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24

22. November 1974

Inhalt

ENERGIE:

Kissinger umreißt Programm zur Lösung des Energieproblems
-Wortlaut der Rede des US-Außenministers vor der Universität von Chicago&gt;

WIRTSCHAFT:
Simon erläutert Energie-Vorschläge der USA
-Wortlaut der Rede des amerikanischen Finanzministers in New York-

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:

Sonnensonde HELIOS
-Deutsch-amerikanisches Projekt zur Erforschung der Sonne und des
sonnennahen RaumesVon G. Weiss

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�Energie
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KISSINGER UMREISST PROGRAMM ZUR LOSUNG DES ENERGIEPROBLEMS
Wortlaut der Rede des US-Außenministers vor der Universität von Chicago

CHICAGO --(AD) —

Der amerikanische Außenminister Dr. Henry Kissinger hat

am 14. November in einer richtungweisenden Rede vor der Universität von
Chicago einen Fünf-Punkte-Plan zur Lösung des Energieproblems vorgelegt.
Grundlage dieses Planes ist die Solidarität der Verbraucherländer und
ihre Bereitschaft zu durchgreifenden Sparmaßnahmen. Die Rede des amerikanischen Außenministers hat folgenden Wortlaut:

- Das Problem Vor einer Generation erlebte die westliche Welt eine historische Krise
- den Zusammenbruch der internationalen Ordnung nach einem Weltkrieg. Von
wirtschaftlichem Chaos und politischen Unruhen bedroht haben die westlichen
Länder ein System von Sicherheitspakten und kooperativen Institutionen
errichtet, das seitdem unsere Sicherheit, unseren Wohlstand und unsere
Freiheit gewährleistet.hat. Ein Augenblick ernster Krise wurde so zu einem
Akt einer dauernden schöpferischen Kraft.
Wir

e

�Wir stehen heute vor einem ähnlichen Augenblick. Es steht genauso viel
auf dem Spiel wie vor 25 Jahren. Was unseren Mut, unseren Weitblick und unseren Willen anbetrifft, so sind wir genau so gefordert wie damals. Und unsere
Chancen sind genauso groß wie damals.
Wie wird unsere Antwort lauten?
Ich spreche natürlich von der Energiekrise. Ich möchte Ihnen heute darlegen, wie die Administration dieses Problem sieht, was wir bisher getan haben und was wir jetzt erreichen müssen. Ich werde zwei Punkte herausstellen,
die diese Regierung bereits vor eineinhalb Jahren betont hat:
Erstens, das Problem ist ernst, aber es ist lösbar.
Zweitens, internationale Zusammenarbeit, vor allem zwischen den Industriestaaten Nordamerikas und Westeuropas sowie Japan ist eine unausweichliche
Notwendigkeit.
Die wirtschaftlichen Fakten liegen auf der Hand. Im Jahre 1973 sprengte
die weltweite industrielle Expansion die Grenzen der Energieversorgung; die
Gefahr von Verknappungen war bereits gegeben. Dann wurden wir, ohne jede Warnung, zuerst mit einem politischen Embargo, und dann sehr schnell mit massiven
Steigerungen des Erdölpreises konfrontiert. Im Laufe eines einzigen Jahres
wurde der Preis des wichtigsten strategischen Rohstoffes der Welt um 400 Prozent erhöht. Die Auswirkungen waren drastisch und weltweit:
—

Die Industriestaaten sehen sich jetzt einem gemeinsamen Zahlungsbilanz-

defizit von 40 Milliarden Dollar gegenüber - dem größten in der Geschichte
und einem Defizit, das die Erfahrungen oder die Kapazitäten unserer Finanzinstitutionen übersteigt. Wir erleben gleichzeitig

einen Rückgang der Güter-

erzeugung und eine Beschleunigung der Inflation, die unter Kontrolle zu

�zu bringen bereits die äußersten Anstrengungen der Regierungen erforderte.
-- Die Entwicklungsländer sehen sich einem gemeinsamen Zahlungsbilanzdefizit von jährlich 20 Milliarden Dollar gegenüber, das zur Hälfte auf den
Anstieg der Erdölpreise zurückzuführen ist. Der Anstieg der Energiekosten
entspricht in seinen Ausmaßen praktisch den gesamten Zuwendungen an Auslandshilfe. Anders gesagt, die neue Ölrechnung bedroht die Hoffnungen auf einen
Fortschritt und Verbesserung und macht es problematisch, ob wir auch nur den
grundlegenden menschlichen Bedarf, wie Nahrungsmittel, finanzieren können.
-- Die Erdölerzeuger erzielen jetzt einen Zahlungsbilanzüberschuß von
60 Milliarden Dollar, der ihren Bedarf an Zahlungsmitteln und wirtschaftlicher Entwicklung weit übersteigt und ganz eindeutig über dem liegt, was
sie investieren können.

Riesige, nicht absorbierte Einnahmeüberschüsse

stellen jetzt das Funktionieren des internationalen Währungssystems in Frage.
Doch dies ist nur das erste Jahr der inflationierten Erdölpreise; die
ganze Wucht der Flut von Petro-Dollar werden wir erst noch zu spüren bekommen. Bei einem Anhalten der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung werden wir weltweit weitere und wachsende Verknappungen, Arbeitslosigkeit, Armut
und Hunger erleben. Kein Land, im Osten wie im Westen, im Norden wie im Süden,
Verbraucher wie Erzeuger, wird von den Auswirkungen verschont bleiben.
Eine Wirtschaftskrise von solchem Ausmaß wird zwangsläufig auch gefährliche politische Auswirkungen haben. Wachsende Inflation und Rezession - ausgelöst durch Entscheidungen am grünen Tisch, auf die die Verbraucher keinen
Einfluß haben - werden die Enttäuschung all derer schüren, deren Hoffnungen
auf wirtschaftlichen Fortschritt so plötzlich und grausam zunichte gemacht
wurden. Dies ist ein Nährboden für sozialen Konflikt und politische Unruhe.

-3-

(f

�i
Unruhe. Gemäßigte Regierungen und gemäßigte Lösungen werden hart angegriffen
werden. Demokratische Gesellschaftsordnungen könnten für den Druck der Extremisten von rechts oder von links in einem Maße anfällig werden, wie wir dies
seit den zwanziger und dreißiger Jahren nicht mehr erlebt haben. Die große
Leistung dieser Generation - die Erhaltung unserer Institutionen und die
Errichtung einer internationalen Ordnung - wird gefährdet sein.
Das Schicksal der Verbraucher wie der Erzeuger liegt in dem gleichen
weltweiten Wirtschaftssystem, von dessen Fortschritt beide abhängig sind.
Wenn einer von beiden versucht, sich durch aggressive Schritte wirtschaftliche Macht zu verschaffen, führt dies für beide zu ernsten Risiken. Die politische Zusammenarbeit, Voraussetzung für eine blühende Weltwirtschaft, zerbricht. Gerade jetzt, da der Antagonismus von zwei Jahrzehnten des kalten
Krieges zu schwinden begonnen hat, überschwemmen neue Spannungen die Welt.
Die potentiell schwerwiegendsten internationalen Folgen könnten sich
in den Beziehungen zwischen Nordamerika, Europa und Japan ergeben. Wenn die
Energiekrise weiterhin ungebrochen anhält, werden einige Länder versucht sein,
sich durch gesonderte Vereinbarungen mit den Erzeugern einseitige Vorteile auf
Kosten der Zusammenarbeit zu verschaffen, die langfristig die einzige Hoffnung
auf Überleben bietet. Solche einseitigen Vereinbarungen führen nur dazu, die
inflationierten Preise festzuschreiben, die Verhandlungsposition der Verbraucher zu schwächen und die wirtschaftliche Last für alle zu verewigen. Die politischen Auswirkungen der Unordnung würden alles durchdringen. Wegen der
Abhängigkeit von einem strategisch wichtigen Rohstoff könnten traditionelle
politische Verhaltensweisen aufgegeben werden. Selbst der zu Hoffnungen berechtigende Prozeß eines Abbaus der Spannungen zu unseren Gegnern könnte _in

�in Mitleidenschaft gezogen werden, da er stets von der politischen Einigkeit
der atlantischen Nationen und Japan ausging.

- Die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit der Verbraucher Das braucht nicht unser Schicksal zu sein. Im Gegenteil, die Energiekrise sollte erneut die gemeinsamen Anstrengungen auf den Plan rufen, die die
Politik Nordamerikas, Westeuropas und Japans ein Viertel Jahrhundert lang getragen haben. Die atlantischen Nationen und Japan verfügen - wenn wir den
Willen dazu haben - über das Potential, nicht nur die Energiekrise zu meistern
sondern auch aus ihr heraus eine neue Ära der Kreativität und des gemeinsamen
Fortschritts aufzubauen.
Praktisch bleibt uns keine andere Alternative.
Die Energiekrise ist kein Problem für eine Übergangslösung. Unsere Finanzinstitutionen und unsere Mechanismen der Zusammenarbeit waren niemals darauf eingerichtet, einen so abrupten und künstlich aufrechterhaltenen Preisanstieg bei einem so wichtigen Rohstoff und mit so umfassenden wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen zu meistern. Wir stehen vor einem langfristigen Ausblutungsprozeß, der uns entweder zu gemeinsamem Handeln bewegt
oder uns zu ewiger Krise verurteilt.
Das Problem wird nicht dadurch beseitigt, daß wir die Inflation weitergehen lassen, um so das Gleichgewicht zwischen Erdölproduzenten und den Erzeugern anderer Güter wiederherzustellen. Inflation ist die wohl groteskeste
Form der Anpassung, bei der alle Bereiche der binnenwirtschaftlichen Struktur
durcheinander gebracht werden, nur um für einen Teilbereich - die Ölrechnung einen Ausgleich zu schaffen. Auf jeden Fall könnten und würden die Erzeuger

-5-

�Erzeuger mit steigenden Preisen reagieren und so alle die von mir aufgezeigten politischen und sozialen Gefahren beschleunigen.
Ebensowenig können die Verbraucher ihre Ölrechnung auf die Weise finanzieren, daß sie sich gegenüber den Erzeugern verschulden, da sie dadurch ihre
Binnenwirtschaft den Entscheidungen anderer als Faustpfand ausliefern würden.
Die Erzeuger können größere Störungen auf den Finanzmärkten bereits dadurch
auslösen, daß sie Investitionsgelder von einem Land in ein anderes oder von
einer Institution zu einer anderen transferieren. Die politischen Folgerungen
lassen Böses ahnen und sind nicht abzusehen. Diejenigen, die finanzielle Macht
ausüben, werden früher oder später die politischen Bedingungen de'r neuen Beziehungen zu diktieren suchen.
Und schließlich werden Preissenkungen nicht allein durch einen Dialog
zwischen Verbrauchern und Erzeugern herbeigeführt. Der Ölpreis wird nur dann
heruntergehen, wenn objektive Bedingungen für eine Senkung geschaffen sind,
und nicht vorher. Heute können die Produzenten die Preise willkürlich und
offensichtlich ungestraft manipulieren. Sie waren durch unsere Darstellungen,
welcher Schaden sich für unsere Gesellschaftssysteme und Volkswirtschaften
ergeben würde,

nicht zu überzeugen, da wir selbst nicht genug getan haben, um

sie zu schützen. Sie zeigen sich ungerührt von unseren Alarmrufen bezüglich
der Gesundheit der westlichen Welt, der sie niemals angehörten und von der sie
manchmal ausgebeutet wurden. Und selbst wenn die Produzenten schließlich begreifen, daß ihr langfristiges Interesse eine kooperative Anpassung des Preisgefüges erfordert, dann wäre es töricht, darauf zu bauen oder tatenlos darauf
zu warten.
Wir

�Wir sind uns einig, daß ein Dialog zwischen Verbrauchern und Erzeugern
notwendig ist. Aber er muß mit der Schaffung einer größeren Solidarität der
Verbraucher einhergehen. Im Mittelpunkt unseres Vorgehens muß die Zusammenarbeit der Verbraucherländer stehen. Diese Anstrengung wird uns niemand abnehmen.
- Eine Strategie für die Zusammenarbeit der Verbraucher Die Zusammenarbeit der Verbraucher bildete den Kernpunkt unserer Politik
in den letzten eineinhalb Jahren.
Im April 1973 warnten die Vereinigten Staaten, daß die Energie sich zu
einem Problem von noch nie dagewesenen Ausmaßen entwickeln werde und daß die
Zusammenarbeit unter den Ländern des Westens und Japan notwendig sei. Im Dezember des gleichen Jahres schlugen wir ein Programm kollektiver Maßnahmen vor.
Dies führte zur Washingtoner Energiekonferenz im Februar 1974, auf der die
großen Verbraucherländer ein neues System für Konsultationen schufen - mit
einem Mandat, so bald wie möglich Institutionen für eine Zusammenfassung der
Anstrengungen, Risiken und Technologien zu errichten.
Im April 1974 und dann wieder im Herbst dieses Jahres vor der UN-Vollversammlung haben Präsident Ford und ich erneut die amerikanische Auffassung bekräftigt, daß die weltweite Zusammenarbeit die einzige langfristige Lösung
biete und daß unsere Anstrengungen und die der anderen Verbraucher darauf abzielten, den Weg für einen konstruktiven Dialog mit den Produzenten zu ebnen.
Im September 1974 hielten wir eine Konferenz der Außen-und Finanzminister
Großbritanniens, Japans, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreichs und der
Vereinigten Staaten ab, um weitere Maßnahmen für eine Zusammenarbeit der Ver-

-7-

�Verbraucher zu eröertern. Und im vorigen Monat hat Präsident Ford eine langfristige nationale Politik der Einsparung und Entwicklung zur Stärkung unserer
internationalen Anstrengungen verkündet, um der Herausforderung auf dem Energiesektor zu begegnen.
Nach unserer Auffassung muß eine konzertierte Strategie der Verbraucher
aus zwei grundlegenden Elementen bestehen:
Erstens, wir müssen die erforderlichen objektiven Bedingungen schaffen,
-die notwendig sind, damit die Ölpreise zurückgehen. Da die Industriestaaten
die Hauptverbraucher sind, kommt ihrem Vorgehen eine entscheidende Bedeutung
zu. Entschlossenes nationales Handeln, verstärkt durch kollektive.Bemühungen,
kann den Markt verändern - durch Senkung unseres Ölverbrauchs und beschleunigte Entwicklung neuer Energiequellen. Im Laufe der Zeit wird dies zu einem starken Druck auf die Preise führen.
Zweitens, in der Zwischenzeit müssen wir die Lebenskraft unserer Volkswirtschaften schützen. Wirksame Sparmaßnahmen werden Monate erfordern, die
Entwicklung alternativer Energiequellen' wird Jahre brauchen. In der Zwischenzeit sehen wir uns zwei großen Gefahren gegenüber. Die eine ist die Gefahr
eines neuen Embargos. Die andere ist, daß unser Finanzsystem nicht in der Lage
sein könnte, die chronischen Defizite und das Recycling des riesigen Flusses
an Öl-Dollar zu bewältigen, die

die Produzenten jedes Jahr in unseren Volks-

wirtschaften investieren werden. Ein finanzieller Zusammenbruch - oder die Gefahr eines solchen Zusammenbruchs - irgendwo in dem System könnte zu restriktiven monetären,fiskalischen und handelspolitischen Maßnahmen sowie einer Abwärtsentwicklung bei Einkommen und Arbeitsplätzen führen.
Eines

-8-

�Eines der Ergebnisse der Washingtoner Energiekonferenz war eine neue
ständige Einrichtung für die Zusammenarbeit der Energieverbraucher - die Internationale Energiebehörde. Diese Behörde wird umfassende gemeinsame Anstrengungen leiten - zur Einsparung, für gemeinsame Forschung und Entwicklung, für
umfassende neue Maßnahmen auf dem Gebiet der nuklearen Anreicherung, für Investitionen in neue Energiequellen und zur Ausarbeitung von Verbraucherpositionen für den Dialog zwischen Verbrauchern und Erzeugern .
Gleichermaßen bedeutsam ist die beispiellose Übereinkunft, im Falle einer
erneuten Krise das vorhandene Erdöl unter den Hauptverbrauchern zu teilen.
Das internationale Energieprogramm, das als Ergebnis der Washingtoner Konferenz entstand und das in der nächsten Woche offiziell verabschiedet werden
soll, ist ein historischer Schritt zur Solidarität der Verbraucher. Es ist
ein detaillierter Plan für ein gemeinsames Handeln für den Fall eines allgemeinen oder selektiven Embargos. Es ist eine defensive Vereinbarung und keine
Drohung an die Produzenten. Aber die Erzeugerländer sollen wissen, daß er die
Entschlossenheit der Verbraucher bekundet, nicht länger gegenüber einem.Druck
von außen verwundbar bleiben zu wollen und ihre eigene Zukunft selbst gestalten zu wollen. Di%e Internationale Energiebehörde und das internationale Energieprogramm sind die ersten Früchte unserer Anstrengungen. Aber sie sind nur
Grundlagen. Jetzt müssen wir unseren Plan in die Tat umsetzen.

- Die nächsten Schritte Zur Verwirklichung des Gesamtzieles müssen die Verbraucherländer auf
fünf miteinander zusammenhängen Gebieten handeln:
Erstens,wir müssen unsere nationalen Programme zur Energieeinsparung
beschleunigen und sie koordinieren, um ihre Wirksamkeit zu gewährleisten.
Zweitens

�I
Zweitens, wir müssen die Erschließung neuer Erdölvorkommen und die Entwicklung alternativer Energiequellen nachdrücklich vorantreiben.
Drittens, wir müssen die wirtschaftliche Sicherheit stärken - um uns gegen Ölkrisen abzusichern und das internationale Finanzsystem zu schützen.
Viertens, wir müssen den armen Ländern helfen, deren Hoffnungen auf und
Bemühungen um Fortschritt durch den Olpreisanstieg des letzten Jahres grausam
zunichtegemacht worden sind.
Fünftens, wir sollten auf der Basis der Solidarität der Verbraucher in
einen Dialog mit den Produzenten eintreten, um faire und dauerhafte langfristige Beziehungen zu schaffen.
Ich möchte jetzt der Reihe nach jeden dieser Punkte aufgreifen.

- Einsparung und neue Vorkommen Einsparung und Erschließung neuer Energiequellen sind entscheidend für
die Lösung: die Industriestaaten zusammen importieren gegenwärtig zwei Drittel ihres Erdöls und über ein Drittel ihrer gesamten Energie. Im Laufe des
nächsten Jahrzehnts müssen wir genügend Erdöl einsparen und ausreichende alternative Vorkommen erschließen, um diese Importe auf nicht mehr als ein Fünftel des gesamten Energieverbrauchs zu senken. Das bedingt, daß die Industriestaaten das Wachstum ihrer Volkswirtschaften so ausrichten, daß sich ihre Ölimporte in den kommenden zehn Jahren mengenmäßig nicht erhöhen.
Die Wirkung dieser verringerten Abhängigkeit wird von entscheidender Bedeutung sein. Wenn wir Erfolg haben, dann wird die Nachfrage seitens der Industriestaaten nach Importöl konstant bleiben, während neue Energiequellen
innerhalb und außerhalb der OPEC (Organisation Erdöl exportierender Länder)

-10-

�Länder) verfügbar werden. Die OPEC könnte versuchen, den Bemühungen um vermehrte Einsparungen und die Entwicklung alternativer Energiequellen durch
immer größere Produktionskürzungen entgegenzuwirken und würde damit die Einkünfte der Erzeuger verringern, die jedoch höhere Einnahmen für ihre wirtschaftliche Entwicklung anstreben. Die Mehrzahl der Erzeuger wird dann feststellen, daß ihr Interesse in einer Ausweitung der Lieferungen liegt, und
einen neuen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage zu fairen Preisen anstreben.
Die Begrenzung der Ölimporte in die Industriestaaten auf eine in etwa
konstante Menge ist ein äußerst wichtiges Ziel, das Disziplin bei der Einsparung und den Investitionen für die Erschließung neuer Energievorkommen voraussetzt. Die Vereinigten Staaten, die gegenwärtig ein Drittel ihres Öls und ein
Sechstel ihrer gesamten Energie

einführen, werden weitgehend autark werden.

Im besonderen werden wir es uns als Ziel setzen, unsere Importe im Laufe des
kommenden Jahrzehnts von sieben Millionen Barrel pro Tag auf nicht mehr als
eine Million Barrel pro Tag oder weniger als zwei Prozent unseres gesamten
Energieverbrauchs zu senken.
Einsparung ist natürlich der direkteste Weg zu einer Lösung. Präsident
Ford hat erklärt, daß die Vereinigten Staaten bis Ende 1974 die Ölimporte um
eine Million Barrel pro Tag senken werden - eine Verringerung um 15 Prozent.
Aber die Senkung des Verbrauchs in einem Land kann wirkungslos bleiben, wenn
die anderen großen Verbraucher sich nicht anschließen. Glücklicherweise haben die anderen Länder eigene Sparprogramme begonnen. Notwendig ist jetzt
eine Abstimmung dieser Programme auf ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame
Richtung. Daher schlagen die Vereinigten Staaten ein internationales Abkommen

-11-

�i

Abkommen vor, daß Richtzahlen für den Verbrauch gibt. Die Vereinigten Staaten
sind bereit, sich einem internationalen Sparabkommen anzuschließen, das zu
systematischen und langfristigen Einsparungen auf einer gerechten Basis führen
würde.
Als Teil eines solchen Programms schlagen wir vor, daß die Industriestaaten ihren Ölverbrauch bis Ende 1975 um drei Millionen Barrel pro Tag gegenüber
der ursprünglich vorgesehenen Menge senken - eine Kürzung um etwa 10 Prozent
der Gesamtimporte dieser Gruppe. Diese Kürzung kann ohne Beeinträchtigung des
wirtschaftlichen Wachstums

und der Arbeitsplätze durch Beseitigung des ver-

schwenderischen und unrationellen Energieverbrauchs sowohl im persönlichen Bereich als auch in der Industrie erfolgen. Die Vereinigten Staaten sind bereit,
ihren fairen Anteil zu der Gesamtkürzung beizutragen .
Die Verbraucherländer sollten jedes Jahr zusammenkommen, um entsprechende
Jahresziele festzulegen.
Sparmaßnahmen werden insoweit wirksam werden, als sie Teil eines dynamischen Programms zur Entwicklung anderer Energiequellen sind. Alle Länder müssen eine wesentliche Schwerpunkteverlagerung auf die Kernenergie, die Kohle,
das Gas und andere Energiequellen vornehmen. Wenn wir für die achtziger Jahre
bedeutende Mengen an neuer Energie sicherstellen wollen, dann müssen wir jetzt
den Anfang machen. Wenn die Industrieländer die Schritte ergreifen, die in
ihrer Macht stehen, dann werden sie in der Lage sein, aus den Energieverknappungen zu Energieüberschüssen in den achtziger Jahren zu gelangen.
Der amerikanische Beitrag zu diesem Bemühen ist das Projekt "Unabhängigkeit" (project independence). Es bedeutet die Investition von vielen hundert
Milliarden Dollar - aus öffentlichen und privaten Mitteln - und stellt unser
-12-

�unser Mondlandeprogramm und das Manhattan-Projekt - zwei frühere Beispiele
der für ein großes Ziel mobilisierten amerikanischen Technologie - weit in
den Schatten. Projekt Unabhängigkeit demonstriert, daß die Vereinigten Staaten es niemals zulassen werden, daß man sie - in politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht - als Geisel benutzt.
Das Projekt Unabhängigkeit wird durch eine aktive Politik der Unterstützung kooperativer Projekte mit anderen Verbraucherländern ergänzt werden.
Die Internationale Energiebehörde, die in der kommenden Woche ins Leben gerufen werden soll, ist bestens dafür geeignet, derartige Programme einzuleiten und zu koordinieren. Es sind bereits Pläne für gemeinsame Projekte auf
dem Gebiet der Kohletechnologie und der Sonnenenergie entworfen worden. Die
Vereinigten Staaten sind bereit, diese kollektiven Aktionen zu erweitern, so
daß sie auch Gebiete wie die Urananreicherung einschließen.
Das Gebiet der kontrollierten thermo-nuklearen Fusion bietet für solche
gerneinsamenkühnen Vorstöße besonders günstige Aussichten, da es Energie
machen würde. Die Vereinigten Staaten sind bereit, mit anderen Mitgliedern der
Internationalen Energiebehörde in einem umfassenden Programm der gemeinsamen
Planung, des Austauschs von wissenschaftlichem Personal, der gemeinschaftlichen Nutzung nationaler Anlagen und der Entwicklung gemeinsamer Einrichtungen zur Beschleunigung der Verwirklichung der Kernverschmelzung als Energiequelle zusammenzuarbeiten.
Und schließlich werden wir der Internationalen Energiebehörde vorschla gen, einen gemeinsamen Fonds zu schaffen, um die Investitionen bei verheißungsvollen Energieprojekten in den Teilnehmerstaaten und bei all denen, die
bereit sind, mit der Internationalen Energiebehörde auf langfristiger Basis

-13-

�i

Basis zusammenzuarbeiten, zu finanzieren und sicherzustellen.

- Finanzielle Solidarität Das schwerwiegendste unmittelbare Problem, dem sich die Verbraucherländer
gegenübersehen, ist die sich aus den hohen Erdölpreisen ergebende wirtschaftliche und finanzielle Anspannung. Die Einnahmen der Produzenten werden zwangsläufig in der industrialisierten Welt re-investiert werden; die Mittel können
nirgendwo sonst hinfließen. Aber sie werden nicht unbedingt in die Länder zurückfließen,deren Zahlungsbilanzprobleme am akutesten sind. Damit werden viele
Länder weiterhin nicht in der Lage sein,ihre Defizite zu finanzieren, und sie
werden anfällig sein für massive plötzliche Geldabzüge.
Die Industriestaaten können, wenn sie gemeinsam handeln, dieses Ungleichgewicht korrigieren und ihre Anfälligkeit verringern. So wie es den Produzenten
freisteht, zu wählen, wo sie ihr Geld anlegen wollen, so muß es den Verbrauchern freistehen, diese Gelder umzudisponieren, um ihren eigenen Erfordernissen
und denen der Entwicklungsländer zu entsprechen.
Private Finanzinstitutionen sind bereits in hohem Maße in diesen Prozeß
eingeschaltet. Zur Unterstützung ihrer Anstrengungen übernehmen die Zentralbanken die Gewähr, daß der erforderliche Rückhalt der privaten Institutionen
gegeben ist - vor allem, nachdem, ein so großer Teil der Olgelder in verhältnismäßig kurzfristigen Schuldverschreibungen investiert ist. Die privaten Institutionen sollten jedoch nicht auf unbegrenzte Zeit hinaus alle diese Risiken
tragen müssen. Wir können es uns nicht leisten, bis an die Grenzen ihrer Kapazität zu gehen.
Daher sollten die Regierungen Westeuropas, Nordamerikas und Japans jetzt

-14-

�jetzt Schritte zur Schaffung eines multilateralen Stützungssystems ergreifen,
das, wo immer notwendig, die privaten Kanäle ergänztund stärkt. Die Vereinigten Staaten schlag-en die Schaffung einer gemeinsamen Kredit-und Garantieeinrichtung vor, um die Umverteilung von bis zu 25 Milliarden Dollar im Jahre
1975 und nochmals, falls erforderlich, den gleichen Betrag im darauffolgenden
Jahr, zu ermöglichen. Bei dieser Einrichtung wird es sich nicht um eine neue
Hilfsorganisation handeln", die aus zusätzlichen Steuermitteln finanziert wird.
Es wird sich vielmehr um einen Mechanismus für das Recycling zu kommerziellen
Zinssätzen der Gelder handeln, die aus den Erdöl erzeugenden Ländern in die
industrialisierte Welt zurückfließen. Die Unterstützung aus dieser Einrichtung
würde nicht automatisch erfolgen, sondern von der vollen Ausschöpfung privater
Finanzierungsmöglichkeiten und von vernünftigen Selbsthilfemaßnahmen abhängen.
Ein Land, das keine wirksamen Maßnahmen ergreift, um seine Abhängigkeit von
importiertem Öl zu verringern, dürfte keine finanzielle Unterstützung erwarten.
Eine solche Einrichtung wird dazu beitragen, die Stabilität des gesamten
Finanzsystems und die Kreditwürdigkeit der beteiligten Regierungen zu gewährleisten. Auf lange Sicht würde s ie die Notwendigkeit offizieller Finanzierung
verringern. Wenn sierasch eingeführt würde, könnte

sie:

-- Finanzinstitutionen vor den übergroßen Risiken schützen, die durch
eine gewaltige Anforderung an Mitteln jenseits ihrer Kontrolle und Kapazität
entstehen;
-- sicherstellen, daß kein Land gezwungen wird, aus Mangel an ausreichenden Finanzierungsmöglichkeiten eine marktverzerrende und restriktive Politik zu verfolgen;
-»- gewähr-15-

�*

-- gewährleisten, daß kein Verbraucherland gezwungen sein wird, eine
Finanzierung zu politisch und wirtschaftlich untragbaren Bedingungen zu akzeptieren; und
-- jedes beteiligte Land in die Lage versetzen, der Bevölkerung zu demonstrieren, daß die Anstrengungen und Opfer gerecht verteilt werden.- daß der
Fortbestand der Nation durch eine Solidarität der Verbraucher untermauert
wird.
Wir haben bereits mit der Erörterung dieses Vorschlags begonnen. Er
stand im Brennpunkt des Treffens der Finanz-und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, der Vereinigten Staaten, Japans, Großbritanniens und
Frankreichs im September in Washington.

- Die Entwicklungsländer Di« von mir hier aufgezeigte Strategie ist ferner unerläßlich, um die
ernste Not vieler Entwicklungsländer zu lindern. Alle ÖlVerbraucherländer
bedürfen dringend der Entlastung von den extrem hohen Ölpreisen; die Entwicklungsländer aber können nicht zuwarten, bis ein solcher Prozeß in Gang kommt.
Für sie hat die Ölkrise bereits einen Notstand heraufbeschworen. Die Ölrechnung hat im Falle der ärmeren Entwicklungsländer schon die ihnen zufließende
Auslandshilfe aufgezehrt, die Entwicklung auf dem Agrarsektor und im industriellen Bereich zum Stillstand gebracht und die Preise für die meisten Waren des
Grundbedarfs, einschließlich Nahrungsmitteln, inflationiert. Im Gegensatz zu
den Industrienationen haben die Entwicklungsländer nur geringe Möglichkeiten
zur Selbsthilfe; ihr Bereich für Energieeinsparungen ist begrenzt; und sie
haben kaum die Fähigkeit, alternative Energiequellen zu entwickeln.
Aus
,16-

�Aus moralischen wie auch aus praktischen Gründen können wir es nicht
zulassen, daß in diesen Ländern die Hoffnung auf Entwicklung stirbt, und wir
können uns nicht von den politischen und wirtschaftlichen Nöten eines so
großen Teils der Menschheit abkehren. Die Industriestaaten müssen als mindestes ihre Hilfe an die Entwicklungsländer in dem bisherigen umfang aufrechterhalten und in den multilateralen Handelsverhandlungen auf ihre Erfordernisse besondere Rücksicht nehmen.
Wir müssen nach Wegen suchen, um auf dem kritischen Gebiet der Nahrungsmittelversorgung zu helfen. Ich habe auf der Welternährungskonferenz eine
Strategie zur Deckung des Bedarfs an Nahrungsmitteln und anderen Agrarprodukten in den am wenigsten entwickelten Ländern aufgezeigt. Die Vereinigten
Staaten sind auf einzigartige Weise dafür gerüstet, auf diesem Gebiet einen
Beitrag zu leisten, und sie werden einen Beitrag leisten, der ihrer besonderen Stärke angemessen ist.
Ein Großteil der Verantwortung muß jenen Ölförderländern obliegen, deren
Vorgehen die Probleme der Entwicklungsländer erschwert und die nunmehr aufgrund ihres neuerworbenen Reichtums erheblich größere Möglichkeiten zur Hilfeleistung haben.
Aber selbst wenn alle derzeitig verfügbaren Mittel mobilisiert werden,
bleibt ein ungedecktes Zahlungsdefizit in der Größenordnung von ein bis zwei
Milliarden Dollar für die 25 oder 30 Länder, die von den hohen Olpreisen am
stärksten betroffen sind. Dieses Defizit könnte 1976 noch höher ausfallen.
Wir brauchen neue internationale Mechanismen, um dieses Defizit zu
decken. Eine Möglichkeit wäre, die bestehenden regulären IWF-Krediteinrichtungen durch Schaffung eines vom IWF zu verwaltenden Treuhandfonds zu

-17-

�4

zu ergänzen, der Kredite zu Zinssätzen ausleiht, die die Empfängerstaaten
aufbringen können. Die erforderlichen Mittel wären durch Beiträge der interessierten Länder einschließlich natürlich der Ölproduzenten aufzubringen. Der
IWF selbst könnte die Erlöse aus eigens für diesen Zweck vorzunehmenden Goldverkäufen beisteuern. Wir ersuchen den Interimsausschuß des IWF und den Gemeinsamen Entwicklungsausschuß des IWF und der Weltbank, diesen Vorschlag umgehend zu prüfen.

- Die Beziehungen zu den Erdölförderländern Sobald gewisse kollektive Maßnahmen getroffen sind, die auf eine dauerhafte Lösung abzielen - d. h. Maßnahmen zur Förderung der Einsparung von Energie und der Entwicklung neuer Energiequellen -, und sobald der zwischenzeitliche Schutz unserer Volkswirtschaften dank unserer Energieplanung und finanziellen Solidarität gewährleistet ist, sind auch die Vorbedingungen für einen
konstruktiven Dialog mit den Erdölförderländern gegeben.
Wir erachten die Zusammenarbeit unter den Verbraucherstaaten nicht als
im Gegensatz zu einer Zusammenarbeit unter Verbraucher-und Förderländern stehend, sondern als notwendige Vorbedingung für einen konstruktiven Dialog. Das
tun sogar viele Förderländer, die die Verbraucherländer gedrängt haben, die
Inflation einzudämmen, Energie zu sparen und die internationale Währungsstabilität aufrechtzuerhalten.
Ein Dialog, der nicht sorgfältig vorbereitet ist, wird die Probleme,die
er lösen soll, eher verwirren. Solange die Verbraucherstaaten zu keiner einheitlichen Einstellung zu ihren eigenen Problemen finden, werden Erörterungen
mit den Förderländern in einem multilateralen Gremium nur eine Wiederholung

-18-

�Wiederholung der vielen bilateralen Gespräche bringen, die gegenwärtig schon
geführt werden.
Hauptthema eines solchen Dialogs muß zwangsläufig die Frage des Ölpreises bilden. Die Stabilität des Systems, von dem die Gesundheit selbst der
Volkswirtschaften der Ölexportländer abhängt, macht eindeutig eine Senkung
der Ölpreise notwendig. Eine gerechte Lösung muß auch der von den Förderländern erhobenen Forderung nach einer langfristigen Einkommens Sicherung und
nach langfristigem wirtschaftlichem Wachstum Rechnung tragen. Wir sind bereit,
dieses Problem systematisch durchzudiskutieren.
Vorab sollten die Förderländer einsehen, daß sich weitere Preissteigerungen in der Vorbereitungsphase dieses Dialogs und zu einem Zeitpunkt, zu dem
das bestehende System noch nicht einmal die vorausgegangenen Preiserhöhungen
verkraftet hat, zerstörerisch auswirken würden und sehr gefährlich wären.
Auf dieser Grundlage - Solidarität unter den Verbraucherstaaten hinsichtlich des sparsamen Umgangs mit Energie, der Entwicklung von alternativen Energiequellen und der finanziellen Sicherheit; maßvolle und verantwortungsbewußte Politik seitens der Förderländer; und gemeinsame Anerkennung der wechselseitigen Abhängigkeit - Interdependenz - und der langfristig gesehenen Interessengleichlage - besteht berechtigte Hoffnung, daß ein Dialog zwischen Verbraucher-und Förderländern diese Krise zu beenden vermag, die die Welt bis
in ihre wirtschaftlichen Grundfesten erschüttert hat.

- Der nächste Schritt Ein Jahr und ein Monat sind seit Ausbruch der Ölkrise vergangen. Wir
haben uns für den Anfang gut gehalten; die eigentliche

-19-

Bewährungsprobe steht

�«
steht uns aber erst noch bevor.
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen,schon in nächster Zukunft weitere
Vorschläge zur Durchführung des von mir umrissenen Programms zu unterbreiten. Wir werden der neuen Internationalen Energiebehörde in der kommenden
Woche ein spezifisches Programm für kooperative Anstrengungen unterbreiten,
die die Einsparung von Energie, die Erschließung neuer Energiequellen, die
Anreicherung von Kernbrennstoffen und die Ausarbeitung der Verhandlungsposition der Verbraucherstaaten in dem bevorstehenden Dialog zwischen ihnen und
den Fördernländern zum Ziel haben.
Gleichzeitig wird Finanzminister Simon unsere Vorstellungen von finanzieller Solidarität in dem von mir dargelegten Sinne bis in Einzelheiten erläutern, und unser Vertreter in der Zehnergruppe wird sie seinen Kollegen unterbreiten.
Wir werden ferner den Vorsitzenden des Interimsausschusses des Weltwährungsfonds wie auch den des neuen Gemeinsamen Entwicklungsausschusses des
Währungsfonds und der Weltbank ersuchen, ein Dringlichkeitsprogramm zur Gewährung von Sonderhilfe zu Vorzugsbedingungen an die ärmsten unter den Entwicklungsländern zu erwägen. Gestern kündigte Innenminister Morton ein Programm zur beschleunigten Suche nach neuen Erdölvorkommen im eigenen Land und
zu deren unverzüglicher Ausbeutung an.
Präsident Ford beabsichtigt, dem neuen Kongreß ein detailliertes und umfassendes Energieprogramm vorzulegen.
-Zusammenfassung-

-20-

�- Zusammenfassung Niemand sollte daran zweifeln, daß das Energieproblem lösbar ist. Es
wird uns nur dann überwältigen, wenn wir seinen Realitäten den Rücken kehren.
Es kann allerdings keine Lösung ohne kollektive Anstrengungen der Länder Nordamerikas, Westeuropas sowie Japans geben- eben jener Länder, deren Zusammenarbeit mehr als zwei Jahrzehnte hindurch der Nachkriegswelt Prosperität und
Frieden gebracht hat. Und es gibt letzten Endes auch keine Lösung ohne einen
Dialog mit den Förderländern, der im Geiste der Versöhnlichkeit und Kompromißbereitschaft geführt wird.
Eine große Verantwortung lastet auf Amerika, obwohl es keine ausschließlich "amerikanische Lösung" geben kann. Ohne unsere Hingabebereitschaft.und
ohne unsere Führung sind Fortschritte unmöglich. Unser Land trägt seit vielen
Jahren die Hauptverantwortung, wenn es darum geht, den Frieden zu wahren, die
Hungernden zu ernähren, das internationale wirtschaftliche Wachstum zu gewährleisten und alle jene zu inspirieren, die frei sein wollen. Wir haben diese
schwere Bürde nicht gewollt und wir waren oft versucht, sie abzulegen. Wir
haben es aber dennoch nie getan, und wir können es uns heute nicht leisten,
diese Bürde abzulegen

- weil sonst die Generation nach uns den Preis für unse-

re Selbstgefälligkeit zahlen müßte.
Über ein Jahrzehnt lang ist Amerika von Krieg, sozialen Unruhen, dem
Generationskonflikt und einer Verfassungskrise gepeinigt. Die eindrucksvollste Lehre aus diesen Ereignissen ist der Beweis unserer grundlegenden Stabilität und Stärke. In einer Zeit der Gärung im eigenen Land haben wir es fertiggebracht, die Spannungen rund um den Erdball zu vermindern. Unser Volk und
unsere Institutionen sind aus unseren inneren Kämpfen mit außerordentlicher

�außerordentlicher Spannkraft hervorgegangen, Und heute sind die Führungsimpulse, die von uns auf den Gebieten der Technologie, der Landwirtschaft, der
Industrie und des Fernmeldewesens ausgehen, einmal mehr von entscheidender
Bedeutung für die Genesung der Welt.
Woodrow Wilson bemerkte einmal: "Die Freiheit der Welt ist engstens verwoben mit der fortlaufenden Perfektionierung dieser Freiheit durch die vereinten Anstrengungen aller zivilisierten Völker". Das ist letztlich genau das,
worum es in der Energiekrise geht. Denn letztlich steht unsere Freiheit auf
dem Spiel, und um sie zu erhalten, bedarf es der gemeinsamen Anstrengungen
aller demokratischen Industriestaaten.
Die Gefahren, die Woodrow Wilson und seiner Generation drohten, waren im
Vergleich zu den heutigen Gefahren relativ harmlos und überschaubar. Die Gefahren, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, sind weit subtiler und
ernster. Die größeren Zusammenhänge, in denen wir handeln müssen, sind mannigfaltiger als selbst in der Zeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg. Damals
war es die Sorgepflicht für andere, die uns inspirierte; heute müssen wir Inspiration aus der Partnerschaft mit anderen ziehen. Damals wurden wir und unsere Verbündeten durch eine Bedrohung von außen geeint; heute müssen wir die
Einigkeit in uns selbst finden und in unserer Hingabe an die politischen und
wirtschaftlichen Institutionen freier Menschen, die um eines gemeinsamen Zieles
willen zusammenarbeiten, Unsere Aufgabe ist es, den Geist der Zusammenarbeit
unter gleichgesinnten Nationen aufrechtzuerhalten, der uns eine Generation hindurch so gute Dienste geleistet hat,und den Beweis dafür anzutreten, daß, wie
Woodrow Wilson zu anderer Zeit und an einem anderen Ort erklärte, "die höchste
und beste Form der Effizienz die spontane Zusammenarbeit freier Menschen ist."
+ + + + +

(U.S. Information Service,
5300 BN-Bad Godesberg)

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

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G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

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Wirtschaft

300

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24/1974

SIMON ERLÄUTERT ENERGIE-VORSCHLÄGE DER USA
Wortlaut der Rede des amerikanischen Finanzministers in New York

NEW YORK - (AD) - Der amerikanische Finanzminister William Simon hat
am 18. November die Vorschläge näher erläutert, die Außenminister Kissinger
am Wochende zur Lösung der internationalen Energiekrise unterbreitet hat. In
einer Rede vor dem Nationalen Außenhandelskonvent in New York ging Simon vor
allem auf die finanziellen Aspekte ein.

Seine Ausführungen haben folgenden

Wortlaut:
"Wir kommen heute in ernsten Zeiten zusammen - Zeiten, die ein offenes
Wort verlangen - und ich will hier ganz offen und deutlich sprechen.
Wie Sie alle wissen, stellt die Politik des Ölkartells heute eine fundamentale Bedrohung der wirtschaftlichen und politischen Struktur dar, die der
Weltgemeinschaft ein ViertelJahrhundert lang gute Dienste geleistet hat.

Einige

,ind sogar der Auffassung, daß die Welt vor der größten Wirtschaftskrise seit
den ersten Nachkriegsjähren steht. Aber eine Krise braucht nicht, wie Präsident Eisenhower einst bemerkte, die Menschen in blinde Panik zu versetzen.
Eine Krise', so sagte er, 'ist auch der schärfste Stachel, um die schöpferische
- 1 -

�schöpferische Energie des Menschen anzuspornen, vor allem, wenn er erkennt,
daß es an seine Grundfesten geht, und wenn er mit Glauben, Überlegung und
Mut an die Lösung der Aufgabe herangeht'.
Das war eine Lehre, die die führenden Männer der ersten Nachkriegsjähre
bereits gelernt hatten, und sie wendeten diese Lehre gut an.

Ihr Weitblick

und ihre Leistung schufen die Grundlagen für eine Periode des beispiellosen
Wachstums und Fortschritts - nicht nur in den Industriestaaten, sondern auch
in den neu entstehenden Ländern.
Heute brauchen wir wieder einmal den Weitblick und die schöpferische
Kraft - und vor allem auch die Grundsätze - jener früheren Jahre. Was die Verbraucher angeht, so müssen wir eine neue Einheit der Zielsetzung und eine neue
Stärke der gemeinsamen Anstrengung finden.

Was die Erzeuger angeht, so müssen

wir unsere Meinungsverschiedenheiten durch gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Zusammenarbeit lösen.

Und was die Entwicklungsländer angeht, so

müssen wir weiterhin Hilfe und Unterstützung gewähren, damit sich ihre Träume
des Fortschritts erfüllen mögen.

Das ist die Grundlage, von der die Ver-

einigten Staaten heute in ihrer Handelspolitik und in ihrer Energiepolitik
ausgehen.

Handelsgesetz muß rasch verabschiedet werden
Nachdem die Handelsdefizite in fast allen Ländern außerhalb des Blocks
der ölproduzierenden und -exportierenden Länder zunehmen, sind die Regierungen
in vielen Ländern L n wachsendem Maße versucht, unter dem Vorwand der Verknappung,
des Überschusses, der Inflation oder der Arbeitslosigkeit den Handel einzuschränken.

Wie wir jedoch schon einmal in diesem Jahrhundert erfahren haben,

ist diese Politik, daß der eine die Last auf den anderen abzuwälzen versucht,

�versucht, letztlich für alle Beteiligten unheilvoll.

Dies ist nicht mehr

die Zeit für einen aneingeschränkten Bilateralismus, für monopolistische
Einschränkung der Versorgung oder andere administrative Maßnahmen, die den
normalen Verlauf von Handel und Investition verzerren.

Die Lösungen für die

Probleme einer interdependenten Welt liegen in einer verstärkten Interdependenz
und nicht in ihrer Schwächung.

Eine expandierende Weltwirtschaft mit einiger-

maßen stabilen Preisen ist von wesentlicher Bedeutung für die politischen,
sozialen und wirtschaftlichen Interessen aller Länder. Das kann nur erreicht
werden, wenn Verhältnisse geschaffen werden, die es dem Außenhandel und de n
Auslandsinvestitionen erlauben, ihre historische Rolle als Motor des wirtschaftlichen Fortschritts zu spielen.
Zu keiner Zeit waren Verhandlungen über den Handel und die Handelsbeziehungen angebrachter als jetzt. In diesem Zusammenhang messen wir der Verabschiedung des Handelsreformgesetzes noch vor Ende dieses Jahres größte Bedeutung bei.

Ein klar gefaßtes Gesetz, das nicht durch sachfremde Zusätze

belastet ist, ist für den Präsidenten von größter Dringlichkeit.

Nur mit

diesem Mandat der Legislative können unsere Delegierten wirksam verhandeln
und für ein offenes und flexibles Handelssystem eintreten, und nur mit der
Beteiligung der Vereinigten Staaten können wir die gemeinsamen Wirtschaftsprobleme lösen.
Frühere internationale Handelsverhandlungen haben sich auf das Problem
der Eröffnung nationaler Märkte für die Exporte anderer Länder konzentriert.
Es ist wesentlich, daß sich die multilateralen Handelsverhandlungen in Tokio
jetzt der anderen Seite der Frage zuwenden und Mittel und Wege finden, um
den internationalen Zugang zu Lebensmitteln und Rohstoffen sicherzustellen.
Die
- 3-

�Die Herausforderung des OPEC-Blocks
Dieses Problem des Zugangs zu Rohstoffen ist natürlich durch die Maßnahmen
der ölexportierenden Länder, die dem OPEC-Block angehören, besonders zugespitzt worden - zunächst durch das Embargo im Herbst vorigen Jahres, dann durch
eine Vervierfachung der Preise und schließlich durch die Drosselung ihrer Produktion zur Aufrechterhaltung der Preise.
Vor dem Preisanstieg im Oktober vorigen Jahres betrug der durchschnittliche Preis »der für ein Barrel Öl an die Erzeugerländer bezahlt wurde - wobei
das saudi-arabische leichte Rohöl als Richtschnur diente -»weniger als 2 Dollar.
Heute beträgt der Preis rund 10 Dollar.
Länder, die im Jahre 1973

Die Zahlungen für Öl an die OPEC-

22 Milliarden Dollar betrugen, dürften in diesem

Jahr nach allen Erwartungen 85 Milliarden Dollar überschreiten und vom Herbst
dieses Jahres an eine Jahresrate von etwa 100 Milliarden Dollar erreichen.
Allein in diesem Jahr werden die OPEC-Länder über 60 Milliarden Dollar an Einnahmen verfügen, die sie nicht für Importe von Gütern und Dienstleistungen ausgeben.

Ein Haben der OPEC-Gruppe ist natürlich ein Soll für die ölimportieren-

den Länder und ein Überschuß der OPEC ist ein Defizit für die übrige Welt. Die
importierenden Länder können als Gruppe nur für das öl bezahlen, indem sie sich
bei den OPEC-Ländern mehr und mehr verschulden.
Die Kosten, die der Weltwirtschaft durch die exorbitanten ölpreise auferlegt werden, sind schwer und tiefgreifend.

Sie machen unseren Kampf gegen

die Inflation nur noch schwieriger und die Inflation selbst nur noch virulenter.
Wenn die Welt jetzt

Mittel umdirigiert, um ein neues Energiegleichgewicht

zu erreichen, dann wird dies zu ernsten Reibungen und unvermeidlichen Kosten
für die strukturelle Anpassung führen. Das Widerstreben, Jahr für Jahr Geld
zu borgen, um Ölkäufe finanzieren zu können, wird die Nationen veranlassen, einen

�einen niedrigeren Stand der Wirtschaftstätigkeit aufrechtzuerhalten und das
wirtschaftliche Wachstum wird sich verlangsamen.

Es besteht eindeutig die

Gefahr, daß einige Länder unangemessene oder verzerrende Maßnahmen ergreifen
könnten, wobei das Risiko der Vergeltung und der Zufluchtnahme zu Wettbewerbsrestriktionen besteht.

Irgendwann werden natürlich darüber hinaus reale Mittel

an die OPEC-Länder transferiert werden müssen, um für die angelaufene Schuld
zu bezahlen.

Die direkte Auswirkung wird nicht für alle Länder gleich sein,

aber alle Länder werden direkt oder indirekt ihre Hoffnungen auf Prosperität
gedämpft finden.

Ich wüßte keine einzelne Veränderung zu nennen, die als sol-

che die Aussichten für die Weltwirtschaft mehr verbessern könnte als eine wesentliche Senkung des Olpreises.

Und ich kann mir keine Entwicklung vorstellen,

die für die Erhaltung unseres internationalen Handelssystems von entscheidender
Bedeutung wäre.

Warum die Ölpreise schließlich fallen müssen
Die Erzeugerländer sind sich klar darüber, daß Öl nicht gefeit ist gegenüber den Kräften von Angebot und Nachfrage.

Das starke Anziehen der Preise

hat bereits zu einem geringeren Ölverbrauch überall auf der Welt geführt - und
wenn weitere Anpassungen im Laufe der Zeit möglich werden, so wird sich der
Rückgang noch erheblich verstärken.

In den Erdöl importierenden Ländern der

nicht-kommunistischen Welt sehen die Verbrauchsvoranschläge einen Rückgang
von 48 Millionen Barrel pro Tag im Jahre 1973 auf rund 46 1/2 Millionen Barrel
pro Tag in diesem Jahr vor.

Als sich der rückläufige Verbrauch bemerkbar zu

machen begann, hatten eine Reihe von OPEC-Ländern ihre Forderung - und nicht
ihren Preis - gesenkt.

Vor dem Embargo des letzten Jahres beliefen sich die

freien Kapazitäten der OPEC-Länder auf 1 bis 1 1/2 Millionen Barrel pro Tag.
- 5 -

�Tag.

Jetzt betragen die ungenutzten Kapazitäten fast 8 Millionen Barrel pro

Tag.

Selbst während des Embargos hatten die überschüssigen Kapazitäten nicht

eine solche Höhe erreicht. Wenn diese überschüssigen Kapazitäten weiter zunehmen, wird der Druck auf die Preise zwangsläufig zunehmen.
Angesichts der hohen Preise haben die Verbraucher ferner die Erschließung
ihrer eigenen Energiequellen beschleunigt, deren Energie dann beträchtlich
unter dem gegenwärtigen Preis für das OPEC-Öl liegen wird.

Wenn die OPEC -

Länder fortfahren sollten, um den Preis zu halten, die Förderung weiter zu
drosseln, dann werden sie feststellen, daß sowohl ihre Märkte als auch ihre
Einkünfte sich drastisch verschlechtert haben.

Für mich stellt sich nicht

die Frage, ob die Ölpreise fallen werden, sondern wann sie fallen werden.
Ich weiß, es gibt Propheten, die für die Energielage der Welt schwarz
sehen und glauben, daß die Welt eines Tages ohne Öl dastehen wird.
Propheten liegen völlig falsch.

Diese

Einmal gibt es nach Ansicht zahlreicher Ex-

perten allein im Nahen Osten neben bekannten Ölvorkommen von fast 400 Milliarden Barrel weitere noch unbekannte Vorkommen von mindestens der gleichen
Größenordnung.

Und genauso wenig sind die Energieverbraucher der Welt allein

auf die OPEC angewiesen.

Die Erdöl- und Energiereserven der Welt außerhalb

der OPEC-Länder sind weit größer als die in diesen Ländern.

Hier in den Ver-

einigten Staaten verfügen wir über ein riesiges Ölförderpotential aus neuen
Vorkommen vor unseren Küsten und in der Arktis, sowie aus älteren Vorkommen
auf Grund verbesserter und intensiverer Förderverfahren.

Andere traditionelle

Energiequellen - Erdgas, Kohle und Kernenergie - werden in wachsendem Maße an
Bedeutung gewinnen, je mehr der Markt einen Anreiz zur Erschließung unserer
Vorkommen bietet.

Und schließlich, das ist Zukunftsmusik, werden neue Energie-

quellen durch technologischen Fortschritt und wirtschaftliche Anreize er-

- 6-

�erschlossen werden - der gleiche Prozeß, der in der Vergangenheit zur Erschließung unserer Energiequellen geführt hat.
Natürlich wird bei einigen Energiequellen eine gewisse Zeit vergehen, bevor es zu einer nennenswerten Produktion kommt. Aber der Erdölmarkt selbst
befindet sich bereits in einem Umwandlungsprozeß.

Allein im letzten Jahr ist

die Entdeckung von 26 beträchtlichen neuen Vorkommen gemeldet worden.

Die

festgestellten Vorkommen außerhalb der OPEC-Länder haben sich um wenigstens
30 Milliarden Barrel Öl erhöht - das ist eine Zunahme um 25 Prozent.

Die in

der Nordsee festgestellten Öl-Vorkommen haben sich seit dem letzten Herbst
verdoppelt; Mexiko hat riesige neue Vorkommen entdeckt; selbst China hat Vorkommen gemeldet, die es zu einem bedeutenden Erdölexporteur werden lassen können.
Erdöl ist ferner in kommerziell bedeutenden Mengen in Guatemala, in dem
peruanischen Amazonas-Gebiet, in der Tierra del Fuego Region Chiles und
Argentiniens, in Gabun, Zaire, Cabinda, Angola, Tunis, Indien, Bangladesh,
Burma, Malaysia, Brunei, Thailand, Südvietnam, Taiwan und Ägypten vorhanden.
Und alle diese Vorkommen wurden innerhalb nur einen Jahres entdeckt.
Alle diese Länder außerhalb der OPEC werden 1980 ein geschätztes Förderpotential von 13 Millionen Barrel pro Tag haben.

Und dies schließt noch nicht

einmal das Erdöl ein, das aus Alaska und unserem äußeren Kontinentalshelf kommt.
Wir haben eine Energiekrise, aber es ist ganz klar, daß sie gelöst werden
kann.

Wenn die OPEC-Länder ihre Ölförderungsrate einschneidend einschränken,

schaffen sie zwangsläufig damit die Voraussetzungen, nun große Energiemengen
aus anderen Quellen verfügbar zu machen - und zwar zu Preisen, die erheblich
unter dem derzeitigen Preisniveau liegen.
Der gegenwärtige Ölpreis ist durch nichts gerechtfertigt.
keinem Verhältnis zu den Förderkosten.
- 7-

Er steht in

Die Behauptung einzelner OPEC-Länder, daß

�daß die Preiserhöhung notwendig sei, um mit den steigenden Preisen für andere
Güter Schritt zu halten, trifft einfach nicht zu.

Für ein Barrel Öl kann man

heute rund fünfmal so viel Importgüter kaufen als vor zwanzig Jahren und viermal so viel als im September letzten Jahres.
Es sollte ferner klar gestellt werden, daß es sich hier nicht um einen
Fall von Marktmanipulationen durch Produktionsunternehmen handelt.

Die Gewinne

der ölgesellschaften sind gestiegen, doch hier handelt es sich lediglich um
eine kurzfristige

Erscheinung auf Grund einer Neubewertung der Lagerbestände,

auf Grund von Gewinnen aus Zweigindustrien z.B. auf dem Chemie- und dem Transportsektor

sowie auf Grund anderweitiger Faktoren.

Gewiß beabsichtigen die

Ölgesellschaften kein Komplott, um die Einkünfte aus den OPEC-Ländern ins uferlose zu steigern, da dann die Gastländer ihre Anlagen übernehmen würden. Erdöl hat heute einen überhöhten Preis und zwar aus einem einzigen Grund:

Weil

eine kleine Gruppe von Ländern sich zusammengetan hat, um den Preis zu manipulieren.

Sicherung der Zusammenarbeit zwischen den Verbraucher!ändern
Wir hatten gehofft, daß diese Länder erkennen würden, daß ihre Politik
weder in ihrem eigenen Interesse noch im Interesse der Welt liegt.

Für sie

genau wie für uns liegt die Hoffnung in der Wiederaufnahme des internationalen
Handels zu vernünftigen Bedingungen.

Bis jetzt jedoch scheinen unsere Argu-

mente auf taube Ohren gestoßen zu sein.

Die Vereinigten Staaten hatten seit

langem erkannt, daß Logik und Mäßigung nicht die Oberhand behalten würden, und
aus diesem Grund haben wir in den letzten eineinhalb Jahren die Grundlagen für
eine wirksamere Antwort auf diese an die großen Verbraucherlander gerichtete
Herausforderung geschaffen.
Ein

�Ein Hauptanliegen unserer Politik war, eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Verbraucherländern zu erreichen.

Der Verwirklichung dieses Zieles

waren buchstäblich hunderte von Stunden an geheimer und öffentlicher Diplomatie
unserer höchsten Regierungsbeamten gewidmet.

Die Tatsachen sprechen für sich:

- Im April 1973 hat Präsident Nixon gewarnt, daß die Energie zu einem
Hauptproblem werden würde und daß eine enge Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten, Westeuropas und Japan notwendig sei.
- Im Februar 1974 kamen auf unsere Einladung hin ein Dutzend der großen
Verbraucherländer hier zu der Washingtoner Energiekonferenz zusammen.

Ich habe

damals ein detailliertes Dokument über die finanziellen und wirtschaftlichen Aspekte der internationalen Ölpreise sowie über die Notwendigkeit von Einsparungen
und einer Ausweitung der Förderung vorgelegt.

Auf dieser Konferenz wurde die

internationale Energiekoordinierungsgruppe ins Leben gerufen, die den erforderlichen Rahmen für Konsultationen und Verhandlungen zwischen den Verbraucherländern
gibt.
- Nach langen Erörterungen zwischen den Mitgliedstaaten dieser Koordinierungsgruppe wurde im letzten September in Brüssel eine Übereinkunft über
einen in seiner Art noch nie dagewesenen Plan erreicht, in Krisenzeiten die
Energiequellen zwischen den Mitgliedstaaten zu teilen.

Das Brüsseler Abkommen

stellt einen wichtigen Durchbruch dar, denn es gewährt einen gegenseitigen Schutz
in Notzeiten, und es wurde erst erreicht, nachdem frühere Versuche fehlgeschlagen
waren.

Das Brüsseler Abkommen gab ferner Richtlinien für gemeinsame lang-

fristige Anstrengungen zur Energieeinsparung, zur Energiegewinnung sowie zur
Energieforschung und Entwicklung und führte zur Gründung einer neuen, mit der
OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) assoziierten Organisation, die dieses Programm durchführen soll - der Internationalen

�V

Internationalen Energiebehörde.

Der Aufsichtsrat dieser neuen Behörde hält

heute seine erste Sitzung ab. Dies sind alles solide Erfolge, aber wir müssen
weiter voranschreiten.

Die neuen amerikanischen Vorschläge
Auf zahlreichen Zusammenkünften mit hohen Beamten anderer Länder in den
letzten zehn Monaten haben Außenminister Kissinger und ich sowie unsere Stellvertreter unsere Ansichten über die gegenwärtige weltwirtschaftliche Lage dargelegt und die Auffassungen der anderen zur Kenntnis genommen.

Wir haben ständig

betont, daß sich Energie-, Wirtschafts- und Finanzprobleme nicht voneinander
trennen lassen und daß neue Initiativen auf dem einen Gebiet zusammen mit neuen
Initiativen auf den anderen Gebieten erfolgen müssen.

In den letzten Wochen

haben wir in vertraulichen Gesprächen mit einer begrenzten Zahl von großen Industriestaaten eine Reihe umfassender Vorschläge unterbreitet, und die anschließenden Erörterungen waren sehr eingehend und konstruktiv.

Präsident Ford

betrachtet die in Brüssel erzielten Vereinbarungen als eine solide Grundlage,
auf der aufgebaut werden kann, und hat Anweisung erteilt, daß die Vereinigten
Staaten nunmehr ihre Vorschläge öffentlicht vorlegen sollen.
laß für die Rede von Dr. Kissinger in

Dies war der An-

Chicago am letzten Donnerstagabend, in

der er die globalen Aspekte unserer Position darlegte, und meiner Rede hier am
heutigen Tag, in der ich die finanziellen Aspekte unserer Vorschläge mehr im
Einzelnen erläutern werde.
Das wesentliche des amerikanischen Standpunktes läßt sich kurz umreißen:
- Der Ölpreis selbst, nicht seine finanziellen Auswirkungen, ist die wirkliche Ursache der Unruhe in der Weltwirtschaft.
- Um mit zu einer Senkung der Ölpreise sowie einer Verringerung der wirt- 10 -

�wirtschaftlichen Belastung durch die Olimporte beizutragen, sollten die großen
Verbraucherländer zusammenarbeiten, um eine wesentliche Reduzierung ihrer Importe von OPEC-Öl zu erreichen.
- Sie sollten ferner ihre Politik koordinieren und ihre technischen Hilfsquellen zusammentun, um die Energiegewinnung in ihren Ländern zu steigern.
- Die Hilfsquellen des IWF (Internationaler Währungsfonds) sollten vermehrt
für alle Mitgliedstaaten herangezogen werden.
- Es sollte eine große neue Finanzinstitution in Verbindung mit der OECD
errichtet werden, um finanziellen Beistand in solchen Fällen zu gewähren, in
denen eines der beteiligten Länder in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät,
obwohl angemessene eigene Anstrengungen unternommen wurden.
- Es sollte ferner die Errichtung eines besonderen, vom IWF verwalteten
Treuhandfonds erwogen werden, um den Entwicklungsländern zu helfen, die am
meisten leiden und eine Finanzierung zu günstigen Bedingungen benötigen.
- Schließlich sollten ernsthafte Vorbereitungen für einen eventuellen
Dialog zwischen einer geeinten Verbrauchergruppe und den Erzeugerländern getroffen werden.
Unsere Ideen erfordern die aufrichtige, ehrliche Anstrengungen der großen
Industriestaaten der Welt zur Lösung der internationalen Energiekrise.

Es werden

weitere Wochen diplomatischer Aktivitäten mit unseren Verbündeten und Freunden
notwendig sein, um eine derartige weitreichende Initiative zu verwirklichen.
Wir werden die Kooperation des Kongresses und Ihre sowie aller anderen Unterstützung hierfür brauchen.

Senkung der Olimporte
Wir wollen jetzt diese Vorschläge genauer betrachten.

Alle großen Ölver-

�Ölverbraucherländer haben nationale Energiesparprogramme aufgenommen, um die
Olimporte zu senken. Präsident Ford hat ein amerikanisches Programm verkündet,
um die Olimporte um eine Million Barrel pro Tag unter den Stand zu senken, den
sie sonst Ende 1975 erreicht haben würden.

Der Präsident hat klar gesagt, daß

wir dieses Ziel erreichen werden und alle hierzu erforderlichen Maßnahmen ergriffen werden.

Die französische Regierung hat vor einigen Wochen angekündigt,

daß sie Maßnahmen ergreifen werde, um 1975 die Olimporte nach Frankreich soweit
einzuschränken, daß die importierte Menge nicht mehr als die Einfuhren des
Jahres 1974 kosten wird.

Erst vor einer Woche hat die britische Regierung

zwecks Senkung der Olimporte eine neue Benzinsteuer angekündigt.

Andere Re-

gierungen haben Grenzen, Ziele und politische Maßnahmen beschlossen, die je
nach den nationalen Gegebenheiten voneinander abweichen, aber alle auf eine
Senkung der Olimporte abgestellt sind.
Diese ersten Schritte zur Einsparung könnten noch verstärkt werden, wenn
die großen Industriestaaten als Gruppe ihre vorgeschlagenen Sparprogramme sowie
ihre vorgeschlagenen Programme zur Steigerung der Energiegewinnung vorbringen
würden, so daß sie auf internationaler Ebene überprüft und erörtert werden
könnten, um festzustellen, ob sie insgesamt angemessen sind und gleichmäßig
von allen Ländern getragen werden.
Unseres Erachtens könnten wirksame nationale Sparprogramme bis Ende 1975
zu einer Senkung der Importe der großen Industriestaaten der Welt um wenigstens
3 Millionen Barrel pro Tag führen, ohne daß hierdurch die Wirtschaftstätigkeit
oder die wirtschaftliche Leistung über Gebühr beeinträchtigt würde.

Eine sol-

che Senkung der Importe, sofern sie vereinbart und durchgeführt wird, würde
bei dem derzeitigen Preisniveau zu Einsparungen auf der Importseite von jährlich 11 Milliarden Dollar führen und einen starken Druck auf den Markt ausüben,
- 12 -

�ausüben, um die Ölpreise herunterzubringen.

Die Wirkung der von jedem ein-

zelnen von uns unternommenen Anstrengungen kann durch Anstrengungen von uns
allen auf ein Vielfaches gesteigert werden.

Ich wäre Ihnen gegenüber nicht

aufrichtig, wenn ich den Eindruck hinterlassen wollte, als wäre es einfach,
dieses Ziel zu erreichen.

Aber ich wäre erst recht nicht ehrlich, wenn ich

behaupten würde, daß das, was leicht ist, auch wirksam ist.
Umgehende Anstrengungen zur Senkung der Ölimporte sind unbedingt notwendig.
Aber genauso notwendig sind auch die erforderlichen Anstrengungen, um langfristig die Einsparung und die Gewinnung von Energie zu fördern.

Glücklicher-

weise verfügen wir jetzt in der neuen Internationalen Energiebehörde über
ein Gremium für die Entwicklung und Koordinierung neuer nationaler und internationaler politischer Maßnahmen zur Erreichung dieses Zieles.

Es ist kein

Geheimnis, daß es noch in fast allen Ländern - auch in den Vereinigten Staaten administrative und politische Hindernisse für Einsparung und vermehrte Gewinnung von Energie gibt. Es ist ebenso kein Geheimnis, daß internationale Anstrengungen zur Erreichung der gleichen Ziele auf zahlreiche Schwierigkeiten
stoßen.

Aber es ist unbedingt erforderlich, daß wir entschieden voranschreiten.

Ein grundlegendes Erfordernis ist es, innerhalb der Internationalen Energiebehörde ein gemeinsames langfristiges Ziel für die Senkung der Wachstumsrate
beim Energieverbrauch und bei den Ölimporten aufzustellen.

Ein solches lang-

fristiges Ziel wird den Regierungen helfen, wenn sie nationale politische Entscheidungen treffen müssen, und wird ferner dazu beitragen, den OPEC-Ländern
zu zeigen, wohin sie ihr gegenwärtiger Kurs führt.
Wir sollten ferner ein Verfahren festlegen, um innerhalb der Internationalen
Energiebehörde die von den Mitgliedstaaten zur Erschließung neuer Energiequellen
verfolgten Politik zu überprüfen.

Aus diesem Prozeß sollten nicht nur nützliche

�f

nützliche Richtlinien für die Energiegewinnung erwachsen, sondern auch ein
steigendes Bewußtsein aller Mitgliedstaaten für die Notwendigkeit erfolgreicher
politischer Maßnahmen auf diesem Gebiet.
Ein weiteres komplexes Problem, mit dem wir in der Internationalen Energiebehörde fertig werden müssen, ist das Problem, das sich durch das sogenannte
'Preisverfallrisiko' (downside risk) ergibt.

Welche Energiequellen künftig

entwickelt werden und in welchen Mengen, wird davon abhängen, wie die Investoren
die künftigen Preisentwicklungen bei Öl einschätzen.

Etwaige Investoren in

Energieprojekten dürften sich in einer Situation vorsichtig verhalten, in der
der ölpreis genauso leicht fallen kann, wie er seinerzeit angezogen hat.

Daher

müssen wir Verfahren für eine internationale Zusammenarbeit erwägen, um Investoren
ein angemessenes Maß an Schutz gegen solche Risiken zu geben.
Schließlich gibt es noch ungenutzte Möglichkeiten auf dem Gebiet der
Energieforschung und Entwicklung - KernverSchmelzung, Kohletechnologie, Verwendung von Wasserstoff und angereichertem Uran - und die neue Internationale
Energiebehörde kann von Nutzen sein, um eine solche Zusammenarbeit auf diesen
und auf anderen Gebieten zu beschleunigen und zu erleichtern.
Auf allen diesen Gebieten wird eine gemeinsame Entschlossenheit, schnell
und wirksam voranzuschreiten, nicht nur dazu dienen, unsere Abhängigkeit von
Öl aus den OPEC-Ländern zu verringern, sondern auch den Prozeß zu beschleunigen,
um den Preis des OPEC-Öls auf ein tragbares Niveau zu senken.

Finanzielle Sicherheit
Gleichzeitig müssen die Länder, die sich verpflichten, auf dem Energiesektor gemeinsam zu handeln, aber auch sicher sein, daß ihnen im Falle einer
finanziellen Notlage Kredit zu vernünftigen Bedingungen zur Verfügung steht.

- 14 -

�steht. Eine solche Sicherheit könnte ihnen durch eine neue zusätzliche Finanzinstitution gegeben werden, die die großen Industriestaaten selbst errichten könnten.
erhalten.

Unter anderem würden sie Kapital aus den OPEC-Überschüssen

Den OPEC-Ländern müssen nicht besondere Garantien, über den Markt-

sätzen liegende Erträge oder Wertindexklausein geboten werden.
Geld anlegen, wo sie wollen.

Sie können ihr

Notwendig sind lediglich ausreichende Vereinba-

rungen - private und staatliche -, um sicherzustellen, daß die Gelder unter
den verschiedenen ÖlImportländern so zur Verteilung gelangen, daß unnötig
große wirtschaftliche Schwierigkeiten in den einzelnen Ländern vermieden werden.
Die bestehenden privaten und öffentlichen Institutionen haben diese
Aufgabe der Umverteilung in der Vergangenheit übernommen, und es liegen keinerlei Hinweise dafür vor, daß sie dies nicht auch künftig tun können.

Die Probleme,

die sich aus der Finanzierung der höheren Ölrechnungen ergeben, lassen sich bewältigen, bis die Ölpreise wieder fallen - sie lassen sich nicht einfach, ohne
Härten und ohne Anstrengungen lösen, aber sie können gelöst werden.

Beträcht-

liche Mengen an OPEC-Geldern, wahrscheinlich 45 Milliarden Dollar in den
ersten 10 Monaten dieses Jahres, sind auf verschiedene Weise investiert worden.
Fast ein Viertel dieser Gelder sind direkt auf dem amerikanischen Markt und
fast ein weiteres Viertel in inländischen Titeln anderer Industriestaaten investiert worden.

Die OPEC-Länder haben ferner direkt Kredite an ausländische

Regierungen vergeben und weitere Gelder an internationale Institutionen - z.B.
den Ölsonderfonds des IWF - transferiert.

Darüber hinaus sind beträchtliche

Summen auf dem Euro-Markt angelegt worden - doch der Gesamtbetrag, weniger als
40 Prozent, ist nicht so hoch, wie manche geglaubt haben.

Für Kreditnehmer

stellen alle diese Investitionen eine potentielle Geldquelle dar und einen
weiten Rahmen alternativer Finanzierungsmöglichkeiten.
Das

�Das internationale Finanzsystem hat sich zwar bewährt, wir müssen jedoch einsehen, daß einzelne Länder in Schwierigkeiten geraten könnten, wenn
die benötigten Kredite zu knapp oder zu teuer werden, um ihnen die Aufrechterhaltung einer offen Wirtschaftsform zu einem angemessenen Stand der Wirtschaftstätigkeit zu erlauben. Eine zusätzliche, von den in der OECD verbundenen Hauptindustriestaaten geschaffene Krediteinrichtung würde den Rückhalt
bieten, der zur Ergänzung der bestehenden Finanzierungskanäle notwendig ist.
Das ist das finanzielle Sicherheitsnetz, das die Vereinigten Staaten empfehlen.
Für einen solchen Mechanismus müßten bestimmte fundamentale Grundsätze
gelten:
1. Die Beteiligung müßte mit der Verpflichtung verbunden sein, bei der
Verringerung der Abhängigkeit von Ölimporten mitzuwirken.
2. Die Teilnehmer würden sich ferner verpflichten, eine verantwortungsbewußte Anpassungspolitik zu verfolgen und jeden Rückgriff auf restriktive
Maßnahmen in der Handelspolitik, oder Versuche, dem anderen die Last aufzubürden, zu unterlassen.
3. Wie bei jedem Versicherungsunternehmen müßte die Institution groß genug sein, um die Aufgabe erfüllen zu können. Es muß klar sein, daß das Potential für Anleihen angemessen ist, um der Anforderung entsprechen zu können.
Wir empfehlen eine Einrichtung mit Gesamteinlagen von allen Mitgliedern in
Höhe von 25 Milliarden Dollar für das Jahr 1975. In den darauffolgenden Jahren
würden,im Falle es notwendig sein sollte, weitere Mittel verfügbar gemacht,

4.

-16-

�4.

Die Krediteinrichtung sollte eine Ergänzung zu den privaten Kanälen

des Marktes und zu anderen Kanälen darstellen, einschließlich des IWF und anderer internationaler Institutionen. Sie sollte aber nicht an deren Stelle treten. Aus diesem Grund sollte sie ihre Kredite zu Marktbedingungen vergeben.
5. Entscheidungen über Bereitstellung einer Finanzhilfe sollten durch
Mehrheitsabstimmung nach Beteiligung erfolgen und auf der Grundlage der gesamtwirtschaftlichen Position des Kreditnehmers, nicht aber nach einem Einzelkriterium wie etwa dem der Olimport-Rechnung getroffen.werden.

6. Wenn immer von der Krediteinrichtung eine Unterstützung gewährt wird,
sollten alle Mitglieder das Kreditrisiko auf der Basis ihrer Beteiligung
gleichmäßig tragen.
Über diese allgemeinen Prinzipien hinaus bleiben noch viele Einzelheiten
auszuarbeiten, wozu wir eine offene, aufgeschlossene Einstellung einnehmen.
Eine Frage, die geklärt werden muß, ist die Art und Weise, in der die Krediteinrichtung in den Besitz der Mittel gelangt, die sie vergeben kann. Die Regierung eines Landes könnte der neuen Krediteinrichtung Gelder direkt leihen
oder dieser gestatten, direkt an die Kapitalmärkte der Welt heranzugehen und
Mittel auf der Grundlage der von diesem Staat gegebenen Garantie aufzunehmen.
Offensichtlich wäre es von Vorteil, wenn der Institution anstelle von
Bürgschaften Gelder durch Direktkredite der Mitgliedsregierungen zur Verfügung
gestellt würden. Der Kreditweg ist schon immer effektiver gewesen und er ist
billiger. Trotzdem könnte es wünschenswert sein, bei der Errichtung der Institution in dieser Hinsicht .ine gewisse Flexibilität zu belassen, einfach weil
die nationalen Praktiken und legislativen Erfordernisse stark

voneinander

�I
voneinander abweichen. Gleichgültig, welcher Weg eingeschlagen wird, die Vereinigten Staaten benötigen eine spezielle Ermächtigung durch den Kongreß, um
handeln zu können.
Für die Vereinigten Staaten könnte die Teilnahme am besten über den Devisenstabilisierungsfonds erreicht werden. Dieser Fonds ist ermächtigt, zur Stabilisierung des Dollarkurses internationale Kreditgeschäfte zu tätigen, und
dies wäre ein Hauptziel unserer Beteiligung an der vorgeschlagenen Institution.
Ferner müßten Vereinbarungen über die Verwaltung dieser Institution ausgehandelt werden. Wir sind der Auffassung, daß sie mit der OECD in ähnlicher
Weise assoziiert sein sollte wie die neue Internationale Energiebehörde und
daß sie von einem eigenen Aufsichtsrat verwaltet werden sollte, dessen

Mit-

glieder aus den maßgebenden Finanzexperten der Mitgliedstaaten ausgewählt werden sollten.
Der Frage der Anteile kommt bei der Errichtung einer solchen Institution
große Bedeutung zu. Es sind verschiedene Punkte erwähnt worden, die dabei be~
rücksichtigt werden sollten, die Höhe der Ölimportrechnungen der Mitgliedstaaten, die relative Höhe des Bruttosozialproduktes, der Anteil am Welthandel oder irgend eine Kombination dieser Faktoren. Die verschiedenen Möglichkeiten werden sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen.
Es könnte ferner von Bedeutung sein, darzulegen, daß nach unserer derzeitigen Auffassung Geldaufnahmen bei der Institution nicht in einem bestimmten
Zusammenhang mit den Ölimporten stehen sollten. »Öl=&gt;Def izite8 lassen sich
immer weniger von »Nicht^l-Defiziten» trennen. Und selbst der Begriff der Zahlungsbilanzdefizite ist in der Welt, in der wir heute leben, von begrenztem
Nutzen. Unseres Erachtens sollte die Inanspruchnahme der Institution aufgrund

-18-

�aufgrund einer Gesamtwertung des Bedarfs eines Landes erfolgen, die auch
seine Hilfsquellen, seine grundlegende Wirtschaftspolitik und die von ihm ergriffenen Maßnahmen einschließt, um seine Abhängigkeit vom OPEC-Öl zu verringern.
Wir haben die allgemeinen Grundzüge mehrere Monate lang erörtert, wie
eine solche Institution mit verschiedenen anderen Regierungen zusammenarbeiten könnte. Sowohl meine persönlichen Gespräche mit anderen Finanzministern
als auch unsere offiziellen Kontakte stimmen mich zuversichtlich, daß wir auf
dieser allgemeinen Linie Unterstützung finden werden. Wir werden jetzt auf
eine mehr formelle Erörterung dieser Vorstellungen in den Gesprächen drängen,
die diese Woche auf offizieller Ebene in Paris geführt werden. Ich möchte darauf hinweisen, daß der Generalsekretär der OECD unabhängig Vorschläge für
einen zusätzlichen Finanzierungsmechanismus entwickelt hat, der in mancher
Hinsicht dem von mir soeben erläuterten ähnelt. Seine Vorstellungen, die sehr
zu begrüßen sind, werden ebenfalls auf dem Verhandlungstisch sein, wenn die
OECD-Arbeitsgruppe III und die Gruppe der zehn Stellvertreter diese Woche in
Paris tagen.
Wir sind darauf vorbereitet, in den nächsten Wochen viele Stunden und
Tage harter Arbeit darauf zu verwenden, aus diesen allgemeinen Anregungen ein
arbeitsfähiges Programm zu machen. Wir werden sehr eng mit den IWF-Ins tanzen
sowie dem neugeschaffenen IWF-Interimsausschuß zusammenarbeiten. Unser Kongreß wird ferner eingehend konsultiert werden, und ich bin sicher, daß unsere
Partner bei diesem Unterfangen ebenfalls ihre Parlamente umfassend konsultieren werden.
Unsere

-19-

�Unsere Vorschläge sind in keiner Weise als Ersatz für den Internationalen Währungsfonds gedacht, der als ständige Institution die grundlegende finanzielle Unterstützung für eine gut funktionierende Weltwirtschaft gewährt.
Der IWF ist in der Lage, jedem seiner Mitglieder beträchtliche zusätzliche
Unterstützung zu geben. Er verfügt über 10 Milliarden Dollar in verschiedenen
Währungen, die verfügbar sind

und wirksam eingesetzt werden können, unabhän-

gig von seinen Goldbeständen.
Wir sind bereit, bei der derzeitigen Überprüfung der IWF-Quoten eine beträchtliche Erhöhung dieser Zahl zu unterstützen. Darüber hinaus sind wir bereit, baldige Maßnahmen zu unterstützen, um eine wirksame Mobilisierung der
Hilfsquellen zu gewährleisten, über die der IWF jetzt verfügt.
Gleichzeitig schlagen wir außerhalb des IWF eine Initiative vor, zum Teil,
weil der potentielle Transferierungsbedarf zwischen den großen Industriestaaten sehr hoch sein kann, und zum Teil, weil Bestimmungen und Konditionen der
finanziellen Operationen des IWF angesichts der außergewöhnlichen Umstände,
wie wir sie jetzt haben, nicht geeignet sind. Ferner wäre es unangebracht.
- selbst wenn dies möglich wäre - in den IWF

die ganze Vielzahl der politi-

schen Fragen hineinzutragen, die berücksichtigt werden müssen, wenn hinsichtlich der finanziellen Unterstützung bei wichtigen Industriestaaten Entscheidungen getroffen und Gutachten abgegeben werden müssen.
Deckung des Bedarfs der Entwicklungsländer
Gleiche Bedeutung kommt unserer Sorge für die Entwicklungsländer und die
kleineren Industriestaaten zu. Natürlich ist es richtig, daß es für die Entwicklungsländer wichtig ist, daß die großen Industriestaaten angesichts der

- 20 -

�der Ölkrise gesunde, expandierende Volkswirtschaften haben. Die Entwicklungsländer sind von den Industriestaaten insofern abhängig, als diese eine wachsende Menge ihrer Exporte aufnehmen und ihnen weiterhin erforderliche Hilfe
zu günstigen Bedingungen gewähren. Wenn wir eine Institution schaffen, die
sicherstellen will, daß die Wirtschaftstätigkeit in den Industriestaaten aufrechterhalten wird, so unterstützen wir damit genauso

die Entwicklungsländer.

Zahlreiche Entwicklungsländer sind weiterhin von großen Kapitalzuflüssen abhängig, damit so ihr schnelles Wirtschaftswachstum gefördert wird. Durch Sicherstellung eines normalen Zuganges zu den wichtigsten Kapitalmärkten, wodurch gleichzeitig die Gefahr eines unfairen Wettbewerbs um die überschüssigen
Investitionsgelder der Olexporteure verringert würde, könnte die Errichtung
einer neuen Finanzierungsinstitution für die Industriestaaten auch das Potential zahlreicher Entwicklungsländer stärken, große Kapitalmengen anzuziehen,
die sie brauchen und die sie produktiv einsetzen können. Diese Länder könnten
sich ferner der Hilfsquellen des IWF in geeigneter Weise bedienen.
Eine Gruppe von Entwicklungsländern - die mit dem niedrigsten pro-KopfEinkommen und die am stärksten von Naturkatastrophen und anderen Problemen
Betroffenen - werden jedoch Hilfe zu günstigen Bedingungen benötigen. Wir
und andere Industriestaaten haben unsere zinsgünstige Hilfe an diese Länder
neu ausgerichtet und fordern die interrationalen Finanzierungsinstitutionen
auf, das gleiche zu tun. Wir erwarten ferner von den Ölexporteuren, daß sie
angesichts des Anstiegs der Olpreise einen großen Teil der von diesen Ländern
benötigten zusätzlichen zinsgünstigen Gelder bereitstellen. Die von diesen,
zu den ärmsten zählenden Länder, benötigten zusätzlichen Gelder - vielleicht
1,5 Milliarden Dollar im Jahre 1975 - sind, verglichen mit den Überschüssen

- 21 -

�Überschüssen der Ölexporteure, nur ein kleiner Betrag. Doch wenn er auch
- weltweit gesehen - nur relativ bescheiden ist, so ist er doch für diese
Länder angesichts ihrer so verzweifelten Lage sehr groß.
Wir werden die Probleme dieser Länder in dem neuen Entwicklungsausschuß
vordringlich behandeln, indem wir auch ständig die verfügbaren Mittel sowie
die Bemühungen der Entwicklungsländer überprüfen, maximale Anstrengungen für
einen wirksamen Einsatz der verfügbaren Hilfsmittel zu machen. Ein Weg, diesen Ländern zu helfen, wäre die Schaffung eines vom IWF verwalteten Treuhandfonds, der von den OPEC-Staaten sowie anderen Stellen Zuwendungen erhält.
Vielleicht könnte der IWF selbst einem solchen Fonds Gewinne zuführen, die
aus dem Verkauf eines Teiles seiner Goldbestände auf dem freien Markt erzielt
werden. Ein Treuhandfonds dieser Art, der Kredite zu verhältnismäßig niedrigen Zinsen - vielleicht zwei bis vier Prozent und bei einer verhältnismäßig
langen Laufzeit - anbieten könnte, würde für diese am schwersten betroffenen
Länder zu Bedingungen Gelder bereitstellen, die für andere Geldgeber nicht
möglich sind. Wir hoffen, daß die Minister im IWF-Interimsausschuß und im
IWF/ISRD-Entwicklungsausschuß diesem Vorschlag vordringlich ihre Aufmerksamkeit schenken werden.

Zusammenarbeit mit den OPEC-Ländern
Den amerikanischen Vorschlägen für eine größere Solidarität der wichtigsten Industriestaaten liegt in keiner Weise der Wunsch nach einer Konfrontation mit den OPEC-Ländern zugrunde. Wir erkennen die legitimen Bestrebungen
dieser Länder an, ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung zu beschleunigen,
Grundlagen für Industrie und Landwirtschaft zu schaffen und den Lebensstandj
-2 2-

�Lebensstandard ihrer Bevölkerung heute und in den kommenden Jahren zu verbessern, und unterstützen diese Bestrebungen.
Wir haben eine gemeinsame Kommission für eine Zusammenarbeit mit den
wichtigsten Ölerzeugern im Nahen Osten geschaffen, um so zur Verwirklichung
dieser Ziele beizutragen. Wir haben innerhalb unserer Regierung beträchtliche
Anstrengungen unternommen, um ihnen die bei der Entwicklung der Wirtschaft
unseres eigenen Landes- gemachten Erfahrungen zugänglich zu machen, und mitzuhelfen, diese Erfahrungen auf ihre Entwicklungsprogramme anwendbar zu machen.
Ich habe persönlich im vergangenen Juli eine Reihe von Ländern im Nahen Osten
besucht, um diese Bemühungen in Gang zu bringen, und ich beabsichtige, sehr
bald dorthin zurückzukehren, um ihr Fortschreiten zu gewährleisten. Auf meinen Besuch im vergangenen Sommer folgten Zusammenkünfte hier und im Nahen
Osten zwischen anderen hohen amerikanischen Beamten, Technikern und Experten
und ihren Gesprächspartnern von der anderen Seite. Wir haben der von uns geschaffenen Kommission feste Formen gegeben. Wir sind bereit, das in unseren
Kräften stehende zu tun, um die wirtschaftliche Entwicklung der OPEC-Länder zu
beschleunigen und um die Privatwirtschaft unseres Landes und die anderer Industriestaaten zu ermutigen, eine aktive Rolle in diesem Prozeß zu übernehmen.
In der Zwischenzeit werden wir diesen Ländern weiterhin gestatten, auf unseren
Märkten zu investieren, und ich bin überzeugt, daß ihnen auch genauso Investitionen auf den Märkten anderer Länder gestattet werden.
Die OPEC-Länder ihrerseits müssen sich klar darüber sein, daß sich ihre
Position in der Weltwirtschaft bereits dramatisch verändert hat. Diese Länder
werden weiterhin großen Einfluß in der Welt haben, selbst wenn die Ölpreise
beträchtlich fallen sollten. Diese Staaten bilden jetzt die großen Überschuß-

-2 3-

�Überschußländer der Welt mit Überschüssen in einer Größenordnung, wie es sie
in der Geschichte noch nie gegeben hat. Für die Erhaltung einer gesunden und
ausgeglichenen Weltwirtschaft ist es von entscheidender Wichtigkeit, daß sie
unverzüglich die Verantwortung akzeptieren, die in der Geschichte großen
Gläubigerstaaten stets

zugefallen ist.

Ich habe bereits von ihrer Verantwortung gesprochen, den Bedürftigen der
Welt zu helfen. Sie müssen ebenso verstehen, daß ihre Auslandsinvestitionen
nicht anders behandelt werden können als die Investitionen anderer Länder.
Sie können nicht ernstlich erwarten, daß die übrige Welt für sie alleine ein
besonderes Garantiesystem entwirft. Sie müssen ferner solche überholten Gewohnheiten ablegen, die sie als Entwicklungsländer mit begrenzten Hilfsquellen angenommen hatten. Die Hilfsquellen dieser Ländergruppe reichen aus, um
ihre legitimen Entwicklungsbestrebungen zu finanzieren, auch wenn die Situation in den einzelnen OPEC-Ländern unterschiedlich sein mag. Ihre überschüssigen Einnahmen in diesem Jahr allein belaufen sich auf fast das Sechsfache
der Entwicklunghilfe an alle Entwicklungsländer im letzten Jahr. Dieser neuen
Realität muß in der Politik unserer internationalen Finanzierungsinstitutionen Rechnung getragen werden, die nicht länger mehr aufgefordert werden können, knappe Finanzierungsmittel für die wirtschaftliche Entwicklung wohlhabender OPEC-Länder zu verwenden, während Teile der übrigen Welt um das nackte
Überleben kämpfen.
In meinen Gesprächen mit Beamten der OPEC-Länder und auf meinen Reisen
in den Nahen Osten habe ich festgestellt, daß die OPEC-Länder weitgehendes
Verständnis für die Verantwortungen haben, die ihnen in ihrer neuen internationalen Rolle zufallen. Natürlich sind die führenden Politiker der OPEC-

-24-

�OPEC-Länder sich durchaus darüber im klaren,was ein gesundes Weltwirtschaftssystem für sie bedeutet. Ich bin weiterhin zuversichtlich, daß eine Basis gefunden werden kann, auf der die Industriestaaten der Welt weiter konstruktiv
mit den OPEC-Ländern zusammenarbeiten können.
Natürlich müssen sie wissen, daß wir weiterhin nachdrücklich die von ihnen getroffenen. Maßnahmen ablehnen, um einen vorübergehenden massiven Transfer von

Hilfsquellen - realen und finanziellen - aus der übrigen Welt in die-

se Länder zu erzwingen. Unseres Erachtens können sie ihre wirtschaftlichen Entwicklungsziele

bei einem wesentlich niedrigereren Olpreisniveau auf einer

sichereren Basis erreichen.
Sie müssen sich ebenso darüber im klaren sein, daß jeder Tag, der verstreicht, uns einen Schritt weiter weg von einer optimalen Nutzung der Hilfsquellen der Welt bringt, wenn jetzt die übrigen Länder ihre Politik, was ihre
Abhängigkeit von Ölimporten anbetrifft, überprüfen. Natürlich besteht auch
heute keine Möglichkeit mehr, daß die Ölverbraucher-Länder zu den Energiepraktiken von vor zwei Jahren zurückkehren. Aber die Reaktion der Verbraucherländer
ist in ihrem vollen Umfang noch nicht festgelegt und die Hoffnung besteht weiterhin, daß vernünftige Männer vernünftige Lösungen finden werden.
Wir bleiben weiter überzeugt, daß sich eine extreme Politik im Laufe der
Zeit für die grundlegenden wirtschaftlichen und sozialen Bestrebungen dieser
Länder sehr nachteilig erweisen wird und daß noch eine solide Grundlage besteht, um eine konstruktive Lösung dieser Frage zu erreichen.Eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Industriestaaten der Welt gemäß den von Außenminister
Kissinger und mir letzte Woche und heute aufgezeigten

-25-

Leitlinien wird dazu

�'

dazu beitragen, die Grundlage für eine solche Übereinkunft zu schaffen.

Schlußbemerkungen
In ihrem eigenen Interesse und im Interesse der Welt als Ganzes müssen
die großen Industriestaaten jetzt das Übel an der Wurzel packen. Die uns vorliegenden Tatsachen - galoppierende Inflation und wirtschaftliche Stagnation verheißen wenig Ermutigendes für die Zukunft, es sei denn, wir ergreifen
jetzt entschlossene gemeinsame Maßnahmen, um den gegenwärtigen Gang der Ereignisse zu wenden. Wir müssen gemeinsam handeln,um unsere Abhängigkeit vom
Importöl zu verringern und unsere gemeinsame wirtschaftliche und finanzielle
Solidarität zu stärken. Dies wird zwangsläufig durch Entscheidungen und Maßnahmen geschehen müssen, die oftmals den Anschein haben, als seien sie technischer Natur und nur begrenzten Umfanges. Aber alles, was wir tun, muß sich
auf soliden Verpflichtungen begründen - auf einer politischen Übereinstimmung,
daß wir gemeinsam handeln werden, um unser eigenes Schicksal zu bestimmen und auf einem gemeinsamen Glauben, daß wir das tun können. Wir müssen zu unseren Verpflichtungen stehen, Handel und Auslandsinvestitionen auszuweiten. Wir
sind auf dem Wege der Interdependenz bereits zu weit vorangeschritten, um noch
zurück zu können. Wir haben es in der Hand, zu wählen, ob wir die Gefangenen
einer noch zu schreibenden Geschichte sein wollen oder die Architekten einer
noch nicht sichtbaren Zukunft. Ich habe keinen Zweifel, wie unsere Wahl ausfallen wird. Wir wissen, wie die erforderliche internationale Antwort lauten
muß.
+++ ++

-26-

�%

amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

T e l :

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Wissenschaft
und
Technik

Service

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T e I e x : 08 - 8 54 3 2

24/1974

SONNENSONDE HELIOS
Deutsch-amerikanisches Projekt zur Erforschung der Sonne und des sonnennahen
Raumes
Von G. Weiss
--(AD)-- Unentbehrlich ist die Sonne für den Menschen, ja für alles Leben
auf der Erde. Völker alter Kulturen, die längst untergegangen sind, haben sie
als höchste Gottheit verehrt. In der Naturforschung nimmt der glühende Ball
seit jeher einen außerordentlichen Platz ein. Wie erzeugt er die Energie,die
er als sichtbare und unsichtbare Strahlung so verschwenderisch abgibt? Die
Erde kann davon nur einen winzigen Bruchteil empfangen. Welche Kräfte sind
im Spiel, wenn sich die Helligkeit plötzlich verändert, wenn an der Sonnenoberfläche dunkle Flecken entstehen und vergehen - Flecken,die in 11-JahresPerioden besonders auffällig in Erscheinung treten? Nach welchem Heizmechanis
mus brennt der Sonnenofen? Welche

Art "Motor" treibt den Sonnenwind? Welche

Prozesse führen zu den Explosionen, bei denen riesige Fackeln glühender Materie aus dem Sonnenkörper ausbrechen, ionisiertes Gas in den Weltraum
hinausgeschleudert wird und Plasmawolken aus den Gasmassen der Sonne in die
Tiefe unseres Planetensystems vordringen? Daß dies alles auf die Erde samt

-l-

�samt Lufthülle und Magnetfeld erheblichen Einfluß hat, ist eine bekannte
Tatsache. Und aller Wahrscheinlichkeit nach werden auch viele Lebens-und
Krankheitsprozesse davon berührt.
Großangelegte internationale Forschungsvorhaben wie das "Internationale Geophysikalische Jahr" (1957/58) und das "Jahr der ruhigen Sonne" (1964/
65) erbrachten u,a.aufschlußreiche Einzelerkenntnisse über physikalische
Vorgänge an der Oberfläche des Glutballs, der sich, wie die Spektralanalyse
zeigt, aus den gleichen Elementen zusammensetzt, die man auch auf der Erde
findet. Mehr als zwei Drittel der bekannten irdischen Elemente wurden bereits
nachgewiesen. Das braucht aber nicht zu bedeuten, daß das restliche Drittel
auf der Sonne nicht vorhanden ist. Schließlich können mit wissenschaftlichen
i

Instrumenten ja nur die äußeren Gasschichten bis in ein paar Hundert Kilometer Tiefe sondiert werden.
Dies geschah bisher in erster Linie von der Erde aus. Einige Forschungssatelliten wie die der amerikanischen OSO-Serie lieferten wichtige Mosaiksteinchen zu unserem gegenwärtigen Sonnenbild. Sie umkreisen die Erde in etwa
700 km Höhe und messen mit Bordinstrumenten, die seit 1962 ständig weiterverbessert wurden, Emissionen von elektromagnetischer Strahlung (Ultraviolett-,
Röntgen-und Gammastrahlung) und von Partikelstrahlung (Protonen, Elektronen,
Neutronen). Das große Sonnenobservatorium der SKYLAB-Station gab Astrophysikern auf der Erde zum ersten Mal Gelegenheit,im Funk-und Fernsehkontakt mit
den amerikanischen Astronauten an Bord von SKYLAB spezielle Beobachtungen der
Sonne und der Sonnenaktivität von einer Position außerhalb der störenden Erdatmosphäre vornehmen zu lassen.
Bei

-2-

�Bei allen diesen Untersuchungen betrug die Entfernung zur Sonne fast
150 Millionen Kilometer. Satelliten oder interplanetare Sonden, die bisher in
Bahnen zwischen Erde und Sonne eingeschossen wurden, hatten primär meist andere Aufgaben zu erfüllen oder waren nur begrenzt leistungsfähig. Erst mit dem
deutsch-amerikanischen Projekt HELIOS wurde eine Konzeption gefunden, ein
leistungsstarkes Meßgerät in große Sonnennähe zu bringen und es mindestens
eineinhalb Jahre lang zur Beobachtung bestimmter Vorgänge auf der Sonne und
der von ihnen ausgelösten Effekte im interplanetaren Raum zu benutzen. Man
hofft, dadurch z.B. mehr über die Mechanismen der Energieübertragung im Raum
zwischen Sonne und Planeten und vielleicht auch der Energieerzeugung auf der
Sonne selbst zu erfahren.
Bis auf 45 Millionen Kilometer (das entspricht 0,3 AE»astronomischen
Einheiten) soll sich HELIOS der Sonne nähern. Der sonnennächste Bahnabschnitt liegt ein gutes Stück innerhalb der Umlaufbahn des Planeten Merkur,
der zum ersten Mal im März und September 1974 mit Hilfe der Fernsehbilder des
Forschungssatelliten MARINER 10 an der Oberfläche inspiziert werden konnte.
Für einen Umlauf auf seiner elliptischen Bahn braucht Helios sechs Monate.
Sie

führt um die Sonne herum und dann wieder in die Nähe der Erdbahn.
Mit sieben deutschen und drei amerikanischen Experimenten, die aufeinan-

der abgestimmt sind, sollen der Sonnenwind, Richtung und Intensität von Magnetfeldern im interplanetaren Raum, Radio-und Plasmawellen, Partikelstrahlung
von der Sonne und aus Räumen außerhalb unseres Sonnensystems, kosmischer Staub
und das sogenannte Zodiakallicht untersucht werden. Dieses schwache Leucht—
phänomen, das in unseren Breiten im Frühjahr und Herbst zu beobachten ist,
wird als Streustrahlung von Staub-und Gasteilchen angesehen, die die Sonne in

-3-

�in einer sehr flachen "Scheibe", aber in einem weiten Bereich umgeben. Ein
elftes Experiment der Bundesrepublik, für das aber kein wissenschaftliches Instrument, sondern nur ein starker Transponder erforderlich ist, soll helfen,
einige physikalische "Grundgesetze", zu überprüfen, die in der Allgemeinen Relativitätstheorie zusammengefaßt sind.
Mehr als fünf Jahre intensiver Vorbereitungen liegen hinter den wissenschaftlich-technischen Arbeitsgruppen der Deutschen und Amerikaner. Der Start
ist jetzt auf den 8. Dezember 1974 (als frühestem Termin in den zwei darauf
folgenden Wochen) vorgesehen. Die in der Bundesrepublik entwickelte und gebaute Sonde (Gewicht 340 kg, Höhe 4,2 m, größter Durchmesser 2,77 m, 3 Betriebsantennen, Länge der ausfahrbaren Antenne für eines der 10 Experimente 16 m)
wird vom Kennedy-Raumflugzentrum aus mit einer TITAN III - CENTAUR-Rakete bei
der fantastischen Beschleunigung auf 20 000 m/sec in die Flugbahn zur Sonne
eingeschossen. Für den Betrieb und die Beobachtung ist während der ersten vier
Wochen das amerikanische Kontrollzentrum der NASA in Pasadena (Kalifornien),
in der Folgezeit die DFVLR (Deutsche Forschungs-und Versuchsanstalt für Luftund Raumfahrt)in Oberpfaffenhofen mit der Kommandostation Weilheim und dem
während der Tagesstunden zur Aufnahme von Meßdaten benutzten Radioteleskop
Effelsberg in der Eifel

verantwortlich. Auch die amerikanischen Beobachtungs-

stationen in Australien und Spanien mit ihren riesigen Parabolantennen, die
Teil des "Deep Space Network" der NASA sind, werden in die Funkverbindung mit
HELIOS eingeschaltet sein. Dadurch soll gewährleistet werden, daß von den
HELIOS-Meßdaten nichts verloren geht. Während der 3 bezw.8 Tage nach 70 und
107 Flugtagen, an denen der direkte Funkkontakt

zur Sonde unterbrochen ist,

weil sie - von der Erde aus gesehen - sich direkt vor oder hinter der Sonne

�Sonne befindet, werden die Daten an Bord gespeichert und auf Abruf gesendet.
Mit ca. 500 Millionen DM Gesamtkosten ist HELIOS das bisher größte wissenschaftlich-technische Projekt deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit. Für
das Raumfahrtsystem und die deutschen Experimente allein waren 340 Millionen
DM aufzubringen. Die drei amerikanischen Experimente sind mit 10 Millionen
Dollar, die beiden Trägerraketen (im Herbst 1975 soll HELIOS-B als zweite
Sonde folgen) mit je 35 Millionen Dollar veranschlagt. Das Management für das
Raumfahrtsystem lag in deutscher Hand. Eie Auswertung der Daten nehmen Wissen-»
schaftler deutscher und amerikanischer Institute vor, die Ergebnisse werden
ausgetauscht.
Die Auslegung der Sonnensonde HELIOS - Konstruktion, Werkstoffe, Bordausrüstung, Isoliertechnik zur Abschirmung gegen die intensive Sonnenstrahlung,
Instrumente - findet auf amerikanischer Seite höchste Anerkennung. Die Geräte
müssen trotz extremer Veränderungen von Temperatur, Strahlung und Entfernung
zur Erde jederzeit funktionsfähig bleiben, die Funksignale müssen bis zu 300
Millionen km überbrücken. In Simulatoren wurde die Sonde harten Belastungstests unterzogen. Je nach dem Abstand zur Sonne schwankt beispielsweise die
Strahlungsintensität zwischen 1 und 11 Solarkonstanten - das bedeutet u.a.,
o
daß die Temperatur in Sonnennähe bis etwa 300 C ansteigt. Aber die von einer
deutschen Firma entwickelten, äußerst wärmefestuen Sonnenzellen sind auf der
Außenseite des HELIOS, der wie eine große Zwirnspule aussieht, so angeordnet
und mit Quarzplättchen als "Kühl"-Elementen durchsetzt, daß ihre Aufheiztemperatur auf weniger als die Hälfte dieses Wertes herabgedrückt wird. Die ausgetüftelten Isolierverfahren zum Wärmeschutz der Bordinstrumente führten sogar
dazu, daß im Innern der "Zwirnspule" normale Raumtemperatur herrscht -

-5-

�o
herrscht - 20 C dürften kaum überschritten werden.
HELIOS A und HELIOS B werden die Sonne zu einer Zeit des Fleckenminimums
beobachten. Um 1980 könnte ein weiteres deutsch-amerikanisches Forschungsprojekt mit verbesserten Instrumenten die wissenschaftlichen Untersuchungen auf
die kommende Periode des Sonnenflecken-Maximums ausdehnen und so die Forschung
in wichtigen Punkten ergänzen.
• •

~M—1~

�</text>
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