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                  <text>A M E R I K A

D I E N S T

Vi'AIILJ/-ire 1956

Teil

II:
Der Kongreß d e r V e r e i n i g t e n
Die R o l l e d e r
i n den USA

Staaten

Seite

1

Seite

5

Staatsgouverneure

�"AMERIKA DIENST

9. Mai

1956

DER KONGRESS DER VEREINIGTEN STAATEN
( 110 seilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Herrschaft des Volkes in den Vereinigten
Staaten beruht auf dem Rächt der Bevölkerung, über politische Fragen
und Kandidaten frei abzustimmen und mit den führenden Persönlichkeiten der Exekutive und Legislative auch den jeweiligen Kurs auf innenwie außenpolitischem Gebiet selbst zu wählen.
Deshalb ist 1956» im Jahr der Präsidentenwahl, die Wahl von Mitgliedern des amerikanischen Kongresses ebenfalls von eminenter Bedeutung, da diese Mitglieder ja die direkten Vertreter des Volkes in
jener Körperschaft sind, die die Gesetze erläßt und ihre Durchführung
ermöglicht.
Der Kongreß der Vereinigten Staaten setzt sich aus zwei Körperschaften zusammen - aus dem Senat und dem Repräsentantenhaus. Diese
Zusammensetzung, die durch die Verfassung vorgeschrieben wird, ist
dazu bestimmt, für eine vollständige und gerechte Volksvertretung
jedes der 48 Staaten zu sorgen. Der Zweck dieser Vorschrift wird
durch ein System erreicht, das jedem Staat als Ganzem ebenso wie
dem Lokalbereich eine seiner Bevölkerungszahl angemessene Vertretung
gewährleistet.
Der Senat hat 96 Mitglieder, das heißt zwei aus jedem Staat,
ohne Rücksicht auf dessen Ausdehnung oder Bevölkerungsdichte; jeder
der Senatoren wird auf sechs Jahre gewählt. Im Repräsentantenhaus dagegen sind die Staaten gemäß ihrer Einwohnerzahl vertreten. Die 435
Sitze, über die es verfügt, sind unter den 43 Staaten auf Grund der
bei der jeweils letzten Volkszählung ermittelten Zahlen prozentual
aufgeteilt. So entsendet zum Beispiel der Staat New York mit seinen
15 Millionen Einwohnern 43 Abgeordnete; die dünnbesiedelten Staaten
Delaware, Nevada, Vermont und Wyoming wiederum sind nur durch je einen
Abgeordneten vertreten. Das Mandat für das Repräsentantenhaus erstreckt
sich über zwei Jahre.
Ein Kandidat für den Senat muß mindestens 30 Jahre alt sein, wenigstens neun Jahre lang die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen und

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�9. Mai 1956

"AMERIKA DIENST"

und seinen Wohnsitz in dem Staat haben, für den er aufgestellt werden
will. Die Mitglieder des Repräsentantenhauses aber müssen mindestens
25 Jahre alt und seit sieben Jahren Bürger der Vereinigten Staaten
sein. Es ist die Regel, daß die Kongreßabgeordneten ihren Wohnsitz in
dem von ihnen vertretenen Staat beziehungsweise Wahldistrikt haben.
Die Mandatsbezirke selbst sind Unterteilungen, die innerhalb der
Staaten nach rein politischen Gesichtspunkten vorgenommen und als
"aneinandergrenzende und zusammenhängende Gebiete mit möglichst gleicher Einwohnerzahl" definiert werden. Jeder Bezirk, dessen Grenzen
durch den betreffenden Staat gesetzlich festgelegt sind, erfaßt durchschnittlich 318 000 Personen.
Die sechs Jahre, die das Mandat eines Senators währt, geben diesem Zeit genug, sich eine reiche Arbeitserfahrung anzueignen und sich
mehrere Jahre voll und ganz öffentlichen Angelegenheiten zu widmen,
ohne bis kurz vor Ablauf des Mandats sich um eine eventuelle Wiederwahl bemühen zu müssen. Diese Faktoren tragen weitgehend zur Stabilität und Kontinuität der für die Gesetzgebung maßgeblichen Kammer bei
und erfüllen damit genau den Zweck, den die Urheber der Verfassung
durch diese Maßnahme ja auch beabsichtigten.
Die Kontinuität der Senatsarbeit ist ferner durch das System gewährleistet, nach dem die Senatoren gev/ählt werden und ihr Amt ausüben. Nach Ablauf von zwei Jahren erlischt jeweils ein Drittel der
Mandate, so daß bei jeder Kongreßwahl, die alle zwei Jahre stattfindet, J2 Senatoren neu gewählt werden müssen. Wird jedoch durch Tod
oder Krankheit eines Senators ein Mandat vorzeitig frei, so wird durch
den Gouverneur des betreffenden Staates ein Ersatzmann ernannt, der
so lange dieses Amt ausübt, bis das zuständige Parlament die Abhaltung
einer Wahl verfügt.
Da der Senat demgemäß eine kontinuierliche Körperschaft ist, von
der etwa zwei Drittel der Mitglieder mindestens zwei Jahre, meistens
aber sogar noch länger, ständig zusammen gearbeitet haben, gewinnen
gewisse Präzedenzfälle und Traditionen für die zu treffenden Entscheidungen im Lauf der Jahre eine zunehmende Bedeutung.
Die Wahl der Mitglieder des Repräsentantenhauses erfolgt nach
einem anderen System. Da ihre Amtszeit bereits nach zwei Jahren abläuft

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�"AMERIKA DIENST"

9. Mai 1956

abläuft, können beziehungsweise müssen sich die Abgeordneten am Ende
dieser Periode in ihrem jeweiligen Distrikt erneut den Wählern stellen,
die durch Stimmenabgabe über deren Wiederwahl entscheiden. Die Wahlen
sowohl für die Senatoren als auch für die Mitglieder des Repräsentantenhauses finden jeweils in Jahren mit geraden Endziffern - beispielsweise 1956, 1958 - statt.
Diese in der Verfassung festgelegte Wahlperiode von nur zwei
Jahren für die Mitglieder des Repräsentantenhauses soll den Wählern
möglichst häufig Gelegenheit geben, ihre Zustimmung oder Mißbilligung
in bezug auf die von der Mehrzahl der direkt gewählten Volksvertreter
geleistete Arbeit auf entscheidende Weise auszudrücken. Zu der Zeit,
als die amerikanische Verfassung schriftlich niedergelegt wurde, war
man sogar überzeugt, daß "die Abschaffung jährlicher Neuwahlen den
Anfang der Gewaltherrschaft bedeute."
Ein solches Verfahren, bei dem sich jeder Volksvertreter schon
nach zwei Jahren erneut den Wählern stellen muß, bewährt sich sowohl
auf innen- wie auf außenpolitischem Gebiet heute nicht minder als in
früherer Zeit; es garantiert, daß der Wille des Volkes allein die
fundamentale Macht hinter der Regierung bleibt.
Bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen stimmt der Wähler
gleichzeitig auch für "seine" Kandidaten zum Senat und zum Repräsentantenhaus. Er ist dabei - wie bei allen Wahlen in den Vereinigten
Staaten - jedoch keineswegs verpflichtet, sich für die Kandidaten
nur einer Partei zu entscheiden. Es bleibt vielmehr seinem Ermessen
überlassen, ob er den Bewerber um den Senatorenposten aus der einen
und den Kandidaten für das Repräsentantenhaus aus der anderen Partei
nimmt. Die Abstimmung ist völlig geheim, und deshalb weiß außer ihm
auch niemand, für wen er seine Stimme tatsächlich abgegeben hat.
Deshalb ist es auch weiter kein Grund zur Überraschung, wenn zum
Beispiel ein Staat einen republikanischen und einen demokratischen
Senator nach Washington zusammen mit republikanischen und demokratischen Abgeordneten ins Repräsentantenhaus schickt. Obgleich die
Parteizugehörigkeit im allgemeinen ein bedeutender, einflußreicher
Paktor für die Stimmenabgabe ist und daher den Ausgang vieler Wahlkämpfe entscheidend bestimmt, stellen Wähler wie Kandidaten oft einen
Grad von Unabhängigkeit zur Schau, der manchmal an sich schon determinierend ist.

,

„.
,
Niemand

�9. Mai

"AMERIKA DIENST"

1956

Niemand aber kann einen Amerikaner - gleich welcher Parteirichtung - zwingen, einen Kandidaten in ein bestimmtes Amt zu wählen.
Ebensowenig ist der in ein Amt gewählte Kandidat gezwungen, sich blind
an die von der Führung seiner Partei gegebenen Richtlinien zu halten.
Y/enn es gar um Probleme von nationaler oder internationaler Bedeutung geht, arbeiten häufig Senatoren und Abgeordnete als die Vertreter beider Parteien auf überparteilicher Grundlage zusammen, soweit
sie dies im nationalen Interesse für notwendig halten. Dieses Verfahren ist besonders in den letzten Jahren immer üblicher geworden.
Angesichts der gespannten weltpolitischen Lage, wie sie durch die
kommunistische Aggression verursacht wurde, und der daraus sich
ergebendai Notwendigkeit für entschlossenes und gemeinsames Handeln
haben sowohl Gesetzgeber als auch '/Zähler ihre Bereitschaft gezeigt,
selbst in wichtigen Dingen ihre Meinungsverschiedenheiten zurückzustellen und zum Wohle aller zusammenzuarbeiten.

* * * * *

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�"AMERIKA DIEEST"

9. Mai 1956

DIE ROLLE DER STAATSGOUVERNEURE IN DEN USA
(85 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Im Jahr der amerikanischen Präsidentschaftswahlen konzentriert sich das Interesse der Wähler erklärlicherweise
hauptsächlich auf die von den Republikanern und Demokraten nominierten
Kandidaten für das Präsidenten- und das Vizepräsidentenamt.
Trotzdem ist auch das Interesse am Ergebnis der gleichzeitig
stattfindenden Wahl der otaatsgouverneure natürlich außerordentlich
groß, da diese Männer - oder Frauen - die höchste Amtsgewalt der jeweiligen Staaten verkörpern. Sie sind politisch völlig unabhängig von
jedermann, selbst vom Präsidenten der Vereinigten Staaten - bloß nicht
von ihren eigenen Wählern. In nationalen Angelegenheiten können sie daher einen großen Einfluß ausüben, und tun es auch oft; ganz abgesehen
davon, daß ihr Amt zu einem Sprungbrett für das des Präsidenten werden
kann. 3o ist allein seit Beginn dieses Jahrhunderts, also in 56 Jahren,
da« Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten insgesamt nicht w*iiger
als 32 Jahre lang in den Händen ehemaliger Staatsgouverneure gewesen.
In diesem Jahre werden die Gouverneure von 30 Staaten sowie zahllose Staats-, Kreis- und Kommunalbeamte gewählt. Im Augenblick stehen
27 der Demokratischen Partei angehörende Gouverneure 21 republikanischen
Gouverneuren gegenüber. Dieses Verhältnis kann sich natürlich völlig
ändern, sobald die jetzt fälligen Wahlen in den 15 zur Zeit demokratisch
und 15 zur Zeit republikanisch regierten Staaten vorüber sind.
Die Grundbedingungen, die ein Bewerber um den Posten eines Staatsgouverneurs erfüllen muß, sind höchst einfach. Er muß Einwohner des betreffenden Staates, Bürger der Vereinigten Staaten und (mit Ausnahme
ganz weniger Staaten) mindestens 30 Jahre alt sein. Frauen können ebenfalls kandidieren und wurden auch schon mehrfach gewählt.
Dennoch ist der Gouverneur eines Staates keineswegs nur eine
Repräsentationsfigur. Als Träger der Amtsgewalt obliegt ihm unter
anderen verantwortungsvollen Aufgaben auch die, die Politik, die von
der, ebenfalls vom Volke gewählten gesetzgebenden Versammlung bestimmt
wird, durchzusetzen. Diese oft nicht bequeme oder gar angenehme Pflicht
wird ihm aber dadurch erleichtert, daß, zum mindesten in den meisten
Staaten, ein Gouverneur ausschließlich infolge schwerwiegender Vergehen
im Amte vor Ablauf seines Mandates abgesetzt werden kann. In der ganzen

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�"AMERIKA DIENST"

9. Jfai ^ 5 6

ganzen Geschichte der Vereinigten Staaten ist ein derartiger Fall
bisher jedoch erst zvvölfmal vorgekommen.
In einigen Staaten aber ist es gesetzlich möglich, die Abberufung eines Gouverneurs oder anderer Beamten mittels einer Petition,
die von einer bestimmten Anzahl von wahlberechtigten Personen unterzeichnet sein und gleichzeitig eine Sonderwahl fordern muß, auch aus
ganz anderen Gründen zu erreichen. In diesem Fall werden mehrere Kandidaten nominiert; erhält einer von ihnen mehr Stimmen als der bisherige
Gouverneur, dessen Rücktritt gefordert wird, dann muß er sein Amt an den
Sieger einer solchen Wahl abgeben, der es jedoch nur bis zum Abschluß
des ursprünglichen Mandats behält. Entsprechendes gilt auch für die
vorzeitige Abberufung anderer Beamten.
Diese Maßnahmen bieten die Gev/ähr dafür, daß es über einen Gouverneur keinerlei Kontrolle gibt außer der, die durch das Volk des von ihm
selbst regierten Staates ausgeübt wird.
In denjenigen Staaten, in denen die Gouverneurskandidaten in Vorwahlen direkt nominiert werden, kann jedes wahlberechtigte ordentliche
Mitglied einer politischen Partei ohne Mittelsmann für denjenigen aus
seiner Partei stimmen, den er - ganz gleich aus welchen Interessen als Gegenkandidat der anderen Partei zu sehen wünscht. In anderen Staaten
wiederum wird der jeweilige Kandidat für die Gouverneurswahlen bei einem
Konvent der Parteiorganisation des betreffenden Staates aufgestellt.
Die Amtsdauer der Gouverneure ist in den Verfassungen der verschiedenen amerikanischen Staaten nicht einheitlich festgelegt. V/ährend
das Mandat in einigen Staaten vier Jahre läuft, währt es in anderen wenigstens vorläufig - »»» *wei. Aber auch in diesen Staaten neigt man
immer mehr dazu, die Amtszeit auf vier Jahre heraufzusetzen. In der Regel kann ein Staatsgouverneur auch beliebig oft wiedergewählt werden;
nur in einigen amerikanischen Staaten ist verfassungsmäßig eine unmittelbare Wiederwahl des jeweiligen Gouverneurs nicht zulässig.
Die Wahl der meisten Staatsbeamten ist natürlicherweise eine Angelegenheit von mehr kommunalem denn von nationalem Interesse. Aber Staatsgouverneure sind Beamte von großer innenpolitischer Bedeutung, und daher
wird ihre Wahl auch häufig von rein innenpolitischen Erwägungen beeinflußt. So ist beispielsweise die Agrarpolitik der amerikanischen Bundesregierung und die wirtschaftliche Lage der Farmer geeignet, die Entscheidung für oder gegen einen Gouverneurskandidaten der Regierungsnartei in Washington zu bestimmen. Das gleiche gilt für die Interessen

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9. Kai 1956

Interessen der Arbeiterschaft, der Geschäftswelt und der Industrie.
Umgekehrt kann ein Gouverneur seinen Einfluß natürlich auch auf
bundespolitische Entscheidungen ausdehnen. Denn obgleich in den Weststaaten zum Beispiel alle derartigen Projekte zur Hochwasserbekämpfung,
künstlichen Bewässerung, Errichtung von Wasserkraftwerken und anderen
hauptsächlich von der Bundesregierung finanziert und durchgeführt
werden, sind solche Großunternehmen - vor allem im Planungsstadium größtenteilr ja auf die Mitarbeit der Einzelstaaten angewiesen.
Gelegentlich kommt es selbstverständlich auch zu scharfen
Meinungsverschiedenheiten über einzelne, solche Vorhaben betreffenden
Fragen in den Staaten selbst. In diesen Fällen liegt es in erster Linie
am Gouverneur, die Entscheidung der Bundesregierung in Washington
durch eine entsprechende Stellungnahme zu beeinf lusssn.
Infolge der zunehmend enger werdenden Beziehungen zwischen der
Bundesregierung und den Regierungen der Einzelstaaten auf Grund gemeinsamer Interessen besonders an sozialen Maßnahmen dürften die Gouverneurswahlen in diesem Herbst ein Spiegelbild der amerikanischen öffentlichen
Meinung in Angelegenheiten von keineswegs nur lokaler, sondern allgemein
innenpolitischer Bedeutung sein und eine dementsprechende Tragweite
besitzen.

* * * * *

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�A M E

K A D

WAHLJAHR

1956

E N S T

�WAHLJAHR 1956

III
Di

Rol e

er p

itischen Parteien in den USA

Seite

Die Bundes-Parte konvente in den Vereinigten
Staaten
Der V/ah I

dzug

Seite
Seite

Der geschieh liehe Werdegang der amerikanischen
Parteien
Die R M l e der Minderheitsparteien im
politischen Leben Amerikas
Politische Parteien u d offentli he

Seite
Seite

Meinung in den USA

Seite

Der Primat der Außenpolitik

Seite

Bildmaterial:

a)

Dwight D. Eisenhower während der großen
Wahlkampagne des Jahres 1952

b)

Adlai Stevenson, der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, während
des Wahlfeldzugs des Jahres 1952

c)

Vier amerikanische Bürger aus dem Mil ionenheer freiwilliger Helfer

d)

Auch die Jugend arbeitet mit

* * *

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE ROLLE DER POL ..TISCHEN PARTEIEH TN DEN USA
WASHINGTON - (AD) - Die hundert Millionen wahlberechtigter
Manne
star

und Fr uen in den Ver '.n'.g en Staaten sind ein ungeheuer
r po'it scher Fak\or. Dies

bedeutende politische Macht, die

sie v rkörper , bedeute e je och wenig
sche

ohne die von den amerikani-

Parteien in wichtigen Fragen der Innen- und Außenpolitik immer

wieder an den Tag gelegte Einigk it. Obwohl die amerikanischen Parteien
kein anderes Mittel als iie
•ich zu gewinnen, sind sie d

berzeugung.^kraft haben, um die Wähler für
h diejenige

Instanz in den USA, die

Mei ung und Zielse zung der Bevölkerung auf innen- und außenpolitisch

, militärisch m

syn t,ne-isiert und im

nd sozia" irtschaftlichem Gebiet analysiert,
ah pr gramm vertritt. Sie sind der Beweis dafür,

daß ein demokratisches V &gt;lk sicr sowohl der politischen und persön1 c tu Freiheit als auch einer ordentlichen Regierung erfreuen k a m .
Sc kam es, daß die Masse der amerikanischen Wähler am Tage d r
Vo ksentscheidung ihre S imme meist einer der großen Parteien gegeben
ha•. Zwar gab es in der

it nach 1826 verschiedene unabhängige poli-

tiche Bewegungen, die praktisch einer dritten Partei gleichkamen,
d'Ch fanden diese in den meisten Fällen immer nur wenige Anhänger.
D es geht auch aus der Parteienstatistik hervor, die besagt, daß in
d n Jah:en von 1928 bis 1948 keine der kleineren Parteien bei Präsident
schaf -swahlen nie mehr als 0,5 bis 2,5 Prozer.t der abgegebenen Stimmen
für sich buchen konnte, wenngleich sie auch mitunter stark genug waren,
um auf den Ausgang der Wahlen nicht ohne Wirkung zu bleiben.
Es "regiert" in den USA immer eine Partei, und sie trägt damit
die volle .'erantwortung für alles politische, wirtschaftliche und
soziale Geschehen, während U e andere bereitsteht, die gleiche Funktion
ebenso gewissenhaft und in ähnlicher Form zu übernehmen, wenn sie durch
die Wahl dazu berufen wird.
Mit die vielleicht wichtigsten Aufgaben der Parteien sind, das
amerikanische Volk über Gesetzesvorlagen, die dem Kongreß unterbreitet
werden, auf dem laufenden zu halten und es dazu anzuhalten, an den
Wahltagen tatsächlich und voll seiner staatsbürgerlichen Pflichten
zu genügen.

Dre Vorlage von Gesetzentwürfen durch die verschiedenen
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6. Juni 19^6

verschiedenen politischen Parteien gibt der Wählerschaft Gelegenheit, die
be:derseitigen Standpunkte zu höre/ und daraus die eigene Meinung zu bilden.
Die Parteien der USA formulieren nicht nur die Wünsche und Forderungen ihrer Wählerschaft und stellen Regierungsprogramme auf, sondern wählen
und nominieren aus ihren Reihen auch Kandidaten für Ämter im öffentlichen
Diens'. Wird ein Kandidat für eine solche Aufgabe eingesetzt, gilt die
Partei, die ihn in Vorschlag gebracht hat, als Garant dafür, daß die
Ausübung dieses Amtes ordnungsgemäß und zur allgemeinen Zufriedenheit
geschieht, darüber wachen sowohl die Partei, die zur Zeit "am Ruder"
ist, als auch die, deren Ziel es ist, aus der nächsten fahl als Sieger
hervorzugehen.
Eine außerordentliche Bedeutung für die Vereinigten Staaten haben
die politischen Parteien auch dadurch, daß sie Millionen Menschen der
verschiedensten Rassen, Religionen, Kulturen und Berufsgruppen zusammenhalten .
Hinter jeder der amerikanischen Parteien stehen vier Gruppen von
Anhängern. Einmal sind es Personen, die einen großen Teil ihrer Zeit
der Parteiarbeit widmen

- Parteiführer und Organisatoren. Sie sind

ehrenamtliche und bezahlte Helfer sowie Anwärter und Inhaber von Ämtern
im öffentlichen Dienst. Dann folgt die zahlenmäßig stärkere Gruppe der
Mitglieder, die sich genau an die Parteilinie hält und sich aktiv einsetzt, wenn immer die Möglichkeit sich bietet. Die dritte Gruppe besteht
aus den Anhängern, die im allgemeinen mit den Auffassungen und der Arbeit
der Partei übereinstimmen, manchmal aber auch abweichender Ansicht sind,
kritisieren und gelegentlich sogar für den Kandidaten der Gegenpartei
stimmen. Schließlich gibt es noch die Wahlberechtigten, die eine Partei
zwar manchmal aktiv unterstützen, aber sich nicht an sie gebunden fühlen
wollen und daher als "Unabhängige" gelten.
Kein Bürger der Vereinigten Staaten, der das Stimmrecht besitzt,
kann in irgendeiner Form gezwungen werden, sich einer dieser vier Gruppen
anzuschließen oder sich parteipolitisch zu betätigen. Die Parteien erheben keine Mitgliedsbeiträge, und niemand kann ausgeschlossen werden, es
sei denn, man sieht sich dazu veranlaßt, nach außen hin zu bekunden, daß
die Partei nicht länger gewillt ist, für den Inhaber eines öffentlichen
Amtes als "Garant" einzutreten.
Die meisten Amerikaner sind entweder Republikaner oder Demokraten,
aber wie viele Anhänger jede der beiden großen Parteien tatsächlich
hat, kann lediglich geschätzt werden, da es keine Mitgliedskarteien
gibt.
* * * * *
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

DIE BUNDES-PARTEIKONVENTE TN DEN VEREINIGTEN STAATEN
WASHINGTON -(AD) - Es war vor 124 Jahren, als auf dem Bundeskonvent einer der beiden großen amerikanischen Parteien der Plan
entstand, aus den Reihen der Teilnehmer Kandidaten für die höchsten,
durch Wahl zu besetzenden Ämter in den Vereinigten Staaten von Amerika
zu nominieren.
Der Vorschlag fand die allgemeine Zustimmung der Delegierten, und
so kam es auf diesem Bundeskonvent, der im Mai 1832 von den Demokraten
in Baltimore durchgeführt wurde, zum ersten Mal in der Geschichte der
USA zu einer Nominierung von Präsidentschaftskandidaten durch eine
Parteiversammlung. Einstimmig entschieden die Partei-Delegierten,
Andrew Jackson für eine zweite Amtsperiode als US-Präsident aufzustellen und als Vizepräsident Martin van Buren zu benennen. Damals
betrug die Bevölkerungszahl der Vereinigten Staaten nicht wie heute
167 Millionen, sondern nur 13 Millionen Einwohner.
Dieses System der Kandidatenaufstellung ist seit jener Zeit beibehalten worden, und auch in diesem Jahr werden die beiden großen Parteien in den USA ihre Kandidaten für die am 6.November stattfindenden
Präsidentschaftswahlen wieder auf ihren Bundeskonventen nominieren,
die für die Republikaner am 20.August 1956 in San Francisco und für
die Demokraten am l3«August 1956 in Chicago abgehalten werden.
Die Einberufung und Durchführung der Konvente ist ausschließlich
Sache der Partei und in keiner V/eise an irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen gebunden. Auch die Unkosten werden zum größten Teil von den
Parteien selbst bestritten? allerdings helfen die Städte gerne mit
einer finanziellen Unterstützung, wenn solche Veranstaltungen in ihren
Mauern stattfinden.
Es sind immerhin 10 000 bis 15 000 Amerikaner und Amerikanerinnen,
die an einem Bundes- Parteikonvent teilnehmen. Sie alle versammeln sich
in einem riesigen Saal, der mit Fahnen, Spruchbändern und Bildern ausgeschmückt ist. Es gibt in den USA kaum eine andere große festliche Zusammenkunft oder Tagung, auf der man noch farbenfrohere Dekorationen,
noch mehr spannungsvolle Erwartung findet als auf den Bundeskonventen.
Nach der offiziellen Eröffnung durch den Parteivorsitzenden folgt
ein kurzes Gebet mit der Bitte um Gottes Segen für die wichtige Ent-

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6. Juni 1956

Entscheidung, die getroffen werden muß. Danach singen alle Anwesenden die amerikanische Nationalhymne "The Star Spangled Banner", und
anschließend wählen die Delegierten unter den vom Bundesausschuß der
Partei vorgeschlagenen Mitgliedern einen Vorsitzenden für die gesamte
Dauer des Konvents. Die Aufstellung des engeren Mitarbeiterstabes
dieses Vorsitzenden erfolgt durch Ernennung.
Nachdem die einzelnen Partei-Ausschüsse Bericht erstattet haben
und allgemeine Fragen erörtert worden sind, geht der Konvent zu einem
der wichtigsten Punkte auf der Tagesordnung über» die Vorlesung des
Partei-Programms. Durch diese öffentliche Erklärung über die Prinzipien und Ziele der Partei erhält jeder Wähler vor seiner Stimmenabgabe im November Gelegenheit, sich über die Stellungnahme der Partei
in innen- und außenpolitischen Fragen sowie über die von der Partei
vorgesehenen Maßnahmen zum Wohle der Allgemeinheit zu informieren.
Unmittelbar nach der Verlesung des Parteiprogramms kommt es
zum Höhepunkt des Konvents, der Nominierung der Kandidaten für das
Amt des Präsidenten und das Amt des Vizepräsidenten der Vereinigten
Staaten.
Gewöhnlich bringen die Delegierten in einzelnen Gruppen, die
sich in beliebiger Zahl zusammengefunden haben, je einen Kandidaten
zum Vorschlag. Aus den Reihen dieser Anwärter wird dann der endgültige
Kandidat der Partei gewählt, und zwar dadurch, daß die Leiter der
Delegationen der Einzelstaaten in alphabetischer Reihenfolge die
Hand erheben und angeben, wie viele Stimmen von ihrer Delegation
für jeden einzelnen Vorgeschlagenen abgegeben werden. Der Abstimmungsvorgang wird so lange wiederholt, bis einer der Delegierten eine klare
Stimmenmehrheit erhält. Meistens erfolgt dann die endgültige Nominierung
des Präsidentschaftskandidaten einstimmig, um nach außen die innere Einheit der Partei zu demonstrieren.
Der von der Partei für das Amt des Vizepräsidenten der USA aufgestellte Kandidat wird im allgemeinen durch führende Parteimitglieder ausgewählt, nachdem sie darüber mit dem eben gewählten Kandidaten für das
Amt des US-Präsidenten beraten haben. Diese Nominierung muß sowohl die
Billigung des Kandidaten für das Präsidentschaftsamt als auch der Partei
selbst finden, da die beiden höchsten Ämter in den USA durch einen Wahlgang besetzt werden und die Partei auch den Wahlkampf für ihre beiden
Kandidaten gemeinsam führt. Zum Abschluß des Konvents wird die Entscheidung
über den Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten von allen Delegierten
gemeinsam gebilligt, und noch über einzelne Fragen von geringerer Bedeutung beraten. Die Bundeskonvente beider Parteien finden alle vier Jahre",
jeweils im Jahr der Präsidentschaftswahlen, statt.
* * * * *

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6. Juni 1956
DER WAHLFELDZUG

(AD) - Schon ist die Kampagne zur Wahl des Präsidenten, des Vizepräsidenten und der Kongreßmitglieder für das Jahr 1956 in Amerika im
Gange. Ihren eigentlichen Impetus jedoch wird sie erst erhalten, wenn
die beiden großen Parteien, die Demokraten und die Republikaner, auf
ihren Partei-Konventen die Kandidaten für das Amt des Präsidenten sowie des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten aufgestellt haben.
Diese Konvente tagen im August, und im November findet dann die Wahl statt.
Immer mehr Bürger der Vereinigten Staaten neigen zu der Ansicht, daß
die Wahlkampagne, die sich von der Benennung der Kandidaten bis zur Wahl
über mehrere Monate erstreckt, eine zu starke Belastung für die Anwärter
auf die öffentlichen Ämter darstellt. Denn oftmals gehen die von den Parteien zur Nominierung ausersehenen Kandidaten schon lange vor dem Konvent
auf Wahlreisen, so daß sie nahezu ein Jahr ständig unterwegs sind. Das
bedeutet besonders für diejenigen', lie gegen eine starke Opposition antreten, daß sie in Hunderten von öffentlichen Versammlungen, über den
Rundfunk und im Fernsehen sprechen müssen.
So hat zum Beispiel General Eisenhower in der Präsidentschaftskampagne des Jahres 1952 insgesamt 228 Ansprachen gehalten und annähernd
80 000 Kilometer zurückgelegt; und Gouverneur Stevenson ist mit 203 Reden und 52 000 Kilometer nicht weit hinter ihm zurückgeblieben. Dazu
kommen noch die sogenannten "whistle-stop Speeches" (Bahnsteigreden),
die beide Kandidaten in zahllosen kleineren Städten und Orten, die
sie auf ihren Wahlreisen passierten, sozusagen aus dem Stegreif halten
mußten.
Wohl wird der Kampf der beiden Kandidaten um das Amt des Präsidenten mit größter Leidenschaft geführt und mit gespanntester Aufmerksamkeit vom ganzen Volke verfolgt. Doch darf man nicht vergessen,
daß gleichzeitig Tausende von Kommunal-, Kreis- und Staatsbeamten
30wie ein Drittel der Senatoren und sämtliche

Mitglieder des Reprä-

sentantenhauses neu gewählt werden.
Die Wahlkampagne in Amerika ist zweifellos eine aufreibende
Angelegenheit. Aber sie dient auch manchem guten Zweck. Hier lernt der
Staatsbürger die von ihm mit einem öffentlichen Amt zu betrauenden Persönlichkeiten kennen. Hier stellt sich heraus, ob es Männer - oder
Frauen - mit einer echten, gefestigten politischen Überzeugung sind,

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6. Juni 1956

sind, fähig, den Rat anderer anzuhören, und sich doch eine eigene
Meinung zu

ilden; ob es Persönlichkeiten mit Mut, klarem Verstand

und einwa dfrei m Charakter sind.
Unter den mannigfaltigen Anforderungen und Belastungen der
Wahlkampagne zeigt es sich, aus we . ehern tlolz ein Kandidat geschnitzt
ist. Mag er sich nun um das Amt des Präsidenten, eines Senators oder
eines Abgeordneten bewerben - von allen Seiten dringt man auf ihn ein,
seine Ansichten über innenpolitische und internationale Fragen zu
äußern. Er muß sich mit der Außenpolitik, mit wirtschaftlichen und
sozialen Problemen befassen. Er muß den Standpunkt der führenden
Männer seiner Partei kennen. Er muß bereit sein, die traditionelle
Politik seiner Partei abzulehnen, wenn sie den Angehörigen seines
Wahlbezirkes nicht genehm ist und seiner eigenen Überzeugung widerspricht. Auf seinen Reisen durch seinen Wahlbezirk, seinen Staat oder
das ganze Land darf er sich nicht nur mit Politikern und führenden
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterhalten, sondern muß
versuchen; mit möglichst vielen einfachen Bürgern in Kontakt zu kommen,
um ihre Ansichten, ihre Sorgen und Nöte, die Schwierigkeiten ihrer
Heimatgemeinden kennen zu lernen.
All dies stürmt auf den Kandidaten während der Wahlkampagne ein.
Er muß diese Dinge verarbeiten und Stellung dazu nehmen. Und wenn er
die Punktion des von ihm angestrebten politischen Amtes richtig versteht, so wird er sich in seinem Denken und Handeln stets sowohl von
eigenen Erkenntnissen als auch von der Meinung des Volkes leiten
lassen - denn er ist sowohl Vertreter des Volkes als auch Führer.

* * * * *

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6. Juni 1956

DER GESCHICHTLICHE WERDEGANG DER AMERIKANISCHEN PARTEIEN

(AD) - Im Laufe der 180jährigen Geschichte der Vereinigten
Staaten haben die "beiden großen amerikanischen Parteien, deren An*
fange auf die Gründungszeit der Republik zurückreichen, sehr unterschiedliche Bezeichnungen geführt.
In den achtziger Jahren des 1 S.Jahrhunderts entwickelten sich
unter den Articles of Confederation - dem obersten Gesetz, das sich
die 13 amerikanischen Staaten vor der späteren Verfassung gegeben
hatten - zahlreiche wirtschaftliche Schwierigkeiten. Handel und Gewerbe verlangten deshalb nach einer starken Zentralregierung. Sie bezeichneten sich selbst als Föderalisten im Gegensatz zu den Farmern
und Pflanzern, die Anti-Föderalisten. Die letzteren waren ganz zufrieden mit dem losen Zusammenschluß von Staaten, wie er unter den
Articles of Confederation bestand und wendeten sich deshalb gegen
eine Ratifizierung der Verfassung, die eine Stärkung der Zentralgewalt vorsah. Als sie mit ihrer Auffassung nicht durchdringen konnten
und in der diesbezüglichen politischen Auseinandersetzung den kürzeren
gezogen hatten, fanden sie sich schließlich mit der Verfassung ab und
lösten sich als politische Gruppe auf.
Die Föderalisten übten dann zwölf Jahre hindurch, während der
beiden Amtsperioden Washingtons und der von John Adams, die Kontrolle
über die Regierung aus; in diesem Zeitabschnitt konsolidierte sich
die Zentralregierung.
Bei der Landbevölkerung stießen die Föderalisten mit ihrem Regierungsprogramm auf wenig Gegenliebe. Die Farmer hatten das Gefühl
einer großen Benachteiligung durch das von den Föderalisten entwickelte Steuersystem. Aus diesem Grund scharte sich die Landbevölkerung um
Thomas Jefferson, der später cer dritte Präsident der Vereinigten
Staaten werden sollte, und gründete die (Jeffersonsche) Republikanische Partei. Diese Kreise drängten auf buchstabentreue Einhaltung der
Verfassung und wandten sich gegen ihre sehr freizügige Auslegung im
Sinne einer Verstärkung der Befugnisse des Bundes.
Im Jahre 1798 erließen die Föderalisten Gesetze, die die Deportation "gefährlicher Ausländer" gestatteten und die Kritik an der Re-

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6. Juni 1956

Regierung untersagten. Die Republikaner lehnten diese Gesetze als
verfassungswidrig ab and konnten bei den Präsidentschaftswahlen im
Jahre 1801 mit ihrer Parole von der Notwendigkeit einer Stärkung
der Rechte der Einzelstaaten ihren Kandidaten Thomas Jefferson
durchbringen. Das war der Anfang vom Ende der Föderalisten, deren
politischer Einfluß bald völlig aufhörte.
Mehr als ein Jahrzehnt lang nach dem Krieg gegen England
von 1812 bestand so etwas wie eine Einparteien-Regierung unter den
Republikanern. Doch bald bildeten sich innerhalb der Republikanischen Partei zwei Flügel heraus - die "alten Republikaner", die
an dem ursprünglichen Grundsatz einer strengen Begrenzung der Befugnisse der Bundesregierung festhielten und die "jungen Republikaner", die eine stärke* Bundesregierung erstrebten.
Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1824 stand die Republikanische Partei allein im Wahlkampf, in dem sich vier ihrer führenden
Männer um die Präsidentschaft bewarben. John Quincy Adams behielt die
Oberhand über Andrew Jackson, der ebenfalls über eine starke Anhängerschaft verfügte. Aus diesem Wahlkampf entwickelte sich in den
zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein rechter Flügel,
die National-Republikaner (die Anhänger von Adams und späteren Whigs)
und ein linker Flügel, die sogenannten Demokratischen Republikaner
unter Jackson, die man bald nur noch die Demokraten nennen sollte.
Die Demokratische Partei unserer Tage stammt also aus der Zeit
der Wahl Jacksons zum Präsidenten im Jahr 1828, wenngleich ihre ersten
Anfänge und politischen Grundsätze auf Jefferson zurückgehen, den die
Demokraten den politischen Vater ihrer Partei nennen.
In den Jahren nach 1830 entwickelte sich aus den Reihen der
National-Republikaner die Partei der Whigs, die als Vertreter der
Interessen des Handels und des Gewerbes in Opposition zu Jackson trat.
In den Jahren 1840 und 1848 stellten die Whigs den Präsidenten. Über
der Sklavenfrage, die in den Jahren nach 1850 immer mehr in den Vordergrund trat, kam es dann zur Spaltung dieser Partei und zur schließlichen Auflösung.
Das Kansas-Nebraska-Gesetz vom Jahre 1854 erlaubte die Haltung
•- nördlichen Trans-Mississippi-Territorium. Dieses Gesetz
Auseinandersetzungen, und so zog im Jahre

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Jahre I854 eine Mehrheit von Parteilosen in den Kongreß ein, die
allgemein nur als Anti-Nebraska-Leute bezeichnet wurden und ihre
Aufgabe darin sahen, das genannte Ersetz zu Fall zu bringen.
Zusammen mit Whigs, die sich ebe Calla gegen die Sklaverei wandten,
bildeten sie: die Republikanische Partei und wählten Abraham Lincoln
zum Präsidenten.
Als si h im Jahre 1861 die Nord- und Südstaater. über der Sklavenfrage entzweiten und der Süden im Sezessionskrieg die Loslösung von
der Union erstrebte, schlössen sich viele uniontreue Demokraten aus
dem Norden mit dön Republikanern in der sogenannten "Verfassungs- und
Unions-Partei" (Constitutional Urion Party) zusammen, die allerdings
schon bald nach dem Krieg zu besteh-n aufhörte, da sich ihre Mitglieder den Republikanern oder Demokraten anschlössen.
Nacli

em Jahre 1826 kam es zur ""ründung mehrerer kleinerer Partei-

en, die zum Teil sogar eine wichtige Rolle in der örtlichen, regionalen
und nationalen Politik gespielt haben. Die meisten dieser Parteien bestanden aber nur kurze Zeit; dennoch ist ihr Einfluß nicht zu unterschätzen, sind ihre Mitglieder doch häufig den beiden großen Parteien
beigetreten und haben deren Politik mitgestaltet. In manchen Fällen ist
es kleineren Parteien sogar gelungen, so viel Stärke zu gewinnen, daß
sie die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen beeinfluSBani konnten.
Das Programm einer solchen kleineren Partei - der Populist Party wurde im Jahre I896 zum bestimmenden Element der amerikanischen Innenpolitik und lebt noch heute in der Demokratischen Partei weiter. Die
Demokraten haben damals ihren Kurs radikal geändert und sich die Auffassung der Populisten in

er Frage eines staatlichen Eingreifens in

die V/irtschaft im Interesse des gesamten Volkes zu eigen gemacht.
In Wahljahren leg n die großen Parteien der Bevölkerung des Landes
ihr Wahlprogramm vor, ine rMärung bezüglich der Grundsätze und Vorhaben, für die sie im Falle p m e s Wahlsieges einzutreten beabsichtigen.
Diese 7/ahlproGramme ur.terso:" ..den sich meist in innerpolitischen Fragen,
in den großen außenpolitische. Fragen sind sie jedoch im allgemeinen
ähnlich, gelegentlich s igar -ollig gleich.
Alles in allem genomme: , stellen die mehr als 100 Mill .7/ähler in den
USA eine gewaltige Macht dar. Diese Macht aber würde zersplittert und durch
das Gegeneinander zahlreicher Kräfte wirkungslos werden, gäbe es nicht die
Parteien,die sie organisieren and auf ein Ziel ausrichten. Die Parteien
sind der Kristallisationspun't. um den sich die Wähler scharen, um ihrem
politischen Wi.ien Ausdruck und Geltung zu verschaffen. Die Beleuchtung
der politiachen Tagesi'ragen uur-h die "precher der Parteien ermöglicht es
dem Wähler, seine auf Ke.intms der politischen Fakten beruhende freie
Entscheidung zu treffen«
* * * * *

. 9-

�6. Juni 1956

AMERIKA DIENST"
DIE ROLLE DET MINDERHEITSPARTEIEN IM
POLITISCHEN LEBEN AMERIKAS

(AD) —

Wohl ist das Zwei-Parteien-System in den Vereinigten

Staaten seit den frühesten Tagen der jungen Republik fester Bestandteil der amerikarischen Regierungsform, und der Wille der Mehrheit best mmt den politi chen Kurs des Landes. Daneben aber hat es im Laufe der
Geschichte e ne ganze Reihe von Minderheitsparteien gegeben, die bei
den großen nationalen Wahlen die Unterstützung des Volkes für ihre
Wünsche und Ansichten zu gewinnen suchten, und so haben auch die Minderheiten von jeher einen starken formenden Einfluß auf das öffentliche
Leben Amerikas ausgeübt.
Bei diesen Minderheitsparteien handelte es sich niemals um ethnische, rassische oder religiöse Gruppen. Sie entstanden vielmehr stets
als Verfechter bestimmter praktischer Interessen und Grundsätze. Ihre
politische Skala reichte von d„r "ußersten Rechten bis zur äußersten
Linken. Aus ihren Namen ist oft .ch n zu ersehen, wofür sie eintreten:
da gab es die Freimarrergegner, die Frei-Land-Bewegung, die Prohibitionisten, die Sozialisten, die Populisten und Kommunisten, die Arbeiterund die Arbeiter- und Bauernpart 1.
Die bedeutendste dieser kleinen Parteien war die Partei der Populisten, auch V lkspartei genannt, sie wu de an äßl'ch der Wahlkampagne
des Jahres 1892 ins Leben gerulen, besta d et a ein Jahrzehnt und verschwand dann wioder von der Bildfläche. An''aß zu ih er Entstehung war
die Unzufriedenheit der Landbevölk rung mi; der Wi t chaftspolitik
der beiden großen Parteien. Ihre Ziele wäre

f ei

und unbegrenzte

Prägung von Gold- und Silbermünzen, b schl u igte St igerung des Geldumlaufs, um den Anforderungen der wachsenden Indus r'e zu gen"gen,
Überführung von Eisenbahnen, Telegraph, Telephon und La. htversorgung
in öffentlichen Besitz sowie unmittelbar

Wahl der S natoren durc

die

Wähler.
Dieses Programm fand einen überraschend starken W:'.de.hall in der
Bevölkerung. Bei den Präsidentenwahlen 1892 erh elten die Populisten

- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Populisten reichlich eine Million Stimmen. Vier Jahre später bildeten
sie einen gemeinsamen Block mit den Demokraten und konnten nahezu 6,5
Millionen Stimmen für sich erringen. Ihr Verschwinden ist im wesentlichen auf drei Ursachen zurückzuführen: den zunehmenden Wohlstand der
Farmer nach 1900, das Bündnis mit den Demokraten und vor allem auf
die Erfüllung der meisten ihrer Forderungen.
Die 1869 gegründete Prohibitionspartei konnte sich am längsten
behaupten. Sie kämpfte gegen die Legalisierung des Alkoholhandels,
die sie als "einen Verstoß gegen die obersten Pflichten einer Regierung" bezeichnete. Ihren größten Erfolg errang diese Partei im Jahre
1892, als der von ihr aufgestellte Kandidat General Bidwell 270 000
Stimmen für sich buchen konnte.
Bisher ist es noch keiner Minderheitspartei gelungen, ihren Präsidentschaftskandidaten durchzubringen.
Ihr eigentliches Ziel ist es auch meist gar nicht, den Präsidenten
zu stellen; sie suchen vielmehr möglichst weite Kreise für ihre Ideen
zu gewinnen, und zwingen so die beiden großen Parteien, ihr Programm
weitgehend zu übernehmen, da sie auf die Stimmen der unabhängigen
Wähler nicht verzichten können. Auf diese Weise ist es diesen kleinen
Parteien oftmals gelungen, zumindest einen gewissen Teil ihrer Forderungen durchzusetzen.
Aber nicht nur auf dem 7/ege über politische Parteien suchen die
Minderheiten in den USA ihren Einfluß geltend zu machen. Die Amerikaner
haben von dem in den ersten zehn Zusatzartikeln zur Verfassung - der
Bill of Rights - verankerten "Recht des Volkes, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Mißständen
zu ersuchen" seit jeher weitgehend Gebrauch gemacht. Manche Bewegung,
die von einer kleinen Gruppe ausging, hat schließlich so weite Kreise
erfaßt, daß sie die gesetzliche Verankerung der von ihr angestrebten
Ziele erreichen konnte. Man denke nur an die Bewegung für das Frauenwahlrecht, das Recht der Arbeiter auf gewerkschaftlichen Zusammenschluß,
das Verbot der Kinderarbeit sowie die Bestimmungen über den Verkauf
•
unverfälschter Lebensmittel und Medikamente.

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

Gelegentlich arbeiten kleinere Gruppen, die die Verwirklichung
politischer Ziele anstreben, innerhalb der großen politisc-en Parteien.
Ein Beispiel hierfür waren die "Abolitionisten' , die Gegner der Sklaverei,
die im vergangenen Jahrhundert über die Republikanische Partei die Abschaffung der Sklaverei anstrebten und erreichten. Oft genug aber besitzt eine ihrer Natur nach unpolitische Interessenvertretung genug
Stoßkraft, um in ihrem Sinne auf die öffentliche Meinung ei zuwirken
und üoer diese wiederum die Gesetzgebung ihres Einzelstaates oder der
Union zu beeinflussen. Zu den bekanntesten Vereinigungen die er Art
gehören unter anderem der Amerikanische Bauernverband, der Amerikanische
Landwirtschaftliche Zentralverband, die erst kürzlich zusammengeschlossenen Gewerkschaftsverbände AFL und CIO, der Amerikanische Ärzteverband, der Verband Amerikanischer Bankiers, der Amerikanische Verband
für Bürgerrechte und der Rat der Christlichen Kirchen Amerikas.
So ist fast jede soziale, politische und wirtschaftliche In eressengruppe in den Vereinigten Staaten durch eine Gesellschaft ode^ einen
Verein vertreten. Diese Gruppen unterrichten die breite Öffentlichkeit
durch Versammlungen, Publikationen und Tagungen über die von ihnen vertretenen Ideen. Sie lassen Petitionen zirkulieren und regen die Öffentlichkeit an, zu den in Vorbereitung befindlichen Gesetzen Stellung

u

nehmen und den Kongreß über ihre Ansichten zu informieren.
Viele dierer Vereinigungen haben auch ihre bezahlten Agenten, iie
sogenannten "Lobbyisten', die in den Wandelhallen (Lobby) des Kongreßgebäudes die Abgeordneten oder Senatoren für ihre Sache zu gewinnen
suchen. Die Tätigkeit dieser Lobbyisten, ihre Befugnisse und Rechte,
sind gesetzlich genau festgelegt. Sie werden häufig auch vor Kongreßausschü se geladen, um sachdienliche Auskünfte zu den ge &gt;1 mten gesetzgeberischen Maßnahmen zu machen. Sie versorgen die Kongreßmitglieder
gegebenenfalls mit dem Tür den Er aß - oder die Unterbindung - ei es
Gesetzes erforderlichen Tatsachenmaterial.
Dieses wechselseitige Kräftespiel der verschiedenen Verbände und
Gesellschaften, die jeweil

über einen starken Rückhalt in den einzel-

nen Bevölkerungsschichten ve -fügen, trägt wesentlich zur Sicherung und
Erhaltung der demokratischen Staa sform in den USA bei.

�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

POLIT.3CHE PARTEIEN UND ÖFFENTLICHE MEINUNG IN DEN USA

(AD) —

In

eder

'emokr-- ie stellt die öffentliche Meinung die

Macht dar, die hinter de. R gie- ng steht. In den Vereinigten Staaten
jedoch ist wegen d^s Umfangs der B

erung so

e der großen Zahl der

in ihrer Haltu g stark vo ei ander abwei henden Gruppen und verschiedenartige'

teressen

&gt;r j

e

ige Standpunkt der Öffentlichen Mei-

1

nung nich , leich

rora s ahzu chätz n.

Die pol t-seh'

Pa te

sind in den

ere'nigten Staate1- aus dem

Bestreben der Staatsbü'ger erwa h en, gern 1 sar e Grundlagen herauszu'nden, auf dener
s

'ie v e n n v rs hi'ed1 n n Gruppen zu einer uberein-

mmung gelangen m d damit d e

eg-erung durch die Zustimmung der

Reg:' ^rten sichern kr mer .
In der amer'kanischen Ve" fas^ung werder pol't -che Parteien überhaup

nicht erwähnt. Dennoch ha en s'e stets

in? wichtige Rolle in der

dem'k atischen Entwi klung dtr Ve einigt n Staa en gespi lt. Denn es
erw es sich als notwendig, der öff&gt;ntlich' n Mein
keiten

u verschaffen, sich zur Geltung zu

Gestal - ng der Regierungspolitik prak
Lücke

g geregelte Möglich-

r n.en, un" ihr bei dir

sehen Einfluß einzuräumen. Diese

ü lten die Parteien aus.
1

Di - älteste der heute noch bestehe' den amerikan s~hen Pa teien,
d'e Demo ratische Partei, ist die politische Erbin einer Bewegung, die
in den sr. " en
Jeffers n a

790er Jahren von dem dama igen

z Präsidenten.Thomas

dem Gefühl heraus ins Li-ben gerufen wur'e, daß die Grund-

sätze der Föceralisten, der zu jener Zeit herrsche de

Par e , ni ht

mit der Verfassu g vereinbar seien. Bei den Wahler des Jahres 1800
untp br-1t ter Jefferson und seine Anhänger diese F^age den Abstimmender, mi. dem Ergebnis, daß er, Jef erson, zum Prä'identen gewählt
wurde.
Was Je fers'n und seine Partei im Jahre 1800 taten, stellt eine
der gro: n u d wecentlichen Funktionen e ner politisc
jeder Demokra ie dar - nämlich die Aufgabe, das Interesse

Par .ei in
er öffent-

lichen Meining auf einen Brennpu kt zu kon entrieren und die Parolen

- '3 -

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"AMERIKA DIENST"

Parolen für die Volkswahl vorzubereiten. In den Vereinigten Staaten
sind die politischen Parteien und die öffentliche Meinung eng miteinander verknüpft.
Amerikas Wählerschaft, mit ihren zwei großen politischen Parteien,
setzt sich aus vielen auseinanderstrebenden Gruppen zusammen. Die Aufgabe der politischen Parteien besteht nun darin, diese unendlich verschiedenen rassischen und sozialen Gruppen, wirtschaftlichen, lokalen
und partikularistischen Interessen für die Zwecke des repräsentativen
Regierungssystems zusammenzufassen. Auf diese V/eise wird der öffentlichen Meinung eine Richtung gegeben und ihr Ausdruck verliehen.
Alle vier Jahre, im Sommer vor dem Wahltag im November, tritt
jede politische Partei zu einem Konvent zusammen, um eine Wahl-Plattform auszuarbeiten - das heißt eine Erklärung über die Parteipolitik
in bezug auf die großen zur Entscheidung stehenden Fragen und über die
leitenden Grundsätze überhaupt, welche die Partei zu vertreten verspricht -, eine Plattform, die für die verschiedenartigen Elemente,
aus denen sich die Partei zusammensetzt, möglichst gleichermaßen annehmbar ist. Das ermöglicht den Wählern, sich auf Grund der Politik und der
Programme der beiden Parteien für die eine oder die andere zu entscheiden.
Nachdem man sich in beiden Lagern über die Plattform geeinigt hat,
wird diese im Laufe eines sehr intensiven Wahlfeldzuges, der von den
Männern und Frauen, die sich um ein Amt bewerben, geführt wird, den
Wählern immer v/ieder eingehämmert. Jeder Kandidat legt seiner Wahlkampagne die Grundsätze des von seiner Partei aufgestellten Programms zugrunde. Den Wählern werden d-&gt;e Argumente für jedes der beiden Parteiprogramme wieder und wieder dargelegt, und dann treffen diese ihre Entscheidung.
Da der Wähler häufig nicht alle Konsequenzen, die sich aus seiner so oder so getroffenen Entscheidung ergeben, von vornherein zu übersehen vermag, bemühen sich die pol tischen Parteien, durch ihre Wahlkampagne zur Aufklärung der politischen Meinung auch in dieser Hinsicht
beizutragen. Indem sich der Wähler, nachdem die Parteien alle zur Debatte stehenden Fragen kritisch erörtert haben, für die Republikaner
oder die Demokraten entscheidet, bestimmt er damit, welcher Aktionsrichtung er den Vorzug gibt; und durch die Stimmabgabe für einen
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6. Juni 1956

einen Präsidentschaftskandidaten und einen Kongreß, welche diese Richtung vertreten, gibt der Bürger zugleich seine politischen Wünsche bekannt. Es liegt dann in der Verantwortlichkeit der gewählten Partei das heißt des Präsidenten u.d der Kongreßmitglieder dieser Pa 'te_ -,
die bei der Abstimmung zutage getretenen Wünsche der öffentlichen Meinung nach Möglichkeit zu verwirklichen, (in vielen Fälle., allerdin s,
vor allem in auswärtigen Angelegenheiten, verfolgen der Präsident und
beide Parteien - in überparteilicher Aktion - eine gemeinsame Politik,
um ein von allen gleichermaßen erstrebtes Ziel zu erreichen.)
Demgemäß obliegen der politischen Partei drei Hauptfunktionen:
1. die öffentliche Meinung zu lenken; 2. den Sieg bei der Wahl zu erringen, und 3« dafür zu sorgen, daß die Wünsche der Wähler Gesetzeskraft
erhalten.
Zuweilen ist es in der amerikanischen Politik vorgekommen, daß ein
erheblicher Teil der öffentlichen Meinung nicht mit der Art und Weise
zufrieden war, in der die beiden großen Parteien sich einer von ihr
für wichtig gehaltenen Frage gegenüber verhielten. Bei einigen dieser
Anlässe trat dann eine dritte Partei auf. Solche kleineren Parteien
bilden sich, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ihre Anschauungen zu lenken, in der Hoffnung, daß die öffentliche Meinung dann die
eine oder die andere der beiden großen Parteien oder gar beide zwingen
wird, ihren Standpunkt sich zu eigen zu machen. Tritt dieser Fall ein,
dann löst sich meist die dritte Partei ebenso schnell wieder auf, wie
sie entstand, da ihr Zweck erfüllt ist.
Die gegenwärtige Republikanische Partei war ehemals auch eine
dritte Partei. Sie wurde 18 54 ins Leben gerufen, um in der Hauptfrage
der damaligen Zeit - der Frage der Sklaverei - ihr Votum in die Waagschale zu werfen. Da die beiden großen Parteien in jenen Jahren, die
Demokraten und die Whigs, in dieser Frage von innen her gespalten
waren, war keine von ihnen in der Lage, hier einen festen Standpunkt,
dafür oder dagegen, einzunehmen. So gewannen die Republikaner aus beiden Parteien die Unterstützung von Gegnern des Sklavensystems, und anstatt die eine oder die andere zu zwingen, sich ihre Haltung in dieser
Frage zu eigen zu machen, erhielten sie genügend Unterstützung aus der
Wählerschaft, um eine ständige politische Partei zu bilden. Im Jahre
1860 wählte die Bevölkerung Abraham Lincoln zum Präsidenten, und die
Republikanische Partei wurde fortan zu einer der großen Parteien.
Innerhalb des traditionellen "Zwei-Parteien"-Systems der Vereinigten Staaten weisen die Parteien, welche den engsten Kontakt mit der
öffentlichen Meinung haben, auch die längste Lebensdauer auf.
******
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�"AMERIKA DIETTST"

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DER PRIMAT DER AUSSENPOLITIK

(AD) - Das heute in Amerika bestehende Parteiensystem macht es
möglich, alle lebenswichtigen, insonderheit politisch strittigen
Fragen vor das Forum der Wähler zur Entscheidung zu bringen und dadurch selbst die tiefsten Gegensätze, die sich auf dieser Ebene manchmal im Volke zeigen, zu überwinden. Denn nachdem dieses gesprochen
hat, wird die Nation sich stets zusammentun, um die Politik, die die
Billigung der Mehrheit gefunden hat, auch wirklich durchzusetzen.
Nicht selten sind die Fragen, die bei den Wahlen zum Austrag
kommen, von fundamentaler, den Gang der nachfolgenden Außen- und
Innenpolitik unmittelbar bestimmender Bedeutung. In solchen Fällen
wird das ganze Land aufgerüttelt. Politische Instinkte werden entfesselt, die Leidenschaften schlagen hoch - doch die Parteien verstehen gewöhnlich, sie in die richtige Bahnen zu lenken.
Nur ein einziges Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten
ist es nicht gelungen, mit den friedlichen Mitteln der Politik eine
vom ganzen Lande anerkannte Entscheidung herbeizuführen. Die Frage
nach Abschaffung oder Beibehaltung der Sklaverei teilte die amerikanische
Union in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in zwei Lager; es kam zum
Bürgerkrieg, der nach fünf Jahren erbitterten Kampfes die Nation letzten
Endes nur enger zusammenschloß.
In anderen grundsätzlichen Fragen, derentwegen es ebenfalls zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen war, brachten jedoch die Wahlen
die Entscheidung. Hierzu gehörten beispielsweise die Auseinandersetzungen über Schutzzölle, die fast hundert Jahre lang die Präsidentenwahlen überschattet und eine tiefe Kluft zwischen den beiden großen
Parteien aufgerissen hatten. Zu einer anderen, nicht weniger tiefgreifenden Streitfrage wurde das Problem der Währung, die nach dem Willen
der einen auf Gold, nach dem der anderen jedoch auf Silber basiert werden sollte. Und schließlich stritten sich die Parteien nach dem ersten Weltkrieg auch über die Frage, ob die USA Mitglied des Völkerbundes werden
sollten oder nicht. Die politischen Leidenschaften, die von den Befürwortern und Gegnern dieser Alternativfrage entwickelt wurden, erreichten - vi« schon oft - den Siedepunkt. Zu guter Letzt jedoch kam es auf
Grund vernünftiger Erwägungen noch immer zu einem Übereinkommen, das
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�"AMERIKA DIENST"

6. Juni 1956

das vielleicht den Charakter eines Kompromisses zwischen den Parteien trug, aber sich noch stets als das praktisch Klügste und auch
das Beste herausstell e.
Am wirksamsten aber hat sich die politische Disziplin über alle
Parteigegensätze hinweg immer dann erwiesen, wenn es galt, das Bemühen
der Union um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu unterstützen.
Vor allem, wenn es sich um die Beilegung internationaler Krisen handelte,
haben die Amerikaner sich besonders eng zusammengeschlossen und vorbehaltlos hinter ihre aus freier Wahl hervorgegangenen Regierung gestellt.
Ein geradezu klassisches Beispiel dafür bildete das Verhalten Wendeil
Willkies, des republikanischen Kandidaten für die Präsidentenwahl von
1940, der sofort nach seiner Wahlniederlage seinen großen Einfluß dazu
gebrauchte, die Unterstützung der Republikaner für die Außenpolitik
der demokratischen Regierung zu gewinnen. Das erkannte auch Präsident
Franklin D. Roosevelt an, als er einmal ausdrücklich feststellte, daß
die Vereinigten Staaten "jedenfalls weder das Pacht- und Leihgesetz,
das Dienstpflichtgesetz noch Jine ganze Menge anderer Dinge hätten, wenn
es keinen Wendell Willkie gegeben hätte. Er wurde in dem Augenblick,
als wir seiner am meisten bedurften, zu einem wahren Segen für dieses
Land."
Im Verfolg einer solchen Politik war es nur natürlich, daß sich die
Führer der großen Parteien immer häufiger zusammensetzten, Abstriche von
den eigenen Forderungen machten und auf diese V/eise nach und nach eine
politische Linie entwickelten, die im Grunde überparteilich ist. Das
zeigte sich nicht zuletzt darin, daß bei internationalen Anlässen den
amerikanischen Regierungsmissionen auch Mitglieder der bei der Wahl
unterlegenen Partei zur Unterstützung beigegeben wurden.
So wurde beispielsweise John Foster Dulles, Außenminister der
gegenwärtigen republikanischen Regierung, selbst ein alter Republikaner,
schon unter dem demokratischen Präsidenten Truman der amerikanischen
Delegation zu den Vereinten Nationen als beratendes und später sogar als
ordentliches Mitglied beigeordnet. Außerdem fungierte er im Kabinett
Präsident Trumans als Sonderberater im Außenamt und war als solcher auch
der eigentliche Schöpfer des japanischen Friedensvertrages.
Aber es gibt wohl keinen Namen, der noch enger mit der völligen Unparteilichkeit der amerikanischen Außenpolitik verbunden wäre als der

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�"AMERIKA PIEKST"

6. Juni 1956

der Arthur H. Vandenbergs, des - verstorbenen - republikanischen
Senators vom Staate Michigan. Vandenberg hatte noch während des zweiten
Weltkrieges seine Überzeugung, daß Am-rika eine isolationistische Politik betreiben müsse, über Bord geworfen und war statt dessen zum leidenschaftlichen Verfechter interparteilicher Zusammenarbeit auf dem Gebiet
der Außenpolitik geworden. Einen der beachtlichsten Beiträge, die er als
Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses und Mitglied verschiedener Delegationen geleistet hatte, bildete die sogenannte Vandenberg-Resolution zum Artikel 51 der UN-Charta, der Vorkehrungen zur Erhaltung einer regionalen Kollektivsicherheit vorsieht und zur eigentlichen Grundlage der Nordatlantikpaktorganisation wurde.
Ganz gleich, welcher Meinung hierzu und zu anderen lebenswichtigen
Fragen die Parteien im einzelnen waren und heute sind, ganz gleich auch,
wie hart die politischen Gegensätze gelegentlich einer Wahl aufeinanderprallen und mit welcher Erbitterung die Kämpfe gegeneinander geführt
werden - bis auf ganz wenige Ausnahmen hat sich bisher noch immer erwiesen, daß die Amerikaner durchaus in der Lage sind, dort, wo es um
wirklich fundamentale Dinge geht, die notwendige Einigkeit über parteipolitische Differenzen zu stellen.

* * * * *

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�WORTLAUT DER REDE DEo ERSTEN SEKRETÄRS DER KPdSU
KIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DELi XX. PARTEIK0K0RS5S IM IoÜJKAU

�WORTLAUT DER REDE DES ERSTEN SEKRETÄRS DER KPdSU
NIKITA CHRUSCHTSCHOW
VOR DEM XX.PARTEIKONGRESS IN MOSKAU

Das amerikanische Außenministerium hat am
4.Juri 1956 die in Washington vorliegende
Version der Rede des Ersten Sekretärs der
KPdSU veröffentlicht, die dieser am 25.Februar 1956 vor dem XX.Parteikongreß in Moskau gehalten hat.
Das amerikanische Außenministerium gab dazu
folgende Erklärung ab»
"Das amerikanische Außenministerium hat kürzlich aus einer vertraulichen Quelle ein Exemplar eines Dokuments erhalten, das offenbar eine
Version der Rede des Ersten Parteisekretärs
Nikita Chruschtschow ist, die er auf dem XX.Parteikongreß der KPdSU am 25.Februar 1956 hielt.
Zu der Sitzung waren nur die Delegierten aus
der UdSSR zugelassen.
Das Dokument wird auf Grund zahlreicher Anfragen veröffentlicht. Die vorliegende Version ist
dem Vernehmen nach als Anleitung für die Parteiführerschaft einer kommunistischen Partei außerhalb der Sowjetunion ausgearbeitet worden. Das
amerikanische Außenministerium kann sich für
die Authentizität des Dokuments nicht verbürgen
und möchte mit seiner Veröffentlichung es für
sich selbst sprechen lassen".
Die vorliegende Rede hat folgenden Wortlaut!
Genossen! Im Bericht des Zentralkomitees der Partei an den
XX.Parteikongreß, in einer Anzahl von Reden der Parteikongreßdelegierten und schon zuvor auf den Plenarsitzungen des ZK der KPdSU
ist vieles über den Persönlichkeitskult und seine schädlichen Folgen gesagt worden.
Nach dem Tode Stalins leitete das ZK der Partei eine Aufklärungspolitik ein, um mit zwingender Konsequenz nachzuweisen, daß
es unzulässig und dem Geiste des Marxismus-Leninismus zuwider ist,
eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen,
der
- 1 -

�Die große Bescheidenheit des Genius der Revolution, Wladimir
Iljitsch Lenin, ist bekannt. Lenin betonte immer die Rolle des Volkes
als Schöpfer der Geschichte, die leitende und organisatorische Rolle
der Partei als eines lebendigen und schöpferischen Organismus und
ebens. die Rolle des Zentralkomitees.
Der Marxismus negiert aber nicht die Rolle der Führer der Arbeiterklasse bei der Leitung der r volutionären Befreiungsbewegung.
Während er der Rolle Jer Führer und Organisatoren der Hassen große
B«»deitung beimaß, brand narKte Lenin gleichzeitig schonungslos jede
Äußerung des Person!icrtkejtskults, bekämpfte unerbittlich die dem
Marxismus fremden Auffass ngen üter den 'Helden" und die "Menge'
usd verwahrte s.ch g€gen jeden Verbuch, den Massen und dem Volk einen
•ielden" gegenüberzustellen.
Lenin lehrte, daß die Stärke deJf Partei auf ihrer unauflöslichen
Ve.Dundenheit mit den Massen b ruht, dar&gt;uf, daß hinter der Partei das
\rolk steht - die Arbeiter, die Bauern und die Intelligenz. "Nur der
wird die Macht erringen und behalten'', sagte Lenin, "der an das Volk
glaubt, der untertaucht in dem Brunnen der lebendigen Schöpferkraft
des Volkes."
Lenin sprach mit Stolz von der bolschewistischen Kommunistischen
Partei als der Führerin und Lehrerin des Volkes. Er verlangte, daß
alle wichtigen Fragen den bewußten Arbeitern und ihrer Partei zur
Kenntnis gebracht und in diesem Kreise zur Diskussion gestellt werden
sollten. Er sagte: "Wir glauben an sie, wir sehen in ihr die Weisheit,
die Ehre und das Gewissen unserer Epoche."
Lenin wandte sich entschieden gegen jeden Versuch, die leitende
Rolle der Partei im Gefüge des Sowjetstaates zu bagatellisieren oder
zu schwächen. Er entwickelte die bolschewistischen Prinzipien der
Parteiführung und die Normen des Parteilebens, wobei er die Kollegialität als Richtschnur der Parteiführung betonte. Schon in den
Jahren vor der Revolution bezeichnete Lenin das Zentralkomitee der
Partei als ein Führungskollektiv, als den Hüter und Interpreten der
Paiteiprinzipien. "Im Intervall zwischen den Parteitagen", erklärte
Lenin, 'hütet und interpretiert das Zentralkomitee die Parteiprinzipien". Die Rolle und Autorität des Zentralkomitees der Partei kennzeichnete Wladimir Iljitsch mit den Worten: "Das Zentralkomitee konstit ierte sich als streng zentralisierte und höchst maßgebende Gruppe".
Zu Lenins Lebzeiten war das Zentralkomitee der Partei der echte
Ausdruck der kollektiven Führung der Partei und der Nation. Als aktivistischer, revolutionärer Marxist, der in Prinzipienfragen allzeit
unbeugsam blieb, drängte Lenin seinen Mitarbeitern doch niemals ge-,
waltsam seine Ansichten auf. Er versuchte vielmehr, sie zu überzeugen;
geduldig erklärte er anderen seine Auffassung. Stets war Lenin sorgsam darauf bedacht, daß die Normen des Parteilebens verwirklicht,
daß die Bestimmungen des Parteistatuts befolgt, daß die Parteitage
und die Plenarsitzungen des Zentralkomitees regelmäßig abgehalten
wurden.
Abgesehen

- 3-

�Ich möchte diese Dokumente Jetzt zur Verlesung bringen.
"Lew Borisowitach!
'.Vegen eines kurzen Briefes, den ich in den V/orten niedergeschrieben hatte, die mir Wladimir Iljitach mit ärztlicher Erlaubnis diktierte,
gestattete sich atalin gestern mir gegenüber eine ungewöhnlich grobe
Ausfälligkeit. Ich bin nicht erst seit einem Tage Parteimitglied, aber
in all diesen dreißig Jahren habe ich niemals von irgendeinem Genossen
• in grobes Vfo^t gehört. Die Sache der Partei und Iljitschs ist mir
nicht weniger teuer als Stalin. Ich muß im Augenblick ein Höchstmaß von
Selbstbeherrschung aufbieten. Was man mit Iljitsch besprechen kann
oder nicht, weiß ich besser als jeder Arzt, weil ich weiß, was ihn
nervös macht und was nicht. Auf jeden Fall weiß ich es besser als
Stalin. Ich wende mich an Dich und an Grigorij als den Gen-ssen,
die W.I. viel näher stehen, und ich bitte Euch, mich vor solchen
rücksichtslosen Einmischungen in mein Privatleben, vor so gemeinen
Beleidigungen und Drohungen zu schützen. Ich habe keinen Zweifel,
wie die einmütige Entscheidung der Kontrollkommission ausfallen wird,
mit der Stalin mir drohen zu müssen glaubte; doch habe ich weder genügend Kraft noch Zeit, um sie auf diesen dummen Streit zu verwenden.
Ich bin schließlich ein lebendiger Mensch, und meine Nerven sind bis
zum Äußersten angespannt.
N. Krupskaja."
Nadeahda Kon8tantinowna schrieb diesen Brief am 23.Dezember 1922.
Zweieinhalb Monate später, im März 1923» sandte Lenin folgenden Brief
an Stalins
"An Genossen Stalin.
Abschriften an Kamenew und Sinowjew.
Lieber Genosse Stalin!
Du hast Dir erlaubt, meine Frau in grober Form ans Telephon zu
zitieren und sie sehr grob zu tadeln. Obwohl sie Dir gesagt hat, sie
wolle Deine Bemerkungen vergessen, haben Sinowjew und Kamenew dennoch
durch sie von der Sache erfahren. Ich habe nicht die Absicht, etwas
ao leicht zu vergessen, was gegen mich gerichtet ist, und ich brauche
hier wohl nicht zu betonen, daß ich alles als gegen mich gerichtet
betrachte, was meiner Frau angetan wird. Ich ersuche Dich deshalb,
sorgfältig zu prüfen, ob es Dir lieber ist, Deine Worte zurückzunehmen
und Dich zu entschuldigen, oder ob Du den Abbruch der Beziehungen
zwiachen una vorziehst..
5.März 1923

Lenin."
(Bewegung im Saale)

Genossen! Ich möchte diese Dokumente nicht kommentieren. Sie sprechen beredt genug für sich selbst. Wenn Stalin sich zu Lenins Lebzeiten
so benehmen konnte, wenn er Nadeshda Konstantinowna Krupakaja so behandeln konnte, die die Partei kennt und schätzt als treue Gefährtin Lenina
und

�was passiert wäre, wenn sich 1928/29 die politische Linie der
Rechtsabweichler bei uns durchgesetzt hätte, oder die Orientierung
auf die "Kattun-Industrialisierung", oder jene auf die Kulaken usw.
Dann hätten wir heute keine mächtige Schwerindustrie, wir hätten
keine Kolchosen, wir befänden uns waffenlos und schwach inmitten
der kapitalistischen Einkreisung.
Eben aus diesem Grunde führte die Partei einen unerbittlichen
ideologischen Kampf und klärte alle Parteimitglieder sowie die parteilosen Massen darüber auf, wie schädlich und gefährlich die antileninistischen Vorschläge der trotzkistischen Opposition und der
rechten Opportunisten waren. Und diese gewaltige Aufklärungsarbeit
über die Parteilinie trug Früchte* sowohl die Trotzkisten als auch
die rechten Opportunisten wurden politisch isoliert.} die überwiegende
Mehrheit der Partei erklärte sich für die leninistische Linie. Es
gelang der Partei, die werktätigen Hassen wachzurütteln und zu organisieren, um sie für die leninistische Parteilinie und den Aufbau des
Sozialismus zu gewinnen.
Bemerkenswert ist die Tatsache, daß selbst während dieses erbitterten ideologischen Kampfes gegen die Trotzkisten, Sinowjewisten,
Bucharinisten und andere Gruppen noch keine radikalen Unterdrückungsmaßnahmen angewandt wurden, da sich der Kampf auf ideologischer Grundlage abspielte. Erst einige Jahre später, als die Fundamente des Sozialismus in unserem Land gelegt, die ausbeutenden Klassen im allgemeinen
liquidiert waren, als sich die soziale Struktur der Sowjetunion von
Grund auf geändert hatte und die soziale Basis für parteifeindliche
Gruppen und Bewegungen entscheidend eingeengt war, als die ideologischen
Gegener der Partei politisch längst geschlagen waren, da erst setzten
die gegen sie gerichteten Unterdrückungsmaßnahmen ein.
In dieser Periode, von 1933 bis 1938, begann die Ifassenunterdrückung
durch den Regierungsapparat. Sie richtete sich zunächst gegen die Feinde
des Leninismus - die Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten -,
nachdem diese von der Partei längst politisch besiegt worden waren.
In der Folge griff sie aber auch auf zahlreiche aufrechte Kommunisten
über, auf diejenigen Parteikader, die die schwere Last des Bürgerkriegs, der ersten und schwierigsten Jahre der Industrialisierung
und Kollektivisieming getragen, auf Männer, die aktiv gegen die
Trotzkisten und die Rechten für die leninistische Parteilinie gekämpft hatten.

Von

�Es is- jedermann bekannt, wie unversöhnlich Lenir gegenüber den
ideologischen Feinden des Marxismus und gegenüber denjenigen war, die
von der korrekten Parteilinie abwichen. Aber Lenin hat gleichzeitig,
wie aus dem erwähnten Dokument hervorgeht, in seiner Praxis der Parteiführung den engsten Parteikon+akt zu Leuten gefordert, bei denen trotz
gewisser Schwankungen oder zeitweiliger Abweichungen von der Parteii.'nie noch immer die Möglichkeit bestand, daß sie auf den Weg der
Partei zurückfanden. Lenin empfahl, diese Leute geduldig zu erziehen,
ohne extreme Methoden anzuwenden.
Lenins Weisheit in» Umgang mit Menschen trat in seiner Kaderarbeit
klar zJtage.
Ganz anders war dagegen die Einstellung Stalins zu seiner Umgebung. Lenins charak4eris"isehe Eigenschaften - geduldige Arbeit mit
den Menschen im Interesse ihrer unablässigen und gew,ssenhaften Schulung, seine Fähigkeit, die Menschen für sich zu gewinnen, so daß sie
ihm ohne Zwang, lediglich unter dem ideologischen Einfluß des gesamten
Kollekt vs folgten - waren Stalin vollkommen fremd. Stalin gab die
leninistische Methode der Überzeugung und Erziehung auf, er vertauschte
die Meth de des ideologischen iL mpfes mit der der adminis rativen
Gewaltanwendung, der Masse Unterdrückung und des Terrors. Er stützte
sich bei seinen Aktionen in zunehmendem Maße und mit wachsendem Starrsinn auf die Straforgane und verletzte dabei häufig alle bestehenden
Normen der Moral und des sowjetischen Rechts.
Die Willkür des einen war zugleich Ansporn und Freibrief für
die Willkür der anderen. I«ia senverhaftungen und Verschickungen, die
Tausende von Menschen betrafen, Hinrichtungen ohne ordnungsgemäßes
Untersuchungs- und Gerichtsverfahren schufen Unsicherheit und verbreiteten Furcht, ja sogar Verzweiflung.
Das förderte natürlich nicht die Einigkeit innerhalb der Partei
und alier Schichten der werktätigen Bevölkerung - im Gegenteil, es
hatte zur Folge, daß loyale, aber Stalin unerwünschte Arbeiter vernichtet beziehungsweise aus der Partei ausgeschlossen wurden.
Unsere Partei kämpfte für die Verwirklichung der Pläne Lenins,
für den Aufbau des Sozialismus. Das war ein ideologischer Kampf.
Wären Lenins Grundsätze im Verlauf dieses Kampfes befolgt werden,
hätte man die Prinzipientreue der Partei geschickt mit lebhafter
und eifriger Sorge um die Menschen gepaart, wären die Menschen nicht
zurückgestoßen und vergeudet, sondern auf unsere Seite gezogen worden,
dann wäre es bestimmt nicht zu so brutalen Verstößen gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit gekommen,und viele Tausende wären nicht den
Terrormethoden zun Opfer gefallen. Außergewöhnliche Maßnahmen hätte
man dann nur gegen
ergriffen, die wirklich verbrecherische Handlungen gegen itto Sovsjetsystem begangen hatten.

In

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�Allerdings brauchte er sie nur gegen tatsächliche Klassenfeinde,
nicht aber gegen Leute, die nur einen Fehler gemacht, die sich geirrt
hatten, also gegen diejenigen, die man möglicherweise durch ideologische
Einflußnahme leiten und sogar in der Führung behalten konnte. Lenin
benutzte harte Methoden nur im äußersten Notfall, solange die ausbeutenden Klassen noch existierten und der Revolution heftigen Widerstand
leisteten, das heißt, wenn der Kampf um den Fortbestand seine schärfsten
Formen angenommen hatte, die sogar den Bürgerkrieg einschlössen.
Stalin dagegen griff zu radikalen Methoden und zu Ma senunterdrückungen in einer Zeit, als die Revolution schon siegreich und der
Sowjetstaat gefestigt war, ä'ls nach der Liquidierung der ausbeutenden
Klassen die sozial stischen Produktionsverhältnisse in allen Zweigen
der Volkswirtschaft bereits tiefe Wurzeln geschlagen hatten, als unsere
Partei politisch gefestigt»zahlenmäßig gewachsen und ideologisch erstarkt
war. Es ist klar, daß Stalin sich hier in einer ganzen Anzahl von Fällen als intolerant und brutal erwies und daß er seine Macht mißbrauchte.
Anstatt seine" politische Korrek heit zu beweisen und die Massen zu
mobilisieren, schlug er oft den Weg der Unterdrückung und physischer
Vernichtung ein, und zwar n'cht nur gegen tatsächliche Feinde sondern
auch gegen Personen, die keine /erbrechen gegen die Partei und die
Sowjetregierung begangen hat en. Hier ist keine Weisheit, sondern
nur die Demonstration brutaler Gewalt festzustellen, die schon Lenj.n
so sehr beunruhigt hatte.
In letzter Zeit, zumal nach der Entlarvung der Beri ja-Bande, mußte
sich das Zentralkomitee mit einer Reihe von Fälschungen befassen, die
auf diese Bande zurückgingen. Dalei am ein sehr häßliches Bild brutaler
Eigenmächtigkeiten zum Vorschein, und zwar wiederum in Zusammenhang mit
dem unkorrekten Verhalten Stalins. D e Tatsachen beweisen, daß sich Stalin auf Grund seiner unbegrenzten Macht viele Übergriffe erlaubte.
Dabei berief er sich auf das Zentralkomitee, ohne dessen Mitglieder,
ja nicht einmal die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees, um
ihre Meinung zu befragen. Oft unterr'chtete er diese nicht einmal über
seine persönlichen Entscheidungen in sehr wichtigen Partei- und Regierungsangelegenheiten.
Bei der Behandlung der Frage des Persönlichkeitskults müssen wir
zuerst jedem einzelnen klarmachen, welcher Schaden dieser Kult den
Interessen der Partei zufugte.
Wladimir Iljitsch Lenin hatte stets d e Rolle und Bedeutung der
Partei ei der Leitung der sozialistischen Arbeiter- und Bauernregierung b tont; hierin sah er die wesentliche Vorbedingung für einen
erfolgr i hen Aufbau des Sozialismus in unserem Lande. Lenin verwies auf
die gr ße Verantwortung der Bolschewistischen Parte' als der regierenden Pa tei m Sowjetstaat und forderte eine peinlich genaue Beachtung
aller Normen des Parteilebens; er forderte die Verwirklichung der Prinzipien der Kollegialität in der Führung von Partei und Staat.
Die

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�Während in den ersten Jahren nach Lenins Tod Parteitage und
Sitzungen des ZK-Plenums mehr oder weniger regelmäßig stattfanden,
wurden diese Grundsätze später, als Stalin seine Macht immer mehr
mißbrauchte, in brutaler Weise verletzt. Das zeigte sich besonders
während seiner letzten fünfzehn Lebensjahre. Kann man noch von normalen Verhältnissen sprechen, wenn zwischen dem XVIII. und dem XIX.
Parteikongreß dreizehn Jahre verstrichen, Jahre, in denen unsere Partei
und unser Land so viele wichtige Ereignisse durchmachten? Diese Ereignisse verlangten kategorisch nach Parteibeschlüssen über die Landesverteidigung während des Großen Vaterländischen Krieges und über den
friedlichen Wiederaufbau nach Beendigung des Krieges. Selbst nach
Kriegsende dauerte es sieben Jahre, bis wieder ein Parteikongreß stattfand.
Es wurden kaum noch ZK-Plenarsitzungen einberufen. Man braucht
nur zu erwähnen, daß während des ganzen Großen Vaterländischen Krieges keine einzige Sitzung des Plenums des Zentralkomitees stattgefunden
hat.
Zwar wurde im Oktober 1941 der Versuch unternommen, das gesamte
Zentralkomitee einzuberufen, als die Hitglieder des Zentralkomitees
aus der ganzen Sowjetunion nach Moskau beordert wurden. Aber sie warteten
zwei Tage lang vergeblich auf die Eröffnung des Plenums. Stalin wünschte
nicht einmal,die Mitglieder des Zentralkomitees persönlich zu sprechen.
Diese Tatsache zeigt, wie demoralisiert Stalin in den ersten Kriegsmonaten war und mit welcher Überheblichkeit und Verachtung er die Mitglieder des Zentralkomitees behandelte.
In der Praxis setzte sich Stalin über die Normen des Parteilebens
hinweg und trat den leninistischen Grundsatz der kollektiven Führung
mit Füßen. Stalins Eigenmächtigkeit gegenüber der Partei und ihrem
Zentralkomitee trat nach dem XVII. Parteitag, der 1934 abgehalten wurde,
voll und ganz in Erscheinung.
Das ZK, das sich im Besitze zahlreicher Unterlagen über die brutale und willkürliche Behandlung der Parteikader befindet, hat eine
Parteikommission eingesetzt, die unter der Kontrolle des Präsidiums
des Zentralkomitees steht. Die Kommission wurde beauftragt, Untersuchungen darüber anzustellen, wieso Massenunterdrückungen gegen die
Mehrheit der Mitglieder und Kandidaten des ZK, die auf dem XVII. Parteitag der KPdSU (B) gewählt worden waren, möglich gewesen sind.
Die Kommission hat umfangreiches Material aus den NKWD-Archiven
und andere einschlägige Dokumente gesichtet und in zahlreichen Fällen
festgestellt, daß Anklagen gegen Kommunisten konstruiert, falsche
Anschuldigungen erhoben und schamlose Mißbräuche mit der sozialistischen Gesetzlichkeit geduldet wurden - was zum Tode unschuldiger
Menschen führte. Es hat sich erwiesen, daß viele Aktivisten der Partei,
der Sowjets und der Wirtschaft, die in den Jahren 1937 bis 1938 zu
"Volksfeinden" gestempelt worden waren, in Wirklichkeit niemals Feinde,
Spione, Schädlinge und so weiter waren, sondern immer nur aufrechte
Kommunisten. Sie wurden nur als Feinde gebrandmarkt und bezichtigten
sich oft selbst, weil sie die barbarischen Folterungen nicht länger

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�Dies war das Ergebnis des Machtmißbrauchs Stalins, der nun mit
den Mitteln des Massenterrors gegen die Parteikader vorzugehen begann.
Wie ist es zu erklären, daß nach dem XVII. Parteitag die Massenrepressalien gegen Aktivisten immer mehr zunahmen? Stalin hatte sich
damals derart über Partei und Nation erhoben, daß er fortan weder
auf das Zentralkomitee noch die Partei Rücksicht nahm. Während Stalin
vor dem XVIII. Parteitag noch mit der Meinung des Kollektivs rechnete,
mißachtete er nach der restlosen politischen Liquidierung der Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten - nachdem die Partei durch
diesen Kampf und die Siege des Sozialismus ihre Einheit erreicht
hatte - in zunehmendem Maße die Meinung der Mitglieder des Zentralkomitees und selbst der Mitglieder des Politbüros. Stalin glaubte,
er könne alles allein entscheiden und brauche nur noch Statisten.
Er behandelte alle andern so, daß sie ihm nur noch zuhören und Beifall klatschen durften.
Die Massenunterdrückungen und brutalen Verstöße gegen die
sozialistische Gesetzlichkeit begannen nach dem Meuchelmord an
S. M. Kirow. Am Abend des 1. Dezember 1934 unterzeichnete der Sekretär des Präsidiums des Zentralen Exekutivkomitees, Jenukidse, auf
Veranlassung Stalins(ohne die Genehmigung des Politbüros, die beiläufig erst zwei Tage später erteilt wurde) folgende Weisung;
"1. Die Untersuchungsorgane werden angewiesen, die Fälle der
wegen Vorbereitung beziehungsweise Ausführung von Terrorakten Angeklagten beschleunigt zu behandeln.
2. Die Gerichtsorgane werden angewiesen, die Vollstreckung der
wegen Verbrechen dieser Kategorie ausgesprochenen Todesurteile nicht
im Hinblick auf eine eventuelle Begnadigung aufzuschieben, da;- das
Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR die Entgegennahme
von Eingaben dieser Art nicht für möglich erachtet.
3« Die Organe des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten
(NKWD) werden angewiesen, die Todesurteile gegen Verbrecher, die der
oben angeführten Kategorie angehören, unmittelbar nach der Urteilsverkündung zu vollstrecken."
Diese Weisung war die Grundlage für den massiven Mißbrauch der
sozialistischen Gesetzlichkeit. In zahlreichen arangierten Gerichtsverfahren wurden die Angeklagten "der Vorbereitung" von Terrorakten
beschuldigt; dadurch waren sie jeder Möglichkeit beraubt, ihre Fälle
überprüfen zu lassen, selbst wenn sie vor Gericht aussagen, ihre
"Geständnisse" seien erpreßt worden oder wenn sie in überzeugender
Weise die gegen sie erhobenen Anschuldigungen entkräften konnten.
Es muß festgestellt werden, daß die Umstände der Ermordung
Kirows bis auf den heutigen Tag in vielen Punkten ungeklärt und
mysteriös sind, so daß sie noch einer gründlichen Überprüfung be
dürfen. Der Verdacht scheint begründet, daß der Mörder Kirows,
Nikolajew, von jemanden unterstützt wurde, dessen Pflicht es gewesen

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�Die damaligen Massenunterdrückungen erfolgten unter der Loaung
dea Kampfea gegen die Trotzkiaten. 7/aren denn die Trotzkiaten zu Jener Zeit tataächlich eine aolche Gefahr für unaere Partei und den
Sowjetstaat? In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß
1927» kurz vor dem XV.Parteitag, nur ungefähr 4000 Stimmen für die
trotzkiatisch-sinowjewistische Opposition, gegenüber 724 000 für die
Parteilinie abgegeben wurden. Im Verlauf der zehn Jahre vom XV.Parteitag bia zum Februar-März-Plenum des Zentralkomitees wurde der Trotskismus völlig entwaffnet. Viele Trotzkisten hatten ihre ehemaligen Ansichten geändert und arbeiteten in verschiedenen Sektoren am Aufbau
dea Sozialiamus mit. Ea ist doch klar, daß zu dieser Zeit des Sieges
des Sozialismus kein Anlaß zum Massenterror in unserem Lande bestand.
Stalina Bericht auf der Plenartagung des Zentralkomitee8 im
Februar und März 1937 über "Mängel in der Parteiarbeit und Methoden
für die Liquidierung von Trotzkiaten und anderen Doppelzünglern"
stellte den Versuch einer theoretischen Rechtfertigung der Politik
des Massenterrors unter dem Vorwand dar, daß der Klassenkampf sich
angeblich im Fortschreiten auf dem Wege zum Sozialismus zunehmend
verschärfen müsse.
Stalin veraicherte, diese Erkenntnis aua der
Geschichte und Lenins Werken abgeleitet zu haben.
Lenin lehrte aber'tatsächlich, daß die Anwendung revolutionärer
Gewalt durch den Widerstand der Ausbeuterklassen notwendig werde, und
er bezog sich dabei auf die Zeit, da diese Ausbeuterklassen noch bestanden und über Macht verfügten. Als sich aber die politische Lage
des Landes gebessert hatte, nachdem nämlich die Rote Armee im Januar
1920 Roatow eingenommen und damit einen höchst bedeutsamen Sieg über
Denikin errungen hatte, wies Lenin Dsershinskij an, Massenterror einzustellen und die Todesstrafe abzuschaffen. Lenin begründete dieaen
wichtigen politischen Schritt des Sowjetstaatea in seinem Bericht
vor dem Allunions-Zentralexekutivkomitee am 2.Februar 1920 folgendermaßen t
"Der Terror, den die Entente ausübte, als starke Weltmächte ihre
Horden auf uns losließen, die vor nichts zurückschreckten, zwang uns
unsererseits zur Anwendung von Terror. Wir hätten uns keine zwei Tage
behaupten können, hätten wir diese Versuche von Offizieren und WeißgsrdiBten nicht mit rücksichtslosen Maßnahmen beantwortet, das heißt
mit der Anwendung von Terror, der uns aber er8t durch die Terrormethoden
der Entente aufgezwungen wurde.
Sobald wir aber einen entscheidenden Sieg errungen hatten, al8o
schon vor Kriegsende unmittelbar nach der Einnahme Rostows, schafften
wir die Todesstrafe ab und lieferten damit den Beweia, daß wir un8er
Programm in der versprochenen Form durchzuführen beab8ichtigten. Wir
erklären, daß die Anwendung von Gewalt der Entschlossenheit entsprang,
die Ausbeuter zu vernichten, die Großgrundbeaitzer und Kapitalisten}
ala dies erreicht war, verzichteten wir auf alle außergewöhnlichen
Methoden. Dafür haben wir den praktischen Beweis erbrscht."
Stalin wich von diesen klaren und unmißverständlichen Richtlinien
Lenins ab. Stalin benutzte die Partei und das NKtfD für die Ausübung
des Massenterrors zu einer Zeit, als die Ausbeuterklaasen in unserem
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�Es ist bekannt, daß brutale Willkür gegen viele der Parteiarbeiter angewandt wurde. Die vom XVII. Parteitag gebilligten Parteistatuten stützten sich auf die leninistischen Grundsätze, wie sie auf
dem X. Parteitag zum Ausdruck gebracht worden waren. In ihnen heißt
es, daß extreme Maßnahmen wie der Parteiausschluß gegen ZK-Mitglieder,
ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission nur angewandt
werden können, wenn vorher "das Plenum des Zentralkomitees einberufen
und auch alle ZK-Kandidaten und Mitglieder der Parteikontrollkommission
zu dieser Plenarsitzung eingeladen worden sind"; nur wenn zwei Drittel
der Mitglieder einer solchen Generalversammlung verantwortlicher Parteiführer dies für notwendig erachten, kann ein ZK-Mitglied oder ein
ZK-Kandidat ausgeschlossen werden.
Die meisten der ZK-Mitglieder und -Kandidaten, die auf dem XVII.
Parteitag gewählt und 1937/38 verhaftet wurden, hat man durch brutalen
Mißbrauch der Parteistatuten widerrechtlich aus der Partei ausgeschlossen, da die Frage ihres Ausschlusses nie vom Plenum des Zentralkomitees erörtert worden ist.
Als nunmehr die Fälle einiger dieser sogenannten "Spione" und
"Saboteure1 untersucht wurden, hat sich gezeigt, daß diese Fälle
restlos erfunden waren. Die Schuldgectändnisse vieler Personen, die
verhaftet und volksfeindlicher Tätigkeit bezichtigt wurden, waren
mit Hilfe grausamer und unmenschlicher Folterungen erpreßt worden.
Gleichzeitig hat Stalin, wie uns inzwischen von damaligen
Mitgliedern des Politbüros berichtet wurde, ihnen die Erklärungen
vieler angeklagter politischer Aktivisten vorenthalten, in denen diese
ihre Geständnisse vor dem Militärtribunal widerrufen und eine objektive Untersuchung ihrer Fälle gefordert hatten. Es gab zahlreiche
derartige Erklärungen, und Stalin kannte sie genau.
Das Zentralkomitee hält es für absolut notwendig, den Parteikongreß über viele derartige konstruierte "Fälle" gegen Mitglieder
des Zentralkomitees der Partei, die auf dem XVII. Parteitag gewählt worden waren, zu unterrichten.
Ein Beispiel niederträchtiger Provokation himmelschreiender
Entstellung und verbrecherischer Verstöße gegen die revolutionäre
Gesetzlichkeit ist der Fall des ehemaligen Politbüro-Kandidaten,
des hervorragenden Funktionärs der Partei und der Sowjetregierung,
Genosse Eiche, der seit 1905 der Partei angehörte.
Genosse Eiche wurde am 29. April 1938 auf Grund verleumderischen
Materials und ohne Genehmigung des Generalstaatsanwaltes, die schließlich nach 15monatiger Haft eintraf, verhaftet.
Die Untersuchung des Falles Eiche wurde in einer Weise durchgeführt, die einen äußerst brutalen Verstoß gegen die sowjetische
Gesetzlichkeit darstellte, wobei Willkür und Fälschungen stark ins
Gewicht fielen.
Eiche

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�Ich könne jetzt zu dem schändlichsten Tun meines Lebens und
meiner wirklich schweren Schuld gegenüber der Partei und Ihnen. Es
ist dies mein Geständnis konterrevolutionärer Arbeit ... Die Sache
liegt folgendermaßen: Da ich die Folterungen durch Uschakow und
Nikolajew - insbesondere den ersteren -,die wußten, daß meine
gebrochenen Rippen noch nicht geheilt waren und mir große Schmerzen
bereiteten, nicht ertragen konnte, habe ich unter Zwang mich selbst
und andere beschuldigt.
Mein Geständnis ist zum größten Teil von Uschakow erfunden oder
diktiert, der Rest besteht aus von mir selbst rekonstruiertem NKWBMaterial aus West-Sibirien, für das ich volle Verantwortung übernommen hatte. Wenn ein Detail der von Uschakow fabrizierten und von mir
unterzeichneten Geschichte nicht zusammenpaßte, wurde ich gezwungen,
eine andere Fassung zu unterschreiben. So war es mit Ruchimowitsch,
der mir zuerst als Mitglied des "Reservenetzes1 benannt wurde, dessen
Name aber später nicht mehr auftauchte, ohne daß mir dies mitgeteilt
wurde. Ebenso verhielt es sich mit dem Leiter des angeblich von
Bucharin im Jahre 1935 geschaffenen 'Reservenetzes' . Zuerst setzte
ich meinen Namen ein, dann sagte man mir, ich solle den von Meshlauk
einsetzen. Solche Dinge kamen öfters vor.
... Ich ersuche und bitte Sie, meinen Fall nochmals zu überprüfen,
nicht etwa, um mich zu retten, sondern um die niederträchtige Provokation
zu enthüllen, die jetzt infolge meiner erbärmlichen und verbrecherischen
Verleumdung zahlreiche Personen wie eine Schlange umstrickt. Nieraals habe
ich Sie oder die Partei verraten. Ich weiß, daß ich auf Grund der niederträchtigen uhd gpmeinen Arbeit der Feinde der Partei und des Volkes,
die diese Provokation gegen mich inszenierten, umkommen werde."
Man sollte meinen, eine so wichtige Erklärung sei einer Untersuchung
durch das Zentralkomitee wert gewesen. Dies geschah jedoch nicht, und die
Erklärung wurde an Berija weitergeleitet, während die fürchterliche
Mißhandlung des Politbürokandidaten, Genosse Eiche, weiterging.
Am 2.Februar 1940 wurde Eiche vor Gericht gestellt. Hier gab er
keinerlei Schuld zu und sagte folgendes»
"In all meinen sogenannten Geständnissen habe ich mit Ausnahme
meiner Unterschrift unter die von mir erpreßten Protokolle auch nicht
einen einzigen Buchstaben geschrieben. Ich habe unter dem Druck des Untersuchungsrichters, der mich von Beginn meiner Verhaftung an folterte, Aussagen gemacht. Danach begann ich dann, all diesen Unsinn zu schreiben ...
das Wichtigste für mich aber ist, dem Gericht, der Partei und Stalin zu sagen, daß ich nicht schuldig bin. Ich habe mich nie einer Verschwörung schuldig gemacht. Icn werde sterben in dem Glauben an die Richtigkeit der Politik
der Partei wie. ich das mein Leben lang geglaubt habe."
Am 4.Februar wurde Eiche erschossen. (Entrüstung im Saal.) Heute ist
einwandfrei erwiesen, daß der Fall Eiche fabriziert wurde'} Eiche wurde posthum rehabilitiert.
Genosse Rudsutak, Politbürokandidat und Parteimitglied seit 1905. der
10 Jahre in einem zaristischen Verbannungslager schmachtete, hat vor Gericht
die von ihm erzwungenen Geständnisse voll und ganz widerrufen. Das SitzungsProtokoll des Kollegiums des Obersten Militärgerichts enthält folgende
Äußerung Rudsutakst
Seine
M&gt;
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�"Zur Illustration", erklärte Rpsenblum, "zählte mir Sakowskij
verschiedene mögliche Varianten des Organisationsschemas dieser
Gruppe und ihrer Unterabteilungen auf. Nachdem er mich über die
Organisation im einzelnen aufgeklärt hatte, sagte mir Sakowskij,
das NKDW würde den Fall in die Hand nehmen und fügte hinzu, das
Gerichtsverfahren werde öffentlich sein.
Gegen vier oder fünf Mitglieder dieser Organisation sollte
Anklage erhoben werden, nämlich Tschudow, Ugarow, Smorodin, Posern,
Frau Schaposchnikowa (Tschudows Frau) sowie gegen weitere Personen
und außerdem gegen zwei oder drei Mitglieder der Unterabteilungen
dieser Gruppe ...
...''Der Fall der Leningrader muß fest untermauert sein und aus
diesem Grunde werden Zeugen benötigt. Die soziale Herkunft des Zeugen
(die ursprüngliche natürlich) und seine Stellung in der Partei werden
dabei keine geringe Rolle spielen.
Sie persönlich', erklärte Sakowskij, 'brauchen garnichts zu erfinden. Das NKWD wird für Sie genaue Unterlagen über alle Unterabteilungen der Gruppe zusammenstellen; Sie brauchen diese nur sorgfältig
zu studieren und müssen sich sämtliche Fragen und Antworten einprägen,
die das Gericht an Sie stellen kann. In vier bis fünf Monaten oder
vielleicht in einem halben Jahr wird dieser Fall zur Verhandlung kommen.
Während dieser ganzen Zeit müssen Sie sich entsprechend vorbereiten,
damit sie weder die Untersuchungen gefährden noch sich selbst bloßstellen. Vom Verlauf der Gerichtsverhandlungen und ihrem Ergebnis hängt
Ihre eigene Zukunft ab. Wenn Sie auf Lügen oder falschen Aussagen ertappt werden, haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Wenn es
Ihnen gelingt, durchzuhalten, retten Sie Ihren eigenen Kopf, und wir '
werden für Sie bis an Ihr Lebensende auf Regierungskosten sorgen'."
Auf diese niederträchtige Weise wurden die Dinge damals gehandhabt.
(Bewegung im Saale)
Noch verbreiteter waren die Rechtsbeugungen in der Provinz. Das
NKWD-Kommando des Gebiets Swerdlowsk "entlarvte" den sogenannten "Auf-!Standsstab Ural" - ein Organ des "Blocks der Rechten, Trotzkisten, Sozialrevolutionäre und Kirchenführer" -»dessen angeblicher Leiter der
Gebietssekretär von Swerdlowsk, ZK-Mitglied der KPdSU, Kabakow, gewesen
sein soll, der seit 1914 der Par/tei angehörte. Das Untersuchungsmaterial
aus dieser Zeit zeigt, daß in fast allen Regionen, Gebieten und Republiken
"Spionage-, Terror-, Diversions- und Sabotageorganisationen und Zentren
der Rechten und Trotzkistfen" bestanden und daß die Führer dieser Organisationen - aus keinem ersichtlichen Grunde - gewöhnlich Erste Parteisekretäre von Gebieten oder von den Zentralkomitees der Republiken waren.
Viele Tausende ehrlicher und unschuldiger Kommunisten kamen infolge
dieser ungeheuerlichen Rechtsbeugungen ums Leben,weil jedes noch so verleumderische "Geständnis" akzeptiert wurde und weil man Selbstbeschuldigungen und Beschuldigungen anderer Personen durch Gewaltanwendung erpreßte. In gleicher Weise wurden die "Fälle" gegen hervorragende Parteiund Staatsfunktionäre wie Kossior, Tschubary, Postyschew, Kosarjew und andere
fabriziert.
In
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�Wir haben die Fälle untersucht und Kosior, Rudsutak, Postyschew,
Kosarjew und andere rehabilitiert. Auf Grund welcher Verfehlungen wurden sie verhaftet und verurteilt? Eine Prüfung des Beweismaterials
zeigt, daß es keine Gründe dafür gab. Wie so viele andere wurden auch
sie ohne Wissen des Staatsanwaltes verhaftet. In einer solchen Situation
bedurfte es auch keiner Bestätigung, denn welche Art von Bestätigung
hätte es denn auch geben können, wenn Stalin alles allein entschied?
Er war selbst der Generalstaatsanwalt in diesen Fällen. Stalin
genehmigte nicht nur Haftbefehle, sondern er stellte sie auch selbst
aus. Wir müssen den Delegierten des Kongresses dies sagen, damit sie
sich damit auseinandersetzen und ihre .eigenen Schlüsse daraus ziehen
können.
Die Tatsachen zeigen, daß Mißbräuche auf Stalins Befehl und
unter Mißachtung der Parteinormen und der sowjetischen Gesetzlichkeit
erfolgten; Stalin war ein sehr argwöhnischer, krankhaft mißtrauischer
Mensch; wir wußten das aus unserer gemeinsamen Arbeit. Er konnte einen
Menschen ansehen und fragen: "Warum flackern Deine Augen heute so?"
oder, "Warum wendest Du Dich heute immer ab und vermeidest es, mir in
die Augen zu sehen?" Der krankhafte Argwohn erzeugte in ihm ein allgemeines Mißtrauen selbst gegenüber hervorragenden Parteifunktionären,
die er seit Jahren kannte. Überall und in allem sah er "Feinde",
"Doppelzüngler" und "Spione".
Da er eine unbegrenzte Macht besaß, war er im höchsten Maße
selbstherrlich und drückte jedermann physisch und moralisch an die
Wand. So entstand eine Situation, in der man seinen eigenen Willen
nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte.
Wenn Stalin befahl, daß dieser oder jener zu verhaften sei, dann
mußte man es eben in gutem Glauben hinnehmen, daß der Betreffende
wirklich ein "Volksfeind" war. Inzwischen überschlug sich dann die
Berija-Bande, die die Staatssicherheitsorgane beherrschte, die Schuld
des Verhafteten und die Echtheit der von ihr gefälschten Unterlagen
zu beweisen. Und welche Beweise legte man vor? Die "Geständnisse" der
Verhafteten - und die Untersuchungsrichter akzeptierten sie! Und wie
ist es möglich, daß ein Mensch Verbrechen zugibt, die er gar nicht begangen hat? Nur auf eine V/eise, nämlich auf Grund der Anwendung physischer Gewalt zur Geständniserpressung - indem man ihn bis zur Bewußtlosigkeit foltert und ihn seiner Urteilsfähigkeit und seiner menschlichen Würde beraubt. Auf diese Weise kamen die "Geständnisse" zustande.
Als die Welle der Massenverhaftungen im Jahre 1939 zurückging und die '
örtlichen Parteiführer begannen, das NKWD und seine Zwangsmethoden
gegenüber den Verhafteten anzuprangern, schickte Stal-in am 20. Januar
1939 ein chiffriertes Telegramm an die Parteisekretäre der Gebiete und
Regionen, an die Zentralkomitees der Republiken, an die NKWD-Kommissare
der Republiken und an die Leiter der NKWD-Sonderorganisationen. Das
Telegramm hatte folgenden Wortlaut: "Das ZK der KPdSU(ß) stellt klar,
daß die Anwendung physischen Drucks seit 1937 auf Grund einer Genehmigung des ZK der KPdSü(B) zulässig ist ... Es ist bekannt, daß alle
bourgeoisen Geheimdienste Methoden der physischen Beeinflussung gegenüber Vertretern des sozialistischen Proletariats anweriden, und zwar in

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�Die in den Händen einer einzigen Person, nämlich Stalins, angehäufte
Macht hatte ernste Folgen während des Großen Vaterländischen Krieges.
Wenn man viele unserer Romane, Filme und historischen "wissenschaftlichen Studien" betrachtet, dann hat man den Eindruck, daß Stalin während
des Großen Vaterländischen Krieges eine höchst unwahrscheinliche Rolle
spielte. Stalin hatte danach alles vorausgesehen. Die Sowjetische Armee
befolgte auf der Grundlage eines schon lange vorher von Stalin vorbereiteten strategischen Planes die Taktik der sogenannten "aktiven Verteidigung", das heißt eine Taktik, die, wie wir wissen, die Deutschen an Moskau
und Stalingrad herankommen ließ. In Anwendung dieser Taktik ging die sowjetische Armee später, angeblich wiederum nur dank der genialen Konzeption
Stalins, 'zur Offensive über und überwältigte den Feind. Den heldenhaften
Sieg,«ier von der bewaffneten Macht des Sowjetlandes, von unserem heroischen Volke errungen wurde, schreiben Romane, Filme und "wissenschaftliche Studien" dieser Art, voll und ganz dem strategischen Genie Stalins
zu.
Wir müssen diese Angelegenheit sorgfältig analysieren, weil sie eine
ungeheure Bedeutung nicht nur vom historischen, sondern besonders auch
vom politischen, erzieherischen und praktischen Gesichtspunkt aus besitzt.
Wie verhält es sich nun mit den Tatsachen in dieser Angelegenheit?
Vor dem Kriege waren unsere Presse und unsere gesamte politische Erziehungsarbeit charakterisiert durch ihren prahlerischen Ton» Wenn ein
Feind den heiligen Sowjetboden verletzt, dann werden wir jeden Schlag
des Feindes mit drei Schlägen beantworten, wir werden den Kampf gegen
den Feind in seinem eigenen Lande führen und ohne großen Schaden für
uns selbst den Sieg davontragen. Aber-diese optimistischen Erklärungen
stützten sich nicht überall auf konkrete Vorkehrungen, die geeignet gewesen wären, die Unverletzlichkeit unserer Grenzen wirklich zu garantieren.
Während des Krieges und danach brachte Stalin die These auf, die
Tragödie, die unsere Nation während der ersten Kriegsphase erlebte, sei
das Ergebnis des "Überraschungsangriffs" der Deutschen auf die Sowjetunion gewesen. Aber, Genossen, das ist vollkommen unwahr. Sobald Hitler
in Deutschland zur Macht kam, stellte er sich selbst die Aufgabe, den
Kommunismus zu liquidieren. Die Faschisten sagten dies ganz offenj sie
machten keinerlei Hehl aus ihren Plänen.
Um diesen aggressiven Endsweck zu erreichen, wurden Pakte und Blocks
aller Art geschmiedet, wie die berühmte Achse Berlin-Rom-Tokio. Zahlreiche
Tatsachen aus der Vorkriegsperiode zeigten klar, daß Hitler darauf ausging,
einen Krieg gegen den Sowjetstaat anzufangen, und daß er starke bewaffnete
Verbände einschließlich Panzereinheiten in der Nähe der sowjetischen
Grenzen konzentriert hatte.
Aus Dokumenten, die jetzt veröffentlicht wurden, geht hervor, daß
Churchill am 3.April 1941 Stalin durch den englischen Botschafter in der
UdSSR, Cripps, persönlich warnen ließ, daß die Deutschen mit einer Umgruppierung ihrer Streitkräfte begonnen hätten, in der Absicht, die Sowjetunion anzugreifen. Selbstverständlich hat Churchill dies nicht etwa aus
Freundschaft für die sowjetische Nation getan. Er hatte dabei seine eigenen
imperialistischen Ziele im Auge: Er wollte Deutschland und die Sowjetunion
in einen blutigen Krieg verwickeln, um dadurch die Position des britischen
Imperiums zu stärken. Genau derselbe Churchill bestätigte in seinen Schriften
- 27 -

�dort neu zu installieren und unsere Streitkräfte mit allem zu versorgen, was wir zur Vernichtung des Feindes brauchten.
Wäre unsere Industrie rechtzeitig und systematisch mobilisiert
worden, um die Armee mit dem notwendigen Material zu versorgen, so
wären unsere Kriegsverluste entschieden geringer gewesen. Die Mobilisierung wurde jedoch nicht rechtzeitig begonnen. Und bereits in den
ersten Tagen des Krieges stellte sich heraus, daß unsere Armee schlecht
bewaffnet war und nicht über genügend Artillerie, Panzer und Flugzeuge
verfügte, um den Feind zurückzuwerfen.
Die sowjetische Wissenschaft und Technik hatte vor dem Kriege
ausgezeichnete Modelle von Panzern und Geschützen entwickelt. Aber
die Massenproduktion war noch nicht angelaufen, und so begannen wir
tatsächlich erst am Vorabend des Krieges, unsere militärische-Ausrüstung zu modernisieren. 3o verfügten wir zur Zeit des feindlichen
Angriffs gegen das Sowjetland weder über genügend alte Produktionsmittel - da diese aus der Rüstungsproduktion bereits herausgenommen
waren - noch über genügend neue Maschinen, da deren Einführung in
die Rüstungsproduktion noch im Stadium der Planung steckte. Besonders
schlecht war es mit der Flak bestellt, und auch die Produktion von
Panzerabwehrgranaten war nicht organisiert. Als der Angriff begann,
zeigte sich, daß viele befestigte Sperrzonen nicht verteidigt werden
konnten, weil die alten Waffen zurückgezogen, neue aber hoch nicht verfügbar waren.
Dieser Mangel herrschte aber leider nicht nur bei Panzern,
Artillerie und Flugzeugen. Bei Ausbruch des Krieges standen uns nicht
einmal genügend Gewehre zur Verfügung, um die mobilisierten Verbände
zu bewaffnen. Ich erinnere mich, daß ich in jenen Tagen den Genossen
Malenkow von Kiew aus anrief und ihm sagte: "Es haben sich viele Freiwillige für die neue Armee gemeldet und verlangen nach Waffen. Ihr
müßt uns die Waffen schicken."
Malenkow antwortete mir: "Wir können Euch keine Waffen schicken.
Wir schicken alle Waffen nach Leningrad, und Ihr müßt Euch selbst
bewaffnen." (Bewegung im Saal)
Das war der Stand der Rüstung.
In diesem Zusammenhang können wir zum Beispiel folgendes nicht
vergessen: Kurz vor der Invasion der Sowjetunion durch die Hitlerarmee
schrieb Kirponos, der Leiter des Militärbezirks Kiew, der später an
der Front gefallen ist, an Stalin, die deutsche Armee stehe am Bug,
bereite einen Angriff vor und werde wahrscheinlich sehr bald mit einer
Offensive beginnen. In diesem Zusammenhang schlug Kirponos vor, eine
starke Verteidigung zu organisieren, JOO 000 Menschen aus den Grenzgebieten zu evakuieren und dort Befestigungen mit Panzergräben, Unterständen und so weiter anzulegen.
Moskau

- 29 -

�Die Politik, Repressalien in großem Maßstab gegen militärische
Kader zu ergreifen, führte auch zur Untergrabung der militärischen
Disziplin, da Offiziere aller Dienstgrade und sogar einfache Soldaten
in den Partei- und Komsomolzellen jahrelang angehalten wurden, ihre
Vorgesetzten als verkappte Feinde zu "entlarven" .(Bewegung im Saal.)
Natürlich übte dies einen negativen Einfluß auf die militärische
Disziplin in der ersten Phase des Krieges aus.
Wie Sie wissen, hatten wir vor dem Krieg hervorragende militärische Kader, die der Partei und dem Vaterland fraglos treu ergeben
waren. Hier genügt der Hinweis, daß sich diejenigen von ihnen, die
die schweren Folterungen in den Gefängnissen überlebten, von den ersten
Kriegstagen an als wahre Patrioten erwiesen und heldenhaft für den
Ruhm des Vaterlands gekämpft haben. Ich denke dabei an Genossen wie
Rokosowskij, der bekanntlich im Gefängnis saß, Gorbatow, Marezkow,
der diesem Parteikongreß als Delegierter angehört, Podlas, der als
hervorragender Truppenführer an der Front fiel, und viele, viele
andere. Zahlreiche Kommandeure kamen jedoch in Lagern und Gefängnissen
um, und die Armee sah sie nie wieder.
All dies führte zu den Verhältnissen, die bei Kriegsbeginn
herrschten und die unser Vaterland aufs schwerste gefährdeten.
Man darf auch nicht vergessen, daß Stalin nach den ersten
schweren Niederlagenund Rückschlägen an der Front glaubte, daß
dies das Ende sei. In einer seiner Reden sagte er damals: "Alles,
was Lenin geschaffen hat, haben wir für immer verloren."
Stalin leitete danach lange keine militärischen Operationen mehr
und tat überhaupt nichts. Die aktive Führung übernahm er erst wieder,
als ihn einige Mitglieder des Politbüros aufsuchten und ihm erklärten,
es sei notwendig, gewisse Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Lage
an der Front einzuleiten.
Die drohende Gefahr, der unser Vaterland in der ersten Kriegsphase ausgesetzt war, resultierte deshalb hauptsächlich aus den verfehlten Methoden, mit denen Stalin sowohl die Nation als auch die Partei leitete. Hier ist jedoch nicht nur vom Kriegsbeginn die Rede, der
eine bedrohliche Desorganisation unserer Armee und bedeutende Verluste
mit sich brachte. Auch nach dem eigentlichen Kriegsbeginn zeigte Stalin
Anzeichen von Nervosität und Hysterie, die, da er sich laufend in die
militärischen Operationen einmischte, unserer Armee ernstlichen Schaden
zufügten.
Stalin hatte nicht das geringste Verständnis für die wirkliche
Situation, die sich an der Front entwickelte. Dies war nur natürlich,
denn er hat während des ganzen Vaterländischen Krieges niemals einen
Frontabschnitt oder eine beffeite Stadt be.sucht, wenn man von einer
kurzen Fahrt auf der Moshaijsker Rollbahn bei ruhiger Frontlage absieht.
Dieser Episode wurden später viele phantasievolle literarische Werke
jeglicher Art sowie viele Gemälde gewidmet. Stalin mischte sich gleich-:
zeitig in Operationen ein und erteilte Befehle, die die wirkliche Situa- 31 -

�Und was war das Resultat? Das Schlimmste, was wir befürchteten.
Die Deutschen schlössen unsere Truppenmassierungen ein, und wir verloren so Hunderttausende unserer Soldaten.
Das war Stalins "Feldherrngenie", und das hat es uns gekostet.
(Bewegung im Saal)
Gelegentlich einer Zusammenkunft Stalins mit Mitgliedern des
Politbüros nach dem Kriege äußerte Anastasj Iwanowitsch Mikojan,
Chruschtschow habe damals doch wohl recht gehabt, als er seinerzeit
wegen der Charkow-Operation anrief»und es sei ein Unglück gewesen,
daß man auf seinen Vorschlag nicht gehört habe.
Sie hätten Stalins Zornesausbruch sehen müssen! Wie konnte zugegeben werden, daß er, Stalin, nicht recht gehabt hatte! Schließlich
war er ein "Genie", und ein Genie hat immer recht. Jeder kann irren,
nur Stalin glaubte, daß er niemals irrte und daß er immer recht hatte.
Er gab niemals zu, daß er einen Fehler gemacht hatte, weder einen großen
noch einen kleinen, und zwar ungeachtet der Tatsache, daß er nicht wenig
Fehler machte - sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Nach dem
Parteikongreß werden wir wahrscheinlich viele militärische Operationen
des letzten Krieges neu bewerten und im Lichte der Tatsachen darstellen
müssen.
Die Taktik, auf deren Durchführung Stalin ohne die elementarsten
Kenntnisse der Kriegsführung bestand, kostete uns viel Blut,bis wir
den Gegner zum Stehen gebracht hatten und selbst zur Offensive übergehen konnten.
Die Militärs wissen, daß Stalin Ende 1941» statt bereits damals,
großangelegte Umfassungsmanöver im Rücken des Feindes einzuleiten,
pausenlose Frontalangriffe und die Einnahme von einer Ortschaft nach
der anderen verlangte. Dafür mußten wir mit großen Verlusten bezahlen,
bis unsere Generale, auf deren Schultern die ganze Last der Kriegsführung ruhte, die Umstellung auf eine beweglichere Kampfesweise erringen
konnten, was dann sofort bedeutende und für uns günstige Veränderungen
an der Front mit sich brachte.

Um

- 33 -

�Damit erhebt sich die Frage: Wo bleiben die Militärs, auf deren
Schultern die ganze Last des Krieges ruhte? Sie sehen wir in dem
Film nicht; wenn Stalin auf der Bildfläche erscheint, ist kein Raum
mehr für sie.
Nicht Stalin, sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenmütige Armee, ihre begabten Führer und tapferen
Soldaten, das ganze Sowjetvolk - sie sind es, die uns den Sieg im
Großen Vaterländischen Krieg sicherten. (Stürmischer und anhaltender
Beifall)
Die Mitglieder des Zentralkomitees,, Minister, unsere V/irtschaf tsführer, die führenden Männer der Sowjetkultur, die Leiter der regionalen Partei- und Sowjetorganisationen, Ingenieure und Techniker - jeder
auf seinem Arbeitsplatz setzte seine ganze Kraft und sein ganzes Wissen
ein, um uns den Sieg über den Feind zu sichern.
Ganz besonderes Heldentum bewies der Kern unseres Volkes - ruhmgekrönt ist unse.re ganze Arbeiterklasse, unsere.Kolchosbauernschaft,
die Sowjetintelligenz, die unter der Führung der Parteiorganisationen
unerhörte Entbehrungen ertrugen und, die Lasten des Krieges auf sich
nehmend, ihre ganze Kraft für die Verteidigung des Vaterlandes einsetzten.
Große und tapfere Taten vollbrachten auch unsere sowjetischen
Frauen im Kriege, die auf ihren Schultern die schwere Last der Arbeit
in den Fabriken, auf den Kolchosen und auf den verschiedensten Gebieten unseres wirtschaftlichen und kulturellen Lebens trugen; viele
Frauen standen im Großen Vaterländischen Krieg unmittelbar an der
Front; unsere tapfere Jugend hat an der Front und in der Heimat
Unermeßliches für die Verteidigung des sowjetischen Vaterlandes und
die Vernichtung des Feindes geleistet.
Unsterblich sind die Verdienste der Sowjetsoldaten, unserer
Kommandeure und politischen Funktionäre; nach dem Verlust eines beträchtlichen Teils der Armee in den ersten Kriegsmonaten haben sie
nicht den Kopf verloren, sondern brachten es fertig, noch während
der Kämpfe die Streitkräfte zu reorganisieren; im Verlaufe des Krieges schufen sie eine starke und heroische Armee, die sich immer mehr
festigte, und hielten nicht nur dem Druck des starken und heimtückischen Feindes stand, sondern warfen ihn zu Boden.
Die herrlichen, heroischen Taten von Hunderten von Millionen
Menschen in Ost und West im Kampfe gegen die schreckliche Gefahr einer
Unterwerfung durch die Faschisten werden durch die Jahrhunderte und
Jahrtausende in der Erinnerung einer dankbaren Menschheit fortleben.
(Donnernder Applaus)
Die Hauptrolle bei der siegreichen Beendigung des Krieges spielten
unsere Kommunistische Partei, die Streitkräfte der Sowjetunion und die
Millionen von unserer Partei geschulten Sowjetmenschen. Ihnen gebührt
das Hauptverdienst. (Donnernder und anhaltender Beifall)
Genossen,

- 35 -

�Nach Beendigung des Vaterländischen Krieges sonnte sich das
Sowjetvolk im Stolz auf die durch große Opfer und gewaltige Anstrengungen errungenen herrlichen Siege. Das Land erlebte eine Zeit allgemeiner politischer Begeisterung. Die Partei ging aus dem Kriege
einiger denn je hervor; ihre Kader waren durch das Feuer des Krieges
gestählt und gefestigt. Unter diesen Umständen hätte niemand an die
Möglichkeit einer Verschwörung innerhalb der Partei auch nur gedacht.
Und in eben jenem Zeitpunkt wurde die sogenannte "Leningrader
Affäre" ausgeheckt. Wie wir jetzt festgestellt haben, ist dieser
Fall nichts anderes als eine Erfindung. Zu denen, die unschuldig ihr
Leben lassen mußten, gehören die Genossen Wosnesenskij, Kusnezow,
Rodionow, Popkow und andere.
Bekanntlich waren Wosnesenskij und Kusnezow hervorragende und
begabte Führer. Sie standen einst Stalin sehr nahe. Es genügt, daran
zu erinnern, daß Stalin Wosnesenskij zum ersten Stellvertreter des
Vorsitzenden des Ministerrates machte, und daß Kusnezow zum ZK-Sekretär gewählt wurde. Allein die Tatsache, daß Stalin Kusnezow mit der
Überwachung der Staatasicherheitsorgane betraute, beweist, welches
Vertrauen dieser genoß.
Wie kam es, daß diese Personen als Volksfeinde gebrandmarkt und
liquidiert wurden?
Die Tatsachen beweisen, daß die "Leningrader Affäre" ebenfalls
der Willkür Stalins gegenüber den Parteikadern entsprang.
Wenn im ZK und im Politbüro des ZK normale Verhältnisse geherrscht
hätten, dann wären Angelegenheiten wie diese nach der regulären Parteipraxis überprüft und alle einschlägigen Tatsachen ermittelt worden,
folglich wären derartige Dinge überhaupt nicht passiert.
Wir müssen aber feststellen, daß die Lage nach dem Kriege sogar
noch komplizierter wurde. Stalin wurde, wenn möglich, noch launischer,
reizbarer und brutaler; vor allem sein Mißtrauen wuchs. Sein Verfolgungswahn erreichte unglaubliche Ausmaße. Er sah es förmlich vor Augen,
wie seine Mitarbeiter zu seinen Feinden wurden. Und so entfernte Stalin
sich nach dem Kriege noch weiter vom Kollektiv. Alles entschied er
selbst, ohne auf irgend jemand oder irgend etwas Rücksicht zu nehmen.
Dieses unglaubliche Mißtrauen machte sich der erbärmliche Provokateur
und niederträchtige Feind Berija, der Tausende Kommunisten und loyale
Sowjetbürger hingemordet hatte, geschickt zunutze. Die Rangerhöhung
Wosnasenskijs und Kusnezows ließ Berija aufhorchen. Wie sich inzwischen
herausgestellt hat, war es Berija selbst, der Stalin "vorschlug", ihn und
seine Komplizen mit der Beschaffung von Material in Form von Erklärungen»
anonymen Briefen, allerhand Gerüchten und Indiskretionen zu beauftragen.
Das

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�Die Industrieproduktion der Georgischen Republik ist heute
27mal so groß wie vor der Revolution. Es sind zahlreiche neue Industrien in Georgien entstanden, die es vor der Revolution dort
überhaupt nicht gabt Eisengießereien, Erdölindustrie, Maschinenbau
und so weiter. Seit langem schon gibt es in Georgien keine Analphabeten mehr, während vor der Revolution 78$ der Bevölkerung Analphabeten waren.
Konnten die Georgier, wenn sie die Lage in ihrer Republik mit
der bedrängten Lage der werktätigen Massen in der Türkei verglichen,
einen Anschluß an die Türkei wünschen? Im Jahre 1955 betrug die
Stahlproduktion Georgiens pro Kopf der Bevölkerung das löfache der
türkischen. Georgien erzeugt pro Kopf der Bevölkerung neunmal so
viel Strom wie die Türkei, Wie die Volkszählung aus dem Jahre 1950 zeigt,
sind 65$ der Gesamtbevölkerung und 80$ der weiblichen Bevölkerung der
Türkei Analphabeten. In Georgien bestehen 19 akademische Lehranstalten
mit inagesamt 39 000 Studenten. Auch der Wohlstand der werktätigen Bevölkerung Georgiens ist unter der sowjetischen Herrschaft gewaltig angestiegen.
Es ist klar, daß die Quelle, aus der der bourgeoise Nationalismus
seine Kraft schöpft, in dem Maße versiegt, in dem Wirtschaft und Kultur
aufblühen und das sozialistische Bewußtsein der werktätigen Massen
Georgiens wächst.
Wie sich herausstellte, hat es in Georgien keine nationalistischen
Organisationen gegeben. Tausende unschuldiger Menschen wurden das Opfer
von Willkür und Rechtlosigkeit. All dies geschah unter der "genialen"
Führung Stalins, des "größten Sohnes des georgischen Volkes" wie die
Georgier selbst Stalin gern bezeichneten.
(Heiterkeit im Saal)
Die Willkür Stalins zeigte sich nicht nur in seinen Entscheidungen
zu innenpolitischen Fragen, sondern auch in den Beziehungen der Sowjetunion zum Ausland.
Das Juli-Plenum des ZK untersuchte die Gründe für die Entstehung
des Konfliktes mit Jugoslawien in allen Einzelheiten. Stalin.hat dabei
eine schändliche Rolle gespielt. An der "Jugoslawienaffäre" war nichts,
was sich nicht durch Parteidiskussionen unter Genossen hätte regeln
lassen. Es lag kein ernsthafter Grund vor, um daraus eine "Affäre" zu
machen; es wäre durchaus möglich gewesen, den Abbruch der Beziehungen
mit diesem Land zu verhindern. Das bedeutet jedoch nicht, daß die führenden Männer Jugoslawiens keine Fehler begangen hätten oder frei von
Unzulänglichkeiten waren. Diese Fehler und Unzulänglichkeiten wurden von
Stalin aber in monströser Art und Weise aufgebauscht, so daß es darüber
zum Abbruch der Beziehungen zu diesem befreundeten Staat kam.
Ich erinnere an die ersten Tage des Konfliktes zwischen der
Sowjetunion und Jugoslawien, als man diese Angelegenheit künstlich
aufzubauschen begann. Gerade aus Kiew nach Moskau gekommen wurde ich
damals zu Stalin bestellt, der mir die Kopie eines soeben an Tito abgeschickten Briefes zeigte und fragtet "Hast Du dies gelesen?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort 1 "Ich brauche nur meinen
kleinen Finger zu rühren - und schon wird es keinen Tito mehr geben.
Er wird fallen."
Wir

- 39 -

�Stalin berief den Untersuchungsrichter zu sich, erteilte ihm
Instruktionen und gat Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden; U e a « Methoden waren sehr einfach: schlagen, schlagen und nochmal schlagen.
Kurz nach der Verhaftung der Ärzte erhielten wir Mitglieder dea
Politbüros die Protokolle über ihre Schuldgeständnisse. Nachdem die
Protokolle verteilt waren, erklärte uns Stalim "Ihr seid blind wie
junge Katzen; was werdet Ihr ohne micht.machen? Unser Land wird zugrunde
gehen, weil Ihr es nicht versteht Feinde zu erkennen."
Der Fall wurde uns so dargestellt, daß niemand die Tatsachen nachprüfen konnte, auf denen die Untersuchungen beruhten. Es gab keine
Möglichkeit einer Nachprüfung der Tatsachen dadurch, daß man etwa
versuchte, mit denen in Verbindung zu treten, die ein Schuldbekenntnis abgelegt hatten.
Wir hatten jedoch das Gefühl, daß der Fall der verhafteten irzte
nicht ganz stimme. Verschiedene dieser Leute waren uns persönlich
bekannt, weil sie uns früher einmal behandelt hatten. Als wir nach
Stalins Tod diesen "Fall" untersuchten, stellten wir fest, daß er von
Anfang bis Ende erfunden war.
Dieser schändliche "Fall" war von Stalin konstruiert worden;
doch hatte er keine Zeit mehr, ihn ganz zu Ende zu führen - zu einem
Ende in seinem Sinne -, und daher sind die Ärzte noch am Leben. Heute
sind sie sämtlich rehabilitiert; sie kehrten an ihren alten Arbeitsplatz zurück; sie behandeln hervorragende Persönlichkeiten, darunter
auch Mitglieder der Regierung; sie besitzen unser volles Vertrauen,
und sie erfüllen ihre Pflicht so gut wie zuvor.
Bei der Inszenierung der verschiedenen schmutzigen und beschämenden Fälle hat der tollwütige Gegner unserer Partei und Agent eines
ausländischen Spionagedienstes, Berija, der sich Stalins Vertrauen
erschlichen hatte, eine sehr üble Rolle gespielt. Wie war es möglich,
daß dieser Provokateur eine solche Stellung in der Partei und im
Staate erlangte, daß er Erster Stellvertretender Vorsitzender des
Ministerrats der Sowjetunion und Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees werden konnte? Es steht heute fest, daß dieser Schurke über
unzählige Leichen zu den höchsten Regierungsämtern emporgestiegen ist*
Gab es irgendwelche Anzeichen dafür, daß Berija ein Feind der
Partei war? Sicher gab es die. Bereits im Jahre 1937 erklärte der
ehemalige Volkskommissar für das Gesundheitswesen Kaminskij vor dem
ZK-Plenum, Berija habe für den Mussavat-Nachrichtendienst gearbeitet. Doch unmittelbar nach Beendigung des ZK-Plenums*wurde Kaminskij
verhaftet und anschließend erschossen. Hat Stalin die Erklärung
Kaminskijs nachgeprüft? Nein, Stalin vertraute Berija, und das
genügte ihm. Und wenn Stalin zu einer Person oder Sache Vertrauen
hatte, konnte niemand etwas vorbringen, was seiner Meinung widersprach. Jeder, der gewagt hätte, eine gegenteilige Ansicht zu äußern,
hätte das gleiche Schicksal wie Kaminskij erlitten.
Es
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�Es war allgemein bekannt, daß seit langem zwischen Kartwelischwili
und Berija Spannungen bestanden, die aus der Zeit datierten, da Genosse
Sergo im Transkaukasus tätig war; Kartwelischwili war Sergos engster
Mitarbeiter gewesen. Die gespannten Beziehungen bewogen Berija, gegen
Kartwelischwili einen "Fall" zu konstruieren.
Bezeichnenderweise wurde Kartwelischwili in diesem "Fall" eines
Terrorakts gegen Berija beschuldigt.
Die Anklageschrift gegen Berija enthält eine Darstellung seiner
Verbrechen. Man sollte sich jedoch einige Dinge ins Gedächtnis zurückrufen, da möglicherweise nicht alle Delegierten des Parteikongresses
dieses Dokument gelesen haben. Ich möchte daran erinnern, mit welchen
bestialischen Methoden Berija die Fälle Kedrow, Golubiew und der Adoptivmutter Golubiews, Baturina,erledigte, als diese das Zentralkomitee über
Berijas verräterische Tätigkeit zu informieren beabsichtigten. Sie
wurden ohne jede Gerichtsverhandlung erschossen, und das Urteil wurde
erst post factum nach der Hinrichtung gefällt.
Hören Sie,was der alte Kommunist, Genosse Kedrow, durch Vermittlung des Genossen Andrejew (Genosse Andrejew war damals ZK-Sekretär) an das Zentralkomitee schrieb:
"Ich rufe Euch aus einer düsteren Zelle des Lefortorskij-Gefängnisses um Hilfe an. öffnet Eure Ohren meinem Schreckensschrei; bleibt
nicht taub; nehmt mich in Euren Schutz; bitte, helft diesen Alpdruck
der Verhöre von mir zu nehmen und zeigt, daß alles ein Irrtum ist.
Ich leide unschuldig; bitte, glaubt mir. Die Zeit wird die Wahrheit erweisen. Ich bin kein Agent-Provokateur der zaristischen Ochrana;
ich bin kein Spion; ich bin nicht Mitglied einer antisowjetischen
Organisation, v/as man mir auf Grund von Denunziationen vorwirft. Ich
habe mich auch keiner anderen Verbrechen gegen die Fartei und die Regierung schuldig gemacht. Ich bin ein alter Bolschewik, frei von jedem
Makel; ich habe fast vierzig Jahre lang ehrenhaft in den Reihen der
Partei für das '.Vohl und das Gedeihen des Landes gekämpft....
.... Heute bedrohen die Untersuchungsrichter mich, einen 62 Jahre
alten Mann, mit noch schärferen, grausameren und erniedrigenderen
Methoden der körperlichen Folter. Sie - die Richter - sind gar nicht
mehr imstande, ihren Irrtum einzusehen und zu erkennen, daß ihre Art
der Behandlung meines Falles ungesetzlich und unzulässig ist. Sie versuchen, ihr Tun dadurch zu rechtfertigen, daß sie mich als einen verhärteten und wütenden Feind hinstellen und fordern noch größere Repressalien. Aber laßt die Partei wissen, daß ich unschuldig bin und
daß es nichts gibt, was einen treuen Sohn der Partei in ihren Gegner
verwandeln könnte, selbst bis zu seinem letzten Atemzuge nicht.
Aber für mich gibt es keinen Ausweg mehr. Ich kann die neuen
furchtbaren Schläge, die ich kommen sehe, nicht von mir abwenden.
Alles aber hat seine Grenzen. Meine Qualen haben das äußerste
erreicht. Meine Gesundheit ist zerrüttet, meine Kraft und Energie

- 43 -

�Wir brauchen hier keine Beispiele für die widerwärtige
Beweihräucherung zu geben, die dieses Buch füllt. Wir brauchen
nur zu sagen, daß Stalin personlich alles billigte und selbst
redigierte und manches sogar eigenhändig in das Manuskript einfügte .
Was hielt Stalin für so wesentlich, daß er es selbst in dieses
Buch schrieb? Wollte er den Eifer seiner Schmeichler ein wenig abkühlen, die seine "Kurze Biograp': ie" zusammenstellten? Nein, er
strich ausgerechnet jene Stellen an, wo seine Verdienste seiner Ansicht nach nicht genügend gerühmt wurden.
Hier sind einige charakteristische Beispiele für Stalins Verbesserungen, die er mit eigener Hand eingefügt hati
"In diesem Kampf gegen die Skeptiker und Kapitulanten, die Trotzkisten, Sinowjewisten, Buchariristen und Kamenewisten wurde nach dem
Tode Lenins der Führerkader der Partei endgültig zusammengeschweißt...
der das große Banner Lenins hochhielt, die Partei um Lenins Wort
scharte und das Sowjetvolk auf die breite Bahn der Industrialisierung
des Landes und der Kollektivisierung der Landwirtschaft führte.
Führer dieses Kaders und leitende Kraft der Partei und des Staates
war Genosse Stalin."
So schreibt Stalin selbst. Und dann fügt er hinzut
"Obgleich er seine Aufgabe als Führer der Partei und des Volkes
mit vollendeter Kunst meisterte und die uneingeschränkte Unterstützung
des ganzen Sowjetvolkes genoß, ließ Stalin es niemals zu, daß seine
Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut
oder Eigenlob beeinträchtigt wurde,"
Wo und wann konnte ein führender Politiker sich selbst so loben?
Ist das eines Führers marxistisch-leninistischen Typs würdig? Nein.
Gerade dagegen haben sich Marx und Engels so entschieden verwahrt.
Und auch '/Vladimir Iljitsch Lenin hat dies immer aufs schärfste verurteilt.
In dem Manuskript seines Buches taucht folgender Satz auft
"Stalin ist der Lenin unserer Tage." Dieser Satz erschien Stalin zu
schwach. So änderte er ihn eigenhändig um, so daß er nunmehr lautet i
"Stalin ist der würdige Fortsetzer von Lenins ?.erk oder, wie &lt;JB in
unserer Partei heißt, Stalin ist der Lenin unserer Tage." Da sehen
Sie nun selbst, nicht das Volk sagte es, sondern Stalin.
Man könnte viele derartige selbstverherrlichende Urteile von
Stalins eigener Hand in diesem Manuskript finden. Mit besonders großzügigem Lob bedenkt er sein Feldherrngenie und seine strategische Begabung.
Ich möchte noch eine Einfügung Stalins zitieren, die sich auf das
militärische Genie Stalins bezieht.
"Die fortschrittliche sowjetische Militärwissenschaft wurde", so
schreibt er, "in den Händen des Genossen Stalin weiter entwickelt. Genosse

- 45 -

�Nun erhebt sicri die berechtigt' Fra. : Wenn Stalin der Verfasser
dieses Buches ist. warum hatte er es dv \ nötig, gerade die Person
Stalins so sehr zu loben und die gesaiM-e geschichtliche Entwicklung
unserer glorreichen Kommunistischen f :tei in der Periode nach der
Oktoberrevolution 1-diglich m eine ^.-.tion d~j "genialen Stalin"
umzudeuten?
Spiegelte dieses Buch in zutreffender Weise die Anstrengungen
der Partei bei der sozialistischen Umgestaltung des Landes, beim
Aufbau der sozialistischen Gesellschaft, bei der Industrialisierung
und Kollektivisierung des Landes und alle anderen Maßnahmen der
Partei wider, die unbeirrbar den von Lenin gewiesenen Weg weiterverfolgte? Dieses Buch spricht hauptsäch'ich von Stalin, von seinen Reden, von seinen Berichten. Alles, ohne die geringste Ausnahme, wird
mit seinem Namen verknüpft.
Und wenn Stalin in eigener Person versichert, daß er den "Kurzen
Lehrgang der Geschichte der KPdSU(ß)" selbst geschrieben habe, dann
ist das zumindest höchst verwunderlich. Kann ein Marxist-Leninist
derart über sich selbst schreiben, indem er seine eigene Person zum
Himmel erhebt?
Oder greifen wir einmal die Stalinpreise auf. (Bewegung im Saal.)
Nicht einmal die Zaren stifteten Preise, denen sie ihren eigenen
Namen gaben. Stalin wählte als besten Text für die sowjetische Nationalhymne ein Elaborat aus, das kein einziges Wort über die kommunistische
Partei enthält; dafür aber die folgende, beispiellose Lobpreisung
Stalins: Stalin erzog uns in Treue zum Volk - er beflügelte uns zu
großen Werken und Taten."
In diesen Zeilen der Hymne wird die ganze erzieherische, leitende und anspornende Punktion der großen leninistischen Partei Stalin
zugeschrieben. Und das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei. Wir möchten zu Ihrer Unterrichtung hinzufügen,
daß das Präsidium des Zentralkomitees bereits einen Beschluß übur
die Abfassung eines neuen Textes der Hymne gefaßt hat, der die Rolle
des Volkes und die Rolle der Partei richtig wiedergibt. (Lauter,
anhaltender Beifall)
Und ist es ohne Stalins Wissen gescheher., daß viele der f roßt«
Betriebe und Städte nach ihm benannt wurden? Und ist es ohne btalins
Wissen geschehen, daß überall im Lande Stalindenkmäler errichtet
wurden - diese "Gedenksteine des Lebenden?" Es ist eine Tatsache,
daß Stalin selbst am 2. Juli 1951 einen Beschluß des Ministerrats
der UdSSR unterzeichnete, der die Errichtung eines eindrucksvollen
Stalindenkmals am Wolga-Don-Kanal betraf. Am 4. September des gleichen
Jahres ordnete er selbst die Bereitstellung von 33 Tonnen Kupfer für
die Errichtung dieses imposanten Monuments an. Ein jeder, der Stalingrad besucht hat, muß die riesige Statue gesehen haben, die dort gebaut wird und zwar an einer Stelle, die kaum besucht wird.
Zu

- 47 -

�All dieses muß gründlich revidiert werden, damit die Geschieht«,
die Literatur und die bildende Kunst die Rolle Lenins, die großen
Leistungen unserer Kommunistischen Partei und des sowjetischen Volkes,
des schöpferischen Volkes, im richtigen Lichte würdigen. (Beifall)
Genossen! Der Persönlichkeitskult hat zur Anwendung falscher
Prinzipien in der Parteiarbeit und in der Wirtschaft geführt; er
hatte grobe Verstöße gegen die innerparteiliche und Sowjetdemokratie
steriles Administrieren, Abweichungen aller Art, Vertuschung von
Fehlleistungen und Schönfärberei zur Folge. Unsere Nation brachte
viele Schmeichler und Spezialisten für Zweckoptimismus und Augenwischerei hervor.
Wir sollten aber nicht vergessen, daß auf Grund der Verhaftung
zahlreicher Partei-, Sowjet- und Wirtschaftsführer viele Funktionäre
in ihrer Arbeit unsicher und übervorsichtig wurden, alle Neuerungen
und schließlich ihren eigenen Schatten fürchteten und dadurch immer
weniger Initiative entwickelten.
Nehmen wir zum Beispiel die Partei- und Regierungsbeschlüsse.
Sie kamen routinemäßig, oft ohne Berücksichtigung der konkreten Situation, zustande. Dies ging so weit, daß Parteifunktionäre, selbst in
den kleinsten Sitzungen, ihre Reden ablasen. Daraus ergab sich für
die Partei- und Regierungsarbeit die Jefahr des Formalismus und der
Bürokratisierung des gesamten Apparates.
Stalins Lebensfremdheit und die Tatsache, daß er über die wahren
Zustände in der Provinz nicht Bescheid wußte, ergibt sich aus seiner
Landwirtschaftspolitik.
Jeder der sich auch nur im geringsten um unser« Situation kümmert«,
sah die Schwierigkeiten in der Landwirtschaft - Stalin aber sah sie
nie. Haben wir Stalin informiert? Ja, das haben wir getan, aber er
unterstützte uns nie. Warum? Weil Stalin niemals reist«, nie Arbeiter
in den Städten oder auf den Kolchoser besuchte; er war nie über die
wahre Lage im Lande informiert.
Er kannte das Land und die Landwirtschaft nur aus Filmen. Und
diese Filme waren frisiert und gaben ein rosiges Bild der Lage der
Landwirtschaft. In diesen Filmen über das Kolchosenleben bogen sich
die Tische vielfach unter der Last der Truthähne und Gänse. Offensichtlich
glaubte Stalin, daß dies die Wirklichkeit sei. Wladimir Iljitsch Lenin
dagegen betrachtete das Leben anders; er war dem Volk immer nahe, er
empfing Bauerndelegationen und sprach oft auf Betriebsversammlungen, er
pflegte auch in die Dörfer zu gehen und mit den Leuten zu reden.
Stalin schloß sich vom Volk ab und ging nie irgendwo hin. Das war
so Jahrzehnte lang. Zum letzten Mal besuchte er im Januar 1928 eine Stadt
als er wegen der Getreideerfassung eine Sibirienreise unternahm. Woher
konnte er also wissen, wie es im Lande aussah?
Als er einmal in einer Diskussion darauf aufmerksam gemacht wurde,
daß die Lage auf dem Lande schwierig und daß es besonders schlecht um die
Viehzucht und Fleischproduktion bestellt sei, wurde eine Kommission gebildet,
und mit der Abfassung eines Beschlusses über "Wege zur Weiterentwicklung der
Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen" beauftragt. Wir machten einen entsprechenden Entwurf. Natürlich berücksichtigten unsere damaligen Vorschläge noch nicht alle Möglichkeiten, aber wir zeigten Mittel, und Wege, um

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�Genossen!
Wenn wir heute den Persönlichkeitskult, der zu Stalins Lebzeiten
so verbreitet war, scharf kritisieren, und wenn wir über die vielen
negativen Erscheinungen sprechen, die durch diesen Kult, der dem Geist
des Marxismus-Leninismus so fremd ist, ervorgerufen wurden, mag mancher fragen: Wie konnte das geschehen? Stalin stand JO Jahre lang an
der Spitze der Partei und des Landes, und viele Siege wurden zu seinen
Lebzeiten errungen. Können wir dies abstreiten? Meiner Meinung nach können
so nur Leute fragen, die durch den Persönl-'chkeitskult hoffnungslos
verblendet und hypnotisiert sind, die das Wesen der Revolution und des
Sowjetstaates nicht begreifen, und die Rolle der Partei und der Nation
bei der Entwicklung der sowjetischen Gesel schaft nicht im Sinne Lenins
erfassen.
Die sozialistische Revolution wurde von d r Arbeiterklasse und
der Dorfarrnut mit teilweiser Unterstützung der Mittelbauern durchgeführt. Sie wurde vom Volke durchgeführt unter der Führung der Bolschewistischen Partei. Lenins große Leistung bestand darin, daß er eine
militante Partei der Arbeiterklasse schuf, aber dazu besaß er das
marxistische Verständnis der Gesetze der sozial n Entwicklung und war
gewappnet mit der Wissenschaft vom Siege des Proletariats im Kampf
gegen den Kapitalismus; und er härtete diese Pa tei im Feuer des revolutionären Kampfes der Volksmassen. In diesem Kampf verteidigte die
Partei kon-equent die Interessen des Volkes und führte die Massen als
•erfahrene Führerin zur Macht und zur Errichtung des ersten sozialistischen Staates. Sie erinnern sich wohl der weisen Worte Lenins, daß der
Sowjetstaat deshalb so stark ist, weil die Massen sich der Tatsache
bewußt sind, daß Geschichte von Millionen und aber Millionen von
Menschen gemacht wird.
Unsere historischen Siege wurden erzielt dank der organisatorischen Arbeit der Partei, ihrer vielen regionalen Gliederungen, und
dank der aufopfernden Arbeit unseres großen Volkes. Diese Siege sind
das Ergebnis des großen Arbeitselans der Nation und der Partei in
ihrer Gesamtheit; sie sind keineswegs die Frucht der persönlichen Führung Stalins, wie dies während der ganzen Periode des Persönlichkeitskults
dargestellt wurde.
Wenn wir diese Angelegenheit als Marxisten-Leninisten betrachten,
müssen wir eindeutig feststellen, daß die Führungspraxis, die sich in
den letzten Lebensjahren Stalins herausgebildet hat, zu einem ernsthaften Hindernis auf dem Wege der sowjetischen Gesellschaftsentwicklung
geworden ist.
Stalin ließ oft außerordentlich wichtige Fragen des Partei- und
Staatslebens monatelang in der Schwebe, obwohl ihre Lösung eigentlich
nicht aufgeschoben werden durfte. Während Stalins Herrschaft wurden
unsere friedlichen Beziehungen zu anderen Nationen oftmals bedroht,
weil sich aus den Ein-Mann-EntScheidungen große Komplikationen ergeben konnten - wie dies auch oft der Fall war.

Als

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�Wer versuchte, sich gegen grundlose Verdächtigungen und Anschuldigungen zur Wehr zu setzen, fiel den Repressalien zum Opfer. Ein
typisches Beispiel hierfür bietet der Sturz des Genossen Postyschew.
Stalin brachte in einer seiner Reden seine Unzufriedenheit mit
Postyschew zum Ausdruck und fragte ihn; "Was sind Sie eigentlich?"
Postyschew antwortete unmißverständlich: "Ich bin Bolschewik, Genosse
Stalin, ein Bolschewik".
Biese Entgegnung wurde zunächst als Respektlosigkeit gegenüber
Stalin angesehen; später machte man daraus einen Schädlingsakt, der
dann Postyschews Beseitigung und grundlose Anprangerung als "Volksfeind" zur Folge hatte.
In der damaligen Situation habe ich oft mit Nikolaj Alexandrowitsch Bulganin gesprochen; als wir einmal zu zweit im Auto fuhren,
sagte er: "Es kann passieren, daß jemand einer Einladung Stalins als
Freund Fölgf leistet; und wenn er dann mit Stalin zusammensitzt, weiß er
nicht, ob er anschließend nach Hause oder ins Gefängnis geschickt wird."
Es ist klar, daß solche Verhältnisse jedes Hitglied des Politbüros in eine sehr schwierige Situation brachten. Wenn wir dazu noch
in 'Betracht ziehen, daß das ZK-Plenum in den letzten Jahren nicht mehr
einberufen wurde, und daß Politbürositzungen nur nooh gelegentlich
von Zeit zu Zeit stattfanden, dann wird verständlich, wie schwierig
es für die Politbüromitglieder war, sich gegen die eine oder andere
ungerechte oder unkorrekte Maßnahme
gegen schwere Irrtümer und Unzulänglichkeiten in der Führungspraxis aufzulehnen.
Wie bereits dargelegt, wurden viele Entscheidungen entweder überhaupt nur von einer Person oder aber hintenherum und ohne Diskussion
im Kollektiv getroffen. Das traurige Schicksal des Politbüromitglieds,
Genossen Wosnesenskij, der ebenfalls den Repressalien Stalins zum
Opfer fiel, ist allen bekannt. Es ist bezeichnend, daß der Beschluß
über seine Ausstoßung aus dem Politbüro niemals diskutiert worden ist,
sondern auf irreguläre Art zustande kam. Das gleiche gilt für den
Beschluß über die Amtsenthebung Kusnezows und Rodionows.
Die Stellung des Politbüros des Zentralkomitees wurde geschwächt
und seine Arbeit durch die Sohaffung verschiedener Politbüroausschüsse der sogenannten "Fünfer-", "Sechser-", "Siebener-" und "Neunerkommissionen" - desorganisiert. Hier sei als Beispiel ein Beschluß des Politbüros vom 3. Oktober 1946 angeführt:
"Stalins Vorschlag:
1. Die Kommission für auswärtige Angelegenheiten des Politbüros
(Sechserkommission) soll sich in Zukunft zusätzlich zu außenpolitischen
Fragen auch mit Angelegenheiten des inneren Aufbaues und der Innenpolitik befassen.
2. Die

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�Es ist anzunehmen, daß er damit zugleich auf die spätere Vernichtung der alten Mitglieder des Politbüros hinarbeitete, um sämtliche
von ihm begangenen schändlichen Handlungen zu kaschieren, jene Handlungen, mit denen wir uns heute befassen.
Gerossen! Damit sich die ir der Vergangenheit begangenen Irrtümer
nicht wiederholen, hat sich das Zentralkomitee energisch gegen jeden
Persönlichkeitskult ausgesprochen* Wir sind der Ansicht, daß Stalin
in übertriebenem Maße herausgestellt wurde. Andererseits hat Stalin
in der Vergangenheit der Partei, der Arbeiterklasse und der internationalen Arbeiterbewegung zweifellos auch große Dien5te geleistet.
Dieses Problem wird dadurch kompliziert, daß alles, was wir soeben
erörtert haben, zu Lebzeiten Stalins,unter seiner Führung und mit seiner Billigung geschah; Stalin war überzeugt, daß dies alles im
Interesse der Verteidigung der Arbeiterklasse gegen die Anschläge der
Feinde und gegen die Angriffe des imperialistischen Lagers notwendig.
gewesen sei. Er betrachtete diese Dinge unter dem Gesichtspunkt der
Interessen der Arbeiterklasse, der Interessen der Werktätigen, des
Sieges des Sozialismus und Kommunismus. Wir dürfen nicht sagen, daß
dies Handlunger. eines vom Sch.vindel befallenen Despoten gewesen seien.
Nach seiner Ansicht lagen diese Handlungen im Interesse der Partei,
der werktätigen Massen, der Sicherung der Errungenschaften der Revolution. Hierin liegt die ganze Tragödie!
Genossen! Lenin hat oft betont, daß Bescheidenheit ein unerlässliches Merkmal jedes echter. Bolschewisten ist. Lenin selbst war die
lebendige Verkörperung höchster Bescheidenheit. Wir können nicht sagen,
daß wir diesem Beispiel Lenins in jeder Hinsicht, gefolgt sind. Es genügt idarauf hinzuweisen, daß zahlreiche Städte, Fabriken und Industriebetriebe »Kolchose und Sowchose, Sowjet-, und Kulturinstitutionen,
so als ob sie - mit Verlaub zu sagen - unser Privateigentum wären,
mit dem Namen dieses oder jenen führenden Regierungs- oder Parteifunktionärs bedacht würden, der noch im Amt ist und sich bester Gesundheit
erfreut. Viele von uns machten mit, wenn es galt, Städte, Rayons, Industriebetriebe und Kolchose nach uns zu benennen. Das müssen wir abstellen.

Dies

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�Wir müssen in unserer gesamten ideologischen Arbeit zu den wichtigsten Thesen der marxistisch-leninistischen Wissenschaft vom Volk
als der bewegenden Kraft der Geschichte und dem Schöpfer aller materiellen und geistigen Güter der Menschheit, von der entscheidenden
Rolle der marxistischen Partei im revolutionären Kampf für die Umwandlung der Gesellschaft, vom Siege des Kommunismus zurückkehren
und sie in die Praxis- umsetzen.
Was dies anbelangt, so werden wir viel tun müssen, um die mit
dem Persönlichkeitskult verlundeien weitverbreiteten irrigen Ansichten auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung, der Philosophie,
der Volkswirtschaft und anderer Wissenschaften sowie in der Literatur
und den bildenden Künsten von marxistisch-leninistischen Standpunkt
kritisch zu untersuchen und
richtigzustellen. Vor allem ist es nötig, daß wir bereits in allernächster Zukunft ein ernst zu
nehmendes Lehrbuch über die Geschichte unserer Partei ausarbeiten,
das mit wissenschaftlich-marxistischer Objektivität verfaßt ist,
ein Lehrbuch über die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft, ein
Bach, das den Ereignissen des Bürgerkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges gerecht wird.
Zweitens müssen wir systematisch und konsequent die Arbeit fortführen, die das Zentralkomitee der Partei in den letzten Jahren geleistet hat, eine Arbeit, die sich durch die genaueste Beachtung der leninistischen Grundsätze der Parteiführung in sämtlichen Parteiorganisationen, von den Grundeinheiten bis zur Spitze,auszeichnete, vor allem
aber durch Befolgung des wichtigsten Grundsatzes der kollektiven Führung, durch die Beachtung der in den Parteistatuten festgelegten Normen des Parteilebens, sowie schließlich durch umfassende Kritik und
Selbstkritik.
Drittens müssen wir den leninistischen Grundsätzen der sowjetischsozialistischen Demokratie, wie sie in der Verfassung der Sowjetunion
niedergelegt sind, wieder volle Geltung verschaffen und die Willkür
einzelner Personen bekämpfen, die ihre Macht mißbrauchen. Die üblen
Polgen aller Verstöße gegen die revolutionäre sozialistische Gesetzlichkeit, die sich im Laufe der Jahre infolge des schädlichen Einflusses des Persönlichkeitskults häuften, müssen restlos beseitigt werden.
Genossen!
Der XX. Parteikongreß der KPdSü(B) war ein erneuter kraftvoller
Beweis für die unerschütterliche Einheit unserer Partei, ihrer Verbundenheit mit dem Zentralkomitee, ihres entschlossenen Willens, die
große Aufgabe des Aufbaus des Kommunismus zu vollbringen. (Tosender
Beifall.) Und die Tatsache, daß wir die mit der Überwindung des dem
Marxismus-Leninismus fremden Persönlichkeitskults verbundenen Grundprobleme in all ihren Formen und auch das Problem der Liquidierung seiner
lästigen Folgen dargelegt haben, ist ebenfalls ein Beweis für die große
moralische und politische Kraft unserer Partei. (Langanhaltender Beifall)
Wir

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�A M E R I K A

D I

N S T

JOHN FOSTER DULLES: AUCH DER FRIEDEN HAT SEINEN PREIS

AME3 (Iowa) - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die
der Außenminister der Vereinigten Staaten,
John Foster Dulles, am 9» Juni 1956 anläßlich
der Verteilung der Abschlußzeugnisse vor dem
Iowa State College in Arnes (Iowa) gehalten hat.

Sie gehen heute hinaus in eine Welt, in der Sie die Segnungen
der Freiheit in Frieden zu genießen hoffen. Es ist dies jene Welt,
die zu schaffen die Vereinigten Staaten durch ihre Außenpolitik anstreben.
Heute haben wir Frieden; kein Land befindet sich zur Zeit mit
den Vereinigten Staaten im Kriegszustand.
Und wir genießen mancherlei Gutes. Wir haben ein gutes Verhältnis zu den meisten Ländern der Welt. Weder fürchten wir sie, noch
müssen sie uns fürchten. Wir unterhalten Handelsbeziehungen und ähnliche Verbindungen mit ihnen, alles zu gegenseitigem Nutzen und
beiderseitiger Freude.
Für diesen Frieden und das Gute, dessen wir uns erfreuen, können
wir aus tiefstem Herzen dankbar sein.
Aber all dies fällt uns nicht in den Schoß. Vor Ihnen sind
bereits andere mit hochgespannten Hoffnungen in die Welt hinausgezogen. Ihre Hoffnungen aber fanden auf dem Schlachtfeld ein rasches
Ende, und die daheim geblieben waren, fühlten ihre Herzen schwer
werden. Reiche Mittel, die zum Aufbau wirtschaftlichen Wohlstandes
hätten verwendet werden können, wurden im Kriege verschleudert.
Dieser Preis, der in der Münze des Krieges entrichtet wird,
wird immer zu zahlen sein, wenn die Menschen nicht bereit sind,
bereits in Friedenszeiten für die Erhaltung des Friedens zu zahlen.
Aber anscheinend lernen die Menschen das nicht. Denn die Vorstellung ist nicht auszurotten, daß man sich den Frieden nur zu
wünschen brauche, um ihn zu bekommen. Wenn dies zuträfe, dann wäre

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�"AMERIKA DIENST"

20. Juni

1956

wäre der Krieg schon vor vielen Jahrhunderten abgeschafft worden.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer, ja noch schwerer ist, den Frieden
zu erhalten wie einen Krieg zu gewinnen. Kriege wurden schon viele gewonnen. Einen dauernden Frieden zu erringen, ist bisher noch nie gelungen. Um den Krieg endgültig zu besiegen, sind Planung und Taten
erforderlich, die Voraussicht, kluge Berechnung, Mut und gelegentlich
Opfer erfordern. Und zwar werden diese Opfer unter weniger dramatischen
und anscheinend weniger dringenden Umständen gefordert als im Kriege.
Wir werden niemals einen dauernden Frieden haben, solange die Menschen
ihre edelsten Geistesgaben in den Dienst des Krieges stellen. Denn auch
der Frieden hat seinen Preis.
Ich möchte Ihnen dies am Beispiel einer unserer Bemühungen um den
Frieden, die wir zur Zeit unternehmen, deutlich machen. Man könnte diese
Bemühungen auch als eine Art Versicherung auf den Frieden bezeichnen,
für die wir etwa 40 Milliarden Dollar jährlich zahlen müssen.
Unsere Friedensversicherung
Die Grundelemente dieser Friedensversicherung leiten wir von den
ersten erfolgreichen Anfängen der amerikanischen Außenpolitik her.
Lassen Sie mich also auf die Zeit der Monroe-Doktrin verweisen.
Im Jahre 1823 erklärte Präsident Monroe der unter Führung des
zaristischen Rußland stehenden despotischen Allianz, daß "wir jeden
Versuch ihrerseits, ihre Regierungen auf irgendein Gebiet der westlichen Hemisphäre zu übertragen, als eine Bedrohung unseres Friedens
und unserer Sicherheit betrachten" und "ein solches Eingreifen, in
welcher Form es auch geschehen möge, nicht gleichgültig mit ansehen"
werden.
Es beweist tatsächlich Voraussicht und Kühnheit, daß unsere junge
Nation so ihr eigenes Interesse mit der Freiheit und Unabhängigkeit
von Ländern verknüpfte, die viele Tausend Kilometer entfernt liegen.
Die Verkündigung dieses Grundsatzes aber wurde, wie Webster berichtet,
"mit einhelligem Jubel" begrüßt.
Dieser Grundsatz ist in unseren Tagen noch erweitert worden.
Seine umfassendste Anwendung finden wir in der Charta der Vereinten
Nationen. Da aber auf Grund des Vetorechts kein unbedingter Verlaß
auf ein Eingreifen seitens der UN besteht, haben sich viele Nationen
miteinander in Verträgen zusammengeschlossen, die auf dem Prinzip der
Monroe-Doktrin beruhen. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre haben die
Vereinigten Staaten mit Zustimmung beider Parteien derartige Verträge
mit 42 Ländern in Amerika, in Europa und Asien abgeschlossen.
Durch diese Verträge wird1 zwischen den Partnerstaaten der Grundsatz der Neutralität abgeschafft, demzufolge ein Land seine Sicherheit
am ehesten dadurch wahren kann, daß es sich dem Schicksal anderer Länder gegenüber gleichgültig verhält. Diese Konzeption jedoch wird in
steigendem Maße als veraltet empfunden, und sie ist auch, außer unter
ganz besonderen Umständen, eine unmoralische und kurzsichtige Politik.
Die
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�"AMERIKA DIENST"

20. Juni 1956

Die freie Welt ist heute stärker und der Friede gesicherter, weil so
viele freie Nationen tapfer die bereits erwiesene Tatsache anerkennen,
daß ein Angriff auf die Freiheit eines anderen Landes ihre eigene
Sicherheit und ihren Frieden gefährden würde.
Indessen ist es angesichts der heutigen Verhältnisse nicht genug,
wenn die freien Nationen lediglich ihre Absicht verkünden, zueinanderstehen zu wollen. Wir brauchen Streitkräfte, um diesen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen.
Beim Ausbruch des ersten wie des zweiten Weltkrieges verfügten
die Vereinigten Staaten nur über geringe militärische Kräfte. Auch
im Falle des Koreakrieges reichten unsere Streitkräfte zunächst nicht
aus. In diesen Fallen jedoch waren die Kriegsumstände so geartet, daß
wir genügend Zeit hatten, unsere Militärmacht auszubauen.
Seit jenen Tagen aber haben die dem Menschen zu Gebote stehenden
zerstörenden Kräfte sich plötzlich in einem Maße vergrößert, das unser
Fassungsvermögen übersteigt. Heute kann eine einzige Bombe zerstörende Kräfte von gleicher Intensität entwickeln, wie sämtliche in den
fünf Jahren des zweiten Weltkrieges geworfenen Bomben. Ein etwaiger
Gegner könnte,sofern er nicht bereits im allerersten Anfang auf Widerstand stößt, in kürzester Zeit größte V rheerunge
anrichten, so daß
wir das Hasardspiel nicht wagen dürfen, unsere volle militärische
Stärke erst nach erfolgtem Angriff zu entwickeln. Um einen Gegner von
Aggressionen abzuschrecken und Fehlkalkulationen auszuschließen, sind
Warnungen nicht genug; hinter diesen Warnungen .müssen vielmehr Streitkräfte stehen, die über die nötige Schlagkraft für Vergeltungsoperationen verfügen. Das macht unsere Versicherungspolitik für den Frieden so
teuer.
Die Kosten für den Unterhalt der amerikanischen Streitkräfte im
In- und Ausland belaufen sich auf jährlich etwa 36 Milliarden Dollar.
Das sind fast 9O/0 der Gesamtaufwendungen für unsere Friedensversicherung,
die jährlich etwas mehr als 40 Milliarden Dollar betragen.
Die restlichen zehn Prozent, grob gerechnet also 4 Milliarden
Dollar, dienen dem Aufbau der Militärkräfte anderer Länder im Rahmen
unseres Programms für gemeinsame Sicherheit. Auf dieses Programm möchte
ich jetzt näher eingehen und Ihnen darlegen, warum es ein Bestandteil
unserer Friedensversicherung ist.
Ich werde dabei die zu erwartenden Aufwendungen zugrunde legen.
Um aber das derzeitige Tempo beibehalten zu können, muß der Kongreß
für das nächste Jahr mehr als die vorgesehenen Aufwendungen bewilligen,
denn bereits in diesem Jahr liegen die tatsächlichen Aufwendungen um
rund 1 Milliarde Dollar über den Bewilligungen.
Der Ferne Osten
Die größten Ausgaben im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit entfallen auf den Pazifischen Raum und den Fernen Osten.
Diese Aufwendungen dienen dem Ausbau der militärischen Stärke von

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�"AMERIKA DIENST"

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von Ländern, mit denen wir kollektive Verteidigungsverträge geschlossen haben. Dieses Gebiet ist zur Zeit eindeutig einem feindlichen
Druck ausgesetzt.
In Korea herrscht Waffenstillstand. Aber die chinesischen Kommunisten sind noch nie ernstlich zu einem Frieden bereit gewesen, der
eine Wiedervereinigung Koreas durch freie, unter der Kontrolle der
Vereinten Nationen abgehaltene Wahlen bringen würde. So stehen sich
in Korea feindliche bewaffnete Streitkräfte an der durch den Waffenstillstand geschaffenen Demarkationslinie gegenüber.
Taiwan (Formosa), heute Sitz der Regierung der Republik China,
steht unter ständiger Bedrohung des Krieges. Das kommunistische China
lehnt es hartnäckig ab, eine klare Verzichterklärung hinsichtlich dieses Gebiets abzugeben.
Weiter ist da Vietnam, in dem ebenfalls Waffenstillstand herrscht,
aber noch kein offizieller Friede geschlossen wurde.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir in Form von Verträgen feierlich erklärt haben, daß ein bewaffneter Angriff in diesen Gebieten auch eine Gefahr für unseren eigenen Frieden und unsere eigene
Sicherheit darstelle.
Der Kongreß hat gegen nur vier Stimmen den Präsidenten ermächtigt, die Streitkräfte der USA zur Verteidigung Taiwans (Formosas)
einzusetzen, falls er es für notwendig erachten sollte. Allerdings
wünschen wir nicht, daß es notwendig werde, um die Erhaltung der
Freiheit in diesen Gebieten zu kämpfen. Unser Ziel ist es, den Krieg
zu vermeiden. Aus diesem Grunde gewähren wir den freien Regierungen
dort militärische und finanzielle Unterstützung, die es ihnen ermöglicht, eigene Streitkräfte in einer Stärke zu unterhalten, die sie
und wir angesichts der bestehenden Gefahr einer Aggression und unserer genau aufeinander abgestimmten Pläne zur Verhinderung einer solchen Aggression als angemessen betrachten.
Wir wenden im kommenden Jahr voraussichtlich 1,5 Milliarden Dollar
für Militär- und Verteidigungshilfe in diesem Gebiet auf. Der größte
Teil dieser Gelder wird der Republik Korea, Nationalchina und den drei
indochinesischen Ländern zugute kommen. Geringere Beträge gehen an die
übrigen Verbündeten in diesem Gebiet - die Philippinen, Thailand und
Japan.
Der Nahe Osten
Ich möchte mich nun dem Nahen Osten zuwenden. In diesem Gebiet wird
das für die Industrien Westeuropas und die Streitkräfte der NATO erforderliche Erdöl gefördert. Ein Stocken der Öllieferungen wäre für
die Erzeugerländer ein großes Unglück, da sie weitgehend auf die Einnahmen aus der Erdölförderung angewiesen sind. Außerdem müßten wir uns
dann mit Europa in die Ölreserven unserer westlichen Hemisphäre teilen,
das heißt, wir hätten Mangel an Erdöl statt des bisherigen Überflusses.
Aus

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"AMERIKA DIENST

Aus diesem Grunde unterstützen wir die vier Länder des Nahen
Ostens, die das Tor zum Süden bilden, wo sich die Ölreserven befinden;
und unmittelbar dahinter liegt das Tor nach Afrika. Die Aufwendungen
für die Militärhilfe an diese Länder dürften im kommenden Jahr schätzungsweise bei 800 Hillionen Dollar liegen.
Die NATO
Und nun Westeuropa. Dort wachen die Streitkräfte der NATO über
die reichsten Industrien und größten Militäranlagen, über die die freie
Welt verfügten - die der Vereinigten Staaten ausgenommen. Dieses Gebiet
halten wir für so wichtig, daß die Vereinigten Staaten dort allein annähernd sechs Divisionen stationiert haben. Ich hoffe, die westeuropäischen Mitglieder der NATO werden selbst weitgehend zur Verteidigung
dieses Gebiets beitragen. Immerhin unterstützen wir auch sie durch
Lieferung bestimmter Waffentypen, deren Kosten im Budget unseres Programms für gemeinsame Sicherheit enthalten sind.
Wir unterstützen Westberlin als ein Symbol der Freiheit hinter
dem Eisernen Vorhang. Wir arbeiten an der Errichtung von Stützpunkten
in Spanien, die einen beträchtlichen Kostenaufwand erfordern. Wir halten es auch für klug, Jugoslawien zu helfen, solange es entschlossen
ist, seine volle Unabhängigkeit zu wahren. Jugoslawien hat eine Gesellschaftsordnung, die uns nicht gerade gefällt. Aber Marschall Tito hat
Moskau die Stirn geboten und sich behauptet. Und selbst wenn dieser
Streit heute beigelegt ist, stellt Jugoslawien doch ein bemerkenswertes
Beispiel für die nationale Unabhängigkeit eines Landes in Osteuropa dar.
Die uns im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in
Europa erwachsenden Kosten werden im kommenden Jahr schätzungsweise eine
Milliarde Dollar betragen.
Diese von mir aufgezählten Aufv/endungen sind dazu bestimmt, mit
einem Mindestkostenaufwand unsererseits den Fortbestand von Landern zu
gewährleisten, deren Sicherheit Teil unserer eigenen Sicherheit ist.
In diesem weitgespannten und enggeknüpften Netz unseres Sicherheitssystems verfügen wir auf diese V/eise als wertvolles Nebenergebnis über
eine große Reihe von Basen überall auf der Erde, von denen aus wir und
unsere Verbündeten Gegenschläge gegen einen etwaigen Aggressor führen
könnten. Die Mannigfaltigkeit ist gerade in diesem Zusammenhang von
größter Bedeutung; denn wenn die Start- und Abschußbasen auf ein einziges Gebiet beschränkt wären, so könnten sie bereits beim ersten Angriff des Gegners vernichtet werden. Auch gibt das derzeitige Verteidigungssystem die Möglichkeit, billigere Flugzeuge mit kürzerem Aktionsradius mit Aufgaben zu betrauen, die sonst den Einsatz sehr viel kostspieligerer Maschinen erfordern würden.
So dienen diese Aufwendungen der Erhaltung unseres Friedens und
unserer Sicherheit.
Wirtschaftshilfe
Es bleiben also 700 Millionen Dollar oder rund 2$ der Gesamtkosten
für unsere Friedensversicherung. Diese werden für die sogenannte

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sogenannte "Wirtschaftshilfe" verwendet. Hauptzweck dieser Wirtschaftshilfe ist es, jenen Nationen, die erst kürzlich ihre Unabhängigkeit
erlangt haben, sowie den unterentwickelten Ländern zu helfen, ihre
Unabhängigkeit ungeachtet der Verschwörungen des Weltkommunismus zu
wahren.
Wie-in der Caracas-Resolution in bezug auf die westliche Hemisphäre
betont wurde, sind Friede und Sicherheit auch andernorts bedroht, wenn
der Weltkommunismus in irgendeinem der Länder der westlichen Hemisphäre
die politische Macht an sich reißt. Mit diesem Teil unseres Programms
für gemeinsame Sicherheit soll den Bemühungen feindlicher Kräfte begegnet werden, ihre Macht durch den Zugriff auf neue Reserven an
Menschenkraft und materielle Güter sowie durch die Schaffung neuer
strategischer Positionen zu vergrößern. Die Wirtschaftshilfe wird
aber noch durch viele andere Dinge gerechtfertigt.
Die Vereinigten Staaten verfügen bei weitem über die höchstentwickelte Wirtschaft der Welt. Die Produktivität unserer Wirtschaft
ist beinahe doppelt so hoch wie die der übrigen Länder.
Seit jeher haben wirtschaftlich hochentwickelte Länder den
wirtschaftlich rückständigeren Gebieten beim Ausbau ihrer Wirtschaft
geholfen. Uns half Europa,als wir begannen, diesen Kontinent wirtschaftlich zu erschließen. Es ist dies eines der Gesetze innerhalb
der menschlichen Gesellschaft, und wir können nur bei Gefahr unseres
Unterganges dagegen verstoßen.
Die uns damit auferlegten Lasten werden dadurch erleichtert,
daß unsere Wirtschaftshilfe zu einem ansehnlichen Teil in der Belieferung anderer Länder mit überschüssigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen besteht. Darüber hinaus werden alle Hilfeleistungen, die 200
Millionen Dollar übersteigen, in Form von rückzahlbaren Darlehen,
also nicht als Schenkungentgegeben.
Die Bedeutung dieses wirtschaftlichen Teils unserer Friedensversicherung wird durch die Tatsache unterstrichen, daß die Sowjetunion jetzt ebenfalls dazu übergegangen ist, ihre Interessen durch
Kreditgewährung an andere Länder zu fördern.
Die neue Taktik der Kommunisten verlangt gebieterischer denn je,
daß wir die Wirtschaftshilfe im Rahmen unseres Programms für gemeinsame
Sicherheit fortführen, ja vielleicht noch ausbauen sollten. Es wäre
wirklich eine Ironie, wollten wir ausgerechnet in jenem Augenblick
unsere Tätigkeit auf diesem Gebiet einstellen, da die Sowjetunion
mit derartigen Vorhaben beginnt.
Die von mir hier kurz beschriebenen Aufwendungen - 36 Milliarden
Dollar, plus 3»3 Milliarden Dollar plus 700 Millionen Dollar - belaufen
sich auf insgesamt rund 40 Milliarden Dollar und sind der Preis, den
wir jährlich für unsere Friedensversicherung entrichten müssen. Was die
zur Unterhaltung unserer eigenen Streitkräfte benötigten 36 Milliarden
Dollar anbetrifft, so sind die Auffassungen darüber, in welcher Weise

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�"AMERIKA DIENST

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Weise diese Summe zu benutzen sei, geteilt. Aber nur wenige meinen,
es sollte über aupt nicht soviel Geld dafür ausgegeben werden. Mehr
Auseinandersetzungen gibt es dagegen über die 4 Milliarden Dollar, die
wir im Rahmen unseres Programms für gemeinsame Sicherheit in der von
mir eben beschriebenen Weise verwenden.
Was dies anbelangt, möchte ich noch einige Fragen beantworten.
Auslandshilfe keine "Schenkung"
Vor allem die eine Frage: Ist die Auslandshilfe eine "Schenkung";
um derentwillen man den Amerikanern höhere Steuern auferlegt, nur um
dem Ausland zu helfen?
Die Antwort hierauf ist ein glattes "Nein". Ich hoffe, daß dies
bereits aus meinen Ausführungen klar geworden ist. Es ist durchaus richtig, daß die im Rahmen des Programms für gemeinsame Sicherheit ausgegebenen Gelder anderen Ländern helfen sollen. Doch kann man eine Hilfsaktion nicht deshalb als eine "Schenkung" bezeichnen, weil anderen damit
geholfen wird. Denn oft genug helfen wir mit der anderen Ländern gewährten Hilfe uns selbst mehr als wir es in irgendeiner anderen Weise
tun könnten. Das trifft auch auf unser Programm für gemeinsame Sicherheit zu. Es trägt zur Sicherung unserer eigenen Freiheit bei, da es
die Freiheit in unserer Umwelt fördert. Das entscheidende Motiv bei
jedem einzelnen Posten unserer Aufwendungen im Rahmen des Programms für
gemeinsame Sicherheit ist unser wohlverstandenes Eigeninteresse.
Mit allem Nachdruck möchte ich zu diesem Punkt der Begründung
betonen, daß nicht ein einziger Dollar im Rahmen dieses Programms ausgegeben wird, der nicht amerikanischen Interessen dient. Bereits in
den ersten Jahren ihres Bestehens war die amerikanische Nation überzeugt, daß die Freiheit in anderen Teilen der Welt für den Frieden
und die Sicherheit unserer eigenen Nation von lebenswichtiger Bedeutung
ist. Wenn ein Krieg diese Freiheit bedrohte, haben wir in diesen Krieg
eingegriffen, um sie zu retten. Das ist die kostspieligste Methode,
uns zu schützen. Heute hegen wir die Hoffnung, uns mit weniger kostspieligen Methoden schützen zu können. Das ist der Zweck des Programms
für gemeinsame Sicherheit.
Wir versuchen nicht, uns die Dankbarkeit anderer zu erkaufen.
Vergeuden wir unsere Auslandshilfe, weil die Empfänger nicht dankbar genug sind oder weil sie unsere Ansichten nicht widerspruchlos
teilen? Nein, wir verlangen von ihnen weder Dank noch Gefügigkeit.
Wir wissen, daß sich Dankbarkeit niemals erkaufen läßt, und wir geben
das Geld des Steuerzahlers nicht für solche Torheiten aus. Wir wollen
und verlangen keine Unterwerfung. Unsere Politik wird von weiten
Kreisen des Auslandes respektiert, weil sie gut ist. Doch muß der
Erfolg unseres Auslandshilfeprogramms nicht nach der Dankbarkeit oder
Unterordnung unter uns beurteilt werden, sondern danach, ob sie der
Freiheit in anderen Ländern förderlich ist und damit die Freiheit in
unserem eigenen Lande festigt. Das ist der Prüfstein für unser Programm.
Genau

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"AMERIKA DIENST"

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20. Juni 1956

Genau kalkulierte Summen
Da also die Notwendigkeit für das Programm für gemeinsame Sicherheit gegeben ist, erhebt sich die weitere Frage, ob sich die angeforderten Beträge auch in vernünftigen Grenzen halten. Wir sind überzeugt, daß das'der Fall ist. Selbstverständlich läßt sich nicht von
vornherein feststellen, ob diese oder jene Aufwendung das Zünglein
an der Waage zwischen erhöhter Gefahr und erhöhter Sicherheit oder
zwischen Krieg und Frieden bildet. Wenn es uns aber gelingt, Sicherheit
und Frieden zu wahren, so läßt sich immer leicht einwenden, daß wir
alles wesentlich billiger hätten haben Tonnen. Dagegen läßt sich auch
kein Gegenbeweis führen. Nur an den Fehlschlagen erkennt man, daß
die Aufwendungen zu niedrig gewesen sind. Doch ist es dann zu spät.
Ich versichere Ihnen, daß wir alle, die wir an 1 iesem Programm
mitarbeiten, bestrebt sind, unserem Vaterlande zu ditnen und die Ausgaben so niedrig zu halten, wie sich mit unseren nal 1 .ualen Interessen
vereinbaren läßt. Unsere Vorschläge stützen sich auf Informationen,
die wir aus allen Teilen der Welt erhalten und die uns helfen, die
Stärke und die Absichten uns feindlicher Elemente in der ganzen Welt
und das Widerstandsvermögen der uns befreundeten Mächte zu beurteilen.
Fehlbeurteilungen sind daher natürlich nicht ausgeschlossen und abweichende Meinungen werden, sofern sie ehrlich sind, berücksichtigt.
Unsere Maßnahmen werden jedoch mit großer Sorgfalt durchgeführt und
von zahlreichen Regierungsstellen überprüft. Das endgültige Ergebnis,
wie es dem Kongreß unterbreitet wird, spiegelt die Meinung wider, die
sich'der Präsident und der Nationale Sicherheitsrat nach bestem Vermögen gebildet haben. In der Frage der Sicherheit und des Friedens für
die amerikanische Nation bedeutet es ein Risiko, um den Preis zu
feilschen. Ein geringer Preis bedeutet nicht immer eine Ersparnis bringt aber wohl eine Erhöhung des Risikos eines Krieges mit sich.
Werden die Beträge von der Regierung richtig verwendet?
Es erhebt sich die Frage, ob diese Summen richtig verwendet werden.
Erfüllen die von uns im Interesse des Friedens und der Sicherheit gemachten Aufwendungen auch ihren Zweck? Die Antwort hierauf ist, daß
ein Teil dieser Ausgaben als Verlust abgebucht werden muß. Wie viele
der im zweiten V/eltkrieg abgeschossenen Granaten mögen ihr Ziel getroffen haben? Sicher nur ein geringer Prozentsatz.
Trotzdem haben wir niemals gezögert, unsere kämpfende Truppe
mit Munition zu versorgen. Nicht alle Ziele eines gestellten Programms
werden ganz erreicht. Es ist der Preis, den wir für menschliche Unzulänglichkeiten zahlen müssen. Wir sind ständig bemüht, unsere Leistungen zu steigern. Doch der Mangel an vollkommener Treffsicherheit ist
kein Grund, die erforderliche Dollarmunition zu verweigern, die benötigt wird, um den Frieden zu gewinnen.
Sind die nationalen Streitkräfte anderer Länder notwendig? Es
wird des weiteren die
Frage erhoben, ob nicht die abschreckende
Macht und Schlagkraft der US-Streitkräfte den Unterhalt nationaler
Streitkräfte seitens der einzelnen Länder überflüssig mache, so daß
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�'AMERIKA DIENST"

20. Juni 1956

daß sich die Kosten für diese einsparen lassen. Gewiß ist die Notwendigkeit für den Unterhalt nationaler Streitkräfte in den einzelnen
Ländern angesichts unserer Streitmacht geringer. Es wäre tatsächlich
unpraktisch, in allen Staaten rings um den sowjetischen Machtbereich
nationale Streitkräfte von einer Stärke zu unterhalten, die ausreichte,
einen etwaigen Angriff abzuschlagen. Doch dürfen wir uns nicht völlig
auf die an zentralen Punkten bereitstehenden strategischen Streitkräfte
verlassen. Bedrohte Nationen halten es für zwingend notwendig, sich
selbst zu verteidigen. Tatsächlich würden sie, wenn sie dieses Gefühl
nicht hätten, weder unsere Unterstützung verdienen noch würde diese einen
Zweck haben. Des weiteren sind nationale Streitkräfte, die ihrer Regierung treu ergeben sind, zur Verhinderung von kommunistisch unterstützten Umsturzversuchen im Inneren notwendig.
Aber nicht nur unsere militärische Stärke stellt ein Abschreckungsmittel gegen eine Aggression dar, sondern auch die Gewißheit, daß ein
offener bewaffneter Angriff sofort auf tapferen und organisierten
Widerstand stoßen würde. Dieser würde, verstärkt durch die Einlösung der
vertraglichen Verpflichtungen bezüglich Kollektivaktionen, Konsequenzen
nach sich ziehen, über die ein Angreifer keine Kontrolle hätte und die
er nicht beschränken könnte.
Ist ein' Ende abzusehen?
Schließlich wird die Frage gestellt, ob diese Kosten denn für eine
unbegrenzte Dauer getragen werden sollen. Ist denn kein Ende für diese
gewaltigen Ausgaben von insgesamt 4-0 Milliarden Dollar im Jahr, die als
Versicherungsprämie zur Erhaltung des Friedens zu zahlen sind, abzusehen?
Die Antwort hierauf ist, daß wir die Kosten für die Abwendung
dieser Gefahr solange aufbringen müssen als diese Gefahr besteht.
Die sowjetischen Machthaber unternehmen gegenwärtig gewaltige Anstrengungen, um ihr militärisches Potential zu erhöhen und ihren Herrschaftsbereich auszuweiten. Sie unterhalten eine Militärmacht, die der
unsrigen etwa entspricht, und sie scheuen keine Kosten, uns zu überflügeln. Rotchina und den ihnen verbündeten osteuropäischen Satelliten
gewähren sie militärische Unterstützung. Dabei handelt es sich um
Summen, die in die Milliarden Dollar gehen. Auch die Völker der freien
Welt werden von ihnen mit Kreditangeboten für die Beschaffung wirtschaftlicher und militärischer Güter umworben. Kredite in einer Gesamthöhe von 500 Millionen Dollar sind von ihnen bereits vergeben worden,
und weitere Kreditangebote über mehrere Hundert Millionen liegen vor.
Fast 500 Millionen Dollar werden von ihnen jährlich für Zwecke der
Auslandspropaganda ausgegeben.

für
tet
wie
für

Fast 20 Prozent ihres Bruttosozialprodukts wendet die Sowjetunion
militär- und außenpolitische Maßnahmen auf, die gegen uns gerichsind. Solange sie an einer solchen Politik festhält, müssen wir,
es heute geschieht, etwa 10 Prozent unseres Bruttosozialprodukts
Zwecke der Friedenssicherung ausgeben.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

20. Juni 1956

Wir können diese Opfer bringen und dabei gleichzeitig unseren
Lebensstandard erhöhen. Der Beweis dieser Tatsache hat einen gewaltigen
Einfluß auf die internationale Politik ausgeübt.
Niemals wird eine verantwortungsbewußte Regierung ihr Vertrauen
in Friedensbeteuerungen und Bezeugungen des guten Willens setzen, die
auf keiner verläßlichen Grundlage beruhen^ die die Nation der Isolierung in der Welt aussetzen oder sie der Möglichkeit zum Zurückschlagen
berauben würao, das zur Abwendung eines überraschenden Angriffs notwendig ist.
Doch gibt es Anzeichen dafür, daß ein neuer Tag anbrechen kann.
Die sowjetischen Machthaber geben heute vor, sie haben der Doktrin
abgeschworen, daß Gewalt ein notwendiger Bestandteil ihrer Außenpolitik sei. Sie reißen Stalin herunter, den sie 25 Jahre lang als Halbgott verehrt haben. Seine Schriften, die seit 25 Jahren das Glaubensbekenntnis des Kommunismus bildeten, werden jetzt eingezogen. Zum ersten
Mal seit der bolschewistischen Revolution wird in diesem Jahr die
Bibel in Rußland wieder gedruckt und an die Bevölkerung verkauft. Dem
russischen Volk wird eine größere persönliche Sicherheit zugestanden,
und die Arbeiterschaft erhält größere Freiheit in der Wahl des Arbeitsplatzes .
Offensichtlich verlangen die geknechteten Nationen nach größerer
Unabhängigkeit und die unterworfenen Völker innerhalb und außerhalb
Rußlands nach größerer Freiheit von Furcht und nach einem höheren
Anteil an den Früchten ihrer Arbeit, statt daß diese Früchte für eine
Politik verwendet werden, die allein der Machterweiterung des Staates
dient. Diese Forderungen werden im Volke allgemein und in steigendem
Maße laut. Das allein erklärt die außerordentlichen Anstrengungen der
sowjetischen Machthaber, den Anschein zu erwecken, daß grundlegende
Veränderungen eingetreten sind. Auf Grund dieser Entwicklung könnte zwar nicht in diesem oder im nächsten Jahr - doch eines Tages eine
Regierung gebildet werden, die den berechtigten Wünschen d-es Volkes
Rechnung trägt und die alle expansionistischen Ziele aufgibt.
Zahlreiche Ereignisse bestärken uns in unserem Vertrauen, daß
diese Politik fortgesetzt wird, wenn wir stark bleiben, wenn wir uns
für die Freiheit einsetzen, und die Segnungen, die die Freiheit mit
sich bringt, klar und deutlich herausstellen.
Es wird niemals eine Zeit geben, in der wir beruhigt unsere
Pläne und unsere Arbeit im Interesse des Friedens aufgeben können
und keine weiteren Opfer für den Frieden mehr zu bringen brauchen.
Doch läßt sich erkennen, daß, sofern wir standhaft bleiben, eine Zeit
kommen wird, in der die Gefahr geringer sein wird und auch unsere Kosten entsprechend reduziert werden können. Doch bis dahin ist es unsere
patriotische Pflicht, an dem festzuhalten, was sich als gut bewährt hat.

* * * * *

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�A M E R I K A

DULLES:

D I E N S T

FREIE WELT MUSS WACHSAM BLEIBEN
SAN FRANCISCO - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede des US-Außenministers John Foster Dulles, gehalten am 21.Juni
1955 in San Francisco vor der "Kiwanis International" -Vereinigung. Dulles geht darin auf die
neuerlichen Friedensbeteuerungen der Sowjets ein
und beleuchtet die augenblickliche Situation der
Weltpolitik.

"Ihre Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf internationaler Ebene intelligente, aufgeschlossene und pflichtbewußte
Bürger au erziehen. Ich weiß, daß Sie daher an der heutigen Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotismus außerordentlich
interessiert sind.
Es ist ja wohl nichts Neues, daß sich Despotismus und Freiheit
bekämpfen. Dies war schon seit Urzeiten so. Heute aber hat diese
Auseinandersetzung ein Ausmaß und eine Intensität erreicht, die für
unser Zeitalter charakteristisch geworden sind.
Die Kräfte des Despotismus sind besser organisiert als je
zuvor. Sie beherrschen bereits ein Drittel der ganzen Menschheit
und sie propagieren ganz offen ihr Ziel, ihr System auf die ganze
Welt auszudehnen.
Bisher haben sie ihre Erfolge durch die Anwendung oder die
Androhung von Gewalt erzielen können. Während der Ära Stalins wurden
15 Nationen ganz oder zum großen Teil mit Gewalt der sowjetkommunistischen Herrschaft
unterworfen, über die freien Nationen sind
gegenüber der Gefahr wach geworden. Sie haben ihre Abwehrkraft aufgebaut und sich in Maßnahmen zur kollektiven Verteidigung zusammengeschlossen. Der sowjetische Kommunismus konnte nicht mehr länger
eine Nation nach der andern einzeln herausgreifen.
Jetzt sagen die Sowjetmachthaber, daß sie künftig auf Gewaltanwendung verzichten werden. Aber sie erklären zugleich, daß sie
weiterhin damit rechnen, daß ihr System sich in der Welt durchsetzen wird, weil es so gut ist, daß alle Menschen es wünschen
werden.
Wir begrüßen diese Entwicklungen und werden sie unterstützen.
Es_
- 1 -

�AMERIKA DIENST"

27- Juni 1956

Es wäre jedoch töricht, wollte man annehmen, daß die Gefahr nunmehr vorüber ist und daß wir unsere Politik der gemeinsamen Sicherheit, die die alten sowjetischen Taktiken vereitelte, aufgehen
können. Die Sowjetmachthaber behalten weiterhin eine Position, die
es ihrer, ermöglicht, schnell zu ihren alten Gewalt- und Zwangsmethoden
zurückzukehren, und sie würden gewiß versucht sein, dies zu tun,
wenn die freien Nationen jemals ihre Politik des Zusammenstehens
aufgäben. Denn die klassische und naür'icne Taktik des SowjetKommunismus, wie er nicht nur von Stalm sondern auch von Lenin
gelehrt wird, igt die Gewalt. Die sovuetische Industrie arbeitet
auf Hochtouren, um immer stärkere At m- und Kernwaffen zu produzieren. Die thermonuklearen /ersuche in der Sowjetunion werden in
größerer Zahl darchgefünrt. Sie arbeite unermüdlich daran, die
Mittel für den Einsatz neuer Waffen dvtrc h Bomber, InterkontihentalRaketen und Unterseeboote zu vermehren.
Sie entwickeln auch neue Techni en der indirekten Aggression.
Sie versuchen zum Beispiel, ihre Age te : in ardere Länder zu schleusen - Männer, die Techniker sind, aoer auch gleichzeitig dem politischen Apparat des internationalen Kommunismus angehören. Sie versuchen Länder, die der Hilfe bedürfen, mit wirtschaftlichen Versprechungen zu umgarnen. Sie bereite, sich auf die Möglichkeit
vor, andere Regierungen gegen den Willen, ja ohne Wissen der jeweiligen Völker zu unterwandern.
Es ist daher von lebenswichtiger Bedeutung, daß die freien
Nationen auf der Hut bleiben und an ihrer Politik der Sicherung
des Friedens festhalten - wozu in unserem Falle auch das Programm
der gemeinsamen Sicherheit gehört, das jetzt dem Kongreß vorliegt.
Auf der anderen &gt;eite nehmen wir jedoch voller Zuversicht die
Herausforderung der sowjetischen Kommunisten an, unsere Systeme
einem Vergleich zu stellen.
Wir stellen zuerst einmal die Frage: Wenn der Kommunismus so
gut ist, daß - wie seine Führer sagen - die anderen ihn um seiner
Verdienste willen aus freien Stücker akzeptieren v/erden, warum sollte
man dann nicht denen die erste Wahl lassen, die ihn am besten kennen?
Das russische Volk hat jetzt 39 Jahre Zeit gehabt, um die Qualitäten
des sowjetkommunistischen Systems schätzen zu lernen. Die osteuropäischen Völker hatten zehn und mehr Jahre Zeit, um dieses System
zu bewerten. Wenn der Kommunismus auf Grund seiner eigenen Verdienste
den Sieg davontragen kann,und zwar unter den Bedingungen einer wahrhaft freien Wahl, warum stellen seine Verfechter dies nicht den Ländern unter Beweis, wo er heute an der Macht ist?
Die sowjetischen Machthaber versprachen auf der Konferenz auf
höchster Ebene im vergangenen Juli, daß sie dem deutschen Volk freie
Wahlen zugestehen wollten. Rund 17 Millionen der Deutschen kennen den
Kommunismus sozusagen aus erster Hand, und die meisten anderen kennen
Augenzeugenberichte. Warum sagt die sowjetische Regierung nun, wie sie es
im November vergangenen Jahres in Genf erklärt hatte und immer noch wiederholt, daß sie die versprochenen freien Wahlen nicht gestatten wird, weil
sie fürchtet, das deutsche Volk würde sich von den sogenannten 'sozialen
Errungenschaften' abwenden, die das kommunistische Regime Ostdeutschland
auferlegt hat?
- 2 Dürfen

�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Dürfen die freien Völker nicht mit Recht annehmen, daß an einem
System, das von keinem Volk bisher freiwillig akzeptiert wurde und das
die sowjetischen Machthaber selbst nicht dem Urteil jener Völker unterwerfen wollen, die es am besten kennen, grundsätzlich etwas falsch sein
muß?
Wir wollen aber nicht nur auf der Basis dieser Annahme argumentieren, so einleuchtend sie auch ist. Wir wollen das sowjetische System
einmal näher beleuchten.
Sicher scheint die Diktatur in einem engbegrenzten Bereich das
vorteilhaftere System zu sein. Sie gestattet einen opportunistischen
Kurs. Sie ermöglicht eine Beweglichkeit im Handeln, wie sie Regierungssystemen abgeht, die auf dem Grundsatz der Demokratie basieren. Despotische Herrscher können heute eine Richtung einschlagen und schon am
anderen Tage eine Schwerkung um 180 Grad vornehmen, ohne ihren Zickzackkurs der Öffentlichkeit erklären oder vor ihr rechtfertigen zu müssen.
Sie sind weder an Anweisungen eines Parlaments noch an einen festen
Haushaltsplan gebunden. Sie können die Erziehung ihres Volkes jeweils
dem Gebot der Stunde anpassen, und sie haben die Möglichkeit, nach ihrem
eigenen Gutdünken Menschen zu zwingen, im In- und Ausland für die Regierung zu arbeiten. Die kommunistischen Diktaturen, die sich vom
Atheismus und Materialismus leiten lassen,.können darüber hinaus die
menschliche Arbeitskraft wie eine Ware behandeln, die dazu da ist, um
für die Glorifizierung des Staates aufgebraucht zu werden. Und sie tun
es auch.
Auf Grund dieser Machtbefugnisse können Diktatoren Dinge bewerkstelligen, die andere Regierungen, die ihre Macht von der Zustimmung
des regierten Volkes herleiten, nicht zu vollbringen vermögen.
Viele despotisch regierte Völker haben in der Vergangenheit bemerkenswerte Denkmäler hervorgebracht - Pyramiden, Kolosseen, Paläste
und Tempel -, die von Sklaver: in mühevoller Arbeit errichtet wurden,
um Könige und Potentaten zu glorifizieren, die den Staat personifizierten. Der Sowjetstaat kann ähnliche Errungenschaften für sich verbuchen. Durch die rücksichtslose Ausbeutung von Zwangsarbeitern haben
die Diktatoren moderne Monumente in Gestalt von Industrieanlagen, Elektrizitätswerken und ähnlichem geschaffen. iie haben ihr Wirtschaftssystem einem erzwungenen und unausgeglichenen Wachstum unterworfen und
mit Hilfe reicher natürlicher Hilfsquellen und unter der Gunst eines
•gemäßigten Klimas die Industrialisierung und die Ausbildung von technischen Fachkräften rasch vorangetrieben.
All diese Erfolge werden von der Sowjet-kommunistischen Propaganda
herausgestrichen. Aber auch diese Medaille hat ihre Kehrseite.
Ich werde hier nicht den Versuch unternehmen, sämtliche übel des
sowjet-kommunistischen Despotismus aufzuzählen. Ich möchte allerdings
Ihre Aufmerksamkeit auf die Enthüllungen lenken, die Herr Chruschtschow,
der derzeitige Führer der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, in
seiner zunächst geheimgehaltenen Rede vor dem XX. Parteikongreß der

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

der KPdSU gehalten hat. Diese Rede ist die schlimmste Verdammung
des Despotismus, die je aus dem Ifunde eines Despoten gekommen
ist. Sie allein sollte allen freien Völkern Anlaß genug sein, jene
Form des Despotismus zu meiden, so wie sie vor der Pest fliehen
würden.
Chruschtschow hat aus verständlichen Gründen versucht, seine
Rede geheimzuhalten.
'Wir dürfen diese Angelegenheit nicht aus den
Reihen der Partei, insbesondere nicht in die Presse dringen lassen1,
so sagte er. '.... Wir dürfen dem Feind keine Munition liefern, und
wir sollten unsere schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen'.
Inzwischen ist Chruschtschows Rede bekannt geworden. Man sollte
sie in allen Teilen der Welt lesen und sorgfältig studieren.
7/as hat Chruschtschow gesagt? Er hat erklärt, daß eben jener
Mann, der für Jahre hindurch an der Spitze der Kommunistischen Partei
der Sowjetunion und der Sowjetregierung stand, der als ein Halbgott
dargestellt wurde, und dessen Schriften de::i Kommunismus in aller Welt
als bindende Richtschnur galten, in Wirklichkeit, was seine Lehre
anging, ein 'Abweichler' warj daß er sich als Führer des Staates
den Gefahren gegenüber, die dem Staat drohten, so blind gezeigt
habe, daß seine Handlungsweise schon fast ao Verrat grenze; und
daß er als Mensch in seinem Charakter so brutal und sadistisch gewesen sei, daß er einem der übelsten der römischen Kaiser, Caligula,
den Rang streitig mache. Darüber hinaus - und das ist der wichtigste
Punkt - stellte Chruschtschow die Unfähigkeit des sowjet-kommunistischer. Systems bloß, sich seiner eigenen schlechten Führung zu entledigen, da ja eben diese schlechten Führer es waren, die die höchste
Macht besaßen, andere zu liquidieren.
Ich darf Ihnen hier kurz einige der wichtigsten Punkte der langen
Rede Chruschtschows aufzählen.
Chruschtschow erklärte nach einem Hinweis auf verschiedene der
Schriften Stalins: 'Das ist natürlich eine klare Abweichung vom
Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung
der Rolle der Partei.'
Chruschtschow erklärte weiter, daß Stalin vor Hitlers Angriff auf
Rußland hinreichend gewarnt worden war, daß aber 'trotz dieser überaus
ernsten Warnungen nicht die erforderlichen Vorkehrungen getroffen worden sind, um eine Verteidigungsbereitschaft des Landes sicherzustellen
und es vor Überraschungsangriffen zu bewahren.'
Chruschtschow erklärte, daß die Furcht vor Stalin so groß gewesen
sei, daß diejenigen Männer, die mit der Sammlung und Auswertung von
Nachrichten beauftragt waren, ihrer Aufgabe nur mit Zittern und Zagen
nachkamen, auf daß nicht das, was sie berichteten»Stalin aufrege und
damit ihr eigenes Leben gefährden könne. Er erklärte wörtlich 'wegen
der Voreingenommenheit der Führung gegen solche Nachrichten, war man
ängstlich bei der Weiterleitung und zurückhaltend bei der Auswertung.'
Chruschtschow

�AMERIKA DIENST"

27. Juni

1956

Chruschtschow gab an, daß Stalin, um seinen Sadismus zu befriedigen, immer wieder die Anwendung von Folterungen verlangte, um falsche
Geständnisse zu erpressen, die dann zur Grundlage von Justizmorden gemacht wurden. Er befahl 'lange Folterungen1 und hat gewöhnlich selbst
'den Untersuchungsrichter zu sich gerufen, um ihm Instruktionen zu erteilen und Anweisung bezüglich der anzuwendenden Untersuchungsmethoden
zu geben; diese Methoden waren sehr einfach: schlagen, schlagen und
nochmal schlagen'. Chruschtschow führt Fall um Fall der Anwendung
der Folter auf.
Chruschtschows Rede beschwört ein abscheuliches Bild herauf.
Man kann diese Rede nicht ohne Grauen und Abscheu lesen. Doch dürfen
wir nicht bei dieser instinktiven gefühlsmäßigen Reaktion verweilen.
Wir müssen weitergehen und die grundlegende Frage stellen: Warum wurden
diese Dinge nicht zu Stalins Lebzeiten aufgedeckt? und nicht erst
ganze drei Jahre nach Stalins Tod?
Chruschtschow versucht, dies zu begründen. Er verweist auf Berija
als Stalins wichtigsten Handlanger bei Folter und Mord, und erklärt:
'Hier erhebt sich die Frage, warum Berija, der Zehntausende von
Parteimitgliedern und Sowjetfunktionären liquidiert hatte, nicht zu
Lebzeiten Stalins entlarvt wurde. Er wurde nicht früher entlarvt, weil
er sehr geschickt Stalins Schwächen auszunutzen verstand; indem er
Stalins Mißtrauen ständig neue Nahrung gab, half er ihm in allen
Dingen und handelte mit Stalins Unterstützung.'
Kurz, das kommunistische Regime in der Sowjetunion bietet keinerlei Sicherungen selbst gegen so extremen Mißbrauch der Macht, wie
Chruschtschow ihn schildert. Es gibt keinerlei Schranken und Gegengewichte. Das System ist, wie selbst Lenin es ausdrückte, ein System
der 'unumschränkten Macht, die sich auf Gewalt, und nicht auf das
Recht gründet 1 . Alles vollzieht sich im Dunkel. In diesem System gibt
es keine Handhabe, den Herrscher durch einen anderen zu ersetzen.
Wird diese Herrschaft mißbraucht, so bringen nur Tod oder Gewalt das
sichere Ende dieses Mißbrauchs; und selbst der Tod gibt noch keine
Gewähr dafür, denn Berija, den Chruschtschow noch schlimmer als Stalin
nennt, wäre wahrscheinlich Stalins Nachfolger geworden, wenn er nicht
in dem nach Stalins Tode einsetzenden Kampf um die Macht beseitigt
worden wäre.
Die heute führenden Persönlichkeiten des politischen Lebens in
Rußland waren sämtlich Freunde Stalins und wußten ganz genau, was
vor sich ging. Chruschtschow und Bulganin waren Stalins enge Mitarbeiter und, weiß Gott, die Nutznießer seiner Säuberungen innerhalb der
Partei. Und heute müssen sie zugeben, daß es kein Mittel gibt, selbst
den größten Mißbrauch der Macht zu verhindern, wenn das von ihnen
verfochtene System erst einmal in einem Lande Fuß gefaßt hat.
Auch ist zu beachten, daß zwar die kommunistischen Führer der
Sowjetunion heute unter sich über Stalins Verbrechen sprechen und
sich in der Öffentlichkeit von Stalin distanzieren wollen und anscheinend wirklich hoffen, eine Wiederholung dieser Schreckensherrschaft
zu vermeiden, daß aber in der kommunistischen Partei Chinas, die versucht, das System ihres Landes auf ganz Asien auszudehnen, und deren
Führer Stalins eifrigste und ergebenste Nachahmer waren, nicht

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

nicht einmal diese Einsichten zu erkennen sind. Mao Tse-tung erklärte in einem Artikel über Stalin nach dessen Tode: ".Vir scharten
uns um ihn, baten ihn ständig um seinen Rat und sogen ideologische
Kraft aus seinen Werken'. Der Delegierte der Kommunistischen Fartei
Chinas auf dem XX.Parteikongreß in Moskau, auf dem Chruschtschow seine
Rede hielt, rühmte 'die Festigkeit und Unbesiegbarkeit der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Lenin geschaffen und Stalin großgemacht hat.
Ja, die chinesischen Kommunisten haben sogar versucht, Stalin
an Brutalität noch zu übertreffen. Und wehrend Stalins Nachfolger
in Rußland zumindest vorgeben, auf dem Gebiet der internationalen
Politik keinerlei Gewalt anzuwenden, lehnen die chinesischen Kommunisten dies nach wie vor ab. Wir haben geduldig versucht - und versuchen dies noch immer - sie dazu zu bringen, sich eindeutig gegen
alle Gewaltmaßnahmen zu erklären, insbesondere was das Gebiat von
Formosa anbelangt; aber leider bisher ohne jeden Erfolg.
So sehen wir nun das System unverhüllt vor uns, von dem Bulganin
und Chruschtschow sagten, sie hofften, daß die freier. Völker der Welt
es freiwillig akzeptieren würden. Es ist ein System, das wieder einmal
die Wahrheit von Lord Actums Ausspruch beweist, daß 'Macht die Tendenz
hat, die Menschen zu korrumpieren; und absolute Macht bedeutet absolute
Korruption'. Es ist ein System, in dem Mißbräuche unvermeidlich sind
und das keinerlei Handhabe bietet, diese Mißbräuche abzustellen.
Und diesem System steht das System der freien Gesellschaftsordnungen gegenüber, wo die Regierung mit Wissen und Zustimmung der
Regierten ihre Aufgaben erfüllt, und wo die Regierung abgesetzt wird
und eine neue an ihre Stelle tritt, wenn die Regierten es wünschen.
Der größte Vorwurf der sowjetischen Kommunisten gegen diese Gesellschaftsordnungen ist der, daß sie reaktionär seien, Gesellschaften,
in denen der 'Status quo' herrsche. Aber wie sieht es in diesen Gesellschaften aus?
Es ist eine schöne Sitte der freien Gesellschaft, Selbstkritik
zu üben und ihre Mängel offen zu bekennen. Aber hin und wieder ist es
angebracht, einmal eine Bestandsaufnahme der ungeheuren positiven
Wandlungen vorzunehmen, die in den Ländern mit einer echten Volksvertretung erreicht wurden. Dies ist um so notwendiger, als friedliche Wandlungen selten die Aufmerksamkeit der Menschen in dem
gleichen Maße auf sich ziehen wie jene Veränderungen, die durch
Gewalt herbeigeführt werden.
Lassen Sie uns also die friedliche Evolution betrachten, die
sich in unserer amerikanischen Gesellschaft seit 1917 vollzogen hat,
als die 'revolutionären' Bolschewisten in Rußland die Macht ergriffen.
Unsere freie Gesellschaft erhält ihren Hauptimpuls von
giösen Charakter, von dem sie bestimmt wird. Wir glauben an
ge Natur des Menschen und an die Menschenwürde als Ergebnis
sache, daß der Mensch seinen Ursprung in Gott hat, der sein
bestimmt.

dem relidie geistider TatSchicksal
Ein

�"ALIERIKA PIEKST"

27. Juni 1956

Ein solcher Glaube ist ein ständiger und mächtiger Antrieb, die
Welt mit friedlichen Mitteln zu verändern und eine bessere Welt zu
schaffen.
In dem Zeitraum, von dem ich spreche, haben gewaltige Veränderungen
stattgefunden.
Die rechtliche Benachteiligung, die seit Jahrhunderten das Los
der Frau gewesen war, wurde beseitigt, und heute unterscheidet sich
ihre politische, wirtschaftliche und soziale Stellung völlig von der,
die sie vor 40 Jahren besessen hatte.
Wenn auch noch nicht völlig beseitigt, so ist die Rassendiskriminierung doch rasch im Verschwinden begriffen. Die heutigen Verhältnisse
lassen sich nicht mit denen vor 40 Jahren vergleichen.
In steigendem Maße wurden Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit eingeführt. Die Kindersterblichkeit r:ing um 75 Prozent zurück. Zahlreiche
gefährliche Krankheiten wurden ganz ausgerottet.
Die Wissenschaft vollbringt Wunder. Wissenschaftler der freien
Welt haben als erste das Atom gespalten und gewaltige neue Möglichkeiten des Fortschritts auf den Gebieten der Wirtschaft und der Medizin
eröffnet. Durch internationale Abmachungen werden diese Möglichkeiten
in der ganzen Welt greifbar, und wir erwarten als Folge von Präsident
Eisenhowers 'Atome-für-den-Frieden'-Vorschlag vor den Verein-en Nationen
die baldige Errichtung einer internationalen Atomenergiebehörde.
Die amerikanische Produktivität hat sich in den vergangenen 40 Jahren etwa verdreifacht.
Der Lebensstandard der Arbeiterschaft ist gestiegen. Ihre Löhne
sind höher, die Arbeitszeit wurde verkürzt, der Arbeitsplatz ist gesicherter und die Altersversorgung ausgebaut. Die Löhne sind hoch und
die Arbeitszeit kurz. Im Jahre 1916 betrug der durchschnittliche Arbeitslohn bei einer Arbeitszeit von 49 Stunden in der Woche, gemessen an
der Kaufkraft des Dollars im Jahre 1955» etwa 32 Dollar. Heute beträgt
er etwa 76 Dollar bei einer 41 ständigen Arbeitswoche. Der Unterschied
zwischen dem Durchschnittseinkommen eines Industriearbeiters und eines
leitenden Angestellten ist in den Vereinigten Staaten geringer als in
der Sowjetunion.
In den vergangenen 40 Jahren ist aber der Lebensstandard nicht
nur beträchtlich gestiegen, sondern gerade die unteren Einkommensschichten waren daran verhältnismäßig am stärksten beteiligt.
In den letzten Jahren erhöhte sich das Bruttoeinkommen im obersten
Fünftel der Einkommensskala um 33 Prozent, während das Bruttoeinkommen
des untersten Fünftels um 125 Prozent anstieg. Ferner werden die Einkommen- und Erbschaftssteuern,im Gegensatz zu der Zeit vor 40 Jahren,
wo diesen fast keine Bedeutung zukam, heute zum großen Teil von den
höheren Einkommensgruppen im Interesse des Allgemeinwohls getragen.
Dadurch erhöht sich der Anteil der niedrigeren Einkommen am Sozialprodukt noch weiter.
Das

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�'AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

Das Miteigentum an den Produktionsmitteln, das 1917 noch sehrgering war, ist heute weit gestreut, über acht Millionen sind heute
Besitzer von Aktien amerikanischer IndustrlegeSeilschaften, über 22
Millionen Familien besitzen ein eigenes Haus, während es vor 40 Jahren
nur sieben Millionen waren.
Die Ausbildungsmöglichkeiten sind selbst auf dem Gebiet des höheren
Schulwesens erheblich erweitert. Heute besuchen 37 Prozent der jungen
Menschen im Alter von 18 bis 21 Jahren Lehranstalten, während es im
Jahre 1920 lediglich 8 Prozent waren.
All diese und viele weitere Fortsc ritte sind im Rahmen unserer
freien Gesellschaftsform erzielt worden.
Auf internationalem Gebiet ist gleichfalls ei- um '• -send, r \7ech«
sei eingetreten. Ein großer Fortschritt wurde hinsichtlich der Entwicklung von kollektiven Sicherheitssystemen gemacht. Dies Ist der
Weg der Vernunft. In einer entwickelten und vernunftre^i rten Gesellschaft bekämpft man das Verbrechen durch ein kol_ektives ...olizeisystem,
bekämpft das Feuer mit einer gemeinsamen Feuerwehr und die Krankheit
durch öffentliche Gesundheitsdienste. Dieses Prinzip ein., kollektiven
Anstrengung tritt jetzt auf internationaler Ebene hervo-. Seine Initiatoren waren die freien Nationen, einmal im Rahmen der Organisation
der Vereinten Nationen, zum anderen durch die kollektiven Sicherheitsverträge. Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit mit 42 anderen Nationen
durch solche Verträge verbunden. Diese Entwicklung ist eine Anwendung
des großen Moralprinzips, daß 'wir alle Glieder einer großen Familie
sind und einer für den anderen da ist.'
In gleicher V/eise ist der Grundsatz der Menschenwürde auf das
Kolonialproblem angewandt worden. In einer Zeit, in der der internationale Kommunismus mit Gewalt seine Herrschaft über mehr als 65O Millionen Menschen ausdehnte und die Unabhängigkeit von 15 Nationen vernichtete oder beschnitt, gewährten die freien Nationen 17 Ländern mit
einer Bevölkerung von rund 65O Millionen Menschen die Unabhängigkeit.
Damit wird der gewaltigste Gegensatz zwischen dem dynamischen Liberalismus freier Gesellschaften und dem brutalen Rückschritt jener, die
die Gewalt anbeten, deutlich. Ob wir also die Entwicklung auf nationaler
oder auf internationaler Ebene betrachten,
so sehen wir den ungeheuren und wohltuenden V/andel, den der Prozeß
der Freiheit hervorgebracht hat.
Aber wir dürfen uns nicht einfach zufriedengeben und der Meinung
sein, daß unsere Vergangenheit automatisch unsere Zukunft sichert.
Es ist wesentlich, daß der dynamische und liberalisierende Einfluß
der Freiheit ständig zum Tragen gebracht wird, und zwar nicht nur mit
Worten, sondern durch Taten.

In

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�AMERIKA DIENST"

27. Juni 1956

In jedem Wettstreit mit dem Despotismus sind die freien Gesellschaften, wie es mitunter scheint, in mancher Hinsicht im Nachteil. Sie decken ihre Schwächen und Mängel auf, während die Despoten
sie in der Regel verbergen. Die freien Gesellschaften erscheinen
daher oft schlechter als sie sind, und die Despoten können zuweilen
besser erscheinen als sie in Wirklichkeit sind.
Es geschieht nicht oft, daß der Despotismus öffentlich entlarvt
werden kann wie durch die Publikation der Chruschtschowrede. Um diesem
Vermögen des Despotismus, sich selbst zu maskieren, die Wirkung zu
nehmen, müssen die freien Gesellschaften ihre eigene beständige Hingabe an die liberalen Prinzipien des friedlichen Wandels über allen
Zweifel klar herausstellen.
Zu beweisen, daß der Despotismus vom Übel ist, ist nicht genug.
Es ist genauso notwendig, daß man wieder und wieder beweist, daß die
Freiheit gut ist. Sofern die freien Völker das nicht tun, wird der
Despotismus siegen und sei es nur aus dem Grunde, weil die in Not
lebenden Völker, wie zum Beispiel in den neuaufstrebenden Ländern,
leicht durch die Aussicht auf einen raschen wirtschaftlichen Wandel
verführt v/erden können, worauf die sowjetischen Machthaber spezialisiert sind.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen weihen.
Wenn wir weiterhin die Freiheit als eine dynamische, liberalisierende
Kraft aufzeigen können, dann brauchen wir die Ergebnisse eines friedlichen Wettstreits, den die Sowjetmachthaber anzubieten vorgeben,
nicht fürchten. Vielmehr können wir hoffen, daß die derzeit innerhalb
der Sowjetunion und in den von den Sowjets geknechteten Völkern am
Werk befindlichen Kräfte fordern werden, daß diejenigen, die herrschen, sich in zunehmendem Maße an die Prinzipien der Freiheit halten.
Day bedeutet, daß sie in zunehmendem Maße die Würde des Einzelmenschen
anzuerkennen haben, daß sie die Wünsche und Hoffnungen des Volkes immer
mehr zufriedenstellen und daß sie sich selbst immer stärker einem
friedlichen Wandel gemäß dem Willen der von ihnen regierten unterstellen. Auf disse Weise wird eine weitweite Ära eines wahren
Liberalismus ihren Anfang nehmen.
Diese Möglichkeit ist jetzt zum ersten Mal seit vielen Jahren
klar ersichtlich. Sie sollte uns zu wachsender Anstrengung anspornen. Nunmehr können wir die Zuversicht haben, daß es unserer
Generation möglich sein könnte, am Aufbau einer solchen Welt teilzunehmen, die wir mit S-tolz unseren Kindern hinterlassen können."

* * * * *

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�A M E R I K A

ZIEL DER USA:

D I E N S T

FREIHEIT IN EINER V/ELT DES FRIEDENS

MIAMI (Florida) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Ansprache,
die der Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 30.Juni 1956 vor der 39»Jahresversammlung der Lions International in Miami
(Florida) gehalten hat.

Ich habe mir für heute ein Thema ausgesucht, das meiner festen
Überzeugung nach die bedeutsamste und lebenswichtigste*Fragestellung
unserer Zeit überhaupt betrifft. Ich darf es Ihnen vielleicht in Form
einer Frage vorlagen: Welche Politik seitens der Vereinigten Staaten
ermöglich"!: uns am ehesten die Erreichung jenes Zieles, das wir um unserer selbst willen und im Interesse anderer erstreben - die Freiheit
in einer V/elt des Friedens?
Lassen Sie mich drei Dinge von vornherein klarstellent
Diese Fragen lassen sich nur in völliger Unparteilichkeit behandeln. Keine politische Partei hat ein Monopol auf den Patriotismus oder
auf le Hingabe an die grundlegenden Zielsetzungen, die alle Amerikaner
teilen, nämlich unser Land stark, das Volk frei und der Welt den Frieden
zu erha'ten.
Unter Menschen, die sich gleicherweise von den besten Absichten
leiten lassen, bestehen d ennoch oftmals verständliche und ehrenhafte
Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Politik wir in dieser unserer Zeit verfolgen soll ten. Der eine vertritt die Auffassung, wir
gebe; zu viel, der andere , wir geben zu wenig für die Verteidigung
aus. Der eine mag meinen, wir sollten unsere Auslandshilfe verstärken,
der andere, wir sollten s ie kürzen. Der "eine argumentiert, daß wir
angesichts der jüngsten E reignisse der kommunistischen Welt gegenüber
eine zu unnachgiebige Hai tung einnehmen, während ein anderer behauptet, daß wir zu nachgiebi g verfahren.
Der dritte Punkt, den ich klarstellen möchte, ist der, daß ich
für meinen Teil keineswegs eine Unfehlbarkeit oder Allwissenheit auf
diesem Gebiet in Anspruch nehme. Ich unterbreite Ihnen keine geheimen
Informationen - auch keine Zauberformel. Ich möchte Ihnen vielmehr
ein Bild aufzeigen von den Problemstellungen, denen sich die Männer
in Washington gegenübersehen, die unseren politischen Kurs bestimmen,
und ich möchte dabei so objektiv verfahren, wie ich nur vermag. Darüber
- 1 -

�k
"AMERIKA DIENST"

11. Juli 1956

Darüber hinaus möchte ich Ihnen zu erkennen geben, wie wir diese
Probleme anpacken können.
Der amerikanische Standpunkt
Lassen Sie mich zuerst den Standpunkt der Vereinigten Staaten
gegenüber dieser großen Frage untersuchen.
Die Friedenssehnsucht ist tief im Herzen jedes einzelnen Amerikaners verwurzelt und findet auf jedem Blatt der Geschichte unseres
Landes ihren Niederschlag. Die Scharen von Einwanderern, die unseren
Staat groß gemacht haben, kamen hierher, um dem Zank und Hader in
ihrer alten Heimat zu entgehen und hier einen Hort der Freiheit und
ein Land des Friedens zu finden.
Wir stehen aber in unserem Streben nach Erhaltung des Friedens
nicht allein da. Auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs erheben
Millionen von Menschen in einem Land nach dem anderen ihre Stimme,
um ein Ende des Krieges und des Blutvergießens zu fordern.
Der Krieg war für diejenigen Männer, die aktiv an ihm teilnehmen
mußten, noch niemals eine Verlockung. Der Kitzel und die Erregung der
Schlacht und auch die Freude des Triumphes sind Gefühle, die gelegentlich den Zuschauer befallen mögen, der den Krieg nur aus der Ferne
erlebt. In Romanen und Theaterstücken wird der Krieg oftmals als der
Weg zum Ruhm dargestellt. Das sind aber nicht die Gedanken jener, die
in der Mitte des Kampfgetümmels stehen. Der todmüde Soldat, eine ihrer
Söhne beraubte Mutter und die Witwen und Waisen - sie alle können in
der rauhen Wirklichkeit der Zerstörung und des Todes keine Verlockung
und keinen Kitzel sehen.
Diese Rücksichtnahme auf die Grundforderungen menschlicher Anständigkeit, spiegelt sich in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten
wider. Wir wurden zum Krieg gezwungen, und nur mit Zögern griffen wir
zu den Waffen. Wenn wir kämpften, so nicht deshalb, weil wir plötzlich
den Wert des Friedens gering achteten, sondern weil wir das Gefühl
hatten, daß die Freiheit das wichtigere sei. Es ist kein Zufall, daß
die großen führenden amerikanischen Staatsmänner, die den Krieg aus
eigener Anschauung kennengelernt haben, angefangen von unserem ersten
Präsidenten George Washington bis in unsere Tage zu Präsident Eisenhower,
verzweifelt darum gerungen haben, der Menschheit ein zweckloses Gemetzel
zu ersparen.
Die Vereinigten Staaten begehren nichts, was anderen Völkern gehört, und wir wollen keine anderen Länder beherrschen. Wir erstreben
eine Welt, in der die unermeßlichen Energien des Atoms und die anderen
großen Entdeckungen der modernen Wissenschaft für Zwecke des Aufbaus und
nicht der Zerstörung benutzt werden. Die einzigen Feinde, gegen die wir
ankämpfen, sind Armut, Krankheit, Unwissenheit und Furcht. Wir hoffen,
daß die gesamte Welt einschließlich jener Völker, die gegenwärtig unter
kommunistischer Herrschaft leben, eines Tages teilhaben werden an der
Prosperität und Freiheit, die wir zu unseren Errungenschaften zählen.
Dieses Streben nach Frieden und einer weltweiten Prosperität ist das
Ziel der offiziellen Politik der Vereinigten Staaten. Es wurde von Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles immer und immer wieder dar~„-iQ~-iDer
gelegt.
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11. Juli 1956

Der Kampf für den Frieden wird aber nicht einfach dadurch gewonnen, daß wir uns für den Frieden erklären. Kein Allheilmittel,
keine Formel und kein Schlagwort kann diese Schlacht entscheiden,
nur harte, langwierige, erschöpfende und hingabevolle Arbeit vermag uns an dieses Ziel zu führen. Aus diesem Grund dürfen wir uns,
meiner Meinung nach, glücklich schätzen, daß wir diese kritische
Zeit unter der weisen, erfahrenen und inspirierenden Führung eines
Mannes durchleben, der den Krieg kennt und. in aller Welt als ein
Symbol des Friedens gilt» Präsident Eisenhower.
Das Problem, wie wir unsere friedlichen Zielsetzungen erreichen
können, ist auch dann schwer zu lösen, wenn wir wissen, in welcher Lage
wir uns befinden. Es ist aber noch weit schwieriger, wenn Uneinigkeit i
in der Beurteilung des Wesens und der Größe der Bedrohung des Friedens
herrscht. Wir befinden uns heute in einer solchen mißlichen Lage, wenn
wir versuchen, eine Antwort auf die Frage zu findent Welche Politik
betreiben die Sowjetunion und die in ihr Lager gehörigen kommunistischen Staaten im gegenwärtigen Augenblick?
Die kommunistische Politik im Wandel
Die sowjetischen Führer haben die Möglichkeit einer friedlichen
Koexistenz zwischen den kommunistischen Staaten und der übrigen Welt
proklamiert und den Stab über einige der politischen Praktiken Stalins
gebrochen. Sie haben Reisen nach verschiedenen Ländern unternommen, um
Bündnisse mit neutralen Staaten zu schließen. Sie haben des weiteren
den sozialistischen Parteien in aller Welt die Freundeshand dargeboten
und behauptet, daß nunmehr eine Zusammenarbeit für die gleichen Ziele
möglich sei.
Noch mehr überraschte aber, daß Anzeichen für einen Wandel in der
inneren Verwaltung der kommunistischen Staaten bestehen. Es ist vielleicht zu viel gesagt, wollte man behaupten, daß die Feuerzeichen der
Freiheit entzündet worden sindj immerhin wurde der rigorose Terror
früher Jahre zumindestens auf Zeit teilweise gelockert.
Was bedeuten diese Schritte? Die sowjetischen Führer sprechen
vom Frieden. Stehen ihre Handlungen aber im Einklang mit ihren Worten?
Wir sollten diese Frage ohne Zynismus und ohne Bitterkeit stellen. Wenn
wir sicher sein könnten, daß die Sowjetführer dazu bereit sind, in
aller W.elt für den Frieden, die Gerechtigkeit und die Freiheit einzutreten, dann sollten wir bereit sein, den Alptraum der vergangenen
40 Jahre zu vergessen und Gott dafür danken, daß wir zum Wohle aller
zusammenarbeiten können.
Wir befinden uns in einem schmerzlichen Zwiespalt. Wenn wir die
sogenannten "Friedensschritte" der Sowjets zurückweisen, dann besteht
die Gefahr, daß uns manche Völker für Kriegstreiber halten. Nehmen wir
diese Angebote jedoch kritiklos an, dann schwächen wir damit vielleicht
unsere Bündnissysteme und beschwören damit gerade jenen Krieg herauf,
den wir so sehr vermeiden wollen.
Wie können wir diesem Dilemma entgehen? Meiner Meinung nach am
einfachsten und ehrenhaftesten dadurch, daß wir, so wie wir dies schon
getan haben, vor der ganzen Welt unsere Bereitschaft bekunden, auf

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11. Juli 1956

auf Worte des Friedens zu hören, daß wir aber nur dann handeln werden,
wenn diesen Worten auch Taten folgen. Manche Kreise wenden dagegen ein,
daß eine solche Politik zu fest und zu starr sei. Eine feste Politik
wird jedoch den Kreml nicht entmutigen, wenn er wirklich den Frieden
sucht. Die Führer Rußlands sind Realisten, und sie wissen, daß angesichts
der Geschichte der vergangenen Jahre die Beweislast auf ihnen ruht. In
nahezu 40 Jahren gab es in der sowjetischen Politik zahlreiche Veränderungen und Wendungen. Die Ereignisse haben aber immer gezeigt, daß diese
Wandlungen trügerisch waren. Sie zielten darauf ab, die freie Welt
irre zu führen - allzu oft sogar mit Erfolg.
Man kann uns sicherlich nicht beschuldigen, wir verhielten uns der
Sache des Friedens gegenüber gefühllos und gleichgültig, wenn wir dieser
Tatsachen eingedenk bleiben. Ich bin sicher, daß uns die gleichen kommunistischen Machthaber, die den Frieden und die Koexistenz proklamieren,
als Schwachköpfe verachten würden, wenn wir nicht ganz eindeutige Beweise
forderten, daß sich die Verhältnisse in der kommunistischen Welt tatsächlich geändert haben.
Die sowjetische Politik in der Vergangenheit
Lassen Sie mich in dieser Hinsicht zunächst einmal einen Blick auf
die Geschichte werfen. In den letzten 35 Jahren hat es in der sowjetischen Politik acht völlige Kehrtwendungen gegeben.
Im Jahre 1920 gewährte die Sowjetunion den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen - die Unabhängigkeit, um sie im Jahre 1940
dann zu annektieren.
Im Jahre 1921, also nicht allzu lange nach Gründung der Sowjetunion,
stieß Lenin sein eigenes Programm um, Rußland in kurzer Frist eine kommunistische Gesellschaftsordnung zu geben. Statt dessen ermutigte er das
private Unternehmertum im eigenen Lande und förderte selbst ausländische
Ingenieure und Techniker auf, am Aufbau der sowjetischen Industrie mitzuwirken.
Im Jahre 1929 verfiel Stalin gerade auf das Gegenteil; er zerschlug
die private Wirtschaft und zwang die Bauern zur Kollektivierung ihrer
Höfe, wobei er Millionen verhungern ließ oder ins Gefängnis warf, die
sich diesen Maßnahmen widersetzten.
Sechs Jahre später wies Stalin, gebannt von der Furcht vor Hitler,
sämtliche kommunistische Parteien in der Welt an, eine neue Politik einzuschlagen. Sie sollten sich fort-an a.htbarer Methoden bedienen und mit
allen Nichtkommunisten in der Einheitsfront gegen die Faschisten zusammenarbeiten.
Im Jahre 1959 aber reichten sich die beiden grausamen Diktatoren,
Stalin und Hitler,die blutigen Hände zu einem hastig geschlossenen
Freundschaftspakt. Dieser sicherte Hitlers Ostfront und führte damit
zum zweiten Weltkrieg.
Als sich Hitler im Jahr 1941 gegen seinen Partner wandte, verkündete
Stalin abermals seine Hingabe an die Sache der Freiheit und Demokratie.
Unter dem Einfluß dieser Politik erklärte Earl Browder (der damalige
Führer der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten), daß Kapitalismus

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Kapitalismus und Kommunismus nach dem Krieg nebeneinander bestehen können.
Zwei Jahre später wurde Browder ausgebootet, als man die eiserne
Faust wieder zeigte und die sowjetischen Truppen sich anschickten, hilflose Völker in Europa und Asien unter ihre Gewalt zu zwingen.
Heute sind die Kommunisten wieder zur These Earl Browders aus dem
Jahre 1943 zurückgekehrt.
Die Geschichte ist ein großer Lehrmeister, und in diesem Fall
mahnt sie uns sicherlich zur Vorsicht.
Wie Außenminister Dulles vor neun Tagen erst erklärt hat, ist es
einer Diktatur, wie die Tatsachen zeigen, durchaus möglich, einen politischen Kurs vor der öffentlichkeit zu vertreten und eine andere, ja
sogar völlig gegenteilige Politik in der Praxis zu betreiben. Eine
Diktatur ist durchaus so gestaltet, daß sie Unbedachte zu täuschen vermag, da sie über alle ihre Handlungen einen eisernen Vorhang der Zensur
breiter, kann. Sie ist niemanden für ihre politische Handlungsweise verantwortlich. Im Umgang mit der übrigen Welt kann sie, ganz wie sie das
wünscht, alles enthüllen und alles verbergen. Solange dieser eiserne
Vorhang nicht hochgezogen wird, können wir nicht sicher sein, daß
hinter den honigsüßen Worten auch Realitäten stehen.
Erprobung der sowjetischen Absichten
Gibt es demnach überhaupt irgend etwas, was wir mit Sicherheit
über die kommunistische Welt und ihre Taktik und Strategie in der vor
uns liegenden Zeit wissen? Lassen Sie uns einmal untersuchen, was in
der Öffentlichkeit über die derzeitigen Pläne der Sowjets auf militärischem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet und bezüglich umstürzlerischer Umtriebe bekannt ist. Lassen Sie mich in dieser, vier Bereichen
einmal die Worte der Kommunisten mit ihren Taten vergleichen. Das wird
uns allen ein größeres Verständnis für die Außenpolitik unseres eigenen
Landes in diesen verwirrenden Zeiten vermitteln.
Die militärische Stärke
Auf militärischem Gebiet haben die sowjetischen Machthaber eine
Verringerung ihrer Streitkräfte um 1,2 Millionen Mann, die Verschrottung einiger Flotteneinheiten und andere Maßnahmer. bekanntgegeben,
die scheinbar den Schluß zulassen, daß nunmehr geringerer Nachdruck
auf militärische Bereitschaft gelegt wird.
Das mindestens behaupten die sowjetischen Führer. Untersuchen
wir einmal, was dies in der Praxis bedeutet, wobei wir von der Annahme
ausgehen wollen, daß'die angekündigte Verringerung der sowjetischen
Streitkräfte tatsächlich erfolgt ist» Die militärische Stärke wird
davon in ihrem Kern nicht berührt. Die Sowjetunion ist eine der stärksten Militärmächte der Welt. Um mit Außenminister Dulles zu sprechen«
"Die sowjetische Industrie arbeitet auf Hochtouren, um immer stärkere
Atom- und Kernwaffen zu produzieren." Die Sowjetunion verfügt über eine
hervorragende und starke Luftwaffe, eine große und schlagkräftige Armee
und eine Marine mit Hunderten der modernsten und besten Unterseeboote.
Die Forschungsarbeiten, die dort hinsichtlich des Einsatzes ferngelenkter Geschosse durchgeführt wurden, scheinen sich jetzt bezahlt zu machen.
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Ein

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Ein echtes Abrüstungsprcgramm muß sich besonders auf drei Arten
von Offensivwaffen erstrecken - Atomwaffen, Bomber und Fernlenkwaf-'en
sowie auf U-Boote mit e: nem großer Aktionsradius. Solange in diese •
Beziehung keine konkreten Maßnahmer ergriffen werden - Maßnahmen, die
durch ein entsprechendes Uberwachungssystem nachgeprüft werden können solange läßt sich nicht sagen, daß in dieser Phase der sowjetischen
Friedensoffensive den Worten Taten gefolgt sind.
Diplomatie und Politik
Im Bereich der Diplomatie und P lit~k sind die Führer der Sowjetunion äußerst aktiv gewesen, um Allianzen zu bilden und Freunde zu gewinnen. Innerhalb des kommunistischer Rav.mes wurden die Bezierungen zu
Jugoslawien verbessert, und zum ersten Mal wurde vom Kreml einer kommunistischen Nation die politische Unabhängigkeit zugestanden. Mit den
raffiniertesten Methoden werden sogenannte neutrale Nationen umworben.
Zahlreiche! Ländern gegenüber, die heate in Defensivbündnissen gegen
•ine kommunistische Aggression zusammengeschlossen sind, macht man
freundliche Gesten. Ministerpräsident Bulganin und Herr Chruschtschow
scheuten keine Mühe, zahlreiche Nationen von dem sowjetischen V/uns che
nach einer friedlichen Koexistenz zu überzeugen.
Auf der anderen Seite jedoch beobachten wir Handlungen, die beunruhigend sind und die im Widerspruch zu den Friedensbeteuerungen stehen.
Die Waffentransporte nach dem Mittlerer Osten verstärkten die Möglichkeiten eines kriegerischer. Konfliktes in diesen Krisengebieten. Die
sowjetischen Machthaber haben sich hartnäckig geweigert, die unnatürliche Teilung Deutschlands eu b-ender. Auch weigerten sie sich, Frankreich bei der Schaffung friedlicher Verhältnisse in Nordafrika lu unterstützen. Während Außenminister Schepilow in Ägypten /erkündet, daß
die Sowjets jeden Kolonialimperia i s m s ablehnten, gaben sie doch keinen
Fußb -it Boden aufs den sie sich in den letzten 15 Jahre: mit Gewalt
an&lt;-ig: eten, ausgenommen eines kiei:-&gt;n Teil von Finnland und das von
ihner übel ausgeplünderte Ös + erreioh. Wie der Aufstand 1 Po an, t n
aem j-tz: die Presse berichtete; so sinnfällig zeigt, wi-d kein Wortscnw-il die Schreie von Mi "ionen versklavter Menschen ersticken, die
unter dieser modernen Form des v n den Kommunisten auferlegten Kolonialimperialismus leiden,
iit anderen Werten bedienen sich heute die Sowjets einer zweifachen
Taktik in der Diplomatie. Einmal der Politik der leichten Hand, die sie
anwenden, um Nationen zu umwerben., die erst vor kurzem ihren Kolonialen
Status verloren haben. Zu dieser. Politik gehört auch die Förderung von
Handelsbeziehungen, wenn dies im Interesse der Sowjetunion liegt. Sie
verfolgen aber ebens auch einen harten, beinahe rücksichtslosen Kurs,
wie sie ihn gegenüber Deutschland, Frankreich oder jeder anderen Nation
einschlagen, die versucht, von ihnen konkrete und brauchbare Friedenszusi-herungen zu erhalten. Ist es angesichts dieser Politik ungerecht,
wenn wir uns fragen, ob der sowjetische Wunsch nach einer friedlichen
Koexistenz echt ist oder ob sie diese Taktik nicht lediglich als ein
Mittel benutzen, um Verbünde+e zu finden und neutrale Staaten für sich
zu gewinnen?
Wirtschaftspolitik

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�"AMERIKA PIEKST"

11 . Juli 1956

Wirtschaftspolitik
Als drittes wollen wir ihr Verhalten im Welthandel untersuchen.
Es werden entschlossene Anstrengungen unternommen, um den Warenaustausch
mit anderen Ländern zu erhöhen, insbesondere mit Nationen, die erst anfangen, ihre natürlichen Hilfsquellen zu erschließen. Zahlreichen Nationen werden Kredite angeboten, oder es werden ihnen Techniker und Ingenieure zur Verfügung gestellt, damit sie die Expansion ihrer Wirtschaft vorantreiben können.
Geschähe dies in einer friedlichen Welt, so würden wir diese
Ausweitung des Handels von Herzen begrüßen. Wir würden uns besonders
darüber freuen, daß die Unterstützung Nationen gewährt wird, deren
Lebensstandard im Vergleich zu dem unsrigen so niedrig ist.
Doch die früheren sowjetischen Handelsprogramme haben sich für die
betreffenden Partner nicht vorteilhaft ausgewirkt. Die Beweggründe für
diese Programme waren viel zu sehr politischer Natur. Manchmal stellten
sie einen Versuch dar, die Wirtschaft eines Landes so eng an die der
Sowjetunion zu binden, daß es schließlich auch politisch in völlige Abhängigkeit geriet. In anderen Fällen wiederum bezweckten sie, Agitatoren
und politische Agenten zu decken, die im Gastlande den inneren Aufruhr
schürten.
Mit anderen Worten trugen diese Programme nicht den Charakter rechtmäßiger Maßnahmen innerhalb des Welthandels. Vielmehr waren sie in verschleierter Form Ausdruck eines wirtschaftlichen Imperialismus, der im
vergangenen Jahrhundert die so berechtigte Ablehnung hervorrief. Wir
können nicAit umhin, uns die Frage zu stellen, ob dieser Handel dazu
bestimmt ist, anderen Nationen zu helfen oder aber sie wirtschaftlich
zu Satelliten der Sowjetunion zu machen.
Politische Wühlarbeit
Ein echter Prüfstein für die friedlichen Absichten der Sowjets ist
die Frage der politischen Wühlarbeit innerhalb der freien Nationen.
Kommunistische, im Auftrag Moskaus arbeitende Agenten sind seit langer
Zeit in fast allen Ländern der Erde tätig. In weiten Gebieten Afrikas,
Asiens und Lateinamerikas bilden sie heute eine ernste Gefahr. Es sind
noch keine 14 Tage her, daß unsere Presse Berichte über Schwierigkeiten
in Brasilien brachte, die auf die Aktivität der Kommunisten zurückzuführen waren.
Burma und die malaiischen Staaten sind von Bürgerkriegen heimgesucht,
die von den Kommunisten angezettelt wurden. Und die Vorgänge in China,
Korea und Indochina sind uns ja allen bekannt.
Erneut müssen wir, wenn wir die Politik der friedlichen Koexistenz
mit der tatsächlichen kommunistischen Praxis zu vergleichen suchen, feststellen, daß verhältnismäßig nur wenige Beweise für einen grundlegenden
Wandel vorliegen. Gewiß haben, wie Außenminister Dulles bereits Anfang
der Woche ausführte, die großen kommunistischen Parteien in Frankreich
und Italien an der sowjetischen Führung, Kritik geübt. Zweifellos hat die
Verdammung Stalins starke innere Spannungen" hervorgerufen und innerhalb
dieser Parteien manchen zum Nachdenken veranlaßt.
Doch

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Doch trotz all dieser Schwierigkeiten halten sie an den Grundsätzen von Marx und Lenin fest. In ihren Auseinandersetzungen geht
es eher um ihre Beziehungen untereinander, nicht aber um ihre grundlegenden Überzeugungen, die nach wie vor materialistisch und gottlos
sind. Während wir nun diese Anzeichen für Unstimmigkeiten im kommunistischen Lager begrüßen sollten, dürfen wir doch nicht glauben, daß
die kommunistische Wühlarbeit nachlassen wird. Selbst wenn diese Parteien bis zu einem gewissen Grade auch die alten Formen der unumschränkten Kontrolle seitens Moskaus abschütteln sollten, werden ihre Prinzipien und Ziele doch nach wie vor denen der freien Welt entgegengesetzt
sein.
Diese vier Sektoren also - militärische, politische und wirtschaftliche Programme der Sowjetunion sowie Versuche eines politischen Umsturzes
- bilden Prüfsteine für das tatsächliche Verhalten im Sinne der sowjetisch-kommunistischen Politik neuesten Stils. Gerade an Hand dieses Prüfsteins aber sehen wir keine Garantien, die es uns erlauben würden, in
unseren Verteidigungsanstrengungen nachzulassen. Diejenigen, die von uns
verlangen, unsere gegenwärtigen Programme aufzugeben und eine sogenannte
"kühne Außenpolitik" einzuschlagen, vergessen, daß der Hang der Sowjets
zum Bösen noch immer besteht und daß ihre Absichten nicht reiner geworden
sind. Falls sich die Lage in der Weise ändert, daß Kräfte liberaleren
Charakters am Werke sind, dann ist das zum großen Teil auf die von der
freien Welt befolgte Politik zurückzuführen.
Bedeutet das nun, daß wir den von den sowjetischen Machthabern
eingeschlagenen neuen Kurs völlig ignorieren? Keineswegs. Doch es bedeutet, daß wir ein Programm, das sich zur Eindämmung der kommunistischen
Expansion als erfolgreich erwiesen und die Machthaber im Kreml gezwungen
hat, eine neue Taktik anzuwenden, nicht aufgeben.
Die politische Haltung Amerikas
Die von uns einzuschlagende Politik ist damit klar.
Unsere militärische Stärke müssen wir aufrecht erhalten, und wir
müssen auch in Zukunft unseren Verbündeten in der freien Welt helfen,
die ihrige ebenfalls zu bewahren, bis weitere konkrete Beweise dafür
vorliegen, daß die sowjetischen Machthaber ihr militärisches Potential
verringern.
Was den wirtschaftlichen Sektor anbetrifft, so müssen wir uns
darüber klar sein, daß die Männer im Kreml eine neue Front aufgebaut
haben. Damit tragen sie in Wirklichkeit nicht nur den Erfolgen unserer
Programme Rechnung, die die militärische Schlagkraft der freien Welt erhöhten, sondern auch den Erfolgen unseres Marshallplanes, des PunktVier- Programms und anderer wirtschaftlicher Hilfsprogramme. Was uns betrifft, so haben wir uns nicht dazu hinreissen lassen, die sowjetischen
Machthaber durch eine Politik der Aggression oder durch Förderung eines
politischen Umsturzes herauszufordern. Sie dagegen haben sich veranlaßt
gesehen, uns herauszufordern, und zwar mit den Mitteln unseres eigenen
Wirtschaftssystems, im Wettbewerb der Möglichkeiten des Kommunismus einerseits und der freien Wirtschaft andererseits in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.
Es
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H.

Juli

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Es wäre dumme Überheblichkeit, würden wir diese Herausforderung
ignorieren. '.Vir müssen ständig nach neuen Mitteln und Wegen suchen, um
unser Wirtschaftsprogramm wirksamer zu gestalten, wenn wir der neuen
sowjetischen Taktik gewachsen sein wollen. Ich kenne die Argumente der
Ungeduld, die von wohlmeinenden Leuten im ganzen Lande gegen diese Programme vorgebracht werden. Sie bringen zum Ausdruck,' daß man die Programme
als unnütze Verschwendung betrachtet, daß unsere Hilfe von den Empfängern
nicht gewürdigt werde und daß diese in den internationalen Organisationen
unsere Politik nicht unterstützten.
Der Zweck der Wirtschaftshilfe
Lassen Sie uns, was diesen Punkt betrifft, die Ziele untersuchen,
die wir mit unsern wirtschaftlichen Auslandshilfsprogrammen verfolgen.
Wir beabsichtigen damit nicht, die Freundschaft anderer Völker zu erkaufen. Das wäre töricht und auch gar nicht zu verwirklichen. Sie zielen
nicht darauf ab, uns überall in der Welt gehorsame wirtschaftliche
Satelliten zu schaffen, wie es bei den sowjetischen Wirtschaftsprogrammen
der Fall ist.
Was aber, ist danr unsere Absicht? Wir wissen, daß ein Volk, das
wirtschaftlich stark genug ist, um seine Unabhängigkeit und Freiheit zu
bewahren, dem Druck seitens einer Despotie; jeder Art, einschließlich der
kommunistischen Despotie, zu widerstreben vermag. Und ein Programm, das
irgendeinem Lande die Unabhängigkeit, erhalten hilft, hilft damit allen
Ländern, die gewillt sind, die ihre zu bewahren.
Jegliche subversive Tätigkeit der Kommunisten in unserem eigenen Lande,
müssen wir fair, vernünftig und wirksam bekämpfen. Mit der naiven Idee,
es gäbe so etwas wie eine amerikanische kommunistische Partei, sollte
ein für allemal aufgeräumt werden. Womit wir uns aber auseinandersetzen
müssen, ist eine vom Ausland her gesteuerte, umstürzlerische kommunistische Organisation in den Vereinigten Staaten. Ihre Mitglieder und Anhänger schulden den Vereinigter. Staaten keine Treuepflicht,und deshalb sollten sie auch entsprechend den diesbezüglichen Gesetzen unseres Landes behandelt werden.
Unser Informationsprogramm muß noch mehr intensiviert werden, und
wie ich vor einigen Wochen bereits im Lafayette College erklärte, ist es
von besonderer Bedeutung, daß wir unsere Austauschprogramme für Studenten
und führende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus anderen Ländern
erweitern. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, daß unsere Gäste
von heute die Botschafter des guten Willens von morgen sind. Aus persönlicher Anschauung erkennen sie, welche Früchte Freiheit und Demokratie bringen. Sie wissen, daß wir ein friedliebendes Volk sind und keinem anderen
Yolk gegenüber Böses im Schilde führen.
Austausch mit kommunistischen Nationen
Besonders wichtig ist es, keine Gelegenheit zu versäumen, um den
Austausch von Personen zwischen den Vereinigten Staaten und den Ländern
hinter dem Eisernen Vorhang zu erweitern. Jede Aufforderung zu einem
ehrlichen Meinungsaustausch sollten wir akzeptieren. Das sollte geschehen nicht weil wir den naiven Gedanken hegen, daß sich alles gewandelt hat, daß
alles über Nacht besser werden wird, sondern einfach deshalb, weil wir ehrliche Verfechter des Friedens sind.
Wir

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11. Juli 1956

Wir können freundschaftliche Beziehungen unterhalten, ohne einen
einzigen Abstrich von unseren Prinzipien der Freiheit und der Demokratie zu machen. Mit dem russischen Volke und den Völkern der übrigen
kommunistischen Länder können wir von Mensch zu Mensch sprechen, doch
mit dem kommunistischen System selbst können wir keine Kompromisse
schließen. Gewiß sind nai^e und mit den Verhältnissen nicht vertraute
Personen in der Vergangenheit durch solche Besuche häufig getäuscht
worden. Icn hin aber der Meinung, daß gut informierte und kompetente
Persöniichkeiten aus den Vereinigten Staaten, die das System des Kommunismus kennen und verstehen, diese Gelegenheiten nutzen könnten, um
sich aufrichtig und ehrlich mit ihren Partnern von der anderen Seite
des Eisernen Vorhangs auszusprechen. Auf diese Weise könnten wir die
Ideer. von der Freiheit und Gerechtigkeit verbreiten, die schließlich
ihre Früchte tragen würden.
Was die Bürger kommunistischer Länder anbetrifft, die die
Vereinigten Staaten besuchen, so sollten wir begreifen, daß Informationsmittel wie Rundfunkberichte, Broschüren, die Veröffentlichung
von Nachrichtenmaterial und so weiter heute weniger auf die Menschen
hinter dem Eisernen Vorhang wirken als früher. Von ihren eigenen politischen Führern ist ihnen erst in jüngster Zeit gesagt worden, daß
praktisch alles, was sie in den vergangenen 29 Jahren unter der Herrschaft Stalins gehört und gelesen hatten, zumindest ungenau, schlimmstenfalls aber ausgesprochene Lüge war. Infolgedessen dürften die
Menschen hinter dem Eisernen Vorhang heute vor allem davon beeindruckt
werden, was sie sehen, nicht aber davon, was sie lesen oder hören.
Aus diesem Grunde ist hier der Personen-Austausch von so überragender
Bedeutung.
Mit einer solchen Politik können wir in die Verwirrung und die
Ungewißheit, die der sowjetische "New Look" in zahlreichen Kreisen
bewirkt hat, eine Bresche schlagen. Unsere Politik muß einfach sein,
und sie muß ein positives Ziel haben. Wenn die Taten der Sowjets mit
ihren Friedensbeteuerungen nicht übereinstimmen, müssen wir unsere
militärische, politische und wirtschaftliche Stärke aufrechterhalten,
die das einzig sichere Abschreckungsmittel gegen einen Krieg ist. Und
wo immer sich die Möglichkeit bietet, die Segnungen der Freiheit zu
verkünden, müssen wir für den Glauben eintreten, der Amerika groß
gemacht hat.
Die Freiheit ist ein unschätzbares Gut, das jedem einzelnen am
Herzen liegt, unbeschadet seiner materiellen Armut oder seiner niedrigen sozialen Stellung. Sie liegt auch den Völkern der Sowjetunion und
der Satellitenländer am Herzen. Sie wird in Indien und in Indonesien
geachtet. Wie ein Feuer hat sie sich unter den Kolonialvölkern Afrikas
verbreitet. Wir glauben an die Freiheit. Wir leben in einer Welt der
Freiheit. Wir wünschen sie für uns selbst ebenso wie für die ganze
übrige Welt.
Mit dieser unserer Botschaft können wir in einer Auseinandersetzung
mit der Versklavungsphilosophie des Kommunismus niemals unterliegen.
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

USA UM EIN PROGRAMM ZUR BESCHRANKUNO DER
KERNWAFFEN BEMÜHT

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Im folgender, übermitteln wir den V/ort laut
der am 1?.Tali v ^n dem amerikanischen Vertreter in der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen, James Yvädsworth, abgegebenen
Erklärung:

Ich möchte meine Aufmerksamkeit heute morgen einige Augenblicke dem Thema Atomwaffenvers'iche zuwenden.
Gestern nachmittag wurde dieser Kommission die Auszeichnung
zuteil, zwei bemerkenswerte Ansprachen zu hören: die erste von
dem Vertreter Indiens, Krishna iVienon, die zweite von dem Vertreter
Frankreichs, Jules Moch. Ich will versuchen, soweit ich kann, nicht
die Punkte zu wiederholen, die M. Moch in seinem Bestreben herausgestellt hat, die von Mr. Menon in seiner auße. ordentlich beredten
Darstellung vorgebrachten Punkte näher zu beleuchten.
Lassen Sie mich zuerst damit beginnen, festzustellen, daß die
Versuche mit diesen neuen Waffen tatsächlich große Sorgen in der
"«Veit hervorgerufen haben. Eine allgemeine Unruhe über diese Versuche ist nur natürlich, da wir es mit einer Kraft zu tun haben,
die weitgehend unbekannt ist und die Menschheit gezwungen hat,
neue Maßstäbe anzulegen.
Dennoch glaube ich, daß der Kern des Problems einfach ist.
Y/ir befinden uns in einem Wettstreit um die Entwicklung einer
neuen und schrecklichen Waffe. Aber jede Seite weiß, so hoffe ich,
sehr gut um die Gefahren, die in der Entwicklung dieser Waffe liegen Gefahren, die so viel größer sind als jene, die die Entwicklung jeder
andere1- Waffe der Geschichte begleitet haben.
Aus Gründen, die ich noch niher erklären werde, ist es der Wunsch
meiner Delegation, sich ganz entschieden dem Standpunkt anzuschließen, ren gestern nachmittag der Vertreter Frankreichs eingenommen
hat. Er hatte unterstrichen, daß es nach seiner Ansicht und nach
Ansicht meines Landes die einzig verläßliche Maßnahme sei, die
Yteffe selbst und ihre Liefermöglichkeiten internationalen Sicherungen und Begrenzungen zu unterwerfen, und zwar im Rahmen eines Prograrms., das in gleicher Y/eise auf alle beteiligten Nationen anwend- 1 -

�'AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

anwendbar wäre.
Da es kein solches Übereinkommen gibt, sind die Vereinigten
Staaten gezwungen, die Waffe für ihre eigene Sicherheit und die
ihrer Freunde in der Welt zu entwickeln. Wir werden uns wie in der
Vergangenheit auch weiterhin für ein Übereinkommen über die Kontrolle
der thermonuklearen Bedrohung einsetzen, in dem die Beschränkung der
Versuche ein wesentlicher Bestandteil sein muß. Und in der Zwischenzeit werden wir gewiß alles in unserer Macht Stehende tun, um sicherzustellen, daß die Strahlung aller Strahlungsquellen einschließlich
der Atomversuche, nicht über ein tragbares Maß hinausgeht.
Eier, Herr Vorsitzender, stimmen wir mit Mr. Menon überein, daß
keine Nation das Recht hat, Leben in der Luft, auf der Erde und in
den Meeren unmöglich zu machen oder die Erbmasse zu zerstören. Das
haben die Vereinigten Staaten nicht getan, und wir werden es auch
nicht tun. Wir sind um das Wohlergehen unseres Volkes und seiner
künftigen Generationen ebenso besorgt wie zum Beispiel die Regierung
Indiens um ihr Volk, wie Großbritannien um seine Untertanen oder wie
jede cndere Regierung um ihr Volk besorgt ist.
Gestern hat M. Moch, der von uns allen am besten Qualifizierte,
gezeigt, und zwar, wie ich glaube, umfassend, daß Versuche bei Beachtung aer notwendigen Sicherheitsifcorkehrungen keine Gefahr für die menschliche Gesundheit und Sicherheit darstellen. Ich möchte seine Bemerkungen
n'.ch mit einigen Erkenntnissen ergänzen, die in Studien und Erfahrungen
der Vereinigten Staaten gewonnen wurden.
Die Regierung der Vereinigten Staaten und Präsident Eisenhower
persönlich sind von tiefer und ernster Sorge um das Problem der atomaren
Bedrohung erfüllt, das auf der Welt lastet. Kaum eine Angelegenheit,
mit der sich die Regierung befassen muß, ist intensiveren und auf höherer
Ebene durchgeführten Studien und Erwägungen unterworfen.
Auf Grund dieser sorgfältigen Erwägungen glauben die Vereinigten
Staaten, daß die Frage der Versuche mit Atomwaffen notwendigerweise mit
der größeren Frage eines Übereinkommens über ein wirkungsvolles Abrüstungsprogramm verbunden ist. Diese Fragen sind tatsächlich nicht voneinander
zu trennen, wenn wir uns mit den wirklich damit zusammenhängenden Problemen
befassen wollen. Die Beschränkung der Versuche mit Atomwaffen ist, vom
Standpunkt der Sicherheit aus, nur logisch,zwangsläufig und richtig" als
integraler Teil eines Abrüstungsprogramms,in dem wir übereingekommen sind,
die atomare Gefährdung selbst zu mindern. So führen unsere Überlegungen
zu zwei Folgerungen:
1) daß richtig durchgeführte Atomversuche keine Gefahr für die
menschliche Gesundheit und Sicherheit bilden;
2) daß, solange kein Übereinkommen über die Ausschaltung oder Begrenzung von Atomwaffen unter angemessenen Sicherungen besteht,
die Fortführung der Versuche für unsere nationale Verteidigung
und die Sicherheit der freien Welt wesentlich ist.
Lassen Sie mich nun eine kurze Erklärung zu diesen beiden Schlußfolgerungen geben.
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�"AMERIKA PIEKST"

18. Juli 1956

Im vergangenen Jahr machten die Vereinigten Staaten den Vorschlag,
daß die Vereinten Nationen das Wissen der Welt über die Auswirkungen
der atomaren Strahlungen auf die menschliche Gesundheit in Berichten
zusammenfassen sollten. Im Dezember gründete die Vollversammlung einen
wissenschaftlichen Sonderausschuß, der die von den Regierangen empfangenen Berichte über die Strahlungen und die die Wirkung der Strahlung
betreffenden wissenschaftlichen Beobachtungen sammelt, auswertet und
verteilt.
Die Vereinigten Staaten arbeiten mit diesem Komitee hinsichtlich
der Sammlung und Verbreitung von Angaben zu diesem Gegenstand in größtmöglicher Weise zusammen. Wir glauben, der erste Schritt bei der Beschäftigung mit irgendeinem wissenschaftlichen Problem ist es, alle
Quellen zu mobilisieren, das zu nutzen, was bekannt ist, und auf das
hinzuweisen, was noch getan werden muß. Wir glauben, daß die Arbeit
dieses Sonderausschusses kompetente Autoritäten zu weiterem Studium
anreizen, den internationalen Austausch von Informationen ermutigen
und jede Nation mit Angaben in einem Ausmaße versehen wird, die es
ihr ermöglichen, eigene Schlußfolgerungen in der Angelegenheit zu
ziehen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften, die aus der Mitarbeit
und der Erfahrung einer großen Anzahl der bestqualifizierten und international anerkannten Experten schöpft, gab am 12.Juni einen Bericht
über ihr jahrelanges Studium heraus. Und dieser Bericht enthielt diese
unantastbare Schlußfolgerung: "Die Atomwaffenversuche haben die weltweite Strahlung nicht auf ein biologisch gefährliches Maß erhöht. Dies
wird auch nicht der Fall sein, wenn die Versuche sich im gleichen Rahmen
halten wie bisher."
Seit undenklichen Zeiten empfangen die Menschen ständig eine
mittlere Strahlungsmenge aus natürlichen Quellen» aus dem Weltraum,
der Erdrinde und, wie M. Moch gestern ausführte, selbst von ihren .
eigenen Körpern. Der Medizinische Forschungsrat von Großbritannien
stellte, wie schon aufgezeigt worden war, im vergangenen Monat fest,
daß, wenn man die natürliche Strahlung mit derjenigen vergleiche'» die
von den Versuchsexplosionen ausgehe, die Radioaktivität - falls die
Kernwaffenversuche im gleichen Umfange wie in den vergangenen Jahren
für unbestimmte Zeit fortgesetzt würden - in einem Zeitraum von hundert
Jahren allmählich eine Höhe erreichen würde, welche den Durchschnittsmenschen für die Dauer von 50 Jahren einer Strahlungsmenge aussetze,
die weniger als ein Prozent dessen betrage, was er während des gleichen
Zeitraums aus natürlichen Quellen empfange.
Nun, Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten und Großbritannien
geben der Öffentlichkeit volle Informationen über den Beginn und den
Ort ihrer Versuche. Diese Regierungen verbinden sich auf der Grundlage
der Zusammenarbeit mit anderen Regierungen bei der Entwicklung und Ausführung umfassender Sicherheitsmaßnahmen. Wir glauben, daß diese Art
des Vorgehens größeres Interesse an der Sicherheit der Allgemeinheit
zeigt als die Methode, unangekündigte, geheime Explosionen in den abgelegenen Teilen der eurasischen Landmasse auszuführen. Ich betone dat
die Vereinigten Staaten durch ihre eigenen wissenschaftlichen Studien,
durch ihre Unterstützung der Studien der Vereinten Nationen auf diesem
Gebiet und die ausgedehnten Vorsichtsmaßnahmen, unter denen sie ihre
Versuche durchführen, gezeigt haben, daß sie sich ihrer Verpflichtung

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�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Verpflichtung gegenüber den eigenen Bürgern und der Menschheit zur
genügenden Sicherung gegen die schädlichen Wirkungen der Strahlung
aus jeder nur möglichen Quelle vollauf bewußt sind.
Wir versuchen nicht zu sagen, daß es keine Gefahr gäbe; aber
wir sagen, daß diese Gefahr unter Kontrolle gehalten werden kann.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich fest verpflichtet, und ich
wiederhole diese Verpflichtung, keine Kernwaffen oder irgendwelche
anderen Waffen in irgendeiner mit der Charta der Vereinten Nationen
nicht übereinstimmenden Weise zu benutzen.
Wie dem aber auch immer sei, die Vereinigten Staaten haben eine
Verpflichtung nicht nur ihrem eigenen Volke, sondern allen Völkern der
freien Welt gegenüber, ihre Kapazität zur Selbstverteidigung und zur
Abschreckung einer Aggression aufrechtzuerhalten. Durch solches Tun
tragen sie zur Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit bei, die die Grundziele der Charta darstellen .
Die Grundlage aber für die Fähigkeit der Vereinigten Staaten,
sich selbst zu verteidigen und abschreckend gegen eine Aggression
zu wirken, bildet eine dementsprechende Waffenkapazität. Aber im
Zeitalter eines voranstürmenden wissenschaftlichen Fortschritts ist
eine solche Kapazität nicht etwas, das man einmal erreichen und dann
ohne weitere Bemühungen beibehalten kann. Das wird angesichts der
kürzlichen sowjetischen Prahlereien hinsichtlich der Überlegenheit
ihrer Kernwaffen und ihrer Erklärung, diese so schnell zu entwickeln,
wie es ihnen ihre Quellen und ihre Technik erlauben, besonders deutlich.
Solange es kein wirksames Sicherheitsabkommen zur Begrenzung dieser
Waffen gibt, sind ständige Bemühungen um ihre Verbesserung unerläßlich.
Wie Präsident Eisenhower kürzlich erklärte, bezwecken wir mit den
Atomversuchen nicht die Entwicklung einer noch vernichtenderen Waffe.
Angesichts der technischen Möglichkeiten wissen wir, daß wir sie haben
könnten. Unsere Absicht aber ist, wie der Präsident weiter ausführte,
"Mittel und Wege zu finden, diese Waffe zu begrenzen, sie für Verteidigungszwecke dienstbar zu machen, beispielsweise zur Abw-ehr gegen
einen Massenangriff von Flugzeugen, ihre radioaktiven Aschenregen zu
reduzieren und ihr mehr den Charakter einer militärischen Abwehrwaffe,
denn den einer Waffe zur Massenvernichtung zu geben.
Es ist eine Binsenweisheit, daß,solange es keine Rüstungskontrolle
gibt und sich ständig neue Entwicklungen anbahnen, die verschiedensten
Waffen erforderlich sind, um sich mit der nötigen Schlagkraft und
Elastizität gegen eine Aggression verteidigen zu können - wann, wo und
wie immer sie geführt werden mag. Keine Nation, Herr Vorsitzender,
deren Vertreter hier sitzt, würde ernstlich den Vorschlag machen oder
akzeptieren, daß sie von sich aus, ohne das Vorhandensein irgendeines
Abkommens oder irgendwelcher Sicherungen, sämtliche Forschungs- und
Entwicklungsarbeiten und beispielsweise auch jegliche Erprobung; von
Militärflugzeugen einstellen sollte. Und meiner Ansicht nach ist die
Notwendigkeit, jede Beschränkung der Forschung und Entwicklung von Kernwaffen mit dem Zustandekommen eines mit Garantien versehenen Abkommens
zu verbinden, ebenso klar.
Wenn

�"AMERIKA DIENST"

18. Juli 1956

Wenn ein Abrüstungsabkommen erreicht werden kann - und wir
wünschen dies sehnlichst -, um an Hand ausreichender Sicherungen
die Kernwaffen zu beschränken, dann wären natürlich auch die Vereinigten Staaten bereit, Beschränkungen hinsichtlich der Versuche
mit solchen Waffen zuzustimmen. Der Vertreter der USA in dem in
London tagenden Unterausschuß hat diese Absicht voll bestätigt.
Präsident Eisenhower hat in seinem Brief vom 1.März an Marschall
Bulganin einen Vorschlag unterbreitet, wie man die Lösung des Grundproblems anpacken könnte. Ich möchte hier einen Absatz aus diesem
Brief zitieren. Der Präsident, erklärtet
"Meiner Ansicht nach müssen unsere Bemühungen vor allen Dingen
darauf gerichtet sein, die atomare Bedrohung unter Kontrolle zu bringen.
Als eine wichtige Maßnahme in dieser Hinsicht und unter Zugrundelegung
eines zufriedenstellenden Funktionierens unseres Systems der Luft- und
Bodenüberwachung wären die Vereinigten Staaten bereit, zusammen mit
anderen Nationen geeignete und sichere Vereinbarungen zu treffen, um
zu verhindern, daß die künftige Produktion von spaltbarem Material in
der ganzen Welt nicht mehr dazu verwendet wird, die Arsenale von
Explosivwaffen zu vergrößern. Damit könnte auch mein Vorschlag vom
8.Dezember 1953 kombiniert werden, 'nun damit zu beginnen und in Zukunft
fortzusetzen, gemeinsame Zuwendungen aus den vorhandenen Beständen an
natürlichem Uran und spaltbaren Materialien an eine internationale
Atombehörde zu machen 1 . Diese Maßnahmen würden, werden sie entsprechend
verwirklicht, die gegenwärtig die Welt beherrschende Tendenz, die
nuklearen Kampfmittel ständig zu vermehren, in ihr Gegenteil verkehren."
Der Delegierte Indiens hat freundlicherweise das Wort "in ihr
Gegenteil verkehren" besonders betont.
"Ich hege letztlich die Hoffnung", so fuhr damals Präsident
Eisenhower fort, "daß die gesamte Produktion an spaltbarem Material
in der ganzen Welt ausschließlich für friedliche Zwecke verwendet werden
wird."
Die Vereinigten Staaten warten noch immer darauf, daß die Sowjetunion den Brief des Präsidenten beantwortet.
Wir sind also überzeugt, Herr Vorsitzender, daß diese Vorschläge
den Kern einer Lösung für das große Problem in sich bergen, mit dem
wir uns alle auseinanderzusetzen haben - des Problems nämlich, die
Atomgefahr unter Kontrolle zu bringen. Das Streben nach Seelenfrieden,
nach Sicherheit angesichts ein-r ungeheuerlichen, aber viel zu wenig
verstandenen Bedrohung,hat eine fast spontane Anstrengung zur Folge
gehabt, das Böse zu verdammen und zu unterdrücken - und ich meine,
Herr Vorsitzender, daß wir hier den vielen hilfreichen und inhaltsvollen Reden unseren Tribut zollen sollten, die von den Mitgliedern
dieser Kommission, besonders von jenen, die nicht dem Unterausschuß
angehören, gehalten worden sind. ,
Gleichzeitig sind wir aber auch überzeugt, daß der richtige Weg
wäre, das Übel an den Wurzeln zu packen und durch intensive diplomatische Bemühungen ein Programm zur Beschränkung der Kernwaffen und zur

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�18. Juli 1956

"AMERIKA DIENST"

zur Förderung der friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie zu
entwickeln, in dem die Beschränkung der Atomversuche eine wichtige
Rolle spielt. Mögen wir mit Gottes Hilfe bald den Tag erleben,
an dem dies der Fall ist.
Dieser Aufgabe, Herr Vorsitzender, widmen wir unsere ganze Kraft,

* * * * *

- 6-

�M E R I K A

D I E N S T

LODGE FORDERT ERNEUT KONTROLLIERTE ABRÜSTUNG

VEREINTE NATIONEN, NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut
einer Erklärung, die der Vertreter der Vereinigten Staaten, Botschafter Henry Cabot
Lodge jr., am 16.Juli 1956 vor der Abrüstungskommission der Vereinten Nationen abgegeben hat.

Sämtliche Mitglieder unserer Kommission haben jetzt mindestens
einmal das Wort ergriffen. Die Unterlagen sind daher nahezu vollständig, und wir sind in der Lage, Schlußfolgerungen aus dem gegenwärtigen Stand der Verhandlungen zu ziehen.
Die Abrüstungskommission hat die Aufgabe, sich mit dem Ergebnis der Verhandlungen des Unterausschusses zu befassen, das Problem
deutlich herauszuarbeiten und den Weg für eine mögliche Lösung der
Probleme frei zu machen.
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Denn schon taucht das
Problem der weitreichenden Fernlenkgeschosse vor uns auf. Gehören
sie erst einmal zu den Standardwaffen, dann hat keine Nation mehr
als eine Viertelstunde Zeit, um sich auf ihre Verteidigung einzurichten und den Gegenschlag zu führen.
Die Zeit ist heute nicht mehr fern, wo verschiedene Nationen
über Atomwaffen verfügen, Atomgeschütze zur normalen Ausrüstung
einer Armee gehören und der kleinste militärische Zusammenstoß,
der sich irgendwo in der Welt ereignet, einen nuklearen Weltbrand
auszulösen vermag.
Wir müssen handeln, ehe diese tödlichen Geschosse im geheimen
für den Einsatz bereit gehalten werden und das Problem der atomaren
Kontrolle für eine Behandlung allzu verschwommen wird und überhaupt
nicht mehr faßbar ist.
Die Vereinigten Staaten sind daher überzeugt, daß es dringend
notwendig ist, ein wirksames System zu schaffen, das auf internationaler Basis eine Regelung und Beschränkung sämtlicher Rüstungen und
Streitkräfte gewährleistet. Wie wir bereits verschiedentlich erklärt
haben, sind wir der Meinung, daß ein solches System unter folgenden
Bedingungen geschaffen werden kahni
Erstens
- 1 -

�f
"AMERIKA DIENST"

25. J u l i

1956

Erstens sollte unter wirksamer internationaler Kontrolle und
ohne Verzug eine beträchtliche Reduzierung der Streitkräfte, der Rüstungen und der militärischen Ausgaben auf einen Stand vorgenommen
werden, wie er unter Berücksichtigung der gegenwärtigen instabilen
Weltlage angebracht erscheint.
Zweitens müssen we.tere Beschränkungen stufenweise erfolgen, sobald sich die internationale Lage bessert una die Möglichkeiten zu einem
befriedigenden Abschluß jeder einzelnen Phase erwiesen sind. Wir sind
der Meinung, daß vorDerei beaäe, zunächst versuchsweise durchgeführte
Maßnahmen von Nutzen -ein könnten.
Drittens glauben wir ferner, daß die Hauptgefahr für die Sicherheit der Welt die atomare Bedrohung ist und daß dringende Maßnahmen erforderlich sind, um sie unter Kontrolle zu bringen. Am I.März 195&amp; hat
Präsident Eisenhower a i Ministerpräsident Bulganin ein Schreiben gerichtet, in dem er solche -"aßnahmen vorschlägt.
Viertens glauben wir, daß eine zuverlässige Methode internationaler
Überwachung, einschließlich einer Luftüberwachung, unbedingt notwendig ist,
um einem Überraschungsangriff vorzubeugen und zu gewährleisten, daß vertraglich eingegangene Verpflichtungen auch gewissenhaft eingehalten werden.
Diese Grundhaltung der Vereinigten Staaten in der Abrüstungsfrage
wird auch in einer von Mr. Nutting am 3.Juli eingebrachten Resolution,
die unsere volle Unterstützung hat, zum Ausdruck gebracht.
Nach unserer Meinung verdienen diese Vorschläge,von jedem unterstützt zu werden, der ar einer Abrüstung ernsthaft interessiert ist.
Bedauerlicherweise hat sich die Sowjetunion bisher nicht in der Lage
gesehen, hierzu ihre Zustimmung zu erteilen.
Herrn Gromykos Rede vom 12.Juli erweckt in uns einige Zweifel hinsichtlich der Haltung der Sowjetunion gegenüber einigen dieser Vorschläge,
und sie zeigt deutlich die noch immer negative Einstellung zu anderen
Punkten.
Jedoch ist nach der Erklärung des sowjetischen Vertreters seine
Regierung heute anscheinend bereit, als ersten Schritt einer zahlenmäßigen Begrenzung der Streitkräfte der UdSSR und der USA auf-je 2,5 ...
Millionen Mann und der Streitkräfte Frankreichs sowie Großbritanniens
auf je 750 000 Mann zuzustimmen. Wenn man es tatsächlich so gemeint hat,
wie es den Anschein erweckt, dann ist das eine erfreuliche Nachricht.
Ich sage dies deshalb, weil die sowjetische Bereitschaft zu einer Begrenzung der Streitkräfte auf 2,5 Millionen Mann dem von Mr. Harold
Stassen in London gemachten Vorschlag in etwa entspricht.
Wir hoffen, daß damit die Sowjetunion ihrer Erkenntnis Ausdruck
gibt, daß die Reduzierung in diesem Maßstab den Realitäten der gegenwärtigen Weltlage entspricht und dem internationalen Vertrauen wie auch
einem umfassenderen Abrüstungsabkommen förderlich wäre.
Als verantwortungsbewußte Männer müssen wir uns jedoch darüber
klar sein, daß die Sowjetunion einer mit den modernsten Mitteln durchzuführenden wirksamen internationalen Überwachung, einschließlich einer
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�"AMERIKA DIENST"

25- Juli 1956

einer gewissen Luftüberwachung, bisher noch nicht zugestimmt hat. Wir
wissen daher nicht, ob die neue sowjetische Erklärung ein ernstgemeinter Vorschlag oder nur leeres Gerede ist.
Ferner möchte die Sowjetunion anscheinend die Streitkräfte aller
übrigen Länder, einschließlich einiger äußerst wichtiger Bundesgenossen
der freien Welt, auf 250 000 Mann beschränken.
Diese Sitzungen der Abrüstungskommission haben es ferner deutlich
gemacht, daß die Sowjetunion auf ihre früher verfolgte Politik, nämlich
die Abschaffung der Atomwaffen zur Voraussetzung eines jeglichen Abrüstungsprogramms zu machen, zurückgegriffen hat. Das heißt mit anderen V/orten,
"ächtet die Bombe und vertraut der Sowjetunion".
Es ist ferner klar geworden, daß die Sowjetunion immer hoch an dem
von Ministerpräsident Bulganin im vergangenen Monat gemachten Vorschlag
bezüglich einer Reihe von einseitigen, nicht nachprüfbaren Abrüstungsbeschränkungen bei verscniedenen Staaten ohne das Vorhandensein eines
Abkommens und einer Überwacnung festhält.
Man könnte sich vorstellen, daß gegen eine einseitige Abrüstung an
sich nichts einzuwenden wäre, vorausgesetzt, daß sie auch wirklich erfolgt.
Da sie jedoch ohne Überwachung erfolgt, bietet sie keine sichere Gewähr,
und sich auf etwas Falsches zu verlassen, könnte verheerende Folgen haben.
Diese einseitigen Abrüstungsbeschränkungen erwecken nicht den Anschein, daß sie eine Verminderung der Schlagkraft der sowjetischen Streitkräfte bedeuten. Marschall Schukow stellte die Situation richtig dar, als
er vor dem Kommunistischen Parteikongreß erklärte, daß
"die großen Leistungen der Schwerindustrie die Neubewaffnung unserer
Armee, Flotte und Luftstreitkräfte mit erstklassiger militärischer Ausrüstung ermöglicht haben." Auch können uns die Berichte keine große Befriedigung geben, die besagen, daß die Sowjets 30 000 Mann aus Deutschland
abgezogen haben - ebensowenig die propagandistisch stark ausgeschlachtete
Nachricht von einer Verlegung veralteter Flugzeuge nach neuen, nur verhältnismäßig wenige Kilometer zurückgelegenen Stützpunkten. Die auf deutschem Gebiet stehenden sowjetischen Streitkräfte würden - selbst nach
Vornahme der Reduzierungen - immer noch stärker sein als diejenigen sämtlicher übriger Länder zusammengenommen. Notfalls könnte das Vielfache,
ihrer Zahl auf dem raschesten Wege wieder nach Deutschland zurückgebracht
werden. Sie brauchen nicht erst, wie ich es zweimal erlebt habe, einen
fast 5000 Kilometer breiten, von U-Booten wimmelnden Atlantischen Ozean
zu überqueren, um Europa vor einer Aggression retten zu helfen.
Was tatsächlich geschieht, ist folgendest Die Sowjetunion geht jetzt
erst daran, ihre Streitkräfte auf eine Stärke zu reduzieren, die die Vereinigten Staaten schon vor einiger Zeit erreicht haben - eine begrüßenswerte, doch reichlich verspätete Maßnahme.
Jahr für Jahr veröffentlichen die Vereinigten Staaten detaillierte
Zahlen über die Stärke ihrer Streitkräfte. Ich habe sie häufig genannt.
Die Sowjetunion aber denkt trotz mehrfacher Aufforderung nicht daran,
ein Gleiches zu tun.
Trotzdem

�/

"AMERIKA DIENST"

25. Juli 19^6

Trotzdem erhebt Herr Gromyko in seinen beiden Reden den Anspruch,
daß die von den sowjetischen Streitkräften seit dem zweiten Weltkrieg
vorgenommenen Rüstungsbeschränkungen "bei weitem die Rüstungsbeschränkungen der bewaffneten Streitkräfte der festmachte übertroffen haben".
Wir sind natürlich nur auf Vermutungen angewiesen, doch sind wir überzeugt, daß diese Behauptungen den Tatsachen nicht entsprechen.
Ich komme jetzt zur zweiten Frage - dem Zeitplan und den einzelnen
Phasen eines Abrüstungsprogramms: Herr Gromyko hat versucht, den Eindruck hervorzurufen, daß das, was er den "Westen" nennt, nicht daran
denke, eine Beschrankung der Rüstungen vorzunehmen, bis "zuvor strittige
internationale Probleme geregelt worden sind".
Herr Vorsitzender diese Erklärung ignoriert einfach, was ich bereits
betont habe, nämlich: daß die Vereinigten Staaten bereit sind, bei entsprechender Bescnränkung der Rüstungen und der militärischen Ausgaben der
ganzen Welt, so wie sie sich heute darbietet, oder in einer der heutigen
ähnlichen Weltsituation, die Zahl ihrer Streitkräfte auf 2,5 Millionen
Mann zu reduzieren, ohne Rücksicht auf die bestehenden politischen Gegensätze - vorausgesetzt, daß eine angemessene Überwachung geschaffen wird,
einschließlich einer Luftüberwachung. Und dieses Angebot ist von uns im
vergangenen Frühjahr gemacht worden) von der Sowjetunion wurde es abgelehnt.
Unser Vorschlag, sofort, ungeachtet politischer Regelungen, die
atomare Bedrohung zu vermindern, beschränkt sich nicht nur auf das Gebiet
der konventionellen Waffen. Präsident Eisenhower schlug beispielsweise
am 8.Dezember 1953 vor, "sofort und auch in Zukunft gemeinsame Beiträge
aus den vorhandenen Beständen gewöhnlichen Urans und spaltbarer Materialien an eine internationale Atomenergiebehörde zu leisten".
Wir machten diese Angebote, weil wir glauben, daß sie zur Beilegung
politischer Spannungen beitragen, was wiederum eine weitergehende Abrüstung erlauben und so einen Zyklus auslösen würde, der allen zum Segen
gereicht. Herr Gromyko zieht es jedoch vor, zu betonen, "daß Abrüstung
und die Lösung offenstehender politischer Probleme 'ganz verschiedene
Dinge sind1, um ihn hierzu wörtlich zu zitieren, und daß sie miteinander
zu verbinden weiter nichts bedeuten würde als sie einfach in einen Topf zu
werfen' und beide noch mehr zu komplizieren".
Ich habe zwei Vorschläge erwähnt, die die Vereinigten Staaten vorgebracht haben» 1) Beschränkungen in den herkömmlichen Waffen, und 2) Zeitplan. Unser dritter Vorschlag bezieht sich auf die Kontrolle und Beschränkung der atomaren Bedrohung. Jeder Sprecher hat sich dafür eingesetzt, daß
sich ein Abrüstungsplan mit der atomaren Bedrohung befassen müsse, daß es
nicht genüge, auf ältere Waffen zu verzichten oder mehr Infanteristen in
das Reserveheer einzureihen.
Herr Belaunde als Vertreter Perus hat darauf hingewiesen, wie absurd
es sei, eine Beschränkung bei älteren Waffentypen einzuführen und "gleichzeitig dem tragischen Rüstungswettrennen mit nuklearen V/affen freien Lauf
zu lassen".
Herr Brilej als Vertreter Jugoslawiens traf den Kern der Sache, als
er erklärte, daß "gegenwärtig zwar unüberwindbare Hindernisse für die

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�AMERIKA DIENST"

25. Juli 1956

die Errichtung eines wirksamen Kontrollsystems hinsichtlich der Abschaffung der atomaren Waffen bestehen", daß aber "die Überwachung von Maßnahmen in bezug auf den völligen Produktionsstop bei nuklearen Waffen
keineswegs unmöglich ist." Er hat völlig recht, wenn er sagt, daß
"erste Vereinbarungen sowohl eine wirksame Reduzierung der herkömmlichen
Waffen und bewaffneten Streitkräfte als auch gewisse Maßnahmen in bezug
auf nukleare Waffen sowie ein angemessenes Kontrollsystem vorsehen sollten."
In seinem Brief vom I.März 1956 erklärte Präsident Eisenhower, daß
die Vereinigten Staaten bereit seien, zusammen mit anderen Nationen "geeignete und sichere Vorkehrungen zu schaffen, so daß spaltbares Material
nirgends auf der Welt weiterhin zur Verstärkung der Vorräte an Explosivwaffe:
verwendet werden kann". Er schlug ferner vor, diese Maßnahmen mit dem Programm der Beisteuerung atomaren Materials aus vorhandenen Beständen an
die Internationale Atomenergiebehörde zu verbinden, sobald diese einmal
besteht. Auf diese Weise hofft der Präsident, "die die ganze Welt beherrschende Tendenz, den Bestand an nuklearen Waffen beständig zu vermehren,
in ihr Gegenteil zu verkehren".
In ihren Vorschlägen vom 27.März 1956 und in den Briefen Ministerpräsident Bulganins vom 6.Juni 1956 empfiehlt die Sowjetunion keinerlei
Maßnahmen zur Bekämpfung der nuklearen Bedrohung. Sie behauptet nur, daß
eine Reduzierung der konventionellen Streitkräfte die Abschaffung der
nuklearen Waffen erleichtern würde und schlägt vor, Militärstreitkräfte
in Deutschland nicht mit Atomwaffen auszurüsten.
Am 3.Juli jedoch brachte Herr Gromyko eine Resolution ein, in der
ein bedingungsloses Verbot der Verwendung von Atomwaffen gefordert wurde;
und in seiner Rede vom 12.Juli sprach er von der Vernichtung aller Atombombenvorrate.
In der Rede von Herrn Gromyko findet man keinerlei Hinweis darauf,
daß eine Bestandsaufnahme der nuklearen Materialien, besonders solcher,
die in der Vergangenheit produziert worden sind, irgendwelche besonderen
Schwierigkeiten bereitet. In Wahrheit aber ist es niemand anderes als
die Sowjetunion selbst gewesen, die in ihrer Note vom 10.Mai 1955 klipp
und klar erklärte, Reserven nuklearen Materials könnten der internationalen Kontrolle entzogen und dazu verwendet werden, insgeheim die Herstellung von Atom- und Wasserstoffbomben zu organisieren.
Die Resolution der Sowjetunion gründet sich auf das Verbot - entweder
Verbot überhaupt oder Verbot der Verwendung.
Unter den gegenwärtigen Umständen jedoch läßt sich nicht auf die
Realisierung eines gegebenen Versprechens, nämlich des Verbots von
Atomwaffen, dringen. Und wie bei allen undurchführbaren Gesetzen wird
die Herrschaft des Rechts, in diesem Fall das Völkerrecht, in Mißkredit
gebracht.
Der sowjetische Delegierte hat außerdem andere Länder kritisiert, daß
sie sich weigerten, das Versprechen zu geben, niemals Atomwaffen zu verwenden oder als erste zu verwenden, und daß sie die sowjetische Auffassung
nicht akzeptieren, in Deutsahland stationierte militärische Streitkräfte
nicht mit nuklearen Waffen'.-auszurüsten.
Dies

�"AMERIKA DIENST"

25- Juli 1956

Dies muß unsere Aufmerksamkeit des weiteren auf die Tatsache lenken,
daß ein Verbot des Einsatzes, wie es die Sowjetunion vorschlägt, für
einige Parteien ungerecht und nachteilig wäre - in diesem Fall für die
freien parlamentarischen Demokratien und ihre Verbündeten.
Dieser gleiche Punkt wurde auch im vergangenen Jahr vom Politischen
Ausschuß der UN-Generalversammlung vor der Annahme seiner an uns gerichteten Direktive vom 16.Dezember 1955 gründlich erforscht.
Wie der Delegierte Belgiens damals dem Ausschuß erklärte, würden
"solche Unternehmungen, falls es einen potentiellen Aggressor in der
Welt gibt, bewirken, daß dieser über die Konsequenzen der von ihm geplanten Handlung beruhigt sein kann und folglich ermutigt wird, die
aggressive Handlung zu begehen".
Die Vereinigten Staaten schließen sich dieser Analyse voll an. Wir
glauben nicht, daß kleineren Ländern in strategisch besonders wichtiger
geographischer Lage und mit großen Reserven an Menschen und Atomwaffen
das wichtigste Mittel der Verteidigung und Abschreckung gegenüber einer
Aggression vorenthalten werden sollte. Wenn diese gleichen Länder echte
Demokratien sind, die gerade aus der Natar ihrer Institutionen heraus nicht
dazu neigen, den ersten Kriegsstreich zu tun, könnte jegliche Übereinkunft
der Art, wie Herr Gromyko sie vorschlägt, Selbstmord bedeuten.
Die Vereinigten Staaten werden getreu ihren Verpflichtungen im Rahmen
der UN-Charta niemals Atomwaffen oder andere Waffen - Kanonen, Bomben,
Schiffe oder Flugzeuge - einsetzen, es sei denn zur Abwehr und Niederschlagung einer verbrecherischen Aggression. Aber sie geben sich auch
nicht dazu her, den Verfechtern der Freiheit die Hände zu binden, wenn
sie gegen die Aggression kämpfen müssen.
Aus diesem Grunde erheben wir Einspruch gegen die Resolution, die der
Vertreter der Sowjetunion am J).J\il± 1956 eingebracht hat.
Ich komme schließlich zu FCage Nr. 4, der überaus wichtigen Frage
der Inspektion. Wir freuten uns, daß wir im Vorschlag der Sowjetunion
vom 27«März zum erstenmal eine, wenn auch sehr einschränkende Liste
darüber vorfanden, was im Rahmen des Planes inspiziert werden könnte;
wir waren und sind aber erstaunt darüber, daß in dem Brief Ministerpräsident Bulganins an Präsident Eisenhower vom 6.Juni 195^ von einem Inspektionsplan überhaupt nicht die Rede ist.
Es ist für mich enttäuschend, daß die Sowjetunion anscheinend ihre
ablehnende Haltung gegen Präsident Eisenhowers Plan der "offenen Himmel"
verstärkt hat. Wir sind überzeugt, daß letzten Endes die Weltmeinung auf
die Verwirklichung dieses Planes dringen wird.
Der Plan der offenen Himmel, Herr Vorsitzender, erlegt der Sowjetunion keine Bürde auf, die nicht auch wir zu tragen bereit wären.
Er beabsichtigt nicht irgendein dunkles Unternehmen aus Spionagegründen; er iät vielmehr unabdingbarer Bestandteil eines Abrüstungsplanes.
Herrn

�"AMERIKA DIENST"

25': Juli 1956

Herrn Gromyko sind in seiner Erklärung zur Haltung cor vier
Mächte in der Frage der Inspektion zwei seltsame Fehler unterlaufen.
Er sagt erstens, die Sowjetunion habe ein "sehr detailliertes
Kontrollsystem" unterbreitet, und zwar in der Form des Bulganin-Planes,
der die Stationierung von Beobachtern in Schwerpunkten militärischer Anlagen vorsieht, daß jedoch die '«Vestmächte 'die ganze Angelegenheit auf
die Durchführung von Luftaufnahmen zusammendrängen wollen...".
Sicherlich ist Herrn Gromyko bekannt, daß auch vir den Bulganin-Plan
akzeptieren. Er weiß ferner, daß die Luftinspektoren nicht einfach blind
durch die Gegend fliegen, sondern die ausgetauschten Informationen
überprüfen.
Zweitens behauptet er, daß die Frage der Durchführung vor Luftaufnahmen über außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika gelegenen Gebieten 'in den Vorschlägen der Vereinigten Staaten völlig fehlt".
Sicherlich kann er die Versicherungen nicht übersehen haben, die wir
immer und immer wieder gegeben haben, daß dieser Plan auf Stützpunkte
ausgedehnt werden könnte, die die Vereinigten Staaten außerhalb ihres
Territoriums mit Zustimmung der betreffenden Nationen benutzen.
Hinsichtlich der Frage der Inspektion scheint daher die Sowjet nion
ein oder zwei Schritte vorangekommen zu sein, wenn sie die zu inspizierenden Objekte identifiziert und den Bulganin-Plan vorlegt, um jedoch
gleichzeitig wieder ein oder zwei Schritte zurück zu tun, indem sie ihre
Haltung gegen die Luftaufklärung versteift und unsere Vorschläge verdreht
darstellt.
Die Meinung der Mitglieder dieser Kommission steht, so glaube ich,
bereits fest. Sie wollen festgestellt wissen, daß ein gewisser Fortschritt erreicht wurde. Es wird aber auch an jeden ttaat der Appell geä=l
richtet, so schnell wie möglich Maßnahmen zu ergreifen, um alles Erdenkliche im Rahmen einer angemessenen Kontrolle zu unternehmen, noch bevor ein umfassendes Programm erarbeitet wird; die Kommission wünscht
eine daran anschließende Abrüstung, die für jeden Staat stufenweise
durchgeführt wird, die jedoch auf einem zufriedenstellenden Verhalten
der einzelnen beruht und mit einem zunehmenden Vertrauen in den internationalen Beziehungen eng verbunden ist;sie wünscht ferner Maßnahmen zur
Kontrolle sowohl der herkömmlichen als auch der nuklearen Y/affen; sie
setzt große Hoffnungen in die vorbereitenden und Teilmaßnahmen zur
Überwindung des toten Punktes; sie ist fest von der Notwendigkeit einer
gründlichen Inspektion, von Vorkehrungen gegen einen umfassenden Überraschungsangriff und Sicherheiten dafür überzeugt, daß die Verpflichtunge
getreu eingehalten werden.
'iVenn ich hier diese einfachen, aber zwingenden V/ünsche noch einmal
zitiere, unterstreiche ich damit, daß sie alle in dem Resolutionsentwurf
enthalten sind, den Mr. Nutting am 3.Juli eingebracht hat. Ich bin mir
auch bewußt, daß sie den '«Vünschen der Menschlichkeit in aller 'fielt entsprechen .
* * * * *
&gt;.

�Dokumente:
Lenin über Stalin

�Von: US State Department, Washington, 30. Juni 1956

Dokumente: Lenin über Stalin
Das US-Außenministerium erhielt kürzlich aus
vertraulicher Quelle verschiedene Dokumente, die
vermutlich am 25. Februar 1956 unter den Delegierten des XX. Parteitages der KPdSU verteilt
worden sind, sozusagen als ergänzendes Material
zur Rede des Ersten Parteisekretärs N. S. Chruschtschow, deren Text das US-Außenministerium
am 4. Juni 1956 veröffentlichte.* Es handelt sich um
18 Dokumente zur sowjetischen Innenpolitik der
Jahre 1922/23, die vom US-Außenministerium inzwischen auf ihre etwaige frühere Veröffentlichung
oder Erwähnung überprüft worden sind.
Angesichts der Tatsache, daß die KPdSU am
30. Juni 1956 einen Teil der Dokumente dieser
Reihe der Öffentlichkeit übergab, hat sich das USAußenministerium entschlossen, die in seinem
Besitz befindlichen Dokumente im Interesse der
wissenschaftlichen Forschung und der historischen
Einordnung der Ereignisse der Jahre 1922/23 ebenfalls bekanntzugeben.
Nachstehend eine Liste der Dokumente mit Anmerkungen über deren Erstveröffentlichung.
1. Protokoll über Notizen Lenins, ausgefertigt am
18. Mai 1924 von N. K. Krupskaja (Lenins Frau)
und Kamenew. Unveröffentlicht.
2. Notizen einer Kommission des ZK-Plenums
über die Notizen Lenins, ausgefertigt am 19. Mai
1924. Unveröffentlicht.
3. Lenins „Brief an den Parteitag" vom 23. Dezember 1922 über die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
4. Lenins Ergänzungen zu diesem Brief vom
24. und 25. Dezember 1922 und Nachschrift vom
4. Januar 1923 (bekannt als Lenins „Testament").
Veröffentlicht u. a. in L. Trotzkij, „The Real Situation in the Soviet Union", S. 320 bis 323.
5. Notizen Lenins vom 26. Dezember 1922 über
die Erweiterung des ZK. Unveröffentlicht.
6. Notizen Lenins vom 27. Dezember 1922 zur
Übertragung legislativer Funktionen an die
Gosplan-Kommission. Unveröffentlicht; Auszüge
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
5. 76, und Max Eastman, „Since Lenin Died", S. 15.
•Vgl. O-P 8. Jahr, S. 867 ff.

7. Dasselbe, Fortsetzung vom 28. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
8. Dasselbe, Fortsetzung vom 29. Dezember 1922.
Unveröffentlicht.
9. Notizen Lenins vom 29. Dezember 1922 über
die Erhöhung der Zahl der ZK-Mitglieder. Unveröffentlicht.
10. Memorandum vom 16. April 1923 an die Mitglieder des ZK im Zusammenhang mit der Übermittlung der folgenden Dokumente. Unveröffentlicht.
11. Schreiben Trotzkijs vom 16. April 1923 an
Stalin und die ZK-Mitglieder zu einem Artikel
Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht; Inhaltsangabe bei M. Eastman, „Since Lenin
Died", S. 23.
12. Lenins Artikel über die Nationalitätenfrage
vom 30. und 31. Dezember 1922. Abgedruckt bei
R. Pipes, „The Formation of the Soviet Union,
Communism and Nationalism, 1917-1923", S. 273
bis 274.
13. Schreiben Lenins vom 5. März 1923 an
Trotzkij über Bedenken Lenins wegen der Einstellung Stalins zur Lage in Georgien. Abgedruckt
bei L. Trotzkij, „The Stalin School of Falsification",
S. 81.
14. Mitteilung der Sekretärin Lenins an Trotzkij
vom 5. März 1923. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 91.
15. Schreiben von L. Fotijewa, einer der Sekretärinnen Lenins, vom 16. April 1923 an Kamenew
und Trotzkij zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Abgedruckt bei L. Trotzkij, „The
Stalin School of Falsification", S. 82.
16. Empfangsbestätigung Kamenews vom 16. April
1923 über den Eingang des Schreibens der Fotijewa.
Unveröffentlicht.
17. Schreiben der Fotijewa vom 16. April 1923 an
Stalin zum Artikel Lenins über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.
18. Erklärung Stalins vor den ZK-Mitgliedern
am 16. April 1923 zur Übersendung des LeninArtikels über die Nationalitätenfrage. Unveröffentlicht.
3

�Ich glaube, daß unter diesem Gesichtspunkt der
Schlüssel zur Festigung bei ZK-Mitgliedern wie Stalin
und Trotzkij liegt. Die Art der zwischen ihnen bestehenden Beziehungen enthält nach meiner Meinung
den größeren Teil der abzuwendenden Spaltungsgefahr; diese Gefahr kann meiner Ansicht nach, abgesehen von anderen Gründen für diese Maßnahme,
am besten dadurch gebannt werden, daß man die
Mitgliederzahl des ZK auf 50 oder 100 Personen
erhöht.
Genosse Stalin hat dadurch, daß er Generalsekretär
geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen Händen
vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er
es immer verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen. Auf der anderen
Seite besitzt Genosse Trotzkij, wie sich in seinem
Kampf gegen das ZK in der Frage des Volkskommissariats für das Verkehrswesen zeigte, nicht
nur ausgezeichnete Fähigkeiten — persönlich ist er
vermutlich der fähigste Mann im gegenwärtigen ZK
—, sondern gleichzeitig auch ein Übermaß an Selbstbewußtsein und einen übergroßen Hang zur rein
administrativen Regelung der Probleme.
Diese beiden Charakterzüge der beiden begabtesten
Führer des gegenwärtigen ZK könnten ganz gegen
deren Willen zu einer Spaltung führen; und wenn
unsere Partei keine Maßnahmen dagegen ergreift,
kann diese Spaltung ganz unerwartet eintreten.
Ich will nicht weiter versuchen, die persönlichen
Eigenschaften der anderen ZK-Mitglieder zu charakterisieren. Ich will nur daran erinnern, daß Sinowjews
und Kamenews Oktoberepisode natürlich kein Zufall
war, daß man dies aber ebensowenig gegen sie ins
Treffen führen darf wie gegen Trotzkij die Tatsache,
daß er früher kein Bolschewik war.
Zu den jüngeren ZK-Mitgliedern übergehend, möchte
ich einige Worte über Bucharin und Pjatakow sagen.
Diese sind nach meiner Meinung die fähigsten Kräfte
unter diesen Jüngsten, doch ist dabei folgendes zu beachten: Bucharin ist nicht nur ein sehr wertvoller und
sehr prominenter Parteitheoretiker, sondern er kann
recht eigentlich als der Favorit der ganzen Partei betrachtet werden; trotzdem dürfen seine theoretischen
Ansichten nur mit größtem Vorbehalt als restlos
marxistisch angesehen werden, denn es steckt in ihm
ein Stück von einem Scholastiker (er hat die Dialektik
nie studiert und, wie ich glaube, auch niemals ganz verstanden).
Nun zu Pjatakow; er ist ein zweifellos willensstarker
und sehr begabter Mann, der jedoch viel zu sehr dem
Verwaltungswesen, der rein administrativen Seite
der Dinge ergeben ist, als daß man sich in einer
wichtigen politischen Frage auf ihn verlassen könnte.
Selbstverständlich bezieht sich die erste wie die
zweite Bemerkung nur auf die Gegenwart, aber beide
sind gerade für den Fall gemacht worden, daß diese
beiden fähigen und loyalen Mitarbeiter nicht imstande
sein sollten, gelegentlich ihr Wissen abzurunden und
ihre Einseitigkeit zu überwinden.
25. 12. 1922
Lenin
Niederschrift durch M. W.

Nachschrift

zum Brief

vom 24. Dezember

1922

Stalin ist zu grob, und wenn dieser Fehler auch in
unserem Kreise und in den Beziehungen unter uns
Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs.
Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu
finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen
und dafür einen anderen Mann auszuwählen, der sich
aber in jeder Beziehung nur dadurch von Stalin
unterscheiden darf, daß er geduldiger, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen ist, nicht
so launisch usw. Diese Dinge mögen wie unwichtige
Kleinigkeiten erscheinen. Ich glaube jedoch, daß sie
unter dem Blickwinkel der Verhinderung einer Spaltung und meiner Bemerkungen über die Beziehungen
zwischen Stalin und Trotzkij keine Kleinigkeiten sind,
oder wenn doch, daß es Kleinigkeiten sind, die entscheidende Bedeutung gewinnen können.
4. Januar 1923
Lenin
Niederschrift durch L. F.
5. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

26. 12. 1922

III. Die Erhöhung der Mitgliederzahl des ZK auf
50 oder sogar 100 soll, wie ich es sehe, einem zweioder dreifachen Zweck dienen; je mehr Mitglieder
das ZK zählt, um so mehr Personen werden die
Arbeit des ZK kennen lernen und um so geringer
wird die Gefahr einer Spaltung infolge einiger unbedachter Schritte sein. Die Berufung zahlreicher
Arbeiter in das ZK wird es unseren Arbeitern ermöglichen, die Leistungsfähigkeit unseres Apparats* zu
erhöhen, der viel zu wünschen übrigläßt. Praktisch
haben wir ihn von dem alten Regime übernommen, da
es für uns vollkommen unmöglich war, ihn in so kurzer
Zeit völlig zu reorganisieren, vor allem in einer Zeit
des Krieges, der Hungersnot usw. Aus diesem Grunde
kann man den „Kritikern", die in geringschätziger oder
sarkastischer Weise die Mängel unseres Apparats hervorheben, die klare Antwort geben, daß sie keine
Ahnung von den Bedingungen haben, unter denen sich
unsere gegenwärtige" Revolution vollzieht. Eine wirksame Reorganisation des Apparats binnen fünf Jahren
war völlig unmöglich — besonders in der Revolutionsperiode. Es ist genug, daß es uns in den fünf Jahren
gelungen ist, eine Regierung neuen Typs zu schaffen,
in der die Arbeiter an der Spitze der Bauern gegen
die Bourgeoisie stehen, und das zu einer Zeit, da wir
von einer Welt von Feinden eingekreist sind. Das war
eine ungeheure Leistung. Dieses Bewußtsein sollte
uns jedoch nicht blind gegenüber der Tatsache machen,
daß es praktisch der alte Apparat ist, den wir übernommen haben, der Apparat des Zaren und der Bourgeoisie, und d"aß nunmehr, nachdem wir den Frieden
errungen und unsere Mindestbedürfnisse befriedigt
haben, alle unsere Anstrengungen darauf konzentriert
werden müssen, die Leistungsfähigkeit des Apparats
zu verbessern. Ich male mir das so aus: Setzt man
mehrere Dutzend Arbeiter in die Maschinerie des ZK,
so werden sie besser als alle anderen imstande sein,
sich mit der Kontrolle, der Leistungssteigerung und der
•Gemeint ist offenbar der Regierungs- bzw. Verwaltungsapparat. (O-P)

5

�fallen, diese Seite den wissenschaftlichen Kenntnissen,
der Fähigkeit zum Begreifen der umfassenden Realitäten, dem Führertalent usw. gleichzustellen.
Jede Regierungsinstitution und besonders der Gosplan bedarf der glücklichen Kombination dieser beiden
Eigenschaften. Als mir deshalb Genosse Krshishanowskij berichtete, es sei ihm gelungen, Pjatakow für
die Arbeit im Gosplan zu interessieren und daß zwischen ihnen ein Einvernehmen über die Arbeitsteilung
bestehe, habe ich, als ich meine Zustimmung gab, auf
der einen Seite in meinem Innern gewisse Zweifel
gehabt, auf der anderen Seite aber die Möglichkeit
erkannt, vielleicht auf diese Weise die gewünschte
Kombination der beiden Typen des leitenden Regierungsfunktionärs zu verwirklichen. Ob meine Hoffnung sich realisiert hat, müssen wir abwarten. Im
Laufe der Zeit müssen wir dies in der Praxis überprüfen; im Prinzip — glaube ich — können wir jedoch
nicht daran zweifeln, daß die ordnungsgemäße Funktionsweise der Regierungsinstitutionen eine derartige
Kombination von Charakteren und Typen (von Männern, Eigenschaften) absolut erforderlich macht. Nach
meiner Ansicht ist übertriebenes „Administrieren"
ebenso schädlich wie jede Übertreibung schlechthin.
Der Leiter einer Regierungsinstitution sollte ein
Höchstmaß von Führertalent besitzen und dazu solide
wissenschaftliche und technische Kenntnisse in dem
Umfang, der für die Überwachung der Arbeit anderer
notwendig ist. Das ist wichtig. Ohne dies kann wirkliche Arbeit nicht geleistet werden. Auf der anderen
Seite muß der Betreffende sich auch auf die Verwaltung
verstehen, und er bedarf zu diesem Zweck eines geeigneten Gehilfen oder sogar mehrerer Gehilfen. Es
ist zweifelhaft, ob wir die Kombination dieser beiden
Eigenschaften in einer Person vereinigt finden werden;
es ist ebenfalls zweifelhaft, ob eine derartige Kombination notwendig ist.
Niederschrift durch L. F.
28. 12. 22

Lenin

8. Dokument
Fortsetzung
der Notizen, 29. Dezember 1922
VI. Der Gosplan ist anscheinend im Begriff, sich restlos in eine Kommission von Fachleuten zu verwandeln.
An der Spitze dieser Institution sollte ein Mann stehen,
der große und umfassende Erfahrungen auf technischem
Gebiet besitzt. Administrative Fähigkeiten sollten hier
nur eine nützliche Beigabe sein. Der Gosplan muß
zweifellos bis zu einem gewissen Grade unabhängig
und selbständig sein, mit dem einzigen Vorbehalt, daß
die Mitarbeiter dieser Institution ehrlich und aufrichtig
bemüht sind, unseren Plan des wirtschaftlichen und
sozialen Aufbaus zu verwirklichen.
Die letztgenannte Eigenschaft ist heute natürlich nur
in Einzelfällen zu finden, da die große Mehrzahl der
Wissenschaftler, aus denen sich die Gosplan-Kommission naturgemäß zusammensetzt, mit bourgeoisen Ansichten und Vorurteilen nur allzu sehr belastet ist. Die
Überwachung dieser Leute in dieser Hinsicht sollte
Aufgabe mehrerer Personen sein, die das GosplanPräsidium bilden könnten; sie müssen Kommunisten
sein und im Ablauf der Arbeit täglich feststellen, in
welchem Maße die bourgeoisen Wissenschaftler der
Sache ergeben sind, ob sie ihre bourgeoisen Vorurteile
ablegen und auch, ob sie sich allmählich den sozialisti-

schen Standpunkt zueigen machen. Diese Zweigleisigkeit — wissenschaftliche Kontrolle in Verbindung mit
rein administrativer Arbeit — ist das Ideal, das den
leitenden Gosplan-Funktionären vorschweben sollte.
Ist es zweckmäßiger, die Gosplan-Aufgaben in einer
Reihe von Einzeldirektiven aufzuspalten, oder sollten
wir umgekehrt die Schaffung eines ständigen Spezialisten-Gremiums anstreben, das einer systematischen
Kontrolle durch das Gosplan-Präsidium untersteht, das
seinerseits Entscheidungen über die Gesamtheit der in
den Gospldn-Aufgabenbereich
fallenden
Probleme
fällen könnte? Nach meiner Auffassung ist das zweite
vernünftiger, und wir sollten uns bemühen, die Zahl
der brennenden und wichtigen Einzelprobleme zu
begrenzen.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
9. Dokument
Fortsetzung

der Notizen,

29. Dezember

1922

Zum Thema
E r h ö h u n g der Anzahl der ZK-Mitglieder
VII. Bei der Erhöhung der Anzahl der ZK-Mitglieder
ist es meiner Ansicht nach nötig, wahrscheinlich als
allererstes das Problem der Kontrolle und Leistungssteigerung unseres Apparats zu lösen, der überhaupt
nichts taugt. Für diesen Zweck sollten wir die Dienste
hochqualifizierter Spezialisten in Anspruch nehmen; die
Aufgabe, diese Spezialisten verfügbar zu machen, fällt
in den Bereich der Arbeiter- und Bauerninspektion.
Wie die Arbeit dieser Kontrollspezialisten, die auch
ausreichende Kenntnisse besitzen müssen, mit der
Arbeit der neuen ZK-Mitglieder zu koordinieren ist,
sollte die Praxis entscheiden. Mir scheint, daß die
Arbeiter- und Bauerninspektion (infolge ihrer Entwicklung und auch infolge von Zweifeln hinsichtlich
dieser Entwicklung) in ein neues Stadium eingetreten
ist, wie wir jetzt beobachten können, nämlich in ein
Stadium des Übergangs von einem besonderen Volkskommissariat zur Beauftragung von ZK-Mitgliedern
mit Sonderaufgaben. Dieser Übergang bedeutet die
Abkehr von einer Einrichtung, die absolut alles beaufsichtigt — die Abkehr von einer Gruppe, die nur aus
wenigen Mitgliedern besteht, welche allerdings erstklassige und deshalb hochbezahlte Inspektoren sind
(dies ist geradezu unerläßlich in unserer Zeit, wo man
alles bezahlen muß, und in einer Situation, da die Inspektoren nur in den Behörden arbeiten, die ihnen
bessere Bezahlung bieten).
Wenn die Anzahl der ZK-Mitglieder in angemessener
Weise erhöht wird und wenn sie alljährlich an einem
Verwaltungslehrgang für Regierungsarbeit teilnehmen,
wobei ihnen hochqualifizierte Spezialisten und Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion zur Hand
gehen, die auf allen Arbeitsgebieten gut beschlagen
sind, dann, meine ich, werden wir dieses Problem erfolgreich lösen, das so lange ungelöst geblieben ist.
Daher zusammenfassend: ungefähr 100 ZK-Mitglieder
und nicht mehr als 400 bis 500 Gehilfen, die in ihrer
Eigenschaft als Mitglieder der Arbeiter- und Bauerninspektion weisungsgemäß die Kontrolle ausüben.
Niederschrift durch M. W.
29. 12. 1922
Lenin
7

�Möglichkeit hatten, ihn unter Bedingungen, da das
„Kriegsgeschäft" und der Kampf gegen die Hungersnot
wichtiger waren, und ohne die Hilfe unserer Republiken
in seine Schranken zu weisen.

Hier kommen wir zu einer ganz grundsätzlichen
Frage: Was verstehen wir unter Internationalismus?
Lenin

Unter solchen Bedingungen ist es ganz natürlich, daß
sich der Punkt vom „Recht der Loslösung von der
Union", mit dem wir uns rechtfertigen, als ein Fetzen
Papier erweisen wird, der keineswegs ausreicht für den
Schutz fremder Völker in Rußland gegen die Übergriffe
des Russen schlechthin, des Großrussen, des Chauvinisten, ja des Schurken und Plünderers, der der typische
russische Bürokrat nun einmal ist. Es steht außer
Zweifel, daß der unbedeutende Prozentsatz sowjetischer
und sowjetisierter Arbeiter in diesem chauvinistischen
Meer großrussischer Schuftigkeit ertrinkt wie eine
Fliege in der Milch.

Fortsetzung der Notizen, 31. Dezember 1922
Über die nationale Frage oder die „Autonomie"
In meinen Arbeiten, die die nationale Frage behandeln, habe ich bereits dargelegt, daß eine abstrakte
Konzeption vom Nationalismus vollkommen wertlos
ist. Man muß zwischen dem Nationalismus eines
herrschenden Volkes und dem Nationalismus eines
beherrschten Volkes, zwischen dem Nationalismus eines
großen Volkes und dem Nationalismus eines kleinen
Volkes unterscheiden.

Zur Rechtfertigung dieses Vorgehens wird vorgebracht, daß die Volkskommissariate, die sich mit
Fragen der nationalen Eigenart, der nationalen Erziehung befassen, autonom sind. In diesem Zusammenhang erhebt sich jedoch die Frage, ob es möglich ist,
die Volkskommissariate völlig losgelöst vom Zentrum
zu halten, und dazu die zweite Frage, ob wir mit der
nötigen Umsicht Maßnahmen zum Schutz fremder
Völker gegen den generellen, den typischen russischen
„Dershimorda"*ergriffen haben. Meiner Meinung nach
haben wir derartige Maßnahmen nicht ergriffen, obgleich wir dies tun konnten und getan haben sollten.
Ich glaube, daß die Eile und das administrative Ungestüm Stalins und auch seine Verbohrtheit in den
berühmten „Sozial-Nationalismus" hier eine verhängnisvolle Rolle spielten. In der Politik gibt es im allgemeinen und in der Regel nichts Schlimmeres als
solche Verbohrtheit.
Ich fürchte auch, daß sich Genosse Dzierzynski, als
er zur Untersuchung der „Verbrechen" dieser „SozialNationalisten" in den Kaukasus ging, durch seine
typisch russische Einstellung auszeichnete (es ist allgemein bekannt, daß russifizierte Angehörige anderer
Nationalitäten stets zur Übertreibung neigen, wenn es
sich um das typisch russische Verhalten handelt)**; die
Objektivität, mit der er sich seines gesamten Auftrags
entledigte, ist durch die „Leistungen" Ordshonikidses
gekennzeichnet. Ich bin der Meinung, daß diese
Heldentaten der Russen aus keinerlei Provokationen
und Beleidigungen gerechtfertigt werden können und
daß Genosse Dzierzynski nicht wieder gutzumachendes
Unheil anrichtete, als er diese Vorkommnisse bagatellisierte.
Alle Bewohner des Kaukasus betrachteten Ordshonikidse als Regierungsvertreter. Ordshonikidse hatte
kein Recht zu dem impulsiven Vorgehen, mit dem er
und Dzierzynski sich später zu entschuldigen suchten.
Ganz im Gegenteil: Ordshonikidse war zu größerer
Selbstbeherrschung verpflichtet als jeder einfache Bürger, von jenen Bürgern gar nicht zu reden, die eines
„politischen" Verbrechens bezichtigt waren. Die „SozialNationalisten" waren jedenfalls Bürger, die eines politischen Verbrechens beschuldigt waren, und alle Umstände der Anklage besagten genau dasselbe.
•Brutal-arroganter Gendarm aus Gogols Komödie
„Der Revisor". (O-P)
••Dzierzynski war Pole. (O-P)

Über den Nationalismus der zweiten Art ist zu sagen,
daß wir, die Angehörigen eines großen Volkes, uns
fast immer in der Geschichte unzähliger Gewalttätigkeiten schuldig machen und — was noch schlimmer
ist — es nicht einmal bemerken, daß wir zahllose Gewalttaten und Mißbräuche begehen; ich brauche nur
von meinen eigenen Erfahrungen im Wolgagebiet zu
berichten, um klarzumachen, mit welcher Verachtung
wir die Nichtrussen behandelten; ein Pole ist bei uns
immer ein „Polack", ein Tatar wird sarkastisch als
„Graf", ein Ukrainer als „Chochol", ein Georgier und
andere Angehörige der Kaukasus-Völker als „Kaukasier" bezeichnet.
Aus diesem Grunde sollte der Internationalismus des
herrschenden Volkes oder des sogenannten „großen"
Volkes (selbst wenn es nur in seinen Gewalttaten groß
ist, groß, wie eben nur ein Herrscher „groß" sein kann)
nicht nur durch die formale Wahrung der Gleichheit
unter den Völkern, sondern auch durch die Wahrung
jener Ungleichheit bestimmt sein, durch die das herrschende Volk, das große Volk, die tatsächlich im Leben
bestehende Ungleichheit kompensieren würde. Wer
das nicht begreift, begreift nicht die echt proletarische
Einstellung zur nationalen Frage, vertritt in Wirklichkeit noch immer kleinbürgerliche Ansichten und muß
daher notwendigerweise auf die bürgerliche Position
abgleiten.
Was ist für einen Proletarier wichtig? Für einen
Proletarier ist es nicht nur wichtig, sondern sogar eine
zwingende Notwendigkeit, daß ihm andere Nationalitäten ein Maximum an Vertrauen im proletarischen
Klassenkampf schenken. Welcher Voraussetzung bedarf
es hierzu? Vom Proletarier wird mehr als die Wahrung
einer nur formalen Gleichberechtigung gefordert. So
oder so muß er durch seine Haltung oder durch Zugeständnisse gegenüber anderen Nationalitäten das
Mißtrauen, den Argwohn und die Mißstände kompensieren, die diese in der historischen Vergangenheit unter dem Regime des „Großmachf-Volkes zu erdulden hatten.
Ich glaube, für Bolschewiken und Kommunisten bedarf es keiner weiteren Erklärung. Ich glaube, daß
der vorliegende Fall, der Fall des georgischen Volkes,
ein typisches Beispiel ist, das von uns bei wirklich
proletarischer Einstellung besondere Behutsamkeit,
Einsicht und Konzessionsbereitschaft erfordert. Ein
Georgier, der diese Seite der Angelegenheit auf die
leichte Schulter nimmt, der leichtfertig über die Beschuldigung des „Sozial-Nationalismus" daherredet
(während er selbst nicht nur ein waschechter „Sozial9

�13. Dokument

16. Dokument

Lieber Genosse Trotzkij!
Ich bitte Dich dringend, im ZK der Partei die Verteidigung in der Georgien-Affäre zu übernehmen. Stalin und Dzierzyhski haben sich gegenwärtig diesen
Fall „aufs Korn genommen", und ich kann bei ihnen
nicht mit Objektivität rechnen. Eher mit dem Gegenteil.
Ich wäre beruhigt, wenn Du Dich einverstanden erklären würdest, die Verteidigung in dieser Affäre zu
übernehmen. Könntest Du Dich dazu aus irgendeinem
Grunde nicht bereit finden, so sende mir bitte alle Unterlagen zurück. Das wird für mich das Zeichen Deiner
Ablehnung sein.
Niederschrift durch M. W.
Herzliche Parteigrüße,
5. März 1923
Lenin
Für die Richtigkeit: M. Woloditschewa

A n t w o r t des Genossen K a m e n e w an das
ZK-Sekretariat
Soeben, 35 Minuten nach 5, erhielt ich von Genossin
Fotijewa die beigefügte Notiz. Ich übersende diese
Notiz dem ZK, da sie nichts enthält, was mich persönlich betrifft. Nach meiner Meinung sollte das ZK die
Frage, ob Wladimir Iljitschs Artikel zu veröffentlichen
ist, sofort positiv entscheiden.
16. 4. 1923
L. Kamenew
5.45 Uhr
Für die Richtgkeit: E. Lepeschinskaja.
17. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa
Genosse Stalin!

14. Dokument
An Genossen Trotzkij!
Wladimir Iljitsch bat mich, Ihnen zusätzlich zu dem
Brief, dessen Inhalt Ihnen bereits telefonisch durchgegeben wurde, mitzuteilen, daß Genosse Kamenew am
Mittwoch nach Georgien reist; Wl. II. möchte wissen,
ob Sie nicht etwas von sich selbst dorthin mitzugeben
haben.
5. März 1923
M. Woloditschewa
15. Dokument
Brief der Genossin Fotijewa an
Genossen Kamenew, Abschrift an Genossen Trotzkij
Lew Borisowitsch!
Ich teile Ihnen als kommissarischem Vorsitzenden
des Politbüros ergänzend zu unserem Telefongespräch
folgendes mit:
Wie ich Ihnen bereits am 31. 12. 1922 mitteilte, hat
Wladimir Iljitsch einen Artikel über die Nationalitätenfrage diktiert.
Er war an dieser Frage sehr interessiert und bereitete
sich darauf vor, diese Frage auf dem Parteitag selbst
zur Sprache zu bringen.
Kurz vor seiner letzten Erkrankung teilte er mir mit,
daß er diesen Artikel veröffentlichen wolle. Aber danach wurde er krank, ohne eine letzte Weisung erteilt
zu haben.
W. I. betrachtete seinen Artikel als richtungweisendes
Dokument und hielt ihn für sehr wichtig. Auf Anordnung Wladimir Iljitschs wurde dieser Artikel Genossen Trotzkij zugesandt, dem W. I. die Verteidigung
seines Standpunktes in dieser Frage auf dem Parteitag
anvertraut hatte, da beide in dieser Angelegenheit einer
Meinung waren.
Die einzige Abschrift dieses Artikels, die ich besitze,
ist auf W. I.'s Anordnung in seinem Geheimarchiv aufbewahrt.
Ich übersende sie Ihnen zu Ihrer Information.
Ich konnte dies nicht früher erledigen, weil ich nach
längerer Krankheit erst heute die Arbeit wieder aufgenommen habe.
Privatsekretärin des
16. 4. 1923
Genossen Lenin
L. Fotijewa
Für die Richtigkeit: E. Lepeschinskaja

Ich habe mich heute von Marija Iljinischna in der
Frage beraten lassen, ob der Artikel Wladimir Iljitschs,
den ich Ihnen zusandte, veröffentlicht werden soll, da
Wladimir Iljitsch die Absicht geäußert hatte, ihn im
Zusammenhang mit einer Rede zu veröffentlichen, die
er auf dem Parteitag halten wollte.
Marija Iljinischna meinte, der Artikel sollte nicht gedruckt werden, da W. I. keine klare Anweisung für
seine Veröffentlichung gegeben hat; sie erlaubt lediglich, den Artikel den Delegierten dieses Parteitages zur
Kenntnis zu bringen.
Von meinem Standpunkt aus brauche ich nur hinzuzufügen, daß W. I. die Form seines Artikels noch nicht
für endgültig und druckreif hielt.
16. 4. 1923
L. Fotijewa
21 Uhr
18. Dokument
E r k l ä r u n g des Genossen Stalin
(allen ZK-Mitgliedern
zugestellt)
Ich bin sehr überrascht, daß Genosse Trotzkij es für
zulässig hält, die Artikel des Genossen Lenin, die
zweifellos grundsätzliche Bedeutung haben und die
er schon am 5. März dieses Jahres erhalten hat, über
einen Monat lang als sein persönliches Geheimnis zu
behandeln und ihren Inhalt dem Politbüro oder dem
ZK-Plenum bis zum Vortage des XII. Parteitags vorzuenthalten. Wie mir heute die Parteidelegierten mitteilten, ist das Thema dieser Artikel Gegenstand von
Diskussionen, Gerüchten und Gesprächen unter den
Delegierten; diese Artikel sind, wie ich heute erfuhr,
Personen bekannt, die mit dem ZK nichts zu tun
haben; die ZK-Mitglieder selbst müssen ihre Informationen diesen Gerüchten und Erzählungen entnehmen, während es auf der Hand liegt, daß der Inhalt
dieser Artikel zuerst dem ZK hätte mitgeteilt werden
müssen.
Ich bin der Meinung, daß die Artikel des Genossen
Lenin in der Presse veröffentlicht werden sollten. Es
ist nur zu bedauern, daß diese Artikel — wie aus dem
Brief der Genossin Fotijewa klar hervorgeht — offenbar nicht veröffentlicht werden können, weil sie der
Genosse Lenin nicht noch einmal durchgesehen hat.
22 Uhr
16. 4. 1923
J. Stalin
11

�A M E R I K A

D I E N S T

WORTLAUT DES SCHREIBENS PRÄSIDENT EISENHOWERS AN
MINISTERPRÄSIDENT BULGANIN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut eines Schreibens des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower an den
Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Bulganin,
das am 7« August 1956 von dem amerikanischen Botschafter in Moskau, Charles E. Bohlen, überreicht
wurde und womit Eisenhower das Schreiben Bulganins
vom 6. Juni 1956 beantwortete.
"Sehr geehrter Herr Ministerpräsident!
Ich nehme hiermit auf Ihr Schreiben vom 6. Juni Bezug, mit dem
ich mi ch eingehend beschäftigt habe.
E s bestätigte Ihre Bekanntgabe vom vergangenen Mai, daß Sie
planen , die Stärke Ihrer bewaffneten Streitkräfte etwas zu reduzieren. I ch begrüße eine derartige Reduzierung. Sie würde den Handlungen
der am erikanischen Regierung entsprechen, die seit Ende des zweiten
Weltkr ieges - mit lediglich einer Ausnahme während der Zeit des Korea«
kriege s - die Stärke ihrer bewaffneten Streitkräfte ständig reduziert
hat.
Ich b ezweifle jedo ch, ob derartige Reduzierungen dieser besonderen Art, wie sie unse re Regierungen in ihrem jeweiligen nationalen Intere sse durchführ en mögen, an der Beseitigung der Furcht sowie
der durch die nationale Rüstung entstandenen hohen Kosten wirksam
beitragen können. Es be steht eine offensichtliche Notwendigkeit zur
Schaffung von internati onalen überwachungsmechar.ismen und Kontrollen,
die zu grö ßeren Reduzie rungen ermutigen. Ich bedauere, daß wir in
dieser Hin sieht einen s o geringen Fortschritt erzielt haben.
Vor einiger Zeit habe ich Ihrem Vorschlag für eine Bodeninspektion unter der Voraussetzung zugestimmt, daß Sie gleichfalls
meinem vor einem Jahr in Genf gemachten Vorschlag für eine Luftkontrolle und einen militärischen Informationsaustausch zustimmen würden.
Wie ich höre, haben Sie diesen Vorschlag bisher aus dem Grunde abgelehnt, weil er in das Gebiet des Geheimdienstes fallen würde. Was ich
vorschlug, sollte mit einem vollständigen Austausch militärischen

- 1

�8. August 1956

"AMERIKA DIENST"

militärischen Informationsmaterials eingeleitet werden, und hatte den
Zweck, den anderen jeweils davon in Kenntnis zu setzen, daß keiner
von uns einen plötzlichen massiven Angriff plant und daß jeder von uns
solche "übereinkommen achten wird, die wir, wie ich zuversichtlich
glaube, auf dem Gebiet der Abrüstung zu erreichen imstande sein werden.
Sicherlich ist diese Art von Informationen wünschenswert und notwendig und liegt im Interesse des Friedens und des internationalen Vertrauens, Können wir hierin keinen Fortschritt erzielen?
Ich verweise ferner auf mein Schreiben an Sie vo.u 1. Harz 1956,
in dem ich vorschlug, daß von einem noch zu vereinbarenden Zeitpunkt
an die Produktion von spaltbarem Material in aller Welt nicht länger
mehr zur Vergrößerung der Lager an Sprengwaffen verwendet werden sollte.
Ich hatte gehofft, daß dieser Vorschlag, der mir von erheblicher Bedeutung zu sein schien, von Ihnen als ein wichtiger Schritt dahingehend angesehen würde, die Atoragefahr unter Kontrolle zu bringen. Sie
haben jedoch niemals auf diesen Vorschlag geantwortet und Ihr Schreiben vom 6. Juni nimmt auf die Kontrolle der Atomwaffen nicht Bezug.
Darf ich Sie erneut nachdrücklich ersuchen, dieser Frage'und insbesondere meinem Vorschlag vom vergangenen März sorgfältige Beachtung
zu schenken.
Sie gehen in Ihrem Schreiben auf eine mögliche Reduzierung unserer beiderseitigen Streitkräfte in Deutschland ein. Es ist ganz
offensichtlich, daß das Problem der Streitkräfte in Deutschland nicht
als eine isolierte Frage behandelt werden kann. In dieser Hinsicht
muß ich bekennen, daß ich durch die Entwicklungen stark beunruhigt
bin, die seit unserem Treffen in Genf im vergangenen Jahr eingetreten
sind. Wir stimmten dort überein, daß die Wiedervereinigung Deutschlands der gemeinsamen Verantwortung der vier in Genf zusammengekommenen Regierungen unterliegt, und wir stimmten ferner überein, daß
Deutschland durch freie Wahlen wiedervereinigt werden sollte, die in
Einklang mit den nationalen Interessen des deutschen Volkes und den
Interessen der europäischen Sicherheit durchgeführt werden. Es ist
dies nicht nur nicht geschehen, sondern ich höre auch von Erklärungen von Ihrer Seite, die anzudeuten scheinen, daß Ihre Regierung entschlossen ist, die Teilung Deutschlands auf unbestimmte Zeit aufrechtzuerhalten.
Ich muß gestehen, daß ich mir eigentlich nicht vorstellen kann,
wie wir konstruktiv zusammenarbeiten sollen, wenn Vereinbarungen, die
auf höchster Ebene nach umfassendster Prüfung ausgehandelt worden
sind, nicht verläßlich zu sein scheinen.
Es ist nichtsdestoweniger meine aufrichtige Hoffnung, daß wir
Mittel und Wege finden werden, um hinsichtlich einer sinnvollen Rüstungskontrolle Fortschritte zu machen; dies ist eine Hoffnung, die,
wie ich glaube, nicht nur von uns sondern auch von den Völkern der
ganzen Welt geteilt wird.
Meine Mitarbeiter und ich haben niemals aufgehört, dieser ganzen
Angelegenheit einer Rüstungsbegrenzung und vor allem der Beseitigung
der wachsenden Bedrohung durch die Kernwaffen und modernen Kampfmittel

2 -

�"AMERIKA DIENST"

8. August 1956

Kampfmittel ur.sere größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie zu prüfen.
Wenn sich aus dieser Prüfung weitere Möglichkeiten internationaler
Maßnahmen ergeben sollten, wovon ich fest überzeugt bin, dann werde
ich sie Ihnen entweder direkt oder durch die zuständigen Organe der
Vereinten Nationen mitteilen. In diesem Zusammenhang muß ich erklären,
daß ich Ihre Ansicht über die Tätigkeit des Unterausschusses der UNAbrüstungskommission nicht teile. Die dort geführten Diskussionen
haben wesentlich dazu beigetragen, Licht auf dieses schwierige Problem
zu werfen und, wie ich hoffe, die zwischen unseren Ansichten bestehende
Kluft einzuengen.
Können wir nicht, Herr Ministerpräsident, mehr zur Realisierung
der Hoffnungen tun, die durch unser Treffen in Genf wachgerufen wurden? Wir machten damals Versprechungen, besonders in bezug auf Deutschland, die mit äußerster Dringlichkeit erfüllt werden müssen. Wir
verpflichteten uns feierlich zu Abrüstungsanstrengungen, aus denen für
die gesamte Welt Gutes ersprießen würde, wenn wir uns nur über Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen einigen könnten, die realisierbar
sein sollten, wenn keiner von uns irgend etwas Feindseliges zu verbergen hat. Wir suchten einen Y/eg zur Entwicklung von Kontakten, die
unsere Völker in die Lage versetzen würden, durch besseres Wissen
über das andere Land ihre Freundschaft zu stärken, die ein wertvolles
Bollwerk für den Frieden bilden kann.
Wir erkennen an, daß in Ihrem Lande Bestrebungen im Gange sind,
einen Teil der Untaten einer vergangenen Epoche aus der Welt zu schaffen. Wir begrüßen dies. Aber ich hoffe, daß Sie und Ihre Mitarbeiter
diese Anstrengungen nicht nur auf diese Untaten beschränken werden,
wie sie in Ihrem Lande und Ihrer Partei zutage getreten sind. Diese
Untaten wirkten sich auch auf internationaler Ebene aus. Selbst heute
noch stellen sie ein ernstes Hindernis dafür dar, daß die Dinge geschehen, die, wie wir beide übereinstimmten, getan werden müßten.
Diese Situation muß also durch einen neuen Geist gebessert werden,
um den ich aufrichtig an Sie appelliere.

Ihr sehr ergebener
Dwight D. Eisenhower"

* * * * *

- 3 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLE3 PRÄZISIERT WESTLICHEN SUEZPLAN

LONDON - (AD) - Der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles präzisierte am 20. August 1956 auf der
Londoner Suezkonferenz den Plan, der von westlicher
Seite zur Lösung des Problems vorgeschlagen wird.
Der amerikanische Suezplan hat folgenden Wortlaut:
"Die an der Londoner Suezkanalkonferenz teilnehmenden Regierungen, die diese Erklärung billigen, haben sich, besorgt über die ernste
Lage in bezug auf den Suezkanal; in dem Streben nach einer friedlichen Lösung in Übereinstimmung mit den Zielen und Zwecken der Vereinten Nationen; und in Anerkennung der Tatsache, daß eine befriedigende Lösung auf der einen Seite den souveränen Rechten Ägyptens,
einschließlich seinem Recht auf eine gerechte und faire Entschädigung
für die Benutzung des Kanals, Rechnung tragen und zum andern den
Suezkanal in Übereinstimmung mit der Suezkanalkonvention vom 19«
Oktober 1888 als eine internationale Wasserstraße sichern muß, zu
folgender Darlegung ihres Standpunktes entschlossen:
1. Sie unterstreichen, daß, wie in der Konvention von 1888 festgelegt, 'ein definitives System' ausgearbeitet werden soll, 'das geeignet ist, zu allen Zeiten und für alle Mächte die freie Benutzung
des Suez-Schiffahrtkanals zu garantieren.'
2. Ein solches System muß sicherstellen:
a) die reibungslose und zuverlässige Inbetriebhaltung, Erhaltung
und Entwicklung des Kanals als eine freie, offene und sichere internationale Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der
Konvention von 1888}
b) die Heraushaltung des Betriebs des Kanals aus dem Einfluß der
Politik irgendeiner Nation;
c)

die Respektierung der Souveränität Ägyptens;

d) einen Erlös für Ägypten aus der Benutzung des Kanals, der
fair und gerecht und mit der Ausweitung der Kapazität und des Verkehrs steigen sol];

ei
- 1 -

�22. August

"AMERIKA DIENST

1956

e) die Zahlung solcher Summen an die allgemeine Suezkanalgesellschaft, wie sie im Sinne einer gerechten Entschädigung als angemessen
betrachtet werden.
f) die Festsetzung der Kanalgebühren auf einen so niedrigen Stand,
wie er zur Erfüllung der obengenannten Bedingungen erforderlich ist
und mit Ausnahme des obengenannten Absatzes d) keinen Gewinn bringt.
Um diese Ergebnisse auf einer dauerhaften und zuverlässigen Grundlage zu erreichen, soll durch eine Konvention folgendes vereinbart werden:
A) Institutionelle Abmachungen über die Zusammenarbeit Ägyptens
und anderer interessierter Nationen in dem Betrieb, der Erhaltung und
der Entwicklung des Kanals und zur Abstimmung und Sicherung ihrer jeweiligen Interessen am Kanal. Zu diesem Zweck würde der Betrieb, die
Erhaltung und die Entwicklung des Kanals sowie sein Ausbau zur Steigerung des Verkehrsvolumens im Interesse des Welthandels und Ägyptens
der Verantwortlichkeit eines Suezkanalamtes obliegen. Ägypten müßte
diesem Amt alle Rechte und Einrichtungen übertragen, die für dessen hier
umrissene Funktionen notwendig sind. Außer Ägypten würden Mitglieder
dieses Amtes andere Staaten sein, die nach einem Verfahren gewählt
werden, über das sich die Signatarstaaten der Konvention einigen, wobei
der Umfang der Benutzung, die Art des Handels und die geographische
Lage entsprechend zu beachten wären. Die Zusammensetzung müßte dergestalt sein, daß sichergestellt ist, daß das Amt seine Aufgaben einzig
im Hinblick auf die bestmöglichen Betriebsergebnisse und ohne politische Motivierung zugunsten oder zum Nachteil irgendeines Kanalbenutzers erfüllt. Das Amt müßte in regelmäßigen Zeitabständen den Vereinten Nationen Bericht erstatten.
B) Eine Schiedskommission zur Regelung irgendwelcher Streitigkeiten bezüglich der gerechten Erlöse für Ägypten oder der fairen Entschädigung der allgemeinen Suezkanalgesellschaft oder anderer sich aus
dem Betrieb des Kanals ergebender Fragen.
C) V/irksame Sanktionen gegen jede Verletzung der Konvention
durch eine Signatarmacht oder irgendeine andere Nation,einschließlich
von Bestimmungen über Maßnahmen bei der Anwendung oder Androhung von
Gewalt zur Störung der Benutzung oder des Betriebes des Kanals als
einer Bedrohung des Friedens und einer Verletzung der Ziele und Zwecke
der Charta der Vereinten Nationen.
D) Bestimmungen über eine zweckentsprechende Assoziierung
mit den Vereinten Nationen und eine Revision, wie sie als notwendig
angesehen werden könnte."

* * *

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�• "AMERIKA DIENST"

22»August 1956

Bei der Unterbreitung des Suezplanes machte der amerikanische
Außenminister folgende Ausführungen:
"Nachdem wir nunmehr den Teil, den man als 'allgemeine Debatte'
bezeichnen kann, beendet haben, erhebt sich naturgemäß die Frage«
Was tun wir jetzt? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich zum
großen Teil aus dem Wesen dieser Konferenz. Diese Konferenz ist manches
nicht; sie ist nicht eine Konferenz, um Entscheidungen zu fällen, die
diejenigen binden, die nicht ihre Zustimmung geben. Unsere 'vVirksamkeit
steigert sich in dem Maße, wie wir ein Übereinkommen zeigen, und ganz
gewiß sollten wir danach streben. Aber keine noch so große Majorität
kann eine Minorität, und sei sie noch 30 gering, binden. Dies ist auch
keine Konferenz, um mit Ägypten zu verhandeln, denn Ägypten ist nicht
anwesend. Wenn Ägypten die Einladung zur Konferenz angenommen hätte,
dann hätte die Konferenz wohl einen anderen Aspekt angenommen. Da
Ägypten es jedoch für richtig befand, der Konferenz fernzubleiben,
wird die Konferenz, wie sie sich jetzt zusammensetzt, automatisch
daran gehindert, eine Verhandlungsbasis mit Ägypten darzustellen.
Dies ist ferner keine Konferenz, durch die ein Ultimatum in irgendeiner Form an Ägypten gerichtet werden kann. Niemand von uns hier
würde auch nur für einen Augenblick ein derartiges Ziel verfolgen.
Wozu wir meiner Ansicht nach hier sind, ist, zu der größtmöglichen
Übereinstimmung zu gelangen, auf welche V/eise der Suezkanal am besten
und zuverlässigsten seinem ursprünglichen Zweck dienen kann, den freien
und sicheren Güteraustausch zwischen den Ländern der Welt zu fördern und
vor allem ein sicheres Verbindungsglied zwischen Asien und Europa zu sein.
Diese Verbindung darf nicht getrennt werden. Wir schulden es der
Welt und uns selbst, in dieser Frage eine nüchterne Ansicht zu äußern.
Ich meine, daß irgendwelcher Ausdruck unserer Meinung nicht auf
solchen Spekulationen beruhen sollte, ob die ägyptische Regierung zustimmt oder nicht zustimmen wird. Wir sollten vielmehr in aller Ehrlichkeit eine Ansicht über die Maßnahmen äußern, die Vertrauen für die
Zukunft schaffen und zur gleichen Zeit den souveränen Rechten Ägyptens
Rechnung tragen. Soweit dies die Vereinigten Staaten betrifft, beruht
die von uns vorgetragene Meinung auf unserer Einschätzung der tatsächlichen Lage. Wenn es die Regierung der Vereinigten Staaten auf außen-«
politischem Gebiet für opportun erachten würde, nicht irgendwelche
neuen Garantiemaßnahmen anzustreben, so würde jene politische Entscheidung faktisch keine Gewähr dafür bieten, daß unsere privaten Staatsbürger In Zukunft irgendwelche Pläne für die Schiffahrt oder für die
Erschließung von Absatzmärkten für ihre Produkte oder Lieferungsquellen
entwickeln können in der Annahme, daß die Durchfahrt durch den Kanal
auf Grund vernünftiger Bedingungen und verläßlich gewährleistet sein
würde. Zweifelsohne sind andere Regierungen in der gleichen Lage.
Nach Ansicht der amerikanischen Regierung ist es hier unsere Aufgabe, so klar wie möglich und mit der größtmöglichen Einmütigkeit die
wahren Bedingungen niederzulegen, die den Millionen von Menschen, deren
wirtschaftliche Bemühungen bewußt oder unbewußt durch eine verläßliche
Durchfahrt durch den Suezkanal berührt werden, eine wirtschaftliche Sicherheit geben. Eine politische Entscheidung, die weniger als das fordert,
was für dieses Ziel nötig :'st, würde irreführen und der Sache, der wir hier
dienen wollen, abträglich sein. Wollte man mehr verlangen

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�"AMERIKA DIENST"

22. August 1956

verlangen, dann würde dies in gleicher Weise falsch und der Sache,
der wir hier dienen wollen, ebenfalls abträglich sein. Die hier geäußerten Ansichten, die dann schließlich auf einfache Bestimmungen
reduziert wurden, sollten daher der ägyptischen Regierung unterbreitet werden, so daß diese dann entscheiden kann, was sie in diesem
Zusammenhang
zu tun wünscht.
'ü
'.Venn Ägypten diese Ansichten als eine Verhandlungsbasis für
einen Vertrag oder eine Konvention allgemein akzeptabel findet,
dann würde es die Aufgabe sein, einen Vertrag zwischen Ägypten und
denjenigen zu formulieren, die sich mit diesen Ansichten einverstanden erklären. Falls Ägypten andererseits nicht bereit ist, auf
einer Basis zu verhandeln, die den Ländern, welche in erster Linie
den Kanal benutzen und auf ihn angewiesen sind, unerläßlich scheint,
dann, so meine ich, wird dadurch eine neue Situation geschaffen, die
von unseren Regierungen zum gegebenen Zeitpunkt erörtert werden muß.
In diesem Fall wird es vielleicht - oder vielleicht aach nicht weitere gemeinsame Entscheidungen zwischen allen oder einigen Teilnehmern an dieser Konferenz geben. Das müßte von den Regierungen gemäß den entsprechenden Umständen entschieden werden.
Aus dieser Sicht heraus hat die amerikanische Delegation ein
Dokument vorbereitet und in Umlauf gebracht, in dem gewisse Ansichten
niedergelegt sind, wie der zukünftige Betrieb des Suezkanals auf eine
sichere Basis gestellt werden kann. Dieses Dokument trägt den Meinungen Rechnung, die auf dieser Konferenz geäußert worden sind.
Die große Mehrheit derjenigen, die hier gesprochen haben und
die jene Nationen vertreten, welche bei weitem am meisten auf den
Kanal angewiesen und seine größten Benutzer sind, scheint der Ansicht zu sein, daß die in diesem Dokument vorgeschlagenen Sicherungen die erforderliche Garantie geben, die notwendig ist, wenn sie
und ihre Landsleute auf eine verläßliche Durchfahrt durch den Kanal
rechnen wollen. Wenn wir alle oder die meisten von uns eine wesentliche
Einigung über eine Erklärung dieser Art erzielen, dann wird dies, so
meine ich, in erheblichem Ausmaße zu einer friedlichen Lösung des gegenwärtigen ernsten Problems beitragen. Ich bin der Überzeugung, daß
Ägypten die erörterten und gemeinsamen Ansichten jener Länder kennen
sollte, die im Vertrauen auf den Vertrag aus dem Jahre 1888 und das
bisher vorherrschende System ihre 'Virtschaften und ihren Handel entwickelt haben, wobei sie sich auf den Kanal als auf einen internationalen V/asserweg verließen.
Es mag vielleicht keine vollständige Einigkeit über diesen Punkt
herrschen, meiner Ansicht nach ist es aber wichtig, den größtmöglichen
Grad von Einijkeit zu erzielen. Wenn es andere hiervon abweichende Ansichten gibt, dann sollten sie ebenfalls niedergelegt und Ägypten mitgeteilt werden. Der Plan der Vereinigten Staaten stellt angesichts der auf
dieser Konferenz gemachten Bemerkungen ein ehrliches Bemühen dar, das
aufzuzeigen, was, wie es scheint, von den meisten von uns als die notwendigen Forderungen der Situation angesehen wird. Genauso wie ich glaube,
daß niemand aus politischen Gründen mehr verlangen sollte als praktisch
von den harten Tatsachen des '.Virtschaftslebens gefordert wird, so glaube
ich nicht, daß wir auf Grund von Spekulationen hinsichtlich dessen, was
Ägypten annehmen wird, weniger verlangen sollten.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

22. August 1956

Die Souveränität Ägyptens ist hier nicht mißachtet worden. Was
vorgeschlagen worden ist, war daß Ägypten einen Vertrag machen sollte,
'während jeder Vertrag eine gewisse Aufgabe der souveränen Rechte "bedingt, ist der Abschluß eines Vertrages an sich ein Akt der höchsten
Souveränität. Was wir vorschlagen, geht dahin, Ägypten in höflicher
V/eise über gewisse Tatsachen zu informieren und es zu fragen, ob es
bereit ist - oder nicht -, in Verhandlungen zum Abschluß einer Konvention einzutreten, die diesen Tatsachen Rechnung trägt. V.'enn es
dies tun will, dann übt es seine Souveränität in einer Lage aus, der
ein großes internationales Interesse entgegengebracht wird. Durch
diesen Weg werden wir einer Pflicht genügen, die uns als Signatarmächte des Vertrages von 1888 oder als wichtige Benutzer des Suezkanals auferlegt worden ist. Wir können hoffen, daß Ägypten mit
gleicher Einstellung seine Verantwortlichkeit einsehen und so eine
faire und konstruktive Lösung ermöglichen wird, die die gesamte
Welt mit Spannung erwartet."

*

* * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTEN ZUM LABOR DAY 1956
5. September 1956

�'AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

BOTSCHAFTEN ZUM LABOR DAY

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen Botschaften führender Männer des amerikanischen
öffentlichen Lebens zum amerikanischen "Tag der Arbeit

Die Labor Day-Botschaft des amerikanischen Arbeitsministers,
James P. Mitchell, hat folgenden Wortlaut:
"Heute sind Hammer und Säge
maschine steht still. Kein Rauch
Schreibmaschinen sind stumm. Die
Verkaufsabschluß. Die Nation und

im Werkzeugkasten, die Produktionssteigt aus den Fabrikschloten. Die
Registrierkassen verzeichnen keinen
ihre 66 Millionen Arbeiter ruhen aus.

Was ist die Ursache dafür, daß die produktive Kraft der Nation
ruht und ihre Arbeitskraft das Werkzeug niedergelegt hat?
Es ist der Tribut, den wir den Männern und Frauen zollen, die
mit Herz, Geist und Händen die Güter und Dienstleistungen unserer
Nation schaffen. Auf diese Weise sagen wir der amerikanischen Arbeiterschaft Dank für die gute Arbeit.
Es ist eine Gelegenheit, bei der wir daran denken, daß Arbeit
die Mühe wert ist, daß die Gewerkschaften für Produktion und Fortschritt wesentlich sind, und daß die Arbeiter der Nation die Stärke
der Nation sind.
Wie geht es unseren arbeitenden Männern und Frauen? Wie leben
sie 1956? Sie haben einträglichere Anstellungen denn je zuvor. Sie
verdienen höhere Löhne, und sie können mit diesen Löhnen mehr für sich
und ihre Familien kaufen. Kurz, es geht ihnen besser als zu irgendeiner Zeit in der Geschichte unserer Nation.
Dies ist so, wie es sein sollte. Da mehr und mehr Menschen ein
eigenes Heim besitzen und an den Früchten ihrer Arbeit teilhaben, erkennen die Amerikaner in immer steigender Zahl das wahre Erbgut dieses großen Landes. Es besteht zumindest Grund zu der Hoffnung, daß
alle Amerikaner eines Tages den Traum erfüllt sehen, der die Menschen
über die unsicheren Wasser aus allen vier Himmelsrichtungen der ganzen Welt in unser Land führte.
Es ist unser aller - ob wir uns zur Arbeiterschaft, Betriebsführung oder Regierung rechnen - Verantwortlichkeit, sicherzustellen,
daß der amerikanische Traum für eine ständig wachsende Zahl unserer
Bevölkerung Wirklichkeit wird; daß die Früchte unserer Arbeit immer
weiter verteilt werden, und daß die Mußezeit, die dem Körper Gesundheit und dem Geist Frieden bringt, immer reichlicher zur Verfügung
steht."
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Adlai Stevenson
erklärte:
"Dies ist der erste Labor Day seit der historischen Fusion von
zwei der größten Organisationen arbeitender Männer und Frauen auf der
ganzen Welt.
Neuerworbene Stärke bringt neue Verantwortlichkeiten und neue Möglichkeiten mit sich - Möglichkeiten für eine Führungsaufgabe, auf daß
in diesem Zeitalter der Fülle alle einen gerechten Anteil an dem Reichtum, den sie schaffen, haben mögen.
Angemessene Wohnungen, gute Schulen, gleiches Recht für alle, mehr
Freiheit für den einzelnen, Schutz gegen die unnötige Not im Alter, bei
Arbeitslosigkeit und Krankheit - diese Ziele braucht Amerika heute diese und Frieden in der Welt.
Ich bin zuversichtlich, daß die Gewerkschaften, die heute mächtiger denn je zuvor sind, in dem amerikanischen Bemühen um ein besseres
Leben den Weg weisen werden."
Der Fraktionsführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, John
W. McGormack, sagte:
"Im vergangenen Jahre ist in unserem Lande die Einheit der Arbeiter eine Realität geworden. Das positive und konstruktive Programm
der organisierten Arbeiter hat nicht nur die Arbeitsbedingungen der Gewerkschaftsmitglieder im ganzen Lande verbessert, sondern gleichzeitig
das Wohlergehen der 65 Millionen arbeitenden Menschen im Lande erhöht."

*

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

George L'eany. der Vorsitzende, des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO:
"Die arbeitenden Männer und Frauen Amerikas haben guten Grund, den
diesjährigen Labor Day zu feiern,denn die geeinte Arbeiterbewegung
ist kein Traum mehr, sondern Wirklichkeit.
Es ist nicht meine Gewohnheit, große Voraussagen zu machen. Ich
habe jedoch die feste Zuversicht, daß die fusionierte Gewerkschaftsbewegung im Zusammenwirken mit ihren 15 Millionen Mitgliedern in den
kommenden Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen wird.
Was erwarten die Gewerkschaften? Welches sind ihre Ziele? Ständig
höre ich diese Fragen. Und es scheint mir, daß der Labor Day ein guter
Anlaß ist, über diese Dinge zu sprechen.
Wir wollen zu allererst einen gerechten Anteil an dem, was wir
produzieren helfen. Das heißt, mehr als den reinen Lebensunterhalt.
Das heißt, ein Einkommen, das ausreicht, um anständig und angenehm
leben zu können, es heißt, die Möglichkeit haben, um den Kindern des
Arbeiters eine gute Erziehung angedeihen und sie in einer gesunden
Umwelt aufwachsen zu lassen. Das heißt, Sicherung gegen mögliche Unglücksfälle und Sicherheit für das Alter. Das sind jene Ziele, die
in der Sprache der Gewerkschaftsbewegung die 'Brot- und Butterziele'
genannt werden.
Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, daß wir diese Vorteile nicht
für uns allein anstreben. Wir bemühen uns darum, Millionen unorganisierter Arbeiter zu organisieren, so daß auch sie bessere Bedingungen
erhalten können. Ja, wir versuchen, den Lebensstandard aller Amerikaner zu erhöhen.
Jeder, der die Gewerkschaftsbewegung richtig verstehen möchte,
sollte sich darüber im klaren sein, daß sie ebenso viel Wert auf das
Geben wie auf das Nehmen legt. Wir sind entschlossen, unseren Teil zum
Aufbau besserer Gemeinden und einer stärkeren Nation beizutragen. Wir
sind ebenso entschlossen, einen echten Beitrag zur Schaffung von Frieden, Freiheit und Wohlstand für die Menschen der ganzen Welt zu leisten.
Die Gewerkschaft hat ein großes und vorausschauendes Programm.
Sie ist durch Opposition und zeitweilige Rückschläge nicht zu entmutigen,und sie ist sich ihrer Verantwortlichkeit hinsichtlich der eigenen Disziplin voll bewußt. Sie hat ein Programm, das mit der freien
und demokratischen Lebensart vollständig übereinstimmt.
Wenn ich die wesentlichen Punkte des Gewerkschaftsprogramms zusammenfasse, möchte ich die wichtigsten Dinge an den Anfang stellen.
Wir können nicht leben und Fortschritte erzielen ohne Frieden. Wir
die wir im Atomzeitalter leben, wissen, daß ein Krieg eine gewaltige Katastrophe wäre, durch die ganze Nationen ausgelöscht und
durch die über Nacht alles zerstört werden würde, wofür wir Jahrhunderte lang gekämpft haben.
Es

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"

�•"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

Es gibt nur eine Macht auf der Erde, die stark genug und bedenkenlos genug wäre, die Welt in einen solchen Krieg zu stürzen - Sowjetrußland. Der geschickte Propagandafeldzug des Kreml - seine wiederholten Hinweise auf seine friedlichen Absichten, seine kürzliche Verurteilung der Verbrechen Stalins -, keines dieser Manöver kann die
zentrale und unumgängliche Tatsache verdecken, daß das Ziel der Kommunisten noch immer die Beherrschung der Welt ist, und daß sie sich nie
mit weniger zufrieden geben werden.
Das ist der Kernpunkt, dem sich Amerika in seiner führenden Rolle
in der freien Welt entgegenstellen muß. Wir müssen einen sorgfältigen
Kurs steuern, um den Frieden zu erhalten, ohne dabei die Freiheit irgendeiner Nation, die der kommunistischen Aggression ausgesetzt ist,
zu gefährden oder zu opfern. Wir müssen ein starkes nationales Verteidigungsprogramm und eine klare außenpolitische Linie entwickeln, die
den Krieg durch das einzige Abschreckungsmittel, das die Kommunisten
respektieren,mit größtmöglicher Sicherheit verhindern können: die Machtüberlegenheit.
Die freie, amerikanische Gewerkschaftsbewegung wird sich niemals
durch das Süßholzgeraspel von Diktatoren täuschen lassen, die durch
Massenunterdrückung regieren und mit Zwangsarbeit ihren Militärapparat
stärken.
Aber wir sind uns darüber im klarenj da.3 verzweifelte Menschen
in weit entfernten Ländern, die keine Hoffnung sehen, um ihrem gegenwärtigen Elend zu entkommen, dem Kommunismus auf Grund falscher Versprechungen von Brot und Sicherheit verfallen können. Das ist bereits
geschehen. Es kann wieder geschehen. Die Kommunisten unternehmen gewaltige Anstrengungen, die Herrschaft über die arbeitenden Massen in
Europa, Asien, Afrika und Südamerika zu gewinnen. Sie haben gezeigt,
daß sie in dem Augenblick, da sie die Arbeiterbewegung eines Landes
in der Hand haben, sie auch die politische Macht in die Hand bekommen
und den Eisernen Vorhang vorverlagern können, ohne zu militärischen
Mitteln greifen zu müssen.
Dies ist der Kampfplatz, auf dem die freien Gewerkschaften unter
dem Banner des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften ihren
größtmöglichen Beitrag zur Erhaltung des Friedens und der Freiheit
der Menschheit zu leisten entschlossen sind. In den letzten sieben
Jahren ist jeder Versuch der Kommunisten, durch Infiltrierung weiter
vorzudringen, vereitelt worden. Der Einfluß der Kommunisten in den Gewerkschaftsbewegungen der freien Nationen ist eingedämmt worden. Die
freien Gewerkschaften haben die Absicht, einen immer wirksameren Feldzug auf diesem lebenswichtigen Gebiet zu führen.
Was die Lage in Amerika selbst anbelangt, so sehen die Gewerkschaften die Notwendigkeit einer fortschreitenden Stärkung der amerikanischen Wirtschaft ein, was letztlich dem Handel, den Farmern und
Industriearbeitern in Form von größeren Einkünften zugute kommt. Wir
haben ständig darauf beharrt, daß eine höhere Kaufkraft der Massen der
Schlüssel zu einer dynamischen Wirtschaft und wachsendem Wohlstand ist.
Aber die Verbrauchsrate muß mit der ständig wachsenden Produktionskapazität Amerikas Schritt halten. Andernfalls werden wir mit Überschüssen

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29." August 1956

Überschüssen überschwemmt, die tödliche Gefahren in sich bergen. So
ist der Druck der Gewerkschaften, durch den auf dem Wege über Kollektivverhandlungen höhere Löhne erzielt werden sollen, im öffentlichen
Interesse.
Ebenso unser Bemühen, unorganisierte Arbeiter zu organisieren,
denn sie werden bessere Kunden, wenn sie nach Gewerkschaftstarifen
bezahlt werden. Der amerikanische Lebensstandard kann, solange die
Räder seiner Produktionsmaschine laufen, nicht einfrieren.
Natürlich erschrecken manche kurzsichtigen Menschen bei dem
Gedanken an eine fortwährende Expansion. Sie fürchten, daß der Fortschritt nicht unbegrenzt andauern kann. Tatsache ist, daß die Grenzen
des amerikanischen Fortschritts noch nicht abzusehen sind. Es gibt noch
viel in unserem Land zu tun, was leider zu lange vernachlässigt worden ist - umfassende Projekte, die nur von der Bundesregierung geplant
und durchgeführt werden können.
Das ist zum Beispiel der Mangel an Schulen. Alles in allem stellt
das Schulwesen des ganzen Landes einen dringenden Notstand dar. Die
Einzelstaaten und Gemeinden haben nicht das Geld, um genug Schulen
zu bauen und durch bessere Bezahlung den Lehrberuf für mehr Menschen
attraktiver zu gestalten. Die einzige Lösung ist nach Meinung unparteiischer Experten eine Hilfe durch den Bund - die der Kongreß bisher
noch nicht zur Verfügung gestellt hat.
Die Gewerkschaften sind über die Schulkrise so besorgt, daß sie
die Forderung eines angemessenen Programms des Bundes für das Schulwesen an die Spitze ihres Legislativprogramms gestellt haben. Wir
setzen uns außerdem für ein großzügiges Wohnungsbauprogramm auf Bundesebene ein, um die Slums und ungesunden Viertel aus unseren Städten
verschwinden zu lassen und Menschen der niedrigen und mittleren Einkommensklassen und älteren Personen angemessene 7/ohnungen zu beschaffen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Amerika Fortschritte in Richtung auf
eine verbesserte Sozialversicherung gemacht. Aber immer noch klafft
eine Lücke in dem Schutzwall, den wir .errichtet haben. Es existiert
noch kein angemessenes Versicherungsprogramm, um die Kosten ärztlicher
Behandlung zu decken, eine Tatsache, die für die Durchschnittsfamilie
unselige Folgen haben kann. Der AFL-CIO tritt für eine Krankenversicherung auf Bundesebene ein, die die Freiheit der Patienten und Ärzte
in gleicher Weise garantiert.
Unser Legislativprogramm sieht schließlich noch ein Gesetz zur
Regelung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen vor, das beiden Seiten des Konferenztisches gerecht wird und gleichzeitig das öffentliche
Interesse schützt. Führer der beiden großen politischen Parteien haben
ihre Hilfe für die Beseitigung der offensichtlichen Ungerechtigkeiten
zugesichert, die das Taft-Hartley-Gesetz den ainerikanisehen Arbeitern
auferlegt. Aber nichts ist getan worden. Ebenso gibt es in 17 Staaten
immer noch die sogenannten 'Recht-auf-Arbeit'-Gesetze, die auf die
völlige Zugrunderichtung der Gewerkschaftsverbände ausgerichtet sind
und die schleunigst aufgehoben werden sollten.
TT

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

Um mit seinem Legislativprogramm Erfolg zu haben, sah sich der
AFL-CIO genötigt, politisches Gebiet zu betreten. Wir sind überzeugt,
daß Amerika - um weiter zu kommen - eine fortschrittlichere und vorausblickende Regierung braucht. Unser politisches Aktionsprogramm ist einfach. Wir appellieren an alle unsere Mitglieder und ihre wahlberechtigten Familienangehörigen, sich für die Wahl registrieren zu lassen und
ihrer Wahlpflicht zu genügen. Wir beschaffen ihnen Material über die
Kandidaten und ihre Einstellung zu den wichtigsten Problemen, so daß
sie mit Überlegung wählen können. Wir versuchen weder, eine der politischen Parteien zu dirigieren, noch uns von einer beherrschen zu lassen. Unsere Haltung ist unabhängig, bester amerikanischer Tradition gemäß .
In diesem Wahljahr ist es für jeden arbeitenden Mann und für jede
arbeitende Frau in Amerika zwingender denn je, sich registrieren zu lassen und ihrer Wahlpflicht zu genügen. Ich kann diese Staatsbürgerpflicht
gar nicht genug betonen.
In dieser Botschaft zum Labor Day habe ich eine Reihe künftiger
Ziele bekanntgegeben. Jetzt, da die Gewerkschaftsbewegung geeint ist, befindet sie sich in einer weit besseren Lage, diese Ziele zu erreichen.
Natürlich erwarten wir nicht, über Nacht Wunder zu vollbringen. Aber mit
Geduld, stetigem Bemühen, in der Verfolgung der hohen Grundsätze der Begründer unserer Bewegung und im Zusammenstehen gegen die Hindernisse auf
unserem Weg können und werden wir einen wesentlichen Fortschritt erzielen.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter und Angestellten des
amerikanischen Fernmeldewesens und Vorsitzende des Ausschusses der AFLCIO für die im öffentlichen Dienst Beschäftigten, Joseph A.Beirne.
erklärte:
"Wenn sich die amerikanischen Arbeiter an diesem Labor Day des
Wohlstandes und der Freiheit erfreuen, so darum, weil wir stark genug
sind, für diese beiden Güter das ganze Jahr über zu kämpfen. Der Tag,
an dem wir fett und träge werden sollten, würde den Beginn der Zeit bedeuten, da wir beide verlieren würden.
So lange Gewerkschaften und andere die Freiheit sichernde Institutionen von der eisernen Faust irgendwelcher Art von Totalitarismus
niedergehalten werden,kann es keinen echten Frieden geben.Wir müssen deshalb die Gewerkschaften der freien Welt erhalten und ihre weitere Entwicklung fördern.
Hier in unserem Lande hat die organisierte Arbeiterschaft in den
42 Millionen Amerikanern, die sich keiner Organisation angeschlossen
haben, eine schwere Last mitzuschleppen. Wir alle sind es uns selbst
schuldig, etwas zur Behebung dieses mangelnden Gleichgewichts zu unternehmen, wenn wir unseren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten gerecht
werden wollen - in der Heimat und auch draußen im Ausland."
George M. Harrisonf der Vorsitzende der Gewerkschaft der Eisenbahnangestellten und Leiter des Bildungsausschusses der AFL-CIO, gab folgende Erklärung ab:
"Das neue Abzeichen der AFL-CIO zeigt zwei Hände, die sich über
dem nordamerikanischen Festland zusammenschließen. An diesem Labor Day
habe ich den Wunsch, diese selbe Art des Händedrucks auf alle anderen
Gewerkschaftsangehörigen auszudehnen, nicht nur i_n
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August

1956

in Nordamerika, sondern rings in der ganzen Welt.
Es ist die Hand eines Freundes, die ich ausstrecke. Wenn ihr je
ihrer bedürfen solltet, dann hoffe ich, daß sie sich hilfreich erweisen wird. Und wenn dies der Fall ist, dann haben wir nur die Bitte, daß
auch ihr wiederum die gleiche helfende Hand allen anderen Mitgliedern
der Gewerkschaftsbewegung entgegenstreckt."
0. A. Knierht, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiter der
Erdöl-, chemischen und Atomkraftindustrie Amerikas und Mitglied des
Ausschusses für inter-amerikanische Angelegenheiten der AFL-CIO,
führte aus:
"An diesem Labor Day, dem ersten seit der Schaffung des Gewerkschaftsverbandes 'American Federation of Labor and Congfess of Industrial Organizations', erscheint es vielleicht angebracht, festzustellen,
daß die organisierte Arbeiterschaft ihre historische Aufgabe, zum bestp.x
der Interessen aller Amerikaner zu wirken, auch weiterhin durchgeführt
hat, ungeachtet der Kassandra-Warnungen, welche die Geburt der AFL-oIO
von manchen Seiten her begleiteten.
Und da wir uns jetzt der ersten Präsidentenwahl seit unserem Zusammenschluß zu einer gemeinsamen Körperschaft nähern, dürfte es auch
angemessen sein, darauf hinzuweisen, daß wir in unserer politischen
Tätigkeit denselben Kurs weiterverfolgen wie bisher.

was
Wir
für
gen
das
gen

Las bedeutet, daß wir auch künftig für alles das eintreten werden,
recht ist, selbst dann, wenn es unpopulär sein sollte, so zu handeln.
werden fortfahren, die Interessen zu verteidigen, die lebenswichtig
die Wohlfahrt unseres Landes sind. Und wir werden nicht zögern, gejegliches Sonderinteresse zu kämpfen - und unbarmherzig zu kämpfen -,
versucht, seine eigenen beschränkten Zwecke auf Kosten aller übrivon uns zu fördern.

Diesem Geiste weihen wir uns, unter nochmaliger Bekräftigung der
Grundsätze., für die wir uns stets eingesetzt haben, an diesem Labor
Day von 1956 aufs neue."
James B. Carey, der Vorsitzende der internationalen Gewerkschaft
der Arbeiter der Elektro-, Radio- und Maschinenindustrie und Leiter des
Ausschusses für staatsbürgerliche Rechte der AFL-CIO, betonte:
"Die Gewerkschaftsbestrebungen und die Vertretung der Rechte des
Staatsbürgers hängen eng miteinander zusammen. Das eine kann keine
Fortschritte machen, wenn nicht auch das andere gefördert wird. Und
ebenso kann auch keines von beiden gehemmt werden oder Schaden erleiden,
ohne daß zugleich das andere dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird.
Seit den frühen Tagen der dreißiger Jahre haben sich sowohl die Gewerkschaften als auch die Rechte des Staatsbürgers nicht solch vielfältigen
und großen Aufgaben gegenübergesehen.
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEITER

29. August 1956

Der Versuch, die Bevölkerung Amerikas und der Welt nach ihrer
Hautfarbe aufzuteilen, stellt uns vor eine große Bewährungsprobe. Früher
war es die Religion, zu anderen Zeiten waren es Nationalismus, Regionalstolz oder irgend etwas anderes, das dem Zweck dienen sollte, die amerikanischen Werktätigen untereinander zu spalten und sie von den Arbeitern des Auslandes zu isolieren.
Das ist der Feind, um den man sich kümmern muß. Lächerlich ist es
jedoch, anzunehmen, daß jemand allein durch den Beitritt zu einer Gewerkschaft sozusagen automatisch seine ganze frühere Haltung abstreifen, die Vorurteile, die ihm ein ganzes Leben lang anhafteten, verlieren wird. Zahlreiche neue Gewerkschaftsmitglieder kennen nicht die Lektion, welche die Gewerkschaftsbewegung auf ihrem schweren Weg gelernt
hat: daß wir von Zeit zu Zeit immer wieder die Waffen des Vorurteils
und des Hasses in Anwendung gebracht sahen, um die Werktätigen voneinander zu trennen, wobei das Endergebnis die Schwächung der Gewerkschaft,
die Verfolgung einiger weniger und das allgemeine Leiden vieler war.
Teilung unter dem Gesichtspunkt der Rasse, der Hautfarbe, der Religion oder der nationalen Abstammung, das ist unsere größte Tragödie,
unsere stärkste Bedrohung. Sobald jeder Werktätige diese Wahrheit begreift, haben wir nichts zu fürchten. Dann können wir alle vorwärts
schreiten, um der reichen Verheißung teilhaftig zu werden, die Amerika
stets den kommenden Generationen geboten hat."
"Ein reicheres und friedlicheres Leben für alle ungeachtet Rasse
und Glauben sei die Hoffnung der amerikanischen Arbeiterschaft, die
in der neugeeinten Arbeiterbewegung erstarkt ist", sagte A. Philip
Randolph, Vorsitzender der Gewerkschaft der Schlafwagenschaffner,
in einer Sonderbotschaft zum Labor Day. "Dieser Labor Day", fuhr Randolph fort, "ist ein wichtiger und bedeutender Markstein im Leben
der amerikanischen Arbeiterbewegung; denn es ist der erste Labor Day
seit dem Tage der historischen Verschmelzung der American Federation of
Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO).
Die^Tatsache, daß die Arbeiterschaft in Amerika vereinigt ist,
verleiht ihr eine moralische Autorität, die sie in die Lage versetzen
wird, nicht nur dem Ziele der Erhöhung des Lebensstandards der Arbeiter und ihrer Familien erfolgreicher zu dienen, sondern gleichzeitig
ein großes Bollwerk amerikanischer Demokratie gegen die totalitären
Mächte des Kommunismus und des Faschismus zu sein.
Sämtliche Arbeiter der amerikanischen Arbeiterbewegung haben ein
Recht darauf, hinsichtlich der Arbeit unserer großen Bewegung für
gesunde wirtschaftliche, politische, ethische und internationale
Grundsätze, zu denen die Vollbeschäftigung, ein reicheres Leben, Sicherung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, Demokratie und Weltfrieden gehören, voller Glaube und Hoffnung in die Zukunft zu schauen".

In

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

In einer Botschaft zum amerikanischen Labor Day erklärte der Direktor der Internationalen Arbeitsorganisation, David A. Morse:
"Dieser Labor Day fällt in ein für die demokratische Gewerkschaftsbewegung außerordentlich bedeutsames Jahr und stellt den Anfang zu etwas dar, was eine Ära noch größerer Errungenschaften für die amerikanischen Arbeiter zu werden verspricht.
Da ich immer an die Einheit der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung geglaubt habe, grüße ich Sie, die Sie in den vergangenen zwölf
Monaten die große und bedeutungsvolle Fusion der American Federation
of Labor (AFL) und des Congress of Industrial Organizations (CIO) vollzogen haben, mit tiefer Befriedigung.
Sicherlich ist dieser Schritt ein Zeichen für künftige größere
Dinge. Seine zu erwartendai Vorteile scheinen mir an diesem Labor Day
unbegrenzt zu sein.
In ihrem Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in allen Teilen der
Welt zollt die Internationale Arbeitsorganisation heute den Problemen
der Zwangsarbeit, der Rechte der Gewerkschaften, der ArbeitgeberArbeitnehmer-Beziehungen und der Diskriminierungen am Arbeitsplatz viel
Aufmerksamkeit. Erhebliche Arbeit wird auch auf eine Studie über die
Probleme der Automation aufgewandt.
Diese und andere Bemühungen sind zusammen mit den Bestrebungen
einer wiedervereinten und gestärkten amerikanischen Gewerkschaftsbewegung unter der Voraussetzung eines dauerhaften Friedens in der Welt
dazu angetan, zu einer besseren Zukunft für uns alle zu führen."
*
Der Leiter der National Catholic Weifare Conference, Monsignore
George G. Higgins, sagte in einer Botschaft zum amerikanischen Labor
Day, die vereinte Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten sei
"das Symbol einer neuen Är^r auf dem Gebiet der betrieblichen Beziehungen" .
"Sie symbolisiert", so sagte Monsignore Higgins, "die Tatsache, daß
die organisierte Arbeiterschaft in den Vereinigten Staaten mündig geworden ist und sich nunmehr auf ihre wesentliche Rolle im wirtschaftlichen Leben der Nation konzentrieren kann, nämlich als ebenbürtiger
Partner unter Anwendung der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit mit
der Betriebsführung zusammenzuarbeiten. Früher war die organisierte
Arbeiterschaft dazu gezwungen gewesen, unverhältnismäßig viel Zeit und
Energie auf die Verteidigung des Rechts der Arbeiter, sich zu organisieren und kollektiv zu verhandeln, zu verwenden.
Während

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. August 1956

Während die Organisierung der Arbeiter noch nicht abgeschlossen
ist und wahrscheinlich in einer Generation noch nicht abgeschlossen
sein wird, ist das Recht auf Organisierung und Kollektivverhandlungen
heute doch so fest begründet, daß es niemals wieder ernstlich in Frage
gestellt werden kann, außer natürlich, wenn es eine Spaltung der nationalen Einheit und Lahmlegung der Volkswirtschaft herbeiführen würde.
Es scheint aber - wenn überhaupt - wenig Furcht vor einer solchen
Katastrophe zu herrschen, denn glücklicherweise hat die Mehrheit der
wirklich einflußreichen amerikanischen Wirtschaftsführer weitgehend
ihre Bereitschaft gezeigt, die Vergangenheit zu vergessen und in Zusammenarbeit mit der organisierten Arbeiterschaft ein neues und konstruktiverem Bild der Wirtschaftspolitik und industriellen Probleme
zu entwickeln.
Diesen weitsichtigen Unternehmern und ihren Gegenspielern in der
Gewerkschaftsbewegung sollte alle gebührende Anerkennung für ihre
staatsmännische V/irtschaftspolitik gezollt werden...
Natürlich wird es - wie in der Vergangenheit auch in der Z1 .^unf t viele Meinungsverschiedenheiten zwischen Gewerkschaften und Management
geben. Das steht zu erwarten. Dennoch besteht, wie wir bereits angedeutet haben, Grund zu der Annahme - und sie scheint die Zustimmung
aller Experten auf diesem Gebiet zu finden -, daß wir in eine neue Ära
treten, in der Gewerkschaften und Betriebsführung es dann möglich finden
werden, harmonischer denn je zuvor zusammenzuarbeiten, und zwar nicht
nur zu ihrem gegenseitigen Vorteil, sondern zum Besten der ganzen
Nation."

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EISENHOWER: DAS GESPRACH VON VOLK ZU VOLK FÖRDERN

WASHINGTON - (AD) - Im folgenden geben wir den
Text der Ausführungen Präsident Eisenhowers vor.
der Konferenz über eine Intensivierung der Völkerverständigung in Washington am 11 . September
bekannt:

"Ich trete mit etwas gemischten Gefühlen vor diese Versammlung,
Unter den Anwesenden sind so viele meiner Freunde, die meiner Meinung
nach zu dieser Zusammenkunft wie zu einer Art Familientreffen mit den
gleichen freudigen Empfindungen gekommen sind, wie wir sie alle bei
derartigen Anlässen kennen.
Wenn ich auf diese Versammlung kluger und fähiger amerikanischer
Männer und Frauen blicke - einige von Ihnen haben gerade auf jenen Gebieten, über die ich hier sprechen will, reiche Erfahrungen gesammelt so muß ich schon sagen, daß mich eine gewisse Scheu, ja ein Gefühl der
Befangenheit erfaßt.
Und doch erkühne ich mich hier vor Ihnen zu sprechen, da der Zweck
dieses Treffens das höchste und lohnendste Ziel unserer heutigen Welt
darstellt: mitzuhelfen einen Weg zum Frieden zu suchen, mitzuhelfen
einen Weg zu dauerndem Frieden zu finden.
Die Aufgabe, die wir uns gestellt haben, entspringt zu einem Teil
der Annahme, daß kein Volk als solches den Krieg wünscht - daß alle
Völker Frieden wollen.
Wir wissen, daß diese Annahme zutrifft; wir wissen aber auch,
daß man in gewissen Teilen unserer Erde nicht dieser Ansicht ist.
Manchen Völkern erzählt man - und sie können sich ja kein eigenes
Urteil bilden -, daß andere Völker, und damit sind auch wir gemeint,
den Krieg wünschen: daß wir kriegslüstern sind, daß wir materialistisch sind, daß wir in Wahrheit nur auf eine Katastrophe dieser Art
hoffen, damit - wie sie sagen - einige wenige aus dem Elend der Welt
ihren Nutzen ziehen.
Was mich anbetrifft - und ich bin ja nicht erst von heute und
weiß daher mehr oder weniger Bescheid über alle Kriege, die die Vereinigten Staaten geführt haben - ich meinerseits kann zu Ehren des

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'AMERIKA DIENST"

des amerikanischen Geschäftsmannes nur sagen, daß ich noch keinen getroffen habe, der vom Kriege nicht anders als mit Bedauern gesprochen
und der Hoffnung Ausdruck gegeben hätte, daß es nie wieder Krieg geben
möge.
Wenn wir die von uns als zutreffend angenommene Tatsache, daß alle
Menschen den Frieden wünschen, richtig nutzen wollen, dann geht es
also um das Problem, daß die Menschen sich zusammenfinden und ihre Regierungen dazu bringen - wenn nötig unter Umgehung der Regierungen nicht nur einen Weg, sondern tausend '.Yege ausfindig zu machen, wie die
Völker allmählich ein wenig mehr voneinander erfahren und übereinander
lernen können.
Es geht dabei um folgende Fragen: Was können wir gegen die Unwissenheit tun? Wie legen wir unsere eigene Sache klar? Wie stärken wir
die Bande der Freundschaft? Wie erfahren wir etwas von anderen Völkern? Das sind die Probleme, die wir zu lösen haben.
Die Kommunisten unterwerfen natürlich alles der Kontrolle des
Staates, und wenn sie ein großangelegtes Propagandaprogramm starten,
istim voraus schon alles bis ins einzelne festgelegt - und jeder fügt
sich. Sie tun dies in allen Lebensbereichen, in allen Dingen. Und eine
Zeitlang hat es auch wirklich den Anschein, als ob sie damit augenfällige Erfolge erzielten.
Natürlich ist ihre große Schwäche die, daß in Zeiten starker Belastungen, wenn zum Beispiel im Volke die Liebe zur Freiheit stärker
wird als die Angst vor der Pistole im Nacken, die Diktatur stürzt. Im
Kriege war es ja tatsächlich so, daß die Heere der Diktatoren Auflösungserscheinungen zeigten, als die Angst vor dem Maschinengewehr des
Feindes stärker war als die Angst vor der Maschinenpistole im Genick.
Wir gehen da einen anderen Weg. Wir rekrutieren die Kräfte der
Initiative, des unabhängigen Handelns und unabhängigen Denkens von
168 Millionen Menschen. Manchmal erweckt.dies den Anschein der Langsamkeit und Ungeschicklichkeit - den Anschein von Schwäche. Da wir
aber allen Krisen gemäß dem Willen der großen Mehrheit begegnen, ist
es tatsächlich so, daß mit zunehmenden Schwierigkeiten die Verbundenheit des Volkes und damit seine Schlagkraft wächst.
Wir stehen heute vor dem bereits von mir erwähnten Problem: nämlich, das Verständnis der Völker füreinander zu wecken. Hier sind
Menschen, die, so hoffen wir, uns führen werden. Die Regierungen können nicht mehr tun als den Weg weisen und auf technisch-sachlichem
Gebiet Erleichterungen schaffen. Ihre Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit amtlich zu unterrichten.
Aber ich spreche hier über den Austausch von Professoren, Studenten und führenden Männern, der Bereitstellung technischer Unterstützung
und von den gewöhnlichen Auslandsreisenden. Ich spreche von Ärzten,
die an der Bekämpfung von Krankheiten mitwirken, von unseren freien
Gewerkschaften, die anderen Völkern Einblick in ihre Arbeit geben, die

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"AMERIKA DIENST"

12. September

1956

die zeigen, was der Amerikaner verdient, wie er sein Geld verdient und
was er sich dafür leisten kann.
Kurzum, wir müssen jeden auch noch so kleinen Spalt im Eisernen
Vorhang erweitern und die Familie der russischen Völker oder jedes
andere Land hinter dem Eisernen Vorhang, das sich um eine Besserung des
Loses seiner Kinder bemüht - wie es ja Menschen in der ganzen Welt tun mehr in unseren Kreis einbeziehen. Wir wollen ihnen zeigen, wie wir leben,
und dann uns mit ihnen zusammensetzen und uns fragen 'Was können wir
tun, um unser beider Los zu bessern'?
Dies ist, so meine ich, wohl der sicherste Weg zum Frieden. Alles
andere, was wir unternehmen, sind nur Augenblickslösungen oder dazu bestimmt, die eingeschlagene Linie zu halten, während konstruktive Kräfte
dieser Art allmählich zum Zuge kommen.
Jede Bombe, die wir fabrizieren können, jedes Flugzeug, jedes
Schiff, jede Kanone - sie alle dienen, auf die Dauer gesehen, nur einem
negativen Zweck - wir wollen damit Zeit gewinnen, den andern davon abzuhalten, einen Krieg vom Zaune zu brechen, da wir selbst, und das
wissen wir genau, diesen nie beginnen würden.
Die Wirksamkeit der Milliarden Dollar, die wir für diese Sache
aufwenden, sollte durch eine große Anstrengung des ganzen amerikanischen
Volkes noch unterstützt werden, eine positive und konstruktive Anstrengung, die \ms unmittelbar dahin bringt, wohin wir alle wollen; Zu einem
echten und bleibenden Frieden.
Wenn ich mich nun an Sie wandte, dann aus dem Wunsch heraus trotz der Scheu, von der ich bereits gesprochen habe - Ihnen zu sagen,
daß es nach Ansicht meiner Regierung keine wichtigere Aufgabe gibt
als die, an der mitzuwirken wir Sie bitten. Kein Problem, dem sich das
amerikanische Volk, ja die ganze Welt heute gegenübersieht, bestimmt
derartig unser Tun, unser Denken und unser Handeln wie das, den Frieden
zu wahren und für unsere Sicherheit zu sorgen.
Mag dieses Problem heute Suez und morgen wieder anders heißen,
es gibt nichts, was unseren Alltag mehr berühren könnte. Es diktiert
schon beinahe die Höhe unserer Steuern. Es färbt gewissermaßen jede
Frage, mit der wir uns zu Hause auseinandersetzen müssen.
Wenn Sie nun mit Ihrer Arbeit beginnen, wenn Sie Kontakt mit den
Regierungsvertretern aufnehmen, die mit Ihnen zusammenarbeiten, dann
werden Sie verstehen, daß es hier um eine Sache geht, die sowohl der
Regierung als auch jedem einzelnen in Amerika - und wir yind sogar überzeugt, Ler ganzen Welt - sehr am Herzen liegt, mit Ausnahme jener wenigen, Li« entgegen Recht und Zuständigkeit ihre Herrschaft anderen
aufzwi ng- n wollen.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.

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D I E N S T

DULLES UNTERBREITET PLAN FÜR EINE
VEREINIGUNG DER KANALBENUTZER
Die Erklärung des US-Außenministers auf der Londoner Suez-Konferenz

Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles
unterbreitete am 19. September auf der zweiten Londoner Suez-Konferenz, an der die 18 Nationen teilnahmen, die dem auf der ersten Konferenz ausgearbeiteten Vorschlag für eine internationale Suezkanalbehörde zustimmten, einen Plan für die Errichtung
einer ständigen Vereinigung, die provisorische Abmachungen für einen befriedigenden Betrieb des Kanals treffen soll, während eine endgültige Lösung
ausgearbeitet wird. Bei der Darlegung des französisch-britisch-amerikanischen Planes schlug Dulles
vor, daß die zu gründende Vereinigung mit einem nicht
zu großen Arbeitsfonds ausgestattet werde, einen kleinen Stab unter der Leitung eines Verwaltungsbeauftragten einstellen und ein Direktorium zur Durchführung des Planes wählen soll.
Die Erklärung des amerikanischen Außenministers auf
der Eröffnungssitzung der zweiten Londoner Suez-Konferenz hat folgenden Wortlaut:
"Unsere hiesige Zusammenkunft im vergangenen Monat gab Anlaß zu
der festbegründeten Hoffnung, daß das Suezkanalproblem gelöst werden
könnte. Achtzehn von uns waren zu einer Übereinkunft gelangt. Wir repräsentieren Nationen aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika. Die Schiffe unserer Länder machten über 90 Prozent des gesamten Suezkanal-Verkehrs aus.
Unter uns waren Länder, deren Handel eine unterschiedliche,
allerdings wesentliche Abhängigkeit von dem Kanal aufweist. Es war
kein geringer Erfolg, daß trotz dieser Unterschiedlichkeit ein Übereinkommen erzielt wurde. Dies war nur möglich, weil unter uns ein
Geist der Versöhnlichkeit und ein Gefühl für die Dringlichkeit vorherrschte, geboren aus dem Ernst der Lage, vor die uns die ägyptische
Regierung gestellt hatte.
Wir einigten uns auf ein Programm, durch das für immer in wirksamer und zuverlässiger Form Betrieb, Unterhaltung und Ausbau des

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19. September 1956

des Suezkanals im Einklang mit dem Vertrag aus dem Jahre 1888 sichergestellt werden sollte.
Dieses Programm respektierte die Souveränität Ägyptens aufs
genaueste. Die ägyptische Regierung hat es jedoch, wie unser Fünferausschuß uns soeben berichtet hat, regelrecht abgelehnt, unseren Vorschlag als eine Verhandlungsgrundlage zu betrachten. Sie machte keinen
Gegenvorschlag.
Diese Haltung Ägyptens hat eine neue und schwierige Situation
geschaffen. Während wir uns die Zurückhaltung auferlegen, zu der uns
die Charta der Vereinten Nationen verpflichtet, suchen wir weiterhin
mit friedlichen Mitteln eine Lösung dieses schwierigen Problems zu
erreichen. Bestimmte Dinge sind, so glaube ich, klar:
Erstens: Die Konvention aus dem Jahre 1888 gibt unseren Schiffen
das Recht, zu jeder Zeit den Suezkanal als eine freie und offene
Wasserstraße zu passieren.
Zweitens: Diese Rechte werden durch den Schritt der ägyptischen
Regierung gefährdet, durch den sie die allgemeine Suezkanalgesellschaft
an der Ausübung ihrer Funktionen, so wie dies vereinbart war, hinderte
und selbst alle diese Funktionen widerrechtlich an sich riß.
Es trifft zu, daß die ägyptische Regierung, obwohl sie einseitig
die Konzession der allgemeinen Suezkanalgesellschaft aufgehoben hat,
die Teil des oben erwähnten Systems war und durch die Konvention aus
dem Jahre 1888 ins Leben gerufen wurde, erklärt, daß sie sich trotzdem
an die Konvention halten und einen fairen und gerechten Betrieb des
Kanals gewährleisten will. Der Prüfstein aber ist, ob die ägyptische
Regierung es akzeptiert, daß die Partner und Nutznießer der Konvention
aus dem Jahre 1888 wirklich über die Einrichtungen verfügen, die ihnen
die Ausübung ihrer Rechte gewährleisten. Wenn die ägyptische Regierung
darauf besteht, daß die Schiffskapitäne qu.asi Entrechtete sind, die
den Kanal niemals durchfahren können, es sei denn unter solchen Bedingungen, wie sie die ägyptische Regierung von Zeit zu Zeit erläßt,
dann besteht keine Garantie mehr für eine freie und sichere Durchfahrt,
wie sie die Konvention aus dem Jahre 1888 fordert.
Ich weiß, daß die ägyptische Regierung argumentiert hat, sie
könne jederzeit durch die Anwendung von Gewalt den Verkehr durch den
Kanal unterbrechen und die Passage müsse daher von dem guten Glauben
und dem guten Willen Ägyptens abhängen. Es gibt jedoch zahlreiche Sanktionen gegen eine offene und gewaltsame Unterbrechung der freien Durchfahrt. Das gilt aber nicht, wenn eine einzige Regierung alle Phasen des
Betriebs beherrscht und kontrolliert.
Der Betrieb des Suezkanals ist eine überaus komplizierte und heikle
Angelegenheit. Er bietet unendliche Möglichkeiten für heimliche und versteckte Verletzungen, sowie die Praxis verschleierter Bevorzugungen
und diskriminierender Maßnahmen. Mangel an Tüchtigkeit kann zu einer
ernsten Gefahr werden. Gegen solche Risiken können - und ich meine sollten sich die Benutzer bei der Ausübung ihrer Rechte im Rahmen des

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19. September 1956

des Vertrages aus dem Jahre 1888 schützen. Das wirtschaftliche Wohlergehen zahlreicher Nationen und Völker steht auf dem Spiel, und es gibt
keine angemessenen Sanktionen gegen die von mir aufgezeigten Gefahren.
Drittens: Als dritten Punkt möchte ich folgendes anführen: Wenn
lebenswichtige Rechte bedroht sind, ist es nur natürlich und elementar,
daß man sich zusammenschließt, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen.
Die ägyptische Regierung hat uns vor einem Zusammenschluß in einer
Vereinigung gewarnt. Es ist nur natürlich, daß Ägypten es vorzieht,
wenn die Kanalbenutzer nicht organisiert und gespalten sind. Ich erinnere daran, daß sich die ägyptische Regierung in ihrem Memorandum vom
zehnten September 1956 an den Generalsekretär der Vereinten Nationen
und an zahlreiche Regierungen um die Bildung eines Verhandlungsgremiums bemüht hat, das gegensätzliche Ansichten widergibt.
Für jene, die sich in Gefahr sehen, ist es jedoch ein elementares
Recht, zusammenzukommen und ihre Ansichten in Einklang zu bringen ein Recht, auf das nicht verzichtet werden kann. Worum bemühen wir uns
denn? Es ist nichts, was sich gegen Ägypten richtet oder ihm schadet.
Lassen Sie mich kurz den Vorschlag für eine Vereinigung erläutern,
so wie die Regierung der Vereinigten Staaten ihn versteht.
1) Er bedeutet vor allem andern, daß wir unseren gegenwärtigen
Zusammenschluß beibehalten sollten, und zwar nicht, damit irgendeiner oder eine Gruppe von uns den andern Mitgliedern die eigenen
Ansichten aufzwingt. Die einzige Basis für einen Zusammenschluß ist
ein gemeinsamer Wille, der in einem freien Meinungsaustausch zustandekommt. Es ist auch nicht unser Ziel, auf Ägypten einen Zwang auszuüben.
Es ist lediglich so, daß die Erfordernisse der Situation einen fortdauernden Zusammenschluß für uns und für alle, die auf den Kanal angewiesen sind, zweckmäßig machen. Eine derartige Vereinigung wird auch
im Interesse Ägyptens sein, wenn es tatsächlich bereit ist, sich mit
jenen Ländern in konstruktiver Weise um eine Lösung zu bemühen, die
in erster Linie betroffen sind. Es liegt auch im Interesse des Weltfriedens, wenn wir fest zusammenstehen.
2) Wir sollten - so meine ich - auch weiterhin an unserer gemeinsamen Erklärung vom 23. August 1956 als Verhandlungsbasis für eine
endgültige Lösung festhalten.
3) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, über einen kleinen
Betriebsstab zu verfügen, der bereit steht, um unseren Schiffen sowie
den Schiffen, die unsere Länder bedienen, bei der Durchfährt durch den
Kanal zu helfen. Wir brauchen dabei, so glaube ich, nicht die Möglichkeit auszuschließen, auf der Basis einer provisorischen De-facto-Arbeitsregelung ein gewisses Maß an Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden zu finden, selbst wenn Ägypten vielleicht zum gegenwärtigen
Zeitpunkt nicht bereit ist, einer ständigen Regelung in Vertragsform
zuzustimmen.
Ein

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19. September 1956

Ein solcher Stab könnte, so schlage ich vor, einem Verwaltungsbeauftragten unterstehen, der in Schiffahrtsfragen erfahren ist und
der, falls dies gewünscht wird, im Auftrage der Schiffe unserer Mitglieder handeln könnte. Er könnte die Schiffe unserer Mitglieder
insofern unterstützen, als er Vorkehrungen für ihre reibungslose
Eihgliederung in den Kanalverkehr trifft. Er könnte bei der Koordinierung der Schiffahrtsrouten durch den Kanal oder in der Nähe des
Kanals, falls dies letztere sich als erforderlich erweisen sollte,
helfen. Er könnte ermächtigt werden, als Beauftragter der Schiffseigentümer zu handeln sowie solche Geldbeträge einzuziehen und auszuzahlen, wie dies im Zusammenhang mit der Unterhaltung des Kanals und
des Verkehrs durch den Kanal sowie der Erfüllung seiner anderen Verpflichtungen angemessen ist.
4) Es würde, 80 denke ich, für unsere Vereinigung nützlich sein,
wenn sie ein kleines aus unseren Reihen gewähltes Direktorium hat,
das uns hinsichtlich der weiteren Entwicklungen auf dem laufenden
hält, uns, wenn immer ein Anlaß hierzu besteht, zusammenruft, den
Verwaltungsbeauftragten ernennt und seine Vollmachten sowie die Richtlinien festlegen könnte, die die von ihm im Namen der Vereinigung
ergriffenen Maßnahmen umreißen und bestimmen würden.
Es ist unvermeidbar, so glaube ich, daß die an dem Passagierund Frachtverkehr zwischen dem Osten und dem Westen sowie an der
Produktion von Erdöl und anderen Gütern für diesen Verkehr Interessierten nunmehr auf lange Sicht an Alternativen zu dem Suezkanal denken
sollten.
Es wird augenblicklich viel von größeren Tankern gesprochen, die
bei größerer Wirtschaftlichkeit um das Kap der Buten Hoffnung fahren
könnten als die gegenwärtig den Kanal durchfahrenden kleineren Tanker.
Es wird von neuen Ölleitungen geredet.
Ich möchte annehmen, daß das Direktorium der Vereinigung der Kanalbenutzer alle diese Projekte weiter verfolgen und die Mitglieder
über alle bedeutsamen Entwicklungen unterrichtet halten würde, die
unser Wirtschaftsleben wesentlich beeinflussen könnten.
5) Es würde, so glaube ich, nützlich sein, wenn die Vereinigung
über ein bescheidenes Betriebskapital verfügt, das zunächst von den
Mitgliedsstaaten vorgeschossen und ihnen später aus den durch die
geleisteten Dienste eingenommenen Geldern zurückerstattet wird.
6) Die Mitgliedschaft in der Benutzervereinigung würde nicht die
Übernahme irgendwelcher Verpflichtungen seitens der einzelnen Mitglieder
bedeuten. Man darf jedoch hoffen, daß die Mitglieder der Vereinigung in
bezug auf ihre Schiffe:: und die Bezahlung der Kanalgebühren freiwillig
solche Maßnahmen ergreifen werden, die die Arbeit der Vereinigung
erleichtern sowie ihr Prestige und ihre Autorität stärken und damit auc
ihre Zweckdienlichkeit' fördern.
Dies

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19. September 1 956

Dies könnte in groben Umrissen die Vereinigung sein, die wir aufbauen wollen. Das Ausmaß ihres wirklichen Nutzens hängt natürlich,
wenn auch nicht völlig, von der Haltung Ägyptens ab. Ab'r unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer praktisch durchführbaren Basis zusammenzuarbeiten, ist eine erneute Demonstration unseres Wunsches, in
dem Bemühen um eine Lösung dieses ernsten, und praktisch die ganze
Welt konfrontierenden Problems., .keinen vernünftigen Schritt unversucht
zu lassen.
Unsere Bereitschaft, mit Ägypten auf einer provisorischen De-facto
Betriebsbasis zusammenzuarbeiten, kann vielleicht auch zu einer provisorischen Lösung führen, die die Vereinten Nationen vielleicht al3
nützlich erachten könnten, während die Suche nach einer dauerhaften
Lösung andauert.
Es ist, wie ich weiß, die Ansicht vieler von uns, daß von den
Diensten der Vereinten Nationen Gebrauch gemacht werden s o l l e , wenn
die Hauptparteien der am Suezstreitfall beteiligten nicht in der Lage
sind, durch Mittel ihrer eigenen Wahl eine Lösung zu finden.
Die Vereinigten Staaten sind der Überzeugung, daß Maßnahmen auf
der hier vorgeschlagenen Linie die Möglichkeiten für eine friedliche
und konstruktive Lösung in nützlicher Weise vergrößern werden."
Zum Schluß der Nachmittagssitzung ergriff der amerikanische
Außenminister erneut das Wort und unterstrich, daß eine friedliche
Lösung des Suezproblems, so erstrebenswert sie an sich sei, allein
nicht ausreiche, wenn sie nicht im Einklang mit dem Völkerrecht und
der Gerechtigkeit stehe. Der amerikanische Außenminister appellierte
gleichzeitig an die Delegierten, bei der friedlichen Lösung des Problems entsprechend der im einzelnen von ihm auf der Vormittagssitzung
erläuterten Vereinigung der Kanalbenutzer zusammenzustehen.
Bei der Diskussion des Dreimächteplanes wurden gegensätzliche
Meinungen laut. Zu den Befürwortern des Planes gehören Australien,
Neuseeland, die Bundesrepublik Deutschland, Prankreich, die Niederlande und Großbritannien. Zwei Nationen - Dänemark und Pakistan lehnten das Projekt ab. Norwegen sprach sich für eine vorläufige Annahme
des Planes aus, während das ganze Problem sofort der UN vorgelegt werden
solle. Von dänischer Seite war darauf hingewiesen worden, daß ohne
Mitwirkung Ägyptens der Plan nicht funktionsfähig sei. Der pakistanische
Außenminister Malik Firoz Khan Noon forderte erneute Bemühungen, um
zu Verhandlungen mit Ägypten zu gelangen.
Angesichts der Meinungsverschiedenheiten warnte der amerikanische
Außenminister davor, in der Annahme» die Gefahr sei vorüber, auseinanderzulaufen. "Wir würden uns damit einen schlechten Dienst erweisen",
sagte er.wörtlich.
Das Problem, um das es hier gehe, sei mehr als die Frage, ob ein
Schiff den Kanal passieren könne oder nicht. Man befasse sich in London
mit einem der wichtigsten Aspekte des Nachkriegslebens, sagte Dulles
weiter. "Wir alle wünschen eine Welt, in der es keine Gewaltanwendung
gibt, aber das ist nur die eine Seite meines Anliegens. Wir müssen auch

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19. September 1956

auch eine Welt haben, in der eine gerechte Lösung von Problemen,
wie wir sie jetzt vor uns haben, erreicht werden kann."
Dulles fügte hinzu, daß es bei der Suche nach einer Lösung einen
Ersatz für die Gewaltanwendung geben müsse, da andernfalls die Welt
in "Anarchie und Chaos" zurückfallen würde. In der Charta der Vereinten Nationen werde nicht nur gesagt, daß die V/elt in Frieden leben
müsse, sondern die Mitgliedsstaaten der Weltorganisation seien darüberhinaus verpflichtet, auf friedliche Weise und in Übereinstimmung mit
den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts Lösungen zustandezubringen.
Der amerikanische Außenminister erklärte, man fördere nicht die
Sache des Friedens, wenn man nicht erkenne, daß man genau so eine Lösung in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts anstreben müsse, v/ie man sich bemühen müsse, die Anwendung von Gewalt zu verhindern.
Wenn man sich nur auf einen Aspekt der Angelegenheit, nämlich
auf die Gewalt, konzentriere, so sagte Dulles weiter, dann wären
alle Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Man sei vor ein Problem
von großer Gefahr gestellt, das durch Gewalt hätte gelöst werden
können. Angesichts dieser großen Gefahr sei große Zurückhaltung geübt
worden. Dies könne in Zukunft nur dann fortgesetzt werden, wenn man
sich weiterhin mit allen Kräften um eine friedliche Lösung bemühe.
Der amerikanische Außenminister ging dann auf Fragen ein, die
in der Nachmittagssitzung gestellt worden waren. Im Zusammenhang
mit den Vorschlägen, die Angelegenheit den Vereinten Nationen zu
unterbreiten, sagte Dulles, die 18 Mächte würden gegenüber der Weltorganisation eine Pflicht erfüllen, wenn sie sich zunächst um eine
Lösung außerhalb der Vereinten Nationen bemühten.
Auch von den Befürwortern des Planes war die Anrufung der Vereinten Nationen bei einer weiteren Ablehnung Nassers als letzter Ausweg akzeptiert worden.

* * * * *

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D I E N S T

AUSSENMINISTER DULLES AUF DER SUEZKANAL-KONFERENZ
AM 19.SEPTEMBER IN LONDON

LONDON - (AD) - Im folgenden geben wir auszugsweise die Äußerungen wieder, die der
amerikanische Außenminister, John Foster
Dulles, auf der Londoner Konferenz am 19September 1956 über den Suez-Konflikt aus
dem Stegreif zu dem Problem machte;
"Wie ich bereits heute vormittag andeutete, wird der Vorschlag
auf Schaffung einer kooperativen Vereinigung, die ein wenig beständiger ist als unsere ad hoc-Konferenz. den Weg zu konstruktiven
Maßnahmen in den Vereinten Nationen w-möglich ebnen. Es scheint
doch notwendig, die Angelegenheit vor dieses Forum zu bringen, da
die von uns in Aussicht genommenen Maßnahmen womöglich zum Scheitern verurteilt w ren.
Die Vereinten Nationen sind nicht allmächtig, ihre Machtbefugnisse sind sorjfä"tig definiert. Anläßlich unserer letzten Beratung haben die 1- ier vertretenen Nationen Ägypten ihre Vorschläge für eine reue ;n , wie wir hofften, dauernde Lösung des
Suezproblems un er reitet, und wir hatten Ägypten vorgeschlagen,
einen neuen Vertrag zu schließen. Aber so große Vorzüge unser
Vorschlag auch gehabt h« en mag, die Vereinten Nationen sind nicht
befugt, den Abschluß eines neuen Vertrages von einer Nation zu verlangen.
Wie ich die Charta e r Vereinten Nationen verstehe, geht dies
vielleicht über die Korr/oet enzen des Sicherheitsrates hinaus. Er
kann wohl verlange , daß b ereits bestehende Verträge eingehalten
werden. Er kann die Partei en auffordern, provisorische Maßnahmen
anzuerkennen 5 ich glaube jedoch nicht, daß der Sicherheitsrat, geschweige denn die Generalv ersammlung berechtigt sind, etwas zu erzwingen, was wir durch fre iwillige Vereinbarungen bei unserem
letzten Zusaume: sein zu erreichen hofften, näm". ich den Abschluß
eines neuen Vertrages, in dem die Rechte beider Parteien neu festgelegt werden und in dem d iese Frage endgültig geklärt wird.
So richtig also unser Vorschlag auf unserer letzten Tagung
auch war, so entspricht e:- doch nicht der Verfahrensweise und den
Befugnissen der UN, weder jenen des Sicherheitsrates noch viel
weniger denen der Generalversammlung, die in jedem Falle nur Emp- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Empfehlungen machen kann. Ich glaube daher, Herr Vorsitzender,
daß die Gründung unserer Vereinigung hier an Ort und Stelle etwaige Schritte der UN wesentlich erleichtern würde, wenn es denn
notwendig erscheint, die Sache zum Zwecke einer endgültigen Lösung
vor diese Körperschaft zu tragen, sofern unsere eigenen Maßnahmen
fehlgeschlagen sind.
Die Angelegenheit wird in zweierlei Hinsicht für die UN erleichtert» Erstens ist es eine Tatsache, daß mit der Festigung unserer
Position die beiden Parteien in diesem Streitfall in einem gewissen
Sinne klar herausgestellt werden. Wohl trifft es zu, daß gewissermaßen jedes Land der Welt an einer Lösung des Suezkanal-Problems
interessiert istj aber gerade die Größe der Aufgabe macht sie praktisch unlösbar, wenn wir sie von dieser Seite aus angehen.
Wenn wir sie auf praktisch durchführbare, lösbare Maße reduzieren wollen, so muß sie in vernünftige Proportionen gebracht
werden. Die 18 Anwesenden hier repräsentieren jene Länder, die für
sich, und in gewisser Hinsicht als typische Vertreter der an dem
Kanal interessierten Länder gemeinsam mit Ägypten eine Lösung finden
könnten, die, sofern Ägypten und wir sie akzeptieren, meiner Ansicht
nach von der ganzen Welt angenommen werden würde. Wir vertreten hier
über 90$ der Kanalbenutzer. Wir vertreten Länder aus aller Welt. Wir .
vertreten verschiedene Formen des Handels. Wir vertreten Gruppen, die,
sofern sie zusammenhalten und eine Einheit bilden, den Vereinten Nationen etwas an die Hand geben würden gegenüber Ägypten. Wenn wir uns
aber spalten und schließlich ganz auseinanderfallen, dann vermag ich
nicht, so ohne weiteres zu sehen, wie das Problem durch die Vereinten
Nationen zu lösen ist.
Zweitens sind die Vorschläge, die wir hier für eine praktisch
durchführbare provisorische Lösung machen, etwas, womit die Vereinten
Nationen etwas anfangen können. Ich zweifle sehr, ob die Vereinten
Nationen von irgendeinem souveränen Staat verlangen können, einen
Vertrag anzunehmen, in dem seine künftigen Rechte und Pflichten festgelegt werden. Vielleicht ist es möglich, aber es ist ganz sicher
zweifelhaft, und so, wie ich die Charta der UN verstehe, kann ich in
ihr keinerlei Anhaltspunkte dafür finden.
Was die Vereinten Nationen tun können, ist, praktische Möglichkeiten zur Lösung des Problems vorzuschlagen, provisorische Lösungen in
Vorschlag zu bringen, die kein neues Vertragsverhältnis zum Inhalt haben, die kein Land verpflichten, Rechte aufzugeben oder Rechte anderer
zu übergehen. Was wir hier anregen, ist ein Vorschlag zu einer provisorischen Lösung der Art, wie sie genau dem Rahmen der Vereinten Nationen
entspricht, während sie mit dem Vorschlag, den wir bei unserem AugustTreffen machten, nichts hätten anfangen können.
Wir sehen in den Vereinten Nationen nicht lediglich ein Mittel,
dieses Problem auf die lange Bank zu schieben, um es loszuwerden,
damit wir uns nicht weiter damit abzuquälen brauchen. Wenn wir nur
daran interessiert wären, die Verantwortung von uns abzuwälzen und
das Problem als unlösbar an die Vereinten Nationen abzuschieben, dann
bedarf es natürlich keinerlei vorbereitender Arbeiten mehr.
Ich
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26. September 1956

Ich glaube nicht, daß dies in der Absicht irgendeiner der hier
vertretenen Regierungen liegt. Ich glaube, wenn wir die Absicht haben, dieses Problem den Vereinten Nationen zu unterbreiten, dann
wollen wir es diesem Forum vortragen nicht als ein Mittel, es los
zu werden, nicht als ein Mittel, es auf die lange Bank zu schieben,
sondern als: ein Mittel, es zu einer echten Lösung zu führen. Wenn
es also das Ziel ist, Umstände zu schaffen, die eine tatsächliche
Lösung des Problems durch die UN gestatten, dann scheint es mir
als erstes erforderlich, unsere Position zu festigen, um sozusagen
eine verhandlungsfähige Körperschaft gegenüber Ägypten zu haben und
um zu zeigen, daß «umindist wir bereit sind, eine provisorische
Lösung anzunehmen, die eine Überbrückung der gegenwärtigen Schwierigkeiten darstellt, ohne daß irgend jemand von uns seine Rechte aufgeben muß.
Ich möchte versuchen, ein wenig die großen Zusammenhänge darzulegen, in denen zumindest die Vereinigten Staaten diese unsere
Tagung betrachten. Bei dieser Tagung geht es um weit wichtigere
Dinge als nur um die Frage, ob ein Schiff durch den Kanal kommt
oder nicht, ja selbst ob der Verkehr im Kanal zum Erliegen kommt.
Wir haben es hier mit einer.der bedeutsamsten Erscheinungen unserer
Nachkriegszeit zu tun. Die Frage, ob wir tatsächlich dabei sind,
eine friedliche Welt aufzubauen, hängt, meiner Meinung nach, weitgehend davon ab, was wir in diesem Falle tun. Dies ist die volle Bedeutung des Problems, mit dem wir es hier zu tun haben. Warum sage
ich das? Ich sage dasf weil wir alle eine Welt wünschen, in der es
keine Gewaltanwendung gibt. So wahr dies ist, es ist nur die eine
Seite der Medaille. Wenn wir eine Welt wollen, in der es keine Gewalt gibt, so müssen wir auch eine Welt haben, in der Probleme dieser
Art eine gerechte Lösung finden können.
Es ist mir gleichgültig, was alles in der Charta der Vereinten
Nationen über die Nichtanwendung von Gewalt geschrieben steht; wenn
es in der Praxis nicht eine Form des Friedens gibt, die eine gerechte
Lösung derartiger Probleme auf die eine oder andere Weise ermöglicht,
wird die Welt doch unweigerlich wieder in Anarchie und Chaos zurückfallen.
Und ich möchte weiter darauf hinweisen, meine verehrten Herren
Delegierten, daß es in der Charta der Vereinten Nationen nicht einfach
heißt 'es soll Friede herrschen'. Wie heißt es denn dort? Im allerersten Artikel der Charta der Vereinten Nationen heißt es bereits,
Zweck und Ziel der UN sei es, Konflikte durch 'friedliche Mittel und
in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des
Internationalen Rechts' beizulegen. Und wenn man diesen Teil der
Charta vergißt, so wird man den ersten TeiJ ganz sicherlich ignorieren.
Und wenn wir es mit Fragen dieser Art zu tun haben, so müssen wir
uns darüber klar sein, daß wir letztlich der Sache des Friedens nicht
dienen - selbst nicht der Erhaltung des Friedens für uns selbst, die
wir dem Problem, um das es hier geht, scheinbar so fern stehen -, wenn
wir nicht wissen, daß wir ebenso sehr verpflichtet sind, nach einer
Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und
des Internationalen Rechts' zu suchen, wie wir verpflichtet sind, die

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26. September 1956

die Anwendung von Gewalt tunlichst zu vermeiden. Wenn wir nur die
eine Seite des Problems sehen und die andere vergessen, dann werden
alle unsere Bemühungen zum Scheitern verurteilt sein, und ebenso die
Bestrebungen, wie sie in dieser Charta der Vereinten Nationen ihren
Ausdruck finden.
Wir haben es hier mit einer Frage zu tun, die eine große Bedrohung für die großen Nationen darstellt.
Ich glaube, niemand kann diese Tatsache hinwegdisputieren. Es
ist eine Bedrohung, die sie ohne weiteres beseitigen könnten, wenn
sie sich der Methoden bedienten, die vor der Annahme dieser Charta
als Recht anerkannt waren. Dann säßen wir nicht hier - und vielleicht
würde jemand anders auch nicht dort sitzen, wo er sitzt. Diese Zeiten
aber sind hoffentlich vorbei, und angesichts einer so großen Gefahr hat
man sich große Zurückhaltung auferlegt und hält sich auch weiterhin im
Zaume. Aber man kann nicht erwarten, daß dies nun in alle Ewigkeit so
weitergeht, wenn nicht diejenigen von uns, die das Problem in seinem
ganzen Umfang erkennen und daran teilhaben, alles daran setzen, eine
Beilegung des Konfliktes zu finden, nicht nur eine friedliche Lösung;,
sondern eine Lösung 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts.'
Manch einer mag denken, ich glaube allerdings nicht, daß dies für
irgend jemanden in diesem Kreise gilt - doch könnte wohl ein Volk, das
nicht unmittelbar von dem Konflikt betroffen ist, so denken -, das
einzige, was ihn an diesem Streitfall interessiert, ist die Frage des
Friedens« Wenn der gesichert sei, so brauche man sich um alles andere
nicht mehr zu kümmern. Das ist jedoch nur der eine Teil der Angelegenheit! dieses Problem kann aber nicht durch halbe Maßnahmen gelöst
werden, die nur den Frieden betreffen und bei denen nicht unsere ganze
Kraft darauf verwendet wird, eine Lösung zu finden, die unserer Ansicht nach in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit
und des Internationalen Rechts, steht.
Nun, wir sind uns darüber einig geworden, was unserer Ansicht nach
die Grundsätze der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts in bezug
auf diese Angelegenheit sind. Unsere Schlußfolgerungen haben ihren Niederschlag gefunden in der Erklärung, auf die wir uns im August einigten.
V/ir sind hier vor allem versammelt, um jene achtzehn Nationen zu vertreten, die nicht nur selbst großes Interesse an der Sache haben, sondern
auch weil wir uns über die Grundsätze des Internationalen Rechts und der
Gerechtigkeit im Hinblick auf diesen Fall einig sind. Ich glaube, wir
sind es uns selbst und allen an diesem Problem beteiligten Nationen
schuldig, gemeinsam zu versuchen, diese Sache zu einem Ende zu bringen,
und zwar nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Erhaltung des Friedens,
sondern so zu Ende zu führen, daß eine gerechte Lösung in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen gefunden; wird.
Mir scheint, wenn wir das nicht tun, wenn wir zulassen, daß die Einstellung an Boden gewinnt, das Problem sei gelöst, weil die Kriegsgefahr
vielleicht ein wenig vermindert erscheint, dann haben wir uns selbst
meiner Meinung nach einen schlechten Dienst erwiesen.
„,

�"AMERIKA DIENST"

26. September 1956

Was wir in dieser Hinsicht tun - sofern wir uns so verhalten, wie ich eben ausführte - » würde auf uns selbst zurückfallen
und uns in alle Zukunft heimsuchen. Darum gage ich, lassen Sie uns
gemeinsam an diesem Vorschlag festhalten und weiterhin nicht fiür
für 'den Frieden' arbeiten, sondern für einen Frieden 'in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Internationalen Rechts*."

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�USA FORDERN WELTWEITE SICHERHEITSMAS5NAHMEN BEI DER
FRIEDLICHEN NUTZBARMACHUNG DES ATOMS

VEREINTE NATIONEN (New York) -(AD)- Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede,
die Botschafter James J. Wadsworth, amerikanischer Vertreter auf der gegenwärtig in New York
stattfindenden Konferenz zur Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde, am 24. September 1956 bei der ersten Arbeitssitzung hielt

"Wir stehen jetzt vor den letzten Maßnahmen zur Gründung der
internationalen Atomenergiebehörde, die Präsident Eisenhower hier an
dieser Stelle am 8. Dezember 1953 vorgeschlagen hat. Wenn unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sind - wie ich hoffe und glaube -, dann
wird diese bedeutsame Konferenz von 81 Nationen ihre Arbeit nicht beenden, bevor sie die Statuten für diese Behörde in ihrer endgültigen
Form angenommen hat. Damit werden wir einen entscheidenden Schritt
zur Verwirklichung des Wunschbildes getan haben, das uns alle angespornt hat - des Bildes einer internationalen Zusammenarbeit auf
atomarem Gebiet.
Zahlreiche Nationen haben im Laufe der letzten drei Jahre an
diesem schöpferischen Bemühen teilgehabt, Nationen aus allen Teilen
der Welt. Die Arbeit der Diplomatie in den letzten zehn Jahren hat was Umfang und den konstruktiven Geist anbetrifft - wohl kaum ihresgleichen. Es mag daher angebracht sein, einen kurzen Überblick über
den Weg zu geben, den wir zurückgelegt haben.
Als Präsident Eisenhower die Gründung dieser Behörde vorschlug,
schwebten ihm zwei Hauptziele vor, die beide die Stärkung des Weltfriedens zum Inhalt hatten. Das erste Ziel war, nukleare Materialien
aus nationalen Beständen einer neuen internationalen Behörde zur Verfügung zu stellen und damit den Anfang zu - um mit den Worten Präsident Eisenhowers zu sprechen - 'einer Verminderung der potentiellen
Vernichtungskraft der atomaren Vorräte auf der Welt' zu machen. Das
zweite Ziel war die Ausarbeitung von Maßnahmen, durch die spaltbares
Material zum Nutzen der friedlichen Bestrebungen der Menschheit bereitgestellt wird.

Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Die Vereinigten Staaten haben sich von Anfang an von diesen
beiden Zielsetzungen leiten lassen. Wir waren uns seit jeher darüber
im klaren, daß keines dieser Ziele von einer Nation allein, oder selbst
einer kleinen Staatengruppe, erreicht werden kann, sondern daß wir es
hier vielmehr mit einem wahren internationalen Unterfangen zu tun haben. Aus diesem Grunde nahen wir uns bei diesem Vorhaben immer wieder
an die Vereinten Nationen gewandt, und aus diesem Grunde haben sich
unsere Verhandlungen selbst auch auf einen immer größer werdenden
Kreis erstreckt. Es mag nützlich sein, die Hauptmaßnahmen im Zuge
dieser Verhandlungen noch einmal zu skizzieren.
Erstens: Anfang 1954 kam eine aus acht Nationen bestehende Arbeitsgruppe zusammen, um einen ersten Statutenentwurf für die vorgeschlagene Behörde vorzubereiten.
Zweitens: Dieses Thema wurde 1954 in Anwesenheit von 60 Nationen
in der neunten UN-General-Versammlung ausführlich behandelt.
Drittens: Am 22. August 1955 wurde der Statutenentwurf in seiner
damaligen Form in Umlauf gebracht, um die Ansichten aller Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen oder ihrer Sonderorganisationen mithin die Ansichten von 84 Staaten - zu erfahren.
Viertens: Dieses Thema wurde auf der zehnten General-Versammlung
im Jahre 1955 erneut erörtert; es wurde einstimmig eine Resolution
angenommen, in der die Bemühungen der Verhandlungsgruppe gutgeheißen
wurden.
Fünftens: Die Arbeitsgruppe, die durch die Hinzuziehung Brasiliens, der Tschechoslowakei, Indiens und der Sowjetunion inzwischen
auf zwölf Nationen angewachsen war, traf am 27. Februar dieses Jahres
erneut in Washington zusammen. Nahezu zwei Monate lang arbeitete diese
Gruppe an einer Revision des Statutenentwurfes, wobei sie durch eine
Resolution der General-Versammlung der Vereinten Nationen ermutigt
und geleitet wurde. Die Gruppe hat bei ihrer Arbeit nicht nur die Ansichten und Vorschläge der vier neuen Mitglieder, sondern auch anderer Nationen aus aller Welt, von denen Stellungnahmen eingingen,
eingehend erörtert und vielfach angenommen.
Sechstens: Der aus diesen Beratungen resultierende Entwurf, der
von der aus zwölf Nationen bestehenden Arbeitsgruppe am 18. April
einstimmig angenommen wurde, liegt nunmehr dieser Konferenz zur endgültigen Beschlußfassung vor.
Herr Präsident, sie - der Sie in so fähiger Weise als Leiter
der brasilianischen Delegation auf der Konferenz dieser Arbeitsgruppen gewirkt haben - werden mit mir sicherlich darin übereinstimmen,
daß dies ein eindrucksvoller Erfolg gewesen ist. Wir stellten fest,
daß die Meinungsverschiedenheiten oft groß waren. Größer aber war noch
der Wille, diese Unterschiede der Meinungen zu überbrücken. Alle Delegationen zeigten ohne Ausnahme eine der Bedeutung der Aufgabe entsprechende Geduld und Ausdauer. Als Ergebnis dieser Einstellung wurde
der uns heute vorliegende Statutenentwurf einstimmig angenommen. Diese
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�'AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Diese Einmütigkeit ist in einer durch zahlreiche politische Meinungsverschiedenheiten zerrissenen Welt überaus vielversprechend für diese
Konferenz. Wenn auch zu besonderen Punkten einige Einwendungen gemacht
worden sind, so werden wir doch durch die Tatsache ermutigt, daß die
noch zu lösenden Fragen - im Vergleich zu den Meinungsverschiedenheiten,
auf die wir im Verlaufe unserer gemeinsamen Bemühungen trafen und die
wir überwinden konnten - nicht groß erscheinen.
Herr Präsident, die Vereinigten Staaten waren eine jener Nationen,
die zusammen mit anderen eins-immig und vorbehaltlos den Statutenentwurf gebilligt haben. In dem Entwurf gibt es Teile, von denen wir wünschten, daß sie anders lauteten. Ich bin sicher, daß keiner der Befürworter die Statuten von seinem eigenen und besonderen Standpunkt aus als
vollkommen erachtet.
In gleicher Weise bin ich jedoch sicher, daß alle Befürworter des
Entwurfes mit uns der Ansicht sind, daß er die Grundlage für eine
Behörde legt, die arbeitsfähig ist und gute Arbeit leisten wird - eine
Behörde, der wir voller Hoffnung und Zuversicht unsere ganze Unterstützung geben können. Die Vereinigten Staaten sind bereit, diese Statuten zu unterstützen. Wir haben gegenwärtig nicht die Absicht, irgendwelche Verbesserungsvorschläge zu machen - außer dem einen, gemeinsam
befürworteten Zusatz, der die Funktionen der vorbereitenden Kommission
klären würde, wie sie im Anhang Nummer I vorgesehen ist.
Gleichzeitig kommen wir zu dieser Konferenz in der vollen Bereitschaft, allen unterbreiteten Zusätzen eine gebührliche Erörterung
zuteil werden zu lassen. Wir werden jene Vorschläge unterstützen, die
nach unserer Ansicht die Statuten verbessern und ihre Annahme fördern.
Wir werden uns jedoch gegen jene stellen, die nach unserer Meinung
diese Funktion nicht erfüllen würden - vor allem gegen jene, die eine
volle Unterstützung von seiten irgendeiner spezifischen Staatengruppe
schwierig oder unmöglich machen könnten.
Ich möchte meinen, daß dies eine vernünftige Einstellung ist. Der
Statutenentwurf spiegelt in einem großen Ausmaß eine Angleichung der
Ansichten von zahlreichen Staaten wider. Jede vorgeschlagene Änderung
sollte daher sorgfältig geprüft werden, um nicht nur sicherz stellen,
daß sie tatsächlich, eine Veränderung zum Besseren ist, sondern aach
um zu gewährleisten, daß sie nicht das bisher erreichte Gleichgewicht
der Ansichten gefährdet.
Herr Präsident, es ist jetzt nicht die Zeit, ein Bild der materiellen Segnungen zu entwerfen, die der Menschheit durch die volle Nutzbarmachung des Atoms für den Frieden zuteil werden könnte. Die geradezu ./underbaren Möglichkeiten der A .omtechnik sind aller Welt bekannt.
Die Atomenergiebehörde wird die friedliche atomare Revolution entscheidend vorantreiben. Sie wird die der Menschheit zu Diensten stehende
Energie auf mannigfache Weise vervielfachen, die wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln und den Austausch wissenschaftlicher Erkenntnisse
fördern. Der uns vorliegende Statutenentwurf würde unserer Ansicht nach
die Behörde in den Stand setzen, dieses hohe Ziel zu verwirklichen, und

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

und rechtfertigt daher eine großzügige Unterstützung von seiten der
Vereinigten Staaten.
Zusätzlich zu der Forderung, daß die Statuten die Behörde befähigen, die friedliche Verwendung der Atomenergie voranzutreiben,
ist es unerlässlich, daß es eine wirkliche Garantie dafür gibt, daß
die Tätigkeit dieser Behörde die Anwendung der Atomenergie für militärische Zwecke nicht fördert und die Gesundheit oder die Sicherheit
nicht gefährdet. Die Atomenergie ist einzigartig gefährlich, genauso
wie sie einzigartig verheißungsvoll ist. Der Brennstoff für einen
Reaktor kann zum Explosivstoff einer Bombe werden; die Strahlung,
welche heilt, kann genauso gut töten.
Die Vereinigten Staaten haben dem Problem des Schutzes und der
Sicherheit mit allen seinen Auswirkungen große Aufmerksamkeit geschenkt.
Dieses Problem war ebenfalls ein ernstes Anliegen für andere Staaten.
Wir erinnern an den ursprünglich von der Sowjetunion vertretenen Standpunkt, daß die Förderung der friedlichen Entwicklung der Atomenergie
überall auf der Welt die Unsicherheit vergrößern werde, weil dadurch
die Vorräte an jenen. Materialien wachsen würden, aus denen nukleare
Waffen hergestellt werden können. Wir stellen mit Freude fest, daß
die Sowjetunion nunmehr genau wie wir der Ansicht ist, daß die richtige Lösung in der Anwendung angemessener Sicherheitsmaßnahmen und
nicht in der Beschneidung der friedlichen Entwicklung liegt.
Die Bestimmungen, die in dem Statut im Hinblick auf Sicherheitsmaßnahmen enthalten sind, sollen eine friedliche Entwicklung der Atomenergie ohne Gefährdung des Schutzes und der Sicherheit der Welt gestatten. Herr Präsident, ich darf zunächst auf Artikel II verweisen,
in dem die Grundziele der Behörde niedergelegt sind. Er lautet wie
folgt:
'Die Behörde soll sich um einen beschleunigten und vergrößerten
Beitrag der Atomenergie für den Frieden, die Gesundheit und das Wohlergehen der Welt bemühen. Sie soll dafür Sorge tragen - soweit ihr dies
möglich ist -, daß die von ihr oder auf ihr Ersuchen hin oder unter
ihrer Aufsicht und Kontrolle gewährte Unterstützung nicht so angewandt wird, daß dadurch irgendein militärischer Zweck gefördert wird' .
Damit das letztere Ziel erreicht werden kann, sind in Artikel
XII definitive Sicherheitsmaßnahmen vorgesehen. Die Anwendung dieser
Sicherheitsmaßnahmen würde ein gemeinsames Bemühen unter internationaler Beteiligung sein müssen. Die Statuten würden die Behörde außerdem
in den Stand setzen, diese Sicherheitsvorkehrungen auf bilaterale oder
multilaterale Abmachungen zu erweitern, die sonst nicht in den Bereich
ihrer Überwachung oder Kontrolle fallen würden, falls die Vertragspartner dies wünschen. Die Vereinigten Staaten hoffen, daß die Partner
in bilateralen Abmachungen überall auf der Welt von dieser Bestimmung
Gebrauch machen werden und so zur schließlichen Schaffung eines einheitlichen Systems von Schutzmaßnahmen auf weltweiter Ebene beitragen.
Wenn dies der Fall ist, Herr Präsident, dann können die Vereinigten
Staaten die Behörde zum Grundpfeiler ihrer internationalen Tätigkeit
auf dem Gebiete der Atomenergie machen.
Wenn

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Wenn die Vereinigten Staaten diese Sicherheitsmaßnahmen unterstützen, so sind sie sich völlig im klaren darüber, daß das Ziel begrenzt ist, selbst wenn alle 'außerhalb' der Behörde stehenden bilateralen Abmachungen letztlich unter diese Sicherheitsmaßnahmen fallen
würden. Wir sind uns sehr wohl der Tatsache bewußt, daß ein großer Teil
der militärischen Gefahr des Atoms außerhalb des Bereichs dieser Maßnahmen und damit auch außerhalb der Reichwe"te der Behörde oelbst liegt.
Wir wissen, daß der Statutenentwurf nichts enthält, was die einzelnen
Staaten hindern könnte, ihre nul earen Waff'en aus eigenen Hilfsquellen
aufzubauen. Wir wissen auch, dal der Statutenentwurf in kein, r V/eise
jene Staaten, die heute nukleare Waffen produzieren, an der Fortsetzung
dieser Produktion hindern kann. Aber . ..e Tatsache, daß die Behörde
nicht das ganze und ungeheure internationale Problem der Kontrolle
nuklearer. Waffen lösen kann, halt uns '. cht davor, zurück, alles in
unseren Kräften Stehende zu tun, um Fi c die Schaffung von vollen Sicherheitsvorkehrungen für den eigenen Tätigkeitsbereich der Behörde Sorge
zu tragen.
Ich darf meine Mitdelegierten daran erinnern, daß der Präsident
der Vereinigten Staaten vor kurzem einen Vorschlag unterbreitet hat,
wonach die zukünftige Produktion spaltbaren Materials ticht mehr für
eine Vergrößerung der Vorräte an explosiven Waffen benutzt werden soll.
'Meine letzte Hoffnung', so sagte er, 'ist, daß die gesamte Produktion
an spaltbarem Material überall in der Welt ausschließlich friedlichen
Zwecken zugeführt wird 1 . Die Annahme dieses amerikanischen Vorschlages
würde bedeuten, daß die Sicherheitsmaßnahmen auf die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion, Großbritannien und andere Länder angewendet werden, die in der Lage sind, Atomwaffen herzustellen. Diese Maßnahmen
müßten sicherlich umfassender und durchgreifender sein als diejenigen,
die im Rahmen dieser Statuten für die Empfängerstaaten vorgesehen sind.
Wir werden uns weiterhin mit allen Kräften um ein Abkommen bemühen,
das den Vorschlag Präsident Eisenhowers in die Y/irki
eit umsetzt.
Was wir in der Zwischenzeit tun, um die Arbeit innerhalb der neuen
Behörde zu sichern, ist ein bedeutsamer Schritt auf dem Wege zu diesem
Ziel. Die internationale Atomenergiebehörde kann durch ihre eigenen
Sicherheitsmaßnahmen das gegenseitige Vertrauen fordern, sowie die
technischen und politischen Erfahrungen liefern, die uns a.;f .lern Wege
zu unserem noch ehrgeizigeren Ziel, nämlich einer Welt, in der das
Atom ausschließlich dem Frieden dient, von Nutzen sind.
Herr Präsident, ich bin in der Frage der Sicherhe' ;&gt; ! maßnahmen in
Einzelheiten gegangen, um zu unterstreichen, was die internationale
Atomenergiebehörde tun kann, ja tun muß, um einem zerstöre.:sehen
Mißbrauch Einhalt zu gebieten. Der noch grundlegendere Zwec : der Behörde ist die positive und schöpferische Entwicklung des atomaren Zeitalters für das Gedeihen und das Wohlergehen der Menschheit. Wir wollen
uns keinen Illusionen hingeben: Es muß noch viel getan und viel gelernt werden, bevor das Atom in großem Ausmaß und auf wirtschaftlicher
Grundlage für die Energiegewinnung verwendet werden kann. Es ist die
Pflicht der Behörde, diese Arbeit und dieses Lernen zu beschleunigen.
Gegen

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

26. September 1956

Gegen Ende dieser Konferenz sollte, sobald dies praktisch durchführbar ist, die in den Statuten vorgesehene vorbereitende Kommission
zusammentreten, um mit den für die Errichtung der Behörde notwendigen
Arbeiten zu beginnen. Eine der ersten Fragen, die die vorbereitende
Kommission erörtern muß, wird der Sitz der Behörde sein. In diesem
Zusammenhang haben die Vereinigten Staaten Wien befürwortet - eine
Stadt, die ein großes Kulturzentrum ist und nach unserer Ansicht einen
idealen Sitz für die Behörde abgeben würde.
Die allgemeine Konferenz der Behörde sollte einberufen werden,
sobald genug Ratifikationen vorliegen, um diesen Schritt zu rechtfertigen. Wir treten ferner dafür ein, daß die vorbereitende Kommission
in der Zwischenzeit ein realistisches, vertrauenerweckendes und praktisches Arbeitsprogramm zur Erörterung und Billigung durch die erste
allgemeine Konferenz und das Direktorium der Behörde ausarbeitet.
Auf diese V/eise sollten .vir innerhalb eines Jahres die internationale Atomenergiebehörde in voller Arbeit sehen, bestrebt, einen
entscheidenden Beitrag zu einer friedlichen und stabilen Welt zu leisten.
Herr Präsident, die Statuten, die wir hier erörtern, existieren
lediglich auf Grund der unbeirrbaren Entschlossenheit eines jeden der
zwölf Länder, die an ihrer Formulierung teilhatten. Diese Länder mit
all ihren nachdrücklich vertretenen und verschiedenen Ansichten waren
sich in einer Sache einig, in dem Willen, zu einer Übereinstimmung zu
gelangen.
Wir haben bereits die Verwirklichung eines glühenden, von Präsident
Eisenhower am 8. Dezember 1953 geäußerten Wunsches erlebt - des Wunsches,
daß sein Vorschlag einen 'neuen Weg für eine friedliche Diskussion"
öffnen möge. Dieser Weg ist heute offen. Ich, Herr Präsident, bin der
Überzeugung, daß er offen bleiben wird, weil jede hier vertretene
Delegation, dessen bin ich sicher, denselben Glauben und dieselbe Entschlossenheit, zum Erfolg zu gelangen, hat.
Die im vergangenen Jahr abgehaltene Atomen°rgip-Konferenz in Genf
hat eine neue Atmosphäre für den Austausch wissenschaftlicher und technischer Informationen und Kenntnisse geschaffen - eine Atmosphäre, die
Offenheit und Gemeinsamkeit an die Stelle von Geheimhaltung und Abgeschlossenheit setzte. Die Aufgabe unserer Konferenz - und das ist zugleich eine der großen Aufgaben unserer Zeit schlechthin - ist, ob wir
den gleichen Wechsel in der internationalen politischen Atmosphäre
zustandebringen können, ob wir Einrichtungen ins Leben rufen können,
die es gestatten, daß die eindrucksvollste wissenschaftliche Errungenschaft der Menschheit für ihr Wohlergehen eingesetzt wird.
Die Welt von Morgen wird in hohem Maße davon abhängen, was mit der
Atomenergie geschieht. Und was mit der Atomenergie geschieht, wird wiederum weitgehend von dem Ergebnis dieser Konferenz abhängen. Wir wollen
hoffen, daß wir in einigen Wochen zu unseren Mitmenschen sagen können:
Wir haben hier etwas erreicht, was dazu beiträgt, daß ihr und eure Kinder ein Leben in Frieden führen könnt«"
* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

MURPHY VOR DER ERNST-REUTER-GESELLSCHAFT

BERLIN - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut der Rede, die der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium, Robert Murphy, am 4.Oktober 1956 vor der
Ernst-Reuter-Gesellschaft in Berlin gehalten
hat.

Gestern hatte ich die Ehre, an der Grundsteinlegung zur Kongreßhalle im Tiergarten teilzunehmen, und ich erwähnte dort, wie
sehr es mir angebracht erscheint, daß dieses Gebäude dem Gedenken
Benjamin Franklins geweiht sein soll; ist es doch einer der Vertreter jenes großen Zeitabschnittes der Aufklärung, dem wir so viel
an gemeinsamen Wissen und an geistigen Werten verdanken.
Heute sind wir hier versammelt im Gedenken an einen der größten
Bürger Berlins, Bürgermeister Ernst Reuter. Wenn wir uns den Mut
ins Gedächtnis zurückrufen, mit dem Ihre und unsere Vorfahren um
die Schaffung unserer beiden Länder gerungen haben, dann werden wir
auch an Ernst Reuter erinnert, seinen Geist, seine Willenskraft und
seine Fähigkeit, Schwierigkeiten zu überwinden. Ich selbst hatte
die Ehre, ihn in seinem Wirken in jenen harten Jahren aus der Nähe
zu beobachten. Er war nie schwankend und niemals verzweifelt. Er
war uns allen Vorbild. Dieser Mann, der selbst so viel gelitten
hat, der von Tyrannen des Landes verwiesen worden war, und der in
eine Stadt zurückkehrte, die restlos in Trümmern lag, um ihren Wiederaufbau unter den ungünstigsten Umständen, denen sich je ein
großes Volk gegenübersah, in Angriff zu nehmen - dieser Mann symbolisiert den unbezwingbaren Geist der Bevölkerung dieser großen
Stadt und ihren Glauben an die Freiheit.
Zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Volk bestehen
zahlreiche gemeinsame Bande. Der Glaube der Amerikaner an die Zukunft eines freien, unabhängigen und geeinten Deutschlands ist angesichts von Männern wie Ernst Reuter nur um so stärker.
In meiner gestrigen Rede anläßlich der Grundsteinlegung der
Kongreßhalle bin ich auf jene dunklen Tage in der Berliner Geschichte
- T -

�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Geschichte eingegangen, als vor 150 Jahren die Gegenwarts- und
Zukunftsaussichten so düster waren und die Menschen in Verzweiflung und Mutlosigkeit lebten.
Vor 150 Jahren war Berlin von fremden Truppen besetzt und
Deutschland aufgespalten und schwach. Die Geschichte aber, das
vergrö&amp;rte Spiegelbild des menschlichen Lebens, ist wie dieses
selbst oft von überraschenden Entwicklungen gekennzeichnet und
nicht voraussagbar. Welch größere Überraschung hat sie gebracht,
als das Wiedererwachen der Lebenskraft, wie sie das Berlin des
19«Jahrhunderts erlebte? Die Hauptstadt eines kleinen Staates,
dessen Territorium andere untereinander aufgeteilt hatten, sollte
100 Jahre später Hauptstadt eines großen Landes sein, eine der drei
oder vier größten Städte der Erde, Mittelpunkt des geistigen Lebens und einer gewaltigen Wirtschaft.
Wenn wir die Jahre zwischen 1806 und 1871 näher betrachten,
dann bekommen wir eine Vorstellung von dem Glauben, dem Willen und
der Beharrlichkeit, die auch bei dem langsamen Prozeß der Errichtung eines geeinten Landes am Werke waren.
Für uns liegt die Lehre jener Jahre in dem Erfolg, in der
Tatsache nämlich, daß ein geeinter deutscher Staat schließlich
Wirklichkeit wurde. Es war dies ein Erfolg, der die Bemühungen
eines Volkes krönte, das entschlossen war, frei zu sein und seine
Einigung zu vollziehen. Wir können aber auch noch eine andere
Lehre aus jenem halben Jahrhundert der Hoffnungen und Anstrengungen
ziehen, eine Lehre, der wir stets eingedenk bleiben sollten, da sie
von größter Bedeutung ist« Man kann Menschen weder die Freiheit noch
die nationale Einheit vorenthalten, wenn geistige Stärke und Entschlossenheit gleichzeitig gegeben sind.
Wir Amerikaner teilen diese Erkenntnis mit Ihnen. Wir machten
von 1763 bis 1788 ebenfalls 25 Jahre des Kampfes um unsere Eigenstaatlichkeit durch. Dies waren Jahre häufiger Enttäuschungen, und
selbst während des Unabhängigkeitskrieges machten wir Zeiten bitterster Verzweiflung durch. Mehir als einmal war es nur noch der Glaube
unserer Vorfahren und ihr fester Wille, einen geeinten freien Staat
zu gründen, der sie in ihren Bemühungen fortfahren ließ.
Deutschland weiß ebenso wie die Vereinigten Staaten, was solche
Jahre der Entmutigung bedeuten können - beide Länder haben solche
Zeiten durchgemacht und wissen, daß Glauben und Willenskraft letzten
Endes unüberwindbar sind. Heute haben Sie und wir diesen Glauben und
Willen gemein. Wir wissen, daß der geeinte Wille freier Menschen
sich durchsetzen und der Tag kommen wird, an dem ein vereinigtes,
unabhängiges und freies Deutschland seinen ihm gebührenden Platz
in der Familie der Völker wieder einnehmen wird, wenn auch noch so
große Opfer und noch so aufreibende Anstrengungen hierzu erforderlich sein mögen.
In den seit Ende des Krieges vergangenen elf Jahren sahen wir
uns in der freien Welt einer Bedrohung unserer Existenz gegenüber.
In Reaktion auf diese Bedrohung kam es zur Evolution einer neuen
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

neuen Politik unter den freien Völkern, die unsere Kinder und Kindeskinder vielleicht einmal als eine der bedeutsamsten historischen
Entwicklungen überhaupt ansehen werden.
Diese Periode zeichnete sich dadurch aus, daß die freien
Nationen der Welt sich in zunehmendem Maße der Gemeinsamkeit
ihrer Interessen bewußt wurden. Wir Völker der freien Welt haben
eine Bedrohung unserer nackten Existenz erlebt, die Gefahr, unsere
Unabhängigkeit und Freiheit zu verlieren, wenn wir nicht schleunigst unsere Hilfsquellen und Kräfte in einer gemeinsamen Anstrengung zusammenschließen.
In diesen elf Jahren hat eine Macht, die eine Mischung aus
altem russischen Expansionismus und aggressiven Kommunismus darstellt, die einst unabhängigen Länder Osteuropas durch Einschüchterung, Drohungen und Gewalt auf den Stand unseliger Satelliten
herabgedrückt. Diese Macht hat die Massenaufstände in Griechenland
geleitet. Sie hält Ostdeutschland in Fesseln; sie hat versucht,
sich ganz Berlin zu unterwerfen; asiatische Länder hatten unter
gegenseitigen, vom Kommunismus entfachten Aggressionen zu leiden;
Norwegen, Dänemark, die Türkei und vor allem die Bundesrepublik
Deutschland mußten sowohl Schmeicheleien als auch Drohungen über
sich ergehen lassen, als sie sich der Nordatlantikpaktorganisation
anschlössen; und in Korea tobte der Krieg.
Diese ununterbrochene Serie der verschiedenartigsten Manöver
im Laufe der Nachkriegsjähre hat es den meisten Völkern der freien
Welt auf unbarmherzige Weise klar gemacht, daß sie ständig der Gefahr einer Unterwerfung durch den sowjetischen Kommunismus ausgesetzt waren. Sie haben erkannt, daß sie ihre eigene Sicherheit nur
erhalten können, wenn ein System der gemeinsamen Sicherheit geschaffen wird.
Wir Amerikaner sind uns klar darüber, daß uns auf Grund unserer
Stellung und unserer Stärke ein besonderes Maß an Verantwortung beim
Aufbau dieses Sicherheitssystems in Gemeinschaft mit unseren Freunden
auferlegt ist.
Unsere Verbündeten und die Vereinigten Staaten haben die Nordatlantikpaktorganisation, die Südostasienpaktorganisation, den
ANZUS-Pakt mit Australien und Neuseeland sowie den Riopakt mit
unseren Nachbarn der westlichen Hemisphäre geschaffen. Insgesamt
haben die Vereinigten Staaten mit etwa 42 Nationen Verträge über
die gemeinsame Sicherheit, geschlossen.
Diese, auf dem Grundsatz der kollektiven Sicherheit basierende
Politik der freien Völker hat sich als erfolgreich erwiesen.. Sie
sieht die Schaffung eines geeinten Europas vor. Dem Expansionsstreben
der Sowjetunion wurde Halt geboten• Es wurden allgemein günstigere
Bedingungen geschaffen, die schließlich zum Beitritt der Bundesrepublik Deutschland zur NATO und zur Wiederherstellung der Souveränität
Japans führten; diese beiden letztgenannten Erfolge ließen sich nur
gegen den eisernen Widerstand der Sowjetunion erringen.
Noch

�"AMERIKA MENST"

3. Oktober 1956

Noch ist die Bedrohung unserer Lebensform nicht vollständig
beseitigt. Doch lassen wir uns durch diese Bedrohung weder im Denken
noch im Handeln beeinträchtigen und lähmen. Präsident Eisenhower sagte
einmal, die Politik unseres Landes müsse "nicht nur auf einen Augenblick, sondern auf eine ganze Epoche der Bedrohung" abgestimmt sein}
und das trifft für die gesamte freie Welt zu.
Uns verbinden die gleichen Interessen und der Glaube an die
gleichen Werte. Wir glauben an ethische Werte und lassen uns nicht
durch einen primitiven Materialismus beeindrucken. Der Begriff des
Präventivkrieges ist für die Vereinigten Staaten oder ihre Verbündeten nicht annehmbar. Solange die Kommunisten uns den Krieg nicht aufzwingen, müssen wir uns zur Erhaltung unserer Sicherheit auf unsere
gemeinsame strategische Planung verlassen.
Wir stehen vor der vielleicht schwierigsten Aufgabe, die je eine
Gruppe verbündeter Nationen zu lösen unternommen hat. Wir müssen unsere
Einigkeit, erhalten und gleichzeitig einen Gegner von Grund aus umstimmen, um ihn im Laufe der Zeit dazu zu bringen, seine expansionistische Politik aufzugeben und vernünftig und verantwortungsbewußt
in weltpolitischen Fragen mitzuarbeiten, und wir sind entschlossen,
dieses Ziel zu erreichen, ohne zum Mittel des Krieges zu greifen.
Die freien Nationen können es nicht dulden, daß wir ewig in der
Vorstellung einer geteilten und ständig gefährdeten Welt leben, in
der der Friede lediglich auf der durch den Gleichstand der atomaren
Rüstung bedingten Furcht beruht. Wir Angehörigen der atlantischen
Gemeinschaft sind ganz besonders verpflichtet, alle unsere materiellen
Reserven und unsere geistigen Kräfte in dem unermüdlichen Bestreben zu
sammeln, eine Silfcuation zu schaffen, die ein Nebeneinander verschiedener Wirtschaftssysteme und Ideologien ermöglicht, ohne daß grundlegende Prinzipien oder Werte geopfert werden müssen, eine Situation,
in der der Friede gewährleistet wird durch feststehende und notfalls
erzwingbare Garantien gegen einseitige und aggressive militärische
Handlungen seitens irgendeines Staates oder einer Staatengruppe.
Es ist richtig, daß wir heute stärker sind als je zuvor. Bisher
hat es auf der Welt noch kein Bündnis so vieler verschiedener Länder
mit so unterschiedlichen Kulturen gegeben. Doch steht uns ein gewaltiger feindlicher Länderblock gegenüber, der auf die Weltherrschaft
erpicht, ist. In unserer heutigen Zeit mit ihren vielfältigen Verflechtungen auf lebenswichtigen Gebieten bilden Raum und Zeit keine
absolut sicheren Bollwerke mehr.
Wir leben heute in einer Zeit, die weise Führung und feste Nerven,
Zielsicherheit und Sparsamkeit, unbeirrbare Entschlossenheit und Wendigkeit in der Wahl des einzuschlagenden Weges erfordert.
Wir Amerikaner wollen unsere eigene Stärke bewahren. Wir bilden
den Kern der Bündnisse innerhalb der freien Welt, und Festigkeit und
Stärke des Kerns lassen sich durch nichts ersetzen.
Das System der kollektiven Sicherheit, das in den Nachkriegsjahren aufgebaut wurde, wird beibehalten werden und eine weitere
Stärkung erfahren.
Wir

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�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

Wir müssen darauf bedacht sein, daß sich der Bereich der Freiheit
noch mehr erweitert und daß die Nationen, die jetzt unbeteiligt beiseite stehen, sich ihrer Zugehörigkeit zur freien Welt bewußt werden.
Außenminister Dulles hat erklärt» "Es genügt nicht, zu beweisen,
daß Despotismus etwas Schlechtes ist, vielmehr ist es ebenso notwendig, immer und immer wieder zu beweisen, daß die Freiheit, etwas Gutes
ist.
Das ist die große Mission, der sich die freien Nationen verschrieben haben. Wenn wir auch weiterhin die Freiheit als eine dynamische,
dem Geist des Liberalismus dienende Kraft aufzeigen können, dann brauchen wir die Resultate des friedlichen Wettbewerbs, den die sowjetischen
Machthaber nach ihrer eigenen Aussage anbieten, nicht zu fürchten. Ja,
wir können sogar hoffen, daß die Kräfte, die jetzt innerhalb der Sowjetunion und in den Satellitenstaaten am Werke sind, die Herrschenden veranlassen, in zunehmendem Maße sich den Grundsätzen der Freiheit zu unterwerfen."
Seit dem Tode Stalins, und besonders seit dem Frühjahr 1955» zeigt
der kommunistische Block eine merkliche Veränderung in seinem außenpolitischen Verhalten. Er., legt seitdem auf Druck und Gewalt weniger Wert
und hat militärische Operationen und politische Wühlarbeit in Korea,
Indochina, in den Malaienstaaten und auf den Philippinen eingestellt.
Er hat sich um eine Normalisierung seiner Beziehungen besonders zu
seinen Nachbarn bemüht und hat die militärische Besetzung Österreichs
beendet. Er hat in zunehmendem Maße Anlehnung an die traditionellen
diplomatischen Beziehungen gesucht. Staatsbesuche wurden empfangen und
Gegenvisiten arrangiert, Wirtschaftskredite wurden erweitert, Waffenverkäufe wurden offen getätigt und nicht mehr insgeheim vorgenommen,
und das kulturelle Austauschprogramm wurde mehr als verdoppelt.
Im besonderen haben die Kommunisten der Pflege der Beziehungen
von Regierung zu Regierung neue Aufmerksamkeit gewidmet. Es gibt kaum
ein Land, dem gegenüber nicht irgendeine liebenswürdige sowjetische
Geste gemacht wurde. Kurzum, sie haben versucht, ein völlig neues Bild
von der UdSSR in den Augen der Weltöffentlichkeit zu schaffen, das Bild
eines achtbaren, friedliebenden, aufgeschlossenen, wohlmeinenden Landes,
das stark ist, das aber niemand fürchten braucht.
Diese Wandlung im Verhalten der Sowjets mag schon zu Lebzeiten
Stalins erwogen worden sein, sein Tod beschleunigte sie jedenfalls.
Nach dem Tod Stalins konnten die sowjetischen Machthaber daran gehen,
die Weltlage nach völlig neuen Gesichtspunkten zu beurteilen. Bei dieser Beurteilung scheinen säe zu folgenden vier Schlüssen gekommen zu
sein t
. 1) Ein Krieg mit Kernwaffen, speziell in einer Zeit, in der die
sowjetischen Kräfte denen des Westens unterlegen sind, dürfe unter
keinen Umständen stattfinden.
2) Di« von Stalin allgemein verfolgte Taktik habe einen Punkt
erreicht, an dem sie immer weniger einbringe und wo ihre weitere Anwendung möglicherweise ein unnötiges Risiko bedeute.
3) Die enormen Kosten einer Rüstung mit modernen Waffen, einschließlich der Luftverteidigung, verstärkten noch die binnenwirtschaftlichen
Probleme und verzögerten die innere Entwicklung.
.\

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�"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1956

4) Trotz der politischen Probleme, die isä.«&amp; Stalins fEod bei der Regelung
der nachfolge gntstohenraroßtÄfc, , und trotz der mit einer raschen Industri%lisierung verbundenen wirtschaftlichen Probleme sah die Sowjetunion keinen zwingenden Grund, eine endgültige Regelung mit der freien
Welt zu suchen.
Hinsichtlich der von der sowjetischen Politik einzuschlagenden Richtung bedeuteten diese Schlußfolgerungen offenbar die Vermeidung von Extremen. Auf der einen Seite war es gefährlich, einen Kurs zu wählen, der
möglicherweise zu einem Weltkrieg hätte führen können. Auf der anderen
Seite war es angesichts der sowjetischen Stärke, einschließlich der erfolgreichen thermonuklearen Versuche, unnötig, sich damit zu befassen,
nach echten Lösungen in den Streitfragen mit der freien Welt zu suchen.
Daher blieb als einzige Alternative die "friedliche Koexistenz". Diese
Konzeption ist jedoch keineswegs passiver Natur. Die letzten achtzehn
Monate - eine der dynamischsten Phasen in der Geschichte der Sowjetdiplomatie - zeugen davon, daß die sowjetischen Machthaber die "Koexistenz"
als eine aktivistische Politik mit neuen günstigen Gelegenheiten zur Förderung der internationalen Ziele der Sowjets betrachten.
Gerade das Neuartige an einigen der jüngsten sowjetischen Aktionen
hat Aufmerksamkeit und in gewissen Teilen des Auslandes. Hoffnungen erweckt, daß die Sowjetunion sich im Stadium der Umorientierung zu einem
neuen Kurs befinde. Gewiß können die Veränderungen, die sich vollzogen
haben, nicht einfach von der Hand gewiesen werden. Sie verlangen eine
sorgfältige Beurteilung und ständige Beobachtung.
Ferner ist es von größter Bedeutung, diejenigen Elemente in der
UdSSR aufmerksam zu beobachten, die sich bisher nicht verändert haben.
Zunächst einmal ist die Sowjetunion nach wie vor eine Diktatur.
Die Macht Stalins ist auf ein Kollektiv übergegangen, in dem Chruschtschow einen unverhältnismäßig hohen Anteil hat; jedoch die Ersetzung
eines einzelnen Machthabers durch einen Exekutivausschuß ändert nichts
an dem diktatorischen Charakter des Systems. Die Verurteilung des sogenannten Persönlichkeitskulta muß erst einmal durch die Einführung von
Schranken und Gegengewichten gegen das Erscheinen eines anderen Despoten
ergänzt werden. Die Entscheidungsgewalt - die Befugnis, die gewaltigen
Hilfsquellen der Sowjetunion in jeder gewünschten Richtung einzusetzen ist nach wie vor das ausschließliche und absolute Recht einiger weniger,
die weder durch Gesetz noch durch demokratische Institutionen oder moralische Überlegungen in Schranken gehalten werden.
Zweitens bleibt die Sowjetunion nach wie vor mit einer uns feindlichen
Ideologie verbunden. Gewiß haben die sowjetischen Machthaber das Thema von
der "friedlichen Koexistenz" neu aufgegriffen, doch haben sie sich nicht
gescheut, seine wahre Bedeutung zu verbergen. "Die Tatsache, daß wir eine
Politik der friedlichen Koexistenz unterstützen ...", erklärte Chruschtschow
vor dem 20.Kongreß der KPdSU, "bedeutet nicht, daß wir in unserem Kampfe
gegen die bürgerliche Ideologie nachlassen werden ..." In Indien drückte
er sich offen und fantasievoll aus: "Den Herren, die damit rechnen, daß
die Sowjetunion ihr politisches Programm ändern wird!, erklären wir: 'Da
werden Sie warten bis die Schweine fliegen können'."
Drittens

�"AMERIKA DIENST

5. Oktober 1956

Drittens hält die Sowjetunion nach wie vor einen gewaltigen
militärischen Apparat aufrecht» Es erübrigt sich, im einzelnen auf
die ständige Entwicklung des sowjetischen militärischen Potentials
auf dem Lande, zu Wasser und in der Luft einzugehen. Die sowjetischen
Streitkräfte sind nicht mehr länger ausschließlich zum Einsatz für
Massenschlachten auf dem eurasischen Kontinent bestimmt. Besondere
Betonung wurde auf die Entwicklung nuklearer Waffen gelegt. Es ist
uns bekannt, daß das sowjetische Programm für ferngelenkte Beschösse
weit fortgeschritten ist. Moskaus so laut in die Welt posaunte Reduzierung seiner Streitkräfte findet keine Parallele in einer Beschränkung der Entwicklung und Produktion modernster Waffen.
Viertens forciert die Sowjetunion nach wie vor die Entwicklung
der Schwerindustrie. Wirtschaftliche Macht und nicht das Wohl der
Menschen ist noch immer das oberste Ziel. Das nachstalinische Regime
hat sich um eine Verbesserung der Bedingungen in den bisher vernachlässigten Wirtschaftssektoren - besonders in der Landwirtschaft bemüht; das Hauptgewicht der industriellen Entwicklung liegt aber nach
wie vor auf der Schwerindustrie.
Abschließend können wir feststellen, daß trotz der verschiedenen
inzwischen in der Sowjetunion erfolgten Veränderungen, die wichtigsten
Elemente, die die UdSSR zu einer Bedrohung unserer Sicherheit machen,
nach wie vor unverändert geblieben sind.
Um dieser neuen Situation zu begegnen, müssen wir, wie Präsident
Eisenhower es ausdrückt, dynamische und elastische Mittel anwenden,
um nicht nur die sowjetische Taktik zu bekämpfen, sondern auch um unsere eigenen Ziele zu fördern.
Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten wird bestimmt von unveränderlichen und grundsätzlichen Prinzipien, über die sich alle Amerikaner, welcher politischen Partei sie auch angehören mögen, einig sind.
Sie in Berlin kennen alle diese grundsätzlichen Prinzipien. Es sind:
Die Aufrechterhaltung der Stärke und Einigkeit der freien Welt und die
Entwicklung der Institutionen, die ein Ausdruck dieser Stärke und Einigkeit sind, sowie die Fortführung unserer Opposition gegen eine durch
Willkür- und Despotismus bestimmte Herrschaft bis au einem Punkt - und
wir sind überzeugt, daß dieser Punkt erreicht wird -, wo die sowjetischen
Machthaber schließlich einsehen, daß ihre Beurteilung der Weltsituation
und besonders ihrer eigenen Deutschlandpolitik falsch ist und einer
Änderung bedarf.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß eine Stärkung der
atlantischen Gemeinschaft von größter Bedeutung ist. Dies läßt sich
zum Teil durch die Entwicklung der Methoden für eine engere europäische
Zusammenarbeit und zum Teil durch eine Stärkung der Nordatlantikpaktorganisation erreichen.
In der Zusammenarbeit der europäischen Länder sind seit dem Kriege
Fortschritte, erzielt worden. Die machtpolitische Entwicklung des feindlichen Sowjetblocks seit 1945 hat die westlichen Nationen, die sich durch
ihre Geschichte und ein gemeinsames Erbe verbunden fühlen, in dem Bewußtsein bestärkt, daß sie durch gemeinsame Interessen und Bedürfnisse zusammengehören und ein gemeinsames Schicksal haben.
Dieses

- 7-

�3. Oktober 1956

AMERIKA DIENST

Dieses Gefühl der Geraeinschaft hat sich im zweiten Weltkrieg
und in den darauf folgenden Jahren noch vertieft. Unabhängig von der
sowjetischen Bedrohung sind die Völker Europas nach \945 zu der Erkenntnis gelangt,, daß ihr künftiger Wohlstand und sogar ihre Existenz
nur durch gemeinsames politisches und wirtschaftliches Handeln und nicht
durch eine ausschließlich nationale Politik und nationale Maßnahmen gesichert werden können. Aus dieser Notwendigkeit heraus sind die verschiedensten Organisationen auf der Basis der internationalen Zusammenarbeit
entwickelt, worden, die die europäischen Nationen miteinander verbinden
und die auf die Lösung gemeinsamer1 Probleme gerichtet sind. Verschiedene
dieser Organisationen, wie der Europarat, der Europäische Wirtschaftsrat
und die Montanunion haben auf dem Wege zur Integration Europas, bedeutsame Fortschritte erzielt. Und kürzlich erst haben wir zwei bedeutende
Schritte auf dem Wege zur Integration Europas erlebt, nämlich die ernsthaften Erörterungen über die Schaffung von Euratom und einen "gemeinsamen
Markt."
Im Februar 1955 sagte Präsident Eisenhower: "Ich kann die Bedeutung, einer stärkeren wirtschaftlichen, industriellen und sozialen
Verbindung und schließlich sogar einer stärkeren politischen Verbindung zwischen den Nationen eines freien Europa gar nicht stark genug
unterstreichen."
Ein anderer Faktor von grundlegender Bedeutung für die Festigung
der atlantischen Gemeinschaft ist die ständige Weiterentwicklung der
Schlagkraft der Nordatlantikpaktorganisation. Dies wird stets eines
der wichtigsten und vordringlichsten Elemente in unserer Planung bleiben.
Die politischen Funktionen der NATO sollten dementsprechend! erweitert
werden. Solange die sowjetische Politik in ihren Grundzügen die gleiche
bleibt, wie heute, muß die militärische Kraft der NATO erhalten und
weiter ausgebaut werden. Wir Amerikaner sind entschlossen, alles zu tun,
um dieses; Ziel zu erreichen. Wir haben bereits außerordentlich viel zum
Erfolg unserer gemeinsamen Verteidigungabemühungen beigetragen und werden
das auch in Zukunft tun.
Ich möchte die Bedeutung der NATO als eines gemeinsamen Unternehmens
zu unserer Verteidigung hervorheben, eines Unternehmens, zu dem jedes
Mitglied der NATO entsprechend seinen Kräften und seiner geographischen
Lage beitragen muß. Mit Hilfe dieser Beiträge der einzelnen Länder
soll eine wohlausgewogene und wendige Verteidigungsmacht aufgebaut werden, die für den Einsatz in allen militärischen Lagen geeignet ist. Das
gilt ebenso für die militärische Planung der Vereinigten Staaten wie
für die NATO selbst. In Anbetracht der so verschiedenartigen geschichtlichen Entwicklung und der unterschiedlichen Institutionen in den Vereinigten Staaten und den anderen Mitgliedstaaten der NATO, war diese
Organisation ein außerordentlich brauchbares Instrument, das uns gute
Dienste dabei leistete, anderen Mitgliedern im Rahmen der gmeinsamen
Verteidigungsbestrebungen zu helfen. Ich kann mir nur schwer vorstellen,
wie wir ohne sie eine ebenso wertvolle Hilfe hätten leisten können. Wie
Sie wissen, ist der wichtigste Grundsatz der NATO die Einigkeit, die aus
dem gegenseitigen Verständnis, und der freiwilligen Zusammenarbeit ihrer
Mitglieder erwächst; in allen unseren gemeinsamen Unternehmungen waren wir
stets erfolgreich; wenn aber Angehörige der NATO gegen diesen Geist der
Zusammenarbeit verstoßen haben, so hatte die gesamte Organisation; darunter
zu leiden*
x .
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�3. Oktober 1956

"AMERIKA DIENST

Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß es eines der wichtigsten
Ziele der Vereinigten Staaten ist, ihren Widerstand ge^en eine von
Willkür und Despotismus bestimmte Herrschaft fortzusetzen.
Bezüglich derjenigen Nationen, die einst freie Mitglieder der
europäischen Völkerfamilie waren und die ihre Freiheit einbüßten:,
haben wir wiederholt klar- und deutlich ausgesprochen, daß wir uns
niemals mit ihrer Versklavung einverstanden erklären und keine Verträge schließen werden, die den Status quo bestätigen oder sanktionieren. Außenminister Dulles erklärte hierzu im vergangenen Jahr:
"Wir werden niemals, den Versuch unternehmen, dieses Unrecht durch
Anwendung von Gewalt wiedergutzumachen. Wir können und wollen aber das
Wissen um dieses Unrecht im Bewußtsein der Menschheit wach erhalten und somit
die Macht der Weltmeinung zur Geltung bringen, die durch ständiges Bemühen
zum Ziele führen wird. Denn keine Nation, wie mächtig sie auch immer sei,
möchte sich in ständig steigendem Maße einer Verurteilung durch die Welt
ausgesetzt sehen.
Die Welt muß wissen, daß die amerikanische Nation an diesem Kreuzweg der Geschichte nach wie vor an ihren Idealen festhält, nämlich andere an den Erkenntnissen sowie geistigen und materiellen Früchten unserer freien Gesellschaft teilnehmen zu lassen, den Geknechteten zu
helfen, wieder frei zu werden, und den Freien, ihre Freiheit zu wahren."
Sie werden sich vielleicht daran erinnern, wie Winston Churchill
in einem denkwürdigen Wort eine bestimmte Phase des zweiten Weltkrieges
umriß, als er erklärte: "Wir stehen nicht am Ende und auch nicht am
Anfang vom Ende, sondern am Ende vom Anfang." Je mehr wir von dem
heute in der Sowjetunion und in ihrem Satellitenblock vor sich gehenden Gärungsprozeß hören, um so mehr hat es - wenigstens für mich - den
Anschein, daß wir an einem ähnlichen Kreuzweg in den Beziehungen zwischen
der freien Welt und dem Sowjetblock stehen.
Vieles läßt darauf schließen, daß die Sowjetführer zum mindesten
für eine gewisse Zeit auf Gewaltmittel in außenpolitischen Angelegenheiten weniger Wert legen und im eigenen Lande, eine gewisse. Toleranz zulassen. Vielleicht hatte auch unsere eigene Politik Einfluß auf diesen
bedeutungsvollen Fortschritt. Es ist noch zu früh, etwas darüber auszusagen, ob die bis heute gefaßten Entscheidungen der Sowjets den Charakter
des Unabänderlichen tragen; die Elemente, bei denen die Staatsgewalt im
sowjetischen System ruht, sind auch heute noch größtenteils unkontrolliert
durch gesetzliche Sicherungen oder die Macht einer echten öffentlichen
Meinung;. Aber wir haben es jetzt zum ersten Mal mit einer sowjetischen
Gesellschaft zu tun, die den Kinderschuhen entwachsen ist, und die Sowjetführer müssen sich endlich mit den dem Kommunismus eigenen Widersprüchen
auseinandersetzen;
- wie soll man eine neue Klasse von Wissenschaftlern, Managern und
Beamten heranziehen, die frei genug für eine fortschrittliche Weiterentwicklung, aber auch Sklave genug sind, um das abgegriffene Dogma eines
aus dem 19»Jahrhundert stammenden Rezepts für eine despotische Staatsform
zu akzeptieren?
- wie lassen sich die gegensätzlichen Forderungen vereinbaren, einerseits Machtpolitik zu betreiben und zum andern weniger mit Zwang und Druck

_9 .

�3. Oktober 1956

AMERIKA DIENST

Druck zu arbeiten, den Verbrauch auch weiterhin beschränkt zu halten
und die Hilfsquellen in zunehmendem Maße für die Schwerindustrie und
die militärische Technik zu nutzen?
- wie soll man verläßliche kommunistische Bewegungen in den
Entwicklungs-Ländern aufrechterhalten und gleichzeitig so tun, als
wünsche man diese Staaten darin zu unterstützen, ihre Unabhängigkeit
zu stärken und ihren gemäßigten, nichtkommunistischen Regierungen zum
Erfolg zu verhelfen?
Diese und andere ihrem System innewohnenden Widersprüche, zu,,
denen wir auch die Tatsache rechnen' müssen, daß es keine geregelte
Nachfolge in der Führung kennt - und dies wird sich vielleicht noch
einmal als ein verhängnisvoller Fehler erweisen -, lassen den Sowjets
nicht viel Spielraum bei ihren Entscheidungen und binden ihnen die Hände.
Wir unsererseits haben eine wichtige Bedingung zu erfüllen. Wir dürfen
den Sowjetführern keine Siege überlassen. Die freie Welt muß mit Geschick
und Entschiedenheit verhindern, daß die Sowjets mittels Gewalt oder List
weitere Eroberungen machen. Nur auf diese Weise wird man sie allmählich
dahin bringen können, sich verantwortungsbewußt an der Lösung internationaler Fragen zu beteiligen. Wir müssen sie durch eine feste und
kraftvolle Haltung zu der Erkenntnis zwingen, daß sie sich ihrer Gewaltmethoden nicht ungestraft bedienen können. Und durch unsere politische
Haltung müssen wir ihnen zeigen, daß sie sich in die Welt des 20.Jahrhunderts einpassen und den Forderungen nach Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle Völker gerecht werden müssen. Diese politischmilitärische Haltung zu wahren, ist unser aller Aufgabe.
Wir Amerikaner glauben, daß diese Ziele durchaus realistisch und
erreichbar sind. Wir glauben,'daß diese Aufgabe zu erfüllen ist.
Wenn sie erfüllt wird und die Deutschen in Ost- und Westdeutschland,
ihrem Entschluß, ein freies und geeintes Volk zu sein, treu bleiben,
dann, so glauben wir fest, können wir eine allmähliche Wandlung der
sowjetischen Führer in ihrer Gesamteinstellung und eine Revision
ihres Standpunktes in der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands
in Freiheit herbeiführen.

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�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER ERLÄUTERT AMERIKANISCHE POLITIK HINSICHTLICH
DER ATOMWAFFENVERSUCHE
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung über
die amerikanische Politik hinsichtlich der
Atomwaffenversuche, die Präsident Eisenhower
am 5.Oktober 1956 abgegeben hat.

"Die Politik der amerikanischen Regierung hinsichtlich der
Erprobung großer nuklearer Waffen ist in dem gegenwärtigen politischen Wahlkampf zu einem Streitpunkt gemacht worden.
Ich bedaure dies. Die Art und Weise, in der diese Frage aufgeworfen wurde, kann nur zu Verwirrung in den USA und zu Mißverständnissen im Ausland führen. Es gibt nichts Schwierigeres als
die Erörterung dieser Frage vor dem Auditorium der gesamten Welt,
das naturgemäß auch die einschließen muß, die uns feindlich gegenüberstehen. Es gibt kein TJhema, für das die amerikanische Bevölkerung ein einheitlicheres Verständnis haben sollte - ein Verständnis, das frei von Verwirrung oder parteipolitischen Meinungsverschiedenheiten ist.
Ich spreche als Präsident, der im Rahmen der Verfassung mit
der Verantwortung für die Verteidigung und Sicherheit unserer
Nation betraut ist.
Ich muß daher die folgenden entscheidenden Punkte unserer
nationalen Politik unterstreichen*
Erstens: Die Erprobung von Atomwaffen ist bis heute ein unerläßlicher Teil unseres Verteidigungsprogramms gewesen und wird
es auch weiterhin sein. Die Entwicklung dieser Waffen war ein
wesentliches, wenn nicht gar ein entscheidendes Mittel der Abschreckung für die kommunistische Aggression in den vergangenen
Jahren. Und wie wichtig es ist, daß wir auf diesem besonderen
Gebiet stark sind, wird durch die zahlenmäßige Überlegenheit der
kommunistischen Welt nachdrücklich unterstrichen.
Zweitens« Gleichzeitig hat die amerikanische Regierung als
Teil eines allgemeinen Abrüstungsprogramms immer wieder ihre Bereitschaft, ja ihren entschlossenen Willen bestätigt und bekräftigt,
sowohl die Erprobung als auch die Anwendung nuklearer Waffen im
Rahmen eines spezifischen und überwachten internationalen Abrüstungsabkommens zu beschränken und zu kontrollieren. Diese Tatsache ist
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�"AMERIKA M E N S T "

10. Oktober 1956

ist allen Regierungen der Welt bekannt. Sie kann auch kaum den informierten amerikanischen Bürgern unbekannt sein.
Drittens* Was das Waffenentwicklungsprogramm der USA anbetrifft,
so sind besondere Regierungsbeamte - vor allem die Mitglieder der
Atomenergiekommission und des gemeinsamen Stabes der US~-Streitkräf te
sowie der Präsident - dafür verantwortlich, zu allen Zeiten genau abzuwägen, welcher Nachdruck und Schwerpunkt auf die verschiedenen Waffentypen und -großen, auf ihre Erprobung und Entwicklung gelegt werden
soll. Ein solcher Schwerpunkt muß zwangsläufig immer wieder von neuem
festgelegt und überprüft werden. Diese spezifische Angelegenheit kann
natürlich - aus verständlichen Sicherheitsgründen - nicht Gegenstand
einer ins einzelne gehenden öffentlichen Diskussion sein.
Auf Grund dieser unserer Politik muß ich auf bestimmte Vorschläge
eingehen, die über einen Zeitraum von mehreren Monaten unterbreitet wurden.
Ich muß in diesem Zusammenhang auf folgende Fakten hinweisen»
Erstens: Es wurden mehr als ein Vorschlag unterbreitet. Diese Vorschläge unterschieden sich voneinander. Diese Unterschiede haben Verwirrung hervorgerufen.
Am 21 .April wurde vorgeschlagen, daß 'wir der Einstellung der
Wasserstoffbombenversuche sofortige und ernsthafteste Aufmerksamkeit
schenken sollten'. Dies wäre eine so einseitige amerikanische Maßnahme
gewesen, daß hinzugefügt wurde, 'wir könnten unsere Politik ja überprüfen', wenn andere Länder diesem Beispiel nicht folgten. .
Am 5«September bezog man sich auf meinen 'Vorschlag vom vergangenen Frühjahr, die weitere Erprobung großer nuklearer Waffen einzustellen
unter der Bedingung, daß auch die anderen Atommächte eine ähnliche
Politik einschlagen'.
Am 20.September wurde in einer neuen Formel gefordert, daß die
USA 'Bei dem Vorhaben, die Begrenzung der Wasserstoffbombenversuche
aller Nationen zu fördern, die Führung übernehmen sollten'.
Zweitens« Die Unklugheit einer solchen, ohne wirkliche internationale Sicherheitsmaßnahmen durchgeführten Aktion wurde sofort von
dem demokratischen Vorsitzenden des gemeinsamen Atomenergieausschusses
des Kongresses, Senator Clinton Anderson, unterstrichen. Er sagte:
'Es gibt keinen Hinweis darauf, daß Rußland seine Versuche einstellen
würde. Unter diesen Umständen glaube ich nicht, daß wir unsere Versuche abbrechen können.'
Die Stellungnahme eines so .verantwortlichen Demokraten macht
klar, daß es sich hierbei nicht - wie es auch nicht der Fall sein
sollte - um eine parteipolitische Frage, sondern um einen Punkt
handelt, der von einer Einzelperson aufgeworfen wurde.
Drittens: Die Vorschläge berücksichtigen in keiner Weise, was
das Ergebnis der Einstellung unserer Versuche sein würde. Die Versuche
mit großen Waffen, von welcher Nation sie auch immer vorgenommen werden,
können zwar, sobald sie erfolgen, registriert werden. Einem jeden dieser
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�AMERIKA LIEFST"

10. Oktober 1956

dieser Versuche gehen jedoch zahlreiche Monate der Forschung und der
Vorbereitung voraus. Dies bedeutet, daß umfassende Versuche von anderen
Nationen ohne unser Wissen vorbereitet werden könnten. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir davon erführen, könnte unsere gegenwärtige eindrucksvolle
Führung auf dem Gebiet der Kernwaffen reduziert oder gar überholt sein.
Auf diese Weise würde unsere Fähigkeit, über den Frieden zu wachen, gemindert werden.
Viertens: Die gemachten Vorschläge ignorieren einige wesentliche
Gründe für die Versuche.
a) Unsere jüngsten Versuche waren dergestalt, daß sie zu dem
Wissen beigetragen haben, wie wir Waffen herstellen können, die nicht
in erster Linie größere Vernichtungswaffen, sondern Waffen zum Schutz
unserer Städte vor einem feindlichen Luftangriff sind.
b) Ein wichtiges Ergebnis unserer jüngsten Versuchsreihe war, daß
wir gelernt haben, Waffen herzustellen, bei denen der radioaktive Niederschlag auf ein Minimum begrenzt wird und deren Vernichtungskraft auf
militärische Ziele konzentriert werden kann.
Fünftens: In der sprachlichen Verwirrung, die diese Vorschläge
umgab, wurde der Versuch gemacht, große internationale Persönlichkeiten,
ja selbst seine Heiligkeit Papst Pius XII., zu zitieren, die 'ähnliche
Vorschläge1 gemacht hätten. Alle diese Persönlichkeiten - wie auch die
Mitglieder der amerikanischen Regierung, alle verantwortungsbewußten
und bedachten Politiker der freien Welt, Staatsmänner oder Kirchenführer - sind aufrichtig um ein internationales Abkommen bestrebt, das
eine wirkungsvolle Kontrolle aller Rüstungen - der nuklearen, wie der
herkömmlichen - gestattet.
Der Papst hat in seiner letzten Weihnachtsbotschaft an die Welt
gefordert, den nuklearen Waffenversuchen durch ein internationales
Waffenabkommen Einhalt zu gebieten. Er erklärte, daß ein solcher Schritt
drei Stufen einschließe: Den Verzicht auf Versuche mit Atomwaffen, den
Verzicht auf die Anwendung solcher Waffen und eine allgemeine Kontrolle
der Rüstungen. Und er forderte, daß alle diese drei Vorsichtsmaßnahmen
gemeinsam durchgeführt werden.
Sechstens: In der letzten Woche ist jedoch noch ein weiterer Vorschlag unterbreitet worden. Dieser Vorschlag kritisierte das 'Beharren'
der Regierung auf einer 'vollkommenen' oder 'narrensicheren' Überwachung
der Abrüstung und bezeichnete diese als eine 'Gefahr', die ein mögliches
internationales Abkommen gefährdet.
Ich muß in feierlicher Form erklären, daß ich damit nicht übereinstimme. Ich werde auch weiterhin beharrlich dabei bleiben, solange
mir die höchste Verantwortung für die Sicherheit unseres Landes übertragen ist.
Die Gefahr liegt genau in der anderen Richtung. Sie liegt in der
vergeblichen Hoffnung, daß bereits irgend etwas, was nicht so weit geht

5»

�10. Oktober 1956

"AMERIKA DIENST"

geht wie sichere Garantien, eine Verminderung des Potentials zu
unserer eigenen Verteidigung, zur Verteidigung unserer Verbündeten und zur Verteidigung der freien Welt rechtfertigen würde.
Und schließlich unterstreiche ich erneut die feste Absicht
meiner Regierung, sich unablässig um eine Verringerung der
Rüstungslasten nicht nur für einige wenige Länder, sondern
für alle Völker der V/elt zu bemühen."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLE3: FRIEDEN UND GERECHTIGKEIT SJND UNTEILBAR

WILLIAMSTOWN (Massachusetts) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut einer Rede über Probleme
des Friedens, die der amerikanische Außenminister John
Foster Dulles am 6. Oktober 1956 vor dem Williams College
in Williamstown in Massachusetts gehalten hat und in der
er sich für eine friedliche und gerechte Lösung des SuezKonfliktes einsetzte.

"Ich möchte heute zu Ihnen über einige Probleme des Friedens
sprechen. Ich weiß, daß dies ein altbekanntes Thema ist, aber es ist
auch ein sehr akutes Thema.
Quincy Wright führt in seiner 'Studie des Krieges1 278 Kriege
an, die zwischen 1480 und 1941 ausgetragen wurden. Mehrere dieser
Kriege, darunter auch der zweite Weltkrieg, wurden geführt, nachdem
der Völkerbund geschaffen worden war und nachdem der Vertrag von
Paris alle Nationen zur Ächtung des Krieges verpflichtet hatte. Auch
nach der Gründung der Vereinten Nationen im Jahre 1945 sind verschiedene Kriege geführt worden, dazu gehören der Korea-Krieg, der Krieg
in Indochina und der israelisch-arabische Krieg. In verschiedenen
Teilen der Welt sind Kriege heute bedrohlich in den Bereich des
Möglichen gerückt.
Es ist eine Tatsache, daß der Krieg solange eine immerwährende
Gefahr sein wird, bis es besser entwickelte Institutionen des Friedens, wie eine angemessene Körperschaft des Völkerrechts und eine
internationale Polizeimacht, gibt und eine Reduzierung der Rüstungen erfolgt ist. '/Vir leben heute - und ich fürchte-noch für lange
Zeit - unter der Drohung des Krieges. Nur wenn wir uns dieser Tatsache voll und ganz bewußt sind, werden wir die Anstrengungen unternehmen können, die zur Verhinderung des Krieges notwendig sind. .
Ich möchte also wieder einmal über den Frieden sprechen.
Zunächst einmal muß man sich darüber im klaren sein, daß Kriege
nicht allein dadurch verhindert werden, daß man den Krieg haßt und
den Frieden liebt. Seit Menschengedenken haben die Völker der Welt
den Krieg gehaßt und sich nach Frieden gesehnt. Doch dadurch wurde
der Frieden nicht erreicht. Es hat sich immer wieder erwiesen, daß
- 1 -

�"AMERIKA DIENST

10. Oktober 1956

daß die Wahrscheinlichkeit des Friedens nicht an der Intensität der
Friedensbeteu ungen gemessen werden kann. Dafür ist die S ockholmer
Friedensresolvtion ein Beispiel. Durch diesen Trick haben die Sowjets
versucht, den weltweiten Wunsch nach Frieden für ihre eigenen Zwecke
auszunutzen. Diese Resolution hat nichts zum Frieden beigetragen.
Selbst ein so aufrichtiges Bemühen wie der Vertrag von Paris zeigte,
wie vergeblich der Versuch ist, den Krieg zu ächten, wenn nicht gleichzeitig angemessene und wirksame Institutionen geschaffen werden, die
den Krieg als Mittel der Politik ersetzen.
Es ist eine Tatsache, daß die Friedensliebe allein noch niemals
ausreichte, um vor einem Krieg abzuschrecken.
Einer der großen Fortschritte unserer Zeit ist die Erkenntnis,
daß einer der Wege zur Verhütung des Krieges darin besteht, den Willen
und die Macht zu haben, zur Bestrafung eines Aggressors Gewalt anzuwenden. Dabei bedarf es innerhalb der Völkerfamilie der Bemühungen,
das gleiche Prinzip anzuwenden, das zur Abschreckung von Gewalttaten
innerhalb einer Gemeinde angewandt wird. Hier in der Gemeinschaft
werden Gesetze erlassen, die die Verbrechen und ihre Bestrafung definieren. Damit wird ein mächtiges Bollwerk gegen Gewalttaten errichtet.
Dieses Prinzip der Abschreckung funktioniert jedoch selbst in den
bestgeordnetsten Gemeinden nicht hundertprozentig. Aber es wird als
brauchbar und wirksam angesehen und kann also zweckmäßigerweise auf die
Völkerfamilie ausgedehnt werden. Dieses Prinzip wurde in die Charta
der Vereinten Nationen aufgenommen. Artikel 44 ermächtigt den Sicherheitsrat, Gewalt anzuwenden, und die Mitglieder sind verpflichtet,
die Streitkräfte zur Verfügung zu stellen, die zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig sind. Diese Bestimmungen
der Charta sind jedoch auf Grund 'des sowjetischen Vetos niemals angewandt worden. Der Grundsatz der Abschreckung mußte daher seinen Ausdruck in kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung finden, wie
sie im Artikel 51 der Charta erlaubt sind.
Die Vereinigten Staaten sind gegenwärtig mit 42 anderen Staaten
durch solche kollektiven Abmachungen zur Selbstverteidigung verbunden.
Diese Abmachungen dienen dem Zweck, jedem potentiellen Aggressor im
voraus klarzumachen, daß ein Angriff auf ein einzelnes Land zu einer
Reaktion vieler Länder^ darunter der Vereinigten Staaten, führen würde,
die darauf gerichtet wäre, den Aggressor so hart zu bestrafen, daß sich
eine Aggression nicht mehr lohnen würde.
Senator Vandenberg hat dies dargelegt, als er im Senat für den
Nordatlantikpakt eintrat;
•Die unüberwindliche Kraft für den Frieden, die in diesem Vertrag
liegt, ist die abschreckende Tatsache, daß jeder Aggressor gegen die
Nordatlantische Gemeinschaft von vornherein weiß, daß er in demselben
Augenblick, in dem er angreift, einer solchen geballten Stärke dieser
verbündeten Staaten gegenübersteht, wie diese nach ihrem eigenen Ermessen für notwendig erachten, um ihn auf die Knie zu zwingen und Frieden
und Sicherheit wiederherzustellen. '
Durch

�AMERIKA DIENST

10. Oktober 1956

Durch die Weiterentwicklung dieser 'Warnung vor einem k.o.', um
mit Vandenberg zu sprechen, ist ein nicht zu übersehender Schutzwall
gegen den Krieg errichtet worden. Es wäre jedoch töricht anzunehmen,
daß die Warnung allein schon ein unüberwindliches Hindernis für einen
Krieg darstellt. Ihre Wirksamkeit hängt davon ab, daß innerhalb der
zusammengeschlossenen Gruppe von Ländern ständig sowohl der Wille als
auch die Macht vorhanden ist, im Falle einer Aggression wirksam zu
handeln. Das militärische Programm der Vereinigten Staaten, einschließlich der sogenannten 'Auslandshilfe1 bildet die Kosten für diese Art
der Friedensversicherung. Es handelt sich hier um eine notwendige,
wenn auch zugegebenermaßen nur um eine Teilversicherung.
Ein weiterer Aspekt des Problems liegt darin, daß es auf lange
Sicht niemals einen echten Frieden geben kann, wenn nicht Hecht und
Gerechtigkeit herrschen. Auch heute noch bestehen schwere Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel die Knechtschaft der sowjetischen Satelliten und die Teilung Deutschlands. Aber selbst wenn einmal die vollkommene Gerechtigkeit erreicht würde, dann wäre dies nicht automatisch
ein ewiger Zustand. Der Wandel ist das Gesetz des Lebens,und es entstehen immer wieder neue Verhältnisse, die nach einer Lösung verlangen,
wenn es nicht neue Ungerechtigkeiten geben s'oll .Solche Ungerechtigkeiten neigen dazu, immer wieder letztlich zur Anwendung von Gewalt zu
führen, wenn nicht andere Mittel existieren.
Dieser Punkt wird durch einen Geschichtsatlas unterstrichen.
Ich denke, keiner wird der Ansicht sein, daß die politische Aufteilung
der Welt, wie sie etwa vor 50» 100 oder 500 Jahren bestand, hätte verewigt werden sollen. Und doch war fast die einzige Möglichkeit der
Veränderung die Anwendung von Gewalt. Innerhalb einer Nation oder
einer Völkerfamilie ist die Gewalt unvermeidlich, wenn es keine friedlichen Möglichkeiten gibt, etwa auftretende Ungerechtigkeiten zu beseitigen.
Diese Beziehung zwischen Frieden und Gerechtigkeit wurde häufig
erörtert, als die Charta der Vereinten Nationen formuliert wurde.
Die Charta setzte in ihrer ursprünglichen, in Dumbarton Oaks ausgearbeiteten Form keinen Maßstab für den Begriff der Gerechtigkeit fest.
Der Nachdruck wurde ausschließlich auf den Frieden gelegt, als ob
ein ständiger Friede unabhängig von der Gerechtigkeit erreicht werden
könnte.
Ich erinnere an meine Forderung vom März 1945» als ich erklärte,
'daß diese Organisation von ethischen Werten, dem Geist der Gerechtigkeit, erfüllt sein sollte'. Ferner sagte ich damals wörtlich:
'Ich bin mir sehr wohl darüber im klaren, daß der Begriff 'Gerechtigkeit' nicht leicht zu definieren ist. Er hat für verschiedene Menschen verschiedene Bedeutungen. Aber für alle hat er irgendeine
Bedeutung, und zwar eine sehr entscheidende. Die Charta sollte von
der neuen Organisation verlangen, daß sie als ersten Punkt der Geschäftsordnung die schwierige, aber entscheidende Aufgabe in Angriff
nimmt, eine Konzeption der Gerechtigkeit zu entwickeln, von der sie
geleitet wird. Nur auf diese Weise wird die Organisation bestehen
können.'
.

�"AMERIKA DIENST

10. Oktober 1956

Auf der Konferenz von San Franzisco wurde diese Ansicht allgemein
akzeptiert. Die Charta wurde entsprechend abgeändert. Die wichtigste
Änderung kann in dem ersten Artikel der Charta gefunden werden. Ursprünglich bezeichnete es der Artikel 1 als das Ziel der Vereinten
Nationen, 'auf friedliche V/eise Schlichtungen oder Lösungen internationaler Streitfälle oder Situationen herbeizuführen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten.' In San Franzisco wurde erklärt, daß die
friedliche Lösung in 'Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts' erreicht werden müßten.
Wenn sich also die Vereinten Nationen mit dem Problem der Schlichtung und Lösung von Streitfällen und Situationen befassen, die den Frieden gefährden könnten, dann ist es erforderlich, daß die Weltorganisation als ein Forum der Unparteilichkeit fungiert, wobei die Prinzipien
der Gerechtigkeit so angewandt werden, wie sie für die jeweiligen tatsächlichen Gegebenheiten relevant sind.
Dies ist nicht immer leicht. Die öffentliche Meinung der Welt
lehnt zwar bereitwillig die Gewalt ab. Sie unterstützt jedoch nicht
genauso leicht die 'Gerechtigkeit', die oft nur eine vage und strittige
Konzeption ist. Dennoch müssen diejenigen, welche den Frieden lieben
und ihn wünschen, sich darüber im klaren sein, daß sie keinen Frieden
haben werden, wenn sie sich nicht genauso nachdrücklich für die Gerechtigkeit einsetzen wie für den Frieden. Der Friede ist eine Münze,
die zwei Seiten hat. Die eine Seite ist der Verzicht auf die Gewalt,
die andere Seite die Anerkennung der Gerechtigkeit.
Frieden und Gerechtigkeit sind unteilbar.
Ein praktisches Beispiel für die gegenseitige Abhängigkeit von
Frieden und Gerechtigkeit ist das gegenwärtig akute Suezproblem. Hier
hat die ägyptische Regierung plötzlich die alleinige Kontrolle des
Betriebs dieser Wasserstraße an sich gerissen, die seit ihrem Bau von
einer internationalen Gesellschaft verwaltet wurde. Die ägyptische
Regierung nahm diese Handlung unter Bedingungen vor, die ihre Absicht
erkennen lassen, diese Kontrolle nicht im allgemeinen Interesse auszuüben, sondern der sogenannten ''Größe' Ägyptens dadurch zu dienen, daß
man in der Lage ist, auf andere Länder einen wirtschaftlichen Druck
auszuüben und Tribute von ihnen zu fordern.
Es gibt viele Länder, für die der Suezkanal im wahrsten Sinne
des Wortes eine Lebensader darstellt. Ihr wirtschaftliches Gedeihen
hängt davon ab, daß ihnen der Kanal zur Verfügung steht und technisch
in einwandfreiem Zustand ist. Es darf hier kein Risiko einer offenen
oder versteckten Diskriminierung unter den Benutzern geben, denen
die freie und unbehinderte Durchfahrt durch den Vertrag aus dem Jahre
1888 für ewige Zeiten zugestanden wurde. Es kann keiner Nation zugemutet werden, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert' zu leben.
Auf der ganzen Welt war man dagegen, daß diese Situation durch
die Anwendung von Gewalt gereinigt wird. Das ist nur natürlich und
richtig. Aber diejenigen, die um den Frieden besorgt sind, sollten in
gleicher Weise auch um die Gerechtigkeit besorgt sein. Ist es Rerecht

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�10. Oktober 1956

"AMERIKA DIENST"

gerecht oder auch nur erträglich, daß große Nationen, die im Rahmen
des Vertrages aus dem Jahre 1888 Rechte habai und deren Wirtschaften
von der Benutzung des Kanals abhängen, eine exklusive Kontrolle dieses
internationalen Wasserwegs durch eine Regierung akzeptieren, die aus
ihrer bitteren Feindseligkeit kein Hehl macht? Das ist die Frage, die
nunmehr dem Weltsicherheitsrat vorliegt, und sie stellt dieses Gremium
vor eine entscheidende Probe.
Lassen Sie mich als letzten Punkt betonen, daß der Frieden niemals gewonnen wird, wenn man sich nicht genauso unermüdlich für die
Erreichung dieses Zieles einsetzt, wie man in Kriegszeiten mit allen
Kräften nach dem Siege strebt. Wir haben gesehen, daß man durch die
Jahrhunderte hindurch den Frieden gewünscht hat, daß es aber dennoch
Kriege gab. Wir können auch durch die Jahrhunderte hindurch verfolgen,
daß in Kriegszeiten nicht denen der Erfolg zufällt, die den Sieg wünschen,
sondern denen, die die Fähigkeiten und die Opferbereitschaft zeigen,
wie sie zu einem Siege notwendig sind. Andererseits sieht man gemeinhin
in dem Frieden eine Zeit des Ausspannens, in der keine besonderen Anstrengungen und keine besonderen Opfer erforderlich sind.
Tatsache ist, daß es ebenso schwer ist, dem Frieden zu dienen
zu führen. Das erstere erfordert fast die gleichen Fähigkeiten wie das letztere und zumindest ein gewisses Maß an Opfern. Die
Vereinigten Staaten bringen heute in ihrem Feldzug für den Frieden
beträchtliche Opfer. Diese lassen sich mit dem Militärdienst unserer
Jugend messen, mit der Ausgabe von rund zehn Prozent unseres Bruttosozialproduktes für Verteidigungszwecke, mit der Gewährung von militärischer und wirtschaftlicher Hilfe an solche Länder, die bedroht
sind und den Willen zum Widerstand haben, und schließlich mit den
aufopfernden Bemühungen vieler einzelner nicht nur auf militärischem
Gebiet, sondern auch vor allem in unserem diplomatischen Dienst.
Aber diese Opferbereitschaft reicht noch nicht aus. Immer wieder
bittet die amerikanische Regierung um die Dienste besonders geeigneter Personen für wichtige Aufgaben, die im Rahmen des Feldzuges für
den Frieden gelöst werden müssen. In Kriegszeiten würden die so aufgerufenen Personen keinen Augenblick zögern. In Friedenszeiten finden
sie mancherlei Gründe, den Ruf auszuschlagen. Die Gründe mögen echt
sein, aber sie spiegeln die allgemeine Einstellung wider, daß der
Friede nicht die Opfer erfordert, die man in Kriegszeiten ohne Zögern
bringen würde.
twi.a,Krieg

Die Menschheit wird niemals einen dauerhaften Frieden erringen,
solange die Menschen ihr volles Können nur für die Aufgaben des Krieges einsetzen. Die Aufgaben des Friedens erfordern die gleichen Anstrengungen, die erforderlich sind, um einen großen Krieg zu gewinnen.
Warum sollten wir diese Anstrengungen nicht vollbringen? Die furchtbaren Schrecken eines dritten Weltkrieges vermag niemand zu schildern.
Warum sollten wir nicht, um den Frieden zu gewinnen, die Fähigkeiten
entwickeln und einsetzen, die sonst aufgebracht würden, um einen Krieg
zu gewinnen? Dies ist eine Frage, die auf nationaler Ebene beantwortet werden muß, wenn wir danach streben, den Frieden zu einem Dauerzustand zu machen. Es ist aber auch eine Fr?ge, die jeder für sich
selbst beantworten muß. Sie oder manche von Ihnen mögen eines Tages
aufgerufen werden, diese Frage damit zu beantworten, was Sie aus Ihrem
eigenen Leben machen. Wenn Sie und andere das für den Frieden tun, was
Sie für den Krieg tun würden, dann dürfen wir hoffnungsvoller in die
ukunf t blicken •"
* * * * *

- 5-

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES LEGT STANDPUNKT DER USA ZUM SUEZ-KONFLIKT DAR

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut
einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Poster Dulles am 9»0ktober
1956 vor dem Weltsicherheitsrat hielt.

"Wenn sich unsere allgemeine Aussprache nunmehr dem Ende nähert,
ist es wichtig, erneut einige Grundsätze aufzuzeigen:
Erstens: Wir sind hier, um uns mit einer Lage zu.befassen, die
die Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt gefährdet. Dies wird von allen Beteiligten zugegeben.
Zweitens: Die Länder der Welt und im besonderen die f6 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen haben uns, die wir diesen Rat
bilden, die Hauptverantwortung für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit übertragen.
Drittens: Wir müssen bei der Ausübung dieser Pflicht im Einklang mit den Zielen und Prinzipien der Vereinten Nationen handeln,
und das bedeutet, daß wir mit friedlichen Mitteln und im Einklang
mit den Prinzipien der Gerechtigkeit, und des Völkerrechts eine Bereinigung dieser gefährlichen Situation herbeiführen.
Unsere Aufgabe ist klar. Sie besteht darin, durch friedliche
Mittel eine Lösung zu suchen, die mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht. Wir haben damit eine
zweifache Verantwortung; ihr einer Aspekt betrifft den Frieden, der
andere die Gerechtigkeit und die Beachtung von Recht und Gesetz.
Lassen Sie uns diese beiden Aspekte unserer Aufgabe betrachten.
Welche Möglichkeiten bestehen dafür, eine Lösung durch friedliche Mittel zu erzielen? Die Chancen dafür sind gut.
Fast zweieinhalb Monate sind vergangen, seitdem Ägypten am
26.Juli von der allgemeinen Suezkanalgesellschaft Besitz ergriffen
und sie damit de facto daran gehindert hat, die Pflichten auszuüben,
die ihr im Jahre 1868 bis zum Jahre 1968 übertragen worden waren.
Die durch diese Maßnahme tief gekränkten und gefährdeten Nationen haben darauf mit keinerlei Gewaltmaßnahmen reagiert. Sie
haben sich aufs genaueste an ihre auf Grund der Charta übernommene
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�AMERIKA DIENST"

10. Oktober 1956

übernommene Verpflichtung gehalten, zuerst einmal auf der Verhandlungsbasis oder durch andere friedliche Mittel eine Lösung zu suchen.
Am I.August 1956&gt; vier Tage nach der Besitzergreifung der Suezkanalgesellschaft durch Ägypten, traten die Regierungen Frankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten zusammen und beschlossen,
daß eine Lösung zunächst durch Einberufung einer Konferenz der 24 in
erster Linie betroffenen Nationen gesucht werden sollte. Das war der
erste Friedensschritt. Vom 16. bis zum 24.August fand diese Konferenz
statt. Ägypten lehnte eine Teilnahme ab. Aber es waren alle sieben der
unbestreitbar noch existierenden Unterzeichnerstaaten des Vertrages
von 1888 vertreten sowie sieben weitere Staaten, die die Hauptbenutzer
des Kanals sind und acht andere Staaten, deren '.Virtschaft in stärkstem
Maße von dem Kanal abhängt.
Diese Konferenz führte zu einem Übereinkommen, in dem sich
18 der 22 Konferenzteilnehmer auf eine Lösungsformel einigten, die
nach ihrer Ansicht sowohl für Ägypten als auch für die Nationen, die
den Kanal benutzen oder von ihm wirtschaftlich abhängig sind, akzeptabel sein sollte. Das war der zweite im Sinne des Friedens unternommene
Schritt.
Auf dieser Konferenz wurde ein aus fünf Ländern bestehender
Ausschuß unter dem Vorsitz des australischen Ministerpräsidenten
gebildet, um die Ansichten der 18 Teilnehmerländer an Ägypten weiterzug»ben und herauszufinden', ob diese als Verhandlungsgrundlage für
akzeptabel gefunden würden. Dabei wurde eine Zusammenkunft in Genf
vorgeschlagen. Die ägyptische Regierung gab jedoch zu verstehen, daß
sie nur in Kairo selbst mit dem Ausschuß zusammenzukommen geneigt sei.
Der aus einem Ministerpräsidenten, drei Außenministern und einem stellvertretenden Außenminister bestehende Ausschuß reiste daher in seiner Suche
nach dem Frieden nach Kairo. Dies war der dritte Friedensschritt.
Der Ausschuß hielt sich vom 3. bis 9«September in Kairo auf und
legte den Vorschlag der 18 Nationen dar und erläuterte ihn. Dies war
der vierte Schritt in der Suche nach dem Frieden.
Die ägyptische Regierung lehnte die Vorschläge der 18 Nationen
selbst als Verhandlungsgrundlage ab und unterbreitete keine Gegenvorschläge. Dessen ungeachtet kamen die 18 Nationen am 19»September erneut zusammen, um nach weiteren Möglichkeiten einer friedlichen Regelung zu suchen. Sie überprüften und bestätigten ihre Vorschläge vom
August als eine faire Grundlage für eine friedliche Lösung des Suezkanalproblems, die den Interessen der Benutzernationen ebenso gerecht würde
wie den Interessen Ägyptens.
Sie suchten weiter praktische Mittel und Wege einer Zusammenarbeit
mit Ägypten zu finden. Sie waren der Auffassung, daß Ägypten vielleicht
zu diesem Zeitpunkt nicht bereit wäre, einer endgültigen Lösung zuzustimmen, daß aber vielleicht irgendeine praktische Verbindung zwischen
den Kanalbenutzern und der ägyptischen Kanalbehörde geschaffen werden
könnte. Sie entschlossen sich daher, eine kooperative Vereinigung zu
gründen, die in ihrem Auftrage handelnd mit den ägyptischen Kanalbjehörden
über diese Fragen verhandeln könnte. Dies war der fünfte Friedensschritt.
Die
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10. Oktober 1956

Die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens ergriffen dann
Maßnahmen, um das Augenmerk dieses Rates auf die Situation zu lenken.
Das war der sechste Schritt»
Angesichts dieser Gegebenheiten kann wohl keiner, so meine ich,
zu Recht die friedlichen Bestrebungen derjenigen in Frage stellen,
die von der ägyptischen Maßnahme betroffen worden waren. Wohl kaum
wurden jemals vergleichbare Anstrengungen unternommen, um eine Frage
von solch gefährlichen Ausmaßen auf friedliche Weise zu lösen. Der
Rat weiß sehr wohl, daß er es nicht mit Regierungen zu tun hat, die
sich der Anwendung von Gewalt verschrieben haben. Selbst die am
meisten Betroffenen,, haben den Wunsch zum Ausdruck gebracht, auf
friedlichem Wege eine gerechte Lösung zustandezubringen.
Wir wenden uns jetzt dem zweiten Aspekt unseres Problems zu
- das heißt, der Suche nach einer Lösung, die sowohl den Grundsätzen
der Gerechtigkeit als auch des Völkerrechts entspricht. Hier wiederum ist der Weg klar.
Wir stehen oftmals Situationen gegenüber, für die es kein verbindliches Instrument des Völkerrechts gibt. Aber für die gegenwärtige Situation gibt es einen verbindlichen Vertrag, nämlich die
Konvention aus dem Jahre 1888. Sie sieht vor, daß die Schiffe aller
Nationen für alle Zeiten das Recht auf freie und gleichberechtigte
Durchfahrt durch den Suezkanal haben. Sie fordert ein 'genau festgelegtes System', das ein solches Benutzungsrecht garantieren soll,
und sie schließt durch direkten Hinweis die der allgemeinen Suezkanalgesellschaft erteilte Konzession des Jahres 1868 ein, die die
Gewähr für ein solches System bietet.
Es ist viel über die Notwendigkeit gesagt worden, die 'Souveränität' Ägyptens in bezug auf den Kanal zu respektieren.
«
Souveränität besteht dort, wo ein Staat tun kann, was er will.
Allgemein gesprochen, kann eine Nation innerhalb ihres eigenen Gebietes tun und lassen, was sLer will. Und allgemein ausgedrückt, hat
kein Staat auf dem Gebiet eines anderen souveränen Staates irgendwelche Rechte.
Der Kanal führt selbstverständlich durch ein Gebiet, das jetzt
zu Ägypten gehört, und in diesem Sinne ist der Kanal 'ägyptisch'.
Aber der Kanal ist keine interne Angelegenheit Ägyptens und ist
dies niemals gewesen, so daß Ägypten etwa tun könnte, was es will.. ':..
Er bildete immer - schon vom Tage seiner Eröffnung an - eine internationale Wasserstraße, die für die freie Durchfahrt der Schiffe
aller Länder offenstand. Sein Charakter als ein internationaler
und frei benutzbarer Verkehrsweg wurde für alle Zeiten durch die
Konvention von 1888 garantiert. Ägypten kann rechtmäßig keinem
Schiff oder Frachtgut den Durchgang durch den Kanal verwehren. Und
wenn die Benutzer dieses freien Verkehrswegs daran die Sicherstellung der Beachtung ihrer Rechte knüpfen, so ist dies keine Verletzung der ägyptischen Souveränität, sondern eine eindeutige Ausübung
der durch das Völkerrecht, nämlich die Konvention von 1888. zugestandener Rechte.
Ägypten

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Ägypten hatte diesen Rechtsstandpunkt an sich akzeptiert und ihn
sogar vor diesem Rat erläutert.
Am 5.August 1947 sprach der Vertreter Ägyptens vor dem Sicherheitsrat über die Situation, die bestand, als Großbritannien vertraglich gesicherte Rechte in an den Kanal angrenzenden Ländern hatte. Er wies darauf
hin, daß die Freiheit der Kanaldurchfahrt damit nicht von Großbritannien
abhängig wurde. Im Verlauf seiner Ausführungen erklärte er«
'Der Status des Suezkanals ist völlig verschieden von dem anderer
künstlicher Wasserwege, die als Hauptadern des internationalen Verkehrs
dienen, denn er ist durch jenes mehrseitige internationale Abkommen
festgelegt, auf das ich soeben Bezug genommen habe. (Die Konvention
von Konstantinopel aus dem Jahre 1838). Der Suezkanal war von Anbeginn
an ein internationales Unternehmen, und schon wenige Jahre nach Eröffnung
des Kanals traten die Großmächte Europas mit dem ottomanischen Reich, das
für Ägypten handelte, zusammen, um Bestimmungen über den Kanalverkehr,
sowie die Neutralität und die Verteidigung des Kanals zu treffen'.
(Sicherheitsrat, 175.Sitzung, P. 1756).
Am 14- Oktober 1954 erklärte der ägyptische Vertreter, der zum
Bat Galim-Fall vor dem Sicherheitsrat das 7/ort ergriff, unter anderem:
'.... Die Kanalgesellschaft, die die Durchfahrt kontrolliert, ist
eine internationale Gesellschaft, die von Stellen geleitet wird, die
weder ägyptisch noch notwendigerweise von einer bestimmten anderen
Nationalität sind. Sie ist eine allgemeine Gesellschaft, die funktioniert, und die Dinge werden auch in Zukunft weiterhin in dieser V/eise
gehandhabt werden'. (Sicherheitsrat, 682.Sitzung, P. 31 )•
Soviel über die rechtliche Seite des Falles.
Ferner ist da die Frage der Gerechtigkeit. Was ist in diesem Falle
gerecht? Der Sicherheitsrat sollte meiner Ansicht nach, den Ergebnissen
großes Gewicht beimessen, zu denen die 18 Nationen gelangten, die sich
im vergangenen August in einer Darlegung ihrer Standpunkte vereinten.
Zu diesen 18 Staaten gehörten alle noch existierenden Signatarmächte der
Konvention von 1888 mit einer Ausnahme. Sie vertreten über 90 Prozent
des gesamten Kanalverkehrs, und außerdem befinden sich unter ihnen
Länder, deren Wirtschaft weitgehend vom Kanal abhängt. Unter diesen
18 Nationen waren Länder aus Europa, Asien, Afrika, Australien und
Amerika.
Diese Länder bekräftigten erneut ihre Ansicht, daß, wie in der
Präambel der Konvention aus dem Jahre 1888 festgelegt ist, ein 'genau
festgesetztes System* geschaffen werden soll, 'das für alle Zeiten
und für alle Mächte die freie Benutzung des Suez-Schiffahrtskanals
garantiert'.
Sie stellten vier Grundprinzipien heraus, die unter angemessener
Berücksichtigung der Souveränitätsrechte Ägyptens durch ein solches
System ihren Ausdruck finden sollten. Diese waren:
1 . Einen wirksamen und zuverlässigen Betrieb des Kanals sowie
seine Unterhaltung und seinen Ausbau als einer freien, offenen und
sicheren internationalen Wasserstraße in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Konvention aus dem Jahre 1888.
2.

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2. Der Kanalbetrieb soll frei von dem Einfluß der Politik
irgendeiner Nation gehalten werden.
3« Ägypten soll Einnahmen aus dem Betrieb des Suezkanals haben,
die fair und gerecht sind und mit der Ausweitung der Durchfahrtskapazität und der Benutzung stäigen.
4. Die Kanalgebühren sollen so niedrig festgesetzt werden, wie
dies mit den vorgenannten Erfordernissen zu vereinbaren ist, und abgesehen von dem Anteil Ägyptens soll kein Gewinn entstehen.
Wie kann wohl jemand diese Grundsätze anfechten? Nur eines dieser
Prinzipien wurde auf der Konferenz im August in Frage gestellt und ernsthaft nur von der Sowjetunion angegriffen. Es handelte sich dabei um den
zweiten vorhin genannten Grundsatz, daß nämlich der Betrieb des Kanals
von dem Einfluß der Politik irgendeines Landes frei gehalten werden sollte.
Aber ist das nicht gerade der springende Punkt? Wir haben es hier
mit einem Wasserweg zu tun, der, wie die ägyptische Regierung selbst erklärt hat, 'von Anfang an ein internationales Unternehmen war'. Die
Wirtschaft von 20 oder mehr Nationen in Europa, Asien und Afrika hängt
entscheidend vom Suezkanal ab. Wenn ein solcher Wasserweg von irgendeiner Regierung, die ihn faktisch kontrolliert, als ein Instrument der
nationalen Politik benutzt werden kann, dann wird er notwendigerweise
ein internationaler Zankapfel werden. Dann kann sich keine Nation, die
von dem Kanal abhängt, sicher fühlen. Alle außer der kontrollierenden
Nation sind dann dazu verurteilt, unter einem wirtschaftlichen 'Damoklesschwert' zu leben. Das würde die Konvention von 1888 zunichte machen und
eine Verletzung von Recht und Gesetz bedeuten.
Wenn wir uns - wie die Charta es verlangt - um Gerechtigkeit
bemühen, dann müssen wir darin übereinstimmen, daß der Betrieb dieses
internationalen Wasserweges getrennt von der Politik eines jeden Landes
sein muß.
Ich bin der Überzeugung, daß der Sicherheitsrat die von den 18 Nationen dargelegten Grundsätze als Prinzipien der Gerechtigkeit akzeptieren kann.
Die 18 Staaten gingen dann daran, einen Mechanismus auszuarbeiten,
durch den diese Grundsätze zum Tragen kommen können. Sie schlugen vertragliche Abmachungen für eine Zusammenarbeit zwischen Ägypten und anderen interessierten Ländern sowie die Schaffung einer Suezkanal-Behörde
vor, in der Ägypten und andere Länder vertreten sein würden. Diese Behörde, so lautete der Vorschlag, sollte mit den Vereinten Nationen assoziiert
sein und der Weltorganisation in regelmäßigen Abständen Bericht erstatten.
Sie schlugen ferner vor, daß Einigung über ein Schiedsgericht, erzielt
werden sollte, das Streitfälle beizulegen habe, und daß wirksame Sanktionen gegenüber denen ergriffen werden sollten, die das Abkommen verletzen.
Natürlich gibt es eine große Anzahl von Möglichkeiten, mit deren
Hilfe die von den 18 Nationen formulierten Grundsätze verwirklicht werden
könnten. Ich glaube nicht, daß irgendeines dieser Länder die von ihnen
vorgeschlagenen, besonderen Abmachungen als unantastbar ansieht. Und ich
bin der Ansicht, daß der Sicherheitsrat sich nicht irgendeinem Alternativvorschlag, der gemacht werden könnte, verschließen sollte.
Aber

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10. Oktober 1956

Aber was die Grundprinzipien anbetrifft, so vermag ich nicht
zu verstehen, wie sie von diesem Rat außer/'Acht gelassen werden
können, wenn die Grundsätze der Gerechtigkeit zur Frage stehen.
Das Problem, dem wir gegenüberstehen, liegt daher nicht in der
Zügelung aggressiver Nationen, die einen Krieg wünschen. Es geht auch
nicht darum, ein neues Instrument des Völkerrechts zu schaffen oder
Gerechtigkeit zu üben, wo das Prinzip der Billigkeit nicht klar erkennbar ist. Der Friede wird von allen erstrebt, und die Grundsätze der
Gerechtigkeit und des Völkerrechts sind klar. Wir sehen uns dem Problem
gegenüber, uns gleichzeitig mit dem Frieden und der Gerechtigkeit zu
befassen, so wie dies in unserer Charta gefordert wird.
Keine Nation aber hat der Korrelation von Frieden und Gerechtigkeit
beredter Ausdruck verliehen als die ägyptische Regierung.
Man wird sich erinnern, daß unsere Charta, so wie sie in Dumbarton Oaks von den drei Großmächten entworfen wurde, keine Bezugnahme
auf die Gerechtigkeit enthält. Sie forderte lediglich den Frieden einen Frieden, der voraussichtlich von Bestand sein würde, nicht weil er
gerecht ist, sondern weil er durch die Macht einiger weniger Großmächte
erzwungen wurde.
Dieser Entwurf wurde in San Francisco abgelehnt. Hier wurde die
gegenseitige Abhängigkeit von Frieden und Gerechtigkeit anerkannt und
Artikel 1 unserer Charta umgeschrieben, so daß er an diese Organisation
die Forderung stellt, sich darum zu bemühen, 'mit friedlichen Mitteln
und in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und des
Völkerrechts einen Ausgleich oder eine Beilegung der internationalen
Streitigkeiten oder solcher Situationen zu suchen, die zu einem Bruch
des Friedens führen könnten'. Und es wurde gefordert, daß dieser Sicherheitsrat bei der Erfüllung seiner vornehmsten Pflicht - der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit in Einklang mit diesem Artikel handeln solle.
In San Francisco war Ägypten gerade die Nation, die für diesen Zusammenhang von Frieden und Gerechtigkeit am glühendsten, am nachdrücklichsten und mit beredten V/orten eintrat. Ich möchte hier einen Ausschnitt
aus einer der Erklärungen zitieren, die damals von dem Vertreter Ägyptens
abgegeben wurde :
'... Wir sind der Überzeugung, daß der Rat, der Sicherheitsrat, tatsächlich die Rolle des politischen Gerichtshofes spielen wird, und es unerläßlich ist, daß die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit immer bei
seinen Beratungen gelten. Das letzte Argument, mit dem wir uns auseinanderzusetzen hatten, war, daß es die Bürde für die Organisation schwerer
machen würde, und insbesondere die Last der Mächte, die für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit hauptsächlich verantwortlich sind,
wenn wir den Sicherheitsrat auffordern, die Gerechtigkeit und das Völkerrecht zu achten.
Ich bin der Überzeugung, daß solche zusätzliche Bürden, wie sie
aus der Annahme unseres Abänderungsvorschlages resultieren würden,
nicht groß wären gemessen an den Opfern, die wir alle gebracht haben und
alle erneut für die Aufrechterhaltung von Frieden und Sicherheit in der
Welt zu bringen bereit sind. Wenn wir nur den Frieden und die Sicherheit
bewahren wollten, dann würden wir uns nicht sehr von Hitler unterscheiden,
der

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10. Oktober 1956

der dies auch versuchte und der tatsächlich teilweise Erfolg hatte.
Der Unterschied liegt jedoch darin, daß wir den Frieden und die Sicherheit in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Völkerrechts und der
Gerechtigkeit aufrechterhalten wollen'.
So sprach damals Ägypten, und wir können, so glaube ich, alle
diesen Gedankengängen zustimmen.
Man kann die Bedeutung dieses Problems wohl kaum übertreiben. Unser
Rat erfreut sich auf der einen Seite eines deutlich zum Ausdruck gekommenen Wunsches nach Frieden für alle Beteiligten. Auf der anderen Seite
wird die Lage durch Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit bestimmt,
wie sie selten so deutlich zutage traten. Wenn unter diesen günstigen Bedingungen und bei all diesen positiven Gegebenheiten unser Rat nicht in
der Lage ist, eine Regelung mit friedlichen Mitteln in Übereinstimmung
mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts sicherzustellen,
dann wäre unser Versagen ein Unglück von ungeheurem Ausmaß.
Dies scheint von denen erkannt zu v/erden, die hier in diesem Raum
gesprochen haben. Die allgemeine Debatte ist im großen und ganzen gemäßigt und konstruktiv gewesen.
Ich sage 'im großen und ganzen', denn es gab Ausnahmen. Eine
solche Ausnahme war die von dem sowjetischen Außenminister gegebene
Darstellung der sogenannten 'amerikanischen Monopolisten', die - wie er
sagte - in 'Unschuldsgewändern' gekleidet und mit 'gierigem Appetit'
durch die Welt streifen und überall neue Opfer suchen.
Eine weitere Ausnahme war der Vorschlag des sowjetischen Außenministers, daß wir das Problem an einen Ausschuß überweisen sollten,
von dem der sowjetische Außenminister sagte: 'Das wichtigste Erfordernis
ist, daß die Zusammensetzung des Ausschusses so ausgeglichen ist, daß
das Vorherrschen eines bestimmten Standpunktes verhindert wird 1 . Offenbar hält er es für unglücklich, daß sich 18 Nationen, die mehr als
90 Prozent des Verkehrs und eine Vielfalt von Benutzerinteressen repräsentieren, über eine Lösung einigen könnten. Er möchte daher einen neuen
Beginn durch die Einsetzung eines Ausschusses machen, der so beschaffen
ist, dal- man im voraus wissen kann, er wird niemals zu einer Einigung gelangen.
Es ist nicht das erste Mal, daß eine Regierung glaubt, sie könne
durch die Verewigung eines Streites nur gewinnen. Wir kennen das Sprichwort vom 'Fischen im Trüben'. Im allgemeinen ist es zwar üblich, einen
solchen Zweck zu verschleiern. Kaum jemals ist jedoch wohl das Vorhaben,
Meinungsverschiedenheiten zu verewigen, so klar enthüllt worden.
Die ägyptische Regierung hat in einem konstruktiveren Schritt vorgeschlagen, daß wir ein Verhandlungsgremium schaffen, welches sich von
einer Reihe von Arbeitsprinzipien sowie, im Auge zu behaltenden und zu
erreichenden Zielen leiten lassen soll. Dies war genau der Gang der
Dinge, den wir auf der Londoner Konferenz vom vergangenen August einzuhalten suchten, auf der - wie wir gesehen haben - eine Reihe von Grundsätzen ausgearbeitet und gewisse Ziele umrissen worden sind. Der Kern des
Problems, so scheint es uns, ist die Annahme des Prinzips, daß ein System
existieren muß, welches die Gewähr dafür bietet, daß der Kanal von keinem
Land als ein Instrument seiner nationalen Politik benutzt werden kann.
Wenn

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1Q. Oktober 1956

Wenn Ägypten dieses einfache und elementare Prinzip der Gerechtigkeit akzeptiert, dann glaube ich, daß die untergeordneten Probleme gelöst werden können. Wenn dieses Prinzip jedoch verworfen wird,
dann läßt sich nur schwer voraussehen, welche nützliche Rolle einem
Verhandlungsgremium zukommen sollte. Ja, unter solchen Umständen ist
es schwierig, überhaupt irgendeine Lösung vorauszusehen, die mit den
Prinzipien der Gerechtigkeit und des Völkerrechts in Einklang steht.
Wenn aber dieser Fall nicht so gelöst werden kann, dann wird das
gesamte System de» Friedens in Gerechtigkeit unterminiert sein, das
durch diese Charta geschaffen werden sollte.
Dazu dürfen wir es nicht kommen lassen. Ich bin davon überzeugt,
daß keine Kation hier andere als freundschaftliche Beziehungen mit
Ägypten zu unterhalten wünscht. Tatsächlich würde denn auch die von
den Kanalbenutzerstaaten, die zu über 90 Prozent an dem gesamten Kanalverkehr beteiligt sind, vorgeschlagene Lösung den Wohlstand Ägyptens
fördern. Eine friedliche und unparteiische Lösung dieses Problems würde
einen neuen hoffnungsvollen Ausblick für ein Gebiet der Welt eröffnen,
das unter Kriegsalarmen und den wirtschaftlichen Lasten der Kriegsvorbereitung schwer zu leiden hat. Gleichzeitig aber können wir der
gesamten Menschheit neue Hoffnung geben, die begonnen hat, ihr Vertrauen
in die Fähigkeit dieser Organisation zur Sicherung des Friedens und der
Gerechtigkeit zu verlieren.
Wenn man die Möglichkeiten, die wir haben, klar überdenkt, wer
kann dann noch zweifeln, welche Wahl wir treffen werden?
Herr Präsident, die britisch-französische Resolution verkörpert
die grundlegenden Prinzipien, auf die wir Bezug genommen haben. Sie
wird diesen Rat in die Lage versetzen, eine Wahl zu treffen, die,
wie wir zuversichtlich erwarten können, den Frieden in Gerechtigkeit
erhalten wird. Sie wird die Autorität und das Prestige dieser Organisation aufrechterhalten. Daher beabsichtigen die Vereinigten Staaten,
wie ich am vergangenen Freitag sagte, für diese Resolution zu stimmen."

* * * * *

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�M E R I K A

D I E N S T

DIE POLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN UND DIE ZUKUNFT DER NATO
WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der
stellvertretende Unterstaatssekretär für
europäische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Burke Eibrick, am 5«Oktober
1956 auf der 8.Jahrestagung der "Konferenz
über Welthandelsfragen" in Old Point Comfort
(Virginia) gehalten hat.

Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihrer Einladung Folge
zu leisten, um an den Diskussionen über die NATO und ihr Verhältnis
zu verschiedenen Problemen und Möglichkeiten teilzunehmen, die uns
Amerikanern auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen erwachsen.
Ich möchte mit Ihnen gemeinsam die Probleme erörtern, die sich
aus unserer Stellung innerhalb der atlantischen Gemeinschaft ergeben,
Ihnen die bisher erzielten Erfolge aufzeigen, und ich möchte insbesondere Ihr Interesse auf die zwischen unseren europäischen Verbündeten
und uns bestehenden wirtschaftlichen Beziehungen lenken und kurz auf
die Rolle eingehen, die die NATO und unsere Beteiligung an ihr in der
amerikanischen Außenpolitik spielt.
In Ermangelung einer treffenderen Bezeichnung hat sich der Name
"Atlantische Gemeinschaft" für dieses Bündnissystem eingebürgert, das
Kanada, die Vereinigten Staaten und die Länder Westeuropas einschließt,
einen Raum, der ein großes gemeinsames Erbe und eine gemeinsame Geschichte besitzt, die gekennzeichnet ist von dem Streben nach Gerechtigkeit und individueller Freiheit.
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich betonen, daß die Aufrechterhaltung der Einigkeit und die Zusammenarbeit mit denjenigen
Ländern Westeuropas, mit denen wir durch enge wirtschaftliche und
kulturelle Bande verbunden sind, seit 1945 eines der unveränderlichen
Ziele der amerikanischen Außenpolitik gewesen ist. Das gemeinsame
Erbe, das wir mit den Völkern Westeuropas teilen, ist sowohl für sie
wie für uns ein Band von größter Bedeutung. Darüber hinaus verfügt
Westeuropa über 25 bis 30 Prozent der gesamten Industriekapazität,
Hilfsquellen und qualifizierten Arbeitskräfte der Welt. Auf Grund
dieser Tatsachen allein ist es absolut notwendig, daß Westeuropa im
Kampfe gegen die von Moskau gesteuerten despotischen Kräfte der
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�AMERIKA DIENST"

17. Oktober 1956

der kommunistischen Weltverschwörung unser Verbündeter bleibt.
Wir sind uns dessen bewußt, daß die Politik des "Teilens und
Herrschens" zu den Manövern der Kommunisten zählt, mit deren Hilfe
sie die Weltherrschaft zu erreichen suchen. Das ist einer der Gründe
dafür, daß wir der Einigkeit unter den Staaten und Völkern, die gleich
uns die Prinzipien der menschlichen Freiheit und Recht und Gesetz
achten, so große Bedeutung beimessen.
Wie könnte diese heute so feste Verbundenheit unter den Mitgliedern
der atlantischen Gemeinschaft erzielt werden, und wie läßt sie sich
weiter aufrechterhalten und stärken?
Die einzige Körperschaft, durch die die Regierungen der Atlantikanliegerstaaten auf allen Gebieten - politisch, militärisch, wirtschaftlich und kulturell - zusammenarbeiten können, ist die Nordatlantikpaktorganisation. Das soll nicht etwa heißen, daß alle unsere Beziehungen
zu unseren europäischen Freunden ausschließlich über die NATO abgewickelt werden müssen, sondern daß wir in der NATO ein erprobtes und
elastisches Instrument besitzen, das den Ländern der atlantischen Gemeinschaft die Zusammenarbeit in jedem von ihnen gewünschten Maße gestattet und ermöglicht.
Auf dieser Tagung sind heute verschiedene Formen der militärischen
Zusammenarbeit diskutiert worden, wie sie durch die NATO ermöglicht wurden. Der Einfluß dieser Zusammenarbeit auf die Moral der Völker Westeuropas, die im Jahre 1949 der Bedrohung durch eine eventuelle sowjetische Aggression fast wehrlos gegenübergestanden hatten, kann nicht
hoch genug veranschlagt werden.
Die NATO hat sich zum mächtigsten und schlagkräftigsten kollektiven Verteidigungsinstrument entwickelt, das jemals in Friedenszeiten
von freien Nationen geschaffen worden ist. Sie hat Europa in den Jahren,
als es von Gefahr bedroht war, den Frieden erhalten. Seit ihrer Gründung
hat der Kommunismus in Europa keine territorialen Eroberungen mehr gemacht, sondern im Gegenteil sogar verschiedene vorgeschobene Positionen
aufgegeben. Innere Unruhen, politische Streiks und andere Erscheinungsformen der Zwietracht und der Unordnung, wie sie in den ersten Nachkriegsjahren von den Kommunisten mit beträchtlichem Erfolg gefördert
wurden, haben zum großen Teil aufgehört. Inzwischen ist es den europäischen Völkern gelungen, hinter dem Verteidigungsschild der NATO ihre
im Kriege zerstörte Wirtschaft wieder aufzubauen, ihren Handel zu erweitern und ihren Lebensstandard zu erhöhen.
Die Erfolge, die die NATO aufzuweisen hat, sind in der Tat beträchtlich. Wir alle wissen jedoch, daß wir in einer Welt leben, die
es nicht zuläßt, daß wir auf unseren Lorbeeren ausruhen. Rasten heißt
rosten. Lorbeeren haben die unangenehme Eigenschaft, sich gelegentlich
in Dornen zu verwandeln. Die Existenz und die Weiterentwicklung der atlantischen Gemeinschaft - und der gesamten freien Welt - wird nicht
durch Leistungen gesichert, die wir in der Vergangenheit erzielt haben,
sondern wird davon abhängen, wie wir mit den Problemen der Zukunft
fertig werden.
M e s e

�"AMERIKA DIENST"

17. Oktober 1956

Diese Probleme sind zahlreich und kompliziert. Im Rahmen des
heutigen Vortrages aber möchte ich mich mit vier großen Problemkreisen auseinandersetzen. Der erste betrifft die Aufrechterhaltung
einer starken und der technischen Entwicklung angepaßten Verteidigung.
Der zweite betrifft die Schaffung gesunder und entwicklungsfähiger
Wirtschaftssysteme in den Ländern der freien Welt. Der dritte ist die
Förderung der Einheit unter den europäischen Nationen selbst. Und
der vierte betrifft die künftige Entwicklung der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes mit dem Ziel, die Zusammenarbeit auf allen Gebieten
menschlicher Tätigkeit zu fördern und die dauernde Solidarität der
westlichen Kulturländer zu sichern.
Das erste große Problem der atlantischen Gemeinschaft liegt so
klar zutage, daß man manchmal fast geneigt ist, es überhaupt zu übersehen. Seit einiger Zeit hören wir viel von einem Wechsel der sowjetischen Taktik, einem Übergang von militärischen zu nichtmilitärischen
Eroberungsmethoden. Manche Leute haben daraus den voreiligen Schluß
gezogen, daß der militärischen Verteidigung nicht mehr die erste Stelle
gebühre. Dieser Schluß ist ebenso gefährlich wie falsch. Wenn auch nicht
bestritten werden soll, daß sich tatsächlich ein Wechsel in der sowjetischen Taktik vollzogen hat, und wenn es auch stimmt, daß wir unsere Aufmerksamkeit in steigendem Maße den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und psychologischen Aspekten der weltpolitischen Auseinandersetzung zuwenden müssen, so bedeutet das keineswegs, daß wir unsere
militärische Verteidigung vernachlässigen dürfen. Wir müssen uns vor
Augen halten, daß sich die militärische Bedrohung durch die wirtschaftlich-politische Offensive der Sowjets nicht etwa verringert, sondern
eher erhöht hat. Nach wie vor unterhalten die Sowjetunion und ihre
Satelliten gewaltige Streitkräfte, die in der Lage sind, sowohl eine
örtlich begrenzte als auch eine allgemeine Aggression durchzuführen.
Diese Streitkräfte werden ständig verstärkt durch die zunehmende Anhäufung nuklearer Waffen, durch Luftstreitkräfte mit einem immer größeren Aktionsradius, durch verbesserte elektronische Geräte und ähnliche
moderne Kriegsgeräte. Wenn wir auch die begründete Hoffnung hegen, daß
die vernichtenden Vergeltungswaffen der amerikanischen und alliierten
Streitkräfte den kommunistischen Block auch künftig davon zurückschrecken
lassen werden, das Risiko eines Krieges einzugehen, so haben wir doch
keine Gewähr dafür, daß dies der Fall sein wird. Es ist daher unerläßlich, -unsere Sicherungen gegen Agressionen ständig zu verbessern.
Man darf auch nicht vergessen, daß es sich hier nicht um eine Art .
Versicherungspolice handelt, die je "abgedeckt" werden könnte. Militärwissenschaft und Technik sind nicht statisch. Jedes Jahr bringt Neuerungen auf dem Gebiet der Waffenkonstruktion und der militärischen Technik,
die man noch wenige Jahre zuvor als phantastisch bezeichnet hätte. Daher
kommt es nicht nur dafauf an, unsere Streitmacht zu erhalten, sie muß
vielmehr auch ständig dem neuesten Stand der Entwicklung angepaßt werden.
Das ist für uns Amerikaner wie für unsere Alliierten eine recht kostspielige Angelegenheit. Tun wir es aber nicht, so heißt das womöglich,
unsere Vernichtung heraufbeschwören.
Es mag immer noch Amerikaner geben, die das Problem der Verteidigung
unseres Landes rein vom nationalen Standpunkt aus betrachten und die Bedeutung eines kollektiven Vorgehens, wie es die NATO darstellt, in ihrer
Bedeutung unterschätzen. Sie glauben wohl, daß unsere eigenen Vorräte an_
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an Atomwaffen, unsere strategische Luftwaffe, unsere große industrielle
Kapazität und die anderen Hilfsquellen unseres Landes für die Verteidigung der Vereinigten Staaten ausreichen und daß die Beiträge unserer
Alliierten nur geringen Wert nahen.
Diese Auffassung zeugt jedoch von großer Kurzsichtigkeit. Europa
hat vieles zu bieten. Es geht nicht ohne die jährlich 12 Milliarden
Dollar, die unsere europäischen Verbündeten im Rahmen der gemeinsamen
Verteidigungsanstrengungen aufwenden - das sind grob gerechnet 6 Dollar
auf jeden Dollar, den sie in Form unserer Militärhilfe erhalten. Wir
brauchen ihre Soldaten, deren sie mehr haben als wir. Wir brauchen Europas
Flotten- und Luftstützpunkte, die für eine wirksame Verteidigung und für
Vergeltungsmaßnahmen im Falle einer Aggression von lebenswichtiger Bedeutung sind. Wir brauchen Europas Fabriken und Bergwerke, die der atlantischen Gemeinschaft zusammen mit unseren eigenen nahezu 70$ der Industriekapazität der Welt sichern. Wir brauchen Europas Wissenschaft und Technik,
die bei der Herstellung der ersten Atombombe eine so unersetzliche Rolle
spielten und die nach wie vor eine unschätzbare Ergänzung zu Amerikas
wissenschaftlichen Möglichkeiten darstellen. Gemeinsam verfügen Nordamerika
und Europa über die Mittel, sich gegen jede erdenkliche Kombination feindlicher Mächte zu verteidigen} für einen von ihnen allein könnte sich diese
Aufgabe leicht als. zu schwierig erweisen.
Aus dem eben Gesagten geht eindeutig hervor, daß die Verteidigungskraft eines Landes weitgehend eine wirtschaftliche Frage ist und daß wir
uns eine derartige militärische"Versicherungspolice" in angemessener
Höhe letzten Endes nur dann leisten können, wenn die Mitgliedstaaten
eine gesunde und gut funktionierende Wirtschaft haben. Und ebenso trifft
es zu, daß wir im Rahmen des weltumspannenden Ringens mit dem kommunistischen Block auf nichtmilitärischem Gebiet nur dann konkurrieren können das heißt also, andere Nationen und Völker für unsere Sache gewinnen und
uns ihre Gefolgschaft erhalten können -, wenn unsere Wirtschaft stabil
ist und weiter ausgebaut wird.
Und damit sind wir bei dem zweiten großen Problem, das ich bereits
erwähnte. Ungeachtet der aufgezeigten gewaltigen Aktivposten, über die
Europa verfügt, haben unsere Alliierten mit ernsten Wirtschaftsproblemen
zu kämpfen. Einkommen und Lebensstandard sind in Westeuropa im Durchschnitt noch nicht einmal halb so hoch wie in Amerika. Die europäischen
Länder sind in weit stärkerem Maße vom Außenhandel und von Auslandsinfrestitionen abhängig als wir, und ihre Wirtschaft kann durch gegenläufige
Entwicklungen in anderen Teilen der Erde sehr leicht aus dem Gleichgewicht
gebracht werden. Sie haben unter ständigen Devisenschwierigkeiten zu leiden.
Hinzu kommt, daß die Wachstumsrate der Wirtschaft in Europa zur Zeit nur
halb so hoch ist wie die der Länder hinter dem Eisernen Vorhang. Diese
Tendenz ist sehr beunruhigend, ungeachtet der Tatsache, daß die Sowjets
auf einem sehr viel niedrigeren Stand zu beginnen hatten als Westeuropa.
Ein erfreuliches Zeichen ist jedoch, daß die Rate de* wirtschaftlichen
Wachstums in Westeuropa in jüngster Zeit eine starke Steigerung erfahren
hat. Tatsächlich war das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung der westeuropäischen Länder in den letzten Jahren schneller als in den Vereinigten
Staaten.
Wir Amerikaner können Europas Wirtschaftsprobleme nicht lösen. Das
müssen die Europäer selbst tun. Doch sind diese Probleme großenteils nur

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nur in Verbindung mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in der ganzen Welt zu lösen. Es ist klar, daß unsere eigene Wirtschaftspolitik die gesamte Weltwirtschaftslage weitgehend beeinflußt.
Welche Außenhandelspolitik haben die Vereinigten Staaten in bezug
auf diese Entwicklungen in Europa verfolgt?
So unabhängig Amerika in früheren Jahren von der übrigen Welt gewesen sein mag, so wissen wir heute nur allzu genau, daß auch für uns
kein Verlaß auf Friede und Sicherheit ist, solange in irgendeinem anderen Teile der Erde Hunger, Armut und Unruhe herrschen. Diese Zustände
lassen sich nur mildern, wenn wir selbst und die übrigen Länder der
Erde den Handel ständig erweitern, unsere Wirtschaft ausbauen und unseren Lebensstandard heben.
Angesichts der großen Wirtschaft ichen Kraft und Stabilität der
Vereinigten Staaten fallt es uns manchmal schwer, uns vorzustellen,
wie mühsam nicht nur die kleineren Lander, sondern selbst verhältnismäßig
große und hoch indust-^ alisierte Lände wi - Großbritannien, Frankreich
und Deutschland ihr wirtschaftliches G e'chgewicht wahren. Die Stärke
und Stabilität unserer Wirtschaft hängt v n der Ausweitung unseres Handels ab, doch müssen wir ständig nach Mitteln und Wegen suchen, wie wir
eine Ausweitung des Handels ermöglichen und fördern können, ohne befreundete Nationen, deren Wirtschaft nicht so stark und elastisch wie
unsere ist, nachteilig zu beeinflussen.
Die Vereinigten Staaten werden auch in Zukunft an ihrer bisherigen
Politik festhalten, die eine Beseitigung der Handelsschranken zwischen
den einzelnen europäischen Ländern und der gesamten freien Welt zum
Ziel hat. Wir machen den unabhängigen souveränen Staaten Europas keinerlei Vorschriften, und wir sind uns klar darüber, daß sie ihre verschiedenen wirtschaftlichen Probleme selbst lösen müssen; wir können sie aber
wohl darauf hinweisen, daß die Prosperität unseres Landes zu einem nicht
geringen Maße daher rührt, daß wir in unseren 48 Staaten keinerlei
Handels- und Devisenbeschränkungen kennen.
Es ist nicht nötig, die gewaltigen Fortschritte, die die westeuropäischen Länder seit 1945 i m Aufbau ihrer Wirtschaft, der Ausweitung ihres Handels und der Hebung ihres Lebensstandards erzielten, hier
nochmals aufzuzählen. Natürlich hat die Hilfe der Vereinigten Staaten
bei dieser erstaunlichen Entwicklung keine geringe Rolle gespielt; doch
sind noch viele schwierige Probleme zu lösen.
Die Kommission für Außenhandelspolitik, die sogenannte RandallKommission, hat in ihrem Bericht vom Jahre 1954 in dem Bestreben, den
Kurs für die künftige Wirtschaftsentwicklung festzulegen, einige Richtlinien ausgearbeitet, die ich der Erwähnung wert finde. In diesem
Bericht heißt es: "Die freie Welt muß ihre Zukunft aufbauen; und zwar
nicht mit ungewöhnlich starken Hilfeleistungen seitens der Vereinigten
Staaten, sondern mit den eigenen Hilfsquellen und der Arbeitskraft der
Menschen der einzelnen Länder selbst. Daß die Grundlagen für eine derartige internationale Wirtschaft bereits.gelegt sind, ist unbestreitbar,
und man darf mit Recht hoffen, daß es bei gegenseitiger Unterstützung
und bei gegenseitigem Verständnis gelingen wird, ein lebensfähiges Handels- und Zahlungssystem für die Zukunft zu schaffen. Vieles

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Vieles deutet darauf hin, daß wir am Beginn einer Epoche der
allgemeinen Ausweitung des Welthandels stehen. Die Industrieländer
benötigen immer mehr Rohstoffe, die ihnen die weniger entwickelten
Länder liefern können. Und diese wiederum benötigen immer mehr Maschinen, Industriegüter und hochveredelte Konsumgüter, die das Merkmal einer entwickelten Industrie sind. Die Zeit scheint gekommen, in
der Völker der Segnungen eines zunehmenden internationalen Handels
teilhaftig werden.
Um dieses Wachstum zu erreichen, muß die freie Welt jedoch viele
Hindernisse beseitigen, die noch immer dem freien Verkehr von W a r M ,
Kapital und Devisen im Wege stehen. Alle beteiligten Länder müssen
durch eine gesunde Finanz- und Steuerpolitik zu einer größeren Stabilität der 7/irtschaft beitragen. Sie müssen zeigen, daß sie Vertrauen
in ihre Fähigkeit besitzen, auf eigenen Füßen stehen zu können. Viele
der betroffenen Länder müssen ihre eigenen Bemühungen stärker als bisher intensivieren, sie müssen mithelfen, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
das sowohl ihren eigenen Bürgern als auch dem ausländischen Kapital einen
Anreiz für Kapitalinvestitionen bietet, und sie müssen die Restriktionen
aufheben, die den internationalen Zahlungsverkehr in seiner Bewegungsfreiheit behindern.
In all diesen Dingen müssen die Vereinigten Staaten die Führung
übernehmen und mit Weisheit ausüben. Dabei müssen wir uns stets der
Tatsache bewußt bleiben, daß das Bündnis der freien Welt auf Vereinbarungen zwischen souveränen Staaten beruht.
Wenn auch die wirtschaftliche Position Westeuropas eng mit der
Wirtschaftslage in der gesamten freien Welt verknüpft ist, so ist es
doch auch richtig, daß gewisse W'rtschaftsprob eme allein für E ,ropa
zutreffen. Daß es den europäischen Nationen i den vergangenen Jahren
nicht gelang ihre Einheit zu verwirklichen . hat ^ e Entwickl ng ein r
dynamischen europäischen Wirtschaf ' sehr behindert. Aus diesem Grundwar die Förderung der Einheit Europas eines der Hau:&gt;tz-ele der amerikanischen Politik.
Europas Produktion und Märkte sind in viele kleine Teile aufgespalten,
die häufig wirtschaftlich schwach sind. In der langen Geschichte \er
es europäischen Länder sind viele Bräuche, Vorurteile und 1&gt;ka:e Interessen
erstarrt, die einst aus Selbstschutz entstanden* sie b'lden nu sc were
Hindernisse für einen freieren Handelsverkehr. Die Kartelle, Zollschranken
und andere Handels- und Währungsbeschränkungen die vor vielen Jahren errichtet worden sind, behindern die Entwicklung, d e mit den modernen Methoden der Produktion, des Vertriebs und der Finanzierung erreicht werden kö nte •
Als Europa sich nach dem zweiten Weltkrieg langsam erholte, wurde
vielen Staatsmännern und Wirtschaftlern klar, daß die alteingeführten
Wirtschaftsformen durch einen freieren Handel und engere Zusammenarbeit
oder einen Zusammenschluß ersetzt werden müssen, wenn Europa in dieser
Epoche eines ständig expandierenden Handels erfolgreich mit den anderen
Ländern konkurrieren will.
Im Jahre 1947 beschlossen Belgien, Luxemburg und die Niederlande, den
ersten Schritt zu einer Wirtschaftsunion zu tun. Sie beseitigten sämtliche

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sämtliche Zollschranken im Warenverkehr untereinander und einigten
sich auf einheitliche Zollsätze für die Importe aus anderen Ländern.
Zweck der Benelux-Zollunion war es, eine Wirtschaftseinheit zu schaffen,
die groß genug ist, um den Teilnehmerstaaten auf dem Weltmarkt einen
erfolgreichen Wettbewerb mit den größeren Wirtschaftsländern zu ermöglichen. Noch sind nicht alle zur Schaffung einer vollkommenen
Wirtschaftseinheit erforderlichen Maßnahmen durchgeführt, aber der
bisher erzielte Erfolg ist doch sehr vielversprechend.
1947 wurde die Wirtschaftskommission für Europa (ECE) errichtet,
um ein Zusammengehen der Länder beim Wiederaufbau zu erreichen, die
Wirtschaftstätigkeit im allgemeinen zu beleben und die wirtschaftlichen Beziehungen unter den europäischen Mitgliedern der Vereinten
Nationen und mit den Vereinigten Staaten und der übrigen Welt zu erhalten und zu festigen.
Ein wichtiger Schritt zur europäischen Einheit war die Unterzeichnung des Brüsseler Paktes im Jahre 1948, der eine engere Zusammenarbeit
auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet sowie in der
Frage der gemeinsamen Verteidigung zwischen Frankreich, Belgien, Luxemburg,
den Niederlanden und Großbritannien vorsah.
Als der Kongreß 1948 das Gesetz über den Wiederaufbau in Europa
erließ, das wir unter dem Namen Marshall-Plan kennen, wurde die Organisation für die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OEEC) gegründet,
um eine Zusammenarbeit der 16 europäischen Mitgliedstaaten bei ihrem
wirtschaftlichen Aufbau zu gewährleisten, der eine Ausweitung von Produktion und Handel, die Modernisierung der Industrie, der Stabilisierung des Finanzwesens und die Beseitigung zahlreicher Handelsschranken
einschließen sollte. In Verbindung mit ihrer Zweigstelle, der Europäischen
Zahlungs-Union zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten, hat sich die OEEC als eine sehr nützliche Organisation bei der
Behandlung einiger recht verzwickter europäischer Wirtschaftsprobleme
erwiesen.
Und noch ein weiterer Schritt Europas auf dem Wege zu seiner wirtschaftlichen Integration ist erwähnenswert. Die Europäische Gemeinschaft
für Kohle und Stahl, die auf Initiative des ehemaligen französischen
Außenministers Robert Schuman im Jahre 1952 von Frankreich, Deutschland,
Italien, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg gegründet wurde, um die
nationalen Hindernisse für den Handel mit Kohle und Stahl unter diesen
Ländern aus dem Wege zu räumen und restriktive Abmachungen über Produktion und Absatz dieser Grundstoffe zu beseitigen.
Mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Integration unter den
europäischen Staaten in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde es
immer klarer, daß eine engere politische Zusammenarbeit erforderlich
ist, wenn nennenswerte Fortschritte in der Lösung der Wirtschaftsprobleme in Europa erzielt werden sollen. Die Folgen zweier Weltkriege in
diesem Jahrhundert haben allzu deutlich gezeigt, welch furchtbare Folgen
ein zügelloser Konkurrenzkampf und zügelloser Nationalismus haben können.
Ich erwähnte den Brüsseler Pakt, durch den im März 1948 ein Zusammenschluß von Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Großbritannien zum Zwecke einer engeren Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem.

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wirtschaftlichem, ..socialem und kulturellem Gebiet und zur gemeinsamen
Verteidigung erfolgte. Der Y/unsch nach stärkerer Einheit, dem der Pakt
entsprungen war, führte ein Jahr später zur Gründung des Europarates
durch die fünf Teilnehmerländer des Brüsseler Abkommens sowie Italien,
Irland, Norwegen, Dänemark und Schweden, dem sich später auch Island,
die Bundesrepublik Deutschland, Griechenland, die Türkei und das Saargebiet anschlössen. Der Europarat hat nur die Befugnis, den angeschlossenen Regierungen gewisse Empfehlungen zu erteilen} er bildet aber immerhin ein brauchbares Forum, um gewisse Maßnahmen auszulösen und die öffentliche Meinung auf die großen europäischen Probleme hinzuweisen.
Von außerordentlicher Bedeutung für den Gedanken der europäischen
Einheit war der Plan zur Schaffung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft, in deren Rahmen die sechs Mitgliedstaaten der Europäischen
Gemeinschaft für Kohle und Stahl ihre Streitkräfte in eine einzige
übernationale Streitmacht zusammenschließen sollten. Es war ein schwerer Schlag für die Europabewegung, daß dieser Plan nicht verwirklicht
wurde ; allerdings konnten einige wesentliche Elemente dieses Planes
durch die Schaffung der Westeuropäischen Union gerettet werden, die
sich auf den ursprünglichen Brüsseler Pakt stützt. Ungeachtet dieses
Rückschlages ist die Idee eines geeinten Europa nach wie vor sehr
lebendig. Zur Zeit pirüfen die Regierungen der europäischen Länder
die Vorschläge für ein gemeinsames Vorgehen bei der Erzeugung und
Nutzung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken sowie Vorschläge für
einen großen gemeinsamen Markt. Obwohl einer Realisierung dieser Vorschläge viele Hindernisse im Wege stehen und es noch zu früh ist, das
Endergebnis vorauszusagen, kann kein Zweifel darüber bestehen, daß
viele führende Politiker in Europa nach wie vor entschlossen sind,
diesem Kontinent die Kraft und Stabilität zu geben, die ihm allein
die Einheit zu bringen vermag.
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird auch weiterhin alle
auf die Einheit Europas gerichteten praktisch durchführbaren Maßnahmen
fördern, da wir uns darüber klar sind, daß die Integration Europas wesentlich zur Stärke und Solidarität der atlantischen Gemeinschaft als Ganzes
beitragen kann. Während diese Entwicklung weiter voranschreitet, müssen
wir unser Augenmerk auf ein zweites Ziel richten - die Ausweitung und
Festigung des atlantischen Bündnisses selbst. Insbesondere müssen wir
Mittel und Wege prüfen, die NATO als ein Instrument der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Zusammenarbeit sowie als Verteidigungssystem weiter zu entwickeln.
Die neue sowjetische Taktik der politischen, wirtschaftlichen und
psychologischen Durchdringung läßt es mehr denn je notwendig erscheinen,
die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten der NATO zu vertiefen. Die Gefahren der neuen sowjetischen Politik sind nicht zu unterschätzen. Die Russen sind Meister einer Propaganda, die die Tatsachen
zu verschleiern weiß. Sie verfolgen die unvermeidlichen Reibungen zwischen den freien Nationen mit größter Aufmerksamkeit und zögern nicht,
dj.ese für ihre eigenen Zwecke auszunutzen. Sie werden jede Möglichkeit
Orgreifen, Zwietracht zu säen und die freie Welt zu schwächen. Ergänzt
Wird diese Strategie durch einen geschickt getarnten wirtschaftlichen
Brück und verlockende Angebote. Weil die russische Wirtschaft völlig
vom Staat kontrolliert wird, kann sie ohne weiteres - wie dies ja auch
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auch häufig genug der Fall ist - für rein politische Ziele benutzt
werden. Angebote bezüglich sowjetischer Absatzmärkte und Rohstoffe erscheinen bedrängten Westeuropäern oftmals verlockend genug, auch wenn
sie die ihnen unterliegenden Beweggründe erkennen. Für die Vereinigten
Staaten ist es leicht, die wirtschaftlichen Angebote der Sowjets zu
ignorieren, unsere europäischen Freunde sind aber dazu nicht immer in
der Lage. In Erkenntnis der Gefährlichkeit des sowjetischen Werbens
werden die westeuropäischen Staaten weitere Schritte zur Integrierung
ihrer Wirtschaft, zur Erhöhung ihrer Produktivität und zur Beseitigung
der Handelsschranken unternehmen, so daß die Sowjets sich eines Tages
gezwungen sehen werden, ihre Wirtschaftsoffensive, mit deren Hilfe sie
im Grunde genommen nur die Einheit der atlantischen Gemeinschaft zu
zerbrechen suchen, wieder abzublasen.
Welche Politik sollen wir nun befolgen, um die NATO zu stärken
und dieser Bedrohung zu begegnen?
Soll die NATO versuchen, die Außenpolitik ihrer Mitglieder aufeinander abzustimmen?
Soll sie versuchen, die Probleme zu lösen, die mit den wirtschaftlichen Angeboten der Sowjets an die Länder der freien Welt zusammenhängen?
Soll die NATO als Forum dienen, auf dem die zwischen ihren Mitgliedern bestehenden politischen Fragen entschieden werden?
Soll die NATO einen Informations- und Kulturaustausch organisieren, mit dem Ziel, die Einigkeit unter ihren Mitgliedern zu vertiefen?
Diese sowie zahlreiche weitere Probleme sind Gegenstand eines
Fragebogens, der sämtlichen NATO-Mitgliedstaaten vorgelegt worden ist.
Ein unter dem Namen die "Drei Weisen" bekannter Ausschuß ist gegenwärtig
dabei, die Antworten auszuwerten. Wir sind sicher, daß das Ergebnis dieser Untersuchung seinen Niederschlag in den Richtlinien über die künftige
Entwicklung dieser Organisation finden wird.
Wenn diese Untersuchung auch noch nicht völlig abgeschlossen ist,
so zeichnen sich doch bereits bestimmte Grundzüge ihrer Ergebnisse ab.
Es ist klar, daß sich kein Land irgendeine Art von "übernationaler
Regierung" wünscht - worum wir uns alle bemühen,ist eine wirksamere
Zusammenarbeit auf der Basis der Freiwilligkeit. Allgemeine Übereinstimmung herrscht ferner darüber, daß sich die NATO nicht in die Funktionen
anderer internationaler Organisationen, wie die Vereinten Nationen und
die OEEC, einmischen beziehungsweise gleichlaufende Funktionen ausüben
soll. Auch wollen wir nicht, daß die NATO als Organisation Funktionen
übernimmt, die die einzelnen Regierungen selbst viel besser ausüben
können. Trotz dieser Einschränkungen gibt es unserer Ansicht nach zahlreiche Möglichkeiten, um zu einer besseret Zusammenarbeit zwischen den
Mitgliedstaaten der NATO zu gelangen. Durch eine erweiterte und verstärkte
gegenseitige Konsultation über politische und wirtschaftliche Fragen hoffen
wir, zu einem engeren und dauerhafteren Zusammenhalt zu gelangen und auch
zu einer größeren Einigkeit in der Zielsetzung und im Handeln, als sie
jemals zuvor zwischen Staaten bestanden hat.
Welche

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Welche Veränderungen aber auch immer vorgeschlagen werden mögen,
um die Organisation und die Punktionsfähigkeit der NATO zu verbessern,
so besteht die grundlegende Aufgabe nach Ansicht der Vereinigten Staaten doch darin, die Einigkeit zwischen^den Mitgliedstaaten der atlantischen Gemeinschaft zu erhalten und zu stärken. Statt unsere Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf die uns drohenden Gefahren zu konzentrieren,
müssen wir unsere Gedanken in steigendem Maße auf die sich bietenden
Möglichkeiten richtän sowie auf Methoden, wie wir unsere politische,
wirtschaftliche und geistige Stärke mehren-.Können. Solche Bemühungen
könnten, wenn sie erfolgreich sind, sowohl in materieller als auch in
anderer Hinsicht günstige Möglichkeiten bieten, die weit über die bloße
Einigkeit hinausgehen, wie sie für unsere Verteidigungsanstrengungen
erforderlich sind.
Die Schaffung einer einigen und aufstrebenden atlantischen Gemeinschaft würde allen Mitgliedern der NATO, einschließlich der Vereinigten
Staaten, sehr zum Vorteil gereichen.
Abschließend darf ich noch bemerken, daß die Vereinigten Staaten
und die übrigen Nationen der atlantischen Gemeinschaft meiner Meinung
nach über die materiellen Hilfsquellen, die organisatorischen Institutionen und die Fähigkeiten verfügen, die andere vor einer Aggression
zurückschrecken lassen, die sie auch in die Lage versetzen, gesunde und
fortschrittliche wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen und eine starke,
dauerhafte und in sich einige Gemeinschaft der freien Völker zu entwickeln.
Notwendig hierfür ist die Entschlossenheit, diese Hilfsquellen und Fähigkeiten in noch größerem Maße als bisher für die Lösung der Probleme einzusetzen, die aus der historischen Entwicklung der politischen, wirtschaftlichen und geistigen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der NATO selbst
und der Verwirrung unter ihnen entstanden sind, die der sowjetische
Kommunismus zu stiften versuchte.

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�A M E R I K A

D I E N S T

KANONEN SIND MACHTLOS GEGEN FREIHEITLICHE GEDANKEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen eine Rede Präsident
Eisenhowers vom 23.Oktober 1956 vor der
dem AFL-CIO angeschlossenen Gewerkschaft
amerikanischer Zimmerleute und Tischler.

"Die Vorläufer Ihrer Gewerkschaftsbewegung waren sich darüber
im klaren, daß die industrielle Revolution neue Probleme geschaffen
hatte, die eine neue Haltung, einen neuen Weg zur Lösung auf seiten
des Arbeiters wie des Unternehmers erforderten - eine Haltung, die
zum Ausdruck bringt, daß Arbeiterschaft und Unternehmer die gleiche
Würde und die gleiche Verantwortung tragen.
Deshalb tritt heute auch Ihre Organisation ein fürs die
Freiheit sich zu organisieren, die Freiheit zum Aushandeln von
Lohnabkommen, die Freiheit zu streiken - vor allem aber für die
Freiheit der völlig unabhängigen Wahl. Man sagte mir, daß dies
eine der ersten Resolutionen war, die vor 75 Jahren Ihre Vorgänger
in der Zimmermanns- und Tischlergewerkschaft einbrachten.
Indem sie für all diese Dinge eintreten, tragen Sie dazu bei,
den Bereich der Freiheit des Menschen immer mehr zu erweitern und
unserer Vorstellung von dieser Freiheit einen immer weiteren Horizont zu geben.
Andere, Männer wie Marx und Lenin, sahen die neuen Probleme,
die die industrielle Revolution schuf, in einem ganz anderen Licht
und in einem ganz anderen Rahmen. Die Antwort, die sie für ihre
Lösung bereit hatten, war eine völlig andere und setzte an die
Stelle einer freien Arbeiterschaft und eines freien Unternehmertums den allmächtigen Staat.
Die Welt in unserem Industriezeitalter ist in zwei Lager getrennt - in eines, das die Idee der Freiheit verficht, und in das
andere, in dem das Leben unter der kommunistischen Weltanschauung
streng reglementiert ist.
Ich möchte zu Ihnen kurz darüber sprechen, wozu der kommunistische Imperialismus führt, wie wir dies heute täglich aus den Satellitenländern erfahren. Lassen Sie mich ein Land als Beispiel herausgreifen .
Den
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24. Oktober 1956

Den Polen als Volk ist die Freiheit wohlbekannt.
Daraus erklärt sich auch, daß Männer wie Kosciuszco,- Pulaski
und zahllose andere an der Freiheit Amerikas mitgebaut haben. Und
ein nach Hunderttausenden zählendes Heer von Menschen polnischer
Abstammung war am Aufbau des industriellen Amerikas und der freien
Arbeiterbewegung beteiligt.
Aber seit nunmehr 17 Jahren ist das polnische Volk das Opfer
zweier aufeinanderfolgender Diktaturen.
Keine von beiden duldete die Freiheit.
Und das polnische Volk erhob sich gegen beide, denn die Liebe
zur Freiheit war und ist sein stärkster Wesenszug.
Einem Volk wie den Polen, das einmal die Freiheit kennengelernt
hat, kann nicht in alle Ewigkeit die nationale Unabhängigkeit und die
persönliche Freiheit vorenthalten werden. Und dies gilt für jedes
Volk in Osteuropa, das einmal in Unabhängigkeit und Freiheit gelebt
hat.
Diese Wahrheit mag für eine gewisse Zeit überschattet sein. Der
Tyrannei mag es für eine gewisse Zeit gelingen, eine trügerische
Fassade materieller Errungenschaften aufzurichten. Aber diese Illusion
ist kein Ersatz für die Freiheit, wie sie Männer und Frauen meinen, die
ihre Kinder in der Liebe zur Familie erziehen, sich nach eigenem Ermessen ihren Arbeitsplatz, ihre Freunde und Kollegen aussuchen und die
ihre Religion ohne Furcht ausüben.
Schl*ßlich ist, wie wir dies heute am Beispiel der Satellitenländer sehen, der Preis, den ein einstmals stolzes und unabhängiges
Volk dafür zu zahlen hat, höher als der Wert der Monumente oder Fabriken - oder Gefängnisse -, die unter der Diktatur errichtet worden
sind.
In solchen Ländern sind die Früchte des Imperialismus Unzufriedenheit, Unruhe oder Aufstände an dem einen Ort und Demonstrationen
am anderen, bis entweder die Tyrannei zerbricht oder die Machthaber
verjagt sind.
Wo durch das Eingreifen bewaffneter Streitkräfte Protestaktionen
zu selbstmörderischen Handlungen werden, mag der Tag d%r Befreiung auf
Später verschoben werden. Die Weltgeschichte legt jedoch Zeugnis ab
dafür, daß die Freiheit nicht durch Furcht vor Kanonen aus dem Gedächtnis zu tilgen ist, und daß die Liebe zur Freiheit größere Lebenskraft
hat als die Macht der Tyrannei. Es ist aber unbedingt notwendig, daß der
Geist der Freiheit und die Annehmlichkeiten, deren sich diejenigen erfreuen, die die Freiheit besitzen, den Unterdrückten zur Kenntnis gelangen .
In diesem Lichte betrachtet haben wir als Volk eine Aufgabe, eine
Mission als Vorkämpfer der menschlichen Freiheit zu erfüllen. Sie
lautet l
Erstens:

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24. Oktober 1956

Erstens« In all unseren internationalen Beziehungen dürfen
wir niemals das Grundprinzip gefährden, daß alle Völker, die einmal den Beweis ihrer Fähigkeit zur Selbstregierung erbracht haben,
auch das Recht auf eine unabhängige Regierung ihrer eigenen, völlig
freien V/ahl besitzen.
Zweitens« Wir müssen den freiheitliebenden Völkern, die unsere
Hilfe brauchen, sie wünschen und nutzbringend verwerten können, in
einer V/eise helfen, daß sie Fortschritte in ihren Bemühungen um wirtschaftliche Unabhängigkeit erzielen und die Sicherheit und den Frieden
der freien Welt zu stärken vermögen.
Drittens: Wir müssen unsere Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern so gestalten, daß wir in einer echten Partnerschaft des Handels verbunden sind, und eine stetig wachsende, von allen geteilte Prosperität fördern, die ein Schutzschild gegen alle Propaganda und politische Wühltätigkeit ist.
Viertens : Wir müssen hier bei uns ein Beispiel für die Entfaltungsmöglichkeiten des einzelnen, den Lohn für gut getane Arbeit, für all die
Errungenschaften eines freien Systems geben, damit die Welt erkennt, daß
die Freiheit des Menschen der einzig sichere Weg zum Guten ist.
Wenn wir auf diese
weiten können, wo freie
den dazu beitragen, daß
genutzt und Regierungen
werden.

Ziele hinarbeiten, werden wir den Bereich ausMenschen, freie Regierungen gedeihen. Wir werdie Grenzen der Bereiche, in denen Menschen ausgestürzt werden können, immer enger gezogen

Bei der Erfüllung dieser Mission dürfte wohl niemand eine wichtigere Rolle spielen als die freie amerikanische Arbeiterschaft. Und die
Welt wird ihre Stimme hören. Denn Ihre Worte haben Gewicht, Sie gehören
zur arbeitenden Bevölkerung Amerikas.
Und Sie sind vor allem im Kampf zwischen der Sache der Freiheit
und der Sache des Kommunismus der lebendige Beweis dafür, daß Marx
Unrecht hatte.
Die freie amerikanische Arbeiterschaft hat an der Entwicklung aller
Lebensbereiche in stetig wachsendem Maße teilgenommen - sie hat Teil am
gesamten Volksbildungswesen und verfügt über mehr Freizeit für Erholung
und kulturelle Dinget sie hat gewonnen an Würde und Geist
aber nicht dadurch, daß sie sich etwa in einen Klassenkampf einließ;
nicht dadurch, daß sie zugunsten des Staates auf Freiheiten und
Verantwortungen verzichtete ;
nicht dadurch, daß sie irgendein Eecht oder eine Pflicht freier
Menschen gegen ein Linsengericht von Staatsgarantien verschacherte;
sondern durch freiwilligen Zusammenschluß mit dem Ziel zu verhandeln und zu Tarifabkommen zu gelangen;
sie hat erkannt, daß eine gedeihliche Entwicklung von Landwirtschaft

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24. Oktober 1956

Landwirtschaft, Industrie und Arbeiterschaft nur auf der Basis
der Gemeinsamkeit zu erreichen ist;
sie hat in der Fabrik, auf Gewerkschaftsversammlungen und in
der Öffentlichkeit zu erkennen gegeben, daß das Amerikanertum
mit seinen Freiheiten und Verpflichtungen auf dem festen Glauben
an die Gleichheit in der Würde und in den Rechten aller Männer
und Frauen basiert.
Deshalb bin ich als amerikanischer Bürger und als Präsident
der Vereinigten Staaten stolz und glücklich, heute abend hier stehen
zu können und mit Ihnen den 75«Jahrestag der Gründung der "United
Brotherhood of Carpenters and Joiners of America", der Vereinigten
Gewerkschaft amerikanischer Zimmerleute und Tischler, festlich zu
begehen.
Die Gewerkschaft hat sich in ihrer Geschichte als ein echter
Repräsentant der freien amerikanischen Arbeitersrchaft, als eine
dynamische Kraft im Aufbau der freien amerikanischen Gesellschaft
erwiesen."

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�^ M E R I K A

D I E N S T

JOHN FQSTER DULLES SPRICHT ZUR GEGENWÄRTIGEN WELTLAGE

DALLAS (Texas) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Außenministers
John Foster Dulles vom 27. Oktober 1956, in der er
in Dallas vor dem Rat für Internationale Angelegenheiten in einer umfassenden außenpolitischen Rede
zu der gegenwärtigen 'Weltlage Stellung nahm.

Ich erinnere mich, daß ich fast genau vor vier Jahren hier
weilte. Wenige Tage darauf wurde ich zum Außenminister des neuen
Kabinetts ernannt, und seitdem war ich stets sehr beschäftigt. Ich
bin jedoch froh, daß ich es ermöglichen konnte, hierher nach Dallas
zurückzukehren und an den Feierlichkeiten des fünften Jahrestages
Ihres Rates für Internationale Angelegenheiten teilzunehmen.
Als ich das letzte Mal hier weilte, sprachen wir über einige
der vor uns liegenden Probleme. Ich schlage vor, daß wir das gleiche
heute abend tun werden, wobei wir zunächst einmal die Bedeutung
einiger großer Prinzipien betrachten wollen. Dies sind keine von
einer einzelnen Partei getragenen Prinzipien. Sie sind vielmehr
zum großen Teil das Ergebnis der überparteilichen Beratungen zwischen
der Exekutive und dem Kongreß.
*

Dann werde ich auf das. Suezproblem zu sprechen kommen. Es ist
dies ein spannungsgeladenes Drama, das noch nicht seinen Abschluß
gefunden hat und das jene oft als "Kampf um den Frieden" bezeichnete Bemühungen illustriert, die noch für viele Jahre und in vielen
Fragen Tag um Tag notwendig sein werden, solange wir einen gerechten
und dauerhaften Frieden erstreben.
Lassen Sie mich zuerst von unserer militärischen Stärke sprechen,
denn mit der moralischen Stärke allein ist es nicht getan, Wären wir
in bezug auf die gewaltige Militärmächt, die in den Händen skrupelloser Menschen liegt, relativ schwach, dann wären wir nicht Herr unseres eigenen Schicksals.
Während es nun verhältnismäßig einfach ist, sich für militärische Stärke zu entscheiden, ist es doch schwierig, die Entscheidung zu treffen, wie diese Stärke erreicht werden soll. Es gibt
viele Wege - Luftwaffe, Armee, Kriegsmarine - konventionelle und

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�31. Oktober 1956

AMERIKA DIENST

und Atomwaffen, Defensive oder Offensive. Wir können nicht auf all
diesen Gebieten immer und überall in der gleichen Weise stark sein,
ohne uns eine untragbare Last aufzubürden.
Zum Glück brauchen die Vereinigten Staaten nicht allein die gesamte militärische Macht zu besitzen, die notwendig ist, um gegenüber
dem Sowjetblock das Gleichgewicht zu halten. Wir haben Verbündete,
und sie tragen einen Teil zu der gemeinsamen Verteidigung bei. Auf
uns ruht allerdings eine besondere Verantwortung. Wir allein besitzen
die wirtschaftliche und finanzielle Stärke und das praktische Wissen,
um zu verhindern, daß die Welt von den Atom- und Kernwaffen beherrscht
wird, die die Sowjetunion fieberhaft entwickelt. Wir müssen die Fähigkeit besitzen, Vergeltungsmaßnahmen in solcher Stärke durchführen
zu können, die ausreichen, um vor jeder bewaffneten Aggression abzuschrecken. Wir müssen diese Fähigkeit besitzen, nicht weil wir damit
rechnen, sie anwenden zu müssen, sondern weil wir sie wahrscheinlich
niemals anzuwenden brauchen, sofern wir sie besitzen.
Aber es könnte örtlich begrenzte Aggressionen geben, eine Art
Aushöhlungsversuche, bei denen nicht sogleich die stärksten Waffen
aufgeboten werden. Wir und unsere Alliierten sollten unter uns über
die Fähigkeit verfügen, mit solchen Fällen fertig zu werden, ohne daß
durch unsere Aktion ein allgemeiner Kernwaffenkrieg ausgelöst wird.
Außerdem wäre es jedoch auch unvorsichtig, wollte man alles auf eine
Form der Rüstung setzen, da niemand mit Sicherheit voraussagen kann,
welche Anforderungen ein künftiger Krieg stellen wird.
Daher sollten wir und unsere Alliierten zusätzlich zu einer
starken nuklearen Macht über konventionelle Streitkräfte verfügen,
die zur Verteidigung der freien Welt beitragen können. Die kombinierte militärische Stärke der freien Welt muß genügend ausbalanciert,
anpassungsfähig und so formiert sein, daß sie sowohl große wie kleine
Aggressionen abschrecken oder sie zunichte machen kann.
Selbstverständlich ist ein Friede, der auf der abschreckenden
Wirkung einer militärischen Macht beruht, kein idealer Friede. Es
müßte eine kontrollierte Rüstungsbegrenzung geben. Die Erreichung
dieses Zieles aber gehört wohl zu den schwierigsten Aufgaben des
Friedens. Wenn die Schwierigkeiten vielleicht auch groß sind, so ist
die Notwendigkeit, sie zu überwinden, nicht weniger groß. Lassen
Sie uns Sorge tragen, daß unsere Maßnahmen den Glauben widerspiegeln,
daß das, was getan werden muß, getan werden kann.
Ich wende mich nun einem zweiten großen Gebiet zu, das unsere
Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt: Die Erhaltung und Stärkung unserer
kollektiven Sicherheitsabmachungen.
Die Vereinigten Staaten unterhalten gegenwärtig mit 42 anderen
Nationen Sicherheitsabkommen. Die wichtigsten Verträge sind hier
der Rio-Pakt der amerikanischen Republiken, der Nordatlantikpakt und
der Südostasienpakt.
Alle

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Alle diese Vereinbarungen sind in ihrer gegenwärtigen Form
das Ergebnis eines Gefühls der Gefahr, das aus der aggressiven
und heftigen Außenpolitik machthungriger Diktatoren erwuchs - zunächst einmal Hitler, dann die kommunistischen Machthaber in der
Sowjetunion und in China.
Heute jedoch ist dieses Gefühl der Gefahr etwas schv/ächer geworden. Die Sowjetunion hat zwar ihre Anstrengungen zur Erlangung
der militärischen Vormachtstellung mit gleicher Intensität fortgesetzt, sie war aber auch - mindestens bis zu dieser Woche - bestrebt, den Eindruck eines friedliebenden Staates zu erwecken. Aus
dieser Tatsache entwickelte sich, ob zu Recht oder zu Unrecht bleibe
dahingestellt, weithin das Gefühl, daß die Gefahr eines allgemeinen
Krieges geringer geworden sei. Das einende Band der Furcht war wohl
stark genug, uns zusammenzubringen, erscheint aber nicht stark genug,
uns zusammenzuhalten.
Das ist unlogisch, denn die grundlegende Gefahr besteht nach
wie vor: eine unerhörte militärische Macht in den Händen einer
Diktatur, die in ihrer Handlungsfreiheit nicht von ethischen Grundsätzen eingeengt wird. Wir sollten deshalb an dem festhalten, was
uns allen größere Sicherheit eingebracht hat. Wir können aber die
Tatsache nicht außer acht lassen, daß Menschen, sobald die Gefahr
nachläßt, immer die Tendenz haben, den Zusammenhalt aufzugeben - es
sei denn, sie finden eine Grundlage für die Einigkeit, die sich als
noch stärker erweist als jenes Gefühl der Gefahr.
Dies trifft vielleicht am ehesten auf den Fall der Organisation
der amerikanischen Staaten (OAS) zu. Diese Vereinigung hat eine
würdige Tradition. Ihr Ziel ist es nicht nur, eine eventuelle Aggression von außen her zurückzuschlagen, sondern auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den amerikanischen Republiken zu beseitigen. Auf
der letzten Konferenz in Panama wurde eine Vereinbarung getroffen,
daß in Zukunft mehr Nachdruck auf den Ausbau der wirtschaftlichen
und kulturellen Beziehungen gelegt werden soll. Gegenwärtig ist man
deshalb allenthalben bemüht, diese Konzeption in die Tat umzusetzen.
Dem gleichen Problem sehen wir uns auch in bezug auf die Nordatlantikpaktorganisation gegenüber. Ihre Mitgliedstaaten sind im
Augenblick dabei, die Möglichkeiten zu einer Vertiefung der nichtmilitärischen Bindungen zu überprüfen. Senator Walter George ist
der Bevollmächtigte der Vereinigten Staaten für diese Fragen und
seine großen Erfahrungen und sein Können werden ihm bei dieser
Aufgabe sehr zustatten kommen.
Im Falle unserer Bündnisse im pazifischen und asiatischen Raum
ist die Problemstellung etwas anders geartet, weil dort das kommunistische China die Furcht lebendig erhält. Es bedroht weiterhin die
Republiken Korea und Vietnam mit militärischer Macht. In periodischen
Abständen verkündet das kommunistische China die Absicht, Formosa mit
Gewalt zu erobern, und es hat auch bereits Teile von Burma mit seinen
Streitkräften besetzt.
Im

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31 . Oktober 1956

Im Fernen Osten ist es klar erkenntlich, daß die Gefahr nach wie
vor besteht, wenngleich auch dort das kommunistische China gelegentlich den Versuch macht, durch gleißnerische Versprechungen Freunde zu
gewinnen. Somit können wir noch nicht einmal dort voll auf die einigende Wirkung der Furcht vertrauen. Gesündere Bindungen zu finden,
wird deshalb eine der Aufgaben der Außenminister der Staaten der Südostasienpakt-Organisation auf ihrer nächsten Tagung im Frühjahr nächsten
Jahres sein.
Wir wollen dabei selbstverständlich die Vereinten Nationen nicht
vergessen. Sie wurden mit dem Ziel gegründet, allen Völkern eine kollektive Sicherheit zu geben sowie eine stärkere wirtschaftliche und
soziale Zusammenarbeit herbeizuführen. Die Vereinten Nationen leisten
in dieser Hinsicht, ebenso wie in der Vergangenheit, auch heute ausgezeichnete Dienste. Allerdings blieb das bisher Erreichte hinter den
gesteckten Zielen zurück. Die Stärkung der Vereinten Nationen ist deshalb eine weitere lebenswichtige Phase der gemeinsamen Anstrengungen
zur Festigung von Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.
Ein drittes wichtiges Problem bilden die 700 Millionen Menschen
in den 18 jungen Staatswesen, die in der Zeit seit Ende des zweiten
Weltkrieges ihre volle Unabhängigkeit erlangt haben.
Diese neuen Nationen unterscheiden sich in vieler Hinsicht sehr
deutlich voneinander. Aber sie gleichen sich insofern, als sie alle
von Nationalbewußtsein und Patriotismus durchdrungen sind, die ihnen
die Freiheit eingebracht haben. Ebenso huldigen sie dem Fortschritt,
von dem sie sich eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage erhoffen.
Ein Teil dieser erst seit kurzer Zeit unabhängigen Staaten ist
sich darüber im klaren, daß ihre Unabhängigkeit am besten durch
kollektive Sicherheitsvereinbarungen, wie wir sie dargelegt haben,
gewährleistet wird. Wir sind stolz darauf, mit diesen Nationen verbunden zu sein, und sind fest entschlossen, das in uns gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen.
Es gibt auch junge unabhängige Nationen, die es vorziehen, sich
nicht irgendwelchen kollektiven Sicherheitspakten anzuschließen. Wir
respektieren natürlich vollauf ihre Entscheidungsfreiheit.
Wir haben ein außerordentliches Interesse an der Unabhängigkeit
all dieser jungen Nationen und sind bereit, ihnen durch einen Beitrag
aus unseren Erfahrungen und Hilfsquellen zu helfen, eine solide Grundlage für ihre Freiheit zu schaffen.
Dies ist für die freie Welt Problem und Aufgabe zugleich. Denn
auf die Dauer gesehen sind politische Unabhängigkeit und wirtschaftliches Wohlergehen voneinander abhängig. Vieles ist bereits getan
worden und wird gegenwärtig getan, um diesem Problem gerecht zu werden.
Aber dies war nur eine schrittweise Entwicklung. Die Suche nach zufriedenstellenden und verlässlichen Methoden dauert noch immer an.
Die

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Die freie Welt ist sehr wohl in der Lage, die Gewehr dafür zu
geben, daß ein Volk, das sich der Freiheit verschrieben hat, nicht
gezwungen ist, zwischen kommunistischer Versklavung und wirtschaftlicher Not zu wählen.
Eine weitere wesentliche Sorge unserer Außenpolitik gilt den
in Unfreiheit lebenden Völkern der Welt. Wir hatten den zweiten Weltkrieg als einen Befreiungskrieg betrachtet. Die Atlantik-Charta und
die Deklaration der Vereinten Nationen verpflichten alle Alliierten, die
Souveränitätsrechte und die Selbstregierung allen jenen zurückzugeben,
denen sie gewaltsam genommen worden waren, und das Recht aller Völker
anzuerkennen, sich selbst die Regierungsform zu wählen, unter der sie
leben wollen. Leider sind diese feierlichen Versprechen verletzt worden,
und in Osteuropa ist eine Art der Unterjochung nur durch eine andere
abgelöst worden.
Aber patriotischer Geist und die Sehnsucht der Menschen nach Gedanken- und Gewissensfreiheit und nach dem Recht, sich ihr Leben selbst
zu gestalten, sind Kräfte, die an den eisernen Banden der Sklaverei
nagen und sie schließlich zerbrechen.
Wir erleben heute dramatische Beweise für diese Wahrheit. Das
polnische Volk lockert nunmehr den sowjetischen Griff um das Land,
das 63 liebt. . Und die heldenhafte Bevölkerung Ungarns bietet dem
mörderischen Feuer der Panzer der Roten Armee Trotz. Für diese Patrioten
bedeutet die Freiheit mehr als das Leben. Und alle, die sich der Freiheit in Frieden erfreuen, haben die feierliche Pflicht, mit allen geeigneten Mitteln danach zu trachten, daß die Menschen, die jetzt für
die Freiheit sterben, ihr Leben nicht umsonst gegeben haben.
Die Schwäche des sowjetischen Imperialismus hat sich deutlich
gezeigt. Diese Schwäche ist nicht militärischer Natur, auch beruht
sie nicht auf einem Mangel an materieller Macht. Er ist schwach, weil
er versucht, durch Unterdrückung menschlicher Wünsche, die sich nicht
dauernd unterdrücken lassen, und durch Verschleierung von Wahrheiten,
die sich nicht dauernd verheimlichen lassen, eine unnatürliche Gewaltherrschaft aufrecht zu erhalten.
Nach außen erwecken die imperiaistischen Diktaturen oft einen
furchterregenden Eindruck. Eine Zeitlang erscheinen sie hart, glänzend
und unwiderstehlich. Tatsächlich aber erweisen sie sich "wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind
sie voller Totengebein und Unflat." Sie haben verwundbare Stellen,
die nicht leicht erkennbar sind.
Von Anfang an ist die amerikanische Nation überall in der Welt
für politische Unabhängigkeit und menschliche Freiheit eingetreten.
Von unserer Unabhängigkeitserklärung sagte Lincoln, daß sie "nicht
nur den Menschen dieses Landes die Freiheit, sondern auch der Welt
Hoffnung für alle Zukunft" gebe. In der Zeit, als unsere Nation gegründet wurde, befand sich der Despotismus auf einem Höhepunkt. Doch

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Doch unsere freie Gesellschaft und die großen Erfolge, die sie zeitigte, wurden überall in der Welt bekannt und tragen dazu bei, die Unterdrückten Völker der damaligen Zeit dafür zu begeistern, Möglichkeiten
zu fordern und zu erlangen, um ihr eigenes Schicksal in die Hand zu
nehmen. Heute setzt unsere Nation ihre historische Aufgabe fort. Bei
den unterworfenen Völkern soll kein Zweifel darüber bestehen, daß sie
in uns einen aufrichtigen und selbstlosen Freund besitzen, der ihre
Hoffnungen teilt. Sie müssen wissen, daß sie während der Zeit des
Umstellungsprozesses ihrer Wirtschaft, def unvermeidlich ist, wenn sie
ihre produktiven Bemühungen in den Dienst ihres eigenen Volkes und
nicht mehr in den Dienst ihrer Unterdrücker stellen, von unserem Überfluß erhalten können. Auch stellen wir nicht die Bedingung, daß wirtschaftliche Bindungen zwischen uns von der Annahme irgendeines bestimmten Gesellschaftssystems abhängig sind.
Lassen Sie mich folgendes aussprechen, was über jeden Zweifel erhaben ist» In ihrem Wunsche, die Satellitenländer frei zu sehen, verfolgen die Vereinigten Staaten keine hintergründigen Absichten. Wir
haben den aufrichtigen Wunsch, daß diese Völker, die so viel zu unserem eigenen nationalen Leben beigetragen haben, ihre Souveränität wiedererhalten und daß sie Regierungen nach eigener freier Wahl bilden können.
Wir betrachten diese Nationen nicht als potentielle militärische Verbündete. Wir betrachten sie als Freunde und als Teil eines neuen befreundeten und nicht mehr länger geteilten Europas. Wir bauen darauf, daß ihre
Unabhängigkeit, wenn sie ihnen unverzüglich gewährt wird, außerordentlich
zur Festigung des Friedens in ganz Europa, im Westen und im Osten, beitragen wird.
Ich möchte hierbei noch ein Wort über die künftigen Beziehungen
mit den Völkern hinzufügen, aus denen sich die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zusammensetzt. Auch sie dürfen hoffen. Mit
der zunehmenden Bildung der breiten Massen und der Entwicklung der
Industrie entstand ein wachsendes Verlangen nach geistiger Freiheit,
nach größerer gesetzlich geschützter persönlicher Sicherheit und
nach der Möglichkeit, die schönen Dinge des Lebens zu genießen.
Diesen Forderungen ist in gewissem Maße stattgegeben worden.
Es besteht Grund zu der Annahme, daß sich diese. Entwicklung
als unwiderruflich erweisen wird. Sie mag eines Tages dazu führen,
daß das amerikanische Volk mit dem russischen Volke die Beziehungen der Freundschaft unterhalten kann, die es sich wünscht und die
Regierungen unserer Länder als Freunde miteinander verhandeln können»

Ich

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Ich habe nur die allgemeinen Punkte berührt. Daneben gibt es die
speziellen Probleme. In einer Welt, die so deutlich die menschlichen
Leidenschaften und Unzulänglichkeiten widerspiegelt, werden ständig
besondere Situationen entstehen, die den Frieden oder die guten Beziehungen zwischen den Nationen bedrohen. Die Geschichte weist eine
lange Reihe solcher Probleme auf; es gibt sie heute und wird sie in
Zukunft geben. Ich will kurz auf eines davon eingehen - den Streit um
den Suezkanal. Ich greife gerade dieses Problem heraus, weil es von
unmittelbarer und großer Bedeutung ist, und weil es das ständig gegenwärtige Problem des "Kampfes für den Frieden" deutlich macht.
Der Suezkanal ist die wichtigste künstliche Wasserstraße der
Welt. Sie ist durch Vertrag internationalisiert. Seit ihrer Eröffnung
vor 90 Jahren wurde sie von der unter Beteiligung der ganzen Welt gegründeten Suez-Kanal-Gesellschaft betrieben. Am 26. Juli 1956 hat die
ägyptische Regierung aus nationalen Erwägungen heraus das Vermögen der
Gesellschaft beschlagnahmt und den Betrieb des Kanals in eigene Regie
übernommen.
Die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten traten unmittelbar darauf zu einer Konferenz zusammen,
um darüber zu beraten, welche Schritte unternommen werden könnten.
In einigen Kreisen vertrat man die Auffassung, daß man auf der Stelle
Gewaltmaßnahmen ergreifen solle, um die Verhältnisse wiederherzustellen,
wie sie vor dem ägyptischen Schritt bestanden hatten. Unsere drei Regierungen kamen jedoch überein, die 24 unmittelbar betroffenen Staaten,
darunter auch Ägypten, zu einer Konferenz einzuladen.
Das war "Friedensbemühung Nummer eins".
Diese Konferenz fand in London im August statt. Nur zwei der
eingeladenen Staaten, darunter Ägypten, erschienen nicht auf der
Konferenz. Auf dieser Konferenz formulierten 18 Staaten aus Europa,
Asien, Afrika, Australien und Amerika, auf die zusammen 90 Prozent
des gesamten Schiffsverkehrs durch den Suezkanal entfallen, einen
Vorschlag, dessen Ziel es war, einen erfolgreichen und zuverlässigen
Betrieb sowie den Unterhalt und den weiteren Ausbau des Kanals gemäß
der Konvention von 1888 sicherzustellen.
Diese Londoner Konferenz war "Friedensbemühung Nummer zwei" .
Im Anschluß daran entsandten die 18 Staaten, die dem erwähnten
Vorschlag beipflichteten, eine aus Vertretern von fünf Ländern gebildete Mission nach Kairo, an deren Spitze der australische Ministerpräsident Menzies stand und die die Aufgabe hatte, dem ägyptischen
Staatschef Nasser ihren Vorschlag zu unterbreiten.
Diese Mission nach Kairo war "Friedensbemühung Nummer drei".

Als

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Als Staatschef Nasser diesen Vorschlag zurückwies, traten die
18 Staaten im September abermals in London zu einer Konferenz zusammen. Sie arbeiteten dort einen Plan bezüglich der Schaffung einer
kooperativen Vereinigung zur Vertretung der Interessen der foli!«
benutzer aus. lies geschah in der BeffhUAft daß di**? IfafiifliÄ&amp;ftjh
die zunächst auf eine provisorische Arbeitsbasis gestellt wurde, in
ausreichendem Maße zu einer Zusammenarbeit mit den ägyptischen Kanalbehörden gelangen möge.
Diese Konferenz vom September war "Friedensbemühung Nummer vier".
Während die Vereinigung der Kanalbenutzer noch im Begriff stand,
sich zu konstituieren, brachten Großbritannien und Frankreich die
Suez-Frage vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Nach neuntägigen Beratungen billigte der Sicherheitsrat sechs
Grundsätze für die Lösung des Suez-Problems. Diese sechs Grundsätze
waren im wesentlichen die gleichen, die von den 18 Benutzerstaaten auf
der Londoner Konferenz vom August angenommen worden waren.
Frankreich und Großbritannien schlugen ferner Maßnahmen vor,
die eine Verwirklichung dieser Grundsätze beschleunigen sollten.
Dieser Teil der entsprechenden Entschließung erhielt neun von insgesamt elf Stimmen, wurde allerdings auf Grund des Vetos der Sowjetunion angenommen.
Dieses Vorgehen des Sicherheitsrates war "Friedensbemühung Nummer
fünf".
Während die formellen Erörterungen im Sicherheitsrat noch im
Gange waren, kam es zu einem inoffiziellen privaten Meinungsaustausch
zwischen den Außenministern Großbritanniens, Frankreichs und Ägyptens,
der durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen angeregt worden
war.
Diese privaten und inoffiziellen Besprechungen waren "Friedensbemühungen Nummer sechs".
Man hofft jetzt, daß es zwischen den drei genannten Regierungen
zu einem weiteren Gedankenaustausch kommt. Diese Konferenzen wären,
wenn sie Zustandekommen, "Friedensbemühung Nummer sieben".
Ich bin überzeugt, daß diese Aufzählung Sie nicht ermüdet hat.
Ich kann Ihnen versichern, daß die praktischen Bemühungen selbst,
wenn sie auch hohe Anforderungen stellten, für die vielen Menschen
aus den zahlreichen Ländern keineswegs ermüdend waren, die auf diese
Weise versuchten, eine friedliche und gerechte Lösung für eine Situation zu finden, wie sie durch die Beschlagnahme einer Einrichtung von
großer internationaler Bedeutung seitens der ägyptischen Regierung
entstanden ist.
Unter

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Unter den Verhältnissen in der Welt, wie sie vor der Annahme der
Charta der Vereinten Nationen bestanden, wäre es mit größter Wahrscheinlichkeit binnen kurzem zum Krieg gekommen. Wir sehen noch nicht klar,
wie sich die künftige Entwicklung gestalten wird. Aber seit drei Monaten bemüht man sich nahezu unaufhörlich, eine Lösung auf dem Verhandlungswege zu erzielen. Der Kampf um den Frieden ist mit Intensität und
Einfallsreichtum geführt worden. Die nächste Phase, die vielleicht entscheidend sein wird, hängt in erster Linie von den drei am unmittelbarsten betroffenen Regierungen ab - den Regierungen Frankreichs,
Englands und Ägyptens -, wobei auch der Generalsekretär der Vereinten
Nationen eine wichtige Rolle spielt.
Wir glaubten von Anfang an, daß jede Lösung, wie sie auch ausfallen würde, zwei Grundtatsachen berücksichtigen müsse. Das eine
Prinzip ist, daß ein internationaler Wasserweg wie der Suezkanal, der
stets einen internationalen Status hatte, rechtens nicht zum Instrument
der Politik irgendeiner Regierung werden darf, was bedeuten würde,
daß das gleiche Recht aller auf Durchfahrt von der Gunst dieser Regierung abhängig gemacht werden kann. Ägypten braucht sich deshalb
nicht der Rechte zu begeben, die ihm als einem souveränen Staat, durch
dessen Hoheitsgebiet dieser internationale Wasserweg führt, normalerweise zustehen. Dies bedeutet aber, daß es Ägypten nicht möglich
sein darf, offen oder versteckt nach eigener Willkür den Betrieb dieses
internationalen Wasserwegs zu regeln, so daß die Staaten, die auf ihn
angewiesen sind, in Wahrheit ständig unter einem wirtschaftlichen
Damoklesschwert leben. Das wäre ein unerträglicher Zustand. Er wäre
unvereinbar mit den Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen,
die besagen, daß solche Situationen in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts gelöst werden müssen.
Der zweite wichtige Grundsatz ist, daß die gegenseitige Abhängigkeit Europas, Asiens und Afrikas in wirtschaftlicher Hinsicht, die
den Suez-Kanal so unentbehrlich macht, durch Zwang und Gewalt nicht
aufrechterhalten werden kann.
Wenn die Verwirklichung dieser beiden Grundsätze im Geiste der
Aufrichtigkeit angestrebt wird, dann kann eine Vereinbarung auf dem
Verhandlungswege zustande kommen.
Ich kann nicht voraussagen, wie sich die Dinge weiterentwickeln
werden. Die Situation ist ernst. Es gibt mehrere störende und die
Dinge noch komplizierende Faktoren, die nichts mit der Kanalfrage
selbst zu tun haben. Wenn jedoch die Regierungen der am meisten
betroffenen Staaten, die Regierungen also von Frankreich, Großbritannien und Ägypten, mit Hilfe der Vereinten Nationen zu einem Übereinkommen gelangen sollten, dann haben sie dem jahrhundertealten Kampf
um einen gerechten und dauerhaften Frieden ein ermutigendes Kapitel
hinzugefügt. Sie werden dann jenes Lob verdienen, das die öffentliche
Meinung in aller Welt und die Geschichte ihnen bestimmt zuerkennen
werden.
Was

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"AMERIKA DIENST"

Was ich hier über die Suezfrage gesagt habe, läßt vielleicht
auch den Schluß zu, daß sich keine der allgemeinen Richtlinien bezüglich der einzuschlagenden Politik, wie ich sie im ersten Teil meiner
Rede aufgezeigt habe, in die Tat umsetzen lassen wird, ohne daß sich
dabei eine Vielzahl von Hindernissen auftut, die es zu überwinden gilt.
Wir alle kennen die Hindernisse, denen sich Menschen in Zeiten
des Krieges gegenübersehen und die sie überwinden, um den Sieg zu
erringen. Man scheint dagegen nicht zu erkennen, daß es in Zeiten
des Friedens vergleichbarer Anstrengungen bedarf, um den Frieden zu
erhalten. Der Friede wird so lange nicht gewonnen werden, wie die
Menschen ihr Bestes nur im Krieg zu leisten bereit sind. Auch der
Friede muß erkämpft werden, genauso wie Kriege durchgekämpft werden,
und Menschen und Völker haben tatkräftig und opferbereit darauf hinzuarbeiten, der Bedrohungen von Frieden und Gerechtigkeit Herr zu
werden.
Ich sehe keinen Grund dafür, daß dies nicht möglich sein sollte.
Der Friede ist sicherlich ein Ziel, dessen Erringung die gleiche Hingabe verdient, wie die Erringung des Sieges im Kriege. Heute ist dies
wichtiger denn je zuvor, da wir in einer Welt leben, bei der es im
Falle eines Krieges vielleicht noch nicht einmal einen Sieger geben
wird.
Ich vertraue darauf, daß die von mir hier aufgezeigte Geisteshaltung dem Denken des amerikanischen Volkes und seiner politischen
Führung, gleichgültig welcher Partei diese angehört, entspricht. Wenn
die Völker und Führer anderer Länder sich zu der gleichen Geisteshaltung aufschwingen, dann können wir einer Zukunft entgegengehen,
die uns trotz vielfältiger verwirrender Phänomene hoffnungsvoll zu
großen schöpferischen Taten aufruft.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E

EISENHOV/ER; VERTRAUEN UND VERSTÄNDNIS UNTER ALLEN
VÖLKERN SCHAFFEN

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower vom 23. Oktober 1956, in
der er auseinandersetzt, warum die USA die H —
Bombenversuche fortsetzen werden.
Der Präsident gab diese Erklärung im Rahmen
eines Berichtes über die nukleare Abrüstung,
der auf Informationen des US-Außen- und des
US-Verteidigungsministeriums und der US-Atomenergie-Kommission basiert und vom Weißen Haus
nunmehr veröffentlicht wurde.

"Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es im öffentlichen Interesse
liegen würde, wenn ich vor Ihnen, dem amerikanischen Volk, und vor der
Welt einen umfassenden und klaren Überblick über die Politik und die
Maßnahmen unserer Regierung in bezug auf die Entwicklung und Erprobung der nuklearen Kampfmittel gebe, soweit diese unsere nationale
Verteidigung, unser Streben zur Herbeiführung einer Weltabrüstung
und unseren Wunsch nach einem sicheren und gerechten Frieden für alle
Nationen betreffen.
Bei diesem Dienst am Weltfrieden darf eine Tatsache niemals außer
acht gelassen werden. Es ist diese: Das kritische Problem besteht
nicht darin, Kernwaffen zu prüfen, sondern darin, ihre Anwendung in
einem Atomkrieg zu verhindern. Amerika hat wiederholt seine Bereitschaft, ja den aufrichtigen Wunsch zum Ausdruck gebracht, alle nuklearen Kampfmittel für dauernd abzuschaffen, die Erprobungen derartiger Waffen einzustellen, einen Teil unserer gewaltigen Rüstungsausgaben in den wichtigeren Dienst der Förderung des Wohles der Menschheit zu stellen - alle diese Dinge zu tun, wann immer und sobald dem
einen grundlegenden Erfordernis Genüge getan ist, dem Erfordernis
nämlich, daß wir als Nation und alle anderen Völker vor einem Angriff
sicher sind.
Aus diesem Geiste und dieser Erkenntnis heraus haben wir als
Nation zwei Aufgaben zu erfüllen. Einmal müssen wir - und wir tun
das auch - unermüdlich danach streben, mit anderen Nationen Abkommen zu treffen, die Vertrauen und Verständnis unter allen Völkern

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Völkern schaffen. Zweitens müssen wir zur gleichen Zeit und bis zu dem
Zeitpunkt, wo das internationale Vertrauen endgültig sichergestellt
ist, darauf achten - und wir tun dies -, daß die Qualität und Quantität unserer militärischen Waffen einen derartigen Respekt gebieten, daß
sie jede Nation von der Versuchung
abhalten, eine Aggression zu beginnen.
Deshalb entwickeln wir Waffen, nicht um Krieg zu führen, sondern
um ihn zu verhindern. Nur im hellen Lichte dieser größeren Wahrheit
können wir die untergeordnetere Frage der Erprobung unserer Kernwaffen
korrekt prüfen.
Ich habe in der vergangenen Woche in dieser Angelegenheit die
zuständigen Ministerien und Stellen unserer Regierung angewiesen, mir
eine Zusammenfassung aller wichtigen Fakten aus ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich zu unterbreiten. Dieses Material umfaßt die Zeitspannen der letzten elf Jahre - seit der ersten Atomexplosion, die bei
einem Versuch in Neu-Mexiko stattfand. In diesem Zusammenhang mag die
Feststellung angemessen sein, daß ich mich in diesen elf Jahren in fast
ununterbrochener Folge persönlich mit diesen Dingen befaßt habe, nämlich in meiner Eigenschaft als Stabschef der Armee, als Berater des
Verteidigungsministers, als Oberster Befehlshaber der alliierten Truppen in Europa und seit 1953 als Ihr Präsident und als Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte.
Die Liste der von Ihrer Regierung getroffenen politischen Schritte
und Maßnahmen wird hiermit der Öffentlichkeit übergeben
soweit dies
ohne die nationale Sicherheit zu gefährden - möglich ist. Sie umfaßt
Fakten aus dem Bereich der nationalen Verteidigung, der wissenschaftlichen Entwicklung und der diplomatischen Bemühungen. Dieses Material
spiegelt in klarer und konsequenter Weise die beständigen, friedlichen
Zielsetzungen unserer Nation wider.
Ich halte es in diesem Überblick für angemessen, auf die wichtigsten Fakten des anliegenden Berichtes hinzuweisen.
Erstens: Unsere Regierung hat in ihren Bemühungen nicht nachgelassen, die Rüstungslasten in der gesamten Welt zu erleichtern, eine
wirkungsvolle internationale Kontrolle der Erprobung und Anwendung
aller Kernwaffen zu schaffen und die internationale Anwendung der
Atomenergie für friedliche Bedürfnisse und Ziele zu verwirklichen.
Die sichtbaren Beweise dieser Anstrengungen erstrecken sich vom Beginn unserer Regierung bis auf heute:
a) meine Rede vom 16. April 1953» in der ich bereits diese besonderen Zielsetzungen zur Verwirklichung empfahl;
b) das im Dezember gleichen Jahres unterbreitete "Atome-für-denFrieden"-Programm;

li
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c) die Ernennung eines Sonderbeauftragten für Abrüstungsfragen
mit Ministerrang, um unsere Abrüstungsbemühungen zu entwickeln und zu
koordinieren;
d) mein während der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli
1955 unterbreiteter Vorschlag, den Austausch militärischer Pläne zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion sowie eine gemeinsame
Luftihspektion durch die Formel der "Offenen Himmel" unverzüglich zu beginnen;
e) die Annahme des sowjetischen Vorschlags für die Schaffung von
Bodeninspektionsgruppen, sofern diese mit der Luftinspektion gekoppelt
sindj
f) die i n dieser Woche erfolgte Annahme der Statuten für die Internationale Atomenergiebehörde, an deren friedlichen Zielsetzungen
sich 81 Nationen beteiligen; und
g) unsere fortgesetzte konstruktive Beteiligung an der Arbeit der
UN-Abrüstungskommission.
Tatsachen, wie die hier aufgeführten, haben meiner Erklärung
vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 8. Dezember 1953
Inhalt und Gültigkeit gegeben. Damals sagte ich:
'Die Vereinigten Staaten geloben vor Ihnen und damit vor aller
Welt, daß sie entschlossen sind, das furchtbare, durch das Atom geschaffene Dilemma zu lösen - und daß sie all ihre Kräfte des Herzens
und des Verstandes daran setzen worden, einen Weg zu finden, damit des
Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht,
sondern seinem Leben geweiht wird.'
Zweitens: Das unerlässliche Prinzip, auf dem wir bestanden haben,
war die Gewährleistung wirksamer Maßnahmen und Kontrollen in einem
jeden Abrüstungsprogramm. Unsere Bereitschaft, mit einer Abrüstung im
Rahmen solcher Sicherheitsmaßnahmen zu beginnen, ist in den letzten
dreieinhalb Jahren immer wieder bestätigt und bekräftigt worden. Auf
der Genfer Außenministerkonferenz vom vergangenen Herbst hat der amerikanische Außenminister diese Bereitschaft unter besonderer Bezugnahme
auf die nuklearen Waffen und ihre Erprobung erneut bestätigt.
Es gibt nur einen einzigen Grund, warum bis jetzt kein sicheres
Abkommen getroffen worden ist: die Weigerung der Sowjetunion, irgendein verlässliches System gegenseitiger Sicherheitsgarantien anzunehmen. Allein in den letzten beiden Jahren hat die Sowjetunion nicht
weniger als 14 amerikanische Vorschläge zur Abrüstung und Kontrolle
nuklearer Waffen abgelehnt.
Drittens: Angesichts dieser Tatsachen hat unsere Regierung ihre
Bestände an Kernwaffen ständig vergrößert und die Entwicklung und
Erprobung der modernsten nuklearen Kampfmittel fortgesetzt. Die Macht
dieser Waffen zur Abwehr einer Aggression und zur Wahrung des Weltfriedens könnte verloren gehen, wenn wir es versäumen, unsere Überlegenheit

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31. Oktober 1956

Überlegenheit hinsichtlich dieser Waffen aufrecht zu erhalten. Und
die Bedeutung unserer Stärke auf diesem speziellen Gebiet der Waffentechnik wird nachdrücklich durch die unumstößliche Tatsache unserer
zahlenmäßigen Unterlegenheit gegenüber den Kommunisten unterstrichen.
Viertens: Die Fortdauer der gegenwärtigen Rate von Wasserstoffbombenversuchen stellt nach dem ganz nüchternen und verantwortungsbewußten Urteil der Wissenschaft keine Gefährdung der Gesundheit der
Menschheit dar. Was die Menge des aus diesen Versuchen resultierenden
radioaktiven Niederschlages einschließlich des Strontium 90 anbetrifft,
so kommt wohl dem darüber von der unabhängigen Nationalen Akademie der
Wissenschaften abgegebenen Urteil die größte Autorität zu. Sie berichtete im vergangenen Juni im Anschluß an eine von 150 der namhaftesten
Wissenschaftler durchgeführte Studie, daß die Menschen auf Grund aller
bisherigen Waffenversuche und bei Fortdauer der gegenwärtigen Rate
dieser Versuche nur einem Bruchteil der Strahlungen ausgesetzt sind,
die sie normalerweise während ihres Lebens auf Grund natürlicher Strahlenquellen und medizinischer Röntgenstrahlen aufnehmen.
Fünftens: Andererseits zeitigt die Fortsetzung dieser Versuche
zwei wichtige segensreiche Resultate.
Einmal geben uns die jüngsten Versuche nunmehr die Möglichkeit,
unsere Waffen genauer und wirksamer zu gestalten und zu kontrollieren,
den radioaktiven Niederschlag drastisch zu reduzieren und diese Waffen
so zu bauen, daß sie sich - wenn sie je eingesetzt werden sollten leichter auf militärische Ziele konzentrieren lassen. Man rechnet zuversichtlich mit weiteren Fortschritten in dieser Richtung.
Zum anderen haben diese jüngsten Versuche uns bei der Entwicklung
von Waffen geholfen - Waffen, die nicht in erster Linie eine größere
Zerstörungskraft haben, sondern für die Verteidigung unseres Volkes
gegen jeden etwaigen Angriff bestimmt sind - sowie Kenntnisse vermittelt, die für unser gesamtes ziviles Verteidigungsprogramm von entscheidender Wichtigkeit sind.
Sechstens: Radioaktiver Niederschlag, auch radioaktives Strontium
90 tritt nach allen Kernwaffenversuchen - gleich welcher Größe - auf.
Allerdings ist der radioaktive Niederschlag von der Art der Waffe und
ihrer Größe abhängig. Ein solcher Niederschlag kann nicht - wie gesagt
worden ist - durch die Begrenzung der Versuche auf kleinere Waffen vermieden werden. Niederschlag von Strontium 90 ist eine Folge des Atomspaltungsprozesses. Die Atomspaltung aber ist sozusagen das Grundphänomen aller kleineren Waffen. Somit beruht der Gedanke, daß wir
'die Ausstreuung dieses gefährlichen Materials in die Luft beenden
können', indem wir uns auf kleinere durch Atomspaltung wirksame Waffen
konzentrieren, auf einer anscheinenden Unkenntnis dieser Tatsachen.
Siebtens: In bezug auf die Sowjetunion ist folgendes zu sagen:
Es ist unbestreitbar, daß die Sowjetunion mit dem Gedanken einer
Einstellung der H-Bombenversuche sympathisiert. Dieser Gedanke spiegelt lediglich das seit der Erörterung des Baruch-Planes im Jahre

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Jahre 194&amp; wiederholt gezeigte Beharren der Sowjetunion wider, daß
alle Abrüstungspläne auf einfachen, freiwilligen Abkommen basieren
sollen. Diese Formel sieht heute, genauso wie früher, keinerlei Sicherheitsmaßnahmen, keine Kontrollen und keine Inspektion vor.
Achtens: Man kann ein einfaches Abkommen zur Einstellung der
H-Bombenversuche nicht als etwas ansehen, das sich automatisch Geltung
verschafft, indem man von der durch nichts bestätigten Annahme ausgeht,
daß derartige Versuche sofort und auf sichere V/eise entdeckt werden
können. Es stimmt zwar, daß Versuche mit sehr großen Waffen vermutlich
in dem Augenblick registriert werden können, wo sie durchgeführt werden.
Wir sind der Ansicht, daß wir praktisch alle bisher erfolgten derartigen Versuche entdeckt haben. Es ist jedoch in Anbetracht der ungeheuren sowjetischen Landmasse, durch die eventuelle zukünftige Versuche
abgeschirmt werden können, unmöglich, eine absolut positive Gewißheit
hinsichtlich einer solchen Registrierung zu haben, ausgenommen im Falle
eines Versuches mit den größten Waffen. Es ist auch nicht möglich, unmittelbar, nachdem ein in weiter Entfernung erfolgter Versuch entdeckt
worden ist, den Umfang und die Art dieses Tests zu bestimmen.
Neuntens: 'Wenn unsere Regierung die Forschungs- und Vorbereitungsarbeiten für Versuche und auch die Versuche selbst einstellen sowie
derartige Vorbereitungen erst nach Kenntnisnahme der Tatsache wiederaufnehmen sollte, daß eine andere Nation eine weitere Wasserstoffbombe
zur Explosion gebracht hat, so würden wir vielleicht feststellen müssen,
daß unsere gegenwärtige eindeutige Führung auf dem Gebiet der thermonuklearen Waffen verlorengegangen oder sogar ins Gegenteil verkehrt worden
ist.
Zehntens: Wenn unsere Regierung lediglich die Versuche einstellen,
Vorsichtshalber jedoch Forschung und Vorbereitungsarbeiten fortsetzen
sollte, sofern dies überhaupt durchführbar ist, dann könnten wir noch
immer einen schwerwiegenden militärischen Nachteil erleiden. Um derartige Versuche wie jene, die auf unserem Versuchsgelände im Pazifischen
Ozean durchgeführt wurden, vorzubereiten und durchzuführen, benötigt
man mindestens ein Jahr.
Diese Tatsachen führen zwangsläufig zu zwei Schlußfolgerungen:
Einmal müssen wir unsere Stärke hinsichtlich der modernsten Waffen
im Interesse unserer eigenen nationalen Sicherheit, im Interesse aller
freien Nationen und im Interesse des Friedens selbst solange weiter
entwickeln, bis internationale Abkommen mit angemessenen Sicherheitsgarantien erreicht werden können.
Zum anderen müssen und werden wir unablässig danach streben,
keine illusionäre, sondern eine wirkliche Abrüstung in der Welt zu
erreichen. Die Illusion kann in diesem Fall zwei Formen annehmen. Sie
kann bedeuten, daß man Abkommen ohne Sicherheitsgarantien vertraut.
Oder sie kann in der Annahme bestehen, daß eine einfache Einstellung
unserer Atomversuche, ohne dabei sichere Kenntnis von den Aktionen der
anderen Mächte zu besitzen, einen Fortschritt und keine Gefahr bedeutet.
In

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�51 . Oktober

AMERIKA DIENST

1956

In der Nachkriegsgeschichte gibt es nichts, was die Ansicht rechtfertigen würde, wir sollten bei irgendwelchen Abrüstungsvereinbarungen
etwas akzeptieren - oder könnten dies auch nur wagen - w a s weniger
darstellt als gesunde Sicherheitsmaßnahmen und Kontrollen.
Ich habe auch weiterhin die feste Hoffnung, daß wir die Verwirklichung einer bedeutsamen internationalen Abrüstung erleben werden,
wenn wir stark und unbeirrt bleiben.
Wir haben allen Grund zu glauben, daß die Länder der Welt über
ein System verlässlicher, die Abrüstung bestimmender Kontrollen Einigung erzielen können, wenn auf allen Seiten eine aufrichtige und friedliche Zielsetzung vorhanden ist. Wir werden niemals aufhören, dieses
Ziel anzustreben."

* * * * *

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�\ M E R I K A

US-BEITRAG ZUR WELTATOMBEHÖRDEt

D I E N S T

5000 KILOGRAM URAN 235

VEREINTE NATIONEN (NEW YORK) - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Botschaft des US-Präsidenten Dwight D.
Eisenhower&gt; vom 26.Oktober 1956, in der er erklärt, daß die Vereinigten Staaten der neuen
Internationalen Atombehörde, die ihren Sitz
voraussichtlich in Wien haben wird, 5000 kg
Uran 235 und darüber hinaus bis I.Juli i960
die gleiche Menge spaltbaren Materials zur
Verfügung stellen wird wie alle anderen Mitgliedstaaten zusammen.
Die Botschaft wurde vom Vorsitzenden der USAtomenergiebehörde auf der Schlußsitzung der
internationalen Konferenz für die neue Weltatomenergiebehörde in New York verlesen.
"Herr Präsident, meine Herren Delegierten der Konferenz über
das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde 1
Fast drei Jahre sind vergangen, seit ich die Ehre hatte, auf
eine Einladung hin vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen. Bei diesem Anlaß schlug ich im Namen der Vereinigten Staaten vor, daß die Atomkraft - die größte Kraft, die die
Wissenschaft jemals in die Hände der Menschen gelegt hat - der
Arbeit für den Frieden dienstbar gemacht werden sollte.
Im einzelnen zielte mein Vorschlag darauf ab, daß erstens
die Regierungen damit beginnen und darin auch fortfahren, aus
ihren für Kriegszwecke angelegten Atommaterialvorräten gemeinsame Beiträge an eine internationale Behörde zu entrichten und
daß zweitens diese Behörde dafür verantwortlich sein sollte, Verfahren auszuarbeiten, wie diese Atommaterialien für die Nöte der
Landwirtschaft, der Medizin sowie andere friedliche Aufgaben der
Menschheit dienstbar gemacht werden können.
Die Vereinigten Staaten gaben dann ein feierliches Versprechen
ab, alle ihre Kräfte des- Herzens und des Verstandes daran zu setzen,
einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare Erfindergabe
nicht zu seiner Vernichtung gebraucht, sondern seinem Leben geweiht
wird.
Das
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�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

Das Atom wurde im Jahre 1953 als eine furchtbare Waffe des
Krieges betrachtet. Seit der ersten Explosion im Jahre 1945 hatten
die Menschen in furchtbarer V/eise seine Zerstörungskraft vervielfacht. Die Menschen wußten, daß ein einziges Kampfgeschwader eine
Bombenladung von einer größeren Vernichtungskraft mit sich führen
könnte, als sie alle die Bomben zusammen besaßen, die während des
zweiten Weltkrieges über England abgeworfen wurden. Mehrere Nationen
hatten es gelernt, atomare Waffen herzustellen und diese schnell über
Ozeane und Kontinente zu transportieren. Vielen Menschen schien der
Untergang der Zivilisation in einem Atomkrieg unvermeidlich. Wenn sie
vorwärts blickten, so sahen sie keine Hoffnung für eine friedliche Zukunft mehr.
Der im Jahre 1953 von den Vereinigten Staaten gemachte Vorschlag
bot anstelle der Apathie Handeln, anstelle von Verzweiflung Hoffnung
und anstelle des Strudels eines allgemeinen Krieges einen Weg in den
Hafen eines künftigen Friedens.
Von dem Augenblick an, da dieser Vorschlag gemacht war, habe
ich mit glühender Erwartung das Ergebnis all der Arbeit verfolgt,
die von den den Vorschlag unterstützenden Mächten und von den Arbeitsgruppen geleistet wurde, die in den Debatten der Generalversammlung und schließlich von dieser das Werk krönenden Konferenz
verrichtet wurde. Das Planen und das Entwerfen des Rahmens für die
Internationale Atomenergiebehörde hat zahlreiche Monate geduldiger
und verständnisvoller Bemühungen erfordert. Diese Arbeiten sämd nunmehr mit der Billigung des Statuts durch die Konferenz zu einem Abschluß gebracht worden.
Ich beglückwünsche die Konferenz zu dem, was sie erreicht hat.
Das Statut und die internationale Behörde, für die es geschaffen ist,
geben der Welt eine neue Hoffnung auf Frieden.
Seit die Vereinigten Staaten im Jahre 1953 ihren Vorschlag unterbreiteten, ist die Zerstörungskraft des Atomes erneut, erheblich vervielfacht wor*den. Zu ihrer eigenen Rettung stehen die .Menschen unter
einem nicht abzuleugnenden Zwang, diese furchtbare, gewaltige Kraft
statt für die Zerstörungen des Krieges für die konstruktiven Ziele
und Taten des Friedens nutzbar zu machen. Dies ist auch der Grund,
warum die Welt eine neue ffoffnung braucht - eine neue Chance für das
Zusammenwirken der Menschen, um die Enttäuschungen und die Hoffnungslosigkeit der Vergangenheit zu beseitigen.
Dies ist der Grund, warum die Vereinigten Staaten niemals aufhören werden, nach zuverlässigen Abkommen zu suchen, unter denen alle
Nationen zusammenarbeiten können, um eine Atomabrüstung zu erreichen.
Um das Kommen dieses Tages zu beschleunigen, haben die friedliebenden Völker auf die Verwirklichung der friedlichen Anwendungsmöglichkeiten des Atoms zum Wohle und Segen der Menschen gedrängt. In
dem Maße, wie das erweiterte Wissen die Kraft des Atoms immer furchtbarer macht, bringt sie auch die Verwirklichung der in ihm wohnenden
Kräfte für das Gute mit sich. Aus der Zusammenarbeit der Völker kann
Frieden ersprießen. Wenn die Völker eine gemeinsame Sache und ein ge- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

gemeinsames Interesse haben, so werden sie durch dieses Band enger miteinander verbunden.
Wir - als eine der friedliebenden Nationen - waren bestrebt, unser
Wissen um das Atom und unsere atomaren Materialien mit anderen zu teilen. Im vergangenen Februar haben wir angeboten, befreundeten Ländern
für friedliche Zwecke 20 000 Kilogram nuklearer Materialien zur Verfügung zu stellen - eine Menge, die der entspricht, die innerhalb der
Vereinigten Staaten für die gleichen Zwecke zugewiesen wurde. Und
wir haben mit 37 auf dieser Konferenz vertretenen Ländern Abkommen
abgeschlossen - mit weiteren 14 laufen Verhandlungen -, um mit ihnen
beim Bau ihrer eigenen Atomreaktoren - Reaktoren aller Typen und
Größen - für friedliche Zwecke zusammenzuarbeiten.
Die Völker haben ihren Wissensdrang nach einem Verständnis der
verwickelten Geheimnisse der neuen Atomwissenschaft gezeigt. Wir
haben versucht, diesen Drang zu befriedigen, Türen aufzubrechen,
die das von ihnen erstrebte Wissen verschlossen, indem wir große
wissenschaftliche Kongresse anregten und indem wir Bibliotheken,
Lehrgänge und Schulen zur Verfügung stellten. Wir waren glücklich,
unser Wissen über die Möglichkeiten einer friedlichen Nutzbarmachung
des Atoms anbieten zu können - der Möglichkeiten, wie die Atomisotopen
in der Behandlung und Heilung von Kranken, in der Landwirtschaft und in
der Industrie verwendet werden können. Da die '.Vissenschaft keine Grenzen
kennt, kann das gemeinsame Wissen und die friedliche Anwendung dieser
neuen Wissenschaft uns allen helfen, einander besser zu verstehen.
Bei all diesen Dingen, die wir als Regierung tun, erstreben die
Vereinigten Staaten weder Herrschaft noch Kontrolle oder Gewinn. Wir
werden dies auch niemals tun.
Es steht nunmehr bei den Nationen, die hier auf dieser Konferenz
versammelt sind, das Statut offiziell anzunehmen.
Ich schlage daher im Namen der Vereinigten Staaten folgendes vor«
Erstens, ich werde Sorge tragen, daß das Statut beim Wiederzusammentreten des amerikanischen Kongresses zur offiziellen Ratifizierung durch
den amerikanischen Senat gemäß unserer Verfassung vorgelegt wird und
daß um die notwendige Kongreßvollmacht ersucht wird, der Internationalen Atomenergiebehörde besonderes IfceinBaktives Material zu übergeben.
Ich habe den Wunsch, daß mein Land unter den ersten ist, die durch
eine offizielle Maßnahme das von Ihrer Konferenz Geleistete Anerkennen.
Zweitens, um die Internationale Atomenergiebehörde nach ihrer
Errichtung durch die entsprechenden Maßnahmen der Regierungen in die
Lage zu versetzen, die Atomforschungs- und Atomkraftprogramme unverzüglich zu beginnen, werden die Vereinigten Staaten der Internationalen
Behörde unter Bedingungen, die mit der Behörde noch abzusprechen sind,
5000 kg Uran 235 als Kernbrennstoff von den insgesamt 20 000 kg dieses
Materials zur Verfügung stellen, die von den Vereinigten Staaten im
Februar für friedliche Zwecke befreundeter Nationen bereitgestellt wurden.
Drittens, zusätzlich zu den oben erwähnten ersten 5000 kg Uran 235

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�"AMERIKA DIENST"

31. Oktober 1956

Uran 235 werden die Vereinigten Staaten der Internationalen Atomenergiebehörde weiteres kernreaktives Material verfügbar machen, das in seiner
Menge dem Gesamtquantum derartiger Materialien entsprechen wird, die in
ähnlicher Weise und unter vergleichbaren Bedingungen von allen anderen
Mitgliedern der Internationalen Behörde für den Zeitraum zwischen der
Errichtung der Behörde und dem I.Juli i960 zur Verfügung gestellt werden.
Die Vereinigten Staaten werden dieses kernreaktive Material auf Ersuchen der Atomenergiebehörde für die von der Behörde gebilligten Projekte
ausliefern.
Unter der Voraussetzung, daß alle auf der Konferenz vertretenen
Nationen - im Rahmen ihrer Möglichkeiten - entsprechende Schritte ergreifen, können wir gemeinsam die vor uns liegenden Hindernisse überwinden und den Beweis erbringen, daß internationale Kontrollen nicht
nur durchführbar, sondern auch allgemein als ein Weg zur Erreichung
des Friedens annehmbar sind.
Ein rasches und erfolgreiches Arbeiten der Behörde kann der Beginn
sein für die Nutzbarmachung der zahllosen Verwendungsformen der Atomenergie
zum Aufbau eines besseren Lebens in unserem Heim, am Arbeitsplatz, für
unsere Reisen und unsere Muße.
Gegenwärtig erblicken wir lediglich die ersten Früchte dieser atomaren Expansion. Atomkraft-Anlagen, die in diesem und verschiedenen
anderen Ländern geplant oder bereits im Bau sind, werden in wenigen
Jahren Energie für den zivilen Bedarf liefern - werden die Räder der
Fabriken treiben und Licht für unzählige Häuser liefern.
Wir wollen bei den Menschen nicht die Erwartung wecken, daß das
Atomzeitalter sozusagen über Nacht da sein wird. In vielen Ländern wird
es langwieriger und geduldiger wissenschaftlicher Versuche und Erprobungen bedürfen, ehe aus der Atomenergie Elektrizität gewonnen werden kann,
die mit der aus der verfügbaren Kohle, aus Öl, Gas oder Wasserkraft erzeugten zu konkurrieren vermag. Aber in der Zwischenzeit wird die Internationale Atomenergiebehörde alle derartigen wissenschaftlichen Arbeiten
und Forschungen unterstützen, um damit die Herankunft des ersehnten Tages
zu beschleunigen.
Viele der Segnungen, die aus der Nutzbarmachung des Atoms für
friedliche Zwecke unserem täglichen Leben erwachsen werden - mehr und
billigere Elektrizität, Beleuchtung, Bewässerung VLOÜ Dürregebieten,
billigere Transportmöglichkeiten, Aufbau von Industrien in Gebieten,
die bislang keine Möglichkeit dazu hatten - viele dieser Segnungen kommen
langsamer zum Tragen als wir es eigentlich wünschen. Aber es gibt etwas,
was wichtiger ist als diese Materiellen Vorteile. Ich meine jene Wege, die
zu ausgeglichenen und friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern führen.
Die Menschen haben seit langem nach einem Weg für friedliche Erörterungen gesucht. Die Internationale Atomenergiebehörde bietet einen solchen
Weg. Während der vergangenen drei Jahre, in denen über ihre Errichtung
und ihre Tätigkeit beraten wurde, ist dieser Weg offengehalten worden.
Es wird das Ziel der Vereinigten Staaten sein, diesen V/eg zu verbreitern
und alle zu seiner Benutzung aufzufordern.
Eines

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51. Oktober 1956

Eines Tages, so hoffen wir inständig, wird die Vernunft Herr
über den Hang des Menschen zur Zerstörung werden. Jbnrti kann die
Welt ihre Schwerter in Pflugscharen verwandeln. Alle Nationen können
dann ihre Anlagen, die kemreaktives Material herstellen, ausschließlich für den zivilen Bedarf arbeiten lassen, und die Kernenergie, die
in den aufgespeicherten Kernwaffen ruht, kann gleichfalls für die
Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen verwandt werden. In
dieser glücklichen Zeit kann der Gigant der Atomenergie, anstatt
ein Schreckensbild des Zerstörungskrieges zu sein, zu einem gehorsamen Diener in einer blühenden und friedlichen Welt werden.
Die große Vision einer Atomzukunft liegt nicht so sehr in dem
materiellen Überfluß, den sie schließlich für des Menschen Bequemlichkeit und Lebenskomfort bringen dürfte, sondern sie liegt darin,
daß man durch das gemeinsame Teilhaben an diesem Überfluß einen Weg
findet, um die Nationen der Welt zu freundlich miteinander verkehrenden Nachbarn der gleichen Straße zu machen."

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�M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT EISENHOWER ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

WASHINGTON - (AD) - Präsident Eisenhower
nahm am ^.Oktober 1956 in einer Rundfunkansprache zu den jüngsten Entwicklungen im
Mittleren Osten und in Osteuropa Stellung,
die folgenden Wortlaut hat :

"Heute Abend berichte ich Ihnen als Ihr Präsident. Wir alle
sind uns der Tatsache bewußt, daß wir gegenwärtig mitten in der
alles umfassenden und völlig offen geführten Debatte eines politischen Wahlkampfes in den USA stehen. Aber die Ereignisse und die
Probleme, die ich Ihnen heute abend vortragen möchte, stehen in
keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen parteipolitischen Fragen.
Sie gehen jeden Amerikaner - sein gegenwärtiges Leben und seine
Zukunft an.
Ich möchte Ihnen daher in einem Bericht die notwendigen Tatsachen geben, damit Sie sich - gleichgültig ob Sie einer der beiden
großen Parteien angehören oder nicht - auf Grund Ihrer Überlegungen
und der Tatsache ein wohlfundiertes Bild über diese sich schnell ändernde Weltlage machen können.
Diese Änderungen, von denen ich hier spreche, sind in zwei Gebieten der Welt - in Osteuropa und im Mittleren Osten - eingetreten.
In Osteuropa scheint die Morgenröte eines neuen Tages angebrochen zu sein. Ihr Kommen hat lange auf sich warten lassen und ist
nicht leicht erfolgt.
Nach dem zweiten Weltkrieg benutzte die Sowjetunion ihre Militärmacht, um den osteuropäischen Staaten* Regierungen nach sowjetischer
Wahl aufzuzwingen, die Diener Moskaus waren.
Die Vereinigten Staaten haben sich in ihrer Politik - unabhängig
von Parteirichtungen - Konsequent darum bemüht, diese Situation zu beenden und das im Krieg gegeben* Versprechen der Vereinten Nationen zu
erfüllen, daß diese Länder, die von den Kriegsarmeen überrannt wurden,
einmal wieder zu Souveränität und Selbstregierung kommen sollten.
Wir konnten eine solche Politik natürlich nicht durch Zufluchtnahme zur Gewalt verwirklichen. Eine solche Gewaltanwendung wäre in
gleicher Weise den wahren Interessen der osteuropäischen Völker wie
den unverrückbaren Grundsätzen der Vereinten Nationen zuwider gewesen,
Aber wir halfen, die Hoffnung dieser Völker auf Freiheit am Leben zu
erhalten.
.
Darüber

�AMERIKA DIENST"

7« November 1956

Darüber hinaus bedurften diese Völker von uns keiner Unterweisung über den Wert der nationalen Freiheit und der persönlichen Unabhängigkeit, denn zur Zeit der amerikanischen Revolution waren gerade aus diesen Ländern viele nach Amerika gekommen, um unserer Sache
beizustehen. Nun ist der Druck des Willens dieser Völker zu nationaler Unabhängigkeit immer stärker und nachdrücklicher geworden.
Vor einigen Tagen hat das polnische Volk - mit seiner stolzen
und unsterblichen Preiheitsliebe - sich angeschickt, einen friedlichen Übergang zu einer neuen Regierung zu vollziehen. Und diese Regierung wird, wie es den Anschein hat, sich ehrlich bemühen, dem
polnischen Volke zu dienen.
Dann hat die gesamte Welt mit Aufmerksamkeit die dramatischen
Ereignisse in Ungarn verfolgt, wo dieses tapfere Volk, wie so oft in
seiner Vergangenheit, sein Leben für die Unabhängigkeit von fremder
Herrschaft eingesetzt hat. Heute scheint ein neues Ungarn aus diesem
Kampf zu erstehen, ein Ungarn, das wie wir aus tiefstem Herzen hoffen,
seine volle und freie nationale Existenz erlangen wird.
Wir haben mit Freude diese historischen Ereignisse verfolgt.
Erst gestern hat die Sowjetunion eine bedeutsame Erklärung über
ihre Beziehungen zu allen Ländern Osteuropas abgegeben. In dieser Erklärung wurde die Notwendigkeit einer Revision der sowjetischen Politik
und einer Änderung dieser Politik anerkannt, um der Forderung des Volkes nach größerer nationaler Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit
gerecht zu werden. Die Sowjetunion erklärte ihre Bereitschaft, den
Abzug der sowjetischen 'Berater' in Erwägung zu ziehen - die in Wahrheit
die herrschende Macht in den sowjetisch besetzten Ländern darstellten und auch den Abzug der sowjetischen Truppen aus solchen Ländern wie
Polen und Ungarn zu erwägen.
Noch wissen wir nicht, ob diese bekanntgegebenen Absichten auch
wirklich durchgeführt werden.
Zwei Dinge sind jedoch klar geworden.
Zum ersten sind die Leidenschaft dieser Völker und die von ihnen
im Namen der Freiheit gebrachten Opfer an sich schon ein echtes Versprechen, daß bald wieder das Licht der Freiheit in ihrem Dunkel
scheinen wird.
Wenn zum zweiten die Sowjetunion wirklich getreulich so handeln
wird, wie sie es versprochen hat, dann wird die Welt Zeuge des größten
Schrittes nach vorwärts auf dem Wege zu Gerechtigkeit, Vertrauen und
Verständigung unter den Nationen während unserer Generation werden.
Dies sind die gegebenen Tatsachen. Wie hat nun unsere Regierung
darauf reagiert?
Die Vereinigten Staaten haben ihre Bereitschaft klar zum Ausdruck
gebracht, den neuen und unabhängigen Regierungen dieser Länder wirtschaftliche Unterstützung zu gewähren. Wir stehen bereits - seit einigen Tagen •
in dieser Frage 'in Kontakt mit der neuen polnischen Regierung. Wir haben
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7. November 1956

haben weiter bereits öffentlich erklärt, daß wir von diesen Regierungen
nicht die Einführung irgendeiner speziellen Gesellschaftsform als Bedingung für unsere Wirtschaftshilfe verlangen. Das einzige, was uns
dabei bewegt, ist, daß sie frei sind - frei um ihrer selbst willen und
frei um der Freiheit willen.
Wir haben weiter - im Hinblick auf die Sowjetunion - alle falschen
Ängste und Befürchtungen eindeutig zu zerstreuen gesucht, daß wir neue
Regierungen in diesen osteuropäischen Ländern als mögliche militärische
Verbündete betrachten könnten. Wir verfolgen keinerlei derartige Zwecke
und Ziele. Wir betrachten diese Völker als Freunde, und wir wollen ganz
einfach nur, daß sie Freunde sein sollen, die frei sind.
Ich wende mich nun jenem anderen Teil der Welt zu, wo in diesem
Augenblick eine sehr düstere Lage besteht. Ey ist dies keine Lage, die
Anlaß zu übertriebener Furcht oder Hysterie gibt. Sie erregt allerdings
unsere ernste Besorgnis.
Ich spreche natürlich vom Mittleren Osten. Dieses Gebiet, in dem sich
in der Geschichte die Wege der Völker kreuzten, stand, wie wir alle wissen,
lange Zeit unter einer Kolonialherrschaft. Diese endete nach dem zweiten
Weltkrieg, als alle Länder in diesem Raum ihre völlige Unabhängigkeit
gewannen. Aus dem Mandatsgebiet Palästina wurde der neue Staat Israel
gebildet.
Dieser historische Wandel konnte jedoch die in Jahrhunderten gewachsenen Animositäten nicht mit einem Schlag auslöschen. Israel und
seine arabischen Nachbarn fanden sich bald! in einen gegenseitigen Krieg
verstrickt, und die arabischen Völker gaben fortlaufend ihre Verärgerung
über ihre früheren Kolonialherrn, insbesondere über Großbritannien und
Frankreich, zu erkennen.
Die Vereinigten Staaten haben in den Jahren seit Beendigung des
zweiten Weltkriegs unermüdlich darauf hingearbeitet, Frieden und Stabilität in diesem Gebiet zu sichern.
Wir haben es als eine Grundsatzfrage der amerikanischen Außenpolitik
betrachtet, den neugegründeten Staat Israel zu unterstützen und gleichzeitig unsere Bindungen sowohl zu Israel als auch zu den anderen arabischen
Staate!) zu festigen. Aber die Leidenschaft drohte in diesem Gebiet unglücklicherweise all diese Jahre hindurch die Oberhand über friedliche
Bestrebungen zu gewinnen, und so gab es hier in der einen oder anderen
Form ständig Kampf.
Die Situation wurde in jüngster Zeit unnötigerweise durch das Vorgehen Ägyptens erschwert, das unter anderem eine Wiederaufrüstung mit
von den Kommunisten gelieferten Waffen einschloß. Wir vertraten unsererseits die Auffassung, daß die ägyptische Regierung in dieser Politik
nicht gut beraten sei. Der Staat Israel seinerseits empfand wachsende
Besorgnis für seine Sicherheit. Und Großbritannien und Frankreich begannen mehr und mehr zu fürchten, daß die ägyptische Politik den Suez-Kanal
bedrohe, «den sie als ihre 'Lebensader' ansehen.
Die Dinge spitzen sich zu, bis es am 26.Juli dieses Jahres zu einer
Krisis kam, als die ägyptische Regierung die internationale Suez-Kanal-

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7. November 1956

Suez-Kanal-Gesellschaft beschlagnahmte. 90 Jahre lang, seit der Einweihung des Kanals, hatte diese Gesellschaft größtenteils unter der
technischen Aufsicht von Engländern und Franzosen den Kanal betrieben.
Einige unserer Verbündeten drängten auf eine sofortige Reaktion
auf dieses Vorgehen mit Gewalt. Wir dagegen traten beharrlich für ein
anderes Vorgehen ein und konnten uns mit unserem Wunsch auch durchsetzen, auf einer langen Reihe von Konferenzen und Verhandlungen nämlich,
die sich über Wochen und Monate hinzogen und unter Mitwirkung der Vereinten
Nationen durchgeführt wurden. Und so schien es noch vor ganz kurzer Zeit,
daß wir dort auf der Basis anerkannter Grundsätze zu einer annehmbaren
Übereinkunft gelangen könnten.
Aber die direkten Beziehungen Ägyptens sowohl zu Israel als auch
zu Frankreich verschlechterten sich immer mehr und erreichten schließlich einen Punkt, an dem zunächst Israel und dann Frankreich und auch
Großbritannien zu der Feststellung gelangten, daß ihre lebenswichtigen
Interessen ohne Zuflucht zu gewaltsamen Maßnahmen nach ihrer Beurteilung der Lage nicht geschützt werden können.
Nach dieser Entscheidung überstürzen sich die Ereignisse. Am Sonntag ordnete die israelische Regierung die Totalmobilmachung an. Am Montag drangen israelische Streitkräfte tief in Ägypten ein und stießen
bis in die Nähe #es Suezka'nals vor,"1 der etfs ~tl?ö km jenseits der israelischen Grenze liegt. Und am Dienstag stellten die britische und französische Regierung Israel und Ägypten ein auf 12 Stunden befristetes Ultimatum, auf das nunmehr ein bewaffneter Angriff gegen Ägypten folgte.
Die Vereinigten Staaten wurden während keiner Phase dieser Aktionen
in irgendeiner Weise konsultiert und sie wurden auch nicht im voraus
über diese Schritte unterrichtet.
«
Es ist das offenkundige Recht jeder dieser Staaten, solche Entscheidungen und Maßnahmen zu treffen, und es ist umgekehrt unser gutes Recht,
wenn unsere Beurteilung der Dinge solches von uns erheischt, hier eine
abweichende Haltung einzunehmen. Wir sind der Auffassung, daß man, als
diese Maßnahmen ergriffen wurden, in einem Irrtum befangen war. Denn wir
billigen nicht die Anwendung von Gewalt als einem vernünftigen oder geeigneten Mittel zur'Lösung von internationalen Streitigkeiten.
Wenn ich dies in diesem besonderen Falle ausspreche, so geschieht
es keineswegs in der Absicht, unsere Freundschaft mit diesen Staaten
herabzusetzen, oder unsere Entschlossenheit zu verkleinern, diese zwischen uns bestehenden Bande aufrechtzuerhalten und zu stärken.
Wir wissen sehr wohl um die großen Besorgnisse auf seiten Israels,
Großbritanniens und Frankreichs. Wir »issen, daß sie immer wieder schweren Provokationen ausgesetzt waren.
Die gegenwärtige Sachlage scheint nichtsdestoweniger klar» Did ergriffenen Maßnahmen lassen sich kaum mit den Grundsätzen und Zielsetaungen
der Vereinten Nationen in Einklang bringen, denen wir alle unsere Zustimmung gegeben haben. Und darüber hinaus sehen wir uns gezwungen, selbst zu
bezweifeln, ob die Zuflucht zu einem Krieg auf lange Sicht den ständigen
Interessen der angreifenden Staaten dienlich ist.
Jetzt

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7. Novem.^ 1956

Jetzt müssen wir unseren Blick auf die Zukunft richten.
Angesichts der von mir aufgeführten Umstände,, wird es zu keinem
Eingreifen der Vereinigten Staaten in die darzeitigen Feindseligkeiten
kommen. Ich habe deshalb auch nicht die Afcsicht, den Kongreß zu einer
Sondersitzung einzuberufen. Selbstverständlich werden wir auch weiterhin in ständigem Kontakt mit den führenden Männern beider Parteien im
Kongreß bleiben.
Gleichzeitig ist und bleibt es das erklärte Ziel unserer Regierung,
alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um die Kampfhandlungen gu lokalisieren und den Konflikt zu beenden.
Den ersten Schritt in dieser Hinsicht haben wir gestern unternommen. Wir wendeten uns an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
mit der Forderung, daß die Streitkräfte Israels sich auf ihr eigenes
Land zurückziehen und die Feindseligkeiten in diesem Gebiet eingestellt
werden sollen. Dieser Vorschlag wurde wegen des Vetos Großbritanniens
und Frankreichs nicht angenommen.
Die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen sind jedoch noch
nicht erschöpft. Es ist unser Wunsch und Wille, daß diese Angelegenheit
vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen gebracht werden möge.
In diesem Gremium - wo es kein Veto gibt - kann die Meinung der Weltöffentlichkeit sich fruchtbringend für unsere Suche nach einer gerechten Lösung dieses beunruhigenden Problems auswirken. In den vergangenen
Jahren haben die Vereinten Nationen bewiesen, daß sie Wege zu finden vermögen, um dem Blutvergießen ein Ende zu setzen. Wir sind überzeugt, daß
sie dies auch in diesem Falle tun können und tun werden.
Meine Mitbürger, wenn ich den Ablauf der Ereignisse auf der Welt
in den letzten Jahren überblicke, so festigt sich meine Überzeugung,
daß die Verfahrensmöglichkeiten der Vereinten Nationen noch weiter
ausgebaut und fester verankert werden müssen. Ich spreche hier insbesondere davon, ihre Befugnisse zu erweitern, Gerechtigkeit im
Rahmen des Völkerrechts zu gewährleisten.
Bei all den jüngsten Wirren im Mittleren Osten haben nun tatsächlich
alle darin verwickelten Völker Ungerechtigkeiten erlitten. Ich glaube
aber nicht, daß ein anderes Instrument des Unrechts - der Krieg - diesen
Schaden heilen kann.
Ohne Gesetz kann es keinen Frieden geben. Und es kann kein Gesetz
geben, wenn wir einen Kodex über das Verhalten der Völker für diejenigen aufstellen, die anderer Ansicht wie wir sind, und einen anderen
für unsere Freunde.
Die Völkergemeinschaft hat lange gebraucht, ehe sie Mittel fand,
um diese Wahrheit in die Praxis umzusetzen.
Aber das leidenschaftliche Verlangen nach Frieden, das auf seiten
aller Völker besteht, zwingt uns, unsere Suche nach einem neuen und
wirksameren Instrument der Gerechtigkeit zu beschleunigen.
Der

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7. November 1956

Der Friede, den wir suchen und brauchen, bedeutet mehr als
das bloße Nichtvorhandensein eines Krieges. Er bedeutet die Anerkennung des Rechts und die Förderung der Gerechtigkeit in der ganzen
Welt.
Wir müssen fest zu den Grundsätzen stehen, die uns in diesem
Bemühen leiten. Auf diese Weise können wir den Hoffnungen aller Menschen auf eine Welt entsprechen, in der ein wahrer und gerechter
Friede herrschen wird."

* * * * *

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�A&gt;M

E R I K A

D I E N S T

RESOLUTION "EINIGKEIT FÜR DEN FRIEDEN" ERNEUT VOR DEN UN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der amerikanische Außenminister John Foster Dulles am
I.November 1956 auf der außerordentlichen Sitzung der UN-Generalversammlung in New York gehalten hat.
Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte Mitdelegierte,
Ich möchte bezweifeln, daß je ein Delegierter von diesem Pult
aus mit so schwerem Herzen gesprochen hat, wie ich heute abend. Wir
sprechen über eine Angelegenheit von lebenswichtiger Bedeutung, in
der 'sich die Vereinigten Staaten nicht in der Lage sehen, die Ansicht
von drei Nationen zu teilen, mit denen sie eine enge Freundschaft
verbindet, für die sie Bewunderung und Achtung hegen und von denen
zwei unsere ältesten, vertrauenswürdigsten und verläßlichsten Verbündeten sind.
Die Tatsache, daß wir anderer Ansicht sind als diese unsere
Freunde, hat uns veranl aßt, unsere Haltung nochmals mit größter Sorgfalt zu überdenken und abzuwägen, und dies ist auf höchster Regierung:
ebene geschehen. Nach d ieser nochmaligen Abwägung kamen wir aber wiederum zu dem Schluß, da ß sie anderer Meinung sind. Da es uns scheint,
daß diese Meinungsversc hiedenheit Grundsatzfragen in sich schließt,
die über die unmittelba re Streitfrage weit hinausgehen, sehen wir uns
gezwungen, unseren Stan dpunkt hier von Ihnen und durch Sie der ganzen
Welt klar zu machen.
Es ist dies das erste Mal, daß diese Versammlung gemäß den Bestimmungen der im Jahr 1950 angenommenen Resolution "Einigkeit für
den Frieden" zusammentritt. Ich war damals Mitglied der Delegation
der Vereinigten Staaten und trug die Hauptverantwortung für die Behandlung dieses Vorschlages im Ausschuß und vor der Generalversammlung. Wir erlebten damals den kommunistischen Angriff auf die Republik
Korea, und wohl kaum einer hätte damals daran gedacht, daß diese Resolution zum ersten Mal in einer Situation zitiert wird, wie wir sie
jetzt erleben.
Welche Tatsachen sind es, die uns hier zusammenführen?
Da ist zunächst die Tatsache, daß am Monatg dieser Woche israelische Streitkräfte weit nach Ägypten vorzudringen begannen. Dann folgte
sehr rasch auf dieses Vorgehen die Aktion Frankreichs und Groß- t

�"AMERIKA DIENST"

7. November 1956

Großbritanniens, die Ägypten zunächst ein auf 12 Stunden befristetes
Ultimatum stellten, und dann einen bewaffneten Angriff begannen, der
gegenwärtig aus der Luft mit dem erklärten Ziel geführt wird, zeitweilig die Kontrolle über den Suez-Kanal zu erlangen, um, wie man
annehmen darf, eine erhöhte Sicherheit des Kanals zu gewährleisten.
Als dritte Tatsache ist hier zu erwähnen, daß man versuchte, die
Angelegenheit, nachdem sie dem Sicherheitsrat vorgelegt worden war,
durch eine Resolution beizulegen, gegen die Großbritannien und Frankreich ihr Veto einlegten, und zwar als die einzigen, die gegen die
Resolution stimmten.
Daraufhin wurde die Angelegenheit gemäß den Bestimmungen der Resolution "Einigkeit für den Frieden" auf Antrag des Generalsekretärs
der Vereinten Nationen hier vor die Generalversammlung gebracht. Dieser Antrag war von einem Beschluß von sieben Mitgliedern des Sicherheitsrates ausgelöst worden, der eine Einberufung der Generalversammlung zu einer außerordentlichen Sitzung innerhalb von 24 Stunden gefordert hatte .
Herr Präsident und verehrte Mitdelegierte, die Vereinigten
Staaten sind sich voll bewußt, daß die Tatsachen, die ich hier angeführt habe, nicht die einzigen einschlägigen Fakten zu dieser Situation darstellen. Eine lange und traurige Kette von Reibereien und
Provokationen ging voraus. Es kam zu Verletzungen des Waffenstillstands seitens Israels und gegen Israel. Es kam seitens Ägyptens
zu Verletzungen des Vertrages von T888 über die Verwaltung des SuezKanals und zu einer Mißachtung der Resolution des Sicherheitsrates
von 1951&gt; die die Abfertigung israelischer Schiffe und Frachten im
Suez-Kanal regelte. Es kam zu einer schweren Wiederaufrüstung Ägyptens unter ziemlich ominösen Umständen. Da war ferner die plötzliche
Beschlagnahme der Internationalen Suez-Kanal-Gesellschaft durch
Ägypten, die den Suez-Kanal, größtenteils unter britischer und französischer Leitung, seit seiner Eröffnung vor 90 Jahren verwaltete.
Es kam wiederholt eine feindselige Haltung der Regierung Ägyptens
gegenüber anderen Regierungen zum Ausdruck, mit denen sie dem Namen
nach freundschaftliche Beziehungen unterhielt, beziehungsweise hätte
unterhalten aollen.
Herr Präsident, wir sind nicht blind gegenüber der Tatsache, daß
das, was in den letzten zwei oder drei Tagen geschah, aus einer düsteren Vergangenheit erwuchs. Wir sind aber zu dem Schluß gekommen,
daß diese Provokationen, so ernst sie auch sind, dennoch den Einsatz
von bewaffneten Streitkräften, zu dem es in den letzten zwei und drei
Tagen gekommen ist und der auch heute abend noch weitergeht, nicht
rechtfertigen.
Es ist richtig, die Vereinten Nationen haben vielleicht nicht
alles getan, was sie hätten tun sollen. Ich habe des öfteren, vor
allem in den letzten Wochen, darauf hingewiesen, daß die Charta der
UN in Artikel 1, Absatz 1, die Regelung dieser Dinge in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen
Rechts fordert; dieser Artikel fordert also nicht nur eine friedliche
Regelung,sondern eine gerechte Lösung. Die Vereinten Nationen waren
in der Behandlung der zahlreichen Ungerechtigkeiten im Zusammenhang
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�"•AMERIKA DIENST'

7» November 1956

Zusammenhang mit den Verhältnissen in Nahost vielleicht ein wenig
langsam, ein wenig schwach. Aber ich bin der Auffassung, wir sollten
und werden uns vielleicht bei der nächsten regulären Tagung der Generalversammlung eingehend und ernsthaft mit der Frage beschäftigen, was wir
unternehmen könnten, um in diesem Falle den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des internationalen Rechts Gültigkeit zu verschaffen. Wir haben
in dieser Hinsicht nicht alles getan, was wir hätten tun sollen, und
insofern geht ein Teil der Verantwortung für die derzeitigen Ereignisse
auf unser Konto.
Wenn wir hingegen, Herr Präsident, zu dem Schluß kommen sollten, die
in der Walt herrschende Ungerechtigkeit, die unsere Organisation bisher
noch nicht beseitigen konnte, bedeute, daß der Grundsatz des Verzichts
auf jede Gewaltanwendung nicht -lehr geachtet wird und daß eine Nation,
die da glaubt, es sei ihr Unrecht widerfahren, nach wie vor das Recht
hat, zur Behebung dieses Unrechts auf das Mittel der Gewalt zurückzugreifen - damit, Herr Präsident, wäre, so fürchte ich, die Charta der
Vereinten Nationen in Fetzen gerissen und die Welt abermals der Anarchie
ausgeliefert. Und all die kühnen Hoffnungen, die wir auf diese unsere
Organisation und unsere Charta gesetzt haben, wären damit zunichte gemacht. Wir ständen wieder da, wo wir bei Ausbruch des zweiten Weltkrieges
standen, und hätten eine tragische Enttäuschung mehr anstelle der von
uns erhofften - und noch immer zu erhoffenden - Schutzwehr gegen den
Ausbruch eines Weltkrieges, der, wie es in der Präambel unserer Charta
heißt, "zweimal im Laufe unseres Lebens unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat,"
Dieses Problem des Suez-Kanals, Herr Präsident, das vielleicht
weitgehend den jetzt unternommenen Gewaltmaßnahmen zugrunde liegt, ist
im Laufe des letzten Vierteljahres bei vielen Anlässen und in mancherlei Art und Weise behandelt worden. Ich wage zu bezweifeln, ob im Laufe
der Geschichte schon einmal mit so viel Ernst und Ausdauer versucht
worden ist, eine gerechte und friedliche Lösung für ein Problem zu
finden.
Als die ägyptische Regierung am 26.Juli sich unvermittelt der
Internationalen Suez-Kanalgesellschaft bemächtigte, war sich die ganze
Welt darüber klar, daß damit eine Krise ungeahnten Ausmaßes ausgelöst
worden war. Innerhalb von drei Tagen, glaube ich, traten die Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs in
London zur Beratung darüber zusammen, was angesichts dieser Situation
zu unternehmen sei. Schon damals wurden Stimmen laut, daß man sofort
mittels Gewalt versuchen sollte, den Status, wie er vor der Beschlagnahme durch Ägypten bestanden hatte, wiederherzustellen. Aber alle
drei Regierungen kamen zu dem Schluß daß kein Grund zur Gewaltanwendung vorliege, zumindest sicherlich nicht unter den damaligen Umständen, und daß erst eine friedliche und gerechte Lösung angestrebt werden
solle.
Die drei Regierungen kamen überein, in diesem kritischen Augenblick
keinerlei Gewalt anzuwenden, sondern statt dessen eine Konferenz der
wichtigsten Benutzer des Suez-Kanals einzuberufen - der 24 Nationen,
die einwandfrei als Nachfolger der Signatarmächte der 1888 geschlossenen
Konvention anzusehen sind, darunter acht Länder, auf die der Hauptanteil

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7» November 1956

Hauptanteil des Verkehrs durch den Kanal entfällt und acht weitere
Länder, die in ihrem Handel besonders auf den Kanal angewiesen sind.
Und von diesen 24 Nationen nahmen 22 an der Konferenz teil. Ägypten
lehnte eine Teilnahme ab. Von den 22 Konferenzteilnehmern einigten sich
18 auf ein Vergehen, das ihrer Ansicht nach vernünftigen Grundsätzen
für eine friedliche Lösung entsprach, die gerecht und anständig gewesen
wäre und die freie Benutzung dieses Schiffahrtsweges für die Zukunft
hätte gewährleisten können.
Diese Vereinbarung der 18 Länder wurde Präsident Nasser in Kairo
als Lösungsvorschlag unterbreitet. Er lehnte jedoch ab.
Daraufhin traten die 18 Nationen abermals in London zusammen und
berieten erneut über einen Vorschlag, einen Verband, eine Vereinigung
der Kanalbenutzer zu schaffen.
Wir glaubten, dieser Verband könnte auf praktischer Grundlage mit den
ägyptischen Kanalbehörden eine für beide Teile annehmbare Regelung ausarbeiten, um den weiteren Betrieb des Kanals auf einer freien und unparteiischen Grundlage zu gewährleisten. Dann, während die Benutzervereinigung
organisiert wurde, brachten Frankreich und Großbritannien die Angelegenheit vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. In diesem Gremium
wurden sechs Grundsätze einstimmig angenommen und auch von Ägypten.gebilligt, das an den Verhandlungen teilnahm, obgleich es nicht im Sicherheitsrat vertreten ist. Diese Grundsätze deckten sich im wesentlichen
mit den Grundsätzen, die von den 18 Konferenzteilnehmern in London gebilligt worden waren. Die vom Sicherheitsrat angenommene Resolution hatte
noch einen zweiten Teil, der sich mit der Verwirklichung dieser Grundsätze
befaßte. Dieser zweite Teil wurde nicht angenommen, und zwar auf Grund
eines Vetos der Sowjetunion.
Aber trotz dieser Tatsache fand auf Anregung des Generalsekretärs,
dem ich für seinen diesbezüglichen großen Beitrag zu einer gerechten und
friedlichen Lösung Dank und Anerkennung aussprechen möchte, ein Meinungsaustausch darüber statt, wie diese sechs Grundsätze praktisch verwirklicht
werden könnten. Meiner Meinung nach ist es keine Übertretung*, wenni$hh
hier erkläre - und ich glaube, er würde mir darin beipflichten -, daß erhebliche Fortschritte erzielt worden sind. Es schien, als ob eine gerechte,
friedliche und für alle Parteien annehmbare Lösung in greifbare Nähe gerückt wäre, und so durfte man hoffen, daß diese Verhandlungen fortgesetzt
werden würden.
Ich erinnere an meine Erklärung am Schluß der 74«Sitzung des Sicherheitsrates, der sämtliche Mitglieder beipflichteten oder ihir stillschweigendes Einverständnis gaben und die besagte, daß sich der Sicherheitsrat
auch weiter mit dem Problem befassen solle und daß zu hoffen sei, die Erörterungen und der Meinungsaustausch zwischen dem Generalsekretär und den unmittelbar betroffenen drei Ländern - Ägypten, Frankreich und Großbritannien turnen fortgesetzt.
Sie wurden nicht fortgesetzt, obwohl mir kein unüberwindbares Hindernis
für ihre Fortsetzung bekannt ist. Statt dessen kam es zu den von mir erwähnten Ereignissen - Gewaltanwendung zunächst von Seiten Israels und anschließend
von seiten Frankreichs und Großbritanniens -, die zu einer nochmaligen Behand-

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�7 . November 1956

"AMERIKA DIENST

Behandlung der Frage vor dem Sicherheitsrat führten und die angesichts
des eingelegten Vetos zur Folge hatten, daß das Problem heute abend
vor diesem Forum diskutiert wird.
Wir können wohl mit Recht behaupten, daß die Anwendung friedlicher Mittel, wie sie die Charta von jedem Mitglied fordert, nicht
völlig ausgeschöpft worden ist. Selbst im Falle Israels, das auf Grund
der Tatsache, daß sich Ägypten niemals an die Resolution des Sicherheitsrates vom Jahre 1951 bezüglich des Rechtes Israels auf die Benutzung des Suezkanals gehalten hat, berechtigten Anlaß zur Klage hat selbst in diesem Falle bestanden günstigere Aussichten, da die vom Sicherheitsrat unter Billigung Ägyptens angenommenen Grundsätze die Abfertigung von Schiffen und Schiffsladungen im Kanal ohne jede Bena
Ligung einzelner Länder verlangten und (bestimmten, daß der Kanal nicht für
die nationalen Zwecke irgendeines Landes, einschließlich Ägyptens, gebraucht oder mißbraucht werden dürfe.
Herr Präsident und meine Herren Mitdelegierten, Kräfte für eine
friedliche Lösung schienen also am Werk, die, wie ich schon sagte,
mindestens unserer Auffassung nach, nicht völlig genutzt worden sind.
Und, Herr Präsident, während ich der letzte bin, der behaupten wollte,
daß niemals Umstände eintreten könnten, die die Anwendung von Gewalt
rechtfertigen würden - und gewiß ist eine Anwendung von Gewalt für
Zwecke der Verteidigung nach Artikel. 51 möglich - erscheint es uns,
daß unter den von mir- aufgezeigten Umständen die Zuflucht zur Gewalt,
ein gewaltsamer bewaffneter Angriff durch drei unserer Mitglieder auf
ein vierte.s, als nichts anderes als ein schwerer Irrtum behandelt werden kann, der im Widerspruch zu den Grundsätzen und Zielen der Charta
steht und der, falls er fortgesetzt werden sollte, unsere Charta und
diese Organisation aushöhlen würde.
Die Frage ist nun:

Was sollen wir tun?

Es erscheint uns dringend geboten, daß etwas geschieht, weil die
in offensichtlichem Widerspruch zu unserer Charta erfolgten Handlungen
noch nicht so weit gediehen sind, daß sie dieser Organisation einen
nicht wieder gut zu machenden Schaden zugefügt odee sie gar «rschlagen
haben. Unsere Resolution "Einigkeit für den Frieden" zielte tatsächlich
darauf ab, Situationen wie der gegenwärtigen zu begegnen. Der geeinte
Wille dieser Organisation kann noch immer einen maßgebenden Einfluß
auf die Lage, ausüben, der vielleicht in der ganzen Welt spürbar werden
kann. Nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern zum Wohle der
kommenden Geschlechter sollte gezeigt werden, daß hier ein Anfang gemacht wurde, um der Welt eine Ordnung zu geben. Wir alle leben nicht
in Gesellschaftssystejnen, in denen sich keine Verstöße gegen die Ordnung
ereignen.
Wir alle leben vielmehr in Gesellschaftssystemen, in denen
bei solchen Verstößen die Obrigkeit Maßnahmen ergreift, um mit ihnen
fertig zu werden. Im gegenwärtigen Augenblick stellen wir hier die Obrigkeit dar. Und wenn uns auch auf Grund der Charta keine Handlungsbefugnis
zukommt, so haben wir doch die Befugnis, Empfehlungen zu erteilen, eine
Befugnis, die - sofern sie das moralische Urteil der Welt, die Weltmeinung
widerspiegelt - meiner Meinung nach die gegenwärtige Situation zu beeinflussen vermag.
Angeregt

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7. November 1956

Angeregt durch derartige Überlegungen haben die Vereinigten
Staaten eine Resolution eingebracht, die ich Ihnen, Herr Präsident,
vorlesen möchte:
"Die Generalversammlung
nimmt Kenntnis davon, daß die Partner der israelisch-arabischen
Waffenstillstandsabkommen aus dem Jahre 1948 bei zahlreichen Gelegenheiten die Bestimmungen dieser Abkommen mißachtet haben und
daß die Streitkräfte Israels unter Verletzung des allgemeinen
Waffenstillstandsabkommens zwischen Ägypten und Israel tief in
ägyptisches Gebiet eingedrungen sind;
nimmt Kenntnis davon, daß die Streitkräfte Frankreichs und Großbritanniens militärische Operationen gegen ägyptisches Gebiet
führen;
bringt ihre ernste Besorgnis über diese Entwicklung zum Ausdruck
und
fordert 1) mit größter Dringlichkeit., daß alle gegenwärtig
in die Feindseligkeiten in diesem Raum verwickelten Parteien einer
sofortigen Feuereinstellung zustimmen und als Teil dieser Maßnahme
die Truppenbewegungen und den Einsatz von Waffen in diesem Gebiet
beenden;
fordert 2) die Partner der Waffenstillstandsabkommen auf,
unverzüglich alle Streitkräfte hinter die Waffenstillstandslinie
zurückzunehmen, sich aller Angriffe über die Waffenstillstandslinien in benachbartes Gebiet hinein zu enthalten und die Bestimmungen
der Waffenstillstandsabkommen strikte zu befolgen;
empfiehlt 3)» daß alle Mitgliedstaaten davon Abstand nehmen,
militärisches Material in das Kampfgebiet zu liefern, und darüber
hinaus sich aller Maßnahmen enthalten, die die Verwirklichung dieser Resolution verzögern oder verhindern könnten;
fordert 4)» daß nach Wirksamwerden der Feuereinstellung Schritte
unternommen werden, um den Suezkanal wieder zu öffnen und die Freiheit der Schiffahrt wiederherzustellen;
ersucht 5) den Generalsekretär1 der Vereinten Nationen, die
Einhaltung dieser Resolution zu überwachen und dem Sicherheitsrat
sowie der Generalversammlung darüber unverzüglich zu berichten, damit
weitere Schritte unternommen werden können, wie sie der Sicherheitsrat und die Generalversammlung in Übereinstimmung mit der UN-Charta
für angebracht halten;
beschließt 6 ) , daß die Sondersitzung solange andauert, bis
diese Resolution verwirklicht ist."
Dies, Herr Präsident, ist also der Vorschlag der Delegation der
Vereinigten Staaten.
Ich bin mir wohl darüber im klaren, daß eine Empfehlung, die lediglich eine Feuereinstellung zum Ziele hat sowie eine Zurücknahme der Landstreitkräfte in Ägypten - unseres Wissens nach bis heute also lediglich

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7. November 195°

lediglich die Streitkräfte Israels - auf die Waffenstillstandslinie,
eine Einstellung der Luftangriffe und eine Verhinderung der Entsendung
weiterer Streitkräfte in dieses Gebiet und dann eine alsbaldige Wiederinbetriebnahme des Suezkanals,- daß also eine Resolution, die den Nachdruck in erster Linie auf diese Dinge legt, keine ausreichende oder umfassende Form der Behandlung dieser Angelegenheit darstellt. Wir alle,
so meine ich, möchten hoffen, daß diese Tragödie ein besseres Ergebnis
zeitigen wird, als lediglich die Wiederherstellung jener Verhältnisse,
aus denen diese Tragödie erst erwuchs. Wir müssen zu einer besseren
Lösung als dieser gelangen. Diese Organisation hat sicherlich die Verpflichtung, mit allen Kräften auf eine solche bessere Lösung hinzuarbeiten.
Wenn wir aber nur dies tun, dann hätten wir noch immer sehr nachlässig
gehandelt und nur eine Seite des Problems angepackt.
Ich habe schon einmal gesagt, und ich bin von der Richtigkeit nach
wie vor fest überzeugt, daß der Friede eine Münze mit zwei Seiten ist,
deren eine die Vermeidung von Gewaltanwendung und deren andere die Schaffung gerechter Verhältnisse darstellt. Und auf lange Sicht ist das eine
ohne das andere nicht möglich.
Ich möchte durch die Form dieser Resolution keineswegs den Anschein
erwecken, daß ich etwa die Auffassung vertrete, diese Situation ließe
sich allein schon durch die Schritte, wie sie in der Resolution vorgeschlagen werden, bereinigen. Wir müssen etwas Besseres schaffen als jHue
unruhigen Verhältnisse, wie sie durch die seit nunmehr acht Jahren zwischen
Israel und den arabischen Nachbarländern bestehenden Waffenstillstandsabkommen herbeigeführt wurden. Das Gefühl des Vertrauens und der Sicherheit
hinsichtlich eines freien und gleichberechtigten Betriebs des Kanals muß
noch fester werden als es seit der Zeit ist, als Präsident Nasser vor drei
Monaten die Suezkanal-Gesellschaft beschlagnahmte. Ich glaube, daß diesen
Dingen größte Bedeutung zukommt.
Wenn wir aber, Herr Präsident, und meine verehrten Mitdelegierten, uns
die Auffassung zu eigen machen, daß die Kämpfe ruhig fortdauern können, bis
diese Schwierigkeiten beigelegt und die damit zusammenhängenden komplizierten
Fragen geregelt worden sind, dann wird damit meiner Meinung nach eine Situation geschaffen, in der eine solche Regelung überhaupt nicht mehr möglich
sein wird, in der der Krieg an Heftigkeit zunehmen kann und sich vielleicht
weiter ausbreiten wird, eine Situation auch, in der die Welt durch neue
Bitterkeit gespalten sein wird und in der die Grundlagen des Friedens in
tragischer Weise, in Scherben geschlagen sein werden.
Diese Maßnahmen, von denen ich hier sprach, müssen ergriffen werden.
Ich glaube, daß man bereits, dabei ist, sie zu ergreifen, denn der Sicherheitsrat ist bereits mit diesen Fragen befaßt und hat in konstruktiver
Weise auf eine Lösung hingearbeitet. Ich glaube aber, wir müssen den wichtigsten Schritt.zuerst tun. Dieser wichtigste Schritt besteht meiner
Auffassung nach darin, daß zunächst einmal die Kampfhandlungen so schnell
wie möglich beendet werden, damit aus ihnen nicht eine Feuersbrunst wird,
die uns alle gefährden würde - und das liegt keineswegs jenseits des Bereicha
des Möglichen,
Wie

�7. November 195^

"AMERIKA DIENST

Wie Präsident Eisenhower vergangenen Abend erklärt hat, ist es
das Wichtigste,die Kampfhandlungen zu beschränken und einzustellen,
und zwar soweit dies, und so seh: eil dies nur irgend möglich ist.
Ich hoffe deshalb, Herr Präsident und meine Mitdelegierten, daß
dieser Gesichtspunkt, der auch in unserer Resolution zum Ausdruck
kommt, allgemeine Billigung finde: wird.
Ich fürchte, daß, falls wir nicLt handeln und zwar sofort handeln
und mit hinreichender Einmütigkeit handeln, auf daß unsere Empfehlungen
auch wirklich von Einfluß sind, die große Gefahr besteht, daß sich das,
was man nun einmal angefangen und eine Polizeiaktion genannt hat, zu
etwas entwickeln wird, was Veit ernster wäre. Aber selbst wenn das
nicht der Fall ist, dann kann durch die offensichtliche Unfähigkeit
dieser Organisation, diese Angelegenheit erfolgreich zu behandeln,
ein Präzedenzfall geschaffen werden, der andere Staaten veranlassen könnte^
die Lösung dessen, was sie als ihnen angetanes Unrecht erachten, in die
eigene Hand zu nehmen.
Als wir in San Francisco im Jahre 1945 die Charta der Vereinten
Nationen verfaßten, glaubten wir, daß wir das Schlimmste, was ein Krieg
mit sich bringen kann, erlebt hätten, und wir glaubten, daß es unsere
Aufgabe sei, eine nochmalige V/iederholung dessen, was sich zuvor ereignet
hatte, zu verhindern. Und was sich damals abgespielt hatte, war tragisch
genug. Heute aber wissen wir, daß das, was in Zukunft noch geschehen
kann, noch unendlich tragischer wäre als das, was wir im zweiten Weltkrieg erlebten.
Ich glaube, daß wir es in dieser kritischen Stunde uns selbst,
unseren Völkern und der Nachwelt schuldig sind, Maßnahmen zu ergreifen,
die ein Gewähr dafür bieten, daß sich das Feuer, das man entzündet hat,
nicht ausbreitet, sondern rasch erstickt wird. Dann werden wir uns mit
erneuter Tatkraft der Beseitigung der Ungerechtigkeiten zuwenden,
aus denen heraus sich diese Schwierigkeiten ergeben haben.

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�A M E R I K A

HENRY CABOT LODGE ZUR LAGE IN UNGARN

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut der Ausführungen, die der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen,
Henry Cabot Lodge jr., am 4. November 1956 vor der
UN-Generalversammlung zur Lage in Ungarn machte.

Herr Präsident,
Im Morgengrauen des heutigen Tages eröffneten sowjetische Truppen in Ungarn das Feuer in Budapest und im ganzen Lande. Wir erfahren aus Wien, daß sowjetische Artillerie Wohnviertel mit Phosphorgranaten belegen. Diese Granaten setzen Gebäude in Brand und verbrennen Frauen, Kinder und andere Zivilisten, die mit den Kampfhandlungen nichts zu tun haben.
Ministerpräsident Nagy hat die Vereinten Nationen um Hilfe gebeten, und ich muß sagen, dafür haben wir volles Verständnis. Nach
den unheilvollen Meldungen der letzten Tage ist die Lage in Ungarn
nunmehr allzu klar geworden. Es enthüllt sich uns ein übelkeiterregendes Bild der Doppelzüngigkeit und des Doppelspieles. Während die
Regierung der UdSSR diese Brutalität größten Stils beging, hat der
sowjetische Delegierte hier in diesem Saale den Frieden gerühmt,
seine: Abscheu vor der Aggression bekundet und seine Hände über das
Blutvergießen im Nahen Osten gerungen. Wir alle, die wir hier mit
jeder Faser unseres Seins um den Frieden in Nahost ringen, werden
diesen unaussprechlichen Zynismus niemals vergessen können.
In den letzten Tagen wurde laufend von sowjetischen Truppenverschiebungen nach Ungarn berichtet. Zur gleichen Zeit, als wir diese
Berichte hörten, versicherten die Sowjets den Vereinten Nationen und
der ungarischen Regierung, daß die sowjetischen Truppen in Ungarn
nicht verstärkt worden seien und auch in Zukunft nicht verstärkt
werden würden. Die gemeldeten Truppenbewegungen stellte man als
eine Umgruppierung der in diesem Lande stationierten Sowjettruppen
hin.
Noch
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7. November

1956

Noch um zehn Uhr gestern abend begannen V rtreter der Sowjetunion
Verhandlungen - oder das, was sie als Verhana ungen bezeichneten mit Vertretern der ungarischen Regierung angeb ich über den Rückzug
sowjetischer Truppen auf Grund der ungarischen Entscheidung, aus dem
Warschauer Pakt auszutreten.
Die Sowjetunion hat in jüngster Zeit ihr Bestreben, Ungarn durch
die Macht ihres Militärapparates zu beherrschen, kaum verschleiert.
Noch kurz vorher sprach sie von einem neuen Verhältnis zu ihren Satellitenstaaten, das auf voller Souveränität und Gleichheit, auf Unabhängigkeit und absoluter Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten dieser Länder aufgebaut sein sollte* Sie sprach von Verhandlungen im Rahmen des Warschauer Paktes über den Abzug ihrer Streitkräfte aus einigen dieser Länder, so insbesondere aus Ungarn, wo, wie
sie selbst einräumte, das weitere Verbleiben ihrer Truppen nur "Anlaß
zu einer weiteren Verschlechterung der Lage bilden" könne - eine
Verschlechterung der Lage, die nun auf so tragische Weise eingetreten
ist.
Welch ein betrügerisches Schauspiel rollte hier vor unseren
Augen ab!
Als Ministerpräsident Nagy seine Regierung bildete, schrieb
selbst die "Prawda", das sowjetische Regierungsorgan, am 28. Oktober
wie folgt über die Regierung Nagy: "Heute verkündete Radio Budapest
die Bildung einer neuen nationalen Regierung der ungarischen Volksrepublik auf einer breiten demokratischen Grundlage durch den Genossen
Imre Nagy. Die neue Regierung hat ihre Arbeit unverzüglich aufgenommen.
Geleitet von dem Wunsche, nicht einen einzigen Angehörigen dieses
aufrechten, aber mißgeleiteten Volkes zu bestrafen, verkündete die
ungarische Regierung eine Amnestie für alle, die freiwillig ihre
Waffen niederlegen." Am 30. Oktober berichtete Radio Moskau, das
natürlich wie in allen totalitären Staaten die offizielle Rundfunkstation der Regierung ist - etwas, was wir hier gar nicht kennen seinen Hörern in Europa, daß "unter der Führung der Regierung Imre
Nagys glücklicherweise «.. das Leben allmählich wieder in normale
Bahnen zurückkehrt"; und am gleichen Tage berichtete Radio Moskau
dem eigenen Volk: "Die arbeitende Bevölkerung Ungarns hat mit Befriedigung die gestrige Erklärung Imre Nagys, die von der ungarischen
Arbeiterpartei gebilligt ist und in der Nagy das Aktionsprogramm der
Regierung bekanntgab, zur Kenntnis genommen."
So sprachen Radio
Moskau und die "Prawda" damals. Heute hingegen bezeichnete die "Prawda"
den ehemaligen "Genossen" Nagy als "einen Komplicen reaktionärer
Kräfte".
Andere benachbarte Völker, die die Bedeutung des Kampfes des
ungarischen Volkes voll zu würdigen verstehen, äußerten sich ebenfalls über die Regierung Nagy. Hier einige Beispiele:
Die kommunistische "Vereinigte Polnische Arbeiterpartei" veröffentlichte am 29. Oktober eine Erklärung, in der sie das Programm
der neuen Regierung Nagy begrüßte und darlegte, daß es ganz im Sinne

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"AMERIKA DIENST"

Sinne der ungarischen Kommunisten und im Interesse der Sache des Friedens gehalten sei. Das kommunistische Parteiorgan "Tribuna Ludu" erklärte
am gleichen Tage Polens "tiefempfundene Solidarität" mit Ungarns neuer
Führung und versprach die Unterstützung ihres Programms. Dieses Programm, so meinte das polnische Blatt, "ist ganz ähnlich gehalten wie
unser eigenes und entspricht, wie auch unser eigenes Programm, dem
tiefsten Wunsch der Massen". Das ist die Meinung eines der kommunistischen -Hachbarländer.
Am 29. Oktober schickte Staatspräsident Tito einen Brief an die
Ungarn, in dem er seine Überzeugung ausdrückte, daß sie "unter ihrer
neuen Führung" alle Schwierigkeiten meistern würden. Er sprach von
seiner tiefen Bewunderung für all jene "fortschrittlichen Männer in
dem uns benachbarten Ungarn, die in den letzten Tagen all ihre Kräfte
dafür einsetzten, diesen tragischen Kampf in eine Zeit der Wiedergeburt
umzuwandeln". Das jugoslawische Volk, sagte Tito, "begrüßt einstimmig
die Bildung der neuen Staatsführung und einer neuen politischen Führung sowie die Erklärung der ungarischen Regierung vom 28. Oktober."
Präsident Tito schloß sein Schreiben mit den V/orten, er wünsche Nagy
"Erfolg in seinen Bemühungen".
Am 29. Oktober sandte auch die tschechoslowakische Regierung eine
Botschaft an die Regierung Nagy, in der sie die großen Bemühungen
der ungarischen Regierung zur Errichtung des Friedens in diesem Lande
"aufrichtig begrüßte",-Bemühungen, die, wie es in der Botschaft hieß/
"mit den fundamentalen Interessen des gesamten ungarischen Volkes
übereinstimmen," Die tschechoslowakische Regierung gab ihrer festen
Überzeugung Ausdruck, daß "die ungarische Regierung, gestützt auf die
Anerkennung des Volkes und die Kraft der sozialistischen Demokratie,
die Erfüllung der ihr gestellten Aufgaben erfolgreich gewährleisten
werde" .
Am 29. Oktober sandte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei eine Botschaft an die ungarischen Kommunisten, in der es hieß,
Ministerpräsident Nagy sei selbst ein Kommunist, der versuche, sein
Land aus der sowjetischen Versklavung zur Freiheit zu führen und in
der es ferner hieß, daß sie Nagys Bemühungen "um den Fortschritt" und
zur "Vertiefung der sozialistischen Demokratie" unterstützten. So
sprachen sie am 28. und 29« Oktober.
Nun, wodurch hat sich die Lage in so kurzer Zeit verändert? Durch
den Wunsch Ministerpräsident Nagys ,Ungarn im Interesse der Ungarn zu
regieren? Fürchtete sich die Sowjetunion davor? Die ständige heimliche
Verstärkung der Sowjettruppen in Ungarn in diesen schicksalsschweren
Tagen beweist, daß sie es tat.
Aus zuverlässiger Quelle wird jetzt berichtet, Herr Präsident,
daß Sowjettruppen das Parlamentsgebäude in Budapest besetzt haben.
Ministerpräsident Nagy und andere Mitglieder seiner Regierung befinden sich in Haft. Pal Maleter, der Verteidigungsminister und heldenhafte Verteidiger der Maria-Theresia-Kaserne gegen die sowjetischen
Angriffe, der erst gestern Verhandlungen mit sowjetischen militärischen

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1956

militärischen Vertretern über einen Abzug der Truppen führte, ist ebenfalls verhaftet. Die Sowjets stellten ei,n bis zum Mittag befristetes
Ultimatum, das die Kapitulation Budapests verlangte und drohten, die
Stadt zu bombardieren, falls sie nicht kapituliere.
Wie ich in der Sitzung des Sicherheitsrates heute morgen um 4 Uhr
bekanntgab, haben Kardinal Mindszenty und sein Sekretär in der amerikanischen Gesandtschaft in Budapest Zuflucht gesucht. Deshalb ist es,
glaube ich, am Platze, hier eine Rundfunkansprache zu zitieren, die
Kardinal Mindszenty erst gestern über Radio Budapest gehalten hat.
Ich möchte gerne einen Abschnitt daraus wörtlich anführen, weil dies
die letzten von Kardinal Mindszenty in der Öffentlichkeit gesprochenen
Worte sind, die wir haben: "Nationales Empfinden sollte nie wieder
eine Ursache zum Kampf zwischen Ländern werden, sondern Anlaß zur
feierlichen Verpflichtung sein, Gerechtigkeit und friedliche Zusammenarbeit zu üben. Laßt das nationale Bewußtsein in aller Welt auf dem
Felde gemeinsamer Kultur blühen und gedeihen. So wird der Fortschritt
des einen Landes weitergetragen werden zum anderen Land, von einer
Nation zur anderen, die nach den Gesetzen der Natur immer mehr auf
einander angewiesen sind,. Wir Ungarn wollen als Bannerträger der Völkerfamilie der europäischen Nationen leben und handeln. Laßt Zusammenarbeit,
die echte Freundschaft zwischen Nationen bedeutet, die Basis sein.
Und indem wir unser Auge in die Ferne schweifen lassen, äußern wir,
die kleine Nation, den Wunsch, mit den großen Vereinigten Staaten
von Amerika und dem mächtigen russischen Reich gleichermaßen in Freundschaft und gegenseitiger Achtung zu leben, in guten nachbarlichen
Beziehungen auch mit Prag, Bukarest, Warschau - und in diesem Zusammenhang darf ich nicht unerwähnt lassen, daß jedem Ungarn Österreich durch
sein brüderliches Mitempfinden unserer gegenwärtigen Leiden lieb und t
teuer geworden ist."
Dies, Herr Präsident, so wie es Kardinal Mindszenty geäußert hat,
ist etwas, was wahrlich im besten Sinne des Wortes als ein Ausdruck
des Geistes der friedlichen Koexistenz, bezeichnet werden könnte.
Aber die sowjetische Heuchelei hat diesen Begriff seiner ganzen Glaubwürdigkeit beraubt.
Wir dürfen uns durch diesen zynischen und willkürlichen Akt der
Aggression gegen das ungarische Volk und seine Regierung nicht täuschen lassen. Eine kleine Gruppe sowjetischer Strohmänner ließ in dem
Augenblick, in dem die sowjetischen Truppen ihren Angriff begannen,
verlauten, daß sie von sich aus eine Regierung gebildet hätte. Wir
haben keinen Übergang der Regierungsgewalt von einer ungarischen Regierung auf eine andere erlebt, sondern nur das Entstehen einer
Marionettenclique und den Sturz einer liberalen sozialistischen Regierung, die sich in ihrem Wunsch nach Abzug der Truppen dem Willen
des Volkes beugte. Zwei Stunden nach Beginn des Angriffes appellierte
die neue Gruppe von Strohmännern an die Sowjetunion, ihr zu Hilfe
zu kommen. Die Behauptung kann deshalb nicht aufrechterhalten werden,
daß die sowjetische Aktion auf Grund irgendeines Hilfeersuchens unternommen wird. Die "Hilfe", und ich gebrauche dieses Wort ausdrücklich
in Anführungszeichen, erschien lange vor dieser Aufforderung auf dem
Plan.
Parteisekretär

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Parteisekretär Janos Kadar, die kommunistische Marionette, der
heute morgen auf Grund der sowjetischen militärischen Intervention
eingesetzt wurde, war es, der anläßlich der Regierungsübernahme von
Ministerpräsident Nagy sagte: "Ich stimme aus vollem Herzen mit Nagy
überein, meinem alten Bekannten und Freund, meinem hochgeschätzten
und geachteten Genossen." Ein wundervoller Freund - er ging mit ihm
durch dick und dünn.
Wir müssen hier in dieser Versammlung drastische und entscheidende
Maßnahmen ergreifen, um den Appell der ungarischen Regierung zu beantworten. Die Delegation der Vereinigten Staaten unterbreitet deshalb
einen Resolutionsentwurf, über den unserer Ansicht nach sofort abgestimmt werden sollte. Ich möchte hiermit die Resolution vorlesen:
•M)ie Generalversammlung fordert:
unter Berücksichtigung der Tatsache, daß sich die Vereinten Nationen auf dem Prinzip der souveränen Gleichberechtigung all
ihrer Mitgliedstaaten gründen;
daß die Gewährung der Menschenrechte und der fundamentalen Freiheiten in Ungarn ausdrücklich durch den Friedensvertrag zwischen
Ungarn und den alliierten und assoziierten Mächten, der am 10.
Februar 1947 unterzeichnet wurde, garantiert worden ist, und daß
die allgemeinen Grundsätze dieser Rechte und Freiheiten in der
Charta der Vereinten Nationen bestätigt worden sind;
in der Überzeugung, daß die jüngsten Ereignisse in Ungarn den
Wunsch der ungarischen Bevölkerung klar zu erkennen geben, ihre
fundamentalen Rechte und Freiheiten sowie ihre Unabhängigkeit
auszuüben und voll zu genießen;
in der Verurteilung der Tatsache, daß sowjetische Streitkräfte
eingesetzt worden sind, um die Anstrengungen des ungarischen
Volkes zur Wiedererlangung seiner Rechte zu unterdrücken;
unter Hinweis auf die Erklärung der sowjetischen Regierung
vom 30. Oktober 1956, in der sie eine Politik der Nichteinmischung
in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten gelobte;
unter Kenntnisnahme der Mitteilung der ungarischen Regierung
an den Generalsekretär vom 1. November 1956 in bezug auf Forderungen, die jene Regierung der Regierung der UdSSR auf unverzügliche und sofortige Zurückziehung der sowjetischen Truppen
gestellt hat;
fernef unter Hinweis auf die Mitteilung vom 2. November 1956, die
die ungarische Regierung an den Generalsekretär gerichtet hat
und worin sie den Sicherheitsrat ersucht, die Regierungen der
Sowjetunion und Ungarns zu einem sofortigen Beginn der Verhandlungen über die Zurückziehung der sowjetischen Streitkräfte anzuhalten;
unter

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unter Hinweis darauf, daß die Intervention der sowjetischen militärischen Streitkräfte in Ungarn zu schweren Verlusten und zu einem
großen Blutvergießen unter der ungarischen Bevölkerung geführt hat;
und unter Hinweis auf den Rundfunk-Appell des ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy vom 4« November 1956
erstens die Regierung der UdSSR auf, sich aller militärischen Aktionen gegen die ungarische Bevölkerung sowie jeder Form der Intervention,
insbesondere der bewaffneten Intervention, in die inneren Angelegenheiten
Ungarns unverzüglich zu enthalten;
sie fordert zweitens die UdSSR auf, den Einmarsch weiterer Streitkräfte nach Ungarn zu unterbinden und alle ihre Streitkräfte unverzüglich von ungarischem Boden abzuziehen;
sie bekräftigt drittens das Recht des ungarischen Volkes auf eine
Regierung, die auf seine nationalen Aspirationen eingeht und die sich
für seine Unabhängigkeit und seinen Wohlstand einsetzt;
sie ersucht viertens den Generalsekretär, die durch die ausländische Intervention in Ungarn heraufbeschworene Situation zu untersuchen, die Lage durch von ihm ernannte Vertreter direkt zu beobachten
und die Generalversammlung zum frühesten Zeitpunkt darüber zu unterrichten und so schnell wie möglich Methoden zur Beendigung der krassen
ausländischen Intervention in Ungarn in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen vorzuschlagen;
sie fordert fünftens die Regierungen.Ungarns und der Sowjetunion
auf, den vom Generalsekretär bestimmten Beobachtern die Einreise in
das ungarische Gebiet zu gestatten, ihnen dort volle Bewegungsfreiheit und die Möglichkeit zu geben, ihre Ergebnisse dem Generalsekretär zu berichten;
sie fordert sechstens alle Mitglieder der Vereinten Nationen auf,
mit dem Generalsekretär und seinen Vertretern bei der Ausübung ihrer
Pflichten zusammenzuarbeiten;
sie ersucht siebtens den Generalsekretär, nach Rücksprache mit
den leitenden Vertretern der UN-Sonderorganisationen unverzüglich
Erhebungen über den dringendsten Bedarf des ungarischen Volkes an
Nahrungsmitteln, Medikamenten und ähnlichen Lieferungen anzustellen
und darüber der Generalversammlung so schnell wie möglich zu berichten;
sie ersucht achtens alle Mitglieder der Vereinten Nationen und die
nationalen und internationalen karitativen Organisationen, bei der Bereitstellung solcher Lieferungen zusammenzuarbeiten, wie sie von dem
ungarischen Volk benötigt werden können."
Das ist der Inhalt unserer Resolution. Sie hat das Ziel, sicherzustellen, daß schnell gehandelt wird, um der ernsten Situation begegnen zu können. Wir glauben nicht, daß es genügt, die Sowjetunion lediglich aufzufordern, sich eines weiteren Eingreifens in die inneren Angelegenheiten Ungarns zu enthalten und unverzüglich ihre sämtlichen Truppen zurückzuziehen.
Wir

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7. November 195&amp;

Wir stellen ferner das dringende Ersuchen, daß der Generalsekretär der Vereinten Nationen unverzüglich die Situation in Ungarn von
sich aus überprüft und sobald wie möglich der Generalversammlung hierüber Bericht erstattet. Wir fordern die Sowjetunion und Ungarn auf,
Vertretern des Generalsekretärs die Einreise in ungarisches Gebiet
zu gestatten, haben sie doch ihrerseits, wenn sie nichts zu verbergen
haben, von dem Besuch unparteiischer Beobachter nichts zu befürchten.
In diesem Zusammenhang möchte ich den sowjetischen Vertreter daran
erinnern, daß die Sowjetunion vorgibt, für bestimmte grundlegende Prinzipien einzutreten, die von der Bandungkonferenz im April 1955 &amp; ls
allgemein verbindliche, internationale Verhandlungsmaßregeln angenommen
worden waren.
Man hatte dort zehn Grundsätze für die Herbeiführung
einer friedlichen Zusammenarbeit zwischen den Nationen aufgestellt.
Fünf von ihnen betreffen, soweit mir bekannt ist, die sogenannte friedliche Koexistenz, für die sich die Sowjetunion wohl in Reden, aber nicht
durch Handlungen eingesetzt hat. Diese Prinzipien, die von den sowjetischen Führern anläßlich ihrer Besuche verschiedener asiatischer Länder
ausdrücklich bekräftigt worden sind, treffen auf die Situation in Ungarn
zu. Was die Sowjetunion in den letzten Stunden in Ungarn getan hat, beweist, wie nichtssagend diese sowjetischen Äußerungen des Lobes über die
Bandungerklärung sind.
Wir richten an die Mitglieder dieser Versammlung die Frage:
Hat die Sowjetunion bei ihrer Aktion in Ungarn "die fundamentalen
Menschenrechte und die Ziele und Prinzipien der Charta der Vereinten
Nationen respektiert"?
Hat sie "die Souveränität und die territoriale Unverletzlichkeit
aller Nationen respektiert"?
Und diese Fragen sind von wörtlichen Zitaten aus der BandungDeklaration abgeleitet;
Hat sich die Sowjetunion des "Eingreifens und der Einmischung in
die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes" enthalten?
Hat sie sich "der Aggressionshandlungen oder -drohungen oder der
Anwendung von Gewalt gegenüber der territorialen Unverletzlichkeit im
Interesse der politischen Unabhängigkeit eines Landes" enthalten?
Ich habe mich bei diesen Fragen der Sprache der Bandungkonferenz
bedient, die Tatsachen jedoch sprechen für sich selbst.
Wir können nicht untätig zusehen, wenn die Ungarn wieder gewaltsam
unterjocht werden, gerade zu einem Zeitpunkt, als sie dabei waren, ihre
Freiheit und Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Die in der Charta der
Vereinten Nationen niedergelegten Prinzipien stehen auf dem Spiel. Das
immer wieder von dieser Versammlung bekräftigte grundsätzliche und fundamentale Recht der Selbstbestimmung ist schwer bedroht. Wenn wir nicht handelnj wäre das ein gemeiner Verrat gegenüber dem ungarischen Volke, das
uns um Hilfe gebeten hat.
Das

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�"ABERIKA DIENST"

7. November 195*

Das ungarische Volk darf sicher sein, daß die -'ereilten Nationen
seine Sache zu ihre: ei- nen machen werden.
Es kann ferner s'.ch r sein, daß die Vere"nten Nationen alle ihr
zu Gebote stehenden Mittel aufbieten werden, um sicherzus'el'e: , daß
das ungarische Volk, as in d'.esen furchtbaren Tagen so leidenschaftlich für seine Unabhängi -keit und Freiheit gekämpft hat, ein hilfreiches Echo bei ...
Soeben erhalte i -h on Präsident Eisenhower eine Botschaft, die
ich Ihnen gern zur Kenntnis geben möchte. Sie ist nur sehr kürzt
"Ich bin der Ansicht, daß die Weltmeinung, die noch vor wenigen
Tagen angesichts der Nachricht über den beabsichtigten Abzug der Truppen der Sowjetunion aus Ungarn so viel neue Hoffnung schöpfte, heute
in gleichem Maße über den sowjetischen Angriff aaf das Volk und die
Regierung Ungarns bestürzt und entsetzt ist.
Ich suchte heute Außenminister Dulles im Walter-Peed-Krankenhaus
auf und konferierte später mit dem stellvertretenden Außenminister,
um Mittel und Wege zu erörtern, die den Vereinigten Staaten zur Erreichung folgender Ziele zur Verfügung stehen:
1.

Rückzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn

2.

Gewährleistung des Rechtes Ungarns auf Selbstbestimmung
und auf Wahl serner Regierung

Ich habe an Ministerpräsident Bulganin eine dringende Botschaft
bezüglich dieser Fragen -esandt.
Die Lage im Mittleren Osten und die Maßnahmen, die gegenwärtig
von den Vereinten Nationen unternommen werden, um den Frieden in diesen Gebiet wiederherzustellen sowie den Boden für eine konstruktive
Lösung der dort gegebenen Probleme zu bereiten, wurden in gleicher
Weise einer gründlichen Überprüfung unterzogen."
Herr Präsident, wir müssen heute nachmittag hier Schritte unternehmen, damit die Vereinten Nationen ihre Hilfsquellen mobilisieren,
um sicherzustellen, daß das ungarische Volk, das in diesen furchtbaren
Tagen so leidenschaftlich um seine Unabhängigkeit und Freiheit gekämpft hat, hilfreiches Echo bei den Völkern jener Länder findet,
die das Glück haben, diese kostbaren Güter zu besitzen, auf daß
sie ihm materielle Hilfe und Trost bringen und seine Leiden und
sein Unglück zu lindern helfen.

* * * * *

- 8 -

�HOOVER:

UN SOLLEN INITIATIVE IN UNGARN ERGREIFEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der stellvertretende
US-Außenminister Herbert Hoover jun. am
16.November 1956 vor der UN-Generalversammlung hielt.

"Herr Präsident,
Außenminister Dulles hat mich gebeten, Ihnen sein tiefes Bedauern darüber auszusprechen, daß er nicht hier sein kann, um diese
Ansprache selbst zu halten. Ich möchte ferner dem neuen Präsidenten
der Generalversammlung, unserem hochverehrten Freund aus Thailand,
die Glückwünsche des Außenministers übermitteln.
Die Vereinten Nationen und die gegenwärtige Krise
Die Generalversammlung tritt zu einem Zeitpunkt zusammen, da
zahlreiche Probleme auf die Völkergemeinschaft der Welt einstürmen.
Einige dieser Probleme sind äußerst bedrohlich. In der kurzen Spanne
weniger Wochen sahen wir uns zwei Bedrohungen des Weltfriedens gegenübergestellt .
Die Vereinten Nationen haben in den kritischen Ereignissen der
vergangenen Wochen in Europa und im Mittleren Osten eine entscheidende
Rolle gespielt. Sie haben schnell gehandelt, um die betreffenden Streitfragen in den Brennpunkt der Weltmeinung zu stellen. Sie haben gerechte
und praktische Vorschläge für friedliche Lösungen unterbreitet. Die
Welt kann nicht anders als den moralischen Kräften für den Frieden ihre
Aufmerksamkeit zu schenken, die die Vereinten Nationen in diesen letzten
Wochen demonstriert haben. Die Vereinten Nationen haben ihre Hingabe an
die Prinzipien ihrer Charta sowie ihre Fähigkeit bewiesen, zur Verteidigung dieser Prinzipien schnell zu handeln.
Präsident Eisenhower hat in seiner Ansprache an das amerikanische Volk am 31.Oktober erklärt: 'Wenn ich die Entwicklung der internationalen Ereignisse der letzten Jahre überdenke, bin ich noch stärker davon überzeugt, daß die Fortschritte der Vereinten Nationen die
gesündeste Grundlage für den Frieden in der Welt darstellen.'
Das
- 1 -

�AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Das Grundziel der Charta ist Frieden in Gerechtigkeit. Die
Vereinigten Staaten sind davon überzeugt, daß die Vereinten Nationen
das beste Mittel zur Erreichung dieses Zieles sind. Der Friede "allein
genügt nicht. Denn ohne Gerechtigkeit ist der Frieden nur eine Täuschung und von begrenzter Dauer. Auf der anderen Seite würde die Gerechtigkeit ohne Frieden von den grenzenlosen Ungerechtigkeiten eines
Krieges fortgeschwemmt werden.
Die Vereinten Nationen haben in den letzten Wochen unverzüglich
gehandelt, um den Frieden in Gerechtigkeit zu bewahren. Ihre Bemühungen können jedoch nicht lediglich auf Grund ihrer Resolutionen beurteilt werden. Die Bewährungsprobe besteht darin, daß ihre Resolutionen
zum Tragen kommen.
In Osteuropa sind die Beschlüsse der Vereinten Nationen, die sich
mit der tragischen Situation in Ungarn befassen, immer noch unbeachtet
geblieben. Die sowjetischen Streitkräfte sind nicht zurückgezogen worden. Wir hören jetzt bestürzende Berichte, wonach das ungarische Volk
die Barbarei der Massendeportationen erdulden muß.
Wir können nicht ruhig bleiben,, während ungarische Männer, Frauen
und Kinder unter Anwendung von Gewalt deportiert werden, nur weil sie
es gewagt haben, den sowjetischen Unterdrückern zum Trotze ihren patriotischen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Deshalb sind die USA der Ansicht,
daß die Vereinten Nationen unverzüglich die Initiative ergreifen müssen,
um dieser tragischen Situation abzuhelfen.
Herr Präsident, diese Frage erfordert die dringende Aufmerksamkeit
der Generalversammlung. Die USA werden alle Änderungen in der Tagesordnung der Generalversammlung unterstützen, die notwendig werden mögen, damit diese unerhört wichtige Angelegenheit mit Vorrang behandelt
werden kann.
Die Forderung des UN-Generalsekretärs nach Zulassung von UNBeobachtern in Ungarn ist abgelehnt worden. Dies bedeutet, daß wir
unsere Unterstützung seiner Bemühungen verdoppeln müssen. Gleichzeitig müssen wir mit Vorrang die nächsten Schritte erörtern, die die
Vereinten Nationen unternehmen können. Die brutale Unterdrückung der
Freiheit durch die Fremdherrschaft wird sich in dem Gewissen der fielt
unauslöschlich einprägen.
Im Mittleren Osten begrüßen wir die Erklärungen der Zusammenarbeit,
die dort auf die Forderungen der Vereinten Nationen hin abgegeben wurden, die militärischen Operationen einzustellen, die bewaffneten Streitkräfte zurückzuziehen und die Streitmacht der Vereinten Nationen einzusetzen.
Es ist auch davon gesprochen worden, sogenannte 'Freiwillige'
nach dem Mittleren Osten zu bringen. Eine derartige Maßnahme würde in
klarem Widerspruch zu der am 2.November angenommenen Resolution stehen,
die von 64 Mitgliedern dieser Versammlung unterstützt wurde. Es ist die
eindeutige Pflicht aller, einschließlich derer, die in Feindseligkeiten
verwickelt sind, davon Abstand zu nehmen, daß außer der Polizeitruppe der
Vereinten Nationen noch andere Streitkräfte in das Gebiet der jüngsten
Keil
Kampfe entsandt werden.
_?
i.

�'AMERIKA DIENST"

22.November 1956

Kein Land sollte die Schwierigkeiten der Vereinten Nationen bei
der Wiederherstellung des Friedens vergrößern. Wenn ausländische Streitkräfte in das Kampfgebiet gebracht würden, dann würde dies bestimmt
die Bemühungen erschweren, die gegenwärtig gemacht werden, ja, dies
würde eine Bedrohung für die Streitkräfte der Vereinten Nationen darstellen, die gegenwärtig in das Gebiet einrücken. Die Vereinten Nationen
würden dann die Verpflichtung haben, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Präsident Eisenhower:hat angekündigt, daß die USA derartige Maßnahmen voll und ganz unterstützen würden.
Als die USA am 1. November ihre Resolution zur Feuereinstellung
einbrachten, erklärte Außenminister Dulles hier an dieser Stelle, daß
die Waffenruhe allein sowie die Rückkehr zu dem ehemaligen Zustand
nicht genügen würden. Er wies darauf hin, daß die Gewaltanwendung aus
einer in höchstem Maße verworrenen und in vieler Hinsicht provozierenden
Situation heraus erfolgte, sowohl im Hinblick auf den Suezkanal als
auch auf den Waffenstillstand in Palästina. Er unterstrich, daß weder
der Friede noch die Gerechtigkeit gesichert werden könnten, wenn wir
nicht mehr erreichten als die alte und unruhige Lage von früher wiederherzustellen.
Die Vereinten Nationen haben ihre Fähigkeit, die öffentliche Meinung der Welt gegen die Anwendung von Gewalt zu mobilisieren, unter
Beweis gestellt. Es ist viel schwerer, die Meinungen in dem gleichen
Maße für die Beseitigung der Ungerechtigkeiten zu mobilisieren, die
den Nährboden für die Gewaltanwendung bilden. Solange wir jedoch nicht
bis zu den Wurzeln dieser Spannungen vorstoßen, können wir nur begrenzte
Fortschritte auf dem Wege zur Lösung der Probleme eines dauerhaften
Friedens machen.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten am 3« November der
Sondersitzung der Generalversammlung zwei Resolutionen unterbreitet,
die das Ziel hatten, sich mit den Ursachen der Krise im Mittleren
Osten auseinanderzusetzen. Die erste bezieht sich auf den Suez-Kanal.
Am 13. Oktober nahm der Sicherheitsrat eine Entschließung an, die sechs
Leitgedanken enthielt, die das Ziel hatten, die Grundlage für eine Lösung zu schaffen, die das internationale Vertrauen und eine wirksame
Inbetriebhaltung gewährleistet. Nichts ist geschehen, was die Grundvoraussetzung geändert hat, wonach den Benutzern des Kanals unter
Wahrung der Souveränität Ägyptens die Zusicherung einer freien Durchfahrt ohne jede Diskriminierung gegeben werden muß, und zwar unter
verlässlichen und voraussagbaren Bedingungen, die von der Politik eines
jeden Landes unabhängig sind. Was nun not tut, ist die Verwirklichung
dieser.fundamentalen Grundsätze. Wir haben daher eine Resolution vorgelegt, die auf die Ausarbeitung von Maßnahmen zur Wiederinbetriebnahme des Kanals abzielt, sowie auf die Entwicklung eines Planes, um
in Übereinstimmung mit den interessierten Ländern seine Inbetriebnahme und Inbetriebhaltung vorzubereiten und die freie Durchfahrt
durch den Kanal gemäß der Konvention von 1088 zu gewährleisten. Wir
glauben, daß ein derartiger Ausschuß unverzüglich gebildet werden und
daß er seine Arbeit sobald als möglich aufnehmen sollte.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

22. November 1956

Die Vereinigten Staaten haben ferner eine Resolution unterbreitet,
die die Errichtung eines Ausschusses vorsieht, der die Partner eines
Waffenstillstandsabkommens beraten und Empfehlungen hinsichtlich einer
Lösung der großen, zwischen den arabischen Staaten und Israel stehenden
Probleme machen soll.
»Vir haben sofort Maßnahmen ergriffen, um uns mit der durch den
Ausbruch der Feindseligkeiten entstandenen dringlichen Lage zu befassen. Die Ankunft des ersten Kontingents der UN-Pol'izeitruppe sollte es
möglich machen, nunmehr ohne irgendwelche Verzögerung die übrigen
Empfehlungen dieser Generalversammlung zu verwirklichen, besonders diejenigen, die sich auf den Abzug der Truppen beziehen.
Wir müssen nunmehr mit der gleichen Schnelligkeit und Einmütigkeit
handeln, um eine Lösung der Probleme zu erreichen, die zu dieser dringlichen Lage führten.
Auch zur Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme in diesem Raum sind neue Anstrengungen nötig. Die dortige Krise hat unsere
Bemühungen von der Aufgabe, für die Zukunft zu sorgen, abgelenkt. Es
gibt vieles, was wir tun können, damit die Völker in diesem schwer
heimgesuchten Gebiet jenen wirtschaftlichen und sozialen Lebensstandard
erreichen, nach dem sie sich so sehr sehnen.
Wir brauchen nicht auf die endgültigen Lösungen zu warten, ja,
es wäre falsch, würden wir warten. Eine Zusammenarbeit auf solchen
Gebieten wie Wasserwirtschaft und Handel sowie gut geplanten Entwicklungs- und Modernisierungsprojekten könnte wesentlich dazu beitragen,
die Grundlagen für den Frieden zu legen.
Wir haben jetzt die Chance für einen neuen Beginn., unser Ziel
sollte sein, die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden und die
Stabilität in diesem Gebiet zu legen.
Im August vergangenen Jahres umriß Außenminister Dulles einige
Vorhaben, die unbedingt erforderlich sind. Er erwähnte mehrere spezielle
Projekte, die durchgeführt werden sollten, und erklärte wörtlich:
•Wenn diese Vorhaben Lasten mit sich bringen, dann würden sich die USA
an diesen Lasten beteiligen.' Ich kann heute die Bereitschaft der USA,
zur Unterstützung eines gesunden Programmes voll und ganz beizutragen,
erneut bekräftigen.
Andere Probleme der elften Sitzungsperiode
Ich möchte ferner kurz über zwei weitere Punkte sprechen, die vor
diese Sitzung der Generalversammlung kommen werden.
Der erste Punkt ist die Internationale Atomenergiebehörde. Wir
können ermutigt sein, daß das Statut der Internationalen Atomenergiebehörde, das in diesem Saale vor wenigen Wochen von über 70 Ländern
unterzeichnet wurde, nunmehr in das Stadium der Ratifizierung getreten
ist. Dies bedeutet einen großen Fortschritt für die internationale

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�"AMERIKA DIENST"

22. November 1956

internationale Völkergemeinschaft, der durch Gespräche und Verhandlungen
erreicht worden ist. Dieser Fortschritt bringt den Tag näher, an dem
das Atom als ein wirklich internationaler Diener der Menschheit arbeiten
kann.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß ein Ausschuß dieser
Generalversammlung mit der neuen Behörde Verhandlungen über den Entwurf
eines Abkommens aufnehmen sollte, um ein geeignetes Verhältnis zwischen
dieser Behörde und den Vereinten Nationen herzustellen.
Zweitens wird der Generalversammlung das Problem der Abrüstung
unterbreitet werden, wenn die Abrüstungskommission ihren Bericht über
die erreichten Fortschritte vorlegt. Die Verhinderung eines Atomkrieges
ist das Anliegen jeder Nation und jedes Menschen. Und doch wird die
Produktion nuklearer Waffen fortgesetzt, und noch immer schwebt die
fürchterliche Drohung eines Atomkrieges über der Menschheit.
Wenn eine Einigung in dieser Frage bisher nicht erzielt werden
konnte, so sind die Vereinten Nationen hierfür nicht direkt verantwortlich. Diese Tatsache ist aber auch kein Grund, die Hoffnung aufzugeben oder in unseren Bemühungen nachzulassen. Wir müssen danach trachten, soweit uns das möglich ist, Fortschritte auf allen Gebieten zu erzielen. Die Vereinigten Staaten werden weiterhin jede Gelegenheit ergreifen, um ein echtes Abkommen zu erreichen. Wir dürfen uns aber nicht dabei
ertappen lassen, leere Versprechungen mit echten Vorschlägen zu verwechseln.
Der Kern des Problems ist auch weiterhin die Frage der Schaffung
eines wirksamen Inspektions- und Kontrollsystems. Jeder Abrüstungsplan
ist unbefriedigend, wenn er nicht gleichzeitig von Maßnahmen begleitet
wird, mit deren Hilfe festgestellt werden kann, daß die Vertragspartner
ihren Versprechungen auch tatsächlich nachkommen.
Die Sowjetunion hat sich bisher immer gescheut, sich einem wirksamen System der Inspektionen und Kontrollen zu unterstellen. Die
Vereinigten Staaten hingegen haben einem derartigen System zugestimmt.
T
ene Länder, die über das Potential für eine nukleare Kriegführung verfügen, haben die große Verantwortung, diese Gefahr im Rahmen der Autorität der Vereinten Nationen zu beseitigen. Herr Präsident, die Vereinigten Staaten bezeugen hiermit erneut ih^e Hingabe an diese große Aufgabe.
Die vor uns liegenden Aufgaben
Die Aufgaben, die vor den Vereinten Nationen liegen, sind ungeheuer» In ihrer Suche nach einem Frieden in Gerechtigkeit müssen sie
wef^e finden, die zu einem friedlichen Wandel führen.
Dia Vereinten Nationen müssen dazu beitragen, daß rechtmäßige Veränderungen stattfinden. Aber sie müssen auch dafür Sorge tragen, zu
verhindern, daß diese Veränderungen den Frieden erschüttern oder die
legitimen Interessen der anderen verletzen. Die wachsende Abhängigkeit
der Nationen untereinander ist genauso eine Tatsache des internationalen
Lebens geworden wie der Drang nach einer Änderung. Es ist die Aufgabe

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�22. November

AMERIKA DIENST

1956

Aufgabe der Staatsmänner, dieses Streben sowohl in friedliche wie auch
in gerechte Bahnen zu lenken.
In unseren Bemühungen,einander entgegenstehende Ansprüche und
Interessen miteinander auszugleichen, werden wir oftmals nur langsam
Fortschritte erzielen. In einigen Fällen werden wir vielleicht vorübergehende oder Teillösungen annehmen müssen. '.Vir dürfen nicht entmutigt
werden, wenn wir für den gegenwärtigen Zeitpunkt bestenfalls nur eine
Einstellung der Kampfhandlungen oder einen Waffenstillstand erreichen
können. Wir müssen unsere Probleme mit einem Gefühl für das Mögliche
und einer Entschlossenheit, das Mögliche zu finden, angehen.
Die wachsende Stärke der Vereinten Nationen
Die Vereinten Nationen gehen an diese Aufgaben mit wachsender
Stärke und Vitalität heran. Die kürzliche Aufnahme von 19 Mitgliedern
hat der Weltorganisation neue Kraft und einen größeren Wirkungsbereich
verliehen. Vor allem möchte ich die Delegierten Marokkos, Tunesiens
und des Sudans begrüßen, die erst in jüngster Zeit in unsere Reihen
getreten sind.
Es gibt jedoch noch andere Länder, vor allem im Fernen Osten,
die in gleicher Weise qualifiziert sind und hier vertreten sein sollten.
Japan ist durch die Stimme eines einzigen Landes ausgeschlossen worden.
Wir hoffen, daß baldige Maßnahmen getroffen werden können, die den Weg
für die Aufnahme Japans zum frühestmöglichen Zeitpunkt ebnen. Die Republik
Korea und die Republik Vietnam verdienen gleichermaßen die Zulassung und
sollten ohne weitere Verzögerung in die Vereinten Nationen aufgenommen
werden.
Die Vereinigten Staaten werden sich weiterhin der Aufnahme der
Vertreter des rotchinesischen Regimes widersetzen, eines Regimes, das
von den Vereinten Nationen als Angreifer verurteilt worden ist, das
seine Mißachtung für diese Organisation bei zahlreichen Anlässen bewiesen und auch sonst entgegen der Charta gehandelt hat.
Die Ausweitung der Organisation von 60 auf 79 Mitglieder hat sich
auf den Umfang solcher wichtigen Körperschaften wie des Sicherheitsrates
und des Wirtschafts- und Sozialrates nicht ausgewirkt.
Die asiatischen Länder sind im Weltsicherheitsrat noch nie ausreichend vertreten gewesen. Nach der Aufnahme von weiteren sechs asiatischen
Ländern sollte dieser Mangel unverzüglich abgestellt werden. In ähnlicher
Weise würden die zehn neuen europäischen Staaten eine verstärkte Vertretung für den europäischen Bereich rechtfertigen. Nach den obwaltenden
Umständen würde es wünschenswert scheinen, dem Sicherheitsrat zwei neue
nichtständige Sitze hinzuzufügen. Es wäre gleichfalls vernünftig, die
Mitgliederzahl im Wirtschafts- und Sozialrat vielleicht um vier Sitze
zu erhöhen.
Das

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�i

"AMERIKA DIENST"

.

22. November 1956

Das vergangene Jahr brachte ferner eine bedeutende Ausweitung
der Rolle des Generalsekretärs. Durch beständige und unermüdliche
Bemühungen hat er auf vielerlei V/eise zur Lösung ernster Streitfragen
beigetragen. Die Rolle, die er, besonders im Mittleren Osten, gespielt
hat, zeigt, in welch hohem Maße der Generalsekretär zum Weltfrieden
beitragen kann. Die Vereinigten Staaten möchten hiermit ihren Dank
an Generalsekretär Hammarskjöld zu Protokoll geben, sowohl für seine
Hingabe an diese Aufgabe wie auch für seine persönlichen Fähigkeiten
als Mann des Friedens und ihn hierzu beglückwünschen.
In den vergangenen Wochen haben die Vereinten Nationen erneut
ihre Daseinsberechtigung erwiesen, indem sie neue Instrumente für den
Frieden schufen. Ein historischer Schritt wurde mit der Aufstellung
einer Polizeitruppe der Vereinten Nationen getan, die die Einstellung
der Feindseligkeiten im Mittleren Osten gewährleisten und überwachen
soll.
Die Polizeitruppe der Vereinten Nationen mußte auf schnellstem Wege
ins Leben gerufen werden. Die Erfahrungen, die bei der Bildung und dem
Einsatz dieser Truppe gesammelt wurden, werden von unschätzbarem Wert
für die Zukunft sein. Dies unterstreicht aber auch die Notwendigkeit,
einen kollektiven Mechanismus zu entwickeln, der zur Aufrechterhaltung
des Weltfriedens und der Sicherheit notwendig ist.
Die Entwicklungsfähigkeit, die die Vereinten Nationen bei der
Beantwortung konkreter Herausforderungen bewiesen haben, hat auch die
Kraft der UN als Institution gezeigt. Die Aufgabe, diese Fähigkeit
zur friedlichen Lösung von Streitfällen und zur Förderung eines gerechten Wandels auf friedlichem Wege zu steigern, hört niemals auf. Wir
haben ganz gewiß noch nicht alle Möglichkeiten der Charta für diese
Zwecke erschöpft.
Beispielsweise steht ein ausreichender Apparat zur Verfügung,
um die internationalen Rechtsstreitigkeiten richterlich zu entscheiden.
Doch wird diese Maschinerie selten verwandt. Nur 33 Staaten haben die
verbindliche Rechtsprechung des Internationalen Gerichtshofes angenommen. Andere Länder haben sich im allgemeinen geweigert, ihre Meinungsverschiedenheiten gerichtlich entscheiden zu lassen, wenn sie dazu
angehalten worden sind. Wenn die Herrschaft des Rechts geschaffen werden
soll, dann müßte es auch zur allgemein akzeptierten Norm werden, daß
man sich an dieses Recht, wie es in der Urteilsfindung eines unabhängigen
Gerichtshofs zum Ausdruck kommt, hält.
Zusammenfassung
Herr Präsident, wir leben gegenwärtig in ernsten Zeiten. Sie
fordern von allen Nationen äußerste Zurückhaltung sowie ein gutes
Urteilsvermögen. Sie fordern schöpferische neue Versuche, um das alte
Problem eines gerechten und dauerhaften Friedens einer Lösung zuzuführen.
Unser

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�22. November 1956

"AMERIKA DIENST"

Unser Ziel muß eine Welt sein , in der die Nationen und Völker Seite an
Seite nebeneinander leben können, ohne Rücksicht auf ihre innerpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Systeme, ohne Furcht und mit
echter Hoffnung auf Erfüllung unserer Ziele. Die Vereinten Nationen
können als Organisation von unschätzbarem Wert sein, um die Arbeit
in Richtung auf dieses Ziel zu unterstützen. Wir dürfen nicht fragen,
ob sie bei dieser ihrer Aufgabe Erfolg haben werden; wir müssen vielmehr dafür sorgen, daß sie Erfolg haben.
Nichts könnte einleuchtender sein als die Tatsache, daß eine
wirkungsvollere Organisation der Vereinten Nationen den Interessen
jeder einzelnen Nation dient. Wir müssen danach streben, Institutionen
zu entwickeln, mit deren Hilfe die Rechte aller Nationen respektiert
werden können und die Gerechtigkeit auf friedlichem Wege gewährleistet
werden kann. So wollen wir uns hier vereinen, um eine Brücke von der
Vergangenheit in die Zukunft zu bauen, über die wir gemeinsam in einem
neuen Geiste des Vertrauens wandeln können.
Ich versichere Ihnen, daß die Vereinigten Staaten unermüdlich an
dieser Aufgabe arbeiten werden."

•

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�\
LQDGE ZUR LAGE IN ÄGYPTEN

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den V/ortlaut der Erklärung,
die der Chefdelegierte der USA bei den Vereinten
Nationen, Botschafter Henry Cabot Lodge, am 24.
November vor der UN-Generalversammlung abgegeben
hat.

Der UN-Generalversammlung liegt der Bericht des Generalsekretärs
über die Stationierung und die Aufgaben der UN-Polizeitruppe in Ägypten sowie die Räumung der Hindernisse aus dem Suez-Kanal vor. Wir
billigen seine Erklärung und seinen Bericht.
Der Generalsekretär hat in seinem Bericht die Generalversammlung
um die Vollmacht ersucht, sich um praktisch wirksame Maßnahmen zu bemühen und über die erforderlichen Vereinbarungen hinsichtlich der Räumungsarbeiten im Suezkanal zu verhandeln. Wir sind der Auffassung,
daß die Generalversammlung diese Vollmacht sofort erteilen sollte.
Die Vereinigten Staaten sind ferner der Auffassung, daß das
Aide-memoire des Generalsekretärs über die UN-Streitkräfte ( A / 3 3 7 5 )
von der Generalversammlung gebilligt werden sollte.
Die praktische Verwirklichung der von der Generalversammlung
festgelegten allgemeinen Grundsätze hinsichtlich Wesen und Aufgabe
der UN-Polizeitruppe ist im vorliegenden Fall eine sowohl heikle als
auch dringliche Angelegenheit. Die Vereinigten Staaten sind ferner
der Auffassung, daß die dringlichen Besprechungen zwischen dem UNGeneralsekretär und den direkt betroffenen Regierungen fortgeführt
werden sollen, um diese Angelegenheiten in Übereinstimmung mit den
Empfehlungen der Generalversammlung zu regeln. Der Generalsekretär
hat in bezug auf die Weiterführung dieser Gespräche unser volles
Vertrauen.
Was den Bericht des UN-Generalsekretärs betrifft, so haben
die Vereinigten Staaten drei weitere Feststellungen zu treffen:
Erstens: Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß die
Räumung der Hindernisse aus dem Kanal durch die Vereinten Nationen,
sobald wie dies praktisch und technisch möglich ist, in Angriff genommen werden sollte. Wir können der Auffassung nicht beipflichten.

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�"AMERIKA DIENST"

28. November 1956

1 beipflichten, daß der Abzug der ausländischen Streitkräfte erst nach
l Abschluß der Räumungsarbeiten im Kanal erfolgen solle. Umgekehrt
' glauben wir nicht, daß dem Beginn der Aufräumungsarbeiten der Abzug
der Truppen vorausgehen müsse. Die Vorkehrungen des Generalsekretärs
für die Räumungsarbeiten sollten sofort beginnen, und er kann
sie
unserer Meinung nach auf Grund der einschlägigen Entschließungen
der Generalversammlung ohne irgendwelche Verzögerungen der Räumungsarbeiten treffen. Mit jedem Tag, den der Kanal noch weiter für die
Schiffahrt . geschlossen bleibt, vergrößert sich der materielle Schaden,
den zahlreiche Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen bereits erlitten
haben und gewinnt somit die Wiederinbetriebnahme des Kanals nur eine
um so lebenswichtigere Bedeutung.
Zweitens: Es ist von gleich entscheidender Bedeutung, daß weitere
UN-Polizeikräfte sobald wie möglich in dieses Gebiet verbracht werden
und zwar in hinreichender Stärke. Es sollten alle nur möglichen Schritte
unternommen werden, um die Verlegung dieser Truppen zu beschleunigen.
Der Aufbau und die Entsendung der UN-Polizeitruppe ist eine Ange1 legenheit von höchster Dringlichkeit. Wenn auch bereits vieles getan
| wurde, so sollten doch alle Beteiligten in ihren Bemühungen fortfahren,
eine rasche Verbringung der UN-Streitmacht in dieses Gebiet sicherzustellen.
Drittens: Wir vertreten die Auffassung, daß der Abzug der französischen, britischen und israelischen Streitkräfte ohne Verzug vonstatten gehen müsse. Wir hoffen, daß sich die Verlautbarungen über bereits
im Gang befindliche Rückzugsbewegungen von Verbänden, die von Seiten
Großbritanniens, Frankreichs und Israels erfolgt sind, als ein gutes
Vorzeichen für eine rasche Befolgung der Entschließung der Generalversammlung bezüglich des Abzugs aller nichtägyptischen Streitkräfte erweisen werden.
Viertens: Lassen Sie mich Ihnen noch einmal die Erklärung ins Gedächtnis zurückrufen, die wir in Erläuterung unserer Stimmabgabe zur
Entschließung vom 7« November abgegeben haben: "Wie wir die Dinge sehen,
wird also der Abzug Zug um Zug mit dem alsbaldigen Eintreffen der internationalen UN-Truppe vollzogen. Wir hoffen, daß diese schrittweise
Operation, wie sie in der Entschließung vorgesehen ist, sobald wie
möglich und je eher je besser anläuft."
Wir sind somit auch weiterhin der Auffassung, daß der Abzug der
französischen, britischen und israelischen Truppen rasch und Zug um
Zug mit dem Eintreffen der UN-Polizeitruppe voranschreiten wird.
Die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß jeder Fortschritt
in der Bereinigung von Fragen mit grundsätzlicher Bedeutung, die uns
so sehr angehen und im Hinblick auf die wir die beiden gegenwärtig
zur Beschlußfassung vorliegenden Resolutionen unterstützen, von einer
restlosen und unverzüglichen Befolgung der Empfehlungen der Generalversammlung abhängt. Wir werden auch weiterhin darauf drängen, daß alle

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�"AMERIKA DIENST"

28. November 1956

alle nur möglichen Mittel und Wege zu einer beschleunigten Lösung dieses
Konfliktes erwogen werden. Das ist ein weiterer Grund, warum jede nur
mögliche Anstrengung unternommen werden muß, um mit diesen Dingen voranzukommen.
Die Lage ist nach wie vor prekär. Wenn irgendeine der beteiligten Regierungen entgegen der von den Vereinten Nationen verfolgten Politik handelt, wird sich die Lage weiter verschärfen. Die
ganze Angelegenheit unterliegt der Kollektivverantwortung der UNGeneralversammlung. Keine Regierung kann allein auf sich gestellt die
Bedingungen für ihre Lösung diktieren. Aber wenn wir auf dem eingeschlagenen Weg fortfahren, uns getreu an die betreffenden Entschließungen der Generalversammlung halten und dem Generalsekretär unsere
uneingeschränkte Unterstützung gewähren, dann können Frieden und Sicherheit einziehen. Lassen Sie uns also mit Optimismus und Vertrauen an die
Arbeit gehen und nicht unnötig Zeit verlieren, indem wir darauf bestehen,
daß erst alles bis aufs I-Tüpfelchen festgelegt werde.
Unserer Ansicht nach wurde bisher folgendes erreicht*
Erstens, das Feuer ist eingestellt worden.
Zweitens, die Vereinten Nationen haben die Aufstellung einer
Polizeimacht beschlossen, um die Feuereinstellung zu erreichen
und zu überwachen. Diese Polizeimacht befindet sich bereits in
dem Gebiet und wird von Tag zu Tag verstärkt.
Drittens, die ägyptische Regierung hat die Vereinten Nationen
um ihre Hilfe bei den Aufräumungsarbeiten im Gebiet des Suezkanals gebeten.
Viertens, ziehen sich die israelischen Streitkräfte, Berichten
zufolge, aus der Kanalzone, und zum Teil sogar überhaupt aus
ägyptischem Gebiet zurück. Meldungen über eine gänzliche Zurücknahme hinter die Waffenstillstandslinie liegen noch nicht vor.
Fünftens, Frankreich hat den Beginn des Abzugs seiner Truppen
angekündigt.
Sechstens, Großbritannien hat Pläne für den Rückzug eines
Bataillons seiner Truppen angekündigt.
Wir begrüßen diese Verlautbarungen. Ganz besonders begrüßen wir
auch alles, was der sehr verehrte Herr Außenminister Mr. Lloyd gestern
hier äußerte, nämlich daß seine Regierung den Wunsch hegt, mit den
Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten. Diese Zusammenarbeit wird sicherlich in hohem Maße zu einer Lösung dieser ernsten Probleme beitragen.
Aus den oben dargelegten Gründen werden wir für die SechsmächteEntschließung stimmen, die wir gemeinsam mit anderen Nationen eingebracht
haben (Dokument Nr. A/3386). Die in Dok. A/3385 enthaltene Resolution bringt
Gedanken zum Ausdruck, die sich in jeder Beziehung mit unserer Politik
decken, und wir werden daher auch für diese Entschließung stimmen, obgleich wir sie nicht unbedingt für erforderlich halten.
* * * * *

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ERKLÄRUNG VON BOTSCHAFTER LQDGE VOR DER
UN-GENERALVERSAMMLUNG

VEREINTE NATIONEN (New York) - (AD) - Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung
über die Deportation ungarischer Staatsbürger, die
der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten
Nationen, Henry Cabot Lodge jun., auf der Vollsitzung der UN-Generalversammlung am 19. November 1956
abgegeben hat.

"Die Erklärungen, die heute morgen von den Persönlichkeiten abgegeben wurden, die angeblich hier für Ungarn sprechen, müssen alle
im Lichte der sehr einfachen Tatsache gesehen werden, daß die Behörden
dort keine freien Wahlen zulassen werden - sondern höchstens inszenierte
Wahlen nach kommunistischer Art, Ganz offensichtlich würden freie Wahlen zu dem schnellen Verschwinden des kommunistischen Regimes führen.
Genauso offensichtlich ist dies auch der Grund, warum das kommunistische
Regime keine freien Wahlen zuläßt. Wo es keine Freiheit gibt, da kann
es auch nur sehr wenig Wahrheit geben, Und ich glaube wirklich, daß
dies auch für die Reden zutrifft, die von den beiden Vertretern des
kommunistischen Ungarn heute morgen gehalten wurden.
So möchte ich mich denn dem zuwenden, was der sowjetische Vertreiter sagte. Er sprach erstens über die Legislative in den Vereinigten
Staaten. Die Gesetzgebung und die Taten der Vereinigten Staaten hinsichtlich der osteuropäischen Völker sind nicht ganz so, wie er das
darstellt. Wie ich neulich abends erklärte, suchen die Vereinigten Staaten, was die osteuropäischen Völker anbetrifft, deren Magen mit Lebensmitteln zu füllen, während die Sowjets ihn mit Blei füllen. Das
ist der einzige Unterschied.
Der sowjetische Vertreter möge ferner zur Kenntnis nehmen, und
dies ist, was die Amerikaner anbetrifft, von grundlegender Bedeutung,
daß das amerikanische Volk, das über seinen Kongreß handelt, jede
Unterdrückung ablehnt, wo immer dies auch sein mag. Dies hat für
dieses Land schon immer - von Anbeginn seiner Geschichte an - gegolten. Abraham Lincoln erklärte, als er über die Unabhängigkeitserklärung - das zur Zeit der amerikanischen Revolution erlassene grundlegende Dokument der amerikanischen Verfassung - sprach, daß dieses
Dokument nicht nur dem amerikanischen Volke die Freiheit brachte,

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28. November

1956

brachte, sondern auch der gesamten Welt für alle künftigen Zeiten
Hoffnung gab. Abraham Lincoln betrachtete die Ideale der Freiheit
nicht als etwas, das man einfach hinnimmt und in seinem Herzen trägt,
sondern als etwas, das man anderen zu bringen wünscht.
Dieser Geist nun liegt der Gesetzgebung zugrunde, auf die sich
der sowjetische Vertreter bezog.
Selbstverständlich waren die sowjetischen Anschuldigungen gegen
die amerikanische Gesetzgebung schon verschiedentlich auf früheren
Sitzungen dieser Generalversammlung zu hören, andere sowjetische Vertreter haben sie in Entschließungen vorgebracht. Den diesbezüglichen
Entschließungen wurde jedoch niemals von der Generalversammlung stattgegeben. Was nun die Erklärung anbetrifft, wir hätten den Eindruck
zu erwecken gesucht, daß es seitens der Vereinigten Staaten militärische Hilfe in Ungarn geben würde, so erkläre ich mit allerhöchster Vollmacht - und dies ist sehr genau nachgeprüft worden -, daß
niemand jemals in irgendeiner Weise - sei es durch Rundfunksendungen
oder auf irgendeinem anderen Wege - von den Vereinigten Staaten zur
Rebellion aufgerufen worden ist.
Der Rest der sowjetischen Rede widerspricht natürlich, wie wir
alle wissen, den allgemein bekannten Tatsachen. Es war das typische
sowjetische Aneinanderreihen von Zeitungsausschnitten, die nur der
eigenen Sache dienten. Ich hörte der Rede sehr sorgfältig zu, aber
es ist durchaus möglich, daß ich hier oder dort ein Wort überhört
habe. Aber soweit ich der Rede folgte, habe ich nicht ein einziges
direktes Wort vernommen, durch welches in Abrede gestellt wurde, daß
diese Deportationen aus Ungarn tatsächlich erfolgten. Ich habe nur
etwa ein Drittel der Rede gelesen, aber während ich ihr zuhörte, habe
ich nicht eine einzige eindeutig klare Zurückweisung dieser Behauptungen
vernommen. Die Rede war ihrem Ton nach defensiv und brachte praktisch
nichts Neues. Genauso wie seine Vorgänger, bestritt der sowjetische
Vertreter kurz und bündig die sowjetischen Untaten. Ja, er weigerte
sich, Beobachtern der Vereinten Nationen die Einreise in dieses Land
zu gestatten, um die Wahrheit festzustellen. Sicherlich, Herr Präsident,
würde der sowjetische Vertreter, wenn er seinen eigenen Erklärungen wirklich G.lauben schenken würde, eine unparteiische Untersuchungskommission
der Vereinten Nationen begrüßen. Indem er jedoch Beobachter der Vereinten
Nationen ablehnte, hat sich Außenminister Schepilow in die wohl schwächste Position gebracht, in die sich ein Sprecher vor einem öffentlichen
Forum auch nur bringen konnte. Praktisch hat er zu dieser Generalversammlung gesagt, 'ich glaube selbst nicht, was ich soeben gesagt habe.'
Nun, die Tatsachen sind durchaus nicht mysteriös. Seit über zwei
Wochen hat die Welt die ungarische Tragödie beobachtet - das Drama
eines großen Volkes, das sich erhob, um die Ketten der Unterdrückung
zu brechen, und dessen Erhebung durch die Strategie der Doppelzüngigkeit und des Terrors von der Sowjetunion zunichte gemacht wurde.
Herr

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�"AMERIKA DIENST"

28. November

1956

Herr Präsident, hier handelte es sich um eine Erhebung der Arbeiter, der Bauern, der Studenten - der jungen Menschen. Dies ist auch der
Grund, warum die Arbeiter in allen freien Leandern empört sind. Die Aufmärsche der arbeitenden Menschen, diese Demonstrationen in aller Welt
fanden nicht statt, weil etwa einige alte Faschisten sich plötzlich erhoben hatten. Sie fanden statt, weil man vielmehr erkannt hatte, daß
es sich hier um eine echte Erhebung der Arbeiter und der 'Jugend handelte.
Die Welt erlebte zuerst eine massive Konzentration sowjetischer
Panzer und Truppen, die um Budapest und in ganz Ungarn mobil gemacht
worden waren. Uns wurde erzählt, daß Verhandlungen im Gange seien, um
den Abzug dieser Truppen sicherzustellen. Dann enthüllte die Sowjetunion
ihre wahren Absichten. Diese Truppenbewegungen waren keine Ablösung, wie
die Sowjets behauptet hatten, sie erfolgten im Rahmen eines Planes, um
die sowjetische Kontrolle über das ungarische Volk wiederherzustellen,
getarnt durch einen abgekarteten 'Hilferuf der ungarischen Behörden.
Die sich anschließenden Ereignisse enthüllten die wirkliche Lage, die
ich als den notwendigen Hintergrund für die jüngsten Ereignisse kurz
schildern werde.
Im Morgengrauen des 4« November begannen sowjetische Truppen ihren
Angriff auf das ungarische Volk und dessen Regierung. Zwei Stunden später suchte eine Gruppe von Männern, die sich seitdem als die Regierung
Ungarns bezeichnet hat, diesem Akt der Aggression eine rechtliche Grundlage zu geben, indem sie einen Hilferuf an die sowjetischen Truppen gegen
das ungarische Volk erließ. Seit diesem Zeitpunkt ist uns immer wieder
erzählt worden, daß die sowjetischen Truppen auf Grund dieses Hilferufes
in Aktion traten, und daß sie ihre Aktion auf Ersuchen der ungarischen
Regierung durchführen. Wie der hochverehrte Außenminister von Belgien,
Monsieur Spaak, neulich so treffend erklärt hat, muß die Sowjetunion
denken, daß wir alle Toren sind, weil wir dieser Propaganda angesichts
des gegenteiligen konkreten Beweismaterials glauben.
Der Mut und die Entschlossenheit des ungarischen Volkes sind ein
anspornendes Beispiel für alle freien Länder. Auch jetzt noch liegen
Berichte von Kämpfen, Streiks oder weiterem Widerstand vor - so groß
ist die Liebe zur Freiheit im Herzen dieses Volkes.
Die Sowjetunion hat sich bisher allen Bitten der Vereinten Nationen
gegenüber taub gezeigt. Sie hat ihre Truppen nicht zurückgezogen. Den
Vertretern des Generalsekretärs ist die Einreise nach Ungarn zur Prüfung
der Lage verweigert worden. Unserem hochverehrten Generalsekretär selbst
mit all dem ihm auf Grund seines Amtes und seiner eigenen persönlichen
Fähigkeiten zustehenden Prestige ist nicht einmal die einfachste Höflichkeit erwiesen worden, die ihm von einem Mitglied der Vereinten
Nationen gebührt. Sein Angebot, nach Budapest zu gehen, wurde mit einem
Vorschlag beantwortet, daß er mit einem Vertreter Ungarns an einem Platz
zusammentreffen sollte, der weit entfernt von den Ereignissen liegt, die
uns hier so große Sorge bereiten. Als Höhepunkt dieser Geschichte des
Terrors führt die Sowjetunion nunmehr Massendeportationen von ungarischen Staatsbürgern durch. Wir verfügen über Tatsachenmaterial, das die
zahlreichen in der Presse erschienenen Berichte noch erhärtet. Die der

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�"AMERIKA DIENST"

28. November 1956

der amerikanischen Regierung vorliegenden Informationen zeigen, daß
bis zum 14« November wenigstens 16 000 Menschen allein aus Budapest
deportiert wurden. Am 13« November zum Beispiel fuhren den Berichten
zufolge wenigstens drei Züge mit je 60 Güterwagen, in die jeweils
50 bis 60 Menschen hineingepfercht worden waren, auf der Strecke MonorSzolnok-Debrecen nach Osten. Am 9• November wurde gemeldet, daß sich
ein Zug mit 1500 Männern, Frauen und Kindern in Debrecen befand; ein
gleicher Bericht liegt für den 11. November vor.
Aus diesen Zügen wurden Zettel geworfen, auf denen die Finder
gebeten wurden, die Verwandten zu benachrichtigen.
Unsere Berichte zeigen, daß diese Deportationen immer noch andauern. Wir erhielten die Bestätigung, daß ein Zug mit jungen Ungarn,
die in plombierten Güterwagen transportiert wurden, sich über Cluj,
Predeal und Ploesti in Rumänien auf die sowjetische Grenze zu bewegt.
Und Menschen in Rumänien, die sie sahen, erzählten, daß die Ungarn sie
um Hilfe zur Flucht baten.
Herr Präsident, soweit ich weiß, ist die Witterung in Ungarn zu
dieser Jahreszeit noch recht mild, aber es ist bereits in Rußland und
in Sibirien sehr kalt. Es ist ganz unvermeidlich, daß viele der Menschen
in diesen Güterwagen, zumal es sich um offene Güterwagen handelt, an
Kälte und Entbehrungen sterben werden - so wie die unglücklichen Opfer
der Nazi-Konzentrationslager auf den Güterwagen starben. Wie ich es
mit meine» eigenen Augen im Jahre 1945 überall in der Gegend des furchtbaren Nazilagers in Dachau sah.
Dies sind alle Informationen, die der amerikanischen Regierung
vorliegen. Keine dieser Information rührt aus Presseberichten her.
Um jedoch eine weitere Bestätigung zu geben, zitiere ich die folgende
Sendung des offiziellen ungarischen Rundfunks. Am 14« November um
16.00 Uhr brachte der Budapester Rundfunk in seiner Ungarn-Sendung
folgende Nachricht: 'Im Bezirk Svolnok ist mit der Wiederaufnahme der
Arbeit in den vergangenen Tagen begonnen worden. Etwa 40 bis 50 Prozent
der Arbeiter sind wieder in den Fabriken und Betrieben. Der Eisenbahnbetrieb ist zu einem gewissen Maß wieder aufgenommen worden. Den jüngsten Berichten zufolge sind jedoch Gefangene in plombierten Güterwagen
von Budapest nach Osten befördert worden. Angeblich haben die Eisenbahner daraufhin den Streik wieder aufgenommen. Diese Nachricht wurde
an die verschiedenen Fabriken weitergegeben und immer mehr Arbeiter
verließen daraufhin ihre Arbeitsplätze.'
Während der vergangenen 24 Stunden haben die Vereinigten Staaten
weiteres zuverlässiges Beweismaterial erhalten. Am 16. November wurde
eine Gruppe junger Menschen in der Nähe des Budapester Südbahnhofs von
sowjetischen Soldaten umringt. Ebenfalls am 16. November holten sowjetische Soldaten eine Anzahl verwundeter Jugendlicher aus einem Krankenhaus in der Peterfy Sandor Utca ab. Am 17» November wurde beobachtet, wie sowjetische Soldaten Jugendliche aus einer Schule an der
Varesmarty Utca abholten. Das ist erst in allerletzter Zeit geschehen.

Auf

�"AMERIKA DIENST"

28. November 1956

Auf Grund dieser Berichte begrüßen die Vereinigten Staaten die
von der kubanischen Delegation ergriffene Initiative. Diese Berichte
verleihen der Notwendigkeit neue Dringlichkeit, den Resolutionen der
Generalversammlung vom 4» u n d 9« November nachzukommen, in denen der
Abzug aller sowjetischen Truppen aus Ungarn und die Entsendung von
Beobachtern durch den Generalsekretär der Vereinten Nationen nach
Ungarn gefordert werden.
Während wir heute nachmittag hier sitzen, fahren die mit diesen
unglücklichen Menschen vollgepferchten Güterwagen weiter in die
sibirische Kälte hinein. Wir fordern die Sowjetunion dringend auf, der
Weltmeinung eine angemessene Achtung entgegenzubringen, diese Deportationen umgehend einzustellen und die Ungarn sofort wieder in ihre
Heimat zurückzubringen, die bereits in das Exil entführt worden sind.
Wir ersuchen die ungarischen Behörden nachdrücklichst, den Bestimmungen der UN-Charta und des Friedensvertrages von 1947 nachzukommen, die sie auffordern, alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, daß sich alle Menschen 'der Menschenrechte
und der grundlegenden Freiheiten, darunter der Freiheit der Rede,
der Presse, der Publikation, der Religionsausübung, der politischen
Meinungsäußerung und der öffentlichen Versammlung erfreuen können.1
Lassen Sie mich den Vertreter Ungarns daran erinnern, daß er
erst neulich, als er von diesem Rednerpult sprach, die feierliche
Versicherung abgab, daß seine Regierung die Charta der Vereinten
Nationen einhalten wird.
Herr Präsident, es bedeutet vielleicht nicht viel, über diese
Resolution abzustimmen, aber es ist doch etwas. Dadurch werden
natürlich die Toten nicht wieder zum Leben zurückgerufen. Aber einige
Worte werden vielleicht durchsickern und den tapferen Männern und
Frauen in Ungarn Gewißheit geben, daß sie nicht vergessen sind. Die
Worte dieser Resolution werden selbstverständlich in allen Teilen
der freien Welt umlaufen und das Ausmaß der Verdammung noch erhöhen,
die bereits dem internationalen Kommunismus einen solch schweren
Schlag versetzt hat«
Die Verabschiedung dieser Resolution kann angesichts der tapferen
Toten bestehen, deren Opfer es fordert, daß wir alle in unseren
Kräften stehenden Schritte unternehmen. Herr Präsident, angesichts
dieses riesigen Ausmaßes der von Menschen gegenüber Menschen begangenen Unmenschlichkeiten bedeutet die Verabschiedung dieser Resolution nicht viel. Aber sie bedeutet doch immerhin etwas, und wir
sollten sie daher ohne jede Verzögerung verabschieden.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

NIXON ZUR WELTPOLITISCHEN LAGE

NEW YORK - (AD) - Nachstehend übermitteln wir
Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der
Vizepräsident der Vereinigten Staaten,
Richard M. Nixon, am 6. Dezember 1956 vor
dem Verband Amerikanischer Automobilfabrikanten in New York gehalten hat.

Nichts in unserem Wirtschaftsleben kennzeichnet unser ständiges
Streben nach Vollkommenheit und Fortschritt besser als die jährlich
stattfindende Automobil-Ausstellung, auf der immer neue, starke und
komfortable Modelle gezeigt werden. Wenn wir unsere Wagen von heute
mit den langsamen^ unschönen Modellen von vor 50 Jahren vergleichen,
sehen wir nicht nur, was amerikanischer Erfindungsgeist und amerikanische Leistungsfähigkeit in der Vergangenheit hervorgebracht haben,
sondern wir sehen dann auch, daß unserer ständigen wirtschaftlichen
Entwicklung eine fast atemberaubende Zukunft bevorsteht.
/
Wenn die Probleme, denen wir heute gegenüberstehen, lediglich
wirtschaftlicher Natur wären, könnten wir bezüglich der künftigen
Entwicklung beruhigt, ja sogar selbstzufrieden sein. Der Umstand,
daß die 60 Millionen Amerikaner stolze Besitzer solcher Autos oder
ähnlicher älterer Modelle sind, kann an sich bereits als ein Zeichen
eines Wohlstandes gewertet werden, an dem tatsächlich alle Schichten
unserer Gesellschaft teilhaben. Zum ersten Mal in der Geschichte
nähern wir uns einem Zustand, in dem Armut und wirtschaftliche Ausbeutung in einem großen Industriestaat abgeschafft werden.
Doch in der Welt von heute ist kein Platz für Selbstgefälligkeit,
wieviel Anlaß auch immer zu einer solchen Haltung gegeben zu sein
scheint. Keiner unter uns kann sich der Tatsache verschließen, daß
über unsern Häuptern eine düstere Wolke schwebt, eine Wolke der
Sorge, ja sogar der Furcht. Sie erscheint uns als eine pilzförmige
Wolke, die eine ernste Warnung ausspricht - die Warnung nämlich,
daß dieser Wohlstand in einem einzigen Augenblick durch das furchtbare Aufflammen eines Krieges mit thermo-nuklearen Waffen hinweggefegt werden kann.

Aus

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�AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Aus diesem Grunde halte ich es für angebracht, am heutigen Abend
auf die großen Ereignisse der letzten 40 Tage einzugehen, die einen
so gewaltigen Einfluß auf unsere Zukunft haben werden.
Von verschiedenen Beobachtern der internationalen Politik sind
zum Teil recht niederschmetternde und alarmierende Kommentare zu diesen Ereignissen geliefert worden. Die Kritiker der Verzweiflung und
die Propheten des Untergangs verkünden uns, daß alles verloren ist.
Aus den entmutigenden Schlußfolgerungen, die wir in der letzten Zeit
gehört und gelesen haben, greife ich folgende heraus:
Die Sache der ungarischen Freiheit hat durch die Macht der Sowjets
ein für allemal den Todesstoß erhalten.
Im Vorderen Orient sind die Kräfte der Diktatur stärker denn je
zuvor, und die Sowjetunion hat in diesem Teil der Welt einen gewaltigen
Sieg errungen.
Das atlantische Bündnis ist unwiderruflich zerstört, und der
Bruch zwischen den Vereinigten Staaten und seinen europäischen Verbündeten und Freunden läßt sich niemals mehr heilen.
Und schließlich, Schuld an dieser unheilvollen Entwicklung
trägt in erster Linie die Politik der Vereinigten Staaten.
Ich bin nicht der Ansicht, daß unsere Außenpolitik nicht zum
Gegenstand der Kritik werden dürfe. Die Unterstützung, die unsere
Politik von beiden politischen Parteien genießt - und sie wurde sowohl im Senat wie im Repräsentantenhaus großzügig und aus patriotischem Geist heraus gewährt - bedeutet keine automatische und hundertprozentige Billigung jeder Regierungsmaßnahme, und gewiß ist es in
einer Demokratie die Aufgabe der Presse, die Öffentlichkeit auf diesem
wie auf anderen Gebieten ungehindert zu informieren und freie Kritik
zu üben.
Bei aller Fairness bin ich jedoch überzeugt, daß einige unter den
Kritikern die Probleme unter kurzsichtigen und von Unreife zeugenden
Gesichtspunkten betrachten. Kurzsichtig deshalb, weil sie über augenscheinlichen unmittelbaren Vorteilen schwerwiegende künftige Nachteile
übersehen. Und die Forderung nach einer amerikanischen Politik, die unmittelbare und glänzende Erfolge aufweisen müsse, ist der Beweis für
eine gefährliche Unreife.
In dieser komplizierten und unvollkommenen Welt müssen wir immer
mit Schwierigkeiten und sogar mit gelegentlichen Rückschlägen rechnen.
Das beste, was wir erhoffen können, ist, daß die Basis unserer politischen Grundhaltung ihrem Kern nach richtig ist und daß sie sich schließlich
durchsetzt. Ich schlage daher vor, daß wir die Ereignisse der vergangenen
Wochen in diesem Sinne analysieren.
Vor sechs Wochen standen wir an einem Wendepunkt in der Geschichte.
Am Sitz der Vereinten Nationen in New York waren alle Augen der Welt auf
den Sprecher der Vereinigten Staaten gerichtet. Ich bitte Sie, sich
die Dramatik dieser Situation vorzustellen.

Hier
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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1 956

Hier stand eine Nation, die einstmals eine isolationistische
Politik betrieb, und die sich nunmehr zur Idee der kollektiven Sicherheit bekennt. Wir, die wir einst den Völkerbund ablehnten, gehören zu
den Völkern,die die Vereinten Nationen gründeten und unterstützen.
Wir, die wir uns noch vor 60 Jahren unserer offenkundigen Sendung in Asien und Lateinamerika rühmten, haben dem Kolonialimperialismus abgeschworen und uns verpflichtet, die Nationen zu unterstützen,
die früher einmal Kolonien der Großmächte waren.
Wir haben uns gewandelt, doch viele Menschen in der Welt zweifelten daran, daß wir uns wirklich gewandelt hätten. Zahlreiche Nationen Asiens und Afrikas wollten im Kalten Kriege lieber als Neutrale abseits stehen, bis sie sicher sein können, daß wir es mit unserer Versicherung der Freundschaft und Achtung gegenüber allen Völkern und Staaten, wie groß oder stark sie auch immer seien, aufrichtiger meinen als die Sowjetunion. Die uns befreundeten Nationen Lateinamerikas, die uns heute vertrauen, hatten noch beunruhigende
Erinnerungen an die frühere Kanonenbootdiplomatie.
Dann kam die Stunde der Prüfung. Unsere Freunde und Verbündeten
hatten die Vereinten Nationen übergangen und zur Regelung einer politischen Auseinandersetzung der Vereinten Nationen direkte militärische
Maßnahmen ergriffen. Gewiß sind sie schwer provoziert worden. Nach
den noch vor 50 Jahren allgemein anerkannten internationalen Maßstäben; hätte sich ihre Aktion verteidigen, wenn nicht sogar rechtfertigen lassen.
&amp;
Aber eine neue Kraft ist in Erscheinung getreten, die moralische
Kraft der Vereinten Nationen, deren sämtliche Mitgliedstaaten sich
verpflichtet haben, ihre Meinungsverschiedenheiten auf friedlichem
Wege zu regeln.
Bei allen Delegationen der Vereinten Nationen stellte man sich
die Frage: Werden die Vereinigten Staaten für die von ihnen verkündeten Prinzipien eintreten oder so tun als sei nichts geschehen? An
diesem Wendepunkt der Geschichte erschien Außenminister Dulles persönlich vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, um unsere
Haltung zu umreißen, eine Haltung, die von der überwältigenden Mehrheit
der Nationen der Welt geteilt wurde.
Unser Standpunkt war klar und einfach. Wir verurteilten die
Anwendung von Gewalt, sofern sie nicht durch den Zwang zur Selbstverteidigung oder durch ein Mandat der Vereinten Nationen gerechtfertigt ist. In der anschließenden Debatte legten unsere Freunde
ihr Veto ein und verhinderten eine Aktion seitens des Sicherheitsrates.
Für uns gab es kein Zögern. Wir ersuchten um Einberufung einer Sondersitzung der Generalversammlung, die kein Vetorecht kennt. Auf dieser
Sitzung wurde unsere Haltung von praktisch allen Ländern der Welt gutgeheißen.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Die Vereinigten Staaten hatten ihre Bewährungsprobe vor der Geschichte bestanden. Der Fortbestand der Vereinten Nationen war gesichert. Recht und Gesetz hatten sich durchgesetzt - gleiches Recht
und Gesetz für die Mächtigen und Starken wie für die Schwachen und
V/ehrlosen.
Man hat behauptet, daß wir einen falschen Kurs eingeschlagen
hätten, weil durch unsere Handlungsweise die Position eines Diktators gestärkt, die Gefahr einer Ausbreitung des sowjetischen Einflusses im Nahen Osten erhöht und unser Bündnis mit unseren engsten Freunden geschwächt worden sei.
Lassen Sie uns aber einmal untersuchen, welche Alternative wir
hatten. Wenn wir in dieser Situation nicht an den Prinzipien festgehalten hätten, die unseren Kurs und unser Handeln bestimmten, dann
wäre der Zweck der Vereinten Nationen hinfällig geworden. Die Welt
wäre zu den gleichen Maßstäben für die Gestaltung der internationalen Beziehungen zurückgekehrt, wie sie vor den beiden Weltkriegen
angewendet wurden. Und unsere moralische Position gegenüber der Welt
wäre hoffnungslos kompromittiert gewesen.
Nach Meinung des größten Teils der Y/elt wäre unsere Position wenig
besser gewesen als die der kommunistischen Staaten, die in ihrer Außenpolitik ständig nach dem Grundsatz gehandelt haben, daß der Zweck die
Mittel heilige, daß die Anwendung von Gewalt immer dann gerechtfertigt
ist, wenn die eigenen Ziele damit gefördert werden, und daß den Geboten der
Vereinten Nationen nmr dann Folge zu leisten ist, wenn der betroffene Staat
der Meinung ist, ein solches Verhalten diene seinen nationalen Interessen. Die strahlende Hoffnung, daß die Nationen eine bessere
Methode als die Gewaltanwendung zur Regelung internationaler Streitfälle finden könnten, wäre zunichte gemacht worden ,und die Welt hätte
sich in zynische und mißtrauische Machtblöcke aufgelöst, um deren
Gunst sich dann eine triumphierende Sowjetunion beworben hätte, die
die Methoden von Zuckerbrot und Peitsche anwenden würde, ganz wie die
Gelegenheit es erfordert. Und eines Tages hätte die Sowjetunion dann
den Sieg davongetragen.
Wenn wir unsere Freunde und Verbündeten, Großbritannien
und Frankreich, in Ägypten unterstützt hätten, wäre ihnen vermutlich in diesem Gebiet ein militärischer Sieg zugefallen. Doch sie selbst
und auch wir hätten die moralische Unterstützung der ganzen Welt verloren.

Weil

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Die Vereinigten Staaten hatten ihre Bewährungsprobe vor der Geschichte bestanden. Der Fortbestand der Vereinten Nationen war gesichert. Recht und Gesetz hatten sich durchgesetzt - gleiches Recht
und Gesetz für die Mächtigen und Starken wie für die Schwachen und
V/ehrlosen.
Man hat behauptet, daß wir einen falschen Kurs eingeschlagen
hätten, weil durch unsere Handlungsweise die Position eines Diktators gestärkt, die Gefahr einer Ausbreitung des sowjetischen Einflusses im Nahen Osten erhöht und unser Bündnis mit unseren engsten Freunden geschwächt worden sei.
Lassen Sie uns aber einmal untersuchen, welche Alternative wir
hatten. Wenn wir in dieser Situation nicht an den Prinzipien festgehalten hätten, die unseren Kurs und unser Handeln bestimmten, dann
wäre der Zweck der Vereinten Nationen hinfällig geworden. Die Welt
wäre zu den gleichen Maßstäben für die Gestaltung der internationalen Beziehungen zurückgekehrt, wie sie vor den beiden V/eltkriegen
angewendet wurden. Und unsere moralische Position gegenüber der Welt
wäre hoffnungslos kompromittiert gewesen.
Nach Meinung des größten Teils der Y/elt wäre unsere Position wenig
besser gewesen als die der kommunistischen Staaten, die in ihrer Außenpolitik ständig nach dem Grundsatz gehandelt haben, daß der Zweck die
Mittel heilige, daß die Anwendung von Gewalt immer dann gerechtfertigt
ist, wenn die eigenen Ziele damit gefördert werden, und daß den Geboten der
Vereinten Nationen nmr dann Folge zu leisten ist, wenn der betroffene Staat
der Meinung ist, ein solches Verhalten diene seinen nationalen Interessen. Die strahlende Hoffnung, daß die Nationen eine bessere
Methode als die Gewaltanwendung zur Regelung internationaler Streitfälle finden könnten, wäre zunichte gemacht worden ,und die Welt hätte
sich in zynische und mißtrauische Machtblöcke aufgelöst, um deren
Gunst sich dann eine triumphierende Sowjetunion beworben hätte, die
die Methoden von Zuckerbrot und Peitsche anwenden würde, ganz wie die
Gelegenheit es erfordert. Und eines Tages hätte die Sowjetunion dann
den Sieg davongetragen.
Wenn wir unsere Freunde und Verbündeten, Großbritannien
und Frankreich, in Ägypten unterstützt hätten, wäre ihnen vermutlich in diesem Gebiet ein militärischer Sieg zugefallen. Doch sie selbst
und auch wir hätten die moralische Unterstützung der ganzen V/elt verloren.

Weil

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

V/eil wir aber eine andere Haltung einnahmen, wissen die Völker
Afrikas und Asiens heute, daß wir moralisch an ihrer Seite stehen und
daß wir für Rechtsnormen eintreten, die für den Westen und den Osten
gleichermaßen gelten. Sie wissen auch, daß sich die Vereinigten Staaten keinen Illusionen über die "Bürde des weißen Mannes" oder die
"Überlegenheit der Weißen" hingeben.
Wenn wir die schwere Bewährungsprobe aber bestanden haben, die die
Geschichte uns in den vergangenen sechs Wochen auferlegt hat - und ich
glaube, daß wir diese Bewährungsprobe bestanden haben -, dann schuldet
unsere Nation Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles ewigen Dank.
Die Entscheidung, die sie zu treffen hatten, wäre zu jeder Zeit schwer
gewesen. Sie war zehnfach schwerer angesichts der Verwirrung und Uneinigkeit, wie sie im Endstadium eines Wahlkampfes herrschen. Männer geringeren Formates würden am Vorabend einer Wahl Lösungen angestrebt haben,
die ihnen auf leichte Weise Stimmen zugeführt hätten. Sie aber entschieden sich für staatsmännisches Handeln und für die Grundsätze der
Moral.
Es ist leicht, seine Feinde zu verurteilen, wenn sie im Unrecht sind;
doch es gehört Mut dazu, seine Freunde zu verurteilen. Es ist verlockend, ein geringfügiges Unrecht zu übersehen, um sich das zu sichern, was als das höhere Ziel erscheinen mag. Der Grundsatz aber,
daß die Mittel den Zweck ehiligen, ist unvereinbar mit der Moral.
Wir wußten, daß unsere Freunde unter einer schweren Provokation handelten und daß ihre Geduld fast bis zum äußersten auf die Probe gestellt worden war. Es wäre einfach gewesen, den Blick von diesen
Dingen abzuwenden und jede Handlung so lange hinauszuzögern, bis es
zu spät gewesen wäre. Doch der einfache Weg ist nicht immer der rechte
Weg.
Der militärische Sieg unserer Freunde im Nahen Osten hätte das
Problem nicht gelöst. Dauerhafte Lösungen lassen sich selten nach
einem Krieg mit all seinen Zerstörungen erzielen,und der Friede, um
den wir uns im Vorderen Orient bemühen, muß von Dauer sein. Die Geschichte wird einmal unserem Präsidenten und unserem Außenminister
ewigen Dank dafür zollen, daß sie den schweren Weg des Festhaltens
an den Grundsätzen der Moral und nicht den einfachen Weg des geringsten Widerstandes beschritten haben. Heute steht es uns als Mitglieder der neu belebten Vereinten Nationen frei, uns um einen gerechten
und dauerhaften Frieden in diesem Gebiet zu bemühen.
Lassen Sie uns jetzt die Ereignisse untersuchen, die sich in
Ungarn abgespielt haben. V/eil wir entschlossen gegen die Anwendung von
Gewalt in Ägypten eingetreten sind, hatten wir die moralische Berechtigung, das rücksichtslose und barbarische Vorgehen der Sowjets gegenüber diesem tapferen Volke zu verurteilen. Ohne zu zögern und ohne
zynische Hintergedanken konnten wir die moralischen Kräfte der Welt
gegen dieses ungeheuerliche Unrecht mobilisieren.
Die

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Die Vereinten Nationen verfügen über keine Armeen, die sie den
heldenhaften Freiheitskämpfern in Ungarn hätten zu Hilfe senden können.
Es bestanden keine Verträge, auf Grund deren die freien Völker bewaffnete Hilfe hätten leisten können. Die einzige Waffe, die uns hier
zur Verfügung stand, war die moralische Verurteilung, da die einzige
Alternative ein Eingreifen unsererseits war, das den dritten und
sicherlich letzten Weltkrieg hätte auslösen können.
Es gibt Leute, die erklären, daß moralische Kraft ohne gleichzeitige militärische Aktionen, die ihr Geltung verschaffen, nichts
zu bedeuten habe. Wir sollten aber niemals die Kraft der moralischen
Verurteilung der Welt unterschätzen. Sogar die Sowjetunion sieht sich
gezwungen, dies anzuerkennen. Auch sie kann nicht vor die Welt treten,
wenn sie für die Knechtschaft, den kommunistischen Kolonialimperialismus und Gewaltanwendung eintritt, die Wesensbestandteile der kommunistischen Doktrin sind. Wie verbrecherisch ihre Taten auch immer
sind, sie sieht sich doch gezwungen, mit Begriffen wie Freiheit des
Individuums, Unabhängigkeit der Völker und Weltfrieden zu operieren.
Die Tatsache, daß sich die Machthaber im Kreml im vollen Scheinwerferlicht der Weltkritik zu bewegen haben, mag das ebenso heldenhafte polnische Volk davor bewahrt haben, das Schicksal Ungarns zu
erleiden. Polen besitzt heute ein wenigstens beschränktes Maß an
Unabhängigkeit.
Welche Auswirkungen werden die ungarischen Ereignisse auf die
internationalen Auseinandersetzungen hervorrufen? Nur zu viele kurzsichtige und oberflächliche Beobachter vertreten die Auffassung, daß
die Kommunisten in Ungarn einen großen Sieg errungen haben. Doch bei
einer nüchternen, realistischeren Beurteilung kommt man zu der Einsicht, daß die Kommunisten, wenn sie auch die Auseinandersetzung um
die Herrschaft in Ungarn gewonnen haben mögen, damit den Krieg um
die Beherrschung der Welt, den sie mit so viel Fanatismus zu gewinnen
suchen, verloren haben. Ich bin überzeugt, daß sich die Ereignisse in
Ungarn als ein wichtiger Wendepunkt im Kampf um die Niederringung des
Weltkommunismus ohne Krieg erweisen werden.
Lassen Sie uns untersuchen, in welcher Lage sich die Männer im
Kreml zur Zeit befinden. Vor dem ungarischen Zwischenfall hatte die
Sowjetunion selbst den Schiffbruch der stalinistischen Methoden zugegeben. Während der vergangenen zwei Jahre versuchten die sowjetischen Führer, durch einen Feldzug des Lächelns das zu gewinnen, was
sie durch nackte Gewalt und zügellosen Terror nicht erobern konnten.
Sie haben versucht, sich mit ihren Satellitenstaaten auf freundschaftlicher Basis zu einigen. Ihre Handlanger der Sklaverei versuchten,die
neutralen Nationen für sich zu gewinnen, indem sie für Frieden, wirtschaftlichen Fortschritt, Unabhängigkeit und die Gleichberechtigung
aller Völker eintraten. Der Eiserne Vorhang war ein wenig angehoben
worden, damit etwaige Besucher sich selbst davon überzeugen konnten,
daß die Sowjetunion die kritischen Blicke Außenstehender nicht zu
scheuen brauche .
Auf

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Auf diese V/eise machten sie anscheinend recht beunruhigende
Fortschritte; aber wie stehen sie heute da? Die Lehren des ungarischen Aufstandes haben sich tief in das Denken und Fühlen der Menschen eingegraben. Infolge dieser Ereignisse brechen die kommunistischen Parteien in allen Ländern der V/elt auseinander. Die Sowjets
können sich nicht auf die Loyalität eines einzigen Satellitenlandes,
ja nicht einmal auf die ihrer eigenen Truppen verlassen. Ihr Feldzug
zur Gewinnung der neutralen Länder ist geplatzt.
Kann man denn im Ernst annehmen, irgendein Land der V/elt würde
heute noch den Schlächtern von Budapest Glauben schenken? Die Geschehnisse in Ungarn sind eine ernste Warnung an alle Staatsmänner, daß
jeder, der sich mit den Kommunisten einläßt, das gleiche wüste Massaker
riskiert, das über die ungarischen Freiheitskämpfer hereinbrach.
Diese wissen, daß die Kommunisten nicht Unabhängigkeit, Freiheit,
wirtschaftlichen Fortschritt und Frieden bringen, wie sie es versprechen, sondern Kolonialismus kommunistischer Provenienz, Sklaverei,
wirtschaftliche Ausbeutung und Krieg.
Gleichzeitig aber haben die Ereignisse in Ungarn unseren noch
schwankenden Freunden eindringlich vor Augen geführt, warum die Vereinigten Staaten so fest von der Richtigkeit des Prinzips der kollektiven Sicherheit überzeugt sind. Wir sind nur darum militärisch stark,
weil wir wissen, daß dies heute zur Erhaltung des Friedens unbedingt
notwendig ist. Wir lehnen die Anwendung von Gewalt zur Beilegung von
Streitigkeiten ab, sind uns aber gleichzeitig darüber im klaren, daß
starke Streitkräfte solange zur Selbstverteidigung unerläßlich sind,
wie der kommunistische Block an seiner Politik der Weltherrschaft
durch Macht und Gewalt festhält.
Wir schließen Bündnisse, um schwächere Nationen vor einem ähnlichen Schicksal wie das der Ungarn zu bewahren. Niemand wird heute
, noch meinen, Ungarn, Rumänien, die Tschechoslowakei oder andere sowjetische Satelliten seien frei oder unabhängig. Hingegen konnten diejenigen
Länder, die sich mit den Vereinigten Staaten in Verträge über die gemeinsame Sicherheit zusammenschlössen,
feststellen,
daß ihre
Unabhängigkeit durch dieses Bündnis in keiner Weise beeinträchtigt
worden ist.
Bei einem Überblick über die Ereignisse der letzten 40 Tage'im
Nahen Osten und in Ungarn müssen wir meiner Ansicht nach zwangsläufig
zu folgendem Schluß kommen! Wir können und dürfen nicht einen Augenblick lang die ungarische Tragödie unterschätzen, und wir müssen der
Tatsache eingedenk bleiben, daß die Lage im Nahen Osten nach wie vor
äußerst prekär bleibt und daß unser Bündnis mit unseren Freunden in
Europa einer schweren Belastung ausgesetzt ist. Aber mögen wir auch einige Rückschläge erlitten haben, es wurde doch ein festes Fundament gelegt
für den Aufbau einer auf Recht und nicht auf Gewalt beruhenden Weltordnung sowie für die Bezwingung des Kommunismus ohne das Mittel des
Krieges.
Wir werden dieses Ziel aber nur erreichen, wenn wir den Dingen
nicht ihren Lauf lassen, wenn wir als führende Nation
klug und einsichtig sind und wenn wir über ein reifes Urteilsvermögen verfügen.
Mir

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Mir scheint, die Grundsätze, auf denen unsere Politik beruhen
sollte, hat Präsident Eisenhower im Laufe der letzten Wochen unmißverständlich formuliert. Am 31 .Oktober sagte er in einer Fernseh-Ansprache : "Der Friede, den wir erstreben und brauchen, ist sehr viel
mehr als lediglich das Fehlen des offenen Kriegszustandes. Er bedeutet Anerkennung des Rechts und Förderung der Gerechtigkeit in der
ganzen Welt ... Ohne Recht kann es keinen Frieden geben. Und es
kann kein Recht geben,wenn wir für unsere Freunde und unsere Feinde
verschiedene Rechtsnormen für die Gestaltung der internationalen Beziehungen anwenden."
Einen Tag später sagte er anläßlich einer Rede in Philadelphia*
"In wenigen Jahren sind wir vom Isolationismus, der jeden Gedanken:
an kollektive Sicherheit ablehnt, zu einer Politik der unbedingten
Unterstützung der Vereinten Nationen übergegangen, und an die Stelle
des Gefühls, unser Land könne sich selbst absolut Genüge sein und
habe mit anderen Nationen nichts zu schaffen, trat die lebendige Erkenntnis, daß unser obdrstes Ziel - ein gerechter und dauernder
Friede - nur zu erreichen ist, wenn alle übrigen Nationen diesen
Frieden mit uns gemeinsam genießen."
Wir wollen diese Grundsätze auch auf die Probleme anwenden,
denen wir uns gegenwärtig gegenübersehen.
Zunächst einmal müssen wir uns in bezug auf unsere Verbündeten
unbedingt darüber klar werden, daß die Geschichte dereinst vielleicht
einmal zu dem Spruch gelangen könnte, daß weder wir selbst noch unsere
Verbündeten in unseren Reaktionen auf die Ereignisse, die uns in die
derzeitige Krise führten, frei von Schuld waren. Unsere Freunde sind
der Meinung, wir hätten das Ausmaß der Provokationen, die sie zu ihrem
Vorgehen veranlaßte.n, nicht ganz erkannt und wir seien unserer Verantwortung mit Bezug auf die Lösung der grundlegenden Fragen in diesem
Gebiet nicht voll gerecht geworden.
Wir andererseits waren der Meinung, wir hätten ein gewisses
Recht, ihr Vorgehen zu diesem Zeitpunkt zu kritisieren.
Mir scheint es an der Zeit, zu erkennen, daß gegenseitige Beschuldigungen zu nichts führen können. Es hieße der Sache des Friedens einen
schlechten Dienst erweisen, wollten wir es zulassen, daß diese Ereignisse oder irgendein anderes Geschehen einen Keil zwischen uns und unsere
Verbündeten treibt.
Als politisch reife Völker wissen wir ganz genau, daß. wir nicht in
allen Dingen mit unseren Freunden stets einer Meinung sein können. Die
wahre Feuerprobe eines jeden Bündnisses und jeder Freundschaft sind
immer die schlechten Zeiten, nicht die guten. Überlebt aber eine Freundschaft oder ein Bündnis solche Krisenzeiten, dann werden sie daraus
immer nur gestärkt hervorgehen.
Wir sind stolz auf unsere Verbindung mit Frankreich und .England und
auf unser gemeinsames Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit, das uns
im ersten wie im zweiten Weltkrieg zusammenschweißte.
Wir
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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Wir sind uns klar darüber, daß sie eine Reihe aggressiver Aktionen,
die bis an die Grenze der Gewaltanwendung reichten, zu erdulden hatten;
hinzu kam eine bedrohliche militärische Aufrüstung in einem Lande, das
ihrer Ansicht nach ihre vitalsten Interessen gefährdete. In diesem Niemandsland zwischen Krieg und Frieden ist die Entscheidung über den zu
steuernden Kurs sehr schwierig.
Es wird ihnen immer zur Ehre gereichen, daß sie sich dem Beschluß
der Vereinten Nationen fügten, als sie der Feuereinstellung zustimmten
und ihre Streitkräfte zurückzogen, obgleich dieser Entschluß ihrer
Meinung nach ihren Interessen zuwiderlief. Sie verzichteten darauf,
ihre überwältigende militärische Überlegenheit zur Erreichung ihrer
Ziele einzusetzen,, und das zu einem Zeitpunkt, als ihnen der vollständige Sieg sicher schien. Sie haben die Befriedung im Nahen Osten der
internationalen Polizeimacht der UN anvertraut.
Vergleichen Sie dieses Verhalten mit dem eines anderen Mitgliedstaates der Vereinten Nationen, der Sowjetunion. Die sowjetischen Führer
spotteten der Entscheidung der Vereinten Nationen, mit der ihre Aggression in Ungarn verurteilt wurde. Angesichts einer echten Krisis kehrten
die Kommunis ten zu ihren alten Methoden zurück und offenbarten damit
aller Welt die grenzenlose Grausamkeit und die zynische Verachtung
der grundlegenden Menschenrechte, die ihrem System innewohnen.
Nun, da unsere Verbündeten ihrer Ansicht nach die Interessen ihres
Landes dem Schiedsspruch der Vereinten Nationen untergeordnet haben,
ist es unsere heilige Verpflichtung, ein Programm der Vereinten Nationen zu entwickeln und zu unterstützen, das eine friedliche Lösung
aller Probleme gewährleistet, durch die der bewaffnete Konflikt in
diesem Gebiet heraufbeschworen wurde.
Wenn die aggressive Gewalt als Mittel der nationalen Politik für
ungesetzlich erklärt werden soll, dann müssen andere Mittel und Wege
gefunden werden, um die berechtigten Interessen von Staaten zu schützen,
die mit Mitteln bedroht werden, die hart an die Grenze der Gewalt reichen.
Über das unmittelbare Problem hinaus, die Wiederinbetriebnahme
des Suez-Kanals unter Modalitäten zu beschleunigen, die diese wichtige
Lebensader nicht erneut der Gefahr einer willkürlichen Schließung aussetzen, geht es darum, die moralischen, diplomatischen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte der Vereinigten Staaten und der Vereinten Nationen zu mobilisieren, um folgende Ziele im Nahen Osten zu
erreichen:
Die absolute Garantie der Souveränität aller in diesem Gebiet
liegenden Länder und eine gerechte Lösung aller offenen Streitfragen.

Eine

�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

Eine allmähliche Rüstungsbegrenzung seitens der Länder in diesem
Gebiet.
Eine großzügige Unterstützung dieser Länder bei der Lösung ihrer
sehr realen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, damit diese Völker aus
Armut und Krankheit zu einem besseren Leben aufsteigen können.
Wir, die wir selbst soviel besitzen, dürfen die Bedeutung der
wirtschaftlichen Verhältnisse nicht übersehen, die einige Nationen für
die Sirenentöne aus Moskau anfällig gemacht haben. Wir sollten niemals
so in den Fragen der Tagespolitik aufgehen, daß wir darüber unser Ziel
auf lange Sicht vergessen, nämlich die Förderung von Frieden und Wohlstand in allen Ländern der Welt.
Früher haben die Staaten im Nahen Osten, die nach unseren Maßstäben gemessen arm sind und schwer um ihre wirtschaftliche Existenz zu
ringen haben, ihre spärlichen Hilfsquellen dafür verwendet, ihre militärische Stärke zu mehren. Heute haben wir die einzigartige Gelegenheit, ihnen zu zeigen, was erreicht werden kann, wenn diese Hilfsquellen
in den Dienst der Gesundheit und des Wohls ihrer Völker gestellt werden,
statt sie für die unfruchtbaren Zwecke der Aufrüstung zu verwenden. Wir
wollen nicht zu dem bewaffneten Waffenstillstand der letzten acht Jahre
zurückkehren. Wir wollen einen echten und dauerhaften Frieden als die
Grundlage einer neuen Xra des wirtschaftlichen Wohlstandes dieser stolzen und achtbaren Völker.
Solange noch Millionen Menschen in anderen Ländern in Armut und
Not leben, solange ist unser eigener wirtschaftlicher Wohlstand fragiwürdig. Auch unsere moralische Position wäre dann fragwürdig, denn !
wir könnten uns als gottesfürchtiges Volk kaum wohlfühlen, wenn wir
nicht versuchten, jenen zu helfen, die Mangel selbst an lehensnotwendigen Dingen leiden, während wir uns des Luxus erfreuen. Auch unsere
militärische Position wäre fragwürdig, denn Unruhe und Unzufriedenheit führen zu internationalen Spannungen. Spannungen aber können wiederum zum Kriege führen. Und selbst ein begrenzter Krieg könnte sich
plötzlich jeder Kontrolle entziehen und sich zu dem großen, endgültigen Krieg der gesamten Menschheit auswachsen, dem so gefürchteten
Atomkrieg.
Ein unmittelbares Problem, das sich uns infolge der Krise im Nahen
Osten stellt, ist die schlechte Finanzlange unserer Freunde in Großbritannien. Mir scheint es sowohl in unserem eigenen als auch in ihrem
Interesse zu liegen, wenn wir ihnen in dieser schweren Stunde beistehen,
und ich bin überzeugt, daß älne solche Hilfeleistung^die"Billigung der
Vertreter beider Parteien im Kongreß finden wird.
Um nochmals auf die Lage in Ungarn zurückzukommen, so müssen wir
auch weiterhin in der Bereitstellung einer sicheren Zuflucht für jene
tapferen Menschen, die sich der sowjetischen Tyrannei zu widersetzen
wagten, beispielgebend voranschreiten.
In den Vereinten Nationen wie bei jeder anderen sich bietenden
Gelegenheit müssen wir immer wieder vor dem Forum der Weltmeinung nicht

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�"AMERIKA DIENST"

12. Dezember 1956

nicht nur auf die vergangenen Ereignisse hinweisen, sondern auch
darauf, daß sowohl die ungarische Marionettenregierung als auch
die Regierung der Sowjetunion es ablehnen, sich dem Beschluß der
überwältigenden Mehrheit der Vereinten Nationen zu beugen.
Wir dürfen Unterdrückung oder Sklaverei niemals und in keinem
Teil der Welt ruhig hinnehmen.
Wir müssen die friedliche Befreiung der versklavten Völker in
jeder nur möglichen Weise unterstützen- und zu ihr ermutigen.
Y/enn wir diese Politik konsequent und rückhaltlos verfolgen,
kann sie letzten Endes nur das eine Ergebnis zeitigen - die unumgängliche Lockerung der Sklavenfesseln, die heute noch so vielen
Millionen Menschen auferlegt sind.
Man pflegt heute gern zu sagen, Amerika habe die Führung in
allen weltpolitischen Fragen übernommen. Unsere militärische und
wirtschaftliche Stärke hat uns diese furchtbare Verantwortung eingebracht, ob wir wollen oder nicht. Unsere politische Macht und
die damit verbundene Verantwortung haben aber angesichts der Ereignisse der jüngsten Zeit noch zugenommen.
Wir sind nunmehr sowohl in moralischer als auch in militärischer
und wirtschaftlicher Hinsicht die führende Nation. Und die an unsere
Generation gestellte Forderung lautet, daß wir uns den Erwartungen
der Geschichte in dieser Stunde der Entscheidung gewachsen zeigen
müssen. Heute ergeht der Ruf nach Weitblick und Größe nicht nur
an die Regierung, sondern an jedem einzelnen Amerikaner, gleichgültig
welcher Schicht des Volkes er angehört.
Heute geht es darum, auch auf dem Gebiet der internationalen
Politik Fortschritte zu erzielen, ebenso augenfällige Fortschritte,
wie wir sie bei unseren Automobilen sehen können. Ob wir wollen oder
nicht, die Diplomatie des 19«Jahrhunderts ist heute ebenso überlebt
wie die Automodelle von vor 50 Jahren. Im Zeitalter der Atomenergie
ist kein Platz mehr für militärische Aggression, koloniale Ausbeutung
oder Machtimperialismus. Diese Methoden waren sowiesro niemals moralisch
zu rechtfertigen; heute aber sind sie noch weit gefährlicher als je
zuvor. Ein Land, das heute einen kleinen Krieg beginnt, kann damit
eine Kettenreaktion auslösen, die unsere gesamte Kultur und Zivilisation vernichten könnte.
Im Interesse der Zukunft der gesamten Welt und der Sicherheit unserer Kinder und Kindeskinder willen müssen wir uns stärker als je
zuvor für einen auf Gesetz und Recht beruhenden Frieden einsetzen.
Ein auf alle Völker der Erde gleich anzuwendender Rechts- und Sittenkodex muß die Grundlage dieses Friedens bilden.
Das Gerüst dieses Friedens bilden militärische und wirtschaftliche
Stärke. Und Architekt dieses Friedens müssen die Vereinten Nationen
sein, die ihrem Bemühen, Recht und Gerechtigkeit überall auf unserer
Erde Geltung zu verschaffen, die volle Unterstützung unseres Landes
genießen.
Wenn
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�"AFRIKA DIENST"

12.

Dezember 19

Wenn wir untrer Verartwortu^g gegenüber der Welt gerecht
werden wollen, sc erfordert d^et, nicht nur wohldurchdachte Grundsätze und eine geschickte Diplomatie auf seiter dei Regi-xurg,
sondern auch Mut, Hingabe and Opfer auf seiten andres Volkes«
Der Ausgang des Ringens um die Gefolgschaft der Welt wird letzte
Endes davon abhängen, was aus jenen Millionen Menscnen wirJ, die
sich zar Zeit neutral ^halten und zu einer Entscneidung da-aber
zu gelangen suchen, ob sie si.ch den kommunistischem Landern ödender freien ffelt anschließen aollen«
Was wir als Regierung ihnen sagen, ist außerordent .ich wichtig;
was wir aber als Vclk darstellen, ist vielleicht sogar nooh wichtiger.
Unsere Regierung kann ihren sa^en, daß wir für das, was sie arstrehe ,
voll und ganz eintreten! Unabhängigkeit, Freiheit, wirtschaftlicher
Fortschritt und Anerkennung ihrer Menschenwürde. Aber so beredt wir
auch sprechen mögen, unsere Sache wird auf sehr viel sichererer
Füßen stehen, wenn wir im e.'genen Lande das verwirklichen, was wir
anderen Völkern predigen.
Daher ist es von so ungeheurer Bedeutung, daß wir einen erfolgreichen Kampf gegen die vereinzelt noch in einigen Gebieter, unseres
eigenen Landes anzutreffende Armut führen.
Und aus dem gleichen Grunde ist es von größter Wichtigkeit, daß
wir auch weiterhin entscheidende Fortschritte in der Beseitigung der
letzten Überreste früherer Diskriminierung und Vorurteile, die sioh
noch in den Vereinigten Staaten finden und die die Feinde der Frei^
heit in anderen Ländern so erfolgreich gegen uns auszuschlachten verstehen, erzieler. So wie wir die Gleichheit aller Völker der Erde
vor dem Recht auf unser Banner geschrieben haben, so müssen wir für
die Gleichheit aller Menschen in den Vereinigten Staaten vor dem
Gesetz eintreten, welcher Rasse sie auch angehören oder welcher Abstammung sie aucn sein mögen.
Amerika hat sich schon vor manche Bewährungsprobe gestellt gesehen und sich ihr gewachsen gezeigt. Keate stehen wir der vielleicht
größten Aufgabe in unserer Geschichte gegenüber. Wenn wir an diese
Aufgabe mit dem gleichen Geist, dem gleichen Schwung und der gleichen Entschlossenheit herangehen wie einst an den Aufbau unserer,
gewaltigen Industrie- and Wirtsciaftsmacht, wie sie sich in der •
von ihnen vertretenen großen Industrie offenbart, so werden wir
uns aach dieser Aufgabe gewachsen erweisen nd den Kampf um Frieden und Freiheit für die gesamte Menschheit gewinnen.

* * * * *

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�A M E R I K A

D I E N S T

STRAUSS UNTERBREITET VORSCHLAGE ZUR AUSWEITUNG
UND BESCHLEUNIGUNG DES ENTWICKLUNGSPROGRAMMS
FÜR LEISTUNGSREAKTOREN IN DEN USA

WASHINGTON - (AD) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen
den Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende der amerikanischen Atomenergie-Kommission,Lewis L. Strauss, am
11. Dezember 1956 vor der Amerikanischen Gesellschaft
für Kernforschung und Kerntechnik in Washington gehalten
hat.

"Es ist mir ein Vergnügen, heute abend unter Ihnen weilen und
an dieser Zusammenkunft der ersten und einzigen Berufsvereinigung
amerikanischer Wissenschaftler und Ingenieure teilnehmen zu können,
die auf dem Gebiet der Kernenergie tätig sind.
Ich halte es für angemessen, Ihnen zunächst einen mir vorliegenden Brief Präsident Eisenhowers zur Kenntnis zu bringen; dieser
Brief hat folgenden Wortlaut;
'Ich bitte Sie, den offiziellen Vertretern und den Mitgliedern
der Amerikanischen Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik
mein aufrichtiges Bedauern darüber zum Ausdruck zu bringen, daß es
mir nicht möglich ist, an dieser Zusammenkunft am Dienstag abend
in Washington teilzunehmen. Wohl keine zweite Gruppe von Menschen
in unserem Land trägt eine größere Verantwortung für unseren Fortschritt und die Wahrung unserer technisch führenden Position in
der friedlichen Weiterentwicklung dieser großen wissenschaftlichen
Entdeckung, die zu unseren Lebzeiten gemacht worden ist. In voller
Würdigung der überaus wichtigen Rolle, die den Mitgliedern der Gesellschaft zukommt, übermittle ich anläßlich dieser ersten Wintertagung der Gesellschaft meine herzlichsten Glückwünsche; möge der
Organisation weiterhin voller Erfolg für eine aktive und konstruktive Arbeit beschieden sein.
gez. Dwight D. Eisenhower.'

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�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

In allernächster Zeit begehen Sie den zweiten Jahrestag der Gründung Ihrer Gesellschaft, und somit dürften Sie die jüngste unter den
wissenschaftlich-technischen Verein'gungen Amerikas überhaupt sein.
Man könnte vielleicht sagen, daß Ihre Gesellschaft gerade zu einem
Zeitpunkt ins Leben gerufen wurde, an dem das Zeitalter der Kernforschung den Kinderschuhen entwachsenrfar..Genau sechzig Jahre sind vergangen, seit Becquerel durch Zufall das Phänomen der Radioaktivität
entdeckte, und fünfzig Jahre, seit Einstein seine berühmte Formel
über das Maß-Energie-Äquivalenzprinzip niederschrieb. Auch wenn es
uns heute so vorkommen mag, als wäre es erst gestern gewesen, sind
es doch schon fünfundzwanzig Jahre her, seit Chadwick das Neutron
entdeckte, und in der vergangenen Woche waren es vierzehn Jahre,
daß an einem Dezembernachmittag in Ch.cago Enrico Fermi das Zeichen
gab, die Regelstäbe aus dem ersten Atommeiler herauszuziehen und damit die gesteuerte Kettenreaktion in Gang zu setzen. Zum ersten Mal
hatte der Mensch erkannt, daß er in der Lage ist, einen Teil der im
Atomkern gebundenen Energie zu nutzen^.
Aber abgesehen von den durch den Krieg bedingten fieberhaften
Bemühungen^ auf Grund dieser Entdeckungen eine Atombombe zu konstruieren, hatten die auf dem Gebiet der Kernforschung erzielten Fortschritte zum großen Teil nur akademischen Charakter. Erst in den
allerletzten Jahren ist diese Wissenschaft aus der Abgeschiedenheit
der Laboratorien in das Licht der Öffentlichkeit getreten.
Als die Amerikanische Gesellschaft für Kernforschung und Kerntechnik vor zwei Jahren gegründet wurde, gab es immer noch Leute, die
bedenklich den Kopf schüttelten und die Meinung vertraten,'daß diese
Sache niemals zu einem praktischen Erfolge gebracht werden würde 1 ,
oder zumindest viele Jahre hindurch große Anstrengungen nötig sein
würden, um auf kommerzieller Basis Atomenergie praktisch nutzbar
zu machen •Ich erwähne diese noch gar nicht so lange zurückliegenden Kommentare nicht, um hier Vergangenes wieder hervorzuholen, sondern um
deutlich zu machen, einen wie weiten Weg wir in so kurzer Zeit in
unseren Bemühungen um die Nutzbarmachung der Atomenergie zurückgelegt
haben.
So haben nun also die Schwarzseher und Propheten der Verzweiflung in einem Zeitraum von knapp zwei Jahren das Feld räumen müssen.
Die Menschheit nimmt die Versprechungen bezüglich der friedensmäßigen Nutzung der Atomenergie nicht nur einfach hin, sondern erwartet
mit einer gewissen Ungeduld ihre baldige und umfassende Verwirklichung.. Und aus diesem Grund behaupte ich, daß Ihre Gesellschaft in
der seit ihrer Gründüng im Januar 1955 verflossenen Zeit Zeuge des
Heranreifens der Kernwissenschaft zu einem unabdingbaren Bestandteil
unserer Zeit und der Zukunft der Menschheit geworden ist.
Viele unter Ihnen, meine verehrten Zuhörer, haben selbst zu
diesem Prozeß der Reife maßgeblich beigetragen und arbeiten auch
heute noch im gleichen Sinne weiter, sei es nun durch die Weiterentwicklung der Technik in den Laboratorien, deren Mitarbeiterstab Sie
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19. Dezember 1956

Sie angehören,
, oder sei es durch die experimentellen und kommerziellen Projekte Ihrer Firmen.
Ein großer Teil der Projekte, an denen Sie arbeiten, hat selbstverständlich die Erzeugung von elektrischem Strom aus Kernbrennstoffen
für kommerzielle Zwecke zum Ziel; und gerade 'hierüber möchte ich
heute abend zu Ihnen sprechen.
Unsere bisherigen Erfolge in der Nutzung der Atomenergie sind
bemerkenswert. Sie haben viele exjst drei oder vier Jahre zurückliegende
Vorhersagen von Fachleuten längst übertroffen, und ich vertraue darauf,
daß sich im Rahmen der weiteren Zusammenarbeit zwischen Regierung und
Industrie sowohl das Ausmaß als auch das Tempo des Fortschritts in
den vor uns liegenden Monaten und Jahren noch steigern wird.
Es ist bedauerlich, daß das Verständnis der Öffentlichkeit für
die Erfolge, die wir bereits in der Nutzung der Atomenergie erzielt
haben, zum Teil durch Meinungsverschiedenheiten überschattet wurde,
die über der Frage entstanden, welche Rolle die Regierung und welche
Rolle die private Wirtschaft bei den Bemühungen spielen solle , um Verfahren zur Nutzung der Atomkraft für die Energiegewinnung beschleunigt
zu entwickeln.
Um sich ein Urteil in dieser Frage bilden zu können, muß man bedenken, daß die Entwicklung der Kernenergie bis zum 30« August 1954
in allen ihren Phasen striktes Regierungsmonopol war. Privatfirmen
und öffentlichen Versorgungsbetrieben war es durch Gesetz verboten,
Leistungsreaktoren in eigener Regie zu bauen oder zu betreiben. Das
neue Atomenergiegesetz vom Jahre 1954 brachte hier eine grundlegende
Wandlung. Durch dieses Gesetz wurde die Zwangsjacke des Regierungsmonopols beseitigt und weiten Kreisen des Volkes Gelegenheit zur Mitarbeit an der Erschließung der Kernenergie gegeben; damit wurde auch
auf diesem Gebiet das Tor zu einer Entwicklung aufgestoßen, wie sie
der Tradition der amerikanischen Wirtschaft und des technischen Fortsähritts angemessen ist.
In seinen Einleitungsbestimmungen verkündete das neue Gesetz seinem Geist und seinem Zweck entsprechend - folgendes (und ich zitiere hier aus dem Gesetz):
'Entwicklung, Nutzung und Kontrolle der Atomenergie sollen so
gelenkt werden, daß diese dem Weltfrieden und dem allgemeinen Wohl
diene, zur Steigerung des Lebensstandards beitrage und den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke'.
Den Satz 'den freien Wettbewerb in der Privatwirtschaft stärke'
möchte ich besonders hervorheben, weil das Programm der AtomenergieKommission zur Entwicklung von Leistungsreaktoren sich auch an dieses
Ziel gebunden hielt, das der Kongreß meiner Ansicht nach in kluger
Erkenntnis der Dinge in dem Gesetz von 1954 verankerte. Wir sind infolgedessen eine Art Partnerschaft mit der Industrie eingegangen. Der

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�AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Der Industrie wurde Gelegenheit gegeben, ihre auf Kostenersparnis
ausgerichtete Initiative und ihren Wettbewerbsgeist für die Lösung
der mit der Erzeugung von Atomstrom verbundenen Probleme einzusetzen das heißt für die^Crschließung einer Energiequelle, die mit den herkömmlichen Energiequellen zur Stromerzeugung auch wirklich konkurrieren
kann - und ihr Geld in derartigen Unternehmen zu investieren.
Solange noch das Regierungsmonopol gültig und nicht durch das Gesetz
von 1954 durchbrochen war, konnte die Entwicklung von Atomkraftanlagen
für kommerzielle Zwecke in unserem Lande nur geringe Fortschritte erzielen. Es war ja nicht nur die Industrie aus diesem Geschäft geschlossen,
sondern auch die Regierung selbst hatte ein sehr vorsichtiges Programm
für die Erforschung der Möglichkeiten zur Schaffung einer Kernenergiewirtschaft aufgestellt. Unser einziges größeres Versuchsunternehmen auf
diesem Gebiet war kurz nach dem Krieg im Knolls-Laboratorium der Kommission
in Schenectady angelaufen, aber 1950 wieder eingestellt worden. Zwei
sehr viel kleinere Versuchsobjekte mit Leistungsreaktoren waren von der
Kommission in den Kernforschungsinstituten Argonne und Oak Ridge in Angriff genommen worden. Ehe wir uns aber diesen recht begrenzten Versuchen
gegenüber kritisch äußern, sollten wir uns doch daran erinnern, daß damals eine ganze Anzahl von Atomwissenschaftlern jeden Vorschlag zu einem
Entwicklungsprogramm für wirtschaftlich rentable Kraftreaktoren sehr
skeptisch betrachteten.
Diese Einstellung der Wissenschaftler änderte sich auch im Laufe des
Jahres 1952 nicht, wie aus dem Bericht zu ersehen ist, den der gemeinsame
Atomenergieausschuß des Senats und des Repräsentantenhauses im Dezember
des genannten Jahres herausgab und in dem bezüglich der Einstellung des
Projekts in den Knolls-Laboratorien folgender Passus enthalten ist«
'Seit dem Frühjahr 1950 gibt es kein großes Projekt zur Entwicklung
eines Reaktors, der unmittelbar der Erzeugung von elektrischer
Energie für industrielle Zwecke dient.1
Im Jahr 1955 setzte jedoch eine rege Tätigkeit auf diesem Gebiet
ein, und Anfang 1954 ließ die Kommission ihr FünfJahresprogramm zur
Entwicklung von Leistungsreaktoren anlaufen. Dieses Programm, das vor
Erlaß des neuen Gesetzes in Angriff genommen wurde, war in bezug auf
seinen Umfang zwangsläufig durch das alte Gesetz beschränkt, denn das
Regierungsmonopol war noch unangetastet. Dieses Programm stützte sich
in erster Linie auf staatliche Initiative und auf staatliche Gelder,
und der Industrie war jeder Weg zu einer nennenswerten Beteiligung
versperrt.

Das

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1 956

Das erste Atomkraftwerk, das im Rahmen dieses Programms fertiggestellt und an das Stromnetz angeschlossen wird, ist das Werk in
Shippingport ( Pennsylvanien). Diese Anlage, die in Zusammenarbeit von
Regierung, der Duquesne Light Company und der Westinghouse Company
gebaut wird, nähert sich ihrer Vollendung und wird im neuen Jahr in
Betrieb genommen; sie soll zunächst 65 000 Kilowatt, später 100 000
Kilowatt Strom für den Haushalts- und Industriebedarf im Gebiet um
Pittsburgh liefern. Ungeachtet anderslautender Berichte wird es das
erste Atom-Großkraftwerk der '.Veit sein, das ausschließlich zivilen
Bedürfnissen dient, denn das dort anfallende Plutonium ist ein reines
Nebenprodukt. Es handelt sich hier um ein Kraftwerk.
Der nächste Schritt nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes im
Sommer 1954 bestand darin, der Industrie - das heißt den privaten Versorgungsbetrieben, den Kraftwerken in öffentlichem und genossenschaftlichen Besitz sowie den Herstellerbetrieben - den Weg frei zu machen,
um eigene Kraftwerke zu bauen und zu betreiben, die natürlich den
allgemeinen Sicherheitsbestimmungen und so weiter unterworfen sein
müssen, aber im übrigen frei von den Beschränkungen sind, wie sie
Unternehmen in staatlicher Regie nun einmal anhaften.
Dieser Prozeß wurde beschleunigt durch ein Entwicklungs- und
Versuchsprogramm für Leistungsreaktoren. Private wie öffentliche Unternehmen wurden aufgefordert, Vorschläge für den Bau von Leistungsreaktoren verschiedenster Typen und Größen einzureichen und die Regierung
zu ersuchen, in bestimmten Fällen sich an den Kosten für Forschungsund Entwicklungsarbeiten zu beteiligen, die eine - für alle Interessierten zugängliche - Reaktortechnik fördern.
Die erste Aufforderung an die Industrie im Rahmen des Leistungsreaktors-Entwicklungsprogramms erging im Januar 1955» und acht Monate
später folgte die nächste Ausschreibung, die sogenannte "zweite Vorschlagsaktion" - durch letztere sollte das Interesse an Kraftwerken
mit einer elektrischen Leistung zwischen 5000 und 40 000 Kilowatt
geweckt werden. Im ganzen gingen zehn Vorschläge für Atomkraftwerke
mit einer Gesamtkapazität von 400 000 Kilowatt ein.
Die Erfolge, die im Rahmen dieses Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in knapp zwei Jahren erzielt wurden, lassen indessen nur zu
einem Bruchteil erkennen, welche verheißungsvollen Aussichten wir in
den Vereinigten Staaten in den nächsten fünf bis sechs Jahren auf diesem Gebiet haben. Denn hinzu kommen noch mindestens sieben andere
Atomkraftwerke, die amerikanische Unternehmen vollkommen aus eigenen
Mitteln, ohne unmittelbare finanzielle Hilfe seitens der Regierung,
erstellen wollen. Diese Industriefirmen sind so von dem zwangsläufigen
Siegeszug der Atomkraft überzeugt, daß sie bereit sind, Summen in Höhe
von 250 bis 300 Millionen Dollar in diesen sieben Atomkraftwerken zu
investieren, die eine Gesamtkapazität von 900 000 bis eine Million
Kilowatt besitzen sollen.

Alles

�"AMERIKA DIENST'

19. Dezember 1956

Alles in allem, das heißt einschließlich des Entwicklungsprogramms
für Leistungsreaktoren mit seinen Partnerschafts- und Kostenaufteilungsplänen, den eigenen Projekten der Industrie und der Reaktoren, die
im Rahmen des Versuchsprogramms der Regierung gebaut werden sollen wozu auch das '.Verk in Shippingport zählt -, existieren Pläne in den
verschiedensten Entwicklungsstadien für den Bau von wenigstens 18 Atomkraftwerken für zivile Zwecke in Amerika, die bis 1962 in Betrieb genommen werden sollen. Diese 18 '.Verke stellen ein Investitionskapital
von reichlich 65O Millionen Dollar'dar, die zu einem großen Teil von
der Privatwirtschaft selbst aufgebracht werden sollen.
Seit Anlaufen dieses Programms zum Bau von Kraftwerksreaktoren
in Übereinstimmung mit dem Gesetz von 1954 war die Kommission bestrebt,
die Entwicklung zu be chleunigen, indem sie sich um die Freigabe der
wichtigen technischen 'nformationen für den Bau von Atomkraftreaktoren
bemühte - mit Ausnahme solcher Fälle, wo die Freigabe die militärische
Sicherheit der USA gefährden könnte. Immer mehr derartiges Material
wird laufend freigegeben und veröffentlicht.
Dieser Prozeß einer ordnungsgemäßen und vorsichtigen Freigabe
wichtigen Informationsmaterials ist seit 2 1/2 Jahren im Gange, und
wir hoffen, bald einen weiteren wichtigen Schritt in dieser Richtung
tun zu können. Auf Grund der jüngsten Besprechungen zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Kanadas über
neue Richtlinien für die drei Mächte bezüglich der Freigabe von Geheimmaterial ist damit zu rechnen, daß zusätzlich umfassende technische Datön, die sich auf die Konstruktion, den Bau und den Betrieb von
industriellen Kraftwerksreaktoren beziehen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und damit nicht mehr unter die Geheimhaltungsvorschriften fallen.
Abgesehen von dieser Freigabe technischer Informationen haben wir
in den letzten Jahren der amerikanischen Industrie und unseren Freunden
im Ausland die Zusicherung gegeben, daß sie ausreichende Lieferungen
von Kernbrennstoff für den Betrieb solcher Reaktoren erhalten werden,
und wir haben ihnen das für die Errechnung der Kosten erforderliche
Unterlagenmaterial zur Verfügung gestellt.
Im Februar dieses Jahres hat Präsident Eisenhower unsere Empfehlung, 40 000 Kilogramm Uran-235 zur friedensmäßigen Nutzung zur Verfügung zu stellen, begrüßt. Von dieser Menge wird die Hälfte den uns
befreundeten Nationen und der neugegründeten Internationalen Atombehörde zur Verfügung gestellt werden, sobald diese Behörde ihre Tätigkeit aufgenommen und der US-Senat bis dahin die Statuten dieser Behörde
akzeptiert hat. Die gleiche Menge Uran-235 ist zur Verwendung in den
Vereinigten Staaten selbst vorgesehen, in erster Linie natürlich für
Atomkraftwerke. Die Kommission wird in Zukunft dem Präsidenten von
Zeit zu Zeit Vorschläge auf zusätzliche Zuteilung von Kernbrennstoff
zur Förderung der Atomkraftwerksprogramme in den USA und im Ausland
unterbreiten. Wir hoffen, mit diesen Zuteilungen die ausreichende
Versorgung mit Kernbrennstoff für eine Zeitdauer gewährleisten zu
gönnen, die für die Amortisierung der Investitionen in Atomkraftwerken unerlässlich ist.
T

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�AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Im vergangenen Monat hat die Kommission bekanntgegeben, welche
Preise die US-Regierung für Atombrennstoff berechnen und was sie für
Plutonium zahlen würde, das als Nebenprodukt in den von den USA mit
Kernbrennstoff versorgten Atomkraftwerken des Auslands anfällt.
In diesem Zusammenhang darf ich hinzufügen, daß die Kommission
ihr Forschungsprogramm zur Entwicklung von Verfahren, die die Verwendung von Plutonium als Brennstoff für Kraftreaktoren ermöglichen
soll*n, intensiv weiter verfolgt. Es ist Ihnen wohl allen bekannt, daß
das gesamte bei uns zur Zeit gewonnene Plutonium - mit ausnähme der für
Forschungszwecke er*orderlichen Mengen - im lahmen unseres Rüstungsprogramms verbraucht wird. '.Vie fest wir mit einer erfolgreichen Durchführung dieses Forschungsprogramms rechnen, bezeugt schon die von uns gegebene Versicherung, daß in Zukunft das gesamte Plutonium, das im Rahmen
unserer Abkommen mit befreundeter Latio en über eine friedliche Nutzung
der Atomenergie aufgekauft wir , -sschließlich zu friedlichen Zwecken
Verwendung findet»
Die AEC-Maßnahmen der letzten drei Jahre, also seit Aufnahme eines
klar umrissenen Programms zum Aufbau einer Atomenergiewirtschaft, haben,
was die Aussichten auf eine reichliche und rentable Erzeugung von Atomstrom betrifft, eine erfolgreiche Entwicklung gebracht.
Aber da wir nun einmal v^n den außerordentlichen, segensreichen
Möglichkeiten zur Gewinnung vom Atomstrom überzeugt sind, können wir
uns mit den erreichten Fortscnritten, so wesentlich diese auch sein
v
mögen, nicht zufrieden geben.
Unser Ziel ist es nicht, « ill'..ürlich eine Anzahl von Atomkraftwerken
zu bauen oder eine bestimmte Leistung an Kilowattstunden zu erreichen.
Unser Ziel, das uns gleichzeitig klüger und konstruktiver erscheint, ist
es vielmehr, die Konstruktionstec mik für Leistungsreaktoren der verschiedensten Typen und Größen so weit zu vervollkommnen, daß sie mit
den bisherigen Verfahren der Stromerzeugung konkurrieren können.
Um aber die hierzu erforderlichen technischen und wirtschaftlichen
Kenntnisse zu sammeln, brauchen w'r in Amerika ein umfangreiches Programm für den Bau von Kraftwerksreaktoren. Das heißt, wir müssen
Atomkraftwerke bauen, um die im Laboratorium gesammelten Erfahrungen
und Erkenntnisse in der Praxis zu rufen und auszuwerten. Es bleibt
uns kein anderer 'Heg,
Aus unserem Entwicklungsprogramn für Leistungsreaktoren, das wir
seit zwei Jahren durchführen, haben wir vertvolle Erkenntnisse und
Richtlinien für die Zukunft gewönne . Unter anderem haben wir durch
dieses Programm erfahren, daß wir unser Partnerschaftsprogramm zwischen
Regierung und Privatwirtschaft sowohl elastischer gestalten als auch
weiter ausbauen müssen.
Ich bin daher der Meinung, da3 es im Interesse weiterer und größerer
Fortschritte auf dem Wege zu einer Lösung des Problems der Erzeugung von
Atomstrom gut wäre, wenn wir eine Reihe von Verbesserungen durch die
Abänderung unseres Atomstrom-Entwicclungs-Programms in Betracht zögen,
insbesondere was die "Grundregeln' unseres Entwicklungsprogramms für
Leistungsreaktoren angeht.
_.

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Ich kann hier und in diesem Augenblick von derartigen Änderungen
nicht im Namen der Kommission sprechen; ich muß sie daher nur in meiner
Eigenschaft als Mitglied dieser Kommission erörtern. Ich empfehle den
Mitgliedern der Kommission jedoch ein neues Achtpunkte-Programm; denn
nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß ein
derartiges Programm die Entwicklung künftiger Kernreaktoren zur Erzeugung von Kraftstrom beschleunigen dürftel
Ich hoffe, daß noch in diesem Monat oder Anfang Januar die USAtomenergie-Kommission in der Lage sein wird, dieses erweiterte Programm
.in Erwägung zu ziehen und vielleicht sogar einmütig zu unterstützen, und
daß der Kongreßausschuß für Fragen der Atomenergie.fl'der gleich uns von
den vielversprechenden Möglichkeiten der Kernkraft für die Energiegewinnung
überzeugt ist - auch seinerseits das Projekt befürwortet und unterstützt.
Das eigene Versuchsprogramm der amerikanischen Regierung, das im
Jahr 1954 aufgestellt worden war und zunächst fünf verschiedene Reaktortypen vorsah, wurde inzwischen um weitere vier Typen erweitert; ich
empfehle daher, unverzüglich Schritte zu unternehmen, um den Bau von
mindestens zwei weiteren großen und drei kleinen Leistungsreaktoren
für den zivilen Gebrauch bis spätestens 30.Juni 1962 zu gewährleisten.
Diese Anlagen würden sich hinsichtlich Typ und Konstruktion völlig von
den für eine kommerzielle Verwendung bestimmten Leistungsreaktoren unterscheiden, die gegenwärtig geplant oder im Bau sind. Sie könnten vielleicht
Prototypen von Reaktoren sein, deren Entwicklung Teil des Versuchsprogramms
der US-Regierung ist.
Dieses umfassende Ziel würde im Rahmen des von mir vorgeschlagenen
Achtpunkte-Programms erreicht, das folgende Maßnahmen in sich schließt»
Erstens« Ich schlage vor, daß die Atomenergie-Kommission so rasch
wie möglich in einer dritten Aktion zur Einreichung von Vorschlägen im
Rahmen des Programms zur Entwicklung von Leistungsreaktoren auffordert,
allerdings mit folgender bedeutsamen Abweichung von dem bisherigen Verfahren» Jeder unterbreitete Vorschlag wird einzeln und sofort nach Eingang bei der Kommission behandelt. Darüber hinaus würde, im Gegensatz zur
jetzigen Gepflogenheit, ein besonderer Termin als Einsendeschluß für
derartige Vorschläge fortfallen. Es wäre damit ein fortlaufendes und
ständig überprüftes Programm geschaffen, das schnellste Durchführung.,
sowie die bestmöglichen Chancen für eine Revision oder Ausweitung, wie
es die Umstände gerade erfordern, garantiert. Aber nur solche Vorschläge
werden in Erwägung gezogen, die die Fertigstellung der betreffenden Anlage vor dem 30.Juni 1962 versprechen.
Zweitens: Weder für die Größe noch den Typ der Atomkraftwerke, für
die Konstruktionspläne eingereicht werden, sind irgendwelche Begrenzungen
vorgesehen. Entscheidend ist nur, ob sie dazu geeignet sind, billig,
reichlich und gefahrlos Atomstrom zu liefern. Die neu eingereichten Vorschläge würden, ebenso wie im Fall der ersten und zweiten Ausschreibung, .
ohne irgendwelche Diskriminierung der Einsender angenommen und in Erwägung
gezogen werden, gleichgültig ob sie von Einzelfirmen oder Firmengruppen
als den Vertretern privater Versorgungsbetriebe, von genossenschaftlich
oder öffentlich verwalteten Versorgungsbetrieben oder von Firmen kommen,
die die erforderlichen Ausrüstungen liefern.
Drittens t
- 8 -

�AMERIKA DIENST"

19- Dezember 1956

Drittens: Bei der Prüfung der eingereichten Vorschläge wurde
die Kommission dpei spezielle Reaktortypen bevorzugt gemäß dieser
Reihenfolge erörtern: an erster Stelle eine mit natürlichem Uran
und Schwerem Wasser als Moderator arbeitende Groß-Reaktoranlage
deren elektrische Leistung mindestens 100 000 Kilowatt beträgt;
an zweiter Stelle ein Groß-Reaktorsystem mit flüssigem Reaktorbrennstoff, der auf wässerigen Lösungen und (bzw. oder) Aufsohwimmungen
von uran- und (bzw. oder) thoriumhaltigen Stoffen basiert und ebenfalls eine Mindestleistung von 100 000 Kilowatt besitzt; und an
dritter Ste]le drei neuartige kleine Reaktorprojekte verschiedener
Konstruktion.
Viertens: Unter diesen Punkt fällt das Angebot der Atomenergie
Kommission, hinsichtlich des Baues dieser Leistungsreaktoren der Industrie den Vorrang einzuräumen. Sollten jedoch in bezug auf alle
genannten Typen nicht innerhalb eines annehmbaren Zeitraums brruchbare Vorschläge eingereicht werden, so würde die Kommission von sich
aus prompte und positive Schritte zum Bau solcher Reaktoren unternehmen.
Für alle auf staatliche Initiative errichteten Anlagen gilt ebenalls
der 30.Juni 1962 als Endtermin.
Fünftens: Wir müssen und können jetzt rascher voranschreiten nicht nur was den tatsächlichen Bau von Versuchs- und Modell-Atomkra-ftwerken im natürlichen Maßstab, sondern auch was die Ausweitung unserer
wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse durch eine umfassend-.re Fo-schung und Entwicklung anbetrifft. Ich schlage deshalb vor, daß die
AEC die vorha. denen Möglichkeiten für eine von der Regierung in dieser
Hinsicht gewährte Unterstützung wesentlich erweitert, indem sie, deutlich
unterschieden von den tatsächlichen Baukosten, einen größeren Anteil an
den Kosten der Forschung und Entwicklung übernimmt. Diese Ausweitung
der staatlichen Hilfe - zu der noch die eigenen Versuchsprojekte 8er AEC
hinzukommen - würde sich nicht nur auf Vorschläge erstrecken, die bei
der dritten Ausschreibung im Rahmen des Demonstrationsprogramms von
Leistungsreaktoren akzeptiert werden, sondern auch auf Projekte, die
nach der ersten und zweiten Ausschreibung bereits in Angriff genommen
wurden. Ich bin überzeugt, daß eine solche Unterstützung von Forschung
und Entwicklung seitens der Regierung der gesamten Kernindustrie einen
gewaltigen Auftrieb geben wird. Sie würde nicht nur die Konstruktionstechnik von Reaktoren selbst fördern, sondern auch eine Verbesserung der
Baustoffe, die Entwicklung billigerer und ergiebigerer Brennstoffelemente, die Weiterentwicklung der Reaktorphysik, der Methoden der Wärmeübertragung, der Strömungslehre, der chemischen Verfahren und der Verfahren der Abfallbeseitigung, der Sicherungseinrichtungen am Reaktor
und vieler anderer Dinge, bewirken, die für die billige, reichliche
und ungefährliche Erzeugung von Atomstrom eine wichtige Rolle spielen.
Sechstens
werde ich mich im Rahmen meines Vorschlags dafür e nsetzen, weitere Unterstützung in der Form zu gewähren, daß die von der
Kommission bei der Verpachtung von Brennstoffelementen zum kommerziellen
Betrieb von Reaktoren erhobenen Benutzungsgebühren reduziert oder schrittweise überhaupt aufgehoben werden, und daß ferner die Kommission im Zusammenhang mit der Schwerwasser-Beschickung eines mit natürlichem Uran
arbeitenden Reaktors, dem Schweres Wasser als Moderator dient, auf die
Dauer von fünf Jahren überhaupt keine Gebühren erhebt.
qi h t _g.

�"AMERIKA DIENST" -

19. Dezember 1956

Siebtens: Ich schlage der Kommission vor, sehr bald Schritte
zur Pestsetzung der Gebühren zu unternehmen, zu denen sie nach bindenden Vereinbarungen die chemische Aufbereitung von KernbrennstoffElementen in staatseigenen Anlagen übernehmen will.
Achter und letzter Punkt: Die neue und viel elastischere Partnerschaft der Atomenergie-Kommission mit der Industrie - die sich zwar in
erster Linie auf die Errichtung von Atomkraftwerken erstrecken soll müßte auch breit genug angelegt sein, um Reaktorprojekte für andere
kommerzielle Verwendungszwecke, beispielsweise für Heizanlagen, chemische Herstellung oder Behandlung; von Kunststoffen oder irgendwelche
anderen Vorhaben aus der ständig wachsenden Zahl der Anwendungsmöglichkeiten von Reaktorwärme zu ermöglichen, die gegenwärtig noch von Wissenschaftlern und Ingenieuren geprüft werden.
Ich bin der Meinung, daß ein derart erweitertes Programm für die
Reaktorentwicklung, wie ich es eben hier dargelegt habe, für den Fall,
daß es angenommen wird, von Jahr zu Jahr von der Kommission neu überprüft und, wenn erforderlich, modifiziert werden sollte, um stetige
rasche Fortschritte zu garantieren. Diese Überprüfung würde jeweils im
Herbst stattfinden, so daß das entsprechende Programm in den Haushaltsplan aufgenommen werden kann, der in seiner endgültigen Form gewöhnlich
im November oder Dezember ausgearbeitet wird, um im Januar dem Kongreß
unterbreitet zu werden.
Mit diesen Vorschlägen habe ich nur die Möglichkeiten zu einer Ausweitung und Beschleunigung des Entwicklungsprogramms für Leistungsreaktoren in den Vereinigten Staaten umrissen, und ich habe dabei die wesentliche Hilfe, die wir anderen Ländern beim Aufbau eigener AtomenergieProgramme leisten, nur kurz gestreift.
Ich möchte jedoch gerne noch hinzufügen, daß diese Vorschläge - so
wie ich mir ihre Verwirklichung denke - weitgehend auf unser Hilfsprogramm für befreundete Nationen wie auch das gesamte Programm zur Erzeugung
von Atomstrom hier in den Vereinigten Staaten anwendbar wären. Wir
würden damit den Fortschritt in der weiteren Erschließung der Atomkraft
unter allen friedliebenden Völkern fördern. Amerikanische Konstrukteure
und Herstellerfirmen von Industrie-Reaktoren und deren Zubehör bekämen
dadurch bessere Chancen, mit dem Ausland, insbesondere mit jenen Ländern
ins Geschäft zu kommen, die mehr auf die Erzeugung von Atomstrom angewiesen sind als - gegenwärtig - die Vereinigten Staaten.
Ich habe hier nicht viel mehr tun können, als diesen Programmvorschlag zur Ausweitung und Beschleunigung der Entwicklung von Atomkraftwerken zu umreißen; viele Details müssen noch in diesen Rahmen hineingearbeitet werden. Aber ich bin überzeugt, daß er vieles enthält, was
ihn einer ernsthaften Erwägung und der Unterstützung seitens der Atomenergie-Kommission, der Industrie und auch von Ihrer Seite wert macht, die
Sie als Kernwissenschaftler und Ingenieure die Fachleute auf diesem Gebiet sind und die verschiedenen, von mir hier erwähnten interessierten
Kreise fachmännisch beraten.
Ein für den Aufbau einer gesunden und entwicklungsfähigen Atomindustrie unerläßliches Erfordernis habe ich nicht in mein Achtpunkte- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Dezember 1956

Achtpunkte-Programm einbezogen, obgleich ich es im Augenblick für
dringlicher halte als jede andere Maßnahme.
Ich meine die Schwierigkeiten, die infolge des Fehlens angemessener Versicherungsbestimmungen über die Haftpflicht der Initiative
der Privatindustrie, Atomkraftwerke zu bauen, im Wege stehen. Eine
diesbezügliche Gesetzesvorlage war zwar vom Kongreßausschuß für
Fragen der Atomenergie während der letzten Sitzungsperiode des
Kongresses gebilligt worden, wurde jedoch nicht zur Entscheidung
in den Kongreß selbst eingebracht.
Es ist dringend notwendig, daß der neue Kongreß sich umgehend
mit dieser Angelegenheit befaßt, um das größte Hindernis für die
beschleunigte Durchführung eines Leistungsreaktor-Programms in den
Vereinigten Staaten zu beseitigen."

* * * * *

- 11 -

�EMBAS3Y OF THE UNITED STATES
Office of Economic Affairs
Bonn-Bad Godesberg
November 1956

ÜBERSICHT ÜBER DEN OST-WEST-HANDEL II. HALBJAHR 1955

Achter Halb Jahresbericht an den U.S.-Kongress über die Durchführung
des Gesetzes zur Überwachung der Gegenseitigen Verteidigungshilfe
(Mutual Defense Assistance Control Act) vom Jahre 1951-

�INHALTSVERZEICHNIS

Seite
Gestaltung des Handels
Handelsvolumen

,

West-Europas Handel mit dein Roten Block
Ausfuhren der COCOII-Staaten nach dem
Roten Block
Rot-Chinas Handel mit der freien Welt
Der Handel der Vereinigten Staaten mit den
ouropaeischen Laendern im Roten Block
Die Vereinigten Staaten und ihre Handelssperre
gcgenueber Rot-China
Handel Lateinamerika - Roter Block
Sonstige Handelsbeziehungen
Handelsabkommen

1
4
5
5
6
7
8
8

Die Zeit der Handelskontakte und de3 landwirtschaftlichen Delegationsaustauscnes
Die Genfer Besprechungen

10

Landwirtschaftliche Delegationen besuchen
die Vereinigten Staaten
Sowjetisch-amerikanischer Handel und
US Senatoren
Konferenz der UH Wirtschaftskommission fuer
Europa ueber Wirtschaftsfragen

11
12
12

Industriemessen als Instrument der Aussenpolitik
des Roten Blocks
Haeufigkeit, Kosten, Schwerpunktgebiete
Ziele ,.
Die Beteiligung des Roten Blocks
Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Das "essenrogramm der Vereinigten Staaten

'.

13
16
17
17
19

�KAPITEL
IV.

Ccite
Rote V,:irtscliaf ts-"Diplor.atic" in den entricklungs'ooduerf tigon Staaten.
Marx und seine Apostel

20

Grundlagen der Ilandelsoff ensive

21

Hintergruende der Ilandelsoff ensive
Ilandelsvertraege und Kredite

25

Propaganda gchoert dazu

24

Vorstoesse in den "ahen Osten

25

Kanonen fuor Paurnvolle

26

Dulganins und Chruschtschevrs Poise
nach Gued-Asien

27

Der Pcis als '.Yaife

28

Der Klingende Rubel

29

PubeII:leenge i n L a t e i n a n e r i k a

50

,','ie wird der Herausforderung "begegnet?

32

�Seit
Rote ".Virtschafts-"Diplor,atic" in den entricklungs"beduerftigen Ztaaten.
Marx und seine Apostel

20

Grundlagen der Ilandelsoffensive

21

Hintergruende der Ilandelsoffensive
Handelsvertraege und Kredite

23

Propaganda gchoert dazu

24

Vorstoesse in den Ilahen Osten

25

Kanonen fuor Baumvolle

26

Bulganins und Chruschtschows Reise
nach Gued-Asien

27

Der Reis als V/affe

28

Der Klingende Rubel

29

Rubelklaenge in Lateinanerika

30

V.'ie wird der Herausforderung "begegnet?

32

�KAPITEL I

G E S T A L T U N G

DES

H A N D E L S

Handelsvolumen
Der Warenaustausch zwischen der freien Welt und dem Roten Block*)
betrug im Jahre 1955 wertmaessig insgesamt 4,46 Milliarden Dollar, wie
nachstehende Zahlen und Darstellung I zeigen. Das sind gegenueber 1954
mit seinen 3»6 Milliarden Dollar 24$ mehr.
Gesamtwert des Handels der freien Welt mit dem Roten Block
in den Jahren 1954 und 1955
(In Millionen US Dollars)
Roter Block
Europaeischer
Rotinsgesamt
SowjetblocR
China
1955 (vorlaeufig)
125J

4.461,4
?. 5,99,8

3.646,0
2.923.4

805,8
662A

Waehrend die Ausfuhr nach dem Roten Block im Jahre 1954 1»76
Milliarden Dollar betrug, stieg sie im Jahre 1955 um 15$ auf schaetzungsweise 2,03 Milliarden Dollar (Darstellung I I ) . Die Einfuhr aus dem Roten
Block im Jahre 1955 erhoehte sich mit circa 2,43 Milliarden Dollar um 32$
gegenueber 1,83 Milliarden Dollar im Jahre 1954« Die Ausfuhr der freien
Welt nach dem Roten Block stieg also nicht im gleichen Masse an wie die
Einfuhr von dort. Damit erfuhr die Lage gegenueber dem Jahre 1954 eine
Umkehrung.
Die Ausweitung der Ausfuhr der freien Welt nach dem Roten Block
ergibt sich in erheblichem Masse aus erhoehten Exporten nach den eurorpaeischen Satellitenstaaten, hauptsaechlich nach der Tschechoslowakei,
Ungarn und Polen. An den erhoehten Bezuegen der freien Welt aus dem Roten
Block sind fast alle Rotblockstaaten beteiligt, voran die Sowjet-Union,
gefolgt von Rot-China, der Tschechoslowakei und Polen.
Dem weiteren Anstieg des Handels der freien Welt mit dem Roten
Block entsprach das Anwachsen des Handels innerhalb der Gemeinschaft
der freien Voelker. Die beschleunigte Entwicklung der Handelstaetigkeit ist in erster Linie dem anhaltenden Aufschwung der Wirtschaft in
den Vereinigten Staaten und Westeuropa und der sich gleichfalls fortsetzenden allgemeinen Besserung der Wirtschaftslage in der ganzen Welt
zuzuschreiben. Dabei hat sich der Anteil des Roten Blockes an dem
Handelsvolumen der freien Welt im Jahre 1955 prozentmaessig nur um
einen Bruchteil'gegenueber 1954 erhoeht, und zwar von etwa 2,3$ auf
etwa 2,6$.

*) Zum Roten (Sowjetisch-Chinesischen)Block gehoeren die SowjetUnion, die europaeischen Satelliten, Rot-China (einschl. Innere
Mongolei, Mandschurei und Tibet), Nord-Korea, Aeussere Mongolei
und Nord-Vietnam.

1

�Darstellung I
GESAMTVOLUMEN DES HANDELS DER FREIEN WELT MIT DEM ROTEN BLOCK

1954 und 1955 (vorlaeufig)
f

(S) - 1 Milliarde Dollar

I

j. E U ROPÄi S CH E R JjCOTET - B LOCK:

•c

($)($)($). 2,9

!1954

i/f95|5"JyoVifg 5 ($) 0,8 §
1954
/SOWJET-BLOCK INSGESAMT
1955 (vorläufig) $ 4,5 Milliarden
1954

Q

$ 3,6

Roter Block Insgesamt:
1955:(vorlaeufig) S 4,5 Milliarden
1954
S 5,6
Darstellung II
Ausfuhr der freien V/elt nach dem Roten Block in den Jahren
1954 und 1955
(in Millionen Uli Dollars)
Roter Gesamt Europaeische Sowjet«
Block
Satelliten
Union
1955:
ErstesHalbjahr
Zweites Halbjahr
(vorläufig)
1954:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

Rot-China

958,0
1.094,7
2.0^2 4 7

549,3
599,6
1.14849

242,5
328,2

146,2
166,9

891,5
872.7
1.764,2

417,4
479,5
896,7

356,7
236.8
573,5

157,4
156,6
294,0

�Darstellung I
GESAMTVOLUMEN DES HANDELS DER FREIEN WELT MIT DEM ROTEN BLOCK
1954 und 1955 (vorlaeufig)
($) - 1 Milliarde Dollar

Roter Block Insgesamt:
1955:(vorlaeufig) $ 4,5 Milliarden
1954
S 3,6
Darstellung II
Ausfuhr der freien V/elt nach dem Roten Block in den Jahren
1954 und 1955
_mmmt
(in Millionen US Dollars)
Roter Gesamt Europaeische SowjetBlock
Satelliten
Union
rir

Rot-China

1955:
ErstesHalbjahr
Zweites Halt Jahr

(vorläufig)

938,0
1,094.7

549,3
599,6

242,5
328,2

..2*822*2

..Iii42i2

ZlZiI

891,5
872.7
1.764,2

417,4
479.3
896,7

336,7
236.8
573,5

146,2
166.9

-21hl——

1954 t
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

137,4
156.6
294,0

�Warenbezüge der freien Welt aus dem Roten Block in den Jahren 1954 und 1955;
(in Millionen Dollar)
Roter Gesamt
Block ;

Europäische
Satelliten:

Sowjetunion:

RotChina ;

255,5
388,3
643,8

240,4
252,3
492,7 2'

1955:
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr
(vorläufig)

1.095,2
1 »353.5
2.428,7 1 '

1954*
Erstes Halbjahr
Zweites Halbjahr

806,3
1.029.3

433,7
519,0

193,3
307,2

175,4
200,0

1.835,6 1 ^

952,7

500,5

375,4

595,7
686,9
1.282,6

Dagegen erreichte der Handel Afghanistans, Ägyptens, Finnlands, Hongkongs,
Islands, Irans, der Türkei und Jugoslawiens mit dem Roten Block mehr als 10$
des gesamten Außenhandelsvolumens dieser Länder.
Die Handelsziffern des Roten Blocks für 1955 waren gegenüber 1954 kaum
verändert. Es entfielen also wieder rund 80$ auf den Handel innerhalb des
Roten Blocks und 20$ auf den Handel mit der freien Welt. Rot-China als RotBlock-Staat für sich allein betrachtet, weist hinsichtlich seines Handels
etwa das gleiche Zahlenverhältnis auf. Die Entwicklung des Handels des Roten Blocks wurde in den Ausführungen über "Sowjetische Hindernisse für
eine Ausweitung des Welthandels" behandelt (siehe 7.Halbjahrsbericht,
Kapitel I und Kapitel III).
Am Ende der Dekade 1946 bis 1955 betrug das Gesamt-Handelsvolumen der
zentral-gelenkten kommunistischen Wirtschaftssysteme untereinander mehr als
das Zweieinhalbfache des Standes vor dem Zweiten Weltkrieg. Dagegen erreichte ihr Handel mit der übrigen Welt noch nicht die Hälfte des Vorkriegsstandes. Das geht aus der "Übersicht über die Weltwirtschaft im
Jahre 1955" der Vereinten Nationen hervor. Die Ausweitung des Außenhandels der Sowjetunion im Jahre 1954 war besonders hervorstechend. Sie betrug mehr als das Vierfache des Vorkriegsstandes. Der starke Anstieg des
Handels der Rot-Blockstaaten untereinander ist ein Teilergebnis des immer
weiter fortschreitenden allgemeinen Integrationsprozesses innerhalb des
gesamten Roten Blockes. Bei diesem Zusammenwachsen spielte der Wille zur
Schaffung und Weiterentwicklung einer unabhängigen und praktisch autarken
Ilandelssphäre die entscheidende Rolle.

1) Äußere Mongolei und Nord-Korea sind zahlenmäßig, aber nicht geographisch zum kommunistischen Gesamtblock hinzugerechnet. Werte für 1954
und 1955» 7 bzw. 9,6 Millionen Dollar.
2) Die Warenbezüge der freien Welt aus Rot-China erscheinen etwas vermehrt
infolge doppelter Zählung von Wiederausfuhren aus Hongkong.
Quelle» U.S. Handelsministerium

- 3-

�V.-'e st -Suropas Handel mit den Roten Block.
Waehrend der gesamten ersten 10 Jahre nach dem Zweiten V/eltkrieg
war es vor--iegend das nichtkommunistische '.'.Osteuropa nit den die europaeischen Laender im Roten Block Handel trieben. Besonders auffallend
war die warenmaessige Gestaltung des ITachkriegshandels der osteuropaeischen Laender. Er "bestand naenlich in erhoehtem Export von Haschinen und Ausruestungsgegenstaenden. Demgegenueber und im Vergleich zur
Vorkriegsdekade sind die ITahrungsnittele::porte fast aller dieser Laender gesunken.
Der Handel der europaeischen Laender im Roten Block mit Westeuropa wurde im Jahre 1955 in ungefaehrdem gleichen Tempo ausgeweitet,
wie 1954,1 Im Jahre 1955 aber bestand der eigentliche Anstieg
in höheren Ausfuhren Osteuropas nach Westeuropa. Diese Entwicklung
war der des Jahres 1954 direkt entgegengesetzt. Damals lieferte Westeuropa mehr nach Osteuropa. Ausser den traditionellen Waren, die die
europaeischen Laender im Roten 31ock nach Westeuropa lieferten - also
Weizen und andere Lebensmittel, Hohle, Erdoel und Holz - kamen in zunehmenden Hasse Industriegüter , u.a. Maschinen und Ausruestungen,
in einigen westeuropaeischen Laendern auf den Harkt. Auch Roheisen und
Baumwolle wurden in erheblichen Hengen an den Westen verkauft.
Die ausnehmend grossen Butter - und Fleischexporte Westeuropas
nach osteuropaeischen Laendern im Jahre 1954 wurden 1955 stark eingeschraenkt. Dagegen wurden die Getreidelieferungen fortgesetzt, und in
Bezug auf die Sowjetzone und Polen rechnete man sogar mit einer Portsetzung der Lieferungen trotz der guten Ernte des Jahres 1955« Die Gesamteinfuhren Osteuropas aus Westeuropa nahmen weiterhin in schnellem
Tempo zu und zwar z.T. infolge der erheblichen Zunahme der Haschinenund Ausruestungslieferungen. Weitere Bezuege groesseren Umfangs bestanden in Chemikalien, Rohwolle, Kupferdraht und Gummi.
Die Bundesrepublik Deutschland, Grcss-Britannien und Frankreich
verzeichneten fuer 1955 jeweils doe groesste Zunahme ihrer Umsaetze
im Handel mit dem Roten Block. Das Handelsvolumen der Bundesrepublik
Deutschland stieg um 154 Hio Dollar, das Grossbritanniens um 147 Hio
Dollar und das Frankreich« um 70 Hio Dollar.
Wertnaessig fuehrend waren im Aussenhandel der Bundesrepublik
Deutschland : Chemikalien - 44,2 Hio Dollar; Eisen- und Stahlerzeugnisse - 17»4 Hio Dollar; Schiffe(seegehende und Kuestenfahrzeuge)
- 16,3 Hio Dollar; Kupferdraht - 12,7 Mi© Dollar und Haschinen (ausgenommen elektrische) - 10,7 Mio Doilar. In dem Wert dieser Waren, die
nicht auf der Verbotsliste standen, ist jedoch der Handel mit der
deutschen Sowjetzone nicht enthalten.
Ihrem Werte nach rangierten die von Grossbritannien im Handel mit
der. Roten Block hauptsaechlich exportierten Waren wie folgt: ungewickel
ter Draht und Kupferkabel - 28,8 Hio Dollar; reexportierter Rohgummi
(einschliesslich synthetischen und regenerierten Gummis) - 20,5 Mio
Dollar; Kammzuege - 20,1 Hio Dollar; Wiederausfuhren von Schaf- und
Lanmwolle (roh) - 14 Mio Dollar und Textilmaschinen nebst Zubehoer 12,9 Hio Dollar (durchweg Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen).
Frankreichs Hauptausfuhren dem Werte nach waren: Eisen- und Stahlhalbzeug sowie Stahlwaren - 30,4 Mio Dollar; Weichweizen 29,9 Hio Dollar;
Chemikalien 11,5 Hio Dollar; Weizenmehl 8,9 Hio Dollar; Rindfleisch 7,4 Hio Dollar; Huebenzucker(roh) - 5,3 Hio Dollar. Auch hier handelte
e s sich ausschliesslich um Waren, die nicht auf der Verbotsliste standen,
mA m

�Auch Finnland und Oesterreich wiesen eine "bedeutende Steigerung ihres
Handels nit dem Roten Block, naemlich um 35 "bzw. 37 Hlo Dollar auf. Die
Steigerung im Falle Jugoslawiens um das Fuenffache auf ueber 58 Millionen Dollar, ergab eich au3 der Wiederherstellung politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Sowjet-Union und Jugoslawien auf
der Grundlage der Belgrader Deklaration vom 2. Juni 1955» Dagegen sank
Daenemarks Handel r.it dem Hotcn Block um 27 Millionen Dollar beziv. etwa

255*.
Ausfuhren der CCCOM-Staaton nach dem Roten Block
Das Cocrr.thandclcvolur.cn der 15 CCCOH-Staaten*) r.it dem Roten Block
stieg von 1,C I illiardcn Dollar im Jahre 1954 um etwas ueber 406 Millionen Dollar e.uf nahezu 2,3 Milliarden Dollar im Jchre 1955« Die Exporte
der COCOM-Tacnder nach der. Roten Block waren mit ueber 905 Millionen
Dollar im Jahre 1955 um circa 150 Millionen Dollar hocher als im Vorjahre(835 Millionen Dollar).
4
Rot-Chinas Handel mit der Freien WeJ.t
Im Handel Rot-Chinas r.it der freien Welt ist - ccgcnueber dem Jahre
1954 mit 669,4 Mio Dollar - im Jahre 1955 ein Anwachsen des Ceochacftsvolumens auf 30518 Mio Dollar zu verzeichnen. Die 16 in der CEEC zusammengeschlossenen Laender varen daran mit 28/' und Japan r.it etwa 14,^ beteiligt.
Der V/ert der Exporte "Hot-Chinas nach den nichtkonnunistischen Lacndern belief sich im Jahre 1955 Wrf etwa 493 Mio Dollar-") und liegt damit um 117 I.Ü.C Dollar hoeher, als im Jahre 1954» Die Ausfuhren nichtkommunistischer Laender nach Aot-CHina erreichten 1955 etwa 313 Mio Dollar L
gegenueber 294 : io Dollar in Jahre 1954» 207 Mio Dollar im Jahre 1953 und
273 Mio Dollar im Jahre 1952.
In Vergleich zu 1954 wuchs der V/ert direkter Exporte aus Westeuropa
nach Rot-China im Jahre 1955 um nahezu 25/' an. Jedoch wurde diese ^teiecrung
reichlich ausgeglichen durch geringer« Exporte aus Hongkong. Da die ausfuhren aus Hongkong grosccnteils im Umschlag von Erzeugnissen aus West curopa bestanden spiegeln diese Angaben in erster Linie Aendcrungcn in
der Versandart und weniger dc,3 Handelsvolumen wider. Hach steilem Anwachsen in der zweiten JaiiresHaelfte 1954 hielt sich der Export Ja. ans
nach Rot-China in Jahre 1955 Hurchweg unveraendert auf gleicher IIoeHe.

*) Im COordinating COMnittee (Ostwesthandelsausschuss) in Paris, in dorn
sich eine Reihe von Staaten zusammenfand, um in der Frage der Ueber«
wachung der Exporte strategisch wichtiger Gueter zusammenzuarbeiten,
sind vertreten: Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Dacncmark,
Frankreich, Griechenland, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg. J.ic ITiedorlande, Horwegen, Portugal, die Tuerkei, Gross-Britannien und die
Vereinigten Staaten.
*•) Diese Zahl schliesst Ausfuhren nach Hongkong im Werte von 157 Mio
Dollar ein, die zum grossen Teil reexportiert wurden und ein zweites Hai als Bezuege aus Rot-China erfasst sind.

- 5-

�Industriegueter waren die i.auptausfuhrartikel Westeuropas,
Japans und Hongkongs nach Rot-China. Chemische Erzeugnisse, u.a.
Duengemittel, Farbstoffe, Medikamente und Chemikalien fuer die Industrie
waren die Hauptartikel der Lieferungen. Einen erheblichen Prozentsatz der Lieferungen bildeten auch Textilfasern und Gewebe, Metalle
und Manufakturwaren.
Die Warenbezuege Rot-Chinas aus Asien(ausschliesslich Japans
und Hongkongs) Ozeanien und dem Nahem Osten bestanden dagegen grossenteils in Agrarerzeugnissen. Aus Pakistan und Aegypten kam ueberwiegend Rohbaumwolle, aus Ceylon in der Hauptsache Rohgummi. ,irnp
lieferte vor allem Reis (siehe S. ( ) , Indonesien und die Malaiischen Inseln Kopra und Kokosnussoel, .Australien '.Volle und Kammzuege
und Indien Jutesaecke und Rohbaumwolle.
Rot-China lieferte an nichtkommunistische Laender in der Reihenfolge
dos Anteils der Waren am Gesamtvolumen: Nahrungsmittel(u.a. Reis und
andere Naehrrait'-el &lt;- Rohstoff e , rf lanzenoele fuer Speisezwecke, Eier,
Obst, Gemuese, Huelsenfruechte und Tee); Celsaaten un^l andere Agrarrohstoffe(Textilfasern, aetherische Oele, Felle und Rauchwaren, Tungoel sowie diverse Rohstoffe fuer Destillationszwecke and schliesslich
eine Anzahl Gueter verschiedener Art(insbesondere Erze, Mineralien
und Erzeugnisse der Leichtindustrie).
Der Handel der Vereinigten Straten mit den Europaeischen
Laendern im Roten Block.
Der Wert der Ausfuhren der Vereinigten Straten nech den europaeischen Laendern im Roten Block im Jahre 1955 ist mit 7»3 Mio
Dollar zu veranschlagen. Das sind 18J» mehr als der Gesamtausfuhrwert
fuer 1954 Bit seinen 6,1 Mio Dollar_
Allerdings sind in den Zahlen fuer 1954 und 1955 die im Rahmen
des Ueberschwemmungshilfsprogramms des Praesidenten der Vereinigten Staaten fuer das Donaubecken an Ungarn, die Tschechoslowakei
und die Sow-jetzone Deutschlands gelieferten Mengen Getreide fuer
die menschliche Ernaehrung, Insektenvertilgunr;smittel und Medikamente mit 4,7 Mio Dollar enthalten. Die Exporte der Vereinigten
Staaten nach der Sowjet-Union und seinen europaeischen '. asallen
im Jahre 1955, hatten, ausschliesslich der vorerwaehnten Gratislieferungen, einen Gesamtwert von 5»7 Mio Dollar, also einen etwa
doppelt so hohen Wert wie im Jahre 1954(2,9 Mio Dollar). Diese
Exportmengen blieben erheblich hinter den Gesamtmengen der Jahre
1947 und 1948 zurueck. Damals betrug der Wert der Lieferungen der
Vereinigten Staaten nach den europaeischsn Laendern im Roten Block
359,9 Mio bezw. 123,2 Mio Dollar.
Unter den von den Vereinigten Staaten an die Sowjet-Union
und seine europaeischen Vasallen in den letzten Jahren hauptsaechlich gelieferten 'waren stehen Wollabfaelle im Jahre 1955mit
etwa JO 7&gt; der Gesamtausfuhr an erster Stelle. Es folgen Mais
(nicht fuer Saatzwecke) mit etwa 20$ und danach Iiaeute und Felle
sowie Talg fuer industrielle Zwecke.
Die Warenbezuege der Vereinigten Staaten aus den europaeischen Laendern im Roten-Block erreichten 1955- gegenueber 1954 mit 42,4 Mio
Dollar - einen Gesamtwert von 55»5 Mio Dollar, das entspricht

- 6 -

�einer Zunahme von 31$. In erster Linie wurden importiert: Delikatessschinken-Xonserven, Speck, Daerm« zur Y/urstbereitungim Wert«
von 19»8 Mio Dollar; Pelze und Manufakturwaren in Y/erte von 8,4
I.Iio Dollar; Benzol im Y/erte von 6,5 Mio Dollar; Duengenitt«l und
Duengemittelrohstoffe im W«rte von 2,3 Mio Dollar; photographisch«
Artikel im Y/erte von 2 Mio Dollar; Glasuraren im Y/ert« von 1 ,7 Mio
Dollar und Borsten im Y/ert« von 1,3 Mi« Dollar.
Am 3» Hovember 1955 verkuendete des Handelsministerium der Vereinigten Staaten, es beabsichtige die Herausgabe einer Liste mit einer Auswahl strategisch unwichtiger Y/aren,*), die m die europaeischen Laender im Roten Block im Rahmen einer allgemein gueltigen
Ausfuhrgenehmigung geliefert v/erden koennen; d.h. also, s sollte keine fuer einen Einzelfall gueltige Genehmigung mehr benoetigt werden.
Diese Lockerung sollte dem von Praesident Bisenhower auf der Konferenz der Regierungschefs in Genf im Juli 1955 als mit allen. Mitteln erstrebenswert herausgestellten Ziel dienen, "Bedingungen zu
schaffen, die geeignet sind,in allen Staaten das Inter«ss« an einem
weltweiten Austausch ziviler Gueter zu foerd«rn."
Die Vereinigten Staaten und ihre Handelssperre
nefeenuebor Rot-China
Y/ie schon in frueheren Berichten ausgefuehrt, erliessen di« Vereinigten Staaten sofort nach den Einfall in Sued-Korea am 25. Juni
1 950 ein allgemeines Verbot fuer die Ausfuhr von Y/aren nach ITordIlorea. Die allgemeine Ausfuhrsperre gegenueber Rot-China und der
Mandschurei wurde am 3» Dezember 1950 verhaengt, als Rot-China in dem
Krieg in llorea eintrat. Die Ausfuhrsperre wurde strikt durchgefuehrt
und besteht noch heute. Y/arenbezuege aus Rot-China und Hord-Korea sind
ebenfalls verboten, sofern sie nicht vom Amerikanischen Einanzministerium genehmigt sind, und Genehmigungen.zu Einfuhren aus diesen Gebieten werden nicht erteilt. Y/arenlieferungen seitens der Vereinigten Staaten an Rot-China bezw. ITord-Horea heben seit der Ausfuhrsperre nicht stattgefunden, ausgeno r.cn die Lieferung zweier fuer die
diplomatische Vertretung einer befreundeten ilation in Rot-China bestimmter Personenkraftwagen im Gesamtwerte von 6.000 Bollar cowie die
Lieferung von Zeitschriften und anderen Druckerzeugnissen, die auch
sonst allgemein verkaeuflich sind, im Y/erte von 2.530 Dollar. Im dritten Vierteljahr 1955 genehmigte das Amerikanische Handelsministerium
einen Antrag zur Ausfuhr ei .es Personenkraftwagens. im Y.'erte von 1.000
Dollar und von Autoersatzteilen im Y/erte von 60 Dollar. Beides war
fuer diplomatische Vertretungen befreundeter Laender bestimmt. Die
Lieferung von Zeitschriften und sonstigen Druckschriften, fuer die
keine Geheimhaltungspflicht besteht, erfolgte im vierten Yuartal 1955
im Rahmen eines allgemein gueltigen Genehmigungsverfahrens, wonach
wissenschaftliche Schriften und Schriften fuer Bildungs- und Erziehungsfragen unterschiedslos nach allen Laendern versandt werden koennen.
*) Die Liste mit ueber 700 auf etwa 57 Y/arengruppen verteilten Positionen v/urde am 26. April 1956 veroeffentlicht. Bio sich daraus
ergebende Vereinfachung des Genehmigungsverfahrens bei Lieferungen
an die curopaeischen Jtcaten im Roten Block wird erst im neunten
Bericht uober die Gestaltung des Ost-Y/est Handels im ersten Halbjahr 1956 behandelt v/erden.

7-

�Handel Lateinanerika - Roter Block
Der Handel Latein-Anerikas nit dem Roten Block erreichte im Jahre
1955 einen neuen Rekord mit einem auf 340 I.Iio Dollar geschaetzten Volumen, das damit die 254 Mio Dollar des Jahres 1954 um etwa 34$ uebersteigt.
Dengegenueber betraegt das Gesamtvolumen des Handels der Vereinigten
Staaten mit Lateinamerika mit etwa 7 Milliarden Dollar ungefaehr das 20fache.
Argentinien und Brasilien waren auch im Jahre 1955 die Hauptpartner im Handel Lateinamerikas mit den Staaten in Roten Block. Das Volumen
des Handels zwischen dem Roten Block und Argentinien im Jahre 1955 » d*r
zu einem erheblichen Guthabensaid© gegenueber der Sowjet-Union fuehrte,
erreichte einen Wert von 193 Mio Dollar. In Handel mit Brasilien wurden hei einer Steigerung um 42 Llio Dollar, d..h. un das Doppelte gegenueber 1954» 85 I.Iio Dollar erreicht. .Uruguay, das im Handel nit dem Roten Block 1954 an dritter Stelle stand, wurde 1955 infolge erhoehter
Bczuege kubanischen Zuckers seitens der Sowjet-Union von Kuba ueberfluegelt.
Die Exporte Lateinamerikas nach den Roten Block wuchsen im Jahre
1955 um circa 20$ auf schaetzungsweise 169 Mio gegenueber 142 Llio Dollar im Jahre 1954 an. Diese Ausweitung ergab sich hauptsaechlich durch
die erhoehten Ausfuhren aus Kuba und Brasilien. Der Versand von 500,000
t kubanischen Zuckers nach der Sowjet-Union im Werte von 37»4 Mio Dollar und die erhoehten Ausfuhren Brasiliens, insbesondere an Kaffee,
wurden durch den Rueckgang der Exporte Uruguays nach dem Roten Block
um 13»3 llio Dollar teilweise ausgeglichen. Dieser Rueckgang der Exporte Uruguays um etwa 50$ war die Polge geringerer Warenbezuege durch
die Sowjet-Union.
Der Wert der Warenbezuege Lateinanerikas aus dem Roten Block stieg
1955 auf 171 Llio Dollar an. Gegenueber 1954 mit 112 Llio Dollar bedeutet das eine Zunahme um 53$« Die LIehrzahl der Staaten Lateinamerikas
erhoehten ihre Importe aus dem Roten Block. Besonders hervorzuheben
sind Argentiniens erweiterte Einkaeufe im Jahre 1955 im Werte von
120 Mio Dollar, verglichen mit 83 Mio Dollar im Jahre 1954, sowie die
Brasiliens mit 38 Mio Dollar im Vergleich zu T9 Mio Dollar in Jahre
1954» Zum grossen Teil.erstreckten sich diese Einkaeufe auf Fabrikerzeugnisse und Rohstoffe fuer die Industrie,
Obgleich der Anteil der Laender des Roten Blocks an Gesantaussenhandel Lateinanerikas im Jahre 1955 genau wie 1954 nur 2$ betrug, gewann der Handel mit dem Roten Block fuer einzelne Staaten dennoch
wachsende Bedeutung. Im Falle Argentiniens betrug der Anteil des Roten Blocks am Gesamtaussenhandel dieses Landes 1955 9$» im Falle Brasiliens 1,3$ und im Falle Kubas etwa 1$. Uruguays Handel nit dem Roten
Block dagegen sank von 5$ seines gesamten Auosenhandelsvolumens im Jahre
1954 auf 3$ im Jahre 1955.
Sonstige Handelsbeziehungen
Australiens Handel mit dem Roten Block blieb 1955 wertmaessig um
nahezu 18 Mio Dollar oder um 25$ hinter dem 1954 erreichten Volumen
zurueck. Dieser Rueckgang ergab sich aus einem Absinken der Ausfuhren
nach der Sowjet-Union infolge der Verschlechterung der 'politischen Beziehungen zwischen den beiden Laendern auf Grund der im April 1954 erfolgten aufsehenerregenden Enthuellung , dass die Sowjetische Botschaft
in Canberra ein Spionagenetz unterhielt.
Das Volumen des Handels zwischen dem Roten Block und Japan bzw. der Tuerkeistieg um 56 bzw. 60 Llio Dollar an. In Kapitel IV dieses Berichtes
v.ird der Handel des Roten Blocks nit den entwicklungsbeduerftigen Laendern besprochen.
.

�Händelsabkommen
Etwa 65$ des Handels des Roten Blocks mit der freien Welt im Jahre
1955 entfielen auf den Warenaustausch mit solchen Ländern, mit denen
der Rote Block zweiseitige Handelsabkommen getroffen hat. Im vergangenen
Jahr bestanden 174 gültige Handels- und Zahlungsabkommen zwischen dem
Roten Block und der freien Welt.[
„ ) Fünf weitere im Jahre
1955 abgeschlossene Abkommen sollten erst 1956 in Kraft treten. Mit 29
der somit insgesamt 179 Abkommen *) wurden früher bestehende freie Vereinbarungen über zu tätigende Kompensationsgeschäfte und andere geschäftliche Transaktionen durch formgerechte ersetzt. Nur sechs der
neuen Abkommen wurden mit westeuropäischen Ländern abgeschlossen, die
fast durchweg schon seit der ersten Nachkriegszeit Handelsabkommen mit
Staaten im Roten Block hatten. Die übrigen wurden mit entwicklungsbedürftigen Ländern getroffen, d.h. mit 13 im Nahen Osten, 8 in Südostasien und 2 in Lateinamerika.
Diesseits des Eisernen Vorhangs war Jugoslawien hinsichtlich des Abschlusses von Handelsabkommen sehr rührig. Es schloß nämlich deren acht
ab. Es stellte seine wirtschaftlichen Beziehungen zu allen europäischen Staaten im Roten Block völlig wieder her, die es infolge seines
Zerwürfnisses mit dem Kominform im Jahre 1948 abgebrochen hatte. Das
vorläufige 194 Mio.Dollar-Kreditabkommen, das es mit der Sowjetunion
am 1.9« 1955 abschloß, war die beachtlichste der von Belgrad erzielten Vereinbarungen. Im Rahmen dieses Abkommens erhielt Jugoslawien Kredite in Höhe von schätzungsweise 110 Mio.Dollar zum Bau von Düngemittelfabriken und verwandten Betrieben sowie für den Wiederaufbau dreier
kleiner Bergwerke und andere geplante Vorhaben; weitere 54 Mio.Dollar
für den Bezug von Kohle, Öl und Baumwolle aus der Sowjatunion und 30
Mio.Dollar in Gold oder gleichwertigen Devisen für die Jugoslawische
Staatsbank. Es heißt, daß alle diese Kredite eine Laufzeit von 10 Jahren bei einer Verzinsung von 2% haben. Im November gewährte Polen Jugoslawien einen Kredit von 20 Mio.Dollar zum Ankauf von Bergwerksausrüstungen und Ausrüstungen zur Nahrungsmittelherstellung sowie von
Eisenbahnfahrzeugen.

*)Zu den Abkommen zählen alle von Regierung zu Regierung abgeschlossenen Handels- bzw. Zahlungsabkommen im Verkehr zwischen Ost
und West sowie halbamtliche Abkommen, auf Grund derer sich die Handelstätigkeit im Jahre 1955 noch eine Zeitlang vollzog. Die halbamtlichen Abkommen wurden in ihrer Mehrzahl von besonderen Handelskontoren
- die von Ländern der freien Welt, welche das kommunistische Regime
nicht anerkennen, eingerichtet sind - mit den Handelsbehörden der
Sowjetzone Deutschlands getroffen. In der Praxis unterscheiden sich
diese Abkommen nicht wesentlich von den Abkommen von Regierung zu
Regierung. In fast allen Abkommen werden Mengen oder Wertquoten festgelegt, die, wenn auch nicht bindend, so doch ungefähr den Umfang andeuten, in welchem die betr. Regierung bereit ist, für die in Betracht
kommenden Waren Ein- und Ausfuhrgenehmigungen zu erteilen. Es besteht
im allgemeinen die Möglichkeit, die Quoten jeweils nach vorheriger
Vereinbarung zwischen den Kontrahenten zu erhöhen oder sonstwie zu
ändern.

- 9-

�Es folgt Griechenland mit den Abschluss von sieben Abkommen mit
europaeischcn Laendern im Roten Block. Die Tuerkei, Island und Argentinien
brachten es auf je sechs und Kolumbien auf eines. Birna schloss neue Abkommen mit fuenf Laendern im Roten Block und erneuerte ein Abkommen
aus dem Jahr 1954 Bit Rot-China. Der Sudan und Syrien unterzeichneten
je zwfci. Der Sudan und Kolumbien trafen erstmalig ein Handelsabkommen
mit dem Roten Block.
i

Zu den erwaehnenswerten Abkommen gehoert auch das zwischen der
Sowjet-Union und Oesterreich nach Abschluss des Staatsvertrags getroffene.
Bulgarien unterzeichnete vier neue Vertraege und fuehrt damit vor anüere
Rotblock-Staaten. Das komnunistische ITord-Vietnam traf mit seinem Vertrag
mit Prankreich sein erstes Handelsabkommen mit der freien V/elt.
Anzahl und Umfang aller dieser Handelsvertraege verdeutlichen die in
der Ausweitung der Handelsplanung des Roten Blocks liegenden Absichten.
KAPITEL II
DIE ZEIT DER HAITDELSKOHTAKTE UND DES DELEGATIONSAUSTAUSCHES
Die Genfer Besprechungen
Im Siebenten Bericht(Seite 1und 2) wurden in kurzen Umrissen die erfolglosen 3emuehungen der Vereinigten Staaten, Gross-Britanniens und Prankreichs auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs im Juli 1955 un-d gelegentlich des Treffens der Aussenminister daselbst in Oktober/llovember skizziert, mit der Sowjet-Union zu einer Vereinbarung ueber die allmaehliche
Beseitigung von Hindernissen zu gelangen, die einem friedlichen Handelsverkehr entgegenstehen. Die Unterhaendler der Sowjet-Union orklaerten sich,
wie in dem erwaehnten Bericht ausgefuehrt wird, auf der Konferenz im Herbst
lediglich bereit, ueber eine Beendigung der Ueberwachung des Handels mit
kriegswichtigen Guetern zu diskutieren. Die Vertreter der V.'estnaechte erhielten auf ihre Bereitschaft, etwaige Vorschlaege der Sowjetischen Delegation im Interesse einer fuer beide Seiten erspriesslichen und dem Frieden
dienlichen Entwicklung der Handelsbeziehungen wohlwoMend zu pruefen, keine
positive Antwort. Die Vereinigten Staaten, Grossbritannien und Frankreich
legten der Sowjet-Union nahe, die Schwierigkeiten abzubauen, mit denen Kaufleute aus dem Y/esten zu kaempfen haben, die die Sowjet-Union besuchen und sich
dort niederlassen wollen. Ferner wurden sie ersucht, wirtschaftlichen Eigentumsrechten, u.a. Patenten, angemesseneren Schutz zu gewaehren und in groesserem Hasse Produktions- und Handelsstatistiken zu veroeffentlichen. Die
westlichen Delegierten betonten, dass die ueberwachten, strategisch wichtigen Exporte, am Gesamtvolumen des Handels gemessen, nur einen geringen Prozentsatz ausmachten und dass sich der Sowjet-Union ausreichende I.Ioeglichkeiten zur Beteiligung am Handel mit zivilen Guetern boeten, wenn sie ihre
autarkischen Bestrebungen aufgaebe.
Am 31. Oktober 1955 entschloss sich Aussenminister Dulles im Interesse
der Foerderung des Handels mit zivilen Guetern zu einer wirklich versoehnlichen Geste, indem er ankuendigte, dass die Regierung der Vereinigten
Staaten "nach und nach" gewisse Vereinfachungen in den fuer Exporte nach
den europaeischcn Laendern im Roten Block angewandten Verfahrensweisen
herbeifuehren wolle. (Vergl. Seite 7)»
In einer 14 Tage spaeter abgegebenen Erklaerung lehnte es der sowjetische Aussenminister I'olotow ab, auf das Problem der Ausweitung des
- 10 -

�Handels mit zivilen Guetern einzugehen? er forderte stattdessen
die Beseitigung der Ueberwachung des Handels mit strategisch wichtigen
Guetern. Er sagte t
"seit einiger Zeit werden von einer Anzahl Laender des Westens, besonders den Vereinigten Staaten, Massnahmen ergriffen, die sich auf
den Handel mit der Sowjet-Union und anderen Staaten nachteilig auswirken. Die Beendigung dieser Benachteiligung und Beseitigung der dem
internationalen Handel in letzter Zeit in den Weg gelegten Hindernisse und Erschwerungen waere fuer beide Seiten, Ost und West, von
Nutzen. Ohne die Beseitigung dieser Hindernisse koennen sich keine
normalen Beziehungen zwischen Ost und West entwickeln."
Landwirtschaftliche Delegationen besuchen die Vereinigten
Staaten.
Die Fuehlungnahme der freien Welt mit den europaeiechen Laendern im
Roten Block wurde in der zweiten Haelfte des Jahres 1955 verstaerkt.
Der auf der Genfer Konferenz der Regierungschefs ausgesprochene Wunsch
nach staerkerem Kontakt zwischen den Voelkern in Ost und West fuehrte
zum Austausch einer Reihe von Delegationen. Auch die Sowjet-Union erleichterte die Einreise von Privatpersonen. Dagegen stellte sie ihre
ins Ausland reisenden Staatsangehoerigen weiterhin zu "gelenkten"Abordnungen zusammen, anstatt ihnen zu gestatten, sich als Einzelreisende
frei zu bewegen. Die Sinnesaenderung der Sowjets in der Frage der Einreisegenehmigung fuer auslaendische Abordnungen und Privatreisende
fuehrte dazu, dass sich die Zahl der nach der Sowjet-Union reisenden
Amerikaner - sowohl Privatpersonen als auch solche in amtlichem Auftrage - erhoehte.
Bis zu einem gewissen Grade benutzte die Sowjetregierung das Austauschprogramm als Mittel zur Verbesserung der Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten. Zum Beispiel besuchte eine vom amtierenden Landwirtschaftsminister Wladimir Maskewitsch gefuehrte 12-koepfige Abordnung im
August 1955 die USA, um dort die landwirtschaftliche Praxis, insbesondere die Schweinehaltung auf der Grundlage der Maisfuetterung zu studieren.
Die sowjetischen Landwirte waren stark am Kauf grosser motorisierter
Maehmaschinen, von Radschleppern aller Groessen und Neuballenpressen
interessiert. Waehrend ihres Aufenthalts in den USA kaufte die Abordnung 15 Bullen zur Verbesserung der Wirtschaftsrassen in der SowjetUnion .
Gegen Ende NoTember besuchte eine zweite, fuenfkoepfige landwirtschaftliche Delegation aus Sowjet-Russland unter Puehrung von Ilja
Emeljanow, stellvertretendem Direktor der wissenschaftlich-technischen
Abteilung des Sowjetischen Landwirtschaftsministeriums, die Vereinigten Staaten, um Hybrid-Saatmais und die zu dessen Pflanzung , Pflege
und Ernte notwendigen Geraete einzukaufen, wofuer dem Vernehmen nach
ein Gesamtpreis von 1 Mio Dollar gezahlt wurde. Der Generaldirektor
einer Saatzuchtfirma des mittleren Westens, deren Spezialitaet HybridSaatmais ist, hatte die Sowjet-Union und Rumaenien vorher besucht und
die sowjetrussischen Fachleute eingeladen.
Als erster Vasallenstaat im Roten Block entsandte Rumaenien eine dreikoepfige Handelsdelegation nach den Vereinigten Staaten. Ihr gehoerte
der stellvertretende Landwirtschaftsminister Dr. Virgil Gligor an. Sie
folgte, ebenso wie die zweite sowjetische Abordnung, einer Einladung
der vorerwaehnten Firma und traf am 27. November zu einem einmonatigen Besuch in New York ein.

- 11 -

�Die rumaenische Delegation verfolgte den gleichen Zweck wie die
zweite sowjetische Abordnung: Sie war gekommen, um Hybrid-Saatmais
und Geraete zu kaufen. Sie erklaerte hei ihrer Ankunft, dass Rumaenien
die Handelsbeziehungen mit den USA wieder aufzunehmen wuensche und beabsichtige, 500,000 bis 1 Mio Dollar fuer den Ankauf von Hais zu Saatzwecken und 10 Satz Landwirtschaftsgeraet in bar auszugeben. Es wurde
versichert, dass weitere Kaeufe getaetigt wuerden, sofern man mit dem
Saatgut und dem Geraet zufrieden sei.
Sow.ietisch-Amerikanischer Handel und US-Senatoren
Hikita S. Chru8tschew, der Erste Sekretaer der Kommunistischen
Partei der Sowjet-Union, erklaerte in einem Interview mit fuenf USSenatoren am 12. September, dass die Sowjet-Union aus den Vereinigten Staaten Maschinen und lendwirtschaftliche Erzeugnisse beziehen
wolle. Er Hess durchblicken, dass Koskau im Austausch gegen amerikanische WarenKangan und andere strategisch wichtige Rohstoffe anbieten wuerde und meinte, eine Ausweitung des Sowjetisch-Amerikanischen Handels wuerde zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen
den beiden Laendern fuehren. Chrustschew ruegte, waehrend Uinisterpraesident beifaellig nickte, die üeberwachungsmassnahmen der Vereinigten Staaten bezueglich des Handels mit kriegswichtigen Guetern
und forderte deren Beendigung. Dann erklaerte er rund heraus: "Wir
begruessen den Warenaustausch weniger aus wirtschaftlichen Gruenden,
als vielmehr aus politischen Erwaegungen heraus als ein Mittel, zwischen unseren beiden Laendern bessere Beziehungen zu schaffen." Die
politischen und wirtschaftlichen Ziele der sowjetischen Handelspolitik wurden im Kapitel III des Siebenten Berichtes behandelt und
untersucht.
,
...
Konferenz der U1T Wirtschaftskommission fuar Europa ueber
Wirt schaft sfragen
Vom 26. September bis 14. Oktober, also zu einer Zeit, da der versoehnliche"Geist von Genf" noch lebendig war, kamen Vertreter von 26 Laendern zur vierten Sitzung des Hancelsausschusses der Uli Wirtschaftskommission fuer Europa. (SCE) in Genf zusammen, ur. ueber den Ost-West
Handel und seine "Wachstumsschwierigkeiten" zu konferieren. Achtzehn
Laender '..Osteuropas und die Sowjet-Union sowie ihre Vasallenstaaten
sandten Abordnungen. Ebenso waren die Vereinigten Staaten und Kanada
vortreten. Ausser den genannten Lcender-Delegationen entsandte der fuer
den Osten zustaendige, im Januar 1949-, zur Erweiterung der "wirtschaftlichen Zusammenarbeit" zwischen der Sowjet-Union und den europaeischen
Laendern im Roten Block ins Leben gerufene Ausschuss fuer gegenseitige
Wirtschaftshilfe (CEMA) seinen General-Sekretaer, A.A. Pav;low(SowjetUnion), der in zwangloser Form Verbindungen zum ECE-Sekretariat herstellen sollte.
Der Ausschuss eroerterte die Punkte der Tagesordnung in einer
freundlichen Atmosphaere. Ausser einer allgemeinen Aussprache ueber den
Umfang des Handels zwischen Ost und V/est, die Moeglichkeiten einer Erweiterung dieses Handels und die Handelsbeziehungen zwischen bestimmten Laendern, befa:..ste sich der Ausschuss auch mit sich aus der Erweiterung des Ost-West Handels ergebenden Einzelfragen, wie z.B. mit der
Uotwendigkeit, Vereinbarungen ueber die Kontenabrechnung zu treffen.
Waehrend der Konferenz fanden 120 zweiseitige Handelsgespraeche
statt. Sie wurden aber im allgemeinen mit Zurueckhaltung gefuehrt und
waren entsprechend unergiebig. Waehrend dieser Gespraeche tauschten die
Ilandelssachverstaendigen besondere Listen ueber Waren aus, die sie
- 12 -

�*ueri3Cht«nIm Laufe der Ausschussberatungen wiederholten die europaeischsowjetischen Blockstaaten die Behauptung, dass das Haupthindernis
fuer eine Erweiterung des Handels ihre Benachteiligung durch die Laender des Westens sei. Als Beispiel dafuer, wie sie benachteiligt wuerden, fuehrten die Rotblock-Staaten das Liberalisierungsprogramm des
Westens an, das, wie sie behaupteten, gegen den Grundsatz der Ileistbeguenstigung Verstösse, weil seine Vorteile nicht allen Laendern zugute kaemen. Die Ueberwachung des Handels mit kriegswichtigen Guetern
wurde nicht ausdruecklich erwaehnt, aber fast alle Vertreter aus Osteuropa spielten darauf an, indem sie von "unzulaessigen Geschaeftsnethoden" sprachen, die den Export aus restlichen Laendern behinderten.
Die europaeisch-sowjetischen Laender stellten fest, dass dieses Geschaeftsgebahren das fuer den Welthandel notwendige, gegenseitig« Vertrauen zerstoere und den Grundsatz der i'eistbeguenstigung verletze.
Immerhin fassten sie sich in der Bekanntgabe ihrer diesbezueglichen
Ansichten im allge einen kurz und trugen dies in einer dem freundlichen
Konferenzklima gemaessen Weise vor.
Die Beratungen des Ausschusses brachten keine Aufhebung von I.lassnahmen zur Verhinderung der Ausweitung des Handels zwischen dem Westen
und dem Sowjetblock, da der Ausschuss nicht err.-.aechtigt war, die Handelspolitik der Regierungen zu aendern. Das wesentlichste Ergebnis des
Treffens war vielleicht eine Besserung der psychologischen Voraussetzungen fuer die Behandlung von Händelsfragen und Fragen der Handelspolitik.
Die Abgesandten des europaeisch-sowjetischen Blocks befürworteten allgemein eine weitere Verstaerkung des Handels zwischen dem
Westen und ihrem Block und betonten die Moeglichkeiten, die sich ihrer
Meinung nach fuer einen erhoehten Warenaustausch boeten. Auch mehrere
Laender des Westens bekundeten ihr Interesse an verstaerkten Handelsbeziehungen zum europaeisch-sowjetischen Block. Gunnar Myrdal., Verv.-altungssekretaer der ECE, bezeichnete die Ergebnisse der Besprechungen
als "nicht gerade grossartig", prophezeite jedoch vorsichtig eine langsame, wenn auch stetige Zunahme des Handels zwischen dem europaeischsowjetischen Block und dem uebrigen Europa.

KAPITEL III
I1TDU3TRIEMESSE1T ALS INSTRUMENT DER.
AUSSEHPOLITIK DES ROTEN BLOCKS
Haeufigkeit, Kosten und Schwer-mnktgebiete
Mit dem Ziele, kommerzielle, politische und propagandistische Absichten miteinander zu verknuepfen, beteiligte sieh, der Rote Block im
Jahre 1955 an 149 Industrie-Hessen und Ausstellungen in 41 Laendern. Wi
die umstehende Darstellung zeigt, war also die Beteiligung staerker
als in den vier vorhergehenden Jahren»

�Übersicht über die Beteiligung des Roten Blocks an internationalen
Industriemessen und Ausstellungen in den Jahren 1951 - 1955
Anzahl der Länder, in
denen der Rote Block
sich beteiligte

Anzahl der Messen
und Ausstellungen
mit Rotblockbeteiligung

Freie V/elt

Roter Block

6
13
21
23
32

2
2
2
3
9

Beteiligung der
Rotblock-Länder
nach Anzahl eigcner lesse., tände

4

1951
1952
1953
1954
1955

8
20
58
60
149

20
92
120
125
288

Im Jahre 1954 hatte der Rote Block seine Erzeugnisse auf 60 Ausstellungen in 26 Ländern gezeigt und dazu schätzungsweise 10 Mio Dollar aufgewendet. Die Ausstellungskosten im Jahre 1955 betrugen etwa 38 Mio
Dollar, also beinahe das Vierfache dessen, was 1954 aufgewendet wurde*).
Ein eindrucksvolles Merkmal dieser bedeutsamen, zunehmend verstärkten
systematischen Beteiligung des Roten Blocks an Messen war die etwa
130^ige Zunahme der Anzahl der gezeigten Artikel von 125 im Jahre 1954
auf 288 im Jahre 1955«
Obgleich Westeuropa das Haupthandelsgebiet des Roten Blocks in der freien Welt ist, waren dessen Aufwendungen für Industriemessen in Westeuropa im Jahre 1955 etwas geringer, als für Ausstellungen in den entwicklungsbedürftigen Ländern Asiens und des Nahen Ostens, auf die in
zunehmendem Maße der Rote Block seine handelspolitischen Anstrengungen
konzentriert und wofür er dementsprechend auch mehr und mehr seine Geldmittel verwendet (Vergl. Übersicht IIl) . Teure und oft geradezu luxuriöse Ausstellungsstücke wurden unter heftiger Anpreisung in Zeitungen,
Zeitschriften und über Lautsprecher in 16 der sich neu entfaltenden
Ländern, wie z.B. Indien, Pakistan, Indonesien, Ägypten und Syrien,
gezeigt.
Der Rote Block gab für Industriemessen in Indien mehr Geld aus als in
irgend einem anderen nichtkommunistischen Lande; er beteiligte sich
ebenfalls stark an Messen in Jugoslawien, der Türkei, Griechenland,
Österreich, den Niederlanden und Schweden sowie in geringerem, jedoch
noch beachtlichem Maße in Argentinien, Island und Französisch-Marokko.
Im Dezember hieß es, daß der Rote Block im Jahre 1956 noch stärker auf
Industriemessen vertreten sein wolle, daß die Planung besser und die
Anzahl der ausgestellten Erzeugnisse größer und eindrucksvoller sein
werde als in vergangenen Jahren.

Die angegebenen 38 bezw. 10 Mio Dollar sind auf Grund der von den
Vereinigten Staaten vergleichsweise für Messezwecke gemachten
Aufwendungen geschätzt.

- 14 -

�Uebersicht III
Teilnahme des Roten Blocks an Industriemessen, Ausstellungen und
Sonderschauen ausserhalb seiner politischen Einflusssphaere
im Jahre 1 955
Land, wo
Hessen, Ausstellungen
oder Sonderschauen stattf.

Beteiligung des Roten Blocks * )
Tschecho Sow Z one Un- Po Ru- Bul- RotAnzahl UdSSR Slowakei Deuts Chi. garn len maen .gar.China

X
Australien
Oesterreich
Belg. Kongo
Belgien
Bolivien
Burma
Kanada
Kolumbien

5

X

7

X

Zypern
Daenemark
Ecuador
Aegypten
Aethiopien
Finnland
Frankreich
Franz. I'arokko
DeutschOundesRepublik
Gro ss-I;ritannien
Griechenland
Island
Indien
Indonesien
Italien
Japan
Libanon
Niederlande
Pakistan
Portugal
Schweden
Schweiz
Syrien
Tibet
Tunis
Tuerkei
Ver.Staaten
Jugoslawien

2

3

X
X

9
2
16
4
1
1
10
2
11
2
1

9
3

X
X
X
X

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2
2
1
1
1
1
8

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.X

*) Die Kreuze in der Aufstellung bedeuten, dass das betreffende kommu nistische Land mindesten« auf einer Lesse, Ausstellung oder Sonderschau der angegebenen Laender, aber nicht unbedingt auf allen dort
veranstalteten vertreten war.

-15

�Ziele
Kapitel I des Sechsten Halbjahresberichtes nit der Ueberschrift
"Die Wirtschaft als Waffe Moskaus" handelte von der Art und V/eise, in
welcher der Rote Block seit 1952 die Industriemessen dazu "benutzt, um
auch in den entwicklungsbeduerftigen Laendern Einfluss zu gewinnen, und
kam zu dem Ergebnis, dass mit dieser Politik"viel weiter gesteckte Ziele
als nur die Absatzfoerderung" verfolgt werden. Kurzum der Rote Block
brauche eine"LIehrzweck-Waffe" , um damit gleichzeitig Handel, Politik
und Propaganda treiben zu koennen. Entsprechend der Entwicklung der aussenwirtschaftlichen Politik und Programmgestaltung des Roten Blocks und
insbesondere mit zunehmender sowjetrussischer Leistungsfaehigkeit und
Lieferbarkeit von exportfaehigen Kapitalguetern wurden Industrienessen
zu einem Instrument, dessen sich der Rote Block bediente, um seine Handelsbeziehungen zu "normalisieren" und auszuweiten."Sie dienten seitdem
ferner zur Verwirklichung der Handelspolitik des Roten Blocks in seiner
Gesamtheit und wurden zu einem integrierenden Bestandteil eines offenbar
abgesprochenen Programms, das den Abschluss von Handelsabkommen und Kompensationsgeschaeften mit ueberschuessigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die Gewaehrung von Krediten fuer den Ankauf von Kapitalguetorn
durch die entwicklungsbeduerftigen Laender und die Behandlung der Frage
der Niederla ssung staendiger Vertreter am Platzevumfasst«. In Jahre 1955
gab es Anzeichen fuer ein anpassungsfaehigeres Geschaeftsgebahren der
Rotblock-Staaten auf Industriemessen und fuer eine groessere Bereitschaft,
zur Sicherung ihres Ausstellungserfolges von frueheren Geschaeftsnethoden
abzugehen. In frueheren Jahren ist es vorgekommen, dass Aussteller aus
Rotblock-Staaten nicht in der Lage oder nicht geneigt waren, Auskuenfte
ueber Preise, technische Einzelheiten, Lieferzeiten, Ersatzteile, Vertreter und Verkaufsstellen zu erteilen. Es zeigte sich ferner haeufig,
dass sie fuer die Herstellung einer grossen Anzahl der ausgestellten
Erzeugnisse zu Sxportzweckcn nicht eingerichtet waren. Dennoch wurden
1955 cnsehnlicUfc. Vertraege und Händelsabkonnen auf Ausstellungen abgeschlossen, und soweit Geschaefte nicht zustande kanen, wurde die Grundlage fuer spaetere Verhandlungen geschaffen. Berichten zufolge waren
europaeische Satellitenstaaten auf Grund von vorbereiteten Verkaufsprogranmen fuer exportfaehige Gueter in der Lage, an Ort und Stelle Auftraege entgegenzunehnen. In einigen Faellen waren Ausstellungsartikel dem
Gastland entweder zum Verkauf oder als Geschenk angeboten worden.
Auch in Jahre 1955 war die Propaganda wieder ein Hauptmoment bei
der Beteiligung des Roten Blocks an den Industrienessen. Flugblaetter
wurden auf den Ausstellungen verteilt und Reden wurden von RotblockFunktionaeren gehalten, in denen die sowjetische Version einer "friedlichen Koexistenz" empfohlen und auf eine "weltweite Entspannung", die
"Wiedervereinigung Deutschlands" und die "Beseitigung von Handelssperren"
gedrungen wurde. Die Groesse der Ausstellungspavillons des Roten Blocks,,
sowie die Anzahl und Vielfalt der ausgestellten Erzeugnisse sollten die
Besucher beeindrucken und ihnen sowohl die technische Vervollkommnung
als auch das Wirtschaftspotential und damit die unter den Konmunismus
genachten Fortschritte vor Augen fuehren und so die Anziehungskraft
des Kommunismus verstaerken und das Prestige des Roten Blocks erhoehen.

- 16 -

�Die Beteiligung des Roten Blocks.
In 18 Leonder gingen im Jahre 1955 die Ausstellungsstuecke der wesentlichsten sov;jetrussischen Industrieerzeugnisse; zwei Drittel
wurden nach nichtkonnunistischen Staaten verschickt. Im Vergleich
zu 1954 war die Sowjetunion in Jahre 1955 &amp;uf Industriemessen elfmal
vertreten. Zur Ueberraschung der Gastlaender sagte die Sowjetunion
im Vorjahr ihre Teilnahme an 11 bedeutenden Ausstellungen ab. El
wurden zwar keine besonderen Gruende angegeben, doch ist es moeglich,
dass die Absagen erfolgten, weil die Sowjets den Wettbewerb mit den
Vereinigten Straten , die sich in verstaerktem Masse an Ausstellungen
beteiligen, scheuten oder weil die Veranstalter der Ausstellungen
absichtlich oder aus Unfaehigkeit nicht genuegend Platz fuer eine
grosse sowjetische Standardschau geschaffen hatten.
Anlaesslich der Genfer Konferenz im Sonmer ueber die Verwendung der
Atomkraft zu friedlichen Zwecken , hatte die Sowjetunion eine
interessante Schau vercnstaltet. üeberhaupt bildeten Aucstellungsgegenstaende zur Demonstration der I.Ioeglichkeiten fuer eine friedliche Verwendung der Atomenergie einen Hauptanziehungspunkt ruf
1 955-er Hessen.
Die Entwicklung des Ausstellungswesens in Jahre 1955 ist gekennzeichnet durch des Erscheinen Rot-Chinas als bedeutendes Ausstellungsland und durch die fuehrenden Stellungen, die die Tschechoslowakei
und die Sorjetzone Deutschlands eingenommen haben, '..'aehrend Rot-China
im Jehre 1954 a n drei Industrienessen teilnahm, waren es im Jahre 1955
24. Im Jahre 1955 war die Tschechoslowakei, was die Beschickung von
Ausstellungen zur Foerderung des Außenhandels anbetrifft, der ruehrigste Re^raesentant des Roten Blocks. Sie war auf 30 Ausstellungen in
allen Teilen der V,relt vertreten. Auch Polen war sehr aktiv. Die Tschechoslowakei und die uebrigen Laender il| Roten Block konzentrierten ihre 3emuehungen hauptsaechlich auf Ausstellungen in entwicklungsbeduerftigen
Laendern, um ihre wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu diesen zu verbessern.
Die Politik der Sowjetzone Deutschlands zur Foerderung des Außenhandels
war u.a. wesentlich auf die Teilnahme an internationalen Industrieausstellungen gerichtet. Im Jahre 1955 beschickte die Sowjetzone Deutschlands 16 bedeutende Industrieausstellungen ausserhalb des Roten Blocks.
Sowjetzonen-Funktionaere stellten sehr kuehnc Behauptungen ueber das
erfolgreiche Abschneiden ihrer Zone auf Ausstellungen auf. Es ist zuzugeben, dass die Sowjetzone Deutschlands propagandistische und kommerzielle Erfolge erzielt hat. Diese Erfolge fanden ihren Ausdruck
nicht nur in der Verleihung der Goldenen Medaille an die Sowjetzone
anlaesslich der Messe in Damaskus, und zwar in Anerkennung der "vorbildlichen Aufmachung ihres Pavillons", sondern auch in der Reaktion
westdeutscher Hersteller, die bedauerten dass ihre Regierung, die
sich durch Teilnahme an derartigen Ausstellungen bietenden Moeglich!:eiten nicht in gleichem Masse wahrnehme.
Besonders erwaehnenswerte Industriemessen
Die Ausstellungen des Roten Blocks in Heu-Delhi und Buenos-Aires
im Jahre 1955 gehoeren zu den mit den lautesten Fanfarenstoessen
in nichtkommunistischen Laendern veranstalteten. Die Indische Industriemesse in Heu-Delhi fand im Hovember/Dezember statt und wurde
schaetzungsweise von 3 Millionen Menschen besucht. Ihre Beteiligung
an dieser Messe benutzte die Sowjetunion zu heftigen Bemuehungen
um die Foerderung des Absatzes ihrer Industrieausruestungen auf jenem
Markt t der nach ihrem Dafuerhalten besonderen Vorrang verdient« und
um ihre industrielle Leistungsfaehigkeit zu beweisen. Sie zeigte

�Werkzeugmaschinen, Textilmaschinen, Lastwagen, Traktoren, Fahrraeder,
optische Artikel, Druckereimaschinen u.a.m. Die Tschechoslcwakei zeigte eine Auswahl von technischen Erzeugnissen und Oelbohrgeraete. Was
die Blockstaaten auststellten, sollte offensichtlich das Interesse von
Regierungsvertretern und Geschaeftsleuten auf sich lenken, die nach
Lieferquellen zur Ausweitung ihres Fabrikationsprogranms Ausschau hielten. Die Vertreter der Tschechoslowakei "behaupteten, Auf traege im Y/erte
von 7 Mio Dollar gebucht zu haben. Auch die Sowjetpresse meldete, dass
eine Reihe von Geschaeftsahschluessen fuer die Lieferung von Werkzeugmaschinen, Traktoren und Bohranlagen zustande gekommen sei.
Der sowjetische Pavillon auf der Ausstellung in Heu-Delhi beanspruchte
eine Flaeche von 2.000 qm. Dazu benoetigte die Sowjet-Union noch eine
Freiflaeche von 2.500 qm. Um ihrer Aufmachung noch ein besonderes Gepraege zu geben und auch das allgemeine Besucherpublikum anzulocken,
zeigte die Sowjet-Union Einiges, das nicht zum eigentlichen Ausstellungsgeschaeft gehoert, wie z.B. ein erleuchtetes Schaubild, welches das Y/asserkraftwerk in Kuibyschew veranschaulichte, die Darstellung einer im
Bau befindlichen, grossen Fabrik an der Wolga, das.Modell eines Hochofens,
wie er von sowjetischen Technikern in dem propagandistisch schon ausreichend ausgewerteten Stahlwerk in Bhilai/Indien aufgestellt wird, sowie ein in Betrieb befindliches Fernsehaufnähmegeraet.
Auf der Industrieausstellung in Bombay im Februar zeigten zwoelf tschechische Exportorganisationen Waren im Werte von ueber 2 Millionen Dollar,
vorwiegend technische Erzeugnisse und Flugzeuge. Nach Presseberichten
fand dasauf dem tschechoslowakischen Stand Gezeigte bei amtlichen indischen Stellen eine sehr guenstige Aufnahme.
Der Umfang und die luxurioese Aufmachung der Staende der Sowjets und
anderer Rotblockstaaten sowie die viele Reklame, die fuer sie gemacht
wurde, alles dies haette leicht den Eindruck entstehen lassen koennen,
dass der Rote Block eine bedeutende Stellung in Indiens Aussenhandel
einnaehme. Tatsaechlich aber war der Rote Block im Jahre 1955 an Indiens Einfuhren nur mit 1,7$ und an dessen. Ausfuhren nu* mit 2,^.beteiligt.
Die Hesse in Buenos Aires wurde am 21. Mai eroeffnet und dauerte 40
Tage. Dort wurden zum ersten Mal - und damit in Lateinamerika ueberhaupt - russische Y/aren gezeigt. Eine grosse Auswahl an Industrieerzeugnissen war von den Sowjets ausgestellt. Berichten zufolge haben
rund 2,3 Millionen Menschen einschliesslich einer grossen Zahl von Leuten aus lateinamerikanischen Hachbarlaendern diesen Stand besucht. Es
war ganz offensichtlich, dass die sowjetische Schau, die eine Flaeche
von 20.000 qm beanspruchte, dazu dienen sollte, die Geschaeftswelt Argentiniens mit Industrieerzeugnissen bekannt zu machen, die die Sowjets
nach Argentinien liefern koennen. Es gab auch Anzeichen dafuer, dass
der argentinischen Regierung-ihrerseits daran gelegen war, das Vertrauen und Interesse bezueglich sowjetischer Maschinen fuer Fabrikationsanlagen zu staerken, schon allein, weil sie glaubte, dass dies der
von ihr selbst im August 1953 in aller Form uebernommenen Verpflichtung ,
sich im Zuge ihrer Bestrebungen zur Entwicklung einer Anzahl eigener Industrien fuer die"Einfuhr sowjetischer Maschinen einzusetzen, nur dienlich sein koenne.
Die Ausstellung der Sowjets auf der Zagreber Messe nach Aussoehnukg
mit der Tito-Regierung war mit grosser Sorgfalt vorbereitet und durchgefuehrt worden. Die UdSSR zeigte die besten Modelle ihrer Maschinen
fuer die Schwerindustrie - Turbogeneratoren, Dieselmotoren, Bergwerks - 18 -

�und elektrische Ausruestungen, Lastwagen und Traktoren. Zur Unter haltung des Besucherpublikums zeigten die sowjetischen Aussteller
eine fahrbare Fernsehanlage.
Auf der Internationalen Industrienesse in Toronto in Pai und
Juni war als einziges Land im Roten Block die Tschechoslowakei vertreten. Sie war der Hauptaussteller aus dem Ausland und benoetigte
ueber 10$oder circa 20.000 qm messenden, an auslaendische Teilnehmer
vermieteten Gesamtflaeche.
In einem Bericht ueber die Hesse in Djakarta im August r.einte
die"ITew York Times", der Stand der Tschechoslowakei sei nicht nur
sehr eindrucksvoll, sondern auch dreimal so gross, wie der Stand
der Vereinigten Staaten gewesen.
'Penn die Teilnahme Polens an Industriemessen in der freien
'.Veit auch in erheblich kleinerem Umfang erfolgte, als die der
Tschechoslowakei, so haben die polnischen Behoerden dennoch nicht
verabsaeumt, sich gelegentlich der Posener Hesse 1955 um verstaerkte Handelsbeziehungen zu den Laendern der freien Welt zu bemuehen. Die vom 3. bis 24. Juli dauernde Hesse wurde von 15 Laendern diesseits und 8 Staaten jenseits des eisernen Vorhangs beschickt.
Der polnische Stand war der groesste, gefolgt von sowjetischen .
Nach Aussagen polnischer Hessebeanten schlössen die Teilnehmerstaaten Paufvertraege im Gesamtwert von 115 Hio Dollar ab.
Die Gowjetzone Deutschlands hatte weder Kosten noch Puehe gescheut, um die Leipziger Hesse wieder zur fuehrenclen Ausstellung
Buropas und zu einem zentralen Handelsplatz fuer Ost und West zu
machen, und war dabei nicht einmal gana erfolglos. Seit Wieder«
einfuehrung der Fruehjahrs- und Herbstmessen in Leipzig ist jedesnal
die Zahl der Aussteller und Besucher aus Ost und West gestiegen.
Sehr sorgfaeltig waren die Vorbereitungen zu den Hessen des Jahres
1956, und die Ausstellungsleitung sprach die Hoffnung aus, dass sie
einen neuen Besucherrekord und eine noch groessere Anzahl von Ausstellern, insbesondere aus entwicklungsbeduerftigen Laendern, wie
beispielsweise Indien und Aegypten, wuerde verzeichnen koennen.
Im Jahre 1955 erkannte nan, dass das Hesseprogranm des Roten
Blocks sich wirtschaftlich positiv auswirke und geeignet sei, zur
Verbesserung der Aussichten fuer die Handelsausweitung des Roten
Blocks beizutragen. Mit Hilfe seiner Ausstellungen konnte der
Pote Block seine kommerziellen und politischen Beziehungen zu vielen Laendern, vor allen zu den entwicklungsbeduerftigen Staaten ,
verbessern und festigen . Pls wichtige und nuetzliche Waffe der
kommunistischen Diplomatie dienten Ausstellungen, um den Roten
Block zu Einfluss und fuehrender Stellung in der Welt zu verhelfen.
Das Pesseprogramm der Vereinigten Straten
Die Betaetigung auf den Gebiet der dessen im Jahre 1955 war natürlich .nidr: ueberwiegend oder gar ausschliesslich der. Roten Block
vorbehalten. Das in Zusammenarbeit mit der eigenen Industrie aufgestellte Programm der Regierung der Vereinigten Staaten fuer die
Beschickung internationaler Hessen und Ausstellungen wird inner
umfangreicher und wirkungsvoller. Das Programm dient nach den 'Porten Praesident Pisenhowers dazu, "beredtes Zeugnis abzulegen von der
freien Wirtschaft in unseren Lande und soll wirkean zur Poerderung
des Welthandels beitragen. " .
Die erste

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�Ausstellung, an der die Vereinigten Staaten in Rahmen des neuen Regierungsprogramms teilnahmen, war die Hesse in Bangkok vom 7. "bis 16.
Dezenter 1954. Seit der Hesse in Bangkok und "bis Ende Dezember 1955
waren die Vereinigten Staaten auf 2J Ausstellungen in Asien, Buropa,
Ilahost und Lateinanerika vertreten.*)
KAPITEL IV

ROTE "BIRTSCBAFT3-DI"L0LLVFIE" I E SEIT
EBTBICKLUUGS3BDUBRFTIGFJT LAERDER1T

Harx und seine Apostel
Ein entwicklungsbeduerftiges Land ist nach der Definition des Volkswirtschaftlers und Leiters des Forschungsinstituts in Stanford"Dr.
Eugene Staley", gekennzeichnet 1) durch staendige und nicht etwa durch
eine voruebergehende Katastrophe hervorgerufene allgemeine Armut unter
der Bevoelkerung: 2) durch eine veraltete gewerbliche Technik und gesellschaftliche Struktur. Die Armut ist demnach nicht allein eine Folge des Bangeis an Baturschaetzen, sondern koennte durch Ergreifung von
I'assnahmen, die sich bereits in anderen Laendern bewaehrt haben, gemildert werden, **) Entsprechend dieser Definition gehoeren zur Kategorie der entwicklungsbeduerftigen Laender alle Staaten Asiens und
Afrikas, fast alle Laender Lateinamerikas und einige Buropas. Bach Dr.
Staley betraegt die Gesamtzahl der Benschen in diesen entwicklungsbeduerftigen Laendern etwa 1,6 Ililliarden. Das sind also zwei Dritt oel
der 2,4 Billiarden zaehlenden Gesamtbevoelkerung der Erde. Im Bahnen
dieses Kapitels jedoch beschraenken sich die Ausfuehrungenueber die .
Ausdehnung der "Rubeldiplomatie" auf die entwicklungsbeduerftigen Laender
des Bähen Ostens, Suedasiens und Lateinamerikas. **«)
In den Schriften von Karl I.Iarx bzv/. seinen Betrachtungen und Voraussagen hinsichtlich der Unvermeidbarkeit eines toedlichen Konfliktes
zwischen Kapital und Arbeit spielen die entwicklungsbeduerftigon Gebiete keine besondere Rolle. I'arx glaubte, dass dieser entscheidende
Kampf sich innerhalb der hochentwickelten industrialisierten
*) Weitere Einzelheiten ueber dies Programm sind den ersten 6 Vierteljahreberichten ueber den besonderen Bilfsfonds des Praesidenten
den sogenannten "Emergency Fund for Participation in International
Affair»", fuer den Seitraum August 1954/Dczonber 1955.und dem Artikel "U.S. Bxhibits win Acclain at International Trade Bairs" im
"Foreign Commerce Beekly" von 9« Januar 1956 zu entnehmen. .
**) Eugene Staley : "The Future of Bnderdeveloped Countries, (3. 13),
herausgegeben 1954 "von Barper'; Brothers, Bew York, fuer den
Council on Foreign Relations.
»»•) Genauere Ausfuehrungen ueber die in dieser Binsicht entfaltete
Taetigkeit enthaelt die Abhandlung "Soviet Technical Acsistance",
Staff Study Ho. 7, July 12, 1956, Senate Foreign Subconmittee on
Technical Assistance Brograms, 84th Congress, 2nd Session, United
States Government Brinting Office, Washington 1956.

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�Gesellschaft abspielen wuerde und dass das Vorhandensein "zurueckgebliebener"Gebiete sich aus der Tatsache erigebe, dass andere Staaten
sich auf der Grundlage einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entwickelt haetten. Es blieb den Aposteln des Ilarxismus, einem Lenin, Stalin und Mao-Tse-tung vorbehalten, die ungeheuere Bedeutung entwicklungsbeduerftiger Gebiete zu erkennen und auf sie in Theorie und Praxis aufmerksam zu machen.
Grundlagen der Handelsoffensive
Die Wirtschaftsplaner des Roten Blocks sind zweifellos der Ansicht, dass
innerhalb der roten Sphaere nunmehr die vier grundlegenden Voraussetzungen fuer ein erfolgreiches Vordringen des Roten Blocks in die wichtigsten
Gebiete Asiens, des TTahen Ostens, Afrikas und Lateinamerikas - naemlich
ausreichende Wirtschaftskraft, kulturelle Grundlagen, technisches Personal und innere Ordnung und Stabilitaet - gegeben sind. In den erwaehnten Gebieten beginnt also jetzt das weltweit wirkende Spiel der
Wirtschafts-"Diplomatie". Die erste Voraussetzung, eine ausreichende
wirtschaftliche Grundlage, hat die Sowjet-Union nach und nach erarbeitet, und sie wird in Bezug auf industrielle Erzeugung zur Zeit nur von
den Vereinigten Staaten uebertroffen. In allen kommunistischen Laendern
stieg im Jahre 1955 die Industrieproduktion . Nach der von den Vereinten Rationen herausgegebenen"Uebersicht ueber die Weltwirtschaft im Jahre
1955" und dem "Wirtschaftsstatistischen Handbuch fuer Europa, 1955", herausgegeben von der UN Wirtschaftskommission fuer Europa (ECE) erhoehte sich die Gesamterzeugung in der Sowjet-Union um 12^, waehrend
bei einer getrennten Betrachtung von I'roduktionsguetern und Verbrauchsguetern fuer erstere ein Anwachsen um 16;$ und fuer letztere um y?o zu
verzeichnen war. Das Plan-Soll wurde ueberschritten beispielsweise bei
elektrischen Ausruestungen, Ausruestungen fuer das Verkehrswesen sowie
Ausruestungen fuer die Schwerindustrie, ferner bei der Oelfoerderung,
Stromerzeugung, hei Chemikalien und Motorfahrzeugen. Bei den Verbrauchsguetern wurden die Planziffern ungefaehr erreicht, aber es gab
auch eine Uebererfuellung des Solls beispielsweise bei den so wichtigen
Textilien, Schuhwaren, Uolkereierzeugnissen und Pflanzenoel. Andererseits waeren auch Beispiele fuer Richterfuellung angekuendigter SollZahlen anzufuehrenj dazu gehoeren Eisenbahnfahrzeuge, Roheisen, Schwefelsacure u.a. Erzeugnisse.
In der Mehrzahl der Laender hat die Agrarerzeugungerheblich aufgeholt.
Die Getreideernte in der gesamten Sowjet-Union war 1955 22^ hoeher als
im schlechten Srntejahr 1954» 2ur Erhoehung der landwirtschaftlichen
Erzeugungin den Laendern des Roten Blocks trugen bessere Wetterbedingungen und Massnahmen zur Besserstellung der Landwirtschaft bei; z.B.
eine erhebliche Steigerung in der Belieferung.mit Duengenitteln, landwirtschaftlichen Maschinen, Geraeten und Baumaterialien, die Senkung
von Steuern und des Ablieferungssolls, hoehere regierungsseitig vorgeschriebene Preise fuer landwirtschaftliche Erzeugnisse und ein erhoehtes Angebot in technischen Verbrauchsguetern auf dem Lande. Die SowjetUnion erhoehte nicht nur ihre Wirtschaftskraft, sondern verstaerkte auch
ihren technischen Nachwuchs durch Erweiterung der Ausbildung von Ingenieuren und Technikern, die damit zum Einsatz in den entwicklungsbeduerftigen Laendern und auch im eigenen Lande zur Verfuegung standen, bzw.
stehen. Run, da die Sowjet-Union anscheinend ueber dieses wachsende
Wirtschaftspotential verfuegt, wird sie noeglicherweise ansehnliche
Mengen an Maschinen und Rohstoffen exportieren
und

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�ausgebildete Techniker in Laender der freien Welt entsenden koennent
ohne dadurch die Erfuellung ihres intern-wirtschaftlichen Investitionsprogramms zu gefaehrden.
Hintergruende der Handelsoffensjve.
Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass die Herrscher Russlands schon immer gehofft und davon getraeumt haben, in Ilahost und
Suedasien festen Fuss fassen zu koennen. Das trifft auch auf die
kommunistischen Machthaber zu. Ihre Taktik ist es, die einheimisehen
Zustaende in den entwicklungsbeduerftigen Gebieten, also z.B.die Wellen des llationalismua und den Drang nach Unabhaengigkeit, ausgedehnte
Armut, soziale Unzufriedenheit sowie andere sich aus der "Revolution
der sich steigernden Erwartungen" ergebenden Uomente fuer ihre Zwecke
auszunutzen. Diese Momente und die Taktik der Kommunisten stellen die
freie Welt vor eine grosse Anzahl unheimlich verwickelter Problem*.
Ü8 war das unverhuellte Ziel des Roten Blocks im Jahre 1955»
die kommunistischen Einflussgebiete politisch, wirtschaftlich und
kulturell zu erweitern. Das Endziel, die ganze Welt kommunistisch
zu beherrschen und zu unterjochen, bleibt das gleiche. Eine verstaerkte Ilandelsoffensive, verbunden mit einer regen diplomatischen
Aktivitaet und Propaganda, war das Hauptmerkmal der 1955er Kampagne
in den entwicklungsbeduerftIgen Laendern. Auf dem Umweg ueber Handelsbeziehungen, Kreditgewaehrung, technischen Beistand und Industrieausstellungen war der Rote Block bestrebt, das noetige Interesse auf sich
zu lenken und in det entwicklungsbeduerftigen Laender Eingang zu finden, um die Machtsphaere des Roten Blocks auszudehnen. Andererseits
suchte er unter Ausnutzung politischer Spannungen, wie z.B. des Konflikts zwischen den Arabern und Israel, Zwietracht zu saeeen und. den
Westen zu spalten, und legte es mehreren Laendern dringend nahe, eine
neutrale Haltung einzunehmen bezw. zu bewahren.
Naturprodukte machen etwa vier Fuenftel der Gesamterzeugung
entwicklungsbeduerftiger Laender aus. Euer Reis, Gummi, Baumwolle,
Zucker, Jute, Getreide und andere in diesen Laendern ueber den Eigenbedarf hinaus erzeugten Naturerzeugnisse waren die freien Weltmaerkte nicht ausreichend aufnahmefaehig. Diese Situation bot einen
Anreiz zu Kompensationsgeschaeften mit dem Roten Block und fuehrte
zum Austausch von llaturprodukten aus entwicklungsbeduerftigen Laendern gegen Industrieerzeugnisse einschliesslich ganzer Fabrikanlagen
aus dem Roten Block. Ob diese Art des Tausches sich auf die Dauer
vorteilhaft fuer die entwicklungsbeduerftigen Staaten auswirken
wird, bleibt abzuwarten.
Wiewohl es sich im allgemeinen und an Weltmassstaeben gemessen
nur um kleine Mengen handelte, hatten diese dennoch ihre Bedeutung
fuer einzelne Laender, wie z.B. Birma, Aegypten, Afghanistan. Die
mit diesen Laendern und auch mit Indien, Indonesien und Syrien abgeschlossenen Handelsvertraege sahen die Lieferung ganzer Industrieanlagen durch die Sowjetunion, die Tschechoslowakei, die Sowjetzone
Deutschlands und Polen vor. Dieser neue Zug in der Entwicklung des

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�Handels mit dem Roten Block, der sich erheblich auf den Welthandel
auswirken kann, wurde zurückgeführt.
1. auf allgemeine taktische Überlegungen auf kommunistischer
Seite,
2. auf den wachsenden Bedarf der Rotblock-Länder an Rohstoffen
und ihren steigenden Ausstoß von Kapitalgütern,
5. auf den Bedarf der entwicklungsbedürftigen Länder an Kapitalgütern und die sich in den auf die Ausfuhr ihrer Agrarerzeugnisse angewiesenen Ländern stauenden Überschüsse.
Diese großen Überschüsse, die auf die Preise drückten oder auch
zu Preisschwankungen führten, veranlaßten die erwähnten Länder, auf
die handelspolitischen Avancen des Roten Blocks einzugehen. In einer
Anzahl von Fällen erbot sich der Rote Block zur Zahlung von Überpreisen für solche Waren, die die entwicklungsbedürftigen Länder
auf den Märkten des Westens nur schwer absetzen konnten.

Handelsverträge und Kredite
Wie im Kapitel I ausgeführt, ergab sich Umfang und Gestaltung
des Hanaels zwischen dem Roten Block und den Ländern der freien Welt
in erster Linie aus den abgeschlossenen Handels- und Zahlungsabkommen.
67 der Ende 1955 in Kraft gewesenen 174 Handelsverträge bestanden
zwischen dem Roten Block und entwicklungsbedürftigen Ländern in Nahost, Afrika, Asien und Lateinamerika. Sechs dieser Abkommen, und zwar
zwischen der UdSSR und Birma, zwischen der Tschechoslowakei und Ceylon,
zwischen Polen und Birma bezw. Paraguay sowie zwischen Rotchina und
Ägypten bezw. Syrien, wurden im Laufe der zweiten Hälfte 1955 abgeschlossen. Im gleichen Halbjahr und mit dem Ziel einer Inkraftsetzung
ab 1956 schloß Syrien neue Verträge mit der Sowjetunion, der Sowjetzone
Deutschlands und Polen ab, während Ceylon und Polen zu Vereinbarungen
gelangten. In Nahost hatte Ägypten die meisten Handelsabkommen abgeschlossen, nämlich sieben. In Süd- und Südostasien führte Indien mit
acht, gefolgt von Indonesien mit sieben. Es scheint, daß die RotblockStaaten im allgemeinen ihre Waren in zufriedenstellender Qualität geliefert und die Bedingungen der Handelsverträge erfüllt haben.
Die wirtschaftsdiplomatische Aktivität des Roten Blocks zeigte
sich vielleicht am augenfälligsten in der erheblich erweiterten Verwirklichung der roten Vorstellungen von einer "wirtschaftlichen und
technischen Hilfeleistung** . In keinem Falle war diese Hilfestellung
mit finanziellen Leistungen verbunden, abgesehen von kleinen Beiträgen
zum technischen Hilfsprogramm der Vereinten Nationen. Während vor
1955 noch wenige Kredite gegeben wurden, erweiterten die Sowjetunion
und die Tschechoslowakei ihre Planung für 1955 i n materieller Hinsicht und konzentrierten ihre Bemühungen auf die unterentwickelten
Länder. Die mit diesen Ländern im Laufe des Jahres 1955 getroffenen
Kreditabkommen lauteten auf insgesamt nahezu 600 Mio Dollar. Den
überwiegenden Anteil erhielten Jugoslawien, Ägypten, Afghanistan und
Indien. Über zwei Drittel der Gesamtkreditsumme stellte die Sowjetunion. Im Rahmen der Bedingungen beträgt der Zinssatz 2 bis 2 1/2 $j
die Rückzahlungsfristen können verlängert werden, und in bestimmten
Fällen

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�ist die Rueckzahlung in Landeswaehrung oder in Landeserzeugnissen
moeglich.
Bis zum Sommer 1953 hatte der Sowjetblock die technischen Hilfsprogramme der Vereinten Nationen mit der Begruendung boykottiert, dass
damit bezweckt werde, die unterentwickelten Laender zu "Rohstofftraban ten" der Vereinigten Staaten und anderer Westmaechte zu machen. Am 15.
Juli 1955 verkuendete die Sowjetregierung, sie werde sich mit 4 Mio
Rubel(nach dem offiziellen Umrechnungskurs etwa 1 Llio Dollar am Fonds
zur Finanzierung technischer Hilfsprogramm« der Vereinten Nationen beteiligen. Der Beitrag wurde 4 Monate spaeter auf einer Besprechung
ueber die Unterstuetzung der technischen Ililfsprogramme amtlich zugesagt. Auf dieser Konferenz sagte ferner. Polen 75»000 Dollar, Y/eissrussland 50.000 Dollar, die Ukraine 125.000 Dollar zu. Die Tschechoslowakei erklaert«, sich 1954 beteiligen zu wollen.
Diese Zusagen liessen erkennen, dass die neue Politik in einem
gemeinsamen Vorgehen der Sowjetblock-Laender bestand und auffallend
mit einer allmaehlich verstaerkten Hinwendung zu kommerzieller und
technischer Hilf« fuer die entwicklungsbeduerftigen Laender einherging.
Als Beweggruende wurde allgemein angenommen, dass die UdSSR einmal die
nachteilig« propagandistische Wirkung ihres Abseitsstehens erkannte,
zum anderen auf dem Umweg ueber die Vereinten Nationen den kommunistischen Einfluss in den entwicklungsbeduerf tigen Laendem verstaerken
wollt«, indem sie sowjetrussische Techniker ins Ausland entsandte und
Stipendien an sowjetrussischen Universitaeten gewaehrte, und ferner
danach strebte, die entwicklungsbeduerftigen Nationen fuer den Abschluss
vonllandelsvertraegen zu gewinnen und Rohstoff« von ihnen zu beziehen.
Propaganda gehoert dazu
Die Bemuehungen des Sowjetsblock», in den entwicklungsbeduerftigen Laendern vorzudringen, waren von honigsuessen Erklaerungen des
Parteichefs der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union Ghruschtschew
und seiner Genossen begleitet. Danach seien die Beziehungen des Sowjetsblocks zu den genannten Laendern auf den Grundsaetzen friedlicher
Koexistenz, der Gleichberechtigung und Achtung der Rechte Aleiner Voelker, der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Voelker und Abstandnahme von Angriffshandlungen sowie der gegenseitigen Beguenstigung aufgebaut. Das Verlockendste an diesen Freundschaftsbeteuerungen waren die Hinweise auf gemeinsame Interessen, auf die moegliche
Ausweitung internationaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit , auf die
Aussichten fuer einen riesigen Absatzmarkt im Sowjetblock und schliesslich auf die Hoeglichkeit der Frlangung nationaler Unabhaengigkeit , de*
wirtschaftlichen Weiterentwicklung durch schnelle Industrialisierung
und des sozialen Fortschritts. Nach den abgegebenen Versicherungen seien
die technischen Ililfsprogramme der Sowjets rein geschaeftlicher Natur,
d.h. es seien keine politischen Ziele damit verknuepft, wohingegen die
Programme der Vereinigten Staaten nach sowjetischen Behauptungen die
Forderung nach Unterstuetzung des "agressiven Militarismus" Amerikas beinhalteten. Kit diesen Behauptungen vrarder. die "kapitalistischen Firmen"
so hingestellt, als ob sie versuchten, alle Uaerkte mit ihren Waren
zu ueberschwemmen, waehrend «s die Politik des Sowjetblocks sei, jtter
die Erzeugnisse zu liefern, die die entwicklungsbeduerftigen nicht gut
selbst herstellen

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�koennten. Vertreter des Sowjetblocks erklaerten nachdruecklich, dass
ihre Anleihebedingungen guenstiger seien, als die der Laender der
freien Welt, und die entwicklungsbeduerftigen Staaten nicht zur Unfreiheit verurteilten, wie es die Bedingungen der kapitalistischen Laender taeten.
Im Rahmen ihrer Handelspolitik, ihrer Plaene fuer die Gewaehrung
technischen Beistandes und ihrer Propaganda verlegten sich die Staaten
im Sowjetblock aus psychologischen und Reklamegruenden teilweise auf die
Durchfuehrung von Vorhaben sichtbaren und bleibenden Wertes (wie z.B.
die Pflasterung der Strassen von Kabul) und fanden damit Anklang bei
den Empfaengerstaaten. Der Sowjetblfcck sorgte ferner fuer den beschleunigten Abschluss von Vertraegen uebcr die Gewaehrung technischer Hilfe,
und ungefaehr einen Llonat nach Vereinbarung des technischen Beistandes
erschienen gewoehnlich die roten Techniker zur Aufnahme ihrer Arbeit an
den jeweiligen Vorhaben. Technische Vertretungen foerderten nicht nur
den Verkauf von Ausrüstungen aus den Sowjetblock-Laendern, sondern
sorgten auch fuer eine Ausweitung und Staerkung des kommunistischen
Einflusses. IIach bis heute vorliegenden Einzelheiten scheinen die technischen Beistand aus den Laendern im Sowjetblock in Anspruch nehmenden
Staaten nit der geleisteten Arbeit und dem erzielten Fortschritt zufrieden zu sein, und die neutralen und "ungebundenen" Laender scheinen
die laufende wirtschaftliche und technische Hilfe des Sowjetblöcks als
fuer ihre Unabhaengigkeit ungefaehrlich anzusehen.
Vorstoesse in den Uahen Osten.
Im Jahre 1955 konzentrierte der Rote Block (also einschliesslich Rote»
Chinas) 3eine Bemuehungen auf den Uahen Osten. Seine "Offensive" bis nach
ITordafrika bestand in der Anknuepfung von Handelsbeziehungen, in der
Gewaehrung von Waffenhilfejwirtschaftlichen und technischen Beistandes
sowie in der Anbahnung kultureller Beziehungen. Bei einer Beyoel'zerung
von ueber 100 Hillionen Koepfen foerdert der Nahe Osten 20$ der Weltproduktion an Rohoel und Erdgas. Er verfuegt, soweit festgestellt, ueber
zwei Drittel der gesamten Rohoelreserven der Erde. Der liehe Osten macht
einen Wandlungsprozess durch} er umfaest ein Gebiet von zunehmender
wirtschaftlicher und strategischer Bedeutung. Die ungeklaerte politische
Lage und der wachsende arabische Nationalismus.bieten dem Konmunismus
verlockende Gelegenheiten zu Manoevern und zur Wahrnehmung, eigener
Vorteile.
Das Gesamtvolumen des Handels zwischen dem Roten Block und dem
Nahen Osten stieg im Jahre 1955 wertmaessig mit 85 Mio Dollar deutlich
an, und es ist zu erwarten, dass die Aufwaertsbewegung anhalten wird.
Auffallend war die Verlagerung des Handels mit Hahost in den Jahren
1954/55 von der freien Welt nach dem Roten Block. Der ITahosthandel
Nordamerikas und Westeuropas ging in diesen. Jahren zurueck. Das lag dem
Bericht der Vereinten Nationen ueber die "Wirtschaftliche Entwicklung
im Vorderen Orient, 1954 und 1955"(Economic Development in the I.Iiddl«
East") zufolge zum Teil an Absatzschwierigkeiten fuer groessere Posten
der jeweiligeil landwirtschaftlichen Haupterzeugnisse und demgemaess
an einer Zunahme der Kompensationsgeschaefte (ueberschuessige Naturprodukte gegen Ha«ohinen) r.iit der kommunistischen Welt. Da die Laender
in Hahost keine preisguenstigen Haerkte fuer ihre Erzeugnisse in Westeuropa, den Vereinigten Staaten und Kanada fanden, schalteten sie auf

- 25 -

�den Handel mit dem Roten Block um.
Dem Beispiel anderer Hahostlaender (ausser Israel) folgend, "bauten
die Tuerkei und der Iran - beide Laender sind Mitglieder des antikommunistischen Bagdad-Takts - ihre Handelsbeziehungen zum Roten Block
systematisch aus. Der Umsatz der Tuerkei im Handel mit den Roten Block
stieg 1955 nit einer wertmaessigen Erhoehung um 60 Mio Dollar merklich
an, In Laufe der Jahre 1953 "bis 1955 erhoehte sich der Anteil der 3ezuege der Tuerkei aus den Rotblocklaendern an ihrer Gesamteinfuhr um
dae Dreifache, und zwar von 5»5$ auf 18,3$. Die Exporte der Tuerkei
nach dem Roten Block - es handelte sich dabei hauptsaechlich um Tabak,
Baumwolle. Viehfutter und ITuesse, also um Waren, die keiner Sperre unterliegen - erreichten 1955 einen Gesamtwert von 68,6 Mio Dollar gegenueber 55»1 Hio Dollar im Jahre 1954. Gegenueber 16,5$ im Jahre 1954 erhoehte sich der Anteil der Exporte der Tuerkei nach dem Roten Block an
ihrem Exporthandel mit der gesamten Welt im Jahre 1955 auf 21 ,8$.
Israel zeigte augenscheinlich keine Neigung, seine Handelspolitik
auf den Roten Block umzustellen, sondern zog es vor, seinen Handel mit
Finnland, Jugoslawien und der Tuerkei auszuweiten. Dagegen war Syrien
sehr an Geschacftsverbindungen mit dem Roten Block gelegen. Es schloss
daher im November einen Handelsvertrag nit der Sowjetunion ueber Lieferungen von syrischer Baumwolle, Trockenobst, Oelfruechten, Tabak,
Kunstseide u.a.m. gegen Fabrikausruestungen, landwirtschaftliche Geraete,
Lastwagen usw.
Kanonen fuer Baumwolle
Auf Aegypten konzentrierten sich 1955 das Interesse und die Bemuehungen des Roten Blocks. Zu seinen Schritten wurde er ermutigt, durch
Aegyptens Staatspraesident Gamal Abdel Hasser, der bei verschiedenen Gelegenheiten erklaert hatte, dass Aegypten kommerzielle, wirtschaftliche
und technische Hilfe von kommunistischen Laendern annehmen werde, wenn
dies in seinem nationalen Interesse laege.
Aegyptens Umsaetze im Handel mit dem Roten Block stiegen 1955 um
etwa 59 Mio Dollar. Der Anteil des Roten Blocks an Aegyptens C-ecantausfuhr
betrug etwa 27$. Im Laufe der Jahre 1953-1955 verdoppelte Aegypten den
Anteil seiner Exporte nach dem Roten Block. Zum Teil ist diese Ilandelsausweitung dem Abschluss von sieben Handelsabkommen zwischen Aegypten
und Rotblock-Staaten im Jahre 1955 zuzuschreiben. Rot-China hatte
wachsenden Anteil an den sich ausweitenden Handel, angeblich auf Grund
der Besprechungen, die Staatspraesident Hasser mit dem Ministerpraesit
denten Rot-Chinas, Tschu En-Lai, auf der asiatisch-afrikanischen Konferenz in Bandung im April 1955 fuchrte.
Baumwolle bildet die Grundlage der aegyptischen Wirtschaft. Sie
ist der Ilauptposten im Volkseinkommen und Aögyptens Ilauptdevisenbringer.
Von jeher bestand der Gesamtexport Aegyptens zu mehr als 80$ aus Baumwollieferungen. Mitte 1955 war die Lage auf dem Weltmarkt infolge grosser Baumv/ollueberschuesse beunruhigend flau und man fuerchtete in Kairi
dass die Baumwollpreise weiter sinken wuerden. Den Rotblock-Staaten,
die sich unbedingt eine BrueckenkopfStellung am.ITil schaffen wollten,
kamen die Baumwollueberschuesse und Aegyptens Befuerchtungen sehr ge-

- 26 -

�legen, un Abkommen mit Aegypten lieber den Austausch von Reis und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und Waffen zu treffen.
Mitte Juli 1955 unterzeichneten Aegypten und die Tschechoslowakei
ein Handels- und Zahlungsabkommen, Am 22, August folgte ein Dreijahresabkommen mit Rot-China. Ein Tauschgeschaeft - Baumwolle gegen Erdoel wurde mit der UdSSR vereinbart, und im ITovember kam ein Handelsvertrag
mit der Sowjetzone Deutschlands zustande. Auf Grund der verschiedenen
Handelsvertraege erhoehte sich der Anteil der kommunistischen Laender
an Aegyptens Baumwollausfuhr, der waehrend der Jahre 1946-1954 im Durchschnitt 1JjG betragen hatte, auf 217S im ersten Halbjahr 1955 und auf 40$
im zweiten Halbjahr 1955« Einige Rotblock-Staaten haben angeblich ueber
der. Weltmarktpreis liegende Preise fuer Aegyptens langfaserige Baumwolle
gezahlt.
Im September erklaerte Staatspraesident Hasser, der einen Tlonat vorher eine Einladung zum Besuch der Sowjet-Union erhalten hatte, cB cei
ein von den Sowjets vermitteltes Geschaeft eingegangen, wonach er tschechische Waffen im Werte von angeblich 100 bis 250 Mio Dollar erhalte,
die mit Baumwolle zu bezahlen seien. Vor amtlicher Bekanntgabe des Tauschgeschaefts, uebor das schon mehrere Wochen lang Geruechte in Umlauf.gewesen waren, hatten Vertreter Aegyptens erklaert, iass Aegypten sowjetische Waffenlieferungsangebote annehmen muesse, falls sein Land keine
Waffen aus dem Westen erhalten koenne. Ar. 20. Oktober lief der sowjetische Frachter "Stalingrad" mit der ersten Waffonladung aus der Tschecho Slowakei in Alexandria ein. Die Ladung bestand aus 153 Kisten; damit soll
zum ersten Mal ueberhaupt ein kommunistisch regierter Staat Waffen an ein
arabisches Volk geliefert haben.
Bulganins und Chruschtschews Reise nach Suedasien
Im ITovember/Dezember machten I.Iinisterpraesident 3ulganin und
Chruschtschew eine triumphale "Freundschafts"-Rundreise durch Indien,
Birma und Afghanistan. Die einmonatige Reise, die am 17. ITovember in
I.'oskau begann, wurde in der Sowjet-Union als ein gewaltiger Schritt in
Richtung auf die Srfuellung des ehrgeizigen Wunsches vor. Generationen
von Staatsmaennern Russlands, Einflussgebiete in Suedasien zu gewinnen,
angesehen. Der aeussere Anlass der Reise war der Wunsch, die vorangegangenen Besuche Pandit Nehrus und U ITus, des I.ünisterpraesidenten von Birma,
zu erwidern. Der wahre Zweck aber war der, durch Festigung der"Freundschaft" und durch Foerderung der Handelsbeziehungen sowie als Gegengewicht
gegen die von Westen gestuetzte Suedostacien-Pakt-Organisation (die 3EAT0)
die neutralen Voelker Asiens zu einer Front zu vereinigen. Dem Besuch der
beiden Sowjetpolitiker gingen Bemuehungen voraus, Indien, Birma und Afghanistan handelspolitisch an den Roten Block zu binden - man denke z.B. nur
an das Abkommen ueber den Bau eines Stahlwerks im Herzen Indiens(Vgl. Bericht VI, Kapitel 1).
Das in wirtschaftlicher Hinsicht Bemerkenswerteste an diasa- Bu*i£aeh
bedeutsamen Reise durch Indien war das am 13« Dezember herausgegebene gemeinsame Kommunique, .mit dem der Abschluss eines Handelsvertrags bekannt
gegeben wurde. Danach kauft Indien der Sowjet-Union im Laufe von 3 Jahren
gereohnet ab 1956, 1 Mio t. Stahl und verschiedene Ausfuehrungen von Bohrund Bergwerksausruestungen sowie andere Geraete ab. Dafuer erklaerte sich
die UdSSR bereit, Rohstoffe und Fertigwaren im entsprechenden Gegenwert

27 -

�von Indien zu beziehen. Der Vertrag sieht ferner die Einrichtung von
Dampferlinien vor, die von indischen und sowjetischen Schiffen "befahren
werden sollen, um die Transporte in beiden Richtungen zu "bewerkstelligen. Indien und die UdSSR kamen ueberein, baldigst Abordnungen auszutauschen, um Zahlungs- und Lieferbedingungen zu eroertern und um zu
wirtschaftlichen Abmachungen zu gelangen, die die Erreichung de3 groesstnoeglichen Volumens im Handel zwischen den beiden Laendern sicher
stellen sollten. Es wurde so gerechnet, dass das Inkrafttreten des Handelsvertrages zeitlich mit dem Anlaufen des zweiten indischen Puenfjahresplan im April 1956 zusammenfallen solle.
aoü
Mit dem Besuch von Bulganin und Chrutschew erreichte die "Bearbeitung" Indiens durch die Sowjets ihren Hoehepunkt. Die Sowjet-Union
konnte als Ergebnis erhebliche propagandistische Gewinne buchen. Weitere
Momente»die sich fuer die Stellung der Sowjet-Union guenstig auswirkten,
waren 1) ihr Angebot, Indien ihre mit der friedlichen Verwendung der Atomenergie und dem Bau von Fabrikanlagen gewonnenen Erfahrungen zur
Verfuegung zu stellen; 2) der Eingang von Lieferungen zur Ausruestung
des Stahlwerks und die Ankunft von Fachleuten in Indien; 3) das Angebot, Indien in allen Bereichen der Schuerfarbeiten, der Oelgewinnung
und der Oelraffinerie Hilfe zu gewahren; 4) der Eingang der "eraetschaften fuer ein 15.000 Korgen grosses Staatsgut, deren Lieferung dem Mlnisterpraesidenten ITehru bei seinem Besuch in Moskau zugesagt worden war.
Die Cesamtunsaetze im Handel zwischen dem Roten Block und Suedasien sowie dem Fernen Osten erhoehtej sich 1955 ura etwa 120 Mio Dollar.
Indiens Handel mit dem Roten Block stieg v/ertmaessig um ueber 18 Mio
Dollar. Bis Ende 1955 hatte Indien acht Handelsvertraege mit RotblockStaaten abgeschlossen. Dennoch war der Rote Block an Indiens Einfuhr
nur mit 1,77= und an dessen Ausfuhr nur mit 2,1fa beteiligt. Die Umsaetze
im Handel zwischen dem Roten Block und Indonesien, mit welchem sieben
Handelsabkommen bestanden, stiegen 1955 um etwa 50 Ilio Dollar, im Falle
Ceylons dagegen gingen sie um J&gt;6 Ilio Dollar zurueck.
Der Reis als ""äffe.
Reis ist das landwirtschaftliche Haupterzeugnis und bildet die
Hauptnahrung der Bevoelkerung in allen Laendern Asiens. Bei seinen Bestrebungen, in Birma Einfluss zu gewinnen, operiert der Rote Block
hauptsaechlich mit dem Aufkauf von Reis, einer Ware, die Birma mit
sehr erheblichen Ucberschuessen erzeugt und daher stark exportieren
nuss, um seine wirtschaftliche Stabilitaet zu erhalten. Der Anteil des
Reishandels an Birmas Exporterloesen betraegt 70 bis 80Jo»und die Staatseinnahmen haengen stark vom Reishandel ab. Da Birma Schwierigkeiten
mit dem Absatz des Reises auf seinen traditionellen Harkten hatte, fanden die Rotblock-Staaten mit ihren im Jahre 1955 staendig zunehmenden
Reisaufkaeufen die geeignete Einbruchstelle, um die Wirtschaft Birmas
von sich abhaengiger machen zu'koennen.
Im Jahre 1955 stieg der Wert der im Handel zwischen Birma und dem
Roten Block umgesetzten Waren nach vorlaeufigen Schaetzungen um ueber
23 Mio Dollar. Mit '\2?o war der Rote Block 1955 an Gesamtexport Birmas
beteiligt gegen weniger als 1$ v/aehrend des Seitraums 1950-54« Fuenf
neue Handelsvertraege schloss Birma mit Rotblock-Staaten ab, und zwar
mit der UdSSR, der Tschechoslowakei, der Sowjetzone Deutschlands, Un-

- 28 -

�garn und Polen; es erneuerte einen Vertrag mit Rot-China aus den Jahre
1954» In Rahmen dieser Vertraege wurden Reis, Uineralien, Gummi, Hol«
und Baumwolle gegen Industrieerzeugnisse und einige Verbrauchs{jueter
ausgetauscht. Reis war das Haupthandelsobjekt. Die Reismengen, die Birma
ausfuehrte, stiegen von 1,5 Mio in Jahre 1954 auf 1,7 Tonnen im Jahre
1955 an. 2y/o davon nahmen die Rotblock-Staaten ah. Die kommunistischen
Abnehmerstaaten verwendeten den Reis nicht ausschliesslich fuer sich,
sondern lieferten ihn teilweise weiter an ITordvietnam und Ilordkorea.
Einige Mengen wurden sogar an Laender der freien Y/elt v/eiterverkauft.
.'.ls I.Iinisterpraesident U !!u Ende Oktober Moskau besuchte, dankte
er der UdSSR fuer die Befreiung seines Landes von einer Y/irtschaf tskrise
durch Abnahme seiner Reisueberschuesse und sprach den Y/unsch aus, fuer
den Reis Fabrikausruestungen und Maschinen sowie Techniker aus der SowjetUnion zur Verfuegung gestellt zu erhalten. Am 22..Februar 1955 hatte er
angekuendigt, dass die Sowjet-Union in Baelde 200.000 t Reis aus Birma
beziehen und Birma im Austausch mit Industrieausruestungen beliefern
wuerde.
Am 7» Dezember trugen Bulganin und Chruschtschew ihre "Reis-Offen3ive"
vor, indem sie mit Birma ein Wirtschaftsabkommen schlössen. Danach
nimmt Birma die Hilfe der Sowjets fuer seine landwirtschaftliche Y/eiterentwicklung, fuer den Bau von Berieselungsanlagen und die Errichtung
von Industrieanlagen in Anspruch. Die Sowjet-Union versprach auch den
Bau einer technischen Hochschule in Rangun und die Lieferung des daffctr
notwendigen Inventars als Geschenk an das birmesische Volk. Das Abkommen sieht vor, dass Birma die fuer seine Landwirtschaft und Industrie
gewaehrte Hilfe mit Reis bezahlt und dass die Sowjet-Union mit einem
Zahlungsaufschub einverstanden ist, wenn nicht genuegend Reis zur Verfuegung steht.
Der klingende Rubel
Die Ruehrigkeit, mit der die Sowjets versuchen, Afghanistan ihren
"technischen Beistand" angedeihen zu lassen, geht auf ihre Bcmuehungen
um die Erweiterung ihrer Handelsbeziehungen zurueck. Es scheint jedoch,
dass eher strategische Interessen auf lange Sicht im Spiele sind, als
das Bestreben, aus Einfuhren aus Afghanistan unmittelbar nutzen zu
ziehen.
Bis Mitte ITovember 1955 waren als Ergebnis der Werbung Moskaus
um Afghanistan Pressemeldungen zufolge 500 sowjetische Techniker an
Ort und Stelle, um den Afghanen beim Bau von Oeltanklagern, Getreidesilos und der Ausfuehrung sonstiger Grossbauvorhaben zu helfen.
Zeitungskorrespondenten meldeten "glaenzende Erfolge". Als Folge seiner
heftigen Anstrengungen zur Foerderung der Handelsbeziehungen zu
Afghanistan war der Sowjet-Block im Jahre 1955 vermutlich zu etwa 50$
am gesamten ..ussenhandel dieses Landes beteiligt. Das YAirken der Sowjets in Afghanistan wird noch unterstuetzt und ergaenzt durch die
Satellitenstaaten, besonders durch die Tschechoslowakei, die eine
Zementfabrik baut. Im An3chluss an die Meldung des afghanischen Rundfunks, dass Afghanistan der Einladung, eine Militaermission nach der
Tschechoslowakei zur Besichtigung des modernsten
Kriegsmaterials

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�Kriegsmaterials zu entsenden, Folge leisten v/erde, war im ITovember
aus Zeitungsberichten zu entnehmen, dass Afghanistan ein Y/affenlieferungsangebot der Tschechoslowakei anzunehmen beabsichtige.
"inisterpraesident Bulganin und Chruschtschew besuchten zum
Abschluss ihrer Reise durch Suedasien Kabul, die Hauptstadt Afghanistans. Den Iloohepunkt des Besuches bildete am 18. Dezember
die Erklaerung, dass die Sowjet-Union Afghanistan einen langfx.siegen 1 CO Kio Dollar-Kredit zur landwirtschaftlichen Weiterentwicklung, zun Bau von V.'asserkraf twerken, Berieselunganlagen,
Autoreparaturwerkstaetten und zum ".'Wiederaufbau des Plughafens
von Kabul einraour.en werde; Die beiden Staaten kftmen ferner ueber
ein, die freundschaftlichen Beziehungen politisch und kulturell
auszubauen V.aeh£end ihr.es Bocuches machten die Sowjetfuohrer
Afghanistan: ein Krankenhaus, mit einhundert Betten sowie der Stadt
::abul 15 Omnibusse zum Geschenk. Diese grossangelegto Hilfeleistung
erfolgt - so wird das jedenfalls gedeutet - im Rahmen eines Klans
der Sowjets, ihre Stellung in Afghanistan zu festigen und dessen
dauernde Keutralitaet sicherzustellen, sowie als Gegengewicht zur
Freundschaft der Vereinigten Staaten mit der Tuerkei, dem Iran und
Pakistan.
Rubelklaenge in Lateinamerika
Kur drei Staaten Suedamerikas, naemlich Argentinien, Uruguay
und Kexiko, unterhalten diplomatische Beziehungen zur Sowjet-Union,
waehrend mehrere andere Laender derartige Beziehungen zu sonstigen
Straten im Sowjetblock haben. Der Anteil des Roten Blocks (unter
Einschluss Rot-Chinas) am Gesamtaussenhandel Suedamerikas oetrug
1955» wie auf Seite 8 erwaehnt, nur 2cp, Innerhin sind die Bemuehungen des Roten Blocks um eine Ausweitung seiner Handelsbeziehungen
zu Suedanerika seit 1953 nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Die
Geschaeftsleute in den Vereinigten Staaten unterschaatzen keineswegs die Bedeutung des handelspolitischen Vordringens des Roten
Blocks mit der damit verbundenen Aussicht auf schaerfere Konkurrenz und den sich fuer die kommunistischen Karteien in. den einzelnen Laendern ergebenden Vorteile.
In Verlauf der roten "Friedensoffensive" 1954/55 bekam Lateinamerika das sowjetische Draengen nach Koexistenz und nach engeren
wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu spueren. Es wurden
allerdings keine direkten Angebote bezueglich technischen Beistandes
gemacht.
Im Jahre 1955 bemuehte sich der Sowjetblock eifrig, die Zahl
der zv/eiseitigen Handelsvertraege mit lateinamerikanischen Staaten
zu vermehren und sie auf eine breitere Grundlage zu stellen, .'.uf der
Konferenz der UH V/irtschaftskor.mission fuer Lateinanetika (ECLA) in
Bogota im August piaedierten polnische und tschechische Beobachter
fuer einen erweiterten Handel zwischen Suedanerika und den Laendern
hinter den Eisernen Vorhang und wiesen dabei auf die Hoeglichkoit
fuer Suedanerika hin, sich neue und bleibende Absatznaerkte dort
zu schaffen.
An 31. Dczenber 1955 waren 18 Handelsvertraege zwischen lateinamerikanischen Staaten und europaeischen Laendern in Sowjetblock

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�in Kraft. Dem Beispiel ihrer Vasallenstaaten folgend, hatte sich
auch die Sowjet-Union ein eigenes System direkter Verträge mit südamerikanischen Staaten geschaffen. Die 18 Handelsverträge mit ihren
großzügigen Kreditbedingungen sehen einen jährlichen V/arenauatausoh
im Betrage von 500 Mio Dollar vor. Im Vergleich au 1954 mit eine.»
Handelsvolumen im Werte von 200 Mio Dollar und au 1953 mit 70 Mio
Dollar ist das eine imponierende Zahl. Im ganzen sind die Ausfuhren
aus Südamerika auf verhältnismäßig, wenige Warensorten beschränkt.
Argentinien liefert Leinöl, Häute und Fleisch; Brasilien Kaffee,
Baumwolle, Kakao und Wolle; Uruguay Gefrierfleisch und '.Volle und
Mexiko Kaffee. Die Gegenlieferungen des Sowjetblocks umfassen landwirtschaftliche Maschinen, Fabrikausrüstungen, öl, Rohstoffe,
Schienen, Zement und Spiegelglas. Wie auf Seite 8 ausgeführt, bewirkten
größere Ankäufe von Zucker und Kaffee durch Sowjotblock-Staaten im Jahre
1955 eine Erhöhung der Exporte Südamerikas nach dort um 20/«.
Im Herbst 1955 erschienen Berichte, wonach der 3owjetblock seinen
handelsvertraglichen Verpflichtungen gegenüber Argentinien, Brasilien,
Uruguay, Mexiko und anderen Staaten nicht voll nachkomme, so daß erhebliche Salden zugunsten der südamerikanischen Staaten entstanden
seien. Nach amtlich nicht bestätigten Schätzungen blieb die Erfüllung
der Verträge zwischen den Sowjctblock-Staaten und Argentinien im Jahre
1954 um etwa 545« un&lt;l J-cr Verträge zwischen Brasilion und den SowjotblockBtaaten um 4 ^ hinter den eingegangenen Verpflichtungen zurück, Wiewohl
der Umfang der gegenseitigen Lieferungen hinter den Erwartungen zurückblieb, erfüllten die lateinamerikanischen Staaten im allgemoinon die
Verträge dennooh besser, als die Sov/jotblookstaaten. Eo wurdo Klage darüber geführt, daß die Lieferungen an Argentinien mengenmäßig nioht nur
nicht den gemachten Zusagen entsprochen hätten, sondern daß auoh die
Qualität der Werkzeugmaschinen und ähnlicher Erzeugnisse im Vorgloioh
zu entsprechenden USA-Erzeugnisson mindorwortig und voraltot (5-15 Jahr»
alte Modelle) gewesen seien.
Der Sowjetblock richtoto seinen wirtschaftepolitischon Vorstoß
im Jahre 1955 in erster Linie auf Argentinien und Uruguay. Im Laufe
des Jahres hatte Argentiniens Handel mit dem Jowjotblock einen starken
Aufschwung genommen, und am Jahroocndo boatandon zwischen Argentinien
und kommunistischen Ländern sechs Handelsverträge. Der wichtigste in
Kraft befindliche Vortrag war mit der Sowjot-Union am 5» August 1953
abgeschlossen worden und sah ursprünglich wortmäßig ein Handelsvolumen
von 150 Mio Dollar sowie einen sowjetischen 30 Mio Dollar-Kredit zum
Ankauf von Investitionsgütern vor. In einom für 1955 gültigen Handelsprotokoll wurde der 30 Mio Dollar-Kredit auf 4 Llio Dollar horabgesetat|
aber dennoch in keiner 'Weise von Argentinien in Anspruch genommen*
Im Spätjähr 1955 erklärte der argentinische Gesandte in Moskau,
die Beziehungen seines Landes zur Sowjet-Union trügen zur Festigung
des argentinischen Handels bei, solange Argentinien auf den riesigen
sowjetrussischen Markt Absatzmöglichkeiten habe, und fügte hinzu,
daß Argentinien seinerseits sowjetische Fertigwaren zum Aufbau seiner
Industrie zu kaufon beachsichtige.

31 -

�Unbestaetigto Meldungen in Juli deuteten darauf hin, dass die
Sowjet-Union Brasilien, dessen fi nanziello Lage damals "bedenklich war,
verlockende Handelsvorschlage gemacht habe. Dazu gehoerte angeblich
des Angebot, Brasilien zunaechst einmal 1.000 t Kaffee und 20.000 t
Zucker abzukaufen. Beim Kaffee handelte es sich um eine unbedeutende
I'engej sie betrug nur 0,1$ der Durchschnittsekaffeeernte in Brasilien.
Die Zuckerankaeufe dagegen hatten schon groessere Bedeutung, zumal Brasiliens hohe Zuckerpreise auf dem Y/cltmarkt nicht konkurrenzfaeuig .waren.
Y.'aehrend der Praesidentenwahlen in Brasilien im Spaetsommer und
Herbst 1955 hatten die drei Ilauptkandidaten ihren V/illen bekundet,
wenigstens Handelsbeziehungen zu allen Staaten zu unterhalten. Die
zunehmende Stimmungsmache fuer die Aufnahme kommerzieller und diplomatischer Beziehungen zur Sowjet-Union und ihren Vasallenstaaten
wurde mehr mit wirtschaftlichen als mit politischen üeberlegungen
begruendet, denn Brasilien war auf der Suche nach neuen Absatzmaerkten
und auskoemmlichen Preisen fuer seine Erzeugnisse, vor allem fuer seinen
Kaffee.
Im Dezember besuchte der sowjetische Gesandte In Mexiko Ekuador.
Der Praesident und der Aussenminister empfingen ihn zu einem offiziellen Fruehstueck. Seit dem Besuch hat die Regierung von Ekuador immer
wieder in der Presse erschienene Geruechte dementiert, nach denen ueber
einen Vertrag zur Gewaehrung technischen Beistandes durch die Sowjets
und ein Angebot zur Lieferung von Y/affen an Zkuador verhandelt worden
sei.
Gegen Ende 1955 war in ganz Suedamerika ein wachsendes Interesse
an der Ausweitung der Handelsbeziehungen zum Sowjotblock feststellbar,
wenn auch die roten Avancen immer noch mit einiger Skepsis beobachtet
wurden.
W'c wird der Herausforderung begegnet?
.".it Ablauf des Jahres 1955 ging eine neue Zeitspanne zuende,
waehrend welcher die Staatsmaenner des Y/estens verfolgen konnten, wie
sich die wirtschaftliche und politische Offensive des Roten Blocks in
den politisch nicht gebundenen und entwicklungsbeduerftigen Gebieten
immer mehr verstaerkte. Der kalte Krieg war in eine neue Phase getreten, in der der Zote Block offenbar weniger mit militaerischen Drohungen, politischer Y'uehlarbeit und Hetzpropaganda operierte, als vielmehr mit dem Angebof'eines ITebeneinanderbestehens in friedlichem Wettbewerb" und "wirtschaftlich-technischer Hilfe" fuer die entwicklungsbeduerftigon Staaten. Massgebende Leute in der freien Veit hatten die
von den Sowjets betriebene Politik von jener Zeit an, als man noch kaum
davon sprechen konnte, dass den Sowjets an einem wirtschaftlichen Wohlergehen der sich neuerdings entwickelnden Laender gelegen war, da sie
diese beim wirtschaftlichen Aufbau praktisch garnicht unterstuetzte,
bis zur Propagierung des Aussenhandels als "einesintegrierenden Bestandteils des sozialistischen V/'irtschaftssyotens und sowjetischer Aussenpolitik"*), beobachtet. Eine in der sowjetischen Presse im Juli 1955
*) Diese Zitate aus einer Vcroeffentlichung ueber den sowjetischen Aussenhandel sind der"3oviet Technical Assistance"aaO., 3. 4, entnommen.

- 32

�erschienene Notiz, worin zum erstenmal von einer "Hauptverwaltung fuer
wirteohaftliohe Beziehungen" die Rede war, blieb nioht unbemerkt. Es
handelt sich hior um eine selbetaendige Behoerde, die dem Llinisterat
dar Sowjet-Union unmittelbar untersteht und offenbar fuer die Gesantkoordinierung und Lenkung der Massnahmen der Sowjets zur Gewaohrung
wirtsohaftlioh-teohnisoher Hilfe verantwortlich 4st". Bio Einrichtung dieser Behoerde sprioht dafuer, welohe Bedeutung die.Sowjetregierung neuerdings den Wirtschaftshilfsprogrammen beimisst.
Die Nordatlantikpakt-Organisatlon (NATO) erklaerte in einem am
16. Dezember herausgegebenen Konmunique, mit ihrem Vorgehen in ITahost
und ihrer wachsenden militaerischon Staerke "fordere die Sowjet-Union
die freie Welt erneut heraus". Bie Vereinigten Staaten begegnen dieser
Herausforderung mit ihren Hilfsprogrammen zur Gewaohrloistung gemeinsamer Sicherheit. Sie erhoehen damit die Wirtschaftskraft und die militaerisohe Sicherheit ihrer Partner in der freien Welt. Im Neunten
Halbjahresbericht ueber das Programm fuer die Gemeinsame Sicherheit
fuer die Zeit vom 1. Juli bis 31» Deaember 1955 bfisst est
"An bereits ersielte Fortschritte anknuepfend setiton die Vereinigten
Staaten die den freien Voelkern in aller Welt gewaehrte Hilfe fort. Bie
eigenen und gemeinsamen Anstrengungen dieser Voelker zur Sicherheit ihrer Unabhaengigkeit und zur Weiterfuehrung ihrer Massnahmen fuer eine
Verbesserung der eigenen wirtschaftlichen Bedingungen wurden damit weiterhin wirksam untorstuetzt
Hit den Sicherheitshilfsprogrammen, in
deren Rahmen die Vereinigten Staaten mit den in der wirtschaftlichen
Entwicklung becriffenen Laondem in dem Bemuehen, deren Wirtschaftslage
zuYer bessern, zusammenzuarbeiten, ist man v/aehrend der in Rede stehenden
soohs I.'onate ebenfalls vorangekommen. "*)

*) Aus dem "Report to Congress on the Mutual Seourity Program" fuer das
zweite Halbjahr 1955t S* 1*

Xftt G$i COlli T«t ECU

- 33 -

�BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die nachfolgende Artikelserie, die von führenden Fachleuten geschrieben ist, befaßt sich mit den wirtschaftlichen
technischen, sozialen sowie anderen Problemen der Automatisierung.
1) Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von Kalifornien
2) Die
und
Von
der

Bedeutung der "Automation" für die U3-',Virtschaft
die US-Autoindustrie
Robert T. Keller, Vizepräsident
"Chrysler Corporation"

3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den V/elthandel
Von Dr. V/eldon B. Gibson, Direktor der Abteilung
für '.Virtschaftsforschung, "Stanford Research Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe
Von Paul V/ishart, Präsident
der "I.Iinneapolis-Honeywell Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis, Vizepräsident und Leiter
der Registraturabteilung der "Metropolitan Life
Insurance Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von V/.K. Scott, "U3-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours Company"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Von Frederick K. Leisch, "A.G. Nielsen Company"
1 0) "Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M.E. Salveson, "General Electric Corporation"

* * * * *

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT
WIRTSCHAFTSREPORTAGE

4. Januar 1956

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG
Die unter diesem Titel in den folgenden Ausgaben von
"Amerika Dienst, Wirtschaft und Arbeit" erscheinende und von
führenden Fachleuten geschriebene Artikelserie befaßt sich
mit den wirtschaftlichen, technischen, sozialen sowie anderen
iroblemen der Automatisierung. Die einzelnen lArtikel werden
sich dabei mit den folgenden Themen befassen:
1) Die Automatisierung und der Mensch, von L.M.K. Poelter.
Universität von Kalifornien
2) Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie, von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
3) Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel, von Dr. Weldon B. Gibson, Direktor der Abteilung für Wirtschaftsforschung, "Stanford Research
Institute"
4) Die Automatisierung und die Mittel- und Kleinbetriebe,
von Paul Wishart, Präsident der "Minneapolis-Honeywell
Regulator Company"
5) Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben,
von Malvin E. Davis, Vizepräsident und Leiter der Registraturabteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company", New York
6) Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb, von Nathaniel
Bishop, "Time Inc."
7) Die Automatisierung in der Stahlindustrie, von W.K.
Scott, "US-Steel Corp."
8) Die Automatisierung in der chemischen Industrie, von
V.F. Hanson, "Du Pont et Nemours ne^crünv"
9) Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik, von Frederick K. Leisch, "A.G. Mielsen Company"
10)"Automation"und industrielle Betriebsführung, von M.E.
Salveson, "General Electric Corporation"

*

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEIT UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (i)
Die Automatisierung und der Mensch
Von L.M.K. Boelter, Universität von
Kalifornien
( 250 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die überall feststellbare Neigung,
Maschinen und ganze Arbeits- und Produktionsprozesse zu automatisieren, ja schließlich alle Betriebsmittel voll automatisch zu betreiben, wurde einmal durch das Streben gefördert,
jegliche Plackerei so weitgehend wie nur möglich auszuschalten
und zum anderen durch die Konstruktion immer besserer mechanie
scher und elektronischer Kontroll- und Steueranlagen.
Die Weitergabe von Energie, Material und Wissen sowie
deren Umwandlung innerhalb dieser Dreiteilung der Natur oder
ihre Überleitung von der einen in die andere Gruppe beschäftigten den Geist des Menschen von Anbeginn. Im Laufe der Zeit
lernte der Mensch in seiner lenkenden und überwachenden Funktion immer größere Kräfte in der Hand des einzelnen zu vereinigen. Es sei hier an den gruppenweisen Einsatz von Menschen
etwa als Ruderer auf Schiffen, an die Nutzbarmachung der Kräfte desfWindes durch Segel und die Zähmung etwa des Pferdes als
Last- und Zugtier erinnert. Der Mensch bewies seine Fähigkeit,
sich fremde Kräfte planmäßig zunutze zu machen und sie zu kontrollieren.
Er fand immer neue Medien für die Umwandlung und Weitergabe: das Rad, das Feuer, die Wasserkraft und anderes. Die
Überwachung und Lenkung aber fand ihre Limitation in den Grenzen des menschlichen Nervensystems. So kann man die Automatisierung unserer Tage als die Befreiung des Menschen von gewissen Kontrollaufgaben und ihre Übertragung auf "äußere"
mechanische und elektronische Geräte bezeichnen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der erste Schritt
in der Mechanisierung die Befreiung des Menschen von einem
Teil seiner krafterzeugenden Funktion brachte. Der zweite
Schritt soll den Menschen von einem Teil seiner geistigen
Aufgaben und der damit zusammenhängenden physischen Belastung
entbinden.
»
Den Menschen von irgendwelchen Aufgaben (und damit auch
von Verantwortung) zu befreien, kann nicht unbedingt als eine
Wohltat angesehen werden. Es lassen sich aber andererseits
viele Prozesse, insbesondere sich stets wiederholende Vorgänge, soweit schematisieren und dann auf Maschinen übertra-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. Januar 1956

übertrafen, daß der Mensch Zeit und Kraft für ein reicheres
und erfüllteres Leben zu gewinnen vermag.
Die Funktionen des Überwachens und Lenkens sind mit denen
der produktiven Betätigung sowohl physiologisch als auch psychologisch eng verknüpft. In dieser Tatsache finden verschiedene seltsame Entwicklungsformen auf dem Weg zur Automatisierung
ihre Erklärung.
Es sei hier verwiesen auf die Peitschenhalter bei den
ersten Automobilen, auf die Roboter, denen man die Gestalt
des Menschen zu geben suchte, und auf die erste maschinelle
Anlage zur Herstellung der Glaskörper von Glühbirnen, bei der
man die Arbeitsweise der Glasbläser bis ins einzelne kopierte.
Bei der Automatisierung in ihrer höchstentwickelten Form
werden sämtliche Arbeitsgänge von der Anlieferung der Rohstoffe
an bis zum Versand des Fertigproduktes ohne jegliche menschliche Arbeit oder Überwachung automatisch ausgeführt. Der Mensch
hat lediglich den Fertigprozeß sowie die dazu erforderlichen
Maschinen zu entwerfen, die Maschinen in Gang zu setzen oder
zu stoppen und ihre Wartung und Instandsetzung zu besorgen.
Wie Cledo Brunetti, der Leiter der Abteilung technische Forschung und Entwicklung der General Mills, Inc., in Minneapolis
vor der 82.Landeskonferenz für Sozialarbeit vom 29.Mai bis
30.Juni 1955 in San Francisco ausführte, gibt es keinerlei Anzeichen dafür, daß die Entwicklung uns eines Tages zu einer
völlig von Menschen entblößten Fabrikationsweise führen wird.
Arbeiter werden immer nötig sein. Brunetti gibt dafür zwei
Gründe an: 1. wichtige administrative Entscheidungen werden
immer dem Menschen vorbehalten bleiben und 2. der Mensch kann
bei bestimmten Arbeitsgängen - wenn man die Kosten für Arbeitskraft und Maschinen miteinander vergleicht und unter der Voraussetzung, daß die betreffende Arbeit keine Gefährdung der Gesundheit mit sich bringt - mehr leisten, als die Maschine.
Die erwähnten wichtigen Entscheidungen werden in erster
Linie deshalb vom Menschen zu treffen sein, weil er allein durch
seinen Verstand über die Fähigkeit verfügt, verschiedene Daten
zueinander in Beziehung zu setzen, für die eine rationale Formel noch nicht existiert oder die zu schaffen einfach zu kostspielig wäre. Was Brunettis zweiten Punkt angeht, so werden
oftmals Zeitdruck und Raummangel es als zweckmäßig erscheinen
lassen, sich bei Prozessen der Umwandlung und Überleitung der
menschlichen Arbeitskraft zu bedienen. Die Verwendung der
menschlichen Kraft ist naturgemäß und zweckmäßig, wobei man
immer die Grenzen beachten muß, die dem Menschen auf Grund
seiner physiologischen und psychologischen Struktur und seiner
Individualität und Umwelt erwachsen.
Die Methode der Erfassung der Verhaltensmerkmale von technischen Systemen wird Betriebsforschung oder Betriebsanalyse
genannt. Das Entwerfen solcher Systeme und die Sammlung und
Auswertung der hierfür erforderlichen Daten ist Aufgabe der
sogenannten Systeme-Technik. Die hierbei angewendeten Methoden
und Praktiken sind nicht immer Forschungsgegenstand und Lehr- 3 -

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4. Januar 1956

Lehrstoff der Technischen Hochschulen. Die Technik hat sich
in den vergangenen fünfzig Jahren weitgehend mit den Komponenten oder Elementen solcher Systeme, kaum aber mit den
Systemen selbst befaßt.
Ein Teilgebiet der Systeme-Technik ist die Bestimmung des
optimalen Wirkungsgrades innerhalb eines jeden Arbeitsganges
und seiner Beziehung zu dem gesamten Produktionsprozeß unter
den Gesichtspunkten der Kostenrechnung, der Zeit, des Materials
und der Arbeitskraft. Diese Bestimmung des optimalen Wirkungsgrades kann in bezug auf den Menschen nicht analytisch erfolgen;
sie darf aber dennoch beim Entwurf von Systemen nicht außer
acht gelassen werden. In der Planung für ein automatisiertes
System müssen seine Rückwirkungen auf alle Menschen, die unmittelbar in es verwickelt sind - die Belegschaft, die leitenden Angestellten, die Aktionäre und die Kunden sowie ihre
Familien -, und auch deren Beziehungen zu diesem System in
ähnlicher Weise nach ihrer optimalen Wirkung untersucht werden,
wie dies für nichtautomatisierte Systeme üblich ist.
Pie Automatisierung, die Norbert Wiener in seinem Buch
"The Human Use of Human Beings, Cybernetics and Society" (Per
Einsatz der menschlichen Arbeitskraft unter menschlichen Bedingungen, Kybernetik und Gesellschaft) als eine zweite industrielle Revolution bezeichnet, wurde von Brunetti in dem
schon einmal erwähnten Vortrag als ein sich Schritt für Schritt
vollziehender und bereits seit langem währender Prozeß bezeichnet, der seine Wurzel im Nervensystem des Menschen hat. Pie
Auswirkungen der Automatisierung aber auf die Belegschaft und
Betriebsführung sowie auf deren Familien und die gesamte Gesellschaft werden je nach dem Tempo des Übergangs zum automatischen Betrieb günstig oder abträglich sein. Sie werden ferner bestimmt von einer entsprechenden Rücksichtnahme auf bestehende Sitten, Bräuche, Gesetze und anderes, vom Vorliegen
geeigneter langfristiger Pläne und schließlich auch noch davon,
inwieweit es gelingt, die breite Masse durch entsprechende Aufklärung auf die bevorstehende Entwicklung vorzubereiten.
Um nur ein Beispiel zu geben: die Bereitschaft, den Wohnort zu wechseln, ist typisch für die moderne Gesellschaft.
Piese freie Beweglichkeit tendiert dahin, die Familien- und
Gruppenbande zu schwächen und sie kann und wird, wenn sie zu
weit getrieben wird, das Gefüge des Staates erschüttern.
Pieses Faktum müßte man bei der Einführung der Automatisierung
berücksichtigen, insbesondere, wenn sie größere Bevölkerungsteile zwingen sollte, sich nach einem neuen Arbeitsplatz an
anderen Orten umzusehen.
.."enn die Automatisierung nun aber einen gleichen oder noch
höheren Beschäftigungsstand zu bringen verspricht, dabei aber
zahlreiche Arbeitnehmer zwingt, ihren Arbeitsplatz oder Beruf
zu wechseln, dann müßte man heute schon eine entsprechende
Periode der Umschulung und Anpassung einplanen. Ein Wechsel
von einer rein physischen Arbeit auf eine Aufsichtstätigkeit
wird oftmals eine schwierige, wenn nicht gar unmögliche Anpassung vom einzelnen erfordern, und seine Reparatur- und Wartungs-

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4. Januar 1956

Wartungsarbeiten werden oftmals als weniger reizvolle Beschäftigung angesehen werden als ein unmittelbares Mitwirken an der Schaffung neuer Produkte. Andererseits erfordern
gerade Reparaturarbeiten ein hohes Maß an Findigkeit und
Einfühlungsvermögen, und damit logisches Denken, so daß
viele Menschen hier ein weit gemäßeres Betätigungsfeld finden dürften als am Fließband mit seinen rein routinemäßig
immer wiederkehrenden Handgriffen.
Es scheint auch angebracht, sich über die Frage heute
schon Gedanken zu machen, inwieweit die Automatisierung sich
nachteilig auf die Erziehung auswirken könnte. Schon der
Schüler in der Grundschule mag auf den Gedanken kommen, daß
Rechnen für ihn doch völlig unwichtig sei, da alle Rechenoperationen ja von Maschinen ausgeführt werden.
Nach Auffassung des Verfassers braucht es aber zu keinerlei physiologischen, psychologischen oder pädagogischen
Schwierigkeiten zu kommen, wenn man auf allen Sektoren des
gesellschaftlichen Bereichs bei der Verwirklichung der Automatisierung entsprechend umsichtig verfährt.
Die Automatisierung bietet auch die Möglichkeit, sorgsamer mit unseren Rohstoffquellen umzugehen, sei es auch nur
deshalb, weil 6ie die zunehmende Entropie eines Systems stark
abschwächt. Eine weitgehende Analyse aller Lebensbereiche,
wie sie Voraussetzung für die Automatisierung ist, wird dazu
beitragen, die Erkenntnis zu verbreiten, wie beschränkt unsere
Rohstoffvorräte und wie unersättlich die Nachfrage angesichts
der stets wachsenden Bevölkerungszahl der Erde sind.
Die Verteilerfunktion und die mit ihr zusammenhängende
und ihr nachgeordnete Service-Funktion unserer Industrie geben
das Bild einer sich mit großer Geschwindigkeit und in wirksamer Form vollziehenden Operation; wenn man sie jedoch beispielsweise vom Standpunkt der Konzentration heterogener Komponente sowohl von Material und Zeit aus betrachtet, so zeigt
sich, daß hier noch eine wesentliche Verbesserung möglich ist.
Las Verhältnis zwischen Einzelhandelspreis und Gestehungskosten läßt erkennen, ein wie großer Fortschritt hier möglich
ist. Während man im allgemeinen davon ausgeht, daß eine Automatisierung in erster Linie für die Produktion in Frage komme,
so dürfte sich doch schon bald erweisen, daß sie selbst bei
einer noch so elementaren Anwendung auch in der Verteilung
hervorragende Dienste zu leisten vermag.
Ein erster Beitrag der Automatisierung zur Verteilerfunktion könnte in einer verbesserten Informierung bestehen.
Die Schaffung eines Systems der Informationszirkulation müßte
von drei Gesichtspunkten ausgehen;
a) Eine möglichst weitgehende Verringerung der zu speichernden oder zu übermittelnden Informationen in Verbindung mit einer entsprechenden Auswahl.
b) Zeitliche Abstimmung der Übermittlung solcher Information.
c) Größtmögliche Genauigkeit in der Übermittlung (und somit eine möglichst geringe Entropie).
Die

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4. Januar 1956

Die Tendenz, allzuviele Informationen zu sammeln und zu
speichern, ist so alt, wie die Verwendung von elektronen Geräten selbst. Es gilt hier also erst noch entsprechende Kriterien zu schaffen. Wenn es darum geht, erst einmal zu bestimmen, was unter den Begriff der "unentbehrlichen Informationen" fällt, so versagen die früher verwendeten Verfahren
der Auswahl. Die Verteilung von Informationen ist übrigens
gleichfalls eine Angelegenheit auf Gegenseitigkeit. Sowohl
in den einzelnen Betrieben als auch auf allen Lebensbereichen
muß man sich darum bemühen, allen denjenigen, die gestaltend
an der Entwicklung teilhaben, möglichst weitgehende Informationen an die Hand zu geben.
Das Transportwesen - die Beförderung von Menschen und
Gütern - muß gleichfalls als ein Problem der Systeme-Technik
aufgefaßt werden, um hier zu Zeiteinsparungen und Kostensenkung bei gleichzeitiger Erhöhung des Wirkungsgrades gelangen zu können.
Es sei hier auch darauf verwiesen, wie wichtig es ist,
für den Fall irgendeiner örtlichen Betriebsstörung einen Ersatzprozeß vorzubereiten, um den Gesamtbetrieb aufrechterhalten zu können. Die Planung solcher Systeme, bei der auch
wirtschaftliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen sind und
die solche Ersatzlösungen von vornherein einbeziehen muß,
verdient eine entsprechende wissenschaftliche Untersuchung,
damit alle Auswirkungen auf die Produktion und die Verteilung
erfaßt werden.
Große Summen werden bei zunehmender Automatisierung für
die Umstellung der Arbeits- und Produktionssysteme auf den
automatischen Betrieb aufgebracht werden müssen. Der erforderliche Energieaufwand pro Arbeiter dürfte die Investitionen so
hoch treiben, daß sich eine Automatisierung in gewissen Fällen
vielleicht von selbst verbietet. Bereits heute deuten gewisse
Anzeichen darauf hin, daß erhebliche Kräfte einem rationellen
"Fortschritt oder Wandel" auf dem Gebiet der Massenproduktion
entgegenstehen.
Schlußbetrachtung
Jede technische Entwicklung läßt sich sowohl zum Guten
wie zum Bösen verwenden. Es gibt graduelle Unterschiede, die
sich durch die Art der Ausnutzung der entsprechenden Entwicklung bestimmen.
Die Art und Weise ihrer Verwendung und das Tempo ihrer
Übernahme in die Praxis erfordern weitreichende Entscheidungen,
die nur nach eingehenden Stadien getroffen werden können.
Allgemein gesprochen, erfordern diese Entscheidungen angesichts
der umfassenden Auswirkungen der Automatisierung "horizontale"
und oft wohl nur kurzlebige Organisationen innerhalb deren
alle beteiligten Personen und Gruppen an der Sammlung der
Daten und Informationen sowie an ihrer Analyse und Verteilung
mitwirken.
Die
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4. Januar 1956

Die prophezeite "zweite industrielle Revolution" wird dann
zu einer Schritt für Schritt verlaufenden und allgemein gebilligten Evolution werden, deren wichtige Anfangsphase wir gegenwärtig
durchmachen. Dies kann der Lauf der Dinge sein, wenn wir mit Überlegung handeln und unsere Entscheidungen auf die in der Vergangenheit gesammelten Erfahrungen - insbesondere auf die Erfahrungen
der ersten industriellen Revolution - stützan und dann unsereSchlußfolgerungen unter gebührender Berücksichtigung aller Faktoren ziehen, die das Gesicht der Gesellschaft heute formen.

* * * * *

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11. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (II)
Die Bedeutung der "Automation" für die US-Wirtschaft
und die US-Autoindustrie
Von Robert T. Keller,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"
los Angeles (Kalifornien)
1. Die Automatisierung und ihre Auswirkungen
auf die Wirtschaft
^

Wenn man in der Frage der Automatisierung ein
klares Bild gewinnen will, dann darf man sie
nicht nur vom Standpunkt des Produzenten aus
sehen. Aus diesem Grunde will der Verfasser
im Rahmen dieses Aufsatzes versuchen, nicht
nur am Beispiel der Automobilindustrie zu zeigen, welche praktischen Ergebnisse die Automatisierung in der Wirtschaft bisher gebracht
hat, sondern auch einen Überblick über die
möglichen Auswirkungen der Automatisierung
auf die Gesellschaft zu geben.

(200 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Welche Bedeutung die schnell voranschreitende Automatisierung für den einzelnen hat und welchen
Einfluß sie auf die gesamte Wirtschaft und auf die Gesellschaft
ausüben wird, sind Fragen, auf die die Industrie der Allgemeinheit eine befriedigende Antwort geben muß. Für viele Menschen
ist die Automatisierung - oder das, was unter ihr verstanden
wird - ein Schreckgespenst. Dabei wird häufig übersehen, einen
wie hohen Lebensstandard und welchen Wohlstand sie bei richtiger
Anwendung dem Menschen verspricht. Ängstliche Menschen sehen nur,
daß die alte Ordnung sich ändert und fürchten Folgen, die dieser
Wandel für ihre berufliche Existenz und ihre Sicherheit haben kann,
Die Geschichte hat aber meiner Auffassung nach ziemlich überzeugende Beweise dafür geliefert, daß man sich vor den Auswirkungen
des Fortschritts keineswegs zu fürchten braucht.

Im

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11. Januar 1956

Im Jahre 1830 erfand ein armer französischer Schneider die
erste brauchbare Nähmaschine. Dieser große Fortschritt rief so
starke Befürchtungen hervor, daß der Mob, der die wirkliche Bedeutung der Maschine verkannte, den Laden des Schneiders stürmte
und den Erfinder beinahe ermordet hätte. Als der berühmte Nähmaschinenproduzent Isaac Singer seine Maschine patentieren lassen
wollte, suchte ihn seine Frau von diesem Plane abzubringen, weil
sie eine Massenarbeitslosigkeit befürchtete.
Heute lächeln wir über solche Befürchtungen. Die Nähmaschine
hat Millionen von Stunden harten Mühens eingespart. Ihre allgemeine Verwendung brachte eine erhöhte Produktion, eine steigende
Beschäftigtenzahl in der Bekleidungsindustrie und ein größeres
Warenangebot. Die Automatisierung verspricht der Menschheit ähnliche Vorteile, Vorteile, wie man sie sich bisher nicht einmal
erträumen konnte.
Es ist oft behauptet worden, die Automatisierung sei.nichts
Neues, sondern lediglich eine Weiterführung des Prinzips des
Fließbandes und der Massenproduktion, wie wir sie seit Jahren
kennen. In gewissem Sinne trifft das auch zu. Die Automatisierung ist tatsächlich eher ein evolutionärer Vorgang. Aber diese
Evolution hat in den vergangenen Jahren ein sehr schnelles Tempo angenommen und die durch sie bedingten veränderten Methoden
der Produktion, der Konstruktion, der Planung und sogar des
Absatzes haben neue Wünsche und Bedürfnisse geschaffen.
Die Automatisierung, wie wir sie heute kennen, hat uns gerade zur rechten Zeit erreicht. Dies gilt mindestens für die
Vereinigten Staaten. Ohne sie wären wir nicht imstande, de*
amerikanischen Volk immer neue und bessere Erzeugnisse anzubieten, immer neue Erfindungen auf den Markt zu bringen und
den erreichten Lebensstandard zu halten, der der höchste in
der Geschichte der Menschheit schlechthin ist.
Eine Leistungssteigerung in ddr Produktion führte bisher
noch immer dazu, daß sich neue und bessere Arbeitsplätze auftaten. Es erhebt sich heute somit die Frage, ob genügend Männer
und Frauen zur Verfügung stehen, um die neuen Arbeitsplätze besetzen zu können.
Hier liegt eine große Chance für die Arbeiter in den Betrieben, ein höheres Einkommen zu erlangen. Wer heute sein berufliches Können erweitert und sich jene Fertigkeiten erwirbt,
die in den automatisierten Betrieben verlangt werden, kann auf
ein gutes Fortkommen rechnen. Ein besonders hoher Bedarf besteht bei Elektrikern, Werkzeugmachern und Mechanikern, die die
automatischen Maschinen bauen und instandhalten können.
Es zeigt sich heute schon, daß die Automatisierung viele
neue technische Fertigkeiten fordern wird, von denen man bisher
niemals etwas gehört hat. Weitsichtige Unternehmen warten nicht
erst, bis außerbetriebliche Stellen entsprechenden Nachwuchs
heranbilden. Sie helfen ihren Arbeitern, sich die Fähigkeiten
in Spezialschulen und Kursen anzueignen.
Ohne Zweifel lassen sich bei manchen Arbeitsvorgängen
o
durch

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNI; ARBEIT

11. Januar 1956

durch die Verwendung automatischer Ausrüstung Arbeitskräfte
einsparen. Dennoch wird auch die Automatisierung, wie jedes
Verfahren zur Beschleunigung der Produktion, zu einem Ansteigen der Beschäftigtenzahl in der Industrie und in den Dienstleistungsbetrieben führen.
Die wirkliche Gefahr, die heute droht, ist nicht eine allgemeine Arbeitslosigkeit sondern ihr gerades Gegenteil. In den
vor uns liegenden zwei Jahrzehnten werden sich die Vereinigten
Staaten aller Wahrscheinlichkeit nach einer steigenden Verknappung an Arbeitskräften gegeniibersehen. In diesem Zusammenhang darf ich auf die Feststellungen verweisen, die der bekannte
Soziologe und Publizist Peter Drucker in einem sehr informativen
Aufsatz in "Harper's Magazine" über die voraussichtliche Entwicklung Amerikas in den nächsten 20 Jahren getroffen hat. Da
die Männer und Frauen, die in 5, 10, 15 und 20 Jahren an der
Spitze unserer Wirtschaft stehen oder als Arbeiter und Angestellte in den Fabriken tätig sein werden, bereits geboren sind,
kann man mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen, was uns in der
näheren Zukunft an Arbeitskräften zur Verfügung stehen wird.
Die Bevölkerungsstatistiken lassen erkennen, daß sich die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten in den nächsten zehn Jahren
von heute 165 Millionen auf ungefähr 190 Millionen und bis zum
Jahre 1975 auf mindestens 220 Millionen erhöhen wird.
Die Gesamtzahl der Beschäftigten wird aber keineswegs im
selben Ver ältnis zunehmen. Es wird vielmehr ein starkes Anwachsen der sogenannten "unproduktiven Altersgruppen" zu verzeichnen sein. Einer Zunahme der Gesamtbevölkerung um fast
30 Millionen innerhalb der nächsten zehn Jahre wird eine Zunahme der Jahrgänge zwischen 20 und 65 - also die Altersgruppen,
aus denen sich unsere arbeitende Bevölkerung rekrutiert - um
nicht mehr als sieben Millionen gegenüberstehen. Von diesen
sieben Millionen werden wiederum nur etwa vier Millionen tätig
sein, während die anderen drei Millionen auf Hausfrauen, Arbeitsunfähige, Studenten und andere entfallen werden. Andererseits müssen wir damit rechnen, daß wir sechs Millionen mehr
Menschen über 65 und 16 Millionen mehr Jugendliche unter 20 Jahren haben werden als heute.
Daraus ergibt sich für die Wirtschaft die Folgerung, daß
unser Lebensstandard nur dann in gleichem Maße wie in den vergangenen 25 Jahren weiter steigen wird, wenn es uns gelingt,
unsere Produktion in den nächsten zehn Jahren um 40 Prozent
zu erhöhen.
Angesichts dieser Tatsachen können wir dankbar sein, daß
wir dank der Automatisierung heute an der Schwelle eines neuen
Industriezeitalters stehen. Die erhöhte Produktivität, die sie
uns verheißt, wird uns helfen, mit diesen Problemen fertig zu
werden.
Bei zunehmender Automatisierung der Betriebe wird auch die
Zahl der Beschäftigten in jenen Berufen steigen, die man heute
meist als unproduktiv bezeichnet: ich meine das Instandsetzungspersonal und die technischen Spezialisten, die sich mit der nie
endenden Aufgabe der Wartung der Maschinen und der Verbesserung

�"AZEF.IKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. Januar 1956

Verbesserung und Verfeinerung der technischen Methoden beschäftigen.
Was die beruflichen Aussichten anbetrifft, so eröffnen
sich ungeahnte Möglichkeiten für diejenigen, die bereit sind,
ein neues Handwerk und neue Arbeitsmethoden zu erlernen.
Würde man die sich bietenden Gelegenheiten nicht erkennen und
ergreifen, so könnten sich daraus sehr abträgliche Folgen für
die gesamte Wirtschaft ergeben. Wenn der einzelne die Sicherheit, die sein gegenwärtiger Beruf bietet, jedem Vorwärtskommen und Aufstieg vorziehen wollte, so könnte sich ein solches
Verhalten als der größte Hemmschuh für die Automatisierung und
alles, was dieser Begriff im Sinne einer erhöhten Produktivität und einer steigenden Verbesserung des Lebensstandards in
sich schließt, erweisen. Ohne Facharbeiter und entsprechend
geschultes Personal kann man weder Maschinen konstruieren und
arbeiten lassen, noch sie instandhalten und kontrollieren.
Deshalb muß jeder von uns bereit sein, sich den neuen
Arbeits- und Denkmethoden anzupassen. Dabei drängt die Zeit.
Wer nämlich nicht mit der Entwicklung Schritt hält, muß damit
rechnen, daß seine Arbeitsplätze von einem anderen besetzt
werden, der mehr Weitblick und eine größere Anpassungsfähigkeit besitzt. Das gleiche gilt auch für die Betriebe. Auch
hier ist die Bereitschaft erforderlich, Umstellungen vorzunehmen, und neue Erfindungen zu machen und aufzugreifen.
Jeder einzelne ist daher verpflichtet, seine Fähigkeiten
voll zu entwickeln. Darüber hinaus sind die Unternehmer es
ihrem Lande und ihren Betrieben schuldig, ihre Angestellten
und Arbeiter in die Lage zu versetzen, sich die Kenntnisse und
Fertigkeiten anzueignen, die in den Fabriken von Morgen gebraucht
werden. Sie müssen ihren Belegschaften und Nachwuchskräften
Schulungsmöglichkeiten bieten und die Mittel für die Ausbildung
bereitstellen.
Es gilt ein dem Studium günstiges Klima zu schaffen, ein
Klima, das die schöpferischen Kräfte in den jungen Menschen zur
Entfaltung kommen läßt.
Die Automatisierung wird somit zu jenen Kräften zählen,
die unsere Welt von Morgen und damit auch die gesamte Wirtschaft formen werden. Die Aufgaben vor die wir gestellt sind,
sind große. Ich bin daher überzeugt, daß die amerikanische
Industrie und das amerikanische Volk diese Aufgaben mutig und
mit aufgeschlossenem Sinn in Angriff nehmen werden. Die Automatisierung gehört zu den Werkzeugen, mit denen wir an einer
großen Zukunft bauen werden.

Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der Automobilindustrie"
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar

1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER
AUTOMATISIERUNG ( I I )
Die B e d e u t u n g d e r " A u t o m a t i o n " f ü r d i e U S - W i r t s c h a f t
und d i e U S - A ~ u t ö i n d u s t r i e
Von R o b e r t T. K e l l e r ,
Vizepräsident der "Chrysler Corporation"

2 . Die A u t o m a t i s i e r u n g

in der

Automobilindustrie

(180 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Automatisierung ist ein faszinierendes Thema. Es ist heutzutage kaum möglich, eine Wirtschaftsoder Fachzeitschrift aufzuschlagen, die nicht mindestens einen
Aufsatz über die Automatisierung bringt. Wenn man aber nach einer
genauen Definition des Begriffs sucht, zeigt sich, daß sich jeder darunter etwas anderes vorstellt und davon spricht, wie der
Blinde von der Farbe. Der Elektroingenieur wird unter Automatisierung etwas anderes verstehen als ein Mechaniker, und der
Werksingenieur wird noch eine andere Definition bereithalten.
Ich möchte ihnen ein Bild der Automatisierung entwerfen,
wie ich sie vom Gesichtspunkt eines Automobilproduzenten aus
sehe. Soweit ich dies vermag, werde ich versuchen, die Automatisierung als ein Ganzes zu beurteilen, um ein Bild davon zu
entwerfen, welche Wirkung sie auf unsere Wirtschaft ausübt,
welche Probleme sie mit si-ch bringt und welches Versprechen
sie für die Zukunft birgt.
Wenn ein Unternehmen Klarheit darüber zu gewinnen sucht,
in welchem Ausmaß und in welcher Form es den Betrieb oder
einzelne Arbeitsgänge automatisieren kann, dann muß es sich
insbesondere drei sehr wichtige praktische Fragen vorlegen:
1. Welche Investitionen sind notwendig?
2. Welche Ausrüstungen sind auf dem Markt erhältlich oder
können eigens für den gedachten Zweck entwickelt werden?
3. Welche Einsparungen ermöglicht die Automatisierung des
Betriebs und welchen tatsächlichen Nutzen bringt sie
demnach?
Erfahrungsgemäß
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Erfahrungsgemäß sind die Anschaffungskosten automatischer
Betriebsmittel beträchtlich. Das Gute fällt einem nicht in den
Schoß. Dabei sollte man berücksichtigen, daß als eigentliche
Kosten der Automatisierung eigentlich nur der Differenzbetrag
anzusprechen ist, der sich aus dem Vergleich der Aufwendungen
für den Einbau und den Betrieb automatischer Anlagen mit den
Kosten des Einbaus und der betriebsherkömmlichen Ausrüstung
ergibt. Dieses Bild ist jedoch nicht ganz vollständig.
Es gilt auch zu berücksichtigen, daß ein Unternehmen, das
die Automatisierung aus Furcht vor den hohen Anschaffungskosten
unterläßt, Gefahr läuft, wegen seiner veralteten Ausrüstung
von der Konkurrenz überflügelt zu werden.
Gerade die Automobilhersteller wissen, was die Kosten für
Betriebsmittel bedeuten, sind sie doch gezwungen in jedem Jahr
ein neues und verbessertes Modell auf den Markt zu bringen,
und so müssen sich viele unserer teuren Werkzeugmaschinen oft
in einem einzigen Jahr amortisieren. Sie können sich denken,
was für Probleme das mit sich bringt. Dieser Zwang hat sich
aber schließlich doch für uns zum Vorteil ausgewirkt, indem
er uns zu Fortschritten in der Technik der Automatisierung
anspornte. Er hat zur Entwicklung von Maschinen geführt, die
eine jahrelange vielfältige Verwendung gestatten. Abgesehen
von größeren Werkzeugmaschinen haben wir in steigendem Maße
sogenannte "mechanische Produktionshilfen" im Betrieb installiert. Ich denke dabei an elektronische Steueranlagen, Spezialtransportbänder, Hebe- und Krananlagen, Kippeinrichtungen
und Greifwerkzeuge. Sie bilden in gewisser Hinsicht das Gerüst
für die Automatisierung des Betriebs. Da sie äußerst anpassungsfähig sind, lassen sie sich auf Jahre hinaus verwenden. Auf
diese Weise kann die Amortisierung auf acht, zehn,ja unter
Umständen sogar auf zwölf Jahre ausgedehnt werden.
Der Wert oder Unwert der Automatisierung hängt von der Zuverlässigkeit der Maschinen ab. In den Anfangsstadien der
Automatisierung bestand die Tendenz, immer größere und kompliziertere Maschinen zu bauen. Doch bald schon war der Punkt
erreicht, wo die tatsächlichen Ergebnisse hinter den errechneten Leistungen zurückblieben. Die Maschinen wurden so schwerfällig und unhandlich, daß sie schnell veralteten. Die Wartung
dieser Maschinen war äußerst schwierig, und wenn ein einziger
kleiner Maschinenteil ausfiel, stand oft der ganze Betrieb
still. Deshalb geht heute die Tendenz dahin, was wir bei
Chrysler "integrierte Automatisierung" nennen.
Was wir brauchen,sind kleine, schnell arbeitende, einfach
konstruierte Maschinen, die durch mechanische Produktionshilfen zu vielfältig verwendbaren automatischen Anlagen verbunden
werden. Mit ihnen konnten eindrucksvolle Produktionsergebnisse
erzielt werden. Die"Chrysler Corporation" hat ihr neues Motorenwerk in Plymouth nach diesen Gesichtspunkten aufgebaut. Die
Anlage dürfte, wenn sie in wenigen Monaten den Betrieb voll
aufnehmen wird, die am stärksten automatisierte Motorenwerkanlage in der Welt sein. Dieses neue Werk wird das Dreifache der
- 2 -

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18. Januar 1956

der heutigen Produktion an V8-Motoren für Plymouthwagen liefern.
An zwei parallellaufenden Transportbändern mit einer Länge von
400 m werden von 70 Maschinen 157 Arbeitsvorgänge zur Herstellung von Zylinderblöcken geleistet. Liese Bänder sind so entwickelt, daß die Blöcke nach Bedarf in jedem Stadium der Bearbeitung von einem Band auf das andere versetzt werden können.
Reparaturen und das Auswechseln von Kopfstücken sind bequem
durchzuführen. Lie ganze Anlage ist so gehalten, daß sich auch
jede einzelne Maschine leicht auswechseln läßt, falls Änderungen im Produktionsvorgang dieses notwendig machen oder falls
bessere Maschinen verfügbar werden.
Eine Überprüfung unserer Erzeugnisse auf ihre Qualität
ist eines unserer Hauptanliegen. Das trifft besonders für die
Produktion von Zylinderköpfen ZM, wo an vier getrennten Bändern
von je 120 m Länge 67 Arbeitsvorgänge stattfinden. An unserem
rund 800 m langen Kurbelwellenband werden mit Hilfe von 70
hochmodernen Maschinen Kurbelwellen von einer bisher unerreichten Gleichförmigkeit hergestellt.
Das Plymouth-Werk wird auch, was
Sicherheit des Personals und Betriebshygiene anbetrifft, zu den modernsten Motorenwerken der Automobilindustrie gehören, da jede Maschine
mit den modernsten Sicherheitseinrichtungen ausgestattet worden ist.
Während man sich heute allenthalben darüber klar ist, wie
sehr eine erfolgreiche Automatisierung von der sachgemäßen
Konstruktion der Maschinen abhängt, scheint die Bedeutung,
die einer entsprechenden Ausrichtung der Konstruktionsentwürfe
der Produktion auf den Maschinenpark zukommt, allgemein unterschätzt zu werden. Die Konstrukteure müssen, um brauchbare Entwürfe liefern zu können, mit dem Wesen der automatischen Fertigung vertraut sein. Ob beispielsweise an einer Flansch-Karosserie eben ein Flansch so konstruiert ist, daß er nach außen
statt nach innen gebogen werden muß, kann bei Übertragung des
Entwurfs auf das Fließband den Unterschied zwischen manueller
und automatischer Arbeit ausmachen. Auf diese Weise können oft
Millionen verschwendet oder eingespart werden.
Was die Frage der durch Automatisierung möglichen Einsparungen angeht, so gibt es zunächst verschiedene Mißverständnisse
und Irrtümer klarzustellen.
Bei der Beurteilung der möglieben finanziellen Gewinne und
eventuellen Einsparungen muß man folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
1. Einsparungen an erforderlicher Bodenfläche,
2. Betriebssicherheit,
3. Steigerung des Ausstoßes und
4. Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse.
Die Raumfrage ist für viele Betriebe von größter Bedeutung.
Und gerade hier bietet die Automatisierung erhebliche Vorteile.

Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Im Dodge-Werk in Detroit zum Beispiel werden heute auf
einem mit automatischen Maschinen ausgerüsteten Fließband täglich 2400 V8-Motoren in denselben Werkshallen gebaut, in denen
früher nur 1500 Sechszylindermotoren pro Tag hergestellt werden
konnten.
Noch wichtiger ist aber der weit größere Schutz für Leben
und Gesundheit, den die Automatisierung gegenüber dem bisherigen
Betrieb bietet. Ich möchte nur ein Beispiel hierfür anführen.
Vollautomatisierte Ziehpressen sind mit automatischen Ein- und
Ausführvorrichtungen ausgestattet, so daß die die Maschinen bedienenden Arbeiter niemals mit den Händen in die Presse zu
fassen brauchen.
Die Erhöhung der Betriebssicherheit bringt aber auch noch
sekundäre Vorteile. Durch Verminderung der Anzahl und Schwere der
Unfälle verringern sich die Schadenersatzforderungen der Arbeiter
gegen die Firma sowie die Arbeitsausfälle.
Die Verwendung mechanischer Produktionshilfen gestattet eine
90prozentige Ausnutzung der Kapazität der Maschinen, da die Werkstücke im Arbeitsrhythmus der Maschinen auf das Band versetzt werden. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Automatisierung.
Hierbei ist zu beachten, daß diese Steigerung des Produktionstempos keine arbeitsmäßige Mehrbelastung des Bedienungspersonals
mit sich bringt. Im Gegenteil, automatische Versetzmaschinen, mechanische Produktionshilfen und automatische Kontrolleinrichtungen
verringern die physische Belastung des einzelnen Arbeiters ganz
erheblich.
Ein weiteres, zwingendes Argumentr das für die Automatisierung spricht, ist die durch sie erreichbare erhebliche Steigerung
der Qualität.
Wenn ein Werkstück von einer automatischen Maschine bearbeitet wird, die nur eine einzige Möglichkeit für die Verrichtung des
entsprechenden Arbeitsvorgangs kennt, wird das Endprodukt immer
gleichförmiger sein als bei manueller Fertigung. So gewährleistet
die Automatisierung eine gleichbleibende hohe Qualität der Ware.
In unserem Zeitalter des Wettbewerbs dürfen und können die
Unternehmen nicht erwarten, mit veralteten Qualitätsmaßstäben davonzukommen. Unsere Zeit fordert eine ständige qualitative Verbesserung der Produkte. Die sich aus dftp Automatisierung ergebende
Qualitätsverbesserung kann ein entscheidender Faktor für die Stellung eines Unternehmens in einer Wettbewerbswirtschaft sein.
Die Automatisierung bildet den Schlüssel zur Zukunft, sie
muß aber begriffen und verwirklicht werden, wenn wir die Tore zu
einer reichen und blühenden Wirtschaft aufstoßen wollen. Sie ist
keine gebrauchsfertige Lösung für alle unsere Probleme. Sie schafft
aber auch neue Probleme, von denen viele so gewaltig und so kompliziert sind, daß sie unsere ganze Energie, unsere Vorstellungskraft

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. Januar 1956

Vorstellungskraft und unsere gesamten Fähigkeiten in Anspruch
nehmen werden.
Die Automobilindustrie hat durch die Automatisierung gewaltige Portschritte erzielt. Dennoch muß noch vieles getan
und versucht werden. Die Entwicklung von Maschinen für die automatische Fertigung, die ein Vielfaches der Probleme der herkömmlichen Fertigung aufwirft, steckt noch immer in den Kinderschuhen. Auf dem Gebiet der automatischen Fließbandmontage hat
unsere Industrie bereits schöne Anfangserfolge erzielt, wir
sind aber noch weit davon entfernt, ganze Wagen automatisch
zusammenzusetzen.
Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel"

* * * * *

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25. Januar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN
DER AUTOMATISIERUNG (III)
Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und den Welthandel
Von Dr. Weldon B. Gibson,
Direktor der Abteilung Wirtschaftsforschung am
"Stanford Research Institute"
( 90 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die von der Industrie in Auftrag gegebene
Vertragsforschung dient auf lange Sicht in erster Linie der Steigerung des Umsatzes. Deshalb ist es Aufgabe der angewandten
Wirtschaftsforschung, die Grundlagen für Entscheidungen hinsichtlich neuer Investitionen in Anlagen und Betriebsmitteln zu schaffen. In diesem Zusammenhang sieht der Verfasser die Automatisierung der Produktion insofern als einen bedeutsamen Vorgang an,
als hierbei größere Geldbeträge der Firmen in Betriebsmitteln
angelegt werden, die dem jüngsten technischen Fortschritt Rechnung tragen.
Man muß dabei die Tiefen- und Breitenwirkung in Betracht
ziehen, die jede technische Neuerung grundlegender Art auf die
Wirtschaft und auch auf die Menschen hat, die am Produktionsprozeß beteiligt sind und als Verbraucher auftreten. Zwei Aspekte
scheinen dabei von besonderem Interesse zu sein:
1. Wie wird sich die zunehmende Automatisierung auf die
nicht von dieser Neuerung betroffenen Sektoren der Wirtschaft auswirken? und
2. Welchen Einfluß wird die Steigerung der Produktion, die
bei einer Umstellung auf ein vollautomatisches Herstellungsverfahren zu erwarten ist, auf den Welthandel haben?
Unter den von der Automatisierung nicht betroffenen Sektoren
wird man jene Wirtschafts- und Industriezweige zu verstehen haben,
bei denen keine überdurchschnittliche Zuwachsrate in der Produktivität zu erwarten ist.
Welche
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

Welche Wirtschaftszweige sich auf Automatisierung umstellen
werden und in welchem Tempo sich diese Umstellung vollziehen
wird, läßt sich nicht mit Bestimmtheit voraussagen. Es läßt sich
aber bereits so viel sagen, daß die Verwendung von elektrischen
Rechen-, Buchungs- und Büromaschinen stark zunehmen wird. Auch
die Produktion von gleichförmigen Massengütern wird in zunehmendem
Maße automatisiert werden. Indessen dürfte in naher Zukunft kaum
mehr als ein Viertel der Gesamtindustrie von der Automatisierung
erfaßt werden.
Jene Industriezweige, die bereits heute gleichförmige Massengüter herstellen, sind mit der Erforschung und Entwicklung
von Verfahren und Maschinen zur automatischen Produktion verhältnismäßig weit fortgeschritten. In diesen Industriezweigen
darf man von der Umstellung auf eine automatische Produktion
eine erhebliche Steigerung der Produktivität erwarten, und es
scheint sehr wahrscheinlich, daß ein Teil der hier beschäftigten
Arbeitskräfte in andere Industrie- und Wirtschaftszweige abwandern wird, die nicht von der Automatisierung betroffen sind.
In gewissen Grundindustrien zeigt sich bereits heute bei steigender Produktion eine Abnahme der Zahl der unmittelbar im Produktionsprozeß stehenden Arbeitskräfte.
Wenn die gegenwärtigen Schemata gültig bleiben, so darf der
in einem automatisierten Betrieb verbleibende Arbeiter darauf
hoffen, daß ihm 40% der sich aus einer erhöhten Produktivität
ergebenden Vorteile in Porm von Freizeit zugute kommen worden.
Die restlichen 60% werden sich etwa zu gleichen Teilen in Form
von Preissenkungen und Lohnerhöhungen bemerkbar machen. Es könnte
sich somit so etwas wie eine Aristokratie der Arbeiterschaft,
die in der automatisierten Industrie Beschäftigten, herausbilden.
Was geschieht in den anderen Wirtschafts- und Industriezweigen? Wer wird die Initiative ergreifen, um die Mittel für die
Erforschung der Möglichkeiten einer Automatisierung im Handel
im Bank- und Versicherungswesen in den Dienstleistungsbetrieben,
in der Landwirtschaft und in der Bauindustrie zur Verfügung zu
stellen? Wenn sich diese Segmente der Wirtschaft einer Erneuerung
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. Januar 1956

Erneuerung ihrer Produktionsmethoden und -verfahren verschließen,
dann ist es durchaus möglich, daß sie hinsichtlich des Produktivitätszuwachses bald gegenüber jenen Teilen der Wirtscha ft ins
Hintertreffen geraten, die sich erfolgreich auf die Automatisierung umgestellt haben.
Was den Welthandel angeht, so haben die Vereinigten Staaten
heute einen relativen Vorsprung in der Erzeugung vieler Güter.
Dieser Vorsprung ist zum größten Teil auf die höhere Produktivität
zurückzuführen. Wird eine vollautomatisierte Produktion auch die
Absatzmöglichkeiten für andere Industriegüter vermehren? Wird
sie Preissenkungen gestatten und könnte man an die Schaffung
von Massenmärkten, ähnlich wie in den USA, auch in anderen Ländern denken? Gewisse Kreise glauben, daß die Entwicklung diesen
Verlauf nehmen wird. Aber das Hauptproblem lautet nach wie vor:
Welche Güter können jene anderen Länder produzieren, um in ähnlicher Weise einen solchen relativen Vorsprung zu gewinnen? Von
einer befriedigenden Lösung dieses Problems wird es abhängen,
ob alle Völker an den Früchten einer Automatisierung teilhaben
werden.
Ein anderes Problem, das die internationale Fachwelt interessiert, besteht darin, ob es möglich sei, in wirtschaftlich
unterentwickelten Gebieten Fabriken mit vollautomatischen Produktionsverfahren zu erstellen. Man denkt dabei besonders auch
an solche Fabrikationsanlagen, die ihren Energiebedarf aus Atomkraftwerken decken. Wenn man von der Voraussetzung ausgeht,
daß die wenigen zur Bedienung einer solchen vollautomatischen
Produktionsstätte erforderlichen Techniker vorhanden sind,
dann rückt es durchaus in den Bereich des Möglichen, die Produktion unter Umgehung eines Zwischenstadiums von der primitiven
Fertigung direkt auf den modernsten Stand zu bringen. Sofern die
erforderlichen Rohstoffe verfügbar sind und entsprechende Massenmärkte offenstehen, können solche Unternehmen sicherlich wirtschaftlich rentabel arbeiten.
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

WISTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMAT IS IERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 1)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
(

32 ZeiLen)
WASHINGTON - (AD) - Der Einfluß der Automatisierung auf die
Wirtschaft ist eine Frage, die heute die amerikanische Geschäftswelt, insbesondere aber die Klein- und Mittelbetriebe atark
beschäftigt.
Die automatisierte Produktion und ihr frühreifes Kind,
die "Automation", basiert im wesentlichen auf einer immer
stärkeren Verwendung automatischer Kontrollvorrichtungen.
Meine Firma, die "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
gehört seit 1885 zu den Herstellern solcher Maschinen und
Anlagen. Seit dieser Zeit haben wir uns um den technischen
Fortschritt auf diesem Gebiet bemüht und großen Anteil an
der schnellen Entwicklung der Automatisierung, nicht nur in
der Industrie und Landwirtschaft, sondern auch in zahlreichen
anderen Gebieten gehabt.
Wenn unsere Firma Erfolg haben soll, müssen wir also nicht
nur mit den Aufgaben in unserem eigenen Betrieb fertig werden,
sondern auch unsere Kundschaft zufriedenstellen.
Wir versuchen, mit denselben Methoden und automatischen
Kontrollvorrichtungen und -anlagen, die wir für unsere Kunden
entwickeln, auch unsere eigenen Betriebe zu automatisieren und
die Qualität unserer Erzeugnisse zu verbessern. Vor fünf Jahren
noch hatten nur drei unserer 16 Betriebe eine Belegschaft von_
über 500 Arbeitern und Angestellten - und waren somit als Kleinbetriebe anzusprechen. Selbst heute liegt die Beschäftigungszahl
von sieben unserer Betriebe unter dieser Zahl.
Der Begriff "Automatisierung" wird von mir in einem etwas
weiten Sinne angewendet. Im allgemeinen versteht man darunter
heute die ständig steigende Verwendung von immer leistungsfähigeren Maschinen und Anlagen, besonders solcher, die mit automatischen Kontrollmechanismen arbeiten. In Kreisen der Wissenschaft setzt man Automatisierung gleich mit der Verwendung von
Denkmaschinen - absolut zuverlässig arbeitenden Denkmaschinen.
Es
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1. Februar 1956

Es ist verständlich, wenn manche Kreise der Automatisierung,
angesichts des ständigen vielen Geredes über sie, mißtrauisch
gegenüber stehen. Sie als Wirtschaftler übersehen zu wollen,
wäre aber töricht.
Wenn wir uns heute mit der Automatisierung und ihrem Einfluß auf das Wirtschaftsleben beschäftigen, dann geschieht das,
weil eine größere Zahl von kapitalkräftigen Firmen dort automatische Betriebsmittel einsetzt, wo sich dies lohnt, und weil andere Unternehmen den Wettbewerb derjenigen zu spüren bekommen,
die ihre Betriebe stärker automatisiert haben.
Besonders kleinere Unternehmen müssen damit rechnen, daß
ihre Entwicklung durch die steigende Automatisierung beeinflußt
wird. Diese kleineren Betriebe stehen nun vor der Wahl, sich von
der Entwicklung überraschen zu lassen und das Feld zu räumen,
oder aber, durch ein sorgfältiges Studium der sich abzeichnenden
Entwicklung der Wirtschaft und ihres speziellen Geschäftszweiges,
den Verlauf der Dinge vorauszusehen und ihre Betriebs- und Produktionsplanung bereits heute auf die künftigen Erfordernisse abzustimmen.
Von den schätzungsweise 28 Milliarden Dollar, die die amerikanische Wirtschaft im Jahre 1955 für die Beschaffung von Betriebsmitteln ausgegeben hat, entfällt ein wesentlicher Teil auf kleinere Betriebe. Das läßt den Schluß zu, daß gerade die Klein- und
Mittelbetriebe in steigendem Maße zur Automatisierung übergehen.
Die kleineren Betriebe haben offensichtlich ein ebenso großes Interesse an der Automatisierung wie die großen Gesellschaften,
und die Banken haben sie durch die bereitwillige Gewährung von
Krediten in ihrer Absicht nur bestärkt.
Mein Thema schließt auch die Frage ein, inwieweit die Automatisierung die Wettbewerbsbedingungen der Kleinbetriebe günstig
oder ungünstig beeinflußt. Meiner Meinung nach kann und wird
der Kleinbetrieb auch in einer automatisierten Welt gedeihen,
wenn er sein Arbeitsprogramm sorgfältig genug wählt.
Ob ein Zubehörteil im Betrieb selbst hergestellt oder von
einer anderen Firma bezogen werden soll, ist für viele große
Werke eine wichtige Frage. Von ihrer Antwort hängt in jedem einzelnen Fall viel für die Kleinbetriebe ab. Hier liegt aber auch
die große Chance der kleineren Unternehmen, wenn sie sich ihrer
günstigeren Position in bezug auf Kosten und Qualität bewußt
sind.
Bei Gütern, die in großen.Serien hergestellt werden, und bei
denen Konstruktions- oder Formänderungen im Rahmen des automatisierten Prozesses vorgenommen werden können, wird der Großbetrieb
dem Kleinbetrieb gegenüber noch mehr als bisher im Vorteil sein.
Andererseits müssen gerade die Großbetriebe mit ihren hochspezialisierten und aufeinander abgestimmten automatischen Maschinen auf
große Serien bedacht sein und können kaum auf Kundenwünsche bezüglich Konstruktions- und Formänderungen eingehen. Jede Änderung
bedingt zeitraubende Umstellungen des Betriebes. Hier liegt eine
eindeutige Chance des Kleinbetriebs.
Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

1. Februar 1956

Es ist klar, daß der kleine Unternehmer angesichts seiner
beschränkten finanziellen Mittel nicht in jedem beliebigen Gebiet mit den großen Industriekolossen in Wettbewerb treten kann.
Wir lesen heute zum Beispiel viel über Transistoren und Dioden.
Wenn das, was die Ingenieure uns erzählen, zutrifft - nämlich
daß die bei der Herstellung von Halbleitervorrichtungen verwendeten Materialien bei Berührung durch die menschliche Hand jene
spezifischen Eigenschaften verlieren, auf die es gerade ankommt -, so scheint die vollautomatische Verarbeitung eine unerlässliche Notwendigkeit. Dazu sind jedoch Investitionen in Höhe
vieler Millionen Dollar unvermeidlich. Wenn ein Unternehmen diese
nicht vornehmen will oder kann, dann sollte es sich lieber ein
anderes Tätigkeitsfeld aussuchen. Einige der besten Beispiele
für die Vorteile der Automatisierung bieten heute die Zulieferbetriebe, denen sie im Verein mit einer weitgehenden Spezialisierung und Erfahrung sowie mit einem beschränkten Produktionsprogramm zu hervorragenden Erfolgen verholfen hat.
Eine der am vollständigsten automatisierten Abteilungen
der Firma Honeywell beschäftigt gleichzeitig auch die geringste
Zahl von Arbeitern und Angestellten. Gerade dieser Betrieb hat
mit einem beschränkten vollautomatischen Werkzeugpark von grundsätzlich einfacher Konstruktion und ohne große Aufwendungen ganz
hervorragende Leistungen vollbracht.
Auch auf dem Gebiet der leichtverderblichen Nahrungsmittelerzeugnisse, wie Brot, Milch, Speiseeis usw., ist der Kleinbetrieb eher Regel als Ausnahme, und doch sind diese Betriebe,
wie Sie alle wissen, gewöhnlich sehr stark automatisiert.
Außerdem hängen bestimmte weiterverarbeitende Betriebe,
besonders die Ölraffinerien und die chemische Industrie, weitgehend von hochentwickelten technischen Werkzeugen ab. Das
trifft für Groß- und Kleinbetriebe gleichermaßen zu. Ganze Arbeitsvorgänge in den einzelnen Stadien des Fabrikationsprozesses
werden hier von automatischen Meßapparaten und Melde- und Kontrollvorrichtungen überwacht.
Eine erhöhte Ausstattung der Industrie mit technischer Ausrüstung - die Automatisierung also - bietet günstige Gewinnaussichten. Wir sind auf Grund unserer eigenen Verkaufserfahrungen
überzeugt, daß dies nicht nur für Großunternehmen, sondern auch
für eine große Anzahl von Kleinbetrieben gilt, wo die Ausstattung mit technischen Ausrüstungsgegenständen eine Modernisierung
des Betriebes bewirken kann, zu einer Senkung der Preise und
gleichzeitiger Verbesserung der Qualität führt.
Hier erhebt sich nun die Frage: "Wie kann der einzelne Unternehmer sich erfolgreich der Automatisierung bedienen?' Ich
möchte den Unternehmern empfehlen, sich die Erfahrungen anderer
Betriebe zunutze zu machen, technische Berater zuzuziehen, Verbesserungsvorschläge aus den Reihen der Belegschaft zu prämieren
und sich eingehend mit der einschlägigen Fachliteratur zu befassen.
Besondere

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AR3EIT

1. Februar 1956

Besondere Aufmerksamkeit verdient die sehr sachliche Abhandlung von James R. Bright "How to Evaluate Automation" (Wie läßt
sich die Automatisierung auswerten?), die in der "Harvard Business
Review" erschienen ist. Der Verfasser zeigt darin an Hand von
Tabellen und Übersichten auf, welche Möglichkeiten die Automatisierung großen und kleinen Betrieben bietet.

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�"iilflEKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IV)
Die Automatisierung und die Klein- und Mittelbetriebe
(Teil 2)
Von Paul B. Wishart,
Präsident der "Minneapolis-Honeywell Regulator Company"
( 170 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Ich möchte bei dieser Gelegenheit
feststellen, daß die zunehmende Automatisierung voraussichtlich erhebliche Veränderungen in der organisatorischen Struktur vieler Unternehmen mit sich bringen wird.
Die Anforderungen an das berufliche Können der technischen
Angestellten werden infolge der schnellen Entwicklung in Wissenschaft und Technik in Zukunft ständig steigen. Die Verwendung
der neuesten und nur sehr schwer verständlichen Ergebnisse der
Wissenschaft und Technik bringt schwerwiegende technische Entscheidungen ganz spezieller Natur mit sich, die oftmals die
gesamte Entwicklung des Betriebes beeinflussen.
Daher wird ein auf einem bestimmten Gebiet ausgebildeter
Techniker immer weniger imstande sein, eine technische Entscheidung eines seiner Untergebenen zu beurteilen, dessen spezielles
Können auf einem anderen Gebiet liegt. Ein nicht sachkundiger
Betriebsinhaber befindet sich sogar in einem noch größeren
Nachteil. Ohne Frage muß der einzelne Ingenieur heute Entscheidungen treffen, für die eigentlich die Betriebsleitung zuständig ist, und er muß daher als Vertreter der Betriebsführung betrachtet werden, ebenso wie der Werkführer oder Vorarbeiter auf
Grund der ihm übertragenen Entscheidungen der Betriebsleitung
zugehörig betrachtet werden muß.
Nach Auffassung mancher Kreise werden bei zunehmender Verwendung automatischer Dokumentations- und ^uswertungssysteme
verschiedene neuerer Methoden der Betriebsführung wie Betriebsforschung für Fließbandplanung eine so große Bedeutung erlangen,
daß bald schon die in diesen Methoden bewanderten Fachleute die
Betriebsführer alten Stils ablösen werden.
Meiner Ansicht nach ist das eine unrealistische Vorstellung.
Die Stellung des Betriebsführers wird unter dem integrierenden
Einfluß einer gesteigerten Automatisierung einerseits kompli- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

komplizierter und andererseits allgemeiner werden. Die traditionellen Qualifikationen eines erfolgreichen Betriebsführers
werden vielmehr nach wie vor gefordert werden müssen. Die organisatorische Struktur eines Betriebes allerdings wird sich
dahingehend verändern, daß der Betriebsführer entsprechend
ausgebildete Fachleute als Berater zur Seite haben wird, die
es ihm ermöglichen, auch in hochspezialisierten technischen
Fragen die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Während zahlreiche der größeren Unternehmen bereits über
umfangreiche Stäbe kompetenter Techniker verfügen, die Automatisierungsprogramme planen und vorschlagen, können sich die
kleineren Betriebe den Luxus solcher Abteilungen nicht leisten.
Sie genießen aber einen anderen, bemerkenswerten Vorteil.
Die wachsende Zahl von Herstellern von automatischen Ausrüstun
gen sind natürlich daran interessiert, ihren Produkten einen
großen Absatzmarkt zu sichern. Nun ist es eine Tatsache, daß
die Zahl der Betriebe mit einer Belegschaft von weniger als
1000 Beschäftigten überwiegt, und daß gerade diese Unternehmen
als wichtigste Käufer der Erzeugnisse der Herstellerfirmen von •
elektronischen Geräten in Frage kommen. Sie werden daher bestrebt
sein, ihre Produktion soweit als möglich auf die Bedürfnisse
dieses Käuferkreises abzustimmen.
Ich möchte damit nicht sagen, daß automatische Ausrüstungen für alle denkbaren Betriebsvorgänge zu irgendeinem Zeitpunkt
so quasi "auf Abruf" bereitstehen werden. Doch bin ich überzeugt,
daß das Interesse der Herstellerfirmen an der Marktausweitung
zahlreichen kleinen und nicht sehr kapitalskräftigen Unternehmen
hilft, die in einem gewissen Umfange an der Automatisierung profitieren wollen, Aufwendungen für die Planung einer automatisierten Produktion zu ersparen.
Vermutlich werden wir in zehn Jahren einmal erstaunt sein,
welchen großen Auftrieb die Automatisierung durch das Angebot
von standardisierten automatischen Ausrüstungen auf dem offenen
Markt erhalten hat, die entwickelt wurden, um den auf einen
gemeinsamen Nenner gebrachten Bedürfnissen von Tausenden kleiner
und mittlerer Betriebe zu entsprechen.
Sehr wichtig ist auch die Frage, welchen Einfluß die Automatisierung auf die Qualität der Erzeugnisse ausübt. Die bisher
gesammelten Erfahrungen deuten darauf hin, daß sie unabhängig
von der Größe des Unternehmens im allgemeinen nur zu einer Verbesserung der Qualität führt. Darauf weisen sämtliche von uns
gesammelten Erfahrungen hin.
Die Konstruktion automatischer Maschinen setzt eine noch
gründlichere Kenntnis des Produkts und der Produktionsvorgänge
voraus, als sie schon der mechanisierte Betrieb erforderte. Das
bedeutet, daß dem Material, den Werkzeugen, dem innerbetrieblichen Transport und allen übrigen Einzelheiten größere Aufmerksamkeit gezollt werden muß, damit die erwarteten Abweichungen in
der automatischen Vorrichtung, dem Arbeitsvorgang oder der Art
des Betriebes voll berücksichtigt werden können.
Ich
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�"AMERIKA DIENST1' - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

Ich gebe zu, daß die Automatisierung eine Anpassung an neue
Verhältnisse nötig macht und jede Betriebsführung vor große Aufgaben stellt, und ich weiß, daß eine erhöhte Automatisierung
auch ein erhöhtes Risiko mit sich bringen wird, und zwar insbesondere auch für die kleinen Betriebe. Dies wird aber dem
Wettbewerb nur förderlich sein.'
Tn diesem Zusammenhang scheint es mir wichtig, daß sich
jeder einzelne Klein- und Mittelbetrieb darüber klar wird, von
welcher Seite ihm die schwersten Gefahren der Konkurrenz drohen.
Hier gilt es zu berücksichtigen, daß ein weitsichtiges
Automatisierungsprogramm ein einzelnes Unternehmen - fast über
Nacht - in die Lage versetzen kann, den gesamten Markt auf
seinem Produktionsgebiet in Aufruhr zu versetzen. Vor dieser
Gefahr müssen heute sämtliche Betriebe auf der Hut sein.
Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein technische
Frage, die man an irgendeine Abteilung innerhalb des Betriens
delegieren kann. Die wichtigen Fragen der Betriebspolitik werden nach wie vor von der Betriebsführung - den Besitzern oder
Direktoren - entschieden. Ich meine damit die großen grundsätzlichen Entscheidungen: die Positionsbestimmung des Unternehmens
innerhalb der eigenen Industrie, die Entscheidung darüber, ob
das Produktionsprogramm vielschichtig gehalten sein soll oder
ob man sich auf nur ein oder einige wenige Erzeugnisse beschränken soll, und ähnliches.
Angesichts dieser Sachlage scheint es notwendig, die Begriffe Statistik und Forschung neu zu interpretieren, da sie
die Zukunft eines Betriebes, des großen wie des kleinen, auf
weite Sicht bestimmen. Heute ist eine Betriebsführung gezwungen, nur alle jene Faktoren in ihre Planung einzubeziehen, die
die Entwicklung des Betriebes oder seine Existenz schlechthin
berühren.
Vieles was heute mit dem Begriff Automatisierung bezeichnet wird, ist tatsächlich nichts anderes als eine vervollkommnete Technisierung.
Ich meine den Ersatz einer Maschine oder eines Produktionsverfahrens durch eine bessere Maschine oder ein besseres Produktionsverfahren. Wenn das jedoch alles wäre, würde sich die ganze
Diskussion um die Automatisierung erübrigen.
Die Automatisierung ist weit mehr, sie ist eine gewaltige
neue Kraft, die alle Möglichkeiten zum Guten oder Bösen enthält, wie sie großen Veränderungen innewohnen.
Was wir bei der Beurteilung der Möglichkeiten, die die
Automatisierung bietet, am meisten brauchen, ist der Wille, den
Tatsachen ins Gesicht zu sehen und harte geistige Arbeit zu
leisten, um die notwendigen Gleichungen zu lösen, deren einzelne Größen die Stärke, die Schwächen, der geschäftliche Ehrgeiz
und das Bankkonto des einzelnen Betriebes sind.
Wir dürfen uns in die Frage der Automatisierung nicht von
halben Wahrheiten in die Irr« führen lassen. Man hört häufig die
Behauptung,'daß der Mensch durch die Maschine verdrängt wird.
_ ^ _
Dem

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

8. Februar 1956

Dem ist entgegenzuhalten, daß sich bisher im großen und ganzen
in jeder Industrie, die ihre Investitionen pro Arbeitsplatz erhöht hat, auch die Zahl der Beschäftigten erhöhte. Die Stahlund Automobilindustrie, die Unternehmen der Fernmeldetechnik
und die chemische Industrie bewiesen dies ganz eindeutig. So
führt der einzigartige Anstieg des amerikanischen Lebensstandards, das Ergebnis unseres Systems der freien Marktwirtschaft,
zwangsläufig zu dem Schluß, daß die Automatisierung, weit entfernt, eine Gefahr für die Industriebetriebe jeder Größe zu
sein, von wesentlicher Bedeutung für die künftige Entwicklung
unserer Wirtschaft ist.
Ihre Entwicklung ist eine evolutionäre und keine revolutionäre. Sicherlich wird der kleine Unternehmer nur selten in
den Schlagzeilen der Zeitungen als Beispiel für eine wirksame
Automatisierung genannt werden. Er wird aber auf jeden Fall
Nutzen aus der gesteigerten Betriebsleistung, den geringen Produktionskosten und den größeren Gewinnmöglichkeiten ziehen,
sofern er gewillt ist, der veränderten Lage Rechnung zu tragen.
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Automatisierung
(Teil- oder Vollautomatisierung) dazu beitragen kann, die Freise
zu senken, die Qualität der Produkte zu verbessern und auf diese
Weise mehr Waren von verbesserter Qualität auf den Markt zu bringen. Selbst die pessimistischsten Wissenschaftler bezweifeln
nicht, daß das Bruttosozialprocukt in den Vereinigten Staaten
bis zum Jahre 1965 auf 500 Milliarden Dollar steigen wird. Dies
entspricht einer Zunahme von über 30 Prozent, dem ein Bevölkerungszuwachs von 14 Prozent gegenüberstehen dürfte. Natürlich
•
ist eine solche Entwicklung des Bruttosozialproduktes nur durch
eine ständige Steigerung der Produktivität zu erreichen. Die
Automatisierung kann hierzu beitragen und sie darf deshalb,
trotz aller Probleme, die sie aufwirft, und aller Risiken, die
sie einschließt, als ein Prozeß angesehen werden, der für das
Wachstum und den Wohlstand der Vereinigten Staaten von größter
Bedeutung ist.

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�"ÜMERIKA

DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von "Automation" in Versicherungsbetrieben
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(1 .Teil)
(145 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Es ist nun etwa 4V2 Jahre her, seit das
Statistische""Bundesamt der Vereinigten Staaten die erste große
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine für die Ausführung aller
erdenklichen Berechnungen und Büroarbeiten in Betrieb genommen
hat. Heute werden die Verwendungsmöglichkeiten derartiger Maschinen nebst ihrer Zusatz-Aggregate bereits in weiten Kreisen der
Wirtschaft, insbesondere auch im Versicherungswesen, geschätzt.
Die "Metropolitan Life Insurance Company" hat beispielsweise bereits vor mehr als einem Jahr die erste derartige Maschine in Betrieb genommen. Eine Untersuchung der Gründe, die unsere
Firma zu diesem Entschluß bewogen haben, gewährt mancherlei Aufschlüsse über die vielfältigen Aspekte der Automatisierung im
Versicherungswesen.
Den Ausschlag gab wohl die Tatsache, daß Bürokräfte nur
noch sehr schwierig zu beschaffen sind, und daß in nächster Zukunft kaum mit einer Besserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt zu
rechnen ist.
Im Februar 1948 gründete die Gesellschaft eine Untersuchungskommission, um die Möglichkeit zur Verwendung elektronischer Rechen- und Buchungsmaschinen im eigenen Betrieb zu untersuchen.
Die Ergebnisse fielen so aus, daß wir im August 1953 eine erste
derartige Versuchsanlage in Auftrag gaben, die im Jahre 1954
geliefert wurde. Es handelt sich um eine Magnetband-Elektronenrechenmaschine mit Zubehör, wie Band-Lochkarten- und LochkartenBand -Übertrager, Schreibautomat und ähnliche Geräte. Die Gesellschaft entschloß sich hierzu, obwohl die Untersuchung gezeigt
hatte, daß diese Elektronengeräte noch nicht den denkbar höchsten Grad der technischen Vollkommenheit erreicht haben.
Welche Eigenschaften dieser neuen Geräte haben nun die Versicherungsunternehmen veranlaßt, sie in so kurzer Zeit in so hohem Maße in ihren Betrieb einzubeziehen? Was können sie leisten?
Und inwieweit bedingen sie Änderungen des gesamten Betriebsablaufs?
Im

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Im Versicherungswesen bedeutet die Automatisierung die
Einführung neuer elektronischer Maschinen zur Bewältigung von
Aufgaben, die bisher von Bürokräften oder Hollerithmaschinen
beziehungsweise von beiden gemeinsam ausgeführt wurden. Elektronische Geräte haben die Fähigkeit, Büroarbeiten in außergewöhnlich kurzer Zeit zu bewältigen und benötigen bei der
Ausführung selbst mehrerer Arbeitsgänge hintereinander kaum
irgendwelcher Überwachung durch Menschen.
Um die Bedeutung vollautomatischer Buchungsmaschinen im
Versicherungswesen würdigen zu können, ist es notwendig, zunächst einmal eine klare Vorstellung von normalen Betriebsablauf solcher Unternehmen zu gewinnen.
Die heutige Arbeitsweise entwickelte sich aus der durch
das ständige Wachstum der Versicherungsunternehmen bedingten
Trennung und Unterteilung der verschiedenen Funktionen innerhalb des Betriebes. Diese Methode der immer weitergehenden Unterteilung der Büroarbeit brachte das Entstehen eines vielschichtigen Systems eng miteinander verflochtener Abteilungen und Unterabteilungen mit sich, von denen jede einzelne nur einen ganz
bestimmten engbegrenzten Arbeitsbereich hat. Auf Grund dieser
Arbeitsteilung mußte fast jede Abteilung eine eigene Aktenablage einrichten, und so ist es heute nicht selten, daß ein und
derselbe Akt in zehn verschiedenen Registraturen steht. Dies bedeutet selbstverständlich gewaltige Mehrarbeit und viel Leerlauf.
Vor der Einführung elektronischer Büromaschinen war die
Mechanisierung in der Büroarbeit durch die Verwendung von "Maschinen für nur einen Arbeitsgang" - die Schreibmaschine, die
Rechenmaschine und die Hollerithmaschine beispielsweise - gekennzeichnet. Sie brachten eine weitgehende Spezialisierung
mit sich und gliederten den Arbeitsablauf in einer Weise, die
der Serienfertigung am laufenden Band vergleichbar ist. Sie
führte einerseits zu einer Senkung der Betriebskosten, erforderte aber andererseits eine große Zahl von AufSichtskräften,
um die Arbeit in den verschiedenen Abteilungen zu koordinieren und die einzelnen Abteilungen doch als ein zusammenhängendes Ganzes funktionieren zu lassen.
Um ein Beispiel aus der lebensversicherungspraxis zu geben, so muß ein Antrag auf Zahlung der Versicherungssumme bei
Fälligkeit erst einmal zur Registratur laufen, wo der erste
Antrag auf Aufnahme in die Versicherung aufbewahrt wird. Zusammen mit diesem Schriftstück geht der Akt zu der Inkassoabteilung, um die Höhe der vom Versicherungsnehmer geleisteten Beiträge festzustellen und von dort zu einer dritten Abteilung,
wo nachgeprüft wird, ob bereits irgendwelche Zahlungen auf die
Police zu einem früheren Zeitpunkt erfolgt sind und so weiter.
Erst wenn der Akt alle einschlägigen Abteilungen durchlaufen
hat, kann schließlich die Auszahlungsanweisung ausgefertigt
werden.
Wenn alle Angaben bezüglich der betreffenden Versicherung
in Elektronen-Buchungsmaschinen gespeichert sind, dann vollzieht
sich der ganze vorstehend geschilderte Prozeß in einem einzigen
Arbeitsgang, an einem Ort und zu einem Zeitpunkt. Die wichtigste
Möglichkeit, die sich deshalb für die Verwendung von Elektronen-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

Elektronengeräten abzeichnet, ist die Einführung eines zentralen automatisierten Arbeitsganges für mehrere Arbeitsgänge verschiedener Abteilungen. Somit wird die mehrfache Aufbewahrung
ein und desselben Aktes überflüssig.
Die sich hieraus ergebenden Konsequenzen werden gegenwärtig vom Versicherungsgewerbe eingehend geprüft. Die Gesellschaft
der Registraturangestellten hat hierzu bereits zwei größere
Studien fertiggestellt, die eine Fülle von Informationen zu
diesem Fragenkomplex enthalten*). Die Versicherungsunternehmen
sind bei ihren Untersuchungen zu dem Schluß gelangt, daß die
vorstehend aufgezeigten Möglichkeiten die Verwendung solcher
Maschinen bereits restlos rechtfertigen. Inzwischen haben auch
bereits mehrere Versicherungsunternehmen solche Maschinen in
Auftrag gegeben oder in Betrieb genommen.
Der Übergang von der bisher geübten Praxis auf die Verwendung von Elektronenmaschinen macht selbstverständlich eine grundlegende Reorganisierung des gesamten Betriebsablaufes erforderlich. Hierfür lassen sich nach den bisher gesammelten-Erfahrungen folgende Gesichtspunkte aufstellen:
Erstens: die Automatisierung muß auf den ganzen Arbeitsprozeß ausgedehnt werden, sie darf sich also nicht auf einzelne
Abteilungen beschränken.
Zweitens: kleinere Arbeiten müssen mit anderen zusammengelegt werden, um jenes Arbeitsvolumen zu schaffen, das erst
den lohnenden Einsatz von Elektronengeräten ermöglicht.
Drittens: die verschiedenen Aktenablagen müssen durch
eine einzige Registratur ersetzt werden, in der alle Angaben
in der für Elektronengeräte erforderlichen Form "gespeichert"
werden.
Viertens: alle zu erledigenden Arbeiten müssen in einem
Arbeitsgang durch die Elektronenmaschine bewältigt werden (wobei ein mehrmaliges Passieren etwa eines Magnetbandes durchaus
als ein Arbeitsgang anzusehen ist).
Fünftens: bei der Ausarbeitung des zu wählenden Verfahrens müssen Arbeiten wie das Aufsuchen von Akten und Angaben
sowie das aktenmäßige Erfassen des Vorganges so weitgehend wie
nur möglich durch arithmetische und logische Operationen ersetzt werden.
Sechstensj das verwendete System muß ausreichende Kontrollorgane besitzen, damit sich eine mühsame Überwachung und Fehlerkorrektur erübrigt.
Wenn diese Grundsätze befolgt werden und wenn man das Wesen
und den Sinn der bisher üblichen Methoden gebührend würdigt und
*) Der zweite der beiden Berichte wurde von der Gesellschaft
der Registraturangestellten (Society of Actuaries, 208 South la
Salle Street, Chicago 4, 111.) in gedruckter Form veröffentlicht
und kann zum Preis von 2 Dollar durch sie bezogen werden.

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�A'.'-'RIKA DIENST" - '.7IRT3CHAFT UND ARBEIT

15. Februar 1956

und berücksichtigt, dann dürfte sich die Umstellung auf elektronische
Maschinen mit Erfolg bewerkstelligen lassen.
Der letztere der beiden vorstehend erwähnten Berichte der Gesellschaft der Registraturangestellten bringt eine Übersicht über
die Pläne von acht großen amerikanischen Versicherungsgesellschaften,
die eine Umstellung auf elektronische Verfahren beabsichtigen. Die
Gesellschaften sind übereinstimmend der Auffassung, daß eine solche
Umstellung möglich und zweckmäßig sei, wenngleich angesichts der Größe
der zu bewältigenden Aufgaben bisher keine von ihnen die Umstellung
wirklich vorgenommen hat.

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (V)
Möglichkeiten von '"Automation" in Versicherungsbetrieben
(2.Teil)
Von Malvin E. Davis
Vizepräsident und Leiter der RegistraturAbteilung der "Metropolitan Life Insurance
Company" (New York)
(175 Zeilen)
NEW YORK - (AD) - Ein gut Teil des Arbeitsanfalls bei den
Versicherungsgesellschaften erwächst aus der regelmäßigen Benachrichtigung der Versicherungsnehmer bezüglich der Fälligkeit
von Beiträgen, Versicherungsleistungen sowie aus der Beantwortung
von Anfragen. Hierbei sind im wesentlichen folgende Arbeiten zu
verrichten:
Erstens: die Auswertung der Angaben der Unterlage, die den
Vorgang auslöst.
Zweitens: die Auswertung der Angaben aus den vorliegenden
Akten.
Drittens: die Bearbeitung der Auswertung,sergebnisse zur
Schaffung neuer Informationen.
Viertens: die Ausfertigung der Dokumente, die für die Ausführung der sich daraus ergebenden Transaktion
notwendig sind.
Fünftens: die aktenmäßige Erfassung der ausgeführten Transaktionen in der Registratur und Rechnungsstelle.
Y»'enn ein Versicherungsnehmer beispielsweise seine Adresse
ändert, so werden nur die Vorgänge 1 und 5 ausgelöst, bei Fälligkeit einer Versicherung müssen dagegen alle fünf Vorgänge ausgeführt werden. Andererseits entfällt für eine ganze Reihe von
Transaktionen Vorgang 1.
Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen sowie ihr Zubehör
sind universell verwendbar. Sie bearbeiten Informationen Jeder
Form, stellen Auszüge aus Akten her, kombinieren nach mathematischen und'logischen Gesichtspunkten Angaben, um neue Informationen zu schaffen, fertigen Dokumente aus und so weiter. Sie
lassen sich praktisch auf allen Teilgebieten der Büroarbeit verwenden.
Es darf jedoch nicht übersehen werden, daß es auch eine ganze
Reihe von Arbeiten gibt, für die sie nicht zu gebrauchen sind.
Dies gilt insbesondere für Arbeiten, die ihrem Wesen nach nicht
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

nicht eine Wiederholung eines einmal festgesetzten Arbeitsablaufs sind, oder die ein gewisses Maß an Urteilskraft erfordern.
Von den fünf erwähnten Vorgängen läßt sich Vorgang 3 - die
Schaffung neuer Informationen aus bekannten Angaben - am besten
mit Elektronengeräten erledigen. Gerade diese Arbeiten verursachen bei dem bisher üblichen Verfahren gewöhnlich den größten
Kostenaufwand. Die Zusatzgeräte zu den elektronischen Rechenund Buchungsmaschinen lassen sich auch mit günstigen Ergebnissen
für die Vorgänge 4 und 5 verwenden, das heißt also für die Ausfertigung von Dokumenten und für die aktenmäßige Erfassung erfolgter Transaktionen. Was Vorgang 2 angeht, so ermöglichen
Elektronengeräte hier insbesondere die Vermeidung von Doppelarbeit durch mehrfache Aktenhaltung. Für Vorgang 1, die Auswertung der Angaben aus der Unterlage, die die Transaktion auslöst, scheinen sich wenige, wenn nicht sogar überhaupt keine
Vorteile zu ergeben, mindestens nach dem derzeitigen Stand der
Entwicklung.
Insgesamt erweist sich die Verwendung von Elektronengeräten der bisher entwickelten Typen auf zwei Sektoren als nicht
befriedigend.
Als erstes ist hier die Umwandlung neu hinzukommender Angaben und Informationen in die "Sprache" und Form, wie sie Elektrunenmaschinen erfordern, zu nennen. Hier ist noch immer die
menschliche Arbeitskraft unentbehrlich. Allerdings ist die Industrie bereits dabei, sogenannte "Intelligent Readers" zu entwickeln, das sind Geräte, die gedruckten Text - etwa dem Rasterverfahren vergleichbar - erfassen, automatisch kopieren und in
die "Sprache" von Elektronenmaschinen umsetzen können.
Ein weiterer Arbeitsgang, bei dem Elektronengeräte bisher
keine wesentliche Beschleunigung des Arbeitstempos versprechen,
ist die Aussortierung eines bestimmten Komplexes von Informationen aus einer Vielzahl solcher Informationen - beispielsweise etwa das Aussortieren der Karteikarte für eine bestimmte
Police etwa aus einer Registratur mit 100 000 solcher Karten.
Doch auch hier ist die Industrie bemüht, entsprechende.«Geräte
zu entwickeln.
Die Automatisierung der Arbeitsvorgänge im Versicherungswesen wird jedoch nicht nur zu einer erheblichen Kostensenkung
fahren, sondern auch erhebliche organisatorische Umstellungen im
Betrieb erfordern. Dies wird nicht ohne Schwierigkeiten abgehen».
Von besonderer Bedeutung dürfte die Tatsache sein, daß bei
Verwendung von Elektronenrechen- und Buchungsmaschinen und ähnlichen Apparaten die gesamte Arbeit von ein oder zwei wichtigen
Schlüsselgeräten abhängt. Deshalb ist es von großer Wichtigkeit,
diese Maschinen ständig in betriebsbereitem Zustand zu halten und
eventuell auftretende Mängel raschestens festzustellen und zu beheben, um einen Stillstand des gesamten Betriebes zu vermeiden.
Da dies sehr schwierig sein dürfte, scheint der einzige mögliche
Ausweg darin zu bestehen, jeweils Austauschmaschinen in Reserve
zu halten.
Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß die Ar-*
beitsplanung für die Maschine und die Festlegung des Arbeitsab- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

Arbeitsablaufs eine sehr schwierige und zeitraubende Aufgabe
darstellt. Doch auch hier, ist die Industrie bemüht, entsprechende Maschinen und Verfahren auszuarbeiten, daß die "Arbeitsprogramme" künftig mit Hilfe elektronischer Maschinen festgelegt
werden können.
Zu der großen Abhängigkeit vom Funktionieren der Maschinen und den Schwierigkeiten der Festlegung des Arbeitsprogrammes der Maschinen kommt eine unerwünschte Abhängigkeit von bisher
ohnehin schwer zu beschaffenden Fachkräften. Zum Betrieb einer
Elektronenrechen- und Buchungsmaschine sind an sich nur zwei Arbeitskräfte notwendig; sollten sie jedoch aus irgendeinem Grunde
ausfallen, so läuft der ganze Betrieb Gefahr, ins Stocken zu geraten. Daraus ergibt sich zwangsläufig, daß eine Doppelbesetzung
der entsprechenden Positionen notwendig wird. Damit kommt ein
völlig neues Element in die Lohnpolitik, da hier nicht mehr die
Arbeit honoriert wird, die eine Arbeitskraft leistet, sondern
das, was sie gegebenenfalls zu leisten vermag.
Sehr bedenklich scheint auch die Tatsache, daß die Direktoren und leitenden Angestellten, die den Bürobetrieb überwachen,
höchstens in Ausnahmefällen mit elektronischen Geräten vertraut
sein dürften. Auf die Erfahrungen und gründlichen Kenntnisse der
Betriebserfordernisse, die gerade diese Menschen sich in Jahren
und Jahrzehnten erworben haben, kann man jedoch keinesfalls verzichten. Es besteht hier die Gefahr, daß sie, wenn es ihnen an
einem entsprechenden Verständnis für die Möglichkeiten und Begrenzungen elektronischer Maschinen mangelt, in eine unerwünschte Abhängigkeit vom rein technischen Personal kommen. Aus diesen Erwägungen heraus ist eine entsprechende Schulung des leitenden Personals eine unerläßliche Notwendigkeit.
Die Mechanisierung aller Arbeitsvorgänge ist innerhalb des
Versicherungswesens ein seit Jahrzehnten bekannter betrieblicher
Vorgang. Sie brachte eine allmähliche Verringerung des Büropersonals mit sich. Allerdings konnten, von seltenen Ausnahmen abgesehen, für jene Kräfte, deren Positionen überflüssig geworden
waren, jeweils andere Arbeitsplätze gefunden werden, die ihnen
mindestens den gleichen, wenn nicht sogar einen höheren Lohn
sicherten. Wie sich durch zahlreiche Beispiele beweisen läßt,
hat die Mechanisierung in vielen Fällen sogar zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze geführt und vielen Angestellten eine höhere gehaltliche Einstufung eingebracht. Bei der Automatisierung scheint
sich eine ähnliche Entwicklung anzubahnen.
Solange man auf Seiten der Arbeitgeber den Grundsatz anerkennt, daß man für überflüssig werdende Arbeitskräfte entsprechend neue Arbeitsplätze schaffen muß, und daß dadurch entstehende Mehrkosten in der Praxis dem Kaufpreis der Maschinen zuzuschlagen sind, wird die Umstellung auf den automatischen Betrieb keine ernste Situation auf dem Arbeitsmarkt heraufbeschwören. So betrachtet, ist die Automatisierung praktisch nur ein
weiterer, wenn auch sehr folgenschwerer Schritt der Mechanisierung, die schon seit Jahrzehnten betrieben wird.
Zusammenfassung
Die Automatisierung kann im Versicherungswesen als die Verwendung von Maschinen zur automatischen Erledi0ung sämtlicher

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

22. Februar 1956

sämtlicher Arbeitsgänge aufgefaßt werden. Sie bedingt eine Reorganisation des gesamten Betriebes, in deren Zug sich die Zahl
der verschiedenen Abteilungen erheblich verringern läßt. Nerventötende Routinearbeiten werden dem einzelnen abgenommen werden
können. Pas Ergebnis der Automatisierung im Versicherungswesen
dürfte eine erhebliche Einsparung an Betriebs- und Verwätungskosten und damit eine Senkung der Beitragsleistungen sein. Sie
wird auch eine erhebliche Entlastung des stark angespannten Arbeitsmarktes mit sich bringen.
Die Anpassungsfähigkeit eines mit elektronischen Maschinen
ausgestatteten Unternehmens an die sich ändernden Geschäftserfordernisse ist wesentlich größer als bei einem nach alten Verfahren arbeitenden Betrieb. Der derzeitige Betriebsablauf, der
mehr oder weniger dem Fließbandverfahren gleicht, ist seinem
ganzen Wesen nach ziemlich starr, da jede Änderung des Verfahrens eine entsprechende Umschulung von Hunderten, wenn nicht
sogar Tausenden von Arbeitskräften erfordert. Da elektronische
Geräte nur ganz wenig Bedienungspersonal benötigen, wird eine
Betriebsumstellung viel einfacher und rascher vor sich gehen
können. Die bisherigen Erfahrungen, die die "Metropolitan Life
Insurance Company" in rund eineinhalb Jahren mit dem Betrieb von
elektronischen Rechen und Buchungsmaschinen sammeln konnten,
waren sehr befriedigend. Gegenwärtig arbeiten diese Maschinen in
zwei Schichten. Die Kosten für den Betrieb mit elektronischen
Geräten sind etwa nur halb so hoch wie die'bei der Verwendung moderner Hollerithmaschinen. Die Gesellschaft hofft, daß sie schon
in Kürze das Arbeitstempo der Elektronenmaschinen verdoppeln
kann, so daß sich die zweite Schicht erübrigt.
Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten begünstigt die Umstellung vom mechanisierten auf den automatisierten Betrieb. Die Verknappung von Bürokräften einerseits
und die starke Expansion der Industrie andererseits schaffen
denkbar günstige Voraussetzungen.
Elektronische Rechen- und Buchungsmaschinen können praktisch sämtliche Arbeitsgänge an einem Ort und gleichzeitig sowie in jeder gewünschten Kombination und Variante bewältigen.
Ihre Verwendung erfordert jedoch höchstes fachliches Können und
eine geistige Wendigkeit, wie sie hisher praktisch nur von wissenschaftlich geschultem Personal verlangt wurden.
Angesichts des Gesagten dürfte es kaum verwundern, daß sich
gerade die Versicherungsunternehmen besonders für die Möglichkeiten der Verwendung elektronischer Geräte interessieren. Sie
sind sich dabei durchaus im klaren, daß es noch viele Schwierigkeiten zu überwinden gilt, ehe die Möglichkeiten, die diese Maschinen bieten, voll ausgeschöpft werden können. Sie unterschätzen die Probleme, die die Umstellung des Betriebes auf automatische Verfahren mit sich bringt, keineswegs. Sie wissen aber auch,
daß ihnen die Automatisierung, sobald erst einmal das Entwicklungsstadium überstanden ist, eine erhebliche Verbesserung der
Arbeit im Betrieb und des Dienstes am Kunden gestatten wird.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb")
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29. Februar 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (VI)
Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
,
(Teil I)
l 120 Zeilen)
WASHINGTON - (.aD) - Jedes publizistische Unternehmen erstrebt
eine möglichst weitgehende Verbreitung seines Druckerzeugnisses in
Form von Wort und Bild. Der Erfolg hängt wesentlich von der Schnelligkeit ab, die aber nicht die vom Leser und Anzeigengeber erwartete Qualität hinsichtlich des Druckes und der redaktionallen Zusammenstellung beeinträchtigen darf. Wenn man die für eine Veröffentlichung vorgesehenen Nachrichten und Artikel und die aufgegebenen Annoncen als das Eingabematerial bezeichnet, die Funktionen der Redaktion, Auswählen, Umschreiben und Aufteilen, mit
der Tätigkeit einer auswertenden Rechenmaschine gleichsetzt und
die gedruckte und ausgelieferte Zeitung als das Ausgan^smaterial
definiert, dann ist das publizistische Gewerbe hauptsächlich ein •
Dokumentationsbetrieb. Das heißt mit anderen Worten, daß das
publizistische Erzeugnis nicht in Tonnen Papier und Kanister
Druckerschwärze gemessen werden kann, sondern als die Summe von
Informationen. Eines sei hier von vornherein klargestellt, nämlich daß die Funktionen der Redaktion wohl immer von Menschen
ausgeübt werden müssen und sollen.
Ein genaues Studium der periphären Tätigkeiten eines publizistischen Betriebs, nämlich die Absatzförderung, die Abonnentenwerbung, der Verkauf von Platz für Werbezwecke und die Massenproduktion und -Verteilung der fertigen Zeitschrift, zeigt sofort,
daß die Verhältnisse hier völlig anders geartet sind. Hier müssen
wir mit unseren Überlegungen ansetzen, wie wir das Verhältnis
zwischen Arbeitsstunden pro Kopf und Arbeitsstunde pro Maschine
noch besser gestalten können, damit wir ein besseres Erzeugnis
zu einem niedrigeren Preis herstellen und verteilen können.
Die Material- und Herstellungskosten, die bei der Erzeugung
und Verteilung einer wöchentlich erscheinenden Zeitschrift mit
hoher Auflage entstehen, sind mit der größte Unkostenfaktor im
Zeitschriften-Betrieb. Der Erfolg einer Zeitschrift hängt weitgehend von folgenden Gesichtspunkten ab: Kosten, Qualität,
Schnelligkeit und Aktualität. Nichts ist wertloser als beispiels- 1 -

�"iiMERIfct IIENST" - WIRTSCHAFT UNI ARBEIT

29- Februar 1956

beispielsweise ein Nachrichtenmagazin, das nicht aktuell ist und
über alle wichtigen Geschehnisse berichtet.
Man bemüht sich allenthalben bereits um die Entwicklung
schnellerer und vielseitigerer Druckmaschinen, automatischer
Falz- und Bindemaschinen, die Herstellung besseren und billi-r
geren Papiers und einer schnelleren und qualitätsmäßig verbesserten Klischierung. Die immer weitergehende Verwendung von
automatischen Kontrollvorrichtungen für Schnellpapiermaschinen,
Pressen und Bindemaschinen ist eine heute bereits feststehende
Tatsache. Hiervon darf man sich wesentliche Verbesserungen hinsichtlich der Qualität, der Kostenrechnung und der Schnelligkeit
versprechen. Die Herstellung eines Krückstockes, das Setzen, Umbrechen der Seiten und Zusammensetzen der Bogen verschlingt noch
viel Zeit und verursacht relativ hohe Kosten. Die Lösung dieses
Problems liegt in einer Presse, die automatisch für den Druckvorgang durch eine Beschickung mit Daten vorbereitet werden
kann, so daß die Presse sozusagen von vornherein weiß, was gedruckt wird. Darüber hinaus müssen aber noch Mittel und Wege
gefunden werden, um das redigierte-Druckmateriäl in eine Form
zu bringen, daß man es auf elektrischem Wege übermitteln und
sofort in die Presse geben kann.
Vielleicht wird die Richtung, in der sich die Entwicklung
aller Wahrscheinlichkeit nach bewegen wird, noch deutlioher,
wenn wir hier einmal ein Idealsystem - so wie wir es eines Tages erhoffen - beschreiben. Es soll auf Produktionsverfahren
fußen, die teilweise bereits heute angewandt werden, teilweise
erst in unserer Vorstellung existieren, dabei aber durchaus im
Bereich des Möglichen liegen.
Das zum Druck eingehende Material (Werbetexte, Annoncen,
Nachrichten, Leitartikel und andere Artikel) wird bis zur Umbruchkorrektur fertiggestellt. Der Korrekturbogen entspricht genau
der Zeitschrift, wie sie dem Leser ausgeliefert wird. Nachdem
die Redaktion ihre Billigung erteilt hat, gern- dieser Bogen zur
Produktionsabteilung. Hier wird er in Analogzeichen oder Digitzahlen umgesetzt und allen Druckhäusern übermittelt. Diese müssen
das Material speichern, um etwaige Fehler, die bei der Weiterverarbeitung auftreten, berichtigen zu können. Gleichzeitig
wird das Material in einen Umsetzungsmechani'smus geschleust,
von wo aus die Pressen für den Druck vorbereitet werden. Nachdem die Druckmaschinen vorbereitet sind, kann der eigentliche
Druckvorgang beginnen. Nach-Abschluß des Druckvorganges werden
die "Gedächtnisse" oder Druckzylinder der Pressen getilgt und
damit die Maschinen wieder für den nächsten Druckauftrag frei.
Es liegt auf der Hand, daß die heute üblichen Methoden der
Vorbereitung der Druckplatten für Hoch-, Flach- und Tiefdruck-,
pressen für ein solches System ungeeignet sind. Die Druckereitechnik macht jedoch in der Verwendung der neuesten Erkenntnisse der Elektrostatik, Elektromagnet.ik und Elektrochemie so
große Fortschritte, daß man sich ruhig in Spekulationen über
die zukünftige Entwicklung ergehen kann.
Wenn

�"AMERIKA LIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

29- Februar 1956

;.enn diese Möglichkeiten erst einmal Realitäten geworden sind - und wir sind fest davon überzeugt, daß dies bald
schon der Fall sein wird-, dann wird das, was wir heute unter schneller Herstellung und Verteilung verstehen, wie ein
Schneckentempo anmuten. Freilich ist es durchaus wahrscheinlich, daß die Zahl der Druckereien, die am Ausdruck einer
Zeitung oder•Zeitschrift beteiligt sind, erheblich steigen
wird, damit der Leser auch wirklich in den Genuß der Zeitverkürzung zwischen Redaktionsschluß und Auslieferung kommen
kann.
Obwohl die Frobleme, die beim Druok und der Auslieferung
einer Zeitschrift auftreten, eher in das Gebiet der automatisierten Erzeugung als in das Gebiet der Dokumentation mit mechanischen Mitteln fallen, sollen hier jedoch beide Aspekte
behandelt werden, da sie für den Herausgeber einer Zeitschrift
gleichermaßen wichtig sind. Wenden wir uns daher nunmehr der
betriebstechnischen und kaufmännischen Seite in dem Bestreben
zu, eine Auflagenerhöhung durch einen vermehrten Absatz herbeizuführen und den Kreis der Abonnenten weiter zu ziehen.
In beiden Fällen würde sich die Verwendung von Maschinen der
automatischen Dokumentation sehr günstig auswirken, wobei zu
bemerken ist, daß die Kostenfragen hier eine wesentlich bedeutendere Rolle spielen als technische Frobleme.
Y.enn man vom Beispiel der Zeitschriften "Time" und "Life"
ausgehen darf, so ist zu sagen, daß die Anstrengungen, eine
Auflagenerhöhung herbeizuführen, auf einen vermehrten Umsatz
an Kiosken, in Buchläden und eine Vermehrung der festen Abonnenten £erichtet sind. Der Verkauf an Kiosken gehört mit zu
den wichtigsten Problemen des Vertriebs. Eine Verkaufssteigerung wird allgemein durch zweierlei .arten der Werbung erreicht: einmal durch Nutzung der Mittel der Masseninformation, wie Radio, Fernsehen, Film und Fresse, und zum anderen
durch ein individuelles Ansprechen potentieller Käufer in
Form von Briefen. Hier nun erschließen sich zahlreiche Möglichkeiten für die Verwendung automatischer Dokumentationsmaschinen.

(Teil II folgt in Nr. 10/C vom 7.3.1956)
* * * * * *

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�"Al/.ERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VI )

Die Automatisierung im Zeitungsvertrieb
Von Nathaniel Bishop
Stellv. Forschungsdirektor der Springdale
Laboratories Div. "Time Incorporated"
(Teil

II)

( 125 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Werbung neuer Käufer durch Postsendungen
setzt voraus, daß man im Besitze einer Adressenliste ist. Schnell arbeitende Dokumentationsapparate würden es ermöglichen, im .Sinne der
Werbung wirksamere Listen zusammenzustellen, indem sie nämlich von
vornherein jene Kreise ausschlössen, die auf Grund vorliegender Forschungsergebnisse gar nicht als potentielle Käufer anzusprechen sind.
Zugleich könnten hier mühelos jene Personen aus der Liste ausgeschieden werden, die bereits feste Abonnenten sind. Das würde bedeuten, daß
die Zahl der von vornherein aussichtslosen Werbesendungen erheblich
kleiner wird und der Werbeaufwand pro neuen Abonnenten wesentlich günstiger zu liegen käme als heute.
Im Falle des Absatzes an Kiosken und in Buchläden ist es durchaus
denkbar, daß das verzwickte Problem der richtigen Verteilung bei Vermeidung von Unter- oder l'berbelieferung durch eine weitgehende Verwendung
automatischer Dokumentationsmittel gelöst werden kann. Ob dabei alle
Einzelhändler individuell erfaßt werden müssen oder nur die Grossisten
in den einzelnen Vertriebsgebieten, ist eine nicht so absolut wichtige
Frage; entscheidend allein bleibt, daß man zu einer Verteilerliste kommt,
die einen möglichst hohen Absatz bei einer möglichst geringen Zahl von
Remittenden garantiert. Zu beachten sind in diesem Falle ferner die
nicht unbedeutenden jahreszeitlich bedingten Absatzschwankungen. Die
Bevölkerungszahl von Nantucket Island (Badeort) schwankt zum Beispiel
während der Sommersaison zwischen 350^) und 35 000. Das sind ungefähr
die Schwankungen, die ein Dokumentationsapparat in den Versandlisten erfassen müßte, und je umfangreicher die verwendbaren Angaben sind, um so
erfolgreicher wird diese Arbeit sein.
Die
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�"AMERIKA DI EH ST" - '.VIRTSC HAFT UND ARBEIT

7. März 1956

Die weitaus größte Zahl der Kaufer von "Time" und "Life" sind feste
Abonnenten. Inwieweit der Kunde wirklich befriedigt wird, hängt nicht
nur von der journalistischen Qualität des

Erzeugnisses(sondern auch

davon ab, wie schnell dieses Erzeugnis an jeden vom Kunden gewünschten
Ort ausgeliefert werden kann. In einem weiteren Sinne handelt es sich bei
Presseunternehmen bei der Erfüllung der Abonnentenwünsche um eine Dokumentationsarbeit großen Ausmaßes.
Das Interesse an weiteren Verbesserungen ist deshalb so groß,
weil wir uns von einer technisch verfeinerten Anlage der mechanischen Dokumentation ein wesentlich günstigeres Verhältnis zwischen
Arbeitsstunde pro I.Iann und Arbeitsstunde pro Maschine erhoffen. Ein
günstigeres Verhältnis würde bei gleichbleibenden Kosten einen besseren
und schnelleren Kundendienst bedeuten. Bisher lagen jedoch die Kosten
für die Beschaffung und Verwendung elektronischer Maschinen viel zu
hoch. Der Grund hierfür ist in dem Umstand zu suchen, daß mit den bisher
erhältlichen elektronischen Anlagen die Aufgaben, die ein zufriedenstellender Kundendienst mit sich bringt, nicht bewältigt werden können.
Das wird verständlich, wenn wir einmal den Aufgabenbereich der
Vertriebszentrale von "Life" und "Time" in Chicago näher untersuchen.
Es werden hier täglich zwischen 30 000 und 80 000 Postsendungen geöffnet
und registriert. Der größte Teil dieser Postsendungen stammt von neuen
oder alten Abonnenten. Die Kartei der 7 Millionen Abonnenten der Zeitschriften "Time", "Life" und "Sports Illustrated" müssen ständig auf dem
laufenden gehalten werden. Jede Woche werden für die drei Hauptverteilstellen 7 Millionen Klebeadressen gedruckt und ausgeliefert. Unter Anleitung der 7/erbeabteilung werden darüber hinaus wöchentlich rund eine
Million V/erbe Sendungen gedruckt und versandt. Eine weitere Aufgabe
dieser Stelle ist es, die Konten der alten und neuen Abonnenten laufend
zu überwachen und Statistiken für die V/erbe- und Rechnungsabteilung sowie
die Redaktion auszuarbeiten.
In diesem Falle wären die Posteingänge als Eingabematerial zu bezeichnen. Sie müssen allerdings erst in eine für das kodifizierte Registratursystem verwendbare Form gebracht werden. Da die Verlagsleitung
nun aber keinen Einfluß darauf hat, in welcher Form der Kunde seine
Wünsche vorbringt, müssen alle Eingänge sofort in entsprechende Symbole

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�"ALIERIKA DIEUST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

7. März 1956

Symbole übersetzt v/erden. Heute werden die Posteingänge geöffnet, gelesen, nach Sachgebieten sortiert und anschließend alle darin enthaltenen
Angaben von 70 Locherinnen auf Lochkarten übertragen. Diese Leute arbeiten sehr angestrengt, da sie mit dem Tempo der Posteingänge unbedingt
Schritt halten müssen.
Da Lochkarten nur eine begrenzte Speicherkapazität haben und
die Geschwindigkeit in der Bearbeitung von Lochkarten und Unterlagen
in der Registratur nicht unbegrenzt zu steigern ist, müssen wir gegenwärtig mit zwei Ablage- und Registratursystemen arbeiten. Es lohnt sich
daher, einmal die Aussichten näher zu untersuchen, die eine Einführung
automatischer Dokumentationsmittel verspricht.
Wir gehen bei unseren Betrachtungen von der Annahme aus, daß eine
Registratur mit gegenwärtig 7 Millionen und später 10 Millionen Aktenvorgängen für den Betrieb erforderlich ist. Für unsere Zwecke genügen 200
Symbole pro Aktenvorgang. Der Aktenumschlag pro Jahr beträgt gemessen
am Gesamtbestand der Registratur 112 Prozent. Um einen Akt zu bearbeiten,
muß das gesamte Lochkartenmaterial durch die Maschinen laufen. Die Einführung von mechanischen Dokumentationsmitteln lohnt sich deshalb nur,
wenn dadurch sichergestellt wird, daß nur noch jene Aktenstücke bearbeitet werden müssen, die wirklich einer Bearbeitung bedürfen. Die Lösung für dieses Problem liegt unserer Ansicht nach in der beschleunigten
Entwicklung eines für die Eingäbe auf die einfachste Formel gebrachten
leistungsfähigen Speichersystems. Mit einem solchen System ließe sich bei
dem heutigen Stand der Elektronentechnik bereits eine Methode zur Bewältigung unserer Aufgaben entwickeln, die uns unsere Arbeit wesentlich
erleichtern würde. Es Wäre dann nicht mehr notwendig, den täglichen
Arbeitsablauf nach Sachgebieten geordnet anzusetzen; die Post könnte
dann einfach in der Reihenfolge des Eingangs aufgearbeitet werden.
Derartige maschinelle Dokumentationsmittel haben für uns nur dann
einen Zweck, wenn die Speicherkapazität groß genug, ein schneller Zugang zu den einzelnen Vorgängen gesichert und eine Höhe der Betriebskosten gewährleistet ist, die ein wirtschaftliches Arbeiten ermöglicht.
Für uns genügt ein Speichersystem, mit dem man wöchentlich 250 000 Abonnenten erfassen kann, wobei pro Abonnent 200 Symbole und für die V/ahl
eines Aktenvorganges höchstens 5 Sekunden veranschlagt sind. Wir sind der

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

p

7. März 1956

der Auffassung, daß sich solche Dokumentationsmittel herstellen lassen,
«nd daß sich wirtschaftlich mit ihnen arbeiten läßt.
Wir sind um so mehr davon überzeugt, weil die "Time Incorporated"
in ihren Springdale-Laboratorien bereits Versuche durchführt, die darauf
abzielen, einen Prototvp solch eines Gerätes zu entwickeln und seine
Leistungsfähigkeit im Chicagoer Verlagshaus unter Beweis zu stellen.
Außerdem unterstützen wir die Bemühungen eines anderen Laboratoriums,
das sich zwar mit dem gleichen Problem befaßt, es aber von einer anderen
Seite her lösen will. Dies alles schließt aber nicht aus, daß wir auch
andere Lösungen in Betracht ziehen würden, sofern sie technisch vernünftig und wirtschaftlich tragbar erscheinen.
Nicht nur ein Redakteur muß ein ausgeprägtes Gefühl für die menschlichen Probleme haben, sondern auch der Techniker. Wenn wir uns um eine
Verbesserung des Verhältnisses zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde pro Maschine bemühen, dann dürfen wir uns nicht von einer vielleicht
im Augenblick eintretenden Verdrängung von Arbeitskräften täuschen lassen,
••Odern müssen auf längere Sicht hinaus planen. Bei einer sachlichen
Analyse dieses Fragenkomplexes zeigt sich nämlich, daß die Einführung
automatischer Dokumentationsmittel wesentlich zur Stabilisierung des
Arbeitsmarktes gerade in jenen Industrien führen kann, deren Ausstoß
stärkeren Schwankungen unterworfen ist. Rein menschlich gesehen ist es
doch besser, wenn Maschinen nicht voll ausgelastet sind, als wenn Arbeiter
in Zeiten eines schlechten Geschäftsganges entlassen werden müssen. Und je
günstiger das Verhältnis zwischen Arbeitsstunde pro Mann und Arbeitsstunde
pro Maschine ist, desto stabiler wird die Lage. Warum also das Sträuben
gegen eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten läßt? Die industrielle
Revolution hat immer weiteren Bevölkerungskreisen einen Lebensstandard geibracht, wie wir ihn in der ganzen Geschichte der Menschheit nicht kennen. Die
Automatisierung des Produktionsprozesses wird diesen Kreis noch weiter
ziehen und den Lebensstandard noch höher heben, und damit verspricht sie
uns größere soziale Gerechtigkeit und Sicherheit als je zuvor.
(Dieser Artikel wurde stark gekürzt. Auf Wunsch kann der volle Wortlaut
zur Verfügung gestellt werden)
Nächster Artikel dieser Serie:
"Die Automatisierung in der Stahlindustrie"
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März

1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VII)

Die Automatisierung in der Stahlindustrie
Von W» K. Scott, leitender Ingenieur der
Columbia-Geneva Steel Division der United States Steel Corporation
San Francisco (Kalifornien)

( 200 Zeilen)
„AJHINGTON - (AD) - Bei einem Rückblick auf die Entwicklung der
Stahlindustrie in den letzten Jahrzehnten fällt sofort ins Auge, daß
hier seit dem Jahre 1920 erstaunliche Veränderungen eingetreten sind.
Die Arbeitslast des Arbeiters ist ständig geringer geworden; komplizierte und teure Maschinen verrichten heute, einzeln oder in Gruppen
zusammengefaßt, die schwere und ermüdende Arbeit, die dem Arbeiter der
Stahlindustrie aus den früheren Jahren noch bekannt ist. Heute hat
der Arbeiter eine kürzere Arbeitszeit, verdient im Durchschnitt etwa
dreimal soviel wie früher, und sein Lebensstandard ist erheblich höher,
da er hochwertige Waren in erstaunlicher Auswahl zu geringeren Preisen
kaufen kann.
Wie war dies möglich? Erstens durch die einzigartige amerikanische
Art, den Wunsch, mehr und bessere Waren bei geringerem Kostenaufwand
herzustellen. Zweitens dank dem amerikanischen Erfindergeist in Verbindung mit einem ausgeprägten Sinn für das Praktische, der zuverlässig
arbeitende automatische Maschinen erfand und damit die feste Grundlage für die Automatisierung der Betriebe legte, auf der wir heute
weiterbauen.
Diese Entwicklung hat im Laufe der Zeit mancherlei Namen, wie
Mechanisierung, automatische Bedienung, vollautomatische Fließbandfertigung und so fort erhalten. Diese sich überschneidenden Begriffe
werden jeweils sehr umfassend verstanden, Wenn man diese Begriffe
miteinander vergleicht, so kann man erkennen, wie sich im Laufe der
Jahre eine immer umfassendere Konzeption dessen herausgebildet hat,
was wir heute als "Automatisierung" bezeichnen. Die Probleme der einfachen Mechanisierung des Arbeitsprozesses sind weitgehend gelöst;
heute sind es die erstaunlichen Möglichkeiten der Automatisierung
der Betriebe, die die Phantasie der fortschrittlich denkenden Menschen
beschäftigen.
Wie die meisten derartigen neuen Entwicklungen, hat man auch
hier zunächst einmal jeden Fortschritt als einen revolutionären Umschwung bezeichnet. Rückschauend darf aber wohl gesagt werden, daß
der evolutionäre Charakter des Übergangs von der Handarbeit zur
mechanischen Fertigung und nunmehr zum automatischen Betrieb ganz
eindeutig ist.

In
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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

In der Stahlindustrie waren diese Bemühungen zu einer Verbesserung
der Qualität und Steigerung der Produktivität in der Anfangsphase dieser
Entwicklung auf die Mechanisierung gerichtet, das heißt die Übertragung anstrengender Arbeiten auf Maschinen. Der nächste logische Schritt
war dann die "automatische Bedienung", bei der eine Maschine so gebaut
ist, daß sie mehrere eng miteinander verknüpfte Arbeitsgänge hintereinander ausführt. In jüngster Zeit ging man dann zur "kontinuierlichen
Fließbandfertigung" über. Hier nun sind mehrere automatische Maschinen
durch automatisch arbeitende Transportbänder, Kräne und ähnliche Produktionshilfen miteinander verbunden, die das V/erkstück von Maschine zu
Maschine weiterleiten. Vielfältige elektronische Geräte haben jene
mannigfaltigen Kontrollfunktionen übernommen, die einstmals der Mensch
mit seinen Sinnesorganen ausübte.
Die vollautomatische Fließbandfertigung in den Stahlwerken war
das geeignete Mittel zur Erhöhung des Produktionstempos und zur Verbesserung der Qualität. Sofern allerdings Te^mpo und Exaktheit der Arbeit nicht richtig aufeinander abgestimmt oder diese Abstimmung nicht
auch beibehalten werden konnte, erwies sich die vollautomatische Fließbandfertigung meist als eine Methode, große Mengen Ausschuß zu produzieren. Da die Bedienung der Maschinen vom Personal bei "Entscheidungen"
und im "Handeln" sowohl Schnelligkeit als auch•Exaktheit verlangt und
die Beibehaltung der genauen Abstimmung große Aufmerksamkeit erfordert,
besteht hier die Gefahr, daß sich die Arbeitslast für den Arbeiter
sogar erhöht. Der kritische Punkt war erreicht, wenn die Leistung der
Maschine das Reaktionsvermögen des bedienenden Arbeiters übertraf, so
daß dieser die Abstimmung nicht mehr rasch genug vornehmen konnte und
damit erhöhter Anfall von Ausschuß auftrat. So ging man dazu über, auch
die bisher den Menschen vorbehaltenen Funktionen der Überwachung und
Abstimmung der Maschine gleichfalls durch automatische Vorrichtungen
zu ersetzen. Damit wurde dem bedienenden Arbeiter eine Reihe rasch zu
treffender Entscheidungen abgenommen, so daß er seine ganze Kraft und
Aufmerksamkeit auf die schwierigen Entscheidungen konzentrieren konnte,
die Urteilsvermögen und verstandesmäßige Überlegungen erfordern. Und
damit sind wir bei der "Automatisierung" angelangt, wie wir sie heute
verstehen, das heißt bei einem Betriebsablauf, bei dem sich Maschinen
oder Gruppen von miteinander gekoppelten Maschinen in einem fortlaufenden Produktionsprozeß selbst nach einem vorher festgelegten elastischen Schema bedienen, und dabei gleichzeitig imstande sind, sich
selbst in ihrer Arbeit zu korrigieren, wenn ihre Kontrollorgane eine
Abweichung feststellen.
Daher ist die Automatisierung etwas viel Umfassenderes als die
einfache Ersetzung der menschlichen Arbeitskraft durch Maschinen.
Heute gibt es in der Stahlindustrie Maschinen, die so konstruiert
sind, daß sie wie der Mensch ständig den Produktionsprozeß verfolgen,
Vergleiche anstellen, Routine-Entscheidungen treffen und notfalls
Korrekturen vornehmen, sofern irgendwelche Abweichungen von der Norm
eintreten. Das entscheidende Merkmal der Automatisierung ist, daß eine
Maschine durch eine andere kontrolliert wird. Durch diese Kontrolle
werden die verschiedenen Funktionen wie Materialbereitung, Einrichten
der .Maschinen, Überwachen sowie die Sammlung und Verarbeitung statistischer Daten unter Umständen in einem einzigen Arbeitsgang zusämmenge-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

14. März 1956

In modernen, vollautomatisierten Warmwalzwerken wird der Stahl
in einem durchgehenden Prozeß entzundert,kalt reduziert, zwischengeglüht, angelassen und abgeschert. Das Walzgut wird nicht mehr plattenweise bearbeitet, sondern durchläuft den Prozeß als ein unendliches
Band. Eine solche V/alzenstraße bearbeitet je Schicht 10 000 t Stahl,
wobei für die Bedienung der Öfen und der V/alzenstraße, von den Rohlingen
bis zum fertigen Stahlblech also, nur 25 bis 28 Arbeiter und Techniker
erforderlich sind. Die Dicke des Walzgutes wird an mehreren Stellen
röntgenographisch gemessen und am Steuerpult registriert; ein mit
infraroten Strahlen arbeitendes Meßgerät kontrolliert laufend die
Breite des Walzstromes und stellt sicher, daß die zulässigen Toleranzen
nicht überschritten werden. Eine Fernsehanlage am Rolltisch läßt die
jeweilige Position des Walzgutes und eventuelle Verwindungen sofort
erkennen, so daß Verstauchungen an den Bandführungsrollen vermieden
werden.
Die Automatisierung kann für die Lösung von mindestens zwei Problemen, denen sich die Stahlindustrie heute gegenüber sieht, von entscheidender Bedeutung sein: Senkung der Produktionskosten je Werkstück
auf ein Minimum bei gleichzeitig größtmöglicher Verbesserung der Qualität.
Da andere Baumaterialien auf dem Markt mit Stahl konkurrieren,
gilt es die Produktivität der Stahlwerke noch weiter zu steigern, um
die Gestehungskosten so niedrig wie möglich zu halten. Hierbei erweist
sich die Automatisierung als ein wertvolles Instrument, da die Produktivität einer Gruppe von Maschinen durch die Automatisierung beträchtlich erhöht werden kann, ohne daß dem Bedienungspersonal eine wesentliche körperliche oder geistige Mehrbelastung erwächst.
Darüber hinaus ist eine weitere qualitative Verbesserung der
Erzeugnisse der Stahlindustrie auch im Hinblick auf die steigenden
Ansprüche der Abnehmer unbedingt erforderlich, die ihrerseits wieder
eine Folge des ständigen technischen Fortschritts in der Verwendung
von Stahlprodukten ist. Auch hierbei erweist sich die Automatisierung'
als ein vorzügliches Hilfsmittel. Denn der vollautomatisierte Betrieb
bietet eine größere Gewähr für gleichbleibend hohe Qualität der Erzeugnisse, da der Mensch mit all seinen Schwankungen und seiner Unzulänglichkeit als Kontrollorgan weitgehend entfällt. Die Uniformität der Erzeugnisse wird durch die vollkontinuierliche Bandstraße verbessert, da
bei gleichbleibendem Tempo und dem daraus sich ergebenden gleichmäßigen Materialstrom die Abstimmung auf die verschiedenen Komponenten des
Bandes und damit genauere Ergebnisse gesichert werden können. Eine
sich wiederholende derartige Angleichung dürfte die Wahrscheinlichkeit
eines kontinuierlichen Ausstoßes uniformer Erzeugnisse noch erhöhen.
Die Automatisierung begünstigt einen grundlegenden Wandel in der
Stahlindustrie. Bis vor kurzem wurde die Qualität der Stahlerzeugnisse
und in geringerem Grade auch das Produktionstempo durch das Können und
die Urteilsfähigkeit des einzelnen Arbeiters bestimmt. So kam es, daß
vollkommen gleiche Maschinen eyie verschieden hohe Produktivität aufwiesen. Und ebenso schwankte die Qualität der Erzeugnisse je nach der

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14. März

1956

der Geschicklichkeit des bedienenden Arbeiters. Heute wird die Herstellung bei zahlreichen Stahlwaren mehr und mehr zu einem Wissenschaft*
liehen denn handwerklichen Prozeß. Gerade darin dürfte der stärkste
Einfluß der Automatisierung auf die Industrie bestehen. Wo Produktivität und Qualität im wesentlichen vom handwerklichen Können abhängen,
wird der Fertigungsprozeß uneinheitlich sein, da er in erster Linie
vom Menschen und dessen schwankendem Arbeitstempo und Können bestimmt
wird. Hier kann sich die Automatisierung als ein wertvolles Werkzeug
erweisen, indem sie den Produktionsprozeß zu einem wissenschaftlichen
Verfahren macht, bei dem die Normen hinsichtlich Tempo und Qualität
vorher festgesetzt und ständig beibehalten werden können.
Für den rentablen Betrieb vollkontinuierlicher Bandstraßen ist
es von entscheidender Bedeutung, daß der Stillstand von Haschinen,
insbesondere der nicht beabsichtigte Stillstand, auf einem Minimum
gehalten wird. Die Maschinen und Anlagen müssen so konstruiert sein,
daß jeder Arbeiter mit durchschnittlichem Können in der Lage ist,
sachgemäße Reparaturen vorzunehmen. Das hierfür erforderliche Können
solLte mit nicht allzu großem Aufwand an Zeit, Kosten und Anstrengung
auf Seiten sowohl des einzelnen Arbeiters als auch des Unternehmers
erworben werden können. Wenn es an qualifizierten Arbeitskräften fehlt,
die für den Betrieb, die Wartung und Reparatur vollautomatischer Anlagen unerlässlich sind, können derartige Anlagen zu einem erheblichen
finanziellen Fiasko führen.
Da ein zuverlässiges und reibungsloses Arbeiten der Maschinen und
der übrigen Komponenten beim vollautomatisierten Betrieb eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Produktion ist, sollten die
einzelnen Komponenten einer vollkontinuierlichen Bandstraße in Konstruktion und Arbeitsweise vollkommen aufeinander abgestimmt sein.
Das Ziel ist, eine vollkommen integrierte Produktionsanlage zu
schaffen, in der Reparaturen und das Auswechseln von Maschinen so weitgehend von vornherein in die Planung einbezogen sind, daß ein Stillstand im Produktionsablauf so gut wie ausgeschlossen ist. Die Kette
ist so stark wie ihr schwächstes Glied; das heißt die Leistungsfähigkeit einer Bandstraße ist so groß wie die ihrer schwächsten Komponente.
Die Aufwendungen für Automatisierung sollten sich ebenso bezahlt
machen wie die Aufwendungen für irgendwelche anderen Produktionssysteme.
Die Wirtschaftlichkeit dieses Verfahrens läßt sich, wie die Erfahrung
zeigt, mit den konventionellen Methoden ermitteln, die man gewöhnlich
bei der Analyse von Kapitalaufwendungen anwendet.
Auf Grund der bei der Konstruktion oder dem Betrieb automatisierter
Produktionsanlagen gesammelten Erfahrungen können sich Veränderungen
auch des Erzeugnisses als notwendig erweisen. Wenn man vom Standpunkt
der Form allzu sehr am Althergebrachten festhält, besteht die Gefahr,
daß die Möglichkeiten der Vollautomatisierung nicht ganz und gar ausgeschöpft werden. Bei den Eisen- und Weißblechen ist die Stahlindustrie
beim rohen Werkstück von einer Reihe kurzer Stücke zu einem einzigen

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14. März 1956

einzigen langen Stück übergegangen, das erst im letzten Arbeitsgang
zu einzelnen Stücken-zerschnitten wird.
Die Automatisierung bringt auch Veränderungen organisatorischer
Art mit sich. Beispielsweise steigt die Zahl der nur mit hochqualifizierten Kräften zu besetzenden Arbeitsstellen, und viele einfache
Arbeiter steigen zu Automatentechnikern auf, zum Bedienungspersonal
elektronischer Geräte. Andere einfache Arbeiter werden Maschinenwarte.
oder Techniker für die Herstellung von Austauschaggregaten. Diese wiederum müssen von höherer Qualität sein, weil die Herstellung qualitativ
besserer Waren immer größere Präzision erfordern wird.
Manche Komponenten werden sich auf Grund des verschärften Produktionstempos schneller abnutzen. Die letztgenannten Faktoren machen den
steigenden Bedarf an höher qualifiziertem Arbeitspersonal - Ingenieuren,
Technikern und technisch geschultem Bedienungspersonal - besonders
deutlich. Ebenso verlangt die Planung und Abstimmung der Produktion ein
größeres Maß an Können und Leistungsfähigkeit.
Wie in vielen anderen Industriezweigen so gibt es auch in der
Stahlindustrie bestimmte Arbeitsgänge oder Gruppen von Arbeitsgängen,
die sich besser als andere zur Automatisierung eignen. Im allgemeinen
sind der praktische Anwendungsbereich der Automatisierung und die ihr
gesetzten Grenzen unschwer zu erkennen. Bei manchen Arbeitsgängen erweist sich ein Übermaß rasch als unrentabel. Die Automatisierung wird
immer dann zweckmäßig sein, wenn die für die Automatisierung vorgesehenen
Arbeitsgänge mit den gegebenen Kontrollanlagen in Einklang gebracht
werden können. Die Stahlindustrie ging bei der Automatisierung von dem
Gesichtspunkt aus, daß eine logisch bedingte Gruppierung von Arbeitsgängen unter Berücksichtigung der gegebenen Möglichkeiten der automatischen Kontrolle erstrebenswert sei.

(Als nächster Artikel unserer Serie folgt:
"Die Automatisierung in der chemischen Industrie")

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(VIIl)

Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V.F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik der
Firma E.I. du Pont de Nemours &amp; Company, Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil I)
(100 Z*il«n)
WASHINGTON - (AD) - Ich will mich in diesem Aufsatz nicht mit jenem
sagenhaften Wunder befassen - einer vollautomatisierten Fabrik mit einem
Netz von Rohrleitungen und Transportbändern, fabelhaften Schalträumen und
wunderbaren automatischen Rechen- und Fakturieranlagen, einer Produktionsanlage, die den Rohstoff ohne menschliches Zutun in das fertige Produkt
verwandelt. Ebensowenig möchte ich jedoch den Eindruck erwecken, als sei
eine derartige Fabrik lediglich eine Ausgeburt der Phantasie. Ich habe
noch nie ein Werk gesehen, das alle diese Wundereinrichtungen besessen
hätte. Ich habe allerdings schon Fabriken besichtigt, wo ich buchstäblich
Kilometer durch Werkshallen wanderte, ohne einen einzigen Arbeiter zu sehen.
In diesen Fabriken wurden sämtliche Koordinierungs- und Steuerungsfunktionen
in einem zentralen Schaltraum mit ein oder zwei Automatenführern zusammengefaßt. Genau besehen, handelte es sich bei diesen beiden nicht um Automatenführer im strengen Sinn, sondern um Kontrollingenieure, denn die Bedienung
erfolgt ja auch automatisch und kann bei derartigen Fabriken mit Rücksicht
auf die komplizierten Arbeitsgänge nur automatisch sein.
Das bedeutet nun nicht notwendigerweise, daß die Tage der Fabriken
alten Stils gezählt seien. Denn der Grad der Automatisierung wird sowohl
durch wirtschaftliche als auch durch technische Erwägungen bestimmt. In
kleineren Betrieben macht sich zum Beispiel ein Maschinenpark, wie er zur
Fertigung kleiner Serien üblich ist, durchaus bezahlt. Vollautomatisierung
eines solchen Betriebes wäre wahrscheinlich reiner Wahnsinn. Großbetriebe
jedoch, die billige Massenprodukte herstellen, müssen weitgehend automatisiert werden, wenn sie rentabel arbeiten sollen.
Die wirtschaftlichen Erfordernisse
In der chemischen Industrie macht sich die Tatsache recht schmerzlich
bemerkbar, daß im Laufe des letzten Jahrzehnts die Preise für Rohmaterialien
um das Doppelte und die Löhne um mehr als 150 Prozent angezogen haben, während der Verkaufspreis für chemische Fertigprodukte lediglich um 30 bis 40/1
Das
gestiegen ist.
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - 7/IRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

Das Faktum, daß nicht sämtliche chemischen Werke unter diesen Umständen Bankrott gemacht haben, legt den Gedanken nahe, daß eine technische Evolution stattgefunden hat. Und das ist auch tatsächlich der
Fall. Die Automatisierung trägt nun einen sehr beträchtlichen Anteil an
dieser Evolution. Wir sprechen häufig von der Automatisierung, als sei
dies ein neuer Begriff. Tatsächlich aber begann unsere Gesellschaft beispielsweise bereits im Jahre 1802, nämlich bei ihrer Gründung, mit einem
derartigen Programm, einer "Automatisierung" des Betriebs. In jener Zeit
war das Bestreben, Unfälle bei der Fabrikation von Schwarzpulver zu vermeiden, das treibende Moment für die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft
durch Maschinen. Auch heute noch - im Zeitalter der Automatisierung - ist
das Sicherheitsraoment in den chemischen Betrieben ein bestimmender Faktor
einer immer ausgedehnteren Verwendung von Maschinen anstelle menschlicher
Arbeitskraft.
Es kommen natürlich noch andere Motive hinzu, unter anderem betriebswirtschaftliche Erwägungen. Wichtiger jedoch ist die Tatsache, daß die
Fabrikation vieler Erzeugnisse, die noch vor zehn Jahren in rein manueller
Fertigung nicht hätten hergestellt werden können, erst durch die Automatisierung möglich geworden ist. Auch die technische Weiterentwicklung der
automatischen Maschinen, Servosysteme, elektronischer Apparate und verwandter Instrumente, die im Kriege entwickelt wurden, hat weitgehend zu
dieser Evolution in der chemischen Industrie beigetragen.
Mannigfaltigkeit der chemischen Erzeugnisse
Die chemische Industrie stellt heute eine Vielzahl an Waren her, die
man zum größten Teil gar nicht mehr als Chemikalien in engerem Sinne ansprechen kann. Unsere Gesellschaft und ihre Tochterbetriebe zum Beispiel
fabrizieren so unterschiedliche Artikel wie Schwerchemikalien, Kunstdünger,
Parfüms, Farben, Zahnbürsten, Filme und Textilfasern, um nur einige zu
nennen. Von den echten chemischen Produkten erreichen nur sehr wenige den
Verbraucher in der Form, in der sie unsere Werke verlassen. Wenn ich also
ein umfassendes Bild der Automatisierung in der chemischen Industrie geben
wollte, müßte ich ein riesiges Gebiet bearbeiten.
Automatisierung in der chemischen Industrie
Für uns umfaßt die Automatisierung alle jene Maßnahmen, durch die
sich die Produktivität erhöhen und die Kosten senken lassen. Unter anderem
gehören dazu sowohl sämtliche Bearbeitungsmaschinen, der innerbetriebliche
Materialtransport, die zweckmäßige bauliche Ausgestaltung der Werksanlage,
als

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

21. März 1956

als auch die automatischen Maschinen und Instrumente. Meist setzt man
aber in unserem Industriezweig die Automatisierung gleich mit der Verwendung automatischer Apparate, Geräte und Steueranlagen, die eine sorgfältige Überwachung des Fertigungsprozesses ermöglichen. Und auf diesem
Gebiet wurden auch ganz gewaltige Fortschritte erzielt, die ihrerseits
wiederum einen erheblichen Einfluß auf die Gestaltung moderner Werksanlagen und auch auf die Herstellungsverfahren ausüben. Diese Auswirkungen
sollen Gegenstand der nachstehenden Ausführungen sein.
Das Kontrollverfahren jedes einzelnen Fertigungsprozesses läßt sich
auf folgende einfache graphische Formel reduzieren»
Materialeingang
'Förderanlage

(

Fertigungsprozeß

-, l Kommandogerät f •„

«•

Fertigprodukt

Prüfgerät

Stellt das Prüfgerät eine Abweichung des Fertigprodukts von der Norm
fest, so tritt das Kommandogerät in Aktion und bestimmt, was zu tun ist,
um den Materialeingang über die Förderanlage, etwa eines mechanischen Ventils, so zu justieren, daß der Ausstoß wieder der gesetzten Norm entspricht.
Dies nennt man die "direkt wirkende" Kontrolle.
Die Verwendung von Servomechanismen hat sich bei der Bestimmung des
dynamischen Ablaufs des Fertigungsprozesses und der Steuerung sehr bewährt.
Es ist auf diese Weise gelungen, ein Höchstmaß an Kontrolle zu erreichen.
Allerdings sind die meisten Autoren durch die Erfolge geblendet, die man mit
der Methode der mathematischen Berechnung durch Servomechanismen bei der Ermittlung des dynamischen Verhaltens der im Fertigungsprozeß verwendeten Geräte und Kontrollanlagen erzielt hat, daß sie die Begrenzungen nicht erkennen

wollen, die uns durch ein Element unseres obigen Schaubildes auferlegt werden:
Das Prüfgerät. Es wird nämlich allzu häufig einfach als eine unter vielen Maschinen betrachtet, während ja doch von ihm Erfolg oder Versagen des gesamten
Kontrollaystems abhängt. Meines Wissens ist das Versagen des Kontrollsystems
meist auf Unzulänglichkeiten des Prüfgeräts zurückzuführen. Im allgemeinen
erklärt sich das Versagen daraus, daß man eine Eigenschaft des Fertigprodukts
an Hand der für eine andere Eigenschaft ermittelten Meßwerte kontrollieren

wollte .
Früher mußten wir uns auf Kontrollverfahren beschränken, bei denen man
von Temperatur, Druck, Flüssigkeitsspiegel, Strömung und einigen anderen mit
den üblichen Meßgeräten zu ermittelnde Grundwerten ausging.
Heute werden Instrumente angeboten, mit denen praktisch jede bekannte
Variable zu messen und zu kontrollieren ist. So verwenden wir beispielsweise
Instrumente, mit denen wir Drücke von 1 0 _ 1 U bis zu 10 000 at, Temperaturen vor
absoluten Nullpunkt 1-273°)
bis zu mehreren Millionen Grad, und Strömung von
wenigen Millilitern bis zu Tausenden von Litern in der Minute messen können.
C
# # # (Teil II folgt in Nr.15/ » 28.3.1956)

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�'ALIERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (VIIl)
Die Automatisierung in der chemischen Industrie
Von V. F. Hanson
Forschungslaboratorium für Verfahrenstechnik
der Firma E. I. du Pont de Nemours &amp; Comp. Inc.
Wilmington (Delaware)
(Teil 2)
(120 Zeilen)
Fortschritte in der Meßtechnik
Wenn auch diese Variablen des Fertigungsprozesses sehr wichtig
sind und den größten Teil der Kontrollelemente beim automatischen Fertigungsprozeß erfordern, so erkannten wir doch bald, daß eine laufende
Messung auch anderer Variablen des Fertigungsprozesses noch weitere
Verbesserungen sowohl der'Maschinen und Apparaturen als auch der
Qualität des Fertigproduktes ermöglichen würde. Zu diesen Variablen
gehören unter anderem chemische Zusammensetzung, Farbe, Molekulargewicht
sowie die Viskosität. Weitere Verbesserungen wären die laufende Messung
des Gewichts per Längeneinheit bei Garnen und Fasern, der Dicke von
Filmen und Scofi'en und des molekularen Aufbaus bei Filmen und Fasern.
Meßinstrumente für solche laufende Kontrollen gab es aber noch nicht.
Wir waren uns klar darüber, daß die Hersteller von Meßinstrumenten
derartige komplizierte Geräte nicht liefern konnten, da die Entwicklungekosten sehr hoch liegen und der Markt verhältnismäßig klein ist.
Hierzu kommt noch, daß sie jene Probleme, die wir gerne gelöst hätten,
gar nicht genügend kannten.
Daher haben viele chemische Werke und Ölgesellschaften ihre eigenen Forschungslaboratorien und Konstruktionsbüros eingerichtet, um sich
die für ihre besonderen Zwecke nötigen Geräte selbst zu bauen. In
vielen Fällen erhielten die Herstellerfirmen von Meßgeräten eine
Lizenz, die in diesen Laboratorien und Konstruktionsbüros entwickelten
Geräte für die gesamte Industrie herzustellen. Ein auf diese Weise heute
allgemein erhältliches neues Instrument, durch das eine ganze Reihe
neuer Arbeitsgänge möglich wurde, ist der kontinuierlich arbeitende
Gasstrom-Analysator. Vor zehn Jahren noch gab es nur ganz wenige

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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

wenige Instrumente zur laufenden Bestimmung der Gaszusammensetzung,
durch die der Fertigungsprozeß hätte automatisch gesteuert werden
können. Heute haben wir Verfahren zur Analyse jedes beliebigen Gasstroms
an der Hand, mit deren Hilfe sich Gase in einer Konzentration von
millionstel Bruchteilen bis zu 100$ nachweisen lassen. Diese neuen Instrumente reagieren so schnell, daß sie sich bei Koppelung mit einer
Kontrollvorrichtung zur automatischen Steuerung des Fertigungsprozesses
verwenden lassen. Die vielseitigsten dieser Instrumente arbeiten nach
dem Prinzip der Lichtabsorption. Außerdem gibt es neuartige Instrumente,
die die Fertigprodukte auf Dicke, Form, Farbe, Dichte, Viskosität oder
andere meßbare physikalische Eigenschaften prüfen. Gegenwärtig wird an
der Entwicklung von Instrumenten gearbeitet, die eine laufende Analyse
von Flüssigkeiten und festen Stoffen ermöglichen. Einige dieser Instrumente sind regelrechte Chemiewerke en miniature, um die zur Ermittlung zuverlässiger analytischer Werte erforderliche Empfindlichkeit
zu sichern.
Diese Erfindungen haben nicht nur einen entscheidenden Einfluß
auf die Gestaltung neuer Werke, sie können auch ganz wesentlich zur
Kostensenkung bei den bisher üblichen Fertigungsverfahren beitragen.
Es läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß es in unserer Industrie keinen
Fertigungsprozeß gibt, der nicht durch einige dieser modernen Instrumente verbessert werden könnte, es sei denn, man verwendet bereits
moderne Apparate, die einen Ertrag von 100$ oder darüber abwerfen und
einen Aufwand an Arbeitskosten verursachen, der gleich Null ist.
Einrichtung eines mit modernsten Instrumenten gesteuerten
Fertigungs-ProGramms
Damit ergibt sich die Frage, was die chemische Industrie tun
könne, um diese neuen Erfindungen praktisch auszunutzen. Die Betriebsingenieure sind im allgemeinen so überlastet mit Routinearbeiten,
daß sie häufig jeder Änderung eines eingespielten Produktionsverfahrens geradezu feindlich gegenüberstehen. Im allgemeinen sind sie mit
dem üblichen Produktionsablauf und dem vorhandenen Maschinenmaterial
zufrieden, solange der Ausstoß der gesetzten Norm entspricht. Dies
trifft vor allem für Ingenieure zu, die bereits einige Jahre auf ihrem
Posten arbeiten. Daher muß die oberste Betriebsleitung die Initiative
ergreifen, wenn ein Automatisierungsprogramm erfolgreich sein soll.
In
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�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

In den einzelnen Fertigungsabteilungen sollten Forschungsstäbe
für den Einsatz von Instrumenten gebildet werden, um die Anwendbarkeit
neuer Meß- und Kontrollmethoden auf bestehende Fertigungsverfahren zu
prüfen. Sodann sollten gewinnversprechende Anlagen eingebaut werden,
um den Betriebsingenieuren die Möglichkeit zu geben, aus erster Hand
die Vorteile des Arbeitens mit Instrumenten kennenzulernen, die ein
genaues Bild vom jeweiligen Stand der Fertigung geben und ein rechtzeitiges korrigierendes Eingreifen gestatten.
Der springende Punkt hierbei ist lediglich, wo man das technisch
geschulte Personal für diese Arbeit findet. Hierzu sind nämlich Kenntnisse auf den Gebieten der Chemie, des chemischen Apparatebaus, des
Elektroapparatebaus, der Physik, der Instrumentenkunde und so weiter
erforderlich. Die Absolventen der Colleges sind zwar nicht, wenn ich
so sagen darf, das von uns gewünschte "Fertigfabrikat", sie sind jedoch
ausgezeichnetes "Rohmaterial". Hier helfen unsere Fortbildungskurse
weiter, bei denen begabten Nachwuchskräften

in praktischer Arbeit und

unter Anleitung erfahrener Ingenieure Gelegenheit geboten wird, das
erforderliche Fachwissen zu sammeln. Wir brauchen aber auch sachkundiges Personal für Pflege und Unterhalt der Maschinen. Der "Meßingenieur"
alten Stils wird sich diesen neumodischen Erfindungen zunächst widersetzen. Daher muß man ihm Männer zur Seite geben, die etwas von Elektronengeräten und Optik verstehen, Männer, die einen Lötkolben oder
eine Federzange statt eines Schweißbrenners und einer Rohrzange zu
handhaben wissen.
Bei dem heutigen Stand der Technik lassen sich mit den auf dem
Markt angebotenen Geräten etwa 80 bis 90 c/o aller jener Probleme lösen,
die mit der Automatisierung durch Verwendung neuer Apparate verknüpft
sind. Die Modernisierung der heute üblichen Fertigungsverfahren durch
solche Apparate wird sich reichlich bezahlt machen. Die großen Herstel*
lerfirmen derartiger Instrumente verfügen auch über Verkäufer, die das
nötige Fachwissen mitbringen und bei der Lösung dieser Probleme helfen
können. Es ist dies ein Gebiet, auf dem die betrieblichen Forschungsstäbe von den bisher gesammelten Erfahrungen profitieren können. So
werden sie auf gar nicht so kostspielige Art das Fachwissen erwerben,
das sie in die Lage versetzen wird, allmählich schwierigere Probleme der

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

28. März 1956

der Automatisierung zu meistern. Diese Erfahrungen werden dann die
Grundlage für Forschungsprojekte bilden, die die künftigen Erfordernisse des Werkes im voraus bestimmen sollen.
Schlußbemerkungen
Während die Investitionen für Instrumente und Geräte vor zehn
Jahren etwa 1 bis 2c/o des Anlagevermögens ausmachten, ist ihr Anteil
bei den Werken, die in den letzten vier bis fünf Jahren gebaut wurden,
auf 7 bis 10^ angestiegen. Diese verstärkte Ausrüstung mit Apparaten
wird voraussichtlich so lange zunehmen, als sich die Gesamtaufwendungen für Investition und Betriebskosten durch die Verwendung kleinerer Apparaturen - das Ergebnis der schnelleren und exakteren Kontrolle - senken lassen. Es gibt viele verlockende Möglichkeiten, die
Gesamtbetriebskosten zu senken, indem man die im Fertigungsprozeß
benutzten Apparate mit den Kommandogeräten koppelt, um den Materialfluß zu steuern und zu überwachen und buchhaltungstechnisch

zu erfassen«

Viele der großen Gerätebaufirmen versuchen, die Industrie für Apparate
zu interessieren, die diese Kopplung ermöglichen. Dies wird das letzte
Glied der Kette zur Verwirklichung des vollautomatisierten Chemiewerkes bilden. Bis es so weit seinwird, muß die chemische Industrie
auch weiterhin Pionierarbeit bei der Entwicklung jener vielen Spezialapparate leisten, die eine laufende Kontrolle über jede Phase
des Produktionsprozesses ermöglichen. Sie müssen ihren eigenen Mitarbeiterstab heranbilden, der eine erfolgreiche Arbeit auf diesem Gebiet gewährleistet. Diesem Stab müssen qualifizierte Apparatemechaniker, Apparatebauer sowie Physiker für Forschung und Entwicklung
angehören. Die oberste Betriebsleitung muß sich darüber informieren,
welchen Gewinn ein Automatisierungsprogramm verspricht. Sofern es
rentabel erscheint, wird es nur zu verwirklichen sein, wenn sie sich
uneingeschränkt dafür einsetzt.
(Als nächster Artikel unserer Serie folgt: "Die Bedeutung der
Automation für die Betriebsstatistik")
* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE

BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(IX)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Möglichkeiten zur Verwendung automatischer Dokumentationsmittel in der
Marktforschung
Von Frederick K. Leisch
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil I)
( 134 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Die Art und Weise, wie angebliche Wirtschaftsfachleute in den letzten Jahren zur Frage der Automatisierung Stellung nahmen, erinnert sehr an jenen Straßenpassan.ten, der einem Bagger bei
Ausschachtungsarbeiten zusieht und in den Ruf ausbricht: "Diese Maschine macht 100 Schachtarbeiter brotlos." Was Wunder, wenn ihm jemand
zur Antwort gibt: "Nein, sogar 5000 Arbeiter, denn man könnte ja auch
mit Teelöffeln graben lassen."
Wir dürfen nicht den Rückschritt predigen, sondern müssen den
Weg für den weiteren Fortschritt ebnen. Das gilt auch für die Automatisierung.
In Wahrheit ist die Automatisierung nichts anderes als die Fortsetzung eines Entwicklungsprozesses, der bereits in der Steinzeit einsetzte, als der Mensch sich die ersten Werkzeuge schuf: Knüppel, Hammer,
Hebel, Rad und so weiter.
Wir beschleunigen heute lediglich einen Entwicklungsprozeß, der
den Menschen geistig befreien wird, so wie die sogenannte industrielle
Revolution ihm physisch befreit hat.
Diese Entwicklung muß allein schon deshalb gefördert werden, weil
sonst die notwendige rasche Expansion unserer Wirtschaft angesichts
des nur geringfügig zunehmenden Arbeitspotentials»nicht möglich ist.
Überblick
Soviel zur Notwendigkeit der Automatisierung. Ich will nunmehr
versuchen, einen allgemeinen Überblick über die Gründe zu geben, die
die "A.C. Nielsen Company" nach eingehenden Erwägungen veranlaßt haben, elektronische Rechenmaschinen zu verwenden. Zunächst einmal darf
ich einiges über die Tätigkeit unserer Gesellschaft sagen. Seit 1953
haben wir uns mit der Erforschung von Massenmärkten und dem Einfluß
der Massenwerbungsmedien Rundfunk und Fernsehen auf den Absatz befaßt. Unsere Marktforschung richtet sich hauptsächlich auf Arzneiund Lebensmittel.
• Alle

�".:.. ERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1 9^6

Alle zwei Monate werden durch 200 Angestellte unseres Außendienstes die Kassenbelege und Lagerlisten von über 3000 Lebensmitteleinzelhandelsgeschäften, Drogerien und Apotheken erfaßt. Auf Grund des
so gewonnenen statistischen Materials wird in unserer Zentrale in
Chicago der Nielsen-Lebens- und Arzneimittelindex zusammengestellt,
der insgesamt 150 Warengattungen umfaßt. Die Zentrale und unsere
Kundendienst-Außenstellen in Chicago, New York und San Francisco beschäftigen insgesamt 1100 Angestellte. V/eitere 1000 Mitarbeiter sind
in acht kleineren Auslandsfilialen tätig.
Das zusammengetragene Material besteht in erster Linie aus Zahlenangaben, die handschriftlich in besondere Formblätter eingetragen
wurden. Diese Formblätter zeigen für jede Warengattung und jeden zu
beobachtenden Artikel, eventuell unter Berücksichtigung der jeweiligen Abpackung, eine gesonderte Spalte, in die - für jeden erfaßten Betrieb gesondert - der Umsatz während der vorausgegangenen zwei Monate
und andere einschlägige Angaben für jeden einzelnen angeführt v/erden.
Die Eintragungen zeigen:
1. Die früheren und die gegenwärtigen Lagerbestände und die in
den Lagerbeständen eingetretenen Veränderungen in Wareneinheiten;
2."die Käufe des Einzelhändlers in Wareneinheiten und Dollars;
3. den Absatz in 'Wareneinheiten, errechnet auf Grund der Ab- und
Zugänge des Lagers;
4. die Verkaufspreise der erfaßten Waren, nach denen sich der
Dollarwert der Umsätze bei den einzelnen Warengattungen berechnen
läßt; und schließlich
5« Angaben über die Absatzentwicklung, aus denen sich die Auswirkungen besonderer Kaufanzeigen, wie etwa Ausstellungen, Sonderangebote und Rabatte, ersehen läßt.
Alle zwei Monate senden unsere Außenstellen fast 350 000 Formblätter mit den oben beschriebenen Daten an unsere Chicagoer Zentrale,
diese Formblätter enthalten etwa 1,5 Millionen Spalten mit Zahlenangaben« Nach vorsichtigen Schätzungen werden in unserer "Zahlenfabrik"
in Chicago also alle zwei Monate etwa 150 Millionen Zahlen verarbeitet.
Nach gründlicher manueller Aufbereitung durch einen Stab von 180
Angestellten wird jede einzelne Ziffer aus den Unterlagen -auf eine
80-spaltige Lochkarte übertragen. Im allgemeinen wird dabei jede
Spalte der vom Außendienst eingereichten Formblätter auf eine sogenannte Einzelkarte gelocht. Unsere Lochabteilung, die mit IBM-Lochern des Typs 024 ausgerüstet ist und 22 Locherinnen beschäftigt,
stellt also alle zwei Monate mindestens 1,5 Millionen solcher Kar'
her.
Der nächste Schritt ist das sogenannte Tabellieren. Hierbei werden gleiche Angaben von samtlichen erfaßten Geschäftsbetrieben zusammengestellt, nach den Ergebnissen der Repräsentativerhebung wird dann

- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - V. J IITJCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

dann mathematisch der Gesamtindex für jeden Artikel für die zwei Monate
des Berichtzeitraums errechnet.
Ende des Jahres 1954 beschäftigte die Abteilung, die die eingeg a n g e n Unterlagen in der geschilderten Weise auswertet, 67 Angestellte«.
Sie waren mit einem 16 OOO-Punkte-I.BM-Maschinensatz ausgerüstet, der
aus Sortiermaschinen vom Typ 082, Kartenmischern vom Typ 077, Kartendopplern vom Typ 51 3, Tabelliermaschinen vom Typ 416 und Rechenlochem
der Typen 604 und 607 bestand.
In der ersten Phase des Tabellierens wurden die anderthalb Millionen
Einzelkarten nach den einzelnen 7/arengattungen und Artikeln aussortiert.
Dann werden die Karten je Artikel in etwa 125 sogenannten "Sollzahlgruppen" unterteilt. In den Sollzahlgruppen werden die Auswertungsergebnisse nach Art, Größe und geographischer Lage der Geschäftsbetriebe,
von denen die ursprünglichen Unterlagen stammen, zusammengefaßt.
Mit Hilfe der so gewonnenen 125 "Ausweitungsfaktoren" werden nach
dem Verfahren der arithmetischen Projektion die Angaben der erfaßten
Betriebe bezüglich ihrer Einkäufe, Verkäufe und des Inventars zum
Beispiel für die Beurteilung der Absatzmöglichkeiten in einem bestimmten
Gebiet verallgemeinert. Eine zweite Variable der Projektions-Kontrollgleichung ist der Faktor der "verflossenen Tage", der automatisch die
Veränderungen berücksichtigt, die zwischen dem Tag der Ausfüllung der
Formblätter und dem Stichtag für den Index verstrichen sind.
Die bearbeiteten Daten gelangen schließlich in die Berechnungs-,
Prüfungs- und Vervielfältigungsabteilung. Hier werden von etwa 100
ganztägig beschäftigten Mitarbeitern die Endergebnisse ermittelt und
festgehalten. Für diese Arbeiten lassen sich nach dem gegenwärtigen
Stand der Technik nur halbautomatische Büro- und Rechenmaschinen
verwenden.
Entwicklung der Arbeits- und Materialkosten
Für die hier aufgezeigten Arbeiten beschäftigen wir etwa 370
Angestellte. Für Gehälter, Maschinenmieten und Materialkosten wendeten
wir im Jahre 1954 in diesem Teil unseres Betriebes insgesamt 1,59
Millionen Dollar auf.
Dies ist ein relativ niedriger Stand, wenn man berücksichtigt,
daß wir bei den soeben beschriebenen Arbeitsvorgängen, in dem verhältnismäßig kürzen Zeitraum von 5 Jahren, von 1950 bis einschließlich 1954,
eine 28prozentige Steigerung der Arbeitsleistung, ein Ansteigen der
Zahl der Beschäftigten um nur 10$ (von etwa 340 auf insgesamt 370),
Gehaltserhöhungen von durchschnittlich 43 $ (gegenüber einem
allgemeinen Anstieg der Löhne und Gehälter in Chicago um 35;u) sowie
eine SSprozentige Erhöhung der Mieten der Tabuliermaschinen und
der Preise für Lochkarten zu verzeichnen hatten.
Dem steht ein nur 60prozentiges Steigen der direkten Kosten von
knapp 1 Million Dollar auf die genannten 1,59 Mill.
Dollar gegenüber.
Diese

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

4. April 1956

Diese Zahlen erfüllen mich mit Stolz, zeigen sie doch, daß unsere
Rationalisierungsfachleute Mittel und V/ege gefunden nahen, die es uns
durch Verwendung mechanischer Betriebsmittel gestatten, bei einer nur
geringfügigen Erweiterung einer besser ausgebildeten und besser bezahlten Belegschaft eine weit größere Arbeitslast zu bewältigen.
Hätten wir an den Methoden des Jahres 1949 festgehalten, dann
wären wir gezwungen gewesen, im Jahre 1954 435 statt 370 Personen
zu beschäftigen.
Eine so große Einsparung an Personal ist selbstverständlich von
Bedeutung. Die nachfolgend genannten Tatsachen sind kaum von geringerer
Bedeutung.
1. Diese Einsparungen sind einzig und allein von unseren eigenen
Rationalisierungsfachleuten in Zusammenarbeit mit den Vertretern der
Kundendienste der Firmen erzielt worden, die uns die Ausrüstung geliefert haben.
2. Die Verbesserungen der letzten fünf Jahre krönen eine fast
sechzehnjährige evolutionäre Entwicklung innerhalb unseres Betriebes.
J. Die gesamte mit dieser Entwicklung zusammenhängende Mechanisierung wurde bis zum Jahre 1954 ausschließlich mit den üblichen
Lochkarten-Tabelliermaschinen und
lochkartengesteuerten Rechenmaschinen bewirkt.
Diese Tatsachen berechtigen, meiner Ansicht nach, zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung darstellt, die bereits seit sehr langer
Zeit unter anderer Bezeichnung vonstatten geht.

(Teil II folgt in Nr. 15/C vom 4.4.1956)

* * * * *

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

WIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(ix)

Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik
Von Frederick K. Leisch
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Comp.
(Teil II)
In dem ersten Teil des Artikels geht Leisch
auf die Entwicklung der Automation ein und
berührt dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten, sich schon im Jahre 1946 eingehend
mit diesem Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufs und der Rationalisierungs-Maßnahmen während der letzten Jahre
kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich eine Fortsetzung einer
evolutionären Entwicklung ist.
(150 Zeilen)
Untersuchung der Verwendungsmöglichkeiten elektronischer
Rechenmaschinen
Schon im Jahre 1946 begannen wir, ein aktives Interesse für elektronische Rechenmaschinen zu zeigen. Unsere Gemüter erhitzten sich bei
dem Gedanken, daß wir bei all den geschilderten Arbeitsgängen mit einer
Investierung von nur 350 000 Dollar jährlich 600 000 Dollar einsparen
können.
Im Jahre 1950 aber begann sich unsere Begeisterung zu legen. Wir
hatten nach vierjährigen Untersuchungen der Verwendungsmöglichkeiten
elektronischer Rechenmaschinen gelernt, uns mit der unvermeidlichen Tatsache abzufinden, daß sich eine entsprechende Umstellung unseres Betrie-bes wirtschaftlich nicht rechtfertigen ließe.
7ie sich später herausstellte, war unser voreiliger und scheinbar
unfruchtbarer Vorstoß in das Gebiet der elektronischen Rechenmaschinen
doch nicht so ergebnislos. Einmal hatte sich gezeigt, daß wir im eigenen
Betrieb über Leute verfügten, die wohl imstande waren, alle jene Fragen
zu lösen, die im Zusammenhang mit der Verwendung von Elektronenrechenmaschinen auftauchen könnten. Wir hatten ferner gelernt, daß es unseren
Leuten gegebenenfalls leichter sein werde, ihre Kenntnisse von den Rechenmaschinen zu vervollkommnen, als betriebsfremden Spezialisten eine
klare Vorstellung von unseren Betriebserfordernissen zu geben.
Unsere Untersuchungen in den Jahren 1946 bis 1950 haben sich übrigens sehr vorteilhaft auf die von uns angewandten herkömmlichen Methoden
der Datenbearbeitung ausgewirkt. Nachdem wir unsere Studien im Jahre 1950
mit einem scheinbaren Mißerfolg abgebrochen hatten, machten wir uns ernsthaft ans Werk, um das Äußerste aus den herkömmlichen Methoden herauszuholen, mit denen wir uns, wie es damals schien, noch lange Zeit wurden
begnügen müssen.
Dennoch
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11 . April 1956

Dennoch waren wir, als sich im Herbst 1952 neue Aussichten boten,
nach wie vor bereit, uns abermals mit der Frage der Elektronenrechenmaschinen zu beschäftigen. Wir hatten damals erfahren, daß inzwischen
einige der Unzulänglichkeiten dieser Maschinen, die uns vor zwei Jahren
veranlaßt hatten, von der Umstellung abzusehen, behoben worden waren.
Wir zogen deshalb drei der am besten qualifizierten Leute, die bereits von 1946 bis 1950 unserem Untersuchungsstab angehört hatten, aus
dem Arbeitsprozeß heraus und setzten sie im September 1952 wieder für
Arbeiten am Projekt der elektronischen Rechenmaschine an. Es war ihre
Aufgabe:
1. Die Konstruktionsmerkmale und Kapazitäten aller auf dem Markt
erhältlichen und bereits praktisch erprobten Elektronenrechenmaschinen
nach folgenden Gesichtspunkten zu überprüfen: Verwendbarkeit für unsere Aufgaben, Betriebsbereitschaft im Hinblick auf unsere notwendigerweise termingebundene Arbeit, Zuverlässigkeit und Möglichkeiten der
Fehlerkontrolle, Arbeitstempo und Lieferbarkeit.
2. Kostenvorschläge für diejenigen Maschinen oder Maschinenanlagen,
die diesen Voraussetzungen entsprechen, entweder für den gesamten Betrieb oder für die in Frage kommende Abteilung anzufertigen. Zu diesem
Zweck mußten'- unter Berücksichtigung unserer gegenwärtigen Betriebskosten und der Zeitpläne - die Verteile der verschiedenen Maschinen
gegeneinander abgewogen werden. Auch galt es zu untersuchen ob solche
Maschinen gemietet, gepachtet oder erworben werden sollten.
Die einzelnen Phasen dieser Untersuchungen zu schildern würde zu
weit führen. Ich beschränke mich deshalb auf eine Darstellung der Ergebnisse sowie auf die daraus resultierenden Entscheidungen und deren
praktische Durchführung.
Gesammelte Erfahrungen
Das wichtigste Ergebnis war vielleicht die Bestätigung unserer
schon in den Jahren 1946 bis 1950 gesammelten Erfahrungen, daß es
keine Patentlösung oder auch nur eine leicht verallgemeinernde Antwort auf irgendein spezifisches Problem der Verwendung von elektronischen
Rechenmaschinen gibt.
Die Untersuchungen sowie die Abfassung des Berichtes und der Vorschläge, wie sie von der Betriebsleitung schließlich angenommen wurden,
nahm 16 Monate in Anspruch.
Die Programmierung des Arbeitsablaufes sowie die Ausbildung von
Programmern, Ködern und Automatentechnikern füllte die ganzen 12 Monate
aus, die von der Erteilung des Auftrags bis zur Inbetriebnahme der
ersten Maschine verstrichen.
Wir benötigten also insgesamt 28 Monate vor Beginn der Untersuchungen bis zur Arbeitsaufnahme der ersten Maschine. Die Kosten für die
durchgeführten Studien beliefen sich auf 51 000 Dollar.
Jeder Bericht über die Erfahrungen, die wir im Verlauf unserer
Untersuchungen machten, muß notwendigerweise unter der strikten Voraus- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Voraussetzung gegeben - und entgegengenommen - werden, daß diese Beobachtungen in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, auf die Dokumentationsarbeit in unserem eigenen Betrieb zutreffen.
Im einzelnen sind wir zu folgenden Erkenntnissen gelangt.
1. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine elektronische Rechenmaschine für wissenschaftliche Aufgaben oder in einem Betrieb verwendet
wird. Bei wissenschaftlichen Problemen wird normalerweise mit relativ
wenigen Eingabedaten und Endresultaten gearbeitet, die oftmals ziemlich
komplizierte mathematische Berechnungen erfordern. In einem Betrieb fallen
gewöhnlich - und ganz besonders in unserem Falle - erhebliche Mengen an
primären Daten und entsprechend viele Resultate an, die meist durch relativ einfache arithmetische Berechnungen gewonnen werden können.
2. Es hat wenig Sinn, bei der Verarbeitung der Daten ein phantastisch
schnelles Tempo zu erreichen, wenn nicht auch die Eingabe der Daten entsprechend rasch erfolgen kann.
3« Eine große Speicherfähigkeit ist immer dann ein kostspieliger
Luxus, wenn diese nicht wirklich dringend benötigt wird und wenn sich
beliebige Einzeldaten nicht durch einfache Programmierung rasch und
prompt herausziehen lassen.
4« Die Lochkarten bieten, wenigstens in unserem Falle, auch weiterhin erhebliche Vorteile als externes Speichermedium, sofern ein Betriebsvorgang umfangreiche Sortierarbeit einschließt. Die Arbeit mit Lochkarten
gestattet überdies die Verwendung relativ billiger Zusatzgeräte für die
Eingabe und den Ausstoß an Daten.
5. Besondere Bedeutung kommt der Durchführung von Vorversuchen zu.
In unserem Falle wäre es sehr riskant gewesen, von der Programmierung
auf dem Papier sofort zum automatischen Betrieb überzugehen, ohne vorher
sowohl die Maschinen als auch den programmierten Betriebsablauf praktisch
zu erproben.
Angesichts der Tatsache, daß unser Index und unsere Berichte auf jeden
Fall termingemäß herauskommen müssen, wäre eine Automatisierung des Betriebes
für uns völlig undenkbar gewesen, wenn uns die Lieferfirma nicht bereits
vorher eine gleiche oder ähnliche Maschine für Versuchszwecke hätte überlassen können.
6. Die Umstellung von einem Betriebssystem auf das andere muß ohne
Beeinträchtigung der laufenden Arbeiten erfolgen. In unserem Falle wäre
es vollkommen unmöglich gewesen, den Betrieb von einem Tag zum anderen
umzustellen. Wir standen deshalb vor der Wahl, einen längeren Zeitraum
hindurch beide Betriebsmethoden gleichzeitig anzuwenden oder aber uns
für eine Rechenmaschine zu entscheiden, die sich ihrer Konstruktion und
Arbeitsweise nach eher für eine evolutionäre als für eine revolutionäre
Umstellung des Systems eignet. Das war für uns nicht so sehr eine Frage der
Kostensenkung der Umstellung als der Einhaltung der Ablieferungstermine
für unsere Berichte.
7. Maschinen von geringerer Kapazität mögen unter Umständen größeren
beziehungsweise schnelleren Typen in der Praxis sogar überlegen sein.
Das traf aus zweierlei Gründen in unserem Falle zu.
Der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

11. April 1956

Der erste dieser Gründe war der, daß sich unser Betrieb - wie
schon gesagt - viel besser für eine schrittweise als für eine plötzliche Umstellung eignet.
Die zweite Überlegung, die für die Verwendung von Rechenmaschinen
geringerer Kapazität sprach, war das Argument, daß man eben nicht alles
auf eine Karte setzen soll. Man darf von einem Elektronengerät von solcher Kompliziertheit niemals erwarten, daß es ständig betriebsbereit
ist. Infolgedessen bietet die Verwendung mehrerer kleinerer Einheiten
größeren Vorteil.
8. Auch Personalfragen sollten bei der Auswahl von Elektronenrechenmaschinen berücksichtigt werden. Die Art unserer Tätigkeit bringt
es mit sich, daß wir eine intensive innerbetriebliche Schulung unseres
Personals betreiben müssen. So bilden wir nun unseren Nachwuchs für gehobene Positionen selbst heran. Im vorliegenden Falle bedeutete das,
daß wir logischerweise einer Rechenmaschine den Vorzug geben mußten,
die die besten Umschulmöglichkeiten für unser Personal bieten würde.
9. '«Vas den eventuellen Erwerb solcher Maschinen angeht, so galt es
schließlich noch die Frage zu überlegen, in welchem Zeitraum wir die
Kapitalabschreibung vornehmen konnten. '.Vir kamen gegen Ende des Jahres
1953 zu dem Schluß, daß Maschinen auf Grund der raschen Entwicklung auf
dem Gebiet der Elektronentechnik sehr bald veralten würden. Dieser Umstand und das statistische Material über die voraussichtlichen Betriebskosten und Einsparungen führten mit zu unserer -"Entscheidung, die Rechenanlagen zu mieten und nicht käuflich zu erwerben.

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�"ALIERIKA DIENST" - .7IRTSCHAFT UND ARBKIT

18. April 1956

'•VIRTSCHAFTSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG (IX)
Die Bedeutung der "Automation" für die Betriebsstatistik (Teil III
und Schluß)
Von Frederick K. Leisch,
Verwaltungsdirektor der A.C. Nielsen Company
(Quellenangabe erforderlich)

( 130 Zeilen)
In den beiden ersten Artikeln geht Leisch auf
die Entwicklung der Automation ein und berührt
dann die Gründe, die seine Firma veranlaßten,
sich schon im Jahre 1946 eingehend mit diesem
Problem zu befassen. Nach Schilderung des Arbeitsablaufes und der Rationalisierungsmaßnahmen
während der letzten Jahre kommt er zu der Feststellung, daß die Automatisierung lediglich
eine Fortsetzung einer evolutionären Entwicklung
ist. Der Verfasser beschreibt dann im einzelnen
die tec' nisehen Verwendungsmöglichkeiten von
elektronischen Rechenmaschinen und führte die
gemachten Erfahrungen seines Unternehmens an.

Die Realisierung unserer Pläne
Die von mir soeben geschilderten Überlegungen führten dahin,
daß wir im Februar 1954 einen früher erteilten vorläufigen Auftrag
für einen Satz von fünf IBM-Magnettrommel-Rechenmaschinen Typ 65O,
Modell 2, bestätigten.
Bei diesem Typ handelt es sich um eine numerische, dezimale
Magnettrommelmaschine. Das Modell 2 besitzt die hohe Kapazität von
20 000 Dezimalziffern bei einer durchschnittlichen Reaktionszeit
von 2,4 tausendstel Sekunden. Eingabe und Ausgabe der Karten erfolgen
mit einer Geschwindigkeit von 200 beziehungsweise 100 pro Minute.
Die Maschine vermag in der Sekunde 80 bis 200 Rechenoperationen auszuführen.
Vier dieser Anlagen sollen bei der Zusammenstellung des NielsenLebensmittelindexes und die fünfte für unsere Meinungsforschung beim
Rundfunk- und Fernsehpublikum verwendet werden.

1

T

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND A

10. April 1956

Im Hinblick auf die geplante schrittweise Umstellung des Betriebs
erklärten wir uns damit einverstanden, daß die erste Anlage im Januar
1955 und die übrigen Maschinen zwischen September 1955 und September
1956 in etwa dreimonatigen Abständen geliefert werden.
Bisher konnte dieser Zeitplan eingehalten werden. Die erste
Ivlaschinenanlage wurde am 14» Januar 1955 aufgestellt und eine V/oche
später in Betrieb genommen. Die zweite Maschine traf im Herbst ein.
Alle vorbereitenden Programmierungsarbeiten waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits abgewickelt.
Bei einem so komplizierten Umstellungsprozeß, der sich noch
dazu über so viele Monate erstrecken mußte, ist es natürlich viel
zu früh, die erzielten Kosteneinsparungen abschätzen zu wollen. Ich
kann im Augenblick nur soviel sagen, daß die erste Anlage unsere Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen hat - und zwar in so hohem
Grade übertroffen hat, daß unsere Techniker an vorläufigen Kostenund Rentabilitätsrechnungen im Augenblick völlig desinteressiert sind.
Y/enn wir sämtliche vier Anlagen vom Typ 650, die für die Zusammenstellung des Lebensmittelindexes vorgesehen sind, in Betrieb genommen
haben und wenn sie, wie geplant, 1 1/3 Arbeitstage für die Datenbearbeitung tätig sind, erwarten wir eine Kostensenkung von sieben bis
acht Prozent gegenüber dem bisherigen Auswertungsverfahren. '.Vir hatten
uns, von der Aufstellung der ersten Anlage an gerechnet, eine Frist '
von 21 Monaten für die völlige Umstellung des Betriebes auf vier
elektronische Anlagen gesetzt, um die höheren Anfangskosten wieder
hereinzuholen. Unsere vorläufigen Schätzungen zeigen, daß wir Einsparungen über diese beiden Ziele hinaus erreichen können.
Regelmäßige halbstündige Pflege und Wartung vor jedem Einsatz
bieten die Gewähr für ein im wesentlichen störungsfreies Arbeiten der
Anlage. Etwa 15 Prozent der Betriebszeit werden gegenwärtig noch für
Programmierung und Versuchsarbeiten aufgewendet; wir schaffen damit
jetzt schon die Voraussetzungen für die restlose Umstellung des Betriebs auf elektronische Dokumentationsmittel nach Lieferung sämtlicher Anlagen.
Yv'as die Exaktheit anbetrifft, so wurden alle unsere Erwartungen
weit übertrofi'en. In den ersten Betriebsmonaten ist der Maschine nicht

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�"AMERIKA DIENST" -

«/liiUGHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

nicht ein einziger Fehler unterlaufen.
Neben der ständigen Betriebsbereitschaft und der Exaktheit in
der Datenverarbeitung ist für einen Betrieb wie den unseren der Faktor
Geschwindigkeit von ausschlaggebender Bedeutung. Ein frühzeitiges
Erscheinen unseres Gesamtberichts wird selbstverständlich erst m.' t
der Inbetriebnahme sämtlicher elektronischer Anlagen möglich sein.
Lr konnten jedoch dank der Verbesserungen der Arbeitsmethoden,
die auf Einführung der ersten Anlage zurückzuführen sind, bereits
die Herausgabe verschiedener Veröffentlichungen beschleunigen und
unsere Kundendienstbüro, in New York und in San Francisco mit vollständigerem Material beliefern.
Die Vollständigkeit der Angaben, die das Elektronengerät I
65O in Lochkartenform von sich gibt, und die automatische Projektion
der Zwischensummen auf das voraussichtliche Gesamtresultat - also auf
den Landesindex - gestatten es uns, unsere Tabuliermaschinen der Type
416 mit dreiteiligen "durchschlagpapierfreien" Kopierformblättern zu
speisen und die auf der Ausgabenseite anfallenden Kopien an unsere
Kundendienst-3tellen zu verteilen.
Die praktische Durchführung unserer Entscheidung
Da die aufgezeigten bisherigen Erfolge nicht etwa das Ergebnis
bloßer Zufälle, sondern die Früchte einer sachlichen, vernünftigen
Planung sind, darf ich noch darauf hinweisen, welche Probleme auftauchen und gelöst wurden, nachdem wir im Februar 1954 unseren Auftrag über die Lieferung von 5 Elektronenrechenmaschinen erteilt hatten.
Bei unseren vorbereitenden Arbeiten mußten wir unsere Aufmerksamkeit auf drei große Fragenkomplexe richten:
1.

Für welche Arbeit soll die erste Anlage eingesetzt werden?

2.

Nach welchen Gesichtspunkten soll das Betriebspersonal
ausgesucht werden?

3.

V/ie können 'wir unsere gesamte Belegschaft am besten über
unsere Entscheidungen und deren Auswirkungen informieren?

Die Frage, für welche Arbeit die Maschine eingesetzt werden sollte,
dürfte für ein größeres Publikum uninteressant sein. Grundsätzlich mußten
wir uns entscheiden, ob die erste Anlage ein Viertel der Warenkategorien selbständig bearbeiten oder an allen Arbeitsgängen zu einem Viertel

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18. April 1956

Viertel beteiligt werden sollte.
Wir entschieden uns für den zweiten Weg, weil die routinemäßigen Arbeiten sämtlicher Abteilungen ohne größere Unterbrechungen
fortgeführt werden konnten. Wir gewannen so auch Zeit für die Programmierung und Kodifizierung der Arbeit der später zu liefernden Anlagen
und konnten dann noch feststellen, daß dies das am wenigsten kostspielige Umstellungsverfahren war.
Paradoxerweise stieg unsere gesamte Arbeitslast von Beginn des
Jahres 1955 an so stark, daß wir unsere herkömmliche Tabulierungsausrüstung sogar noch ergänzen mußten, statt sie, wie wir anfänglich
planten, zu reduzieren. Die der ersten elektronischen Anlage zuzuschreibenden Einsparungen fanden ihren Niederschlag also nur in einer Senkung der Kosten für die Erstellung des Indexes, nicht aber in einer
direkten Senkung der Gesamtausgaben.
Von Anfang an wurde der Auswahl des Personals größte Bedeutung
beigemessen. Im April 1954 wurde innerhalb unseres eigenen Betriebs
ein Ausbildungskurs für die Programner und Köder eingerichtet. Gleichzeitig wurden erfahrene Industriepsychologen beauftragt, Tests für
den Eignungsnachweis für Automatenführer und -techniker auszuarbeiten.
Heute verfügt unsere Organisation über zwei beratende Techniker,
die dem Produktionschef unserer Lebensmittelindexabteilung beigegeben
sind sowie zwei Programmer, zwei Köder und fünf Automatenführer, die
dem Leiter der Tabellierungsabteilung für den Lebensmittelindex unterstehen.
Ehe wir unsere erste elektronische Rechenanlage in Betrieb nahmen, haben wir ein umfassendes und sorgfältig geplantes Orientierungsprogramm für unsere gesamte Belegschaft gestartet.
Es begann im Grunde genommen bereits im Jahre 1946, als wir bezüglich unserer ersten Vorstudien über die Verwendung elektronischer
Rechenmaschinen eine, wenn ich so sagen darf, Politik der offenen
Tür betrieben.
Diese freimütige Behandlung der Fragen, die uns, die Betriebsleitung, beschäftigten, setzten wir auch im Jahre 1952 fort. Und daran
hat sich bis zum heutigen Tage nichts geändert.
Im

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

18. April 1956

Im September 1954 - etwa drei Monate, ehe die erste Maschine eintreffen sollte - wurden die Herren der Geschäftsleitung, die Abteilungsleiter und die Betriebsingenieure zu einer Besprechung zusammengerufen, um ihnen einen ersten umfassenden Überblick über den Stand unserer Automatisierungsplane zu geben.
In kleineren Besprechungen wurden in den folgenden zwei Monaten
die betreffenden Herren dann über die theoretischen Möglichkeiten zur
Verwendung elektronischer Rechenmaschinen unterrichtet. Sie gewannen
so schon im voraus ein Bild davon, was die Maschinen leisten und was
sie nicht leisten konnten.
In diesen Besprechungen wurden unsere Betriebsingenieure darauf
hingewiesen, wie richtig eine enge Zusammenarbeit zwischen allen betroffenen Abteilungen gerade während der Umstellung sei. Sie

wurden

ferner aufgefordert, ihren Untergebenen alle nur denkbaren Informationen
zu geben.
Letzten Endes war das alles nichts anderes als eine Fortsetzung
der erwähnten Politik der offenen Tür. Sie erwies sich aber als ein
hervorragend geeignetes Mittel, um während der Periode des Übergangs
ein Absinken der Arbeitsmoral oder ein Nachlassen der Produktivität
zu vermeiden.Daß dies gelang, ist zweifellos mindestens zum Teil darauf
zurückzuführen, daß unsere gesamte Belegschaft seit langem schon mit
einem unablässigen Auswechseln alter Maschinen durch neue vertraut ist.
Unsere Belegschaft weiß so gut wie wir selbst, daß der Erfolg
unseres Unternehmens zum großen Teil von dieser Art Evolution abhängt.
Und ob der einzelne Angestellte dieses Phänomen nun mit diesem Wort
umreißen würde oder nicht, so hat er doch sicher das Bewußtsein,
daß auch die Automatisierung nichts weiter ist als die beschleunigte
Fortsetzung einer uns bekannten und notwendigen Entwicklung.

(Quellenangabe erforderlich)

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�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

Y/IRTSCHAETSREPORTAGE
BEDEUTUNG, MÖGLICHKEITEN UND GRENZEN DER AUTOMATISIERUNG

(x)

"Automation" und industrielle Betriebsführung
Von M. E. Salveson, Management Consultation Services
(Kundenberatungsdienst)
General Electric Company

- Quellenangabe erforderlich -

( 220 Zeilen)
WASHINGTON - (AD) - Bis gegen Ende des Jahres 1955 hatten Privatfirmen in den USA mehr als 40 Großrechenanlegen der Typen UNIVAC,
IBM 702 sowie einige Hundert kleinerer elektronischer Dokumentationsanlagen, wie etwa die UNIVAC-Registratur-Rechenmaschine oder die
IBM 65O, installiert oder in Auftrag gegeben.
Kein Wunder, daß man angesichts solcher Zahlen sehr optimistische
Prognosen über den Siegeszug der Automatisierung zu hören bekommt.
Einschränkend muß ich aber aus meiner eigenen langjährigen Erfahrung
hinzufügen, daß viele Firmen die sehr kostspieligen automatischen
Dokumentationsanlagen nur deshalb erwerben, damit "sie nicht hinter
der Konkurrenz zurückbleiben". Vielfach ist bei einer solchen Auftragserteilung die Frage der Wirtschaftlichkeit derartiger Geräte
bei Verwendung in dem betreffenden Betrieb noch gar nicht hinreichend
geklärt und oft ist dann die Enttäuschung groß und der Mißerfolg
eklatant. Die Entwicklung und der Übergang zu einer wissenschaftlich
fundierten Betriebsplanung worden durch derartige Experimente nicht
gefördert, sondern eher gehemmt.
Im folgenden seien einige jener Erkenntnisse zusammengefaßt,
die der Verfasser auf Grund jahrelanger eigener Forschungen und in
der Zusammenarbeit mit Firmen sammeln konnte, die teils mit Erfolg,
teils aber auch mit enttäuschenden Ergebnissen ihren Betrieb auf
automatische Dokumentationsmittel umgestellt haben.
I. Der Betrieb soll die Art der zu verwendenden Dokumentationsmittel bestimmen und nicht umgekehrt.
Das mag eine Binsenweisheit sein. Nur allzuoft aber wird nicht
berücksichtigt, daß die heute verfügbaren elektronischen Geräte an

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�"AhiERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April 1 956

an sich für ganz spezifische Zwecke, so etwa wissenschaftliche Berechnungen, gebaut wurden; hier nur arbeiten sie wirtschaftlich. Aber die
Arbeitsgänge bei wissenschaftlichen Rechnungen sind nicht notwendigerweise die gleichen wie bei der im Betrieb zu bewältigenden mechanischen
Dokumentation. Einer Entscheidung darüber, welche elektronischen
Anlagen in einem Betrieb verwendet werden können und sollen, muß
daher zunächst einmal eine genaue Analyse des gesamten Arbeitsanfalls
vorangehen. Dabei ist sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Analyse des zu bewältigenden Arbeitskomplexes unerlässlich.
Eine wesentliche Schwierigkeit, die Elektronentechnik den Anforderungen der modernen Betriebsführung anzupassen, liegt in dem Umstand,
daß wir uns bisher bei solchen Untersuchungen weitgehend auf qualitative Schätzungen verlassen mußten. Infolgedessen ist das verfügbare
quantitative Material - das heißt Angaben in Dollar und Cent ausgedrückt -, auf Grund dessen entsprechende Dokumentationsmittel entwickelt und von den Betrieben ausgewählt werden könnten, auch entsprechend gering. Wir müssen daher folgende Fragenkomplexe genau analysieren:
1)

Kontakte zur Außenwelt: Quellen und Häufigkeit der der Betriebsleitung zufließenden Informationen, Art und Weise,
wie diese Informationen gesammelt und für innerbetriebliche
Zwecke verwandt und ausgewertet werden.

2)

Innerbetriebliche Informationen: Quellen, Verfügbarkeit und
Koordination der Informationen, Niveau der zu treffenden
Entscheidungen, Terminerfordernisse, Häufigkeit und Größenordnung der Entscheidungen.

Sind alle diese Fragen beantwortet, so erscheint der Betrieb
als "System", und wir haben nunmehr eine feste Grundlage für-die Beurteilung, ob sich die Einführung elektronischer Dokumentationsmittel
auch wirtschaftlich lohnt. Auf diese Weise wird der Betrieb zum Modell,
und wir können im voraus bestimmen, welche Auswirkungen ein Eingriff
in den Arbeitsablauf - etwa die Aufstellung einer neuen Maschine auf den Gesamtbetrieb haben wird. Dieses Wissen erleichtert die Entscheidung über die später zu verwendenden Anlagen.
II. Die Verwendung von Elektronenrechenmaschinen für die Ausführung von Büroarbeiten kann deren Einsatz für Aufgaben der Betriebsführung unmöglich machen.
Gemeinhin wird die Anschaffung kostspieliger mechanischer Dokumentationsmittel immer mit dem Hinweis auf die hohen Einsparungen
an Personal und Arbeitszeit in den Büros begründet. Soweit die Kapazität solcher Anlagen nicht voll ausgelastet ist, denkt man an ihre
Verwendung für Aufgaben der Betriebsplanung und -leitung. Die Hoffnung
auf eine doppelte Verwendbarkeit wird einer genauen Nachprüfung nicht
in allen Fällen standhalten.
Die Hauptschwierigkeit liegt in den unterschiedlichen Anforderungen an die Maschinen und in Überschneidungen bei Terminarbeiten. Die
verwaltungstechnischen Arbeiten in der Betriebsführung (Buchhaltung,
LohnbuchhaitungjBestandskontrolle) müssen oftmals kontinuierlich abgewickelt werden und laufen vielfach nebeneinander her. Sie erfordern
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�"aLiERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. April

1956

erfordern in den meisten Fällen lediglich ganz einfache arithmetische
Berechnungen. Deshalb eignen sich für diese Aufgaben einfache und nicht
sehr kostspielige Moduleinheiten am besten, die so kombiniert werden
können, daß sie den jeweiligen Anforderungen genügen. Andererseits
benötigt man, wenn das Ziel eine Verbesserung der Entscheidungen der
Betriebsleitung auf Grund wissenschaftlicher Analysen ist, komplizierte,
hochleistungsfähige und schnellarbeitende Großrechenanlagen. Die hier
zu leistenden Arbeiten - Zusammenstellung und Auswertung von Statistiken und die Ausführung schwierigster mathematischer Berechnungen sind ebenso schwierig und komplex wie die Aufgaben in Wissenschaft und
Technik.
Entschließt sich nun ein Betrieb zur Anschaffung von Elektronengeräten, die sich sowohl für Büroarbeiten als auch die betriebliche
Planung verwenden lassen, so besteht die Gefahr, daß Zeitschwierigkeiten auftreten. V/ährend die Rechenanlage beispielsweise routinemäßige Rechenarbeiten, wie etwa die Lohnabrechnungen, erledigt, wird
sie von der Betriebsführung für die Ermittlung wichtiger Daten benötigt. So blockieren an sich weniger wichtige Aufgaben die Maschine
für die Betriebsplanung, und der Betriebsführung geht auf diese V/eise
notfalls wichtige und kostbare Zeit verloren.
Aber auch psychologische Erwägungen sprechen gegen die heute allgemein vorgebrachten Rechtfertigungsgründe für die Anschaffung derartiger Geräte. Der Kaufpreis beziehungsweise die Mieten für solche Geräte
sind derartig hoch, daß die Senkung der übrigen Bürokosten - Personaleinsparungen und ähnliches - als unerlässliche Vorbedingung für die
Automatisierung erscheint. Man wird sich also mit unverhältnismäßig
großem Nachdruck der Mechanisierung einzelner Arbeitsgänge zuwenden
und dabei Gefahr laufen, darüber die Verbesserung des Gesamtbetriebes
zu vernachlässigen. Vielfach wird man auch versucht sein, alle nur erdenklichen Arbeitsgänge von den elektronischen Geräten ausführen
zu lassen, nur um sie auszulasten. Dies führt dann gelegentlich dazu,
daß eine Elektronenanlage, deren Betriebsstunde 300 Dollar kostet,
mit Arbeiten beschäftigt wird, die sich anderweitig für 3 Dollar je
Stunde verrichten ließen.
Diese Einstellung zur Automatisierung ist aber auch noch aus
einem anderen Grunde völlig falsch. Sie räumt den Planungs- und Entscheidungsfunktionen der Betriebsleitung nicht den bedingungslosen
Vorrang ein, der ihr unbedingt zukommt. Obwohl schon Taylor mit
Nachdruck auf diesen wichtigen Gesichtspunkt verwiesen hat, wird er
auch heute oftmals noch übersehen.
III. Elektronenanlagen sind Werkzeuge des Menschen, nicht
Selbstzweck.
Auf Grund des ungeheueren Arbeitstempos und der beträchtlichen
Anschaffungskosten nehmen die elektronischen Dokumentationsmittel
innerhalb des Betriebs oftmals eine beherrschende Stellung ein.
Wenn es sich dabei auch nur um eine passive dominierende Rolle handelt,
so können sich daraus doch sehr nachteilige Folgen ergeben. Es sei hier
als Beispiel auf die Tendenz verwiesen, jedwedes Problem mit Hilfe der
Anlage zu lösen, gleichgültig ob sie dafür nun das geeignetste Instruaent ist oder nicht,
„ .
Bei

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�"AMERIKA DIENST" - „•lRTo'.-tlAFT UNI) A.

25.'April 1956

Bei meinen Untersuchungen der Frage, wie elektronische Rechenanlagen, Zusatzgeräte und das Bedienungspersonal an besten in die Gesamtstruktur eines Betriebes eingeordnet werden können, bin ich zu
völlig neuen Ergebnissen gekommen. Die wesentlichste Erkenntnis scheint
mir zu sein, daß Konstruktion, Typenauswahl und Anwendung elektronischer
Rechenanlagen, was die Bewältigung von Aufgaben einer modernen Betriebsführung angeht, eng mit der Anwendung entsprechend moderner Methoden
wissenschaftlicher Forschung und betriebswirtschaftlicher Analysen verbunden sind, wenn nicht sogar von ihr abhängen. Die Verwendung von
Rechenanlagen als wissenschaftliche Instrumente ist nur dann sinn- und
zweckvoll, wenn sie für betriebswirtschaftliche Ziele und nach Methoden
und Ideen eingesetzt werden, die nach streng wissenschaftlichen Grundsätzen erarbeitet werden.
Dies wiederum setzt natürlich das Vorhandensein eines Stabes
wissenschaftlich geschulten Personals voraus. Das sind unsere Betriebswissenschaftler. Sie werden zu einer wichtigen Komponente
innerhalb des Betriebsgefüges. Sie sind für die wissenschaftliche
Analyse der Ziele, Pläne und die Festsetzung der Größenordnungen, mit
denen der Gesamtbetrieb arbeitet, sowie für eine Koordinierung der
betriebswirtschaftlichen Methoden innerhalb der einzelnen Abteilungen
verantwortlich. Die Planung, die Methoden und die Größenordnungen der
einzelnen Abteilungen wie Fertigung, Verkauf und Buchhaltung sind
der Gesamtplanung untergeordnet.
Großrechenanlagen oder andere größere elektronische Systeme,
die in erster Linie für die Betriebsführung arbeiten sollen und dem
Zweck dienen, durch Auswertung statistischen Materials die Planung
für den Gesamtbetrieb aufzustellen, sollten den Betriebswissenschaftlern als Hilfsmittel beigegeben und ihnen nicht nur zeitweilig etwa
von der Buchhaltung überlassen werden.
Ehe ein Betrieb also eine Elektronenrechenmaschine aufstellt,
muß sich die Betriebsführung Klarheit darüber verschaffen, für welche
Aufgaben sie eingesetzt werden soll und an welcher Stelle im Betrieb
sie den größten Nutzeffekt zeitigen wird. Vor allem muß man sich
fragen, soll durch ihren Einsatz eine Automatisierung oder Beschleunigung des Arbeitsablaufes oder eine Verbesserung der betrieblichen
Gesamtplanung erreicht werden?
Die dringende Notwendigkeit, eine Antwort auf diese Fragen
zu finden, läßt erkennen, wie genau man die Möglichkeiten zu einer
wissenschaftlichen Untersuchung der gesamten Betriebstätigkeit im
voraus studieren muß und wie v/ichtig es ist, daß diese Untersuchungen
von den richtigen Leuten innerhalb des Gesamtunternehmens durchgeführt werden.
Es gibt genügend Gründe, die für ein solches Vorgehen sprechen.
Auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Analyse sind viele neue Methoden entwickelt worden, die heute für eine Betriebsführung nach wissenschaftlichen Grundsätzen unerlässlich sind. Elektronische Rechenund Dokumentationsgeräte werden eine besonders wertvolle Kilfe sein,
dem Betriebsleiter und Betriebswissenschaftler neue Einsichten in
das V/esen und die Funktion seines Betriebes zu vermitteln. Diese
neuen Einsichten werden sich aber nur dann voll und ganz verwirklichen

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�"AMERIKA DIENST" - .VIRTSCHAFT UND AH

25. April 1956

verwirklichen lassen, wenn alle an der Ausarbeitung beteiligten Personen auf das engste mit der Betriebsleitung und den Abteilungsleitern zusammenarbeiten.
IV. Die bildungsmäßigen Anforderungen an Angehörige der Betriebsführung werden einen Wandel erfahren
Es ist wohl klar ersichtlich, daß diese Entwicklung eine Veränderung der Ausbildungsmethoden für die leitenden Angestellten .in der
Wirtschaft nach sich ziehen muß. Die neuen Positionen, die geschaffen
werden, erfordern ein kompetentes, gut ausgebildetes und in den •
Methoden der wissenschaftlichen Analyse erfahrenes Personal, das
gleichzeitig die Funktionen und das Wesen des Betriebes als System
zu verstehen gelernt hat.
Der Hauptunterschied zwischen den heute üblichen Ausbildungsmethoden und denen der Zukunft ist S" her darin zu suchen, daß die
Grundlage für die Ausbildung bisher im allgemeinen die Geisteswissenschaften bildeten, wohingegen nunmehr die Naturwissenschaften, insbesondere die Mathematik, diese Stelle einnehmen werden. Bisher haben
nur wenige Universitäten in den Vereinigten Staaten ihren Lehrplan
darauf eingerichtet, Studierenden eine Ausbildung und Schulung angedeihen zu lassen, die ihn im Verein mit der späteren praktischen
Erfahrung durch die Tätigkeit im Betrieb auf eine Laufbahn in der
modernen Betriebsführung vorbereitet.
Solange solche Nachwuchskräfte noch nicht zur Verfügung stehen,
muß das vorhandene Personal auf die neuen Aufgaben umgeschult v/erden.
Die Auswahl der hierfür in Frage kommenden Personen soll auf der
Grundlage ihrer Kenntnis in der Betriebsleitung und ihrer verstandesmäßigen und analytischen Anlagen erfolgen. Gewöhnlich wird es sich
um Ingenieure handeln, die in gehobene Positionen in der Betriebsleitung aufgerückt sind. Es können aber auch Verwaltungsfachleute sein,
die ihr mathematisches, statistisches und naturwissenschaftliches
Wissen weiter vervollkommnet haben.
Zusammenfassend darf also gesagt werden:
Die Art des Betriebes muß den Typ der zu verwendenden elektronischen Geräte bestimmen. Elektronische Geräte sind Mittel, nicht
Zweck.
Man muß sich von vornherein darüber im klaren sein, was mit der
Anschaffung erreicht werden soll. Will man die gegenwärtigen Verfahren beschleunigen beziehungsweise weiter mechanisieren, oder will
man ein Mittel an die Hand bekommen, mit dessen Hilfe man eine genaue
wissenschaftliche Analyse über das Wesen des Betriebes erarbeiten kann,
um auf ihr die v/eitere Planung aufzubauen.
Hierbei muß man vor allem die Möglichkeiten der wissenschaftlichen
Analyse des Betriebs und seine Fähigkeit richtig einschätzen. Eine
solche Analyse kann Klarheit darüber schaffen, wo ein wirklicher Bedarf an elektronischen Geräten besteht und in welcher Weise diese angewendet werden sollten.
Derartige Analysen setzen voraus, daß der Betrieb über die erforderlichen Fachkräfte verfügt, die in Zusammenarbeit mit der Betriebsleitung dann die neuen Entscheidungen formulieren, auf Grund deren der
Betrieb wirtschaftlicher und rationeller arbeiten kann.
- Quellenangabe erforderlich
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              <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wahljahr 1956&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;Teil II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Kongress der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle der Staatsgouverneure in den USA&lt;/p&gt;</text>
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