jefferson das Ziel unseres nationalen Geschicks im eigenen Lande und draußen definiert.
Und er fügte hinzu: "Sollten wir jemals in Augenblicken des Irrtums oder der

- 19 -

�'

der Angst abweichen, dann wollen wir rasch unsere Schritte zurücklenken und
wieder
führt", auf den Weg zurückkehren, der allein zu Frieden, Freiheit und Sicherheit
•

Wir befinden uns heute in einem solchen Augenblick, und wir werden unseren
Weg nicht verfehlen.

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13/1975

NATO UND GEMEINSAME SICHERHEIT
Von US-Verteidigungsminister James R. Schlesinger

(Dar amerikanische Verteidigungsminister
hat in der Mai/Juni-Ausgabe des NAT0Briefs die Konzeption der gemeinsamen
Sicherheit in der NATO erläutert.
Wir geben den Artikel mit freundlicher
Genehmigung wieder.)

Was den größten Teil Europas angeht, so endete der Zweite Weltkrieg im
Frühjahr vor 30 Jahren. Und es ist fast 25 Jahre her, daß sich viele der
NATO-Länder zusammenschlössen, um im Rahmen der Charta der Vereinten Nationen
die Invasion in Südkorea zurückzuwerfen. Das Bündnis besteht nun seit 26
Jahren, und es kann sich rühmen, daß es die gemeinsame Sicherheit seiner Mitglieder gewährleistet hat. Aber für viele unserer Bürger, vor allem in der
jüngeren Generation sind diese Erfahrungen - und die Bedingungen, die zur
Gründung der NATO geführt haben - so weit in die Ferne gerückt, daß sie beinahe bedeutungslos erscheinen. Die Welt, so sagen vor allem die Jungen, hat
sich verändert; es ist eine Entspannung eingetreten; die Denkweise des Kalten
Krieges ist überholt; militärische Macht ist irrelevant geworden.
Es ist nicht schwer, zuzugeben, daß sich die Welt seit 1945, 1949 und
1950 verändert hat. Die Veränderungen sind jedoch nicht trotz der NATO, sondern
eben wegen der NATO eingetreten.

Daß jetzt dreißig Jahre ohne einen direkten

�direkten Konflikt zwischen den Großmächten verstrichen sind, ist nichts anderes als das Ergebnis der Institutionen und der militärischen Fähigkeit
des Bündnisses. Und es besteht guter Grund zu der Annahme, daß es, wenn es
weitere Verbesserungen geben soll, nur dann dazu kommen wird, wenn wir eine
festgefügte Beziehung unter den westlichen Mächten aufrechterhalten und
weiterhin eine starke, einsatzbereite und moderne Verteidigung dislozieren.

Die Mittel der anderen Seite
Die Sowjetunion und die anderen Mitglieder des Warschauer Paktes haben
sich unter ihrer gegenwärtigen Führung als relativ vorsichtige Mächte gezeigt. Trotzdem könnten weiterhin Herausforderungen unserer beiderseitigen
Interessen auftreten, selbst wenn kein Mitglied des Warschauer Paktes den
Wunsch haben mag, solche Herausforderungen herbeizuführen. Die Zukunft ist
von Ungewißheit überschattet, aber es kann kein Zweifel an den großen und
wachsenden Kapazitäten bestehen, die die UdSSR zur Verfügung hat. An amerikanischen Preisen gemessen wenden die Sowjets heute mehr Mittel für die meisten
der wichtigen Gebiete der Verteidigung auf als die Vereinigten Staaten. Auf
dem Gebiet der Forschung und Entwicklung übertreffen sie die USA um 20 Prozent, auf dem Gebiet der Mehrzweckstreitkräfte um 20 Prozent, in der Beschaffung um 25 Prozent und auf dem Gebiet der strategischen Offensivnuklearwaffen sogar um 60 Prozent.
Darüber hinaus haben die Sowjets mit der größten Dislozierung von verbesserten strategischen Kapazitäten in der Geschichte des nuklearen Wettrüstens begonnen. Wie weit diese Entwicklung gehen wird, wissen wir noch
nicht. Aber wir dürfen davon ausgehen, daß neue Interkontinentalraketen
(ICBM) - mit größerer Nutzlast, Mehrfachgefechtsköpfen (MIRV) und größerer
Treffsicherheit - zusammen mit wesentlichen Verbesserungen einer seegestützten Raketenstreitmacht den Sowjets selbst mit den Beschränkungen des
Übereinkommens von Wladiwostok eine zunehmend starke strategische Offensivstreitmacht an die Hand geben wird.
Gleichzeitig

�Gleichzeitig haben die Sowjets den Ausbau ihrer Mehrzweckstreitkräfte
fortgesetzt und stellen weiterhin anderen Staaten in großem Umfang Militärhilfe zur Verfügung.

Eine der eindrucksvollsten Leistungen der Sowjets

während der letzten zehn Jahre ist der Ausbau ihrer Streitkräfte im Fernen
Osten auf über 40 Divisionen ohne eine Verminderung ihrer Kapazität westlich
des Ural.

Ja es ist sogar so, daß im letzten Jahr die auf die NATO hin

orientierten Streitkräfte des Warschauer Paktes qualitativ und quantitativ
weiter verbessert worden sind.

Moderne Abschreckung
Eine relativ geschlossene und undemokratische Gesellschaft wie in der
Sowjetunion hat keine Schwierigkeiten, auf der einen Seite die Entspannung
zu betreiben und gleichzeitig die Verteidigungsanstrengungen weiter zu stärken. Unter solchen Umständen sollte sich das Bündnis keinen Illusionen hinsichtlich der Notwendigkeit hingeben, ein militärisches Gleichgewicht mit
all den dazu gehörenden Fähigkeiten aufrechtzuerhalten.
Seit über einem Jahrzehnt wird allgemein akzeptiert, daß eine glaubwürdige Abschreckung auf drei Säulen - einer Triade - strategische Nuklearwaffen, taktische Nuklearwaffen und herkömmliche Streitkräfte - beruhen muß.
Jede dieser Komponenten bietet jeweils eine Abschreckung vor der Einleitung
eines Konflikts auf strategischer, taktisch nuklearer und konventioneller
Ebene, und zusammen wirken sie ineinander, um die Abschreckung auf dem gesamten Spektrum möglicher Konflikte zu stärken. Wenn wir nicht die gesamte
Triade einsatzbereit zur Verfügung haben, dann könnte sich ein Gegner versucht fühlen, die Lücken in unserer Abschreckung zu nutzen.
Es muß in diesem Zusammenhang unterstrichen werden, daß es nicht möglich
ist, eine Abschreckung getrennt von den Kapazitäten für eine ausreichende und
wirksame Verteidigung anzustreben. Die entscheidende Vorbedingung für die Abschreckung ist eine Verteidigungskapazität, die das Potential für wirksame

- 3 -

�wirksame und glaubwürdige Gegenaktionen bietet.

Diese simple Wahrheit tritt

besonders in Zeiten der Krise zutage, wenn nur für eine

"Abschreckung"

vor-

gesehene Streitkräfte sowohl beim Gegner als auch bei demjenigen, der sie
einsetzen soll, in zunehmendem Maße an Glaubwürdigkeit verlieren würden.

Die strategische Abschreckung
•

Nach dem Urteil der Vereinigten Staaten hängt eine glaubwürdige strategische Nuklearabschreckung von vier wichtigen Bedingungen ab.

Erstens, wir

müssen mit der Sowjetunion eine grundsätzliche Gleichwertigkeit in den Grundfaktoren aufrechterhalten, die die Wirksamkeit von Streitkräften ausmachen.
Wegen der Ungewißheit der Zukunft und der Form, die ein künftiges Wettrüsten
annehmen könnte, dürfen wir es nicht zulassen, daß sich wesentliche Asymetrien
in den kombinierten Eigenschaften von Nutzlast, Treffsicherheit, Verhältnis
von Wirkung und Gewicht, Zuverlässigkeit und anderen Faktoren entwickelt, die
zur Wirksamkeit von strategischen Waffen und zu den Vorstellungen beitragen,
die sich andere Nationen vom strategischen Kräfteverhältnis machen.
Die zweite Voraussetzung ist eine äußerst überlebensfähige Streitmacht,
die jederzeit in Reserve gehalten und gegen die wirtschaftliche Basis des
Gegners gerichtet werden kann. Diese Streitmacht soll dazu dienen, vor einem
zwingenden oder verzweifelten Angriff auf die wirtschaftliche Basis oder die
Bevölkerungszentren des Bündnisses abzuschrecken.
Die dritte Bedingung ist das Vorhandensein einer Streitmacht, die als
Antwort auf feindselige Handlungen eine Vielzahl begrenzter vorgeplanter Optionen ergreifen und rasch auf Befehle für eine neue Zielplanung (Umplanung)
reagieren und damit vor jeder Art von Angriff abschrecken kann, die ein potentieller Gegner planen könnte. Diese Streitmacht sollte in gewissem Umfang
in der Lage sein, feste Ziele - einschließlich Mittelstreckenraketen (MRBM)
und ballistische Flugkörper mittlerer Reichweite (IRBM) - zu vernichten, obwohl wir es vorziehen würden, wenn beide Seiten auf wesentliche Gegenschlagkapazitäten verzichteten und sich auf eine gerechte und billige Verringerung

�I

Verringerung ihrer strategischen Offensivstreitkräfte konzentrierten.

Wir

sind jedoch nicht geneigt, den Sowjets auf diesem Gebiet einen einseitigen
Vorteil zuzugestehen.

Dementsprechend werden unsere Dislozierungsprogramme

davon abhängen, wie weit die Sowjets bei der Entwicklung einer eigenen Gegenschlagkapazität gehen werden.

Unsere Streitmacht muß ferner über treff-

sichere Waffen mit niedriger Sprengwirkung verfügen, mit denen

"weiche"

Ziele angegriffen werden können, ohne daß ein weitreichender Gesamtschaden
entsteht.

Als Ergänzung brauchen wir schließlich ein bescheidenes Programm

für strahlensichere Schutzräume der Zivilbevölkerung, vor allem für den Fall,
daß militärische Ziele angegriffen werden sollten.
Die vierte Voraussetzung ist ein so weiter Bereich und eine solche Vielzahl von Kapazitäten, daß jeder - Freund oder Feind - sich darüber im klaren
ist, daß wir es mit dem stärksten Gegner aufnehmen können. Wir dürfen auf
diesem höchst gefährlichen Gebiet nicht das Risiko eingehen, daß falsche Vorstellungen zu Fehlschlüssen, zur Konfrontation und zur Krise führen.

Die taktische Abschreckung
In einem Zeitalter der nuklearen Parität wäre wohl kaum jemand über eine
Strategie zur Verteidigung Westeuropas glücklich, die stark von einer frühen
Zufluchtnahme zu einem strategischen Nuklearschlagaustausch abhängig wäre.
Fast jeder von uns würde bei nüchterner Betrachtung der Fakten zustimmen, daß
eine nicht-nukleare Verteidigung Westeuropas möglich ist. Es ist ferner vom
Standpunkt der Abschreckung ganz wesentlich, daß zu jeder Zeit hinter einer
solchen Verteidigung zu ihrer Verstärkung taktische Nuklearwaffen stehen.
In Übereinstimmung mit der NATO-Strategie der flexiblen Antwort (flexible
response) schließen wir den taktischen Einsatz von Nuklearwaffen durch das
Bündnis nicht aus, wenn sich als notwendig erweisen sollte, einen konventionellen Großangriff des Warschauer Paktes aufzuhalten und zurückzuschlagen.
Im übrigen verringert die Existenz dislozierter konventioneller Streitkräfte
und taktischer Nuklearstreitkräfte in ausreichender Stärke die Gefahr, daß
sich der Warschauer Pakt versucht fühlen könnte, den Zusammenhalt und die Ent- 5 -

�Entschlossenheit des Bündnisses auf die Probe zu stellen.
In allen NATO-Ländern wird ein starker Druck spürbar, die Streitkräfte
zu verringern, vor allem die konventionellen Streitkräfte mit ihren hohtn
personellen Anforderungen und Kosten.

Diesem Druck dürfen wir nicht nach-

geben, ja wir müssen ihn überwinden, wenn wir für eine ausreichende Verteidigung und für eine angemessene Verhandlungsposition gegenüber den Warschauer
Pakt sorgen wollen.
Die NATO verfügt selbst heute bei all unseren wirtschaftlichen Schwierigkeiten über die Fähigkeit und die Mittel, um ein ausgeglicheneres Kräfteverhältnis mit dem Warschauer Pakt zu erreichen, vor allem in Mitteleuropa.
Es ist weit besser, wenn wir in diesem kritischen Gebiet eine Vorne-Verteidigung aufrechterhalten und vor feindlichen Aktionen abschrecken, als wenn
wir wegen unzureichender Kräfte ein Versagen der Abschreckung riskieren. Darüber hinaus übt die Stärke in der Mitte einen heilsamen Einfluß auf die Flanken der NATO aus. So lange die Länder des Warschauer Pakts wissen, daß die
Kräfte in der Mitte stark und mobil sind, werden sie sich auch an den schwächeren nördlichen und südlichen Flanken einer größeren Zurückhaltung befleißiger..
Ja, sie sollten sich darüber im klaren sein, daß die NATO zwar ein Verteidigungsbündnis ist und der gemeinsamen Sicherheit dient, daß sie jedoch offensive Maßnahmen auf einem Schauplatz nicht unbedingt ausschließt, sollte es.
auf einem anderen zu einer Aggression kommen.
In der NATO (und übrigens auch im Warschauer Pakt) gibt es große Anfälligkeit und Probleme der Streitkräfteplanung. Trotz ernsthafter alliierter Anstrengungen, die militärischen Kapazitäten der NATO zu verbessern und die Anfälligkeiten zu verringern, bleiben die Einheiten der amerikanischen Armee und
Luftwaffe in Europa ein entscheidender numerischer und psychologischer Faktor
in dem gegenwärtigen, etwas unsicheren Gleichgewicht. Wenn sie abgezogen oder
stark verringert würden ohne eine entsprechende Gegenleistung der UdSSR, dann
wäre es um eine gemeinsame Fähigkeit zur Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts
in Mitteleuropa schlecht bestellt. Darüber hinaus würden wir die Grundlage
für eine rasche Verstärkung von den Vereinigten Staaten her verlieren, um ein

�ein Gegengewicht gegen einen starken sowjetischen Aufbau schaffen zu können,
der unter relativ normalen Umständen oder in einer Krise geschehen könnte.
Nach dreißig Jahren könnte der Friede
Nachdem

Europas erneut auf dem Spiele stehen.

wir jetzt die Früchte der Standhaftigkeit einer Generation ernten,

ist es nicht an der Zeit für einen Rückzug.

Verringerungen der Streitkräfte der NATO und des Waraschauer Paktes
wären zu begrüßen - vorausgesetzt, daß es sich um beiderseitige und ausgewogene Truppenverringerungen handelt.

Ohne eine solche Beiderseitigkeit

spricht vieles, wenn nicht alles, selbst nach 25 Jahren für eine verstärkte
militärische Position der NATO.

Trotz eines bedeutsamen Abbaus des Standes

der amerikanischen Streitkräfte seit 1969, trotz der Entspannung,

trotz eines

starken sowjetischen Aufbaus an der sino-sowjetischen Grenze müssen wir bei
der Planung im Bündnis folgende Tatsachen in Rechnung stellen:

- Die Sowjetunion allein hat in Ostdeutschland, Polen und der Tschechoslowakei noch immer 27 ihrer Elitedivisionen disloziert.

Weitere vier sowjetische

Divisionen stehen in Ungarn.

- Weitere Streitkräfte des Warschauer Paktes bringen die Gesamtzahl in
dem

"Richtlinien-Gebiet" auf rund 58 Divisionen mit über 930 000 Mann und

rund 2900 taktischen Flugzeugen.

- Die Landstreitkräfte des Warschauer Paktes verfügen über mehr als
16 000 Panzer und gehen von einer taktischen Doktrin rascher gepanzerter Vorstöße aus, die stark an das erinnert, was wir einmal Blitzkrieg nannten.

Künftige Schritte

Das öffentliche Gesetz Nr. 93-365 (das sogenannte Nunn-Amendment) bietet
den Vereinigten Staaten die Möglichkeit und den Anreiz, ihren NATO-Beitrag zu
verbessern.

Die geänderte gesetzliche Bestimmung versetzt uns in die Lage,

die amerikanischen Kampftruppen in Mitteleuropa zu verstärken, vorausgesetzt
- 7-

�vorausgesetzt wir halten die Gesamtpersonal stärke in Europa konstant auf
der gleichen Höhe. Wir machen in dieser Hinsicht sogar bereits Fortschritte.
Im Kalenderjahr 1975 sollte es uns möglich sein, zwei zusätzliche Kampfbrigaden und andere Landeinheiten in Mitteleuropa zu dislozieren und die
amerikanische Luftwaffe zu verstärken.

Diese Aufstockungen sollten unser

Vertrauen in unsere Fähigkeit stärken, einem Angriff der dislozierten Streitkräfte des Warschauer Paktes widerstehen zu können.
Eine größere Stärke in dieser Hinsicht erhöht auch die Chance der NATO,
Verstärkungen - zu Lande und zur Luft - in einem Tempo heranführen zu können,
das uns in die Lage versetzt, einen viel größeren Angriff zurückschlagen zu
können, dessen der Warschauer Pakt nach einer Periode der Mobilisierung und
Dislozierung fähig wäre.

In dieser Hinsicht ist es von höchster Bedeutung,

daß das Bündnis vier Programme durchführt: weitere Verbunkerung taktischer
Flugzeuge; Standardisierung von Waffen und Spezialisierung der Aufgaben;
Ausbau der Aufnahmeeinrichtungen für die massiven Verstärkungen, die die
Vereinigten Staaten im Falle einer Krise heranzuführen entschlossen sind;
und Schaffung einer zentralen Reserve für den Obersten Alliierten Befehlshaben Europa.
So wie wir uns daran machen müssen, die NATO zu stärken, um einen sowjetischen Aufbau auszugleichen und die Abschreckung zu festigen, so müssen wir
auch weiterhin auf einen Fortschritt bei den Verhandlungen über einen beiderseitigen und ausgewogenen Truppenabbau in Europa hinarbeiten. Dies sind miteinander vereinbarte und sich ergänzende Ziele, und das amerikanische Verteidigungsministerium wird bei den Bemühungen um eine Erreichung dieser Ziele
mitarbeiten.
Die Vereinbarung von Wladiwostok, eine gemeinsame Höchstgrenze für die
strategischen Systeme der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu setzen,
könnte durchaus als Beispiel und Präzedenzfall für unsere Verhandlungen in Wien
dienen. Und so, wie wir der Überzeugung sind, daß es den Interessen beider
Seiten dienen würde, die vereinbarten Höchstgrenzen für die zentralen strategischen Systeme nach gerechten und billigen Richtlinien zu senken, sc sind
- 8 -

�sind wir überzeugt, daß die NATO und der Warschauer Pakt davon profitieren,
wenn es eine gemeinsame Höchstgrenze auf niedrigerem Stand für ihre konventionellen Streitkräfte in Mitteleuropa gäbe.
Eine solche gemeinsame Höchstgrenze entspräche sicherlich dem Prinzip
der Gleichheit, für das sich die UdSSR so lange erklärt hat. Bis jedoch diese
glückliche Zeit einmal angebrochen ist, muß die NATO weiterhin ihre Streitkräfte verstärken.

In einer turbulenten Welt gibt es keinen Ersatz für die

gemeinsame Sicherheit und die Abschreckung, die diese Streitkräfte bieten.

+ + + + +

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13/1975

SIMON STECKT WIRTSCHAFTSPOLITISCHEN KURS DER USA AB
-Rede des US-Finanzministers vor dem Amerikanischen BankiersverbandDer amerikanische Finanzminister
William E. Simon hat in einer programmatischen Rede vor dem Amerikanischen
Bankiersverband in Amsterdam am 13.
Juni den wirtschafts-und währungspolitischen Kurs seines Landes aufgezeigt
und die Bereitschaft der USA zur internationalen Zusammenarbeit unterstrichen.
Wir geben die Ausführungen Simons in wesentlichen Auszügen wieder.

Um den Dollar stark zu erhalten

ist die wesentliche Voraussetzung die Gewähr-

leistung einer lebendigen, inflationsfreien Wirtschaft im eigenen Lande. Das ist
die wahre Verteidigung des Dollar und stellt den wichtigsten Einzel bei trag zur Gesundheit der Weltwirtschaft dar, den wir leisten können
Wenn wir jetzt aus dieser derzeitigen Rezession herauskommen, dann müssen
wir nach unserer Auffassung mit einem hohen Maß an Vorsicht vorgehen. Das zentrale
Ziel unserer Binnenwirtschaftspolitik ist, eine Periode eines anhaltenden, dauerhaften wirtschaftlichen Wachstums zu erreichen, ohne daß es zu einem Wiederaufleben
der Inflation kommt. Es gibt heute reichliche Beweise dafür, daß natürliche zyklische Kräfte in der Wirtschaft zusammen mit einer expansionistischen Politik der
Regierung uns aus der Rezession herausführen. Die Regierung überläßt die Dinge
sicherlich nicht dem Zufall. Die größte Steuersenkung in unserer Geschichte übt
gegenwärtig einen positiven Einfluß auf die Wirtschaft aus, was auch für die

�die gegenwärtigen Haushaltsdefizite gilt. Außerdem hat die Bündeszentralbank die
Konditionen auf dem Geldmarkt erheblich erleichtert und der Vorsitzende des Bundeszentral bankrates, Arthur Burns, hat erst kürzlich angedeutet, daß die Bundeszentralbank weiterhin den Prozeß der wirtschaftlichen Gesundung durch eine fünf
bis siebeneinhalb prozentige Ausweitung der Geldmenge unterstützen werde.
Bei der Ankurbelung der Wirtschaft dürfen wir jedoch nicht der Versuchung
erliegen, es zu einer überhitzung kommen zu lassen.
Der Versuch, die Probleme der Arbeitslosigkeit unmittelbar aus der Welt zu
schaffen, ist verführerisch, aber ein solcher Kurs würde auf lange Sicht nur zu
einer Wiederholung des leidigen Zyklus von konjunktureller überhitzung und konjunkturellem Rückgang führen, wie wir ihn aus der Vergangenheit kennen, und würde
Millionen Amerikaner - ganz zu schweigen von den Bürgern anderer Staaten, deren
wirtschaftliches Schicksal eng mit dem unseren verknüpft ist - zu Jahren weiterer Not und weiteren Elends verdammen. Wir sind daher - auch auf die Gefahr großer
politischer Risiken - entschlossen, eine ausgewogene Wirtschaftspolitik zu verfolgen - eine Wirtschaftspolitik , die nicht nur im Hinblick auf das nächste Jahr,
sondern auch im Hinblick auf die darauffolgenden Jahre, vernünftig ist.
So kann ich Ihnen denn heute auch berichten, daß wir die feste Absicht haben,
den Wert des Dollar in Zukunft noch besser zu schützen.
Eine Debatte über den Dollar führt natürlich sofort zu unterschiedlichen Auffassungen in der Frage der Wechsel kurspolitik. Im Gegensatz zu denjenigen, die der
Ansicht sind, daß wir wieder versuchen müßten, zu einem starreren internationalen
Währungssystem oder sogar zu einem auf Gold basierenden zurückzukehren » bin
ich ein starker Befürworter eines mehr flexiblen Systems, das die Vielfalt der
realen Welt widerspiegelt und den Staaten eine größere Entscheidungsfreiheit in
bezug auf spezifische Wechselkursvereinbarungen läßt, sofern sie in Übereinstimmung mit dem vereinbarten Kodex internationalen Verhaltens handeln. Außerdem
setzen sich die Vereinigten Staaten für ein System ein, in dem das Gold eine weniger bedeutsame Rolle spielt, damit wir die destabilisierenden Auswirkungen dieses

�i
Metalls auf das Währungssystem eingrenzen können. Dieses Ziel findet weitgehend Zustimmung und der Interimsausschuß der Minister des Internationalen Währungsfonds
hat formell seine Zustimmung gegeben, sich um Vereinbarungen zu bemühen, "die
sicherstellen, daß die Rolle des Goldes im internationalen Währungssystem allmählich abgebaut wird."
Inzwischen hat die Kombination von flexiblen Kursen und informellen Konsultationen zwischen den Regierungen,die sich in den letzten Jahren entwickelt hat,
bemerkenswert gut funktioniert. Sie brauchen sich nur zu fragen, wie wohl ein
starreres internationales Währungssystem auf die Erschütterungen reagiert haben
würde, die durch das ölembargo und die Einschränkung der ölförderung, durch den
Wirtschaftsboom und die Rezession und durch die weit auseinanderliegenden Inflationsraten der verschiedenen Länder ausgelöst wurden.
Es steht wohl außer Zweifel, daß wir ohne die größere Flexibilität der Wechselkurse gewaltige, destabilisierende Bewegungen von Währungsreserven und Schließungen von Devisenbörsen, wie in der Vergangenheit, erlebt hätten. Außerdem sollten
wir nicht vergessen, daß man das alte System aufgegeben hat, weil es nicht funktionierte: es ermutigte lediglich die Spekulation, führte zu häufigen Abwertungen
und erlaubte es den Ländern, die der Inflation die Zügel schießen ließen, sich
gesundzustoßen, indem sie die eigene Inflation in andere Länder "exportierten".
Wenn ich auch nicht behaupten will, daß ich solche Erfahrungen besitze, um ein
System aufzuzeigen, das für alle Zeiten funktionieren wird, so glaube ich doch,
daß sich eine Rückkehr zu einem starreren internationalen Währungssystem zu dieser
Zeit als zerstörerisch für den Welthandel und die internationalen Investitionen
erweisen und nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für die Wirtschaftssysteme der anderen Länder schädlich sein würde.
Wir

sollten uns auch klar darüber sein, wie stabil der Dollar im Verhältnis

zu anderen Währungen in dieser Zeit des weitverbreiteten Floatens gewesen ist.
In richtiger Relation zu einem entsprechend gewichteten Durchschnitt anderer Währungen gesehen, hat sich sein Wert im Verlauf der vergangenen drei Monate um
drei Prozent erhöht; ja der Dollar ist heute stärker als vor einem Jahr und er
- 3 -

�er ist heute fast genau so viel wert wie Anfang 1973, als das allgemeine Floaten der Währungen begann. In dieser Zeit ist der Dollar in der Tat die stabilste
der fünf Hauptwährungen der Welt gewesen.
Von einigen Seiten ist Besorgnis über das Ansteigen der Währungsreserven
im Jahre 1974 und in

den ersten Monaten des Jahres 1975 geäußert und die Mei-

nung vertreten worden, daß diese exzessive internationale Liquidität - vor allem
in Form von Dollarguthaben - den Anstoß zu einer weltweiten Inflation gegeben
habe. Dabei wird auf ähnliche in früheren Jahren geäußerte Besorgnisse verwiesen,
als sich bei europäischen und japanischen Währungsinstituten die Reserven anhäuften. Blickt man jedoch genau in die Statistiken, so zeigen sich bedeutsame
Unterschiede zwischen der Situation früherer Jahre und der von heute. In jenen
Jahren waren verschiedene Länder, die Reserven anhäuften, der Meinung, daß diese
Reserven eine Kreditrestriktion im Inland erschweren würden, und in einigen Fällen wurde die Kapitaleinfuhr unter Kontrolle gestellt, um eine restriktive Kreditpolitik zu erleichtern. Im Gegensatz dazu waren fast alle der Nettozugänge an
Reserven im vergangenen Jahr, wie der Internationale Währungsfonds berichtet,
bei den größeren öl exportierenden Ländern, nicht aber bei den Industriestaaten,
zu verzeichnen.

Zahlreiche ölverbraucher konnten Verluste an Reserven nur dadurch vermeiden,
daß sie Kredite in anderen Ländern aufnahmen oder Anreize für Kapitalzuflüsse ooten, um die erhöhten Zahlungen an die Erdölexporteure leisten zu können. Einige
der öl importierenden Länder bekamen unseres Erachtens zu spüren, daß die internationalen Ströme liquider Mittel die Währungspolitik im eigenen Lande beeinträchtigten, die auf eine Eindämmung des inflationistischen Drucks abgestellt war.
Wir haben ferner Zweifel an der Nützlichkeit und Gültigkeit der Statistiken über
internationale Reserven. Wir wissen zun Beispiel, daß nicht alle liquiden Investitionen der Ulförderlander von den Statistiken über Reserven erfaßt werden.
Und auf der anderen Seite wissen wir, daß die Auslandsinvestitionen der meisten
öl Produzenten nicht erfolgen, um an den Devisenmärkten zwecks Erhaltung der
Wechselkurse zu intervenieren; sie sind eine temporäre Anlage für den eigenen
Reichtum. Unter diesen Umständen aber beginnt diese Konzeption der Reserven

- 4 -

&lt;

�Reserven nutzlos zu werden. Außerdem s nd die berichteten Zunahmen der Reserven
vorwiegend be&lt; Regierungen angefallen und sie wurden durch eine zielbewußte
Regierungspolitik erzielt - es handelte sich nicht um unerwünschte Zuflüsse
von Geldern, d e durch eine relativ restriktive Kreditpolitik angezogen worden
waren» Die Situation der Reserven ist somit heute wesentlich anders gelagert
als in früheren Jahren.
Meine Ausführungen sollen natürlich nicht besagen, daß die höheren ölpreise
nicht inflationär wirkten, sondern nur, daß ihr Beitrag zur Inflation in erster
Linie auf die Auswirkungen, d^e s^e auf die Produktionskosten in den Verbraucherländern hatten, und nicht auf den in den Statistikenausgewiesenen höheren Gesamtbetrag der liquiden Reserven der Welt zurückzuführen ist,

- Anhebung der ölpreise Ich muß zugeben, daß wir durch ein Versagen in unserer Politik im Inland
die ausländischen öl Produzenten geradezu eingeladen haben, daraus Nutzen zu ziehen, obwohl wir der festen Auffassung sind, daß ihre Politik falsch ist und sich
als ihren eigenen Interessen abträglich erweisen wird*
Durch unsere Saumseligkeit, die Warnungen derer zu beherzigen, die vor über
20 Jahren die Energiekrise kommen sahen, haben wir die Saat für diese Krise gesät. Weil wir unsere Verbrauchsgewohnheiten nicht schneller änderten, um £nergie einzusparen, ließen wir es zu, daß die höheren Importpreise länger auf ihrem
hohen Stand verharrten, als dies sonst der Fall gewesen wäre. Und weil wir zögerten, die Notwendigkeit, neue Energiequellen zu entwickeln, zu akzeptieren,
haben wir dem Kartell Grund zu der Annahme gegeben, es könne seine Preise ungestraft weiter erhöhen.
... Wir sind von den öl Produzenten in den letzten Wochen gewarnt worden,
daß sie für den Herbst eine weitere starke Preisanhebung beabsichtigen, und
einige haben versucht, d*ese Preisanhebung mit einem angeblichen Rückgang
ihrer Kaufkraft im Jahre 1974 um 35 Prozent zu rechtfertigen. So lange wir

- 5-

�wir kein wirksames Energieprogramm haben, könnten solche Preisanhebungen durchsetzbar sein, doch sollte es über die von ihnen zur Rechtfertigung dieser Preisanhebung angewandte nackte Demagogie keinen Zweifel geben. Der IWF-Index, der für
den Verlust an Kaufkraft angeführt wird, ist um 35 Basispunkte gestiegen; wie der
Index jedoch zeigt, ergab sich dieser Anstieg aus der Änderung ihrer Preise um
24 Prozent, und von diesem Betrag läßt sich zumindest ein Drittel in der Tat auf
frühere Anhebungen der öl preise zurückführen. Tatsächlich haben die öl Produzenten
die weltweite Inflation durch ihre Politik noch verschlimmert und jetzt behaupten
sie, daß sie aufgrund dieser Inflation berechtigt sind, weitere Preiserhöhungen
vorzunehmen. Ferner hat sich seit 1955 die Preisspanne zwischen ihren ölexporten
und den von ihnen importierten Gütern um das fünffache erhöht und seit 1960 sind
die Exportpreise für öl gegenüber ihren Importpreisen um das siebenfache gestiegen.
Versuche, eine neue ölpreisanhebung auf der Basis der gesunkenen Kaufkraft
zu rechtfertigen, sind genau so verlogen wie die Versuche, frühere Preisanhebungen .
auf der Basis der Preissteigerungen bei anderen Gütern zu rechtfertigen. Das
OPEC-Kartell hat oftmals einen Anstieg der Weizenpreise auf das Vierfache, eine Er-,
höhung des Preises für pflanzliche öle um 1 200 Prozent und ein Anziehen des Zuckerpreises um 2 700 Prozent als Grund für die Anhebung der ölpreise angeführt. Dieses
Argument ignoriert einfach verschiedene grundlegende Realitäten. Eine ist die Tatsache, daß diese anderen Waren zwangsläufig auf freien Märkten gehandelt werden
und Preisänderungen eine direkte Folge der Veränderungen von Angebot und Nachfrage
sind. Dies wurde auch an der Tatsache deutlich,,daß die Weizenfarmer ihren Anbau
steigerten, als die Preise anzogen; im Gegensatz hierzu hat das ölkartell die Förderung eingeschränkt, als die Preise stiegen. Zweitens muß betont werden, daß es
bei diesen anderen Waren sowohl Preisrückgänge als auch Preissteigerungen gab. Der
Weizenpreis auf dem amerikanischen Markt liegt jetzt fast 50 Prozent niedriger als
Anfang 1974 und Rohzucker ist von einem Spitzenpreis von 65 Cent/lb auf 15 Cent/lb
heute zurückgegangen.

Wenn die OPEC-Länder wirklich den Preistrends bei anderen Waren folgen würden,
dann würden die Verbraucher heute weit weniger für öl zahlen - und den Interessen
der gesamten Welt wäre damit gedient.
Ich

�Ich möchte hoffen, daß unser Kongreß nicht nur durch die wachsende Verwundbcrkeit der Vereinigten Staaten, sondern auch durch die Erkenntnis zum Handeln
aniespornt wird, daß die Politik der OPEC-Länder ebenfalls nicht unverwundbar
ist. Nachdem die Rezession zur Senkung der weltweiten Nachfrage nach öl beigetragen hat, sahen sich die OPEC-Länder gezwungen, ein Drittel ihrer Fö^derkapazitäi stillzuleaen - das macht über 12 Millionen Barrel pro Tag eus - um die
Preis? zu halten. Außerdem sind in den letzten drei Jahren, wie die OPEC-Länder
wissen, bedeutsame ölfunde in 25 bis 30 Gebieten außerhalb des OPEC-Raumes gemacht worden, durch die Reserven in einer Größenordnung von rund 35 Milliarden
Barrel entdeckt wurden. Diese ölfelder könnten Anfang der achtziger Jahre zusätzlich 8 Millionen Barrel öl pro Tag liefern, und diese Zahl schließt noch nicht
die neue Förderung in den USA, in der Sowjetunion und in der Volksrepublik China
ein.
Die

Tatsache, daß die OPEC-Länder angesichts der nachlassenden Nachfrage

die Förderung und nicht die Preise senken, unterstreicht nur die Schlußfolgerung,
daß ihre Preispolitik weit mehr auf politischen als auf wirtschaftlichen Realitäten basiert. Wenn jedoch die Verbraucherländer eine wirksame Einsparungs-und
Entwicklungspolitik aufnehmen, wird ganz zwangsläufig der Tag kommen, da die
Marktkräfte erneut wirksam zum Tragen kommen und die ölpreise gesenkt werden.
Die Bemühungen der Vereinigten Staaten,sich auf dem Energiesektor autarker
zu machen und eine größere Solidarität mit anderen Verbraucher1ändern zu entwickeln, beruht nicht auf dem Wunsch nach einer Konfrontation mit den OPEC-Ländern
oder einer Blockierung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Im egenteil, wir
unterstützen ihr Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung voll und ganz, über
gemeinsame Wirtschaftskommissionen wie auch über weniger formale bilaterale Kontakte arbeiten wir mit diesen Ländern zusammen, um ihre Industrie-und Agrarbasis
auszubauen und den Lebensstandard ihrer Bevölkerung zu verbessern. Wir sind also
bereit, mit ihnen bei der Beschleunigung ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zusammenzuarbeiten.

Ihrerseits

�«

Ihrerseits müssen diese Länder die Verantwortung erkennen, die ihnen aufgrund ihrer neuen internationalen Rolle zufällt. Sie müssen wissen, daß wir weiterhin jede willkürliche, monopolitische Preispolitik ablehnen, die ohne Rücksicht
auf die wirtschaftlichen Realitäten aufgezwungen wird und die den Entwicklungsländern der Welt gewaltige Strafsummen auferlegt. Wir sind überzeugt, daß sie ihre
Entwicklungsziele auf einer weit sichereren Basis bei wesentlich niedrigeren
öl preisen erreichen können. Eine extreme Politik wird sich für sie wie auch für
die übrige Welt nur als schädlich erweisen.

- Ausrichtung auf einen freien Markt ... Ich sage ohne zu zögern, daß nach unserer Auffassung ein freier Markt
ganz generell größere wirtschaftliche und soziale Vorteile bringt als ein von einer
Regierung beherrschter Markt. Wir sind den Prinzipien eines freien Handels und
freier Investitionen zutiefst verpflichtet. Wir glauben, daß der Välkergemeinschaft
der Welt besser gedient wäre, wenn zahlreiche der gegenwärtig bestehenden Handelsschranken beseitigt würden. Wir begrüßen weiterhin Auslandsinvestitionen in den

-

Vereinigten Staaten und glauben, daß ausländische Investitionen einen bedeutenden
Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung anderer Länder leisten können.
Und wir sind sehr bemüht, allen Völkern - und das gilt auch für unser eigenes
Volk - davon abzuraten, sich nach innen zu kehren und auf Kosten anderer Nationen
Zuflucht vor den derzeitigen wirtschaftlichen Stürmen zu suchen. Die tragischen
Folgen jener nur das eigene Interesse verfolgender Politik der dreißiger Jahre
sollten Beweis genug sein, daß eine liberale Wirtschaftsordnung einer von Isolationismus und Handelsrestriktionen gekennzeichneten bei weitem vorzuziehen ist.
Genau so, wie wir dafür sind, jede Einmischung von Seiten der Regierung auf
ein Minimum zu beschränken, so glauben wir auch, daß unsere Regierung dem privaten
Sektor in unserem Land ein Höchstmaß an Freiheit gewähren sollte. Tatsächlich
würden wir gerne auf zahlreichen Gebieten unseres nationalen Lebens, so zum Beispiel bei der öl-und Erdgasförderung, viele der Hindernisse beseitigen, c_i_e

�die unsere Regierung geschaffen hat, und der vollen Kraft unserer Wirtschaft freien Lauf lassen. Wir sind uns der Tatsache bewußt, daß verschiedene Entwicklungsländer, die den freien Unternehmen breiten Raum gelassen haben, bemerkenswerte wirtschaftliche Fortschritte erzielt haben.
Tatsächlich hat die Geschichte bereits seit langem gezeicit, daß ein freies
Unternehmertum produktiver ist als jedes andere dem Menschen

bekannte System,

und wenn es auch nicht automatisch eine Ausweitung der persönlichen und sozialen
Freiheiten garantiert, so bietet es doch mit Sicherheit einen weit stärkeren Schutz
gegen deren Aushöhlung als jedes andere Wirtschaftssystem.
Die Elastizität des auf den internationalen Markt ausgerichteten Systems hat
sich während der für die Geldwirtschaft unruhigen Zeit der letzten eineinhalb
Jahre deutlich gezeigt. Im letzten Jahr ... habe ich meine Zuversicht geäußert,
daß unsere privaten Geldmärkte und unsere Finanzierungsinstitutionen sich sicher
und flexibel auf die Aufgabe einer Umverteilung der OPEC-Gelder einstellen würden.
Die seitdem gemachten Erfahrungen unterstützen diese Auffassung. Letztes Jahr sind
schätzungsweise 60 Milliarden Dollar an OPEC-Geldern durch das internationale Finanzsystem geschleust worden, ohne ernsthafte wirtschaftliche Störungen hervorzurufen, womit bewiesen wurde, daß sich das System weit besser anpassen konnte, als
die meisten Skeptiker geglaubt hatten.
Unser Bekenntnis zu einer liberalen Wirtschaftsordnung bedeutet jedoch nicht,
daß wir starre Ideologen sind, die für die Regierung keine rechte Aufgabe sehen
können.
Ich möchte damit zum Beispiel nicht sagen, daß die privaten Märkte in allen
Eventualfällen unsere einzige Stütze warer oder sein sollten. Es ist richtig, daß
die Vereinigten Staaten nicht für eine Vermehrung oder eine ungezügelte Ausweitung
der offiziellen Finanzierungsmechanismen waren, die uns bedeutende Nachteile zu
bringen schien. Wir haben jedoch die Initiative ergriffen, um innerhalb der OECDLänder eine neue wichtige Fazilität zu schaffen, die einen Sicherungsmechanismus
für unser Finanzsystem bildet.

...

- 9 -

�'

t
Wir haben ferner eine Vereinbarung über eine bedeutende Aufstockung der
Quoten um ein Drittel und damit des Kreditpotentials des Internationalen Währungsfonds (IWF) angestrebt. Wir haben in besonderen und temporären Abkommen innerhalb
des IWF vereinbart, mit zur Deckung des Finanzbedarfs von Mitgliedsstaaten beizutragen, deren Ausgaben für Climporte stark gestiegen sind. Und zu Gunsten der Entwicklungsländer, die von der Anhebung der ül- und anderer Warenpreise am stärksten
betroffen wurden, haben wir Vorschläge für einen besonderen Treuhandfonds zu ihrer
Unterstützung unterbreitet.
Die Frage nach einer Intervention seitens der Regierung in das Wirtschaftssystem hat sich unlängst im Zusammenhang mit der Forderung von Entwicklungsländern
nach einer neuen Wirtschaftsordnung ergeben. Im Rahmen der Bemühungen um eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Bedingungen befürworten diese Länder umfassende
Änderungen in den Bestimmungen für den internationalen Handel. Unseres Erachtens würden viele dieser Änderungen in Wirklichkeit ihre wirtschaftliche Entwicklung er-,
schweren.
Die Vereinigten Staaten haben seit langem, in Worten und in Taten, das legitime Streben der Entwicklungsländer nach einer Verbesserung der Lebensbedingungen
für ihre Bevölkerung unterstützt. Wir unterstützen ferner ihren Wunsch, stärker
an den Segnungen einer expandierenden Weltwirtschaft teilzuhaben. Wir sind bereit,
gemeinsam mit ihnen in ernsten Gesprächen die Politik und die Maßnahmen zu entwickeln, die am besten einen stetigen Fortschritt in Richtung auf ein besseres und
reicheres Leben ermöglichen.

Im Verlaufe der gegenwärtig in Gang befindlichen Bemühungen um eine Neuordnung der Beziehungen zu den Entwicklungsländern müssen schwierige Fragen bewältigt werden. Grundlage für diesen Prozeß bildet eine sorgfältige Überprüfung der
verschiedenen Formen der Einkommensverlagerungen.
Darüber

- 10 -

�Darüber hinaus müssen wir uns bessere Kenntnisse übe»" die segensreiche Rolle
verschaffen, die private Investoren gegenwärtig bei der wirtschaftlichen Entwicklung spielen, und wir müssen Mittel finden, wie eine Politik zwischen den Entwicklungsländern gefördert werden kann, die ihren Wohlstand am besten hebt.
Wir sind zwar bemüht, diese Fragen mit Einfallsreichtum und Mitgefühl anzupacken, doch glaube ich, daß die Antwort auf die Probleme der wirtschaftlichen
Entwicklung in der Starku'-i des nfnenwärtigen Wirtschaftssystems und nicht in
seiner radikalen Umstrukturierung liegt. Statt alle die Vereinbarungen der Nachkriegszeit beiseitezuschieben, sollten wir auf einer Basis von Fall zu Fall, von
Frage zu Frage, von Problem zu Problem vorgehen,. Die Entwicklungsländer wie auch
die Industriestaaten würden unter jedem falschen Versuch, die gegenwärtige Bewegung in Richtung auf eine größere Handelsliberallsierung umzukehren, zu leiden haben.
Zahlreiche Länder teilen natürlich nicht unser Bekenntnis zu einer marktorientierten Wirtschaft. Daß es Unterschiede in den Anschauungen, selbst unter den Ländern der freien Welt, gibt, ist unvermeidbar. Trotz gemeinsamer Bindunnon hat jeder
von uns eine unterschiedliche Weltanschauung, was auf unsere unterschiedlichen
Erfahrungen und nationalen Traditionen zurückzuführen ist.
Trotzdem dürfen wir nicht übersehen, wie gut es den gemeinsamen Vereinbarungen
der Nachkriegszeit gelungen ist, diese Meinungsverschiedenheiten ohne ungebührliche
Belastungen auszugleichen. Dieses System hat den Entwicklungsländern erhebliche
Fortschritte gebracht. Die Industriestaaten haben sich freiwillig zu einem umfassenden finanziellen Hilfsprogramm, sowohl bilateral als auch über internationale
Institutionen, verpflichtet. Die Entwicklungsländer haben nicht nur aus der Liberalisierung des Welthandels, die voran gekommen ist, Nutzen gezogen, sondern es
besteht heute auch Übereinstimmung darüber, ihnen in unseren Handelsbestimmungen
Sonderpräferenzen einzuräumen. Als Folge davon konnten zahlreiche Entwicklungsländer,
vor allem der mittleren Einkommensgruppe, schneller expandieren als die meisten
Industriestaaten.
Meine

�Meine Bitte läuft daher darauf hinaus, daß wir in unseren internationalen
Wirtschaftsbeziehungen wieder realistisch denken. Es gibt so viel, was zur Verbesserung des Lebens aller getan werden kann und was im Interesse aller liegt,
daß es wirklich töricht wäre, das Mögliche zu Gunsten eines künftigen Unreal istischen aufzugeben.

- Internationales wirtschaftspolitisches Vakuum Manchmal lese ich den Vorwurf, daß die amerikanische Regierung keine internationale Wirtschaftspolitik hat. Ich kann kaum glauben, daß sich irgendjemand im
Ernst diese Ansicht zu eigen macht. Die Wahrheit ist, daß sich kein Land stärker
bei der Gestaltung einer gemeinsamen internationalen Wirtschaftsordnung engagiert
hat. Kein Land macht sich größere Sorge um das Wohlergehen der übrigen Länder...
Kernpunkt unserer internationalen Wirtschaftspolitik ist unser Bekenntnis zu
bestimmten Grundprinzipien, die unsere Verpflichtung zu einer liberalen internatio*
nalen Wirtschaftsordnung zum Ausdruck bringen. Unsere internationale Wirtschaftspolitik muß danach beurteilt werden, wie stark unsere Hingabe ist und wie erfolgreich und beharrlich wir bei ihrer Anwendung sind. Die Grundprinzipien, für die
wir eintreten, sind nicht neu oder überraschend, aber sie sind unseres Erachtens
für eine dynamische und gerechte internationale Wirtschaftsordnung notwendig:
— Wir sind fest entschlossen, eine Politik des bloßen Eigeninteresses zu vermeiden, wie dies erst kürzlich von den OECD-Ländern mit der Erneuerung ihrer
Handelszusage auf der im letzten Monat in Paris abgehaltenen Ministertagung be^
kräftigt worden ist.
— Wir unterstützen die Liberalisierung des Welthandels und konzentrieren
unsere Anstrengungen gegenwärtig auf die multilateralen Handelsverhandlungen in
Genf.

Wir

�'

-- Wir haben uns zu einem freien Kapital verkehr für Investitionen bekannt,
der nur modifiziert werden darf, wenn es der Schutz wichtiger nationaler Interessen erfordert.
-- Wir unterstützen eine große Vielzahl von Mechanismen für die Gewähruno
finanzieller und technischer Hilfe sowie für die Transfer1'erunc realer Hilfsquellen
in die Entwicklungsländer.
-- Wir haben uns ausdrücklich verpflichtet, gemeinsam mit anderen Ländern
die Probleme des Handels mit öl und anderen Waren zu prüfen, damit wir eine Politik
einschlagen

könnens von der beide, Erzeuger und Verbraucher, profitieren.

.... !/-jr i--Knn

uns

zu,

Erhaltung eines gesunden Dollar in der einzig möglichen

Weise verbuchtet: durch Gewährleistung der Stärke

und Stabilität der Binnen-

Wirtschaft.
-- Wir haben zugesagt, gemeinsam mit anderen Ländern langfristige Lösungen
für das Energieproblem zu entwickeln, und wir werden einen wichtigen Beitrag zu
diesen Bemühungen leisten, indem wir in unserem Lande ein größeres Maß an Autarkie
auf dem Energiesektor erreichen.
— Wir haben uns verpflichtet,mit anderen zusammenzuarbeiten, um eine ordnungsgemäße und konstruktive Evolution der internationalen Währungsvereinbarungen
zu erreichen.
-- Und bei allen diesen internationalen Initiativen haben wir uns zu einem
Geist der vollen Zusammenarbeit und der Aussöhnung zwischen allen Nationen bekannt, mit denen wir diesen Planeten teilen.
Auf diesen Grundlagen aufbauend haben die Vereinigten Staaten einen aufrichtigen und sorgfältigen Versuch unternommen, mit den anderen Ländern bei der
Entwicklung besserer Lösungen für Probleme wie Energie, Ernährung, internationales
Geldwesen und andere wichtige Fragen zusammenzuarbeiten. Wir glauben, daß rm

- 13 -

�*

I

im letzten Jahr beträchtlicher Fortschritt erzielt worden ist. Jeder einzelne
Schritt vorwärts war bescheiden, aber die kumulative Wirkung war recht beträchtlich. Ohne den Pomp und die Fanfaren einer Bretton Woods Konferenz, ohne den
Anspruch, ein für alle Zeiten gültiges System auf Pergament niedergeschrieben zu
haben, haben wir damit begonnen, einen Kurs abzustecken, der uns durch eine der
turbulentesten Zeiten dieses Jahrhunderts führen kann.
Ich bin heute morgen von den Konferenzen des Interimausschusses und des
Entwicklungsausschusses direkt nach Amsterdam geflogen. Wie Sie wissen, konnten
die Mitglieder des Interimausschusses noch nicht volle Übereinstimmung über ein
Paket wichtiger Maßnahmen zur Modernisierung des internationalen Währungssystems
erzielen. Wenn wir auch enttäuscht waren, daß ein endgültiges Abkommen in Paris
noch außer Reichweite lag, so war ich doch über unseren Fortschritt ermutigt, den
Bereich der strittigen Punkte einzuengen, und ich glaube, daß wir jetzt eine
Grundlaqe für ein künftiges Abkommen besitzen. Die beiden wichtigen noch zu lösenden Fragen betreffen das Gold und das Wechselkurssystem. Wir glauben, daß das
endgültige Paket im Einklang mit dem Ziel stehen muß, die Bedeutung des Goldes
im Währungssystem zu verringern, und daß es jedem Land die Freiheit lassen muß,
sein eigenes Wechselkurssystem zu bestimmen. Aber innerhalb dieses Rahmens besteht unseres Erachtens genügend Raum für eine Übereinkunft.
Die Entwicklungen in Paris bestätigen unsere Auffassung, daß die Industriestaaten ihre Meinungsverschiedenheiten beilegen und den Interessen der gesamten
Völkergemeinschaft der Welt dienen wollen, wenn sie in einem Geist der Aussöhnung
und der Kooperation zusammenarbeiten. Wir wollen in unserem Vorgehen entschlossen,
aber nicht unflexibel sein, von hohen Grundsätzen ausgehen,aber nicht unlenkbar
sein, mit Hingabe arbeiten, aber nicht beherrschen. Und wir wollen Ergebnisse
erzielen.

XXX

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13/1975

APOLLO - SOJUS
Ameri kam' sch-sowjeti sches Raumfahrtunternehmen
Von G. Weiss

--(AD)-- In den Mittagsstunden des 15. Juli 1975 startet vom Kosmodrom Baikonur
in der Sowjetunion eine sowjetische Trägerrakete mit einem SOJUS-Raumschiff.
Siebeneinhalb Stunden später, um 20.50 Uhr MEZ, folgt von der Rampe 39 B des
des amerikanischen Kennedy-Raumflugzentrums in Merritt

Island (Florida) eine

SATURN - I B mit einem APOLLO-Raumschiff. Kommandant Thomas P. Stafford, der
vor mehr als neun Jahren das erste Rendezvousmanöver zwischen zwei amerikanischen GEMINI-Raumschiffen praktizierte, wird zwei Tage später mit APOLLO bezw.
dem speziell für dieses

Unternehmen in den USA entwickelten Docksegment an der

Spitze der APOLLO-Kapsel am SOJUS-Raumschiff ankoppeln. Zwei Tage bleiben die
beiden Raumschiffe in fester Verbindung. Danach führen die Besatzungen ihre Flugprogramme getrennt weiter. Zum US-Team gehören neben Brigadegeneral Stafford
(44) Vance D. Brand (44) als Pilot der APOLLO-Kapsel und Donald K. Slayton (51)
als Pilot der Dock-Einheit. Die UdSSR hat als Hauptmannschaft Alexej A. Leonow
(41) und Dr. Valeri N. Kubassow (40) benannt.
Hauptzweck der ASTP-Mission (ASTP

ist die Abkürzung für APOLLO-SOJUS

TEST PROJECT) wird es sein, zum ersten Mal Raumfahrzeuge verschiedener Bauart
und nationaler Herkunft mit unterschiedlichen Lebenserhaitungs--, Nachrichtenund Docksystemen im Weltraum zum Rendezvous und Ankoppeln zu bringen und die
Übernahme der Besatzung vom einen in das andere Raumschiff zu ermöglichen. Nur

�Nur so sind künftig internationale Rettungsaktionen für die Insassen havarierter
Raumschiffe denkbar. Aber auch für gemeinsame Forschungsunternehmen mit bemannten Raumschiffen ist diese Technik eine wichtige Voraussetzung.
ASTP basiert auf einem Abkommen vom 24. Mai 1972, in dem die Regierungschefs
der USA und der UdSSR vereinbarten, ein einheitliches Such-und Annäherungssystem
mit genormten Kopplungsvorrichtungen zu schaffen. Künftig sollten damit alle bemannten Raumschiffe und Raumstationen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
ausgerüstet werden.
•

Beim ASTP-Flug übernimmt das APOLLO-Raumschiff, zu dessen "Universal"Kopplungsteil die gleichzeitig als Schleusenkammer zwischen den Raumschiffen
dienende Dockeinheit gehört, wegen seines größeren TreibstoffVorrats die aktive
Rolle beim Rendezvous-und Koppelmanöver. Beide Raumschiffe werden in eine 51,8
Grad zur Äquatorebene geneigte Bahn eingeschossen; sie treffen sich in 225 km
Höhe und ziehen in

einer kreisförmigen Bahn um die Erde.

Wenn das Programm eingehalten werden kann, koppelt APOLLO während seines
29. Erdumlaufs an SOJUS an. Aufeinander abgestimmte elektronische und optische
Suchhilfen erleichtern dieses schwierige Manöver. Die Dockeinheit ist an der
Stirnseite mit dem neuen Universal-Koppelsegment, an der Seite zur APOLLO-Kapsel
dagegen mit jenem Koppelmechanismus ausgestattet, das auch bei den Flügen zur
SKYLAB-Station benutzt wurde. Ähnlich wie bei der, Flügen zum Mond, als APOLLO
nach dem Start durch ein Wende-und Koppelmanöver die Mondfähre aus der Trägerrakete heauszog und mit dem Gerät die feste Verbindung herstellte, wird beim
ASTP-Flug nach dem Eintritt in die Erdumlaufbahn die Dockeinheit mit der Schleusenkammer aus der Oberstufe der SATURN IB-Rakete geholt und auf die AP0LL0Spitze gesetzt.
Ohne die Schleusenkammer wäre ein überwechseln von Besatzungsmitgliedern
vom einen ins andere Raumschiff nicht möglich. Denn beide haben unterschiedliche
Atmosphären bei verschiedenem Druck - APOLLO reinen Sauerstoff, Druck 0,35 at,
SOJUS 40 Prozent Sauerstoff und 60 Prozent Stickstoff bei 0,68 at Druck. Die_

- 2

�Die Druckschleuse, ein zylindrischer Körper von 3 m Länge und 1,4 m Innendurchmesser, verfügt über eigene elektrische Versorgung, Lebenserhaitungs- und
Nachrichtensysteme. Sie kann jeweils zwei Mann aufnehmen, die sich solange darin aufhalten, bis die Kabinenatmosphäre derjenigen des Raumschiffs angepaßt
ist, in das sie überwechseln wollen.
Einige der wissenschaftlichen Experimente, mit denen sich die AP0LL0Astronauten zu befassen haben, werden mit den beiden sowjetischen Kosmonauten
gemeinsam durchgeführt. Zwei der 28 Experimente wurden auf Vorschlag deutscher
Wissenschaftler in das Programm aufgenommen: Das eine (Nr. MA-107) dient der
Messung biologischer Auswirkungen kosmischer Strahlung. Es läuft unter der
Bezeichnung BIOSTACK 3 und wurde, wie bereits seine beiden Vorläufer, von
Dr. H. Bücker (Universität Frankfurt/Main) vorbereitet. Mit dem zweiten
(Nr. MA-014) soll ein von Dr. Kurt Hannig, Max-Planck-Institut für Biochemie
in Martinsried b. München, entwickeltes Elektrophorese-Verfahren zur kontinuierlichen Trennung biologischer Substanzen in Analysenpräparaten erprobt werden.
Im Zustand der Schwerelosigkeit dürfte die Trennung der Komponenten auf Grund
ihrer unterschiedlichen Bewegungsgeschwindigkeit im elektrischen Feld besonders
"sauber" vonstatten gehen. Das letztgenannte Verfahren dient bereits der Vorbereitung von Methoden - beispielsweise der Gewinnung hochreiner Impfstoffe -,
die im SPACELAB der achtziger Jahre Anwendung finden sollen.
In den Mittagsstunden des 19. Juli 1975 wirH APOLLO von SOJUS abkoppeln.
Die Wege der Raumschiffe trennen sich, die Besatzungen setzen ihr jeweiliges Arbeitsprogramm fort. Dem Flugplan zufolge soll SOJUS am 21. Juli in der Sowjetunion landen, während APOLLO am 24. Juli um 22.18 Uhr MEZ im Pazifik zurückerwartet wird.

XXX

- 3 -

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13/1975

ZEHN JAHRE FERNMELDE-SATELLITENNETZ

- (AD) - Vor zehn Jahren, am 28. Juni 1965, wurde mit EARLY BIRD der
erste kommerzielle Nachrichtensatellit in Betrieb genommen. Der damalige
US-Präsident Lyndon B. Johnson eröffnete offiziell die neuen Verbindungen
über das "Fernmeldeamt am Himmel" mit Telefongesprächen nach Downing Street
Nr. 10 in London und ins Bundeskanzleramt in Bonn. Seine Partner waren
Harold Wilson und Prof. Ludwig Erhard.
In der Zwischenzeit wurde ein weltweites Netz von Nachrichtenverbindungen via Weltraum aufgebaut.

Heute sind 90 Länder Mitglied der "Inter-

national Telecommunications Satellite Organization" (INTELSAT).

Sie ver-

fügen gerneinsam über sieben INTELSAT IV-Satelliten, die in fast 36 000 km
Höhe über dem Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean stationiert sind.

Dazu

gehören 88 Bodenstationen und 111 Antennen-Anlagen, die um die ganze Erde
verteilt sind und Telefonate und Telegramme, Bild- und Datenübertragung,
Funk- und Fernsehsendungen vermitteln.

Selbst schwer zugängliche Gebiete,

die rr.it Bodenleitungen nicht zu erreichen sind, konnten an das weltweite
Netz angeschlossen werden.

Im Auftrag des INTELSAT-Konsortiums werden die

Satelliten von dem US-Unternehmen C0MSAT (Communications Satellite Corporation)
betrieben.
Die heutigen INTELSAT-Geräte leisten wesentlich mehr als ihr Vorläufer
EARLY BIRD.

Ein einziger von ihnen kann gleichzeitig 3500 Telefongespräche,

- 1-

�Telefongespräche, Fernsehsendungen und Daten weiterleiten.

Und während

über EARLY BIRD nur eine Leitung zwischen den USA und einer von fünf Bodenstationen in Europa hergestellt werden konnte, bestehen über das INTELSATSystem Tag und Nacht 378 Verbindungen zu 88 Bodenstationen in 64 Ländern.
Ein INTELSAT-Satellit ist 5,2 m hoch, hat 2,4 • Durchmesser und wiegt
724 kg.

Im Spätsommer 1975 wird das erste von sechs Geräten einer neuen

Serie gestartet

(INTELSAT IV A ) , die etwa die doppelte Leistungskapazität

von INTELSAT IV aufweisen.
Durch eine Tochtergesellschaft, die

"COMSAT GENERAL CORPORATION", ent-

wickelt und erprobt COMSAT gleichzeitig neuartige Systeme.

Eines davon ist

MARISAT mit Satelliten, die auf die besonderen Anforderungen der Schiffahrt
und von Bohrinseln abgestellt sind.

Am 31. Juli 1975 soll von der NASA

(US-Amt für Luft- und Raumfahrt) der erste, gegen Ende des Jahres der zweite
MARISAT-Satellit gestartet werden.

Einer wird über dem Atlantik, der andere

über dem Pazifik in eine geostationäre Bahn gebracht.

Beide ermöglichen

rund um die Uhr ausgezeichnete Verbindungen für die Datenübertragung und den
Sprechfunkverkehr zwischen Schiffen auf See oder Bohrinseln und Küstenstationen; auch Berichte zur Wetterlage werden übertragen.

Satelliten dieser

Art sollen außerdem bei Such- und Rettungsaktionen eingesetzt werden.
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