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Dokumentation

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Nummer 4 8

17. Dezember 1973

Inhalt

DOKUMENTATION
Kissinger: Die erfolgreichste Partnerschaft in der Geschichte bewahren
- Rede des US-Außenministers vor der Pilgrims Society in London -

UNSERE NÄCHSTE AUSGABE ERSCHEINT AM 16. JANUAR
WIR WÜNSCHEN ALLEN UNSEREN BEZIEHERN EINE
GESEGNETE WEIHNACHT
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Dokumentation

300

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48/1973

KISSINGER: DIE ERFOLGREICHSTE PARTNERSCHAFT IN DER GESCHICHTE BEWAHREN
- Rede des US-Außenministers vor der Pilgrims Society in London -

LONDON - (AD) - Der amerikanische Außenminister, Dr. Henry Kissinger,
hat in einer vielbeachteten Rede vor der Pilgrims Society in London am
12. Dezember die "Pflicht und das Selhstinteresse" der atlantischen Verbündeten unterstrichen, "die erfolgreichste Partnerschaft in der Geschichte
zu bewahren". Gleichzeitig schlug Dr. Kissinger vor, daß die Vereinigten
Staaten, das übrige Nordamerika, Europa und Japan eine "Energie-Aktionsgruppe" bilden, die innerhalb von drei Monaten ein Programm für die Zusammenarbeit bei der Lösung des Energieproblems ausarbeiten soll.

Die Rede des amerikanischen Außenministers hat folgenden Wortlaut:

"Ich bin sehr dankbar für die Gelegenheit, heute abend zu Ihnen sprechen
zu können, denn wie die meisten Amerikaner erfaßt mich eine Mischung von
Stolz und Beklemmung, wenn ich eingeladen werde, vor einem britischen Publikum zu sprechen. In meinem besonderen Fall, und dies fällt keinesfalls
auf diese hochverehrte Versammlung hier zurück, ist es wahrscheinlich mehr
Beklemmung als Stolz, denn es geht kein Weg daran vorbei - und das kann jeder
hören - daß meine Vorfahren die Mayflower um einige 300 Jahre verpaßt haben.

Unsere beiden Völker sind enger miteinander verbunden als irgend zwei
andere Nationen in der modernen Geschichte - ob in Kultur und Wirtschaft, ob
- 1 -

�ob in Frieden oder Krieg. Wir haben manchmal Meinungsverschiedenheiten gehabt, aber das beherrschende Thema unserer Beziehung in diesem Jahrhundert
sind enges Bündnis und gewaltige schöpferische Leistungen.

Als das Atlantische Bündnis die Schaffung einer ständigen politischen
Körperschaft erwog, hat im Jahre 1950 mein großer Vorgänger Dean Acheson
vor dieser Gesellschaft gesprochen. In Beschreibung der Geburtswehen stellte
Acheson fest, daß eine 'seltsame und verwirrende Dissonanz die transatlantischen Frequenzen überlagere.' Aber so fügte er hinzu 'diese Dissonanz entspringt eben dem Bewußtsein, daß schwierige Entscheidungen getroffen werden
müssen und daß sie ein Teil dieses EntScheidungsprozesses ist'.

Heute befinden sich Amerika und Westeuropa wieder in einem Augenblick
großer Verheißung und offensichtlicher Schwierigkeit - in einem Augenblick
erneuter Anstrengungen zur Einheit und alter Probleme, die trennen. Es ist
für uns alle, die wir die gemeinsam aufgebaute Partnerschaft schätzen, eine
Zeit der Hoffnung und der Sorge. Heute stehen wir und Europa wie 1950 vor
der Notwendigkeit, der Chance und dem Dilemma der grundlegenden Entscheidung.

Das Jahr Europas
Da ein historisches und vertrautes Verhältnis zwischen uns besteht,
möchte ich heute abend in aller Offenheit über das sogenannte 'Jahr Europas'
sprechen - über die Schwierigkeiten des Jahres 1973 und über die Möglichkeiten
des Jahres 1974 und darüber hinaus.

Im April dieses Jahres ersuchte mich der Präsident, den Vorschlag zu
machen, daß Europa und die Vereinigten Staaten sich gemeinsam um eine Neubelebung unserer Partnerschaft bemühen. Er tat dies, weil es auf der Hand lag,
daß die Voraussetzungen, auf denen sich das Bündnis gründete, durch die Ereignisse überholt waren.

- Die

�»

- Die wirtschaftliche Stärke Europas, sein politischer Zusammenhalt
und sein neues Vertrauen - die monumentalen Leistungen westlicher Einheit haben ein Verhältnis radikal geändert, das ursprünglich in einer Zeit der
Schwäche Europas und der Vorherrschaft Amerikas geformt worden war.

- Das nukleare Monopol Amerikas ist einer nuklearen Parität gewichen,
wodurch völlig neue Probleme der Verteidigung und der Abschreckung geschaffen
wurden - Probleme, die eine umfassende Überprüfung unserer Verteidigungserfordernisse sowie des verhältnismäßigen Beitrags hierzu seitens der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten erfordern.

- Die verminderte Konfrontation zwischen Ost und West bietet neue Hoffnung für ein Nachlassen der Spannungen sowie für neue Chancen einer kreativen
Diplomatie.
- Es ist völlig klar geworden, daß die großen industrialisierten Demokratien - Japan, Europa und Nordamerika - nur auf Kosten ihrer Prosperität
und ihrer Partnerschaft verschiedene Wege verfolgen können.

Diese historischen Veränderungen erfolgten in einem ganz und gar veränderten psychologischen Klima im Westen. Die nächste Generation der führenden
Männer in Europa, Kanada und Amerika wird weder die persönliche Erinnerung
noch die emotionellen Verpflichtungen gegenüber dem Atlantischen Bündnis besitzen, wie die Gründer des Bündnisses. Ja, es ist heute so, daß eine Mehrheit auf beiden Seiten des Atlantik nie die Drohung kennengelernt hat, die
zur Gründung des Bündnisses führte, oder je das Gefühl des Erfolges empfunden
hat, das mit seinem stetigen Wachstum verbunden war. Ja, es ist heute so, daß
sich in den Vereinigten Staaten über 40 Senatoren immer wieder für eine massive,
einseitige Reduzierung der amerikanischen Streitkräfte in Europa aussprechen.
Ja, es ist heute so, daß manche Europäer der Ansicht sind, daß ihre Identität
an ihrer Distanz zu den Vereinigten Staaten gemessen werden sollte. Auf beiden Seiten des Atlantik sehen wir uns der anomalen - und gefährlichen - Situation gegenüber, daß die öffentliche Meinung außenpolitische Erfolge in zunehmendem Maße mit einem Ausbau der Beziehungen zu unseren Gegnern identifi- 3-

�identifiziert, während die Beziehungen zu unseren Veröühdeten durch Hader
und ein Auseinanderstreben gekennzeichnet zu sein scheinen.

Es besteht also die echte Gefahr einer allmählichen Unterhöhlung der
Atlantischen Gemeinschaft, die 25 Jahre lang ihren Nationen den Frieden bewahrt und ihren Völkern Prosperität beschert hat. So schien eine größere Anstrengung zur Erneuerung der atlantischen Beziehungen und zur Vertiefung
unserer Freundschaft in einem neuen schöpferischen Akt dringend erforderlich.
Wir hofften, daß das Drama der großen Demokratien in ihrem erneuten Engagement um die Definition einer gemeinsamen Zukunft unsere atlantische Partnerschaft mit neuen emotionellen und geistigen Kräften erfüllen würde. Dies war
die Wurzel der Initiative, die man dann 'das Jahr Europas1 nannte.

Lassen Sie mich jetzt gewisse falsche Vorstellungen über die amerikanischen
Absichten ausräumen:

- Die Initiative des Präsidenten kam nach sorgfältigen Vorbereitungen
zustande. In all unseren Gesprächen mit zahlreichen europäischen Führern im
Winter und Frühjahr 1972/73 bestand Übereinstimmung darüber, daß die atlantischen Beziehungen der dringenden Aufmerksamkeit bedürften, um die Möglichkeit eines wachsenden Argwohns und einer Entfremdung zwischen Europa und
Amerika zu verhindern.

- Wir akzeptieren nicht die Vorstellung, daß die Stärkung der atlantischen
Einheit und die Definition einer europäischen Identität miteinander unvereinbar seien. Diese beiden Prozesse haben einander von Anfang an gestärkt und
können dies auch in Zukunft tun. Die Vereinigten Staaten haben immer wieder
und ausdrücklich die europäische Entscheidung begrüßt, eine unabhängige Identität in allen Dimensionen - politisch wie wirtschaftlich - zu schaffen. Ja,
wir haben seit langem - und beharrlicher als viele Europäer - das Ziel eines
politischen Zusammenschlusses unterstützt.

- Wir haben nicht die Absicht, die internationale Rolle Europas auf regionale Fragen zu beschränken. Aus unserer Sicht sollte die europäische Eini-

�Einigung Europa in den Stand setzen, weitergefaßte Ve ranuwortlichkeiten
den Weltfrieden zu übernehmen, die schließlich nur zum gemeinsamen Interesse
beitragen können. Die amerikanische Initiative sollte Europas neue Stellung
auf der Weltbühne wie auch innerhalb der nordatlantischen Gemeinschaft herausheben.

- Eine umfassende Überprüfung aller Aspekte unseres Verhältnisses - wirtschaftlich, politisch und militärisch - ist unbedingt erforderlich. Es ist
eine Tatsache, daß unsere Truppen sich als eine lebenswichtige Komponente der
gemeinsamen Verteidigung in Europa befinden. Es ist ferner eine Tatsache, ja
in der Tat schon ein Allgemeinplatz, daß sowohl politische, militärische als
auch wirtschaftliche Faktoren zu unserem Verhältnis gehören. Unserer Meinung
nach ist die These von der alles durchdringende Natur unserer Interdependenz
kein Instrument für eine gegenseitige Erpressung. Im Gegenteil, sie ist die
Rechtfertigung für schlichtende Lösungen. Denn die spezialisierten Interessen
der Experten und Techniker haben ein Eigenleben und sind von engen nationalen
oder gar sektiererischen Vorurteilen getragen. Der Zweck unserer Initiative
bestand darin, diese trennenden Einstellungen zu überwinden, indem die höchsten
zuständigen Stellen in jedem Lande auf den Grundsatz verpflichtet werden, daß
unser gemeinsames und höchstes Interesse in einer weitgefaßten Zusammenarbeit
liegt.

Die europäische Identität

Seit April dieses Jahres hat Europa große Fortschritte in Richtung auf
die Einheit gemacht - insbesondere hinsichtlich der politischen Koordination.
Die Vereinigten Staaten haben diesen Prozeß nachdrücklich unterstützt. Aber
als alte Freunde sind auch wir empfindlich hinsichtlich dessen, was dieser
Prozeß bezüglich der traditionellen Bindungen bedeutet, die unserer Ansicht
nach weiterhin entscheidend wichtig für das gemeinsame Interesse sind.

Die Einigung Europas darf nicht auf Kosten der atlantischen Gemeinschaft
erfolgen, oder beide Seiten des Atlantik werden darunter leiden. Das bedeutet

- 5-

�bedeutet nicht, daß wir wegen der schwerfälligen Maschinerie des entstehen
Europas ungeduldig wären. Es ist vielmehr die Tendenz, statt der Einheit mit
uns die Spaltung herauszustellen, die uns mit Sorge erfüllt.

Ich wäre nicht aufrichtig, wurde ich unser Unbehagen über einige der
kürzlichen Praktiken der Europäischen Gemeinschaft auf politischem Gebiet verbergen. Wollte man uns die Entscheidungen eines sich einigenden Europas als
fait accompli präsentieren, ohne daß man nutzotingend darüber sprechen könnte,
dann wäre dies nicht im Sinne der Tradition der amerikanisch-europäischen Beziehungen.

Dies mag als eine merkwürdige Beschwerde seitens eines Landes erscheinen,
das wiederholt beschuldigt worden ist, selbst Maßnahmen zu ergreifen, ohne vorher in angemessener Weise seine Verbündeten konsultiert zu haben. Es besteht
kein Zweifel daran, daß die Vereinigten Staaten zuweilen nicht genügend oder
angemessene Konsultationen gepflogen haben - vor allem in Situationen, die
sich rasch veränderten. Aber wir tun dies keineswegs gerne, sondern dies ist
ein Abweichen von der offiziellen Politik und der etablierten Praxis und erfolgt eigentlich nur unter dem Druck der Notwendigkeit. Demgegenüber scheint
die Haltung des sich einigenden Europas darin zu bestehen, zu versuchen, die
Verweigerung der Konsultation zu einem Prinzip der Definition der europäischen
Identität zu erheben. Nach den jüngsten Erfahrungen zu urteilen, wird eine
Konsultation mit uns vor einer Entscheidung ausgeschlossen, und eine Konsultation post festum wird praktisch gegenstandslos. Denn dann ernennt Europa einen
Sprecher, der bevollmächtigt ist, uns über die getroffenen Entscheidungen zu
informieren, der aber nicht die Vollmacht hat, zu verhandeln.

Wir haben nichts gegen einen gemeinsamen Sprecher, wir sind aber der
Meinung, daß den Vereinigten Staaten als einem alten Verbündeten die Möglichkeit gegeben werden sollte, ihre Besorgnisse zum Ausdruck zu bringen, ehe endgültige, ihre Interessen berührende

Entscheidungen getroffen werden. Und es

sollte nicht zugelassen werden, daß bilaterale Kanäle der Diskussion und der
Verhandlung austrocknen - zumindest nicht, bevor die europäische politische
Einheit voll verwirklicht worden ist. Würde man den natürlichen Dialog durch

�durch extrem formalistische Verfahren ersetzen, würden damit abrupt enge
und unantastbare Bindungen des Vertrauens und der Kommunikation zerstört
werden, die über Jahrzehnte hinweg entwickelt wurden und unseren gemeinsamen
Zielsetzungen gute Dienste geleistet haben.

Die Vereinigten Staaten sind sich sehr wohl über die Probleme einer Übergangsperiode im klaren, da Europa sich jetzt zur Einheit hin entwickelt. Wir
begreifen die Schwierigkeiten der ersten zögernden Schritte der politischen
Koordination. Aber wir können nicht gleichgültig gegenüber der Tendenz sein,
die europäische Identität als Mittel zur Förderung der Isolierung von den Vereinigten Staaten zu rechtfertigen - die europäische Einheit steht unserer
Meinung nach nicht im Widerspruch zur atlantischen Einheit.

Wir unsererseits werden keine Anstrengung scheuen, um die kooperativen
Beziehungen mit einem sich einigenden Europa zu stärken, um die Gemeinsamkeit
unserer Ideale zu bekräftigen und um das atlantische Verhältnis neu zu beleben. Das war der Sinn und Zweck unserer Initiative vom April dieses Jahres.
Dies bleibt das zentrale Ziel unserer Außenpolitik.

Die gemeinsame Aufgabe

In dieser Woche kommen die führenden Männer der Europäischen Gemeinschaft zusammen. Sie werden über das Wesen einer europäischen Einheit sprechen.
Und sie werden ohne Frage zu gemeinsamen Politiken und Standpunkten gelangen.
Lassen Sie mich angesichts dieser wichtigen Konferenz den Standpunkt der Vereinigten Staaten umreißen.

- Die Entspannung ist ein Gebot der Stunde. In einer von der Gefahr der
nuklearen Katastrophe überschatteten Welt gibt es keine vernünftige Alternative zu dem Streben nach einem Abbau der Spannungen. Aber wir müssen aufpassen, daß das Streben nach Entspannung nicht die Freundschaften untergräbt,
die die Entspannung möglich machen.
- Die
- 7 -

�- Die gemeinsame Verteidigung ist eine Notwendigkeit. Wir rrüssen bereit
sein, uns an sich verändernde Verhältnisse anzupassen und Lasten gleichmäßig
zu verteilen. Wir brauchen eine Definition der Sicherheit, hinter die sich
unsere Völker stellen können und die unsere Gegner in einer Periode verringerter Spannungen respektieren werden.

- Die europäische Einheit ist eine Realität. Die Vereinigten Staaten
begrüßen und unterstützen sie in all ihren Dimensionen, ob politisch oder
wirtschaftlich. Wir sind der Überzeugung, daß diese Einheit dergestalt sein
muß, daß sie nicht mehr rückgängig gemacht werden kann und daß sie die transatlantischen Bindungen stärken muß.

- Die wirtschaftliche Interdependenz

ist eine Tatsache. Wir müssen das

Paradoxon wachsender gegenseitiger Abhängigkeit und sprießender nationaler
und regionaler Identitäten auflösen.

Wir sind entschlossen, den konstruktiven Dialog mit Westeuropa fortzusetzen. Wir haben keine entgültigen Antworten dargeboten - die Weisheit Europas ist uns willkommen. Wir sind der Überzeugung, daß diese Chance nicht so
bald wiederkehren wird.

Wollen wir uns also erneut der Vollendung der Aufgabe der Erneuerung
der atlantischen Gemeinschaft verschreiben.

Lassen Sie uns als erstes die vorliegende Arbeit vollenden - wollen wir
uns auf eine Reihe von Deklarationen einigen, die dem Anlaß entsprechen, damit
sie unseren Regierungen als Tagesordnung und unseren Völkern als Beispiel und
Inspiration dienen mögen.

Lassen Sie uns als zweites dann diese Deklarationen in praktischen und
sichtbaren Fortschritt umsetzen. Wir werden unser gegenseitiges Vertrauen
wiederherstellen, wenn unsere Politiken unsere gemeinsamen Zielsetzungen zu
unterstützen beginnen, statt gegen sie zu wirken. Wollen wir uns doch rasch
daranmachen, den Prozeß der Konsultation in beiden Richtungen zu verbessern.

- 8-

�verbessern. Die amerikanische Regierung hat in dieser Hinsicht auf der kürzlichen Tagung der Außenminister im Nordatlantikrat konkrete Vorschläge unterbreitet.

Lassen Sie uns aber auch nicht vergessen, daß selbst die beste Konsultationsmaschinerie den gemeinsamen Blick und gemeinsame Ziele nicht ersetzen
kann: Sie kann nicht an die Stelle des ganzen Gewebes oft nicht greifbarer
Verbindungen treten, die die eigentliche Seele der transatlantischen und vor
allem der anglo-amerikanischen Beziehungen gewesen sind. Wir müssen aufpassen,
daß wir, wenn wir die europäische Einheit in einem zu legalistischen Sinne definieren, nicht das verlieren, was unser Bündnis so einzigartig werden ließ:
daß nämlich im tiefsten Sinne Europa und Amerika einander nicht als fremde
Einheiten betrachten, die sich auf dem Wege traditioneller Diplomatie begegnen,
sondern als Mitglieder einer größeren Gemeinschaft, die manchmal schmerzlich
aber letztlich immer kooperativ in einem gemeinsamen Unterfangen engagiert
ist. Das Treffen, zu dem mich die Außenminister der Gemeinschaft freundlicherweise eingeladen haben, stellt einen bedeutsamen Schritt vorwärts in der Wiederherstellung dessen dar, was im transatlantischen Dialog nicht greifbar ist.

Wollen wir den falschen Argwohn hinter uns lassen. Der Präsident hat im
Kongreß nicht so hart um unsere Truppen in Europa, um eine starke Verteidigung,
um ein versöhnliches Handelsgesetz, um die Unterstützung für Verbündete in
der ganzen Welt gekämpft - er ist nicht für eine so kontinuierliche Konsultation über SALT und die Ausarbeitung gemeinsamer Standpunkte zu MBFR eingetreten
- er hat sich den Herausforderungen bei Krisen in der ganzen Welt nicht so
nachdrücklich gestellt - um plötzlich die Sicherheit Westeuropas auf dem Altar
eines Kondominiums zu opfern. Unser Schicksal - so wie auch die volle Stärke
unserer Militärmacht - ist unlösbar mit dem Ihrigen verbunden.

Wenn wir in die Zukunft blicken, dann können wir uns Aufgaben vorstellen,
im Vergleich zu denen unsere gegenwärtigen Dispute trivial sind. An die Stelle
der Struktur der unmittelbaren Nachkriegsjähre tritt ein neues internationales
System. Die Außenpolitiken Chinas und der Sowjetunion befinden sich in einer
Periode des Übergangs. Westeuropa ist auf dem Wege zur Einigung. Neue Nationen
- 9 -

�Nationen suchen ihre Identität und eine angemessene tolle. Heute ändern sich
selbst wirtschaftliche Beziehungen rascher als die Strukturen/denen sie entsprungen sind. Wir, Europa, Kanada und Amerika, haben nur zwei Alternativen:
Zusammen schöpferisch oder auseinander unbedeutend zu sein.

Nahost und Energie

Die Nahostkrise zeigt uns, wie wichtig es ist, das Langfristige vom Kurzlebigen zu unterscheiden. Die Meinungsverschiedenheiten der letzten Monate resultierten nicht so sehr aus einem Mangel an Konsultation, als aus einer unterschiedlichen Vorstellung in den drei entscheidenden Fragen: Handelt es sich
bei dem Krieg in erster Linie um einen lokalen Konflikt oder hatte er weiterreichende Bedeutung? Ist Die Energiekrise in erster Linie durch den Krieg verursacht worden oder hat sie tiefere Ursachen? Kann unsere gemeinsame Energiekrise anders gelöst werden als durch kollektives Handeln?

Was die Natur des Nahostkonfliktes angeht, so ist es nur fair zu sagen,
;

wie zahlreiche Europäer,einschließlich Ihres Außenministers, es getan haben,
daß die Vereinigten Staaten vor dem Krieg nicht alles in ihrer Kraft stehende
getan haben, um eine dauerhafte Lösung im Nahen Osten zu fördern. Nachdem der
Krieg begonnen hatte, zeigten die Vereinigten Staaten große Zurückhaltung, bis
die sowjetischen Anstrengungen den Punkt einer massiven Intervention erreichten.
Nachdem dies geschehen war, war die Frage, ob der Westen irgendeinen Einfluß
behalten würde, um zur Gestaltung der politischen Zukunft eines Gebietes beizutragen, von dem Europa noch entscheidender abhängig ist als die Vereinigten
Staaten. Wir engagierten uns in dem Bemühen, den Nachschub wieder aufzufüllen,
keine Partei in dem Konflikt zu ergreifen, sondern die Möglichkeit zu wahren,
daß nach dem Krieg das Ziel einer gerechten, dauerhaften Lösung angestrebt
werden kann, zu der uns einige unserer Verbündeten seit 1967 ständig gedrängt
hatten.

Gleichzeitig müssen wir uns die tieferen Ursachen der Energiekrise vor
Augen halten; sie ist nicht einfach nur ein Ergebnis des arabisch-israelischen

- 10 -

�arabisch-israelischen Krieges, sie ist die unvermeidliche Konsequenz des explosiven Anwachsens der weltweiten Nachfrage, die den Anreiz zum Angebot tibersteigt. Der Nahostkrieg ließ zwar eine chronische Krise akut werden, aber eine
Krise wäre in jedem Fall eingetreten. Selbst wenn der Vorkriegsproduktionsstand wieder erreicht wird, wird das Problem bestehen bleiben, den Stand des
Öls, das die Welt produziert, mit dem Stand des Verbrauchs in Einklang zu
bringen.

Die einzige langfristige Lösung besteht in einer massiven Bemühung, den
Produzenten einen Anreiz zu bieten, ihr Angebot zu vergrößern, die Verbraucher
zu ermutigen, die vorhandenen Vorräte rationeller zu nutzen

und weitere

Energiequellen zu entwickeln.

Das ist eine Aufgabe, die die Vereinigten Staaten alleine nur mit großen
Schwierigkeiten und die Europa isoliert überhaupt nicht lösen könnte. Wir bevorzugen mit allem Nachdruck - und Europa braucht - eine gemeinsame Anstrengung.
Zu diesem Zweck haben die Vereinigten Staaten vorgeschlagen, daß die Länder
Europas, Nordamerikas und Japan

eine Energie-Aktionsgruppe bilden,der erfahrene

und angesehene Persönlichkeiten angehören, die den Auftrag erhalten, innerhalb
von drei Monaten ein erstes Aktionsprogramm für die Zusammenarbeit auf allen
Gebieten des Energieprogramms zu entwickeln. Wir würden es den Neun überlassen,
ob sie es vorziehen, als Europäische Gemeinschaft daran teilzunehmen.

Die Sicherstellung der erforderlichen Energieversorgung zu vernünftigen
Preisen würde das Ziel dieser Gruppe sein. Sie würde allgemeine Grundsätze
der Zusammenarbeit definieren

und sie würde Maßnahmen auf spezifischen Gebieten

einleiten:

- Energie durch eine rationellere Nutzung der bestehenden Vorräte einzusparen;
- die Entdeckung und Erschließung neuer Energiequellen zu fördern;
- den Produzenten einen Anreiz zur Erhöhung des Angebots zu geben;
- ein Internationales Forschungsprogramm zur Entwicklung neuer Techno- 11 -

�Technologien zu koordinieren, durch die Energie wirksamer genutzt wird und
die Alternativen zum Öl bieten.

Die vereinigten Staaten wären bereit, ihre speziellen Erfahrungen auf
solchen Gebieten wie der Erschließung des Meeresbettes beizutragen.

Die Energie-Aktionsgruppe sollte keine exklusive Verbraucherorganisation
sein. Die ölproduzierenden Länder sollten aufgefordert werden, ihr von Anfang
an beizutreten, da es um Fragen gemeinsamen Interesses geht. Das Problem, angemessene Möglichkeiten für die Entwicklung zu finden, sowie die Investition
der Einkünfte aus dem Verkauf von Energieträgem dürften ein besonders wichtiges Gebiet der Zusammenarbeit zwischen Verbraucher und Produzenten sein.

Als ein Beispiel dafür, welche Aufgabe die Energie-Aktionsgruppe zu bewältigen hätte, würde ich das Gebiet der Urananreicherung für die Nutzung in
Kernkraftreaktoren anführen. Wir wissen, daß die Kraftwerke ihre Versorgung
zu möglichst geringen Kosten sicherstellen möchten. Wir wissen, daß europäische
Länder und Japan ihre eigenen Einrichtungen zur Produktion zumindest eines
Teils ihres Bedarfs an angereichertem Uran besitzen möchten. Solche Anlagen
erfordern gewaltige Kapitalinvestitionen. Was könnte also vernünftiger sein
als eine gemeinsame Planung, um sicherzustellen, daß die knappen Hilfsquellen
nicht durch unnötige Überschneidungen vergeudet werden?

Die Vereinigten Staaten sind bereit, einen sehr bedeutsamen finanziellen
und wirtschaftlichen Beitrag zu dem Ziel zu leisten, das Energieproblem auf
einer gemeinsamen Basis zu lösen. Es gibt kein technisches Problem, das die
großen Demokratien nicht gemeinsam lösen könnten - wenn sie nur den Willen
und den Einfallsreichtum aufbringen können.

Die Energiekrise des Jahres 1973 kann das wirtschaftliche Äquivalent zur
Sputnik-Herausforderung des Jahres 1957 werden. Das Ergebnis kann das gleiche
sein. Nur könnte dieses Mal der Riesenschritt für die Menschheit darin bestehen
daß Amerika und seine engsten Partner ihn gemeinsam zum Nutzen der ganzen
Menschheit tun.
Wir
- 12 -

�Wir haben aus Pflicht und Selbstinteresse allen Grund, die erfolgreichste
Partnerschaft in der Geschichte zu bewahren. Die Vereinigten Staaten haben
sich verpflichtet, die atlantische Gemeinschaft zu einer lebenswichtigen positiven Kraft für die Zukunft zu machen, wie sie dies in der Vergangenheit
gewesen ist. Was jüngst noch als selbstverständlich hingenommen wurde, muß
jetzt erneuert werden. Das ist keine amerikanische Herausforderung an Europa,
das ist die Herausforderung der Geschichte an uns alle.

Großbritannien befindet sich unserer Ansicht nach in einer einzigartigen
Position. Wir begrüßen Ihre Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft
- cbwchl die Lockerung einiger unserer alten Bindungen manchmal schmerzhaft
gewesen ist. Aber Sie können einen weiteren historischen Beitrag leisten, indem Sie mithelfen, daß zwischen den Vereinigten Staaten und einem sich einigenden Europa dasselbe besondere Vertrauen und das enge Verhältnis entwickelt wird,
das unseren beiden Ländern über Jahrzehnte hinaus von so großem Nutzen gewesen
ist. Wir sind bereit, einem sich einigenden Europa ein 'besonderes Verhältnis'
anzubieten, denn wir sind der Ansicht, daß die Einheit der westlichen Welt
von entscheidender Bedeutung für das Wohlergehen aller ihrer Bestandteile ist.

In seinen Memoiren beschrieb Außenminister Acheson den Ablauf seines Besuches in London im Frühjahr 1950. Er beschrieb dort die Forderung seiner Zeit
nach einem 'Willensakt', eine 'Entscheidung,etwas zu tun'

und zwar zu einem

kritischen Zeitpunkt.
Wir fordern einen weiteren Willensakt - die Entschlossenheit, taktische
Streitigkeiten und legalistische Vorurteile zu überwinden und zum Gestalter
unseres eigenen Geschickes zu werden. Wir hier in diesem Raum haben ein reiches
Erbe an Vertrauen und Freundschaft übernommen. Wenn wir uns selbst treu bleiben,
dann steht es in unserer Macht, dieses Erbe auf ein vereintes Europa zu übertragen und es - bereichert und noch wertvoller - an nachfolgende Generationen
weiterzugeben."
+ + + + +

- 13 -

�</text>
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