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2 4 . Januar 1973

Inhalt
INFORMATION:
Erklärung Präsident Nixons zum Waffenstillstand in Vietnam
-WortlautLyndon B. Johnson-Sein Glaube war Amerika
Minicomputer-Ausstellung im US-Handelszentrum in Frankfurt

DOKUMENTATION:
Die Antrittsrede Präsident Nixons
-WortlautAußenminister Rogers fordert neue Friedensbemühungen im Nahen Osten
-Auszüge aus seiner Anspräche vom 17. Januar-

HINTERGRUND:
Die Wahl zeigt: Die Amerikaner wollen den Wandel
Von Louis Harris

WIRTSCHAFT:
Die kommenden amerikanisch-europäischen Handels-und Währungsverhandlungen
-Rede des scheidenden US-Handelsministers Peterson in New York-

Um Übersendung v o n Belegexemplaren w i r d gebeten.

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4/1973

ERKLÄRUNG PRÄSIDENT NIXONS ZUM WAFFENSTILLSTAND IN VIETNAM
•Wort l a u t -

WASHINGTON --(AD)-- Präsident Nixon hat am Abend des 23. Januar (Washingtoner Zeit) in einer Rundfunk~und Fernsehansprache den Abschluß eines Waffenstillstandes in Vietnam bekanntgegeben, der am 27. Januar um 2400 Uhr
Greenwich Mean Time ("28. Januar 0100 Uhr MEZ) in Kraft treten wird.
Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Guten Abend! Ich habe um diese Sendezeit im Rundfunk und Fernsehen gebeten, um bekanntzugeben, daß wir heute ein Abkommen geschlossen haben, um
den Krieg zu beenden und einen ehrenvollen Frieden in Vietnam und in Südostasien herbeizuführen. Die folgende Erklärung wird zu diesem Zeitpunkt in
Washington und Hanoi veröffentlicht:
'Heute am 23. Januar 1973 um 1230 Uhr Pariser Zeit wurde das Abkommen
über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in
Vietnam von Dr. Henry Kissinger im Namen der Vereinigten Staaten und von
Sonderberater Le Duc Tho im Namen der Demokratischen Republik Vietnam
paraphiert.
Das

-1-

�Das Abkommen wird von den Beteiligten der Pariser Vietnam-Konferenz
am 27. Januar 1973 im Internationalen Konferenzgebäude in Paris formell unterzeichnet werden. Der Waffenstillstand wird am 27. Januar um 2400 Uhr
Greenwich Mean Time in Kraft treten.
Die Vereinigten Staaten und die Demokratische Republik Vietnam bringen
die Hoffnung zum Ausdruck, daß dieses Abkommen einen stabilen Frieden in
Vietnam garantieren und zur Erhaltung eines dauerhaften Friedens in Indochina und Südostasien führen wird.8
Soweit die formelle Erklärung.
Während all der Jahre der Verhandlungen haben wir auf einem ehrenhaften
Frieden bestanden. In meinen Ansprachen an die Nation vom 25. Januar und
8. Mai legte ich die Ziele dar, die wir als von entscheidender Bedeutung für
einen ehrenhaften Frieden erachteten. Mit der Regelung, der jetzt zugestimmt
worden ist, wurden alle von mir damals gestellten Bedingungen erfüllt.
Ein international überwachter Waffenstillstand wird am Sonnabend, dem
27. Januar um 1900 Uhr Washingtoner Zeit in Kraft treten.
Innerhalb von sechzig Tagen - von diesem Sonnabend an gerechnet - werden alle in Indochina festgehaltenen amerikanischen Kriegsgefangenen freigelassen werden. Über die im Einsatz Vermißten wird eine genauestmögliche
Auskunft erteilt.
Während dieses Zeitraums von sechzig Tagen werden alle amerikanischen
Truppen aus Südvietnam abgezogen werden.
Dem südvietnamesischen Volk ist das Recht garantiert worden, ohne Einmischung von außen selbst über seine Zukunft zu entscheiden.
Aufgrund einer gemeinsamen Absprache werden der volle Text des Abkommens sowie die Durchführungsprotokolle morgen veröffentlicht werden.
Während

�Während dieser Verhandlungen standen wir in engster Konsultation mit
Präsident Thieu sowie mit anderen Vertretern der Republik Vietnam. Diese Regelung entspricht den Zielen und hat die volle Unterstützung Präsident Thieus
und der Regierung der Republik Vietnam sowie aller unserer anderer Verbündeten, die hiervon berührt werden.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin die Regierung der Republik Vietnam als die einzige rechtmäßige Regierung von Südvietnam anerkennen. Wir werden Südvietnam im Rahmen des Abkommens weiterhin unterstützen, und wir werden
Bemühungen der Bevölkerung von Südvietnam unterstützen, ihre Probleme friedlich unter sich selbst zu regeln.
Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß die Beendigung des Krieges
nur der erste Schritt zum Aufbau des Friedens ist. Alle Beteiligten müssen
jetzt dafür sorgen, daß dies ein Friede wird, der hält, und auch ein Friede,
der heilt - und ein Friede, der nicht nur den Krieg in Südostasien beendet,
sondern zu den Friedensaussichten in der ganzen Welt beiträgt. Das bedeutet,
daß die Bedingungen des Abkommens ganz genau eingehalten werden müssen. Wir
werden alles tun, was das Abkommen von uns verlangt, und wir werden von den
anderen Beteiligten erwarten, daß sie alles tun werden, was es von ihnen verlangt. Wir werden auch von anderen interessierten Nationen erwarten, daß sie
mithelfen, um sicherzustellen, daß das Abkommen eingehalten und der Frieden
aufrechterhalten wird.
Da nun dieser lange und sehr schwierige Krieg zu Ende geht, möchte ich
einige besondere Worte an all jene richten, die an dem Konflikt beteiligt gewesen sind.
Der Bevölkerung und der Regierung von Südvietnam möchte ich sagen:
Durch Ihren Mut, durch Ihre Opfer, haben Sie das kostbare Recht gewonnen, ihre
eigene Zukunft zu bestimmen. Und Sie haben die Stärke aufgebaut, dieses Recht
zu verteidigen. Wir sehen der künftigen Arbeit mit Ihnen mit Erwartung ent-

-3-

�entgegen - als Freunde im Frieden, so wie wir Verbündete im Krieg gewesen
sind.
Den Führern Nordvietnams möchte ich, wo wir jetzt den Krieg durch Verhandlungen beendet haben, sagen: Laßt uns nun einen Frieden der Versöhnung
schaffen. Wir unsererseits sind bereit, uns nachdrücklich um die Verwirklichung dieses Zieles zu bemühen. Aber wie Gegenseitigkeit nötig war, um den
Krieg zu beenden, so wird auch Gegenseitigkeit nötig sein, um den Frieden zu
schaffen und ihn zu stärken.
Den anderen großen Mächten, die engagiert waren - wenn auch indirekt möchte ich sagen, daß jetzt die Zeit beiderseitiger Zurückhaltung gekommen
ist, damit der von uns erreichte Frieden von Dauer sein kann.
Und schließlich möchte ich Ihnen allen, die mir zuhören, dem amerikanischen Volke, sagen: Die Standhaftigkeit, mit der Sie unser Beharren auf einem
ehrenhaften Frieden unterstützt haben, hat diesen ehrenhaften Frieden möglich
gemacht.
Ich weiß, Sie hätten es nicht gewünscht, daß dieser Friede gefährdet wird.
Hätte ich, als unsere Geheimverhandlungen vor kurzem in dieser heiklen Phase
waren, öffentlich über unsere Bemühungen zur Sicherung des Friedens gesprochen, dann hätte ich nicht nur unsere Absprache mit Nordvietnam verletzt, sondern dann würde dies auch die Chancen für den Frieden ernsthaft beeinträchtigt
und möglicherweise zerstört haben. Deshalb weiß ich, daß Sie jetzt verstehen
können, warum ich während dieser letzten Wochen keine öffentliche Erklärungen
über diese Bemühungen abgegeben habe.
Es war wichtig, nicht über den Frieden zu sprechen, sondern den Frieden zu
erlangen, und zwar den richtigen Frieden. Dies haben wir getan. Nachdem wir
jetzt ein ehrenhaftes Abkommen erreicht haben, können wir stolz darauf sein,
daß Amerika sich nicht auf einen Frieden einließ, der unsere Verbündeten be-

�betrogen, unsere Kriegsgefangenen aufgegeben oder den Krieg zwar für uns beendet, aber ihn für die fünfzig Millionen Menschen in Indochina fortgesetzt
hätte. Wir können stolz sein auf die zweieinhalb Millionen junger Amerikaner,
die in Vietnam gedient haben - die in Ehren und mit Auszeichnung in einem
der selbstlosesten Unternehmen in der Geschichte der Völker gedient haben.
Und wir wollen stolz sein auf die, die sich opferten, die ihr Leben
hingaben, damit das südvietnamesische Volk in Freiheit und damit die Welt in
Frieden leben kann.
Insbesondere möchte ich noch ein Wort zu jenen tapfersten Menschen, die
ich kenne, sagen - zu den Frauen, den Kindern, den Familien unserer Kriegsgefangenen und der im Kampfeinsatz Vermißten. Wenn andere uns aufforderten, wir
sollten den Konflikt unter allen Bedingungen beilegen, so hatten Sie

en Mut,

für die rechte Art eines Friedens einzutreten, damit jene,die starben und
duldeten, nicht umsonst gestorben seien und geduldet hätten, und damit dort,
wo für diese Generation Krieg geherrscht hatte, für die nächste Generation
Frieden sein sollte. Nichts bedeutet mir in diesem Augenblick mehr als die
Tatsache, daß Ihre lange Prüfung nun Ihrem Ende entgegengeht.
Eben, gestern ist ein großer Amerikaner, der einst dieses Amt bekleidete,
gestorben. In seinem Leben mußte Präsident Johnson die Schmähungen jener ertragen, die versuchten, ihn als einen Mann des Krieges zu zeichnen. Dabei gab
es nichts, was ihm so sehr am Herzen lag, als die Schaffung eines dauerhaften
Friedens in der Welt.
Ich erinnere mich an das letzte Mal, da ich mit ihm sprach - es war genau
der Tag nach Neujahr. Er sprach damals über seine Sorge um das Zustandekommen
des Friedens - wie man zu einem rechten Frieden gelangen könnte. Und ich war
dankbar, daß er mich erneut seiner Unterstützung bei meinen Bemühungen um die
Erlangung eines solchen Friedens versicherte.Niemand hätte diesen Frieden mehr

-5-

�mehr begrüßt als er. Und ich weiß, daß er mit mir zu jenen, die starben, und
zu jenen, die leben, sagen würde: Laßt uns diesem Augenblick seine Weihe
geben, indem wir zusammen fest beschließen, diesen Frieden, den wir erzielten,
zu einem Frieden von Dauer zu machen.
Ich danke Ihnen. Guten AbendJ."

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LYNDON B.JOHNSON-SEIN GLAUBE WAR AMERIKA
--(AD)-- Lyndon Baines Johnson, der 36. Präsident der Vereinigten Staaten
von Amerika,ist am 22. Januar 1973 im Alter von 64 Jahren nach einem Herzanfall verstorben - nur 28 Tage nach einem seiner großen Amtsvorgänger,
Harry S. Truman. Wie Truman mußte Johnson nach dem Tode des gewählten Präsidenten als Vizepräsident die Geschicke seines Landes übernehmen, wie Truman
wurde Johnson dann als Präsident gewählt, und wie Truman hat sich Johnson
aus einfachen Verhältnissen mit Begabung und Fleiß zum höchsten Amt emporgearbeitet - und wie Truman glaubte Johnson zutiefst an Amerika und seine
Mission.
"Für Präsident Johnson", so heißt es in dem Nachruf von Präsident Nixon,
"war der 'amerikanische Traum1 mehr als nur ein Schlagwort - er war eine
Realität seines eigenen Lebens. Er glaubte an Amerika - an das, was Amerika
all seinen Bürgern bedeuten kann und was Amerika für die Welt bedeuten kann.
Im Dienste dieses Glaubens gab er sich ganz hin."
Als ein Attentat er am 22. November 1963 in Dallas, Texas, Präsident
John F. Kennedy niederstreckte, übernahm sein noch auf dem Flughafen vereidigter Nachfolger Lyndon B. Johnson unter dramatischen Umständen zwei gewaltige Komplexe: Die Bürgerrechtsfrage und den Vietnamkrieg.

Es ist dem

Geschick und der Beharrlichkeit des Demokraten Johnson aus dem Süden der USA

-1-

�t

l
USA zu verdanken, daß der amerikanische Kongreß wichtige Bürgerrechtsgesetze
verabschiedete, die er Kennedy verweigert hatte. Und es ist letztlich dem
dramatischen Verzicht auf Bombardierung und erneute Präsidentschaftskandidatur für 1968 zu verdanken, daß die Vietnam-Verhandlungen in Gang kamen,
die zu einer ehrenvollen Beendigung dieses Krieges führen.
Der Lebensweg von Lyndon B. Johnson ist ein Spiegelbild dessen, was
man sich unter Amerika vorstellt - oder zumindest vorstellte. Er wurde am
27. August 1908 als Sohn von Samuel Ealy und Rebekah Johnson auf einer Farm
unweit des kleinen Ortes Stonewall in Texas geboren, wo sich seine Vorfahren
in der Pionierzeit als Baumwo11farmer und Viehzüchter niedergelassen hatten.
Die Schule besuchte er in Johnson City, einer Kleinstadt, die sein Großvater
gegründet hatte. Johnson stammte "vom Lande", und daraus rührte wohl auch
seine Vorliebe für seine große Farm am Pedernales-Fluß in Texas - von Freunden
einfach "the ranch" genannt -, auf die er sich nach seinem Ausscheiden aus dem
politischen Leben zurückgezogen hatte.
Das Studium an der Pädagogischen Hochschule in Texas verdiente Johnson
v

sich selbst, um dann in Houston seine erste Lehrerstelle anzutreten. Aber sein
politischer Ehrgeiz war ebenfalls erwacht, und im Jahre 1932 nahm ihn der
texanische Kongreßabgeordnete Richard M. Kleberg als seinen Sekretär mit nach
Washington. Johnson studierte in seiner Freizeit an der Georgetown-Universität
Jura, um dann drei Jahre später von Präsident Roosevelt als Regionalleiter des
amerikanischen Jugendwerkes nach Texas entsandt zu werden. Bereits 1937 konnte er eine Nachwahl für den Kongreß für sich entscheiden, während er vier Jahre
später eine Nachwahl für den Senat nicht gewinnen konnte - übrigens die einzige verlorene Wahl in seinem Leben. Im Repräsentantenhaus, in das er von 1938
bis 1946 alle zwei Jahre regelmäßig wiedergewählt wurde, war er ein entschiedener Verfechter der "New Deal"-Politik, die Präsident Roosevelt konzipiert
hatte. Soziale Gerechtigkeit war für ihn ein echtes Anliegen, das sich in

-2-

�in seiner eigenen Konzeption von der "Großen Gesellschaft" und dem "Krieg
gegen die Armut" niederschlug, deren Ziel das war, was heute als "Qualität
des Lebens" bezeichnet wird.
Im Jahre 1948 zog Johnson dann als Senator in den Kongreß ein; 1953
wurde er Vorsitzender seiner Fraktion und hatte dieses Amt bis 1961 inne.
Maßvolle Haltung und staatspolitische Klugheit ließen ihn zu einem Politiker
werden, der Aufmerksamkeit erregte. Als er sich 1960 mit John F. Kennedy zusammen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei bewarb,
hatte er einen reichen Schatz an politischer Erfahrung. Wenn auch auf dem
Parteikonvent damals Kennedy zum Präsidentschaftskandidaten gewählt wurde,
so wurde Johnson per Akklamation als Mitstreiter und Vizepräsidentschaftskandidat bestätigt.
Sein persönlicher und politischer Lebensweg ist ohne seine Familie nicht
denkbar - nicht ohne seine Frau Claudia Alta - oder besser bekannt als "Lady
Bird" - und seine beiden Töchter und seine Enkelkinder.
Johnsons persönlicher Stil war von Energie und Arbeit geprägt, und sein
Arbeitstag betrug meist 18 Stunden - was eine doppelte Besetzung der Sekretärinnenposten notwendig machte. Den Glanz und das Charisma seines Vorgängers
Kennedy mußte er durch unermüdlichen Einsatz ausgleichen. Dieser Einsatz galt
Amerika und der Gerechtigkeit und der Freiheit. Er glaubte nicht, daß einem
die Dinge einfach zufallen, und so mahnte er seine Landsleute und die Welt in
seiner letzten Botschaft über die Lage der Nation am 10. Januar 1967: "Denken wir bei allem Übel, das uns befällt, bei allen Ängsten, die wir ausstehen
müssen... daran, daß diejenigen, die die Segnungen der Freiheit ernten wollen,
sich wie Männer der Mühe unterziehen müssen, sie zu erhalten."

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MINICOMPUTER-AUSSTELLUNG IM US-HANDELSZENTRUM IN FRANKFURT

--(AD)-- Eine Ausstellung mit angeschlossener Fachtagung, die ausschließlich
dem Thema "Minicomputer und Peripheriegeräte" gewidmet ist, findet vom 12.16.Februar 1973 im US-Handelszentrum in Frankfurt am Main, Bockenheimer Landstraße 2-4 statt. Über 50 amerikanische Hersteller von EDV-Geräten werden sich
an dieser Fachausstellung beteiligen, darunter rund ein Drittel, die neu auf
dem europäischen bezw. deutschen Markt sind.
Das Programm der Ausstellung umfaßt unter anderem:
Minicomputer, Terminals mit Sichtanzeigen, Tastatureingabeeinheiten,
Streifenlocher und Leser, Belegleser, Magnetbandgeräte und Kassettenrecorder,
Magnetbandreinigungs-und Wartungsgeräte, Plattenspeicher, Interface-Bausteine,
Datendrucker, Plotter, Mikrofilm-Plotter, Sprachsimulatoren, Signalumsetzer,
Digitalisiereinrichtungen, Videosysteme, Literatur und Software.
Die angeschlossene Tagung dauert vom 13.-16.Februar und befaßt sich mit
Neuentwicklungen sowie Anwendungsmöglichkeiten von Kleinrechnern einschließlich
der dazugehörigen Peripherie.Die Referenten sind EDV-Fachleute aus Europa und
den USA.
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4/1973

DIE ANTRITTSREDE PRÄSIDENT NIXONS

gehalten in Washington am 20. Januar 1973 anläßlich
seiner zweiten Amtseinführung

�Als wir vor vier Jahren hier zusammenkamen, war die Stimmung in Amerika
düster und gedrückt ob der Aussicht auf einen anscheinend endlosen Krieg
in Übersee und einen destruktiven Streit im eigenen Lande.
Wenn wir heute hier zusammenkommen, dann stehen wir an der Schwelle
einer neuen Ära des Friedens in der Welt.

Die zentrale Frage, die sich uns stellt, lautet: Wie sollen wir diesen
Frieden nutzen?
Seien wir entschlossen, daß diese Ära, in die wir jetzt eintreten,
nicht so sein wird, wie andere Nachkriegsepochen es oft waren; eine Zeit
des Rückzuges und der Isolierung, die zu Stagnation im eigenen Lande führt
und neue Gefahren in Übersee heraufbeschwört.

Seien wir entschlossen, daß diese Ära das sein wird, was sie werden
kann: Eine Zeit großer Aufgaben, in Größe gemeistert, in der wir den
Geist und die Verheißung Amerikas erneuern, da wir in unser drittes Jahrhundert als Nation eintreten.

Das vergangene Jahr brachte weitreichende Ergebnisse unserer neuen
Politik für den Frieden.Durch die Neubelebung unserer traditionellen
Freundschaften

und durch unsere Reisen nach Peking und nach Moskau konnten

wir die Basis für ein neues und dauerhafteres System von Beziehungen
zwischen den Völkern der Welt schaffen. Aufgrund der kühnen Initiativen
Amerikas wird man sich an 1972 noch lange als an das Jahr erinnern, in dem
der größte Fortschritt seit dem zweiten Weltkrieg in Richtung auf einen
dauerhaften Frieden in der Welt gemacht wurde.

Der

�Der Friede, den wir für die Welt anstreben, ist kein oberflächlicher
Friede, der nichts weiter als ein Zwischenspiel zwischen zwei Kriegen ist,
sondern ein Friede, der für spätere Generationen Bestand haben kann.

Es ist wichtig, daß wir sowohl die Notwendigkeit als auch die Grenzen
der Rolle kennen, die Amerika bei der Erhaltung dieses Friedens spielen
kann.
Wenn wir in Amerika nicht dafür arbeiten, diesen Frieden zu erhalten,
dann wird es keinen Frieden geben.
Wenn wir in Amerika nicht dafür arbeiten, die Freiheit zu erhalten,
dann wird es keine Freiheit geben.
Wollen wir uns jedoch völlig im klaren sein über die neue Art der
Rolle, die Amerika aufgrund der neuen Politik spielt, die wir im Laufe
dieser letzten vier Jahre eingeschlagen haben.

Wir werden unsere vertraglichen Verpflichtungen respektieren.

Wir werden nachdrücklich das Prinzip unterstützen, daß kein Land das
Recht hat, einem anderen seinen Willen oder seine Herrschaft gewaltsam
aufzuzwingen.

Wir werden in dieser Ära der Verhandlungen weiter auf die Begrenzung
der Nuklearwaffen und die Verringerung der Gefahr einer Konfrontation
zwischen den Großmächten hinarbeiten.

Wir werden unseren Teil zur Verteidigung von Frieden und Freiheit auf
der Welt beitragen, aber wir werden von den anderen erwarten, daß sie das
Ihre dazu beitragen.

Die

�Die Zeit ist vorbei, da Amerika die Konflikte aller anderen Länder
zu seinen eigenen gemacht hat

oder da es sich verantwortlich fühlte für

die Zukunft jedes anderen Landes oder da es sich anmaßte, den Völkern
anderer Länder zu sagen, wie sie ihre eigenen Angelegenheiten regeln sollten.

So wie wir das Recht eines jeden Landes respektieren, über seine
eigene Zukunft zu entscheiden, so erkennen wir auch an, daß jedes Land
die Verantwortung für die Sicherung seiner eigenen Zukunft trägt.

So wie auf die Rolle Amerikas bei der Erhaltung des Weltfriedens nicht
verzichtet werden kann, genauso wenig kann auf die Rolle jedes einzelnen
Landes bei der Erhaltung seines eigenen Friedens verzichtet werden.
Seien wir entschlossen, gemeinsam mit der übrigen Welt auf den Anfängen, die wir bereits gemacht haben, weiter aufzubauen. Wollen wir fortfahren, die Mauern der Feindschaft einzureißen, die die Welt zu lange getrennt haben, und an ihrer Stelle Brücken der Verständigung errichten auf daß die Völker der Welt, trotz tiefgehender Unterschiede zwischen den
Regierungssystemen, Freunde sein können.
Wollen wir ein Gebäude des Friedens in der Welt errichten, in dem
die Schwachen genauso sicher sind wie die Starken - in dem jeder das Recht
des anderen respektiert, in einem andersgearteten System zu leben - in
dem diejenigen, die andere beeinflussen möchten, dies durch die Stärke ihrer
Ideen und nicht durch die Macht ihrer Waffen tun.

Wollen wir diese hohe Verantwortung nicht als eine Bürde, sondern
freudig auf uns nehmen - freudig, weil die Chance, einen solchen Frieden
zu schaffen, die vornehmste Aufgabe ist, die ein Land auf sich nehmen
kann; freudig auch, weil wir nur dann eine große Nation bleiben werden,
wenn wir mit Größe unseren Verpflichtungen im Ausland nachkommen. Und
nur wenn wir eine große Nation bleiben, werden wir mit Größe unseren Ver-

- 3-

�Verpflichtlingen im eigenen Lande nachkommen können.

Wir haben heute die Chance, mehr zu tun als jemals zuvor in unserer
Geschichte, um das Leben in Amerika zu verbessern - um eine bessere Schulbildung, bessere Gesundheitseinrichtungen, bessere Wohnungen, bessere
Verkehrseinrichtungen, eine sauberere Umwelt zu gewährleisten - um die
Achtung vor dem Gesetz wiederherzustellen, um unsere Gemeinden lebensfreundlicher zu gestalten - um das von Gott gegebene Recht jedes einzelnen Amerikaners auf umfassende und gleiche Chancen sicherzustellen.

Da der Rahmen dessen, was nötig ist, so weit gesteckt ist - da der
Bereich dessen, was möglich ist, so groß ist, - sollten wir kühn sein in
unserer Entschlossenheit, diese Erfordernisse auf neue Weise zu erfüllen.
So wie die Errichtung eines Gebäudes des Friedens in der Welt es
erforderte, daß wir uns von der alten Politik abwandten, die versagt hat,
so erfordert es der Aufbau einer neuen Ära des Fortschritts im eigenen
Lande, daß wir von der alten Politik ablassen, die ebenfalls versagt hat.

In der Welt bedeutete der Übergang von der alten Politik zu einer
neuen keine Abkehr von unseren Verpflichtungen, sondern vielmehr einen
besseren Weg zum Frieden.

Im eigenen Lande wird der Übergang von einer alten Politik zu einer
neuen keine Abkehr von unseren Verpflichtungen sein, sondern vielmehr
ein besserer Weg zum Fortschritt.

In der Welt wie im eigenen Lande liegt der Schlüssel zu dieser neuen
Politik in der Verteilung der Aufgaben. Wir haben zu lange mit den Folgen
des Versuches gelebt, alle Gewalt und Verantwortung in Washington zu vereinen.

In
- 4-

�In der Welt wie im eigenen Lande ist die Zeit gekommen, da wir uns
von der herablassenden Politik des Paternalismus - des "Washington weiß
es am besten" - abwenden.
Jemand kann nur verantwortungsbewußt handeln, wenn er Verantwortung
trägt. Dies liegt in der Natur des Menschen. Wir sollten die Menschen im
eigenen Lande und die anderen Völker ermutigen, selbst mehr zu tun und
selbst mehr zu entscheiden. Wollen wir das, was wir für andere tun, nach
dem bemessen, was sie selbst für sich tun.
Das ist der Grund, warum ich heute nicht verspreche, daß die Regierung
schon alle Probleme lösen wird. Wir haben zu lange mit diesem falschen
Versprechen gelebt. Indem wir zu sehr auf die Regierung bauten, haben wir
mehr von ihr gefordert, als sie geben kann. Dies führt nur zu übersteigerten Erwartungen, zu geringeren Anstrengungen des einzelnen, und zu Enttäuschung und Frustration, die das Vertrauen in das, was die Regierung
und was die Bevölkerung leisten können, untergraben.

Die Regierung muß lernen, weniger von den Menschen zu nehmen, so
daß diese mehr für sich selbst sorgen können.

Jeder von uns sollte sich daran erinnern, daß Amerika nicht von der
Regierung, sondern vom Volke geschaffen wurde - nicht durch Wohlfahrt,
sondern durch Arbeit - nicht durch Zurückschrecken vor der Verantwortung,
sondern durch Übernahme von Verantwortung.

In unserem eigenen Leben sollte sich jeder von uns fragen: Was kann
ich selbst für mich tun, und nicht, was wird die Regierung für mich tun.

Bei den Aufgaben, vor denen wir gemeinsam stehen, sollte jeder von
uns fragen: Wie kann ich helfen, und nicht, wie kann die Regierung helfen.

Unsere

�Unsere Bundesregierung hat eine große und entscheidend wichtige Rolle
zu spielen. Ich versichere Ihnen, daß diese Regierung, wo sie handeln
sollte, mutig handeln, und führen wird. Aber genauso wichtig ist die Rolle,
die jeder einzelne von uns spielen muß, als Einzelperson und als Mitglied seiner eigenen Gemeinde.
Von

dem heutigen Tage an sollte sich jeder vpn uns zutiefst in

seinem Herzen verpflichten, seiner Verantwortung nachzukommen, seinen Beitrag zu leisten, seine Ideale zu verwirklichen, so daß wir gemeinsam ein
neues Zeitalter des Fortschritts für Amerika anbrechen sehen und gemeinsam - da wir jetzt den 200. Gründungstag unserer Nation begehen werden stolz sein können auf die Erfüllung des Versprechens, das wir uns und
der Welt gegeben haben.

Wo jetzt der längste und schwierigste Krieg Amerikas seinem Ende
entgegengeht, müssen wir erneut lernen, über unsere Meinungsverschiedenheiten mit Würde und Anstand zu debattieren. Und jeder von uns sollte
sich um jenes kostbare Gut bemühen, das die Regierung einem nicht geben
kann, nämlich um ein neues Maß an Respekt vor den Rechten und Gefühlen
des anderen und um ein neues Maß an Respekt vor der Menschenwürde, die
das kostbare angeborene Recht eines jeden Amerikaners ist.

Und vor allem anderen ist jetzt die Zeit für alle Amerikaner gekommen,
den Glauben an uns selbst und an Amerika zu erneuern.

In den letzten Jahren ist dieser Glaube in Frage gestellt worden.

Unseren Kindern ist gesagt worden, sie müßten sich ihres Landes,
ihrer Eltern, der Taten Amerikas hier im eigenen Lande und seiner Rolle
in der Welt schämen.

Bei jeder Krise sind wir von denjenigen bedrängt worden, die an

- 6-

�an Amerika alles falsch und nur wenig richtig finden.

Aber ich bin zuversichtlich, daß dies nicht das Urteil der Geschichte
über diese bemerkenswerten Zeiten sein wird, in denen wir leben dürfen.

Was Amerika in diesem Jahrhundert geleistet hat, an Verantwortungsbewußtsein, an Großherzigkeit, an schöpferischer Kraft und an Fortschritt
ist ohne Parallele in der Weltgeschichte.

Wir können stolz darauf sein, daß unser System mehr Freiheit und mehr
Wohlstand hervorgebracht und gegeben hat - und zwar für mehr Menschen -,
als irgendein System in den letzten hundert Jahren der Geschichte der
Menschheit.
Wir können stolz darauf sein, daß wir in jedem der vier Kriege, in
denen wir in diesem Jahrhundert gekämpft haben - das gilt auch für denjenigen, den wir jetzt beenden - nicht für eigennützige Vorteile gefochten
haben, sondern um anderen zu helfen, einer Aggression zu widerstehen.

Wir können stolz darauf sein, daß wir mit unseren kühnen, neuen
Initiativen und mit unserem unerschütterlichen Eintreten für einen ehrenhaften Frieden einen Durchbruch erzielt haben, um in der Welt etwas zu
schaffen, was die Welt zuvor noch nie gehabt hat - ein Gebäude des Friedens
nicht nur für unsere Zeit, sondern für künftige Generationen.

Wir treten heute hier in eine Ära ein, die uns vor so gewaltige Aufgaben stellt, wie sie kein Land und keine Generation je zuvor zu bewältigen
hatte.

Wir werden Gott, der Geschichte und unserem Gewissen gegenüber dafür
verantwortlich sein, wie wir diese Jahre nutzen werden.
Wenn
- 7-

�Wenn ich jetzt hier an dieser so ehrwürdigen Stätte der Geschichte
stehe, dann denke ich an die anderen, die vor mir hier gestanden haben.
Ich denke an das, was sie sich für Amerika erträumt hatten, und ich denke
daran, wie jeder von ihnen sich darüber im klaren war, daß er Hilfe benötigte, die weit über seine eigene Kraft hinausging, um diese Träume
Wirklichkeit werden zu lassen. Heute bitte ich Sie, dafür zu beten, daß
ich in den kommenden Jahren Gottes Hilfe haben möge, um die Entscheidungen
zu treffen, die für Amerika richtig sind, und ich bitte Sie um Ihre Unterstützung, damit wir gemeinsam unserer großen Aufgabe gerecht werden können.

Wollen wir gemeinsam das feierliche Gelübde ablegen, die nächsten
vier Jahre zu den besten vier Jahren in der Geschichte Amerikas zu machen,
so daß Amerika an seinem 200. Geburtstag so jung und dynamisch sein wird
wie zu seinem Beginn und ein genauso

leuchtender Hoffnungsstrahl für

die ganze Welt.

Wollen wir von hier aus voranschreiten, zuversichtlich voll Hoffnung,
stark in unserem Glauben aneinander, gestärkt durch unseren Glauben an
Gott, der uns geschaffen hat, und in dem steten Streben, seinen Zielen zu
dienen.

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AUSSENMINISTER ROGERS FORDERT NEUE FRIEDENSBEMÜHUNGEN IM NAHEN OSTEN

-Auszüge aus seiner Ansprache vom 17. Januar-

NEW YORK --(AD)-- Der amerikanische Außenminister William P. Rogers hat sich
am 17. Januar für neue Friedensbemühungen,vor allem auch im Nahen Osten,eingesetzt. Rogers sprach auf einem Abschiedsessen für den scheidenden israelischen Botschafter Rabin . Nach einigen einleitenden Worten, in denen er die
Verdienste Rabins würdigte, führte der amerikanische Außenminister wörtlich
aus:
"Für die Motivierung der Politik eines Landes gibt es selbstverständlich
kein höheres Ziel als das Streben nach einem gerechten und dauerhaften Frieden. Diesem Ziel hat sich die amerikanische Außenpolitik verschrieben, nämlich eine Welt zu schaffen, in der der Soldat, wie im Falle von Botschafter
Rabin, hinter den Diplomaten zurücktritt. Präsident Nixon hat dies in seiner
ersten Amtseinführungsrede so ausgedrückt: »Wir wollen dort den Frieden
willkommen machen, wo man ihn nicht kennt; wir wollen dort den Frieden stärken, wo er schwach ist; wir wollen dort den Frieden dauerhaft machen, wo er
nur vorübergehend ist.1
In

-1-

�In den letzten vier Jahren haben wir dramatische, wenn auch nicht immer
glatte Fortschritte in Richtung auf dieses Ziel gemacht. Wir werden während
der nächsten vier Jahre, wo immer dies notwendig sein wird, dieses Bemühen
mit allem Nachdruck fortsetzen.
Ohne Frage ist unser Erfolg beim drastischen Abbau der Spannungen zwischen den Großmächten - zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
sowie zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China - ein wesentlicher Fortschritt in Richtung auf eine Zukunft in Frieden. Langjährige
von Zank und Streit getragene Beziehungen werden zu Beziehungen »einer gegenseitig nützlichen Zusammenarbeit*. Selbstverständlich werden fundamentale
Differenzen bleiben. Aber wir haben die feste Absicht, einen Rahmen beiderseitiger Verpflichtungen zu schaffen,durch den der natürliche Wunsch unserer
Völker nach einer von Krieg freien Welt gestärkt wird.
Für den von uns erzielten Fortschritt waren geduldige, einfallsreiche
und beharrliche Verhandlungen von entscheidender Bedeutung. Wenn wir unsere
realistische Hoffnung auf eine Generation des Friedens verwirklichen wollen,
dann sind weitere Fortschritte notwendig.
Wir werden in den kommenden Monaten jede Gelegenheit benutzen, um in
Richtung auf dieses Ziel weiterzukommen:
- Wir werden versuchen, mit der UdSSR nicht nur eine Begrenzung, sondern
eine Verringerung der strategischen Offensivwaffen zu erreichen. Wir haben bereits die Raketenabwehrsysteme (ABM) begrenzt und vereinbart, sie nicht für
eine Verteidigung unserer nationalen Hoheitsgebiete zu dislozieren. Wir müssen
jetzt danach streben, den Stand der strategischen Offensivkräfte, die die Bedrohung unserer jeweiligen Sicherheit darstellen, de facto abzubauen.
- Wir werden versuchen, eine größere Freizügigkeit von Personen und
Ideen in ganz Europa herbeizuführen. In einer Periode der Interdependenz und
der Entspannung wird ein besseres gegenseitiges Verständnis und ein verstärkter Austausch von Ideen und Menschen von entscheidender Bedeutung für einen

�einen stabilen Frieden sein. In diesem Zusammenhang ermutigt uns die kürzliche Äußerung von Parteichef Breschnew, daß 'die Möglichkeiten hier recht weitgesteckt sind', zu der Hoffnung, daß die kommende Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa einen Fortschritt in dieser Richtung bringen
wird.
- Wir werden eine beiderseitige und ausgewogene Verringerung der Streitkräfte in Mitteleuropa anstreben. Im Rahmen einer besser werdenden politischen
Atmosphäre in Europa kann eine beiderseitige Verringerung der Streitkräfte
weiter zum Abbau der Spannungen beitragen, während gleichzeitig die Sicherheit
beider Seiten gewährleistet wird. In den Vorbereitungsgesprächen, die in Kürze
beginnen, werden wir die Grundlage für ernsthafte Verhandlungen zu diesem Zweck
im kommenden Herbst schaffen.
- Wir werden versuchen, im Jahre 1973 unsere Austausch-und Besuchsprogramme mit der Volksrepublik China auszuweiten und unseren Handel mit diesem Land
mindestens zu verdoppeln. Wir haben unseren Handel mit China bereits von weniger als fünf Millionen Dollar auf über 100 Millionen Dollar gesteigert und haben das erste bedeutsame Besucheraustauschprogramm seit 25 Jahren ins Leben gerufen. Wir sind über diesen Fortschritt erfreut und rechnen damit, daß er
stetig weiter zunimmt.
Es sind nicht große Worte, sondern Leistungen dieser Art, aus denen die
Grundlagen einer friedlichen Welt gebaut werden.
So haben wir eh und je versucht, einen dauerhaften und ehrenhaften Frieden in Vietnam herbeizuführen. Wie Sie wissen, war die Entscheidung des Präsidenten, die Bombardierung, Beschießung und weitere Verminung von Nordvietnam
einzustellen, das Ergebnis eines Fortschritts bei der jüngsten Verhandlungsrunde.
Der Frieden in Vietnam ist natürlich ein Hauptanliegen;es kann jedoch
keine Garantie für eine Generation des Friedens geben, solange es keine dauerhafte Regelung im Nahen Osten gibt.
Die

3-

�Die Vereinigten Staaten haben in den letzten vier Jahren diesem Ziel
ernsthafte und eingehende Bemühungen gewidmet - einem Ziel, das die Welt ein
Viertel Jahrhundert lang nicht erreichen konnte. Die Waffenruhe von 1970 entlang des Suezkanals - das Ergebnis einer amerikanischen Initiative, bei deren
Zustandekommen Botschafter Rabin eine wichtige Rolle spielte -, war ein Vorsignal. Die Kämpfe entlang des Kanals ruhen seit fast zweieinhalb Jahren, was
weiterhin für alle Beteiligten von Vorteil ist.
Noch sind keine Verhandlungen im Gange. Wir sind der Überzeugung, daß
eine Lösung nur durch einen - direkten oder indirekten - echten und bedeutsamen Verhandlungsprozeß erreicht werden kann. Die Entscheidung, in Verhandlungen einzutreten, erfordert keine Änderung der Zielsetzungen oder der Politik.
Verhandlungen setzen nur die Bereitschaft voraus, nach Lösungen zu suchen und
ernsthaft und überlegt die Möglichkeiten einer gegenseitigen Annäherung zu
prüfen. Verhandlungen können die gegenseitige Klärung der Vorstellungen und
die Festlegung

des letztlichen nationalen Interesses bringen, aus denen ein

dauerhafter Frieden erwachsen kann.
Als Präsident Nixon vor vier Jahren die Hoffnung zum Ausdruck brachte,
daß die Welt aus einer Ära der Konfrontation heraus-und in eine Ära der Verhandlungen eintreten werde, sprach er nicht ausschließlich über die Beziehungen
zwischen Supermächten. Er sprach von dem Fortschritt und von der Hoffnung, die
ein solcher Fortschritt für die Regelung von Streitigkeiten zwischen allen Nationen bietet. So haben also ernsthafte und umfassende Verhandlungen nicht nur
zwischen uns und der Sowjetunion und der Volksrepublik China stattgefunden,
sondern auf dem ganzen .Erdball haben Gegner Verhandlungen aufgenommen: die
Ostdeutschen mit den Westdeutschen, die Pakistanis mit den Indern, die Nordkoreaner mit den Südkoreanern. Ich glaube, es liegt auf der Hand, daß die
Politik des Präsidenten zu diesen begrüßenswerten Entwicklungen und zur Verbesserung des Friedensklimas in allen Teilen der Welt beigetragen hat.
Der

-4-

�Der Nahe Osten bildet weiterhin eine Ausnahme in den Bemühungen, Differenzen durch einen aktiven Dialog beizulegen. Das Nachlassen der Spannungen
zwischen den Großmächten, verbesserte Verhältnisse in anderen Ländern des
Gebietes und die Aufrechterhaltung des militärischen Gleichgewichtes tragen
zusammen dazu bei, das Jahr 1973 zu einem günstigen Zeitpunkt für Verhandlungen zu machen. Wir sind überzeugt, daß beide Seiten - Araber und Israelis eine Lösung wünschen, die auf der Resolution des Weltsicherheitsrates vom
November 1967 beruht. Daher bleiben nach unserer Auffassung die Türen der
Diplomatie offen.
Wir sind weiterhin überzeugt, daß der realistischste Weg der wäre, mit
Verhandlungen über ein Interimsabkommen über den Suezkanal zu beginnen. Eine
solche Entwicklung würde:
- die militärischen Kräfte beider Seiten auseinanderrücken;
- die Waffenruhe festigen;
- zu einem Teilabzug der Israelis führen; und
- den Suezkanal für den Welthandel öffnen.
Der Abschluß und die Einhaltung des Interimsabkommens würde Vertrauen
schaffen und den Bemühungen um eine endgültige Regelung Auftrieb geben. Das
Zustandekommen des Interimsabkommens wäre nicht der Abschluß eines Prozesses,
sondern ein erster entscheidender Schritt, um Verhandlungen über die Durchführung der Sicherheitsratsresolution Nr. 242 in ihrer Gesamtheit zu erleichtern.
Präsident Nixon hat öffentlich erklärt, daß wir dem Nahen Osten eine
sehr hohe Priorität einräumen werden. Wir werden uns aktiv darum bemühen
festzustellen, ob und wie wir den Beteiligten helfen können, einen echten
Verhandlungsprozeß in Gang zu bringen...."

= 5-

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4/1973

DIE WAHL ZEIGT: DIE AMERIKANER WOLLEN DEN WANDEL
Von Louis Harris

&lt;

Louis Harris,der Präsident von Louis Harris
and Associates, hat sich in zwei Jahrzehnten einen Platz als einer der bekanntesten
und meist geachteten Meinungsforscher der
Welt erobert. Seine Voraussage des überwältigenden Sieges Nixons traf das Endergebnis um zwei Zehntel Prozent. Diese erfolgreiche, genaue Vorhersage ist jedoch nach
seinen eigenen Worten "nicht das, worum
es bei der Meinungsforschung geht. Der
'Existenzgrund1 für die Meinungsumfragen
ist vielmehr die Erweiterung des Verständnisses für das, was vorgeht hinsichtlich
der treibenden Kräfte bei einer bestimmten
Wahl - und was dies über die Zukunft erkennen läßt". Aus seiner Überzeugung heraus,
daß die Öffentlichkeit ein Recht hat, die
Kriterien und die Methoden zu erfahren, die
seinen Schlußfolgerungen zugrunde liegen,
hat er der amerikanischen Kongreßbibliothek
die kompletten Unterlagen seiner politischen
Meinungsumfragen zur Verfügung gestellt,die
er bei den Wahlen 1968 und 1972 durchführte.

Der entscheidende Punkt bei den amerikanischen Wahlen im Jahre 1972 war
der, daß die Vereinigten Staaten geteilt waren zwischen den Kräften, die für
den Wandel eintraten und den Kräften, die keinen Wandel wollten. Es ging

-1-

�ging nicht um einen Wettkampf zwischen einer ideologischen Rechten und einer
ideologischen Linken mit einer "ausschlaggebenden" Mehrheitsgruppe in der
Mitte.
Nach meiner Auffassung ist es unmöglich zu begreifen, was bei diesen
Wahlen vor sich ging, ohne diese grundlegenden Fakten zu erkennen. Der entscheidende Punkt bei den Wahlen im November vorigen Jahres scheint mir zu
sein, daß Richard Nixon offensichtlich diese Lehre von einer sich verändernden Wählerschaft sehr gut begriffen hat, was die zentrale Frage der Außenpolitik angeht. Und am Ende gelang es ihm, eine Mehrheit zustandezubringen,
die sich aus Anhängern der Gruppe des Wandels und der des "Nichtwandeis"
zusammensetzte.
Die Zukunft des politischen Prozesses in den Vereinigten Staaten, so
wie wir sie heute sehen, kündet mehr Wandel,mehr Unbeständigkeit seitens der
Wählerschaft an als etwa eine Festigung, eine Verhärtung oder etwa eine
neue Mehrheit um einen amorphen Mittelpunkt herum.
Bis 1976 wird sich die für den Wandel eintretende Gruppe, die sich bereits jetzt auf rund 50 Prozent der Wählerschaft vergrößert hat, wahrscheinlich auf 55 Prozent erhöhen.
Eines können wir nach der Wahl von 1972 sicherlich sagen: Die neue,
höchst unabhängige Gruppe, die den Wahlzettel nicht einfach nach der Partei
ausfüllt, sondern die genau differenziert und für den Wandel eintritt, wird
die treibende Kraft in der amerikanischen Politik sein. Und jeder Politiker,
der das ignoriert, wird das zu seinem Nachteil tun.
Lassen Sie mich mit einigen grundlegenden Fakten des politischen Lebens
beginnen, wie sie weitgehend existierten, bevor der Wahlkampf 1972 überhaupt
angefangen hatte,und wie sie sich heute,nachdem das alles vorbei ist, nicht
verändert haben.
Tatsache Nr. 1: Obwohl ein Präsident im Amt mit einem Erdrutsch wiedergewählt worden ist, fühlen sich mehr als vier von zehn Amerikanern im Alter
von 18 Jahren und darüber der Führung öffentlicher und privater amerikani-

-2-

�amerikanischer Institutionen entfremdet. Seit 1966 hat diese Entfremdung in
unserer Bevölkerung dramatisch zugenommen.
Tatsache Nr. 2: Im Brennpunkt dieser Entfremdung stehen nicht entfernt
so stark die vielbehandelten Ziele wie die protestierende Jugend, die militanten Schwarzen oder drogensüchtige Hippies oder Langhaarige, die obszöne
Worte gebrauchen, sondern das Ziel, auf das es hinausläuft, kann am besten
als das "Establishment" bezeichnet werden - die Leute, in deren Händen die
beherrschenden Institutionen in unserem Lande liegen.
Hier ein paar Beispiele dafür, wie sehr das Establishment -das öffentliche wie das private- in der Gunst der Öffentlichkeit im Verlauf der
letzten sechs Jahre gesunken ist: die Medien - Presse und Fernsehen - und
zwar, was das Vertrauen in sie anbetrifft, von 29 auf 18 Prozent; das Oberste
Bundesgericht von 51 Prozent auf 28 Prozent; die Exekutive der Bundesregierung von 41 Prozent auf 27 Prozent; der Kongreß von 41 Prozent auf 21 Prozent; die militärische Führung von 62 Prozent sogar bis auf 35 Prozent; die
Geschäftsleute und Unternehmer von 58 Prozent auf 27 Prozent.
Diese Zahlen weisen warnend darauf hin, daß die amerikanische Bevölkerung - falls sich die Qualität des Lebens in den USA nicht verbessert durchaus gewillt und bereit ist, diejenigen, die jetzt auf dem Thron der
Macht sitzen, von ihren Posten zu verdrängen und zwar sowohl im öffentlichen
wie im privaten Sektor. Und es kann kein Zweifel bestehen, daß sie im Rahmen
des politischen und wirtschaftlichen Systems der Vereinigten Staaten dazu
durchaus die Macht haben.
Tatsache Nr. 3: Aber Veränderungen noch grundlegenderer Art haben in
unserer Wählerschaft seit 1968 stattgefunden - Veränderungen, wie sie sich nie
zuvor in einem vergleichbaren Zeitabschnitt von vier Jahren in unserer modernen Geschichte vollzogen haben. Bei einer Wählergruppe, der ganz besondere
Aufmerksamkeit zuteil wurde, zeigte sich die Tendenz, sich jedem Wechsel in
wachsendem Maße zu widersetzen. Was die Gemüter der Angehörigen dieser Gruppe
erhitzt, sind Fragen wie die Bemühung um rassischen Ausgleich in den Schulen

-3-

�Schulen durch das neu eingerichtete Schulbussystem; Amnestie für landesflüchtige Wehrdienstverweigerer; Straferleichterung für den Besitz von Marihuana,
wobei die Ansicht vertreten wird, daß die Richter und andere Organe des
Rechtsvollzugs in den Vereinigten Staaten schon seit langem hier viel zu
nachsichtig gewesen seien. In dieser Gruppe finden sich unter denen, die
besonders empfindlich auf alle diese Fragen reagieren, vor allem Vertreter der
Altersgruppe über 50, Gewerkschaftsmitglieder; Leute, die überwiegend nur eine
Grundschulbildung besitzen sowie Kleinstadtbewohner und viele aus der Einkommensgruppe zwischen 5 000 und 10 000 Dollar jährlich.
Man hat diese Gruppe Amerikas Mitte - oder auch die schweigende Mehrheit genannt. Das besondere Kennzeichen der in dieser Gruppe vereinigten Wähler besteht aber darin, daß ihr zahlenmäßiger Anteil an der Gesamtheit der Wählerstimmen zurückgeht.
Insgesamt betrug der Anteil dieser Gruppen - die man vielleicht als
Koalition des Patt oder des Status quo bezeichnen könnte - an der Gesamtwählerzahl im Jahre 1968 noch etwa 55 Prozent, im Jahre 1972 aber nur noch 50 Prozent .
Eine ganz andersartige Gruppe findet man bei den Wählern unter 30 Jahren,
unter denen, die sich selbst als unabhängig bezeichnen und sich an keine politische Partei gebunden fühlen. Personen, die in den Vorstädten leben, die
ein gewisses Maß an Collegeausbildung erhalten haben und deren Einkommen in
der Größenordnung von 15 000 Dollar jährlich und darüber liegt.
Das besondere Kennzeichen dieser neuen "Koalition für Wandel und Veränderungen" besteht darin, daß die zu ihr Gehörigen von einer ganz anderen Reihe
von Problemen bewegt und bedrängt werden. Für sie ist die Qualität des Lebens
ein Anliegen besonderer Wichtigkeit, sie wünschen schärfere Maßnahmen zur Eindämmung der Luft-und Wasserverschmutzung. Sie waren bei den 1972er Wahlen führend in der Aufstellung und Propagierung von Referenden für Maßnahmen zum Umweltschutz. Sie befürworten die Legalität der Abtreibung bis zum dritten
Schwangerschaftsmonat; Zwei Drittel von ihnen haben nichts gegen lange Haare

-4-

�Haare und die neuen Formen von Mode und Verhalten bei der Jugend. Vor allem
aber wollen sie zu einer Ära des Friedens gelangen anstelle der Konfrontation,
die die Gefahr birgt, zu einem nuklearen Krieg zu eskalieren. Die Mehrheit dieser Menschen ist prinzipiell für Veränderungen - für konkrete und pragmatische nicht ideologische - aber für reale Veränderungen. Wenn Präsident Nixon eine
"Veränderung, die sich bewährt" in Aussicht stellte, so war das eine Sprache,
die von diesem Menschen verstanden wurde, und viele fanden den Präsidenten
denn auch überzeugend.
Ohne Ausnahme hat diese Koalition, die für Veränderungen eintritt, ihren
zahlenmäßigen Anteil an der Wählerschaft verstärkt. Es ist mehr als genug
über den Einfluß der Jungwähler auf die Gesamtzahl der Wählerstimmen gesagt
worden. Tatsache ist jedenfalls, daß von den geschätzten 18 Prozent bei den
Wahlen im Jahre 1968 zu den 24 Prozent der im Jahre 1972 registrierten Stimmen
ein Zuwachs von 6 Prozent erfolgte.Dies zeigt, daß die Jungwähler keinesfalls
die Wählergruppe waren, die den rapidesten Zahlenanstieg verzeichnete. Die Zahl
der Unabhängigen ist von 16 Prozent bei den Wahlen vor vier Jahren auf 22 Prozent im Jahre 1972 - und damit ebenfalls um 6 Prozent - gestiegen. Die Zahl der
Wähler aus den Vorstädten schnellte von 27 auf 33 Prozent, ist also ebenfalls um
6 Prozent höher. Die Wähler mit Collegebildung machten im Jahre 1968 nur 27 Prozent der Gesamtwählerzahl aus und stiegen um 8 Prozent auf 35 Prozent im Wahljahr 1972. Und die Wähler aus der Gruppe mit einem Jahreseinkommen von 15 000
Dollar und darüber schnellte von 11 auf 20 Prozent und verzeichnete damit eine
Zunahme um neun Prozent.
Als Ganzes genommen stellte diese Gruppe, diese neue Koalition für den
Wandel, im Jahre 1968 rund 45 Prozent der Wählerschaft, aber im Jahre 1972 gehörten ihr schon rund 5o Prozent aller Wähler an: sie hat also mit der Gruppe,
die nicht für den Wandel ist, praktisch gleichgezogen.
In seiner langen Kampagne um die Nominierung als Präsidentschaftskandidat
der Demokraten hat Senator George McGovern von Anfang an eine zwiefältige
Strategie verfolgt: Einmal, daß er einen festen Ankerpunkt als derjenige

-5-

�derjenige Demokrat setzen würde, der für den Wandel und für die neue Politik
eintritt, und zum andern ging er davon aus, daß sich die Demokraten der Mitte
bei den Vorwahlen gegenseitig ausschalten würden. Darüberhinaus wollte er
eine Armee junger Leute mobilisieren, die bei den Vorwahlen ihre Stimme in
die Waagschale werfen konnten.
Diese Strategie hat offensichtlich bis zum Parteikonvent der Demokraten
und während des Konvents selbst funktioniert. Hubert Humphrey hat einen beträchtlichen Teil der Stimmen für Muskie auf sich gezogen, und John Lindsay
und Henry Jackson ging der Atem aus. Die große Überraschung der Vorwahlen war
jedoch die Staerke von George Wallace auch außerhalb des Südens. Das Phänomen
Wallace und das Phänomen McGovern zeigte damals eines gemeinsam, nämlich eine
grundsätzliche Anziehungskraft: Beide fanden Anklang bei den 47 Prozent der
Wählerschaft, die entfremdet waren,und beide kamen der Enttäuschung der Wähler
über das Establishment, vor allem das Big Business, und dem weitverbreiteten
Wunsch nach Steuerreform entgegen.
Trotz der übertriebenen Behauptungen der Manager von McGovern, daß dieser
eine Mehrheit unter den eingeschriebenen Demokraten habe, zeigten ihre eigenen
Meinungsumfragen in den Einzelstaaten, in denen Vorwahlen stattfanden, daß
seine Anhängerschaft im Durchschnitt kaum über die 30 Prozent-Marke hinauskam.
Unsere eigene Höchstnotierung für McGovern bei den Demokraten lag bei 27 Prozent. Für Wallace ging sie nie über 22 Prozent hinaus.
Zu Ende der Vorwahlen hatte sich die Demokratische Partei in eine Position
hineinmanövriert, in der ihr nichts anderes übrig blieb, als einen Kandidaten
unter den Minderheitsanwärtern auszusuchen.
Die Verlagerung der Stimmen, die sich von Wallace ab-und Nixon zuwandten
und zwar in einem Verhältnis von 80 zu 20, hat Anfang Juni wahrscheinlich die
Chancen von George McGovern zunichte gemacht, das Weiße Haus zu erobern. Unsere
eigenen Meinungsumfragen zeigten, daß die entscheidende Periode der Stimmenabwanderung von McGovern nicht etwa während oder nach der Eagleton-Affäre lag
(als McGovern seinen designierten Vizepräsidentschaftskandidaten aufgeben mußte,
weil sich dieser früher einer psychiatrischen Behandlung unterzogen und dies

-6-

�dies verschwiegen hatte - d.R.) und sicherlich auch nicht auf den Parteikonvent der Demokraten zurückzuführen war, der bedeutsamer, ansprechender und
interessanter war als der Konvent der Republikaner. McGovern geriet bereits
in der letzten Woche der Vorwahlen in Kalifornien Anfang Juni auf die Bahn
nach unten.. Es war nämlich in Kalifornien, als Senator Humphrey mit seinem
Angriff auf das Steuerreform-Einkommensneuverteilung-Wohlfahrtsreform-Paket
den wunden Punkt seines Rivalen fand. Dieser Vorschlag McGoverns wurde unauslöschlich von dem Versprechen geprägt, jedem Mann, jeder Frau und jedem
Kind einfach 1 000 Dollar im Jahr aus dem großen Topf der Bundesregierung zu
geben. Diese Idee wurde von den Wählern selbst rundweg abgelehnt, und zwar
mit 73 gegen 15 Prozent, und dieser Vorschlag hing McGovern bis zum Wahltag
an. Noch am Wochenende vor dem Wahltag fand eine Mehrheit von 62 gegen 24 Prozent diesen Einkommensneuverteilungsplan einfach zu "radikal".
Man hat heute bereits vergessen, daß McGovern im Mai vorigen Jahres in
unseren Umfragen nur sieben Punkte hinter Präsident Nixon zurücklag - mit
einem Verhältnis von 48 zu 41 Prozent. Er lag im Osten der USA in Führung und
kam im Mittelwesten und im Westen bis knapp an Nixon heran. Er lag in den
Großstädten klar vorn und in den entscheidend wichtigen Vororten nur um wenige
Punkte zurück. Er lag bei der Jugend an der Spitze und bei den Unabhängigen
nur um einen Punkt zurück, und bei der Einkommensgruppe um 15 000 Dollar pro
Jahr und darüber nur um sechs Punkte zurück. Er hatte eindeutig eine goldene
Chance, eine Koalition des lebendigen Wandels zustandezubringen, die ihn praktisch an den Präsidenten herangebracht hätte. Zusammen mit seiner Führung von
vier gegen eins bei den Schwarzen hätte er es im November durchaus schaffen
können.
Nach den Vorwahlen in Kalifornien im Juni fiel McGovern jedoch von sieben Punkten Rückstand auf 16 Punkte zurück. Er war auf 20 Punkte Rückstand
zurückgefallen, bevor der Parteikonvent der Demokraten noch begonnen hatte,
und kam nach der Eagleton-Affaire mit 23 Punkten Rückstand heraus. Die eigentliche Auswirkung der Eagleton-Episode bestand darin, daß er bei den jungen
Menschen unter Dreißig endgültig die Führung verlor, denn mit zwei gegen eine

-7-

�eine vertrat die Gruppe, mit der er so stark gerechnet hatte, die Auffassung,
daß

McGovern in der Frage der geistigen Gesundheit - also einer vernünfti-

gen Frage - einen unvernünftigen Standpunkt eingenommen und sich im übrigen wie
ein Politiker üblichen Stils verhalten habe.
Den letzten Anstoß gab dann das Bemühen McGoverns, die Einheit in den
demokratischen Reihen dadurch wiederherzustellen, daß er bei den Gewerkschaften und den katholischen Wählern mit den üblichen massiven Wahlversprechungen
Boden zu gewinnen versuchte, gleichzeitig gegen die Gesetze für ein Recht auf
Arbeit loszog, sich gegen Lohnkontrollen wandte und für eine Unterstützung
von Konfessionsschulen aussprach und in der Abtreibungsfrage Rückzieher machte.
Langsam aber sicher verlor er immer mehr an Boden bei seinen ursprünglichen Anhängern unter der Koalition für einen Wandel.
Mit anderen Worten, McGovern machte sich selbst zu dem eigentlichen Thema
des Wahlkampfes 1972 und verlor in diesem Prozeß seine eigene Identität.
Aber wenn auch das Problem der Person McGoverns schließlich zum zentralen
Faktor für den Ausgang der Wahlen des Jahres 1972 wurde, so bleibt immer noch
die schwierige Frage: Wie konnte Richard Nixon, der als Präsident im Weißen
Haus saß und von A3 Prozent der Wähler für einen in seiner Grundeinstellung
"Konservativen" gehalten wurde, für einen Mann, den man gleichsam als Symbol
für das Establishment und den Verteidiger des Status quo setzen konnte, wie
konnte dieser Mann die Wahl fast 22 Punkte vor George McGovern gewinnen, der
mehr als jeder andere Demokrat im Jahre 1972 von seiner der Sache des Wandels
verschriebenen Partei nominiert worden war?
Mitte des Jahres, 1971 hatte die Beliebtheit Nixons etwa ihren Tiefstpunkt
erreicht, und es sah ganz so aus, als würde er sich mit einer Amtszeit als
Präsident zufriedengeben müssen. Die günstigste Beurteilung fanden allenfalls
noch seine Bemühungen um den Frieden in der Welt, und hier lag er punktmäßig
etwa bei 48 zu 48. Was die Kriegführung in Vietnam anbetraf, so wurde sie von
61 Prozent negativ beurteilt; zur Steuer-und Ausgabenpolitik äußerten sich
75 Prozent negativ; zur Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung sowie zur
Verbrechensbekämpfung 63 Prozent negativ; zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit

-8-

�1

71 Prozent negativ; zur Senkung der Lebenshaltungskosten 83 Prozent negativ;
zur wirtschaftlichen Stabilität und Gesundheit 73 Prozent negativ und zu der
Frage, ob er persönlich das Vertrauen ins Weiße Haus stärke, hatten 56 Prozent
eine negative Meinung.
Bei "Probeläufen"gegen die Demokraten lag Nixon bis zu sechs Punkten zurück,und die Demokraten hatten ihre Kampagne gegen ihn noch nicht einmal gestartet. Richard Nixon hatte in der Vietnam-Frage und bezüglich des Problems
Wirtschaft eindeutig Schwächen.
Im Sommer 1971 machte Nixon in seiner Einstellung zum Wähler eine Wendung
um 180 Grad. Er trat für den Wandel ein - nicht ideologisch,sondern sachlich,
nicht theoretisch, sondern praktisch.
In rascher Folge gab er seinen Besuch in Peking bekannt, dann verkündete
er am 15. August die Einfrierung aller Löhne und Preise. Das war der gleiche
Richard Nixon, der einmal gelobt hatte, er werde niemals zu Kontrollen Zuflucht
nehmen, um die wirtschaftlichen Übel des Landes zu beseitigen. Und schließlich
teilte er mit, daß er nach seinem Besuch in Peking auch zu einem Gipfeltreffen
in die Sowjetunion reisen werde. Mit der Präzision eines Chirurgen machte sich
Nixon daran, seine beiden offenkundigsten Angriffspunkte zu beseitigen - den
Krieg und die Rezession - und gleichzeitig erhob er den kühnen Anspruch, die
Wiederwahl als der Kandidat des Friedens zu gewinnen.
Die Ergebnisse dieser Strategie schlugen sich rasch in unseren eigenen
Umfragen nieder und sicherten ihm schließlich die Wiederwahl.
Die Gesamtbeurteilung Nixons im Amt durch die Öffentlichkeit verbesserte
sich von dem Tiefstand von 44 Prozent positiv im Juni 1971 auf 56 Prozent
positiv im Juni 1972 nach seiner Moskaureise und erreichte dann im Oktober
mit 59 bis 60 Prozent den höchsten Stand seit den glücklichen Tagen im Jahre
1969.
Was den Aspekt der Friedensarbeit anbetrifft,so stieg er von einem 48 zu
48 Gleichstand auf einen Vorsprung von 67 gegen 31 Prozent.
Was

-9-

�Was die Wirtschaft angeht, so wandelte sich die Mehrheit von 62 gegen
24 Prozent, die der Auffassung war, das Land befinde sich in einer Rezession,
bis Oktober in eine Mehrheit von 51 gegen 34 Prozent, die glaubte, die Rezession sei endlich vorbei. Die Mehrheit von 56 gegen 29 Prozent, die sich
hinsichtlich des Vertrauens negativ ausdrückte, verwandelte sich zum Zeitpunkt
der Wahl in eine Mehrheit von 51 gegen 41 Prozent, die dem Mann im Weißen
Haus ihr Vertrauen schenkte.
Der Wandel in der Einstellung der Wähler war augenfällig. Statt sechs
Punkte hintan zu liegen, endete Nixon mit einem Vorsprung von 22 Punkten
- was einen Umschwung von 28 Punkten bedeutet. Der Nettogewinn, den der Präsident bei der

Gruppe machte, die keinen Wandel wollte, belief sich auf

rund 16 Punkte, lag also um 12 Punkte niedriger als die Gewinnmarge bei
der Gesamtwählerschaft, die Nixon in den 18 Monaten erzielte. Bei der Gruppe
der für den Wandel eintretenden Wähler - der Jugend, den Unabhängigen, den
Vorstadtbewohnern, der Einkommensgruppe von 15 000 Dollar pro Jahr und darüber und den akademisch Gebildeten - machte die Zunahme die erstaunliche
Zahl von 36 Punkten gegenüber seinem Tiefstand aus - lag also um 8 Punkte
über dem Durchschnitt.
Der entscheidende Punkt ist, daß Richard Nixon aus der Position eines
potentiellen Verlierers im Sommer 1971 die Position eines Gewinners mit überwältigendem Abstand im November 1972 machte. Das bedeutsamste Element dieser Entwicklung ist die Tatsache, daß es ihm gelang, die fast sichere Opposition der Gruppen für den Wandel fest für sich zu gewinnen. Was für einen
Mann, der nie für sich in Anspruch nehmen konnte, daß seine persönliche Wärme
oder sein Charisma besonders angekommen wären, vielleicht noch wichtiger ist,
ist die Tatsache, daß es ihm jetzt zum ersten Mal gelungen war, eine beachtliche Mehrheit zu finden, die ihm die persönliche Fähigkeit zutraute, im
Weißen Haus Vertrauen auszustrahlen.
Es wird zwar heute oft das Gegenteil behauptet, aber die Außenpolitik
- der tiefe und echte Friedenswunsch des amerikanischen Volkes - hat ohne
Frage den Wettlauf zum Weißen Haus entschieden. Den zweifellos größten Vor-

-10-

�Vorsprung vor McGovern hatte Richard Nixon durch seine Fähigkeit und Möglichkeit, mit den Russen und Chinesen zu verhandeln:70 gegen 14 Prozent. Von
Vietnam angefangen bis zu den spektakulären Durchbrüchen in Peking und Moskau
war der dominierende Punkt, von dem aus sich die Wählerschaft ihr Haupturteil
bildete, Friede und Außenpolitik.
Das Urteil des amerikanischen Volkes über Richard Nixon entstand nicht
aus innenpolitischen Fragen, sondern aus der Frage des Friedens heraus nicht aus dem, was er sagte, sondern aus dem, was er tat. Die Öffentlichkeit
sieht seine Handlungen in der Außenpolitik als eine Option für den Wandel,
ja, den radikalen Wandel.
Im Grunde tat das Land bei der Wahl nichts anderes, als daß es Präsident
Nixon ein mächtiges "Mandat für den Wandel"übertrug, was die Friedenspolitik
und die Außenpolitik angeht - aber dem Kongreß ein ebenfalls mächtiges "Mandat
für den Wandel" auf dem Gebiet der Innenpolitik gab. In beiden Fällen bedeutet
das Mandat nach meiner Auffassung einen Auftrag für einen pragmatischen Wandel,
einen "Wandel, der funktioniert", wie Nixon es selbst ausgedrückt hat, und
nicht für den Status quo.
Richard Nixon mag vielleicht keine neue und dauerhafte politische Mehrheit zusammenschweißen. Er war im Jahre 1972 eher so etwas wie eine Brücke
zwischen dem Alten und dem Neuen. George McGovern konnte am Ende weder das
Alte noch das Neue für sich gewinnen - und bisher ist es weder der einen
noch der anderen der beiden großen politischen Parteien - Demokraten und Republikaner - gelungen, sich an und mit der neuen Gestaltung der Wählerschaft
zu messen.
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4/1973

DIE KOMMENDEN AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN HANDELS-UND WAHRUNGSVERHANDLUNGEN
-Rede des scheidenden US-Handelsministers Peterson in New York-

NEW YORK --(AD)— Der scheidende amerikanische Handelsminister Peter G.
Peterson, dessen Nachfolge Frederick Dent antritt, hat am 18. Januar vor
dem Conference Board von New York über die kommenden Verhandlungen der USA
mit ihren westlichen Handelspartnern gesprochen. Die Rede, die den Titel
"Die Auswirkung einer sich verändernden Wirtschafts-und Währungspolitik
auf den internationalen Handel: Unsere kommenden Verhandlungen mit unseren
westlichen Partnern"trägt, hat folgenden Wortlaut:
Sie haben mich gebeten, heute abend zu Ihnen über die Frage unserer kommenden Verhandlungen mit unseren westlichen Handels-und Sicherheitspartnern
zu sprechen.
Wenn man von der außerordentlichen Bedeutung, ja dem Schwierigkeitsgrad
der Verhandlungen ausgeht; wenn man von der Tatsache ausgeht, daß noch immer
kritische Studien über alternative Verhandlungsziele und - Strategien entwickelt werden; und wenn man davon ausgeht, daß mein Status als Regierungsbediensteter nur noch auf Wochen begrenzt ist, dann glaube ich, daß ich am

-1-

�besten zwei Dinge tue: Erstens möchte ich unterstreichen, daß das, was ich
hier vortrage, meine persönlichen und vorläufigen Auffassungen sind und keine
amtlichen oder endgültigen. Zweitens möchte ich mich mehr auf die allgemeinen
umrisse einer möglichen Tagesordnung konzentrieren und nicht so sehr auf die
spezifischen amerikanischen Standpunkte, die eingenommen werden könnten.
Es liegt auf der Hand, daß diese Entscheidungen noch nicht getroffen worden
sind und in jedem Fall vom Präsidenten getroffen werden müssen.
Es ist nun einmal eine Tatsache im Leben, ob man dies wahrhaben will
oder nicht, daß jede Beziehung, sei es zwischen Einzelpersonen oder zwischen
Völkern, gepflegt werden muß und im Denken und Fühlen der jeweiligen Beteiligten nicht als zweitrangig deklassiert werden darf, wenn dies nicht zu einer
Verschlechterung führen soll.
Es gibt ernsthafte, denkfähige und besorgte Bürger auf beiden Seiten
des Atlantiks und Pazifiks, die der Überzeugung sind, daß unsere alten und
wertvollen Beziehungen zu den Ländern Westeuropas, zu Japan und Kanada in
Gefahr sind, sich auf diese Weise zu verschlechtern. Diese Leute sagen, daß
wir zu sehr mit den historischen Initiativen des Präsidenten gegenüber der
Sowjetunion und China und natürlich mit dem Vietnamproblem beschäftigt seien.
Diese Leute sagen ferner, daß die Gewinne aus den Initiativen gegenüber
Rußland und China zwar unschätzbar groß gewesen seien, daß jedoch unsere unbeabsichtigte Vernachlässigung Europas und unserer anderen wichtigen Partner das Ganze zu einem nicht ganz reinen Segen werden lassen könnte.
Diese Initiativen drängen offensichtlich vielen Europäern die Auffassung
auf, die Vereinigten Staaten hielten die zugrundeliegenden Motive oder zumindest die ursprünglichen Gründe für das Bündnis - politisch und sicherheitsmäßig gesehen - für nicht mehr so dringend und die Vereinigten Staaten
seien trotz unserer ethnischen, politischen, geistigen und wirtschaftlichen

-2-

�wirtschaftlichen Bindungen indifferent geworden . Es wäre eine Ironie des
Schicksals und ein politischer Verlust von ungeahnten Ausmaßen, wenn wir,
weil wir uns gegenüber dieser möglichen europäischen Schlußfolgerung taub
stellen, uns der Beschuldigung aussetzen würden, zwar die Sowjetunion und
China "zu gewinnen", aber Europa "zu verlieren". Der Präsident ist sich
darüber selbstverständlich völlig im klaren, und ich ganz sicher, daß er
und seine Berater den gleichen Einfallsreichtum und die gleiche Hingabe einsetzen werden, um die unerläßlichen alten Bindungen zu stärken, wie sie sie
benutzt haben, um neue Beziehungen zu China und der Sowjetunion zu schaffen.
Ich glaube, man darf in diesem Zusammenhang jedoch fairerweise auch
sagen, daß einige unserer Verbündeten sich unseren Empfindungen gegenüber
ebenso taub gestellt haben wie wir uns möglicherweise gegenüber den ihrigen.
So haben sie beispielsweise - befangen in ihrem Drang, die Europäische Gemeinschaft auszuweiten - die Ausbreitung von Präferenzabkommen bis zu einem
Ausmaß betrieben, das weit über das hinausgeht, was wir aus unserer ursprünglichen Politik der Unterstützung einer erweiterten Gemeinschaft erwarten
konnten.
Der Gemeinsame Markt, der als ein positiver Schritt zum wirtschaftlichen Wachstum konzipiert wurde, hat mehr und mehr den Charakter eines wirtschaftlichen Schutzwalles angenommen. Es ist nur ein kleiner, aber gefährlicher Schritt von der Vorstellung, daß einen gemeinsame Bande mit einem
oder mehreren Ländern verbinden, zu der leichten, aber trügerischen Fortsetzung des Gedankens, daß die Anerkennung der Bindung eine Form annehmen
kann, die in der Mißachtung der Interessen besteht, welche man mit jenen
außerhalb der Gruppe teilt.
Die Geringschätzung der legitimen Besorgnisse des anderen sowohl seitens der Europäer als der Amerikaner droht nicht nur auf Kosten der Wirtschaft beider Seiten zu gehen, sondern auch auf Kosten des Verlustes

-3-

�Verlustes unseres Gefühls der gemeinsamen Zielsetzung. Wenn diesen Entwicklungen nicht gesteuert wird, dann könnten sie leicht zu verstärkter Bitterkeit und der Forderung nach einseitigen, in wachsendem Maße isolationistischen und, wie ich meine, selbstzerstörerischen Konfrontationen führen. Es
gehört bei uns schon zu den traditionellen Formulierungen bei internationalen
Beziehungen, von unseren "besonderen Beziehungen" zu Westeuropa zu sprechen.
In früheren Zeiten war einigermaßen klar, was wir mit dieser Formulierung
meinten. Heute jedoch, angesichts der kühnen Initiative des Präsidenten gegenüber der Sowjetunion und China und angesichts des raschen Wachstums der wirtschaftlichen Macht des Gemeinsamen Marktes, müssen wir diese besondere Beziehung neu definieren und ihr eine neue praktische und auch menschliche Bedeutung geben. Darüberhinaus ist es so, daß wir, wenn wir dies erfolgreich tun
wollen, mit einigen der herkömmlichen Denkweisen über unsere Beziehungen
brechen müssen. Bisher haben wir traditionsgemäß wirtschaftliche Probleme
ausschließlich durch wirtschaftliche Mittel und Wege behandelt. Heute sprechen beide Seiten erneut von "wachsendem wirtschaftlichem Druck" gegeneinander und zwar in voller Wechselseitigkeit. Die Einstellung war: Quote für
Quote und Zollsatz um Zollsatz. In wachsendem Maße messen Handelsminister Sieg
oder Niederlage nach diesem engen Maßstab, statt von einer umfassenden Gesamtaufrechnung der allgemeinen und beiderseitigen Interessen unseres Bündnisses
auszugehen. Die gleiche Einstellung ist leider auch die Regel gewesen, wenn
es um Verteidigungs-, Währungs- und Entwicklungshilfefragen ging. Nach meiner
Überzeugung kann diese herkömmliche und vielleicht engstirnige Einstellung
in der Zukunft nur magere Ergebnisse bringen.
Ich meine, wir sollten uns überlegen, die Vorstellung von getrennten Konten und getrennten Hauptbüchern aufzugeben, und nach einer Symmetrie in unseren Gesamtbeziehungen streben, statt nach einem Ausgleich auf jedem einzelnen
Konto. Angemessener Vorteil ist die erste Regel eines effektiven Managements

-4-

�1

Managements der Mittel. Das sollte auch für die Beziehungen unter Nationen
auf den Gebieten der Politik, der Sicherheit, der Wirtschaft und des Sozialwesens gelten. Die Teilung der Lasten braucht nicht auf die einzelnen Sektoren
beschränkt zu bleiben, sondern kann über sie hinausgehen. Als Beitrag zu den
gemeinsamen Zielen des Friedens, der Prosperität und der Verbesserung der
Lebensqualität sind Handelskonzessionen, Währungsanpassungen, Militärhilfe,
Auslandshilfe und technologisches know-how in einem gewissen Sinne konvertible
Währungen.
Die Probleme,vor denen wir heute stehen, sind überall bekannte Probleme.
Einige von ihnen gehören zur Tradition: Sicherheit und das Streben nach wirtschaftlicher Prosperität; andere sind relativ neu und sind ironischerweise
aus der Art und Weise entstanden, in der wir in der Vergangenheit unsere mehr
traditionellen Probleme gelöst haben. Zu dieser Kategorie gehören der Raubbau
an natürlichen Hilfsquellen - vor allem der Energie - und die immer drängender
werdenden Probleme der "Qualität des Lebens". Die Hilfsquellen, die uns für
die Lösung dieser Probleme zur Verfügung stehen, sind endlich, aber endlich
bedeutet nicht gleichmäßig verteilt. So wie unsere gerneinsamenProbleme sich
in unterschiedlichem Grade auf eine unterschiedliche Zahl im Bündnis auswirken, so ist auch unsere Fähigkeit, mit ihnen fertig zu werden, unterschiedlich. Schon die Vernunft gebietet deshalb, bei der Aufteilung der Lasten nicht
nach einem bilateralen Ausgleich auf jedem einzelnen Konto zu suchen. Die Beziehung, die wir anstreben, ist eine totale Beziehung - eine Beziehung, bei
der die Beiträge der Partner einander ergänzen, eine Beziehung mit einer echten Aufteilung , eine Beziehung, bei der man nicht von der Frau erwartet, daß
sie die halbe Männerarbeit übernimmt, weil der Mann die halbe Frauenarbeit
übernimmt.
Die Situation, vor der wir stehen, birgt eine ungewöhnliche Herausforderung. Wenn wir sie ignorieren, könnten wir noch weiter von unseren europäischen Partnern wegtreiben. Das Tückische an dieser Art des Wegtreibens ist,
daß man es nicht bemerkt. Es ist nur zu leicht, an einem unerwünschten Ziel

-5-

�Ziel anzukommen, ohne daß man bemerkt hat, daß man an den richtigen Wegweisern
vorbeigegangen ist.
Kriege werden selten geplant, Länder treiben in sie hinein. In ähnlicher
Weise werden wirtschaftliche Konfrontationen selten mit Absicht herbeigeführt.
Niemand wollte, daß die beiden Kriege in den dreißiger Jahren stattfanden, und
doch haben sie stattgefunden, und ihre verheerenden Auswirkungen auf den Welthandel sind erst nach dem zweiten Weltkrieg korrigiert worden.
Wenn wir unseren Bindungen Stärke verleihen wollen, dann wird dies positive Schritte erfordern; es wird die Artikulierung gemeinsamer Entschlüsse, gemeinsamer Ziele, gemeinsamer Projekte und gemeinsamer Interessen erfordern. Darüberhinaus wird es erforderlich sein, daß sie ebensoweit in die Zukunft hinein
abgesteckt werden, wie der Präsident dies bei seinen Initiativen gegenüber
China und der Sowjetunion getan hat.

Mögliche Elemente einer Tagesordnung
Was könnten also die Elemente einer erfolgreichen Methode sein, um erstens
einige der großen Probleme zu lösen, vor denen die Vereinigten Staaten stehen,
und zwar ohne ein Anwachsen eines politisch-wirtschaftlichen Antagonismus gegenüber Europa, Japan und Kanada, der zu einem verstärkten Wirtschaftskrieg und
zu politischer Spaltung führen würde, und um zweitens in unseren Beziehungen
zu unseren Verbündeten wieder kooperative Verhaltensweisen zu schaffen, die
sowohl zu unserem beiderseitigen Wohlergehen als auch zu internationaler Stabilität, Sicherheit und Zusammenarbeit in der übrigen Welt beitragen werden.
Wie ich es sehe, müßte wohl eine Reihe von Bedingungen erfüllt werden.
Diese könnten eine mögliche, jedoch höchst vorläufige Tagesordnung für Verhandlungen abgeben, und ich muß immer wieder betonen, daß all dies vorläufige und
persönliche Überlegungen sind.
Das

-6-

�Das politische Wollen
Um die Lösungen für unsere vielen beiderseitigen Probleme zu finden,
muß irgendwie das politische Wollen auf den höchsten Regierungsebenen angeregt werden. Krieg ist eine viel zu bedeutsame Sache, als daß man sie den
Generalen überlassen könnte, und Handel ist eine zu wichtige Sache, als daß
man sie den Handelsministern überlassen könnte. Und so meine ich, daß die
Kombination all unserer beiderseitigen Probleme eine zu wichtige Sache ist,
als daß man sie jemand anders als den Staats-oder Regierungschefs überlassen könnte. Ich weiß, daß es Leute gibt, die sagen, die Führer Europas seien
zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt - ob es die Inflation
im eigenen Lande ist, die Wirtschafts-und Währungsintegration der Gemeinschaft oder die "Ostpolitik" - um die Führungsrolle zu übernehmen und die
Sache der Welt oder auch nur des Atlantischen Bündnisses zu vertreten. Es
gibt viele, die behaupten, auf der "Europa-Ebene" sei eine Art politischer
Lähmung eingetreten. Und doch hat es jüngst einige ermutigende Erklärungen
von höchster Ebene in Europa gegeben, in denen die fundamentale Bedeutung
unserer totalen Beziehung unterstrichen wurde.

Eine langfristige Betrachtung
Ein zweites Element, dem mögliche Verhandlungen dienen können, könnte
eine langfristigere Betrachtung der Beziehung sein. Wir müssen dem Atlantischen Bündnis eine neue Zielsetzung geben. Aber wir müssen ihm auch ein Gefühl der Dauerhaftigkeit und Haltbarkeit verleihen.
Als amerikanischer Vorsitzender der Amerikanisch-Sowjetischen Handelskommission war ich in der glücklichen Lage, ein wichtiges Paket von grundsätzlichen und langfristigen Prinzipien für die Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auszuhandeln, die der Präsident und

-7-

�und Parteichef Breschnew unterzeichneten. Wenn man also auf beiden Seiten
des Atlantiks bereit ist, langfristige Abkommen und Grundsatzpakete mit der
Sowjetunion ins Auge zu fassen, dann muß man sich fragen, warum keine Abkommen
mit unseren besten Freunden möglich sein sollten.
Man könnte sich vorstellen, daß beide Seiten eine neue und umfassende
Grundsatzerklärung, eine Art Grundkontrakt ins Auge fassen, der für die langfristigen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa, Japan
und Kanada gelten würde - ähnlich, jedoch vielleicht noch spezifischer als
das Grundsatzpaket, das der Präsident mit der sowjetischen Führung unterzeichnete. Ich meine, daß es uns mit echter Überlegung und echtem Einfallsreichtum
gelingen könnte, ein wichtiges Grundsatzpaket zustandezubringen. Zu diesen
Grundsätzen könnte eine Definition der Art von Wirtschaftswelt gehören, die wir
wollen (wie etwa die Verpflichtung zu einer Reform des Währungssystems, die
fair ist und einen Ausgleich und ein Gleichgewicht auf beiden Seiten vorsieht);
eine Verpflichtung, Regeln und Verfahren zur Beilegung von Streitfragen im Handel zu akzeptieren. Dazu gehört die ganze Entwicklungswelt, wo es einige sehr
wichtige Gebiete der Zusammenarbeit gibt (wie etwa das ganze Gebiet der Enteignung und der Investitionen); dazu gehören Grundsätze der Sicherheit und
Lastenteilung, kooperative Unternehmen auf dem Gebiet der Energie, der Gesundheit, der Drogen, der Raumfahrt, der Umweltverschmutzung und des Verbrechens.
Alle diese Gebiete verlangen dringend nach mehr Zusammenarbeit.
Kurz gesagt - und wenn es nur darum ist, den Vereinigten Staaten zu helfen,
selbst klarere Vorstellungen zu gewinnen - sollten wir vielleicht prüfen, welche Grundsätze auch immer nach unserer Überzeugung weiterhin unsere Beziehung
zu einer "besonderen" machen sollen.

Sicherheit

-8-

�Sicherheit
In dem Prozeß der Verhandlungen über die Sektoren hinweg, aus dem heraus
ein umfassendes langfristiges Abkommen mit den Europäern entstehen könnte,
ist das vielleicht fundamentalste Element unsere gegenseitige Sicherheit
und der Beitrag, den jeder von uns zur Sicherheit Europas und der Welt leisten
kann.
Unsere militärische Präsenz in Europa ist nun schon von so langer Dauer,
daß sie manchmal als selbstverständlich betrachtet wird. Ein ander Mal mag
sie temporär und unsicher erscheinen. Auf jeden Fall wird sie wohl unterbewertet. Obwohl ich kein Experte für Verteidigungsangelegenheiten bin und auf
diesem Gebiet keinen Namen habe, möchte ich Sie doch bitten, folgende Überlegungen anzustellen:
- Es wird mir erklärt, daß die amerikanischen Verteidigungsausgaben -absolut gemessen - etwa das Dreifache derer unserer westlichen Partner betragen und prozentual zum Bruttosozialprodukt etwa doppelt so hoch sind.
- Es wird mir von einer Vielzahl von Experten erklärt, daß in Europa
Übereinstimmung darüber herrscht, daß jede bedeutsame Veränderung des gegenwärtigen Standes der dort stationierten amerikanischen Truppen jeden schlechter
stellen würde, da die Anfälligkeit der Europäer gegenüber sowjetischem Druck
wachsen würde, da das Gespenst Deutschlands als Nuklearmacht sich erheben würde und fast sicher jede westeuropäische Regierung gezwungen wäre, ihren Verteidigungshaushalt neu zu überdenken und Mittel und Wege zu suchen, um zu vermeiden, daß Gelder für vorwiegend innenpolitische Zwecke anders verwendet werden müssen.
- Es wird mir erklärt, daß die Schaffung eines voll unabhängigen europäischen Verteidigungssystems, bei dem jeder auf konventionelle Waffen begrenzt
wäre, ein Maß an politischer Einheit in Europa erfordern würde, das heute nicht
existiert. Die Kosten einer glaubwürdigen europäischen nuklearen Abschreckung

-9-

�Abschreckung und die politischen Probleme, die es zu lösen gilt (wer trifft
die Entscheidungen?) wären so gewaltig, daß diese Angelegenheit zumindest für
die nächsten Jahre eine akademische Frage ist.
- Es wird mir erklärt, daß für jene Europäer, die noch immer die strategische nukleare Abschreckung als die ultima ratio der europäischen Sicherheit
betrachten, die amerikanische militärische Präsenz von entscheidender Bedeutung ist, um die Abschreckung zu einer wirksamen Abschreckung zu machen. Für
die anderen, die nicht so recht am die Abschreckung glauben und die einen taktischen Nuklearkrieg als eine Katastrophe betrachten, sind die amerikanischen
Streitkräfte die einzige Garantie, daß ein Krieg in Europa noch vor einer totalen Katastrophe eingedämmt werden könnte.
- Es wird mir erklärt, daß die europäische Flottenkapazität im wesentlichen darin besteht, die Handelsschiffahrt zu schützen, während die amerikanische Flotte eine Angriffsstreitmacht sei, und keine von ihnen sehr leicht die
Rolle der anderen übernehmen könne.
Zusammengenommen heben alle derartigen Faktoren die Tatsache heraus, daß
die amerikanische Militärmacht für jetzt und noch für einige Zeit von entscheidender Bedeutung für die Sicherheit Europas und unsere totale Beziehung bleibt.
Wie mir scheint, müssen wir sehr vorsichtig sein, damit nicht der Eindruck entsteht, daß der Geist oder der Inhalt dieser Verhandlungen die Form von "Erpressung" annimmt, sondern daß vielmehr der Versuch gemacht wird, eine faire beiderseitige Aufteilung der totalen Lasten unserer totalen Beziehung zu erreichen.

Definition unserer wirtschaftlichen Prioritäten
Beide Seiten werden - und vielleicht zu Recht - kritisiert, daß sie sich
nicht gerade auszeichnen, was unseren Zusammenhalt und unsere Übereinstimmung
in der Definition unserer wahren Prioritäten angeht. Und mann kann uns vielleicht auch beiden zu Recht vorwerfen, das Ziel des üblichen Verhandlungsführers

-10-

�Verhandlungsführers zu verfolgen, nämlich viel zu erwarten und nichts aufzugeben. Und schließlich finde ich, daß auf beiden Seiten die Selbstgerechtigkeit
in reichem Maße vorhanden ist. So reden wir beispielsweise unentwegt von der
Agrarpolitik der Gemeinschaft. Das sollten wir auch, denn sie ist ein
Anachronismus. Aber es handelt sich hier um einen alten Anachronismus, der in
den einheimischen politischen Realitäten Europas tief verwurzelt ist, und
wir werden hier einige Zeit brauchen - was einer der Gründe dafür ist, warum
wir ein Paket von langfristigeren Abkommen erörtern sollten. Aber es ist auch
wichtig, daß wir einige unserer eigenen Anachronismen auf dem Agrarsektor
unter die Lupe nehmen - von denen ich allerdings ehrlich glaube, daß sie für
die europäischen Agrarinteressen weit weniger schädlich sind. Aber sie sind
trotzdem vorhanden. Im Grunde sind die meisten unserer echten langfristigen
Interessen tatsächlich die gleichen - nämlich niedrigere Lebensmittelpreise selbst auf dem Agrarsektor.
Wir sprechen auch beide, manchmal recht zungenfertig, von nicht-tarifären
Handelsschranken. Welche spezifischen Schranken sind die wichtigsten? Über
welche sind wir bereit zu verhandeln? Gerade hier hat der Präsident eine intensive Überprüfung angeordnet, und wir dürfen hoffen, daß unsere Handelspartner
das gleiche tun.
Viele von uns, die wir im Geschäftsleben stehen, neigen dazu, sich nur
zu leicht von der Währungsreform bange machen zu lassen, und sind trotzdem nur
zu bereit, sie den sagenhaften Heinzelmännchen zu überlassen, wo immer diese
in unseren Tagen leben mögen. Ich bin erfreut darüber, daß die Währungsreform
einen so wichtigen Platz auf Ihrer Tagesordnung einnimmt, da ich der Meinung
bin, daß die kühnen und umfassenden Vorschläge von Finanzminister Shultz für
ein Gleichgewicht in der Praxis statt einem Gleichgewicht in der Theorie von
ungeheurer Bedeutung und höchster Priorität sind.
Ich

�•'

Ich möchte noch ein weiteres Thema aufgreifen,das ich für höchst bedeutsam erachte: das Problem der Marktverzerrung. Wirtschaftliche und politische Realitäten überall machen klar, daß in einigen Fällen Importe zu stark
und zu rasch hereinkommen, als daß sie wirtschaftlich und politisch verdaut
werden könnten, und daß wir einige neue, beiderseits vereinbarte und zivilisierte Spielregeln brauchen, die den Anpassungsprozeß erleichtern, ohne der
Vorstellung vom Ablauf eines vernünftigen offenen und expandierenden Welthandels eine ständige Krücke anzulegen (oder vielleicht sollte ich besser sagen,
ihm

eine "Verrenkung" zu bringen). Auch hier hat der Präsident eine Vielzahl

von Mitteln und Wegen zur Behebung von Marktverzerrungen - Anpassungshilfen angeregt.
Wenn ich mich jetzt noch kurz einem weiteren Thema auf der wirtschaftlichen Tagesordnung - der Entwicklungshilfe - zuwende, dann möchte ich nur ein
Argument bringen und auf einen Grundsatz zurückkommen, den ich bereits vorher
angesprochen habe: nämlich eine faire Lastenteilung in den Aufgaben der totalen Beziehung. Ich weiß, daß nach den herkömmlichen Erkenntnissen jedes der
Industrieländer den gleichen Prozentsatz des Bruttosozialproduktes in die Entwicklung stecken sollte. In der neuen Welt der wirtschaftlichen Parität unserer westlichen Partner sollten wir fragen: Ist das noch immer eine gültige
Konzeption? Oder ist dies ein Gebiet, wo einige mehr dieser Lasten tragen sollten, während andere mehr die anderen Lasten tragen?

Das Energieproblem
Die zu erwartenden Energiehandelsdefizite der Vereinigten Staaten, Japans
und Europas könnten sich bis 1980 auf insgesamt 60 Milliarden Dollar belaufen, wenn die gegenwärtigen Trends nicht geändert werden. Solche massiven Defizite könnten nicht nur traumatische Auswirkungen auf das internationale
Währungssystem haben, sondern könnten dazu führen, daß die westlichen Handels-

-12-

�Handelspartner sich in einen kannibalistischen Kampf nicht nur um Energie,
sondern auch um Exporterlöse stürzen, um dafür bezahlen zu können - eine
Situation, die wohl kaum dazu angetan sein dürfte, unser westliches Bündnis
neu zu gestalten.
Nach meiner Auffassung sollte zu jeder neuen Strategie des westlichen
Bündnisses eine kühne und kooperative Strategie bezüglich unserer beiderseitigen Energieprobleme in den siebziger und achtziger Jahren gehören. Manche
Europäer mögen vielleicht noch nicht erkannt haben, was für ein kritisches
globales Problem dies werden wird. Wenn sie es nicht erkannt haben, dann ist
es unsere Aufgabe, es ihnen klar zu machen.

Andere gemeinsame Probleme
Energie ist nur eines der gemeinsamen Probleme, vor denen wir zusammen mit
unseren Partnern in den nächsten Jahrzehnten stehen werden. Es wird eine Fülle
anderer Probleme geben, einschließlich Umweltverschmutzung, anderer Umweltaufgaben, Bevölkerungskontrolle, Urbanprobleme, Verkehrsprobleme, medizinische
Probleme usw. Die Forderung nach Verbesserung der Qualität des Lebens beschäftigt in zunehmendem Maße die Aufmerksamkeit der führenden Männer in der ganzen
Welt. Führer der Europäischen Gemeinschaft sprechen heute weniger von einem
wirtschaftlichen Wachstum und mehr von dem, was sie die "Humanisierung" ihrer
wirtschaftlichen Gewinne nennen. Einige führende Leute in Japan entfernen sich
ebenfalls von einer primär wachstumsorientierten Wirtschaft und wenden sich
einer Wirtschaft zu, in der der Nachdruck stärker auf dem Verbraucher und der
Erhöhung des Lebensstandards liegt.
Was wir hier versuchen müssen, ist, solche kooperativen Gebiete mit mehr
Einfallsreichtum und Bedeutung zu erfüllen. Wenn wir Erfolg haben (in der Vergangenheit hatten wir keinen), dann könnte eine solche Zusammenarbeit unserer

-13-

�1

unserer neuen Beziehung zu Europa eine menschliche Dimension geben, die so
technischen und kalten Fragen - und mögen sie noch so fundamental sein - wie
Sicherheit und Währung fehlen.

Ost-West-Handel und Entspannung
Ein weiteres Element auf unserer Tagesordnung für den Neubau des Atlantischen Bündnisses hat weniger mit der Art und Weise zu tun, in der wir an
Europa herantreten, als vielmehr damit, wie sich die Art und Weise, in der wir
an andere herantreten, auf Europa auswirkt. Die Fortschritte, die wir auf den
Gebieten des Handels und der Sicherheit mit China und der Sowjetunion erzielt
haben, sind von historischer Bedeutung und könnten die Grundlage einer langen
und einträglichen Beziehung bilden.
Das wird jedoch nicht der Fall sein, wenn eine Nebenwirkung unserer Entspannung in einer Verschlechterung unserer Beziehungen zu unseren westlichen
Partnern besteht. Die Sicherheit, mit der wir an die ganze Frage der Aussöhnung mit dem Osten herangehen, hat die Solidarität des westlichen Bündnisses
zur Voraussetzung. Wir dürfen diese Voraussetzung nicht vergessen.
Es muß Teil unserer Gesamtstrategie sein sicherzustellen, daß die Herbeiführung der Entspannung sowohl zwischen den Vereinigten Staaten und dem Osten
als auch zwischen den Ländern des Gemeinsamen Marktes und dem Osten gegen Keile
gefeit ist, die uns spalten könnten. Dies bringt mich zu der Auffassung, daß
auf die Tagesordnung unserer Verhandlungen auch eine kooperative Einstellung
zum Ost-West-Handel gehört.

Zusammenfassung

-14-

�Zusammenfassung

Dies sind nach meiner Auffassung die Art von Fragen und die Art von
Einstellungen, über die wir sprechen müssen, wenn wir der Erosion unserer
atlantischen Bindungen Einhalt gebieten und unsere beiderseitigen Sicherheits-, Wirtschafts- und Sozialinteressen bekräftigen wollen.
Ich darf sagen, daß Akademiker und Atlantiker und jene von uns in der
Bürokratie schon sehr lange die Hände gerungen haben, wie ernst unsere europäischen Probleme geworden sind. Aber wir haben alle sehr wenig Vorschläge
gemacht, was wir zu ihrer Lösung tun sollten. In den kommenden Monaten werden wir all diese und noch mehr Probleme mit den verschiedenen Vertretern
der europäischen Regierungen erörtern. Der Präsident ist sich höchst bewußt, wie wichtig es ist, diese historischen Bindungen aufrechtzuerhalten
und zu stärken.
Zu keiner Zeit habe ich ihn je etwas anderes zum Ausdruck bringen hören
als die höchste Anerkennung der Bedeutung der totalen Beziehung. Sie können
damit rechnen, daß er mit der gleichen Kühnheit, Gesamtschau und Sensibilität
im Sinne der langfristigen Interessen und der Sicherheit der Nation handeln
wird, die er bei seinen Initiativen in der Sowjetunion und China und bei
seinem neuen Wirtschaftsprogramm vom 15. August 1971 angelegt hat.

THT

-15-

�</text>
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