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                  <text>A M E R I K A

D I E N S T

A N S P R A C H E

des Stellvertretenden Außenministers
der Vereinigten Staaten von Amerika

Staatssekretär
GEORGE W. BALL

vor der
Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

am Montag, dem 2. April 1962
in der Beethovenhalle zu Bonn

�AMERIKA-DIENST - Sonderbeilagen 1962

A

5*1•

In Berlin wird die Freiheit des "Yestens verteidigt
Von McGeorge Bundy (Rede vom 6. Dezember 1961 vor dem
Economic Club in Chicago)

A

19#1.

Präsident Kennedy unterbreitet Botschaft zur Lage der
Nation - State of the Union Message vom 11.Jan. 1962

W

26.1.

Präsident Kennedy legt neuen US-Haushalt vor
Zusammenfassung der wesentlichsten Punkte der Haushaltbotschaft vom 18. Jan. 1962

W

26.1.

Präsident Kennedy legt Kongress Wirtschaftsbericht vor
Zusammenfassung und Auszüge aus der Wirtschaftsbotschaft
vom 22. Jan. 1962

W

2.2.

Präsident Kennedy fordert umfassende Vollmachten zum
Abbau der Zollschranken - Wortlaut der Aussenhandelsbotschaft vom 25. Jan. 1962

W

9«2.

Präsident Kennedy legt neues Landwirtschaftsprogramm vor
Vier-Punkte-Landwirtschaftsprogramm vom 30« Jan. 1962

A

16.2.

A

2.3»

Projekt Mercury

A

9»3«

Freiheit von Krieg - Das Programm der bereinigten Staaten
für allgemeine und vollständige Abrüstung in einer friedlichen
Welt (25. Sept. 1961)

A

9»3«

Kernwaffenversuche und Abrüstung
Rundfunk- und Fernsehansprache Präsident Kennedys vom
2. März 1962

A

9.3.

Die amerikanisch-sowjetische Grundsatzerklärung zur Abrüstung vom 20. September 1962

A

23.3»

Erklärung Rusks zu Beginn der Genfer Abrüstungskonferenz
'' ortlaut der Erklärung des US-Aussenministers vom 15. März
1962 in Genf

A

30.3.

USA wünschen internationale Zusammenarbeit in der Weltraumforschung
Ansprache Botschafter Francis T.P. Plimptons vom 19. März
1962 vor dem UN-Ausschuss für die friedliche Nutzung des
Weltraums

Präsident Aennedy unterbreitet Gesetzesvorlage über
kommerzielles Pernmeldesatelliten-Netz
Gesetzesvorlage vom 7» Feb. 1962
-

Glenns Flug - ein grosser Schritt
vorwärts

�Die Atlantische Partnerschaft im Werden
Ansprache Staatssekretär George W. Balls vom 2. April 1962
vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in
Bonn
A

19*4»

Die Verteidigungspolitik der USA und die NATO
Von Paul H. Hitze (Wortlaut der Ansprache vom 11. April
1962 vor der Amerika-Gesellschaft in
Hamburg)

A

2?.6.

US-Verteidigungsminister unterstreicht militärische
Stärke der NATO
Auszüge aus einer ^ede Robert S, McNamaras vom 16. Juni 1962
anlässlich der .Abschlussfeierlichkeiten vor Studenten der
Universität Michigan

A

22.6.

Nachrichtensatelliten verbinden Kontinente

A

29.6.

Die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika
(Stand: 20. Juni 1962)

A

13•7•

Unser Ziel: Die Atlantische Partnerschaft
Wortlaut der llede Präsident Kennedys vom 4» Juli 1962
in Philadelphia

A

31.8.

Vertragsentwurf für die Einstellung aller Kernwaffenversuche
V/ortlaut des vom Westen in Genf am 27. August 1962 unterbreiteten Vorschlages

A 28.9»

Stevenson vor der UN-Vollversammlung
Wortlaut der Grundsatzerklärung, die Botschafter Adlai E.
Stevenson am 20. September 1962 vor der 17« Vollversammlung der Vereinten Nationen abgegeben hat

W

28.9«

Kennedy: Erhaltung der Stärke des Dollars ein weltweites
Problem - Ansprache des US-Präsidenten vor Vertretern
der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds vom
20. Sept. 1962

A

5»10.

Freunde und Verbündete
Von l'cGeorge Bundy (Artikel aus der Oktober-Ausgabe der
Zeitschrift "Foreign Affairs")
Das gegenwärtige Stadium des kalten Krieges
Von Walt W. Rostow (Vortrag vor der Ernst-Reuter-Gesellschaft
am 18. Oktober 1962 in Berlin)
Kuba-Erklärung Präsident Kennedys
Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehansprache vom 22. Okt. 1962

W

9»11»

Die amerikanische Ansicht über die europäische Wirtschaftsgemeinschaft
Ansprache des Gesandten Brewpter H. Morris vom 6. Nov. 1962
vor der Handelskammer Bremen

A

23.11.

Die Atlantische Partnerschaft und ihre Verantwortung in
der Welt - Senator Fulbright, 19.11.1962, Universität Bonn

�A M• E R I K A D I

E N S T

Allg./5.1 .1962
IN BERLIN WIRD DIE FREIHEIT DES WESTENS VERTEIDIGT
Von McGeorge Bundy

CHIGAGO - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den vollen Wortlaut der vielbeachteten
Rede, die McGeorge Bundy, Sonderberater und
1. Sicherheitsreferent Präsident Kennedys, am
6. Dezember 1961 vor dem Economic Club in
Chicago gehalten hat.

Politik für das Bündnis des Westens - Berlin und danach
I. Einleitung

Das Thema, das ich mir für diesen Vortrag gestellt habe, ist so
weit und allgemein gefaßt, daß es geradezu anmaßend erscheinen könnte,
In Wirklichkeit beabsichtige ich das Gegenteil. Ich möchte nämlich übei
die Kräfte sprechen, die unsere Politik gestalten, und weniger über
diese Politik selbst. Insbesondere will ich heute abend nicht versuchen
eine amerikanische Politik für die Behandlung des unmittelbar akuten
Problems der Freiheit Berlins zu formulieren. Dies ist bereits und
wird im Verlauf der Krise erneut durch den Präsidenten und den Außenminister geschehen. .
Ich möchte etwas ganz anderes tun, nämlich den größeren Zusammenhang der fortdauernden Zielsetzungen und Möglichkeiten des Westens
skizzieren, in dem sich diese Berlin-Krise abspielt. Die Berlin-Krise
hat vielerlei Aspekte: Sie ist.offensichtlich ein Test für den Willen
des Westens und den Ehrgeiz der Sowjets; sie ist eine Auseinandersetzung, bei der es um Freiheit und Hoffnung im Leben von zwei Millionen tapferen Westberlinern geht; sie ist ein Test für das Verständnis
und die faire Geisteshaltung neutraler Staatsmänner.
Berlin

1

-

�"AMERIKA DIENST"

5. Januar 1962

Berlin ist aber auch in einem noch umfassenderen Sinne ein
Test - nämlich für die Beziehungen zwischen den in erster Linie
beteiligten Ländern des Westens, und das ist meines Erachtens von
zentraler Bedeutung. Gegenstand unserer Politik in Berlin muß es
sein, mit den Zielen unserer Eolitik gegenüber Gesamteuropa voranzukommen. Wenngleich ich auf bestimmte Probleme der Formulierung eines
gemeinsamen alliierten Standpunkts hinsichtlich der politischen und
militärischen Verteidigung der Freiheit West-Berlins nicht eingehen
möchte, glaube ich deshalb dennoch, im Zuge der Erörterung der weiteren Zielsetzungen des westlichen Bündnisses einige für die gegenwärtige Krise relevante Betrachtungen anstellen zu können.
Bevor ich aber nun zum eigentlichen Thema komme, möchte ich zweierlei vorausschicken. Erstens ist anzumerken, daß mir, wenn ich heute
abend insbesondere von dem atlantischen Bündnis spreche, eine Geringschätzung unserer anderen wichtigen Verbindungen in dieser Hemisphäre,
in Asien, im Mittelmeerraum und in Afrika fernliegt. Die Zeiten sind
längst vorbei, da die Vereinigten Staaten einen Teil der Welt gegenüber
anderen mit Vorrang behandeln konnten. Wir müssen vielmehr bestrebt
sein, in allen Teilen der freien Welt politische Konzeptionen zu entwickeln und zu verwirklichen, die dazu beitragen,, die mannigfaltigen
Interessen vieler stolzer und unabhängiger Völker unter einen Hut
und in Einklang zu bringen. Es bestehen zählebige Differenzen und tief
eingewurzelte Spannungsursachen im Verhältnis zwischen Nationen, die wir
allesamt zu unseren Freunden zählen möchten. Es ist ganz natürlich,
daß es einigen Amerikanern mehr um die eine Seite der Problematik und
anderen mehr um andere Seiten geht. Aber das ist nicht der Standpunkt
der gegenwärtigen Regierung der Vereinigten Staaten. Die Ära der "neuen
Grenze" zeigt ein neues und verstärktes Interesse an den Problemen und
Möglichkeiten der Entwicklungsländer, doch liegt ihr auch Europa am
Herzen. Hier haben wir es mit komplementären, nicht einander zuwiderlaufenden Zielsetzungen zu tun - und das Bild unserer Beziehungen zu
Europa, das ich sogleich zu skizzieren versuchen werde^ läßt sich voll
und ganz mit lebhafter und verständnisvoller Aufgeschlossenheit für
andere Kontinente vereinbaren. Dabei handelt es sich gewissermaßen um
eine Politik für Europa nach Beendigung des Kolonialzeitalters. Je mehr
die Atlantische Gemeinschaft selbst an Kraft, und Stärke zunimmt, .desto
größer kann und sollte auch ihr Beitrag, zum Wohlergehen anderer Teile
der Welt werden.
Meine zweite Vorbemerkung betrifft die Natur unserer europäischen
Angelegenheiten selbst. Die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Westeuropa werden üblicherweise in drei Sparten unterteilt: in wirtschaftliche, militärische und politische Beziehungen. Das ist eine vernünftige
und praktische, wenngleich wohlgemerkt eine unrealistische Einteilung.
Recht eigentlich ist wirksames Handeln in allen drei Sparten stets politisch bestimmt, weil es die Grundausrichtung der Macht und Zielsetzung
bei den betreffenden Nationen berührt. Schon ein kurzer Blick auf die
Entwicklung seit dem zweiten Weltkrieg wird diese Feststellung bestätigen. Der Marshallplan war ein wirtschaftliches Unternehmen. Sein

2

�AMERIKA DIENST"

5. Januar 1962

Sein unmittelbarer Zweck war der wirtschaftliche Wiederaufbau der
Teilnehmerländer, die der zweite Weltkrieg in dieser Beziehung
ernstlich geschwächt hatte. Doch im größeren Rahmen verfolgte der
Marshallplan einen politischen Zweck - nämlich die Bewahrung der
Freiheit in Westeuropa angesichts der doppelten Bedrohung durch
Kommunismus und Chaos. Die Entscheidung des Kongresses der Vereinigten Staaten fußte immer auf dieser politischen Lagebeurteilung, und
die Zusammenfassung der Programme durch die europäischen Staaten selbst
wäre ohne das Vorhandensein äußerst akuter politischer Besorgnisse
unmöglich gewesen.
Dasselbe läßt sich ebenso leicht im militärischen Bereich beweisen. Das Ausmaß unserer Militärhilfe im Jahre 1949» die Bildung
eines Oberkommandos unter General Eisenhower im Jahre 1950» die "große
Debatte" der folgenden Monate über die Entsendung von Truppen nach
Europa und jede einzelne der anschließenden wichtigen militärischen
Entscheidungen der fünfziger Jahre - sie alle hatten in faszinierender
Vielfalt politische Ursprünge und politische Folgen, die über ihre
unmittelbare militärische Bedeutung weit hinausreichten. Zwar mag es
zweckmäßig sein, das europäische Problem in Einzelelemente aufzuteilen,
doch ist dies auch gefährlich, und es ist wichtig, bei jedem Abschnitt
im Auge zu behalten, daß wir über verschiedene Aspekte einer einzigen,
zusammenhängenden "Politik für den Westen" sprechen.

II. Wirtschaftsfragen
Nach diesen Vorbemerkungen darf ich mich sogleich dem Bereich der
Wirtschaft zuwenden. Hier ist der glänzende Erfolg des Gemeinsamen
Marktes in Europa die hervorstestende Tatsaehe für die heutigen politischen Planer. Dieser Erfolg ist in erster Linie wirtschaftlicher Art
im engsten Sinne.des Wortes. Der Gemeinsame Markt funktioniert, und er
funktioniert so, wie die Verfechter des amerikanischen Systems schon
immer behauptet hatten, daß er funktionieren würde. Es ist Tatsache und
nicht mehr lediglich eine Theorie, daß die Ausweitung der Märkte, der
Abbau innerer Handelsschranken und die Hoffnung auf weitere stetige
Fortschritte in diesen Richtungen den Zentralstaaten des freien Europa
eine neue und aufsehenerregende wirtschaftliche Stärke verliehen haben.
Die Wunder, die in der Nachkriegszeit unabhängig voneinander in Deutschland, Frankreich und Italien vollbracht worden sind, treten jetzt in
eine zweite Phase ein; sie werden zum Wunder des Gemeinsamen Marktes.
Und ich brauche diesem Zuhörerkreis sicherlich nicht erst zu sagen,
daß jene Männer, die die Entscheidungen über Investitionen in aller
Welt treffen, deren Rangfolge angesichts dieses neuen Phänomens von
Grund auf neu durchdacht haben. Großbritannien hat den Wunsch geäußert,
sich dem Gemeinsamen Markt anzuschließen. Es ist keine abwegige Annahme,
daß diese Entscheidung, sofern sie der Auftakt zu ersprießlichen Verhandlungen zwischen allen Beteiligten ist, künftig mehr Anlaß bieten
dürfte, des Jahres 1961 zu. gedenken, als die brennenden Krisen, die
dieses Jahr im Augenblick noch zu kennzeichnen scheinen,.
TT

-

5 -

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5. Januar 1962

Unsere Regierung begrüßt sowohl die Entstehung des Gemeinsamen
Marktes als auch den in Aussicht genommenen Beitritt Großbritanniens.
Mit dieser Haltung verfolgt die gegenwärtige Regierung wie schon die
Regierung Eisenhower ein im Grunde politisches Ziel. Wir glauben an
die Einigung Europas - und ich werde später noch mehr über die Gründe
hierfür zu sagen haben. Für den Augenblick sei bezüglich des Erfolgs
des Gemeinsamen Marktes nur festgestellt, daß er uns - was die Führung
unseres Außenhandels angeht - vor eine große Aufgabe stellt und uns
eine große Gelegenheit bietet. Wir müssen uns nun entscheiden, ob wir
angesichts dieses neuen befreundeten Konkurrenten zu einem ehrlichen
und offenen Wettbewerb auf den Märkten der freien Welt bereit sind
oder ob unsere jahrhundertelange Überzeugung, daß offene Märkte der
Freiheit und dem Wohlstand der Menschheit dienlich sind, nunmehr einer
restriktiven und ängstlichen Politik geopfert werden soll.
Es wäre nichts damit gewonnen, wollte man vorgeben, dieses Problem
existiere nicht. In den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg engagierte
sich die unversehrte und produktionsstarke amerikanische Wirtschaft
so sehr auf den Weltmärkten, daß der Erfolg oder Mißerfolg unseres
Exporthandels heute die Existenzgrundlage von Millionen unserer Bürger
in allen Teilen des Landes und in einer bemerkenswerten Reihe von
Wirtschaftszweigen berührt. Dahinter steckt eine stolze Leistung, die
nicht zunichte gemacht werden darf.
Unser Ausfuhrüberschuß belief sich im Durchschnitt der letzten
acht Jahre auf jährlich fünf Milliarden Dollar. Dieser Überschuß bewirkt weit mehr, als Arbeitsgelegenheiten für Amerikaner zu schaffen er kommt unserer internationalen Sicherheit zugute. Ohne ihn würden
unsere Bündnisse verkümmern, unsere Überseepositionen nicht aufrechterhalten werden können, unsere Hilfsprogramme und auch unsere Auslandsinvestitionen schrumpfen; unsere Führungsstellung in der freien Welt
würde geschwächt und unsere anspruchsvollen Behauptungen über die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer freien Gesellschaft klängen hohl.
Es wäre etwas kraß, zu sagen, daß wir exportieren oder krepieren
müssen. Es entspricht aber der reinen und unverblümten Wahrheit, daß
wir nicht an dem Punkt Halt machen dürfen, bis zu dem wir gelangt sind.
Unser Exportüberschuß ist nicht länger eine zwangsläufige Folge einer
scheinbar mühelosen wirtschaftlichen Überlegenheit; unsere.Position
im Welthandel wird sich fortan je nach der Stärke und Richtung unserer
Reaktion auf die gegenwärtigen Erfordernisse eines neuen Welthandelsgefüges verbessern oder verschlechtern. Und wenn dieses neue Gefüge
auch viele Komponenten aufweist, so verdient doch die Frage unseres
Verhältnisses zu dem heranwachsenden europäischen Wirtschaftsgiganten
mit Fug und Recht in erster Linie unsere Aufmerksamkeit.
Die zentrale und entscheidende Frage lautet, ob wir und auch
Europa willens und fähig sind, die Probe eines fairen Wettbewerbs zu
bestehen. Gerade wegen unserer außergewöhnlichen Vorzugsstellung sind

- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

5. Januar 1962

sind hierzulande einige Wirtschaftszweige - und ich mache hier keinen Unterschied zwischen Kapital, Arbeitgebern und Arbeitnehmern verweichlicht. Nicht alle unsere Märkte im In- und Ausland wurden
durch eindrucksvolle Demonstrationen der Produktionsstärke, Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit gewonnen. Heute sehen wir uns
in unserem Handeln vor neue und immer schwierigere Bewährungsproben
gestellt.
Die derzeitige Regierung denkt nicht daran, diesen Bewährungsproben auszuweichen. Wir glauben nicht, daß es eine wirtschaftliche
"Festung Amerika" geben kann. Wir nehmen nicht an, daß unter allen
Staaten ausgerechnet Amerika einen fairen Wettbewerb zu fürchten
braucht. Wir glauben im Gegenteil, daß die Entstehung eines neuen
großen Produktions- und Handelszentrums uns allen zugute kommen wird.
Wir halten es für angebracht, engere und festere Handelsbeziehungen auf den offenen Märkten freier Länder anzusteuern, statt aus Furcht
oder engstirnigem Eigennutz der Aussicht auf eine kräftige und für
alle Teile ersprießliche Ausweitung des Export- und Importverkehrs
zwischen den großen, freien Handelsnationen den Rücken zu kehren.
Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß eine solche Politik
unproblematisch sei. Es war schon immer so, daß das gemeinsame Interesse am freien Handel Druckwirkungen auf die Sonderinteressen und
altgewohnten Erwartungen einzelner Gruppen hervorruft. Das Ärgerliche
an einem rein lehrbuchmäßigen Begnügen mit Freihandelsthesen bestand
schon immer darin, daß dabei die Frage nach den Arbeitsplätzen, den
Eigentumsverhältnissen und den Menschen leicht mit Nonchalance übergangen wird. Das entspricht nicht der Einstellung unserer Regierung.
Uns geht es nicht um Lehrmeinungen, sondern um das, was in der Welt
tatsächlich geschieht, Zudem sind wir nicht der Auffassung, eine
plötzliche Umkehrung aller Dinge sei der Schlüssel zum Erfolg. Wirklich einschneidende Veränderungen der Handelsstruktur zeitigen jeweils
dann die besten Ergebnisse, wenn sie sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren verteilen. Anpassungshilfe zur Erleichterung des Übergangs in Sonderfällen kann und sollte gewährt werden. Zweckdienliche
Regelungen dieser Art vorausgesetzt, sind wir gewiß, daß die praktischen Auswirkungen auf den Wohlstand aller Amerikaner eine kühne Politik des wirtschaftlichen Selbstvertrauens rechtfertigen werden.
Der Handel ist natürlich keine Einbahnstraße, und als Gegenleistung für einen verstärkten Zugang zu unserem eigenen großen Markt werden wir eigene Interessen wahrzunehmen haben. Ein gemeinsamer Markt
kann, wie verschiedene Perioden unserer Geschichte zeigen, offen
oder geschlossen sein, und wir sind nicht gewillt, uns auf eine Politik des einseitigen Freihandels zugunsten von Partnern einzulassen,
die nicht bereit sind, uns die Gegenseitigkeit zuzugestehen. So müssen z
sowohl unsere Agrar- als auch unsere Industrieprodukte angemessenen
Zugang zu diesem neuen großen Markt erhalten.
Natürlich

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5. Januar 1962

Natürlich beschränkt sich der amerikanische Handel ebensowenig
nur auf Europa, wie die politischen Verpflichtungen der USA an den
Grenzen des hordatlantischen Bündnisses enden. Bei der Festlegung
unserer Außenhandelspolitik gegenüber dem neuen Europa müssen und
wollen wir die Handelsbedürfnisse anderer Freunde in Lateinamerika,
Japan usw., die bisher noch keinen Zugang zum europäischen Markt hatten, im vollen Umfang berücksichtigen. Der große Plan für einen
prosperierenden, expandierenden Handel in der freien Welt ist zwar
klar und einfach, doch wird jeder Schritt nach vorn vielschichtige
und sorgfältige Maßnahmen zur Wahrung der mannigfaltigen Interessen
der einzelnen Nationen und Völker erfordern, die durch übermäßige,
einengende Vereinfachungen leicht ernstlich beeinträchtigt werden
könnten.
Hier ist nicht der Ort für fachliche Darlegungen über unsere
beabsichtigte Reaktion auf die uns aus dem Gemeinsamen Markt erwachsende neue Herausforderung. Das bisher Gesagte dürfte genügen, um
klarzustellen, daß wir in eine neue und wichtige Phase der Ausrichtung unserer Handelspolitik in Theorie und Praxis eintreten. Das endgültige Ergebnis der Debatte läßt sich nicht voraussagen. Doch besteht Klarheit hinsichtlich ihrer Bedeutung und bei denjenigen, die
sich der Verheißungen der Atlantischen Gemeinschaft bewußt sind, auch
hinsichtlich der Grundrichtung. Wir müssen uns auf Partnerschaft,
nicht auf Protektionismus einstellen.

III. Militärische Fragen
Der Gemeinsame Markt verspricht zu einer steten Energie- und
Wohlstandsquelle für die Gesamtwirtschaft Westeuropas zu werden; die
militärische Sicherheit dieses Gebietes ist jedoch noch nicht so eindeutig gewährleistet. Zwei Hauptaspekte bestimmen hier die Politik:
konventionelle Rüstung und Kernwaffenpotential.
Für die Vereinigten Staaten ist das Hauptziel dasselbe wie in
den ersten Tagen der NATO: sie fördern den Aufbau einer allgemeinen
militärischen Position zur Abschreckung sowjetischer Aggressionsversuche und gleichzeitig zur Festigung des Selbstvertrauens der Völker
des Westens.
Dieses doppelte Ziel erfordert nach unserer Auffassung heute eine
beträchtliche Verstärkung der herkömmlichen Streitkräfte des nordatlantischen Bündnisses. Selbstverständlich sind wir wegen der Berlin-Kris
besonders besorgt, aber unsere Politik ist weder auf einen einzigen Bewährungsfall abgestellt, noch wird sie von einem solchen bestimmt. Die
freien Nationen Europas sind nach ihrer Bevölkerungszahl, ihren Fähigkeiten und Energien der Sowjetunion mehr als gewachsen. Nach unserer
Meinung wäre es -nicht richtig, wenn die bedrohliche und erhebliche
Unterlegenheit ihrer konventionellen Streitkräfte hinsichtlich der
Truppenstärke und Bewaffnung bestehen bleibt. Wir glauben, daß Europa

-

6

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5. Januar

1962

Europa ernstlich auf seine Selbstverteidigung in den militärischen
Bereichen unterhalb der Kernwaffenschwelle bedacht sein sollte. Wir
sehen keine Möglichkeit für die Vereinigten Staaten, dies stellvertretend für Europa zu tun. Doch wie wir jahrelang in führender
Weise die Notwendigkeit der atomaren Stärke in Europa betont haben,
so scheint es heute ebenso wichtig zu sein, daß wir keinen Zweifel
an unserer jetzigen Erkenntnis der Notwendigkeiten auf dem Gebiet
der herkömmlichen Rüstung bestehen lassen. Die Atomwaffen müssen
weiterhin als letztes Abschreckungs- und als Vergeltungsmittel für
den Fall einer massiven Aggression vorhanden sein und vervollkommnet
werden. Sie tragen aber nicht für alle Zeiten allen Erfordernissen
der freien Welt Rechnung, und der europäische Schild bedarf eines
neuen und beträchtlichen Zuwachses an herkömmlicher militärischer
Stärke.
Lassen Sie mich aber nochmals betonen, daß die Sorge unserer Regierung um eine Verstärkung der herkömmlichen Streitkräfte keineswegs
als Mangel an Interesse oder Vertrauen in der Frage der wirksamen Kern»
Waffenbereitstellung auszulegen ist.
Die auf Kernwaffen beruhende Abschreckingskraft der freien Welt
ist heute für die militärischen Zwecke der NATO mehr als ausreichend.
Die NATO kann nicht nur auf die volle Unterstützung der außerordentlich starken strategischen Verbände zählen, die den Vereinigten Staaten und Großbritannien zur Verfügung stehen, sondern sie ist auch
selbst eine Atommacht. Unmenschliche, gegen sogenannte "Geiseln" gerichtete Angriffsdrohungen dürften zum Nachteil der eigenen Interessen
auf jene zurückfallen, die sich ihrer bedienen. Europa kann nicht
angegriffen werden, ohne dadurch vernichtende Gegenschläge der Atomstreitkräfte der NATO sowie der außerhalb Europas bereitstehenden Verbände auszulösen.
Es ist jedoch an der Zeit, unsere Planung für die zukünftige atomare Stärke der NATO weiterzuführen. In Europa ist man offensichtlich
und in zunehmendem Maße darum besorgt, ob diese Dispositionen sich
vollkommen mit den europäischen Erfordernissen und Wünschen decken
werden. Die Grundhaltung unserer Regierung zu diesem Punkt wurde vom
Präsidenten in einer bedeutsamen Rede im Frühjahr dieses Jahres in
Ottawa dargelegt. Damals unterstrich er die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, die Schaffung einer NATO-Atomabschreckungsflotte mit
gemeinschaftlichem Verfügungs- und Kontrollrecht der Mitgliedstaaten
in Erwägung zu ziehen. Er bot der NATO an, ihr fünf Polaris-Untersee!boote - und gegebenenfalls auch m e h r - zur Verfügung zu stellen, Die
unmittelbare Inanspruchnahme der leitenden Beamten in allen Regierungen
durch Vorbereitungen im Hinblick auf den Gefahrenherd Berlin hat die
weitere Behandlung dieses wichtigen Problems verzögert, doch ist die
amerikanische Regierung der Auffassung, daß eine konstruktive und
wirksame Lösung sowohl wichtig als auch möglich sei. Ein auf die
militärische Stärke der NATO vertrauendes Europa wird sich gegenüber sowjetischen Drohungen,in einer Stellung befinden, die die
Einheit und das Selbstvertrauen des gesamten westlichen Bündnisses
r.ur zu festigen vermag.
IV.

�"AMERIKA DIENST"

5. Januar

1962

IV. Politische Fragen
Wenn ich mich jetzt spezifisch politischen Fragen zuwende,
so muß ich wiederholen, daß natürlich all diese Dinge politischen
Charakter haben. Wenn wir neue Handelsbeziehungen zum Gemeinsamen
Markt finden und hinsichtlich der konventionellen wie auch der
nuklearen Waffen eine neue kooperative Stärke entwickeln können,
sind wir in unserer grundsätzlichen Politik der Partnerschaft mit
dem wiedererstandenen und gestärkten Europa schon ein gutes Stück
vorangekommen. Es bleibt jedoch ein spezifisch politisches Problem
zu lösens das Problem der einzelstaatlichen Souveränität der Länder
Westeuropas. Hier also besteht eine Diskrepanz zwischen unserem
Wollen und unseren Möglichkeiten - denn dieses Wollen ist auf die
politische Einheit Westeuropas gerichtet, und es ist ganz klar, daß
wir Amerikaner dieses große Ereignis nicht herbeiführen können.
Große souveräne Staaten wie England, Frankreich, Deutschland und
Italien lassen sich nicht auf einen Wink mit dem amerikanischen Taktstock zu einer neuen europäischen Nation verschmelzen. Dennoch ist
unsere Einstellung dazu keineswegs irrelevant. Die im Hinblick auf
die europäische Einheit seit 1947 unternommenen.Schritte sind weder
an Zahl gering noch unbedeutend, und jeder dieser Schritte war weitgehend von der Sympathie, wenn nicht gar der Unterstützung der Regierung der Vereinigten Staaten abhängig. Das wird auch in Zukunft
so bleiben.
Die Entwicklungslinie in Europa ist klar. Das europäische Schicksal erfordert jetzt eine neue politische Gemeinschaft. Der Weg, auf
den sich die sechs mitteleuropäischen Staaten in Rom begeben haben,
ist keine Sackgasse, sondern eine Hauptstraße, und die nächsten
Maßnahmen sind bereits eingeleitet.. Nach meiner Auffassung ist es
kein Zufall, daß wir eine wachsende Übereinstimmung der Ansichten über
bestimmte politische Probleme zwischen Bonn und Paris feststellen
können, und diese Übereinstimmung bildet im weitesten Sinne auch
keineswegs eine Gefahr für die Vereinigten Staaten.
Ich glaube wirklich, daß es für die Vereinigten Staaten besser
wäre, wenn das Verhältnis zwischen unserer Stimme und denen unserer
Hauptpartner im Bündnissystem der freien Welt weniger ungleich wäre.
So, wie die Dinge jetzt liegen, sind wir auf der Seite der Freiheit die
einzige Großmacht im vollen Sinne des 20. Jahrhunderts. Das.Vereinigte
Königreich hat auf Grund seiner historischen Leistungen und der fortbestehenden Commonwealth-Bindungen weiterhin großen Einfluß. Die
Stimme Frankreichs wird in der Welt immer Gehör finden, und sie ist
eine Stimme von ungewöhnlicher Beredsamkeit und persönlicher Autorität in diesen Jahren der Ära de.Gaulle. Die wachsend« Bedeutung Italiens und Deutschlands ist ebenso offenkundig. Alle diese Stimmen
aber sprechen von Machtebenen aus, die sich mit denjenigen der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion einfach nicht vergleichen lassen,
und dieser Unterschied beeinträchtigt zwangsläufig die Gespräche. Für
den Stolz oder die Urteilskraft dreier Menschen ist Teilabhängigkeit

-

8

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�"AMERIKA DIENST"

5. Januar 1962

Teilabhängigkeit statt Wechselseitigkeit auf gleichem Fuß nicht gut;
und wenn eine Macht sehr viel stärker ist als ihre Verbündeten, besteht oft die ungesunde Neigung, sich einzigartige Extraverbindungen
zum Hauptmachtzentrum zu verschaffen. Es wäre besser, wenn Europa
selbst eine einzige Großmacht wäre. Ein Blick auf die wichtigsten
Kennziffern der Bevölkerungs-, Produktions- und RohstoffStatistik
zeigt, daß lediglich interne politische Schranken Westeuropa von dieser seiner neuen Rolle abhalten.
Es ist natürlich riskant, die Form der politischen Beziehungen
vorauszusagen, welche die Vereinigten Staaten mit einer Macht haben
könnten, die jetzt erst im Entstehen begriffen ist. Ich glaube aber, daß
die ersprießlichste Konzeption von der politischen Zukunft der Atlantischen Gemeinschaft, jene wäre, die von einer Partnerschaft zwischen
den Vereinigten Staaten einerseits und einer großen europäischen Macht
andererseits ausginge. Diese Partnerschaft würde sich den Aufbau- und
Abwehraufgaben widmen, die bewältigt werden müssen, wenn eine echte
Gemeinschaft freier Nationen geschaffen werden soll: Hilfe für die
Entwicklungsländer, Verteidigung gegen kommunistische Aggression. Diese
Partnerschaft wäre kein exklusiver Klub des weißen Mannes, sondern würde
den Blick vielmehr nach draußen auf größere Lasten und Aufgaben richten.
Jede dieser Großmächte hätte natürlich enge Assoziierte und Freunde!
Kanada und die lateinamerikanischen Staaten auf unserer Seite, das
Commonwealth und die weniger eng angeschlossenen europäischen Nachbarn
auf der anderen. Und alle zusammen wären im weiten Feld der für die
freie Welt kennzeichnenden gemeinsamen Unternehmungen und Bemühungen
mit den übrigen freien Nationen verbunden. Eine solche Partnerschaft
ist sinnvoller als eine voll ausgebildete Atlantische Union, die für
das Volk der Vereinigten Staaten verfassungsrechtlich und psychologisch
noch außerhalb des Bereichs der Möglichkeiten liegt. Jedenfalls ist
sie sinnvoller als das, was wir heute haben.
Y/as in solch einer neuen Partnerschaft geschehen könnte, läßt sich
vielleicht am besten an jenem außergewöhnlichen Verhältnis ermessen,
das sich im zweiten Weltkrieg zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten herausbildete. Obwohl auch damals schon kein wirkliches
Gleichgewicht der Kräfte bestand, führten Großzügigkeit und Einsicht
doch zur Aufrechterhaltung eines Verhältnisses grundsätzlicher Gleichberechtigung. Dies war für beide Seiten gut, und daß die relative Macht
Großbritanniens seit 1945 stark abgenommen hat, gereichte den Vereinigten Staaten keineswegs zum Vorteil. Ich meine, kurzum, daß die Partnerschaft der freien Welt nunmehr die Neubildung einer großen zentralen
politischen Kraft in Westeuropa erfordert. Amerikaner beider Parteien
haben diese Generallinie während dreier Präsidentschaften unterstützt,
und ich glaube, die Geschichte wird die Weisheit dieser unveränderten
Zielstrebigkeit bestätigen.
Uns

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�"AMERIKA DIENST

5 . Januar 1962

Uns schwebt also vor: ein neues Europa mit der wirtschaftlichen
Kraft, dem militärischen Selbstvertrauen und der politischen Einheit
einer echten Großmacht. Da große Staaten die Entstehung anderer großer Staaten im allgemeinen nicht gerade freudig zu begrüßen pflegen,
tun wir gut daran, kurz anzumerken, warum wir den Dingen in diesem
Falle mit solchem Vertrauen entgegensehen. Die Antwort ergibt sich
unmittelbar aus der derzeitigen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Es steht außer Frage, daß wir und die freien Menschen Europas
ein gemeinsames Interesse daran haben, der kommunistischen Expansion
Widerstand zu leisten. Aus demselben Grunde können wir auch nicht annehmen, daß die Sowjetunion ihr seit fünfzehn Jahren verfolgtes Ziel,
die Atlantische Gemeinschaft zu spalten und zu schwächen, plötzlich
aufgeben sollte. Aber letzten Endes steht unser Vertrauen zu Europa
auf tieferer und festerer politischer Basis. Diese Menschen sind
durch Geschichte und Kultur, durch Sprache und Religion unsere Vettern.
Und Vettern sind wir auch in unserem heutigen Gefühl für menschliche
und soziale Sinngebung. In Westeuropa und in Nordamerika werden heute
erstmals die wahren Möglichkeiten der modernen Welt erschlossen.
Diese Gesellschaften sind im Begriff, gemeinsam die Schwelle zum
Jedermann-Zeitalter zu überschreiten, einem Zeitalter, in dem eine
glückliche Verbindung von Arbeit und Muße, von sozialer Aktivität
und individueller Verantwortlichkeit allen Bürgern das bieten kann,
was auch die größten Gemeinwesen der Vergangenheit nur für wenige
geschafft haben. Gewiß, um dieses Ziel erreichen zu können, bedarf
es einer ständigen Aufwärtsentwicklung des materiellen Wohlstands,
Aber dazu gehört auch noch eine schwieriger herzustellende, tiefer
greifende, entscheidende Bindung in Gestalt der von der ganzen Gemeinschaft der Staatsbürger geteilten Überzeugung, das ihr Endzweck
der Mensch mit seinen Möglichkeiten ist. Gerade weil wir dieses
Erbe mit Europa gemeinsam haben, können wir darauf vertrauen, daß
unser Ziel, Europa stark zu machen, ein weises Ziel ist. Dies ist
unsere Aufgabe im 20. Jahrhundert, die auf uns überkommen ist von
Griechen und Römern, von Judentum und Christentum, aus der Tradition
von Recht, Gesittung und Wissenschaft sowie aus den Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die zu den Kriterien geworden
sind, nach denen sich das Gewissen der Menschheit ausrichtet.
Ich habe in meinen Ausführungen weit ausgeholt und bestreite
keineswegs, daß das neue Europa sicherlich nicht in einem Tag zu
vollenden sein wird. Wenn das von mir entworfene Bild über das Zeitalter des Nationalismus und Kolonialismus hinausgreift, dann nicht deshalb, weil diese Kräfte versiegt sind, sondern nur, weil sie so offenkundig Überbleibsel einer auslaufenden Vergangenheit und für die
wahre Mission Europas in der Gegenwart im Grunde bedeutungslos sind.
Ich darf Ihnen aber versichern, daß ich bei dieser weit ausgreifenden
Übersicht das Thema Berlin niemals aus den Augen verloren habe. Denn
die Verteidigung Berlins ist die Verteidigung Europas, und die Verteidigung Europas ist auch die Verteidigung der Vereinigten Staaten.
Dies gilt aus den allgemeinen Gründen unserer Hochschätzung freier
Menschen und des Widerstands gegen die Aggression, wie ich eingangs

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eingangs darlegte. Es gilt aber auch in einem umfassenderen und tieferen Sinne im Hinblick auf die Rolle Deutschlands für die Zukunft
Europas, und ich möchte meine Ausführungen mit einigen Worten zu diesem großen Thema beschließen.
In jedem der drei traditionellen Bereiche der Analyse kommt
Deutschland zentrale Bedeutung zu. Für den Gemeinsamen Markt ist
Deutschlands Beitrag unerläßlich; hinsichtlich der militärischen Verteidigung Europas ist seit 1950 klar, daß sie ohne eine verantwortliche deutsche Beteiligung nicht zu bewältigen ist; und die Politik
der europäischen Einigung ist weitgehend die Politik des neuen Deutschland, einer konstitutionellen Demokratie, die mehr und mehr in Gesamteuropa aufgeht.
Nichts an der zynischen Propaganda des Weltkommunismus ist gefährlicher und destruktiver als der schamlose Versuch, der Bundesrepublik Deutschland das Verdienst für jene außerordentliche politische
Leistung abzusprechen, die sie vollbrachte, indem sie aus der Asche
der Nazischmach ein anständiges, friedliches und freiheitliches Gemeinwesen erstehen ließ. Und unter demselben Gesichtspunkt ist für die
Atlantische Gemeinschaft nichts wichtiger, als daß Deutschland diese
Generallinie beibehält. Die Voraussetzung hierzu ist immerwährendes
Einvernehmen und ständige Partnerschaft sowohl in den allgemeinen Zielsetzungen, über die ich heute: abend hier gesprochen habe, als auch
dann, wenn es gilt, unmittelbaren Gefahren wie der gegenwärtigen sowjetischen Bedrohung Berlins zu begegnen.
Die freien Menschen Deutschlands haben die aus der Partnerschaft
erwachsenden Beschränkungen auf sich genommen. Als Gegenleistung erhielten sie unser feierliches Versprechen, die deutsche Wiedervereinigung
mit friedlichen Mitteln zu unterstützen. Es fiel uns nicht schwer, dieses
Versprechen zu geben; in Amerika war die Zweckmäßigkeit der Teilung
Deutschlands während des zweiten Weltkriegs immer umstritten, und die
Diskussion darüber war lange vor der Bildung der neuen deutschen Regierung zugunsten der Einheit entschieden. Die Teilung Deutschlands
bereitet den Deutschen brennenden Schmerz und ist eine Gefahr für die
Menschheit. Es bedarf keiner übermenschlichen Weisheit, die einfache
Wahrheit zu begreifen - eine Wahrheit, die jenseits der Rivalitäten des
Kalten Krieges liegt -, daß ein Beharren auf der Teilung Deutschlands
einem Beharren auf einer beständigen Bedrohung des Friedens in Europa
gleichkommt. Wir können die Sowjetunion nicht hindern, die schwere
Verantwortung eines solchen gefährlichen Beharrens auf der deutschen
Teilung auf sich zu laden, aber wir können und müssen unsererseits auf
unserem friedlichen Ziel der Wiedervereinigung bestehen.
Deutschland ist heute in mehrfacher Hinsicht bedroht; aber die
meisten dieser Bedrohungen sind geprägt von der entscheidenden Frage:
Teilung oder Einheit, das heißt, von dem gefährlichen und verderblichen
Willen, die freien Deutschen offen zu demütigen, was wir nicht zulassen
dürfen. Wir sind überzeugt, daß es Möglichkeiten gibt, um den vernünftigen Interessen einer vernünftigen sowjetischen Regierung Rechnung zu
tragen.- und deshalb glauben wir an Verhandlungen. Wir können aber

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aber niemals einer Regelung zustimmen, die das Vertrauen der Menschen
in der Bundesrepublik Deutschland und ihr Bekenntnis zur Freiheit
aushöhlt.
Deutschland ist demnach eine Frage von zentraler Bedeutung.
Daraus erwächst ihm aber keine allmächtige Stellung innerhalb des
Bündnisses. Wir können den Deutschen - und kein deutscher Staatsmann hat das je gefordert -.kein Einspruchsrecht gegen die Politik
des Westens zubilligen. Die Partnerschaft freier Menschen kann nicht
auf Anforderung eines einzigen Partners zur Wirkung gebracht werden. Wir müssen auf Meinungsverschiedenheiten mit allen unseren Verbündeten - in aller Aufrichtigkeit und Freundschaft - gefaßt sein.
Wir können von ihnen erwarten, daß sie unseren Standpunkt ebenso
berücksichtigen wie wir den ihrigen. Es bleibt aber ein wesentliches
Ziel unserer Politik in Europa - und in Berlin -, den freien Deutschen
keinen berechtigten Anlaß zu geben, je zu bedauern, daß sie uns ihr
Vertrauen geschenkt haben.
Das besondere ironische Moment der gegenwärtigen Krise liegt
darin, daß unsere Interessen und Absichten darauf abzielen, genau
das zu verhindern, was die Sowjetunion zu befürchten vorgibt.
Nicht unsere Verteidigung Berlins, sondern der Angriff der Sowjets
auf die Stadt droht den deutschen Nationalismus jener Art wiederzuerwecken, den wir alle lieber überwunden sähen. Nicht innerhalb der
europäischen Gemeinschaft, wohl aber in einer bindungslosen Isolierung
könnte Deutschland wieder den Frieden seiner Nachbarn gefährden. Nicht
in der Wiedervereinigung, sondern in der schmerzlichen, durch Trenn«
mauern gekennzeichneten Spaltung liegt die Versuchung zum Abenteuer.
So ist heute die Berlin-Krise der Prüfstein für unsere Deutschlandpolitik und unsere Deutschlandpolitik der Prüfstein für unsere
Europapolitik. Was wir angesichts der akuten Krise unternehmen, ist
nicht Selbstzweck, sondern geschieht im Hinblick auf ein größeres Ziel.
Während wir die Risiken der Auseinandersetzung ins Auge fassen während wir fruchtbare Verhandlungen anbahnen -, haben wir zugleich das
Recht und die Pflicht, daran zu denken, daß wir in Berlin, in Deutschland und in Europa alles verteidigen, was wir an Hoffnungen und Plänen
für die große Gemeinschaft der Freiheit den anderen voraushaben.

* * -x- * *
y

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�In dieser Woche machen wir uns erneut an unsere gemeinsame
und getrennte Aufgabe, die Zukunft Amerikas aufzuhauen. Aber
beklagenswerterweise bauen wir ohne einen Mann, der eine lange
Vergangenheit mit der Gegenwart verband und den Blick fest auf
die Zukunft richtete. "Mister Sam" Rayburn ist dahingegangen.
Weder dieses Haus noch.unsere Nation sind heute die gleichen
ohne ihn.
Mitglieder des Kongresses, die Verfassung macht uns nicht
zu Rivalen um die Macht, sondern zu Partnern für den Portschritt.
Wir sind alle Treuhänder des amerikanischen Volkes und Hüter des
amerikanischen Erbes. Meine Pflicht ist es, über die Lage der
Nation zu berichten - unser aller Pflicht ist es, sie.zu verbessern.
Im vergangenen Jahr bin ich nicht nur durch unser eigenes
Land gereist, sondern auch nach anderen Ländern - nach dem Norden, nach dem Süden und über die Meere. Und ich habe gefunden,
wie auch Sie sicherlich auf Ihren Reisen, daß die Menschen überall trotz gelegentlicher Enttäuschungen auf uns blicken - nicht
auf unseren Reichtum oder unsere Macht, sondern auf die strahlende

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strahlende Fülle unserer Ideale. Denn es ist die geschichtliche
Bestimmung unseres Landes, entweder Beobachter des Untergangs der
Freiheit zu sein oder die Ursache ihres Erfolges. Unsere höchste
Verpflichtung in den kommenden Monaten besteht darin, die Hoffnungen der Welt zu erfüllen, indem wir unseren eigenen Glauben erfüllen.
Stärkung der Wirtschaft
Diese Aufgabe muß im eigenen Land beginnen; denn wenn wir unsere eigenen Ideale nicht selbst verwirklichen können, dann können
wir von anderen nicht erwarten, daß sie sie akzeptieren. Und wenn
das kleinste Kind, das heute lebt, einmal erwachsen sein wird, dann
wird unsere Stellung in der Welt vor allem davon bestimmt sein, welche
Vorkehrungen wir heute treffen - für seine Erziehung, für seine Gesundheit und für seine Chancen auf ein gutes Heim, eine gute Beschäftigung und ein gutes Leben.
Im eigenen Land begann das (vergangene) Jahr in den Tiefen
einer wirtschaftlichen Rezession - und es endete auf den Höhen der
Wiedergesundung und des Wachstums. Mit Hilfe neuer von Seiten des
Kongresses gebilligter oder von seiten der Regierung verstärkter
Anreize für unsere Wirtschaft ist die Zahl der Gebiete mit einem
Überschuß an Arbeitskräften von 101 auf 60 verringert worden. Die
Zahl der nicht in der Landwirtschaft Beschäftigten hat um über eine
Million zugenommen, und in den Fabriken liegt die wöchentliche Arbeitszeit im Durchschnitt wieder über 40 Stunden. Zu Ende des Jahres eilte die Wirtschaft, die Herr Chruschtschow einmal ein "stolperndes Pferd" genannt hat, neuen Rekorden bei den Verbraucherausgaben, dem Arbeitseinkommen und der industriellen Produktion entgegen.
Wir sind darüber erfreut, aber wir sind nicht befriedigt. Zu
viele Arbeitslose warten immer noch auf die Segnungen des Wohlstandes.
Während jene, die unsere Schulen und Farmen verlassen, neue Arbeitsplätze suchen, nimmt die Automation bestehende Arbeitsplätze weg. Zur
Förderung unseres Wachstums und Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten
ersuche ich den Kongreß um drei Maßnahmen:
1 . die Verabschiedung eines Gesetzes zur Heranbildung von Arbeitskräften und zur wirtschaftlichen Entwicklung in Krisengebieten,
das der Verschwendung Einhalt gebieten soll, die mit arbeitsfähigen
und arbeitswilligen Männern und Frauen getrieben wird, deren einzige
Fertigkeiten durch die Aufstellung einer Maschine oder die Verlegung
eines V/erkes oder die Stillegung eines Bergwerkes wertlos geworden
sind;
2. die Verabschiedung eines Gesetzes zur beruflichen Förderung
von Jugendlichen, das dazu beitragen soll, daß nicht nur die eine
Million junger Amerikaner, die heute weder Ausbildungs- noch Arbeitsmöglichkeiten haben, sondern auch die 26 Millionen junger Amerikaner,
die sich in diesem Jahrzehnt in den Arbeitsmarkt einreihen werden,
eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz finden; und

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3. Die Verabschiedung eines Gesetzes für einen achtprozentigen
Steuerkredit bei Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen, die zusammen mit der geplanten Revision der Abschreibungssätze unsere Modernisierung, unser Wachstum und unsere Wettbewerbsfähigkeit im Ausland fördern werden.
Darüber hinaus dürfen wir - so angenehm es auch sein mag, sich
im Lichte des Wiederaufschwungs zu sonnen - nicht vergessen, daß wir
in den letzten sieben Jahren drei Rezessionen mitgemacht haben. Wenn
man das Dach reparieren will, dann muß man es tun, solange die Sonne
scheint. Um drei wesentliche Lücken in unserem Schutz vor der Rezession
zu schließen, brauchen wir«
1. eine dem Veto des Kongresses unterworfene laufende Vollmacht
des Präsidenten, die Einkommensteuersätze innerhalb eines festgelegten
Rahmens und Zeitraumes nach unten anzupassen, um einen wirtschaftlichen
Rückgang zu bremsen, ehe er uns nach unten gezogen hat;
2. eine laufende Vollmacht des Präsidenten, bei einem bestimmten
Anstieg der Arbeitslosigkeit die wesentlichen Hilfsprogramme des Bundes
und die von ihm geförderten Hilfsprogramme zu beschleunigen; und
3. eine dauerhafte Stärkung unseres Arbeitslosenversicherungssystems,
um den Mitbürgern, die einen Arbeitsplatz suchen und ihn nicht finden
können, Kaufkraft und Lebensstandard zu erhalten, ohne ständig zu vorübergehenden Gesetzesänderungen Zuflucht nehmen zu müssen, wie wir dies in
den vergangenen Jahren im Kongreß und in der Regierung erlebt haben.
Wenn wir dieses 6-Punkte-Programm verabschieden, dann werden wir
der ganzen Welt zeigen, daß eine freie Wirtschaft durchaus eine stabile
Wirtschaft sein kann, daß ein freies System die Menschen nicht der
Arbeitslosigkeit zu überlassen braucht und daß eine freie Gesellschaft
nicht nur die produktivste, sondern auch die stabilste jemals von
Menschen erdachte Form des Zusammenschlusses ist.
Bekämpfung der Inflation
Aber die Rezession ist nur einer der Feinde einer freien Wirtschaft eine weiterer ist die Inflation. Im vergangenen Jahr, 19^1, blieben die
Verbraucherpreise trotz steigender Produktion und Nachfrage nahezu konstant, und die Großhandelspreise gingen zurück. Im Vergleich zu allen
anderen wirtschaftlichen Erholungsperioden der Nachkriegszeit ist dies
das beste Ergebnis auf dem Gebiet der allgemeinen Preisstabilität.
Nur zu oft folgt dem wirtschaftlichen Wachstum die Inflation auf
dem Fuße, während die Preisstabilität durch Stagnation oder Kontrollen
leicht gemacht wird. Aber wir sind willens, sowohl Stabilität als auch
Expansion in einem Klima der Freiheit zu erhalten.
Unsere Hauptverteidigungslinie gegen die Inflation sind die Vernunft
und der Gemeinsinn von Unternehmern und Gewerkschaften - die ihren Gesamtzuwachs an Löhnen und Gewinnen in Übereinstimmung mit der Produktivität halten müssen. Es gibt keinen allgemeinverbindlichen statistischen

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statistischen Maßstab, der jeder Firma und jeder Gewerkschaft als
Richtschnur dienen könnte, aber ich ersuche sie alle nachdrücklich,
im Interesse des Landes und in ihrem eigenen bei solchen geschäftlichen Angelegenheiten das öffentliche Interesse als Richtschnur
anzulegen.
In diesem Rahmen der Expansion und der Lohn-Preis-Stabilität .
hat die Regierung dazu beigetragen, unsere Wirtschaft wettbewerbsfähig zu erhalten, indem sie den Kleinbetrieben vermehrten Zugang
zu Krediten und Regierungskontrakten verschaffte und indem sie die
Maßnahmen gegen Monopole, Preisabsprachen und organisiertes Verbrechertum verstärkte; werden wir ein Gesetz über eine Gehaltsreform
für Bundesbedienstete vorlegen, das allen Beschäftigten in den Beamtenlaufbahnen, dem Postdienst und den anderen Dienstzweigen neue
Besoldungstarife bringt, die mehr denen in der Privatindustrie entsprechen; halten wir das Haushaltsdefizit im Finanzjahr 1962 weit
unter dem Stand, wie er sich als Folge der Rezession des Jahres 1958
ergeben hatte; und werde ich schließlich für das Finanzjahr 1963 einen
ausgeglichenen Bundeshaushalt vorlegen.
Wir tragen hier eine gemeinsame Verantwortung, die eine Mitarbeit des Kongresses bei den Bewilligungen sowie im besonderen bei
drei Arten von Einkünften erfordert:
1. einer Erhöhung der Postgebühren, um dem Defizit bei der Post
ein Ende zu machen;
2. der bereits früher geforderten Verabschiedung von Steuerreformen, um ungerechtfertigte Steuerbegünstigungen aufzuheben und
bei Dividenden und Zinsen die gleichen Abzugsverfahren einzuführen,
wie wir sie bereits seit langem bei den Löhnen anwenden; und
3. eine Verlängerung der gegenwärtigen Sätze für die Verbrauchsund die Körperschaftssteuer, mit Ausnahme solcher Änderungen, die in
einer Botschaft zum Transportwesen noch von mir empfohlen werden.
Stärkung Amerikas
Eine stärkere Nation und eine stärkere Wirtschaft erfordern jedoch mehr als nur einen ausgeglichenen Haushalt. Sie bedingen Fortschritte bei den Programmen, die unser Wachstum fördern und unsere
Stärke festigen.
Städte
Ein starkes Amerika beruht auf seinen Städten - die Amerikas
Ruhm verkünden, deren sich Amerika aber auch manchmal zu schämen hat.
Um das Dunkel durch Sonnenlicht, den Verfall durch Fortschritt zu ersetzen, haben wir die bestehenden Programme zur Neugestaltung der
Städte und für den Wohnungsbau noch intensiviert und neue in Angriff
genommen; haben wir die Maßnahmen zur Bekämpfung der Wasserverschmutzung

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Wasserverschmutzung verdoppelt, haben wir beschleunigt Maßnahmen
zum Ausbau der Plugplätze, zum Bau von Krankenhäusern und Straßen
sowie zum Ausbau der für den Massenverkehr unzulänglichen Durchgangsstraßen eingeleitet, und haben wir neue Mittel zur Bekämpfung
der Jugendkriminalität und des organisierten Verbrechertums geschaffen, die noch durch die koordinierten und energischen Bemühungen
unserer Fahndungsdienste unterstützt wird - durch die Bundeskriminalpolizei, den Steuerfahndungsdienst, das Amt zur Bekämpfung
des Rauschgifthandels und zahlreiche weitere Dienststellen. Wir
werden weitere gesetzgeberische Maßnahmen zur Bekämpfung des Verbrechertums, zur Sanierung des Massengüterverkehrs und des Transpartwesens brauchen und neue Mittel zur Bekämpfung der Luftverschmutzung. Und nachdem nun alle diese Maßnahmen eingeleitet worden sind, er
fordern es die Gerechtigkeit wie auch die Vernunft, daß die städtischen Gebiete des Landes, in denen drei Viertel unserer Bevölkerung
wohnen, ebenfalls im Kabinett vertreten sind. Ich fordere daher die
Errichtung eines neuen Ministeriums für Städtefragen und Wohnungsbau.
Landwirtschaft und natürliche Hilfsquellen
Ein starkes Amerika beruht ferner auf seinen Farmen und seinen
natürlichen Hilfsquellen. Die amerikanischen Farmer schöpften 1961
neuen Mut, nachdem die Einkommen aus landwirtschaftlicher Arbeit um
eine Milliarde Dollar anstiegen und beim Abbau der landwirtschaftliche
Überschußprodukte ein hoffnungsvoller Anfang gemacht wurde. Aber wir
arbeiten immer noch mit einem Flickwerk alter Gesetze, die uns allein
bei der Commodity Credit Corporation (CCC) eine Milliarde Dollar an
Lagergebühren ..kosten, mit denen es jedoch nicht gelungen ist, der
Armut auf dem Lande Einhalt zu gebieten oder die Erträge der Landwirtschaft wirklich zu steigern.
Es ist unsere Aufgabe, die großartige Produktivität unserer
Landwirtschaft zu meistern und sie voll für nutzbringende Zwecke
einzusetzen. Die Revolution in unseren landwirtschaftlichen Gebieten
steht in schärfstem Kontrast zu den wiederholten landwirtschaftlichen
Mißerfolgen in den kommunistischen Ländern und erfüllt uns alle mit
Stolz. Seit 1950 hat sich die Arbeitsproduktivität in unserer Landwirtschaft tatsächlich verdoppelt. Ohne neue und drastische Maßnahmen wird sie eines Tages sowohl unsere Farmer als auch die Steuerzahler in einen nationalen Skandal stürzen - oder aber zu einer
Agrardepression führen.
Aus diesem Grunde werde ich daher dem Kongreß ein neues, umfassendes Farmprogramm unterbreiten, das darauf hin ausgerichtet
ist, die Nutzung unserer landwirtschaftlichen Anbaufläche sowie
die Ernteerträge bei den einzelnen Agrarerzeugnissen den langfristigen Bedürfnissen der sechziger Jahre anzupassen, und das darauf
abgestellt ist, mittels eines Programms des gesunden Menschenverstandes ein Chaos in den sechziger Jahren zu verhindern.
Ebenso

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Ebenso benötigen wir für die sechziger Jahre, wenn wir unseren
Nachkommen den natürlichen Reichtum unseres Landes vererben wollen,
ein neues langfristiges Konservierungs- und Aufbauprogramm - Erweiterung unserer herrlichen Nationalparks und Waldgebiete, Erhaltung unserer unverfälschten Urlandschaften, Erstellung neuer Wasserund ,Kraftwerkpro jekte für unsere ständig wachsende Bevölkerung, Anleihen für die Stromerzeugung und -Verteilung in ländlichen Gebieten.
Bürgerrechte
Amerika aber setzt sich für den Fortschritt sowohl im Bereich
der Bürgerrechte als auch der Wirtschaft ein, und ein starkes Amerika
setzt die Sicherung der uneingeschränkten und gleichen Rechte aller
seiner Bürger jeder Rasse und Hautfarbe voraus. Meine Regierung hat
wie keine andere gezeigt, wie viel durch die volle Ausübung der
Exekutivgewalt, die Durchsetzung der bereits vom Kongreß erlassenen
Gesetze und durch Überredung, Verhandlung und Schlichtung getan werden kann, um die verfassungsmäßigen Rechte aller zu wahren: das
Wahlrecht, die Freizügigkeit über alle einzelstaatlichen Grenzen
hinweg und das Recht auf kostenlose Erziehung an öffentlichen Schulen,
Ich habe im März vergangenen Jahres in einem Erlaß umfassende
Richtlinien gegeben, um das Recht auf gleiche Beschäftigungschancen
in allen Bundesbehörden und in Firmen mit Regierungsaufträgen zu
garantieren. Der auf Grund dieses Erlasses geschaffene Ausschuß beim
Vizepräsidenten hat viel zuwege gebracht und u.a. die freiwilligen
"Pläne für den Fortschritt" ausgearbeitet, die den Bestrebungen,
Angehörigen aller Rassen neue Chancen in den akademischen Berufen
und des Aufstiegs im Betrieb sowie auch andere Beschäftigungsmöglichkeiten zu verschaffen, im ganzen Lande zu einem stillen, aber durchschlagenden Erfolg verholfen haben.
Aber es bleibt noch sehr viel mehr zu tun - von Seiten der Exekutive, der Gerichte und des Kongresses. Die noch unerledigten Gesetzesvorlagen, zu denen die Bundesministerien im einzelnen Stellung
nehmen werden, sehen auch geeignete Methoden vor, um diese Grundrechte,
die wir voll und ganz unterstützen, zu stärken. Das Wahlrecht beispielsweise sollte nicht länger mehr durch willkürliche örtliche Vorschriften, wie Bildungstests und Wahlsteuern, vorenthalten werden dürfen.
Während wir im kommenden Januar dem hundertsten Jahrestag der Sklavenbefreiung entgegensehen, sollte sich jede Regierungsstelle - und jeder einzelne Staatsbürger - von dem Grundgedanken leiten lassen
"Gerechtigkeit erhöhet ein Volk".
Gesundheits- und Fürsorgewesen
Und schließlich darf ein starkes Amerika die Bestrebungen seiner
Bürger - die Fürsorge für die bedürftigen, die gesundheitliche Betreuung der alten und die Erziehung der jungen Menschen - nicht vernachlässigen. Denn wir bauen ja den Wohlstand der Nation nicht um
seiner selbst Willen auf. Wohlstand ist das Mittel, das dem Volke zu
dienen hat. Alle unsere materiellen Reichtümer werden uns wenig

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wenig nützen, wenn wir sie der Bevölkerung nicht in jeder nur erdenklichen Weise zugute kommen lassen.
Im vergangenen Jahr verbesserten wir die Ernährung bedürftiger
Menschen, stellten wir warme Mahlzeiten und frische Milch für Schulkinder bereit, bauten wir mehr Studentenwohnheime und erweiterten wir
für die alten Menschen das private Wohnungsbeschaffungsprogramm, die
Unterbringung in Pflegeheimen, die Betreuung durch den Gesundheitsdienst und die soziale Sicherheit. Aber wir stehen erst am Anfang.
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Um jenen vom Glück weniger Begünstigten zu helfen, schlage ich
ein neues staatliches Sozialprogramm vor, dessen Schwerpunkt auf
Leistungen anstatt auf Unterstützung, auf Rehabilitation anstelle von
Fürsorge und auf Schulung für eine nutzbringende Beschäftigung anstelle einer längeren Abhängigkeit liegt.
Um den ernsten Mangel an Ärzten und Zahnärzten zu mildern und dies ist eine Angelegenheit, die uns alle angeht - und um die
Forschung auszuweiten, fordere ich Maßnahmen zur Unterstützung der
medizinischen und zahnärztlichen Hochschulen sowie Stipendien und
die Gründung neuer Institute des öffentlichen Gesundheitsdienstes..
Um die durch die Erfolge auf dem Gebiet der modernen Impfung sich
bietenden Vorteile zu nutzen, schlage ich ein Massenimpfprogramm vor,
das die vollkommene Ausmerzung solcher alten Feinde unserer Kinder
wie Kinderlähmung, Diphterie, Keuchhusten und Wundstarrkrampf zum Ziele
hat.
Um unsere Verbraucher vor den Nachlässigen und Skrupellosen zu
schützen, werde ich Verbesserungen unserer Nahrungsmittel-- und Arzneimittelgesetzgebung empfehlen - Verschärfung der Kontrollen und Vorschriften, Zurückhaltung gefährlicher und wertloser Erzeugnisse, Verhinderung einer irreführenden Etikettierung und Unterbindung des
illegalen Verkaufs von Präparaten, die zur Gewöhnung führen.
Im Bereich der Gesundheitsfürsorge ist jedoch unter den noch
unerledigten gesetzgeberischen Maßnahmen keine wichtiger und dringlicher als die gesetzliche Verankerung der Krankenversicherung der
Alten im Rahmen unseres Sozialversicherungssystems.
Denn unsere älteren Mitbürger sind länger und häufiger krank,
müssen höherer Krankenhaus- und Arztrechnungen gewärtig sein und haben
ein zu geringes Einkommen, um sie zu bezahlen. Die private Krankenversicherung kommt nur für sehr wenige in Frage - denn ihre Kosten
sind hoch und ihre Leistungen begrenzt. Die öffentliche Wohlfahrt kann
denjenigen nicht helfen, die zu stolz sind, Unterstützung zu erbitten,
denen es aber schwer fällt, die Krankenkosten aufzubringen. Und auch
ihre Kinder oder Enkel können nicht fortgesetzt den für Krankenkosten
zur Verfügung stehenden Anteil ihres Einkommens darauf verwenden,
diese ständige Belastung zu tragen.
Die

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Die Sozialversicherung trägt seit langem schon dazu bei, die
durch das altersbedingte Ausscheiden aus dem Beruf, durch Tod und
Invalidität entstehenden Härten zu mildern. Ich erhebe nunmehr die
Forderung, daß ihre Leistungen unverzüglich auf die Krankenversicherung
älterer Personen ausgedehnt werden.
Erziehungswesen
Ebenso wichtig für unsere Stärke ist die Qualität unseres
Erziehungswesens. Acht Millionen erwachsene Amerikaner sind in der
Praxis als Analphabeten einzustufen. Das ist eine beunruhigende
Zahl, die sich im Prozentsatz der Zurückstellungen vom Militärdienst
sowie in der Fürsorgestatistik und den Kriminalziffern niederschlägt.
Ich werde deshalb Pläne für eine konzentrische Kampagne zur Beendigung
des Analphabetismus unter den Erwachsenen empfehlen.
Außerdem werde ich Gesetzesvorlagen empfehlen, die geeignet sind,
das Bildungsniveau zu heben, das Kunstschaffen anzuregen und den Hochschulen durch die Gewährung von Darlehen für den Bau akademischer
Einrichtungen sowie durch die Aussetzung von Stipendien aus Bundesmitteln zu helfen.
Wenn unser Land zunehmen soll an Weisheit und Stärke, dann muß
jeder gesunde Oberschulabsolvent die Möglichkeit zur Weiterentwicklung
seiner Fähigkeiten erhalten. Aber noch fehlt nahezu der Hälfte von ihnen
die Mittel oder die sachlichen Voraussetzungen für ein Hochschulstudium.
Die Einschreibungen an den Hochschulen dürften sich in der kurzen Zeitspanne von zehn Jahren verdoppeln. Die jährlichen Studienkosten für
jeden Studenten sind auf eine astronomische Höhe emporgeschnellt. Zur
Zeit betragen sie durchschnittlich 1 65O Dollar pro Jahr, während das
Jahreseinkommen fast der Hälfte unserer Familien unter 5000 Dollar
liegt. Sie können sich solche Aufwendungen nicht leisten - doch unser
Land kann es sich ebensowenig leisten, seine militärische Macht aufrechtzuerhalten, seine Geistesgaben aber zu vernachlässigen.
Das Streben nach Vortrefflichkeit der Erziehung muß in der Grundschule beginnen. Ich habe dem Kongreß im vergangenen Jahr einen Gesetzesvorschlag unterbreiten lassen, der die Bereitstellung von Bundesmitteln für den Schulneubau und die Lehrerbesoldung vorsieht. Dieser Vorschlag, der bereits die Billigung des Senats und der Ausschüsse
des Repräsentantenhauses gefunden hat, stellt meines Erachtens, gemessen an unseren Bedürfnissen, zwar ein Minimum, alles in allem zusammengenommen aber doch das Maximum an Hilfe dar, das unsere Verfassung zuläßt. Ich sehe deshalb keinen Anlaß dafür, das Gesetz abzuschwächen oder zurückzuziehen; ich empfehle vielmehr dringend seine
Verabschiedung noch in dieser Sitzungsperiode.
"Zivilisation", so hat H.G. Wells einmal gesagt, "ist ein Wettlauf zwischen Erziehung und Katastrophe." Es liegt an Ihnen, in diesem
Kongreß (zu entscheiden, wer der Sieger in diesem Wettlauf sein wird.
Es geht hier keineswegs um irgendwelche zusammenhanglosenMaßnahmen, die
bestimmte Lücken oder Mißstände im Leben unseres Volkes betreffen. Es

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Es geht hier vielmehr um die Art unserer Absichten und die Grundlage
unserer Hoffnungen. Ich glaube an die Demokratie, hat Woodrow Wilson
gesagt, weil sie die Energie eines jeden Menschen freisetzt. Die
Dynamik der Demokratie liegt in der Kraft und der Zielsetzung des
Einzelmenschen, und die Politik unserer Regierung besteht darin,
dem einzelnen die Chance zu geben, seine eigenen höchsten Möglichkeiten zu verwirklichen. Unser Programm soll allen die Möglichkeit
für eine stetige und produktive Beschäftigung geben, für alle das Handikap einer willkürlichen und unsinnigen Diskriminierung beseitigen,
allen die Einrichtungen für Erziehung, Gesundheit und Wohlfahrt zugänglich machen, die Gemeinschaft zum Diener des einzelnen und den
einzelnen zu einer Quelle des Fortschritts machen und somit für alle
die ganzen Verheißungen der amerikanischen Lebensform verwirklichen.
Unsere Ziele im Ausland
Alle diese Anstrengungen im eigenen Lande geben unseren Bemühungen
im Ausland ihre Bedeutung. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges hat
ein globaler Bürgerkrieg die Menschheit gespalten und zerrissen. Aber
es sind nicht unsere militärische Macht oder unser höherer Lebensstandard, die uns am meisten von unseren Gegnern unterschieden haben.
Es ist vielmehr unsere Überzeugung, daß der Staat der Diener des Bürgers und nicht sein Herr ist.
Dieser grundsätzliche Zusammenprall der Ideen und Zielsetzungen
ist aber nur eine der Kräfte, die unseren Erdball neu formen - unseren
Erdball, der zwischen Hoffnung und Furcht hin- und hergerissen ist,
durch Krisen, die heute die Schlagzeilen der Presse füllen und morgen
schon zu bloßen 'Fußnoten geworden sind. Sowohl Erfolge als auch Rückschläge des vergangenen Jahres stehen weiterhin auf der Liste der
unerledigten Arbeiten. Denn jede offenbare Segnung enthält auch den
Samen der Gefahr, jedes Krisengebiet läßt auch Raum für Hoffnung,
und die einzige unveränderliche Gewißheit ist, daß nichts gewiß oder
unveränderlich ist.
Doch unser grundlegendes Ziel bleibt das gleiche: eine friedliche
Weltgemeinschaft freier und unabhängiger Staaten, die frei ihre eigene
Zukunft bestimmen und ihr eigenes System wählen können, solange dieses
nicht die Freiheit der anderen bedroht.
Einige werden vielleicht Formen und Wege wählen, die wir für uns
nicht wählen würden; aber sie wählen ja nicht für uns. Wir können
eine Vielfalt begrüßen, die Kommunisten können dies nicht. Denn wir
bieten eine Welt der Entscheidungsfreiheit, sie bieten eine Welt des
Zwanges. Und die Ereignisse der Vergangenheit zeigen deutlich, daß der
Freiheit und nicht dem Zwang die Zukunft gehört. Manchmal wurde unser
Streben durch eine Krise verdunkelt oder einen Konflikt gefährdet,
aber es schöpft seine Kraft aus fünf grundlegenden Quellen der Stärke:
aus

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aus der moralischen und physischen Stärke der Vereinigten
Staaten;
aus der vereinten Stärke der Atlantischen Gemeinschaft,
aus der regionalen Stärke unserer Beziehungen auf der westlichen Hemisphäre;
aus der schöpferischen Stärke unserer Bemühungen in den
jungen Entwicklungsländern; und
aus der den Frieden währenden Stärke der Vereinten Nationen.
Unsere militärische Stärke
Unsere moralische und physische Stärke beginnt, wie bereits erwähnt, im eigenen Land. Sie schließt aber ebenso die militärische
Stärke ein. Solange Fanatismus und Furcht schwer über der Menschheit
lasten, müssen wir rüsten, um andere vor Aggressionen abzuschrecken.
In den vergangenen zwölf Monaten ist unsere militärische Position
stetig verbessert worden. Wir erhöhten das vorhergehende Verteidigungsbudget um fünfzehn Prozent - nicht in der Erwartung eines Krieges,
sondern um den Frieden zu erhalten. Wir haben die Beschaffungsrate
für Polaris-Unterseeboote um mehr als das Doppelte heraufgesetzt die Produktionskapazität für Minuteman-Raketen verdoppelt - und die
Zahl der bemannten Bomber, die innerhalb von fünfzehn Minuten einsatzbereit sind, um 50 Prozent erhöht. Die auf Grund des neuen Verteidigungsbudgets für dieses Jahr geplante Gesamtstärke - einschließlich
fast 300 zusätzlicher Polaris- und Minuteman-Raketen - ist genau berechnet worden, um auch weiterhin unsere atomare Abschreckungskraft
sicherzustellen.
Aber unsere Stärke kann auf vielen Ebenen einer Prüfung unterzogen werden. Es ist unser Ziel, jederzeit über die Macht zu verfügen,
nicht-atomaren oder begrenzten Angriffen widerstehen zu können - und
zwar als Ergänzung unserer nuklearen Kapazität und nicht etwa als
Ersatz. Wir haben jede Politik des "Alles-oder-Nichts" zurückgewiesen,
die uns keine andere Wahl ließe als unrühmlichen Rückzug oder unbegrenzte Vergeltung.
Aus diesem Grunde haben wir die Zahl unserer einsatzbereiten Kampfdivisionen der strategischen Reserve der Armee verdoppelt - die Zahl
unserer Truppen in Europa erhöht - das Marinekorps verstärkt - neue
See- und Lufttransportkapazität geschaffen - Waffen und Munition modernisiert - unsere Anti-Guerilla-Streitkräfte ausgeweitet - und die
aktive Flot te durch mehr als 70 Schiffe und unsere taktischen Luftstreitkräfte durch fast ein Dutzend Geschwader verstärkt.
Da wir diesen höheren Bereitschaftsgrad schneller erreichen mußten,
wurden 155 000 Reservisten und Angehörige der Nationalgarde auf Grund
eines von diesem Kongreß erlassenen Gesetzes einberufen. Gewisse Schwierigkeiten und Härten waren unvermeidlich. Doch trägt die Mehrzahl der
Betroffenen die ihnen - und unserer Nation - auferlegten Lasten mit bewundernswerter und unserer Tradition gemäßer Hingabe.
,

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Im nächsten Jahr werden unsere Reservisten-Einberufungspläne neu
gefaßt werden: Zwei neue Heeresdivisionen, so hoffe ich, werden die
unter den Waffen stehenden Divisionen der Nationalgarde ersetzen,
und weitere erhebliche Zugänge werden die Jagdverbände unserer Luftstreitkräfte, die Gerätebeschaffung und unser kontinentales Verteidigungs- und Warnsystam verstärken. Das erste ernsthafte Schutzbunkerbauprogramm für die Zivilbevölkerung ist angelaufen, in dessen Rahmen
Raum für 50 Millionen Menschen festgestellt, gekennzeichnet und bereitgehalten werden wird; und ich ersuche Sie um die Bewilligung von Bundesförderungsmitteln für den Bau von öffentlichen Schutzräumen gegen
radioaktiven Ausfall in Schulen, Krankenhäusern und ähnlichen Baulichkeiten .
Die Vereinten Nationen
Aber Waffen allein genügen nicht, um den Frieden zu erhalten er muß von Männern erhalten werden. Unser Werkzeug und unsere Hoffnung sind die Vereinten Nationen - und ich sehe wenig Verdienstvolles
in der Ungeduld jener, die dieses unvollkommene Weltinstrument aufgeben
wollen, weil sie unsere unvollkommene Welt nicht mögen. Denn die Unzulänglichkeiten einer Weltorganisation sind nichts anderes als ein
Spiegelbild der Unzulänglichkeiten der Welt selbst. Und wenn die Weltorganisation geschwächt wird, werden sich diese Unzulänglichkeiten nur
vergrößern. Wir mögen nicht mit jeder einzelnen Aktion eines jeden
einzelnen Beamten oder mit jedem Mehrheitsbeschluß der Vereinten Nationen einverstanden sein. Aber sie werden, als Organisation betrachtet, auch in der Zukunft - so wie bisher seit ihrer Gründung - kein
stärkeres und kein treueres Mitglied haben als die Vereinigten Staaten
von Amerika.
Im Jahre 1961 wurde die friedenserhaltende Kraft der Vereinten
Nationen gestärkt. Und jene, die ihrem Absterben den Vorzug gegeben
hätten oder es vorhersagten, als sie sich einer Troika auf dem Posten
Hammerskjölds oder einer Aufnahme Rotchinas in die Versammlung gegenübersahen, haben statt dessen die Regeneration der Tatkraft unter
einem neuen Generalsekretär und einem gänzlich unabhängigen Sekretariat erlebt. Mit ihren Plänen für ein neues Forum und neue Abrüstungsprinzipien, zur Erhaltung des Friedens im Weltraum, für ein Jahrzehnt
der Entwicklungsanstrengungen haben die Vereinten Nationen die hohen
Ziele ihrer Charta erfüllt.
Vor achtzehn Monaten stellte der Kongo in seinem wirren Durcheinander die Vereinten Nationen vor ihre schwerste Bewährungsprobe.
Man mußte entweder mit Chaos oder einer bestimmten Konfrontation der
Großmächte mit all ihren Gefahren und Risiken für uns und die anderen
Länder rechnen. Heute sind die Aussichten für eine friedliche Versöhnung in einem geeinten Kongo besser geworden. Dies ist das Ziel unserer Politik in diesem wichtigen Gebiet,

Ein

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�"AMERIKA DIENST"

19. Januar 1962

Ein Polizist ist im allgemeinen nirgendwo besonders "beliebt vor allem dann nicht, wenn er zur Wiederherstellung von Recht und
Ordnung in seinem Revier den Gummiknüppel gebraucht. Jene Mitglieder,
die den Vereinten Nationen zwar bereitwillig ihre Stimme und ihre
Sympathie zur Verfügung stellen - aber kaum mehr -, haben ein schweres Defizit verursacht, indem sie sich weigerten, ihren Anteil an
den Sonderbeiträgen für die UN zu zahlen. Wohl aber zahlen sie ihre
Jahresbeiträge, um ihr Stimmrecht zu behalten - und dabei muß eine
neue UN-Anleihe-Emission zur Finanzierung der Sonderaufgaben in den
nächsten 18 Monaten mit Zinsen aus diesen regelmäßigen Jahresbeiträgen
zurückgezahlt werden. Dies liegt eindeutig in unserem Interesse. Es
wird nicht nur die Vereinten Nationen solvent erhalten, sondern alle
Mitglieder, die ihr Stimmrecht ausüben wollen, zwingen, ihren fairen
finanziellen Anteil an diesen Operationen zu tragen. Unser finanzieller Anteil an den Beiträgen für Sonderaufgaben ist seit langem um
vieles höher gewesen als unser Anteil an dem Jahresbeitrag - und die
Anleihe-Emission wird faktisch diesen unseren unangemessenen Anteil
reduzieren. Aus diesen Gründen ersuche ich den Kongreß um die Billigung
unserer Beteiligung.
Mit der Billigung dieses Kongresses haben wir im vergangenen
Jahr einen neuen großen Vorstoß in den Weltraum unternommen. Unser
Ziel besteht nicht lediglich darin, als erste auf dem Mond zu sein,
genausowenig, wie das wirkliche Ziel von Charles Lindbergh darin
bestand, als erster in Paris zu sein. Sein Ziel war es, die Technik
und das Ansehen unseres Landes und anderer Länder auf dem Gebiet
der Fliegerei und Luftfahrt zu entwickeln. Und unser Ziel bei diesem
Unterfangen - in dessen Verlauf, wie wir hoffen, ein Mensch zum Mond
gelangen wird - ist es, die Stellung der Vereinigten Staaten und der
freien Welt in einem Neuland der Wissenschaft, des Handels und der
Zusammenarbeit zu festigen. Unser Land gehört zu den ersten, die es
erforschen. Und wir werden unter den ersten, wenn nicht die ersten
sein. Wir bieten den Vereinten Nationen unser Wissen und unsere Mitarbeit an. Unsere Satelliten werden in Kürze den anderen Nationen
bessere Wetterbeobachtungen ermöglichen. Und ich werde dem Kongreß
in Kürze eine Vorlage unterbreiten, die die Finanzierung und den
Betrieb eines internationalen Fernmeldesatelliten-Systems in einer
Weise regelt, die im Einklang mit dem öffentlichen Interesse und mit
unserer Außenpolitik steht.
Aber der Friede im '»Veitraum wird uns nichts helfen, wenn der
Friede auf der Erde selbst verloren ist. Eine Weltordnung wird nur
dann gewährleistet sein, wenn die gesamte Welt die Waffen niedergelegt hat, die gegenwärtig Sicherheit für die Gegenwart zu bieten
scheinen, die aber unser Fortbestehen - das Fortbestehen der Menschheit - in der Zukunft gefährden. Dieser Waffenstillstandstag scheint
noch in sehr ferner Zukunft zu liegen. Die riesigen Hilfsquellen dieses
Planeten werden immer mehr für Vernichtungsmittel verwandt statt zur
Bereicherung des menschlichen Lebens.
Aber die Welt ist nicht als ein Gefängnis gedacht, in dem die
Menschen auf ihre Hinrichtung v/arten. Die Menschheit hat auch nicht

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�•AMERIKA. DIENST"

19. Januar 1962

nicht die Prüfungen und Bewährungsproben von Jahrtausenden überdauert, nur um jetzt alles - einschließlich ihrer Existenz - aufzugeben. Unser Land hat den Glauben und den Willen, eine gewaltige
Anstrengung zu unternehmen, um den seit -langem bestehenden toten
Punkt in der Abrüstungsfrage und der Frage der Atomversuche zu
überwinden, und wir werden beharrlich bleiben, bis wir Erfolg haben
und die Herrschaft des Rechts an die Stelle der so gefahrvollen
Gewaltanwendung getreten ist.
Lateinamerika
Ich wende mich nunmehr einem Fragenkreis zu, der große Verheißungen in sich birgt: unseren Beziehungen zu den Ländern der
westlichen Hemisphäre. Die Allianz für den Fortschritt entwickelt
sich rasch von einem reinen Vorschlag zum Programm. Im vergangenen
Monat habe ich persönlich in Lateinamerika erleben können, wie die
Hoffnungen immer stärker werden, wie neue Zuversicht und neues Vertrauen zu unserem Land entstehen - und zwar sowohl bei den Arbeitern
und der Landbevölkerung als auch bei den Diplomaten. Wir haben uns
verpflichtet, diesen Ländern bei der Beschleunigung ihres wirtschaftlichen, bildungsmäßigen und sozialen Fortschrittes zu helfen. Die
lateinamerikanischen Republiken haben sich ihrerseits zu einer neuen
und aktiven Anstrengung der Selbsthilfe und der eigenen Reformen
verpflichtet.
Um dieses historische Vorhaben zu fördern, schlage ich gemäß
der in den Gesetzen der letzten Sitzungsperiode enthaltenen Vollmacht die Schaffung eines langfristigen Fonds der Allianz für den
Fortschritt in Hohe von drei Milliarden Dollar vor. Zusammen mit
unserem Lebensmittel-für-den-Frieden-Programm, mit den Leistungen
der Export-Import-Bank und anderen Hilfsquellen wird der Allianz damit jährlich mehr als eine Milliarde Dollar an neuer Unterstützung
zuteil werden. Darüber hinaus haben wir unsere Lateinamerika-Sendungen in spanischer und portugiesischer Sprache um das Zwölffache
gesteigert und den Handel und die Verteidigung der westlichen
Hemisphäre verbessert. Und in dem Maße, in dem der schädliche Einfluß des Kommunismus in den Amerikas in immer stärkerem Maße bloßgestellt und isoliert worden ist, hat die Freiheit Erfolge errungen.
Mit unserer entschlossenen Förderung und Unterstützung und der unserer Schwesterrepubliken in dieser Hemisphäre geht die Bevölkerung
der Dominikanischen Republik sicher den schwierigen Weg von der
Diktatur über die Unordnung zur Demokratie.
Die jungen Entwicklungsländer
Unsere Bemühungen, den jungen Nationen und den Entwicklungsländern zu helfen, haben gleichfalls einen Fortschritt zu verzeichnen.
Das neu zusammengefaßte Amt für Internationale Entwicklung (AID) gibt
unserer Auslandshilfe eine neue Richtung, wobei der Nachdruck auf
langfristige Entwicklungsanleihen statt nichtrückzahlbaren Zuwendungen
gelegt wird und auf stärkere Wirtschaftshilfe statt Militärhilfe, auf
individuelle Pläne für die individuellen Bedürfnisse der Staaten und
auf neue Maßstäbe für das, was sie zur Mobilisierung ihrer eigenen
Hilfsquellen tun müssen.
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13

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Das

�"AMERIKA DIENST"

19. Januar 1962

Das neugeschaffene Friedenskorps gewinnt sich Freunde und
steht zur Hilfeleistung in vierzehn Ländern bereit - indem es
ausgebildete und einsatzfreudige junge Männer und Frauen zur Verfügung stellt, um diesen jungen Nationen beim Aufbau ihrer Gesellschaft zur Hand zu gehen und ihnen eine Vorstellung von dem Besten
zu geben, was unser Land zu bieten hat. Sofern es hier ein Problem
gibt, so besteht es darin, daß wir der spontaaen und ständig größer
werdenden Nachfrage nicht nachkommen können .
Das erneut erweiterte "Lebensmittel-für-den-Frieden"-Programm
speist die hungernden Menschen vieler Länder aus dem Überfluß unserer produktiven Farmen - das bedeutet Mahlzeiten für Schulkinder,
Löhne für die Wirtschaftsentwicklung, Hilfszuwendungen für die Opfer
von Hochwasser- und Hungerkatastrophen, größere Rationen für Millionen Menschen, deren Hauptsorge das tägliche Brot ist.
Liese Programme helfen den einzelnen Menschen; und dadurch, daß
sie den einzelnen helfen, kommen sie der Freiheit zugute. Die Ansichten ihrer Regierungen mögen sich bisweilen wesentlich von den unsrigen
unterscheiden - aber die Vorgänge in Afrika, im Mittleren Osten und
in Osteuropa lehren uns, niemals ein Land als an 'das kommunistische
Lager verloren abzuschreiben. Das ist das, was uns unsere Zeit lehrt.
Wir setzen uns für die Unabhängigkeit jener jüngeren oder schwächeren
Staaten ein, deren Geschichte, Geographie und wirtschaftliche Lage
oder deren Ohnmacht sie zwingt, sich aus "Bündnisverstrickungen" hexauszuhalten - wie wir dies selbst über ein Jahrhundert lang getan haben.
Denn nationale Unabhängigkeit bedeutet eine Schranke für die "Großraumstrategie" der Kommunisten - während sie die Grundlage unserer
eigenen ist.
Im vergangenen Jahr haben wir beispielsweise ein neutrales
und unabhängiges Laos befürwortet - dort wieder eine gemeinsame
Politik mit unseren Hauptverbündeten hergestellt - und Verhandlungen
von einem vorherigen Waffenstillstand abhängig gemacht. Zwar muß
noch eine praktisch durchführbare Formel für die Überwachung der
Unabhängigkeit dieses Landes gefunden werden, doch gelang es bisher,
sowohl die Ausbreitung des Krieges, in den auch unser Land hätte
verwickelt werden können, als auch eine kommunistische Okkupation zu
verhindern.
Eine zufriedenstellende Regelung in Laos würde auch dazu beitragen, den Frieden in Vietnam zu erreichen und zu sichern, wo der
Gegner seine Terroraktionen verschärft, wo unsere eigenen Anstrengungen erhöht worden sind und wo die dortige Regierung neue Programme
und Reformen eingeleitet hat, um die Basis für den Widerstand zu verbreitern. Die systematisch betriebene Aggression, die gegenwärtig an
den Kräften dieses Landes zehrt, ist kein "Befreiungskrieg", denn
Vietnam ist bereits frei. Es ist ein Krieg als Unterjochungsversuch,
und er wird auf Widerstand stoßen.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

19. Januar 1 962

Die Atlantische Gemeinschaft
Schließlich hat die vereinte Stärke der Atlantischen Gemeinschaft im letzten Jahr unter schweren Belastungsproben zugenommen.
Die NATO hat sowohl die Zahl als auch die Bereitschaft seiner Luft-,
Land- und Seestreitkräfte und auch deren Schlagkraft im Bereich sowohl der nuklearen als auch der herkömmlichen Waffen erhöht. Noch
bedarf es größerer Anstrengungen all ihrer Mitglieder. In jedem
Fall aber wurde unsere Einigkeit in den Zielsetzungen und im
Wollen unermeßlich gestärkt.
Die Bedrohung der tapferen Stadt Berlin besteht nach wie vor.
In den letzten sechs Monaten haben die Alliierten in unmißverständlicher Weise zu verstehen gegeben, daß unsere Anwesenheit in Berlin,
der freie Zugang zu der Stadt und die Freiheit der zwei Millionen
Westberliner weder angesichts von Gewalt noch um der Beschwichtigung
willen preisgegeben werden, - und zur Wahrung dieser Rechte und
Verpflichtungen sind wir bereit zu verhandeln, wo dies angebracht
ist, und zu kämpfen, falls dies notwendig wird. Jedes Mitglied der
NATO steht gemeinsam mit uns unter der Verpflichtung,dieses Symbol
für den Willen freier Menschen, frei zu bleiben, zu erhalten.
Ich kann den Kurs, den künftige Berlin-Verhandlungen nehmen
werden, nicht voraussagen. Ich kann nur sagen, daß wir keine ehrenhafte Anstrengung scheuen werden, eine friedliche und für alle annehmbare Lösung des Problems zu finden. Ich bin überzeugt, daß eine solche
Lösung gefunden und damit eine Verbesserung in unseren Beziehungen
zur Sowjetunion hergestellt werden kann, wenn die führenden Männer
im Kreml die Grundrechte und Interessen, um die es geht, und auch
das Interesse der ganzen Menschheit am Frieden anerkennen.
Aber der Atlantischen Gemeinschaft geht es nicht mehr allein
um rein militärische Ziele. In dem Maße, in dem ihre gemeinsamen
Vorhaben in immer schnellerem Tempo wachsen, sind wir - und wollen
es in steigendem Maße sein - Partner in der Hilfe, im Handel, in der
Verteidigung, in der Diplomatie und in Währungsfragen.
Mit der Entstehung des neuen Europa geht die Entstehung neuer
Bindungen über den Atlantik hinweg Hand in Hand. Es ist eine Sache
der unsensationellen täglichen Zusammenarbeit in Hunderten von
alltäglichen Aufgaben: der Herstellung richtiger Währungsrelationen,
der gemeinsamen Bereitstellung von Entwicklungsanleihen, der Standardisierung der Waffen und der aufeinander abgestimmten diplomatischen Standpunkte.
Die Atlantische Gemeinschaft wächst night wie ein Vulkan durch
gewaltige Ausbrüche, sondern wie ein Korallenriff durch die zusammentragende Tätigkeit aller. So kommen wir in der freien Welt der Einheit und der Zusammenarbeit ständig näher, und das entgegen der
alten bolschewistischen Voraussage und genau zu der Zeit, da man
über den Eisernen Vorhang hinweg außergewöhnlich grollende Töne

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�19. Januar 1 962

"AMERIKA DIENST'

Töne der Zwietracht vernehmen kann. Es sind nicht die freien Gesellschaften, die den Samen der zwangsläufigen Uneinigkeit in sich
tragen.
Unsere Zahlungsbilanz
Bei einem besonderen Problem, das unseren Freunden wie auch uns
große Sorge macht, freue ich mich, dem Kongreß einen ermutigenden
Bericht geben zu können. Unsere Bemühungen um die Sicherung des
Dollars verlaufen erfolgreich. In den elf Monaten vor dem 1. Februar
vergangenen Jahres haben wir einen Nettogoldverlust von fast zwei
Milliarden Dollar gehabt. In den elf darauffolgenden Monaten betrug
dieser Goldverlust nur etwas über eine halbe Milliarde Dollar. Und
unser Defizit in unseren Haupttransaktionen mit der übrigen Welt, auf
dem Gebiet des Handels, der Verteidigung und der Auslandshilfe sowie
auf dem Kapitalsektor, wurde - kurzfristige spekulative Kapitalbewegungen ausgeschlossen - von zwei Milliarden Dollar im Jahre 1960
auf etwa ein Drittel dieses Betrages im Jahre 1961 reduziert. Das
Spekulationsfieber zum Schaden des Dollars ebbt ab, und das Vertrauen
in den Dollar ist wiederhergestellt worden.
'.Vir haben diese Erfolge nicht durch Importrestriktionen, den
Abzug von Truppen, Devisenkontrollen, eine Abwertung des Dollars
oder eine Dämpfung des wirtschaftlichen .Viederaufschwungs erreicht,
und hätten es auch nicht gekonnt. '.Vir haben nicht in Panik, sondern
vorausschauend gehandelt. Aber das Problem ist noch nicht gelöst.
Ständige große Defizite würden unsere wirtschaftliche Expansion und
unsere militärischen und Verteidigungsverpflichtungen gegenüber dem
Ausland gefährden. Unser Ziel muß ein vernünftiges Gleichgewicht in
unserer Zahlungsbilanz sein. Wenn der Kongreß, die Wirtschaft, die
Gewerkschaften und unsere Hauptverbündeten mithelfen, kann dieses
Ziel erreicht werden.
Wir werden auch weiterhin für unser Land um ausländische Touristen und ausländisches Investitionskapital werben, eine Erhöhung
der Beschaffungskäufe unserer Verbündeten bei uns anstreben, den
Abfluß von Dollar im Gefolge unserer eigenen militärischen Bemühungen
auf ein Minimum verringern, die Beschaffungskäufe bei amerikanischen
Firmen im Rahmen der Auslandshilfe auf ein Maximum steigern, auf
vermehrte Hilfe seitens der anderen, vom Glück begünstigten Länder
für die weniger glücklichen drängen, eine Steuergesetzgebung anstreben, die nicht Investitionen in anderen Industrieländern oder steuergünstigeren Staaten fördert, sowie auf eine Koordinierung der Finanzund Währungspolitik der Alliierten drängen, um so vor großen und
störenden Kapitalbewegungen abzuschrecken.
Handel
Wenn wir für unsere Verpflichtungen im Ausland aufkommen sollen,
dann müssen wir vor allem unseren Export ausweiten. Unsere Wirtschaft
muß exportbewußt und wettbewerbsfähig sein. Unsere Steuerpolitik muß
zur Modernisierung unserer Fabriken anspornen. Die Entwicklungen auf

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�"AMERIKA LIEHST"

19. Januar 1°62

auf dem Lohn- und Preissektor müssen in Übereinstimmung mit der
Produktivität stehen, um das Preisniveau zu halten; unsere Bemühungen um die Bereitstellung von Exportkrediten und die Kampagne zur
Förderung der amerikanischen Industrie müssen auch fernerhin erweitert werden.
/
Aber die größte aller Aufgaben wird uns durch das Wachstum
des europäischen Gemeinsamen Marktes gestellt. Vorausgesetzt, daß
Großbritannien dem Markt beitritt, wird jenseits des Atlantiks
ein Handelspartner hinter einem einzigen Außenzoll ähnlich dem
unsrigen mit einer Wirtschaft entstehen, die unserer eigenen nahezu
gleichkommt. Wollen wir hier in den USA unser Denken diesen neuen
Aussichten und diesem neuen Rahmen anpassen - oder, wollen wir warten,
bis die Ereignisse uns überholt haben?"'
In diesem Jahr müssen wir uns entscheiden. Las Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen läuft aus. Wir brauchen ein neues Gesetz eine völlig neue Einstellung zu den Lingen - und ein kühnes neues
Instrument der amerikanischen Handelspolitik. Unsere Entscheidung
könnte sehr wohl die Einheit des Westens, den Verlauf des Kalten
Krieges und das wirtschaftliche Wachstum unserer Nation für die
nächste Generation beeinflussen.
Wenn wir entschlossen vorgehen, dann können unsere Fabriken
und Farmen ihre Verkäufe auf ihrem bisher reichsten und am schnellsten wachsenden Markt steigern. Unsere Exporte werden anwachsen,
Der Stand unserer Zahlungsbilanz wird sich verbessern, und wir werden über den Atlantik hinweg eine Handelspartnerschaft mit einei
jm
gewaltigen Potential für den Frieden zustande gebracht haben.
Wenn wir andererseits aber aus Rücksicht auf lokalen wirtschaftlichen Lruck zurückstehen, dann werden wir uns von unseren wichtigen
Verbündeten abgeschnitten sehen. Lie Industrien - und dies halte ich
für äußerst entscheidend - werden ihre Anlagen, ihre Arbeitsplätze
und ihr Kapital in den geschlossenen Bezirk des Gemeinsamen Marktes
hineinverlegen - und damit würden Arbeitsplätze in den USA verlorengehen -, wenn sie anders im Konkurrenzkampf um die dortigen Verbraucher nicht mehr bestehen können. Unsere überschüssigen Farmprodukte
werden zunehmen. Und unsere Handelsbilanz gegenüber.Europa und dem
Gemeinsamen Markt in landwirtschaftlichen Erzeugnissen ist - wie Sie
alle wissen - fast 3 oder 4 zu 1 zu unseren Gunsten und bildet somit
eine der besten Lollareinnahmequellen in der Struktur unserer Zahlungsbilanz. Ohne Zugang zu diesem Markt und ohne die Fähigkeit, in
ihn einzudringen, werden sich unsere landwirtschaftlichen Überschüsse
im mittleren Westen, unser Tabak im Süden und andere Waren, die
seit 50 Jahren nach Westeuropa gegangen sind, zu Bergen aufstapeln.
Unsere Zahlungsbilanz wird sich verschlechtern und unsere Verbraucher
werden nicht über eine größere Auswahl an Gütern zu niedrigeren Preisen verfügen. Millionen amerikanische Arbeiter aber, deren Arbeitsplätze vom Verkauf oder Transport oder der Verteilung der Exporte
oder Importe abhängen - oder durch den Abfluß unseres Kapitals nach

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�"AMERIKA DIENST

19. Januar 1 962

"nach Europa gefährdet werden, oder nur in einer expandierenden
Wirtschaft gewährleistet werden können - diese Millionen Arbeiter
in Ihren Heimatstaaten und in dem meinen werden ihre wahren Interessen zum Opfer gebracht sehen.
Mitglieder des Kongresses! Die Vereinigten Staaten sind nicht
zu ihrer Größe angestiegen, indem sie warteten, bis andere vorangingen. Unsere Nation steht als Fabrikant, Farmer, Bankier, Verbraucher und Exporteur an der Spitze der Welt. Der Gemeinsame Markt
schreitet mit einer wirtschaftlichen Wachstums rate voran, die doppelt so groß ist wie die unsere. Die kommunistische Wirtschaftsoffensive ist auf dem Marsch. Wir haben die Chance - die Initiative liegt
bei uns -, und ich meine, daß 1962 die Zeit gekommen ist.
Um diese Initiative zu ergreifen, werde ich dem Kongreß in
Kürze eine Vorlage für ein neues 5-Jahres-Handelsexpansionsprogramm
vorlegen, das in seinem Umfang weitgesteckt ist, das aber mit großer
Sorgfalt ausgearbeitet wurde, um sicherzustellen, daß seine Vorteile
für unser Volk alle etwaigen Risiken bei weitem überwiegen. Die
Gesetzesvorlage wird den schrittweisen Abbau der Zölle hier in den
Vereinigten Staaten und im Gemeinsamen Markt für jene Güter ermöglichen, die wir zusammen zu 80 Prozent für den Welthandel liefern in der Mehrzahl handelt es sich dabei um Güter, bei denen unsere
eigene Konkurrenzfähigkeit durch die Tatsache unter Beweis gestellt
ist, daß wir im Ausland bedeutend mehr von diesen Waren verkaufen,
als wir importieren. Diese Maßnahme wird unsere größeren Industrien
in die Lage versetzen, mit den entsprechenden Firmen in Westeuropa
in den Wettbewerb um die Abnahme bei den europäischen Verbrauchern
zu treten.
Andererseits wird das Gesetz eine stufenweise Senkung der
Zölle bis zu 50 Prozent gestatten - wobei man bei wichtigen Warenkategorien die Sätze aushandeln kann -, und geeignete und bewährte
Formen der Hilfe für Firmen und Angestellte vorsehen, die sich dem
Importwettbewerb anpassen. ,Vir unterschätzen dabei nicht die Sicherheitsgewähr, die uns die Gefahrenpunkt- und Ausweichklauseln sowie
die Abänderungsbestimmungen zum Gesetz über die Nationale Sicherheit
bieten. Ebensowenig geben wir unsere nichteuropäischen Freunde oder
unser traditionelles Frinzip der meistbegünstigten Länder auf. Das
Gesetz wird ihnen im Gegenteil einen neuen Ansporn für den Absatz
ihrer tropischen Agrarerzeugnisse geben, wie er für unsere Freunde
in Lateinamerika von so großer Wichtigkeit ist, die lange Zeit von
dem europäischen Markt abhängig waren und die sich heute vor neue
Probleme und Aufgaben gestellt sehen, welche zu meistern wir ihnen
beistehen müssen.
Konzessionen bei diesen Verhandlungen müssen selbstverständlich
auf der Basis der "Gegenseitigkeit und nicht einseitig gemacht werden. Der Gemeinsame Markt wird sein eigenes großes Versprechen nicht
einlösen, wenn er seine Zollmauern gegenüber dritten Ländern nicht
niedrig hält. Die Gefahren der Restriktion oder der Zurückhaltung in
unserer eigenen Politik finden ihr Gegenstück bei unseren Freunden

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�"AMERIKA DIENST"

:

19. Januar 1962

Freunden in Europa. Denn wir stehen zusammen einer gemeinsamen
Aufgabe gegenüber: den Wohlstand der freien Menschen in aller Welt
zu vergrößern und in einer Partnerschaft eine neue Handelsgemeinschaft aufzubauen, in der alle freien Nationen aus der produktiven
Kraft freier Wettbewerbsbemühungen Gewinn ziehen können.
Diese verschiedenen Faktoren in unserer Außenpolitik führen,
wie ich bereits gesagt habe, zu einem einzigen Ziel - dem Ziel einer
friedlichen Welt freier und unabhängiger Staaten. Dies ist unsere
Richtschnur für die Gegenwart und unsere Vision für die Zukunft eine freie Gemeinschaft von Nationen, unabhängig, aber doch voneinander abhängig, Nord und Süd, Ost und West in einer großen Menschheitsfamilie vereint, einer Gemeinschaft, die den Haß und die Furcht, die
unsere Welt spalten, überwunden hat und über sie hinausgewachsen ist.
Wir werden dieses Ziel nicht heute oder morgen erreichen. Wir
werden es möglicherweise nicht einmal zu unseren Lebzeiten erreichen.
Aber das Streben danach ist das größte Abenteuer unseres Jahrhunderts.
Wir lehnen uns zuweilen auf gegen die Bürden unserer Verpflichtungen,
die Schwierigkeiten unserer Entscheidungen, die Qualen der zu treffenden Wahl. Aber ein Ausweichen bringt keinen Trost und keine Sicherheit für uns, ein Verzicht keine Lösung, Verantwortungslosigkeit
keine Entlastung.
Als ich vor einem Jahr die Amtsgeschäfte als Präsident übernahm, sagte ich, daß wenigen Generationen in der ganzen Geschichte
die große Aufgabe der Verteidigung der Freiheit in der Stunde ihrer
höchsten Gefährdung zuteil geworden ist. Dies ist unser glückliches
Geschick, und ich begrüße es heute, wie ich dies vor einem Jahr tat.
Es ist das Schicksal dieser Generation - Ihres im Kongreß und meines
als Präsident -, in einer Auseinandersetzung leben zu müssen, die
wir nicht begannen,und; in einer Welt, die wir nicht schufen. Aber
die Härten des Lebens werden nicht immer nach eigener Wahl verteilt.
Und wenn noch nie eine Nation einer derartigen Aufgabe gegenüberstand,
so war doch noch nie eine Nation so bereit, die Bürde wie den Ruhm
der Freiheit auf sich zu nehmen. Möge bei diesem unserem Streben
Gott über die Vereinigten Staaten von Amerika wachen.

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19 -

�Präsident Kennedy hat dem amerikanischen Kongreß am Donnerstag
den neuen Haushalt der Vereinigten Staaten für das am 1. Juli beginnende neue Haushaltsjahr 1963 vorgelegt, der mit Einnahmen von
93 Milliarden Dollar und Ausgaben von 92,5 Milliarden Dollar einen
Überschuß von 500 Millionen Dollar aufweist. Dieser Überschuß soll
zum Abtragen der Staatsschuld verwandt werden.
Die Haushaltsbotschaft umfaßt 1170 Seiten und gibt eine detaillierte Aufschlüsselung der einzelnen Regierungsprogramme im Finanzjahr 1963 (1962/63). Es ist der erste Staatshaushalt, der vollständig
von der Regierung Kennedy ausgearbeitet worden ist. Im vergangenen
Jahr hatte Kennedy, seine Haushaltsbotschaft noch auf.dem von der
Regierung Eisenhower aufgestellten Budget aufbauen müssen. Der Haushalt verfolgt, wie der Präsident in seiner Botschaft erklärt, zwei
grundlegende Ziele:
"Er will erstens den Aufgaben auf wirksame Weise Rechnung tragen, mit deren Durchführung - angefangen von der Verteidigung bis
zum Postdienst, von der Ozeanforschung bis zur Erschließung des
Weltraums - nach dem Willen der Nation die Bundesregierung beauftragt ist; er will zweitens einen Finanzplan aufstellen - d.h. eine
Relation zwischen Einnahmen und Ausgaben herstellen, die zu einem ,
wirtschaftlichen Wachstum, einem hohen Beschäftigungsstand sowie
einer Preisstabilität in unserer Wirtschaft beiträgt."
Angesichts des anhaltenden Aufschwungs in der amerikanischen
Wirtschaft, der steigenden Einkommen und der zu erwartenden höheren
Beschäftigtenzahlen, so betont Präsident Kennedy, weise der neue
Haushalt wieder einen Überschuß auf. Ein weiteres Defizit würde nur

1

�"AMERIKA DIENST"

26. Januar

1962

nur das Risiko eines inflationistischen Drucks erhöhen und sich damit nachteilig auf die Wirtschaft und die Zahlungsbilanz auswirken.
Auf der anderen Seite würden jedoch die industrielle Kapazität und
das vorhandene Arbeitskräftepotential bei weitem nicht voll genutzt,
so daß ein größerer Haushaltsüberschuß die Gefahr mit sich bringen
könnte, daß der Wirtschaftsaufschwung eingedämmt wird und ein vorzeitiger Rückgang einsetzt. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen
glaube er daher, daß ein Überschuß in der angeführten Größenordnung
der richtigste Weg sei und allen Anforderungen und Zielen am besten
gerecht werde.
Einnahmen
Die Haushaltseinnahmen im kommenden Finanzjahr werden von Präsident Kennedy auf insgesamt 93 Milliarden Dollar veranschlagt und
liegen damit um rund 10,9 Milliarden Dollar über denen des laufenden
Haushaltsjahres. Dabei geht die Regierung von der Annahme aus, daß
der gegenwärtige Wirtschaftsaufschwung nicht nur dieses Jahr, sondern
auch noch 19°3 anhalten und das Bruttosozialprodukt von 521 Milliarden
Dollar zu Beginn des Jahres auf eine Jahresrate von 570 Milliarden
Dollar im Dezember ansteigen wird. Damit würden sich die Gesellschaftsgewinne im Kalenderjahr 1962-auf 56,5 Milliarden Dollar und das Personaleinkommen auf 448 Milliarden Dollar stellen, wobei der zusätzliche Anreiz für die Wirtschaft noch nicht berücksichtigt wäre, den
das dem Kongreß vorliegende Investitionsförderungsgesetz bieten dürfte.

Haushaltseinnahmen
(in Milliarden Dollar)
1962
veranschlagt

1961
tatsächlich
Einkommensteuer
41 ,3
Körperschaftssteuer
21 ,0
Verbrauchssteuern
9,1
Grund- und Schenkungssteuer
er 1 ,9
Zölle
1,0
Sonstige Einnahmen
4,1

45,0
21,3
9,6 .
2,1
1,2

78,4
abzüglich Posten der
internen Rechnungsabgrenzung
Gesamteinnahmen

-

0,7

77,7

1963
veranschlagt
49,3
26,6
10,0

3,6

2,3
1,3
4,2

82,8

93,7

0,7

- 0,7

82,1

93,0
Steuerpolitik

-

2

-

�"AMERIKA DIENST"

26. Januar 1962

Steuerpolitik
Zur Sicherung eines ausgeglichenen Haushalts hält der Präsident die Beibehaltung der gegenwärtigen Steuersätze bei der Körperschaftssteuer und bestimmten Verbrauchssteuern zunächst für ein
weiteres Jahr unbedingt für erforderlich. Auf Grund der bestehenden
Gesetze würde mit Ablauf des gegenwärtigen Finanzjahres der Höchstsatz in der Körperschaftssteuer von 52 Prozent auf 47 Prozent gesenkt
werden müssen; die Telephonsteuer würde in Fortfall kommen, und bei
verschiedenen Verbrauchssteuern ebenfalls Abstriche vorgenommen werden
müssen. Diese Steuererleichterungen, so betont der Präsident, würden
jedoch für den Bundeshaushalt einen Einnahmeausfall von rund 2,8 Milliarden Dollar zur Folge haben, der im Augenblick nicht tragbar sei.
Ferner fordert Präsident Kennedy in seiner Botschaft die Verwirklichung einer Reihe von Steuerreformen. Einmal sollen im Rahmen
des Investitionsförderungsgesetzes Erleichterungen für Investitionen
in Maschinen und Anlagen gewährt werden. Hiervon, wie auch von einer
Straffung der Abschreibungsbestimmungen selbst, verspricht sich Kennedy
eine beträchtliche Beschleunigung der Modernisierungs- und Rationalisierungsprogramme der Industrie. In Zukunft soll bei Abschreibungen
auch der relative Wertzuwachs berücksichtigt werden. Bei Dividenden
und Zinsen soll das gleiche Steuerabzugsverfahren eingeführt werden
wie bei Einkommen aus Lohn und Gehalt. Auslandseinkommen und Auslandsbesitz sollen in gleicher Weise wie im Inland erzielte Einkünfte und
im Inland befindliche Vermögenswerte besteuert werden. Bei der Körperschaftssteuer soll eine Reihe besonderer Vergünstigungen wegfallen.
Auch die Bestimmungen und Sätze der Beförderungs- und der Benzinsteuer
sollen neu gefaßt werden.
Haushaltspolitik
Wichtigste Aufgabe der Haushaltspolitik müsse es sein, so wird
in der Botschaft unterstrichen, die Wirtschaftspolitik zu ergänzen
und zu einem schnellen Wirtschaftsaufschwung beizutragen - wobei die
Segnungen allen Teilen der Bevölkerung zugute kommen müssen - sowie
zur Vollbeschäftigung, zur Produktionsausweitung und zur Preisstabilität. Gleichzeitig falle der Haushaltspolitik aber auch eine ausgleichende
und stabilisierende Aufgabe zu, wie dies insbesondere die Jahre 1961
und 1962, aber auch frühere Rezessionen gezeigt hätten. Für das neue
Haushaltsjahr sei zwar mit keinem Wirtschaftsrückgang zu rechnen, doch
habe die Erfahrung gelehrt, daß periodische Fluktuationen in der Wirtschaft nie völlig ausgeschlossen werden können, und dieser Tatsache
müsse die Haushaltspolitik durch eine ausreichende Flexibilität Rechnung tragen. Um solchen Entwicklungen rechtzeitig entgegentreten zu
können, fordert Kennedy einmal eine dem Veto des Kongresses unterliegende Generalvollmacht für eine zweitweise prozentuale Senkung der
Einkommensteuer, falls dies die wirtschaftliche Lage erfordern sollte;
zum anderen eine Vollmacht, um im Falle einer Zunahme der Arbeitslosigkeit Zahl und Umfang der mit Bundesmitteln geförderten und dem
gemeinen Wohl dienenden Programme zu erhöhen sowie den Bundesstaaten
und den Kommunen zusätzliche Mittel für solche Zwecke in Form von
nichtrückzahlbaren Zuschüssen oder Krediten zur Verfügung zu stellen;
und

�AMERIKA DIENST

26. Januar 1962

und drittens die Verabschiedung eines Gesetzes zur Verbesserung der
Arbeitslos enversi cherung.
Die Haushaltspolitik, so heißt es in der Botschaft weiter, müsse
ferner der Entwicklung der Zahlungsbilanz Rechnung tragen. Im Haushalt 1963 wirkten sich bereits zahlreiche Maßnahmen aus, die in den
vergangenen Monaten zur Reduzierung der Regierungsausgaben im Ausland ergriffen wurden. Eine grundlegende Verbesserung der amerikanischen Zahlungsbilanz werde in erster Linie davon abhängen, ob die
Preise stabil blieben und die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen
Erzeugnisse auf den Weltmärkten verbessert werde. Der dynamische Aufbau der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und die zu erwartende
weitere Wirtschaftsexpansion in diesem Gebiet bewirkten grundlegende
Veränderungen im Welthandel und brächt en für die USA noch nie dagewesene Exportmöglichkeiten, aber auch große Aufgaben. Die USA müßten
diesen Veränderungen im Vertrauen auf die Wettbewerbsfähigkeit ihrer
Erzeugnisse mutig begegnen und so an den sich hieraus für alle ergebenden enormen Vorteilen teilhaben. Die Voraussetzungen hierfür zu
schaffen, sei im besonderen das Ziel des neuen Handelsgesetzes, das
dem Kongreß in Kürze zusammen mit einer Sonderbotschaft des Präsidenten übersandt werden soll.
Kennedy unterstreicht weiter die Notwendigkeit einer Anhebung
der Gehälter im öffentlichen Dienst, die den in der Wirtschaft üblichen Vergütungen entsprechen müßten. Die Arbeit der einzelnen
Regierungsdienststellen lasse sich nur dann wirksamer gestalten,
wenn sie auch über genügend hochqualifizierte Fachkräfte verfügten.
Unabhängig hiervon müsse ferner eine Überprüfung der für die militärischen Streitkräfte gezahlten Gehälter durchgeführt werden.
Gleichzeitig weist Kennedy auf die umfangreichen Investitionen
aus Haushaltsmitteln für wissenschaftliche Zwecke hin und betont,
daß rund zwei Drittel aller wissenschaftlichen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben aus Bundesmitteln unterstützt werden.
Staatsschuld
Die Staatsschuld wird von Präsident Kennedy für den 30. Juni
1963 mit 294,9 Milliarden Dollar angegeben gegenüber 295,4 Milliarden
Dollar am Ende des laufenden Haushaltsjahres. Das vom Kongreß gebilligte
Limit für die Staatsschuld beträgt für das laufende Haushaltsjahr noch
298 Milliarden Dollar und fällt mit Beginn des neuen Haushaltsjahres
dann auf den alten Stand von 285 Milliarden Dollar zurück.
Diese Tatsache, so betont Kennedy, stelle das US-Schatzamt bereits im laufenden Haushaltsjahr vor eine schwierige Situation, da
es hinsichtlich der Staatsschuld nicht mehr über einen ausreichenden
Spielraum verfüge. So sehe sich das Schatzamt nicht mehr in der Lage,
unvorhergesehenen Entwicklungen in bezug auf die Staatsschuld Rechnung
zu tragen. Er erachte es daher als unbedingt notwendig, daß die Höchstgrenze für die Staatsschuld umgehend für das laufende wie auch das
neue Haushaltsjahr auf 308 Milliarden Dollar heraufgesetzt werde, um
dem Schatzamt eine gewisse Handlungsfreiheit zu geben.
Ausgaben
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26. Januar

1962

Ausgaben
Die von Präsident Kennedy für das neue Haushaltsjahr veranschlagten Ausgaben liegen mit 92,5 Milliarden Dollar um rund 3,4
Milliarden Dollar über den geschätzten Ausgaben des laufenden
Haushaltsjahres, das mit dem 30. Juni 1$62 endet. Den größten
Posten machen wiederum mit 60 Prozent des Gesamtbudgets die Ausgaben für die Nationale Verteidigung, internationale Programme und
die Weltraumforschung aus, die im neuen Haushalt mit 58,1 Milliarden
Dollar ausgewiesen sind. Die hiermit in einem direkten Zusammenhang
stehenden Posten Kriegsveteranen und Zinsendienst sehen Ausgaben in
Höhe von 14,7 Milliarden Dollar vor, so daß rund 80 Prozent aller
Ausgaben der nationalen Sicherheit dienen oder durch frühere Kriege
bedingt sind. Auf alle übrigen Programme entfallen, lediglich 19,7
Milliarden Dollar oder ein Fünftel des Gesamtbudgets,
Der Präsident weist im besonderen darauf hin, daß sich die Ausgaben für die inneramerikanischen Programme in ihrer Gesamtheit sowie
für den Zinsendienst gegenüber dem laufenden Haushaltsjahr praktisch
nicht verändert haben und die in dem Haushalt ausgewiesenen Mehrausgaben ausschließlich der Stärkung der nationalen Sicherheit dienen.
Bei den inneramerikanischen Programmen hätten sich allerdings Schwerpunktverlagerungen ergeben. So sei mit rückläufigen Ausgaben für die
landwirtschaftlichen Programme, für das Postdefizit und - auf Grund
der vorübergehend hinausgeschobenen Aussteuerungsgrenze - bei der
Arbeitslosenversicherung zu rechnen. Die hier freiwerdenden Gelder
würden für andere wichtige Aufgaben, vor allem auf den Gebieten des
Erziehungswesens, des Gesundheitswesens, des Wohnungsbaus sowie der
Entwicklung der natürlichen Hilfsquellen,verwendet werden.
Nationale Verteidigung
Für die nationale Verteidigung der USA fordert Präsident Kennedy
in seiner Botschaft für das Haushaltsjahr 1963 insgesamt 52,7 Milliarden Dollar an. Dieser Betrag liegt um 1,5 Milliarden Dollar über dem
des Haushaltsjahres 1962 und um 5,2 Milliarden Dollar über dem des
Jahres 1961. Der von Kennedy veranschlagte Betrag umfaßt die militärischen Funktionen des Verteidigungsminis.teriums, die Militärhilfe
der USA für andere Länder, Atomenergieprogramme sowie verschiedene
andere Tätigkeiten,.mit denen die Verteidigungsbemühungen der USA
direkt unterstützt werden.
Größeren Raum in dem Kapitel Nationale Verteidigung nehmen die
Ausführungen über die Strategische Vergeltungsstreitmacht der USA ein,
zu der die bemannten Bomber vom Typ B-5 2 , B-58 und B-47, deren Raketen
"Hound-Dog" und "Skybolt", die ballistischen Interkontinentalraketen
"ATLAS", "TITAN" und "MINUTEMAN" sowie die Polaris-Unterseeboote gehören. -Die Gesamtermächtigung für diese Streitmacht wird für 1963 mit
9,4 Milliarden Dollar veranschlagt. Mit diesen Mitteln soll ferner
eine Bomberflotte von etwa 1200 Maschinen zu Ende des Jahres 1963
aufrechterhalten werden.
Kennedy

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26. Januar 1962

Kennedy weist in seiner Botschaft darauf hin, daß im kommenden
Haushaltsjahr die Entwicklung und Erprobung der neuen Skybolt-Rakete
vorangetrieben und die erste Bereitstellung dieser Raketen erfolgen
soll. Mit Abschluß des Haushaltsjahres 1965 soll ferner die Aufstellung der geplanten 13 Atlas-Einsatzgruppen sowie des größten Teils
der geplanten 12 Titan-Einheiten abgeschlossen sein. Bis zu diesem
Zeitpunkt rechnet man auch mit der Einsatzbereitschaft der ersten
ballistischen Feststoffraketen vom Typ Minuteman.
Aus der Botschaft geht ferner hervor, daß die USA gegenwärtig
sechs Polaris-Unterseeboote mit 96 Raketen an Bord in Dienst haben.
Bis zum Ende des Finanzjahres 1963 soll die Zahl dieser Boote auf
12 erhöht und sollen weitere 17 im Bau sein. Durch den Bau von 12
weiteren Unterseebooten dieses Typs, der während der Finanzjahre
1963/64 erfolgen soll, würde sich die Gesamtzahl der Polaris-Unterseeboote der USA auf 41 erhöhen.
Präsident Kennedy setzt sich in seiner Botschaft ferner für
einen Ausbau der amerikanischen Luftabwehr, für eine Intensivierung
der militärischen Forschungs- und Entwicklungsprogramme und eine
Verbesserung des militärischen Luft- und Seetransportwesens sowie
für die Inangriffnahme eines umfassenden Programms der Zivilverteidigung ein.
Das Bauprogramm der amerikanischen Marine sieht für 1963 den Bau
von 29 neuen Schiffen sowie die Modernisierung von 33 weiteren Schiffen
vor. Zu den Heubauten gehören ein konventioneller Flugzeugträger,
eine mit Atomkraft getriebene Fregatte, acht mit Atomkraft getriebene
Unterseeboote, fünf Landungsschiffe sowie acht Begleitschiffe. Die
amerikanischen Luftstreitkräfte werden in zunehmendem Maße ihre taktischen Jägereinheiten modernisieren und vergrößern. Die US-Armee soll
nach den Vorschlägen Kennedys die Zahl ihrer Divisionen von 14 auf 16
erhöhen, wobei die beiden neuen Divisionen an die Stelle der beiden
Divisionen der Nationalgarde treten würden, die sich gegenwärtig im
aktiven Dienst befinden.
Für das Programm der Zivilverteidigung fordert Kennedy nahezu
700 Millionen Dollar an. Dieser Betrag schließt die Summe von 460
Millionen Dollar für ein neues gemeinsames Programm des Bundes, der
Einzelstaaten, der Kommunen und privater Organisationen ein, in dessen
Rahmen in bestimmten Gebäuden der Gemeinden, wie Schulen und Krankenhäusern, Luftschutzräume gebaut werden sollen. Insgesamt sollen durch
die im Budget veranschlagten Mittel für rund 50 Millionen Menschen in
den USA Atombunker geschaffen werden. Darüber hinaus soll das Warnsystem ausgebaut, die erforderliche Ausrüstung für die Strahlenmessung
beschafft und die Ausbildung des im Rahmen der Zivilverteidigung eingesetzten Personals intensiviert werden.
Im Abschnitt Nationale Verteidigung weist Kennedy darauf hin,
daß die strategischen Streitkräfte der USA groß und vielfältig genug
seien, um jeden gegen die Vereinigten Staaten vorgetragenen Angriff

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26. Januar 1962

Angriff.über stehen und entscheidend zurückschlagen zu können.
"Die in dieser Haushaltshotschaft vorgeschlagenen Programme", so
heißt es wörtlich, "sollen sicherstellen, daß wir auch in Zukunft
über diese Fähigkeit verfügen. Diese Gewißheit basiert auf einer
erschöpfenden Analyse aller über die militärischen Streitkräfte der
Sowjets verfügbaren Daten sowie der Stärke und der Verwundbarkeit
unserer eigenen Streitkräfte unter Berücksichtigung eines weitgesteckten Rahmens aller nur möglichen Notfälle..."
"... Obwohl ein globaler Atomkrieg die größte Gefahr für unser Fortbestehen darstellt", so heißt es an anderer Stelle der Botschaft Kennedys "ist er nicht die wahrscheinlichste Form eines Konfliktes, solange wir über die Streitkräfte verfügen, die notwendig
sind, um einen Atomkrieg zur Katastrophe für jeden Feind werden zu
lassen. Weit wahrscheinlicher ist eine militärische Aggression in
kleinerem Rahmen. Wenn wir uns eine andere Alternative als nukleares
Inferno oder Rückzug offenhalten wollen, dann müssen wir unsere konventionellen Streitkräfte beträchtlich vergrößern. Dies ist eine Aufgabe, die wir mit unseren Verbündeten in der freien Welt gemeinsam
haben. .."
Militärhilfe
Für die Militärhilfe der USA veranschlagt Präsident Kennedy 1,5
Milliarden Dollar. "Unsere militärische Planung", so heißt es in der
Botschaft wörtlich, "hat seit langem die Bedeutung anerkannt, die
den alliierten Streitkräften bei der Wahrung der Sicherheit der freien
Welt zukommt. Mit unserer Militärhilfe tragen wir zur Stärkung der
Streitkräfte von über 40 Ländern bei... Dieses Budget unterstreicht
die anhaltende Notwendigkeit, wirksame Streitkräfte in solchen Ländern
aufzustellen und zu unterhalten, die sich der ernsthaften Bedrohung
einer inneren Subversion oder einer Aggression von außen gegenübersehen... Die meisten der westeuropäischen NATO-Länder haben nunmehr
die volle finanzielle Verantwortung für die Ausrüstung ihrer eigenen
militärischen Streitkräfte übernommen. Bei anderen wird es der Fall
sein, sobald wir unsere laufenden Verpflichtungen für die Beschaffung
bestimmter wichtiger Materialien erfüllt haben."
Atomenergie
Für die Ausgaben der amerikanischen Atomenergie-Kommission im
Jahre 1965 ist der Betrag von 2,88 Milliarden Dollar eingesetzt, was
einer geringfügigen Erhöhung gegenüber 1962 entspricht. Im Hinblick
auf die friedliche Verwendung der Atomenergie wird in der Botschaft
die Erwartung ausgesprochen, daß mit ihrer Hilfe wesentliche Beiträge
zur Erforschung des Weltraumes geleistet werden können. Insbesondere
sollen im Haushaltsjahr 19^5 die Bemühungen um die Entwicklung eines
Atomantriebs für Raketen (Projekt ROVER) und von kleinen, leistungsfähigen Atomreaktoren und Isotopen-Batterien zur Erzeugung von Betriebsstrom in Erdsatelliten, Raumfahrzeugen und für Anlagen in abgelegenen Gebieten intensiviert werden.
Internationale

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26. Januar 1962

Internationale Programme und Aufwendungen '
Die Ausgaben für eine wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung der Entwicklungsländer werden für das Haushaltsjahr 19^3
mit 2,5 Milliarden Dollar veranschlagt. Dieser Betrag liegt um 202
Millionen über den geschätzten Ausgaben für das gegenwärtige Finanzjahr. Kennedy weist in seiner Botschaft darauf hin, daß diese Ausgaben - hauptsächlich in Form von Anleihen - in späteren Jahren noch
steigen werden, wenn die jetzt eingegangenen Anleiheverpflichtungen
wirksam werden, und betont in diesem Zusammenhang, daß sich auch
die Beiträge der anderen Industrienationen entsprechend erhöhen.
Besondere Berücksichtigung findet in der Botschaft des US-Präsidenten das lateinamerikanische Hilfeprogramm, das unter der Bezeichnung "Allianz für den Fortschritt" läuft. Kennedy fordert in diesem Zusammenhang eine besondere langfristige Ausgabeermächtigung in
Höhe von 3 Milliarden Dollar innerhalb der nächsten vier Jahre mit
einer Anfangsbewilligung für das Haushaltsjahr 1 963 in Höhe von 600
Millionen Dollar. Darüber hinaus könne mit weiteren wesentlichen Entwicklungsanleihen der Export-ImporttBank und der Interamerikanischen
Entwicklungsbank sowie mit Agrarlieferungen im Rahmen des "Lebensmittel-für-den-Frieden"-Programms der USA gerechnet werden, so daß die
Unterstützung, die der "Allianz für den Fortschritt" im Wirtschaftsjahr 1963 zuteil werden wird, den Betrag von 1 Milliarde Dollar beträchtlich übersteigen dürfte. Weiter wollen die USA das Kapital der
Internationalen Entwicklungsgesellschaft (IDA) und der Interamerikanischen Entwicklungsbank um 122 Millionen Dollar aufstocken.
US-Informationsamt und Austauschprogramme
Das Tätigkeitsgebiet des US-Informationsamtes soll weiterhin
ausgedehnt werden, wobei vor allem die Programme für Lateinamerika
und Afrika erweitert werden sollen. Die Pläne für 1963 sehen die
Einrichtung von elf neuen Außenstellen in Afrika und zehn neuen Außenstellen sowie neun Leseräumen, zehn Kontakt- und Informationszentren
und zehn binationalen Studentenzentren in Lateinamerika vor.
Die neuen Sendeanlagen für die Stimme Amerikas, die in Nord-karo=lina, auf der Insel Rhodos und in Liberia gebaut werden, dürften
voraussichtlich 1963 in Betrieb genommen werden. Das Budget sieht
außerdem Mittel für die Modernisierung und Erweiterung bestimmter
Sendeanlagen in den Vereinigten Staaten vor.
Nachdem der Kongreß das Erziehungs- und Kulturaustauschgesetz
in seiner letzten Sitzung verabschiedet hat, wird, wie in der Botschaft ausgeführt wird, das State Department Austauschprogramme durchführen können, ohne von Devisenbeständen im US-Schatzamt abhängig
zu sein. Das State Department ist damit besser in der Lage, den Erfordernissen dieser Programme - vor allem in Afrika und Lateinamerika nachzukommen. Außerdem sollen die unter amerikanischer Schirmherrschaft stehenden Schulen im Ausland finanzielle Unterstützung erhalten,
um den Erziehungs- und Ausbildungserfordernissen für ihre amerikanischen

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26. Januar 1962

amerikanischen Schüler gerecht werden und die amerikanischen Erziehungsmethoden demonstrieren zu können.
Weltraumforschung und Technik
Für die verschiedenen Weltraumprogramme der USA werden in dem
neuen Haushalt insgesamt 5&gt;5 Milliarden Dollar eingesetzt, wobei
dieser Betrag zum Teil erst in späteren Jahren verausgabt werden
soll. Das ist fast das Doppelte der für das laufende Haushaltsjahr
und fast das Dreifache der für das vergangene Haushaltsjahr beantragten Mittel. Von dem Gesamtbetrag entfallen 3»8 Milliarden Dollar
auf das US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA), 1,5 Milliarden Dollar
auf die im Haushalt des Verteidigungsministeriums vorgesehenen
nichtmilitärischen Programme und 200 Millionen Dollar auf verschiedene
andere Dienststellen. Die tatsächlichen Ausgaben der NASA im neuen
Haushaltsjahr werden jedoch nur 2,4 Milliarden Dollar betragen und damit um 1,1 Milliarden Dollar höher als in dem laufenden, am 30« Juni
zu Ende gehenden Haushaltsjahr 196? liegen, bzw. fast das Dreifache de
Ausgaben im Haushaltsjahr 1961 ausmachen.
Mit den zusätzlichen Mitteln, so heißt es in der Botschaft, solle
die verschiedenen Weltraumprogramme der NASA - vor allem auf den Gebieten der Nachrichtenübermittlung und der Meteorologie, auf denen
bereits in der Vergangenheit so große Fortschritte erzielt wurden verstärkt fortgesetzt werden. Das größte Unternehmen, so wird betont,
bleibe jedoch der Flug eines Menschen zum Mond und zurück. Im Zuge
dieses Projekts würden die Apollo-Raumkapsel und die Superraketen entwickelt, die das Raumschiff zum Mond tragen können.
Kennedy hebt in diesem Zusammenhang hervor, daß die gewaltigen
wissenschaftlichen und technischen Anstrengungen im Rahmen des Weltraumforschungsprogramms die technische Entwicklung und den Fortschritt
in der ganzen Wirtschaft beschleunigen.
Andere Aufgaben
Wie in der Botschaft weiter ausgeführt wird, sollen jedoch auch
die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgaben, die nicht mit
der Verteidigung oder internationalen Programmen zusammenhängen,
nicht vernachlässigt werden. In der Landwirtschaft werde eine gute
Nutzung des Überflusses angestrebt, und neue Programme sollen die
Erzeugung in Einklang mit dem inländischen Bedarf sowie mit den Exporterfordernissen bringen.
Für die Erhaltung der Natur- und Bodenschätze werden 2,3 Milliarden Dollar veranschlagt. Dabei sollen allein 43 neue Wasserwirtschaftsprojekte mit einem Gesamtaufwand an Bundesmitteln von 6.00
Millionen Dollar in Angriff genommen werden.
Die Ausgaben für Handel und Transportwesen sind mit 2,5 Milliarden Dollar etwas niedriger angesetzt als im vorigen Budget, da der
Zuschuß für die Bundespost reduziert wird.
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26. Januar 1962

Auf dem Gebiet des Wohnungsbaus und der Sanierung der Städte
hofft Kennedy durch weitere wichtige Vorschläge die Programme des
Bundes beschleunigt weiterfuhren zu können.
Für die Aufgaben des Bundes im Gesundheits- und Sozialwesen
werden in dem neuen Haushalt 5&gt;1 Milliarden Dollar angesetzt. Weiter
wird mit Ausgaben aus Treuhandfonds in Höhe von 21,6 Milliarden
Dollar gerechnet. Dabei sind größere Summen als bisher für die
medizinische Forschung und die Verbesserung des Gesundheitsdienstes
vorgesehen. Besonderes Augenmerk wird auch auf die Ausbildung und
Umschulung von Arbeitskräften gerichtet.
Ebenso wird eine Erhöhung der Mittel für Erziehungsprogramme
als notwendig bezeichnet. Insgesamt sollen für derartige Programme
1,5 Milliarden Dollar - 327 Millionen Dollar mehr als im laufenden
Haushaltsjahr - ausgegeben werden. Die neuen Ausgabeermächtigungen .
sind mit 2,4 Milliarden Dollar eingesetzt. Kennedy betont in seiner
Botschaft nachdrücklich, daß die Zukunft der Demokratie und der Freiheit auf gut ausgebildeten Bürgern beruhe.

***-*-*

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�W1./26.1 .1962
PRÄSIDENT KENNEDY LEGT KONGRESS WIRTSCHAFTSBERICHT VOR

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen eine Zusammenfassung sowie Auszüge
aus der Wirtschaftsbotschaft, die Präsident
Kennedy am 22. Januar 1962 an den amerikanischen Kongreß gerichtet hat.

1. Zusammenfassung
Die Vollbeschäftigung und einen dauerhaften Wohlstand ohne Inflation bezeichnete Präsident Kennedy als die wichtigsten Ziele der
amerikanischen Wirtschaftspolitik. In seinem Wirtschaftsbericht, den
der Präsident gemäß der Verfassung der USA dem Kongreß zu Beginn
jeden Jahres vorlegen muß, betonte Kennedy, daß die amerikanische
Wirtschaft ihre Dynamik wiedergewonnen habe und der Verwirklichung
des Zieles näher rücke, für alle Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen
Arbeitsplätze zu schaffen. Die bereits erzielten Fortschritte könnten
die Regierung mit Befriedigung erfüllen, doch dürfe sie sich nicht
selbstzufrieden auf diesen Fortschritten ausruhen. Vielmehr gelte
es, die Expansionsrate der Wirtschaft weiter zu beschleunigen, wobei
er eine Rate von 4 1/2 Prozent pro Jahr als ein vernünftiges Ziel
für die sechziger Jahre erachte.
Gleichzeitig forderte der Präsident in seiner Botschaft Maßnahmen auf den Gebieten des Erziehungswesens sowie auf »dzialem Gebiet, um sicherzustellen, daß der Wohlstand von Dauer ist und alle
Schichten der Bevölkerung an ihm teilhaben. Das Ziel sei es, gleiche
Möglichkeiten für alle zu schaffen. Gleichzeitig müßten die Bemühungen um einen Ausgleich der amerikanischen Zahlungsbilanz fortgesetzt werden. Es müßten nicht nur die Schranken für den Welthandel
weiter abgebaut, sondern es müsse auch der Fluß von Hilfsquellen aus
den hochentwickelten Ländern nach den jungen aufstrebenden Ländern
verstärkt werden.
Für

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar 1962

Für das neue Jahr sagte der Präsident in seinem Bericht ein
Anhalten des umfassenden und stetigen Wirtschaftsaufschwunges voraus,
wobei die Gütererzeugung, die Beschäftigtenzahl, das Personaleinkommen wie auch die Gewinne neue Rekorde erreichen würden. Das Bruttosozialprodukt werde 1962 um rund 50 Milliarden Dollar über dem Stand
des vergangenen Jahres von 521 Milliarden Dollar liegen.
Kennedy wies darauf hin, daß das Jahr 1961 mit einer Rezession
begann und das Bruttosozialprodukt im 1. Quartal 1961 lediglich eine
Jahresrate von 501 Milliarden Dollar aufwies. Demgegenüber habe das
Bruttosozialprodukt im 4» Quartal 1961 - auf Jahresbasis umgerechnet 541 Milliarden Dollar betragen und die industrielle Produktion habe
alle bisherigen Höchststände .übertroffen. Diese Erholung der Wirtschaf
nach der vorangegangenen Rezession, so betonte der Präsident, habe
wieder zu einer höheren Kapazitätsausnutzung in der Industrie geführt
und die Zahl der Arbeitslosen sei zurückgegangen. Es sei weiter gelungen, 1961 das Preisgefüge stabil zu erhalten und das Vertrauen in
den Dollar wiederherzustellen. Der Goldabfluß habe praktisch aufgehört und das Defizit in der Zahlungsbilanz habe nur ein Drittel des
i960 verzeichneten Defizits ausgemacht. Das vergangene Jahr habe erneut die Elastizität der amerikanischen Wirtschaft gezeigt, deren
Wiedererholung die Regierung durch zeitlich wohl abgestimmte Maßnahmen
gefördert habe.
Der Bericht unterstreicht ferner, dafl inflationistische Lohnund Preissteigerungen die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen
Erzeugnisse auf den Weltmärkten gefährden würden. Wörtlich erklärte
Kennedy, "die Nation muß sich auf die Vernunft und das Verantwortungsbewußtsein unserer Wirtschaft und unserer Gewerkschaftsführer
verlassen, daß sie das Preisgefüge 1962 stabil erhalten... Wenn die
Gewerkschaftsführer den Produktivitätszuwachs in unseren großen Industrien als Richtschnur für Lohnforderungen nehmen und wenn die Betriebsleitungen in diesen Industrien eine gleiche Zurückhaltung in
ihren Preisentscheidungen üben, dann wird dieses Jahr zu einem glänzenden Kapital in der Geschichte einer verantwortungsbewußten Ausübung
der Freiheit werden" .
Der Bericht führt weiter eine Reihe von Empfehlungen auf, um eine
etwaige Rezession besser abwehren zu können und das Finanz- und Steuer
System zu verbessern, wie sie Präsident Kennedy zum Teil bereits in
seiner Botschaft über die Lage der Nation sowie in seiner Haushaltsbot
schaft angekündigt hatte. Diese Empfehlungen sehen unter anderem vor:
Eine dem Veto des Kongresses unterliegende Sondervollmacht für
den Präsidenten, die Einkommensteuern zeitweise zu senken, falls eine
Rezession droht;
Eine gleiche Sondervollmacht zur Erhöhung der Ausgaben für wichtige Verbesserungsprojekte im Falle einer drohenden Rezession;
Verbesserung

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26. Januar 1962

Verbesserung der Arbeitslosenversicherung, wobei der Aussteuerungstermin hinausgeschoben, die Zuwendungen an die Arbeitslosen erhöht und der Kreis der Versicherten erweitert werden soll;
Durchführung von Umschulungs- und Weiterbildungskursen für
Arbeitslose;
Verabschiedung eines neuen Jugendarbeitsgesetzes;
Steuervergünstigungen für Investitionen in Anlagegüter, um die
Rationalisierungs- und Modernisierungsbemühungen der Industrie zu
fördern und ihre Wettbewerbsfähigkeit vor allem gegenüber dem Ausland
zu verbessern.
Gleichzeitig kündigt der Bericht an, daß Präsident Kennedy dem
Kongreß noch im Laufe dieses Jahres ein umfassendes Steuerreformgesetzv vorlegen werde«

2. Auszüge aus der Wirtschaftsbotschaft
Die Teile des Wirtschaftsberichtes Präsident Kennedys, die sich
mit den grundlegenden Zielen der amerikanischen Wirtschaftspolitik und
mit den Maßnahmen für 1962 befassen, haben folgenden Wortlaut:
"Obwohl wir über den bisherigen Fortschritt befriedigt sein können
dürfen wir uns damit nicht zufriedengeben. Zu den noch unerledigten
Wirtschaftspolitischen Aufgaben gehören: Erstens die Erreichung der
Vollbeschäftigung und eines dauerhaften Wohlstandes ohne Inflation,
zweitens die Beschleunigung des wirtschaftlichen Wachstums, drittens
die Sicherstellung gleicher Chancen für alle und Viertens ein Ausgleich
der Zahlungsbilanz. Die Wirtschaftspolitik stellt uns also vor eine
Aufgabe, die uns ganz in Anspruch nimmt; es ist jedoch eine Aufgabe,
die innerhalb des Rahmens einer freien Wirtschaft gelöst werden kann
und wird.
Umfassender und dauerhafter Wohlstand ohne Inflation
Die Wiedergesundung hat unsere Wirtschaft erst einen Teil des
Weges zurücklegen lassen, der zum Ziel der 'maximalen Produktion, der
Vollbeschäftigung und der maximalen Kaufkraft' führt. Die uns immer
vor Augen stehende Forderung des Employment Act ist, nicht nur Besseres sondern unser Bestes zu leisten, nämlich das 'Maximum1'. Die Erreichung dieses Maximums im Jahre 1963 würde ein Bruttosozialprodukt
von rund 60Ö Milliarden Dollar, Löhne und Gehälter von über J20 Milliarden Dollar und Gesellschaftsgewinne von über 60 Milliarden Dollar,
alles in 1961er Preisen gerechnet, bedeuten. Der materielle Gewinn
ist an sich schon überwältigend. Er ist jedoch weniger wichtig, als
es die neuen Zielsetzungen und die neuen Möglichkeiten für die

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26. Januar 1962

die Verbesserung des amerikanischen Lebens sind, das bei 'maximaler'
Nutzung der jetzt noch brachliegenden und der noch zu schaffenden
Produktionskapazität Wirklichkeit werden könnte.
Unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist das auffallendste Zeichen
und die entmutigendste Folge einer nicht voll ausgenutzten Produktionskapazität. Dadurch wird an den Menschen selbst augenfällig,
was vielleicht sonst nur als abstrakte Statistik erscheinen würde.
Wir können uns nicht auf irgendeinen bestimmten Beschäftigtenstand
festlegen. Aber aus praktischen Erwägungen sehen wir eine Arbeitslosenrate von 4 Prozent als vorläufiges Ziel an. Es kann im Jahre
1963 erreicht werden, wenn auf dem Finanz- und Währungssektor sowie
auf anderen Gebieten eine entsprechende Politik verfolgt wird. Die
erreichbare Rate läßt sich sogar noch weiter senken, und zwar durch
wirksame Maßnahmen, die dazu beitragen, daß die Gesamtheit der Arbeitnehmer die Kenntnisse und die Beweglichkeit erlangt, die eine sich
verändernde Wirtschaft fordert. Wir müssen auch die mit dem Gesetz
für die Sanierung der Notstandsgebiete im Jahre 1961 begonnenen
gemeinsamen Bemühungen fortsetzen, in diesen Gebieten Industrien
anzusiedeln und Arbeitsplätze für die aus ihrer bisherigen Beschäftigung Verdrängten zu schaffen. Wir müssen schließlich die Arbeitslosigkeit auf das mit dem Funktionieren einer freien Gesellschaft
zu vereinbarende Minimum reduzieren. Wir müssen eine volle Wiedergesundung anstreben, ohne die Preisstabilität der vergangenen vier
Jahre zu gefährden. Die Erfahrungen des letzten Jahres haben gezeigt,
daß eine Expansion ohne Inflation möglich ist. Wenn die Gewerkschaften
und die Unternehmer zusammenarbeiten, dann bin ich davon überzeugt,
daß wir eines Tages die Vollbeschäftigung ohne Inflation verzeichnen
können.
Die Aufgabe der Stabilisierung der Wirtschaft endet nicht mit
einer vollen Wiedergesundung. Es bleibt das Problem, zu verhindern,
daß die Wirtschaft zu weit nach oben oder nach unten von dem Kurs
einer stetigen hohen Beschäftigung abweicht. Das eine würde zur Inflation, das andere zur Rezession führen. Eine flexible und wachsame
Finanz- und Währungspolitik wird es uns ermöglichen, den schmalen
Mittelkurs zu verfolgen.
Wirtschaftliches Wachstum
Während wir auf eine umfassende und konstante Ausnutzung unserer
heutigen Produktionskapazität hinarbeiten, müssen wir gleichzeitig
unser Potential für morgen erweitern. Die wirtschaftliche Expansion
nach dem Kriege - die größer als in den vorangegangenen fünfzig Jahren
war - hat. sich verlangsamt. Wir haben in den vergangenen Jahren die
Wachstumsrate von 4-4 1/2 Prozent, die die ersten Jahre nach dem
Kriege kennzeichnete, nicht einhalten können. Wir sollten uns nicht
mit einer langfristigen Wachstumsrate zufriedengeben, die unter dem
Stand der ersten Nachkriegsjahre liegt. Eine Steigerung der Expansionsrate auf jährlich 4 1/2 Prozent liegt im Bereich unserer Möglichkeiten während der sechziger Jahre. Damit werden wir die Grundlage sowohl

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26. Januar 1962

sowohl für die Deckung unseres einheimischen Bedarfs als auch für
die Erfüllung unserer internationalen Verpflichtungen legen.
Im November des vergangenen Jahres setzten wir uns zusammen mit
den 19 anderen Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein gemeinsames Ziel für die
wirtschaftliche Expansion. Wir verpflichteten uns alle, eine nationale und internationale Politik zu verfolgen, die die Gesamtproduktion
der Atlantischen Gemeinschaft zwischen i960 und 1970 um 50 Prozent
steigern soll. Die westlichen Nationen werden durch die Entschlossenheit Amerikas, seinen vollen Beitrag zu diesem Bemühen zu leisten,
ermutigt und angespornt.
Wir können unseren Beitrag leisten. Mitte der sechziger Jahre
werden die Kinder, die 1943 und später geboren wurden, das Arbeitsfähige Alter erreichen. Das sich daraus ergebende schnelle Anwachsen
der Zahl der Arbeitskräfte stellt eine große Chance - und keine Last für uns dar, vorausgesetzt, daß wir nicht nur die Arbeitsplätze beschaffen, sondern auch an die Forschung und Ausbildung denken und für
die Kapitalinvestitionen sorgen, um unsere neuen Arbeitskräfte bei
ihrem Eintritt ins Wirtschaftsleben in den Genuß einer hohen und steigenden Produktivität kommen zu lassen.
Gleiche Chancen für alle
Zeit unseres Lebens ist die Prosperität der Vereinigten Staaten
bisher in steigendem Maße allen zugute gekommen, und dies muß auch so
bleiben. Die Möglichkeiten der Ausbildung an Grund-Mittel- - und Hochschulen und die zunehmende medizinische Betreuung der Bevölkerung sowie
die erhöhte Wirtschaftstätigkeit unseres Landes nach dem Kriege haben
die wirtschaftliche Lage der ärmsten Familien und Einzelpersonen gebessert.
Aber die Prosperität hat die Armut nicht beseitigt. Im Jahre 196O
hatten sieben Millionen Familien oder Einzelpersonen ein jährliches
Einkommen unter 2000 Dollar. Daß es uns nicht gelungen ist, die Armut
zu überwinden, liegt zum Teil daran, daß wir nicht imstande gewesen
sind, unser Wirtschaftspotential voll auszuschöpfen. Die Zahl der
Arbeitslosen schwankt stets, und eine Zunahme der Arbeitslosigkeit
führt meist dazu, daß diejenigen die größten Einkommensverluste erleiden,
die dies am wenigsten verkraften können. Aber unser Gewissen wird auch
noch durch andere belastet, deren Armut kaum von den Konjunkturzyklen
der allgemeinen Wirtschaftstätigkeit berührt wird. Die ärmsten Familien
in Amerika sind in zunehmendem Maße diejenigen, in denen der Mann fehlt.
Ältere Leute, Farbige, Wanderarbeiter und die körperlich oder geistig
Behinderten verfügen auch in Zeiten der Prosperität oft nur über
wenig Geld.
Die Erhöhung der Mindestlöhne im vergangenen Jahr ist ein Beweis
für unsere Sorge um das Wohlergehen unserer Mitbürger mit einem niedrigen Einkommen. Weitere Gesetzesvorlagen, die gegenwärtig anhängig sind,
werden sehr dazu beitragen, das Los der vom Glück am wenigsten

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26. Januar 1962

wenigsten Begünstigten zu verbessern. Zu diesen Vorschlägen gehören:
erstens die Krankenversicherung für die Alten; zweitens die Bundeshilfe für die Ausbildung und Umschulung unserer arbeitslosen und
unterbeschäftigten Arbeiter; drittens die endgültige Stärkung unseres
Arbeitslosenversicherungssystems; und viertens eine wesentliche Revision unserer öffentlichen V/ohlfahrts- und Unterstützungsprogramme, wobei der Nachdruck auf den Bemühungen um die Wiedereingliederung in
den Arbeitsprozeß liegen muß, die die Unabhängigkeit der Familien
wiederherstellt.
Die öffentlichen Schulen sind über ein Jahrhundert lang das große
Bollwerk der Gleichheit der Chancen in unserer Demokratie gewesen.
Unsere Schulen haben wesentlich dazu beigetragen, zu verhindern, daß
bestehende frühe Handikaps sich zu ständiger Unwissenheit und Armut
auswuchsen. Es gibt keine bessere Investition in Gleichheit und Demokratie und kein besseres Instrument für das wirtschaftliche Wachstum
als unsere Schulen. Aus diesem Grunde ersuche ich den Kongreß dringend,
die notwendigen Maßnahmen zur Gewährung von Bundeshilfe für angemessenere
Räume und Einrichtungen an öffentlichen Schulen, für höhere Gehälter für
die Lehrer und eine bessere Qualität des Unterrichts zu treffen. Ich
ersuche um die baldige Verabschiedung des Gesetzes über die Bewilligung
von Anleihen für den Bau von Hochschullehrgebäuden und die Vergabe von
Stipendien an begabte Studenten, die Hilfe brauchen. Die Begabung unserer
Jugend ist eine Quelle der Stärke, die wir nicht vergeuden dürfen.
Schließlich werde ich dem Kongreß in Kürze ein energisches Programm
zur Verringerung des Analphabetentums bei Erwachsenen vorlegen - ein
Mangel, an dem auf Grund unzureichender Ausbildungsmöglichkeiten in der
Vergangenheit noch zu viele unserer Mitbürger leiden.
Ausgleich der internationalen Zahlungsbilanz
Anhaltende Defizite im internationalen Zahlungsverkehr und Goldabflüsse haben die Zahlungsbilanz zu einem kritischen Problem der
Wirtschaftspolitik gemacht. Wir müssen einen Ausgleich in unseren internationalen Transaktionen' erreichen, so daß wir im Ausland großen
Verpflichtungen für die Sicherheit und die Entwicklung der freien Welt
nachkommen können, ohne daß unsere Goldreserven erschöpft werden oder
eine übermäßige Häufung von kurzfristigen Dollarverpflichtungen gegenüber Ausländern eintritt. Gleichzeitig müssen wir die internationalen
Handelsschranken weiter abbauen und den Fluß von Hilfsmitteln aus den
hochentwickelten Staaten nach den Entwicklungsländern steigern. Die
Ausweitung unserer Exporte ist eine Aufgabe von höchster Dringlichkeit,
eine Aufgabe, die der Aufrechterhaltung der Preisstabilität und der
raschen Erhöhung der Produktivität im eigenen Land erhöhte Bedeutung
verleiht.
Die Politik für 1962
Die Nation wird im Jahre 1962 einen weiteren wirtschaftlichen
Aufschwung zu verzeichnen haben. Die Privatwirtschaft kann mit

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26. Januar 1962

mit umfassenden Fortschritten rechnen. Die bereits erzielten Fortschritte haben den Boden für weitere Höchststände auf den Gebieten
der Produktion, der Beschäftigung, des Personaleinkommens und der
Unternehmergewinne bereitet. Steigende Haushaltseinnahmen verbessern
die Aussichten auf eine weitere Zunahme der Verbraucherkäufe, vor
allem bei Dauergütern. Die Firmen werden größere Lagerbestände benötigen, um der gesteigerten Nachfrage entsprechen zu können. Höhere
Gewinne und eine Ausweitung der Märkte werden zu steigenden Kapitalaufwendungen führen. Die Ausgaben des Bundes, der Einzelstaaten und der
Kommunen werden im Rahmen unserer Arbeit für Frieden und Fortschritt
ebenfalls steigen.
In der ersten Hälfte des Jahres 1962 können wir daher mit einer
nachhaltigen Steigerung der Produktion und der Einkommen rechnen, wobei das Bruttosozialprodukt im 2. Quartal eine Jahresrate von 565 bis
570 Milliarden Dollar erreichen dürfte, die Zahl der Beschäftigten
weiterhin steigen und die Arbeitslosenzahl weiter fallen wird.
Im zweiten Halbjahr 1962 dürften die Investitionen der Firmen
in Fabrikanlagen und -ausrüstungen immer größeren Umfang annehmen und
dazu beitragen, das Tempo des Fortschritts in Richtung auf die Vollbeschäftigung und künftiges wirtschaftliches Wachstum aufrechtzuerhalten. Die Produktionsausweitung dürfte die Ausstoßrate der Fabriken
bis zur vollen Ausnutzung der Kapazität steigern und die Gewinne über
frühere Höchststände hinaus anheben. Zu diesen Anreizen für Kapitalausgaben wird eine Lockerung der Richtlinien für Abschreibungen durch
das Finanzministerium kommen und, wenn der Kongreß das Gesetz verabschiedet, der Steuerkredit von acht Prozent auf Ausgaben für Maschinen und Ausrüstungen.
Es steht zu erwarten, daß das Bruttosozialprodukt für das Gesamtjahr 1962 um etwa 50 Milliarden Dollar über den Stand des Jahres 1961
von 521 Milliarden Dollar ansteigen wird. Dies würde einen weiteren
gewaltigen Schritt vorwärts in Richtung auf eine Wirtschaft der Vollbeschäftigung darstellen. Ein Rückblick auf frühere Perioden des
Wirtschaftsaufschwungs nach Rezessionen wie auch das gewaltige und
ständig weiter wachsende Wirtschaftspotential der Vereinigten Staaten
zeigen, daß wir dieses Ziel erreichen können, In Anbetracht unserer
Verpflichtungen sowohl gegenüber unserer eigenen expandierenden Bevölkerung als auch der Welt müssen wir dieses Ziel erreichen.
Ich habe dem Kongreß ein ausgeglichenes Budget für das Haushaltsjahr 1963 vorgelegt, in dem auf Grund der Prosperität die Steuereinnahmen stark ansteigen werden. Das Budget ist der erwarteten wirtschaftlichen Expansionsrate angepaßt. Es wird der Wirtschaftstätigkeit
geringeren Auftrieb geben, wenn die private Nachfrage nach Gütern und
Dienstleistungen größer und damit in immer stärkerem Maße zum Träger
der künftigen Expansion wird. Dieser Wechsel wird sich jedoch allmählich und schrittweise vollziehen. Wir haben aus den Enttäuschungen der
Jahre 1959/60 gelernt, daß eine abrupte und exzessiv starke Verlagerung im Budget der Privatwirtschaft die Kraft und die Energie nehmen
und ihren Fortschritt aufhalten kann, vor allem wenn gleichzeitig eine
restriktive Geldpolitik verfolgt wird. Dies wird sich nicht wieder-

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7 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar 1 962

Wir sehen dem Jahre 1962 ohne jede Selbstzufriedenheit, aber
mit Optimismus entgegen. Wenn der private Verbrauch in unerwarteter
Weise steigt, dann muß und wird die öffentliche Hand Maßnahmen treffen, um die Gefahr eines Ansteigens der Preise abzuwenden. Bleibt die
Verbrauchernachfrage hinter den gehegten Erwartungen zurück, dann
wird eine mehr expansive Politik befolgt werden...
Der im Budget für das Finanzjahr 1963 erwartete Ausgleich und
der Überschuß, der bei einer Vollbeschäftigung entstehen würde,
lassen beide erkennen, daß die Finanzpolitik einen großen Teil der
schweren Aufgabe übernimmt, jede inflationistische Übersteigerung
der Nachfrage zu verhindern. Wenn die Währungspolitik und die mit
ihr zusammenhängenden Maßnahmen zu einem großen Teil von dieser
Bürde entlastet werden, dann können sie um so wirksamer zur Sicherung
des Flusses von Investitionskapital eingesetzt werden, durch den
die derzeitigen Erträge der Wirtschaft in künftige Produktionskapa- l
Zitaten umgewandelt werden .
Gleichzeitig muß aber bei der Währungspolitik und der Verwaltung
der Staatsschuld darauf geachtet werden, die internationale Zahlungsbilanz vor dem Abfluß kurzfristigen Kapitals zu schützen...
Das im vergangenen Jahr begonnene Programm zur Verringerung
unseres Zahlungsdefizits und zur Erhaltung des Vertrauens in den
Dollar wird im Jahre 1962, dessen bin ich sicher, weitere Erfolge
zeitigen. Ich hoffe, daß das Ziel eines vernünftigen Gleichgewichts
in unserer internationalen Zahlungsbilanz innerhalb der nächsten zwei
Jahre erreicht werden kann; es wird dies jedoch von uns allen - der
Regierung, der Wirtschaft und den Gewerkschaften - entschlossene Anstrengungen verlangen. Diese Anstrengungen müssen an einer ganzen
Reihe von Fronten unternommen werden.
Ausweitung des Exports: Eine weitere Steigerung des Handelsüberschusses der USA ist von äußerster Wichtigkeit. Wenn wir unseren
internationalen Verpflichtungen nachkommen wollen, dann müssen wir
unsere Exporte rascher steigern, als die Importe im Rahmen unseres
wirtschaftlichen Wachstums zunehmen.
Unsere Anstrengungen zur Steigerung des Exports erfordern dringend,
das wir uns in Verhandlungen um eine Reduzierung der Zölle des europäischen Gemeinsamen Marktes bemühen. Ich werde dem Kongreß in Kürze
eine Sonderbotschaft vorlegen, in der die Einzelheiten des vorgeschlagenen Gesetzes zur Erweiterung des Handels für das Jahr 1962 dargelegt
werden und begründet wird, warum ich eine neue Initiative in der Handelspolitik in diesem Jahr für unbedingt erforderlich halte.
Um die amerikanischen Geschäftsleute zu ermutigen, sich mehr
auf den Export auszurichten, haben wir unter Leitung der ExportImport-Bank ein neues Exportversicherungsprogramm in Angriff genommen.
Und wir haben unsere Offensive zur Förderung des Exports noch intensiviert, indem wir die von der US-Regierung im Ausland gewährten
kommerziellen Dienstleistungen verbesserten - indem wir Handelszentren

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar 1962

Handelszentren in anderen Ländern errichteten, Handelsmessen planten,
das Handelsmissionsprogramm erweiterten und über die Außenstellen
des Handelsministeriums und das Bundesamt zur Förderung von Kleinund Mittelbetrieben mit den einzelnen Firmen bezüglich der Exportmöglichkeiten zusammenarbeiteten. Die Reisen von Ausländern nach den
USA, die die Dollar in unser Land zurückbringen, werden nunmehr über die
erste je zu diesem Zweck geschaffene Bundesdienststelle gefördert.
Preise und Produktivität: unsere Exportoffensive wird fehlschlagen, wenn wir unsere Preise auf den Weltmärkten nicht wettbewerbsfähig
halten können. Wenn auch unsere Haltung in jüngster Zeit, was die Preise
anbetrifft, vorbildlich war, so wird die Besserung der Wirtschaftslage
1962 doch das Staatsbewußtsein der führenden Männer unserer Wirtschaft
und unserer Gewerkschaften erneut auf die Probe stellen. Ich glaube,
daß sie diese Bewährungsprobe bestehen werden; unsere Nation besitzt
heute das Verständnis für die entscheidend wichtigen Beziehungen, die
zwischen unserem Preisgefüge und unserer Zahlungsbilanz bestehen.
Auf lange Sicht gesehen hängt die Wettbewerbsfähigkeit unserer
Industrie von einem stetigen und schnellen Produktivitätszuwachs ab.
Hier decken sich die Ziele der wirtschaftlichen Wiedererholung, des
langfristigen Wachstums und der Stärkung des Dollars. Die Modernisierung und Erweiterung unserer industriellen Anlagen wird den Produktivitätszuwachs noch beschleunigen.
Auslandsinvestitionen: den Fluß privaten amerikanischen Kapitals
ins Ausland unter Kontrolle zu stellen, würde unserer Tradition und
unseren wirtschaftlichen Interessen zuwiderlaufen. Aber genausowenig
gibt es irgendeine Rechtfertigung für besondere Steuervergünstigungen,
die den Fluß amerikanischer Investitionen nach Ländern begünstigen,
die jetzt stark und wirtschaftlich entwickelt sind. Ich fordere daher
erneut die Aufhebung dieser besonderen Steuervergünstigungen.
Das neue Außenhandelsprogramm, das ich dem Kongreß vorschlagen
werde, wird dazu beitragen, eine weitere künstlich geschaffene Vergünstigung für amerikanische Firmen, die im Ausland investieren, abzuschaffen. Der europäische Gemeinsame Markt hat amerikanisches Kapital
angezogen - zum Teil deshalb, weil amerikanische Geschäftsleute befürchteten, sie würden auf dem wachsenden europäischen Markt nicht mehr
wettbewerbsfähig sein, wenn sie nicht Fabriken hinter der gemeinsamen
Zollmauer errichteten...
Ausgaben der Regierung im Ausland: Die Aufwendungen für militärische
Zwecke machen bei weitem den größeren Teil unserer Regierungsausgaben
im Auslande aus. Wir führen gegenwärtig mit bestimmten unserer europäischen Verbündeten Besprechungen darüber, inwieweit sie ihre eigenen
militärischen Beschaffungskäufe in den Vereinigten Staaten steigern
können, um so einen Ausgleich für unsere Dollarausgaben in ihrem Land
zu schaffen. Als Ergebnis davon dürfte die Nettobelastung unserer Zahlungsbilanz im kommenden Jahr zurückgehen, obwohl wir auf Grund der
Berlin-Situation mehr Truppen im Ausland haben werden.
Eine

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT ULD ARBEIT

26. Januar ^^G2

Eine Kürzung unserer Auslandshilfeprogramme - um so unsere
Zahlungsbilanz zu stärken - würde "bedeuten, daß wir mehr aufgehen
als gewinnen. Aber wir können die in ausländischen Währungen anfallenden Kosten unserer Hilfsprogramme reduzieren und so die Belastung
für unsere Zahlungsbilanz verringern...
Wir haben versucht, andere hochentwickelte Länder zur Übernahme
eines größeren Teiles der Bemühungen auf dem Gebiet der Auslandshilfe
zu bewegen. Wir werden unsere diesbezüglichen Bemühungen über den
Wirtschaftshilfeausschuß der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fortsetzen, um zu erreichen, daß die anderen
Industriestaaten einen größeren Betrag der Wirtschaftshilfe für die
weniger entwickelten Länder übernehmen...
Stärkung des internationalen Währungssystems: Her Internationale
Währungsfonds spielt eine immer wichtigere Rolle bei der Erhaltung
der Stabilität der internationalen Währungen...
In meiner Botschaft an den Kongreß vom vergangenen Februar
sagte ich: 'Wir müssen jetzt in Zusammenarbeit mit anderen Gläubigerländern Mittel und Wege erörtern, wie die internationalen Finanzierungsinstitute - vor allem der Internationale Währungsfonds - gestärkt und wirksamer eingesetzt werden können, sowohl was die Aufbringung der erforderlichen höheren Reserven als auch was die Flexibilität anbetrifft, wie sie zur Unterstützung einer gesunden und
wachsenden Weltwirtschaft erforderlich ist'.
Wir haben jetzt einen wichtigen Schritt in dieser Richtung
unternommen. Zwischen zehn großen Industriestaaten wurde ein Übereinkommen erreicht, wonach sie dem Währungsfonds, falls notwendig,
bestimmte Beträge ihrer Währungen zur Verfügung stellen werden, um
einen etwa auftretenden Druck auf das internationale Währungsgefüge
auffangen oder abwenden zu können. Diese auf Abruf bereitstehenden
6 Milliarden Dollar werden ein wichtiges Abwehrmittel gegen internationale Währungsspekulationen bilden und die Wirksamkeit des Währungsfonds beträchtlich steigern. Sie stellen sicher, daß wir von
unseren Ziehungsrechten voll Gebrauch machen können, wenn dies einmal
erforderlich werden sollte. Außerdem werden die von den Vereinigten
Staaten hierfür zugesagten 2 Milliarden Dollar die über den Fonds
anderen Partnern des Abkommens zugänglichen Finanzmittel vermehren,
wenn wir über eine starke Zahlungsbilanz und starke Reserven verfügen.
Ich werde den Kongreß in Kürze um Verabschiedung eines entsprechenden
Gesetzes ersuchen.
Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft
Der abschließende Teil meines Berichts ist eine Zusammenfassung
meiner Empfehlungen für gesetzgeberische Maßnahmen (des Kongresses),
um erstens unsere Abwehrmittel gegen eine Rezession, zweitens unser
Finanzsystem, drittens unser Arbeitskräftepotential und viertens
unser Steuersystem zu stärken.
Immer

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. Januar 1962

Immer wiederkehrende Rezessionen haben die amerikanische
Wirtschaft nach dem Kriege vom Kurs abgebracht, und zwar zu einer
Zeit, in der die Volkswirtschaften anderer Hauptindustrieländer
ständig Fortschritte erzielten. Um unsere Leistungen in der Zukunft
zu verbessern, ersuche ich den Kongreß dringend, mit mir bei der
Schaffung einer tiefgestaffelten Abwehr gegen zukünftige Rezessionen
zusammenzuarbeiten. Die grundlegenden Faktoren dieser Abwehrmaßnahmen sind: erstens, eine Sondervollmacht des Präsidenten für
eine schnelle, vorübergehende Senkung der Einkommensteuer, zweitens, eine Sondervollmacht des Präsidenten für Ausgaben für wichtige
Verbesserungsvorhaben und, drittens, eine dauerhafte Verbesserung
der Arbeitslosenversicherung. Diese drei Maßnahmen laufen parallel
zu wichtigen Vorschlägen des Ausschusses für Geld- und Kreditwesen,
dessen weitere Empfehlungen im nächsten Abschnitt behandelt werden.
In unserer freien Unternehmerwirtschaft werden natürlich immer
Fluktuationen in der Wirtschaft wie auch bei den Verbraucherausgaben
eintreten. Aber das braucht uns nicht dazu zu verurteilen, abwechselnd magere und fette Jahre hinzunehmen. Der Wirtschaftszyklus hat
nicht die Unausweichlichkeit eines Kalenders. Die Regierung kann
ihre Transaktionen an öffentlichen Mitteln zeitlich so abstimmen, da
die Fluktuationen in der Privatwirtschaft ausgeglichen und gedämpft
werden. Unser öffentliches Finanzsystem und unsere Haushaltspolitik
tragen bereits in einem viel größeren Maße zur wirtschaftlichen Stabilität bei als vor dem Kriege. Aber die Zeit ist reif und die Notwendigkeit klar ersichtlich, daß die Regierung in die Lage versetzt
wird, rascher, flexibler, und machtvoller zu handeln, um die Wirtschaft zu stabilisieren..."

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�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./2«2.1962

PRÄSIDENT KENNEDY FORDERT UMFASSENDE VOLLMACHTEN
ZUM - ABBAU DER ZOLLSCHRANKEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Außenhandelsbotschaft, die
Präsident Kennedy am 25. Januar 1962 dem amerikanischen Kongreß übermittelt hat.

Vor 28 Jahren unternahm unser Lan d ein neues Experiment auf
dem Gebiet der internationalen Beziehu ngen - das Programm über gegenseitige Handelsabkommen. Angesichts de s Chaos im Welthandel, das aus
der großen Depression resultierte, ent täuscht über die nicht erfüllten Verheißungen, daß hohe Schutzzölle zur Wiedergesundung führen
würden, und auf Grund der zwingenden u nd verzweifelten Notwendigkeit,
unsere Wirtschaft wiederherzustellen, ersuchte Präsident Roosevelt um
die Vollmacht, mit anderen Ländern der Welt über gegenseitige ZollSenkungen verhandeln zu können, um uns ere Exporte zu fördern sowie
unsere wirtschaftliche Wiedergesundung und unser wirtschaftliches
Wachstum zu unterstützen.
Dieses richtungweisende Programm, das Cordell Hüll im Kongreß
durchbrachte, ist elfmal verlängert worden. Es hat unserem Lande und
der freien Welt weit über zwanzig Jahre gute Dienste geleistet. Dieses Programm führte zu einer Ausweitung und Festigung des Handels der
freien Welt. Unser Gesamtexport, der sich in den drei Jahren vor der
Verabschiedung dieses Gesetzes auf durchschnittlich weniger als zwei
Milliarden Dollar im Jahr belief, ist jetzt auf über 20 Milliarden
Dollar angewachsen.
Am JO. Juni 1962 läuft die Verhandlungsvollmacht auf Grund der
letzten Verlängerung des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen
ab. Das Gesetz muß durch ein völlig neues Instrument ersetzt werden.
Eine.neue amerikanische Handelsinitiative ist erforderlich, um den
Problemen und großen Möglichkeiten einer sich schnell verändernden
Weltwirtschaft gerecht zu werden.

In

�"AMERIKA DIENST" ^ WIRTSCHAFT UND ARBEIT

2. Februar 1962

In dem kurzen Zeitraum, seit dieses Gesetz zum letzten Male verlängert wurde, haben fünf grundlegend neue und weitreichende Entwicklungen dazu geführt, daß unsere traditionelle Handelspolitik überholt
ist.
Das Wachstum des europäischen Gemeinsamen Marktes - einer Wirtschaft, die bald der unsrigen nahezu gleichkommen dürfte und die durch
einen Außenzoll ähnlich dem unsrigen geschützt wird - hat sich mit solchem Erfolg und solchem Schwung vollzogen, daß der ursprüngliche Zeitplan übertroffen wurde, die anfänglichen Skeptiker davon überzeugt wurden, daß es jetzt kein Zurück mehr gibt, und die Grundlage für eine
radikale Änderung der Wirtschaftspolitik der Atlantischen Gemeinschaft
gelegt wurde. Nahezu 90 Prozent der Industrieproduktion der freien Welt
(falls Großbritannien und andere Länder ihre Verhandlungern um Mitgliedschaft erfolgreich abschließen) sind vielleicht bald auf zwei großen
Märkten konzentriert - den Vereinigten Staaten von Amerika und der erweiterten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Eine Handelspolitik, die
lediglich ausreicht, Zollsenkungen Position um Position mit einer großer
Anzahl kleiner unabhängiger Staaten auszuhandeln, genügt nicht mehr,
um uns und unseren traditionellen Handelspartnern in Kanada, Japan,
Lateinamerika und in anderen Teilen der Welt den jederzeitigen Zugang
zu einem Markt zu sichern, der fast so groß ist wie unser eigener und
dessen Verhandlungsführer für alle sprechen können, dessen innere
Differenzen es ihnen jedoch unmöglich machen, Position um Position zu
verhandeln.
Der wachsende Druck auf unsere Zählungsbilanz hat in den vergangenen Jahren die Wichtigkeit steigender amerikanischer Exporte,um
die internationale Position des Dollars zu stärken und eine ständige
Schwächung unserer Goldreserven zu vermeiden, in einem neuen Lichte
erscheinen lassen. Um unsere Verteidigung, die Auslandshilfe sowie die
anderen Verpflichtungen gegenüber dem Auslande aufrechterhalten zu
können, müssen wir, wenn gleichzeitig der freie Fluß von Gütern und
Kapital erweitert werden soll, ein vernünftiges Gleichgewicht in unsere:
internationalen Verrechnungskonten erreichen, d.h. die Dollarausgaben
durch Dollareinnahmen ausgleichen.
Die Notwendigkeit für eine Beschleunigung unseres eigenen wirtschaftlichen Wachstums ist heute, nach einer Periode von sieben Jahren
langsamen Wachstums, die durch drei Rezessionen charakterisiert wird,
dringlicher als in vergangenen Jahren. Sie wird noch durch die Tatsache unterstrichen, daß in diesem Jahrzehnt Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um.nicht nur für die gegenwärtig
Arbeitslosen, sondern auch für eine wachsende Zahl junger Arbeitskräfte
für die landwirtschaftlichen Arbeiter, die neue Arbeit suchen, und für
die Arbeiter in den Städten, die durch technische Neuerungen von ihren
Arbeitsplätzen verdrängt wurden, neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu
finden.
Die

2

�AMERIKA DIENST" _ WIRTSCHAFT UND ARBEIT

2. Februar 1962

Die kommunistische Hilfe und die kommunistische Handelsoffensive traten in den letzten Jahren ebenfalls immer stärker hervor.
Der Handel des Sowjetblocks mit 41 nichtkommunistischen Ländern in
den unterentwickelten Gebieten der Welt hat sich in den letzten Jahren
mehr als verdreifacht. Und die Handelsmissionen des Sowjetblocks bemühen sich auf fast allen Kontinenten, die freie Welt zu unterminieren,
einzukreisen und zu spalten.
Die Dringlichkeit, für Japan und die Entwicklungsländer neue Absatzmärkte zu finden, ist heute ebenfalls größer denn je - sowohl
auf Grund der voraussichtlichen Auswirkungen des Außenzolls der EWG
wie auch auf Grund der Tatsache, daß sich diese Länder gezwungen sehen,
P.euF Absatzmöglichkeiten für ihre Rohstoffe und Fertigerzeugnisse zu
finden.
Um diesen neuen Aufgaben und Möglichkeiten gerecht zu werden, lege
ich dem Kongreß heute ein neues und modernes Instrument für Handelsverhandlungen - das Gesetz über die Ausweitung des Handels von 1962 vor. Wie ich bereits in meiner Botschaft über die Lage der Nation betont habe, könnte seine Verabschiedung "sehr wohl die Einheit des Westens, den Verlauf des Kalten Krieges und das Wachstum unserer Nation
für die nächste Generation beeinflussen".
I. Die Vorteile eines verstärkten Handels
Im besonderen wird die Verabschiedung dieses Gesetzes jedem einzelnen Bundesstaat, jedem Bereich der amerikanischen Wirtschaft und all
den grundlegenden Zielen unserer Binnenwirtschaftspolitik und unserer
Außenpolitik zum Vorteil gereichen.
Unsere Bemühungen um eine Ausweitung unserer Wirtschaftstätigkeit
werden wesentlich dadurch beeinflußt, ob es uns gelingt, unseren Export
zu steigern - und ob es im besonderen unseren Farmern und unseren Get
schäftsleuten gelingt, mehr an den Gemeinsamen Markt zu verkaufen. Jem
seits des Atlantiks ist gegenwärtig eine einheitliche Wirtschaftsgemeinschaft im Entstehen begriffen, die eines Tages eine Bevölkerung
haben dürfte, die eineinhalbmal so groß ist wie die unsrige. Diese Bevölkerung arbeitet im Rahmen einer Wirtschaft zusammen und steht in
einem gemeinsamen Wettbewerb, bei dem es für Handel und Investitionen
keine größeren Hindernisse gibt als zwischen unseren 50 Bundesstaaten.
Diese Wirtschaft hatte in der Vergangenheit eine Wachstumsrate, die fast
doppelt so hoch wie die unsrige war, und sie wird eines Tages eine
Kaufkraft repräsentieren, die der unsrigen gleichkommt, und einen
Lebensstandard aufweisen, der schneller als der unsrige steigt, In dem
Maße, wie dort die Verbrauchereinkommen wachsen, nimmt dort auch die
Verbrauchernachfrage zu - besonders nach solchen Gütern, die wir am
besten herstellen können, die jetzt erst auf den europäischen Märkten
oder an die Familien mit mittleren Einkommen dort in größerem Umfange
verkauft oder überhaupt dort erst richtig bekannt werden.
Rund

�"AMERIKA DIENST"

- WIRTSJ-IAFT UI.'D ARBEIT

2. Februar 1962

Rund 30 Prozent unseres Exports - über vier Milliarden Dollar
bei industriellen Erzeugnissen und Rohstoffen und fast zwei Milliarden Dollar bei Agrarerzeugnissen - entfallen gegenwärtig bereits
auf die Mitglieder und die voraussichtlichen Mitglieder der EWG. Die
europäischen Produzenten haben jedoch ihren Anteil an diesem schnell
expandierenden Markt weit stärker erhöht als die amerikanischen. Sofern unsere Industrie ihren Anteil an diesem attraktiven Markt nicht
halten und erhöhen kann, wird sie auch weiterhin versucht sein, zusätzliche, mit amerikanischen Geldern finanzierte Fabriken in Europa zu
errichten, um so die Außenzollmauer der EWG zu umgehen. Auf diese
Weise wäre es dem amerikanischen Produzenten möglich, unter Wettbewerbsgerechteren Bedingungen mit seinen europäischen Partnern um
diesen riesigen Verbrauchermarkt zu kämpfen. Dies würde aber auch bedeuten, daß unsere Bemühungen fehlgeschlagen wären, diesen expandierenden Markt für eine Erhöhung der Zahl der Arbeitsplätze sowie eine
Steigerung der Investitionen in den USA zu nutzen.

Eine liberalere Handelspolitik wird im allgemeinen unseren rationell
arbeitenden und expandierenden Industrien nützen - den Industrien, die
ihre Überlegenheit gegenüber anderen Produzenten der Welt bewiesen haben,
indem sie aus ihrer Produktion im Durchschnitt doppelt soviel exportierten, wie von uns importiert wurde - den Industrien, die dies getan
haben, obwohl sie die höchsten Löhne in unserem Lande zahlen. Die steigenden Investitionen und Beschäftigtenzahlen in diesen expandierenden
Industrien werden zu einer gesünderen, rationeller arbeitenden und sich
ausweitenden Wirtschaft und damit zu einem noch höheren Lebensstandard
in den USA beitragen. Ja, der freiere Güterverkehr zwischen den USA und
dem Gemeinsamen Markt würde die Wirtschaft der gesamten freien Welt
stärken, indem jedes einzelne Land angespornt würde, vor allem das zu
tun, was es am besten tun kann, und so dazu beizutragen, daß das von
der OECD gesetzte Ziel einer Steigerung des gemeinsamen Bruttosozialprodukts der Atlantischen Gemeinschaft um 50 Prozent bis zum Jahre
1970 erreicht wird.
Unsere Bemühungen zur Ausschaltung einer Inflation werden durch
eine Ausweitung des Handels eine Stützung erfahren. Sobald erst einmal
faire und gerechte Möglichkeiten für einen Wettbewerb auf den Auslandsmärkten sowie die Voraussetzungen für einen gesunden Wettbewerb mit den
ausländischen Produzenten auf unseren eigenen Märkten geschaffen sind,
werden die amerikanischen Unternehmer und Arbeiter vermehrt Grund haben,
wettbewerbsfähige.Kosten und Preise zu halten, ihre Fabriken zu modernisieren und ihre Produktivität zu steigern. Der harte Kampf auf den
Weltmärkten ist ein ausgezeichneter Maßstab für die Leistungsfähigkeit
und eine stabilisierende Kraft. Wollte man versuchen, die amerikanische
Wirtschaft vor dem harten Wettbewerbskampf mit dem Ausland abzuschirmen,
so würde dies zu einer Isolierung der Inlandspreise von den 'Weltmarktpreisen, einer Ermutigung der Inflation im Inland, einer weiteren Einengung des Exports und zu weniger wünschenswerten staatlichen Lösungen
führen.
Unsere

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

2. Februar 1962

Unsere Bemühungen in den vergangenen Jahren um eine Korrektur
der negativen Zahlungsbilanz entsprachen im großen ganzen dem Bemühen
um eine Steigerung des Exportüberschusses. Wenn wir unser Sicherheitsprogramm im Ausland aufrechterhalten wollen - unsere eigenen im Ausland stationierten Streitkräfte und unseren Beitrag zur Sicherheit und
zum Wachstum der übrigen freien Länder -, dann müssen wir hierfür
wesentliche Dollarbeträge im Ausland ausgeben. Diese Ausgaben werden
auf dem notwendigen Minimum gehalten, und wir bemühen uns darum, daß
unsere Verbündeten einen größeren Anteil übernehmen. Aber diese Ausgaben werden auch künftig eine beträchtliche Höhe erreichen, und dies
bedingt, daß wir den Exportüberschuß auf Grund unserer aktiven Handelsbilanz auf mehr als fünf Milliarden Dollar steigern müssen. Wenn
dieser Überschuß erhöht werden kann, weil unsere Exporte schneller als
die Importe steigen, dann können wir den für die Stabilität und Flexibilität unserer Wirtschaft erforderlichen Ausgleich unserer Zahlungsbilanz erreichen. Wenn es dagegen nicht gelingen sollte, unseren Überschuß zu steigern, wenn unseren Exporten der freie Zugang zur EWG und
anderen Absatzmärkten verwehrt werden sollte, dann würde unsere Position im Ausland gefährdet werden. Wenn wir aber die Außenzollmauer
des Gemeinsamen Marktes auf dem Verhandlungswege abbauen können, dann
werden unsere Produzenten unter einem weniger harten Zwang s.tehen,
ihre Fabriken hinter dieser Mauer zu errichten, um auf dem europäischen
Markt im Geschäft zu bleiben; und somit würde auch der Kapitalexport
nach Europa zurückgehen.
Unsere Bemühungen um eine Förderung der Stärke und Einigkeit des
Westens stehen somit in einem direkten Zusammenhang mit der Stärke
und Einheitlichkeit der atlantischen Handelspolitik. Ein erweitertes
Exportprogramm ist für die USJ^unbedingt erforderlich, um die Zahlungsbilanz auszugleichen und das ^^rtschaftliche Wachstum zu erreichen,
das notwendig ist, damit wir unseren Beitrag zur militärischen Sicherheit sowie für den wirtschaftlichen Fortschritt des Westens aufrechterhalten können. Genauso wichtig ist eine Liberalisierung des Güterflusses über den Atlantik hinweg, die die beiden riesigen Märkte auf
beiden Seiten des Ozeans in die Lage versetzen würde, Stärke und Dynamik miteinander zu paaren und ihre Hilfsquellen und ihre Schwungkraft
zusammenzufassen, um die zahlreichen Maßnahmen durchzuführen, die für
die Sicherheit freier Völker erforderlich sind. Zum ersten Male können
wir als die größte Handelsnation der Welt einen einzigen Partner begrüßen, dessen Handel noch größer als der unsrige ist - einen Partner,
der nicht länger mehr in sich gespalten und abhängig, sondern stark
genug ist, um mit uns die Verantwortung und Initiative der freien Welt
zu teilen.
Der kommunistische Block - weitgehend in sich geschlossen und
isoliert - stellt eine wirtschaftliche Macht dar, die in gewisser
Hinsicht bereits größer als die Westeuropas ist und hofft, eines
Tages die Vereinigten Staaten überholen zu können. Aber die gemeinsame
Produktion und Kaufkraft der Vereinigten Staaten und Westeuropas nahezu eine Billion Dollar im Jahr - ist mehr als doppelt so groß wie
die der gesamten sino-sowjetischen Welt. Obwohl unsere Bevölkerung
nur halb so groß ist und wir nur über weit weniger als die Hälfte des

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5

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

2 . Februar 1962

des Gebietes verfügen, können wir unsere Hilfsquellen und unser Können im Rahmen einer offenen Handelspartnerschaft zusammenfassen, die
stark genug ist, um mit jeder Herausforderung fertig zu werden und
all die vielen Aufgaben in aller Welt in Angriff zu nehmen, die für
die Wahrung und den Fortschritt der Freiheit erforderlich sind. Wenn
wir diesen Schritt tun, dann werden für alle Zeiten die marxistischen
Prophezeiungen, daß die "kapitalistischen" Reiche sich wegen der Märkte
bekriegen und Konkurrenten unterdrücken werden, zunichte gemacht, die
kommunistischen Hoffnungen auf einen Handelskrieg zwischen diesen zwei
großen Wirtschaftsgebieten vereitelt und die kommunistischen Versuche,
den Westen zu spalten, zum Scheitern verurteilt.
Als Mitglieder der Atlantischen Gemeinschaft haben wir unsere
militärischen Ziele durch die Nordatlantikpakt-Organisation aufeinander
abgestimmt. Durch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD) stimmen wir unsere Währungs- und Wirtschaftspolitik aufeinander ab. Es ist jetzt an der Zeit, ein neues Kapitel in
der Entwicklung der Atlantischen Gemeinschaft zu schreiben. Der Erfolg
unserer Außenpolitik hängt weitgehend von dem Erfolg unseres Außenhandels ab, und die Wahrung der politischen Einheit des Westens hängt ebenso weitgehend von dem Ausmaß der wirtschaftlichen Einheit des Westens
ab. Ein integriertes Westeuropa, das sich mit den Vereinigten Staaten
in einer Handelspartnerschaft zusammengeschlossen hat, wird das Gleichgewicht der Kräfte in der Welt noch mehr zugunsten der Seite der Freiheit verlagern.
Unsere Bemühungen, die Überlegenheit freier Entscheidung zu beweisen, würden damit gewaltig gefördert werden. Wir wollen der Welt beweisen, daß wir an das friedliche "Niederreißen der Mauern" glauben, statt
sie willkürlich zu errichten. Wir wollen den Erzeugern und Verbrauchern
in der freien Welt neue Perspektiven der Wahl und der Möglichkeiten eröffnen. Als Antwort für jene, die den ärmeren Ländern der Welt erklären,
daß wirtschaftlicher Fortschritt und Freiheit nicht mehr zu vereinbaren
sind, bietet sich uns - die wir seit langem die Vorzüge eines freien
Marktes und der freien Wettbewerbswirtschaft, unsere Fähigkeit, auf
jedem Markt konkurrieren und verkaufen zu können, sowie unsere Bereitschaft, mit der Zeit Schritt zu halten, gerühmt haben - die größte Möglichkeit seit dem Marshall-Plan, um die große Kraft der Entscheidungsfreiheit zu demonstrieren.
Die Länder des kommunistischen Blocks haben in den vergangenen Jahren über 200 Handelsabkommen ausgehandelt. Es ist unvermeidlich, daß die
Empfängerländer ihre Volkswirtschaften in immer stärkerem Maße von den
sowjetischen Gütern, Dienstleistungen und Technikern abhängig finden.
Aber viele dieser Nationen haben auch festgestellt, daß die Wirtschaftspolitik der freien Wahl weit größere Vorteile bietet als die Wirtschaftspolitik des Zwanges. Und je mehr wir das Gebiet der wirtschaftlichen
Freiheit ausdehnen können, um so leichter machen wir es allen freien
Völkern, in den Genuß unserer Neuerungen zu kommen und sie in der Praxis
anzuwenden.
Unsere

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT TOD ARBEIT

2. Februar 1962

Unsere Bemühungen, den Entwicklungsländern der Welt und anderen
Freunden zu helfen, hängen jedoch von mehr ab als von einer Demonstration der Lebenskraft und der Vorzüge der Freiheit. Wenn ihre Volkswirtschaften expandieren, ihre neuen Industrien mit Erfolg arbeiten
und wenn sie Devisen verdienen sollen, die sie benötigen, um auf
unsere Unterstützungsanstrengungen verzichten zu können, dann müssen
diese Länder neue Absatzmärkte für ihre Rohmaterialien und ihre neuen
Erzeugnisse finden. Wir müssen sicherstellen, daß alle Abmachungen,
die wir mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft treffen, so ausgearbeitet werden, daß sie unbedingt auch in nicht diskriminierender
V/eise auf alle dritten Länder Anwendung finden können. Noch wichtiger
ist jedoch, daß die Vereinigten Staaten und Europa eine gemeinsame
Verantwortung gegenüber allen weniger entwickelten Ländern der Welt
tragen - und in diesem Sinne müssen wir zusammenarbeiten, um sicherzustellen, daß ihre berechtigten Bestrebungen und Erfordernisse erfüllt werden. Die "offene Partnerschaft", die dieses Gesetz -vorschlägt,
wird alle freien Nationen in die Lage versetzen, gemeinsam in den Genuß der Segnungen einer weiter gesteckten wirtschaftlichen Wahl für
alle zu gelangen.
Unsere Bemühungen, die Führung der freien Welt zu behalten,
hängen also letztlich von unserem Erfolg bei diesem Vorhaben ab.
Wirtschaftliche Isolierung und politische Führerschaft sind völlig
unvereinbar miteinander. Die Länder Westeuropas werden in den nächsten
Jahren ihr grundlegendes Wirtschafts- und Handelsschema festlegen,
das die Zukunft unserer Wirtschaft sowie die Hoffnungen unserer weniger entwickelten Freunde entscheidend beeinflussen wird. Es werden
grundlegende politische und militärische Entscheidungen von lebenswichtigem Interesse für unsere Sicherheit getroffen werden. Wenn wir
diese Vollmacht zu Verhandlungen nicht erhalten, und sie nicht noch
in diesem Jahr erhalten - wenn wir vom Gemeinsamen Markt durch hohe
Zollschranken auf jeder Seite des Atlantik getrennt sind -, dann
können wir nicht hoffen, bei diesen grundlegenden Entscheidungen eine
wesentliche Rolle zu spielen.
Wenn wir unsere Führerschaft erhalten wollen, dann ist es an uns,
die Initiative zu ergreifen. Die umwälzenden Veränderungen, die sich
gegenwärtig vollziehen, werden nicht warten, bis wir uns entschieden
haben. Die Vereinigten Staaten haben zu weitreichenden Veränderungen
in der Wirtschaftsstruktur der freien Welt ermutigt, um die Kräfte
der Freiheit zu stärken. Aber wir können jetzt nicht selbst auf der
Stelle treten. Wenn wir die Führung haben wollen, dann müssen wir
handeln. Wir müssen unsere eigene Wirtschaft den zwingenden Erfordernissen einer sich verändernden Welt anpassen und einmal mehr unsere
Führerschaft behaupten.
Der amerikanische Geschäftsmann wird, sobald die durch dieses
Gesetz gewährte Vollmacht ausgeübt wird, eine einzigartige Gelegenheit haben, zunehmend gleichberechtigt auf ei-nem reichhaltigen und
schnell expandierenden Auslandsmarkt zu konkurrieren, der potentiell
über eine Kaufkraft verfügt, die so groß und so verschiedenartig ist

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT ÜBD ARBEIT

2. Februar 1962

ist wie die unsrige. Er weiß, daß, nachdem erst einmal künstliche
Hindernisse beseitigt sind, ein großes Angebot amerikanischer Waren,
die mit Hilfe amerikanischen Wissens und amerikanischer Tüchtigkeit
produziert wurden, mit allen Erzeugnissen auf jedem Platz in der Welt
konkurrieren kann. Und nahezu alle Teile unserer Geschäftswelt, in jedem Bundesstaat, beteiligen sich jetzt oder könnten sich an der Produktion, der Weiterverarbeitung, dem Transport oder der Verteilung
sowohl der Exporte als auch der Importe beteiligen.
An Maschinen, Transportausuüstungen, Chemikalien und Kohle verkaufen wir bereits an Westeuropa allein mehr, als unsere gesamten
Importe an diesen Gütern aus allen Gebieten der Welt ausmachen. Westeuropa ist heute unser bester Kunde - und sollte morgen ein noch besserer sein. Aber da der neue Außenzoll, der den Gemeinsamen Markt umgibt,
an die Stelle der Binnenzölle tritt, wird ein deutscher Erzeuger, der
früher auf dem französischen Markt unter den gleichen Bedingungen mit
unseren Erzeugern konkurrierte, freien Zugang zu den französischen
Märkten erhalten, während unsere eigenen Produzenten sich einem Zoll
gegenübersehen. Kurz gesagt: solange wir nicht über die Vollmacht verfügen, über die Beseitigung des Außenzolles zu verhandeln, während die
Wirtschaft des Gemeinsamen Marktes gleichzeitig expandiert, solange
werden unsere Exporte nicht mit ansteigen. Sie können vielleicht sogar
absinken.
Für den amerikanischen Farmer bedeutet eine Ausweitung des Handels
unendlich viel. Einer von sieben in der Landwirtschaft Beschäftigten
arbeitet für den Export. Der durchschnittliche amerikanische Farmer
ist, was den Absatz der Erzeugnisse anbetrifft, die er auf einem Sechstel des von ihm bestellten Landes geerntet hat, auf die Auslandsmärkte
angewiesen. 60 Prozent unserer Reis-, 49 Prozent unserer Baumwoll-,
45 Prozent unserer Weizen- und 42 Prozent unserer Sojabohnenernte werden
exportiert. Die Landwirtschaft ist eine unserer besten Devisenquellen.
Unsere Landwirtschaft ist in besonderem Maße von dem westeuropäische
Markt abhängig. Der Handel mit Agrarerzeugnissen zwischen uns und diesem
Raum ist vier zu eins zu unseren Gunsten. Mit den jüngst in Brüssel
erreichten Abkommen ist unsere gegenwärtige Ermächtigung, weitere
Konzessionen in Europa zu erreichen, voll ausgeschöpft worden. Diese
Abkommen haben die Grundlage für künftige Verhandlungen über amerikanisc
Agrarexporte geschaffen, die stattfinden sollen, sobald neue Ermächtigungen erteilt werden. Aber es sind neue und flexible Vollmachten erforderlich, wenn wir unserer Landwirtschaft die Tür zum Gemeinsamen Markt
offenhalten oder sie ihr noch weiter öffnen wollen. Wenn die Erzeugnisse unserer überaus großen Produktivität nicht zu immer größeren
Stapeln in unseren Lagerhäusern anwachsen sollen, dann bjrauchen unsere
Verhandlungsführer sowohl die Sondervollmacht für die EWG wie auch
die generelle Vollmacht für eine 50prozentige Zollsenkung, die in dem
später in dieser Botschaft erläuterten Gesetz gefordert werden.
Der amerikanische Arbeiter wird aus der Ausweitung unseres Exports
ebenfalls Nutzen ziehen. Jeder cüritte in der Fertigung beschäftigte
Arbeiter arbeitet auch für den Export. Die Zahl der Arbeiter, die

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die ihren Arbeitsplatz direkt oder indirekt dem Export verdanken,
ist um ein Vielhundertfaches größer als die kleine Gruppe - die
weniger als ein halbes Prozent der gesamten Arbeiterschaft ausmacht -,
für die eine starke Zunahme der Importe nachteilige Folgen haben
könnte. Da die Zahl der Arbeitsuchenden in den USA in den kommenden
Jahren zunehmen wird, müssen unsere Absatzmärkte und die Wirtschaftstätigkeit ausgeweitet werden, um die Zahl unserer Arbeitsplätze zu
vergrößern; und es muß sichergestellt werden, daß die neuen amerikanischen Fabriken,die zur Belieferung der Verbraucher im Gemeinsamen Markt
errichtet werden, nicht dort, sondern hier in den USA gebaut werden,
damit sie amerikanische Arbeiter beschäftigen.
Der amerikanische Verbraucher zieht den größten Nutzen aus einer
Ausweitung des Außenhandels. Die Importe erlauben ihm eine größere
Wahl zwischen Erzeugnissen zu Wettbewerbspreisen. Sie vermitteln neue
Anregungen und Geschmacksrichtungen, die oft zu einer neuen Nachfrage
nach amerikanischen Erzeugnissen führen.
Höhere Importe wirken belebend auf unsere eigenen Anstrengungen
zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, und sie ergänzen die Anti-Trustprogramme und andere Maßnahmen zur Gewährleistungeeines freien Wettbewerbs. Zahlreiche für den Verbraucher wie auch für die Wirtschaft wichtige Industrien sind von der Einfuhr von Rohstoffen und anderen Erzeugnissen abhängig. Somit könnten die in den USA hergestellten Güter für
den amerikanischen Verbraucher ebenfalls billiger werden, wenn wir die
Zölle für die zu ihrer Herstellung benötigten Rohstoffe senken.
Die amerikanischen Importe haben, kurz gesagt, unsere Wirtschaft
allgemein gestärkt, statt sie zu schwächen. Ihr wettbewerbssteigernder
Einfluß ist bereits erwähnt worden. Aber rund 60 Prozent der von uns
importierten Güter konkurrieren nicht mit den Waren, die wir produzieren
- entweder weil sie in unserem Lande überhaupt nicht oder nicht in nennenswerter Menge hergestellt werden. Durch die Importe erhalten wir Produkte, die wir benötigen, aber selbst nicht lohnend erzeugen oder anbauen
können (beispielsweise Bananen oder Kaffee). Sie ergänzen unsere ständig abnehmenden natürlichen Hilfsquellen mit Gütern, die hier nicht in
Mengen vorhanden sind (wie Mangan oder Chrom, wovon 90 Prozent oder mehr
importiert werden müssen, wenn unsere Stahlwerke arbeiten sollen), und
tragen zu unserer industriellen Leistungsfähigkeit, unserem wirtschaftlichen Wachstum und unserem hohen Verbrauch bei. Jene Importe, die tatsächlich konkurrieren, entsprechen nur einem oder eineinhalb Prozent
unserer gesamten Gütererzeugung; und selbst diese Einfuhren schaffen
direkt Arbeitsplätze für jene, die sich mit ihrer Verarbeitung, ihrer
Verteilung oder ihrem Transport befassen, und auch indirekt Arbeitsplätze für jene, die in der Exportindustrie sowie in den Industrien beschäftigt sind, die - um Konkurrenzfähig ; zu sein - auf importierte
Güter zu vernünftigen Preisen angewiesen sind.
Darüber hinaus müssen wir unsere eigenen Zölle abbauen, wenn wir
hoffen wollen, die Zölle im Ausland reduzieren und dadurch unsere Exporte und unseren Exportüberschuß steigern zu können. Es gibt viel mehr
amerikanische Arbeitsplätze,die von unseren Exporten abhängen, als

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als Arbeitsplätze, die durch gesteigerte Importe eventuell nachteilig
berührt werden könnten. Und die Exportindustrien sind unsere stärksten,
leistungsfähigsten und die höchsten Löhne zahlenden expandierenden
Industrien.
Es liegt daher auf der Hand, daß die V/arnungen vor einer Steigerung der Einfuhr, die mit dem niedrigeren Lohnniveau in anderen Ländern begründet werden, ein einseitiges Bild geben. Denn diese Befürchtungen werden durch die Tatsache widerlegt, daß die amerikanische Industrie ganz generell - und im besonderen die Industrien in den USA, die
die höchsten Löhne zahlen - mehr Güter nach anderen Märkten exportiert
als jedes andere Land; daß sie weit mehr in anderen Ländern absetzt, als
diese an uns verkaufen; und daß sie auch unseren Markt in den USA mit
großer Überlegenheit beherrscht. Die drei Hauptgründe hierfür sind:
a) Die Fachausbildung und Leistungsfähigkeit der amerikanischen
Arbeiter, die mit Hilfe unserer Maschinen und unserer Technik in der
Stunde mehr Einheiten pro Arbeitskraft herstellen können als jeder andere Arbeiter auf der Welt, so daß bei zahlreichen Erzeugnissen die
vergleichbaren Arbeitskosten bedeutend geringer sind als in Ländern
mit niedrigeren Löhnen. Während zum Beispiel ein Bergmann im amerikanischen Kohlenbergbau den achtfachen Stundenlohn eines japanischen
Bergmanns erhält, fördert er vierzehnmal soviel Kohle, so daß unsere
wirklichen Kosten pro Tonne geförderter Kohle weit geringer sind. Und
wir verkaufen an die Japaner jedes Jahr Kohle im Werte von vielen
Millionen Dollar.
b) Unsere besten Industrien verfügen aber auch über andere Vorteile - zum Beispiel das ausreichende Vorhandensein billiger Rohstoffe
und billigen Kraftstroms. Weder die Löhne noch die Gesamtarbeitskosten
bilden, für sich allein genommen, eine angemessene Vergleichsgrundlage.
c) Die amerikanischen Erzeugnisse können vielfach auch dann erfolgreich konkurrieren, wenn die ausländischen Preise etwas niedriger sind und zwar dank ihrer Überlegenheit in bezug auf Qualität, Formgebung,
Verpackung, Dienstleistung oder Garantie der Auslieferung.
Angesichts dieser Stärke und der gleichzeitig wachsenden Produktivität und der steigenden Löhne in der übrigen Welt ist es eigentlich
nicht notwendig, über das Lohnniveau in den Ländern mit niedrigen Löhnen
besorgt zu sein. Diese Löhne sind ferner bereits im Steigen begriffen,
und wir möchten hoffen,.daß - durch geeignete Konsultationen auf internationaler Ebene ermutigt - die derzeitige Kluft zwischen den Löhnen
weiter eingeengt wird.
Diese Konzeption des freien Marktes - die größere wirtschaftliche
Auswahl für Menschen und Völker - ist so alt wie die Freiheit selbst.
Es handelt sich hier nicht um eine von einer politischen Partei entwickelte Konzeption. Seit vielen Jahren wurde unsere Handelsgesetzgebung von Mitgliedern beider politischen Parteien unterstützt, die erkannt hatten, wie entscheidend wichtig der Handel für unsere grundlegende

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grundlegende Sicherheit im Ausland und eine gesunde Wirtschaft im
eigenen Lande ist. Dies trifft heute noch viel mehr zu. Das Gesetz
über die Ausweitung des Handels von 1962 soll der Ansicht einer Nation, nicht irgendeiner einzelnen Partei oder einer Interessengruppe,
Ausdruck verleihen. In diesem Sinne empfehle ich dem Kongreß, es umgehend und positiv zu behandeln.
II. Die Bestimmungen des vorgeschlagenen Gesetzes
Neue Verhandlungsvollmachten: Um sämtliche der vorerwähnten Ziele
und Wachstumsraten erreichen zu können, um unsere Verhandlungsführer
mit hinreichenden Befugnissen auszustatten und sie in die Lage zu versetzen, die EWG dazu zu bringen, unseren Waren und landwirtschaftlichen
Erzeugnissen den Zugang zu ihren Märkten- in verstärktem Maße zu gestatten und denen der lateinamerikanischen Länder, Japans und anderer
Staaten eine faire Behandlung zuzusichern^ und um darauf vorbereitet
zu sein, mit dem Gemeinsamen Markt Handelsgespräche auf konkreter Basis zu führen, ist es notwendig, unsere Verhandlungsvollmachten flexible
z,M gestalten und ihren Anwendungsbereich zu erweitern. Ich ersuche deshalb um zwei grundlegende Vollmachten, die für den Zeitraum der nächsten
fünf Jahre gelten sollen:
Erstens, die generelle Vollmacht, die bestehenden Zollsätze in
gegenseitigen Verhandlungen bis zu 50 Prozent zu senken. Wir beabsichtigen, uns bei der Ausübung dieser Vollmacht verschiedener Methoden zu
bedienen, die Verhandlungen über eine Vielzahl von Warengruppen oder
-Untergruppen einschließen würden;
zweitens, eine Sondervollmacht, die sich auf Verhandlungen mit
der EWG erstreckt, um die Zölle für diejenigen Warengruppen zu senken
oder abzuschaffen, bei denen der Anteil der Vereinigten Staaten und der
EWG am Welthandel in einem als repräsentativ anzusehenden Zeitraum zusammen 80 Prozent und mehr betrug. Die Tatsache, daß diese Warengruppen
unter diese Sonder- oder "Hauptlieferanten"-Vollmacht fallen, ist ein
Beweis dafür, daß sie hier oder in Europa erfolgreicher produziert werden können als in anderen Teilen der Welt. Zu ihnen rechnen die meisten
Waren, an denen die Mitglieder des Gemeinsamen Marktes im Handel mit
uns besonders interessiert sind, und auch der größte Teil der Waren,
für die wir einen freieren Zugang zum Gemeinsamen Markt anstreben;
in beträchtlichem Ausmaß handelt es sich hierbei auch um Süter, bei denen unsere Wettbewerbsfähigkeit durch die Tatsache dokumentiert wird,
daß unsere Exporte unsere Importe erheblich übersteigen. Auf sie entfallen nahezu zwei Milliarden Dollar unserer gesamten industriellen
Ausfuhr des Jahres i960 nach den derzeitigen und den eVentuellen künftigen Mitgliedstaaten der EWG und etwa 1,4 Milliarden Dollar unserer
Einfuhren aus diesen Ländern. Kurz, diese Sondervollmacht wird uns
in die Lage versetzen, ein umfassendes Handelsabkommen mit dem Gemeinsamen Markt auszuhandeln, das unsere wirtschaftliche Stärke um der Förderung der Freiheit willen zusammenfaßt.
Um in unseren Bemühungen um ein bahnbrechendes Abkommen mit der
EWG erfolgreich zu sein, und damit unsere Farmer, Produzenten und die

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die anderen Handelspartner der freien Welt voll partizipieren können,
müssen wir uns sowohl der Hauptlieferantenvollmacht als auch der
generellen Vollmacht gleichzeitig bedienen. Die Zollsenkungen würden allmählich, Schmitt für Schritt, über einen Zeitraum von fünf
oder mehr Jahren hinweg vorgenommen. Das traditionelle Verfahren aber,
unsere gegenseitigen Zollmauern durch Verhandlungen Stein für Stein
abzutragen, reicht nicht aus, um den amerikanischen Exporten an landwirtschaftlichen und industriellen Gütern den freieren Zugang zum
europäischen Markt zu sichern, der notwendig ist, wenn der Handel
zwischen den beiden atlantischen Märkten zunehmen soll. Wir müssen
in unseren Verhandlungen vielmehr darauf bedacht sein, auf der Basis
der Gegenseitigkeit ganze Schichten dieser Mauern auf einmal abzutragen, so wie dies die europäischen Länder gemacht haben, als sie die
EWG-Binnenzölle abbauten und damit den Kräften des Wettbewerbs gestatteten, ein neues Handelsgefüge aufzubauen. Ein Handel auf einer
dergestalt erweiterten Basis ist unmöglich, so stellten die EWGLänder fest, wenn das traditionelle Verfahren der Wirtschaftsgeschichte - das Verhandeln Zollinie um Zollinie - maßgebend sein
soll. Ich möchte aber betonen, daß wir darauf bedacht sein werden, bei
allen Zollsenkungen und Konzessionen nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit zu verfahren und sicherzustellen, daß der eingehandelte Zugang
zu den Märkten nicht durch die Anwendung von Quoten öder anderen restriktiven Methoden wieder eingeengt wird.
Sicherung der Interessen unserer übrigen Handelspartner: In unseren Verhandlungen mit dem Gemeinsamen Markt werden wir an unserem
traditionellen Prinzip der Meistbegünstigung festhalten, unter dem
sämtliche ausgehandelten Zollkonzessionen auch auf unsere übrigen
Handelspartner ausgedehnt werden. Offensichtlich wäre die Beteiligung
anderer Staaten an Abmachungen, die unter, der Sondervollmacht zustande
kommen und bei denen die Vereinigten Staaten und die EWG als Hauptlieferanten auftreten, oft ehne große Bedeutung. Bei anderen Warengattungen sollten, wo dies gerechtfertigt ist, im Rahmen dieser Verhandlungen ausgleichende Konzessionen für andere interessierte Länder
angestrebt werden. Alles in allem aber müssen wir eine nichtdiskriminierende Handelspartnerschaft mit der EWG anstreben. Wenn sie nur
dazu führt, daß die freie Welt gespalten oder die Kluft zwi sehen rei eher,
und armen Ländern vergrößert wird, dann wird sie einen ihrer Hauptzwecke verfehlt haben. Die Verhandlungsvollmachten gemäß dieser Gesetzesvorlage sollen vielmehr dazu benutzt werden, die Bindungen der
beiden "gemeinsamen Märkte" zu den lateinamerikanischen Republiken,
Kanada,.Japan und anderen nichteuropäischen Staaten sowie unseren eigenen Handel mit diesen zu stärken und diesen Ländern zu helfen, ein
Höchstmaß an Handelsmöglichkeiten mit dem Gemeinsamen Markt zu erreichen.
Die Gesetzesvorlage fordert ferner eine Sondervollmacht zur Reduzierung oder Aufhebung aller Zölle und anderer Restriktionen für
die Einfuhr tropischer Land- und forstwirtschaftlicher Erzeugnisse,
die von befreundeten Entwicklungsländern geliefert und hier nur in
unbedeutenden Mengen erzeugt werden, wenn unsere Maßnahme im Einklang
mit ähnlichen Maßnahmen des Gemeinsamen Marktes getroffen wird. Diese

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Diese tropischen Erzeugnisse entsprechen dem Export von Stapelwaren
vieler Entwicklungsländer. Ihre Anstrengungen zur Entwicklung und
Strukturverbreiterung der Wirtschaft müssen aus dem Erlös für diese
Produkte finanziert werden. Wenn wir ihnen einen möglichst großen
Absatzmarkt sichern, bringen wir sie damit dem Tage näher, da sie
in der Lage sein werden, ihre Wirtschaftsentwicklung aus eigener Kraft
zu finanzieren«
Schutz der amerikanischen Industrie: Sobald die in diesem Vorschlag geforderte Vollmacht zum Tragen kommt, werden sowohl die Importe als auch die Exporte steigen. Diese Zunahme wird sich aus den
oben angeführten Gründen in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle
als segensreich erweisen. Dennoch sollen weitreichende Schutzbestimmungen zum Schutz der amerikanischen Industrie und der Landwirtschaft
beibehalten werden. Ein Schutz auf Grund der Ausweichklausel wird
zusammen mit mehr zeitgemäßen Bestimmungen auch weiterhin verfügbar
sein. Ein vorübergehender Zollschutz wird dort gewährt werden, wo
dies erforderlich ist. Die Vollmacht, zum Schutze der nationalen
Sicherheit Zölle zu erheben oder Konzessionen außer Kraft zu setzen,
soll beibehalten werden. Warenpositionen sollen bei den Verhandlungen
ausgenommen werden, wenn immer eine solche Maßnahme im Interesse der
Nation und der Wirtschaft liegt. Und die vier Grundetappen der traditionellen "Gefahrenpunkt-Bestimmungen und Sicherungen sollen aufrechterhalten und verbessert werden.
Der Präsident wird der Zollkommission eine Liste der vorgeschlagenen Waren zugehen lassen, über die Verhandlungen geführt werden sollen;
die Zollkommission wird "hearings" abhalten, um die Auswirkung von
Konzessionen bei diesen Waren festzustellen;
die Kommission wird dem Präsidenten einen Bericht vorlegen, der
sich im besonderen - wie dies auch jetzt bei solchen Berichten der
Fall ist - auf ihre Feststellungen darüber stützt, inwieweit neue Importe zur Stillegung von Produktionseinrichtungen sowie dazu führen
könnten, daß einheimische Produzenten nicht mehr in der Lage sind,
mit Gewinn zu arbeiten, und Arbeiter auf Grund der ins Auge gefaßten
Zollsenkungen ihre Arbeitsplätze verlieren; und
der Präsident seinerseits wird dem Kongreß nach Abschluß der
Verhandlungen einen Bericht über seine Maßnahmen unterbreiten. Die
augenblicklich bestehenden Bestimmungen werden jedoch wesentlich verbessert werden, da sowohl die Empfehlung der Zollkommission als auch
der Bericht des Präsidenten umfassender sein würden als eine bloße
Abgrenzung der spezifischen Gefahrenpunkte. Damit sollte es uns möglich sein, von diesen Empfehlungen weitaus größeren und sinnvolleren
Gebrauch zu machen, als dies tatsächlich in der Vergangenheit geschah.
Anpassungshilfe für den Handel: Ich empfehle außerdem - als einen
wesentlichen Bestandteil des neuen Handelsprogrammsr daß jenen Wirtschaftsunternehmen, Farmern und Arbeitnehmern, die durch den zunehmenden
Wettbewerb durch ausländische Importe Schaden erleiden, Hilfe bei
ihren Bemühungen gewährt wird, sich dieser Wettbewerbssituation anzupassen. Wenn es Erwägungen der nationalen Politik wünschenswert
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wünschenswert erscheinen lassen, höhere Zölle zu vermeiden, dann
kann man von jenen, die durch diese Konkurrenz geschädigt werden,
nicht verlangen, daß sie die vollen Auswirkungen dieser Maßnahmen
tragen. Vielmehr sollten die Lasten der wirtschaftlichen Anpassung
zum Teil von der Bundesregierung mitgetragen werden.
Auf Grund des derzeitigen Gesetzes hat der Präsident nur die
Wahl, Zollschutz zu gewähren oder zu verweigern- Diese Möglichkeiten
sollten ihm auch weiterhin zur Verfügung stehen.
Die von mir vorgeschlagene Gesetzgebung sieht jedoch eine weitere Alternative vor: die Anpassungshilfe für den Handel. Diese Alternative wird es der Exekutive gestatten, von ihren Einrichtungen, Programmen und Hilfsquellen ausgiebig Gebrauch zu machen, um den Farmern,
Firmen und ihren Angestellten bei der Durchführung der wirtschaftlichen
Neuorientierung, die durch die Importe infolge der Zollkonzessionen
notwendig werden, besondere Unterstützung zukommen zu lassen.
Jeder Arbeitnehmer oder jede Gruppe von Arbeitnehmern, die
infolge der höheren Importe erwerbslos oder unterbeschäftigt würden,
sollte auf Grund dieses Gesetzes Anspruch auf folgende Formen der
Unterstützung haben:
1. Anpassungsbeihilfen, die allen Arbeitnehmern bis zu 65 Prozent des durchschnittlichen Wochenlohnes des einzelnen für die Dauer
von 52 Wochen, den Arbeitnehmern über 60 Jahre bis zu weiteren 13
Wochen sichern, wobei die Erwerbslosenunterstützung auf diese Leistungen voll angerechnet wird.
2. Berufliche Ausbildungs- und Fortbildungsbeihilfen zur Entwicklung besserer und neuer beruflicher Fähigkeiten.
3. Finanzielle Unterstützung für solche, die keine Arbeit an
ihrem derzeitigen Wohnort finden können, um sie an einen anderen Platz
in den Vereinigten Staaten umzusiedeln, wo geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten bestehen.
Für Geschäftsleute und Farmer, die durch die Importe geschädigt
werden, sollten verfügbar sein:
1. Technische Informationen, Gutachten und Beratungen für die
Planung und Durchführung von Maßnahmen zur Behebung des
Problems;
2. Steuererleichterungen zur Förderung der Modernisierung und
StrukturVerbesserung;
3. Anleihegarantien und Anleihen zur Förderung der Modernisierung
und Strukturverbesserung, die auf dem privaten Kapitalmarkt
nicht erhältlich sind.
Genauso

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Genauso wie die Bundesregierung bei den durch den Militärdienst notwendig gewordenen personellen Umstellungen Hilfe geleistet
hat, genauso wie sie ihren Verpflichtungen gegenüber der Industrie
bei der Umstellung auf die Kriegsproduktion und dann wieder auf die
Friedensproduktion nachgekommen ist, genauso besteht eine Verpflichtung,
jenen Hilfe angedeihen zu lassen, die durch die nationale Handelspolitik
Verluste erleiden. Ein derartiges Programm wird das, was wir bereits
für die Notstandsgebiete, hinsichtlich der Klein- und Mittelbetriebe,
der Investitionsanreize und der Umschulung und Entschädigung der arbeitslosen Arbeitnehmer tun oder zu tun vorgeschlagen haben, ergänzen und
damit im Einklang stehen und sich nicht damit überschneiden.
Dies kann und wird kein vom Regierungspaternalismus' bestimmtes
Subventionierungsprogramm sein. Es ist vielmehr ein Programm, das uns
Zeit geben soll, die amerikanische Tatkraft, die amerikanische Anpassungsfähigkeit und die amerikanische Elastizität zur Geltung zu bringen. Es
befindet sich im Einklang mit jenem Teil der Gesetzesvorlage, der die
schrittweise Durchführung von Zollsenkungen während einer Fünfjahresperiode vorsieht. Demgemäß bezwecken die Anpassungshilfe für den Handel
wie auch die übrigen Bestimmungen des Gesetzes über die Ausweitung des
Handels von 19&amp;2 die Stärkung der Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft,
nicht den Schutz von Leistungsschwächen.
Die Vollmacht zur Gewährung eines vorübergehenden Zollschutzes
wird weiter in Anspruch genommen werden können, um jenen Industriezweigen zu helfen, die durch einen plötzlichen Zustrom von Waren auf Grund
der Zolltarifänderungen Schaden erleiden. Aber die Betonung liegt mehr
auf Anpassung als auf Hilfe. Mit den Anpassungsbestimmungen kann denen
prompt und wirksam geholfen werden, die in echte Schwierigkeiten geraten, und zwar durch die Umstellung auf die Importkonkurrenz, durch die
Überführung von Personal und Produktionsmitteln aus unwirtschaftlichen
in wirtschaftliche Produktionszweige und auf wettbewerbsfähige Positionen
sowie durch das Bestreben, dabei, wo immer möglich, das Arbeitsverhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufrechtzuerhalten. Anders
als beim Zollschutz kann diese Hilfe auf die individuellen Bedürfnisse
zugeschnitten werden, ohne daß sie andere politische Richtlinien durchkreuzt. Die Erfahrungen mit einem ähnlichen Programm innerhalb des Gemeinsamen Marktes bei noch weiter reichenden Zollsenkungen, als wir sie
hier vorschlagen, bezeugen, daß dies eine wirksame und doch verhältnismäßig billige Methode ist. Denn die meisten der betroffenen Firmen werden bemerken, daß die fragliche Anpassung nicht mehr ist als jene Anpassung, die sie alljährlich oder alle paar Jahre infolge von Veränderungen in der Wirtschaft, im Verbrauchergeschmack oder in den heimi-,
sehen Wettbewerbsverhältnissen zu gewärtigen haben.
Zweck dieser Botschaft war es, die Aufgabe, der wir gegenüberstehen, und die Werkzeuge, die wir brauchen, zu beschreiben. Die Entscheidung liegt nun beim Kongreß. Diese Entscheidung wird entweder den
Anfang eines neuen Kapitels in der Allianz der freien Nationen anzeigen- - oder aber das Wachsen der westlichen Einheit gefährden. Die
beiden großen atlantischen Märkte werden entweder zusammen- oder
auseinanderwachsen. Bedeutung und Ausmaß der freien wirtschaftlichen

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wirtschaftlichen Entscheidung werden zum Wohl der freien Menschen
überall entweder größer oder durch neue Schranken und Verzögerungen
verwirrt und eingeengt werden.
Im vergangenen Jahr machte der Kongreß durch die Verabschiedung
eines langfristigen Auslandshilfeprogramms einen fundamentalen Wandel
in unseren Beziehungen zu den Entwicklungsländern möglich. Diese Vorlage wird einen fundamentalen, weitreichenden und einmaligen Wandel
in unseren Beziehungen mit den anderen Industrienationen möglich machen, besonders aber mit den übrigen Mitgliedern der Atlantischen Gemeinschaft. So wie die NATO beispiellos in der Militärgeschichte ist,
so ist diese Vorlage beispiellos in der Wirtschaftsgeschichte. Aber
ihrer Verabschiedung wird man sich lange erinnern, und ihre Segnungen
werden in reichem Maße all jenen zuteil werden, die für die Freiheit
arbeiten.
Nur selten bietet sich im Leben unserer Nation eine Gelegenheit,
aus der Verwirrung gegenwärtigen Geschehens eine klare und kühne Tat
herauszumodellieren, die der Welt zeigt, wofür wir einstehen. Eine
solche Gelegenheit ist jetzt gekommen. Dieses Gesetz, das unserem
Handel mit dem Gemeinsamen Markt eine Bresche schlägt, wird auch der
Freiheit eine Bresche schlagen.

* -x- * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Wi./9.2.1962

PRÄSIDENT KENNEDY LEGT NEUES LANDWIRTSCHAFTSPROGRAMM VOR

WASHINGTON - (AD) - Präsident Kennedy hat dem amerikanischen
Kongreß am 30. Januar 1962 ein neues Vier-Punkte-Landwirtschaftsprogramm unterbreitet, dessen Ziel die Steigerung der Einkommen
und die Senkung der Betriebskosten in der Landwirtschaft ist.
In einer Sonderbotschaft an den Kongreß wies der Präsident
darauf hin, daß es bereits im vergangenen Jahr gelungen sei, das
Nettoeinkommen der Landwirtschaft um eine Milliarde Dollar und
das Einkommen pro Farm im Durchschnit t um rund 350 Dollar zu
steigern. Gleichzeitig seien zum ersten Mal seit neun Jahren die
Bestände der Regierung an Agrarerzeugnissen abgebaut worden. Nunmehr gelte es, die Erfolge des vergangenen Jahres zu konsolidieren
und ein umfassendes und realistisches Landwirtschaftsprogramm für
die kommenden Jahre zu schaffen, das eine volle Nutzung des vorhandenen Überflusses ermögliche. Gleichzeitig wies der Präsident
warnend darauf hin, daß die Entwicklung zu einer chaotischen,
unrationell arbeitenden und von Überschüssen bedrängten Landwirtschaft wieder aufleben werde, wenn nicht umgehend gehandelt werde.
Auch hätten sich im Verlaufe des vergangenen Jahres neue Probleme
ergeben, und Änderungen in der Verbrauchernachfrage hätten verschiedentlich zu neuen Überschüssen geführt, so daß hier durch
entsprechende Gesetze ebenfalls Abhilfe geschaffen werden müsse.
Die amerikanische Landwirtschaft, so betonte Kennedy, habe in
den fünfziger Jahren die Auswirkungen der während des letzten Krieges sowie in Depressionszeiten unternommenen Anstrengungen zur
Steigerung der Produktivität voll zu spüren bekommen. Die Agrarerzeugung sei um rund 25 Prozent gestiegen, während gleichzeitig
die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten um ein Diittel
zurückgegangen sei, so daß die ständig steigenden Überschüsse zu
einem immer stärkeren Druck auf die Preise für landwirtschaftliche
Erzeugnisse führten. Die aus diesem Produktivitätszuwachs resultierenden Preisvorteile seien zum größten Teil voll an den Verbraucher
weitergegeben worden, so daß die amerikanische Bevölkerung heute
weniger als 20 Prozent ihres Einkommens für die Ernährung ausgebe,
während die Ernährungsausgaben der Bevölkerung in Westeuropa zwischen 30 und 50 Prozent des Einkommens lägen und in der Sowjetunion
sogar über 60 Prozent des Einkommens ausmachten. Während es für

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

9. Februar 1962

für die Industrie verhältnismäßig leicht sei, ihre Produktion der
jeweiligen Nachfrage anzupassen, sei dies bei den landwirtschaftlichen
Betrieben in Anbetracht ihrer großen Zahl weitaus schwieriger. Hieraus ergebe sich allein schon die Notwendigkeit einer Hilfe des Staates.
Deshalb könnten die in der Vergangenheit eingeführten Stützprogramme
nicht auf einmal wegfallen, da dies, wie die verschiedensten Studien
zeigten, zu einem jähen Verfall der Agrarpreise und der landwirtschaftlichen Einkommen führen werde. So würden zum Beispiel bei einem plötzlichen Wegfall dieser Programme die Weizenpreise um die Hälfte, die
Käferpreise um 25 Prozent, die Gerstenpreise um 28 Prozent, die Sojabohnenpreise um 38 Prozent, die Preise für Molkereiprodukte um 17 Prozent, die Eierpreise um 20 Prozent, die Preise für Rinder um 25 Prozent
und die Preise für Schweine um 30 Prozent sinken. Auf der anderen Seite
hätten diese für den Bundeshaushalt kostspieligen Programme zu keiner
wesentlichen Erhöhung der landwirtschaftlichen Einkommen geführt. Die
1,5 Millionen leistungsfähigen Familienfarmen, auf die etwa 87 Prozent
der Gesamterzeugung entfielen, seien zwar technisch fortschrittlich,
aber ihre Erträge aus Arbeit und Kapital hätten nicht mit denen der
übrigen Bevölkerung Schritt gehalten; und ihre Einkommen zeigten sich
dazu noch gegenüber den jährlichen Schwankungen in der Farmerzeugung
äußerst empfindlich. Die anderen 2 Millionen oder mehr landwirtschaftlichen Betriebe, die die restlichen 13 Prozent der Gesamtproduktion
aufbrächten, wiesen deshalb allgemein niedrige Einkommen auf, weil sie
einerseits über zu wenig Land oder Kapital verfügten und zum anderen
die Farmer häufig auch nur geringe fachliche oder betriebswirtschaftliche Fähigkeiten besäßen.
Präsident Kennedy unterstrich, daß die beiden Hauptziele des von
ihm vorgelegten Vier-Punkte-Programms - Steigerung der Einkommen in
der Lendwirtschaft und Senkung der Betriebskosten - nur erreicht werden
könnten, wenn die Agrarerzeugung mehrere Jahre lang unter dem Bedarf
bleibe und dann langsam, entsprechend der Zunahme der Nachfrage, wieder
ansteige. Ein solches Vorgehen sei nur logisch, und die von ihm in
seinem Landwirtschaftsprogramm aufgestellten vier Punkte, die alle
gleich wichtig seien und in einem engen Zusammenhang miteinander ständen, sollten eine solche Entwicklung fördern.
Las neue Programm, so betonte der Präsident, solle das im vergangenen Jahr verabschiedete Notprogramm ablösen, Richtlinien geben und
auf den in der Vergangenheit bewährten Techniken und Verfahren aufbauen.
Es solle sicherstellen
"1. eine optimale Nutzung unseres produktiven Reichtums. Unsere
landwirtschaftlichen Hilfsquellen können die Sache des Friedens und
der Freiheit überall in der Welt fördern; sie sichern den Amerikanern
einen hohen Lebensstandard und können eine wichtige Waffe gegen Armut
und Krankheit sein;
2.

�A M E R I K A

D I E N S T

�Allg./2«3.1962

PROJEKT MERCURY
Glenns Flug - ein großer Schritt vorwärts

Der erfolgreiche Flug John H. Glenns in einer Raumkapsel um die
Erde war der erste Höhepunkt einer neuen technischen Entwicklung
und gleichzeitig der Beginn eines langfristigen Programms, das die
Vereinigten Staaten für die Erforschung des Weltraums mit bemannten
Fluggeräten aufgestellt haben. Das Projekt MERCURY, dessen reguläre
Testserie mit Glenns dreimaliger Erdumkreisung am 20. Februar 1962
aufgenommen wurde, bildet den ersten praktischen Schritt in diesem
Vorhaben. Das US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA) plant für Mai
1962 einen weiteren MERCURY-Flugversuch mit dem Astronauten Donald
K. Slayton als Testpilot, und es beabsichtigt, noch im Laufe dieses
Jahres die Flugdauer der MERCURY-Raumkapseln von knapp fünf bis auf
etwa 25 Stunden zu steigern. Dies bedingt jedoch eine Modifizierung
von Trägerrakete und Fluggerät, weil dann ein wesentlich größerer
Sauerstoffvorrat sowie ein größerer Treibstoffvorrat für die Nachsteuerung mitgeführt werden müssen.
Die Erfahrungen, die man im Rahmen des Projekts MERCURY sammelt,
bilden die Grundlage für die nächsten Stufen des amerikanischen bemannten Raumflugprogramms - des Projekts GEMINI ("Zwillinge") mit
zwei Piloten, die in einer Raumkapsel die Erde umkreisen und sich
bis zu einer Woche in der Ionosphäre aufhalten sollen, und des Projekts APOLLO, das schließlich die Entsendung eines Raumschiffes mit
drei Mann Besatzung zum Mond zum Ziele hat. Die amerikanische Regierung hofft, diesen Plan bis zum Jahr 1970 verwirklichen zu können.
Die Leistungsfähigkeit von Mensch und Maschine wurde bei 19
Vorversuchen, u.a. auch durch die ballistischen Flüge von Shepard und
Grissom, auf die Probe - und erfolgreich unter Beweis gestellt. Sie
waren der Auftakt für den jetzt durchgeführten MERCURY-Satellitenflug
um die Erde. Im Rahmen des ProjektsGEMINI soll auch die RendezvousTechnik erprobt werden - das Ansteuern eines "Treffpunktes" zweier
Raumfahrzeuge in einer Satßllitenbahn. Dann folgt APOLLO - ein Dreiphasenprogramm für den bemannten Raumflug. Die Besatzung des Fluggeräts vom Typ APOLLO A, das 1964 oder 1965 mit einer SATURN-Rakete
in eine Erdsatellitenbahn eingeschossen werden soll, wird eine Woche

�"AMERIKA DIENST"

2. März 1 962

Woche um die Erde kreisen, ehe sie zurückkehrt. Mit APOLLO B sollen
Flüge um den Mond, mit APOLLO C Mondlandungen unternommen werden.
Die Meinung, daß der Mensch im Weltraum fehl am Platze sei und
die Weltraumforschung besser den Robotern überlassen solle, trägt
den Tatsachen nicht Rechnung. Der Mensch muß sich keineswegs darauf
beschränken, im Weltraum die Rolle des blinden Passagiers zu spielen,
sich der Maschine völlig auszuliefern und bestenfalls Studienobjekt
für physiologische und psychologische Untersuchungen zu sein. Er ist,
wie sich jetzt schon in der Anfangsphase des bemannten Raumfluges,
herausstellt, tatsächlich das anpassungsfähigste "Instrument", über
das Technik und Wissenschaft zur Erfüllung der verschiedensten Aufgaben verfügen. Es gibt einfach kein Gerät, das die Rolle des Menschen
als Entdecker und Forscher übernehmen könnte. Dies gilt ebenso für die
Koordinierung organisatorischer Aufgaben wie für die Improvisation unter den verschiedensten Augenblickssituationen, überall ist das letzte
Erfordernis eben doch die Urteilsfähigkeit des Menschen, sein Verstand,
seine Beobachtungsgabe, seine Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und schließlich auch seine Gabe, die Phantasie spielen zu lassen.
Den Beweis dafür hat John Herschel Glenn Jr. erbracht, und die
ganze Welt war Zeuge . In atemloser Spannung verfolgten Millionen von
Menschen in allen Erdteilen den dramatischen Verlauf seines Fluges, über
den er vor der Presse in Cape Canaveral am 23. Februar 1962 ausführlich
berichtet hat.
JOHN H. GLENN ÜBER SEINEN FLUG
"... Als sich an jenem Morgen das Wetter aufzuklären begann und
immer mehr der blaue Himmel durchkam, da wußte ich, daß diesmal der
Flug stattfinden würde. Die Rakete stand bereit, alles war in Ordnung.
Das Startfieber hatte uns alle gepackt.
Der Einschuß in die Satellitenbahn ging glatt vonstatten - vor
allem deshalb, weil die Flugphase mit Motorantrieb planmäßig ablief.
Die Brennschlußgeschwindigkeit lag ganz nahe am Sollwert, der etwas
mehr als 76OO m/sec betrug. Die Einzelheiten des Starts sind ja durch
die Presse zur Genüge bekannt geworden.
Schwerelosigkeit
So möchte ich lieber gleich auf die Schwerelosigkeit zu sprechen
kommen. Für uns bedeutete dieser Zustand eines der größten Probleme,
an denen wir seit Beginn des Programms herumrätselten. Wir hatten ja
in dieser Hinsicht nur sehr wenig Erfahrungen während des Trainings
in Flugzeugen sammeln können. Die Zeitdauer der Schwerelosigkeit haben
wir mit den Flügen von Alan Shepard und Gus Grissom ausdehnen und jetzt,
bei meinem Flug, noch wesentlich verlängern können. Ich verspüre nicht
die geringste nachteilige Wirkung. Ja, es war sogar ein höchst angenehmes Gefühl. Es gab keinerlei Anzeichen dafür, daß ich infolge der

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der Schwerelosigkeit etwa an Schaltern vorbeigreifen oder Schwierigkeiten mit der Handsteuerung haben würde. Als ich gestern abend ganz
begeistert von diesem wundervollen Gefühl erzählte, sagte jemand, das
klinge ja fast so, als ob ich süchtig sei. Vielleicht bin ich das. Es
war wunderbar. Und keinerlei Schwierigkeiten, keine Übelkeit, keine
Desorientierung. Ich versuchte auch»herauszubekommen, ob man durch
verschiedene Kopfbewegungen Übelkeit oder zumindest Unbehagen provozieren könne - nichts dergleichen.
Einige Erlebnisse, die ich in diesem Zustand hatte, zeigen, wie
schnell sich der Mensch daran gewöhnt. Es war etwa 45 Minuten nach
Eintritt der Schwerelosigkeit, da hatte ich gerade mit der Handkamera
eine Aufnahme gemacht und wollte im nächsten Augenblick irgendeinen
Hebel stellen. Ich fand überhaupt nichts dabei, daß ich rasch die
Kamera einfach in der Luft abstellte, die Schaltung vornahm, und mir
unmittelbar darauf die Kamera aus ihrem Schwebezustand wieder heranholte. Erst hinterher überlegte ich mir, wie wir uns doch seinerzeit
über dieses Phänomen lustig gemacht und ausgiebig darüber gewitzelt
hatten. Man paßt sich eben viel schneller an die neuen Situationen an,
als selbst diejenigen glauben, die seit drei Jahren darauf trainiert
werden.
Man kann natürlich auch leicht etwas verlieren, wenn man es auf
diese Weise in der Luft abstellt - einfach deshalb, weil es weiterschwebt. Na, dann ist es eben fort. Mir ging es so mit einer kleinen
Filmkassette, die ich in die Kamera einsetzen wollte. Sie rutschte
mir zwischen den Fingern durch. Nun wollte ich danach greifen. Statt
dessen versetzte ich ihr aber einen Stoß. Da segelte sie weiter, um
das Armaturenbrett herum. Das war das letzte, was ich von ihr sah.

Nahrungsaufna hme
Die Nahrungsaufnahme im Zustand der Schwerelosigkeit wollte ich
gerne ausprobieren. Das hatten wir zwar schon bei den Trainingsflügen
in Flugzeugen getan, bei denen die Schwerelosigkeit etwa eine Minute
anhielt. Obgleich wir dabei keine besonderen Schwierigkeiten hatten,
wollten wir aber mehr Erfahrungen sammeln. Ich preßte mir aus einer
Tube Nahrung in den Mund. Das Zurückpressen an den Schlund war überhaupt kein Problem, und sie ließ sich auch ganz leicht hinunterschlucken.
Bei fester Nahrung ist das alles sehr einfach; sie wird auch ganz normal verdaut. Das einzige, wovor gewarnt werden sollte, sind Nahrungsmittel - beispielsweise Kekse -, die leicht krümeln. Die Krümel schweben
nämlich auch im Raum herum, und man müßte dann schon ein feinmaschiges
Netz dabeihaben, um sie wieder einzusammeln.
Empfindung für Geschwindigkeiten
Wiederholt bin ich seit dem Flug gefragt worden, welche Empfindung
man denn in bezug auf Geschwindigkeiten habe, Geschwindigkeit. . ist natürlich eine relative Größe. Wenn Sie kein Bezugssystem haben, können
Sie sich bei nahezu jeder Geschwindigkeit bewegen und werden sich ihrer

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ihrer gar nicht bewußt. Ich glaube, ich komme dem, was ich in dieser
Hinsicht empfand, am nächsten, wenn ich den Flug in einem Düsenflugzeug als Beispiel heranziehe. Die meisten von Ihnen wissen ja, wie
es ist, wenn man im Strahlflugzeug in 10 000 m Höhe fliegt und auf
die Wolken in 3000 m Höhe hinunterblickt. Ganz ähnlich ist es, wenn
man aus der Satellitenumlaufbahn auf die Erde hinuntersieht.
Teilweise waren während des Flugs Gebiete, die ich gern gesehen
hätte, durch Wolken verdeckt - so ein Teil des Westens der Vereinigten
Staaten bis hinunter nach Nordmexiko, und der Pazifik war nahezu völlig
unter Wolken des einen oder anderen Typs verschwunden. Australien war
nicht zu sehen, weil es ja auf der Nachtseite lag; allerdings waren
die Lichter von Perth und den umliegenden Städten zu erkennen.

Naturphänomene
Das Eindrucksvollste waren wohl die Sonnenuntergänge. Sie vollzogen sich in den leuchtendsten Farben, und die Farben reichten von
der Sonne weit, weit hin zum Horizont. Der Horizont strahlte noch
vier oder fünf Minuten lang nach Sonnenuntergang in hellem Licht.
Mich hat das überrascht, denn ich glaubte, die Nacht werde da draußen
viel schneller, vielleicht schon nach einer Minute, hereinbrechen.
Und nun zum Sonnenaufgang. Das war jedesmal ein wundervoller
Anblick, wie Sie sich sicher vorstellen können. Das erste Mal blickte
ich noch zurück in die Richtung, aus der ich kam. Als die ersten Strahlen der Sonne die Kapsel trafen, hatte ich gerade an meinen Instrumenten etwas kontrolliert. Und als ich dann wieder hinaussah, war meine
erste Reaktion: Was ist das doch für ein vollendetes Sternenfeld, das
jetzt hinter der Kapsel aufgegangen ist! Aber es war gar kein Sternenfeld. Eine Vielzahl der winzigen Dinger, die ich ursprünglich für
Sterne hielt, waren in Wahrheit hell, gelbgrün leuchtende Teilchen,
etwa von der Größe und Leuchtkraft von Glühwürmchen, wie man sie im
Dunkel der Nacht erkennen kann. Sie schwebten draußen schätzungsweise
im Abstand von zwei bis drei Metern voneinander vorbei, und zwar zu
Tausenden auf beiden Seiten der Kapsel. Ich konnte sie den Weg zurückverfolgen, den ich gekommen war.
Später drehte ich mich so, daß ich in die Richtung blickte, aus
der sie zu kommen schienen. Das war nun aber gegen das helle Licht
der aufgehenden Sonne. Die meisten von ihnen verschwanden jetzt, und
man konnte nur noch vereinzelt welche auf die Kapsel zufliegen sehen.
Ich bewegte mich sehr langsam durch dieses Feld, wie mir schien, mit
einer Geschwindigkeit von schätzungsweise ein bis zwei Metern pro
Sekunde.
Die Teilchen schienen nicht von der Kapsel zu stammen, und sie
schienen auch zu beiden Seite» der Kapsel in ziemlich gleichmäßiger
Verteilung vorhanden zu sein, Zunächst dachte ich an zweierlei Dinge,
um die es sich hier vielleicht handeln könne. Das eine war die Wolke

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Wolke von Kupfernadeln, die vor einiger Zeit durch einen Satelliten
der US-Luftstreitkräfte ausgestoßen worden und dann verlorengegangen
war. Es hätte ja sein können, daß wir sie plötzlich wiedergefunden
hatten. Aber sie sahen nicht nach Kupfernadeln aus; auch größenmäßig
konnte das nicht stimmen.
Dann überlegte ich mir, daß sie vielleicht von unseren Wasserstoffsuperoxyd-Düsen stammen könnten. Wasserstoffsuperoxyd zersetzt
sich zu Wasser und Sauerstoff und wird unter hohem Druck ausgestoßen»
Möglicherweise kondensierte sich der Wasserdampf zu kleinen Schneeflocken, die durch das Sonnenlicht aus dem einen oder anderen Grund
zum Leuchten gebracht werden. Aber wann immer ich die Reaktionsdüsen
an der Kapsel betätigte, hatte es niemals den Anschein, als ob Schneeflocken oder irgend etwas ähnliches entstehen würde.
So kann ich dazu weiter nichts sagen, als daß ich die Teilchen
beobachtete, daß ich sie mit den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne
wahrnahm und dann etwa dreieinhalb bis vier Minuten lang sehen und sie
mir dabei sehr genau anschauen konnte. Sie waren Stecknadelkopf- bis
haselnußgroß.
Man vermutet alles Mögliche, was für ein Phänomen dies wohl sein
mag, aber ich selbst kann nichts weiter dazu sagen, als daß ich die
Teilchen gesehen habe, und zwar während jeder Erdumkreisung bei Sonnenaufgang, für die gleiche Zeitdauer. Sie leuchteten sehr hell und waren
voh gelblichgrüner Farbe. Als Dr. George Graff, unser Psychiater,
meinem ersten Bericht zuhörte, fragte er: "Und was haben die Dinger
gesagt, John?"
Die Tücken der Technik
Es gab einige Probleme während des Fluges. Das automatische Stabilisierungs- und Steuerungssystem bereitete einige Schwierigkeiten und
korrigierte nicht so, wie es sollte. Ich konnte in dieser Phase die mechanische Steuerung betätigen, was überhaupt keine Schwierigkeiten machte
Nach dem ganzen Training, das wir absolviert haben, war ja auch nichts
Besonderes dabei. Mit den Trainings-Simulatorgeräten können übrigens
die Steuerungsbedingungen auf der Umlaufbahn sehr gut nachgeahmt werden.
Dies galt vor allem für die funkgesteuerte Kontrolle, als wir durch die
automatischen Schubdüsen steuerten. Als nach dem ersten Umlauf hier
Schwierigkeiten auftraten, ging ich für den größten Teil des Fluges
auf Handsteuerung über.
Wegen dieser Sache hatte ich dann an Bord für einige der Beobachtungen, die wir noch vorgesehen hatten, keine Zeit mehr. Die TelemstrieEmpfangsstationen hatten ein Signal aufgefangen, demzufolge möglicherweise damit zu rechnen war, daß sich die Wärmeschutzplatte löste. Deshalb erschien es ratsam, beim Abstieg das Bremsgerät mit den ausgebrannten Bremsraketen an der,Plattenunterseite nicht abzuwerfen, um
zu verhindern, daß sich der Hitzeschild dann vielleicht mit ablöst. Er

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Er hatte ja beim Eintauchen in die Luft die größte Reibungshitze
abzufangen.
Dramatische Rückkehr
Die Rückkehr gestaltete sich dadurch recht dramatisch. Da ich
das Bremsgerät nicht abgeworfen hatte und mit ihm in die erste Abstiegsphase eintrat, bei der es zu hoher Hitzeentwicklung kommt,
brach die Halterung der Bremsraketen. Ich verspürte einen Stoß an
der Kapsel und glaubte, das Bremsgerät sei nun abgeworfen worden,
so wie es hätte sein sollen. Offenbar war das jedoch nicht der Fall.
Das Leuchten außerhalb der Kapsel wurde zu einer hellen orangefarbenen
Glut vor dem Fenster. Es wurde offensichtlich, daß irgend etwas auf
der Unterseite des Hitzeschildes der Kapsel abriß, denn Brocken
von Fingerkuppengröße bis zum Durchmesser von ungefähr 20 cm "brachen ab
und kamen über den Rand der Kapselbasis hoch, in heller Glut. Man
konnte den Flammenschein und das Glühen sehen, wenn sie am Fenster
vorbeiflogen.
Da ich in dem Augenblick ja nicht wußte, daß es sich noch um
die Trümmer des Bremsgeräts handelte, gab es einige Augenblicke des
Zweifels, ob der Hitzeschild beschädigt worden war und vielleicht gar
abriß. Wenn das der Fall gewesen wäre, hätte das ein schlimmer Tag
werden können. Aber es war ein brillantes Schauspiel, in die helle
orangefarbige Glut draußen vor dem Fenster zu blicken und die aufflammenden Trümmer entlang der Flugbahn zu beobachten.
Wie ich hörte, hat es während der Eintrittsphase einige Mißverständnisse mit dem Begriff 'blackout' gegeben. Man fragte mich auf dem
Schiff, wie ich denn das 'blackout' überstanden hätte, wann ich wieder
zu Bewußtsein gekommen wäre, usw. Wenn wir beim Abstieg von 'blackout'
sprechen, dann hat dies mit dem medizinischen Begriff 'Bewußtlosigkeit'
überhaupt nichts zu tun, sondern wir meinen den Ausfall der Funkverbindungen. Dieser entsteht durch die starke Ionisation der Luft um die
Kapsel, die es eine Zeitlang unmöglich macht, auf den von uns benutzten Funkfrequenzen in Verbindung zu bleiben.
Die Schwerebelastung durch die Verzögerung der Geschwindigkeit
bei der Rückkehr stieg bis auf 8 g. Der Fallschirm funktionierte völlig
normal. Und das ist wahrscheinlich das Schönste, was man je erleben
kann, dieser altvertraute Anblick - man schaut aus dem Fenster, und
sieht diesen Fallschirm.
Die Kapsel war nach dem Wiedereintauchen ganz schön warm, ja
heiß geworden, und innen wurde es nun auch ziemlich warm. Ich schwitzte
ganz erheblich, als ich herunterkam und landete. Deshalb verhielt ich
mich so ruhig wie nur irgend möglich, um nicht noch mehr Wärme zu erzeugen .
Der Zerstörer NOA war in der Nähe, hatte mich gesichtet. Er kam
heran, um die Kapsel zu bergen - ein glänzendes Manöver. Ich war an

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Von der Hitze und dem Schwitzen hatte ich jetzt genug. Anstatt
mich mühsam durch die obere Luke zu zwängen, beschloß ich - zumal
wir ja sowieso schon an Deck waren -, so bequem wie möglich herauszukommen. Nachdem wir uns vergewissert hatten, daß niemand dadurch
gefährdet würde, sprengten wir die Seitenluke auf. Durch sie stieg
ich dann aus.
In Zukunft weniger Automatik?
Meiner Ansicht nach hatten die Schwierigkeiten, mit denen wir zu
kämpfen hatten, und die Aufgabe, die ich daraufhin übernehmen mußte,
auch ihr Gutes. Denn es zeigte sich, daß notfalls ein Pilot die Kontrolle über verschiedene Systeme übernehmen und die mechanische Steuerung betätigen kann, daß er dabei voll und ganz Herr seiner Sinne
ist und in dieser Hinsicht keinerlei unangenehme Auswirkungen der
Schwerelosigkeit verspürt. Und wenn die Ergebnisse der Auswertung
unserer Unterlagen entsprechend günstig ausfallen, können wir vielleicht
künftige Flüge mit etwas weniger Automatik und weniger komplizierten
Vorrichtungen durchführen. Das hoffen wir sehr - und nicht zuletzt
nach diesem Experiment- Aber ehe wir irgendwelche wichtigen Entscheidungen in dieser Hinsicht treffen, wollen wir natürlich eine Menge
Flugdaten erst sehr gründlich durchgehen. All dies braucht aber seine
Zeit.
Wenn Sie sich den Weltraum in seiner unendlichen Weite oder wenn
Sie sich unsere tatsächlich erreichte Flughöhe im Verhältnis zum Erddurchmesser vorstellen, so erscheinen unsere bisherigen Anstrengungen
winzig klein. Mit den Flügen von Alan Shepard, Gus Grissom und mit
meinem Flug haben wir kaum die Oberfläche geritzt. Aber dieser Flug
hat uns, so hoffe ich, wieder ein Stück weiter gebracht, und mehr
Flüge werden folgen. Den nächsten unternimmt Donald Slayton, und wir
sehen ihm mit der gleichen Spannung und Erwartung entgegen, mit der
wir auf diesen Flug gewartet haben.
Natürlich interessiert uns auch das Echo, das dieser Flug im
Ausland findet. Man sollte in diesem Zusammenhang aber doch darauf
verweisen, daß schon 1958 Präsident Eisenhower eine Zusammenarbeit
mit anderen Nationen auf dem Gebiet der Weltraumforschung vorschlug und daß man diesen Vorschlag damals größtenteils ignorierte.
Präsident Kennedy äußerte bei seinem Amtsantritt erneut den Wunsch
nach friedlicher Weltraumforschung und einer friedlichen Zusammenarbeit
in dieser Beziehung. Diese Initiative wollen und dürfen wir uns keinesfalls nehmen lassen.
Dank allen, die zu dem Erfolg beitrugen
Ich kann diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne allen
hier in Cape Canaveral und auf den MERCURY-Stationen Dank zu sagen,
die so Großartiges während des Fluges geleistet haben. Namen möchte
ich gar nicht erst nennen, denn ich wüßte nicht, wo ich da aufhören

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aufhören soll. Die Leute im Kontrollbunker, die Fluggerät und
Rakete durchprüften, die Leute am Abschußplatz, die Bergungseinheiten der Marine, die Luftwaffe, die uns in jeder Hinsicht unterstützte - sie alle, und noch viele mehr, haben Teil an dem großen
Unternehmen. Menschen aus den verschiedensten Schichten waren in
einem Projekt vereinigt, und nur so erzielten wir dieses Ergebnis.
Das Bewußtsein, zu diesen Menschen zu gehören, im Hinarbeiten auf
ein gemeinsames Ziel einer der ihren zu sein, erfüllt uns einfach
mit Stolz.
Ich glaube, Präsident Kennedy hat, indem er von unserem Wunsch
nach friedlichen Unternehmungen im Weltraum sprach, alles gesagt,
was hierzu noch zu sagen ist. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Von
Diplomatie verstehe ich nicht allzuviel. Aber die Ergebnisse dieses
Fluges könnten, so meine ich, in dieser Hinsicht doch einige weitreichende Konsequenzen haben. Wenn sie, wenn diese unsere Anstrengungen in irgendeiner Weise zum Frieden beitrügen, so gäbe es für
mich ganz gewiß nichts Lohnenderes im Leben - das Bewußtsein, daß
sich möglicherweise nun doch eine friedlichere Zusammenarbeit auf
diesem Gebiet in der Welt anbahnt."
Soweit John Herschel Glenn Jr., in seinem Bericht vor der
Presse.
Die Erde, der blaue Planet
In der anschließenden Diskussion wurden noch einige sehr interessante Fragen angeschnitten. So erzählte Glenn u.a., daß er
eigentlich erwartet hatte, in dieser Höhe eine unvergleichlich
größere Zahl von Sternen sehen zu können. Das sei aber nicht der
Fall gewesen. Und die Sterne funkelten und flackerten überhaupt
nicht, sondern schienen mit hellem, klarem Licht. Der Himmel war
ganz ähnlich wie der Sternenhimmel über der Wüste in einer sehr
klaren Nacht.
Auf die Frage, ob ihm, von oben aus gesehen, etwas auf der
Erde besonders aufgefallen sei, erwiderte Glenn, der gesamte Eindruck sei der eines grandiosen Schauspiels. Man könne oberhalb
der Atmosphäre ungeheuer weit sehen. Das schmale Band des Horizonts
erscheine in leuchtend blauen Farben, selbst auf der Tagseite der
Erde. Eines der schönsten Erlebnisse sei es für ihn gewesen, von
der Nachtseite der Erde aus den Vollmond aufgehen zu sehen und im
Weiterflug zu beobachten, wie die Sterne am Horizont unter einer
sehr scharf abgegrenzten Linie versinken. Interessant sei, daß sich
der Sonnen- und Sternenuntergang hinter dem Horizont etwa 18mal
schneller vollzieht, als wenn man es von der Erdoberfläche aus betrachtet .
Glenn,

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Glenn, auf seine Bemerkung angesprochen, daß er Landmassen
habe genau unterscheiden können, erklärte, man könne sogar verschiedene Zonen in der Meeresströmung, beispielsweise im Golfstrom, sowie
die wechselnden Farben darin erkennen. Auf dem Festland sei ihm
u.a. das Gebiet nordwestlich von El Paso in Texas besonders aufgefallen, wo sich bewässerte Flächen aus der Wüste ganz deutlich abhoben.
Besondere Krlanrungen
Eine Einschränkung des körperlichen Trainings, das er und seine
Kollegen während der Ausbildung als MERCURY-Piloten absolviert haben,
hält Glenn nicht für ratsam, weil auf einem derartigen Flug zu viel
Unvorhergesehenes passieren könne. Der Erfahrungsschatz, mit dem ein
Astronaut seinen Flug unternimmt, könne gar nicht groß genug sein.
Die Trägerrakete sah Glenn nach dem Absprengen und Drehen seiner
Kapsel im Abstand von etwa 90 m langsam unter sich vorbeiziehen. In
dem Augenblick sei ihm der Gedanke gekommen, daß es doch eigentlich
gar nicht schwierig sein könne, aus dieser Entfernung auf sie zuzusteuern. (Die "Rendezvous"-Technik soll im erweiterten MERCURY-Programm
erstmals erprobt werden.) Die ausgebrannte Startrakete der MERCURYKapsel schlägt, da sie nicht ganz dieselbe Geschwindigkeit wie die
Kapsel hat, eine etwas andere Bahn als diese ein. Glenn konnte seine
ATLAS noch bis kurz vor die Küste Afrikas beobachten und verlor sie
dann aus den Augen.
Als höchste Innentemperatur seiner Kabine während des Fluges
las Glenn einen Wert von 40,5 Grad Celsius ab; genaue Angaben können
jedoch erst nach Auswertung der telemetrischen Daten gemacht werden.
Die Journalisten wollten von Glenn außerdem wissen, ob er irgendeinen
Unterschied zwischen der Schwerebelastung empfunden habe, die durch
die Beschleunigung beim Start und durch die Abbremsung bei der Rückkehr verursacht wird - insbesondere unter Berücksichtigung der dazwischenliegenden Periode der Schwerelosigkeit. Er verneinte das. Seine
Empfindungen seien nicht anders gewesen als in der Zentrifuge, wo die
Piloten nicht nur den während des Fluges auftretenden 8 g, sondern
sogar Belastungen bis zu 14 und 16 g ausgesetzt gewesen seien. Was
ferner die Geräusche angehe, die er während des Fluges wahrgenommen
habe, so könne er nur sagen, daß der Geräuschpegel, der durch die
zahlreichen mechanischen und elektrischen Apparate erzeugt wird, nicht
anders sei als am Startplatz während des Durchprüfens des Fluggeräts.
"Junge, Junge, das war aber ein richtiger Feuerball", war eine
der Bemerkungen Glenns während des Abstiegs. Die Journalisten wollten
von ihm wissen, was er denn damit eigentlich gemeint habe. Glenn erklärte es ihnen folgendermaßen: "Wir haben praktisch noch kaum Erfahrung damit, wie es ist, wenn ein.Mensch von der Glut regelrecht eingeschlossen ist - so eingeschlossen ist, daß er sie schon durchs Fenste
sieht. Die Empfindung, die man dabei hat, ist ein Gefühl leiser Angst.
Wir vertrauten darauf, daß der Hitzeschild die Glut abfangen würde.
Das tat er auch. Aber das Ganze ist für uns etwas völlig Neues."
Eine

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Eine der letzten Fragen an Glenn war, ob seine Beobachtungen
sich in diesem oder jenem Punkt von denen der beiden russischen
Astronauten unterschieden. Darauf Glenn: "Mir ist nicht bekannt, daß
wir wirklich gute Berichte über die Beobachtungen, Wahrnehmungen
oder Empfindungen der russischen Kosmonauten besitzen. Natürlich
haben wir einiges erfahren. Aber ich glaube, dazu gibt es im Augenblick weiter nichts zu sagen. Vielleicht später einmal, wenn wir
mehr über ihr Programm wissen. Vielleicht sollten wir sie sogar
darum fragen. Unser Programm ist jedermann zugänglich. Ihres ist
geheim. Die Möglichkeit, Vergleiche zu ziehen, haben nur sie."

• PORTRÄT EINES WELTRAUMFLIEGERS
John Herschel Glenn, Jr.

Vom Fachlichen her einfach ein Könner, körperlich durch und
durch gesund, mit Leib und Seele der Fliegerei ergeben - das ist
John H. Glenn, der am 20. Februar 1962 in einer MERGURY-Kapsel als
erster Amerikaner die Erde umkreiste. In selten glücklicher Kombination vereint er alle die Eigenschaften, die als Maßstab bei der
Auswahl der sieben Astronauten für das Projekt MERCURY angelegt
wurden.
Glenn, der am 18. Juli 1962 41 Jahre alt wird, ist der Senior
dieser Gruppe. Seine jahrelange Flugerfahrung mit allen nur erdenklichen Flugzeugtypen verleiht ihm neben großem Fachwissen eine tiefwurzelnde Sicherheit, läßt ihn gleichzeitig aber auch die Chancen,
einer Notsituation zu begegnen, nüchtern einschätzen.
Heute, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, verkörpert er geradezu das Ideal eines Mannes, dessen physische und geistige Leistungsfähigkeit eine Entsprechung und notwendige Ergänzung des technischen
Wunderwerks darstellt, das ihn in eine Kreisbahn um die Erde trug.
Die Interessen des Menschen Glenn sind keineswegs einseitig an
der Technik oder an neuen Fluggeräten orientiert. Mindestens ebensoviel wie diese bedeutet ihm, dem Vater eines 15jährigen Jungen und
eines 14jährigen Mädchens, die Familie. Er ist es gewohnt, mit seiner
Frau Anna über alles zu sprechen, was ihn bewegt, und dazu gehören
natürlich auch die Probleme, Freuden und Tücken der Fliegerei. Als
tiefgläubiger Mensch - er ist Presbyterianer - versucht er, alle
Aufgaben, die an ihn herangetragen werden oder die er sich selbst
stellt, in Einklang mit seinen religiösen Überzeugungen zu bringen.
Seine eigenen Erfolge wie die seiner Kollegen betrachtet Glenn, dessen
natürliche Bescheidenheit auch die große Publizität, die ihm widerfahren ist, nicht verderben konnte, einfach als kleine Abschnitte auf
dem Weg zur Eroberung des Weltraums durch den Menschen.
Fliegen

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Fliegen hatte für John Glenn schon immer etwas Faszinierendes.
Er erzählt, wie er als Sechsjähriger fest daran glaubte, daß er, wenn
er groß sei, auf jeden Fall mit Flugzeugen zu tun haben werde. Utopische Erzählungen und Romane las er als Junge wohl auch, aber er
gibt offen zu, daß er damals Raumfahrt ganz und gar nicht ernst genommen habe. Er stammt aus New Concord im Staat Ohio, wo er die
Oberschule und anschließend drei Jahre lang das Muskingum College
besuchte, um dann mit 21 Jahren im Jahre 1942 als Kadett in eine
Marinefliegerschule einzutreten. Ein Jahr später erhielt er im USMarihekorps das Offizierspatent.
Im zweiten Weltkrieg nahm John H. Glenn an 59» während des Koreakrieges an 63 Feindeinsätzen sowie an anderen Flugmissionen teil. Obgleich seine Maschine häufig in feindliches Feuer geriet und Treffer
erhielt, wurde er nie abgeschossen. Für seine fliegerischen Leistungen
und seine persönliche Tapferkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Nach
der Rückkehr aus Korea besuchte er die Testpilotenschule der US-Marine
in Patuxent River (Maryland) und war nach bestandener Prüfung als Projektoffizier für die Erprobung einer ganzen Anzahl von Flugzeugtypen
verantwortlich. Drei Jahre lang, von 1956 bis 1959» w a r e r der Konstruktionsabteilung für Jagdflugzeuge innerhalb des Luftfahrtamtes
der US-Marine in Washington zugeteilt. An der Universität Maryland
und an verschiedenen Militärakademien absolvierte er eine Anzahl von
Sonderlehrgängen. Glenn hat mehr als 5000 Flugstunden hinter sich,
davon über 1600 in Düsenflugzeugen. Auf Rekorde ist er gewissermaßen
spezialisiert. 1957 stellte er einen neuen Geschwindigkeitsrekord
für Transkontinentalflüge auf, als er die Strecke Los Angeles-New York
(48OO km) in 3 Stunden und 23 Minuten zurücklegte.
Seit John H. Glenn im April 1959 flls einer der sieben Sieger aus
dem Wettbewerb um die Anwartschaft auf die Astronauten-Ausbildung
hervorging, ist er eine "Schlüsselfigur" der NASA in ihren Vorbereitungen, mit Hilfe des MERCURY-Programms den Raumflug auf Erdsatellitenbahnen zu verwirklichen. Er unterzog sich einem strapaziösen Training,
das mehr als zwei Jahre in Anspruch nahm. Tag für Tag, Bei Wind und
Wetter konnte man den schlanken, muskulösen Mann auf dem täglichen
Morgenlauf sehen, den er über mehrere Kilometer vor dem Frühstück
unternahm, um sich in Kondition zu halten.
Auf Grund seiner Erfahrungen in der Flugzeugausrüstung war sein
Spezialgebiet während der Ausbildungszeit die Placierung der Konturliege und der großen Zahl von Bordarmaturen in der kleinen, mit den
verschiedensten Geräten und Instrumenten vollgestopften Druckkabine
der MERCURY-Raumkapsel. Es ist ja ungemein wichtig, wie die Instrumente dem Piloten präsentiert werden - ob sie leicht zu überblicken
und abzulesen sind, in welcher Entfernung von ihm sie sich befinden.
Bei den ballistischen Flügen Shepards und Grissoms stand er als
Ersatzmann bereit, um für den Kameraden einzuspringen. Diesmal ist er
selbst die Hauptperson.
DIE

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DIE RAUMKAPSEL "FRIENDSHIP 7

Die von Oberstleutnant Glenn geflogene MERCURY-Kapsel ist ein
kompliziertes Gerät. Form und Material der Zelle sind der besonderen
Beanspruchung durch Hitzeentwicklung und aerodynamische Kräfte angepaßt. Die 900 kg schwere Kapsel sieht aus wie eine unten geschlossene
Glocke von 2,7 m Höhe und 1,8 m Basisdurchmesser. Die Außenwandung ist
aus sich überlappenden Segmenten dünner Bleche eines hitzefesten Metalls
zusammengesetzt; sie haben den Vorzug, die Wärme, die infolge der Reibung
mit der Luft entsteht, rasch zu verteilen und abzuleiten. Zur Erhöhung
der mechanischen Festigkeit sind diese Segmente gerippt.
Im konischen Teil der Raumkapsel bildet die Innenwandung, die aus
zwei Schichten dünnen Titanblechs besteht,, glgichzeitig die Druckkabine
für den Piloten. Als Material für die Hitzestauplatte an der Unterseite,
die beim Wiedereintritt in die Atmosphäre die größte Reibungshitze abfängt, wurde nicht wie bei den Kapseln Shepards und Grissoms Beryllium,
sondern Faserglas mit Kunstharz verwendet. Die Hit'zeableitung erfolgt
dabei nach dem Prinzip der Schmelzkühlung, d.h. durch Abschmelzen der
äußersten Schicht. Dieses Verfahren gibt bei der Rückkehr eines Fluggeräts aus einer Satellitenbahn, in der es sich etwa dreieinhalbmal
schneller als beim ballistischen Flug bewegt, die Gewähr für ausreichende Kühlung.
Von der Konstruktion und Ausrüstung her ist alles darauf abgestellt, dem Piloten ein Höchstmaß an Sicherheit zu geben und gleichzeitig von Mensch und Maschine optimale Leistungen zu erreichen. Glenn
trug einen Druckanzug, der ihn bei Auftreten eines Lecks in der Druckkabine geschützt hätte. Anzug und Handschuhe behinderten ihn bei der
Betätigung der Hebel und Knöpfe zur Handsteuerung seines Fluggeräts
in keiner Weise, ebensowenig die Sicherheitsgurte, mit denen er am
Liegesitz festgeschnallt war. Dieser Sitz war nach seinen Körperformen
gegossen und mit Schaumstoff gepolstert; er stützte besonders Rücken,
Beine und Kopf. Das Instrumentenbord vor ihm war dem eines modernen
Flugzeugs nicht unähnlich. Mit einem Blick konnte er auf den Meßuhren
erkennen, ob Kabinentemperatur und Sauerstoffdruck, Flugwinkel der Kapsel
relativ zur Erde und andere wichtige Faktoren mit den Sollwerten übereinstimmten. Der Einfachheit halber wurden eine Anzahl von Meßgrößen a
durch rot und grün aufleuchtende Lämpchen gemeldet. Die Betätigung von
Hebeln in unmittelbarer Nähe der betreffenden Lampe erlaubte bei "Rot"
die sofortige Korrektur. Wäre die Störung ernster Natur gewesen, so hätten ständig aufflammende Warnlichter und eine Glocke den Piloten rechtzeitig alarmiert.
Die Raumkabine schirmte Glenn gegen die "feindselige" Außenwelt
ab, die die Ionosphäre für den ungeschützten Menschen darstellt. In
seiner Kapsel wurde ihm automatisch Frischluft zugeführt, das ausgeatmete Kohlendioxyd sowie Feuchtigkeit wurden laufend aus der Druckkabine entfernt; überdies konnte er die Klimaanlage selbst regulieren.
Zwei

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Zwei Kameras filmten alle seine Bewegungen sowie die Anzeigewerte
der Meßuhren für die spätere Auswertung des Experiments.
Durch zwei Haupt- und zwei Nebenfunkbrücken hatte der Pilot
die Möglichkeit, über Dezimeter- und Kurzwelle mit den Bodenstationen Sprechfunkverbindung zu halten; notfalls konnte er auch
eine Morsetaste zur Aussendung tonloser Signale benutzen und Antworten im Morse;code aufnehmen. Die automatisch übertragenen Telemeßwerte wurden auf Dezimeterwelle (verschlüsselt) und auf Langwelle
gesendet. Zwei Radar-Peilsender gaben den Bodenstationen Erkennungssignale. Ein Funkempfänger in der Kapsel war direkt mit einer Reihe
von Steuerungs- und Kontrollgeräten verbunden. Über diesen Empfänger
hätte eine Kommandostation auf der Erde unter besonderen Umständen beispielsweise Bewußtlosigkeit oder anderweitige Reaktionsunfähigkeit
des Astronauten - das MERCURY-Fluggerät zur Erde zurückgeleitet.
Kursabweichungen in den drei Achsen wurden während der zweiten und
dritten Erdumkreisung durch Glenn selbst korrigiert.
Zwischen der Hitzestauplatte und dem Boden der Druckkammer befand sich ein Gummisack, der sich bei der Rückkehr nach Entfaltung
des Hauptfallschirms und Abwurf des Hitzeschildes automatisch zu einem
120 cm dicken Kissen aufblies und den Aufprall dämpfte. Der Raum im
zylindrischen Kopfende der Kapsel war für Hilfs-, Haupt- und Reservefallschirm, für Rettungs- und Bergungshilfen wie Rauch- und Wasserbomben, Markierfarbstoff, Peilsender sowie ein bei Wasserberührung
sich automatisch aufblasendes Rettungsboot reserviert. Unmittelbar
vor dem Niedergehen auf dem Wasser wurden lamettaähnliche Metallfäden
ausgestoßen, um den Bergungsflugzeugen die Radarsuche zu erleichtern.
Ein großer Metallring an der Kapselspitze diente zum Einhaken des
Halteseils, mit dem der inzwischen über Funk herangeholte Zerstörer
die Kapsel aus dem Wasser zog. Die Aufhängung der MERCURY-Kapsel bei
diesem Manöver war absichtlich schräg gehalten, weil dabei die Schlingerund Schaukelbewegungen viel geringer sind als bei zentrischer Aufhängung.
Die "Fluchtraketen", wie die beim Start auf der Spitze des MERCÜRYGeräts montierten Rettungsraketen auch genannt werden, sind ebenso wie
alle übrigen Konstruktionsdetails das Ergebnis sorgfältiger Entwicklung.
Der fast 5 m hohe Gerüstturm, aus dessen oberem Drittel drei Raketendüsen wie kleine Glocken herausragen, ist das auffälligste Merkmal
der MERCURY-Kapsel. Der Astronaut hätte damit sein Gerät von der Startrakete absprengen können oder es wäre durch Funksignal vom Boden aus
abgesprengt worden, falls noch am Abschußplatz oder in der allerersten
Flugphase eine bedrohliche Situation für ihn entstanden wäre. Der
Rettungsturm löst sich mit Brennschluß der Startrakete automatisch ab.
Nach einem Erdrundflug über den Atlantik, Afrika, den Indischen
Ozean, Australien, den Pazifik und schließlich den Südteil des nordamerikanischen Kontinents vollendete der Astronaut knapp 90 Minuten
nach dem Start den ersten Umlauf. Noch zweimal zog er in seinem

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seinem MERCURYi-Fluggerät um unseren Globus, ehe er sich auf die
Rückkehr vorzubereiten begann. Diese wurde an einem etwa 600 km
westlich der kalifornischen Küste gelegenen Punkt eingeleitet. Mit
Hilfe von Reaktionsdüsen drehte Glenn die Kapsel um etwa 35 Grad
nach oben. Dann wurden die Bremsraketen gezündet. Diese verminderten
die Fluggeschwindigkeit in der Umlaufbahn, so daß die Kapsel auf die
Erde zuzufallen begann. In einem genau nach Zeitplan ablaufenden
Manöver beschrieb die Raumkapsel einen großen Bogen von etwa 5000 km
Spannweite und schwebte am Fallschirm zur Erde zurück.

AUS DER GESCHICHTE DES PROJEKTS MERCURY
Noch vor dreieinhalb Jahren verfügten die Vereinigten Staaten
weder über ein geeignetes Fluggerät noch über die Männer, die damit
hätten umgehen können, und ebensowenig über die entsprechenden Bodenbeobachtungs- und Nachrichtenstationen, um den bemannten Raumflug überhaupt unternehmen zu können. Ein derartiger Flugversuch sollte ja nicht
den Charakter einer abenteuerlichen und damit zweifelhaften "Heldentat"
sondern den eines wissenschaftlich fundierten und lohnenden Experiments
haben. Um die dafür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, wurde von
der im Oktober 1958 aus der Taufe gehobenen zivilen Behörde für Luftund Raumfahrt (NASA) das Projekt MERCURY in Angriff genommen.
Die Hauptmerkmale des Fluggeräts - der turmähnliche Rettungsmechanismus, die Verwendung von Bremsraketen zur Einleitung des
Rückkehrmanövers, die Formgebung der Kapsel mit ihrer stumpfen Basis,
die die größte Reibungshitze beim Wiedereintritt in die Atmosphäre
abfängt - stellen gelungene technische Lösungen des Raumflug-Problems
dar.
Zur gleichen Zeit, da das Fluggerät allmählich Gestalt annahm,
bemühte man sich auch darum, für seine Ausrüstung sowie für den Schutz
des Piloten geeignete Konstruktionen zu schaffen. Bei den ballistischen
Flügen sollte die REDSTONE, bei den Satellitenflügen um die Erde die
ATLAS als Trägerrakete verwendet werden.
Die ATLAS-Rakete ist die älteste und am meisten erprobte Großrakete der Vereinigten Staaten. Sie ist 25 ra hoch, mißt 3 m im Durchmesser und wiegt beim Start 119 000 kg. Ihren Antrieb erhält sie durch
zwei große Starttriebwerke von je 68 000 kg Schubleistung und einen
weiteren Motor von 27 000 kp Schubkraft, der nach Abschalten der beiden Startmotoren das Fluggerät auf Satellitengeschwindigkeit beschleunigt. Als Treibstoff dienen fast 100 Tonnen Kerosin und flüssiger
Sauerstoff.
Die Ausbildung der Astronauten
Bald nach Inangriffnahme des Projekts MERCURY wählte die NASA
unter 110 Freiwilligen sieben Testpiloten aus, die ihrer beruflichen
Erfahrung, ihrer körperlichen Verfassung und - was nicht zu unter-

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2. März 1962

unterschätzen ist - ihrer charakterlichen Veranlagung nach am
besten als Raumflieger geeignet schienen. In einer 32 Monate währenden gründlichen Ausbildung lernten sie die MERCURY-Raumkapsel
unter den verschiedensten Bedingungen - flugtechnischen wie eigenen
körperlichen und geistigen Belastungen - zu beherrschen.
Obgleich sie ja alle bereits ein technisches oder naturwissenschaftliches Studium absolviert und sich auch als Testflieger einen
Namen gemacht hatten, begann für die sieben Astronauten erneut der
theoretische und praktische Unterricht. Er konzentrierte sich auf
sechs Hauptgebiete:
1 . Wissenschaftliche Grundlagen - im wesentlichen eine theoretische Einführung in die Astronautik einschließlich Ballistik unter
Behandlung solcher Einzelprobleme wie Flugbahnen, Treibstoffe, Steuerung und andere Aspekte des Raketenflugs; ferner Grundlagen der Plugmedizin und Raumflughygiene, der Umweltbedingungen im Weltraum, der
Astronomie, Meteorologie, Astrophysik und Geographie einschließlich
der Methoden zur Vornahme wissenschaftlicher Beobachtungen.
2. Situationen beim Raumflug - In dieser Ausbildungsphase wurden
die Astronauten mit den besonderen Bedingungen wie Druckveränderungen,
Schwerelosigkeit und den Auswirkungen der starken Beschleunigungsund Bremskräfte vertraut gemacht. Sie mußten sich daran gewöhnen,
trotz hoher Beschleunigungs- bzw. Bremskräfte, bei denen die Glieder
bleischwer' • werden und selbst das Atmen Schwierigkeiten bereitet,
konzentriert zu beobachten und koordinierte Bewegungen auszuführen.
In besonderen Höhenkammern wurden sie, in Schutzanzüge gekleidet, sehr
niedrigem Luftdruck, extremer Hitze und Kälte ausgesetzt.
3. Bedienung des MERCURY-Raumfluggeräts - Besonders geübt wurde
dabei die Benutzung und Wartung der wissenschaftlichen Instrumente
sowie des Druck- und Klimaregelsystems für die Kabine. Auch mit den
Vorrichtungen zur Führung und Betriebsüberwachung der Kapsel, den
Funkanlagen, der Kurskontrolle, den Brems- und Wenderaketen mußten
die Astronauten sicher umgehen können.
4. Aktive Beteiligung am Raumkapsel-Entwicklungsprogramm - Jeder
der Astronauten spezialisierte sich auf ein bestimmtes Teilgebiet der
Kapselkonstruktion. Auf Grund des so erworbenen praktischen Wissens
konnten die Lehrgangsteilnehmer in Zusammenarbeit mit den übrigen Experten eine Reihe von Verbesserungen und notwendigen Änderungen der
ursprünglichen Konstruktion ermitteln.
5. Fortführung des Flugtrainings in Düsenflugzeugen - Die Männer
sollten sich durch Führung modernster Düsenmaschinen das in ihrer
früheren Praxis erworbene Gefühl für Flugsituationen erhalten und die
Möglichkeit haben, sich auch während ihres "Trockenkurses für den
Raumflug" in notwendigen schnellen Entscheidungen aus der jeweiligen
Situation heraus zu üben.
6. Mit

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2. März 1962

6. Mit den erforderlichen Bodenausrüstungen und der Tätigkeit
des Bodenpe rsonals in Theorie und Praxis vertraut zu werden, war
der letzte Hauptpunkt des Ausbildungsprogramms. Eigene Erfahrungen
sowie die Beobachtung von Raketenflügen vermittelten ihnen ein umfassendes Wissen von dem, was sie selbst erwartet. Sie hielten sich
längere Zeit auf den verschiedenen amerikanischen Raketenabschußplätzen,
auf! Beobachtungsstationen entlang der atlantischen Flugstrecke, in
Montagebetrieben des Flugkörperbaus und im Testfluggebiett der
X-15 auf. Bei Bergungsübungen an der Kapsel waren sie nicht nur Augenzeugen, sondern unmittelbar Beteiligte.
Durch ein besonderes Leistungstraining lernten die Astronauten,
unter primitivsten Verhältnissen, bei Hitze und Kälte, Nahrungsund Wassermangel, auf See und in der Wüste zu "überleben" und so die
Bergung auch unter härtesten Bedingungen abzuwarten. Ihre Ausbildung
brachte, alles in allem gesehen, viele Entbehrungen und Strapazen,
aber sie vermittelte ihnen auch ein tiefes Gefühl der Sicherheit.
Glenn, Grissom und Shepard haben ihren Kameraden Carpenter,
Cooper, Schirra und Slayton im Augenblick das eine voraus, bereits
über eine gewisse Flugerfahrung mit der MERCURY-Kapsel, technisch gesehen einem Fluggerät völlig neuen Typs, zu verfügen. Dennoch wird
vorläufig auch jedes weitere Experiment dieser Art das Können, den
persönlichen Mut und die Reaktionsfähigkeit des Piloten auf eine
harte Proble stellen.

Bildunterschrift (Deckblatt);
Oberstleutnant John H. Glenn besteigt seine Raumkapsel
"Friendship 7"

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2 . März 1962

ACHTUNG! Auf Anforderung der Redaktionen übersendet der AMERIKA DIENST
zusätzlich zu der auf dem Deckblatt wiedergegebenen Aufnahme
an Zeitungen und Zeitschriften kostenlos folgende Bilder:

1)

Sorgfältig prüft ein Spezialist für Druckanzüge die Schutzausrüstung für Oberstleutnant John H. Glenn, ehe dieser
die Kleidung anlegt.

2)

(62-1281)

In Begleitung seines Arztes Dr. William K. Douglas verläßt
John H. Glenn Hangar S, um sich zum Abschußplatz der MERCURYATLAS-Rakete zu begeben. (62-340)

3)

Cape Canaveral, 20. Februar 1962, 9.47 Uhr Ortszeit:

Die ATLAS-Trägerrakete für die MERCURY-Raumkapsel "Friendship 7"
hebt vom Starttisch ab. Oberstleutnant John H. Glenn beginnt
seinen Flug um die Erde. (H-40343)
4)

Nach dreimaliger Erdumkreisung ist "Friedship 7" im Atlantik
sicher gelandet. Im Wettrennen zwischen den einzelnen Bergungsfahrzeugen ging der Zerstörer NOA als Sieger hervor und
holt nun die auf dem Wasser treibende Raumkapsel mit dem Testpiloten Glenn an Bord. (62-1293)

5)

"Friendship 7" an Bord des Zerstörers NOA. (H-40344)

6)

Glückstrahlend dankt Oberstleutnant John H. Glenn, der inzwischen an Bord des Flugzeugträgers RANDOLPH gebracht wurde,
für die Ovationen der Besatzung. (62-1299)

7)

Die quälende Wartezeit ist vorüber. Mrs. John Glenn (im
Hintergrund der 16jährige Sohn David) kann während eines
Interviews nach dem Flug über das Fernsehnetz direkt mit
ihren Schwiegereltern sprechen. (62-1298)

11

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�"AMERIKA DIENST

8)

2. März 1962

Die MERCÜRY-Kapsel "Frigndship 7" wurde am 21. Februar
1962 wieder zum Hangar S in Cape Canaveral zurückgebracht.
Die Pressevertreter können sie aus nächster Nähe besichtigen.

9)

(62-1300)

Glenn im Gespräch mit Journalisten nach seinem Flug. Links
neben ihm Donald K. Slayton, der für den nächsten MERCURYSatellitenflug als Pilot vorgesehen ist. (H-40380)

(Wir bitten, bei Bestellungen die Bildnummern
anzugeben.)

• * • * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Aiig./9.3.1962

F R E I H E I T

VON

K R I E G

Das Programm der Vereinigten Staaten für allgemeine
und vollständige Abrüstung in einer friedlichen Welt

Der nachstehende Abrüstungsvorschlag ist die
Verhandlungsbasis der amerikanischen Delegation
auf der am 14. März 1962 in Genf beginnenden
internationalen Abrüstungskonferenz. Er war
bereits am 25« September vergangenen Jahres
von Adlai E . Stevenson, dem Chefdelegierten
der Vereinigten Staaten bei den Vereinten
Nationen, der 16. Vollversammlung im Anschluß
an eine Rede Präsident Kennedys unterbreitet
worden.

�y- März ' 9b&lt;i

"AMERIKA DIENST"

A B R Ü S T U N G S D E K L A R A T I O N
Das Programm d e r V e r e i n i g t e n S t a a t e n f ü r

allgemeine

und v o l l s t ä n d i g e A b r ü s t u n g i n e i n e r f r i e d l i c h e n Welt

Die V ö l k e r d e r E r d e ,

/

i n dem B e w u ß t s e i n d e r K r i s e i n d e r G e s c h i c h t e d e r M e n s c h h e i t ,
d i e d u r c h d i e r e v o l u t i o n ä r e E n t w i c k l u n g m o d e r n e r Waffen i n e i n e r
von e r n s t e n i d e o l o g i s c h e n A u s e i n a n d e r s e t z u n g e n g e s p a l t e n e n Welt
h e r v o r g e r u f e n w u r d e , und
i n dem E n t s c h l u ß , d i e h e u t i g e n und k ü n f t i g e n G e n e r a t i o n e n v o r
d e r G e i ß e l d e s K r i e g e s und den Gefahren und B e l a s t u n g e n d e s W e t t r ü s t e n s zu b e w a h r e n und Bedingungen zu s c h a f f e n , u n t e r d e n e n a l e
V o l k e r i n F r e i h e i t und F r i e d e n danach t r a c h t e n k ö n n e n , i h r e g r u n d l e g e n d e n A s p i r a t i o n e n zu v e r w i r k l i c h e n ,
e r k l ä r e n es a l s i h r Z i e l : e i n e f r e i e , s i c h e r e und f r i e d l i c h e
Welt u n a b h ä n g i g e r S t a a t e n zu s c h a f f e n , d i e gemeinsame Normen d e r
G e r e c h t i g k e i t und d e s i n t e r n a t i o n a l e n V e r h a l t e n s b e f o l g e n und d i e
Anwendung von Gewalt d e r H e r r s c h a f t d e s R e c h t s u n t e r o r d n e n ; e i n e
W e l t , i n d e r s i c h d i e A n p a s s u n g a n den Wandel d e r V e r h ä l t n i s s e i n
Ü b e r e i n s t i m m u n g m i t den G r u n d s ä t z e n d e r V e r e i n t e n N a t i o n e n v o l l z i e h t ;
e i n e W e l t , d i e s i c h i n e i n e m s t ä n d i g e n Z u s t a n d d e r a l l g e m e i n e n und
v o l l s t ä n d i g e n Abrüstung u n t e r wirksamer i n t e r n a t i o n a l e r K o n t r o l l e
befindet
und i n d e r d i e H i l f s q u e l l e n d e r S t a a t e n dem m a t e r i e l l e n ,
k u l t u r e l l e n und g e i s t i g e n F o r t s c h r i t t d e s Menschen d i e n e n ;
p r o k l a m i e r e n a l s T e i l z i e l e e i n e s Programms z u r a l l g e m e i n e n und
v o l l s t ä n d i g e n Abrüstung in einer f r i e d l i c h e n Welt:
a) die Auflösung a l l e r n a t i o n a l e n S t r e i t k r ä f t e m L1 Ausnahme
d e r e r , d i e für die A u f r e c h t e r h a l t u n g der inneren Ordnung und a l s
Kontingente für e i n e UN-Friedenstruppe b e n ö t i g t werden, und das
Verbot i h r e r W i e d e r a u f s t e l l u n g i n jedweder Form;
b)
lich a l l e r
nationalen
t r u p p e und
sind;

d i e Herausnahme s ä m t l i c h e n R ü s t u n g s m a t e r i a l s , e i n s c h l i e ß Massenvernichtungswaffen und deren E i n s a t z m . t + e l aus den
A r s e n a l e n mit Ausnahme d e r e r , d i e für e i n e UN-Frie e n s für die A u f r e c h t e r h a l t u n g der i n n e r e n Ordnung e r f o r d e r l i c h

c) d i e Schaffung und e r f o l g r e i c h e T ä t i g k e i t e i n e r i n t e r n a t i o n a l e n A b r ü s t u n g s o r g a n i s a t i o n ( . n t e r n a t i o n a l Disarmament Organiz a t i o n - IDO) im Rahmen der V e r e i n t e n Nationen, um die E r f ü l l u n g
a l l e r Abrüstungsverpflichtung jederzeit sicherzustellen;

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�"AMERIKA DIENST"

9. März 1962

d) die Bereitstellung wirksamer Mittel für den Vollzug
internationaler Abmachungen, für die Beilegung vor Meinungsverschiedenheiten und für die Aufrechterhaltung des Friedens in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Vereinten Nationen;
fordern die verhandelnden Staaten auf,
a) den nachstehend dargelegten Programmabriß zu einem vertraglichen Plan für eine allgemeine und vollständige Abrüstung
weiterzuentwickeln und ihre Anstrengungen ohne Unterbrechung so
lange fortzusetzen, bis das gesamte Programm verwirklicht ist;
b) zu diesem Zweck den weitestmöglichen Bereich der Übereinstimmung zu dem frühestmöglichen Zeitpunkt anzustreben;
c) ferner - ohne den Fortgang des Abrüs^ungsprogramms zu
beeinträchtigen - eine Übereinkunft bezüglich jenei' Sofortmaßnahmen zu erstreben, die zur gemeinsamen Sicherheit der Staaten
beitragen würden und die Durchführung des Programms erleichtern
und Teil desselben bilden könnten:
bekräftigen, daß die Abrüstungsverhandlungen von folgenden
Grundsätzen geleitet werden sollen:
a) Die Abrüstung soll so rasch wie möglich bis zu ihrer
Vollendung in Phasen vollzogen werden, die wohlausgewogene, gegliederte und durch Sicherheiten garantierte Maßnahmen einschließen,
wobei jede Maßnahme und Phase innerhalb eines vereinbarten Zeitraums abgewickelt werden soll,
b) Die Erfüllung aller Abrüstungsverpflichtungen soll von
ihrem Inkrafttreten an wirksan verifiziert werden. Die Verifizierungsvorkehrungen sollen schrittweise und auf solche Weise getroffen werden, daß nicht nur festgestellt wird, ob vereinbarte Beschränkungen
oder Bestandsverringerungen vorgenommen werden, sondern auch ob
nicht die verbleibenden Streitkräfte und Waffen in irgendeiner Phase
den vereinbarten Stand überschreiten,
c) Die Abrüstung soll in einer Weise vorgenommen werden,
die die Sicherheit keines Staates abträglich berührt, gleichgültig
ob es sich um einen Partner einer internationalen Abmachung oder
Vereinbarung handelt oder nicht,
d) Während die Staaten sich ihrer Waffen entledigen, sollen
die Vereinten Nationen Schritt für Schritt gestärkt werden, um ihre
Fähigkeit zu steigern, die internationale Sicherheit und die friedliche Regelung von Streitfällen zu gewährleisten und auch die Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit bei gemeinsamen Aufgaben
zum Wohle der Menschheit zu erleichtern.

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�"AMERIKA DIENST"

9° März 1962

e) Der Übergang von einer Phase der Abrüstung zur nächsten
soll erfolgen, sobald alle Maßnahmen der vorausgegangenen Phase
ausgeführt sind - wobei die wirksame Verifizierung fortgesetzt
wird - und sobald die Vorkehrungen, die für die nächste Phase als
notwendig anerkannt wurden, getroffen worden sind;
einigen sich auf den folgenden Programmabriß für die Verwirklichung einer allgemeinen und vollständigen Abrüstung:

PHASE

I

A. Schaffung einer internationalen Abrüstungsorganisation
a) Es soll bei Inkrafttreten der Übereinkunft eine internationale Abrüstungsorganisation im Rahmen der Vereinten Nationen
errichtet werden. Ihre Funktionen sollen progressiv erweitert werden,
wie dies für die wirksame Verifizierung des Abrüstungsprogramms erforderlich ist.
b) Die IDO soll umfassen: 1. eine Vollkonferenz (General
Conference) aller Signatarstaaten; 2. eine Kommission (Commission),
die sich aus Vertretern aller Großmächte als ständige Mitglieder
und verschiedener anderer Staaten nach dem Prinzip der Rotation
zusammensetzt; 3. einen Administrator, der die Organisation gemäß
den Anweisungen der Kommission verwalten und die Befugnisse, die
Mitarbeiter und die finanziellen Mittel haben soll, um eine, wirksame,
unparteiische Ausübung der Funktionen der Organisation sicherzustellen.
c) Die IDO soll: 1. die Erfüllung der übernommenen Verpflichtungen durch die Verifizierung der Ausführung der vertraglich vereinbarten Maßnahmen sicherstellen; 2. die Staaten bei der Ausarbeitung der Einzelheiten der vereinbarten weiteren Verifizierung der
Abrüstungsmaßnahmen unterstützen; 3» für die Schaffung solcher
Körperschaften, die für die Ausarbeitung der Einzelheiten der weiteren, im Programm vorgesehenen Maßnahmen notwendig sind, und solcher Studiengruppen von Fachleuten Sorge tragen, die erforderlich
werden könnten, um die Abrüstungsfragen einer fortgesetzten Überprüfung zu unterziehen; 4« Berichte über den Fortgang der Abrüstungs-,
und Verifizierungsvereinbarungen entgegennehmen und den Zeitpunkt
für den Übergang von einer Phase zur nächsten bestimmen.
B. Verringerung der Truppen- und Rüstungsstärken
a) Die Truppenstärken sollen für die USA und die UdSSR auf je
2,1 Millionen und für alle anderen größeren Militärmächte auf solche
angemessenen Stärken beschränkt werden, die jeweils 2,1 Millionen
nicht überschreiten. Die Verringerung auf die vereinbarten Stärken
wird in zumutbaren, proportionalen und verifizierten Stufen erfolgen.

bi

�"AMERIKA DIENST'

9o März 1962

b) Die Bestände an Rüstungsmaterial vorgeschriebener Typen
sollen in zumutbaren und wohlausgewogenen Stufen verringert werden.
Die Bestandsverringerungen sollen durch die Überstellung der Waffen
an Depots erfolgen, die von der IDQ überwacht werden. Wenn die
Signatar Staaten der Übereinkunft zu bestimmter. Zeiten während des
Verringerungsprozesses der Phase I darin übereinstimmen, daß die
Rüstungs- und Truppenstärken auf den vorgeschriebenen Star.d gebracht
worden sind, sollen die Waffen in den Depots zerstört oder der
friedlichen Verwendung zugeführt werden.
c) Die Herstellung von bestimmten vereinbarten Waffentypen
soll beschränkt werden.
d) Eine Fachkommission für chemische, biologische und radiologische Waffen (CBR Experts Commission) soll innerhalb der IDO zu
dem Zweck geschaffen werden, die Möglichkeit und die Methoden der
VerwirKlichr ng einer verifizierbaren Verringerung und schließlichen
Beseitigung der Vorräte an GBR-Waffen und der Einstellung der ProduKtion derselben zu untersuchen und darüber Bericht zu erstatten.
C. Einscnränkung und Verringerung der Bedrohung durch Kernwaffen
a) Staaten, die einem Vertrag zu einem wirksamen Verbot der
Erprobung von Kernwaffen nicht beigetreten sind, sollen dies tun.
b) Die Herstellung von spaltbarem Material für die Verwendung
in Waffen soll eingestellt werden.
c) Bei Einstellung der Produktion von spaltbarem Material für
die Verwendung in Waffen sollen vereinbarte erste Mengen von spaltbarem Material aus früherer Produktion der friedlichen Verwendung
zugeführt werden.
d) Alles spaltbare Material, das von einem Land in ein anderes
für friedliche Verwendungszwecke verbracht wird, soll geeigneten Sicherheatsvorschriften unterliegen, die in Übereinstimmung mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ausgearbeitet werden sollen.
e) Staaten, die Kernwaffen besitzen, sollen die Kontrolle über
derartige Waffer keinem Staat einräumen, der keine besitzt, und
sollen keinem derartigen Land Informationen cder Materialien lie fern,
die für ihre Herstellung erfrrderlich sind. Staaten, die keine Kernwaffen besitzen, sollen keine derartigen Waffen herstellen, nicht
die Kontrolle über derartige Waffen im Besitz anderer Staaten zu
erlangen suchen oder danach brachten, Informationen oder Materialien
zu erhalten, die für deren Herstellung notwendig sind.
d) Eine Fachkommission für Atomfragen (Nuclear Experts Commission) aus Vertretern der Atommächte soll innerhalb der__ID0 zu dem
Zrfeck errichtet v/erden, die Möglichkeit und die Methoden der Verwirklichung einer verifizierten Verringerung und der schlie 1 . chen

- 4 -

�HKA DIENST

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s c h l i e ß . l i c h e n B e s e i t i g u n g d e r V o r r ä t e a n Kernwaffen
und d a r ü b e r B e r i c h t zu e r s t a t t e n .

März 1962

zu u n t e r s u c h e n

D. Y e r i i n g e r u n g der Bestände an Kernwaffenträgern für den
s t r i t e g ; s c b e n Einsatz
a ) Die Bestände an Kernwaffenträgem für den s t r a t e g i s c h e n
E'n&lt;?a + z bestimmter Kategorien und an v e r e i n b a r :en Typen unü T r ä g e r ar w^tirwaff en s o l l e n i n zumutbarer, und wohlausgewogenen Stufen auf
e i n e r v e r e i n b a r t e r . Stand v e r r i n g e r t werden. Die Bestandsverringerung
s r l j . auf j e d e r Stufe durch die Ü b e r s t e i l u n g der über den Stand n i n a u s ,
de1- f ü r die j e w e i l i g e Stufe v e r e i n b a r t i s t , rrhandenen Träger an
Depots e r f o l g e n , d i e von der IDO überwacht werden. Zu bestimmten
Z e ^ e n während der B e s t a n d s v e r r i r g e r u n g i n d^r Phase I s o l l e n die
T r ä g e r , die der A u f s i c h t der IDO u n t e r s t e l l t werden s i n d , z e r s t ö r t
oder der f r i e d l i c h e n Verwendung zugeführt werden»
b) Die H e r s t e l l u n g v e r e i n b a r t e r Kategorien von Kernwaffent r ä g e r n für den s t r a t e g i s c h e n E i n s a t z und v e r e i n b a r t e r Typen von
Trägerabwehrwaffen s o l l e i n g e s t e l l t oder Deschränkt werden.
c) Die Erprobung v e r e i n b a r t e r Kategorien von Kernwaffenträgern für den s t r a t e g i s c h e n E i n s a t z und v e ^ e j b a r t e r Typen von T r ä g e r abwehrwaffen s o l l beschränkt oder e i n g e s t e x i t werden.
E. Förderung der f r i e d l i c h e n Nutzung des Weltraums
a ) Die Verbringung von Massenvernichtungswaffen auf eine
Kre-sbahnum die Erde oder deren S t a t i o n i e r u n g im Weltraum s o l l
verboten werden.
b) Die S t a a t e n s o l l e n den Teilnehmerstaaten und der IDO im
raus M i t t e i l u n g über den Abschuß von Raumflugkörpern und Raketen
scwie»über deren Flugbahn machen.
F . Verringerung der Gefahr eines Krieges durch Z u f a l l .
und

Fehleinschätzung

Überraschungsangriff;

a ) Die S t a a t e n s o l l e n den anderen Teilnehmerstaaten und der
.IDO im voraus M i t t e i l u n g von größeren Trappenverschiebungen und Manövern der v e r e i n b a r t e n Größenordnung machen, die Anlaß zu F e h l i n t e r p r e t a t i ^ n e n geben oder Beunruhige g h e r v o r r u f e n und Gegenmanöver a u s l ö s e n k ö n n t e n . Die M i t t e i l u r g s e i l Angaben über das zu b e n u t z e r d e Gebiet und d i e A r t , das Ausmaß u. d die Z e i t d a u e r des Geche &lt;ens e i n s c h l i e ß e n .
bj An Orten,wie größeren Häfen, Eisenbahnknotenpunkten, F e r n s t r a ß e n and F l u g p l ä t z e n , s o l l e n Beobachtmgspos ten e r r i c h t e t werden, um

»

5 -

�9. März 1Q62

"AMERIKA DIENST"

um über Truppenmassierungen und -bewegungen Bericht zu erstatten.
c) Ferner sollen noch zu vereinbarende zusätzliche Inspek•cionsvorkehrungen getroffen werden, um die Gefahr von Überraschungsangriffen zu verringern.
d) Es soll eine in+ernationale Kommission unmittelbar innerhalb der IDO geschaffen werden, um die Möglichkeiten für weitere
Maßnahmen zur Verringerung des Risikos eines Krieges mit Kernwaffen
auf Grund vcn Zr.fall.en, der Fehleinschätzung oder des Ausfalls von
Nachrichtenmitteln zu untersuchen und entsprechende Vorschläge zu
unterbreiten.
G, Erhaltung des Friedens
a) Die Staaten sollen ihre Verpflichtungen gemäß der Charta
der Vereinten Nationen bekräftigen, sich der Drohung mit jeder Art
von Streitkräften - einschließlich aller mit Kernwaffen, herkömmlichen Waffen :der CBR-Waffen ausgerüsteten Truppen - und des Einsatzes derselben entgegen den Grundsätzen der UN-Charta zu enthalten.
b) Die Staaten sollen dahingehend übereinkommen, sich jeder
gegen ein anderes Land gerichteten indirek+en Aggression oder subversiven Tätigkeit zu enthalten.
c) Die Staaten sollen sich aller geeigneten Verfahren für
die friedliche Beilegung von Meinungsverschiedenheiten bedienen und
sich bemünen, im Rahmen der Vereinten Nationen weitere Vereinbarungen
für die friedliche Beilegung internationaler Meinungsverschiedenheiten
und die Kodifizierung und progressiv« Weiterentwicklung des internationalen Rechts zu + reffen.
d) Die Staaten sollen in der Phase I Vereinbarungen für die
Schaffung einer UN-Friedenstruppe in der Phase II treffen.
e) Eine Friedensbeobachtungsgruppe der Vereinten Nationen
soll mit einem ständigen Kader von Beobach+ern ausgestattet werden,
die ausgesandt werden können, um jede Situation zu untersuchen, die
eine Bedrohung oder einen Bruch des Friedens darstellen könnte.

PHASE II
A. Internationale AbrüstungsOrganisation
Die Befugnisse und Verantwortlichkeiten der IDO sollen progressiv
erweitert werden, um sie in die Lage zu versetzen, die in der Phase II
durchzuführenden Maßnahmen zu verifizieren.
B.

- 6-

�"AMERIKA DIENST"

9. März 1962

B. Weitere Verringerung der Truppen und Rüstungsstärken
a) Die Truppenstärken der USA, der UdSSR und anderer Militärmächte sollen weiter beträchtlich und in zumutbaren und wohlausgewogenen Stufen auf den vereinbarten Stand verringert werden.
b) Der Bestand an Rüstungsmaterial festgesetzter Typen soll
weiter ir zumutbaren und wohlausgewogenen Stufen verringert werden.
Die Bestandsverringerung soll durch die Überstellung von Rüstungsmaterial ar Depots vorgenommen werden, die der Aufsicht der IDO unterstehen. Wenn die Signatarstaaten zu bestimmten Zeitpunkten während
der Bestardsverringerung in der Phase II darin übereinstimmen,
daß die Rüstungs- und Truppenstärken auf den "orgescnriebenen Stand
gebracht worden sind, sollen die Waffen in den Depots zerstört oder
der friedlichen Verwendung zugeführt werden.
c) Es sollen weitere vereinbarte Beschränkungen der Herstellung von Rüstungsmaterial vorgenommen werden.
d) Vereinbarte militärische Stützpunkte und Einrichtungen
sollen, wo immer sie auch liegen mögen, geschleift oder der friedlichen Verwendung zugeführt werden.
e) Nach Maßgabe des Gutachtens des Experten-Ausschusses für
Fragen der '"'BR-Waffen sollen die Herstellung von CBR-Waffen eingestellt, bestehende Vorräte schrittweise abgebaut und sicn ergebende
Überschußbestände vernichtet oder der friedlichen Verwendung zugeführt werden.
C. Weitere Verringerung der Bedrohung mit Kernwaffen
Vorräte an Kernwaffen sollen schrittweise bis auf einen Stand
verringert werden, der auf Grund des Gutachtens der Fachkommission
der Atomwissenschaftler vereinbart wird; verbleibende Überschußbestärde an spaltbarem Material sollen der friedlichen Verwendung zugeführt werden.
D. Weitere Verringerung der Bestände an Kernwaffenträgern für den
stra'egisehen Einsatz
Eine weitere Verringerung der Bestände an Kernwaffenträgern
für den strategischen Einsatz und an vereinbarten Typenvon Trägerabwehrwaffen soll. in Übereinstimmung mit den in Phase I dargelegten
Verfahren vorgenommen werden.
E

Erhaltung des Friedens

Währei.d der Phase II sollen die Staaten die zur Erhaltung des
Friedens geeigneten Verfahren der Vereinten Nationen mit dem Ziel
weiterentwickeln, die Vereinten Nationen in die Lage zu versetzen,
in der Phase III w:\rksam von jeder Drohung mit Gewalt und Gewaltanwendung in Verletzung der Zielsetzungen und der Grundsätze der

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der Vereinter Nationen abzuschrecken und ihr entgegenzutreten.
a) Die Staaten sollen sich auf die Stärkung der Struktur, der
Befugnisse und der Tätigkeit der Vereinten Nationen einigen, um sicherzustellen, daß H ie Vere nten Nationen in der Lage sind, die Staaten
wirkungsvoll VL r der Bedrohung oder dem Bruch des Friedens zu
schützen.
h) Die UN-Friedenstruppe soll geschaffen und schrittweise
verstärkt werden.
c) Die Staaten sollen sich ferner auf die weitere Verbesserung
und Entwicklung der Regeln des internationalen Verhaltens und der
Verfahren der friedlichen Regelung von Meinungsverschiedenheiten und
Streitfällen einigen.

PHASE III
Beim Abschluß der Phase II sollte das Vertrauen, das durch ein
verifiziertes Abrüstungsprogramm, die allgemeine Anerkennung der Regeln des friedlichen internationalen Verhaltens und die Entwicklung
verbesserter Verfahren zur Erhaltung des Weltfriedens innerhalb der
Vareinten Nationen gewonnen wurde, so weit gediehen sein, daß die
Staaten der Erde zur Phase III übergehen können. In Phase III würden
eine progressive kontrollierte Abrüstung und fortlaufend sich weiterentwickelnde Grundsätze und Verfahren des internationalen Rechts soweit gediehen sein, daß kein Staat die militärische Macht besäße,
die schrittweise verstärkte UN-Friedenstruppe herauszufordern, und
alle internationalen Meinungsverschiedenheiten würden gemäß den
vereinbarten Grundsätzen des internationalen Verhaltens geregelt.
Di* progressiven Schritte, die in der Endphase der Abrüstung
unternommen werden sollen, würden sich auf die Schaffung einer Welt
richten, in der
a^ die Staaten nur jene Truppen, nicht-nuklearen Waffen und
Einrichtungen beibehielten, die zum Zwecke der Aufrechterhaltung der
inneren Ordnung erforderlich sind; sie würden ferner die vereinbarten Kontingente für eine UN-Friedenstruppe unterhalten und zur Verfügung stellen;
b) di e mit vereinbarten Typen und Mengen an Waffen ausgerüstete UN-Friedenstruppe voll einsatzfähig wäre;
c) die Herstellung von Rüstungsmaterial mit Ausnahme jener
vereinbarten Typen und Mengen, die für die UN-Friedenstruppe und die
Aufrechterhaltung der inneren Ordnung benötigt werden, verboten ist.
Alle anderen Waffen würden vernichtet oder der friedlichen Verwendung
zugeführt;

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d) die Möglichkeiten der Vereinten Nationen, den Frieden
zu wahren, in so starkem Maße gegeben und die Verpflichtung aller
Staaten im Rahmen derartiger Vereinbarungen weitgehend genug wären,
um den Frieden und die gerechte Regelung von Streitfällen in einer
abgerüsteten Welt zu garantieren.

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D I E N S T

Allg. /9.3.1962

KERNWAFFENVERSUCHE UND ABRÜSTUNG

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehrede,
die Präsident John F. Kennedy am 2. März 1962 gehalten hat. Er unterstreicht darin erneut die Bereitschaft der Vereinigten Staaten zum Abschluß
eines Vertrages über die Einstellung der Kernwaffenversuche, gibt aber gleichzeitig der Entschlossenheit der amerikanischen Regierung Ausdruck, bei
NichtZustandekommen eines solchen Vertrages bis
Ende April, wenn die technischen Vorbereitungen
für eine Versuchsserie in der Atmosphäre abgeschlossen sein werden, die Atomtests wiederaufzunehmen.

Vor 17 Jahren hat der Mensch die Kraft des Atoms freigesetzt.
Damit wurde in seine sterblichen Hände die Macht der Selbstvernichtung gelegt. Durch all die folgenden Jahre hindurch haben sich die
USA unter drei Präsidenten darum bemüht, diese Waffe aus den Arsenalen der einzelnen Länder zu verbannen. Denn von allen schweren
Verantwortungen, die diesem Amte anvertraut sind, verlangt keine
ernstere Erwägungen als die gesetzlich verankerte Sondervollmacht,
zur Verteidigung unseres Volkes und der Freiheit Kernwaffen einzusetzen .
Aber solange nicht die Menschheit sowohl den Krieg als auch
seine Vernichtungswerkzeuge geächtet hat, müssen die Vereinigten
Staaten über Kernwaffen in wirksamer Menge und Qualität verfügen,
die so stationiert und geschützt sind, daß sie jeden Überraschungsangriff überstehen und den Angreifer vernichten können. Nur eine
solche Stärke gibt uns die Gewähr, vor einem nuklearen Angriff oder
einem übermächtigen Angriff mit Landstreitkräften, der sich gegen
unsere Streitkräfte und unsere Alliierten richtet, abschrecken
zu können. Nur auf der Grundlage einer solchen Stärke können wir
in der freien Welt - sollte diese Abschreckung nicht genügen darauf hoffen, die Tragödie eines neuen Krieges zu überleben.
Und wenn diese Abschreckungsstärke, verglichen mit der irgendeines

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irgendeines anderen Landes, wirksam und glaubhaft sein soll, so muß
Sie die modernsten, zuverlässigsten und vielseitigsten Atomwaffen
umfassen, die unsere Forschung und Technik hervorbringen können.
Die Erprobung neuer Waffen und ihrer Wirkung ist ein notwendiger
Teil dieses Forschungs- und Entwicklungsprozesses. Ohne Versuche, die
der Erprobung und experimentellen Klärung dienen, ist der Fortschritt
begrenzt. Ein Land, das auf Versuche verzichtet, kann ganz offensichtlich nicht solche Fortschritte aufweisen wie ein Land, das Versuche
durchführt. Und wenn alle Atommächte auf Versuche verzichten, dann
ist dem Wettrüsten Einhalt geboten.
Deshalb hat unser Land seit langem eine wirksame, weltweite
Einstellung der Kernwaffenversuche gefordert. Und aus diesem Grunde
haben wir uns, wie es auch die Sowjetunion getan hat - im Jahre
1958 freiwillig einem nuklearen Versuchsmoratorium unterworfen, für ^dessen
Bauexi keine Seite neue Kernwaffenversuche durchführen und Ost und
West sich um konkrete Pläne für die Kontrolle dieser Versuche bemühen
würden.
Aber am 1. September vergangenen Jahres brach die Sowjetunion,
während die Vereinigten Staaten und Großbritannien noch in gutem
Glauben in Genf verhandelten, rücksichtslos das Moratorium und führte
eine zweimonatige Versuchsreihe mit mehr als 40 nuklearen Tests durch.
Die Vorbereitungen für diese Versuche waren im geheimen bereits seit
vielen Monaten im Gange gewesen. Diese Versuche, die von neuen Drohungen und einer neuen Terrortaktik begleitet wurden und zum größten
Teil in der Atmosphäre stattfanden, waren in der Hauptsache darauf
gerichtet, die Kernwaffen wieder in das Wettrüsten einzuschalten.
Nachdem offensichtlich geworden war, daß neue Appelle und Vorschläge nichts nützten, verfügte ich am 5• September die Wiederaufnahme der unterirdischen Atomversuche in den USA. Und ich gab am
2. November - noch vor dem Abschluß der sowjetischen Versuchsreihe bekannt, daß Vorbereitungen für eine Wiederaufnahme der Versuche in
der Atmosphäre angeordnet würden, und daß wir angesichts der sowjetischen Fortschritte alle für unsere Sicherheit erforderlichen Versuche durchführen würden.
Der Nationale Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten hat in dieser Woche seine Überprüfung dieser Frage zum Abschluß gebracht. Der
ganze Bereich der sowjetischen Versuche ist von den Kompetentesten
Wissenschaftlern des Landes einer sorgfältigen Prüfung unterzogen
worden. Umfang und Berechtigung der vorgeschlagenen amerikanischen
Versuche sind sorgfältig geprüft und es ist festgestellt worden,
welche Versuche ohne weiteres aufgeschoben werden können, welche
wegfallen können, welche zusammengefaßt oder unterirdisch durchgeführt werden können und welche für unseren Fortschritt auf militärischem und wissenschaftlichem Gebiet unbedingt notwendig sind.
Dabei wurde der Begrenzung des radioaktiven Niederschlags, dem künftigen Verlauf der diplomatischen Bemühungen auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle sowie unseren Verpflichtungen gegenüber anderen Lände rn sorgfältige Beachtung geschenkt.
TPHP
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Jede Alternative wurde geprüft. Jede Möglichkeit, die Zustimmung
der Sowjets zu erlangen, wurde sondiert. Wir waren entschlossen, nicht
übereilt dem sowjetischen Beispiel zu folgen, und wir waren in gleicher
Weise entschlossen, nur das zu tun, was unsere eigene Sicherheit uns
zu tun gebot. Obwohl die komplizierten Vorbereitungen auf vollen
Touren liefen, während diese Tatsachen zutage traten, ist keine Entscheidung meiner Regierung mit größerer Gründlichkeit oder Sorgfalt
erwogen worden.
Nachdem alle diese Ergebnisse sorgsam durchdacht worden sind,
nachdem die einmütigen Empfehlungen der Leiter der zuständigen Ministerien und Behörden vorliegen und nachdem offenbar geworden ist,
daß sich die Sowjetunion weigert, einem Abkommen zuzustimmen, das ihr
die Freiheit zu umfangreichen Versuchen nach geheimen Vorbereitungen
nehmen würde, habe ich heute die amerikanische Atomenergiekommission
und das Verteidigungsministerium ermächtigt, eine Kernwaffenversuchsreihe durchzuführen, die nach Abschluß unserer Vorbereitungen Ende
April beginnen und so schnell wie möglich (innerhalb von zwei oder
drei Monaten) beendet werden soll. Diese Versuchsreihe, die nur solche
Tests einschließt, die nicht unterirdisch durchgeführt werden können,
soll in der Atmosphäre über dem Pazifischen Ozean stattfinden.
Diese Versuche sollen unter Bedingungen durchgeführt werden, die de
radioaktiven Niederschlag auf ein absolutes Minimum begrenzen, das
weit unter der durch die sowjetische Versuchsreihe vom vergangenen
Herbst hervorgerufenen Verseuchung liegt. Dadurch, daß wir den
örtlichen Verhältnissen, den Wind- und Wetterbedingungen sorgfältige
Beachtung schenken und diese Versuche über dem offenen Meer vornehmen,
wollen wir jegliches Problemeeines Niederschlags im unmittelbaren Versuchsgebiet ausschalten. Darüber hinaus werden wir die Zunahme der
Strahlung auf der nördlichen Halbkugel, wo nahezu alle solche Niederschläge auftreten, sehr niedrig halten.
Die natürliche Radioaktivität ist, wie jeder weiß, schon immer
ein Bestandteil der uns umgebenden Luft gewesen, und sie hat bestimmte langfristige biologische Auswirkungen. Die Gesamtauswirkungen
dieser Versuchsreihen werden nach vorsichtigen Schätzungen nur rund
ein Prozent der natürlichen Radioaktivität ausmachen. Diese Schätzungen
lassen sogar erkennen, daß die Strahlenbelastung infolge der Radioaktivität aus diesen Versuchen noch nicht einmal ein Fünfzigstel der
Differenz ausmacht, der sich der Mensch einfach auf Grund der Unterschiede der natürlichen Radioaktivität in den verschiedenen Teilen
unseres Landes ausgesetzt sieht. Dies liegt ohne Frage innerhalb des
Rahmens der allgemeinen Richtlinien für die Gesundheit und die Sicherheit der Bevölkerung, wie sie vom Bundesausschuß für Strahlenschutz
festgelegt worden sind, und es liegt wesentlich unter einem Zehntel
Prozent der zulässigen Strahlenbelastungsdosis, die für Erwachsene
festgelegt ist, die in der Industrie mit Äadioaktiven Stoffen zu tun
haben .
Dennoch

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9. März 1962

Dennoch empfinde ich es als höchst bedauerlich, daß überhaupt
weiteres radioaktives Material in die Atmosphäre gelangen muß, daß
die Gesundheit auch nur eines einzigen Menschen in absehbarer Zeit
etwa dadurch gefährdet werden könnte. Und so entfernt diese Gefahren
vielleicht liegen und so unendlich klein sie vielleicht sein mögen
und auch eingeschätzt werden, so bedaure ich es doch. zutiefst, daß ich diese
Gefahren gegen die Gefahren abwägen muß, die sich für Hunderte von
Millionen Menschen bei einem relativen Rückgang unserer nuklearen
Stärke ergeben würden.
Solange nicht eine wesentliche Änderung der sowjetischen Politik
eintritt, könnte kein amerikanischer Präsident, der für die Freiheit
und die Sicherheit so vieler Menschen verantwortlich ist, guten
Glaubens irgendeine andere Entscheidung treffen. Aber da unsere
Position auf nuklearem Gebiet die Sicherheit aller Amerikaner und
aller freien Menschen berührt, und da diese Frage überall so große
Besorgnis ausgelöst hat, möchte ich Ihnen und der gesamten Welt,
soweit dies unsere Sicherheit zuläßt, alle die Tatsachen und Überlegungen mitteilen, die zu dieser meiner Entscheidung geführt haben.
Zahlreiche dieser Tatsachen lassen sich nur schwer in einfachen
Worten darlegen - viele von ihnen sind in einer friedlichen Welt nur
schwer zu ertragen - aber es sind Tatsachen, denen wir uns stellen
und die wir erkennen müssen.
Wären die sowjetischen Tests vom vergangenen Herbst lediglich
ein weiterer Versuch gewesen, einzuschüchtern und zu bluffen, so
wäre unsere Sicherheit davon nicht betroffen worden. Tatsächlich
aber traten in ihnen eine äußerst raffinierte technische Methode,
die Erprobung neuer Konstruktionen und neuer Techniken sowie einige
bedeutsame Fortschritte in der Waffenentwicklung zutage. Viele ihrer
Versuche dienten der Verbesserung ihrer Verteidigung gegen Raketen bei anderen handelte es sich um Erprobungsversuche, in' denen schon
entwickelte Waffensysteme getestet wurden - bei mehr als der Hälfte
aber lag der Nachdruck auf der Entwicklung neuer Waffen, vor allem
solcher mit größerer Sprengkraft.
Einer der Hauptzwecke dieser Versuche bestand in der Entwicklung
von Sprengköpfen mit einem im Verhältnis zur Zerstörungskraft ihrer
thermonuklearen Energie äußerst geringen Gewicht. Eine der von den
Sowjets erprobten Waffen detonierte mit einer Sprengkraft von 58
M-egatonnen - d.h. dem Äquivalent von 58 Millionen Tonnen des Sprengstoffs Trinitrotoluol. Es war dies eine hinsichtlich der Stärke reduzierte Form ihrer vielpropagierten 100-Megatonnen-Bombe. Die
sowjetischen Raketen scheinen heute noch nicht in der Lage zu sein,
einen derart schweren Sprengkopf zu tragen. Aber die Tatsache läßt
sich nicht aus der Welt schaffen, daß andere sowjetische Versuche
im Bereich zwischen einer und fünf Megatonnen und darüber darauf
abzielten, die Vernichtungskraft der Sprengköpfe, die von den bereits
vorhandenen Raketen auch tatsächlich in das Ziel getragen werden
können, zu erhöhen.
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Es ist auch viel über sowjetische Behauptungen zum Besitz
einer Rakete zur Abwehr von Raketen gesprochen worden. Einige der
sowjetischen Versuche, bei denen die Auswirkungen von Kernexplosionen in großen Höhen - in einem Fall in einer Höhe von über T60
Kilometern - gemessen wurden, standen im Zusammenhang mit diesem
Problem. Während offensichtlich Informationen über die Auswirkungen
von Kernexplosionen auf Radar und die Nachrichtenübermittlung
(was für die Entwicklung eines Antiraketen-Verteidigungssystems
wichtig ist) erlangt werden sollten, ließen diese Versuche nach
unserer Beurteilung noch kein bereits durchkonstruiertes System
erkennen.
Kurz gesagt, die Versuche vom vergangenen Herbst gaben der
Sowjetunion an und für sich noch keine nukleare Überlegenheit. Sie
vermittelten den Sowjet-Laboratorien jedoch eine Unmenge von Daten
und Erfahrung, auf die sie im Laufe der nächsten zwei oder drei
Jahre wichtige Analysen, Versuche und Berechnungen gründen können,
und zwar in Vorbereitung auf die nächsten Versuchsreihen, die ihre
Ergebnisse bestätigen und ihre Bemühungen weiter voranbringen würden.
Und ich muß Ihnen in aller Offenheit sagen, daß weitere sowjetische Versuche - solange weitere Fortschritte des Westens fehlen sehr wohl der Sowjetunion eine nukleare Angriffs- und Verteidigungskapazität geben könnten, die groß genug ist, um aggressive Pläne
zu fördern. Würden wir auf der Stelle treten, während die Sowjets
uns überholen - oder uns nur zu überholen scheinen -, dann würde
die Fähigkeit der freien Welt, vor einem umfassenden Angriff abzuschrecken, ihn zu überleben und zurückzuschlagen, ernsthaft
vermindert.
Der Kern der Sache ist, daß wir ohne Versuche sowohl in der
Atmosphäre als auch unter der Erde keine vergleichbaren Fortschritte
erzielen können. Denn auf zahlreichen Gebieten der nuklearen Waffenforschung haben wir den Punkt erreicht, wo ohne Versuche unter allen
erdenklichen Bedingungen kein weiterer Fortschritt möglich ist. Die
Informationen, die wir bei unserer letzten in der Atmosphäre durchgeführten Versuchsreihe im Jahre 1958 gewonnen haben, sind alle
analysiert und nochmals analysiert worden. Sie können uns ohne neues
Zahlenmaterial nichts mehr sagen. Und gerade auf diesen Forschungsgebieten - erfolgreicher Einsatz von Raketen und Raketenabwehr könnten weitere umfangreiche sowjetische Versuche unsere Abschreckungsstärke gefährden, wenn keine neuen westlichen Versuche durchgeführt
werden.
Über die Erprobung bestehender Systeme hinaus sind zwei verschiedene Versuchsarten beschlossen worden. Bei der ersten und
wichtigsten handelt es sich um "Wirkungstests", durch die festgestellt werden soll, wie sich vom Gegner ausgelöste Atomexplosionen
auf unser Vermögen auswirken würden, zu überleben und zurückzuschlagen. Wir geben riesige Summen für Radar aus, um unsere Verteidigung alarmieren und Raketenabwehrsysteme entwickeln _zu_

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zu können - für die Nachrichtenverbindungen, die es unseren Kommandostellen und Kontrollzentren ermöglichen sollen, den Gegenschlag
zu führen - für die Stärkung unserer Raketenbasen, die Abschirmung
unserer Raketen und Sprengköpfe vor einem Angriff und für die Bereitstellung der elektronischen Leitsysteme, die sie an ihr Ziel
führen. Aber wir haben keine Gewißheit, bis zu welchem Grade diese
Vorbereitungen sich im Ernstfall als nutzlos erweisen - inwieweit
sie durch die vielfältigen Auswirkungen einer nuklearen Explosion
ausgeschaltet, gelähmt oder zunichte gemacht werden.
Wir wissen aus früheren Versuchen genug, um über derartige
Phänomene besorgt zu sein. Wir wissen auch, daß die Sowjets im
vergangenen Herbst entsprechende Versuche durchführten. Aber ehe
wir nicht die tatsächlichen Auswirkungen von Explosionen in der
Atmosphäre unter Bedingungen messen, die der Wirklichkeit voll
entsprechen, werden wir nicht genau wissen, wie wir unsere künftige Verteidigung am besten vorbereiten, wie wir unsere Raketen für
die Überwindung eineB Raketenabwehrsystems am besten ausrüsten und ob es möglich ist, ein eigenes derartiges Abwehrsystem gegen
Raketen aufzubauen.
Zweitens müssen wir Versuche in der Atmosphäre durchführen,
um die Entwicklung jener fortschrittlicheren Konzeptionen und
wirksameren Waffen zu ermöglichen, die angesichts der sowjetischen
Versuche für unsere eigene Sicherheit unbedingt notwendig zu sein
scheinen. Die Kernwaffentechnik wandelt sich ständig. Sollen unsere
Waffen sicherer, in ihrer Anwendung vielseitiger und in ihrer
Wirkung gezielter sein, wollen wir neuen Ideen folgen und Versuche
mit neuen Konstruktionen anstellen, wollen wir unsere wissenschaftliche Führung und Bedeutung behalten - dann darf die Weiterentwicklung
unserer Waffen nicht auf die Theorie oder auf die Laboratorien und
Höhlen beschränkt bleiben.
Diese Versuchsreihe soll uns zu vielen sehr wichtigen - wenn nicht
gar immer dramatischen - Resultaten führen. Wenn wir die Sprengkraft
der Kernwaffen pro Gewichtseinheit steigern können, dann wird es leichter sein, sie zu handhaben, sie zu schützen und sie abzuschießen. Es
wird damit eher möglich sein, einen überraschenden Angriff zu überleben, und sie werden für eine wirkungsvolle Vergeltung geeigneter
sein. Diese Versuche werden uns, was noch wichtiger ist, in die Lage
versetzen, unsere Raketen mit gewissen tedini3chen Hilfen zur Überwindung oder
Täuschung der Abwehr des Gegners auszustatten und sie wirkungsvoller
für Detonationen in größeren Höhen zu machen, um auf diese Weise ein
Abwehr- oder Abfangsystem, das der Gegner vielleicht eines Tages entwickelt, ausschalten zu können.
Soweit wie möglich sollen diese Versuche unterirdisch durchgeführt werden. Die größeren Sprengkörper können aber nur in der Atmosphär&lt;
erprobt werden. Und wenn unsere Technik auf dem Gebiet der kleineren
Waffen auch unübertroffen ist, so wissen wir doch jetzt, daß den Sowjets
größere Erfolge bei der Entwicklung starker Waffen von geringem Gewicht und hoher Brisanz - im Bereich von eins bis fünf Megatonnen und

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und darüber hinaus - gelungen sind. Aus ihrer Testserie vom vergangenen Herbst fallen 14 Versuche unter diese Kategorie und im
Verlauf der Jahre haben sie insgesamt 30 solcher Versuche durchgeführt. Die Vereinigten Staaten dagegen haben - vor dem Versuchsnoratorium - insgesamt nur 20 Versuche in diesem Megatonnenbereich vorgenommen.
Wenn wir auch weit weniger Versuche mit weit weniger radioaktivem Niederschlag durchführen werden als die Sowjets, so wird
es doch in anderen Ländern Stimmen geben, die uns drängen, überhaupt auf Versuche zu verzichten. Vielleicht vergessen diese Menschen, daß unser Land sich lange aller Versuche enthalten und sich
um ein Verbot aller Tests bemüht hat, während die Sowjets im geheimen neue Explosionen vorbereiteten. Vielleicht vergessen sie die
sowjetischen Drohungen vom Herbst vergangenen Jahres und die willkürliche sowjetische Zurückweisung aller Appelle und Vorschläge sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Vereinten Nationen. Aber
jene freien Völker, die auf ihre Freiheit und Sicherheit W^ert legen
und in unserer relativen Stärke ihren Schutz vor der Gefahr sehen jene Völker, die wissen, daß wir uns vertrauensvoll und in gutem
Glauben um eine Beendigung der Versuche und des Wettrüstens bemühen,
werden, dessen bin ich sicher, wünschen, daß die Vereinigten Staaten
alles Erforderliche tun, um vor einer Aggression abzuschrecken.
Sollten sie glauben, daß wir angesichts von Drohungen oder
Einschüchterungen schwankend würden, sollten sie glauben, wir
könnten eine Wiederholung des Betrugs vom vergangenen Sommer zulassen, dann würden sie zweifellos ihren Glauben an unseren Willen
und unsere Klugheit sowie an unsere Waffentechnik verlieren. Ich
zweifle nicht, daß die meisten unserer Freunde in aller Welt meine
Hoffnungen geteilt haben, daß wir es niemals mehr nötig finden müßten,
wieder Versuche durchzuführen - daß sie auch meine Überzeugung teilten,
daß, auf lange Sicht gesehen, die einzigewirkliche Sicherheit in
diesem Zeitalter nuklearer Gefahren nicht in der Rüstung, sondern
in der Abrüstung liegt. Aber ich bin in gleicher Weise sicher, daß
sie auf Versuchen unsererseits bestehen würden, wenn sich diese für
den Schutz der Sicherheit der freien Welt als notwendig herausgestellt
haben. Sie wissen, daß wir uns nicht aus politischen oder psychologischen Gründen für Tests entscheiden - und sie wissen ebenfalls , daß
wir Versuchen nicht aus politischen oder psychologischen Gründen aus
dem Wege gehen können.
Die Führer der Sowjetunion blicken ebenfalls auf diese Entscheidung. Sollten wir den Erfordernissen unserer eigenen Sicherheit nicht
entsprechen, dann werden sie uns dies nicht als guten Willen, sondern
als Willensschwäche, nicht als Vertrauen in die westliche Überlegenheit, sondern als Ausdruck unserer Furcht vor der öffentlichen Meinung
der Welt ankreiden, derselben Weltmeinung, für die sie solche Verachtung gezeigt haben. Sie könnten durch solche Zeichen der Schwäche
sehr wohl ermutigt werden, sich um eine weitere Periode der Versuchseinstellung ohne Kontrollen zu bemühen - um eine weitere Gelegenheit,
unseren Fortschritt lahmzulegen, während sie im geheimen auf der

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der Grundlage der Versuche vom letzten Herbst neue Versuchsserien
vorbereiten, die das Gleichgewicht der Kräfte verändern könnten.
Warum sollten sie bei einem derartigen einseitigen Vorteil ihre
Strategie ändern oder auf Versuche verzichten, nur weil wir uns
ihrer enthalten? Warum sollten sie ihre Bemühungen, uns in der Kernwaffentechnik zu überholen, einzustellen wünschen? Und warum sollten
sie jemals die Annahme eines wirklichen Versuchsverbots oder einer
gemeinsamen Abrüstung in Betracht ziehen?
Unsere Gründe für die Durchführung von Versuchen und unsere friedlichen Absichten sind klar - sie sind so klar, daß selbst die Sowjets
objektiv unsere Wiederaufnahme der Versuche, nachdem sie zuvor selbst
die Versuche wiederaufgenommen haben, nicht als Provokation oder als
Kriegsvorbereitung betrachten können. Im Gegenteil hoffe ich, daß
die Aussichten für den Frieden durch diese Entscheidung sogar noch gestärkt werden, wenn die sowjetischen Machthaber erkennen, daß der Westen
nicht länger mehr stillhalten und in gutem Glauben verhandeln wird, während sie selbst jede Inspektion ablehnen und die Freiheit haben, neue
Versuche vorzubereiten. Angesichts der bevorstehenden neuen Abrüstungsgespräche bleibt es das Fazit von fast drei Jahren und 353 Konferenzsitzungen in Genf, daß die Sowjets einem wirksamen Kernwaffenversuchsverbot solange nicht zustimmen werden, wie neue Angebote und weitere
Verhandlungen oder ein erneutes unkontrolliertes Moratorium oder ein
neues Abkommen ohne irgendwelche Kontrollen es ihnen nochmals ermöglichen könnten, den Westen an Versuchen zu hindern, während sie solche
im geheimen vorbereiten.
Aber wenn ihnen jetzt diese Wahl nicht mehr länger offensteht, dann
sollten wir hoffen, daß sie in bezug auf ein Kernwaffenversuchsverbot
eine andere Haltung einnehmen werden - daß sie es vorziehen, das
nukleare Wettrüsten unter Kontrolle stait intensiviert zu.sehen, samt
all den hiermit verbundenen Gefahren: daß noch weitere Länder in den
Besitz von Atomwaffen gelangen, daß die internationalen Spannungen
ständig weiter steigen, daß die Aussichten auf eine Abrüstung immer mehr
abnehmen und daß im Zusammenhang hiermit die Sicherheit für uns alle
immer geringer wird.
Sollten die Sowjets ihren Standpunkt ändern, dann werden wir Gelegenheit haben, dies unverzüglich zu erfahren. Am 14» März beginnt
in Genf in der Schweiz eine neue 18-Mächte-Abrüstungskonferenz. Eine
Grundsatzerklärung ist mit den Sowjets ausgearbeitet und von den
Vereinten Nationen gutgeheißen worden. Auf lange Sicht gesehen sind es
die konstruktiven Möglichkeiten dieser Konferenz - und nicht die Erprobung neuer Zerstörungswaffen -, auf denen die Hoffnung der gesamten
Menschheit ruht. So gering diese Hoffnungen auch manchmal erscheinen
mögen, so dürfen wir sie doch niemals aufgeben. Und so fernliegend
die meisten Schritte zur Abrüstung auch erscheinen mögen, es gibt
einige, die sofort getan werden können.

Die

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9. März 1962

Die Vereinigten Staaten werden auf der Genfer Konferenz-, nicht in
der Erwartung, daß sie abgelehnt werden, und auch nicht aus Propagandagründen - eine Reihe konkreter Pläne für einen wichtigen "Durchbruch
zum Frieden" unterbreiten. Wir hoffen und glauben, daß sie allen Nationen, die den Krieg ablehnen, zusagen werden. Diese Pläne werden spezifische Vorschläge für faire und durchsetzbare Abkommen enthalteni für
die Beendigung der Produktion spaltbaren Materials und nuklearer
Waffen und ihrer Weitergabe an andere Länder; für die Verwendung der
Waffenvorräte für friedliche Zwecke; für die Zerstörung der Sprengköpfe und der Trägersysteme, die die Existenz der Menschheit bedrohen;
für die Kontrolle der Gefahren eines Überraschungsangriffes und eines
durch einen unglücklichen Zufall ausgelösten Angriffs; für die friedliche Nutzung des Weltraums und für die schrittweise Reduzierung aller
Streitkräfte in einer Weise, die schließlich zur endgültigen Beseitigung
aller Kriegsdrohungen und aller Kriegsgedanken führt.
Und was für unsere Erörterung heute abend von großter Bjedeutung
ist - wir werden gemeinsam mit Großbritannien erneut unsere Vorschläge
für einen separaten, umfassenden Vertrag vorlegen - mit angemessenen
Vorkehrungen für eine Entdeckung und Nachprüfung - um für immer und
überall di-e Erprobung sämtlicher Kernwaffen, sei es in der Luft, im
Weltraum, unter der Erde oder unter Wasser, zu beenden. Außerdem
werde.n weitere Modifizierungen angeboten werden, wenn neue Erfahrungen
vorliegen.
Die wesentlichen Argumente und Tatsachen bezüglich eines derartigen Vertrages sind der Sowjetunion wohlbekannt. Es bedarf keiner weiteren
Wiederholung, Propaganda oder Verzögerung. Die Tatsache, daß beide
Seiten sich zur Wiederaufnahme der Versuche entschlossen haben, unterstreicht nur die dringende Notwendigkeit eines neuen Abkommens, nicht
jedoch weiterer Argumente. Und ehe die Sowjets behaupten, daß diese
Entscheidung alle Hoffnung auf ein Abkommen zunichte macht, sollten
sie daran denken, daß wir gerade zu der Zeit, als sie ihre Versuche
im Herbst durchführten, bereit waren, mit ihnen zusammen eine vereinbarte Erklärung über Abrüstungsgrundsätze auszuarbeiten, die wir
gemeinsam den Vereinten Nationen vorlegen wollten. Herr Chruschtschow
weiß, daß - wie er im Jahr i960 erklärte - jede Nation, die das
Moratorium gebrochen hat, damit rechnen muß, daß andere Nationen
"gezwungen werden, den gleichen Weg einzuschlagen".
Unsere Delegierten werden bereit sein, noch vor Beginn der
Konferenz am 14« März über diesen Vertrag B U verhandeln, und sie
werden auch bereit sein, einen solchen schon lange vor dem Termin
zu unterzeichnen, an dem unsere Versuche wieder beginnen sollen.
Bis zu diesem Zeitpunkt sind es noch fast zwei Monate hin. Wenn die
Sowjetunion jetzt bereit wäre, einen solchen Vertrag zu akzeptieren,
ihn noch vor Ende April zu unterzeichnen und ihn umgehend in Kraft
zu setzen, wenn damit allen Versuchen wirklich ein Ende gesetzt
werden kann - dann würde das Tempo des nuklearen Wettrüstens endlich
verlangsamt werden - dann wäre die Sicherheit der Vereinigten Staaten
und ihre Fähigkeit, ihren Verpflichtungen nachzukommen, gewährleistet und dann wären wir auch nicht gezwungen, mit unseren Versuchen zu
beginnen.

�AMERIKA DIENST"

9. März 1962

Es muß sich jedoch um einen; volL-wirksamen Vertrag handeln. Wir
wissen inzwischen genug über abgebrochene Verhandlungen, geheime
Vorbereitungen und die aus einer langen Testreihe gewonnenen Vorteile,
um niemals wieder ein Moratorium ohne Inspektion anzubieten. Man mag
uns vielleicht von manchen Seiten drängen, es noch einmal zu versuchen
und unsere Versuchsvorbereitungen in einem Zustand ständiger Bereitschaft zu halten. In der Praxis jedoch - Vor allem in einer Gesellschaft,
in der die Entscheidungsfreiheit gilt - können wir von Wissenschaftlern ersten Ranges nicht verlangen, sich auf die Vorbereitung eines
Experimentes zu konzentrieren, das irgendwann einmal in unbestimmter
Zukunft stattfinden mag, oder auch nicht. Auch können große technische
Laboratorien nicht ständig in einer Art Alarm- und Einsatzbereitschaft
gehalten werden, darauf wartend, daß eine andere Nation ein Abkommen
bricht. Dies wäre nicht nur schwierig und mühsam - wir haben vielmehr
nach gründlicher Prüfung dieser Alternative feststellen müssen, daß
sie einfach undurchführbar ist.
Kurzum - wir werden mangels eines sicheren Abkommens, das bis
Ende April die Kernwaffenversuche beenden könnte, unsere Verhandlungen
fortsetzen - uns dabei um einen neuen Weg für ein Übereinkommen bemühen gleichzeitig aber auch unsere Versuche vorantreiben. Sollte andererseits
die Sowjetunion im März zu Beginn der Besprechungen einen derartigen
Vertrag akzeptieren, so würde dies einen gewaltigen Schritt in Richtung
auf den Frieden bedeuten - und Premierminister Macmillan wie auch ich
selbst würden es für richtig halten, mit Ministerpräsident Chruschtschow
in Genf zur Unterzeichnung des endgültigen Vertrags zusammenzutreffen.
Denn unser letztes Ziel ist nicht, Versuche um der Versuche willen
durchzuführen. Unser wahres Ziel ist vielmehr, unsere eigenen Versuche
unnötig zu machen, andere von Versuchen abzuhalten, zu verhindern, daß
das nukleare Wettrüsten der Kontrolle entgleitet - und die ersten
Schritte in Richtung auf eine allgemeine und völlige Abrüstung zu unternehmen. Und aus diesem Grunde sind es letztlich die Führer der Sowjetunion, die in den vor uns liegenden Wochen die schwere Verantwortung
der Wahl tragen müssen, ob wir diese Schritte weiterverfolgen - oder
ob wir an neue Versuche herangehen.
Wenn sie überzeugt sind, daß ihren Interessen durch den gegenwärtigen Gang der Ereignisse nicht länger gedient ist, dann - so hoffe ich
inständig - werden sie einem wirksamen Vertrag zustimmen. Wenn sie sich
jedoch weiterhin allen Mitteln einer wahren Inspektion widersetzen,
dann wird uns keine andere Wahl bleiben als unser Verteidigungsarsenal
so zu halten, daß es für die Sicherheit aller freien Menschen ausreicht.
Wir hoffen und beten, daß diese schrecklichen und unerfreulichen
Versuche niemals durchgeführt, daß diese todbringenden Waffen niemals
angewendet werden müssen - und daß unsere Vorbereitungen für den Krieg
uns die Erhaltung des Friedens bringen werden. Unser oberstes Ziel ist
die Kontrolle, nicht die Anwendung der Gewalt in einer Weltfin der die
Menschheit Sicherheit findet. Aber was immer die Zukunft bringt, ich bin
durch meinen Eid dazu verpflichtet, die Freiheit des amerikanischen Volkes zu wahren und zu verteidigen - und ich werde alles tun, was getan
werden muß, um diese feierliche Verpflichtung zu erfüllen.
* * * * «
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D I E N S T

Allg./9.3.1962
DIE AMERIKANISCH-SOWJETISCHE GRUNDSATZERKLÄRUNG
ZUR ABRÜSTUNG VOM 20. SEPTEMBER 1961

Am 20. September 1961 unterbreiteten di e USA und die UdSSR
der UN-Vollversammlung eine Gemeinsame Erklärung über die
grundsätzlichen Übereinstimmungen, die die bevollmächtigten
Vertreter beider Länder bei den Abrüstu ngsgesprächen erzielt
haben, die im Juni 1961 in Washington, im Juli 1961 in Moskau und im September 1961 in New York s tattfanden. Die Vereinten Nationen wurden unterrichtet, da ß diese Grundsätze
als Richtlinien für künftige Abrüstungs Verhandlungen dienen
sollen. Sie werden auf der am 14» März in Genf beginnenden
Abrüstungskonferenz von maßgebender Bed eutung für die Beurteilung der Ausgangspositionen der Ve rhandlungspartner
sein. Die Grundsatzerklärung vom 20. Se ptember 1961 hatte
folgenden Wortlaut:

Gemeinsame Erklärung über vereinbarte Grundsätze
für Abrüstungsverhandlungen

Nachdem auf Grund ihres in der UN-Vollversammlung am 30. März
1961 getroffenen Übereinkommens ein umfassender Austausch ihrer Ansichten über die Abrüstung stattgefunden hat, und
sie mit Besorgnis zur Kenntnis genommen haben, daß das anhaltende Y/ettrüsten eine schwere Bürde für die Menschheit darstellt und Gefahren für den Weltfrieden birgt, und
unter erneuter Bekräftigung ihres Festhaltens an sämtlichen
Bestimmungen der Resolution 1378 (XIV) der UN-Vollversammlung vom
20. November 1959 sowie
unter Anerkennung, daß es zur Erleichterung des Zustandekommens
einer allgemeinen und vollständigen Abrüstung in einer friedlichen

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�'AMERIKA DIENST"

9. März 1 962

Welt von Wichtigkeit ist, daß alle Staaten sich an die bestehenden
internationalen Abkommen halten, von allen Handlungen absehen,
die die internationalen Spannungen vermehren könnten und sich
durch friedliche Mittel um eine Lösung aller Streitfragen bemühen,
sind die Vereinigten Staaten und die UdSSR übereingekommen,
folgende Grundsätze als Basis für künftige multilaterale Abrüstungsverhandlungen zu empfehlen und die anderen Staaten aufzufordern,
mit ihnen bei der Erzielung eines baldigen Abkommens über eine
allgemeine und vollständige Abrüstung in einer friedlichen Welt
gemäß diesen Prinzipien zusammenzuarbeiten.
1 . Ziel der Verhandlungen ist die Erziehung eines Übereinkommens über ein Programm, durch das die Sicherheit geboten
wird, daß
a) die Abrüstung allgemein und vollständig und der Krieg
nicht länger mehr ein Instrument zur Lösung internationaler Probleme ist, und
b) mit einer solchen Abrüstung die Schaffung zuverlässiger
Verfahren einhergeht, um Streitfälle friedlich beizulegen und wirksame Vorkehrungen zu treffen, um in Übereinstimmung mit den Prinzipien der UN-Charta den Frieden
zu erhalten.
2. Das Programm für eine allgemeine und vollständige Abrüstung soll sicherstellen, daß die Staaten nur über solche
nichtnuklearen Waffen, Streitkräfte, Einrichtungen und Anlagen verfügen, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Inneren und zum
Schutz der persönlichen Sicherheit ihrer Bürger übereinkunftsgemäß
notwendig sind; und daß die Staaten ein vereinbartes Kontingent für
eine UN-Friedenstruppe bereitstellen und unterhalten werden.
3. Zu diesem Behuf soll das Programm für eine allgemeine und
vollständige Abrüstung die notwendigen Bestimmungen hinsichtlich
der militärischen Einrichtungen jedes Staates enthalten für:

al

-

2

-

�"AMERIKA DIENST"

9. März 1962

a) die Auflösung der Streitkräfte, den Abbau militärischer
Anlagen, einschließlich von Stützpunkten, die Einstellung
der Rüstungsproduktion und ihre Vernichtung oder Umstellung für friedliche Zwecke;
b) die Vernichtung aller Kernwaffenarsenale sowie der Chemischen und bakteriologischen Kampfmittel sowie anderer Massenvernichtungswaffen und die Einstellung der Produktion
derartiger Waffen;
ö) die Vernichtung aller Einsatzmittel für Massenvernichtungswaffen;
d) die Auflösung der Organisationen und Institutionen, die
dem Aufbau der militärischen Stärke der Staaten dienen,
die Einstellung militärischer Ausbildung und die Schließung
aller militärischer Ausbildungseinrichtungen;
e) Einstellung der Ausgaben für militärische Zwecke.

4« Das Abrüstungsprogramm sollte in einer vereinbarten Folge
durchgeführt werden - stufenweise bis zu seiner Vollendung, wobei
für jede Maßnahme und jede Stufe bestimmte Termine einzuhalten
sind. Der Übergang zu der nächstfolgenden Stufe bei dem Abrüstungsvorgang sollte erst nach Überprüfung der Durchführung jener Maßnahmen erfolgen, die zu der vorhergehenden Stufe gehörten und nach
der Entscheidung, daß alle diese Maßnahmen durchgeführt und verifiziert worden sind und daß jegliche weiteren Verifizierungsvorkehrungen, die für die in der nächsten Stufe vorgesehenen Maßnahmen notwendig werden, wenn erforderlich, einsatzbereit sind.
5- Alle Maßnahmen zu einer allgemeinen und vollständigen Abrüstung sollen so ausgewogen sein, daß auf keiner Stufe bei der
Durchführung des Vertrages irgendein Staat oder eine Staatengruppe
einen militärischen Vorteil erlangen können und daß für alle die
Sicherheit in gleicher Weise gewährleistet wird.

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3 -

,

�"AMERIKA DIENST"

9. März 1 962

6. Alle Abrüstungsmaßnahmen sollten von Anfang an bis zum Abschluß unter einer so strikten und wirksamen internationalen Kontrolle durchgeführt werden, daß die feste Gewähr gegeben ist, daß
alle Parteien ihren Verpflichtungen nachkommen. Während und nach
der Durchführung der allgemeinen Abrüstung sollte eine äußerst gründliche Kontrolle ausgeübt werden, wobei Art und Ausmaß dieser Kontrolle
von den Erfordernissen für die Verifizierung der in dem jeweiligen
Stadium zur Durchführung gelangenden Abrüstungsmaßnahmen abhängt.
Zur Durchführung der Kontrolle über die Abrüstung und zu ihrer Inspektion sollte im Rahmen der Vereinten Nationen eine internationale
Abrüstungsorganisation gebildet werden, der alle Partner des Abkommens angehören sollen. Dieser internationalen Abrüstungsorganisation
und ihren Inspektoren sollte ungehinderter Zugang ohne Veto zu allen
Plätzen zugesichert werden, wie es zum Zweck einer wirksamen Verifizierung als notwendig erachtet wird.
7. Neben dem Fortschritt in der Abrüstung sollten Maßnahmen zur
Stärkung von Institutionen zur Aufrechterhaltung des Friedens und
der Regelung internationaler Streitfragen mit friedlichen Mitteln
einhergehen. Während und nach der Verwirklichung des Programms der
allgemeinen und vollständigen Abrüstung sollten in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen die notwendigen
Schritte unternommen werden, um den Weltfrieden und die internationale
Sicherheit aufrechtzuerhalten, wozu die Verpflichtung der Staaten
gehört, den Vereinten Nationen eine vereinbarte Zahl von Soldaten zur
Verfügung zu stellen, die für die Aufstellung einer internationalen,
mit vereinbarten Typen von Waffen ausgerüsteten Friedensstreitmacht
erforderlich sind. Die Vereinbarungen über den Einsatz dieser Truppen
sollten sicherstellen, daß die Vereinten Nationen jede Androhung oder
Ausübung von Waffengewalt in Verletzung der Zielsetzungen und Prinzipien der Vereinten Nationen wirksam verhüten oder unterbinden können.
8^

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�"AMERIKA DIENST"

9. März 1 962

8. Die an den Verhandlungen beteiligten Staaten sollten versuchen, zu dem frühestmöglichen Zeitpunkt das größtmögliche Übereinkommen zu erreichen und zu verwirklichen. Die Bemühungen sollten
so lange ohne Unterbrechung weitergeführt werden, bis ein Abkommen
über das Gesamtprogramm erreicht ist, und es sollten ohne Rücksicht
auf den Fortschritt im Übereinkommen über das Gesamtprogramm Bemühungen zur Sicherstellung einer baldigen Vereinbarung über und einer
Verwirklichung von Abrüstungsmaßnahmen unternommen werden, und zwar
in solcher Weise, daß diese Maßnahmen das Gesamtprogramm erleichtern
und Bestandteil desselben werden würden."

*

*

*

In Absatz 6 der Grundsatzerklärung wurde auf Grund sowjetischer
Einwände eine Klausel gestrichen; jedoch betonten die USA, daß sie
folgenden Satz bei Abrüstungsverhandlungen oder -abkommen als unerläßlich ansehen:
"Eine solche Verifizierung sollte sicherstellen, daß nicht nur
die vereinbarten Begrenzungen oder Reduzierungen vorgenommen worden
sind, sondern auch die beibehaltenen Streitkräfte und Rüstungen in
keinem Stadium den vereinbarten Stand überschreiten."

* * * * *

5

-

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./23.3.1962

ERKLÄRUNG RUSKS ZU BEGINN DER GENFER ABRÜSTUNGSKONFERENZ

GENF - (AD) - Nachsteh end übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Erklärung des amerikanischen Außenministers Dean Rusk vom 15«
März 1962 zu Beginn der Genfer 17-MächteAhrüstungskonferenz.

"Ich freue mich, Gelegenheit zu haben, hier in diesem Saal
en Außenministern und den Chefdelegierten der an der Konmit den
ferenz teilnehmenden Länder zusammenzutreffen.
Ich überbringe Ihnen die Grüße des amerikanischen Präsidenten und die aufrichtigsten Wünsche des amerikanischen Volkes für
einen Erfolg unserer Arbeit.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich ein Schreiben verlesen, das der Präsident an mich gesandt hat.
'Sehr geehrter Herr Außenminister,
in dem Augenblick, da Sie und Ihre Kollegen aus allen Teilen
der Welt mit der Arbeit der Genfer Abrüstungskonferenz beginnen, mag
es unnötig erscheinen, noch einmal zu erklären, daß es bei dem Vorhaben, an dem Sie beteiligt sind, um die Hoffnungen, ja die Zukunft
der Menschheit geht. Und doch ist die Tatsache, daß die unmittelbare und praktische Bedeutung der Aufgabe, die Sie zusammengeführt
hat, von den Völkern der Welt in ihrer ganzen Tragweite erkannt
wird, eine der entscheidendsten Entwicklungen unserer Zeit. Denn
die Menschheit weiß jetzt, daß eine Anhäufung zerstörerischer Waffen
nicht zur Sicherheit führt; sie weiß, daß Polemik nicht den Frieden bringt. Verstandes- und gefühlsmäßig und auf Grund ihres ganzen geistigen Strebens verlangt die Menschheit nicht weniger als
eine Umkehr des Laufes der jüngsten Geschichte - sie verlangt,
daß an die Stelle immer größerer Vorräte an Vernichtungswaffen die
immer größer werdenden Möglichkeiten für menschliche Errungenschaften und Leistungen treten. Es ist Ihre Aufgabe als Vertreter der
Vereinigten Staaten, gemeinsam mit Ihren Kollegen außerordentliche
-

1

-

�"ALIERIKA DIENST"

23. März

1 962

außerordentliche Anstrengungen in Richtung auf dieses Ziel hin zu
unternehmen.
Diese Aufgabe, die als oberster Punkt auf der Tagesordnung
der Menschlichkeit steht, ist weder schnell noch einfach zu bewältigen. An sie muß mit Kühnheit und mit Verantwortung herangegangen
werden. Es ist eine Aufgabe, deren Größe und Dringlichkeit es
rechtfertigen, daß die größten Möglichkeiten schöpferischer Staatskunst, die die internationale Gemeinschaft zu bieten hat, zum Tragen gebracht werden, denn es geht hierbei um die Zukunft der Menschheit schlechthin.
Wir müssen uns von Anfang an dazu verpflichten, daß wir in unseren Anstrengungen nicht nachlassen und sie so lange fortsetzen
werden, bis die Arbeit getan ist. Wir dürfen uns weder durch anfängliche Meinungsverschiedenheiten entmutigen noch durch die Spannungen, die uns umgeben und unsere Arbeit noch schwieriger machen,
in unserer Entschlossenheit schwächen lassen. Denn kontrollierbare
Abrüstungsvorkehrungen sind keine Schönwetterphänomene. Ein Deich
wird nicht benötigt, wenn die See ruhig ist. Vernünftige Abrüstungsvereinbarungen, die sich auf das gemeinsame Interesse der Menschheit
am Fortbestehen gründen, müssen als ein Bollwerk gegen die Flutwelle
des Krieges und seiner Zerstörungskraft dienen. Es soll daher keiner
sagen, daß wir in gefährdeten Zeiten derartige Abkommen nicht erreichen könnten, denn gerade dann sind sie ja am nötigsten.
Es ist mein aufrichtigster Wunsch, daß kein Versuch unterlassen
wird, um auf allen drei wichtigen Ebenen, auf die Premierminister
Macinillan und ich uns in unserem gemeinsamen Schreiben an Ministerpräsident Chruschtschow vom f. Februar bezogen haben, Gebiete der
Übereinstimmung zu erreichen. Ich hoffe, daß Sie, ausgehend von den
bereits vereinbarten Prinzipien, in Kürze zur Übereinkunft über
einen Rahmen berichten können, der den Umriß eines Gesamtprogrammes
für eine allgemeine und völlige Abrüstung in einer friedlichen Welt
festlegt. Ich habe im Hamen der USA im vergangenen September der UNVollversammlung einen derartigen Rahmen vorgelegt. Aber der Rahmen
allein genügt nicht. Sie sollten sich, sobald sich Gebiete der Übereinstimmung ergeben, außerdem um eine in vertraglicher Form festgelegte Definition der in dem Rahmen dargelegten Maßnahmen bemühen. Das
Ziel sollte es sein, in Vertragsform das weitestmögliche Gebiet an
Übereinstimmung festzulegen, das zum frühestmöglichen Zeitpunkt verwirklicht werden kann, während Sie gleichzeitig alle nur möglichen
Anstrengungen fortsetzen, um ein Übereinkommen über jene anderen
Aspekte zu erreichen, die größere Schwierigkeiten bieten. Als ein •
drittes spezifisches Ziel sollten Sie versuchen, anfängliche Abrüstungsmaßnahmen zu isolieren und zu identifizieren, die - wenn sie
ohne Verzögerung in Kraft gesetzt werden - die internationale Sicherheit und die Aussichten für weitere Abrüstungsschritte wesentlich
verbessern. In diesem Zusammenhang sollten Sie sich vordringlichst
um ein Abkommen über die kontrollierte Einstellung der Kernwaffenversuche bemühen. An diesem Kreuzweg der Geschichte könnte Iceine

2

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�"AMERIKA DIENST

23. März 1962

keine einzelne Maßnahme auf dem Gebiete der Abrüstung von konkreterem Nutzen bei der Verminderung der Spannungen und der Förderung
der Aussichten für größere Fortschritte sein.
Übermitteln Sie bitte den Vertretern der in Genf versammelten
Länder in meinem Namen und im Namen der Bevölkerung der Vereinigten
Staaten, daß wir die Beratungen, die Sie aufzunehmen im Begriffe
sind, zutiefst und rückhaltlos unterstützen. Ich bekräftige erneut
mein persönliches und anhaltendes Interesse an dieser Arbeit.
Mit den herzlichsten persönlichen Grüßen

gez.

John F. Kennedy'

Wir alle stimmen - dessen bin ich sicher - darin überein, daß
diese Konferenz sich einer der kompliziertesten, aber auch dringendsten Aufgaben gegenübersieht, mit der sich die Menschheit auseinandersetzen muß. Bei dieser Aufgabe begrüßen wir es, daß sich uns die
Delegierten solcher Länder angeschlossen haben, die sich vorher nicht
so stark mit den Abrüstungsverhandlungen befaßt haben. Die betrübliche Geschichte jener Verhandlungen zeigt, daß wir ihre Hilfe und
neue Gesichtspunkte brauchen. Die Anwesenheit dieser Delegationen
erinnert uns außerdem daran, daß das Wettrüsten nicht ausschließlich
die Großmächte angeht. In allen Gebieten der »Veit müssen sich Länder
mit ihren besonderen Konflikten und Spannungen auseinandersetzen,
und einige von ihnen sind auch von dem Wettrüsten betroffen.
Wir sind hier nicht versammelt, um uns lediglich mit einer einzelnen Auseinandersetzung zu befassen, an der einige wenige große
Staaten beteiligt sind, während die übrige Welt die Rolle des Zuschauers einnimmt. Jeder Staat hat einen Beitrag zur Schaffung von
Bedingungen für eine allgemeine Abrüstung auf seine Weise zu leisten.
Jeder Staat hat die Verantwortung, sich um eine Verminderung der
Spannungen und der Rüstungen in seinem Bereich zu bemühen.
Das bedeutet, daß jeder von uns persönliche Verantwortung für
das, was wir hier tun, tragen wird. Jede Rede und jede Handlung muß
uns dem gemeinsamen Ziel näher bringen. Gleichzeitig aber bringt
jeder von uns seinen besonderen Schatz an Erfahrungen, die für
unser Problem von Belang sind, für die Abrüstungsbemühungen mit.
So haben die Vereinigten Staaten zum Beispiel eine wichtige neue
Regierungsbehörde geschaffen, deren Aufgabe darin besteht, alle
ihre Fähigkeiten und ihre Hilfsquellen zu mobilisieren, um jeden
brauchbaren Weg zu einer Verminderung der Rüstung herauszufinden und
zu prüfen.
Was

-

5 -

�23. März 1962

"AMERIKA DIENST"

Was not tut, ist die sofortige Reduzierung und schließliche
Eliminierung aller zur Kriegführung erforderlichen nationalen
Rüstungen und Streitkräfte. Am dringendsten ist es erforderlich,
das atomare Wettrüsten zum Stillstand zu bringen. Wir alle erkennen,
daß dies ein kritischer Augenblick ist. Wir sind hier zusammengekommen, weil wir gemeinsam davon überzeugt sind, daß das Wettrüsten
gefährlich ist und daß jedes Mittel staatsmännischer Kunst benutzt
werden muß, um es zu beenden. Wie der amerikanische Präsident am 2.
März erklärte, sind die Vereinigten Staaten davon überzeugt, 'daß auf
lange Sicht die einzige wirkliche Sicherheit in diesem Zeitalter
der atomaren Gefahr nicht in der Rüstung, sondern in der Abrüstung
liegt'.
Die modernen Waffen sind von einer in der Geschichte ganz neuen
Art. Eine einzige thermonukleare Bombe kann heute eine Explosivkraft haben, die der sämtlicher im letzten Krieg verwendeten Waffen
gleichkommt. Gelangten diese Bomben im letzten Krieg mit einer Geschwindigkeit von etwa fünfhundert Kilometern in der Stunde zum
Einsatz, so fliegen sie heute mit einer Geschwindigkeit von fast
fünfhundert Kilometern in der Minute. Durch die immer komplizierter
gewordenen Konstruktionen und das immer schnellere Veralten dieser
Waffen sind ihre Kosten kometenhaft angestiegen.
Unser Ziel ist daher durchaus klar. Wir müssen die Werkzeuge
der Zerstörung beseitigen. Wir müssen verhindern, daß durch Zufall
oder durch Absicht ein Krieg ausbricht. Wir müssen die Bedingungen
für eine sichere und friedliche Welt schaffen. Wenn wir dies tun,
können wir die Macht und Energie der Wissenschaft ausschließlich
friedlichen Zwecken zuführen, die Bürde des Wettrüstens abwerfen und
damit unsere Fähigkeit zur Erhöhung des Lebensstandards auf der
ganzen Welt steigern.
Eine Expertengruppe bei den Vereinten Nationen hat soeben einen
eindrucksvollen Bericht über die wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen der Abrüstung herausgegeben, der uns in unserer Arbeit
noch bestärken sollte. Diese Fachmänner, die aus Ländern mit den unterschiedlichsten politischen Systemen zusammengerufen worden sind,
äußerten einstimmig die Meinung, daß die mit der Abrüstung verbundenen Probleme der Umstellung zum Wohl und Segen aller Länder gelöst
werden könnten und daß die Abrüstung zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse auf der Welt führen würde.Sie
bezeichneten das Zustandekommen einer allgemeinen und vollständigen
Abrüstung als einen beispiellosen Segen für die gesamte Menschheit.
Das ist der Geist, in dem wir in den Vereinigten Staaten an die
wirtschaftlichen Umstellungen und Anpassungen herangehen würden, die
notwendig wären, sollten uns umfassende und einschneidende Senkungen
des Rüstungsniveaus gelingen. Die Vereinigten Staaten sind ein Land,
in dem es noch gewaltige unerledigte Aufgaben zu lösen gibt. Eine Ab
rüstung würde uns die Möglichkeit geben, unsere Aufgabe des Aufbaus
eines besseren Amerika weiterzuführen und durch eine intensivierte

- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

23. März 1 962

intensivierte wirtschaftliche Entwicklung die Gestaltung einer
besseren Welt voranzubringen. Die große Verheißung, die in den
Fähigkeiten und Begabungen des Menschen liegt, sollte nicht
.durch
seine Unfähigkeit zunichte gemacht werden, mit Krieg und Kriegswerkzeugen fertig zu werden. Der Mensch ist ein Wesen mit schöpferischer Begabung, und wir können gewiß nun endlich mit unseren Händen
und unserem Geist an die Aufgabe einer politischen Gestaltung herangehen, die notwendig ist, um das Gesetz des Dschungels aus der Welt
zu schaffen.
Wie können wir zu einer solchen Abrüstung gelangen?
Das amerikanische Volk trägt seine Waffen gezwungenermaßen und
nicht aus freier Wahl. Die Vereinigten Staaten,- die aus dem zweiten
Weltkrieg in einer einzigartigen militärischen Machtposition hervorgingen, demobilisierten ihre Streitkräfte und haben sich beharrlich
bemüht, die Verwendung der Atomenergie - damals noch ein amerikanisches
Monopol - einer internationalen Kontrolle zu unterstellen. Die Tatsache, daß die Geschehnisse der. Nachkriegszeit uns immer größere Verteidigungsanstrengungen aufzwangen, ist eine sehr bittere Enttäuschung.
Diese Enttäuschung hat uns gelehrt, daß Hand in Hand mit einem wirklichen Fortschritt in der Abrüstung eine Verminderung der Spannungen
gehen muß. Wir müssen, wie ich glaube, an beiden gleichzeitig arbeiten.
Einerseits wäre es unsinnig, zu erwarten,.daß wir auf dem Weg
zur Abrüstung weit voranschreiten können, wenn jene, die behaupten,
auch nach ihr zu streben, sich nicht um eine Entspannung und um die
Herstellung eines Verhältnisses des Vertrauens bemühen. Vertrauen kann
nicht auf der Basis von Drohungen, Polemiken und gestörten Beziehungen
geschaffen werden.
Andererseits könnten wir dadurch, daß wir die Mittel zur militärischen Einschüchterung abbauen und schließlich ganz eliminieren,
vielleicht auch die akute Gefahr, die unseren politischen Krisen
innewohnt, ein wenig mildern und die Möglichkeiten ihrer Lösung auf
friedlichem Wege vergrößern.
Es wäre sehr wenig aufrichtig, würde ich nicht auf die schädlichen Auswirkungen hinweisen, die absichtlich geschürte Krisen auf
unsere Arbeit hier haben können. In der Gemeinsamen Erklärung über
vereinbarte Grundsätze für Abrüstungsverhandlungen, die am 20. September 1961 veröffentlicht wurde, bekräftigten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, daß es 'zur leichteren Erzielung einer
allgemeinen und vollständigen Abrüstung in einer friedlichen Welt
wichtig ist, daß alle Staaten sich an die bestehenden internationalen
Abmachungen halten, daß sie keine Maßnahmen ergreifen, durch die
internationale Spannungen verschärft werden könnten, und daß sie sich
um die Lösung aller Streitfragen mit friedlichen Mitteln bemühen1.
Wir sehen uns jedoch Krisen gegenüber, die ihre Schatten zwangsläufig
auch in diesen Konferenzsaal werfen müssen.
Das.

-

5 -

�"AMERIKA DIENST"

23. März 1962

Das gleiche kann von dem Mißerfolg unserer so hoffnungsvoll
begonnenen Bemühungen zum Abschluß eines wirksamen Abkommens über
die Beendigung der Kernwaffenversuche gesagt werden. Es läßt sich
aus diesen Überlegungen eine ganz offenkundige Lehre ziehen - daß
nämlich eine allgemeine und vollständige Abrüstung mit der Schaffung
von zuverlässigen Methoden und Verfahren zur friedlichen Lösung von
Streitfällen und wirksamen Vorkehrungen zur Erhaltung des Friedens
in Übereinstimmung mit den Prinzipien der UN-Charta einhergehen muß.
Denn die Herrschaft und der Geist des Rechts müssen bestimmend sein,
wenn die Welt abgerüstet werden soll.
Wir werden in dem Maße, verstärkten Nachdruck auf diesen Punkt
zu legen haben, wie wir auf dieser Konferenz Fortschritte erzielen.
Eine Welt ohne Rüstung muß eine dem Recht und Gesetz ergebene Welt
sein, in der eine Friedenstruppe der Vereinten Nationen imstande ist,
mit internationalen Verletzungen des Friedens fertig zu werden. Mit
den Worten der Geraeinsamen Erklärung: 'Fortschritte in der Abrüstung
müssen mit Maßnahmen zur Stärkung der Institutionen für die Erhaltung
des Friedens und mit der Beilegung internationaler Zwiste durch friedliche Mittel Hand in Hand gehen'.
Glücklicherweise gibt es ein Zeichen, das uns zu der Hoffnung
berechtigt, diese Konferenz werde noch zur rechten Zeit das Fundament
für eine Welt ohne Krieg legen.
Zum ersten Mal beginnt eine Abrüstungskonferenz ihre Tätigkeit
in einem gemeinsam vereinbarten Rahmen - der Gemeinsamen Erklärung
über die vereinbarten Grundsätze - die von all unseren Regierungen
zusammen mit den anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen begrüßt
worden ist. Die Vereinigten Staaten betrachten diese Gemeinsame Erklärung als ihren Ausgangspunkt. Unser Ziel ist es, auf dieser Basis
aufzubauen und diese Grundsätze in der Praxis anzuwenden.
Das Programm der Vereinigten Staaten für eine allgemeine und vollständige Abrüstung in einer friedlichen Welt, das am 25. September
1961 den Vereinten Nationen vorgelegt worden ist, sollte den vereinbarten Prinzipien Leben verleihen. Es ist seiner Anlage nach und in
der Aufzählung der Punkte, die während des ersten und der folgenden
Stadien des Abrüstungsprozesses verwirklicht werden können, umfassend.
Es ist so gestaltet, daß eine Gefährdung der Sicherheit eines jeden
Staates vermieden werden kann. Es zielt auf eine ausgewogene und verifizierte Abrüstung in aufeinanderfolgenden Stadien ab. Es ist jedoch
nicht starr. Es ist dazu bestimmt, als Verhandlungsgrundlage zu dienen.
Lieser Konferenz liegt noch ein anderer, von der Sowjetunion unterbreiteter Plan vor. Ein Vergleich dieser beiden Pläne miteinander
wird einige Gebiete der Übereinstimmung aufzeigen. Wir halten es für
die Aufgabe dieser Konferenz, sich darum zu bemühen, diese Gebiete
der Übereinstimmung zu vergrößern und damit zu spezifischen Maßnahmen
zu gelangen, die von allen mit Vertrauen ergriffen werden können.
Die

�"AMERIKA DIENST"

23. März 1962

Die Vereinigten Staaten möchten auf dieser Konferenz einige
Anregungen und Vorschläge bezüglich des künftigen Kurses unseres
Handelns unterbreiten - einmal, was die Zielsetzung und das Verfahren anbetrifft, und zum andern, was das Arbeitsprogramm der Konferenz angeht.
Wir sind der Überzeugung, daß das Endziel die detaillierte Ausarbeitung eines Vertrages oder von Verträgen sein sollte, mit denen
ein vereinbartes Programm für eine allgemeine und vollständige Abrüstung in einer friedlichen Welt verwirklicht wird. Um dies zu
erreichen, schlagen wir vor, daß alle Delegationen übereinkommen,
unsere Anstrengungen auf dieser Konferenz so lange ohne Unterbrechungen - außer denen, die wir alle übereinstimmend als wünschenswert
oder für unsere Aufgabe als notwendig ansehen - fortzusetzen, bis
ein Gesamtprogramm für eine allgemeine und vollständige Abrüstung
zustande gebracht worden ist.
Was die Verfahren anbetrifft, so schlagen wir vor, daß wir
Mittel und Wege suchen sollten, um ein Höchstmaß an Zwanglosigkeit
und Flexibilität zu erreichen. Wir sind nicht der Ansicht, daß der
beste Weg zum Fortschritt darin besteht, daß wir unsere Zeit und
unsere Energie für endlose und sterile Debatten aufwenden. Daher
werden die Vereinigten Staaten vorschlagen, daß wir, nachdem allen
genügend Zeit für die Eröffnungserklärungen gegeben worden ist, den
Arbeitsplan der Vollsitzungen der Konferenz reduzieren, so daß die
Fragen und Probleme auf informellen Zusammenkünften und in Unterausschüssen erörtert werden können, was wahrscheinlich eher zu einem
Übereinkommen führen wird.
Lassen Sie mich nun zu den Vorschlägen für die Arbeit der Konferenz kommen.
Der erste Vorschlag geht dahin, daß die Konferenz ein Programm
einer allgemeinen und vollständigen Abrüstung in seinen Umrissen ausarbeitet und billigt, das in den der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen bis zum 1. Juni vorzulegenden Bericht aufgenommen werden
kann. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß die Konferenz
zur Erfüllung dieser ersten Aufgabe anfänglich vor allem bestrebt
sein sollte, die Gebiete der Übereinstimmung zu konsolidieren und
zu erweitern und die Differenzen, die zwischen dem Abrüstungsplan
der Vereinigten Staaten und dem der Sowjetunion bestehen, auszugleichen. Dies sollte zur Ausarbeitung eines einzigen Programms für
eine allgemeine und vollständige Abrüstung führen, das die Unterstützung aller finden kann. Dieses vereinbarte Programm könnte sehr
wohl die Form einer gemeinsamen Erklärung haben, die von allen hier
vertretenen Staaten den Vereinten Nationen vorgelegt werden könnte.
Ein solches Programm wiederum könnte den Rahmen für einen Vertrag
oder für Verträge abgeben, die das vereinbarte Gesamtprogramm in Kraft
setzen würden.
Selbstverständli

- 7 -

�2 3 . März 1962

'AMERIKA DIENST

Selbstverständlich aber müssen unsere Ziele noch ehrgeizigere
sein.
Wir sollten unverzüglich beginnen, das in seinen Umrissen
entworfene Gesamtprogramm zu konkretisieren. V/o immer es möglich
ist, sollten wir uns um spezifische, bindende Absprachen bemühen,
die unverzüglich in Kraft gesetzt werden können. Man braucht damit
nicht bis zu einer Einigung über den Rahmen als Ganzes zu warten.
Auch sollte die Entwicklung eines Gesamtprogramms dadurch nicht behindert werden. Wo immer das gemeinsame Interesse es gestattet, können
und sollten wir festumrissene spezifische Maßnahmen so rasch wie möglich zu verwirklichen suchen.
Als einen ersten Schritt zur detaillierten Vervollständigung ,
dieses Programms unterbreiten die Vereinigten Staaten folgende
Vorschläge:
1. Wir schlagen vor, daß in die erste Phase des Abrüstungsprogramms eine dreißigprozentige Reduzierung der Kernwaffenträger und
der wichtigsten konventionellen Waffen aufgenommen wird. Wir schlagen
vor, daß die strategischen Kernwaffenträger nicht nur in der Zahl,
sondern auch hinsichtlich ihrer Zerstörungskraft reduziert werden.
Wir schätzen, daß diese Reduzierung bei einer Zusammenarbeit auf
Treu und Glauben innerhalb von drei Jahren erreicht werden kann.
In jeder der späteren Phasen können nach unserer Auffassung ähnliche
Reduzierungen vorgenommen werden. Es wird jedoch anerkannt, daß nach
den V/orten der gebilligten Grundsatzerklärung 'alle Maßnahmen der
allgemeinen und vollständigen Abrüstung so ausgewogen sein sollen, daß
in keiner Phase der Verwirklichung des Vertrages ein Staat oder eine
Staatengruppe militärische Vorteile erlangen kann und daß die Sicherheit für alle in gleicher Weise gewährleistet ist'.
Aber ein Abkommen über eine solche Reduzierung und die Durchführungsmaßnahmen wäre ein bedeutsamer Fortschritt. Er würde die
Drehung der Rüstungsschraube umkehren, eine Abnahme an die Stelle
der Zunahme setzen, und die Menschen könnten anfangen, die Freiheit
von Furcht vor der Massenvernichtungskraft solcher Waffen zu gewinnen.
2. Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, schon zu Beginn
der ersten Stufe die weitere Produktion irgendeines spaltbaren Materials
für Waffenzwecke zu stoppen. Wir schlagen nunmehr vor, daß danach die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion während der ersten Stufe dem
Transfer von jeweils 50 000 Kilogramm Uran-235 in seiner für Waffenzwecke
angereicherten Form für nichtmilitärische Aufgaben zustimmen. Eine
derartige Maßnahme würde sozusagen einen Stoß in das Herz der Kernwaffenproduktion bedeuten. Diesem Transfer zu Beginn sollten weitere
in den darauffolgenden Stadien des Abrüstungsprogrammes folgen. Die
jetzt ausschließlich für militärische Zwecke verwendeten Quellen
könnten dann friedlichen Zwecken nutzbar gemacht werden.
5 . Die

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8

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�•AMERIKA DIENST"

23. März 1962

3. Die Vereinigten Staaten schlagen ferner vor, daß das
Abrüstungsprogramm eine baldige Aktion in biezug auf spezifische,
weltweite Maßnahmen einschließt, durch die das Risiko eines Krieges durch Zufälle, Fehldeutungen, Versagen von Nachrichtenmitteln
oder Überraschungsangriffe vermindert wird. Diese Maßnahmen lassen
sich rasch ausarbeiten. Durch sie wird das Vertrauen unbedingt
gestärkt werden. Sie werden damit die Wahrscheinlichkeit eines Krieges verringern.
Wir sind vorbereitet, konkrete Vorschläge für ein Handeln
auf folgenden Gebieten vorzulegen:
a.

Vorherige Ankündigung militärischer Bewegungen, wie z.B.
große Truppenverschiebungen, Übungen und Manöver, Flüge
sowie Raketenabschüsse.

b.

Errichtung von Beobachtungsposten in wichtigen Häfen, an
Eisenbahnknotenpunkten, Autostraßen, auf Brücken und Flugplätzen, die über Truppenkonzentrationen und -bewegungen
berichten .

c.

Einrichtung von Luftinspektionszonen und Einsatz beweglicher
Inspektionsgruppen, um den Schutz vor Überraschungsangriffen
zu verbessern.

d.

Bildung einer internationalen Kommission für Maßnahmen
zur Reduzierung des Risikos eines Krieges, deren Aufgabe
es sein soll, die auftretenden technischen Probleme objektiv zu prüfen.

4. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß die Teilnehmer an
dieser Konferenz mit aller Dringlichkeit nach allgemein akzeptablenMethoden suchen, die die Erfüllung der Abrüstungsverpflichtungen gewährleisten. Wir werden jeden Weg mit Wohlwollen prüfen, der zum Fortschritt zu führen verspricht, ohne daß die Sicherheit geopfert wird.
Wir dürfen uns von dieser Bemühung nicht durch den allzusehr
strapazierten Versuch abbringen lassen, Verifizierung mit Spionage
gleichzusetzen. Ein solcher verfehlter Versuch geht an dem entscheidenden Punkt bei den Verifizierungsmaßnahmen vorbei. Man wird von
keiner Regierung - weder der eines großen noch der eines kleinen
Landes - erwarten können, daß sie sich auf Abrüstungsabmachungen einläßt, unter denen ihr Land das Opfer der Unredlichkeit anderer werden
könnte.
Auf anderen Gebieten werden Prüf- und Überwachungssysteme üblicherweise so eingebaut, daß die Vertrauensfrage nicht gestellt zu
werden braucht. Vertrauen erwächst aus dem Wissen - Mißtrauen und
Furcht haben ihre Wurzeln im Nichtwissen. Dies ist seit Beginn der
Geschichte immer so gewesen.
joaaaY,

�23. März 1962

AMERIKA DIENST

Lassen Sie mich noch diesen einen Punkt klarstellen: Die
Vereinigten Staaten fordern die Inspektion nicht um der Inspektion
willen. Inspektion dient keinem anderen Zweck als der Gewährleistung,
daß die Verpflichtungen eingehalten werden . Die Vereinigten Staaten
werden alles, was notwendig ist, tun, um den anderen die Sicherheit
zu geben, daß sie ihren Verpflichtungen nachgekommen sind; es würde
uns jedoch schwerfallen, zu verstehen, warum andere nicht das gleiche
tun können. Wir werden uns mit jeder vernünftigen Vorkehrung zufriedengehen, die den Risiken angemessene Sicherheiten bietet. Wir fordern keine Inspektion in einem Ausmaß, das zu der Art und dem Umfang
der tatsächlich in Angriff genommenen Abrüstung in keinem Verhältnis
steht. Was wir anstreben, ist eine kluge Vorsicht im Interesse der
Sicherheit von uns allen - und nichts weiter.
f

Wir sind bereit, gemeinsam die verschiedenen Mittel und Wege
zu prüfen, mit denen dies erreicht werden könnte. Es wäre vielleicht
möglich, in bestimmten Fällen Stichprobenverfahren anzuwenden, bei
denen die Verifizierung auf eine im voraus festgelegte Weise, vielleicht
in bestimmten geographischen Gebieten, durchgeführt werden könnte so daß jede Verletzung eines Abrüstungsabkommens mit dem hemmenden
Risiko einer Entdeckung verbunden und eine ständige Überwachung des
Gesamtbereichs nicht notwendig wäre. Dies ist, ich wiederhole es,
ein Beispiel der Möglichkeiten, wie die jüngsten Fortschritte auf dem
Gebiet der Verifizierungstechniken für die Erfordernisse der beteiligten Länder nutzbar gemacht werden können. Wir möchten hoffen, daß diese
Konferenz eine umfassende Studie aller praktisch möglichen Methoden
für eine wirksame Verifizierung durchführt.
Die von mir soeben umrissenen vier Vorschläge stellen neue und
realistische Beispiele der spezifischen Maßnahmen dar, die wir für
die erste Phase des amerikanischen Planes vom 25. September vorgesehen
haben. Wir erinnern daran, daß dieser Plan auch noch andere spezifische
Vorschläge enthielt:
daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten ihre Truppenstärken
um mehrere hunderttausend Mann auf eine Höchststärke von jeweils
2 100 000 Mann verringern;
daß Schritte ergriffen werden, um zu verhindern, daß Staaten,
die im Besitz von nuklearen Waffen sind, .die Kontrolle über solche
Waffen an andere Länder übertragen, die noch nicht im Besitz von Atomwaffen sind;
daß Massenvernichtungswaffen nicht in eine Kreisbahn um die Erde
gebracht oder im Weltraum stationiert werden dürfen.
Und schließlich fordern wir baldige Schritte auf einem Gebiet, das
an Dringlichkeit keinem anderen nachstehen'sollte - nämlich auf dem
Gebiet der Einstellung der Kernwaffenversuche. Hier stehen wir an einem
Wendepunkt. Wenn ein Abkommen nicht unterzeichnet werden kann - und
nicht schnell unterzeichnet wird, damit die Atomwaffenversuche bei

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10

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�"AMERIKA DIENST"

23. März 1962

bei geeigneten Feststellungs- und Verifizierungsvereinbarungen
eingestellt werden -, dann werden weitere Versuche stattfinden,
und das atomare Wettrüsten wird weitergehen. Wenn wir jedoch ein
solches Abkommen erreichen können, dann kann dieser Entwicklung
Einhalt geboten werden, und zwar für immer. Dies ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten und Großbritannien die Sowjetunion eingeladen haben, die Verhandlungen über ein Verbot aller Kernwaffenversuche unter wirksamen internationalen Kontrollen wiederaufzunehmen. Wir werden diese Angelegenheit hier in Genf mit Nachdruck
verfolgen und alle Anstrengungen unternehmen, um zum Abschluß eines
Abkommens zu gelangen, das den Versuchen ein Ende setzen kann.
Ich hatte erwartet, daß eine Anzahl von Delegierten hier
vielleicht ihr Bedauern darüber zum Ausdruck bringen würden, daß
die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten die Atomversuche wieder
aufgenommen haben. Aber ich hatte auch angenommen, daß eine Delegation, nämlich die sowjetische, sich nicht in der Lage sehen würde,
die Vereinigten Staaten deswegen zu kritisieren.
Der Vertreter der Sowjetunion hat von den möglichen Auswirkungen
gesprochen, die die Waffenversuche der Vereinigten Staaten auf diese
Konferenz haben könnten. Die gemeinsame Grundsatzerklärung und diese
Konferenz kamen inmitten des donnernden Getöses von mehr als vierzig sowjetischen Atomexplosionen zustande. Eine 50-Megatonnen-Bombe
ist nicht gerade das Gurren einer Taube. Trotz der sowjetischen
Versuche vom vergangenen Herbst können die Kernwaffenversuche eingestellt werden - und zwar jetzt und für immer.
Die Sowjetunion hat von ihrer Bereitschaft gesprochen, eine
Inspektion der Abrüstung, dagegen nicht der Rüstungen zu akzeptieren. Wir hoffen, sie wird dem b'.eipf lichten, daß das gänzliche
und vollständige Verbot der Kernwaffenversuche unter Abrüstung fällt,
und eine wirksame internationale Kontrolle gemäß ihrer eigenen Formel akzeptieren.
Ich habe die Vorschläge der Vereinigten Staaten für baldige
Abrüstungsmaßnahmen auf dieser Konferenz vorgelegt. Wir werden weitere Anregungen vorbringen und, dessen bin ich sicher, die anderen
Länder ebenfalls. Die Konferenz wird die Punkte aussondern müssen, die
sie für eine erfolgreiche Behandlung am geeignetsten erachtet oder
die, was die gemeinsame Gefahr anbetrifft, am dringlichsten sind,
und sich sofort mit ihnen befassen müssen.
Wir sind der Ansicht, daß wir, sobald eine Übereinkunft über
die in die erste Phase einzubeziehenden spezifischen Maßnahmen erzielt ist, die spezifischen Maßnahmen für die zweite und die dritte
Phase ausarbeiten können. In diesen Phasen werden weitere Rüstungsreduzierungen Hand in Hand mit einer Stärkung der internationalen
Institutionen zur Erhaltung des Friedens gehen.
Unser

-

11

-

�"AMERIKA DIENST"

23. März 1962

Unser Arbeitsplan muß das erreichen, was dieser Konferenz
auf Grund der gemeinsamen Grundsatzerklärung aufgetragen ist. Lassen
Sie uns die Gesamtumrisse des Programmes festlegen. Lassen Sie uns in
einer mehr detaillierten Form die einzelnen Teile ausarbeiten, die
dann im Rahmen des Programmes zusammengefügt werden müssen. Lassen
Sie uns so viel tun, wie wir können, und dies so schnell, wie wir
können.
Lassen Sie uns schließlich besonnen, systematisch und realistisch
an die dieser Konferenz gestellte Aufgabe herangehen. Lassen Sie die
Notwendigkeit einer Abrüstung Ansporn für unsere Arbeit sein. Lassen
Sie uns jedem verheißungsvollen Pfad nachgehen, der zum Fortschritt
führen könnte. Lassen Sie uns bei aller Behutsamkeit schnell zu einer
Übereinkunft darüber gelangen, was zuerst getan werden kann und was
auf die Dauer unternommen werden sollte.
Und lassen Sie es nicht zu, daß diese Konferenz - wie ihre Vorgänger - gleich zu Beginn ihrer Beratungen an einem toten Punkt
steckenbleibt. Die Hindernisse für ein Abrüstungsabkommen - die Kräfte,
die uns in rivalisierende Machtblöcke spalten möchten - werden
vielleicht endlich dem über allem stehenden und von uns allen geteilten Interesse am Fortbestehen weichen, das allein uns für den Frieden
einen kann."

* * * * *

12

-

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./30.J.62
USA WÜNSCHEN INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
IN DER WELTRAUMFORSCHUNG

Botschafter Francis T.P, Plimpton, der
stellvertretende Leiter der US-Delegation
bei den Vereinten Nationen und Vertreter
der Vereinigten Staaten im UN-Ausschuß
für die friedliche Nutzung des Weltraums, umriß in einer am 19» März 1962
vor diesem Ausschuß gehaltenen Rede die
Bestrebungen und Ziele der Vereinigten
Staaten für eine internationale Zusammenarbeit in der Weltraumforschung. Wir geben
im folgenden die Ansprache Plimptons in
gekürzter Fassung wieder.

Dies ist die erste Zusammenkunft des erweiterten UN-AusSchusses für die f riedliche Nutzung des Weltraums. Die Regierung
der Vereinigten St aaten, für die zu sprechen ich die Ehre habe,
betrachtet diese K onferenz als einen der möglicherweise bedeutsamen Augenblicke der Geschichte im Streben der Menschheit nach
Frieden - ich sage bewußtl möglicherweise. An uns, die wir hier
um diesen Konferen ztisch versammelt sind, und an den Regierungen
und Wissenschaftle rgruppen, für die wir sprechen, liegt es nun,
alles zu tun, um d iese Möglichkeit Wirklichkeit werden zu lassen,
Seit viereinhalb Jahren stehen wir im Weltraumzeitalter im Zeitalter der Überwindung der Erdenschwere durch. 1 den Menschen.
Der Start künstlicher Erdsatelliten, noch vor vier Jahren als ein
Wunder bestaunt, ist Routine geworden. Viele neue Ausblicke auf
wissenschaftliche und technische Entwicklungen in Verbindung mit
dem Weltraum zeichnen sich bereits ab, einige sehr deutlich,
andere dagegen noch recht unklar. Aber es ist keine Frage - diese
neuen Perspektiven werden erforscht werden - wenn nicht durch uns,
dann durch spätere Generationen,
Die Frage, weshalb sich die Vereinten Nationen mit dieser
Entwicklung beschäftigen sollen, muß unter zwei Gesichtspunkten
beantwortet werdenl
Einmal
- 1-

�"AMERIKA DIENST«'

30. März 1962

Einmal ist diese Konferenz hier die erste internationale Regierungskonferenz zur Vorbereitung einer weltweiten Zusammenarbeit
in der friedlichen Nutzung des Weltraums, eine Konferenz, auf der
alle Länder vertreten sind, die heute Raumflugkörper zu starten vermögen. Und zum anderen erblickt die amerikanische Regierung in diesem UN-Ausschuß den Mittler dafür, alle Völker der Erde an den Verheißungen des Weltraumzeitalters teilhaben zu lassen.
Weltraumforschung und Raumflugtechnik sind nicht nur einigen
technisch hochentwickelten Ländern vorbehalten. Die dafür erforderlichen besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten sind auf viele Völker
verteilt. Und was die segensreichen Auswirkungen auf das Leben der
Menschen anlangt - etwa die Verwendung von Satelliten für ein weltweites, alle Winkel der Erde erreichendes Nachrichtennetz und von
meteorologischen Satelliten für eine wesentliche Verbesserung der
Wettervorhersage -, so darf kein Volk davon ausgeschlossen werden.
Zusammenarbeit - Grundlage des Fortschritts
Die Nationen müssen in den verschiedenen Phasen der Eroberung
des Weltraums zusammenarbeiten. Denn selbst die kostspieligsten und
technisch kompliziertesten Unternehmen - der Start großer Flugkörper werden nicht das Monopol der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
bleiben. Eine Anzahl europäischer Länder entwickelt bereits ein
eigenes gemeinsames Startprogramm für Raumflugkörper, und andere
Länder werden im Zuge der Weiterentwicklung der Raketentechnik
folgen. Zusammenarbeit zwischen den für die Starts verantwortlichen
Stellen ist einfach eine Notwendigkeit.
Auch die Wissenschaftler und Techniker aller übrigen Länder
können in der Entwicklung von Instrumenten und der Vorbereitung von
friedlichen Weltraumexperimenten mit Satelliten in Forschungsvorhaben
zusammenarbeiten; das gleiche gilt für die Regierungen. Die USA
stehen bereits mit acht in diesem Ausschuß vertretenen Nationen in
einer solchen Partnerschaft.
Die Raumflugkörper, einmal gestartet, müssen jedoch auch
laufend beobachtet werden, und die von ihnen gelieferten wertvollen
wissenschaftlichen Informationen müssen aufgenommen und gesammelt
werden. Oberstleutnant John H. Glenn erklärte kürzlich in diesem
Haus, sein Flug sei nicht nur eine nationale, sondern gleichermaßen
eine internationale Teamarbeit gewesen. Diese internationale Zusammenarbeit muß und wird weiter ausgebaut werden.
Das Zeitalter der Weltraumfahrt wirft juristische Fragen auf;
der Weltraum erweist sich somit auch als ein wichtiges Feld für die
Weiterentwicklung des internationalen Rechts»
Neue

�4

"AMERIKA DIENST"

30. März 1 962

Neue Einsichten erforderlich
Es ist schwierig für uns, die neuen Möglichkeiten alle richtig
einzuschätzen. Botschafter Adlai E. Stevenson umriß am 4. Dezember
1961 dieses Problem mit folgenden Worten: "Trotz der dringenden Notwendigkeit für sofortiges Handeln auf internationaler Ebene fürchte ich,
daß wir für diese Angelegenheit zu schlecht vorbereitet sind, um sie
klar überdenken zu können. Ich fürchte, daß unsere überkommene Denkweise in bezug auf die Lösung von Problemen auf diesem unserem Planeten
sich als Hindernis erweisen wird."
Herr Vorsitzender, viel ist in den dreieinhalb Monaten geschehen,
die seit dieser Erklärung yergangen sind. Und heute wage ich zu hoffen,
daß wir über diese kurzsichtige "überkommene Denkweise" hinauszuwachsen vermögen, inspiriert von der Erkenntnis, daß wir schon mitten in
einem Zeitalter großer Entdeckungen, großer Wagnisse und noch unvorhersehbarer segensreicher Entwicklungen für das Menschengeschlecht
leben.
Ich möchte hier mit Ihnen kurz die bemerkenswertesten Entwicklungen erörtern, von denen einige das direkte Ergebnis der Resolution
Nr. 1721 (XVI) über eine internationale Zusammenarbeit in der friedlichen Nutzbarmachung des Weltraums sind, die die 16. Vollversammlung
der Vereinten Nationen einstimmig angenommen hat. Zunächst einmal
erweiterte diese Resolution die Mitgliederzahl des Ausschusses und
forderte ihn auf, das ihm durch die Resolution Nr. 1472 (XIV) im Jahr
1959 übertragene Mandat sowie das Mandat aus der neuen Resolution zu
erfüllen. Das bedeutet, daß zwei Jahre einer gefährlichen Stagnation
vorüber sind und eine kompetente Körperschaft der Vereinten Nationen
die vordringlichen Probleme des Zeitalters der Raumfahrt, in das wir
uns gestellt sehen, erneut in Angriff nehmen kann. Wir sind heute hier,
um den ersten Schritt für eine Sache zu tun, die, so hoffe ich, sich
zu einem langdauernden und lohnenden Kapitel konstruktiver Arbeit zum
Wohle aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen entwickeln wird.
Von allen UN-Mitgliedstaaten wurden im Zusammenhang mit der Weltraumresolution bereits bedeutsame Grundprinzipien anerkannt:
1. Die Erforschung und Nutzung des Weltraums soll nur zum Nutzen
der Menschheit und zum Wohle der Staaten dienen - ungeachtet
des Standes ihrer wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen
Entwicklung.
2. Das internationale Recht, einschließlich der Charta der Vereinten Nationen, hat auch für den Weltraum und andere Himmelskörper Gültigkeit.
3. Weltraum und Himmelskörper stehen, in Übereinstimmung mit dem
internationalen Recht, allen Staaten für die Erforschung offen
und unterliegen nicht nationalen Besitzrechten.
4. Die Vereinten Nationen werden ersucht, einen "zentralen Punkt
für internationale Zusammenarbeit" zu schaffen, der im "gemeinsamen Interesse aller Menschen" dringend erforderlich ist.
Dies sind gesunde Prinzipien, und ich möchte mich bei dieser Gelegenheit im Namen meiner Regierung noch einmal nachdrücklich für sie
aussprechen.
Vorbereitende
T

_

— • •

�"AMERIKA DIENST"

30. März 1962

Vorbereitende Schritte auf der Basis dieser Prinzipien für eine
aktive internationale Zusammenarbeit im Rahmen der Vereinten Nationen
wurden bereits getan:
Der Weltwetterdienst (WMO) ist aufgefordert, dem Wirtschaftsund Sozialrat auf dessen Konferenz im Juli sowie der 17. UN-Vollversammlung Organisations- und Finanzierungspläne vorzulegen, die»
unter Verwendung eines Systems meteorologischer Satelliten»als
Grundlage für die Entwicklung eines weltweiten Wetterforschungs- und
Wetterdienstprogramms in internationalem Rahmen dienen können. Ähnlich ist die Internationale Fernmelde-Union (iTU) ersucht worden,
geeignete Schritte zu empfehlen, um die Errichtung eines Satellitensystems für ein Weltnachrichtennetz auf globaler und für alle gleicher
Basis vorzubereiten. Darüber hinaus werden die Lenkungsausschüsse für
den UN-Sonderfonds und für Technische Hilfe ersucht, die Bitten von
Mitgliedstaaten um Unterstützung in der Entwicklung von Fernmeldesystemen wohlwollend zu behandeln, damit es allen Mitgliedern möglich wird, sich an einem Fernmeldesatelliten-System zu beteiligen
und daraus Nutzen zu ziehen.
UN-Registrierzentrale für Raumflugkörper
Das Sekretariat hat auf einen entsprechenden Antrag eine zentrale
Meldestelle für alle Flugkörper eingerichtet, die sich auf Satellitenbahnen befinden. Die Vereinigten Staaten sind inzwischen der in der
Weltraum-Resolution erhobenen Forderung, Informationen zum Start künstlicher Satelliten der Registrierstelle zur Verfügung zu stellen, nachgekommen und haben erstmals am 15. Februar 1962 nicht weniger als 72
Flugkörper, die in Erd- oder Sonnensatellitenbahnen kreisen, registrieren lassen. (Für jeden gemeldeten Flugkörper werden seine internationale
Bezeichnung, Typ der Startrakete, Abschußzeit, Typ des Satelliten, Umlaufzeit, Bahnneigung zum Äquator sowie Apogäum und Perigäum angegeben.)
Politik der Partnerschaft - von den USA seit Jahren praktiziert
Hinsichtlich der Planung und Durchführung friedlicher Weltraumexperimente haben die Vereinigten Staaten stets eine Politik der Partnerschaft mit anderen Ländern verfolgt. So sind wir zusammen mit anderen Nationen an einer Anzahl wissenschaftlicher Untersuchungen der
Hochatmosphäre mit Hilfe kleiner Raketensonden beteiligt. Programme
dieser Art versetzen die Wissenschaftler der ganzen Welt in die Lage,
weitaus wertvollere meteorologische und atmosphärische Daten zu
sammeln, als uns dies allein, hier in den Vereinigten Staaten, möglich
wäre. Das Programm erlaubt zum Beispiel direkte Untersuchungen seltener Phänomene des äußersten Nordhimmels in Skandinavien, eine Koordinierung der Raketenstarts in der östlichen und westlichen Hemisphäre
für die vergleichende Auswertung der Ergebnisse und die Mitführung der
verschiedensten Instrumente, die noch dazu von Forschern einer ganzen
Reihe von Nationen entwickelt wurden, in einer einzigen Rakete. Die
Ergebnisse stehen den Wissenschaftlern der ganzen Welt zur Verfügung.
Unsere

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�"AMERIKA DIENST"

30. März 1962

Unsere Pläne zielen auf eine noch breiter angelegte Zusammenarbeit ab; dazu gehören unter anderem gleichzeitig vorgenommene
Starts wissenschaftlicher Sonden, für die ein langfristiges Programm unter Beteiligung zahlreicher Länder ausgearbeitet wird.
In wenigen Wochen werden die Vereinigten Staaten den ersten
internationalen Satelliten starten, ein Forschungsgerät, das von
britischen Wissenschaftlern ausgerüstet und von der NASA (üS-Amt
für Luft- und Raumfahrt) in eine Erdumlaufbahn gebracht wird. Wenig
später werden wir in einem ähnlichen Unternehmen in den USA einen
zweiten Satelliten starten, der bis zum letzten Detail in Kanada
hergestellt wurde. Weitere gemeinsame Satellitenprogramme mit anderen Ländern werden erwogen.
Auf den Gebieten der heute schon verwirklichten Nutzanwendung Nachrichtenwesen und Meteorologie - haben die USA bereits wichtige
Schritte zur Schaffung eines umfassenden internationalen Apparates
getan.
Nachrichtensatelliten
Die Erprobung amerikanischer Versuchssatelliten für das Nachrichtenwesen auf interkontinentaler Basis, die erstmals in diesem
Jahr vorgesehen ist, wird unter Einschaltung großer, von einer Reihe
europäischer und lateinamerikanischer Länder zur Verfügung gestellter
Bodenstationen durchgeführt werden. Ein internationales- Komitee für
Bodenstationen, dem Vertreter aller an den ersten Versuchen beteiligten Länder angehören, kommt schon seit einiger Zeit zu regelmäßigen
Besprechungen über Eragen wie Frequenzauswahl und andere wesentliche
Faktoren zusammen. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß im Herbst
dieses Jahres eine Debatte der UN-Vollversammlung in einer FünfMinuten-Sendung über Fernsehen direkt nach Europa übertragen wird.
Hoffen wir, daß diese fünf Minuten glücklich gewählt sind.
Wettersatelliten
Die Vereinigten Staaten haben vor dem Start aller ihrer meteorologischen Satelliten die Nationen der Welt eingeladen, die Auswertung
eigener Wetterbeobachtungen mit jenen Daten zu koordinieren, die bei
den Satellitendurchgängen in ihrem Gebiet innerhalb der entsprechenden
BeobachtungszeitA erzielt wurden. Diese gemeinsamen Bemühungen von bisher
dreißig Nationen fanden einen ersten Höhepunkt in einem internationalen Wettersatelliten-Symposion, zu dem mehr als hundert Nationen
eingeladen waren. Die Teilnehmer sollten die Möglichkeit erhalten,
sich mit den Methoden der Einbeziehung von Satelliten bzw. deren
Beobachtungsdaten in den meteorologischen Dienst vertraut zu machen
und so auf den Tag hinzuarbeiten, an dem solche Daten allen Ländern
direkt zugänglich sind.
,

- 5-

Satellitenbeobachtung

�"AMERIKA DIENST"

30. März 1962

Satellitenbeobachtung und Förderung ausländischer Spezialisten
Was den Betrieb unseres eigenen weltweiten Beobachtungs- und
Datensammelnetzes anbetrifft, so haben wir die Mitarbeit von
Wissenschaftlern und Technikern der jeweiligen Gastländer stets
begrüßt - mit dem Erfolg, daß heute mehr als die Hälfte der NASABodenstationen im Ausland ganz oder teilweise unter der Regie von
Spezialisten des Gastlandes steht. Das technische AusbildungsProgramm
der NASA trägt nicht unerheblich zu dieser Entwicklung bei. Unsere
oberste Luft- und Raumfahrtbehörde hat außerdem spezielle Ausbildungskurse für ausländische Wissenschaftler in Vorbereitung gemeinsamer
Programme eingerichtet und vor kurzem auch Stipendien für jährlich
100 ausgebildete Akademiker aus dem Ausland zur Verfügung gestellt.
Diese Stipendiaten sollen dadurch die Möglichkeit erhalten, an amerikanischen Universitätsinstituten, in denen Projekte der Weltraumforschung gemeinsam mit der NASA durchgeführt werden, zu arbeiten.
Freiheit des Weltraums muß erhalten bleiben
Die Erdumkreisungen von Oberstleutnant Glenn und der sowjetischen
Kosmonauten Gagarin und Titow werden meiner Überzeugung nach zum Symbol
dafür werden, daß sich die Menschheit bei der Lösung von Problemen auf
diesem ihrem Planeten von der überkommenen erdgebundenen Denkweise
freigemacht hat. Es liegt an uns, sicherzustellen, daß die zuerst von
diesen unerschrockenen Pionieren genossene Freiheit des Weltraums allen
erhalten bleibt, die ihnen folgen werden.
Viele Millionen Menschen in der Welt hatten durch die modernen
Nachrichtenmittel Gelegenheit, den aufregenden Flug Oberstleutnant
Glenns mitzuerleben. Sie wurden so auf dramatische Weise mit der Tatsache konfrontiert, daß das Weltraumzeitalter wirklich angebrochen ist.
Wir stehen auf der Schwelle zu einer neuen Ära. Das sollte die Arbeit
dieses Ausschusses ständig beflügeln.
Initiative der USA für Zusammenarbeit mit der Sowjetunion
Und schließlich, Herr Vorsitzender, ist angesichts der Maßnahmen,
die die UN-Vollversammlung im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit dieser
Angelegenheit ergriffen hat, auch auf eine Zusammenarbeit zwischen meinem
Land und der Sowjetunion bei Weltraumprojekten zu hoffen. Seit vielen
Jahren fordern die Vereinigten Staaten ein Programm für die Zusammenarbeit im Weltraum. In seiner ersten Botschaft über die Lage der Nation
am 30. Januar 1961 erklärte Präsident Kennedy:
"Ich fordere heute alle Staaten - einschließlich der Sowjetunion auf, gemeinsam mit uns ein Programm für die Wettervorhersage zu
entwickeln, sich an einem Fernmeldesatelliten-Programm und an den
Vorbereitungen für die Erforschung der Planeten Mars und Venus zu
beteiligen - an Forschungsarbeiten, die eines Tages vielleicht die
tiefsten Geheimnisse des Universums zu entschleiern vermögen."
Diesen

�"AMERIKA DIENST

30. März 1962 •

Diesen Vorschlag wiederholte er in seiner Rede vom 25. September 1961 vor der UN-Vollversammlung. Wir freuten uns daher, als
Ministerpräsident Chruschtschow in seinem Glückwunsch an das
amerikanische Volk zu dem erfolgreichen Flug von Oberstleutnant
Glenn auch die Vorteile gemeinsamer Anstrengungen im Weltraum
erwähnte.
Am 7« März machte Präsident Kennedy in einem Schreiben an
Ministerpräsident Chruschtschow Vorschläge zu einer amerikanischsowjetischen Zusammenarbeit bei folgenden speziellen und wichtigen
Weltraumprojektent
1. Gemeinsame Errichtung eines Wettersatelliten-Systems, das
weltweite meteorologische Daten zur sofortigen Verwendung
durch jedes Land liefert. - Der Präsident schlug vor, daß
die USA und die Sowjetunion je einen Satelliten starben, der
die Wolkendecke photographiert und für andere vereinbarte
meteorologische Messungen im Dienst aller Nationen zur Verfügung steht. Diese beiden Satelliten könnten in Bahnen gebracht werden, von denen aus sie alle Gebiete der Erdoberfläche
erfassen. Die Meßdaten würden durch die normalen internationalen Kanäle der Wetterdienste verbreitet. Für die Verwirklichung
der meteorologischen Forschungs- und Untersuchungsprogramme,
die zur Zeit von der WMO auf Grund der im Dezember von der
UN-Vollversammlung angenommenen Weltraum-Resolution aufgestellt werden, wäre dies ein wichtiger Schritt.
2.Jedes der beiden Länder errichtet und betreibt eine Bodenstation für die Funkbeobachtung von Satelliten, um im Interesse des Partners Daten aufzunehmen; dabei sollen Ausrüstungen Verwendet werden, die das andere Land liefert.
Nach unserer Ansicht würden beide Länder mit einem solchen
gemeinsamen Programm viele wertvolle Erfahrungen sammeln, und
zwar nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet, sondern auch unter den menschlichen Aspekten einer ungezwungenen Zusammenarbeit mit den Vertretern des anderen Landes.
3. Für die gemeinsame Aufnahme des erdmagnetischen Feldes im
Weltraum schickt jedes der beiden Länder einen Satelliten
in eine vorher vereinbarte Umlaufbahn und macht die auf diese
Weise erhaltenen wissenschaftlichen Informationen allen Wissenschaftlern der Welt zugänglich.
4. Ein Zusammengehen der UdSSR mit den Vereinigten Staaten in den
Bemühungen um die Errichtung eines NachrichtensatellitenSystems wird begrüßt.
5. Gemeinsame Bemühungen und ein Informationsaustausch auf dem
Gebiet der Raumflugmedizin unter Einbeziehung von Forschern
vieler Länder könnte nicht nur diesem Spezialgebiet, sondern
ganz allgemein der humanmedizinischen Forsohun5 und der Verhaltensforschung dienlich sein.
6. Neben

�"AMERIKA DIENST

30. März 1962

6. Neben der Zusammenarbeit auf diesen Gebieten ist Präsident
Kennedy auch zu gemeinsamen Projekten der Erforschung des
Mondes mit unbemannten Geräten und der gemeinsamen Präzisierung von Schritten bereit, die für eine erschöpfende
wissenschaftliche Erforschung von Mars und Venus, möglicherweise sogar mit bemannten Flugkörpern, erforderlich sind.
Ich möchte hervorheben, daß Präsident Kennedy keine Vorbedingung
gestellt und keine Einschränkung gemacht hat - und daß wir unsere
Aufgeschlossenheit gegenüber jedem speaiellen Vorschlag der Sowjetunion
klar erkennen ließen.
Wünschenswerte Mittlerrolle des UN-Weltraumausschusses
Die Vereinten Nationen haben sich wieder dem Thema "Weltraum" zugewandt - den Grundsätzen gemeinsamer Anstrengungen zum Wohle des ganzen Menschengeschlechts, in Übereinstimmung mit der Charta der Vereinten Nationen, verpflichtet. Angesichts dieses Sachverhalts möchte ich
weiter vorschlagen, daß sich der Ausschuß im Interesse einer besseren
Förderung internationaler Zusammenarbeit in der friedlichen Nutzung
des Weltraums in den kommenden schicksalsschweren Jahren mit einer
Reihe weiterer Probleme befaßt. Zu diesen gehören unter anderen der
Austausch von Informationen und Erkenntnissen, gemeinsame Forschungen,
die gemeinsame Entwicklung von Weltraumprojekten und die Ausdehnung
des internationalen Rechts auf den Weltraum.
Unserer Ansicht nach bietet sich diesem Komitee eine einzigartige
Gelegenheit, den Austausch sowohl wissenschaftlicher als auch technischer Informationen anzuregen und zu beleben. Auch könnte es Anregungen
zur Schaffung weiterer nationaler Weltraumausschüsse geben, die den
Mitgliedstaaten eine wirksamere Beteiligung an internationalen Weltraumprojekten ermöglichen. Der Ausschuß könnte, um ein vollständiges
Bild von der Art nationaleT Projekte und internationaler Zusammenarbeit
in Weltraumprojekten zu gewinnen, Berichte von den einzelnen Staaten
oder von internationalen Arbeitsgemeinschaften wie der europäischen
Organisation für Weltraumforschung (ESRO) anfordern.
Auch die Ausgabe von Informationsmaterial durch das Sekretariat
über Maßnahmen einzelner Staaten zur Verbesserung der eigenen Position
in bezug auf die Beteiligung an internationalen Weltraumprojekten wäre
wünschenswert. Zu solchen Informationen gehörten beispielsweise Angaben
über nationale Ausbildungsprogramme und Ausbildungsstätten, über Raketensonden-Projekte und die erforderlichen Startanlagen sowie über das Minimum an Ausrüstung für die telemetrische Datenaufnahme.
Unter Hinzuziehung von Vertretern des Internationalen Ausschusses
für die Weltraumforschung (COSPAR), des Weltwetterdienstes (WMO) und
der Internationalen Fernmelde-Union (ITU) dürfte es für den UN-Weltraumausschuß auch von Wert sein, die Tätigkeit bzw. den Betrieb der bestehenden wissenschaftlichen und technischen Auswertungszentren, Übersetzungsdienste und Fernmeldeeinrichtungen zu prüfen, welche wissenschaftliche

8

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50. März 1 962

wissenschaftliche Ergebnisse von Weltraumprojekten verbreiten und
benutzen.
Wir hoffen auf eine enge, wirksame und fruchtbare Zusammenarbeit
des Weltraumausschusses mit allen derartigen Organisationen. Eine
solche Zusammenarbeit wäre überdies mit der UNESCO als der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur gegeben, damit auch
deren Unterstützung genutzt werden kann.
Gemeinsames Vorgehen spart Zeit und Geld
All dies läßt erkennen, daß in allen Phasen der Weltraumforschung
ein Höchstmaß an Informationsaustausch erforderlich ist. Wenn aber die
Forschung selbst auf gemeinsamer oder kooperativer Basis unternommen
werden könnte, so würde dadurch der Fortschritt beschleunigt, die
Kosten würden reduziert und die gemeinsamen Interessengebiete erheblich ausgeweitet.
Präsident Kennedys Vorschläge an Ministerpräsident Chruschtschow
zu gemeinsamer Forschung sollten keineswegs andere Gemeinschaftsprojekte oder die Beteiligung anderer Länder an diesen Unternehmungen
ausschließen. Sie sollten vielmehr das Startzeichen für gemeinsame
Bemühungen auf breiter internationaler Ebene sein. In diesem Zusammenhang ist beispielsweise die Einrichtung internationaler Laboratorien
für Weltraumforschung, einschließlich der Raumflugmedizin, oder von
Observatorien zur Planetenbeobachtung, wo im Zuge der Vorbereitung
bemannter Raumflugexperimente besondere Untersuchungen durchgeführt
werden, zu erwägen.
Die Kosten eines Y/etterforschungs- und Beobachtungsprogramms in
dem von den Vereinten Nationen geplanten Rahmen sind - gemessen an
seinen Vorteilen - gering. Aufgabe der UN ist es nun, dieses Programm
so zu gestalten, daß die Mitgliedstaaten an Forschungsvorhaben, an
der Ausbildung von Spezialisten, dem Bau von Wetterwarten, der Funk- ,
beobachtung von meteorologischen Satelliten und dem Austausch von
meteorologischen Informationen bereitwillig mitwirken.
In der Resolution der UN-Vollversammlung ist auch die Errichtung
eines weltweiten Netzes von Nachrichtensatelliten berücksichtigt. Man
schätzt heute, daß die Inbetriebnahme eines globalen Telephon-, Rundfunk- und Fernsehnetzes mittels Satelliten noch vor Ende dieses Jahrzehnts technisch möglich ist. Die Kosten sind beträchtlich - die
Vorteile sind jedoch außerordentlich. Über einen einzigen Fernmeldesatelliten können zwanzigmal mehr Telephongespräche geleitet werden
als über alle unsere Unterseekabel. Darüber hinaus könnte er als Relaisstation für Rundfunk und Fernsehen ein bestimmtes Programm Hunderten von Millionen Menschen in aller Welt gleichzeitig vermitteln.
Diese bahnbrechende Entwicklung auf dem Gebiet der Nachrichtentechnik dürfte sich auf das Leben der Volker in allen Teilen der Erde
auswirken und neue Bande der Verständigung zwischen den Nationen
knüpfen.
Internationalisierung

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�"AMERIKA DIENST"

JO. März 1 962

Internationa.lisierung der Fernmeldesatelliten - eine Forderung des
gesunden Menschenverstandes
In den USA sind wir dabei, die Grundlage für ein gemeinsames
Bemühen um ein Fernmeldesatelliten-System zu schaffen. Anfang
Februar 1962 wurde dem US-Kongreß eine Gesetzesvorlage unterbreitet,
die die Bildung einer privatrechtlichen amerikanischen Körperschaft
zum Betrieb von Fernmeldesatelliten vorsieht. Diese Körperschaft soll
dem Zweck dienen, die Entwicklung von Nachrichtensystemen über Satelliten zu beschleunigen, damit baldmöglichst ein weltweites betriebsfähiges Netz zur Verfügung steht.
Ich möchte besonders hervorheben, daß diese Körperschaft als
Repräsentant der Vereinigten Staaten in einem globalen System fungieren soll - in einem wahrhaft internationalen Gremium mit einer
größtmöglichen Streuung der Besitzrechte und umfassender Beteiligung.
Der internationale Charakter des Fernmeldesatelliten-Netzes ist vom
gesunden Menschenverstand diktiert. Angesichts der Bedeutung des
Nachrichtenwesens für alle Staaten werden viele andere Länder den
Wunsch haben, Betrieb und Verwaltung des Netzes mit zu bestimmen
und einen Kostenbeitrag zu leisten. Was uns betrifft, so würden wir
ein solches Interesse und eine solche Beteiligung seitens anderer
Länder nur begrüßen.

Erste Verhandlungen zwischen Vertretern der Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion über eine gemeinsame Erforschung des Weltraums
haben am 27. März 1962 in New York begonnen. Gesprächspartner sind
Dr. Hugh Dryden, der stellvertretende Direktor des US-Amtes für Luftund Raumfahrt (NASA), und der sowjetische Raketenspezialist Professor
Anatolij Blagonrawow.
* * # * #

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10

�A M E R I K A

D I E N S T

A N S P R A C H E

des Stellvertretenden Außenministers
der Vereinigten Staaten von Amerika

Staatssekretär
GEORGE W. BALL

vor der
Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

am Montag, dem 2. April 1962
in der Beethovenhalle zu Bonn

�DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT IM WERDEN

Vor wenig mehr als Monatsfrist hat der Justizminister der Vereinigten Staaten, Robert F. Kennedy, in diesem gleichen Saale einige der
Grundvoraussetzungen einer funktionsfähigen atlantischen Partnerschaft
angedeutet. Damals sprach er Sie als Deutsche an, doch - genau wie ich
am heutigen Abend - auch als Bürger des neuen Europa, das Sie und Ihre
Nachbarn gegenwärtig mit geradezu mitreißendem Schwung erbauen.
Ich werde heute abend versuchen, die Andeutungen unseres Justizministers noch etwas weiter auszuführen. Ich möchte Ihnen ein wenig
von dem Fluidum der Diskussion mitteilen, die gegenwärtig in den Vereinigten Staaten stattfindet, und Ihnen die allgemeine Richtung der
Politik anzeigen, die wir zur Zeit entwickeln.
Die Annäherung der Vereinigten Staaten an Europa vollzieht sich
vor einem historischen Hintergrund, mit dem Sie im allgemeinen vertraut
sind. Wir waren ursprünglich eine Gruppe von Kolonien, die sich selbständig machten, um einen eigenen Bundesstaat zu gründen. In den Anfangsjahren unserer Nationwerdung konzentrierten wir uns auf die Herstellung unserer nationalen Integrität, wobei wir uns von unserer
kolonialen Vergangenheit abwendeten. Vollauf damit beschäftigt, unsere
Nation aufzubauen und das weite Grenzland zu erobern, folgten wir dem .
Hat unseres ersten Präsidenten George Washington, uns aus "verstrickenden Allianzen" mit den großen europäischen Nationen herauszuhalten.
In unserer Politik der Distanzierung von den europäischen Problemen
wurden wir bestärkt durch den Einfluß jener europäischen Auswanderer,
die im 19. Jahrhundert in unser Land kamen, um sich bei uns auf Farmen
und in Städten anzusiedeln. Die meisten dieser Auswanderer - darunter
auch die aufrechten Männer und Frauen, die nach dem Scheitern der
Revolution von 1848 Deutschland den Rücken kehrten - hatten Europa
aus religiösen, wirtschaftlichen oder politischen Gründen verlassen.
Sie sublimierten ihre Enttäuschung über Europa, indem sie ganz in
der gewaltigen Aufgabe aufgingen, auf dem Boden einer neuen Welt eine
neue Nation zu schaffen. Sie vertieften noch das amerikanische Mißtrauen gegenüber dem Kontinent, den sie hinter sich gelassen hatten ein Mißtrauen, das bis weit in das 20. Jahrhundert hinein vorgehalten

- 1 -

�vorgehalten hat.
Aber mit der Zeit und den Ereignissen hat sich das alles gewandelt.
Sie und wir - an den gegenüberliegenden Gestaden des Atlantiks - haben
gelernt, eng und wirkungsvoll zusammenzuarbeiten. Und heute abend
brauche ich kaum zu betonen, daß der amerikanische Isolationismus tot
ist. Damit ist es ein für allemal vorbei.
Wer dazu neigt, historische Veränderungen mit bemerkenswerten
Daten zu verknüpfen, kann sagen, daß der amerikanische Isolationismus
am 24. August 1949 starb - an dem Tag, an dem der amerikanische Senat
die nordatlantische Partnerschaft ratifizierte. Durch jenen feierlichen
Bündnisvertrag gewährleisteten Amerika und Europa nicht nur den Fortbestand der Freiheit, sondern auch das Fortleben freier Menschen. Wenn
Präsident Kennedy dem amerikanischen Volk heute erklärt, er würde
einen Angriff auf Berlin als einen Angriff auf Washington oder Chicago
ansehen, so anerkennt er damit ausdrücklich das zentrale Prinzip unseres Bündnisses, dem zufolge die Geschicke Westeuropas und Nordamerikas
unwiderruflich miteinander verwoben sind und dem zufolge ihre Verteidigung unteilbar ist.
Dieses Prinzip beschränkt sich nicht auf die Linie, die wir beständig in den Ratsversammlungen der Bündnispartner vertreten,
fußen doch auf ihm alle Pläne und Anstrengungen zur Verbesserung der
Verteidigungsposition der NATO. Es ist die eigentliche Grundlage, auf
der die Sicherheit unserer atlantischen Partnerschaft beruht.
Ich kann mit Zuversicht sagen, daß unsere gemeinsame militärische
Position niemals stärker war. Es wäre aber nicht ganz aufrichtig, wollte ich von restloser Zufriedenheit sprechen.
Heute besteht, wie Präsident Kennedy klargestellt hat, ein echtes
und dringendes Bedürfnis, der konventionellen Komponente unserer
gemeinsamen Verteidigung eine neue Priorität einzuräumen. Die NATO
bedarf eines breiten Spektrums von Einsatzkräften, wenn sie auf die
unterschiedlichsten Aggressionsformen mit den jeweils angemessenen
Kräften reagieren soll*. Unsere atomare Abschreckungsmacht wird nur
dann restlos glaubhaft sein, wenn sie durch eine umfassende nichtatomare Stärke gestützt wird, die uns bei der Beantwortung der
Aggression einen Spielraum gewährt.
Die

�Die Vereinigten Staaten haben ihre konventionellen Streitkräfte
beträchtlich ausgebaut und auch die Zahl der Kampfdivisionen erhöht.
Unsere Marine und das Marine-Korps wurden ebenso wie unsere Bandenabwehrkräfte verstärkt und erweitert. Wir haben unseren Luft- und Seetransportraum vergrößert, Wir geben Milliarden für diese zusätzlichen
Programme aus. Einige von unseren europäischen Partnern haben gleichfalls erkannt, wie notwendig die Verstärkung der konventionellen Streitkräfte ist. Die Folge war, daß unsere kombinierte nichtatomare Stärke
im letzten Jahr wesentlich zunahm. Das ist zwar ermutigend, reicht aber
längst nicht aus. Wir müssen noch mehr tun, wenn die Abschreckung der
Aggression in jedweder Form angesichts der wachsenden Stärke des
Ostens wirksam bleiben soll. Die nukleare Stärke bleibt natürlich von
grundlegender Bedeutung für die gemeinsame und unteilbare Verteidigung
Westeuropas und Nordamerikas. Die Vereinigten Staaten haben für eine
wesentliche Beschleunigung und Verstärkung ihres Polaris- und MinutemanRaketenprogramms gesorgt, das unserem Bündnis zusätzliche atomare Stärke
unter wechselnden Bedingungen verleiht.
Wir sind uns darüber im klaren, daß die Verteidigungsplanung nicht
statisch sein kann! sie muß vielmehr den veränderlichen Macht- und
Kräfteverhältnissen Rechnung tragen. Deshalb ist eine ständige und
sorgsame Vorausplanung künftiger Vorkehrungen nötig, wenn unsere Atommacht im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck unserer Vorstellungen von
der atlantischen Partnerschaft sein soll. Wir wollen auf den Wunsch
unserer Verbündeten nach einer stärkeren Einschaltung in die nukleare
Abschreckung in konstruktiver Weise eingehen.
Wir geben eindeutig einer multilateralen Regelung den Vorzug,
wie sie Präsident Kennedy in seiner Rede von Ottawa im Mai des vergangenen Jahres vorgeschlagen hat. Wie der Präsident damals ausführte,
sind wir bereit, gemeinsam mit unseren Verbündeten die Schaffung einer
auf See stationierten, mit Mittelstreckenraketen bewaffneten NATO-Streitmacht unter echter multilateraler Besitz- und Einsatzkontrolle ernsthaft zu prüfen. Ferner machte er das Angebot, fünf - und gegebenenfalls
auch mehr - Polaris-U-Boote an die NATO abzustellen. Wir glauben, eine
konstruktive Lösung dieses Problems der künftigen atomaren Rolle der
NATO ist nicht nur wichtig, sondern auch möglich, und wir sind nach
wie vor bereit, zusammen mit unseren Verbündeten auf dieses Ziel hinzuarbeiten. Wir glauben, daß einer solchen multilateralen Lösung ein-

- 3

�eindeutig der Vorzug vor einer Vielzahl nationaler Atomstreitkräfte
zu geben ist.

II.
Wenn unsere gemeinsamen Anstrengungen in Richtung auf eine schlagkräftige kombinierte Streitmacht ihrem Wesen nach defensiv sind, so
haben unsere Bemühungen hinsichtlich einer Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich ein weit positiveres Ziel. Sie basieren auf der
hinreichend erwiesenen Tatsache, daß die großen Industriewirtschaften
in der modernen Welt in zunehmendem Maße voneinander abhängig werden.
In einer Welt der Schnelltransporte und Blitzgespräche, in der ein
jeder des anderen enger Nachbar ist, kann es sich keine Nation mehr
erlauben, ein Dasein als Wirtschaftsinsel zu führen. Im gleichen
Maße, in dem der jährliche Austausch an Waren und Dienstleistungen
steigt, erhöht sich für uns auch die Notwendigkeit, wirksamere Mittel
der Zusammenarbeit zu entwickeln.
Die Vereinigten Staaten haben unter anderem gerade auch aus diesem Grunde die Schaffung eines integrierten Europa von Anfang an
aktiv unterstützt. Immer haben wir ein vereinigtes Europa als Vorbedingung für die Entwicklung einer wirkungsvollen atlantischen Partnerschaft
angesehen.
An diesem Punkt möchte ich gern betonen, daß das Tempo der Evolution
der atlantischen Partnerschaft auf wirtschaftlichem Gebiete auf einer
wesentlichen Zeitplanung basierte. Für Europa war es notwendig, zu .
einem stärkeren inneren Zusammenhalt zu kommen, um das Fundament zu
vollenden, auf dem der Bau der atlantischen Partnerschaft errichtet
werden kann.
Wir Amerikaner haben uns während der ganzen Nachkriegszeit niemals
die Ungleichheit zwischen unseren Hilfsquellen und denen der anderen
Völker der freien Welt zugute gehalten. Wir sind stolz darauf gewesen,
daß die Vereinigten Staaten eine der Führungsmächte der Welt sind,
aber manchmal haben wir es als wenig befriedigend empfunden, eine
Führungsmacht zu sein, die durch den Besitz eines überwältigenden
Anteils am Gesamtwohlstand, an der Macht und an den natürlichen Hilfsquellen von anderen isoliert war. Unserer - und ich glaube, auch
Ihrer - Auffassung nach muß eine starke Partnerschaft schon ihrer

- 4 -

�ihrer Definition gemäß immer eine Zusammenarbeit zwischen Gleichen
bedeuten. Wenn ein Partner allein über 50 Prozent der Hilfsquellen
eines so großen gemeinsamen Unternehmens besitzt und der Saldo dann
noch unter 16 oder 17 andere aufgeteilt ist, so dürfte dieser Verband
kaum wirksam arbeiten können. Solange Europa in Stücke aufgeteilt war
und nur aus - nach modernen Maßstäben - kleinen Nationen bestand, waren
die Möglichkeiten für eine echte Partnerschaft immer beschränkt.
Aber ein vereinigtes und starkes Europa kann bei der Verwirklichung
unserer gemeinsamen Bestrebungen ein gleichwertiger Partner sein - ein
Partner, der sich den gleichen Grundsätzen verschrieben hat wie wir.
Denn schließlich glauben Sie ebenso wie wir an die Bewahrung und Verbreitung der Freiheit und an jene Werte, die den Freien vom Sklaven
unterscheiden.

III.
Die Begeisterung, mit der die Amerikaner die wachsende Stärke
und das Zusammenrücken Europas begrüßen, läßt sich kaum beschreiben.
Warum aber hört man mitunter in Europa - fast nie dagegen in Amerika zaghafte Stimmen unheilverkündend darüber Klage führen, daß ein vereintes Europa eine neutralistische dritte Kraft werden könnte? Ich
darf mit allem Nachdruck sagen, daß wir Amerikaner keineswegs befürchten, das neue Europa werde neutralistisch werden, ebensowenig wie eine
Rückkehr Amerikas zum Isolationismus zu befürchten ist.
Der Neutralismus, von dem wir im letzten Jahrzehnt so viel zu
hören bekamen, war ein Ausdruck der Schwäche, nicht der Stärke. Er
entsprang dem Glauben, daß Europa fortan keine bedeutende Rolle mehr
im Machtkampf zwischen den Vereinigten Staaten und dem kommunistischen
Block spielen könne. Seine Verfechter, die sich hatten einreden lassen,
daß sie den Ausgang nicht beeinflussen könnten, wenn sie für die eine
oder andere Seite Partei ergriffen, zogen es vor, sich in olympischer
Objektivität dem Ringen fernzuhalten und beide Seiten zu gleichen
Teilen mit Kritik zu bedenken. Nun, da die Staaten Westeuropas zu immer
größerer Einheit finden, sind die Stimmen des Neutralismus, die vor zehn
Jahren diese erschreckende Kakophonie erzeugt haben, weitgehend zum
Schweigen gebracht worden.
Es

�Es gibt aber immer noch einige Leute, die sich vor einem starken,
geeinten Europa fürchten, wenn auch aus einem ganz anderen Grunde. Sie
sehen nicht mehr das Gespenst einer dritten neutralistischen Kraft,
sondern die Gefahr, daß die dritte Kraft und Amerika in zunehmendem
Maße getrennte Wege gehen. Ein^ starkes Kontinentaleuropa könnte ihrer
Meinung nach in Versuchung geraten, eine Politik des Gleichgewichts
der Kräfte neuer Art auszuprobieren, den Osten gegen den Westen auszuspielen und im Interesse der eigenen eigenbrötlerischen und selbstsüchtigen Ziele sein Gewicht, seine Autorität dem Meistbietenden zu
verkaufen.
Ich bin überzeugt, daß eine solche Voraussage die Natur der auf
beiden Seiten des Atlantiks wirksamen Kräfte völlig mißdeutet. Sie
übersieht die Vitalität und Tragfähigkeit unseres gemeinsamen Erbes.
Sie ignoriert die Realität unserer gemeinsamen Ziele. Sie sieht nicht,
welche Richtung Europa bereits eingeschlagen hat. Und sie verkennt in
der Tat das einfache Aufeinander-Angewiesensein der Mitglieder des NATOBündnisses, auf dem gegenwärtig unsere nationale Sicherheit beruht.
Meines Erachtens können Sie und wir durch die Schaffung eines
starken und vereinten Europa alles gewinnen. Ein vereintes Europa wird
ganz gewiß ein tieferes und stärkeres Gefühl der Verantwortung für die
Verteidigung der westlichen Wertbegriffe entfalten können als die Einzelstaaten eines schwachen und zersplitterten Europa. Einheit schafft
Stärke. Aus der Erkenntnis und dem Bewußtsein der Stärke erwächst nicht
nur die Fähigkeit, sondern auch der Wille, die Ereignisse zu beeinflussen.
Und für die Europäer, ebenso wie für uns Amerikaner, ist der Wille, den
Gang der Ereignisse zu beeinflussen,lediglich eine andere Art, ihrem
Verantwortungsgefühl Ausdruck zu verleihen.
Wir Amerikaner sind deshalb voll und ganz davon überzeugt, daß man
von Europa, je weiter es auf dem Wege zur Einheit fortschreitet, desto
mehr erwarten darf, daß es eine positive und verantwortliche Rolle bei
der Wahrnehmung unseres gemeinsamen Interesses übernehmen wird. Wir tun
dies in dem Bewußtsein, daß die atlantische Partnerschaft niemals eine
einseitige Angelegenheit sein kann und daß wir selbst unsere Verpflichtungen als guter Partner erfüllen müssen.

�IV.
Die Unterstützung der europäischen Integration und der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft durch die Vereinigten Staaten hat tiefe Wurzeln,
Sie entspringt der Erinnerung an unsere eigenen föderativen Erfahrungen
und dem Wunsch, die blutige Rivalität zu beenden, die einst die großen
Staaten Westeuropas entzweite.
Aber die Amerikaner mußten erkennen, daß die kommerzielle Manifestation dieser Gemeinschaft, der Gemeinsame Markt, mit einer erheblichen Diskriminierung des amerikanischen Handels verbunden ist.
Somit ergibt sich für die Vereinigten Staaten und für dritte Nichtmitgliedstaaten die Notwendigkeit, ihre Industrie, ihre Landwirtschaft
und ihren Arbeitsmarkt dieser Sachlage anzupassen.
Das hat uns gleichwohl niemals von den weitergesteckten Zielen
unserer Politik abgelenkt. Trotz der Probleme, die sich für Amerika aus
der Entwicklung des Gemeinsamen Marktes ergeben, haben wir dem Wachsen
der europäischen Gemeinschaft nachhaltige und tätige Hilfe angedeihen
lassen .
Wir haben diese Unterstützung gewährt, weil wir von zwei Dingen
überzeugt sindl erstens, daß sich die europäische Gemeinschaft als
weltoffene Gesellschaft mit liberaler Handels- und Wirtschaftspolitik
erweisen wird, und zweitens, daß sie in zunehmendem Maße bereit sein
wird, weltweite Verantwortung zu übernehmen, je mehr ihre Stärke und
Einheit wächst,
V.
Unser Glaube an die liberalen Absichten der europäischen Gemeinschaft
fand seinen konkreten Ausdruck in dem Handelsgesetzentwurf, den Präsident
Kennedy kürzlich dem Kongreß der Vereinigten Staaten zugeleitet hat. Da
in Europa bezüglich des Charakters und der Zielsetzung dieser Vorschläge
einige Mißverständnisse herrschen, möchte ich sie hier kurz kommentieren.
Der Präsident ersucht in Verbindung mit der Gesetzesvorlage um die Vollmacht, neue Handelsvereinbarungen vornehmlich mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, aber auch mit anderen Handelsstaaten treffen zu
dürfen. Nach den Vorschriften der amerikanischen Verfassung ist hierzu
eine Ermächtigung durch den Kongreß erforderlich. Die Regierung kann

- 7-

�kann Zollsenkungen nur im Rahmen der ihr vom Kongreß erteilten Befugnisse aushandeln.
Die Vollmachten, die der Präsident wünscht, sind eigens auf die
Probleme zugeschnitten, die jetzt unsere gemeinsamen Probleme sind.
In der Welt des Handels vollzieht sich gegenwärtig ein tiefgreifender
Wandel.
Falls auch Großbritannien dem Gemeinsamen Markt beitritt, hätte
dies zur Folge, daß sich schon sehr bald 90 Prozent des Handels der
freien Welt mit Industrieprodukten auf zwei große gemeinsame Märkte
konzentrieren würden! auf die Vereinigten Staaten und auf die erweiterte
Europäische Wirtschaftsgemeinschaft•
Diese beiden gemeinsamen Märkte würden dann erstmals auf der
Basis nahezu völliger Gleichheit miteinander verhandeln. Die Vereinig-*
ten Staaten und die EWG sind einander hinsichtlich der Bevölkerungszahl, des Handelsvolumens und des allgemeinen Produktions- und Leistungsstandes der Industrie nahezu ebenbürtig. Unsere jeweiligen
Außenzölle werden im Durchschnitt ungefähr gleich hoch sein. Bei bestimmten Waren werden die Zollsätze der EWG diejenigen der Vereinigten
Staaten überschreiten; bei anderen wird es sich umgekehrt verhalten.
In gemeinsamen Verhandlungen sollte es möglich sein, den Zugang zu den
beiderseitigen Märkten auf einer für beide Seiten vorteilhaften Basis
zu erleichtern. Allerdings würde den Vereinigten Staaten und der erweiterten EWG aus ihrem gemeinsamen Übergewicht im Welthandel gegenüber
dritten Staaten eine besondere Verantwortung erwachsen.
Stärke und Macht bringen für diejenigen, die sie besitzen, eine
Reihe besonderer Verpflichtungen mit sich. Durch Verhandlungen im
Rahmen des GATT und einschneidende

Zollsenkungen auf der Basis der

Meistbegünstigung könnten diese beiden großen gemeinsamen Märkte die
Schwierigkeiten und Besorgnisse aller Länder der freien Welt aus dem
Wege räumen. Dies setzt natürlich voraus, daß dritte Länder durch die
Gewährung von Konzessionen auf Gegenseitigkeit ebenfalls ihren Beitrag
leisten.

VI.
In dem Gesetzesvorschlag hat der Präsident um Vollmachten nachgesucht, die ihm die Möglichkeit geben würden, Verhandlungen über ein«

- 8

�eine wesentliche Erhöhung des Warenaustausches über den Atlantik zu
führen. Mit dem Ersuchen an den Kongreß, ihm diese Vollmacht zu gewähren, verfolgt der Präsident nicht die Absicht, die Spielregeln
zu diktieren, nach denen solche Verhandlungen geführt werden sollen.
Jene Regeln bleiben vielmehr Gegenstand gemeinsamer Vereinbarungen der
Verhandlungspartner«
Die wichtigste vom Präsidenten geforderte Verhandlungsvollmacht
soll ihn ermächtigen, Zollsenkungen auf amerikanischer Seite um bis
zu 50 Prozent zu vereinbaren.
Die vorgeschlagene Gesetzgebung würde außerdem eine Sondervollmacht enthalten, die es dem Präsidenten gestattet, in Verhandlungen
mit der EWG sogar amerikanische

Zollkonzessionen bis zu 100 Prozent

anzubieten. Diese Sondervollmacht könnte wegen der Art ihrer technischen Begrenzungen aber nur dann wirksam angewandt werden, wenn Großbritannien Mitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wird. Aus
dem Bemühen des Präsidenten, diese Sondervollmacht zu erhalten, spricht
aber keineswegs die Absicht, die gegenwärtig zwischen der EWG und Großbritannien schwebenden Verhandlungen zu präjudizieren. Sein Wunsch war
es lediglich, sich diese Vollmacht zu sichern, um auch mit einer erweiterten EWG verhandeln zu können für den Fall, daß jenen Verhandlungen Erfolg beschieden ist. Auf Grund dieser Sondervollmacht könnte
der Präsident bei einer begrenzten Zahl von Gütern - die hauptsächlich
von den Vereinigten Staaten und der erweiterten EWG angeboten werden bei entsprechenden Gegenkonzessionen Zollsenkungen bis zu 100 Prozent
vornehmen.
Das Ersuchen des Präsidenten um diese Sondervollmacht hat in
Europa einige Kritik ausgelöst. So hat man zum Beispiel angedeutet,
eine derartige amerikanische Initiative könnte den gemeinsamen Außenzolltarif aushöhlen, der die Europäische Gemeinschaft sowohl abgrenzt
als auch zusammenschließt.
Diese Sorge ist durchaus nicht begründet. Die Tatsache, daß im
Zuge von Handelsverhandlungen gewisse Güter von der EWG auf die Freiliste gesetzt werden, würde nicht die generelle Beseitigung des gemeinsamen Außenzolls bedeuten. Jedes unserer Länder hat bereits eine
Anzahl von industriellen Gütern auf der Freiliste stehen. So erheben
die Vereinigten Staaten gegenwärtig keine Zölle auf Schreibmaschinen.

- 9-

�Schreibmaschinen, Zeitungspapier, Kunstdünger und verschiedene Maschinentypen. Der gemeinsame EWG-Außenzoll wird für Synthesekautschuk, einige
Papierstoffe und Papiererzeugnisse, für gewisse Schiffs- und Bootstypen
sowie Schmuckwaren gleich null sein. Für Flugzeuge wurde er ausgesetzt.
Gibt es irgendeinen Grund, diese Freilisten nicht zu erweitern?
Darüber hinaus bezweifle ich, daß die Integrität des Gemeinsamen
Marktes in dem Maße von der Aufrechterhaltung eines relativ hohen
Außenzollniveaus abhängt, wie es behauptet wird. Die Auswirkung der
Zollsenkungen hängt wiederum davon ab, wie groß die Stufen gewählt
werden, Wenngleich ursprünglich die gemeinsame Außenzollmauer das
bestimmende Element gewesen sein mag, so hat doch die Gemeinschaft
ihre Integrität bereits durch andere weitreichende Maßnahmen hergestellt. Sie verfügt über ein gut ausgebautes institutionelles Gefüge,
und ihr Zusammenhalt wird - letzten Endes - von der laufenden Erweiterung des gemeinsamen Vorgehens auf immer mehr Bereiche gemeinsamer
Politik abhängen.
VII.
So wenig die Behauptung zutrifft, daß die Außenhandelsvorschläge
des Präsidenten in irgendeiner Form die Integrität des Gemeinsamen
Marktes bedrohen, so sehr scheint uns eine andere europäische Reaktion
übertrieben. Es handelt sich hierbei um die Ansicht, daß eine wesentliche Herabsetzung der Zölle auf beiden Seiten des Atlantiks nur dann
ohne Gefahr erreicht werden könne, wenn beide Parteien sich auf eine
gemeinsame Wirtschaftspolitik einigen. Im Endeffekt scheinen diese
Kritiken zu besagen, ein freierer Handel sei so lange unmöglich, bis
die Vereinigten Staaten es der EWG gleichtun und sich einer Disziplin
unterwerfen, die der von den römischen Verträgen verlangten ähnlich ist»
Dies ist meines Erachtens eine starke Überspitzung des Problems.
Mit der Beantragung einer neuen Handelsgesetzgebung schlägt der Präsident nicht die Bildung einer Zollunion oder Freihandelszone mit dem
Gemeinsamen Markt vor, ebensowenig empfiehlt er ein exklusives Handelsabkommen irgendwelcher Art mit der EWGt Was für Abmachungen auch getroffen werden, alle müssen auf der Basis der Meistbegünstigung abgeschlossen werden. Was er wirklich vorschlägt, ist vielmehr, daß die
Vereinigten Staaten im Einvernehmen mit der EWG auf eine Liberalisierung
- 10 -

�Liberalisierung des Handels unter Bedingungen hinarbeiten sollten, die
es allen Ländern gestatten, an den daraus resultierenden Vorteilen
teilzuhaben.

Dadurch zum Beispiel, daß die amerikanischen Löhne

wesentlich höher sind als die europäischen, werden unsere Exporte
nicht zwangsläufig wegen ihres Preises aus Ihrem Markt herausgedrängt,
und ebensowenig bleibt unser Markt Ihren Produkten wegen Ihrer geringeren Produktivität oder höheren Energiekosten verschlossen.
Dennoch sind wir uns darüber im klaren, daß - wenn der transatlantische Handel in der notwendigen Freiheit expandieren soll die Vereinigten Staaten und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft
zusammen auf eine zunehmende Koordinierung ihrer beiderseitigen Wirtschaftspolitik hinarbeiten müssen. Aus diesem Grunde haben wir auch
die Anregungen unserer europäischen Freunde zu energischerem gemeinsamem Vorgehen begrüßt.
Gerade weil meine Regierung die harten Tatsachen des Aufeinander-Angewiesenseins der Industriemächte erkannt hat, schlug sie die
Schaffung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor. Mit der Gründung dieser Organisation im vergangenen
September - und schon in den Monaten, die diesem Ereignis vorangingen hat die atlantische Gemeinschaft ein Instrument von unschätzbarem Wert
für das geordnete und beschleunigte Wachstum unserer Volkswirtschaften
erhalten. Und dabei haben wir gerade erst begonnen, die uns von den
zahlreichen OECD-Ausschüssen gebotenen Möglichkeiten der wirtschaftlichen Konsultation und Zusammenarbeit zu erschließen.
Wir sind bereit, bei der wechselseitigen Abstimmung unserer Wirtschaftspolitik und der Entwicklung und Verstärkung des Konsultationsund Koordinätionsinstrumentariums genau so weit zu gehen wie jedes
andere Mitglied der OECD. Wir sind bereit zu Beratungen über jeden
Aspekt der amerikanischen Wirtschaftspolitik, einschließlich des
weiten Feldes der Geld-, Finanz- und Handelspolitik. Ebenso sind wir
bereit, miteinander über die Harmonisierung unserer Landwirtschaftspolitik zu diskutieren, insbesondere über Maßnahmen, die darauf abzielen, der leistungsfähigen landwirtschaftlichen Produktion den Zugang zu den Weltmärkten zu erleichtern und die Agrarüberschüsse der
Welt konstruktiv und phantasievoll zu verwenden, um damit den Lebensinteressen der freien Welt - besonders in den Entwicklungsländern -

- 11 -

�Entwicklungsländern - zu dienen.
Wir erkennen auch, daß diese Konsultationen, wenn sie funktionieren
sollen, die Politik der einzelnen Länder im Entstehungsstadium - das
heißt, ehe sie durch offizielle Entscheidungen erhärtet ist - in Betracht
ziehen müssen.
Bei den Bemühungen um die Harmonisierung unserer Wirtschaftspolitik
fühlen wir uns natürlich verpflichtet, den Wettbewerb zu fördern und zu
erhalten sowie restriktive Maßnahmen zu vermeiden, Daß die EWG mit Vorschriften und Verfahren gegen die Kartellbildung angeht, scheint nach
unserer Meinung - durch Absteckung eines dem unsrigen ähnlichen Kurses die Möglichkeiten der Zusammenarbeit noch zu verbessern. Da unser Land
mit seiner langen antimonopolistischen Tradition unbeirrbar am Marktmechanismus als Wirtschaftsregulator festgehalten hat, begrüßen wir
diesen Schritt. Denn bei der Vertiefung und Verbreiterung des Terrains
der Zusammenarbeit müssen wir getreu unserer Tradition jeden Gedanken
an eine transatlantische Kartellisierung weit von uns weisen - und aus
diesem Grunde auch versuchen, Regelungen zu vermeiden, die möglicherweise den freien Kapitalfluß oder die Freiheit der Wahl des Unternehmers bei Investitionsentscheidungen beeinträchtigen.

VIII.
Der Weg des Freihandels ist nicht immer bequem. Innerhalb der
letzten zwei Wochen sah sich der Präsident der Vereinigten Staaten
gezwungen, Empfehlungen zur Erhöhung der Einfuhrzölle auf bestimmte
Arten von Teppichen und Flachglas zu billigen. Diese Empfehlungen
basieren auf Feststellungen der Zollkommission, die das Ergebnis
öffentlicher, allen Interessenten zugänglicher Informationsbefragungen
waren. Das löste wieder Kommentare in Europa aus, wo man sich fragte,
was dies auf lange Sicht für die amerikanische Handelspolitik zu bedeuten habe. Lassen Sie mich Ihnen genau sagen, was es zu bedeuten hat.
Im Augenblick beruhen die Vollmachten des Präsidenten zur Änderung
. der Zölle der Vereinigten Staaten, und zwar bis zur Verabschiedung
eines neuen Gesetzes, auf dem bestehenden Gesetz über Handelsabkommen.
Sinn und Tendenz dieses Gesetzes sind klar! Wenn ein amerikanischer
Industriezweig in ernsthafte Schwierigkeiten gerät, die auf Importe
zurückgeführt werden können, dann sieht das Gesetz die Wiedereinführung

_ 1 ? _

�.Wiedereinführung von Einfuhrbeschränkungen vor. Auf Grund dieses Gesetzes hat der Präsident die Zölle für Teppiche und Glas erhöht.
Dies war die einzige Form, in der der Präsident im Rahmen der bestehenden Gesetzgebung Abhilfe schaffen konnte. Das wird anders werden,
wenn der Kongreß das eingebrachte Gesetz über die Ausweitung des Handels
verabschiedet. Dieses Gesetz geht mit einer anderen Tendenz an die Probleme importbedingter Anpassung heran. Unter Berücksichtigung der Erfahrungen der EWG selbst sieht das Gesetz vor, daß derartige Probleme
in erster Linie durch Umstellungen im eigenen Lande zu überwinden sind.
Industriezweige, denen es Schwierigkeiten bereiten sollte, sich niedrigeren Zöllen anzupassen, sollen Finanz- und Steuerhilfen verschiedener
Art gewährt werden, die es ihnen ermöglichen, sich auf neue Produktionsgebiete umzustellen. Den Arbeitern wird man durch Umschulung und andere
Mittel helfen. Einfuhrbeschränkungen kommen nur noch in Ausnahmefällen
und dann nur für eine begrenzte Zeit in Betracht.
Aber selbst abgesehen von der vorgeschlagenen Änderung der Ausweichklauselpolitik der Vereinigten Staaten vermindert sich die Bedeutung der jüngsten Zollmaßnahmen, wenn man sie in die richtige Perspektive rückt. In all den Jahren, in denen die Ausweichklauseln das regui

läre Mittel waren, hat der Präsident nur in 17 Fällen ihre Anwendung
für nötig befunden.
Das ist eine beachtliche Leistung. Nur wenige Länder der Welt
haben solche Zurückhaltung geübt. Tatsächlich haben es einige der
Länder - ich betonet nicht alle -, die sich über die Maßnahme des
Präsidenten am meisten beschwert haben, bei früheren Gelegenheiten
für richtig gehalten, den Zollschutz vieler ihrer eigenen Industrien
wiederherzustellen. Manche von ihnen haben beispielsweise unter Berufung auf den GATT-Artikel XXVIII Hunderte von Tarifsätzen erhöht.
Andere haben gelegentlich in Verletzung des Abkommens zur Kontingentierung Zuflucht genommen. Derartige Maßnahmen haben oft zu großen
Härten geführt - insbesondere in anderen Teilen der freien Welt, wie
etwa in Japan.
Die wichtige Frage für uns ist jedoch nicht, welche Restriktionen
in der Vergangenheit angewandt wurden, sondern welche Politik wir in
Zukunft verfolgen wollen. Der jetzt dem amerikanischen Kongreß vorliegende Handelsgesetzentwurf verkörpert den Grundsatz, daß in bezug
auf den Importwettbewerb den Handelsanpassungen und nicht den Händels- 13 -

�Handelsrestriktionen der Vorzug gegeben werden sollte. Ich bin sicher,
daß dieser Grundsatz letztlich in den internationalen Handelsbeziehungen
weitgehende Anwendung finden wird.
Die Vereinigten Staaten betrachten es als selbstverständlich, daß
die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft weltoffen bleiben und nicht der
Versuchung nachgeben wird, einen eigenen, vom Rest der freien Welt
isolierten Handelsblock zu schaffen. Wir nehmen ferner an, daß sich die
Mitgliedstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mit zunehmender
Stärke und Einheit Europas in steigendem Maße für die Sicherheit und
das Gesamtwohl der übrigen freien Welt mitverantwortlich fühlen werden.
Als die Nation mit den weitaus größten Hilfsquellen haben die Vereinigten Staaten seit Beendigung des zweiten Weltkrieges den Verteidigungsschild gestellt, hinter dem Europa sich entwickeln konnte. Sie
haben ferner für einen ständigen Kapitalfluß in die Entwicklungsländer
gesorgt, um ihnen bei der Verbesserung ihres Lebensstandards zu helfen,
der für ihre Stabilität und Unabhängigkeit von so wesentlicher Bedeutung
ist.
Das alles konnte nicht ohne Kraftanspannung und Mühe vollbracht
werden. Unser heutiges, störendes Zahlungsbilanzdefizit beweist in
dramatischer Weise, welche schwere Last die Vereinigten Staaten zu
tragen haben. Die Ursachen dieses Defizits sind einzigartig in der
Geschichte. Es resultiert nicht etwa aus dem Versagen der Vereinigten
Staaten im Wettbewerb auf den Weltmärkten - denn unsere Handelsbilanz
weist weiterhin einen jährlichen Überschuß von mehreren Milliarden Dollar
auf. Sondern es ergibt sich klar und eindeutig aus der Tatsache, daß wir
außerordentlich große Anstrengungen im Interesse der Verteidigung der
freien Welt und der Entwicklungshilfe auf uns genommen haben.
Die Vereinigten Staaten werden nicht schwankend in ihrer Pflichterfüllung. Sie werden auch weiterhin ihren vollen Anteil an den finanziellen und technischen Lasten des Sicherheitsschilds der freien Welt
tragen. Die Regierung der Vereinigten Staaten ist mit Zurückhaltung
an die Lösung ihrer Zahlungsbilanzprobleme herangegangen. Sie hat
Vorschläge zum Ausgleich ihrer Bilanz entweder durch restriktive
Maßnahmen oder auch durch einen Abbau unserer weltweiten Verpflichtungen abgelehnt.
Gleichzeitig

�Gleichzeitig brauche ich kaum zu betonen, daß dieses kontinuierliche
Defizit ein Anlaß zu ständiger Besorgnis für meine Regierung ist. Und
wir sind nicht restlos davon überzeugt, daß Europa, das zu immer größerer
Stärke und Einheit zusammenwächst, schon den vollen Anteil an den Lasten
trägt, den es seiner wachsenden Starke entsprechend übernehmen könnte.
Bei der uns gestellten Aufgabe kann man zwei Teile unterscheiden.
Die zwingende Notwendigkeit, noch größere militärische Anstrengungen
zu unternehmen, um die Glaubwürdigkeit unserer Abschreckungsmacht zu
erhöhen, habe ich bereits erörtert. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß
der unverhältnismäßig hohe Anteil der gemeinsamen Verteidigung, den die
Vereinigten Staaten zu tragen haben, eine der Hauptursachen unserer
Zahlungsbilanzschwierigkeiten ist. Die Unterhaltung unserer militärischen Streitkräfte in Europa zum Beispiel bedeutete im letzten Jahr
für die Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten einen Nettoabfluß von
1,6 Milliarden Dollar.
Der zweite Teil der Aufgabe betrifft die Verantwortung, die wir
in den hochindustrialisierten Ländern der atlantischen Gemeinschaft
gegenüber jener Hälft© der Bevölkerung der freien Welt tragen, die noch
keinen annehmbaren Lebensstandard erreicht hat. Diese Verantwortung
verlangt, daß wir ihnen die finanziellen Mittel zuleiten, die notwendig
sind, um jenen Hunderten von Millionen Menschen eine angemessene - und
schließlich von selbst weiterwachsende - wirtschaftliche Entwicklung zu
ermöglichen; sie verlangt, daß wir auf diese Weise dem Imperativ der
"Revolution der steigenden Erwartungen" Folge leisten.
Gestatten Sie mir an dieser Stelle, die deutsche Regierung und
das deutsche Volk zu dem wachsenden Verständnis für die Größe dieser
Aufgabe zu beglückwünschen, das sie an den Tag gelegt haben. Wir in
den Vereinigten Staaten vertrauen darauf, daß Sie mit zunehmender
Stärke Ihre Anstrengungen weiter vergrößern, die Qualität Ihrer Hilfeleistungen weiter verbessern werden - durch Ausweitung des Umfangs
Ihrer'Entwicklungshilfe und durch Gewährung dieser Hilfe zu Bedingungen,
die geeignet sind, die Belastung der Zahlungsbilanzen der Empfängerländer nach Möglichkeit zu vermindern.
Zu den von uns zu bewältigenden Problemen gehört auch die Koordinierung und Ausweitung unserer Hilfsprogramme. Dafür haben wir uns
im Entwicklungshilfe-Ausschuß der OECD ein großartiges Instrument ge-

- 15 -

�geschaffen. Wenn wir dieses Werkzeug tatkräftig und entschlossen einsetzen, sollten wir imstande sein, es in eine für unsere gemeinsamen
Anstrengungen sehr nützliche Institution zu verwandeln. In diesem Ausschuß ist man zur Zeit dabei, Arbeitsstäbe jeweils für bestimmte
Länder und Gebiete zu schaffen, die bei der Koordinierung, Ausdehnung
und Anwendung der wirtschaftlichen Unterstützung der betreffenden
Länder und Gebiete Hilfestellung leisten sollen. Jede Arbeitsgruppe
wird aus Vertretern von zwei oder mehr Industrieländern sowie - falls
erforderlich - auch Vertretern der vorhandenen internationalen
Finanzinstitute gebildet. Diese Gruppen sollen natürlich in engstem
Einvernehmen mit den Empfängerländern zusammenarbeiten.

X.
Aber die direkte Unterstützung kann nur ein Teil der Aufgabe seinFrüher oder später müssen die Entwicklungsländer selbst dahin kommen,
daß sie ihr wirtschaftliches Wachstum über die unmittelbare Injektion
auswärtiger öffentlicher Mittel hinaus erweitern und aufrechterhalten.
Das aber können sie auf lange Sicht nur durch die Schaffung von Umweltbedingungen erreichen, die der Privatinvestition Vorschub leisten, sowie
durch den Verkauf ihrer Güter an die Welt zu einigermaßen stabilen
Preisen.
Für die nächsten Jahre schon zeichnet sich eine erhebliche Evolution
d«s Charakters der'wirtschaftlichen Bindungen zwischen den fortgeschrittenen Ländern und den aufstrebenden Gebieten Asiens, Lateinamerikas und Afrikas ab. Zwei Muster sind möglich« im einen Falle werden
die Entwicklungsländer in zunehmendem Maße Zugang zu den Märkten aller
fortgeschrittenen Nationen der Welt erlangen und auf dieser Grundlage
das eigene Wachstum beschleunigen können, im anderen Falle werden sich
die Gepflogenheiten des Präferenzhandels aus den alten Kolonialsystemen
in neuen Formen verewigen.
Der zweite Weg führt jedoch in eine Sackgasse. Er tendiert zur
Verzerrung der Handelsströme, zur Züchtung einer künstlichen und unwirtschaftlichen Produktion, zur Beschränkung der Spannweite der
Wirtschaftsaufgliederung und zur fortgesetzten Diskriminierung anderer
Entwicklungsländer. Außerdem werden die Länder innerhalb der Präferenzsysteme - selbst wenn sie im Augenblick ihre Privilegien attraktiv

- 16 -

�attraktiv finden mögen - sich allmählich gegen jede Regelung sträuben,
die ihnen auf die Dauer die Freiheit der Wahl beschneidet.
Falls sich die Vereinigten Staaten und die EWG gemeinsam entschließen, ihre Märkte den Rohprodukten der Entwicklungsländer auf der
Basis der Nichtdiskriminierung zu öffnen, können sie einer Evolution
den Weg weisen, die auf lange Sicht ein gesundes Welthandelsklima
schaffen wird, in dem die Entwicklungsländer ihre Weltmarktproduktion
nach und nach auszubauen vermögen. Es ist klar, daß dies nicht über Nacht
zu erreichen ist. Der Übergang zur Nichtdiskriminierung im Handel mit
den Entwicklungsländern erfordert Übergangsregelungen, Kompensationsverfahren, die den heute noch auf Präferenzbehandlung angewiesenen
Ländern die Umstellung auf die Nichtdiskriminierung erleichtern, und
Unterstützungsmaßnahmen, die ihnen die Durchführung zweckdienlicher
langfristiger Entwicklungspläne ermöglichen.Außerdem ist notwendig,
daß die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder eng zusammenarbeiten, um
sicherzustellen, daß dem kritischen Problem der Preisfluktuation auf
den Rohstoffmärkten durch adäquate weltumspannende Abkommen in gebührender
Weise Rechnung getragen wird.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, ihren Anteil zu solchen Bemühungen beizusteuern.
Bei einem solchen Kurse werden Sie und wir auf lange Sicht zu
einer Weltnachbarlichkeit gelangen, in der die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder sich in die Verantwortung für die Unterstützung
der Entwicklungsländer sowohl durch Handel als auch durch Wirtschaftshilfe teilen, weil sie genau erkannt haben, daß es sich hier um
Probleme von solchem Ausmaß handelt, daß wir alle uns zu Gebote stehenden Hilfsmittel, technischen Fähigkeiten und Geistesgaben aufbieten müssen,
wenn es uns gelingen soll, Stabilität und Stärke in der freien Welt zu
schaffen.
Abschließend möchte ich daran erinnern, daß Präsident Kennedy
aufgerufen hat, die sechziger Jahre zu einem "Jahrzehnt der Entwicklung"
zu machen - zu dem Jahrzehnt, in dem die wirtschaftlich fortgeschrittenen
Länder, orientiert an hohen Leitideen und mit einem Gespür für den Gang
der Geschichte, die Rolle spielen, die ihrer Traditionen und ihrer
Stärke würdig ist.
Dit

�Die atlantische Partnerschaft verfügt über die Mittel, dieses
Ziel zu erreichen. Wir machen Fortschritte. Wir müssen und wir werden
unsere Anstrengungen verstärken. Wenn wir dies tun - und die Früchte
unseres Wohlstandes mit anderen teilen -, dann können wir aus unserer
Zeit eine Ära machen, die die Historiker nicht wegen der Aufregungen
und der Bitternis des kalten Krieges, sondern als den Moment festhalten werden, an dem die Menschheit endlich doch den Weg zur Freiheit
von Not und Furcht gefunden hat.

* * * * *

- 18 -

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./19-4«1962
DIE VERTEIDIGUNGSPOLITIK DER USA UND DIE NATO
Von Paul H. Nitze

HAMBURG - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der
Unterstaatssekretär für Internationale Sicherheit im US-Verteidigungsministerium, Paul H.
Nitze, auf Einladung der Amerika-Gesellschaft
am 11 . April '\962 in Hamburg in deutscher Sprache
gehalten hat.

Es ist mir eine Freude, wieder einmal in Deu tschland zu sein und
zu Ihnen sprechen zu dürfen. Als besonders glückl iches Omen betrachte
ich es, daß meine Deutschlandfahrt unter der Schi rmherrschaft der
Amerika-Gesellschaft und der Atlantik-Brücke stat tfindet, denn jener
Brückenschlag über den Atlantik, für den Ihre bei den Organisationen
sich einsetzen, bietet die beste Gewähr für Fortb estand und Gedeih
der Ihnen hier und uns in Amerika gemeinsamen Kul tur und Zivilisation,
Auf der Stärke dieser Atlantischen Gemeinschaft, so scheint mir, beruht auch die Hoffnung der übrigen Welt auf eine vernünftige internationale Ordnung, in der alle Nationen ihr eigenes Schicksal frei von
äußerem Druck und Zwang gestalten können - voraus gesetzt, wir verbinden Kraft mit weiäem Maßhalten.
In dieser Stunde möchte ich mit Ihnen vier Hauptthemen durchsprechen:
1 . die Grundkonzeption der Vereinigten Staaten, die in der NATO
den schlechthin zentralen Faktor sieht für eine wirksame Verteidigung
der unabweisbar aufeinander angewiesenen nordamerikanischen und westeuropäischen Länder;
2. die innere Logik des Eintretens der Vereinigten Staaten für
den weiteren Ausbau der konventionellen Streitkräfte einerseits und
die weitere Verstärkung der westlichen atomaren Abschreckung andererseits;
5. die Fortschritte der Vereinigten Staaten und der übrigen
NATO-Mächte in ihrem Bemühen um die weitere militärische Stärkung
der NATO nicht hur für die derzeitige Krise um Berlin, sondern auf
lange Sicht.
- 1 4.

�"AMERIKA DIENST"

19« April 1962

4. einige persönliche Gedanken über die künftige Entwicklung
der NATO und der Atlantischen Gemeinschaft, Gedanken, die den untrennbaren Zusammenhang der Verteidigung Europas und Nordamerikas
und die verjüngte Kraft der europäischen NATO-Mitglieder zum Ausdruck bringen werden.
Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, mit welch warmen Interesse,
mit welch innerer Anteilnahme wir in Amerika den Aufstieg Westeuropas beobachtet haben - aus der Zerrüttung des zweiten Weltkrieges
zum Wiederaufbau, gefördert durch den Marshallplan; dann zur Gemeinschaft für Kohle und Stahl, weiter zum Gemeinsamen Markt und Euratom
und schließlich jetzt zu intensiver Suche nach der Form einer noch
engeren politischen Verbindung der westeuropäischen Nationen. Gleichzeitig mit dem Heranwachsen dieser immer kräftigeren und festeren
Europäischen Gemeinschaft wuchs auch jene Atlantische Gemeinschaft,
zu deren Vertiefung gerade die Amerika-Gesellschaft und die AtlantikBrücke so erheblich beitragen. Diese Entwicklung zur Atlantischen
Gemeinschaft beruht auf einer Vielzahl gemeinsamer kultureller,
geschichtlicher und politischer Bande und wirtschaftlicher Interessen.
Heute, angesichts der vorhandenen und noch wachsenden militärischen
Stärke des Ostblocks, besteht eine klare, offenbare Notwendigkeit
engsten Zusammenwirkens auf militärischem Gebiet innerhalb der westlichen Staatengruppe und insbesondere zwischen Westeuropa und Nordamerika. Die moderne Technik und ihre Auswirkungen auf den Raumund den Zeitfaktor in aller strategischen Planung haben in der Tat
die Auffassung überholt, daß die Mitglieder der Atlantischen Gemeinschaft ihre Verteidigung auf einzelstaatlicher Basis planen
könnten, wie einst im 19» Jahrhundert. Heute ist die Verteidigung
Europas und Nordamerikas unteilbar. Aus dieser Erkenntnis gemeinsamer Verteidigungsinteressen ist die NATO erwachsen, die eines der
besten Beispiele für die vitale Fähigkeit unserer gemeinsamen Kultur
ist, neuen Anforderungen und Herausforderungen zu begegnen.
Anlaß und Ansporn für die NATO liegen im erklärten, dogmatisch
verankerten kommunistischen Willen, den Sozialismus in Anführungsstrichen, das heißt den Kommunismus, in der ganzen Welt zur Herrschaft zu bringen. Das kommunistische Dogma in seiner neueren Abwandlung postuliert als Methodik zur Erreichung dieses Zieles die
sogenannte "friedliche Koexistenz", welche nach kommunistischer
Definition;,"gerechte Kriege", wie zum Beispiel "Befreiungskriege",
einschließt. Die ungewöhnlich pervertierte -Sprachregelung der totalitären kommunistischen Regime, die sich selbst als "Demokratien"
bezeichnen, westliche Verteidigungsmaßnahmen aber als "aggressiv"
charakterisieren, verwirrt die Begriffe in manchen Köpfen. "Frieden"
ist vom kommunistischen Standpunkt lediglich ein Zustand, der es dem
Kommunismus erlaubt, ohne offenen militärischen Konflikt, seine
Herrschaftsziele zu erreichen. Nach kommunistischer, die Dinge auf
den Kopf stellender Logik geht die einzige Gefahr für den Frieden von
denen aus, die dem kommunistischen Angriffsdruck Widerstand leisten,
die mit anderen Worten willens sind, sich eher mit der Waffe zu verteidigen als die ideellen Werte ihrer eigenen, frei gewählten

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gewählten Gesellschaftsform aufzugehen. Schon Clausewitz hat festgestellt, der Angreifer sei immer friedliebend, denn er wünsche ja
nichts so sehr als Gebietserwerb von einem Opfer, das sich nicht wehrt.
Clausewitz bemerkt dazu, Krieg existiere "im Interesse des Angegriffenen" und resultiere aus dessen Willen, lieber für seine Lebensinteressen zu kämpfen als sie dem Angreifer widerstandslos preiszugeben.
Das Anwachsen der sowjetischen Militärmacht, die einheitliche
Steuerung jedenfalls der europäischen Ostblockstaaten vom Moskauer
Zentrum und die vorher erwähnte kommunistische Weltherrschaftsideologie stellen zusammengenommen die Atlantische Gemeinschaft auf die
schwerste Probe. Die NATO ist unsere grundsätzliche Antwort auf diese
Herausforderung.
Aufeinanderfolgende Präsidenten der Vereinigten Staaten haben
konsequent die entscheidende Bedeutung der NATO anerkannt. Als vor
nunmehr etwa fünfzehn Monaten die neue demokratische Regierung ihr
Amt antrat, ordnete Präsident Kennedy sogleich eine Überprüfung unserer Verteidigungserfordernisse an, einschließlich der strategischen
Planung und des atomaren und nichtatomaren Potentials unserer Streitkräfte. Diese Überprüfung führte zu dem Ergebnis, daß innerhalb der
amerikanischen Gesamtpolitik der Sicherung Europas und der Stärkung
des NATO-Bündnisses auch weiterhin überragende Bedeutung zukommt.
Unsere Verpflichtungen zur Aufrechterhaltung der europäischen Sicherheit und unsere Absicht, die amerikanischen Streitkräfte hier in
Europa stark zu halten, sind daraufhin von Präsident Kennedy im vergangenen Frühjahr ausdrücklich bekräftigt worden.
Für eine Bestandsaufnahme unserer Verteidigungspolitik im Vorjahr sprach auch ein Gefühl, daß die Verhältnisse innerhalb der NATO
sich seit dem Gründungs jähr 1949 geändert haben. Damals lag die wesentliche Bedeutung des Bündnisses in der von Amerika übernommenen
Verpflichtung, seine Macht für Europa einzusetzen. Inzwischen hat die
NATO sich über den Punkt hinaus, wo das Bündnis in erster Linie auf
den amerikanischen Beitrag angewiesen war, zu einem in militärischer
und anderer Hinsicht ausgeglicheneren Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit zwischen den amerikanischen und den europäischen Partnern
entwickelt. Das ist nur natürlich. Erstens ist es heute weder angängig
für Westeuropa, die ganze Skala von Waffen und Streitkräften - konventionellen und atomaren - zu entwickeln, die als Gegengewicht gegen
die östliche militärische Bedrohung notwendig sind, noch ist es angängig für die Vereinigten Staaten, sich militärisch auf sich selbst
zurückzuziehen und eine "autarke" Verteidigung ohne NATO aufzubauen.
Zweitens rechtfertigt die erstaunliche Wirtschaftsentwicklung Westeuropas im letzten Jahrzehnt, die übrigens die Vitalität der gesamten
westlichen Zivilisation erneut beweist, eine gleichmäßigere Verteilung
der wirtschaftlichen Lasten der gemeinsamen Verteidigung des Westens.
Drittens erwachsen den Europäern aus ihrer zunehmenden politischen
Einigung und politischen Stärke auch größere Verpflichtungen innerhalb
der NATO. Wie Ihr Verteidigungsminister, Herr Strauss, es in seinem
Nash-Memorial-Vortrag an der Georgetown-Universität im November vorigen
Jahres ausdrückte: "Aus der früheren Einbahnstraße ist eine Zweibahnstraße geworden, auf welcher der Verkehr in beiden Richtungen fließt."

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Aus

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Aus dieser allgemeinen Sicht heraus ist unsere neue Regierung an
die Überprüfung ihrer ersten verteidigungspolitischen Entscheidungen
herangegangen. Die unmittelbaren operativen Entschlüsse, die wir
im Verteidigungsministerium nach dem Amtsantritt zu fassen hatten,
mußten sich zwangsläufig zunächst ganz konkret mit Personal-, Ausrüstungs- und Geldfragen befassen. Grundsatzentscheidungen über die
einzuschlagende strategisch-politische Gesamtrichtung dienen nicht
nur als Richtlinien für solche praktischen Entschlüsse, sondern werden auch weitgehend von früheren operativen Entschlüssen beeinflußt.
Aber schon diese Entscheidungen beruhten auf abwägender Prüfung und
überlegter Wahl zwischen möglichen Alternativen.
Unsere weltweiten Verpflichtungen überblickend, kamen wir zu dem
Schluß, daß wir imstande sein müssen, drei verschiedene Formen der
militärischen Herausforderung entweder durch Abschreckung, d.h. durch
Furcht vor unseren Gegenmaßnahmen, überhaupt zu verhindern oder - falls
die Abschreckung versagt - wirksam zu bekämpfen, nämlich den Atomangriff, den Angriff mit konventionellen Waffen und den "indirekten"
Angriff - wobei der indirekte Angriff von der systematischen Zersetzungskampagne über den Partisanenkrieg Öis zum offenen Aufstand
reicht.
Unser Bemühen geht folglich dahin, für alle drei Arten der Bedrohung gewappnet zu sein. Bedeutung und Notwendigkeit einer Rüstung
zur Abwehr der Gefahren Nummer 1 - Atomangriff - und Nummer 3 indirekter Angriff, also Partisanenkrieg usw.- werden allgemein anerkannt und verstanden. Nicht so ganz verstanden werden dagegen vielfach die Gründe für den Ausbau von Streitkräften für Gefahr Nummer 2
sowie der Zusammenhang zwischen einem solchen Ausbau der konventionellen Kräfte und der Verteidigung der NATO-Zentralfront.
Als zweites Hauptthema dieses Vortrags möchte ich daher die Erläuterung der Gründe ansprechen, welche hinter der amerikanischen Auffassung stehen, daß das Verhältnis zwischen dem nichtatomaren und dem
atomaren Potential der NATO verbessert werden muß, Ich bin mir darüber
klar, daß von manchen der Ausbau der nichtatomaren Streitkräfte für
überflüssig gehalten wird in einer Welt, in der jede der beiden Mächtegruppen, die sich am Eisernen Vorhang gegenüberstehen, Kernwaffen besitzt. Man argumentiert beispielsweise, jeder bewaffnete Konflikt
müsse sich zwangsläufig und unverzüglich zum allgemeinen Atomkrieg
steigern, der weitere Ausbau der konventionellen Streitkräfte verrate
defätistisches Denken, er rufe Spaltungen unter den Bundesgenossen
hervor und erschüttere in den Augen der Sowjets die Glaubhaftigkeit
unserer atomaren Abschreckungsstrategie.
Ich kann mit dieser Beurteilung nicht übereinstimmen. Ich bin
vielmehr der Ansicht, daß gerade eine Verstärkung unserer konventionellen Kräfte unseren Willen, gegebenenfalls zum atomaren Gegenschlag
auszuholen, glaubhafter machen würde. Außerdem würde uns eine solche
Verstärkung schon an und für sich gestatten, auf eine direktere und
zweckentsprechendere Weise gewissen kommunistischen nichtnuklearen

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nichtnuklearen Angriffsaktionen zu begegnen. Sie würde die Handlungsfreiheit der Kommunisten beschränken und sie mehr als bisher
davon abschrecken, es mit den ihnen zur Verfügung stehenden nichtatomaren Angriffsmöglichkeiten zu versuchen. Eine Verstärkung der
konventionellen Streitkräfte ist schließlich auch Vorbedingung für
eine echte Vorwärtsstrategie in der Verteidigung Europas, d.h.
eine Strategie, die darauf abgestellt ist, jeden kommunistischen
Angriff schon an den Grenzen abzufangen - und nicht erst, nachdem
der Gegner über die Grenzen hinaus vorgedrungen ist.
Überlegen Sie bitte, welche Art von NATO-Rüstung, welche programmatischen Erklärungen, welche Handlungsweise auf unserer Seite
wohl am meisten geeignet wäre, das Urteil der Sowjetunion darüber
zu beeinflussen, wie weit sie sich mit Angriffsaktionen vorwagen darf,
ohne dabei unerwünscht nahe an den Abgrund eines Atomkriegs zu geraten.
Ich möchte glauben, daß der stärkste Eindruck von der westlichen
Kernwaffenrüstung ausgehen würde, von der Tatsache, daß das Arsenal
unserer Kernwaffen jeden möglichen Angriff sowjetischer Streitkräfte
zu überstehen vermag, daß diese Waffen die sowjetische Verteidigung
durchbrechen können und daß sie wirksamer, verantwortungsbewußter
Kontrolle unterliegen. Auch die Zahl, Treffsicherheit und Zerstörungskraft der Atomwaffen des Westens dürften Eindruck machen und
eine sehr glaubwürdige Abschreckung darstellen.
Als zweiter Faktor sind westliche Äußerungen und Erklärungen
anzusehen, die die Sowjets erkennen lassen, welche seiner Interessen
der Westen unbedingt zu wahren entschlossen ist. Führende Persönlichkeiten der westlichen Welt haben bereits in klaren und unmißverständlichen Worten gewarnt, daß wir alle fest entschlossen sind, unsere
westlichen Interessen in Berlin zu verteidigen.
Der dritte Faktor sind Taten. Welches sind nun die Taten, durch
die wir beweisen können, daß Angriffe gegen unsere Interessen, sofern
sie andauern, eine Situation schaffen, in der das Risiko eines Atomkrieges sich zum äußersten steigert? Untersuchen wir einmal zwei verschiedene angenommene Fälle:
Erster angenommener Fall: Die NATO-Zentralfront wird nur von sehr
schwachen westlichen Kräften gehalten. Das bedeutet die Gefahr eines
tiefen Einbruchs durch nichtatomare Sowjetstreitkräfte der Gegenseite.
Auch, falls es sich nur um einen kleinen sowjetischen Einbruch handelte, stünde dem Westen nur eine militärische Gegenmaßnahme offen der sofortige Einsatz von Atomwaffen.
Zweiter abgenommener Fall: Die NATO-Zentralfront ist dicht besetzt
und es besteht eine durchgehende Frontlinie nach dem Konzept der Vorwärtsstrategie. Genügende NATO-Kräfte stehen bereit, um im Falle einer
sowjetischen Verletzung westlicher Interessen in Berlin einen energischen,nichtatomaren Vorstoß in den Luftkorridoren oder längs der Autobahn vorzutragen. Solch ein Vorstoß könnte nur unter beträchtlichem

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beträchtlichem Einsatz sowjetischer Kräfte und nur im Rahmen größerer
sowjetischer Kampfhandlungen gegen NATO-Kräfte zurückgeworfen werden,
was dann zweifellos zu einem westlichen Atomwaffeneinsatz führen würde.
Angenommen, Sie befänden sich auf der anderen Seite. Welche dieser
beiden hypothetischen Situationen würde Ihrer Ansicht nach das größere
Atomkriegsrisiko bergen? In welcher von beiden Situationen wären Sie
eher geneigt, von einer Reihe von Maßnahmen abzusehen, die dazu dienen
sollen, die westlichen Interessen Zug um Zug zu unterminieren? Für mich
ist die Antwort klar. Für mich ist es sehr viel wahrscheinlicher, daß
der Westen es im zweiten Falle nach Lage der Dinge für politisch tragbar hielte, zum Schutze seiner Interessen tatkräftig zu handeln. Daß
der Westen unter den Umständen des ersten Falles eine solche Initiative
akzeptabel fände, ist meines Erachtens weniger wahrscheinlich.
Dann dies ist das Problem: In der ersten unserer beiden angenommenen
Situationen wäre es einfach nicht glaubhaft, daß wir oder irgend jemand
sonst einen bloßen "Zwischenfall" mit dem sofortigen Einsatz von Atomwaffen beantworten würden.
Einige Gegner der Verstärkung der konventionellen Streitkräfte
fürchten, wir könnten bei fortschreitendem Ausbau unserer Kräfte
versucht sein, uns in Zukunft ausschließlich auf die nichtatomaren
Verbände zu verlassen, und zwar selbst im Falle eines Vorstoßes
kommunistischer Kräfte in NATO-Gebiet. Diese Furcht ist unbegründet.
Im Falle eines massiven Angriffs mit konventionellen Waffen, dett
einen bedeutenden Teil des NATO-Gebiets in die Gefahr brächte, überrollt zu werden, würde der Westen mit allen verfügbaren Mitteln antworten, Atomwaffen eingeschlossen.
Diese Überlegungen gelten in besonderem Maße für die gegenwärtige
Lage in Berlin. Die Bewahrung der Freiheit Berlins ist für den Westen
weit wichtiger als die Unterdrückung eben dieser Freiheit für die Sowjets
Wir müssen geeignete Mittel zur Hand haben, um ihnen diese Tatsache über
jeden Zweifel hinaus klarzumachen, und zwar durch Handlungen ebenso wie
durch Worte. Wir müssen sie zur vollen Erkenntnis des Risikos bringen,
das sie eingehen, wenn sie ihre Kampagne gegen die Freiheit Berlins
weiter und weiter vorantreiben - des Risikos nämlich, daß sie sich
selbst in eine Lage bringen könnten, aus der es kein Zurück mehr gibt.
Dies bringt mich zum dritten Hauptthema meines Vortrags: die wachsende militärische Gesamtstärke der NATO. Zum Teil ist diese wachsende
Stärke das Ergebnis von Maßnahmen der Vereinigten Staaten. Die neue Regierung Kennedy entschied sogleich nach ihrem Amtsantritt, daß es eine
ihrer ersten Aufgaben sein müsse, dafür Sorge zu tragen, daß die Vereinigten Staaten bereit seien, ihren vollen Beitrag zur Abwehr sowohl
der atomaren als auch der nichtatomaren Bedrohung des Westens zu leisten.
Dabei ergaben sich praktische Probleme hinsichtlich der allgemeinen
Organisation der Streitkräfte, des Beschaffungswesens, der militärtechnischen Forschung und Waffenentwicklung sowie der Ausbildung.
Die

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Die erste Hälfte unseres militärischen Programms war darauf
gerichtet, die amerikanische Kernwaffenrüstung qualitativ auf einen
noch höheren Stand zu bringen, unsere Kernwaffen gegen Zerstörung
durch Überraschungsangriffe zu sichern und das Kontroll- und Befehlssystem für die Kernwaffen zu verbessern. Die zweite Hälfte unseres
Programms hatte eine wesentliche Erhöhung unseres nichtatomaren Potentials zum Ziel. In beiden Richtungen haben wir bereits sehr erhebliche
Fortschritte zu verzeichnen.
Wir sind heute auf Grund unserer Anstrengungen im Kernwaffenbereich
überzeugt, daß wir durchaus imstande sind, jedes Zielobjekt unserer
Wahl zu zerstören, und zwar selbst dann, wenn wir zunächst einmal einen
nuklearen Überraschungsangriff überstehen mußten. Seit Präsident Kennedys
Regierungsantritt ist das Bauprogramm für Polaris-Unterseeboote auf
insgesamt 41 erweitert worden; gleichzeitig wurden die Auslieferungsfristen dergestalt verkürzt, daß von den Booten 12-29 eins pro Monat und
von den Booten 30-41 eins alle zwei Monate übernahmefertig wird. Schon
heute hat das Polaris-Personal insgesamt 125 000 Stunden "Einsatzerfahrung" gesammelt. Das Bauprogramm für zunächst zwölf Gruppen mit
insgesamt 600 Minuteman-Langstrecken-Feststoffraketen in geschützten
und gestreuten Feuerstellungen wird zur Zeit durchgeführt. Es ist schon
jetzt geplant, später nochmals vier und wahrscheinlich noch weitere
Gruppen hinzuzufügen. Auch haben wir die ursprünglich für die Weiterentwicklung der Skybolt-Langstreckenrakete vorgesehenen Beträge noch
vergrößert. Zum Schutz unserer strategischen Bombenflugzeuge vor der
Zerstörung durch Überraschungsangriffe haben wir die Alarmbereitschaft
der am Boden bereitstehenden und auch die Anzahl der ständig in der Luft
befindlichen Bomber erhöht. Dazu sind unsere Luftabwehr und unsere Warnsysteme weiter verbessert worden. Gleichzeitig werden Forschung und
Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Abwehrraketen gegen interkontinentale
ballistische Flugkörper vorangetrieben. Vielleicht am entscheidendsten
für die nähere Zukunft ist die Tatsache, daß wir neuerdings imstande sind,
fünfzig Prozent unserer bemannten Bomber auf den Plätzen binnen fünfzehn
Minuten einsatzbereit zu machen.
Wir haben ferner die Organisation und einige technische Aspekte
des Befehls- und Kontrollsystems für unsere strategischen Abschreckungswaffen sorgfältig überprüft. Wir wollen sichergehen, daß die zuständige
politische Instanz jederzeit in der Lage ist, persönlich die bestimmende
Kontrolle über den Kernwaffeneinsatz auszuüben.
Da wir nunmehr mit den beiden Problemen der Abschirmung unserer
Kernwaffen gegen Überraschungsangriffe und der Handhabung des Befehlsund Kontrollsystems für den Einsatz dieser Waffen besser zu Rande kommen,
sind wir der Auffassung, daß die Atomstreitmacht, die dem Westen insgesamt zur Verfügung steht - einschließlich auf dem europäischen Kontinent
stationierten NATO-Kernwaffenstreitkräfte - unserer Seite rein militärisch
einen deutlichen atomaren Vorteil verschafft. Wir glauben ferner, daß
dieser Vorteil in Zukunft weiter erhalten bleiben kann, auch wenn beide
Seiten modernere Waffensysteme entwickeln und für den Einsatz bereitstellen. Dieser militärische Vorteil ist von zentraler Bedeutung für jedes

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jedes politisch-strategische Kalkül und besonders für die Berechnung
des Grades wechselseitiger Abschreckung, die sich aus dem Verhältnis
der Machtpositionen beider Seiten ergibt.
Zur anderen Hälfte war das militärische Anfangsprogramm unserer
neuen Regierung,wie gesagt, auf die Verstärkung unserer konventionellen Streitkräfte ausgerichtet, sowohl um den Gegner von der Entfesselung
eines allgemeinen Krieges abzuschrecken, als auch um nichtatomaren
Angriffen zu begegnen. Mit der schweren Krise in Berlin als zusätzlichem Antrieb haben wir auch auf diesem Gebiet erhebliche Fortschritte
erzielt. Präsident Kennedy hatte Reformen auf drei Gebieten für vordringlich erklärt: 1. größere Konzentration auf Entwicklung und Herstellung nichtatomarer Waffen und auf die diesbezügliche Forschung;
2. Steigerung der Beweglichkeit der konventionellen Streitkräfte,
insbesondere durch stärkere Bereitstellung von Luft- und Seetransportmitteln für Truppen- und Material Verschiebungen; 3. mehr Personal
und Ausbildung für die Abwehr "indirekter" Angriffe, das heißt also für
die Bekämpfung von Partisanen, Insurgenten und ähnlichen Gruppen. Statt
der elf ständig einsatzbereiten Divisionen vom Juli 1961 haben wir heute
16 solcher Divisionen, was einer Verstärkung um etwa 45 Prozent entspricht. Außerdem sind hinsichtlich unserer taktischen Luftwaffe, unserer Marine sowie unseres Nachschub- und Versorgungssystems erhebliche
Verbesserungen zu verzeichnen.
Diese greifbaren Fortschritte in der amerikanischen nichtatomaren
Rüstung finden ihre Ergänzung in entsprechenden Maßnahmen unserer
NATO-Verbündeten. Bei diesem Auf- und Ausbau von Streitkräften spielte
die Bundesrepublik eine führende Rolle. Sie hat schon Ende 1961 neun
NATO-DiVisionen gestellt, und die inzwischen getroffenen Dispositionen
erlauben die Annahme, daß bis Ende 1962 zwei weitere Divisionen folgen
werden. Auch Kanada, Frankreich und die Niederlande haben den Anforderungen in einer Weise entsprochen, die besonders bemerkt zu werden verdient.
Jahrelang ist die NATO hinter der festgelegten, von den Mitgliedstaaten vereinbarten Sollstärke der konventionellen Streitkräfte zurückgeblieben. An der entscheidenden Zentralfront beträgt diese Sollstärke
etwa 30 Divisionen für den Mobilmachungstag. Letztes Jahr standen uns
nur Einheiten in Stärke von etwa 18 Divisionen zur Verfügung, von denen
manche nicht einmal vollwertig waren. Durch die seither von den NATOMächten unternommenen Schritte hat sich die Anzahl der sofort einsatzfähigen NATO-Divisionen um über 25 Prozent erhöht, u.a. um fünf kampfstarke amerikanische Divisionen samt Nachschub- und Versorgungseinheiten.
Sollte die Lage es erfordern, so können die amerikanischen Streitkräfte
in Europa in kürzester Frist um sechs weitere Divisionen vermehrt werden.
Ausrüstung und Material für einige dieser sechs zusätzlichen Divisionen
sind bereits vorsorglich in Europa eingelagert worden. Hinter diesen
sofort einsatzfähigen Divisionen stehen Divisionen der ersten und zweiten
Welle für den etwaigen späteren Einsatz.
Unserer Ansicht nach sollten der NATO mindestens die vorgesehenen
30 sofort einsatzbereiten Divisionen an der Zentralfront zur Verfügung
stehen, alle bestens ausgerüstet und voll ausgebildet, dazu die

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die entsprechenden Nachschub- und Versorgungseinheiten. Wir sind ferner
der Auffassung, daß die Reserven vermehrt und so gut ausgerüstet und
ausgebildet werden sollten, daß sie frühzeitig zum Kampfeinsatz gebracht werden könnten.
Wir halten es ebenfalls für wünschenswert, daß die NATO-Partner
auf atomarem Gebiet in verstärktem Maße von einander abhängig sind.
Wir ziehen eine multilaterale Lösung dieses Problems entschieden
einer Vielzahl einzelstaatlicher Atomwaffenstreitkräfte vor.
Bisher habe ich im wesentlichen von den praktischen Verteidigungsproblemen gesprochen, die uns in den Vereinigten Staaten seit Januar
1Q6l beschäftigt haben und mit denen sich die NATO in ihrer Gesamtheit
sehr intensiv befassen mußte, seit die Sowjets im April des letzten
Jahres die Bedrohung Berlins erneuerten. Im Rückblick glaube ich sagen
zu dürfen, daß wir alles in allem doch einiges erreicht haben. Das
NATO-Bündnis ist heute stärker als noch vor einem Jahr. Die militärische
Position der NATO hat sich wesentlich verbessert. Erst die Zukunft
wird jedoch zeigen, ob wirklich genug getan worden ist. Viel hängt
davon ab, wie wir die Atempause nutzen, die wir durch aktives Handeln
in den letzten zwölf Monaten gewonnen haben.
Wenn wir den Blick in die Zukunft richten, müssen wir freimütig
und offen die unterschiedlichen Vorstellungen diskutieren, die wir uns
von der weiteren Entwicklung der Atlantischen Gemeinschaft und des
NATO-Bündnisses selbst machen. Meiner Ansicht nach ist dabei ausschlaggebend, wie jeder Bündnispartner seine eigenen nationalen Interessen zu
den Interessen der gesamten Gemeinschaft in Beziehung setzt.
In dieser Hinsicht hat in den Vereinigten Staaten ein beachtliches
Umdenken stattgefunden. Ich glaube, die entscheidende Wende vollzog
sich in der Nachkriegspolitik der Vereinigten Staaten im Frühjahr 1947»
und zwar in dem kurzen Zeitraum von nur zwanzig Wochen. Diese Zwanzigwochenperiode begann im April, als die Vereinigten Staaten mit der
Truman-Doktrin ihre Absicht proklamierten, allen Ländern Hilfe zu leisten, die von sich aus bereit wären, für die Verteidigung ihrer nationalen Unabhängigkeit gegen die kommunistische Aggression zu kämpfen. Es
folgte zunächst das amerikanische Hilfsprogramm für Griechenland und die
Türkei, dann die Ratifizierung der Chapultepec-Akte durch die Partner
des Rio-Paktes, die unserer langjährigen Tradition der Ablehnung sogenannter "verstrickender Bündnisse" mit anderen Staaten ein Ende setzte.
Während dieser zwanzig Wochen verabschiedete der amerikanische Kongreß
ferner das Gesetz über die Nationale Sicherheit von 1947» das im Rahmen
des für unsere Sicherheitspolitik zuständigen Behördenapparats auch
das Verteidigungsministerium schuf, dem ich heute angehöre. Während
derselben zwanzig Wochen wurde innerhalb unseres Außenministeriums eine
besondere Abteilung für Politische Planung geschaffen, der ich früher
angehörte. Diese Periode höchster Aktivität gipfelte dann in der Rede,
mit der Außenminister Marshall Europa die inzwischen als Marshallplan
historisch gewordene Wiederaufbauhilfe anbot.
Das

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Das Bemerkenswerteste ist, daß die Vereinigten Staaten in dieser
Zwanzigwochenperiode eine Entscheidung von nationaler Bedeutung in
der Grundfrage der wechselseitigen Abhängigkeit des Westens fällten.
Wir waren als Nation zu der Einsicht gelangt, daß es für uns unmöglich geworden war, unsere Sicherheit und unser Wohlergehen in der
Isolierung von den anderen Nationen des Westens zu finden. Auch
hatten wir erkannt, daß sporadisches Eingreifen in das Weltgeschehen
nicht mehr genügte. Wir waren zu dem Schluß gekommen, daß wir für
unser Wohlergehen und unsere Sicherheit nur im weiteren Rahmen der
Atlantischen Gemeinschaft und nur in harmonischem Zusammenwirken mit
der gesamten nichtkommunistischen Welt sorgen konnten. Jene zwanzig
Wochen bewiesen darüber hinaus, daß wir auch bereit waren, im Sinne
dieser Entscheidung rasch und durchgreifend zu handeln.
In den dann folgenden fünfzehn Jahren haben wir dramatische
Wandlungen erlebt. Der erfolgreiche wirtschaftliche Wiederaufbau
Europas übertraf selbst die kühnsten Erwartungen. Eine Vielzahl neuer
Nationen ist in die Reihe der souveränen Staaten aufgerückt, und die
Periode der Kolonialherrschaft neigt sich dem Ende zu. Die Sowjetunion
hat sich zu einer großen und bedrohlichen Atommacht entwickelt. Das
ganze chinesische Festland ist unter kommunistische Herrschaft geraten.
Die wechselseitige Abhängigkeit der nichtkommunistischen Nationen und
die Notwendigkeit ihrer Zusammenarbeit sind heute größer denn je.
Blicken wir in die Zukunft, so erhebt sich die Frage,welche äußere
Form, welche innere Struktur wir diesem Verhältnis der gegenseitigen
Abhängigkeit innerhalb der europäischen Gemeinschaft und innerhalb
der Atlantischen Gemeinschaft geben sollen. Können wir darauf für den
politischen,für den wirtschaftlichen und für den militärischen Bereich
die gleiche Antwort geben? Wie lassen sich diese Bereiche am besten
aufeinander abstimmen? Dabei sind nationale, gesamteuropäische und
gesamtatlantische Gesichtspunkte neben diesen funktionellen wirtschaftlichen, politischen oder militärischen zu berücksichtigen. Schließlich:
Welche Konsequenzen ergeben sich für die Organisationsform, wenn die
eben erwähnten grundsätzlichen Fragen entschieden sind? Alle diese
Probleme sind heute Gegenstand lebhafter Diskussion innerhalb der
Atlantischen Gemeinschaft. Es ist offensichtlich noch zu früh für
endgültige Stellungnahmen.
Ich kann mir aber einige rein persönliche Bemerkungen nicht versagen. Zum Teil werden meine Worte allerdings nur bestätigen, was
uns allen deutlich bewußt ist, und Gedanken ausdrücken, die weithin
- und sicherlich auch von meinen hier versammelten Zuhörern - geteilt
werden.
Lassen Sie mich mit der Feststellung beginnen, daß Wohlergehen
und Sicherheit unserer Länder auf beiden Seiten des Atlantik auch
weiterhin nicht mehr durah die Verfolgung ausschließlich nationaler
Interessen, sondern nur im weiteren atlantischen Rahmen zu gewährleisten sind.
Zweifellos

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Zweifellos gibt es und wird es verschiedene Auffassungen darüber
geben, ob bestimmte Schritte im Interesse der gesamten Gemeinschaft
liegen oder nicht. Wir in Amerika erheben keineswegs den Anspruch,
das besser zu wissen als andere. Wir halten es aber für angebracht,
auf unserem Standpunkt zu beharren, daß Entscheidungen aus der weiteren "atlantischen" Sicht und nicht in erster Linie unter dem nationalen Blickwinkel getroffen werden müssen.
Zweitens möchte ich betonen, daß die Bereiche des Politischen,
des Wirtschaftlichen und Militärischen so eng miteinander verflochten
sind, daß alles, was wir auf einem dieser Gebiete tun, notwendigerweise auf die anderen zurückwirken muß. Seine wachsende wirtschaftliche
Integration bringt Europa auch der politischen Integration näher, und
dies« wiederum könnte die Verteidigungsdispositionen der NATO beeinflussen.
Ebenso verdient hervorgehoben zu werden, daß die militärischen Erfordernisse der NATO die Form der wirtschaftlichen und politischen Weiterentwicklung des Bündnisses mitbestimmen können und sollten. Die militärischen Erfordernisse erlauben, ja verlangen geradezu eine enge Zusammenarbeit bei der Aufstellung des Verteidigungsprogramms und bei
der Festlegung der Verteidigungspolitik der NATO. Sie machen eine
einheitliche und klare Kommandogewalt notwendig, falls und sobald die
NATO-Streitkräfte tatsächlich eingesetzt werden müssen. Sie erfordern
ferner die Zusammenfassung aller Kräfte der Bündnispartner. Der föderative Zusammenschluß Westeuropas würde zweifellos viele der derzeitigen militärischen Probleme der NATO vereinfachen. Doch könnten es
sich Westeuropa und die Vereinigten Staaten auch dann nicht leisten,
die zwischen ihnen bestehende militärische Bindung zu lockern. Meiner
Ansicht nach ist und bleibt die NATO in erster Linie für die Koordinierung in Verteidigungsfragen zuständig. Probleme, wie sie in der
Redensart von den fünfzehn Fingern am Sicherungsflügel oder am Abzug
des NATO-Gewehrs zum Ausdruck kommen, werden nicht dadurch leichter,
daß man sie jeweils auch noch in zwei Unterprobleme aufteilt - nämlich
in das Problem der dreizehn europäischen und in das Problem der zwei
amerikanischen Finger.
Der Prozeß des Ineinanderwachsens innerhalb der Atlantischen Gemeinschaft kann sich nicht stets in allen Bereichen und auf allen
Gebieten im gleichen Tempo vollziehen. Von ausschlaggebender Bedeutung
ist, daß dieser Prozeß mit gutem Willen und unter Konzentrierung auf
das Wesentliche vorangetrieben wird.
Die von mir dargelegten Grundzüge der heutigen amerikanischen
Verteidigungspolitik kann man wie folgt zusammenfassen:
1. Die NATO spielt in der Zielsetzung der amerikanischen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik dieselbe zentrale Rolle, die die
Vereinigten Staaten in den Verteidigungs- und Sicherheitsüberlegungen
der anderen NATO-Mitglieder spielen. Wir sind aufeinander angewiesen
in der Lösung einer unteilbaren Aufgabe.
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2. Wir sind der Auffassung, daß eine Verstärkung der konventionellen Streitkräfte die Glaubwürdigkeit der atomaren Abschreckungsstrategie der NATO wesentlich erhöht und zugleich auch die militärische
Position der NATO verbessert.
3« Die Vereinigten Staaten sind im Begriff, ihr« Kernwaffenrüstung noch zu verstärken, während sie sich gleichzeitig am weiteren Ausbau der konventionellen NATO-Streitkräfte beteiligen.
Endlich habe ich Ihnen einige persönliche Gedanken zur künftigen
Entwicklung der Atlantischen Gemeinschaft vorgetragen.
Zum Abschluß möchte ich Ihnen sagen: die Schritte, die die Vereinigten Staaten während der Berlin-Krise unternommen haben, erweisen
klar die volle Einsatzbereitschaft meines Landes im Interesse der
Verteidigung Europas. Sie beruht auf einer Verpflichtung, die in
allen Kreisen der Vereinigten Staaten zu keiner Zeit stärker anerkannt worden ist als gerade heute.
Wir in den Vereinigten Staaten glauben, daß sowohl die politischen
als auch die militärischen Probleme der NATO einer akzeptablen Lösung
entgegengeführt werden, sofern wir alle - auf beiden Seiten des Atlanti
- nur weiter zur Erreichung des gemeinsamen Ziels zusammenarbeiten und
zusammen Opfer bringen. Dieses Ziel wurzelt zwar in der gemeinsamen
und gegenseitigen Verteidigung, aber es schließt etwas unendlich viel
Größeres ein: unseren gemeinsamen Glauben an die Freiheit und an die
demokratischen Institutionen, die unserer westlichen Zivilisation
ihr eigentliches Gepräge geben.

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./22.6.1962
US-VERTEIDIGUNGSMINISTER UNTERSTREICHT MILITÄRISCHE STÄRKE
DER NATO

Nachstehend übermitteln wir Ihnen die
wichtigsten Auszüge aus einer Rede des
Verteidigungsministers der Vereinigten
Staaten, Robert S. McNamara, die er am
16. Juni 1962 anläßlich der Abschlußfeierlichkeiten vor Studenten der Universität Michigan gehalten hat und in
der der Minister vor allem die Auffassung
der USA über die Rolle der nuklearen
Streitkräfte in der NATO-Strategie darlegt.

Ich brauche Sie wohl kaum darauf hinzuweisen, daß Europa eine
der Hauptquellen für die amerikanische Freiheitsidee ist und daß gerade
die europäischen Philosophen des 17« und 18. Jahrhunderts das Denken
unserer Gründerväter geformt haben. Für uns alle ist Europa der Lehrer gewesen, seit wir anfingen, lesen zu lernen.
Eine der eindrucksvollsten Lehren, die Europa uns in jüngster
Zeit vermittelt hat, ist die seines Wiederaufbaus aus der Asche der
Vernichtung am Ende des zweiten Weltkrieges. Die Volkswirtschaften
Europas waren vor 15 Jahren so gut wie zum Erliegen gekommen. Ihre
wichtigsten Fabriken waren, sei es direkt durch die Bombenangriffe
oder indirekt durch die jahrelange Vernachlässigung sowie unzureichende Reparatur und Wartung, weitgehend zerstört. Die Menschen waren durch
sechs Kriegsjahre erschöpft, und ein großer Teil der produktivsten
Altersgruppen war ums Leben gekommen. Und doch haben sie es in den
letzten Jahren geschafft, die Erzeugung von Stahl und Elektrizität
um jeweils über 130 Prozent zu steigern; und das ist typisch für
diese Wiedererholung gewesen...
All dies ist unter dem Druck titanischer Kräfte geschehen, die
sowohl für die Europäer wie auch für uns eine rationelle Organisation
der menschlichen Gemeinschaft immer schwieriger machen. Lassen Sie mich
auf einige dieser Kräfte näher eingehen.
Wir
1

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�"AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

Wir haben es mit einer "Bevölkerungsexplosion" zu tun, die ein
Ergebnis unserer eigenen erfolgreichen Bemühungen im Kampf gegen
Krankheit und extreme Lebensumstände ist und die uns gegenwärtig mit
der Aussicht auf eine Verdoppelung der Erdbevölkerung bis zum Ende
dieses Jahrhunderts droht...
Wir werden getragen von einem,sich immer mehr beschleunigenden
Tempo von Wissenschaft und Technik. Allein in den Vereinigten Staaten
werden gegenwärtig pro Jahr 50 000 neue Erfindungen patentiert...
Wir sehen uns einem außergewöhnlichen Anwachsen der Zahl der
Hationalstaaten gegenüber. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges sind
35 neue Länder entstanden..., aber ihre Zahl kompliziert das Problem
der internationalen Diplomatie, während gleichzeitig die militärischen
und wirtschaftlichen Entwicklungen unsere gegenseitige Abhängigkeit
vergrößern...
Und schließlich leben wir im Schatten des sino-sowjetischen Strebens nach Weltherrschaft - sicherlich nicht der einzige Schatten auf
der heutigen Welt, aber einer der längsten und dunkelsten...
Angesichts all dieser Herausforderungen muß es das Endziel der
freien Welt sein, ein System einer friedlichen Weltordnung zu schaffen,
das sich auf der Würde des Einzelnen begründet und das der freien Entwicklung der Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen geweiht ist. Die Mitglieder der nordatlantischen Gemeinschaft - die Europäer und wir selbst
tragen eine besondere Verantwortung, bei der Verwirklichung dieses Zieles mitzuhelfen. Diese Verantwortung rührt aus der Stärke unserer eigenen Institutionen und dem Reichtum unserer materiellen Hilfsquellen
her...
Arthur Vandenberg, einer der Hauptbegründer der NATO, unterstrich
in der Senatsdebatte, die der Verabschiedung des Vertrages vorausging,
das Grundprinzip dieser Organisation, als er sagte: "Dies ist die logische Evolution einer unserer größten amerikanischen Devisen: 'Vereint
stehen wir, getrennt fallen wir'."
Die nordatlantische Allianz ist ein einzigartiges Zusammengehen
von Regierungen. Die Bestimmungen über die gemeinsame Verteidigung
der Mitglieder haben zu einem für eine Koalition in Friedenszeiten beachtlichen Grad der militärischen Zusammenarbeit und diplomatischen
Konsultation geführt. Die Ausweitung der Organisation der Allianz hat
sich in dem Mäße beschleunigt, wie die Aufgabe der Verteidigung des
Vertragsgebietes in Umfang, Größe und Vielseitigkeit gewachsen ist.
Die NATO hatte ihre Schwierigkeiten und Belastungen, aber sie hat sie
alle überstanden.

Heute

�"AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

Heute ist die NATO Gegenstand einer Reihe von Kontroversen,
die durch Übereinstimmung innerhalb der Organisation gelöst werden
müssen, damit ihre Stärke und Einigkeit erhalten bleibt. Es ist die
Frage gestellt worden, ob Senator Vandenbergs Ausspruch heute noch
genauso wie vor 13 Jahren Gültigkeit hat. Drei Argumente haben diese
Frage besonders scharf akzentuiert:
Es wird argumentiert, daß gerade die erfolgreiche Entwicklung der
Wirtschaft Westeuropas in Europa die Notwendigkeit verringert habe,
sich in der Verteidigung auf die Mitwirkung der Vereinigten Staaten
zu verlassen.
Es wird ferner argumentiert, die zunehmende Verwundbarkeit der
Vereinigten Staaten gegenüber einem Angriff mit Kernwaffen habe unsere
Bereitschaft, als Partner an der Verteidigung Europas mitzuwirken,
verringert und damit unsere Fähigkeit, vor einem solchen Angriff abzuschrecken.
Es ist gesagt worden, daß das Atompotential angesichts der wachsenden nuklearen Drohung allein ausschlaggebend sei und daß unabhängige
nationale Atomstreitkräfte ausreichend seien, um die Länder Europas zu
schützen.
Ich glaube, daß alle diese Argumentationen falsch sind. Meines
Erachtens ist es der Mühe wert, die amerikanischen Ansichten zu diesen
Fragen zu erläutern, so wie wir sie unseren Verbündeten dargelegt haben.
Unserer Auffassung nach haben die neuen Faktoren in dieser Situation sowohl die wirtschaftlichen als auch die militärischen - dazu geführt,
die gegenseitige Abhängigkeit der nationalen Sicherheitsinteressen auf
beiden Seiten des Atlantiks zu verstärken und die Notwendigkeit für
eine sehr enge Koordinierung unserer Anstrengungen zu unterstreichen.
Eine zentrale militärische Frage, der sich die NATO heute gegenübersieht, ist die Rolle der nuklearen Strategie. Vier Tatsachen scheinen
unseres Erachtens die Erwägungen hierüber maßgeblich zu bestimmen.
Alle deuten auf eine wachsende Integration zur Verwirklichung unserer
gemeinsamen Verteidigung hin.
Erstens besitzt die Allianz insgesamt eine nukleare Stärke, die
ausreichend ist für jede Herausforderung, der sie sich gegenübersieht.
Zweitens verringert diese Stärke nicht nur die Möglichkeit eines großen
nuklearen Krieges, sondern ermöglicht auch eine Strategie, die die Struktur unserer Gesellschaften im Falle eines Krieges erhalten kann. Drittens könnte der aus einer atomaren Kriegführung resultierende Schaden
für die Zivilbevölkerung der Allianz sehr schwerwiegend sein. Viertens
könnten verbesserte nicht-nukleare Streitkräfte, die durchaus im Bereich
der Möglichkeiten der Allianz liegen, die Abschreckung aller aggressiven
Schritte - von einem direkten, totalen Angriff auf Westeuropa abgesehen erhöhen.
#

Lassen

�"AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

Lassen Sie uns nun die Situation heute betrachten. Erstens ist
auf der Grundlage des gegenwärtigen Gleichgewichts der nuklearen
Stärke, mit dessen Aufrechterhaltung wir zuversichtlich auch für die
kommenden Jahre rechnen können, ein Überraschungsangriff für jeden
Gegner einfach kein vernünftiger Schritt mehr. Noch würde es für irgendeinen Gegner vernünftig sein, als Folge eines begrenzten Engagements
in Europa oder irgendeinem anderen Teil der Welt die Initiative in der
Anwendung nuklearer Waffen zu ergreifen. Ich glaube, wir können zusammenfassend sagen, daß es gelungen ist, alle diese Schritte höchst
unwahrscheinlich zu machen.
Zweitens, und dies ist gleich wichtig: Die bloße Tatsache, daß
kein Land vernünftigerweise Schritte ergreifen würde, die zu einem
nuklearen Kriege führen, bietet noch längst keine Garantie dafür, daß
kein Atomkrieg stattfindet kann. Länder handeln oftmals nicht nur in
einer Weise, die vom Standpunkt der Vernunft her schwer zu erklären
ist, sondern sogar, wenn sie "vernünftig" vorgehen, handeln sie doch
manchmal, ja ich möchte sagen erschreckend oft, auf Grund einer Fehlbeurteilung der wirklichen Tatsachen einer Situation. Sie schätzen die
Art und Weise falsch ein, wie die anderen reagieren werden und wie die
anderen ihr Vorgehen auslegen werden.
Wir müssen hoffen - und ich glaube wir dürfen auch hoffen -, daß
jede Seite diese Gefahr begreift und keine Schritte unternimmt, die
auch nur die Möglichkeit einer solchen für alle katastrophalen Fehleinschätzung heraufbeschwören. Wir haben unsererseits Maßnahmen getroffen, um die Wahrscheinlichkeit eines solchen Geschehens zu reduzieren. Wir erwarten, daß die tatsächliche Anwendung dieser furchtbaren
Waffen durch eine Rüstungskontrolle völlig vermieden werden kann. Ea
handelt sich dabei um ein Problem, das nicht nur für uns im Westen besteht, sondern auch für alle die Staaten, die in dieses als Kalter Krieg
bezeichnete Ringen verwickelt sind.
Unsererseits glauben wir, daß wir und unsere NATO-Verbündeten
unsere Strategie so gestalten müssen, daß wir diese furchtbare Möglichkeit - wie fern sie auch liegen mag - im Auge behalten. Durch bloßes
Ignorieren wird das Problem nicht aus der Welt geschafft.
Die Vereinigten Staaten sind zu dem Schluß gelangt, daß Fragen
der grundlegenden militärischen Strategie, soweit dies möglich ist, in
einem etwaigen allgemeinen Atomkrieg im wesentlichen in der gleichen
Weise zu behandeln sind, wie man die mehr konventionellen militärischen
Operationen in der Vergangenheit behandelt hat. Das heißt, die militärischen Hauptziele sollten im Falle eines durch einen größeren Angriff
auf die Allianz ausgelösten Kernwaffenkrieges in der Zerstörung der militärischen Streitkräfte des Feindes, nicht aber in der Vernichtung der
Zivilbevölkerung bestehen.
Gerade die Stärke und die Art der NATO-Streitkräfte geben uns die
Möglichkeit, selbst für den Fall eines massiven Überraschungsangriffes
- falls wir dazu gezwungen werden - eine ausreichende Reserve an Schlagkraft sicherzustellen, um die gegnerische Gesellschaft zu vernichten. Mit
anderen Worten, wir geben einem etwaigen Gegner den stärksten nur denkbaren Anlaß, von einem Schlag gegen unsere eigenen Städte Abstand zu
nehmen.
-p..

�AMERIKA DIENST"

22 . Juni 1962

Die Stärke, die diese Abschreckungswirkung und damit die Hoffnung
hervorruft, im Kriegsfall vor einem Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft selbst zurückzuschrecken, ist nicht leicht zu erreichen.
Wir vertrauen darauf, daß unsere derzeitigen Kernwaffenprogramme ausreichend sind und, soweit wir diesi übersehen können, auch in Zukunft
ausreichend sein werden.
Im kommenden Haushaltsjahr beabsichtigen die Vereinigten Staaten
fast 15 Milliarden Dollar für ihr Kernwaffenprogramm aufzuwenden,
um sicher zu gehen, daß es seinen Aufgaben auch gewachsen sein
wird. Was mit diesem Geld gewonnen wird, dafür gibt es keinen Ersatz.
Vor allem, sind nationale atomare Streitkräfte, deren Ziele die
feindlichen Städte sind, höchstwahrscheinlich nicht einmal stark genug,
um auch nur den Zweck der Abschreckung zu erfüllen. Wenn sie nämlich
klein und vom Boden her oder aus der Luft leicht angreifbar oder unzulänglich sind, kann ein stärkerer Gegner eine ganze Reihe von
Maßnahmen ergreifen, um ihnen entgegenzuwirken.
Ja, wenn ein stärkerer Gegner etwa zu der Überzeugung käme, daß
eine ziemliche Wahrscheinlichkeit für den unabhängigen Einsatz einer
solchen Macht besteht, so würde sie damit einen ersten Überraschungsschlag gegen sich geradezu herausfordern. Im Falle eines Krieges aber
käme der Einsatz einer solchen Macht gegen die Städte einer größeren
Atommacht einem Selbstmord gleich, während ihr Einsatz gegen wichtige
militärische Ziele eine für den Ausgang des Kampfes nicht weiter ins
Gewicht fallende Auswirkung hätte. Andererseits wird aber durch die
Schaffung einer einzelnen zusätzlichen Atomstreitmacht das Entstehen
weiterer Atommächte mit all den damit verbundenen Gefahren unterstützt.
Kurzum, Atomstreitmächte mit begrenzter Kapazität, die unabhängig
operieren, sind gefährlich,'kosten viel Geld, veralten schnell., und
sind als Abschreckungsmacht wenig überzeugend. Kein Zweifel jedoch, daß
der atomare Beitrag der Vereinigten Staaten zur Allianz weder veraltet
noch entbehrlich ist.
Gleichzeitig wird durch die allgemeine Strategie - wie ich sie
summarisch dargelegt habe - die Bedeutung der Einheit der Planung,
der Konzentration der Exekutivmacht und der zentralen Leitung vergrößert. Es darf keine miteinander um den Vorrang streitenden oder
einander zuwiderlaufenden Strategien im Falle eines atomaren Krieges
geben.
Wir sind davon überzeugt, daß ein allgemeines System der Atomkriegsziele als ein unteilbares Ganzes zu behandeln ist und daß, falls
- trotz all unserer Anstrengungen - ein Atomkrieg ausbrechen sollte, uns
beste Hoffnung in einer zentral geleiteten Kampfführung gegen alle entscheidend wichtigen nuklearen Kräfte des Feindes liegt - bei gleichzeitiger Verfügbarkeit von Reservestreitkräften, die alle einer zentralen
Kontrolle unterstehen.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

Wir wissen, daß dieselben Kräfte, die gegen uns gerichtet
sind, auch gegen alle unsere Verbündeten gerichtet sind. Unsere
eigenen strategischen Vergeltungsstreitkräfte sind bereit, diesen
Kräften entgegenzutreten, wo und was auch immer ihre Ziele sein
mögen» Diese Aufgabe ist uns nicht nur in Erfüllung unserer vertraglichen Verpflichtungen auferlegt, sondern auch, weil das Wesen einer
atomaren Kriegführung es erfordert.
Spezifischer ausgedrückt, die Vereinigten Staaten machen, sich
ebensoviel Sorgen wegen des Teils der sowjetischen Atomschlagkraft,
der Westeuropa erreichen kann, wie wegen des Teils, der auch die
Vereinigten Staaten erreichen kann. Kurzum - wir haben die atomare
Verteidigung der NATO auf eine globale Basis abgestellt. Dies wird
auch weiterhin unser Ziel bleiben. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe
sind die Waffen auf dem europäischen Schauplatz nur ein Hilfsmittel
unter vielen.
Es gibt da zum Beispiel die Polaris-Waffe, die wir bedeutend
ausgebaut haben und die wegen ihrer ganz besonders unverwundbaren
Natur außerordentlich gut geeignet ist, als eine Waffe der strategischen Reserve zu dienen. Wir haben bereits bekanntgegeben, daß wir
fünf mit diesen Raketen ausgerüstete Schiffe - die voll einsatzfähig
sind - dem NATO-Kommando unterstellen.
Eine solche Verpflichtung wirkt sich natürlich auf die Allianz als
Ganzes aus. Wir brauchen und wünschen eine bis an die Grenze des
Möglichen gehende größere Beteiligung der Allianz an der Gestaltung
der Kernwaffenpolitik. Für uns alle), wäre die Vorstellung, daß nur
ein Teil der strategischen Streitkräfte isoliert von unserer Hauptstreitmacht eingesetzt werden würde, untragbar.
Wir werden auch weiterhin für die Allianz als Ganzes eine gewaltige
nukleare Streitmacht unterhalten. So hat der Präsident kürzlich gesagt,
"nur durch eine solche Stärke können wir mit Sicherheit vor einem
nuklearen Schlag oder einem überwältigenden Angriff zu Lande auf unsere
Streitkräfte und unsere Verbündeten abschrecken".
Aber wir wollen uns auch gänzlich im klaren sein, über das, was
wir sagen und was wir zu gewärtigen hätten, wenn die Abschreckung fehlschlagen sollte. Es dürfte wohl ziemlich gewiss sein, daß wir alle trotz
unserer nuklearen Stärke im Falle eines großen nuklearen Krieges schwer
zu leiden haben würden.
Wir wollen innerhalb der Allianz unseren Teil an Verantwortung
mittragen, und wir glauben, daß das Zusammenwirken unserer nuklearen
Kräfte und einer Strategie kontrollierter Gegenschläge uns einige
Hoffnung gibt, den Schaden, falls wir unseren Verpflichtungen nachkommen müßten, auf ein Mindestmaß beschränken zu können.
Aber ich muß darauf hinweisen, daß wir dies weder als eine erstrebenswerte Aussicht erachten noch glauben, daß die Allianz ausschließlich von der Abschreckungskraft unserer nuklearen Streitkräfte

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�'AMERIKA DIENST" '

22. Juni 1962

Streitkräfte abhängig sein soll, um feindliche Aktionen, bei denen
es sich nicht um einen massierten Einsatz irgendwelcher Streitkräfte handelt, abzuwenden. Sicherlich kann eine Allianz, die über
den Reichtum, die Begabungen und die Erfahrungen verfügt wie die
unsrige, einen besseren Weg finden, als sich einzig und allein auf
nukleare Waffen zu verlassen, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen.
Wir sind auch nicht der Ansicht, daß wir, falls die Formel
E = mc^ nicht entdeckt worden wäre, alle Sklaven des Kommunismus
sein würden. In dieser Frage kann ich keinen gültigen Grund für
eine fundamentale Meinungsverschiedenheit auf den beiden Seiten
des Atlantik sehen.
Wenn die Allianz über die von mir aufgezeigte Stärke und Strategie verfügt, ist es höchst unwahrscheinlich, daß irgendeine Macht
einen nuklearen Angriff auf die NATO beginnen wird. Angesichts der
Art von Konflikten, politischen wie auch militärischen, mit denen
man innerhalb des NATO-Raumes in erster Linie rechnen muß,
darf unser Potential für einen Gegenschlag nicht ausschließlich auf
nukleare Waffen beschränkt werden.
Die Sowjets besitzen heute in Europa eine Überlegenheit auf
dem Gebiet der nicht-nuklearen Streitkräfte. Aber diese_ Überlegenheit ist keineswegs überwältigend. In ihrer Gesamtheit verfügt die
Allianz über das Potential für eine erfolgreiche Verteidigung gegen
solche Streitkräfte. Rein zahlenmäßig verfügen die NATO-Länder über
mehr Soldaten als die Sowjetunion und ihre europäischen Satelliten.
Durch die Stationierung unserer jetzt auf europäischem Boden
befindlichen Divisionen haben wir unsere Bereitschaft zum Beitrag
bereits bewiesen. Und wir haben eine Reihe von Maßnahmen zur Stärkung
unserer nicht-nuklearen Streitmacht in Angriff genommen, um die Bevölkerung in den NATO-Ländern zu verteidigen und unseren Vertragsverpflichtungen nachzukommen.
Wir haben die ursprünglich hierfür vorgesehenen Ausgaben im
Finanzjahr 1962 und 1 9&amp;3 um 10 Milliarden Dollar aufgestockt. Um
den Zeitraum bis zur Schaffung einer neuen permanenten Stärke zu
überbrücken, haben wir 158 000 Reservisten einberufen. Wir werden
sie diesen Sommer wieder entlassen, aber nur, weil wir in der Zwischenzeit eine auf lange Sicht wirkende Stärke aufgebaut haben, die
größer ist als jene, die die vorübergehende Einberufung der Reservisten uns gab.
Die Zahl der einsatzbereiten US-Divisionen ist von 11 auf 16
erhöht worden. Ausrüstungen für zwei weitere Divisionen "'sind in
Europa eingelagert worden; die Mannschaften für diese Divisionen
können schnell auf dem Luftwege nach Europa gebracht werden.
Wir erwarten, daß unsere Verbündeten ebenfalls Maßnahmen ergreifen werden, um ihre nicht-nuklearen Streitkräfte weiter zu
verstärken und die Qualität und Widerstandskraft dieser Streitkräfte
zu verbessern. Derartige Maßnahmen würden unsere Abschreckungsstärke

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�"AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

Abschreckungsstärke noch vervollständigen. Die Verbesserung der
Landstreitkräfte der Allianz und ihrer Widerstandskraft, bessere
nicht-nukleare Luftstreitkräfte sowie besser ausgerüstete und
ausgebildete Reserveverbände geben uns die Sicherheit, daß es in
der NATO-Verteidigung in diesem entscheidend wichtigen Gebiet
keinerlei Unzulänglichkeiten gibt und daß keine Aggression, weder
eine kleine noch eine große, Erfolg haben kann.
Ich habe in aller Kürze die Ansichten der Vereinigten Staaten
über die Rolle der Atomstreitkräfte in der Strategie der NATO dargelegt. Ich habe darauf hingewiesen, daß die Allianz notwendigerweise
zur Abschreckung vor einem allgemeinen Atomkrieg von der starken und
gutgeschützten atomaren Streitmacht der Vereinigten Staaten abhängig
ist, die ihrerseits notwendigerweise verpflichtet sind, auf feindliche Atomschläge - wo immer sie erfolgen mögen - zu antworten.
Gleichzeitig habe ich die Notwendigkeit bedeutender nichtatomarer
Streitkräfte innerhalb der Allianz aufgezeigt, um Situationen begegnen zu können, in denen einratomarer Gegenschlag entweder ungeeignet oder ganz einfach unglaubwürdig ist. Immer wieder habe ich
hervorgehoben, daß in der Allianz einer den anderen braucht.
Ich möchte Sie auch noch daran erinnern, daß die aus militärischer
Stärke erwachsende Sicherheit eine notwendige, wenn auch nicht zulängliche Voraussetzung für die Erreichung unserer außenpolitischen
Ziele ist, wozu auch jene auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle und
Abrüstung gehören.
Militärische Sicherheit ist die Grundlage, auf der wir durch
wirtschaftliches Wachstum und politische Reformen, wie sie das Ziel
der Programme unseres Präsidenten sind, zum Beispiel in der Allianz
für den Portschritt und dem Gesetz über die Ausweitung des Handels,
die Stärke der freien Welt aufbauen können.
In einer Welt des Friedens allein können wir die Persönlichkeitsentfaltung, die für uns den höchsten der Werte darstellt, voll zum
Tragen bringen...

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Erste Fernsehübertragung mit Ballonsatellit E C H O I

NACHRICHTENSATELLITEN

VERBINDEN

KONTINENTE

�Allg./22.6.fl962
NACHRICHTENSATELLITEN VERBINDEN KONTINENTE

Einer der nächsten amerikanischen Satelliten, die die Erde umkreisen werden, trägt den Namen TELSTAR. Er ist der erste Versuchssatellit eines kommerziellen Privatunternehmens und gleichzeitig der
erste einer Anzahl von Nachrichtensatelliten verschiedener Typen, die
in den kommenden zwölf Monaten auf ihre Eignung zur Übermittlung von
Rundfunk- und Fernsehprogrammen, von Ferngesprächen, Telegrammen,
Funkbildern und Worttexten über Meere und Kontinente hinweg erprobt
werden. In diese großangelegten Versuche sind neben staatlichen amerikanischen Stellen wie dem US-Amt für Luft- und Raumfahrt (NASA) und dem
Verteidigungsministerium auch private amerikanische Organisationen vom
Sektor "Fernmeldewesen" sowie die für das Fernmeldewesen zuständigen
Stellen einer Anzahl anderer Länder eingeschaltet. Sie beteiligen sich
an einem Projekt, durch das ausreichende Nachrichtenverbindungen von
Kontinent zu Kontinent, bis in die entlegensten Winkel der Erde geschaffen werden sollen»
Im Zusammenhang mit diesem Projekt kommen vielfach Pläne zur Sprache,
die einem heute phantastisch erscheinen.Brief- und Zeitungstexte werden auf einen Knopfdruck hin über Fernsehsatelliten gewissermaßen ins Haus geliefert;
Geschäftsleute konferieren um die halbe Welt miteinander, ohne
dazu auch nur einen Schritt aus dem Haus zu tun;
Führungen durch die berühmtesten Kunstsammlungen der Welt, etwa
des Louvre in Paris oder der vatikanischen Museen in Rom, kann man über
*

TITELBILD:

Die auf dem Fernsehschirm erscheinenden drei Buchstaben
"M.I.T." sind die in den Vereinigten Staaten allgemein
übliche Abkürzung für "Massachusetts Institute of Technology" (Technische Universität Massachusetts). Wissenschaftler dieser berühmten Lehr- und Forschungsstätte waren an der
Vorbereitung von Fernseh-Versuchssendungen über ECHO I, bei
denen nur ein winziger Bruchteil der auf den Ballonsatelliten gerichteten Sendeenergie von der Empfangsstation wieder
aufgenommen wird, maßgeblich beteiligt.

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�"AMERIKA DIENST

22. Juni 1962

über Satelliten-Fernsehen überall in der Welt miterleben.
Diese Pläne sind keineswegs unrealistisch. Schließlich ist ja das
Bildtelephon in den USA bereits Wirklichkeit geworden. Warum sollte es
nicht auch eines Tages möglich sein, über viele Tausende von Kilometern
hinweg mit einem Partner auf der anderen Seite der Erde ein Fernseh-Gespräch zu führen - via Nachrichtensatelliten?
Sicherlich würde interkontinentales Fernsehen am eindrucksvollsten
demonstrieren, welche großartigen Möglichkeiten die Raumflugtechnik auch
auf diesem Gebiet eröffnet, Fernseh-Direktübertragungen von den Debatten
der Vereinten Nationen, von den Olympischen Spielen oder wichtigen politischen Ereignissen könnten ebenso wie der Versuch, der Bevölkerung von
Entwicklungsländern durch Fernseh-Sendungen bessere und geeignete Bildungsmöglichkeiten zu verschaffen, dazu beitragen, das gegenseitige
Verständnis zu fördern und damit die Völker der Welt einander näherzubringen. Aber bei den verfügbaren technischen Mitteln sind solche Vorhaben
noch so kostspielig, daß man sich dieser Möglichkeiten wohl vorläufig
nur dann bedienen wird, wenn die Bedeutung der Ereignisse den Aufwand
rechtfertigt.
Nachrichtenwege unzureichend
Vordringlicher und auch rentabler scheint dagegen der Einsatz von
Erdsatelliten im kommerziellen Post- und Fernmeldewesen zu sein. Jedermann weiß, daß die vorhandenen Leitungen, vor allem nach Übersee, ständig
überlastet sind, und daß angesichts des nahezu explosionsartig wachsenden
Bedarfs an Leitungswegen auch mit der Einrichtung neuer transozeanischer
Kabel oder Richtfunkstrecken der Sache auf die Dauer nicht gedient ist.
Im letzten Jahrzehnt hat sich beispielsweise die Zahl der von den
Vereinigten Staaten nach Übersee geführten Gespräche fast vervierfacht:
sie stieg von etwas mehr als 1 Million im Jahr 1950 auf fast 4 Millionen
im Jahr i960. Sie dürfte sich, wie Fachleute schätzen, bis 1965 auf 8, bis
1970 auf 20 und weitere zehn Jahre später sogar auf 100 Millionen erhöht
haben.
Von den Vereinigten Staaten aus können heute mit 160 Ländern und
Territorien Ferngespräche geführt werden. Die Voraussetzungen dafür
sind durch entsprechende technische Vereinbarungen und Verwaltungsabkommen mit den zuständigen Behörden in Übersee geschaffen worden. Es
gibt transozeanische Unterseekabel nach England und Frankreich, nach
Hawaii, Alaska und Puerto Rico. In Kürze werden neue Kabelleitungen
in Betrieb genommen, die die USA mit Bermuda unfi Jamaika und Puerto Rico
mit der Antilleninsel Antigua verbinden. Für 1963 ist ein drittes Kabel
mit noch größerer Bandbreite nach Großbritannien und für 1964 eine
Kabelverbindung von Hawaii nach Japan vorgesehen.
Die Gesamtkosten für die Einrichtung dieser transozeanischen Kabelleitungen, die sich im Besitz der American Telephone and Telegraph

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�AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

Telegraph Company und der Fernmeldebehörden der Partnerländer befinden,
belaufen sich auf Hunderte von Millionen Dollar. (Das beste Unterseekabel, das es zur Zeit gibt, führt 84 Gegensprechkanäle; es kostete 35
Millionen Dollar.)
Wie die bisherigen Erfahrungen zeigen, gibt es prinzipiell weder
politische noch finanzielle Hindernisse für den notwendigen Ausbau eines
weltweiten Fernmeldenetzes. Die Hindernisse sind vielmehr technischer
Natur. Und diese können - und werden, wie Dr. John R. Pierce, Forschungsdirektor der Bell Telephone Laboratories, kürzlich erklärte- durch Fernmeldesatelliten überwunden werden. Diese setzen uns nämlich in die
Lage, genügend Breitbandleitungen für den transozeanischen Telephonverkehr unter optimaler Ausnutzung der heute vorhandenen Möglichkeiten
der Fernmeldetechnik einzurichten. Dadurch stellen sich die Endkosten
sogar niedriger, als wenn man den Bedarf an neuen Leitungswegen auf herkömmliche Weise, d.h. durch Einrichtung weiterer Unterseekabel und Richtfunkstrecken, decken würde.
Das Verlegen von Unterseekabeln ist zeitraubend und kostspielig. Und
ist ein neues Kabel endlich betriebsbereit, so ist es auch schon in kürzester Zeit voll ausgelastet. Kurzwellenverbindungen wiederum sind, ähnlich wie Lang- und Mittelwellenverbindungen, sehr
störanfällig. Da
sich Kurzwellen durch Reflexion an der Ionosphäre fortpflanzen, gehen
sie - beispielsweise nach starker Sonnenaktivität, die die Ionosphäre
erheblich beeinflußt - leicht "verloren". Erst die geradlinig sich ausbreitenden kurzen Dezimeter- und Zentimeterwellen sind relativ unempfindlich gegen Störungen. Diese sehr kurzen Frequenzen bieten überdies den
Vorteil, unvergleichlich mehr Breitbandsignale aufnehmen und somit viel
mehr Informationen als längere Wellen übermitteln zu können.
Größere Bandbreiten
Die Bandbreite, d.h. die Variationsbreite in Nähe der Trägerfrequens,
bestimmt, wie groß die Informationsmenge ist, die innerhalb einer gegebenen Zeit übermittelt werden kann. Dies läßt sich etwa mit einer Autobahn
vergleichen, bei der die Anzahl der Fahrspuren die Aufnahmefähigkeit für
Fahrzeuge bestimmt. Jede Rundfunk- bzw. Fernsehstation, der ja eine bestimmte Welle zugeteilt ist, sendet nicht nur genau auf dieser Welle, sondern auf einem Wellen-"Band". Die Bandbreite umfaßt bei einer gewöhnlichen
Mittelwellenstation ungefähr 10 000 He*tz, bei einer Fernsehstation dagegen, die ein Vielfaches mehr an Informationen übermittelt, bis zu 6
Millionen Hertz. Für die Bandbreite werden die Frequenzen "verbraucht",
die für Radiosendungen in der Atmosphäre überhaupt zur Verfügung stehen.
Daher der "Wellensalat" und die ständig wachsenden Schwierigkeiten, neue
Frequenzen-zuteilen zu können. Im Prinzip könnte das Volumen der Nachrichtenverbindungen über weite Strecken durch die Einschaltung von Fernmeldesatelliten auf das 10 OOOfache ausgeweitet werden. Das Problem der
Frequenzen wäre damit für lange Zeit gelöst.
Eine Ausweitung des Frequenzspektrums ist nur im ultrakurzen bzw.
im Mikrowellenbereich sinnvoll. Für die Übermittlung von Signalen über
Mikrowellen ist jedoch - und hier tritt das technische Hindernis _in

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�AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

in Erscheinung - "optische Sicht" zwischen Sender und Empfänger erforderlich, weil sich diese Wellen, wie das Licht, nur geradlinig
ausbreiten. Zur Überbrückung größerer Entfernungen benötigen sie eine
ganze Kette von Relaisstationen, die zu* Lande in Abständen von 50 bis
70 km errichtet werden. Schon in gebirgigem Gelände bereitet dies
manche Schwierigkeiten; Übermittlungen auf Ultrakurzwellen über Ozeane
hinweg sind so gut wie unmöglich. Daher könnten Relaisstationen in
größeren Höhen, die von weit auseinander liegenden Bodenstationen
gleichzeitig "gesehen" werden, hier eine Lücke füllen, was eben durch
Nachrichtensatelliten geschehen soll. Sie erfüllen durch Aufnahme,
Verstärkung und Wiedergabe von Funksignalen kürzester Frequenzen im Grunde
genau die gleichen Funktionen wie die herkömmlichen Relaisstationen am
Boden.
Der erste Vorschlag, künstliche Erdsatelliten für Nachrichtenzwecke
zu verwenden, kam von den Engländer Arthur C. Clarke, einem Autor utopischer Erzählungen. In einer britischen Publikation vom Jahr 1945 entwickelte er den Plan, drei Nachrichtensatelliten in gleichem Abstand
voneinander auf eine Umlaufbahn in 36 000 km Höhe zu bringen und mit
Hilfe dieser "Relaisstationen" im Weltraum alle Länder der Erde durch
ein Nachrichtennetz direkt miteinander zu verbinden, (im Rahmen des
amerikanischen Projekts SYNCOM wird dieser Plan in absehbarer Zeit
Wirklichkeit werden.) Die technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten
der Verwendung von Nachrichtensatelliten untersuchte als erster der
Amerikaner Dr. John R. Pierce; er berichtete im Jahr 1955 darüber, zwei
Jahre vor dem Start des ersten künstlichen Erdsatelliten. Deutsche Wissenschaftler hatten schon Mitte der dreißiger Jahre erwogen, Flugzeuge als
Relaisstationen für transozeanische Funkverbindungen zu benutzen eine
Idee, die mit gewissen Abwandlungen in den Vereinigten Staaten inzwischen
bei der Übermittlung von Schulfernsehprogrammen von Flugzeugen aus verwirklicht worden ist,
Relaisstationen .jenseits der Atmosphäre
Verschiedene in den letzten Jahren durchgeführten Experimente bewiesen, daß Nachrichtenübertragungen unter Einschaltung von Reflektoren
jenseits der Atmosphäre möglich sind. Die erste Demonstration dieser
Technik war ein drahtloses transkontinentales Ferngespräch, das amerikanische Wissenschaftler im Jahr 1958 über den Mond, den natürlichen Erdsatelliten, als "passiven" Reflektor der Funksignale führten. Im Dezember
1958 wurde über den künstlichen Erdsatelliten SCORE eine Botschaft Präsident Eisenhowers gesendet. Dies war der erste praktische Versuch mit einer
"aktiven" Relaisstation am Himmel, d.h. mit der Verwendung von Bordgeräten, die Funksignale empfangen und sie dann wieder zur Erde zurückstrahlen
Im August 196O folgte der Ballonsatellit ECHO I. Seine metallisierte
Kunststoffhülle, die inzwischen geschrumpft und sehr faltig geworden
ist, diente häufig als passiver Reflektor von Funksignalen, mit denen
Sprech-, Text-, Musik- und Funkbildsendungen zwischen Pazifik und Atlantik sowie von den USA nach England und Frankreich übermittelt wurden.
Im April dieses Jahres unternahmen die amerikanische Luftwaffe und

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�"AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

und Wissenschaftler der Technischen Universität Massachusetts (M.I.T.)
mit ECHO I den ersten erfolgreichen Versuch einer Fernseh-Direktsendung quer über den amerikanischen Kontinent. Die Bildqualität war mäßig,
das hatte man angesichts der Formveränderung des Ballons nicht anders
erwartet; der Zweck des Experiments, im Prinzip zu beweisen, daß diese
Art der Bildübertragung technisch möglich ist, wurde jedoch voll und
ganz erfüllt.
Im Oktober i960 wurde der Armee-Satellit COURIER I in eine Umlaufbahn gebracht. Bei diesem handelte es sich schon um ein kleines technisches Wunderwerk. Er war in der Lage, 65 000 Wörter in der Minute
aufzunehmen, zu speichern und auf Abruf zu senden. COURIER I funktionierte
17 Tage ausgezeichnet, bis er schließlich infolge einer technischen Störung für Funkübertragungen nicht mehr benutzt werden konnte.
Planungen intensiviert
Die vorgenannten Experimente gaben den verschiedenen Fernmelde-Satellitenprogrammen großen Auftrieb. Die Fachleute sind sich heute über die
Brauchbarkeit, ja Notwendigkeit solcher -fliegenden aktiven oder passiven
Relaisstationen einig. Worüber sie sich jedoch noch nicht einigen konnten,
ist der für den kommerziellen Betrieb von Fernmeldesatelliten am besten
geeignete Typ. Die Erprobung verschiedener Typen, die in den kommenden
Monaten vorgesehen ist, soll die Lösung dieser Frage erleichtern.
Genügend lange Betriebsdauer (mindestens zwei Jahre) und Zuverlässigkeit sind wichtige Voraussetzungen für die wirtschaftliche Nutzung von
Fernmeldesatelliten. Um diese zu gewährleisten, muß man zuvor u.a. die
physikalischen Bedingungen in den Umlaufbereichen genau kennen. Man muß
wissen, wie sich elektromagnetische Wellenstrahlung und Korpuskularstrahlen auf die Leistung und die Lebensdauer der Bordelektronik auswirken.
Und man muß sich über die notwendige Leistung bzw. die Größe der Antennen
der Bodenstationen im klaren sein, die den Kontakt zu den Fernmeldesatelliten aufrechterhalten. Zur Ermittlung all dieser und anderer wichtiger
Daten dienen die Versuchsprogramme TELSTAR, RELAY, REBOUND, SYNCOM und
ADVENT, die unmittelbar vor ihrer Verwirklichung stehen.
TELSTAR ist das Projekt der American Telephone and Telegraph Company (AT&amp;T). Das Satellitengerät wurde in ihrem Auftrag von der Bell
Telephone Company entwickelt und gebaut, und die NASA übernimmt, ebenfalls auf Kosten des Privatunternehmens AT&amp;T, den Start mit einer THORDELTA -Rakete von Cape Canaveral aus. TELSTAR wiegt 77 kg und hat die
Gestalt einer Kugel von 86 cm Durchmesser. Seine Oberfläche ist jedoch
an 172 Stellen facettenartig abgeflacht. Auf diesen Facetten sind die
56OO Sonnenzellen montiert, die die Betriebsenergie liefern; auf einige
Facetten jedoch sind Metallspiegel aufgesetzt, die Sonnenlicht reflektieren. Hat der Satellit auf jedem Umlauf jeweils einen bestimmten Bahnpunkt erreicht, so wird, da er um seine Längsachse rotiert, diese Reflexion bei der optischen Beobachtung als eine Folge von Lichtblitzen
wahrgenommen, die Aufschluß über die Stellung seiner Drehachse zur Erde
geben. Das Gerät besteht aus 15 000 meist winzig kleinen Einzelteilen und
enthält u.a. eine Elektronenröhre, IO64 Transistoren und 1464 Dioden.
Die

�I

"AMERIKA DIENST"

22. Juni 1962

Die metallischen Halterungen im Innern bestehen aus Magnesium,
die mit Aluminiumoxyd überzogene Wandung ist aus Aluminium gefertigt.
19 Nickel-Cadmium-Speicherbatterien werden durch die Sonnenzellen
aufgeladen, sobald sich der Satellit im Sonnenlicht bewegt. Sie haben
eine Gesamtleistung von 15 Watt, sofern die Sonne zum Satellitenäquator
senkrecht steht. Die photoelektrischen Zellen sind auf einer Basis aus
keramischem Material in einem Platinrahmen montiert und zum Schutz
gegen das Bombardement energiereicher Elektronenstrahlen mit durchsichtigen Plättchen aus synthetischen Saphiren abgedeckt. Alle diese Materialien wurden bereits im Hinblick auf eine möglichst lange Betriebsdauer des Satelliten gewählt. Sie haben überdies ungefähr die gleiche
Wärmeausdehnung wie die Sonnenzellen selbst, so daß diese Baueinheiten
wahrscheinlich auf Jahre hinaus fest verbunden bleiben.
Die elektronische Ausrüstung ist in einem Aluminiumbehälter von
50 cm Durchmesser eingeschlossen, der nicht am Halterahmen angenietet,
sondern durch Nylonbänder mit diesem elastisch verbunden ist. Hierdurch
werden Stöße und hochfrequente Schwingungen weitgehend abgefangen.
Die Empfangsfrequenz des TELSTAR, der bei einer Umlaufzeit von 160
Minuten die Erde in Höhen zwischen 930 und 56OO km umkreist, liegt bei
6390 Megahertz, die Sendefrequenz; bei 4170 Megahertz. Seine Sendeleistung
beträgt ungefähr 3 Watt. Die Antennen sind kleine Strahler, die in zwei
Ringen am Äquator des TELSTAR angebracht sind.
Der Nachrichtensatellit wird zunächst für eine Fernseh-Direktübertragung innerhalb der Vereinigten Staaten, später, bei internationalen
Gemeinschaftsexperimenten, für eine Pernseh-Direktübertragung von 10
Minuten Dauer nach Europa und ein ähnliches Programm in umgekehrter Richtung benutzt werden. Er wird außerdem die Möglichkeit der Übertragung von
Ferngesprächen mit Sprechteilnehmern in den USA und Europa bzw. Brasilien
sowie die Funkbildübermittlung von Worttexten demonstrieren.
Bald nach dem Start von TELSTAR soll zur Durchführung ähnlicher Experimente ein zweiter Nachrichten-Versuchssatellit - RELAY - in eine
Erdumlaufbahn zwischen 165O und 5550 km Höhe gebracht werden. RELAY ist
ein Projekt der NASA, in deren Auftrag die Radio Corporation of America
(RCA) das Versuchsgerät baute. Dieses hat die Form eines achteckigen
Zylinders, wiegt 60 kg und ist mit zwei Verstärkern ausgerüstet. Die
Sendefrequenz des RELAY-Satelliten ist - im Gegensatz zur Aufnahmefrequenz - die gleiche wie bei TELSTAR; mit 10 Watt liegt seine Sendeleistung
allerdings erheblich höher.
Vorbereitungen zur Beteiligung Europas und Südamerikas in vollem Gange
TELSTAR und aHELAY sind aktive Nachrichtensatelliten mit, wie die
Techniker bei der angewandten Abrufmethode sagen, "verzögerter Wiedergabe". Um überhaupt Versuche damit durchführen zu können, sind besonders
ausgerüstete Bodenstationen erforderlich. In den Vereinigten Staaten wurden
zu diesem Zweck zwei Stationen gebaut. Die AT&amp;T errichtete die Station
Andover im Staate Maine, die International Telephone and Telegraph Company
eine kleinere Station im Staate New Jersey.
T

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22. Juni 1962

In Großbritannien ist eine ähnliche Bodenfunkstelle in Cornwall
(Goonhilly Downs) fast fertiggestellt; sie wird von der britischen
Post- und Fernmeldeverwaltung errichtet, die auch für britische Versuche mit Nachrichtensatelliten zuständig ist. In Frankreich ist bei
Pleumeur-Bodou in der Bretagne, in der Bundesrepublik bei Raisting in
Oberbayern eine große Bodenstation im Entstehen. Die erforderlichen
Aufwendungen für die britischen und französischen Stationen werden auf
3 bzw. 10 Millionen Dollar geschätzt. Die französische Bodenfunkstelle
wird mit der gleichen riesigen Hornparabolantenne ausgerüstet, die auch
die AT&amp;T-Station in Andover besitzt. Dieses 340 Tonnen schwere drehbare
Gerät ist 53»8 m lang und hat eine dem Alphorn
ähnliche Form; es kann
als Sende- und Empfangsantenne benutzt werden. Die Station Raisting erhält als Antenne einen Parabolspiegel von 25 m Durchmesser, wie er bereits
in der englischen Bodenfunkstelle Goonhilly Downs errichtet wurde.
Bei Fucino in der Nähe von Rom beabsichtigt die italienische Gesellschaft Telespazio eine Bodenfunkstelle zu bauen, während sich Brasilien über eine Station in der Nähe von Rio de Janeiro an den Versuchen
beteiligen wird.
Vertreter der genannten Nationen haben einen Sonderausschuß gebildet, der im Zusammenhang mit Fernmeldesatellitenexperimenten für alle
Fragen zuständig ist, die die Ausrüstung und Tätigkeit der Bodenfunkstellen betreffen. Auf Zusammenkünften in Falmouth (England) im Dezember
1961 und Februar 1962 einigten sich die Ausschußmitglieder bereits über
die Art der durchzuführenden Versuche. Inzwischen bekundeten auch andere
Länder, unter ihnen Kanada, Japan und Argentinien, ihr Interesse an einer
Beteiligung an Versuchen mit Fernmeldesatelliten.
Jeder der beiden Versuchssatelliten, die in ihrer Umlaufbahn durch
Rotation um die eigene Achse stabilisiert werden, wird wichtige technische
und wissenschaftliche Unterlagen für die Weiterentwicklung "fliegender
Relaisstationen" vermitteln. Um allerdings ein weltweites kommerzielles
Nachrichtennetz - einschließlich weltweiter Fernsehübertragungen - aufbauen zu können, wären mindestens 20 bis 30 TELSTAR- und RELAY-Satelliten
erforderlich. Satelliten in der hier gewählten Umlaufhöhe befinden sich
bestenfalls 20 bis 25 Minuten lang gleichzeitig im Sichtbereich von Bodenstationen diesseits und jenseits des Atlantik.
REBOUND ist ein Projekt, bei dem gleichzeitig drei Ballonsatelliten
mit einer einzigen Rakete gestartet werden sollen. Eine AGENA-Rakete soll
die Ballone in eine 3200 km hohe Umlaufbahn einschießen und darin in
möglichst gleichen Abständen verteilen. Ähnlich wie der 30 m große ECH0Ballonsatellit würden diese drei Ballone (Durchmesser 41 m ) , die zur
besseren Erhaltung ihrer Kugelform allerdings eine steifere Hülle besitzen, Funksignale nur reflektieren, also als passive Relaisstationen
dienen. Die ersten Flugtests sind Anfang 1963 vorgesehen; zur Zeit sind
noch Forschungen mit neuartigen, leichteren Materialien für die Ballonhülle im Gange, um sehr große und dennoch formbeständige Ballonsatelliten
konstruieren zu können.
SYNC0M

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22. Juni 1962

SYNCOM (der Name ist gebildet aus "synchronous communication
satellite") gehört zu den aktiven Nachrichtensatelliten mit Empfangs-,
Verstärker- und Sendeanlage. Ein großes amerikanisches Plugzeugwerk
zeigte auf der Luftfahrtschau 1962 in Hannover sin Modell des trommeiförmigen Geräts, das in eine Umlaufbahn in 36 000 km Höhe geschossen
werden soll. In diesem Abstand von der Erdoberfläche beträgt die Umlaufgeschwindigkeit des Satelliten 24 Stunden, ist also der Rotationsgeschwindigkeit der Erde um ihre Achse "synchron". Dabei bleibt der
Satellit scheinbar über einem bestimmten Längengrad stehen, pendelt aber,
sofern die Ebene seiner Bahn zum Äquator geneigt ist, um einige Breitengrade langsam in nördlicher und südlicher Richtung. Befindet er sich
dabei beispielsweise auf einer Position über dem Atlantik, so liegt er
wegen seines großen Abstandes von der Erde ständig im Sichtbereich nordund südamerikanischer sowie europäischer und afrikanischer Bodenstationen
und kann so als Zentrale für den Nachrichtenaustausch über den Atlantik
dienen. Durch 3 bis 10 Relaisstationen in dieser Höhe würde ein weltweiter Nachrichtenverkehr ermöglicht. 3960 Sonnenzellen liefern den
Betriebsstrom für die Geräte, und zwar mindestens 20 Watt bei 27,5 Volt
für 1 Jahr. Eine besondere Konstruktionsleistung ist das geringe Gewicht dieses aktiven Nachrichtensatelliten, der nur 27,2 kg wiegt. Dies
ist die Voraussetzung dafür, ihn mit der vorgesehenen Trägerrakete vom
Typ DELTA überhaupt in eine so große Höhe befördern zu können.
Das erste Versuchsgerät, SYNCOM MARK I, wird im Sommer dieses Jahres an die NASA geliefert. Es wird jeweils nur ein Telephongespräch
in beiden Richtungen übertragen können, während für die kommerziellen
Nachrichtensatelliten vom Typ SYNCOM MARK II 1200 Fernsprechkanäle oder
600 Fernsprech- und 2 Fernsehkanäle vorgesehen sind.
Ein ähnliches Projekt Umfaßt das militärische Nachrichtensatelliten-Programm ADVENT, das unlängst die US-Armee an die US-Luftwaffe
abgegeben hat. Die Umlaufbahn dieses Satelliten soll ebenfalls in
36 000 km Höhe liegen. Damit er von einer ATLAS-AGENA-Rakete in diese
Bahn gebracht werden kann, soll sein Gewicht von ursprünglich 580 kg
auf knapp 23o kg reduziert werden. Das erste Versuchsgerät wird
allerdings die Erde in 10 000 km Höhe umkreisen.
Frequenzen
Mit TELSTAR und RELAY soll die Möglichkeit der Übertragung breiter Frequenzbänder über große Entfernungen demonstriert werden. Die
NASA arbeitete während des letzten Jahres bereits eng mit anderen
amerikanischen Behörden zusammen, um die Position der Vereinigten
Staaten im Hinblick auf die internationale Zuteilung von Radiofrequenzen klarzustellen. Ihre Bestrebungen gingen dabei nicht nur dahin, Frequenzbänder zur Benutzung in Nachrichtensatelliten fü2 die
kommerziellen und staatlichen Fernmeldestellen anderer Länder freizuhalten, sondern auch notwendige internationale Vereinbarungen über die
Benutzung bestimmter Radiofrequenzen für andere Zwecke der Weltraumforschung zu erreichen.
Im Herbst 1963 wird die Internationale Fernmeldeunion (ITU), eine
Organisation der Vereinten
Nationen, über diese Fragen konferieren.
Das US-Amt für Luft- und Raumfahrt beteiligt sich überdies an der
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8

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�AMERIKA DIENST"

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der Arbeit des "International Radio Consultative Committee" (internationaler beratender Ausschuß für den Funkdienst); dieses Gremium
der Internationalen Fernmeldeunion hat die Aufgabe, technische Fragen
und Probleme des praktischen Funkbetriebs zu untersuchen und geeignete
Maßnahmen zu empfehlen.
Besitzrechte
Präsident Kennedy unterbreitete dem amerikanischen Kongreß am
7. Februar 1962 eine Gesetzesvorlage über die Schaffung eines Fernmeldesatellitennetzes, das nach Umfang und Dienstleistungen internationalen
Charakter trägt. Es soll von einer privaten Aktiengesellschaft betrieben werden, die u.a. folgende Aufgaben und Vollmachten wahrzunehmen hätte:
Bereitstellung von Nachrichtenkanälen gegen Mietgebühr für autorisierte
Benutzer; Beschaffung und Erwerb von Satelliten, Bodenstationen und
anderen Einrichtungen, die für den Betrieb sowie für die direkte
Verbindung mit erdgebundenen Nachrichtennetzen erforderlich sind;
Forschung und Entwicklung in eigener Regie oder auf Kontraktbasis;
Finanzierung der Satellitenstarts und aller damit zusammenhängenden,
von der US-Regierung übernommenen Dienstleistungen.
Das Fernmeldewesen in den Vereinigten Staaten befand sich von
jeher in Privathand. Es wird in privater Regie betrieben, ist aber in
bezug auf Gebühren und Dienstleistungen Regierungsvorschriften unterworfen. Um eine möglichst breite Streuung der Eigentumsrechte an einem
Unternehmen, das ein künftiges Fernmeldesatellitennetz übernimmt, zu
gewährleisten , schlug die amerikanische Regierung die Ausgabe von
Aktien in den zwei Klassen 4 un(* ü vor. Die Aktien der Klasse A sind
stimmberechtigt, können von jedermann erworben werden, und nur auf sie
werden Dividenden ausgeschüttet; die - nicht stimmberechtigten Aktien der Klasse B dagegen können nur von den zugelassenen Unternehmen
der Fernmeldebranche, die jetzt und in den kommenden Jahren die Hauptlast der Entwicklungskosten für ein Fernmeldesatellitennetz tragen, erworben werden.
Mit der Ausarbeitung der Gesetzesvorlage beabsichtigte die amerikanische Regierung u.a., weltweite Nachrichtenverbindungen auf kommerzieller Basis zu gewährleisten, einen Anreiz für einen größtmöglichen Wettbewerb in bezug auf technische Ausrüstung und Dienstleistungen zu geben,
beschleunigt ein betriebsfähiges Satellitennetz zu entwickeln, Industrieländer daran ebenso teilhaben zu lassen wie Entwicklungsländer,
Radiofrequenzen wirksam und wirtschaftlich zu nutzen und Diskriminierungen jeder Art von vornherein zu unterbinden. Das amerikanische Satellitennetz soll allen autorisierten Trägern des Fernmeldewesens zur Benutzung
offenstehen. Botschafter Francis T. P. Plimpton, der stellvertretende
Leiter der US-Delegation bei den Vereinten Nationen und Vertreter der
Vereinigten Staaten im UN-Ausschuß für die friedliche Nutzung des Weltraums, setzte sich vor diesem Gremium kürzlich in einer umfassenden Rede
für eine enge internationale Zusammenarbeit in der Weltraumforschung
und im Aufbau eines Fernmelde-Satellitennetzes ein. Er berichtete in
diesem Zusammenhang, daß man plane, schon im Herbst 1962 über TELSTAR

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TELSTAR oder RELAY eine Debatte der UN-Vollversammlung in einer 5- bis
1O-Minuten-Sendung nach Europa zu übertragen, und er fügte hinzu:
"Hoffen wir, daß diese Minuten glücklich gewählt sind!"

ACHTUNG REDAKTIONEN! Auf Anforderung übersenden Ihnen die für Ihren
Bereich zuständigen Amerika-Dienst-Außenbüros
kostenlos folgende Bilder:

1)

Am 24. April 1962 wurde der im August 196O gestartete Ballonsatellit ECHO I erstmals für eine Fernsehbild-Direktübertragung über
4300 km von Kalifornien nach Massachusetts benutzt. Das auf diesem
Wege übermittelte Bild zeigte ein Plakat mit den drei Buchstaben
"M.I.T." (Abkürzung für Massachusetts Institute of Technology Technische Universität Massachusetts). Auf den relativ
schnell fliegenden Satelliten konnte vom Bodensender aus nur ein
schmaler Straiilungskegel von einem zehntel Bogengrad Durchmesser
(Stärke 20 kW, Frequenz 8350 Megahertz) gerichtet werden.

2)

Ein Modell des TELSTAR-Fernmeldesatelliten wird bei den Bell
Telephone Laboratories in eine Prüfkammer gebracht, in der ein
nahezu vollkommenes Vakuum und Kältegrade bis zu minus 200 Grad
Celsius erzeugt werden können. Ähnlichen Bedingungen ist TELSTAR
im Weltraum ausgesetzt.

3)

Die Hornparabolantenne (oben) der American Telephone &amp; Telegraph
Company in Andover (Maine) dient als Sender und Empfänger für Fernsehprogramme, Telephongespräche und drahtlose Wortsendungen bei
künftigen Nachrichtenübermittlungen über Fernmeldesatelliten. Das
riesige Gerät ist 53»8 m lang, drehbar und wiegt 340 Tonnen.
Unten ein Schnittmodell der Hornparabolantenne unter ihrem Druckluftzelt, das sie vor Wind und Wetter schützt.

4)

Den Betriebsstrom für den RELAY-Satelliten, der bei der Radio Corporation of America gebaut wird, sollen 6000 auf der Außenwandung
montierte Sonnenzellen liefern. Der Versuchsnachrichtensatellit der
NASA wird auf der Frequenz 1725 Megahertz empfangen, die aufgenommenen
Signale werden auf der Welle 4170 Megahertz gesendet.

(AD-Außenbüros befinden sich in:
Berlin-Dahlem, Clay-Allee 170
Bremen, Contrescarpe 38-42
Düsseldorf, Cecilien-Allee 5
Frankfurt (Main), Siesmayerstraße 21, Zimmer 110
Hamburg, Alsterufer 27
München, Königinstraße 5-7
Stuttgart, Urbanstraße 7)
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DIE REGIERUNG DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
(Standl 20. Juni 1962)

�Allg./29.6.1962
H!L???i??™?_pjR_VEM:mGTEN STAATEN_VON_AMERIKA
(Stand: 20. Juni 1962)
Der Präsident: John F. Kennedy
Der Vizepräsident: Lyndon B. Johnson
Das Kabinett des Präsidenten umfaßt unter dem Vorsitz des Präsidenten als
ständige Mitglieder die Leiter der zehn Bundesministerien.
Außenminister (Secretary of State): Dean Rusk
Stellv.: Staatssekretär George W. Ball (Under Secretary of State)
Finanzminister (Secretary of the Treasury): C. Douglas Dillon
Stellv.: Staatssekretär Henry H. Fowler (Under Secretary of the Treasury)
Verteidigungsminister (Secretary of Defense): Robert S. McNamara
Stellv.: Staatssekr. Roswell L. Gilpatric (Deputy Secretary of Defense)
Justizminister (Attorney General): Robert F. Kennedy
Stellv.: Staatssekr. Nicholas äeB. Katzenbach (Deputy Attorney General)
Postminister (Postmaster General): J. Edward Day
Stellv.: Staatssekr. H. W. Brawley (Deputy Postmaster General)
Innenminister (Secretary of the Interior): Stewart L. Udall
Stellv.: Staatssekr. James K. Carr (Under Secretary of the Interior)
Landwirtschaftsminister (Secretary of Agriculture): Orville L. Freeman
Stellv.: Staatssekr. Charles S. Murphy (Under Secretary of Agriculture)
Handelsminister (Secretary of Commerce): Luther H. Hodges
Stellv.: Staatssekr. Edward Gudeman (Under Secretary of Commerce)
Arbeitsminister (Secretary of Labor): Arthur J. Goldberg
Stellv.: Staatssekr. W. Willard Wirtz (Under Secretary of Labor)
Minister f. Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen
(Secretary of Health, Education &amp; Weifare): Abraham A. Ribicoff
Stellv.: Staatssekr. Ivan A.Nestingen (Under Secretary of Health,
Education and Weifare)

�P R Ä S I D I A L A M T
Executive Office of the President
Der Präsident
John P. Kennedy

Präsidialkanzlei
The White House Office
1. Persönl. Referent: Theodore C. Sorensen
2. Persönl. Referent: Myer Feldman
Stabssekretär: Ralph A. Dungan
1 . Pressesekretär: Pierre Salinger
2. Pressesekretär: Andrew Hatcher
Verwaltungsreferent: Henry Hall Wilson
Referent f. Sicherheitsfr.: McGeorge Bundy
Referent f. Wissenschaft: Jerome B. Wiesner
Referent f. Kongreßverb.: Lawrence F. O'Brien
Referent f. Kabinettsfragen: Timothy J. Reardon
Referent f. Militärfragen: Gen. Maxwell D. Taylor
Food-for-Peace-Direktor: George McGovern
Sonderreferent: P. Kenneth O'Donnell
Sonderreferent: Arthur Schlesinger
Sonderreferent: Frank D. Reeves
Sonderreferent: Harris L. Wofford
Sonderreferent: Brooks Hays
Amt für Haushaltsplanung
Bureau of the Budget
Leiter: David E. Bell
Stellv.: Leiter: Eimer B. Staats
Amt für Notstandsplanung
Office of Emergency Planning
Leiter: Edward A. McDermott
Sonderberater des Präsidenten für Lateinamerika,
Asien und Afrika
Botschafter ehester Bowles
-

2 -

�(Präsidialamt 2)
Nationaler Sicherheitsrat
National Security Council
Präsident, Vizepräsident, Außenminister,
Verteidigungsminister, Leiter des Amts für
Notstandsplanung (dazu als Sekretär der Referent
des Präsidenten für Sicherheitsfragen)
Zentralamt für Nachrichten und Abwehr
Central Intelligence Agency (CIA)
Leiter: John A. McCone
Rat für Luft- und Raumfahrt
National Aeronautics and Space Council
Vizepräsident, Außenminister, Verteidigungsminister,
NASA-Leiter, AEC-Vorsitzender
Wirtschaftsbeirat
Council of Economic Advisers
Vorsitzenders Walter W. Heller
Mitglieder: James Tobin, Kermit Gordon
Wissenschaftlicher Beirat
Science Advisory Committee
Vorsitzender: Jerome B. Wiesner
Amt für Wissenschaft und Technik
Office of Science and Technology
Leiter: Jerome B. Wiesner

i

3 -

�A U S S E N M I N I S T E R I U M
D e p a r t m e n t of

State

Außenminister (Secretary of State)l Dean Rusk
Stellv. Außenminister!
Staatssekretär (ünder Secretary of State) George W. Ball
Staatssekretär für Politische Fragen
(Under Secretary of State for Political Affairs)i George C. McGhee
Stellv. Staatssekretär für Politische Fragen
(Deputy Under Secretary of State for Pol .Äff.) i U .Alexis Johnson
Stellv. Staatssekretär für Verwaltungsfragen
(Deputy Under Secretary of State for Admin.Affairs)I William H.Orrick
Amt für Internationale Entwicklung

Amt für Rüstungskontr. und Abrüstung

Agency f. Internat. Development (AID)

Arms Control and Disarmament Agency

Leiters Staatssekr. Fowler Hamilton
Stellv. Leiter! Frank M. Coffin

Leiten William C. Foster
Stellv. Leiter» Adrian S. Fisher

Regionalbüros*

Ministerbüro

Lateinamerika
Fernost
Nahost &amp; Südasien
Europa &amp; Afrika

Executive Secretariat
Leiter» William H. Brubeck

Leiter» jeweils ein Unterstaatssekretär
(Assistant Secretary of State)
Rat für Politische Planung
Policy Planning Council
Vors.» U.Staatssekr. Walt W, Rostow
Politischer Berater (Counselor)

Rechtsberater U. Staatssekr. für
.. A , .
Kongreßverb.
T
Legal
Adviser
..
_.
Asst. See. of State
Abram Chayes
„
* -, . .
/TT ox .. , Nf. nCongr. Relations
( U.Staatssekr. JT;—-—r—;—=—^~~rr—~
v
'Frederick G. Dutton

WirtSchaftsabteilung

Nachrichten- und Forschungsabteilung

Bureau of Economic Affairs

Bureau of Intelligence and Research

U. Staatssekr. G. Griffith Johnson

Leiters Roger Hilsman

Kulturabteilung

Abteilung f. öffentl. Angelegenheiten

Bureau of Educational &amp; Cultural Äff.

Bureau of Public Affairs

U. Staatssekr. Lucius D. Battle
Verwaltungsabteilung

U. Staatssekr. Robert J. Manning
Stellvertreter» Stern, Rowan
Pressereferent» Lincoln White

Bureau of Administration

Konsular- und Sicherheitsabteilung

U. Staatssekr. William J. Crockett

Bureau of Security and Consular Affairs
Kommiss. Leiters Michel Cieplinski

- 4-

�(Außenministerium 2)

Afrika-Abteilung

Amerika-Abteilung

U. Staatssekr. G.Mennen Williams

U. Staatssekr. Edwin M. Martin

Europa-Abteilung

Fernost-Abteilung

U. Staatssekr. Poy D. Kohler

U. Staatssekr. W. Avereil Harriman

(Referatel British Commonwealth)
u. Nordeuropa
)
Sowjetunion
)
Osteuropa
)
Deutschland)
(
Westeuropa
Regionalfragen
)

Nahost- und Südasienabteilung
U. Staatssekr. Phillips Talbot
Abt. Internationale Organisationen
U. Staatssekr. J. Harlan Cleveland

Friedenskorps
Peace Corps
Leitert R. Sargent Shriver

Ränge I
Secretary of State

Außenminister

Under Secretary of State

Staatssekretär

Deputy Under Secretary of State =

Stellvertr. Staatssekretär

Assistant Secretary of State

Unterstaatssekretär

=

Deputy Assistant Secr. of State =

Stellvertr. Unterstaatssekretär

- 5-

�V E R T E I D I G U N G S M I N I S T E R I U M
Department of Defense
Verteidigungsminister (Secretary of Defense): Robert S. McNamara
Stellvertr. Verteidigungsminister (Deputy Secretary): Roswell L.Gilpatric
Politischer Rat

Ministeramt d. Verteidigungsministers

Armed Forces Policy Council

Office

Verteidigungsminister

L e i t e r d . A b t . Forschung u .

of the S e c r e t a r y of Defense
Technik:

Stellv. Verteidigungsmin.

S t e l l v . S t a a t s s e k r . Harold Brown

Staatssekr. f.d. Armee

u. 8 Unterstaatssekretäre

für

Staatssekr. f.d. Marine

1. Haushaltsfragen:Charles

Staatssekr. f.d. Luftstreitkr.

2 . I n t e r n a t . S i c h e r h e i t : Paul H. Nitze

Leiter d. Abteilung Forschung

3 . P e r s o n a l u . R e s e r v e : C a r l i s l e P.Runge

u.Technik

J.

Hitch

4 . Forschung u . Technik:John H. Rubel

Chef d. Gemeinsamen S t a b e s

5 . ö f f e n t l . Angelegenh.: A r t h u r S y l v e s t e r

S t a b s c h e f Armee

6 . Versorgung u . L o g i s t i k : Th.D. Morris

Stabschef

7. Rechtsabteilung:

Stabschef

Marine
Luftstreitkräfte

Gemeinsamer Stab

d.Streitkräfte

J o i n t Chiefs of

8. Zivilverteidigung: Steuart L. Pittman
Staatssekretariat f.d. Armee

Staff

Department of the Army

Chef d. Gem. Stabes: Gen. Lemnitzer

Staatssekretär Cyrus R. Vance

Stabschef Armee: Gen. Decker

(Secretary of the Army)

Stabschef Marine: Adm.G.W.Anderson

Staatssekretariat für die Marine

Stabschef Luftstreitkr.:Gen.LeMay

Department of the Navy

Chef d. Marinekorps: Gen. Shoup

Staatssekretär Fred Korth
(Secretary of the Navy)

Gemeinsamer Generalstab
The Joint Staff

Fernmeldeamt
Defense Communication Agency
Leiter: Konteradm. Will D.Irvin

Staatssekretariat f.d. Luftstreitkräfte
Department of the Air Force
Staatssekretär Eugene M. Zuckert
(Secretary of the Air Force)
Amt für Nationale Sicherheit
National Security Agency
Leiters Vizeadmiral Laurence H. Frost

Kernwaffenamt
Defense Atomic Support Agency
Leiter: Gen. Maj. Robert H.Booth
Nachrichtenamt
Defense Intelligence Agency
Leiter: Generallt. J.F. Carroll
Versorgungsamt
Defense Supply Agency
Leiter: Generallt. Andrew T.
McNamara

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6 -

�WICHTIGE SELBSTÄNDIGE BUNDESBEHÖRDEN
Atomic Energy Commission (AEC) - Atomenergiekommission
Vorsitz: Glenn T. Seaborg
Export-Import Bank of Washington - Export-Import-Bank
Präsident: Harold F. Linder
Pederal Aviation Agency - Bundesaufsichtsamt für die Luftfahrt
Leiter: Najeeb E. Halaby
Feäeral Communications Commission - Bundesamt für das Nachrichtenwesen,
Leiter: Newton N. Minow
Federal Mediation and Conciliation Service - Bundesvermittlungs- und
Schlichtungsdienst; Leiter: William E. Simkin
Federal Power Commission - Bundesamt für Energiewirtschaft
Leiter: Jerome K. Kuykendall
Federal Trade Commission - Bundesamt für den Binnenhandel
Leiter: Paul R. Dixon
General Services Administration - Bundesamt f. Allg. Verw .-Dienste
Leiter: Bernard S. Boutin
Housing and Home Finance Agency - Bundesamt für Wohnbau und Eigenheimfinanzierung; Leiter: Robert C. Weaver
National Aeronautics and Space Administration (NASA) - Bundesamt für
Luft- und Raumfahrt; Leiter: James E. Webb
National Labor Relations Board - Bundesarbeitsaufsichtsatmt
Leiter: Frank W. McCulloch
Securities and Exchange Commission - Effekten- u. Börsenaufsichtsamt
Leiter: William L. Cary
Selective Service System - Bundeszentrale f. Wehrdiensterfassung
Leiter: Generallt. Lewis B. Hershey
U.S. Civil Service Commission - Bundesamt für den Zivilen Reg.Dienst
Leiter: John W. Macy
U.S. Information Agency (USIA) - US-Informationsamt
Leiter: Edward R. Murrow; 1. Stellv.: Donald M. Wilson; 2. Stellv.:
Thomas C. Sorenson
U.S. Tariff Commission - Bundeszollkommission; Leiter: J.E. Talbot
Veterans Administration - Bundesamt f. Kriegsteilnehmerversorg^ing
Leiter: John S. Gleason

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�DER KONGRESS

Senat
Präsident des Senats» Vizepräsident Lyndon B. Johnson
Dem. Fraktion, Vorsitzender» Sen. Michael J. Mansfield
Geschäftsführer» Sen. Hubert H. Humphrey
Rep. Fraktion, Vorsitzender* Sen. Everett M. Dirksen
Geschäftsführer* Sen. Thomas H. Küchel
Repräsentantenhaus
Sprecher* John W. McCormack
Dem. Fraktion, Vorsitzender« Carl Altert
Geschäftsführer» Haie Boggs
Rep. Fraktion, Vorsitzender* Charles A. Halleck
Geschäftsführer* Leslie C. Arends
Wichtige Ständige Ausschüsse
Senat
Ausschußvorsitzender
Außenpolit. Ausschuß (Foreign Relations Com.) - James W. Fulbright
Bewilligungsausschuß (Appropriations Com.)
- Carl Hayden
Geschäftsordnungsausschuß (Rules &amp; Admin.)
- M. J. Mansfield
Regierungskontrollausschuß (Gov. Operations) - John L. McClellan
Finanzausschuß (Finance Committee)
- Harry F. Byrd
Geld- u.Kreditausschuß (Banking &amp; Currency)
- A. Willis Robertson
Ausschuß für die Streitkräfte (Armed Forces) - Richard B. Russell
Luft- u.Raumfahrtausschuß (Aeronaut.d Space Sciences) - R. S, Kerr
Arbeits- und Sozialausschuß (Labor &amp; Public Weifare) - Lister Hill
Rechtsausschuß (Judiciary Committee)
- James O..Eastland
Repräsentantenhaus
Ausschußvorsitzender
Geschäftsordnungsausschuß (Rules Committee)
- Howard W. Smith
Bewilligungsausschuß (Appropriations Committee)--Clarence Cannon
Ausschuß für Haushaltsfragen (Ways and Means) - Wilbur D. Mills
Rechtsausschuß (Judiciary Committee)
- Emanuel Celler
Regierungskontrollausschuß (Gov. Operations) - William L. Dawson
Außenpolitischer Ausschuß (Foreign Affairs) - Thomas E. Morgan
Ausschuß für die Streitkräfte (Armed Forces Com.) - Carl Vinson
Geld- und Kreditausschuß (Banking and Currency)
- Brent Spence
Gemeinsame Ausschüsse beider Häuser
Ausschußvorsitzender
Atomenergieausschuß (Atomic Energy)
- Abg. Chat Holifield
Verteidigungsproduktion (Defense Production) - Sen. A. Willis Robertson
Wirtschaftsausschuß (Economic Committee)
- Abg. Wright Patman
(Sämtliche Ausschußvorsitzende sind Demokraten)

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./i3.7.l962

UNSER ZIEL: DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT

PHILADELPHIA - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die Präsident
Kennedy am 4« Juli 1962 in Philadelphia anläßlich des amerikanischen Unabhängigkeitstages vor den Gouverneuren der 50 Bundesstaaten
gehalten hat.

"Es ist für jeden Bürger unserer großen Republik eine hohe
Ehre, an diesem Tage der Unabhängigkeit in der Independence Hall
sprechen zu dürfen. Als Präsident der Vereinigten Staaten vor den
Regierungschefs unserer 50 Bundesstaaten zu sprechen, ist eine
einmalige Gelegenheit und zugleich eine Verpflichtung. Die Notwendigkeit guten Einvernehmens zwischen der Bundesregierung und
den einzelnen Bundesstaaten ist eine unauslöschliche Lehre unserer
Geschichte.
Weil unser System Unterschiede und voneinander abweichende Meinungen fördert, weil die darin eingebauten Kontrollen und ausgleichenden Gewichte die Rechte des einzelnen und der Gemeinde gegen
eine zu starke Centrale Autorität schützen sollen, sind Sie und ich
uns darüber im klaren, wie sehr wir im Hinblick auf eine erfolgreiche
Arbeit unserer einzigartigen und glücklichen Regierungsform voneinander abhängig sind. Unser System und unsere Freiheit gestatten es
der Legislative, sich in gewissen Fällen gegen die Exekutive, dem
Einzelstaat, sich gegen die Bundesregierung, der Stadt, sich gegen
den Einzelstaat, dem Land, sich gegen die Stadt, der einen Partei,
sich gegen die andere, dem einen Interesse, sich gegen das andere
zu stellen - alle im Wettstreit oder Wortstreit miteinander.
Unsere Aufgabe - die Ihre an Ihrem Regierungssitz und die meine
im Weißen Haus - ist es, aus all diesen verwickelten Fäden ein
Gewebe des Rechts und des Fortschritts zu knüpfen. Den Luxus der
Unentschlossenheit können wir uns nicht gestatten. Andere mögen sich
auf Debatten, Diskussionen und jenen letzten Luxus - den freien
Ratschlag - beschränken; unsere Verantwortung ist die Verantwortung
der Entscheidung - denn regieren heißt entscheiden.
In einem sehr realen Sinne sind Sie und ich also die Vollstrecker des Testaments, das uns von jenen überkommen ist, die sich
-

1

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�"AMERIKA DIENST"

13- Juli 1962

sich heute vor 186 Jahren in diesem historischen Hause versammelt
haben. Sie kamen hier zusammen, um ihre Namen unter ein Dokument
zu setzen, das in erster Linie ein Dokument nicht der Rhetorik,
sondern der kühnen Entscheidung war. Es war ein Dokument des Protestes - aber Proteste waren vorher schon erhoben worden. In dem Dokument wurden ihre Beschwerden und Klagen mit großer Beredsamkeit
dargelegt - aber Beredsamkeit war davor auch schon vernehmbar. Was
jedoch dieses Stück Papier von allen anderen unterschied, war die
endgültige, unwiderrufliche Entscheidung, die mit ihm getroffen
wurde: die Geltendmachung der Unabhängigkeit freier Staaten anstelle
von Kolonien und die Verpflichtung, für dieses Ziel Leben, Gut und
die heilige Ehre einzusetzen.
Heute, 186 Jahre später, ist diese Erklärung - deren auf vergilbtem Pergament stehende, verblichene und nahezu unlesbare Zeilen
ich in der vergangenen Woche erneut im Nationalarchiv gelesen habe immer noch ein revolutionäres Dokument» Die Unabhängigkeitserklärung,
heute gelesen, wirkt wie ein Fanfarenruf. Denn diese Erklärung hat
nicht nur eine Revolution gegen die Engländer ausgelöst, sondern
eine Umwälzung im Leben der gesamten Menschheit. Ihre Verfasser waren
sich dieser weltweiten Auswirkungen voll bewußt; und George Washington
erklärte, 'daß es bei dem Experiment, das den Händen des amerikanischen Volkes anvertraut wurde, letztlich um Freiheit und Selbstregierung überall auf der Welt geht' .
Diese Prophezeiung hat sich bewahrheitet. 186 Jahre lang hat
diese Idee der nationalen Unabhängigkeit den Erdball erschüttert
- und sie ist auch heute noch die gewaltigste Kraft überall auf der
Welt. Da sind jene, die um ihre bloße Existenz in einem unfruchtbaren Lande ringen und die niemals etwas von einer freien Unternehmerwirtschaft gehört haben - die aber dennoch die Idee der Unabhängigkeit
hochhalten. Da sind diejenigen, die sich mit den überwältigenden
Problemen des Analphabetentums und des schlechten Gesundheitsstands
herumschlagen müssen und die nicht vorbereitet genug sind, um freie
Wahlen abhalten zu können - aber sie sind entschlossen, an ihrer Unabhängigkeit festzuhalten. Selbst jene, die in einer Auseinandersetzung
zwischen Ost und West nicht Partei ergreifen wollen oder können, stehen
eindeutig auf der Seite der Unabhängigkeit.
Wenn es eine einzelne Frage gibt, die die Welt heute teilt, dann
ist es die der Unabhängigkeit - die Unabhängigkeit Berlins oder Laos'
oder Vietnams, das Sehnen nach Unabhängigkeit hinter dem Eisernen
Vorhang, der friedliche Übergang zur Unabhängigkeit in jenen neu sich
entwickelnden Gebieten, deren Schwierigkeiten einige gern ausbeuten
möchten.
Der Gedanke der Unabhängigkeit, der so alt ist wie die Menschheit
selbst, wurde nicht in dieser Halle erfunden. Aber hier in dieser
Halle war es, wo dieser Gedanke Gestalt annahm, von wo aus das Wort,
daß 'der Gott, der uns Leben gab, uns auch gleichzeitig Freiheit gab',
in alle Welt hinausging. Und heute hat unsere Nation - aus der

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2

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13. Juli 1962

der Revolution geboren, in Freiheit gewachsen, in Unabhängigkeit
gereift - nicht die Absicht, ihre führende Rolle in dieser weltweiten Bewegur.g an irgendeine Nation oder irgendeine Gesellschaft, die
sich der systematischen Unterdrückung der Menschheit verschrieben
hat, abzutreten.
So gültig und anwendbar diese historische Erklärung auch heute
immer noch ist, würden wir doch gut daran tun, auch das andere historische Dokument zu würdigen, das hier in diesem Hause formuliert
wurde: die Verfassung der Vereinigten Staaten. Denn dieses Dokument
betonte nicht die Unabhängigkeit, sondern die Interdependenz, die
gegenseitige Abhängigkeit, nicht die individuelle Freiheit des einzeln
sondern die unteilbare Freiheit aller.

In dem größten Teil der alten Kolonialwelt nähert sich
der Kampf um Unabhängigkeit seinem Ende. Selbst in Gebieten
hinter dem Eisernen Vorhang scheint das, was Jefferson einmal
die "Seuche der Freiheit" nannte, weiterhin um sich zu greifen.
Nach dem Untergang der alten Weltreiche leben heute weniger
als zwei Prozent der Weltbevölkerung in Gebieten, die offiziell
als 'abhängige' Territorien bezeichnet werden. Und während sich
dieses Streben nach Unabhängigkeit - angespornt durch den Geist
der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung - jetzt einem erfolgreichen Abschluß nähert, ist ein neues großes Streben - nach
Interdependenz - dabei, die Welt um uns neu zu formen. Der
Geist dieser neuen Bemühung ist genau derselbe Geist, aus dem
heraus die amerikanische Verfassung geboren wurde.

Dieser Geist wird heute wohl am
tischen Ozeans spürbar. Die Nationen
bitterere Fehden gespalten als jene,
zehn Kolonien bestanden - schließen
dies unsere Vorväter taten, Freiheit
der Einheit zu finden.

deutlichsten jenseits des AtlanWesteuropas - lange Zeit durch
die seinerzeit zwischen den dreisich zusammen und suchen, wie
in der Vielfalt und Stärke in

Die Vereinigten Staaten blicken auf dieses große Unterfangen mit Hoffnung und Bewunderung. Wir sehen in einem starken
und geeinten Europa nicht einen Rivalen, sondern einen Partner.
Die Förderung seines Fortschritts ist siebzehn Jahre lang ein
grundlegendes Ziel unserer Außenpolitik gewesen. Wir glauben,
daß ein geeintes Europa in der Lage sein wird, eine größere
Rolle in der gemeinsamen Verteidigung zu übernehmen, den Bedürfnissen der ärmeren Völker großzügiger zu entsprechen und
gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern die
Handelsschranken abzubauen, dieWährungs- und RohstoffProbleme
zu lösen sowie auf allen übrigen wirtschaftlichen, diplomatischen

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diplomatischen und politischen Gebieten eine koordinierte
Politik zu entwickeln. Wir sehen in einem solchen Europa
einen Partner, mit dem wir "bei all den großen und mühevollen
Aufgaben des Aufbaus und der Verteidigung einer Gemeinschaft
freier Nationen auf einer Basis völliger Gleichberechtigung
verhandeln könnten.

Es wäre verfrüht, jetzt mehr zu tun, als der Hochachtung Ausdruck zu geben, mit der wir den Aufbau dieser Partnerschaft verfolgen.
Zunächst einmal müssen unsere europäischen Freunde mit der Bildung
einer vollkommeneren Union voranschreiten, die dies vielleicht schon
sehr bald möglich machen wird.
Ein großes neues Gebäude kann nicht über Nacht errichtet werden.
Elf Jahre lagen zwischen dem Zeitpunkt der Erklärung der Unabhängigkeit
und der Niederschrift der Verfassung. Der Aufbau arbeitsfähiger Bundesinstitutionen dauerte eine weitere Generation. Die größten Leistungen
der Gründer unserer Nation lagen nicht in Dokumenten und Erklärungen,
sondern in schöpferischen und entschlossenen Taten. Beim Aufbau des
neuen europäischen Gebäudes ist man dem gleichen praktischen und zweckmäßigen Kurs gefolgt. Der Aufbau der atlantischen Partnerschaft wird
nicht auf billige oder schnelle Weise zu Ende zu führen sein.

Aber ich möchte es hier und an dieser Stelle und an diesem
Unabhängigkeitstag zum Ausdruck bringen, daß die Vereinigten
Staaten zu einer Erklärung der gegenseitigen Abhängigkeit bereit
sein werden; daß wir bereit sein werden, mit einem vereinten
Europa die Mittel und Wege zur Bildung einer konkreten atlantischen Partnerschaft zu erörtern, einer für alle segensreichen
Partnerschaft zwischen der neuen, gegenwärtig in Europa entstehenden Union und der alten amerikanischen Union, die hier vor rund
175 Jahren begründet wurde.
All dies wird nicht in einem Jahr vollbracht sein, aber die
Welt soll wissen, daß dies nun unser Ziel ist.
Als Alexander Hamilton die Annahme der Verfassung forderte,
erklärte er seinen New Yorker Mitbürgern, sie müßten 'kontinental
denken 1 . Heute müssen wir Amerikaner lernen, interkontinental zu
denken.
Auf uns allein gestellt, können wir nicht überall auf der Welt
Gerechtigkeit schaffen - können wir nicht dafür sorgen, daß Ruhe auf
der Welt herrscht, oder für ihre gemeinsame Verteidigung aufkommen
oder ihren allgemeinen Wohlstand fördern oder die Segnungen der Freiheit für uns und unsere Nachwelt sicherstellen. Aber gemeinsam mit
anderen freien Nationen können wir dies und mehr noch tun. Wir

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Wir können den Entwicklungsländern helfen, das Joch der Armut abzuschütteln. Wir können unseren weltweiten Handel und unseren Zahlungsverkehr auf einem Stande ausgleichen, der ein größtmögliches Wachstum verheißt. Wir können ein Abschreckungsmittel schaffen, das so
gewaltig ist, daß es jede Aggression unterbindet. Und schließlich
können wir dazu beitragen, eine Welt des Rechts und der Entscheidungsfreiheit zu schaffen, und damit die Welt des Kriegs und des
Zwangs bannen.

Denn die atlantische Partnerschaft, von der ich spreche,
würde nicht nur nach innen blicken und würde sich nicht nur
mit ihrem eigenen Wohlergehen und ihrem eigenen Fortschritt
befassen. Sie würde auch nach außen blicken und mit allen
Nationen bei der Behebung der gemeinsamen Sorgen zusammenarbeiten. Sie würde einen Kern für den schließlichen Zusammenschluß aller freien Menschen bilden - jener, die jetzt frei sind,
und jener, die eines Tages frei sein werden.

An Washingtons G eburtstag im Jahre 1861 sprach der neugewählte
Präsident Abraham Lin coln hier in dieser Halle auf s einem Wege in
die Hauptstadt der Na tion und würdigte in kurzen, ab er beredten Worten die Männer, die d ie Unabhängigkeitserklärung ver faßt en, für sie
kämpften und für sie starben. Das Entscheidende dies er Erklärung,
so sagte er, war, daß sie nicht nur 'der Bevölkerung dieses Landes
Freiheit, sondern der ganzen Welt Hoffnung verhieß - Hoffnung, daß
zu gegebener Zeit die Bürden von den Schultern aller Menschen genommen und daß alle die gleiche Chancb haben würden'.
An diesem 4« Juli 1962 geloben wir, die wir in dieser selben
Halle versammelt und mit der Gestaltung des Schicksals und der Zukunft der Einzelstaaten und der Nation betraut sind, nun feierlich,
daß wir unser Teil tun werden, um die Bürden von den Schultern aller
zu nehmen, um gemeinsam mit anderen Menschen und Nationen den Frieden
und die Freiheit zu wahren, und jede Bedrohung des Friedens oder
der Freiheit des einen als eine Bedrohung des Friedens und der Freiheit
aller anzusehen. Und zur Unterstützung dieser Erklärung verpfänden
wir alle füreinander in festem Vertrauen auf den Schutz der göttlichen Vorsehung unser Leben, unser Gut und unsere heilige Ehre."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./31 .8.1962

VERTRAGSENTWURF FÜR DIE EINSTELLUNG ALLER KERNWAFFENVERSUCHE
Wortlaut des vom Westen in Genf am 27. August 1962
unterbreiteten Vorschlages

GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten und Großbritannien haben
der Genfer Abrüstungskonferenz am 27« August 1962 den Entwurf eines
Vertrages unterbreitet, der das Verbot der Kernwaffenversuche in
allen Bereichen vorsieht. Der westliche Vertragsentwurf hat folgenden Wortlaut:
Präambel
Die Regierungen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken,
des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und
der Vereinigten Staaten von Amerika sind in dem Wunsch, alle Kernwaffenversuchsexplosionen für alle Zeiten zu beenden, wie folgt
übereingekommen:
Artikel

I

Unterlassungs-Verpflichtungen
Jede der Vertragsparteien verpflichtet sich gemäß den Bestimmungen dieses Vertrages.
a. die Durchführung von Kernwaffenversuchsexplosionen an
irgendeinem Ort, der ihrer Jurisdiktion oder Kontrolle untersteht,
zu verbieten und zu verhindern; und
b. davon Abstand zu nehmen, irgendwo die Durchführung von
Kernwaffenversuchsexplosionen zu veranlassen, zu fördern oder sich
in irgendeiner Weise daran zu beteiligen.
Artikel II
Bildung der internationalen wissenschaftlichen Kommission
1. die Durchführung der in Artikel I und IX dieses Vertrages
übernommenen Verpflichtungen soll durch eine internationale wissenschaftliche Kommission verifiziert werden, die in der Folge einfach
als "Kommission" bezeichnet wird. Zu der Kommission sollen ein

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ein internationaler Stab sowie, ein Verifizierungssystem gehören, die
in der Folge einfach als "Stab" beziehungsweise als "System" bezeichnet werden.
2. Jede der Parteien verpflichtet sich, unverzüglich und in
vollem Umfang bei der Bildung und dem wirksamen Aufbau der Kommission
mitzuarbeiten. Jede der Parteien verpflichtet sich ferner, unverzüglich und in vollem Umfang bei der Durchführung der Verifizierungsmaßnahmen mitzuarbeiten, die in diesem Vertrag sowie in irgendwelchen
Übereinkommen niedergelegt sind, die die Parteien möglicherweise mit
der Kommission schließen.
Artikel III
Aufgaben der internationalen wissenschaftlichen Kommission
1. Die Kommission soll die allgemeine Verantwortung für die Sammlung von Daten und die Berichterstattung über alle Vorkommnisse, die
den Verdacht erregen, Kernwaffenversuchsexplosionen zu sein, sowie,
wo immer möglich, für die positive Identifizierung der Art und des
Ursprungs solcher Vorkommnisse tragen.
2. Die Kommission soll die Überwachung aller Elemente des
Systems vornehmen, um sicherzustellen, daß diese Elemente integriert
arbeiten. Zu diesem Zweck soll die Kommission Normen für die Arbeitsweise, die Aufstellung und die Koordinierung aller Elemente des Systems schaffen und auf ihre Befolgung achten.
3. Die Kommission kann die Parteien hinsichtlich der Art eines
nicht identifizierten Vorkommnisses konsultieren, das den Verdacht
erregt, eine Kernwaffenversuchsexplosion zu sein, und kann allen
Parteien auf Grund der zur Verfügung stehenden Daten einen Bericht
hinsichtlich der Art und des Ursprungs des ihr vom Stab gemeldeten
Vorkommnisses unterbreiten.
4. Die Kommission soll durch Mehrheitsbeschluß, einschließlich
der Stimmen der ständigen Mitglieder, den Gesamtbetrag ihres Jahresbudgets billigen.
5. Die Kommission soll für die ständige Stationierung von Beobachtern bei den Elementen des Systems sowie für das periodische Aufsuchen
solcher Elemente durch Beobachter Sorge tragen, um sicherzustellen, daß
die festgelegten Verfahren für die schnelle, koordinierte und verläßliche Sammlung von Daten eingehalten werden.
6. Die Kommission kann zur Unterstützung der Durchführung der
Bestimmungen dieses Vertrages mit jedem Staat oder jeder Behörde
Abmachungen eingehen.
7. Die Kommission soll diejenigen Laboratorien und Einrichtungen
schaffen, die sie für die Durchführung der ihr durch diesen Vertrag
übertragenen Aufgaben für notwendig erachtet.
8.
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8. Die Kommission soll durch Mehrheitsbeschluß, einschließlich
der Stimmen der ständigen Mitglieder, einen leitenden Beamten ernennen, der sie bei der Durchführung ihrer Aufgaben unterstützt.
9. Die Kommission soll grundlegende wissenschaftliche Forschungsprogramme durchführen und die Beteiligung der Mitglieder des Stabes
daran erleichtern, um die Fähigkeit der Kommission zu verbessern, ihre
Aufgaben im Rahmen des gegenwärtigen Vertrages durchzuführen, und
um sicherzustellen, daß die wirksamsten und modernsten Methoden der
Verifizierung der von den Vertragsparteien eingegangenen Verpflichtungen angewandt werden.
10. Die ständigen Mitglieder der Kommission sollen dafür Sorge
tragen, daß eine Konferenz der Vertragsparteien abgehalten wird, wenn
nach Ansicht der ständigen Mitglieder eine ausreichende Anzahl von
Staaten Vertragspartner geworden sind, um die in Paragraph 1 b
Artikel IV erwähnten Wahlen durchzuführen. Eine solche Konferenz soll
auf jeden Fall dann stattfinden, wenn... Staaten, einschließlich der
ständigen Mitglieder, Vertragspartei geworden sind.
11. Danach soll die Kommission etwa alle drei Jahre die Parteien
zu einer Konferenz einladen, um Nachwahlen für die Kommission durchzuführen.
12. Die Kommission kann zu jedem ihr angemessen erscheinenden
Zeitpunkt eine Konferenz anberaumen, um Fragen bezüglich des Vertrages
zu erörtern.
Artikel IV
Aufbau und Verfahren der internationalen wissenschaftlichen Kommission
1. Die Kommission soll sich aus 15 Mitgliedern zusammensetzen, die
wie folgt ausgewählt werden sollen:
a. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland und die Vereinigten Staaten von Nordamerika sollen ständige Mitglieder sein.
b. Zwölf weitere Mitglieder sollen durch Mehrheitsbeschluß
der Parteien gewählt werden, die in der in den Paragraphen 10 und
11 des Artikels III beschriebenen Konferenz vertreten und stimmberechtigt sind, wobei
l)

drei aus den von der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
vorgeschlagenen Parteien ausgesucht werden sollen;

II)

zwei aus den von dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten gemeinsam vorgeschlagenen Parteien und

III)

sieben aus den von den permanenten Mitgliedern der Kommission
auf einer möglichst breiten geographischen Basis vorgeschlagenen Mitgliedern ausgewählt werden sollen.
c.

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c. Sofern irgendwelche der in Paragraph 1 b dieses Artikels
geforderten Vorschläge nicht gemacht worden sind, sollen die Vertragsparteien auf den in den Paragraphen 10 und 11 des Artikels
III beschriebenen Konferenzen die übrigen Mitglieder der Kommission
aus der Gesamtheit aller Parteien wählen«
2. Die in die erste Kommission gewählten Mitglieder sollen
ihr Amt für drei Jahre vom Zeitpunkt ihrer Wahl an innehaben. Danach
sollen alle drei Jahre regelmäßige Wahlen abgehalten werden, und die
in die Kommission gewählten Mitglieder sollen ihren Posten behalten,
bis sie entweder ersetzt oder bei der nächsten Dreijahreswahl erneut
gewählt werden.
3. Jedes Mitglied der Kommission soll eine Stimme haben. Alle
Entscheidungen sollen - sofern in diesem Vertrag nicht anderweitig
bestimmt - durch einfachen Mehrheitsbeschluß der anwesenden und abstimmenden Mitglieder getroffen werden.
4. Eine jede Vertragspartei, die nicht Mitglied der Kommission
ist, kann ohne Stimme an der Erörterung jeder vor die Kommission gebrachten Frage teilnehmen, wenn immer diese der Ansicht ist, daß die
Interessen jener Partei im besonderen berührt werden.
5. Die Kommission soll jeweils zu einem von ihr selbst festzusetzenden Datum zusammentreten oder auf Ersuchen eines Mitglieds
innerhalb von 24 Stunden.
6. Die permanenten Mitglieder sollen die Funktionen der Kommission
ausführen, bis diese gemäß Paragraph 1 dieses Artikels eingesetzt worden
ist. Hierbei sollen die ständigen Mitglieder durch einstimmige Übereinkunft handeln. Sie sollen zusammenarbeiten, um andere Staaten zum
Beitritt zu dem Vertrag zu ermutigen, und bei der Nominierung von
Vertragspartnern, wie sie in Paragraph 1 b dieses Artikels vorgesehen
ist, ohne Verzug handeln, damit die Auswahl der Mitglieder für die
Kommission zum frühestmöglichen Zeitpunkt gewährleistet wird.
7« Der Hauptsitz der Kommission soll in ... sein,
Artikel

V

Funktionen des internationalen Stabes
1. Der Stab soll die Kommission bei der Ausführung ihrer Funktionen
unterstützen.
2. Der Stab soll die Sammlung der durch alle Elemente des Systems
beigebrachten Daten überwachen und Beobachter stellen, die bei den
einzelnen Elementen des Systems stationiert werden oder sie zu den
in Paragraph 5 des Artikels III dargelegten Zwecken aufsuchen sollen.
3. Der Stab soll das Personal für die internationaie-i Elemente des
Systems stellen, die von der Kommission aufgestellt werden mögen.

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4« Der Stab soll die durch das System beigebrachten Daten entsprechend den in diesem Vertrag festgesetzten und von der Kommission
vielleicht noch festzusetzenden Normen analysieren und der Kommission
Berichte über alle derartige Daten zukommen lassen. Derartige Daten
und Berichte sollen auf Anforderung jeder Partei zur Einsichtnahme
zur Verfügung stehen.
5« Das System soll entsprechend den von der Kommission vorgeschriebenen Verfahren und Normen innerhalb von 24 Stunden nach der
Entdeckung eines Vorkommnisses, das den Verdacht erregt, eine Kernwaffenversuchsexplosion gewesen zu sein, alle Daten sammeln und dem
Stab zuleiten, die es in bezug auf die Entdeckung, Lokalisierung und
Identifizierung des Vorkommnisses erhalten hat. Danach sollen weitere
sich auf das Vorkommnis beziehende Daten, falls solche vorliegen, dem
Stab mitgeteilt werden, sobald sie verfügbar sind.
6. Der Stab soll dem in den einzelnen Elementen des Systems arbeitenden Peronal technische Instruktionen erteilen.
Artikel VI
Aufbau des internationalen Stabes
1. Der leitende Beamte (des Stabes) soll der Kommission verantwortlich sein und unter ihrer Aufsicht die von ihr erlassenen Direklven ausführen. Seine Amtszeit soll sich über einen Zeitraum von vier
Jahren erstrecken. Der leitende Beamte soll von der Kommission aus
seinem Amt entfernt werden können, wenn die Kommission infolge eines
Versagens seinerseits, den Direktiven der Kommission nachzukommen, oder
aus anderen Gründen entscheidet, daß sie kein Vertrauen mehr zu ihm hat.
Zu einer jeden derartigen Entscheidung und der Ausübung der Enthebungsgewalt sollen elf Stimmen der Mitglieder der Kommission erforderlich
sein.
2. Ge..:äß den von der Kommission gebilligten Bestimmungen soll der
legten ;e Beamte das Personal für den Stab anwerben, ihn aufbauen und
seine /.rb iitsweise überwachen .
3. Zu dem Stab soll ein wissenschaftlich, technisch und anderweiti derartig qualifiziertes Personal gehören, wie es zur Erfüllung
seine Funktionen erforderlich ist, wobei der größte Wert auf die
A .erbung von Personal höchsten Niveaus, höchster Leistungsfähigkeit,
tec n'scher Kompetenz und Integrität zu legen ist. Unter Berücksichtigen dieses Prinzips soll der leitende Beamte auch die Anstellung
von Personen in Erwägung ziehen, die Staatsbürger solcher Staaten sind,
an der Einrichtung der Elemente des Systems entweder teilgenommen haben
oder raran teilzunehmen beabsichtigen.
4. Der leitende Beamte soll sich auch von den Erwägungen leiten
lassen, daß der ständige Stab auf dem für die Durchführung seiner ihm
übertragenen Aufgaben unbedingt erforderlichen Minimum gehalten und daß

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TRANSMITTAL

SLIP

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TO

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For the Attention of

FROM
TO THE FOREIGN SERVICE

TO THE DEPARTMENT

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REFERENCE

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H C E R P Pablications
^JEnclosure to Previous
Despatch
^Reply to Dept. Requesl

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1

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Agency)

ITEMS/REMARKS

IN REPLY REFER TO FILE NÜMBER AND DRAFTING OFFICE
SIGNATURE
FILE NO.
CLASSIFICATION

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daß das Personal auf einer möglichst breiten geographischen
Basis angeworben werden soll.
5. Bei der Erfüllung ihrer Aufgaben und Pflichten sollen der
leitende Beamte und der Stab nicht um Instruktionen von irgendeiner
Regierung oder irgendeiner anderen Behörde außerhalb ihrer Kommission
nachsuchen oder solche erhalten. Jede Vertragspartei verpflichtet sich,
den ausschließlich internationalen Charakter der Verantwortlichkeiten
des leitenden Beamten und des Stabes zu respektieren und nicht zu
versuchen, sie bei der Erfüllung ihrer Aufgaben zu beeinflussen.
Artikel

VII

Organisation des Verifizierungssystems
1. Das System soll aus den im Anhang zur Verifizierung beschriebenen intregierten Elementen bestehen sowie aus den zusätzlichen
Einrichtungen, die die Kommission für angebracht hält. Sein Zweck
soll sein, die rasche und zuverlässige Sammlung und Meldung von Daten
zu gewährleisten. Es soll Stationen folgender Klassen umfassen:
a. Stationen, die an den im Anhang zur Verifizierung aufgeführten Orten zu errichten sind. Jede dieser Stationen ist in Übereinstimmung mit den besonderen Weisungen der Kommission zu unterhalten
und mit Staatsangehörigen desjenigen Staates zu besetzen, auf dessen
Territorium sich die betreffende Station befindet. Die Kosten für
die Errichtung und Ausstattung jeder solchen Station sind von der
Kommission zu bestreiten, und das Personal solcher Stationen ist von
der Kommission auszubilden. Alle Vertragsparteien, auf deren Territorium sich solche Stationen befinden, erklären sich bereit, Beobachtern für die in Artikel III Paragraph 5 bezeichneten Zwecke Zutritt zu
solchen Stationen zu gewähren.
b. Vorhandene Stationen, die auf Anforderung und im Einvernehmen
mit der Kommission von den einzelnen Vertragsparteien zur Verfügung
zu stellen, zu unterhalten und zu besetzen sind.
c. Stationen, die von der Kommission im Einvernehmen mit den
einzelnen Vertragsparteien zu errichten, zu unterhalten und zu besetzen sind, sofern die Kommission solche Stationen für wünschenswert
hält .
d. Diejenigen Ortungs- und Meßgeräte im Weltraum, in der Atmosphäre sowie auf und unter der Erdoberfläche (einschließlich ihrer
.wasserbedeckten Teile), die die Kommission für wünschenswert hält.
Ob dieselben von der Kommission oder von einzelnen Vertragspartnern
zur Verfügung zu stellen, zu unterhalten und zu bemannen sind, kann
die Kommission entscheiden.
2.

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2. Die Vertragsparteien kommen überein, bei der Errichtung
(einschließlich der Bereitstellung geeigneter Standorte), dem Betrieb,
dem Ausbau, der Justierung und Normung aller Elemente des Systems
zusammenzuarbeiten und dabei der Kommission alle Hilfen, Geräte
oder Daten zur Verfügung zu stellen, die ihr für die Durchführung
ihrer Aufgaben von Nutzen sein können.
3. Die Vertragsparteien kommen überein, dafür zu sorgen, daß
binnen sechs Monaten nach dem Inkrafttreten dieses Vertrages alle
in Paragraph 1 b dieses Artikels erwähnten vorhandenen Stationen
gemäß den Bestimmungen dieses Vertrages ihre Tätigkeit aufnehmen.
' Sie kommen ferner überein, dafür zu sorgen, daß binnen zwölf Monaten
die in Paragraph 1 a erwähnten Stationen errichtet werden und gemäß
den betreffenden Bestimmungen ihre Tätigkeit aufnehmen.
4. Gemäß den von der Kommission festgesetzten Normen haben die
in Paragraph 1 a dieses Artikels erwähnten Stationen diejenigen Geräte
ständig in Betrieb zu halten, die die Kommission für jede Station für
angebracht hält, darunter die folgenden:
Apparate für das Sammeln radioaktiver Explosionsrückstände und
für das Registrieren von Fluoreszenzerscheinungen in der oberen
Atmosphäre, von sichtbaren Lichteffekten, kosmischer Geräuschabsorbierung, tellurischen Strömungen, Streuungsreflexen des Sonnenlichts,
Schallwellen, seismischen Wellen und elektromagnetischen Impulsen.
Stationen, die sich auf Inseln oder in Küstennähe der '/Veitmeere befinden, haben außerdem Apparate für die Registrierung hydroakustischer
Wellen ständig in Betrieb zu halten, sofern die Kommission es für angebracht hält. Stationen, die sich auf Schiffen befinden, haben Geräte
für die Registrierung von hydroakustischen Wellen, Fluoreszenzerscheinungen in der oberen Atmosphäre und sichtbaren Lichteffekten mitzuführen
und ständig in Betrieb zu halten, sofern rdie Kommssion es für angebracht hält.
Artikel VIII
Inspektionen an Ort und Stelle
1. Der leitende Beamte hat unverzüglich durch öffentliche Bekanntmachung am Sitz seines Stabes eine Bestätigung zu geben, sobald er
befindet, daß ein seismisches Vorkommnis nach Paragraph 2 dieses
Artikels festgestellt worden ist und nicht nach Paragraph 3 unberücksichtigt bleiben kann. Der leitende Beamte hat jede Anstrengung zu unternehmen, um diese Bestätigung binnen f2 Stunden nach Feststellung
des Vorkommnisses abzugeben.
2. Ein seismisches Vorkommnis soll als festgestellt gelten, wenn
seismische Signale, deren Frequenzen, Amplituden, Dauer und Ausbreitungsgeschwindigkeit mit den für Erdbeben- oder Explosionswellen
eigentümlichen übereinstimmen, von hinlänglich vielen Stationen registriert werden, um den ungefähren Zeitpunkt und Ort des Vorkommnisses
zu bestimmen. Dies erfordert mindestens vier klar meßbare Ankunftszeiten identifizierbarer Phasen mit wechselseitiger Übereinstimmung

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Übereinstimmung innerhalb eines Bereichs von plus oder minus drei
Sekunden. Diese vier wechselseitig übereinstimmenden Ankunftszeiten
müssen P-Wellen-Ankunftszeiten bei drei verschiedenen Beobachtungsstationen einschließen.
3. Ein festgestelltes seismisches Vorkommnis ist nicht als Kernwaffenversuchsexplosion zu betrachten, falls es eine oder mehrere der
folgenden Bedingungen erfüllt:
a. wenn sich herausstellt, daß sein Hypozentrum in über 60 Kilometer Tiefe liegt;
b. wenn sich herausstellt, daß sein Epizentrum im Bereich der
Tiefsee liegt und das Vorkommnis nicht von einem mit dem seismischen
Epizentrum und der Ausgangszeit übereinstimmenden hydroakustischen Signal begleitet war;
c. wenn es sich als Vorläufer oder Nachläufer eines seismischen
Vorkommnisses mindestens der sechsten Stufe herausstellt, das gemäß
den Unterparagraphen a und b dieses Absatzes eindeutig als Erdbeben
identifiziert worden ist. Für diesen Zweck ist es erforderlich, daß
ein Vorläufer als Teil einer Reihe von Srdbebenstößen weniger als 48
Stunden vor dem Hauptstoß auftritt und daß ein Nachläufer als Teil
einer Reihe von Erdbebenstößen weniger als eine V/o che nach dem Hauptstoß auftritt sowie daß ihre Epizentren im Umkreis von zehn Kilometern
um das Epizentrum des Hauptstoßes festgestellt worden sein müssen.
4. Daten, die von Stationen geliefert werden, welche unter der
Jurisdiktion oder Kontrolle eines Staates stehen, in dem das Vorkommnis
geortet wurde, dürfen nicht dazu benutzt werden, dieses Vorkommnis von
einer Inspektion auszuschließen, können jedoch verwandt werden, um zur
Feststellung der Notwendigkeit einer Inspektion beizutragen.
I
5« Wenn ein seismisches Vorkommnis gemäß Paragraph 1 dieses
Artikels bestätigt worden ist, soll der leitende Beamte ein Gebiet
bestimmen, das innerhalb eines Kreises liegt, dessen Radius ...
Kilometer beträgt und dessen Mittelpunkt der Ort des Epizentrums
dieses Vorkommnisses ist.
6. Inspektionen an Ort und Stelle von Gebieten, die der leitende
Beamte gemäß Paragraph 5 dieses Artikels festgelegt hat, sollen diesem
Artikel zufolge durchgeführt werden:
a. auf dem Territorium unter der Jurisdiktion oder Kontrolle
der Vereinigten Staaten oder des Vereinigten Königreiches, wenn dies
von der Sowjetunion verlangt wird;
b. auf dem Territorium unter der Jurisdiktion oder Kontrolle
der Sowjetunion, wenn dies von den Vereinigten Staaten oder dem Vereinigten
Königreich verlangt wird;
c. auf dem Gebiet unter der Jurisdiktion oder Kontrolle irgendeiner anderen Partei, wenn die Kommission dies anordnet.

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7. Jede Partei, die die Jurisdiktion oder Kontrolle über ein
Gebiet hat, für das gemäß Paragraph 6 dieses Artikels die Inspektion an Ort und Stelle verlangt oder angeordnet wird, soll die
notwendigen Vorkehrungen treffen, um die unverzügliche Inspektion
an Ort und Stelle des gemäß Paragraph 5 dieses Artikels bestimmten
Gebietes zu ermöglichen.
8. Die Höchstzahl von Inspektionen, die für Gebiete unter der
Jurisdiktion oder Kontrolle eines ständigen Mitglieds der Kommission
verlangt werden kann, soll in jedem Jahr ... betragen. Die Höchstzahl
von Inspektionen, die in Gebieten unter der Jurisdiktion oder Kontrolle
einer Partei angeordnet wird, die nicht ein ständiges Mitglied der
Kommission ist, soll drei in jedem Jahr betragen oder um so viel höher
sein, wie dies die Kommission nach Konsultation mit der Vertragspartei
auf Grund einer Zweidrittelmehrheit der Anwesenden und Abstimmenden
festlegt.
9. Was das unter der Jurisdiktion oder Kontrolle der ständigen
Mitglieder der Kommission stehende Territorium betrifft, so sollen
in jedem Jahr in dem seismischen Gebiet dieses Territoriums, wie im
Anhang zur Verifizierung beschrieben, nicht mehr als ... Prozent der
jährlichen Anzahl der Inspektionen, die in Paragraph 8 dieses Artikels
vorgesehen sind, durchgeführt werden.
10. Die Inspektionen an Ort und Stelle sollen, wenn sie in Übereinstimmung mit Paragraph 6 dieses Artikels verlangt oder angeordnet
werden, von Gruppen durchgeführt werden, die von dem leitenden Beamten
aufzustellen sind. Bei der Aufstellung der Gruppen soll der leitende
Bea.ite ein ausgewogenes Vorhandensein von wissenschaftlichem und
technischem Können gewährleisten und eine Zusammensetzung vermeiden,
die dazu führen würde, daß bei der Überprüfung eines Territoriums
Staatsbürger des Staates herangezogen werden, unter dessen Jurisdiktion oder Kontrolle dieses Gebiet fällt. Der Leiter einer Gruppe soll
von dem leitenden Beamten unter den Angehörigen der Gruppe ausgesucht
werden.
11. Jede der Vertragsparteien verpflichtet sich, den Inspektionsgruppen, die gemäß diesem Artikel ausgeschickt werden, unmittelbar
und unbestrittenen Zutritt zu jenem Gebiet zu gewähren, in welchem
ei.e Inspektion an Ort und Stelle durchzuführen ist, sich jeder
Störung der Tätigkeit einer Inspektionsgruppe zu enthalten und jeder
solchen Gruppe die Unterstützung angedeihen zu lassen, die im Hinblick
aut die Durchführung ihres Auftrages erforderlich werden mag.
Artikel IX
Explosionen für friedliche Zwecke
Irgendwelche Kernexplosionen für friedliche Zwecke dürfen nur
durchgeführt werden: 1. wenn ihnen die ursprünglichen Vertragschließenden einstimmig zugestimmt haben oder 2. wenn sie in Übereinstimmung
mit einem Anhang hierzu durchgeführt werden.
Artikel X

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Artikel X

Beziehungen zu anderen internationalen Organisationen
1. Die Kommission ist berechtigt, Abkommen zu schließen, durch
die angemessene Beziehungen zwischen der Kommission und den Vereinten
Nationen oder deren Sonderorganisationen hergestellt werden.
2. Die Kommission ist befugt, geeignete Vorkehrungen zu treffen,
damit die Kommission, der Stab und das System einer internationalen
Abrüstungsorganisation oder irgendeiner anderen internationalen Organisation, die zu einem späteren Zeitpunkt unter irgendwelchen der
Vertragsparteien zur Überwachung der Abrüstung oder verwandter Maßnahmen geschaffen werden mag, beitreten oder in eine angemessene Beziehung zu ihr treten kann.
Artikel XI
Periodische Überprüfung
1 . Ein Jahr nach Inkrafttreten dieses Vertrages - und danach
jährlich - soll die Kommission den Vertrag und die Funktion des
Stabes und des Systems überprüfen, um
a. deren Wirksamkeit für die Feststellung der Einhaltung des
Vertrages hinsichtlich der Verpflichtungen aus Artikel I und IX zu
begutachten;
b. Verbesserungen in dem System, welche die Kommission sondere im Hinblick auf die Identifizierung von Kernexplosionen
wünschenswert hält, zu empfehlen;
c. Änderungen in der Anzahl der quotenmäßigen Inspektionen
an Ort und Stelle zu empfehlen, wie sie die Kommission für wünschenswert hält.
2. Die Kommission soll:
a. die Ergebnisse einer solchen Prüfung allen Vertragsparteien
übermitteln;
b. alle von irgendeiner der Vertragsparteien vorgeschlagenen Verbesserungen in Betracht ziehen und über die Annahme jener entscheiden,
die keine Zusätze zu diesem Vertrag erforderlich machen;
c. Über jeden Zusatz zu diesem Vertrag, der als Ergebnis einer
solchen Überprüfung von irgendeiner Vertragspartei in Einklang mit den
Bestimmungen des Artikels XVI vorgeschlagen wird, abstimmen.

Artikel XII

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�AMERIKA M E N S T "

31 . August 1962
Artikel XII
Finanzen

1 . Der Jahresetat soll vom leitenden Beamten des Stabes aufgestellt und von der Kommission in Übereinstimmung mit Paragraph 4
des Artikels III angenommen werden.
2. Die Vertragsparteien sollen die Mittel für den Jahresetat
nach Maßgabe der folgenden Aufstellung aufbringen:
a. ... Prozent Beitrag von den ständigen Mitgliedern wie folgt:
i) ... Prozent des Jahreshaushalts der Union der Sozialistischen
Sowjetrepubliken.
Il) ... Prozent des Jahreshaushalts des Vereinigten Königreiches
von Großbritannien und Nordirland.
III) ... Prozent des Jahreshaushalts der Vereinigten Staaten von
Amerika•
b. ... Prozent Beitrag zu gleichen Teilen von den verbleibenden Mitgliedern der Kommission.
Artikel XIII
Kündigung
1 . Sofern eine Vertragspartei feststellt,
al daß die in Artikel I oder IX dieses Vertrages enthaltenen
Verpflichtungen nicht erfüllt worden sind;
b. daß irgendwelche anderen Verpflichtungen gemäß diesem
Vertrag, einschließlich derer bezüglich der Vorkehrungen für Inspektionen an Ort und Stelle, nicht erfüllt worden sind und daß eine solche
Nichterfüllung die nationale Sicherheit der feststellenden Vertragspartei gefährden könnte;
c. daß Kernexplosionen durch einen Staat, der nicht selbst
Vertragspartei ist, unter Umständen ausgelöst worden sind, die die
nationale Sicherheit der feststellenden Vertragspartei gefährden
könnten, oder
d. daß sich Kernexplosionen unter Umständen ereignet haben,
unter denen es nicht möglich ist, den auslösenden Staat zu ermitteln,
und daß derartige Explosionen, sofern sie von einer Vertragspartei ausgelöst worden sind, den Vertrag verletzen oder, falls sie nicht von
einer Vertragspartei ausgelöst worden sind, die nationale Sicherheit der

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�"AMERIKA DIENST"

31 . August 1962

der feststellenden Partei gefährden könnten, .
kann sie der Depositarregierung ein Ersuchen auf Einberufung
einer Konferenz unterbreiten, zu der alle Vertragsparteien einzuladen sind, wobei die Depositarregierung eino solche Konferenz so
rasch wie möglich nach Eingang des Ersuchens einberufen muß. Das Ersuchen der feststellenden Vertragspartei an die Depositarregierung
soll von einer Darlegung der Beweise begleitet sein, auf die sich die
Feststellung stützt.
2. Die Konferenz untersucht unter Berücksichtigung der von der
feststellenden Vertragspartei eingereichten Beweisdarstellung und
aller anderen einschlägigen Informationen die Tatsachen und prüft
die Bedeutung der Lage.
3. Nach Beendigung der Konferenz oder nach Ablauf einer Frist
von 60 Tagen nach Eingang des Konferenzersuchens bei der Depositarregierung - je nachdem welches Datum früher liegt - kann jede Vertragspartei, sofern sie den Rücktritt vom Vertrag im Hinblick auf ihre
nationale Sicherheit für erforderlich hält, der Depositarregierung
die Kündigung mitteilen. Die Kündigung wird zu dorn in der Mitteilung
genannten Datum, das jedoch in keinem Falle vor dem 60. Tage vom
Eingang der Kündigung bei der Depositarregierung an gerechnet liegen
darf, wirksam. Der Kündigung muß eine detaillierte Darlegung der Gründe
für den Rücktritt vom Vertrag beigefügt sein.

Artikel

XIV

Vorrechte und Immunität
Die Vorrechte und Immunität, die der Kommission, dem Stab und
den Vertretern der Vertragsparteien durch die Vertragsparteien gewährt
werden, sowie der Rechtsstatus, den die Kommission im Territorium
jeder der Vertragsparteien genießt, werden in Anhang... dieses Vertrages aufgeführt.
Artikel

XV

Unterzeichnung« Ratifizierung. Beitritt,Inkrafttreten und Registrierung
1. Dieser Vertrag steht bis zum ... allen Staaten zur Unterzeichnun
offen. Jeder Staat, der diesen Vertrag nicht unterzeichnet hat, kann
ihm zu jedem späteren Zeitpunkt beitreten.
2. Dieser Vertrag bedarf der Ratifizierung durch die Signatarstaaten. Ratifikations- und Beitrittsurkunden sind bei der Regierung
von ... zu hinterlegen, die hiermit zur Depositarregierung bestimmt
wird.
3« Dieser Vertrag tritt am ... in Kraft für die Staaten, die an
oder bis zu diesem Tage die Ratifikations- oder Beitrittsurkunden
hinterlegt haben, sofern die hinterlegten Ratifikationsurkunden die

�31 . August

'AMERIKA DIENST"

1562

die der Sowjetunion, des Vereinigten Königreiches und der Vereinigten Staaten einschließen. Falles die Ratifikationsurkunden sämtlicher im vorausgegangenen Satz aufgeführten drei Staaten nicht am
oder "bis zum ... hinterlegt worden sind, tritt dieser Vertrag dann
in Kraft, wenn die Ratifikationsurkunden von ihnen allen hinterlegt worden sind.
4. Ratifikations- oder Beitrittsurkunden, die nach dem Inkrafttreten dieses Vertrages hinterlegt werden, werden mit dem Tage der
Hinterlegung "bindend.
5. Die Depositarregierung muß unverzüglich sämtliche Signatarstaaten und beitretenden Staaten vom Datum jeder Unterzeichnung,
vom Datum jeder Hinterlegung einer Ratifikations- oder Beilrittsurkunde zu diesem Vertrag, vom Datum des Inkrafttretens und vom
Datum jedes Eingangs eines Konf erenze-r suchens oder einer Kündigungsmitteilung gemäß Artikel XIII in Kenntnis setzen.
6. Dieser Vertrag ist von der Depositarregierung gemäß Artikel
102 der Charta der Vereinten Nationen registrieren zu lassen.
Artikel XVI
Alle Zusätze zu diesem Vertrag müssen von einer Zweidrittelmehrheit der Kommissionsmitglieder, darunter den Stimmen der ständigen
Mitglieder, gebilligt werden und treten für alle Vertragsparteien
nach Hinterlegung der Ratifikationsurkunden von zwei Dritteln der
Vertragsparteien, einschließlich der Ratifikationsurkunden der
ständigen Mitglieder der Kommission, in Kraft.
Artikel XVII
Anhänge
Die Anhänge zu dem vorliegenden Vertrag bilden einen untrennbaren Bestandteil desselben, und jede Unterschrift, jede Ratifizierung oder jeder Beitritt zu diesem Vertrag gilt sowohl für den Vertrag als auch für die Anhänge. Die Bezeichnung "dieser Vertrag"
schließt sämtliche seiner Anhänge ein.
Artikel XVIII
Authenti sehe•Fassungen
Dieser Vertrag, der in englischer und russischer Sprache ausgefertigt und in beiden Fassungen gleichermaßen authentisch ist, soll
im Staatsarchiv der Dopositarregierung hinterlegt werden, die den Regierungen der Signatarstaaten und beitretenden btaaten beglaubigte Abschriften desselben zukommen lassen muß.
Zu Urkund dessen haben die gehörig beglaubigten Unterzeichneten
diesen Vertrag unterschrieben.
Gegeben zu
am
des Jahres Eintausendneunhundertundzweiundsechzig. (Ende des Vertragsentwurfes)
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./28.9.1962

STEVENSON VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Grundsatzerklärung,
die der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten
Nationen, Botschafter Adlai E. Stevenson, am 20. September 1962 vor der 17» Vollversammlung der Vereinten
Nationen abgegeben hat.

Ich möchte meine Rede damit beginnen, daß ich - so nachdrücklich wie möglich - die große Bedeutung bekräftige, die meine Regierung der Arbeit der Vereinten Nationen beimißt. Meine Regierung
ist mehr denn je davon überzeugt, daß der Erfolg oder Mißerfolg dieser Weltorganisation sehr wohl den Unterschied zwischen Ordnung und
Anarchie auf der Welt bedeuten kann. Wir sind der Überzeugung, daß
die Arbeit, die der 17» Vollversammlung vorbehalten bleibt, wichtig
und auch dringend ist.
Zunächst darf ich Sie namens der Regierung der Vereinigten Staaten und dieser Stadt herzlichst hier in New York begrüßen. Wir beglückwünschen Sie, Herr Präsident, zu Ihrer Wahl zum Präsidenten der
17« Vollversammlung. Sie nehmen einen Platz ein unter den führenden
Männern der Welt, die erwählt worden sind, um dem Forum der Welt in
einer Zeit der Gefahr und Verheißungen vorzustehen, einen Platz,
der auf Grund Ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse nur noch mehr an
Bedeutung gewinnen kann.
Und ich begrüße genauso herzlich, daß die Zahl unserer Mitglieder durch die Aufnahme von Trinidad-Tobago, Jamaika, Rwanda
und Burundi erneut gewachsen ist - vier jungen Nationen aus den
sonnenreichen Landen, mit tropischer Schönheit gesegnet, die zu
besuchen und zu bewundern ich das große Glück hatte.
Am meisten aber begrüße ich die Gelegenheit, die diese Sitzungsperiode uns gibt, als Gremium gemeinsam den Kurs zu prüfen, den
unsere Angelegenheiten nehmen, und die Maßnahmen zu bedenken, die
erforderlich sind, uns der Welt, die wir anstreben, nämlich einer
Welt der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens, näher zu
bringen.
Vor

�"AMERIKA DIENST"

28. September 1962

Vor einem Jahr traten wir in einer Zeit des Zweifels und der
Gefahr zusammen. In den inzwischen verstrichenen zwölf Monaten
ist vieles geschehen, um ein gewisses Maß neuer Hoffnung für die
Zukunft zu rechtfertigen.
Ein langer, bitterer Krieg in Algerien ist zu Ende gegangen.
Ein drohender Krieg zwischen zwei unserer Mitglieder im Südwestpazifik ist durch eine friedliche Lösung gebannt worden - durch
staatsmännisches Verhalten auf Seiten dieser Länder und durch geschioktes Schlichten seitens der Vereinten Nationen.
In Laos sind an die Stelle eines durch ausländische Intervention geschürten Bürgerkrieges ein Waffenstillstand und eine unabhängige, international garantierte Regierung getreten.
Im Kongo, wo die Vereinten Nationen eine so entscheidende Rolle
gespielt haben, sind Krieg und Kriegsgefahr neuen Hoffnungen auf
die friedliche Wiedereingliederung Katangas in den jungen Kongostaat gewichen; wir unterstützen die Bemühungen des Generalsekretärs, eine baldige Beschlußfassung über den Versöhnungsplan der
UN herbeizuführen.
Die Abrüstungsverhandlungen sind mit Unterstützung der Vollversammlung in einem neuen Forum wieder aufgenommen worden, in
dem die Nicht-Atommächte eine nützliche und konstruktive Rolle
spielen.
Wir haben unter den Auspizien der Vereinten Nationen damit
begonnen, eine Zusammenarbeit bei der Erschließung des Weltraums nicht im Interesse irgend eines Landes, sondern im Interesse der
Menschheit - anzustreben.
Wir haben ebenfalls mit einer Intensivierung der Kampagne
gegen die Armut im Rahmen eines EntwicklungsJahrzehnts der Vereinten Nationen begonnen.
Alle diese Entwicklungen - wie auch andere - geben Anlaß
zur Befriedigung. Aber wir würden uns selbst täuschen, würden
wir nur die positiven Seiten stehen. Wir leben immer noch - und
zwar wir alle - in einer dunklen und unsicheren Welt.
Die Berlin-Krise hat sich nicht zum Krieg ausgeweitet, aber
der Druck und die Störungen gegenüber West-Berlin bleiben weiterhin
eine überaus gefährliche Bedrohung für den Frieden der Welt;
die kubanische Regierung führt mit moralischer und materieller
Unterstützung von außen eine Kampagne der Subversion und der Beschimpfung gegen ihre Nachbarn in der westlichen Hemisphäre durch;
in

2

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�AMERIKA DIENST1

28. September 1962

in Vietnam bleibt die illegale Unterstützung eines bewaffneten Aufstandes von jenseits der Grenzen her weiterhin eine Bedrohung für den Frieden in Südostasien;
die chinesischen Kommunisten setzen ihre Politik der Provokation sowie ihre Gewalt- und Subversionsmaßnahmen fort;
im Mittleren Osten schwelt noch immer die Drohung eines Konflikts; sie ist zwar durch die dqn Frieden wahrende Maschinerie
der Vereinten Nationen gedämpft, jedoch keineswegs beseitigt worden;
Streitfragen, die die Mitglieder unserer Organisation betreffen, bleiben auf jedem Kontinent weiterhin ungelöst;
die anhaltende Unterdrückung der Völker Osteuropas bleibt eine
schleichende Gefahr für den Frieden;
die abschließende Phase der weltweiten Bewegung zur nationalen
Unabhängigkeit in allen Teilen der Welt wird durch Fragen kompliziert, die - obwohl vorübergehend und lösbar - explosiv werden
könnten, wenn nicht klare Köpfe über ein zu hitziges Temperament
die Oberhand behalten;
die weite Verbreitung der Armut in großen Teilen der Welt bleibt
eine Quelle moralischer Enttäuschung und politischer Gefahr;
und, was am schlimmsten ist, das selbstmörderische Wettrüsten
hält unvermindert an.'
Diese Situationen beschwören ernste Gefahren für den Frieden
der Welt herauf.
Um solche Gefahren für den Frieden zu bannen, hat die Hiälfte
der in diesem Versammlungsraum anwesenden Länder vor 17 Jahren die
Vereinten Nationen gegründet und hat die andere Hälfte sich in den
dazwischenliegenden Jahren zur Charta bekannt.
Diese Charta stellte der Menschheit eine hohe Aufgabe. Es kann
nicht behauptet werden, daß die Vereinten Nationen in diesen 17 Jahren auf der Erde eine Herrschaft des Friedens errichtet haben. Aber
die Art, wie unsere Organisation in ihrer Geschichte mit den besonderen Herausforderungen des Friedens fertig wurde, ist nichtsdestoweniger eindrucksvoll. In diesen Jahren haben die Vereinten Nationen,
sei es durch den Sicherheitsrat oder die Vollversammlung, durch
Schlichtung oder Feuereinstellung, durch Friedensbeobachter oder
Waffenstillstandsüberwachung oder direkte militärische Maßnahmen
dazu beigetragen, Feindseligkeiten in Persien, Griechenland, dem
Mittleren Osten, Kaschmir, Indonesien, Korea, Suez, dem Libanon,
dem Kongo und Westneuguinea abzuwenden oder zu beenden.
Wenn

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28. September

1962

Wenn es den Vereinten Nationen auch nicht gelungen ist, die
Großmächte zusammenzubringen, so ist es ihnen doch oft gelungen,
sie auseinanderzuhalten - und zwar an Stellen, wo durch eine direkte
Konfrontation aus schwierigen Situationen unter Umständen untragbare Situationen hätten werden können.
Wenn es den Vereinten Nationen auch nicht gelungen ist, alle
internationalen Streitfragen zu regeln, so haben sie dennoch den
Weg für die friedliche Entwicklung einer Weltordnung bereitet. In
diesem Prozeß haben die Vereinten Nationen nicht den verhängnisvollen Fehler begangen, zu versuchen, den Lauf der Geschichte aufzuhalten. Sie haben nicht den Frieden auf Kosten der erforderlichen
Veränderungen zu erlangen gesucht. Und wir müssen gleichermaßen
sicher sein, daß in einer Welt, die so unbeständig ist wie die
unsrige, Veränderungen nicht auf Kosten des Friedens angestrebt
werden, der vor allem anderen notwendig ist.
Die Leistungen sind eindrucksvoll; aber der Lauf der Geschichte
ist heute weniger denn je aufzuhalten, und die gegenwärtigen Forderungen nach Frieden und Fortschritt sind dringender denn je. Diesen Forderungen nachzukommen ,bedarf es nicht nur einer starken, sondern einer noch stärkeren UN. Das wichtigste dieser Vollversammlung
vorliegende allgemeine Problem ist daher, die Bemühungen um eine
stetige Verbesserung unserer Organisation voranzutreiben, so daß
diese sich noch energischer, wirksamer und schneller mit den Gefahren für den Frieden und den Hindernissen für den Fortschritt befassen kann.
Das Wesentliche, der Kern, unsere tägliche Arbeit in dieser Vollversammlung ist es, ein mächtigeres Gebäude zu errichten und die
Vereinten Nationen weiter zu stärken. Der Wert und die Loyalität der
Mitglieder werden &lt;|aran gemessen* Stärken oder schwächen ihre Maßnahmen, ihre Vorschläge unsere Organisation?
Bei der Stärkung der Vereinten Nationen geht es sowohl um
strukturelle als auch um strategische Fragen.
Was die Struktur anbetrifft, so besteht die erste Notwendigkeit
darin, die Vereinten Nationen auf eine gesunde finanzielle Basis
zu stellen. Unsere Organisation hat heute ein Defizit von mehr als
150 Millionen Dollar, das in erster Linie aus dem Ausbleiben oder
der Verzögerung von Zahlungen für die den Frieden erhaltenden
Maßnahmen herrührt, die sich als ebenso kostspielig wie notwendig
erwiesen haben.
Das Notprogramm, mit dem dieses Defizit durch den Verkauf von
Bonds ausgeglichen werden soll, ist eine gute Überbrückungsmaßnahme.
Auf Grund der Maßnahmen unseres Kongresses wird die amerikanische
Regierung in der Lage sein, den Vereinten Nationen die Hälfte des
Geldes zu leiheu, das diese im Rahmen dieses Programines aufnehmen
müssen. Andere Nationen haben sich bereits verpflichtet, Bonds

�'AMERIKA DIENST"

28. September 1 962

Bonds in Höhe von 73 Millionen Dollar zu kaufen. Wir hoffen - und
dies ist ein mildes V/ort - daß diese Staaten zusammen mit anderen,
die sich noch nicht zum Kauf verpflichtet haben, die Gesamtsumme
auf 100 Millionen bringen. Meine Regierung kann dann in vollem
Umfang von ihrer Vollmacht Gebrauch machen und die gleiche Summe
aufbringen.
Aber dies alles ist nur ein Linderungsmittel, jedoch keine
Lösung. Das gegenwärtige Defizit ist nur das Symptom eines tiefergehenden Problems - eines Problems, das durch die Trägheit zu vieler Regierungen hier in diesem Saal hervorgerufen wurde. Man kann
gewisse Gründe verstehen, warum in der Vergangenheit gezögert wurde,
eine kollektive finanzielle Verpflichtung für Maßnahmen der UN zu
akzeptieren. Einige Staaten stellten beispielsweise in Zweifel, ob
die Vollversammlung das Recht hat, eine bindende Summe für die Dekkung der den Frieden währenden Kosten festzusetzen. Aber alle rechtlichen Unklarheiten sind nunmehr durch das jüngste Gutachten des Inter
nationalen Gerichtshofes beseitigt worden.
Diese Vollversammlung sieht sich jetzt der zwingenden Verpflichtung gegenüber, eine kollektive finanzielle Verantwortlichkeit für
die Politik und die Maßnahmen der Vereinten Nationen zu bestätigen.
Meines Erachtens sollte die Vollversammlung auf dieser Sitzungsperiode das Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes akzeptieren und danach handeln, nachdem frühere Vollversammlungen andere
Rechtsgutachten unverändert akzeptiert und danach gehandelt haben. Di
finanzielle Integrität und Unabhängigkeit der Vereinten Nationen steht
auf dem Spiel. Aber es geht noch um etwas viel Y/ichtigeres, nämlich
um die Herrschaft des Rechts. Der Internationale Gerichtshof hat die
Rechtsgrundsätze aufgestellt; es liegt nunmehr bei dieser Vollversammlung, ihre Achtung vor dem Recht zu manifestieren, indem sie dieses in die Praxis umsetzt.
Meines Erachtens muß diese Vollversammlung ferner einen
Finanzierungsplan für künftige Friedensmissionen aufstellen, der in
Kraft tritt, sobald die Gelder aus der Anleihe erschöpft sind.
Über die Einzelheiten eines solchen Planes läßt sich noch sprechen.
Aber - wie auch immer der Plan aussieht - er sollte fordern, daß jedes Mitglied seinen Verpflichtungen nachkommen muß, wenn erst einmal
über die Beitragsveranlagung ordnungsgemäß abgestimmt ist.
Wir hoffen, daß diese Vollversammlung ein Programm beschließt,
das auf dem einen oder anderen Wege die Finanzierung der von ihr
selbst oder dem Sicherheitsrat gebilligten Projekte sichert.
Anderenfalls verurteilen wir unsere Organisation zur Ohnmacht. Wir
können nicht erwarten, daß die Vereinten Nationen von einem Tag zum
anderen dahinleben und wie ein Bettler auf der Straße eine Mütze
hinhalten.

Außer

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Außer den Finanzfragen gibt es aber noch andere strukturelle
Probleme. Niemand weiß besser als wir hier in diesem Saal, wie
notwendig es ist, die Verfahren in dieser so stark erweiterten Organisation zu straffen, damit diese sich wirksamer mit den komplizierten Fragen auf unserer langen Tagesordnung befassen kann.
Wir müssen den Sicherheitsrat und den Wirtschafts- und Sozialrat erweitern, um eine faire Repräsentation aller Regionen der Erde
sicherzustellen.
Wir müssen die Bestimmungen für unsere internationalen Beamten
und ihre Anwendung - insbesondere was die Beziehungen zwischen den
Mitgliedstaaten und dem Sekretariat anbetrifft - überprüfen, damit
die Beamten der UN auch weiterhin "ausschließlich international" sind,
wie es die Charta fordert.
*
Wir müssen ferner unbedingt einen Generalsekretär für eine volle
Amtszeit wählen. Nach dem tragischen Tode von Dag Hammarskjöld im
vergangenen Jahr machte die Vollversammlung eine sich in die Länge
ziehende, lehrreiche konstitutionelle Krise durch. Wir lösten diese
Krise, indem wir mit großer Mehrheit - und, ich hoffe fest, für
immer - die, in der Charta festgelegte Integrität des Amtes des Generalsekretärs behaupteten. Wir wählten dann einstimmig einen Beamten
und Diplomaten mit außergewöhnlichen persönlichen Qualitäten zum amtierenden Generalsekretär, der dieser Organisation in einer Zeit des
Übergangs und der Ungewißheit gute Dienste geleistet hat.
Wir haben in dieser Versammlung die Pflicht, sicherzustellen,
daß dieses wichtige Amt in den nächsten fünf Jahren genauso gut
besetzt ist, wie dies in der Vergangenheit der Fall war, und daß
derjenige, der dieses Amt innehat, die volle in der Charta vorgesehene Freiheit und Autorität behält.
Aber die Regelung all dieser organisatorischen Probleme würde
immer noch die Frage ungelöst lassen, wie die von uns erdachte Maschinerie benutzt werden soll. Ich setze voraus, daß es unser entscheidendes Ziel ist, praktische Möglichkeiten zur Erfüllung der Absichten der Charta zu finden. Aber ich frage mich manchmal, ob die
angewandten Mittel und Wege, die erwünschten Ziele zu erreichen, immer
die besten sind.
Ich bin mir sehr wohl der Enttäuschungen, der Versuchungen und
der Konflikte in einer jeden parlamentarischen Demokratie bewußt,
aber sie ist nun einmal das beste System, das jemals erdacht wurde,
um alle Interessen bei der Führung der öffentlichen Angelegenheiten
zu schützen und in Einklang.zu bringen. Wenn man die mit dieser
Form der Organisation verbundene Vielfalt in Rechnung stellt und
den Ernst der von uns behandelten Fragen berücksichtigt, wenn man
sich ferner vor Augen führt, wie jung die Vereinten Nationen sind
und wie überaus schnell sie wachsen - dann muß man feststellen,
daß sich die Vollversammlung, von wenigen Ausnahmen abgesehen,
überraschend verantwortungsbewußt und reif gezeigt hat.
Unsere

�"AMERIKA DIENST"

28. September

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Unsere klare Pflicht ist es nun, unsere Arbeit so zu tun, daß
diese Vollversammlung noch verantwortungsbewußter, noch reifer
und damit noch leistungsfähiger wird.
Es liegt auf der Hand, daß diese Vollversammlung nicht erfolgreich arbeiten kann, wenn sie nach dem Muster einer öffentlichen
Protestdemonstration auf irgendeinem Platz abgehalten wird. Es liegt
ferner auf der Hand, daß der Einfluß dieser Vollversammlung nicht
wachsen kann, wenn die Qualität ihrer Debatte durch Propaganda
oder durch Reden entwertet wird, die nicht die Lösung der diesem
Hause vorliegenden Fragen fördern, sondern an die Adresse der eigenen
Bevölkerung gerichtet sind.
Entrüstung und Beleidigungen haben sich seit Beginn der Geschichte
als machtvolle Feinde der Gerechtigkeit erwiesen. Es wäre erstaunlich, wenn sie nicht auch in den Verfahren der Vereinten Nationen
aufträten. Aber die entscheidende Frage im Hinblick auf die dieser
Vollversammlung unterbreiteten Resolutionen muß doch sein, ob wir
dadurch vernünftigen Lösungen der wahren Probleme und damit der
Gerechtigkeit näher kommen.
Wir müssen uns, so glaube ich, zum Beispiel davor hüten, einen
Beschluß zu fassen, bei dem ein hohes Prinzip zur Unterstützung
einer unrealistischen Maßnahme herangezogen wird, und der in keiner Weise eine praktische Lösung näher bringt. Wenn dies zu einer
allgemeinen Praxis würde, dann würden wir riskieren, dadurch den
Einfluß unserer Organisation zu zerstören, denn der Wert ihrer Empfehlungen würde dahinschwinden wie der des Geldes in einer Inflation.
In den Vereinten Nationen haben alle Mitglieder, ob groß oder
klein, das gleiche Recht. Aus diesem Grunde sind sie auch so oft
die Hoffnung der Welt genannt worden. Das ist der Grund, warum sie
der große Wahrer der Interessen der kleineren Staaten sind. Und deshalb müssen wir, wenn die Vollversammlung jetzt zahlenmäßig immer größer wird, dem ein Gefühl für ihre Bedeutung und ihre Verantwortung
gegenüberstellen.
Wir müssen, glaube ich, ferner erkennen, daß offene Debatten unter
den Augen der Fernsehkameras nicht immer der Mäßigung und der erforderlichen Zurückhaltung dienlich sind, wenn stolze und souveräne Staaten einen Disput austragen. Auch ist die Vollversammlung nicht das
einzige Medium, durch das unsere Organisation ihre Ziele verwirklicht.
Wir erlebten es vor einem Jahr, daß die Vollversammlung sich nicht
darüber einigen konnte, wie der Streit über Westneuguinea beizulegen
sei. Wir wissen heute, wie viel die Vereinten Nationen zur Beilegung
dieses Streits beitragen konnten, indem sie sich als ein ruhiger
dritter Partner einschalteten.
Ich glaube, daß es zahlreiche Gelegenheiten für die Vereinten
Nationen gibt, in internationalen Angelegenheiten als "dritter Partner"
zu fungieren: als objektiver Beobachter, als unparteiischer "Sachwalter" an Ort und Stelle, als Polizist im Revier, als Instrument

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Instrument stiller Diplomatie. Bei einigen Fragen, die uns auch
heute hier vorliegen, könnten die Vereinten Nationen beispielsweise einen Berichterstatter einsetzen, der die Fakten feststellt
und die Probleme analysiert und dadurch vernünftige Entscheidungen
der Vollversammlung erleichtert.
Nichts ist wichtiger für uns als ein unermüdliches und systematisches Vorgehen gegen die Konflikte, die den Frieden gefährden.
Seit unsere Welt ein überfülltes Haus und unser Planet ein einziges Pulverfaß geworden ist, haben alle Nationen die Pflicht, sich
bei der Verfolgung nationaler Ambitionen, die zu einem Konflikt
mit anderen führen könnten, zurückzuhalten, bis die Weltgemeinschaft
Gelegenheit gehabt hat, durch geduldige und stille diplomatische
Bemühungen eine Lösung zu finden.
Es geht hier nicht darum, sich gegen wünschenswerte Veränderungen zu stellen oder sie zu verzögern. Es handelt sich vielmehr darum,
die erforderlichen Maßnahmen nicht zu blockieren oder ihnen auszuweichen. Im Gegenteil, es ist wesentlich, die wirksamste Technik
auszuwählen, die sachdienlichste Formel zu finden, um sicherzustellen,
daß Veränderungen tatsächlich stattfinden und Maßnahmen tatsächlich
ergriffen werden können, um den Frieden der Welt zu gewährleisten
und die Vereinten Nationen zu stärken.
Es gibt Arbeit genug und genügend Werkzeuge, um sie zu tun.
Lassen Sie uns den Entschluß fassen, mit der richtigen Einstellung
an sie heranzugehen. Lassen Sie uns unsere Werkzeuge und Möglichkeiten für eine Periode aktiver und einfallsreicher Diplomatie einsetzen und zusammenfassen. Lassen Sie uns in dieser 17» Vollversammlung
die höchsten Formen der politischen Kunst anstreben und eine Zeit
friedlicher Lösungen der Konflikte einleiten - eine Zeit, in der wir
friedlich die großen Umwälzungen bewerkstelligen, die unsere heutige
Geschichte fordert.
Der Weg zum Frieden führt über die friedliche Beilegung von
Konflikten. Aber das größte Hindernis auf diesem Weg, die größte
Gefahr für alle bildet das immer größere Ausmaße annehmende Wettrüsten. Es nimmt von Tag zu Tag an Tempo zu, je mehr die Atommächte
und andere große und kleine Staaten die Waffenarsenale vergrößern.
Einige von uns erfinden und erproben immer neue schreckliche Waffen.
Wir sehen uns gezwungen, dies zum Schutze unserer verschiedenen
nationalen Interessen zu tun zu einem Zeitpunkt der Geschichte,
an dem im nationalen Interesse aller Staaten - solcher mit und solcher
ohne Atomwaffen - nicht die Ausweitung, sondern die Vernichtung des
Kriegspotentials liegt.
Lassen Sie mich dies so klar und so einfach sagen, wie ich es
kann: Dieses verschwenderische Wettrüsten ist eine gefährliche
und tödliche Torheit. Wir hier in den Vereinigten Staaten wollen
unsere Mitmenschen retten und nicht vernichten. Wir wollen die von
diesem unersättlichen Moloch verschlungenen Hilfsquellen für die
unbewältigten Aufgaben unserer eigenen Gemeinschaft nutzbar machen.
Und wir wollen, daß diese Hilfsquellen dafür eingesetzt werden, um

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um jedem Menschen auf dieser Erde eine Chance für ein besseres
Leben zu geben.
Das Wettrüsten aber dauert an. Es dauert an, weil kein Land
angesichts feindlich gesonnener anderer Länder seine Verteidigung
vernachlässigen kann. Keine Großmacht kann eine einseitige Abrüstung riskieren. Es gibt einen - und nur einen - Ausweg aus diesem unerträglichen Dilemma, nämlich die Schaffung eines Systems
der vollständigen und allgemeinen Abrüstung, in dessen Rahmen
sämtliche Staaten - unter den Augen der Völkergemeinschaft und
unter geeigneten Sicherheitsvorkehrungen - ihr eigenes Kriegspotential progressiv abbauen.
Es war ein großer Erfolg unserer letzten Sitzungsperiode hier,
über eine Reihe von Grundsätzen für eine allgemeine und vollständige
Abrüstung Einigung zu erzielen. Wir haben jedoch keinen Fortschritt
in Richtung auf die Verwirklichung dieser anerkannten Grundsätze in
Form eines anerkannten Plans gemacht, um in gemeinsamem Vorgehen
in rasch aufeinanderfolgenden Phasen einer vollständigen Abrüstung
und wirksamen Methodik zur Wahrung des Friedens näher zu kommen.
Die Vereinigten Staaten haben einen solchen Plan unterbreitet.
Sie haben ihre Vorschläge sowohl dieser Versammlung als auch der
Abrüstungskonferenz der 18 Staaten in Genf dargelegt.
Aber so, wie es mindestens zweier bedarf, um ein Wettrüsten
in Gang zu bringen, so bedarf es auch mindestens zweier, um ein
solches Wettrüsten zu beenden. Kein seiner Sinne völlig mächtiger
Mensch kann von einer Seite erwarten, daß sie sich der Mittel zur
Selbstverteidigung begibt, solange sie nicht ganz sicher weiß, daß
die andere Seite ihre Waffen ebenfalls ablegt. Das heißt, eine
praktisch durchführbare Nachprüfung ist der Kernpunkt eines jeden
vernünftigen Abrüstungsabkommens.
Es braucht keine totale Verifizierung zu sein. Wir haben in
langwierigen Verhandlungen zu wiederholten Malen bewiesen, daß wir
bereit sind, gewisse Risiken auf uns zu nehmen, um die Aussichten
für ein verstärktes Wettrüsten zu verringern. Wir sind aber nicht
bereit, unsere Existenz aufs Spiel zu setzen. Wenn andere Länder so wie wir bereit sind, es zu tun - jenes Maß an internationaler
Inspektion gestatten, das um der gegenseitigen Sicherheit willen
technisch notwendig ist, dann können wir das Wettrüsten einstellen.
Aber wir können nicht unsere nationale Existenz in blindem Vertrauen
aufs Spiel setzen, insbesondere nicht in blindem Vertrauen auf ein
großes und machtvolles Land, das immer wieder seine grundsätzliche
Ablehnung der Grundwerte einer freien Gesellschaft bekundet.
Die Sachlage ist klar. Der Preis der allgemeinen Abrüstung
ist die gegenseitige Sicherheit durch internationale Inspektion im
Rahmen der Vereinten Nationen. Weil ein solches System international
wäre, könnte es wohl kaum mit Spionage in Zusammenhang gebracht
werden. Ist eine Inspektion durch eine Behörde der Vereinten Nationen
ein zu hoher Preis für die Sicherheit der Menschheit, ja vielleicht

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�'AMERIKA DIENST"

28. September 1962

vielleicht sogar für ihren Fortbestand? Kann eine Gesellschaft die
Geheimhaltung höher einschätzen als die Sicherheit aller, vor allem
aber, kann dies eine Gesellschaft, die sich selbst als das Modell
anpreist, auf das hin sich alle anderen Gesellschaften zwangsläufig
entwickeln müssen?
Herr Präsident, ich trage diese Angelegenheit hier mit allem
gebotenen Ernst vor. Ich frage die Mitglieder dieser Versammlung:
'.Vollen Sie sich dem Wunsch aller Menschen der Welt nach einem allgemeinen Abrüstungsprogramm, das die Chance einer Beendigung des
Wettrüstens bietet, anschließen?
Noch einmal, die Antwort auf diese Frage wird nicht in Ermahnungen und Gefühlsaufwallungen zu finden sein. Und sie wird auch
nicht durch die Verabschiedung trefflicher Resolutionen gefunden,
in denen edle Ziele ohne Berücksichtigung der Realitäten verkündet
werden. Sie kann nur in einer nüchternen Bemühung zur Lösung der
unendlich komplizierten Probleme der Abrüstung gefunden werden. Wir
glauben, daß uns ernsthafte Verhandlungen in Genf unserem Ziele näher
bringen, und ich hoffe, daß die Diskussionen dort von dieser Versammlung weiterhin mit ganzem Herzen und inständig unterstützt werden.
Hier in New York kann die Versammlung auf der unumgänglichen
Bedingung einer Weltabrüstung bestehen: Sicherheit, daß abgeschlossene
Übereinkommen auch gehaltene Übereinkommen sind.
Es gibt aber eine noch dringlichere Frage als die allgemeine
Abrüstung, und hier ist die Lage nicht hoffnungslos. Ich spreche
von den Kernwaffenversuchen. Wenn ich hierin ein noch akuteres Problem sehe, so meine ich auch, daß es leichter zu lösen ist - und
daß dabei größere Hoffnungen auf einen baldigen Fortschritt bestehen.
Seit annähernd vier Jahren führen die Hauptatommächte, darunter
auch mein Land, Verhandlungen über ein vernünftiges und dauerhaftes
Kernwaffenversuchsverbot. Dieses Verbot würde auch einer Ausbreitung
solcher Waffen entgegenwirken, würde diese sehr beunruhigende neue
Strahlenquelle im menschlichen Lebensraum ausschalten und wäre ein
großer Schritt vorwärts in Richtung auf einen umfassenden Abrüstungsvertrag, den wir so ernsthaft erstreben.
Wie aus den Entwürfen der in Genf vorgelegten Pläne klar hervorgeht, ist die Regierung der Vereinigten Staaten bereit, sämtliche
Kernwaffenversuche einzustellen, vorausgesetzt nur, daß andere
ebenfalls bereit sind, die Verpflichtung zu übernehmen, ein gleiches
zu tun. Versuche in der Atmosphäre, über den Ozeanen und im Weltraum
verursachen die befürchtete Strahlung - nicht so die unterirdischen
Versuche. Wir sind bereit, die Versuche in der Atmosphäre, über den
Ozeanen und im Weltraum ohne internationale Verifizierung einzustellen,
weil wir nationale Möglichkeiten besitzen, die Versuche anderer festzustellen. Und wir Bind auch bereit, die unterirdischen Versuche
einzustellen - bei denen wir keine eigenen Möglichkeiten zur Feststellung haben -, vorausgesetzt, daD ein internationales System

�"AMERIKA DIENST

28. September

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System geschaffen wird, welches uns die Gewähr bietet, daß die
anderen das gleiche tun.
Seit 1945, als es begann, haben die Vereinigten Staaten nukleare
Sprengkörper mit einer Gesamtstärke von 140 Megatonnen zur Detonation
gebrachti Die Sowjetunion, die, soweit wir aus den Aufzeichnungen
unserer Fernmeßinstrumente ersehen, 1949 init ihren Versuchen begann,
hat an die 250 Megatonnen zur Explosion gebracht. Seit die UdSSR im
Herbst vergangenen Jahres das Moratorium brach, , zündete sie wiederum
Atombomben in einer Gesamtstärke von 200 Megatonnen - die Vereinigten
Staaten, die dadurch zur Wiederaufnahme der Versuche gezwungen wurden,
brachten jedoch nur 25 Megatonnen zur Detonation. Ich wiederhole:
Wir möchten die Kernwaffenversuche einstellen. Falls andere Kernwaffenmächte ebenfalls bereit sind, ein Abkommen über die Einstellung zu
schließen, werden die Versuche aufhören. Hinsichtlich dieser übergeordneten Frage meinen wir in den Vereinigten Staaten es absolut ernst.
Das Ziel des Friedens ist unlösbar mit dem Ziel des Fortschritts
verwoben. Indem wir die Fähigkeit unserer Organisation, den Frieden
zu wahren, verbessern, stärken wir auch die Vereinten Nationen für
ihre anderen wesentlichen Aufgaben: Hilfe zu leisten bei der Konstituierung von Nationen in Würde und Freiheit, Hilfe zu leisten bei
der Befreiung der Menschheit von ihren jahrhundertealten Feinden
Not und Elend. Und indem wir gesunde, moderne Gesellschaften errichten, knüpfen wir das Gewebe des Friedens fester; wir vermindern die
Gefahr, daß sich Elend und Fehlschläge in Konflikten entladen. So sind
die Wahrung des Friedens und die Errichtung neuer Nationen die beiden
Seiten der UN-Medaille.
Wir, die wir an diesen Vollversammlungen der Vereinten Nationen
teilgenommen haben, sind Zeugen einer großen historischen Umwandlung
geworden. In den Jahren seit 1945 haben wir erlebt, wie - unter Mitwirkung dieser Versammlung - das Zeitalter des klassischen Kolonialismus zu Ende ging. In diesen Jahren gewannen 46 Nationen - fast die
Hälfte der gegenwärtigen Mitglieder dieser Organisation - ihre Unabhängigkeit. Damit vollzog sich eine umwälzende Veränderung in der
Struktur der internationalen Beziehungen und der internationalen Machtverhältnisse .
Diese Veränderung wurde, wie ich kaum zu betonen brauche, in den
Vereinigten Staaten begeistert begrüßt. Als erster moderner Staat,
der sich vom Kolonialismus freigemacht hat, waren wir immer stolz,
anderen Staaten Schrittmacherdienste zu leisten bei jenem lohnendsten
und schwierigsten Wagnis - dem Wagnis der Selbstregierung. Wir halten
keine Aufgabe für wichtiger als die, ihnen überall, in den älteren
Kolonialgebieten und anderswo, zur Selbstbestimmung zu verhelfen.
Diese Aufgabe wird diese Versammlung während der kommenden Monate
in ernsten und zielbewußten Beratungen beschäftigen. In keinem Teil
der Welt hat das Streben nach nationaler Unabhängigkeit in den letzten
drei Jahren augenfälligere Ergebnisse gezeitigt als in Afrika. In
keinem Teil der Welt ist es wichtiger, rasche Fortschritte bei der
Lösung der restlichen Probleme des klassischen Kolonialismus auf der

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der Basis echter Selbstbestimmung zu erzielen. Viele Monate lang hat
sich bereits der Siebzehner-Sonderausschuß für Kolonialismus mit
diesen Fragen befaßt. Wir hoffen, daß der Ausschuß imstande sein wird,
seine Arbeit künftig in einer von den Wallungen des Kalten Krieges die in diesem Jahre seine Tätigkeit beeinträchtigten - ungetrübten
Atmosphäre fortzusetzen - einer Atmosphäre, in der alte und neue
Staaten zusammenwirken können, um mitzuhelfen, daß in Ländern, die
noch nicht frei sind, die wesentlichen Voraussetzungen für eine
erfolgreiche Staatwerdung geschaffen werden.
Denn ein Federstrich macht noch keinen Staat. Eine politische
Unabhängigkeitserklärung ist ein Anfang, nicht ein Abschluß. Nichts
schadet dem sich in unserer Epoche vollziehenden großen historischen
Umbruch mehr, als wenn junge Staaten dem Chaos verfallen, internationaler Schutzverwahrung bedürfen oder eine internationale Gefahr werden.
Zur schmerzhaften Geburt eines Staates gehört sowohl die Realität
als die Rhetorik der Unabhängigkeit: ein nationaler Wille, der politischer Klugheit fähig ist, administrative Kraft, wirtschaftliche
Energie und die notwendige moralische Disziplin, um die Verheißung
nationaler Unabhängigkeit in ein freies und produktives Leben für
das Volk umzuwandeln. Das Interesse meiner Regierung und der Welt liegt
nicht in der rein zahlenmäßigen Vermehrung der Nationen, sondern in
der Vermehrung von Staaten, deren Völker frei sind und die Kraft haben,
zu überleben, sich zu entfalten und ihren Teil zur Stärkung der internationalen Ordnung beizutragen.
Die Errichtung von Staaten ist eine politische Angelegenheit nationale Unabhängigkeit aber schließt auch soziale, wirtschaftliche
und moralische Belange ein. Darum hoffe ich, daß diese Versammlung
ihre Aufmerksamkeit dem nächsten wichtigen Punkt in der Agenda der
Staatenbildung zuwendet - das heißt, daß den jungen Staaten geholfen
wird, sich die Werkzeuge zu schaffen, die sie brauchen, um die Aufgaben der Selbstentfaltung erfüllen zu können.
Die Zeit ist niemals günstiger gewesen, um sich dieser Aufgaben
erfolgreich zu entledigen. Wenn die Wunder der Wissenschaft der Menschheit neue Kräfte der Zerstörung in die Hand gegeben haben, so haben
sie ihr auch gleichzeitig neue schöpferische Kräfte gegeben. Die große
Aufgabe, die uns gestellt ist, besteht darin, die Wunder der Wissenschaft in den Dienst des Menschen zu stellen - und zwar sowohl des
Menschen, der auf dieser Erde arbeitet, als auch jenes Menschen, der
das Universum erforscht.
Ich glaube, wir können mit Recht dem Ausschuß für die friedliche
Nutzung des Weltraums zu den auf dem Gebiet der internationalen
wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit erreichten Fortschritten gratulieren - Fortschritten, die sowohl für den Frieden als
auch für die Förderung des Wissens sehr vielversprechend sind. Aber
was nützt es, wenn einige wenige Menschen die Erde umkreisen, während
gleichzeitig unter ihnen Millionen von Menschen hungern? Was nützt
uns unsere technische Kühnheit, wenn wir zwar Menschen in den Weltraum
bringen, sie aber nicht aus dem Sumpf der Armut herausziehen können?
Sich

�"AMERIKA DIENST"

28. September 1962

Sich "bewußt daranzumachen, die Armut als Hauptübel der Menschheit zu beseitigen, ist eine Aufgabe, wie sie dem Menschen riesiger
nie gestellt worden ist, und ich möchte sie darum bitten, die Schwierigkeiten nicht zu unterschätzen.
Aber wenn die Aufgabe auch enorm schwierig ist, so kann sie doch
höchste Erfüllung bringen. Ich bin stolz darauf, daß mein eigenes
Land bahnbrechend bei der Unterstützung jener Nationen gewesen ist,
die bereit waren, den Weg zu selbstgespeistem Wachstum zu gehen.
Es erfüllt mich auch mit Befriedigung, daß so viele andere industriell hochentwickelte Länder diesem Beispiel gefolgt sind. Es ist
ermutigend, daß ganze Gruppen von Nationen damit beginnen, gemeinsam
ihr wirtschaftliches Geschick im Rahmen regionaler Organisationen
zu gestalten, und ihre Hilfe für die Entwicklungsländer koordinieren.
Im Laufe der Jahre haben die Vereinten Nationen eine eindrucksvolle Reihe technischer Institutionen geschaffen, die alle darauf
ausgerichtet sind, den weniger entwickelten Nationen bei der Modernisierung ihrer Volkswirtschaften zu helfen. Diese Sonderorganisationen
der Vereinten Nationen haben neue und erregende Projekte ins Leben
gerufen: Ein die ganze Welt erfassendes Lebensmittel-Programm läuft
gerade an. Der Rat der Gouverneure der Weltbank fordert gerade in diesen Tagen Empfehlungen für eine Kapitalerhöhung der Internationalen
Entwicklungsgesellschaft. In Genf findet Anfang nächsten Jahres eine
in dieser Art einmalige Konferenz über die Anwendung von Wissenschaft
und Technik auf die Entwicklungsprobleme statt.
Andere Projekte und Programme liefern den Beweis für die wachsende Reife, den immer größer werdenden Rahmen und das ständig steigende
Leistungspotential der Sonderorganisationen. Dies ist alles nur zum
Guten. Die große Aufgabe, der wir uns jetzt gegenüber sehen, besteht
darin, mit jedem Jahr unsere Sonderorganisationen zu verbessern sie mit vernünftigen Verfahren und ausreichenden Hilfsquellen auszustatten und mit interessierten und erfahrenen Kräften zu besetzen;
ihre Planung, Programmgestaltung, Verwaltung und Koordinierung zu
verbessern; dafür zu sorgen, daß sie den Erfordernissen einer realistischen Entwicklung in den neuen Ländern gerecht werden; sie mit den
anderen Formen der Entwicklungshilfe - nationale, regionale und internationale -, die gegenwärtig den aufstrebenden Nationen gewährt
wird, zu integrieren - und damit sicherzustellen, daß die Entwicklungshilfe überall in der Welt auf einer Basis der Zusammenarbeit und
nicht auf der Basis der Konkurrenz erfolgt.
Wir müssen für eine größere Harmonie des Orchesters der uns für
die Hilfe bereits zur Verfügung stehenden Instrumente Sorge tragen.
Die vollen Verheißungen der Entwicklung können nicht innerhalb
nationaler Grenzen verwirklicht werden. Um die allgemeine Prosperität
zu fördern, müssen wir die Schranken beseitigen, die den freien
Verkehr von Menschen, Geld und Gütern über die nationalen Grenzen
hinweg blockieren.
Wir

�•AMERIKA DIENST"

28. September 1962

Wir haben den außerordentlichen Aufschwung der Wirtschaftstätigkeit erlebt, die mit der Entstehung des europäischen Gemeinsamen
Marktes einherging - eines der großen Wagnisse schöpferischer Staatskunst unserer Zeit. Ländergruppen in anderen Teilen der Welt suchen
in gleicher Weise nach Mitteln und Wegen,regionale Wirtschaftseinheiten aufzubauen, die wiederum dem ausgeweiteten Welthandel neuen
Auftrieb geben können.
Es ist selbstverständlich entscheidend wichtig, daß derartige
Gruppierungen den Nichtmitgliedern die größtmöglichen Vorteile des
ausgeweiteten Marktes einräumen. Wir wissen heute, daß sich keine
einzelne Nation ihre Prosperität damit erkaufen kann, daß sie die
Prosperität anderer eindämmt.
Die Ausweitung des Welthandels auf der Basis des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens hängt wiederum von dem weiteren sozialen
Fortschritt, der größeren-Freiheit und dem breiteren Rahmen des
Weltfriedens ab, die sicherzustellen Aufgabe der Vereinten Nationen
ist. Darum haben die Vereinigten Staaten, zusammen mit den anderen
Mitgliedern des Wirtschafts- und Sozialrates,mit Freuden der einstimmigen Forderung nach einer Handels- und Entwicklungskonferenz
der Vereinten Nationen zugestimmt. Wir werden alles in unseren
Kräften Stehende tun, um diese Konferenz zu einem Erfolg werden zu
lassen.
Wir müssen - angesichts der Aufgabe des Jahrzehnts der Entwicklung - zu einer klareren Strategie der Entwicklung gelangen,
zu einer deutlicheren Erkenntnis der Dringlichkeitsstufen, zu einer
schärferen Arbeitsteilung unter den verschiedenen Hilfsinstitutionen und zu einer klareren Würdigung, daß die wirtschaftliche und soziale
Entwicklung eines Landes nicht nur von dem Kapital und der Unterstützung von außen abhängt, sondern ebenso von der politischen Führung, dem institutionellen Wachstum, der wirtschaftlichen und sozialen
Reform und dem nationalen Willen.
Hier liegt nun unsere doppelte Aufgabe: an die Stelle der lauten
Politik die stille, aber entschlossene Diplomatie zu setzen - und an
die Stelle des Wettlaufs der Rüstungen den, wie der Präsident im
vergangenen Jahr sagte, Wettlauf des Friedens - mit einem schöpferischen
Wettstreit der Produktion und des Güteraustausches und der Hebung des
Lebensstandards .
Diese Aufgaben sind nicht neu - und sie werden bis zu unserer
Vertagung auch nicht gelöst sein. Aber ich rechne fest damit, daß
die 17. Vollversammlung, bevor wir uns vertagen, die Aufgaben
der friedlichen Regelung, der Umwandlung ohne Kampf und des Krieges
gegen die menschliche Not energisch in Angriff nehmen wird.

Das

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Das ist das mindeste, was wir uns als den Hüternder Geschichte
unserer Zeit schuldig sind. Meine eigene Regierung verpflichtet
sich feierlich, bei der Erfüllung dieser Aufgaben fest und unermüdlich mitzuarbeiten. Von den Idealen der Charta und von unseren
Verpflichtungen gegenüber unseren Mitmenschen durchdrungen,
können und dürfen wir, die Mitglieder dieser Versammlung, unsere
Beratungen nicht beenden, ohne der Welt einen greifbaren Beweis
für unsere Hingabe an die Sache des Friedens und der Gerechtigkeit zu geben. Dieser greifbare Beweis, Herr Präsident, kann nur
in unseren Entscheidungen und Taten in den kommenden Monaten liegen.

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

V/i./28.9.1962

KENNEDY; ERHALTUNG DER STÄRKE DES DOLLARS
EIN WELTWEITES PROBLEM

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut der Ansprache, die Präsident Kennedy am 20. September 1962 vor Vertretern der Weltbank und des Internationalen
'Währungsfonds gehalten hat.

Herr Vorsitzender, Mitglieder des Rates der Gouverneure und
hochverehrte Gäste,
dies ist für mich die erste Gelegenheit, an Ihren Jahrestagungen teilzunehmen und Sie hier in Washington zu begrüßen - und ich
tue dies mit einer echten Freude. Denn Sie befassen sich mit den
Problemen, denen unter anderen meine Hauptsorge seit dem Tage gegolten hat, an dem ich vor genau 20 Monaten mein Amt antrat; und in
dieser Zeit habe ich gelernt, welch eine entscheidende Rolle der
Internationale Währungsfonds und die Weltbank mit ihren Tochtergesellschaften spielen. Die Arbeit der Internationalen Entwicklungsgesellschaft ist besonders wichtig - und die Vereinigten Staaten unterstützen den Vorschlag, daß die Direktoren ein Programm zur Erhöhung ihrer Mittel ausarbeiten.
Die Bank, die eine Norm gesetzt hat, der andere folgen sollen,
wird bei ihrer bahnbrechenden Arbeit die Dienste von Eugene Black
sehr vermissen. Ich hoffe, er wird es uns gestatten, auch in Zukunft
seinen klugen Rat in Anspruch zu nehmen; und ich hoffe, daß wir übrigen bei der Verfolgung der von ilhm gesetzten Ziele unsere eigenen Anstrengungen intensivieren werden - dies schließt Anstrengungen der
Industriestaaten bei der Bereitstellung von Kapitalhilfe für die
Entwicklungsgebiete ein; Anstrengungen seitens der Industriestaaten,
im eigenen Lande blühende und leicht zugängliche Märkte für die
Erzeugnisse der aufstrebenden Nationen offenzuhalten; Anstrengungen,
um zu Rohstoffabkommen und anderen Vereinbarungen zu gelangen, die
zu einer Stabilisierung der Exporterlöse dieser Nationen beitragen;
und schließlich, was am wichtigsten ist, größere Anstrengungen seitens der Entwicklungsländer selbst, ihre menschlichen und finanziellen Hilfsquellen zu mobilisieren»und um sicherzustellen, daß die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. September 1962

die Gewinne aus der Produktionsausweitung von vielen und nicht von
wenigen geteilt werden.
Neben diesen Diskussionen über die Rolle der Bank widmet ihre
Tagung dieses Jahr, wie es auch im vergangenen Jahr der Fall war,
dem Stand des Dollars größte Aufmerksamkeit - und gerade dieser Punkt
stand diese zwanzig Monate hindurch an der Spitze oder nahezu an der
Spitze meiner eigenen Tagesordnung.
Wir in den Vereinigten Staaten sehen keine Veranlassung, mit Befangenheit an die Diskussionen über den Dollar heranzugehen. Der
Dollar ist nicht nur unsere Landeswährung, er ist auch eine internationale Währung. Er spielt eine entscheidende Rolle für das tägliche
Funktionieren des finanziellen Rahmens der freien Welt. Er ist im
internationalen Zahlungssystem der wirksamste Ersatz für Gold. Wenn
der Dollar als eine wichtige Reservewährung nicht existieren würde, dann
würde er "erfunden" werden müssen, denn ein Außenhandelsvolumen von
fast 130 Milliarden Dollar pro Jahr, das sich rasch weiter ausweitet,
und ein starker internationaler Kapitalverkehr können nicht ausschließlich auf den langsam wachsenden Goldbeständen basieren, die gegenwärtig
erst insgesamt 40 Milliarden Dollar ausmachen.
Dem Schutz des'Dollars gilt daher auch die Hauptsorge jedes einzelnen hier vertretenen Landes,und muß es auch. Die Stärke des Dollars
zu unterminieren würde bedeuten, die Stärke der freien Welt zu unterminieren. Um einer nationalen finanziellen Sicherheit - im engsten
Sinne des Wortes - willen miteinander zu konkurrieren und individuelle,
mit unseren gemeinsamen Zielen nicht zu vereinbarende Maßnahmen zu
ergreifen würde letzten Endes nur die Sicherheit von uns allen gefährden.
Ich erkenne an, daß die Vereinigten Staaten als eines der führenden Länder der freien Welt, als deren reichste und mächtigste Nation,
die die stärkste Währung der freien Welt hat und der wichtigste Bankier
für den Welthandel ist, besondere Verantwortungen tragen. Wir haben
alle diese Lasten nicht gesucht - aber genausowenig schrecken wir vor
ihnen zurück. Wir tun jeden klugen Schritt, um die Stärke des Dollars
zu erhalten, um unsere Zahlungsbilanz zu verbessern und um den Dollar
durch Ausweitung des Wachstums unserer Wirtschaft zu festigen.
Wir haben die Pflicht, die volle Konvertierbarkeit des Dollars in
Gold zu erhalten, und müssen zu dieser Verpflichtung mit all unserem
verfügbaren Gold und Kredit stehen. '«Vir haben den Wert des Dollars
nicht dadurch beeinträchtigt, daß wir Beschränkungen für seine Verwendung verfügten. Wir haben in Friedenszeiten unseren Bürgern keine Begrenzungen hinsichtlich des Dollarbetrages auferlegt, den sie eventuell ins Ausland mitnehmen oder senden wollen. Wir haben eine liberale
Handelspolitik befolgt. Und wir haben die Versorgung unserer Freunde
und Verbündeten mit Dollar und Gold fortgesetzt, damit sie ihre
Volkswirtschaften aufbauen und ihre Freiheit verteidigen konnten.

All

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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All das haben wir bereitwillig getan. Kein anderes Land oder
keine andere Währung hat so zahlreiche Lasten getragen. Wir können
und sollten sie aber nicht allein tragen. Ich weiß, die übrigen Länder erwarten nicht von uns, daß wir auf unbegrenzte Zeit hinaus
sowohl die Verantwortung für die Erhaltung einer internationalen
Währung als auch darüber hinaus noch einen unverhältnismäßig großen
Anteil der Kosten für die Verteidigung der freien Welt und die Förderung des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts in den weniger
entwickelten Teilen der Welt tragen. Die Sorge über unsere unausgeglichene Zahlungsbilanz ist nicht unsere Sorge allein, denn sie
ist nicht durch unser eigenes enges Selbstinteresse hervorgerufen
worden. Unser Defizit dürfte sich dieses Jahr auf etwa 1,5 Milliarden
Dollar stellen - eine beträchtliche Verbesserung gegenüber dem Defizit des vergangenen Jahres von 2,5 Milliarden Dollar und den noch
höheren Defiziten der vorangegangenen Jahre. Aber unsere gesamten Bruttoausgaben für militärische Zwecke im Ausland betragen allein 3 Milliarden Dollar. Unsere Dollarausgaben im Ausland für Hilfsprogramme
belaufen sich auf 1,3 Milliarden. Der Dollar selbst ist stark - und
unser kommerzieller Handel - ohne die mit Hilfsgeldern finanzierten
Exporte - erbringt einen Überschuß von fast 3 Milliarden Dollar. Kurz
gesagt, unser Zahlungsbilanzdefizit ist nicht die Folge einer monetären oder wirtschaftlichen Fehlentscheidung, sondern die Folge von
Ausgaben, die unser Volk für die Völker der freien Welt auf sich genommen hat.
Im Jahre 1946 verfügten die Vereinigten Staaten über 60 Prozent
der Goldbestände der Welt. Jetzt sind diese auf 40 Prozent zurückgegangen. Und in dieser Zeit haben wir rund 88 Milliarden Dollar für
die Verteidigung anderer und die Hilfe an andere ausgegeben. Die europäischen Länder allein erhielten rund 26 Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe. Als Folge hiervon entfällt auf die Vereinigten Staaten
nicht länger mehr ein unverhältnismäßig großer Teil des Goldes der
freien Welt, der wirtschaftlichen Stärke oder der wirtschaftlichen
Verantwortung.
Das ist der Grund, warum ich erneut betone: dies sind nicht
amerikanische Probleme, dies sind Probleme der freien Welt. Es sind
Probleme, die nicht von einem Land im Alleingang oder von vielen
gegeneinander arbeitenden Ländern gelöst werden können. Ihnen gilt
nicht ausschließlich die Sorge der Reichen oder der Armen, der Defizit- oder der Überschußländer. Wenn Lasten gemeinsam getragen werden,
dann gibt es keine übermäßige Belastung für irgendein einzelnes Land.
Wenn Risiken geteilt werden, dann sind die Risiken für alle geringer.
Und gemeinsame Anstrengungen zum Schutze des vor allem auf dem Dollar
basierenden internationalen Währungssystems sowie zur Aufteilung anderer Verantwortungen sind daher nicht auf Appellen an die Dankbarkeit oder gar Freundschaft begründet, sondern vielmehr auf dem harten
und realen Boden des Selbstinteresses und der Vernunft.
Selbstverständlich könnten die Vereinigten Staaten über Nacht
ihre internationale Zahlungsbilanz ausgleichen, wenn dies das einzige
von uns angestrebte Ziel wäre. Wir könnten unsere Truppen zurückziehen.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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zurückziehen, unsere Hilfe abbauen, sie völlig an Käufe in den
USA binden, hohe Zollschranken errichten und die Auslandsinvestitionen oder jede andere Verwendung amerikanischer Dollar einschränken. Eine solche Politik würde, das ist richtig, zu einer neuen
Ära der Dollarverknappungen, der Unsicherheit der freien Welt und
des amerikanischen Isolationismus führen, aber wir hätten das Zah-.
lungsbilanzproblem "gelöst".
Aber die grundlegende Stärke des Dollars macht solche Maßnahmen ebenso unnötig wie sie unklug sind. Sie wären nicht nur unvereinbar mit der Rolle der Vereinigten Staaten in der heutigen Welt;
sie wären - auf Grund der entscheidenden Rolle des Dollars - einfach
selbstzerstörerisch. Wir alle hier sind entschlossen, den einzigen
anderen möglichen Weg zu beschreiten - nicht den unannehmbaren Weg
der Restriktionen, der Isolierung oder der Deflation, sondern den
Weg einer wahren Zusammenarbeit - den Weg eines liberalen Zahlungsund Handelsverkehrs, einer Aufteilung der Kosten unserer NATO- und
unserer pazifischen Verteidigung, der Kosten für die Entwicklungshilfe der freien Welt-,den Weg der Zusammenarbeit bei Maßnahmen zur
Erhöhung der internationalen Stabilität, wobei andere Währungen
neben dem Dollar einen zunehmenden Anteil an dessen zentralen Verpflichtungen übernehmen.
Wir in den Vereinigten Staaten sind uns darüber im klaren, daß
unsere eigene Pflicht in dieser Hinsicht vordringlich Maßnahmen einschließt, um das Defizit in unserer Zahlungsbilanz abzubauen, und
zwar ohne daß wir Zuflucht zur Deflation nehmen oder uns in die Isolierung zurückziehen.
Ich habe auf dieser Tagung ganz offen gesprochen, weil diese
beiden erfolgreichen Institutionen, die Weltbank und der Währungsfonds, lange Zeit in einem Geiste der Offenheit floriert und sich
ständig als ein zuverlässiges Mittel erwiesen haben, flexibel und
wirksam neuen Anforderungen und neuen Aufgaben gerecht zu werden.
Dieser Geist der Zusammenarbeit, der Offenheit und der Initiative,
wird, dessen bin ich sicher, auch in Zukunft weiterbestehen. Denn
nur in diesem Geiste können wir hoffen, ein starkes Finanzsystem
der freien Welt mit stabilen Wechselkursen aufrechtzuerhalten, das
in der Lage ist, einen wachsenden Fluß des Handels und der Auslandsinvestitionen, ohne irgendwelche Diskriminierungen und Restriktionen,
zu unterstützen.
Ich habe überdies offen gesprochen, weil ich der Auffassung
bin, daß die gegenwärtige Stärke des Dollars uns in die Lage versetzt,
frei und offen und zuversichtlich zu sprechen. Es ist erreicht worden,
daß die Verantwortungen in einem gewissen Maße geteilt werden. Es
ist ein beträchtlicher Fortschritt beim Ausgleich unserer internationalen Zahlungsbilanz erzielt worden. Es ist ein neues Abkommen unter
zehn Industrienationen geschlossen worden, um die Mittel des Fonds
zu ergänzen, wobei besondere Abmachungen für Anleihen bis zu 6 Milliarden Dollar getroffen wurden; und die Durchführungsbestimmungen werden
vom amerikanischen Kongreß innerhalb der nächsten Wochen verabschiedet
werden. Ferner haben sich mehr informelle Absprachen zwischen den

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

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den wichtigsten Handelsnationen ergeben, um mit allen potentiellen
Belastungen oder Überraschungen fertig zu werden, die sich aus
plötzlichen Kapitalbewegungen ergeben könnten. Diese Abmachungen,
so möchte ich hinzufügen, schließen die Möglichkeit einer weiter
gefaßten und allgemeineren Anwendung ein - und die Vereinigten
Staaten werden immer gegenüber Vorschlägen aufgeschlossen sein, die
auf die Ausweitung dieser Abmachungen abzielen oder sonstwiei
das Funktionieren und die Leistungsfähigkeit des internationalen
ZahlungsSystems verbessern.
All dies gibt 'Anlaß zur Zuversicht - Anlaß, in noch stärkerem
Maße darauf hinzuweisen, daß keine Notwendigkeit für extreme oder
restriktive Maßnahmen besteht, daß die Spekulationen gegen den Dolla
ihren Reiz verloren haben und daß die Wirtschaft der Vereinigten
Staaten sich weiterhin in einem Rahmen ausweiten kann, der auf der
Aufrechterhaltung der freien Konvertibilität und der baldigen Erreichung des Zahlungsausgleichs basiert. Die Expansion unserer Binnenwirtschaft war - wenn auch nicht ganz in dem von uns erhofften Ausmaß - beachtlich, und, was von gleicher Bedeutung ist, sie ging
mit einer Stabilität der Preise einher. Die Großhandelspreise für
Industrieerzeugnisse liegen heute de facto niedriger als während der
Rezessionsmonate des Jahres 1961.
Trotzdem unterschätze ich die Herausforderung nicht, der wir
alle weiterhin gegenüber stehen. Der Erfolg unserer Anstrengungen,
die Prosperität derer, deren Wirtschaft floriert, auferlegen uns
einfach besondere Verpflichtungen und Aufgaben. Jahrhunderte vorher
schrieb schon der Essayist Burton voller Empörung von denen, "die
vom Geld besessen sind", statt es zu besitzen. Wir, die wir heute
hier zusammengekommen sind, wollen nicht von unserem Geld oder von
unseren monetären Problemen beherrscht werden. Wir wollen diese viel
mehr in Einigkeit und Großzügigkeit meistern - und wir werden dies
im Namen der Freiheit tun.

*

• *

*

*

#

�A M E R I K A

D I E N S T

Allg./5.10.1962
FREUNDE UND VERBÜNDETE
Von McGeorge Bundy
Sonderreferent für Sicherheitsfragen
des Präsidenten der Vereinigten Staaten

(AD) - Der nächst ehe nde ungekürzte
A r t i k e l von McGeo r g e Bundy ist der
Oktober-Ausgabe d e r amerikanischen
V i e r t e l J a h r e s z e i t seh rift "Foreign
A f f a i r s " entnomme n . Der Abdruck ist
nur mit der dem Text vorauszustellenden Angabe des Ve rfassers, der
Quelle und dem Ve rme rk "Copyright
1962, Council on ?or eign Relations',
Inc." gestattet.

Die Zeitschrift "Foreign Affairs" (Außenpolitik) ist vierzig
Jahre alt - und die moderne Außenpolitik der Vereinigten Staaten ist
noch nicht einmal zehn Jahre älter. Unsere heutigen Probleme - Probleme
der Technik, der Interessengegensätze, der Bündnisse und der Hoffnung
- stehen kaum noch in irgendwelcher Beziehung zu denen der Zeiten der
Gründerväter, der Bewährungsprobe eines Lincoln und selbst denen der
Tage des Werdens eines Cleveland, McKinley und Theodore Roosevelt. Der
August des Jahres 1914» in dem ein neues Blatt der Geschichte in bezug
auf die Aufgaben der Diplomatie und den unermeßlichen Schaden aufgeschlagen wurde, den normale, gebildete Menschen anrichten können,
erinnert uns daran, daß Woodrow Wilson an seiner Schreibmaschine und
alle seine Amtsnachfolger angesichts weltweiter Gefahren, weltweiter
Macht und damit auch weltweiter Verantwortung leben mußten.
Viele Kräfte haben Anteil an dieser revolutionären Entwicklung;
eine aber unter diesen, die auf den Betrachter unserer Geschichte
eine besondere Faszination ausübt, ist unsere plötzliche und mannigfaltige Konfrontierung mit einer Schar von Freunden. In herkömmlichen Begriffen besteht die bemerkenswerteste Wandlung unserer auswärtige:.
Beziehungen darin, daß wir heute förmliche Bündnisse mit 42 Ländern
unterhalten. Überdies handelt es sich dabei meist nicht lediglich um

-

1

-

�"AMERIKA DIENST"
5 . O k t o b e r 1 962
um f o r m e l l e Bindungen in Gestalt bestimmter Even t u a l Verpflichtungen, sondern
um w i c h t i g e , von Tag zu Tag i n F u n k t i o n b e f i n d l i c h e V e r b i n d u n g e n .
Neben d i e s e n B ü n d n i s s e n p f l e g e n w i r f e r n e r w i c h t i g e A r b e i t s b e z i e h u n g e n ,
v o r a l l e m i n A f r i k a und A s i e n , zu Dutzenden von N a t i o n e n , mit denen
wir b e f r e u n d e t , wenngleich n i c h t verbündet s i n d .

II
Das Zentralproblem liegt bei all diesen Beziehungen in der Herstellung der Wechselseitigkeit. Wir haben eine einzigartige Position
in der nichtkommunistischen Welt mit unserer Stärke und unserem Reichtum. Einzigartig ist auch das Register der Hilfeleistung, die wir nahezu jedermann gewährt haben. Es war dies unser freier Wille. Unsere
Hilfe für andere zielte darauf ab, unseren eigenen weitgespannten
Interessen zu dienen, und sie hat dies auch, von einigen Ausnahmen
abgesehen, getan. Was wir aber nach 1945 für so viele tun mußten, das
sollten wir jetzt für viele Länder nicht mehr allein - und für manche
Länder überhaupt nicht mehr - tun müssen. Gleichzeitig müssen wir
den Bedürfnissen anderer Länder innerhalb und außerhalb der westlichen
Hemisphäre Rechnung tragen, die im ersten Jahrzehnt nach dem zweiten
Weltkrieg nicht auf unserer Dringlichkeitsliste standen.
Wir sind somit gezwungen, zu neuen Beziehungen des gegenseitigen
Respektes und des gemeinsamen Handelns auch mit denjenigen zu gelangen,
denen wir traditionsgemäß verbunden sind. Einige unserer ältesten
Freunde erheben, zu neuer Stärke gelangt, glücklicherweise ihre Stimme
wieder lauter in der Weltpolitik - und dort, wo ihre Anstrengungen
ihren Ansprüchen gleichkommen, ist es nicht nur notwendig, sondern
erfüllt es uns auch mit Befriedigung, ihren Wünschen nachzukommen.
Andere wiederum haben sich, so stolz und tapfer sie auch sind, daran
gewöhnt, nicht nur unsere Stärke, sondern auch unseren Reichtum in
einer Art und Weise hinzunehmen und sich darauf zu stützen, die zu
nichts Gutem führen kann, wenn nicht entsprechende Anstrengungen
zur Selbsthilfe hinzukommen. Dabei ist keiner unserer Bundesgenossen
unwichtig für uns - keiner, der nicht Anspruch hätte, von uns in angemessener und produktiver Weise unterstützt zu werden. Unsere Aufgabe ist es nun, unser Verhalten so einzurichten, daß wir unsere
Verpflichtungen erfüllen, unsere Verbindungen aufrechterhalten, die
Selbsthilfe fördern können, und zwar immer auf der Basis der Wechselseitigkeit. Das ist nicht einfach.
Das halbe Dutzend der Bündnisse, in denen diese über vierzig Partner vereinigt sind, ist hinsichtlich der formalen Bestimmungen durch
eine Familienähnlichkeit gekennzeichnet, die die große Mannigfaltigkeit der vorliegenden realen Beziehungsverhältnisse verdeckt. Der leidenschaftliche Drang nach solchen Verträgen, der die Mitte der fünfziger Jahre kennzeichnete, rührte von einer ziemlich einfachen Reaktion auf den Korea-Krieg her. Wir haben gelernt, daß es auch angesichts des Bestehens der Gefahr einer solchen direkten Aggression noch
andere Gefahren gibt, gegen die ein Pakt keine automatische Sicherheit

�"AMERIKA DIENST"

5. Oktober 1962

Sicherheit bietet. Die Zeit hat jedoch deutlich werden lassen, was
die Formen verdeckten, und wir erkennen heute, daß die 3EAT0 nicht
dasselbe wie die NATO ist; nicht alle ihre Mitglieder haben gemeinsame Interessen oder Zielsetzungen, die nach Gewicht und Wesen jenen
entsprächen, welche das Atlantische Bündnis zusammenhalten. Als
zentrale Macht dieses Bündnisses unterhalten wir echte und bedeutsame Beziehungen zu allen seinen Mitgliedern - doch ist die Bedeutung
unserer eine Schlüsselposition einnehmenden Beziehungen zu einem
Land wie Thailand in diesem Bereich verschieden von der Bedeutung
unserer Beziehungen zu einigen anderen weniger exponierten Ländern;
wenn derselbe Vertrag dazu benutzt wird, alle zu erfassen, dann muß
man vom Papier wegsehen und den Blick auf die Tatsachen richten.
Selbst in der NATO besteht eine dauernde Spannung zwischen der
formalen Identität der gegenseitigen Garantien und den realen Beziehungen der Mitglieder untereinander. Das Bündnis ist nicht nur
durch seine in Funktion befindlichen Paragraphen definiert, ebensowenig wie es nur durch die ihm formell zugewiesenen Streitkräfte definiert ist. Es ist nicht einmal restlos definiert durch das volle
Maß der Beziehungen, die alle seine Mitglieder untereinander unterhalten. Die Sicherheit Schwedens oder Österreichs ist aufs engste
verquickt mit dem, was die NATO ist und tut, Die NATO ist notwendig
für die Sicherheit ganz Europas und Nordamerikas. Es ist gefährlich
zu glauben, die ganze Bedeutung dieser großen Allianz beruhe auf einem
Einzelelement ihrer Existenz, und in diesem Punkt kann man General
de Gaulle beipflichten, wenn er betont, daß die Organisation und das
Bündnis nicht dasselbe seien. Seine eigene Vorstellung von den richtigen Verhältnissen mag nicht die unsere sein, aber er hat recht,
wenn er uns daran erinnert, daß keine so wichtige Sache ganz und gar
in den Begriffen bestimmter, gegebener Verfahren definierbar ist.
In allen unseren Bündnissen, mögen sie auch der Form nach
multilaterale Bündnisse sein, sind die bilateralen Linien von und
nach Washington von besonderer Bedeutung. Selbst in der NATO, die
noch andere wichtige Mächte umfaßt und wo man allgemein hofft, daß ein
neues Europa eine Partnerschaft auf neuer Ebene mit uns einzugehen
vermöchte, ist den Linien von London oder Bonn nach Washington
große Bedeutung beizumessen. Falls Frankreich und die USA einen Ausweg aus ihren achtbaren Differenzen finden - den zu suchen sich die
gegenwärtige Regierung in Washington größte Mühe gibt -, werden andere
klarer erkennen, daß die Linie Paris-Washington ebenfalls eine entscheidende Kraftlinie ist. Die Bedeutung dieser Linie ist freilich
auch offenkundig, wenn sie - wie gegenwärtig - vorübergehend und teilweise gestört ist. Beide Länder bleiben einander verbunden durch gemeinsame Interessen, neben denen ihre Differenzen gering erscheinen,
und die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten hindern die USA bestimmt
nicht daran, Frankreich und seinem Präsidenten große Hochachtung entgegenzubringen. Die aufrichtige Anerkennung solcher Differenzen kann
sogar ein Schritt zu einem besseren Verständnis sein. Sie ist jedenfalls mehr wert als die leichtfertige Annahme, daß eine Einigung sich
immer finden lasse, wenn man bloß auf die unausgesprochenen Wünsche
oder Forderungen der anderem eingeht.
Die

�AMERIKA DI MST 1

5. Oktober 1962

Die Störung unserer Beziehungen zu Frankreich führt von selbst
zu der Frage der Nuklearbeziehungen zwischen den Verbündeten. Von
vordringlicher Wichtigkeit ist hier nicht die Frage, welche Rolle
die Europäer möglicherweise einmal spielen werden. Das ist wohl
ein bedeutsames und überaus schwieriges Problem, das jedoch nüchtern
durchdacht und diskutiert werden muß, was wahrscheinlich noch lange
Zeit in Anspruch nimmt. In einer solchen Diskussion werden die Vereinigten Staaten bestrebt sein, sich als aufgeschlossener Partner
zu zeigen. Worum es aber heute geht, hat unser Präsident wiederholt
und mit Nachdruck klargestellt. Es geht darum, daß wir uns verpflichtet haben, jetzt und soweit wir in die Zukunft blicken können, das
Bündnis mit unserer Kernwaffenmacht zu unterstützen. Wir haben die
Verpflichtung zur Verteidigung Europas weder leichtfertig noch mit
einem Vorbehalt übernommen. Zur Erfüllung unserer überaus feierlichen
und wohlüberlegten Verpflichtungen kommt unsere ganze Macht dem gesamten nordatlantischen Raum zugute. Das ist zugleich ein Grundprinzip, ein Dispositionsfaktum und eine zwingende Forderung der nuklearen
Strategie.
Angesichts dieser Realität ist ein Großteil der jüngsten dialektischen Diskussionen über Details der Kernwaffentaktik geschwollener
Unsinn. Wo und wie die nukleare Abwehr der NATO bereitgestellt und eingesetzt werden soll, ist natürlich wichtig, aber diese Fragen sind
völlig der Realität untergeordnet, daß die gesamte Stärke der USA
einschließlich ihrer gesamten Kernwaffenmacht für die Freiheit Europas
eingesetzt ist - und das ist nur eine Umschreibung der Binsenwahrheit,
daß sie für unsere eigene Freiheit eingesetzt ist. Und dabei handelt
es sich nicht um eine für einen bestimmten Augenblick oder von einer
bestimmten Regierung ausgesprochene Zusage. Das ist die Zusage eines
Volkes, die es klar und deutlich gegeben hat nach gründlichem Überdenken eines halben Jahrhunderts unserer Geschichte, das wegen der
Ungewißheit über eben diesen Punkt so schmerzlich verlaufen ist.
Noch ein weiterer Grund verlangt Klarstellung dieses Punktes:
die Welt kann das Risiko eines Mißverständnisses auf der anderen Seite
der Mauer nicht eingehen. Die Zwillingsgefahren des Atomzeitalters
sind Unentschlossenheit und Waghalsigkeit. Wir haben unter drei Regierungen versucht, beide Gefahren zu vermeiden. Durch die Klarheit
ihrer Selbstverpflichtung zur Wahrnehmung evident lebenswichtiger
Interessen und ihre uneingeschränkte Ablehnung jeglicher nuklearen
Abenteuerpolitik wollen die USA ein Beispiel geben, das uns alle,
falls es anderswo Schule macht, vor dem Kernwaffenkrieg zu behüten
vermag. Dabei kann es uns nicht'helfen, wenn in besonderer Absicht
Zweifel von jenen zum Ausdruck gebracht werden, deren Sicherheit
unter unserem Kernwaffen schirm aufs eindeutigste garantiert ist.

Viele unserer Freunde sind Verbündete, während andere von dieser
Form der Bindung Abstand nehmen. Es wäre jedoch keineswegs folgerichtig, unsere ungebundenen Freunde immer gegenüber unseren Verbündeten zurückzusetzen. Wir haben in unserer Geschichte selbst lange

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lange genug die Neutralität gewählt, um eine ähnliche Wahl anderer
Länder anzuerkennen und zu respektieren- und keiner unserer yerbündeten hat sich uns anders denn aus freien Stücken angeschlossen. Wir
nehmen innigen Anteil an den Bemühungen um eine stabile und fortschrittliche freiheitliche Ordnung, die zur Zeit in kleinen Staaten
und großen Subkontinenten so tapfer vorangetrieben werden. Diese
Anteilnahme wird nicht durch das Fehlen eines förmlichen Bündnisses
aufgehoben - ebensowenig wie das begründete Bestehen eines Bündnisses
jene zu abwegigen Verdächtigungen berechtigt, die ihm nicht beitreten
wollen.
Die Bedingung der Wechselseitigkeit ist jedoch ebenso wicl.tig für
die ungebundenen Freunde wie für die engagierten Freunde. Einige der
ersteren neigen dazu, unser Wohlwollen als sicher vorauszusetzen und
anzunehmen, daß sie in der Vertretung ihrer besonderen Interessen und
Vorstellungen uns gegenüber demgemäß bis an die äußerste Grenze gehen
könnten. Doch selbst wenn man die Sonderprobleme und Sonderanliegen
der stürmischen neuen Nationen in aller Einsicht und Großzügigkeit in
Rechnung stellt, so haben wir es immer noch mit einer weltumspannenden
Gemeinschaft zu tun, in der die Interessen aller - auch der reicheren,
über mehr militärische Macht verfügenden Staaten - Respekt verdienen.
Es ist enttäuschend, daß ein paar Leute, die selbst überaus empfindlich sind, sich anscheinend ein Vergnügen daraus machen, uns die
niedrigsten Motive zu unterstellen. Man kann nur hoffen, daß amerikanische Journalisten aufhören, sich zu entschuldigen, wenn sie solchen
sensiblen Politikern faire Fragen stellen.
Glücklicherweise sind die meisten unserer neutralen Freunde wirkliche Freunde. Wir werden festhalten an unserer Achtung ihrer Neutralität, an unserer Anteilnahme an ihrer Weiterentwicklung, an unserem
Glauben, daß ihr selbständiger Fortschritt zutiefst im gemeinsamen
Interesse der Menschheit liegt. Weil wir selbst ein junges Volk,
ein neues Kapit 1 der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte sind,
können wir den Stolz und das Wollen der neuen Länder nachempfinden
und tun es auch in plötzlichem Innewerden.
Sie haben ebensowenig wie wir die neue Aufgabe schon gelöst,
die vernünftigen Bedingungen einer Zusammenarbeit für ihre Entwicklung und den gemeinsamen Frieden festzulegen. Selbst - unsere kurze Erfahrung gestattet den Schluß, daß einfache Formeln wahrscheinlich
falsch sein werden und daß in dieser neuen Beziehung weder die Politik
noch die Virtschaft im Sinne ihrer normalen Begriffsbestimmung Anspruc
auf eine ausschließliche Vorrangstellung haben. Wir brauchen uns
nicht zu entschulaigen, wenn wir solchen bemerkenswerten Ländern wie
Indien und Pakistan und den Bestrebungen und Problemen unserer Nachbarn in Lateinamerika eine besondere Wichtigkeit beimessen. Unter
einem ganz anderen Gesichtspunkt müssen wir anerkennen - und wir tun
dies auch tatsächlich -, daß was mit einigen wichtigen Handelswaren
gesche en wird, die das Frühstück in aller Welt ausmachen, für viele
junge Volkswirtschaften wichtiger ist als die langfristigen Kredite, d
Washington mühsam zuwege bringt.
Tatsächlich

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Tatsächlich können die Schwierigkeiten dieser neuen Beziehungen
leicht zu Enttäuschung und Zynismus führen. Wir dürfen nicht vergessen, wie ungewöhnlich es ist, daß unabhängige Staaten eine echte
wirtschaftliche Zusammenarbeit untereinander anstreben, und wie wenig
geschichtliche Erfahrung uns auf beiden Seiten als Richtschnur dient.
Wir sollten beiderseits den Preis eines Versagens im Auge behalten.
Und wir sollten einsehen, daß in einer Gesellschaft, die ihre Energien
und ihr Gewissen lebendig erhält, immer neue Aktionsmittel ins Treffen
geführt werden. Das Friedenskorps hat gegen mehr Skeptizismus, als
viele heute wahrhaben möchten, eindeutig bewiesen, daß eine gute
Idee, von guten Männern und Frauen ins Werk gesetzt, noch immer zählt.
Ein merkwürdiges und besonderes Problem unserer Beziehungen mit
den vielen neuen Staaten liegt in unseren etwas divergierenden Ansichten über die Vereinten Nationen begründet. Für uns sind die Vereinten Nationen sowohl eine große Hoffnung als auch eine unerläßliche
Realität; sie sind auch eine Kraft, für die unsere ständige Unterstützung von Anfang an lebenswichtig war. Wir schließen aus dieser
Tatsache keineswegs, daß die UN nur tun müßten, was wir wollen; '
unser New Yorker Führungszeugnis sucht, was das Eingehen auf die Interessen anderer betrifft, seinesgleichen. Unser unablässiges Beharren auf der Bedeutung der UN als Gesprächsforum und als Handlungsrahmen hat uns gelegentlich in Gegensatz zu wichtigen Verbündeten
gebracht.
Diese langjährige politische und wirtschaftliche Unterstützung
der UN hat uns aber gelehrt, daß sie wie andere nur von Menschen geschaffene Institutionen immer dann am besten funktioniert, wenn sie
in der Tatsachenwelt funktioniert. Wir können sie nicht lediglich
als eine Abstimmungsmaschine betrachten, die dazu dient, einfache
Gefühle auszudrücken. Die berechtigten Aspirationen aller Menschen
entsprechen nicht den derzeitigen faktischen Möglichkeiten eines
jeden abhängigen - oder erst seit kurzem unabhängigen - Gebietes.
Und die natürlichen Gefühle derjenigen, die den Kolonialismus als das
einzige große Übel ansehen, sind nicht immer die beste Richtschnur,
wenn es zu handeln oder abzustimmen gilt. Die Vereinten Nationen vermögen viel, doch können unverantwortliche Voten sie teuer zu stehen
kommen. Unsere eigenen Bemühungen werden nach wie vor darauf gerichtet
sein, alles nur mögliche zu tun, um eine vernünftige Weiterentwicklung
zu begünstigen und eine Schädigung der Vereinten Nationen durch Mißbrauc
ihres Forums zu verhüten. Wir werden aber weiterhin einen Platz in
der ersten Reihe derer anstreben, die den friedensfördernden Einfluß
der UN sowohl zum Ziel als auch zum Mittel der Politik erheben.
IV
Auf diese oder jene Weise erhalten alle unsere Militärbündnisse
ihre gegenwärtige Bedeutung hauptsächlich durch die Bedrohung, die
das kommunistische Expansionsstreben darstellt. Sie sind sämtlich defensiv, und es ist eindeutig die kommunistische Macht, gegen die sie
sich heute zur Wehr setzen müssen. Mit Ausnahme unserer Bindungen
innerhalb der eigenen Hemisphäre hat ja die kommunistische Gefahr

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Gefahr diese Bündnisse notwendig gemacht. Aber weil wir so zahlreich
und vielgestaltig sind und weil wir von den verschiedenen Zentren
der kommunistischen Aggressionsunternehmungen verschieden weit entfernt sind, haben wir von der kommunistischen Gefahr nicht alle dieselbe Vorstellung. Für die Vereinigten Staaten hat sie eine besondere
und einzigartige Bedeutung, sei es auch nur, weil die Kommunisten
ohne uns überall unwiderstehlich wären. Es trifft sich deshalb günstig,
daß unter den Ansichten der 40 Verbündeten die unsrige etwa die Mitte
hält.
Wir sind - außer in den vorübergehenden und unrühmlichen Ängsten,
die mit dem Namen Joseph McCarthy verknüpft sind - nicht der Idee
verfallen, daß leidenschaftlicher Antikommunismus die einzige politische Richtschnur sein müsse. Als Volk haben wir vielmehr nie aufgehört, eine zuverlässige Besserung unserer Beziehungen zur Sowjetunion zu erhoffen und vorzugsweise zu erstreben. Diejenigen unter uns,
die aus blankem Haß Politik machen möchten, waren in beiden Parteien
nie mehr als eine Minderheit. Der Sieg, den wir erstreben, ist nicht
ein Sieg der bösen '«orte - und noch weniger ein Sieg des sinnlosen
Infernos.
Gleichzeitig haben wir uns seit dem zweiten Weltkrieg nicht den
angenehmen Luxus geleistet, zu glauben, der Bär werde sich in einen
hilfsbereiten Bernhardiner verwandeln, wenn wir ihn nur freundlich
behandeln. Wir finden keinen naturgegebenen guten '.Villen in den
Annalen, die noch immer als unausweichliche Tatsachen die Schließung
des Eisernen Vorhengs und den Tod der freien Tschechoslowakei verzeichnen, die Berliner Blockade und den Überfall in Korea, das Blutbad
von Budapest und die Unmenschlichkeit der Mauer. Es ist vielleicht
nicht zu ändern, daß es unter unseren Freunden einige gibt, die aus
jedem neuen Sowjeträtsel eine Reform herauslesen, aber es ist auch
gut, daß wir skeptisch sind.
Unter den Alliierten gehören wir also zu den Gemäßigten. Wir
betrachten die Sowjetmacht als eine große Realität, die unbestimmt
aber eng mit dem rotchinesischen Ungeheuer verflochten ist. Gemeinsam
mit unseren Verbündeten müssen wir verhindern, daß diese Macht in
Versuchung geraten könnte, sich 'durch offene Aggression auszubreiten.
Wir müssen uns ihren andauernden Bemühungen widersetzen, durch Verschwörungen und Täuschungen Boden zu gewinnen; wir können und wollen
nicht danach streben, sie durch Krieg zu bezwingen. Wir werden in
unserer Bereitschaft zur Abwehr von Angriffen nicht hinter anderen
zurückstehen - aber im Streben nach einem redlicheren Austausch,
einer gleichmäßigeren Kommunikation und einer klareren Anerkennung
der Tatsache, daß der Frieden im gemeinsamen Interesse liegt, müssen
wir immer die ersten bleiben.
Freilich ist dabei stets im Auge zu behalten, daß diese Politik durch Fehleinschätzungen oder Provokationen seitens der Kommunisten in Frage gestellt werden kann. Fortgesetzte und unmotivierte
Verleumdungen im Zuge eines Krieges mit Worten, der die verbindlichen
Töne zunehmender diplomatischer Höflichkeit Lügen straft, können den

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den Frieden gefährden. Noch gefährlicher ist mit Drohungen
gepaarter Druck, der sich gegen einwandfreie, wohlgesicherte
Rechte richtet. Unsere Stärke und unsere Entschlossenheit sind
solchen Herausforderungen gewachsen, aber die Geduld selbst der
vorsichtigsten Demokratie ist niemals grenzenlos. Wir werden uns
auch weiter beharrlich weigern, mit gleicher Münze zurückzuzahlen,
aber wir werden auch weiterhin beharrlich darauf hinweisen, daß
eine solche einseitige Abenteuerpolitik sowohl einer echten Großmacht schlecht ansteht als auch unweigerlich Gefahren heraufbeschwört .
Mit dieser entschlossenen, aber gemäßigten Haltung sind viele
unserer Verbündeten zufrieden, einige sind bemüht, uns Zügel anzulegen, einige andere sind dagegen wegen unserer Zurückhaltung
besorgt. Wir stehen zwischen diesen verschiedenen Verbündeten und doch halten wir auch mit ihnen allen zusammen. Denn letztlich
steckt eine Realität in allen unseren Bündnissen und in unserer
Rücksichtnahme auf alle unsere Verbündeten.
Das ist auch der Grund, weshalb wir bei der Diskussion über
unsere zahlreichen Freunde die letzten Anmerkungen unseren Verbündeten widmen müssen. Es besteht Gefahr, und zwar eine handgreifliche Gefahr. Diejenigen, die diese Gefahr erkennen und darauf durch
kluges, aber entschiedenes Handeln reagieren, haben ihre Wahl getroffen, nicht abseits zu stehen und nicht so zu tun, als ob die
beiden Großmächte, v/eil es nur zwei davon gibt, einander (in irriger
Logik) irgendwie gleichen müßten. Wir achten diese Wahl, und ihretwegen haben wir wechselseitige Verpflichtungen eingelöst und werden
ihnen weiter nachkommen.
V
Schließlich kommen wir zu der Frage, was wir selbst von unseren
Freunden verlangen können. Sie wird allzu häufig übergangen aus gewissenhafter, aber unvollständiger Sorge um das, was die anderen
denken und wünschen. Sowohl von den Neutralen als auch von den Verbündeten dürfen wir rechtens dasselbe erwarten, was sie von uns verlangen: Verständnis dafür, daß wir eine eigene Rolle zu spielen und
eigene Interessen zu vertreten haben. Unsere Macht und Verantwortung
sind jetzt so augenfällig - so ganz und gar selbstverständlich
geworden -, daß man leicht vergißt, was sie für uns bedeuten. So
kommt es, daß enge Verbündete in seelenruhigem Vertrauen auf unsere Fähigkeit, den Kernwaffenschild hochzuhalten, leicht die Kosten
und Mühen dieser Aufgabe außer acht lassen. Das Urteil über die
Vor- und Nachteile von Kernwaffenversuchen und Testverboten, die wir
vollverantwortlich zu wägen haben, können andere mit unbekümmertem
Optimismus fällen, weil sie sich auf uns verlassen. Die Abrüstung
ist einfach für den, der sich frei von Verantwortung fühlt.
Noch einschneidender und für alle Beteiligten noch schwerer zu
verstehen ist die Tatsache, daß wir uns jetzt ebenfalls in der vordersten Gefahrenzone befinden. Altgewohnte, tiefeingewurzelte geographische Vorstellungen weichen nicht ohne weiteres der Faktizität

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�ST"

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tizität der 3 jenwart auf beiden Seiten des Atlantiks, aber vielleicht
^r
: ir
.;-&gt; Ile^lität klarer erfaßt als einige unserer europäischen Freunde. Der allgemeine Kernwaffenkrieg, den die Veit fürchtet,
wäre eine Katastrophe für das Menschengeschlecht, doch über den stärksten Kitgliedern der beiden mächtigen, einander gegenüber stehenden
Allianzen würden sich seine Schrecken mit größter Sicherheit entladen.
Die gegenwärl ige Gefahr nimmt keines der beiden Gestade des Atlantiks
aus und macht auch keinen Unterschied zwischen Hamburg und San Francisco. Wir können den Wunsch einiger verstehen, mit den prometheischen
Kräften der Kernwaffen nichts zu tun zu haben, ebenso wie den anderer,
ihren Schutz zu genießen, ohne das damit verbundene Risiko auf sich
zu nehmen. Und während wir auf Grund unserer Erfahrungen mit den Kosten
und Lasten der echten Mitgliedschaft im.Klub der Kernwaffenmächte meinen,
daß sich jene Länder weise verhalten, die nicht ihre Aufnahme betreiben,
müssen wir voll anerkennen, daß es nicht unsere Sache ist, diese souveräne Entscheidung für andere zu treffen. Aber wir dürfen vernünftigerweise auch Verständnis dafür erwarten, daß unser eigener Platz im Zentrum der Kernwaffenkonfrontation unausweichlich festgelegt ist.
Aus dieser Konfrontation erwachsen uns sowohl Verantwortung als
euch Sorgen. Gerade die Ernsthaftigkeit unserer NATO-Verpflichtungen
hat somit zur Folge, daß wir uns über die Leichtfertigkeit wundern, mit
der diese Verpflichtungen aus geringem Anlaß in Frage gestellt werden.
Ähnlich ist es unsere Kenntnis der Kernwaffengefahren, die uns zu
einem zweigleisigen Vorgehen veranlaßt, was aber wiederum einigen Verbündeten ehrliche, aber in Mißverständnissen begründete Sorgen bereitet.
In erster Linie suchen wir beharrlich nach der besten und wirksamsten
Regelung sowohl in technischer Hinsicht als auch in bezug auf die militärische Disziplin, um sicherzustellen, daß die Kernwaffen dann - aber
nur dann - eingesetzt werden, wenn die Zentrale den Befehl dazu gibt.
In zweiter Linie bleiben wir unermüdlich bestrebt, irgendein praktikables
und zuverlässiges Übereinkommen zu treffen, das die allgemeine Kernwaffengefahr einschränkt und der Welt größere Sicherheit gewährt.
Wir wissen besser als jede andere Nation, 'ie wenig ernsthaftes
Entgegenkommen die Sowjetunion bisher in Wort und Tat gezeigt hat. Aber
wir werden die vernünftige, notwendige, menschliche Suche nach einem
brauchbaren Übereinkommen nicht aufstecken. Darüber hinaus werden wir
immer die Risiken des Abkommens an den Risiken des uneingeschränkten
Wettbewerbs messen, und wir gedenken nicht, uns von diesem Kurs durch
Leute abbringen zu lassen, die auf dieser oder jener Seite der Auseinandersetzung die eine Gefahr herausstreichen und die andere ignorieren.
Außerhalb des nuklearen Bereichs, in dem das gegenseitige Verständnis auch die bestehende Tatsache unserer besonderen Verantwortung einschließen muß, lassen sich unsere Ansprüche an unsere Freunde auf die
Formel der Wechselseitigkeit bringen. Was wir an Respekt vor unseren
Überzeugungen und an Rücksichtnahme auf unsere Besonderheiten verlangen,
müssen wir auch bereitwillig anderen entgegenbringen. In einer weiteren
Beziehung dürfen wir vielleicht besonderes Verständnis beanspruchen:
da wir die meiste Macht besitzen, haben wir auch die meisten Bindungen und daraus ergeben sich für uns besonders zahlreiche Interessenkonflikte.
Interessen und auch Sympathie können uns in zwei und mehr Richtungen

Q

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Richtungen ziehen. Wer eine solche Wahl für leicht hält-, dürfte
sich irren, und unsere Politik wird uns oft zu Stellungnahmen veranlassen, die beide Seiten mißbilligen. Es kommt uns zu, diese
Verantwortung kühl auf uns zu nehmen - so wie wir dies in den letzten
Jahren in unterschiedlicher Weise im Kongo, in West-Efeuguinea, in
der Dominikanischen Republik und im Mittleren Osten versucht haben.
Es ist ebenso billig, daß wir allgemeines Verständnis für diese unsere
Lage verlangen, wie es töricht wäre, dem Beifall der jeweils interessierten Parteien in jedem Einzelfall zu erhoffen.
Und schließlich sind da die Dinge, die uns als Volk besonders
zu schaffen machen. Nationen haben genau wie Einzelmenschen ihre Überzeugungen, die zu bestimmten Zeiten nicht diskutabel sind. Die unsrigen sind begrenzt, aber real. Sie mögen vielleicht nicht universale
Billigung finden, doch täte man gut daran, sie verstehen zu lernen.
Unsere Ansichten über Rotchina und Kuba zum Beispiel sind unseres
Erachtens samt und sonders stichhaltig begründet. Wir verlangen nicht,
daß andere, die dem nicht beipflichten, ihre Meinung ändern oder auf
unsere Freundschaft verzichten. Aber sie sollten einsehen, daß es der
internationalen Verständigung nicht förderlich ist, mit bequemer
Selbstgerechtigkeit zu versichern, solche Vorstellungen seien "völlig
abwegig". Wir hegen sie jedenfalls. Es liegt in ihrem eigenen Interesse,
unsere Gründe zu prüfen und unsere Überzeugungen zu respektieren.
Die angemessene Betonung der eigenen nationalen Interessen darf
uns - und ebensowenig unsere Freunde - freilich nicht blind machen
für weiter ausgreifende Anforderungen. Die sich abzeichnende Gesellschaft freier Nationen kann und soll nach unserer Ansicht eine solche
Gestalt annehmen, daß dabei den Lebensinteressen aller Beteiligten
gemeinschaftlich gedient wird. Wir versuchen nicht, für uns zu gewinnen, was wir anderen verweigern würden. Selbst bei der makabren
Aufgabe der nuklearen Abschreckung können wir teilen, sofern bei
einer solchen Teilung Gleichheit herrscht. Und am erfreulicheren
Ende des Spektrums der gegenwärtigen Situation liegt uns nichts mehr
am Herzen, als daß alle Völker einen Weg zu Gesittung und Hoffnung
im rein Menschlichen finden werden. Unbeschadet aller unserer nationalen
Schwächen scheuen wir keinen Vergleich hinsichtlich der Tiefe und
Lauterkeit unserer Hingabe an diesen Vernunfttraum.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

DAS GEGENWÄRTIGE STADIUM DES KALTEN KRIEGES

von Walt W. Rostow
Vorsitzender des politischen Planungsrates
des US-Außenministeriums

Vortrag vor der Ernst-Reuter-Gesellschaft

gehalten am 18. Oktober 1962
im Auditorium maximum der Freien Universität Berlin

�M S GEGENWÄRTIGE STADIUM DES KALTEN KRIEGES

Meine allererste, ehrenvolle Aufgabe heute abend ist es, Ihnen
die Grüße des amerikanischen Präsidenten zu übermitteln. Er weiß
von unserer Zusammenkunft und weiß auch, was ich Ihnen sagen werde.
Es ist ganz unnötig, daß ich Ihnen hier nochmals versichere, wie eingehend er sich mit der Situation der Stadt und ihrer Zukunft
beschäftigt.
Kein Amerikaner kommt in diese Stadt ohne weit zurückreichende
Erinnerungen, ohne große Bewunderung und ohne das Bewußtsein der
lebenswichtigen gemeinsamen Verpflichtungen, die die Männer, Frauen
und Kinder Berlins mit unserem Volk und der gesamten freien Y/elt verbinden.
Meinen ersten Besuch stattete ich dieser Stadt im späten Frühjahr
1946 ab, als ich hierher kam, um mit General Clay und General Draper ein
Dringlichkeitsprogramm für die Kohlenbergwerke und Bergleute ah der Ruhr
auszuarbeiten, das Stahl, Ausrüstungen, Wohnungen und Lebensmittel betraf
und einer der ersten grundlegenden Schritte zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands und Europas war. Ich befand mich zur Zeit der Luftbrücke von 1948 und 1949 in Europa und beobacht'ete aus nächster Nähe den
diplomatischen-Vorgang, wie Ihr Mut und Ihre Haltung auf der einen Seite
in Verbindung mit dem Erfolg der Luftbrücke auf der anderen Seite Stalin
veranlaßten, seinen brutalen indirekten Angriff auf Sie einzustellen.
Ich war wiederum hier im Frühjahr 1959* nachdem ich mich drei
Wochen in Osteuropa aufgehalten hatte. Niemals werde ich vergessen,' wie
ich aus dem trostlosen Schattenleben im Osten in dieses lebendige Zentrum
der Demokratie, westlichen-Lebens und westlicher Werte im weitesten Sinne
gelangte. Was Sie aus Berlin seit 1945 gemacht haben, das ist ganz
offensichtlich eine der größten schöpferischen Leistungen der Nachkriegsjahre.
Ich habe jetzt die Ehre, als Angehöriger meiner Regierung hierherzukommen, mit Ihren Repräsentanten über langfristige Pläne für die

- 1-

�die Zukunft Berlins zu sprechen und heute abend, mit Ihnen zusammenzusein«
Meine Aufgabe in Vfashington ist Planung, und ich muß daher
bestimmte Probleme des sehr umfangreichen Gebiets der Militär- und
Außenpolitik bearbeiten. Mit der Auswahl der Schlüsselprobleme der
Planung befaßt, gehört es zu meiner Arbeit, sozusagen den gesamten
Radarschirm der Weltpolitik zu beobachten, vorauszudenken, zu beurteilen, wo wir in der freien Welt im kalten Kriege stehen und in
welcher Richtung wir uns bewegen, die GrundStrömungen aufzudecken
und die Probleme der Zukunft zu identifizieren, an denen wir schon
jetzt arbeiten müssen.
Ich glaube, es dürfte für Sie interessant sein, wenn ich heute
abend gemeinsam mit Ihnen eine derartige globale Lagebeurteilung
anstelle, wie es auch sonst meine Aufgabe ist. Das Thema ist einfach:
wir stehen an einem Punkt sowohl großer Bedrohung als auch großer
Hoffnung im kalten Kriege. Die Bedrohung ist sichtbar genug - hier
in Berlin, in Vietnam, in Kuba und an vielen anderen Gefahren-,
Konflikts- und Spannungsherden. Auf der anderen Seite sind mächtige
Kräfte der Geschichte am Werk, um die freie Welt zu einigen und zu
stärken und um die Gefahr, die uns augenblicklich von den kommunistisch
beherrschten Ländern droht, abzuschwächen und zu zersplittern. Unsere
gemeinsame Aufgabe ist es, fest und geeint zu bleiben - mehr denn je
zuvor - und gleichzeitig im Sinne des Geschichtsverlaufs zu wirken,
denn letzten Endes wird die Geschichte von entschlossenen Männern
und Frauen gestaltet. Aber lassen Sie mich weiter ausholen.
Ich möchte heute abend viererlei versuchen. Erstens möchte ich
Ihnen ein Bild von der Entfaltung unserer eigenen Politik in den vergangenen 22.Monaten geben, zweitens dann die Ereignisse dieser Periode
unter dem Blickwinkel des Ostblocks untersuchen, drittens einige
allgemeine Polgerungen daraus ziehen und viertens andeuten, welche
Bedeutung all das für Berlin haben kann.
Als die neue Regierung in Washington im Januar I96I ihr Amt übernahm, sahen wir uns vor zwei verschiedenen Arten von Problemen gestellt:
zunächst gab es eine Reihe akuter und gefährlicher Krisen, und außerdem

�außerdem gab es eine Anzahl langsamer schwelender, aber ebenso
gefährlicher Situationen, die sich ohne konstruktive Schritte in einer
für uns und die gesamte freie Welt nachteiligen Weise hätten entwickeln können.
In bezug auf Südostasien stellten wir fest, daß die Genfer
Vereinbarungen von 1954 über Laos und Vietnam nicht mehr ordnungsgemäß eingehalten wurden.

Die U.S.A. hatten diese Abkommen nicht

unterzeichnet, aber zugesagt, ihre Durchführung nicht zu stören,
sofern die Kommunisten sie honorierten.

Im Januar I96I war das

nicht mehr der Fall.
In Laos herrschte ein Bürgerkrieg, in dem die kommunistischen
Pathet-Lao-Verbände mit Unterstützung Nord-Vietnams versuchten, das
Land in ihre Gewalt zu bringen.

In Süd-Vietnam hat sich seit 1958 -

auf Anstiftung von Hanoi (und offenbar mit Unterstützung Moskaus und
Pekings) -

ein äußerst gefährlicher Guerillakrieg entwickelt, der

durch kommunistische Infiltration, Nachschublieferungen und Weisungen
aus dem Norden geschürt wird.
Im Kongo bestanden alle Voraussetzungen für einen Bürgerkrieg,
der zur Schaffung eines kommunistischen Stützpunktes in Zentralafrika
hätte führen können und den Kommunisten eine verlockende Ausgangsbasis
für einen Partisanenkrieg gegeben hätte.
In Kuba bestand bereits eine kommunistische Regierung, welche
beabsichtigte, die Methoden der Subversion und des Guerillakrieges, die
Castro zur Machtergreifung in Kuba benutzt hatte, auf das lateinamerikanische Festland zu übertragen.
Als wir dann am 6. Januar I96I Chruschtschows Rede lasen, in der
er dieser Wühlarbeit und der Bandenkriegführung seinen Segen erteilte,
nahmen wir die Sache wirklich sehr ernst.

Wir sahen diese Herausfor-

derungen nicht mehr nur als eine Reihe regional begrenzter Krisen an,
sondern als Teil einer kommunistischen Generaloffensive zur Zersetzung
der freien Welt unter Vermeidung eines Zusammenstoßes mit unseren
nuklearen und konventionellen Streitkräften.

Im Januar 1961 bestand

die Möglichkeit der kommunistischen Machtausdehnung auf Südostasien,
Afrika und Lateinamerika mit Hilfe dieser Methoden. Eine ziemlich
schnelle Ausweitung erschien möglich, denn Chruschtschows Offensive
war bereits ins Rollen gekommen.
Außerdem

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�Außerdem mußten wir uns mit der Situation hier in Berlin
befassen.

1958 hatte Chruschtschow den Abzug der westlichen

Streitkräfte und eine Statusänderung für die Stadt gefordert.
Wären Chruschtschows Vorschläge angenommen worden, hätten die
SED-Organe Ulbrichts womöglich die Entscheidung über den Zugang
zu dieser Stadt erhalten.

Über diesen Umweg wollten die Sowjets

die Grundlagen der Freiheit West-Berlins zerstören, und in Wien
bestätigte Chruschtschow im Juni I96I klipp und klar in fast
ultimativer Weise seine Entschlossenheit, die westliche Präsenz
in Berlin zu schwächen, wenn nicht gar zu beenden.
Diese fünf Krisen bestehen noch immer, aber in allen Fällen
haben wir Schritte unternommen, um die Lebensinteressen der freien
Welt zu schützen und der Gefahr einer kommunistischen Machtausweitung Einhalt zu gebieten.
In Laos haben wir die Schaffung des Rahmens für einen neutralen
und unabhängigen Staat gefördert, der es dem Volk dieses kleinen
Landes ermöglichen soll, sein Schicksal auf seine V/eise zu bestimmen.
Diese Lösung halten wir für besser als die Spaltung von Laos.

Ein

geteiltes Laos hätte Mao und Ho Chi Minh Zugang zum nördlichen
Teil von Laos verschaffen können unerfreuliche Aussicht.

und das war eine ausgesprochen

Schließlich kam es im Zuge der Verhandlungen

zu einer Einigung über die Neutralität des Landes.

Es ist ganz klar,

daß zur Sicherung der Unabhängigkeit und Neutralität von Laos
größte Wachsamkeit, politische Wendigkeit und Entschlossenheit
erforderlich sind sowie der feste Wille des laotischen Volkes selbst,
seine Unabhängigkeit zu bewahren.
In Vietnam helfen wir den Südvietnamesen, den ihnen von den
Kommunisten aufgezwungenen Subversionskrieg zu unterbinden und die
nordvietnamesischen Eindringlinge dorthin zurückzutreiben, wo sie
hingehören, nämlich hinter den 17» Breitengrad.
Fortschritte gemacht.

Hierbei haben wir

Eine höchst bedrohliche Situation ist in

eine Lage verwandelt worden, die mehr Hoffnung gestattet als vor
sechs Monaten, aber der vor uns liegende Weg kann noch lang und
beschwerlich sein.

Wir haben Zeit gewonnen, um die Bewältigung

von zwei entscheidenden Problemen in Angriff zu nehmen -

- 4-

nämlich

�nämlich die vietnamesische Bevölkerung zu vorbehaltloser Teilnahme an diesem Kampf zu bewegen und die kommunistische
Infiltration aus dem Norden einzudämmen, ein Problem, das in
engstem Zusammenhang mit der Bereinigung der Laos-Frage steht.
Zum ersten Problem kann ich sagen, daß die vietnamesischen
Behörden mit Unterstützung von unserer und anderer Seite aktiv
bemüht sind, ein neues konstruktives Verhältnis zwischen Saigon
und den Dörfern im Landesinnern zu schaffen.

Die Regierung und

die Bevölkerung von Vietnam kommen einander allmählich näher in
einer Form, die nicht nur zur Grundlage des Sieges zu werden
verspricht, sondern auch zum Fundament für die dauernde Lebensfähigkeit Vietnams als moderne Nation.
Im Kongo unterstützen wir die Bemühungen der Vereinten
Nationen, den Kongolesen bei der Schaffung eines geeinten, unabhängigen und lebensfähigen Landes behilflich zu sein.

Zwar ist

noch keine endgültige Lösung gefunden, und wir sind noch nicht aus
dem Gröbsten heraus, doch haben wir andererseits auch schon viel
erreicht.

Trotz großer Schwierigkeiten haben die Vereinten

Nationen bei der Schaffung eines wahrhaft unabhängigen afrikanischen
Staates am Kongo wichtige Schrittmacherdienste geleistet.

Sie

haben gleichzeitig geholfen, Moskaus offenkundige Absicht zu
vereiteln, in Zentralafrika einen kommunistischen Brückenkopf zu
bilden.
Nach den Ereignissen auf Kuba im April 1961 haben wir uns
gemeinsam mit unseren Freunden in Lateinamerika und in der NATO
bemüht, die kommunistische Regierung in Havanna zu isolieren und
der Taktik der indirekten Aggression, die die kubanischen Kommunisten
gern auf Lateinamerika angewendet hätten, einen Riegel vorzuschieben.
Wir haben unsere Alliierten ersucht, uns bei der Beschränkung der
Schiffstransporte nach Kuba zu unterstützen.

Die Gefahr einer

kubanischen Einmischung in Lateinamerika ist durch diese Maßnahmen
und die Beschlüsse der Organisation der Amerikanischen Staaten
auf der Konferenz von Punta del Este im vergangenen Januar und der
kürzlichen inoffiziellen Tagung in New York vermindert worden.

Die

westliche Hemisphäre ist nun wachsamer gegenüber den Gefahren der

�der Subversion und des Guerillakrieges, und sie verfügt über die
rechtlichen Voraussetzungen für ein gemeinsames Vorgehen. Bis zu
einem gewissen Grad hat uns Castro unsere Aufgabe erleichtert.
Seine brutale, unzulängliche Politik im eigenen Lande, sein
Auftreten gegenüber Lateinamerika und seine Unterordnung unter
Moskau haben die Illusion zerstört, daß er die echte Tradition des
langen Kampfes der Völker Lateinamerikas für soziale Gerechtigkeit
und wirtschaftlichen Fortschritt fortsetze.

Unser Präsident hat

genau definiert, unter welchen Bedingungen wir mit militärischen
Mitteln gegen Kuba vorgehen würden.

In letzter Zeit haben wir teils

allein, teils zusammen mit unseren Freunden weitere wichtige
Schritte unternommen, um Kuba zu isolieren und die von dort ausgehende
Gefahr zu verringern.

Übrigens halten wir uns nach wie vor verpflichtet,

den Kubanern zu helfen, ihre Unabhängigkeit wiederzugewinnen und in
den Familienkreis der lateinamerikanischen Nationen zurückzukehren.
Aber die kommunistische Drohung schwebt natürlich immer noch über
Lateinamerika•
Unsere Position in der Berlinfrage haben wir klar formuliert und
aufrechterhalten.

Wir wollen, daß Berlin frei bleibt. Wir wollen,

daß der Zugang zum Westen unbehindert bleibt.

Wir werden den Schutz,

den nur die Anwesenheit westlicher Streitkräfte in Berlin gewährleisten kann, weiter aufrechterhalten.

Außerdem wollen wir zusammen

mit unseren Freunden in Berlin, in Deutschland und anderswo dafür
sorgen, daß diese Stadt ein lebensfähiger, konstruktiver und wichtiger
Teil der freien Völkergemeinschaft bleibt.
Auf dieser Linie wurde die Einigkeit des Westens gewahrt.

Gewiß

ist sie auf die Probe gestellt worden, und sie wird vielleicht erneut
auf harte Proben gestellt werden, bevor Chruschtschow endlich erkennt,
daß er mit seiner Berliner Dauerkrise das Gegenteil von dem erreicht,
was er bezweckt.

Aber es besteht nicht der geringste Zweifel an der

Ehrlichkeit, der Ernsthaftigkeit oder Beständigkeit der amerikanischen
und alliierten Verpflichtung.
Chruschtschow wird möglicherweise eines Tages den Druck lockern,
der auf Ihnen und uns jetzt lastet.

Aber die Situation Berlins wird

schwierig bleiben, schlänge Deutschland geteilt ist.

Diese Stadt wird

eine Versuchung für die Kommunisten bleiben, soXLange der kalte Krieg
andauert.

- 6-

�Mit der Berliner und jenen vier anderen Krisen nicht genug, mußten
wir in anderen Teilen der Welt eine langsame, aber gefährliche Erosion
feststellen. Wir brauchten zum Beispiel eine Politik, die die USA aKtiv
mit den starken Kräften in Lateinamerika verband, die sich um wirtschaftliche Entwicklung und größere soziale Gerechtigkeit bemühen.
Unsere Antwort darauf war die "Allianz für den Fortschritt".
Wir brauchten ferner ein Auslandshilfsprogramm, das die USA mit
ähnlichen Kräften in Asien, dem Mittleren Osten und Afrika verbinden
sollte. Völker und Regierungen in diesen weiten Gebieten sind entschlossen, ihren Status als unabhängige Nationen zu entwickeln und
für sich und ihre Kinder die Voraussetzungen für wirtschaftliches
Wachstum, Fortschritt und Menschenwürde zu schaffen. Unsere Antwort
war ein Auslandshilfsprogramm zur Unterstützung jener Nationen, die
die Fähigkeit und den wirklichen Willen zeigten, ihre eigenen Energien
und Hilfsquellen für ihre soziale Entwicklung zu nutzen. Unser Hilfsprogramm basiert auf dem gesunden Prinzip der Selbsthilfe. Es soll
die Fähigkeit und den Willen zur Selbsthilfe belohnen. Die von unserem
Kongreß im Jahre 1961 verabschiedeten Gesetze boten uns die Möglichkeit, Staaten mit gutfundierten nationalen Entwicklungsprogrammen feste
langfristige Zusagen zu geben. Zusammen mit unseren atlantischen Partnern
und Japan hoffen wir, allmählich eine dauerhafte Partnerschaft mit den
neuen und aufstrebenden Nationen herzustellen, die allmählich den Zustand erreichen, der sie für eine derartige langfristige Entwicklungshilfe qualifiziert.
In bezug auf Westeuropa stellten wir fest, daß unsere Politik
und die der westeuropäischen Nationen zwei wichtige Tatsachen noch
nicht voll erfaßt hatte«
erstens, daß Westeuropa in den fünfziger Jahren einen außergewöhnlichen Aufschwung seines Wirtschaftswachstums und seiner Entwicklung erlebt hat und nach mehr Autorität für die Gestaltung seines
eigenen Schicksals und in der Weltpolitik verlangte;
zweitens, daß die Bewegung zur europäischen Einheit, die mit
unserer Hilfe unmittelbar nach Kriegsende in Gang gekommen war, eine
wirkliche Kraft geworden war. Ein geeintes Europa war in den Bereich
des Möglichen gerückt, aber seine Gestalt und unsere diesbezügliche
Politik lagen noch nicht fest. Was Japan betrifft, so sahen wir, daß

- 7-

�daß unsere Politik seinen Willen nicht berücksichtigt hatte, nach einem
Jahrzehnt ebenso bemerkenswerten Wachstums wie im Falle Westeuropas
eine neue, würdige und verantwortungsvolle Rolle in der Weltpolitik
zu übernehmen.
Unsere Antwort auf diese Tatsachen bestand darin, die Bewegung
zur europäischen Einheit zu unterstützen und unseren europäischen
Freunden eine neue transatlantische Partnerschaft vorzuschlagen, wie
sie unser Präsident besonders in seiner Rede am 4. Juli dieses Jahres
skizzierte. Wir sind dabei, die Bedingungen dieser Partnerschaft im
militärischen Bereich, im Handelsverkehr, hinsichtlich der Währungsund Deckungsprobleme, der Hilfeleistung an die Entwicklungsländer und
auf vielen anderen Gebieten auszuarbeiten. Die Entwicklung dieser neuen
Beziehungen braucht Zeit. Sie sind das größte Bauwerk der internationalen Architektur, das jemals in Friedenszeiten errichtet wurde. Diese
neue und vielschichtige Partnerschaft wird sich über Jahre und nicht
nur Monate entwickeln. Wir haben es jetzt nicht,wie 'nach dem Kriege,
mit schwachen, verarmten Völkern zu tun, sondern mit stolzen und
starken Nationen, die nach neuen Beziehungen zueinander und zu den
USA suchen und bestrebt sind, ihre Rolle in der Weltgeschichte

für

die sechziger Jahre und darüber hinaus festzulegen; doch geschieht
dies im Anschluß an eine lange Periode, in der sie auf unseren Beistand
angewiesen waren und sich mehr an die Früchte als an die Lasten weltpolitischen Verantwortungsbewußtseins gewöhnt haben. Dieser Prozeß,
de,r im Erfolgsfalle die Stärke und Stabilität der freien Welt bedeutend
steigern würde, muß natürlich auf Schwierigkeiten stoßen. Doch die
miteinander verbundenen Konzeptionen der europäischen Einheit und der
atlantischen Partnerschaft sind tief verwurzelt in den gemeinsamen
Erfahrungen unseres 20. Jahrhunderts und durchdringen mehr und mehr
auch den Geist und die Herzen unserer Völker.
Ähnlich arbeiten wir mit der japanischen Regierung, mit führenden Persönlichkeiten der japanischen Gesellschaft - auf allen Ebenen und mit unseren Freunden in der atlantischen Gemeinschaft zusammen, um
den großen potentiellen Beitrag Japans für das Aufbauwerk der freien
Welt nutzbar zu machen.
Wo stehen wir aber heute? Nicht eine der Krisen von 1961 ist
bereits endgültig bereinigt. Alle sind noch gefährlich. Aber wir

- 8 -

�wir machen Fortschritte bei der Eindämmung der Gefahren, die von
diesen Krisen ausgehen, und wir haben für jede dieser Krisen politische
Pläne festgelegt, wobei wir bereit sind, im gegebenen Falle die
ganze große, uns zu Gebote stehende Stärke einzusetzen.
In bezug auf die langfristigen Aufgaben, die wir in Lateinamerika,
in anderen Entwicklungsgebieten sowie in Europa und Japan übernommen
haben, kennen wir unser Ziel und sind auf dem Wege dorthin. Aber wir
sind uns auch bewußt, daß es viele Jahre harter, beharrlicher und
zielstrebiger gemeinsamer Anstrengung bedarf, um die schöpferischen
Ziele, die wir uns gesteckt haben, zu erreichen. Das also ist im wesentlichen der Stand- der Dinge und das also trachten wir zu erreichen aus der Perspektive Washingtons betrachtet. Wir sehen absolut keinerlei Gründe für Selbstzufriedenheit oder Selbstbeweihräucherung. Aber
wir sehen Gründe für Zuversicht, Hoffnung und für starke und hartnäckige, gemeinsame Anstrengungen
Und nun lassen Sie mich versuchen, die Weltlage so darzustellen,
wie sich von Chruschtschows Standpunkt aus das Weltgeschehen ausnehmen
mag.
Seit 1945 haben wir zwei große kommunistische Offensiven erlebt,
die darauf abzielten, Macht und Einfluß des Kommunismus über die als
Ergebnis des zweiten Weltkriegs gewonnenen Grenzen hinaus auszudehnen.
Von 1945 bis 1951 drängte Stalin heftig, erst im Westen und dann im
Osten. Er versuchte, den Iran, die Türkei, Griechenland, Frankreich
und Italien zu durchdringen; und 1948 verhängte er die Berlin-Blockade.
Stalins Offensive im Westen wurde gestoppt durch die Truman-Doktrin,
den Marshall-Plan, die Gründung der NATO und den Erfolg der Berliner
Luftbrücke.
Seine Offensive in Asien, die sich weitgehend auf die Anwendung
der Guerilla-Kriegführung in Indochina, Malaya, Indonesien und auf den
Philippinen stützte,kam -ebenso wie sein Versuch, Südkorea zu erobern im Frühjahr 1951 zum Stillstand,als die reorganisierten Kräfte der UN
in Korea die chinesischen kommunistischen Armeen am 38. Breitengrad
schlugen.
Nach

9 -

�Nach dem Tode Stalins leitete das neue Gespann in Moskau eine
Reihe von Veränderungen auf innenpolitischem, militärischem und
außenpolitischem Gebiet ein, die einige Jahre zum Anlaufen brauchten.
Außerdem sah es sich aber noch einem unterirdischen Machtkampf gegenüber, den Chruschtschow erst 1957 endgültig gewann. In ihrem eigenen
Land machten die Sowjets mit Rücksicht auf den Wunsch des russischen
Volkes nach besserer Versorgung und mehr Sicherheit vor der Willkür
der Geheimpolizei einige Zugeständnisse. Außenpolitisch hegten sie nachdem

sie in Europa und Japan im allgemeinen wenig auszurichten

vermochten - große Hoffnungen, latente Kräfte für die Ausbreitung
der kommunistischen Macht und des kommunistischen Einflusses in den
unterentwickelten Gebieten ausnutzen zu können. Die Kommunisten
versuchten in diesen Gebieten, die Instrumente der Subversion, des
Handels und der Hilfe aufeinander abgestimmt zum Einsatz zu bringen.
Sie appellierten an antikolonialistisehe und nationalistische Gefühle
und versuchten, den Kommunismus als die beste Methode zum Aufbau in
unterentwickelten Gebieten hinzustellen. Militärisch machten die
Sowjets - in geringerem Maße,als wir zu jener Zeit annahmen - Portschritte auf dem Gebiet der Atom- und Raketenwaffen und versuchten
bereits 1956, das Mittel der nuklearen Erpressung in den Dienst ihrer
Diplomatie zu stellen. Sie entwickelten und nutzten ihre starken Raketen,
um damit gewisse spektakuläre Projekte im Weltraum durchzuführen, und sie
suchten daraus psychologisch und militärisch Kapital zu schlagen.
Im Jahre 1958, im Gefolge der ersten Sputniks, begann Chruschtschows
Offensive auf der Basis dieser Pläne Gestalt anzunehmen. Es war im
Jahre 1958, als Chruschtschow einen härteren Kurs bezüglich Berlins
einschlug. Es war im Jahre 1958, als die kommunistische Partei in
Hanoi bekanntgab, daß sie versuchen werde, die Regierung in Saigon durch
Guerillakriegführung zu stürzen, und sich dann systematisch anschickte,
dies zu verwirklichen.
Es war auch in der Zeit nach dem Sputnik, als die Kommunisten
anfingen, die Unruhe und Verwirrung im Kongo auszunutzen; sie ergriffen
die Macht in Kuba; und sie führten eine höchst intensive politische,
wirtschaftliche und umstürzlerische Kampagne in den unterentwickelten
Gebieten. Auch Rotchina wurde von diesem Fieber erfaßt. Es war in der

- 10 -

�der Zeit nach dem Sputnik, als Mao verkündete, daß "der Ostwind über
den Westen triumphiere" . Der große Sprung vorwärts und die Volkskommur.en wurden im Jahre 1958 i n s Werk gesetzt; außerdem wurde in
jenem Jahr die Blockade gegen Quemoy und Matsu eingeleitet.
Die militärische Schlagkraft hinter dieser Offensive war nicht
so groß, wie es damals der Welt schien. In Wirklichkeit bestand bei
den Russen weiterhin eine sehr hohe Priorität für Verteidigungswaffen;
sie bauten eine Mittelstreckenraketen-Macht auf, in der Hoffnung,
die europäischen Länder zu Atomkriegsgeiseln machen zu können. Auf
dem Gebiet der Interkontinentalraketen machten sie langsamere
Fortschritte. Gleichwohl schien der Nach-3putnik-0ffensive als
ganzen eine ziemliche Stoßkraft zu eigen.
Heute ist - nicht nur dank unserer und unserer Alliierten Anstrengungen, sondern auch bedingt durch Kräfte, welche tief im
Innern des kommunistischen Blocks am Werk sind - Chruschtschows und
Maos Nach-Sputnik-Offensive durcheinandergeraten.
Maos großer Sprung vorwärts war ein vollkommenes Fiasko. Die
rotchinesische Politik basierte auf der Annahme, daß die Chinesen
Ende der fünfziger Jahre da standen, wo Stalin zu Anfang der dreißiger
Jahre gestanden hatte. Sie glaubten den Großmachtstatus erreichen zu
können. Um diesen Großmachtstatus ist es wenigstens für ein Jahrzehnt
geschehen. Und um überhaupt vorwärts zu kommen, sind Entscheidungen
nötig, die ihnen bis heute viel zu schmerzvoll waren - Entscheidungen,
die meines Erachtens unter anderem erfordern, den Bauernfamilien Chinas
den Ansporn zur Arbeit zurückzugeben und auch die Freiheit, erfolgreich zu arbeiten. Inzwischen hat sich die Tendenz der Lockerung der
Kontrolle Moskaus über die kommunistischen Parteien der Welt, wie sie
das Drama der Aufspaltung des Sino-Sowjet-Blocks erhellte, fortgesetzt.
Darüber hinaus hat die Unfähigkeit des Kommunismus, die Nahrungsmitte]Produktion wirksam zu organisieren, die kommunistische Position in Ostdeutschland, Kuba und in anderen Gebieten - ebenso wie in China - drastisch geschwächt.
Im eigenen Land zählte Chruschtschow sehr darauf, daß es ihm gelingen
werde, das russische Volk besser mit Nahrungsmitteln und 7/ohnraum

11

L

�Wohnraum

zu versorgen. Er kündigte im Jahre 1957 eine Kampagne

mit dem Ziel an, innerhalb von drei Jahren die amerikanische Fleisch-,
Milch- und Butterproduktion zu überflügeln; und er versuchte, durch
die Urbarmachung weiter Areale jungfräulichen Landes die Getreideversorgung einer wachsenden Bevölkerung sicherzustellen. Jetzt aber
sieht er sich gezwungen, seinem Volke die Existenz einer fortgesetzten
landwirtschaftlichen Krise einzugestehen; die versprochene ausreichende
Versorgung mit Fleisch und Milchprodukten ist gescheitert; die Getreideproduktion hält gerade noch Schritt mit dem Bevölkerungszuwachs, und
in diesem Jahr hat er zum ersten Mal nach dem zweiten Weltkrieg die Nahrungsmittelpreise erhöht. Darüber hinaus muß er sein Wohnungsbauprogramm einschränken, das vom russischen Volk so leidenschaftlich gefordert
worden war, um die Rüstungsausgaben erhöhen zu können; und er muß es
tun in dem sicheren Wissen, daß sich die Vereinigten Staaten auf eine .
militärische Planung festgelegt haben, welche ihm eine relative Verbesserung seiner nuklearen Position auf Jahre hinaus unmöglich macht.
Außerhalb

der Sowjetunion sieht er, daß seine Offensive überall

in den Entwicklungsländern an Stoßkraft verloren hat. Doch findet der
Kommunismus noch immer Ansatzpunkte; aber ob man nach Asien, dem Mittleren Osten, Afrika oder Lateinamerika blickt, überall ist die Tendenz
der Entwicklungsländer, ihre Unabhängigkeit gegenüber den Kommunisten
ebenso wie uns gegenüber zu wahren, von Chruschtschows Standpunkt aus
gesehen zutiefst entmutigend.
Der Marxismus als Lehre wird in zunehmendem Maße von der jungen
Generation als Stimme der Vergangenheit und nicht als Wegweiser in der
Gegenwart und in die Zukunft angesehen; und der Kommunismus als Mittel
zur Organisation sowohl einer fortgeschrittenen als auch einer unterentwickelten Gesellschaft gilt immer mehr als unwirksam und reaktionär
und außerdem als zutiefst unmenschlich.
Die Hoffnungen und Erwartungen der Kommunisten sind durch die
europäische Einigungsbewegung, durch die Festigkeit der NATO angesichts
der Berlin-Krise, durch die entstehende transatlantische Partnerschaft,
durch die Entschlossenheit der Völker und Regierungen der Entwicklungsländer, ihre Unabhängigkeit zu wahren, und durch die Korrosion des Wirtschaftslebens des kommunistischen Blocks,vor allem auf dem Landwirtschaftssektor, zunichte gemacht worden.

�Schließlich hat sich infolge dieser zunehmenden Bedrängnis und
der Beharrlichkeit des Nationalismus unter der Oberfläche der vom Kommunismus beherrschten Staaten eine Tendenz zur Aufsplitterung des kommunistischen Blocks und zur fortschreitenden Lockerung der Kontrolle
Moskaus über die kommunistischen Parteien in aller Welt entwickelt.
Es gibt jetzt keine kommunistische Partei, die nicht - so oder so von der entzweienden Debatte abgelenkt und verwirrt wäre, die sich um
den chinesisch-sowjetischen Konflikt

und die damit zusammenhängenden

ideologischen, machtpolitischen und taktischen Probleme dreht.
Das Moskauer Weltbild hat sich somit in den vergangenen zwei
Jahren grundlegend verändert. Chruschtschow hat mit der Politik,die er
nach Übernahme der Führung der Sowjetunion einleitete, keinen Durchbruch erzielen können. In der Zwischenzeit haben die Reaktionen der
westlichen Welt im

Zusammenspiel mit der innerhalb des kommunistischen

Blocks wirksamen Korrosionsdynamik eine tiefe, aber schleichende Krise
in der Geschichte des Kommunismus herbeigeführt. Moskau muß sich fragen: Welche Richtung sollen wir jetzt einschlagen?
Auf kürzere Distanz mag die Antwort wohl Berlin heißen. Es ist
möglich, daß Chruschtschow den Willen und die Stärke der Alliierten
falsch einschätzt und versuchen wird, eine weitere Krise in dieser
Stadt heraufzubeschwören.
Die Vereinigten Staaten und ihre Alliierten versuchen, ihre
Festigkeit so klarzumachen, daß er vor einer solchen Krise zurückschreckt. Falls das nicht gelingt, halten wir eine Reihe von Maßnahmen
parat, um der Krise zu begegnen. Natürlich kann ich über diese Maßnahmen keine Einzelheiten mitteilen. Ich kann nur sagen, daß es sich um
weitreichende Maßnahmen handelt, die eine Vielzahl von Umständen in
Betracht ziehen. Ich kann sagen, daß unsere Alliierten sie kennen und
unterstützen werden. Wir stehen in ständiger Beratung mit Bundeskanzler Adenauer und seinen Mitarbeitern in Bonn, mit unseren anderen
Alliierten und Ihrem mutigen Bürgermeister Willy Brandt, der erst
kürzlich mit Außenminister Dean Rusk und Präsident Kennedy Besprechungen geführt hat. Sie kennen unsere Entschlossenheit. Ich bin überzeugt,
daß auch der Berliner Bevölkerung unsere Entschlossenheit bekannt ist.
Die Gefahr liegt darin, daß die Sowjets unsere Entschlossenheit nicht

-

13

�nicht voll begreifen könnten, oder daß sie,wenn sie es doch tun,
die Konsequenzen einer Auseinandersetzung nicht richtig einschätzen.
Wir hoffen, daß diese auf Grund einer Fehleinschätzung der Stärke,
Einigkeit und Entschlossenheit des Westens ausgelöste Krise auf friedlichem Wege gelöst werden kann. Aber komme, was da wolle: unsere
Dispositionen sind getroffen. Wir sind bereit, wir wissen, daß Sie
bereit sind, und wir müssen die Lage gemeinsam meistern.
Doch lassen Sie uns unseren Blick über die vor uns liegenden
schwierigen Monate hinaus nach vorn lenken.
Dies sind die großen Aufgaben der freien Welt: die Einigung
Westeuropas muß zur Reife gebracht werden; die fortgeschritteneren
westeuropäischen Nationen, Kordamerika und Japan müssen sich in einer
weltumspannenden Partnerschaft mit gemeinsamer Verantwortlichkeit
verbinden; ein neues konstruktives Partnerschaftsverhältnis ist zwischen diesen hauptsächlich im Norden angesiedelten Nationen und den
vorwiegend südlich von ihnen gelegenen Entwicklungsländern - in
Lateinamerika, Afrika, dem Mittleren Osten und Asien - herzustellen;
die Grenzen der entstehenden Gemeinschaft unabhängiger Staaten sind
zu verteidigen durch die Schaffung der militärischen Kräfte, der
politischen Einheit und des Willens, den diese Aufgabe verlangt;
und wir müssen mit den Kräften des Nationalismus und Liberalismus
zusammenwirken, die sich innerhalb des kommunistischen Blocks regen,
damit der Geltungsbereich der Freiheit für die Nationen und die Personen sich erweitert.
Diese großen Ziele sind keine abstrakten oder fernen Ziele. Es
sind Ziele, welche alles, was wir Tag für Tag tun, ganz und gar
durchdringen. Gegenwärtig stehen sie mir besonders lebhaft vor Augen.
Denn ich bin nach Berlin gekommen, nachdem ich einige Tage lang in
Paris an konkreten Aufgaben in Verbindung mit der Schaffung der
atlantischen Partnerschaft gearbeitet habe. Ich kam nach Paris mit
frischen Eindrücken

von

einer Konferenz in Puerto Rico, wo über

40 Nationen - mehr und weniger entwickelte Länder des Nordens und
des Südens - die Vorbereitung freiwilliger Aktionen nach dem Muster
des Friedenskorps und andere Maßnahmen zur Unterweisung der Arbeitskräfte der Entwicklungsländer in den dringend benötigten modernen
Arbeitsmethoden vorantrieben.

Und
-

14

-

�Und nun bin ich in Berlin, einem der Brennpunkte des kalten Krieges, wo unsere Stärke, Einigkeit und Willenskraft auf die Probe gestellt werden, nahe den Männern und Frauen in Ost-Berlin und Ostdeutschland, die gegen ihren Willen von ihren Familien, ihrer Nation
und der Lebensform, die sie in freier Entscheidung wählen würden,
ferngehalten werden.
Ich glaube, daß Berlin in allen großen Fragen der Politik der
freien Welt eine Mission zu erfüllen hat. Blickt man weiter, so braucht
die Mauer, die diese Stadt in so tragischer Weise durchschneidet, Ihren
Beitrag zur Sache der Freiheit in allen ihren Wesensformen nicht zu
mindern.
Sie sind nicht passive Schutzbefohlene des Westens, sondern
Partner einer großen weltweiten Anstrengung.
In enger Zusammenarbeit mit Ihren Brüdern in der Bundesrepublik
können Sie an allen wirtschaftlichen und kulturellen Unternehmungen
des der Einheit zustrebenden Europa und der sich entfaltenden atlantischen Partnerschaft teilhaben. Sie können sich mit Ihren besonderen
menschlichen und industriellen Fähigkeiten an dem großen Unternehmen
der Unterstützung von Entwicklungsländern beteiligen. Sie haben die
stolze Pflicht, kühl und fest an einem von mehreren entscheidenden
Punkten an den Grenzen der Freiheit Wache zu halten, und Sie können
zusammen mit Ihren Verbündeten Ihren Teil dazu beitragen, daß die
Schranke, die jetzt Deutschland und Europa spaltet, allmählich auf
friedlichem Wege beseitigt wird.
Denn lassen Sie sich gesagt sein: meine Regierung hat die während
der Kriegsjähre übernommenen gegenseitigen Verpflichtungen weder vergessen noch fallen lassen.
Die Abmachungen zwischen den Alliierten des Krieges gegen Nazideutschland sahen vor, daß das Ziel der Besetzung nach dem Kriege die
Wiederaufnahme Deutschlands in die Völkerfamilie sein sollte. Noch im
Jahre 1955 bekräftigten auf der Genfer Gipfelkonferenz die Regierungschefs der vier Mächte dieses Übereinkommen und wiesen die Außenministerkonferenz an, es durchzuführen. Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern,
daß die Sowjetunion diese Verpflichtung nicht eingelöst hat. Aber die

-

15 -

�die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten sind weder von diesem
Ziel abgewichen, noch haben sie ihr Bestreben aufgegeben. Worin
besteht nun ihre Verpflichtung genau? Wie die Weisung von 1955
besagt, hält sich meine Regierung an den Vorsatz gebunden, daß
"die Bereinigung der deutschen Frage und die Wiedervereinigung
Deutschlands mittels freier Wahlen im Einklang mit den nationalen
Interessen des deutschen Volkes und den Interessen der europäischen
Sicherheit durchgeführt werden soll".
Wenn wir die große Partnerschaft des Nordens mit ihrer gewaltigen Überlegenheit an Menschen und Material aufbauen können, wenn wir
zu den aufstrebenden Nationen des Südens ein neues Verhältnis im
Zeichen von Würde und gemeinsamer Arbeit herstellen können, wenn wir
beständig die Mittel, die politische Einigkeit und Willenskraft
aufbringen, die zur Verteidigung der Grenzen der Freiheit notwendig
sind, wenn wir durch den Nebel des kalten Krieges hindurch mit den
Kräften des Nationalismus und Liberalismus, die innerhalb des Ostblocks existieren oder entstehen mögen, konstruktiv zusammenarbeiten,
kann schneller, als wir glauben, der Tag kommen, an dem diejenigen,
die innerhalb des sogenannten kommunistischen Blocks herrschen, zwei
Dinge einsehen werden: erstens, daß Welteroberung oder Weltbeherrschung
ein aussichtsloses und gefährliches Unterfangen ist; zweitens, daß
in einer atomwaffenstarrenden Welt wirksam überwachte Maßnahmen
zur Rüstungskontrolle und Abrüstung im allgemeinen Interesse liegen,
das auch voll und ganz dem ihrigen entspricht.
Wenn die freie Welt die geistige und Willenskraft besitzt, an
der bisher verfolgten politischen Linie festzuhalten - denn die
Mittel dazu stehen ihr sicherlich zur Verfügung -,wird zweifellos
einmal der Tag kommen, an dem Moskau und auch Peking sich entscheiden
müssen, ob sie in ihrem Drang nach äußerer Macht unter zunehmend
ungünstigeren Bedingungen beharren wollen, oder ob es besser sei,
den kalten Krieg zu beenden und ihre Forderungen als wichtige,
aber keineswegs beherrschende Mitglieder der Gemeinschaft der Nationen und Menschen zu stellen. Wenn an diesem Tag die richtige

-

16

-

�richtige Entscheidung getroffen wird, wird auch klarwerden, daß
die Fortdauer der Spaltung Deutschlands und Europas sinnlos ist.
Ob und wann dieser Tag kommt, hängt weitgehend davon ab, wie
die freie Welt ihre Sache führt. Es ist nicht ein Ergebnis, das abzuwarten wäre, sondern ein Ergebnis, das geschaffen werden muß. Es hängt
davon ab, wie wir uns sowohl angesichts akuter Krisen als auch angesichts der Möglichkeiten verhalten, die uns die Grundströmungen
der Geschichte darbieten.
Das ist ohne Zweifel ein Auftrag für uns alle.

*

-

-X -X

*

17 -

*

�A M E R I K A

D I E N S T

KUBA-ERKLÄRUNG PRÄSIDENT KENNEDYS

Wortlaut der Rundfunk- und Fernsehansprache
des amerikanischen Präsidenten vom 22. Oktober 1962, in der er Maßnahmen zur Sperrung
militärisch offensiver Lieferungen nach Kuba
und zur Sicherung des Weltfriedens ankündigte.

�KUBA-ERKLÄRUNG PRÄSIDENT KENNEDYS

"Meine Regierung hat, wie angekündigt, den militärischen
Aufbau der Sowjets auf der Insel Kuba auf das genaueste überwacht. In der vergangenen Woche haben eindeutige Beweise die
Tatsache erhärtet, daß gegenwärtig eine Reihe offensiver Raketenabschußrampen auf dieser in eini Gefängnis-verwandelten Insel
vorbereitet wird. Der Zweck dieser Basen kann nur sein, eine
nukleare Angriffskapazität gegen die westliche Hemisphäre zu
schaffen.
Nachdem ich am vergangenen Dienstagmorgen um 9 Uhr die
ersten konkreten Informationen dieser Art erhielt, ordnete ich
die Intensivierung unserer Überwachung an. Da jetzt die Bestätigung vorliegt und die Auswertung der Beweiseund unsere
Entscheidung über einen Kurs des Handelns zum Abschluß gekommen
sind, fühlt sich meine Regierung verpflichtet, Ihnen über diese
neue Krise in allen Einzelheiten zu berichten.
Die Merkmale dieser neuen Raketenabschußrampen lassen zwei
deutlich unterscheidbare Typen von Anlagen erkennen. Einige von
ihnen umfassen ballistische Mittelstreckenraketen, die in der
Lage sind, einen nuklearen Sprengkopf über eine Entfernung von
über 1000 Seemeilen (l852 km) zu tragen. Jede dieser Raketen
ist, kurz gesagt, in der Lage, Washington, D.C., den PanamaKanal, Cape Canaveral, Mexico City oder jede andere Stadt im
Südosten der Vereinigten Staaten, in Mittelamerika oder im
karibischen Raum zu treffen.
Weitere

�Weitere, noch nicht fertiggestellte Anlagen scheinen für weiterreichende Mittelstreckenraketen bestimmt zu sein - deren Reichweite
mehr als doppelt so groß ist - und die damit in der Lage sind, die
meisten der großen Städte der westlichen Hemisphäre, von der w^it im
Norden liegenden Hudson-Bai in Kanada bis Lima weit im Süden in Peru,
zu erreichen. Darüber hinaus werden gegenwärtig auf Kuba Düsenbomber
ausgeladen und montiert, die in der Lage sind, Kernwaffen mitzuführen,
während gleichzeitig die notwendigen Luftstützpunkte angelegt werden.
Diese rasche Umwandlung Kubas in einen wichtigen strategischen
Stützpunkt - durch das Vorhandensein dieser großen, weitreichenden
und eindeutig offensiven Waffen der plötzlichen Massenvernichtung stellt eine ausdrückliche Bedrohung des Friedens und der Sicherheit
aller amerikanischen Staaten, und zwar in flagranter und bewußter Mißachtung des Hio-Paktes aus dem Jahre 1947» der Traditionen unserer
Nation und unserer Hemisphäre, der gemeinsamen Resolution des 87«
Kongresses (der USA), der Charta der Vereinten Nationen sowie meiner
eigenen öffentlichen Warnungen an die Sowjets vom 4» und 13. September
dar. Diese Handlung widerspricht auch den wiederholten Zusicherungen
sowjetischer Sprecher, die sowohl öffentlich als auch privat abgegeben
wurden, daß der Rüstungsaufbau in Kuba seinen ursprünglich defensiven
Charakter behalten werde, und daß die Sowjetunion es weder nötig habe
noch wünsche, strategische Raketen auf dem Territorium irgendeiner
anderen Nation zu stationieren.
Der Umfang dieses Unternehmens zeigt, daß es bereits vor einigen
Monaten geplant worden war. Aber noch im vergangenen Monat, nachdem
ich den Unterschied zwischen einer Einführung von Raketen mit Landabschußbasen für Landziele und dem Vorhandensein defensiver Flugzeugabwehrraketen klar gemacht hatte, hat die sowjetische Regierung öffentlich
am 11. September erklärt, daß- 'die nach Kuba gelieferten Waffen und
militärischen Ausrüstungen ausschließlich für defensive Zwecke bestimmt
sind', daß 'für die Sowjetunion keine Notwendigkeit besteht, eigene
Waffen ... für einen Vergeltungsschlag gegen irgendein anderes Land,...
zum Beispiel nach Kuba zu verlagern', und daß 'die Sowjetunion über
solche gewaltigen Trägerraketen für atomare Sprengköpfe verfügt, daß
keine Notwendigkeit besteht, sich nach Abschußbasen außerhalb der
Grenzen der Sowjetunion umzusehen'. Diese Erklärung war unwahr.
Noch am vergangenen Donnerstag, als sich die Beweise für diesen
rapiden offensiven Aufbau bereits in meiner Hand befanden, erklärte
mir der sowjetische Außenminister Gromyko, er sei von seiner Regierung
angewiesen worden, erneut klarzustellen - wie sie dies nach seinen
Worten bereits früher getan hätte -, daß die sowjetische Unterstützung
Kubas 'lediglich den Zweck verfolge,.zu der Verteidigungskapazität
Kubas beizutragen', daß 'die Ausbildung kubanischer Staatsbürger bei
der Handhabung defensiver Waffen durch sowjetische Spezialisten in
keiner Weise offensiv sei' und daß, 'wäre dies anders, die sowjetische
Regierung sich niemals auf die Gewährung solcher Unterstützung einlassen würde'. Diese Erklärung war ebenfalls unwahr.
Weder die Vereinigten Staaten von Amerika noch die Weltgemeinschaft
der Nationen können eine bewußte Täuschung und offensive Drohungen von
seiten irgendeiner Nation - sei sie nun groß oder klein - dulden. Wir

- 2 -

�Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der nur das tatsächliche Abfeuern
von Waffen eine solche Bedrohung für die Sicherheit einer Nation darstellt, daß ein Höchstmaß der Gefahr gegeben ist. Nukleare Waffen haben
eine derartige Zerstörungskraft und ballistische Raketen sind derart
schnell, daß jede wesentlich gesteigerte Möglichkeit ihres Einsatzes
oder jede plötzliche Veränderung ihrer standortmäßigen Aufstellung sehr
wohl als eine definitive Bedrohung des Friedens angesehen werden kann.
Viele Jahre lang haben beide, die Sowjetunion und die Vereinigten
Staaten, diese Tatsache anerkannt und die standortmäßige Verteilung
von strategischen Kernwaffen mit großer Vorsicht gehandhabt, damit
niemals der prekäre Status quo gestört würde, der sicherstellte, daß
diese Waffen nur im Falle einer lebensentscheidenden Herausforderung
eingesetzt werden würden. Unsere eigenen strategischen Raketen sind
niemals unter dem Deckmantel der Geheimhaltung und Täuschung in das
Gebiet irgendeines anderen Landes gebracht worden; und unsere Geschichte
im Gegensatz zu der sowjetischen nach dem zweiten Weltkriege - zeigt,
daß wir nicht danach streben, irgendein anderes Land zu beherrschen
oder zu erobern, oder seiner Bevölkerung unser System aufzuzwingen.
Dennoch haben sich die Amerikaner daran gewöhnt, Tag für Tag im Mittelpunkt der Zielscheibe sowjetischer Raketen zu leben, die in der
Sowjetunion oder auf Unterseebooten stationiert sind. In dieser Hinsicht verschärfen Raketen auf Kuba lediglich eine bereits eindeutige
und vorhandene Gefahr - allerdings waren die lateinamerikanischen
Länder, das sollte betont werden, niemals zuvor einer potentiellen
nuklearen Bedrohung ausgesetzt.
Aber dieser geheime, rasche und außergewöhnliche Aufbau
kommunistischer Raketen - in einem Gebiet9 das dafür bekannt ist,
eine besondere und historische Beziehung zu den Vereinigten Staaten
und den Nationen der westlichen Hemisphäre zu haben -, und zwar unter
Verletzung sowjetischer Zusicherungen und unter Mißachtung der
amerikanischen Politik und der Politik der westlichen Hemisphäre diese plötzliche, insgeheim getroffene Entscheidung, zum erstenmal
strategische Waffen außerhalb des sowjetischen Territoriums zu
stationieren -, ist eine bewußte, provokatorische und ungerechtfertigte
Änderung des Status quo, die von den Vereinigten Staaten nicht akzeptiert werden kann, wenn sowohl Freund als auch Feind jemals noch an
unseren Mut und an unsere Zusagen glauben sollen.
Die dreißiger Jahre haben uns eine deutliche Lehre erteiltl
Aggresives Verhalten führt, wenn man ihm freien Lauf laßt und keinen
Einhalt gebietet, letztlich zum Kriege. Unsere Nation ist gegen den
Krieg. Und wir stehen auch zu unserem Wort. Unser festes Ziel muß es
daher sein, zu verhindern, daß diese Raketen gegen unser oder gegen
irgendein anderes Land benutzt werden, und ihre Entfernung oder Beseitigung aus der westlichen Hemisphäre sicherzustellen.
Unsere Politik war eine Politik der Geduld und der Zurückhaltung,
wie sich dies für eine friedliche und mächtige Nation, die an der
Spitze einer weltweiten Allianz steht, geziemt. Wir waren entschlossen,
uns von unseren zentralen Anliegen nicht durch bloße Scharfmacher oder
Fanatiker abbringen zu lassen. Aber nunmehr sind weitere Maßnahmen

�Maßnahmen notwendig geworden - und sie sind angelaufen. Und diese
Maßnahmen sind vielleicht nur der Anfang. Wir werden nicht voreilig
oder unnötigerweise die Polgen eines weltweiten Atomkrieges riskieren,
bei dem seihst die Früchte des Sieges nur Asche auf unseren Lippen
wären - aber wir werden auch niemals und zu keiner Zeit vor diesem
Risiko zurückschrecken, wenn wir uns ihm stellen müssen.
Ich habe daher im Interesse der Verteidigung unserer eigenen
Sicherheit und der der gesamten westlichen Hemisphäre sowie im
Rahmen der Vollmacht, mit der ich durch die Verfassung betraut und
die durch die Resolution des Kongresses bekräftigt wurde, handelnd
angeordnet, daß die folgenden ersten Schritte sofort ergriffen
werdenl
1 . Um diesem offensiven Rüstungsaufbau Einhalt zu gebieten, wird
eine strikte Sperre für alle offensiven militärischen Ausrüstungen, die auf dem Seewege nach Kuba gebracht werden, eingeführt.
Alle für Kuba bestimmten Schiffe, gleichgültig, welcher Nationalität sie sind oder von welchem Hafen sie kommen, werden, falls
festgestellt wird, daß sie als Fracht Offensivwaffen an Bord
haben, abgewiesen werden. Diese Sperre wird, falls erforderlich,
auch auf andere Arten von Frachten und Trägern ausgedehnt werden.
Dagegen unterbinden wir dieses Mal den Transport lebensnotwendiger
Dinge nicht, wie dies die Sowjets 1948 in ihrer Berlin-Blockade
versuchten.
2. Ich habe die ständige und immer genauere Überwachung Kubas
und seines militärischen Aufbaus angeordnet. Die Außenminister
der Organisation der Amerikanischen Staaten haben in ihrem
Kommunique* vom 6. Oktober jede Geheimhaltung in solchen Dingen
auf der westlichen Hemisphäre abgelehnt. Sollten diese offensiven
militärischen Vorbereitungen andauern und sich damit die Bedrohung
der Hemisphäre steigern, so werden weitere Maßnahmen gerechtfertigt
sein. Ich habe die amerikanischen Streitkräfte angewiesen, sich
auf alle Eventualitäten vorzubereiten; und ich bin überzeugt, daß
- sowohl im Interesse des kubanischen Volkes wie auch der sowjetischen Techniker auf diesen Stützpunkten - die Risiken erkannt
werden, die für alle Beteiligten in der Fortsetzung dieser Bedrohung liegen.
3. Es wird die Politik unseres Landes sein, jeden Abschuß einer
Atomrakete von Kuba aus gegen irgendeine Nation der westlichen
Hemisphäre als einen Angriff der Sowjetunion auf die Vereinigten
Staaten anzusehen, der einen umfassenden Vergeltungsschlag gegen
die Sowjetunion erfordert.
4. Als notwendige militärische Vorsichtsmaßnahme habe ich unseren
Stützpunkt Guantanamo verstärkt, die Familienangehörigen unseres
dortigen Personals heute evakuieren lassen und angeordnet, daß
zusätzliche militärische Einheiten in Alarmbereitschaft stehen.
5. Wir beantragen heute abend eine sofortige Konferenz des Konsultationsorgans der Organisation der Amerikanischen Staaten, das
sich mit dieser Bedrohung der Sicherheit der westlichen Hemisphäre

�Hemisphäre befassen und die Artikel 6 und 8 des Rio-Paktes
zur Unterstützung aller notwendigen Maßnahmen zur Anwendung
bringen soll. Die Charta der Vereinten Nationen gestattet
regionale Sicherheitsvorkehrungen - und die Nationen der
westlichen Hemisphäre haben sich bereits vor langer Zeit
gegen die militärische Anwesenheit fremder Mächte entschieden»
Unsere anderen Alliierten in der Welt sind ebenfalls zur
Wachsamkeit aufgerufen worden.
6. Gemäß der Charta der Vereinten Nationen beantragen wir
heute nuacht die unverzügliche Einberufung einer Sondersitzung
des Weltsicherheitsrates, um Maßnahmen gegen diese jüngste
sowjetische Bedrohung des Weltfriedens zu treffen. Unsere
Resolution wird die sofortige Demontage und Entfernung aller
Offensivwaffen auf Kuba unter Überwachung durch UN-Beobachter
fordern, bevor die Sperre aufgehoben werden kann.
7. und letztens« Ich appelliere an Ministerpräsident Chrusch-r
tschow, diese heimliche, unbesonnene und provokatorische Bedrohung des Weltfriedens und der stabilen Beziehungen zwischen
unseren beiden Ländern zu beenden. Ich appelliere ferner an ihn,
dieses Streben nach Weltherrschaft aufzugeben und sich an einem
historischen Bemühen zu beteiligen, das gefährliche Wettrüsten
zu beenden und die Geschichte der Menschheit zu wandeln. Er hat
jetzt eine Gelegenheit, die Welt vor dem Abgrund der Vernichtung
zu bewahren - indem er sich auf die Worte seiner eigenen Regierung besinnt, daß für sie keine Notwendigkeit für die Stationierung von Raketen außerhalb des eigenen Territoriums besteht,
und diese Waffen aus Kuba abzieht; indem er sich jeder Maßnahme
enthält, die die derzeitige Krise ausweitenjoder verschärfen
würde; und schließlich, indem er sich an der Suche nach friedlichen und dauerhaften Lösungen beteiligt.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, ihren Standpunkt gegenüber dieser sowjetischen Bedrohung des Friedens sowie ihre eigenen
Vorschläge für eine friedliche Welt zu jedem Zeitpunkt und vor
jedem Forum - vor der Organisation der Amerikanischen Staaten, vor
den Vereinten Nationen oder auf jeder anderen Konferenz, wo sich
dies als nützlich erweisen könnte - darzulegen, ohne ihre Handlungsfreiheit einzuschränken. Wir haben in der Vergangenheit energische
Bemühungen unternommen, um die Ausbreitung der Kernwaffen zu begrenzen. Wir haben die Beseitigung aller Waffen und militärischen Stützpunkte im Rahmen eines fairen und wirklichen Abrüstungsvertrages
vorgeschlagen. Wir sind bereit, neue Vorschläge für die Beseitigung
der Spannungen auf beiden Seiten zu erörtern - dies schließt auch die
Möglichkeiten für ein wirklich unabhängiges Kuba ein, das frei über
sein eigenes Schicksal bestimmen kann. Wir wünschen keinen Krieg mit
der Sowjetunion - denn wir sind ein friedliches Volk, das mit allen
anderen Völkern in Frieden leben will.
Es ist jedoch schwierig, diese Probleme in einer Atmosphäre
der Einschüchterung zu regeln oder auch nur zu erörtern. Aus

5 -

�Aus diesem Grunde muß und wird dieser jüngsten sowjetischen Drohung
- oder jeder anderen Drohung, die entweder unabhängig von unseren
Maßnahmen oder als Antwort darauf in dieser Woche ausgesprochen
wird - mit Entschlossenheit entgegengetreten werden. Jedem feindseligen Vorgehen irgendwo in der Welt gegen die Sicherheit und die
Freiheit von Völkern, denen gegenüber wir Verpflichtungen eingegangen sind - einschließlich insbesondere der tapferen Menschen
in West-Berlin - wird mit allen erforderlichen Maßnahmen begegnet
werden.
Zum Schluß möchte ich einige Worte an das unterdrückte kubanische Volk richten, an das diese Rede durch besondere Sendeanlagen
direkt übertragen wirdt Ich spreche zu Ihnen als Freund, als einer,
der Ihre starken Bindungen an Ihr Vaterland kennt, als ein Mensch,
der Ihr Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit für alle teilt.
Und ich habe mit tiefer Sorge verfolgt, wie Ihre nationale Revolution
verraten wurde - und wie Ihr Vaterland unter fremde Herrschaft
geriet. Ihre Führer sind heute keine kubanischen Führer mehr, die
durch kubanische Ideale angespornt werden. Es sind Marionetten und
Agenten einer internationalen Verschwörung, die Kuba gegen Ihre
Freunde und Nachbarn in den amerikanischen Republiken gestellt und
es zum ersten lateinamerikanischen Land gemacht haben, das zum Ziel
eines Atomkrieges werden könnte - zum ersten lateinamerikanischen
Land, das diese Waffen auf seinem Territorium hat.
Diese neuen Waffen dienen nicht Ihrem Interesse. Sie tragen
in keiner Weise zu Ihrem Frieden und Wohlergehen bei. Sie können
ihn nur untergraben. Die Vereinigten Staaten möchten Ihnen kein
Leid zufügen oder Ihnen irgendein System aufzwingen. Wir wissen,
daß Ihr Leben und Land von denen als Faustpfand benutzt werden,
die Ihnen die Freiheit verwehren.
Das kubanische Volk hat sich in der Vergangenheit oftmals erhoben, um Tyrannen zu vertreiben, die seine Freiheit zerstörten.
Und ich zweifle nicht daran, daß die meisten Kubaner heute auf die
Zeit warten, da sie wirklich frei sein werden - frei von ausländischer
Herrschaft} frei, sich ihre eigenen Führer zu wählen; frei, sich
ihr eigenes System auszusuchen; frei, ihr eigenes Land besitzen
zu dürfen; frei, ohne Furcht vor Erniedrigung reden, schreiben und
ihre Religion ausüben zu können. Und dann wird auch Kuba wieder in
der Gemeinschaft der freien Nationen und den Vereinigungen dieser
Hemisphäre willkommen sein.
Meine Mitbürger, es soll niemand daran zweifeln, daß es ein
schwieriges und gefährliches Unterfangen ist, das wir begonnen
haben. Niemand kann genau voraussehen, welchen Verlauf es nehmen
oder welche Kosten und Verluste es mit sich bringen wird. Viele
Monate der Aufopferung und Selbstdisziplin liegen vor uns - Monate,
in denen sowohl unser Wille als auch unsere Geduld auf die Probe
gestellt werden wird - Monate, in denen zahlreiche Drohungen und
Anklagen uns die Gefahr, in der wir sind, vor Augen halten werden.
Aber die größte aller Gefahren wäre, nichts zu tun.
Der

- 6-

�Der Weg, den wir jetzt gewählt haben, ist voller Risiken wie
alle Wege - aber es ist der, der unserem Charakter und unserem
Mut als Nation sowie unseren Verpflichtungen überall in der Welt
am meisten entspricht. Der Preis der Freiheit ist stets hoch, aber
wir Amerikaner haben ihn immer entrichtet - und ein Weg, den wir
niemals wählen werden, ist der Weg der Kapitulation oder der
Unterwerfung.
Unser Ziel ist nicht der Sieg der Macht, sondern die Aufrechterhaltung des Rechts - nicht Frieden auf Kosten der Freiheit, sondern beidess Frieden und Freiheit hier in unserer Hemisphäre und
- wie wir hoffen - überall in der Welt. So Gott will, werden wir
dieses Ziel erreichen."
* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

Wi
DIE AMERIKANISCHE ANSICHT
ÜBER DIE EUROPÄISCHE WIRTSCHAFTSGEMEINSCHAFT

Ansprache
Sr. Exzellenz, des Gesandten Brewster H. Morris,

gehalten am 6. November 1962 vor der Handelskammer Bremen

�DIE AMERIKANISCHE ANSICHT
ÜBER DIE EUROPÄISCHE WIRTSCHAFTSGEMEINSCHAFT

Diese Stadt hat eine große und stolze Geschichte als
bedeutendes Handels- und Wirtschaftszentrum in Nordwesteuropa.
Sie ist zu Recht berühmt wegen ihrer Weltoffenheit und der
engen Bindungen, die sie mit der Außenwelt einschließlich
der Vereinigten Staaten verknüpfen. Sie hat immer eine besonders wichtige Rolle im Oberseeverkehr zwischen meinem Land
und Deutschland gespielt. Somit ist die Frage der Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der in zügiger Entwicklung
befindlichen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft für diese
alte Hansestadt von besonderem Belang. Gerne nehme ich deshalb
die Gelegenheit wahr, heute mittag mit Ihnen zusammenzusein.
Ich WÜJ. versuchen, in Umrissen die amerikanische Ansicht über
die neue Gemeinschaft zu skizzieren, die bereits so verheißungsvolle Auswirkungen zeitigt - nicht nur im alten Europa und der
so viel jüngeren Atlantischen Gemeinschaft, sondern auch im
Hinblick auf das gegenwärtige Kräfteverhältnis in dieser
schwierigen Weltsituation, in der wir uns befinden.
Lassen Sie mich damit beginnen, daß ich Ihnen zunächst
einmal bestätige, was Sie schon wissen: Die Vereinigten
Staaten haben unter beiden Präsidenten, die seit der Gründung
der EWG amtierten, die Entstehung dieser Gemeinschaft begrüßt;
sie haben sie von Anbeginn unterstützt, und sie bestärken
und ermutigen nach wie vor beständig jene Kräfte in Europa,
die sich für die Integration und die Einigung einsetzen. Tatsächlich haben die Vereinigten Staaten, wie ich noch im
einzelnen darlegen werde, jetzt das in seiner Tragweite bedeutendste Zollgesetz ihrer Geschichte verabschiedet, und
zwar mit dem ausdrücklichen Ziel, im Zusammenwirken mit der
EWG einen neuen Feldzug zur Beseitigung unnötiger Schranken
im internationalen Handelsverkehr zu führen.
Das

- 1

�Das amerikanische Interesse an der Einigung Europas regte sich
schon fast ein Jahrhundert vor der Unterzeichnung des Vertrages von
Rom. Dieses Interesse geht zurück auf den Marshallplan, der den unmittelbaren Anstoß gab zur Bildung der OEEC - des Europäischen
Wirtschaftsrats. Die OEEC war tatsächlich die Keimzelle der wirtschaftlichen Integration Europas in der Nachkriegszeit, da sie der Erkenntnis
zum Durchbruch verhalf, daß eine enge und engmaschige wirtschaftliche
Zusammenarbeit zwischen den Ländern Europas möglich sei.
Die ursprünglich für die Verteilung der amerikanischen Wirtschaftshilfe unter die Teilnehmerstaaten gegründete OEEC bewies, welche großen
Vorteile durch Zusammenarbeit und Beseitigung der Handelsschranken zu
gewinnen waren. Binnen weniger Jahre verstärkte sich jedoch das Gefühl,
daß wirtschaftliche Zusammenarbeit noch nicht genüge, daß vielmehr
eine wirkliche Integration notwendig sei. Der erste wichtige Schritt
in dieser Richtung war im Jahre 1952 die Errichtung der Europäischen
Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Entstanden mit der wirtschaftlichen
Zielsetzung, einen gemeinsamen Markt für Kohle und Stahl zu schaffen,
verfolgte diese Montanunion offensichtlich zugleich das politische
Ziel, die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland durch Zusammenfassung ihrer Kohle- und Stahlindustrien in einem gemeinsamen
europäischen Pool weiter voranzutreiben. Dann wurden 1958 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und als stärker spezialisiertes Seitenstück die Euratom-Organisation gegründet.
Die Vereinigten Staaten haben alle diese Initiativen zugunsten
der europäischen Integration nachdrücklich und tatkräftig gefördert.
Dies geschah sowohl im Rahmen ihrer diplomatischen Beziehungen zu den
betreffenden Ländern und in ihren Beziehungen zu den Zentralorganen
dieser Institutionen als auch im internationalen Kreise beispielsweise
der GATT-Länder, wo die Probleme zur Sprache kamen, die sich für die
nicht angeschlossenen Staaten ergaben. Die USA verhielten sich so,
obwohl ihr eigener Handel in der Folge zeitweise unter Benachteiligungen zu leiden hatte. Natürlich hatten die Vereinigten Staaten gute
Gründe für die von ihnen verfolgte Politik - Gründe, die ich Ihnen
gleich erläutern möchte.
Zwar stellt die EffG wesentlich mehr dar als einen Wirtschaftskörper, doch will ich zuerst ihre wichtigsten ökonomischen Aspekte
hervorheben. Ihre Bevölkerungszahl ist mit etwa 170 Millionen fast
ebenso groß wie die der Vereinigten Staaten. Ihr Bruttosozialprodukt
erreicht zwar nicht einmal die Hälfte der amerikanischen Ziffer,
doch ist es in den letzten vier Jahren fast doppelt so rasch gewachsen wie das unsrige. An elektrischer Energie erzeugt die EWG
nur etwa ein Drittel des Produktionsvolumens der Vereinigten Staaten,
und dasselbe gilt für die Kraftfahrzeugproduktion. Im Außenhandel
ist die EWG jedoch mit Jahresausfuhren im Werte von rund 18 Milliarden Dollar und etwa ebenso großen Einfuhren den USA bereits ebenbürtig.
Der interessanteste wirtschaftliche Aspekt der EWG ist jedoch
ihre bemerkenswerte Dynamik. Ich habe bereits erwähnt, daß sie eine
fast doppelt so große wirtschaftliche Zuwachsrate erzielte wie Amerika.
Überdies wächst auch der Handel der EWG-Länder mit den Drittländern
schneller als der Welthandel im allgemeinen, und der Handel der EWGLänder untereinander hat sogar noch rascher zugenommen.
Die
- 2 -

�Die hohe gesamtwirtschaftliche Zuwachsrate wurde angereizt durch
den Abbau der Binnenhandelsschranken, durch die Aussicht auf die letzten Endes völlige Beseitigung dieser Schranken sowie durch den Einsatz
umfangreicher Investitionsmittel, die innerhalb der EWG mobilisiert
oder von außen angezogen wurden durch die Schaffung eines Massenmarktes
wirklich kontinentalen Ausmaßes. Diese dynamische Wirtschaft ist ihrerseits zu einem großen potentiellen Absatzmarkt für die Erzeugnisse der
Vereinigten Staaten und anderer Drittländer geworden. Wir alle wissen,
daß wohlhabende Leute bessere Kunden sind als arme Schlucker. Und gerade' von diesem Entwicklungsaspekt des Gemeinsamen Marktes versprechen
sich die Vereinigten Staaten einen Ausgleich für die Benachteiligungen,
die sich für ihren Handel notwendigerweise aus der Errichtung der EWG
ergaben. Daß die Exporte der USA in die EWG-Länder inzwischen kräftig
anstiegen - und zwar um rund 40 Prozent in den letzten vier Jahren -,
beweist die Richtigkeit dieser Analyse.
Das hohe Niveau des materiellen Wohlstands, das Europa neuerdings
erreicht hat, macht es somit auch zu einem besseren
Markt für amerikanische Waren. Gleichzeitig bringt der Prozeß, der die hohe Zuwachsrate der EWG herbeiführte, automatisch und zwangsläufig einen grundsätzlichen wirtschaftlichen Vorteil mit sich. Ich denke dabei natürlich
an die verbesserte internationale Arbeitsteilung, die eine der Konsequenzen der Liberalisierung des Handels ist. Wir alle haben während
unseres Volkswirtschaftsstudiums an der Universität gelernt, daß
Handelsschranken deshalb eine Verschwendung bedeuten, weil sie eine
maximale Nutzung der Hilfsquellen verhindern. Die Kehrseite dieser
Medaille ist jedoch, daß die Beseitigung der Handelsschranken den
wirksameren Einsatz von Rohstoffen und anderen wirtschaftlichen
Hilfsquellen erleichtert. Und wenn dies in einem Rahmen wie dem der
EWG erfolgt, kommt es zu einem Durchbruch in Richtung auf die Massenproduktion und den Massenverbrauch, die großen wirtschaftlichen Vorzüge der modernen Welt. Die EWG liefert erneut einen schlagenden Beweis
für diese Wahrheiten, die in den Vereinigten Staaten bereits seit
Jahrzehnten beispielhaft demonstriert werden.
Die wirtschaftliche Vitalität des Gemeinsamen Marktes zeitigt
außerdem Wirkungen, die über rein handeis- und wirtschaftspolitische
Erwägungen weit hinausreichen. Die EWG schafft die Basis für eine
echte politische Stabilität, jene Art von Stabilität, die aus der
Befriedigung berechtigter und vernünftiger wirtschaftlicher Wünsche
und Hoffnungen resultiert, im Gegensatz zu der künstlichen Stabilität
einer Zwangswirtschaft. Sie schafft die Basis für eine dauerhafte
Verbesserung der sozialen Verhältnisse - sowohl für einen verbesserten Standard der Erziehung und der öffentlichen Wohlfahrt als auch
für ein Ansteigen des privaten Verbrauchs. Einige Manifestationen
dieses neuen Überflusses können durchaus auch unangenehme Seiten
haben - die aus der Motorisierung resultierenden Verkehrsprobleme
sind ein Beispiel dafür -, aber die Tatsache bleibt doch bestehen,
daß Menschen, die in zufriedenstellenden wirtschaftlichen Verhältnissen leben und mit weiteren Verbesserungen rechnen können, sich
in einer Geistes- und Gemütsverfassung befinden, bei der freie politische Institutionen am ehesten gedeihen. Die Vereinigten Staaten
sehen in der EWG einen neuen Impuls für eine umfassendere und tiefere
Würdigung der praktischen Werte einer freien Gesellschaft. Dies also
ist ein politisch-wirtschaftlicher Vorteil, der dem Erfolg der EWG

- 3

�EWG entspringt - ein Vorteil gleichermaßen für alle innerhalt) oder
außerhalb des Gemeinsamen Marktes.
Aus dem Erfolg der EWG ergeben sich aber noch andere politischwirtschaftliche Vorteile. Einer davon betrifft die militärische
Sicherheit, eine bittere Notwendigkeit in dieser Welt, in der wir
leben. Heutzutage wurzelt die militärische Sicherheit genauso in der
wirtschaftlichen Stärke, im technischen Fortschritt und im industriellen Potential wie in den Eigenschaften der Bevölkerung eines Landes.
Alle diese Qualitäten besitzt die EWG im Überfluß, und die "Sechs
Länder" sind - wie Premierminister Macmillan kürzlich zur Rechtfertigung seiner Politik für die Eingliederung Großbritanniens in den Gemeinsamen Markt sagte - auf dem besten Wege, eine dritte "Supermacht"
zu werden. Die Vereinigten Staaten haben in voller Erkenntnis der
Bedeutung dieser Entwicklung diese mächtige Bewegung in Richtung auf
die europäische Integration gefördert. Wir wollten ein vereinigtes
und starkes Europa, das in der Lage ist, als gleichberechtigter
Partner an der Verwirklichung unserer gemeinsamen Ziele mitzuwirken als gleichberechtigter Partner, der sich den fundamentalen Werten
und Bestrebungen verpflichtet fühlt, die uns beiden gemeinsam am
Herzen liegen.
Der andere große politisch-wirtschaftliche Vorteil des Erfolges
der EWG besteht in dem neuen Potential, das sich hier für die Unterstützung der weniger vom Glück begünstigten Nationen bietet, damit
diesen geholfen wird, jenes Niveau wirtschaftlicher und politischer
Stärke zu erreichen, das ihnen Selbstachtung und Unabhängigkeit verleiht. Wir anerkennen, daß die Länder der EWG bereits viel auf diesem
Gebiet getan haben, und wir sind uns auch der zahlreichen Schwierigkeiten bewußt, die sich bei der Durchführung von Auslandshilfeprogrammen zugunsten der jungen Nationen ergeben, wo häufig unter äußerst
ungünstigen Bedingungen die grundlegenden Voraussetzungen für eine
wirtschaftliche Entwicklung erst geschaffen werden müssen. Gleichzeitig wissen wir aber auch - und die Europäer dürften unsere Ansicht
teilen -, daß die reichen Nationen die Bedürfnisse der armen nicht
länger ignorieren dürfen, sondern zusammenarbeiten müssen, um ihnen
bei der Hebung ihres materiellen Lebensstandards zu helfen. Mit den
neuen wirtschaftlichen Kapazitäten, die die EWG entwickelt hat,
sollte diese imstande sein, einen wachsenden Anteil der gemeinsamen
Verantwortung gegenüber unseren weniger glücklichen Nachbarn zu übernehmen. Der EWG sollte dies sogar ohne fühlbare Rückwirkungen auf
ihren eigenen Lebensstandard möglich sein.
Jede Darstellung der Vorteile der EWG - die, wie wir gesehen
haben, nicht notwendigerweise auf die Gemeinschaft selbst beschränkt
bleiben, sondern auch Außenstehenden großen Nutzen bringen - muß
zwangsläufig mit der Nennung eines anderen großen Vorteils abschließen.
Dies ist die Tatsache - die für die großen Männer, welche in gemeinsamem Bemühen die EWG geschaffen haben, an erster Stelle stand -, daß
durch die wirtschaftliche Integration Europas und die ebenfalls unternommenen Schritte zu einer politischen Integration bewaffnete Konflikte
zwischen den einzelnen Mitgliedern unmöglich gemacht werden.
Dies

- 4-

�Dies sind also die wesentlichen Vorteile, die sich in amerikanischer Sicht aus der EWG und der europäischen Integrationsbewegung ergeben. Ihre Bedeutung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie
haben das Gesicht Europas und der westlichen Welt wahrlich verändert.
Und wenn das einigen von Ihnen immer noch nicht ganz einleuchten
sollte, so möchte ich mich eines ganz primitiven Arguments bedienen:
Die EWG ist von den Kräften des Weltkommunismus und von Herrn Chruschtschow scharf angegriffen worden. Schon allein deshalb muß es sich um
eine gute Sache handeln. Das ist ein "Beweis", der selbst den verstocktesten Skeptiker überzeugen müßte.
Jetzt, da der Gemeinsame Markt bereits fünf Jahre besteht, berührt
es einen seltsam, wenn man sich noch einmal die Tage seiner Gründung
ins Gedächtnis ruft. Den europäischen Industriellen war damals allenthalben an einer Veränderung wenig gelegen. Die meisten hatten sich
den ersten Vorschlägen für ein vereintes Europa widersetzt, und sie
blieben auch skeptisch, als die Idee des Gemeinsamen Marktes geboren
wurde. Viele andere, die diese Konzeption befürworteten, hegten ehrliche Zweifel, ob er wirklich funktionsfähig gemacht werden könnte waren doch schon weit weniger ehrgeizige Versuche einer internationalen Zusammenarbeit fehlgeschlagen. Wichtiger noch war für die außenstehenden Lä.nder die Frage, in welcher Weise der Gemeinsame Merkt
arbeiten, nach welchen Richtlinien er sich entwickeln würde. Es war
offensichtlich nicht einerlei, ob der Gemeinsame Markt die Autarkie
anstrebte oder in Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der übrigen
Welt den Blick nach außen richtete.
Wie wir heute wissen, hat die EWG bisher jene liberale Politik
betrieben, die ihren Schöpfern vorschwebte und die die Vereinigten
Staaten von ihr erhofft und erwartet hatten. Dies zeigte sich auch
1960/61 bei den Genfer Zollverhandlungen im GATT-Rahmen, als die EWG
ihre gemeinsamen Außenzölle in Erwartung entsprechender Zollsenkungen
der Vereinigten Staaten und anderer Drittländer um 20 Prozent ermäßigte.
Aufgrund ebensolcher Verhandlungen werden die EWG und ihre Handelspartner die künftigen Vereinbarungen treffen, die den Warenverkehr
über die jeweiligen Grenzen hinweg regeln werden. Um derartige Verhandlungen wirksam führen zu können, verlangte und erhielt Präsident
Kennedy in Gestalt des am 11. Oktober 1962 in Kraft getretenen Gesetzes
über die Ausweitung des Außenhandels die größten Vollmachten für die
Senkung oder Aufhebung von Zöllen, mit denen jemals ein amerikanischer
Präsident ausgestattet war.
Diese beispiellosen Vollmachten wurden dem Präsidenten im Hinblick
auf die beispiellosen Aufgaben und Probleme erteilt, mit denen uns der
Gemeinsame Markt konfrontiert. Zum ersten Male in ihrer Geschichte
haben es die Vereinigten Staaten im Gemeinsamen Markt mit einem Handelspartner zu tun, der viele ihrer eigenen Merkmale aufweist; eine hochindustrialisierte Wirtschaft, eine große, wohlversorgte Bevölkerung
und einen ^arkt, der in vielen Dingen dem der Vereinigten Staaten
gleicht. Ich darf Ihnen hier kurz andeuten, wie wir das neue Außenhandelsgesetz "zum beiderseitigen Nutzen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft -und der Vereinigten Staaten zu handhaben beabsichtigen.

Die

�Die dem Präsidenten übertragenen Vollmachten sind auf eine
bestimmte Art von Problemen zugeschnitten, die wir jetzt beide gemeinsam haben. Die Handelswelt ist in einem tiefgreifenden Wandel begriffen.
Die in Aussicht genommene EWG-Mitgliedschaft Großbritanniens wird hoffentlich schon in kurzer Zeit - dahin führen, daß sich 90 Prozent
der industriellen Produktion der freien Welt und 90 Prozent ihres
Handels mit Industriegütern auf zwei große gemeinsame Märkte konzentrieren; die Vereinigten Staaten und die erweiterte Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft.
Wenn diese beiden gemeinsamen Märkte miteinander verhandeln,
werden sie erstmals auf nahezu gleicher Basis miteinander verkehren.
In bezug auf die Bevölkerung, die Wirtschaftskraft, den Stand der
allgemeinen technischen Entwicklung und der Produktionstechnik liegen
die USA und die EWG nicht weit auseinander. Unsere jeweiligen Außenzölle werden im allgemeinen dieselbe Durchschnittshöhe haben; bei
manchen Waren werden die EWG-Zölle über den Sätzen der USA liegen,
bei anderen Waren wird es umgekehrt sein. Durch gemeinsame Verhandlungen sollten wir imstande sein, uns gegenseitig den Zutritt zu unseren jeweiligen Märkten auf einer Basis zu erleichtern, die für beide
Parteien gleich günstig ist.
Angesichts der beherrschenden Stellung, die die Vereinigten
Staaten und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zusammen im Welthandel einnehmen, haben sie gleichzeitig eine besondere Verantwortung
gegenüber Dritten zu tragen. Stärke und ^acht bringen für diejenigen,
die sie besitzen, besondere Verpflichtungen mit sich. Im Zuge von
Verhandlungen im GATT-Rahmen und durch fühlbare Zollsenkungen auf der
Grundlage der Meistbegünstigung können diese beiden großen gemeinsamen
Märkte die Schwierigkeiten und Befürchtungen aller übrigen Länder der
freien Welt auf ein überschaubares und erträgliches Maß vermindern.
Dies setzt natürlich voraus, daß dritte Lä.nder ebenfalls ihren Beitrag
leisten, indem sie sich zu gegenseitigen Zugeständnissen bereit finden.
Die Hauptvollmacht, die dem Präsidenten durch das Gesetz über die
Ausweitung des Außenhandels übertragen worden ist, gibt ihm die Befugnis,
bei Zollverhandlungen eine Senkung der amerikanischen Zölle um bis zu
50 Prozent zu vereinbaren. Das Gesetz schließt ferner eine Sondervollmacht ein, die es dem Präsidenten gestattet, die Zölle in Verhandlungen
mit der EWG bei einer beschränkten Zahl von Positionen - bei Waren,
die vornehmlich von den USA oder der EWG geliefert werden - um bis zu
100 Prozent zu senken.
Ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, daß kein Anlaß zu der
Befürchtung besteht, die Sondervollmacht des Präsidenten diene dem
Zweck, den gemeinsamen Außenzoll zu durchlöchern, der der EWG Gestalt
und'Zusammenhait verleiht. Waren auf die Freiliste zu setzen, wäre
für'die EWG nicht gleichbedeutend mit der Preisgabe des gemeinsamen
Außenzolls. Beide Partner haben bereits eine Reihe von Industrieprodukten auf ihre Freilisten gesetzt. Die Vereinigten Staaten erheben
gegenwärtig keinen Zoll auf Schreibmaschinen, Zeitungspapier, Düngemittel und eine Reihe von Maschinen. Der EWG-Außenzoll für Synthesekautschuk, verschiedene Papierstoffe und Papiererzeugnisse, Schiffe
bestimmter Gattungen und Größen sowie Schmuckwaren wird gleich Null
sein, und für Flugzeuge wurde er bereits ausgesetzt.
Gibt

�Gibt es irgendeinen Grund, der der Erweiterung dieser Liste
entgegensteht? Der Gemeinsame Markt hat doch inzwischen das Stadium
erreicht, wo für seine Gestalt und Integrität andere Elemente als
der gemeinsame Außenzolltarif ausschlaggebend sind. Die Wirtschaftsgemeinschaft verfügt über eine ganze Reihe von gut durchgebildeten
Institutionen, und der Zusammenhalt wird letzten Endes davon abhängen, inwieweit es gelingt, das gemeinsame Handeln auf immer weitere
Bereiche der Politik auszudehnen.
Noch eine weitere Befürchtung, die an das neue Außenhandelsgesetz geknüpft wird, dürfte unsere Aufmerksamkeit verdienen. Der Präsident beabsichtigt seine Vollmachten nicht zu benutzen, um auf die
Bildung einer Zollunion oder einer Freihandelszone mit dem Gemeinsamen
Markt hinzuarbeiten. Er schlägt auch keinerlei Exklusiv-Handelsabkommen
mit der EWG vor; jedwede Vereinbarung, die wir treffen, muß auf dem
Meistbegünstigungsprinzip beruhen. In Aussicht genommen ist vielmehr,
daß die Vereinigten Staaten in Übereinstimmung mit der EWG die Liberalisierung des Handels unter solchen Bedingungen vorantreiben, daß ihre
Vorteile allen Ländern zugute kommen.
Lassen Sie mich zum Schluß noch einmal aussprechen, daß wir
Amerikaner in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wesentlich mehr
sehen als lediglich eine wirtschaftliche Institution. Wir haben als
selbstverständlich vorausgesetzt, daß die EWG ihren Blick nach außen
wendet, daß sie der Versuchung widersteht, einen Handelsblock zu
bilden, der sich dem Rest der freien Welt verschließt. Und wir haben
weiter angenommen, daß mit zunehmenden Stärke und Einheit Europas
in den Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft auch ein wachsendes Verantwortungsgefühl für Sicherheit und Wohlfahrt der übrigen
freien Welt Platz greifen wird.
Wir Amerikaner sind fest davon überzeugt, daß man von Europa,
je weiter es auf dem Wege zur Einheit voranschreitet, in steigendem
Maße eine positive und verantwortliche Mitwirkung bei der Wahrnehmung
unserer gemeinsamen Belange erwarten kann. Wenn wir diesem Glauben
Ausdruck verleihen, ist uns dabei natürlich auch klar, daß die Atlantische Partnerschaft niemals einseitig sein kann und daß auch wir unsere
Verpflichtungen als gute Partner zu erfüllen haben.
Wie sich Amerika diese Partnerschaft - diese Atlantische Partnerschaft - vorstellt, das hat Präsident Kennedy vor einigen Monaten am
amerikanischen Unabhängigkeitstag in Philadelphia zum Ausdruck gebracht.
Nachdem er von dem Geist gesprochen hatte, aus dem die amerikanische
Verfassung geboren wurde, erklärte Präsident Kennedyi
"Dieser Geist wird heute wohl am deutlichsten jenseits des Atlantischen Ozeans erkennbar. Die Nationen Westeuropas, lange durch Fehden
gespalten, die heftiger waren als die Zwistigkeiten zwischen den
einstigen dreizehn Kolonien, schließen sich zusammen und versuchen,
Freiheit in der Vielfalt und Stärke in der Einheit zu finden.
Die Vereinigten Staaten blicken mit Hoffnung und Bewunderung
auf dieses große Unterfangen. Wir sehen in einem starken und geeinten
Europa keinen Rivalen, sondern einen Partner. Die Förderung seines
Fortschritts ist siebzehn Jahre lang ein grundlegendes Ziel unserer
Außenpolitik gewesen. Wir glauben, daß ein geeintes Europa in der Lage

- 7-

�Lage sein wird, eine größere Rolle in der gemeinsamen Verteidigung
zu übernehmen, den Nöten der ärmeren Völker großzügiger zu entsprechen
und gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern die
Handelsschranken abzubauen, die Währungs- und Rohstcffprobleme zu
lösen und in allen übrigen wirtschaftlichen, diplomatischen und
politischen Bereichen eine koordinierte Politik zu entwickeln. Wir
sehen in einem solchen Europa einen Partner, mit dem wir bei all
den großen und mühevollen Aufgaben des Aufbaus und der Verteidigung
einer Gemeinschaft freier Nationen auf der Grundlage völliger Gleichheit verkehren können."

» # * # *

8 -

�A M E R I K A

D I E N S T

A l l g . / 2 3 . 1 1 .1962
DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT UND IHRE VERANTWORTUNG IN DER WELT

Ansprache

des Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses
des Senats der Vereinigten Staaten von Amerika

Senator J. William Fulbright

gehalten am 19« November 1962
in der Aula der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn

�DIE ATLANTISCHE PARTNERSCHAFT UND IHRE VERANTWORTUNG IN DER WELT

"Die Völker scheinen der Einheit zuzustreben", schrieb Alexis de
Tocqueville im Jahre 1835» "Unsere Mittel des geistigen Verkehrs verbinden die entferntesten Teile der Erde miteinander; und es ist den
Menschen unmöglich, einander fremd zu bleiben oder nicht von den Ereignissen zu erfahren, die sich in den entferntesten Winkeln des
Erdballs abspielen ."1)
Diese Worte, die nach unserem heutigen Urteil zumindest verfrüht
erscheinen, sind eine Vorankündigung der großen Paradoxie der neueren
Geschichte der westlichen Welt. Denn wenigstens seit anderthalb Jahrhunderten wird die Geschichte des Westens von zwei einander widerstreitenden Kräften geformt, deren eine das Streben nach Zusammenarbeit und Gemeinschaft ist, die andere dagegen ein unheilvoller Nationalismus, der die Völker gegeneinander trieb und in den großen
Konflikten des 20. Jahrhunderts kulminierte. In unserer eigenen Zeit
mehren sich die zwar noch nicht schlüssigen, doch gleichwohl sehr
eindrucksvollen Anzeichen dafür, daß sich diese große Paradoxie
schließlich doch auflösen läßt, und zwar im Sinne einer umfassenden
Gemeinschaft der freien Völker der atlantischen Welt. Dieser Trend
wird, sofern ihn die Ereignisse der kommenden Jahre vollends bestätigen, sicherlich als die bedeutsamste und segensreichste Entwicklung
des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen.
Die Tendenz zur Gemeinschaft bildete sich in der westlichen 7/elt
rasch und hoffnungsvoll im Gefolge der napoleonischen Kriege heraus.
Die Sieger in jenem Konflikt, denen mehr am Frieden für die Zukunft
als an der Rache für die Vergangenheit gelegen war, gewährten den
Besiegten großzügige Bedingungen und schufen erste Ansätze zur Bildung eines Europarates mit Artikel 8 des Viermächtebündnisses von
1815» der "periodische Zusammenkünfte der Souveräne oder ihrer Minister" zum Zwecke der Erhaltung des Friedens und der Stabilität vorsah. Aus der Wiener Regelung von 1815 erwuchs das "Konzert der europäischen Mächte", eine unausgeformte, aber echte Gemeinschaft von
Staaten, die ihr gemeinsames Interesse am unversehrten Fortbestand
des Vertragsgebäudes und an einem "gerechten Gleichgewicht" der Macht,
wie Lord Castlereagh es ausdrückte, höher bewerteten als ihre besonderen und widerstreitenden nationalen Aspirationen.
Der

1

�Der Wiener Kongreß erreichte, was keiner der Verträge, Regelungs- und Schlichtungsversuche des 20. Jahrhunderts zu erreichen
vermochte: er leitete eine lange Friedensperiode ein. Die Geschichte
des 19« Jahrhunderts verdient es somit, daß wir sie achten und ihr
nacheifern. Die Grundregel des Europäischen Konzerts besagte, daß
keine größere Änderung an dem Vertragsgebäude ohne Zustimmung der
fünf Großmächte vorgenommen werden durfte. So verfügte das Konzert
in Anwendung dieses europäischen "Landfriedens" in den dreißiger
Jahren des vorigen Jahrhunderts die Unabhängigkeit Belgiens, fand
1840 eine dauerhafte Regelung für die türkischen Meerengen, begründete 1878 die Unabhängigkeit Bulgariens und setzte noch im Jahre 1913
die Beilegung der Balkankriege erfolgreich durch.
Das Europäische Konzert repräsentierte eine beschränkte Gemeinschaft und ein anfälliges Rechtssystem, aber es hielt den Frieden
hundert Jahre lang aufrecht - eine höchst eindrucksvolle Leistung,
gemessen an den Maßstäben des 20. Jahrhunderts. Den Zusammenbruch
dieses Konzerts bewirkten sowohl zufällige Geschehnisse als auch
tiefeingewurzelte Kräfte, deren bei weitem wichtigste das Vordringen
des aggressiven Nationalismus war.
Die nationalen Einigungs- und Unabhängigkeitsbewegungen des 19«
Jahrhunderts bestärkten eine Zeitlang sogar den Trend zugunsten
einer größeren Gemeinschaft. Diese Bewegungen waren in ihren Anfängen
eng mit demokratischen und humanitären Ideen verknüpft. Aus den
Schriften Benthams und Mills, Guizots and Mazzinis geht hervor, daß
der Nationalismus des 19« Jahrhunderts liberal und hochherzig, friedfertig und optimistisch war. Die Einigung Deutschlands und Italiens
stellte sicherlich eine wichtige und segensreiche Ausweitung politischer Gemeinschaften in Europa dar.
Deutschland leistete einen einzigartigen Beitrag zur Entwicklung
des Gedankens der europäischen Einigung mit der Schaffung des Deutschen
Zollvereins im Jahre 1834» dem klassischen Beispiel einer Zollunion,
das auch als Vorform der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft von
heute anzusehen ist. Anfangs aus fünf unabhängigen deutschen Mitgliedstaaten bestehend, umfaßte der Zollverein bis 1871 alle Staaten, die
in jenem Jahr ihre Souveränitäten zu einem deutschen Bundesstaat verschmolzen. Durch den Zusammenschluß zahlreicher unabhängiger Staaten
und Fürstentümer zur größten Industriemacht Europas bewirkte der Zollverein vor hundert Jahren für Deutschland ein "Wirtschaftswunder", welches dem vergleichbar ist, das der Gemeinsame Markt gegenwärtig für den
Hauptteil des freien Europa vollbringt.
Die große europäische Anomalie im 19• Jahrhundert war das parallele Erstarken mächtiger Kräfte, die einerseits der Einheit und andererseits der Spaltung Vorschub leisteten Zum ewigen Schaden des Westens
und der Welt obsiegten die letzteren. Im ausgehenden 19« Jahrhundert
wurde das Band zwischen den nationalistischen und den liberalderaokratischen Ideen zertrennt, und der Nationalismus nahm zusehends chauvinistischere, militaristischere und aggressivere Züge an. Die Auswirkungen der überhandnehmenden nationalen Rivalitäten schwächten das
alte Europäische Konzert immer mehr, bis schließlich 1914 die entkräftete Gemeinschaft in einem Ausbruch des hemmungslosesten Nationalismus zerbarst.
n„_

2

�Das Jahr 1914 ist die Wendemarke der neueren Weltgeschichte.
Der Zusammenbruch einer unvollkommenen, aber nicht unzivilisierten
alten Ordnung wurde durch unvorhergesehene Zufälle und unkontrollierte Ereignisse beschleunigt. Wenn diese Ereignisse auch vielleicht
nicht unvermeidlich waren, wurden sie doch erst durch den Zerfall der
internationalen, auf gemeinsamen Wertvorstellungen beruhenden Gemeinschaft ermöglicht, die Europa ein Jahrhundert des Friedens geschenkt hatte. So kam es, daß Europa und die Welt in einen Strudel
von Konflikten gerieten, denen gegenüber die Staatsmänner, die sie
weder geplant noch gewünscht hatten, machtlos waren.
Es erübrigt sich, die tragischen Ereignisse der Ära der beiden
Weltkriege hier zu rekapitulieren, die die westliche Kultur beinahe
vernichtet hätten. Ihre historische Bedeutung hat jener französische
General sehr gut umrissen, der am 2. August 1914 die erste Nachricht
vom Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Deutschland
mit den Worten quittierte»"Die sind ja verrückt; das ist doch ein
Bürgerkrieg!"2)
Der "Bürgerkrieg" des Westens dauerte von 1914 bis 1945« Er forderte Zehnmillionen von Menschenleben, verursachte unermeßlichen materiellen und moralischen Schaden, zerstörte die weltweite Hegemonie
westlicher Ideen, Interessen und Institutionen und hinterließ dem
Westen eine Situation, in der ihn größere Gefahren und ein schrecklicherer Gegner als je zuvor bedrohen. Das waren die bitteren Früchte
des ungezügelten Nationalismus.
Unter den Mythen und Irrtümern, die die Menschen bisher ins
Verderben führten, hatte in unserer Zeit jene Vorstellung die verheerendste Breitenwirkung, daß die Nation so etwas wie ein übernatürliches Wesen mit eigenem Willen von besonderer Heiligkeit sei,
das einer höheren Ordnung als die Einzelmenschen angehöre, aus denen
sie besteht. Doch weit davon entfernt, der geistige Organismus der
nationalistischen Mythologie zu sein, ist der moderne Nationalstaat
das Produkt der historischen Evolution von Menschengruppen von ihren
Stammesursprüngen zu immer größeren Gesellschaftsformationen, und zwar
nicht vermöge mystischer historischer Kräfte, sondern in Beantwortung
recht praktischer wirtschaftlicher, militärischer und politischer Erfordernisse. Bis zum 20. Jahrhundert stellte sich die Nationwerdung
als Verbreiterung menschlicher Bindungen dar. In der modernen Welt
aber, in der die Völker infolge der wissenschaftlichen und technischen
Revolution in ein Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit getreten sind,
engt der Mythos vom souveränen Staat die Bande zwischen den Menschen
ein und beschränkt sie auf politische Gemeinschaften, die nicht mehr
imstande sind, Sicherheit und wirtschaftliches Wachstum in dem erforderlichen Maße zu gewährleisten. Die Idee von der absoluten nationalen
Souveränität ist somit zum Prinzip der internationalen Anarchie geworden. Wenn den echten Erfordernissen des Westens und der Welt Rechnung getragen werden soll, kann weder die Souveränität noch die nationale Selbstbestimmung absolut bleiben.
Der

�Der Mindestpreis des Überlebens in diesem Jahrhundert wird sein,
daß wir uns fortgesetzt anstrengen müssen, neue und tiefere Bande der
Zusammenarbeit zwischen den Nationen zu knüpfen, und darüber hinaus
beginnen, einen bestimmten Teil unseres Loyalitäts- und Verantwortungsgefühls vom souveränen Staat auf eine umfassendere Völkergemeinschaft zu übertragen. Im Hinblick auf dieses Ziel haben die Vereinten
Nationen einen sehr wichtigen Beitrag geleistet, einen wirklich bemerkenswerten Beitrag angesichts der schier unüberwindlichen Schwierigkeiten, denen sie sich seit ihrer Gründung im Jahre 1945 konfrontiert
sahen. Obwohl die Welt noch lange nicht reif für jene Art der erdumspannenden Gemeinschaft ist, die den Schöpfern der Charta der Vereinten Nationen vorschwebte, darf man rechtens hoffen, daß der anhaltende
Weltkonflikt der Ideologien und nationalen Interessen zu gegebener
Z*eit allmählich einem vernunftgemäßeren und zivi lisierteren System
der Weltbeziehungen unter der Ägide der Vereinten Nationen weichen
wird.
In den Jahren des "Bürgerkriegs" im Westen war die Macht der
Gegen-Idee der Völkergemeinschaft zwar gebrochen, aber keineswegs
völlig vernichtet. Der Völkerbund, an sich ein wertvoller und aufrichtiger Ansatz, war allerdings eine Fehlgeburt, ein Opfer der
dominierenden Irrlehren über den Nationalstaat und die nationale
Souveränität. Es gab noch mehr verpaßte Gelegenheiten, wie z.B.
die zeitweilig vielversprechende Aussöhnung zwischen Frankreich und
Deutschland Mitte der zwanziger Jahre. Es ist interessant und nicht
ohne Ironie, wenn man sich heute daran, erinnert, daß der deutsche
Außenminister Gustav Stresemann Ende der zwanziger Jahre den Vorschlag
des französischen Außenministers Aristide Briand zur Schaffung der
"Vereinigten Staaten von Europa" unterstützte.
"Nichts auf der Welt", schrieb Victor Hugo, "ist so mächtig wie
eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Aus der Asche eines generationenlangen Konflikts innerhalb der westlichen Welt erwuchs den Völkern des
Westens ein einziger großer Vorteil: die Zeit für die Idee der Gemeinschaft des Westens ist angebrochen. So sind die flüchtigen Träume
Stresemanns und Briands heute schon fast greifbare Realität geworden.
In den Jahren seit dem zweiten Weltkrieg scheint der Westen - insbesondere die kontinentaleuropäischen Länder - den leidenschaftlichen
Hang zur Selbstvernichtung überwunden und endlich die Nutzlosigkeit
und Gefährlichkeit des extremen Nationalismus erkannt zu haben.
Die historische Paradoxie scheint schließlich ihrer Auflösung entgegenzugehen, rasch und unwiderruflich, um der Einheit der Völker
Platz zu machen, deren Freundschaftsbande aus gemeinsamen Hoffnungen
und Idealen und auch aus der Erkenntnis gemeinsamer Gefahren geschmiedet sind.

Satzungen lassen sich viel leichter
In überaus zweckmäßiger und vernünftiger
der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
durch - eine Revolution neuen Stils, die

schaffen als Gemeinschaften.
Weise führen, die Mitglieder
eine erfolgreiche Revolution
mit der geschichtlichen

�geschichtlichen Entwicklung Schritt hält, aber nicht versucht, ihr
vorauszueilen. Der große Erfolg des Gemeinsamen Marktes und seine
Verheißungen für die Zukunft sind in seinem Arbeitsprinzip begründet,
daß neue Institutionen auf dem soliden Fundament der Gemeinschaftlichkeit und des Zusammenhalts errichtet werden müssen. "Genau wie die
Sprache der Grammatik vorausgeht", schreibt Walter Hallstein, "hat
die Politik Vorrang vor der politischen Theorie; und der Streit über
die beste Terminologie für das, was wir in der Europäischen Gemeinschaft
tun, scheint mir häufig genauso akademisch zu sein wie die Grammatiker
selbst."3)
Sinn und Bedeutung des Gemeinsamen Marktes, wie sie sich aus der
Sicht der Vereinigten Staaten darstellen, kommen in einer kürzlich
fertiggestellten Studie des Außenpolitischen Ausschusses des.Senats
zum Ausdruck, die mit den V/orten beginnt: "Die sechs Mitglieder der
Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft arbeiten an einem Vorhaben, welches Europa eine seit dem Zeitalter der Entdeckungen beispiellose
Stärke und Zielstrebigkeit verleiht. Seit dem 13« Jahrhundert hat
Europa keinen so bedeutenden Grad der Einigkeit erreicht. Heute ist
man dabei, Überlieferungen wie die deutsch-französische Rivalität zu
begraben; und Großbritannien kehrt einer in fünf Jahrhunderten bewährten Diplomatie den Rücken, um sich auf den Anschluß an Europa vorzubereiten. Eine neue Weltmacht ist im Entstehen begriffen".4/
Das sicherste Zeichen für den Erfolg eines Unternehmens sind Neid
und Mißvergnügen der Konkurrenten. Dieses Kompliment wurde dem Gemeinsamen Markt seitens der Sowjetunion in zweifacher, bedeutsamer Weise
gemacht; erstens hat sie den Gemeinsamen Markt als "Verschwörung" und
"Waffe des Monopolkapitals" geschmäht und mit anderen wohlbekannten
kommunistischen Schimpfworten bedacht; zweitens unternahm sie den Versuch, diese "Verschwörung" durch die Errichtung eines "Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" unter Einschluß der Sowjetsatelliten zu imitieren. Die sowjetische Furcht vor dem Gemeinsamen Markt hat in der Tat
überaus handfeste Gründe. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bedeutet nämlich das endgültige Scheitern der seit rund fünfzehn Jahren
gehegten sowjetischen Hoffnungen auf eine Ausdehnung der kommunistischen
Herrschaft auf ein schwaches und geteiltes Europa. Die kommunistische
Revolution wurde in Westeuropa durch eine stärkere und bessere Revolution geschlagen - eine friedliche Revolution mit demokratischen Mitteln,
von freien Menschen zum Zwecke des gemeinsamen Fortschritts und der gemeinsamen Prosperität konzipiert und durchgeführt.
Der weitere Erfolg des Gemeinsamen Marktes und die Aussichten
auf eine Vollendung der Atlantischen Gemeinschaft hängen davon ab, ob
wir geschickt und weitblickend genug sind, unsere revolutionären Ziele
in der Weise zu verfolgen, daß wir weder den geschichtlichen Gegebenheiten vorauseilen, noch hinter ihnen herhinken. Wir müssen dabei anwenden, was man als die "Jean Monnet'sche Theorie des Wandels" bezeichnen könnte. Monnet erläutert sie mit seiner Metapher vom Gebirgspfad.
Von ganz unten hat man einen bestimmten Ausblick, auf halber Höhe einen
anderen, und vom Gipfel aus wieder einen völlig anderen. Ein Mensch,
der am Fuß des Berges steht, kann unmöglich die Übersicht desjenigen
haben, der auf dem Gipfel oder auf halber Höhe steht. Damit 'er seinen

�seinen Blickpunkt ändern kann, muß man ihn dazu bewegen, emporzusteigen, sei es auch noch so langsam. Sobald er sich in Bewegung setzt,
wird er einen anderen, vielleicht einen besseren Überblick gewinnen,
und schon das wird ihn anspornen, noch einen Schritt weiter zu gehen.
Das wichtigste jedoch ist, ihn zum ersten Schritt auf dem Weg nach
oben zu überreden.
Die "Honnef sehe Theorie" ist weder sehr kompliziert, noch ist
sie in einem abstrakten Sinn besonders logisch. Ihr Verdienst liegt
in der Tatsache, daß sie funktioniert - was die sechs Länder des
Gemeinsamen Marktes eindeutig bewiesen haben. Der Vertrag von Rom
und seine Durchführung sowie die Tätigkeit der ständigen EWG-Kommission
in Brüssel, des EWG-Ministerrats, des Europa-Parlaments und des EWGGerichtshofes stellen eine einmalige Leistung europäischer Staatskunst
dar, einen behutsamen, aber zielbewußten Aufstieg "bergan" zu einem
geeinten Europa. Mit Hilfe des Vertrages von Rom und insbesondere der
supranationalen wirtschaftlichen Befugnisse der EWG-Kommission und
der Beschlußfassung mit "qualifizierter Mehrheit" im EWG-Ministerrat
hat sich Europa des in Verruf geratenen Nationalismus der Vergangenheit
entledigt und einen schrittweisen, aber bestimmten Kurs in Richtung auf
die Einheit eingeschlagen. Der alten Ordnung, die so durch eine neue
und bessere Ordnung ersetzt wird, trauern die Völker Europas nicht nach,
Ein amerikanischer Schriftsteller drückte dies mit den Worten aus:
"Die Sechs geben Bestandteile ihrer eifersüchtig gehüteten Souveränität
fast ebenso klaglos preis, wie man einem Zeitungsjungen einen Groschen
gibt."5)

Verheißungsvoll für die gesamte freie Welt ist vor allem die praktische Anerkennung der Tatsache im freien Europa - auch wenn bisweilen
andere Meinungen laut werden -,daß die Grenzen der Freiheit weiter gezogen sind als die Grenzen Europas und daß die Einigung dieses Kontinents Teil der Entwicklung eines weltweiten Konzerts der freien Nationen
ist. Bei den Zollverhandlungen mit den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern hat der Gemeinsame Markt seinen Wunsch bekundet, die Handelsschranken zwischen allen freien Ländern abzubauen. Dieser Wunsch wird
auch von den Vereinigten Staaten geteilt, die sich im"Gesetz über die
Ausweitung des Handels" von 1962 ein neues, machtvolles Instrument zu
s-einer Verwirklichung geschaffen haben. Es hat aber auf beiden Seiten
Ausnahmen - bedauerliche Ausnahmen - gegeben, hinsichtlich dieser Einstellung ,z ,B . in Gestalt der Zollerhöhung für Teppiche und Glaswaren
seitens der Vereinigten Staaten sowie der protektionistischen Maßnahmen,
die der Gemeinsame Markt kürzlich gegenüber amerikanischem Geflügel
getroffen hat, ein Schritt, der das ernste Zahlungsbilanzproblem der
Vereinigten Staaten verschärfen wird.
Alles in allem aber hat der Gemeinsame Markt sein generelles Festhalten an den Worten des Artikels 110 des Vertrages von Rom bewiesen,
der die Absicht der Mitgliedstaaten zum Ausdruck bringt, "in Einklang
mit den gemeinsamen Interessen zur harmonischen Entwicklung des Welthandels, der schrittweisen Beseitigung der Beschränkungen im internationalen Handelsverkehr und zum Abbau der Zollschranken beizutragen."
Meiner

�*

Meiner Überzeugung nach kann man andererseits darauf bauen, daß
die Vereinigten Staaten, die sich seit 1934 der Liberalisierung des
Welthandels verschrieben haben, die Verwirklichung der Bestimmungen
des neuen Handelsgesetzes tatkräftig in Angriff nehmen werden.
Wir können daher - vorausgesetzt, daß wir uns kurzsichtiger
protektionistischer Maßnahmen der angeführten Art enthalten - für
die nahe Zukunft eine bedeutende Ausweitung des Handels zwischen
Europa und Amerika erwarten, und das ist eine Aussicht, die für die
gesamte Welt wesentliche Auswirkungen sowohl politischer als auch
wirtschaftlicher Art haben dürfte. Der Außenpolitische Ausschuß
des Senats sagt dazu in seiner erwähnten Studie: "Auf dieser sich
verbreiternden Basis eines beiderseits vorteilhaften Handels sollte es den beiden großen Gemeinschaften an beiden Ufern des Atlantiks
möglich sein, eine Reihe von unteilbar gewordenen Aufgaben durchzuführen, um jene Hauptziele zu erreichen, die keine von beiden allein
erreichen kann'."°)
Blicken wir über die atlantische Handelspartnerschaft noch hinaus,
so steigt der "Gebirgspfad" weiter an, bis sich das großartige Panorama einer hochentwickelten politischen Atlantischen Partnerschaft bietet. Wie schon häufig zuvor, hat Jean Monnet auch in diesem Fall den
Weg dorthin ausgeleuchtet. Am 26. Juni 1962 veröffentlichte Monnets
Aktionsausschuß für die Vereinigten Staaten von Europa eine Erklärung,
in der die Aufnahme Großbritanniens in den Gemeinsamen Markt gefordert
und nachdrücklich betont wird, daß ein solcher Schritt als Auftakt
zum politischen Zusammenschluß Westeuropas angesehen werden müsse,
aus dem sich dann eine "Partnerschaft zwischen Gleichberechtigten im
Verein mit den Vereinigten Staaten" ergeben würde. Im Mai dieses Jahr
hielt Monnet in London eine Rede, in der er erklärte: "Das in Europa
neu entwickelte Verfahren ersetzt die Vorherrschaftsbestrebungen der
Nationalstaaten durch einen ständigen Prozeß der kollektiven Anpassung
an neue Gegebenheiten... Gleichermaßen werden Probleme auftauchen,
die Europa und die Vereinigten Staaten nur durch Mobilisierung ihrer
gemeinsamen Hilfsquellen lösen können,.. Wenn die Partnerschaft zwischen Amerika und einem vereinten Europa allen klarmacht, daß sich
der Westen von innen heraus verändern kann, während andere ihn durch
äußeren Druck nicht zu ändern vermögen, dann werden die Voraussetzungen
für eine dauerhafte Regelung zwischen der Sowjetunion und dem Westen
gegeben sein."
Die weitreichenden Konsequenzen einer europäisch-atlantischen
Einheit im Hinblick auf die Fortsetzung des Kampfes gecen den kommunistischen Imperialismus sind von den weisesten Staatsmännern der freien
Welt klar erkannt worden. Bundeskanzler Adenauer schrieb kürzlich:
"Wenn wir unsere Einheit und Stärke bewahren und Geduld üben, schaffen
wir damit die Grundlage für ernsthafte Verhandlungen mit der Sowjetunion, die von gegenseitiger Achtung vor den Lebensinteressen und der
Freiheit der Völker getragen sind. Dies ist eine Politik der Vernunft,
die einzige, die Freiheit und Frieden zu erhalten vermag."')
Die

- 7 -

�Die historische Auseinandersetzung zwischen Freiheit und
Kommunismus wird sich nicht an den Grenzen entscheiden, wo beide
aufeinanderprallen, sondern durch Entwicklungen, die sich im Herzen
dieser beiden Lager selbst vollziehen. Das Herz der westlichen Zivilisation ist die Gemeinschaft der atlantischen Demokratien, und
unsere Zukunft hängt davon ab, was wir aus dieser Gemeinschaft machen. Insbesondere wird sie davon abhängen, ob wir zulassen, daß der
Westen erneut einem entzweienden, destruktiven Nationalismus verfällt, oder ob wir ihn so stark und einig machen, daß keiner es
wagen wird, uns anzugreifen, zugleich auch so blühend und fortschrittlich, daß er als Vorbild und Magnet für die gesamte Welt dienen
kann - für die emporstrebenden Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, für die unterjochten Völker jenseits der Elbe und vielleicht
letztlich sogar für die Russen selbst.
Es wäre eine Tragödie von unberechenbaren Ausmaßen, gingen die
großen Hoffnungen und Gelegenheiten, welche der Westen heute besitzt,
auf die einzige Art verloren, die denkbar ist: durch die Spaltung
des Westens in getrennte, miteinander konkurrierende Gemeinschaften.
Zögernd, doch unwiderruflich hat Amerika in der letzten Generation
seine traditionelle Selbstisolierung aufgegeben; denn es begriff, daß
selbst eine so große und mächtige Nation wie die Vereinigten Staaten
in diesem Zeitalter der Kernwaffen und der wissenschaftlichen Revolution in der Isolierung weder sicher ist noch gedeihen kann. Genau
so muß das freie Europa erkennen, und ich glaube, es hat auch erkannt,
daß selbst sein vereinigter und aufblühender Kontinent als Gemeinschaft zu klein ist, um der Gefahren und Möglichkeiten allein Herr
zu werden. Europa darf nicht noch einmal nach dem Muster der nationalen Einigungsbestrebungen des vorigen Jahrhunderts verfahren, die die
Grenzen der europäischen Gemeinschaft zwar zunächst erweiterten, später aber verriegelten, was dann in der Übersteigerung nationaler
Eifersüchteleien kulminierte, die das Europäische Konzert zerstörten.
Ein neuer "europäischer" Nationalismus oder ein erneuerter amerikanischer Isolationismus würden unserem Aufstieg zum "Gipfel" ein Ende
setzen und unsere schönsten Hoffnungen zunichte machen.
Man hört bisweilen, ein vereintes Europa könnte sich als "dritte
Kraft" betätigen, als Mittler zwischen den Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion. Diese Vorstellung ist meiner Meinung nach unverantwortlicher Unsinn. Sie geht von der falschen Voraussetzung aus, der
weltweite Kampf zwischen Kommunismus und Freiheit sei im wesentlichen
ein sowjetisch-amerikanischer Konflikt, an dem andere Völker nach
Gutdünken teilnehmen können oder auch nicht, ganz wie es ihren Interessen und ihrem Vorteil entspricht. In Wahrheit gibt es keine
solche Wahl für irgendeine der atlantischen Nationen, es sei denn,
man akzeptiert den abwegigen Standpunkt, es sei möglich, zwischen
den eigenen Freunden und den eigenen Feinden neutral zu bleiben.
Indien zum Beispiel zahlt jetzt einen hohen Preis für seine frühere
illusionäre Neutralität zwischen jenen, die es bedrohen, und jenen,
die es nicht bedrohen. Der kommunistische Imperialismus ist eine
allgemeine Gefahr für die gesamte Atlantische Gemeinschaft und die
gesamte freie Welt, eine Gefahr, die uns allen in gleichem, unteilbarem Maße aufgebürdet ist. Weil es sich so verhält, ist "Neutralität"
für Europa genauso unmöglich wie die Rückkehr zum Isolationismus für
Amerika.
„
Es
- 8

-

�Es gibt viele stichhaltige Gründe für die Einheit des Westens,
aber der zwingendste ist die Notwendigkeit, uns gegen den kommunistischen Imperialismus zu sichern. Wir müssen den Westen so stark
machen, daß logisch denkende Führer der Sowjetunion ständig mit einer
Situation konfrontiert werden, in welcher die marxistisch-leninistische
Weltherrschaftsvision als gefährlicher und unrealisierbarer Traum
erscheint. Gleichzeitig können wir den Sowjets klarmachen, daß sie
vom Westen nichts zu befürchten haben und daß ihnen eine sichere
und blühende nationale Existenz unter jedem politischen System
ihrer Wahl zugestanden wird, welches - mag der Westen es noch so
abscheulich finden - niemals als solches die Veranlassung oder
den Grund zu einem Konflikt böte. Deshalb ist es auch nicht die Absicht eines starken und vereinigten Westens, die Sowjets zu bedrohen,
sondern er will sie dazu bringen, ihre expansionistischen Ambitionen
aufzugeben und ihre Energien statt dessen auf die Entwicklung ihres
riesigen Landes und der ungeheuren Hilfsquellen zu richten, die ihnen
innerhalb ihrer eigenen Grenzen zur Verfügung stehen.
Die Atlantische Partnerschaft ist weder ein utopischer Traum
noch eine aus reinem Idealismus geborene Konzeption. Sie basiert
auf den harten Bedingungen der Nachkriegswelt. Sie ist ein Projekt,
das in den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Interessen
Deutschlands, Amerikas und jeder anderen Nation des Westens feste
Wurzeln hat. Die Vereinigten Staaten brauchen die Beteiligung an
einer großen atlantischen Handelszone, um ihren Handel ausdehnen und
dadurch die harten Dollar verdienen zu können, die sie für die Finanzierung ihrer militärischen und zivilen Auslandsverpflichtungen benötigen. Wenn die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu einer abgeschlossenen, den Austausch einschränkenden Handelszone würde,
wären die Vereinigten Staaten unfähig, die Mittel für die Finanzierung
ihres Beitrags zur Verteidigung des freien Europas zu erwerben.
Angesichts unserer wachsenden Verpflichtungen in der westlichen
Hemisphäre und in Asien und unseres erheblichen alljährlichen Zahlungsbilanzdefizits bliebe uns schließlich keine andere Wahl mehr,
als unseren Beitrag zur Verteidigung Europas zu reduzieren. Somit
ist die Atlantische Partnerschaft weit mehr als ein nobler Traum;
sie ist eine Notwendigkeit allerersten Grades sowohl für Europa
als auch für Amerika.
Ob sich die Atlantische Partnerschaft im Laufe der Zeit zu
einer Atlantischen Union entwickeln wird, kann jetzt noch niemand
voraussagen. Es ist keineswegs unvorstellbar, aber diese Vision
liegt, um Jean Monnets Metapher zu gebrauchen, noch ein gutes Stück
weiter den "Gebirgspfad" hinauf, und für die voraussehbare Zukunft
müssen wir unsere Energien auf den Aufbau einer funktionsfähigen
Partnerschaft zwischen Europa und Amerika richten. Was dabei wahrscheinlich entstehen dürfte, beschreibt Walter Hallstein als "eine
enge Partnerschaft zwischen zwei Persönlichkeiten, der Europäischen
Gemeinschaft und den Vereinigten Staaten, und zwar nicht nur zum Wohle
der eigentlichen Partner, sondern ebenso zu dem der anderen Länder."8)
Die Verwirklichung unserer Partnerschaft ist fürwahr ein "großer
Plan", der aber nur durch abgemessene Schritte realisiert werden kann,
durch eine stufenweise, bisweilen kaum wahrnehmbare Progression auf

�auf vielen Gebieten. Grundlage unserer Fortschritte muß die allmähliche Erziehung unserer Völker zur Erkenntnis der Notwendigkeit
der Atlantischen Partnerschaft sein. In dieser Hinsicht sind unsere
Programme für den Akademikeraustausch heute wertvoller und notwendiger
als je zuvor. Aber wir müssen sowohl kleine als auch große Schritte
machen und sowohl für Symbole als auch für die Substanz sorgen. Weshalb können wir nicht beispielsweise ein einfaches, aber eindringliches
Symbol der Atlantischen Gemeinschaft in Form einer "atlantischen" Briefmarke Millionen unserer Bürger ins Blickfeld rücken? Zum Gemeinschaftsgefühl und Gemeinschaftsbewußtsein können wir auch noch auf mancherlei
andere Weise beitragen: durch Einführung einheitlicher Luftverkehrstarifej die sich nur nach den Entfernungen richten, ohne Rücksicht auf die
zu überquerenden Landesgrenzen,oder durch Vereinbarung ähnlich einheitlicher Fernsprech-, Fernschreib- und Telegrammgebühren, oder durch zahlreiche andere Schritte dieser Art, die vielleicht sachlich von geringer
Bedeutung, aber doch von großer Symbolkraft wären. Widmen wir uns doch
dem Mindestziel, wenigstens "einen Erfolg pro Jahr" zu erreichen und
auf diese Weise unsere Gemeinschaft - wie ein großer Gelehrter es ausgedrückt hat - durch den "Volksentscheid des täglichen Lebens"5j aufzubauen .
Seit siebzehn Jahren ist ein vereinigtes Europa innerhalb einer
Atlantischen Partnerschaft eines der Grundziele der amerikanischen
Außenpolitik. Die Ansicht der Vereinigten Staaten hat Präsident
Kennedy am vergangenen 4« Juli in seiner Forderung nach einer atlantischen "Deklaration der Interdependenz" gut zum Ausdruck gebracht. Er
erklärte u.a.: "Wir glauben, daß ein geeintes Europa imstande sein wird,
eine größere Rolle in der gemeinsamen Verteidigung zu übernehmen, den
Bedürfnissen der ärmeren Völker großzügiger zu entsprechen und gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern die Handelsschranken
abzubauen, die Währungs- und Rohstoffprobleme zu lösen und auf allen
übrigen wirtschaftlichen, diplomatischen und politischen Gebieten eine
koordinierte Politik zu entwickeln. Wir sehen in einem solchen Europa
einen Partner, mit dem wir bei all den großen und mühevollen Aufgaben
des Aufbaus und der Verteidigung einer Gemeinschaft freier Nationen
auf der Basis völliger Gleichberechtigung verhandeln können."

Während der Westen in den Jahren nach dem zweiten V/eltkrieg den
übersteigerten Nationalismus zugunsten des Ziels einer größeren Gemeinschaft verwarf, hat sich die nationalistische Idee über die erwachenden
Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas ausgebreitet. Ob dieser neue
Nationalismus in den ehemaligen Kolonialgebieten der Welt an demokratische und humanitäre Ziele gebunden bleiben oder schließlich in
Chauvinismus und Militarismus ausarten wird, ist ein noch ungelöstes
Problem. Die Lösung dieser Frage ist von größtmöglicher Bedeutung für
den Westen, weil es beim Aufbau der eigenen Gemeinschaft unser Ziel ist,
nicht weniger als das Kernstück eines weltumspannenden Konzerts der
freien Völker zu schaffen. Wir können viel tun, um den Kurs der neuen

-

10

-

�neuen Staaten zu beeinflussen, um ihnen die heilsamen Lehren aus
den vom Westen durchlittenen Katastrophen zu vermitteln und ihren
eigenen Nationalismus auf konstruktive Ziele und auf die Zusammenarbeit hinzulenken. Vor allem müssen wir ihnen geduldig ,vorausschauend
und großzügig helfen, die Leiden der Armut zu überwinden und ihren
Völkern ein gewisses Maß jener menschlichen Befriedigungen und Möglich'
keiten zu bieten, welche die Grundlage freier und stabiler Gesellschaften bilden.
Das große Beispiel der Blüte und des schnellen wirtschaftlichen
Wachstums im freien Europa zeigt den armen Völkern eine überaus anziehende Alternative zu den harten und brutalen Methoden der kommunistischen Wirtschaftsentwicklung. Wenn die atlantischen Nationen
bereit sind, die Bürde einer großzügigen, gemeinsam durchgeführten
und langfristigen Unterstützung der Entwicklungsländer auf sich zu
nehmen, können wir einen mächtigen und vielleicht entscheidenden
Beitrag zur Schaffung eines aller Mühen werten Konzerts der freien
Nationen leisten. Ich glaube, man kann ruhig sagen, daß die Vereinigten Staaten, die seit dem Ende des zweiten Weltkriegs hundert
Milliarden Dollar in die Auslandshilfe investierten, bereits ihren
Anteil dieser Bürde auf sich genommen haben. Ich glaube nicht, daß
alle prosperierenden Länder des freien Europa schon die ihren Möglichkeiten entsprechenden Hilfsverpflichtungen eingegangen sind.
Deshalb halte ich es nicht für unangebracht, darauf hinzuweisen,
daß die Vereinigten Staaten zwar imstande und willens sind, ihren
gerechten Anteil an der Bürde der Hilfeleistung für die armen Nationen und an der noch schwereren Last der Sicherung der freien
Welt zu tragen, aber keinen unangemessen großen Anteil akzeptieren
können, wenn sich andere Nationen, für die genauso viel auf dem
Spiel steht, gegen die Übernahme von Verpflichtungen sträuben, die
ihrer Kraft entsprechen.
Es ist oft gesagt worden, aber man kann es getrost wiederholen,
daß die Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas mitten in einer
großen historischen Revolution stehen. Die Quintessenz dieser Revolution ist die Forderung nach materieller und moralischer Menschenwürde und nach annähernder Gleichstellung mit der privilegierten
Gemeinschaft des Westens. Die Aufgabe, die daraus den atlantischen
Nationen - allen atlantischen Nationen - erwächst, findet ihren
Ausdruck in den Worten, die Alexis de Tocqueville bereits vor
über hundert Jahren niedergeschrieben hat: "Die Nationen unserer
Zeit können nicht verhindern, daß sich die Lebensbedingungen der
Menschen einander angleichen; aber es hängt von ihnen selbst ab, ob
das Prinzip der Gleichheit sie in die Knechtschaft oder in die Freiheit,zum Wissen oder in die Barbarei, zum Wohlstand oder in das
Elend führt." 10)
Mag sein, daß wir beim weiteren Aufstieg auf dem "Gebirgspfad"
zur Atlantischen Partnerschaft in unserem gemeinsamen Interesse
an den armen Staaten der Welt eine angemessene "Funktion" finden,
die in einer echten Zusammenfassung nationaler Anstrengungen, in
der Abtretung gewisser Befugnisse an eine atlantische Institution
ihren Ausdruck findet. Selbst eine "stille Revolution" geht nicht

�nicht ohne Bruch mit der Vergangenheit ab, und es besteht zumindest
die Möglichkeit, daß sich bei der Errichtung der Atlantischen Gemeinschaft die Entwicklungshilfe als Anlaß zu solcher Abkehr erweisen
mag.
Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und ihr Ausschuß für Entwicklungshilfe (DAC) bieten
bereits einen institutionellen Rahmen für die Wirtschaftspartnerschaft zwischen Europa, Japan und Nordamerika. Was wir jetzt brauchen, ist nicht ein zusätzlicher großer internationaler Apparat;
wichtiger ist vielmehr, daß wir den vorhandenen Apparat zu vollster
Leistungsfähigkeit entwickeln. Zum Zwecke der Vereinheitlichung und
Erweiterung unserer gemeinsamen Hilfsverpflichtungen gegenüber den
Entwicklungsländern können und sollten wir größtmöglichen Gebrauch
von dem OECD-Entwicklungshilfeausschuß machen, dem elf freie Staaten
angehören, die imstande sind, bedeutende Beiträge zur Entwicklungshilfe zu leisten, und wir können auch schon über die Möglichkeit
nachdenken, diesen Ausschuß künftig irgendwann einmal zu einem mit
begrenzten, aber klar spezifizierten Vollmachten ausgestatteten
atlantischen Organ auszubauen. In der unmittelbaren Zukunft müssen
wir den Ausschuß für Entwicklungshilfe in verstärktem Maße zur Koordinierung der einzelstaatlichen Beiträge einsetzen. Seine Leistung
ist in dieser Hinsicht hinter den bei seiner Gründung gehegten Erwartungen zurückgeblieben, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil
seine Mitglieder verschiedener Meinung über die Aufgaben der Entwicklungshilfe sind. Der grundlegende Unterschied liegt darin wie sich im Entwicklungshilfeausschuß gezeigt hat -, daß einige
westliche Staaten die Entwicklungshilfe als handelspolitisches Instrument zu betrachten scheinen, während nur einige wenige darin
ein Hauptwerkzeug für die Verwirklichung der großen außenpolitischen
Zielsetzung erkennen.
Die »Verpflichtung zur Hilfeleistung an die aufstrebenden
Staaten in Asien, Afrika und Lateinamerika entspringt der grundlegenden Gemeinsamkeit der Ziele, die zwischen den nordatlantischen
Demokratien und Japan einerseits und diesen minderentwickelten Ländern andererseits besteht. Unsere Sicherheit hängt in hohem Maße
davon ab, daß sie sich zu starken, unabhängigen, freien Staaten entwickeln. Die Nationen des Westens, die ihre eigenen Imperien praktisch
liquidiert haben, können und müssen den jungen Staaten durch weitsichtige und wohldurchdachte Hilfeprogramme gegenüber dem neuen
kommunistischen Imperialismus den Rücken stärken. Im Zusammenhang
damit laden wir die jungen Staaten ein, sich aus freien Stücken gemeinsam mit den älteren Demokratien des Westens zu einem Konzert
der freien Nationen zu verbinden, ein Bündnis, das auf voller Achtung
ihrer staatlichen Souveränität beruht.
Ebenso wichtig wie die Höhe der westlichen Anleihen an die Entwicklungsländer sind die Konditionen, zu denen sie gewährt werden.
Wenn sie ihren Zweck, nämlich das wirtschaftliche Wachstum herbeizuführen, erfüllen sollen, müssen diese Anleihen mit langfristigen
Rückzahlungsterminen ausgestattet und zu erheblich niedrigeren als
den sonst üblichen Zinssätzen erhältlich sein. Sowohl in dieser Hinsicht als auch im Hinblick auf den Gesamtkomplex der Auslandshilfe
muß meines Erachtens darauf hingewiesen werden, daß die Vereinigten

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12

-

�Vereinigten Staaten bedeutend größere Anstrengungen unternommen
haben als eine Reihe anderer westlicher Staaten.
Wie die britische Wirtschaftspublizistin Barbara Ward Jackson hervorhebt, sind in bezug auf die Entwicklungshilfe, die die
reichen Staaten den armen gewähren, zwei Dinge klar: "Die übrige
Welt", schreibt Frau Jackson, "hat nichts geleistet, was dem Beitrag Amerikas oder ihrem eigenen, nach Erhalt der Marshallplanhilfe
erreichten Wohlstand angemessen wäre. Gewiß haben einige wenige ungefähr ein Prozent ihres Sozialprodukts zur Verfügung gestellt was man sicherlich nicht als übermäßigen Beitrag zur Weltentwicklung
bezeichnen kann. Der zweite Punkt ist, daß die Hilfeprogramme nicht
Teil einer allgemeinen Entwicklungsstrategie sind, die darauf abzielt, den armen Staaten den Start in kürzester Frist zu ermöglichen.
Die Bewilligung der Mittel wurde von Jahr zu Jahr ziemlich zusammenhanglos vorgenommen. Die Handelspolitik der Geberländer wirkte womöglich sogar in entgegengesetzter Richtung. Wir werden somit neue
Herausforderungen zu meistern, eine neue Strategie zu erarbeiten
und neue Entscheidungen zu treffen haben." 11)
Die Formulierung einer straff koordinierten, weit vorausschauenden atlantischen Strategie der Entwicklungshilfe ist eine dringende
Notwendigkeit. Nicht nur ist der allgemeine Zufluß und Charakter
der Hilfeleistungen unzulänglich, sondern außerdem ist das Mißverhältnis der einzelstaatlichen Beiträge auf dem Gebiet der Auslandshilfe und auf anderen Gebieten ein wichtiger Faktor im Hinblick
auf die unausgeglichene amerikanische Zahlungsbilanz, der somit eine
Kürzung der amerikanischen Hilfeprogramme erforderlich machen könnte.
Das wäre jedoch ein großes Unglück für den gesamten Westen, weil wie Frau Jackson feststellt - "Hilfe nicht unbedingt den Fortschritt
gewährleisten kann. Aber es gibt kein 'kann1 und 'könnte' in der
Beziehung, daß unreformierte Volkswirtschaften, die keine Hilfe erhalten, unaufhaltsam der Anarchie und dem Zusammenbruch entgegentreiben. Die Entwicklungshilfe bleibt daher im buchstäblichen Sinne
ein wesentliches Instrument der westlichen Sicherheit." 1 J
Im letzten Jahrzehnt wuchs das Sozialprodukt der Atlantikländer
alljährlich um mindestens drei Prozent. Unsere erklärte Absicht ist
es, diesem Wachstum im nächsten Jahrzehnt noch weitere 500 Milliarden
Dollar hinzuzufügen. Die ärmeren Länder sind demgegenüber kaum imstande, ihr gegenwärtiges Niveau zu halten, und in verschiedenen
Fällen waren sogar starke Rückschläge zu verzeichnen. Angesichts
dieses Gegensatzes kann sich keine der prosperierenden westlichen
Nationen auf angebliches Unvermögen berufen.
Was politisch bei der Entwicklungshilfe der Atlantikstaaten
an die ärmeren Staaten auf dem Spiel steht, ist nichts Geringeres
als die Entscheidung, ob die atlantische Welt eines Tages eine
isolierte Bastion der Freiheit und Prosperität oder aber die tragende Kraft eines weltumfassenden Konzerts der freien Nationen
sein wird. Wenn wir letzteres erreichen wollen, müssen wir unsere
Hilfeleistungen einschließlich ihrer Höhe und Dauer, der Prioritäten

�Prioritäten und Methoden sorgfältig untereinander abstimmen.
Wie ich angedeutet habe, könnte sich im Laufe der Zeit herausstellen,
daß dazu mehr als Zusammenarbeit erforderlich ist. Und weil bei internationalen Verhandlungen oft nur Vereinbarungen zu gemeinsamem
Vorgehen auf der Basis des kleinsten Generalnenners zustande kommen,
kann es sein, daß wir auf unsere Hilfsprogramme schließlich ähnliche
politische Verfahren anwenden müssen, wie sie sich in der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft als so wirksam erwiesen» haben. Lord Franks
drückte dies mit den Worten aus: "Ein neuer Weg muß gefunden werden,
eine neue Organisation, Institution oder Kommission, die genügend
Ansehen, Unabhängigkeit und Initiative besitzt, um gemeinsame Lösungen
zu formulieren und sie den Regierungen der einzelnen Mitgliedstaaten
der Gruppe vorzulegen, auf daß diese nicht nur untereinander dazu
Stellung nehmen, sondern sich auch gleichzeitig damit auseinandersetzen
müssen, ob die vorgeschlagene Lösung der Partnerschaft in ihrer Gesamtheit wirklich zum Besten gereicht," 13)
Ich selbst glaube, daß der "neue Weg", den Lord Franks fordert,
durch Stärkung der OECD erschlossen werden kann. Was wir uns vor allem
überlegen sollten, ist die Umwandlung des OECD-Entwicklungsausschusses
zum gegebenen Zeitpunkt aus einem koordinierenden zu einem Planungsund Führungsorgan. Es wäre denkbar, daß der Ausschuß die Vollmacht erhält, seine Entscheidungen nach dem System der "Beschlußfassung mit
qualifizierter Mehrheit" zu treffen, wie es im EWG-Ministerrat geschieht.
Mit diesem System könnte er auch die Befugnis erhalten, Umfang und
Konditionen der Entwicklungshilfe sowie die Höhe der angemessenen Beiträge der einzelnen Atlantikländer festzusetzen. Aus einleuchtenden
konstitutionellen Gründen könnten solche Beschlüsse natürlich nicht zu
einer bindenden "Auflage" gemacht werden, gewiß nicht für die Vereinigten Staaten. Man dürfte jedoch erwarten, daß die Beschlüsse des Ausschusses die gleiche moralische Verbindlichkeit besitzen, die für
das System der einzelstaatlichen Beitragsleistungen an die Vereinten
Nationen gilt.
Wenn ich nun für erneute große Anstrengungen des Westens auf dem
Gebiet der Entwicklungshilfe plädiere, möchte ich dabei unterstreichen,
daß unsere Hilfeleistung - weit davon entfernt, "unpolitisch" zu sein
oder in Natur und Absicht im wesentlichen wirtschaftliche Zwecke zu
verfolgen - tiefgreifende politische Auswirkungen hat. Die Auslandshilfe ist eines von mehreren Instrumenten, die der freie Westen zur
Verstärkung der eigenen Sicherheit gegenüber der kommunistischen Aggression einsetzen kann. Das Ziel eines wohldurchdachten westlichen Hilfsprogramms ist nicht, die Hilfe von den politischen Zielen zu trennen,
sondern sie von jedem Ballast unausgegorener, kurzsichtiger, trivialer
und oberflächlicher Zielsetzungen zu befreien, indem wir sie aufs engste
mit unseren lebenswichtigen langfristigen politischen Zielen verbinden.

�Es liegt durchaus in der Macht der atlantischen Demokratien,
die Welt einer neuen Ära der Hoffnung und des Fortschritts entgegenzuführen. Diese Hoffnung entspringt der Geburt einer Idee der Idee vom Konzert der freien Nationen. Wir haben mit ihrer Verwirklichung bereits begonnen, doch liegt noch ein weiter Weg vor
uns. Wenn wir indessen unserem Ziel treu bleiben und alle unsere
Maßnahmen - in unserer Handelspolitik und unseren Hilfsprogrammen,
in unseren diplomatischen wie in unseren militärischen Dispositionen auf die Verwirklichung dieses einen Zieles ausrichten, wird die Zukunft der Freiheit im Westen und überall in der Welt gesichert sein,
während der Kommunismus mit der Zeit der Vergessenheit anheimfallen
wird, dem Los aller Lehren, die den ursprünglichsten Instinkten und
Hoffnungen der Menschheit zuwiderlaufen.
Anmerkungen
1) Alexis de Tocqueville, "Democracy in America", zitiert nach der Übersetzung aus dem Französischen von Henry Reever (Oxford University
Press 1947), S. 285.
2) General Lyautey; zitiert nach Maurice Schumann, "France and Germany
in the New Europe", in*. "Foreign Affairs", Oktober 1962, S. 66.
3) Walter Hallstein, "United Europe" (Harvard University Press 1962),
s. 29.
4) "Problems and Trends in Atlantic Partnership", Teil 1(1962, Senatsdrucksache No, 132), S. 1.
5) John Brooks, "The Common Market", Teil I, in: "The New Yorker",
22. September 1962, S. 78.
6) "Problems and Trends in Atlantic Partnership", Teil I. (a.a.O.), S.30.
7) Konrad Adenauer, "The German Problem", in: "Foreign Affairs",
Oktober 1962, S. 63.
8) Walter Hallstein, "United Europe", a.a.0.,S.88.
9) Professor Karl Deutsch, Yale University.
10) Tocqueville, "Democracy in America", a.a.O., S. 599»
11) Barbara Ward, "The Rieh Nations and the Poor Nations, 1962, S. 135 f«
12) Barbara Ward Jackson, "Foreign Aid: Strategy or Stopgap?", in:
"Foreign Affairs", Oktober 1962, S. 104.
13) Lord Franks, "Cooperation is Not Enough", in:
"Foreign Affairs", Oktober 1962, S. 33.

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