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Dokumentation

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20

17. Mai 1972

Inhalt
HINTERGRUNDMATERIAL
Die militärische Macht der USA im Dienste des Friedens
II. Die US-Armee wird gestrafft
Von Hubert G. Collins
Die
Von
III.
IV.

wahre Mehrheit; 1972
Richard M. Scammon
Die Wahlkampfthemen
Die Persönlichkeit der Kandidaten

WIRTSCHAFT
Volcker zeigt Hauptpunkte für Reform des Weltwährungssystems auf
- Auszüge aus der Rede des US-Staatssekretärs in Montreal Die US-Handelspolitik kämpft an zwei Fronten
Von Eugene Brake

WISSENSCHAFT UND TECHNIK
US-Innenminister: Alaska-Ölleitung kann gebaut werden
Streptokokken durch Färbetest unterscheidbar
Schizophrenie - eine Enzymmangelkrankheit
Neuer Detektor ermöglicht starke Reduzierung der Strahlenbelastung

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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20/1972

DIE MILITÄRISCHE MACHT DER USA IM DIENSTE DES FRIEDENS
II. Die US-Armee wird gestrafft

Von Hubert G. Collins

Auch die amerikanische Armee wird - wie Marine und Luftwaffe - neue
Konzeptionen entwickeln, um den Aufgaben der Zukunft gerecht werden zu
können. Gerade im Zeitalter des nuklearen Gleichgewichts werden die konventionellen Streitkräfte, d.h. in erster Linie die Armee, den Ausschlag geben.

Der Stabschef der US-Army, General William Westmoreland, hat eine umfassende Studie der Aufgaben der Landstreitkräfte angeordnet, denn die
Armee müsse neue Probleme lösen und neue Lösungen für alte Probleme finden.
Westmoreland, der selbst Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen in
Vietnam war, vertritt die Auffassung, daß sich die Armee aus der "VietnamZwangsjacke" lösen müsse , die zu einem defensiven taktischen Denken geführt
habe.

Wie bei der Marine - und in gewissem Umfang auch bei der Luftwaffe ist die Lösung der künftigen Aufgaben auch ein Personalproblem. Mit der ins
Auge gefaßten Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht in den USA wird man den
Beruf des Soldaten in der Armee einigermaßen attraktiv gestalten müssen, um
junge Menschen anzulocken. Die heutigen höchst komplizierten Waffensysteme
verlangen ein professionelles Interesse und ihre Beherrschung läßt sich _im

- 1 -

�1

im Rahmen einer normalen Ableistung der Dienstpflicht meist kaum erlernen.
Ein Berufsheer wird billiger, schlagkräftiger und effektiver - vorausgesetzt,
es finden sich genug Freiwillige.

Hier sind bereits umfassende Reformen im Gange. Kartoffelschälen und
Bodenschrubben, unnötige Inspektionen und überkommener Formalismus werden
aus dem Dienstplan gestrichen und der Soldat wieder seiner eigentlichen Aufgabe zugeführt. Die Würde des Einzelnen soll über die Schikane triumphieren,
und nach eigenem Geschmack eingerichtete Einzelzimmer sollen an die Stelle
der traditionellen Öde der Kaserne treten. Hier schrecken die amerikanischen
Planer nicht davor zurück, alte Tabus anzupacken.

Das alles gilt auch für das amerikanische Marinekorps, die "Marines"
oder "Ledernacken", die sich als selbständige Truppe zwar eher zur Marine
zählen, aber in ihren eigentlichen Aufgaben doch unter die allgemeine Kategorie des infant.ristischen Einsatzes fallen.

Die US-Armee soll in ihrer gestrafften Form ihre derzeitigen 13 Divi
sionen beibehalten, Zwei davon bilden als Luftlandedivisionen in den Vereinigten Staaten die strategische Reserve, die innerhalb von Stunden in jedem
Teil der Welt eingesetzt werden kann. Eine Luftlandebrigade - eventuell auf
Hawaii stationiert - ist als Eingreifreserve im Pazifik vorgesehen. In Europa
sollen vier Divisionen stationiert bleiben und in Korea eine.

Diese Freiwilligenarmee der Zukunft mit ihren mannschaftsmäßig kleineren
Divisionen wird sich in verstärktem Maße auf die Reserve verlassen müssen.
In der Tat sind bereits heute manchen Reserveeinheiten Aufgaben von regulären
Einheiten übertragen und manche Reserveeinheit könnte rascher in Übersee zum
Einsatz kommen als eine aktive Einheit. Ausrüstung und Waffen der ArmeeReserve werden laufend auf den neuesten Stand gebracht. Da der Unterhalt
einer Reservedivision billiger ist, bekommt man für das selbe

Geld mehr

Abschreckung a s bei einer aktiven Division.
Die

- 2-

�Die Armee experimentiert ferner mit einer neuen, integrierten Division,
bei der Reservebataillone an Wochenenden und in den Sommerwochen gemeinsame
Ausbildung mit den aktiven Einheiten erfahren und mit diesen Übungen abhalten.
Im Falle einer Mobilmachung würden die Reserveeinheiten sofort in die aktive
Division integriert.

Auch bezüglich des Kampfeinsatzes gibt es völlig neue Vorstellungen.
So experimentiert die Erste Kavalleriedivision in Texas mit dem revolutionären
"Dreischlag-Einsatz". Eine Brigade ist mit Panzern und Schützenpanzern ausgerüstet, eine Brigade ist luftmobil, also mit Hubschraubern "beritten", und eine
völlig neue Art von Brigade, die sogenannten "Luftkavallerie-Kampfbrigade"
kombiniert die Feuerkraft der Artillerie mit der Beweglichkeit des Hubschraubers.

Die moderne Luftkavallerie-Division, deren Konzeption sich in Vietnam
bewährt hat und die auch für europäische Verhältnisse geeignet sein dürfte,
wird als das schlagkräftigste Instrument für einen raschen Gegenschlag gegen
einen Aggressor angesehen. Sie wird mit dem Cheyenne-Hub schrauber ausgerüstet
werden, der mit der neuen TOW-Panzerabwehrrakete bestückt ist. Mit dieser
Rakete ist jeder bisher bekannte Panzer im Tag- oder Nachteinsatz zu brechen.

Ob es der verstärkte Einsatz des Computers oder ein mobiles Flugabwehrsystem mit Raketen (SAM-D) ist, die Armee wird sich aller technologischen
Fortschritte bedienen, ohne dabei den Menschen, den Soldaten, aus dem Auge
zu verlieren.

Und auch das Marinekorps wird in Zukunft gestraffter und "reiner" seine
Aufgabe als Elitetruppe erfüllen. Der Krieg in Vietnam hat nicht zuletzt
eine zahlenmäßige Verstärkung dieser Truppe gebracht, und man erwartet, daß
es nach Vietnam wieder sehr viel schwerer werden wird, bei den "Marines"
angenommen zu werden.

Gerade im Zeitalter der Nixon-Doktrin ist es für die USA wichtig,
über eine Streitmacht zu verfügen, die rasch eingesetzt werden kann, um
die Interessen der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten im Notfall ^u
- 3-

�zu schützen. Das Marinekorps, das eine eigene Teilstreitkraft ist, wird sich
in stärkerem Maße auf seine traditionelle Rolle als Landungsstreitmacht konzentrieren. Seine Aufgabe wird es nicht zuletzt sein, verbündete Landstreitkräfte an kritischen Punkten zu unterstützen und eine gegnerische oder vom
Gegner besetzte Küste zu stürmen.

Stärker als bei anderen Waffengattungen werden bei den "Marines"
Disziplin und Drill im Vordergrund stehen, aber auch der Einzel« und Gruppenkämpfer, dem die modernsten technischen. Hilfsmittel zur Verfügung stehen.

Der Befehlshaber des Marinekorps, General Robert Cushman,und sein
Stellvertreter, General Raymond Davis, haben «wie viele Offiziere und Mannschaften - Vietnamerfahrung.
Die Ledernacken sind stolz auf ihre gepanzerten Landungsfahrzeuge
(APC), schachtelartige Panzerfahrzeuge mit einem Maschinengewehrturm ,die
mit robusten Dieselmotoren und Düsen angetrieben durch die Brandung den
Strand erklimmen können und bei einem Aktionsradius von fast 500 km jeweils
25 Mann transportieren.

Der Hubschrauber, vor allem der Chinook (CM-46), spielt ebenfalls eine
entscheidende Rolle für die Beweglichkeit. Hinzu kommt das eigene Luftgeschwader, über das jede Marinekorps-Division verfügt. Für die taktische Luftunterstützung wird man vor allem auf den Senkrechtstarter (VTOL) zurückgreifen,
wie ihn die Briten mit dem Harrier entwickelt haben.

Das Problem des Transports über das Meer wird mit sogenannten Mehrzweckschiffen (LHA) gelöst, moderne Schiffe, die ein Bataillon mit Fahrzeugen,
Hubschraubern und Flugzeugen aufnehmen können. Hier entstehen Kampfeinheiten,
die bis zu 90 Tage selbständig und unabhängig operieren können.

Ob

. 4 -

�Ob bei Armee oder Marinekorps, die Tendenz der Zukunft ist ohne Frage
Qualität an Stelle von Quantität. "Die Armee von heute", so sagte General
Westmoreland kürzlich, "ist eine dynamische Organisation, stolz auf die
Tradition und optimistisch was die Zukunft betrifft ... Sie wird weiterhin
eine furchtbare Streitmacht sein - entschlossen, den Frieden zu wahren."

+ + + +

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20/1972

DIE WAHRE MEHRHEIT: 1972
Von Richard M. Scammon

III. Die Wahlkampfthemen

Mit der von Jahr zu Jahr wachsenden Zahl der Unschlüssigen bei den Republikanern und Demokraten und bei den erfahrungsgemäß in ihrer Wahlentscheidung schwankenden Unabhängigen ergibt sich eine Lage, in der aktuelle
Probleme und Streitfragen in vielen Fällen eine für den Wahlausgang entscheidender Bedeutung erlangen können als dies in der Vergangenheit der Fall
gewesen ist.

Dazu sei in Parenthese bemerkt, daß ich mit solchen aktuellen Problemen
und Streitfragen » seien sie innen- oder außenpolitischer Natur - Dinge meine,
die die Menschen wirklich bewegen, nicht aber solche, die lediglich das Interesse der Leute wecken. So kann es durchaus sein, daß sich viele Leute außerordentlich für die Arthritis interessieren, was sie aber im allgemeinen kaum
dazu veranlassen dürfte, republikanisch oder demokratisch zu wählen. Wovon
wir sprechen, das sind Fragen, die sie zumindest so stark bewegen, daß sie
und sei es auch nur zeitweilig ihre Loyalität gegenüber ihrer alten Partei
aufgeben und sich zu der anderen bekennen. Wir sprechen also über Dinge, die
die

Menschen dazu bringen, ihre Ansichten zu ändern.
Wie

- 1 -

�Wie steht es nun für das Wahljahr 1972 hinsichtlich solcher Fragen und
Probleme? Welche könnten Einfluß auf die Wahl gewinnen?

Am eigentlichen Wahltag im November dürften die Fragen der Außenpolitik
relativ geringes Gewicht haben. Im großen und ganzen endet die Politik am
eigenen Interessenhorizont des Wählers. Sofern das Interesse über diese Linie
hinausreicht, umfaßt es im allgemeinen jedoch nicht die jeweiligen republikanischen und demokratischen Argumente und Gegenargumente. Meist findet sich
in jeder Partei eine bunte Mischung der verschiedenartigsten Standpunkte in

bezug auf die Außenpolitik. Die amerikanische Außenpolitik ist daher bei
Präsidentschaftswahlen fast nie eine Frage von besonderem Gewicht gewesen,
es sei denn das Land befände sich tatsächlich im Krieg oder es gehe um entscheidende Interessen Amerikas in Übersee. Eine solche Lage bestand im Jahre
1968 - inwieweit sie heute besteht ist fraglich. Wenn Präsident Nixon seine
Politik des Abzugs amerikanischer Truppen aus Vietnam fortsetzt und es doch
noch zu einer Regelung auf dem Verhandlungswege kommt, dann könnte das Engagement der Vereinigten Staaten in Vietnam im November so gering sein, daß
daraus keine Frage von entscheidender Bedeutung für die Wahlen gemacht werden
kann. Man wird allerdings abwarten müssen, ob sich diese Tendenz bis zum November halten wird.

Wenn also die Außenpolitik nur eine geringere Rolle spielt, jedenfalls
eine, die kaum Anlaß geben wird, daß Wähler, die für Nixon stimmten, zu den
Demokraten gehen oder demokratische Wähler im Jahre 1972 zur Partei Nixons
überwechseln, welches werden dann die für die Wahlen entscheidenden Fragen
sein?

Da wäre zuerst einmal die Wirtschaftslage zu nennen, worunter man ganz
allgemein die Frage der Arbeitsplätze, der Einkommen, der Wohnungen und was
das System sonst bietet verstehen kann. Dies wird die wichtige Frage sein, wie
sie es immer in der amerikanischen Politik gewesen ist, besonders aber seit
1932, als Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten gewählt wurde. Wenn die Wirtschaft gut läuft, wenn die Einkommen steigen, die Preise aber nicht - und
wenn es reichlich Arbeit gibt, dann dürfte dies ganz zweifellos Präsident
- 2-

�Präsident Nixon helfen. Sollten sich die Verhältnisse anders entwickeln, so
würde es ihm schaden - was zweifellos keine besonders tiefgründige Erkenntnis
ist, aber doch immer wieder gesagt werden muß.
Das einzige, was wirklich zählen wird, ist das, was die Leute in bezug
auf die Wirtschaftslage tatsächlich sehen und spüren. Es wird dabei nicht
darum gehen, ob die Phase II der Nixonschen Wirtschaftspolitik verfassungswidrig ist oder ob wir in den Sozialismus hineintreiben oder uns immer weiter
vom System des freien Unternehmertums wegbewegen oder ob wir mehr oder weniger
Kontrolle in bezug auf dies oder das brauchen. Es wird dabei ganz einfach um
ein sehr pragmatisches Urteil gehen, die Frage nämlich, ob dieser Mann, der
Präsident, "sein Geschäft versteht" - soweit es die Wirtschaft betrifft - oder
nicht1. Ist man überzeugt, daß er es tut, dann gewinnt er. Ist man aber der
Überzeugung, daß er es nicht kann, dann verliert er.

Es gibt ferner eine ganze Fülle von Problemen im Wahljahr 1972, die wir
die sozialen Probleme genannt haben. Es handelt sich dabei um die Kombination
von Problemen im Zusammenhang mit Rasse, Verbrechen, Rauschgift, Pornographie,
Studenten Unruhen, Rassenkonflikten und verlassenen Idealen » wenn man es so
nennen will -, alles Fragen, die für viele Menschen Anlaß zur Sorge sind und
zu denen die Kandidaten Stellung nehmen müssen. Tatsache aber ist, daß auch
dies keines jener großen die Wähler bewegenden Probleme im- Jahre 1972 sein
wird, es sei denn, daß es sich in explosiver, tumultuöser Form "auf der Straße
entlädt - wie es in Watts und Newark der Fall war - oder daß es an den Universitäten oder anderswo zum Ausbruch kommt. Verbrechen ist im allgemeinen
ein Problem lokaler oder kommunaler Art und steht unter der Kontrolle der
zuständigen Organe. Außerdem gibt es für die weiße Bevölkerung - zumindest
in den Stadtzentren des Ostens der Vereinigten Staaten dagegen ein Mittel.
Man läuft davon - und das hat denn auch die weiße Bevölkerung zum großen
Teil getan. Die Flucht aus den Zentren der Städte

in die Vorstädte und Vor-

orte ist eine Weise, wie man mit dem Problem "fertig werden" kann.

Eine

�Eine der sozialen Fragen, die die Nation im Augenblick verbittert, ist
das Problem der Schulbusse, das "busing" - die Beförderung der Schulkinder
in Schulen, die von ihrem Wohnhaus relativ weit entfernt liegen, um auf diese
Weise ein besseres rassisches Gleichgewicht in den Klassen zu erreichen. Diese
Frage bewegt die Schwarzen, die verstreut in von Weißen der mittleren und
unteren mittleren Einkommensgruppe bewohnten Vorstadtsiedlungen leben, vor
allem in Gebieten, in denen das Einkommen der Hausbesitzer nicht ausreicht,
um sich diesem Verfahren durch erneuten Umzug oder Einschulung der Kinder in
Privatschulen zu entziehen. Das "busing" kann durchaus zu einem wichtigen
Wahlthema werden, da sie auch durch den Appell Präsident Nixons an den Kongreß,
ein Moratorium für die

Durchführung zu erwirken, nicht aus der Welt geschaffen

wurde. Es wird auf nationaler Ebene nicht so große Bedeutung erlangen, wie bei
den Vorwahlen in Florida am 14. März, aber es ist ein wichtiges Problem, denn
das Wohlergehen der eigenen Kinder ist eines der elementaren Dinge, das alle
Amerikaner stark bewegt.

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IV. Die Persönlichkeit der Kandidaten

Wenn es in Amerika in diesem Wahljahr keine "einschneidenden "Probleme
oder Fragen von entscheidendem Gewicht für den Wahlkampf gibt, welche Bedeutung wird dann die Frage der Persönlichkeit und des Charakters der Kandidaten gewinnen? Welchen Mann soll man mit der "Geschäftsführung" betrauen?
Die Wähler werden sich fragen: Ist er einer, der sich einsetzt und dem man
vertrauen kann? Würde man ihm sein eigenes Haus vermieten? Würde man ihn als
Anwalt haben wollen?

Die Hauptkandidaten müssen bemüht sein - und zwar sowohl in der Nominierungskampagne als auch im eigentlichen Wahlkampf - sich als Führerfigur als eine Persönlichkeit mit hohen Führungsqualitäten

- darzustellen, als

Männer, in die man Glauben und Vertrauen setzen kann, denen man Kredit einräumt und mit denen man gut zu fahren meint, wenn man ihnen für vier Jahre
das höchste Amt anvertraut. Um die Wählerblöcke der Parteikoalitionen zu verstärken muß man sich an die Unabhängigen und an all die Wähler wenden, die
bewußt ihre Stimme aufteilen und im Werben um ihre Gunst ist die Frage der
Persönlichkeit des Kandidaten umso bedeutsamer, wenn es an wirklich "einschneidenden

Fragen" fehlt.

Zur Frage der Persönlichkeit - des Charisma - läßt sich heute wohl nur
sagen, daß keiner der Kandidaten - weder bei den Demokraten noch bei den
Republikanern - solche charismatischen Züge für das amerikanische Volk besitzt. Präsident Nixon wird respektiert aber - wie ich glaube - nicht unbedingt verehrt und geliebt. Von ihm geht ganz gewiß nicht diese besondere per-

- 1 -

�persönliche Ausstrahlung aus, die man bei Präsident Eisenhower fand oder die
Präsident Roosevelt bei der vorigen Generation besaß. Unglücklicherweise gilt
aber das Gleiche auch für die Demokraten. Auch bei den Demokraten gibt es
niemand, der die Leute so zu begeistern vermöchte

wie beispielsweise Prä-

sident Eisenhower dies im Jahre 1952 konnte. Es gibt Kandidaten vom rechten
Flügel der Partei, aus der Parteimitte und vom linken Flügel. Aber ich glaube,
man darf wohl sagen, daß es bisher noch keinem gelungen ist, die Herzen der
Wähler zu packen. Bei keinem von ihnen gibt es diesen kometenhaften Aufstieg
aus dem Nichts wie damals im Jahre 1940 bei Wendeil Willkie. Keiner hat die
Phantasie des amerikanischen Volkes wirklich entflammt - weder der derzeitige
Präsident noch diejenigen,die sich um sein Amt bewerben.

Das sind die Probleme, wie ich sie sehe, und das sind die Bedingungen
der Parteiloyalität und der Reaktionen von Seiten der Wählerschaft. Damit
haben wir sozusagen eine Anatomie der Wahl. Bringt man dies nun alles zusammen und rührt gut um, was ergibt sich dann für das Wahljahr 1972?

Für die republikanische Seite ergibt sich eigentlich nur eine sinnvolle
Möglichkeit und das ist die erneute Nominierung Präsident Nixons.
Für die Demokraten wird der Ablauf des Geschehens weitgehend davon
abhängen, wie die verschiedenen Kandidaten aus den Vorwahlen hervorgehen.
Die "Primaries" und die öffentlichen Meinungsumfragen werden damit auch
weiterhin einen bedeutenden Einfluß auf die Delegierten ausüben, die im Juli
dieses Jahres auf dem Parteikonvent in Miami Beach über die Nominierung ihres
Präsidentschaftskandidaten entscheiden.
Wird das Ergebnis der Meinungsumfragen die Wähler stark beeinflussen?
Die Antwort darauf lautet: Nein! Die Meinungsumfragen haben aber einen gewissen
Einfluß auf die Delegierten, weil diese in ihnen ein Instrument sehen, das wenn auch nicht mit letzter wissenschaftlicher Methodik so doch nach gewissen
wissenschaftlichen Kriterien, die besser sind als die meisten anderen sichere Aufschlüsse darüber gibt, was die Wähler wollen - und gerade darauf
kommt es dem Konvent ja an! Aufgabe des Parteikonvents ist es, unter den Kan- 2-

�Kandidaten denjenigen zu finden, der bei den Wählern den durchschlagendsten
Erfolg verspricht und mit dem man die Wahl im November gewinnen kann.
Die "Primaries" - die Vorwahlen - sind mitentscheidend für die Auswahl
dieses Mannes. Bei den Vorwahlen werden zwei Drittel der Delegierten für die
Nationalkonvente gewählt, während das andere Drittel aus den örtlichen Parteikonventen und Wahlausschüssen hervorgeht. So wichtig diese legale Funktion der
Vorwahlen ist, so wichtig ist ihre psychologische Funktion. Die Vorwahlen
sind außerdem von großer Bedeutung, weil sie uns ein Bild von der relativen
Stärke der einzelnen Kandidaten geben. Schon lange vor der eigentlichen Wahl
lassen sie die für die Wähler bedeutsamen Fragen klarer hervortreten und
helfen mit, die Koalitionen zusammenzuschweißen.

Die hauptsächlichen Veränderungen, die wir heute bei den politischen
Parteien beobachten, sind durch die Schaffung und Erweiterung des Systems
der Vorwahlen entstanden. Wenn man die Macht über die Kontrolle der Nominierungen in die Hände der Allgemeinheit legt,so ändert das natürlich den
Charakter der politischen Parteien. Die alte politische Partei - im Sinne
einer fest organisierten Gruppe, die in einer Stadt die Macht hat - gibt es
schon lange nicht mehr. Die wichtigste Veränderung besteht darin, daß die
Öffentlichkeit nicht länger mehr von den Nominierungen abhängig ist, die
innerhalb der Partei statt von der Allgemeinheit getroffen wurden und daß
der Wähler die Freiheit hat, unter solchen Kandidaten zu wählen, die er aus
Rundfunk und Fernsehen besser kennt als je zuvor.

Der demokratische Prozeß ist schon eine erstaunliche Sache. Er bringt
nicht notwendigerweise den Mann an die Spitze, den man sich wünscht. Nicht
immer ist der geschickteste und tüchtigste Kandidat am Ende auch der Sieger.
Dennoch kann man wohl sagen, daß der demokratische Prozeß ein Resultat erbringt, gegen das man die wenigsten Einwände erheben kann. Ich muß dabei
immer an den ausgezeichneten Kommentar eines namhaften amerikanischen Leitartiklers denken, der erklärte, daß man sich in einer wahrhaft demokratischen
Gesellschaft in der Tat lieber von den ersten zweitausend Personen im Bostoner
Telefonbuch regiert sähe als von der Gesamtheit der Fakultät der HarvardUniversität.
+ + + -t- +
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VOLCKER ZEIGT HAUPTPUNKTE FÜR REFORM DES WELTWAHRUNGSSYSTEMS AUF
Auszüge aus der Rede des US-Staatssekretärs in Montreal -

MONTREAL, Kanada - (AD) - Der Staatssekretär im amerikanischen Finanzministerium, Paul A. Volcker, hat am 12= Mai in einer Rede auf der internationalen Währungskonferenz 1972 in Montreal die Hauptpunkte aufgezeigt, an
denen sich nach Auffassung der amerikanischen Regierung jedes Reformmodell
eines internationalen Währungssystems orientieren müsse. Der Staatssekretär,
der in seinem Ministerium für Währungsfragen zuständig ist, erklärte hierzu
wörtlich:

" .., Im Verlaufe dieser Konferenz haben wir sehr erhellende und
brillante Darlegungen der Übel gehört, die das Währungssystem heimsuchen,
sowie der Methoden, wie man damit fertig werden kann« Nachdem ich jedoch diesen
weiten Bereich an Meinungen gehört habe, werden Sie, so glaube ich, verstehen
können, warum wir in den Vereinigten Staaten keinen vorfabrizierten Plan für
eine Reform haben, mit dem wir eine wartende Welt überraschen könnten - genau
so wenig wie wir, offen gesagt, andere Nationen schon bereit gefunden haben,
ihr abgewogenes Urteil bekanntzugeben. Selbst die Übereinstimmung, die sich
angeblich herausbildet, daß nämlich eine größere Flexibilität der Wechselkurse in jedem zukünftigen System nötig sei, verbirgt wesentliche Unterschiede des Denkens und geht einfach über einige ungelöste Dilemmas und Schwierigkeiten im Funktionsmechanismus hinweg.
Wir

- 1 -

�Wir haben ferner verschiedene Ansichten über die Konvertierbarkeit, über
Fundierungsmechanismen, über die Art und Weise der Reserveschöpfung, über die
allmähliche Ausschaltung des Dollar als Reservewährung, über die Art des
Zahlungsbilanzausgleichs

sowie über andere Dinge gehört.

Dies sind alles relevante und wichtige Tagungsordnungspunkte, wenn man
über die Währungsreform spricht. Wenn wir an diese Tagesordnung herangehen,
so werden wir in einigen Fragen ieste Auffassungen haben - wie beispielsweise
in der Frage, daß der Trend zu einer geringereren Bewertung des Goldes verstärkt werden sollte -, und in anderen Fragen sind die Aussichten offen beispielsweise was die Rolle der Reservewährungen anbetrifft.

Unserer Meinung nach ist es aber noch wichtiger, daß bei der Erörterung
der verschiedenen Währungsmechanismen diese, unseren gemeinsamen Zielvorstellungen und einer realistischen Einschätzung der zugrundeliegenden wirtschaftlichen Kräfte gegenübergestellt werden. Bestimmte Mechanismen funktionieren gut oder schlecht - je nachdem sie eben einer einhelligen Auffassung
bezüglich der Art eines internationalen Wirtschaftssystems entsprechen, das
die Nationen wirklich wollen. Die grundlegenden Ziele, Vorstellungen und Wirtschaftsstrukturen sollten die Mechanismen bestimmen - nicht umgekehrt.

Ich möchte heute vier der zugrundeliegenden Fragen ansprechen, denen
gegenüber sich jedes Reformmodell bewähren muß. Ich behaupte nicht, daß
diese Liste umfassend ist. Ich glaube jedoch, daß sie Probleme von entscheidend
wichtiger Bedeutung einschließt. Ohne Frage reflektiert sie einige der Hauptanliegen der Vereinigten Staaten.

1. Wir müssen die Auswirkungen des Versuchs, Symmetrie in unseren
monetären Vereinbarungen zu erreichen, genau überprüfen. Das Konzept der
Symmetrie wird gewöhnlich mit Vorstellungen verbunden, die man zusammenfassen
könnte als Schaffung eines reinen Aktiva-Ausgleichssystems (pure asset
•»et:*. L.tnuent

System), das Ende der Rolle der Reservewährungen und die Ein-

führung rechtzeitiger und wirksamer Maßnahmen zur Beseitigung entstehender
Zahlungsbilanzungleichgewichte. Das würde unter anderem einschließen, daß

- 2-

�daß den Vereinigten Staaten die Anwendung von Wechselkursänderungen und
anderen Instrumenten zur Beseitigung äußerer Ungleichgewichte zugestanden
wird, die denen voll entsprechen, die anderen Ländern schon seit langem
zur Verfügung stehen.

Nach mehr als 20 Jahren eines Zahlungsbilanzdefizits und der Erkenntnis der schweren Belastungen für den Dollar gibt es einige Aspekte eines
solchen Systems, die in den Vereinigten Staaten natürlich Anklang finden.
Aber wir müssen auch die übrigen Auswirkungen genau untersuchen. Angesichts
unserer geschwächten finanziellen Auslarlsposition müßten wir zunächst mit
einer Reihe von US-Überschüssen beginnen, die unsere Reserven verstärken
würden. Nach der Anfangsperiode könnte kein Land auf lange Sicht gesehen
damit rechnen, beständig Überschüsse zu halten.

So sieht das logisch aus. Aber wie würde die Praxis aussehen?

Gibt es unter den Überschußländern Kandidaten, die ihre Wechselkurse
ändern, ihre Importe liberalisieren oder andere politische Schritte ergreifen wollen,um Überschußpositionen rasch in Defizite zu verwandeln?
Wir wissen, wie wir einen Druck auf Defizitländer ausüben können; wie
aber sehen die geeigneten Mechanismen und die Zuchtmittel für entsprechende
Maßnahmen gegen Überschußländer aus? Und werden - was nach wirtschaftlichen
Begriffen auf das gleiche hinausläuft - andererseits andere Länder in Zukunft
bereit sein, es hinzunehmen, daß ihre Überschüsse durch die Ausübung der
Freiheit der USA, ihre Wechselkurse oder ihren sonstigen politischen Kurs
zu ändern, in Defizite verwandelt werden?

Wenn dem nicht so ist, dann sollten wir uns besser irgendein anderes
System überlegen. Sicherlich würden wir - wie dies auch jede andere Nation
tun würde - ein System ablehnen, das den Ausgleich nur durch das Mittel
einer Deflation im eigenen Lande erzwingt, die zu akzeptieren keine moderne
Regierung bereit ist.
2. Wenn

3 -

�2. Wenn wir davon ausgehen, daß im Augenblick grundsätzliche Übereinstimmung darüber herrscht, daß ein symmetrisches System und rasche Zahlungsbilanzanpassungen wünschenswert sind, dann bleiben doch prinzipielle Meinungsverschiedenheiten darüber, wie diese Anpassungen vorgenommen werden
sollten. Die Vereinigten Staaten haben tief im Innern eine Auffassung - die
im Denken wie in der Praxis verwurzelt ist - daß wir ein Marktgleichgewicht
wollen - keinen Ausgleich, der nur durch ständige oder immer wiederkehrende
Kontrollen des Kapitals oder anderer Zahlungen aufrechterhalten werden kann.
Ein solches Gleichgewicht bedeutet für die Vereinigten Staaten die Notwendigkeit eines großen laufenden Zahlungsbilanzüberschusses - der wiederum
einen beachtlichen Handelsüberschuß verlangt. Sonst werden wir nicht in der
Lage sein, Hilfe zu gewähren. Wir würden praktisch (gegen die Gesetze der
Natur) verlangen, daß das Kapital bergauf fließt zum reichsten Land und zwar
von den Ländern,die weniger gut ausgestattet sind.

Trotz unserer Grundauffassungen in dieser Frage haben wir es als notwendig erachtet, in dieser Übergangsperiode, bis sich unsere Zahlungsbilanz
dem Ausgleich nähert, die bestehenden Kontrollen für den Kapitalabfluß aus
den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Ein Schreiben, das diese Entscheidung für das ganze Jahr 1972 bestätigt, ist an die Unternehmen abgegangen, die unter dem direkten Investitionsbeschränkungsprogramm arbeiten.
Die einzige Modifizierung des Programms wird darin bestehen, daß besondere
Vorsorge getroffen werden wird, um zu vermeiden, daß die Fähigkeit dieser
Unternehmen, ihre Exporte zu finanzieren, unabsichtlich beeinträchtigt wird.

3. Einige der vorgeschlagenen Modelle für das Währungssystem setzen
von ihrer Natur her ein hohes Maß an Koordinierung der nationalen Währungs-,
Fiskal- und der sonstigen Politik voraus. Niemand von uns, der die Vorteile
des internationalen Handels genießen möchte, kann wie auf einer Insel für
sich allein leben. Die ins Einzelne gehende und ständige Koordinierung der
verschiedenen Instrumente der Politik würden uns jedoch schwere Beschränkungen
auferlegen, die über die hinausgehen, die irgendeine nationale Regierung bereit
oder in der Lage gewesen wäre hinzunehmen.
4. Es

�4. Es gibt noch eine Frage anderer Art und Manifestation, die sich durch
das ganze Gewebe unserer Währungs- und Handelsordnung zieht. Sie hat Auswirkungen für jedes Land, aber im heutigen Zusammenhang kann ich sie mit zwei
Worten ausdrücken:

Wohin Europa?'

Wir hören viel von den Tugenden eines «Eine-Welt-Systems* und von der
Furcht vor Blöcken. Es ist jedoch eine greifbare Tatsache, daß wir einen
großen und sich ausweitenden Präferenz-Handelsblock haben. Es vergeht kaum
eine Woche, da wir nicht einen Bericht über die eine oder andere Zusammenkunft
lesen, um dieses Gebiet durch Präferenzabkommen noch weiter auszudehnen oder
seinen Zusammenhalt auf dem Währungsgebiet zu verstärken.
t

Blockt ist ein emotionsgeladenes Wort, aber ich benutze es nicht un-

bedingt im kritischen Sinne.' Schließlich haben die Vereinigten Staaten lange
genug die Entwicklung des Gemeinsamen Marktes politisch unterstützt. Darüber
hinaus könnte die Währungseinheit in Europa an sich, und wenn sie zustandegebracht werden könnte, per Saldo ein konstruktives Element in einer Weltwährungsordnung werden.

Wovor wir uns fürchten, sind natürlich antagonistische, konkurrierende
Blöcke, die in aggressiver Weise um sich selbst herum ein System von Handelsund Finanzrestriktionen und -kontrollen aufbauen und ausweiten. Wir sind,
offen gesagt, über einige solcher Tendenzen, wie wir sie in Europa sehen,
beunruhigt.

Was bleibt bei der Ausweitung der Gemeinschaft, ergänzt durch Handelspräferenzabkommen - bestehende

oder ins Auge gefaßte - die sich auf über

60 Länder und über die Hälfte des industriellen Handels erstrecken, von jenem
Eckstein unseres Handelssystems, der 'Meistbegünstigungs"-Prinzip genannt
wird? Wird ein regionales Zahlungssystem, statt darin integriert zu werden,
an die Stelle eines multilateralen Systems treten? Was bedeuten Wechselkursanpassungen, wenn auf großen landwirtschaftlichen Sektoren, auf denen
die Vereinigten Staaten und Kanada zu - grob gesagt - den halben Preisen
produzieren wie Europa und wo sie einen großen Wettbewerbsvorteil haben, ein
- 5-

�ein System variabler Abgaben unserer Erzeugnisse automatisch abschreckt?

Wie Sie wohl schon lange gemerkt haben, bin ich bei meinem heutigen
Auftreten hier nicht von der Vorstellung ausgegangen, daß wir vor einer
leichten Aufgabe stünden, die nach einem vorhandenen Plan rasch gelöst
werden könnte. Schließlich stehen wir vor keiner geringeren Aufgabe, als
lebenswichtige nationale Interessen im Rahmen eines vereinbarten, realistischen
und wünschenswerten Währungs- und Handelssystems miteinander in Einklang zu
bringen. Wir müssen unseren Weg durch eine Hindernisbahn politischer Empfindlichkeiten

und einfachen Versagens der Kommunikation suchen.

Auf der anderen Seite jedoch habe ich ein wachsendes Gefühl des Vgrtrauens.
Ich bin überzeugt, daß eine Übereinstimmung über die Art und Weise entsteht, wie wir im Rahmen eines Mandats verfahren, das weitgehend genug ist
und das den gemeinsamen Willen widerspiegelt, voranzukommen und mit den zugrundeliegenden Problemen fertig zu werden» Wir beginnen uns von den Hemmungen zu lösen, etwas Vertrautes verteidigen zu wollen, nur weil es eben
vertraut ist, auch wenn es nicht mehr funktioniert. Was wir gemeinsam haben,
ist die Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen.
Und was wir auch gemeinsam haben, ist eine Verantwortung für die Zukunft. Es geht um unsere gemeinsame Prosperität und die größere Harmonie
der politischen und wirtschaftlichen Weltgemeinschaft.
Sehen Sie bitte die Rolle der Vereinigten Staaten in all dem nicht
falsch. Es wäre töricht zu glauben, wir könnten es alleine schaffen. Sie
kennen jedoch unsere grundlegenden Traditionen und Neigungen - nach außen
zu blicken, mit anderen zusammenzuarbeiten, unsere Prosperität in einem
größeren Ganzen zu finden. Wir erwarten von anderen, daß sie die große Verantwortung ausüben, zu der Stärke verpflichtet.
Von dieser Basis ausgehend haben wir allen Grund zu der Erwartung,
daß wir zusammen auf den Leistungen der Vergangenheit aufbauen können."
+ 4-4 4 4-

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20/1972

DIE US-HANDELSPOLITIK KÄMPFT AN ZWEI FRONTEN
Von Eugene Brake

WASHINGTON - (AD) - Die Handelspolitik der amerikanischen Regierung ist
nur dann begreiflich, wenn man sie nicht nur im Zusammenhang mit einer
etwaigen Konfrontation zwischen den USA und anderen Ländern sieht. Es ist
so, daß die Regierung in Washington sozusagen in der Mitte steht und auf
der einen Seite die Angriffe protektionistischer Kräfte abwehren muß und
auf der anderen Seite versucht, ihre liberale Handelspolitik gegenüber anderen
Ländern durchzusetzen.

Wie andere demokratischen Länder können die Vereinigten Staaten ihre Bemühungen um ein offeneres Handelssystem nur fortsetzen, wenn die Regierung
weiterhin genügend politische Unterstützung für ihre liberale Handelspolitik
mobilisieren kann. In den USA ist diese Unterstützung in letzter Zeit gefährlich ausgehöhlt worden - was beispielsweise durch die Tatsache deutlich
wird, daß die amerikanischen Gewerkschaften weitgehend das Lager der Verfechter des Freihandels verlassen haben.

Wenn die amerikanische Regierung die politische Basis für ihre Handelspolitik im eigenen Lande wiedergewinnen will, wird sie gelegentlich nachdrücklicher die Beseitigung von Ungerechtigkeiten im internationalen Handel
fordern müssen, als sie das sonst vielleicht getan hätte. In anderen Fällen

- 1-

�Fällen wird sie Maßnahmen treffen müssen, die auf den ersten Blick als
widersprüchlich zu der verkündeten liberalen Handelspolitik erscheinen
mögen. Kleinere taktische Rückzüge auf politisch so heiklen Gebieten wie
Textil- und Stahleinfuhren mögen jedoch nötig sein, um den anhaltenden
Vormarsch auf breiter Front zu sichern.
Das Dilemma, vor dem die amerikanische Regierung steht, ist von dem
Staatssekretär im US-Finanzministerium, Charls E. Walker, am 21. April
auf einer Tagung der Asiatischen Entwicklungsbank in Wien offen dargelegt
worden:

"Die für die politischen Entscheidungen Verantwortlichen in der NixonAdministration stehen wie ein Mann nachdrücklich für einen liberalen und
expandierenden multilateralen Handel mit möglichst wenig Behinderungen ein",
so sagte er. "Aber es ist und bleibt eine Tatsache, daß für viele arbeitende
Menschen in den USA das Handelsdefizit meines Landes zu Recht oder Unrecht
als ein Export von Arbeitsplätzen angesehen wird." Dies, so betonte er, sei
einer der Hauptgründe für das Anwachsen des protektionistischen Denkens in
den Vereinigten Staaten und stelle Präsident Nixon und seine Berater vor
schwierige politische Entscheidungen. Es sei unbedingt notwendig, den isolationistischen Druck zunächst abzuwehren und ihn dann ins Gegenteil zu verkehren, und zwar mit Hilfe von Maßnahmen, die einer Ausweitung des Welthandels statt seiner Beschränkung dienen. Die neue Wirtschaftspolitik Präsident Nixons vom August vorigen Jahres habe sich gerade das zur Hauptaufgabe gemacht.

Die zentrale Forderung der Nixon-Administration ist eine neue globale
Runde umfassender Handelsverhandlungen, die bereits Ende 1973 beginnen soll.

Wie wird jedoch die amerikanische Regierung die Vollmacht für einen
weiteren Abbau von Handelsschranken in den USA erhalten können, wenn mächtige
Kräfte gleichzeitig weitere Restriktionen fordern?

Die
- 2-

�Die Strategie der Regierung in Washington läuft kurz formuliert darauf
hinaus, sich die Unterstützung der Gruppen zu erhalten, die von einem verstärkten Handel profitieren - vor allem Farmer und exportorientierte

In-

dustriezweige - und den Arbeitern zuzusichern, daß sie nicht die Zeche bezahlen müssen, wenn es darum geht, dem Verbraucher durch freiere Importe
Preisvorteile zu gewähren.

Aus diesen Gründen können Orangen und Grapefruit zu einem wichtigen
Problem der amerikanischen Handelspolitik werden. Schließlich sind die
Farmer immer nachhaltige Befürworter einer liberalen Handelspolitik gewesen, denn für sie sind die Exportmärkte wichtig.

Die Bemühungen, die Auswirkungen verstärkter Importe auf die Arbeitsplätze amerikanischer Arbeiter aufzufangen, können verschiedene Formen annehmen. Ein Weg, der von der Nixon-Administration bevorzugt eingeschlagen
wird, ist der, den betroffenen Firmen bei der Anpassung und der Stärkung der
eigenen Konkurrenzfähigkeit zu helfen, oder sie beim Übergang zur Herstellung
anderer,vom Import weniger gefährdeter Erzeugnisse zu unterstützen. Hier
bietet die Gesetzgebung ausreichende Möglichkeiten, allerdings waren die
Maßstäbe für die Gewährung einer solchen Unterstützung zu strikt. Die Administration wird daher wohl im Rahmen neuer Handelsgesetzesvorlagen hier
eine Abhilfe zu schaffen suchen, indem sie eine Erleichterung für die Anpassungshilfe vorschlagen wird.

Nun mag aber in manchen Fällen eine solche Anpassungshilfe nicht genügen.
Die bestehende "Ausweichklausel'1 - die im Falle ernsthafter Gefährdung amerikanischer Betriebe durch Importe eine völlige oder teilweise Zurückziehung von
Handelskonzessionen erlaubt - ist nicht ganz zufriedenstellend. Weder Befürworter des Freihandels noch importgeschädigte Arbeiter und Unternehmer sind
hundertprozentig mit dieser Klausel zufrieden.

Sowohl die Kommission, die im Auftrage Präsident Nixons die Handels- und
Investitionspolitik der USA überprüft hat, als auch private Gruppen

wie die

Nationale Planungsgesellschaft haben auf die Notwendigkeit eines besseren
3 -

�1

besseren Schutzes hingewiesen. Von allen Seiten werden Verfahren befürwortet,
die den Schock der Anpassung an sich verändernde Verhältnisse im Handel
besser abfangen, aber auf der anderen Seite keine anhaltende Gefährdung der
Vereinbarungen über eine Liberalisierung des Handels mit sich bringen.

Die Frage des Schutzes der einheimischen Wirtschaft dürfte eines der
Themen sein, das bei den kommenden globalen Handelsgesprächen erörtert
werden könnte. Eine Verbesserung der Anpassungshilfe und verbesserte Verfahren zum Schutze einheimischer Industriezweige dürften eine der wichtigsten
Voraussetzungen für einen Fortschritt zu einem offeneren Welthandel sein.

. 4-

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US-INNENMINISTER: ALASKA-ÖLLEITUNG KANN GEBAUT WERDEN

- (AD) - Nach sorgfältiger Abwägung des Für und Wider in der Frage
der Errichtung einer Ölleitung für den Transport von Rohöl aus dem Fördergebiet von Nordalaska gab jetzt US-Innenminister Rogers C. B. Morton bekannt, daß seine Behörde keine grundsätzlichen Bedenken gegen den Bau einer
Transalaska-Pipeline habe; sie soll die Ölfelder an der Purdhoe-Bucht mit
dem Hafen Valdez an der Südküste Alaskas verbinden.

Diese Zustimmung setzt allerdings die Einhaltung der vorgesehenen umfangreichen Maßnahmen für den Natur- und Umweltschutz voraus. Die Risiken,
die Kosten und der Zeitaufwand für dieses Projekt sind im Vergleich zu den
Problemen, die bei den Alternativplänen in Kauf zu nehmen wären, wesentlich
akzeptabler. Die Pipeline könnte bei planmäßigem Verlauf der Bauarbeiten
1976 in Betrieb genommen werden und schon im Jahr 1980 eine Tageskapazität
von 230 000 bis 280 000 Tonnen Erdöl haben. Ohne das Alaska-Öl beliefe sich
die Eigenproduktion der USA auf etwa 1 285 000 bis 1 715 000 Tonnen täglich,
während der Bedarf an Erdöl bis dahin zwischen 3 000 000 und 3 500 000 Tonnen
pro Tag betragen dürfte.

Das für die Erschließungsarbeiten notwendige Land würde vom Bundesstaat Alaska zur Verfügung gestellt. Das am Bau der Pipeline interessierte
Firmenkonsortium hätte allerdings dafür Sorge zu tragen, daß die Leitung

-

I

-

�Leitung

gegen mögliche Beschädigungen durch Erdbeben mit allen technischen

Mitteln geschützt bzw. ein Auslaufen von Öl verhindert wird. Ähnlich strenge
Bestimmungen ergeben sich für den Weitertransport durch Tanker von Valdez
zu den Häfen der amerikanischen Bundesstaaten am Pazifik.

+ ++++

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STREPTOKOKKEN DURCH FARBETEST UNTERSCHEIDBAR

- (AD) - Eine neue Methode zur Bestimmung der Virulenz von Streptokokken
und damit zur Unterscheidung pathogener von nicht pathogenen Bakterien dieser
Gruppe entwickelten Wissenschaftler der Georgetown-Universität (Washington,
D.C.) unter der Leitung des Mikrobiologen Dr. Robert I. Krasner. Im wesentlichen handelt es sich um die Abwandlung eines Färbetests mit NitroblauTetrazolium (NBT), der zum Nachweis der im Kindesalter auftretenden Granulosis.
Erkrankung angewandt wird.

Bei früheren Forschungen wurde der NBT-Färbetest u.a. dazu benutzt, die
Fähigkeit weißer Blutzellen zur Zerstörung eindringender Bakterien zu ermitteln. Dabei lag das Schwergewicht der Untersuchungen darauf, ausfindig zu
machen, welche Rolle die Wirtszellen,die weißen Blutzellen also, bei der Abwehr bakterieller Infektionen spielen. Dr. Krasner und seine Kollegen dagegen
wollten am Beispiel der Streptokokken ausfindig machen, was mit den Bakterien
selbst geschieht. Sie stellten fest, daß harmlose (avirulente) Streptokokken
von den weißen Blutzellen aufgenommen und abgetötet werden. Das zeigt sich
an der Farbänderung. Das ursprüngliche Gelb geht infolge der Reduktion zu
Formazan in Blau-Schwarz über, wobei die Dunkelfärbung umso stärker in Erscheinung tritt, je aktiver die weißen Zellen gegenüber den Bakterien sind.
Die virulenten Streptokokken dagegen, die Infektionen wie rheumatisches
Fieber auslösen, werden von den weißen Blutzellen kaum angegriffen, so daß
es praktisch nicht zu einer Farbänderung kommt. Nach Dr. Krasner nimmt der

�der Test nur drei bis vier Stunden in Anspruch. Sein Wert liegt gegenwärtig
vor allem darin, daß er neue Möglichkeiten zur Untersuchung der Eigenschaften
von Bakterien aufzeigt, die Infektionskrankheiten verursachen.

Die Bekämpfung von bakteriellen Infektionen mit dem Antibiotikum Streptomycin und einer Gruppe verwandter Antibiotika ist seit langem gebräuchlich.
Wissenschaftler der Harvard-Universität gelang es nunmehr, die Wirkungsweise
dieser Substanzen bei der Veränderung bzw. Störung der Eiweiß-Synthese in
der Zelle in bezug auf einzelne Phasen dieses Mechanismus aufzuklären. Dr.
Brian J. Wallace (als Gastforscher aus Australien) und Dr. Bernard D. Davis,
Professor für bakterielle Physiologie an der Harvard-Universität in Cambridge
(Mass.), berichteten darüber kürzlich auf der Jahrestagung der Amerikanischen
Gesellschaft für Mikrobiologie in Philadelphia. Das Schlüsselelement bilden
dabei die Ribosomen, Partikel, an denen die Proteinsynthese abläuft und die
durch die sogenannte Boten-RNS (bestimmter Typ von Ribonukleinsäure) miteinander verbunden sind. Obgleich Streptomycin nur einige der zahlreichen
Funktionen eines Ribosoms ausschaltet, setzt es eine zyklische Reaktionskette in Gang, die das Zellwachstum permanent blockiert.

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SCHIZOPHRENIE - EINE ENZYMMANGELKRANKHEIT?

- (AD) - In einem Vortrag vor der Amerikanischen Gesellschaft für
Psychiatrie in Dallas (Texas) erläuterte einem Bericht der New York Herald
Tribüne zufolge Dr. J. Gottlieb von der Wayne-Universität (Detroit, Michigan)
aufsehenerregende Ergebnisse seiner nahezu 40jährigen Forschungen zur Aufklärung der Ursachen von Schizophrenie. Zusammen mit dem Biochemiker Dr. Charles
Frohman gelang es ihm, ein kleines Eiweißkörperchen zu isolieren, das der
Körper in Stress-Situationen psychischer oder physischer Natur produziert.
Dieses S-Protein besitzt nach Feststellung der beiden Wissenschaftler bei
Schizophrenen eine korkzieherähnliche Form, bei gesunden Personen dagegen
ist es ähnlich wie ein Blasebalg oder eine Feder gefaltet. Dieser Formunterschied sei, so Dr. Gottlieb, maßgebend für die Wirkungsweise des Proteins.
Sie führe bei Schizophrenen zu einer erhöhten Aufnahme von Tryptophan (einer
essentiellen Aminosäure) im Hypothalamus, dem Zwischenhirn mit dem Erregungszentrum. Tryptophan wiederum ist wichtig für die Bildung von Serotonin, das
bei der Übermittlung von Botschaften zwischen den Gehirnzellen eine große
Rolle spielt.

In überaus mühevoller Arbeit untersuchten die Wissenschaftler u.a.,
welche Verbindungen im Zwischenhirn unter dem Einfluß von Tryptophan entstehen. Eine davon, Dimethyltryptamin, ruft Psychosen und Halluzinationen
hervor. Diese Verbindung wurde schon früher im Blut und Urin von Kranken
im akuten Schizophrenie-Anfall in wesentlich höheren Konzentrationen fest-

- l -

�»

festgestellt, als sie bei nicht-schizophrenen Personen zu beobachten ist.
Es muß also eine Substanz geben, die im gesunden Organismus die ganze Reaktionskette und somit auch die Produktion und Aktivität des korkzieherförmigen S-Proteins steuert. Die Substanz von der Natur eines Enzyms Dr. Gottlieb nennt sie Anti-S-Protein - konnte nach langwierigen Tierexperimenten jetzt isoliert werden. Sie ist nur im Gehirn gesunder Tiere
nachzuweisen, nicht aber bei Versuchstieren mit typischen Schizophreniemerkmalen. Sie reguliert die Produktion des korkzieherförmigen S-Proteins,
d.h. sie beschränkt sie im gesunden Organismus auf die Perioden mit besonderen seelischen oder körperlichen Belastungen. Beim SchizophrenieKranken dagegen läuft diese Produktion ungeachtet der jeweiligen Belastungssituation weiter, so daß es zu einer Art "Eigenvergiftung" im Erregungszentrum des Gehirns kommt. Diesen Prozeß mit einer geeigneten Substanz in
der richtigen Dosis am richtigen Ort zu unterbrechen, wäre der nächste
logische Schritt. Nach Meinung Dr. Gottliebs sind dazu noch manche Jahre
wissenschaftlicher Vorarbeit im Laboratorium erforderlich.

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NEUER DETEKTOR ERMÖGLICHT STARKE REDUZIERUNG DER STRAHLENBELASTUNG

- (AD) - Die Verwendung eines neuartigen Szintillationsdetektors macht
es möglich, die Strahlendosis, der ein Patient während der diagnostischen
Tests bei Verdacht auf Krebs oder bei bestimmten Erkrankungen der Schilddrüse ausgesetzt wird, auf den tausendsten Teil zu reduzieren. Dennoch ist
die Methode, wie Dr. Paul B. Hoffer von der Krebsforschungsklinik der Universität Chicago (Argonne Cancer Research Hospital) erklärte, ebenso genau
wie die übrigen Scanning-Verfahren bei der Verwendung von Radioisotopen zu
diagnostischen Zwecken.

Das in den letzten Jahren bei mehr als 600 Patienten mit Schilddrüsenerkrankungen erprobte neue Gerät arbeitet mit einem Halbleiter-Detektor, der
mit einem Pulshöhenanalysator für sehr schmale Meßfelder gekoppelt ist. Nach
Meinung Dr. Hoffers gibt das Instrument die Möglichkeit, zur Lokalisierung
von Krebsgeschwülsten, u=a. auch im Gehirn, nunmehr gewisse Radioisotope zu
verwenden, die wegen ihrer geringen Strahlenintensität und damit schwierigen
Erfaßbarkeit bisher nicht für diagnostische Untersuchungen in Frage kamen.

+

�</text>
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