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                  <text>INTERNATIONALE ARBEITSMITTEILUNGEN
Inhaltsverzeichnis
19 5 6

*

1
Arbeitszeit, Urlaubs- und Feiertagsregelung
in der Sowjetunion
Größere soziale Sicherheit für
amerikanische Seeleute
Der Scanlon-Plan
Internationaler Freier Gewerkschaftsbund
verurteilt Zwangsarbeit

2
Arbeiter als Aktionäre ihrer Betriebe
Die Erforschung von Unfallursachen und die
Verwendung der Unfallstatistik
Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften und
Unternehmern bei der Lehrlingsausbildung

�]

�I
Struktur und Mitgliedschaft der
Gewerkschaftsbewegung in USA
Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften und
Unternehmern bei der Lehrlingsausbildung (Schluß)
Arbeitskosten und Mechanisierung
Finanzielle Zusammenarbeit zwischen
Gewerkschaften und Management
Kurznachrichten

i
Struktur und Mitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung
in USA (Schluß)
Wie der amerikanische Automobilarbeiter lebt
Gewerkschaftsführer im Exil berichten über
das Los der Arbeiterschaft in sowjetischen
Satellitenstaaten
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

i
Vom Unternehmer finanzierte Pension3- und Gesundheitsprogramme in amerikanischen Tarifverträgen
Strafrechtliche Verfolgung von Verstößen gegen
die Arbeitsdisziplin in der UdSSR
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

��Hr. 6
Reform der Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen
Disziplinarische Maßnahmen der Gewerkschaften
Neue Grenzen der menschlichen Beziehungen
Gewerkschaftliche Kurznachricht

Nr. 7
Wer arbeitet heute in den USA?
2 1/2 Millionen Amerikaner erhielten eine
Lohnerhöhung
Wohin steuert die große neue US-Gewerkschaftsorganisation?

Nr. 8
Arbeitspotential und Lebensstandard in Puerto Rico
24 und 52 Stunden Arbeitszeit in Rotchina
"Westinghouse"-Streik nach 156 Tagen beigelegt

Nr. 9
Wohin steuert die große neue
US-Gewerkschaftsorganisation? (Schluß)
Die Lohnlawine in den USA seit 1940
Mexikanische Gewerkschaften in der
antikommunistischen Front

- 5-

��I .
Hr. 10
Der Aufschwung des Genossenschaftswesens
in den Vereinigten Staaten
Die amerikanische Bundes-ArbeitsaufSichtsbehörde
(National Labor Relations Board)
18 000 Schlafwagenschaffner - eine fortschrittliche
Negergewerkschaft
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter

Nr. 11
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter (Schluß)
Die Lage der Arbeiter in Rot-China
US-Bergarbeitergewerkschaft baute zehn neue
Krankenhäuser für Mitglieder
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Nr. 12
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der
privaten Arbeitslosenunterstützung
Die Freizeit als Faktor im Wirtschaftsleben
/ "Revidierter garantierter Jahreslohn" in der
£—, Praxis
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

-4 -

��Nr. 15
Die Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und ihre
voraussichtliche Weiterentwicklung in den
Vereinigten Staaten
Die Rolle der privaten Sozialprogramme bei
TarifVerhandlungen
Größte Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern im
Staate New York
"Todesstoß" für kommunistische
Elektroarbeitergewerkschaft
Transferierbare private Pensionspläne

Nr. 14
Die Umstellung auf Automation im Großbetrieb
Amerikas Gewerkschaften bilden ihren Funktionärsnt
selbst heran
Der Begriff der Produktivität in der
amerikanischen Industrie
Der Lebensstandard der Stahlarbeiter
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

_Nr. l&lt;p
Die Automatisierung und ihre Forderungen an das
Ausbildungswesen
Die Rolle der Gewerkschaften beim Aufbau einer
besseren Welt
Aussichten im Jahre 1956 für den Neuabschluß
von Tarifverträgen
"Revidierter garantierter Jahreslohn" auf
individueller Basis
Henry Ford II. ruft Mitarbeiter auf, sich aktiv
an der Wahl zu beteiligen
Wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen für
Studenten und Arbeiter
Ein interessantes "union shop"-Abkommen

- 5-

��Nr. 16
Steigendes Lohnniveau in den USA
Die amerikanische Streikstatistik
im Jahre 1955
Facharbeiter für ein neues Industriezeitalter
Gewerkschaftliche Kurznachrichten:
Pensionserhöhungen für US-Eisenbahner
Arbeitsfriede im New Yorker Transportgewerbe
für vier Jahre sichergestellt
Trend zu langfristigen Kollektivverträgen
Gewerkschaftsverband AFL-CIO kein Monopol
Hohe Streikziffern im Juli

Nr. 17
Kollektivverhandlungswesen und Gewerkschaften
Arbeitshygiene im Zeitalter der Automatisierung
Versicherungsschutz und Versicherungsleistung
für die Eisenbahner
Die Unterstützungsleistungen eines Wohlfahrtsfonds
Niedrigste Unfallrate im Juni

Nr. 18
U.S.-Senatsausschuß untersuchte private Wohlfahrtsund Pensionspläne
Lebensansprüche und Lebensstandard der arbeitenden
Bevölkerung in den amerikanischen Städten
Gewerkschaftliche Kurznachrichten:
Neue wichtige Lohnabkommen in der US-Industrie
Bergarbeiter-Sozialfonds legte Leistungsbericht vor
Arbeitszeit nach Wunsch

- 6-

��Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen. Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 1

Mehlem, den 6. Januar 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Arbeitszeit, Urlaubs- und Feiertagsregelung
in der Sowjetunion

Seite

1

Seite

4

Seite

7

Seite

10

Groessere soziale Sicherheit fuer
amerikanische Seeleute .
Der Scanion-Flan

..
&lt;&gt;

Internationaler Freier Gewerkschaftsbund
verurteilt Zwangsarbeit

•••••••••••

Arbeitszeitt Urlaubs- und Feiertagsregelung in der Sowjetunion
Arbeitszeit, Feiertage und Urlaub sind in der Sowjetunion gesetzlioh
festgelegt und nicht, wie in anderen Laendern, Gegenstand von Kollektivverhandlungen. Verschiedene in den USA vorhandene Handbueoher geben einigen Aui'sohluss ueber die dortigen Arbeitsbedingungen, obgleich keine genauen Zahlen ueber die tatsaechliche Arbeitszeit in der sowjetischen Industrie vorliegen.
Arbeitszeit und Feiertage
Die Bestimmungen des Gesetzes vom 26. Juni 1940, die den 8-StundenArbeitstag und die 48-Stunden-Woche als allgemeine Regelung fuer Arbeiter
ueber 16 Jahre festlegen, sind heute noch in Kraft. Waehrend des Krieges
war der 11-Stunden-Arbeitstag obligatorisoh, wobei drei Stunden als Ueberstunden gerechnet wurden. Fuer die meisten russischen Arbeiter galt jedooh ab Sommer 1945 wieder der uebliohe 8-Stunden-Tag} in der Abaenderung
der Verfassung zu Anfang des Jahre» 1947 wurde der 8-Stunden-Tag dann
offiziell wiedereingeführt.1) (Bis zu diesem Zeitpunkt sah die Verfassung
einen 7stuendigen Arbeitstag vor.) In koerperlioh anstrengenden oder
1) Die Verfassung der UdSSR setzte naoh ihrer Abaenderung im Jahre 1947
als Maximum den Aoht-Stunden-Arbeitstag fest (Artikel 119) und gewaehrte fuer koerperlioh anstrengende Berufe auoh eine kuerzere Arbeitszeit; in ihr wird jedoch weder die Zahl der Arbeitstage pro Woche, noch die Zahl der Arbeitsstunden pro Monat erwaehnt.
1 -

�oder gefahrvollen Berufen kann der Arbeitstag nur 7 Stunden oder auoh
weniger betragen, dies haengt ganz von der Art der ausgeuebten Taetigkeit ab. Im Bergbau, der Huetten- und Oelindustrie sind bestimmte Arbeitergruppen nicht verpflichtet, mehr als 6 Stunden am Tag zu arbeiten.
Das Gesetz vom 14* Juli 1942 ist ebenfalls noch in Kraft, das den 6-StundenArbeitstag als Hoechstgrenze fuer junge Lehrlinge in der Industrie zwischen 14 und 16 Jahren (das gesetzliche Mindestarbeitsalter) festsetzt.
In Betrieben, die in drei Sohichten arbeiten, ist die Nachtschicht auf
7 Stunden begrenzt, der Lohn ist jedoch dem einer 8stuendigen Tagesschioht
gleichgesetzt» Im allgemeinen werden 307 Arbeitetage im Jahr (365 minu»
52 Sonntage und 6 Feiertage) oder 25,5 Arbeitstage (204 Stunden) pro
Monat verguetet.
Sonntag ist im allgemeinen ein Ruhetag; an manchen Orten oder in
verschiedenen Betrieben kann jedoch auoh ein anderer Tag hierfuer bestimmt werden. In Notfaellen koennen Arbeiter auch an ihren ueblichen
Ruhetagen zur Arbeit herangezogen werden. Es gibt 6 gesetzliche Feiertaget 1. Januar, 1. und 2. Mai (Feiertage der internationalen Arbeitersohafti 7« und 8. November (Revolutionsfeiertage) und der 5» Dezember
(Tag der Annahme der UdSSR-Verfassung). Faellt der Feiertag auf einen
Sonntag, so hat der Arbeiter keinen Anspruch auf einen anderen freien
Tag. Es ist nioht gestattet an Feiertagen zu arbeiten, es sei denn, es
handelt sich um Tag-und-Naoht-Betriebe oder Notfaelle - Faelle, in
denen eine Unterbrechung der Arbeit aus technisch bedingten Produktionsgruenden unmoeglioh ist, wie zum Beispiel bei der Bedienung von oeffentlichen Verkehrsmitteln, im Nachrichtenwesen, bei dringenden Reparaturarbeiten und bei Verladearbeiten im Eisenbahn- und Wassertransport.
Die Verguetung fuer Ueberstunden und Feiertagsarbeit
Die Ableistung von Ueberstunden ohne "Erlaubnis" der Gewerkschaft
und der zustaendigen Behoerden ist in der Sowjetunion gesetzlich verboten; es werden jedoch haeufig Zuwiderhandlungen gegen dieses Gesetz
gemeldet. ' Das Gesetz verbietet die Ableistung von Ueberstunden und
Naohtarbeit fuer Arbeiter unter 16 Jahren und fuer werdende und stillende Muetter; waehrend der ersten vier Schwangerschaftsmonate ist Ueberstundenarbeit allerdings zulaessig. Wenn Ueberstundenarbeit notwendig
wird, so muss ein Bonus gezahlt werden - gewoehnlich wird fuer die 9«
und 10. Arbeitsstunde das Eineinhalbfache des gewoehnlichen Stundenlohnsatzes verguetet und fuer die 11. und alle folgenden Stunden das Doppelte. In der Bauindustrie liegen die vergleichbaren Verguetungssaetze
fuer Ueberstunden bei dem 1^- bzw. 1-J-fachen Satz.
Fuer Arbeit an den sechs gesetzlichen Feiertagen wird allen Arbeitern die doppelte Zeit verguetet. Es ist nicht statthaft, dass Arbeiter,
die an regulaeren Arbeitstagen Ueberstunden geleistet haben, auf die
Verguetung dieser Ueberstunden verzichten und statt dessen die entsprechende Zeit freinehmen. Diese Moeglichkeit ist lediglich bei Feiertagsarbeit gegeben. Fuer an Sonntagen oder regulaeren Ruhetagen geleistete
Arbeit wird gewoehnlich innerhalb der folgenden zwei Wochen die entsprechende Zeit freigegeben. Falls dies nicht moeglich ist, muss die doppelte Zeit verguetet werden (in der Bauindustrie nur das Eineinhalbfache).
Urlaub
Das sowjetische Arbeitsgesetzbuch des Jahres 1922 legte die vorherrschende Gepflogenheit eines bezahlten jaehrlichen Mindesturlaubs von
zwei Wochen (12 Arbeitstage) fuer alle Arbeiter ueber 18 Jahre fest.
Der Code garantierte Arbeitern unter 18 Jahren einen Mindesturlaub von
2) Dies geht beispielsweise aus der Ausgabe des "Trud" vom 3» September 1955 hervor.
- 2

�einem Monat, aber wie aus einer kuerzliohen Veroeffentliohung hervorgeht, erstreckt sich diese Garantie nur auf Arbeiter unter 16 Jahren.
Falls ein Arbeiter aus Gruenden, fuer die er nicht verantwortlich zu
machen ist, innerhalb eines Jahres seinen vollen Urlaub nicht nehmen
kann (beispielsweise wenn die Betriebsfuehrung bei der laufenden Produktion auf seine Dienste nicht verzichten kann), so kann er im folgenden Jahr einen entsprechend laengeren Urlaub nehmen oder aber der noch
ausstehende Urlaub wird ihm verguetet. Es ist nioht zulaessig, den Urlaub zwei Jahre lang anstehen zu lassen.
Ausser dem zweiwoechigen Mindesturlaub erhalten bestimmte Arbeitergruppen zusaetzlioh bezahlten Urlaub. Das "Handbuoh fuer den Gewerkschaft sfunktionaer", das im Jahre 1949 herausgegeben wurde, enthaelt
eine 61 Seiten lange Liste gefahrvoller Berufe, in denen den Arbeitern
zusaetzlich bezahlter Urlaub gewaehrt wird (fuer gewoehnlich 6 bis 12
Tage; in einigen wenigen Faellen 24 oder }6 Tage).
Die Laenge der Dienstzeit wird ebenfalls duroh laengeren Urlaub
anerkannt. In den Verfuegungen vom 15. Dezember 1930 und 31» Maerz 1937
werden in gewissen Industriezweigen allen Produktivarbeitern mit zweijaehriger Dienstzeit drei zusaetzlioh bezahlte Urlaubstage gewaehrt,
und zwar hauptsaeohlioh im Bergbau, in der Metallverhuettung, der Textilindustrie, der Baustoffindustrie und im Transportwesen,
Da» Recht auf bezahlten Urlaub ist jedooh auoh gewissen Beschraenkungen unterworfen. Die Verordnung vom 28. Dezember bestimmt, dass ein
Arbeiter nur dann seinen Urlaub nehmen kann, wenn er mindestens 11 Monate (vordem 5"^ Monate) ununterbrochen in einem Betrieb taetig gewesen
ist und nur dann fehlte, wenn ein triftiger Grund vorlag. Arbeiter, die
sioh etwas zuschulden kommen Hessen und deswegen zu "Straf"-arbeit an
ihrem alten Arbeitsplatz verurteilt wurden, erhalten keinerlei Urlaub.
Der sowjetische Arbeiter kann seinen Urlaub aufschieben, wenn ihm
vom Betriebsarzt bescheinigt wurde, dass er voruebergehend arbeiteunfaehig ist, einen Staatsauftrag zu erfuellen hat, oeffentliehen Pflichten naohkommen muss oder unter Arrest steht, ferner in einigen anderen
Faellen. Faellt ein solches Ereignis in die Urlaubszeit, so erhaelt der
Arbeiter fuer den entsprechenden Zeitraum automatisch Urlaubsverlaengerung. Eine finanzielle Entschaedigung fuer die ausgefallenen Urlaubstage erhaelt der Arbeiter nur dann, wenn sie im sowjetischen Gesetz oder
in seinem Arbeitsvertrag vorgesehen ist. Falle er krank wird und seinen
Urlaub verlaengern muss, so erhaelt er nur sein regulaeres Urlaubsgeld.
Nationale Feiertage, die auf einen Wochentag waehrend der Urlaubszeit
fallen, werden auf den Urlaub nicht angerechnet.
Die ununterbrochene Dienstzeit, die erforderlich ist, um den Urlaubsanspruoh zu rechtfertigen, bleibt unbeeinflusst durch zeitweilige Unterbrechungen in Form von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit auf Grund eines
Verschuldens des Arbeitgebers oder zeitweiliger Arbeitsunfaehigkeit, waehrend der Ausgleiohsgelder bezogen wurden.
Die Reihenfolge, in der die Arbeiter ihren Jahresurlaub nehmen koennen, wird am 1. Januar eines jeden Jahres festgelegt. Im Falle einer
unerwarteten Produktionsunterbreohung kann die Betriebs- und Sohliohtungskommission, die sich aus Vertretern der Betriebsfuehrung und der
Arbeiterschaft zusammensetzt, die Arbeiter dazu auffordern, ihren Jahresurlaub zu nehmen.
Das sowjetische Regime raeumt einer beschraenkten Zahl von Arbeitern
besondere Urlaubsprivilegien ein, und zwar erhalten sie Ferienplaetze in
Sommerluftkurorten oder Sanatorien, entweder kostenlo« oder zu verbilligten Saetzen. Die Besonderheit dieser Privilegien kommt in einem am 24»
Januar 1947 in der sowjetischen Gewerkschaftszeitung "Trud" erschienenen

- 3-

�Artikel zum Ausdruck«
"Bereohtigungsausweis» fuer den Aufenthalt in Erholungsheimen, Sanatorien und Kurorten sollten vorzugsweise an die Grundkader der Schwerarbeiter und einfachen Arbeiter - den Stachanowisten -, die schwere und
gefahrvolle Arbeit leisten und ihr Arbeitssoll erfuellen, zum Teil sogar
uebersohreiten, ausgegeben werden; ferner an Schwerarbeiter und einfache
Arbeiter mit langer ununterbrochener Dienstzeit innerhalb eines Betriebes;
an Invaliden des "Vaterlaendischen" Krieges sowie an aus den Streitkraeften Entlassene. FZKM's (Betriebs- und Ortsausschüsse) koennen solche
Paesse nur auf Empfehlung der betrieblichen Sozialversicherungskommissionen ausstellen, und zwar mindestens 10 Tage, bevor der Arbeiter seine Urlaubsreise antritt."
Auf Grund einer Analyse der sowjetischen Zahlen ist man zu dem Ergebnis gelangt, dass von zehn Lohn- oder Gehaltsempfaengern jeweils einer
fuer einen solchen kostenlosen oder verbilligten Ferienaufenthalt in Frage kommt. Im Jahre 1949 beispielsweise kamen nur etwa 3»5 Millionen von
insgesamt 35 Millionen Lohn- und Gehaltsempfaengern in den Genuss dieser
Vergünstigung; fuer das Jahr 1953 ergibt sich ungefaehr das gleiohe Verhaeltnis, und zwar obgleich zu Anfang dieses Jahres die Zahl der Arbeiter
auf 42 Millionen gestiegen war. Die erhoehte Bedeutung, die auoh 1955
wieder der Produktion der Schwerindustrie beigemessen wird, sowie die
gleichzeitige Beschraenkung der Ausweitung der Konsumgueter- und Dienstleistungsindustrie duerfte fuer die grosse Mehrheit der Lohn- und Gehaltsempfaenger in dieser Hinsicht wenig Aussicht auf eine Besserung
bringen.
Quelle:

Monthly Labor Review
Vol. 78, No. 10

Groessere soziale Sicherheit fuer amerikanische Seeleute
Die amerikanische Seeleutegewerksohaft - Seafarers' International
Union of North America - SIU - (eine der AFL und der allamerikanischen
Transportarbeitergewerkschaft angeschlossene Organisation) kann mit berechtigtem Stolz darauf verweisen, sioh seit jeher fuer die gewerkschaftlichen Wohlfahrts- und Sozialprogramme eingesetzt zu haben. Unter Wahrung
dieser traditionellen Einstellung konnte die SIU mit Wirkung vom 1. Juni
1955 eine Erweiterung des bestehenden Wohlfahrtsplanes dieser Gewerkschaft
durchsetzen, das heisat ihren Mitgliedern hoehere und zusaetzliohe Sozialleiatungen sichern.
In den folgenden Ausfuehrungen soll auf Einzelheiten des neuen Planes
eingegangen und gleichzeitig ein Abriss ueber die bisherigen Bestrebungen
der Gewerkschaft auf diesem Gebiet gegeben werden.
Das Problem der Sozialleistungen fuer Seeleute - bis dahin in der
amerikanischen Schiffahrt voellig unbekannt - wurde erstmalig auf einer
Konferenz der "Sailors« Union of the Pacific" mit der SIU (Atlantik und
Golfgebiet) im Juni 1949 diskutiert. Man kam damals ueberein, sioh fuer
diese Leistungen bei den kommenden Vertragsverhandlungen mit den Reedern
nachdrueoklioh einzusetzen. Die "Sailors' Union of the Pacifio" (SUP)
verhandelte unter der Leitung von Harry Lundeberg Ende November 1949 mit
den Reedern ueber diese Wohlfahrtsleistungen und schloss mit den Schiffahrt sunt ernehmern der Westkueste einen Vertrag, wonaoh diese pro Arbeitstag und Seemann 25 Cent in einen Wohlfahrtsfonds einzuzahlen hatten.
Kurz darauf schloss auch die "Seafarers1 Union" Anfang Dezember 1949
mit den Schiffahrtsgesellschaften einen Vertrag ab, in dem alle ihre Forderungen anerkannt wurden. Enda Dezember unterzeichneten schliesslich
mehrere grosse Reedereien, deren Personal vorwiegend von der SIU erfasst

-4

�war, ein entsprechendes Memorandtim, womit der "Seafarers1 Weifare Plan"
geboren war*
Duroh dieses mit den Reedern abgeschlossene Abkommen verpflichteten
aloh diese, taeglioh fuer jeden auf ihren Sohiffen arbeitenden Seemann
24 Cent in einen Fonds einzuzahlen, aus dem die Seeleute je nach Bedarf
Zuwendungen erhalten konnten.
Ein aua Gewerkschaftern und Unternehmern gebildeter Treuhandausschuss
wurde zur Ueberwachung aller hinsichtlich des Wohlfahrtsprogramms durchzufahrenden Massnahmen eingesetzt, deren unmittelbare Bearbeitung einem
hauptamtlich taetigen, versierten Verwaltungsangestellten oblag.
Zu den ab 1. Juli 1950 gewaehrten Sozialleistungen gehoerten Sterbegelder und woechentliche Leistungen bei Krankenhausaufenthalt. Sie bedeuteten gegenueber den frueheren, in den alten Satzungen der SIU aufgeführten Leistungen im KrankheitB- oder Sterbefall oder bei Schiffbruch
einen grossen Fortschritt. In den folgenden Jahren wurde der Wohlfahrtsplan noch weiter ausgebaut. Zu den bemerkenswertesten Verbesserungen gehoeren die Unterstuetzungsleistungen bei Mutterschaft und bei Invaliditaet, die ab Juni 1952 gewaehrt wurden.
Eine ausserordentliche Leistung war auch die Schaffung eines Ausbildungsfonds im Oktober 1952, der es Gewerkscnaftsmitgliedern oder ihren
Kindern ermoeglioht, fuer die Dauer von vier Jahren ein Stipendium fuer
den Besuch eines College oder einer Universitaet zu erhalten. .
Fuer die Verwaltung und Versicherung ihres Wohlfahrtsplans trug die
SIU selbst Sorge, ein relativ seltener Fall in den USA, da die meisten
US-Gewerkschaften Vereinbarungen mit Versicherungsgesellschaften treffen.
Auf diese Weise konnte die SIU ihre Ausgaben auf 7»7$ ihrer Einnahmen
beschraenkeni diese Einsparungen wirkten sioh wiederum in verbesserten
Leistungen aus.
Der Treuhandausschuss, der den Wohlfahrtsplan verwaltet, setzt sioh
aus jeweils drei Vertretern der Gewerkschafts- und der Unternehmerseite
zusammen. Sie sind fuer die ordnungsgemässse Durchfuehrung des Planes
und eine gereohte Auszahlung der Leistungen verantwortlich.
Aus den neuesten, am 6. Mai 1955 v o n der SIU veroeffentliohten Zahlen geht hervor, dass seit Inkrafttreten des Planes am 1. Juli 1950 insgesamt 2 333 940 Dollar fuer Sozialleistungen ausgegeben wurden. Seit
1. April 1952 wurden 93 145 Dollar fuer Invaliditaetsleietungen aufgewendet. Die fuer den Plai. zur Verfuegung stehenden Aktiva belaufen sioh
auf insgesamt 2 674 573 Dollar und schliessen Grundbesitz im Werte von
320 895 Dollar und Schatzanweisungen der US-Regierung in Hoehe von
720 697 Dollar ein. Sie umfassen. Chirurgische Behandlung, Erstattung
der Krankenhaus- und Arztkosten fuer Familien, Uebernahme der Entbindungskosten, Invalidenrenten, Sterbegelder, Krankenhausaufenthalt fuer
Seeleute, Stipendien fuer Seeleute (und ihre Kinder), Sonderbeihilfen,
Verpflegungs- und Unterkunftsbeihilfen fuer Seeleute, die auf das Auslaufen ihrer Schiffe warten und Fortbildungsmoeglichkeiten fuer Seeleute.
Ehefrauen und unverheiratete Kinder der SIU-Mitglieder unter 19
Jahren erhalten ein Krankenhaus-Tagegeld von 10 Dollar, und zwar 31 Tage
lang; dazu kommt ein Koechstbetrag von 100 Dollar fuer Krankenhaus-Sonderausgaben, sobald die ersten 50 Dollar ausgegeben wurden.
Weiter werden Angehoerigen der Gewerkschaftsmitglieder waehrend ihres
Krankenhausaufenthalts taeglich vier Dollar fuer aerztliohe Visiten bewilligt, und zwar bis zu 31 Tagen. Ausserdem koennen bei chirurgischen
Eingriffen Zuschuesse bis zu 300 Dollar - je nach der erforderlichen Operation - gewaehrt werden. Die bei Entbindungen faelligen Leistungen von

- 5-

�zweihundert Dollar zuzueglioh einer U.S.Schatzanweisung in Hoehe von
25 Dollar bleiben bestehen.
Fuer die Seeleute selbst erhoehte sich das Sterbegeld von 1000 auf
3500 Dollar; die woeohentliohen Leistungen bei Krankenhausaufenthalt,
die waehrend der gesamten Dauer gezahlt werden, werden von 6 auf 21
Dollar erhoeht. Ausserdem wird die Invalidenrente auf 35 Dollar woechentlioh erhoeht, waehrend die fuer ein vierjaehriges Studium bestimmten
6000 Dollar (fuer Seeleute oder deren Kinder) unveraendert weiter gewaehrt werden.
Ausser diesen im Rahmen des Wohlfahrtsplanes gewaehrten Leistungen
koennen Seeleute, die in den Haefen auf das Auslaufen ihrer Schiffe warten, Kredite in Anspruch nehmen, verbilligte Mahlzeiten erhalten und
Unterkuenfta beanspruchen; dazu steht ihnen die "Andrew Furuseth Training
School" zur Fortbildung zur Verfuegung.
Anlaesslich der Revision und Erweiterung des SlU-Wohlfahrtsplanee
sorgten die Treuhaender gleichzeitig dafuer, dass diese Sozialleistungen
dem berufsmaessigen, in der SIU erfassten Seemann garantiert werden.
Hinsichtlich des Unterstuetzungsanspruchs erfolgten einige Abaenderungen.
Die Berechtigung der Seeleute, bereits nach "einem Tag auf See" Sterbegelder, Krankenhausaufenthalt und Mutterschaftsbeihilfen in Anspruch nehmen zu koennen, wurde beibehalten, allerdings auf der Basis, dass dieser
eine Tag innerhalb der letzten 90 Tage vor dem betreffenden Ereignis lag
und nicht laenger als 90 Tage im letzten Kalenderjahr zurueckliegt. Diesen Vorzug geniessen allerdings nur vollbeschaeftigte, berufsmaessige
Seeleute.
Die erhoehte Invalidenrente setzt eine zwoelfjaehrige Taetigkeit als
Seemann oder einen Aufenthalt von 4380 Tagen auf See voraus, ein Tag
davon muss innerhalb der 90 Tage liegen, waehrend der der Seemann den
Antrag auf Invalidenrente stellt. Dies bietet die Gewaehr dafuer, daas
die Leistungen den aktiven Seeleuten zugutekommen, wobei diejenigen, die
in frueheren Jahren arbeitsunfaehig wurden, von den rueokwirkenden Bestimmungen der urspruenglichen Invalidenleistungen erfasst werden«
Invaliditaet liegt - wie frueher - dann vor, wenn ein Seemann unfaehig
ist, auf See fuer seinen Unterhalt zu arbeiten, wobei das Alter des Seemannes keine Rolle spielt. Stipendien setzen weiterhin eine dreijaehrige
Seefahrt des Seemannes oder des zur See fahrenden Vaters des Stipendienbewerbers voraus.
Die neuen Familienleistungen werden nach folgendem Muster gewaehrt«
Der bei Krankenhausaufenthalt gewaehrte Beitrag von 10 Dollar taeglioh
und der Hoechstbetrag von 100 Dollar fuer Sonderausgaben (Bestrahlungen,
Unkosten bei Operationen, Sonderbetreuung und aehnliches) gelten hinsichtlich der abzugsfaehigen 50 Dollar als eine Leistung, das heisst der
Seemann begleicht die ersten 50 Dollar all dieser Kosten, und der Wohlfahrtsplan kommt fuer den Rest auf.
Durch die Bestimmung, dass die ersten 50 Dollar vom Versicherten
selbst zu tragen sind, koennen grosszuegigere Leistungen gewaehrt werden,
so dass jeder, der durch hohe Krankenhauskosten ausserordentlich belastet
wurde, die Hilfe erhaelt, die er braucht. Sinn dieser Regelung ist, denjenigen zu helfen, die am dringendsten Hilfe brauchen, anstatt die verfuegbaren Mittel durch Begleichung kleinerer Krankenhausrechnungen zu
zersplittern. Der bei Operationen geltende Leistungsplan, der alle Einzelleistungen umfasst, sieht fuer Spezialbehandlungen Leistungen bis zu 300
Dollar vor, darunter auch Bluttransfusionen, fuer die 20 Dollar pro Transfusion gezahlt werden.
Sowohl die bei Operationen als auch bei Krankenhausaufenthalt zu gewaehrenden Leistungen beruhen auf Betraegen, die nach Beratung mit der

- 6-

�"American Medical Association" und anderen medizinischen Fachorganisationen
festgelegt wurden. Die Leistungen entsprechen den durchschnittlich ueblichen Krankenhauskosten auf der Basis: Unterbringung im Zweibettzimmer,
durchschnittliche Sonderausgaben und uebliche Operationsgebuehren.
Nach dem gleichen Grundsatz werden dem im Krankenhaus befindlichen
Patienten taeglioh vier Dollar fuer aerztliche Visiten gezahlt. Diese
Leistung soll die Betreuung auch derjenigen Patienten sicherstellen, die
keiner operativen Behandlung beduerfen. Die Visitengelder werden bis zu
31 Tagen fuer jeden Tag gezahlt, an dem der Patient besucht wird, gleiohgueltig, ob der Arztbesuch ein- oder mehrmal taeglich erfolgt.
Die neuen Leistungen, die in den SlU-Wohlfahrtsplan aufgenommen wurden, stellen einen Meilenstein hinsichtlich der Bestrebungen der Gewerkschaft dar, die bei Unfall oder Krankheit der Seeleute und ihrer Angehoerigen anfallenden Belastungen zu mildern. Allzu oft geschah es frueher,
dass ein Seemann bei schweren Krankheitsfaellen in seiner Familie im
naechsten Hafen von Bord gehen und naoh Hause fliegen musste, um sich
um seine Angehoerigen zu kuemmern. Heutzutage dagegen kann er an Bord gehen in dem Bewusstsein, dass Frau und Kinder durch den Wohlfahrtsplan
weitgehend geschuetzt sind.
Aus: "International Transport Workers1 Journal"

Der Scanlon-Plan
Der gesuchteste Spezialist fuer Arbeitsfragen in d«yn Vereinigten
Staaten ist heute der 56jaehrige Joe Scanion, der ehemalige Preisringer,
Hochofenarbeiter, Kalkulationsbuchhalter in einem Stahlwerk, Gewerkschaftsboss und derzeitiger Dozent fuer Arbeitsbeziehungen am "Massachusetts
Institute of Technology".
Die aeussere Erscheinung und das Auftreten Joe Scanions steht im
krassen Gegensatz zu dem, was er wirklich ist: ein gluehender Prediger
i'uer die gegenseitigen Beziehungen von Gewerkschaften und Management, der
es versteht, wie man beiden Sozialpartnern die Idee "verkauft". Das
Medium hierfuer ist der "Scanlon-Plan", der folgendes beabsichtigt:
1. dem Arbeiter die Moeglichkeit zu geben, sich an den Risiken, Entscheidungen und Gewinnen zu beteiligen, die sich aus erhoehter Produktion
ergeben und 2. der Betriebsfuehrung zu helfen, die Erfindungsgabe der Arbeiter und Angestellten zugunsten einer Produktionsverbesserung zu wecken
und zu foerdern.
Dabei gleicht Scanions Methode weniger einem formellen Plan als
einer Annaeherungsmethode, der drei feststehende Komponenten zugrundeliegen.
Erstens: Gewerkschafts- und Betriebsfuehrung legen eine Produktivitaets"norm" fest, und die Arbeiterschaft erhaelt eine Praemie aus den
Einsparungen, die durch niedrigere Produktionskosten pro Einheit erzielt
werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Lohnanreizplaenen basiert der Scanlon-Plan nicht auf dem Wettbewerbsprinzip, sondern vereinigt, ohne dasB
die Lohnstruktur aus dem Gleichgewicht gebracht wird, alle Mitarbeiter
in ihren Anstrengungen auf ein gemeinsames Ziel anstatt sie gegeneinander
in Opposition zu stellen.
Die zweite Komponente ist ein System von Produktionsausschuessen, in
denen Gewerkschaftsfunktionaere und Betriebsfuehrung gemeinsam ueber die
Herabsetzung der Produktionskosten beraten.
Die dritte und wichtigste Komponente ist jedoch Joe Scanion selbst,

- 7-

�der das ABC der hoeheren Produktivitaet von Grund auf beherrscht.
Der Sohn irischer Einwanderer, Joe Scanion, trat Anfang der zwanziger Jahre nach seiner Dienstzeit in der amerikanischen Marine als Kalkulationsbuchhalter in die "Ohio Steel Company" ein, die spaeter von der
"Republic Steel" uebernommen wurde. Diese Stellung vertauschte er spaeter
mit der eines Hoohofenwartes, waehrend er sich gleichzeitig seine gewerkschaftlichen Sporen als Organisator verdiente, als die der CIO angehoerende Stahlarbeitergewerkschaft im Jahre 1936 ein Organisationskomitee
bildete. Schon damals war er der Ansicht, dass die Arbeiter von sioh aus
zur Erhoehung der Produktion beitragen wuerden, wenn ihnen ein entsprechender Anreiz gegeben wuerde. Diese üeberlegung liess sioh im Jahre 193®
in die Tat umsetzen. Damale war Scanion Vorsitzender einer StahlarbeiterOrt sgewerksohaft, als die Betriebsfuehrung ihm erklaerte, dass das Unternehmen schliessen muesste, wenn es nicht gelaenge, die Rentabilitaet zu
erhoehen. Soanlon fuhr daraufhin mit den leitenden Angestellten des Unternehmens zur Hauptverwaltung der ClO-Stahlarbeitergewerkschaft nach Pittsburgh und arbeitete hier mit ihnen zusammen einen Produktivitaetsplan aus,
duroh den die Firma nicht nur gerettet wurde, sondern auoh eine solide
und rentable Basis erhielt. Dabei mussten beispielsweise fuer einen vom
gemeinsamen Produktionsausschuss gemachten Verbesserungsvoreohlag rund
8000 Dollar fuer Neuausrüstungen aufgewendet werden, aber die Firma erzielte dadurch eine jaehrliohe Einsparung von 150 000 Dollar. Nach dieser
eindrucksvollen Leistung holte Philip Murray, damals Vorsitzender der
Stahlarbeitergewerkschaft, Scanion in die Hauptverwaltung nach Pittsburgh,
um ihn von hier aus in andere, ebenfalls in Schwierigkeiten geratene
Firmen zu schicken.
Im Jahre 1945 konnte Scanion seine inzwischen in zahlreichen Unternehmen gesammelten Erfahrungen auoh bei der "Adamson Company of East
Pal'estine", die geschweisste Stahltanks produziert, nutzbringend anwenden. Der Firmeninhaber klagte Scanloni "Ich habe den Gewerkschaften
saemtliche gestellten Forderungen erfuellt. Trotzdem aber arbeitet das
Werk nicht zufriedenstellend, tun wir uns zusammen und arbeiten wir einen
Plan aus, der uns beiden zum Vorteil gereioht."
Soanlon nahm daraufhin die Firma unter die Lupe, pruefte saemtliche
Buecher und setzte fuer jede Produktionseinheit eine Arbeitskoetennorm
fest. Dann fuehrte er ein System ein, wonach die Arbeiter und das Management je 50$ der Einsparungen erhielten, die duroh niedrigere Produktionskosten erzielt wurden.
Schon bald wurde der neue gemeinsame Gewerkschafts- und Betriebsfuehrungsausschuse mit Verbesserungsvorschlaegen der Arbeiter ueberhaeuft.
SohweisBer, die bisher untaetig herumgestanden hatten, weil sie auf Material warteten, halfen jetzt beim Ausladen. Arbeiter, die sioh frueher
dem unterdurchschnittlichen Leistungsniveau der "Faulpelze" gegenueber
gleiohgueltig verhalten hatten, protestierten jetzt dagegen: "Dadurch
werden unsere Praemien herabgesetzt". Arbeiter und leitende Angestellte
bildeten jetzt eine Einheit, die fuer ein gemeinsames Ziel arbeitete.
Schon nach einem Jahr lag die Rentabilitaetsrate der Firma Adamson um
das Fuenffache hoeher. Selbst nach Aufteilung der Produktivitaetsgewinne
im Verhaeltnis 50 zu 50 verzeichnete die Betriebsfuehrung nooh das Doppelte der frueheren Ertraege. Fuer die Einstellung der Arbeiter ist die
folgende Aeusserung eines alten Gewerkschafters bezeichnend: "Joe, hier
kann ich nicht kaernpfen, denn es waere mein eigener Nachteil."
Ein Jahr spaeter war Scanion in der "Lapointe Machine Tool Company"
in Hudson (Massachusetts) anzutreffen, in der ein Streikausbruch drohte.
Der Erfolg: im Verlauf von 20 Monaten hatte sich die Produktion der Firma
um 61 Prozent erhoent. In einem Bericht der "National Planning Association"
ueber die bei Lapointe durcngefuehrten gemeinsamen Verhandlungen ueber
die Produktionsprobleme heisst es: "Fuer einen Aussenstehenden ist es

- 8 -

�schwierig, zwischen Betriebsfuehrung und Gewerksohaftsvertretung zu unterscheiden."
Wie wuerde sioh der Scanlon-Plan nun aber in einem erfolgreichen
Betrieb auewirken, nachdem er sioh in schwierigen Unternehmen so bewaehrte? Die Antwort hierauf gab die "Parker Pen Company" in Janesville
(Wisconsin). Dieses fortschrittlich eingestellte Unternehmen verfuegte
nicht nur ueber eine tueohtige Betriebsfuehrung und Gewerkschaftsvertretung, sondern auch ueber einen Lohnanreiz- und einen.neuen Rentenplanj
das Werk selbst war mit Klimaanlagen und modernsten Produktionshilfsmitteln, wie Rundfunkanlagen fuer die Arbeiter, ausgeruestet. Dennooh war
die Firma der Ansicht, dass selbst ein guter Anreizplan Schwierigkeiten
bereite. Soanlon, den man in diesem Fall um Hilfe gebeten hatte, schaffte
das alte Lohnanreizsystem ab, naoh dem die Anstrengungen des einzelnen
auf Kosten der Gruppe belohnt wurden. Tagelang verhandelte er mit Finanzsaohbearbeitern und Buchhaltern und setzte sohliesalioh eine Produktivitaetsnorm fuer das Rechnungsjahr (Maerz) 1953/(Februar) 1954 f«st. Er
setzte durch, dass die eingesparten Produktionskosten (die Betraege also,
die unter den auf Jahresbasis festgelegten Produktionskosten lagen - am
Verkaufswert gemessen -) in einen Praemienfonds anzusammeln sind. Ein
Viertel dieser Gelder wurde als Reserve fuer diejenigen Monate abgesetzt,
in denen sioh die Kosten mit der "Norm" deokten oder in denen sogar ein
Defizit zu verzeiohnen war und in denen daher auoh keine Praemien verdient wurden. Der Rest der im Fonds befindlichen Summe wurde aufgeteilt!
die Arbeitnehmer erhielten davon 75 Prozent, die Betriebsfuehrung 25$.
Die Praemie des ersten Monats, die im September 1954 gezahlt wurde und
sioh auf insgesamt 43 199 Dollar belief, entsprach einer Lohnerhoehung von
13)8 Prozent. Im Januar, in dem in der Fuellfeder- und Bleistiftindustrie
gewoehnlioh eine Flaute herrsoht, erzielten die Arbeiter keine Praemie,
allerdings war dies auoh der einzige Monat, in dem dies nioht gelang
(Zahlungen aus dem Reservefonds erfolgen nur am Jahresende). Im September
des naeoheten Jahres dagegen war bereits eine Lohnerhoehung von 27,1$
zu verzeiohnen. Waehrend des genannten Geschaeftsjahres bearbeiteten die
aoht gemeinsamen Produktionsaussohuesse (wobei auf jede Hauptabteilung
ein Ausaohuas kommt) und das aus 17 Mitgliedern bestehende sogenannte
"Screening oommittee" (Pruefungskomitee) - das sioh aus 9 Arbeitern und
8 leitenden Angestellten zusammensetzt - 400 Verbesserungsvorsohlaege,
von denen 240 angenommen wurden, wobei durohsohnittlioh ein Vorschlag auf
zwei Arbeiter kam.
Naoh dem Soanlon-Plan wird jetzt in etwa 60 amerikanischen Betrieben
gearbeitet, gleiohgueltig, ob es sioh um Moebel- oder Stahlfabrikation
handelt, um mit Gewinn oder Verlust arbeitende Firmen, um Unternehmen, in
denen die Arbeitsbeziehungen gut oder sohlecht waren oder wo die Arbeitsproduktivitaet leioht oder praktisoh ueberhaupt nioht zu messen war.
Der Soanlon-Plan laesst sioh allerdings nicht ohne die aufrichtige Zustimmung sowdhl der Betriebsfuehrung als auoh der Gewerksohaftsvertretung
durohfuehren. Er verlangt eine starke Gewerkschaft, die sioh fuer ihre
Mitglieder einsetzen kann. Ausserdem setzt er voraus, dass eine Betriebsfuehrung bereit ist, der Gewerkschaft Einblick in ihre Buecher zu gewaehren und ihre Produktionsgeheimnisse zu lueften. Weiter wird ein Gefuehl
fuer gute Zusammenarbeit zwischen Betriebsfuehrung und Gewerkschaft verlangt, das am haeufigsten denjenigen Firmen abgeht, die Scanions Hilfe
am noetigsten haben. Soanlon lehnt von vornherein jede Mitarbeit ab, wenn
er nioht davon ueberzeugt ist, dass beide Seiten eine gute Zusammenarbeit
erstreben.
Scanion soheut sioh auoh nioht, etwaige Misstaende barsoh und ohne
Umsohweife zu kritisieren. Dies haelt aber niemand davon ab, an seinem
einmal fuer gut erkannten Plan festzuhalten. So erklaerte Leo Beckwith,
der Gesohaeftsfuehrer der "Market Forge Company", einem seit 1947 naoh
den Ideen Soanlons arbeitenden Unternehmen in Everett (Massachusetts)i
"Der Soanlon-Plan ist sioher nicht das Wundermittel, das manohe Leute
in ihm sehen, aber er ist jedenfalls eine gute Sache. Wenn wir ihn aus

-9

�irgendeinem Grunde einmal abschaffen muessten, waeren die Leutt im
Be trieb sehr unglueoklioh, und ioh waere es auoh." Der Vizepresident
einer Firma in Illinois aeusserte sich allerdings nooh begeisterten
"Soanlon ist riohtungweieend fuer die Zukunft des freien Unternehmertums Amerikas."
(Bei Veroeffentlichung folgende Quellenangabe
unbedingt erforderlich)
Nach "Time", dem woechentlioh erscheinenden Nachrichtenmagazin. Copyright 'Time Inc.1 1955

Internationaler Freier Gewerkaohaftabund verurteilt Zwangsarbeit
Der Vorstand des Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes beendete
seinen diesjaehrigen Kongress mit einer Resolution gegen jede Form der
Zwangsarbeit. In dieser Resolution wurde eindeutig festgestellt, dass es
Zwangsarbeit im grossen Masstabe lediglich in der Sowjetunion, ihren
Satellitenlaendern und im Kommunistischen China gibt. Denn die Zwangsarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil des sowjetischen Wirtschaftssystems,
wie der IBFG feststellt.
Allerdings gaebe es auoh diesseits des Eisernen Vorhangs einige Formen und Ueberreste der Zwangsarbeit, obwohl sie gesetzlich verboten sei.
Wie der Generalsekretaer des "IBFG", J.H. Oldenbroek, in einem Interview
mitteilte, ist die Zahl der Mitglieder der 110 dem IBFG in 76 Laendern
angeschlossenen Gewerkschaften auf ueber 55 Millionen angestiegen. Von
besonderer Bedeutung sei die Tatsache, dass es erstmalig gelungen ist,
auoh Plantagenarbeiter gewerksohaftlioh zu organisiereni so wurden allein
in Malaya 100 000 Plantagenarbeiter fuer ihren Gewerkschaftsverband gev
worben.
Der Vorstand des "IBFG" habe auch auf seinem diesjaehrigen Kongress
eine leidenschaftliche Resolution angenommen, in der alle Angebote des
kommunistisch gefuehrten Weltgewerkschaftsbundes auf gemeinsames Vorgehen
entschieden abgewiesen wurden. Damit hat der "IBFG" erneut seinen. Standpunkt bekraeftigt, dass es zwischen den freien Gewerkschaften und der
"Arbeitsfrontorganisation" der kommunistischen Laender keine Zusammenarbeit geben koenne. Er hat die ihm angeschlossenen Gewerkschaften angewiesen, keinerlei Einladungen auf Entsendung offizieller Gewerksohaftsdelegationen nach den Laendern des Sowjetbereiohs anzunehmen. Denn derartige
Delegationen koennten keinerlei wirkliche Untersuchungen anstellen und
dienten daher lediglich kommunistischen Propagandazweoken. Oldenbroek betonte, dass die Entsendung derartiger Delegationen nur dann einen Sinn
haette, wenn in den sowjetischen Laendern Redefreiheit und das Recht auf
Bildung freier Gewerkschaften bestehe.
Der "IBFG" werde auoh weiterhin die Bestrebungen der von den kommunistischen Maohthabern versklavten Voelker mit Anteilnahme verfolgen und,
soweit er dazu in der Lage sei, tatkraeftig unterstuetzen, sagte Oldenbroek. "Wir kennen die grossen Schwierigkeiten," meinte Oldenbroek, "mit
denen die sowjetischen Arbeiter zu ringen haben, die dem kommunistischen
Regime ihren passiven und heimlichen Widerstand entgegensetzen. Nur diejenigen, die selbst der Freiheit beraubt wurden, koennen den Wert eines
solchen Widerstandes voll ermessen. Diejenigen unter uns, die unter dem
Naziregime ihre Freiheit verloren, koennen die Gefuehle der Menschen verstehen, die unter der kommunistischen Herrschaft denselben Verlust erlitten,
loh bin jedoch sicher, dass die unterdrueckten Arbeiter ihren heldenhaften
Kampf um ihre Befreiung weiterfuehren werden, und die Arbeiter der freien
Welt werden sie in diesem Kampf unterstuetzen."

- 10 -

�Di« ablehnend« Haltung der Sowjets gegenueber der Frage der Wiedervereinigung Deutschlands, sagte Oldenbroek, mache die Integration dar
westeuropaeisohen Wlrtsohaft naoh dem Muster der Gemeinschaft fuer Kohl«
und Stahl umso notwendiger.
Der Vorsitzend« dar Kommunistischen Partei der UdSSR, Chruschtschow,
und der sowjetisch« Ministarpraesident Bulganin haatten durch ihre wiederholten Auefaelle gegen Grossbritannien und Amerika erneut den kalten
Krieg gegen die freie Welt heraufbeschworen.
Wortlaut der Resolution das Internationalen Freien Gewerkschaftsbundes zur Frage der Zwangsarbeit!
"1. Es wird empfohlen, alles Unterlagen- und Informationematarial
uaber Zwangsarbeit, das vom Generalsekretaer des "IBFG" bisher gesammelt
wurde und in Zukunft zusammengetragen werden wird, dem Internationalen Arbeitsamt zu uebergeben und die Arbeitsgruppen der "ILO" staendig auf dam
Laufenden ueber diese Angelegenheit zu halten.
2* Es wird empfohlen, den Generalsekretaer zu beauftragen, die dam
"IBFG" angeschlossenen Organisationen in den fragliohen Laendern sowie das
Berliner Komitee zu ersuchen, moeglichst viele der aus den Laendern das
Sowjetblocks heimgekehrten Gefangenen zu interviewen, um Beweismaterial
aus juengster Zeit ueber die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern
dieser Laendar zur Vorlage beim Internationalen Arbeitsamt zu erhalten.
3. Es wird empfohlen, den Generalsekretaer zu beauftragen, mit Unterstützung der "Force Ouvriftre" einen Bericht ueber das moderne Sklavenwesen zusammenzustellen, ihn der "ILO" vorzulegen und das in diesem Berioht
enthaltene Informationsmaterial einer moegliohet breiten Oeffentliohkeit
zur Kenntnis zu bringen.
4. Dar Internationale Ausschuss zur Bekaempfung des Konzentrationslagerwesens plant, eine Kommission zur Untersuchung des Zwangsarbeitswesens im kommunistischen China einzusetzen und in der ersten Haelfte das
Februar eine Tagung dieser Kommission naoh Bruessel einzuberufen. Diese
Kommission soll aus sechs europaeischen und fuenf asiatischen Mitgliedern
bestehen} der "IBFG" wird ersucht, die asiatischen Mitglieder zu benennen.
Es wird empfohlen, diese Aufforderung anzunehmen und den Generalsekretaer
zu beauftragen, die angeschlossenen Verbaende in Asien hierbei zu Rate zu
ziehen. Es wird weiterhin empfohlen, den Bericht der Untersuchungskommission der "ILO" vorzulegen und die Arbeit dieser Kommission und die erzielten Erfolge in Zusammenarbeit mit den angeschlossenen Organisationen
propagandistisch auszuwerten.
5. Der Chinesische Gewerksohaftsverband hat dem Vorstand einen Vorschlag eingereicht, die vom Internationalen Ausschuss gegen das Konzentrationslagerwesen geplante Untersuchung ueber Zwangsarbeit im kommunistischen China tatkraeftig zu unterstuetzen und saemtliohe angeschlossenen
Verbaende aufzufordern, diesem Unternehmen zur Wahrung der sozialen Gerechtigkeit und Wuerde des Menschen ihre Hilfe zu gewaehren. Es wird empfohlen, den Chinesischen Gewerksohaftsverband von dieser geplanten Aktion zu
verstaendigen*
6. Der Internationale Ausschuss gegen das Konzentrationslagerwesen
beabsichtigt, die Sowjetregierung zu ersuchen, seinen Vertretern die Besichtigung einiger Zwangsarbeitslager zu genehmigen. Es wird empfohlen, den
Generalsekretaer zu beauftragen, diesen Antrag zu unterstuetzen.
7. Bezueglioh der Zwangsarbeit in Kenia wird empfohlen, den Britischen Gewerkschaftsverband aufzufordern, mit der britisohen Regierung die
Frage einer beschleunigten Freilassung der Internierten und der Abschaffung
der Zwangsarbeit in den Eingeborenenreservaten zu eroertern."
- 11 -

�Der Vorstand des IBFG nahm ausserdem folgende Resolution ueber die Beziehungen freier Gewerkschaftsorganieationen zu autoritaeren Laendern an«
"Angesichte der immer intensiveren Bemuehungen der kommunistischen
Laender, einen Austausch von Gewerksohaftsorganisationen mit den Laendern
der freien Welt zu erreichen)
und in der Erkenntnis, dass die kommunistischen Regime einen derartigen Austausch anstreben, um
1. ihren staatlichen Gewerkschaften die
moralisohe Achtung und gesetzliche Anerkennung zu verschaffen, und 2. die
Arbeiter der freien Welt dazu zu verfuehren, diese von der Kommunistischen
Partei beherrschten Organisationen als bona fide Gewerkschaften anzuerkennen, und 3« die kommunistische Infiltration und Wuehlarbeit in der freien
Welt zu erleiohtern, sowie schliesslich 4» die expansionistischen Tendenzen
des Sowjetimperialismus zu foerdernj
wird hiermit ausdrueoklich betont, dass es im Interesse der internationalen Solidaritaet der Arbeiterschaft, die ein lebenswichtiges Element der Freiheit des Menschen in der ganzen Welt darstellt, sowie des
Weltfrieden« nioht angeht, dass freie Gewerkschaftsorganisationen Delegationen austauschen mit Laendern, die 1. ihren Voelkern die grundlegenden Menschenrechte, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen formuliert
wurden, versagen) 2. ihren Arbeitern das Reoht auf freien Zusammensohluss
und Organisierung, das Recht auf echte Kollektivverhandlungen sowie das
Reoht auf Streik versagen:, und 3. die Arbeiter, die fuer freie Gewerkschaften und Demokratie eintreten, bestrafen)
alle angeschlossenen Verbaende werden aufgefordert, dem Generalsekretaer des IBFG von etwaigen Einladungen aus autoritaeren Laendern Mitteilung zu maohen, damit der IBFG sioh ueber die Absichten und Folgen
eines derartigen Vorgehens seitens eines kommunistischen Landes Klarheit
verschaffen und
umso eifriger gegen diese strategischen Feldzuege der
Kommunisten zur Verwirrung und Spaltung der freien Gewerkschaftsbewegung
vorgehen kann."

12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

DC - 2

Mehlem, den 20. Januar 195b

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Arbeiter als Aktionaere ihrer Betriebe

Seite

1

Die Erforschung von Unfallur3aohen und die
Verwendung der Unfallstatistik

Seite

6

Vereinte Bemuehungen von Gewerkschaften und Unternehmern
bei der Lehrlingsausbildung

Seite

11

Alfred G. Larke
Arbeiter als Aktionaere ihrer Betriebe
In den Vereinigten Staaten sind die ArbeitnehmerAktienbeteiligungsplaene - die vielfach mit
Sparprogrammen kombiniert werden und von der
Unternehmerseite Zuschuesse erhalten - im
Ansteigen begriffen.
Im Jahre 1955 erwarben in den Vereinigten Staaten wahrscheinlich
mehr Arbeiter und Angestellte Aktien ihrer eigenen Arbeitgeber als das
seit den zwanziger Jahren je der Fall war.
Dieser Trend, der einige Jahre nach Beendigung des Zweiten '.Veitkrieges einsetzte, wurde jetzt allerdings durch die im Jahre 1955
durchgeführten Tarifvertragsverhandlungen in der Automobilindustrie
eingedaemmt. Die Automobilarbeitergewerkschaft lehnte naemlich die von
der "General Motors Corporation" und der "Ford Motor Company" als Ersatz
fuer den garantierten Jahreslohn angebotenen Aktienbeteiligungsplaene
ab, wobei diese Plaene fuer die Gehaltsempfaenger in dieser Industrie
allerdings weiterbestehen.
In den bedeutendsten Industrien war es bisher uoblich, den nicht
gewerkschaftlich organisierten 3ueroangestellten die gleichen Lohnerhoehungen und zusaetzliche Sozialleistungen zu gewaehren, die von den
gewerkschaftlich organisierten Stundenlohnempfaengern durchgesetzt
wurden. Dieses Verfahren soll aber jetzt aufgegeben werden. Am 2J.
September 1955 hat die "General Motors Corporation" ihre Aktionaere
1 -

�um die Zustinimung zu einem Spar- und Aktienbeteiligungsplan fuer Gehaltsempfaenger ersucht. Danach 3ollen Angestellte sich mit einem bis zu
10/2 ihres Grundlohnes betragenden Abzug (zuzueglich Lebenshaltungskostenzuschlag) fuer einen Sparfonds einverstanden erklaeren, fuer den
je zur üaelfte Regierungsschatzanweisungen und Stammaktien der "General
Motors" erworben werden sollen. "General Motors" selbst wuerde sich
mit einem Betrag in Hoehe von 50,'J der Angestellten-Einlagen beteiligen,
der fuer den Erwerb von Namensaktien des Unternehmens verwendet wird.
Ein Angestellter, der sich zum Beispiel fuer die Teilnahme an einem
Sparplan entscheidet, kann zwar jederzeit den Plan wieder aufkuendigen das Recht allerdings, auch den Firmenzuschuss ausgezahlt zu bekommen,
erwirbt er nur allmaehlich, und zwar erst im dritten, vierten und
fuenften Jahr seiner Teilnahme in einer Sparklasse. Nach fuenf Jahren
werden ihm Barauszahlungen und Effekten garantiert, die mindestens seinen
Beitraegen plus Zinsen entsprechen, ohne Berücksichtigung des Markwertes der Aktien. Ein Angestellter, der sich an einem Rentenplan
beteiligt, kann die von der Firma erworbenen Gesellschaftsanteile nur
beim Eintritt in den Ruhestand oder bei Beendigung des Arbeitsverhaeltnisses erhalten.
Auch Henry Ford II erklaerte, fuer sein Unternehmen einen aehnlichen Plan durchfuehren zu wollen. Sein der Automobilarbeitergewerkschaft offerierter Plan fuer Gehaltsempfaenger glich praktisch dem von
"General Motors" vorgeschlagenen.
Die zur Zeit bestehenden Aktienbeteiligungsplaene fuer Angestellte
sind im wesentlichen in der Erdoelindustrie und in den Versorgungsbetrieben zu finden. Findet das von "General Motors" und "Ford" gegebene
Beispiel jedoch auch in anderen Unternehmen, die sich ebenfalls Forderungen nach garantierten Loehnen gegenuebersehen, Nachahmung, so
duerfte die Basis der Aktienbeteiligungsprogramme in der gesamten Industrie wesentlich verbreitert werden.
Inzwischen sind bereits zahlreiche Firmen dazu uebergegangen, ihre
Angestellten fuer solche Plaene durch verschiedene Mittel vom einfachen
Ratschlag bis zu umfassenden treuhaenderisch gesicherten P]aenen zu
gewinnen.
Von der "Pacific Telephone Company" wird beispielsweise nur das
"New York Stock Exchange's Monthly Investment Program" veroeffentlicht,
in dem die Angestellten Naeheres ueber die Einrichtung eines Kontos
durch einen Makler erfahren.
Eine andere Firma, die "3assons Industries Corporation" in New York,
vergibt Aktienanteile als einmalige Weihnachtszuwendungen.
Am anderen Ende der Skala steht ein Unternehmen der Oelindustrie
("Standard Oil Company of California"), das einen bestimmten Prozentsatz
des Gewinnes vor Abzug der Steuern in einen Aktienerwerbsfonds abfuehrt,
und zwar im Verhaeltnis von fast 2 Dollar fuer jeden vom Angestellten
ersparten Dollar. In einem anderen kombinierten Spar-, Renten- und
Gewir.nbeteiligungsplan betragen die Firmenbeitraege nach einer gleitenden Skala 5 bis 10,0 der Gewinne ("Sears, Roebuck and Company").
Die Firmenzuwendungen koennen auch in der Form von Geschenken
erfolgen, wie im Fall der "National Container Corporation", deren
Angestellten-Aktionaere langjaehrige verdiente Betriebsangehoerige sind,
die anstelle goldener Uhren zum 25jaehrigen Dienstjubilaeum Aktiengutschriften erhielten. 3ei der "Standard of California" kommen fast
alle 3etriebsangehoerigen (ueber JJfij» aller empfangsberechtigten Angestellten) in den Genuss solcher 2uschuesse. Noch typischer ist der von
der "Inland Steel Company" geschaffene freiwillige Aktienbeteiligungsplan, der im Juli 1955 erneuert wurde. In den ersten drei Jahren, 3eit
- 2

�Anlaufen dieses Planes, beteiligten sich 74,o des Aufsichts- und 40^
des gesamten uebrigen Personals daran.
Unter den drei Haupttypen von Aktienbeteiligungs- und Sparplaenen
spielen die "stock Option plans" (freiwillige Aktienplaene) die unbedeutendste Rolle. Aktienbeteiligungsplaene allerdings, die in den zwanziger Jahren einen Angestellten im voraus verpflichteten, Aktienanteile
zu einem festgesetzten Preis zu erwerben, wurden so umgewandelt, dass
sie inzwischen den freiwilligen Plaenen sehr aehneln. In vielen oder
sogar den meisten Firmen kann der Arbeitnehmer seinen Entschluss aendern und seine Einwilligung zurueckziehen, nachdem er bereits Einzahlungen geleistet hat.
Ebenso zahlreich wie die neuen Aktienbeteiligungsplaene sind die
Angestellten-Huecklagen oder Spar-Systeue, wobei der Hauptunterschied
darin besteht, dass die Unternehmer sich an letzterem mit namhaften
Betraegen beteiligen. Selbstverstaendlich sind hier die 3eitraege der
Angestellten wesentlich hoeher.
Obgleich die Anzahl der Aktienbeteiligung3progranme sich in den
letzten Jahren staendig erhoehte, haben sie noch nicht wieder die Hoehe
der zwanziger Jahre erreicht. Damals waren es etwa drei- bis vierhundert amerikanische Unternehmen, die ihre Arbeiter ermutigten, ihre
Mittel in Aktien der eigenen Firmen zu investieren. Heute sind es etwa
100 bis 125 Firmen. Vor 2j Jahren berichtete da3 "National Industrial
Conference 3oard" - nach Auswertung aller vorhandenen Unterlagen -,
dass es nur 68 freiwillige und andere Aktienbeteiligungsplaene gaebe,
die der grossen Masse der Arbeiter und Angestellten zugaenglich waren.
Von diesen Plaenen waren aber 10 bereits wieder aufgegeben worden,
waehrend 30 nur in einer unzureichenden Form bestanden. Zur gleichen
Zeit bestanden 20 Ruecklage- oder Sparplaene, die Aktienbeteiligungsplaene einschlössen.
Der Grund fuer die in den letzten Jahren von vielen Unternehmern
vorgenommenen Aktienabtretungen an Arbeitnehmer ist weder aus den formellen Erklaerungen oder anderen Mitteilungen an die Arbeitnehmer,
noch aus Unterhaltungen mit den leitenden Persoenlichkeiten der betreffenden Unternehmen zu erkennen. Im allgemeinen jedoch laesst sich
770hl sagen, dass er in einigen oder allen der nachstehend aufgefuehrten
Faktoren zu suchen ist:
1.

Wachsende Erkenntnis der Wichtigkeit guter ArbeitgeberArbeit nehmerbe Ziehungen.

2.

Nachlassen des Misstrauens, das noch immer aus den Misserfolgen frueherer Aktienbeteiligungsplaene resultiert, die auf
Grund der Preisstuerze in den dreissiger Jahren nicht durchgeführt werden konnte.

3.

Die Steuerentwicklungen der letzten Zeit und die Einfuehrung
ausgezeichneter neuer Methoden zum Schutz der Angestellteninvestitionen und Einschraenkung der Verantwortlichkeit der
Unternehmer.

4.

Die Notwendigkeit fuer Massnahmen zur Ergaenzung der auf
Dollarbasis festgelegten Rentenplanleistungen durch eine relativ inflationssichere Anlage des Arbeitnehmer-Kapitals.

5.

Gev/oohnung der Industriearbeiter an Ruecklagen in Form von
Lohnabzuegon waehrend des Krieges und die von der Regierung
durchgefuehrten V/erbeTtiassnahmen zum Erwerb von Schatzanweisungen in der Nachkriegszeit.

- 3-

�6.

Vermehrte Annahme von Gewinnbeteiligungsplaenen in der Nachkriegszeit, deren Ausschüttungen teilweise oder vollstaendig
in Aktiengutschriften anstatt in Bargeld erfolgten.

Die Uebertragung des Aktienkapitals an die eigenen Betriebsangehoerigen dient andererseits folgenden Zielen:
Es soll den Angestellten ermoeglicht werden, Geschaeftsanteile
derjenigen Unternehmen zu erwerben, in denen sie arbeiten;
Foerderung des Verstaendnisses fuer die Unternehmerprobleme und
-methoden und des Unternehmersystems;
Schaffung eines groesseren Verantwortungsgefuehls und Erhoehung
der Arbeitsanstrengung;
Anregung zur Beteiligung an gemeinsam getragenen Rentenplaenen,
indem die Berechtigung zur Teilnahme an einem Aktienbeteiligungsplan von der Beteiligung an einem anderen abhaengt;
die Angestellten zum Sparen anzuregen;
ihnen behilflich zu sein, sich fuer die Zeit ihres Ruhestands
gegen Inflationen zu schuetzen;
Uebertragung des Betriebskapitals auf bewaehrte Angestellte (in
einigen Faellen).
In kleineren Unternehmen sind die Aktienbeteiligungsplaene relativ
selten zu finden. Ilaeufig ist hier das Aktienkapital zu unbedeutend
oder es fehlt an der Uoeglichkeit, den angemessenen Wert der Aktien
festzusetzen, wenn sie nicht auf dem freien Markt gehandelt werden.
Dagegen sind in mittleren und kleinen Unternehmen die Gewinnbetelligungsplaene mit haeufigeren Barauszahlungen - oder mit Auszahlungen beim
Eintritt in den Ruhestand - recht zahlreich. Da die Gewinnbeteiligungsplaene im wesentlichen den gleichen Zielen dienen wie die Aktienanteilplaene, stellen sie fuer die kleineren Unternehmen die natuerliche
Loesung der gleichen Probleme dar, wie sie in umfangreicherem Ausmass
in Grossunternehmen vorhanden sind.
Waeren die Schaffung von Ruecklagen fuer die Zeit des Ruhestands
und die Aufforderung an die Angestellten, sich einen Anteil an dem
industriellen Gewinn zu sichern, die einzigen Ziele der Aktienbeteiligungsplaene, so koennten kleinere Firmen mit nur beschraenktem
Aktienkapital ihren Angestellten nahelegen, ihre Ersparnisse in den
verschiedensten Papieren anzulegen; dies kann auf direktem Wege oder
mit Hilfe des Boersen-Investierungsprogramms oder durch Gehaltsabzuege
geschehen, wie es der Quinby-Plan von Rochester (New York) vorsieht.
Es ist indes so, dass fast alle Unternehmer der Ansicht sind, die
Aktienanteile muessten von der eigenen Firma stammen. Selten wird das
Geld in anderen Wertpapieren angelegt, mit Ausnahme von Regierungsschatzanweisungen. Allerdings bestehen auch hier gewisse Ausnahmen.
Den Angestellten der "Socony Kobil Oil Company, Inc.", in New York
City steht es zum Beispiel frei, ihre Ersparnisse in Regierungsschatzanweisungen, Firmenaktien oder 52 anderen zur Auswahl stehenden
Investment-Gesellschaften anzulegen. Auch die "Purolator Products,
Inc.", in Rahway, New Jersey kuendigte einen Sparplan an, wonach die
Einlagen in Schatzanweisungen, Firmenaktien oder anderen Papieren investiert werden koennen.

-4 -

�Der Gewinnbeteiligungsfond3 der Firma "Sears, Roebuck and Company",
der in vielfacher Hinsicht von den ueblichen Schenata abweicht - nicht
zuletzt deswegen, weil in ihn ueber 26/» de3 Aktienkapitals der Pirna
erfasst sind -, gibt seit 1941 den Firmenangestellten die lloegllchkeit,
sowohl in sonstigen gewinnbringenden Obligationen als auch in eigenen
Firmenaktien zu investieren. In Rahmen dieses Programms beteiligen
sich die Angestellten mit 5/j ihrer Gehaeiter - bis zu hoechstens 500
Dollar jaehrlich - an den Einlagen, und die Firma steuert 5 bis 10/ä ihres
Nettogewinns bei. Eine gleitende Skala hinsichtlich der Firmen-Beitraege - die 3ich mit zunehmendem Dienstalter erhoehen - sieht eine
Bestimmung vor, nach der die Mittel bis zum Eintritt in den Ruhestand
(oder kurz davor) unangetastet bleiben. Zu diesem Zeitpunkt koennen
die Beitraege eingestellt oder als Jahresrente zur Auszahlung gelangen.
Der bei der Firma "E.G. Shinner and Company" - einem KettenlaedenUnternehmen fuer Fleischwaren mit den Ilauptsitz in Chicago (Illinois) bestehende Plan gestattet es seinen Angestellten sogar, sich jede Art
von Eigentun, Grundbesitz, Anlagewerten, einschliesslich Schatzanweisungen, Schuldscheinen, Vorzugs- und gewoehnlichen Aktien und sogar
Hypotheken zu erwerben und zu sichern.
Andere Firnen gestatten nur die Erwerbung eigener Firnenanteile,
und II.D. «uinby jr., der Vater des "Quinby-Plans", fand mit seinem Vorschlag, dass Unternehmen gemischte Investierungen foerdern sollten,
keinen Viiderhall. In keinerlei Beziehung zur "Eastman Kodak Company",
Rochester (New York) stehend, beteiligen sich dennoch zahlreiche Eastman-Angestellte durch Einlagen von 20 Dollar monatlich an einem Aktienerwerbsplan fuer Kodak-Aktien, der von einem Bankinstitut treuhaenderisch verwaltet wird. Der Quinby-Plan besteht seit 1930, und seit
1953 fuehrte -die Eastman Company freiwillige Lohnabzuege fuer die in
ihren Unternehnen Beschaeftigten durch.
Fuer andere Investoren bei der Firna Eastman und ebenso fuer die
Teilnehmer der ^uinby-Plaene in den Firmen "DuPont", "General Motors"
und "Standard Oil" (New Jersey) betragen die üindesteinlagen 25 Dollar
monatlich, und zwar fuer einen Zeitraum von 10 Jahren.
Unter dem Röchester-rrogramm werden dem Teilnehmer sofort ganze
Aktien oder Aktienanteile, Dividenden etc. gutgeschrieben. Das Progrann ist so aufgebaut, dass die Aktionaere, haben sie einmal mit Einzahlungen begonnen, waehrend der gesamten Laufzeit erfasst sind. In
jedem Monat wird schriftlich an die faelligen Einzahlungen erinnert,
und die Quittungen werden versandt. Der Hauptanteil der Gebuehren ist
im ersten Teilnahmejahr faellig; ein spaeteres Ausscheiden wird dadurch
weitgehend verhindert.
Wenn auch die Automobilarbeitergewerkschaft die von "General Motors"
und "Ford" vorgeschlagenen Spar- und Aktienbeteiligungsplaene ablehnte,
so stellen 3ich die Gewerkschaften den Sparplaenen in allgemeinen
selten ablehnend gegenueber. Die "Atlantic Refining Company" stellte
ihren Aktienplan nach Verhandlungen nit den verschiedenen Gewerkschaften,
die die Interessen ihrer Angestellten vertreten, auf und die Mehrzahl
der uebrigen Firnen erfreut sich mindestens der stillschweigenden Zustimmung der Gewerkschaften. Als die "Dow Chemical Company" in Jahre
1948 einen Aktienbeteiligungsplan aufstellte (der jetzt 45,3 der Angestellten erfasst), verhielten sich die Gewerkschaftsfunktionaere zurueckhaltend, als die Gewerkschaftsnitglieder eine offizielle Stellungnahme von ihnen erbaten. Als der Plan spaeter zur Durchfuehrung gelangte, erklaerte die Ortsgewerkschaft ihren Mitgliedern, dass sie
keine Einwaende dagegen habe.

- 5-

�Die "Inland Steel Company" andererseits zog ihren ersten Aktienbeteiligungsplan vor drei Jahren auf Grund des von der Bergarbeitergewerkschaft erhobenen Einspruchs zurueck. Im Jahre 1955 protestierte
die Gewerkschaft allerdings nicht mehr gegen den Plan, so dass er jetzt
Inkrafttreten konnte.
Viele nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Aktienbeteiligungsplaene haben sich sowohl fuer den Unternehmer als auch fuer den Arbeitnehmer, wie das bei zahlreichen in den zwanziger Jahren eingefuehrten
Plaenen auch der Fall war, als unzulaenglich erwiesen. Ein Lebensmittelkonzern beispielsweise annullierte den Aktienplan wieder, als ein
ploetzlicher Rueckgang der Aktienwerte, unmittelbar nach den Investierungen der Angestellten, zu einem Sinken der Arbeitsmoral fuehrte. In
einer Firma der Kichteisen-Industrie fand der Aktienbeteiligungsplan so
wenig Anklang bei den Stundenlohnempfaengern, da3S er mit Ausnahme fuer
die bereits Eingetragenen annulliert wurde. Ein Unternehmen der Elektroindustrie erneuerte einen bestehenden Plan nicht mehr, al3 ein
Boersensturz die Angestellten veranlasste, auf die Teilnahme zu verzichten.
In den jetzt geltenden Aktienbeteiligungsplaenen sind jedoch drei
Hauptvoraussetzungen erfuellt, um die Auswirkungen der Boersenschwankungen zu mildern. Die erste besteht darin, dass die Programme in gewissem Umfang freiwillig sind, das heisst, der Arbeitnehmer kann auf
V/unsch seine Einlagen wieder herausziehen, bevor ein Abschnitt des
Planes zu Ende geht (gewoehnlich 2^- bis 3 Jahre).
Ein weiterer Schutz ist dadurch gegeben, dass bei verschiedenen
Plaenen die Einlagen der Sparer fuer den Erwerb von Sohatzanweisungen
verwendet werden, waehrend nur die Firmenbeitraege in Aktien angelegt
werden.
Das dritte Kittel zur Verhinderung von Preisschwankungen ist eine
Art "dollar cost averaging" (Dollarkostenangleichung), die in Aktienbeteiligungsplaenen durchgefuehrt wird, in denen die Aktienkaeufe monatlich oder halbjaehrlich erfolgen oder in denen die Kosten pro Anteil,
die zu Lasten des Aktienteilhabers gehen, dem durchschnittlichen Betrag
entsprechen, der von der Firma (oder dem Treuhaender) pro Anteil fuer
einen gegebenen Zeitraum gezahlt wurde.
Sind die Preise hoch, so werden fuer eine bestimmte Summe wenige
Anteile erworben. Bei sinkenden Preisen wird der gleiche Betrag investiert, und e3 werden wesentlich mehr Anteile erworben. Der durchschnittliche Preis pro Anteil ist auf diese V/eise niedriger als wenn
jederzeit eine bestimmte Anzahl von Aktienanteilen gekauft wuerde. In
allen Firmen-Aktienbeteiligungsplaenen - selbst dort, wo der Arbeitnehmer die Geaamtkosten fuer die Aktien traegt - erfreuen sich die Angestellten niedriger Llaklergebuehren als Einzelinvestoren, weil der Erwerb
der Aktien gesammelt erfolgt und ihnen die Vorteile von "Sammelauftraegen" zugute kommen, die sich aus dem Erwerb von 100 oder mehr Aktienanteilen ergeben.
Quelle:

"Dun's Review and liodern Industry"

Die Erforschung von Unfallursachen und die Verwendung der Unfallstatistik
Die Fuehrung einer Unfallstatistik, wie sie in dem Artikel "Standardmethode der Erfassung von Unfallursachen in der Industrie* behandelt
wvwde, ist zwar sehr wertvoll, sie reicht jedoch nicht aus. Eine weitere
* Aus "Free Uen at '.York" Juli 1955
- 6 -

�Erforschung jedes Unfalls ist notwendig, um eine Wiederholung aehnlicher
Faelle auszuschalten. Man sollte sich ebenfalls ueber die durch Unfe11
entstandenen Kosten informieren. Schliesslich sollten saemtliche Ermittlungen ueber einen Unfall mit denjenigen anderer Unfaelle auf statistisch einwandfreie 7/eise miteinander kombiniert werden, so dass die
Wirksamkeit eines Unfallverhuetungsprogramm3 in Vergleich gesetzt werden
kann zu aehnlichem statistischem Material aus anderen Quellen.
Untersuchung - Der Zweck der Ermittlung der Unfallursachen besteht
darin, Informationen zu erhalten, die zur Unfallverhuetung beitragen.
Daher muessen die Untersuchungen objektiv, wahrheitsgetreu und ohne
Ruecksicht auf eventuell resultierende disziplinarische Polgen gefuehrt
werden.
Alle Unfaelle sollten untersucht werden, ganz gleich, ob der daraus
resultierende Schaden erheblich oder nur geringfuegig ist. Eine Anhaeufung kleiner Ungluecksfaelle weist unter Umstaenden darauf hin, dass
eine staendige Gefahrenquelle besteht, die ausgeschaltet werden muss.
Selbst wenn ein Unfall kein besonderes Vorkommnis darstellt, koennen die
Ursachen, die dazu fuehrten, mannigfaltig sein, daher kommt es darauf
an, die Unfallursachen zu erkennen und fuer Abhilfe zu sorgen.
'iVenn ein Arbeiter beispielsweise zu Fall gekommen i3t, so muss festgestellt werden, warum er hingefallen ist; ob er selbst etwas falsch
gemacht hat oder ob die Bedingungen an seinem Arbeitsplatz hieran die
Schuld tragen. Geraet einem Arbeiter etwas ins Auge, so ist die Tatsache, dass er keine der vorgeschriebenen Schutzbrillen trug, keine hinreichende Erklaerung. Der Grund, warum der Arbeiter keine Schutzbrille
aufsetzte, muss festgestellt werden.
Die Art und die Schwere des Unfalls ist ausschlaggebend dafuer, wer
die Untersuchungen fuehrt. Der Vorarbeiter sollte natuerlich sofort
einen Unfallbericht abgeben. Ausserdem muss er die noetigen Massnahmen
ergreifen, damit keine Wiederholung de3 Unfalls eintritt.
Der Sicherheitsingenieur oder sein Vertreter sollten zu ihrer
eigenen Information eine Untersuchung jedes wesentlichen Unfalls durchfahren. In den meisten Faellen gibt der Sicherheitsingenieur ohnehin
der Betriebsleitung oder dem allgemeinen Sicherheitsausschuss einen
3ericht ab. Ausbildung und Erfahrung gestatten e3 ihm, den gesamten
Tatbestand, unter Berücksichtigung der moeglicherweise verborgenen
Ursachen, genau und ohne Vorurteil aufzunehmen und im Bericht wiederzugeben.
Einige Firmen besitzen einen betrieblichen Sicherheitsausschuss,
der schwere Unfaelle untersucht und Bericht darueber ablegt. Ein solcher
Ausschuss erweist sich besonders dann als sehr nuetzlich, wenn ein
Arbeiter den Unfall selbst verschuldet hat; ein Bericht des Komitees
ruft einen nachhaltigeren Eindruck bei den 3e3chaeftigten hervor als der
des Vorarbeiters oder des Sicherheitsingenieurs.
Viele Firmen, speziell kleine oder mittelgrosse Betriebe, haben
saemtliche mit der Unfallverhuetung zusammenhaengenden Massnahmen und
Fragen einem allgemeinen Sicherheitsausschuss uebertragen, zu dessen
Funktionen ebenfalls die Unfalluntersuchung gehoert.
3ei der Ermittlung der Unfallursachen ist Fairness von aeusserster
Wichtigkeit, ganz gleich wer die Untersuchungen leitet. Der Wert der
Ermittlungen kann erheblich beeintraechtigt v/erden, wenn der Verdacht
aufkoaat, dass ihr Zweck darin besteht, die Schuld auf jemanden abzuwaelzen oder die Frage nach dem Verantwortlichen zu umgehen.

- 7-

�Schaetzung der durch den Unfall entstandenen Kosten. Die Schaetzung
der durch den Unfall verursachten Kosten'traegt an sich nicht dazu bei,
kuenftige Unfaelle zu verhueten; durch Betonung der Unfallkosten ist
dem Vorarbeiter jedoch unter Umstaenden eine wichtige Handhabe gegeben,
um groessere Sicherheitsmassnahmen durchfuehren zu koennen oder einen
Maschinenwaerter zu beschaeftigen oder den Beistand der Betriebsfuehrung
fuer ein umfassendes Unfallverhuetungsprogramm zu gewinnen.
Die durch Unfaelle in der Industrie entstandenen Kosten unterscheidet man im allgemeinen nach zwei Kategorien: Direkte und indirekte
Kosten, manchmal auch Kosten, fuer die die Versicherung aufkommt und
solche^, die selbst getragen werden muessen. Direkte Kosten sind die
Verguetungen, die an die bei dem Unfall zu Schaden gekommenen Personen
gezahlt werden (einschliesslich aerztlicher Betreuung). Zur Deckung
dieser Kosten tritt der Unternehmer gewoehnlich einer Versicherung bei.
Indirekte, oder solche Kosten, fuer die der Arbeitgeber aufkommen
muss, umfassen zahlreiche Elemente, von denen die meisten nachstehend
aufgefuehrt sind:
1.

Lohnzahlungen fuer ausgefallene Arbeitszeit an Arbeiter, die
durch den Unfall keinen Schaden erlitten. Ein Unfall veranlasst die Arbeiter, die nicht verletzt wurden, haeufig ihre
Arbeit abzubrechen und zuzuschauen, Hilfe zu leisten oder
ueber den vorangegangenen Unfall zu diskutieren. Oftmals
koennen sie auch nicht weiterarbeiten, da ihre Ausruestung
durch den Unfall beachaedigt oder zerstoert wurde oder durch
den Ausfall der Mithilfe bzw. der Produktionsleistung ihres
verletzten Arbeitskollegen.

2.

Material- oder Ausruestungsschaeden. Die hier entstehenden
Auslagen erstrecken sich unter Umstaenden auf die Reparatuxkosten. Sie koennen auch durch Lagerumstellungen oder Aufraeumungsarbeiten verursacht werden, ebenso wie durch zerstoerte
Maschinen. In manchen Faellen empfiehlt es sich, einen Kalkulationsbuchhalter zu beschaeftigen, wenn beispielsweise eine
kostspielige Maschine ersetzt werden muss; fuer gewoehnlich
kann der Sachschaden jedoch ohne weiteres errechnet werden.

3.

Lohnzahlungen fuer ausgefallene Arbeitszeit an den verletzten
Arbeiter (ausser Arbeiterausgleichszahlungen).Hierunter faellt
die ausgefallene Arbeitszeit am Tag des Unfalls und in der
darauffolgenden Zeit, wenn der Unfallverletzte seinen Arbeitsplatz verlassen muss, um sich in aerztliche Behandlung zu begeben. Hierin sind ebenfalls die Leistungen eingeschlossen,
die an den Arbeiter waehrend der Wartezeit, bevor die Arbeiterausgleichszahlungen gewaehrt werden, zur Auszahlung gelangen
oder Zuschuesse zu den Arbeiterausgleichszahlungen.

4.

Extraauslagen fuer Ueberstunden, die durch den Unfall notwendig
wurden. Y/enn der durch den Unfall verursachte Produktionaausfall durch die Ableistung von Ueberstunden wieder wettgemacht wurde, so sollte man bei der Kostenberechnung die Differenz ermitteln zwischen den durch Ueberstundenarbeit entstehenden Kosten und denen bei regulaerer Arbeitszeit. Hinzu
kommen unter Umstaenden noch die hoeheren Verguetungssaetze
und die zusaetzliche Bcschaeftigung von Aufsichtskraeften
3owie die Ausgaben fuer Heizung, Licht, Reinigung und aehnlichem.

5.

Lohnzahlungen an Werkmeister fuer die Arbeitszeit, die sie durch
den Unfall aufwenden mussten. Ein Werkmeister muss gegebenenfalls erste Hilfe leibten oder dafuer sorgen, dass der verletzte
- 8 -

�Arbeiter aerztliche Hilfe erhaelt. Er mus3 eine neue Arbeitseinteilung vornehmen, unter Umstaenden einen Arbeiter neu einarbeiten oder die Aufraeuraungsarbeiten ueberwachen. V/aehrend
dieser Zeit ist der Werkmeister nicht in der Lage, seine
sonstigen Aufgaben zu erfuellen.
6.

Lohnkosten, die auf die verminderte Produktionsleistung des
verletzten Arbeitern bei .Viederaufnahme der Arbeit zurueckzufuehren sind» Durch Hand-, Arm-, oder Rueckenverletzungen muss
der verunglueckte Arbeiter oftmals ein langsameres Arbeitstempo
einhalten oder ist gezwungen, eine einfachere Arbeit auszufahren. Wenn 3ein Lohn sich nicht ohnehin verringert hat und
seine Produktionsleistung um 30^o pro Woche sinkt, sollte der
Unfall mit 30;' eines Wochenlohns in Rechnung gestellt werden.

7.

Kosten fuer die Einarbeitung eines neuen Arbeiters. Falls es
erforderlich wurde, einen neuen Arbeiter fuer den Unfallverletzten einzusetzen, so ist es nur natuerlich, dass sich dies
anfaenglich in einer geringeren Produktionsleistung bemerkbar
macht. Ein solch verringerter Aus3toss geht ebenfalls zu
Lasten des Unfalls und sollte genauso berechnet werden wie in
Absatz 6.

8.

Arztkosten, fuer die die Versicherung nicht aufkommt und die
von der Firma getragen werden muessen. Diese Kosten erstrecken
sich im allgemeinen auf die aerztliche Hilfe, die in der
Betriebs-Unfallstation geleistet wurde.

9.

Kosten fuer aufgewendete Zeit durch leitende Aufsichtskraefte
und Bueroangestellte bei der Unfalluntersuchung oder der
Bearbeitung bzw. Weiterleitung von Ersatzanspruechen. Dieser
Zeitaufwand erfolgt zusaetzlich zu dem des unmittelbaren Vorgesetzten (Absatz 5) ur&gt;d den Untersuchungen, die in erster
Linie der Verhuetung kuenftiger Unfaelle dienen.

10.

Diverse Kosten. Hierunter fallen solche Ausgaben, die weniger
typisch sind; der Leiter der Unfalluntersuchungen muss in jedem
Falle nachweisen, dass sie zu Recht erfolgten. Anerkannt werden
zum Beispiel Haftpflichtansprueche, Leihgebuehren fuer Ersatzausruestung, Gewinnverlust durch die Annullierung von Vertraegen oder Auftraegen, falls der Unfall fein nachhaltiges
Absinken der Verkaufsziffer zur Folge hat, Praemienverluste
der Firma, Unkosten der Einstellung neuer Arbeitskraefte, falls
diese Ausgaben erheblich ins Gewicht fallen, zusaetzliche
Kosten, die durch Fehlleistungen neueingestellter Arbeiter
entstehen sowie Liegegelder. Die vorstehend aufgefuehrten
Kosten werden jedoch nur selten geltend gemacht.

Ein gewisser Teil dieser Kosten ist, je nach Unfall und Art des
Betriebes, verschieden. Es empfiehlt sich in vielen Faellen, erst einmal versuchsweise eine Studie anzufertigen, um eine Kostenanalyse zu
erlangen, so dass man die Kosten schaetzen kann, wenn das vorhandene
Zahlenmaterial nicht ausreicht.
Betriebsunfallraten. Der Hauptzweck der Fuehrung einer Unfallstatistik besteht darin, eine Handhabe fuer die Messung des Unfallproblems zu besitzen und um feststellen zu koennen, ob hinsichtlich der
Reduzierung der Unfallrate Fortschritte gemacht werden oder nicht. Um
dieses Gebot zu erfuellen, muessen die folgenden Fragen beantwortet werden;
1.

Ist die Zahl der Unfaelle hoeher oder niedriger als in anderen
Taetigkeiten, speziell in solchen, die aehnliche Ungluecksfaello

-9 -

�zu verzeichnen haben?
2.

Y/ie schwer sind die Unfaelle und wie sind sie mit denjenigen
in anderen Taetigkeiten vergleichbar?

3.

Nimmt die Unfallziffer zu oder ab?

Da die Beantwortung jeder dieser Fragen einen'Vergleich notwendig
macht, muss grundlegendes statistisches liaterial fuer Vergleichszwecke
gewonnen werden.
Die Standardraethode zur Erfassung von Arbeitsunfaellen definiert
einen Arbeitsunfall als "eine Verletzung, die ein Beschaeftigter in
Ausuebung seines Dienstes erlitten hat..."* Diese Definition umschliesst
alle moeglichen Verletzungen, angefangen von einer geringfuegigen
Quetschung bis zu einem Unfall mit toedlichem Ausgang. Nach der Standardmethode werden saemtliche vorkommenden Unfaelle nach vier Hauptgrupnen unterschieden: Todesfaelle, vollstaendige, bleibende Arbeitsunfaehigkeit, dauernde, teilweise Arbeitsunfaehigkeit und voruebergehende
Arbeitsunfaehigkeit.
Hat sich ein Unfall ereignet, so werden zwei Umstaende in 3etracht
gezogen: Das Gefuhrenmoraent oder die Unfallraoeglichkeit, und der Kontakt
oder das Ausgcset'ztsein des Arbeiters diesem Gefahrenmoment oder der
Unfallmoeglichkeit gegenueber. Diese Stunden, in denen der Arbeiter
diesem Gefahren- oder Unfallmoment ausgesetzt ist, spielen deshalb in
der 3etriebsunfallpraxis eine grosse Rolle. Unfallhaeufigkeitsraten
stellen Messungen des Unfallvolumens dar und werden in Form einer Standardeinheit oder der Stundenzahl, in der der Arbeiter dem Gefahrenbzw. Unfallmoment ausgesetzt war, zum Ausdruck gebracht. Sie geben den
relativen Grad der Sicherheit an, die waehrend eines bestimmten Zeitraums erreicht wurde und gestatten direkte Vergleiche des Unfallvolumens
in verschiedenen Betrieben oder bei verschiedenen Taetigkeiten, wobei
die unterschiedlichen Gefahrenmomente in diesen Unternehmen ausser acht
gelassen werden.
Fuer die Unfallhaeufigkeitsrate gilt folgende Definition:
Die Haeufigkeitsrate stellt die Anzahl der Betriebsunfaelle pro Million Arbeitsstunden dar und wird nach
folgender Formel berechnet:
Unfallhaeufigkeitsrate - Zahl der unfaelle , 1 000 000
°
Arbeitsstunden
Es gibt tatsaechlich keine bestimmte Antwort darauf, wann die
Unfallhaeufigkeitsrate "gut" i3t. Einige Sicherheitsingenieure glauben,
dass keine Rate, die hoeher als 10 ist, noch als gut erachtet werden
kann. Der Test bezueglich der betrieblichen Sicherheit besteht in zwei
Vergleichen: erstens einem Vergleich zwischen der augenblicklichen
Unfallhaeufigkeitsrate und der eine3 frueheren Zeitraums, um festzustellen, inwieweit eine Besserung eingetreten ist, und zweitens, einem
Vergleich der Unfallhaeufigkeitsrate des Betriebs mit denen anderer
Unternehmen, die dieselben Produktionsvorgaenge aufweisen. Dies wird
am besten erreicht durch einen Vergleich der Unfallhaeufigkeitsrate des
Betriebs mit dem Durchschnittswert des Industriezweigs, zu dem er gehoert.
Die vorstehend beschriebene Messung des Unfallvolutaene gibt keinen
voelligen Auf3chluss ueber die Unfallerfahrung. Die Schwere der Unfaelle
Die amerikanische Standardmethode zur Erfassung und Bewertung von
Arbeitsunfaellen wie sie von der "American Standards Association" im
Jahre 1954 anerkannt wurde.
- 10 -

�ist ebenfalls von grosser Bedeutung, denn ein Unfall mit Todesfolge
oder einer erforderlich werdenden Amputation ist ohne Zweifel schwerwiegender als eine ungefaehrliche Schnittwunde oder Quetschung.
Der Standard, der bei der statistischen Erfassung des Arbeitsausfalls zugrundegelegt wird, kommt in Paellen bleibender Arbeitsunfaehigkeit
durch verschiedene zeitliche Anrechnungen zum Ausdruck. Beispielsweise
wird im Todesfalle oder bei bleibender voelliger Arbeitsunfaehigkeit
jeweils ein Ausfall von 6000 Tagen festgelegt, wohingegen der Verlust
eines Arnes mit 4500 Tagen veranschlagt wird. Bei voruebergehenden
Verletzungen, von denen sich der Verunglueckte wieder voellig erholt,
stellt die Zahl der Tage, die der Arbeiter zu seiner Wiederherstellung
benoetigt, ein zufriedenstellendes Mass fuer die relative Schwere des
Unfalls dar. Der Ge3antzeitverlust laesst sich durch die Einzelbewertung
jedes Unfalls und anschliessende Addition berechnen.
Die Rate bezueglich des Arbeitsanfalls wird auf aehnliche ./eise
berechnet wie die der Unfallhaeufigkeit, naemlichi
Gesamter zugrundef~electer Zeitausfall x 1 000 000
Arbeitsstunden
Diese Berechnung ergibt die Rate, In der ein durch Unfaelle bedingter Arbeitsausfall eintritt. Eine Rate von 100 bedeutet, dass
Unfaelle den Verlust von 100 Arbeitstagen pro 1 000 000 geleisteter
Arbeitsstunden zur Folge haben.
Diese Rate stellt lediglich den Gesamtarbeitsausfall dar, ohne
zwischen den Auswirkungen des Unfallvolumens und der Schwere der Unfaelle
zu unterscheiden. So sind 10 Unfaelle mit jeweils einem Tag Arbeitsunfaehigkeit einem Unfall mit anschliessender lOtaegiger Arbeitsunfaehigkeit gleichwertig. Trozdem ist diese Messung fuer Vergleichszwecke
(ohne Angleichung) durchaus annehmbar.
Quelle:

"Free Men at Work"

September 1955

Vereinte Bemuehungen von Gewerkschaften und Unternehmern bei der
Lehrlingsausbildung
Zu 3eginn des Jahres 1947 zeigten sich in der bluehenden Hachkriegswirtschaft Kaliforniens, die durch den betraechtlichen 3evoelker'ungszustrom stark expandiert war, gewisse Krisenerscheinungen. Man zog
fuehrende Wirt3chaftssachverstaendige zu Rate und keiner war ueber die
Diagnose ueberrascht, zu der sie gelangten. Der Patient hat nicht zu
viel gegessen, aber seine Diaet ist falsch. Die Diaet war der allwoechentliche Zustrom Tausender neuer Buerger, durch die zwar eine
groeosere l.Iarktbasis sowohl fuer die Wirtschaft als auch die Industrie
geschaffen wurde, von denen aber nur die wenigsten die erforderlichen
Berufskenntnisse oder die noetigen Handfertigkeiten besassen.
Zum Glueck hatte man ein paar Jahre zuvor diese Entwicklung bereits
vorausgesehen. In Jahre 1539 waren Gewerkschaftsfuehrer und leitende
Industrielle uebereingekommen, eine Loesung anzunehmen, die bereits seit
langen von der organisierten Gewerkschaftsbewegung in Vorschlag gebracht
worden war, naemlich ein gemeinsames Programm von Gewerkschaften und
Management zur Heranbildung von Facharbeitern auszuarbeiten, das unter
der Schirmherrschaft einer koordinierenden Koerperschaft stehen sollte,
die zwar vom Staate finanziert wird, jedoch nach V.oeglichkeit frei von
jeglichen politischen Einfluessen bleiben sollte.

11 -

�Dies wurde durch die Inkraftsetzung des "Shelley-Maloney
Apprenticeship Standards Act" erreicht. Der fruehere Vorsitzende des
Gewerkschaftsverbandes von Kalifornien und jetziges Kongressmitglied
Shelley trug wesentlich dazu bei, eine Atraosphaere zu schaffen, die die
Annahme des Gesetzes ermoeglichte.
In den 16 Jahren, die seit der Einfuehrung des Gesetzes vergangen
sind, hat sich Kalifornien, das heute nicht mehr unter Facharbeitermangel leidet, zu einem der bedeutendsten amerikanischen Industriestaaten entwickelt. Die mit der Verwaltung des "California Apprenticeship Standards Act" betrauten 3eamten waeren jedoch die letzten, die
behaupten wollten, das Gesetz sei ein wirtschaftliches Allheilmittel.
Zumindest zeigten sich die Anfangserfolge im Hinblick auf die kalifornische Wirtschaft erst nach einiger Zeit. Die Ausbildung eines tuechtigen Gesellen erfordert je nach der Art des Handwerkszweiges vier bis
sechs Jahre.
In ihren Anfangsjahren unternahm die "Apprenticeship Division" die
schwierige Aufgabe, die wenigen von Gewerkschaften und Unternehmern
gemeinsam aufgestellten Ausbildungsplaene unter ihre Verwaltung zu
bringen; sie war dabei bestrebt, die bereits vorhandenen gewerkschaftlichen Ausbildungsstaetten den gemeinsam von Gewerkschaftern und Unternehmern geleiteten Ausschuessen zu unterstellen und setzte sich durch
Werbefeldzuege fuer bessere Ausbildungsmoeglichkeiten ein.
Inzwischen ergaben sich fuer die Industrie, allein durch die blosse
Existenz des Gesetzes und auf Grund der Tatsache, dass es ihr erstmalig
einen staendigen Nachschub an ausgebildeten Fachkraeften sicherte, die
Koeglichkeit, Erweiterungsplaene in Betracht zu ziehen.
Heute ist die "Division of Apprenticeship Standards" eine der
groessten und aktivsten Abteilungen des kalifornischen Arbeitsministeriums,
in der die Arbeit der 542 von Gewerkschaften und Unternehmern gebildeten
Ortsausschüsse koordiniert wird. Auf den Listen stehen insgesamt
17 778 in der Ausbildung stehende Lehrlinge in rund 320 verschiedenen
3erufszweigen, von denen rund 3000 ihre Gesellenpruefung bis zum Jahresende abgelegt haben duerften.
Zu den wohl bedeutendsten Merkmalen dieser 542 auf Landesebene
arbeitenden gemeinsamen Ortsausschuesse gehoeren die weitgehende Verankerung des Kollektivverhandlungswesens sowie die Anerkennung der
gewerkschaftlichen Arbeit.
In jedem dieser Ausschue3se verhandeln leitende Mitglieder des
Management, darunter sogar haeufig der Betriebsfuehrer oder der Praesident der Firma selbst, um die Bedingungen der Berufsausbildung mit den
Cewerkschaftsfunktionaeren zu besprechen.
Die Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Unternehmern bei der
Ausbildung von Fachkraeften hat sich als so erfolgreich erwiesen, dass
man heutzutage ganz Kalifornien bereisen\koennte, ohne auch nur die
leiseste Kritik von eir.et -1er beiden Parteien zu hoeren.
(Schluss folgt)
Quelle:

12

"Labor's Daily"

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 3

Mehlem, den 3 . F e b r u a r 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Struktur und Mitgliedschaft
der Gewerkschaftsbewegung in USA
Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften
und Unternehmern bei der Lehrlingsausbildung (Schluß)
Arbeitskosten und Mechanisierung
Finanzielle Zusammenarbeit zwischen
Gewerkschaften und Management
Kurznachrichten

Seite

1

Seite
Seite

6
7

Seite
Seite

9
10

William Paschell:
Struktur und Mitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung in USA
Das "Handbuch der Amerikanischen und Allamerikanischen Gewerkschaften" für das Jahr 1955,
das vom "Amt für Arbeitsstatistik" im USArbeitsministerium herausgegeben wird, erschien gerade zu jenem Zeitpunkt, als die
beiden großen amerikanischen Gewerkschaftsverbände - die "American Federation of Labor"
und der "Congress of Industrial Organizations"
- den Zusammenschluß zu einer einzigen amerikanischen Gewerkschaft vollzogen. Damit wird
dieses Handbuch zu einem Gradmesser, der die
Größe, Struktur und Zusammensetzung der amerikanischen Gewerkschaften zum Zeitpunkt dieses
historischen Zusammenschlusses erkennen läßt.
Die nachstehende Analyse stellt im wesentlichen
einen Auszug aus diesem Handbuch dar.
Die Gesamtmit-jliederzahl der amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften * ) , die ihren Verwaltungssitz im Gebiet der Vereinigten Staaten haben, betrug zu Beginn des Jahres
*) Auf Grund des Zusammenschlusses einiger Gewerkschaften im Herbst 1955 hat sich die Gesamtzahl der amerikanischen
und allamerikanischen Gewerkschaften, die im gegenwärtigen
Handbuch aufgeführt werden, auf 195 verringert.
- 1 -

�1955 schätzungsweise 18 Millionen. Diese Zahl gliedert sich
nach Berichten der Gewerkschaften beziehungsweise nach Schätzungen des Amtes für Arbeitsstatistik wie folgt: API 10,9
Millionen, CIO 5,2 Millionen und unabhängige Gewerkschaften
1,8 Millionen. Gegenüber den letzten Schätzungen des Amtes
für Arbeitsstatistik aus dem Jahre 1951 ist die Gesamtzahl der
Gewerkschaftsmitglieder um mehr als eine Million gestiegen.
Andererseits ist bemerkenswert, daß die Zahlen von 1954 im
wesentlichen mit denen aus dem Jahre 1953 übereinstimmen, die
gleichfalls in dem genannten Handbuch aufgeführt wurden.
Für das Jahr 1954 führt das "US-Amt für Arbeitsstatistik"
199 amerikanische und allamerikanische Gewerkschaften auf.*)
Diese Zahl schließt auch jene Arbeitnehmerverbände mit einer
Gesamtzahl von etwas mehr als einer Million Mitgliedern ein,
deren Tätigkeitsbereich außerhalb der kontinentalen Vereinigten Staaten - in erster Linie in Kanada.- liegt. Unter Abrechnung dieser Million Mitglieder entspricht die Mitgliederzahl der Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten etwa einem
Viertel der Gesamtzahl der Berufstätigen oder etwa einem Drittel aller Gehalts- und Lohnempfänger in den nichtlandwirtschaftlichen Berufen. Die Gewerkschaften haben drei Millionen
weibliche Mitglieder, das heißt, daß praktisch jede 7. berufstätige Frau in den Vereinigten Staaten gewerkschaftlich organisiert ist.
Die Mitgliederzahlen der hier erfaßten Gewerkschaften bewegen sich in der Größenordnung von weniger als 100 Mitgliedern
bis zu mehr als einer Million. Auf die hier aufgeführten 124
Arbeitnehmerverbände mit weniger als 50 000 Mitgliedern entfallen etwas mehr als 1V2 Millionen der Gesamtzahl. Die sechs
großen Gewerkschaften mit mehr als je 500 000 Mitgliedern zählen zusammen beinahe 6 Millionen, das ist ein Drittel aller
Gewerkschaftsmitglieder überhaupt.
Etwa 77 000 Ortsverbände waren dabei allamerikanischen Gewerkschaften angeschlossen. Mehr als die Hälfte gehörten 19 Gewerkschaften an, die über mehr als 1000 Ortsgewerkschaften besitzen. Einige kleine, besonders stark zentralisierte Gewerkschaften haben keine Ortsverbände. Die Ortsgewerkschaften und
die allamerikanischen Verbände haben insgesamt etwa 125 000
Kollektivverträge ausgearbeitet und ihre Durchführung überwacht.
Diese Zahlen sind das Ergebnis der vierten Untersuchung
des "US-Amtes für Arbeitsstatistik", die in den vergangenen
Jahren durchgeführt wurde und sich mit Mitgliederbewegungen,
dem Wesen der amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften sowie mit Angaben über Spitzenfunktionäre, Verwaltungssitz, Kongreß, Publikationen, Zahl der angeschlossenen
Ortskartelle und ähnlichen Fragen befaßte. Die Untersuchung
schloß sämtliche der AFI und dem CIO angeschlossenen Gewerkschaften ein. Solche Gewerkschaften, die keinem der genannten
großen Verbände angehörten, aber auf Bundesebene tätig waren,
d.h. mit verschiedenen Unternehmen in mehr als einem Bundesstaat Tarifverträge abgeschlossen hatten, wurden ebenfalls in
die Untersuchung einbezogen. Die Informationen stammen aus
Fragebogen, die allen Gewerkschaften durch die Post zugeschickt worden waren, die in dem genannten Sinn als amerikanische oder allamerikanische Gewerkschaften angesehen werden
*) Die Bezeichnung "allamerikanische Gewerkschaften" wird
hier für die sogenannten "international unions" gebraucht, das
sind solche Gewerkschaften, die sich auch außerhalb der Grenzen der Vereinigten Staaten - in erster Linie in Kanada - betätigen.
- 2 -

�konnten. In einigen Fällen wurden die Angaben noch auf Grund
anderen Quellenmaterials, darunter Gewerkschaftspublikationen, Kongreßprotokollen und dem Archiv des Amtes für Arbeitsstatistik vorliegendenTarifabkommen, ergänzt.
Es erscheint an dieser Stelle angebracht, mit Nachdruck
darauf hinzuweisen, daß die in der vorliegenden Abhandlung
angeführten Mitgliederzahlen von den betreffenden Gewerkschaften freiwillig zur Verfügung gestellt worden sind, und
daß das Amt für Arbeitsstatistik die Richtigkeit und Vollständigkeit dieser Berichte nicht an Ort und Stelle überprüft hat. Bei Gewerkschaften, die keine Angaben über ihre
Mitgliedschaft gemacht haben, wurden Schätzungen des Amtes
für Arbeitsstatistik und andere verfügbare Informationen
herangezogen.
Die Struktur der Gewerkschaftsbewegung
Vor rund 20 Jahren kam es auf dem Kongreß der American
Federation of Labor zu einer Kontroverse über die Frage, welche Organisationsform für die Massengüter-Industrien am geeignetsten sei,
die zur Bildung eines "Committee for
Industrial Organization" (.Komitee für Industriegewerkschaften)
führte. Im Jahre 1938 hielt dann die neue Organisation ihre
Gründungsversammlung ab, auf der sie sich den Namen "Congress
of Industrial Organizations" gab. Seit jenem Zeitpunkt haben
die amerikanischen Gewerkschaften, begünstigt durch eine Reihe
von Faktoren, ihre Mitglied er sc haft mehr als verdoppeln können.
Dieses Wachstum war von der zunehmenden gewerkschaftlichen
Erkenntnis ihrer Verantwortung für nationale und internationale Probleme begleitet. Die Bedeutung einer freien Gewerkschaftsbewegung, der gegenwärtig jeder vierte berufstätige
Amerikaner angehört, läßt sich wohl am besten in dem Umfang
und der Resonanz ihrer Tätigkeiten abschätzen. Die Kollektivverhandlungen einschließlich der Verhandlungen zur Festsetzung von Löhnen und Abeitsbedingungen finden von allen
Teilgebieten der gewerkschaftlichen Arbeit die meiste Beachtung. Sowohl auf Bundesebene als auch im rein örtlichen
Bereich war eine aktive und nach vielen Seiten gerichtete
Gewerkschaftstätigkeit zu verzeichnen. Hierzu kommt noch
die Erziehungsarbeit und politische Schulung, die dem Ziele
dienen, die Öffentlichkeit und die Behörden zur Mitarbeit
für die gewerkschaftlichen Ziele zu gewinnen. Die Erkenntnis von der Gemeinsamkeit der Interessen der auf dem Boden
der Demokratie stehenden GewerKscnai'tsbewegungen in aller
Welt hat zu einer immer engeren Zusammenarbeit mit freien
Gewerkschaften anderer Länder geführt. Diese und andere
Schritte sind im Rahmen der nachstenenü erörterten großen
Gewerkschaftsbewegungen unternommen worden.
AFL

und CIO
Die American Federation of Labor, die 108 allamerikanische Gewerkschaften und 50 000 Ortsverbände einschließt, ist
die älteste und größte amerikanische Gewericschaft. Dem Congress
of Industrial Organization gehören 30 allamerikanische Gewerkschaften mit 10 000 Ortsverbänden an. Darüber hinaus haben die
beiden großen Gewerkschaftsverbände noch weitere unmittelbar
angeschlossene Gewerkschaften, die nicht Teil einer der allamerikanischen Gewerkschaften sind. Der AFL waren am 30.Juni
1954 insgesamt 900 auf Bundesebene arbeitende Gewerkschaften
angeschlossen (Federal Labor Unions - FLUs) und dem CIO ge-"
hörten Ende 1954 rund 100 auf regionaler Basis arbeitende
Industriegewerkschaften (Local Industriel Unions - LIOs) an.
- 3 -

�Eine Reihe der FLUs, deren Mitglieder sich in der üblichen Weise aus Arbeitern der Industriebetriebe rekrutieren,
gehören einem der drei Organisationskomitees innerhalb der
AFI an. Hier handelt es sich um einen Gewerkschaftstyp, der
kurz vor der Erreichung des Status einer allamerikanischen
Gewerkschaft steht. Der CIO hat auf vergleichbarer Ebene
zwei Organisationskomitees.
Wesensbestandteil des Aufbaus der AFL sind fünf Abteilungen * ) , von denen 4 aus solchen Gewerkschaften gebildet
werden, die ihre Interessen in mehreren Industriezweigen vertreten. Die andere Abteilung vertritt jene Gewerkschaften, die
den Betrieben das Recht zur Kennzeichnung ihrer Produkte mit
Union Labels oder anderen Emblemen erteilen. Die Forschungsund Erziehungsabteilungen sowie die verschiedenen Sonderausschüsse sowohl der AFL als auch des CIO befassen sich mit Ermittlungsaufgaben, der Verbreitung von Informationen sowie der
Ausarbeitung von Empfehlungen für Maßnahmen, die direkt dem
Wohl der Mitglieder als Arbeiter und Bürger dienen; in ihren
Tätigkeitsbereich fallen ferner Kollektivverhandlungen, Fragen
der sozialen Sicherheit, des Wohnungsbaus, der Atomenergie, des
Mitspracherechts der Öffentlichkeit in staatlichen Dingen sowie
Maßnahmen der Unfallverhütung im Betrieb. Die "Gewerkschaftsliga für politische Erziehung" der AFL (Labor's League for
Politieal Education) und das "Komitee für politische Maßnahmen"
des CIO (Politieal Action Committee) vertreten die Ziele der
Gewerkschaften im politischen Bereich.
Jeder der beiden Gewerkschaftsverbände hält jährlich einen
Kongreß ab, auf dem die Tätigkeitsberichte vorgelegt, die Richtlinien für die künftige gewerkschaftliche Arbeit ausgearbeitet
und die Spitzenfunktionäre gewählt werden. In der Zeit zwischen
den einzelnen Jahreskongressen wird die Arbeit in der AFL vom
Präsidenten, dem Schatzmeister und den 15 Vizepräsidenten bestimmt, die zusammen den Bundesvorstand bilden. In dem CIO besteht ebenfalls ein Bundesausschuß, der sich aus dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten für Verwaltung, dem Schatzmeister,
8 weiteren Vizepräsidenten und je einem Mitglied der angeschlossenen allamerikanischen Gewerkschaften und der Organisationskomitees zusammensetzt. Die Mitglieder der Bundesvorstände beider Gewerkschaftsverbände werden sämtlich in ihre
Posten gewählt.
Um den Problemen begegnen zu können, die innerhalb der
Einzelstaaten und Gemeinden auftauchen, sind die Organe der
AFL und des CIO nach geographischen Gesichtspunkten gegliedert.
Zu Beginn des Jahres 1955 hatte die AFL in jedem der 48 Bundesstaaten einen Regionalverband und zwei weitere Regionalverbände
in Alaska und Puerto Rico, diese wiederum gliedern sich in 829
Ortsvereine auf. Der CIO unterhält in 44 Bundesstaaten einschließlich des Districts von Columbia Regionalvorstände und
einen Territorialverband für Puerto Rico, diese sind in 296
Kommunal- und Kreisverbände gegliedert.
Es hat den Anschein, als ob der Zusammenschluß von AFL
und CIO zumindestens in der Anfangsphase keine strukturellen
Veränderungen hervorrufen wird. Auch scheint sich an der Zahl
und am Tätigkeitsbereich der Provinzial-, Stadt- und Kreisorgane nichts zu ändern. Nach den Bestimmungen des Entwurfs der
Statuten sollen die allamerikanischen Gewerkschaften die gleichen Organisationskompetenzen beibehalten, wie sie bei dem
*) Baugewerbe, Metallindustrie, Eisenbahnen, Schiffahrt
und Fragen der gewerkschaftlichen Gütemarken (Union Labels)
und Dienstleistungen.
- 4 -

�früheren Anschluß an die AFL oder den CIO abgegrenzt worden
waren. Artikel III. Abschnitt 10 des Entwurfs sieht eine
Regelung von Kompetenzfragen zwischen verschiedenen Gewerkschaften auf frelrilliger Basis v o n
"Die angeschlossenen Gewerkschaften sollen angeregt werden, etwaige Konflikte und Überschneidungen in der Organisation und Jurisdiktion durch entsprechende Vereinbarungen,
Zusammenschluß oder andere Mittel auf Grund freiwilliger
Übereinkünfte und unter gleichzeitiger Konsultation der zuständigen Funktionäre des Gesamtverbandes beizulegen beziehungsweise zu vermeiden."
Nach den gegenwärtigen Plänen soll die Verschmelzung
der Provinzial-, Territorial- und Ortsverbände innerhalb
von zwei Jahren verwirklicht werden.
In Anerkennung des im Entwurf der Statuten dargelegten
Prinzips, demzufolge "sowohl Facharbeiter- als auch Industriegewerkschaften zweckdienliche, gleichberechtigte und notwendige Formen der gewerkschaftlichen Organisation darstellen",
soll innerhalb des AFL/CIO-Verbandes eine weitere Abteilung
für die Industriegewerkschaften errichtet werden.
In Zukunft wird der Gewerkschaftskongreß alle zwei Jahre
- und nicht mehr wie bisher alljährlich - abgehalten werden.
In der Zeit zwischen zwei Kongressen soll der neue Verband
von drei Vollzugsorganen geleitet werden, diese sind:
1. Der Bundesvorstand, als Lenkungsorgan, der sich aus
dem Präsidenten, dem Schatzmeister und den 27 Vizepräsidenten zusammensetzt und mindestens dreimal im Jahr zusammentritt.
2. Der Bundesausschuß, als beratendes Organ, der sich aus
dem Präsidenten, dem Schatzmeister und 6 Vizepräsidenten zusammensetzt und vierteljährlich einmal zusammentritt.
3. Der Vollzugsausschuß, der aus den Mitgliedern des
Vorstands und je einem der Spitzenfunktionäre- aller angeschlossenen amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften besteht und die Entscheidungsbefugnis über Fragen ausübt,
die den einzuschlagenden Kurs betreffen und die ihm vom Bundesvorstand oder Bundesausschuß unterbreitet werden. Der Vollzugsausschuß tritt jährlich mindestens einmal zusammen.
Die Vereinigung der Gewerkschaften der Eisenbahnbediensteten
Die "Vereinigung der Gewerkschaften der Eisenbahnbediensteten" (Railway Labor Executives' Association" - RLEA -)
besteht aus den Vorständen von 19 gewerkschaftlichen Organisationen, von den 16 der AFI und eine der CIO angehören und
zwei unabhängig sind. Zwölf der angeschlossenen Gewerkschaften
vertreten ausschließlich Interessen von Beschäftigten der Eisenbahnen, während die übrigen 7 hauptsächlich als Interessenvertretung anderer Berufsgruppen tätig sind. Abgesehen von dem
Eisenbahnbetriebspersonal, das in 3 nicht der "RLEA" angeschlossenen Gewerkschaften organisiert ist, vertreten die genannten 19 Gewerkschaften den größten Teil aller Beschäftigten der Eisenbahnlinien der Vereinigten Staaten * ) . Die RLEA
ist jedoch kein Dachverband, sie ist vielmehr ein Aktionsausschuß
*) Zwei der nicht dem RLEA angeschlossenen drei Gewerkschaften der Eisenbahnbediensteten haben ihre Absicht bekanntgegeben, vom Jahr 1956 an gleichfalls Vertreter in den Aktionsausschuß zu entsenden.

-5 -

�für Fragen der Arbeitsgesetzgebung und anderen Problemen,
die unmittelbar die Interessen der Eisenbahnbediensteten
berühren.
Quelle:

"Monthly Labor Review"

Vol. 78

No. 11

Vereinte Bemühungen von Gewerkschaften und Unternehmern
bei der Lehrlingsausbildung (Schluß)
Das bedeutet nicht, daß sich keine Probleme ergeben.
Es gibt sogar eine ganze Menge, und manche sind sogar recht
schwerwiegend. Die meisten Probleme werden auf lokaler Ebene
erörtert. Jeder Ausschuß besitzt völlige Unabhängigkeit bezüglich der Art und des Umfangs des Ausbildungsprogramms.
Taucht ein Problem auf, das nicht zufriedenstellend gelöst
werden kann, so kann der Ortsausschuß die "Division of
Apprenticeship Standards" zu Rate ziehen. Für solche Fälle
setzt die Abteilung einige der insgesamt 48 Experten für
den Außendienst an, die den Ausschüssen dann mit Rat und
Tat zur Verfügung stehen und die über eine reiche Erfahrung verfügen.
Zu den wichtigsten Funktionen der Abteilung gehört es,
Informationen zu sammeln und sie anschließend den im Außendienst stehenden Experten und den gemeinsamen Ausschüssen
zur Verfügung zu stellen. Die Zentrale der Abteilung, in der
alle Fäden zusammenlaufen, liegt in San Francisco. Hier werden auch alle Sitzungsprotokolle und schriftlich getroffenen
Vereinbarungen der verschiedenen Ausschüsse aufbewahrt. Außerdem befinden sich hier sämtliche Unterlagen über die 104 107
Lehrlinge, die die Abteilung seit dem Jahre 1939 registriert
hat.
Das umfangreiche, in viele Aktenschränke eingeordnete
Zahlenmaterial wird mit Hilfe des Hollerithsystems tabelliert. Auf diese Weise läßt sich zum Beispiel in wenigen
Augenblicken ermitteln, wieviel Unternehmer die Ausbildungsprogramme subventionieren oder wieviel Lehrlinge es in dem
jeweiligen Berufszweig gibt.
Im Büro des Leiters dieser Dienststelle sind die Wände
mit graphischen Darstellungen bedeckt. Aus der einen Tafel
kann man das jeweilige Arbeitsgebiet der im Außendienst
stehenden Berater ersehen, andere wiederum zeigen die Beschäftigungslage in den einzelnen Handwerkszweigen oder
stellen die Zahl der in der Ausbildung befindlichen Fachkräfte dem künftigen Bedarf gegenüber.
Die Richtlinien der Abteilung werden vom Rat für das
Lehrlingswesen bestimmt, der sich aus vier Personen zusammensetzt, und zwar je einem Vertreter der Gewerkschaften,
der Betriebsführung, der Öffentlichkeit, sowie dem Leiter
der Division, Charles F. Hanna. Viele der 48 im Außendienst stehenden Berater, die vielleicht die wichtigsten
Funktionen der freiwilligen beruflichen Ausbildungsprogramme erfüllen, sind selbst früher Lehrlinge gewesen,
die dann später als Gewerkschaftsfunktionäre oder leitende
Angestellte Erfahrung in Industriebeziehungen sammelten.

- 6 -

�Obwohl diese Berater hinsichtlich der Standardisierung
der Ausbildungspraktiken innerhalb der einzelnen Tätigkeitssparten ein entscheidendes Wort mitzureden haben, so bestimmt
doch jeder Ausschuß den Inhalt des eigenen Programms, das
ganz auf die lokalen Erfordernisse abgestellt ist.
Die hervorragenden Leistungen der Ausschüsse in bezug
auf die Ausbildung erstklassiger Fachkräfte werden heute allgeoiein anerkannt. In den letzten Jahren haben Lehrlinge, die
an diesen Ausbildungsprogrammen teilgenommen hatten, bei
Leistungswettbewerben hervorragend abgeschnitten und zahlreiche Preise gewonnen.
Nicht jeder Teilnehmer an diesen Ausbildungsprogrammen
besteht die Abschlußprüfung. Mehr als ein Viertel von ihnen
versagt, ändert seine beruflichen Pläne oder wird zur Ableistung der Militärdienstpflicht herangezogen.
Diejenigen, die die Abschlußprüfung bestanden haben,
müssen jedoch noch viel leisten, ehe sie das endgültige
Diplom bekommen. Einige Berufe, w i e zum Beispiel der des
Druckers erfordern eine sechsjährige Ausbildungszeit, die
übrigens unter der Leitung der Allamerikanischen Druckergewerkschaft steht. In einem vier Jahre währenden Kursus
entfallen durchschnittlich 800C Stunden auf den praktischen
Unterricht, weitere 576 Stunden theoretischen Unterrichts
werden in Abendkursen, die zweimal wöchentlich stattfinden,
erteilt.
Cuelle:

"Labor's Laily"

Arbeitskosten und Mechanisierung
Warum produzieren die amerikanischen Arbeiter pro
Arbeitsstunde im Durchschnitt mehr als die Arbeiter in
anderen Industrieländern, obwohl Wissen und handwerkliches Können im allgemeinen in gleichem Maße vorhanden
sind ?
Um diese schwierige Frage beantworten zu können,
führte Dr. Seymour Melman, außerordentlicher Professor
für Industrietechnik an der Columbia-Universität, eine
Studie über Produktionsvorgänge und -methoden in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern durch. Er kam dabei
zu dem Schluß, daß die Entwicklung von Maschinen und Arbeitsmethoden zur Steigerung der Produktivität von dem Verhältnis zwischen Arbeits- und Maschinenkosten abhängt. Mit
anderen Worten, Dr. Melman ist der Ansicht, daß die mit der
Anwendung einer neuen Produktionsmethode verbundenen Kosten
ausschlaggebend für ihre Wahl sind. Historische und kulturelle Faktoren haben dabei den Einfluß hoher oder niedriger
Verhältniszahlen zwischen Lohn- und Maschinenkosten auf die
Bestimmung des Mechanisierungsgrades in der Industrie nicht
verhindert.
Die Auswahl von Produktionsmethoden kann durch ein einfaches Beispiel illustriert werden: das Problem der Beförderung von Fässern von einem Ort zum anderen. Es gibt drei
Transportmöglichkeiten: Mit einem einfachen Handwagen, einem
Elektrokarren oder einem Gabelstapler. Ein Arbeiter kann mit

- 7-

�einem Handwagen pro Stunde 17 Fässer transportieren; mit
dem Elektrokarren 53 Fässer und mit einem Gabelstapler
120 Fässer. Mit Ausnahme des Arbeitslohns fällt die Beförderung mit einem Handwagen finanziell nicht ins Gewicht; die Kosten für einen Transport mit dem Elektrokarren betragen 1,60 Dollar pro Stunde und die Verwendung
des Gabelstaplers 7 Dollar pro Stunde. Bringt man Aufwand
und Menge in ein Verhältnis zu den Arbeitskosten, so ist
es möglich aufzuzeigen, daß an einem bestimmten Punkt die
Arbeitskosten den Aufwand, den eine Mechanisierung des Arbeitsvorganges erfordern würde, übersteigen, so daß eine
Fortführung der manuellen Tätigkeit nicht mehr gegeben ist
und eine Mechanisierung die wirtschaftlichere Lösung darstellt.
Dr. Melman stellte weiter fest, daß in allen Ländern
die Arbeitskosten schneller steigen als die Maschinenkosten. Er glaubt, daß dies zumindest zum Teil darauf
zurückzuführen ist, daß die Firmen, die Industriemaschinen
herstellen, selbst mit steigenden Arbeitskosten zu tun
haben. Aus diesem Grunde haben sie arbeitssparende Produktionsmethoden eingeführt und sind daher in der Lage,
die gleichen Maschinen mit einem geringeren Aufwand an
kostspieliger menschlicher Arbeitskraft herzustellen.
Dr. Melman behauptet, daß ausreichende statistische
Unterlagen vorlägen, um zu beweisen, daß in praktisch jedem
industrialisierten Land nahezu 80$ der Produktivitätsabweichungen auf die Schwankungen des Kostenverhältnisses zwischen
Arbeits- und Maschineneinsatz zurückzuführen sind. Die übrigen 20$ oder mehr erklären sich aus einer Vielzahl sonstiger
Faktoren, von denen einige, wie beispielsweise das Vorhandensein von Elektrizität und Rohmaterial, in den Arbeits- und
Maschinenkosten zum Ausdruck kommen.
Die von dem Autor durchgeführten Werkanalysen innerhalb
eines einzelnen Industriezweiges ergeben, daß bei gleichen
Maschinenpreisen dieser Werke die Produktivität in direkter
Beziehung zu dem Durchschnittsstundenlohn der Produktivarbeiter steht. Solche Betriebe, die im besonderen Maße einem
starken Lohndruck ausgesetzt sind, haben dabei die durchgreifendsten Maßnahmen hinsichtlich der Verwendung arbeitssparender Produktionsmethoden und Maschinen ergriffen. In
den meisten Fällen vollziehen sich jedoch die Wechsel in
der Produktionstechnik nicht von heute auf morgen.
Dr. Melman stellte fest, daß eine Firmengruppe innerhalb
der Fertigungsindustrie etwa fünf Jahre für die Umstellung
ihrer Produktionsmethoden benötigte.
Nach Ansicht Dr. Melmans ist das Froduktivitätsniveau
in den seltensten Fällen das bewußte Ziel von Management
oder Arbeiterschaft; es wird auch nicht einmütig von einer
dieser beiden Gruppen festgelegt. Management und Arbeiterschaft versuchen jeder für sich, mit ihren eigenen Problemen fertig zu werden. Die Auswirkung ihres jeweils ausgeübten Druckes zwingt die Gegenpartei, eine Lösung für die
Probleme zu finden, die der andere verursacht hat. Die Arbeiter sind bemüht, ihren Lebensstandard zu verbessern, indem
sie höhere Löhne fordern. Hierdurch erwachsen der Betriebsleitung Kostenprobleme. Diese Probleme machen eine Revision
der Produktionsmethoden notwendig. So ist die Produktivität

- 8 -

�in erster Linie die Auswirkung des von der Arbeiterschaft ausgeübten Druckes der Forderung nach höheren Löhnen und der Bemühungen des Management, die Kosten zu verringern.
Quelle:

"Free Men at Work", No. 34

Finanzielle Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften und Management
Gewerkschaftliche Zuschüsse an Fonds, die der Industrie
als Ganzes zugute kommen, sowie direkte Kredite an Unternehmer
sind noch immer so außerordentlich selten, daß sie besonderer
Erwähnung bedürfen. Vor einigen Wochen sind drei solcher Zuwendungen erfolgt. Andere Beispiele dieser Art lassen sich aus den
letzten Jahren anführen, besonders aus der Bekleidungsindustrie,
wo verschiedene Gewerkschaften mit Unternehmern oder Wirtschaftsverbänden zusammenarbeiteten, um den Absatz von Industrieprodukten zu steigern.
Die Schuharbeitergewerkschaft gab zum Beispiel bekannt,
daß sie Jedem von der Schuhindustrie organisierten und unterhaltenen Fonds 100 000 Dollar zukommen lassen werde, damit
ein umfassendes Werbeprogramm zur Förderung des Schuhabsatzes
durchgeführt werden kann.
John J. Mara, der Vorsitzende der Gewerkschaft, erklärte
daß "die Schuharbeitergewerkschaften an dem Gedeihen und der
Ausweitung dieses großen Industriezweigs außerordentlich interessiert sind, denn eine noch stärker prosperierende Industrie bedeutet auch gleichzeitig größere Sicherheit und einen
höheren Lebensstandard für die 250 000 Schuharbeiter Amerikas.
Neue Abnehmerkreise zu gewinnen, ist für die Schuharbeitergewerkschaften von genauso vordringlicher Bedeutung wie für
die 25 000 Schuheinzelhandelsgeschäfte, die 1000 Schuhfabrikanten und die mehreren Tausend Mitgliedsfirmen verwandter
Branchen. Wir alle haben ein gleiches Interesse, dieses Ziel
zu erreichen".
Ein ausführlicher, von der Gewerkschaft ausgearbeiteter
Wirtschaftsbericht wies darauf hin, daß der Schuhverbrauch
pro Kopf im Laufe der letzten 10 Jahre vom Standpunkt des
stetigen Fortschritts aus betrachtet, unbefriedigend und unregelmäßig gewesen sei. Der Absatz an Damenschuhen habe zwar
zugenommen, dafür sei jedoch die Verkaufsziffer für Männerund Knabenschuhe zurückgegangen.
Im "Shoe Workers' Journal" heißt es in einem Leitartikel,
daß an das Angebot der Gewerkschaft keine Bedingungen geknüpft
seinen, außer derjenigen, daß die Zuschüsse "einem unter der
Schirmherrschaft der Industrie stehenden nationalen Fonds zur
Förderung des Schuhabsatzes zufließen sollen, der dazu verwendet werden soll, die amerikanische Öffentlichkeit dazu
anzuregen, mehr Schuhe zu kaufen. Es gibt aber noch andere
Dinge, die ebenfalls von der Industrie getan werden können,
und wo immer unsere Gewerkschaft dazu beitragen kann, die
Prosperität und die Ausweitung der Industrie zu fördern,
sind wir bereit, gewissenhaft und aktiv mitzuarbeiten."

- 9-

�Ein weiteres gemeinsames Förderungsprogramm ist in den
Kollektivvertrag zwischen der Stukkateurortsjewerkschaft
Nr. 224 und dem Stukkateurunternehmerverband von Santa Clara
County in Kalifornien aufgenommen worden. Dieser Vertrag bestimmt, daß jeder Arbeiter von seinem Lohn pro Arbeitsstunde
1V2 Cent in einen Fonds abzuführen hat, in den der Arbeitgeber einen jleichhohen Beitrag abführt und dessen Mittel
für einen Reklamefeldzug zur Hervorhebung der Vorzüge von
Gipsmörtel gegenüber anderen Baumaterialien verwendet werden
sollen.
Ein ähnlicher Plan wurde vor einem Jahr auf rein freiwilliger Basis erfolgreich zur Durchführung gebracht, als
die Gewerkschaftsmitglieder einen Tageslohn an den Fonds
abführten und die Arbeitgeber einen Zuschuß in gleicher
Höhe leisteten. John H. Dunlea, der Vorsitzende der "Builders
Exchange Business Manager" von Santa Clara County-, bezeichnete
diesen Plan als wesentlichen Beitrag zur Förderung besserer
Arbeitsbeziehungen, da er dem Arbeiter das Gefühl der Beteiligung am Betrieb gebe.
Eine andere Form der finanziellen Zusammenarbeit wurde von
den Mitgliedern der"Vereinigten Bekleidungsarbeitergewerkschaft"
(ACW) erfolgreich angewendet. Die über 500 organisierten Beschäftigten der "Hamilton Tailoring Co." in Cincinnati (Ohio)
stellten der Firme leihweise 100 000 Dollar zur Verfügung, um
ihr aus vorübergehenden finanziellen Schwierigkeiten zu helfen,
die durch die kurz vorher erfolgte Neuerwerbung weiterer Schneiderwerkstätten ausgelöst wurden.
Das Geld wurde der Schneidereifirma von dem Leiter des
Vorstandes der Vereinigten Bekleidungsarbeiter in Cincinnati,
Jack Kroll, übergeben. Den Beschäftigten werden dabei 10#
ihres Lohnes als ihr Kreditanteil abgezogen. Hierfür erhalten
sie 3V2prozentige Schuldverschreibungen. Die Firma zahlt der
Gewerkschaft monatlich 10 000 Dollar, bis die Schuld getilgt
ist.
Auf die Frage, warum die Gewerkschaft der Betriebsführung
einen Kredit gewährt, erklärte Mr. Kroll: "Unsere Mitglieder
arbeiten dort, es ist ihre Arbeitsstätte. Das Ziel der Gewerkschaft ist es, die Arbeitsplätze ihrer Mitglieder zu erhalten.
Wir betrachten uns als Teil der Industrie."
Quelle:

"Free Men at Work", No. 34

Kurznachrichten
"Garantierter Jahreslohn" bereits in 252 Betrieben
Die "Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft" (UAW)
gab bekannt, daß 1 002 098 Arbeiter, das sind zwei Drittel
ihrer Mitglieder, gegenwärtig von Verträgen erfaßt werden,
die Bestimmungen über die Gewährung von zusätzlicher Arbeitslosenunterstützung oder den "Garantierten Jahreslohn" enthalten.
Die Aufnahme dieser Klauseln in Tarifverträge setzte die
Gewerkschaft in weniger als sieben Monaten durch, wohingegen
- 10

�sie für die Aufnahme von Altersversorgungsbestimmungen für
eine Million Mitglieder nahezu zwei Jahre benötigte.
Die Ford Motor Co. war die erste Automobilfirma, die
dem Plan zustimmte; sie unterzeichnete ihn am 8.Juni 1955.
Gegenwärtig gibt es 232 Groß- und Kleinbetriebe, die die
garantierte Jahreslohnklausel in ihre Vereinbarungen mit
der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft aufgenommen
haben.

Neues Lohnabkommen in der Schuhindustrie
Die amerikanische Schuharbeitergewerkschaft (Boot and
Shoe Workers Union) beendete kürzlich ihren vierwöchigen
Streik ge^en zwei Unternehmen, nachdem man sich über die
Bedingungen bezüglich der Beilegung des Streiks geeinigt
hatte, die als die bisher "besten in der Industrie" bezeichnet wurden. 29 000 Arbeiter in 42 Werken der "International
Shoe Company" und der "Brown Shoe Co." im Gebiet v o n
St. Louis waren an diesem Streik beteiligt.
Russell Taylor, der Vorsitzende der Schuharbeitergewerkschaft erklärte, daß die Verhandlungen nur durch eine
sehr enge Zusammenarbeit erfolgreich abgeschlossen werden
können.
Das Abkommen wurde für eine Dauer von zwei Jahren abgeschlossen, mit der Möglichkeit es unter Umständen noch
auf ein drittes Jahr auszudehnen. Die Vereinbarung sieht
unter anderem eine 5prozentige Lohnerhöhung vor, und zwar
rückwirkend ab I.Oktober 1955, sowie Feiertagsvergütung
für den amerikanischen Heldengedenktag (Veterans Day) und
Erntedanktag (Thanksgiving Day). Eine weitere dreiprozentije Lohnerhöhung soll am I.April dieses Jahres wirksam
werden.
Über die Annahme der von den Fabrikanten vereinbarten
Altersversorgungsbestimmungen wird die Gewerkschaft in 18
Monaten entscheiden. Der Gewerkschaft steht dann eine
90tägige Frist zu, während der sie die Pläne der Fabrikanten
annehmen oder verwerfen oder ihre eigenen Vorschläge unterbreiten kann.
Im Sommer werden die Firmen für 14 Tage ihre Produktion
einstellen und Betriebsferien machen. Für diese Zeit erhalten die Arbeiter ihren Lohn im voraus. Diese Regelung ist
bisher einmalig in der Industrie.

Weibliche Arbeitskräfte in den USA
Kürzlich erörterten 21 Abgeordnete führender amerikanischer Frauenorganisationen und Vertreter des "National
Manpower Council" die Probleme, die sich im Zusammenhang
mit dem Einsatz weiblicher Arbeitskräfte in der Industrie
ergeben.
Der "Manpower Council», der durch die Ford-Stiftung unterstützt wird, arbeitet zur Zeit an einer Studie über
- 11 -

�"weibliche Arbeitskräfte in den USA", die im kommenden
Sommer veröffentlicht werden soll.
Nach dem Bericht Dr. Henry Davids, des leitenden
Direktors dieser Organisation, haben die Diskussionen
ergeben, daß die steigende Zahl berufstätiger amerikanischer Ehefrauen den überkommenen Begriff "einer voll und
ganz in ihrem Beruf aufgehenden Frau, die ledig bleibt"
hinfällig werden läßt. David bemerkte, daß etwa 30 Prozent
des amerikanischen Arbeitspotentials aus verheirateten
Frauen besteht.Er fügte "hinzu, daß im Jahre 1890 nur
2Y2 Prozent der berufstätigen Frauen verheiratet waren,
mit Ausnahme der in der Haus- oder Landwirtschaft tätigen Hilfskräfte.

12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wercjen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

II - 4

Mehlem, den 17. Februar 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Struktur und Hitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung
in USA (Schlues)

Seite

1

Wie der amerikanische Automobilarbeiter lebt

Seite

7

Gewerkschaftsfuehrer im Exil berichten ueber das Los
der Arbeiterschaft in sowjetischen Satellitenstaaten ...
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 10
Seite 11

William Paschelli
Struktur und Mitgliedschaft der Gewerkschaftsbewegung in USA (Schluss)
Nlchtangeschlossene oder unabhaengige Gewerkschaften
Ende 1955 waren dem "US-Amt fuer Arbeitsstatistik" 57 allamerikanische Gewerkschaften bekannt, die als sogenannte unabhaengige oder
nichtangeschlossene Gewerkschaften gelten koennen, da sie weder der
AFL noch dem CIO angehoeren. Ihre Gesamtmitgliederzahl betrug im Jahre
1954 schaetzungsweise 1,8 Millionen und war damit gegenueber den Schaetzzahlen von 1951 um 0,7 Millionen zurueckgegangen. Dieser Rueckgang ist
zum Teil auf den Beitrtitt frueherer unabhaengiger Gewerkschaften zur
AFL oder CIO zurueckzufuehren. Zu diesen unabhaengigen Verbaenden gehoeren einige der aeltesten und bekanntesten Arbeitnehmerorganisationen,
wie die vier "Gewerkschaften des Eisenbahnbetriebspersonals" und die
"Vereinigte Bergarbeiter-Gewerkschaft" (United Mine Workers of America UMW). Saemtliche in diese Untersuchung einbezogenen unabhaengigen Gewerkschaften haben, mit Ausnahme der Gewerkschaften der Bundesbediensteten, Kollektivvertraege mit Arbeitgebern in mehr als einem Bundesstaat
abgeschlossen.
Von den 11 Gewerkschaften, die in den Jahren 1949-1950 vom CIO
auf Grund ihrer kommunistischen Tendenzen ausgeschlossen wurden, bestehen
heute nur noch vier, und zwar die "Vereinigte Gewerkschaft der Arbeiter
der Elektro-, Radio- und Maschinenindustrie" (United Electrical, Radio
and Machine Workers of America), die "Allamerikanische Gewerkschaft der

- 1 -

�Arbeiter im Bergbau und Huettenwesen" (international Union of Mine, Hill
and Smelter Workers), die "Allamerikanisohe Gewerkschaft der Hafen- und
Lagerarbeiter" (international Longshoremen's and Warehousemen's Union)
und die "Amerikanische Gewerkschaft fuer das Pernmeldewesen" (American
Communications Association). Ihre Gesamtmitgliederzahl ging auf etwa ein
Drittel des Standes vom Zeitpunkt des Ausschlusses (850 000 bis 900 000)
zurueck. Der Mitgliederschwund laesst sich auf verschiedene Ursachen zurueckfuehren; dazu gehoeren die Uebertritte in die Gewerkschaft der
Elektro-, Radio- und Maschinenmechaniker und in die Vereinigten Gewerkschaften der Arbeiter in der Automobil-, Plugzeug- und Landwirtschaftemaschinenindustrie" (United Automobile, Aircraft and Agricultural Implement Workers - UAW), die Aufloesung mehrerer linksorientierter Gewerkschaften und der Beitritt ihrer Mitglieder zu Gewerkschaften innerhalb
der AFL oder des CIO, der Erwerb des Status einer angeschlossenen Gewerkschaft seitens einiger dieser Arbeitnehmerverbaende durch den Beitritt
zu einem der grossen Verbaende sowie die Gegnerschaft sowohl der fuehrenden Maenner der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung als auch der gesamten
Arbeiterschaft zu den kommunistisch beherrschten Verbaenden.

Die Gesamtmitgliederzahl
Die Berichte von 177 amerikanischen und allamerikaniechen Gewerkschaften, ergaenzt durch die Schaetzungen des "US-Amtes fuer Arbeitsstatistik"
im Falle jener 22 Gewerkschaften, die keine Mitgliederzahlen bekanntgegeben haben, ergaben fuer das Jahr 1954 eine Gesamtzahl von 17,757 Millionen. Unter Hinzurechnung der Mitglieder der der AFL angeschlossenen Gewerkschaften Oeffentliche Dienste (184 000) und der dem CIO angehoerenden
kleineren oertlichen Industriegewerkschaften (15 000) laesst sich die Gesamtmitgliederzahl auf 18 Millionen beziffern. Hiervon entfallen 10,9
Millionen auf die AFL, 5,2 Millionen auf den CIO und 1,8 Millionen auf
die unabhaengigen Gewerkschaften. Etwas mehr als eine Million Gewerkschaftsmitglieder haben ihren Wohnsitz ausserhalb der Vereinigten Staaten.
Die Gesamtmitgliederzahl von 18 Millionen gibt kein genaues Bild von
der Zahl der Menschen, die in den Vereinigten Staaten innerhalb der Arbeiterbewegung stehen. Mindestens 355 000 Mitglieder wurden von verschiedenen Gewerkschaften nicht in ihren Berichten aufgefuehrt, darunter Arbeitslose und Arbeiter, die in irgendwelche Streiks verwickelt waren oder
ihre Dienstzeit bei den Streitkraeften ableisteten, sowie Lehrlinge und
pensionierte Arbeiter. Das sind alle jene Personen, die voellig oder teilweise von der Beitragspflicht befreit waren. Die Mitglieder von nichtangeschlossenen oder unabhaengigen Gewerkschaften, deren Taetigkeitsbereich sich nicht ueber mehrere Bundesstaaten erstreckt, blieben gleichfalls
unberuecksichtigt. Wie aus den vorliegenden Kollektivvertraegen solcher
Gewerkschaften ersichtlich ist, fallen in diese Kategorie mindestens
500 000 Arbeiter.
Mitglieder, die ihren Wohnsitz nicht im Gebiet der Vereinigten Staaten haben
Von den 199 amerikanischen und allamerikanischen Gewerkschaften betaetigen sich 132 auch jenseits der Grenzen der kontinentalen Vereinigten
Staaten, so in Kanada, Hawaii, Puerto Rico und in der Panamakanal-Zone.
Von ihnen hatten 73 sich in ihrer Taetigkeit ausserhalb der Vereinigten
Staaten ausschliesslich auf Kanada beschraenkt, weitere 45 betaetigen sich
in Kanada und anderen Gebieten gleichzeitig, waehrend 14 von ihnen sioh
ueberhaupt nicht in Kanada betaetigten. Die Gesamtmitgliederzahl dieser
Gewerkschaften in Gebieten ausserhalb der Vereinigten Staaten belief sich
im Jahre 1954 auf 1,039 Millionen. Der groesste Anteil entfiel dabei auf
Kanada, wo es 118 allamerikanische Gewerkschaften mit 935 000 Mitgliedern
gibt. Auf die uebrigen Gebiete, die praktisch alle Territorien oder Besitzungen der Vereinigten Staaten sind, entfielen rund 105 000 Mitglieder,

- 2 -

�die sioh wie folgt verteiltem Puerto Rico 53 000, Hawaii 33 000, Alaska
16 000 und Panamakanal-Zone 2000. Fast die gesamten organisierten Arbeiter in Puerto Rico und in Hawaii gehoeren je einer Gewerkschaft an, waehrend sich die Mitglieder in Alaska und in der Kanal-Zone auf eine ganze
Reihe von Gewerkschaften verteilen. Weitere 1000 Mitglieder von 5 Gewerkschaften leben in verschiedenen Teilen der Welt.
Entwicklungstendenzen der Mitgliederzahl
Nachdem die staendig ruecklaeufige Entwicklung der Gesamtzahl der
Gewerkschaftsmitglieder zu Beginn der dreissiger Jahre, in der Zeit der
Depression, zum Stillstand gekommen war, begann ein bisher einmaliger Anstieg, der bis Mitte der vierziger Jahre anhielt. Von 1935 bis 1940 stieg
die Mitgliederzahl von 3,5 Millionen auf mehr als 8,5 Millionen und erreichte im Jahre 1945 beinahe 14,5 Millionen. Seitdem ist eine etwas langsamere Aufwaertsentwicklung zu verzeichnen. Die Wachstumsrate wird erst
dann voll ersichtlich, wenn man die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften
in Beziehung zur Gesamtbeschaeftigtenzahl bringt, da das Heer der Werktaetigen das Reservoir darstellt, aus dem die Gewerkschaften ihre Mitglieder
rekrutieren koennen. Wir haben zum Zwecke des Vergleichs zwei Serien von
statistischen Angaben herangezogen: a) die Gesamtzahl der Arbeitsfaehigen,
die sowohl die tatsaechlich Berufstaetigen, als auch Arbeitslose, selbstaendig Berufstaetige und die Angehoerigen der Streitkraefte und so weiter
einschliesst; und b) die Zahl der Berufstaetigen in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben, bei der die Angehoerigen der Streitkraefte, Arbeitslose,
landwirtschaftliche Hilfskraefte und Selbstaendige, unentgeltlich mitarbeitende Familienangehoerige und Dienstpersonal - Personengruppen, die
ohnehin kein besonderes Interesse am gewerkschaftlichen Zusammenschluss
zeigen - angeschlossen sind.
Von 1930 bis 1945 stieg der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an der
Gesamtzahl der Arbeitsfaehigen von 7 auf 22 $. Im Jahre 1954 betrug er
nahezu 25 $&gt;, das heisst mit anderen Worten, jeder vierte Arbeiter stand
innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Wenn man die Gesamtzahl der Werktaetigen in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben zugrunde legt, die bekanntlich
den Hauptanteil an den Gewerkschaftsmitgliedern stellen, so kommen wir
auf noch guenstigere VerhaeltniszahDen: hier ist von 1930 Die Kriegsende
1945 «in Anstieg von 12 auf 369t zu verzeichnen. Seit jener Zeit haelt der
Zuwachs an Mitgliedern etwa mit der Zunahme der Beschaeftigten in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben Schritt. So traf im letzten Jahrzehnt
praktisch ein Gewerkschaftsmitglied auf 3 Beschaeftigte in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben.
Auf Jahresbasis angestellte Vergleiche von Gesamtmitgliederzahlen
geben nur unzulaenglich Aufschluss ueber Zuwachs und Abgang innerhalb der
verschiedenen Gewerkschaften. Waehrend beispielsweise die Gesamtmitgliederzahlen von 1953 auf 1954 um 0,5 $&gt; anstiegen, schwankten sie bei ueber
einem Fuenftel der Gewerkschaften, die den Fragebogen des Amtes fuer Arbeitsstatistik ausgefuellt haben, um 10$ und mehr. Zwischen 1951 und 1954
waren bei schaetzungsweise der Haelfte aller Gewerkschaften Abnahmen oder
Zugaenge um 10$ und darueber zu vermerken, und nur bei 3°$ aller Gewerkschaften war eine Fluktuation um weniger als 5$ eingetreten.
Es faellt sehr schwer, jene Faktoren, die zu solchen Veraenderungen
fuehrten, klar aufzuspueren und in ihrer Bedeutung zu erfassen. Einige von
diesen, so etwa die Zunahme der Mitgliederzahl einer Gewerkschaft auf
Kosten einer anderen, und Gewerkschaftszusammenschluesse, bei denen die
gesamte Mitgliederschaft geschlossen in einen anderen Verband uebergefuehrt
wird, bringen keinen echten Mitgliederzuwachs t'uer die Arbeiterbewegung
als Ganzes. Andere Faktoren wiederum, wie der Rueckgang oder die Zunahme
der Beschaeftigtenzahl in Industrien, in denen die Arbeiterschaft stark

- 3-

�gewerkschaftlich orientiert ist, bringen Verluste oder Gewinne mit sich,
die siöh auch auf die Gesamtmitgliederzahlen auswirken koennen. Die Auswirkungen der sogenannten Union-Shop-Vereinbarungen - Vereinbarungen zwischen den Gewerkschaften und Unternehmern ueber die Festsetzung der Arbeitsbedingungen, die den Beitrtitt zur Gewerkschaft als eine Voraussetzung
fuer die Beschaeftigung vorsehen - haben zweifelsohne erheblichen Anteil
an dem Steigen der Mitgliederzahlen der Gewerkschaften in juengerer Zeit,
auch wenn diese Praktiken in einigen Industriezweigen schon seit langem
geuebt werden.
Groe38enordnungen
Sie amerikanische Arbeiterbewegung ist nach wie vor dadurch gehemmt,
dass ein hoher Prozentsatz der Gesamtmitgliederzahl auf einige wenige
Gewerkschaften entfaellt. Fast die Haelfte der Gesamtmitgliederzahl von
199 Gewerkschaften entfaellt auf 13 Verbaende. Sechs Gewerkschaften mit
jeweils ueber 500 000 Mitgliedern vertreten die Interessen von mehr als
5,9 Millionen Werktaetigen, das ist ein Drittel der Gesamtmitgliederzahl.
Die Mitgliederzahl ist jedoch nicht notwendigerweise der Gradmesser fuer
die Staerke einer Gewerkschaft. Die grossen allamerikanischen Verbaende
haben natuerlich groessere Moeglichkeiten, die ihnen angeschlossenen Ortsverbaende finanziell und anderweitig zu unterstuetzen. Andererseits haben
haeufig kleinere Gewerkschaften, die sich in weniger stark besetzten Industrien betaetigen und jene, deren Arbeiter auf Grund der von ihnen ausgeuebten Taetigkeit eine gewisse Schluesselstellung einnehmen, eine Macht,
die aus ihren Mitgliederzahlen nicht ohne weiteres abzulesen ist.
Frauen in der Gewerkschaftsbewegung
Im Jahre 1954 waren etwa 3 Millionen Frauen eingeschriebene Mitglieder allamerikanischer Gewerkschaften. Das heisst, dass etwa ein Sechstel
aller Gewerkschaftsmitglieder Frauen waren. Diese Zahlen stuetzen sich bei
135 Gewerkschaften auf die genannten Fragebogen und im wesentlichen bei
den restlichen 64 Verbaenden auf Schaetzungen noch verfuegbarer Informationen. Ein Vergleich mit den Statistiken ueber die Gesamtzahl der Beschaeftigten ergibt, dass jede siebte berufstaetige Frau einer Gewerkschaft
angehoerte.
Die Berichte der Gewerkschaften und die Schaetzungen lassen erkennen,
dass 1,3 Millionen Frauen auf 22 Gewerkschaften entfallen, bei denen jeweils mindestens die Haelfte aller Mitglieder Frauen waren. Eine fast
gleichgrosse Zahl von Frauen gehoeren weiteren 18 grossen Gewerkschaften
an, die mindestens 25 000 weibliche Mitglieder zaehlten. Demnach entfallen rund 2,5 Millionen Frauen oder fuenf Sechstel der gesamten weiblichen
Gewerkschaftsmitglieder auf insgesamt 40 Gewerkschaften. Bei 61 Gewerkschaften betraegt der Anteil der weiblichen Mitglieder weniger als 10j6,
und 49 Gewerkschaften zaehlen ueberhaupt keine Frauen zu ihren Mitgliedern.
Der groesste Teil der organisierten Frauen gehoert Gewerkschaften an,
die in der Bekleidungsindustrie, im Dienstleistungsgewerbe, im elektrischen
Apparatebau, im Nachrichtenwesen und in den Spinnereien und Webereien
taetig sind.
Funktionen der Gewerkschaften
Die Taetigkeit der Gewerkschaften wird durch die Statuten geregelt,
Die Grenzen zwischen der Zustaendigkeit der Gesamtverbaende und ihrer
Ortsverbaende sind unterschiedlich weit gezogen. Wie immer auch im Einzelfall
die Verantwortungsbereiche gegeneinander abgegrenzt sein moegen, so dient
doch sowohl die Arbeit der Gesamtverbaende als auch die der Ortsverbaende

-4 -

�dem gleichen Zieli den «eiteren-Ausbau der Kollektivvertraege und der Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Mitgliederschaft.
Die Ortsgewerkschaften
Im allgemeinen entspricht die Zahl der Ortsverbaende der einzelnen
Gewerkschaften in etwa der Zahl ihrer Hitglieder, das heisst, dass einige
wenige Verbaende mit einer grossen Zahl von Ortsgewerkschaften auch den
gröessten Anteil der Gesamtmitgliederzahl auf sich vereinen. Von den
schaetzungsweise 77 OOO Ortsverbaenden der 199 allamerikanischen Gewerkschaften, die in diese Uebersicht miteinbezogen wurden, entfielen 40 000
oder mehr als die Haelfte auf 19 Gewerkschaften. Dagegen haben 80 Gewerkschaften mit jeweils weniger als 100 Ortsverbaenden zusammengenommen nur
knapp mehr als 3000 Ortsverbaende, das sind nur 4$ der Gesamtzahl.
Zwoelf allamerikanische Gewerkschaften der AFL meldeten insgesamt
rund 25 000 Ortsverbaende oder schaetzungsweise die Baelfte aller AFLOrtsgewerkschaften ueberhaupt. Innerhalb des CIO entfallen nahezu 40$
der insgesamt 10 000 Ortsverbaende auf nur zwei Gewerkschaften. Bei den
unabhaengigen Gewerkschaften sind nahezu 70$ von insgesamt 13 000 Ortsverbaenden fuenf Gewerkschaften angeschlossen.
Die allamerikanischen Gewerkschaften mit grossen Hitgliederzahlen
weisen allgemein auch eine grosse Anzahl von Ortsverbaenden auf. Die
groesste Zahl von Ortsgewerkschaften, 13 000, entfaellt jedoch auf drei
mittelgrosse Gewerkschaften der Postbediensteten mit einer Gesamtmitgliederzahl von nur 250 000.
»
Kollektivvertraege
Den gröessten Raum innerhalb der Gewerkschaftsarbeit nehmen die
Verhandlungen zum Abschluss von Kollektivvertraegen ein. In ihnen finden
die Bemuehungen der Gewerkschaften um eine Verbesserung der Loehne und
Arbeitsbedingungen ihren sichtbaren Niederschlag. Nach zuverlaessigen
Schaetzungen sind zur Zeit mindestens 125 000 Kollektivvertraege in Kraft.
Rund 70 000 wurden von den 135 Gewerkschaften ausgehandelt, die den Fragebogen des Amtes fuer Arbeitsstatistik ausgefuellt haben.
Unter ausschliesslicher Berücksichtigung der Angaben des Fragebogens
ergibt sich folgende Aufteilung! 57 Gewerkschaften haben jeweils weniger
als 100 Kollektivvertraege, 36 zwischen 100 und 500, 12 zwischen 500 und
1000 und 19 mehr als 1000 abgeschlossen. Neun Gewerkschaften, in erster
Linie Gewerkschaften von Bundesbediensteten, hatten keinerlei Kollektivvertraege aufzuweisen. Jene 19 Gewerkschaften mit mehr als 1000 Vertraegen hatten zusammen mehr als 50 000 Kollektivvertraege abgeschlossen.
Gewerkschaftskongresse
Das hoechste Gremium der Gewerkschaftspolitik ist der Kongress. Er
uebt in vielen Gewerkschaften die obersten Entscheidungsbefugnisse fuer
alle Streitfragen aus, die sich aus gewerkschaftlichen Hassnahmen saemtlicher Ebenen ergeben koennen. Die Ortsvereine waehlen ihre Delegierten
zum Kongress aus dem Vorstand, wobei die Staerke der Delegation meist
in einem gewissen Verhaeltnis zur Mitgliederzahl steht. Die Gewerkschaftskongresse von 114 Verbaenden fanden mindestens alle zwei Jahre oder in
noch kuerzeren Zeitabstaenden statt. Bei 71 Gewerkschaften waren zwei
Jahre die Regel.

- 5-

�Festangestelltes Personal
Die Gewerkschaften stuetzen sich in ihrer Taetigkeit in steigendem
Ilasse auf Analysen und Unterlagen, die von Statistikern, Wirtschaftssachverstaendigen und Juristen erarbeitet wurden, um die Argumente, die bei
Kollektivverhandlungen, oeffentlichen Diskussionen und in Fragen der Arbeitsgesetzgebung ins Feld gefuehrt werden, wissenschaftlich zu untermauern. Eine fachliche Beratung ist haeufig auch bei der Fertigstellung
von Entwuerfen von Kollektivvertraegen wuenschenswert, da sich Ausmaas und
Auswirkungen dieser Abmachungen staendig vergroessern. Die Gewerkschaftsvertreter in den Betrieben ersuchen haeufig ihren Verband um Rat in Fragen der Interpretation, der Anwendung und der Durchfuehrung solcher Vertraege. In Anerkennung der Notwendigkeit, eigens fuer diese Zwecke geschultes Personal staendig zur Hand zu haben, richteten die allamerikanischen Gewerkschaften eigene Forschungs- und Erziehungsabteilungen mit
ganz- oder halbtaegig festangestellten Mitarbeitern ein. In juengerer Zeit
kommt hierzu noch die Bestellung von Forschungs- und Erziehungsdirektoren
bei den Gewerkschaftsorganen in den Einzelstaaten.
Ton den 199 allamerikanischen Gewerkschaften, die in diese Untersuchung einbezogen sind, hatten 96 einen Forschungsdirektor und 81 einen
Erziehungsdirektor. Bei 22 der insgesamt 95 einzelstaatlichen Organe der
AFI und des CIO bestand die Stelle eines Forschungsdirektors und bei 29
die eines Erziehungsdirektors.
In den letzten Jahren nahm die Zahl der Kollektivabmachungen ueber
Massnahmen der Kranken- und Altersversicherung sowie ueber die gesundheitliche Betreuung der Betriebsangehoerigen erheblich zu. Den Gewerkschaften erwaechst hieraus eine noch umfassendere Verantwortung fuer die Arbeiterschaft. Um den hier gegebenen Verpflichtungen gerecht werden zu koennen, haben die Gewerkschaften entsprechende Fachkraefte angestellt, die als
Berater in finanziellen, versicherungstechnischen und aehnlichen Fragen
taetig sind. Dies trifft fuer 92 Gewerkschaften zu. Bei 60 Gewerkschaften
von ihnen haben die hierfuer zustaendigen Funktionaere noch andere Aufgaben, sei es als Vorstandsmitglieder, Schatzmeister oder Forschungs- und
Erziehungsdirektoren.
Publikationen
Zweck der gewerkschaftlichen Publikationen ist es, den Kontakt zwischen dem Dachverband und den Mitgliedern in den angeschlossenen Ortsverbaenden aufrecht zu erhalten. Sie unterrichten ihre Leser ueber alle gewerkschaftlichen Belange und andere Fragen, die fuer die schaffenden Menschen von Bedeutung sind. Was ihre Aufmachung angeht, so finden sich
attraktiv aufgemachte Zeitungen und Zeitschriften neben vervielfaeltigten
einseitigen Flugblaettem.
Von den 199 allamerikanischen Gewerkschaften besassen 166 eine eigene
Publikation. Neun Gewerkschaften meldeten zwei Publikationen, so dass sich
die Gesamtzahl auf 175 beziffert. 122 Publikationen erscheinen monatlioh,
15 halbmonatlich, 14 alle zwei Monate, 13 vierteljaehrlich, 7 woechentlich und 4 in unregelmaesslgen Abataenden.
Von den 95 bundesstaatlichen Organen der AFL und des CIO gaben 49
eine eigene Publikation heraus, 3 davon sogar zwei, so dass sich die Gesamtzahl auf 52 belaeuft} 23 erschienen monatlich, 13 woechentlich, 2
halbmonatlich, eine alle zwei Monate, eine vierteljaehrlich, 9 jaehrlich
und 3 in unbestimmten Zeitabschnitten.
Sitz
Im Jahre 1954 hatten 144 von 149 allamerikanischen Gewerkschaften

- 6-

�Ihren Sitz in 10 Stsedten, naemlich in Washington, New York, Detroit,
Indianapolis, Chicago, Cincinnati, Cleveland, St. Louis, Philadelphia
und Milwaukee. Hier nimmt Washington den wichtigsten Platz ein, wo 46
Gewerkschaften mit einer Gesamtmitgliederzahl von 6,5 Millionen ihren
Sitz haben. Washington war ferner Sitz sowohl der AFL als auch des CIO.
New York, Detroit, Indianapolis und Chicago waren Sitz von jeweils
mindestens 5 allamerikanischen Gewerkschaften mit einer Gesamtmitgliederzahl von jeweils mehr als einer Million.
Quelle: "Monthly Labor Review" Vol. 78 No. 11

Wie der amerikanische Automobilarbeiter lebt
Die Einkuenfte des amerikanischen Lohnempfaengers von heute sind
hoeher als die jedes anderen Arbeitnehmers in der ganzen Welt. Er verfuegt ueber ein nicht unerhebliches Eigentum, fuer gewoehnlich ueber
ein Bankkonto sowie ueber eine Menge materieller Annehmlichkeiten.
Er erfreut sich einer relativ grossen Arbeitsplatzsicherheit, und in
der Automobilindustrie wird ihm heute sogar ein ganz nettes Einkommen
zugesichert, selbst wenn er nicht arbeitet - ein bedeutsamer Schritt in
Richtung auf den garantierten Jahreslohn ....
Ein sehr gutes Bild ueber die Lebensweise des amerikanischen Arbeiters bekommt man, wenn man einmal Detroit, das Zentrum der amerikanischen Automobilindustrie besucht. Um dieses Bild noch zu erhellen, stattete ein Wort- und Bildreporter der illustrierten Wochenzeitschrift
"U.S. News and World Report", dem bei der "Ford Motor Co." beschaeftigten Produktionsarbeiter Thomas Paul Brackett an seiner Arbeitsstaette
und in seinem Heim einen Besuch ab.
Mr. Brackett ist 41 Jahre alt. Er besitzt hoehere Schulbildung.
Im Laufe seiner Berufstaetigkeit arbeitete er fuer die Autofirmen
"Hudson", "Dodge", "Kelsey-Hayes Wheel Company" und "Ford". Er erhaelt
2,13-J- Dollar pro Stunde und kommt damit dem in der Automobilindustrie
ueblichen Durchschnitt von 2,10 Dollar und dem in der Dauergueterindustrie
in Hoehe von 1,99 Dollar nahe. Seine Taetigkeit und seine Art zu leben
ist typisch fuer die von Millionen anderer Industriearbeiter von Boston
bis San Francisco, Mr. Brackett ist Induktionsofen-Waerter. Seine Aufgabe besteht darin, die Getriebezahnraeder zu vergueten. Er arbeitet in der
Motorenfabrik seiner Firma in Dearborn, einem der modernsten und nahezu
vollautomatisch arbeitenden Betriebe in der Industrie.
Bei einer 40stuendigen Arbeitswoche wuerde Mr. Brackett 85,40 Dollar
verdienen. Seine Einkuenfte sind jedoch wesentlich hoeher. Die Fordwerke
haben viele Monate lang auf Hochtouren gearbeitet, und Mr. Brackett hat
genau wie seine Arbeitskollegen eine Menge Ueberstunden geleistet. Fuer
gewoehnlich arbeitet er sechs Tage in der Woche; fuer den sechsten Arbeitstag erhaelt er die eineinhalbfache Verguetung; manchmal arbeitet
er auch sonntags. Sein Lohn liegt infolgedessen im Durchschnitt bei 119»56
Dollar pro Woche.
Mr. Bracketts Jahreseinkuenfte lassen einen klaren Rueckschluss zu,
welchen Anteil er an der Prosperitaet der Vereinigten Staaten hatte. Im
Jahre 1952, als er wenig oder gar keine Ueberstunden hatte, betrug sein
Bruttoeinkommen 3730,85 Dollar. Im naechsten Jahr stieg es durch Ueberstunden auf 4579 Dollar. Im Jahre 1954 wuchs sein Einkommen ourch Ableistung einer noch wesentlich groesseren Anzahl Ueberstunden auf 5978

- 7-

�Dollar. Im Jahr« 1954
wesentlich groesseren
zug der Steuern blieb
Es ist moeglich, dass
den arbeiten wird, er
und rechnet mit einem

wuchs sein Einkommen durch Ableistung einer noch
Anzahl Ueberstunden auf 5978 Dollar an, nach AbBrackett noch ein Nettoeinkommen von 5430 Dollar.
er in diesem Jahr nicht ganz so viele Ueberstunhat jedoch inzwischen eine Lohnerhoehung bekommen
Jahreseinkommen von ueber 5000 Dollar.

Mit diesen mehr als 5000 Dollar, die Brackett in diesem Jahr verdienen wird, sind die Leistungen der Firma jedoch noch nicht erschoepft;
Brackett ist in einer Lebens- und Krankenversicherung, fuer die die Ford
Co. einen wesentlichen Beitrag leistet, ,er erhaelt gegebenenfalls Kranken- und Invalidengeld, die Firma kommt fuer seine Altersversorgung
auf und zahlt ihm bei voruebergehender Entlassung Arbeitslosenunterstuetzung.
Die Krankenversicherung uebernimmt die gesamten Krankenhauskosten
fuer den Arbeiter und seine Familie zuzueglich der Arzneimittelkosten,
und zwar fuer die Dauer von 70 Tagen bis zu 5 Dollar pro Tag. Im Krankheits- oder Invaliditaetsfalle erhaelt der Arbeiter 52,80 Dollar pro
Woche, und zwar 26 Wochen lang. Die Lebensversicherungssumme belaeuft
sich auf 4400 Dollar. Die Beitragsleistungen des Arbeiters betragen
8,54 Dollar monatlich oder 102,48 Dollar im Jahr. Die uebrigen 60$ traegt
die Firma. Ausserdem zahlt er 2,50 Dollar im Monat an Gewerkschaftsbeitraegen und gelegentlich gewisse Sonderbeitraege.
Wenn Mr. Brackett bis zur Erreichung seines 65. Lebensjahres bwi
der Ford Co. arbeitet, so hat er Anspruch auf ein Ruhegehalt von 237,05
Dollar monatlich. Bei dieser Summe machen die Leistungen der Sozialversicherung, fuer die der Arbeiter pro Jahr 84 Dollar zahlt, 162,80 Dollar
aus, vorausgesetzt, dass Mann und Frau bezugsberechtigt sind. Ausserdem
zahlt die Firma nach dem augenblicklich geltenden Pensionsplan 74,25
Dollar monatlich.
Fuer den Fall, dass Mr. Brackett voruebergehend entlassen werden
sollte, ist ebenfalls Vorsorge getroffen worden. Er erhaelt dann vom
Staate Michigan Arbeitslosenunterstuetzung und in einem Jahr zusaetzliche
Unterstuetzungsleistungen seiner Firma, mit der die Automobilarbeitergewerkschaft vor kurzem einen Tarifvertrag abschloss. Diese Leistungen
erhaelt er fuer die Dauer von 26 Wochen, und zwar von einer Woche nach
erfolgter Entlassung ab.
Nach diesen Vertragsbestimmungen werden den bei Ford Beschaeftigten
65$ ihres ueblichen Nettolohnes garantiert - fuer die Dauer von vier
Wochen der Lohn fuer eine 40-Stundenwoche (nach Abzug der Steuern) - und
fuer weitere 22 Wochen 60$ ihres Normallohnes. Fuer einen Arbeiter in
der Verdienstgruppe wie Mr. Brackett, belaeuft sich die Unterstuetzungssumme waehrend der ersten vier Wochen auf 53»48 Dollar, spaeter auf
49»37 Dollar. Tatsaechlich wuede sich Mr. Brackett etwas besser stehen,
denn er hat eine grosse Familie - eine Frau und vier Kinder - und der
Staat Michigan wuede ihm 26 Wochen lang woechentlich 54 Dollar zahlen.
Auf dieser Basis koennte Mr. Brackett, falls die Notwendigkeit an ihn
herantritt, sechs Monate lang seine laufenden Ausgaben decken.
Mr. Brackett und die meisten anderen Industriearbeiter sind finanziell gegen die ueblichen Wechselfaelle des Lebens gesichert. Im
Krankheits- oder Ungluecksfall, bei Entlassung oder wenn sie in den Ruhestand treten, ist ihnen ein bestimmtes Einkommen gesichert. Werden sie
einmal krank, so wird der Krankenhausaufenthalt und ein grosser Teil
der Arztkosten oh°ne weiteres erstattet. Sie koennen ihren Lohn nahezu
ausschliesslich fuer die Aufrechterhaltung eines relativ hohen Lebensstandards aufwenden.

- 8 -

�Dir Lebensstandard der Bracketts wuerde zweifellos jeden Industriearbeiter in einen kommunistischen Land in Erstaunen versetzen. Sie bewohnen ein zweistoeokiges Haus mit sechs Zimmern in den Vorort West Dearborn, einer typischen Siedlungsgegend von Industriearbeitern. Alle Haeuser
haben Vorgaerten und weitraeumige Einterhoefe. Ganz in der Naehe gibt es
einen grossen Kinderspielplatz sowie mehrere Schwimmbaeder.
In der Nachbarschaft der Familie Brackett wohnen Arbeiter, Inspektoren, technische Zeichner und Werkzeugingenieure. Sie arbeiten bc1. "Ford",
der"Great Lakes Steel Corporation", der "Detroit , Toledo and Ironton
Railroad" oder fuer verschiedene Werkzeugfabriken.
Bas Haus von Familie Braokett wurde vor dem zweiten Weltkrieg gebaut. Mr. Brackett erwarb es im Jahre 1950 fuer 12 000 Dollar. Von den
Erloes seines frueheren Hauses in Detroit konnte er gleich eine betraeohtliohe Anzahlung leisten. Die seinerzeit aufgenommene Hypothek in Hoehe
von 7500 Dollar, die ihm von der "Federal Housing Administration" gewaehrt
wurde, zahlt er nun in Monatsraten von 61,50 Dollar surueck.
Das Haus ist behaglich eingerichtet und wird durch Naturgas beheizt,
das in der Gegend von Detroit ausserordentlich billig ist. Zu den modernen
Errungenschaften der Bracketts gehoeren Telefon, Eisschrank, Waschautomat,
Staubsauger, Toaster, eine elektrische Kaffeemaschine und ein Grill.
Natuerlich haben sie auch ein Fernsehgeraet und mehrere Radios. Zu den
letzten Neuanschaffungen zaehlt ein Gas-Waeschetrockner und ein neuer
Gasherd. Sie wurden von Ruecklagen, sogenannten "Streikreserven" gekauft,
die nun, da das letzte Tarifabkommen zustandekam, ohne dass ein Streik
notwendig wurde, nicht laenger erforderlich sind.
Das Familienautomobil, ein 1953er Ford, wurde seinerzeit gekauft
und in Raten abbezahlt. Die letzte Rate ist inzwischen getilgt, daher
erklaeren sich auch die Neuanschaffungen, denn wie Mrs. Brackett erklaerti
"Wenn die Raten fuer den Wagen bezahlt sind, wird wieder etwas fuers Haus
angeschafft."
Die Bracketts sind viel mit dem Auto unterwegs. Herr Brackett faehrt
damit zur Arbeitsstaette, sie machen Sonntagsausfluege und Ferienreisen
mit dem Auto. Viele Industriearbeiter fahren mit ihrem Wagen zur Arbeit
und so kommt es, dass auf den Parkplaetzen der Fabriken taeglich Hunderttausende von Autos parken. Im Jahre 1956 will Brackett seinen Wagen gegen
einen neuen eintauschen, vorausgesetzt allerdings, dass er weiterhin
Ueberstunden arbeitet.
Die Bracketts haben ausser dem hohen Lebensstandard, den sie sich
leisten, ehrgeizige Plaene im Hinblick auf die Ausbildung ihrer Kinder.
Mary Elizabeth, die Aelteste, hat kuerzlich eines der 70, alljaehrlich
von der "Ford Motor Co." ausgesetzten Stipendien gewonnen und besucht
jetzt auf vier Jahre das "Bryn Mawr College" in Pennsylvanien. Selbst
ein grosser Teil ihrer Lebenshaltungskosten wird von der "Ford Co." bestritten. Die Bracketts haben vor, auch ihre drei anderen Kinder auf
die Hochschule zu schicken, auch wenn sie kein Stipendium erhalten.
Mit einem Jahreseinkommen von rund
ohne weiteres in der Lage, diese Plaene
sehr sparsam sind und zum anderen viele
die ihnen durch die Firma zugutekommen,
Ruecklagen weitgehend entfaellt.

5000 Dollar sind die Bracketts
zu schmieden, da sie einerseits
soziale Sicherungen geniessen,
wodurch die Notwendigkeit fuer

Mr. Brackett ist ein eifriger Arbeiter. Er fehlt fast nie und arbeitet
so viele Ueberstunden wie nur irgend moeglich, um Bein Einkommen zu erhoehen. Zuhause fuehrt er nahezu alle Reparaturarbeiten selbst aus. Ist
ihm dies nicht moeglioh, so bittet er einen Nachbarn darum, den er bei
naechster Gelegenheit wieder aushilft. Diese Art der Nachbarschaftshilfe

-9

�iat in Industriearbeitersiedlungen weit verbreitet.
Mrs. Brackett kauft in den sogenannten "Supermarkets" billig «in
und naeht alle Kleider fuer sich und die kleineren Kinder selbst}
ausserdem backt und waescht sie fuer die ganze Familie und kocht auch
selbst ein. Ratenkaeufe bleiben auf ein Minimum beschraenkt.
Die Bracketts gehen selten aus. Mr. Brackett ist in einem Kegelklub. Wenn Besuch eingeladen wird, unterhaelt man sich meist mit Kartenspielen. Bas Fernsehprogramm hat die Kinobesuche nahezu voellig ausgeschaltet. Waehrend der zwei Wochen bezahlten Urlaubs, die Mr. Brackett
zustehen, faehrt die ganze.Familie in Erholung.
Obwohl keine direkte Notwendigkeit besteht, legen die Bracketts
etwas Geld zurueck, das fuer Heuanschaffungen und die Ausbildung der
Kinder bestimmt ist. Die Lebensweise von Familie Brackett ist typisch
fuer die des amerikanischen Durchsohnittsbuergers im Arbeitnehmerverhaeltnis.
Aus: "US-News and World Report" - ein unabhaengiges, in Washington, B.C. gedrucktes
und woechentlioh erscheinendes Nachrichtenmagazin.
Copyright 1955 United States News Publishing
Corporation.

Qewerkschaftsfuehrer im Exil berichten ueber das Los der Arbeiterschaft in sowjetischen Satellitenstaaten
Im Exil befindliche Gewerkschaftsfuehrer aus kommunistisch beherrschten Laendern erklaerten Reportern kuerzlich, dass sie bestrebt seien,
die freie Welt ueber die wirkliche Lage der Arbeiter hinter dem "Eisernen Vorhang" laufend informiert zu halten. Die Exil-Gewerkschafter aus
sieben "annektierten" Laendern waren aus ihrem Pariser Hauptbuero nach
Rom gekommen, um sieh mit leitenden Funktionaeren der beiden groessten
freien Gewerkschaften Italiens, dem christlich-demokratischen und dem
sozialdemokratischen Gewerkschaftsbund zu treffen. Die Zusammenarbeit
fand die volle Unterstuetzung des Internationalen Bundes Freier Gewerkschaften.
Der Vorsitzende der Exilgewerkschafter und frueherer Sekretaer des
polnischen Gewerkschaftsbundes Franciszek Bialas, Konferenzvorsitzender,
betonte, dass seine Gruppe bestrebt ist, den unterdrueokten Menschen,
die unter kommunistischer Herrschaft leben, zu versichern, dass sie in
ihrer Opposition gegen den Kommunismus unterstuetzt werden. Trotz strenger Kontrollmassnahmen von Seiten der Kommunisten, so erklaerte er, sind
die im Exil lebenden Menschen in der Lage, mit den anti-kommunistisch
eingestellten Arbeitern in ihren Heimatlaendern eine staendige Verbindung aufrechtzuerhalten.
Er berichtete weiterhin, die Exilgewerkschafter haetten festgestellt,
dass die freien italienischen Arbeiter voelliges Verstaendnis fuer die
Probleme der "annektierten" Voelker zeigen. Giulio Pastore, der Generalsekretaer der christlich-demokratischen Gewerkschaftsorganisation habe
vor einiger Zeit auf einer in Rom stattfindenden Konferenz erklaertt
"Diktaturen, ganz gleich ob sie links- oder rechtsorientiert sind, lassen
die Gewerkschaften zu einem Instrument werden, das sie zur weiteren
Staerkung ihrer Macht missbrauchen. Dies bedeute, dass die Gewerkschaften unter dem Kommunismus sehr schnell jegliche Freiheit einbuessen, um

- 10 -

�die Rechte der Arbeiter zu schuetzen.
Der polnische Exil-Gewerkschaftsfuehrer erklaerte, die Konferenz
diene dazu, "unseren Bruedern in Italien und den Gewerkschaftern der
freien Welt die wahren Lebensbedingungen der Arbeiter hinter dem
'Eisernen Vorhang' zu schildern. Dies sollte alle freien Arbeiter vor
der Gefahr des Kommunismus warnen und zur Festigung unseres Prinzips
fuehren, dass Freiheit die Basis fuer uns alle ist." Die Konferenz
in Rom wende sich an die freie Presse und den Rundfunk, die besonders
geeignet seien, die Notwendigkeit einer Hilfeleistung herauszustellen,
um den Widerstand der unterdrueckten Voelker gegen das kommunistische
Regime zu staerken.
Eftimie Gherman, ein rumaenischer Gewerkschafter im Exil, wies
darauf hin, dass der Lebensstandard des rumaenischen Arbeiters noch
niemals so niedrig gewesen sei wie zum gegenwaertigen Zeitpunkt. Nur
wenige Arbeiter seien in der Lage, ihre Familie ausreichend zu versorgen und daher waeren Frauen und Kinder gezwungen, zu arbeiten, selbst
in so gefahrvollen Berufen wie im Kohlenbergbau. Ein Drittel der Arbeitskraefte in Rumaenien, so erklaerte Gherman, setze sich aus Frauen
und Kindern zusammen.
Harry Goldberg, der Vertreter der AFL/CIO in Italien, erinnerte
die Konferenzteilnehmer an das eine grosse Ziel des Kommunismus - die
Welteroberung. Er fuegte hinzu, dass der Kommunismus nicht seine Absichten, sondern lediglich «eine Taktiken aendere.
Goldberg verglich dann den Geist der Genfer Konferenz der Regierungschefs im Juli mit dem Verzoegerungsversuch Molotows auf der Aussenministerkonferenz im Oktober und warnte davor, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben.
Giulio Pastore, der Generalsekretaer der christlich-demokratischen
Gewerkschaftsorganisation Italiens, erklaerte auf der Konferenz, die
von den Exilgewerkschaften gelieferten Beweise stellten eine vernichtende Anklage gegen die politische Diktatur dar. Italio Viglianesi von der
sozialistischen Arbeiterorganisation betonte in seiner Rede die Unmoeglichkeit einer politischen Koexistenz. Seiner Meinung nach gaebe es
nur die Wahl zwischen Freiheit oder kommunistischer Diktatur. Der rumaenische Gewerkschafter Gherman betonte abschliessend, es koenne keine
gewerkschaftliche Zusammenarbeit mit den Kommunisten geben, da diese
darauf aus seien, die freien Gewerkschaften zu vernichten.
Quelle« Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Die durchschnittliche Laenge der Arbeitswoche ist in den Vereinigten
Staaten waehrend der letzten Jahre immer mehr zurueckgegangen, ergibt
sich aus einer Analyse des "US-Amtes fuer Arbeitsstatistik". Die Zahl
der Arbeitsstunden pro Woche ist von im Durchschnitt 44 Stunden im Jahr
1947 auf 42 Arbeitsstunden im Jahre 1933 abgesunken.
In der Landwirtschaft verringerte sich die woechentliche Arbeitszeit im Durchschnitt von etwa 33 Stunden im Hai 1947 auf ungefaehr 30
Arbeitsstunden im Mai 1933» In der Industrie (ausser in der Landwirtschaft)
ging die durchschnittliche Arbeitswoche von mehr als 42 Stunden im
Jahre 1947 auf ungefaehr 41 Stunden im Jahre 1933 zurueok.

-, 11 -

�Seit 1947« so heisst es in dem Bericht, ist die 40-Stundenwoohe,
und in einigen Faellen sogar eine noch kuerzere Arbeitszeit, fuer eine
immer groesser werdende Zahl Arbeiter allgemein ueblich geworden.
Bereits 1947 arbeiteten etwa zwei Drittel aller Fabrikarbeiter nur
zwischen 35 und 40 Stunden pro Woche.
Bern Bericht zufolge haben sich seit dem zweiten Weltkrieg in der
Industrie (ausser der Fertigungsindustrie) bedeutende Veraenderungen in
der Arbeitsstundenstruktur ergeben. Diese bestanden einmal in der Erhoehung des Anteils solcher Arbeitskraefte, die zwischen 35 und 40
Stunden arbeiteten und zum anderen im Rueokgang der Ueberstundenarbeit.
Dieser Trend bildete sich in der gewerblichen Wirtschaft und den
Dienstleistungsindustrien "langsam aber stetig" heraus, waehrend er
in der Bauindustrie ziemlich sprunghaft verlief. Im Transport- und Nachrichtenwesen verlief dieser Wechsel zwischen 1949 und 1930 "krass und
dramatisch", und zwar dadurch, dass die Eisenbahner ihre Forderung auf
Einfuehrung der 40-Stundenwoche durchsetzten.

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen. Gewerkschaftsprobleme und alleemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem. Mehlemer Aue
Der Inhalt der ..Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 5

Mehlem, den 2. Maerz 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Vom Unternehmer finanzierte Pensions- und Gesundheitsprogramme in amerikanischen Tarifvertraegen

Seite

1

Strafrechtliche Verfolgung von Verstoessen gegen
die Arbeitsdisziplin in der UdSSR

Seite

8

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 12

Vom Unternehmer finanzierte Pensions- und Gesundheitsprogramme
in amerikanischen Tarifvertraegen
Bei einer Analyse der amerikanischen Tarifvertraege zeigt sich,
dass der amerikanische Arbeiter heute an langfristigen Sozialleistungen genauso stark interessiert ist wie an den unmittelbar zur Auszahlung gelangenden Loehnen.
In vielen Faellen haben die zusaetzlichen Sozialleistungen - wie
Pensionsplaene, Krankenversicherungsprogramme, zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzungsleistungen oder garantierte Jahreslohnplaene - noch
groessere Bedeutung erlangt als Lohnerhoehungen. Diese industriellen
Sozialprogramme stellen zweifello» die wichtigste Neuentwicklung auf
dem Gebiet des amerikanischen Gewerkschaftswesens der Nachkriegszeit
dar. Aus Zahlen des amerikanischen Arbeitsministeriums ergibt sich, dass
zu Beginn des Jahres 1954 mindestens 11 290 000 Arbeiter von Tarifvertraegen erfasst wurden, die wenigstens eine Form des Kranken- oder Lebensversicherungsschutzes oder eine Altersversorgung aufwiesen.
Obgleich die amerikanische Bundesregierung und die der Einzelstaaten heute auf dem Gebiet der Sozialfuersorge mehr leislenals je
zuvor, erachtete die organisierte Gewerkschaftsbewegung diese Leistungen
eine ganze Zeit lang als unzureichend. Die gewerkschaftlichen Forderungen auf Verbesserung des bundesstaatlichen Altersversorgungssystems und
der (von den Einzelstaaten verwalteten) Arbeitslosenunterstuetzungsplaene spielten eine gewichtige Rolle, als der Kongress diese Programme
im Jahre 1950 und 1954/55 liberalisierte.
- 1 -

�I
Zur gleichen Zeit unternahm die organisierte Gewerkschaftsbewegung
einen weiteren Versuch zur Loesung dieses Problems. Zwischen 1942 und
1945» als die Loehne auf Grund der Notstandsklausel "eingefroren" wurden, waren allerdings gewisse Verbesserungen der Wohlfahrtsleistungen
zulaessig. Tatsaechlich beguenstigte eine im Kriege vorgenommene Aenderung der bundesstaatlichen Koerperschaftssteuer die Durchfuehrung von
Wohlfahrtsplaenen seitens der einzelnen Firmen: Die Beitraege zu solchen
Fonds, die vom "Bureau of Internal Revenue" genehmigt sein mussten, konnten von der Steuer abgesetzt werden; in den letzten drei Kriegs jähren
wurden rund 8500 Wohlfahrtsplaene genehmigt.
Im Jahre 1946 wurde dann von den Gewerkschaften eine allgemeine
Kampagne fuer vom Unternehmer finanzierte Pensions- und Krankenversicherungsplaene gestartet. Angefuehrt von den "United Steelworkers of America"
(Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft) forderten die meisten CIO- und
viele AFL-Gewerkschaften fuer ihre Mitglieder eine vom Arbeitgeber getragene Altersversorgung. Zur gleichen Zeit setzten sich die "United Automobile Workers" (Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft) - CIO - fuer
vom Unternehmer finanzierte Krankenhausversicherungsplaene ein. AFL- und
CIO-Gewerkschaften setzten sich daraufhin ebenfalls fuer diese Idee ein.
Die Entscheidung eines Bundesarbeitsausschusses, dass Altersrenten und
sonstige Wohlfahrtsplaene ordnungsgemaesse Punkte fuer Tarifverhandlungen
seien, verstaerkten den Werbefeldzug der Gewerkschaften auf diesem Gebiet.
Ende 1946 wurden nur 1^- Millionen amerikanischer Arbeiter von Wohlfahrtsplaenen erfasst, die entweder von ihren Gewerkschaften oder gemaess
den getroffenen Tarifabkommen verwaltet werden. Die Zahl der auf dem
Tarifverhandlungsweg von Wohlfahrtsplaenen erfassten Arbeiter vergroesserte sich rasch, sie stieg von 3 Millionen Mitte 1948 auf 7»5 Millionen
1950 und auf ueber 11 Millionen zu Beginn des Jahres 1954» dem letzten
Zeitpunkt, fuer den zuverlaessiges Zahlenmaterial verfuegbar ist.
Die Nachkriegsjahre brachten ebenfalls eine beachtliche Zunahme der
ausschliesslich vom Management gefoerderten Wohlfahrtsplaene, d.h. von
Plaenen, die von den Unternehmern freiwillig aufgestellt wurden. Zu Beginn des Jahres 1954 wurden allein ueber 7 Millionen Arbeiter von tarifvertraglich vereinbarten Altersversorgungssystemen und weitere 6 Millionen in freiwilligen Fensionsplaenen der Privatindustrie und der Wirtschaft
beruecksichtigt.
Das "US-Arbeitsministerium" schaetzt, dass zu Beginn des Jahres
1954 etwa T&amp;fo aller in Tarifvertraegen erfassten Arbeiter zumindest Anspruch auf eine Leistungsart hatten. Die Zahl der Versicherungsplaene
erhoehte sich zwischen 1950 und 1954 um 55$» waehrend die Pensionsplaene
eine Zunahme um 40^6 zu verzeichnen hatten. Zur gleichen Zeit wurde ein
grosser Teil der bereits bestehenden Plaene erweitert. Insgesamt legten
etwa 38$ der im Jahre 1954 abgeschlossenen 1200 Tarifvertraege (die jeweils mindestens 1000 Arbeiter erfassen) entweder die verschiedensten
Versicherungsprogramme fest oder aber erweiterten sie.
Obgleich sich in dieser schnellen Ausbreitung der Sozialprogramme
die allgemeine Verbesserung der industriellen Beziehungen in den Vereinigten Staaten widerspiegelt, vollzog sich diese Entwicklung doch nicht
kampflos. Die Stahl-, Berg- und Automobilarbeiter fuehrten in den ersten
Nachkriegsjahren langwierige Streiks zur Durchsetzung der Rechte der
Arbeiter auf diese Sozialleistungen durch.
Diese Leistungen umfassen gewoehnlich u.a.: woechentliche Unfallund Krankengelder; Verguetung des Krankenhausaufenthalts; chirurgische
und medizinische Betreuung sowie Erstattung der Entbindungskosten, Unfallrenten, Sterbegelder, Hinterbliebenen- und Altersrenten oder Pensionen.
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�Obgleich die meisten Programme eine Krankenunfallversicherung und eine
Altersversorgung vorsehen, umfassen doch nicht alle beide Leistungen.
93 Prozent aller Arbeiter sind in einer Lebensversicherung; sie
ist die am meisten uebliche Leistungsform. Von Pensionsplaenen werden
etwa 63$ erfasst. Die uebrigen Leistungen gliedern sich wie folgt aufi
Erstattung der Krankenhauskosten 88$; chirurgische Behandlung 83$; Unfall- und Krankengelder 73$5 Versicherung gegen Unfalltod und Invaliditaet 54$ und Erstattung der Arztkosten 47$.
AItersversorgungsplaene sind dagegen seltener als sonstige Versicherungsprogramme. Dies ist vielleicht darauf zurueckzufuehren, dass
die Pensionsplaene gewoehnlich umfangreicher und kostspieliger sind als
eine Krankenversicherung und haeufig betraechtliche langfristige finanzielle Verpflichtungen mit sich bringen. Zudem ist der Unternehmer
im allgemeinen der alleinige Traeger der hierdurch entstehenden Kosten.
Ungefaehr 85$ aller Pensionsplaene werden ausschliesslich vom Unternehmer finanziert, im Vergleich zu nur 62$ der sonstigen Versicherungsplaene.
Die Kohlenbergbauindustrie war eine der ersten, die ein grosszuegiges Sozialversicherungsprogramm einfuehrte. Langwierige und schwierige
Verhandlungen zwischen Management und den "United Mine Workers" (Vereinigte Bergarbeitergewerkschaft) fuehrten im Jahre 1946 zur Gruendung
eines Wohlfahrtsfonds. Aus diesem erhaelt ein Bergarbeiter zusaetzlich
zu den bundesstaatlichen Sozialversicherungsleistungen eine Pension
von monatlich 100 Dollar. Um Anspruch auf diese Pension zu haben, muss
der Bergarbeiter mindestens 60 Jahre alt sein und 20 Dienstjahre abgeleistet haben. Der Fonds gewaehrt ebenfalls eine finanzielle Unterstuetzung an Koerperbehinderte, traegt die Krankenhauskosten fuer Unfallverletzte bei Bergwerksungluecken und zahlt Witwen- und Hinterbliebenenrenten sowie andere Unterstuetzungen. In den neun Jahren seines Bestehens
erhielten bisher insgesamt 951 769 Bergleute und ihre Familien Unterstuetzungsleistungen in einer üesamthoehe von 756 905 700 Dollar.
Der Plan der Bergarbeitergewerkschaft wird ausschliesslich vom
Arbeitgeber finanziert; fuer jede Tonne gefoerderter Braunkohle werden
40 Cent und fuer Jede Tonne Steinkohle 50 Cent an den Fonds abgefuehrt.
Der Fonds wird von drei Treuhaendern verwaltet. Einer vertritt die
Oeffentlichkeit, einer die Industrie und einer die Gewerkschaft.
In der Automobilindustrie war es das Jahr 1950, das eine starke
Zunahme der Sozialprogramme brachte. Die mit den verschiedenen Automobilproduzenten abgeschlossenen Tarifvertraege sahen fuer Arbeiter mit
25 Dienstjahren, wenn sie das 65. Lebensjahr erreichten, Pensionen bis
zu 125 Dollar monatlich vor, die Kosten trug dabei ausschliesslich der
Unternehmer. Die Finanzierung des Programms zur Deckung der Arzt- und
Krankenhauskosten wurde zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgeteilt, ebenso die Beitraege fuer eine Lebensversicherung, die bei Erreichung des Pensionsalters ausgezahlt wird und fuer gewoehnlich zwischen
500 und 1000 Dollar betraegt. Im Falle der "Ford Motor Co." wurde ein
bereits bestehender Pensionsplan erweitert und in den 1950 abgeschlossenen Tarifvertrag uebernommen. Die im Jahre 1950 von der "Vereinigten
Automobilarbeitergewerkschaft" (UAW) ausgehandelten Tarifvertraege gelten fuer die Dauer von fuenf Jahren.
Im Jahre 1955 setzte die "Vereinigte Automobilarbeitergewerkschaft"
eine erhebliche Erweiterung ihrer mit den Autoraobilfirmen getroffenen
Sozialplaene durch. Die Bedeutung der neuen Rentenbestimmungen wurde
dabei allgemiif* weniger stark gewuerdigt als die in den gleichen Vertraegen enthaltenen Abschnitte ueber den "garantierten Jahreslohn".
Obgleich die verschiedenen Vertraege in den Einzelheiten oft stark

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�voneinander abweichen, war der Fordvertrag in seiner Art wegbereitend
fuer die Tarifverhandlungen mit anderen Autofirmen.
Nach der neuen Formel zur Festsetzung der Renten bei Ford werden
2,25 Dollar mit der Zahl der Dienstjahre multipliziert, um die Hoehe
der monatlichen Rentenzahlung festzulegen. Danach erhaelt ein Fordarbeiter mit 30 Dienstjahren, wenn er sich zur Ruhe setzt, 67,50 Dollar pro
Monat und zwar zusaetzlich zur bundesstaatlichen Altersrente. Zur Erbringung eines Rentenanspruches ist eine Mindestbeschaeftigungsdauer
von 10 Jahren erforderlich.
Jeder Arbeiter, der 40 Jahre alt ist und 10 Dienstjahre hat, besitzt ein verbuergtes Anrecht auf eine Pension. Diese "40 und 10"-Klausel
bildet die Grundlage fuer die spaeter zur Auszahlung gelangenden Renten,
auf die im Alter von 65 Jahren ehemalige Fordarbeiter, die das zuvor
erwaehnte Alter und die entsprechende Dienstzeit erreicht haben, Anspruch
haben. Die Formel fuer die Berechnung dieser Renten ist die gleiche»
2,25 Dollar mit der Zahl der Dienstjahre multipliziert ergeben die monatliche Rente.
Diese Bestimmung ueber das verbuergte Pensionsrecht, die inzwischen
in die meisten UAW-Vertraege aufgenommen worden ist, stellt hoechstwahrscheinlich den bedeutendsten Fortschritt dar, der 1955 in der Industrie
im Hinblick auf die Altersversorgung erreicht wurde. Das Fehlen verbuergter Pensionsrechte in den meisten von der Gewerkschaft ausgehandelten
Pensionsabkommen war bisher der Hauptanlass zu schaerfster Kritik an den
industriellen Rentenplaenen. Frueher kam ein Automobilarbeiter nur dann
in den Genuss einer von der Firma gezahlt'en Rente, wenn er bis zum Eintritt in den Ruhestand in der Automobilindustrie beschaeftigt war. Heute
bleiben ihm seine Pensionsrechte auch dann erhalten, wenn er das erforderliche Mindestlebens- und Dienstalter besitzt, selbst wenn er eine andere Taetigkeit ausserhalb der Automobilindustrie annimmt oder ganz aus
dem Arbeitsleben ausscheidet.
Bezueglich der Krankenversicherungsbestimmungen sieht der neue Vertrag die Beibehaltung des bisher ueblichen Programms vor, wobei Krankenhausaufenthalt und aerztliche Behandlung verguetet werden und Arbeitgeber
und Arbeitnehmer sich an den Beitragskosten beteiligen; einige Bestimmungen wurden erweitert. Die Krankenversicherungsbestimmungen erstrecken
sich auch auf die Ehefrau und die Kinder (unter 19 Jahren) des Arbeiters,
soweit sie unverheiratet sind.
Der Wohlfahrtsplan, den die "Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft"
mit der Konservenbuechsenindustrie im Jahre 1955 abschloss, sieht monatliche Rentenzahlungen in Hoehe von 2,50 Dollar fuer jedes Dienstjahr vor.
Ein Arbeiter mit 40jaehriger Dienstzeit wuerde beispielsweise eine Rente
von 100 Dollar im Monat erhalten, zuzueglich der Sozialrente in Hoehe von
108,50 Dollar, was einem Betrag von 208,50 Dollar entspricht. Das Einverstaendnis der Firma vorausgesetzt, ist es ausserdem moeglich, dass ein
Arbeiter bereits im Alter von 60 Jahren oder vor Erreichung des 65. Lebensjahres in den Ruhestand tritt. Er wuerde dann jedoch eine geringere
Rente erhalten bzw. die volle Rente wuerde erst nach Vollendung des 65.
Lebensjahres ausgezahlt. Die Rentenfonds werden ausschliesslich von der
Firma finanziert; ebenso gibt es keine obligatorische Versetzung in den
Ruhestand wegen Erreichung der Altersgrenze.
Die Wohlfahrtsplaene, die die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft
mit den Unternehmen der Stahlindustrie vereinbart hatte, werden im Jahre
1956 erneut ausgehandelt, und viele Beobachter rechnen damit, dass sie
den mit der Blechindustrie getroffenen Abmachungen aehneln werden.
Die zur Zeit bestehenden Wohlfahrtsprogramme mit den Stahlwerken

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�wurden im Jahre 1954 ausgehandelt und richten sich im allgemeinen nach
folgendem Muster: einem Arbeiter, der nach 30jaehriger Dienstzeit im
Alter von 65 Jahren in den Ruhestand tritt, wird ein Mindesteinkommen
von 140 Dollar monatlich garantiert, das sich aus einer von der Firma
gewaehrten Rente und den Leistungen der Sozialversicherung zusammensetzt.
Beschaeftigten mit 15- bis 30jaehriger Taetigkeit werden 110 Dollar pro
Monat garantiert, zuzueglich 2 Dollar monatlich fuer jedes die Dauer von
15 Jahren uebersteigende Dienstjähr. Bei der Berechnung der Rentenleistungen der Firma wird eine Sozialrente von monatlich 85 Dollar angenommen,
obgleich die Sozialversicherungsleistungen in den meisten Faellen hoeher
liegen.
Die Krankenversicherungsplaene der Stahlindustrie werden von den
Arbeitgebern und Arbeitnehmern gemeinsam finanziert, im allgemeinen wird
ein Beitrag von 9 Cent pro Arbeitsstunde geleistet, der zur Haelfte vom
Unternehmer und zur Haelfte vom Arbeiter getragen wird. Da sich die Krankenversicherung auch auf die Familie des Arbeiters erstreckt, zahlen verheiratete Arbeiter in Anbetracht der zusaetzlichen Leistungen etwas mehr
als 4^ Cent pro Stunde und ledige Arbeiter etwas weniger.
Viele der frueheren Rentenplaene wurden gemeinsam von Arbeitgebern
und Arbeitnehmern finanziert. Inzwischen gehen die Bestrebungen jedoch
dahin, dass der Unternehmer allein die Kosten traegt. Etwa 85$ der mit
den Gewerkschaften ausgehandelten und zu Beginn des Jahres 1954 in Kraft
befindlichen Pensionaplaene wurden ausschliesslich vom Arbeitgeber finanziert. Diese Tendenz war bereits im Jahre 1950 ziemlich ausgepraegt;
schon damals machten 75$ der Plaene keine Zuschuesse seitens der Beschaef tigten erforderlich.
Die Frage, ob der Beschaeftigte einen Beitrag zu dem Rentenfonds
leisten sollte oder nicht, wurde zum ersten Mal anlaesslich des Bergarbeiterstreiks im Jahre 1948 akut und wurde 1949 anlaesslich des Streiks
in der Stahlindustrie einer eingehenden Fruefung unterzogen. Die Bemuehungen von Cyrus Ching, dem damaligen Leiter der bundesstaatlichen
Schlichtungsstelle, eine friedliche Loesung herbeizufuehren, scheiterten
gerade an diesem Punkt.
Der Untersuchungsausschuss des Praesidenten (Fact-Finding Board), der
das Prinzip der Beitragsfreiheit fuer den Beschaeftigten vertrat, fuehrte
als Argument an, dass die Sozialleistungen ohne weiteres den ProduktionsKosten zugeschlagen werden koennten und daher keine Beitragsieistungen
seitens der Beschaeftigten notwendig seien.
Durch die Anhaeufung umfangreicher Mittel in den Rentenfonds entstand eine neue wichtige Kapitalquelle fuer Investitionen. Ende 1954
verfuegten die amerikanischen Gesellschaften ueber Rentenfonds in Hoehe
von insgesamt 11,2 Milliarden Dollar, wie einem Bericht der "Wertpapierund Boersenkommission" (SEC) zu entnehmen ist. In dieser Summe sind die
stattlichen Pensionsfonds (schaetzungsweise 9»8 Milliarden Dollar), die
von Versicherungsgesellschaften und Banken verwaltet werden, nicht eingeschlossen. Aus dem SEC-Bericht ergibt sich, dass die Pensionsfonds der
Grossunternehmen in der Zeit von 1951 bis 1954 um mehr als 75$ angewachsen sind.
Dass die Rentenfonds der Grossunternehmen zu einer Hauptinvestitionsquelle geworden sind, zeigt die Aufgliederung der Anlagewerte. Nach dem
Stand von Ende 1954 ergibt sich, dass 6,02 Milliarden Dollar in Schuldverschreibungen von Aktiengesellschaften angelegt waren, 2,085 Milliarden
Dollar in Stammaktien, 2,001 Milliarden Dollar in Staatspapieren, 420
Millionen Dollar in Vorzugsaktien, waehrend kleinere Summen anderweitig
angelegt waren bzw. als Barbestaende gehalten wurden.

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�Die Einkuenfte aus Zinsen und Dividenden im Jahre 1954 deckten dabei
alle zur Auszahlung gelangenden Leistungen und saemtliche Auslagen, wie die
SEC berichtete. Die Einkuenfte beliefen sich auf 379 Millionen Dollar und
die aus den Pensionsfonds geleisteten Zahlungen auf insgesamt 318 Millionen Dollar.
Die Zunahme der Pensionsplaene wirft auch noch andere Fragen auf.
Mehrere private Forschungsgruppen haben verschiedene ausfuehrliche Abhandlungen ueber Pensionen und ihre Auswirkung auf die Wirtschaft verfasst. Eine der gruendlichsten Studien heisst "Industrial Pensions" von
John Dearing; sie wurde 1954 von der "Brookings.Institution" herausgegeben und basiert auf Ermittlungen dieses bekannten Institutes fuer Wirtschaftsforschung.
In seiner Analyse vermerkt Mr. Dearing anerkennend die Fortschritte
auf dem Gebiet der Altersversorgung in der Industrie und macht Vorschlaege fuer eine weitere Ausdehnung der Rentenversorgung. Nach seiner Ansicht
koennen die augenblicklich in der Industrie ueblichen Pensionen lediglich
eine zus.aetzliche Rolle bei der Loesung des nationalen Problems der Altersversorgung spielen. Er schaetzt, dass von einem Arbeitskraeftepotential von insgesamt etwa 68,5 Millionen im Jahre 196O nur etwa 22 Millionen oder 32$ berechtigte Hoffnung haben duerften, von dem bisherigen
System der Industrierenten erfasst zu werden.
Einer den wichtigsten Vorschlaege Mr. Dearings besteht darin, die
bundesstaatlichen Einkommensteuergesetze so abzuaendern, dass durch Einfuehrung von steuerfreien Betraegen fuer gewisse Einkommensparten Betraege fuer die Altersversorgung abgezweigt werden koennen, und zwar
genauso wie es den Unternehmen gestattet ist, die in Wohlfahrtsfonda
eingezahlten Betraege als Betriebsunkosten von der Steuer abzusetzen.
Mr. Dearing sagt u.a.: "Ein Pensionsplan, der auf den Namen des Arbeiters
abgeschlossen wird, erleichtert den Arbeitsplatzwechsel und ermoeglicht
es dem Arbeiter, sich einen gewissen Schutz gegen inflationistische
Kraefte zu verschaffen, da er an der Kapitalvermehrung teilhat. Dieses
System sollte ebenfalls dazu fuehren, ein groesseres Verantwortlichkeitsgefuehl des einzelnen insofern wiederherzustellen, als ihm hierdurch die
Moeglichkeit gegeben wird, den zu erwartenden Rentenbetrag in Beziehung
zu seiner Leistungskraft und seiner Sparbereitschaft in der Zeit, wo er
im Arbeitsprozess steht, zu setzen, ganz gleich, wo er seinen Arbeitsplatz
hat und von wie vielen Arbeitgebern er beschaeftigt wird."
Obgleich eigentlich alle von den Gewerkschaften mit der Industrie
vereinbarten Wohlfahrtsplaene irgendeine Form der Kranken- oder Unfallversicherung vorsehen, haben viele Amerikaner andere Formen zur Verringerung der Krankheits- oder Krankenhauskosten gesucht. Eine der populaersten ist der private Gruppenversicherungsplan. Diese Art der Versicherung kann sich auf die Kosten des Krankenhausaufenthalts oder die
aerztliche oder chirurgische Behandlung erstrecken oder auf beide Leistungen, je nach dem Ermessen des Policeninhabers.
Die am meisten verbreitete Form der Gruppenversicherungsabkommen
sind die "Blue Cross-Plaene. Diese werden von lokalen gemeinnuetzigen Organisationen aufgestellt und von der "American Hospital Association"
gebilligt. Ihr Zweck besteht darin, die Versicherungsteilnehmer dafuer
zu gewinnen, die Kosten der Krankenhausbetreuung auf der Basis einer
Gruppenvorauszahlung zu finanzieren. Die Leistungen erfolgen in den meisten
Faellen in Form einer Krankenhausbetreuung, weniger durch Barverguetung.
Alle Blaukreuzplaene decken die Kosten fuer Unterkunft und Verpflegung. Nach einem Normalplan kann ein Versicherter 21 Tage lang in der 2.
Klasse bei voller Kostendeckung in einem Krankenhaus liegen; fuer weitere
180 Tage hat er dann Anspruch auf den halben Leistungssatz, und zwar gilt

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�diese Regelung fuer jeden Krankheitsfall, der einen Krankenhausaufenthalt
erforderlich macht. Bei allen Plaenen sind die Operationssaal-, Kreissaalgebuehren usw. miteinbegriffen, ebenso die Anlegung von Verbaenden,
die Verabreichung von Medikamenten und die Durchfuehrung von Labortests.
Die meisten erstrecken sich auch auf besondere Diaetkost, Roentgenbestrahlung usw. Die Mitgliedschaft kann im allgemeinen beibehalten werden,
wenn das Mitglied den Wohnort wechselt. Die Monatsbeitraege in Washington,
D.C., betragen 1,70 Dollar fuer Einzelpersonen und 3.70 Dollar fuer Familien mit Kindern unter 19 Jahren (falls diese unverheiratet sind); in
vielen anderen Gebieten liegen die Beitragssaetze etwas niedriger.
Auch aerztliche und chirurgische Behandlung werden durch die Gruppenversicherungsplaene gewaehrt; einige von ihnen sind mit dem "Blue Cross"
verbunden. (Der umfangreichste Plan fuer chirurgische Betreuung ist der
des "Blue Shield".) Die Mitgliedsbeitraege liegen etwas niedriger als
die fuer die "Blue Cross"-Versicherung fuer Krankenhauskosten. Fuer den
in Washington, D.C., geltenden "Blue Shield"-Versicherungsplan werden
Beitraege in Hoehe von monatlich 1,00 Dollar fuer Einzelpersonen und 3*20
Dollar fuer Familien erhoben. Die Verguetungssaetze liegen fest. Bei
einer Bruchoperation werden beispielsweise 100 bis 140 Dollar gezahlt, bei
einer Staroperation 150 Dollar und bei Entbindungen 80 Dollar. Fuer Betaeubungsmittel, Roentgenbehandlung usw. werden zusaetzliche Leistungssaetze gewaehrt. Die auf Grund des Versicherungsabkommens gezahlten Betraege werden von den Chirurgen als volles Honorar anerkannt, es sei denn,
das Familieneinkommen uebersteigt 5500 Dollar im Jahr oder die versicherte
Einzelperson verdient mehr als 3000 Dollar im Jahr.
Es gibt noch weitere Formen von im voraus bezahlten Versicherungen,
die die Kosten fuer Krankenhauseufenthalt und chirurgische und aerztliche
Betreuung uebernehmen. Mehrere Millionen Amerikaner sind durch Versicherungen aerztlicher Verbaende gedeckt, und eine noch groessere Zahl hat Einzelversicherungen abgeschlossen.
Alles in allem sind jeweils etwa zwei von drei Amerikanern in Krankenversicherungen. Das "Health Insurance Council" schaetzt, dass es Mitte
1955 etwa 104 Millionen Krankenversicherte gab. Der Rat stellte ebenfalls die folgenden Zahlen ueber die Erfassung durch eine Krankenversicherung im Jahre 1954 zur Verfuegung:
Gesamtzahl der Personen mit Versicherungsschutz bei Krankenhausaufenthalt -- 101 493 000.
Von diesen waren nahezu 86 Millionen in einer Versicherung, die die
Kosten fuer chirurgische Behandlung uebernimmt.
Nahezu 39 Millionen Arbeiter - 60% des gesamten zivilen Arbeitspotentials - waren gegen Verdienstausfall durch Invaliditaet geschuetzt.
Die Leistungen auf Grund freiwilliger Krankenversicherungsplaene
verteilten sich wie folgt: 56% wurden von Versicherungsgesellschaften gezahlt, 39% von "Blue Cross" und "Blue Shield" und die uebrigen 5% entfallen auf verschiedene unabhaengige Plaene.
Obgleich diese Zahlen darauf hindeuten, dass ein hoher Prozentsatz
des amerikanischen Volkes irgendeine Form des Krankenversicherungsschutzes
geniesst, ist es offensichtlich, dass das Programm weit davon entfernt
ist, vollkommen zu sein. Im Jahre 1954 gaben die Amerikaner ueber 10
Milliarden.}fuer aerztliche Behandlung aus. Nur 25% dieser Summe wurde
durch irgendeine'Form der vorfinanzierten Krankenversicherung gedeckt.
Das bedeutet, dass die Amerikaner etwa 7»5 Milliarden Dollar aus eigener
Tasche fuer Arzt- und Krankenhauskosten, Zahnbehandlung, Kinderschwestern,
Arznei und sonstige aerztliche Hilfsmittel bezahlen mussten. Und wenn

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�man den Umfang des Schutzes in Betracht zieht, der durch die Krankenversicherungsvertraege gewaehrt wird, 80 stellt sich heraus, dass die Durchschnittsperson, die einer Versicherung zur Deckung der Kosten bei Krankenhausaufenthalt angehoerte, im Laufe des Jahres 1953 noch 19$ ihrer
Krankenhausrechnung aus eigenen Mitteln aufbringen musste und die "Durchschnittsperson", die durch eine Versicherung zur Deckung der Arztkosten
erfasst wurde, nur 46$ der entstandenen Unkosten ersetzt bekam.
Die amerikanische Bundesregierung zieht schon seit Jahren in Erwaegung, Krankenversicherungsmassnahmen zu treffen. Der Plan, der augenblicklich groesste Beachtung findet, ist ein "Rueckversicherungs"vorschlag, wobei die Regierung einen 100-Millionen-Dollarfonds bereitstellen wuerde, um einen Teil des Risikos zu tragen. Die Regierungsstelle
wuerde diesen Schutz auf private Versicherungsgesellschaften ausdehnen,
um eine umfassendere und billigere Deckung zu ermoeglichen.
Quelle» Eigenbericht

Strafrechtliche Verfolgung von Verstoessen gegen die Arbeitsdisziplin
in der UdSSR
In den letzten zwei bis drei Jahren hat die sowjetische Regierung
bei der Neuveroeffentlichung der Arbeits-Disziplinargesetze die Bestimmungen ueber die strafrechtliche Verfolgung von Verstoessen der Arbeiter
gegen ihre Arbeitsvertraege, wie unerlaubte Aufgabe des Arbeitsplatzes,
unentschuldigtes Fehlen, Zuspaetkommen oder Bummeln waehrend der Arbeit ausgelassen. Eine ausdrueckliche Aufhebung dieser Bestimmungen ist
jedoch bisher nicht oeffentlich bekanntgegeben worden. Wie zahlreiche
Hinweise erkennen lassen, werden diese Strafen nach wie vor verhaengt.
Somit ist das Vertragsverhaeltnis zwischen dem sowjetischen Arbeitgeber,
das heisst irgendeiner staatlichen Dienststelle oder Organisation, und
dem Arbeitnehmer - um mit dem Ausschuss fuer Strafmassnahmen bei der
Internationalen Arbeitsorganisation zu sprechen - nichts weiter als
"eine Form legalisierter Sklaverei, die der heutigen Vorstellung von
persoenlicher Wuerde und dem Recht des freien Menschen widerspricht."
Sowjetische Arbeitsvertraege
Die Arbeitsvertraege in der Sowjetunion werden muendlich oder
schriftlich abgeschlossen. Gewoehnlich sind es muendliche Vertraege, die
rechtswirksam sind, sobald sich die Leitung eines Unternehmens und der
neue Arbeiter hinsichtlich der zu verrichtenden Arbeit und des Arbeitsplatzes geeinigt haben. Schriftliche Arbeitsvertraege, wie sie fuer Arbeiter und Beamten besonderer Regierungsorgane abgeschlossen werden,
sind allmaehlich auch ueberall dort zur Regel geworden, wo die Annahme
der Arbeit durch den Arbeitnehmer einen Ortswechsel erfordert. Derartige
Vertraege gelten im allgemeinen fuer die Dauer von zwei oder mehr Jahren;
fuer Arbeitnehmer, die nach dem Hohen Norden oder anderen weit entfernten Gebieten gehen, mindestens drei Jahre. Fuer gewisse Saisonarbeiten
koennen kurzfristige Arbeitsvertraege abgeschlossen werden. Nach sowjetischem Recht untersteht der Arbeitnehmer nach Abschluss des Vertrages
saemtlichen Bestimmungen der Arbeits-Strafgesetze.
ßo darf beispielsweise kein Arbeitnehmer ohne Einverstaendnis der
Betriebsleitung seine Stelle aufgeben, gleichgueltig, ob er einen muendlichen oder schriftlichen Arbeitsvertrag abgeschlossen hat. Tatsaechlich
kann das Arbeitsverhältnis und die Verpflichtung zur Arbeit noch ueber
die kontraktlich festgelegte Zeit hinaus verlaengert werden. Wenn die
Betriebsleitung es ablehnt, einen Arbeiter nach Ablauf der kontraktlich
festgelegten Zeit freizugeben, so kann nach dem geltenden Recht "der
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�Fall dem Gericht uebergeben werden". Wenn dieses zugunsten des Arbeiters
entscheidet, so soll die Betriebsleitung angewiesen werden, den Arbeiter
innerhalb einer bestimmten Frist freizugeben, die "auf Grund der jeweiligen praktischen Erfordernisse" festzusetzen ist.
Das Einverstaendnis der Betriebsleitung zur Aufgabe der Arbeitsstelle ist fuer den Arbeitnehmer aeusserst wichtig, wenn er sicher gehen will,
dass er eine neue Stelle findet. Nach dem Erlass vom 20. Dezember 1938»
der noch heute in Kraft ist, duerfen Betriebe in der Sowjetunion "Arbeitnehmer nur bei Vorlage des Arbeitsbuches einstellen". Dieses Arbeitsbuch,
das bis zur Aufloesung des Arbeitsverhaeltnisses bei der Betriebsleitung
bleibt, soll nach dem Gesetz neben saemtlichen Personalangaben auch Eintragungen ueber Bildungsgang und berufliche Schulung, bisher bekleidete
Arbeitsstellen (mit genauen Daten ueber Arbeitsaufnahme und Ausscheiden),
Gruende fuer den Arbeitsplatzwechsel sowie saemtliche Auszeichnungen
fuer hervorragende Arbeit enthalten; Strafen werden in dem Buch jedoch
nicht vermerkt.
Absolventen von Fachschulen sowie von technischen und anderen hoeheren
Lehranstalten muessen die ihnen vom Staat zugewiesenen Arbeitsplaetze
annehmen und sind also auch den Bestimmungen der Arbeitsstrafordnung unterworfen. Im Rahmen des seit dem Jahre 1940 gueltigen Staatlichen Arbeitsreserveprogramms werden alle Absolventen der Fach- und Werkschulen
vom Staat auf vier Jahre dienstverpflichtet und muessen waehrend dieser
Zeit jede ihnen zugewiesene Stellung annehmen. Die Absolventen der 1955
eingerichteten Schulen fuer das Bedienungspersonal landwirtschaftlicher
Maschinen, deren Lehrgaenge von einem halben Jahr bis zu einem Jahr laufen, muessen eine zweijaehrige Dienstpflicht erfuellen. Bis 1955 waren
bereits ueber 7 Millionen junger Maenner und Frauen vom Staat auf bestimmte
Arbeitsplaetze verpflichtet worden. Und auch die Absolventen der hoeheren
technischen Lehranstalten und Universitaeten muessen mindestens drei Jahre auf den ihnen vom Staat zugewiesenen Arbeitsplaetzen verbleiben.
Strafen fuer Verstoesse gegen den Arbeitsvertrag
In den ersten zehn Jahren des Sowjetregimes gab es noch keine Strafbestimmungen gegen eigenmaechtige Aufgabe des Arbeitsplatzes oder unberechtigtes Fernbleiben von der Arbeit. Arbeiter, die sich derartige Verstoesse zuschulden kommen Hessen, wurden schlimmstenfalls entlassen.
Die ersten Strafbestimmungen brachte das Gesetz vom 13. September 1930»
durch das Arbeitern, die ohne Erlaubnis der Betriebsfuehrung den Arbeitsplatz aufgeben, das Recht auf Arbeitslosenunterstuetzung entzogen wurde
und das bestimmte, dass ihre Namen auf den von den Staatlichen Arbeitsaemtern gefuehrten Vermittlungslisten ganz unten aufzufuehren seien.
Ende der dreissiger Jahre, als die Fuenfjahresplaene auf vollen Touren
liefen und Arbeitsstellen leicht zu finden waren, trat ein Mangel an
Arbeitskraeften ein, und es zeigte sich, dass diese Strafbestimmungen
nicht ausreichten. Schaerfere Massnahmen waren daher notwendig. Infolgedessen wurden im Dezember 1938 zwei Erlasse herausgegeben, und zwar der
Erlass vom 20. Dezember 1938, mit dem die oben beschriebenen Arbeitsbuecher eingefuehrt wurden, und der Erlass vom 28. Dezember 1938, der bestimmte, dass "ein Arbeiter, der seine Stelle freiwillig aufgibt, das
Recht auf voruebergehende Krankenversicherungsleistungen verliert und
erst, wenn er ein halbes Jahr eine neue Stelle bekleidet hat, wieder in
den Genuas dieses Rechts kommt". Durch den gleichen Erlass wurde auch
die Urlaubswartezeit nach Neueinstellung von 5^ auf 11 Monate erhoeht.
Weiter bestimmte er: "Ein Arbeiter, der ohne stichhaltige Entschuldigung
zu spaet zur Arbeit kommt, oder zu frueh zum Essen oder nach Hause geht
oder bei der Arbeit troedelt, unterliegt den folgenden administrativen
Strafaassnahmen: Verwarnung oder Massregelung, Versetzung an eine schlechter bezahlte Stelle fuer einen Zeitraum bis zu drei Monaten oder Rueck3tufung."

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�Die schaerfsten sowjetischen Strafmassnahmen wurden jedoch erst zwei
Jahre spaeter eingefuehrt. Als erstes wurde durch das Gesetz vom 26.
Juni 1940 bestimmt, dass Arbeiter in staatlichen, genossenschaftlichen
und kommunalen Betrieben, die ihre Arbeit ohne Erlaubnis aufgeben, vor
Gericht gestellt und mit Haft von 2 bis 4 Monaten bestraft werden. Weiter
schreibt dieses Gesetz vor, dass Arbeiter, die ohne stichhaltige Entschuldigung der Arbeit fernbleiben, zu Arbeitsbesserung verurteilt werden, das heisst, dass sie wohl auf ihrem alten Arbeitsplatz weiterbeschaeftigt werden, aber bis zu 6 Monaten einen Lohnabzug von bis zu 25$
als Busse auferlegt bekommen. Zweitens bestimmte der Erlass vom 18. Januar 1941, dass die im Gesetz vom 26. Juni 1940 vorgesehenen Strafen fuer
Fehlen auch im Falle von Unpuenktlichkeit oder Fernbleiben vom Arbeitsplatz fuer mehr als 20 Minuten oder bei dreimal in einem Monat oder viermal in zwei aufeinanderfolgenden Monaten vorkommender Verspaetung von
weniger als 20 Minuten Anwendung finden sollen. Arbeiter, die betrunken
am Arbeitsplatz erscheinen, unterliegen gleichfalls diesen Strafen.
Nach dem Gesetz vom 19« Oktober 1940 unterliegen Angehoerige gewisser
Berufe, die sich der von einem Ministerium ausgesprochenen Dienstverpflichtung in einen anderen Betrieb oder in eine andere Gemeinde widersetzen, den gleichen Strafbestimmungen wie Personen, die ihre Arbeitsstellen ohne Einwilligung des Arbeitgebers aufgeben. Dieser Personenkreis
schliesst nach dem Gesetz "Ingenieure, Konstrukteure, Konstruktionsplaner,
Techniker, Meister, Zeichner, Buchhalter, Volkswirtschaftler, Finanzund Planungsarbeiter und Facharbeiter" ein.
Die gegenwaertige Handhabung der sowjetischen Arbeitsstrafgesetze
Eine Aufhebung der vorstehend aufgefuehrten Strafgesetze wurde bisher weder bekanntgegeben, noch ist in den juengsten Kommentaren zur sowjetischen Arbeitsgesetzgebung oder anderen uns zugaenglichen sowjetischen
Publikationen eine diesbezuegliche Aeusserung zu verzeichnen. In N.G.
Alexandrows Kommentar "Sowjetskoje Trudowoje Prawo" (Sowjetisches Arbeitsrecht), der 1954 in Moskau erschien, heisst es auf Seite 107, dass nach
dem Kriege gewisse Gesetze aufgehoben wurden, einschliesslich derjenigen
ueber Ueberstundenarbeit und deren Bezahlung anstelle von Urlaubsgewaehrung, sowie des kriegsbedingten Gesetzes zur Arbeitsmobilisierung vom
13. Februar 1942. Von einer Aufhebung der Strafbestimmungen bezueglich
der Aufgabe der Arbeitsstelle und des Fernbleibens vom Arbeitsplatz ist
jedoch nicht die Rede. Darueber hinaus wurden diese Gesetze im "Sprawotschnik Profsojusnowo Rabotnika" (Handbuch des Gewerkschaftsfunktionaers) von
1953 erneut veroeffentlicht, und zwar das Gesetz vom 26. Juni 1940(S. 274)
sowie der Erlass vom 18. Januar 1941 (S. 105-109). Das Gesetz vom 26. Juni
1940 wurde im Jahre 1953 in Auszuegen auch in dem Werk "Osnownyje Sakonodatjelnyje Akty 0 Trude Ratoschich i Slushaschtschich" (Grundlegende
legislative Massnahmen ueber die Taetigkeit der Arbeiter und Angestellten)
(S. 5) vom Staatsverlag fuer juristische Literatur veroeffentlicht.
Bei der Neuveroeffentlichung dieser Gesetze im Jahre 1953 wurden
in den sowjetischen Gesetzbuechern die Abschnitte ueber Strafen ohne
weiteren Kommentar ausgelassen. Derartige Auslassungen bedeuten nicht notwendigerweise eine Aufhebung der Gesetze. Vielleicht darf man daraus aber
auf eine Periode der versuchsweise gelockerten Handhabung oder Suspendierung
der strengen Strafmassnahmen schliessen. Um einen Sonderfall herauszugreifen: So ist zum Beispiel das Gesetz vom 19. Oktober 1940, das die
Dienstverpflichtung von Arbeitern an andere Orte vorsieht, im Handbuch
des Gewerkschaftsfunktionaers fuer 1953 vollkommen ausgelassen; es ist
jedoch nach dem 1954 erschienenen Buch ueber sowjetisches Arbeitsrecht
von N.G. Alexandrow noch in Kraft. Daran ist nichts Erstaunliches, denn
nach der seit 1942 ueblichen sowjetischen Praxis kann der Wortlaut geltender Gesetze auf besondere Anordnung "von der Veroeffentlichung ausgeschlossen
- 10 -

�werden.
Ganz abgesehen davon, welche psychologischen oder wirtschaftlichen
Vorteile die Auslassung der Abschnitte ueber Strafen bei der Veroeffentlichung bestimmter Gesetze innerhalb der Sowjetunion haben mag, ist diese Tatsache fuer die sowjetischen Delegierten bei internationalen Konferenzen (beispielsweise den Sitzungen der UN-Ausschuesse oder der Internationalen Arbeitsorganisation) von grossem Nutzen, da sie auf diese
Weise leichter ihre Behauptungen unterstuetzen koennen, dass die Arbeiter in der kapitalistischen Welt "versklavt" seien, waehrend die Arbeiter in der Sowjetunion "frei" und "gluecklich" leben.
Obwohl die Sowjetregierung die Frage der Bestrafung bei Aufgabe der
Arbeitsstelle, Fehlen und Unpuenktlichkeit in Unklarheit laesst, zeigt
sich doch deutlich eine gewisse Besorgnis hinsichtlich des tatsaechlichen
Verhaltens der Arbeiter. In seinem Kommentar zur sowjetischen Arbeitsgesetzgebung von 1954 stellt N.G. Alexandrow (S. 221) in bezug auf Verstoesse gegen die Arbeitsdisziplin fest, dass "die Sowjetregierung einerseits die ungesetzlichen Ueberstunden, andererseits aber auch das Fernbleiben vom Arbeitsplatz, Unpuenktlichkeit, vorzeitiges Verlassen des
Arbeitsplatzes, Bummelei und so weiter als unzulaessig betrachtet". Auffaellig bei dieser Aufzaehlung ist, dass die Aufgabe der Arbeit ohne
Einverstaendnis der Betriebsleitung fehlt. Im gleichen Buch heisst es
(S. 297), dass "ein Verstoss gegen die Arbeitsdisziplin nach sowjetischem
Recht in der Regel ein Disziplinarvergehen darstellt, das durch Disziplinarstrafen zu ahnden ist. Nur einige besondere Faelle des Verstosses
gegen die Arbeitsdisziplin stellen eine Gefaehrdung des oeffentlichen
Interesses dar und gelten daher nach sowjetischem Recht als Verbrechen".
Das Buch gibt jedoch keinerlei Aufschluss darueber, ob zu diesen Ausnahmefaellen auch die unerlaubte Aufgabe des Arbeitsplatzes, Fehlen
und wiederholte Unpuenktlichkeit gehoeren, fuer die das Gesetz vom 26.
Juni 1940 und der Erlasa vom 18. Januar 1941 Strafen vorsehen.
Allerdings geht aus Mitteilungen in der sowjetischen Presse in den
Jahren 1954 und 1955 hervor, dass Fehlen und unerlaubte Aufgabe des
Arbeitsplatzes nach wie vor Handlungen sind, die gerichtlich verfolgt
werden muessen. Aus einem Bericht in dem Gewerkschaftsblatt "Trud" darf
man folgern, dass wiederholtes Fehlen, sofern die Betriebsleitung Anzeige
erstattet, gerichtlich geahndet wird, wenn auch Arbeiter, die mehrmals
fehlen, zunaechst nur geruegt werden«
"Abrasumow und Skibin (zwei Jugendliche) stellten sich zur Arbeit
ein, nachdem sie einen Tag gefeiert hatten. Da Sharinsky (der Abteilungsleiter) ueberzeugt war, dass ein Verweis sinnlos sei (da die beiden schon
oefter gefehlt hatten), forderte er Krysin (den Leiter des Werkes) auf,
den Fall dem Volksgericht vorzutragen. Krysin unterschrieb die erforderlichen Dokumente".
Die parteiamtliche Zeitschrift "Der Kommunist" veroeffentlichte
einen Artikel des sowjetischen Justizministers K. Gorschenin zur Frage
der unerlaubten Aufgabe des Arbeitsplatzes, in dem er sagt)
"Der Leiter einer der Bauverwaltungen gab den Auftrag, die gegen
M.A. Filatow erhobene Klage wegen unerlaubter Aufgabe des Arbeitsplatzes
an das Volksgericht zu ueberweisen."
Der Arbeiter wurde jedoch freigesprochen, da das Gericht feststellte, dass der Arbeitgeber gegen den Arbeitsvertrag Verstössen hatte,
indem er dem Arbeiter kein Quartier in dem Gemeinschaftswohnhaus besorgt
hatte. Mit Auffuehrung dieses Falles, durch den der Justizminister zeigen
will, dass die Betriebsleitung nicht berechtigt ist, die kontraktlich
verbuergten Rechte des Arbeiters zu verletzen, hat er unabsichtlich bestaetigt, dass Arbeiter, die ihren Arbeitsplatz ohne Erlaubnis aufgeben,
- 11 -

�strafrechtlich verfolgt werden.
Dass es auch heute noch im sowjetischen Regime derartige Strafen
gibt, beweist das folgende Zitat aus dem 1954 erschienenen Buch "Wtschom
sostoit kommunistitscheskoje Wospitanije Trudjaschtschichsja" (Worin
die kommunistische Erziehung der Arbeiter besteht) von S. Kowaljow

(S. 47)»
"Fehlen oder Unpuenktlichkeit bei der Arbeit und Verstoesse gegen
die Erzeugungsschlacht selbst durch einzelne Arbeiter schaedigen die
Arbeit aller Arbeiter in speziellen Industrieunternehmen, auf Kolchosen, Sowchosen sowie Maschinen- und Traktoren-Ausleihstationen auf das
schwerste. Die Erfahrung zeigt, dass ein Nachlassen im Kampf gegen mangelnde Disziplin das Fehlen und Zuspaetkommen sofort ansteigen laesst
und infolgedessen der Betrieb oder die Kolchose weniger gute Arbeit zu
leisten vermoegen."
Quelles "Monthly Labor Review",
Vol. 78, No 8

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Auf Grund des neuen Pensionsplanes der "Nationalen Seeleutegewerkschaft" (National Maritime Union) ist es jetzt Seeleuten im Falle der
Vollinvaliditaet moeglich, ohne Ruecksicht auf ihr Alter eine Rente zu
beziehen, vorausgesetzt, dass sie eine Mindestanwartschaft von 12 Jahren
nachweisen koennen. Waehrend sie bisher nur dann rentenberechtigt waren,
wenn 3ie das 55» Lebensjahr erreicht hatten, ist jetzt lediglich die Laenge der Dienstzeit entscheidend.
Ausserdem wurden in dem neuen Rentenplan auch noch einige andere
Qualifikationen geaendert. So ist es jetzt zum Beispiel nicht mehr erforderlich, dass der Betreffende eine bestimmte Zeit vor Eintritt der Invaliditaet beschaeftigt gewesen sein muss. Andere Pensionsplaene sehen zum
Beispiel vor, dass der Seemann vor Eintritt der Invaliditaet zumindest
fuer 90 Tage beschaeftigt gewesen sein muss. Auf Grund des neuen Abkommens sind drei verschiedene Arten von Rentenleistungen moeglich»
1. Die Auszahlung der normalen Fensions bei Erreichung des 65. Lebensjahres, vorausgesetzt, dass der Seemann eine Dienstzeit von 18 Jahren
nachweisen kann; die Rentenleistung betraegt hier 55 Dollar pro Monat,
zusaetzlich zur staatlichen Altersversorgung.
2. Verminderte Rentensaetze fuer solche Seeleute, die das 65. Lebensjahr erreichen, aber nur eine Dienstzeit zwischen 11 und 18 Jahren nachweisen koennen.
5. Pensionsleistungen fuer solche Seeleute, die zwischen dem 60. und
65. Lebensjahr in den Ruhestand treten und wenigstens 11 Dienstjähre
haben.
Die amerikanischen Erdoelgesellschaften haben die Loehne ihrer Arbeiter auf Grund gleichlautender Tarifabkommen um allgemein sechs Prozent oder mindestens 15 Cent pro Stunde - erhoeht, was etwa 26 Dollar und mehr
pro Monat entspricht. Zu denjenigen Gesellschaften, die die Loehne sowohl
fuer ihre gewerkschaftlich organisierten als auch nichtorganisierten Arbeitnehmer erhoehten, gehoeren die "Gulf Oil Corporation", "Esso Standard Oil Company", "Socony Mobil Oil Company" und die "Humble Oil and
Refining Company".

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wcrijen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 6

Mehlem, den 16. Maerz 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Reform der Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen

Seite

1

Disziplinarische Massnahmen der Gewerkschaften

Seite

5

Neue Grenzen der menschlichen Beziehungen

Seite

9

Gewerkschaftliche Kurznachricht

Seite 12

Reform der Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen
Die Arbeitsbedingungen im New Yorker Hafen haben sich vom Sommer
1954 bis zum Sommer 1955 erheblich verbessert, wie aus dem zweiten
Jahresbericht der Hafenkommission fuer den Hafen von New York*) hervorgeht. Die bei der Ausmerzung von Verbrechen und Korruption erzielten
Fortschritte sind weitgehend darauf zurueok zufuehren, dass die Kommission
die Arbeit im Hafen ihres Gelegenheitscharakters entkleidete, die Hafenarbeiter registrierte, ein neues Anheuerungsverfahren einfuehrte und
alles daransetzte, dass das Anheuern von Arbeitern am Pier nicht wieder
zur Regel wurde. Ein weiteres Mittel war die Handhabung der Lizenzierungsvollmachten durch die Kommission.
Eliminierung der Gelegenheitsarbeit im Hafen
Das Deberangebot an Hafenarbeitern war eine der Hauptursachen fuer
die im New Yorker Hafen herrschende Korruption und das Verbrecherunwesen.
Der Bedarf an Hafenarbeitern belaeuft sich im New Yorker Hafen auf
schaetzungsweise 25 000 bis 33 250 Mann. In den Jahreszeitraeumen vor
dem 30. September 1952 beziehungsweise 1953t Q8-s ist also vor Gruendung
*) Die Kommission besteht aus Vertretern der Staaten New York und
New Jersey und wurde auf Grund des Public Law 252 eingesetzt.

- 1 -

�der Kommission, wurden nach den Unterlagen des New Yorker Reederverbandes
'42 000 Mann als Hafenarbeiter entlohnt.
Zur Loesung des wichtigsten Problems, naemlich Angebot und Nachfrage
bei Arbeitskraeften im Gleichgewicht zu halten, stuetzte sich die Kommission auf zwei Bestimmungen des Gesetzes, auf Grund dessen sie errichtet
wurde. Auf Grund dieser Bestimmungen war die Kommission verpflichtet,
1.) jeden Bewerber zu registrieren, sofern er nicht auf Grund von Vorstrafen, seines Eintretens fuer den gewaltsamen Sturz der amerikanischen
Regierung oder der Tatsache, dass seine Gegenwart am Fier Frieden und
Sicherheit dort gefaehrden koennte, ungeeignet ist; und 2.) eine Mindestbeschaeftigungsdauer festzusetzen sowie alle halbe Jahre diejenigen Hafenarbeiter aus ihren Listen zu streichen, die dieses Mindestmass nicht
erfuellten.
Wie erfolgreich diese Massnahmen waren, zeigt die Tatsache, dass
die Zahl der fuer die Arbeit im Hafen in Frage kommenden Personen, das
heisst der bei der Kommission registrierten Hafenarbeiter, bis Mitte
1954 auf 34 469 und bis Juni 1955 auf 31 574 sank. Da die gesetzlich eingefuehrte Registrierungspflicht in diesem Zeitraum zunaechst zu einer
wesentlichen Zunahme der registrierten Hafenarbeiter fuehrte (vergleiche
weiter unten), ist der Rueckgang im Jahre 1955 in erster Linie auf den
ersten, im Januar 1955 begonnenen Angriff auf die Gelegenheitsarbeit im
Hafen zurueckzufuehren. Wie die Statistiken fuer jenen Zeitraum zeigen,
eTfuellten 16 393 der registrierten Arbeiter die Mindestforderung an regelmaessiger Arbeit nicht, das heisst 8 Tage Beschaeftigung oder achtmalige Nachfrage bei den Arbeitsvermittlungsstellen der Kommission pro Arbeitsmonat. All diesen Arbeitern wurde Gelegenheit gegeben, ihr Verhalten
zu begruenden, und 9336 von ihnen baten unter Hinweis auf besondere Umstaende darum, auch weiterhin auf den Registrierungslisten gefuehrt zu
werden. Bei Ueberpruefung dieser Faelle war die Kommission bemueht, diejenigen auf den Listen zu belassen, die in erster Linie auf die Hafenarbeit
als Erwerbsquelle angewiesen waren. Auf diese Weise konnte in 8790 Faellen
zugunsten solcher Personen entschieden werden.
Registrierung der Hafenarbeiter
Auf diese Weise wurden im Laufe des am 30. Juni 1955 endenden Geschaeftsjahres 7603 Arbeiter von den Listen der Kommission gestrichen.
Zu Beginn des Jahres hatte die Kommission 29 7^5 Hafenarbeiter staendig
und 4704 voruebergehend registriert, waehrend 122 abgelehnt worden waren.
Im Laufe des Jahres erhielten weitere 7063 Mann Dauerregistrierungskarten,
waehrend in 507 Faellen die Registrierung abgelehnt oder widerrufen wurde.
Fuer die absolute Abnahme der Zahl der registrierten Hafenarbeiter um insgesamt 2895 bis En.de des Geschaeftsjahres duerfte Saeumigkeit der voruebergehend Registrierten verantwortlich sein.
Die Kommission ueberprueft saemtliche Personen, die um Aufnahme in
die Listen der Hafenarbeiter nachsuchen, sehr sorgfaeltig. Da sie sich
darueber klar ist, welch schlechte Einfluesse Bewerber mit krimineller
Vergangenheit auf ihre Arbeitskollegen haben koennten, gruendet sie in
allen solchen Faellen ihre endgueltige Entscheidung ueber die Registrierung auf die Gesamtdauer der Taetigkeit des Bewerbers als Hafenarbeiter
unter entsprechender Beruecksichtigung etwaiger Anzeichen einer Besserung
und des Grades der Not, der er und seine Familie im Falle einer Ablehnung
ausgesetzt waeren. •
In den zwei Jahren ihres Bestehens hat die Kommission in 629 Faellen
die Registrierung von Bewerbern wegen krimineller Vergangenheit abgelehnt
oder widerrufen und in 288 Faellen die Registrierung nur nach vorheriger
Vernehmung der Bewerber vorgenommen. Um welche Verbrechen es sich in
diesen 917 Faellen handelte, geht aus nachfolgender Aufstellung hervort
- 2 -

�Die Registrierung wurde
abgelehnt oder
widerrufen
vorgenommen
Anzahl der Bewerber mit krimineller
Vergangenheit
Gesamtzahl der Gesetzesverstoesse
davon Verbrechen
Vergehen
Uebertretungen
Leichte Haftatrafen

629

268

3190
630
1402
407
751

1336
213
531
124
468

Dreissig Prozent der zu einer Vernehmung Vorgeladenen erschienen
nicht, obgleich man ihnen mitgeteilt hatte, dass ihr Nichterscheinen eine
Ablehnung der Registrierung zur Folge haben werde. Allerdings hat die
Kommission aus Gruenden der Billigkeit derartige Faelle wieder aufgegriffen, wenn der Bewerber innerhalb einer angemessenen Frist darum nachsuchte.
Neues Einstellungsverfahren
Ein weiterer Versuch der Kommission, die Probleme der "Ungewissheit
der Beachaeftigung der Hafenarbeiter und des Fortbestands der Ringvereine"
in Angriff zu nehmen, bestand in der Einfuehrung eines neuen Einstellungsverfahrens im April 1955» Damit ging die Kommission von der bis dahin geuebten Methode der "vorherigen Beglaubigung" ab und fuehrte stattdessen ein System der Gruppenausschreibung und Gruppeneinstellung ein.
Das Verfahren der "vorherigen Beglaubigung", das die Kommission im
Dezember 1953 einfuehrte, war anstelle des im Hafen ueblichen Schlangeetehena nach Arbeit getreten, bei dem die mehr oder weniger willkuerliche
Verteilung der Stellen durch die Anwerber Verbrechen und Korruption Vorschub leistete. Nach Einfuehrung der vorherigen Beglaubigungspflicht
mussten die Arbeitgeber der Kommission Namenslisten jener Arbeiter einreichen, die sie in der kommenden Woche beschaeftigen wollten. Die Kommission verglich diese Listen mit ihrem Gesamtregister der Hafenarbeiter
und beglaubigte sie. Beglaubigte Listen konnten dann von Woche zu Woche
verlaengert werden. Lediglich die Arbeiter, die sich um Gelegenheitsarbeit bewarben, mussten persoenlich im Vermittlungsbuero der Kommission
erscheinen. Der Erfolg dieses Systems der vorherigen Beglaubigung wurde
jedoch weitgehend dadurch zunichte gemacht, dass die Arbeitgeber es
den Anwerbern und Gewerkschaftsfunktionaeren gestatteten, weit mehr Personen auf die Listen zu setzen als sie tatsaechlich benoetigten. Auf diese
Weise wurde das mit Recht verrufene offene "Schlangestehen" durch ein
ebenso unerwuenschtes heimliches "Anstehen" ersetzt. Das entscheidende
Wort ueber Anstellung oder Nichtanstellung sprach die unabhaengige Allamerikanische Hafenarbeitergewerkschaft (International Longshoremen's
Association - ILA).
Infolgedessen schlug die Kommission ein System vor, bei dem die Arbeit gruppenweise ausgeschrieben und die Leute gruppenweise eingestellt
werden. Es dient dem Ziel, die Einstellung von Schauerteams, Hafenarbeitern, Kontrolleuren und Bueroangestellten durch die Arbeitsvermittlungsbueros der Kommission in der gesetzlich vorgeschriebenen Weise zu regeln,
und diese Vermittlungsbueros in Informationszentralen ueber den Arbeitsanfall im Hafen und verfuegbare Arbeitskraefte umzuwandeln. Die Arbeitgeber
lehnten diese Vorschlaege ab, und die Hafenarbeitergewerkschaft boykottierte eine fuer Oktober 1954 anberaumte oeffentliche Informationssitzung.
Die Kommission verschob weitere Massnahmen bis Januar 1955» da der New
Yorker Reeder- und Speditionsverband (New York Shipping Association) und

�die Hafenarbeitergewerkschaft gerade ueber einen neuen Kontrakt verhandelten. Zu diesem Zeitpunkt gab die Kommission bekannt, dass die Neuregelung ab Maerz 1955 in Kraft treten werde. Die Arbeitgeber wandten
sich erneut gegen diese Regelung. Sie Gewerkschaft lehnte es zunaechst
ab, ueberhaupt Stellung dazu zu nehmen und ging spaeter dazu ueber, Urabstimmungen ueber die Frage vorzunehmen. Unmittelbar vor Inkrafttreten
der Neuregelung ersuchte die Allamerikanische Hafenarbeitergewerkschaft
um Gelegenheit, ihren Standpunkt darzulegen. Die Hafenkommission verschob daraufhin die Inkraftsetzung der Neuregelung bis April 1955« Obgleich die Hafenarbeitergewerkschaft die neuen Einstellungsbestimmungen
spaeter vor Gericht anfocht*)i fuehrten die folgenden Beratungen dazu,
dass erstmals die Einstellungsverfahren fuer einen grossen Teil des Hafengebiets schriftlich festgelegt wurden, so dass es in Zukunft keinerlei Missverstaendnisse auf diesem Gebiet mehr geben kann. Diese formelle
Festlegung der Einstellungsverfahren, durch die die Kontrolle der Hafenarbeit durch die Gewerkschaft weitgehend beschnitten werden konnte, ohne
dass es darueber zu Streiks kam, wird von der Kommission als eine ihrer
wichtigsten Leistungen im zweiten Jahr ihres Bestehens angesehen.
Dieses neue System weist natuerlich gewisse Unterschiede bezueglich
der verschiedenen Arbeiten auf, doch gelten folgende grundlegenden Bestimmungen fuer staendige Schauergangs und Hafenarbeiter gleichermassem
1. Die Namen der staendigen Arbeiter werden der Kommission vom Verlader,
der sie anstellt, bekanntgegeben. 2. Die Namenslisten dieser Arbeiter
werden am Kopf des Piers und in dem zustaendigen Vermittlungsbuero der
Kommission ausgehaengt. 3- Arbeiter werden je nach Arbeitsanfall aus dem
auf der Liste aufgefuehrten Personenkreis am Pier ausgewaehlt und auf
Tagesbasis angestellt. 4* Verlader erstatten dem Vermittlungsbuero der
Kommission taeglich einen Bericht ueber die jeweiligen Einstellungen!
der auf dem schwarzen Brett ausgehaengt wird. Zum Monatsende muessen die
Verlader die Namen aller Arbeiter, die nicht regelmaessig beschaeftigt
wurden, von den Listen streichen. Regelmaessig arbeitende Gangs, die nicht
auf ihrem eigenen Pier arbeiten, sowie zusaetzliche Arbeitsgruppen werden
ebenso wie die Gelegenheits- oder Aushilfsarbeiter ueber das Vermittlungsbuero der Kommission eingestellt.

Andere Aufgaben der Kommission
Neben ihren Bemuehungen, die Einstellungsmethoden und das Arbeitsklima im New Yorker Hafen zu verbessern, hat die Kommission ihre Lizenzierungsbefugnis dazu benutzt, gewisse Normen zu entwickeln, denen die
Verladegesellschaften entsprechen muessen, um die fuer ihre Taetigkeit
im Hafen erforderliche Konzession zu erhalten. Es wird nicht nur ein hoher
Grad an Integritaet von der Leitung der Gesellschaft verlangt, sondern
auch eine einwandfreie Geschaeftsfuehrung, lueckenlose Buchfuehrung und
Rechnungslegung ueber saemtliche Ausgaben gefordert.
Ein weiterer Erfolg der Kommission war die Verschaerfung der Verbotsbestimmungen bezueglich Anheuerns von Gelegenheitsarbeitern am Pier,
das einen "besonderen Fluch" des New Yorker Hafens darstellte. Das Anheuern von Gelegenheitsarbeitern war nach Angaben der Kommission vor dem
Verbot das Monopol "von Maennern, die entweder die Ortsverbaende der Hafenarbeitergewerkschaft in der Hand hatten oder mit deren voller Zustimmung arbeiteten". Infolgedessen nahm die Kommission ganz energisch (wenn
auoh nur in Form eines Gutachtens) gegen die Vorschlaege Stellung, die
*) Die Entscheidung stand zur Zeit der Abfassung des zweiten Jahresberichts der Hafenkommission noch aus.

- 4-

�die Hafenarbeitergewerkschaft bei den Verhandlungen Ende des Jahres
1954 vorgebracht hatte und die darauf hinausliefen, das System des Anheuerns am Pier unter dem Deckmantel einer Vertragsklausel ueber die
Einfuehrung einer neuen besonderen Sparte von Hafenarbeitern wieder
einzufuehren. Die Kommission wies darauf hin, dass die Abschaffung des
frueheren Verfahrens des Anheuerns allen Hafenarbeitern zugute gekommen
sei, die sich ihren Unterhalt beim Auf- und Entladen von Lastwagen auf
den Piers verdienen; heute werden sie mit regulaeren Hafenarbeiterloehnen
eingestellt und haben Anspruch auf Sozialversicherungsleistungen und
Altersversicherung.
Quellet "Monthly Labor Review"
Vol. 78 No. 9

Disziplinarische Massnahmen der Gewerkschaften
Die Leitung eines Geschaeftsunternehmens oder einer Gewerkschaft
erfordert gewisse Machtbefugnisse, um die Beschaeftigten oder Hitglieder bei Verstoessen gegen die bestehenden Arbeits- oder Mitgliedsbestimmungen zurechtweisen zu koennen. Eine solche Autoritaet kann jedoch
auch missbraucht werden. Die amerikanischen Gewerkschaften sind schon
seit Jahren bemueht, den Machtmissbrauch der Vorarbeiter oder Werkmeister
einzudaemmen. An dem weitgehenden Einbau von Beschwerde- und Schlichtungsverfahrensbestimmungen in die Tarifvertraege mag man den Umfang
sehen, inwieweit Sicherheitsmassnahmen gegen ungerechtfertigte disziplinarische Methoden getroffen worden sind.
Worin besteht die Disziplin innerhalb einer Gewerkschaft? Welchen
Schutz besitzen Gewerkschaftsmitglieder gegen Autoritaetsmissbrauch
seitens der Gewerkschaftsfunktionaere? Um diese und andere Fragen bezueglich der internen gewerkschaftlichen Funktionen zu beantworten, hat Professor Philip Taft, ein bekannter Sachverstaendiger der gewerkschaftlichen
Entwicklung, eine Studie ausgearbeitet, die den Titel traegt: "Struktur
und Leitung der Gewerkschaften".
Die Behandlung, die ein Mitglied erfaehrt, wenn es mit den gewerkschaftlichen Bestimmungen oder den Funktionaeren seiner Gewerkschaft in
Konflikt geraet, oder wenn es sich ueber die Handlungsweise der Ortsgewerkschaft, der Gewerkschaftsvertreter oder ueber etwas beschwert, das
mit seiner Taetigkeit zusammenhaengt, kann als Masstab fuer die von den
Gewerkschaften ausgeuebten disziplinarischen Massnahmen dienen. Die Pruefung mehrerer Hundert Faelle dieser Art fuehrten Professor Taft zu der
Ansicht, dass sowohl die individuellen als auch die lokalen Machtbefugnisse innerhalb der Gewerkschaften strengeren Beschraenkungen unterliegen als in der Oeffentlichkeit allgemein. Dies kommt zum Teil daher, dass
die Gewerkschaften eine homogene Einheit mit fest abgegrenzten und umrissenen Zielen ist. Diese Einheit kann aber durch innere Spaltungen
ernsthaft beeintraechtigt werden.
Professor Taft beschreibt die Grundlage der Disziplin, deren sich
die Mitglieder unterordnen muessen, wie folgt«
Ausser d en Punkten, die die Ausuebung von Rechten innerhalb der
Gewerkschaft betreffen, muessen sich die Mitglieder nach Bestimmungen richten, die ihre berufliche Verhaltensweise vorschreiben.
Mit Zustimmung der Arbeitgeber haben die Gewerkschaften eine Vielzahl solcher Bedingungen erlassen. In manchen Faellen mag ein einzelner in der Lage sein, einen Vorteil daraus zu gewinnen: beispielsweise indem er Ueberstunden ableistet, wenn Ueberstundenarbeit verboten ist oder dass er unter Bedingungen arbeitet, die

- 5-

�den gewerkschaftlichen Prinzipien oder Praktiken zuwiderlaufen.
Dies ist lediglich eine der vielen Variationsmoeglichkeiten,
in denen eine Zuwiderhandlung gegen gewerkschaftliche Bestimmungen nicht nur moeglich ist, sondern wo der Zuwiderhandelnde sogar
einen Vorteil erzielen koennte. Die Gewerkschaften muessen nicht
nur danach trachten, eine solche heimliche Umgehung der von den
einfachen Mitgliedern festgelegten Standardvorschriften zu verhindern, sondern sie muessen auch dafuer sorgen, dass die mit dem
Arbeitgeber eingegangenen Verpflichtungen befolgt werden. Ohne
Verordnungen und die Befugnisse zu ihrer Durchfuehrung koennten
die Gewerkschaften weder ihren eigenen Standard aufrechterhalten,
noch koennten sie die Einhaltung von mit dem Unternehmer vereinbarten Bedingungen zur Auflage machen, wenn einer Minderheit
ihrer Mitglieder die Erfuellung dieser Bedingungen unbillig erscheint.
Die Disziplinarverfahren der Gewerkschaftsorganisationen sind so
beschaffen, dass sie der Gewerkschaft ein wirksames Arbeiten
gestatten. Prozesse und Strafen sind festgelegt worden, um Gehorsam zu erzwingen oder um eine Bestrafung durchzufu-ehren, wenn
die Mitglieder sich einer Verletzung ihrer Pflichten schuldig gemacht haben. Alle Gewerkschaften haben Berufungsgerichte eingesetzt, die die Beschluesse der Ortsgewerkschaften oder ihrer Untersuchungsausschuesse nochmals pruefen. In allen Gewerkschaftsorganisationen gibt es mehr als eine Berufungsinstanz, so dass ein Mitglied, falls es mit der Entscheidung der einen Stelle unzufrieden
ist, den Fall zur naechsten Instanz weiterleiten kann. Die Appellationsgerichte der Gewerkschaftsorganisationen bearbeiten viele
Faelle, in denen ueberhaupt keine Strafmassnahme zur Anwendung
Kommt. Das Appellationsgericht behandelt beispielsweise Zustaendigkeitsstreitigkeiten zwischen Ortsgewerkschaften, die Erhebung von
Umlagen oder Beitraegen, das Verhalten eines Vorsitzenden bei einer
Gewerkschaftsversammlung, die Abhaltung einer Wahl innerhalb der
Ortsgewerkschaft, und viele Punkte aehnlicher Art, die einem Appelationsgericht zur Bearbeitung uebertragen
werden koennen. Gewerkschaftsmitglieder koennen ebenfalls gegen Beschluesse von Funktionaeren, Entscheidungen der Ortsgewerkschaft oder Regelungen beruflicher Angelegenheiten Einspruch erheben. Bei Fragen bezueglich der
Senioritaet, der Mitgliedsbeitraege auf Grund von Gewerkschaftsvertraegen und unzureichender Erledigung von Beschwerden koennen hoehere
richterliche Instanzen der Gewerkschaftsbewegung in Anspruch genommen
werden.
Aus einer fluechtigen Pruefung von Art und Anzahl der Berufungen,
die alljaehrlich den Exekutivausschuessen oder den Leitern von
Gewerkschaftsorganisationen zugehen, kann mit aller Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass diese Gerichte ordentlich und gerecht
verwaltet werden. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass die Gewerkschaftsmitglieder so ausgiebig von diesem Berufungsverfahren Gebrauch
machen wuerden, wenn sie glaubten, dass ein solcher Schritt vergeblich
waere. Professor Clyde Summers fand "218 Urteile, in die 86 verschiedene Gewerkschaften verwickelt waren.... in den gedruckten
Gerichtsunterlagen." Die amerikanische Musikergewerkschaft bearbeitete
im Jahre 1949 allein 1688 Faelle, das sind etwa achtmal soviel wie
die in den gesamten Gerichtsakten aufgefuehrten. Fuer eine allamerikanische Gewerkschaft ist es nichts Ungewoehnliches, im Jahr 100 Berufungen zu bearbeiten; der Durchschnitt liegt jedoch fuer gewoehnlich
hoeher. In jedem Jahr gehen oft mehrere Tausend Berufungen von Gewerkschaftsmitgliedern ein, die disziplinarische Fragen betreffen;
noch haeufiger beziehen sie sich jedoch auf wichtige Rechte der Mitmitglieder und der Ortsgewerkschaften. Die Mitglieder leiten zuweilen Streitigkeiten an die ordentlichen Gerichtshoefe weiter, der
Autor hat jedoch den Eindruck, dass die Gerichte in einigen Faellen

- 6-

�da9 Problem, dem sich die Gewerkschaft gegenuebersieht, nicht voll
zu schaetzen wissen.
Die gewerkschaftlichen Satzungen enthalten eine ganze Reihe unzulaessiger Handlungen, die durch Zurechtweisung, Geldstrafe, Suspendierung oder Ausschluss oder irgendeine kombinierte Form dieser
Disziplinarmassnahmen geahndet werden. Den Mitgliedern ist unter
anderem verboten, sich an einer Reihe von Aktionen zu beteiligen.
In manchen Faellen ist das widrige Verhalten ueberhaupt nicht extra
aufgefuehrt; es ist Mitgliedern beispielsweise nicht erlaubt, an
Aktionen teilzunehmen, die sich gegen die Interessen der Gewerkschaft
und ihrer Mitglieder richten. Andere Verbote, die sich haeufig in
gewerkschaftlichen Satzungen finden, erstrecken sich auft die Unterhaltung mit Aussenstehenden ueber geschaeftliche Angelegenheiten
der Gewerkschaft, Bestimmungen und Gesetze der Gewerkschaft oder
ihrer Unterabteilungen; die Nichtbefolgung der Weisungen von Funktionaeren; die Verleumdung eines Funktionaers oder eines Mitglieds;
die Verteilung gedruckten Materials unter die Mitglieder ohne Zustimmung der Gewerkschaftsfunktionaere; die Teilnahme an nichtgewerkschaftlichen Versammlungen, auf denen gewerkschaftliche Angelegenheiten eroertert werden, sowie die Begehung einer unehrenhaften Handlung, die der Gewerkschaftsbewegung oder der Gewerkschaft abtraeglich
ist.
Es waere jedoch eine Misäinterpretierung der ueblichen Handhabung
dieser Angelegenheiten seitens der Gewerkschaften, wenn man annehmen
wollte, dass die vorgebrachten Anklagen allgemeiner'Art seien.
Die Beschuldigung, die Gewerkschaft in schlechten Ruf gebracht zu
haben, ist beispielsweise recht allgemein gehalten. Solche Anschuldigungen sind jedoch gewoehnlich von einer Darlegung begleitet, in
der der spezielle Fall, in dem das Ansehen der Gewerkschaft geschaedigt wurde, genauestens geschildert wird. Die Mitglieder werden also
im allgemeinen nicht auf Grund vager Anschuldigungen zur Rechenschaft
gezogen, sondern auf Grund bestimmter Handlungen, die sie begangen
haben. Dies geht aus den Gerichtsakten und aus der Unterhaltung mit
zahlreichen leitenden Gewerkschaftsfunktionaeren hervor. Bestimmte
Verstoesse, die normalerweise zu der Arbeit und den Aufgaben der
jeweiligen Gewerkschaft gehoeren, werden ebenfalls aufgefuehrt.
Die "National Maritime Union" (amerikanische Seeleutegewerkschaft)
fuehrt beispielsweise bestimmte Verstoesse und die entsprechenden
Strafmassnahmen auf.
•
Anklagen und Prozesse auf lokaler Ebene sind nur die Anfangsmassnahmen
des Gf-richtssystems der amerikanischen Gewerkschaften, das dazu bestimmt
ist, die Rechte der einzelnen Mitglieder zu wahren. Die Mitglieder koennen
sich fuer gewoehnlich ohne weiteres an mehrere Gerichte wenden, die letzte
Instanz endet bei dem Gewerkschaftskongress oder einer Mitgliederabstimmung, wenn dies zu einer endgueltigen Urteilsfällung notwendig ist. Professor Taft aeusserte sich wie folgt ueber die Berufungen und die Schlussfolgerungen, die er aus den Faellen, die er pruefte, zog.
Die Berufungen umfassen, wie ich bereits ausfuehrlich berichtete,
die verschiedenartigsten Punkte. In groben Zuegen koennte man sie,
ihrer Ursache nach, einmal nach dem Verhaeltnis von Mitglied oder
Funktionaer 1) zu seiner Gewerkschaft und
2) zu seiner Taetigkeit
unterscheiden. Berufungen in der zweiten Kategorie koennen disziplinarische Bestrafung nach sich ziehen, und zwar fuer 1. Verletzung
der Arbeitsbestimmungen, 2. Weigerung, den Weisungen des gewerkschaftlichen Vertrauensmannes oder des geschaeftsfuehrenden Gewerkschafters Folge zu leisten bzw. Verstoss gegen die Mitgliedsbestimmungen. Andererseits richten sich Berufungen in dieser Kategorie
unter Umstaenden gegen das Versagen oder die Weigerung der oertlichen

- 7-

�J
Gewerkschaftafunktionaere oder der Gewerkschaft selbst, die Rechte
der Berufung einlegenden Person zu schuetzen. Dieser mag man unter
Umstaenden den rueckstaendigen Lohn nicht gezahlt haben, oder verweigerte ihr Senioritaet, Wiedereinsetzung, eine Vorzugsachicht
oder sonstige Arbeitsrechte. Die Weigerung der oertlichen Gewerkschaf tafunktionaere, die Angelegenheit zu regeln, sei es, weil sich
hinsichtlich der Interpretierung einer Vereinbarung oder eines
Rechts Widersprueche ergeben, koennen zu einer Berufung fuehren,
die tatsaechlich die Forderung eines Mitglieds an die allamerikanische Gewerkschaft darstellt, die Ortsgewerkschaft zur Durchfuehrung
bestimmter Gesetze zu ermaechtigen.
Die Faelle, die im Zusammenhang mit den Staatsbuergerrechten stehen,
sind verhaeltnismaessig selten, obgleich die allamerikanischen Gewerkschaften sich in die Angelegenheiten einer Ortsgewerkschaft
einschalten koennen, wenn die letztere durch Parteigaengertum zerrissen ist und hierdurch ihre Organisations- oder Tarifverhandlungstaetigkeit in Mitleidenschaft gezogen wurde. Auf dem weiten Gebiet
"Staatsbuergerrechte" kann Berufung eingelegt werden beit
1. Durchfuehrung von Wahlen,
2. Verhaltensweise auf Versammlungen,
3. der Abhaltung von Reden verschiedenster Art, 4- Klagen gegen
das willkuerliche Verhalten von oertlichen Gewerkschaf tsfunlctionaeren, 5« Parteilichen Spaltungen innerhalb der Gewerkschaft und
6. Zugehoerigkeit zur kommunistischen Partei oder einer ihrer Organisationen. Viele Gewerkschaften dulden keine Kommunisten in ihren
Reihen. Kommunisten sind im allgemeinen ziemlich aktive Mitglieder
und wenn ihre Parteizugehoerigkeit erkannt worden ist, so werden
sie aus der Gewerkschaft ausgeschlossen. Diese Regelung besteht in
vielen, wenn auch nicht in allen Gewerkschaften.
Hinsichtlich des bei den Berufungen zu bearbeitenden Materials
koennen verschiedene Schlussfolgerungen gezogen werden. Die erste
besteht darin, dass disziplinarische Massnahmen im allgemeinen
bei Zuwiderhandlung gegen gewerkschaftliche Bestimmungen getroffen
werden, und weniger bei solchen Paellen, wie der freien Rede oder
der Veroeffentlichung nicht genehmigten Materials. Puer Aussenstehende ist es schwierig, die Berechtigung dieser Strafmassnahmen zu
ermessen, aus den Informationen geht jedoch hervor, dass sie selten
3treng oder zu Unrecht erfolgen.
Die Berufungsfaelle enthuellen ebenfalls die Unterschiede, die zwischen den einzelnen Ortsgewerkschaften bestehen; ausserdem wird
offenbar, dass die Opposition sich nicht"nur haeufig Gehoer verschaffen kann, sondern daaa aie auch davon Gebrauch macht. Die Tatsache, dass haeufig der Wahlausgang oder das Verhalten und die Entscheidungen eines Punktionaers oder einer Ortsgewerkachaft angezweifelt werden, sind Zeichen dafuer, dass die Gewerkschaften es
nicht nur billigen, dass Meinungsverschiedenheiten bestehen und
ihnen offen Ausdruck verliehen wird, sondern dass auch Mitglieder,
wenn sie von diesen ihren Rechten Gebrauch machen, uneingeachraenkten Schutz geniessen.
Zuerst wird ein Beklagter von seinen Kollegen, die mit ihm zusammenarbeiten, verurteilt; sie zoegern haeufig, ihn mit einer Geldstrafe
zu belegen oder ihn gar aus der Gewerkschaft auszuschliesaen. Falls
ein Mitglied zu einer Geldstrafe verurteilt oder aus der Gewerkschaft
ausgeschlossen wurde, steht es ihm frei, mehrfach Berufung einzulegen; diejenigen, die seinen Fall erneut bearbeiten, haben fuer
gewoehnlich nicht nur ein Interesse daran, dass ein ordnungsgemaesses
Untersuchungsverfahren eingeleitet wird, sondern auch, dass der
Beklagte eine angemessene Strafe erhaelt. Die Gewerkschaften haben
verschiedentlich festgestellt, dass die Tendenz besteht, Mitglieder
- 8 -

�I
einer Ortsgewerkschaft eher mit einer zu milden als einer zu harten
Strafe zu belegen, obgleich letzteres ebenfalls nicht ausgeschlossen
ist.
Professor Taft weist den Vorschlag zurueck, dass die Regierung die Durohfuehrung gewerkschaftlicher Disziplinarmassnahmen ueberwachen sollte.
Im grossen und ganzen bestehen keine Anzeichen dafuer, dass die
Berufungsmaschinerie nicht wirksam arbeitet, oder dass sie nutzlos ist
oder durch Regierungsmassnahmen verbessert werden muesste. In Anbetracht
der speziellen und haeufig sehr komplizierten Probleme, die die Gewerkschaften zu behandeln haben, kann man auf Grund der vorhandenen Informationen sagen, dass ihre disziplinarischen Verfahren im allgemeinen gerecht und wirksam zur Durchfuehrung gelangen.
Quellet "Free Men at Work", No. 35

Neue Grenzen der menschlichen Beziehungen
In den Vereinigten Staaten und wahrscheinlich auch in anderen industrialisierten Laendern richtet sich die Aufmerksamkeit in steigendem
Masse auf den Arbeiter, und zwar nicht - wie so oft - als "Produktionseinheit" oder als "Raedchen einer riesigen Industriemaschinerie", sondern
als einem Einzelwesen, das mit persoenlichen Problemen belastet zur Arbeitsstelle geht und das auf die Vorgaenge im Betrieb oder in der Umgebung seines Arbeitsplatzes eine psychologische Reaktion zeigt. Der
groesste Teil der Arbeit auf diesem Gebiet, zumindest in den Vereinigten
Staaten, wurde vom Management unternommen bzw. gefoerdert, und zwar im
Rahmen eines allgemeineren Versuchs, die Beziehungen zwischen Arbeitern
und Vorgesetzten und unter den Arbeitern selbst zu verbessern (fuer
gewoehnlich als "human relations" bezeichnet).
Das Interesse am Arbeiter als Persoenlichkeit lenkt natuerlich auch
die Aufmerksamkeit des Psychologen auf ihn; infolgedessen hat sich in
juengster Zeit ein Spezialberuf,der "Industrie"-Psychologe herausgebildet. Obgleich sich im allgemeinen nur ein Grossunternehmen die Dienste
solcher hervorragend geschulten Kraefte leisten kann, und sei es auch nur
auf beratender Basis, so ist es doch bemerkenswert, dass in den letzten
Jahren ueber 100 Mitglieder der "American Psychiatric Association" berufliche Erfahrungen in der Industrie sammeln konnten. Die Aufgabe des Psychologen in der Industrie ist, mit einer grossen Ausnahme, der in der Privatpraxis sehr aehnlichi anstatt sich nur mit Einzelpersonen zu befassen,
die seine Hilfe in Anspruch nehmen, versucht er, die "menschliche Atmosphawre" eines ganzen Betriebes zu verbessern. Genau wie der Sicherheitsingenieur arbeitet der Psychologe im Werk, um Gefahrenpunkte zu ermitteln
und auszuschalten - nur mit dem Unterschied, daas seine Bemuehungen auf
das seelische Wohl ausgerichtet sind.
Nach Meinung des Psychologen ist das Versagen des Arbeiters am
Arbeitsplatz eher auf einen Mangel an richtiger persoenlicher Einstellung
als auf irgendeine andere Ursache zurueckzufuehren. Natuerlich liegt ••
im Interesse der Betriebsfuehrung, hier Abhilfe zu schaffen. Dies kann
auf folgende Weise geschehen: erstens durch die verschiedenartigsten
Auswahl- und Eignungstests, um die Intelligenz, die Handfertigkeiten und
die Interessen des Arbeiters festzustellen; zweitens durch die Anpassung
der Maschinen und der Umgebung des Arbeitsplatzes an die physischen
Leistungsgrenzen des Arbeiters bzw. die Gewaehrung der groesstmoeglichen
*/ "Industrial psychiatrist" entspricht unserem "Betriebspsychologen",
setzt in den USA aber ein vollkommenes medizinisches Studium voraus.

- 9-

�[

Erleichterungen und drittens, durch Eingehen auf die persoenlichen
Probleme des Arbeiters.
Die richtige Auswahl und der richtige Einsatz der Arbeiter bedeutet
einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Erreichung guter innerbetrieblicher Beziehungen; auf diesem Gebiet kann der Psychologe jedoch
nur eine relativ geringe Unterstuetzung gewaehren. Sie ueblichen Stellenbewerbungs- oder Eignungsinterviews lassen kaum Rueckschluesse auf die
Intelligenz des Bewerbers zu und ein kompliziertes Pruefungsverfahren
wuerde -zudem seinen eigentlichen Zweck verfehlen. Die beste Hilfe, die
der Psychologe geben kann, besteht darin, die Interviewer auszubilden
und ihnen geeignetes Material fuer die erfolgreiche Durchfuehrung der
Interviews an die Hand zu geben.
Ausser den emotionellen Problemen, die den Arbeiter schon bei Arbeitsantritt bewegen und die ihn auch am Arbeitsplatz nicht loslassen,
gibt es noch andere Probleme, die sich aus der Taetigkeit selbst ergeben.
Ein grosser Teil der Arbeitsvorgaenge in der modernen Industrie wiederholt
sich staendig und erfordert haeufig weniger Geschicklichkeit als der
Arbeiter imstande ist auszuueben; oftmals ist das Produkt noch zu weit
von seiner endgueltigen Form entfernt, als dass der Arbeiter sich mit
seiner Leistung identifizieren koennte. Hierdurch, so sieht es der Psychologe, wird der Stolz auf sein handwerkliches Koennen geschmaelert und es
entsteht ein Gefuehl der Enttaeuschung. In vielen Faellen hat der Arbeiter das Gefuehl, dass er nur solange geduldet wird, bis eine neue Haschine erfunden ist, um ihn zu ersetzen. Ausserdem ist die Betriebsfuehrung fuer ihn einfach nur "sie"; zu gross, zu beschaeftigt und zu weit
entfernt, um sich um den einzelnen Arbeiter zu kuemmern.
Diese im Betrieb entstehenden psychologischen Probleme sind vielfach
in Kreisen des Management etwas spaet erkannt worden. Aber heute werden
immer mehr Werkmeister und leitende Angestellte in "human relations"
geschult. Die Probleme der Arbeitsmoral und der psychologischen Motivierung nehmen ihren Platz jetzt neben denen der Produktion und der Betriebsfuehrung ein. Man erkennt heute ebenfalls, dass ein gesundes Betriebsklima von dem Verstaendnis und der Puehrung der obersten Betriebsleitung abhaengig ist.
Die Bedingungen zur Schaffung eines gesunden Betriebsklimas erfordern, dass der Arbeiter in seiner Arbeit folgender Sinn findet:
1.

Sein eigenes Leben fuehren zu koennen.

2.

Mit Wuerde an der Aufgabe und den Entscheidungen teilzuhaben,
die seine Arbeit betreffen.

3&gt;

Das Bewusstsein, etwas zu sein, fuer etwas zu arbeiten, das
sich lohnt und Anerkennung zu finden.

4&gt;

Ein Gefuehl des schoepferischen Beitrags - selbst etwas zu
geben fuer das Wohlergehen seiner Mitmenschen.

Der Vorarbeiter oder der Werkmeister muss ausserdem noch das Gefuehl
haben, dass seine Stellung als Vorgesetzter anerkannt und gefoerdert
wird, er ueber die entsprechende Autoritaet und den Respekt verfuegt
sowie ein Teil der Betriebsfuehrung ist. Ausser den Bemuehungen, innerhalb
ihres Organisationsbereichs ein gesundes Betriebsklima zu schaffen,
muessen die leitenden Angestellten sehr darauf bedacht sein, dass ihre
persoenlichen Differenzen auf ein Mindestmass beschraenkt bleiben.
Die hervorstechendsten Probleme, die der gesunden Betriebsatmosphaere
entgegenstehen, haben ihre Ursache haeufig ausserhalb des Werkes und
- 10 -

�druecken sich in Fernbleiben von der Arbeit, Dnfaellen und Alkoholismus
'aus. Dies sind Probleme, die sich zumeist ohne weiteres erkennen lassen
und deren Kosten messbar sind. Dr. Nelson Plummer von der "New York
Telephone Co." berichtete beispielsweise kuerzlich, dass das durch
Krankheit bedingte Fernbleiben vom Dienst die Firma jaehrlich 10 Millionen Dollar kostet. Drei Viertel der Abwesenheitszeit entfallen dabei
auf ein Drittel der Arbeitnehmerschaft. Ein Vergleich der Beschaeftigten
mit einer niedrigen und einer hohen Abwesenheitsrate ergab nur geringe
Unterschiede hinsichtlich der Anfaelligkeit fuer organische Krankheiten,
jedoch erhebliche Unterschiede in bezug auf die Anfaelligkeit fuer
funktionelle Leiden oder Stoerungen des Gefuehlssinns, des Denkvermoegenj und des Verhaltens. Etwa 80 bis 90$ der Unfaelle sind menschlichem
Versagen bzw. psychologischen Gruenden zuzuschreiben. Menschen, die
durch grosse Sorgen dem Alkohol verfallen sind, stellen ein eigenes
Problem dar. Alkoholismus schafft ausser einem messbaren Ausfall an
Dienstleistungen statistisch nicht zu erfassende Fehlentscheidungen, verminderte Leistungsfaehigkeit und verursacht Schwierigkeiten mit den Mitarbeitern.
Die Arbeit des Psychologen kann sich bei der Behandlung von mit
Problemen behafteten Menschen oftmals sehr nuetzlich erweisen. Da dies
das eigentliche Betaetigungsfeld des Psychologen darstellt, koennte er
allerdings in den Fehler verfallen, bei der Behandlung einen Uebereifer zu entwickeln oder die falschen Leute zu behandeln.
Wenn der Betriebsleiter den Psychologen beauftragt, seine Beschaeftigten zu kurieren, so kann das bedeuten, dass er von ihm verlangt, sie
von ihren menschlichen Eigenheiten zu befreien. So mancher Betriebsfuehrer hat allerdings eine etwas merkwuerdige Vorstellung von der menschlichen Natur. Bei der Materialbearbeitung richtet sich der Entwurfsspezialist ganz nach der Beschaffenheit des jeweiligen Materials und regt
sich nicht auf, wenn Holz nicht feuerbestaendig ist oder Stahl nicht mit
Zimmermannswerkzeugen bearbeitet werden kann. Ein Betriebsleiter stellt
jedoch Organisationsplaene auf und entwickelt Personalpraktiken, die sich
lediglich bei Wesen seiner eigenen Vorstellungswelt bewaehren wuerden.
Ein Betriebsleiter sagte einmal zu mir» "Wenn wir doch nur Leute finden
koennten, denen Geld sehr viel bedeutet; wir koennten dann einen Anreizplan einfuehren, der sich wirklich lohnen wuerde." Er kam nicht auf die
Idee, die Wirksamkeit des Anreizplanes in Zweifel zu ziehen, sondern er
aergerte sich lediglich darueber, dass die Leute, seiner Meinung nach,
nicht richtig beschaffen sind. Im allgemeinen haben die Menschen eine
bestimmte Vorstellung davon wie andere sein sollten, und wenn die Plaene,
die sie auf diesen Ideen aufgebaut haben, fehlschlagen, so waeren sie nur
zu gluecklich, wenn ein Psychologe daherkaeme und die Leute entsprechend
"umformen"wuerde.
Schliesslich kann sich der in der Industrie taetige Psychologe durch
die "Gruppentherapie" als sehr nuetzlich erweisen, d.h. dadurch, dass
er Arbeitsgruppen zur Diskussion gemeinsamer oder innerhalb der Gruppe
bestehender Probleme oder Konflikte zusammenbringt und sie so einander
naeherbringt. Als Aussenstehender der Gruppe kann der Psychologe besonders dann, wenn er in der Lage ist, die richtigen Fragen zu stellen, Licht
in die bestehenden Spannungen bringen und eine Art der freien Diskussion
in die Wege leiten, die zu einem besseren Verstaendnis und besserer Zusammenarbeit beitraegt. Diese Form der Gruppentherapie hat sich bei vielen
Gruppen leitender Angestellter als besonders wertvoll erwiesen.
Obgleich in den Gewerkschaftspublikationen verhaeltnismaessig wenig
Kommentare ueber diese Entwicklung erschienen sind, hat ein auf dem Gebiet der Betriebsfuehrungspraktiken versierter Gewerkschaftssprecher die
Ziele und die Richtung dieser psychologischen Methoden sehr kritisch beurteilt. Sein Haupteinwand besteht offenbar darin, dass solche Methoden
zu eng auf die Beduerfnisse und Probleme, die von der Betriebsfuehrung
- 11 -

�definiert werden, bezogen sind und, soweit dies den einzelnen Arbeiter
betrifft, dasa sie der Rolle der Gewerkschaften und den Kollektivverhandlungen zu wenig Gewicht beimessen. In einem vor kurzem erschienenen
Artikel hat er die Psychologen und sonstige Personen, die sich mit dem
Studium der menschlichen Beziehungen befassen, dazu aufgefordert, solche
Studien 1. unbeeinflusst von den Problemen und der Logik des Management
durchzufahren} 2. die Rolle aller Institutionen, einschliesslich der
Gewerkschaften, zu studieren und
3« die Interessen des einzelnen und
der Gemeinschaft ohne Berücksichtigung der Erfordernisse bestimmter
Institutionen in Betracht zu ziehen.
Quellei

"Free Men at Work", No. 35

Erhoehung der Mindestlohngrenze beruehrt zwei Millionen Arbeitnehmer
Auf Grund des neuen Mindestlohngesetzea wurden am 1. Maerz 1956
die Stundenloehne von rund 2 Millionen Arbeitnehmern in den Vereinigten
Staaten automatisch auf 1 Dollar erhoeht. Die bisherige Mindestlohngrenze betrug 75 Cent.
In einer Stellungnahme zur jetzt vorgenommenen Erhoehung der Mindestlohngrenze erklaerte der Praesident der neuen "AFL-CI0"-Gewerk3chaft,
George Meany, unter anderem! "Natuerlich sind wir mit dieser Erhoehung
zufrieden, obgleich wir der Ansicht sind, dass die Mindesthoehe fuer
Stundenloehne 1,25 Dollar betragen sollte."

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann u n e i n geschränkt Gebrauch gemacht werejen.
Herausgeber:
A m t für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 7

Mehlem, den 30. Maerz 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H H I S

Wer a r b e i t e t heute i n den USA

Seite

1

2 1/2 Milli onen Amerikaner erhielten eine Lohnerhoehung

Seite

5

Wohin steuert die grosse neue US-Gewerkschaftsorganisation ...

Seite

6

Wer arbeitet heute in den USA
Die von einem fast ununterbrochenen Wirtschaftsboom gekennzeichneten
vergangenen 15 Jahre haben grosse und in verschiedener Hinsicht ueberraschende Veraenderungen in der Berufsstruktur der USA und den Arbeitsgewohnheiten von Millionen Amerikanern im Gefolge gehabt. Die wichtigste
ist zweifellos in der Tatsache zu sehen, dass das Wirtschaftsleben nicht
mehr in dem Masse wie frueher eine Domaene der Maenner ist. (Siehe auch
nachfolgende Uebersicht.) Waehrend naemlich 1940 das Verhaeltnis zwischen
maennlichen und weiblichen Arbeitskraeften etwa J«1 ausmachte, betraegt es
heute nur noch 2*1. Der Anteil der maennlichen Arbeitnehmer wird im Laufe
der Jahre noch weiter zurueckgehen, wenn die weiblichen Arbeitskraefte
weiterhin in dem Umfang in die Wirtschaft und Industrie stroemen wie bisher. Obwohl dieser Trend natuerlich schon seit Jahren offenkundig ist, so
hat sich doch in juengster Zeit die Zahl neuer Arbeitsplaetze fuer weibliche Arbeitnehmer bemerkenswert schnell erhoeht und zum anderen scheinen
die Frauen auch mehr an einem Arbeitsplatz in der Wirtschaft als an ihrer
Taetigkeit als Hausfrau interessiert zu sein.

- 1

�Veraenderungen in der Arbeitsplatzstruktur
Anzahl der Beschäftigtent

1940 - 47 520 000 heute = 64 165 000 Veränderung 1
+ 55 %

Art der Beschäftigten 1
Frauen
11
Männer
35
14-19jährige
3
alte Leute (über 65 Jahre) 2
andere (19-65 Jahre)
41

1940
970 000
550 000
545 000
090 000
885 000

20
43
4
3
56

Heute
728 000
437 000
468 000
221 000
476 000

Veränderung
+ 73 #
+ 22 %
+ 26 %
+ 54 #
+ 55 #

Art der Tätigkeit»
Fabriken
Bauwirtschaft
Transport, öffentl.
Versorgungseinrichtungen
Groß- U.Einzelhandel
Finanzinstitute
persönl.Dienstleistungen
Regierung (Bund, Einzelstaaten, Gemeinden)
Landwirtschaft
Bergbau
Selbständige, andere

10 780 000
1 294 000

16 984 000

+ 58 £

2 596 000

+ 85 i.

3 013 000
6 940 000

4 141 000
11 674 000
2 225 000
5 653 000

1 436 000

3 477 000
4 202 000
9 540 000
5

916 000
922 000

7 545 000
5 884 000
755 000
7 112 000

+
+
+
+

57 /»
6a io
55 %
63 58

+ 7 5 &lt;f&gt;

- 58 $
- 18 +

+ 20 #

In einer im Jahre 1947 von der US-Regierung durchgeführten Untersuchung wurde die Zunahme der Zahl der weiblichen Arbeitskräfte zwischen
1940 und 1950 auf rund 2,5 Millionen veranschlagt. Tatsächlich betrug
die Zunahme aber 5,6 Millionen. Seit 1950 hat sich die Zahl der weiblichen Beschäftigten aber noch um weitere 5&gt;1 Millionen erhöht.
Offensichtlich ist also "Nieten-Rosie", wie es viele Unternehmer und
Wirtschaftler erwarteten, bei der ersten zarten Brise der Nachkriegsrezession nicht an ihren eigenen Herd zurückgekehrt und ebenso könnten
sich wohl viele Familien, die während der Kriegsjahre sich daran gewöhnt hatten, m'it zwei Einkommen zu leben, nicht damit abfinden, künftig
nur noch mit dem Gehalt des Mannes auszukommen. Zum anderen aber hatten
die Unternehmer die Erfahrung während des Krieges gemacht, daß Frauen
durchaus in der Lage waren, auch viele solche Arbeitsplätze auszufüllen,
die sonst nur von Männern besetzt wurden.
Arbeitsplätze für Ältere
Was die Experten ebenfalls verwunderte, war die Arbeitswilligkeit
und -fähigkeit der älteren Leute. Wie aus der Übersicht hervorgeht, hat die
Zahl der Arbeitnehmer über 65 Jahren in den vergangenen 15 Jahren um 54$
zugenommen. Diese Zunahme vollzog sich dabei entgegen der allgemeinen
Annahme, daß auf Grund der verbesserten staatlichen Pensionsleistungen
und der bekannten Abneigung der Unternehmer, ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen, die Zahl der älteren Arbeitskräfte zurückgehen würde. In
einer bekannten, im Jahre 1945 durchgeführten Analyse wurde eine allgemeine Abnahme der Zahl der älteren und jüngeren Arbeitskräfte vorausgesagt. Dieser Voraussage lag die Annahme zugrunde, daß "im Zuge des allgemeinen Trends nach einem früheren Ruhestand und einer längeren Schulausbildung, der Anteil dieser Altersgruppen an der Gesamtbeschäftigtenzahl bfs 1950 stark zurückgehen wird".
Demgegenüber trat aber eine erhebliche anteilmäßige und ziffernmäßige Erhöhung sowohl der ganz jungen als auch der älteren Arbeitnehmer ein.
Wodurch wurden nun diese Voraussagen über den Haufen geworfen?
Der bedeutendste Faktor ist zweifellos der bis dahin noch nicht gekannte
- 2 -

�(
Umfang dea Y/irtschaftsbooms. Die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze war
in den Nachkriegsjahren weitaus größer, als man während des zweiten Weltkrieges noch geneigt war vorauszusagen, zumal seinerzeit noch erhebliche
Zweifel an der Verwirklichung des von Roosevelt angestrebten Zieles, der
Schaffung von 60 Millionen Arbeitsplätzen, bestanden. Dieses Ziel wurde
aber schon 1950 erreicht.
Obgleich in jüngster Zeit verschiedene Entlassungen in der Automobilindustrie und in der Bauwirtschaft vorgenommen wurden, haben viele
unternehmen immer noch erhebliche Schwierigkeiten, all die Arbeiter zu
bekommen, die sie benötigen.
Zu diesem Problem bemerkte ein bekannter Industrieller, der Aufsichtsratsvorsitzende der "United Steel Corporation", Roger M. Blough,
folgendesi "Es wird von Tag zu Tag schwieriger, aufzuzeigen, in welchem
Industriezweig oder Tätigkeitsfeld der Mangel an Arbeitskräften am größten
ist. Vorausblickend betrachtet, sagen wir für die nächsten 25 Jahre,
erscheint die Bereitstellung von geschulten Arbeitskräften immer schwieriger zu werden."
Mit anderen Worten, es ist für Arbeitsuchende, besonders aber für
solche mit Spezialkenntnissen und Erfahrungen, immer leichter geworden,
einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn sie erst einmal eingestellt sind,
brauchen sie keine Furcht mehr vor Entlassung aus Altersgründen zu
haben. Viele Unternehmen ermutigen sogar ihre Arbeiter und Angestellten, auch über ihr Pensionsalter hinaus im Betrieb zu bleiben.
Der Mangel an ausgebildeten Technikern hat bei vielen Firmen schon
dazu geführt, Frauen für Ingenieurarbeiten und andere technische Arbeitsplätze einzustellen.
Mehr Geld und weniger Schweiß
In jüngster Zeit sind die Arbeitsplätze immer attraktiver geworden, so
daß viele, die sonst nicht gearbeitet hätten, ohne Zögern zugreifen.
Die "Knochenarbeit" ist heute selbst in den Schwerindustrien weitgehend
durch die Einführung von automatischen Maschinen auf ein Minimum reduziert
worden. Zum anderen ist die Bezahlung besser denn je, und durch die sogenannten "Lohnfransen", die heute in imner mehr Wirtschaftszweigen eine
Rolle spielen, erhalten die Arbeiter überdies längeren Urlaub, freie Kranken- und Lebensversicherung, sowie in einer ständig steigenden Zahl von
Betrieben eine Beteiligung am Gewinn.
Dieses sind einige der Versuchungen, denen sich die Frauen gegenübersehen, wenn sie erwägen, einen Arbeitsplatz anzunehmen. Zum anderen aber
ist ihr moderner Haushalt mit vielen arbeitsparenden Geräten ausgerüstet,
die es ihnen stärker als in der Vergangenheit ermöglichen, zur Arbeit zu
gehen, besonders natürlich dann, wenn sie keine Kinder haben.
Die Aufwaschmaschine säubert das Frühstücksgeschirr, wenn Mann und
Frau des Morgens auf dem Wege zur Arbeit sind; der kombinierte WaschTrockenautomat reinigt die schmutzige Wäschej die Klimaanlage hält den
Staub aus der Wohnung und damit die Räume sauber und die Einsteilvorrichtung am Elektroherd kann so eingestellt werden, daß der Braten gar ist,
wenn das Ehepaar abends nach Hause kommt. Die vielen Haushaltsgeräte tragen
ebenso dazu bei, daß die restlichen Verrichtungen im Haushalt beschleunigt
erledigt werden können.
Dieses ist der Rahmen, in dem die Prosperität dazu beiträgt, nicht
nur neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern sie auch attraktiv zu gestalten.
Die neuen Arbeitsplätze
Zu denjenigen Arbeitsplatzen, deren Zahl sich am stärksten vermehrte,

- 3-

�gehoeren die sogenannten "leichten" Berufe, die am besten durch das "schwache Geschlecht" oder solche Personen ausgefuellt werden koennen, die den
Zenit ihrer Leistungsfaehigkeit bereits ueberschritten haben.
Seit 1940 wurden mehr als 5 Millionen neue Arbeitsplaetze bei den Behoerden des Bundes, der Einzelstaaten und der Gemeinden geschaffen, in erster
Linie solche, die reine Bueroarbeit umfassen und insbesondere Stenographen,
Schreibkraefte, Lehrer, Wirtschaftler, Rechtsanwaelte und Verwaltungsfachleute umfassen. Auf 4,7 Millionen belaeuft sich die entsprechende Zahl neugeschaffener Arbeitsplaetze in Handelsbetrieben. Die Nachfrage nach Verkauf spersonal fuer den Einzelhandel ist stark angewachsen und ein ernstes
Problem dieses Unternehmerzweiges.
Eine sehnlich starke Zunahme verzeichnen auch die Banken, Spar- und
Versicherungsgesellschaften und andere unternehmen auf dem Finanzsektor,
die seit 1940 insgesamt eine Zunahme der Zahl ihrer Angestellten um 'yOfo
verzeichnen. Das bedeutet wiederum einen groesseren Bedarf an Stenotypistinnen, Buchhaltern und anderen Buerokraeften.
Rund 2,2 Millionen neue Arbeitsplaetze sind ferner seit 1940 in
Waeschereien, Schoenheits- und Friseursalons und anderen Dienstleistungsunternehmen hinzugekommen. Daher sind viele Arbeitsplaetze, die aus der
Prosperitaet heraus geboren wurden, besonders fuer Frauen und junge Maedchen geeignet.
Unerwartete Veraenderungen
Ein Teil dieser Entwicklungen ist von den Experten vor einigen Jahren
noch nicht erkannt worden. In einigen Industriezweigen blieb naemlich
d:.e Zahl neuer Arbeitsplaetze hinter den Erwartungen zurueck, die seinerzeit, bei der Festlegung des Roosevelt-Planes zur Schaffung von 60 Millionen Nachkriegsarbeitsplaetzen gehegt wurden, in anderen Industrien dagegen
liegt die Zahl neuer Arbeitsplaetze weit ueber den damaligen Schaetzungen.
Die Zahl der in den Fabriken beschaeftigten Arbeitnehme.' stimmt in
etwa mit den vor einigen Jahren getroffenen Voraussagen ueberein. Dagegen
ist die Entwicklung im Baugewerbe, in der Landwirtschaft sowie im Bergbau hinter den Erwartungen zurueckgeblieben. Der damalige US-Handelsminister, Henry A. Wallace, glaubte 1945 voraussagen zu koennen, dass bis
1950 immer noch rund 80 Millionen Farmer und Landarbeiter sowie rund 5,5
Millionen Bauarbeiter benoetigt wuerden.
Die Zahl der in der Landwirtschaft Taetigen blieb 1950 zwar nur um
rund eine halbe Million hinter der Voraussage zurueck, aber 1955 wuerden
im Durchschnitt weniger als 7 Millionen in der Landwirtschaft beschaeftigt.
Dem juengsten Bericht zufolge ist aber diese Beschaeftigtenziffer inzwischen
auf weniger als 6 Millionen zurueckgegangen.
Die Bauwirtschaft erzielte zwar neue Rekorde, aber diese wurden mit
weitaus weniger Arbeitskraeften erreicht. Die Zahl der Arbeitsplaetze in
der Bauwirtschaft betrug 1950 - also zu einem Zeitpunkt, in dem mehr
Baubeginne zu verzeichnen waren als in irgendeiner Periode zuvor und
danach - nur 2,3 Millionen, das sind 1,2 Millionen weniger als Wallace
seinerzeit schaetzte. Selbst heute ist die Zahl der Bauarbeiter, trotz
der gewaltigen Zunahme solcher Bauvorhaben wie Strassen-, Schulen-, Geschaefts-, Fabrik- und andere Neubauten, nicht groesser als 2,4 Millionen.
Viele neue Maschinen haben die Arbeit der Heere der ungelernten Arbeiter
uebernommen. Durch die Verwendung von Metallplatten zum Beispiel anstelle
der traditionellen Ziegel- oder Holzverschalungen koennen heute grosse Gebaeude schneller und mit weniger Arbeitskraeften errichtet werden.
Eine Untersuchung der amerikanischen Regierung ueber die Moeglichkeiten
zur Beschaeftigung von 60 Millionen Menschen bezifferte seinerzeit die
Zahl der Arbeitskraefte fuer den Bergbau, die Steinbrueche und Oelfelder

- 4-

�I
auf rund eine Hillion. Demgegenueber zaehlen diese Industriezweige beute
nur noch 750 000 Arbeitsplaetze.
Aus diesem Grunde wuerde die heutige Beschaeftigungsstruktur einige
Bestuerzung hervorrufen, wenn nicht unerwartet neue Arbeitsplaetze auf
anderen Sektoren geschaffen worden waeren. Die Fachleute unterschaetzten
auch damals die Zahl der in Kraftwerken, im Fernsprechwesen und anderen
oeffentlichen Versorgungsunternehmen Beschaeftigten sowie in Laeden, Banken und persoenlichen Diensten Taetigen.
Die Menschen finden heute deshalb Arbeitsplaetze in einer so grossen
Auswahl, weil die Verbraucher mehr Geld fuer Luxusgueter und besondere
Dienstleistungen sowie fuer Automobile, Bekleidung und Geraete jeder Art
aufwenden. Ein neuer Lebensstandard steht hinter diesen neuen Arbeitsplaetzen,
die Arbeitsmoeglichkeiten fuer viele Millionen, einschliesslich Frauen und
aeltere Leute, geschaffen haben.
(Aus "U.S. News &amp; World Report")

2 1/2 Millionen Amerikaner erhielten eine Lohnerhoehung
Am 1. Maerz dieses Jahres erhielten rund 2,1 Millionen amerikanische
Arbeitnehmer eine Lohnerhoehung, und zwar nicht wie allgemein ueblich auf
Grund von Tarifverhandlungen zwischen den Sozialpartnern, sondern durch
Gesetz. Denn mit diesem Tag trat das neue Mindestlohngesetz in Kraft, das
im Sommer vergangenen Jahres vom Kongress verabschiedet und Rechtsgueltigkeit durch die Unterschrift des Praesidenten erhielt. Durch dieses Gesetz
wird der Mindeststundenlohn von bisher 75 Cent auf 1,00 Dollar erhoeht.
Diese 2,1 Millionen Beschaeftigten fallen in Anbetracht einer Gesamtbeschaeftigtenzahl von ueber 63 Millionen kaum ins Gewicht, und zum anderen
verdienen die restlichen 61 Millionen Arbeitnehmer in den USA weit mehr
als einen Dollar pro Stunde. Im Januar zum Beispiel betrug der durchschnittliche Stundenlohn des Fabrikarbeiters 1,88 Dollar.
Da eine Erhoehung der Mindeststundenloehne fuer die ungelernten Berufe
auf einen Dollar aus diesem Grunde alles andere als sensationell ist, so
hat sich doch in der Vergangenheit gezeigt, dass die gesetzliche Festlegung
von Mindestloehnen immer soziale und wirtschaftliche Auswirkungen im Gefolge hatten, die weitaus groesser waren als die unmittelbare Erhoehung selbst.
Seit der ersten Festsetzung einer Mindestlohngrenze im Jahre 1938
(25 Cent) ist diese erheblich angestiegen. Auf Grund verschiedener, durch
das Gesetz festgelegter Bestimmungen, wurde das wirkliche Lohnminimum in
den meisten Industriezweigen auf 40 Cent gebracht. Die naechste Heraufsetzung der Mindestlohngrenze um 35 Cent erfolgte dann 1949«
Obwohl rund 30 Cent der Gesamterhoehungen der Nachkriegsjähre durch
die gestiegenen Lebenshaltungskosten wieder wettgemacht werden, so verzeichnen die Mindestlohnempfaenger doch immer noch einen nicht unerheblichen
Gewinn. Er betraegt - in reiner Kaufkraft ausgedrueckt - 45 Cent pro Stunde, 18 Dollar pro Woche oder 900 Dollar pro Jahr, wobei noch zu beruecksichtigen ist, dass diese Einkommensgruppen so gut wie keine Steuern
zu zahlen haben. (Fuer einen Dollar erhaelt man heute zum Beispiel 5 Brote,
18 Eier, zwei Paar Socken, zwei "Pockef'-Buecher oder zwei Kinokarten.)
Die Hauptnutzniesser der Mindestlohnerhoehung sind die Arbeiter in

�Saegewerken (besonders im Sueden), in Bonbonfabriken, Polstereien, Hemdenund Arbeitskleidungsfabriken sowie in Jutespinnereien.
Bas Gesetz ueber die Festsetzung von Hindestloehnen ist ein Bundesgesetz und bezieht sich auf solche Wirtschaftsunternehmen, die in zwei
oder mehr Bundesstaaten taetig sind. Solche Arbeitsplaetze und Betriebe
auf lokaler Basis wie etwa das Hauspersonal oder Einzelhandelsgeachaefte,
Waeschereien sowie verschiedene andere Typen von Farm- oder Forstarbeit
sind von dieser Regelung ausgeschlossen.
Trotzdem aber haben auch jedesmal diejenigen Arbeitnehmer von den Erhoehungen der Mindestlohngrenze profitiert, die nicht unter dieses "interstate"-Gesetz fielen. Seit 1949 - mit der Erhoehung des Mindestlohnniveaus
von 40 auf 75 Cent - haben viele Bundesstaaten ihre eigenen Gesetze auf
das Bundesgesetz ausgerichtet.
Ausserdem sind in den meisten Betrieben saemtliche Arbeitsplatzeinstufungen ein Teil der Gesamtlohnstruktur, und Erhoehungen in den unteren
Beschaeftigungsgraden ziehen automatisch Lohnaufbesserungen in den hoeheren
nach sich.
Selbst die auf Grund persoenlicher Abmachungen beschaeftigten Arbeitnehmer haben jeweils durch die Erhoehung der Mindestlohngrenze profitiert.
Hausangestellte zum Beispiel erhalten jetzt neben voller Verpflegung und
Erstattung der Fahrtkosten 7 Dollar fuer einen Achtstundentag, und in vielen Staedten haben sich die Verguetungssaetze fuer "baby-sitter" von 50
auf 75 Cent pro Stunde erhoeht.
Dieser allgemeine "Lohnruck nach oben" durch das Mindestlohngesetz
ist auch der eigentliche Zweck dieses ganzen Gesetzeswerkes. Es zielt nicht
nur darauf ab, die Arbeitnehmer zu schuetzen, sondern auch die Kaufkraft
- ein wichtiger Generator fuer das wirtschaftliche Wohlergehen - auf einem
hohen Niveau zu erhalten.
Durch die gegenwaertige Erhoehung zum Beispiel duerfte das Gesamtlohneinkommen des Landes pro Jahr um mehr als 5 Milliarden Dollar angehoben
werden, und zwar ganz abgesehen von den moeglichen Lohnerhoehungen, die
sich auf Grund von Tarifverhandlungen zwischen den Sozialpartnern ergeben
duerften.
Dennoch bleiben zwei Fragen offen: die Kosten und die Durchsetzung.
Die Lohnmehrkosten, die den Unternehmern entstehen, duerften dabei weitgehend durch eine weiter zunehmende Produktivitaet aufgefangen werden.
Im Industriedurchschnitt ergibt sich eine jaehrliche Mehrbelastung von
rund 3 Prozent.
Hinsichtlich der Durchsetzung des Gesetzes ist zu sagen, dass die
Abteilung "Loehne und Arbeitsstunden" des "US-Arbeitsministeriums" gegenwaertig damit beschaeftigt ist, die Zahl ihrer Inspektoren zu verdoppeln.
Das Ziel dieser Bemuehungen ist es, in jedem Jahr rund 75 000 der insgesamt 900 000 Betriebe, die dieser Ueberwachung unterliegen, zu ueberpruefen.
Quelle: Eigenbericht

John Herling:
Wohin steuert die grosse neue US-Gewerkschaft3organisation?
Die Fuehrer der 15 Millionen beitragzahlende Mitglieder umfassenden
amerikanischen Gewerkschaftsverbaende haben nun ihre Kraefte vereinigt, um

_ 6-

�auf Gedeih und Verderb eine einzige geschlossene Dachorganisation zu bilden - die AFL-CIO. Abgesehen von den religioesen Glaubensgemeinschaften
ist der neue Verband die groesste Mitgliederorganisation der Vereinigten
Staaten. Diese Tatsache hat manche Leute erschreckt, andere erfreut und
viele voellig unbeeindruckt gelassen.
Henry Riter III., der kuerzlich sein Amt als Praesidant der "National
Association of Manufacturers" (NAM - amerikanischer Fabrikantenverband)
niederlegte und in den Ruhestand trat, beschwoert ein furchterregendes Bild
der "Grossen Gewerkschaftsbewegung" herauf, die wie ein Koloss das wirtschaftliche, politische und soziale Leben des Landes regiert. Viele andere
Industrielle und Geschaeftsleute betrachten den Zusammenschluss zwar ebenso mit gemischten Gefuehlen, aber nur wenige aeussern ihre Befuerchtungen
laut in der Oeffentlichkeit. Ihr Kommentar heisst "abwarten und sehen, was
kommt".
Selbst die organisierte Arbeiterschaft befuerwortet den Zusammenschluss
nicht hundertprozentig. Abseitsstehender Zuschauer ist auch der "Sturmgott"
der amerikanischen Arbeiterbewegung, John L. Lewis, Vorsitzender der Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft. Er hat vor 20 Jahren den "CIO" aus der
"AFL" abgezweigt. Lewis mahnt die kleineren Gewerkschaften innerhalb des
neuen Verbandes (dem beizutreten, er keine Einladung erhielt), sich vor den
"Launen der fleischfressenden oder leicht kannibalischen Gewerkschaften in
acht zu nehmen, von denen es einige gibt."
AFL und CIO stimmten auf ihren letzten, noch getrennt durchgeführten
Kongressen im November vorigen Jahres mit ueberwaeltigender Mehrheit fuer
den Zusammenschluss. George Meany, der Vorsitzende der neuen AFL-CIO, verkuendete, dass dieser Zusammenschluss die Gewerkschaften in die Lage versetze, "einen groesseren und lebenswichtigeren Beitrag zur Gemeinschaft als
Ganzes und dem Wohlergehen und der Sicherheit unserer Nation zu leisten."
Jedoch waren nicht alle Gewerkschaftsfunktionaere und einfachen Mitglieder
so optimistisch.
Ein Vorsitzender einer allamerikanischen Gewerkschaft, Michael J. Quill,
der Leiter der Transportarbeitergewerkschaft (CIO), stimmte gegen den Zusammenschluss. Er lehnte das Amt eines Vorsitzenden innerhalb des neuen Verbandes ab und erklaerte dabei, er wuerde es nicht annehmen, selbst wenn es
"auf einem silbernen Tablett" angeboten wuerde. Dann erhob Dave Beck, Vorsitzender der AFL-TranBportleutegewerkschaft, lauten Protestr Ihm passe das
schnelle Tempo nicht, mit der das ganze "Merger-Projekt" durchgebracht worden
sei. Auf den Sitzungen des Fusionsausschusses aeusserte er jedoch kein
einziges abfaelliges Wort und stimmte schliesslich fuer den Zusammenschluss.
Tatsaechlich zeigten sich zu einem Zeitpunkt der Fusionsverhandlungen sogar
die gluehendsten Befuerworter des Zusammenschlusses besorgt und wollten die
ganze Angelegenheit wieder fallen lassen. In ihrem Benehmen erinnerten sie
dabei stark an einen werdenden Vater, den kurz vor dem "Ereignis" der Mut
verlaesst.
Doch trotz des ohrenbetaeubenden Laerms und der truebseligen Stimmung
ao mancher mit hitzigen Debatten verbrachten Nacht haben der AFL-Vorsitzende George Meany und der CIO-Vorsitzende Walter P. Reuther die aus ihren
leitenden Funktionaeren bestehenden "Kommandotruppen" sicher durch den
Organisationsbereich und ueber persoenliche Schwierigkeiten gefuehrt. Auf
jeder Konferenz wichen sie sorgfaeltig allen Fussangeln aus, die ihre Fusionsplaene rettungslos zum Scheitern gebracht haetten.
Es ist Tatsache, dass der lange und steinige Weg zum Zusammenschluss
nur ruckweise vonstatten ging, und zwar fast von dem Zeitpunkt an, als die
Teilung der AFL auf dem Kongress in Atlantic City im Jahre 1955 z u r Bildung
des CIO fuehrte. Dieser historische Kongress arehte sich in der Hauptsache
um Fragen, wie man die Industriezweige der Massenproduktion am besten organisieren koennte. Im Laufe der Jahre hatten die Facharbeitergewerkschaften,
die sich aus geschulten Handwerkern zusammensetzten, das Rueckgrat der

- 7-

�Gewerkschaftsbewegung gebildet. Der rasche technologische Fortschritt
brachte es jedoch mit sich, dass sich die traditionellen Grenzen zwischen
den einzelnen Handwerkszweigen verwischten. Es zeichnete sich ein steigender Druck in Richtung auf eine geschlossenere Form der Gewerkschaftsorganisation ab, die auf Industriezweige anstelle einer Vielzahl von Handwerkszweigen basiert. Das Ergebnis war die Bildung des CIO.
Einige Beobachter haben in diesem Zusammenhang immer behauptet, dass
die wirkliche Ursache seinerzeit ein Machtkampf innerhalb der AFL war. Was
Jedoch auch immer die weniger augenfaelligen Motive gewesen sein moegen,
der Streitpunkt Industrie- gegen Facharbeitergewerkschaften als Organisationsinstrument war das sichtbare und aeussere Symbol der Spaltung.
Die Spaltung der AFL setzte auf eindrucksvolle Weise Energien frei zum
Start der groessten Organisierungskampagne, die es je in der Geschichte
der Gewerkschaftsbewegung gegeben hat; sie brachte den Gewerkschaften eine
beispiellose politische Anerkennung und bereicherte das wirtschaftliche,
soziale und politische Leben des Landes um eine weitere Dimension.
George Meany blickt heute als erster Vorsitzender der groessten Gewerkschaftsorganisation der freien Welt auf die.vergangenen 20 Jahre mit einer
groesseren Gelassenheit zurueck, als er seinerzeit als Vorsitzender der
"New York State Federation of Labor" (AFL-Gewerkschaftsverband des Staates
New York) besass. "Das Ausscheiden vieler Gewerkschaftsorganisationen aus
der AFL, um den CIO zu bilden, hatte ein Gutes," so erklaert er heute.
"Ich kann Ihnen versichern, dass es manche Leute in der AFL zur Besinnung
brachte - und das ist erwiesen und nicht bloss Gerede. Von dieser Warte aus
gesehen, war es gut so.
Bis zu einem gewissen Grade ist der Wettbewerb zwischen den Gewerkschaften miteinander vielleicht ganz gut. Es kommt jedoch eine Zeit, wo
diese Konkurrenz destruktiv sein kann, wenn naemlich Wettbewerb und Rivalitaet denjenigen zum Vorteil gereichen kann - von denen es in diesem Lande
noch immer viele gibt -, die nicht an die Prinzipien und die Ideale der
Gewerkschaftsbewegung glauben. Wir in der AFL und dem CIO gelangten an einen
Punkt, wo wir nicht so sehr miteinander konkurrierten, um zu sehen, wer die
Interessen der Menschen, die wir vertreten, am besten wahrnehmen kann, sondern, um zu sehen, wer die Pro-Kopf-Abgabe - die Beitraege - bekommen wuerde. Das war alles. Ich sehe es nicht als Teil unseres Ziels an, gigantische
Konstruktionen zu errichten - nennen Sie sie Gewerkschaften oder was Sie
wollen -, die die Macht um ihrer selbst willen erlangen."
Obgleich der Einheitsgedanke vielen leitenden AFL- und CIO-Funktionaeren als ausgezeichneter politischer und wirtschaftlicher Schachzug erschien, und zwar nahezu seit Anbeginn der historischen Spaltung, erwiesen
sich private Emotionen, organisatorischer Stolz, die lebhafte Erinnerung des
Misstrauens und des Versagens jahrelang als ein zu grosses Hindernis, um
ueberwunden zu werden. Dann fand der Tod einen Aunweg.
Vor drei Jahren starben innerhalb von zwei Wochen nacheinander der
AFL-Vorsitzende William Green und der CIO-Vorsitzende Philip Murray. Das
Dahinscheiden dieser alten Kaempen beendete ein Kapitel Gewerkschaftsgeschichte. Als Meany die Nachfolge Greens antrat und Reuther das Amt Murrays uebernahm, setzten beide Maenner die "Gewerkschaftseinheit" an den Anfang ihrer
Tagesordnung.
Wie konnte man jedoch einen Wunsch Wirklichkeit werden lassen? Wie
konnte der Grundstein gelegt werden fuer den Zusammenschiuss der beiden Verbaende? Waehrend der darauffolgenden Monate wurde eine ganze Reihe ziemlich
rascher und ungewoehnlicher Massnahmen ergriffen. Der Entwurf der Schluesseldokumente war in der Hauptsache das glaenzende und sichtbare Werk von Arthur
Goldberg, dem Rechtsberater des CIO. Zuerst kam der Nichtabwerbungspakt,
der von den meisten AFL- und CIO-Gewerkschaften gebilligt wurde. Dies fuehrte
- 8 -

�zu der Vereinbarung ueber den Zusammenschluss, die just an dem Tag zustandekam, an dem der Hurrikan "Hazel" im Oktober 1954 Washington heimsuchte.
Daraufhin beauftragten die Exekutivvorstaende der beiden Gewerkschaftsverbaende die mit dem Statut beschaeftigten Gremien, ihre Arbeit in Angriff
zu nehmen. Nach monatelangem, quaelendem Abwaegen, das strukturelle Umschichtungen und Personalveraenderungen mit sich brachte, wurde schliesslich,
als Hoehepunkt des Ganzen, im Dezember vergangenen Jahres der Fusionskongres8 in der Zeughalle des 71. Regiments in New York City abgehalten.
Zum Zeichen des "neuen Beginns" fuer die amerikanische Gewerkschaftsbewegung zieht die AFL-CIO in ein huebsches neues Gebaeude in Washington - nur
einen Steinwurf vom Weissen Haus entfernt und ganz in der Naehe des wuerdigen Baues der US-Handelskammer. Urspruenglich war das neue Gewerkschaftsgebaeude, dessen Grundstein von Praesident Eisenhower im April vergangenen
Jahres gelegt wurde, ausschliesslich fuer die AFL bestimmt, nun jedoch werden die Inschriften "AFL" und "CIO" in die Marmorbioecke ueber dem Eingang
gemeisselt.
Um den Umfang dieses neuen Gewerkschaftsverbandes ganz ermessen zu
koennen, muss man sich den grundlegenden Faktor vergegenwaertigen, naemlich
dass das wirkliche Herz seiner wirtschaftlichen Macht in den 141 wesentlich
autonomen, souveraenen und separaten amerikanischen und allamerikanischen
Gewerkschaften liegt. Diese Organisationen (nicht der Dachverband) fuehren
die Tarifverhandlungen mit den Unternehmern, oftmals ueber die Ortsgewerkschaften. Sie besitzen eine finanzielle Unabhaengigkeit, und ihre Kassen
sind oft viel groesser als die des neuen Verbandes. Ihre Funktionaere werden nach ihren eigenen Satzungen gewaehlt. Die Vorsitzenden der autonomen
Organisationen - angefangen von den kleinen Handwerkerorganisationen, die
nicht mehr als 1000 Mitglieder zaehlen, bis zu den riesigen Arbeitskraeftereservoiren mit Hunderttausenden von Mitgliedern - sind eifersuechtig auf
ihre Rechte bedacht und ueberaus empfindlich, wenn es um den Schutz ihrer
Machtbereiche geht. Sie besitzen eine grosse Macht sowie einen betraechtlichen Einfluss und treffen ihre eigenen Entscheidungen. Der Zusammenschluas
vo"h AFL und CIO aendert nichts an dieser Tatsache.
Ebensowenig beeintraechtigt die Fusion den Status von etwa 57 einzeloder zwischenstaatlichen Gewerkschaften, die der AFL oder dem CIO nicht angegliedert sind, bzw. waren. Nach der letzten Aufstellung des US-Bueros fuer
Arbeitsstatistik belaeuft sich die Mitgliederzahl all dieser Gruppen auf
etwa 1 800 000. Am bekanntesten unter ihnen sind die "United Mine Workers"
(Vereinigte Bergarbeitergewerksohaft) und die Eisenbahnergewerkschaften fuer
das Fahrdienstpersonal. Die Vorsitzenden von zweien dieser Gewerkschaften,
der "Railroad Trainmen" (Zugfuehrer) und der Gewerkschaft "Firemen and Enginemen" (Heizer und Lokomotivfuehrer), waren offizielle Gaeste des Kongresses.
Ausserdem gibt es noch zahlreiche Gewerkschaften, die auf einen Einzelbetrieb, einen Einzelunternehmer oder einen einzelnen Ort beschraenkt sind.
Speziell solche kleinen Gewerkschaften duerften von dem magnetischen
Feld der staerkeren und groesseren Mitgliedergewerkschaften der AFL-CIO
angezogen werden. Andere wiederum werden sich unter Umstaenden den allamerikanischen Gewerkschaften anschliessen, weil sie sich durch Kollektivverhandlungen Vorteile versprechen. Solche Gruppen aeusserten bislang die Befuerchtung, dass sie sich in der "Windmuehle" der AFL- und CIO-Konkurrenz verfangen koennten.
Mindestens 47 der maechtigen einzelstaatlichen und allamerikanischen
Gewerkschaften haben ihren Hauptsitz nach Washington verlegt. (Die allamerikanischen Gewerkschaften umfassen auch Mitglieder ausserhalb der USLandesgrenzen - in Hawaii, Puerto Rico, Alaska und natuerlich auch Kanada.)
Innerhalb der letzten zwei Jahre hat Washington die Errichtung so vieler
neuer Gewerkschaftsbauten gesehen, dass ein Beobachter diese Erscheinung
als einen gewerkschaftlichen "Gebaeudekomplex" bezeichnet.

- 9-

�Bezueglich des Ursprungs der gewerkschaftlichen Macht sollte man auf
jeden Fall die allamerikanischen Gewerkschaften einer genauen Betrachtung
unterziehen.
Was nun glauben diese Gewerkschaften mit Hilfe der neuen Dachorganisation von dem, was sie allein nicht schaffen wuerden, zu erreichen? George
Meany fasst das Ziel des Zusammenschlusses in folgenden klaren und praegnanten Saetzen zusammen! "Durch die Zusammenfassung von 15 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern in einer einzigen Gewerkschaftszentrale hoffen
wir, ein Instrument zu schaffen, das geeignet ist, sich bei der Verteidigung der Interessen der amerikanischen Arbeiter erfolgreich zu bewaehren
und die menschlichen Beduerfnisse mit den Erfordernissen des Geschaeftsund Finanzwesens im modernen Zeitalter auf eine Ebene zu bringen."
Meany weist besonders darauf hin, dass, waehrend die Einzelgewerkschaften sich hinreichend mit ihren eigenen internen Problemen besohaeftigen,
der Verband bestrebt ist, ein uebersichtliches Bild ueber die gesamte nationale Lage zu gewinnen und Plaene auszuarbeiten, die dem neuen Einfluss
entsprechen, den die Fusion unter Umstaenden zeitigen koennte.
Da das grosse Ereignis des Jahres 1956 die Praesidentschaftswahlkampagne
sein wird, erhebt sich die Frage: Was bedeutet die Verschmelzung von AFL
und CIO auf politischem Gebiet? Bedeutet das, die leitenden Gewerkschaftsfunktionaere, die 15 Millionen Arbeiter, die 141 einzelstaatlichen und allamerikanischen Gewerkschaften und die 77 000 Ortsgewerkschaften auf eine
Linie bringen und sie gewisse Kandidaten oder eine Partei oder einen im
voraus bestimmten Praesidentschaftskandidaten waehlen zu lassen?
Nichts ist weniger wahrscheinlich - obgleich man von der Gewerkschaftsbewegung erwartet, dass sie sich an den politischen Kampagnen des Jahres
1956 massgeblich beteiligen wird. Erstens erklaeren die Gewerkschaftsfuehrer,
dass sie eine solche Form der Disziplin nicht anwenden werden. Zweitens
wuerden sie, selbst wenn sie es versuchten, kein Glueck damit haben. Drittens
wuerden sie nicht wagen, es zu versuchen.
Selbst im Jahre 1952, als AFL und CIO beide den demokratischen Kandidaten Adlai Stevenson unterstuetzten, zeigten die Wahlergebnisse, dass der
von den Organisationen bekundete Enthusiasmus fuer Stevenson die Gewerkschaftsmitglieder und ihre Ehefrauen nicht davon abhielt, sich bei der Wahl
fuer den republikanischen Kandidaten, Dwight D. Eisenhower, zu entscheiden.
Die republikanischen Analytiker erklaerten, dass etwa 30$ der Gewerkschaftsmitglieder fuer Eisenhower stimmten. In seiner Rede auf dem vor kurzem stattgefundenen Fusions-Kongress pries Stevenson diese Unabhaengigkeit der Gewerkschaftsmitglieder bei ihrer Wahlentscheidung. "Die Arbeiterschaft ist
keine, einer strengen Disziplin unterstehende Wahlminderheit in diesem Land",
so erklaerte er. "Die Arbeiter waehlen nicht auf Befehl, sondern aus Ueberzeugung.... So verhaelt sich die Sache, und ich glaube, so sollte es auch
sein."
Welches ist nun die jetzige politische Haltung der Gewerkschaften?
Es ist keine ausgesprochene Haltung. Es ist eine ganze Serie politischer
Verhaltensweisen.
Meany gibt folgende Formulierung: "Die organisierte Gewerkschaftsbewegung in Amerika wird sich keiner bestimmten politischen Partei unterordnen. Sie wird aufgeschlossene und fortschrittliche Kandidaten aller
Parteien unterstuetzen. Sie wird den Arbeitern dieses Landes die Unterlagen
aller Kandidaten zur Kenntnis bringen. Sie wird alle Buerger dazu auffordern, sich einschreiben zu lassen und ihr Wahlrecht auszuueben. Auf diese
Weise koennen wir unser Ziel wirksam verfolgen, starke und vorurteilslose
Mehrheiten in den Kongress zu waehlen."
Um die politischen Interessen der AFL-CIO entsprechend zum Ausdruck
- 10 -

�zu bringen, werden die "Labor's League for Political Education" (Gewerkschaftaliga fuer politische Erziehung) der APL und das "Political Action
Committee" (Politische Aktionskomitee) des CIO vereinigt werden, um ihre
Arbeit als eine einzige Organisation weiterzufuehren. Dieses Buero in Washington ist jedoch nur ein kleiner Teil in der politischen Arbeit der Gewerkschaften. Die gleichen selbstaendigen nationalen und allamerikanischen Gewerkschaften, die eifersuechtig ueber ihre Identitaet und ihre Rechtsbefugnisse wachen, weigern sich ebenfalls, ihre politische Arbeit einer zentralen Gruppe
unterzuordnen. Organisationsstolz und die Notwendigkeit, speziellen Problemen
in verschiedenen Orten Rechnung tragen zu muessen, leisten der Verschiedenartigkeit Vorschub.
In Kalifornien beispielsweise hatte die organisierte Gewerkschaftsbewegung den Republikaner Earl Warren regulaer zum Gouverneur vorgeschlagen.
Als Warren zum Obersten Richter ernannt wurde, bemuehtesich Goodwin Knight,
sein republikanischer Nachfolger, energisch um die Unterstuetzung der Gewerkschaften und erhielt sie auch. Um die Bereitschaft der Gewerkschaften,
die Parteigrenzen zu ueberschreiten, besonders hervorzuheben, machten die
leitenden Funktionaere der AFL in Washington und auf der letzten Sitzung des
Chicagoer "Executiv-Rates" ziemlich viel Aufhebens um Knight.
Im AFL-Exekutivrat gelobten zumindest drei Mitglieder - William McFetridge
von der Gewerkschaft der "Building Service Employees", Maurice Hutcheson von
der Zimmerleutegewerkschaft und Dave Beck von der Transportleutegewerkschaft der Republikanischen Partei mehr als einmal die Treue.
Andererseits wurden in Michigan die maechtigen, von hervorragenden
Funktionaeren geleiteten CIO-Automobilarbeiter unter der Fuehrung von Walter
Reuther zu einem entscheidenden Faktor in der Demokratischen Partei. Dies
veranlasste den republikanischen Parteivorsitzenden des Bundesstaates, John
Feikins, zu bitteren Angriffen.
Die Gewerkschaftsfuehrer erkennen tatsaechlich das Vorhandensein von 48
besonderen politischen Situationen an - eine fuer jeden Staat -, und sie
erklaeren, dass sie nicht beabsichtigen, irgendeiner Partei besondere Zugestaendnisse zu machen. Die organisierte Gewerkschaftsbewegung duerfte es jedoch trotzdem schwer haben, einige politische Fuehrer von ihrer Parteilosigkeit zu ueberzeugen.
In diesem Zusammenhang wies Praesident Eisenhower auf dem Fusionskongress
besonders auf die Bedeutung demokratischer Verfahren in gewerkschaftlichen
Organisationen hin: "Das Recht der Minderheiten, die verschiedene soziale,
wirtschaftliche und politische Anschauungen haben, muss sorgsam gewahrt und
ihre Anschauungen genauestens wiedergegeben werden".
Zudem uebten mehrere bedeutende republikanische Sprecher waehrend und
kurz vor dem "Gruendungs-Kongress" scharfe Kritik an den Fuehrern der organisierten Gewerkschaftsbewegung. Senator Barry Goldwater aus Arizona, der
Leiter des "Republican Senate Campaign Committee" (Ausschuss republikanischer
Senatoren fuer Wahlfeldzuege) behauptete, dass "machthungrige Gewerkschaftsbosse" die politische Freiheit der Gewerkschaftsmitglieder bedrohen, indem
sie ihr Geld fuer politische Zwecke verausgabten, ohne dabei ihre eigentlichen
Anschauungen zu beruecksichtigen. Senator William F. Knowland aus Kalifornien,
der Oppositionsfuehrer im Senat, fragte, ob die Leitung der AFL-CIO "von denjenigen verschlungen wuerde, die darauf aus sind, die Gewerkschaftsorganisationen zu einer korrupten Clique auf nationaler Basis werden zu lassen."
Ein anderer republikanischer Senator war jedoch schnell zur Verteidigung
der Gewerkschaften bereit. "Von dem, was ich von der organisierten Gewerkschaftsbewegung weiss," so aeusserte Senator Clifford P. Case aus New Jersey,
"zweifle ich daran, ob es ueberhaupt irgendeine grosse Strategie gibt, die
darauf abzielt, die Kontrolle ueber die Regierung zu erlangen und uns alle
dazu zu zwingen, Beitraege zu zahlen und Streikplakate vor uns her zu tragen.
- 11 -

�Einige behaupten, dass der Zusammenschlugs zwischen AFL und CIO die Eroberung
der Demokratischen Partei bedeuten wird. Ich finde, man kann sich nur sehr
schwer vorstellen, dass ein amerikanischer Gewerkschafter sein sauer verdientes Geld dafuer aufwenden sollte, um die Wiederwahl von Senator Eastland (Miasissipi) oder Gouverneur Talmadge (Georgia) durchzusetzen.
Der republikanische Gouverneur Fred Hall aus Kansas, der in den mit
aller Schaerfe gefuehrten Vorwahlen zu den Gouverneurswahlen als republikanischer Kandidat die Unters tuetzung der Gewerkschaft suchte und auch erhielt,
machte kuerzlich die Republikanische Partei fuer alle Differenzen mit der
organisierten Gewerkschaftsbewegung verantwortlich.
Er behauptete, dass die G.O.P. bereits seit 25 Jahren mit der Gewerkschaftsbewegung in Streit liege. "Unsere Beziehungen haben augenblicklich
einen beklagenswerten Status erreicht," so erklaerte er. "Die republikanische Opposition zu der Reform des Taft-Hartley-Gesetzes", so fuegte er
hinzu, "ist einer der Gruende, weshalb die Republikanische Partei 1954 im
Kongress eine Niederlage erlitt."
Die gewerkschaftlichen Beifallskundgebungen, die Halls Bemerkungen
ausloesten, verstaerkten die Bedeutung dieser ernsten Bewertung der gegenwärtigen Situation durch George Meanyt "Die Opposition, der wir uns heute
gegenuebersehen, ist noch schlimmer als zu Zeiten der Unternehmerspione
und Rowdies, der Schwarzen Liste und des sogenannten "amerikanischen Plans".
Das Schlachtfeld ist nicht laenger die Fabrik oder gar die Streikkette. Es
hat sich in die Kongresshallen und die verfassungsgebenden Versammlungen der
Einzelstaaten verlagert. An diesen Fronten haben wir in den vergangenen Jahren eine Niederlage erlitten, einmal durch die Inkraftsetzung des Taft-HartleyGesetzes und anderer restriktiver Bundesgesetze und neuerdings durch die in
18 Staaten erfolgte Annahme der ihren Namen zu Unrecht fuehrenden "right-towork"-Gesetze. (right to work - das Recht auf Arbeit). Diese Gesetze stellen
geradezu eine Existenzbedrohung der Gewerkschaften dar, da sie auf die Vernichtung der gewerkschaftlichen Sicherheit abzielen."
Als Gouverneur Hall den "right-to-work"-Gesetzentwurf ablehnte, ging
er noch einen Schritt weiter als Meany. Er erklaerte, dass dieses Gesetz
"das Prinzip der TarifVerhandlungen zerstoert haben wuerde."
Trotz der allgemein anerkannten Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung
auf politischem Gebiet behaupten starrkoepfige Gewerkschaftsfunktionaere,
dass Politiker und Unternehmer als erste zu der Einsicht gekommen sind, dass
nur eine zweckmaessige Organisation Fruechte zeitigt. Aus diesem Grunde verdient die Struktur der neuen AFL-CIO besondere Bedeutung.
An der Spitze der neuen Dachorganisation stehen der 6ljaehrige Vorsitzende George Meany und der 52jaehrige Hauptkassierer William F. Schnitzler.
Meany ist wahrscheinlich der bekannteste Klempner der Welt, waehrend Bill
Schnitzler, ein Baecker aus Newark (New Jersey), Vorsitzender der Baeckereiarbeiter-Gewerkschaft (AFL) und spaeter HauptKassierer der AFL war, ehe er
in der neuen Organisation das gleiche Amt uebernahm. (Schluss folgt)
(Aus : "Collier's")

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�)

Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 8

Mehlem, den 13. April 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Arbeitspotential und Lebensstandard in Puerto Rico

Seite

1

24 und 32 Stunden Arbeitszeit in Rotchina

Seite

9

"Westinghouse"-Streik nach 156 Tagen beigelegt

Seite 11

,Samuel Weiss und A.J. Jaffe:
Arbeitspotential und Lebensstandard in Puerto Rico
Das Commonwealth von Puerto Rico ist einmalig in
der politischen Geschichte Amerikas. Es wurde als "neue
Staatsform" bezeichnet. Dieses Commonwealth ist weder
eine Kolonie, noch ein Dominion im Sinne des britischen
Commonwealth, jedoch auch keine separate unabhaengige
Nation. Es ist ebenfalls kein Commonwealth wie es die
Philippinen einst waren und weder ein Mitgliedstaat der
Union, noch ein "incorporated territory", wie es frueher
die meisten Staaten der Union waren. Es besitzt praktisch
die gleiche Autonomie in lokalen Angelegenheiten wie ein
Staat der Union; die amerikanische Bundesregierung geniesst in Puerto Rico die gleiche Autoritaet wie in einem
Staat der Union, Puerto Rico leistet dem US-Schatzamt jedoch nur in ganz geringem Masse finanzielle Abgaben und
besitzt keine Wahlvertretung im Kongress.
Bis vor einigen Jahren war Puerto Rico noch ein typisches unterentwickeltes Land, das sich nicht wesentlich von den vielen heutigen
Gebieten dieser Art unterschied, die dringend wirtschaftlicher Hilfe
beduerfen. Die*Wirtschaft der Insel war in der Hauptsache Von der Erzeugung von Zuckerrohr abhaengig, das fuer den Export angebaut wurde.
Einige andere Frodukte wie Kaffee und Tabak wurden dagegen nur in geringen Mengen erzeugt. Von den wenigen einheimischen, hauptsaechlich
- 1 -

�handwerklichen Fertigungsbetrieben fielen nur solche, die Handarbeiten
herstellten, wirklich ins Gewicht. Da der groesste Teil des Ackerlandes
fuer den Anbau von Zuckerrohr genutzt wurde, musste ein hoher Prozentsatz der fuer die Versorgung der Bevoelkerung notwendigen Nahrungsmittel
importiert werden.
Der Mangel an fruchtbarem Ackerboden (nur etwa die Haelfte des Landes ist anbaufaehig) und die ausserordentlich hohe Bevoelkerungsdichte
(ueber 63O Personen pro 2,6 km2) Hessen die Landwirtschaft zu einer
ausserordentlich unbefriedigenden Basis fuer die Wirtschaft Puerto Ricos
werden. Auf Grund der herrschenden Verhaeltnisse waren die Menschen ziemlich arm und es zeigten sich alle Begleiterscheinungen der Armut, wie
Arbeitslosigkeit, Analphabetentum, eine hohe Sterblichkeitsrate, Wohnraummangel und so weiter.
Mitte der dreissiger Jahre beschaeftigte sich die Regierung von Puerto
Rixo sehr eingehend mit der Frage, wie man die Wirtschaftslage der Insel
verbessern koennte. In diese Zeit fielen dann auch verschiedene wichtige
Foerderungsmassnahmen, wie beispielsweise die starke Ausweitung der Wasserkraftwerke, der Bau einer Zementfabrik, die Erweiterung des Strassensystems und die Durchfuehrung verschiedener finanzieller Massnahmen zur
Unterstuetzung der wirtschaftlichen Entwicklung.
Ein wirkliches wirtschaftliches Entwicklungsprogramm wurde jedoch
erst im Jahre 1940 in Angriff genommen, als die Demokratische Volkspartei
(unter Leitung des jetzigen Gouverneurs Luis Munoz Marin) die Amtsgeschaefte uebernahm. Der zweite Weltkrieg foerderte und behinderte das
Programm zugleich. Projekte, die fuer die Kriegfuehrung der Vereinigten
Staaten von direktem Interesse waren, wurden weiterentwickelt, andere
wurden zurueckgestellt. Nach dem Krieg verstaerkte die Regierung dann
wieder ihre Bemuehungen zur reinen Wirtschaftsfoerderung.
Seit 1940 sind praktisch auf jedem sozial-wirtschaftlichen Gebiet
erhebliche Verbesserungen eingetreten. Gesundheitsfoerderung und die Anwendung moderner Methoden in der oeffentlichen Gesundheitsfuersorge
hatten im Zusammenwirken mit allgemeinen wirtschaftlichen Verbesserungen
ein Absinken der Sterberate von 18,4 pro Tausend im Jahre 1940 auf 7»7
pro Tausend im Jahre 1954 zur Folge. Zur gleichen Zeit stieg die Lebenserwartung von 46 Jahren im Jahre 1940 auf 61 im Jahre 1954 - das bedeutet ueber einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg eine jaehrliche Zunahme um
ein Jahr.
. Die Zahl der Einschreibungen an den Bildungsinstituten in Puerto
Rico stieg von weniger als 300 000 im Jahre 1940 auf nahezu 600 000 im
Jahre 1954« Waehrend des gleichen Zeitraums erhoehten sich die Regierungsaufwendungen fuer Bildung und Erziehung von 7 auf 38 Millionen Dollar
pro Jahr.
Auf dem Gebiet des Wohnungsbaus wurden betraechtliche Fortschritte
durch die Beseitigung der Slums und die oeffentlichen Wohnbauprogramme
erreicht. Die Kraftwerke wurden erheblich erweitert« Zwischen 1940 und
1952 stieg die Elektrizitaetserzeugung von 174 Millionen auf 735 Millionen Kilowattstunden. Ebenso wurden auf dem Transport- und Nachrichtensektor sowie in der Wasserversorgung und Kanalisation grosse Fortschritte
erzielt.
Bevoelkerung und Arbeitskraefte
Auswirkung der Bevoelkerungsschwankungen. Zwischen 1940 und 1954 nahm
das Arbeitspotential im grossen und ganzen im gleichen Verhaeltnis wie
die Zahl der im arbeitsfaehigen Alter stehenden Bevoelkerung zu (i.e.
Angehoerige der Zivilbevoelkerung im Alter von 14 Jahren und darueber
ausschliesslich Anstaltsinsassen). Wie aus den folgenden Zahlen hervorgeht,

- 2 -

�bestand das Arbeitskraeftepotential im April 1940 zu 52% aus Puerto Ricanern im arbeitsfaehigen Alter; im April 1950 waren es 55»696; und im
April 1953
48,6%.
Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter

Arbeitskraef
tepotential

April 1940

1 150 000

598 000

April 1950

1 293 000

719 000

April 1954

1 275 000

631 000

April 1955

1 327 000

644 000

Die Veraenderungen des Arbeitskraeftepotential3 und die Bevoelkerungsveraenderungen verliefen durch Auswanderung und Militaerpflicht
bedingt, nicht genau parallel. Da normalerweise viel mehr Maenner als
Frauen im Arbeitsleben stehen, hatten die Einberufungen zum Militaer
in den 50er Jahren eine Verringerung des Arbeitskraeftepotentials bei
einer gleichzeitigen leichten Zunahme der Erwachsenenbevoelkerung zur
Folge.
Die Zahl der Zivilpersonen im Alter von 14 Jahren und darueber stieg
in Puerto Rico zwischen April 1940 und April 1950 um 143 000 Personen an.
Waehrend dieses 10jaehrigen Zeitraums wanderten etwa 154 000 Personen
(zumeist im arbeitsfaehigen Alter) nach dem Festland ab; das sind etwa
13% der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter von 1940; seitdem betrug
die natuerliche Zunahme der Erwachsenenbevoelkerung nahezu 300 000 pro
Jahrzehnt oder 2^% pro Jahr.
Zwischen April 1950 und April 1954 ging die Zahl der im arbeitsfaehigen Alter stehenden Bevoelkerung von 1 293 000 auf schaetzungsweise
1 275 000 zurueck. Die Zahl der Personen ueber 14 Jahre, die zum Festland
abwanderten, betrug ungefaehr 160 000 oder etwa 12% der im Jahre 1950
in Puerto Rico lebenden Zahl; dies ist ein ungewoehnlich hoher Ausfall.
Ausserdem wurden etwa 36 000 Mann zum Militaerdienst eingezogen. Waehrend
dieser 4 Jahre stieg die Zahl der Erwachsenen jedoch auf 178 000 oder
um ueber 3% pro Jahr.
Die Geburtenrate. Im Vergleich zu den kontinentalen Vereinigten Staaten
verzeichnet Puerto Rico eine sich aus der hohen Geburtenziffer des vergangenen Jahrzehnts ergebende hohe Wachstumsrate seiner im arbeitsfaehigen Alter stehenden Bevoelkerung. Vor 1940 war die Sterbeziffer fuer die
heutigen Verhaeltnisse ebenfalls recht hoch (18,4 pro 1000 im Jahre
1940), waehrend der 40er Jahre fiel sie jedoch rapide. Im Jahre 1950
war sie noch immer ziemlich hoch, etwa 15 pro 1000; bis zum Jahre 1954
war sie jedoch auf 7,7 VTO 1000 abgesunken und unterschied sich somit
nicht wesentlich von der Sterberate auf dem Festland. Der ueberaus rasche
Rueckgang der Sterberate waehrend der 50er Jahre im Vergleich zu den
vorhergehenden 10 Jahren trug zu der erhoehten natuerlichen Wachstumsrate
der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter seit 1950 bei.
Waehrend der letzten 10 Jahre ist die Geburtenrate nicht stark genug
gesunken, um die kuenftige natuerliche Zunahme der Zivilbevoelkerung
im arbeitsfaehigen Alter wesentlich zu veraendern. Waehrend der Zeit von
1939 bis 1941 lag die Rate der Bevoelkerungszunahme bei etwa 184; 10
Jahre spaeter, zwischen 1949 und 1951» etwa bei 224 x ).
x) Im allgemeinen zeigt eine Rate von 100 an, dass Geburten- und Sterberate ungefaehr gleich sind; das heisst, dass sich waehrend einer Generation keine Bevoelkerungszunahme ergibt. Eine Rate von 220 bedeutet, dass
eine konstante Bevoelkerung sich im Laufe einer Generation um etwa 120^&gt;
vermehren wuerde, vorausgesetzt, dass die Geburts- und Sterberaten zu
allen Zeiten unveraendert bleiben.

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�Im Jahre 1953 und 1954 lag die Rate der Bevoelkerungszunahme etwa bei
220. Diese Rate deutet daraufhin, dass sich die Bevoelkerung von Puerto
Rico in deu. naechsten 25 bis 30 Jahren mehr als verdoppeln koennte. Ob
dies eintreten wird, ist allerdings schwer vorauszusagen, da sich gewisse
Aenderungen der Geburts- und Sterberaten ergeben werden.
Selbst wenn die Geburtenrate in Zukunft zurueckgehen und den Stand
der kontinentalen Vereinigten Staaten erreichen sollte (Bevoelkerungszuwaohsrate von 156 im Jahre 1952), so wird es viele Jahre dauern, bevor solche Rueckgaenge die natuerliche Zunahme der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter zahlenmaessig beeintraechtigen. Dies erklaert sich
aus der Tatsache, dass zwischen der Geburt und der Zeit, in der eine Person das arbeitsfaehige Alter erreicht, ein Zeitraum von 14 Jahren liegt.
Zur Zeit uebersteigt die Geburtenziffer die der Todesfaelle um 65 000
pro Jahr. In 14 Jahren wird der Ueberschuss noch immer etwa 60 000 pro
Jahr betragen, vorausgesetzt, dass keine Auswanderung erfolgt.
Auswanderung, eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die kombinierten
Auswirkungen der frueheren hohen Geburtenraten und der niedrigeren Auswandererzahl machten sich besonders in der Zeit von April 1954 his Maerz
1955 bemerkbar. Die natuerliche Zunahme der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter belief sich in diesem Jahr auf etwa 52 000. Gleichzeitig liess
die Wirtschaftsflaute in den kontinentalen Vereinigten Staaten die Auswanderungsziffer auf etwa 16 000 Zivilisten ueber 14 Jahren zurueckgehen,
im Vergleich zu 36 000 in der Zeit von Maerz 1953 bis Maerz 1954» Ausserdem fuehrte die Verringerung der Streitkraefte dazu, dass etwa 16 000
mehr Maenner ins Zivilleben zurueckkehrten als man urspruenglich erwartet
hatte. Durch die groesseren Entlassungen aus den Streitkraeften wurde
der Verlust an Arbeitskraeften durch Auswanderung wieder ausgeglichen.
Der natuerliche BevoelkerungsZuwachs an arbeitsfaehigen Zivilpersonen betrug 52 000 und stieg bis 1. April 1955 auf ungefaehr 1 327 000. Dies bedeutet eine Zunahme von ungefaehr 4$ innerhalb eines Jahres. Waehrend
des gleichen Jahres stieg die arbeitsfaehige Bevoelkerung der kontinentalen Vereinigten Staaten um etwa 1$.
Innerhalb.eines Jahres wurde also auf Grund des Rueckganges der Auswanderungen der Abwanderungsverlust in den Jahren 1951 bis 1954 durch
die steigende Bevoelkerungsziffer in Puerto Rico mehr als ausgeglichen.
Am 1. April 1955 war die Bevoelkerung, die in den Arbeitsprozess eingeschaltet werden konnte, um etwa 34 000 Personen groesser als am 1. April
1950. Falls die Auswanderung auch weiterhin so stark eingeschraenkt bleiben sollte, waere die Zunahme des Arbeitskraeftepotentials so gewaltig,
dass die Schwierigkeiten in der Beschaffung ausreichender zusaetzlicher
Arbeitsplaetze erheblich vergroessert wuerden. Tatsaechlich waere eine
verstaerkte Auswanderung unerlaesslich fuer eine weitere wirtschaftliche
Entwicklung.
Industrielle Entwicklung
Regierungsmassnahmen. Das Kernstueck der Bemuehungen des Commonwealth
zur Verbesserung der Wirtschaftslage der Insel war das Programm "Operation
Bootstrap" ("Operation Schnuersenkel"), das die Foerderung der industriellen Entwicklung zum Ziele hatte. Die Regierung von Puerto Rico war sich
dabei der Tatsache bewusst, dass eine Produktivitaetssteigerung durch
industrielle Expansion einen wichtigen Faktor im Hinblick auf die Foerderung der puertoricanischen Wirtschaft darstellen wuerde - einer Wirtschaft, deren Rahmen von einer grossen Bevoelkerungsdichte, Mangel an
Naturvorkommen, staendiger Arbeitslosigkeit und einem verhaeltnismaessig
niedrigen Lebensstandard gebildet wird.
Zur Unterstuetzung einer solchen Industrialisierung und um neue Industrien auf die Insel zu ziehen, hat das Commonwealth verschiedene

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�wirtschaftliche Anreize, wie Steuerbefreiung, Bereitstellung industrieller Dienstleistungen, Bereitstellung von Fabrikgebaeuden und sonstige
Hilfsleistungen geschaffen. Als unmittelbares Ergebnis dieser Bemuehungen
konnten Ende des 2. Weltkrieges und April 1954 287 neue Fertigungsbetriebe ihre Taetigkeit aufnehmen. Im April 1954 beschaeftigten sie ungefaehr 23 000 Personen oder ein Drittel aller Beschaeftigten in der Fertigungsindustrie .
Im allgemeinen sind diese von der Regierung gefoerderten Werke wesentlich groesser als andere puertoricanische Fabriken; sie beschaeftigen durchschnittlich etwa 80 Arbeiter pro Werk, das ist nahezu das .Dreifache des Arbeitspotentials sonstiger Fabriken. Sie verwenden zum groessten
Teil moderne Maschinen und produzieren Gueter, die hinsichtlich Art und
Qualitaet den auf dem Festland erzeugten in nichts nachstehen. Hierzu gehoeren Bekleidung, elektronische Produkte, elektrische Rasierapparate,
Radioersatzteile sowie pharmazeutische Erzeugnisse. Da Puerto Rico zu den
Vereinigten Staaten gehoert, ruht kein Zoll auf den von Fuerto Rico nach
dem Festland ausgefuehrten Waren.
Puerto Ricos industrielles Entwicklungsprogramm hat innerhalb eines
verhaeltnismaessig kurzen Zeitraums eine Strukturveraenderung in der Fertigungsindustrie hervorgerufen. Im April 1946 waren beispielsweise noch
6 von 10 Arbeitern in Fabrikationsbetrieben der Nahrungsmittel- und Tabakindustrie taetig, waehrend es im April 1954 nur noch 4 von 10*) waren.
Die Bemuehungen der Regierung, die Industrie umzustellen, kommen ebenfalls in der Tatsache zum Ausdruck, dass im April 1954 nur 7$ der Arbeiter in von der Regierung gefoerderten Unternehmen mit der Herstellung
von Nahrungs- und Tabakwaren beschaeftigt waren.
Auf lange Sicht gesehen, duerfte der wichtigste Aspekt der Bemuehungen, die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben, eine gezielte Durchfuehrung des Industrialisierungsprogramms sein. In dem Masse naemlich,
in dem neue und verhaeltnismaessig gute Arbeitsplaetze durch die Unteratuetzung der Regierung geschaffen werden, tendieren sie dazu, eine vielfaeltige Wirkung auszuloesen. Der Bedarf an Verbrauchsguetern, Wohnungen und so weiter ist in stetigem Steigen begriffen. Wenn dieser Trend
noch laengere Zeit anhaelt, wird eine wirtschaftliche Entwicklung im
grossen Stil stattfinden.
Die wechselnde Beschaeftigungsstruktur. Im April 1954 waren 36$
aller Beschaeftigten in Puerto Rico in der Landwirtschaft beschaeftigt,
im Vergleich zu 37$ im April 1950 und 45$ i m April 1940. Die Mehrzahl
dieser Werktaetigen arbeitete in den Zuckerrohrfeldern. Ausserhalb der
Saison arbeitete ein groesserer Teil dieser landwirtschaftlichen Hilfskraefte auf Kaffee- und Tabakfeldern.
Unter den nichtlandwirtschaftlichen Industriezweigen beschaeftigte
der Handel (Gross- und Einzelhandel) im April 1954 die meisten Arbeiter
und Angestellten, etwa 85 000 oder 15$ aller Erwerbstaetigen. Es folgte
die Fertigungsindustrie (ausser Heimarbeit) mit etwa 72 000 Beschaeftigten. Die drittgroesste Gruppe bildeten die verschiedenen Dienstleistungsindustrien, die insgesamt 63 000 Personen beschaeftigten.
Den auffaelligsten Wechsel gegenueber frueheren Zeiten stellt die
steigende Beschaeftigungsziffer in den besser zahlenden und produktiveren Industriezweigen dar. Im Gegensatz dazu steht der Beschaeftigtenrueckgang in den Industriezweigen mit niedrigerer Lohnskala. Besser verguetete
Taetigkeiten finden sich in der Bau-, der Fertigungsindustrie (ausser
) Diese Zahlen wurden Veroeffentlichungen des puertoricanischen Arbeitsministeriums, Buero fuer Arbeitsstatistik, entnommen.

�Heimarbeit) und dem Sektor "Transport", "Nachrichtenwesen" und "oeffentliche Dienste". Staatliche Angestellte, wie Lehrer, Feuerwehrleute,
Polizisten, Aerzte, Krankenschwestern und sonstige Bediensteten der
oeffentlichen Gesundheitspflege sowie Verwaltungsangestellte, gehoeren
ebenfalls zur Gruppe der "Besserbezahlten". Insgesamt stieg die Beschaeftigtenziffer dieser Gruppe in den Jahren 1950 his 1954 um etwa 13 000
an.
Die scnlechter bezahlten und weniger produktiven Arbeitsplaetze finden sich in der Landwirtschaft, in Heimarbeitsbetrieben, den kaufmaennischen Berufen (speziell dem Einzelhandel, zu dem auch fliegende Haendler,
Hausierer und so weiter gehoeren) und dem Dienstleistungsgewerbe (speziell hauswirtschaftliche Hilfskraefte). Die Beschaeftigtenziffer (einschliesslich helfender Familienangehoeriger ohne Bezahlung) in diesen
Industriezweigen ging von 1950 bis 1954 auf 93 000 zurueck. Der bedeutendste Rueckgang war in der Heimarbeitindustrie zu verzeichnen; hier fiel
die Beschaeftigtenzahl von 61 000 auf 25 000 oder von 10$ aller Beschaeftigten auf 4$.
Da die Zahl der Arbeitslosen waehrend dieses Zeitraums abnahm, obwohl
der Anteil der Arbeitslosen am Gesamtarbeitskraeftepotential der gleiche
blieb, scheint es, dass diese Personen nicht von solchen Arbeitsplaetzen
entlassen wurden, die allgemein gefragt sind. Wahrscheinlicher ist, dass
sie entweder in die besser zahlenden Industriezweige abwanderten, nach
den kontinentalen Vereinigten Staaten auswanderten oder aber Soldat wurden. Ausserdem kann angenommen werden, dass einige Frauen und aeltere
Maenner aus dem Arbeitsprozess ausschieden.
Veraenderungen der Arbeitslosenziffer. Im April 1940 betrug die
Arbeitslosenrate fuer Maenner etwa 16,2$. Bis April 1950 war sie auf
10,4$ gefallen und bis April 1954 auf 9»0$. Verschiedene Faktoren, unter
anderem auch die vom Commonwealth ausgehende Foerderung der wirtschaftlichen Entwicklung sowie die seit dem Ende des 2. Weltkrieges auf dem
Festland nahezu erreichte Vollbeschaeftigung und die hohe Auswanderungsziffer - trugen dazu bei, dass die Arbeitslosenrate der Maenner zurueckging.
Die Arbeitslosenrate der weiblichen Arbeitnehmer scheint sich in
den 50er Jahren kaum geaendert zu haben, sie schwankte zwischen 10 und
14$ und liess keinen bestimmten Trend erkennen*/. Nahezu saemtliche erwerbstaetigen Frauen sind in nichtlandwirtschaftlichen Berufen taetig.
Starke saisonale Schwankungen in der Arbeitslosenziffer treten immer
noch in den Zuckerrohrplantagen auf. Zwischen Februar und Mai oder Juni
wird das Zuckerrohr geschnitten und die Beschaeftigtenzahl erreicht dann
ihren Hoechststand. Waehrend dieser Monate sinkt die Arbeitslosenrate
in der Landwirtschaft auf etwa 5$- Ausserhalb der Saison liegt die Arbeitslosenziffer oftmals sogar bei 20$. In den nichtlandwirtschaftlichen
Berufen treten im Gegensatz dazu nur geringe saisonale Schwankungen auf
und die Arbeitslosenrate variiert nur zwischen 10 und 14$»
Trotz des Rueckgangs der Arbeitslosigkeit leidet Puerto Rico noch
immer unter chronischer Arbeitslosigkeit, von der im Durchschnitt ungefaehr 15$ der Arbeitskraefte betroffen werden. Dies ist eines der wesentlichsten Probleme des Commonwealth. Waehrend der vergangenen Jahre hat
sich der Bevoelkerungsdruck durch die in grossem Umfang erfolgte Auswanderung nach dem Festland erheblich verringert. Die hoechste Auswanderungsziffer wurde im Jahre 1953 mit 69 000 erreicht; im Jahre 1954
x) Diese Zahlen schliessen die mit Heimarbeit beschaeftigten Frauen aus,
da hier die Arbeitslosigkeit schwer messbar ist. Vergleichszahlen
fuer das Jahr 1940 liegen nicht vor.

�sank sie auf etwa 22 000.
Wenn ein derartiger Auswanderungshoechststand wie im Jahre 1953
in Zukunft nicht mehr erreicht werden sollte, so wird die Arbeitslosigkeit ein wahrscheinlich noch viel groesseres Ausmass annehmen als bisher, da die Zahl der Bevoelkerung im arbeitsfaehigen Alter stetig zunimmt und damit auch das Arbeitskraeftepotential. Die Wirtschaft sieht
sich augenblicklich vor die schwierige Aufgabe gestellt, genuegend zusaetzliche und verhaeltnismaessig gut bezahlte Arbeitsplaetze fuer die
zur Zeit Unterbeschaeftigten oder Arbeitslosen zu beschaffen. Der natuerliche Bevoelkerungsanstieg macht es, falls er nicht durch Auswanderung ausgeglichen werden kann, notwendig, dass pro Jahr etwa 2 bis 4$
zusaetzlicher neuer Arbeitsplaetze fuer das steigende Arbeitskraeftepotential zur Verfuegung gestellt werden.
Verbesserung des Lebensstandards
Durch die "Operation Schnuersenkel" konnten seit Ende des 2. Weltkriegs, unterstuetzt durch die starke Auswanderung, betraechtliche
wirtschaftliche Gewinne fuer die Einwohner Puerto Ricos erreicht werden. Die Auwanderung wirkte als Ausgleich der natuerlichen Bevoelkerungszunahme; dadurch brauchten die waehrend dieser Zeit erzielten wirtschaftlichen Gewinne nicht unter eine stetig wachsende Bevoelkerung aufgeteilt zu werden. Stattdessen gelangten sie jedes Jahr an die gleiche
Zahl Personen zur Verteilung, so dass im Durchschnitt gesehen jede Person ihren Lebensstandard verbessern konnte.
Als Folge hiervon stiegen die Einkuenfte von Einzelpersonen und
Familien im Laufe der letzten 15 Jahre weitaus schneller als die Preise
und setzte sie somit in die Lage, mehr Gueter und Dienstleistungen erwerben zu koennen und ihre materiellen Beduerfnisse in staerkerem Masse
als bisher zu befriedigen. Alle in den Hauptwirtschaftssektoren Taetigen
- Lohnempfaenger, Farmer und Geschaeftsleute - hatten an diesem wirtschaftlichen Fortschritt teil. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen
in Puerto Rico ist heute hoeher als in den meisten suedamerikanischen
Laendern, obgleich es bei weitem noch nicht das Pro-Kopf-Einkommen der
am niedrigsten liegenden nordamerikanischen Festlandstaaten erreicht hat.
Hoeheres Familieneinkommen. Das Durchschnittseinkommen einer Arbeitnehmerfamilie in Puerto Rico stieg von 360 Dollar im Jahre 1941 auf
1081 Dollar im Jahre 1952 und auf 1180 Dollar im Jahre 1953x^• Das gestiegene Einkommen machte sich jedoch nicht ausschliesslich in Form einer
hoeheren Kaufkraft bemerkbar. Um einen 80,3prozentigen Anstieg der Lebenshaltungskosten zwischen 1941 und 1953 auszugleichen, haette die
durchschnittliche Arbeitnehmerfamilie ihr Einkommen von 36O Dollar auf
649 Dollar steigern muessen, um ihre Kaufkraft aufrechtzuerhalten.
Die Differenz zwischen diesem Ausgleichspunkt und dem tatsaechlichen
Durchschnitt des Jahres 1953 in Hoehe von 1180 Dollar stellt die Verbesserung des Realeinkommens dar. Diese Erhoehung betrug im Laufe des
12jaehrigen Zeitraums 82$. Auf Jahresbasis umgerechnet, belief sich die
Erhoehung des Realeinkommens auf etwas ueber 5$ pro Jahr. Angefangen
mit jedem beliebigen Jahr würde diese Wachstumsrate das Einkommen im
Laufe von 8 Jahren um 50$ erhoehen und es in ungefaehr 14 Jahren verdoppeln - ein bemerkenswert rascher Fortschritt.

Einschliesslich unregelmaessiger finanzieller Einkuenfte wie beispielsweise Erbschaften oder des Geldwerts von Nahrungsmitteln, die fuer
den eigenen Bedarf produziert wurden. Die Unterlagen fuer 1941 wurden der Publikation "Einkuenfte und Ausgaben der Lohnempfaenger in
Puerto Rico" des puertoricanischen Arbeitsministeriums entnommen;
die Zahlen fuer 195^ und 53 entstammen Einkommens- und Ausgabeuebersichten des puertoricanischen Arbeitsministeriums, Buero fuer Arbeitsstatistik.

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�Im Laufe der 12 Jahre von 1941 bis 1953 stieg der Prozentsatz der
Arbeitnehmerfamilien mit einem Jahreseinkommen von 1000 Dollar und
darueber von 2,9 auf 52,2 und derjenige der Arbeitnehmerfamilien mit
einem Einkommen unter 500 Dollar .verringerte sich von 80,9 auf 6,9«
Verwendung des Familieneinkommens. Das gestiegene Familieneinkommen hatte eine Verschiebung der Ausgabenstruktur zur Folge. Im Jahre
1952 (Zahlenmaterial ueber Ausgaben im Jahre 1953 ist noch nicht verfuegbar) gaben die Arbeitnehmerfamilien einen verhaeltnismaessig geringeren Teil ihres Einkommens fuer Nahrungsmittel und verhaeltnismaessig
mehr fuer Kleidung und Haushaltsgegenstaende (Moebel usw.) aus als im
Jahre 1941, wie sich aus der folgenden Tabelle ergibt«
Prozentsatz der Ausgabenverteilung
1952

1941

100,0

100,0

51,5

58,0

Miete

9,3

10,2

Einrichtungsgegenstaende

5,9

2,4

13,0

8,3

2,2

5,1

18,1

16,0

Gesamtauslagen
Nahrungsmittel

..

(einschl. alkoholischer Getraenke)

Bekleidung
Aerztl. Behandlung
Sonstiges

Obgleich der Einkommensanteil, der fuer Nahrungsmittel aufgewendet
wurde, zurueckging, ermoeglichte es die Einkommenssteigerung den Arbeitnehmerfamilien, mehr und bessere Nahrungsmittel zu kaufen und trotzdem noch genuegend Geld uebrig zu behalten, um sonstige Waren kaufen zu
koennen. Die Auslagen fuer aerztliche Betreuung sanken von 5,1 auf 2,2$,
und zwar auf Grund der erweiterten medizinischen und Gesundheitseinrichtungen in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Die Durchschnittsarbeitnehmerfamilie kaufte im Jahre 1952 2,7 mal so viel Textilien und 4,2 mal so viel
Moebel wie im Jahre 1941. Diese Aenderungen im Ausgabenschema zeigen deutlich, dass eine Besserung des Lebensstandards eingetreten ist.
Gestiegenes Pro-Kopf-Einkommen. In den vergangenen Jahren konnten
alle wichtigen Sektoren Puerto Ricos bedeutende Gewinne verzeichnen.
An Hand der vom Planungsausschuss Puerto Ricos zusammengestellten Zahlen stieg das Pro-Kopf-Einkommen von 233 Dollar im Jahr 1943/44 auf 431
Dollar im Jahr 1953/54» Waehrend des 10jaehrigen Zeitraums stiegen die
Lebenshaltungskosten um 37,7$; hieraus resultierte eine etwa 34prozentige
Erhoehung des Realeinkommens, das sind 3,1$ pro Jahr im Vergleich zu einer
85prozentigen Erhoehung des Geldeinkommens.
Diese Zahlen weisen darauf hin, dass sich das Einkommen der Arbeitnehmerfamilien (mit einer etwa 5Pr°zentigen Erhoehung des jaehrlichen
Realeinkommens zwischen 1941 und 1953) in etwas schnellerem Masse erhoehte als das Pro-Kopf-Einkommen fuer die Insel als Ganzes. Zwischen
1943 und 1944 und 1953 bis 1954 ergab sich jedoch keine wesentliche Aenderung der Verteilung des Einkommensschemas. Weder die Loehne noch die
Gewinne stiegen auf Kosten des anderen. Die Verguetung der Arbeitnehmer
stieg von 61,2 auf"62,6$ des Gesamteinkommens 5 der Anteil der Nettogeschaeftsgewinne stieg von 30,9 auf 32,6$; die Nettozinsertraege gingen
von 1,9 auf 0,8$ zurueck und das Renteneinkommen sank von 5,6 auf 4,0$.
Von 1939 bis 1949 war die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens in
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�Puerto Rico groesaer als in jedem uebrigen Land der westlichen Hemisphaere, fuer das Vergleichszahlen vorhanden sind. In konstanten Preisen gemessen, stieg das pro-Kopf-Einkommen von Puerto Rico waehrend dieses 10jaehrigen Zeitraums um 67$ im Vergleich zu 23$ in Kuba, 37$ in
den kontinentalen Vereinigten Staaten, 48$ in Kanada und 52$ in Mexiko.
Vergleich mit suedamerikanischen Laendern. Obwohl die juengsten in
Puerto Rico erreichten wirtschaftlichen Verbesserungen ausserordentlich
bemerkenswert waren, liegt das Durchschnittseinkommen und der durchschnittliche Lebensstandard doch noch immer erheblich unter demjenigen des
Festlandes. Im Jahre 1952 war das Pro-Kopf-Einkommen in Mississippi mit
826 Dollar (das niedrigste der Vereinigten Staaten) noch immer zweimal
so hoch wie das in Puerto Rico.
Im Vergleich zu den suedamerikanischen Laendern geht es Puerto Rico
jedoch ausgezeichnet. Im Jahre 1952 betrug das Bruttosozialprodukt pro
Kopf (das stets groesser ist als die im Durchschnitt an Einzelpersonen
geleisteten Einkommenszahlungen) 469 Dollar. Dies war hoeher als das
jedes suedamerikanischen Landes mit Ausnahme von Argentinien.

Argentinien

Pro Kopf
Pro Kopf
BruttosozialBruttosozialprodukt
produkt
(Preise d.Jhs.1952)
(Preise d.Jhs.1952)
Dollar
Dollar
Dominik. Republik
189
688
Guatemala

182

Nicaragua

168

Kuba

469
457
454

El Salvador

167

Panama

382

Paraguay

166

Uruguay

382

Honduras

134

Chile

335

Peru

118

Brasilien ..

278

Bolivien

109

Kolumbien ..

231

Ecuador

93

Costa Rica .

203

Haiti

Mexiko

199

Puerto Rico
Venezuela

..

62

Quellet Bericht ueber die wirtschaftliche Lage in Suedamerika,
Foreign Operations Administration, Office of Research, Statistics
and Reports, August 54, Tabelle 1.
Quellet "Monthly Labor Review ",
Dec 55, Vol. 78 No. 12

24 und 32 Stunden Arbeitszeit in Rotchina
Kommunistisches Magazin kritisiert Arbeitspraktiken in der Industrie
Ohne in den meisten Faellen eine Verguetung dafuer zu bekommen,
muessen die Industriearbeiter in Rotchina haeufig 24 und 32 Stunden
arbeiten. Dies geht aus dem rotchinesischen Magazin "Lao Tung" (Werktaetige) hervor, das sich in einem Artikel in einer der letzten Ausgaben
mit den Arbeitsverhaeltnissen und den Praktiken in der Industrie

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�auseinandersetzt. Wie das Magazin betont, "ist es allgemein an der
Tagesordnung, dass die Arbeiter zur Ableistung von Sonderschichten und
Ueberstunden angehalten" werden. Durch "diese Praktiken aber entstehen
dem "Staat", wie e8 weiter heisst, "grosse wirtschaftliche Verluste".
Desgleichen haetten sie einen "schlechten politischen Einfluss" im Gefolge und fuehrten haeufig zu schweren Unfaellen.
Der Artikel fuehrt dann weiter aus, dass die Arbeiter oft keine
Ueberstundenbezahlung erhielten und die abgeleistete Arbeitszeit als
"freiwillige Sonderschicht", "im voraus geleistete Arbeitszeit", "Nachholung verlorengegangener Arbeitszeit" und so weiter verbucht wuerde.
Der Artikel fuehrt dann einige konkrete Beispiele aus Industriebetrieben der Provinz Lianoningh an« "In der Pressluftwerkzeugfabrik in
Schenjang (Hukden) mussten Arbeiter, die auf Aushilfsposten beschaeftigt
wurden, fuenf -Tage und fuenf Naechte an ihren Arbeitsplaetzen bleiben;
in einem anderen extremen Fall wurden krank geschriebene Arbeiter zurueckgeholt und 32 Stunden ununterbrochen beschaeftigt. In Betriebsversammlungen wurde dann der "lobenswerte Geist" dieser Arbeiter, die an
ihrem Arbeitsplatz fuer zwei Tage und zwei Naechte geblieben waren, von
den Funktionaeren der "Brigaden" oeffentlich gefeiert."
"In dem Anschan-Stahlwalzwerk wurde der Gruppenleiter Chou Schou-Wen,
nachdem er bereits einen ganzen Tag anstrengend gearbeitet hatte, aufgefordert, noch weitere Ueberstunden in der Nachtschicht zu machen. Er
war aber bereits so erschoepft, dass er waehrend der Arbeit ausglitt und
mit einem Starkstromkabel in Beruehrung kam. Er wurde getoetet. Aehnlich
war es auch in der Werkzeugmaschinenfabrik in Schenjang, wo viele Arbeiter, die einen Tag und eine Nacht im Betrieb geblieben waren, bewusstlos umfielen, als sie sich damit abmuehten, schwere Lasten zu bewegen."
"In einem Werk in Huang-sche wurden die Arbeiter 24 Stunden lang
beschaeftigt. Wegen Uebermuedung waren sie dabei nicht mehr in der Lage,
sich voll auf ihre Arbeit zu konzentrieren, so dass in einer Nacht zwei
elektrische Bohrmaschinen und vier Beisszangen zu Bruch gingen."
Hinsichtlich der Nichtbezahlung von Ueberstunden heisst es dann in
dem Artikel des "Lao Tung" woertlich: "In der Maschinenreparaturwerkstatt des Tsai-tun-Bergwerkes in Panschi mussten die Arbeiter innerhalb
von sieben Monaten Ueberstunden in Hoehe von 2000 zusaetzlichen Arbeitstagen ableisten; anstelle von Bezahlung erfolgte hier die Verbuchung der
abgeleisteten Arbeitszeit als "Gutschrift fuer Urlaubstage". In der NEAbteilung der Dairen-Chemiemaschinenfabrik wurden die Ueberstunden als
"im voraus abgeleistete Arbeitszeit" eingetragen und auf der FuschunZeche des Lung Feng-Bergwerkes war es an der Tagesordnung, dass die Kumpels solange unter Tage bleiben mussten, bis sie ihr Tagessoll erfuellt
hatten. Die so entstandenen Ueberstunden wurden als "Ausgleich fuer
verlorengegangene Arbeitsstunden" verbucht.
In der NE-Metall-Verarbeitungsanlage der Fahrradfabrik in Schenjang
wurden die Arbeiter gezwungen, Ueberstunden "als freiwilligen Beitrag
der Gewerkschaften" oder als "Hilfe der Produktionsfront" abzuleisten.
Trotz dieses kritischen Artikels aber setzen die anderen Publikationen, wie die hauptamtliche kommunistische Parteizeitung "Jen Min Jih Pao"
und das offizielle Gewerkschaftsorgan ihre Bemuehungen taeglich fort,
die Arbeiter Rotchinas "zu neuen Anstrengungen" aufzurufen, damit der
erste Fuenfjahresplan "vorzeitig erfuellt wird".
Aehnlich ist auch der Tenor des Senders Peking, der am 28. Februar
1956 folgenden Aufruf verbreitetet "Das Zentralkomitee der Partei hat
uns aufgerufen, mehr zu produzieren und unsere Arbeit schneller, besser
und wirtschaftlicher zu tun.... Die allchinesische Gewerkschaft hat sich
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�entschlossen, alle Arbeiter des Landes zu mobilisieren, damit sie dem
Ruf der Partei begeistert nachkommen und der erste Fuenfjahresplan vor
Ablauf der Zeit erfuellt werden kann und die Schaffenden diese Aktion
als ein Geschenk fuer den 8. National-Kongress der Kommunistischen Partei
Chinas betrachten."
Quellei Eigenbericht

"Westinghouse"-Streik nach 156 Tagen beigelegt
Nach einer Gesamtdauer von 156 Tagen konnte der Streik in den
dreissig Betrieben der "Westinghouse Corporation", an dem 45 000 Arbeiter
beteiligt waren, endgueltig durch einen Kompromiss zwischen der "Allamerikanischen Elektriker-Gewerkschaft" (AFL-CIO) und dem Unternehmen
beigelegt werden. Damit wurde der laengste Streik in den Vereinigten Staaten waehrend der vergangenen 20 Jahre beendet, nachdem der 75koepfige
Verhandlungsausschuss der Gewerkschaft mit grosser Mehrheit .dem Schlichtungsvorschlag zustimmte und den Vertrag in Gegenwart des Direktors der
staatlichen Schlichtungsbehoerde, Joseph F. Finnegan, und den Vertretern
des Unternehmens unterzeichnete.
Im Grunde wurde jetzt von den beiden Sozialpartnern der gleiche Vorschlag angenommen, den der Schlichtungsausschuss bereits vor zwei Wochen
unterbreitete, der aber seinerzeit von der Gewerkschaft abgelehnt worden
war.
Die zwei wichtigsten Punkte des ersten Schlichtervorschlags, die die
Ablehnung des Vermittlungsvorschlages durch die Gewerkschaften bewirkten,
war die Frage der Wiedereinstellung von 93 Arbeitern, die waehrend des
Streiks wegen Gewaltanwendung als Streikposten entlassen worden waren
sowie der Einbau einer Sicherheitsklausel in den Tarifvertrag, durch die
eine Umstellung von Praemienlohnarbeitern auf Stundenlohntarife verhindert werden soll.
In dem ersten Vermittlungsvorschlag hatte der Schlichtungsausschuss
die sofortige Wiedereinstellung von 57 Arbeitern vorgeschlagen, waehrend
36 andere Faelle einem Schiedsspruch unterworfen werden sollten. Die Gewerkschaft sah aber in dieser Loesung eine Verurteilung der betreffenden
Arbeiter.
Nach dem erzielten Kompromiss erhalten nun die 36 Arbeiter den Status "Beurlaubung auf unbestimmte Zeit, anstelle von "entlassen". Desgleichen sollen diese Faelle auf Betriebsebene entschieden werden.
Zu dem zweiten strittigen Punkt kam folgender Kompromiss zustande.
In dem neuen Tarifvertrag werden Bestimmungen aufgenommen, die der Gewerkschaft ein Hitspracherecht bei Arbeitsplatzumstellungen beziehungsweise .Neubewertungen geben. Desgleichen wurde die Anzahl derjenigen Arbeiter beschraenkt, auf die neue Produktionsstandards Anwendung finden
koennen.
Der neue Tarifvertrag, der rueckwirkend ab 15. Oktober vorigen
Jahres in Kraft tritt, sieht auch die Wiederaufnahme von TarifVerhandlungen im Jahre 1958 vor, wenn die Gewerkschaft um solche zusaetzlichen Arbeitslosen-VersiCherungsleistungen nachsuchen sollte, wie sie den Arbeitern der Autoindustrie im vergangenen Sommer gewaehrt wurden.
Ausserdem sieht der neue Fuenfjahres-Kontrakt jaehrliche Erhoehungen
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�tder Stundenlohnsaetze fuer Facharbeiter zwischen fuenf und zwoelf Cent
vor sowie zusaetzliche Pensions- und Versicherungsleistungen. Nach Ansicht der Gesellschaft duerfte die Lohnerhoehung waehrend der fuenf Jahre im Durchschnitt 24 Cent betragen. Der bisherige Durchschnitts-Stundenlohn betrug 2,10 Dollar.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft, James B. Carey, bezeichnete den
fuenf Monate dauernden Streik eine geschichtemachende Demonstration gewerkschaftlicher Solidaritaet und gewerkschaftlicher Entschlossenheit.
Durch die Aenderungen, so betonte er weiter, sollte unter anderem eine
neue und feste Basis fuer freundschaftliche und erfolgreiche Beziehungen
zwischen den Sozialpartnern geschaffen worden sein.
Der Vizepresident der "Westinghouse Company", Robert D. Blasier,
erklaerte zur Beilegung des Streiks unter anderemi "Wir hoffen und glauben, dass durch dieses Abkommen eine lange Periode des Arbeitsfriedens
gesichert ist...."
Nach Angaben des Unternehmens betrug der durch den Streik bedingte
Lohnausfall rund 90 Millionen Dollar. Die Umsatzverluste werden dagegen
auf 250 bis 300 Millionen Dollar beziffert.
Quelle« Eigenbericht

i

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 9

Hehlern, den 27- April 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Wohin steuert die grosse neue
US-Gewerkschaftsorganisation

Seite

1

Die Lohnlawine in den USA seit 194O

Seite

7

Mexikanische Gewerkschaften in der
antikommunistischen Front

Seite 11

John Herling:
Wohin steuert die grosse neue US-Gewerkschaftsorganisation? (Schluss)
Die neue Geweri:schaf tsorganisation besteht im wesentlichen aus
drei Spitzengremien:
1. Der Bundesausschuss, der aus den 6 Vizevorsitzenden sowie den
Herren Meany und Schnitzler besteht. 3 der Vizevorsitzenden kommen
von der AFL, 3 vom CIO, das Dreigespann aus der AFL besteht aus dem
67jaehrigen Vizepresidenten Matthew Woll, der seit langen Jahren einer
der fuehrenden politischen Koepfe der AFL war, Harry Bates, dem Presidenten der allamerikanischen Gewerkschaft der Maurer, Bauarbeiter und
Stukkateure, und George Harrison, dem Vorsitzenden der amerikanischen
Gewerkschaft der Angestellten im Transportgewerbe, der mit zu den besonnensten Gewerkschaftsfuehrern gehoert und ueber hervorragendes politisches Fingerspitzengefuehl verfuegt. Bei den Vertretern des CIO im
Bundesausschuss handelt es sich um Walther P. Reuther, den Vorsitzenden
der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft, James B. Carey, den Vorsitzenden der Gewerkschaft der Elektro-, Radio- und Maschinenmechaniker,
und David J. McDonald, den Vorsitzenden der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft.
2. Der Bundesvorstand besteht aus 27 Vizepresidenten (und den beiden Spitzenfunktionaeren). Er tritt jaehrlich mindestens dreimal zusammen. Die Mitgliederzahl dieses Gremiums verteilt sich auf AFL und CIO
im Verhaeltnis zu deren Gesamtmitgliederzahl zur Zeit des Zusammenschlusses.
Da 10 Millionen AFL-Mitgliedern 5 Millionen CIO-Mitglieder gegenueber-

�}
)

standen, betraegt das Verhaeltnis demnach zwei zu eins.
3. Der Vollzugsausschuss besteht aus den Mitgliedern des Bundesvorstandes und den Praesidenten aller angeschlossenen amerikanischen
und allamerikanischen Gewerkschaften und tagt einmal im.Jahr. In diesem
Zusammenhang sind noch 400 festangestellte Mitarbeiter zu nennen, die
von Washington aus in alle Teile des Landes entsandt werden, um dort
Forschungsaufgaben auszufuehren und organisatorische und gesetzgeberische Fragen zu bearbeiten.
Das sind die Vorschriften, wie sie in den Statuten auf dem Papier
festgelegt worden sind. Ob der neue Verband aber erfolgreiche Arbeit
leisten kann, das wird in hohem Masse von einem anderen Kraeftespiel abhaengen, ueber das jene schriftliche Urkunde nichts enthaelt.
Einige der kleineren Gewerkschaften sehen den neuen Mammutverband
nicht ohne Besorgnis. Sie sind sich schmerzvoll der Tatsache bewusst,
dass die 6 groessten Gewerkschaften eine groessere Gesamtmitgliedschaft
haben als 100 der kleineren Gewerkschaften zusammengenommen, und dass
es gerade die machtvollen Gewerkschaften sind, die, von kleineren Ausnahmen abgesehen, die Spitzenfunktionaere des neuen Verbandes stellen,
genau wie das schon innerhalb der AFL und des CIO der Fall war.
Woodruff Randolph, der Vorsitzende der allamerikanischen Buchdruckergewerkschaft (100 000 Mitglieder), hat dem Standpunkt der in der Minderheit befindlichen kleineren Gewerkschaft kuerzlich Ausdruck verliehen,
als er auf die Befuerchtungen hinwies, dass die neuen Statuten die Rechte
und die Handlungsfreiheit seiner Gewerkschaft, die zu den aeltesten des
Landes gehoert, bedrohe.
"Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort", sagte Randolph, "dass
die grossen Fische die kleinen fressen und dass den kleinen Fischen nur
der Schlamm verbleibt. Wir wollen alles daransetzen, dass innerhalb der
Gewerkschaftsbewegung nicht das gleiche passiert."
George Q. Lynch, der Vorsitzende des Verbandes der Modelltischler,
einer alten Facharbeitergewerkschaft, deren 14 000 Mitglieder eine
Schlüsselstellung im amerikanischen Wirtschaftsleben einnehmen, bezeichnete gleichfalls die "ueblichen Allgemeinplaetze und Schlagworte ueber
die guten Seiten der Einigkeit und der Staerke, die aus der Groesse und
den gemeinsam ausgerichteten Bemuehungen erwachsen", als dummes Geschwaetz.
"Es gibt keine guten oder schlechten Seiten an einer grossen Gewerkschaftsbewegung, die nicht auch jedem grossen Unternehmen, jeder grossen
erzieherischen Institution, jeder grossen politischen Partei und jeder
grossen Sekte anhaften," fuehrte Lynch weiter aus. "Mit ;'er Groesse geht
eine Konzentration der Macht Hand in Hand und mit der Macht kommt auch
der Missbrauch; zu dieser Regel gibt es keine Ausnahme."
Schon vor dem Zusammenschluss hatte Lynch darauf hingewiesen, dass
die Gewerkschaften "mit oder ohne Zusammenschluss" unbedingt eine von
anstaendigen Gesichtspunkten bestimmte Opposition brauchen. "In den
letzten 20 Jahren gab es in keiner einzigen Frage eine wirkliche Diskussion und keine einzige ernste Auseinandersetzung um die Besetzung
eines wichtigen Postens. Das ist genauso schlecht fuer einen Gewerkschaftsverband wie es fuer den US-Kongress oder das britische Parlament schlecht
waere."
Es ist ja auch so, dass kaum einer glaubt, die neue Organisation
werde ein ruhiges Leben fuehren. Dazu ist ihr Interessen- und Taetigkeitsbereich viel zu weit gesteckt und dazu ist sie sich auch viel zu sehr
ihrer Verantwortung und, wie sie glaubt, ihrer grossen Entwicklungsmoeglichkeiten sowohl auf organisatorischem als auch politischem Gebiet
- 2 -

�bewusst. Allen voran ist der neue Verband bemueht, die bisher nichtbrganisierten Arbeiter in die Gewerkschaften zu ziehen, und zwar in einer
Art und Weiset die, wie man hofft, an die Hochzeiten der dreissiger Jahre erinnern wird, als CIO und AFL im guenstigen Klima des New Deal eine
Bluetezeit erlebten. Das Ziel, das man sich auf dem Kongress gesetzt hat,
bei dem der Zusammenschluss vollzogen wurde, heisstt Verdoppelung der
Mitgliederzahl auf JO Millionen. Gerade in diesem Zusammenhang hoffen die
dem CIO angeschlossenen Gewerkschaften eine besondere Rolle zu spielen.
Der Direktor fuer organisatorische Fragen, John W. Livingston, der vormals Vizevorsitzender der Vereinigten Gewerkschaft der Arbeiter in der
Automobil-, Flugzeug- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie war, plant
den hierfuer noetigen Mitarbeiterstab aufzubauen und die notwendigen Geldmittel aufzutreiben.
Welche Industrien dabei in erster Linie erfasst werden sollen, wurde
klar zum Ausdruck gebracht. Reuther fuehrte sie auf dem Kongress an:
"Nehmen wir mal die chemische Industrie", so sagte er, "wir werden
zu DuPont gehen und ihm wie General Motors und anderen grossen Firmen
erklaeren« 'Jetzt gehts bei Ihnen los, wir werden die Arbeiterschaft
in Ihren Betrieben organisieren'". Gegenwaertig sind nur 200 000 von
600 000 Chemiearbeitern Gewerkschaftsmitglieder.
Die Textilindustrie. Die Mitgliederwerbung wird sich hier groesstenteils auf den Sueden konzentrieren, da eine ganze Reihe von Firmen ihren
Betrieb nach den Suedstaaten verlegt haben, um sich die dort gezahlten
geringeren Loehne zunutze zu machen. Die kombinierte gegenwaertige Mitgliederzahl der Textilarbeitergewerkschaften innerhalb des CIO und der
AFL belaeuft sich auf 382 000.
Das Baugewerbe. "Schauen Sie sich einmal in Amerika um," erklaerte
Reuther "und Sie werden sehen, wie viele Bauten von Arbeitern errichtet
werden, die nicht innerhalb der Gewerkschaft stehen."
Die Angestelltenberufe. Nur rund 200 000 von insgesamt 7»5 bi 3 8
Millionen ^ueroangestellten, und nur 500 000 von 8 Millionen Verkaeufern
sind gewerkschaftlich organisiert.
Einzelstaatliche und kommunale Verwaltung. Auf dem Kongress, der
den Zusammenschluss brachte, haben sich die Gewerkschaften verpflichtet,
auf eine Beseitigung derjenigen Gesetzesbestimmungen und Hindernisse hinzuarbeiten, die bisher eine gewerkschaftliche Organisation der Beschaeftigten im oeffentlichen Dienst unmoeglich gemacht haben.
Wie stellt sich die AFL-CIO nun ihre Mitgliederwerbung vor? Reuther
weist mit Nachdruck auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens
hin«
"Sollen wir einen Werbefeldzug veranstalten, bei dem 36 Facharbeitergewerkschaf ten ihre Flugzettel verteilen, waehrend die Industriegewerkschaften am Fabriktor ihrerseits um Mitglieder werben? Nein, kann ich
nur sagen. Wenn wir schon eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung haben,
dann muessen wir auch diese grundlegenden Probleme gemeinsam angehen."
Mehr als je zuvor wird sich das Augenmerk der Gewerkschaften auf die
Suedstaaten richten, jenes Gebiet, in dem die Industrialisierung am
raschesten voranschreitet. Der Prozentsatz der organisierten Arbeiter
ist im Sueden geringer als in jedem anderen Teil des Landes: nur jeder
sechste Arbeiter steht dort innerhalb der Gewerkschaftsbewegung. Daran
liess sich nicht ruetteln, solange die Industrie mehr oder weniger auf
den Norden und Westen des Landes beschraenkt war. Heute, da mehr und
mehr Betriebe im Sueden entstehen, moechte der neue Gewerkschaftsverband
das Schwergewicht seiner Arbeit gerade in dieses Gebiet verlegen.

- 3-

�Natuerlich bebchraenkt sich das Problem, die nicht gewerkschaftlich
organisierten Arbeiter fuer die Mitarbeit in den Gewerkschaften zu gewinnen, nicht auf ein bestimmtes Gebiet. Im Landesdurchschnitt sind nach
den jueng.-ten Feststellungen des US-Amtes fuer Arbeitsstatistik nur rund
35^ der Gesamtzahl der Maenner und Frauen, die in nichtlandwirtschaftlichen Berufen taetig sind, Gewerkschaftsmitglieder.
Die Werbung jener Arbeiter, die heute noch abseits stehen, wird viel
Geld verschlingen. Doch schon am Anfang sieht sich die Hauptkasse des
neuen Dachverbandes, was die Mittel fuer organisatorische Zwecke angeht,
vor einem grossen Manko.
Auf Grund der neuen Statuten erhaelt die Hauptkasse der AFL-CIO von
den angeschlossenen Gewerkschaften 4 Cent pro Mitglied und Monat. Wenn
man der Berechnung eine Gesamtmitgliederzahl von 15 Millionen zugrunde
legt, so gibt das eine Gesamteinnahme von jaehrlich rund 7»5 Millionen
Dollar. Dieser Betrag ist geringer als die Summe der bisherigen Einnahmen
der AFL und des CIO vor dem Zusammenschluss. Dies erklaert sich daraus,
dass der CIO frueher 10 Cent pro Mitglied erhob, waehrend die Umlage bei
der AFL 4 Cent betrug. So konnte der CIO, obwohl er nur halb so viel Mitglieder wie die AFL zaehlte, ein um 5Cfi hoeheres Einkommen verbuchen als
die AFL. Das Jahreseinkommen der beiden Geweikschaftsverbaende betrug
frueher zusammengerechnet 10,3 Millionen Dollar, also 3 Millionen mehr
als dem neuen Verband im ersten Jahr seines Bestehens zur Verfuegung stehen werden.
Somit muessen die Kassen der grossen Gewerkschaften zusaetzliche
Mittel fuer die Mitgliederwerbung bereitstellen. Die Mitgliedergewerkschaften des CIO haben bereits angekuendigt, dass sie 4 Millionen Dollar fuer
Mitgliederwerbung bereitstellen werden. Reuther beschwoert zur Zeit auch
die anderen Gewerkschaften wit seinen Forderungen, groessere Betraege
herauszuruecken, "damit wir eine grossangelegte Kampagne zur Mitgliederwerbung starten koennen."
"Die Geschichte zeigt, dass grosse Bewegungen sich nicht ohne weiteres auf der erreichten Hoehe halten koennen," argumentiert Reuther.
"Solche Bewegungen setzen, wenn sie erst einmal ihren Anfang genommen
haben, grosse emotionelle Kraefte frei. Sie bringen auch grosse dynamische Kraefte in Bewegung. Sie zeigen die Tendenz der Aufloesung von innen
her. Es gilt deshalb immer neue Wege zu finden, diese Kraefte aus sich
selbst heraus zu erneuern, um so eine neue Taetigkeitsgrundlage zu schaffen, neue Begeisterung zu entfachen und den geistigen Impetus zu erhalten,
auf dem eingeschlagenen Weg voranzuschreiten."
In oem neuen, durch den Zusammenschluss entstandenen Gewerkschaftsverband sieht Reuther den Ansatzpunkt, die amerikanische Gewerkschaftsbewegung auf eine noch breitere Grundlage zu stellen. Sind auch die anderen Spitzenfunktionaere seiner Auffassung? David J. McDonald, der Vorsitzende der V.reinigten Stahlarbeitergewerkschaft verweist stolz auf
die Vergangenheit, als seine Gewerkschaft unter der Fuehrung des verstorbenen Philip Murray vielen anderen Gewerkschaften innerhalb des CIO
geholfen hat, sich auf eigene Fuesse zu stellen und von da an ihren Weg
allein zu gehen. (Dabei darf man aber nie vergessen, dass die Geldmittel,
mit deren Hilfe die CIO-Aktion angekurbelt wurde, in erster Linie von
der Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft
unter John L. Lewis aufgebracht
wurden.) Die Frage lautet daher: Wird die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft heute das gleiche tun? Und wieviele der alten AFL-G;werkschaften
werden ihrerseits Gelder fuer einen geneinsamen Fonds zur Kitgliederwerbung bereitstellen?
Hier steht der neue Vorsitzende des GesamtgewerKschaftsverbandes,
George Meany, vor einer grossen Bewaehrunjsprobe. Gerade die Ausweitung
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�der Organisation wird den Beweis dafuer liefern koennen, dass die Koeche,
die den Pudding des Zusammenschlusses gekocht haben, ihre Sache gut gemacht haben. Werden den Worten die Taten folgen? Die tiefgreifenden Auseinandersetzungen um Fragen der Zustaendigkeit, die waehrend der gesamten
Geschichte der AFL niemals voellig aufgehoert haben und die einstmals den
Konflikt ausloesten, der zur Spaltung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und Gruendung des CIO fuehrte, koennen in anderer Form von heute
auf morgen wieder ausbrechen.
Die neuen Statuten garantieren jeder allamerikanischen Gewerkschaft,
die durch den Zusammenschluss Teil der AFL-CIO wird, dass sie in ihren
Rechten und in der Organisationsfreiheit nicht beeintraechtigt wird.
Trotz der Warnungen vor einem moeglichen "Kannibalismus", die John L.
Lewis ausgesprochen hat, wird jeder einzelnen Gewerkschaft ausdruecklich
die Zusicherung gegeben, dass sie ihren Hitgliederstand wahren kann.
Sofern sich die Taetigkeitsbereiche zweier Gewerkschaften ueberschneiden,
wird ihnen ein Zusammenschluss nahegelegt. So im Falle der beiden Gewerkschaften in der Textilindustrie, von denen die eine dem CIO, die andere
der AFL angehoert. Das gleiche gilt fuer die drei Gewerkschaften der Papierindustrie, von denen zwei der AFL und eine dem CIO angeschlossen sind,
und auch fuer die beiden Gewerkschaften der Chemiearbeiter, deren eine dem
CIO und deren andere der AFL angehoert. Natuerlich muessen sie sich nicht
zu einem einzigen Verband zusammenschliessen, "freiwillig" soll dies geschehen, wie man allenthalben spricht.
Die Karten werden wohl erst dann auf den Tisch gelegt, wenn man an
zwei miteinander rivalisierende Gewerkschaften das Ansinnen stellt, gemeinsam die Arbeiterschaft eines Industriezweiges zu organisieren. Welche
Gewerkschaft soll nun wieviel neue Mitglieder erhalten? Lokalpatriotismus
und Prestige sind wichtige Begriffe, in den Gewerkschaften ebenso wie in
jedem Betrieb und Gewerbe - das gilt selbst fuers Theater. So bemerkte
vor Jahren einmal Samuel Gompers, der Gruender der AFL, bei einem Festessen, dass sein Freund Guilio Gatti-Casazza, der Direktor der New Yorker
Metropolitan-Oper, ganz in Gedanken versunken vor sich hinbruetete.
"Was ist denn los, Gatti?" fragte Gompers. - "Ach, ich habe Scherereien ueber Scherereien, meine Primadonnen liegen sich gegenseitig in den
Haaren" - "Wieviel Primadonnen hast du denn?" - "Acht", sagte Gatti "Nur acht?" bemerkte Gompers - "Hast du es leicht. Jeder Praesident einer
allamerikanischen Gewerkschaft ist eine Primadonna von eigenen Gnaden und
davon habe ich ein rundes Hundert innerhalb der AFL".
In der neuen AFL-CIO gibt es mindestens 141 solcher Praesidenten,
und es ist Meanys - und des Bundesvorstandes - Aufgabe, eine Atmosphaere
des gegenseitigen Vertrauens unter oftmals wahrlich sehr unguenstigen
Voraussetzungen zu schaffen. Da mag beispielsweise der Vorsitzende der
Stahlarbeitergewerkschaft, David J. McDonald, ein langjaehriger Gegenspieler Walther Reuthers innerhalb des CIO, eines Tages auf den Gedanken
kommen, dass es jetzt nicht mehr noetig sei, aus seinem Herzen eine
Moerdergrube zu machen. Andererseits, und das kann sich sehr positiv auswirken, wird McDonald in allen Dingen Reuther zu uebertreffen suchen.
Das mag dazu fuehren, dass sie sich gegenseitig in ihrer Hilfe fuer den
Feldzug zur Mitgliederwerbung unter der bisher nicht organisierten Arbeiterschaft auszustechen suchen, sei es durch Bereitstellung von groesseren
Geldbetraegen oder mehr Arbeitskraeften. Gegenseitiger Wettstreit ist
oftmals die Triebfeder einer raschen Entwicklung. Solch edler Wettstreit
hat aber wohl noch einige Monate Weile. McDonald wird in Kuerze einen
neuen Kollektivvertrag mit der Stahlindustrie auszuhandeln haben, dann
muss er auf dem naethsten Kongress seiner eigenen Gewerkschaften praesentieren, in der sich eine entschlossene Opposition zu regen beginnt.
Der Vorsitzende der allamerikanischen Transportleutegewerkschaft,
Dave Beck, wird sicherlich mit Nachdruck auf die Tatsache verweisen, dass

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�keine Organisation, die mit 1,25 Millionen Mitgliedern die groesste Gewerkschaft innerhalb der ehemaligen AFL war, etwa 10$ der Mitgliederumlage des neuen Verbandes aufbringt. Nun ist aber inzwischen der Teich
groesser geworden, und so ist Beck heute eben laengst kein so grosser
Frosch mehr wie in den Zeiten der alten AFL. Zwei weitere Gross-Gewerkschaften mit mehr als einer Million Mitgliedern - die Vereinigte Gewerkschaft der Arbeiter in der Automobil-, Flugzeug- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie und die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft - werden
es Beck innerhalb der neuen AFL-CIO einigermassen schwierig machen, mit
seinem Gewicht jeden Widerstand zu brechen. Sie haben selbst einiges Gewicht aufzuweisen.
Hinzu kommt noch, dass Beck innerhalb seiner eigenen Gewerkschaften
mit mancherlei Schwierigkeiten zu kaempfen hat. Sie haengen zum Teil mit
der Person des Vizevorsitzenden James R. (Jimmy) Boffa zusammen. Beck
ist bemueht, sich das Vertrauen des Vorsitzenden der AFL-CIO, Meany, zu
erhalten, um so die Versuche Hoffas, seine ohnehin erschuetterte Position weiter zu schwaechen, leichter abwehren zu koennen. Beck muss sich
im Dezember 1956 seiner Gewerkschaft zur Wiederwahl stellen. Er wird
voraussichtlich auch wiedergewaehlt, aber Hoffa laesst ihn doch nie zur
Ruhe kommen.
In Becks Haltung spiegelt sich die Besorgnis der fuehrenden Maenner
in der Tranaportleutegewerkschaft ueber den Zusammenschluss von AFL und
CIO wider. Man fuerchtet, dass der Organisations- und Taetigkeitsbereich
eingeengt werden koennte. Die Transportleute-Gewerkschaft hat sich bisher konsequent nach einer Richtung entwickelt und verzeichnet in ihrer
ganzen Geschichte keinen Rueckgang ihrer Mitgliederzahl. Unmittelbar vor
dem Kongress der vereinigten AFL-CIO hatte sie ein gegenseitiges Hilfsabkommen mit zwei Gewerkschaften getroffen, die aus ihren frueheren Dachorganisationen ausgeschlossen worden warent mit der allamerikanischen Gewerkschaft der Hafenarbeiter, die von der AFL wegen der Duldung verbrecherischer Elemente in ihren Reihen ausgeschlossen worden war, und mit
der GGwerkschaft der Gruben- und Huettenarbeiter, die der CIO als kommunistisch beherrschte Organisation ausgeschlossen hatte. Die beiden Abmachungen loesten einen Sturm der Entruestung unter den anderen Gewerkschaften aus.
Ein weiteres noch schwelendes Problem, vor das sich die neue Organisation gestellt sieht, ist die Bekaempfung von Erpressertum und
Korruption. Die Statuten der AFL-CIO enthalten Vorschriften ueber ein
Verfahren, nach dem derartige Vorkommnisse untersucht werden sollen:
die Einbringung von Klagen, die Durchfuehrung des Verfahrens und die
Ergreifung von Massnahmen zur Abstellung erwiesener Misstaende. Ueber
die Bedeutung gerade dieser Frage sind sich Meany und Reuther voellig
einig. Im Jahre 1953 schloss die AFL unter Meany die vorstehend genannte
allamerikanische Hafenarbeitergewerkschaft aus. Im CIO spielte unter
Reuthers Fuehrung ein Ausschuss fuer moralisches Handeln eine bedeutende
Rolle als warnendes Organ bei irgendwelchen Uebertretungen. Die neue
Organisation hat ein aehnliches Gremium eingerichtet, das "ueber entsprechende Organe im Innern und Machtbefugnisse verfuegt, die es in die
Lage versetzen, die Durchfuehrung seiner Anweisungen zu erzwingen, um so
die Dachorganisation von jedem Makel der Korruption freizuhalten." An
der Spitze dieses Gremiums steht der als sehr tatkraeftig bekannte Vorsitzende der allamerikanischen Maschinistengewerkschaft, Albert J. Hayes.
Es ist sicherlich mit einer grossangelegten Aktion innerhalb der
AFL-CIO zu rechnen, die dem Zweck dienen soll, "die Arbeiterbewegung sauber zu halten". Fuehrende Gewerkschafter weisen darauf hin, dass dies
keine leichte Aufgabe sein wird, und dass das Zustandekommen eines einheitlichen Gewerkschaftsverbandes allein nicht die Gewaehr fuer einen
automatischen Prozess der Selbstreinigung bieten kann. Wer wuesste dies
besser als David Dubinsky, der Vorsitzende der allamerkanischen Gewerkschaft

- 6-

�I

der Damenoberbekleidungaarbeiter. Er hat Jahre hindurch einen hartnaeckigen Kampf gegen verbrecherische Elemente innerhalb der Gewerkschaften gefuehrt. Wie Reuther erblickt er im Kampf gegen das Verbrechertum "einen
Grund fuer staendige Wachsamkeit".
Der Druck von aussen wird den Bemuehungen der neuen Gewerkschaft,
jede Korruption in ihren eigenen Reihen zu unterbinden, zusaetzlichen
Auftrieb verschaffen. Gegenwaertig laeuft bereits in allen Teilen des
Landes eine Ueberpruefung von Stiftungen zur Foerderung der Volksgesundheit und anderer Wohlfahrtseinrichtungen durch Mitglieder des Senats.
Ein Onterausschuss des Senatsausschusses fuer Arbeit und soziale Fragen
mit dem Demokratischen Senator Paul Douglas an der Spitze hat es unternommen, den gesamten Fragenkomplex der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern zu untersuchen. Douglas hat um Mitarbeit der fuehrenden Maenner
der Gewerkschaft gebeten und von ihnen die entsprechenden Zusicherungen
erhalten. Die Gewerkschafter sind ueberzeugt, dass sich bestenfalls eine
ganz kleine Zahl von Leuten aus ihren eigenen Reihen der in Rede stehenden Vergehen schuldig gemacht haben; sie wissen aber auch, dass die Gegner
der Gewerkschaften nur allzugern bereit sind, auf Grund solcher Vorkommnisse den Vorwurf der Korruption gegen alle Gewerkschaften zu erheben.
All dies scheint darauf hinzudeuten, dass der Zusammenschluss von
AFL-CIO das Interesse der Gewerkschaftsbewegung an den nationalen Fragen
sowohl auf wirtschaftlichem als auch auf politischem Gebiet nur verstaerken wird. Umgekehrt sind heute die Augen des ganzen Volkes wie noch
nie zuvor auf die Gewerkschaftsbewegung konzentriert, bereit, sich ein
Urteil ueber ihre neue Gestalt zu bilden.
Nach allem, was in den wenigen Wochen, die seit dem Gruendungskongress der neuen AFL-CIO vergangen sind, von den Gewerkschaften und ueber
die Gewerkschaften verlautete, wird sich am Charakter und an der Struktur
der organisierten Arbeiterbewegung kein rascher Wandel vollziehen. In der
Fuehrung wird wohl Einigkeit, nicht aber Konformitaet gegeben sein. Unter
den Gewerkschaftsmitgliedern selbst wird ein Gefuehl fuer die Gemeinsamkeit
der Zielsetzung vorhanden sein, waehrend man sich in der Frage, wie diese
Zielsetzung zu verwirklichen sei, sicherlich nur schwer einig werden duerfte. Mit kurzen Worten, weder der Glueckstraum noch der Alptraum, den manche Kreise von einer voellig einheitlichen Gewerkschaftsbewegung hegen, die
von einigen wenigen Maennern von einem einzigen zentralen Stellwerk aus
gelenkt wird, entspricht einfach nicht den Tatsachen, soweit es sich um
die Gewerkschaftsfuehrer handelt.
Der Zusammenschluss spiegelt jedoch eine weitere Zunahme des Einflusses der Gewerkschaften auf das politische und wirtschaftliche Leben
des Landes wider. Die Fuehrer der Gewerkschaften haben auf dem Kongress,
der den Zusammenschluss besiegelte, zum Ausdruck gebracht, dass sie die
unmittelbare Verantwortung fuer die Lenkung einer der wichtigsten Institutionen Amerikas, deren Taetigkeit sich auf kommunaler Ebene abspielt,
uebernehmen muessen. Ein Gewerkschaftsamt bringt somit wie jedes oeffentliche Amt unweigerlich eine Verpflichtung dem ganzen Volke gegenueber mit
sich.
Quelle:

Aus "Collier's"

Die Lohnlawine in den USA seit 1940
Vor 16 Jahren verdiente der amerikanische Fabrikarbeiter im Durchschnitt 66 Cent pro Stunde. Bergarbeiter erhielten 88 und Textilarbeiter
49 Cent. Heute dagegen betraegt der Durchschnittsstundenlohn fuer
Fabrikarbeiter 1,93 Dollar; Bergarbeiter verdienen 2,68 und Textilarbeiter

7
k

�1,42 Dollar. Die Einkuenfte sind heute also wesentlich hoeher als in der
"guten alten Zeit".
Auch in diesem Jahr werden die amerikanischen Arbeiter genau wie
in jedem anderem Nachkriegsjahr mit einer neuen Lohnerhoehungsrunde
rechnen koennen.
Die Stahlarbeiter, die gegenwaertig im Durchschnitt 2,47 Dollar pro
Stunde verdienen, sind eben dabei, neue Lohnforderungen aufzustellen, die
sie in den kommenden Wochen der Stahlindustrie praesentieren werden, und
in verschiedenen Industriezweigen sind den Arbeitern bereits ab 1. Januar dieses Jahres Lohnerhoehungen zugestanden worden. Sobald die alten
Vertraege abgelaufen sind, wird eine neue Lohnwelle einsetzen.
Hoehere und immer hoehere Lohnaaetze sind in den letzten Jahren zu
einer gewohnten Erscheinung in der amerikanischen Wirtschaft geworden;
und wenn man sich einmal die Lohnstruktur frueherer Jahre anschaut, so
ergeben sich einige wirklich erstaunliche Tatsachen.
Im Jahre 1940, also vor genau 16 Jahren, betrug zum Beispiel der
Durchschnittslohn eines Fabrikarbeiters 66 Cent pro Stunde; heute dagegen ist er nahezu dreimal so hoch, naemlich 1,95 Dollar.
Ein Stahlarbeiter, der augenblicklich 2,47 Dollar pro Stunde verdient, erhielt 1940 84 Cent in der Stunde, also rund ein Drittel seines
heutigen Lohnes. Aber die Stahlarbeiterloehne gehoerten schon seinerzeit
zu den Spitzenloehnen, denn im Vergleich dazu bekam beispielsweise ein
Waeschereiarbeiter damals im Durchschnitt 45 Cent pro Stunde, im Vergleich
zu den 1,02 Dollar, die er heute verdient.
Wie erheblich sich die Loehne in den einzelnen Wirtschaftszweigen
seit 1940 erhoehten, zeigt die folgende Uebersicht»
Loehne

damals
Durchschnittl.
Stundenlohn
1940

und

heute
Durchschnittl
Stundenlohn
heute

Bergarbeiter

88 Cent

2,68 Dollar

Stahlarbeiter

84 Cent

2,47 Dollar

Automobilarbeiter

Cent

2,33 Dollar

Cent

2,28 Dollar

Eisenbahnarbeiter

94
75
75

Cent

1,98 Dollar

Elektroarbeiter

72 Cent

1,95 Dollar

Einzelhandelsangestellte

55
49
45

Cent

1,49 Dollar

Cent

1,42 Dollar

Cent

1,02 Dollar

Bergarbeiter (Erz)

Textilarbeiter
Waeschereiarbeiter

Es gibt aber noch viele andere Beispiele, die in dieser Tabelle nicht
aufgezeigt wurden. Technische landwirtschaftliche Hilfskraefte zum Beispiel
erhielten im Jahre 1940 75 Cent pro Stunde, heute dagegen 2,05 Dollar;
Werftarbeiter, die 1940 einen Stundenlohn in Hoehe von 87 Cent bekamen,
verdienen heute 2,17 Dollar.
Der Stundenlohn fuer Arbeiter der Holzindustrie, der damals 51 Cent
betrug, erhoehte sich inzwischen auf 1,66 Dollar; Arbeiter in Moebeifabriken verzeichneten in der Zeit von 1941 bis heute eine Lohnerhoehung
- 8 -

�von 55 Cent auf 1,64 Dollar.
In der Glasindustrie erhielten die Arbeiter vor 16 Jahren durchschnittlich etwa 75 Cent pro Stunde, heute verdienen sie 1,92 Dollar.
Die Strumpfarbeiter verbesserten sich waehrend dieses Zeitraums von
55 Cent auf 1,50 Dollar pro Stunde, waehrend die Loehne in der Herrenbekleidungsindustrie von 59 Cent auf 1,65 Dollar stiegen.
Wenn diese Lohnerhoehungen in bezug zu den veraenderten Lebenshaltungskosten gebracht werden, sojergibt sich, dass der Durchschnittsarbeiter in diesen 16 Jahren seinen Lebensstandard erheblich verbessern konnte.
Denn obgleich auch die Lebenshaltungskosten waehrend dieses Zeitraums nahezu stetig angestiegen sind, so zogen sie doch weniger stark
an als die Lohnerhoehungen. Der offizielle Index zur Messung der Lebenshaltungskosten zeigt, dass die Lebenshaltungskosten heute knapp doppelt
so hoch liegen wie 1940.
Allerdings ist in diesem Zusammenhang noch zu beruecksichtigen, dass
die Fabrikarbeiter heute jedoch oftmals Einkommensteuer zu zahlen haben,
was im Jahre 1940 nicht der Fall war, so dass die Lohnerhoehungen hierdurch
noch um einiges vermindert werden.
Wenn man aber die Steuerabzuege zusammen mit den veraenderten Lebenshaltungskosten den Lohngewinnen gegenüberstellt, so ergibt sich, dass
der Durchschnittsarbeiter heute noch immer ueber eine Kaufkraft verfuegt,
die eineinhalbmal so gross ist wie vor 16 Jahren.
Mit anderen Worten: mit seinem jetzigen Wochenlohn kann der Arbeiter
im Durchschnitt eineinhalbmal so viel kaufen wie 1940. Er verfuegt heute
zwar ueber nahezu dreimal so viel Bargeld, aber seine Kaufkraft ist nicht
im gleichen Verhaeltnis gestiegen.
Die Aufwaertsspirale der Loehne ist seit 1940 kaum zum Stillstand
gekommen, lediglich das Tempo war gewissen Schwankungen unterworfen.
Ein Blick auf den Trend der Fabrikarbeiterloehne zeigt, was waehrend
dieses Zeitraums geschehen ist, der zwei Kriege und zwei Versuche einer
"Lohnstabilisierung" umfasst.
Im Jahre 1940 erhielt der amerikanische Fabrikarbeiter im Durchschnitt
5 Cent mehr als im Jahre 1939- In darauffolgenden Jahr, als das Verteidigungsprogramm allmaehlich auf volle Touren kam, trat eine Lohnerhoehung
um 7 Cent pro Stunde ein.
Im Jahre 1942 stieg dann der Arbeitslohn um 12 Cent pro Stunde, wodurch die Regierung, die eine Inflation befuerchtete, alarmiert wurde,
und schon Ende 1942 wurden die Loehne, Gehaeiter und Preise einer staatlichen Kontrolle unterworfen. Das "War Labor Board" wurde dabei ermaechtigt, Lohnerhoehungen ganz in seinem Ermessen stattzugeben oder zu verbieten.
Trotz dieser Kontrollen stieg der Durchschnittslohn des amerikanischen
Fabrikarbeiters in der Zeit von 1942 bis 1943 um 11 Cent an, was die Regierung veranlasste, noch schaerfere Massnahmen einzufuehren. Im Jahre
1944 belief sich die allgemeine Lohnerhoehung auf 6 Cent pro Stunde. Zwischen 1944 und 1945 war im allgemeinen keine Lohnerhoehung zu verzeichnen,
und zwar hauptsaechlich auf Grund der kuerzeren Arbeitswoche, die nach
Kriegsende eingefuehrt wurde.
Bei einigen der waehrend des Krieges gewaehrten Lohnerhoehungen
spiegeln sich vorgenommene Hoehereinstufungen von Arbeitsplaetzen wider.
Auch die Ableistung von Ueberstunden, die mit eineinhalbfacher Bezahlung

- 9-

�yerguetet wird, trug zur Erhoehung der Durchschnittseinkuenfte bei.
Nach dem zweiten Weltkrieg traten dann die Gewerkschaften wieder
aktiver auf den Plan und erreichten 1946 mittels grosser Streiks in vielen
Sohluesselindustrien Lohnerhoehungen von etwa 18 Cent pro Stunde.
Einige dieser Lohnerhoehungen wurden aber durch Einschraenkung der
Ueberstundenarbeit waehrend der Nachkriegszeit wieder ausgeglichen.
Von 1945 his 1946 erhielt der Fabrikarbeiter im Durchschnitt eineLohnerhoehung von 6 Cent pro Stunde, im Jahre 1947 waren es sogar 15 und
1948 11 Cent pro Stunde.
Im Jahre 1949 gaben sich einige Gewerkschaften ohne die Bewilligung
von Lohnerhoehungen zufrieden, obgleich sie die Annahme von Pensionsplaenen durchsetzten, durch die sich die Arbeitskosten fuer die Unternehmer erhoehten. Der Durchschnittsarbeiter erhielt in diesem Jahr eine
Lohnerhoehung von 5 Cent.
Fuer das Jahr 1950 ist eine Erhoehung des Fabrikarbeiterlohns um
6 Cent zu verzeichnen. Mit Ausbruch der Feindseligkeiten in Korea verlief
die Lohnbewegung dann aber steil nach oben. Und noch einmal bemuehte
sich die Regierung, Loehne und Preise unter Kontrolle zu bekommen.
Der Durchschnittslohn eines Fabrikarbeiters stieg im Jahre 1951
um 12,5 Cent, 1952 betrug die Erhoehung 8 Cent und 1953 10 Cent.
Die Rezession des Jahres 1954 wirkte allgemein hemmend auf die Forderungen der Gewerkschaften, so dass die Loehne nur um 4 Cent pro Stunde anstiegen. Im Jahre 1955 betrug die allgemeine Lohnerhoehung etwa
7 Cent.
Auch die dem Arbeiter zugestandenen zusaetzlichen Soaizlleistungen
haben sich seit dem Jahre 1940 betraechtlich erhoeht. Im Durchschnitt
erhaelt der Fabrikarbeiter heute etwa 30 bis 35 Cent an zusaetzlichen
Sozialleistungen pro Stunde.
Diese zusaetzlichen Sozialleistungen wurden zwar schon vor dem zweiten Weltkrieg dem Lohn hinzugefuegt, aber erst durch die Lohnkontrollen
waehrend der Kriegszeit traten diese "Extraleistungen" mehr und mehr in
den Vordergrund, zumal die Gewerkschaften in den Zeiten des Lohnstopps
hierin die einzige Moeglichkeit zur Verbesserung der sozialen Lage ihrer
Mitglieder sahen.
Der bezahlte Urlaub war eine der ersten zusaetzlichen Sozialleistungen. Im Laufe der Zeit wurde eine immer groessere Zahl von Feiertagen
verguetet und spaeter noch Lebens- und Krankenversicherungen sowie soniige Sozialleistungen in die Tarifvertraege mit aufgenommen. Anfaenglich
mussten die Arbeiter noch die Haelfte der Kosten tragen, inzwischen aber
hat sich immer mehr die Praxis herausgebildet, dass der Unternehmer fuer
die gesamten Kosten aufkommt.
Im Jahre 1949 wurde dann die Altersversorgung aktuell. Die Automobil- und die Stahlindustrie sowie andere Industriezweige gaben seinerzeit dem Druck der Gewerkschaften nach und erklaerten sich bereit, die
Leistungen der staatlichen Altersversorgung durch zusaetzliche private
Versicherungen zu ergaenzen.
Der "garantierte Jahreslohn" ist das juengste Kind der Gewerkschaften
auf diesem Gebiet. Die Automobilarbeitergewerkschaft machte hier im vergangenen Jahr den Anfang, indem sie vom Unternehmer finanzierte Arbeitslosenunterstuetzungsleistungen in ihren Tarifvertraegen durchsetzen konnte.
Und so wird es weiter gehen. Neue Vorschlaege bezueglioh zusaetzlicher
- 10 -

�Sozialleistungen gehen Hand in Hand mit Forderungen nach weiteren Lohnerhoehungen und die Lohnspirale waechst.

*

(Nachdruck nur dann gestattet, wenn Copyright-Freigabe vom
Amerika Dienst erteilt wird!)
Aus: "U.S. News &amp; World Report", ein
in Washington woechentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin. Copyright 1956
United States News Publishing Corporation.

Marion Wilhelmt
Mexikanische Gewerkschaften in der antikommunistischen Front
Quellenangabe erforderlich!
Waehrend die Kommunisten in Guatemala unter der Regierung Arbenz
die Gewerkschaftsfuehrung an sich reissen konnten und auch in Chile und
Brasilien staendig Unruhen inszenieren, haben die mexikanischen Gewerkschaften in aller Ruhe die Fuehrung im Kampf gegen die kommunistische
Infiltration uebernommen.
Das wichtigste Instrument in diesem Kampf ist der starke Block der
Gewerkschaftseinheit" - der Bloque de Unidad Obrera -, der 93$ der organisierten Arbeiterschaft vertritt. Die Fuehrer dieser Gewerkschaftsunion sind alle entschiedene Gegner des Kommunismus, ein Beweis dafuer,
wie weit die mexikanischen Gewerkschaften sich heute von der einst rein
marxistisch beherrschten Organisation unter Vicente Lombardo Toledano
entfernt haben.
Lombardo ist auch heute noch das Sprachrohr Moskaus; die Arbeiter
Mexikos aber vertritt er nicht mehr. Sprecher der arbeitenden Bevoelkerung Mexikos ist heute Fidel Velasquez, der Mann, der die Gewerkschaftsbewegung zu einer starken Einheitsfront gegen den Kommunismus zusammenschweisste.
Der Bloque de Unidad Obrera wurde unter der Regierung Ruiz Cortines
als schlagkraeftige einheitliche Organisation der mexikanischen Arbeiterschaft innerhalb einer demokratischen Gesellschaft gebildet. Seine
Hauptstuetze ist der "Verband der Arbeiter Mexikos" mit Fidel Velasquez
an der Spitze. Dieser groesste mexikanische Gewerkschaftsverband zaehlt
1,5 Millionen Mitglieder. In ihm sind etwa 20 Gewerkschaften der Textilindustrie, des Transportgewerbes, der Handelsmarine, des Bauwesens, der
Fleischkonservenindustrie, des Hotel- und Gaststaettengewerbes, der Oelindustrie, der Zuckerindustrie und der staatlichen Elektrizitaetswerke
zusammengeschlossen.
Ausserdem gehoeren dem Block noch der "Bezirksverband der Mexikanischen Arbeiter", in dem vor allem Textilarbeiter organisiert sind, der
"Allgemeine Arbeiterverband" und drei grosse unabhaengige Gewerkschaften
der Eisenbahner, der Bergleute und Metallarbeiter und der Telephonbediensteten an.
Auf Anregung der Eisenbahnergewerkschaft, die seihst 21 ihrer Mitglieder wegen kommunistischer Agitation aus ihren Reihen ausgeschlossen
hatte, wurde innerhalb des Blocks ein Unterausschuss zur Bekaempfung des
Kommunismus gebildet- Die Eisenbahnarbeiter, bei denen frueher das
kommunistische Element vorherrschte, sind jetzt in einem starken Landesgewerkschaftsverband zusammengeschlossen.

11 -

�Auch die Bergarbeiter, bis 1949 eine stark kommunistisch beeinflusste
Gewerkschaft, haben sich von der kommunistischen Vorherrschaft befreit,
wenn die Kommunisten auch nach wie vor ihre Agitation innerhalb der Gewerkschaft fortsetzen.
Die Mehrheit der gewerkschaftlich organisierten Landarbeiter gehoert
dem "Nationalverband der Farmarbeiter" an, der ebenfalls dem Einheitsblock
angeschlossen ist; die uebrigen sind Mitglieder des "Verbandes der Arbeiter
Mexikos". Eine unbedeutende Gruppe, der "Allgemeine Verband der Landarbeiter", steht angeblich unter der Fuehrung Vicente Lombardos. Lombardo, ehemals Vorsitzender des "Verbandes der Arbeiter Mexikos", hat seit seinem
Ausschluss aus dieser Gewerkschaft vor 15 Jahren jeglichen Einfluss auf
die mexikanische Gewerkschaftsbewegung verloren, wenn man von zwei oder
drei unbedeutenden Gewerkschaftsgruppen absieht. Der von ihm gefuehrte'Verband der Arbeiter Lateinamerikas", ein Instrument der sowjetischen Politik,
verlor seine letzte starke Stuetze, den "Allgemeinen Arbeiterverband von
Guatemala", bei der antikommunistischen Revolution in Guatemala.
Der Kampf der Arbeiterschaft Mexikos geht heute um die endgueltige
Verwirklichung der Verfassung von 1917, deren Versprechungen zum Teil noch
nicht erfuellt wurden, unter anderem der Artikel ueber die Gewinnbeteiligung. Streikrecht und Arbeitsgerichte hingegen sind inzwischen feste Institutionen in Mexiko. Auch hinsichtlich der Loehne haben die mexikanischen
Arbeiter in den letzten Jahren staendige, wenn auch langsame Fortschritte
erzielt. Dies ist um so bemerkenswerter, als von den insgesamt 6 Millionen
Arbeitnehmern in Mexiko erst etwa ein Drittel gewerkschaftlich organisiert
ist.
Aus» "Christian Science Monitor"
- Quellenangabe erforderlich -

- 12 20 Api 5o

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem. Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen'' ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
IX -

10

Mehlem, den 1 1 . Mai

1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Der Aufschwung des Genossenschaftswesens
in den Vereinigten Staaten
Die amerikanische Bundes-Arbeitsaufsichtsbehoerde
(National Labor Relations Board)
18 000 Schlafwagenschaffner - eine fortschrittliche
Negergewerkschaft
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter
i

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Seite 11

Jerry Voorhis:
Der Aufschwung des Genossenschaftswesens in den Vereinigten Staaten
Aus "The American Federationist"
- Quellenangabe erforderlich 'Im Zeitalter konzentrierter politischer und wirtschaftlicher
Macht besteht die Gefahr, daß der einfache Mann sein Mitspracherecht
an Entscheidungen, die sein Leben betreffen, einbüßt. Geht dieses
Recht verloren, so ist es um Demokratie und Freiheit geschehen. Es
gibt ein Mittel, dieses Recht zu wahren, ein ganz altes Mittel,
dessen sich einfache Menschen zu allen Zeiten bedient haben. Bei
weiser, mutiger und entschlossener Anwendung bewährt es sich stets,
so auch augenblicklich in den Vereinigten Staaten.
Dieses Mittel ist der Zusammenschluß von Menschen nach der
Maxime "Eigene Probleme lassen sich nur dann lösen, wenn auch die
Probleme anderer gelöst werden."
Die Gewerkschaftsbewegung gründet sich auf dieses Prinzip. Es
ist dies die Art, wie rechtlich denkende Bürger Ruhe und Ordnung
innerhalb der Gemeinschaft aufrechterhalten. Es ist der Grund, weshalb sich Menschen aus vielen Bevölkerungsschichten zusammentun
und ihre Ersparnisse in Unternehmen investieren, die sie selbst
organisieren, besitzen, leiten und auf gemeinnütziger Basis betreiben« Die Genossenschaften.
Die Genossenschaften unterscheiden sich von anderen .Virtschaftsbetrieben in mancher Hinsicht.
Erstens« Jeder, der beim Aufbau des Unternehmens mithelfen will,
kann Eigentümer, Aktionär oder Mitglied werden. (Kommunisten ist

�jedoch der Beitritt nicht gestattet, weil die amerikanischen
Genossenschaften auf dem Standpunkt stehen, daß solchen Menschen nicht am Gedeihen solcher Unternehmen gelegen sein kann.)
Zweitens« Genossenschaften schütten nur beschränkte Gewinne
auf die Einlage aus, da sie nach dem Grundsatz verfahren, daß das
Geld für den Menschen, und nicht der Mensch für das Geld zu arbeiten hat.
Drittens: Die Mitglieder bestimmen in der Mitgliederversa-rmlung die Geschicke des Unternehmens. Jedes Mitglied ist
stimmberechtigt und hat nur eine Stimme, ganz gleich wieviel
Anteile es besitzt. Es ist wiederum der Mensch, der zählt, und
nicht das Geld.
Viertens: Im Gegensatz zu den normalen Wirtschaf tsuntemehmen werden die von den Genossenschaften erzielten Gewinne (abzüglich gewisser Rücklagen) den Kunden ausbezahlt, und zwar im
Verhältnis zu ihrer Beteiligung.
Außer den üblichen Steuern zahlen die Genossenschaften auch
noch für ihre Kapitalrücklagen und alles Geld, das sie nicht an
ihre Kunden zurückzahlen, Körperschaftssteuern.
Ziel genossenschaftlicher Betriebe ist es, einen bestimmten
Bedarf einer bestimmten Personengruppe zu decken. Heute finden
sich genossenschaftliche Betriebe in fast allen Wirtschaftszweigen und Lebensbereichen: Kinder kommen in Genossenschaftskrankenhäusern zur '.Veit, und Tote werden durch genossenschaftliche
Beerdigungsinstitute bestattet; die Farmer beziehen ihren Strom
von Elektrizitätsgenossenschaften.und zahlreiche Familien in
der Stadt sind zu Eigenheimbesitzern geworden, weil sie sich
einer Wohnungsbaugenossenschaft angeschlossen haben.
Agrargenossenschaften liefern Düngemittel bester Qualität,
und genossenschaftliche Ölraffinerien und Tankstellen machen
den großen Mineralölgesellschaften Konkurrenz. Einige der modernsten "Supermarkets" der USA - Großwarenhäuser mit Selbstbedienung - sind in der Hand von Genossenschaften. Der beste
Weg, um Geld zu sparen und zu borgen, ist die Beteiligung an
einer Kreditgenossenschaft.
Die meisten Genossenschaften verdanken ihre Existenz der
Entschlossenheit und dem Mut einiger tatkräftiger Menschen, die
bereit sind, um eines gemeinsamen Zieles willen auch einmal
ein beträchtliches Risiko auf sich zu nehmen. Betrachten wir
uns einige dieser Genossenschaften einmal näher.
Im Jahre 1935 waren nur 11$ der amerikanischen Farmbetriebe
an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. Alle Bemühungen um eine
Elektrifizierung der Landbezirke schienen zum Scheitern verurteilt: die Elektrizitätsgesellschaften waren aus Rentabilitätsgründen desinteressiert. Sie behaupteten, die Farmer könnten
die Kosten hierfür nicht tragen. Als der Kongreß im Jahre 1935
den"Rural Electrification Act" annahm, rechneten die Befürworter
dieses Gesetzes damit, daß der größte Teil der hierdurch verfügbar gemachten Kredite an kommerzielle Unternehmen vergeben

- 2 -

�würde. Statt dessen stammten nahezu sämtliche Kreditanträge von
landwirtschaftlichen Slektrizitätsgenossenschaften, die sogleich
in allen Teilen des Landes gebildet wurden.
Die Genossenschaftsmitglieder bemühten sich nicht um Almosen der Regierung. Die Farmer erkannten einzig und allein, daß
sie elektrischen Strom für ihre Farmen haben mußten und nahmen
hohe Darlehen auf, um dieses Ziel zu erreichen. Sie haben das
geliehene Geld längst zurückgezahlt, meist vor dem Fälligkeitstermin. Die Regierung hat mit dem Programm zur Elektrifizierung
landwirtschaftlicher Gebiete sogar ein gutes Geschäft gemacht.
Über 90$ der amerikanischen Farmen haben heute elektrischen Strom,
nicht zuletzt dank der Genossenschaften, die den weitaus größten
Anteil an der Verwirklichung des Elektrifizierungsvorhabens bestritten haben. Heute gibt es 1000 landwirtschaftliche Elektrizitätagenossenschaften, die 4 500 000 Mitglieder mit Strom versorgen. Sie haben einen Umsatz von insgesamt 365 Millionen
Dollar - also 1 Million pro Tag.
Jahrelang zahlten die Farmer enorme Preise für Düngemittel.
Der Dünger, den sie kauften, war noch dazu mit unbrauchbaren Stoffen vermengt, die für den entsprechenden Boden gar nicht benötigt
wurden und nur das Gewicht erhöhten und die Transportkosten verteuerten. Dabei konnte die Düngeraittelindustrie noch nicht einmal die Nachfrage decken. Hochwertige Düngemittel gab es so gut
wie überhaupt nicht. So entschlossen sich die Farmer in den
Staaten Ohio und Indiana/ selbst Dünger herzustellen. Sie gründeten deshalb durch Einzahlung kleinerer Beträge Düngemittelgenossenschaften und betätigten sich selbst als Geschäftsleute.
Von Anfang an brachten sie außen an den Säcken eine genaue
Analyse des Düngers an, es hatte ja keinen Zweck, sich selbst
zu betrügen. Man produzierte so viel guten, hochwertigen Dünger
wie nur möglich, um die Knappheit zu beseitigen.
Inzwischen entwickelte sich daraus eine große vielfältige
Industrie» die Kunstdüngergenossenschaften haben in vielen Einzelstaaten einen Marktanteil von 15 bis 25 Prozent. Heute ist es
allgemein üblich, hochwertigen Dünger mit einer genauen Angabe der
chemischen Zusammensetzung zu liefern. Dies ist den Genossenschaften zu danken. Übrigens sind auch die Preise für Kunstdünger erheblich langsamer gestiegen als die anderer landwirtschaftlicher
Bedarfsgüter, und dies, obwohl der Düngemittelverbrauch heute
dreimal so hoch ist als vor zehn Jahren.
Das gleiche gilt für Mineralöl. Auch hier begann man mit der
Bildung kleiner Genossenschaften, die sich im Laufe weniger Jahre
zu großen Unternehmen entwickelt haben. Sie besitzen heute eigene
Ölquellen, Raffinerien, Ölleitungen und Tankstellen und versorgen
2,5 Millionen Mitglieder - meist Farmer - mit Mineralölprodukten.
So haben sich die Farmer ihre eigenen Genossenschaften aufgebaut,
die heute aus den ländlichen Gebieten der USA nicht mehr wegzudenken sind und ihre Mitglieder mit Kunstdünger, Lebensmitteln,
Saatgut, Kohle, Eisenwaren, Mineralölerzeugnissen und Haushaltawaren versorgen. Insgesamt bestehen rund J&gt;000 solcher Genossenschaften, und jede zweite Familie in den Farmgebieten der Vereinigten Staaten hat Anteilscheine einer oder mehrerer von ihnen.
In vielen Fällen werden sie auf rein örtlicher Basis betrieben.
Früher waren Kreditmittel für den einzelnen praktisch nur
um ffucherzinsen zu haben. Schon um das Jahr 1900 herum begann

- 3-

�man deshalb in den Vereinigten Staaten Kreditgenossenschaften
zu bilden. Der Grundgedanke ist ganz einfach. Menschen, die
etwa der gleichen Gewerkschaft angehören oder im selben Betrieb arbeiten, haben auf Jeden Fall zwei wirtschaftliche
Interessen gerneinsamt Erstens Sparrücklagen zu schaffen und
zweitens gegebenenfalls Kredit aufzunehmen. Wenn man nun ein«
große Zahl von Menschen dazu bringen kann, auch nur fünf Dollar
an eine gemeinsame Kasse einzuzahlen, dann entsteht damit «in
großes Kapital, aus dem man die gewünschten Kreditmittel entnehmen kann. Die Zinsen für eventuelle Kredite zahlt man somit
im Grunde an sich selbst.
Die Praxis gab diesen Überlegungen recht. Und so haben
neun Millionen Mitglieder von Kreditgenossenschaften Anteil«
im Gesamtwert von drei Milliarden Dollar erworben.
Wenn auch die Medizin in den letzten Jahrzehnten gewaltige
Fortschritte gemacht hat, so ist auch heute noch eine Arztrechnung für Familien mit durchschnittlichem Einkommen geradezu ein
Alptraum. Nur wenige Menschen können es sich leisten, alle jene
Mittel in Anspruch zu nehmen, die die moderne Medizin für ihre
Heilung zur Verfügung hat. Um hier Abhilfe zu schaffen, entstanden genossenschaftliche Krankenkassen, in denen sich eine
Gruppe von Menschen zur Zahlung monatlicher Beiträge verpflichtet, dafür aber das Geschäftsgebaren bestimmt. Aus den Beiträgen werden zum Teil Ärzte und Krankenpflegepersonal stundenweise
oder ganztägig fest engagiert. Im Laufe der Zeit haben sich ganz
verschiedene Formen der genossenschaftlichen Krankenversicherungen herausgebildet.
Zahlreiche Gewerkschaften haben ihre eigenen Krankendersicherungs- und Wohlfahrtskassen gegründet. Ein Teil der Gewerkschaften unterhält seit Jahren bereits ärztliche Betreuungsstellen für seine Mitglieder. Auch hier ist die Entwicklung
noch in vollem Gange. Das Ziel dieser Bemühungen ist es, sicherzustellen, daß alle Gewerkschaftsmitglieder eine möglichst umfassende ärztliche Betreuung mit dem Schwergewicht auf prophylaktische Fürsorge erhält. Dies läßt sich am besten durch
die ständige Gesundheitskontrolle erreichen. Bei derartigen
genossenschaftlichen Versicherungen bestehen die Versicherungsleistungen in der unmittelbaren ärztlichen Betreuung und nicht
in der Erstattung beziehungsweise teilweisen Erstattung von
Arztrechnungen*
Besondere Schwierigkeiten bereitete die Einführung des
genossenschaftlichen Wohnungsbaues, da hierzu gewaltige Geldmittel notwendig sind, ganz zu schweigen davon, daß gerade auf
diesem Gebiet nur wirkliche Fachleute erfolgreiche Arbeit leisten können. Die Entwicklung wurde allerdings dadurch begünstigt, daß sich größere Organisationen, die Gewerkschaften
zum Beispiel, hinter derartige Vorhaben stellten und sich an
der Mitgliederwerbung beteiligten. Ohne eine solche Mithilf«
lassen sich derartige Großvorhaben kaum durchführen. Ist aber «rat
einmal genügend Kapital vorhanden, haben sich tüchtige Fachleute
gefunden und besteht eine entsprechende Rückendeckung durch dl«
Mithilfe einer größeren Organisation, dann kann der genossenschaft-

4-

�1

genossenschaftliche Wohnungsbau zu einer erheblichen Verbilligung der Mieten, ja zur Einsparung von ein bis zwei Monatsmieten im Jahr führen. Millionen Familien haben so ein eigenes
Heim erwerben können, was ihnen andernfalls nie möglich gewesen
wäre •
Schließlich sind noch die Konsumgenossenschaften zu nennen.
Vor drei und vier Jahren noch war das Bild recht entmutigend.
Heute sind die kleinen, schlechtgeführten und finanzschwachen
Genossenschaften, wie man sie noch vor einem Jahrzehnt allenthalben fand, von der Bildfläche verschwunden. An ihre Stelle sind
Konsumläden getreten, die mit zu den größten und besten Kaufhäusern
der Vereinigten Staaten gehören, auch wenn ihr Gesamtanteil am
Einzelhandel noch relativ gering ist. Tüchtige Geschäftsführer,
ein entsprechendes Kapitalpolster, attraktive Läden und ein«
treue Mitgliedschaft sorgen dafür, daß diesen Läden trotz des
scharfen Wettbewerbs eine Zukunft beschieden sein wird. Die
an die Mitglieder ausgezahlten Vergütungen aus dem Gewinn entsprechen gegenwärtig dem Durchschnitt etwa eines Wocheneinkaufs
pro Jahr.
Zwischen den Genossenschaften und den Gewerkschaften besteht ein enger Zusammenhang. Dies gilt besonders für Westeuropa, wo die Gewerkschaften und die Genossenschaften oftmals
in ihrer Mitgliedschaft identisch sind.
Die genossenschaftlichen Wohnungsbauvorhaben, und zwar
die von der Vereinigten Gewerkschaft der Arbeiter in der Bekleidungsindustrie und der Internationalen Gewerkschaft der
Arbeiter der Damenbekleidungsindustrie haben in aller Welt
Beachtung gefunden. Die Gewerkschaften haben ihrerseits Hunderte von Kreditgenossenschaften ins Leben gerufen. Zahlreiche
der genossenschaftlichen Versicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit stützen sich in erster Linie auf Gewerkschaftsmitglieder. Die größte Konsumgenossenschaft Amerikas hat einen
Gewerkschaftsführer als Generaldirektor. Diese Beispiele ließen
sich beliebig vermehren. Im übrigen haben die Genossenschaften
auch mit ihren eigenen Angestellten Tarifverträge abgeschlossen
und sind auch sonst bemüht, die Arbeitsbedingungen so günstig
wie möglich zu gestalten.
In den genossenschaftlichen Lagerhäusern und Herstellungsbetrieben herrscht heute ein gutes Einvernehmen zwischen Betriebsführung und Gefolgschaft. Überall zeichnet sich im Genossenschaftswesen die Tendenz ab, moderne und zeitgemäße Methoden der Betriebs- und Menschenführung einzuführen. Betriebe, in
denen früher ein ausgesprochen schlechtes Verhältnis zwischen
Betriebsführung und Belegschaft bestanden hat, betrauen heute
erstklassige Fachleute mit der Aufgabe, die Tarife und Arbeitsbedingungen festzulegen, weil man erkannt hat, daß ein auf dem
Genossenschaftsgedanken basierendes Verhältnis zu der gewerkschaftlich organisierten Belegschaft genauso wichtig ist wie
die genossenschaftlichen Beziehungen zu den Mitgliedern. Auf
Tagungen führender Männer genossenschaftlicher Unternehmungen
wird immer wieder auf die Tatsache hingewiesen, daß Lohnerhöhungen fast immer eine Steigerung der Arbeitsproduktivität
mit sich bringen, und daß überdurchschnittliche Löhne weit eher
eine Senkung als eine Erhöhung der Gesamtbetriebskosten bewirken.

- 5-

�Die landwirtschaftlichen Verbände haben die Genossenschaften stets tatkräftig unterstützt, sei es durch Geld
oder durch ihren Rat. Ähnliche Anstrengungen seitens der
Gewerkschaftsbewegung könnten für deren gesamte Mitgliedschaft erhebliche wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen.
Solche Bemühungen würden sich in zweifacher Hinsicht günstig
auswirken, sie brächten einmal erhebliche Einsparungen im
Familien-Budget mit sich und könnten zum anderen, durch die
Entstehung großer und leistungsfähiger Genossenschaften,
das Gesamtbild der Wirtschaft des Landes günstig beeinflussen.
Zweck der Genossenschaften ist es nicht, die Kontrolle über die Wirtschaft zu erlangen, sondern vielmehr
die Aufstiegsmöglichkeiten für den einzelnen zu verbessern
und die Vollbeschäftigung in einer wirklich freien Wirtschaft
sicherzustellen. Wenn es den Genossenschaften gelingt, ihren
Anteil am gesamten Handel von gegenwärtig 3 bis 4 Prozent
auf 10 bis 15 Prozent auszuweiten, dann würden sie diese
Aufgabe sicher voll erfüllen.
Die Genossenschaften haben in ihrer wirtschaftlichen
Betätigung nur ein einziges Zielt Ihre Mitglieder mit mehr
Waren- und Dienstleistungen zu geringeren Preisen zu versorgen. Diese Form der wirtschaftlichen Betätigung trägt mit
dazu bei, die Gefahr der Arbeitslosigkeit und einer Wirtschaftskrise zu bannen. Leistungsfähige Genossenschaften
können zum stabilisierenden Element der Wirtschaft werden
und zu echter wirtschaftlicher Freiheit und zu größerem
materiellen Wohlstand führen, der nicht nur ihren Mitgliedern, sondern dem ganzen Volk zugute kommen würde.

Aus "The American Federationist"
- Quellenangabe erforderlich -

* * * * *
Die amerikanische Bundes-Arbeitsaufsichtsbehoerde(National
Labor Relations Board)
Im Jahre 1935 *urde im "Wagner Act" den amerikanischen
Arbeitern das Recht auf Kollektivverhandlungen gesetzlich
garantiert und anerkannt. Gleichzeitig mit diesem Gesetz wurde
zu seiner Durchführung und zur Regelung der Beziehungen zwischen
den Sozialpartnern die Bundes-Arbeitsaufsichtsbehörde (National
Labor Relation3 Board - NLRB) eingesetzt, deren Befugnisse dann
später im Jahre 1947 im Gesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten "National Labor Management Relations Act" (TaftHartley-Gesetz ) erweitert wurden.

- 6-

�Das "NLRB" hat die Aufgabe für die ordnungsgemäße Anwendung des Gesetzes vom Jahre 1947 Sorge zu tragen, dessen Zweck
in seiner Präambel zum Ausdruck gebracht wird, nämlich "die
legitimen Rechte sowohl der Arbeitnehmer wie der Arbeitgeber
in ihrem Verhältnis zur '.Virtschaft festzulegen, ordnungsgemäße und friedliche Verfahrensmethoden zu entwickeln, um gegenseitige Eingriffe in die legitimen Rechte beider Parteien
zu verhindern ... und die Rechte der Allgemeinheit in Verbindung mit Arbeitsstreitigkeiten, die sich auf die Wirtschaft
auswirken, zu schützen."
Tatsächlich sichert das Gesetz dem Arbeiter das Recht,
einer Gewerkschaft beizutreten und Kollektivverträge abzuschließen. Es untersagt den Arbeitgebern, die Arbeiter durch
Drohungen oder diskriminierande Methoden an der Ausübung dieses
Rechtes zu hindern. Durch die Einrichtung geheimer Wahlen verschafft es den Arbeitern ferner demokratische Institutionen,
mit denen sie sich Vertreter zum Abschluß von Kollektivverträgen mit den Arbeitgebern wählen können.
Daneben beschränkt das Gesetz aber auch die Gewerkschaften in bestimmten Tätigkeiten. Es verbietet unter anderem den
"closed shop", das heißt den Zwangsbeitritt zu einer Gewerkschaft, um in einem Betriebe arbeiten zu können, und erklärt
gewisse Arten eines mittelbaren Boykotts (secondary boycott)
und bestimmte Streiks für ungesetzlich, während es den Gewerkschaften andererseits das Recht zur Organisierung legaler Streiks bestätigt und die Aufstellung von Streikposten
in der Absicht zuläßt, um im Interesse ihrer wirtschaftlichen
Ziele die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Arbeitsstreitigkeiten zu lenken. Der eigentliche Zweck des Gesetzes
besteht darin, den Sozialpartnern die bestmöglichste Gelegenheit zu geben, auf gleicher Ebene zusammenzutreffen, um
auf friedlichem Wege in ehrenvoller Weise zu einer Beilegung
ihrer Streitigkeiten zu gelangen. Mittler und überparteiliche
Instanz bei der Erreichung dieses Zieles ist die BundesArbeitsaufSichtsbehörde.
Den organisatorischen Aufbau der Behörde hat das Gesetz
wie folgt geregelt. An ihrer Spitze steht ein Präsident und
ein vierköpfiger Lenkungsausschuß, die vom Präsidenten der
USA mit Zustimmung des Senats auf die Dauer von fünf Jahren
ernannt werden. Daneben sieht das Gesetz einen Generalarbeitsanwalt vor, der von den gleichen Instanzen ernannt wird und
dessen Amtsperiode vier Jahre beträgt. Er ist der Anwalt der
Behörde und die oberste Instanz für die Untersuchung von
Beschuldigungen und Beschwerden, und ihm steht ferner die
Erhebung der Anklage vor der Behörde zu. Ihm unterstehen
auch die 28 Außenstellen der Behörde.
Die Tätigkeit der Behörde richtet sich entweder auf die
Prüfung und Beilegung von Fällen, in denen Arbeiter wegen
ihres Glaubens, ihrer Rassezugehörigkeit oder ihrer Hautfarbe
diskriminiert wurden oder auf Fragen, die die 7/ahlen in den
Betriebsräten betreffen.
Die 3ehörde geht gegen alle Personen vor, die diskriminierende oder unerlaubte Methoden im Sinne des Gesetzes an-

�anwenden. Eine Entscheidung der Behörde erfolgt Jedoch nur auf
Antrag, der entweder von einem Arbeitgeber! einem Arbeitnehmer
oder einer Gewerkschaft bei der zuständigen regionalen Arbeitsaufsichtsbehörde als erster Instanz gestellt werden mu8.
Nach ordnungsmäßiger Einreichung der Beschwerde wird die
beschuldigte Partei von dieser in Kenntnis gesetzt und beide
Parteien zur schriftlichen Stellungnahme aufgefordert. Auf
Grund der Akten wird der Sachverhalt sodann von der regionalen Arbeitsaufsichtsbehörde geprüft, die den Fall dadurch zum
Abschluß bringt, daß sie entweder die beschwerdeführende Partei
zur Zurückziehung ihrer Beschwerde auffordert oder aber der
Beschwerde stattgibt oder sie ablehnt.
Falls es zu keiner Einigung der Parteien kommt, findet in
der Regel eine öffentliche Verhandlung statt. Auf Grund des
Beweismaterials verfaßt die Behörde einen Zwischenbericht,
in dem sie den Sachverhalt schildert und ihren Schiedsspruch
begründet.
Wenn innerhalb einer Frist von 20 Tagen von keiner der
beiden Parteien gegen den Schiedsspruch Einspruch erhoben
wird, wird er als Entscheidung der Arbeitsaufsichtsbehörde
rechtskräftig. Wird Einspruch erhoben, dann gelangt der Fall
vor die fünfköpfige Arbeitsaufsichtsbehörde in Washington
als zweiter Instanz zur Entscheidung, nachdem die Parteien
in mündlicher Verhandlung ihren Standpunkt nochmals dargelegt
haben.
Wenn die Entscheidung von einer der beiden Parteien nicht
anerkannt wird, beantragt die Arbeitsaufsichtsbehörde beim zuständigen Bundesgericht einen Vollstreckungsbeschluß, oder
aber die Partei, die sich mit der Entscheidung nicht zufrieden
gibt, ersucht das Gericht um eine Überprüfung der von der
Arbeitsaufsichtsbehörde getroffenen Entscheidung und beantragt deren Aufhebung. Ferner steht beiden Parteien das Recht
auf Berufung beim Obersten Bundesgericht der USA gegen Entscheidungen der Bundesarbeitsaufsichtsbehörde zu.
Die zweite Hauptaufgabe der Arbeitsaufsichtsbehörde besteht in der Durchführung von Betriebratswahlen. Sie werden
auf Antrag eines Arbeitgebers, der Belegschaften oder einer
Gewerkschaft abgehalten und müssen den Nachweis erbringen,
daß mindestens 30 Prozent der Belegschaft eine Vertretung
wünschen. Der Antrag wird bei der Arbeitsaufsichtsbehörde
des Bezirks gestellt, in dem der Betrieb seinen Sitz hat.
Die Betriebsratswahlen erfolgen nach dem demokratischen
Prinzip der Mehrheitsentscheidung und sind geheim. Wenn die
Mehrheit der abgegebenen Stimmen auf eine bestimmte Gewerkschaft fällt, wird deren Legitimation als ausschließliche
Vertretung der Arbeitnehmer des Betriebes von der obersten
Arbeitsaufsichtsbehörde bestätigt.
Ebenso kann die Behörde nach dem Gesetz auch Betriebsratswahlen durchführen, um einer Gewerkschaft diese Legitimation zu entziehen. In diesem Falle muß sie nachweisen, daß
30 Prozent der Belegschaft mit ihrem gegenwärtigen Betriebsrat unzufrieden soind. Auch bei dieser V/ahl entscheidet die
Mehrheit der abgegebenen Stimmen.

- 8 -

�Wenn sie die Behörde in Anspruch nimmt, muß eine Gewerkschaft dem Arbeitsminister sowie der Arbeitsaufsichtsbehörde
Abschriften ihrer Satzung mit ihren Ausführungsbestimmungen,
einen Bericht über ihren Jahreshaushalt und eidesstattliche
Erklärungen ihrer führenden Funktionäre darüber einreichen,
daß ihre Gewerkschaft weder kommunistisch ist noch daß sie
den Kommunismus unterstützt. In der Erfüllung ihrer Aufgaben
hat das "NLRB" eine sehr große Arbeitslast zu bewältigen, und
erst in den vergangenen drei Jahren war es ihr möglich, die
unzähligen im Laufe der Zeit aufgelaufenen Anträge aufzuarbeiten. In dem am 30«Juni 1955 abgelaufenen Finanzjahr zum
Beispiel befaßte es sich insgesamt mit 13 600 Fällen. Bei
7442 Eingaben handelte es sich um Anträge zur Abhaltung von
Betriebsratswahlen, während 6171 Eingaben sich mit Fällen
von unfairen Arbeitspraktiken befaßten.
Zahlreiche von der Arbeitsaufsichtsbehörde getroffene
Entscheidungen sind als Präzedenzfälle richtungweisend für
das Verhältnis zwischen den Sozialpartnern geworden. So
faßte die Behörde vor einiger Zeit den Beschluß, daß ein
Arbeitgeber zur Auskunft über seine finanziellen Verhältnisse verpflichtet ist, wenn er Lohnerhöhungen mit der Begründung verweigert, daß seine Mittel es nicht zuließen.
Sowohl von Arbeitgeber- wie von Arbeitnehmerseite ist
die Behörde verschiedentlich kritisiert worden. Man hat ihr
vorgeworfen, durch ihre Entscheidungen einseitig einen der
beiden Sozialpartner zu begünstigen. Eine Antwort auf diese
Kritik hat einmal ein Mitglied dieser Behörde, Philip Ray
Rodgers gegeben, der erklärte, daß die Behörde ihre Entscheidungen allein nach dem Gesetz trifft, und dieses "ist ein
vernünftiges und gerechtes Gesetz - ein Gesetz, daß in bemerkenswerter Weise einen Ausgleich zwischen mächtigen und
entgegengesetzten Interessen herstellt, indem es übermäßige
Forderungen in Schranken hält, doch keiner der beiden Parteien
Forderungen, soweit sie berechtigt sind, verweigert."

- Quellet Eigenbericht -

• * * * •
18 000 Schlafwagenschaffner - eine fortschrittliche
Negergewerkschaft
In den Statuten des neuen amerikanischen Gewerkschaftsverbandes "AFL-CIO" ist eines der wichtigsten Ziele dieser
neuen Organisation folgendermaßen definiert! "Alle Arbeiter
ohne Unterschied der Rasse, Hautfarbe oder Volksabstammung
sind zu ermutigen, alle Vorteile des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses für sich in Anspruch zu nehmen".
In einer diesbezüglichen Resolution brachte die erste

-9 -

�Generalversammlung des neuen Verbandes ihre Entschlossenheit
zum Ausdruck, stets für die volle Gleichberechtigung aller
Amerikaner einzutreten. Sie ging noch einen Schritt weiter
und wählte zwei verdiente Neger-Gewerkschaftsfunktionäre zu
stellvertretenden Vorsitzenden und Mitgliedern des Vorstandes
dieses 16 Millionen Mitglieder zählenden großen amerikanischen
Gewerkschaftsverbandes.
Einer der auf diese Weise geehrten Funktionäre ist der
66jährige A. Philip Randolph, der seit der Gründung seiner
Gewerkschaft im Jahre 1925 den Vorsitz der "Bruderschaft der
Schlafwagenschaffner" führt. Bei dem zweiten, zusammen mit
ihm ausgezeichneten Negerfunktionär, handelt es sich um
Willard S. Townsend, den Vorsitzenden der Vereinigten
Transportarbeiter.
Randolph, eine imposante, würdevolle Erscheinung, beeindruckt jeden Gesprächspartner schon bei der ersten Begegnung
durch seinen großen persönlichen Charme. Wer ihn nur nach
seinem gepflegten Redestil und seiner gewinnenden, ruhigen
Art beurteilt, ahnt wenig von seiner Energie, die ihn im
ganzen Lande als kompromißlosen Vorkämpfer gegen die Rassendiskriminierung jeglicher Art bekanntgemacht hat.
Randolphs Leistungen und Verdienste sind ebenso mannigfaltig und außergewöhnlich wie seine berufliche Laufbahn. Er
begann als Zeitungsjunge, Warenhausverkäufer und EisenbahnAngestellter, war kurze Zeit Schauspieler, nahm in zahlreichen Schriften und Vorträgen zum amerikanischen Negerproblem
Stellung und erwarb sich als Gewerkschaftsfunktionär so allgemeine Anerkennung, daß er schließlich mehrfach als Repräsentant der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zu internationalen Konferenzen delegiert wurde. Seine Verdienste um die
Gewerkschaften würdigten Regierung und Öffentlichkeit mehrfach
durch ehrende Auszeichnungen. Mehr als jedem anderen einzelnen
Amerikaner hält man ihm seine entscheidende Einflußnahme in der
Frage der Rassentrennung innerhalb der amerikanischen Armee zugute, die zu ihrer Aufhebung führte. Beachtliche Erfolge erzielte er auch bei seinen Bemühungen um eine Angleichung der
Arbeitsbedingungen für Neger in der Privatindustrie.
Der bedeutendste Erfolg Randolphs war jedoch die offizielle
gewerkschaftliche Anerkennung der "Bruderschaft der Schlafwagenschaffner", die erst nach zwölfjährigem Widerstand der Eisenbahn-Gesellschaften erfolgte. Zum erstenmal kam es 1937 zur
Vereinbarung eines Kollektivvertrages, der die Unterschriften
der Arbeitgebervertreter und der Vertreter der Bruderschaft
trug. Auf Grund dieses Abkommens erhöhte sich das Monatsgehalt der Schlafwagenschaffner um 12 Dollar; niemals zuvor war
ihnen eine so beträchtliche Gehaltsaufbesserung gewährt worden.
Von diesem Wendepunkt an konnte die Bruderschaft der
Schlafwagenschaffner unter der Führung Randolphs von Jahr
zu Jahr neuen Boden gewinnen. Heute zählt diese Gewerkschaft
rund 18 000 Mitglieder. Besonders gute Beziehungen unterhält
sie zu der bekannten Pullman-Gesellschaft, mit der sie eines
der vorteilhaftesten Kollektivabkommen der gesamten Branche
zustandegebracht hat. Darüber hinaus ist sie Tarifpartner in

- 10 -

�41 Abkommen
linien, die
Bremser auf
stungen für

mit US-amerikanischen und kanadischen EisenbahnTarifgleichheit für Wagenschaffner und Schaffnerallen zugehörigen Strecken sowie gleiche Sozialleialle vorsehen.

Als Randolph 1925 die Leitung der neugegründeten Bruderschaft
übernahm, erhielt ein Schlafwagenschaffner einen Grundlohn von
67,50 Dollar für eine monatliche Dienstleistung von 300 bis 400
Arbeitsstunden. Heute erhält der gleiche Schaffner bei einer
festen Normdienstleistung von 205 Arbeitsstunden ein Anfangsgehalt von 304,18 Dollar.
Ebenso wichtig wie die wirtschaftlichen Verbesserungen war
für die Schlafwagenschaffner die Hebung ihres Ansehens in der
Öffentlichkeit, das heißt ihre völlige Gleichstellung als .Verktätige und Mitglieder der amerikanischen Gesellschaft. Im neugeschaffenen Gewerkschaftsverband AFL-CIO erhält Vizepräsident
Randolph erweiterte Aufgaben und vergrößerte Möglichkeiten für
seinen Einsatz zum Wohle seiner Mitmenschen. Dabei darf nicht
vergesseb werden, daß er zeit seines Lebens nicht nur den Kampf
um die Gleichstellung der Minderheiten in den USA im Auge hatte,
sondern gleichzeitig auch ein entschiedener Gegner des Kommunismus gewesen ist. In seinem Bericht über die Geschichte der
Bruderschaft der Schlafwagenschaffner verweist er mit Genugtuung darauf, daß seine Gewerkschaft stets an der Spitze der Auseinandersetzung mit den Kommunisten gestanden hat. Randolph
erklärt unter anderem«
"Im Einklang mit ihrer Praxis, Gewerkschaften und Negerbewegungen unter ihre Kontrolle zu bringen, haben die Kommunisten große Anstrengungen unternommen, um sich in der Bruderschaft der Schlafwagenschaffner festzusetzen. Die Bruderschaft
schlug diese Versuche jedoch zurück und verhinderte jegliche
nennenswerte kommunistische Infiltration. Unsere Gewerkschaft
setzte sich stets mit solcher Entschiedenheit'gegen den Kommunismus zur Wehr, da£ man sie als die wirksamste Abwehrkraft
unter den Negern Amerikas, wenn nicht der ganzen Welt, bezeichnen kann".

- Quelle« Eigenbericht # # # * #
Frank Carey:
Die Gewerkschaft der amerikanischen Druckereiarbeiter
Eine der angesehensten und ältesten Gewerkschaften Amerikas
ist die "International Typographical Union" (ITU), die Internationale Gewerkschaft der Druckereiarbeiter. Ihre Gründung erfolgte bereits vor mehr als 100 Jahren, nämlich am 2.Dezember
1850 anläßlich einer Konferenz in New York, zu der Delegierte
aus ganz USA eingeladen wurden. Sechs große Berufsorganisationen, nämlich die der Setzer von New York, Albany, Trenton,
Philadelphia, Baltimore und Louisville, waren dabei vertreten.
Formell verabschiedet wurden die Statuten der neuen Gewerkschaft
auf dem Kongreß in Cincinnati am 5.Mai 1852.

- 11 -

�\

Aber die Geschichte der Organisation der Druckereiarbeiter
reicht noch viel weiter zurück. Der erste erfolgreiche Streik
wurde von ihnen schon 1776 durchgeführt - in demselben Jahr
übrigens, in dem die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit proklamierten. Schauplatz des Streiks war die damals
noch recht kleine Stadt New York. Zehn Jahre später führten die
Setzer von Philadelphia einen erfolgreichen Lohnkampf durch.
Aber beide Male lösten sich die Gruppen, die den Streik organisiert hatten, nach der Erreichung ihrer Ziele wieder auf.
Die erste dauerhafte Organisation entstand, als die
New Yorker Setzer im Jahre 1795 die "Typographical Society"
gründeten. Vier Jahre später wurde sie neu organisiert und
erhielt den Namen des berühmten, 1790 verstorbenen Buchdruckers und Staatsmannes Benjamin Franklin. Ähnliche Verbände wurden 1815 in Boston, in Albany (der Hauptstadt des
Staates New York), in Bsltimore und in der Bundeshauptstadt
Washington gegründet. Diese Bewegung dehnte sich bald auch
auf andere Städte aus, und es entstanden richtige Hilfsorganisationen, die Sterbegelder, Krankenunterstützung, Arbeitslosengeld und Streikhilfe gewähren konnten. Zu der Konferenz»
in New York im Jahre 1850 kam es, weil die Druckereiarbeiter
schließlich einsahen, daß'man die Löhne und Arbeitsbedingungen auf nationaler Basis regeln müsse.

(Fortsetzung folgt)
- Quelle: Eigenbericht

* « # « »

- 12 -

«

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über ArbeitsbeziehunKen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung- Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem. Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen-' ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 11

Mehlem, den 8. Juni 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die Gewerkschaft der amerikanischen
Druckereiarbeiter (Schluss)

Seite

1

Die Lage der Arbeiter in Rot-China

Seite

2

US-Bergarbeitergewerkschaft baute zehn neue
Krankenhaeuser fuer Mitglieder
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 9
Seite 10

Frank Careyi
Die Gewerkschaft der amerikanischen Druckereiarbeiter (Schluss)
Schon von ihren ersten Anfaengen an kaempfte die neue Gewerkschaft
fuer hoehere Loehne, und zwar nicht nur fuer ihre eigenen Mitglieder,
sondern fuer alle Arbeiter. Bereits im Jahre 1865 forderte die Gewerkschaft in einer Resolution den Acht-Stunden-Tag - lange, bevor er allgemein durchgesetzt werden konnte. 1869 schlössen sich die kanadischen
Druckergewerkschaften der amerikanischen an, die hierauf ihren Namen
in "International Typographical Union" abaenderte (sie hatte zuerst
"National T.U." geheissen). Auf demselben Kongress wurde auch eine Resolution angenommen, in der "gleiche Bezahlung fuer gleiche Arbeitsleistung" und die Abschaffung aller Arbeitskraefte gefordert wurden.
1870 wurde Augusta Lewis - eine New Yorkerin - zur Schriftfuehrerin der
Gewerkschaft und damit als erste Frau zur Funktionaerin einer amerikanischen Gewerkschaft gewaehlt. Auf die "ITU" gehen auch die ersten Anregungen zur Schaffung der "American Federation of Labor" (1881 gegruendet) zurueck.
Eine vorbildliche Pionierleistung der ITU war die Errichtung ihres
Gewerkschaftsheimes fuer aeltere Mitglieder im Jahre 1892. Das Heim ist
heute eine der Sehenswuerdigkeiten der Stadt Colorado Springs, die wegen
ihrer landschaftlichen Schoenheit beruehmt ist. Die ersten Gebaeude dieses
Komplexes wurden auf einem Stueck Praerie erbaut, das zwei Buerger Philadelphias der Gewerkschaft geschenkt hatten. Zahlreiche Spenden im Gesamtbetrag von 15 889 Dollar, die der Gewerkschaft zugeflossen waren, ermoeglichten den Baubeginn. Heute besteht das Heim aus mehreren ansehnlichen Gebaeuden, die auf dem sogenannten "Nob Hill" inmitten eines
- 1 -

�wundervollen Farks liegen. Im Mittelpunkt der Anlage steht das Altershelm
der Gewerkschaft, das neben zahlreichen kleinen Wohnungen auch Gesellschaf tsraeume und eine grosse Bibliothek enthaelt. Die Patienten des Spitals, das 400 Betten besitzt, und des Sanatoriums auf dem Nob Hill geniessen die besondere Heilwirkung der Sonne und der Klaren Gebirgsluft
Colorados. Die Gewerkschaft beschaeftigt einen eigenen grossen Stab von
Aerzten und Krankenschwestern.
Die Sorge der ITU fuer ihre Mitglieder beginnt schon bei der Lehrlingsausbildung. In den Kontrakten mit den Arbeitgebern wird genau festgelegt, welche Kenntnisse den Lehrlingen in jedem Lehrjahr beigebracht
werden muessen. Kein Lehrling darf in einer Druckerei angestellt werden,
die nicht in der Lage ist, ihm die Taetigkeit in allen Sparten seines
kuenftigen Berufes zu ermoeglichen. Schon 1907 wurde eine Gewerkschaftskommission mit der Aufgabe betraut, einen genauen Lehrplan fuer Setzerlehrlinge auszuarbeiten. Das Resultat ihrer Arbeit war die Schaffung einer
Berufsschule in Chicago, die die Lehrlinge im ganzen Land mit Hilfe von
Korrespondenzicursen unterrichtete. Seit 1924 wird die Berufsschulbildung
fuer Setzerlehrlinge in den USA von Indianapolis aus geleitet und von den
ITÜ-Sektionen in allen Teilen Amerikas auf Grund vorbildlicher Lehrbuecher
der Gewerkschaft durchgefuehrt.
Das Zentralorgan der ITU - die eigentlich ein Dachverband mit zahlreichen Einzelgewerkschaften ist - ist das "Typographical Journal", das
monatlich erscheint und die rund 100 000 Mitglieder der ITU ueber alles
Wissenswerte informiert und immer wieder daran erinnert, dass ihre Staerke in der gewerkschaftlichen Einheit liegt. Denn nur diese Einheit hat
der ITU ihre Erfolge ermoeglichti 1900 betrug der Jahreslohn eines Setzers
nur 894 Dollar; heute erreicht er durchschnittlich eine Hoehe von 5000
Dollar pro Gewerkschaftsmitglied und gehoert zu den hoechsten Loehnen des
Landes. Unter der Leitung des Gewerkschaftsvorsitzenden Woodruff Randolpn befindet sich die ITU auch heute noch in der vordersten Front des
gewerkschaftlichen Kampfes, der mit dazu beigetragen hat, den Lebensstandard der amerikanischen Arbeiter zu einem der hoechsten der Welt zu machen.
Quellet

Eigenbericht

Die Lage der Arbeiter in Rot-China
Die grossangelegte Aktion zur Verstaatlichung von Industrie und Handel, die im kommunistischen China im Januar 1956 durchgefuehrt wurde,
hat fuer die Belegschaften dieser Betriebe zwei sehr unangenehme Auswirkungen gezeitigt. Sie brachte einmal eine allgemeine Lohnkuerzung und
eine Verringerung der Sozialleistungen mit sich, zum anderen eine Verschaerfung der Arbeitsdisziplin und die damit verbundene ruecksichtslose
Ausbeutung der Arbeitskraft. Mit anderen Worten, die Arbeitsbedingungen
haben sich verschlechtert und die Anforderungen an die Leistungsfaehigkeit
sind gestiegen.
In jedem "kapitalistischen" Lande haette allein schon der Gedanke
an eine derartige allgemeine Lohnkuerzung oder Ueberforderung der Arbeitskraft sofort schaerfste Gegenma3snahmen der Gewerkschaften hervorgerufen.
Man wuerde gegebenenfalls einen Streik ausrufen, um das Niveau der Loehne
und Sozialleistungen zu halten.
In Rot-China allerdings werden die rigorosen Massnahmen des kommunistischen Regimes gegen die Arbeiterschaft nicht nur vom Allchinesischen
Gewerkschaftsbund geduldet, sondern sogar noch aktiv unterstuetzt. Wie
bei allen Gewerkschaften in den Laendern des Sowjetblocks hat auch der
2 -

�Allchinesische Gewerkschaftsbund nur die eine Aufgabe, dem Staat, der in
Diktaturen mit dem Arbeitgeber identisch ist, zu dienen, und nicht der
Arbeiterschaft.
Der Vorsitzende des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes, Lai Jo-yu,
laesst darueber keinen Zweifel aufkommen, wenn er am 18. Dezember 1934
in der in Peking erscheinenden "Kung Jen Jih Pao" (Arbeiterzeitung)
schriebt ".... Zweck der Gewerkschaft ist es, auf die Erreichung des von
der (kommunistischen) Partei gesteckten Zieles hinzuarbeiten und die
Aufgaben und Entscheidungen der Partei durchzufuehren
Als Mittler
zwischen der Partei und den Massen und als Organ zur Schulung im kommunistischen Denken ist die Gewerkschaft .... fuer die Verwirklichung der
Politik und der Richtlinien der Partei unerlaesslich."
Die Zahl der Berufstaetigen in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben
(einschliesslich Buerokraefte) belief sich im Jahre 1955 auf schaetzungsweise 15 Millionen. Die Zahl der eigentlichen Industriearbeiter betrug
im Jahre 1955 wahrscheinlich nur 5 Millionen - eine sehr geringe Zahl
bei einer Gesamtbevoelkerung von nahezu 600 Millionen.
Etwa 80$ dieses Personenkreises, der fuer die Mitgliedschaft in den
Gewerkschaften in Frage kommt, gehoeren dem Allchinesischen Gewerkschaftsbund an, der auf Grund des Gewerkschaftsgesetzes vom Jahre 1950 z u m alleinigen Sprecher der organisierten Arbeiterschaft erklaert wurde. Dieses
Gesetz, das kurz nach der Eroberung Pekings durch die Kommunisten in
Kraft gesetzt wurde, besagt in Artikel 12, dass "das hoechste Fuehrungsorgan der Gewerkschaft in der Volksrepublik China der Allchinesische
Gewerkschaftsbund" ist. Und in Artikel 4 heisst es, dass "Organisationen,
die nicht dem Allchinesischen Gewerkschaftsbund angehoeren, nicht die
Bezeichnung Gewerkschaft fuehren duerfen."
Die Hsinhua-Agentur (die offizielle Nachrichten-Agentur Rot-Chinas)
veroeffentlichte am 25* April 1955 die letzten amtlichen Zahlen ueber
die Mitgliedschaft der Gewerkschaften. In der betreffenden Meldung heisst
est "Die Gesamtzahl der Gewerkschaftsmitglieder in der Chinesischen Volksrepublik stieg im Jahre 1954 auf 12,45 Millionen .... das entspricht einer
Zunahme von fast 1£ Millionen waehrend eines Jahres. Gegenwaertig bestehen im Lande 200 000 Ortsverbaende der Gewerkschaften. Dem Allchinesischen Gewerkschaftsbund sind 16 auf Landesebene organisierte Industriegewerkschaften angeschlossen, darunter Gewerkschaften der Arbeiter in der
Schwerindustrie, im Maschinenbau, im Kohlenbergbau, der Eisenbahner, der
Arbeiter im Transportgewerbe, bei der Post und im Fernmeldewesen, sowie
die Gewerkschaften der Seeleute, Verkaeufer, Erzieher, Landarbeiter, und
der Wasser- und Forstwirtschaft."
Der Apparat, mit dessen Hilfe die Kommunisten "die Ausfuehrung der
Gewerkschaftsarbeit im Sinne der Partei und der verbindlichen Richtlinien
sicherstellen", wurde im offiziellen Organ der Kommunistischen Partei
Chinas, der in Peking erscheinenden "Jen Min Jih Pao" (Volkszeitung) in
einem Leitartikel vom 10. September 1955 wie folgt beschriebeni "Die
fuehrende Rolle der Partei in der Gewerkschaftsbewegung wird durch Parteiorganisationen und Parteimitglieder innerhalb der Gewerkschaft gewaehrleistet.... Die wichtigste Aufgabe der Partei .... besteht in der Foerderung und Auswahl von Arbeitskadern und deren Zuteilung an die Gewerkschaften. Die Kader bestehen aus Personen, die ueber organisatorische Faehigkeiten verfuegen und der Partei treu ergeben sind. Die Vorsitzenden
der einzelnen Gewerkschaften muessen den Parteikadern angehoeren und die
Befaehigung zur Mitgliedschaft in den Parteikomitees nachweisen. Gleichzeitig sollten Aktivisten, die nicht der Partei angehoeren, aber die Parteianwartschaft besitzen und engen Kontakt mit den Massen unterhalten,
in leitende Stellungen der Gewerkschaftsfuehrung gewaehlt werden, um die
Verbindung zwischen der Partei und den Nichtparteimitgliedern zu staerken...
Die Parteiorganisationen sollten in regelmaessigen Abstaenden die Berichte

- 3-

�der Gewerkschaften ueberpruefen und eroertern... und darueber wachen,
dass die Entscheidungen und Anweisungen genau befolgt werden."
Die erstaunlich grosse Zahl von Aktivisten, die zur Ueberwachung der
Arbeiterschaft notwendig ist, wird aus einer Entscheidung bezueglioh der
"Verstaerkung der Aktivistenarbeit" ersichtlich, die vom Exekutivausschuss
des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes am 10. August 1955 angenommen wurde, und in der es heissts "Es haben sich in China 2,73 Millionen Gewerkschaftsaktivisten gefunden, das sind Personen, die selbst in der Produktion taetig sind und sich in ihrer Freizeit in den Dienst der Gewerkschaftsarbeit stellen, darunter Angehoerige der unteren Ortsausschusses,
der Betriebsausschuesse und der Arbeitsausschüsse der Gewerkschaften sowie auch Vorleute von Arbeitsgruppen." Da« Regime, das diese umfangreiche
Organisation den Arbeitern aufzwingt, ist das einer rigorosen Ausbeutung.
Die Chinesen arbeiten mit anderen Worten nur dafuer, die Stellung des
Staates zu verstaerken, nicht ihren eigenen Lebensstandard zu verbessern.
Dies brachte Li Fu-ch'un, der Stellvertretende Ministerpraesident
der Volksrepublik China, auf der zweiten Sitzung des Nationalen Volkskongresses im Juli 1955 in seinem Bericht ueber den ersten Fuenfjahresplan
unmissverstaendlich zum Ausdruckt "Der Aufbau der Schwerindustrie erfordert grosse langfristige Investitionen.... Deshalb muessen wir strengste
Sparsamkeit walten lassen, ... um alle verfuegbaren Geldreserven voll
auszuschoepfen und den Anforderungen des nationalen Aufbaus gerecht zu
werden und die notwendigen Reserven des Staates zu mehren... Wir koennen
deshalb die Ertraege einer steigenden Produktion und Arbeitsproduktivitaet
nicht fuer eine Hebung des Lebensstandards verwenden..."
Zum gleichen Thema heisst es im ersten Fuenfjahresplan 1 "Zwei Drittel
der wertmaessigen Steigerung der Produktion im Zeitabschnitt von 1952
bis 1957 muessen durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivitaet erzielt
werden; eine Zunahme der Arbeitsproduktivitaet um jeweils 1j6 in den staatlichen Industrien wird innerhalb der naechsten fuenf Jahre einer Wertzunahme der Produktion um 182,82 Millionen Yuan (rund 80 Millionen Dollar
beziehungsweise 336 Millionen DM) entsprechen."
In der westlichen Welt wuerde die Arbeiterschaft auf eine derartige
Ausbeutung mit ihren traditionellen Waffen - Streik und Arbeitsniederlegung - antworten. In Rot-China allerdings sind diese Druckmittel der
Gewerkschaften ebenso wie in allen unter kommunistischer Herrschaft stehenden Laendern als Verstoesse gegen die Arbeitsdisziplin geaechtet und durch
Gesetz verboten.
Artikel 100 der Verfassung der Chinesischen Volksrepublik besagt,
dass "die Staatsbuerger der Chinesischen Volksrepublik verpflichtet sind,
die Verfassung und die Gesetze einzuhalten, und die Arbeitsdisziplin....
zu wahren." Artikel 2 des Gewerkschaftsgesetzes vom Jahre 1950 bestimmt,
dass die Arbeiter im Falle von Arbeitsstreitigkeiten die Produktion weiterfuehren und die Arbeitsdisziplin aufrechterhalten muessen. Deraus erklaert sich die Tatsache, dass alle Streikversuche und jede passive Resistenz seit der Machtuebernahme der Kommunisten im Jahre 1949 vom Staat
systematisch mit Gewalt unterdrueckt worden sind.
Justizminister Shih Liang umriss die Einstellung der rot-chinesischen
Regierung zum Streik am 5«' Oktober 1954 in einer Rundfunkansprache ueber
den Sender Peking wie folgt» "Die Bestrafung von Arbeitern aus der Industrie, dem Bergbau und dem Nachrichtenwesen, die sich an Streiks beteiligt haben oder denen es an dem notwendigen Arbeitseifer fehlte, hat eine
Staerkung der Arbeitsdisziplin mit sich gebracht. Dm diese Aktion unter
der Arbeiterschaft noch zu verstaerken, haben wir laengs der Bahnlinien
und Wasserstrassen Sondergerichte eingerichtet."
Zwischen 1918 und 1926 - noch bevor die Kommunisten, die schon immer

-4 -

�besonders aktiv innerhalb der chinesischen Gewerkschaftsbewegung waren,
durch ihre Hoerigkeit gegenueber den Anweisungen der Komintern Tod und
Vernichtung ueber die Arbeiterschaft in den Staaten brachten und damit
den Gewerkschaften groessten Abbruch taten - waren in China 1200 Streiks
zu verzeichnen, von denen rund 800 mit einem Erfolg der Streikenden endeten. Hsu Chin-chen, Mitglied des Sekretariats des Allchinesischen Gewerkscliaftsbundes, fuehrte zu dieser Frage vor dem 7- Gewerkschaftskongress im Mai 1953 aus, dass "zu jener Zeit alle Lohnkaempfe, die von den
Gewerkschaften gefuehrt wurden, eine politische Bedeutung besassen. Die
heutige Situation ist jedoch ganz anders.... Unter volksdemokratischen
Diktaturen haben die Aufgaben, die Funktionen und die Politik der Gewerkschaften einen grundlegenden Wandel durchgemacht."
Welch bittere Ironie in diesem "grundlegenden Wandel" fuer die
Arbeiterschaft liegt, laesst sich aus einem Leitartikel in der Pekinger
"Volkszeitung" vom November 1954 erseheni "Es gibt noch immer Menschen,
denen der Begriff der Arbeitsdisziplin unklar ist. Sie glauben, dass sie
(durch den Kommunismus) zu Herren der Wirtschaft geworden sind und heute
voellige Handlungsfreiheit besitzen. Dieser Standpunkt ist irrig. Unsere
Form der Arbeitsdisziplin... ist ein maechtiges Instrument zur Aufrechterhai tung der Produktion; langsames Arbeiten und die Nichtbefolgung von
Anweisungen ist Sabotage."
Am 10. September 1955 kommentierte die "Volkszeitung": "Im Interesse
der Arbeitsdisziplin muessen gegen eine kleine Anzahl von.Arbeitern und
Angestellten, die sich wiederholt Verstoesse gegen die Arbeitsdisziplin
zuschulden kommen lassen, Zwangsmassnahmen angewandt werden.... Solche
Angestellte und Arbeiter werden mit Disziplinarstrafen einschliesslich
der Entlassung bedroht."
Die Strafen, die im Falle von Verstoessen gegen die Arbeitsdisziplin
verhaengt werden, sind in den Beschaeftigungsbedingungen staatlicher
Unternehmen aufgefuehrti 1. Verwarnung, 2. Tadel, 3- schwerer Tadel,
4. Versetzung auf einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz oder Rueckstufung und 5* Entlassung und gesetzliche Bestrafung. Arbeiter, die auf
Grund der gesetzlichen Bestimmungen abgeurteilt werden, koennen mit
Zwangsarbeit bestraft werden - mit "Erziehung zur Arbeit", wie ea im
Sprachgebrauch des kommunistischen Chinas heisst.
Die mildere Form der Bestrafung, die einfache Entlassung, ist im
Grunde genommen Kaum weniger schwerwiegend, da die von ihr betroffenen
Arbeiter auf Urund der bestehenden Bestimmungen kaum mehr in einem anderen Betrieb ankommen werden.
Die Beschaeftigungsbedingungen schreiben vor, dass Arbeiter bei
einer Neueinstellung ihr Arbeitsbuch vorlegen muessen, das Eintragungen
ueber ihre Fuehrung an frueheren Arbeitsplaetzen enthaelt. Findet sich
darin nun eine unguenstige Beurteilung, so Kann der entsprechende Arbeiter kaum einen neuen Arbeitsplatz finden und faellt damit automatisch
unter die Strafbedingungen fuer Kurzarbeiter und Bummelanten. Darueber
hinaus werden Arbeitslose zwangsweise im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmassnahmen eingesetzt, mit deren Hilfe die kommunistische Regierung die
grosse Zahl der Arbeitslosen in den Staedten zu verringern sucht. Im
Rahmen dieser Massnahmen kann auch die zwangsweise Umsiedlung arbeitsloser Industriearbeiter verfuegt werden. Im allgemeinen werden die Arbeitslosen jedoch zur Urbarmachung unfruchtbarer Gebiete oder zum industriellen Aufbau in abgelegenen Teilen des Landes herungezogen, sofern
man sie nicht einfach zu Zwangsarbeit verurteilt.
Die Arbeitsbestimmungen aus dem Jahr 1954 verfuegen ferner, dass
Arbeiter, die "ein Ueberinass an Ausschuss produzieren oder Eigentum,
Werkzeuge und Betriebsmittel beschaedigen, teilweise oder restlos fuer

- 5-

�den entstandenen Schaden haftbar gemacht werden. Die fuer diese Wiedergutmachung erforderlichen Geldbetraege, ueber deren Hoehe die Betriebsverwaltung (die kommunistische Betriebsfuehrung also) befindet, kann
vom Monatslohn des betreffenden Arbeiters einbehalten werden."
Der Vorsitzende des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes, Lai Jo-yu,
hat in einem Bericht an den Exekutivausschuss Einzelheiten darueber mitgeteilt, welche Massnahmen zur Aufrechterhaltung der Arbeitsdisziplin
angewandt werden. Lai Jo-yu erklaerte am 30. August 1955 nach einer Meldung der rotchinesischen Agentur Hsinhua in diesem Bericht woertlichi
"Einige Betriebe entliessen willkuerlich Arbeitskraefte oder schuechterten die Arbeiterschaft durch Androhung der Entlassung ein, andere Betriebe haben Arbeiter, die gegen die Arbeitsdisziplin Verstössen haben,
festgesetzt und im Personalbuero eingesperrt, damit sie in sich gehen und
sich bessern. In einigen Betrieben kam es zu Demonstrationen gegen Arbeiter, die bei der Ausfuehrung von Aufgaben im Dienste der Oeffentlichkeit
Unfaelle erlitten hatten; man forderte diese Arbeiter auf, ein Gestaendnis
darueber abzulegen, wie es zu ihrer Verletzung kam, wobei man ihnen lediglich gestattete, subjektive Ursachen und nicht den objektiven Hergang zu
berichten. An diesen Praktiken beteiligten 3ich auch Kader der Gewerkschaften."
Bis zum Jahre 1955 war es wohl allen chinesischen Arbeitern klar geworden, wie ratsam die strikte Einhaltung der Arbeitsdisziplin sei, und so
begann der Allchinesische Gewerkschaftsbund sich einer neuen Aufgabe zuzuwenden, wie sie fuer Gewerkschaften unter einer kommunistischen Diktatur typisch ist: Eine Kampagne fuer eine Forcierung des Arbeitstempos, die
die Kommunisten als "Arbeiter- oder sozialistischen Wettbewerb" bezeichnen.
Lai Jo-yu schrieb zu dieser Frage am 30. April in der in Peking erscheinenden "Kung Jen Jih Pao" (Arbeiterzeitung): "Nach der Gruendung der
chinesischen Volksrepublik machten die Gewerkschaften eine neue Entwicklung
durch.... Waehrend der vergangenen Jahre haben die Gewerkschaften die arbeitenden Massen in China systematisch dazu erzogen, ihre Einstellung zur
Arbeit zu aendern, die Arbeitsdisziplin gefestigt... und einen Wettstreit
unter den Massen propagiert. Durch solche Massnahmen war es der breiten
Masse moeglich ... einen Grad der Arbeitsproduktivitaet zu erreichen, wie
er in der Geschichte Chinas bisher einmalig ist."
Bei diesem sogenannten Wettstreit wird die Arbeitsleistung des besten
Arbeiters in qualitativer und quantitativer Hinsicht als Norm fuer die
ganze Arbeitsgruppe festgelegt. Es wird dann erwartet, dass die uebrigen
Arbeiter diese Norm erreichen und die Bestarbeiter eine neue hoehere Norm
aufstellen, die dann die uebrige Arbeitsgruppe wiederum einholen muss.
Arbeiter, die als Schrittmacher dieser Forcierung des Arbeitstempos aus
diesem Wettstreit hervorgehen, werden mit roten Fahnen und dem Titel
"Musterarbeiter" ausgezeichnet.
Die Rolle der Gewerkschaften bei dieser Kampagne zur Steigerung
des Arbeitstempos wurde von Lai Jo-yu am 18. Dezember 1954 in einem Artikel
der "Arbeiterzeitung" wie folgt umrissen: "Die Gewerkschaft hat die Aufgabe, die Anweisungen der Partei im Bereich der Produktion durchzufuehren...
sie muss deshalb den Wettstreit unter den Arbeitern organisieren, damit
langsame Arbeiter sich dem gesteigerten Tempo anpassen".
Der Vorstand des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes fuehrte ferner
aus: "Eben wegen dieser Ausrichtung der Gewerkschaftsarbeit auf die Produktion wurde im vergangenen Jahr und auch schon davor die innerhalb der
Gewerkschaftsorganisation bestehende Tendenz zum Oekonomismus wiederholt
kritisiert. Wenn wir dieser Tendenz nicht entgegentreten... wird es uns
nicht gelingen, (die Arbeiter) zur aktiven Teilnahme an den Arbeiterwettstreiten

- 6-

�zu bewegen. Dies erklaert sich daraus, dass der Oekonomismus eine nichtpolitische Tendenz ist.... und das Interesse der Masse zu foerdern sucht,
ohne dabei die Interessen des Staates zu beruecksichtigen."
Die Theorie des Oekonomismus besagt, dass sich die Arbeiterschaft
auf die Foerderung ihrer eigenen Interessen konzentrieren muesse; die
Bestrebungen zur Weiterentwicklung der kommunistischen Revolution wuerden
dadurch natuerlich erst an die zweite Stelle ruecken. Radio Peking wetterte am 8. Februar 1956 in einer Sendung gegen die "Arbeiterparteien und
die Sozialisten des rechten Fluegels, die eine sozialistische Demokratie
erstreben, die sich «uf die anti-marxistischen Lehren des Oekonomismus
stuetzt."
Was die Kommunisten in China unter dem Arbeiterwettstreit in der
Praxis verstehen, umriss Lai Jo-yu in der "Arbeiterzeitung" vom 20. Februar 1955« "Der Verlaengerung der Arbeitszeit sind keine Grenzen gesetzt.
Einzelne Arbeiter haben fortgesetzt 72 Wochenstunden in Sonderschichten und
Ueberstunden gearbeitet. Einzelne Fabriken haben von ihren Arbeitern verlangt, dass sie 10 Monate im Jahr selbst am Sonntag zur Arbeit erscheinen...
Die uebergrosse Beanspruchung fuehrte zu Erschoepfung und brachte ein Ansteigen der Zahl der Erkrankungen und Betriebsunfaelle mit sich. Es liegen
eine ganze Reihe von Berichten vor, nach denen Arbeiter infolge voelliger
Erschoepfung zusammenbrachen, Blutstuerze bekamen und starben. In einem
Betrieb, in dem in einem Jahr durch Sonderschichten und Ueberstundenarbeit
insgesamt 260 000 Arbeitsstunden zusaetzlich geleistet wurden, betrug der
Arbeitsausfall wegen Erkrankung fast ebensoviel, naemlich 220 000 Stunden.
Hinzu kommt, dass die Ueberbeanspruchung der Arbeiter ein Absinken der
Qualitaet der Erzeugnisse mit sich gebracht hat, so dass das Plansoll nicht
erreicht werden konnte".
Das volle Ausmass der geplanten verstaerkten Ausbeutung der Arbeiterschaft zeigte sich im Juli 1955» als der erste Fuenfjahresplan ueber die
Entwicklung der Volkswirtschaft der Chinesischen Volksrepublik auf der
Tagung des Nationalen Volkskongresses bekanntgegeben wurde. In dem Fuenfjahresplan heisst es, dass "der Wettstreit unter der Arbeiterschaft da3
regulaere und wirksame Mittel zur Steigerung der Produktivitaet der Arbeit
ist und noch erheblich verschaerft werden muss."
Dieser Gedanke wurde am 10. September 1955 ii einem Leitartikel der
Pekinger "Volkszeitung" noch weiter ausgefuehrt, in dem eine Revision der
Lohnskala im Sinne des Stueckzeit-Systems gefordert wird: "Lohnskalen,
die sich auf dem Grundsatz einer Entlohnung nach der geleisteten Arbeit
stuetzen, gestatten es den arbeitenden Massen, sich vom Standpunkt ihres
eigenen materiellen Interesses aus um eine Steigerung der Produktivitaet
zu bemuehen. Das ist das Gesetz der sozialistischen Wirtschaft. Aus diesem Grund muss das System der Entlohnung und Belohnung reorganisiert
werden. Die materielle Belohnung muss Hand in Hand gehen mit politischer
Erziehung, um (das politische Gewissen der Massen zu wecken und) ihre
Aktivitaet zu verstaerken."
Dass das Lohnniveau im rotchinesischen "Arbeiterparadies" niedriger
ist als in den freien Laendern Asiens, wird erhellt aus Zahlen, die die
chinesische Presse und fuehrende Maenner des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes bekanntgaben. Auch die Behauptung der kommunistischen Machthaber
Chinas, dass die Produktion Ende des Jahres 1955 gegenueber dem Stand vom
Jahr 1952 um 62$ zugenommen hatte, waehrend die Loehne im gleichen Zeitabschnitt nur um ^^fo gestiegen sind, beweist, wie fragwuerdig der "Fortschritt" fuer den chinesischen Arbeiter ist.
Liu Ning-i, der Stellvertretende Vorsitzende des Allchinesischen
Gewerkschaftsbundes, erklaerte im August 1954 vor einer Delegation der
britischen Labour Party in Peking, dass der durchschnittliche Monatslohn

�der Industriearbeiter in China zwischen 50 000 und 60 000 Yuan betrage.
Das entspricht nach dem offiziellen Umrechnungskurs, der noch dazu in
der Praxis nicht gezahlt wird, da der Yuan gegenueber dem US-Dollar viel
zu hoch veranschlagt ist, rund 21 bis 25 Dollar, das sind rund 88 bis
105 DM. Ungelernte Arbeiter erhielten im Jahr 1954 sogar nur den Gegenwert von 42 bis 63 DM pro Monat.
Im freien China, in Formosa, erhalten ungelernte Arbeiter dagegen
den Gegenwert von 80 bis 109 DM und Industriearbeiter von rund 122 DM.
Der Durchschnittslohn der japanischen Fabrikarbeiter verschiedener Industrien betrug im Jahre 1954 rund 210 DM und stieg im Jahre 1955 aul&lt;
fast 225 DM.
Die "Volkszeitung" warnte am 10. September 1955 die Arbeiterschaft
in einem Leitartikel (»vor, dass "eine Hebung des materiellen Wohlstandes
und eine Verbesserung des kulturellen Lebens nicht zu bald, zu rasch
und in zu grossem Umfange gefordert werden duerfte." Umgekehrt, so fuehrte
die Zeitung weiter aus, "muessen die arbeitenden Massen in dem Geist
bestaerkt werden, den Kampf entschlossen zu fuehren, die Ansprueche zurueckzustecken und alle Schwierigkeiten zu ueberwinden."
Die wahre Bedeutung des kommunistischen Wortes vom "Zurueckstecken
der Ansprueche der arbeitenden Massen" wurde den Arbeitern in der Privatindustrie im kommunistischen China im Januar 1956 klar, als private
Unternehmen in Industrie und Handel in sogenannte "gemischte staatlichprivate Unternehmen" umgewandelt, das heisst also verstaatlicht wurden.
Dieses Vorgehen entsprach ganz offensichtlich nicht den Wuenschen
der Arbeiterschaft, denn die "Volkszeitung" sah sich am 17. Januar 1956
in einem Leitartikel gezwungen, der Arbeiterschaft gut zuzureden. In
sehr vorsichtiger Form versuchte man darin der Arbeiterschaft die Notwendigkeit von Lohnverkuerzungen in diesen Betrieben klar zu machen:
"Einige Arbeiter in der privaten Wirtschaft", so heisst es in dem Leitartikel, "befuerchten, dass sie nach der Umwandlung dieser Betriebe in
gemischt staatlich-private Unternehmen geringere Loehne und Sozialleistungen erhalten werden als bisher, und dass eine Verschaerfung der Arbeitsdisziplin bevorsteht. Aus diesem Grunde stehen sie der Umwandlung in
staatliche-private Gemeinschaftsunternehmen mit Skepsis gegenueber....
Es ist deshalb in erster Linie notwendig, ihnen klar zu machen, dass
die Loehne und Sozialleistungen in einigen Betrieben der Privatwirtschaft
zu hoch waren und dass dies eine Methode der Kapitalistischen Unternehmer
War, die Arbeiterschaft zu koedern. Eine vernuenftige Angleichung der
Loehne und der Sozialbetreuung ist deshalb heute unerlaesslich. Gleichzeitig gilt es, der Arbeiterschaft in der Privatwirtschaft zu erklaeren,
dass die gemeinschaftliche Fuehrung der Betriebe durch den Staat und die
Unternehmer.... eine staendige Steigerung der Produktivitaet und Verbesserung der Betriebsfuehrung mit sich bringen wird, so dass diese
Unternehmen fortan dem Staat weit besser zu dienen vermoe^en...."
Am Rande sei hier noch bemerkt, dass der Sender Peking seinen auslaendischen Hoerern zum gleichen Zeitpunkt glauben machen wollte," dass
es anlaesslich der Verstaatlichung der Privatindustrie zu begeisterten
Ovationen fuer das kommunistische Regime gekommen sei.
Radio Peking berichtete, dass von Begeisterung erfuellte Arbeiter
sich vor den oertlichen Gewerkschaftszentralen zusammenfanden, rote
Fahnen mit sich fuehrten und begeisterte Kundgebungen cbhielten.
Wenn die Arbeiterschaft in einem kapitalistischen Land unter aehnlichen Umstaenden vor den Gewerkschaftszentralen aufmarschierte, dann
wuerde dies mit Sicherheit dazu fuehren, dass die alten Loehne weiterbezahlt

- 8 -

�und die Kuerzungen in der Sozialleistung rueckgaengig gemacht werden.
Im kommunistischen China, wo die Gewerkschaften lediglich das Werkzeug
des Staates sind, fuehrten diese Demonstrationen der Arbeiterschaft zu
folgender Resolution, die am 28. Februar 1956 ueber den Sender Peking an
die Arbeiterschaft des Landes gerichtet wurde:
"Das Zentralkomitee der Partei erwartet von uns, dass wir mehr produzieren und schneller, besser und wirtschaftlicher arbeiten... Der
Allchinesische Gewerkschaf'tsbund ist entschlossen, die Arbeiterschaft des
Landes zu mobilisieren, damit sie der Forderung des Zentralkomitees mit
Begeisterung nachkommt, und sie wird darueber hinaus den sozialistischen
Wettbewerb mit allen ihr zur Verfuegung stehenden Mitteln foerdern, damit
der erste Fuenfjahresplan noch vorzeitig erfuellt wird. Dieses tatkraeftige Mandeln soll das Geschenk der Gewerkschaften zum 8. Kongresa der
Kommunistischen Partei Chinas sein.
Quelle»

Eigenbericht

US-BerKarbeitergewerkschaft baute zehn neue Krankenhaeuser
fuer Mitglieder
Als erstes von insgesamt zehn neuen Krankenhaeusern, die von der
Gewerkschaft der Vereinigten Bergarbeiter (UMW) zur "eit im Kohlenrevier
des Appalachenplateaus gebaut werden, wurde kuerzlich das Hospital in
Middlesboro feierlich eingeweiht.
Die aus Geldern des Pensionsfonds gebauten Krankenhaeuser sollen
sowohl den Gewerkschaftsmitgliedern als auch ihren Angehoerigen kostenlos fuer saemtliche aerztlichen und chirurgischen Taetigkeiten zur Verfuegung gestellt werden. Darueber hinaus aber will man auch, soweit Betten vorhanden, den uebrigen Bewohnern der Staedte und Gemeinden, in denen die neuen Krankenhaeuser errichtet werden, Aufnahme und Behandlung
zu den ueblichen Saetzen gewaehren.
Die nach den modernsten Gesichtspunkten der Technik entworfenen Gebaeude sind in ihrer Kombination von Beton, Stahl und Glas nicht nur
ungemein zweckmaessig angelegt sondern sie wirken dazu auch noch nach
aussen hin sehr attraktiv.
Die zweifellos wichtigste Neuerung dieser zehn Krankenhaeuser liegt
jedoch auf verwaltungstechnischem Gebiet. Obgleich raeumlich sehr weit
auseinander gelegen - sechs Krankenhaeuser liegen in Kentucky, drei in
West-Virginia und eines in Virginia -, bilden sie eine einzige Verwaltungseinheit. Das heisst, die gesamte Planung und saemtliche mit der Verwaltung zusammenhaengenden Fragen, wie Einkauf, Lagerung und aehnliches,
werden zentral gesteuert. Ebenso der Einsatz und die Dispositionen ueber
Aerzte und Hilfspersonal. Da die Krankenhaeuser durch ein Fernschreibnetz
miteinander verbunden sind, kann zum Beispiel ein Spezialist sehr schnell
in dasjenige Krankenhaus gerufen werden, wo er dringend benoetigt wird,
oder aber es koennen auf diese Weise ploetzlich auftauchende medizinische
und andere Fragen ohne Zeitverlust zwischen den Aerzten geklaert werden.
Die grossen Krankenhaeuser in Williamson, Beckley und Harlan werden dabei
als "Stuetzpunkte" fungieren und ueber all diejenigen Einrichtungen verfuegen, die in den kleineren Krankenhaeusern nicht vorhanden sind.
Auch die Versorgung der einzelnen Krankenhaeuser erfolgt zentral.

- 9-

�Waehrend saemtliche eingekauften Waren in Williamson gelagert und von
dort aus verteilt werden, erfolgt die Belieferung der einzelnen Hospitaeler mit Arzneien von einer Zentralapotheke aus.
Ebenso will man auch die Fachkraefte einheitlich ausbilden. Eine
Schule fuer Krankenschwestern, in der Junge Maedchen in dreijaehrigen Kursen alles das erlernen sollen, was in der modernen Krankenpflege benoetigt
wird, soll in Harlan errichtet werden, wo sich bereits eine Schule fuer
ausgebildete Schwestern befindet.
Neu ist in den einzelnen Krankenhaeusem auch der organisatorische
Aufbau. So wird unter anderem nur eine Hauptkrankenkartei gefuehrt werden,
in der die Schwestern all das in die Krankenpapiere eintragen koennen,
was die Aerzte ueber Telefone, die an automatisch arbeitende Diktatgeraete
angeschlossen sind, hinsichtlich Diagnose oder Krankheitsverlauf aussagen.
Auch die Krankenpflege wird in den neuen Krankenhaeusem, die insgesamt 1040 Betten - zwischen 50 und 200 - haben werden, durch verschiedene moderne Einrichtungen erheblich erleichtert. So koennen die Schwestern
jederzeit, ohne ihren Raum verlassen zu muessen, ueber ein audio-visuales
System sich mit den Patienten verstaendigen, und zur Behandlung stehen
ihnen "Verbandskarren" zur Verfuegung, die taeglich mit allen fuer die
Krankenpflege, zur Behandlung oder Erneuerung der Yerbaende benoetigten
Sachen aufgefuellt werden und somit zeitraubende und anstrengende Caenge
fuer das Personal ersparen helfen.
Quelle: Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Ein Unternehmer hat eine Tarifverhandlung mit der Gewerkschaft dann
nicht im Sinne von "Treu und Glauben" gefuehrt, wenn er die von der Gewerkschaft geforderte Lohnerhoehung mit dem Hinweis ablehnt, dass diese
wirtschaftlich nicht tragbar sei, und er gleichzeitig eine Einsichtnahme
in die Geschaeftsbuecher durch die Arbeitnehmerorganisation verweigert.
Diese Entscheidung faellte der Oberste Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten, der damit mit sechs zu drei Stimmen ein Urteil des
"National Labor Relations Board" (NLRB) bestaetigte, durch das der "Truitt
Manufacturing Company" in Greensboro (Nord-Karolina) auferlegt worden war,
der Gewerkschaft der Bruecken- und Eisenkonstruktionsarbeiter (BSOIW) die
entsprechenden Unterlagen ueber die wirtschaftliche Lage des Unternehmens
zugaengig zu machen.
Diese Entscheidung wurde vom NLRB gefaellt, nachdem die Truitt Company die von der Gewerkschaft geforderte Lohnerhoehung von 10 Cent pro
Stunde mit der Begruendung abgelehnt hatte, dass nur eine Erhoehung um
2,5 Cent wirtschaftlich tragbar sei und die Gewericschaft daraufhin eine
Einsichtnahme in die Geschaeftsbuecher forderte, die aber ebenfalls verweigert wurde.
Dieser Spruch des NLRB wurde dann spaeter durch den Appelationsgerichts
hof in Richmond (Virginia) aufgehoben und in dem Urteil betont, dass der
Abschnitt im Taft-HartleyrGesetz ueber "Treu und Glauben" bei Kollektivverhandlungen eine Einsichtnahme in die Geschaeftsbuecher nicht vorsehe.
In dem Urteil des Obersten Gerichtshofes wird allerdings ausdruecklich
betont, dass diese Entscheidung nicht allverbindlich sei. In der Urteilsbegruendung erklaerte der Richter Hugo L. Black im Namen der Mehrheit,

10

�&gt;
dass die wirtschaftlichen Moeglichkeiten des Unternehmens hinsichtlich
Lohnerhoehungen bei Tarifverhandlungen allgemein beruecksichtigt wuerden
und des oefteren schon Lohnforderungen der Arbeitnehmer auf Grund der
schwierigen wirtschaftlichen Lage zurueckgestellt worden seien. Desgleichen seien Faelle bekannt, in denen die Arbeiter und Angestellten freiwillig Lohnherabsetzungen auf Grund der schlechten finanziellen Lage des
Unternehmens beantragt haetten.
Aus diesem Grunde sei es bei in "Treu und Glauben" gefuehrten Kollektivverhandlungen auch durchaus erforderlich, dass die vorgebrachten Argumente aufrichtig seien. Wenn solch ein Argument wichtig genug sei, um
bei den TarifVerhandlungen zur Sprache zu Kommen, dann sei es auch wichtig genug, den Beweis dafuer zu erbringen.

Die zunehmende Bedeutung der industriellen Wohlfahrts- und Pensionsprogramme fuer die soziale Sicherheit der amerikanischen Arbeitnehmer
zeigt eine Studie auf, die vom Senatsunterausschuss fuer Arbeitsfragen
jetzt fertiggestellt wurde.
Danach werden zur Zeit rund 75 Millionen Amerikaner - das ist fast
die Haelfte der Bevoelkerung - von solchen ganz oder teilweise von den
Unternehmern finanzierten Flaenen erfasst. Im einzelnen sind es 2$ Millionen Arbeitnehmer mit etwa 46 Millionen Angehoerigen, die gegen Krankheit,
Unfall, Invaliditaet und (oder) Alter versichert sind.
Nach Angaben des Vorsitzenden des Senatsunterausschusses, Senator
Paul H. Douglas, werden jaehrlich in diese V rsicherungsfonds, die gegenwaertig eine Gesamthoehe von etwa 25 Milliarden Dollar aufweisen duerften,
rund 7 Milliarden Dollar eingezahlt. Die Gesamtzahl der zur Zeit in Kraft
befindlichen Plaene,. die saemtlich auf Grund von Kollektivverhandlungen
zwischen den Sozialpartnern geschaffen wurden und von denen die ueberwiegende Zahl nur Beitragsleistungen durch den Arbeitgeber vorsieht, liegt
nach Angaben von Senator Douglas bei etwa 500 000.
In einem kuerzlich veroeffentlichten Bericht hatte der gleiche Ausschuss schon gefordert, dass all diese Flaene durch bundes- und.einzelstaatliche Gesetze geschuetzt werden sollten. Nach Ansicht der Ausschussmitglieder sei dies deshalb notwendig, da, "obwohl die ueberwiegende
Mehrzahl dieser Fonds ordnungsgenaess und richtig verwaltet wird, in
einigen Faellen die Rechte und Anteile der Mitglieder in unverantwortlicher
Weise gefaehrdet werden." In anderen Faellen wiederum wuerden die Mittel
dieser"Fonds vergeudet" oder von "Skrupellosen als Jagdgruende" betrachtet.
Ausserdem wies der Ausschuss in seinem Bericht darauf hin, dass die
gesamte Verwaltung dieser Mittel auf Grund der gewaltigen Zunahme dieser
Programme seit Beendigung des letzten Krieges ungemein kompliziert geworden und teilweise nicht mehr mit den derzeitigen Gesetzen und staatlichen Kontrollen in Einklang zu bringen sei. Aus diesem Grunde solle
ein Gesetz geschaffen werden, das die oeffentliche Eintragung solcher
Programme zur Pflicht mache. Solche Fonds, die mehr als 100 Mitglieder
umfassen, sollten zudem zur Abgabe detaillierter Geschaeftsberichte und
- soweit erforderlich - zur regelmaessigen Buchpruefung verpflichtet werden.
In einer Stellungnahme zu den Vorschlaegen des Senatsunterausschusses erklaerte der 1. Vorsitzende des grossen amerikanischen Gewerkschaftsverbandes "AFL-CIO", George Meany, dass die unparteiische und objektive
Art, mit der der Ausschuss seine Untersuchung durchgefuehrt habe, volle
Anerkennung verdiene. Auch der Abschlussbericht sei konstruktiv und
- 11 -

�informativ. Meany forderte den Kongress auf, sich unverzueglich mit den
Empfehlungen des Ausschusses auseinanderzusetzen und ein entsprechendes
Gesetz zu verabschieden.

Einen neuen Weg in der medizinischen Betreuung ihrer Gewerkschaftsmitglieder ist jetzt die bekannte "Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter" ("International Ladies Garment Workers Union" - ILGW -) gegangen, indem sie eine Flotte von 12 motorisierten Ambulanzstationen ausruestete, die fuer den Einsatz in den Fabriken gedacht sind.
Diese fahrbaren Ambulanzen sind als Ergaenzung zu den insgesamt 17
sogenannten "health centers" (Gesundheitsbetreuungsstellen) der Gewerkschaft gedacht, die sich ge^enwaertig in den groessten amerikanischen
Staedten befinden und durch die rund drei Viertel der insgesamt 440 000
Mitglieder betreut werden. Sie sollen dabei in erster Linie in abgelegeneren Gebieten eingesetzt werden.
Die Gesamtkosten fuer die Ausruestung dieser "fliegenden" Ambulanzen
wurden vom ersten Vorsitzenden der ILGW, David Dubinsky, mit rund 500 000
Dollar veranschlagt. Die einzelnen Fahrzeuge will man genauso ausruesten
wie die Versuchseinheit, die bereits seit einem Jahr im Staate Pennsylvanien eingesetzt ist und die 55 000 Dollar kostete. Neben der medizinischen Betreuung der Gewerkschaftsmitglieder sollen sie auch in Katastrophen
und Notfaellen, wie erst kuerzlich bei den schweren Ueberflutungen und Orkanen in Pennsylvanien, Verwendung finden.
Die rund 10 Meter langen und 2,60 Meter breiten "Motorisierten Kliniken" enthalten neben einem Empfangs- und Behandlungsraum zwei UmKleidekabinen, je einen Roentgenraum sowie ein komplett eingerichtetes Laboratorium. Weiterhin sind die Fahrzeuge mit einer Klimaanlage, Behaeltern
fuer Kalt- und '.Varmwasser sowie zur Aufnahme der Abwaesser ausgeruestet.
Neben einem Arzt gehoeren eine ausgebildete Krankenschwe-ster und ein Techniker zur Besatzung.
Der Vorteil dieser motorisierten Kliniken besteht darin, dass sie
direkt zu den Arbeitern in die Fabrik fahren koennen, so dass in Vereinbarung mit den Unternehmen regelmaessig Reihenuntersuchungen durchgei'uehrt
werden koennen. Diese Reihenuntersuchungen, die neben der normalen Betreuung durchgefuehrt werden sollen, schlieasen ausser einer vollkommenen
Roentgenuntersuchung die Messung des Blutdruckes, die Anfertigung eines
Elektro-Kardiogramms sowie Ohren-, Nasen-, Augen- und Halsuntersuchungen
ein.
Es versteht sich am Rande, dass saemtliche Untersuchungen fuer die
Mitglieder der Damenoberbekleidungsgewerkschaft natuerlich kostenlos durchgefuehrt werden.

- 12 •. JUN &gt;•

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material Aber ArbeitsbeziehunKen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wercjen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mchlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 12

Mehlem, den 22. Juni 1956

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der
Seite 1
privaten Arbeitslosenunterstuetzung
Seite

8

Die Freizeit als Faktor im Wirtschaftsleben
Seite 11
"Revidierter Garantierter Jahreslohn" in der Praxis
Seite 12
Gewerkschaftliche Kurznachrichten

ffohn V. HoConnel,
Professor der Soziologie an der Cornell-Universitaet, USA:
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der privaten Arbeitslosenunterstuetzung
Die Abkommen fuer einen "garantierten Jahreslohn", die im letzten
Sommer in der Autoindustrie realisiert wurden, unterscheiden sich erheblich von den urspruenglich von den Gewerkschaften vorgeschlagenen Plaenen.
Diese neuen, als zusaetzliche Arbeitslosenversicherung bezeichneten Plaene, bilden dabei eine gute Basis fuer eine Diskussion ueber den garantierten Jahreslohn in seiner derzeitigen Form. Bei den Leistungen aus der
zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung handelt es sich um variable Leistungen, die neben der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung aus einem vom
Arbeitgeber finanzierten und unter Treuhandverwaltung stehenden Fonds an
entlassene Arbeiter gewaehrt werden.
Die Plaene der Firmen "Ford", "General Motors" und der Automobilarbeitergewerkschaft sind in der Oeffentlichkeit des langen und breiten diskutiert worden. Doch gibt es auch noch andere Formen einer zusaetzlichen
Arbeitslosenversicherung wie zum Beispiel die Plaene, die von der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft mit den zwei groessten amerikanischen Konservendosenfabriken - der American und der Continental Can Company - ausgehandelt wurden sowie die Abkommen zwischen Tafelglasherstellern und
der Glas- und Keramikarbeitergewerkschaft. Ebenso hat die Gewerkschaft der
Damenoberbekleidungsarbeiter (ILGW) mit einer Gruppe von Industriebetrieben in Allentown (Pennsylvanien)
eine zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung in Hoehe von 2 Dollar taeglich fuer Arbeiter und Angestellte
mit sechsmonatiger Betriebszugehoerigkeit ausgehandelt.
- 1 -

�Gemeinsame Fonds oder individuelles Sparen
Der Plan der Glasarbeiter laeuft tatsaechlich auf nichts anderes als
auf ein Zwangssparen hinaus. Es ist nicht das erste Mal, dass Flaene fuer
individuelles Zwangssparen in den USA als Ersatz fuer Arbeitslosenunterstuetzungen ernsthaft vorgeschlagen wurden. Von Vertretern der Arbeitgeberverbaende sind sie dabei als eine "typisch amerikanische Methode zur Erreichung wirtschaftlicher Sicherheit" schon oft befuerwortet worden.
Die Kernfrage, welchem System der Vorzug zu geben ist, dreht sich dabei in
erster Linie darum, wie das Risiko am besten getragen werden kann. In den
Diskussionen ueber das im Jahre 1935 erlassene Sozialversicherungsgesetz
wurde das individuelle Sparen und die Einrichtung von Fonds zur Arbeitslosenunterstuetzung durch die einzelnen Arbeitgeber von denjenigen befuerwortet, die zwischen der Arbeitslosenversicherung und der Invaliditaetsversicherung eine Farallele zogen. Das Gesetz ueber die Sozialversicherung
sieht daher private Unterstuetzungskassen des Arbeitgebers und Massnahmen
zur Sicherung des Arbeitsplatzes vor, weil die Arbeitslosigkeit damals allgemein und ihr Ende nicht abzusehen war, und nur gemeinsame Fonds die geeignete Form fuer Arbeitslosenunterstuetzungen zu sein schienen. Die Frage,
gemeinsame Fonds oder individuelles Sparen der Betriebe, steht immer noch
zur Debatte - doch sie ist heute von geringerer Bedeutung als vor 20 Jahren,
da die vom Bund und den Einzelstaaten getragene Arbeitslosenversicherung
dem einzelnen ein Existenzminimum sichert. Trotz ihrer UnzulaenglichKeiten
bilden die staatlichen Massnahmen eine Grundlage, auf der sich eine zusaetzliche Arbeitslosenversicherung aufbauen laesst. Die Frage, ob diese zusaetzlichen Unterstuetzungen durch individuelles Sparen oder durch gemeinsame Fonds aufgebracht werden sollen, sollte man daher ruhig den beiden
Sozialpartnern ueberlassen. Die einzelnen Industriezweige moegen sich dabei fuer das eine oder das andere System entscheiden, je nach den Erfahrungen, die sie hinsichtlich der Beschaeftigungsschwankungen gemacht haben, wobei die Wuensche ihrer Belegschaften zu beruecksichtigen sind und
gewaehrleistet sein muss, dass die wirtschaftliche Sicherheit der Arbeiter
auf weite Sicht gesehen nicht gefaehrdet wird.
Individuelle Fonds sind als Mittel vorgeschlagen worden, um verschiedene Einwaende zu entkraeften, die gegen die zusaetzliche Arbeitslosenunters tuetzung in Form von gemeinsamen Unterstuetzungsfonds vorgebracht
wurden.
Die Vorzuege des individuellen Fonds werden damit begruendet, dass
sie
1. fuer diejenigen Angestellten und Arbeiter wirtschaftlich vorteilhafter sind, die schon laengere Zeit im Betrieb beschaeftigt sind und die
kaum mit einer Entlassung zu rechnen haben, und sie die Vorteile aufwiegen gegenueber den seit kuerzerer Zeit im Betrieb beschaeftigten Arbeitern und Angestellten, die aus der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
unterstuetzt werden.
2. die Inanspruchnahme des Fonds sowohl im Falle der Arbeitsunfaehigkeit wie bei Eintritt der Arbeitslosigkeit gestatten.
3. dem einzelnen Arbeiter oder Angestellten einen Anspruch auf den
Arbeitgeberanteil gewaehren. Wenn, was wahrscheinlich ist, dieser. Anteil
mehr als ausreichend ist, um die Unterstuetzungsleistungen an die Arbeitslosen nach ihrem gegenwaertigen Stand zu finanzieren, kann sich der Arbeiter beziehungsweise dessen Familie den ueberschuessigen Betrag bei seinem
Ausscheiden aus dem Betrieb, bei seiner Pensionierung oder im Falle seines
Todes auszahlen lassen.
i

4* die formelle Genehmigung durch die Regierung des Einzelstaates
bei der Auszahlung von Unterstuetzungen nicht erforderlich machen, obwohl
der Anspruch neben der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung ausgezahlt
wird.
- 2 -

�.Verschiedene Aspekte der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
Die Bedingungen fuer die Gewaehrung von Unterstuetzungen sind bei
der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung strenger als bei der staatlichen
Arbeitslosenversicherung. Die Bezugsberechtigung setzt die ununterbrochene
Be3Chaeftigung in einem einzigen Betrieb voraus, und die Beschaeftigungsdauer betraegt nach den zwischen der Automobilindustrie der Automobilarbeitergewerkschaft aufgestellten Plaenen ein Jahr, waehrend die von den
Konservendosenfabriken und der Stahlarbeitergewerkschaft aufgestellten
Flaene eine Beschaeftigungsdauer von drei Jahren voraussetzen. Zum Bezug zusaetzlicher Arbeitslosenunterstuetzungen fuer die Dtiuer einer Woche ist berechtigt, wer wenigstens zwei Wochen voll gearbeitet hat. Die
staatliche Arbeitslosenversicherung setzt dagegen mindestens 20 Wochen
Vollarbeit voraus, unabhaengig davon, wie oft der Unters tuetzungsempfaenger
in dieser Zeit seinen Arbeitsplatz gewechselt hat, und haeufig sind die
Voraussetzungen zum Bezug der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung auch
dann gegeben, wenn die Bedingungen ueber die Hoehe des Arbeitseinkommens
bei einer kuerzeren Arbeitszeit erfuellt werden. Die zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung wird nur gewaehrt, wenn der Verlust des Arbeitsplatzes
durch eine Handlung des Arbeitgebers bedingt ist und nicht auf Grund disziplinarischer Massnahmen erfolgte sowie ferner nicht die Folge war von
a) Streiks, Sitzstreiks, Betriebsstillegungen, der Besetzung eines
Werks durch Streikposten (unabhaengig davon, ob sie von der Belegschaft
selbst aufgestellt wurden oder nicht), oder gemeinsamer Aktionen in einem
oder mehreren Industriebetrieben, oder Streitigkeiten jeder Art, in die
Arbeiter oder Angestellte verwickelt werden, sei es innerhalb oder ausserhalb ihres Betriebes, oder
b) einem schuldhaften Verhalten des Antragstellers selbst; oder
die Folge war c) von kriegerischen oder feindlichen Handlungen seitens einer fremden Macht (nicht jedoch als Folge damit verbundener staatlicher Massnahmen oder Kontrollen) oder
d) von Sabotage oder Aufruhr, oder wenn
e) sie auf Grund hoeherer Gewalt erfolgten (Vertrag zwischen Ford
und der Automobilarbeitergewrrkschaft, Art. V., Abschn. 2/4.)
Die meisten Einzelstaaten nehmen dagegen in diesen Faellen (ausser
bei Streiks) unverzueglich beziehungsweise kurze Zeit nach Eintritt des
Versicherungsfalls die Zahlungen zur Arbeitslosenversicherung auf.
Obgleich die Automobilarbeitergewerkschaft vor Abschluss ihrer Verhandlungen mit den Automobilwerken in der Oeffentlichkeit klär zum Ausdruck brachte, dass sie mit ihren Forderungen nach einem garantierten
Jahreslohn den Zweck verfolgte, das Verlangen der Arbeitgeber nach zusaetzlichen Ausschliessungsgruenden bei der Gewaehrung der Arbeitslosenunterstuetzung zu neutralisieren, duerfte es verfehlt sein, anzunehmen,
dass die Arbeitgeber, es sei denn unter starkem Druck, jemals der Zahlung von Arbeitslosenunterstuetzungen zustimmen wuerden, wenn die Ursache der Arbeitslosigkeit allein auf ein Verschulden des Arbeiters oder
auf andere Gruende als Arbeitsmangel zurueckzufuehren ist. Durchaus annehmbar waere dagegen der Vorschlag, die Unterstuetzungen nach dem Vorbild
der staatlichen Sozialversicherungen zu leisten, wenn die Arbeitslosigkeit auf soziale Ursachen zurueckzufuehren ist, wie etwa bei Stoerungen
des Wirtschaftslebens durch Kriegseinfluesse. Veit schwerer laesst sich
die Forderung begruenden, die Arbeitgeber im Rahmen privater Programme
fuer Verluste aufkommen zu lassen, fuer die sie selbst in keiner Weise
verantwortlich sind.

- 3 -

�In den zwischen den Automobilarbeiter- und Stahlarbeitergewerkschafien und den Automobil- beziehungsweise Konservendosenfabriken vorgesehenen
Vertraegen werden die Unterstuetzungsleistungen auf 60 beziehungsweise
65 Prozent vom Einkommen nach Abzug der Steuern festgesetzt. Diese Formel
wirkt sich dabei dahingehend aus, die grossen Unterschiede in der Staffelung der Saetze, wie sie heute bei verschiedenen Systemen der Arbeitslosenunterstuetzung in den einzelnen Staaten bestehen, zu verringern, eine
Frage, die auch von den an den verschiedenen Plaenen beteiligten Werken
bcgruesst wird. Der Abschluss von Kollektivvertraegen mit Industriewerken,
die ueber mehrere Einzelstaaten verstreut sind, hat bereits die Unterschiede in der Staffelung der Lohnsaetze in der gleichen Industrie, wie
sie zwischen den Einzelstaaten bestanden, weitgehend vermindert. Die zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung verringert heute auch die Unterschiede der gestaffelten Unterstuetzungssaetze der Arbeitslosenversicherung, die zwischen den Einzelstaaten bestanden hatten.
In den Flaenen der Xonservendosenfabriken und der Stahlarbeiter sind
auch Familienunterstuetzungen vorgesehen. In die Plaene fuer die Arbeiter
der Automobilindustrie wurden diese Leistungen jedoch nicht aufgenommen,
statt dessen die Unterschiede in den gestaffelten Saetzen der Arbeitslosenversicherung zwischen den ledigen und verheirateten Arbeitern mit Familie in denjenigen Staaten verringert, die Familienunterstuetzungen oder
variable Hoechstsaetze gewaehren. Zum Beispiel werden durch die zusaetzliche Arbfitslosenunterstuetzung in Michigan die gestaffelten Unterstuetzungssaetze fuer ledige Fordarbeiter, die 1,75 Dollar in der Stunde
verdienen, gegenueber Arbeitern mit einer vierkoepfigen Familie um 40 Prozent verringert. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, die gestaffelten
Unterstuetzungssaetze betragen bei ledigen Arbeitern, die einen Stundenlohn
von 2,18 Dollar erhalten, 6 Dollar gegenueber 14 Dollar fuer verheiratete
Arbeiter mit dem gleichen Stundenlohn.
Ob und in welcher Weise hohe Unterstuetzungssaetze einen Arbeitsanreiz bilden, laesst sich heute noch nicht genau beurteilen. Bisher ist das
Tatsachenmaterial noch zu gering, um Licht auf dieses Froblem werfen zu
koennen.
Die Forderung nach gleichen Sozialaufwendungen der Betriebe ist einer
der Hauptgrundsaetze, die die meisten Gewerkschaften gewoehnlich in den
Tarifverhandlungen stillschweigend voraussetzen. Die Anwendung dieses Prinzips in der Frage des garantierten Jahreslohns, der zusaetzlichen Arbeitslosenunterstuetzung oder der Altersversorgung bei so unterschiedlichen
Industriekonzernen wie Ford und General Motors einerseits und American Motors andererseits, ist durchaus nicht leicht gewesen. Doch wurde bei den
Verhandlungen ueber die zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung fuer die
Automobilindustrie dieser Zweck scheinbar ganz automatisch durch die folgenden Bestimmungen erreicht«
1. Die Zahlung gleicher Beitraege von 5 Cent pro Arbeiter und
Arbeitsstunde.
2. Waehrend der Dauer des Abkommens werden von saemtlichen Betrieben
entsprechend der Zahl ihrer Belegschaftsmitglieder die gleichen Beitragsraten gezahlt bis nach Ablauf von fast vier Jahren (in denen keine Unterstuetzung gezahlt wird) der Fonds auf eine Summe angewachsen ist, dass
sich weitere Beitragsleistungen eruebrigen.
3. Dxe Unterstuetzungsleistungen werden
der gleichen Formel berechnet, doch sind die
und die Gesamthoehe des Unterstuetzungsfonds
und richten sich je nach deren betrieblichen

fuer saemtliche Betriebe nach
Dauer der Beitragsleistungen
der Betriebe verschieden
Gegebenheiten.

Daher duerften, trotz der Gleichheit der Vertraege, die unterschiedlichen betrieblichen Gegebenheiten der einzelnen Firmen waehrend der

- 4-

�dreijaehrigen Laufzeit der Vertraege ueberhaupt keinen Einfluss auf die
Betriebskosten haben, desto staerker aber duerften sich die betrieblichen
Gegebenheiten der einzelnen Firmen im Laufe der Zeit auf ihre Beitragsleistungen auswirken.
Die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der zusaetzlichen
Arbeitslosenunterstuetzung
Wie wird sich nun diese zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung in
wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht auswirken? Bezeichnenderweise sind
diese Plaene weder von den Arbeitgebern noch von der Fachwelt so kritisch
wie die im Jahre 1949 in Tarifverhandlungen zustande gebrachte Altersversorgung aufgenommen worden. Im allgemeinen waren die Beurteilungen ueber
die moeglichen Auswirkungen der zusaetzlichen Arbeitslosenunterstuetzung
auf verschiedene Teile der amerikanischen Wirtschaft trotz unterschiedlicher Auffassungen gewoehnlich sachlich und objektiv und boten keine Gelegenheit zu lebhaften Auseinandersetzungen.
Die Frage der wirtschaftlichen Auswirkungen wird natuerlich in hohem
Grade davon bestimmt, wie schnell die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung
auch in der uebrigen amerikanischen Wirtschaft Eingang findet und auf wie
viele Arbeiter und Industriezweige sie schliesslich ausgedehnt wird.
Schaetzungsweise werden heute etwas ueber eine Million Arbeiter von der
zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung erfasst. In drei Jahren werden
vielleicht die Haelfte oder drei Viertel aller gewerkschaftlich organisierten Arbeiter - soweit ihre Organisationen heute noch daran interessiert
sind - zum Bezug zusaetzlicher Arbeitslosenunterstuetzung berechtigt sein.
Bei folgenden Gewericschaften duerfte das der Fall sein« bei der Gewerkschaft der Automobilarbeiter, der Eisen- und Stahlarbeiter, der Glas- und
Keramikarbeiter, der Internationalen Gewerkschaft der Elektroarbeiter,
der Gewerkschaft ameriKanischer Seeleute, vermutlich auch bei der Internationalen Gewerkschaft der Transportarbeiter, der Internationalen Gewerkschaft der Arbeiter der Damenoberbekleidungsindustrie und der Internationalen Maschinistengewerkschaft mit insgesamt etwa 4,7 Millionen Mitgliedern. Auf Grund des kuerzlich mit der Firma "General Electric" auf 5
Jahre abgeschlossenen Tarifvertrages kann die Gewerkschaft der Elektroarbeiter in dieser Liste nicht aufgefuehrt werden.' Im Gegensatz zur privaten Altersversorgung duerfte jedoch die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung in der amerikanischen Wirtschaft im allgemeinen keine so schnelle
Verbreitung finden, weil sie nicht dringend notwendig ist, da die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung nicht wie die Altersversorgung mit
der Personalpolitik der Betriebe so eng verlcnuepft ist und weil die nicht
in Vrrbaenden zusammengeschlossene Arbeitgeberschaft kaum geneigt sein
duerfte, Beitraege fuer eine zusaetzliche Arbeitslosenversicherung zu zahlen. Anders als bei der Altersversorgung wird die weitere Entwicklung
voraussichtlich nur in verhaeltnismaessig beschraenktem Umfange erfolgen und in den naechsten drei Jahren duerfte die Zahl von 3 bis 5 Millionen
Arbeitern vermutlich nicht ueberschritten werden. Der staerkste Widerstand gegen eine Ausdehnung der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
duerfte vermutlich von den Justiznunistern und den gesetzgebenden Koerpe-'schaften der E.nzelstaaten ausgehen, die sich weigern werden» eine Integrierung der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung in die staatliche
Arbeitslosenversicherung zu legalisieren, dann aber auch besteht in den
Gewerkschaften selbst Uneinigkeit in dieser Frage zwischen Gewerkschaftsmitgliedern, die bereits lange in ihrem Beruf taetig sind und solchen,
bei denen das nicht der Fall ist.
Die Frogramme der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzungen
Auf Grund der Erfahrungen, die bei der im Jahre 1949 eingeführten
und auf der staatlichen Alters- und Hinterbliebenenfuersorge aufgebauten
privaten Altersversorgung gesammelt wurden, nimmt man an, dass die im

- 5-

�Aufbau begriffene private Arbeitslosenversicherung zu einer Liberalisierung der staatlichen Arbeitslosenversicherung fuehren wird. In gewissem Masse scheinen die im vergangenen Jahr in mehr als 30 Einzelstaaten gezahlten hoeheren Unterstuetzungssaetze zum Teil auf die gewerkschaftlichen Forderungen auf Gewaehrung des garantierten Jahreslohnes zurueckzufuehren zu sein. Doch herrschte allgemeine Unzufriedenheit wegen verzoegerter Auszahlungen der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzungen, und dem Wunsche nach verbesserten Leistungen wurde von
lraesident Eisenhower auch formell Ausdruck gegeben, als er im Januar
1954 einen Ausbau und die Verbesserung der staatlichen Arbeitslosenversicherung forderte. Trotz dieser Einfluesse werden die Unternehmer im
allgemeinen jedoch gegenueber erhoehten Leistungen der staatlichen Arbeitslosenversicherung eher als gegenueber den Leistungen aus der Alters- und Hinterbliebenenversicherung aus finanziellen Gruenden Widerstand entgegensetzen, da die gesamten Kosten sowohl fuer die staatliche
wie fuer die private Arbeitslosenversicherung von ihnen allein aufgebracht
werden mue^.sen, waehrend bei der Alters- und Hinterbliebenenversicherung
die Haelfte der Bcitraege von den Arbeitnehmern getragen wird. Zahlreiche
Arbeitgeber werden nur dann erhoehten Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung zustimmen, wenn die Bedingungen verschaerft werd«n, die zum
Bezug der Unterstuetzung berechtigen, beziehungsweise nur unter der
Voraussetzung, dass eine andere Gegenleistung erfolgt. An dieser Einstellung gegenueber der staatlichen Arbeitslosenversicherung duerfte auch die
private Arbeitslosenversicherung nichts aendern.
Der Forderung der Gewerkschaften nach einer Revision der Gesetze
ueber die staatliche Arbeitslosenversicherung duerfte ebensowenig Erfolg
beschieden sein wie in der Vergangenheit. Ihre Schlappe anlaesslich der
vom "Congress of Industrial Organizations" (CIO) im November 1955 in
Ohio beantragten Abstimmung, in der die Erhoehung der Arbeitslosenunterstuetzung auf 50 Dollar woechentlich, die Erweiterung der Bezugsdauer auf
39 Wochen und der Einbau der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung in
die staatliche Arbeitslosenversicherung gefordert wurden, und in der sie
mit 2 zu 3 unterlagen, ist ein extremes Beispiel fuer den Widerstand,
auf den die Gewerkschaften bei ihrem Eintreten fuer eine erweiterte staatliche Arbeitslosenversicherung stossen. An der grundsaetzlichen Einstellung der Arbeitgeberverbaende sowohl wie der Gewerkschaften bei ihren Verhandlungen ueber Fragen der staatlichen Arbeitslosenversicherung, aus
denen die Arbeitgeberverbaende gewoehnlich als Sieger hervorgingen, wird
sich auch durch die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung nichts aendern.
In den gesetzgebenden Koerperschaften der Einzelstaaten ist der Einflussder
nicht in Verbaenden organisierten kleinen Unternehmer, Farmer und Angehoerigen der freien Berufen in den kleinen Staedten, die alle nur indirekt von der privaten zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung beruehrt
werden, sehr stark. Eine Revision der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung duerfte vermutlich nur durch einen Kompromiss zwischen ihrer
Einstellung einerseits und der der Grossbetriebe und der Gewerkschaften
anderseits Zustandekommen.

Die Auswirkungen auf die Beschaeftigungspolitik der Industriebetriebe
In diesem fruehen Entwicklungsstadium lassen sich die Auswirkungen
der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung auf die Beschaeftigungspolitik
der Industriebetriebe noch nicht vorausbestimmen. Professor Sumner H.
Slichter erklaerte in dieser Frage, dass cie Auswirkungen nur gering sein
wuerden, da die Einfluesse der Maerkte, von denen der Unternehmer in
seinen Handlungen bestimmt wird, verglichen mit der geringen Summe, die
er fuer die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung aufbringen muss, weit
staerker sind. Jedoch ist das Ansteigen der Ueberstundenarbeit im Industriebez.irk von Detroit das ganze vergangene Jahr hindurch ein, wenn
auch nicht voellig ueberzeugender, Beweis dafuer, dass man bemueht ist,

- 6-

�die Zahl der Arbeitskraefte in der Automobilindustrie im Hinblick auf
kuenftige, nach dem Inkrafttreten der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung eintretende moegliche Produktions-Einschraenkungen knapp zu
halten.
Durch die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung duerfte eine ganze
Reihe unrentabler Betriebe zur Liquidation gezwungen werden. Diese Auswirkung haengt aber weniger mit der Groesse eines Betriebes zusammen,
als mit der Leistungsfaehigkeit des Unternehmens oder mit dem temporaeren
Trend im gesamten Industriezweig. Die Statistik zeigt, dass in New York
der Beschaeftigungsstand der mittelgrossen Betriebe (weit geringer als
bei den kleinen Unternehmen) am wenigsten stabil ist. Daher wird sich
die zusaetzliche Aibeitslosenversicherung vermutlich weniger nachteilig fuer die kleinen Unternehmer auswirken als allgemein angenommen wurde. Die in dem zwischen der Automobilindustrie und der Automobilarbeitergewerkschaft abgeschlossenen Abkommen enthaltene Bestimmung, nach der
die Belegschaftsmitglieder jede ihnen von ihrem Betrieb angebotene Arbeit im Räume Detroit annehmen muessen, gewaehrleistet durch eine Verschiebung der Arbeitskraefte innerhalb des Betriebes die Stabilitaet des Beschaef tigungsstandes. Die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung duerfte,
wenn der Fonds seinen Hoechststand erreicht hat, dem Unternehmer finanziell einen bescheidenen Anreiz bieten, seinen Belegschaftsmitgliedern
ihre Arbeitsplaetze zu erhalten. Bis dahin muessen jedoch die finanziell
starken wie die finanziell schwachen Betriebe den gleichen Satz von 5
Cent pro Mann und Arbeitsstunde an die Fonds abfuehreh.
Das Verhaeltnis der Sozialpartner zueinander
Die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung koennte sich auch in bezug
auf einen der wichtigsten Grundsaetze der amerikanischen Gewerkschaftspolitik bedeutsam auswirken, das Senioritaetsprinzip. Die Industriegewerkschaften haben sich seit Jahren staendig darum bemueht, dem irinzip
der Senioritaet Geltung zu verschaffen und sein Anwendungsgebiet zu erweitern. Zwar wird heute auch bei der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung auf die Dauer der beruflichen Taetigkeit Gewicht gelegt, doch
ist der Wert der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung fuer die laenger
im Beruf stehenden Arbeiter immer noch umstritten, weil deren Arbeitsplaetze bereits weitgehend,infolge ihrer langen Berufstaetigkeit, gesichert sind. Wird eine zusaetzliche. entweder durch erhoehte Unterstuetzungssaetze oder durch eine Verlaengerung der Bezugsberechtigung
verbesserte Arbeitslosenversicherung nicht die Senioritaet der seit langem in ihrem Beruf beschaeftigten Arbeiter in ihrem Wert mindern?
Die geringere Bedeutung, die infolge der Einfuehrung der zusaetzlichen
Arbeitslosenversicherung der Seftioritaet als Grundlage zur Sicherung des
Arbeitsplatzes zukommt, spricht fuer eine Revision der Senioritaetsklauseln in den Tarifvertraegen, weil sie den Arbeitgebern beim Einsatz
und bei der Verteilung der Arbeitskraefte freiere Hand laesst. Wuerde es
zum Beispiel nicht moeglich sein, die die Senioritaet einschraenkenden
Bestimmungen bei voruebergehenden Arbeitseinstellungen abzuaendern, um den
Unternehmern die Weiterbeschaeftigung der tuechtigsten Arbeitskraefte
statt derjenigen zu gestatten, die auf eine laengere berufliche Taetigkeit zurueckblicken?
Personalpolitik
Die Bemuehungen der Personalabteilungen und der Abteilungen fuer
innerbetriebliche Schulung grosser Firmen, ihre Arbeiter gruppenweise
einzustellen und auszubilden, kann durch die Einfuehrung der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung einen maechtigen Antrieb erhalten. Die
Methode, Arbeitsgruppen zusammenzustellen, die nach ihrer Auswahl und
Ausbildung eine Elite darstellen, entstand aus der Notwendigkeit, eine

- 7-

�'f

bewegliche und vielseitig einsatzfaehige Belegschaft zu erhalten und Einsparungen bei der Ausbildungszeit und bei den Auswahlverfahren zu erzielen. Ein fester Arbeiterstamm, der auf das sorgfaeltigste ausgewaehlt
und mit den verschiedensten miteinander verwandten, die Arbeitsmoral
staerkenden Fertigkeiten ausgebildet ist, wird sich durch eine groessere
Wirtschaftlichkeit und Leistungsfaehigkeit des Betriebes bezahlt machen.

Folgen fuer das Wirtschaftsleben
Seit der grossen Wirtschaftskrise haben sich in bestimmten Kreisen
Eroerterungen einer grossen Beliebtheit erfreut, welchen Einfluss die
Kaufkraft - sei es positiv oder negativ - auf den Konjunkturzyklus ausuebt. So wurde behauptet, dass sich die volle Aus3choepfung der Produktionskapazitaet und die Vollbeschaeftigung nur dann aufrecht erhalten
Hessen, wenn genuegend Geld unter den Leuten sei, das sie ausgeben koennten. Doch bedeutet Kaufkraft nicht lediglich Geld in den Haenden der
Arbeiter. Sie ist Einkommen aller Art - Miet- und Pachteinnahmen, Zinsen, Geschaeftsgewinne sowohl wie Loehne und Gehaeiter. Auch bedeutet
Kaufkraft nicht lediglich den Besitz von Geld, das ausgegeben werden kann.
Zwischen finanziellen Einkuenften der verschiedensten Art und dem Stand
der Preise besteht ein bestimmtes Verhaeltnis. Die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung kann in einem beschraenkten Grade einen Beitrag zur
Wirtschaft leisten, doch darf kein Zweifel darueber bestehen, dass der
Konjunkturzyklus ein viel zu kompliziertes Problem ist, das sj.ch nicht
einfach durch eine Erhoehung der Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung loesen laesst.
Die geplante zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung wird die Fluessigmachung der verfuegbaren Reserven erfordern. In Zeiten eines allgemeinen Konjunkturrückgangs wird sich der zwangsweise erfolgte Verkauf von
Wertpapieren auf das Wirtschaftsleben depressiv auswirken und daher in
gewissem Grade die auf Grund der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung
erhoehte Kaufkraft wieder aufheben. Falls die aus der zusaetzlichen Arbeitslosenversicherung stammenden Reserven jedoch ausschliesslich in Staatspapieren angelegt werden, kann die Regierung durch Ankauf dieser Papiere
eine unmittelbar ruecklaeufige Entwicklung der Wirtschaft verhindern.
Quelle: "Monthly Labor Review"
Bd. 79, Nr. 3

David M. Potter»
Die Freizeit als Faktor im Wirtschaftsleben
Dieser Artikel, der in der amerikanischen Zeitschrift
"Challenge Magazine" erschienen ist, beschaef t.i gt
sich mit prinzipiellen Aspekten der Freizeit und
Freizeitgestaltung, so dass er seine Geltung im
wesentlichen auch dort beibehaelt, wo die Arbeitszeit von 40 Stunden noch nicht erreicht ist. Die
wirtschaftlichen Schlussfolgerungen des Autors verdienen Beachtung, auch wenn sie hier noch nicht in
vollem Umfang anwendbar sein moegen.
- Quellenangabe erforderlich Die Verlaengerung der Freizeit ist eine der wichtigsten Entwicklungen
im modernen Leben. Eine zweite Errungenschaft ist das Mehrangebot an
- 8

�JConsumguetern, und letzten Endes sind beide, die Fieizeitverlaengerung
wie die Konsumguetervermehrung, ein Produkt des technischen Fortschritts.
Das Wesen einer technischen Verbesserung besteht ja darin, dass sie entweder eine gesteigerte Produktion bei gleichem Arbeitsaufwand ermoeglicht
oder gleichbleibende Erzeugung bei reduzierter Arbeitszeit. Sie fuehrt
in der Praxis meist zu beiden: hoeherer Lebensstandard und vermehrte Freizeit sind, wie sich gezeigt hat, nur die zwei verschiedenen Aspekte der
gleichen Sache.
Dennoch gibt es wesentliche Unterschiede in der Art und Weise, wie
diese beiden Bestandteile des gleichen Ganzen in unserer Gesellschaftsordnung aufgeteilt werden. Das Einkommensniveau und damit der Lebensstandard haengen bekanntlich vom "Wirtschaftswert" des Betreffenden ab, denn
sein Lohn oder Gehalt spiegelt zumeist seine Erfahrung, seine Ausbildung,
seine Tuechtigkeit wider. So verdienen also manche Menschen mehr als andere und kommen dementsprechend zu einem groesseren Anteil an den verfuegbaren Waren als jene. Das war immer schon so, wenn auch in der Vergangenheit viel ausgepraegter als heute.
Waehrend also die direkte Entlohnung stets verschieden hoch war, ist
die indirekte Entlohnung in Form der Gewaehrung von Freizeit fuer jede
Taetigkeit ungefaehr gleich. Freizeit wird nicht auf Grund der wirtschaftlichen Bedeutung des Betreffenden tewaeni"t» sondern eher entsprechend dem
Alter und dem Geschlecht« Verbot vcn Kinderarbeit, Schutzbestimmungen fuer
Jugendliche, Mutterschaftsurlaub, Altersfuersorgeprogramme und so weiter
regulieren sie.
So beginnt heute das erwerbsfaehige Alter in der Regel spaeter und
endet frueher als vor etwa einem Jahrhundert. Rund 40 bis 50 Jahre seines
Lebens ist der Mensch heute berufstaetig, wobei seine Arbeitsbelastung,
in Arbeitszeit ausgedrueckt, ziemlich unveraendert bleibti jeweils 40, 44
oder 48 Stunden von den 168 Stunden, die eine Woche hat. Arbeitszeit und
Freizeit wechseln in einem regelmaessigen Rhythmus ab.
Auch die Frau hat an der neu errungenen Freizeit Anteil. Sofern sie
berufstaetig ist,, in der gleichen Weise wie ihre maennlichen Arbeitskollegen, sofern sie Hausfrau ist, vorwiegend durch arbeitsparende Geraete und
Erfindungen - von den Konserven ueber den Staubsauger bis zur Waschmaschine.
Was aber verblueffend erscheinen mag, ist die Tatsache, dass die Freizeit nicht etwa das Vorrecht einer privilegierten Klasse geblieben ist,
sondern jedermann gleich zugute kommt. Ja, es ist sogar so, dass diejenigen,
die wirtschaftlich und gesellschaftlich vielleicht am besten gestellt sind,
wie etwa fuehrende Geschäeftsleute und Angehoerige freier Berufe, am
wenigsten in den Genuas der verlaengerten Freizeit kommen. Dieses Paradoxon erklaert sich daraus, dass die Technik zwar dem manuellen Arbeiter
einen grossen Teil seiner Last abgenommen hat, nicht aber dem Rechtsanwalt, dem Arzt, dem Firmenchef, dem Funktionaer, die alle sehr haeufig
abends in ihrer Aktentasche noch eine erhebliche Portion Arbeit mit nach
Hause nehmen.
Bisher waren es zumeist die Soziologen, die sich mit den Problemen
der Freizeit und ihrer Gestaltung auseinandergesetzt haben. Die Wirtschaftswissenschaftler haben sich wenig mit ihr beschaeftigt - offenbar von
dem Gedanken ausgehend, dass Freizeit wesenhaft unproduktiv ist und daher
ausserhalb ihres Betrachtungsgebietes liegt. Bei naeherem Hinsehen erweist sich freilich, dass die Freiaeit auch mit der Wirtschaftswissenschaft sehr viel zu tun hat.
Beginnen wir einmal mit der Grundbedeutung von "Freizeit". Das Wort
hat an sich durchaus keinen positiven Aussagewert» es ist leere, "freie"
Zeit, ein negativer Zeitbegriff - Zeit, die nicht mit Arbeit erfuellt ist.
Es ist ein mehr oder minder langes Intervall, das mit irgendeiner Taetigkeit

�erfuellt «erden muss. Geschieht das nicht, dann kommt man zu einem der
unangenehmsten Gefuehle, denen ein Mensch ausgesetzt sein kann - der
Langeweile, der voelligen Leere.
Wie laesst sich nun die Freizeit ausfuellen? Hunderte Moeglichkeiten
stehen dafuer zur Verfuegung, darunter die verschiedensten Sportarten
und Spiele, ferner Reisen, kulturelle Darbietungen und so weiter. Aber
die Freizeit ergibt sich groesstenteils nur in schmalen Fortionen am Ende
eine? arbeiterfuellten Tages, und so wird ein grosser Teil in einer Weise
zugebracht, die wenig Anstrengung erforderti man liest Zeitungen oder
Zeitschriften, hoert Radio oder Schallplatten, sieht sich
eine Fernsehsendung an oder geht ins Kino.
Vom Standpunkt der Wirtschaft betrachtet, bedeutet das aber, dass
diese Freizeit, die als "unproduktiv" gilt, in Wirklichkeit einen Konsum
darstellt - nicht nur im Sinne eines Erwerbs von "Dienstleistungen" der
mitwirkenden Kuenstler und so weiter, sondern vor allem auch indirekt
durch die Wirkung der Werbeankuendigungen, Reklamesendungen, Inserate und
aehnlichem. Hit anderen Worten: durch die Verkuerzung der Arbeitswoche
haben die Menschen ihre wirtschaftliche Taetigkeit in der Weise verschoben, dass sie ihre Produktionszeit verkuerzt, ihre Konsumzeit hingegen
verlaengert haben.
Nun ist es natuerlich schwer, genau zu messen oder zu errechnen,
wieviel von der tatsaechlichen Konsumerhoehung auf das Konto der Freizeit
geht, in der konsumwerbende Parolen wirkten. Es laesst sich nicht feststellen, ob und in wie vielen Faellen es eine Kinowerbung oder ein Zeitschrifteninserat war, das den Ankauf einer neuen Couch oder eines Sommermantels veranlasste oder mitveranlasste. Wohl aber gibt es einige Konsumformen, die vollkommen von der Freizeit abhaengen, so dass auf diese Weise
die wirtschaftliche Bedeutung der Mussezeit klar nachgewiesen werden kann.
Diese Waren des echten Freizeitkonsums findet man vor allem auf dem
Gebiet von Sport und Spiel. Die Sportartikelerzeugung der Vereinigten
Staaten hat derzeit einen Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Dollar,
der sich auf Angelgeraete, Jagdausruestungen, Aussenbordmotore, Golf- und
Tennisausruestungen und so weiter verteilt (dabei sind in dieser Summe
nicht die enormen Betraege inbegriffen, die fuer den Eintritt zu Sportveranstaltungen bezahlt werden).
Ein anderer eindeutiger "Freizeitartikel" ist das Reisen. Ganze Gebiete, ja zuweilen ganze Staaten, sehen im Fremdenverkehr ihre Haupteinnahmequelle. Allein die amerikanischen Touristen in Europa haben im vergangenen Jahr rund 750 Millionen Dollar ausgegeben - ein Viertel des Gesamtbetrages, den Europa aus seinen Exporten nach Kanada und den USA erzielte!
Ferner kann man die "Unterhaltungsindustrie" vom Konzert ueber Kino
bis Zirkus und "juke-box" als vollkommen von der Freizeit abhaengig ansehen. Sie bietet, nicht nur Schauspielern, Saengern, Artisten, Autoren und
Regisseuren eine Erwerbsquelle, sondern auch zahllosen Arbeitern und Angestellten in der Rundfunk-, Fernseh- und Filmindustrie.
Dabei wird hier unter anderem etwas deutlich, das wir von anderen
Lebensbereichen schon kennen« der schnelle Verschleias. Ein üchlagerlied,
ein sensationeller Film - sie sind unendlich kurzlebiger als in der Vergangenheit etwa eine Liebesmelodie oder ein gutes Theaterstueck. Sie
werden ebenso rasch "unmodern" wie ein Auto, das, jedermann kenntlich,
sein Baujahr ersehen laesst. Und uns allen ist auch die Klage gelaeufig,
dass Moebel, Haeuser oder Kleidungsstuecke heute nicht mehr so haltbar
sind wie zur Zeit unserer Grosseltern. Das ist nicht verwunderlich, denn
die Konsummoeglichkeit und der Verschleiss sind groesser, und man liebt

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�heute Wechsel und Aenderung - im persoenlichen Besitz wie in der Unterhaltung.
Schon aus diesen Andeutungen ist zu erkennen, welche Rolle die vermehrte Freizeit in der Gesamtwirtschaft spielt. Nichts aber kann die
ueberragende Wichtigkeit hinreichend deutlich machen, die die Freizeitverlaengerung fuer das amerikanische Wirtschaftssystem heute hat. In
einem Zeitpunkt, da die Gefahr besteht, dass das Gleichgewicht zwischen
Produktion und Konsum verloren geht und zur schwersten Bedrohung der
Wirtschaftsstruktur werden koennte, hat die Freizeitverlaengerung als
steuernder Ausgleich fuer den technischen Fortschritt gewirkt und wesentlich dazu beigetragen, Produktion und Konsum im Gleichgewicht zu halten.
In einer Zeit, da die Produktionskapazitaet den Konsum zu ueberholen
droht, weil ein Arbeiter mehr erzeugt als mehrere Verbraucher konsumieren
. koennen, hat die Freizeit ein neues Ventil geschaffent sie hat die "Erholungsproduktion" auf den Plan treten lassen, die uns dann "beliefert",
wenn wir unproduktiv sind. Wenn hoeherer Lebensstandard und vermehrte
Freizeit urspruenglich auch nur ein Nebenprodukt technischen Fortschritts
gewesen sein moegen, so sind sie heute wesentliche Faktoren bei der Aufrechterhai tung des modernen, hochtechnischen Wirtschaftssystems.
Aus "Challenge Magazine"
(Quellenangabe erforderlich)

"Revidierter Garantierter Jahreslohn" in der Praxis
Viele Tausend entlassener Automobilarbeiter haben in den letzten
Wochen mit Ungeduld und Erwartung den 1. Juni herbeigesehnt. Denn an
diesem Tag trat das sogenannte "Revidierte Garantierte Jahreslohn-Abkommen" in Kraft, das im letzten Sommer zwischen der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) und den Betrieben der Autoindustrie abgeschlossen wurde. Auf Grund dieses Abkommens erhalten sie naemlich zusaetzlich
zu der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung einen Ausgleichsbetrag,
der ihnen 65 Prozent ihres bisherigen Arbeitslohnes waehrend der ersten
vier und 60 Prozent waehrend der naebhsten 22 Wochen sichert.
Allerdings ist der Unterstuetzungsplan gegenwaertig noch nicht fuer
alle entlassenen Arbeiter wirksam geworden und auch die vorgesehenen Zusohuesse koennen noch nicht in der vorgesehenen Hoehe gezahlt werden, da
die Fonds, aus denen die zusaetzlichen Unterstuetzungen gezahlt werden,
nur erst zum Teil (22 96) aufgebaut sind. Diese Fonds werden bekanntlich
durch die Unternehmer gespeist, die 5 Cent pro geleistete Arbeitsstunde
hieran abfuehren. Erst nach vier Jahren werden diese Fonds die vorgesehene Hoehe erreicht haben.
Von den gegenwaertig rund 150 000 entlassenen Automobilarbeitern
werden daher nur diejenigen eine zusaetzliche Unterstuetzung erhalten,
die nach dem 2. Mai entlassen und seitdem auch noch nicht wieder eingestellt wurden. Massgebend fuer die Dauer der Unterstuetzung ist die Senioritaet des Arbeiters; die Anwartschaft ist dabei nach einem Jahr Besohaeftigung gegeben. Der groesste Teil der nach dem Produktionsrückgang Entlassenen waren jedoch Aushilfsarbeiter mit weniger als einem
Jahr Beschaeftigungsdauer.
Was wird nun aber ein jetzt entlassener Automobilarbeiter mit Anwartschaft auf zusaetzliche Arbeitslosenunterstuetzung an Leistungen zu
erwarten haben? Nach einer Uebersicht der Automobilarbeitergewerkschaft
kann ein Verheirateter mit zwei Kindern, der bisher einen Nettowochenlohn
von 72 Dollar hatte, mit Zusatzleistungen in Hoehe von 13 Dollar rechnen.
Insgesamt wuerde er also bei 33 Dollar an staatlicher Unterstuetzung 46
Dollar pro Woche erhalten. Nach 4 Wochen wuerden die 13 Dollar um ein

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�eringes gekuerzt, da dann fuer die naechaten 22 Wochen nicht mehr 65
ondern 60 Prozent des bisherigen Einkommens "garantiert" werden. Allgemein betrachtet, ist aber zu sagen, dass gegenwaertig noch alles im Fluss
ist und genaue Zahlen erst dann zur Verfuegung stehen werden, wenn die
ersten Schecks an die entlassenen Arbeiter ausgezahlt worden sind.
Quelle: Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Ein ueber zwei Jahre laufender Tarifvertrag wurde jetzt zwischen
der "Western Union Telegraph Company" und den beiden Gewerkschaften abgeschlossen, die rund 34 000 Arbeiter und Angestellte in den Betrieben
der "Western Union" vertreten.
Auf Grund des neuen Kollektivvertrages werden saemtliche Arbeitnehmer
eine Aufbesserung der Stundenloehne um 13 Cent erhalten. Weitere 5 Cent
rueckwirkend vom 1. Januar dieses Jahres werden ferner solche Mitarbeiter
bekommen, deren Arbeitsplatz neu eingestuft wurde. Gleichzeitig wurden
die Pensionen von 60 auf 100 Dollar heraufgesetzt und die zusaetzlichen
Sozialleistungen erhoeht.
Der bisher gueltige Kontrakt zwischen der "Western Union" und den
beiden Gewerkschaftenfder "Commercial Telegraphers Union" (AFL-CIO) und
der unabhaengigen "American Communications Association"-Gewerkschaft,
war am 3 1 • Mai ausgelaufen.
Die "Commercial Telegraphers"-Gewerkschaft vertritt rund 30 000 und
die "Association" etwa 4000 Angestellte und Arbeiter der "We3tern Union".

Ein neuer Lohnanreizplan fuer im Stundenlohn Beschaeftigte, der fuer
die meisten der davon betroffenen Arbeiter hoehere Loehne bedeutet,
wurde zwischen der "Bethlehem Steel Company" und der "Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft" (USA) jetzt abgeschlossen.
Das neue Abkommen, das mit sofortiger Wirkung in Kraft tritt, hat
keinerlei Beziehung zu den derzeitigen Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie, die gegenwaertig in New York zwischen der Stahlindustrie und
der Gewerkschaft gefuehrt werden.
Wie die Gesellschaft, der zweitgroesste Stahlerzeuger der USA, weiter betont, beabsichtigt sie im Laufe der Zeit mit Zustimmung der Gewerkschaft, saemtliche Lohnanreizplaene auf eine Standard-Stundenlohnbasis
umzustellen, wie es auch bereits in den anderen Betrieben der Stahlindustrie der Fall ist.
Waehrend der Uebergangszeit will das Unternehmen den in Frage kommenden Arbeitnehmern zu ihren Normalbezuegen einen Angleichungsbetrag
zahlen, der einen bestimmten Satz der Einkommen waehrend des ersten
Quartals 195^ ausmacht. Der Angleichungsfaktor betraegt auf der Basis
1 Cent pro Stunde dabei zwischen 1 und 5 Prozent des Stundengrundlohnes.
Rund 60 Prozent der insgesamt 80 000 Arbeitnehmer der "Bethlehem Steel
Company" werden nach Angaben der Stahlarbeitergewerkschaft durch Lohnanreizplaene erfasst, aber nicht alle diese Arbeiter werden durch das
neue Abkommen beruehrt werden.

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�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsproblcme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mchlcm, Mchlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
Ix

- 15

Mehlem, den 6. Juli 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und
ihre voraussichtliche V/ei terentwicklung in
den Vereinigten Staaten

Seite 1

Die Rolle der privaten Sozialprogramme bei
Tarif Verhandlungen
Größte Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern im
Staate New York
'Todesstoß" für kommunistische
Elektroarbeitergewerkschaft

Seite 10

Transferierbare private Pensionspläne

Seite 10

Seite

7

Seite

9

Die Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und ihre voraussichtliche
Weiterentwicklung in den Vereinigten Staaten
von John S. Bugas, Leiter der Abteilung Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen bei der Ford Motor Co.
Die Entstehung einer dem Mittelstand zuzurechnenden Schicht von Industriearbeitern in den USA gehört mit zu jenen unwägbaren Ereignissen,
die auf die weitere Entwicklung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen
einen wesentlichen Einfluß ausüben dürften. Sie ist natürlich das Ergebnis verschiedener Faktoren: unseres Erbes der politischen Freiheit,
unseres umfassenden freien Erziehungssystems, der anhaltenden Prosperität
und des steigenden Lebensstandards. Die wichtigste Voraussetzung zu dieser
Entwicklung war das ständige und sich über einen langen Zeitraum hin
erstreckende Ansteigen der Produktivität in der Industrie. Der amerikanische Arbeiter unserer Tage hat ein lebhaftes Interesse an der Erhaltung der bestehenden Ordnung - ein offensichtliches Interesse, das er
in früheren Zeiten sicherlich nicht haben konnte.
Seit längerer Zeit hat sich die Industrie mit immer größerem Geschick darum bemüht, im ganzen Volk das Verständnis dafür zu wecken,
in welcher Weise unser Wirtschaftssystem zu einer Besserung des Loses
aller beiträgt. Das zunehmende Verständnis für diese Fragen wird den Arbeiter auch in der Erkenntnis bestärken, daß eigenes Geschick eng mit
dem Geschick seines Betriebes verknüpft ist.
Dies mag vielleicht wie eine etwas voreilige Folgerung klingen, bei
der der Wunsch der Vater des Gedankens ist; zahlreiche Anzeichen deuten
aber doch darauf hin, daß wir eine Zeit des Wachstums eines gesunden
Konservativismus und der Reife im wirtschaftlichen Denken der Industriearbeiter durchmachen. Dieser gleiche zunehmende Konservativismus findet
- 1 -

�sich auch auf Seiten der iiegierung, der Industrie und vielleicht sogar
der Gewerkschaften und liefert den bunten Hintergrund fuer die Weiterentwicklung der Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen in Amerika.
Die Uebernahme weitergehender Verantwortung
Im Jahre 1955 war eine erhebliche Abnahme der Faelle von Lohnstreitigkeiten, soweit es sich dabei um ausgedehnte und sich ueber einen laengeren Zeitraum erstreckende Auseinandersetzungen handelte, zu verzeichnen.
Es ist ganz bezeichnend, dass in einigen, allerdings etwas ungewoehnlichen
Faellen, Gewerkschaften und Arbeiter sogar freiwillig die in vergangenen
Auseinandersetzungen errungenen Vorteile in dem Bemuehen preisgaben, ihren
Betrieben eine bessere Wettbewerbsbasis zu schaffen. Was mir als Fachmann
fuer Fragen der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen besonders erfreulich
erscheint, sind nicht so sehr der Rueckgang der Zahl der Arbeitsstreitigkeiten und das Nachlassen der Schaerfe, mit der sie gefuehrt werden, als
vielmehr die Gruende, die zu dieser neuen Entwicklung fuehrten.
Der Arbeitsfriede an sich ist noch kein Zeichen fuer eine gesunde
Wirtschaft. Wenn er nur das Ergebnis eines Ausspielens uebermaechtiger
Staerke gegen Schwaeche ist, dann ist er sogar ein Symptom fuer das Bestehen einer hoechst gefaehrlichen Situation. Die in den USA zu verzeichnende Verbesserung der Arbeitgeber-Arboitnehmerbeziehungen ist aber zu
einem erheblichen Teil dem zunehmenden Verataendnis bei den Sozialpartnern
fuer die wirkliche Funktion von Xjllektivverhandlungen und Q er daraus erwachsenden Verantwortung zu danken. Sie ist ferner das Ergebnis des in
zunehmendem Masse auf beiden Seiten des Konferenztisches bewiesenen Verhandlungsgeschicks und der groesseren Einsicht in die Gesamtzusammenhaenge.
Sowohl die Gewerkschaften und Arbeitnehmer als auch die Unternehmer
haben sich offenbar sehr realistisch mit der Frage auseinandergesetzt, bis
zu welchem lunkt man gehen darf, ohne alles zu gefaehrden und den Boden der
Vernunft zu verlassen. Man war bemueht, jenen Punkt zu erkennen, von dem an
ein-Sieg nur ein Pyrrhus-Sieg waere - und zwar im voraus zu erkennen und
nicht erst hinterher. Man ist sich offenbar der Tatsache bewusst geworden,
dass eine Streikwelle das Ende der Prosperitaet bringen koennte, an deren
Fortdauer beiden Seiten gelegen ist. Wenn es darum ging, den harten Realitaeten am Verhandlungstisch ins Auge zu sehen, dann zeigte sich doch
mancher Gewerkschaftsführer bereit, aile Schlagworte beiseite zu lassen
und die Verhandlungen im Geiste der Verantwortung zu fuehren, und es verbreitete sich die Erkenntnis, dass die- Ruecksichtnahme auf das Interesse
des ganzen Volkes auf lange Sicht gesehen auch im eigenen Interesse liegt.
Zurueckhaltung seitens der Regierung
Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass dieser Fortschritt in unmittelbarem Zusammenhang mit der neuen Politik der Bundesregierung steht,
ein Eingreifen in Arbeitsstreitigkeiten auf ein Mindestmass zu beschraenken. Wir von den Fordwerken haben immer die Auffassung vertreten, dass
sich ein noch so gut gemeintes Eingreifen der Regierung in Arbeitsstreitigkeiten im Sinne einer Vermeidung oder Beendigung von Streiks in jedem
Fall abtraeglich auf den Verlauf von Tarifverhandlungen auswirken muss.
Es bewirkt nur eine Verhaertung der Standpunkte, und es behindert die
Ausbildung des Gefuehls fuer die eigene Verantwortung und der Bereitschaft,
die Verantwortung fuer die Folgen eigener Handlung zu uebernehmen einschliesslich der Folgen von Fehlern in der Beurteilung der Lage. Die Ereignisse aus dem vergangenen Jahr duerften wohl als eine Bestaetigung
dessen gelten. Hier wurde der Beweis geliefert, dass ein Eingreifen der
Regierung sich praktisch von selbst verbietet, erhoeht es doch die Streikgefahr, statt sie zu vermindern.

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�Die AFL-CIO
Der vor einigen Monaten erfolgte Zusammenschluss der beiden amerikanischen Gewerkschaftsverbaende AFL und CIO ..ird sich natuerlich auf die
weitere Entwicklung der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen auswirken.
Er kann beispielsweise zu einer verstaerkten Zusammenarbeit der sogenannten internationalen Gewerkschaften untereinander fuehren, die wiederum
deren Verhandlungsposition verbessern duerfte. Die Verschmelzung der beiden Verbaende laes3t ferner erkennen, dass sich das politische Bewusstsein innerhalb der Gewerkschaften mehr und mehr regt und seinen Niederschlag auch in der Gewerkschaftsarbeit findet; sie wird ferner voraussichtlich verstaerkte Bemuehungen ausloesen, alle bisher ausserhalb der Gewerkschaft stehenden Arbeiter zu organisieren.
Alles in allem duerfte sich der Zusammenschluss fuer die Gewerkschaften sehr guenstig auswirken und somit auch die Aussichten auf die
Wahrung des Arbeitsfriedens weiter verbessern. Als eine weitere Erscheinungsform der Zentralisierung von Fuehrerschaft und Macht sollte
man dem neuen Dachverband genauso viel Aufmerksamkeit widmen, wie man
bisher anderen Machtzentren innerhalb unserer Wirtschaft zuwandte. Der
Zusammenschluss musste die fuehrenden Maenner der Gewerkschaftsbewegung
- sofern sie die Lehren der Geschichte richtig begriffen haben - zur Vorsicht gemahnen und zu einer konservativen Einstellung veranlassen. Er
koennte alles in allem genommen dazu beitragen, dass es in Zukunft noch
seltener zu Anwendung von Kara^fmassnahmen kommen wird und auf diese Weise
eine groessere Stabilitaet in den vor uns liegenden Jahren bewirken. Die
Tatsache bleibt aber bestehen, dass grosse Macht eine grosse Versuchung
bedeutet, und die Oeffentlichkeit wird deshalb gut daran tun, die weitere
Entwicklung wachsam zu verfolgen.
Die Industrie muss im Augenblick sich ernster als je zuvor mit der
Frage auseinandersetzen, ob es nicht im Interesse des ganzen Volkes und
in ihrem eigenen liege, dass auch auf ihrer Seite des Verhandlungstisches
eine groessere Konzentration der Kraefte erfolge.
Die kuenftige Entwicklung der Wirtschaft
Die kuenftige wirtschaftliche Entwicklung ist ein weiterer Faktor,
der die Umweltbedingungen, unter denen Arbeitgeber-Arbeitnehmerverhandlungen gepflogen werden, entscheidend beeinflussen kann.Fast ausnahmslos
prophezeien uns unsere fuehrenden Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftler ein Jahrzehnt des raschen wirtschaftlichen Fortschritts mit
einer bis zu 50prozentigen Steigerung des Bruttosozialproduktes. Wenn auch
manche Industriezweige eine langsamere Entwicklung erfahren und gelegentlich Schwankungen auftreten duerften, so geht doch die Gesamtwirtschaft
einer weiteren Bluete entgegen, die auch eine weitere Hebung des Lebensstandards der amerikanischen Arbeiter in der Industrie mit 3ich bringen
wird. Das vor uns liegende Jahrzehnt wird voraussichtlich staendig von
einer angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt begleitet sein. Die Bevoelkerung und der Bedarf werden schneller wachsen als die Gesamtzahl der
Schaffenden. Wenn diese Voraussetzungen eintreten, wird sich die Industrie
voraussichtlich sehr eifrig darum bemuehen muessen, die vorhandenen
Arbeitskraftreserven so zweckmaessig wie nur moeglich einzusetzen und die
Produktivitaet noch erheblich zu steigern, um der Nachfrage gerecht werden
zu koennen. Wir sind noch lange von jenem Zeitalter entfernt, in dem - sofern es ueberhaupt hereinbricht - der technische Fortschritt und die durch
ihn erzielte Froduktivitaetssteigerung so gross sein werden, dass wir uns
ernste Gedanken darueber machen muessen, wie wir die verfuegbaren Arbeitsstunden aufteilen sollen.

-3 "

�Der weitere Weg
Somit werden sich die Leiter der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen
in der Industrie, so wie die Dinge sich heute - im Jahre 1956 - abzeichnen,
in Zukunft wohl auf laengere Zeit in ihrer Arbeit auf eine Situation einstellen muessen, die von folgenden Pakten und Gesichtspunkten bestimmt
sein wirdi Fortdauernde Prosperitaet und hoher Beschaeftigungsstand;
immer staerkerer Rueckgriff auf die Technik, um den Beduerfnisaen einer
wachsenden Bevoelkerung gerecht werden zu koennen; und, so darf man wohl
hoffen, eine vernuenftigere und verantwortungsbewusstere Gewerkschaftsfuehrung im Verein mit einer Beibehaltung der aeusserst erfolgreichen
Regierungspolitik der strikten Beschraenkung von Eingriffen in Kollektivverhandlungen.
Die Hauptrichtung, in die sich der Druck seitens der Gewerkschaften
auswirken duerfte, laesst sich relativ leicht bestimmen, weil die Gewerkschaftsarbeit groesstenteils ihre konsequente Fortfuehrung finden
wird. Man darf wohl annehmen, dass die Gewerkschaften zusaetzliche soziale Forderungen geltend machen werden: Verbesserung der Sozialleistungen und irhoehung der sozialen Sicherheit innerhalb der naechsten zwei
oder drei Jahre. In der darauffolgenden Zeit, beginnend etwa 1958t wird
man im Laufe der naechsten Serie von Tarifverhandlungen mit der Automobilindustrie damit rechnen duerfen, dass die Bestrebungen JLT Erreichung
einer weiteren Verkuerzung der Arbeitszeit an Staerke gewinnen werden,
da sowohl die AFL als auch der CIO ihr Interesse an dieser Frage bereits
bekundet haben.
Die Betriebsfuehrung muss sich bewusst sein, dass sie die Verantwortung dafuer traegt, dass die Fruechte der steigenden Produk*tivitaet
unserer Industrie in fairer Weise unter allen interessierten Teilen unserer Gesellschaft verteilt werden, und dass die Basis fuer eine weitere
Expansion und fuer die Staerke unserer Wirtschaft unangetastet bleibt.
Man wird unter anderem auch weiterhin tatkraeftig auf eine Ausweitung
der Arbeitslosenversicherung in der einen oder anderen Form draengen.
Wir von den Fordwerken sind der Auffassung, dass unsere Form der Arbeitslosenversicherung ihren Zweck voll erfuellt, und dass sie sowohl im Interesse der Arbeitnehmer als auch der Firma liegt. Sie unterscheidet sich
grundsaetzlich von den Plaenen der Gewerkschaft bezueglich des garantierten Jahreslohnes. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Arbeitslosenversicherung bei Ford nur eine beschraenkte Zahlungsverpflichtung mit genau vorher bestimmbaren Hoechstaufwendungen vorsieht, dass sie
sich an die staatliche Arbeitslosenversicherung anschliesst und diese
ergaenzt, dass sie finanziell gesichert ist, dass sie in ihren Auswirkungen einer Depression entgegenwirkt, und dass sie unseren gesamten Geschaeftsgang nicht mehr und nicht weniger beeinflusst wie jede andere Erhoehung der Arbeitskosten um 5 Cent.
Wir begruessen diese Form der Versicherung auch deshalb, weil wir
glauben, dass sie die soziale Sicherheit unserer Arbeitnehmer sowohl in
materieller als auch in psychologischer Hinsicht erheblich festigt und
auf diese Art und Weise zu einer Verbreitung jenes Optimismus beitraegt,
der zu dem weiteren Fortschritt und dem Anhalten der Prosperitaet ao notwendig ist.
Angesichts dieser Tatsache sehen wir mit einiger Verwunderung die
Bemuehungen von Organisationen in den verschiedenen Einzelstaaten, die
darauf abzielen, eine Einbeziehung der privaten Arbeitslosenzusatzversicherung in das staatliche Arbeitslosenversicherungssystem zu hintertreiben und somit zu verhindern, dass die Arbeitslosenversicherung ihrer
Aufgabe voll gerecht wird. Die Plaene ueber die private Arbeitslosenversicherung werden faelschlicher Weise so interpretiert, dass sie gerade

-4 -

�,jene Bedingungen heraufbeschwoeren, die man durch sie vermeiden moechte.
Im einzelnen hoert man folgende Einwaendei
"Die Einbeziehung wird es uns gestatten, die Kosten fuer unser staatliches Arbeitslosenversicherungssystem auf andere Arbeitgeber abzuwaelzen."
Das ist keineswegs der Fall. Unsere Arbeiter werden der staatlichen Arbeitslosenversicherung nicht laenger auf der Tasche liegen als zuvor.
Unsere eigene, auf Erfahrung beruhende Veranschlagung, die gegenwaertig
noch erheblich unter dem Hoechstsatz liegt, wird auch weiterhin die Hoehe
der Aufwendungen im Rahmen unserer Arbeitslosenversicherung bestimmen und
bietet die Gewaehr dafuer, dass auch wir selbst an einem Fortbestand der
derzeitigen Verhaeltnisse interessiert bleiben.
"Der Anreiz zur Arbeit wird erlahmen". Auch diese Auffassung ist irrig.
Einer der wichtigsten Grundsaetze, um dessentwillen wir sogar bereit waren, es gegebenenfalls zu einem Streik kommen zu lassen, war der, dass
die zusaetzliche Arbeitslosenversicherung keinen voelligen Ausgleich zwischen regulaerem Lohn und Arbeitslosenunterstuetzung bringen darf, damit
der Anreiz, wieder einen festen Arbeitsplatz zu erlangen, erhalten bleibt.
Es wurden auch andere Einwaende laut, die sich unserer Ansicht nach
auf ein Missverstaendnis unserer Arbeitslosenzusatzversicherung stuetzen,
und einen Versuch darstellen, abtraegliche Auswirkungen auszumalen, die
kuenftige Plaene der privaten Arbeitslosenversicherung zeitigen koennten die die Arbeitslosenversicherung bei Ford aber nicht gezeitigt hat. So
uebersieht man haeufig, dass die Ablehnung eines Antrags auf Arbeitslosenunterstuetzung aus der staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung zwangslaeufig die Ablehnung eines Antrags auf Unterstuetzung aus der Zusatzversicherung nach sich zieht.
Wir sind fe3t davon ueberzeugt, dass man schlecht beraten waere und
kurzsichtig handelte, wenn man die Einbeziehung von Arbeitslosenzusatzversicherungen der Art, wie wir sie geschaffen haben, in die allgemeine
Arbeitslosenversicherung verhindern wuerde. Die ganze Wirtschaft haette unter einem solchen Schritt zu leiden. Wir gehen mit den Gegnern der Einbeziehung darin ueberein, dass eine restlose und unbegrenzte Ergaenzung
der Unterstuetzung aus der staatlichen Arbeitslosenversicherung sowohl die
staatliche Arbeitslosenversicherung schaedigen als auch dem Interesse der
gesamten Oeffentlichkeit zuwiderlaufen werde. Dieser Grundsatz findet in
vielen Einzelbestimmungen der Arbeitslosenzusatzversicherung bei Ford
'einen Niederschlag. Weder die Abschaffung der privaten Arbeitslosenversicherung noch eine Trennung ihrer Leistungen von denen der staatlichen
Versicherung bietet eine Loesung. Eine gesunde und realistische Loesung
besteht darin, dass der Gesetzgeber genaue Kriterien fuer die Einbeziehung
der privaten Arbeitslosenzusatzversicherung in die staatliche Arbeitslosenversicherung aufstellt, die jeglichen Missbrauch in Zukunft ausschliessen. Es waere ein schwerer Fehler, die Entwicklung mehr oder weniger
zweckmaessiger Formen der Zusatzversicherung zu beguenstigen, die sich
nicht eng an das staatliche Arbeitslosenversicherungssystem anschliessen
und die automatisch in demselben Masse an Wert verlören, als die staatliche Arbeitslosenversicherung ihre Leistungen erhoeht.
Gerade die eifrigsten Verfechter der strengen Trennung zwischen privater Arbeitslosenzusatzversicherung und der eigentlichen Arbeitslosenversicherung schenken letzterem Punkt viel zu wenig Beachtung. Vor knapp
einem Jahr war man in Wirtschaftsicreisen ziemlich uebereinstimmend zu der
Auffassung gelangt, dass die Unterstuetzung von Arbeitslosen ohne Berücksichtigung der Leistungen der bestehenden Arbeitslosenversicherung die
staatliche Arbeitslosenversicherung gefaehrden, den Unternehmern nicht
uebersehbare Lasten aufbuerden, Mammutverwaltungen schaffen und auch anderweitig sehr nachtraegliche Auswirkungen zeitigen wuerde. Es war von groesster
'Dichtigkeit, dass kein derartiger Praezedenzfall geschaffen wuerde. Wir

- 5-

�teilten diese Auffassung und gestalteten daher unsere Arbeitslosenzusatzversicherung so, dass diese Gefahr vermieden wurde.
Es wirkt deshalb sehr befremdend, dass in der Fublizistik zu diesen
Fragen, soweit sie auf eine Verhinderung der Einbeziehung der Zusatzversicherung in die staatliche Arbeitslosenversicherung abzielt, immer wieder
das Argument zu finden ist, dass die Unternehmer, sofern sie ihren Arbeitern im Falle einer Ausstellung eine Unterstuetzung gewaehren wollen,
dies durchaus von sich aus tun sollen, sich dabei aber nicht auf die
staatliche Arbeitslosenversicherung stuetzen duerfen und sich zu diesem
Zweck ein eigenes, voellig anderes und restlos unabhaengiges System der
Arbeitslosenversicherung schaffen muessten. Solche Praezedenzfaelle waeren
heute genauso schaedlich wie sie es vor einem Jahr gewesen waeren. Ein
Praezedenzfall hat deshalb nicht weniger Gewicht, weil er nicht auf das
staatliche Arbeitslosenversicherungssystem ausgerichtet ist.
Welche Haltung empfiehlt sich fuer die Betriebsfuehrung?
Die Anforderungen, die sich aus dieser Entwicklung fuer die Leiter
der Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen und ihre Mitarbeiter ergeben,
koennen eine gewisse Verlagerung des Schwerpunktes ihrer Arbeit und auch
eine Umorganisation innerhalb der zustaendigen Bueros bedingen.
Erstens« Die Zeiten, in denen wir uns ebenso wie die gesamte Betriebsfuehrung in unserer Arbeit auf unser Fingerspitzengefuehl verlassen konnten,
sind vorbei. In den meisten Betrieben werden seit langem schon Fachleute
mit der Entwicklung und Durchfuehrung von Maasnahmen betraut, wie sie im
Betrieb aus dem Verhaeltnis Arbeitnehmer-Arbeitgeber erwachsen. In demselben Masse, in dem die Gewerkschaften ihre Sache sowohl am Verhandlungstisch
als auch vor der Oeffentlichkeit mit zunehmendem Geschick vertreten, muessen auch die Betriebsfuehrungen Fachkraefte und Forschungseinrichtungen
zur Verfuegung haben, um die Haltung der Arbeitgeber in diesen Fragen klar
herauszuarbeiten und ihren Standpunkt zu verfechten. Je zivilisierter und
vernuenftiger sich das Verhaeltnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
gestaltet, um so groesserer Bedeutung kommt der Vorausplanung und der
Forschung bei der Erarbeitung von Entscheidungen innerhalb der Betriebsfuehrung zu und um so wichtiger wird auch die geachickte und von vernuenftigen Argumenten untermauerte Darstellung der eigenen Sache am Verhandlungstisch.
Zweitens» Angesichts des immer weitergehenden Ausbaus der freiwilligen Sozialleistungen der Betriebe werden sich die Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen auch auf die immer kompliziertere Aufgabe der Durchfuehrung
der diesbezueglichen Abmachungen erstrecken muessen.
Drittens: Auf Unternehmerseite muss man sich mehr als bisher mit der
Frage auseinandersetzen, auf welche Weise sich ein Gegengewicht fuer die
politische Aktivitaet der Gewerkschaften finden laesst.
Viertens: Es gilt, schoepferische neue Methoden zu finden, um den
menschlichen Problemen und Wuenschen der Arbeitnehmer in einer Form gerecht zu werden, die im Einklang mit den Erfordernissen des Betriebes
steht.
Fuenftensi In unserer Zeit des raschen technischen Fortschritts
muessen sich die Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen auch immer mehr auf
Fragen der Ausbildung, Erziehung und Beschaffung von Arbeitskraeften
erstrecken.
Abschliessend moechte ich noch einen Hinweis geben, den Leiter der
Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen und ihre Mitarbeiter an der Schwelle
des vor uns liegenden Jahrzehnts beherzigen sollten.

- 6-

�I

Es kann kein Zweifel darueber bestehen, dass die arbeitende Bevoelkerung
in den Vereinigten Staaten aus dem industriellen Fortschritt unmittelbaren und reichen Nutzen gezogen hat. Die Industrie hat von sich aus dafuer gesorgt, dass die gesteigerten Ertraege auch der Arbeiterschaft zugute kommen. Die Industrie ist auch keineswegs der Auffassung, dass wir
bereits am Ende des Weges zum sozialen Fortschritt angelangt seien. Der
industrielle Fortschritt steckt noch immer in den Kinderschuhen. Ein weiteres Voranschreiten auf diesem Weg wird fuer uns alle gewinnbringend sein.
Die amerikanischen Arbeiter koennen darauf zaehlen, dass ihr Lebensstandard ueber lange Jahre hinweg weiter steigen wird. Wer moechte bezweifeln,
dass wir in 10, 20 oder 30 Jahren Schritt fuer Schritt ein immer hoeheres
Einkommen und eine groessere soziale Sicherheit erlangen werden?
Jene Maenner in der Betriebsfuehrung, die fuer Fragen der Arbeitnehmer-Arbeitgeberbeziehungen zustaendig sind, duerfen keineswegs in
eine negative Haltung des Nein-Sagens und des Sichentgegenstemmens gegen
die Entwicklung verfallen. Wir duerfen nicht den "Kampf gegen die Gewerkschaften" zu unserer Parole machen. Die Vernunft und nicht die Gewalt
sollte das bestimmende Element bei Tarifverhandlungen sein. Wir sollten
in Verhandlungen mit einer klaren Vorstellung davon eintreten, was wir wollen und was wir nicht wollen. Wir sollten uns ebenso viel Gedanken darum
machen, wie weit wir zu gehen beabsichtigen, als darum, von welchem Punkt
an wir kaempfen werden, um die Stellung zu halten. Wir sollten all unsere
schoepferische Phantasie aufwenden, um das Los unserer Arbeiterschaft zu
verbessern, und wir sollten allen Ideen und Erkenntnissen, von welcher
Seite sie auch kommen moegen, aufgeschlossen gegenuebertreten. Wenn eine
Idee aus den Reihen der Gewerkschaften kommt, so bedeutet das fuer uns
keineswegs, dass sie deshalb nicht gut sein kann. Unsere Haltung sollte
auf der Ueberzeugung beruhen, dass wir dem sozialen Fortschritt dann am
besten dienen, wenn wir unseren Betrieb und die Wirtschaft gesund, leistungsfaehig und gewinnbringend erhalten.
Quellei "Monthly Labor Review", Vol. 79 No. 4

Die Rolle der privaten Sozialprogramme bei Tarifverhandlunpien
Waehrend sich das Interesse der Gewerkschaften bei Lohnverhandlungen
frueher in erster Linie auf die Erhoehung der Loehne und Gehaeiter konzentrierte, sind es heute die sogenannten "fringe benefits", die zusaetzlichen Sozialleistungen oder "Lohnfransen", die bei den Verhandlungen
zwischen den Sozialpartnern eine immer groessere Rolle spielen. Dies trifft
in besonderem Masse fuer die amerikanischen Gewerkschaften zu, die in den
Nachkriegsjahren auf diesem Gebiet eine sehr grosse Aktivitaet entfalteten
und eine Reihe von Sozialprogrammen wie Kranken-, Alters- und Invaliditaetsversicherungen sowie zusaetzliche Leistungen bei Erwerbslosigkeit
("garantierter Jahreslohn") in ihren abgeschlossenen Kollektivvertraegen
durchbringen konnten. Anfang 1954 wurden, wie aus einer Studie des "Amtes
fuer Arbeitsstatistik" im US-Arboitsministerium zu entnehmen ist, rund
11 Killionen Arbeitnehmer (das sind mehr als Zweidrittel aller durch Gewerkschaf tsvertraege erfassten Werktaetigen) von Sozialprogiammen aller
Art beruehrt. Gegenueber 1950 bedeutet das eine Zunahme um 55 Prozent.
Dieser Vergleich zeigt schon, welch grosse Bedeutung die freiwilligen Sozialprogramme heute bei den Tarifverhandlungen in den USA spielen
und wie erheblich die Zunahme derartiger Plaene in den vergangenen Jahren
gewesen ist. Aber noch ein anderer Trend ist in diesem Zusammenhang von
besonderem Interesse» die immer' groesser werdende Zahl solcher Irogramme,
die ausschliesslich vom Unternehmer finanziert werden. So wurden - wie
aus der gleichen Studie hervorgeht - 1954 bereits 62 irozent aller Krankenversicherungsplaene allein von den Arbeitgebern finanziert.

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�Die bedeutendste Rolle unter den derzeitigen Sozialprogrammen nehmen die
Krankenversicherungsplaene ein, die, als erste eingefuehrt, heute rund
93 Prozent aller Arbeitnehmer erfassen. Ihrer Bedeutung nach folgen dann
Krankenhaus(88$)-, 0perationskosten(83$)-, Unfall-Krankheits(73$)-, Lebens-Invaliditaets(54)- und Arzneikosten-Versicherungen (47$). Von Bedeutung ist hier noch die Tatsache, dass die verschiedenen Programme in
den vergangenen Jahren weitgehend liberalisiert und auch teilweise auf
die Familienmitglieder der Arbeitnehmer ausgedehnt wurden. Hund 70 Prozent der Arbeitnehmer werden heute von derartigen Plaenen erfasst. Etwa
die Haelfte von ihnen traegt dabei zusammen mit dem Arbeitgeber (im Verhaeltnis 50*50) die Versicherungskosten, waehrend bei 38 Prozent der Unternehmer allein die Kosten traegt. Zu den juengsten Bestrebungen der
Gewerkschaften auf diesem Gebiet gehoert auch die Ausdehnung dieser Versicherungsleistungen auf die Pensionaere. Den juengsten Ziffern zufolge
duerften heute etwa Zweidrittel der im Ruhestand lebenden Arbeitnehmer
bereits von diesen Plaenen erfasst werden.
Einen sehr guten üeberblick ueber den derzeitigen Stand der verschiedenartigsten Sozialprogramme, ihre Gliederung sowie die Art und die
Dauer der einzelnen Leistungen gibt eine Uebersicht, die kuerzlich vom
"Amt fuer Arbeitsstatistik" im US-Arbeitsministerium herausgegeben wurde
und der 100 bedeutende Kollektivvertraege zugrunde liegen.
Arzneikostenversicherung;
Von den 100 Plaenen sehen 31 Maximalleistungen zwischen 100 und 250 Dollar
pro Krankheitsfall vor, 9 Zuwendungen ueber 250 Dollar, 3 einen Jahresmaximalbetrag, waehrend 5 keine Maximumgrenze festlegen und 43 keine
Deckung aufweisen.
Unfall- und Krankenversicherung;
21 Plaene umfassen hier Zahlungen zwischen 18 und 40 Dollar pro Woche
fuer einen Zeitraum zwischen 13 und 26 Wochen pro Krankeitsfall; 38 legen
die Einkuenfte als Leistungsbasis zugrunde; 22 gruenden die Leistungen
auf andere Faktoren und 19 sehen keine Deckung vor.
OperationskostenverSicherung»
91 Plaene sehen eine Maximalkostenerstattung zwischen 50 und 350 Dollar
vor, 79 vergueten dabei die Leistungen unabhaengig davon, ob die Operation
im Krankenhaus oder an einem anderen Ort durchgefuehrt wurde, ein Ilan
sieht die Deckung saemtlicher Kosten vor, waehrend 6 keine Deckung vorsehen.
Krankenhausversicherung»
In 60 Plaenen werden hier Maximal-Tagessaetze zwischen 5 und 15 Dollar
verguetet, 59 davon sehen dabei die Zahlung der Maximalleistung fuer
einen Zeitraum zwischen 31 und 120 Tagen vor, wobei der haeufigste Satz
31 Tage betraegt; 32 Plaene gestatten die Unterbringung im Krankenhaus in
halbprivaten Stationen fuer einen Zeitraum zwischen 21 und 120 Tagen,
waehrend 2 die Laen^e der Krankenhaus Zahlungen von der Senioritaet des
Arbeitnehmers abhaengig machen. Ein Flan sieht schliesslich die Erstattung saemtlicher Ausgaben ohne zeitliche Begrenzung vor, und 4 weisen
keine Deckung auf.
Entbindungskosten und Wochengelder»
62 der 100 zu dieser Uebersicht herangezogenen Sozialplaene sehen
Leistungen fuer Entbindungskosten (im Krankenhaus) in Hoehe zwischen 50

- ß-

�und 840 Dollar vor, 75 gewähren zusätzliche Operationskosten (50 his
125 Dollar), 8 Pauschalleistungen (50 bis 150 Dollar), einer deckt sämtliche entstehenden Entbindungskosten, während 4 keine Leistungen in
diesem Fall vorsehen.
Unfall- und Invaliditätsversicherung
34 Pläne sehen bei Betriebsunfällen mit tödlichem Ausgang Zahlungen
zwischen 1000 und 5000 Dollar sowie Leistungen zwischen 500 und 2500
Dollar bei Beschädigung oder Verlust einzelner Körperteile und zwischen 1000 und 5000 Dollar bei Verlust mehrerer vor, 13 legen den Leistungen die Einkünfte und 6 die Seniorität, die Art der Beschäftigung,
das Alter und die Einkünfte, zugrunde, während 47 keine Unfall- und
Invaliditätsdeckung enthalten.
Lebensversicherung;
23 der Pläne nehmen die Einkünfte des Versicherten als Leistungsbasis,
wobei die Vergütungen zwischen 12 000 und 13 000 Dollar betragen; 52
sehen Leistungen zwischen 400 und 5000 Dollar vor, 7 legen die Beschäftigungsdauer zugrunde, 6 das Lebensalter und die Einkünfte, und 12
solche Faktoren wie Alter, Seniorität, Einkommen, Geschlecht und Zugehörigkeit zur Gewerkschaft.
Wer sind nun die Träger der Versicherungskosten? Wie aus der Übersicht
hervorgeht, sehen 64 der 100 Pläne die alleinige Finanzierung durch den
Unternehmer vor, während 36 gemeinsam von Unternehmer und Arbeitnehmer
finanziert werden. 49 der Pläne, die auch die Familienangehörigen der
Arbeitnehmer umschließen, werden allein durch den Unternehmer finanziert, während bei 31 die Kosten gemeinsam getragen werden. In 17 der
Fälle ist der Arbeitnehmer der alleinige Kostenträger. Von den Plänen,
die auch Leistungen für Pensionäre vorsehen, werden 28 von den Unternehmen allein finanziert, 24 gemeinsam und nur 3 durch die Arbeitnehmer.
Anwartschaft:
Bei 16 der für die Untersuchung herangezogenen 100 Pläne tritt der
Versicherungsschutz sofort oder am ersten Tag des nächsten Monats ein;
bei 42 Plänen liegt der Versicherungsbeginn zwischen 30 Tagen und einem
Jahr; 23 sehen eine verschiedene Länge der Beschäftigungsdauer zur
Erringung der Anwartschaft in den einzelnen Sozialprogrammen vor, und 19
legen andere Faktoren zur Erringung der Anwartschaft zugrunde.
Quelle: Eigenbericht

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Größte Zahl an Gewerkschaftsmitgliedern im Staate New York
Der Staat New York weist von allen amerikanischen Bundesstaaten die
größte Zahl gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer auf, obwohl
er hinsichtlich der Gesamtzahl aller Arbeiter und Angestellten erst
an 15- Stelle rangiert. Dies geht aus einem Artikel des Gewerkschaftsblattes "Labors Daily" hervor, der sich auf eine Untersuchung des
"Nationalen Büros für Wirtschaftsforschung" ("National Bureau of
Economic Research") über die Mitgliederbewegung in den amerikanischen
Gewerkschaften zwischen 1939 und 1953 stützt.
Danach entfallen mehr als 2/3 der Mitgliederzugänge während der vergangenen 14 Jahre allein auf zehn Bundesstarten, nämlich New York,
Pennsylvanien, Kalifornien, Illinois, Ohio, Michigan, New Jersey,
Indiana, Massachusetts und Missouri. Von diesen zehn Staaten wies

- 9-

�Michigan mit fast 4OO/0 den stärksten prozentuellen Anstieg auf. Die
Zahl der organisierten Arbeitnehmer stieg hier von 269 000 im Jahre
1939 auf 1,062 Millionen im Jahr 1953 an, während im Staate New York
eine Zunahme von 959 000 auf 2,051 Millionen (113»9/0 Gewerkschaftsmitglieder zu verzeichnen war.
Wie aus der Studie weiter hervorgeht, betrug die Gesamtzahl der
Gewerkschaftsmitglieder in den Vereinigten Staaten im Jahre 1953
16,217 Millionen gegenüber 6,518 Millionen im Jahre 1939»
Quelle: Eigenbericht

"Todesstoß" für kommunistische Elektroarbeitergewerkschaft
Ihre Auflösung in den stark industrialisierten Gebieten von New York
und New Jersey hat die ehemals sehr mächtige und wegen ihrer kommunistischen Durchsetzung 1949 aus dem CIO ausgeschlossene "Vereinigte
Elektroarbeitergewerkschaft" (UEWU} beschlossen. In der Bekanntmachung
der Gewerkschaftsführung wird den rund 18 000 Mitgliedern der Gewerkschaft empfohlen, sich der "International Union of Electrical Workers"
(HIE) anzuschließen.
Die IUE-Gewerkschaft wurde im Jahre 1949 als Gegenorganisation zu der
kommunistisch beherrschten Elektroarbeitergewerkschaft gegründet.
Unter der Führung ihres ersten Vorsitzenden James B. Carey entwickelte
sie sich sehr schnell aus kleinen Anfängen heraus zu einer großen
Gewerkschaft mit gegenwärtig rund 364 000 Mitgliedern. Die Mitgliederzahl der kommunistisch beherrschten "UE)VU"-Gewerkschaft ging im
gleichen Zeitraum bis auf etwa 60 000 zurück.
Carey bezeichnete den Auflösungsbeschluß der Gewerkschaftsvorsitzenden in New York und New Jersey als den "Todesstoß" für die "UEWU"Gewerkschaft.
Einen weiteren schweren Schlag erlitt die UEWU-Gewerkschaft in der
vergangenen Woche, als 13 Ortsverbände in anderen Distrikten des
Staates New York beschlossen, sich der "International Association
of Machinists" anzuschließen. Diese 13 Ortsverbände zählen rund
8000 Mitglieder.
Quelle: Eigenbericht

Transferierbare private Pensionspläne
Ein Nachteil der vielen in den letzten Jahren in die Tarifverträge
eingebauten privaten Pensionspläne war die Unmöglichkeit der Versicherungsberechtigten, ihre Ansprüche auch bei einem Arbeitsplatzwechsel aufrechtzuerhalten. Die meisten dieser Pläne, die zum
größten Teil allein vom Unternehmer finanziert werden, sind nämlich
auf betrieblicher Basis aufgebaut. Aus diesem Grunde war es das besondere Bestreben der Gewerkschaften in den vergangenen Jahren
gewesen, mehrere solcher Pläne in einem zentralen, möglichst industrieweiten Fonds zusammenzulegen, damit die Arbeitnehmer bei einem
Wechsel des Arbeitsplatzes ihre oft nicht unerheblichen Ansprüche
beibehalten.
Einen neuen Erfolg in dieser Richtung konnte jetzt die "Gewerkschaft
der Arbeiter der Konservenindustrie (eine Tochtergewerkschaft der
"Brotherhood of Teamsters") für rund 1500 Arbeiter durch Abschluß
eines neuen Tarifvertrages mit der "McNeill and Libby Company"
durchsetzen, wodurch den Arbeitnehmern ihre Pensionsansprüche

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�gesichert bleiben, solange sie Gewerkschaftsmitglied sind.
Auf Grund des neuen Vertrages wird das Unternehmen 10 Cent pro Stunde
und Arbeitnehmer an einen zentralen Pensionsfonds abführen, der von
der Finanzabteilung der "Transportarbeitergewerkschaft" verwaltet
werden wird. Nach Abzug von 1 Prozent für Verwaltungsunkosten wird
dann die Restsumme im Rahmen eines Gruppenversicherungskontraktes
der "Prudential Insurance Company of America" zugeführt werden. Der
Plan selbst steht unter Aufsicht von 14 Treuhändern - je sieben aus
Gewerkschafts- und Unternehmerkreisen.
Wie aus Gewerkschaftskreisen weiter verlautet, soll der jetzt neu
abgeschlossene sogenannte "Mobile Pension-Plan" als Muster für die
bevorstehenden weiteren Kollektivverhandlungen dienen, damit nach
erfolgreichem Abschluß rund 300 000 ihrer Mitglieder in den Genu3
von transferierbaren Pensionsansprüchen kommen können.
Der erste Pensionsplan dieser Art wurde in den USA von der "Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft" (UMW) ausgehandelt. Er ermöglicht
einen Transfer der privaten Pensionsansprüche eines Arbeiters bei
Arbeitsplatzwechsel, und zwar solange er in der Kohlenindustrie tätig
ist.
Quelle: Eigenbericht

Angestelltengehälter stärker als Industriearbeiterlöhne angestiegen
Der durchschnittliche Wochenverdienst der Büroangestellten ist in
den letzten Jahren schneller als der der Fabrikarbeiter gestiegen,
geht aus einer Übersicht des "Amtes für Arbeitsstatistik" im USArbeitsministerium hervor.
Als Grund für die stärkere Zunahme der Einkünfte bei den Büroangestellten, die in den letzten fünf Jahren um 27 Prozent gegenüber nur
19»6 Prozent bei den Fabrikarbeitern anstiegen, führt das Amt die
große Nachfrage nach Bürofachkräften und Hilfspersonal an.
Eine Stenotypistin verdient gegenwärtig in New York 63 Dollar pro
Woche gegenüber 49»50 Dollar im Jahre 1951» Bei Sekretärinnen liegt
der durchschnittliche Wochenverdienst heute bei 78,5° Dollar, was
eine Zunahme von 14 Dollar in den vergangenen fünf Jahren bedeutet.
Bei reinen Schreibkräften beträgt der Wochenverdienst, wie aus der
Übersicht des Amtes für Arbeitsstatistik weiter zu ersehen ist,
53t50 Dollar gegenüber 41 Dollar im Jahre 1951«
Quelle: Eigenbericht
Sieben.jahres-"No Strike"-Kontrakt
Ein bemerkenswerter Tarifvertrag, der eine "Nichtscreikklausel" enthält
und eine Laufzeit von sieben Jahren vorsieht, wurde jetzt von vier
Ortsverbänden der "Transportleute-Gewerkschaft" (international
Brotherhood of Teamsters) mit der "Coca Cola Bottling Company" in
New York abgeschlossen.
Das neue Abkommen, von dem rund 1500 Arbeitnehmer erfaßt werden, sieht
die Beilegung aller auftauchenden Arbeitsstreitigkeiten einschließlich
der Meinungsverschiedenheiten über Lohnerhöhungen durch Schiedsverfahren vor.
...
_.
, ...
n
Quelle: Eigenbericht
Bemerkenswerter Tarifvertrag in der Textilindustrie
Zwischen der Textilarbeitergewerkschaft (AFL-CIO) und der "American
Viscose Corporation" wurde jetzt Übereinstimmung über einen neuen
Tarifvertrag mit dreijähriger Laufzeit erzielt, der eine Erhöhung
sämtlicher Löhne und Gehälter um 4 Prozent sowie verbesserte Pensionsleistungen ab 1. Juni 1957 vorsieht.
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�Bemerkenswert an dem neuen Vertrag, der noch der Zustimmung der
großen Tarifkommission der Gewerkschaft bedarf, um rechtskräftig
zu werden, ist die beträchtliche Erhöhung der Pensionsleistungen
sowie die Tatsache, daß die Arbeitnehmer in Zukunft keinerlei Beiträge für die Altersversicherung mehr zu zahlen brauchen. Diese
beiden Punkte des Vertrages sollen rückwirkend vom 1. Januar 1956
an in Kraft treten.
Wie das Unternehmen und die Gewerkschaft in einer gemeinsamen Erklärung über die Erhöhung der Altersrenten und die Übernahme der
Pensionsleistungen durch die Gesellschaft betonen, entspricht diese
Regelung einer Lohnerhöhung um 11 Cent pro Stunde für 1956.
Die Rentenleistungen für die 1176 Pensionäre des Unternehmens, die
dem Pensionsfonds angehören, sollen bereits ab 1. Juni dieses Jahres
erhöht werden. Die vorgesehenen vier Prozent Lohnerhöhungen belaufen
sich zwischen fünf und neun Cent pro Stunde, so daß der Durchschnittsstundenlohn ab 1. Juni 1957 1,86 Dollar betragen wird.
Quelle! Eigenbericht

- 12 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht wercjen.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlcm, Mchlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 14

Mehlem, den 1. August 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Umstellung auf Automation im Grossbetrieb

Seite 1

Amerikas Gewerkschaften bilden ihren Funktionaersnachwuchs selbst heran

Seite 10

Der Begriff der Froduktivitaet in der
amerikanischen Industrie

Seite 12

Der Lebensstandard der Stahlarbeiter

Seite 13

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

Seite 15

Die Umstellung auf Automation im Großbetrieb
Exakte Vorausplanung bezüglich aller technischen Fragen und auf
dem Gebiet der Personalpolitik sowie eine geschickte Wahl des Zeitpunktes bei gebührender Berücksichtigung der allgemeinen Wirtschafts- und
Geschäftslage des Unternehmens haben es zwei amerikanische Firmen ermöglicht, große Teile ihres Betriebes auf vollautomatische Verfahren
umzustellen, ohne daß es dabei zu nennenswerten Anpassungsschwierigkeiten kam. Die Art und Weise, wie dieser Übergang bewerkstelligt wurde,
ist Gegenstand zweier getrennter Untersuchungen, die das "Amt für
Arbeitsstatistik" im "US-Außenministerium" in Zusammenarbeit mit diesen
Betrieben durchgeführt hat. E B handelt sich dabei einmal um eine große
Herstellerfirma von Rundfunk- und Fernsehgeräten, die die 55er-Modelle
ihrer Fernsehapparate erstmals mit gedruckten Schaltbildern bestückte
und gleichzeitig zur teilautomatisierten Fertigmontage überging, und
zum anderen um die Zentralverwaltung einer großen Versicherungsgesellschaft, die eine elektronische Großrechenanlage installierte, um die
bisher mit Hilfe von Lochkarten bewältigte Betriebsbuchhaltung zu führen.
Diese beiden Einzelfälle sind sehr aufschlußreich, wenn sie sich
auch nicht verallgemeinern lassen. Auch lassen sich aus den beiden Untersuchungen keine allgemeinen Schlüsse auf die Auswirkungen automatischer
Produktionsverfahren auf den Arbeitsmarkt ziehen.
Was die Beschäftigungslage angeht, so hat der Übergang zum automatischen Verfahren in diesen Betrieben jedoch einige bemerkenswerte Aufschlüsse gebracht. So wurden zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen,
deren Besetzung, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen", nur eine sehr
kurzfristige Umschulung unmittelbar am Arbeitsplatz erforderte. Neue
- 1 -

�Abteilungen wurden eingerichtet, um die Verwendung automatischer
Ausrüstungen vorauszuplanen, solche Anlagen zu installieren und nach
Inbetriebnahme für ihre Wartung zu sorgen. Zum Teil bedingte die
Automatisierung die Einstellung von Personal mit Spezialkenntnissen,
die bisher für die entsprechenden Arbeiten nicht erforderlich waren.
In keiner der beiden Firmen haben die Maschinen Arbeiter von ihren
Arbeitsplätzen verdrängt, die mit Aufgaben betraut waren, die ein
hohes Maß an Urteilskraft erfordern. Die Automatisierung brachte
darüber hinaus keineswegs die völlige Ausschaltung jeder Handarbeit.
Das betreffende Werk der Radio- und Fernsehindust.rie gelangte zu
der Erkenntnis, daß die menschliche Arbeitskraft überall dort unentbehrlich sei, wo diffizile Handgriffe zu leisten sind und wo zerbrechliche Stoffe verwendet werden. Bei dieser Firma brachte die
Übertragung größerer Verantwortung im Verein mit einigen (nicht
genannten) Veränderungen der Arbeitsbedingungen nach der Umstellung
auf automatische Produktionsverfahren Lohnerhöhungen für die Arbeitskräfte an den Automaten mit sich. Der erhöhte Ausstoß, das Ergebnis
einer Steigerung der Produktivität, dürfte dazu führen, daß eine
eventuelle Verringerung der Beschäftigungszahl in gewissen Abteilungen durch Vergrößerung anderer Abteilungen ausgeglichen wird. Bei
der Versicherungsfirma zeigte sich eine ähnliche Auswirkung der
Automatisierung auf die Löhne: Die Arbeitskräfte, denen die Ausübung der neuen Funktionen übertragen war, haben heute im Durchschnitt
ein höheres Jahresgehalt als diejenigen Arbeitskräfte, die die vergleichbaren Betriebsvorgänge früher nach dem herkömmlichen Verfahren
bewältigt hatten.
Allerdings war ein Rückgang des Anfalls an Arbeiten zu verzeichnen, die bisher von ungelernten Kräften bewältigt wurden. Gerade die
Frauen, die einen großen Prozentsatz der Belegschaft beider Firmen
stellen und im allgemeinen mit jenen Aufgaben betraut waren, die sich
auf automatische Maschinen übertragen lassen, wurden von der Umstellung am stärksten betroffen.
Gewisse Erscheinungen traten bei beiden Betrieben gleichermaßen
auf. In beiden Betrieben besteht die Arbeit zu einem großen Teil aus
Routine und sich stets wiederholenden Arbeitsgängen, die in erster
Linie von Frauen ausgeführt werden. Die neuen Anlagen wurden im Zeitraum mehrerer Jahre und im Rahmen von langfristigen Programmen installiert, die eine Verbesserung der Wettbewerbstätigkeit (sowohl hinsichtlich der Qualität als auch des Leistungsstandes) zum Ziel haben. Die
Automatisierung soll es diesen Betrieben ermöglichen, mit der allgemeinen Wirtschaftsausweitung Schritt zu halten und die hohe Fluktuationsrate unter den weiblichen Beschäftigten zu senken. Beide Firmen
tragen sich mit dem Gedanken einer noch weitergehenden Automatisierung,
wollen dabei allerdings erst die Ergebnisse der ersten Phase der Umstellung abwarten und die so gesammelten Erfahrungen berücksichtigen.
In der Unterrichtung ihrer Belegschaften über den geplanten Übergang
zu automatischen Methoden noch vor Inangriffnahme der betrieblichen
Umstellung gingen die beiden Firmen verschiedene Wege. Die diesbezügliche Mitteilung der Versicherungsgesellschaft an ihre Mitarbeiter
enthielt wesentlich detailliertere Angaben als die entsprechende Ankündigung der Rundfunkapparatebaufirma. Die Versicherungsgesellschaft
unterrichtete sämtliche Mitarbeiter bis in Details über ihre Pläne
zur Aufstellung einer Elektronenrechen- und Buchungsanlage. Die Rundfunk-Herstellerfirma informierte lediglich die Werkmeister und Gewerkschaftsfunktionäre über diesen Schritt; die übrigen Betriebsangehörigen erfuhren von diesen Plänen nur gerüchteweise und aus zweiter Hand. Die Versicherungsfirma hat von Anfang an darauf hingewiesen, daß der Übergang zu automatischen Maschinen keine Entlassungen

- 2

�Entlassungen oder Rückstufungen nach 3ich ziehen wird.
Die bei der Versicherungsgesellschaft betroffenen Angestellten
waren nicht gewerkschaftlich organisiert. Bei der Herstellungsfirma
von Rundfunk- und Fernsehgeräten zeigten sich die Vertreter der Gewerkschaften in erster Linie daran interessiert, ihren Mitgliedern
durch höhere Löhne und verbesserte Sozialleistungen einen Anteil an
den Gewinnen aus der gesteigerten Produktion zu sichern.
Die Automatisierung in einem Werk des Hochfrequenzapparatebaus
Die erste Untersuchung betrifft eine der größten amerikanischen
Herstellerfirmen für Rundfunk-, Fernseh- und Tonwiedergnbegeräte. Die
in diesem Betrieb anfallende Arbeit ergibt sich größtenteils aus der
Konstruktion und Herstellung verschiedener Modelle der genannten Geräte
sowie aus der relativ geringen Fertigung von Funkausrüstungen für militärische Zwecke. Das Werk bezieht sämtliche Teile von Zulieferfirmen,
montiert sie und setzt die fertigen Chassis dann in die im Werk hergestellten Gehäuse ein. Die bisher angewandten Montagemethoden erforderten den Umgang mit Hunderten von Einzelteilen und die Verlötung unzähliger Verdrahtungen.
Montage am Fließband mit einer weitgehenden Spezialisierung
hatten bisher das Produktionsprogramm in der Fernsehabteilung bestimmt.
Die Einzelteile wurden nach ihrer Prüfung auf die Lagerregale entlang
dem Fließband verteilt. Zuvor wurden sämtliche Metallteile, wie Röhrensockel und so weiter, auf dem Chassis vernietet und die komplizierten
Verdrahtungen zwischen den einzelnen Montageelementen hergestellt. An
jeder Seite eines rund 100 Meter langen Tisches waren die Arbeiter,
meist Frauen, mit Werkzeugen beschäftigt, wobei sie im großen und ganzen
immer nur die gleichen Handgriffe auszuführen hatten: Verdrahten, Verlöten und Einsetzen von Teilen in die dafür vorgesehenen Fassungen und
so weiter. Die fertiggestellten und restlos bestückten Chassis gingen
dann über Transportbänder zu einem Fließband, wo nur noch die Röhren
eingesteckt wurden. Im Anschluß daran wurden die fertigen Chassis geprüft und in die Gehäuse eingebaut. Die fertigen Apparate wurden nach
einem letzten praktischen Test verpackt und zum Versand gebracht. Noch
vor wenigen Jahren mußten nahezu 60$ der direkten Arbeitszeit, die die
Herstellung eines Fernsehgerätes erfordert, auf die Herstellung der
Verdrahtung und die Montage der Einzelteile verwendet werden.
Die Gesellschaft ging 1952 erstmals dazu über, gedruckte Schaltbilder, die auf photo-chemischem Wege hergestellt werden, iffl Rundfunk
zu verwenden, und zwar in der Fertigung eines 5-Röhren-Koffergerätes.
Diese gedruckten Schaltbilder machen die so mühsame Verdrahtung überflüssig. Die Montageteile werden in das Chassis eingesetzt und dann die
gesamte Unterseite des Chassis in flüssige Lötmasse getaucht. Im Jahre
1954 ging die Gesellschaft dazu über, gedruckte Schaltbilder auch bei
dem 55er-Modell zu verwenden und bei denen des Jahres 1956 sind im
Durchschnitt 75 bis 80$ aller Verdrahtungen auf photo-chemischem Wege
auf die Isoliermassen aufgetragen. Im Jahre 1953 begann die Firma,
ihren Maschinenpark auf eine automatische Montage der Bauelemente umzustellen. Im nächsten Jahr schon wurde eine Maschine installiert, die
sechs Chassis pro Minute automatisch zu bestücken vermochte. Eine in
der Zwischenzeit installierte Maschine schafft zwölf Chassis pro
Minute. Seit 1953 ist es durch andere Verbesserungen möglich, Bauelemente ganz verschiedener Größe zu verwenden. Diese Vervollkommnung der
Fertigungsmethoden brachte eine große Leistungssteigerung und eine Verbesserung der Qualität der hergestellten Apparate mit sich.

- 3

�Nachdem die gedruckten Schaltbilder bearbeitet und bestückt worden
sind, laufen sie nach dem neuen Produktionsverfahren zur Fertigmontage,
wo am Fließband die letzten 20 bis 25/ij der Verdrahtung ausgeführt, die
noch fehlenden Teile eingesetzt, die fertigen Schaltbilder auf das
Chassis aufgesetzt und die Bildröhren eingebaut werden.
Der Übergang zu dem neuen Fertigungsprozeß führte zu einer
Verringerung der Zahl der mit der Hand zu leistenden Arbeitsgänge,
brachte jedoch keine völlige Ausschaltung der Handarbeit. Das Vernieten der Fassungen und Sockel, das Einsetzen der Röhren, der Einbau
ins Gehäuse, die technische Prüfung und Abstimmung sowie das Verpacken
wurden nur indirekt von dieser Entwicklung berührt. Diese Arbeiten
werden auch weiterhin größtenteils von der Hand erledigt. Die Umstellung in der Montage brachte es mit sich, daß die Zahl der Handverdrahter und Montagekräfte - größtenteils Frauen - verringert wurde.
Der Übergang bedingte andererseits die Neueinstellung von Wartungspersonal für die Maschinen, das allerdings keiner besonderen
Fertigkeiten bedurfte. Deshalb war für diese Gruppe, abgesehen von
einer zweiwöchigen Schulung, keine zusätzliche Ausbildung notwendig.
Mehrere neue maschinelle Arbeitsgänge wurden eingeführt, für die etwas besser bezahlte Arbeitsplätze sowie einige höher qualifizierte
Positionen neu geschaffen werden mußten. So verdoppelte sich beispielsweise die Zahl der gelernten Montagearbeiter, die mit Entwicklungsarbeiten, Reparaturen und der Wartung von Maschinen betraut waren.
Das gleiche gilt für die technischen Angestellten in derFertigung;
die Zahl der Maschinisten und Elektrotechniker hat sich mehr als verdoppelt und auch das Zahlenverhältnis zwischen Ingenieuren und Arbeiternin der Produktion hat sich zugunsten ersterer vorschoben.
Einige Arbeitsplätze für ungelerntes Personal wurden überflüssig,
dennoch wurde nach Mitteilung der Betriebsleitung niemand im Zusammenhang mit der Betriebsumstellung entlassen. Einige Arbeiter mußten den
Arbeitsplatz wechseln und wurden der Endmontage, der Prüfstelle, der
Versandabteilung und so weiter zugeteilt, soweit sie nicht an den
neuen automatischen Maschinen weiterbeschäftigt werden konnten. Da
die Verwendung gedruckter Schaltbilder gewöhnlich zu einer Verringerung des Gewichtes der Fernsehapparate führte, konnte die Zahl der
Frauen der Versandabteilung vergrößert werden.
Die Löhne für die Arbeiter an den automatischen Maschinen stiegen um 5 bis 15$ gegenüber den Sätzen für ungelernte Montagearbeiter,
da die Umstellung zum Teil eine Veränderung der Arbeitsbedingungen
und größere Verantwortung mit sich brachte. Für die Arbeiter, die die
gedruckten Schaltbilder soweit fertigstellen, daß sie der automatischen Montageanlage zugeführt werden können, wird gegebenenfalls eine
Leistungszulage gewährt, ebenso wie für einige Arbeiter am Endmontageband. Für die übrigen Arbeiter wurde eine auf Gruppenbasis zu berechnende Leistungszulage eingeführt. Die Arbeiter an den automatischen
Bestückungsmaschinen blieben von der Leistungszulage ausgeschlossen.
Etwa zwei Wochen vor der Umstellung auf die neuen Produktionsverfahren berief der Direktor für Produktionsfragen die Vorarbeiter zu
sich, um sie über die bevorstehenden Änderungen zu informieren. Auch
die Gewerkschaftsfunktionäre wurden im voraus davon unterrichtet,
welche Maßnahmen die Betriebsführung zur Modernisierung der Produktionsverfahren einzuführen beabsichtigt. Die übrigen Betriebsangehörigen erfuhren von den geplanten Änderungen nur indirekt.
Die bei dieser Firma gesammelten Erfahrungen deuten darauf hin,
daß sich der Übergang auf automatische Produktionsverfahren ohne größere

- 4-

�Schwierigkeiten bewerkstelligen läßt, sofern das Verhältnis zwischen
Gewerkschaft und Betriebsführung gut ist. Der gegenwärtig gültige
Tarifvertrag, der Ende des Jahres 1954 - also drei Monate nach der
Umstellung - in Kraft trat, enthält keinerlei ausdrücklich auf die
Umstellung bezügliche Bestimmungen. Nach den gegenwärtig gültigen
Arbeitsverträgen fallen Veränderungaam Arbeitsplatz, die auf :rund
der technischen Entwicklung notwendig werden, unter die allgemeinen
Bestimmungen bezüglich technischer Veränderungen. Das gleiche gilt
übrigens auch für die früheren diesbezüglichen Verträge. Neugeschaffene
Arbeitsplätze wurden am Schwarzen Brett bekanntgegeben und die Bewerber
durch die Werkmeister unter Berücksichtigung der Zeit der Betriebszugehörigkeit und der persönlichen Eignung ausgewählt. Männliche Betriebsangehörige wurden im allgemeinen stärker berücksichtigt als Frauen.
Der Übergang wurde dadurch wesentlich erleichtert, daß die neuen
Maschinen zu dem gleichen Zeitpunkt installiert wurden, zu dem die
neuen Modelle aufgelegt wurden und die Gesamtbelegschaft ohnehin zunahm. Die Gesellschaft plant gegenwärtig, zusätzlich zu den bereits
aufgestellten vier automatischen Fertigungsanlagen zwei weitere anzuschaffen.
Die Automatisierung bei einer Lebensversicherungs^esellschaft
Die zweite Untersuchung betraf eine große Lebensversicherungsgesellschaft, die nebenher auch noch verschiedene andere Risiken versichert. Der Arbeitsanfall in diesem Betrieb wächst ständig und erfordert dementsprechend ein immer größeres Maß an routinemäßigen
Büroarbeiten. Seit 15 Jahren hat die Firma Schwierigkeiten, geeignete
Arbeitskräfte in genügender Zahl zu finden. Ein großer Teil der Angestellten in der Zentrale bestand aus Absolventinnen der Mittelschulen,
die meist nur kurze Zeit bei der Firma verblieben, so daß innerhalb
von fünf Jahren die Zahl der Neueinstellungen ebenso hoch war wie die
Gesamtzahl der Betriebsangehörigen, das heißt also, daß theoretisch
die gesamte Belegschaft innerhalb dieses Zeitraums erneuert werden
mußte. In mehreren Abteilungen wurden Schüler und Studenten stundenweise beschäftigt.
In den ersten Nachkriegs jähren arbeitete die Gesellschaft noch
mit den herkömmlichen Büromaschinen. Im Jahre 1954 installierte sie
für die Arbeiten, die die Klassifizierungsbüros der Abteilung X zu
bewältigen haben, eine große Elektronenrechenanlage. Abteilung X
beschäftigte rund 800 Mitarbeiter, von deren 198 auf die Klassifizierung entfallen. Die Automatisierung sollte es unter anderem ermöglichen, einen großen Teil der Angestellten dieser Abteilung für
andere Arbeiten frei zu bekommen. Die Klassifizierungsbüros verwalten sämtliche in Krnft befindliche Policen und haben im I.;onat
rund 850 000 Buchungen vorzunehmen. Die Mitrirbeiter erhalten die
Arbeitsunterlagen von anderen Büros in Torrn von Lochkarten. Ihre
Aufgabe ist es, alle darin enthaltenen Angaben zu sortieren, zu klassifizieren und die entsprechenden Rechenarbeiten auszuführen. Diese Arbeiten wurden mit Hilfe von 125 Kollerithmaschinen (die Lochmaschinen
nicht gezählt) ausgeführt, für die eine Jahrestniete von rund 235 000
Dollar aufzuwenden war. Der Durchschnittslohn der Arbeiter an diesen
Maschinen, die monatlich etwa 3,25 Millionen Lochkarten bearbeiten,
betrug (siehe Tabelle) rund 3700 Dollar. Die Arbeiten erforderten
einen häufigen Austausch der Kartensätze und den Unterhalt einer
großen Registratur.
Die Aufstellung der Elektronenrechenanlage ermöglichte eine
rund 50/&lt;&gt;ige Kosteneinsparung in den Klassif izierunysbüros, das

- 5-

�entspricht 9&gt;° der Gesamtbetriebskosten der Abteilung X. Die Arbeiten
in der Klassifizierung konnten nunmehr von 21 Hollerithmaschinen mit
85 Arbeitskräften mit einem Durchschnittslohn von jährlich 4200 Dollar
bewältigt werden. Die Mieten für die Hollerithmaschinen verringerten
sich auf 19 000 Dollar. Durch die Umstellung wurden 170 qin Bürofläche
frei. Eine weitere Ersparnis wurde dadurch erzielt, daß nach der Umstellung J,5 Millionen Lochkarten im Monat weniger benötigt wurden.
Alle wichtigen Angaben über die rund 850 000 Versicherungspolicen
wurden in 71 Magnetbändern gespeichert. Die Firma schaffte insgesamt
1000 Magnetbänder an, die ja noch dazu den Vorteil bieten, daß sie
nach der Löschung wieder verwendet werden können. Die Notwendigkeit
der Aufrechterhaltung einer Registratur zur Verwahrung der Aktenvorgänge entfiel von nun an. Den Einsparungen steht auf der anderen
Seite der Aufwand für die Miete für die Elektronenrecherunaschine
gegenüber, sowie die Wartungskosten und Zeitverluste (etwa 4/J)» die
durch Betriebsstörungen in der Rechenanlage bedingt waren. Die Gesellschaft rechnet damit, daß sich die Investition in rund vier Jahren amortisieren wird.
Die durch Installierung der Großrechenanlage ermöglichte Verringerung der Zahl der Bürokräfte erstreckte sich größtenteils auf
Abteilungen, deren Arbeitsanfall im wesentlichen aus einer einfachen
routinemäßigen Wiederholung ein und desselben Arbeitsgsnges besteht
und sich damit am besten für die Übertragung an vollautomatischen
Maschinen eignen. Unberührt hiervon blieben alle übrigen Angestellten,
deren Arbeit berufliche Erfahrung und eigenes Urteilsvermögen voraussetzt. Die Firmenleitung wies darauf hin, daß die Verringerung des Arbeitsanfalles gerade für ungelernte Bürokräfte die Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze bedingte, die eben jene höheren Qualifikationen
voraussetzen. Auch in den übrigen Abteilungen des Betriebes brachte
die Installierung der Elektronenrechenanlage keinerlei Verringerung
der Arbeitsplätze mit sich, die Erfahrung und Urteilsfähigkeit erfordern.
Die Versicherungsgesellschaft versuchte durch eine umfassende
Vorausplanung, allen personellen und technischen Veränderungen, die
durch die Umstellung bedingt waren, gerecht zu werden. Die von der
Umstellung berührten Betriebsangehörigen wurden im voraus von den
bevorstehenden Veränderungen in Kenntnis gesetzt und dabei besonders auf die in der Klassifizierung notwendig werdenden personellen
Veränderungen sowie auf die dadurch bedingte Einführung anderer Arbeitsmethoden hingewiesen. Die einzelnen Angestellten wurden in persoenlichenAussprachen mit Angehörigen der Betriebsführung gefragt,
ob sie die Versetzung in eine andere Betriebsabteilung oder an einen
bestimmten Arbeitsplatz wünschten. Abgesehen von der normalen Arbeitsfluktuation ließen sich für sämtliche Betriebsangehörige andere Arbeitsplätze innerhalb der Gesellschaft finden, gibt es doch allein in der
Zentrale 15 andere Büros, in denen Hollerithmaschinen verwendet werden.
Bei Fertigstellung der Untersuchung, die diesen Ausführungen zugrunde
liegt, war die personelle Umstellung des Betriebes noch nicht restlos abgeschlossen. Die Betriebsführung war aber darauf bedacht, daß
die Einführung verbesserter technischer Methoden nicht zur Entlassung
oder Rückstufung von Mitarbeitern führte.
Ein leitender Angestellter der Abteilung X unterhielt schon lange
vor der Betriebsumstellung engsten Kontakt mit dem Personalbüro, um
alle auftauchenden Personalfragen, besonders was die Versetzung von
Belegschaftsangehörigen auf andere Arbeitsplätze angeht, im voraus
zu klären. Im April 1954» kurz vor der Umstellung, berief der Abteilungsleiter sämtliche Angehörige der Klassifizierungsabteilung zu einer

- 6-

�D h R

ZAHL

Durchschnittl.
Jahreslohn

urspruengl.
freigestellAibeitskraefte ten Arbeitsd.Klaasifizie- kraef te
rungsbueros
inaenni. weibl.

inaenni. weibl.

a.d.Elektronenrechenmaschine weiter
verwendeten
Arbeitskraefte
maennl. weibl.

Arbeitskraefte
in den Klassifizierungsbueros
nach der Umstellung ' /
maennl. weibl.

Dollar
2500
2800
3000
3200
3400
36002)
3700
4000
4300
4600
5000
5400
5800
6700
7200
7600
8100
8500
9000 u. nehr

V

4
6
35
35
52

30
28

34

3
4
9
3

9
1

16
8
12

11

1

7

3

1

1
1
1

3
1
2

1

1
1

Zusammen

. 9

4
5
5

1

1
1

1

1

1

8
18

1

1

3

1

2
1
1
2
1

3
1

5
9
5
2

5
2

3

2
1
2

2
2
2

1

2

1

189

126

7

12

8

14

71

1)

Einschliesslich 56 Arbeitskraeften, die mit Aufgaben betraut
sind, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Elektronenrechenanlage stehen und 9 Mitarbeitern der Arbeitsplanungsgruppe.

2)
Technisches Personal

- 7

�zwanglosen Aussprache zu sich, hei der er die Installierung der
Großrechenanlage sowie die Gründe für diesen Schritt bekanntgab
und seinen Mitarbeitern versicherte, daß der Betrieb nach wie vor
an dem alten Grundsatz festhalten werde, daß die Einführung neuer
Arbeitsmethoden für die einzelnen Betriebsangehörigen keine Entlassung oder gehaltliche Rückstufung mit sich bringen darf. Die
Tatsache, daß viele Mitarbeiter der Firma vor der Notwendigkeit
stehen würden, ihren Arbeitsplatz mit einem anderen zu vertauschen,
erregte selbstverständlich große Besorgnis unter der Belegschaft;
dennoch war die allgemeine Reaktion günstig und ließ großes Interesse und Verständnis erkennen.
Während des eigentlichen Erprobungszeitraums vom Juni bis
Oktober 1954» in der Zeit also, in der die neue Elektronenrechenund Buchungsmaschine in der Datenverarbeitung getestet wurde,
brachten die werkseigenen Publikationen, die an die Mitarbeiter
in der Zentrale und in den Außenstellen verteilt wurden, laufend
Berichte über alle mit der Umstellung zusammenhängenden Fragen.
In diesen Artikeln wurden die Möglichkeiten und Grenzen der Verwendung von Elektrohenanlagen aufgezeigt, die notwendigen personellen Veränderungen in den Klassifizierungsbüros bekanntgegeben
und immer mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß kein Betriebsangehöriger im Zuge der Umstellung seinen Arbeitsplatz verlieren werde.
Um das nötige Bedienungspersonal für die neue Elektronenanlage heranzubilden, wurden acht besonders tüchtige Mitarbeiter zu
ein- bis sechsmonatigen Lehrgängen im Betrieb der Herstellungsfirma
der Rechenanlage entsandt. Die übrigen für den Betrieb der Großrechenanlage benötigten Mitarbeiter wurden an Ort und Stelle ausgebildet,
wobei man sich auf die Erfahrungen mit der Ausbildung der erwähnten
acht Betriebsangehörigen für die Schlüsselpositionen in dieser Abteilung stützen konnte. Bei dieser Auswahl war die Betriebsleitung
darauf bedacht, so weitgehend wie nur möglich Angestellte zu berücksichtigen, die bereits früher in der Klassifizierung gearbeitet haben.
Für einige der in diesem Zusammenhang neugeschaffenen Arbeitsplätze
waren allerdings Qualifikationen erforderlich, die keiner der bisherigen Mitarbeiter aufzuweisen hatte. Als Kriterien für die Auswahl des
Bedienungspersonals für die Elektronenrechen- und Buchungsanlage
wurden gewertet: Bisherige Erfahrung, mathematische Begabung und
akademische Vorbildung (die allerdings nur als wünschenswert und
nicht als absolut notwendige Voraussetzung angesehen wurde). Von dem
insgesamt 20 Mann starken Bedienungspersonal wurden 9 aus der Klassifizierung, 5 aus anderen Büros der Abteilung X, 5 v o n anderen Abteilungen der Firma ausgewählt. Ihnen wurde ein Hochfrequenzingenieur
beigegeben, der bisher nicht Betriebsangehöriger war. Für die Elektronenrechen- und Buchungsanlage werden somit an Personal benötigt:
1 Abteilungsleiter (Fachingenieur)
2 Automatenführer und 2 Hilfsautomatenführer (männlich)
für den Betrieb der Rechenanlage in zwei Schichten
1 Magnetband-Bibliothekarin
1 Vormann für die Betreuung der Zusatzgeräte
1 Gruppenleiterin für die Tabellierer
1 Obertabelliererin
1 Hilfstabellierer
3 Tabelliererlehrlinge (männlich)
1 Locherin
1 Lochkarten- und Bandverwalter
1 Arbeitsverteiler
1 Oberkontrolleurin
1 Kontrolleurin
2 Hilfskontrolleurinnen
- 8

�Diejenigen Angestellten, die nicht fuer die Weiterverwendung in
der Klassifizierung in Frage kamen, wurden nach einer persönlichen
Rücksprache mit der Betriebsführung und eingehender Überprüfung
ihrer sachlichen und persönlichen Eignung in andere Abteilungen
versetzt. Bei der persönlichen Aussprache hatte jeder Betriebsangehörige Gelegenheit, irgendwelche Wünsche bezüglich seines neuen
Arbeitsplatzes zu äußern. Eine niedriger bezahlte Stellung wurde
in keinem Falle als Ersatz angetragen. Jeder wurde auf einen Arbeitsplatz versetzt, den er nach kurzer Ausbildung an Ort und Stelle ohne
Schwierigkeiten ausfüllen konnte, wobei die Abteilungsleiter der für
die Weiterbeschäftigung in Frage kommenden Abteilungen vor der Versetzung konsultiert wurden» Sie erhielten Gelegenheit zu einer Aussprache mit dem betreffenden Mitarbeiter und zeigten sich bisher
von den Leistungen der neuzugeteilten Arbeitskräfte voll befriedigt.
Innerhalb der Klassifizierungsbüros hatten si6h sechs Gruppenleiter im Laufe der ^eit großes Geschick im Umgang mit dem Personal
erworben. Vier von ihnen, die großes Interesse für eine Weiterbeschäftigung an der Elektronenanlage bekundet hatten, verblieben in
der Klassifizierung: Drei gehören zum eigentlichen Bedienungspersonal der Rechenanlage und der vierte ist mit Fragen der Arbeitsplanung
für die Anlage befaßt. Von den beiden verbleibenden Gruppenleitern
nahm der eine einen gleichwertigen Arbeitsplatz in einer anderen
Abteilung an, und der andere übernahm einen besser bezahlten, allerdings untergeordneten Posten.
Der Arbeitsstab, der mit der Planung der Umstellung auf automatisches Verfahren der Datenverarbeitung beauftragt war, bestand ursprünglich aus 14 Personen. Bis zum Juni 1956 wurden allerdings 10 Angehörige dieser Abteilung in die neugeschaffene Abteilung für elektronische Anlegen versetzt.
Diese Abteilung war am 1. Januar 1955 neu geschaffen worden, um
die Verwendungsmöglichkeit von elektronischen Rechen- und Buchungsanlagen zu studieren und gewissermaßen ein Reservoir an Fschkräften
für die Bedienung solcher Maschinen heranzubilden. Der Leiter dieser
Abteilung stand an der Spitze der Studiengruppe, die vor Jahren die
Verwendbarkeit von Elektronenanlagen für die Aufgaben der Gesellschaft
untersucht hatte, und deren Empfehlungen schließlich zur Aufstellung
der ersten derartigen Anlage führten. Das achtköpfige Stammpersonal
dieser Abteilung hatte bereits eine gewisse Erfahrung auf diesem Gebiet aufzuweisen. Später wurde die Abteilung um 21 Personen, darunter
8 Bürokräfte, erweitert. Die übrigen 13 hatte man auf Grund ihrer
früheren Erfahrungen in der Bewältigung besonderer Aufgaben innerhalb
des Betriebes ausgewählt.
Im Juni 1955 wurden die Personalakten der Zentrale mit dem Ziel
überprüft, alle Personen festzustellen, die ebentuell auf Grund ihrer
Erfahrungen und ihres Bildungsganges in der Abteilung für elektronische
Anlagen verwendet werden könnten. Diese Überprüfung ergab zunächst einmal, daß mehr als 250 Betriebsangehörige eventuell für eine solche Tätigkeit in Frage kämen. Eine abermalige Überprüfung führte dann bis zum
September 1955 zur Auswahl von 30 Personen, die aus allen Abteilungen
des Betriebes herausgezogen wurden. Als Kriterien für diese Auswahl
galten (in der hier zitierten Reihenfolge): Erfahrung innerhalb des
Betriebes, Betriebszugehörigkeit und Lernfähigkeit. Von den 60 Angehörigen der Abteilung für elektronische Anlagen verfügt der weitaus
größte Teil heute über besondere Fertigkeiten auf dem Gebiet der
Programmierung, der Vorpusplanung des Einsatzes elektronischer Betriebsmittel und anderer innerbetrieblicher Vorgänge. Einige unter
ihnen werden demnächst eine Sonderausbildung mit dem Ziel durchmachen,
später selbst als Automatenführer für noch zu beschaffende Elektronen-

- 9-

�und-buchungsmaschinen eingesetzt zu werden.
Bis gegen Ende 1954 war sich die Firma restlos darüber klar
geworden, daß sich Elektronenrechen- und-buchungsanlagen für die im
Versicherungswesen anfallenden Aufgrben besonders eignen. Bald schon
wurde dann die erste derartige Anlage aufgestellt. Die Umstellung
wurde durch mehrere Faktoren begünstigt: 1. Die allgemeine Ausweitung
der Geschäftstätigkeit des Unternehmens, die eine Betriebserweiterung
erforderlich machte. 2. Die relativ hohe Arbeitsfluktuation, die von
einer Verknappung besonders an weiblichen Bürokräften in der Zentrale
begleitet war. 3« Die große Ähnlichkeit im Arbeitsanfall der verschiedenen Abteilungen innerhalb des Betriebes, die einer Versetzung von
Arbeitskräften entgegenkam.
Die Betriebsleitung ist gegenwärtig dabei, 22 innerbetriebliche
Vorgänge im Rahmen eines auf drei bis fünf Jahre veranschlagten Programms auf die Möglichkeit zur Automatisierung zu untersuchen. Nach
ihren Schätzungen sind ein bis eineinhalb Jahre dazu nötig, die Pläne
für eine Umstellung eines bestimmten Arbeitsgpnges auszuarbeiten und
weitere ein bis fünf Jahre, um diese Umstellung vorzunehmen und den
Betrieb sich soweit einspielen zu lassen, daß keinerlei größere Pannen
mehr auftreten können.
Quelle: "Monthly Labor Review"
Vol. 79, No. 1
* * * * *

Amerikas Gewerkschaften bilden ihren Funktionaersnachwuchs selbst heran
Immer mehr Lehrgaenge und Seminare zur Schulung und Weiterbildung von
Gewerkschaftsfunktionaeren und einfachen Mitgliedern fuehren die amerikanischen Gewerkschaftoalljaehrlich durch. Diese Programme, die als Ferienkurse waehrend der Urlaubszeit in den Sommermonaten begannen, haben sich
zu einer feststehenden Einrichtung mit umfassenden Lehrplaenen waehrend der
Monate vom Fruehjahr bis in den spaeten Herbst hinein entwickelt. Allein
im Jahre 1955 wurden in den verschiedenen Teilen des Landes ueber 100 derartige Lehrgaenge durchgefuehrt.
Eines der umfassendsten Bildungsprogramme hat die Vereinigte Stahlarbeitergewerkschaft von Amerika (USA) mit 33 Seminaren und Lehrgaengen an 25
Universitaeten in verschiedenen Einzelstaaten geboten. Ueber 6000 Gewerkschaf tsfunktionaere, Betriebsfunktionaere und Schlichter haben an diesen
Lehrgaen en teilgenommen. Weitere 15 000 Mitglieder haben die Gelegenheit
zur Weiterbildung an den von einigen Universitaeten eingerichteten besonderen Kursen wahrgenommen.
Auf diesen Schulen und Lehrgaengen der Gewerkschaften, die gewoehnlich
ein bis zwei lochen dauern, wird ein reichhaltiger Lehrplan, je nach den
besonderen Beduerfnissen der veranstaltenden Gewerkschaft;geboten. So mag
das Schwergewicht einmal auf der Heranbildung von Betriebsvertrauensleuten,
auf Zeitstudien, Gewerkschaftsverwaltung, Gemeindearbeit und Politik liegen.
Ein andermal werden Arbeitsrecht, internationale Beziehungen, Frauenfragen
oder Presse und Publizistik im Mittelpunkt stehen.
Die Lehrplaene sind keineswegs immer auf die reine Gewerkschaftssphaere
beschraenkt; in den meisten Faellen stehen auch Fragen von umfassenderem,
allgemeinem Interesse auf dem Programm. So wurden in einem Gewerkschaftsseminar an der Staatlichen Universitaet von Pennsylvanien Themen wie die

- 10 -

�•
Erziehung des einzelnen unter besonderer Beruecksichtigung der kulturellen
Paktoren oder die Auswirkungen der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung,
insbesondere der Atomforschung, auf den einzelnen und die Gemeinschaft behandelt.
Die Ausbildung von Gewerkschaftsfunktionaeren ist heute von wesentlich
groesserer Bedeutung als vor 20 oder 30 Jahren. Grundvoraussetzung ist natuerlich nach wie vor, dass der Gewerkschafter benau orientiert ist, wie
hoehere Loehne, kuerzere Arbeitszeit und bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen sind. Inzwischen ist aber eine Fuelle neuer Aufgaben und Probleme
hinzugekommen.
Ein Gewerkschafter von heute muss mit der Arbeitsgesetzgebung und
Einzelentscheidungen der Arbeitsgerichte, soweit sie den von ihm vertretenen Industriezweig betreffen, vertraut sein. Er muss die wirtschaftlichen
Verhaeltnisse kennen, Einsicht in die Produktionsmethoden haben und ueber
Produktionskosten Bescheid wissen. Schon heute muss er sich Gedanken darueber
machen, welch tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Folgen etwa durch
die Automatisierung heraufbeschworen werden koennen. Kurz, er muss von vielen Dingen etwas wissen, von der Aushandlung von Kollektivvertraegen bis
zur Rolle der Gewerkschaften in der Weltpolitik.
So ist es nur natuerlich, dass sich die von den Gewerkschaften gebotenen Kurse und Seminare zur Weiterbildung bei all jenen, die den Beruf
des Geweikschaftsfunktionaers erwaehlt haben oder erwaehlen wollen, eines
zunehmenden Interesses erfreuen, und dass die Besucherzahlen staendig
steigen. Manche Kursteilnehmer bestreiten die Kosten aus eigener Tasche,
andere werden von den Gewerkschaften zur Teilnahme ausgewaehlt und erhalten
saemtliche Auslagen verguetet. Nach welchen Gesichtspunkten und auf welche
Weise diese Auswahl vor sich geht, ist aus einer Untersuchung ersichtlich,
die in Lakeport im Staate Michigan in einem von der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft organisierten Lehrgang durchgefuehrt wurde.
Danach war jeder sechste Teilnehmer an einem Lehrgang aus den Reihen
der Mitgliedschaft vorgeschlagen und gewaehlt worden. Jeweils ein gleicher
Prozentsatz von Kursteilnehmern ist auf folgende Weise bestimmt worden:
1. Namhaftwachung durch hoehere Gewerkschaftsfunktionaere.
2. Automatische Entsendung auf Grund der Tatsache, da3s der Betreffende einen bestimmten Posten bekleidet, etwa den des Vorsitzenden eines
Verhandlungs- oder Bildungsausschusses.
3- Auf T.rund verdienstvoller praktischer Gewerkschaftsarbeit und des
guten Abschneidens auf frueheren Schulungskursen.
Weiter zeigte die Untersuchung, dass die Kursteilnehmer meistens
reifere Leute mit guter Vorbildung im Alter zwischen 30 und 40 Jahren waren, die in der Gewerkschaft taetig sind und sich das fuer die Uebernahme
groesserer Aufgaben und verantwortungsvollerer Posten in der Gewerkschaft
noetige Wissen aneignen wollen.
Quellei Eigenbericht

- 11 -

�Walter K. Bailey,
Praesident der Warner &amp; Swasey Company, Cleveland (Ohio)i
Der Begriff der Produktivitaet in der amerikanischen Industrie
Wenn wir Amerikaner von der Produktivitaet der Industrie sprechen,
so verbinden wir diesen Begriff stets mit Produktions Steigerung, Verbesserungen oder neuen Erfindungen. Wir nehmen es als selbstverstaendlich an, dass jedes Produkt bald schon besser, billiger und in groesseren
Mengen hergestellt werden wird.
Dies scheint mir eine ausgesprochen amerikanische Haltung zu sein.
Wir glauben, dass sich Gueter und Dienstleistungen in unbegrenzter Menge
und Mannigfaltigkeit erzeugen lassen. Voraussetzung ist nur, dass sie
zu einem Preise hergestellt werden, der fuer eine moeglichst grosse Zahl
von Konsumenten erschwinglich ist.
Unserer Meinung nach sind die Absatzmaerkte praktisch unbegrenzt
ausweitungsfaehig, waehrend doch in Europa die Ansicht vorherrscht, dass
der Markt fuer jedes Produkt ganz bestimmte Grenzen hat und dass sich die
verschiedenen Hersteller der entsprechenden Ware in ihn teilen muessen.
Die amerikanischen Fabrikanten wetteifern staendig miteinander,
immer mehr Menschen immer bessere Waren zu immer niedrigeren Preisen anzubieten. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass unser gesamtes Wirtschaftssystem darauf abgestellt ist, den Lebensstandard des ganzen Volkes zu heben.
Dies erreichen wir durch staendige Erhoehung der Produktivitaet.
Sollte ich definieren, was Produktivitaet ist, so wuerde ich sie als
"die pro Zeit- oder Energieeinheit des Arbeiters erzeugte Produktionsmenge oder erzielte Wertsteigerung" bezeichnen. Wir haben uns laengst
daran gewoehnt, das Wort "Produktivitaet" im Geist mit dem V/ort "gesteigert" zu verbinden.
In der Werkzeugmaschinenindustrie zum Beispiel bemessen wir die
Produktivitaet einer neuen Werkzeugmaschine nach der Steigerung des
Ausstosses pro Arbeiter und Arbeitsstunde. Das heisst, wir erwarten von
einer neuen Maschine stets, dass sie pro Stunde mehr erzeugt als die
alte.
Man kann das Produktionsvolumen erhoehen, indem man mehr Arbeiter
einstellt oder laenger arbeitet; die Produktivitaet jedoch kann nur dadurch gesteigert werden, dass die Erzeugung pro Mann und Stunde erhoeht
wird.
Bis zu einem gewissen Grade ist dies durch intensivere Arbeit zu
erreichen. Intensivierung der Arbeit aber ist sicherlich nicht die Loesung. Natuerlich kann ein Farmarbeiter zweimal B O schnell Kartoffeln
hacken wie ein anderer; die wirkliche Steigerung der Produktivitaet
aber brachte erst die motorisierte Kartoffelhackmaschine.
Wir haben die Produktivitaet in den Vereinigten Staaten durch Forschungsarbeit, durch neue Erfindungen und durch die Erschliessung von
Kraftquellen gesteigert - ausgehend von der 'Vasserkraft und der tierischen Kraft ueber die Dampfkraft bis zur Verwendung von Erdoelprodukten und der Elektrizitaet. Eine weitere Steigerung der Produktivitaet
brachte die Verwendung immer besserer Maschinen und Ausruestungen sowie
eine Verbesserung der Produktionsplanung.
Wir Amerikaner neigen dazu, all diese Dinge als Selbatverstaendlichkeiten hinzunehmen; aber schliesslich ist das alles ja nicht wie von
ungefaehr geschehen. Die Sache begann in England mit einem Maschinenbauer
- 12 -

�namens Wilkinson, dem es gelang, einen Kolben in einen Zylinder so genau
ednzuschleifen, dass er Dampf nicht ausliess. Dieser Kolben erst ermoeglichte James Watt den Bau der ersten Dampfmaschine. Das war der Beginn der
Werkzeugmaschinenindustrie.
Durch die Werkzeugmaschinen lernte der Mensch, Metall so genau zu
schneiden und zu formen, dass die Verwendung genormter Maschinenteile
moeglich wurde. Ohne dieses Prinzip der Normung oder Austauschbarkeit von
Maschinenteilen waere die Produktivitaet, wie wir sie heute kennen, absolut unmoeglich.
Die Bedeutung der Austauschbarkeit von Einzelteilen ist ueberhaupt
nicht zu ueberschaetzen. Mir scheint es sehr bedauerlich, dass unsere
amerikanischen Geschichtsbuecher in diesem Zusammenhang nur von Eli
Whitney als dem Erfinder der Baumwoll-Egreniermaschine berichten, die natuerlich fuer die Landwirtschaft eine ganz grosse Sache war.
Eli Whitneys wirklich grosse Leistung fuer unser heutiges Leben aber
war, dass er als erster den Beweis erbrachte, dass saemtliche Teile eines
Gewehrs auf der Basis der Austauschbarkeit, das heisst normiert, hergestellt werden koennen. Er machte dem amerikanischen Kongress den Vorschlag,
10 000 Flinten aus restlos genormten Teilen herzustellen, so dass sich
fuer jedes schadhaft gewordene Teil sofort ein Ersatzteil verwenden liesse.
Diese Erfindung, die uebrigens aus einem militaerischen Beduerfnis erwuchs,
hat Amerika den Weg zu immer groesserer Steigerung der Produktivitaet eroeffnet.
In den Voreinigten Staaten hat man dieses Prinzip der Steigerung der
Produktivitaet so weit entwickelt wie nirgends sonst auf der Welt, und
dies ist ein Verdienst unserer freien Wettbewerbswirtschaft. "Wenn wir
die Menge der erzeugten Waren steigern koennen, dann koennen wir die Kosten
senken", argumentierten und argumentieren unsere Fabrikanten.
Unsere Industriellen sind ataendig bestrebt, neue und bessere Waren
herzustellen und neue und bessere Produktionsmethoden zu entwickeln. So
wurden Forschung, Entwicklung und neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der
Technik zur eigentlichen Grundlage der Aufwaertsentwicklung unserer gesamten Wirtschaft.
(Nachdruck nicht gestattet)
Quelle: Eigenbericht

Der Lebensstandard der Stahlarbeiter
Allenthalben hoert man heute vom Jedermanns-Kapitalismus in den
Vereinigten Staaten, und vieles stand auch schon darueber zu lesen, was
der Jedermanns-Kapitalismus sei. Vom rein menschlichen her interessiert
aber auch» wer ist nun eigentlich der Jedermanns-Kapitalist und wie lebt
er?
Betrachten wir einmal das Leben des Stahlarbeiters James Edward
Barnes, der seit 1953 als Giesser bei den Fairless-Werken in Morrisville
im Staate Pennsylvanien, einem Zweigbetrieb der United Steel Corporation,
beschaeftigt ist. Er ist ein typischer Vertreter eben jener in den Vereinigten Staaten im Entstehen begriffenen neuen sozialen Schicht der Jedermanns-Kapitalisten.
Er verdient 6000 Dollar im Jahr, eine Summe, die ausreicht, um die
wirtschaftliche Existenz der Familie zu sichern und ihm, gleich Millionen
- 13 -

�seiner Landaleute, eine Lebensfuehrung gestattet, die ihn in jene neue
«soziale Klasse einreiht.
Die Vermoegenswerte, ueber die diese neue Gesellschaftsklasse verfuegt, und die ihre wirtschaftliche Grundlage bilden, setzen sich zusammen aus Lebensversicherungen, Sparkonten, Anspruechen auf Altersversorgung und einer kleineren Zahl von Industrieaktien, wie sie fast jeder
Amerikaner heute besitzt.
Waehrend noch um die Jahrhundertwende die amerikanische Wirtschaft
zum groessten Teil von einigen wenigen Grossbanken finanziert wurde, sind
es heute gerade die Ersparnisse der "kleinen Leute", die in Form von
Investitionen in die amerikanische Industrie fliessen und die Voraussetzung fuer die staendige Steigerung der Produktion und des Einkommens
der am Produktionsprozess Beteiligten schaffen.
Der Anteil am Besitz des Industrievermoegens macht den einzelnen
zum Kapitalisten, und auf Grund seiner Ansprueche auf diesen Besitz und
seines Einkommens gehoert auch der Eisengiesser Barnes zu der grossen
Schicht dieser kleinen Kapitalisten, die sich im Verlauf der letzten Jahre in den USA herausgebildet hat.
Die Lebensfuehrung der Familie wird von der Arbeitsleistung des
Familienoberhauptes bestimmt. Mit seiner Haende Arbeit verschafft Barnes
seiner Familie, die ausser ihm und seiner Frau noch aus einem Sohn und
zwei Toechtern besteht, ein sorgenfreies Leben, und sein Fleiss sichert
ihre Zukunft.
Ed, wie ihn seine Freunde nennen, kann sich bei seinem Verdienst
auch ein Eigenheim leisten. Er entschied sich fuer ein Fertighaus aus
Sperrholzteilen, wie es von der United Steel Homes Inc. hergestellt wird.
Der Bau ging sehr rasch, stand das Haus doch an einem Tage fertig montiert an Ort und Stelle. Es enthaelt fuenf Raeume und ist mit allem modernen Komfort ausgestattet, von der elektrischen Waschmaschine mit
Trockenschleuder bis zur Garage fuer das Familienauto. Moderne Kuechengeraete - Tellerspuelmaschine, Mixer, Abfallwolf im Spuelbecken und Backrohr - erleichtern Mrs. Barnes die Haushaltfuehrung. Das Fertighaus kostete ohne Baugrund 12 000 Dollar, die in monatlichen Raten Schritt fuer
Schritt getilgt werden. Hierfuer muss Mr. Barnes zur Zeit noch 17$ seines
gesamten Lohnes aufwenden.
Im uebrigen verteilt sich das Einkommen auf folgende Posten« 29$
fuer Lebensmittel, 2$ fuer Walser und Strom, 5$ fuer Versicherungen und
Gewerkschaftsbeitraege, 7$ fuer Einkommensteuer, 14$ fuer den Unterhalt
des Autos, 6$ fuer Bekleidung, 10$ fuer Erholung sowie persoenliche Beduerfnisse und 2$ fuer verschiedene Nebenausgaben. Die verbleibenden
10$ des Einkommens werden als Ersparnisse zurueckgelegt.
Das Leben der Familie Barnes verlaeuft in ruhigen und friedlichen
Bahnen und unterscheidet sich in nichts von dem von Millionen anderer
Amerikaner. Die Abende und das zweitaegige Wochenende verbringt Barnes
im Kreise seiner Familie. Zahlreiche Arbeiten verrichtet der Hausherr
in Haus und Garten selbst. Er maeht den Rasen und hilft seinen Kindern
bei ihren Schularbeiten. Die Teilnahme am Leben der Gemeinde ist fuer die
Familie ebenso selbütverdtaendlich wie der sonntaegliche Kirchgang. Den
Urlaub verbringt man gemeinsam in den nahegelegenen Bergen, wo sich Gelegenheit zum Fischen und Schwimmen bietet. (Nachdruck nicht gestattet)
Quelle: Eigenbericht

- 14 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Die Lohnstruktur in der chemischen Industrie der USA
Die hoechsten Stundenloehne in der chemischen Industrie der Vereinigten Staaten werden in dem texanischen Golfgebiet und die niedrigsten in den Suedostgebieten der USA gezahlt. Die organisierten Arbeiter
dieses Industriezweiges verdienen dabei im Durchschnitt 17 Cent mehr
als die gewerkschaftlich nicht erfassten. Diese Angaben sind in der Juniausgabe von "Facts and Trends", einer Monatszeitschrift, enthalten, die
von der Gewerkschaft der Oel-, Chemie- und Atomarbeiter herausgegeben wird.
Die grossen Unterschiede in der Lohnstruktur werden in dem Bericht
auf verschiedene Faktoren zurueckgefuehrt. Die hoechsten Stundenloehne in
Hoehe von 2,36 Dollar, die im texanischen Golfgebiet gezahlt werden, resultieren zum Beispiel aus der Tatsache, dass hier die chemischen Werke
in sehr enger Beziehung zu der benachbarten Oelindustrie stehen, die allgemein ein sehr hohes Lohnniveau aufweist. In Charleston (West-Virginia),
wo die zweithoechsten Stundenloehne in der chemischen Industrie gezahlt
werden (2,34 Dollar), ist es die Konzentrierung vieler chemischer Unternehmen, die alle sehr hohe Loehne zahlen, die hier die hohen Lohnsaetze
bedingt. Da es sich dabei in der Regel um bluehende und sehr wohlhabende
Betriebe handelt, ist dieses Gebiet auch das einzige der gesamten Vereinigten Staaten, in dem die Loehne der nicht organisierten Arbeiter hoeher sind als die der gewerkschaftlich organisierten.
In den Suedostgebieten der USA, die das niedrigste Lohnniveau aufweisen, liegt der Durchschnittsstundenlohn bei 1,76 Dollar. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter erhalten dort im Durchschnitt 1,80
Dollar und die nicht organisierten 1,70 Dollar pro Stunde.
Auch die Groease der einzelnen chemischen Betriebe hat auf die Lohngestaltung einen Einfluss, wie aus der gleichen Uebersicht hervorgeht.
Die Werke an der Texas-Golfkueste, die eine durchschnittliche Beschaeftigtenzahl von 1016 Arbeitern aufweisen, zahlen im Durchschnitt Stundenloehne in Hoehe von 2,36 Dollar, waehrend im Charleston-Gebiet, wo die
durchschnittliche Beschaeftigtenzahl bei 1477 liegt, der Stundenlohn im
Durchschnitt 2,34 Dollar betraegt. In den Suedoststaaten jedoch, die mit
1,75 Dollar die niedrigsten Chemiearbeiterloehne der USA aufweisen,
betraegt die durchschnittliche Zahl der Betriebaangehoerigen 262.

"... erscheinen 13 Dollar so viel wie 1000"
Ein Name und ein Scheck ueber 13,93 Dollar werden zweifellos spaeter
noch haeufig als ein Markstein in der Geschichte der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung zitiert werden. Bei dem Namen handelt es sich um den
Autoarbeiter Anthony Mannino und bei dem Scheck um die erste Ueberweisung
der zusaetzlichen Arbeitslosenunterstuetzung ueberhaupt, die die arbeitslosen amerikanischen Automobilarbeiter jetzt auf Grund des im Vorjahr zwischen der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft (UAW) und den Unternehmen der Autoindustrie ausgehandelten sogenannten "revidierten garantierten Jahreslohnes" erhalten.
Mannino, der seit dem 4. Mai arbeitslos ist, bekommt also jetzt
neben der normalen staatlichen Arbeitslosenunterstuetzung in Hoehe von
33 Dollar pro Woche einen Zuschuss, der aus einem Fonds gezahlt wird, in
den die Unternehmer 5 Cent pro Arbeiter und geleisteter Arbeitsstunde
einzahlen. Damit belaeuft sich seine gesamte Unterstuetzung in der Woche
auf 46,93 Dollar, was 65 Prozent seines bisherigen Lohnes entspricht.
- 15 -

�Bis zu seiner Entlassung war Mannino, der jetzt 29 Jahre alt ist,
als Montagearbeiter am Fliessband des "Jefferson Kercheval"-Y&lt;erkes der
"Chrysler Corporation" in Detroit beschaeftigt. Sein Stundenlohn betrug
2,11 Dollar. Zu dem Scheck meinte er: "Diese Summe ist zwar nicht sehr
hoch und zweifellos werden spaeter einmal, wenn die Gewerkschaft den
Unterstuetzungsplan weiter ausgebaut hat, die Schecks groesser ausfallen,
aber wenn man ohne Arbeit ist, dann erscheinen einem diese 13 Dollar
wie 1000."

Durchschnittswochenlohn der Industriearbeiter leicht zurueckgegangen
Der durchschnittliche Wochenlohn des amerikanischen Industriearbeiters ging zwischen April und Mai infolge einer kuerzeren Arbeitswoche
um 46 Cent zurueck, berichtet das "US-Arbeitsministerium" in seinem
juengsten Lagebericht ueber die Entwicklung am amerikanischen Arbeitsmarkt.
Das Durchschnitts-Wochenlohneinkommen eines Arbeiters mit drei Familienangehoerigen belief sich im Mai auf 71»95 Dollar, waehrend ein
Arbeitnehmer ohne Pamilienangehoerige es auf 64,62 Dollar brachte. Trotz
dieses Rueckganges jedoch bedeuten beide Ziffern einen Hoechststand fuer
Mai, sie liegen gegenueber dem gleichen Monat des Vorjahres um rund 2,5
Prozent hoeher.

Mit Beginn dieser Ausgabe erscheinen
die "Internationalen Arbeitsmitteilungen"
jeweils am 1. eines Monats.
Die Hedaktion

- 16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werben.
Herausgeber:
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlcm, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
IX

' 1^

Mehlem, den 1. September 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Die Automatisierung und ihre Forderungen an das
Ausbildungswesen
Die Rolle der Gewerkschaften beim Aufbau einer
besseren Welt
Aussichten im Jahre 1956 für den Neuabschluß von
Tarifverträgen
"Revidierter garantierter Jahreslohn" auf
individueller Basis
Henry Ford II. ruft Mitarbeiter auf, sich aktiv an
der Wahl zu beteiligen
Wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen für
Studenten und Arbeiter
Ein interessantes "union shop"-Abkommen

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Dael Wolfe, Mitglied der Amerikanischen Gesellschaft
zur Förderung der Wissenschaften 1
Die Automatisierung und ihre Forderungen an das Ausbildungswesen
In den Diskussionen über die Automatisierung wird uns häufig
eine Zukunft ausgemalt, in der bei der Verarbeitung der Werkstoffe
nicht nur die physische Arbeit von Maschinen geleistet wird, sondern auch der Transport der teilweise fertiggestellten Erzeugnisse
maschinell erfolgt, die verschiedenen Arbeitsprozesse auf automatischem Wege kontrolliert sowie programmiert und Fehler korrigiert
werden, die im Verlauf des gesamten Produktionsprozesses vorkommen.
Diese Ausblicke haben sowohl Begeisterung hervorgerufen wie Befürchtungen erweckt - Begeisterung über die zu erwartende hohe Produktivität und Furcht vor den Folgen, die sich sowohl für die Arbeiter wie
für die Gesellschaft insgesamt ergeben können.
Trotz der Tatsache, daß die Wurzeln der Automatisierung auf
frühere technische Entwicklungen zurückgehen, wird sie doch auf
Grund der Anwendung im großen Maßstab den Charakter zahlreicher
Industrien stark verändern. Einzelne Arbeitsprozesse werden durch
automatische Kontrollsyateme miteinander verbunden werden, die die
Erzeugnisse überprüfen, Stücke minderer Qualität ausscheiden, fehlerfreie Stücke an die Maschine weiterleiten, die den nächsten
Arbeitsvorgang durchführt, das Endprodukt verpacken, die geleistete
- 1

�Arbeit registrieren, und Fehler, die aich in verschiedenen Teilen
des technischen Prozesses ereignen, durch eine Wiederholung des
Produktionsprozesses korrigieren. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß solche automatisch« Betriebe eine beträchtliche
Umschichtung im Bedarf an menschlichen Arbeitskräften bewirken
werden.
Doch ebenso sicher ist, daß sich diese Umschichtungen nur
graduell vollziehen werden. Eine gewisse Zeit wird notwendig
sein, um die entsprechenden automatischen Geräte zu entwickeln.
Selbst wenn die Umstellungen der Fabriken auf automatische Maschinen auf weite Sicht gesehen die Produktionskosten senken
werden, die für die Errichtung neuer oder den Umbau bereits vorhandener Produktionsstätten notwendig sind, werden es die hohen
Kapitalinvestitionen im allgemeinen verhindern, daß eine Umstellung der konventionellen Unternehmen auf automatischen Betrieb in großem Umfange erfolgt. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Arbeitsvorgänge, die sich für eine solche Umstellung
schlecht eignen; und selbst wenn wir mit einem starken Anwachsen der Automatisierung rechnen, so ist doch anzunehmen, daß
zahlreiche Tätigkeiten auch weiterhin in der herkömmlichen Art
bewältigt werden. Schließlich werden auch die von den begeisterten Propheten der Automatisierung vorausgesehenen Veränderungen
den Widerstand der Arbeiterschaft und der in unserer Gesellschaft
vorhandenen konservativen Kräfte zu überwinden haben. Aus diesen
verschiedenen Gründen müssen wir eher mit allmählichen als plötzlichen Veränderungen rechnen, und wir können uns daher überlegen
und uns in gewissem Grade ausrechnen, was für Folgen diese Veränderungen bezüglich des Bedarfs an Arbeitskräften haben werden
und welche Konsequenzen wir in erzieherischer Hinsicht daraus
ziehen müssen.
Die Automatisierung wird den Bedarf an Ingenieuren, technischem Personal und Facharbeitern, die imstande sind, die automatischen Kontrollvorrichtungen zu konstruieren, zu bauen und
zu bedienen, steigern. Dementsprechend wird durch die Automatisierung der Bedarf an Arbeitern reduziert werden, die heute
noch für den innerbetrieblichen Materialtransport, für einfache
Kontroll- und Überwachungsarbeiten und zur Bedienung einfacher
Maschinen benötigt werden. Die steigende Kachfrage nach gründlich
ausgebildeten Facharbeitern und der sinkende Bedarf an Personal,
das keine speziellen Fachkenntnisse besitzt, sind Teil einer
Entwicklung, die sich bereits seit Jahrzehnten vollzieht.
Offensichtlich wird die Automatisierung nicht den plötzlichen und unmittelbaren Verlust von Arbeitsplätzen größeren
Ausmaßes zur Folge haben. Vielmehr glaube ich, daß sich die
Umstellung der Fabriken auf automatischen Betrieb ohne erhebliche Erschütterungen auf dem Arbeitsmarkt durchführen läßt,
und in der Zeit des Übergangs kann die Anwerbung der Arbeitskräfte für die neuen Betriebe schrittweise erfolgen, je nach
dem Tempo, in dem alte durch neue Fabriken ersetzt werden.
Mit der Entwicklung der Automatisierung ist jedoch ein Rückgang in der Zahl der Arbeitskräfte zu erwarten, die eine bestimmte
Arbeit verrichten, während die Zahl derjenigen ansteigen wird,
die eine andere Tätigkeit ausüben; überraschende mit Entlassungen größeren Ausmaßes verbundene Veränderungen dürften jedoch

- 2 -

�nicht stattfinden. Daß die Entwicklung stetig verlaufen wird,
wird durch die Tatsache illustriert, daß noch im Jahre 1900 auf
250 Industriearbeiter ein Ingenieur entfiel, während heute auf
50 Arbeiter ein Ingenieur kommt. Die Automatisierung bietet die Aussicht, daß die weitere Entwicklung eine ähnliche Tendenz aufweisen
wird. Im Hinblick auf die in der Bevölkerungszahl erfolgenden
Veränderungen und bei der Aufstellung von Erziehungs- und Ausbildungsplänen kann man mit gutem Grund annehmen, daß dies der
Fall sein wird.
Das auffälligste Merkmal in der Bevölkerungsentwicklung der
Vereinigten Staaten ist die hohe Zahl der Geburten, die während
und unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg anzusteigen begann und
die unvermindert anhält. Die Bevölkerung vermehrt sich so schnell,
daß sich bei den Überprüfungen früherer Schätzungen stets höhere
Zahlen ergeben als ursprünglich angenommen wurde. Nach den vom
Statistischen Bundesamt (am 20.Oktober 1955) veröffentlichten
Schätzungen ist mit aller Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die
Vereinigten Staaten im Jahre 1960 eine Bevölkerungszahl von etwa
178 Millionen und 1970 von vielleicht 205 Millionen aufweisen
werden. Ohne Zweifel wird eine so starke Bevölkerung mehr Güter
als unsere heutige Bevölkerung konsumieren. Außerdem wird bei den
wachsenden Erkenntnissen der Medizin über die Möglichkeiten einer
Verlängerung der Lebensdauer ein beträchtlicher Prozentsatz der
Bevölkerung die normale Zeitspanne, die sie im Arbeitsprozeß steht,
überschritten haben. Man muß daher damit rechnen, daß sich sowohl
die Gesamtzahl der Bevölkerung erhöhen und auch die Zahl der aus
dem Arbeitsprozeß ausgeschiedenen Bevölkerungsteile anwachsen wird.
Wenn wir außerdem neben der Tatsache einer steigenden Bevölkerung
noch ferner berücksichtigen, daß auch der Verbrauch pro Kopf der
Bevölkerung ständig steigt, können wir mit gutem Grund annehmen,
daß im Vergleich zu heute der Bedarf an Gütern und Dienstleistungen in 10 oder 20 Jahren erheblich höher sein wird. Diese Entwicklungsmöglichkeiten bestärken uns in dem Glauben, daß der Bedarf an Arbeitskräften in Zukunft ständig beträchtlich größer sein
wird als heute.
Andererseits steigt die Produktivität nach wie vor um drei
Prozent jährlich an. Eine bestimmte Anzahl von Arbeitskräften ist
also imstande, wesentlich mehr Güter zu produzieren als noch vor
wehigen Jahren. Beim Anhslten dieser Entwicklung wird eine bestimmte Zahl von Arbeitern im Jahre 1970 50 Prozent mehr Güter
produzieren als im Jahre 1955«
Vorausgesetzt, daß alle übrigen Umstände die gleichen bleiben,
verringert die Steigerung der Produktivität den Bedarf an Arbeitern,
während die steigende Bevölkerungszahl und der steigende Konsum-den
Bedarf an Arbeitskräften,erhöhen. Die tatsächliche Auswirkung dieser
Entwicklung wird für die einzelnen Berufsgruppen verschieden sein.
So ist zum Beispiel die Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeiter so gestiegen, daß wir heute mit viel weniger Farmern auskommen können als zuvor. Um ein weiteres Beispiel anzuführen 1
Die steigende Kinderzahl und unsere erhöhten Erwartungen, die wir
heute in die Erziehung setzen, haben den Bedarf an Lehrern wesentlich erhöht, und dieser Bedarf wird noch weiter steigen, wenn es
uns nicht gelingt, bessere Methoden zu entwickeln, die es einem
Lehrer ermöglichen, eine größere Anzahl von Schülern zu betreuen
als es bisher allgemein für wünschenswert gehalten wurde.

- 3-

�Der Mangel an Arbeitskräften ist verschiedener Art und auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Es besteht ein ernster Mangel an
hochqualifizierten Kräften auf fast allen Arbeitsgebieten. Doch den
hat es immer gegeben. "An der Spitze ist immer Platz", ist eine alte
Weisheit. Ein Arbeitgeber weiß hochbefähigte Arbeitskräfte immer zu
schätzen und ist bereit, sie in Positionen zu berufen, die außerordentliches Können verlangen.
Ein zweiter Mangel besteht an Männern und Frauen, deren Hauptinteresse sich auf die theoretischen Wissenschaften richtet. Es wird
allgemein behauptet, daß die Vereinigten Staaten zwar zahlreiche hervorragende Ingenieure, doch nur wenige Pioniere auf dem Gebiet der
Grundlagenforschung hervorgebracht haben; daß sie zwar bei der praktischen Verwertung wissenschaftlicher Entdeckungen mit an erster
Stelle stehen, daß sie aber an den Entdeckungen selbst keinen direkten Anteil gehabt haben. Wahrscheinlich werden wir der Grundlagenforschung in Zukunft erhöhte Bedeutung beimessen müssen, denn die
europäischen Laboratorien haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten beträchtliche Verluste erlitten und aus Europa hört man, daß
sich auch dort, ebenso wie in Amerika, junge Wissenschaftler in
wachsender Zahl lieber der angewandten als der Grundlagenforschung
oder dem Lehrberuf zuwenden wollen.
Dritten? besteht ein Mangel an Arbeitskräften, die in neuentwickelten Arbeitsgebieten über Erfahrungen verfügen. In den letzten
Jahren fehlten uns Fachkräfte für Fremdsprachen und solche, die die
Gebräuche anderer Länder kennen; es bestand ein Mangel an Hochfrequenz ingenieuren und an Männern und Frauen, die sich auf dem weiten
Felde der Kernenergie auskennen. In Zukunft werden vermutlich auch
auf dem Gebiet der Automatisierung Arbeitskräfte fehlen. Doch dürften diese Löcher gestopft werden, wenn erst einige Erfahrungen gesammelt und entsprechende Ausbildungsprogramme erfolgreich besucht
worden sind; in den Anfangsstadien einer Entwicklung muß stets mit
einem Mangel an Arbeitskräften gerechnet werden.
Schließlich besteht ein Mangel an Arbeitskräften in solchen
Industriezweigen, die wegen der geringen Vorteile, die sie bieten,
nur eine geringe Anziehungskraft besitzen. Bei dem im allgemeinen
starken Bedarf an Arbeitskräften haben diejenigen Berufe am wenigsten Aussicht, Arbeiter zu bekommen, bei denen die Arbeitsbedingungen am ungünstigsten sind.
Die in der Industrie und in der Bevölkerung sich vollziehenden
Entwicklungen könnten theoretisch in einigen Industrien zu einem
Mangel an Arbeitskräften und in anderen zu einem Überschuß führen.
Tatsächlich gibt es aber keinen Überschuß von erheblicher Bedeutung.
Eine Arbeitslosigkeit geringen Ausmaßes ist vorhanden, und der Arbeitsmarkt ist in einigen Teilen des Landes nicht so stark angespannt
wie in anderen; im großen*und ganzen jedoch ist die Zahl der Arbeiter,
die infolge der in der Industrie oder der Bevölkerung erfolgten Veränderungen ihre Arbeitsplätze verloren haben, nur gering.
Dieser Umstand ist zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß
der amerikanische Arbeiter sich nicht scheut, in einen anderen Beruf
überzuwechseln. Die große Bereitwilligkeit, in einem anderen Beruf
zu arbeiten, ist eine der Ursachen, daß sich die amerikanischen Arbeiter in der Vergangenheit so leicht den durch die Technik bewirkten Veränderungen angepaßt haben. Sie ist vermutlich einer der wichtigsten Faktoren der schnellen Veränderungen unserer Technik und
unserer hohen Produktivität.

-4 -

�Diese Mobilität ist ein charakteristisches Merkmal sowohl der
Wissenschaftler, der Ingenieure und anderer gehobener technischer
Berufe, wie auch der niederen Berufsarten. Die dramatische Entwicklung
der Kerntechnik ist ein Beispiel aus jüngster Zeit. In den zehn Jahren,
seit in Alamogordo die erste Atombombe zur Explosion gebracht wurde,
haben die reichlich zur Verfügung stehenden Geldmittel zusammen mit
der Bereitwilligkeit zahlreicher Wissenschaftler und Ingenieure, auf
dieses interessante neue Gebiet überzuwechseln, zu den gewaltigen
und einzigartigen Fortschritten beigetragen - Fortschritten, die sich
nicht nur auf die Herstellung von Bomben beschränken, sondern die sich
auch auf das in schneller Entwicklung befindliche Gebiet der friedlichen
Verwendung der Atomenergie erstrecken.
Im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Automatisierung besteht
kein Grund zur Befürchtung, daß dieses leichte Überwechseln von einem
Beruf zum anderen aufhören wird, für die amerikanische Arbeiterschaft
charakteristisch zu sein. Zahlreiche neue Arbeitsplätze werden geschaffen und andere überflüssig werden, und mit der Besetzung dieser neuen
Arbeitsplätze brauchen wir nicht zu warten, bis von den Universitäten
geschulte Kräfte entlassen werden, die sich auf die Automatisierung
spezialisiert haben, noch ist es notwendig, sämtliche Arbeiter aus
Berufen, die überflüssig geworden sind, zu pensionieren. Die berufliche Mobilität der amerikanischen Arbeiterschaft bietet Gewähr dafür,
daß die Anpassungen reibungslos vonstatten gehen werden.
Als Grundlage für eine Diskussion werden nachstehend sieben
verschiedene Entwicklungstendenzen kurz aufgeführt, aus denen Folgerungen gezogen werden müssen:
1. Wie die Entwicklung gezeigt hat, ist der Prozentsatz derjenigen
Arbeitskräfte, die in solchen Berufen beschäftigt sind, die eine akademische, eine Fachschul- oder eine hochspezialisierte Ausbildung verlangen, in ständigem Anstieg begriffen. Die weitere Entwicklung der
Automatisierung dürfte diese Tendenz nur noch verstärken und jedenfalls nicht grundsätzlich verändern. Es muß daher damit gerechnet werden, daß künftig in jeder Generation sogar ein noch höherer Prozentsatz an Arbeitskräften für technische und wissenschaftliche Berufe
sowie für leitende Positionen in der Wirtschaft und vielleicht für
weitere hochspezialisierte Arbeitsgebiete ausgebildet werden muß.
2. Die Bevölkerungsentwicklung weist eindeutig darauf hin, daß
der Bedarf an Lehrpersonal steigen wird - ein Bedarf, der den heutigen weit übersteigen dürfte, wenn die Lehrmethoden nicht grundlegend geändert werden, um die Anzahl der für eine bestimmte Schülerzahl notwendigen Lehrkräfte zu verringern. Um das gegenwärtig bestehende zahlenmäßige Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern in
den Grundschulen und höheren Schulen aufrecht zu erhalten, wären
in den nächsten zehn Jahren über die Hälfte aller Absolventen sämtlicher amerikanischen Hochschulen und Universitäten erforderlich.
Um das gegenwärtige Verhältnis an den Hochschulen und Universitäten
aufrecht zu erhalten, müßte die Zahl der Fakultäten in den nächsten
fünfzehn Jahren verdoppelt werden.
3. Infolge der Verschiebungen in der Zahl der von den verschiedenen Industriezweigen benötigten Arbeitskräfte und des ständig
steigenden Bedarfs an hochspezialisierten Facharbeitern wächst
die Verantwortung der Schulen, ihren Schülern eine so gute Erziehung
und Fachausbildung zu geben, wie nur irgend möglich.

- 5-

�4. Das Tempo, in dem neue technische Gebiete erschlossen werden,
setzt die Fähigkeit voraus, neue Probleme zu erkennen und sich neuen
Bedingungen anzupassen. Die Universitäten und Fachschulen haben daher
die Pflicht, die geistige Beweglichkeit und berufliche Mobilität
ihrer Schüler im Unterricht zu berücksichtigen.
5. Die Entwicklung der Automatisierung, der steigende Bedarf an
Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern, und die Tatsache, daß
auch andere Gebiete - wie die Wirtschaft und die Psychologie - immer
mehr Verwendung für tüchtige Mathematiker und Statistiker haben, steigert ferner den Wunsch zahlreicher Arbeiter, sich gründliche Kenntnisse in der Mathematik anzueignen, die die Grundlage für Wissenschaft
und Technik bildet. Das Studium der Mathematik, das eine Vielfalt beruflicher Möglichkeiten erschließt, und die Schulung im mathematischen
Denken in früher Jugend bedeuten, daß sich alle Schulgattungen mit dem
Problem auseinandersetzen müssen, wie sie den Mathematikunterricht verbessern können.
6. Wegen der Wichtigkeit, die in sozialer und in technischer Hinsicht den Fortschritten sowohl in der Grundlagenforschung wie in der
theoretischen Wissenschaft zukommt, gewinnen diejenigen Arbeitskräfte
steigende Bedeutung, die für eine schöpferische Tätigkeit auf dem Gebiet der Forschung die nötigen Voraussetzungen mitbringen. Sowohl unsere Schulen selbst wie auch das geistige Klima, das in ihnen herrscht,
könnten mehr als zuvor für die Entwicklung dieser Voraussetzungen förderlich sein und diejenigen ermutigen, sich der Forschung oder der
Wissenschaft zu widmen, die dazu qualifiziert sind.
7. Der wirtschaftliche Wettbewerb wirft das soziale Problem auf,
wie dieee hochqualifizierten Kräfte auf die verschiedenen Arbeitsgebiete verteilt werden sollen. Die Lösung dieses Problems schließt
auch die Frage der Berufsberatung, der verschiedenen Möglichkeiten,
Stipendien zu erhalten, die Anstellungsmöglichkeiten, die Frage des
Gehalts und sämtliche Faktoren ein, die bei einer Berufswahl im allgemeinen berücksichtigt werden. Die Wahrung der persönlichen Freiheit
einerseits und der optimale Einsatz der Intelligenz andererseits
schaffen ein Problem, dessen Lösung sich die besten Pädagogen und
Soziologen angelegen lassen sein sollten.
Quelle: Eigenbericht
# # * »
Jacob S. Potofsky, 1. Vorsitzender der Vereinigten TextilarbeiterGewerkschaft:
Aus: "AFL-CIO Federationist "
- Quellenangabe erforderlich Die Rolle der Gewerkschaften beim Aufbau einer besseren Welt
Das Ziel der Gewerkschaftsbewegung ist die Schaffung friedlicher
und freiheitlicher Verhältnisse und die Steigerung des Lebensstandards
der arbeitenden Klassen in der ganzen Welt. Im Internationalen Bund
Freier Gewerkschaften haben wir uns brüderlich zusammengeschlossen,
um uns der Aufgabe zu widmen, die Menschheit bei der Erreichung der
Ziele zu unterstützen, die der Schaffung der Gewerkschaftsbewegungen
im 20. Jahrhundert zugrunde lagen. Als freie Menschen versuchen wir,

- 6-

�den Unterdrückten zu helfen. Wir, denen es gelungen ist, eine mächtige
Gewerkschaftsbewegung ins Leben zu rufen, ergreifen jede Gelegenheit,
um die Arbeiter in allen Teilen der Welt bei der Errichtung ähnlich
starker Gewerkschaften zu unterstützen.
Der Beitrag der freien Gewerkschaften zur Erreichung eines
höheren Lebensstandards für die Bevölkerung Nordamerikas ist bekannt.
Wir begrüßen jede Entwicklung, die zur Bildung starker freier Gewerkschaften in anderen Teilen der Welt führt, damit sich auch dort die
Arbeiter eines Friedens in Freiheit und Sicherheit erfreuen können.
Wir wissen nur zu gut, daß ohne Freiheit und Sicherheit jeder Friede
ohne Sinn ist.
Damit will ich keineswegs behaupten, daß wir in den USA das
goldene Zeitalter erreicht haben. Immer noch gehören Millionen von
Arbeitern keiner Gewerkschaft an, sie genießen die Vorteile nicht,
die ihnen die Gewerkschaft bietet, und die Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer eigenen materiellen und geistigen Lebensbedingungen
und der ihrer Kinder werden ihnen vorenthalten. Das ist einer der
Gründe, weshalb der Zusammenschluß zwischen den beiden großen amerikanischen Gewerkschaftsverbänden, der "American Federation of Labor"
und des "Congress of Industrial Organizations" von der amerikanischen
Arbeiterschaft begrüßt wurde.
Unser Ziel ist, die Gewerkschaften zusammenzuschließen, sie zu
festigen und ihre Arbeit wirksamer zu gestalten. Wir sehen darin eine
günstige Gelegenheit, die Gewerkschaftsbewegung auch auf Millionen
unorganisierter Arbeiter auszudehnen.
Der Zusammenschluß der beiden Gewerkschaftsverbände erfolgte
nicht nur im Interesse der Gewerkschaftsmitglieder, sondern auch im
Interesse der entsprechenden Organisationen, in denen wir tätig
sind. Die Gewerkschaften identifizieren sich mit den Interessen
der gesamten Arbeiterschaft und bemühen sich, die Interessen aller
Arbeiter nach besten Kräften zu vertreten. Die Arbeit der Gewerkschaften betrifft Fragen und Probleme nationaler und internationaler Natur, die uns alle angehen.
Als erstes Ergebnis des Zusammenschlusses soll eine gewaltige
Werbekampagne einsetzen, um denjenigen Arbeitern, die sich gegenüber mächtigen Industriegruppen in schwacher Position befinden,
Sprecher zur Verfügung zu stellen, die ihnen helfen werden* ihre
soziale Lage zu verbessern.
Auf diesem Gebiet haben wir noch große Aufgaben zu lösen.
Wenn wir um uns blicken, sehen wir betrübliche Dinge, wie Diktaturen, Hungersnöte, Analphabetentum und unbeschreibliche Armut,
In weiten Gebieten der Erde leben unzählige Millionen, deren tägliche Nahrung aus nur einer Handvoll Reis oder Korn besteht, die
ein elendes und menschenunwürdiges Dasein führen und die an der
Zukunft verzweifeln. Diese Menschen streben nach vielen Dingen,
die für uns eine Selbstverständlichkeit sind. Auch die Einführung
demokratischer Methoden in der Politik und ihre nationale Unabhängigkeit liegt ihnen sehr am Herzen.
Gerade die enttäuschten Hoffnungen dieser Millionen von
Männern, Frauen und- Kindern sind es gewesen, auf denen die totalitären Diktaturen ihre Herrschaft errichten konnten, die sie jetzt
auch auf die übrige freie .Veit auszudehnen versuchen.

- 7-

�Was ist nun unsere Haltung gegenüber diesen Fragen? Die freien
Gewerkschaften haben neben anderen eine Lösung für diese Probleme,
diese besteht in der Verwendung der Atomenergie zum Wohle der Menschheit - ihre Nutzbarmachung, nicht um menschliches Leben zu vernichten,
sondern zum Wohle der Menschen und des menschlichen Fortschritts.
Vor einigen Monaten hielt der Internationale Bund Freier Gewerkschaften eine Konferenz über die friedlichen Verwendungsmöglichkeiten
der Atomenergie ab. Die Konferenz forderte großzügige finanzielle
und technische Hilfe für die wirtschaftlich unterentwickelten Gebiete,
um dort Atomindustrien aufzubauen, die friedlichen Aufgaben und der
Hebung des Lebensstandards dieser Länder dienen sollten.
Wenn wir uns vorstellen, daß wir durch die Spaltung des Atoms
Wüsten in fruchtbares Ackerland, reißende Ströme in schiffbare Flüsse
verwandeln, daß wir unbegrenzten Wohlstand in Gebieten erzeugen können,
in denen heute unbeschreibliches Elend und Not herrschen - wie es vor
allem in den unterentwickelten Ländern der Fall ist -, dann rufen wir
die Welt auf, diese Aufgaben kühn, energisch und mit Phantasie in
Angriff zu nehmen und die Schatten zu vertreiben, die über uns schweben
und die uns bedrücken und die die echten Grundlagen unserer demskratischen Institutionen untergraben.
Ein bloßes Überleben der Menschheit betrachten die freien Gewerkschaften als ein unzureichendes Ziel. Wenn bloßes Überleben unser
Hauptziel wäre, gäbe es keine Gewerkschaftsbewegung. Es gibt sie, weil
wir uns ein besseres Leben vorstellten; weil wir ständig dem Volke
Ziele wiesen, die unerreichbar erschienen, haben wir Fortschritte
gemacht und unsere Ziele erreicht - den Achtstundentag, ein Sozialprogramm, das die Menschen gegen Krankheit und im Alter sichert,
den garantierten Jahreslohn und vor allem die Anerkennung des Prinzips
von der Würde des arbeitenden Menschen.
Auf dem eingeschlagenen Wege müssen wir fortschreiten. Wir
müssen die große Friedensorganisation der Vereinten Nationen und ihre
Sonderorganisationen stärken. Wir müssen nach wie vor stark in der
Verteidigung sein. Diese Stärke ist zur Erhaltung des Friedens notwendig.
Ebenso müssen wir auch die Stärke der freien Gewerkschaften
aufrecht erhalten. Freie Gewerkschaften bedeuten eine freie Welt.
Die freien Arbeiter der Welt sind die Verpflichtung eingegangen,
eine bessere und friedliche Welt aufzubauen. Die Verwüstungen des
Krieges und die Folgen der Wirtschaftsdepression haben wir überwunden und Neues geschaffen. Den Diktaturen haben wir Widerstand
geleistet und die Demokratien gestärkt. Der Menschheit haben wir
eine Freiheitscharta und Ideale geschenkt, nach denen sie ihr
Leben ausrichten kann und die wir überall in der Welt verbreiten
wollen. Wir Angehörige der amerikanischen Gewerkschaften haben uns
die Aufgabe gestellt, diese Ziele noch in unserer Zeit zu verwirklichen.
(Aus: "AFL-CIO Ameri can Federationist")
- Quellenangabe erforderlich -

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�Guy Farmer,
ehemaliger Vorsitzender der amerikanischen Bundesarbeitsaufsichtsbehörde:
Aussichten im Jahre 1956 für den Neuabschluß von Tarifverträgen
(Auszüge aus einer Rede, gehalten auf der Sonderkonferenz der Amerikanischen Gesellschaft für Betriebsführung- American Management Association - in Chicago;
Bei der Frage, welche Möglichkeiten sich in diesem Jahr für den
Neuabschluß von Tarifverträgen bieten, müssen wir zunächst einen Blick
in die Vergangenheit werfen. Dabei bilden eine Reihe im Jahre 1955
abgeschlossener Verträge, die eine Kündigung für die Dauer von zwei,
drei oder fünf Jahren ausschließen, einen wichtigen Faktor.
Sowohl in der Automobilindustrie und zahlreichen größeren Betrieben der Autozubehörindustrie, den großen Werken der Elektroindustrie, der Landwirtschaftsmaschinen- und der Tafelglasindustrie
als auch in wichtigen Zweigen der Bauindustrie und im Fernlastverkehr
sind daher keine neuen Tarifverhandlungen zu erwarten.
Alle diese Verträge sehen automatische Lohnerhöhungen im Laufe
des Jahres 1956 vor - ab Juni um 2,5 Prozent in der Automobilindustrie,
im Herbst um 3 Prozent bei General Electric und Westinghouse und so
weiter. Im Durchschnitt betragen diese Lohnerhöhungen 6 Cent pro Stunde.
In der Tafelglasindustrie beträgt die Lohnerhöhung 5 Cent, die nach
Vereinbarung der beiden Vertragspartner entweder zugunsten des Fonds
für die zusätzliche Arbeitslosenunterstützung, für sonstige Sozialleistungen oder aber für eine allgemeine Erhöhung der Löhne verwendet
werden sollen. Verschiedene im Fernlastverkehr und in der Bauindustrie
abgeschlossene Verträge sehen für das Jahr 1956 sogar die automatische
Erhöhung der Löhne um 10 Cent vor.
In gewöhnlichen Zeiten könnte man damit rechnen, daß Lohnerhöhungen in der Automobil-, der Landwirtschaftsmaschinen- und der Elektroindustrie um 6 Cent pro Stunde gleichzeitig die Grundlage und äußerste
Grenze für alle übrigen Lohnverhandlungen in diesem Jahr bilden würden anders gesagt, daß sie bei den Lohnverhandlungen im Jahre 1956 als
"Muster" dienen würden.
Ich brauche Ihnen aber nicht erst zu sagen, daß wir in keinen gewöhnlichen Zeiten leben. Die wichtigsten Lohnverhandlungen im Jahre 1956
fanden zuerst in der Ölindustrie statt, und die Gewerkschaften nahmen
den Vorschlag der Gesellschaften an, die Löhne um 6 Prozent, das heißt
um 15 Cent pro Stunde,zu erhöhen. Den Verhandlungen in der Ölindustrie
folgten solche mit verschiedenen Firmen der Flugzeugindustrie, deren
Ergebnis eine Steigerung der Löhne um 6 Cent pro Stunde war. An der
Westküste vereinbarten die North American Aviation Company mit der Automobilarbeitergewerkschaft und die Douglaswerke mit der Gewerkschaft der
Maschinisten Lohnerhöhungen, die sich zwischen 7 und 15 Cent pro Stunde
bewegen, durchschnittlich also 11 Cent betragen. Die Convairwerke einigten sich mit der Maschinistengewerkschaft auf Lohnsteigerungen von
4 bis 6 Prozent.
Nach amtlichen Schätzungen betrug die Steigerung sämtlicher auf
Grund neu abgeschlossener Tarifverträge vereinbarter Löhne im ersten
Quartal 1956 durchschnittlich 8,7 Cent pro Stunde; dies entspricht

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�genau der Steigerung im vierten Quartal des Jahres 1955 und liegt
höher als in jedem anderen Quartal des Jahres 1955« *m April war
die Steigerung im Durchschnitt sogar noch höher. Damit ist der
Beweis erbracht, daß sich die in der Automobilindustrie aufgeschobenen Lohnerhöhungen keineswegs auf die Erhöhung der Löhne in anderen Industriezweigen nachteilig auswirken.
Von ausschlaggebender Bedeutung für den Abschluß neuer Tarifverträge in der gesamten amerikanischen Industrie sind natürlich
die Lohnbewegungen in der Stahlindustrie. In den eisen- und stahlerzeugenden Industrien laufen die wichtigsten Tarifverträge Ende
Juni ab. Das gleiche ist der Fall mit den Verträgen, die zwischen
den großen Hüttenbetrieben für Nichteisenmetalle - zum Beispiel
zwischen Kennecott Copper und Anaconda und den Gewerkschaften der
Berg- und Hüttenarbeiter und der Bauarbeiter - abgeschlossen wurden.
Die Verträge mit den großen Aluminiumgesellschaften laufen im Juli
ab. Und für August sind Verhandlungen zwischen einigen der größten Stahl- und Aluminiumverwertungsgesellschaften wie Timken
Roller Bearing und der Gewerkschaft der Eisen- und Stahlarbeiter,
Tale and Towne, der California Metal Trades Association sowie zahlreichen weiteren Gesellschaften und der Gewerkschaft der Maschinisten vorgesehen.
Im September läuft der Tarifvertrag in der Braunkohlenindustrie
ab, und Ende September sollen zwischen der Konservenindustrie und
der Stahlarbeitergewerkschaft, die im vergangenen Jahr ein Abkommen
über zusätzliche Leistungen zur Arbeitslosenunterstützung abgeschlossen hatten, neue Lohnverhandlungen stattfinden.
Diese Verhandlungen werden sämtlich vom Ergebnis der kommenden
Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie stark beeinflußt werden.
Außerhalb der unmittelbaren Einflußsphäre der Stahlindustrie stehen
weitere wichtige Tarifverhandlungen im Sommer und Herbst bevor.
Im Juni sollen neue Lohnverhandlungen mit der Papierindustrie
der Westküste stattfinden. Die Tarifverträge mit der Konservenindustrie laufen im September ab,und Verhandlungen über einen neuen
Tarif sind jederzeit zu erwarten. Das gleiche gilt für die vier
großen Gummikonzerne. Und schließlich kann auch über die mit den
Eisenbahnergewerkschaften abgeschlossenen Tarifverträgen jederzeit
neu verhandelt werden.
Wenn man die statistischen Angaben nur unter allgemeinen Gesichtspunkten betrachtet, sieht es so aus, als ob die Verhandlungspartner von dem hohen Roß heruntersteigen müßten, auf dem sie in
den letzten
Monaten gesessen haben. Die Wirtschaftstätigkeit
ist nach ihrer stetigen Aufwärtsentwicklung im Jahre 1955 im allgemeinen etwas zurückgegangen. Es sind Arbeiter entlassen worden, und
die Rate der Neueinstellungen ist niedriger als im vergangenen Jahr.
Das Geld ist knapp, und fast alle Industriezweige haben Sorgen, weil
die hohen Selbstkosten die Verbraucherpreise unter .Umständen anheben
könnten.
Hinzu kommt, daß in diesem Jahr die Löhne in der Autonobilund der Elektroindustrie automatisch um 6 Cent steigen werden und
dabei ziemlich weit unter dem Stand der übrigen kürzlich ausgehandelten Lohnerhöhungen liegen werden, und es ist zu erwarten,
daß die Verhandlungen über einen angemessenen Lohnanteil im Jahre
1956 erheblich schwieriger sein werden als im Vorjahr.

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�Doch der Schein mag trügen. Es ist wohl richtig, daß die Wirtschaft in diesem Jahr nicht eine gleiche, alle Geschäftsbereiche
mit einbeziehende Hochkonjunktur erlebt wie 1955« Heute weht der
Wind aus einer anderen Richtung, würden die Männer der Wirtschaft
sagen. Doch es ergibt sich, daß gerade in denjenigen Industriezweigen, die am wenigsten an der Konjunktur teilhaben, wie die
Automobilindustrie und die Autozubehörindustrie, keine TarifVerhandlungen stattfinden werden. Dagegen werden zwei der von der
Konjunktur am meisten begünstigten Industriezweige, die Stahlund Papierindustrie - die in ihrer Kapazität voll ausgelastet
waren - mit der unverminderten Auslastung ihrer Kapazität rechnen
können. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die im Jahre 1956 für
die Wirtschaft entscheidenden Verhandlungen von Industrien geführt
werden dürften, die auf vollen Touren arbeiten.
Eines ist sowohl für Unternehmer als auch für Gewerkschaften
in diesem Wahljahr sicher. Vorausgesetzt, daß sich keine neue internationale Krise ernsteren Ausmaßes entwickelt, sind Eingriffe in die
Verhandlungen von außen nicht zu erwarten. Die Bundesregierung wird
sich lediglich darauf beschränken, unparteiisch zu vermitteln und
sich um einen echten Ausgleich der Interessen zu bemühen.
Diese Politik ist von der Regierung Eisenhower ständig verfolgt worden, und ich bin überzeugt, daß ihr Einfluß auf die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in den vergangenen drei Jahren sehr konstruktiv gewesen ist. Die Politik der
Nichteinmischung in Arbeitskonflikte ist verschiedentlich einer
harten Probe ausgesetzt gewesen. Die erste war der Streik im Düsenmotorenwerk Evendale der General Electric Company in Ohio im Jahre
1953« Die zweite war der sieben Wochen dauernde Streik in den NorthAmerican-Aviation-Werken im Jahre 1953» Die dritte war der Streik,
der vor kurzem bei Westinghouse stattfand.
In all diesen Fällen beschloß die Regierung, und meiner Ansicht
nach mit Recht, daß den nationalen Interessen am besten gedient sei,
wenn sie sich jedes Eingreifens enthalte t obwohl durch die Streiks
die Produktion von Rüstungsmaterial direkt beeinflußt war.
Vermutlich würde ein sich auf die gesamte amerikanische Stahlindustrie erstreckender Streik diese Politik auf eine noch härtere
Belastungsprobe stellen, da er sich schließlich auf das gesamte Verteidigungsprogramm auswirken würde. Doch gerade die Tatsache, daß
die Regierung bisher an ihrer Politik der Nichteinmischung festgehalten hat, bietet eine gewisse Gewähr dafür, daß mit einem Streik
der Stahlarbeiter von längerer Dauer nicht zu rechnen ist.
Im März hielt der Ausschuß für Lohnfragen der Stahlarbeitergewerkschaft in Chicago eine Sitzung ab, auf der das Programm für die
kommenden TarifVerhandlungen festgelegt wurde. Aus den Berichten
über die Sitzung ist zu ersehen, daß die Stahlarbeiter in den diesjährigen Verhandlungen vier Dinge erreichen wollen:
1. Die Gewährung zusätzlicher Arbeitslosenunterstützungen nach
dem Vorbild der zwischen den Stahlarbeitern und den American Can und
Continental Can im vorigen Jahr abgeschlossenen Abkommen.
2. Eine "substantielle" Erhöhung der Löhne, eine Forderung, die
periodisch jedes Jahr wiederkehrt. Nach alter Tradition legt sich
die Stahlarbeitergewerkschaft niemals auf bestimmte Zahlen fest,
wenn sie in den Verhandlungen i'nre Forderungen 'bekanntgibt. Die

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�Die TarifVerhandlungen in zahlreichen anderen Industriezweigen würden
reibungsloser vonstatten gehen, wenn auch dort die Gewerkschaften die
gleichen Methoden anwenden würden.
3. Fordert die Gewerkschaft eine Anzahl von Verbesserungen auf
dem Gebiet der Sozialversicherung, insbesondere eine Herabsetzung der
Arbeitnehmerbeiträge, die heute 4,5 Cent pro Stunde betragen sowie
eine Erhöhung der gegenwärtig 40 Dollar in der Woche betragenden Kranken- und Unfallversicherung.
4. Schließlich - und es ist interessant, daß diese Forderung bei
dem Ausschuß, der das Programm aufstellte, den stärksten Widerhall
fand - verlangt die Gewerkschaft, daß Arbeitnehmer für Sam3tagsarbeit
50 i» und für Sonntagsarbeit 100 f&gt; Lohnaufschlag erhalten.
Ich bilde mir nicht ein, die Einstellung der Stahlgesellschaften
zu diesen Fragen zu kennen. Man kann sich aber schwer einen Kompromiß
vorstellen, der für beide Seiten befriedigend ist, zumal in einer Zeit,
in der die Stahlindustrie hundertprozentig ausgelastet ist. Vorstellbar
wäre eine Lösung, bei der sich beide Parteien darauf beschränken würden,
das Problem erst einmal während der Laufzeit des nächsten Tarifvertrages eingehend zu studieren. Erwähnen möchte ich hierbei, daß bestimmte
Überlegungen darüber angestellt wurden, ob die Stahlfirmen sich nicht
bereit erklären könnten, über ihr erst 1957 ablaufendes Abkommen über
die Altersversorgung bereits früher neu zu verhandeln, und, statt höhere
Prämien für Wochenendarbeit zu zahlen, ihre Sozialleistungen den im
letzten Jahr in der Automobilindustrie abgeschlossenen Verträgen anzugleichen.
Jedenfalls wird die Frage der privaten Altersversorgung auch bei
den in diesem Sommer und Herbst in anderen Industriezweigen stattfindenden Tarifverhandlungen eine große Rolle spielen. Im vergangenen Jahr
errangen die Automobilarbeiter einen großen Erfolg, als sie in den Plänen zur Altersversorgung, bei denen die Arbeitnehmer nicht beitragspflichtig sind, den Gedanken eines anerkannten Rechts (Erwerb eines
dauernden Rechtsanspruchs) durchsetzten. In den Tarifverträgen mit
Ford und General Motors besitzen die Arbeitnehmer einen anerkannten
Rechtsanspruch auf Altersversorgung, wenn sie 40 Jahre alt und 10 Jahre
im gleichen Betrieb beschäftigt sind. In den Verträgen mit American
Motors sind solche Altersgrenzen nicht enthalten.
Ferner ist zu erwarten, daß die Gewerkschaften sehr stark darauf
drängen werden, daß die private Altersversorgung von der staatlichen
Sozialversicherung getrennt wird; daß die zum Bezug der Altersversorgung erforderlichen Berufsjahre wegfallen; daß die Arbeitnehmerbeiträge
zur Altersversorgung, wo diese noch geleistet werden müssen, nicht mehr
länger zu zahlen sind und jede Altersgrenze beim Ausscheiden aus dem
Berufsleben infolge voller Arbeitsunfähigkeit beseitigt wird. Es ist
interessant festzustellen, daß ein Aufgeben der Altersgrenze beim Ausscheiden aus dem Berufsleben infolge voller Arbeitsunfähigkeit voraussichtlich nur geringe Kosten verursachen wird. Eine vor kurzem von der
Universität Princeton veröffentlichte Studie zeigt, daß nur eine Person
von 10 000 Beschäftigten unter 50 Jahren dauernd und voll arbeitsunfähig
ist. Andererseits kann sich die Beseitigung der Höchstgrenze der Berufsjahre für die Altersversorgung auch als sehr kostspielig auswirken.
In dem Tarifabkommen mit Ford vom Jahre 1955, in dem die Grenze der
Berufsjahre aufgegeben wurde, wurden im Januar 248 Anträge auf Altersversorgung genehmigt. Unter diesen konnten 136 Antragsteller auf eine

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�Berufstätigkeit von über 30 Jahren zurückblicken. Der älteste hatte
49 Jahre im Beruf gestanden, und er wird im Rahmen der Altersversorgung der Firma Ford monatlich 110,25 Dollar erhalten; dazu kommt die staatliche Sozialversicherung.
Ich bin gefragt worden, in welchem Maße das zustandekommende
Tarifabkommen in der Stahlindustrie den im Jahre 1956 stattfindenden
TarifVerhandlungen anderer Industriezweige als Muster dienen könnte.
Zweifellos wird sein Einfluß groß sein. Doch den Unternehmern in ihrer Gesamtheit, die sich auf die in diesem Sommer und Herbst stattfindenden Tarifverhandlungen vorbereiten, dürfte sich vermutlich
gerade in diesem Jahr, wenn überhaupt jemals, die Gelegenheit bieten,
sich bei den Verhandlungen nicht nach einem Vorbild richten zu müssen,
allein schon wegen der unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse, von
denen ich bereits gesprochen habe und die jedes starre Festhalten
an dem von den führenden Industrien gegebenen Muster besonders riskant
machen.
Dann aber sind die Verhandlungsziele der verschiedenen Gewerkschaften untereinander verschieden - sie lassen sich in kein einheitliches Schema pressen, wie es sonst der Fall war. Die Gewährung von
zusätzlichen privaten Arbeitslosenunterstützungen wird auch weiter ein
ernsthaftes Verhandlungsprojekt der Automobil- und der Stahlarbeiter
sein. Für andere Gewerkschaften ist sie unwichtig oder wird von ihnen
lediglich als Druckmittel benutzt, um von den Unternehmern andere
Konzessionen zu erzwingen. Die Gewerkschaft der Konservenarbeiter
und der entsprechenden Zulieferindustrien sowie verschiedene andere
Gewerkschaften drängen energisch auf eine Verkürzung der Arbeitszeit.
Andererseits sprechen die Gummiarbeiter in Akron bereits wieder davon,
daß die Arbeitswoche wieder von 36 auf 40 Stunden heraufgesetzt werden
müßte.
Der einsichtige und praktisch denkende Unternehmer hat zuletzt
doch begriffen, daß es für das Wohl und das ständige Waahstum seines
Betriebes wesentlich ist, einen Modus vivendi zu finden, der es ihm
gestattet, mit der Gewerkschaft und seiner Belegschaft offen und ehrlich zu verhandeln, während er gleichzeitig selbst nach freiem Gutdünken seine Entscheidungen im Betrieb trifft, sein Unternehmen leistungsfähig erhält und einwandfrei leitet. Diese Einsicht brachte ihn
dazu, sich mehr um diejenigen Bestimmungen seines Tarifabkommens zu
kümmern, die nicht ausgesprochen wirtschaftlicher Natur sind und die
die Beziehungen zwischen der Gewerkschaft und der Betriebsführung
betreffen - Bestimmungen über das Beschwerdeverfahren im Betrieb, die
Verantwortungsbefugnisse der Betriebsführung, über die Anschaffung
neuer Maschinen und über neue Produktionsmethoden.
Eine stärkere Konzentrierung auf die Bestimmungen nichtwirtschaftlicher Natur, deren Ziel es ist, eine vernünftige Basis für das Zusammenleben von Unternehmer und Gewerkschaft abzugeben, ein Modus vivendi,
bei dem die Rechte und Zuständigkeiten der Betriebsführung und der Gewerkschaft in einem richtigen Verhältnis zueinander stehen, wird auf
lange Sicht gesehen sowohl den Interessen des Unternehmers wie der
Gewerkschaften am besten dienen und sicherstellen, daß das Wirtschaftsleben der USA gesund bleibt.

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�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
"Revidierter garantierter Jahreslohn" auf individueller Basis
Ein neuartiger Typ eines zusätzlichen Arbeitslosenunterstützungsplanes wurde jetzt vom Amt für Arbeitslosenunterstützung des Staates
Ohio gebilligt. Der von der "Eaton llanufacturing Company" in Cleveland
aufgestellte Plan, der in seinen Grundzügen den im vergangenen Jahr
zwischen der Automobilarbeitergewerkschaft und den Großunternehmen
der Autoindustrie ausgehandelten Abkommen über zusätzliche Unterstützungsleistungen bei Entlassung ähnelt, sieht die Errichtung
eines aus Unternehmerbeiträgen finanzierten Trustfonds vor, in
dessen Rahmen jeder Angestellte über ein eigenes Gutschriftkonto
verfügt. Für jede von ihm geleistete Arbeitsstunde werden ihm dabei
3 1/2 Cent auf sein Konto überwiesen. Der anlaufende Gesamtbetrag
des Kontos verbleibt in der Verfügungsgewalt des Inhabers.
Im Falle von Entlassung oder bei vorübergehender Arbeitslosigkeit kann der Arbeitnehmer dann Geld von seinem Konto abziehen. Bei
Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses kann er den Gesamtbetrag seines Kontos abheben, und bei Todesfall geht das angesammelte Vermögen
auf seine Angehörigen über.
Der am 1. Juli 1955 unterzeichnete Kontrakt sieht die Aufnahme
der Zahlungen durch den Unternehmer vom 1. Juli dieses Jahres an vor.
Jeder Mitarbeiter des Unternehmens, der am 1. Juli 1955 eine Seniorität von über einem Jahr besaß, ist teilnahmeberechtigt.
Der Vorteil dieses Einkommenssicherungsplanes ist gegenüber den
viel diskutierten sogenannten "garantierten Jahreslohnplänen" im
Staate Ohio der, daß die Leistungen aus dem Fonds nicht von der staatlichen Arbeitslosenunterstützung abgezogen werden.
Da der Unternehmer hier, weil es sich um Individualzuschüsse
handelt, auch für die in den Fonds eingezahlten Beträge - genauso,
wie für die gezahlten Löhne - Arbeitslosenversicherungsabgaben entrichten muß, kommen die Leistungen dem Begünstigten in voller Höhe
zugute, ganz im Gegensatz zu den "garantierten Jahreslohnplänen",
bei denen die Beträge in einen Zentralfonds abgeführt werden, ohne
daß der Unternehmer dafür Arbeitslosenversicherungsbeiträge zu leisten hat. Aus diesem Grunde hat der Staat Ohio entschieden, daß die
aus diesen Fonds gezahlten Beträge von der staatlichen Arbeitslosenunterstützung abzusetzen sind. Dadurch sind die sogenannten "garantierten Jahreslohnpläne" in Ohio nicht durchführbar, obgleich sie
von anderen Bundesstaaten anerkannt werden.
Nach Ansicht offizieller Vertreter des Staates Ohio dürfte dieser neue Plan weitreichende Auswirkungen auf dem Labor-ManagementSektor haben und auch in anderen Bundesstaaten zur Bildung ähnlicher
Pläne führen.
* # »
Henry Ford II. ruft Mitarbeiter auf, sich aktiv an der Wahl zu beteiligen
In einem Brief an sämtliche Mitarbeiter des Unternehmens fordert
der Präsident der "Ford Motor Company", Henry Ford II., die Belegschaft
auf, sich an den kommenden Präsidentschaftswahlen aktiv zu beteiligen
und die "Partei ihrer Wahl" finanziell zu unterstützen.
Henry Ford begründet seine Aufforderung und seinen ungewöhnlichen
Appell mit folgenden Argumenten: "Das Recht, einen Präsidenten zu wählen und in einem der kritischen Zeitpunkte der Weltgeschichte zu ent-

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�entscheiden, welche Partei mit der Regierungsverantwortung betraut
werden soll, legt allen Mitbürgern eine ernste Verantwortung auf.
Jeder muß hierbei wissen, um was es geht. Es ist unsere Pflicht,
uns aktiv und bewußt mit den einzelnen Kandidaten zu beschäftigen
und die von ihnen vertretene politische Auffassung kritisch zu würdigen. Aber die bloße Informierung, damit wir unsere Stimme bewußt
abgeben können, sollte nicht die einzige Aufgabe als Staatsbürger
sein. Der Einsatz, um den es geht, ist zu groß, als daß wir abseits
stehen könnten. Wenn wir einer Partei und ihrem Kandidaten vertrauen,
dann sollten wir auch die Partei und den Mann mit all unseren Kräften
unterstützen.
Sowohl die Republikanische als auch die Demokratische Partei brauchen Unterstützung, damit sie ihre Ansichten der breiten Öffentlichkeit
darlegen können. Sie benötigen willige und interessierte Mitarbeiter,
die-Kraft und Zeit dafür einsetzen können, Millionen Amerikaner zur
Ausübung ihres Wahlrechts zu ermutigen. Beide Parteien müssen Gelder
aufbringen, um die Kosten für die Wahlkampagne im Radio, Fernsehen
und in anderen Formen der Propaganda bestreiten zu können.
Ich fordere hiermit alle Mitarbeiter der 'Ford Motor Company'
auf, sich selbst und der gesamten Nation während der nächsten Wochen
zu dienen, indem sie zumindest einen Teil ihrer verfügbaren Zeit der
Partei ihrer Wahl zur Verfügung stellen. Desgleichen fordere ich Sie
auf, Ihre Partei mit Geldmitteln jeder Höhe und in dem Ihnen möglichen
Rahmen zu unterstützen. Der eigentliche Betrag Ihrer Wahlspende ist
dabei weniger bedeutend als Ihre Bereitschaft, zu dokumentieren, wo
Ihr Standort zu den wichtigsten politischen Gegenwartsfragen ist.
Die beiden großen Parteien in unserem politischen System sind
das Bollwerk 'einer Nation, der Unteilbarkeit und der Freiheit und
Gerechtigkeit für alle'. Sie verdienen die Unterstützung von allen
von uns - jeder nach seinen Möglichkeiten und seiner politischen
Überzeugung."
* * *
Wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen für Studenten und Arbeiter
Der Yeshiva-Universität von New York ist von der Sidney-Hillman-Stiftung ein besonderer Zuschuß gewährt worden, um einen Lehrauftrag für Wirtschaftswissenschaften erteilen zu können, wie in
einer gemeinsamen Erklärung der Universität, der Stiftung und der
Gewerkschaft der Vereinigten Bekleidungsarbeiter Amerikas bekanntgegeben wurde.
Die von der Sidney-Hillman-Stiftung 1955 ins Leben gerufene
öffentliche Vorlesungsreihe sollte es den führenden Universitäten
der Vereinigten Staaten ermöglichen, bedeutende Persönlichkeiten
und Universitätslehrer für Vorlesungen vor Studenten und der breiteren Öffentlichkeit zu gewinnen. Die Tätigkeit der Lehrkräfte im
Rahmen der Stipendien der Hillman-Stiftung schließt auch das Abhalten von Seminaren sowie das Beraten von einzelnen Studenten ein.
Die in Form von zwei Kursen stattfindenden Vorlesungen an der
Yeshiva-Universität werden von Dr. Robert Lekachman, außerordentlicher Professor für Wirtschaftswissenschaften am Barnard-College,
abgehalten werden. Der erste Kurs, der im September beginnt, befaßt
sich mit einem "Vergleich der Wirtschaftssysteme", während der Frühjahrskurs "Die Wirtschaftsgeschichte Amerikas" behandelt.

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�Die Yeshiva-Universität in New York wurde 1886 gegründet, zählt
rund 2000 eingeschriebene Studenten und verfügt über ungefähr 150
Lehrkräfte. Der Direktor der Universität ist Samuel Belkin, der die
gemeinsame Erklärung mit unterzeichnete.
* * •

Ein interessantes "union shop"-Abkommen
Einen besonderen organisatorischen Erfolg konnte die "Vereinigte
Automobilarbeitergewerkschaft"(UAW) auf Grund eines Abkommens mit der
"Waterbury Companies Ine," verzeichnen, durch den das Unternehmen der
Einführung eines vollständigen "union shop" unter der Vorbedingung
zustimmte, daß ein Teil der gewerkschaftlichen Aufnahmegebühren und
Mitgliederbeiträge für Wohlfahrtseinrichtungen zur Verfügung gestellt
wird.
Vorgesehen ist in diesem Abkommen, wie das Gewerkschaftsblatt
"Labors Daily" berichtet, daß ein Teil der einkommenden Aufnahme- und
Mitgliederbeiträge in den nächsten zwei Jahren einem Krankenhaus für
körperlich behinderte Kinder zugeführt wird, während gleichzeitig in
diesem Zeitraum der Gewerkschaft der "union shop" erhalten bleibt.
Zum Abschluß dieses außergewöhnlichen Vertrages kam es so: die
UAW-Gewerkschaft verhandelte mit dem Unternehmen über die Einführung
des vollständigen "union shop". Die "Waterbury Companies" lehnten
den "union shop" in'der von der Gewerkschaft vorgeschlagenen Form
ab und legten ihrerseits einen Kompromißvorschlag vor. Dieser sah
unter anderem vor, daß diejenigen Beschäftigten des Unternehmens,
die bei Abschluß des Vertrages nicht der Gewerkschaft angehören,
der Gewerkschaft nicht beizutreten brauchen. Das Unternehmen begründete diesen Vorschlag mit dem Hinweis, daß einige seiner Mitarbeiter aus prinzipiellen Erwägungen nicht bereit seien, Beiträge
an eine Gewerkschaft zu zahlen.
Daraufhin brachte die Gewerkschaft einen Gegenvorschlag ein,
der vorsah, daß solche Mitarbeiter des Betriebes, die keine Gewerkschaftsbeiträge zu zahlen wünschen, aber ihre Zustimmung zum
regelmäßigen Abzug eines Betrages in Höhe des Gewerkschaftsbeitrages geben, Gewerkschaftsmitglieder werden und die von ihnen geleisteten Beträge dem Kinderkrankenhaus zugeführt werden.
Von diesem Abkommen werden rund 350 Arbeitnehmer erfaßt. Die
monatliche Höhe der Beiträge beläuft sich auf 2,50 Dollar.

* * •

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�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeltsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
A | n t f ü r Arbeltsinformationen
USIS Press Division
Meblem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.
IX

"

Mehlem.den 1. Oktober 1956
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Steigendes Lohnniveau in den USA

Seite

1

Die amerikanische Streikstatistik im Jahre 1955

Seite

4

Facharbeiter für ein neues Industriezeitalter

Seite

11

Gewerkschaftliche Kurznachrichten!
Pensionserhöhungen für US-Eisenbahner

Seite

14

für vier Jahre sichergestellt

Seite

15

Trend zu langfristigen Kollektivverträgen

Seite

15

Gewerkschaftsverband AFL-CIO kein Monopol

Seite

16

Hohe Streikziffern im Juli

Seite

16

Arbeitsfriede im New Yorker Transportgewerbe

Steigendes Lohnniveau in den USA
Das Lohnniveau in den Vereinigten Staaten ist bereits in diesem
Jahr erheblich angestiegen und wird auch noch weiter ansteigen. Es
besteht somit keine Gefahr, daß die Aufwärtsentwicklung, die seit
1954 anhält, eine Unterbrechung erfährt. Das Ausmaß der Steigerung
läßt sich bereits heute aus der Tatsache ersehen, daß eine Reihe von
großen Firmen mit rund 2,7 Millionen Betriebsangehörigen Tarifverträge
mit den Gewerkschaften abgeschlossen haben, in denen stufenweise Lohnerhöhungen noch im Verlaufe dieses Jahres vorgesehen sind. Diese Abmachungen betreffen vor allem die Automobil- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie, den Elektroapparatebau, die Flachglasindustrie,
den Bitumenkohlenbergbau, das Straßentransportgewerbe, die Atomindustrie und das Baugewerbe.
Abgesehen vom Kohlenbergbau haben diese Verträge eine Laufzeit
von 3 bis 5 Jahren mit festgelegten jährlichen Lohnerhöhungen und
in vielen Fällen vierteljährlicher Angleichung an die Lebenshaltungskosten. Die für 1956 vertraglich vorgesehenen Lohnerhöhungen belaufen
sich im Bitumenkohlenbergbau auf durchschnittlich 10 Cent pro Stunde,
im Straßentransportgewerbe auf 8 Cent, in der Atomenergieindustrie
auf 7 Cent, in der Automobil- und Landwirtschaftsmaschinenindustrie
sowie im Elektroapparatebau auf 6 Cent und in der Flachglasindustrie
schließlich auf 5 Cent.
1 -

�Im Laufe von 22 Jahren hat sich der Stundenlohn für Fabrikarbeiter im Durchschnitt um 32Cy£ auf 1,85 Dollar erhöht (einschließlich Nachtzuschläge, aber ohne bberstundenzuschläge). Ein Ende dieser Aufwärtsentwicklung ist vorläufig noch nicht abzusehen.
Der Abschluß langfristiger Tarifverträge, die jährliche Lohnerhöhungen in vorher festgesetzter Höhe vorsehen, ist ein verhältnismäßig neues Moment bei den Kollektivverhandlungen.
Der Stundenlohn in den Fertigungsindustrien ist seit 1948
durchschnittlich um 39 Cent angestiegen. Im gleichen Zeitraum haben
sich die Stundenlöhne in der Automobilindustrie allein auf Grund der
in den Tarifverträgen vorgesehenen jährlichen Erhöhungen und der Angleichung an die steigenden Lebenshaltungskosten um insgesamt 63 Cent,
in der stahlerzeugenden Industrie um 60 Cent, im Elektroapparatebau
um 59,5 Cent erhöht.
Die Gesamtzunahme der durchschnittlichen Stundenlöhne betrug
jedoch im gleichen Zeitraum in der Automobilindustrie nahezu 73 Cent
und in der Stahlindustrie 88,5 Cent, das heißt sie sind über die ausgehandelten Erhöhungen hinaus angestiegen. Die Erhöhung des Stundenlohns im Elektroapparatebau ist andererseits aber um 5415 Cent hinter
der vertraglich vorgesehenen jährlichen Steigerung zurückgeblieben.
Diese. Differenz zwischen den bezahlten Stundenlöhnen in den
genannten Industrien und der vertraglich vorgesehenen jährlichen
Erhöhung ist, zumindest zu einem Teil, auf eine Zunahme der Zahl
der hochqualifizierten und daher besser bezahlten Positionen, die
größere Häufigkeit von Nachtschichten und die Erhöhung der Zuschläge
für Nachtarbeit, die Versetzung von Arbeitern auf besser bezahlte
Arbeitsplätze im Zuge der Produktionssteigerungen in der Autoindustrie und in anderen Wirtschaftszweigen und die Gewährung von Arbeitsanreizen und Prämien - vor allem in der Stahlindustrie - zurückzuführen.
In denjenigen Industrien, in denen die Löhne von Jahr zu Jahr
ausgehandelt werden, spiegeln Lohnerhöhungen meist eine Zunahme der
Geschäftstätigkeit wider. In Zeiten der Hochkonjunktur, so 1955» ist
es durchaus möglich, daß die ausgehandelten Löhne die eingebauten
alljährlichen Erhöhungen übersteigen; umgekehrt kann ein Rückgang des
Geschäfts dahin führen, daß die Löhne hinter den erwarteten Erhöhungen zurückbleiben.
Theoretisch sollen die eingebauten jährlichen Erhöhungen der
Entwicklung der Produktivität entsprechen, wobei die erhöhte Produktivität die höheren Lohnkosten aufwiegen muß. Die Arbeitsproduktivität stieg in den Jahren von 1947 bis 1953 im Durchschnitt um
3 bis 5,6/j, und in den Jahren 1954 und 1955 um schätzungsweise 5/^
jährlich an.
Nach Ansicht des "Bundesamtes für Arbeitsstatistik" ist allerdings ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Löhnen und Produktivität nur schwer festzustellen. Das auslösende Moment bei Lohnerhöhungen ist vielmehr wirtschaftliche Prosperität bei hohem Beschäftigungsstand. In Zeiten einer Flaute oder aber in Industrien, die einen
Rückgang der Geschäftstätigkeit zu verzeichnen haben, dürfte es für
die Arbeiter sehr schwer sein, Lohnerhöhungen durchzusetzen, selbst
wenn die Löhne in anderen Industriezweigen ansteigen sollten.

- 2 -

�Der Lebenshaltungskostenindex ist in den vergangenen drei Jahren
bei einer maximalen Schwankung von knapp 2)o stabil geblieben. Die Löhne
dagegen, zum Beispiel in der verarbeitenden Industrie, sind im gleichen
Zeitraum um über IC70 angestiegen. Das heißt, jede Erhöhung der Löhne
brachte eine echte Erhöhung der Kaufkraft der Arbeiter.
Die Stabilität der Einzelhandelspreise während der letzten drei
Jahre ist weitgehend auf den ständigen Rückgang der Preise für Lebensmittel und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse seit 1950 zurückzuführen. Durch diese Preissenkungen wurden die anziehenden Kosten für
Mieten und Dienstleistungen fast völlig ausgeglichen.
Es gibt aber auch Stimmen, die ausdrücklich vor einer Kopplung
von Produktivität und Löhnen warnen. So gibt Dr. Jules Backmann, Professor der Wirtschaftswissenschaften an der New Yorker Universität,
zu bedenken, daß man bei den eingebauten vorher festgesetzten jährlichen Lohnerhöhungen von der durchaus nicht in jedem Falle, zutreffenden Annahme ausgehe, die Produktivität steige konstant weiter.
Es ist ein fragwürdiges Unternehmen, so folgert Professor Backmann, einheitliche jährliche Lohnsteigerungen vornehmen zu wollen,
bei denen man sich auf die einheitliche Steigerung der Produktivität
stützt, die in Wirklichkeit aber gar nicht gegeben ist, sondern lediglich dadurch vorgetäuscht wird, daß beide Trends oftmals über eine
Reihe von Jahren hinweg in dieselbe Richtung verlaufen und etwa dieselbe Größenordnung aufweisen. Eine wirklich enge Relation zwischen
Löhnen und Produktivität über kürzere Zeiträume hinweg ist aber zu
leugnen.
Dies läßt sich an einigen Abweichungen in der Lohn-ProduktivitätsRelation, wie sie in einer freien //irtschaft häufig vorkommen, leicht
beweisen.
Im Jahre 1949 blieb eine allgemeine Lohnerhöhung in den Hauptindustriezweigen aus, während andererseits im vergangenen Jahr Lohnerhöhungen ausgehandelt wurden, die im allgemeinen über die Produktivitätszuwachsrate hinausgingen.
Die Verfechter langfristiger Lohnabkommen weisen darauf hin, daß
sie eine ungehinderte Produktion und Planung auf lange Sicht ermöglichen und damit zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Stabilität
beitragen. Nach Ansicht des Präsidenten der "Southern Coal Producers'
Association" sind langfristige Tarifverträge Ausdruck eines ausgewogenen Verhältnisses zwischen den Sozialpartnern und werden mit zunehmendem
Verständnis für die Lohnpolitik und dem immer stärkeren Übergang von
Privatbesitz zur Verwaltung des Betriebes durch Fachleute in wachsendem Umfange in der Industrie Anwendung finden.
Die ersten langfristigen Lohnabkommen in der Automobilindustrie
wurden 1948 bei "General Motors" als "stabilisierender Faktor nicht
nur für den eigenen Betrieb, sondern für die Gesamtwirtschaft der
Vereinigten Staaten" eingeführt. Dieses Abkommen erstreckte sich auf
zwei Jahre und sah eine jährliche Lohnerhöhung um 3 Cent pro Stunde
"zur Hebung des Lebensstandards der Arbeiter" sowie eine - zu jener
Zeit ganz neuartige - Angleichung an die Lebenshaltungskosten "zum
Schutze der Arbeiter vor den ansteigenden Verbraucherpreisen" vor.
Diese jährliche Lohnerhöhung bei "General Motors" soll die steigende Produktivität widerspiegeln und ist von 3 Cent pro Stunde auf

- 3-

�4,5 und zur Zeit 6 Cent pro Stunde angestiegen. Sie entspricht in etwa
dem durchschnittlichen Anstieg der Produktivität von 2 bis 3$ im Laufe
der letzten 40 Jahre. Die Gewerkschaften erklärten sich als Gegenleistung für die Lohnerhöhungen bereit, die durch diese entstehenden
höheren Lohnkosten durch entsprechende erhöhte Arbeitsproduktivität
auszugleichen - ein Punkt, dem manche andere Betriebe, die ähnliche
Kontrakte abschlössen, übersehen haben.
"General Electric" unterzeichneten den ersten langfristigen Tarifvertrag mit stufenweisen Lohnerhöhungen und regelmäßigen Angleichungen
an die Lebenshaltungskosten in der zweiten Hälfte des Jahres 1955«
Der Vertrag hat eine Laufzeit von 5 Jahren, bis i960 also, und sieht
eine Lohnerhöhung von 3$, mindestens aber um 4,5 Cent je Stunde, in
den Jahren 1955, 1956 und 1957 vor.
Langfristige Lohnabkommen ermöglichen Arbeitgebern wie Arbeitnehmern eine Planung auf lange Sicht. Dem Unternehmer geben sie die
Gewißheit, daß er während der Laufzeit des Vertrages vor etwaigen
Arbeitseinstellungen wegen erneuter Lohnforderung sicher sein kann.
Dem Verbraucher garantieren sie eine reibungslose und regelmäßige
Versorgung mit den Waren und Dienstleistungen, die er von der Wirtschaft erwartet.
(Aus "Nations Business")
Copyright - 1 956

N. J. Herlihy und Herbert T. Moede, Amerikanisches Bundesamt für
Arbeitsstatistik:
Die amerikanische Streikstatistik im Jahre 1955
Die günstige Wirtschaftslage im Verein mit einer wesentlich verstärkten Gewerkschaftsaktivität in TarifVerhandlungen bildeten die
Ursache für die Zunahme der Streiks im Jahr 1955« Die Zahl der Arbeitsniederlegungen lag um 25$ über der des Jahres 1954, war aber
dennoch erheblich niedriger als in anderen Jahren starker Streiktätigkeit. Desgleichen lag auch die Zahl der in diese Streiks verwickelten Arbeiter und Angestellten sowie der durch Streiks verlorengegangenen Arbeitsstunden höher als im Jahr 1954, wobei der Arbeitszeitausfall größer war als 1951 und 1954, im übrigen aber geringer
als in den Nachkriegsjähren.
Im Verlauf des Berichtsjahres brachen 4320 Streiks aus, an denen
sich insgesamt 2,6 Millionen Arbeiter und Angestellte beteiligten.
Diese Streiks hatten zusammen mit den Arbeitsniederlegungen, die sich
aus dem Jahre 1954 bis in das Jahr 1955 hinein fortsetzten, den Verlust von insgesamt 28,2 Millionen Arbeitstagen zur Folge, das sind
0,25 i&lt;&gt; der gesamten im Verlauf des Jahres geleisteten Arbeitstage.
Die Streiks, die im Jahr 1955 beigelegt wurden, dauerten im Durchschnitt 18,5 Tage, das heißt, sie waren, abgesehen von 1951, kürzer
als in den sonstigen Nachkriegsjähren.
Die größere Zahl von Kollektivverhandlungen ist nicht nur auf
den erhöhten Beschäftigungsstand und die steigende Produktion zurückzuführen (wobei die Beschäftigung in nicht-landwirtschaftlichen Betrieben

-4 -

�gegenüber 1954 um 2,3^ und das Bruttosozialprodukt um 6,2$ stiegen),
sondern auch auf die Tatsache, daß eine Reihe langfristiger Tarifverträge ausliefen. Die wichtigeren Tarifverträge aus dem Jahr 1955
brachten - und dies ist geradezu typisch für sie - Löhne und Sozialleistungen, die über dem im Jahr 1954 ausgehandelten Niveau liegen.
In zahlreichen Industriezweigen wurden die neuen Tarifverträge
ohne Streiks oder mit nur ganz kurzfristigen Unterbrechungen der
Arbeit ausgehandelt. So kam es bei den Auseinandersetzungen in der
Stahl- und Automobilindustrie oftmals zu einer Regelung strittiger
Fragen noch ehe ein Tag über den durch solche Meinungsverschiedenheiten ausgelösten Streik vergangen war. Auch die Streiks, die sich
auf ganze Industriezweige erstreckten, dauerten nicht länger als
1 bis 2 Tage. Die Notstandsbestimmungen des Taft-Hartley-Gesetzes
wurden in keinem Fall angewandt. Allerdings wurden gemäß den Bestimmungen des Eisenbahnarbeitergesetzes fünf Dringlichkeitsausschüsse eingerichtet.
Wenn auch die TarifVerhandlungen im allgemeinen einen ruhigen
und ungestörten Verlauf nahmen, so kam es doch in einigen Fällen
zu bemerksnwert heftigen Auseinandersetzungen. Der 47tägige Streik,
zu dem es im Zusammenhang mit Lohnverhandlungen der Gewerkschaften
mit Unternehmen aus der NE-Metallbranche kam, führte zur Schließung von 3 der 4 größten Betriebe und hatte damit schon fast den
Charakter eines allgemeinen Streiks der Arbeiter in dieser Sparte.
Im Verlauf des Sommers waren ferner 3 große Firmen in der Landwirtschaf tsmaschinenindustri« durch getrennte Streiks ihrer Belegschaften
zu einer zeitweiligen Schließung ihrer Betriebe gezwungen.
Die Großstreiks
Einige wenige Streiks hatten die Schließung beziehungsweise
teilweise Schließung von Großbetrieben über einen größeren Zeitraum
hinweg zur Folge. Von den Großstreiks (das heißt Arbeitsniederlegungen durch 10 000 oder mehr Arbeiter), die im Jahr 1955 beendet
werden konnten, dauerten 3 länger als 50 Tage: Die Auseinandersetzungen zwischen der "Amerikanischen Gewerkschaft für das Fernmeldewesen" und der"Southern Bell Telephone und Telegraph Co." (72 Tage);
der Streik von 10 AFL-Gewerkschaften, die als Interessenvertreter der
Eisenbahnbediensteten mit Ausnahme des Zug- und Betriebspersonals
handelten, bei der "Louisville and Nashville Railroad" (58 Tage);
und der Streik von Mitgliedern der Gewerkschaft der Amerikanischen
Textilarbeiter (CIO) in der Textilindustrie in den Neuenglandstaaten, der der längste größere Streik im Jahr 1955 überhaupt war (in
einigen Fabriken 90 Tage). Bei letzterem konnte allerdings eine Reihe
von Meinungsverschiedenheiten bereits in den ersten Tagen des Streiks
beigelegt werden. Bei der "Westinghouse Electric Corporation" traten
54 000 Mitglieder der "Internationalen Gewerkschaft der Elektro-,
Radio- und Maschinenmechaniker" und der unabhängigen Gewerkschaft
der Elektroarbeiter in den Ausstand. Dieser Streik, der am 17. Oktober 1955 begann und bis Jahresschluß noch nicht beendet war, erfaßte
insgesamt 70 000 Arbeitskräfte. Die Durchschnittsdauer der Großstreiks,
die im Verlauf des Jahres 1955 beigelegt werden konnten, betrug 23,2
Kalendertage. An diesen Streiks, die den Verlust von 12,3 Millionen
Arbeitstagen verursachten, beteiligten sich 1,2 Millionen Lohn- und
Gehaltsempfänger; damit entfallen auf sie zwei Fünftel der Gesamtzahl der Streikenden und der verlorenen Arbeitstage des Jahres 1955.

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�Die wichtigsten Streitfragen
Auseinandersetzungen um Löhne und Sozialleistungen waren 1955
wie in allen bisherigen Nachkriegsjähren die Ursache für den größten Teil der Arbeitsniederlegungen; auf sie entfallen rund die Hälfte
aller Arbeitseinstellungen, mehr als zwei Drittel aller Streikenden
und zwei Drittel der Arbeitszeiteinbußen. Zusammen mit Streitigkeiten
um die Vertretungsbefugnisse der Gewerkschaften waren sie die Ursache
von weiteren 16$ des Arbeitszeitverlustes, während auf Streitfragen
um das Vertretungsrecht allein 10$ des Arbeitszeitverlustes entfallen.
Bei 18 von insgesamt 26 Großstreiks ging es ausschließlich um Löhne,
Arbeitszeit und Sozialleistungen. In zwei weiteren Fällen waren diese
Streitfragen noch mit Auseinandersetzungen um das Vertretungsrecht
gekoppelt, während das Vertretungsrecht allein (insbesondere die Stärkung der Position der Gewerkschaften bei Kollektivverhandlungen) das
auslösende Moment zweier solcher Streiks bildete.
Die meisten Streiks, die aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus
geführt wurden, drehten sich um Lohnfragen. Zusätzliche Sozialleistungen standen oft gleichfalls im Mittelpunkt und waren in einigen Fällen
sogar die Hauptursache für die Auseinandersetzungen. So wurde beispielsweise der 58 Tage lange Streik bei der "Louisville and Nashville Railroad" durch Meinungsverschiedenheiten ausgelöst, die sich
im Zusammenhang mit der betrieblichen Krankenversicherung und anderen Sozialleistungen ergeben hatten. Sechs Tarifverträge, die im
Anschluß an Großstreiks abgeschlossen worden sind, brachten die
Einrichtung einer zusätzlichen, betrieblichen Arbeitslosenhilfe,
ohne daß es über diese Frage zu ernsthaften Auseinandersetzungen gekommen wäre. Die meisten sogenannten wirtschaftlichen Streiks wurden
um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen geführt; nur bei einer kleinen Anzahl von Streiks, so beim Ausstand der Textilarbeiter in Neuengland, waren beabsichtigte Kürzungen der Löhne und Sozialleistungen
das auslösende Moment.
Um das Vertretungsrecht der Gewerkschaften
Das Vertretungsrecht beziehungsweise die Position der Gewerkschaften in Tarifverhandlungen (und umgekehrt die Rechte der Betriebsführung) stand bei zwei der Großstreiks dieses Jahres im Mittelpunkt, nämlich in dem Streik bei der "Bell Telephone and Telegraph Co." und der "Westinghouse Electric Corporation". Auf sie entfallen rund 18$ des gesamten Arbeitszeitverlustes durch Streiks in
diesem Jahr. Der langwierige und schwer überschaubare Streik bei
Westinghouse entwickelte sich aus den Meinungsverschiedenheiten über
die Wiederaufnahme der Kollektiv-Verhandlungen nach Beginn der zweiten
Hälfte der Laufzeit des Vertrages, der bis Oktober 1956 gelten sollte.
Gegenstand der Auseinandersetzungen waren die Laufzeit des Vertrages,
der Umfang der Lohnsteigerungen, die von der Gesellschaft geplanten
Zeitstudien (einschließlich der Methoden, die bei der Milderung von
Härten anzuwenden seien, die sich aus den Folgen der genannten Untersuchungen ergeben könnten) und eine Änderung im Verfahren der Lohnauszahlung. Bereits im August und September war es über der Frage
der Zeitstudien zu einem Streik gekommen. Er wurde durch eine Vereinbarung zwischen der Betriebsleitung und der Gewerkschaft beigelegt,
derzufolge die Frage der Zeitstudien im Rahmen späterer Verhandlungen
auf Landesebene behandelt werden sollte. Je länger sich die Arbeitsniederlegung in den Westinghouse-Betrieben im ganzen Land hinzog, und

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�sie zog sich bis ins Jahr 1956, umso schwieriger wurde es, diese
Meinungsverschiedenheiten beizulegen und die Frage nach der Behandlung jener Streikenden zu lösen, die unter der Beschuldigung gewaltsamer Handlungen entlassen worden waren.
Die viertägige Arbeitsniederlegung bei der "Caterpillar Tractor
Co." im August 1955 wurde durch Lohnstreitigkeiten und Fragen des
Union Shop ausgelöst - jene Form der Bindung eines Betriebs an die
Gewerkschaft, die nur die Beschäftigung organisierter Arbeiter zuläßt. In einer Reihe kleinerer, dafür aber relativ länger und gelegentlich mit besonderer Erbitterung geführter Streiks kam nur
unter großen Anstrengungen eine Einigung über die Anerkennung der
Gewerkschaft oder über die Frage des Union Shop zustande; auch hier
spielten in einigen Fällen Lohnforderungen mit eine Rolle. Die Anerkennung der Vertretungsbefugnis der Gewerkschaft war der wichtigste
strittige Punkt in dem ein Jahr währenden Streik bei der "Buffalo
Arms Corporation" in Akron (N.Y.), der im Juni 1955 zu Ende ging,
und im 32tägigen Streik im Werk St. Joseph (Michigan) der "Whirlpool Corporation". Um die gleiche Frage ging es auch in dem Hotelstreik in Miami, der im April begann und sich bis ins Jahr 1956
hinzog, desgleichen bei dem 76 Tage dauernden Streik der "Berne
Hat Co.", einer Hutfabrik in Baltimore (Maryland), der mit dem
Konkurs der Firma endete.
Der Streit um den Union Shop bildete im Falle des 129 Tage
langen erbitterten Streiks der Vereinigten Automobilarbeitergewerkschaft in den Werken der "Perfect Circle Corporation" in
Indiana das größte Hindernis für eine Einigung; auch hier standen
Lohnfragen mit zur Debatte. Auch der 127 Tage dauernde Streik bei
der "W. T. Smith Lumber Co." in Alabama und die 22tägige Arbeitsniederlegung bei der "New York Air Brake Co." in Watertown (N.Y.)
hatten ihre Ursache in Auseinandersetzungen um die Frage des
Union Shop.
Fragen der Sicherheit am Arbeitsplatz, Arbeitsbedingungen,
Personalpolitik und Überforderung der Arbeiter sowie Proteste gegen
richterliche Verfügungen oder Verwaltungsmaßnahmen staatlicher Stellen
haben im Verlauf des Jahres 1955 in etwas geringerem Maße als in vorausgegangenen Jahren Anlaß zu Streiks gegeben. Auf sie entfallen etwa ein
Fünftel aller Streiks und Streikenden, dagegen nur ein Zehntel aller
durch Streiks verlorenen Arbeitsstunden. Sie lösten vier Großstreiks
mit über 10 000 beteiligten Arbeitern aus, von denen aber nur 2 einen
ganzen Tag dauerten; bei dem einen, bei der "Chrysler Corporation"
in Detroit im April 1955 ging es um die Entlassung eines Mitarbeiters,
und im Falle des Streiks der Schauerleute an der Westküste war der
Prozeß gegen"Harry Bridges" der Anlaß. Die beiden anderen Großstreiks
dauerten je 8 Tage; der eine Streik erfolgte als Protest gegen Maßnahmen der Hafenkommission der Staaten New York und New Jersey und
der andere betraf das Werk der "Westinghouse Electric Corporation"
in East Pittsburgh.
Inner- und zwischengewerkschaftliche Streitigkeiten (die sich
auf Rivalitäten der Gewerkschaften untereinander, Auseinandersetzungen
über Fragen der Zuständigkeit und Sympathie-Streiks erstreckten) entsprachen der üblichen Praxis und machten nur einen relativ geringen
Prozentsatz aller Streiks im Berichtszeitraum aus. Auf sie entfallen
I/o der Gesamtzahl der Streiks und "\/ö des Arbeitszeitverlustes. Diese
Zahlen decken sich im wesentlichen mit denen des Jahres 1954.

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�Wo wurde gestreikt?
Die Streikentwicklung im Jahre 1955 war insofern etwas ungewöhnlich,
als zwei der längsten und größten Streiks im Süden des Landes
zu verzeichnen waren. Die langwierigen Arbeitsniederlegungen bei der
"Louisville and Nashville Railroad" und der "Southern Bell Telephone"
zu Beginn des Jahres ließen die Zahl verlorener Arbeitsstunden in den
meisten Südost-Staaten relativ hoch ansteigen, wobei Georgia und
Tennessee die größten Arbeitszeitverluste seit 1946 meldeten.
Die Arbeitszeitverluste in Florida erreichten auf Grund des
Telephon-Streiks und de langwährenden Arbeitsniederlegungen im
Hotelgewerbe in Miami und in den Phosphatgruben einen absoluten
Höchststand. Auf diese 3 Streiks entfallen vier Fünftel des gesamten
Arbeitszeitverlustes von 885 000 Arbeitstagen im Staat Florida.
Auch im Staat Maine erreichten die Arbeitszeitverluste infolge
des Textilarbeiterstreiks eine Rekordhöhe. Desgleichen hat der Streik
in der NE-Metallindustrie ein Ansteigen der Zahl der verlorenen Arbeitstage im Staat Nevada auf einen bisherigen Höchststand bewirkt und auch
in Arizona dazu geführt, daß diese Zahl im Berichtszeitraum höher lag
als in den vorausgegangenen Jahren.
Auch in diesem Jahr entfällt der größte Anteil an den Arbeitszeitverlusten auf die hochindustrialisierten Staaten. Pennsylvanien stand
1955 ebenso wie schon 1954 in dieser Hinsicht an der Spitze, entfielen
doch 11,9$ sämtlicher durch Streiks verlorenen Arbeitsstunden auf diesen Staat. Bemerkenswert dabei ist, daß über die Hälfte des in diesem
Staat eingetretenen Arbeitszeitverlustes dem eintägigen Streik in der
Rohstahlindustrie und den 3 Streiks in den Werken der "Westinghouse
Electric Corporation" zuzuschreiben sind. In Ohio entfällt mehr als
die Hälfte der Arbeitszeiteinbuße auf 10 Streiks, in denen jeweils
mehr als 50 000 Arbeitstage verlorengingen. Ohio rangierte mit einem
Anteil von S,1c/&gt; am Gesamtarbeitszeitverlust unmittelbar hinter Pennsylvanien.
In welchen Industrien wurde gestreikt?
Die allgemeine Zunahme der Streiktätigkeit erstreckte sich auf
fast sämtliche Industriezweige. Das Baugewerbe stellte hinsichtlich
des allgemeinen Trends die bemerkenswerteste Ausnahme dar. Aber auch
in der Holz- und Gummiindustrie sowie im Handel gingen 1955 weniger
Arbeitsstunden durch Streiks verloren als 1954. Die Zahl der Streiks
und der verlorenen Arbeitsstunden stieg in den Fertigungsindustrien
um etwa 4O/0; in den übrigen Industrien lag die Zahl der Streiks
um &amp;fo und die der Arbeitszeitverluste um b^&gt; höher als im vorausgegangenen Jahr.
Im Baugewerbe sind der Rückgang der Zahl der streikenden Arbeiter
und die niedrigeren Arbeitszeitverluste darauf zurückzuführen, daß es
gegenüber den Vorjahren zu weniger Großstreiks kam. Im Jahr 1955 waren
nur 2 größere Streiks mit insgesamt 28 000 beteiligten Arbeitern zu
verzeichnen gegenüber 7 Streiks mit 141 000 Streikenden im Vorjahr.
Der Arbeitszeitverlust in den Sägemühlen und holzverarbeitenden
Betrieben wies im Jahr 1955 den geringsten Stand in der Nachkriegszeit auf. Auch im Handel waren die Arbeitszeitverluste durch Streiks

- 8 -

�wesentlich niedriger als 1954, zur Zeit der Streiks der Warenhausangestellten in Pittsburgh. Trotz der Zunahme der Streiks in der
gummiverarheitenden Industrie war hier ein Rückgang der Zahl der
verlorenen Arbeitstage zu verzeichnen. Lediglich in einem einzigen
Fall hatten mehr als 10 000 Lohn- und Gehaltsempfänger die Arbeit
niedergelegt, und zwar im Streik bei den "US Rubber Co:'. Diese Tatsache erklärt ein Absinken der Arbeitszeitverluste auf weniger als
ein Drittel des Standes von 1954, als zwei relativ lange Großstreika
die Zahl der verlorenen Arbeitsstunden auf den höchsten Stand in den
letzten Jahren hatten ansteigen lassen.
In zwei Zweigen der Fertigungsindustrien kurzlebiger Verbrauchsgüter, in der Textilindustrie sowie in der Leder- und Lederverarbeitungsindustrie, nahm der Arbeitsausfall gegenüber 1954 insbesondere
auf Grund des Textilstreiks in den Heuenglandstaaten und des 26tägigen
Streiks von 23 000 Arbeitern und Angestellten der "International Shoe
Co." und der "Brown Shoe Co." erheblich zu. Auf den letztgenannten
Streik, der mit einer Vereinbarung über die erste allgemeine Lohnerhöhung bei diesen Firmen seit 1952 endete, entfällt etwa die Hälfte
des Arbeitszeitverlustes, der in der Leder- und lederverarbeitenden
Industrie im Jahr 1955 zu verzeichnen war.
Eine unverhältnismäßig starke Zunahme der Streiktätigkeit in
der chemischen Industrie ließ den Arbeitszeitverlust in dieser Branche
auf nahezu das Vierfache der Höhe des Jahres 1954 steigen, ohne daß
Jedoch der bisherige Höchststand der Nachkriegs jähre erreicht wurde.
Etwa 60$ der Arbeitsausfälle sind dabei auf acht Lohnstreiks zurückzuführen .
Auf die drei Streiks bei der "Westinghouse Electric Corporation"
entfällt der größte Anteil an der Zunahme der Streikenden und des
Arbeitsverlustes im elektrischen Apparatebau, der im Berichtszeitraum den höchsten Stand seit 1946 erreichte. Die Auseinandersetzungen bei Westinghouse sind im Verein mit den drei Großstreiks in
der Landwirtschaftsmaschinenindustrie auch für das Ansteigen der
Streiktätigkeit in der Maschinenindustrie verantwortlich. In den
Gesamtzahlen für die letztgenannte Industrie sind auch die Streiks
in den Werken der "Ex-Cell-o Corporation" in Ohio und Michigan,
bei der "Maytag Co." in Iowa und der "Avco Manufacturing Co." in
Indiana enthalten, an denen relativ wenig Arbeiter teilnahmen, die
sich dafür aber ziemlich lange hinzogen. Einige Großstreiks, zu denen
es im Verlauf von TarifVerhandlungen gekommen war, führten dazu, daß
die Zahl der Streikenden in der Transportausrüstungsindustrie auf
rund das Vierfache der Vergleichszahl vom Jahre 1954 stieg. In ähnlicher Weise brachte die kurze Arbeitseinstellung im Zusammenhang
mit den auf Landesebene geführten Tarifverhandlungen in der Rohstahlindustrie sowie ein Streik bei der "Tennessee Coal und Iron Co.",
der durch Forderungen der Eisenbahnangestellten dieser Firma aus
dem Tarifvertrag ausgelöst wurde, die Gesamtzahl der Streikteilnehmer in der Rohmetallindustrie auf einen höheren Stand als 1954,
ohne daß jedoch der Höchststand vom Jahr 1952 erreicht wurde.
Im Apparate- und Instrumentenbau entfällt mehr als die Hälfte
der Gesamtzahl der Streikenden und des Verlustes an Arbeitsstunden
auf zwei Streiks: den fünf Wochen langen Streik bei "Sperry Gyroscope
Co." und den 92 Tage währenden Streik von 3000 Mitarbeitern der

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�Arma Division der "American Bosch Corporation". Der Verlust an
Arbeitsstunden war in diesem Industriezweig höher als in den übrigen
der Nachkriegszeit.
Im Transportgewerbe, im Fernmeldewesen und in den öffentlichen
Versorgungsbetrieben hat sich gegenüber dem Jahr 1954 kaum etwas
verändert. Allerdings entfallen sieben der Großstreiks des Jahres 1955
auf diesen Wirtschaftssektor,wobei der Arbeitszeitverlust mit 0,47$
der Gesamtzahl der in diesen Betrieben geleisteten Arbeitsstunden
den höchsten Stand seit 1947 erreichte. Die zwei längsten und in
der Öffentlichkeit meist beachteten Streiks in diesem Sektor waren
der bei der "Southern Bell Telephone and Telegraph Co." und bei der
"Loui3ville and Nashville Railroad Co.". Im Straßentransportgewerbe
kam es zu zwei großen Streiks; der eine erstreckte sich über Neuengland und andere östliche Staaten und dauerte 44 Tage, der andere
betraf 12 Staaten des Westens und dauerte 24 Tage. Beide führten zum
Abschluß langfristiger Tarifverträge, mit denen Lohnunterschiede
innerhalb der betreffenden Gebiete ausgeglichen, die Arbeitszeit
herabgesetzt und die Löhne und Sozialleistungen erhöht wurden. Mitglieder dreier Telephonarbeitergewerkschaften bestreikten die "Pacific
Telephone and Telegraph Corporation" etwa zwei Wochen lang. Bei zwei
weiteren Streiks an der Ost- beziehungsweise Westküste legten über
10 000 Hafenarbeiter die Arbeit nieder.
Im Bergbau nahm die Zahl der Streiks, der davon betroffenen
Arbeiter und der verlorenen Arbeitsstunden gegenüber 1954 ebenfalls
zu, wobei die Zahl der Streikenden die relativ geringste Zunahme
aufwies. Im Vergleich zu den meisten Nachkriegsjähren war die
Streiktätigkeit im Kohlenbergbau gering, wobei allerdings die Zahl
der Arbeitsniederlegungen im Bitumenbergbau etwas höher lag als 1954«
Im Erzbergbau kam es 1955 zu einer größeren Zahl von Auseinandersetzungen und, bedingt durch drei Großstreiks im NE-Erzbergbau sowie
weitere drei kleinere langwierige Streiks, zu erhöhten Arbeitszeiteinbußen. Ein Streik von 1700 Arbeitern und Angestellten der Kupferminen in Michigan dauerte 112 Tage und zog sich von Mai bis in den
August hinein. Sechzehn Gesellschaften im Coeur d1Alene-Gebiet in
Idaho wurden 161 Tage lang bestreikt. Einige hundert Bergleute einer
Zinkgesellschaft in New Jersey stellten am 22. August 1955 die Arbeit
ein und setzten ihren Streik bis in das Jahr 1956 hinein fort. Ein
122 Tage währender Streik in den Phosphatgruben in Florida bewirkte
einen Anstieg der Zahl der verlorenen Arbeitsstunden im NE-Bergbau
über das Maß von 1954 hinaus.
Im Dienstleistungsgewerbe verfünffachte sich die Zahl der verlorenen Arbeitsstunden in erster Linie in Auswirkung des Hotelstreiks
in Miami.
Welche Gewerkschaften streikten?
Etwas mehr als die Hälfte aller Streiks wurde von Mitgliedgewerkschaften der "American Federation of Labor" (AFL) geführt;
der Anteil der AFL-Mitglieder an den Streikenden lag bei 23$ und
am Arbeitsausfall bei rund 34$. Etwa ein Viertel dieser Streiks
entfallen auf das Baugewerbe. Mitgliedgewerkschaften des "Congress
of Industrial Organization" (CIO) bestritten fast ein Drittel sämtlicher Streiks im Berichtsjahr, wobei drei Fünftel der Streikenden
und zwei Fünftel des Arbeitszeitverlustes auf ihre Mitglieder entfallen.
Der Schwerpunkt der Streiktätigkeit der unabhängigen Gewerkschaften lag wie in früheren Jahren im Bitumenkohlenbergbau, wo
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�ea zu kurzen und örtlich begrenzten Arbeitsniederlegungen durch ihre
Mitglieder kam. Zusammengerechnet entfiel auf die unabhängigen Gewerkschaften ein geringer Anteil an der Gesamtzahl der streikenden Arbeiter und verlorengegangenen Arbeitsstunden als in den meisten Nachkriegsjahren.
Bei den Großstreiks beläuft sich der Anteil der Mitgliedgewerkschaften der AFL und CIO auf $Ofi aller streikenden und der
verlorengegangenen Arbeitszeit. Unabhängige Gewerkschaften beteiligten sich oftmals an Streiks von Mitgliedgewerkschaften der
AFL oder CIO, während die beiden Hafenarbeiterstreiks von einer unabhängigen Gewerkschaft allein geführt wurden. In dem langwierigen
Streik bei Westinghouse wurden etwa 15/° der Streikenden von der
unabhängigen Elektroarbeitergewerkschaft vertreten.

Quelle: "Monthley Labor Review"
Vol. 79 Nr. 5

Rocco C. Siciliano, Unterstaatssekretär im US-Arbeitsministerium:
Facharbeiter für ein neues Industriezeitalter
Ein neues Industriezeitalter steht vor der Tür. Wissenschaftler
und Techniker entwickeln neue und aufsehenerregende Geräte und Maschinen und die Industrie entfaltet sich nach allen Richtungen hin.
Im Zuge dieser Entwicklung tauchen große neue Probleme für die Menschheit auf. Eines unter ihnen, die Ausbildung und Schulung von Fachkräften für diese neue industrielle Welt, möchte ich hier im folgenden erörtern.
In den Vereinigten Staaten, deren Geschichte so viele umwälzende
Veränderungen des wirtschaftlichen und technischen Lebens aufweist,
ist man bemüht, sich rechtzeitig auf die neue Entwicklung einzustelllen.
Den Erziehern, die den Nachwuchs an Fachkräften heranbilden sollen,
erwachsen hieraus besondere Aufgaben. Denn wir müssen uns darüber
klar sein, daß Forschung, Technik und fachliches Können nicht nur
für den weiteren Fortschritt, sondern für den Forthestand unserer
Kultur und Gesellschaft überhaupt von größter Bedeutung sind.
Die rasche technische Entwicklung dürfte aller Voraussicht nach
die Entstehung neuer Industrien begünstigen. Heute bereits befassen
sich über 1000 Firmen in den USA mit der Fabrikation automatischer
Kontrollgeräte. Noch größere Erwartungen darf man aber vielleicht
hinsichtlich des Entstehend zahlreicher bisher unbekannter Sparten
im Dienstleistungsgewerbe hegen. Der Aufschwung der Automobilindustrie löste die Nachfrage nach Hunderttausenden von Auto-Schlossern,
Tankwarten und Autoverkäufern aus. Die Verbreitung von Rundfunk und
Fernsehen führten zum Entstehen des Radiohandels und -reparaturgewerbes. Und so darf man wohl mit Recht annehmen, daß weitere technische Neuerungen ähnliche Auswirkungen zeitigen werden.
Im allgemeinen wurden technische Veränderungen in den Vereinigten
Staaten stets freudig begrüßt; denn wir wissen, daß eine größere Produktivität uns allen mehr und bessere Güter, höhere Einkommen und
damit einen höheren Lebensstandard bringt. Andererseits aber können
technische Neuerungen auch ernste wirtschaftliche und soziale Probleme
auf werfen. '.Vie wir aus Erfahrung wissen, führt die Aufstellung arbeitszeitsparender Maschinen oftmals zur Entlassung von Arbeitskräften. Es
- 11

�ist ganz natürlich, daß Veränderungen wie die Einführung neuer
Arbeitsverfahren, neuer Werkzeuge, Apparate, Rohstoffe und neuer
Produkte ihre entsprechenden Auswirkungen auf eine ganze Reihe
von Berufen haben. Die ümorganisierung des Betriebes, die dem einen
neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnet, mag für den anderen den Verlust
des Arbeitsplatzes bedeuten, da sein Können und seine Fähigkeiten
plötzlich nicht mehr gefragt sind. In einer freien Wirtschaft sind
derartige Verluste der unumgängliche Preis des Fortschritts. Andererseits sollten wir alles tun, um die nachteiligen Auswirkungen
für den einzelnen so weit wie möglich einzuschränken.
Zum Glück sind sich heute Betriebsführer, Gewerkschaftler
und Regierung darüber klar, daß bei allen technischen Neuerungen
nicht nur die finanzielle und technische Seite sondern auch die
menschlichen Aspekte in Betracht zu ziehen sind. Ist das Verhältnis
zwischen den Sozialpartnern gut, so wird man sich bemühen, die ungünstigen Auswirkungen auf die Arbeiterschaft möglichst im voraus.zu
erkennen und durch sorgfältige Planung und Einteilung den Verlust
von Arbeitsplätzen auf ein Mindestmaß herabzudrücken«
Es hat übrigens ganz den Anschein, als ob es sehr viel schwieriger sein wird, die für Bau, Pflege und Bedienung der neuen technischen Ausrüstungen erforderlichen Fachkräfte zu stellen als die
Arbeitskräfte wieder unterzubringen, die durch die neue Entwicklung
von ihrem Arbeitsplatz verdrängt werden. Im neuen Industriezeitalter
werden wir mit ziemlicher Sicherheit höher qualifizierte Arbeitskräfte benötigen. Präsident Eisenhower hat erst kürzlich aus führenden Bürgern des Landes einen Ausschuß zur Förderung wissenschaftlichen
und technischen Nachwuchses gebildet, der sich um die Heranbildung
der hochqualifizierten technischen Facharbeiter kümmern soll. Dieses
Problem besteht nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in
allen Ländern.
Die Automatisierung, bei der elektronische Geräte, die Programmierung, die Instrumentierung und andere Präzisionsarbeiten
eine bedeutsame Rolle spielen, dürfte zwangsläufig viele neue
Arbeitsplätze, vor allem für Techniker, schaffen. Diese Spezialisten,
die gleich nach den Wissenschaftlern und Ingenieuren rangieren, sollen
die Routinearbeiten übernehmen, so daß erstere sich auf die schöpferische Arbeit konzentrieren können. Da Techniker eine geringere Ausbildung als Wissenschaftler oder Ingenieure benötigen, lassen sie
sich rascher und in größerer Zahl heranbilden. Für Facharbeiter besteht kaum die Gefahr, daß sie durch die fortschreitende Automatisierung brotlos werden. Manche Anzeichen deuten darauf hin, daß die
Betriebe, die sich auf Automatisierung umstellen, sogar mehr Facharbeiter bereits vorhandener Sparten benötigen als bisher. So war
zum Beispiel ein großes Motorenwerk, das heute komplette Motorblöcke
in vollautomatischer Produktion herstellt, nicht in der Lage, die
nötige Anzahl gelernter Arbeitskräfte zur Erstellung und Pflege der
erforderlichen neuen Ausrüstungen zu bekommen. Die Firma sah sich
deshalb gezwungen, ihr Lehrlingsausbildungsprogramm entsprechend
auszubauen. Es scheint also möglich, daß die Nachfrage nach Elektrikern, Einrichtern, Werkzeugmachern, Maschinenschlossern und vielen
anderen Facharbeitern nicht nur proportional zur allgemeinen Zunahme
der Beschäftigungsziffer, sondern sogar darüber hinaus ansteigen wird.
Das bedeutet, daß die Lehrlingsausbildung und die Berufsförderung
der Gesellen in verstärktem Maße weiterbetrieben werden müssen.

- 12 -

�Außerdem müssen wir die möglichen indirekten Auswirkungen der
Automatisierung auf die Anforderungen an das fachliche Können der
Arbeiterschaft berücksichtigen. Mit steigender Produktivität pflegt
auch das Einkommen je Kopf der Bevölkerung zu steigen und dies wiederum führt zu einer verstärkten Nachfrage nach Gütern des gehobenen
Bedarfs, die meist nur von verhältnismäßig hochqualifizierten Fachkräften hergestellt werden können. Somit wird auch als indirekte
Auswirkung einer steigenden industriellen Produktivität der Bedarf
an Facharbeitern weiter steigen.
Die Verantwortung für die Ausbildung und eventuelle Umschulung
der Arbeitskräfte liegt in erster Linie bei den Firmen selbst. Denn
nur sie können beurteilen, woran es fehlt. Die für den Bau, die Bedienung und die Wertung der neuen Ausrüstungen erforderlichen Arbeitskräfte sind nicht auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden.
Die Kosten für die Ausbildung dieser hochqualifizierten Arbeitskräfte werden aber durch die vermindertai Herstellungskosten im vollautomatischen Betrieb voll aufgewogen. Wesentlich dabei ist vor
allem, den künftigen Bedarf an Arbeitskräften richtig abzuschätzen
und mit ihrer Ausbildung bereits vor Installierung der neuen Ausrüstung zu beginnen. Für die Unternehmer dürfte es sich empfehlen,
die hierbei gewonnenen Erfahrungen untereinander auszutauschen.
Die Schulen und Colleges sollten heute schon ihre Lehrpläne
auf diese künftigen Entwicklungen abstimmen und Lehrgänge einrichten, die auf die neue Art der Lehrlings- und Gesellenausbildung
hinführen. Mathematik, Physik und Chemie sind in den Vordergrund
zu stellen und die hierfür begabten Schüler müssen besonders gefördert werden. Auch die Berufsberatung muß ausgebaut und verbessert
werden, um sicherzustellen, daß junge Menschen eine ihren Fähigkeiten
entsprechende Ausbildung und Stellung erhalten.
Das US-Arbeitsministerium ist an den Auswirkungen der Automatisierung auf die Gesamtwirtschaft des Landes und das Wohl der
Arbeiterschaft außerordentlich interessiert. So werden gegenwärtig
von dem ihm unterstehenden Bundesamt für Arbeitsstatistik eine
Reihe von Untersuchungen in Betrieben durchgeführt, die in irgendeiner Form bereits die Automatisierung eingeführt haben. Auf diese
Weise soll möglichst viel Material über die mit der Planung, Einrichtung und Bedienung der neuen Geräte verbundenen Umstände zusammengetragen werden. Aus zwei bereits abgeschlossenen Untersuchungen
geht hervor, daß durch sorgfältige Planung und echte Sorge um das
Wohl der Arbeitnehmer die gefürchteten nachteiligen Folgen, insbesondere größere Entlassungen, vermieden werden konnten.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen deutlich, daß neben einer
sorgfältigen Planung eine langfristige Ausbildungs- und Schulungsarbeit dem Übergang zum automatischen Betrieb vorangehen muß. Unter
Berücksichtigung dieser Erkenntnis hat der Bundesausschuß für das
Lehrlingswesen in Zusammenarbeit mit den zuständigen staatlichen
Stellen folgende Richtlinien und Unterlagen für erfolgversprechende
Schulungsprogramme zusammengestellt:
1. Das Mindestalter für Lehrlinge sollte mindestens 16 Jahre
betragen.
2. Eine Zusammenstellung der Arbeitsverfahren, in die der
Lehrling unmittelbar am Arbeitsplatz eingeführt werden soll.

- 13 -

�3. Regelmäßiger Unterricht in jenen technischen Fächern, die
mit der Arbeit des Lehrlings in Zusammenhang stehen. Die
Mindestzahl der Unterrichtsstunden im Jahr wird mit 144
angegeben.
4. Eine progressiv ansteigende Lohntabelle.
5. Sachgemäße Überwachung der Ausbildung am Arbeitsplatz sowie
Bereitstellung der zur Schulung von Lehrlingen geeigneten
Einrichtungen.
6. Regelmäßige Überwachung der von den Lehrlingen sowohl auf
praktischem als auch auf theoretischem Gebiet erzielten
Fortschritte und Führung von Beurteilungsbogen.
7. Pflege der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer .
8. Anerkennung und Würdigung der erfolgreich abgeschlossenen
Lehre.

Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Pensionserhöhungen für US-Eisenbahner
Präsident Eisenhower unterzeichnete kürzlich ein Gesetz, das
eine zehnprozentige Pensionserhöhung an aus dem Dienst ausgeschiedene Bahnarbeiter vorsieht. Das Gesetz tritt rückwirkend mit dem
1. Juli 1956 in Kraft.
Eisenhower sagte bei der Unterzeichnung der Gesetzesvorlage,
er sei davon überzeugt, daß der US-Senatsausschuß für Arbeit und
öffentliche Wohlfahrt sowie die Eisenbahnergewerkschaften in der
nächsten Sitzungsperiode des US-Kongresses zufriedenstellende Vorschläge zur Deckung der durch die zehnprozentige Erhöhung der Ruhestandsgelder entstehenden Mehrausgaben machen würden.
Das BundesSozialprogramm für Bahnarbeiter und deren Familien,
das durch das Ruhestandsgesetz der Eisenbahner ermöglicht wurde,
unterscheidet sich von dem allgemeinen und obligatorischen Bundessozialprogramm dadurch, daß seine Beiträge urtd Leistungen entschieden höher liegen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber zahlen zum Beispiel
je 6,25?o Beitrag auf Einkommen bis zu 350 Dollar pro Monat, während
der Beitrag für das obligatorische Bundessozialprogramm je 2$ von
der Lohnsumme ausmacht.
Bereits jetzt weist das Ruhestandsgeldsystem der Eisenbahner ein
Defizit auf, und man erwartet, daß die durch das neue Gesetz zusätzlich entstehenden Kosten noch einmal 83 Mio. Dollar pro Jahr betragen
und das Gesamtdefizit auf 169 Mio. Dollar pro Jahr steigern werden.
Die Höchstzahlungen auf Grund des neuen Gesetzes kommen insgesamt
298 000 pensionierten Bahnarbeitern zugute, deren Monatsbezüge sich
damit von durchschnittlich 104,4 Dollar auf durchschnittlich 114,7
Dollar erhöhen. Witwen und sonstige Hinterbliebene, die bereits im
Rahmen der allgemeinen und obligatorischen Sozialgesetzgebung Unterstützung empfangen, bleiben von dieser Maßnahme ausgeschlossen.

- 14 -

�Arbeitsfriede im New Yorker Transportgewerbe für vier Jahre
sichergestellt
Der New Yorker Ortsverband der Transportarbeitergewerkschaft
stimmte mit einem Verhältnis von nahezu 2:1 für Gesamt-Lohnerhöhungen von 18,5 Cent pro Stunde. Man hofft, daß der Lohnvertrag, der
von den Beauftragten der 10 000 gewerkschaftlich organisierten Lastwagenfahrer und 1250 Arbeitgebern für einen Zeitraum
von vier Jahren ausgehandelt und unterzeichnet wurde, den Arbeitsfrieden im New Yorker Transportgewerbe für diese Zeit sicherstellt.
Bei der Wahl stimmten 1356 Stimmberechtigte für und 756 gegen den
am 1. September 1956 in Kraft tretenden Vierjahresvertrag.
Der Gesamtbetrag der Erhöhung-um 18,5 Cent pro Stunde setzt
sich aus folgenden Einzelposten zusammen: 9 Cent an direkter Lohnerhöhung, 5»5 Cent an Zuschüssen für einen Pensions- und 4 Cent für
einen ärztlichen Betreuungsplan. Im übrigen konnten bei den Vertragsverhandlungen auch für die Arbeitnehmer günstigere Senioritäts- und Urlaubsbedingungen erzielt werden.
Der jetzt eingeführte Tarif sieht Stundenlöhne von 1,97 bis
2,41 Dollar vor. Das bedeutet, daß ein Zugmaschinenfahrer auf Grund
der neuen Bedingungen mindestens 100 Dollar pro 40-Stunden-Woche
verdient und einen Anspruch auf Pensionszahlungen in Höhe von 100
Dollar pro Monat erwirbt.
Die neuen Abmachungen enthalten unter anderem auch einen Passus
wonach neue Lohnverhandlungen frühestens 1958 wieder aufgenommen
werden können.

Trend zu langfristigen Kollektivverträgen
In den Vereinigten Staaten ist mehr und mehr der Zug zur Unterzeichnung langfristiger Kollektivverträge wahrzunehmen, was sich
zugunsten beider Tarifpartner auswirken dürfte. Die Arbeitgeber
können langfristig planen und größere Projekte in Angriff nehmen,
und die Arbeitnehmer wissen ebenfalls, was ihnen in absehbarer Zeit
an Lohnerhöhungen und außerordentlichen Zulagen zasteht und können
auf diese Weise gleichfalls eine wirtschaftlichere Planung treiben.
Ein derartiger Kollektivvertrag, dessen Laufzeit drei Jahre beträgt, ist vor einigen Tagen wieder von der Unabhängigen Stahlarbeitergewerkschaft und der Weirton Company in West-Virginia abgeschlossen worden. Der Vertrag sieht unter anderem vor, daß die StundenLöhne sowohl für produktive als auch für unproduktive Arbeitskräfte
in den nächsten drei Jahren um je 10 Cent je Jahr angehoben werden.
Die Abmachungen wurden rückwirkend mit dem 1. Juli in Kraft gesetzt
und betreffen 11 000 Arbeiter.
Die Weirton Company, ein Stahlwerk, war von dem letzten Stahlstreik in den Vereinigten Staaten nicht betroffen. Das Unternehmen
ist überhaupt seit mehr als 23 Jahren sowohl von Streiks als auch
von Arbeitsniederlegungen infolge von Arbeitsstreitigkeiten verschont
geblieben.

- 15 -

�Gewerkschaftsverband AFL-CIO kein Monopol
Der Vorsitzende der Vereinigten Stahlarbeitergewerkschaft, David
McDonald, wies in einer Radioansprache den Gedanken als falsch zurück,
daß mit dem Zusammenschluß der beiden großen amerikanischen Gewerkschaften American Federation of Labor (AFL) und Congress of Industrial Organizations (CIO) ein Monopol geschaffen worden sei.
McDonald sprach über den von dem Ortsverband Chicago der AFL unterhaltenen Sender WCFL.
Der Vorsitzende der Stahlarbeitergewerkschaft erklärte bei
dieser Gelegenheit, daß es sich bei der AFL-CIO um eine Vereinigung
von 141 autonomen Gewerkschaften mit insgesamt 60 000 Ortsverbänden
handele. Die einzelnen Gewerkschaften würden frei von zentraler Weisung Kollektiwerhandlungen führen und Verträge abschließen, während
der Dachverband AFL-CIO weder Streiks ausrufen noch in die Maßnahmen
der angeschlossenen Gewerkschaften eingreifen könne.
Die AFL-CIO wolle dazu beitragen, sagte McDonald ferner, den
Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen neuen Auftrieb zu verleihen und
den Nöten und Wünschen der breiten Masse allgemeinverbindlichen Ausdruck zu geben. Die AFL-CIO sei nicht zuletzt eine Organisation mit
der Aufgabe, die Korruption zu bekämpfen und die Arbeitsstreitigkeiten auf friedliche Weise beizulegen.

Hohe Streikziffern im Juli
Die Zahl der im Ausstand befindlichen Arbeitskräfte war im
Juli 1956 rund dreimal so hoch wie im Juni 1956, und zwar in erster
Linie auf Grund des Stahlarbeiterstreika, geht aus einer Mitteilung
des US-Arbeitsministeriums hervor.
Der gleichen Quelle zufolge befanden sich in diesem Monat insgesamt 710 000 Arbeitnehmer im Streik gegenüber 235 000 im Juni und
776 000 im Vergleichsmonat des Vorjahres. Die höchste Anzahl Streikender in einem der Nachkriegs jähre wurde mit 866 000 im Jahr 1952
registriert.
Die Zahl der durch Streik verlorengegangenen Arbeitstage war
im Juli die höchste in allen Nachkriegsjähren. Sie betrug - ebenfalls
als Folge des Stahlstreiks - 13 600 000. Der bisher höchste Ausfall
an Arbeitstagen wurde im Jahre 1952 registriert, als ebenfalls ein
Stahlstreik stattfand.

- 16 17. SEP SS - 06 16«- 7.4 H

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiten in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
für Arbeitsinformationen
Amt
United States Information Service
Mehlem, Mehlemer Aue, Tel. 3457
Der Inhalt der „Arbeitsmittellungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 17

Mehlem, den 1.November 1956
INHALTSVERZEICHNIS

Kollektiwerhandlungswesen und Gewerkschaften

Seite

1

Arbeitshygiene im Zeitalter der Automatisierung

Seite

9

Seite

13

Die Unterstützungsleistungen eines Wohlfahrtsfonds ... Seite

15

Niedrigste Unfallrate im Juni

15

Versicherungsschutz und Versicherungsleistung
für die Eisenbahner

Seite

H. M. Douty, US-Bundesamt für Arbeitsstatistik:
Kollektivverhandlungswesen und Gewerkschaften
Zwischen Kollektivverhandlungen und dem Status der Lohn- und
Gehaltsempfänger innerhalb der Wirtschaft besteht ein enger Zusammenhang. Der amerikanische Publizist Bronsilaw Malinowski hat in
seinem Buch "Freedom and Civilization" (Freiheit und Kultur) die
Feststellung getroffen, daß die Entwicklung der Gesellschaft "nicht
durch irgendeine Gemeinschaft als Ganzes und auch nicht durch den
Einzelmenschen bestimmt wird, sondern durch kleinere organisierte
Gruppen, das heißt Institutionen, die so organisiert und festgefügt sind, daß sie die Gemeinschaft formen." Die Gewerkschaftsbewegung ist jene institutionelle Form, durch die Lohn- und Gehaltsempfänger versuchen, die ihnen in den einzelnen Firmen und Industriezweigen gebotenen Arbeitsbedingungen mitzubestimmen.
Die Gewerkschaften haben im Laufe ihrer Geschichte manchen
Wandel durchgemacht und unterscheiden sich heute in vieler Hinsicht
ganz wesentlich von den Arbeitnehmerverbänden, wie sie noch vor

1

�25 Jahren bestanden haben. Hier sei nur auf das gewaltige Anwachsen
der Kitgliederzahl und den damit verbundenen Machtzuwachs hingewiesen. Macht aber wirft unfehlbar die Frage nach ihrem Gebrauch auf.
Die grundlegenden Ideen, die die wichtigsten und stärksten Gruppen
innerhalb der Gewerkschaftsbewegung bestimmen, haben sich in den
letzten Jahrzehnten zum Teil wohl als Folge des MRChtzuwachses und
zum Teil auch bedingt durch die wirtschaftliche und politische Weiterentwicklung ganz beträchtlich gewandelt.
Stärke und Einfluß der Gewerkschaften
Es gibt im Grunde genommen keinen Maßstab, mit dem man die
wahre Stärke der Gewerkschaftsbewegung messen könnte; einen gewissen
Ansatzpunkt bietet der Mitgliederstand. Die Gesamtmitgliedszahl der
Gewerkschaften in USA stieg von 3»2 Millionen im Jahr 1929 auf
schätzungsweise 17 Millionen Anfang 1955» das heißt sie hat in den
letzten 25 Jahren um mehr als 500/" zugenommen. Im gleichen Zeitraum
erhöhte sich die Beschäftigtenzahl in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben von rund 31 auf 48,3 Millionen, das heißt um 56^» In diesen
Betrieben war im Jahre 1929 jeder zehnte und im Jahre 1954 jeder
dritte Arbeiter gewerkschaftlich organisiert.
Ein weiterer Hinweis auf die tatsächliche Stärke der Gewerkschaften läßt sich daraus gewinnen, inwieweit die Arbeiterschaft
in den Schlüsselsektoren der .Virtschaft gewerkschaftlich organisiert ist. Im Jahre 1929 gehörte mehr als die Hälfte aller Mitglieder zwei Industriezweigen an: Dem Baugewerbe und dem Transport- und Fernmeldewesen. In der letzteren Gruppe lag der Schwerpunkt bei den Eisenbahnen und im Güternahverkehr. In der Fertigungsindustrie stellten die Bekleidungsindustrie und das Druckereigewerbe
den größten Anteil an Gewerkschaftsmitgliedern. Im Bergbau waren
lediglich die Kumpels in den Kohlengruben in nennenswertem Maße
gewerkschaftlich organisiert. Hier ist der Gegensatz zwischen 1929
und 1955 besonders drastisch. 1955 standen die in der Produktion
beschäftigten Arbeiter in den wichtigen Zweigen der Fertigungsindustrien größtenteils innerhalb der Gewerkschaften,und auch in
den übrigen Industrien bestanden starke Gewerkschaftsorganisationen.
In den Angestelltenberufen halten sich' die Bürokräfte und festbezahlten Angehörigen akademischer Berufe weitgehend den Gewerkschaften fern. Auch in einigen Sektoren der Fertigungsindustrie, so beispielsweise in der baumwoll- und kunstfaserverarbeitenden Industrie
sowie vielfach im Einzelhandel, in der Finanzwirtschaft, in vielen
Zweigen des Dienstleistungsgewerbes und des öffentlichen Dienstes
waren die Gewerkschaften im Jahre 1955 noch relativ schwach.
Die Arbeiterbewegung stellt sowohl hinsichtlich ihrer absoluten
Mitgliederzahl als auch im Hinblick auf das Verhältnis der Zahl der
Gewerkschaftsmitglieder zu der Gesamtzahl der Arbeitskräfte in nichtlandwirtschaftlichen Betrieben und die Schwerpunktsbildung in den
wichtigsten Industriezweigen eine ganz bedeutsame Kraft im amerikanischen Wirtschaftsleben dar. Der Einfluß der Gewerkschaften - sei
es am Verhandlungstisch, bei der Schlichtung von Arbeitsstreitigkeiten,
bei der Organisierung von Streiks und auch am Arbeitsplatz selbst wirkt sich auf die Arbeitsbedingungen von Millionen von Lohn- und
Gehaltsempfängern in vielen Wirtschaftssektoren aus. Dieser Einfluß
erstreckt sich indirekt weit über das eigentliche Tätigkeitsgebiet
der Gewerkschaften und den Verhandlungsbereich bei Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern hinaus.

- 2

�Betriebsführunp und Gewerkschaft
Bei der Führung eines Unternehmens tauchen ganz zwangsläufig
immer wieder neue Probleme nuf, für die es Lösungen zu finden gilt.
Dabei werden, grob gesagt, zwei Arten von Entscheidungen zu treffen sein: Erstens: Entscheidungen bezüglich der generellen Führung
des Unternehmens, so beispielsweise Fragen der Kapitalbeschaffung,
der Lohnpolitik und der Preisgestaltung; und zweitens: Entscheidungen mehr oder weniger administrativen Charakters, wie sie die
tägliche Arbeit des Betriebes mit sich bringt. In Firmen aller
Größenordnungen verteilen sich diese Entscheidungen fast immer und es kann gar nicht anders sein - auf eine ganze Reihe von leitenden Angestellten.
Zweck jedes Wirtschaftsuntemehmcns ist es, Waren oder Dienstleistungen zu produzieren, die die Verbraucher zu kaufen wünschen.
Der Preis muß debei so gehalten sein, daß er einmal die Kosten
deckt und zum anderen einen normalen Ertrag sicherstellt. Alle
Entscheidungen der Betriebsführung müssen auf diese Forderungen
abgestellt sein, da sonst die wirtschaftliche Existenz des Betriebes gefährdet wird. Diese Entscheidungen erstrecken sich aber
auch auf eine Menge von Angelegenheiten, die die Arbeiterschaft
des betreffenden Betriebes unmittelbar mitbetreffen, so beispielsweise auf Löhne, Arbeitszeit, Gestaltung des Arbeitsplatzes, Betriebssicherheit, technische Neuerungen und Personalpolitik. Gerade
die Personalpolitik einer Firma und ihre Handhabung sind für das
persönliche Wohlergehen des Arbeiters und auch für seine Leistungen
im Betrieb von entscheidender Bedeutung.
Die grundlegende Aufgabe der Gewerkschaften ist es nun, als
Mittler zwischen den Sozialpartnern dafür zu sorgen, daß alle jene
Entscheidungen, die das Wohl und die soziale Stellung des Arbeiters unmittelbar berühren, nicht vom Unternehmer beziehungsweise
der Betriebsleitung allein, sondern gemeinsam mit den Betroffenen
gefällt werden.
Kollektivverhandlungen sind das Mittel, dessen sich die Gewerkschaft bei der Lösung dieser Aufgabe bedient. Die Ergebnisse
solcher Kollektivverhandlungen finden gewöhnlich ihren Niederschlag
in den Tarifverträgen, mit denen die Beschäftigungsnormen für das
entsprechende Unternehmen für einen bestimmten Zeitraum - die Laufzeit des Vertrages - aufgestellt werden. Sie bilden den Rahmen,
innerhalb dessen die von Tag zu Tag notwendig werdenden Entscheidungen bezüglich der Betriebsangehörigen getroffen werden können.
Die Gewerkschaften versuchen an sich nicht, in Kollektivverhandlungen ein System von Regeln bezüglich der Stellung und Behandlung der Arbeitnehmer zu schaffen. Jedes Unternehmen, ganz gleichgültig wie groß es sein mag, steht angesichts der Streuung der Verantwortlichkeit innerhalb der Betriebsleitung vor der Notwendigkeit,
mehr oder weniger allgemein gehaltene Regeln und Verfahren für
die Menschenführung im Betrieb aufzustellen. Die Gewerkschaft hat,
zumindest im ursprünglichen Sinne, nichts anderes zu tun, als diese
Regeln, die die Betriebsführung aus der praktischen Arbeit heraus
entwickelt hat, auf eine feste Formel zu bringen und ein Verfahren
für die Behandlung von Beschwerden zu schaffen, die sich aus der
Handhabung dieser Bestimmungen ergeben können. Darüber hinaus wird
die Gewerkschaft von Zeit zu Zeit versuchen, diese Arbeitsregeln die Arbeitsbedingungen - zu verbessern und gegebenenfalls durch

- 5-

�neue und für die Arbeiter und Angestellten günstigere Regeln zu ersetzen. So hat beispielsweise die heute weitverbreitete Gepflogenheit,
Arbeitern eine gewisse Mindeststundenzahl zu vergüten, wenn sie sich
an ihrem Arbeitsplatz einfinden und es an Arbeit für sie fehlt, ihren
Ursprung größtenteils in Kollektivverträgen.
Die Bedeutung, die die Formulierung solcher Regeln und ein Mitspracherecht in ihrer Handhabung für den einzelnen Arbeiter hat,
wächst mit der Größe der Firma. Im Januar 1951 gab es in den Vereinigten Staaten über 4 Millionen Firmen, von denen etwa 3200 das sind noch nicht einmal 0,1$ der Gesamtzahl - mehr als 1000
Arbeitskräfte beschäftigten. Der Anteil dieser Firmen an der Gesamtzahl der Lohn- und Gehaltsempfänger beläuft sich aber auf 37/a«
Die Tatsache, daß ein so hoher Prozentsatz der Arbeitskräfte
auf relativ wenige Großbetriebe entfällt, ist eine der Ursachen für
das Wachstum der Gewerkschaften. In Großfirmen hört ganz zwangsläufig der persönliche Kontakt zwischen Betriebsführung und Belegschaft auf. Die Streuung der verantwortlichen Funktionen innerhalb
des Betriebes auf einen großen Personenkreis, insbesondere auch
der Entscheiduhgsbefugnisse über Angelegenheiten, die die Belegschaft unmittelbar betreffen, verleiht Fragen von Recht und Billigkeit eine besondere Schärfe. Bei den Arbeitnehmern hat sich angesichts dieser Sachlage die Tendenz herausgebildet, ihre Rechte
kollektiv und nicht einzeln zu verfechten und ihre vereinte Stärke
dafür zu benutzen, faire Arbeitsbedingungen auszuhandeln.
Das Verfahren der Kollektivverhandlungen
Kollektivverhandlungen sind das Mittel, durch das die Entscheidungen, die das Beschäftigungsverhältnis der Arbeiter und Angestellten angehen, in gemeinsamen Erörterungen zwischen den Unternehmern
beziehungsweise deren Vertretern und den Vertretern der organisierten Arbeiterschaft getroffen werden. Kommt es zu keiner Einigung
über die Regelung des Verhältnisses zwischen den beiden Verhandlungspartnern, so einigt man sich meist auf die Anrufung einer
Schieds- und Schlichtungsinstanz. Kommt es dennoch zu keiner
Einigung, nimmt die Arbeiterschaft gegebenenfalls ihre Zuflucht
zum Streik, der entweder mit einem Nachgeben einer der beiden
streitenden Parteien oder aber mit einem Kompromiß in den Streitfragen endet. Der Streik oder die Aussperrung sind Kampfmaßnahmen, die bei Kollektivverhandlungen nur im äußersten Fall angewandt werden.
Unabhängig von der Größe des Betriebes beziehungsweise der
Zahl der betroffenen Werke oder Unternehmen ist des Verfahren der
Kollektivverhandlungen im wesentlichen das gleiche. Die Arbeitsbedingungen werden in solchen Verhandlungen beziehungsweise durch
die daraus resultierenden Abmachungen gewöhnlich für einen gewissen Zeitraum festgelegt. Sowohl auf Unternehmer- als auch auf
Gewerkschaftsseite wird auf Grund der gegebenen Sachlage und der
jeweiligen Beurteilung der derzeitigen wirtschaftlichen Situation
und der künftigen Entwicklung im allgemeinen und des Betriebes
im besonderen verhandelt.
Kollektivverhandlungen bergen die Gefahr, daß die Gewerkschaft
sich selbst oder den Unternehmer ruiniert, dann nämlich, wenn sie
versucht, Löhne oder Arbeitsbedingungen herauszuhandeln, die angesichts der gegebenen wirtschaftlichen Situation untragbar sind.

-4 -

�Solche Fälle hat es gegeben, sie sind aber keineswegs als typisch
anzusprechen. Bei den meisten Arbeitgeber- Arbeitnehmerverhandlungen verhalten sich beide Seiten durchaus realistisch und sind
sich der Grenzen, innerhalb derer eine Einigung möglich ist,
von vornherein bewußt. Daß dies so ist, geht allein schon aus
der Tatsache hervor, daß die meisten Kollektivverträge ohne vorhergehende Streiks Zustandekommen. Die Unternehmer werden nur einer
sehr wichtigen sozialen Funktion gerecht, wenn sie Forderungen
der Gewerkschaften ablehnen, die auf eine Gefährdung der Existenz
der Firma oder auch nur eine erhebliche Einschränkung ihrer Handlungsfähigkeit in dem entsprechenden Geschäftsbereich hinauslaufen. Umgekehrt sind die Kollektivverhandlungen ein ausgezeichnetes Mittel, im Unternehmer das Bewußtsein der Notwendigkeit
einer scharfen Kalkulation sowie ständiger technischer Neuerungen
in jeder Form wach zu erhalten.
Eine Abgrenzung dessen, was in den Bereich der Kollektivverhandlungen fällt, ist schwer möglich. Die geschichtliche Entwicklung zeigt, daß es dabei um vLöhne, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen" geht, wenngleich nicht feststeht, was diese drei
Begriffe in einzelnen alles einschließen. Die betriebliche
Altersversicherung hätte beispielsweise noch vor wenigen Jahren
sicher nicht
zum Bereich der Kollektivverhandlungen gehört.
Der Bereich der Kollektivverhandlungen
Im folgenden sei der Versuch unternommen, die wichtigsten
Bereiche von Kollektivverhandlungen zu umreißen und ein Bild
davon zu geben, worum es geht.
1. Löhne und Sozialleistungen
Ist die Arbeiterschaft eines Betriebes nicht organisiert,
liegt die Entscheidung über die Höhe der Löhne allein bei der
Betriebsleitung. Diese Entscheidung wird dann unter Berücksichtigung der Grenzen getroffen, die durch innere und äußere Einflüsse gezogen sind und die Lohnposition der Firma bestimmen.
Die Betriebsführung wird im allgemeinen in ihrer Lohnpolitik
auf den jeweiligen Arbeitsmarkt Rücksicht nehmen, und Fragen
der Arbeitsmoral und die Wünsche der Belegschaft, soweit diese
überhaupt genau feststellbar sind, mit in ihre Berechnungen
einbeziehen. Die umorganisierte Arbeiterschaft hat jedoch von direkten Vorstellungen einzelner abgesehen - kein Sprachrohr, das ihr gestattet, ihre Ansichten über Fragen der Lohnpolitik der Betriebsführung darzulegen.
Allen Entscheidungen der Betriebsführung bezüglich der
Löhne kommt im Hinblick auf die Auswirkungen der Löhne auf
die Gestehungskosten größte Bedeutung zu. Von mindestens ebenso großer Wichtigkeit sind sie für die Angestellten und Arbeiter selbst, da ja Löhne und Gehälter in den meisten Fällen ihre
einzige Einkommensquelle darstellen. Die Gewerkschaften haben
nun die Aufgabe, den Arbeitern über ihre Vertreter Gelegenheit
zu verschaffen, die Forderung nach einem entsprechenden Anteil
an den Erträgen des Unternehmens bei der Betriebsführung geltend
zu machen und gegebenenfalls durchzusetzen. Erst die Organisierung der Arbeiterschaft ermöglicht die Anmeldung solcher
Forderungen, die aber durch eine entsprechende Analyse der
Gesamtloge und durch Darlegung sonstiger Gesichtspunkte untermauert sein müssen. Überredung oder gegebenenfalls der Hinweis

- 5-

�auf die Möglichkeit eines kollektiven Fernbleibens der Belegschaft
von der Arbeit sind die Mittel, mit denen diese Forderungen verwirklicht beziehungsweise durchgesetzt werden.
Es ist wohl ohne weiteres ersichtlich, daS diese Form der
Beteiligung der Arbeiterschaft an der Festsetzung ihrer Löhne
zahlreiche Konsequenzen nach sich zieht und sich auf viele Gebiete erstreckt. So erhebt sich beispielsweise die Frage, wie
eine allgemeine Lohnerhöhung oder auch Lohnsenkung auf die einzelnen Arbeiter innerhalb des Betriebs verteilt werden soll.
Eine Lohnerhöhung kann aber auch in der Weise erfolgen, daß
die Löhne nur um ein Geringes heraufgesetzt, dafür aber gleichzeitig andere Sozialleistungen, die den allgemeinen Betriebsunkosten zuzurechnen sind, erhöht werden. Dabei handelt es sich
um eine gekoppelte Erhöhung von Lohn- und Sozialleistungen "Package Deal" genannt -,eine Regelung, die gerade in der Zeit
nach dem zweiten Weltkrieg immer häufiger angewendet wurde. So
ist es beispielsweise undenkbar, daß die betriebliche Unfall-,
Kranken- und Altersversicherung in den letzten Jahren einen so
gewaltigen Aufschwung genommen hätte, wenn solche Sozialleistun£en nicht zum festen Bestandteil von TarifVerhandlungen geworden
wären. Ein weiteres Beispiel aus der jüngsten Zeit ist die Einführung einer privaten Arbeitslosenzusatzversicherung in der
Automobilindustrie sowie in einigen anderen Wirtschaftszweigen.
Die Konzeption von "Löhnen und Gehältern" ist um vieles komplizierter geworden seit die Gewerkschaften den Versuch unternommen
heben, der Arbeiterschaft durch Maßnahmen, die auf der Kostenseite des Betriebs zu verbuchen sind, einen größeren Anteil an
den zur Verfügung stehenden Waren und Dienstleistungen (durch
höhere Löhne nämlich und Leistungsprämien), mehr Freizeit zum
Genießen des durch ein höheres Realeinkommen gewährleisteten
besseren Lebensstandards (bezahlte Feiertage und erweiterte
Urlaubsgelegenheiten) und größere Sicherheit gegen unverschuldete
Not (Altersversorgung) zu verschaffen.
Neben der Frage nach der reinen Lohnhöhe ergeben sich in
der täglichen Praxis aber auch noch andere Probleme bezüglich
der Durchführung der Lohnpolitik. Zu ihrer Lösung werden im
Rahmen der Kollektivverhandlungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern eine große Zahl von Regeln festgelegt.
2. Arbeitsbedingungen
Es besteht keine eindeutige Trennung von den "Löhnen"
(einschließlich der zusätzlichen Sozialleistungen) und den
"Arbeitsbedingungen". Viele dieser Arbeitsbedingungen betreffen
in einer oder anderer Form die Höhe des Arbeitsentgeltes. Zum
Teil aber sind sie ihrem Charakter nach völlig außerhalb des
Bereichs rein wirtschaftlicher Fragen.
Schon immer war die Definition des Begriffs Arbeitszeit
neben den reinen Lohnfragen eines der dringendsten Anliegen
bei Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Arbeitszeit und Löhne stehen selbstverständlich in einem ganz
engen Zusammenhang,und so ist es ganz natürlich, da 1 sie oftmals gemeinsam erörtert werden. Im Wirtschaftsleben unserer
Tage ist der Begriff Arbeitszeit sehr vielfältig . Er erstreckt
sich nicht nur auf die Zahl der täglich und wöchentlich zu

- 6-

�zu leistenden Arbeitsstunden sowie auf Arbeitsbeginn und -ende,
sondern auch auf Fragen wie Überstunden, Spätschichten, Sonntagsund Feiertagsarbeit, Mittagszeit und auf Verrichtungen, die nichts
mit der eigentlichen Produktion zu tun haben, so beispielsweise
Pausen, Arbeitsvorbereitung, Säuberung des Arbeitsplatzes, Wechsel
der Berufskleidung und Weg zur Arbeitsstätte.
Ein weiteres Gebiet sind die vielfältigen Regeln zur Gewährung
der Betriebssicherheit. Hierher gehören ferner Fragen wie Feierschichten und Wiederaufnahme der Arbeit, Beförderung, Arbeitsdisziplin, Versetzungen auf andere Arbeitsplätze innerhalb des Betriebes und Entlassung. Um ein reibungsloses Arbeiten des Betriebes
sicherzustellen, ist eine allgemeine Regelung dieser Fragen unerlässlich und um des Betriebsklimas willen müssen diese Regeln und
ihre Handhabung im Einklang mit Recht und Billigkeit stehen. So
ist beispielsweise die Betriebsführung zur Aufrechterhaltung der
Arbeitsmoral gezwungen, mit Disziplinarmaßnahmen gegen Belegschafts
angehörige vorzugehen, die sich von der Arbeit drücken, die Sicherheitsvorschriften verletzen, sich aufsässig gegen ihre Vorgesetzten
verhalten oder unkollegial handeln. Solche Maßnahmen werden sich
aber nur dann fördernd auf das Betriebsklima auswirken, wenn dabei
von allgemein anerkannten Regeln ausgegangen wird. Ist ein Betrieb
etwa gezwungen, Feierschichten einzuführen, so erhebt sich die
Frage, welche Arbeiter aus der Belegschaft davon betroffen werden
sollen. Diese Dinge werden oftmals von der Öffentlichkeit kaum
beachtet, für die Arbeiter im Betrieb aber sind sie eine ständige
Sorge,und so erwachsen den Gewerkschaften und Arbeitgebern bei
Kollektivverhandlungen oftmals größte Schwierigkeiten bei dem
Versuch, eine praktisch durchführbare Regelung für all diese
Fragen zu treffen.
Viele Fragen der Lohnpolitik und ihrer Handhabung - die
Festsetzung der Löhne für neugeschaffene Arbeitsplätze, Neueinstufung bei Änderung der Tätigkeit, Beförderung beziehungsweise
Aufbesserung der Löhne, Gewährung von Arbeitsanreizen und Leistungslöhnen und so weiter - werden in zunehmendem Maße auf dem
Weg über Kollektivverhandlungen von beiden Sozialpartnern gemeinschaftlich entschieden.
5. Arbeitskonflikte
Im Zusammenhang mit der Durchführung der
Personalpolitik
kommt es unvermeidlich immer wieder zu teils begründeten und teils
unbegründeten Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen.
Deshalb ist die Festlegung eines zweckmäßigen Verfahrens zur Beilegung solcher Meinungsverschiedenheiten unerläßlich. Die meisten
Tarifverträge enthalten deshalb Bestimmungen über die Auslegung
des Vertrages, die von den beteiligten Parteien überprüft und
beigelegt werden können. In der Praxis ist es so, da2 sich die
meisten Arbeitsstreitigkeiten mit Hilfe dieses Verfahrens aus
der Welt schaffen lassen. Sollte es zu keiner Einigung kommen,
so sehen die meisten Tarifverträge die Anrufung eines unparteiischen Schlichters vor. Meist läßt sich so selbst bei ernsten
und schweren Meinungsverschiedenheiten der Ausbruch eines Streiks
verhindern. Auf Grund der guten Erfahrungen mit dem Schiedsverfahren wurden in der jüngsten Zeit in die Tarifverträge häufig
sogenannte Nicht-Streikbestimmungen eingebaut, die Streiks für
die Laufzeit des Vertrages ausschließen.

-7 -

�Kollektivverhandlungen haben dem Arbeiter ein Mitspracherecht
bei der Pestsetzung der Löhne und Arbeitsbedingungen und, über die
sogenannten Streitverfahren, zum Teil auch bezüglich der praktischen
Durchführung der Arbeitsregeln gegeben.
Kollektivverhandlungen und die soziale Stellung des Arbeiters
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Gewerkschaftsbewegung, und das ist ihr historisches Verdienst, die Stellung des
Arbeiters innerhalb der Gesellschaft verbessert hat. Betriebsangehörige sind nicht mehr wie zur Zeit unmittelbar nach der industriellen Revolution anonyme Größen, sondern haben ihren Status
als respektierte Einzelwesen wiedergewonnen, und zwar auf dem Weg
über die Selbstorganisierung. Sie haben ein Mitspracherecht bei
der Festlegung der Arbeitsregeln innerhalb des Betriebes und sind
sicher vor willkürlichen Maßnahmen, die ihren Status als Belegschaftsangehörige beeinträchtigen könnten.
Der Einfluß der organisierten Arbeiterschaft auf Arbeit und
Beschäftigung sowie auf die Einstellung auch der Unternehmer zu
diesen Fragen geht weit über die eigentliche Gewerkschaftsarbeit
hinaus. In den letzten Jahren hat sich auch auf seiten des Unternehmertums ein immer stärkeres Verantwortungsgefühl für ihre Mitarbeiter als Menschen herausgebildet, das sie dazu veranlaßte,
sich eingehend mit jenen Faktoren zu befassen, die die Einstellung
des arbeitenden Menschen gegenüber seiner Arbeit und dem Betrieb
beeinflussen. Das Wissen um diese Dinge erst erlaubt der Betriebsführung, ein Betriebsklima zu schaffen, das: die Arbeit befriedigender und die menschlichen Bestrebungen produktiver gestalten
hilft.
Was hier über die Bedeutung der Kollektiwerhandlungen für die
Festlegung des sozialen Status der Arbeiter gesagt wurde, darf aber
nicht dahingehend ausgelegt werden, daß das Unternehmertum beziehungsweise die Betriebsführung, sei es nun in Betrieben mit organisierter
oder nichtorganisierter Arbeiterschaft, heute eine geringere Verantwortung gegenüber der Arbeiterschaft und der Gesamtheit trage.
Und noch ein letzter Punkt: Gewerkschaften und TarifVerhandlungen sind Mittel, nicht Selbstzweck. Sie dienen dem Ziele,
den Lohn- und Gehaltsempfängern ein Mitsprecherecht bei den Entscheidungen zu verschaffen, die ihren Status und ihr Wohlergehen
innerhalb der Wirtschaft betreffen. Wie andere Institutionen können auch die Gewerkschaften Fehler begehen; sie laufen dann Gefahr, daß sie ihrer eigentlichen Verantwortung nicht mehr gerecht
werden. Für die Gewerkschaften ergibt sich somit die Notwendigkeit,
auf die Auffassungen ihrer Mitglieder Rücksicht zu nehmen und ihnen
Gehör zu verschaffen. Schon im Interesse der Arbeiterschaft müssen
die Gewerkschaften ihre Macht bei Kollektivverhandlungen dazu benutzen, wirtschaftliche Normen und Arbeitsbedingungen zu schaffen,
die den Betrieben genügend Spielraum für eine ordnungsgemäße Führung der Geschäfte lassen und ein gesundes Wachstum der Wirtschaft
gewährleisten.
Quelle: Monthly Labor Review,
Vol 79 No. 6

�Arbeitshygiene im Zeitalter der Automatisierung
Automatisierung ist nicht nur eine Umschreibung
für neue technische Verfahren zur mechanischen
Verrichtung von Arbeiten in unseren '.Verkstätten
und Büros. Automatisierung bedeutet auch eine
neue Lebensform mit spezifischen biosozialen und
technischen Wertbegriffen. Sie wird sowohl das
Leben und die Arbeit der Menschen als auch die
Lehrpläne unserer Schulen verändern und unseren
Lebensstandard auf neue Höhen führen. Der vorliegende Artikel, der einem Referat von Dr. C.
Richard '.Valmer, Direktor der "Industrial Hygiene
Foundation" entnommen ist, beschäftigt sich mit
den neuen Aufgaben, die der Arbeitshygiene in den
Industriebetrieben durch die Automatisierung erwachsen.
Die Bedeutung der Gesundheitsüberwachung im Betrieb
Der Gesundheitszustand eines Menschen wird weitgehend durch
seine Anpassung an die Umwelt bestimmt. V/enn diese Umwelt sich verändert, empfindet der Mensch ein gewisses Unbehagen. Ein solches
psychisches Unbehagen auf Seiten der Arbeitnehmer ist im Zeitalter
der Automatisierung eines der unweigerlich auftauchenden menschlichen Probleme, die in engem Zusammenhang mit der Gesundheit und
dem Wohlbefinden der Arbeiter stehen. Andere Aspekte der Automatisierung werden sich sogar noch unmittelbar auf das physisc'ne
Wohlbefinden des Arbeiters auswirken. Die Gesamtsumme aller physischen und psychischen Faktoren bestimmt dann erst den Allgemeinzustand eines Menschen.
Diese Dinge zu erkennen und in ihre Planungen einzubeziehen,
ist für die Industrie ebenso wichtig wie die Konstruktions- und
Baupläne oder die Untersuchungen hinsichtlich der wirtschaftlichen
Möglichkeiten eines eventuellen Übergangs zur Automatisierung eines
Betriebes. Arbeiter und Angestellte bilden seit je den wichtigsten
Aktivposten eines Unternehmens, und dies wird sich auch im Zeitalter der Automatisierung nicht ändern. Man wird den Arbeitern und
Angestellten noch mehr Verantwortung als bisher übertragen. Da
mehr technisches Personal zur Pflege und Instandhaltung der komplizierten Maschinen und zum Betrieb der automatischen Apparate
benötigt wird, wird der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften
steigen und folglich eine bessere Ausbildung und Schulung der
Arbeiter eine Grundvoraussetzung werden. Die leitenden Angestellten
werden bedeutsame Entscheidungen zu treffen haben, wobei etwaige
Irrtümer und Fehler sich in Zukunft als weit kostspieliger als
bisher erweisen werden.
Hinzu kommt, daß in einem automatisierten Unternehmen für
jeden Arbeitsplatz eine höhere Kapitalinvestition erforderlich ist.
So betrug zum Beispiel im Jahre 1954 die Kapitalinvestition je
Arbeitsplatz in der chemischen Industrie, die bereits in hohem
Grede automatisiert ist, das Doppelte der entsprechenden Aufwendungen in der gesamten Industrie, nämlich 26 G00 Dollar; in einigen
Fabriken ist sie noch erheblich höher. In den Kraftwerken, die
nahezu vollautomatisch arbeiten, übersteigt die Kapitalinvestition
Je Arbeitsplatz den Betrag von 106 000 Dollar.

- 9-

�In einem automatisierten Betrieb ist also die Gesundheit der
Arbeitnehmerschaft für den Betrieb von sehr viel größerer Bedeutung als bisher. Denn die Erkrankung eines Arbeiters bedeutet
nicht nur eine Störung der Produktion während seiner Abwesenheit,
sondern führt auch zu einem Absinken seiner Leistungsfähigkeit,
wenn er sich bei Anwesenheit am Arbeitsplatz nicht wohl fühlt.
Vorbeugende medizinische Maßnahmen
In jedem Unternehmen hat sich die vorbeugende Medizin noch
immer als das beste Mittel zur Erhaltung der Gesundheit der Arbeitnehmer erwiesen. Dabei geht es um das gesamte Befinden des
Arbeiters auf körperlichem wie auf seelischem Gebiet, und zwar
sowohl im Betrieb als auch zu Hause. Durch die neuzeitlichen
Methoden zur Gestaltung des Arbeitsplatzes ist es möglich geworden, Betriebsunfälle und Berufskrankheiten weitgehend zu reduzieren. Wie eine der "Stiftung für Industrie-Hygiene" angeschlossene Firma berichtet, sind die Betriebsunfälle bei ihr in den
letzten fünf Jahren um 6y/ö zurückgegangen. Das ist keine Ausnahme.
Und die Automatisierung wird Betriebsunfälle und Berufskrankheiten
noch weiter zurückdrängen." Neunzig Prozent der Arbeitsausfälle
entfallen auf andere Krankheiten und Unfälle außerhalb des Betriebes.
Selbst das umfassendste arbeitshygienische Programm wird ein
Unternehmen immer noch weniger kosten als Arbeitsausfälle infolge
Krankheit mit den daraus resultierenden höheren Betriebskosten
durch Einsatz von weniger oder gar nicht geschultem Personal, Verschlechterung der Qualität der Erzeugnisse, höhere Invalidenrenten
und steigende Aufwendungen für Beiträge zur Krankenkasse sowie vieles andere mehr. Die betriebsärztliche Betreuung der Arbeitnehmer
bedeutet keinen Eingriff in die Arbeit der freien Ärzteschaft. Im
Gegenteil, im Rahmen dieser Betreuung werden häufig Schäden und
Krankheiten festgestellt, die andernfalls gar nicht bemerkt und
behandelt worden wären, und diese Fälle werden stets dem Hausarzt
überwiesen.
Arbeitshygiene im automatisierten Betrieb
Wir wollen einmal die arbeitshygienischen Maßnahmen, wie wir
sie bereits in vielen großen Firmen finden, betrachten und dabei
untersuchen, inwieweit sie den Gegebenheiten eines vollautomatisierten Unternehmens entsprechen, welche Änderungen eventuell vorzunehmen und wie diese durchzuführen sind. Allerdings ist dabei zu
beachten, daß wir vorläufig nur über sehr geringe Erfahrungen
hinsichtlich der besonderen Anforderungen an die Arbeitshygiene
verfügen.
ümweltbedingungen
In einem vorbildlichen Betrieb wird die Luft ständig auf
etwaige Verunreinigungen untersucht, und alle Betriebe, in denen
die Arbeiter durch Staub, giftige Dämpfe oder Gase bedroht sind,
unterstehen der laufenden Überwachung der Industriehygieniker.
Etwaige gesundheitsschädigende Eigenschaften aller im Fabrikationsprozeß verwendeten Rohstoffe werden durch biologische Tests
ermittelt. Der Betriebsarzt ist über alle in seinem Werk möglichen
Gefahren für die Gesundheit der Arbeiter genau unterrichtet. Bei
der Konstruktion der Maschinen und der Einrichtung des Lüftungssystems und der Klimaanlage wird streng auf die Einhaltung der
für die Gesundheit des Menschen erforderlichen Normen geachtet.

- 10

�Ebenso wird größte Sorgfalt darauf verwendet, Lärmschäden zu vermeiden und ein optimales Wärmeklima zu schaffen. Wo schädliche Einflüsse nicht ganz ausgeschaltet werden können, sind Schutzkleidung
und Schutzausrüstung für jeden Arbeiter eine Selbstverständlichkeit.
Mit der Automatisierung werden sich viele derartige Probleme
von selbst lösen. Die Arbeiter werden keinerlei giftigen Beimengungen in der Luft mehr ausgesetzt sein, da der Fabrikationsproze2 unter Abschluß von der Außenwelt vor sich geht. Die im Steuerraum tätigen Arbeiter sind von den Räumen, in denen die eigentliche
Fabrikation vor sich geht, vollkommen isoliert, so daß Lüftung,
Temperatur, Feuchtigkeitsgrad und Lärm für sie unerheblich werden.
Auch der Umgang der Arbeiter mit den Rohstoffen entfällt bei der
Automatisierung weitgehend, so daß die Verwendung von Materialien
möglich wird, die bisher wegen der Gefahr chronischer Vergiftung
der Arbeiter nicht benützt werden konnten.
Wenn auch die Automatisierung diese Gefahrenmomente weitgehend
reduziert, da die Arbeiter nicht mehr wie bisher tagtäglich mit giftigen Stoffen zu tun haben, besteht doch nach wie vor die Gefahr
schwerer gesundheitlicher Schädigungen infolge Unterbrechungen im
Fließbandbetrieb oder durch, den Kontakt mit giftigen Substanzen
bei Reparaturarbeiten. In derartigen Fällen ist eine sofortige
Spezialbehandlung erforderlich.
Auch wird es nach wie vor notwendig bleiben, neuartige Erzeugnisse, ehe sie auf den Markt gelangen oder möglichst schon
im Entwicklungsstadium, auf etwaige Giftstoffe zu untersuchen.
Sofern gesundheitsschädigende Eigenschaften nicht ganz ausgeschaltet werden können, müssen besondere Vorschriften für den
Umgang und den Gebrauch derartiger Artikel erlassen werden.
Unfallverhütung
Die Automatisierung wird im allgemeinen zur Steigerung der
Betriebssicherheit führen. In einem vollautomatisierten Betrieb
kommen die Arbeiter hur selten, wenn überhaupt, mit den Maschinen
in Berührung. Auch die Beschickung der Maschinen mit schweren
Materialien wird durch Automaten erfolgen, so daß es nicht mehr
zu körperlicher Überanstrengung und zu Verletzungen, wie Quetschungen und so weiter,kommen kann. In den vollautomatisierten
Abteilungen der "Ford Motor Company" ist beispielsweise die Zahl
der Erkrankungen an Leistenbrüchen um 85,5, zurückgegangen.
Neue Aufgaben der betriebsärztlichen Betreuung
Wichtigste Voraussetzung für eine, sorgfältige Gesundheitsüberwachung in der Industrie ist die Untersuchung durch den Arzt.
Die Gesundheitsbetreuung beginnt mit einer eingehenden Untersuchung
vor Zuweisung des Arbeitsplatzes und schließt regelmäßige Kontrolluntersuchungen und notfalls besondere Einzeluntersuchungen ein.
Die erste eingehende Untersuchung soll nicht nur etwa vorhandene
körperliche Schäden aufdecken, die bei rechtzeitiger Entdeckung
behandelt und ausgeglichen werden können, sie soll auch die geistigseelischen Fähigkeiten des Arbeitnehmers ermitteln, so daß jeder
Arbeiter den seinen körperlichen Fähigkeiten und geistigem Können
entsprechenden Arbeitsplatz erhält.
Die anatomischen oder physiologischen Voraussetzungen, die zur
Arbeit im automatisierten Betrieb erfüllt werden müssen, können
sich natürlich ändern. Sicherlich wird die rein physische Kraft
eine geringere Rolle spielen, so daß es möglich sein wird, zahl- 11 -

�zahlreiche körperbehinderte und ältere Personen wieder in den
Produktionsprozeß einzuschalten.
Regelmäßige KontrollunterBuchungen
Besondere Aufmerksamkeit wird man in Zukunft dem Problem der
Gesundheitsschädigung infolge nervöser Überlastung durch den Beruf
schenken müssen. Bisher haben die Betriebsärzte die auffälligsten
Symptome nervlicher Überbeanspruchung, wie Herzkrankheiten, Hypertonie und Magengeschwüre, meist unter den "Managern" gesucht.
Im Zeitalter der Automatisierung wird die Zahl der hochqualifizierten und akademisch gebildeten Arbeitskräfte erheblich ansteigen. Durch die regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen während der
Anfangsstadien der Automatisierung können die Werksärzte sehr
wertvolles Material über die Belastungen sammeln, denen die Arbeiter gerade in den automatisierten Betrieben ausgesetzt sind. Diese
Untersuchungen bieten die Möglichkeit, hinsichtlich der sich ständig
wandelnden Probleme auf dem Gebiet der Arbeitshygiene auf dem laufenden zu bleiben und die vorbeugende Medizin immer weiter auszubauen.
Der Arbeiter wird in Zukunft keine schmutzigen und schweren
Arbeiten unter unerfreulichen Bedingungen mehr leisten müssen;
die monotonen Verrichtungen, wie sie zum Beispiel in den hochspezialisierten Fabriken am Fließband üblich sind, werden fortfallen.
Andererseits muß er bereit sein, die Anforderungen auf sich zu
nehmen, die höher qualifizierte Aufgpben, wie Unterhalt und Pflege
der Maschinen oder AufSichtsarbeiten, mit sich bringen. Dies wird
sich für manche als eine große Belastung erweisen; doch wird vielen
Arbeitern der Übergang durch Umschulung und Fortbildungslehrgänge
zu erleichtern sein.
Medizinische Aufklärung und Beratung
Eine weitere Aufgabe wird den Betriebsärzten auch aus der
Notwendigkeit erwachsen, die Arbeiter und Angestellten über Unfallverhütung im häuslichen Bereich, Ernährungsfragen und allgemeine
Hygiene aufzuklären, um Krankheiten überhaupt und Unfälle auch
außerhalb des Betriebs zu reduzieren.
Mit der zunehmenden Bedeutung der vorbeugenden Medizin ist
es unbedingt notwendig, daß die medizinischen Fakultäten sich
eingehender mit den Problemen der Arbeitshygiene und der betriebsärztlichen Betreuung der Arbeitnehmer beschäftigen und die zukünftigen Werksärzte auf ihre Aufgaben bei der Durchführung entsprechender Programme in den Betrieben vorbereiten.
"Human Engineering"
Im, Zeitalter der Automatisierung werden sämtliche Mediziner,
Werksärzte wie freiberufliche Ärzte, sich sehr viel eingehender
mit dem Problem der Kräftebeanspruchung durch den Beruf und der
konstitutionellen Leistungsfähigkeit des Menschen beschäftigen
müssen. Die automatischen Maschinen müssen entsprechend den
physiologischen Fähigkeiten des Menschen konstruiert werden.
Zusammenfassung
Die Automatisierung wird dem Menschen einen besseren Platz
in der technischen Welt unserer Tage verschaffen. Der Arbeitsplatz
wird zweifellos sicherer, ungefährlicher und gesünder sein, und

- 12 -

�viele Gefahren wird man vollkommen ausschalten können. Neu auftauchende medizinische Probleme lassen sich lösen, wenn man sich
an die Grundsätze der vorbeugenden Medizin hält und dabei die
Kenntnisse und Methoden der Fachleute auf allen einschlägigen
Gebieten berücksichtigt.
IJuel'e: Monthly

Labor Review
Vol. 79 No. 7

Versicherungsschutz und Versicherungsleistung für die Eisenbahner
Seit Bestehen der staatlichen Alters- und Arbeitslosenversicherung, die im Rahmen des umfangreichen Sozialgesetzwerkes der
Regierung Roosevelt im Jahre 1955 vom US-Kongreß verabschiedet
wurde, haben die Angestellten und Arbeiter der amerikanischen
Eisenbahngesellschaften sowie ihre Familien Unterstützungsleistungen in einer Gesamthöhe von mehr als 5 Milliarden Dollar erhalten. Von dieser Gesamtsumme entfallen auf die Altersversorgung
3,7 Mrd. Dollar, auf die Hinterbliebenenrenten 663 Mio. Dollar,
auf die Arbeitslosenunterstützung 654 Mio. Dollrr und auf Krankengeld- und Geburtenbeihilfen 280 Mio. Dollar.
Diese Zahlen sind in dem letzten Geschäftsbericht des "US.
Railroad Retirement Board" (Verwaltungsbehörde für die Altersversicherung der Eisenbahner) enthalten, der sich nicht nur mit den
finanziellen Leistungen im Geschäftsjahr 1954/55 befaßt, sondern
auch einen interessanten Überblick über die Entwicklung der einzelnen Sozialversicherungssparten und der Versicherungsleistungen seit
1937 gibt.
Bekanntlich sahen die 1935 vom Kongreß verabschiedeten und
1937 revidierten Sozialgesetze zuerst nur Rentenleistungen für
solche Arbeitnehmer vor, die das 65. Lebensjahr erreicht hatten
oder Invalide waren. Später, und zwar im Jahre 1939» wurde dann
die Arbeitslosenversicherung mit einbezogen und 194&amp; der Versicherungsschutz auch auf die zeitweilig nicht Arbeitsfähigen (auf
Grund von Krankheit, Unfall oder Mutterschaft) ausgedehnt. Desgleichen wurden damals die Pensionsleistungen auch auf die Familienmitglieder des Versicherten (Frau, abhängige Kinder oder
Eltern) erweitert.
Während im ersten Jahr der Leistungsaufnahme (1937/38) insgesamt 117 000 Eisenbahner 83 Mio. Dollar an Pensionen erhielten,
waren es im Finanzjahr 1954/55» wie aus der Aufstellung des
"Retirement Board" hervorgeht, über eine Million Versicherte,
die zusammen 755 Mio. Dollar an Renten oder Arbeitslosenunterstützung
erhielten. Von dieser Summe entfielen allein 550 Mio. Dollar auf
Alters- und Hinterbliebenenrenten.
Aber nicht nur die Zahl der Versicherten hat seit der Einführung
der Altersversicherung ständig zugenommen, auch die Leistungssätze
haben sich in diesem Zeitraum bedeutend erhöht. Wä'hrend der durchschnittliche monatliche Unterstützungssatz 1937/38 65 Dollar (nach
Erreichung des vollen Pensionsalters) betrug, machte er im FinanzJahr 1954/55 110 Dollar aus. Diese erhebliche Zunahme ist einerseits durch die beträchtliche Ausweitung des Programms seit 1937
- 13 -

�und andererseits durch die höheren Durchschnittseinkommen der Versicherten bedingt. Von den 1937 in die staatliche Altersversorgung
überführten 48 500 Eisenbahner sind heute, wie aus der Übersicht
weiter hervorgeht, noch 3200 am Leben. Ihre monatliche Durchschnittsrente beträgt 79.17 Dollar.
Eine weitere Erhöhung der Versorgungsleistungen ist am 7« August
dieses Jahres eingetreten, als Präsident Eisenhower das vom Kongreß
verabschiedete verbesserte Rentengesetz unterschrieb, durch das die
Einkünfte von rund 400 000 der insgesamt 65O 000 Versorgungsberechtigten des "Railroad Retirement Board" um 10/S erhöht werden.
Auch die Leistungen aus der 1947 aufgenommenen HinterbliebenenVersicherung haben sich ähnlich wie die Rentenleistungen in den letzten
8 Jahren erheblich erhöht. Sie lagen 1955 um 57 Dollar über den Sätzen
von 1947 (24 Dollar gegenüber 1950). Die höchste Unterstützungssumme, die im Rahmen dieser Versicherung ausgezahlt wurde, belief
sich auf 200 Dollar (195C - 108 Dollar).
VJas für die beiden eben erwähnten Versicherungsarten gesagt
wurde, trifft auch weitgehend für die Arbeitslosenversicherung zu.
Gegenüber den durchschnittlichen wöchentlichen Unterstützungsleistungen im Jahre 1939/40 lagen die Sätze im Finanzjahr 1954/55 rund
viermal so hoch. Die höchste Zahl der Arbeitslosenunterstützung
empfangenden Eisenbahner wurde mit 47O 000 1949/50 verzeichnet,
die niedrigste mit 5000 im Kriegsjahr 1943/44«
'«Veniger Schwankungen unterworfen dagegen war die Zahl der
Krankengeld empfangenden Eisenbahner. Der Spitze von 151 000 (1948/49)
steht das Tief von 130 000 im Jahre 1951/52 gegenüber. Desgleichen
blieb die Zahl der Wochenbeihilfen für weibliche Arbeitnehmer in
all den Jahren ziemlich konstant. Sie bewegte sich bei rund 4000
pro Jahr.
Zum Schluß noch einige Hinweise über die verschiedenen Sozialleistungen, wie sie im "Railroad Retirement Act of 1937" festgelegt
wurden.
Danach erhalten die bei den amerikanischen Eisenbahngesellschaften angestellten Arbeitnehmer eine Altersrente, wenn sie
1) das 65. Lebensjahr erreicht und eine Mindestdienstzeit von
10 Jahren nachweisen;
2) 60 Jahre alt sind und 30 Jahre tätig waren;
3) Vollinvalide sind.
Die Rentenhöhe errechnet sich nach der Zahl der Dienstjahre und
des Durchschnittsverdienstes des Versicherten, der bis zum 30. Juni
1954 bis zu einer Höhe von 300 Dollar (Versicherungspflichtgrenze)
und danach bis zu 350 Dollar pro Monat in Anrechnung gebracht wird.
Der höchste Rentensatz, für den eine Dienstzeit seit 1. Januar 1937
bis Juni 1954 erforderlich ist, beträgt dabei 165,60 Dollar monatlich.
Die Mittel für die Altersversicherung werden durch gleichhohe
Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgebracht, die zusammen
6,25/^ der Gesamtlohnsumme (bis zu 350 Dollar im Monat) abzuführen
haben. Die Arbeitslosenversicherung dagegen wird ausschließlich von
den Unternehmern finanziert.

- 14 -

�Beide Programme werden durch das "Railroad Retirement Board"
verwaltet, das 1935 durch Gesetz geschaffen wurde. Es setzt sich
aus drei vom Präsidenten ernannten Mitgliedern zusammen.
Quelle: Eigenbericht

Die Unterstützungsleistungen eines Wohlfahrtsfonds
Welch eine Bedeutung die privaten, in der Regel ausschließlich
vom Unternehmer finanzierten Wohlfahrtspläne in den Vereinigten Staaten heute auf sozialpolitischem Gebiet erreicht haben, zeigt eine
Aufstellung der Maschinistengewerkschaft über die im vergangenen Jahr
an ihre Mitglieder ausgezahlten Unterstützungsleistungen.
Danach erhielten die 6220 anspruchsberechtigten Mitglieder
des Gewerkschaftsbezirkes 9 (St. Louis) 1955 insgesamt 1 300 242
Dollar ausgezahlt. Für bisher noch nicht angemeldete Forderungen
wurden ferner noch 310 471 Dollar bereitgestellt.
Der Wohlfahrtsplan dieser Gewerkschaft umfaßt insgesamt
15 022 Mitglieder, die in 90 Prozent der insgesamt 1290 Betriebe
dieses Gebietes beschäftigt sind.
Y/ie aus der übersieht weiter hervorgeht, wurden im vergangenen
Jahr für die Verwaltung des V/öhlfahrtsfonds nur 1 ,88 Prozent des gesamten Fondskapitals aufgewendet. Das dürfte, nach Ansicht der- Treuhänder, die diesen Bericht zusammenstellten, der niedrigste Satz in
den gesamten USA sein.
Vom besonderen Interesse ist auch die Gliederung der verschiedenen Leistungen, die durch den Fonds im vergangenen Jahr aufgebracht
wurden. Danach wurden 1955 261 895 Dollar für Unfall- und Krankheitsbeihilfen bereitgestellt, 610 790 Dollar für Krankenhausaufenthalt,
224 594 Dollar für Operationskosten und 122 000 Dollar für Lebensversicherungen ausgegeben. Der Rest verteilt sich auf verschiedene
Leistungen.
Quelle: Eigenbericht

Niedrigste Unfallrate im Juni
Die bisher niedrigste Unfallrate überhaupt wurde in der amerikanischen Fertigungsindustrie im Juni dieses Jahres erzielt. Auf
jede Million geleisteter Arbeitsstunden kamen dabei nur 12 Unfälle,
wie das Amt für Arbeitsstatistik im US-Arbeitsministerium in seiner
jüngsten Übersicht über die Unfallhäufigkeit in der amerikanischen
Industrie mitteilte.
Die Durchschnittsrate für das zweite Vierteljahr 1956 verminderte
sich damit auf 11,9 Unfälle je eine Million Arbeitsstunden und ist
dadurch ebenfalls die niedrigste, die bisher in diesem Monat verzeichnet wurde. Obwohl auch für die ersten seChs Monate dieses Jahres

- 15 -

�eine Durchschnittsrate von nur 11,9 Prozent festgestellt wurde, liegt
diese im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres etwas höher.
Wie aus der Übersicht weiter zu entnehmen ist, lag die industrielle Unfallrate am 1. Juli dieses Jahres bei 106 von insgesamt
155 Industriezweigen entweder auf oder unter dem Vorjahrsniveau.
Bei 38 dieser Branchen ging die Unfallhäufigkeitsrate dabei gegenüber dem ersten Halbjahr 1955 UI&amp; einen vollen Punkt oder mehr zurück. Nur aus 29 Industriezweigen wurden im Vergleich zu 1955 erheblich höhere Unfallraten gemeldet.
Die größten Fortschritte in der Unfallbekämpfung wurden in diesem
Jahr bisher von der Sperrholzindustrie verzeichnet, die einen Rückgang der Unfallhäufigkeit von 31,1 Unfälle auf je eine Million Arbeitsstunden im Jahre 1955 auf 22,6 im ersten Halbjahr 1956 aufweist. Ebenso eindrucksvoll ist auch der Rückgang in der Druckund Flüssigkeitsgasindustrie, wo eine Abnahme von 13 auf 5,4 eintrat.
Zu den 19 Industriezweigen (im Vorjahr 14) mit einer extrem
niedrigen Unfallrate (unter fünf) gehören dem Bericht des US-Arbeitsministeriums nach insbesondere die Chemifaserindustrie, die Hersteller
von Nachrichtengeräten aller Art, die Fabriken zur Herstellung synthetischen Kautschuks, die Flugzeug-, Radioröhren- und die AutoelektroZubehörindustrie.
Quelle: Eigenbericht

- 16 -

I I OCT • • • 0 1 1 0 t • 7 . 4 U

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar.
Dieses Bulletin enthält Material über Arbeitsbeziehungen, Gewerkschaftsprobleme und allgemeine
Probleme des Arbeiters in der modernen Gesellschaftsordnung. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Herausgeber:
A m t f f l r Arbeitsinformatlonen
USIS Press Division
Mehlem, Mehlemer Aue
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

IX - 18

Mehlem, den 1. Dezember 1956
INHALTSVERZEICHNIS

U.S.-Senat8ausachuß untersuchte private Wohlfahrtsund Pensionspläne

Seite

1

Lebensansprüche und Lebensstandard der arbeitenden
Bevölkerung in den amerikanischen Städten

Seite

7

Neue wichtige Lohnabkommen in der ÜS-Industrie....

Seite

15

Bergarbeiter-Sozialfonds legte Leistungsbericht
vor

Seite

16

Arbeitszeit nach Wunsch

Seite

16

Gewerkschaftliche Kurznachrichten

U.S.-SenatsauBschuß untersuchte private Wohlfahrts- und Pensionapläne
Ein Bundesgesetz, das die Unternehmer zur Erteilung von Auskünften
über die private betriebliche Sozial- und Altersversicherung verpflichtet
und so die berechtigten Intereaaen der veraicherten Arbeiter wahren hilft,
wurde vom 0nterau8achuß dea Ü.S.-Senata für SozialverBicherungafragen
in einem Bericht an den Senat gefordert. Dieaer Bericht faßt die Ergebnisse einer zweijährigen Unterauchung zusammen, in der geklärt werden
8ollte, wie die private betriebliche Sozial- und Alteraveraicherung
gehandhabt wird. Der Unterauaschuß betont in seinem Bericht mehrmala,
daß die meiaten derartigen Veraicherungapläne Zeugni8 für daa Verantwortung8bewußt8ein der Unternehmer ablegen und in Übereinstimmung mit
den Grundsätzen von Recht und Billigkeit verwaltet werden. Der Unterausschuß wies aber auch darauf hin, daß kaum damit zu rechnen aei, daß
die featgeatellten Mißbräuche, Schwierigkeiten und Schwächen von den
entsprechenden Betrieben von sich aua abge8tellt werden.
Umfang der Versicherung
Ende 1954 waren rund 75 Millionen Menschen - 29 Millionen Arbeiter
mit ihren rund 46 Millionen Angehörigen - in der einen oder anderen Form

�durch eine betriebliche Sozial- und Alteraversicherung gedeckt.
Wie groß der Personenkreis ist, der bei den verschiedenen Sparten
der betrieblichen Sozialversicherung erfaßt wird, ist aus der nachstehenden Tabelle ersichtlich:
Arbeitnehmer
Zahl
(in Mill.)

Prozents.
sämtlicher
Werktätiger

Angehörige
(in Mill.)

Insgesamt

Sozialversicherung:
Lebens- und Sterbegeldversicherung

29,5

Unfalltod- und
Invaliditätsvers.

14,0

Vorübergehende
Invaliditätsvers.

23,2

43,6

Krankenhauskostenversicherung

31,3

59,0

44,3

75,,6

Operationskostenversicherung

28,3

53,0

39,0

67,3

Arztkostenvers.

17,3

52,0

21,4

38:,7

Altersvers.

12,5

23,0

55,0

1,1

30,,6

^^

14,,0
23,,2

Seit 1940 und vor allem seit 1945 hat die Zahl dieser privaten
Wohlfahrts- und Altersrentenversicherungspläne ganz erheblich zugenommen. Etwa 60';'o der von der Altersversicherung und etwa 40% der
von der Sozialversicherung in ihren verschiedenen Formen erfaßten
Arbeitnehmer verdanken diesen zusätzlichen Versicherungsschutz den
von Unternehmern und Gewerkschaften gemeinsam ausgehandelten Tarifverträgen.
Im Jahre 1954 beliefen sich die Unternehmerbeiträge zu allen
derartigen Versicherungsprogrammen auf insgesamt 4,5 Milliarden
Dollar, die Beiträge der Arbeitnehmer auf insgesamt 2,3 Milliarden.
Die Reserven der betrieblichen Altersversicherungen bewegten sich
zwischen 20 und 25 Milliarden Dollar.
Umfang der Untersuchung
Die Untersuchung des Senatsausschusses wurde durch Präsident
Eisenhower in seiner Kongreßbotschaft vom 11. Januar 1954 ausgelöst
und begann im Mai 1954 mit einer eingehenden Oberprüfung von 29 privaten Versicherungsplänen, die durch Kollektivverträge geschaffen
worden waren und von beiden Sozialpartnern gemeinsam verwaltet werden.
Das bei den Informationssitzungen vom März und April 1955 gesammelte
Material und die in den ersten Stadien der Untersuchung gesammelten
Erfahrungen veranlaßten den Ausschuß, seine Untersuchungen auch auf
die Altersversicherung und die von jeweils nur einem der beiden

- 2 -

�Sozialpartner verwalteten Sozialprogramme auszudehnen sowie außerdem
industrieweite und auch andere Arten von Versicherungsplänen zu untersuchen.
Die Überprüfung erstreckte sich auf Sozial- und Altersversicherungsprogramme in der Stahl- und Automobilindustrie, im Kohlenbergbau, in der Bekleidungsindustrie, in der Elektroindustrie und
im Kraftwagentransportgewerbe.
Verschiedene Bundesbehörden wurden ferner um Auskunft ersucht,
inwieweit sie auf Grund bestehender Bundesgesetze eine Aufsichtsbefugnis über betriebliche Sozial- und Altersversicherungen ausüben.
Die einschlägigen Gesetze des Bundes und der Einzelstaaten wurden
daraufhin untersucht, inwieweit sie auf private Sozial- und Altersversicherungen anwendbar sind und eine ordnungsgemäße treuhänderische
Verwaltung, versicherungsstatistisch gerechtfertigte Geschäftspraktiken und den Schutz der Arbeitnehmer sicherstellen.
Der Ausschuß untersuchte ferner eine Reihe derartiger Versicherungen auf ihre Organisationsform, wobei drei Typen - vom Betrieb
verwaltete, von Arbeitgebern und Arbeitnehmern gemeinsam verwaltete
und von den Gewerkschaften verwaltete Versicherungen - zu unterscheiden sind. Das weiteren wurde das Geschäftsgebaren von Versicherungsgesellschaften und Banken überprüft, die als Träger und Verwalter
von Gruppenversicherungen und Altersversicherungsfonds auftreten.
Darüber hinaus interviewten die Mitarbeiter des Unterausschusses
zahlreiche Vertreter der Industrie, der Gewerkschaften, des Versicherungs- und Bankwesens sowie anderer Wirtschaftszweige.
Folgerungen
Der Unterausschuß kam zu dem Schluß, daß die immer größere
Verbreitung solcher privater Sozial-, Kranken- und Altersversicherungen
und die Frage nach der Verwendung dieser steuerfreien Gelder der Regierung eine große Verantwortung aufbürde. Sie müsse deshalb für eine
ordentliche Verwaltung dieser Versicherungsfonds Sorge tragen und
die Rechte und Interessen sowohl der Versicherungsnehmer als auch der
Öffentlichkeit schützen.
Der Unterausschuß zeigte sich nicht überrascht, daß die Untersuchungen Anbetracht der großen in den Fonds angesammelten Summen und
wegen des Fehlens einer entsprechenden Aufsicht Beweise dafür brachte,
daß eine kleine Minderheit skrupelloser Menschen sich derartige Geldmittel aneignete, und daß eklatante Formen des Mißbrauchs aufgedeckt
wurden.
Daß die größte Zahl derartiger Programme korrekt verwaltet wird,
stellt keinerlei Entschuldigung für die festgestellten Mißbräuche, Unregelmäßigkeiten und anderen Unzulänglichkeiten dar. Die Tatsache, daß
es überhaupt zu Veruntreuungen und Betrügereien hat kommen können, zeigt,
daß das gegenwärtige Fehlen entsprechender Kontrollen Mißbräuche begünstigt."
Auf Grund seiner Untersuchungen gelangte der Unterausschuß ferner
zu dem Schluß, daß "diese Arbeitgeber-Arbeitnehmerversicherungen ...
wirklich im Einklang mit der gegenwärtigen Gesetzgebung auf der Basis
verwaltet werden, daß die vom Betrieb geleisteten Beiträge ihrem
Wesen nach Teil des Arbeitsentgeltes sind oder, um es einmal anders
zu fassen ..., daß die Lohnkosten für den einzelnen Arbeitnehmer
größer sind als die an ihn ausbezahlte Lohnsumme ... Nach unseren
Untersuchungsergebnissen hat man aber daraus nicht die Folgerung
gezogen, daß die Arbeitnehmer demgemäß auch ein Anrecht haben, zu
erfahren, welche Kosten das Programm verursacht, wie die Mittel
verausgabt, die Rücklagen sichergestellt und die ganzen Programme
verwaltet werden ..."

- 5-

�Bei zahlreichen der schlimmsten Mißbrauche, die der Unterausschuß in der Verwaltung solcher Versicherungsfonds feststellte, ist
die Ursache in gewissen Versicherungspraktiken zu suchen: hohe
Kommissionen, übermäßige Verwaltungsgebühren, hohe Rückstellungen
seitens der Versicherungsgesellschaften, ungleichmäßige Behandlung
der Versicherungsnehmer und skrupelloses Geschäftsgebaren der Versicherungsmakler und -agenten.
Mittel aus der Sozial- und Altersversicherung wurden auch durch
eine unfähige Verwaltung zum Teil vorsätzlich und zum Teil fahrlässig verschwendet. In vielen Fällen wurden versicherungsmathematische Grundsätze und die Frage nach der Anlagemöglichkeit dieser
Gelder nicht genügend beachtet, Dinge, ohne die sich eine solche
Versicherung niemals mit Erfolg betreiben läßt.
Empfehlungen
Gesetzliche Offenlegungspflicht
Der Unterausschuß kam zu der Auffassung, daß der Erlaß eines
Bundesgesetzes über die Offenlegung der wirtschaftlichen Verhältnisse betrieblicher Sozial- und Altersversicherungen notwendig sei.
In dem Bericht des Ausschusses heißt es unter anderem: "Erstes Ziel
ist die Sicherstellung der Stabilität privater Sozial- und Altersversicherungen nicht nur für die Gegenwart, sondern auf lange Sicht,
ohne daß sie dadurch ihres freiwilligen Charakters entkleidet oder
aus den Kollektivverträgen herausgelöst werden."
Zu diesem Zweck untersuchte der Unterausschuß, welche Möglichkeiten für einen Schutz der Rechte der Versicherungsnehmer gegeben
sind. Er nannte drei solche Möglichkeiten:
1. Eine Regelung durch neue einzelstaatliche Gesetze}
2. eine gesetzliche Auflage, die es den betreffenden Verwaltungen
zur Pflicht macht, ihre Bücher regelmäßig "überprüfen zu lassen und
sämtlichen Versicherungsnehmern Bericht zu erstatten; und
J. eine vollkommene Überwachung aller einschlägigen Versicherungsfonds durch die Bundesregierung.
Was den ersten Lösungsvorschlag angeht, gelangte der Unterausschuß zu der Ansicht, daß nicht damit zu rechnen sei, daß sämtliche
48 Staaten innerhalb absehbarer Zeit einheitliche Gesetze erlassen
würden, die die Interessen und Rechte dieser Versicherungsnehmer
zu schützen geeignet sind.
Eine amtliche Registrierung aller derartiger Versicherungsfonds
bei einer Bundesaufsichtsbehörde und eine regelmäßige Berichterstattung an diese wurde als der einfachste Weg bezeichnet, die gegebenen Mißstände abzustellen, wobei es den Einzelstaaten überlassen
bliebe, den Aufgabenbereich der Treuhandverwaltung abzustecken und
im übrigen verschärfte Versicherungsbestimmungen zu erlassen und
durchzuführen.
Der Unterausschuß schlägt deshalb ein Bundesgesetz über die
Registrierung, Berichterstattung und Offenlegung vor, unter das
sämtliche Formen der privaten Sozial- und Altersversicherung fallen
sollen. Nach dem Vorschlag des Unterausschusses sollte das Gesetz

-4 -

�zunächst auf drei Jahre begrenzt sein. Die Aufsichtsbehörde würde
nach diesem Vorschlag dem Kongreß nach Abschluß der ersten beiden
Jahre ihrer Tätigkeit einen Bericht über die gesammelten Erfahrungen
unterbreiten, der auch Empfehlungen über die Beibehaltung, Vereinfachung oder Modifizierung des entsprechenden Gesetzes enthalten
soll, so daß der Kongreß noch vor Auslaufen des Gesetzes entsprechende Maßnahmen ergreifen kann.
Nach dem Gesetz wären sämtliche Sozial- und Altersversicherungen,
an denen 25 oder mehr Arbeiter und Angestellte beteiligt sind, verpflichtet, sich innerhalb 90 Tage nach Inkrafttreten beziehungsweise der
Neueinrichtung registrieren zu lassen. Bei der Registrierung sind Auskünfte über Größe und Art der Versicherung und darüber, ob sie auf
Grund von Kollektiwereinbarungen eingerichtet wurde, zu erteilen.
Bei allen derartigen Versicherungen mit mehr als 100 Versicherungsnehmern, gleichgültig, ob es sich um die Privatversicherung eines einzelnen Betriebs, um Versicherungen, die auf einer gemeinsamen Basis
mit anderen derartigen Versicherungen betrieben werden (etwa über eine
gemeinsame Zentrale oder Verwaltung) oder um gewerkschaftlich verwaltete Versicherungsfonds handelt, werden detaillierte Jahresberichte
über die Finanzlage mit Angaben über Zahlungseingänge, Ausgaben, Leistungen und Rückstellungen sowie über die Beitragseingänge seitens
der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gefordert. Diese Jahresberichte sollen
sich "auf eine Buchprüfung gemäß den allgemein anerkannten Normen für
Rechnungsprüfungen stützen, den Versicherungsnehmern zugängig gemacht
werden und von einem staatlich bestellten Bücherrevisor beglaubigt sein."
Versicherungen mit mehr als 25, aber weniger als 100 Versicherungsnehmern würden nach dem Gesetz gezwungen sein, der Aufsichtsbehörde
im Jahr einmal oder in noch größeren Zeitabständen, so wie diese dies
zur Erreichung der Zielsetzungen des Gesetzes für notwendig erachtet,
Bericht zu erstatten.
Zusätzlich zu den Informationen über das Finanzgebaren sollte
den Jahresberichten auch eine Namensliste sämtlicher Treuhänder und
Verwaltungsbediensteter mit Angaben darüber angeschlossen werden, ob
sie als Vertreter der Betriebsführung, der Belegschaft oder Gewerkschaften bestellt sind. Desgleichen soll der Bericht eine Aufstellung über die bezahlten Löhne und Vergütungen enthalten, aus der zu
entnehmen ist, welche Beträge für welche Zwecke und an wen ausbezahlt wurden.
Sofern die betriebliche Versicherung über eine private Versicherungsgesellschaft abgewickelt wird, sollen in dem Bericht auch
Angaben über Tarife, entrichtete Beiträge, Gesamtforderungen und
Dividenden enthalten sein, sowie Ausgaben über Kommissionen und
Vergütungen, die an Vermittler und Agenten ausgezahlt wurden.
Für Sozialversicherungen und Treuhand-Altersversicherungen
wären folgende Informationen zu fordern:
1. Höhe der angesammelten Gelder und Art ihrer Anlage mit
Angaben über die ursprünglich investierten Beträge beziehungsweise
des gegenwärtigen '.Vertes der entsprechenden Investitionen sowie eine
Aufschlüsselung der Gesamtinvestitionen, aus der der Prozentsatz
jeder einzelnen Investition aus den angesammelten Mitteln des Fonds
hervorgeht;

- 5-

�2. ähnliche Angaben wie unter 1. im Falle von Investitionen in
Wertpapieren oder Immobilien, sofern diese 5?o der angesammelten
Mittel übersteigen; und
3. ursprüngliche Aufwendungen, derzeitiger Wert und Prozentsatz
der hierfür verwendeten Mittel des Gesamtfonds im Falle von Investitionen in Wertpapieren oder Immobilien eines der Beteiligten.
Von Altersversicherungen, die aus einem Fonds bestritten werden,
sind in dem Bericht Angaben über Art und Rechtsgrundlage des Fonds,
die Gesamthöhe der von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern geleisteten
Beiträge, die bisherigen und derzeitigen Verbindlichkeiten aus
fälligen Leistungen, die versicherungsmathematischen Grundlagen
sowie die Zahl der erfaßten Arbeitnehmer - sowohl der noch berufstätigen als auch der bereits pensionierten - zu machen. Im Falle
einer Pauschalversicherung bei einem gewerblichen Versicherungsunternehmen müßte der Bericht Angaben bezüglich der angesammelten
Reserven sowie über Art und Rechtsgrundlage der Finanzierung und so
weiter geben.
Im Falle einer Altersversorgung, die nicht Versicherungscharakter trägt und nicht durch regelmäßige Beiträge aufgebracht wird, soll
Auskunft über die während des Berichtszeitraums geleisteten Zahlungen
an pensionierte ehemalige Mitarbeiter, die Zahl der pensionierten
Personen, Höhe der Rückstellungen in der Bilanz, statistische Grundlage vertraglicher Verbindlichkeiten und die Finanzlage der Gesellschaft beziehungsweise des Arbeitgebers während des letzten Finanzjahres erteilt werden.
Bei Verwirklichung dieser Empfehlungen ist mit einem Eingang
von schätzungsweise 40 000 Jahresberichten zu rechnen, eine Zahl,
in der Betriebe aus fast allen Sektoren der Wirtschaft eingeschlossen wären und die sich von der einzusetzenden Aufsichtsbehörde durchaus bewältigen ließe.
Der Unterausschuß weist in seinen Empfehlungen nachdrücklich
darauf hin, daß die Angaben aus den Jahresberichten auch den Versicherungsnehmern zugänglich gemacht werden. Die Jahresberichte sollten
bei der Aufsichtsbehörde zur freien Einsichtnahme aufgelegt und
darüber hinaus in zusammengefaßter Form allen Versicherungsnehmern
persönlich überreicht oder durch die Post zugestellt werden.
Strafbestimmungen
Nach Auffassung des Unterausschusses sind strenge Strafbestimmungen notwendig, um "gesetzwidrige und vorsätzliche Abzweigung
von Mitteln aus solchen Sozialversicherungsfonds"sowie auch "vorsätzliche Verletzung oder Nichtbeachtung der Bestimmungen des Gesetzes oder vorsätzliche falsche Erklärungen, Darstellung oder Auslassungen sachdienlicher Informationen" ahnden zu können.
Die Aufsichtsbehörde
Der Unterausschuß hat sich nicht klar darüber ausgesprochen,
welche Behörde als Aufsichtsbehörde fungieren solle, scheint es
aber für das günstigste zu halten, die "Bundeseffekten-Börsenaufsichtsbehörde im Hinblick auf ihren organisatorischen Aufbau und

- 6-

�ihre anerkannten Erfolge in der Verwaltung von Gesetzesbestimmungen,
die eine Offenlegung fordern",mit dieser Aufgabe zu betrauen.
Er stellte aber auch eine Übertragung dieser Befugnisse an das
Arbeitsministerium, das Ministerium für
Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialfragen, die Bundessteuerverwaltung oder an
eine neu zu schaffende Behörde zur Diskussion.
Beirat
Der Unterausschuß unterbreitete ferner eine Empfehlung ütjer
die Schaffung eines aus 13 Personen zu bildenden Beirates, der
der Aufsichtsbehörde bei der Verwaltung des Gesetzes zur Seite
stehen solle. Im einzelnen würden dem Beirat angehören: 3 Arbeitnehmer-Vertreter, 2 Arbeitgeber-Vertreter, ein Vertreter des
Versicherungsgewerbes, ein Vertreter des Bankwesens, 3 Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben sowie kraft ihres Amtes
der Arbeitsminister, der Minister für Gesundheits-, Erziehungsund Sozialfragen und der Leiter der Bundessteuerverwaltung.

(Aus "Monthly Labor Review")
Vol. 79 Wo. 7

» • • • «
Faith M. Williams, Mitarbeiter der Abteilung Wirtschaftsfragen im
Bundesamt für Arbeitsstatistik
Lebensansprüche und Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung
in den amerikanischen Städten
Der erhebliche Anstieg der Einkommen der Lohn- und Gehaltsempfänger in den amerikanischen Großstädten seit Ende der drei-_
ßiger Jahre und der damit verbundene große Wandel in den Verbrauchergewohnheiten sind seit langem schon Gegenstand eingehender
Untersuchungen und Analysen. Bis in die jüngste Zeit hinein allerdings hat es an einem Maßstab für die Beurteilung ihres spezifischen Einflusses auf die Kaufgewohnheiten gefehlt. Eine eingehende
Untersuchung der Ausgaben von Lohn- und Gehaltsempfängern in den
Großstädten im Jahre 1950» deren Auswertung inzwischen vorliegt,
gestattet nunmehr einen Vergleich der Aufwendungen in jenem Jahr
mit denen aus der Zeit von 1934/36. Hieraus lassen sich wiederum
Schlüsse auf den Wandel der Lebensansprüche sowie auf die Löhne
und Beschäftigungsbedingungen ziehen.
Ursachen und Auswirkungen des Anstiegs des Arbeitsverdienstes
Im Durchschnitt lagen die Gesamtarbeitsverdienste und damit
auch die Kaufkraft der Lohn- und Gehaltsempfänger in den Städten
im Jahre 1954 etwa doppelt so hoch wie 1939« Bei Familien, die
in ihrem Unterhalt ausschließlich auf Arbeitsverdienste angewiesen
sind, lag die Kaufkraft 1954 sogar noch etwas über dem Doppelten
der Vergleichszahl von 1939« Somit konnten die Lohn- und Gehaltsempfänger insgesamt eine erhebliche Steigerung ihres tatsächlichen
Lebensstandards verzeichnen.

- 7-

�Hinzu kommt noch eine Verkürzung der Arbeitszeit; arbeitet doch
heute der größte Teil der städtischen Bevölkerung fünf Tage in der
Woche. Die Mehrzahl der Arbeiter hat Anspruch auf eine Woche bezahlten Urlaub, ein erheblicher Prozentsatz sogar auf zwei oder mehrere
Wochen. Der Anstieg des Lebensstandards in der Gruppe der Lohn- und
Gehaltsempfänger brachte diesem Personenkreis nicht nur zahlreiche
Annehmlichkeiten ein, sondern wirkte sich auch sehr günstig auf den
Gesundheitszustand aus.
Dieser Anstieg der Arbeitsverdienste seit Ende der dreißiger
Jahre hat verschiedene Ursachen. Zu Beginn des Vergleichszeitraums
wurden die Arbeitsverdienste noch stark durch schwankende Beschäftigungszeiten beeinträchtigt. Im Jahre 1939 waren durchschnittlich
17 afi sämtlicher Arbeitskräfte arbeitslos oder im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Regierung beschäftigt. Nach 1950 ist die
Arbeitslosigkeit nie über einen Jahresdurchschnitt von 5 i° hinausgegangen, und die Regierung brauchte keinerlei derartige Notstandsprogramme einzurichten. Dabei hat der prozentuale Anteil der Arbeitskräfte an der Gesamtbevölkerung inzwischen sogar noch zugenommen, da die Nachfrage nach Arbeitskräften sowohl für ganztägige als
auch stundenweise Beschäftigung einen größeren Prozentsatz an Jugendlichen unter 19 und an Frauen über 35 zum Eintritt ins Berufsleben
veranlaßt hat. Eine weitere Ursache liegt darin, daß eine Verlagerung
in der Güternachfrage im Verein mit dem technischen Fortschritt eine
Umschichtung in der Beschäftigtenzahl in den verschiedenen Wirtschaftsgruppen ausgelöst hat, in deren Verlauf ein weit größerer Prozentsatz
von Arbeitskräften nach Industrien mit höheren Lohnsätzen abwanderte.
Ohne diese Verschiebung in der Verteilung der Arbeitskräfte auf die
verschiedenen Wirtschaftsgruppen in der Zeit von 1939 bis 1954 wäre
der Durchschnittslohn 1954 um mindestens 5$ hinter dem tatsächlich
erreichten Satz zurückgeblieben.
Die Stundenlöhne sind in diesem Zeitabschnitt weit stärker gestiegen als die Preise, die die arbeitende Bevölkerung für 'Aaren
und Dienstleistungen bezahlen muß. Die Zunahme der Kaufkraft des
Nettowochenlohns eines verheirateten Arbeiters mit zwei Kindern in
der Fertigungsindustrie gegenüber 1939 betrug im Jahre 1955 bei
Berücksichtigung des Anstiegs der Verbraucherpreise, der Bundessteuern und -abgaben sowie der Aufwendungen für Sozialversicherung

55£.
Diese erhöhte Kaufkraft ist die Folge der bemerkenswerten Steigerung der Produktivität in der gesamten Wirtschaft. Das Bundesamt
für Arbeitsstatistik vertritt die Auffassung, daß die technische
Entwicklung als eine der Hauptursachen für die rund dreißigprozentige
Steigerung des Warenausstoßes pro Arbeiter und Stunde von 1939 bis
1953 anzusehen ist. Nach seinen Schätzungen stieg die Produktivität
in den Jahren 1954 und 1955 Um weitere 10$. Sofern die Entwicklung
nicht durch einen Krieg in eine andere Richtung gedrängt wird, ist
mit einer weiteren Zunahme des Ausstoßes pro Mann und Stunde zu
rechnen, die zwar nicht so groß sein dürfte wie 1954/55» aber doch
mindestens dem Durchschnitt der Jahre von 1939 bis 1953 entsprechen
wird.
Es erhebt sich die Frage, ob die zu erwartende Steigerung der
Produktivitätsrate der arbeitenden Bevölkerung mehr Freizeit bringen
oder sich lediglich dahingehend auswirken wird, daß noch mehr Waren
und Dienstleistungen gekauft werden. Aus dem Zahlenmaterial des

- 8

�Bundesamtes für Arbeitsstatistik über die Verlagerung der Verbraucherkäufe geht hervor, daß Lohn- und Gehaltsempfänger in der ersten
Hälfte des Jahres 1950 einen mindest ebenso hohen Anteil ihres Einkommens für den Erwerb von Waren und Dienstleistungen aufgewendet
haben wie während der dreißiger Jahre, wobei zu berücksichtigen ist,
daß ihre Arbeitsverdienste im allgemeinen höher lagen.
George Meany, der erste Vorsitzende des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO,hat einmal darauf hingewiesen, daß die Gewerkschaften bis zum Jahre 1980 eine Herabsetzung der Arbeitszeit
auf wöchentlich 30 Stunden erstreben. Bei Kollektivverhandlungen
haben die Gewerkschaften in der Nachkriegszeit wohl die Forderungen
der Arbeiterschaft nach längerem bezahlten Urlaub geltend gemacht,
im allgemeinen aber mehr Nachdruck auf eine Erhöhung des Nettoeinkommens als auf eine Reduzierung der Arbeitsstunden auf weniger
als 40 Stunden pro Woche gelegt.
Der Wandel der Lebensansprüche
Die erhöhten Lebensansprüche gegenüber 1939 sind auf eine
Vielzahl von Veränderungen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet
zurückzuführen und haben ihrerseits wiederum die Wirtschaft und die
sozialen Verhältnisse beeinflußt. Die rasch voranschreitende technische Entwicklung hat dem Verbraucher nicht nur viele neue Gebrauchsgüter beschert, sondern auch dazu geführt, daß viele Waren, die früher
nur begüterten Schichten erschwinglich waren,nunmehr auch von Lohnund Gehaltsempfängern erworben werden können. Mit zunehmender Verbreitung der Bildung auch unter der Masse der Werktätigen erwachte
auch in diesen Kreisen der Wunsch nach besseren Wohnverhältnissen.
Die Lebensansprüche des Arbeiters wurden ferner von der in den
dreißiger Jahren allmählich wieder einsetzenden Landflucht beeinflußt. Die Landarbeiter, die bis dahin in verhältnismäßig strenger
Isolation gelebt hatten, begannen in zunehmender Zahl aus den Agrargebieten nach den Städten abzuwandern, die ein höheres Durchschnittseinkommen und ganz andere Verbrauchergewohnheiten aufwiesen. Darüber
hinaus brachte es der zweite Weltkrieg mit sich, daß viele Frauen
erstmals in Fabriken und Büros arbeiteten, dort die Lebensgewohnheiten anderer Menschen kennenlernten und daraufhin ihre eigenen
Lebensgepflogenheiten änderten, in der '//eise nämlich, daß sie selbst
höhere Ansprüche bezüglich der Ernährung, Kleidung sowie des Wohnens
und der Ausstattung des Haushalts zu stellen begannen.
Der Anstieg des durchschnittlichen Realeinkommens der städtischen Familien, die ihren Lebensunterhalt aus dem Arbeitsverdienst
bestreiten, hat die Lebensansprüche, die Vorstellung nämlich davon,
was und wieviel an Verbrauchsgütern zum "normalen" Leben nötig ist,
heraufgeschraubt. Der Zusammenhang zwischen höheren Reallöhnen und
höheren Lebensansprüchen und deren Auswirkungen auf den Sparwillen
geht aus einer Untersuchung über die Spartätigkeit in den Vereinigten
Staaten von 1897 bis 1952 hervor, die Dorothy S. Brady unter dem
Titel "Family Savings in Relation to Changes in the Level of Distribution of Income"*)(Die Spartätigkeit und ihre Zusammenhänge mit den

1}
Enthalten in "Studies in Income and Wealth", Band 15, National
Bureau of Economic Research, New York, 1952.

-9 -

�Veränderungen der Einkommenshöhe und -Verteilung) veröffentlichte.
Aus dieser Arbeit geht hervor, daß in den 55 Jahren von 1897 bis
1952, in denen sich das verfügbare Personaleinkommen pro Kopf (ausgedrückt in Dollars konstanter Kaufkraft) nahezu verdreifacht hat, ein
ständig steigendes Nominal-, oder Realeinkommen pro Haushaltmitglied
die Voraussetzung für jegliche Spartätigkeit war. Anders ausgedrückt
war in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ein ständig steigender
"Realverbrauch" die Bedingung für eine Fortführung der Spartätigkeit.
Die Lebensansprüche - unsere Vorstellungen davon, was der Verbraucher an Waren und Dienstleistungen beanspruchen, was er in seiner
Freizeit unternehmen und welche Arbeitsbedingungen er fordern kann gehörten in den Vereinigten Staaten stets zu den Faktoren, die die
Dynamik der Wirtschaft mitbestimmten. Die Auswirkungen eines Anstieges der Lebensansprüche auf die Gesamtwirtschaft wurden nie so deutlich wie in der letzten Nachkriegszeit. Schon Anfang 1946 ließ sich
ganz klar erkennen, daß sich die Lebensansprüche in den USA seit
der Wirtschaftskrise und in der Folgezeit - nicht zuletzt in den
Kriegsjahren - erheblich gewandelt hatten. Im Verlauf dieses Zeitabschnittes, in dem es vielen Familien aus verschiedenen, jeweils
zeitbedingten Gründen heraus unmöglich war, die erstrebten Verbrauchsgüter zu erwerben, haben sich neue »Vertmaßstäbe herausgebildet.
Ende 1949 zeigte sich dann, daß sich die meisten amerikanischen
Familien nicht nur höhere Lebensansprüche zu eigen gemacht hatten,
sondern auch andere Vorstellungen darüber, welche finanzielle Risiken tragbar seien. Trotz einer starken Zunahme der Arbeitslosigkeit
und eines Absinkens des Personaleinkommens lagen in diesem Jahr die
Verbraucherausgaben in gegenwärtigen Dollars ausgedrückt ebenso hoch
wie 1948 und in konstanten Dollars ausgedrückt sogar noch etwas höher.
Zahlreiche Familien machten ihre Ersparnisse flüssig oder stellten
mindestens die Spartätigkeit ein, um jenen Lebensstandard beibehalten
zu können, an den sie sich inzwischen gewöhnt hatten. Sie ließen
sich dabei offenbar von dem Vertrauen leiten, daß die Wirtschaftsflaute nur von vorübergehender Dauer sein werde. Nach dem Ausbruch
des Koreakrieges im Jahre 1950 kam es verschiedentlich zu Angstkäufen, die durch die noch sehr lebendige Erinnerung an die Warenverknappung während des zweiten Weltkrieges ausgelöst worden war.
Die Befürchtungen einiger Wirtschaftler, daß sich eine ausreichende
Verteidigungsproduktion bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung einer
den hohen Ansprüchen genügenden Verbrauchsgüterproduktion
nicht
sicherstellen lasse, erwiesen sich als gegenstandslos. So konnte
sich der Absatz an Verbrauchsgütern und Dienstleistungen pro Kopf
der Bevölkerung seit 1950 ständig auf großer Höhe halten. Im Jahr
1955 lag er etwa 13/° über dem des Jahres 1949»
Die Arbeitsverdienste der Lohn- und Gehaltsempfänger haben
nicht in dem Maße zugenommen, das nötig wäre, um den tatsächlichen
Verbrauch dieser Bevölkerungsgruppe restlos mit den gesteigerten
Lebensansprüchen in Einklang zu bringen. Es sieht im Augenblick auch
gar nicht so aus, als ob dies bald der Fall sein werde. Es entspricht
aber durchaus den amerikanischen Gepflogenheiten, daß die Lebensansprüche der einzelnen Bevölkerungskreise etwas höher liegen als
der tatsächliche Verbrauch in den unteren Schichten der entsprechenden Einkommensgruppen. In der Frühzeit der Kolonisation wurde den
Angehörigen der handwerklichen Berufe der Kauf "extravaganter"
Kleider durch Gesetz untersagt. Mit Einsetzen der raschen wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung im späten 17• und 18. Jahrhundert wurden

- 10 -

�diese Gesetze widerrufen oder nicht mehr angewandt. Man bestärkte
die Menschen in der Auffassung, daß auch die Söhne und Töchter
weniger begüterter Familien nach einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage streben sollen. Die Unterschiede hinsichtlich
der Verbrauchergewohnheiten, wie sie zwischen den verschiedenen
Berufsgruppen bestehen, verwischten sich mit der allmählichen
Nivellierung der Löhne und der zunehmenden Verbreitung der Bildung
auch unter der arbeitenden Bevölkerung. In den letzten beiden
Jahrzehnten, in denen ein allgemeiner Anstieg des Einkommens
zu verzeichnen war, stieg die Nachfrage nach Dienstleistungen
noch weit mehr als die Nachfrage nach Gütern. Insbesondere war
ein verstärkter Andrang zu den Schulen sowie eine erhöhte Inanspruchnahme von Ärzten zu verzeichnen. So erklärt sich auch, daß
die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe seit 1940
erheblich mehr zunahm als in den Verbrauchsgüterindustrien. Dennoch
besteht netürlich nach wie vor ein großer Bedarf an Waren, die für
eine gesunde und gesellschaftlich erstrebenswerte Lebensführung
in den Städten als notwendig erachtet werden; das beste Beispiel
dürfte hier der Wunsch nach einer Verbesserung der Wohnverhältnisse sein.
Der Wandel des Lebensstandards
Wenden wir uns zunächst einmal den beiden Untersuchungen über
die Wirtschaftsrechnung von Arbeiterfamilien in Großstädten zu.
Die Verlagerung der Schwerpunkte bei den Verbraucherkäufen städtischer Lohn- und Gehaltsempfänger in der Zeit von 1934 bis in die
jüngste Zeit hinein läßt sich aus den Zahlen ablesen, die das
Bundesamt für Arbeitsstatistik von 1934/36 und 1950 bezüglich der
Haushaltausgaben in dieser Bevölkerungsgruppe zusammengetragen hat.
(siehe Tafel i ) . Weitere Vergleichszahlen stehen leider nicht zur
Verfügung, da solche Ermittlungen nicht regelmäßig durchgeführt
werden. Im Jahre 1950 waren die Verbraucherpreise im Durchschnitt
um 75$ höher als 1934/36. Die Lebensmittelpreise wiesen dabei
die größte Zunahme auf, gefolgt von Bekleidung und Wohnungseinrichtungen. Die geringste Zunahme wiesen die Mieten auf, in erster Linie wegen der Beibehaltung der Mietpreiskontrollen bis in
das Jahr 1950 hinein. Die Familienausgaben 1934/36 wurden unter
Heranziehung des Lebenshaltungskostenindex, des heutigen Verbraucherpreisindex, des Bundesamtes für Arbeitsstatistik auf den Dollarwert von 1950 umgerechnet.
Vergleiche zwischen den Angaben von 1934/36 und 1950 unterliegen
gewissen Einschränkungen, die größtenteils auf die vorstehend aufgezeigten Unterschiede hinsichtlich der Lage auf dem Arbeitsmarkt
zurückzuführen sind. Die erstere Untersuchung lief gegen Ende 1934
an, zu einer Zeit also, als etwa ein Fünftel der Gesamtzahl der
Arbeitskräfte entweder arbeitslos oder im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eingesetzt war. Die Untersuchungen der Jahre
1934/36 dienten dem Zweck, eine neue Basis für die Aufstellung
des damaligen Lebenshaltungskostenindex zu gewinnen, mit dem Ziel,
die unregelmäßigen Ausgaben der nur im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsprogrammen beschäftigten Arbeiter sowie überhaupt aller unregelmäßig beschäftigten Arbeitskräfte, deren Käufe in keiner //eise
als typisch für langfristige Verbrauchergewohnheiten angesehen
werden können, auszuschließen. Die Untersuchung wurde deshalb auf
jene Einkommensschichten begrenzt, die als typisch für den Personenkreis der Lohn- und Gehaltsempfänger gelten durften. Diese Beschränkung des Personenkreises brachte es mit sich, daß bei der

- 11

�Umfrage in erster Linie Arbeiter und Angestellte berücksichtigt
wurden, die im Durchschnitt älter und weit regelmäßiger beschäftigt waren als die große Masse der Gehalts- und Lohnempfänger
der Jahre 1934/36.
Die Lohn- und Gehaltsempfänger, die bei der Untersuchung des
Jahres 195C herausgegriffen wurden, stellten einen echten repräsentativen Querschnitt aus dieser Bevölkerungsgruppe dar. Die Untersuchung erstreckt sich auf ein Jahr, in dem anfangs eine erhebliche
Arbeitslosigkeit und gegen Ende - bedingt durch den Ausbruch des
Koreakrieges - in vielen Gebieten eine echte Verknappung der Ar*beitskräfte zu verzeichnen war. Dabei wurden im Gegensatz zu den
Untersuchungen der Jahre 1934/36 auch Familien, die irgendwelche
Zuschüsse oder"Beihilfen aus öffentlichen Mitteln erhielten, in
die Befragung einbezogen; sie fallen ohnehin nicht besonders ins
Gewicht, da sie nur einen geringen Prozentsatz der Gesamtzahl
ausmachen. Man hatte somit einen repräsentativen Querschnitt aus
allen Schichten der arbeitenden Bevölkerung in den Städten für
diese Untersuchung herangezogen, um ein möglichst wirklichkeitsnahes Ergebnis zu erzielen. Trotz der Unterschiede hinsichtlich
der bei den Umfragen von 1934/36 und 1950 benutzten Querschnitte
gewährt ein Vergleich der Einkünfte (abzüglich Steuern) und Ausgaben aus den beiden Untersuchungszeiträumen wichtige Aufschlüsse
über den Wandel der Lebensansprüche und des Lebensstandards.
Ein Wandel ist auch in der Zusammensetzung der Familienausgaben eingetreten. Nach Umrechnung der 1934/36 ermittelten Ausgaben
auf das Preisniveau von 1950 zeigt eine Gegenüberstellung, daß die
Gesamtkäufe an der für den unmittelbaren Verbrauch bestimmten Waren
und Dienstleistungen bei der im Jahre 1950 befragten Gruppe um fast
60 'fr höher lagen als bei dem 1934/36 erfaßten Personenkreis. Die
Abweichungen auf der Ausgabenseite verteilen sich auf die einzelnen
Gruppen von Waren und Dienstleistungen in einer Weise, die den bereits seit langem offenkundigen Verbraucherneigungen entspricht,
wobei sich allerdings das Bild durch Preisänderungen und andere
Faktoren, die das Wirtschaftsklima in der zweiten Hälfte des Jahres 1950 beeinflußt haben, etwas verschiebt.
Diese Verschiebungen sind in Tafel II der Größenordnung nach
aufgeführt. Am auffälligsten ist der Anstieg der Aufwendungen für
Eigenheime. In scharfem Gegensatz hierzu sind im Falle der Wohnauslagen und der kleineren Ausgaben für Beheizung, Beleuchtung
und A'asser nur relativ geringe Abweichungen eingetreten, ein Umstand, der sich vielleicht aus der Tatsache erklärt, daß sich der
Anteil der Mietwohnungen, bei denen letztere Dienstleistungen
nicht pauschal mit der Miete abgegolten werden, erheblich verringert hat.
Die weit größeren Aufwendungen für Anzahlungen zum Erwerb von
Eigenheimen beziehungsweise die Tilgung von Hypotheken auf Eigenheime im Jahre 1950 erklären sich zum Teil aus der Tatsache, daß
der Prozentsatz der Eigenheimbesitzer erheblich angestiegen ist,
betrug er doch 1934/36 nur 30, 1950 jedoch 45$. Hinzu kommt,
daß Mitte der dreißiger Jahre zahlreiche Familien, deren Hausbesitz mit Hypotheken belastet war, keine Tilgungszahlungen leisten
konnten. Im Erhebungszeitraum 1934/36 entrichteten nur knapp zwei
Drittel der Eigentümer belasteter Eigenheime über die Zinszahlungen
hinaus Tilgungsraten oder leisteten irgendwelche Anzahlungen auf
ein neues Eigenheim.

- 12 -

�T A F E L

I

Durchschnittliche Wirtschaftsrechnung von Haushaltungen von
Lohn- und Gehaltsempfängern gemäß den Untersuchungen au3
den Jahren 1954/36 und 1950
1954/36
Zahl der erfaßten Haushalte

14 469

5 994

3,6

3,3

Personen je Haushalt
Durchschnittseinnahmen

1950

Untersuchungen in Dollars von 1950

Bruttoarbeitseinkommen

2 661

4 299

Bruttoarbeitseink. abzügl.
Steuern

2 659

4 005

4

ü

2 663

4 038

Andere Einkommen
Gesamteinkünfte (abzügl.
Steuern)

Durchschnittsausgaben für
Waren u. Dienstleistungen insges. 2 564

4 076

Nahrungsmittel und Getränke

1 030

1 335

Kleidung

309

473

Reine Wohnauslagen (Miete,
Hypothekenzinsen, Grundsteuern u. Instandsetzung)

356

448

Heizung u. Beleuchtung,Wasser

158

153

80

167

119

281

150

457

Andere Verkehrsausgaben

57

81

Gesundheitspflege

88

213

Persönliche Ausgaben

55

93

Erholung u. Unterhaltung

67

191

Lesestoff

27

36

Bildung

11

19

Tabakwaren

46

80

Wohnungsunterhalt
Wohnungseinrichtung u. Hausgeräte
Kraftfahrzeuge, Erwerb u.
Unterhalt

Versch. Waren u. Dienstleistungen

49

(wie Beerdigungskosten, Alimente uswJ 11
Geschenke und Zuwendungen

74

Personenversicherungen

149

Überschuß bzw. Verbindlichkeiten

- 124

Aufwendung f. Hypothekentilgung
u. Anzahlung f. Eigenheime
Ausgaben-Einnahmenausgleich

+ 37
0
13

136
183
-192
+ 211
- 165

�T A F E L

II
Veränderung der Durchschnittsausgaben der
Lohn- und Gehaltsempfänger im Jahr 1950
gegenüber 1934/36 (Zu- oder Abnahme in
Prozent von 1936)

Waren und Dienstleistungen

Zu- oder Abnahme

Hypothekentilgung und Anzahlung
für Eigenheime

470

Verschiedene 7/aren und Dienstleistungen

345

Kraftfahrzeug, Erwerb und Erhalt
Erholung und Unterhaltung

205
185

Gesundheitspflege

142

Wohnungseinrichtung und Hausgerät

136

Wohnungsunterhalt

109

Geschenke und Zuwendungen

84

Tabakwaren

74

Bildung

73

Persönliche Ausgaben

69

Laufende Gesamtausgaben für
Waren und Dienstleistungen

59

Kleidung

53

Wohnung (Miete, Heizung, Beleuchtung,
Wasser, Hypothekentilgung, Anzahlung
für Eigenheime, Hypothekenzinsen,
Instandsetzung)

47

Andere Verkehrsausgaben

42

Lesestoff

33

Nahrungsmittel und Getränke

30

Reine Wohnauslagen (Miete, Hypothekenzinsen, Grundsteuern und Instandsetzung)

26

Personenversicherungen
Heizung, Beleuchtung und Wasser

23
3r2

(Fortsetzung in der Januarausgabe 1957)

- 14 -

�Gewerkschaftliche Kurznachrichten
Neue wichtige Lohnabkommen in der US-Industrie
Nachdem die großen Industriezweige wie die Stahl- und Gummiindustrie im Sommer die neue Runde der Lohnerhöhungen eröffneten,
haben in den vergangenen Wochen zahlreiche Tarifvertragsverhandlungen stattgefunden, die alle mit zum Teil erheblichen Aufbesserungen der Löhne und Sozialleistungen endeten. Auch in der
letzten Zeit
wurden wieder zahlreiche Neuabschlüsse in den verschiedensten Wirtschaftszweigen bekannt.
Werftarbeiter erhalten 18 Cent mehr
Ein wichtiges Tarifabkommen, das zweifellos als Grundlage für
weitere Abkommen in der Schiffsbauindustrie dienen wird, wurde zwischen der Werftarbeitergewerkschaft und der "Todd Shipyards Corporation" abgeschlossen. Der Vertrag, der eine Laufzeit von drei Jahren
hat, sieht dabei eine Stundenlohnerhöhung für Facharbeiter um 18 Cent
rückwirkend vom 4. September 1956 und eine weitere Erhöhung um neun
Cent ab 1. August 1957 vor. Damit beträgt der gegenwärtige Durchschnittsstundenlohn der Werftarbeiter 2,45 Dollar. An zusätzlichen
Sozialleistungen gewährt der neue Vertrag eine Krankenhausversicherung,
einen zusätzlich bezahlten Feiertag sowie Urlaubsgeld.
10 Cent Stundenlohnerhöhung für 600 000 Textilarbeiter
Eine Erhöhung der durchschnittlichen Stundenlohnsätze für rund
600 000, zum größten Teil nichtorganisierte Textilarbeiter gaben
jetzt drei große Textilkonzerne bekannt, die zusammen über 153 Textilfabriken in den Südstaaten verfügen. Während "J.P. Stevens and
Company" bereits mitteilte, daß es sich hierbei um eine Anhebung
der Stundenlöhne um 10 Cent handele, erklärten die beiden anderen
Unternehmen, daß sie nähere Einzelheiten erst nach Festlegung der
neuen Sätze bekanntgeben würden. Es kann aber damit gerechnet werden, daß sich beide Firmen dem allgemeinen gegenwärtigen Lohnniveau
anpassen werden.
Nach Bekanntwerden der neuen Lohnerhöhung durch die drei Textilkonzerne hat die Textilarbeitergewerkschaft der AFL-CIO, die rund
35 000 Arbeitnehmer in Baumwollspinnereien der Südstaaten vertritt,
den organisierten Betrieben bereits mitgeteilt, daß sie in Kürze
neue Lohnverhandlungen aufnehmen wolle.
Fleiachpacker erhalten 25 Cent mehr - Auch im Fernmeldewesen
Lohnerhöhungen
Der zehntägige Streik zweier Gewerkschaften der Fleischkonservenindustrie, an dem rund 25 000 Arbeitnehmer der "Swift and Company"
in 26 Bundesstaaten teilnahmen, endete mit dem Abschluß eines neuen
Tarifvertrages, der sich über drei Jahre erstrecken wird. Neben einer
Anzahl von neuen zusätzlichen Sozialleistungen werden die Fleischpacker eine Stundenlohnerhöhung um 25 Cent erhalten. Die Forderung
der Gewerkschaft nach Einführung des "union shop" wurde dagegen
abgelehnt.
Auch die "Bell Telephone Company" hat in den vergangenen Wochen
insgesamt sieben neue Tarifverträge mit der Gewerkschaft der Angehörigen des Fernmeldewesens abgeschlossen, durch die rund 50 000
Arbeitnehmer berührt werden. Die Lohnerhöhung beträgt hier rund
10 Cent die Stunde.

- 15 -

�Bergarbeiter-Sozialfonds legte Leistungsbericht vor
Die Gesamtguthaben des Wohlfahrtsfonds der "Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft von Amerika" (UMW), einer der ältesten in den USA
und der größte private Sozialfonds der Welt, betrugen am Ende des
Finanzjahres 1955/56 (30. Juni) 130,1 Mio. Dollar. Gegenüber dem
gleichen Zeitpunkt des Vorjahres bedeutet das eine Zunahme von mehr
als 26 Millionen Dollar. Die Gesamteinnahmen des Fonds im abgelaufenen
Finanzjahr beliefen sich, wie aus dem jetzt veröffentlichten Geschäftsbericht weiter zu entnehmen ist, auf insgesamt 154»2 Mio. Dollar,
während die Ausgaben eine Höhe von 127,6 Mio. Dollar erreichten.
In dieser Summe sind Leistungen an die 206 919 Unterstützungsempfänger des Fonds in Höhe von 123,9 Mio. Dollar (97»1^ der Gesamtaufwendungen) enthalten; der Rest von 2,9/= verteilt sich auf Verwaltungskosten und den Unterhalt der zehn Gesundheitszentren des Fonds.
Wie aus der Übersicht weiter zu ersehen ist, beliefen sich die
Pensionszahlungen im abgelaufenen Finanzjahr allein auf 73»1 Mio.
Dollar. Am 30. Juni waren es insgesamt 61 546 Pensionäre, die monatliche Rentenleistungen in Höhe von 100 Dollar zusätzlich zur staatlichen Altersversorgung erhielten. Das Durchschnittsalter dieser ehemaligen Bergarbeiter, die im Durchschnitt 32,3 Jahre unter Tage gearbeitet haben, beträgt 63,8 Jahre.
Der nächste größere Ausgabeposten im Finanzjahr 1955/56 mit
47»5 Mio. Dollar erstreckt sich auf Krankenversicherungsleistungen
für insgesamt 89 513 Versicherte; darunter sind Krankenhauskosten
für über 1,5 Mio. Tage enthalten. An Bestattungskosten und Hinterbliebenenzuwendungen wurden aus dem Fonds 1955/56 insgesamt 3,1 Mio.
Dollar ausgegeben, während 69 807 Dollar als Familienbeihilfen für
im vergangenen Jahr tödlich verunglückte Bergleute bereitgestellt
wurden.
In den zehn Jahren seines Bestehens hat der Wohlfahrtsfonds
der "Vereinigten Bergarbeitergewerkschaft" bisher Unterstützungsleistungen in einer Gesamthöhe von 880,8 Mio. Dollar an 972 004 Mitglieder des Fonds ausgezahlt. Die Gesamteinnahmen in diesem Zeitraum
betrugen 1,03 Milliarden Dollar.
*
Arbeitszeit nach Wunsch
Die Gewerkschaften würden im Jahre 1970 den Schwerpunkt bei den
Tarifverhandlungen mit den Unternehmern auf die Festsetzung von flexiblen
Beschäftigungsplänen legen, die sich entweder auf eine durchgehende Arbeitszeit von acht Tagen mit anschließenden sechs Ruhetagen oder eine
Normalarbeitszeit mit zwei Monaten Urlaub im Jahr oder aber einer täglichen Teilarbeitszeit (vor- oder nachmittags) erstrecken würden.
Dieses erklärte Dr. Clark Kerr, Rektor der Universität Kalifornien
und früherer Direktor des "Instituts für Arbeitsfragen". Er wies in diesem Zusammenhang darauf hin, daß sich die durchschnittliche Länge der
Arbeitswoche in den Vereinigten Staaten in der Vergangenheit während
einer Zehnjahresperiode um rund drei Stunden verringerte und diese Rate
wahrscheinlich auf etwa 2,5 Stunden zurückgehen wird, wenn sich die
Gewerkschaften bei den Kollektivverhandlungen mehr um eine Erhöhung
des Lebensstandards ihrer Mitglieder als um eine Verkürzung der Arbeitszeit bemühen würden.
(Quelle: Eigenbericht)
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