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und
Dokumentation

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Nummer

2 . August 1972

31

Inhalt
INFORMATION:

Pressekonferenz Präsident Nixons am 27. Juli 1972
-AuszügeNordvietnam: Die Frage der Bombardierung der Deiche
-Bericht des US-Außenministeriums-

HINTERGRUND:

o
Wenn die Kommunisten kommen
Von Douglas Pike

WIRTSCHAFT:
Burns unterstreicht Notwendigkeit eines Ausgleichs der US-Zahlungsbilanz

WISSENSCHAFT UND TECHNIK:
Für die Raumfahrt entwickelt - im Alltag angewandt
NASA gibt immer mehr Patentrechte zugunsten der Wirtschaft frei
Raumtransporter - Der Milliardenauftrag
Elektrische Aktivierung gelähmter Muskeln

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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31/1972

PRESSEKONFERENZ PRÄSIDENT NIXONS AM 27. JULI 1972
-AuszügeWASHH.'iTON --(AD)-- Präsident Nixon hat am 27. Juli auf einer kurzfristig
eL.berjfenen Pressekonferenz erneut zur Frage der Bombenangriffe auf Nordv:..»tna.i Stellung genommen. Weitere Themen der Pressekonferenz waren der Nahe
0..( er. md die Frage der Vizepräsidentschaftskandidatur bei den Präsidentsi l.aft wählen im kommenden November.
D e Vietnam betreffenden Fragen und Antworten haben folgenden Wortlaut:
F age:: Herr Präsident, Sie haben erklärt, eine Bombardierung von Deichen
utc Därmen in Nordvietnam verstoße gegen die amerikanische Politik. Gestern
htt da Außenministerium zugegeben, daß gelegentlich und unbeabsichtigt Schade t du . ,i in der Nähe eingeschlagene Bomben entstanden seien. Meine Frage lautet: L t es das Risiko wert, daß aufgrund einer Bombardierung von Dämmen mögUchen.eise Überschwemmungen ausgelöst werden oder die Weltmeinung gegen uns
ati geb acht wird?
Ai.twort: Ich glaube, Ihre Frage läßt sich besser beantworten, wenn ich
gar,* g, nerell die Politik bezüglich der Bombardierung ziviler Einrichtungen
erläutere, dann speziell auf Ihre Frage eingehe und so eine allgemeine Antwort
ge;.-.
Einige
-l-

�Einige von Ihnen, die mit mir zusammen in Texas waren, werden sich erinnern, daß diese Frage auf der Connally-Ranch gestellt wurde, daß sie praktisch von einem Befürworter der Bombardierung der Deiche gestellt wurde und
daß sie darauf hinauslief, warum wir die Deiche nicht bombardierten. Ich sagte damals, daß es vor der Einstellung der Bombenangriffe im Jahre 1968 nicht
die Politik der USA gewesen ist, Deiche zu bombardieren, daß dies jetzt nicht
unsere Politik ist und daß es auch nicht in der Zukunft unsere Politik sein
würde, weil die Vereinigten Staaten in allen ihren Maßnahmen in Nordvietnam die
Politik verfolgen, die Angriffe nur gegen militärische Ziele zu richten.
Dies war die Politik der sechziger Jahre und ist auch jetzt unsere Politik,
seit wir die Bombenangriffe wieder aufnehmen mußten, aus Gründen, die ich in
meiner Rede vom 8. Mai erwähnt habe.
Was die Situation in bezug auf die Deiche anbetrifft, so sollten wir verstehen, womit wir hier konfrontiert werden. Es handelt sich hier um eine etwa
2 700 Meilen lange Kette von Einrichtungen, darunter vielleicht ein halbes
Dutzend wichtige Dämme, die den Kern des Systems bilden, und dann um peripherische Gebiete bis zu den kleineren Dämmen, die natürlich den Zweck haben, das
Flutwasser in diesem bestimmten Gebiet unter Kontrolle zu halten.
Wäre es die Politik der Vereinigten Staaten, die Deiche zu bombardieren,
so könnten wir sie innerhalb einer Woche ausschalten, zumindest den wichtigen
Teil von ihnen. Wir tun dies nicht aus den von mir erwähnten Gründen, denn wir
suchen Verluste unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden und nicht solche zu
verursachen.
Was nun die aus Hanoi eingegangenen Berichte betrifft, daß es an einigen
Stellen des Deichsystems Schäden gegeben haben soll, so halte ich es für wichtig, zwei Dinge zu betonen: einmal hat es keinen Bericht über irgendwelche
Überschwemmungen gegeben und zum anderen hat es keinen Bericht über einen Angriff auf irgendeines der wichtigen Deichgebiete gegeben.
Worauf

�Worauf ich mich hier beziehe, sind die großen Dämme, die den Kern des Systems
bilden. Es hat Berichte über zufällige Schäden an einigen der peripherischen
Einrichtungen des 2 700 Meilen langen Systems gegeben, das sich über die Landfläche Nordvietnams hinzieht.
Unter diesen Umständen halte ich es für richtig, stets im Auge zu behalten,
was erstens unsere Politik ist und zweitens welche Auswirkungen sie gehabt hat.
Unsere Politik ist nicht darauf gerichtet, zivile Einrichtungen zu bombardieren,
und zum anderen, so scheint mir, sollte unsere Zurückhaltung nicht Gegenstand
der Kritik, sondern Gegenstand einer objektiven Analyse und,so meine ich, eines
beträchtlichen Maßes an Unterstützung sein.
Was diese anbetrifft, ist es meines Erachtens an der Zeit, endlich damit
aufzuhören,zweierlei Maßstäbe anzulegen. Ich habe mit Interesse davon Kenntnis
genommen, daß der UN-Generalsekretär, genauso wie sein Vorgänger, diese vom
Gegner ausgehende Propaganda aufgegriffen hat,die zahlreiche das Gute wollende
und naive Menschen veranlaßt hat, die Amerikaner wegen Bombenangriffen auf zivile Einrichtungen und Gefährdung des Lebens der Zivilbevölkerung anzugreifen,die
aber nicht einmal ihre Stimme gegen den vorsätzlichen Beschuß ziviler Einrichtungen in Südvietnam erhoben haben.
Dies nur, um die Tatsachen richtig zu stellen - und das sollte an dieser
Stelle gesagt sein -- Sie alle, meine Damen und Herren, wissen das natürlich;
Sie haben das geschrieben, und Sie werden vielleicht in der Lage sein, das in
diesem Zusammenhang erneut zu tun.
Ich habe soeben ein Telegramm von Botschafter Bunker erhalten. Ich hatte
ihn gefragt, was den Zivilisten während der neuen Offensive angetan worden ist.
Sie werden sich an meine

Rede vom 8. Mai erinnern, als ich sagte, daß sich die

Verluste unter der Zivilbevölkerung auf 20 000 beliefen, darunter Frauen und
Kinder, weil die Nordvietnamesen die Städte absichtlich beschossen und die

-3-

�die Flüchtlinge blindlings niedergemetzelt haben.
Die Zahl der Opfer beträgt nunmehr 45 OOO einschließlich Frauen und Kinder,
darunter 15 000 Tote.
Ich fragte ihn nach der Zahl der Flüchtlinge. Diese ist höher als ich angenommen hatte

Durch die nordvietnamesische Invasion Südvietnams, diese jüngste

Invasion, sind bisher 860 000 Menschen heimatlos geworden, von denen sich noch
600 000 in Flüchtlingslagern, fern ihrer Heimat, befinden.
Wenn wir auf die Zeit dieses sehr schweren Krieges zurückblicken, so werden wir feststellen, daß sich die Verluste unter der Zivilbevölkerung Südvietnams aufgrund der vorsätzlichen Politik der nordvietnamesischen Kommunisten
-nicht zufällig, sondern vorsätzlich- seit 1965 auf rund 600 000 belaufen.
In Nordvietnam wurden in der Zeit von 1954 bis 1956, während des sogenannten Landreformprogramms- wenigstens 50 000 Menschen ermordet und erschlagen,
und nach den Angaben des katholischen Bischofs von Danang, mit dem ich 1956 während meines Besuchs in Südvietnam sprach, sind - abgesehen von den nach dem Süden entkommenen 800 000 Flüchtlingen - noch wenigstens eine halbe Million Menschen in den Zwangsarbeitslagern Nordvietnams gestorben.
Ich habe alle diese. Tatsachen nicht angeführt, um damit sagen zu wollen:
Weil sie etwas Böses getan haben, können wir auch etwas Böses tun. Ich möchte
lediglich sagen, daß wir keinen heuchlerischen doppelten Maßstab anlegen sollten.
Die Vereinigten Staaten haben sich zurückgehalten, sie haben mehr Zurückhaltung
geübt als irgendeine andere Großmacht zuvor in diesem Krieg. Wir werden weiterhin
Zurückhaltung üben. Wir müssen militärische Ziele bombardieren, um die von mir
in meiner Rede vom 8, Mai umrissenen Ziele zu erreichen.
Auf der anderen Seite kann ich, was diesen besonderen Punkt anbetrifft,
lediglich sagen: Wenn Schäden entstanden sind, so tun wir alles in unseren Kräften stehende, damit dies nicht wieder vorkommt, und damit beantworte ich Ihre

-4-

�Ihre Frage. Die Truppenkcmaandeure, die Luftwaffenkommandeure usw. sind im
Hinblick auf die militärischen Ziele angewiesen, wo immer sie können, Schäden an
zivilen Einrichtungen zu vermeiden.
Dies ist der Grund, warum einige Ziele im Herzen Hanois, zum Beispiel
große Kraftwerke und Brennstofflager mitten in Hanoi, nicht angegriffen worden
sind, weil ich keine Verluste unter der Zivilbevölkerung wünschte, wenn dies
irgendwie vermieden werden konnte.
Ich möchte zum Schluß nur sagen, daß es sich hier um eine großangelegte
Propagandakampagne handelt, die uns betrifft. Aber lassen Sie mich die Tatsachen
klarstellen. Falls die Vereinigten Staaten dem von einigen empfohlenen Kurs
folgen würden, die im amerikanischen Senat für die sogenannte "Beendet den
Krieg-Resolution" gestimmt haben, so würde dies bedeuten, daß Südvietnam unter
den gleichen Grausamkeiten zu leiden haben würde wie seinerzeit Nordvietnam
und daß in Südvietnam wahrscheinlich wenigstens eine Million Menschen mit ihrer
Ermordung rechnen müßten, nur weil sie gegen die Versuche der Nordvietnamesen
gekämpft haben, Südvietnam zu erobern.
Ich möchte noch einen weiteren Punkt anführen, und zwar im Hinblick auf
die Verhandlungen. Wir verhandeln gegenwärtig. Wir haben öffentliche Verhandlungen geführt. Wir hatten in der vergangenen Woche ein vertrauliche Zusammenkunft, die etwa sechs Stunden dauerte. Wir hoffen, daß weiter verhandelt
wird.
Wir haben faire Angebote über einen Truppenabzug, über eine Waffenruhe
und über eine politische Regelung vorgelegt. Wir haben sie nicht auf einer
Alles-Oder-Nichts-Basis gemacht.
Wir haben faire Angebote über einen Austausch der Kriegsgefangenen und
Auskunft über das Schicksal der Vermißten gemacht.
Wir

�en alles dies getan, aber wir haben eines nicht angeboten, und das
ist eines der Probleme in bezug auf eine Regelung. Es geht um die Forderung des
Gegners, direkt oder indirekt das zu tun, was er selbst nicht erreichen kann,
nämlich in Südvietnam eine kommunistische Regierung einzusetzen. Es wäre der
Gipfel der Unmoral, den 17 Millionen Menschen in Südvietnam eine kommunistische
Regierung mit dem dann folgenden Blutbad aufzuzwingen .
Frage: Herr Präsident, Sie erwähnten die politische Regelung. Sehen Sie
eine Möglichkeit, ohne daß es unbedingt zu Wahlen kommt - glauben Sie, daß als
eine mögliche Lösung bei den Pariser Gesprächen die beiden Parteien in Südvietnam ohne Wahlen zu irgendeiner Art von Übereinkunft zusammenfinden werden?
Antwort: Das ist eine scharfsinnige Frage. Aber es ist auch eine Frage, zu
der ... ich nicht Stellung nehmen sollte aus dem einfachen Grunde, weil die Verhandlungen noch im Gange sind. Ich habe die langen Verhandlungssitzungen genau
verfolgt, die öffentlichen, und was noch wichtiger ist, die vertraulichen, und
zwar in allen Einzelheiten. Solange Fragen noch erörtert werden, ist es nicht
gut, wenn ich irgendetwas zu dem sage, was gegenwärtig in den Verhandlungen geschieht.
Ich möchte nur sagen, daß wir aus dem Wunsche heraus verhandeln, diesen Krieg
so schnell wie möglich zu beenden. Der schnellste Weg zur Beendigung des Krieges
und der beste Weg sind Verhandlungen.Wir möchten hoffen, daß die Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens in ihren Stellungnahmen nicht irgendetwas sagen, was die
Verhandlungen stört, daß der Kongreß durch seine Maßnahmen dem Gegner nicht
praktisch eine Botschaft übermittelt: "Verhandelt nicht mit der gegenwärtigen
Administration, wartet auf uns. Wir geben Euch in Südvietnam, was ihr wollt."

Frage:

-6-

�Frage: Herr Präsident, darf ich an die erste Frage anknüpfen? Es hat Berichte gegeben, wonach SAM-Stellungen direkt auf einigen dieser Deiche oder
Dämme angelegt worden sind. Schließt Ihre Politik die Bombardierung solcher besonderen Gebiete, in denen sich SAM-Stellungen befinden, aus?
Antwort: Ich habe diese Berichte gesehen. Wie Sie wissen, hat der Verteidigungsminister hierzu einige indirekte Stellungnahmen abgegeben. Die Situation
hitn- ist so, daß wir dazu neigen, SAM-Stellungen als Ziele auszunehmen, wenn
dies zu wesentlichen Verlusten unter der Zivilbevölkerung führen würde.
Ich habe jedoch in den letzten Tagen keine Berichte gesehen, die darauf
hindeuten, daß irgendwelche derartigen SAM-Stellungen angegriffen werden, und
angesichts der gegenwärtigen Debatte werden wir in bezug auf diese Ziele sehr
vorsichtig sein. Wir werden sie nur angreifen,wenn wir das müssen, um amerikanische Flieger zu schützen, die sonst von diesen SAMs abgeschossen würden....
Frage: Herr Präsident, ist das so zu verstehen, daß die Rufe "Stellt die
Bombardierung der Deiche ein" in diesem Jahr zu einem politischen Schlagwort
geworden sind und daß diejenigen, die dahinter stehen, nicht gründlich geprüft
haben, worauf sie ihre Anschuldigungen begründen?
Antwort: Ich habe

nicht ohne Absicht das Wort "naiv" benutzt. Die Nordviet-

namesen sind in ihrer Propaganda sehr geschickt. Sie haben diejenigen, die sie
in ihr Land eingeladen haben, in solche Gebiete geführt, in

denen die Besucher

Bombenschäden fanden. Sie haben sich keine große Mühe gegeben, solche Bombentrichter zu füllen, was sie natürlich tun möchten, bevor die Möglichkeit von
Wolkenbrüchen und Überschwemmungen im Norden wieder besteht.
Meines

�Meines Erachtens handelt es sich hier um den ganz bewußten Versuch seitens
der Nordvietnamesen, ein Randproblem in den Mittelpunkt zu rücken und die Aufmerksamkeit von einer der barbarischsten Invasionen der Geschichte abzulenken,
zu der noch eine Verletzung aller Begriffe des Völkerrechts bei Behandlung der
Kriegsgefangenen hinzukommt. Wenn sie, die sie eine Politik des vorsätzlichen
Tötens und Mordens und der Angriffe auf die Zivilbevölkerung mit der Absicht
des Tötens verfolgen, wenn sie versuchen, aus dem einen Kapital zu schlagen
und die Aufmerksamkeit von dem anderen abzulenken, dann ist dies ein offenkundiges Propagandamanöver- und zwar eines, dem meiner Auffassung nach begegnet werden
muß
Selbstverständlich müssen wir die Verantwortung für das tragen, was wir
tun. Es ist jedoch an der Zeit, daß in diesem furchtbar schweren Krieg manche
Amerikaner -oder besser gesagt die meisten von uns - allmählich erkennen, daß
es niemals eine leichte Sache ist, wenn wir von Moral reden.
Wenn ich für einen Augenblick abschweifen darf - ich werde dann auf Ihre
Zusatzfrage zu dem anderen Punkt zurückkommen - ich erinnere mich noch an eines
der ersten Gespräche über Krieg, das ich mit Präsident Eisenhower führte. Wir
fuhren von Quantico zurück. Sie werden sich vielleicht noch daran erinnern,daß
Charlie Wilson

(der damalige Verteidigungsminister) in Quantico solche Treffen

von Verteidigungsexperten abzuhalten pflegte. Er (Präsident Eisenhower) forderte mich auf, mit ihm zurückzufahren. Es war noch ganz im Anfang, im ersten Jahr
seiner Administration.
Er sprach über die Entscheidungen, die er im zweiten Weltkrieg hatte fällen
müsser. Eine der Fragen, die ich mit ihm anschnitt,war die absichtliche Bombardierung deutscher Städte, die Tragödie von Dresden, von Essen, von Hamburg,
nicht zu vergessen von Berlin. Wie General Eisenhower betonte, war es eine
furchtbar schwere Entscheidung für uns, diese strategische Bombardierung der
Zivilbevölkerung in Deutschland. Er sagte jedoch, "was die Frage der Moral angeht, so mußten wir auch auf dieses grundlegende Problem eine Antwort finden".
Er
-8-

�Er sagte, "der Gipfel der Unmoral wäre es gewesen, zuzulassen, daß Hitler Europa beherrscht."
Nun, in unserem Fall sind wir nicht so weit gegangen. Wir werden keine
zivilen Ziele im Norden bombardieren. Wir machen von der großen Macht keinen Gebrauch, die Nordvietnam an einem Nachmittag auslöschen könnte, und wir werden
dies auch in Zukunft nicht tun. Es wäre jedoch der Gipfel der Unmoral, wenn
die Vereinigten Staaten Vietnam an diesem Punkt im Stich lassen würder

und

wenn wir bei unserem Abzug das Schicksal von 17 Millionen Südvietnamesen, die
keine kommunistische Regierung wünschen, den Nordvietnamesen überantworten
würden.
Darum geht es hier. Das ist die einzige Frage, die hier ansteht. Diejenigen, die rufen: "Beendet den Krieg", sollten ihre Resolution eigentlich richtiger nennen: "Verlängert den Krieg". Sie sollten sie "Verlängert den Krieg" nennen, nicht weil sie dies wirklich wollen. Sie wollen genauso wie ich den Krieg
beenden, aber wir sollten bedenken: Wir haben, wie ich schon 1968 sagte, immer
nur einen Präsidenten. Und damals wurde ich, wie Sie sich vielleicht erinnern
werden, von Ihnen, meine Damen und Herren, oft mit der Frage bedrängt: "Was
müssen wir Ihrer Ansicht nach in bezug auf Verhandlungen tun?"

Ich glaubte

nicht, daß damals große Aussichten für erfolgreiche Verhandlungen bestanden.
Aber ich sagte ganz richtig, wir haben nur einen Präsidenten, und ich möchte nicht jede Chance zerstören, die er für eine Beendigung dieses Krieges haben
könnte. Im Augenblick ist die Aussicht auf eine Regelung auf dem Verhandlungswege besser als jemals zuvor. Dies ist nicht sicher, und ich möchte keine falschen
Hoffnungen erwecken, aber die militärische Offensive des Gegners schlägt fehl,
auch wenn noch in dem Raum Quang Tri-Hue harte Kämpfe stattfinden werden. Aber
der Gegner verspürt natürlich auch die Folgen der Verminung und der Unterbrechung
der Straßen und anderer Systeme, auf denen Nachschubgüter nach Nordvietnam gebracht werden könnten.
Unter

-9-

�«

Unter diesen Umständen hat der Gegner - weil wir überdies ein sehr faires
Angebot vorgelegt haben - jeden Anreiz zu verhandeln. Wenn Sie sich jedoch in
die Position des Gegners versetzen und dann hören, daß der amerikanische Kongreß
praktisch sagt: "Wir werden Euch geben, was Ihr wollt, gleichgültig, was immer
der Präsident angeboten hat. Warum dann nicht warten? Das ist das Problem, und
ich möchte hoffen, daß die Senatoren und Kongreßabgeordneten, wenn sie ihr Gewissen befragen, sich bewußt werden, daß wir nur noch drei Monate bis zu den
Wahlen haben. In diesen drei Monaten hoffen wir, alles in unseren Kräften stehende tun zu können, um diesen Krieg zu beenden, und sie sollten nichts unternehmen,
was diese Verhandlungen gefährden könnte. Ich kann nur sagen, daß die Resolutionen nichts hierzu beitragen können. Sie können bestenfalls den Gegner nur verwirren; und schlimmstenfalls werden sie den Krieg verlängern.

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-10-

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31/1972

NORDVIETNAM: DIE FRAGE DER BOMBARDIERUNG DER DEICHE
-Bericht des US-Außenministeriums-

WASHINGTON --(AD)— Das amerikanische Außenministerium hat unter dem Titel
"Nordvietnam: Die Frage der Bombardierung der Deiche" am 28. Juli einen auf
Aufklärungsergebnissen basierenden Bericht veröffentlicht, der folgenden Wortlaut hat:
In den letzten Wochen hat Hanoi versucht, die Welt davon zu überzeugen,
daß das ausgeklügelte nordvietnamesische Deichsystem ein direktes und absichtliches Ziel amerikanischer Angriffe sei. Das stimmt nicht. Fotografische Aufnahmen zeigen eindeutig, daß Deiche nicht absichtlich bombardiert worden sind.
Einige wenige Deiche sind von fehlgegangenen Bomben getroffen worden, die in
der Nähe gelegene militärische Ziele treffen sollten. Der Schaden ist geringfügig,und es ist kein großer Damm gebrochen. Der Schaden ließe sich leicht innerhalb von wenigen Tagen reparieren und ist nicht so groß, daß er Überschwemmungen hervorrufen könnte. Es sind keine Schäden im Gebiet von Hanoi oder an
dem Hauptdeichgebiet zum Schutze dieser Stadt festgestellt worden. Hanoi ist
ohne Frage um das Deichsystem wirklich besorgt. Die Regenzeit in Nordvietnam
wird bald ihren Höhepunkt erreichen,und die im letzten Jahr durch die sehr
schweren Überschwemmungen entstandenen Schäden sind noch nicht völlig wieder
beseitigt worden.
-Das

�-Das nordvietnamesische Wa sserwirtschaftssystem1.

Nordvietnam verfügt über ein sorgfältig ausgeklügeltes Netz von Deichen,

Dämmen und Schleusen zur Kontrolle des Wassers in dem dicht bevölkerten DeltaGebiet des Roten Flusses. Das im Delta landwirtschaftlich genutzte Land ist
in der Trockenzeit von der Bewässerung abhängig und wird in den Regenmonaten
durch Überschwemmungen gefährdet. Die Hauptwassertransportwege des Landes, der
Rote Fluß, der Thai Binh-Fluß und der Canal des Rapides sowie der Canal des
Bambous, verbinden die wichtigsten Stadtgebiete miteinander. Düngemittel, Lebensmittel, Erdöl und andere Rohstoffe werden zum Teil auf diesen Wasserwegen
befördert sowie Kohle,die aus den Bergbaugebieten von Hon Gai und Cam Pha kommt.
Auch im südlichen Teil ist ebenfalls an einigen Flüssen ein Deich-und Schleusensystem zur Kontrolle des Wassers und der Schiffahrt notwendig, aber dieses System
hat nicht so große Bedeutung wie das im Delta.

2.

Entlang des Roten Flusses sind die Deiche zur Verhinderung von Über-

schwemmungen sowie zur Kontrolle des Wasserlaufes sehr weit entwickelt. Das
Deichsystem am Roten Fluß beginnt in der Nähe von Viet Tri, das zwar rund 100
Meilen von der Küste entfernt, aber nur etwa 13 Meter über dem Meeresspiegel
liegt. Die von den Bergen her mitgeführten großen Schlamm-und Schlickmengen
haben sich im Deltagebiet im Flußbett abgelagert, so daß der Wasserspiegel des
Flusses vielfach höher als das umliegende Land ist und die ihn einfassenden
Deiche ständig angehoben werden müssen. In einigen Gebieten, vor allem um Hanoi,
sind die Deiche bis zu 12 Meter hoch. Einige sind an der Krone rund 24 Meter
und unten bis zu 60 Meter breit. Ein zweites System von 1,20 Meter bis 6,60
Meter hohen Deichen verläuft parallel zu den Hauptdeichen und soll, falls der
Hauptdeich bricht, den Schaden lokalisieren und auf ein Minimum begrenzen. Ein
drittes System kleinerer Deiche teilt die Reisanbaugebiete in kleine Areale
auf, ermöglicht die Bewässerung und kontrolliert Wasserführung der kleineren
Flüsse und der örtlichen Wasserwege. Darüberhinaus gibt es an der Küste kleine

-2-

�kleine natürliche oder von Menschen errichtete Deiche, um das Brackwasser fernzuhalten.

3.

Dämme und Schleusen spielen eine untergeordnete Rolle. Nur wenige große

Dämme sind aus Beton errichtet und haben Schleusen,um Schiffe durchzulassen. Und
nur die wichtigen Wasserwege im Delta des Roten Flusses haben Flutschleusen,zur
Kontrolle des Wasserstandes und zur Erleichterung des Schiffsverkehrs.

-Ständige Überschwemmungen4.

Die Wasserführung der Flüsse erreicht saisonbedingt im Juli und August

ihren Höchststand. Ausgedehnte Überschwemmungen und die Zerstörung von Eigentum
sind die Folge. Obwohl es seit Mitte der vierziger Jahre nur wenige größere
Deichbrüche gegeben hat, so kommt es doch fast jedes Jahr vor, daß kleinere
Deiche brechen.
5.

Die Überschwemmungen vom August letzten Jahres gehören zu den schwersten,

die jemals bekannt geworden sind. Allein vier Deichbrüche waren an dem Hauptdeich entlang des Roten Flusses zu verzeichnen. Schätzungsweise 440 000 Hektar
- ein Viertel des gesamten in Nordvietnam mit Reis bestellten Landes - wurden
völlig überschwemmt, und die gesamte Ernte in diesem Gebiet wurde völlig vernichtet.
Hanois

Stürme rissen einen Kai in einer Länge von einer halben Meile außerhalb
ein,und eine Eisenbahnlinie nach dem Norden - nach Dong Dang - wurde

unterbrochen. Die überschwemmte Landfläche nahm bis Ende Dezember immer weiter
zu, wahrscheinlich, weil das zweite Deichsystem auf die Dauer aufgeweicht und
infolge des starken Wasserdruckes ausgewaschen worden war.

6.

Abgesehen von den unmittelbaren Ausfällen bei der Reisernte haben die

Überschwemmungen auch umfassende langfristigere Schäden verursacht. Die Gewalt
des durch die Bruchstellen der Hauptdämme strömenden Wassers hat vielfach £u

-3-

�zu Bodenerosionen geführt, die weit über die offensichtlichen Anschwemmungen
in der Nähe der Durchbruchsstellen gehen. Lange Stücke von Bewässerungskanälen
wurden unterbrochen, und die Presse berichtete von zahlreichen unterspülten
Pumpstationen. Das Flutwasser hinterließ überall in den Drainagegräben Rückstände. Die lange Überschwemmung infolge der Hochwasserkatastrophe hat möglicherweise zu verborgenen Aushöhlungen des Hauptdeichsystems geführt, die sich erst
Ende dieses Jahres zeigen werden. Da das Deichsystem möglicherweise so geschwächt
ist, erhöht sich noch die Gefahr einer Überschwemmung in diesem Jahr.

-Anfälligkeitsgrad des Systems gegenüber Bombenangriffen-

7.

Das nordvietnamesische Wasserwirtschaftssystem umfaßt eine Vielzahl unnur

terschiedlicher Einzelkomponenten, die/ durch eine umfassende, koordinierte Luftoffensive erheblich beeinträchtigt werden könnten. Solche Angriffe würden sich
zwangsläufig gegen bestimmte Schleusen, Dämme und Deichgebiete richten,und der
Bombenschaden würde sich nur während der verhältnismäßig kurzen Hochwasserperioden auswirken. Aber selbst dann müßte damit gerechnet werden, daß die Nordvietnamesen, die den Kampf gegen das Hochwasser seit langem gewohnt sind, umgehend
handeln und Bruchstellen innerhalb des Systems ausbessern.
8.

Schäden an den Schleusen würden sich nur wenig auf das Transport-wie auch

das Wasserwirtschaftssystem Nordvietnams auswirken. Die Binnenschiffahrt könnte
auf Wasserwege umgeleitet werden, die unabhängig von Schleusen sind, und ein
Teil der Frachten könnte auf den zahlreichen, sich anbietenden alternativen
Landwegen befördert werden. Gelegentliche Bombenschäden in den Jahren 1965 bis
1968 setzten einige Schleusen außer Betrieb, wirkten sich jedoch nur wenig auf
Wassertransporte oder Überschwemmungen in diesem Gebiet aus. Ähnlich würden
Dammbrüche, selbst in Hochwasserzeiten, nur unwesentliche Störungen bewirken,
da sie meistens klein und leicht reparierbar sind.
9. Deiche

-4-

�9.

Deiche sind gegen Bombenschäden besonders unanfällig. Bei Deichen des

Hauptsystems würde es höchstens zu Danmbrüchen kommen, wenn sich über die ganze
Krone eines Deiches eine Reihe aneinandergrenzender Bombentrichter hinziehen
würde und wenn der Kraterrand wesentlich unter der Wasseroberfläche läge, so
daß das Wasser hineinströmen und die sich dann ergebenden Aushöhlungen zu einem
Dammbruch führen würden. Die Deiche am Roten Fluß in der Nähe Hanois sind in
Höhe des Wasserspiegels etwa 24 Meter breit.

10.

Die amtlichen nordvietnamesischen Presseagenturen und Rundfunkstationen

haben wiederholt über angebliche amerikanische Bombenangriffe auf Deichsysteme
berichtet. Im April und im Mai erhoben die Nordvietnamesen 40 spezifische Beschuldigungen, und am 30. Juni zitierte die amtliche Presse den Stellvertretenden Minister für Wasserwirtschaft, daß in jenem Monat 30 Bombenangriffe auf
Deiche stattgefunden hätten. Ausländische Diplomaten, Korrespondenten und erst
in jüngster Zeit die Schauspielerin Jane Fonda wurden an Deiche geführt, um
Schäden zu besichtigen - die meisten um Hai Duong südöstlich von Hanoi.

11.

Es wurde eine genaue Prüfung von Fotoaufnahmen von Mitte Juli aus dem

Delta des Roten Flusses vorgenommen, und an 12 Stellen wurden Bombenkrater festgestellt. Keine der Schäden waren im Gebiet von Hanoi, wo die Zerstörung von
Deichen den größten Schaden für die Wirtschaft und den Nachschub Nordvietnams
hervorrufen würde. Fast alle Schäden befanden sich flußabwärts von Hanoi sowie
flußabwärts von den Gebieten der großen Deichbrüche aus dem Hochwasser von
1971.

12.

Es gibt keine Anzeichen für eine Zerstörung lebenswichtiger Teile von

Deichen über eine Länge von mehreren Kilometern - wie dies von Korrespondenten
aus Hanoi berichtet wurde. Die Trichter sind im Verhältnis zu den Deichen klein,

-5-

�klein, und der Schaden hat nicht zu Überschwemmungen geführt. Obwohl das Wasser
noch nicht seinen höchsten Stand erreicht hat, deutet die Tatsache, daß kein
Wasser durchgebrochen ist, darauf hin, daß der Schaden begrenzt war.

13.

Alle Punkte, an denen Schäden an den

Deichen festgestellt wurden,

liegen in nächster Nähe spezifischer Ziele von militärischer Bedeutung. Von den 12
Stellen,

m

denen Schäden aufgetreten sind, liegen 10 ganz in der Nähe von iden-

tifizierten Einzelzielen, wie Erdöllager, und die beiden anderen in der Nähe von
Straßen-und Flußtransportwegen. Da eine große Zahl der nordvietnamesischen Deiche gleichzeitig den Unterbau für Verbindungswege bildet, macht es das Gewirr,
mit dem sie das Delta durchziehen, fast unmöglich, daß Luftangriffe gegen
Transportziele nicht hier und da auch Schäden an den Deichen verursachen.

14.

Die durch die Aufnahmen festgestellten Bombenkrater ließen sich mit einem

Minimum an Arbeits-und Geräteaufwand leicht reparieren - eine Gruppe von weniger
als 50-Mann mit Schubkarren und einfachem Handwerkszeug

könnte den größten

festgestellten Trichter in einem Tag zuschütten. Da im ganzen Deltagebiet die
notwendigen Geräte zur Verfügung stehen, könnten alle Deiche innerhalb einer
Woche ausgebessert sein. In der ganzen Geschichte habens ich die örtlichen Arbeitskräfte zusammengetan und Deiche ausgebessert, um ernsthafte Überschwemmungen
zu verhindern. Eine gelegentlich auf einen Deich fallende Bombe verursacht keine
wesentliche Mehrarbeit über die normalerweise jedes Jahr erforderliche Reparaturarbeit hinaus. Nordvietnam muß jedoch die Ausbesserung der Schäden aus der Überschwemmung des Jahres 1971 vor dem nächsten Monat abschließen, da dann die diesjährige Regenzeit ihren Höhepunkt erreicht.

-6-

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31/1972

WENN DIE KOMMUNISTEN KOMMEN
Von Douglas Pike

Als international anerkannter Fachmann für

Vietnam hat Douglas Pike eingehende Untersuchungen über die Methoden Nordvietnams
und des Vietcong angestellt, Südvietnam in
kommunistische Gewalt zu bringen. Nach seinen umfassenden Analysen ist es den Kommunisten trotz massiver Anstrengungen nicht
gelungen, die Masse der südvietnamesischen
Bevölkerung für sich zu gewinnen, die für
den Fall eines kommunistischen Sieges ein
Blutbad fürchtet.

Das Leben hinter den Linien der von Nordvietnamesen besetzten Teile Südvietnams ist zu einer Mischung aus Terror, Qual und Hoffnung geworden.
Das ist das Bild, das sich aus den Berichten von Flüchtlingen und anderen ergibt, denen es gelungen ist, aus den 14 Distrikten (von insgesamt 272
Distrikten der Republik Vietnam) zu entkommen, die von der Volksarmee von
Vietnam - also der nordvietnamesischen Armee - besetzt gehalten werden (nach

-1-

�(nach dem Stande von Anfang Juli dieses Jahres). Sieben dieser Distrikte liegen in der nördlichsten Provinz Südvietnams, Quang Tri; die anderen sieben
weiter südlich in der Provinz Binh Dinh und Teilen der benachbarten Provinz
Kontum und sogar noch weiter südlich direkt oberhalb von Saigon in der nördlichen Hälfte der Provinz Binh Long.
Insgesamt kann man sagen, daß die nordvietnamesischen Führer überaus enttäuscht waren, daß ihre sogenannte Osteroffensive nicht zu Massendemonstrationen, Unruhen und Aufständen sowie zu anderen Formen des gesellschaftlichen
Chaos in ganz Südvietnam und vor allem in den größeren Städten geführt hat .
Das Chaos hatten sie einkalkuliert. Allerdings konnten eigentlich nur ihre
Hoffnungen enttäuscht worden sein und weniger ihre Erwartungen. Sie hatten
wohl kaum einen großen allgemeinen Aufstand erwartet, denn die Tet-Offensive
von 1968 hatte gezeigt, daß damit nicht zu rechnen war. Sie hatten allerdings
mit weitgehender Unterstützung, Gesten der Solidarität und einer allgemeinen
Aufnahmebereitschaft gerechnet, die sich aus Ressentiments gegen die Regierung
Thieu und aus antiamerikanischen Gefühlen in Südvietnam ergeben sollten.
Aber all dies geschah nicht. Das Schreckgespenst der Volksarmee - Divisionen auf Panzern aufsitzender und um sich feuernder Soldaten, die nach Süden
vordrangen - terrorisierte die südvietnamesischen Dorfbewohner. Diese anrollenden Panzer mußten bei der Bevölkerung ein gewaltiges Trauma hervorrufen, und
aus dem Trauma entstanden Angst und Furcht. Aus der Angst entstand die Polarisierung: Man mußte wählen, entweder die nordvietnamesischen Eindringlinge
oder die südvietnamesischen Verteidiger - es gab keine Alternative.
Welche Differenzen Südvietnamesen auch mit der Regierung Thieu haben mögen, sie verblassten vor der drohenden Gefahr. Die nordvietnamesische Armee
schlug an drei Fronten zu. Der erste Stoßkeil richtete sich gegen Hui, die
heilige Stadt Vietnams, der zweite richtete sich gegen Saigon und der dritte
gegen Kontum, wo die Kommunisten versuchten, Südvietnam in zwei Hälften zu
spalten. Das war das Bild, das sich den Menschen zeigte.
Rund
-2-

�Rund 750 000 Dorfbewohner flohen vor diesem Frontalangriff und gelten
heute als Flüchtlinge. Sie bleiben Flüchtlinge, trotz der nordvietnamesischen
Zusicherung, daß die Kommunisten nicht ihre Feinde seien, und sie weigern sich
trotz intensiver Propaganda, in die von den Nordvietnamesen besetzten Dörfer
zurückzukehren. Das Leben im Flüchtlingslager, das kaum als ideal bezeichnet
werden kann, scheint ihnen lieber zu sein als ein Leben daheim unter dem Kommunismus.
Rund 600 000 Menschen kamen nicht heraus - oder konnten nicht herauskommen. Sie leben jetzt unter kommunistischer Kontrolle. Mit diesen Menschen
- sie stellen rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung Südvietnams dar - wollen
wir uns hier befassen. Diese Studie will zeigen, was geschah, als die Kommunisten kamen.
Das Verhalten der Nordvietnamesen gegenüber südvietnamesischen Zivilisten
in den während der Offensive besetzten Dörfern spiegelt im allgemeinen die aus
der Vergangenheit bekannte gemischte Einstellung wider. Die amtliche öffentliche Politik nach außen ist Befreiung der Ausgebeuteten und Nachsicht gegenüber dem gefangenen Ausbeuter. Das ist die Politik des Zuckerbrots-. Die amtliche Politik nach innen ist die Peitsche - und meist mehr Peitsche als Zuckerbrot. Offiziell wird das Ganze als soziale Gleichrichtung bezeichnet und
euphemistisch als "Ausrottung der Erzschurken und Beseitigung der grausamen
Einheiten" beschrieben. Die Opfer würden es eher als Terror und Tod bezeichnen.
Wir wollen einmal das Verhalten der kommunistischen Besatzer nach außen
und nach innen untersuchen. Zu dieser Untersuchung gehört eine etwas technische
Beschreibung der Tätigkeit im Dorf, wenn es besetzt worden ist. Sie besteht
hauptsächlich aus organisatorischer Arbeit - ein etwas trockenes Thema, das jedoch
für das Gesamtverständnis sehr wichtig ist, denn diese organisatorische Arbeit
ist das Kernstück eines jeden etwaigen Erfolges der Kommunisten. Es gibt auch

-3-

�auch noch eine dunklere Seite - die mystische.
Kommunistische Kader, die praktisch als Militärregierung in einem besetzten
Dorf fungieren, tragen in ihrem Geist eine Art Mystik mit sich; alles, was sie
tun, wie sie es tun, und warum sie es tun, hat einen "tieferen Sinn". Man muß
diese Vorstellungen kennen, um zu begreifen, was und warum es vor sich geht.
Im April dieses Jahres wurde in der Provinz Quang Tin ein Dokument erbeutet,
das unter der Bezeichnung "Zehn Tage zum Sieg" die Anweisung eines Provinzzentralkomitees enthält, wie man ein feindliches Dorf erobert und regiert.
Nicht als Verwaltungsanleitung, sondern als Ausbildungsdokument geschrieben
zeigt es eine idealisierte Mischung von Indoktrinierung, Wunschdenken und praktischer Instruktion. Es zeigt vielleicht am deutlichsten, wes Geistes Kind die
Kader sind, die zur Besatzungsmacht werden.
Die zehn Tage zum Sieg:
Erster Tag: Reguläre Einheiten (der Streitkräfte) greifen das Dorf, den
Hamlet oder die befestigte Stellung an und besetzen sie. Örtliche Guerillakräfte beseitigen südvietnamesische Regierungskader und deren

Infrastruktur

und vernichten örtliche Selbstverteidigungskräfte. Die Bevölkerung wird zu aufrührerischen Tätigkeiten aufgestachelt.
Zweiter Tag: Organisiere Versammlungen und Demonstrationen, richte Revolutionsgerichtshöfe ein, halte Prozesse ab. Errichte örtliche Verwaltungseinheiten. Setze den militärischen Stoß gegen naheliegende Stellungen der südvietnamesischen Armee fort.
Dritter Tag: Organisiere die Bevölkerung in Befreiungsorganisationen und
anderen sozialen Bewegungen. Benutze Binh Van (Überredungstechniken), um Posten
der ARVN (.der südvietnamesischen Armee) auszuschalten und ein Verteidigungssystem zu errichten.
Vierter

-4-

�Vierter Tag: Beginne mit der Indoktrinierung und halte Lehrgänge für Gesinnungskontrolle ab; treibe finanzielle Beiträge und Reis von der Bevölkerung
ein.
Fünfter Tag: Beginne mit der Ausbildung der neu rekrutierten Guerillas.
Sechster Tag: Setze die Eintreibungen von Geld und Reis aus der Bevölkerung fort. Beginne mit dem Ausbau von Wehrdörfern und setze den militärischen
Druck gegen ARVN-Posten fort.
Siebter Tag: Teile die Bevölkerung ein und rekrutiere (künftige) einheimische Kader und Funktionäre. Veranstalte Siegesfeiern.
Achter bis zehnter Tag: Intensiviere die Agitprop-Tätigkeit; verteile Auszeichnungen und Belobigungen. Beginne mit der Planung des nächsten Stadiums,
des KampfStadiums.
So sieht das geistige Rezept aus, und wenn es sich auch nicht unbedingt
verwirklichen läßt, so kennzeichnet es doch die geistige Vorstellung und Einstellung der Kader, die sich in den Dörfern an die Arbeit machen.
Im wesentlichen ist der Ablauf der Dinge richtig geschildert: die nordvietnamesischen Truppen greifen an und besetzen. Sie bestellen die neuen Funktionäre - entweder Agenten, die jetzt aus dem Untergrund auftauchen oder örtliche,
nicht aus Nordvietnam stammende Kader, die aus anliegenden kommunistisch besetzten
Gebieten kommen, oder sogar als zuverlässig betrachtete Dorfbewohner selbst.
Manchmal werden sogar wochenlang noch die Beamten der Saigoner Regierung in ihrem
Amt belassen, bis die nordvietnamesische Armee die nötigen Vorkehrungen getroffen
hat ,um ein nach außen möglichst wenig in Erscheinung tretendes kommunistisches
Regime einzusetzen. Wenn diese eigenen lokalen Behörden eingesetzt sind, werden
Massenversammlungen abgehalten, es wird Geld und Reis eingetrieben, Revolutionsgerichtshöfe werden eingesetzt, eine Dorfmiliz wird rekrutiert und ausgebildet
(aber nicht bewaffnet), und mit der eigentlichen Indoktrinierung wird begonnen.
Drei
-5-

�Drei Aufgabenbereiche

Wenn die Kommunisten kommen, dann konzentriert sich ihre Tätigkeit auf
drei Aufgabenbereiche,die man als innere Sicherheit, Finanzierung und den
Apparat bezeichnen könnte:
1.

Innere Sicherheit:
Zunächst einmal geht es um die innere Sicherheits d. h. um die Ausschal-

tung gegnerischer und potentiell feindlich gesinnter Elemente. Der Krieg dauert
schon lange an, und die Dorfbewohner haben ein gutes Gedächtnis für kommunistische Greueltaten, so daß die Kader wissen, daß ihnen die Bevölkerung mit Haß
begegnet. Die meisten, die die Kommunisten hassen, mögen zwar geflohen sein,
aber das ist nicht immer der Fall. Manch einer ist so entschlossen und hart,
daß er bleibt9 um die kommunistische Sache zu sabotieren, und zwar im Dorf
selbst,, was für die Kommunisten am gefährlichsten ist.
Daß die Kommunisten ihre Gegner ausschalten müssen» liegt nahes aber ihre
Tätigkeit auf diesem Gebiet geht weit über das hinaus, was man normalerweise
als innere Sicherheit bezeichnen würde.
Die Kampagne der Kommunisten zielt darauf ab, nicht, nur jeden physischen
Widerstand zu brechen, sondern auch jede geistige Ablehnung. Die Theorie der
vietnamesischen Kommunisten läßt keinen Raum für Opposition - und die Praxis
im besetzten Dorf erst recht nicht. Mit allen Mitteln der Agitation und der
Propaganda wird versucht, die Dorfbewohner zu gläubigen und blinden Anhängern
des neuen Regimes zu machen. Konstruktive Kritik ist etwas, was sich Parteimitglieder in vorsichtiger Form und im kleinen Kreis leisten können - die
Dorfbewohner sicherlich nicht.
Diese "Gewinnung" der Bevölkerung kann auf positive und auf negative
Weise geschehen. Wo Agitation und Propaganda nichts nützen, wird die andere

-6-

�andere Seite aufgezogen: der Terror. Dieser wird keineswegs blindlings ausgeübt, sondern gezielt. Nur selten brennen die Kommunisten ein ganzes Dorf mit
Flammenwerfern nieder - wie dies in Dak Son geschah -, denn Tote können ja
nicht mehr überzeugt werden.
Die amtliche Sicherheitspolitik nach innen ist so grausam und lautlos wie
der Tod. Es ist schwierig, an genaue Berichte über die sogenannte revolutionäre
Gerechtigkeit zu kommen, denn die Kader setzen alles daran, die blutige Hand
nicht nach außen zu zeigen. Aber es sickern doch immer wieder Berichte durch,
die überprüft und bestätigt werden können, und diese Berichte geben ein dunkles
Bild von der kommunistischen Brutalität - begangen im Namen einer abstrakten
Idee.
Physischer Terror: An kommunistischen Terrorakten zählte man bis Ende Juni in
jeder Woche im Durchschnitt: 150 Meuchelmorde, 290 bei Terrorüberfällen verwundete Zivilisten und rund 500 verschleppte oder zur Zwangsarbeit gepresste Personen.
So wurde am 18. Mai in der Schule des Dorfes Hoai Xuan in der Provinz Binh
Dinh ein Revolutionstribunal aufgestellt, dem 20 Personen - meist Mitglieder der
Gemeinderäte oder Dorfpolizisten - vorgeführt wurden. Der Dorfälteste von Hoai
Xuan wurde von dem Tribunal für schuldig erklärt, zum Tode verurteilt und sofort auf dem Schulhof erschossen. Auch die Übrigen wurden für schuldig befunden,
zum Tode verurteilt, dann nach dem Dorf Bong Son gebracht, wo sie mit 80 anderen Personen, die offensichtlich von ähnlichen Tribunalen abgeurteilt worden
waren, erschossen wurden.
Der Gemeindevorsteher von Tan Thanh, einer Siedlung im Bezirk Tarn Quan
in der Provinz Binh Dinh und 47 Bewohner des Dorfes Hoi Thanh wurden am 21. Mai
von den Kommunisten lebendig begraben.
In der Stadt Loc Ninh führen kommunistische Kader ihre Terrorkampagne auf
eine besondere Art. Menschen, die zum Tode verurteilt wurden, verspricht man
Begnadigung, wenn sie Mitarbeiter der Regierung oder Soldaten, die sich in der
-7-

�der Nähe versteckt halten, ausfindig machen helfen.
Am 27. Ma:_ wurden 42 Mitglieder des Gemeinderates und Polizisten aus der
Ortschaft Vinh Phung und dem Dorf Hoai Xuan in der Provinz Binh Dinh hingerichtete und ihre Leichen in der Truong Goa-Düne zwischen den Dörfern Hoai Xuan und
Hoai Huong im Sande verscharrt.
Am 29. Mai mußten sich die rund 1 000 Bewohner des Dorfes An Thanh im Bezirk Hoai der Provinz Binh Dinh versammeln, um an dem Tribunal gegen drei Dorfbewohner teilzunehmen. Angeklagt waren ein Mitglied der Pazifizierungsgruppe
mit Namen Nguyen Mwnh Van, der Fahrer eines Polizeiautos, Nguyen Can,und ein
dritter Mann, dessen Name nicht bekannt ist. Alle drei wurden für schuldig erklärt, verurteilt und hingerichtet.
Am 6. Juni berichtete der 21jährige Unteroffizier der südvietnamesischen
Streitkräfte, Van Chuyen, in Pleiku vor Pressevertretern über einen Angriff der
Kommunisten auf sein Dorf Tan Chan. "Die Kommunisten", so erzählte der Unteroffizier, "ließen die Zivilisten aus dem Kampfgebiet nicht heraus. Sie feuerten
Raketen in die aus dem Dorf flüchtenden Menschen. Einige wurden getötet. Wir
anderen sahen uns gezwungen, in das Dorf zurückzukehren."

Ähnliche Vorfälle,

bei denen die kommunistischen Verbände auf die flüchtenden Zivilpersonen das
Feuer mit Granaten und Raketen eröffneten, wurden aus der Stadt Quang Tri sowie
aus der Provinz Binh Long gemeldet.
Der Dorfvorsteher und Bauer Nguyen Van Khanh aus einem Dorf nördlich von
Quang Tri, der drei seiner sechs Kinder während der letzten nordvietnamesischen
Offensive verlor, sagte zu einem Pressevertreter in Hu§: "Ja, sie wollen uns befreien, selbst wenn sie uns dabei alle umbringen müssen."

2.Finanzierung

-8-

�2.

Finanzierung:
Die Eintreibung von Geldmitteln ist ein anderes Hauptziel der einrückenden

kommunistischen Verbände. Die kommunistischen Kader sehen in jedem besetzten Dorf
eine Art Schatzkammer, wohlgefüllt oder weniger üppig, die es im Namen der Revolution auszuheben gilt. Die Dorfbewohner haben nach Ansicht der Kommunisten für
die "Sache" freiwillig Geld aufzubringen - tun sie es nicht freiwillig, müssen
sie es unter Zwang tun. Allerdings vermeidet man es , die Leute direkt Hunger
leiden zu lassen, denn die durch Hungersnot entstehenden. Probleme wären schwerwiegender als die aus der Beschlagnahmung der Lebensmittel gewonnenen Vorteile
und außerdem wäre eine verhungerte Bevölkerung ja auch ein schlechter Produzent
künftiger Ernten.
In der Stadt Loc Ninh und in den Dörfern der Provinz Binh Long wurde erst

einmal der gesamte Reisvorrat, den man auffinden konnte, beschlagnahmt. Dann erhielt jeder Einwohner nach seiner Registrierung eine Zuteilung, die als Ration
für einen Monat ausreichen mußte. Der übrige Reis wurde nach dem Norden in das
Bergland zur Verpflegung der dortigen kommunistischen Verbände abtransportiert.
Im Bezirk Hoai An der Provinz Binh Dinh wurde im April eine Ration von 250
Gramm Reis pro Kopf und pro Tag festgesetzt und diese Ration täglich zugeteilt.
Keine Familie durfte einen Reisvorrat in ihrem Hause besitzen. In der Provinz
Quang Tri brachten die Nordvietnamesen, nachdem die einheimischen Reisvorräte
aufgebraucht waren, offensichtlich chinesischen Reis ins Land und gaben davon
soviel an die Bevölkerung aus, daß gerade eine 1 600 Kalorien-Ernährung pro Tag
gesichert werden konnte. Eine Ernährung von 1 600 Kalorien pro Tag gilt nach den
Bestimmungen der Vereinten Nationen als eben noch über der Grenze des Hungers
liegend.

Die Kommunisten pressen alles, was über das bloße Existenzminimum

hinausgeht, aus der Bevölkerung heraus. Dabei entwickeln sich natürlich sowohl
auf Seiten derer, die der Bevölkerung ihren Besitz zu nehmen versuchen ,als auch
der Bauern, die sich diesem Zugriff zu entziehen versuchen, die raffiniertesten
Taktiken und Methoden.
Die

-9-

�Die Kommunisten haben noch andere Programme, mit denen sie ihren Kampf zu
finanzieren versuchen und die im Grunde alle mehr oder weniger auf Erpressung
oder gewaltsame Enteignung hinauslaufen. Dazu gehört beispielsweise die Steuererhebung. Alle Familien werden "erfaßt" und in zwei Gruppen - meist nach der
Größe ihrer Häuser - eingeteilt. Die erste Gruppe- zu der in der Regel zwei
Drittel aller Familien eines Dorfes gehören - werden als steuerpflichtig eingestuft und müssen eine einmalige Summe zwischen 50 und 500 Dollar in bar entrichten. Derartige Summen sind für einen vietnamesischen Dorfbewohner sehr viel
Geld. Das übrige Drittel der Dörfler wird als zu arm für die Zahlung einer Barsumme eingestuft und darf daher seinen Steuerbetrag in Form von Dienstleistungen im Arbeitseinsatz aufbringen.

Konfiszierung und Enteignung: Sämtliche Arzneimittel und medizinischen Artikel
in den Apotheken und Lagerräumen der pharmazeutischen Industrie in der Stadt
Quang Tri wurden von Sondereinheiten der kommunistischen Truppen beschlagnahmt
und nach dem Norden abtransportiert. Ärzte und Krankenhäuser durften lediglich
den Vorrat an Medikamenten und medizinischen Artikeln behalten, über den sie
gerade verfügten. Das Eigentum aller Familien, die im Dienst der südvietnamesischen Regierung stehen oder zur Armee gehören - in der Regel allerdings nur
Offiziersfamilien - wird konfisziert; das gleiche Los trifft auch solche Familien, die als regierungstreu gelten - handelt es sich um Bauern, so wird ihr
Grundbesitz beschlagnahmt und in Gemeindeeigentum umgewandelt, das durch ein
Parteikomitee verwaltet wird.

Verkauf von Kriegsanleihen: Sie werden nach einem Quotensystem verteilt,und
man erwartet, daß jeder Dorfbewohner wöchentlich mehrere zum Wert von 1 Dollar
pro Stück kauft.
Einführung

-10-

�Einführung von Kriegsgeld durch die Kommunisten, das gegen südvietnamesische
Währung einzutauschen ist und für die Bezahlung von Gütern und Lebensmitteln
dient: Im Bezirk Hoai An wurden beispielsweise etwa 1 OOO Motorräder mit solchem
Kriegsgeld bezahlt, wobei man ihren ehemaligen Besitzern erklärte, daß dieses
Geld nach dem Krieg in reguläre Währung umgetauscht werden würde - natürlich
unter der Voraussetzung, daß die Kommunisten den Krieg gewinnen .
Die Finanzierung der "Sache der Kommunisten" bedeutet natürlich nicht in
erster Linie, daß man lediglich bestrebt ist, den Dörflern das wenige, was sie an
Gütern besitzen, abzunehmen - denn in den meisten dieser Gebiete gibt es kaum
etwas, was man irgendwie als wertvollen Besitz bezeichnen könnte. So ist die Provinz Binh Dinh beispielsweise das wahrscheinlich ärmste Gebiet in Südvietnam und
in keiner Weise mit der üppigen Region des Mekong-Deltas

zu vergleichen. Viel-

mehr liegt das eigentliche Ziel der kommunistischen Programme in der Nutzung der
wirtschaftlichen Produktionskapazität - vor allem der landwirtschaftlichen Erwillen
zeugung. Das hierbei mehr um der KontrolleVals aus Gründen der Produktivität
angewandte Mittel ist die Kommune in ihrer einfachsten Form oder die sogenannte
landwirtschaftliche Arbeitsbrigade. Die Dorfbewohner werden zu Einheiten zusammengefaßt und aufs Feld geschickt, um ein Maximum an Erträgen herauszuholen. Das dafür notwendige Werkzeug und Gerät wird bereitgestellt - ja notfalls sogar importiert. Von dem Ernteertrag werden 90 Prozent für die "Sache der Kommunisten" abgezweigt, die restlichen 10 Prozent verbleiben dem Dorf.
Ein drittes Hauptgebiet systematischer Aktivität der Kommunisten ist jene
Umgestaltung des Bewußtseins der Masse durch Organisation, was im kommunistischen
Jargon als Aufbau eines uniformen revolutionären Denkens und Fühlens bezeichnet
wird. Das Ziel besteht darin, die Masse für die kommunistischen Ideen zu gewinnen. Als Mittel dazu bedient man sich der organisatorischen Erfassung jedes Einzelnen. Die Ideologie selbst spielt dabei nur eine unbedeutende Rolle. So erläuterte Radio Hanoi am 7. Juni in einer nach Südvietnam ausgestrahlten Sendung die
ideologische Basis für das von den Kommunisten "befreite" Gebiet in folgender
Weise: "Eliminierung solcher philosophischer Ideen wie Spiritualismus, Existentialismus, Idealismus, eines importierten Mystizismus (sprich: Christentum) und
-11-

�und die Restauration der Doktrin des Konfuzianismus."

3. Der Apparat:

Die organisatorische Struktur ist im Grunde immer die Gleiche und besteht
aus drei sich überschneidenden Elementen:
1.

Eine Volksfront auf sozialer Grundlage. Es ist dies eine Vereinigung funk-

tionaler sozialer Bewegungen, vor allem der verschiedenen Befreiungsverbändev
Stets wird ein Bauernverband, eine Frauenorganisation und eine studentische Jugendgruppe gebildet. Manchmal werden auch andere Massenbewegungen ins Leben gerufen,
wie beispielsweise der Arbeiter-Befreiungsverband in den Gummiplantagengebieten
der Provinz Binh Long; ein Verband älterer Bürger (Personen über 50 Jahre) in
der Provinz Binh Dinh; Jugendorganisationen, die in zwei Gruppen geteilt sind;
eine, der die 12-bis 17jährigen angehören?und eine andere, die die Altersgruppen
von 18-bis 30 Jahren umfaßt. Die Hauptaufmerksamkeit ist dabei fast immer auf
die Jüngeren gerichtet.
Diese Organisationen sind für die kommunistischen Kader außerordentlich
nützlich, sobald ihre Existenz einmal gesichert ist. Diese Organisationen geben
den Kommunisten einen Apparat an die Hand, mit dem sie beispielsweise die Energien
der Landbevölkerung mobilisieren und kontrollieren können.
Insgesamt bilden diese Massenbewegungen der Nationalen Befreiungsfront etwas
wie ein Fischnetz, das man über das Land breitet und in dem man die gesamte Bevölkerung zusammengefaßt hält. Man schafft sich damit ein System, das es ermöglicht,
alle Aktivität der Landbevölkerung zu überblicken, eine Steigerung der Ernteerträge zu erzwingen, feindliche Strömungen unter der Bevölkerung im Keim zu ersticken, eine Dorfmiliz aufzustellen und gleichzeitig der Bevölkerung etwas wie
eine innere Befriedigung zu verschaffen, indem man in ihr ein Gefühl erweckt, als
sei sie direkt an den für die Dorfgemeinschaft getroffenen Entscheidungen beteiligt.
Vor
-12-

�Vor allem bei der derzeitigen kommunistischen Offensive wird dieses System
dazu benutzt, um auf gefährliche Weise Anhänger unter dem Teil der südvietnamesischen Bevölkerung zu werben, die im Regierungsdienst oder Militärdienst stehen.
In den Provinzen Dinh Binh und Binh Long benutzte man dieses Programm, um durch
Mithilfe der Dorfbewohner jene Bauern, die vor den Kommunisten geflohen waren,
wieder in ihr Heimatgebiet zurückzulocken. Man stellte besondere Pässe für eine
Reihe von Dorfbewohnern aus, die es ihnen gestatteten, die kommunistisch besetzten Gebiete zu verlassen, um Kontakt mit Freunden und Verwandten aufzunehmen
und sie zur Rückkehr zu überreden. Allerdings mußten die auf solche Mission entsandten Bauern ihrerseits den Kommunisten Geiseln stellen, um ihre Rückkehr
sicherzustellen. Weiterhin versucht man durch systematische Kampagnen die Bevölkerung des besetzten Gebietes zu überreden, Briefe an ihre Verwandten in der
südvietnamesischen Armee zu schreiben und sie zur Desertion aufzufordern.
2.

Die elitäre kommunistische Parteistruktur mit ihrer begrenzten Mitglie-

derzahl steht - so getarnt und unauffällig die Einzelnen erscheinen mögen im Zentrum all dieser Tätigkeiten. In Südvietnam heißt sie die "Revolutionäre
Volkspartei". Sie hat die eigentliche Macht in Händen. Sie ist organisatorisch
in der üblichen Parteistruktur gegliedert, mit einem Zentralkomitee und dem
System der Parteiuntergruppen für die entsprechenden Regierungsebenen - nationaler Bereich, Provinz, Kreis und Ortsgruppe - und einem System sogenannter Zellen,
die die Basis für den gesamten Apparat bilden. Mit diesem System kontrollieren
die Kommunisten von innen heraus die gesamte Bevölkerung in einer außerordentlich wirksamen Weise.

3.

Ein quasi Regierungsapparat, die Verwaltungsbüros der sogenannten Revo-

lutionskomitees, die als Gesamtheit die "Revolutionäre Verwaltung" bilden. Sie
ist der eigentliche Verwaltungsapparat, den die Partei zur Durchsetzung ihrer
Pläne benutzt. Ihre Autorität erstreckt sich über die kleineren Siedlungen, die
Dörfer und Städte bis zu den Bezirken und den Provinzbereich (wie im Falle der
Provinz Quang Tri), um dann über das Parteikomitee weiter aufwärts bis schließlich zur Zentrale in Hanoi zu führen.
Die
-13-

�Die Verwaltung auf Dorfebene besteht normalerweise aus einem Vorsteher,
einem Stellvertreter für Fragen der inneren Sicherheit, dem die örtlichen Milizkräfte und Informanten unterstehen, und einem Stellvertreter für Agitprop, der
für die Indoktrinierung und Ausbildung der Bevölkerung zuständig ist.
In manchen Distrikten ist ein ziemlich kompliziertes und ausgeklügeltes
Verwaltungssystem eingeführt worden, das oft als Revolutionäre Provinzregierung
bezeichnet wird. Es besteht aus einem Vorsitzenden, einem Sekretariat und verschiedenen Büros - für innere Sicherheit, Agitprop, Finanz-.und Wirtschaftsfragen, Leitung der Frontorganisationen, Verbindung zum Militär, Gesundheitswesen,
Rechtsangelegenheiten, Erziehung, Einberufung und Ausbildung und Fernmeldeeinrichtungen.
Das Distriktkomitee ist wohl das Schlüsselelement der Machtstruktur der Revolutionsregierung, und von der Qualität seiner Kader hängen weitgehend Erfolg
oder Mißerfolg der Kommunisten ab. Das Distriktkomitee setzt die politischen
Richtlinien für das Dorf fest und herrscht über Leben und Tod seiner Bewohner,
wählt die Kader aus und bestimmt praktisch über das Schicksal der Menschen.
In der Provinz Quang Tri werden alle örtlichen Verwaltungsfunktionäre und
Vertreter der Nationalen Befreiungsfront vom Distriktkomitee ernannt. In der Provinz Binh Dinh trat Mitte Mai das Komitee des Distriktes Hoai An zusammen und
überprüfte die Unterlagen von einigen hundert Personen »• meist Bedienstete der
südvietnamesischen Regierung, die gefangengenommen worden waren - und verurteilte 30 von ihnen zum Tode. Umgekehrt amnestierten laut Radio Hanoi Ende Mai
Distriktkomitees etwa 600 gefangene südvietnamesische Soldaten und Regierungsbedienstete nach erfolgreichem Abschluß eines Umschulungslehrgangs.
Die Formel: Zuerst Organisation, dann Mobilisierung und dann Motivierung,
das ist die kommunistische Dreieinigkeit - und wenn es eine kommunistische Geheimwaffe gibt: hier ist sie.
Der

-14-

�Der Sonderfall Quang Tri
In der Provinz Quang Tri liegen die Dinge offensichtlich etwas anders als
in den beiden anderen Gebieten - Binh Long und Binh Dinh - Kontum.
Das kommunistisch kontrollierte Gebiet von Quang Tri liegt zwischen dem
Fluß My Chanh, der es von der Provinz Thua Thien trennt, und der Provinz Quang
Binh, der südlichsten Provinz Nordvietnams.Hier hat sich -zumindest zum Zeitpunkt, als dieser Artikel geschrieben wurde- eine Art militärischer Front mit
einem zwei bis drei Meilen breiten Niemandsland herausgebildet, und zwar zum
ersten Mal in der ganzen Geschichte dieses Krieges.
Das Revolutionskomitee der Provinz Quang Tri wurde am 24. April ins Leben
gerufen, um über die verbliebenen 70 000 Menschen (von insgesamt rund 300 000
Einwohnern) zu regieren. Der Vorsitzende ist ein gewisser Nguyen Viet Trac, ein
ehemaliger Lehrer aus der Stadt Quang Tri. Sein Stellvertreter ist ein ehemaliger Polizist, Le Chi Dai. In Bekanntmachungen vom 4. und 11. Mai verkündete das
Komitee die Auflösung aller bisherigen Regierungsämter und -funktionen und deren
Ersatz durch das Revolutionäre Verwaltungssystem. Ferner wurden alle gesellschaftlichen Organisationen und Vereinigungen politischer und religiöser Natur (offensichtlich nur christliche und nicht buddhistische) sowie alle militärischen und
polizeilichen Verbände aufgelöst. Reisen wurden genehmigungspflichtig gemacht,
die Zensur wurde eingeführt, und es wurden strikte innere Sicherheitsmaßnahmen
gegen Spionage, Sabotage und Plünderung ergriffen.
Dabei handelt es sich jedoch nur um eine Provinzregierung und nicht um die
oft angekündigte Schaffung einer Hauptstadt für eine gesamtsüdvietnamesische
kommunistische Regierung.
Wie

-15-

�Wie berichtet wird,ist die nordvietnamesische Armee praktisch allgegenwärtig. Im Raum Quang Tri stehen mindestens vier Infanteriedivisionen, die 304.,
308., 324. und 325. Ganze Dörfer im südlichen Teil der Provinz - wife. Kim Sanh,
Trung Dong, Kim Long, Hai Nhi und viele andere im Distrikt Hai La - wurden gewaltsam evakuiert. Die Bevölkerung wurde nach Norden in Lager im Distrikt Trieu Phong
gebracht, offensichtlich um einen Cordon sanitaire zwischen beiden Seiten zu
schaffen.
Auch die Sicherheitsvorkehrungen werden in der Provinz Quang Tri viel schärfer durchgeführt. Wie es heißt, werden Kennkarten an die Bevölkerung verteilt,
die nach ihrer Farbe die politische Zuverlässigkeit des Inhabers ausweisen: rot
für ehemalige südvietnamesische Bedienstete oder Soldaten oder Personen mit Verwandten in südvietnamesischen Gebieten; grün für politische neutrale und gelb für
politisch zuverlässige.
Nach durchgesickerten Berichten müssen sich die Inhaber roter Kennkarten
sofort einer politischen Indoktrinierung unterziehen und sollen nach Nordvietnam
deportiert werden, um dort in landwirtschaftlichen Kommunen zu arbeiten. Aus dem
Distrikt Trieu Phong sollen bereits Ende Mai Bauern nach Nordvietnam geschickt
worden sein. Als Alternative können sich die Inhaber roter Karten zur nordvietnamesischen Armee melden.
Der Bevölkerung wird Berichten zufolge klargemacht, daß sie nicht länger
Staatsangehörige der Republik Vietnam seien, sondern nordvietnamesische Bürger
und deren Pflichten zu übernehmen hätten. Wenn sich diese Berichte alte Zutreffend
erweisen sollten, dann würden sie auf eine ernste Absicht Nordvietnams hindeuten,
die Provinz Quang Tri zu annektieren.

Zusammenfassung

»16-

�Zusammenfassung

Noch ist es zu früh, sich ein endgültiges Bild über die langfristigen Absichten der nordvietnamesischen Besatzer zu machen. Für den Augenblick scheinen
die Kommunisten einen gewissen Erfolg zu haben - es gelang ihnen, südvietnamesisches Territorium zu besetzen. Das Leben der Bevölkerung im besetzten Gebiet wurde
reorganisiert und ein gewisses Maß an innerer Sicherheit und Versorgung und Verwaltung erreicht. Das letzte Wort werden jedoch die südvietnamesischen Soldaten
mit ihren Gegenangriffen haben.
Nordvietnam hat auf dem nichtmilitärischen Sektor der Besatzung viel an
Menschen, Zeit und Geld investiert, und es ist fraglich, ob sich diese großen Aufwendungen gelohnt haben.
Die Kommunisten setzen Spezialteams ein, die aus zivilen Fachleuten für Verwaltung, Agitprop, Organisation usw. bestehen, um die Bevölkerung zu gewinnen.
Derartige Fachleute sind rar.
Die an die Angehörigen der sogenannten Volksbefreiungsstreitmacht (Vietcong)
herausgegebenen Befehle sind eindeutig. So wurde am 12. April den Kadern und Agenten im Untergrund befohlen, Revolten und Aufstände in den Städten und Dörfern
Südvietnams herbeizuführen. Die Einheiten der südvietnamesischen Regionalstreitkräfte (Miliz) sollten infiltriert und zur Meuterei bewegt werden. Ferner sollte die Sabotagetätigkeit koordiniert mit den nordvietnamesischen Angriffen intensiviert werden.
Die große Strategie der Kommunisten läuft offensichtlich darauf hinaus, daß
die nordvietnamesische Armee die Masse der südvietnamesischen Streitkräfte binden soll, um den Angehörigen der sogenannten Volksbefreiungsarmee freiere Hand
zu verschaffen. Bei einem Gelingen dieser Strategie hätten die Kommunisten die
Möglichkeit, ihren Apparat in den ländlichen Gebieten wieder aufzubauen und zu

-17-

�zu reorganisieren und das Befriedungsprogramm zurückzudrängen. Damit könnte ein
wachsender Druck auf Saigon ausgeübt und unter Umständen der Sturz der dortigen
Regierung bewerkstelligt werden. Selbst wenn nicht direkt ein Sturz herbeigeführt
werden könnte, ergäbe sich die Möglichkeit einer wesentlichen Veränderung im
Sinne einer kommunistisch kontrollierten Koalitionsregierung.
Wenn das die kommunistische Rechnung war, dann ist sie bisher nicht aufgegangen, und es besteht alle Aussicht, daß sie auch in Zukunft nicht aufgehen
wird. Niemand kennt die kommunistischen Absichten genau, und so ist das Ausmaß
des kommunistischen Fehlschlags auch nicht genau zu ermessen.
Eines ist jedoch klar geworden: Wenn dieser Krieg je um die Herzen der
Menschen geführt wurde, dann hat Nordvietnam ihn verloren. Hanoi mag mit seiner
Osteroffensive etwas Territorium gewonnen haben, aber es bezahlte dafür mit dem
Rest von Sympathie, den es bei der Bevölkerung Südvietnams noch gehabt haben
mag. Wenn erst, was zu hoffen ist, die jetzt unter nordvietnamesischer Besatzung
lebenden Menschen wieder befreit sein werden, dann wird die Welt in allen Einzelheiten erfahren, was es heißt: "Wenn die Kommunisten kommen".

HIIMI

-18-

�; amerika dienst
U n i t e d
53

States

Bonn-Bad

T e l :

I n f o r m a t i o n

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

Telex:

Wirtschaft

300

08-85432

31/1972

BURNS UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINES AUSGLEICHS DER USZAHLUNGSBILANZ
WASHINGTON -.-CAD)-- Der Vorsitzende des US-Federal Reserve Board, Dr. Arthur
Burns, hat sich nachdrücklich für einen Ausgleich der amerikanischen Zahlungsbilanz und eine schärfere Kontrolle des Preisauftriebs ausgesprochen.
Vor dem gemeinsamen Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses wies Burns
auf die Verschlechterung der amerikanischen Handelsbilanz und die gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Zahlungsbilanz hin, betonte jedoch, daß gerade bei
der Zahlungsbilanz in der Zeit von Mitte März bis zur Freigabe des Wechselkurses des britischen Pfundes eine gewisse Besserung festzustellen gewesen sei.
Dies sei in erster Linie auf einen Zufluß kurzfristigen Kapitals zurückzuführen
gewesen. Als Gründe hierfür nannte Burns einmal die Beseitigung des Zinsgefälles zwischen Europa und den Vereinigten Staaten und zum anderen die Besserung
der Wirtschaftslage in den USA, so daß sich auf dem amerikanischen Markt wieder
mehr Anlagemöglichkeiten böten. Aber auch Ausländer hätten vermehrt amerikanische Wertpapiere gekauft. Wörtlich fuhr Burns fort: "Wenn sich erst einmal die
derzeitige Unruhe gelegt hat, werden sich auch, wie es den Anschein hat, die
Devisenmärkte stabilisieren, und dann wird sich meines Erachtens dieser Rückfluß fortsetzen." Ein großes Problem, so fügte Burns hinzu, sei die Wiederbelebung des amerikanischen Außenhandels, "und wir sind noch ein gutes Stück hiervon entfernt.'.'
Weiter

�Weiter sagte Burns vor dem Ausschuß: "Eine stärkere Kontrolle des Preisauftriebs ist notwendig, nicht nur um Einkommen und Ersparnisse unserer Bevölkerung zu schützen, sondern dies ist auch für die Wiederherstellung des Ausgleichs unserer internationalen Konten erforderlich. Allerdings bezweifle ich
ernsthaft, ob dieses außenwirtschaftliche Ziel ohne ein stabiles Preisniveau
erreicht werden kann. Das Smithsonian-Abkommen zur Neufestsetzung der Wechselkurse vom vergangenen Dezember hat die Basis für eine wesentliche Verbesserung
unserer Wettbewerbsposition geschaffen. Diese Möglichkeit wird jedoch vertan,
wenn sich Kosten und Preise in den USA weiterhin wesentlich erhöhen

sollten.

Unsere internationalen Konten sind immer noch stark unausgeglichen. Die
Importe haben dieses Jahr wesentlich stärker zugenommen, und obwohl unsere Exporte ebenfalls gestiegen sind, hat sich unser Handelsdefizit vergrößert. Eine
solche Entwicklung ist in den Monaten unmittelbar nach einer Abwertung nichts
Ungewöhnliches, und die weiter fortgeschrittene wirtschaftliche Wiedererholung,
verglichen mit der unserer großen Handelspartner, bildet zweifellos einen erschwerenden

Faktor. Wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen in anderen Län-

dern jetzt wieder bessern, dürfte die Nachfrage nach unseren Exportgütern in
naher Zukunft stärker ansteigen. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigen jedoch, daß wenigstens zwei oder drei Jahre vergehen werden, bevor die Neufestsetzung der Wechselkurse vom vergangenen Dezember voll durchschlägt.
Die Gesamtzahlungsbilanz wies im ersten Quartal ein beträchtliches Defizit
auf, Aber von Mitte März an entwickelte sie sich günstiger, vor allem aufgrund
des Zuflusses kurzfristigen Kapitals. Wir haben sogar zwischen Mitte März und
dem 23, Juni, als der Wechselkurs des britischen Pfundes freigegeben wurde, einen
Zahlungsbilanzüberschuß zu verzeichnen gehabt.
In den Wochen unmittelbar nach diesem britischen Schritt herrschte auf den
Devisenmärkten überall auf der Welt Unruhe, und eine beträchtliche Menge an
Dollar floß den europäischen Zentralbanken zu. In jüngster Zeit jedoch wurde die
Ordnung an den Devisenbörsen wiederhergestellt. Die Wiederherstellung des Ver-

-2-

�Vertrauens ist in nicht geringem Maße auf die Intervention, die die Federal Reserve Bank in Verbindung mit dem Finanzministerium auf den Devisenmärkten vorgenommen hat, zurückzuführen.
Die kürzlichen Störungen an den Devisenmärkten sind eine deutliche Warnung.
Wenn immer wiederkehrende Währungskrisen vermieden werden sollen und eine Atmosphäre erhalten werden soll, die eine gesunde Ausweitung des Außenhandels und
der Auslandsinvestitionen fördert, so müssen umgehend internationale Verhandlungen über eine Währungsreform aufgenommen werden . Die kürzlichen Störungen sind
ferner eine Warnung, daß auf den internationalen Finanzplätzen solange Unruhe
herrschen wird, bis die Vereinigten Staaten und ihre wichtigsten Handelspartner
Wege finden, um ihre Volkswirtschaften von der Inflation zu befreien, unter der
wir alle leiden."
Von Senator Javits auf die Möglichkeit einer Rückkehr zu einer Politik der
begrenzten Konvertierbarkeit des US-Dollar angesprochen sagte Burns: "Wenn europäische Finanzleute von Konvertierbarkeit reden,so denken sie dabei an eine Konvertierbarkeit des Dollar in Gold oder in Sonderziehungsrechte. Was der Federal
Reserve Board in Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium tut - und lassen Sie
mich betonen, daß der Federal Reserve Board und der neue Finanzminister in dieser Frage sehr eng zusammenarbeiten und völlig übereinstimmen - was unsere neue
Aktivität anbetrifft, daß wir auf dem Devisenmarkt intervenieren, so hat dies
nichts mit der Art von Konvertierbarkeit zu tun, von der Finanzleute im allgemeinen

reden. Das Ziel ist ganz einfach, die Ordnung auf den Devisenmärkten

wiederherzustellen, so daß eine für eine dauerhafte Währungsreform günstige
Atmosphäre entsteht. Diese neue Aktivität darf jedoch nicht dahingehend ausgelegt werden, daß sie irgendwelche Auswirkungen auf das ergibt, was in späteren
Verhandlungen in bezug auf eine Konvertierbarkeit entschieden wird."

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FÜR DIE RAUMFAHRT ENTWICKELT - IM ALLTAG ANGEWANDT

NASA gibt immer mehr Patentrechte zugunsten der Wirtschaft
frei
--(AD)-- Für die kommerzielle Herstellung von Geräten und Instrumenten,die
im Zuge des amerikanischen Raumfahrtprogramms entwickelt worden sind, gibt das
US-Amt für Luft-und Raumfahrt (NASA) in zunehmendem Maße Patentrechte frei.
Der nicht immer einfache Prozeß des "Umsetzens" solcher speziellen Entwicklungen in Produkte des täglichen

Gebrauchs wird besonders wirksam durch die re-

gionalen Zentren der NASA unterstützt. Sie arbeiten mit Universitäten, Forschungsinstituten und der Industrie eng zusammen, um für"Weltraumspezialitäten" Anwendungsmöglichkeiten auf der Erde zu finden.
Eines der jetzt freigegebenen Verfahren ist FLASH ("Fast Luciferace
Automated Assay of Specimens for Hospitals" - Automatische Luziferase-Schnellanalyse für klinische Proben), eine neuartige quantitative Analysenmethode
zur Bestimmung von Bakterien im Urin. Sie wurde von Emmett W. Chapelle und
Dr. Grace L. Picciolo vom Goddard-Raumflugzentrum entwickelt und war ursprüng-

-1-

�ursprünglich dafür bestimmt, außerirdische Mikroorganismen durch einen einfachen, schnellen und zuverlässigen Test zu ermitteln. Die erste Anwendung
solcher Verfahren außerhalb der Erde ist im Rahmen des VIKING-Programms, das
die Landung von zwei Analysen-und Meßrobotern auf dem Mars vorsieht, zu erwarten. Nach Dr. Richard H. Green, dem Leiter der Abteilung "Planetare Quarantäne" des Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, würden beispielsweise die
Messungen einer VIKING-Sonde schon verfälscht, wenn nur eine winzige Hautschuppe, der Bruchteil eines Millionstel Gramms organischer Substanz, bei der
Montage der Sonde in das Analysengerät geriete und mit zum Mars geschleppt
würde,
Beim FLASH-Prozeß wird der Biolumineszens-Effekt genutzt. Die Urin-Probe
leuchtet auf, wenn sie Bakterien enthält. Durch Messung der Leuchtstärke können exakte Rückschlüsse auf die Bakterienzahl in einer gegebenen Urinmenge ge zogen werden. Das Ergebnis wird automatisch aufgezeichnet.
Die Technik der Anwendung von LASER-Strahlen zur Ortung von Raumfluggeräten und zur Nachrichtenübermittlung wird im Verfahren SMOKEY verwertet. Die
offizielle Bezeichnung lautet "Long Range Laser Traversing System" - Weitstrecken-Vermessung mit LASER. Es handelt sich dabei um ein revolutionäres neues System zur Landvermessung, das erstmals vom amerikanischen Forstdienst für
diesen Zweck eingesetzt wurde und in Anspielung darauf in den USA scherzhaft
SMOKEY genannt wird.
Die Apparatur benötigt wenig Platz, ist in leichten Tornistern unterzubringen und kann von zwei Mann auch in den abgelegensten Gebieten eingesetzt
von
werden. Das System arbeitet mit den/einem Rubin-LASER vertikal ausgesandten
Lichtpulsen, die von einem zuvor postierten Empfänger aufgefangen werden. Da
der Empfänger den Lichtstrahl über alle Hindernisse hinweg erfaßt, sind die
Geodäten in der Lage, die Landgrenzen exakt zu vermessen. Der U.S.-Forstdienst
hat gegenwärtig ca. 435 000 km Arealgrenzen

-2-

mit mehr als 1,5

Millionen

�Millonen Grundstücken zu vermessen. Das LASER-Verfahren reduziert die Kosten erheblich und erspart Arbeitszeit, die mit Jahren anzusetzen ist.

Hochleistungsbatterien sind ein weiteres Nebenprodukt der Raumfahrttechnik,
die jetzt als zuverlässige Stromquellen für tragbare oder transportable Arbeitsgeräte und Maschinen, zum Anlassen von Außenbordmotoren und Kettensägen oder
für Gepäckkarren und andere Kleinstfahrzeuge geeignet sind. Weitere Anwendungsmöglichkeiten bestehen bei medizinischen Geräten wie tragbaren Ausrüstungen zum
Anfertigen von Elektrokardiogrammen, bei stroboskopischen Ausrüstungen oder
auch bei Spielzeug.

Die McCulloch Electronics Corporation (Los Angeles.1 befaßt sich in enger
Zusammenarbeit mit dem Regionalzentrum Western Research Application Center,
einer Unterabteilung des Amtes für "Technology Utilization" der NASA, mit den
technischen Aufgaben, die mit der Anpassung von Raumfahrtbatterien an kommerzielle Zwecke verbunden sind. In erster Linie geht es um Nickel-Kadmium-Batterien und Blei-Säure-Batterien. Ein besonderer Vorteil bei den für die Raumfahrt
entwickelten Typen ist die kurze Zeit, die für das Wiederaufladen benötigt wird.
Sie beträgt bei Blei-Säure-Batterien 15 bis 20 Minuten (übliche Zeit bei den
meisten kommerziellen Batterien: 14 bis 16 Stunden), bei einigen Nickel-KadmiumBatterien nur sechs Minuten, ohne daß sich dies schädlich auf die Zellen auswirkt.
Der für die Astronautenliegen entwickelte Stoßdämpfer, der bei der Startbeschleunigung und bei der Rückkehr zur Erde gefährliche Stöße abfängt, wurde
ebenfalls als Patent zur Verwertung für die Industrie freigegeben.

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RAUMTRANSPORTER: DER MILLIARDENAUFTRAG
--(AD)-- Von vier in der engeren Wahl stehenden Firmen der amerikanischen
Luft-und Raumfahrtindustrie wurde jetzt von der NASA (U.S.Amt für Luft-und
Raumfahrt) das Unternehmen North American Rockwell, Inc. als Hauptvertragspartner für den Bau des Raumtransporters ausgewählt. Seit Inangriffnahme des
APOLLO-Projekts vor 10 Jahren ist dies der umfassendste Einzelauftrag, der
von der NASA bisher vergeben wurde. Er bedeutet die Sicherung von 160 000
Arbeitsplätzen für mindestens sechs Jahre. Die finanziellen Aufwendungen werden derzeit auf 2,6 Milliarden beziffert. Mehr als die Hälfte der Arbeiten vergibt North American Rockwell seinerseits an etwa 10 000 eigene Auftragnehmer.
Mit dem ersten Testflug eines Raumtransporters ist im Jahre 1978 zu rechnen. Dieses Fluggerät, das mit Raketenkraft von der Erde startet, bis zu
30 Tagen um die Erde kreisen kann und dann wie ein Flugzeug auf einer Rollbahn
landet, ist für zahlreiche weitere Einsätze wieder verwendungsfähig. Auch die
beim Aufsteigen benutzten zusätzlichen Feststoffraketen sowie der riesige
Treibstofftank, von dem sich der Raumtransporter - auch Raumgleiter oder
Orbiter genannt - nach Erreichen einer bestimmten Höhe löst, werden für die
Wiederverwendung geborgen. Zwei Mann Besatzung steuern das Orbiter-Gerät;
es hat die Größe eines modernen Passagierflugzeuges vom Typ DC-9 und kann
bis zu 12 Passagiere aufnehmen.
Die
l-

�t

1
Die NASA gab kürzlich bekannt, daß sowohl das Kennedy-Raumflugzentrum in
Florida als auch der Luftstützpunkt Vandenberg in Kalifornien als Bodenstationen für den Raumtransporter vorgesehen sind. Die ersten Starts - die nur in
östlicher Richtung erfolgen - samt Landung werden ausschließlich am KennedyRaumflugzentrum durchgeführt. Hier befinden sich auch die Forschungszentren,
wo der sichere Ablauf dieser heiklen Flugphasen vorbereitet wird.

Vandenberg

wird erst gegen Ende der siebziger Jahre für den Raumtransporter betriebsbereit sein und soll für Flüge benutzt werden, bei denen eine zur Äquatorebene
stark geneigte Umlaufbahn erreicht werden muß. An Investitionen sind für den
Ausbau der Bodenstation in Florida 150 Millionen Dollar, für den Ausbau der
Station Vandenberg 500 Millionen Dollar erforderlich.

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ELEKTRISCHE AKTIVIERUNG GELÄHMTER MUSKELN

--(AD)-- Die Funktion gelähmter Glieder kann bis zu einem gewissen Grad
durch direkte elektrische Muskelerregung wiedergewonnen werden. Auch bei der
Wiederherstellung außerordentlich komplexer neuromuskulärer Funktionen erscheint die Anwendung des elektrischen Erregungsprinzips vielversprechend.
Erfahrungen mit dieser neuen Therapie wurden auf einer Konferenz der Medizinischen Bundesforschungsanstalten der USA (National Institutes of Health-NIH)
über "Funktionelle neuromuskuläre Stimulation" eingehend erörtert.

Aufgrund der bisherigen Versuchsergebnisse ist die elektrische Stimulation am erfolgreichsten bei Hemiplegie, d.h. halbseitigen Lähmungen, wie sie
z.B.nach einem Schlaganfall auftreten können. Als sehr viel schwieriger erwies sich dagegen der Versuch, neuromuskuläre Störungen - etwa infolge Querschnittlähmung - zu überwinden.
Mediziner der Case Western Reserve University (Cleveland, Ohio) berichteten über Versuche mit elektrischer Erregung des Wadenbeinmuskels (musculus
fibularis). Eine Lähmung dieser Muskelpartie hat zur Folge, daß der Fuß beim

-l-

�beim Gehen schleift, der Patient ihn also nicht heben kann. Diese Störung versucht man folgendermaßen zu korrigieren: In die Einlegesohle des Schuhes wird
unter der Ferse ein Schaltelement eingebaut, das beim Auftreten mit dem von
der Lähmung betroffenen Bein einen elektrischen Stimulator aktiviert. Dieser
ist an einer bestimmten "Schaltstelle" am Muskel implantiert, um die Funktion
des geschädigten Nervs zu übernehmen, der normalerweise die Muskelkontraktion
steuert. Der Patient wird dadurch in die Lage versetzt, den Fuß trotz der Lähmung anzuheben.

Auch zur Stabilisierung von Gelenken - beispielsweise Knie-oder Hüftgelenk dürfte eine solche Unterstützung der Muskelaktivität vorteilhaft sein. Das könnte für Patienten mit einer Lähmung von Muskelpartien gelten, die für die Standfestigkeit des Körpers gebraucht werden. Möglicherweise ließe sich mit elektrischer Muskelstimulation verhindern, daß der Körper beim Stehen zusammensackt.

Im Verlauf der Untersuchungen an der Case Western Reserve University zeigte sich, daß bereits atrophierte Muskeln durch diese Form der elektrischen Erregung allmählich gekräftigt werden können. Allerdings ist eine Ermüdung der
Muskelpartien durch Überbeanspruchung zu vermeiden. Dies ist besonders bei
Korrekturversuchen zu beachten, bei denen es um eine Gelenkstabilisierung geht.

Als weitere Anwendungsmöglichkeit wird die Behebung von Skoliosen genannt.
Im Tierversuch hatte ein kanadischer Wissenschaftler durch die elektrische Stimulierung bestimmter Rückenmuskeln bei Rückgratverkrümmung erstaunliche Ergebnisse erzielt. Versuche am Menschen sind in Vorbereitung.

Mediziner der Duke-Universität (Durham, Nordkarolina) berichtete über das
Ergebnis von Versuchen, bei Querschnittgelähmten mit Hilfe einer sogenannten
spinalen Neuroprothese die Blasentätigkeit wieder unter Kontrolle zu bekommen.

-3-

�bekommen. Die Wiederherstellung dieser Funktion ist wegen der bei den Patienten
häufig auftretenden Infektion der Harnwege infolge unzureichender Harnentleerung
überaus wichtig. In vier Fällen wurden Elektroden in das Rückenmark implantiert,
die Strom aus einer kleinen Batterie in bestimmtem Rhytmus in die Nervenbahnen
schicken, über die eine Kontraktion der Blase erzielt wird. Trotz bisheriger guter Ergebnisse bei den vier jungen Patienten könne jedoch, wie die Wissenschaftler betonen, noch nichts darüber ausgesagt werden, wie sich die Stimulierung
über einen längeren Zeitraum oder bei älteren Patienten auswirke.

+++-H-I-H'

-3-

�</text>
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