<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="1313" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/1313?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-03T21:59:23+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="1324">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/53a42b0b18f83a61944128aaa0bf5795.pdf</src>
      <authentication>b5595d821bd88420dc2315c89fcd44f6</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="6933">
                  <text>Verzeichnis der Sonderausgaben
des Amerika Dienstes 1954
6/1
13/l

Praesident Eisenhower berichtet ueber die Lage der Nation

7/l

13/l

Kongressbotschaft praesident Eisenhowers ueber die Lage
der US-Landwirtschaft
Wortlaut der Kongressbotschaft Praesident Eisenhowers
ueber Aenderungsvorschlaege der Arbeitsgesetzgebung
Hintergrundmaterial zum neuen US-'armprogramm
Rueckblick auf ein Jahr als Hochkommissar (Ein Interview
mit Dr, James B.Conant)
Aus8enminister Dulles umreisst US-Aussenpolitik

20/l

Dulles-Erklaerung zur Revision der UN-Charta

1 9/1

20/l

Eisenhower legt neuen Haushalt vor

2l/l

13/l
13/l
13/1

3/lI
27/l
10/ll
17/ll
24/lI
17/lH
17/lH
17/lH
17/lH
31 'TU
31/lU
31/lU
7/lV

11/1
1l/l

12/l

Jahresbericht des Praesidenten der USA Dwight Eisenhower
ueber die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten
28/l
Der Randall-Bericht
Cläre Booth LuceiZur Bekraeftigung unseres Glaubens...
Die Geschichte der Republikanischen Partei der Vereinigten
Staaten
Die Atombotschaft Praesident Eisenhowers
17/ll
Robert D. Murphy:Einigkeit der freien *elt,beste
Hoffnung fuer die Zukunft
Robert D.Murphy Frankreich kaempft fuer die Freiheit
in Indochina
Dulles:Methoden des internationalen Kommunismus
DullesiStaerke der freien Voelker
Dulles umreisst US-Asienpolitik
Parteitage und Statut der SED
Eisenhower umreisst US-Aussenhandelspolitik
•Lewis L.Strauss: "H-Bombenexplosion war zu keiner Zeit
unserer Kontrolle entzogen"

10/lII
10/lII
8/lII
29/lU
30/lII
31/lU

7/lV

EisenhowerjVertrauensvoll in die Zukunft blicken

5/lV

7/lV

Dulles ueber die Ziele der amerikanischen Aussenpolitik

5/lV

21/lV
28/lV

Strauss zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie
Eisenhower ruft zum Kreuzzug fuer bessere internationale
Zusammenarbeit und Verstaendigung auf

19/lV
22/lV

28/lV

Dr.James B.Conant zur Lage in Deutschland

28/lV

28/lV

Dulles ueber die Entwicklung des Korea-Konflikts

28/lV

5/V

UN-Sonderausschuss:Arbeiter in Ketten im Arbeiterparadies

5/v

Strau88:Die Atomkraft,die amerikanische und die
Weltwirtschaft

28/lV

�-25/V

John I Jernegan: Der Nahe Osten und Suedasien-Das Problem
der Sicherheit

12/V

Alfred le Sesne Jenkins» Die Chinapolitik der Vereinigten
Staaten

12/y

Dulles berichtet dem amerikanischen Volk ueber
Asienkonferenz

2/lV
die Genfer
7/T

19/V

Stephan Dorseys ^ie wirtschaftliche Zusammenarbeit der USA
mit den Nahost-Staaten

19/V

Dulles: Kernprobleme der amerikanischen Aussenpolitik

15/V

19/V

Oberster US-Bundesgerichtshof erklaert Rassentrennung
in oeffentlichen Lehranstalten fuer Verfassungswidrig

17/V

Dr.Heinz Krekeler: Deutschland und die Vereinigten
Staaten von Amerika

19/V

Henry Cabot Lodge: USA auch weiterhin gegen die Aufnahme
Rotchinas in die UN

25/V

2/VI

Eisenhower zur Weltlage

31/V

9/VI

John Poster Dulles fordert Portfuehrung des US-Auslandshilfsprogramms

19/V

26/7

Geoffrey Lewis: Die Deutschlandpolitik der USA
23/vi
11/vill Strauss: Atomenergie muss Segen der Menschheit werden

4/VI
18/VI
5/VIII

25/7111 Dwight D. Eisenhower:Rede vor dem Kongress des
Weltkirchenrates in Evanston

19/VIII

25/VIII Stas8en:Revidierung der"Battle Act"-Liste

25/VIII

1/IX
1/IX

Eisenhower vor der "Amerika Legion"rUS-Politik muss
ueberparteilich sein

30/viII

Eisenhower in Des Moines:Die freie Welt ist trotzdem
ueberwaeltigend stark

30/VIII

1/IX

Dulles: unverzuegliche Einberufung des NATO-Rates und baldige
Beratungen mit Bundeskanzler Adenauer
1/IX

8/lX

Eisenhower in Shippingport: Bemuehungen zur Schaffung
eines internationalen Atompools werden fortgesetzt

6/lX

8/IX

John Foster Dulles zur Eroeffnung der Manila-Konferenz

6/lX

22/IX

Aussenminister Dulles berichtet ueber Manila-Konferenz

15/lX

29/IX

Dulles Rede vor der UN-VollVersammlung

23/lX

29/lX

Botschafter Dr.Conant zur Eroeffnung der amerikanischen
Atomenergie-Ausstellung in Berlin
Amerikanisch-Sowjetischer Notenwechsel ueber Schaffung
eines, internationalen Atompools
James Wadsworth:Die Frage der Internationalen Abruestung
vor der neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen

25/lX

Winthrop W.Aldrich: Fuer staerkere Liberalisierung des
amerikanischen Augganhandels
Dulles berichtet ueber die Pariser Konferenz

.
4A
2
3/X

29/IX
13/X
20/X
27/X

24/lX

12/x
1

�-5-

A.

V

10/XI
10/XI

Henry Cabot Lodge jr.legt amerikanischen Atomplan vor

5/XI

Botschafter Dr. James B.Conant zur Präge der europaeischen
Integration und Wiedervereinigung Deutschlands(ueber RIAS
Berlin)
9/XI

A.

1&gt;Ai

Eisenhower legt Manila-Pakt dem US-Senat zur Ratifizierung
vor
10/XI

A.

17/XI

Eisenhower legt pariser Vertraege dem US-Senat zur
Ratifizierung vor

15/XI

Lodge:USA stellen 100 K ilo spaltbares Material fuer
den internationalen Atompool

15/XI

DullesiDas Ziel der amerikanischen Aussenpolitik

29/XI

A.
A.
k.

17/XI
1/XII
1/XII

Dr.James B.Conant in Cleveland zur politischen
Situation in Deutschland
T.
n «
x in Chicago» Wir muessen auf die
Dr.James B.Conant
•
demokratischen Kraefte im deutschen Volk vertrauen

2/xiI

15/xiI Lodge1 Rotchina verletzt Waffenstillstand in Korea

8/xiI

4 /»TT
1/XII

i

1/XII

�A M E R I K A

D I E N S T

PRÄSIDENT EISENRWUR BERICHTET ÜBER DIE LAGE DER NATION
WASHINGTON — (Amerika Dienst) —
In einer großangelegten Rede vor beiden Häusern des amerikanis cV&gt; en
Kongresses berichtete Präsident Eisenhower am 7. Januar 1954 in der traditionellen "State of the Union
Message" über die bisher von seiner Regierung geleistete Arbeit und legte sein Regierungsprogramm für
das kommende Jahr dar.

Die Rede des Präsidenten hat folgenden Wortlaut;
"Herr Präsident, Herr Sprecher, Mitglieder des 83. Kongresses! Es ist mir eine große Ehre, dem Kongreß erneut meine Ansichten über die läge der Nation vorlegen zu dürfen und Maßnahmen
zur Steigerung der Sicherheit, der Prosperität und des Wohlergehens des amerikanischen Volkes zu empfehlen.
Alle Teile dieser Regierung - und ich darf sagen beide großen Parteien - können das allgemeine Ziel der heute von mir vorgelegten Empfehlungen unterstützen, denn deren Ziel ist der Aufbau eines stärkeren Amerikas. Wenn ich sage ein stärkeres Amerika, dann meine ich eine Nation, in der jeder zu kühnen Hoffnungen wohlberechtigt ist, wo die Mühe belohnt und der Wohlstand
von allen geteilt wird, wo die Freiheit wächst und der Frieden
gesichert ist.
Während des ersten Amtsjahres dieser Regierung hat sich die
Bewegung auf dieses Ziel hin mit wachsendem Schwung vollzogen.
Diesen Impuls gedenken wir aufrechtzuerhalten und zu verstärken.
Wir wollen eine bessere Zukunft für dieses Land aufbauen.
Vieles ist während des letzten Jahres geschehen, für das
wir dankbar sein können.
In erster Linie sind wir von Herz en dankbar, daß unsere
Söhne nicht länger fern der Heimat in den koreanischen Bergen
sterben müssen. Wenn sie auch immer no ch von Hause fort zu den
Waffen gerufen werden müssen, so werde n sie doch nicht mehr
länger auf das Schlachtfeld geschickt.
Für die amerikanische Nation ist das wirtschaftlich erfolgreichste Jahr in ihrer Geschichte über haupt soeben zu Ende gegangen. Die schädigende Auswirkung inf lationistischer Tendenzen
auf Löhne, Pensionen, Gehälter und Ers parnisse aller amerikanis
sehen Bürger sind bereits unter Kontro lle gebracht worden. Die
_ 1 _

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Die Steuern haben zu sinken begonnen. Die Kosten unseres Regierungsapparates Wurden reduziert und die Arbeit der Regierung
wird mit rund 183 000 Angestellten weniger weitergeführt. Damit
ist in unserem Falle die Tendenz moderner Regierungen zu grenzenloser Ausweitung des Beamtenappara ,es in das Gegenteil umgekehrt worden. Die Kosten für die Bewaffnung werden weniger
drückend, je näher wir unseren Verteidigungszielen kommen, und
dennoch wächst unsere militärische Stärke mit jedem Tag. Das
im Verlauf des Jahres geschaffene neue Ministerium für Gesundheitswesen, Erziehung und öffentliche Wohlfahrt ist symbolisch
für die Anteilnahme und Sorge, mit der unsere Regierung die
menschlichen Probleme unserer Bürger behandelt.
Die Rassentrennung in den bewaffneten Streitkräften und
anderen Bundeseinrichtungen geht ihrem Ende entgegen. Wir haben
ferner Fortschritte mit ihrer Beseitigung im Distrikt of Columbia erzielt. Dies sind Schritte in unseren ständigen Bemühungen,
die zwischen den Rassen bestehenden Schwierigkeiten zu beseitige
Einige Entwicklungen jenseits unserer Küsten waren in gleicher Weise ermutigend. Die kommunistische Aggression, der in
Korea Einhalt geboten wurde, trifft in Indochina weiterhin auf
den energischen Widerstand Frankreichs und der assoziierten
Staaten, die durch rechtzeitige Hilfe von uns unterstützt werden. In Westdeutschland, in Persien und in anderen Gebieten der
Welt sind durch die Kräfte der Stabilität und der Freiheit ermutigende Siege errungen worden, langsam aber sicher gewinnt die
freie Welt an Stärke. Inzwischen liegen von jenseits des Eisernen Vorhangs Anzeichen vor, daß die Tyrannei in Schwierigkeiten
geraten ist, sowie Hinweise dafür, daß ihre innere Struktur so
brüchig ist, wie ihre Oberfläche hart.
Im vergangenen Jahr hat sich in der Welt tatsächlich ein
großer strategischer Wandel vollzogen. Die Initiative, dieser
kostbare, unwägbare Begriff, wird mehr und mehr unser. Unserer
Politik, die sich nicht auf die bloße Reaktion auf von anderen
hervorgerufene Krisen beschränkt, steht es nicht nur im Ausland sondern auch im eigenen Lande frei, sich nach den Richtlinien unserer Wahl zu entwickeln. Der Grundtenor der amerikanischen Politik im kommenden Jahr soll unsere gemeinsame Entschlossenheit sein, diese Initiative zu behalten und zu nützen.
Wir müssen diese Initiative zur Förderung von drei großen
Zielen benutzen: Erstens, die Freiheit unseres Volkes zu schützen; zweitens, eine starke, sich ausdehnende Wirtschaft zu erhalten und drittens, uns mit den menschlichen Problemen des einzelnen Bürgers zu befassen.
Nur ein aktives Bemühen um jedes dieser Ziele gibt uns die
Sicherheit, daß wir den Weg zu einem besseren und stärkeren
Amerika beschreiten. Alle meine heutigen Empfehlungen dienen
der Förderung dieser drei Ziele.
Erstens:

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar

195 4

Erstens: Außenpolitik.
Die Freiheit Amerikas ist so lange bedroht, wie die kommunistische Weltverschwörung in ihrem gegenwärtigen Umfang, ihrer gegenwärtigen Stärke und Feindseligkeit besteht. Stärker denn je
zuvor ist die Freiheit Amerikas mit der der übrigen Völker verknüpft. In der Einheit der freien Welt liegt unsere beste Chance
für eine Verringerung der kommunistischen Bedrohung ohne einen
Krieg. Bei der Aufgabe, diese Einheit zu erhalten und alle ihre
Partner zu stärken, fällt die größte Verantwortung naturgemäß
denen zu, die, wie wir, die größte Freiheit und Stärke besitzen.
Wir werden daher fortfahren, die Sache der Freiheit an den
Fronten im Ausland zu fördern.
Im Fernen Osten haben wir weiterhin ein wesentliches Interesse an Korea. Wir haben mit der Republik Korea über ein gemeinsames
Sicherheitsabkommen verhandelt, das unser Sicherheitssystem im
Pazifik erweitert und das ich umgehend dem Senat unterbreiten
werde, damit dieser der Ratifikation zustimmt. Wir sind darauf
vorbereitet, jedem Wiederaufleben einer bewaffneten Aggression
in Korea zu begegnen. Wir werden unseren Stützpunkt auf Okinawa
für unbegrenzte Zeit behalten. Ich werde den Kongreß um die Bewilligung weiterer materieller Hilfe ersuchen, um den erfolgreichen Abschluß des Kampfes in Indochina zu beschleunigen. Diese
Hilfe wird ferner den Tag näher bringen, an dem die assoziierten
Staaten sich der bereits von Frankreich zugesicherten Unabhängigkeit erfreuen können. Wir werden unsere Militär- und Wirtschaftshilfe für die nationalchinesische Regierung ebenfalls fortsetzen.
In Südasien findet in den freien Nationen, die ihre Fähigkeiten zum Fortschritt durch demokratische Methoden demonstrieren, ein tiefgreifender Wandel statt. Sie bieten einen ermutigenden Gegensatz zu den diktatorischen Methoden und dem Rückschritt
in Rotchina. Die freien Völker Südasiens dürfen in diesen nicht
nachlassenden Bemühungen der Unterstützung der Vereinigten Staaten sicher sein.
Im Mittleren Osten, wo Spannungen und ernste Probleme vorhanden sind, werden wir wohlwollende und unparteiische Freundschaft
zeigen.
In Westeuropa ruht unsere Politik fest auf dem Nordatlantikpakt. Soweit wir überhaupt sehen können, wird sie sich auf diesen
Pakt stützen. Innerhalb seiner Organisation ist die Schaffung
einer europäischen Gemeinschaft, einschließlich Frankreichs und
Deutschlands, von entscheidender Bedeutung für ein freies und auf
eigenen Füßen stehendes Europa. Dieses wird durch die europäische
Verteidigungsgemeinschaft gefördert werden, die eine Garantie für
die Sicherheit Europas bietet. Mit der kommenden Einheit Westeuropas
wird die Wirksamkeit der Unterstützung, die die amerikanische Nation
für die Sicherheit Europas und der freien Welt zu leisten imstande
ist, vervielfacht werden.
In der westlichen Hemisphäre werden wir fortfahren, mit unseren
Nachbarn eine harmonis che und allen Beteiligten zum Wohle gereichende Zusammenarbeit zu pflegen. Die feste Freundschaft mit allen unseren amerikanischen Nachbarn ist in der Tat der Eckpfeiler unserer
gesamten Politik.
_
7

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

In der Welt als Ganzes gesehen,bedeuten die Vereinten Nationen, die sich zugegebenermaßen immer noch in einem Stadium
der Entwicklung befinden, für die Vereinigten Staaten sehr viel.
Die Vereinten Nationen haben in vielen Fällen einmalig wertvolle
Dienste geleistet, wo die Gewalt sich drohend erhob. Sie sind
das einzige wirkliche Weltforum, das uns die Möglichkeit bietet,
unsere Sache auf internationaler Basis vorzutragen und zu vertreten. Sie sind ein Ort, wo die Völker der Welt, wenn sie wollen, kollektive Maßnahmen für Frieden und Sicherheit ergreifen
können. Sie sind ein Ort, wo die Schuld in aller Eindeutigkeit
denjenigen zugesehrieben werden kann, die es versäumen, die für
die Erhaltung des Friedens notwendigen Schritte zu unternehmen.
Die Vereinten Nationen verdienen weiterhin unsere nachdrückliche
Unterstützung.
Auslandshilfe und Außenhandel.
• Mit der praktischen Anwendung unserer Außenpolitik betreten
wir das Feld der Auslandshilfe und des Außenhandels.
Die Verteidigungshilfe muß fortgesetzt werden. Auch die
technische Hilfe müssen wir weiterhin durchführen. Die Wirtschaftshilfe kann reduziert werden. Unsere wirtschaftlichen
«iederaufbauprogramme in Korea und einigen anderen kritischen
Punkten der Welt sind jedoch von besonderer Bedeutung und ich
werde den Kongreß ersuchen, diese Programme im nächsten Haushaltsjahr weiterzuführen.
Die neue Haushaltsbotschaft wird die Aufrechterheltung
der Vollmachten des Präsidenten hinsichtlich der Transferierbarkeit aller Hilfsgelder vorschlagen und um die Vollmacht ersuchen, diese Mittel mit den regulären Verteidigungsmitteln zusammenzulegen. Sie wird ferner vorschlagen, daß dem Verteidigungsminister, im Sinklang mit den vom Außenminister herausgegebenen politischen Richtlinien, die Haupt Verantwortung für die
Verwaltung der militärischen Auslandshilfe zufällt.
Die Tatsache, daß wir nunmehr das Ausmaß unserer wirtschaftlichen Auslandshilfe in zahlreichen Gebieten verringern können,
ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß ihre Ziele erreicht worden sind. Bei Fortdauer der hohen über dem Vorkriegsstand
liegenden wirtschaftlichen Aktivität,- gewinnt West-Europa an
Selbständigkeit. Damit tritt unser Verhältnis zu diesen Länder
in eine neue Phase, die, sofern noch ein weiterer Schritt getan
wird, Ergebnisse zeitigen kann, die sowohl zum Nutzen der amerikanischen Steuerzahler wie auch unserer Verbündeten sein werden.
Bei

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Bei diesem Schritt handelt es sich um die Schaffung eines
gesünderen und freieren Handels- und Zahlungssystems innerhalb
der freien Welt - eines Systems innerhalb dessen unsere Verbündeten ihren eigenen Unterhalt zu verdienen imstande sind und
unsere eigene Wirtschaft weiter florieren kann. Die freie Welt
kann sich nicht mehr länger die willkürlichen Handelsbeschränkungen leisten, die seit Ende des Krieges dauernd üblich waren.
Zu diesem Problem werde ich dem Kongreß ins einzelne gehende
Empfehlungen vorlegen, nachdem unser gemeinsamer Ausschuß für
Außenhandelspolitik seinen Bericht ausgearbeitet hat.
Atomenergievorschlag
So wie wir unsere militärische Stärke im kommenden Jahr
aufrechterhalten und die Bande mit unseren Verbündeten enger
knüpfen werden, werden wir auch in einer günstigeren Lage sein,
mit der Sowjetunion wichtige Probleme zu erörtern. Wir sind
sogar glücklich, dies tui zu können, wo immer eine berechtigte
Aussicht auf kontruktive Ergebnisse besteht. In diesem Geiste
wurden kürzlich die Atomenergievorschläge der Vereinigten Staaten der Vollversammlung der Vereinten Nationen unterbreitet.
Eine wirklich konstruktive Reaktion der Sowjetunion wird einen
neuen Beginn für ein Zeitalter des Friedens und eine Abkehr von
dem tödlichen Weg zum Atomkrieg ermöglichen.
Verteidigung
Da unsere Hoffnung der Frieden ist, schulden wir uns und
der Welt eine aufrichtige Erklärung für die militärischen Maßnahmen, die wir zur Sicherung dieses Friedens unternehmen.
Während wir in das neue Jahr eintreten, wächst unsere militärische Stärke ständig. Diese Stärke dient unserer eigenen Verteidigung und soll vor einer Aggression abschrecken. Wir werden
nicht die Aggression sein, aber wir und unsere Verbündeten verfügen über sehr große Möglichkeiten, zurückzuschlagen, und werden uns diese weiter erhalten.
Lassen Sie mich einige Punkte unserer Verteidigungsplanung
darlegen:
Während wir erstens entschlossen sind, die Atomkraft für
friedliche Zwecke einzusetzen, tragen wir gleichzeitig der großen und wachsenden Zahl atomarer Waffen sowie der äußerst wirkungsvollen Möglichkeiten Rechnung, diese gegen einen Aggressor
einzusetzen, sofern dies zur Er altung der Freiheit notwendig
ist. Unsere Verteidigung wird noch stärker sein, wenn wir unter
geeigneten Sicherheitsvorkehrungen mit unseren Verbündeten gewisse Kenntnisse über den taktischen Einsatz atomarer Waffen teilen. Ich ersuche den Kongreß dringend, die hierzu erforderlichen
Vollmachten zu geben.
Zweitens: Die Anwendungsmöglichkeiten dieser neuen Waffen
schaffen neue Beziehungen zwischen Menschen und Material. Diese
neuen Beziehungen ermöglichen in dem Maße wie wir Streitkräfte
aufbauen, die unserer Situation in der heutigen Welt angepaßt
sind, eine Einsparung an Menschen. Wie aus der Haushaltsbotschaft
am 21.Januar ersehen werden kann, wird auf die Luftmacht unserer
Marine und unserer Luftstreitkräfte großer Nachdruck gelegt.

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Drittens: Unsere strategischen Reserven müssen zentral plaziert und jederzeit aufmarschbereit sein, um einer plötzlichen
Aggression gegen unser Land oder unsere Verbündeten begegnen zu
können.
Viertens: Unser Verteidigungssystem muß auf einem gut ausgebildeten Personal und seinem Einsatz nach wirtschaftlichsten
Grundsätzen bei größter Beweglichkeit aufgebaut sein. Der Berufssoldat ist das Herz jeder Armee. Er ist Lehrer und Führer derer,
die vorübergehend ihrer Verpflichtung zur Verteidigung der Republik nachkommen. Eine gute Bezahlung allein wird unseren Streitkräften nicht die nötige Zahl von Berufssoldaten sichern« Ich
empfehle daher nachdrücklich eine großzügigere Anwendung anderer
Vergünstigungen, die für die Moral der Streitkräfte wichtig sind.
Hierher gehören bessere Unterkünfte, Wohnungen für Familien und
Krankenbetreuung für Angehörige.
Die Kommission für Fragen der militärischen Ausbildung und
ein von dem Direktor des Amtes für Verteidigungsmobilisierung ernannter Ausschuß haben soeben Untersuchungen über das militärisch
verfügbare Menschenpotential abgeschlossen. Eine offensichtliche
Schwäche besteht in der Einsatzbereitschaft und der Organisation
der Reservestreitkräfte. Maßnahmen zur Behebung dieser Mängel
werdeh dem Kongreß zu einem späteren Zeitpunkt zugehen.
Fünftens, die Fähigkeit, von einer teilweisen zu einer gesamten Mobilisierung übergehen zu können, ist für unsere Sicherheit unumgänglich notwendig. Zum ersten Male haben Beamte von .
Mobilisierungsdienststellen den Bedarf für 1 000 Hauptausrüestungsgegenstände für militärische Zwecke festgestellt. Diese Zahlen,
die wir jetzt zum zivilen Bedarf und unserem Versorgungspotential
in Bezug setzen, werden uns die Lücken in unserer Mobilisierungsbasis aufzeigen. Dadurch werden wir einen realistischeren Überblick über die Ziele zur Erweiterung der Produktionsstätten und
der Vorratslager bekommen. Wir werden die Erreichung dieser Ziele beschleunigen. Die amerikanische Nation muß schließlich eine
den gegebenen Erfordernissen entsprechende Basis für die Mobilisierung haben - die Grundlage eines gesunden Verteidigungsprogramms,
Zu dieser Grundlage gehört selbstverständlich auch unser kontinentales Transportsystem. Ein Teil unseres entscheidend wichtigen schweren Materials kommt in zunehmendem Maße aus Kanada.
Unsere Beziehungen zu Kanada, die glücklicherweise immer eng waren,
stützen sich tatsächlich mehr und mehr auf die unzerreißbaren Bande der gegenseitigen strategischen Abhängigkeit. Beide Nationen
brauchen heute sowohl aus militärischen als auch aus wirtschaftue
chen Gründen den Seeweg über den St. Lorenzstrom. Ich ersuche den
Kongreß dringend, die amerikanische Beteiligung an seinem Ausbau
zu billigen.
Sechstens, die militärischen und nichtmilitärischen Maßnahmen
für die kontinentale Verteidigung müssen verstärkt werden und werden verstärkt. Im laufenden Haushaltsjahr weisen wir für diese
Zwecke einen steigenden Betrag unserer Gesamtausgaben an, und im
kommenden Haushaltsjahr werden wir fast eine Milliarde Dollar mehr
dafür ausgeben als 1953.
Unsere

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar

1954

Unsere Verteidigungsanstrengungen auf dem zivilen Sektor
sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil unserer Sicherheitsvorkehrungen auf dem amerikanischen Kontinent. Hierin werden wir
nur dann erfolgreich sein, wenn uns die uneingeschränkte Mithilfe
der Gouverneure der Bundesstaaten, der Bürgermeister in den
Städten und der freiwilligen Bürgervereinigungen zuteil wird.
Unter ihrer Mitwirkung können wir ein auf Zusammenarbeit abgestelltes Programm in Angriff nehmen, durch das im Falle eines
Angriffes zahllose Menschenleben gespart und die Zerstörungen
verringert werden können.
Das im Budget für das Haushaltsjahr 1954/55 vorgeschlagene
Verteidigungsprogramm steht in Einklang mit allen vorstehend aufgeführten Erwägungen. Es stützt sich auf ein neues Militärprogramm,
das vom gemeinsamen Generalstab einstimmig empfohlen und von mir
im Anschluß an die Erörterung durch den nationalen Sicherheitsrat
gebilligt wurde. Dieses neue Programm wird die Vereinigten Staaten in diesem Zeitalter der Gefahr slark machen und stark erhalten.
Seine Durchführung darf durch nichts behindert werden.
Die von mir vorstehend umrissene Außenpolitik wird uns zusammen mit den Verteidigungsvorkehrungen in die Lage versetzen,
von einer Position der Stärke aus zu verhandeln und gleichzeitig
unseren entschlossenen Kurs zur Schaffung einer befriedeten Welt
beizubehalten-. Wenden wir uns nunmehr Prägen zu, die man gewöhnlich als Innenpolitik ansieht, wobei wir uns dessen bewußt bleiben wollen, daß unsere außenpolitischen Maßnahmen Rückwirkungen
auf jedes einzelne innenpolitische Problem haben müssen - angefangen von der Höhe der Steuern bis zum Denken jedes einzelnen.
Sicherheit im Inneren.
Auf Grund der neuen Sicherheitsbestimmungen für Bundesbedienstete wurden mehr als 2 200 Personen aus ihren Stellungen
entfernt. Unsere nationale Sicherheit erfordert es, daß die Überprüfung von Bewerbern und die Auswertung von zu Bedenken Anlaß
gebenden Informationen über derzeitig im Regierungsdienst stehende
Personen beschleunigt und so bald wie möglich abgeschlossen wird.
Ich werde dem Kongreß empfehlen, wo immer dies zur Beschleunigung
dieser wichtigen Maßnahmen erforderlich ist, zusätzlich Geldmittel
bereitzustellen.
Von der Frage der Anforderungen, die wir an die Bundesbediensteten stellen müssen, darf ich mich nunmehr dem Problem der
Staatsbürgerschaft zuwenden. Der umstürzlerische Charakter der
kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten ist auf vielfache
Weise, auch durch Gerichtsverfahren, demonstriert worden. Wir sollten
durch Gesetz eine Tatsache anerkennen, die allein einsichtigen
Bürgern schon lange klar ist, nämlich, daß wir es hier mit Handlungen zu tun haben, die wesensverwandt mit Hoch- und Landesverrat
sind, d.h. wenn ein Bürger wissentlich an der kommunistischen
Verschwörung teilnimmt, dann hört er auf, sich seinem Vaterland
verpflichtet zu fühlen.
_.

�"AJÜIERIKA

DIENST"

6. Januar 1954

Ich ersuche den Kongreß, die erforderlichen gesetzgeberischen Maßnahmen zu treffen, damit ein amerikanischer Bürger,
der in gerichtlichen Verfahren eines Eintretens für den Umsturz unserer Regierung durch Gewalt oder Waffengewalt für
schuldig befunden wurde, in Zukunft so behandelt werden kann,
als habe er seinem Vaterland die Treue aufgekündigt und damit
sein Recht auf Staatsbürgerschaft verwirkt.
Ferner wird der Justizminister in Kürze vor den Ausschüssen
beider Häuser erscheinen, um seine Empfehlungen über die nötigen
gesetzlichen Grundlagen zur Bekämpfung umstürzlerischer Elemente
in diesem Lande und zur Behandlung der Frage einer beanspruchten
Rechtsimmunität zu unterbreiten«
Zweitens: Eine stabile Wirtschaft
Ich darf mich jetzt dem zweiten großen Aufgabengebiet zuwenden: der Erhaltung einer stabilen, sich ausweitenden Wirtschaft bei gleichzeitigen Maßnahmen zum Schutze der Freiheit.
Die amerikanische Wirtschaft ist eines der großen Wunder
dieser Erde.. Sie ist das Fundament unserer internationalen Position, unserer militärischen Sicherheit und des Lebensstandards
jedes einzelnen Bürgers. Unsere Regierung ist entschlossen,
unser wirtschaftliches System stark zu halten und eine ständige
Ausweitung zu sichern.
Wir befinden uns in diesem Augenblick in einem Übergang
von einer Kriegs- zu einer Friedenswirtschaft. Ich bin zuversichtlich, daß wir diesen Übergang ohne ernsthafte Störungen
unseres wirtschaftlichen Wachstums durchführen können. Wir werden jedoch diese für uns lebenswichtige Angelegenheit nicht dem
Zufall überlassen. Wirtschaftliche Bereitschaft ist für das
Land genau so wichtig wie militärische Bereitschaft.
Die späteren besonderen Botschaften und der Wirtschaftsbericht am 28.Januar werden die weiteren Pläne der Regierung und
ihre Empfehlungen, über die der Kongreß zu entscheiden hat, darlegen. Diese schließen ein: flexible Kredit- und Schuldenpolitik; steuerliche Maßnahmen, um den Konsumenten und der Wirtschaft einen Anreiz zu höheren Ausgaben zu geben; geeignete
Maßnahmen auf dem Gebiet der Auslandshilfe; verstärkte Maßnahmen auf dem Gebiet der Altersversorgung und Arbeitslosenversicherung; verbesserte landwirtschaftliche Programme; auf lar
ge Sicht ausgearbeitete Pläne für die Vorhaben der öffentlichen
Hand; größere Möglichkeiten für den internationalen Handel und
für Investitionen im Ausland. Diese reine Aufzählung der einzelnen Gebiete zeigt das ungeheure Ausmaß der Studien, Koordinierungsmaßnahmen und Planungen auf, - nicht zu sprechen von der
gesetzgeberischen Arbeit, - die zusammen erst unsere wirtschaftliche Bereitschaft vollständig machen.
Falls neue Bedingungen zusätzliche administrative oder legislative Maßnahmen erfordern sollten, so wird die Regierung ebenfalls hierauf vorbereitet sein. Eine Regierung, die wie die unsrige immer zu zeitlich richtig abgestimmten und energischen Maßnahmen bereit ist, und eine Wirtschaft, die wie die unsrige immer
gewillt ist, kühn und zuversichtlich zu planen, können untereinander ein Klima schaffen, das eine stetige wirtschaftliche Expansion gewährleistet.
R

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Das Budget.
Ich werde dem Kongreß am 21. Januar das erste von dieser
Regierung ausgearbeitete Budget, für den Zeitraum vom 1. Juli 1954
bis Ende Juni 1955 unterbreiten.
Dieses Budget ist den laufenden Anforderungen der Regierung
angepaßt. Es beruht auf der Erkenntnis, daß der Bundeshaushalt
ein stabilisierender Paktor in der Wirtschaft sein soll. Seine
Steuer- und Ausgabenprogramme werden die Initiative des Einzelnen
und das wirtschaftliche Gedeihen fördern.
Da die Übermittlung meiner Haushaltsbotschaft noch bevorsteht,
werde ich hier nur einige wenige Punkte bezüglich unserer Haushaltslage erwähnen.
Erstens: Einer unserer ersten Schritte war es, in Zusamm narbeix mit dem Kongreß das Budget zu revidieren, das ausgearbeitet
worden war, bevor diese Regierung ihr Amt antrat. Die Anträge auf
neue Bewilligungen wurden stark beschnitten. Darüber hinaus wurde
der in diesem Budget für das laufende Haushaltsjahr vorgesehene
Ausgabenstand um etwa sieben Milliarden Dollar gedenkt. Im kommenden Haushaltsjahr rechnen wir mit einer weiteren Kürzung der Ausgaben um über fünf Milliarden Dollar. Damit wird der Stand der Ausgaben in beiden Haushaltsjahren zusammen um über 12 Milliarden Dollar niedriger werden. Ferner werden wir auch unsere Anträge auf
neue Bewilligungen einschränken.
Zweitens« Trotz des erheblichen Einnahmerückgangs im kommenden Haushaltsjahr, der auf die nunmehr in Kraft getretenen Steuerermäßigungen und die Steuerangleichungen zurückzuführen ist, die
ich noch vorzuschlagen beabsichtige, werden unsere reduzierten Au gaben den neuen Haushalt einem Ausgleich näher bringen.
Drittens: Indem wir die Anforderungen auf Bewilligung neuer
Mittel unter den geschätzten Einnahmen halten, werden wir das
ungeheure Ausmaß der ungedeckten Verpflichtungen weiter verringern,
die die Regierung auf Grund früherer Bewilligungen eingegangen
ist.
Viertens: Erst wenn die Anforderungen an die Einnahmen unserer Regierung weiter reduziert sind, kann dem Ansteigen der
Staatsverschuldung vollkommen Einhalt geboten werden. Aus diesem
Grande: weil die Rechnungen der Regierung jeden Monat bezahlt
werden müssen, und die Steuergelder im Laufe des Jahres sehr ungleichmäßig eingehen, - und weil eine größere Flexibilität erforderlich ist, um die riesige Schuldenlast abdecken zu können, erachte ich es für notwendig, meine Forderung nach Erhöhung der gesetzlich festgelegten Höchstgrenze für die Staatsverschuldung zu
erneuern.
Steuern

- 9-

�6. Januar 1954

"AMERIKA DIENST"

Steuern.
Das neue Budget sieht eine Besteuerung vor, die unter der
in den vorausgehenden Jahrer üblichen Höhe liegt. Vor sechs Tagen
wurden die Einkommensteuersätze herabgesetzt und die Übergewinnbesteuerung fallen gelassen. Diese Steuerermäßigungen sind nur auf
Grund der erheblichen Senkungen der Regierungsausgaben möglich,
die wir bereits vorgenommen haben oder zur Zeit vornehmen. In
demselben Maße, in dem weitere Kürzungen der Ausgaben allmählich
aber ständig in Sichtweite kommen, können und werden weitere
Steuersenkungen vorgenommen werden. Wenn Budgeteinsparungen und
eine gesunde Finanzpolitik der Regierung gewährleistet sind, dann
sollte auch die Steuerlast verringert werden, um so dem Steuerzahler die Möglichkeit zu bieten, sein eigenes Geld in der ihm
gemäß erscheinenden Vrt und Weise auszugeben.
Wenn wir eine geringere Besteuerung anstreben, so müssen wir
gleichzeitig unser gesamtes Steuersystem einer gründlichen Überprüfung unterziehen. Die Grundlagen für eine derartige Revision
wurden bereits durch den Bewilligungsausschuß des Repräsentantenhauses in enger Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium geschaffen. Wir sollten nunmehr die augenfälligsten steuerlichen Härten,
insbesondere gegenüber den niedrigen Einkommensgruppen beseitigen;
die die Kleinbetriebe behindernden Bestimmungen vermindern und
andere Änderungen vornehmen, die geeignet sind, die Initiative und
den Unternehmergeist anzuspornen und die Produktion zu steigern.
Meine Haushalts-Botschaft wird fünfundzwanzig daraufbezügliche
Empfehlungen enthalten.
Ohne hier den Versuch machen zu wollen, diese vielfachen
Reformen zusammenfassend darzustellen, darf ich doch die allgemeine Richtung, in die sie weisen, näher erläutern.
So schlagen wir beispielsweise eine großzügigere steuerliche
Veranlagung von arbeitenden Jugendlichen, die im Haushalt leben,
von Witwen und Witwern mit minderjährigen Kindern sowie eine umfassendere steuerliche Berücksichtigung von Ausgaben für medizinische Zwecke vor. Für Betriebe, die ihre Anlagen erweitern oder
modernisieren wollen, schlagen wir eine freizügige steuerliche
Veranlagung der Aufwendungen für Abschreibungen, Forschungs- und
Entwicklungszwecke sowie nicht ausgeschüttete Gewinne vor.
Aus Etatserwägungen treten wir für eine Beibehaltung der
Körperschaftssteuer mit dem gegenwärtigen Satz von 52 Prozent
für ein weiteres Jahr ein; und die Verbrauchs- und Verkehrssteuern,
auch auf alkoholische Getränke, Raiichwaren, Benzine und Autos,
die am 1. April dieses Jahres reduziert werden sollten, müssen in
der gegenwärtigen Höhe beibehalten werden.
Ferner

- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Ferner ist die sofortige Verlängerung des Gesetzes über die
gemeinsame Beschaffung von Verteidigungsmaterial für alle Waffengattungen (Renegotiation Act) aus dem Jahre 1951 erforderlich,
um überhöhte Profite und unnötige Aufwendungen aus Mitteln der
öffentlichen Hand beim Kauf von Verteidigungsmaterial zu verhüten.
Landwirtschaft
Das allgemeine Wohl unseres Volkes von 160 Millionen Mensehen erfordert, daß unsere Landwirtschaft stabil ist und gedeiht« Umgekehrt aber weiß jeder amerikanische Farmer, daß es
ihm nicht gut gehen kann, wenn Amerika nicht blüht* Wenn wir
uns um eine Erhöhung unseres Lebensstandards bemühen, dann
müssen wir sicherstellen, daß auch der amerikanische Farmer an
dieser Erhöhung teilhat. Daraus ergibt sich, daß ein landwirtschaftliches Programm zur Förderung der Stabilität und des
Wohlstandes aller Zweige unserer Landwirtschaft dringend erforderlich ist.
Die gegenwärtig geltenden Agrargesetze haben den ihnen während des Krieges zugedachten Zweck, bei zahlreichen landwirtschaftlichen Produkten einen Anreiz zu einer Höchsterzeugung zu
bieten, erfüllt. Heute übersteigt eine derartig hohe Erzeugung
bei diesen Produkten bei weitem den gegenwärtigen Bedarf. Trotzdem sind die Gesetze, die zu einer solchen hohen Erzeugung ermutigen, immer noch in Kraft. Die Einlagerungsmöglichkeiten der
Warenkreditgesellschaft sind mit Überschußbeständen von Molkereierzeugnissen, Weizen, Baumwolle, Mais und bestimmten pflanzlichen ölen ausgenutzt, und die der Gesellschaft gegenwärtig zugestandene Kreditspanne von 6,750 Milliarden Dollar ist nahezu
ausgeschöpft. Bei einigen Erzeugnissen, die preislich auf dem
amerikanischen Markt, und anderen, die preislich auf den Weltmärkten nicht mehr abzusetzen sind, haben sich riesige Regierungsbestände angesammelt. In einer Welt, in der Millionen von Menschen hungern, wäre eine Vernichtung von Lebensmitteln selbstverständlich unverantwortlich. Und doch bedrohen die Überschußbestände auch weiterhin den Markt, und trotz der auf Grund der
gegenwärtigen Gesetzgebung genehmigten Anbaukontrollen nehmen
diese Bestände laufend weiter zu.
In diesem Zusammenhang stehen wir vor zwei Möglichkeiten.
Die erste besteht darin, eine noch weitergehende Beschränkung
der Anbaufläche bei einigen Feldfrüchten zu verfügen und eine
strenge staatliche Kontrolle über die Verwendung der davon betroffenen Felder durchzuführen. Dies führt zu einer Lenkung
der Erzeugung sämtlicher Grundnahrungsmittel. Damit wird die
Produktion aller entsprechenden Feldfrüchte unter die Verfügungsgewalt und die Kontrolle der Bundesregierung in Washington
gestellt..
Diese

- 11 -

�•AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Diese Möglichkeitsteht im Widerspruch zu den fundamentalen
Interessen nicht nur der I*raA&gt;evölkerung sondern der gesamten
Nation«, Sie stellt darüber hinaus noch nicht einmal eine echte
Lösung für das uns gestellte Problem dar.
Die zweite Möglichkeit besteht darin, dem Marktpreis für
diese landwirtschaftlichen Produkte allmählich einen größeren
Einfluß auf die Anbauplanung des einzelnen Farmers zu gestatten,
und gleichseitig die Hilfe der Regierung fortzuführen. Dies ist d
die einzig vernünftige Einstellung hierzu« Um den Erfolg sicherzustellen» müssen die beim Anlaufen dieses Programms vorhandenen
Überschüsse aus dem normalen Handel herausgenommen und für beson»
dere Verwendung verfügbar gemacht werden. Unter diese Sonderverwendung fallen das Schulspeisungsprogramm, die Katastrophenhilfe,
die Soforthilfe für befreundete Staaten und - als wichtigstes die Anlage von Reserven für einen eventuellen nationalen Notstand,
Ausgehend von den landwirtschaftlichen Gesetzen der Jahre
JE948 und 1949 sollten wir ein Preisstützungs-Programm ausarbeiten,
das anpassungsfähig genug ist, einen Anreiz für die ausreichende
Erzeugung wichtiger Bedarfsgüter zu bieten und den Verbrauch jener
ÖÜter zu fördern, mit denen gegenwärtig der amerikanische Markt
überschwemmt ist« Der Übergang zu einem neuen Paritätssystem der
Preise kann nur allmählich vollzogen werden«
Auf keinen Fall
darf es zu einem plötzlichen Absinken der Preisstützung, weder
der absoluten Dollaraufwendungen noch der prozentualen Preisparität, kommen«
Am kommenden Montag werde ich dem Kongreß in allen Einzelheiten meine Empfehlungen zur Lösung dieser Frage darlegen« Diese
wurden in Zusammenarbeit eine» großen, an Fragen der Landwirtschaft interessierten Personenkreises ausgearbeitet« Meine Sonderbotschaft am Montag wird in knapper Form auf die Untersuchungen und die Vorschläge eingehen, die seit zehn Monaten bezüglich
des ganzen Programms gemacht werden.
Ich habe dieses Landwirtsohaftsprogramm gewählt, weil es den
Aufbau der Märkte, die Nahrungsmittelversorgung der Verbraucher
sichert und die Gewähr dafür bietet, daß die Lebensmittel dem
Verbrauch, nicht aber den Lagerhäusern zugeführt werden. Es ist
ein Programm, das den Farmer von der Bedrohung durch diesen Produktionsüberhang befreien wird, ein Programm, das seinen Anreiz
für die Produktion knapper Ware sowie für den Verbrauch solcher
Güter bieten wird, die reichlich zur Verfügung stehen« Darüber
hinaus wird es die Freiheit, das Verantwortungsbewußtsein und die
Initiative, die den amerikanischen Landwirt auszeichnen, fördern,
und anregen. Und schließlich verspricht es unseren Farmern auf
Jahre hinaus einen höheren und gleichmäßigeren Ertrag als irgendein anderer Plan, indem es unserer Landwirtschaft volle Parität
auf dem Markt erreichen hilft«
Die

- 12 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Die Erhaltung unserer natürlichen Hilfsquellen
Die Natur- und Bodenschätze unseres Landes sind Teil des
kostbaren Erbes unserer Nation. Auf ihre Erhaltung und Erschließung hinzuarbeiten, ist die gemeinsame Aufgabe des Bundes, der
Bundesstaaten und der Gemeinden. Eine enge und harmonische Zusammenarbeit ist hierbei unerläßlich»
Gegenwärtig werden sämtliche Regierungsprogramme zur Erhaltung und Entwicklung unserer natürlichen Hilfsquellen überprüft.
Programme, die dieser Überprüfung standhalten, werden weitergeführt. Neue Projekte, an denen sich die Bundesregierung beteiligt,
müssen auf gesunden wirtschaftlichen Grundlagen beruhen, und eine
Kostenteilung mit örtlichen Stellen ist zu fordern, wo immer sie
tunlich und durchführbar erscheint. Im kommenden Finanzjahr werden 23 Projekte in Angriff genommen werden, die diesen Kriterien
entsprechen. Die Bundesregierung wird sich auch weiterhin an
der Errichtung und am Unterhalt wirtschaftlich gesunder Vorhaben auf dem Gebiet der Hochwasserkontrolle, der Energiewirtschaft,
der Bewässerung und der Trinkwasserversorgung beteiligen, sofern
diese Projekte die Möglichkeiten und die Initiative der öffentlichen Hand und privater Gruppen auf lokaler Ebene übersteigen
und im Einklang mit den Erfordernissen des ganzen Volkes stehen.
Unser Programm zur Erhaltung der natürlichen Hilfsquellen
stellt auch die wichtige Rolle in Rechnung, die den Farmern in
der Erhaltung der Ertragsfähigkeit unseres Bodens zukommt. Ich
empfehle die Schaffung entsprechender Gesetze, die geeignet
sind, die Bodenkonservierung und die Hochwasserkontrolle in
den Flußoberläufen voranzutreiben und einen Ausgleich durch
größere Hochwasserschutzbauten in den Unterläufen zu erzielen.
Von Zeit zu Zeit werden wir Empfehlungen unterbreiten in
bezug auf: eine einheitliche und kontinuierliche Gesetzgebung
auf dem Gebiet der Wasserwirtschaft;
eine revidierte Politik hinsichtlich des Landbesitzes der
öffentlichen Hand; ein sorgfältig ausgearbeitetes Programm
zum Schutz der Eigenproduktion knapper und strategisch wichtiger Metalle und Erze;
darüber hinaus werden wir auch weiterhin Maßnahmen zum
Schutze und zur Pflege unserer Staatsforsten, Naturschutzgebiete, Denkmäler und anderer historischer und landwirtschaftlicher Sehenswürdigkeiten wie auch des Wildes unserer Wälder
und der Fische unserer Flüsse treffen. Ich hoffe, daß die
gegenwärtig dem Kongreß vorliegenden Gesetzesentwürfe zur
Verbesserung der bestehenden Bestimmungen über die Konservierung und Verwaltung des in Staatsbesitz befindlichen
Grünlandes und der Staatsforste in Kürze gebilligt werden.
Bundesstraßen

- 13 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Bundesstraßen.
Die Bundesregierung wird zum Schutze der lebenswichtigen
Interessen jedes einzelnen Bürgers an einem sicheren und angemessenen Straßennetz auch in Zukunft eine führende Rolle auf diesem Gebiet übernehmen.
Um sicherzustellen, daß der größtmögliche Portschritt bei der Abstellung der gegenwärtigen Mängel
des Bundesverkehrs-Straßennetzes gemacht wird, müssen wir die
Bundessteuer auf Benzin von 2 Cent pro Gallone beibehalten. Das
heißt,die sonst am 1. April in Kraft tretende Steuersenkung um
einen halben Cent kann nicht durchgeführt werden, - die Steuern
müssen bleiben, damit wir ein vergrößertes Bundesstraßen-Programm
in die Sege leiten können. Sobald die Kommission zum Studium
der Frage der Beziehungen zwischen den Regierungen der Bundesstaaten ihr Gutachten über die Finanzierung des Baues von Bundesstraßen abgegeben hat, werde ich es dem Kongreß und den Gouverneuren der Staaten zur Überprüfung zuleiten.
Postwesen.
Es ist offensichtlich, daß die beträchtlichen Einsparungen,
die bereits vom Postministerium gemacht worden sind, und die
noch vorgenommen werden sollen, das Defizit bei der Postverwaltung nicht beseitigen können. Ich empfehle daher, daß der Kongreß das gegenwärtig dem Repräsentantenhaus vorliegende Gesetz
billigt, welches die Angleichung bestimmter Posttarife vorsieht.
Um den langfristigen Aspekten dieses Gesetzes zu entsprechen,
empfehle ich ferner, daß der Kongreß eine ständige Kommission einsetzt, die künftig von Zeit zu Zeit faire und angemessene Posttarife festsetzt.
Drittenss Menschliche Probleme.
Neben dem Schutz der Freiheit und der Erhaltung einer starken und wachsenden Wirtschaft sieht unsere Regierung eine dritte
große Aufgabe; Die Sorge um die menschlichen Probleme unserer
Bürger. In einer modernen industriellen Gemeinschaft sind die
Beseitigung der bittersten Not und die Milderung der Schläge,
die persönliches Unglück dem Einzelnen zufügen, Angelegenheiten,
die allen Zweigen des Regierungsapparates, einschließlich der
Bundesregierung, obliegen. Dies ist besonders dort der Fall, wo
Hilfs- und Vorbeugungsmaßnahmen die Möglichkeiten des Einzelnen
übersteigen.
Arbeit und Soziale Wohlfahrt.
Von den zahlreichen Problemen dieses Gebietes werde ich
zunächst diejenigen behandeln, die für die vielen tätigen Menschen in den USA von besonderer Wichtigkeit sind. Diese Menschen erzeugen mit ihrer Hände Arbeit, mit ihrem Geist und ihren
Herzen einen Großteil des Reichtums unseres Landes.
Der

- 14 -

�AMERIKA DIENST"

6. Januar

1954

Der Schutz gegen eine vorübergehende Arbeitslosigkeit muß
auf jene 6 1/2 Millionen Arbeiter, einschließlich der Bundesbediensteten, ausgedehnt werden, die jetzt .noch nicht in den
Genuß dieses Schutzes kommen. Darüber hinaus wird der Arbeitsminister den Bundesstaaten in Kürze ein Gutachten und Empfehlungen
über die wöchentlichen Unterstützungsgerder, die Laufzeit der
Unterstützung und über eine eventuelle Erweiterung des Kreises
der Unterstützungsberechtigten vorlegen. Die Wirtschafts-Botschaft
wird sich mit der damit eng zusammenhängenden Frage der Mindestlöhne und des davon zu erfassenden Personenkreises beschäftigen.
Das Gesetz über die Beziehung zwischen den Sozialpartnern
(Labor Management Relations Act) aus dem Jahre 1947 ist im Grunde
ein vernünftiges Gesetz. Jedoch haben sechs Jahre praktischer
Erfahrungen erwiesen, daß es in mancher Hinsicht verbessert werden
könnte. Ich werde dem Kongreß am 11. Januar Verbesserungsvorschläge
unterbreiten, die darauf abzielen, den Grundgedanken dieses Gesetzes schärfer herauszuarbeiten.
Unser grundlegendes Sozialversicherungsprogramm und das
Altersversicherungs- und Hinterbliebenenversorgungssystem, zu dem
der einzelne während der Jahre seiner Berufstätigkeit beiträgt
und aus dem er später Unterhaltsleistungen gemäß seiner früheren
Bezüge erhält, zielt darauf ab, diese Menschen vor Not zu bewahren.
Im vergangenen Jahr empfahl i^h die Ausweitung des Sozialversicherungssystems auf weitere zehn Millionen Personen. Ich ersuche
darum, diese Ausweitung umgehend zu verwirklichen. Diese und weitere wesentliche Verbesserungen des Versicherungssystems wer .en
zu einer erheblichen Erhöhung der Leistungen und einer Ausweitung
des versicherten Personenkreises führen und damit eine Verringerung
der Bundesbeihilfen für derartige Zwecke ermöglichen. Es wird
deshalb eine neue Aufschlüsselung vorgeschlagen, die eine progressive Verringerung dieser Beihilfen in dem Maße ermöglicht, wie
die Notwendigkeit ihrer Gewährung entfällt.
Die mit Bundesbeihilfen finanzierten Wohlfahrtsprogramme,
die bisher auf verschiedenen Gesichtspunkten aufgebaut waren,
sollten vereinfacht werden. Zu 14 dieser Programme werden den zuständigen Ausschüssen konkrete Vorschläge zugeleitet.
Ein besonders weitgehender Ausbau ist hinsichtlich des
Programms zur Wiedereingliederung körperbehinderter Personen in
den Arbeitsprozeß notwendig, durch besondere Berufsausbildung werden gegenwärtig jährlich 60 000 körperbehinderte Personen in die
Lage versetzt, wieder einen Arbeitsplatz zu finden. Wenn dieses
Programm allmählich an Wirksamkeit gewinnt, dann wird es möglich
sein, noch weit mehr Körperbehinderte vor der Untätigkeit und der
Abhängigkeit von fremder Hilfe zu bewahren. Meine detaillierten
Empfehlungen zu diesem Punkt und zu anderen bereits hier erwähnten Fragen der sozialen Sicherheit werden dem Kongreß am 14. Januar zugeleitet werden.
Gesundheitswesen

�"AMERIKA DIENST»

6. Januar 1954-

Gesundheitswesen.
Ich lehne eine Sozialisierung des Gesundheitswesens entschieden ab. Die Aufgabe, Krankenhäuser und ärztliche Betreuung
in dem erforderlichen großen Ausmaß zur Verfügung zu stellen,
wird am besten durch private Krankenversicherungsprogramme gelöst.
Allerdings ist es leider richtig, daß die Kosten für ärztliche
Betreuung steigen und vielen Familien bereits große Härten auferlegen« Die Bundesregierung kann hier vielfach helfend einspringen und dennoch eine Sozialisierung des Gesundheitswesens umgehen.
Die Bundesregierung sollte die medizinische Forschung in
ihrem K^mpf gegen so furchtbare Geißeln wie Krebs und Herzkrankheiten fördern und auch weiterhin die Programme des Gesundheitswesens und zur Wiedereingliederung Körperbehinderter in den Einzelstaaten unterstützen. Das derzeitige Gesetz über eine Untersuchung des Hospitalwesens und den Bau neuer Krankenhäuser
(Hospital Survey and Construction Act) sollte erweitert werden,
um die zur Betreuung chronisch Kranker erforderlichen Anlagen
bereitstellen zu können und den Bau von Kliniken, Heilstätten
und Pflegeheimen zu ermöglichen. Im Kampf gegen Krankheit und
Seuchen ist außerdem eine bessere Zusammenarbeit zwischen Regierung und privaten Stellen erforderlich. Private und gemeinnützige Krankenversicherungen, die sich auf die Erfahrung und die
Initiative der Menschen in den betreffenden Gemeinden stützen, sind
bereits vorhanden.
Begrenzte Sicherheitsgarantien des Staates
an die privaten und gemeinnützigen Versicherungsgesellschaften würde es diesen ermöglichen, noch mehr Familien, die einer Krankenversicherung bedürfen und sie haben sollen, einen umfassenderen
Versicherungsschutz zu bieten. Am 18. Januar werde ich dem
Kongreß eine Sonderbotschaft zuleiten, in der ich ihm das von mir
im einzelnen ausgearbeitete Programm für das Gesundheitswesen
unterbreiten werde.
Erziehungswesen.
Wir haben unsere Jugend - die größte Kraftquelle einer
Nation - in einer ganz außerordentlich wichtigen Hinsicht vernachlässigt. Die Nation bildet nicht genügend Lehrer aus und baut
nicht genügend Schulen in dem Tempo, wie es das Anwachsen unserer
Bevölkerung erfordert.
Die Ausbildung von Lehrern - wie überhaupt die Überwachung
und Lenkung der öffentlichen Erziehung - ist Sache der Staaten
und Gemeinden. Jedoch sollte die Bundesregierung jederzeit zur
Unterstützung jener Staaten bereit sein, die erwiesenermaßen
nicht genügend Schulneubauten durchführen können. Um den wirklichen Bedarf feststellen zu können, würde ich es begrüßen, wenn
in diesem Jahr in allen Staaten eine Konferenz über Fragen des
Erziehungswesens abgehalten würde, die durch eine Bundeskonferenz
gekrönt werden müßten. Von diesen Konferenzen müßten die zuständigen Verwaltungen aller Ebenen - vom Bund bis hinunter zur Gemein*
de - die zur Lösung dieses dringlichen Problemes erforderlichen
Informationen erhalten.
Wohnraumbe Schaffung
- 16 -

�AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954
V/ohnraumbe Schaffung

In einer Sonderbotschaft werden dem Kongreß am 25»Januar
Einzelheiten zu einem Programm unterbreitet werden, das weiten
LBevölkerungskreisen bessere Möglichkeiten zum Erwerb eines
zweckentsprechenden Eigenheimes bieten wird#
Dieses Programm umfaßt:
Verbesserung des Programms zur Gewährung von Bürgschaften
für Hypotheken zur Eigenheimfinanzierung durch die Bundesregierung;
Neugestaltung des gegenwärtigen Systems der Gewährung von
Krediten und Beihilfen an die Städte zur Beseitigung von Slums
und zur städtebaulichen Verbesserung;
Gewährung der Vergünstigungen, die für durch Bürgschaften
gesicherte Kredite bestehen, auch an private Geldgeber, welche
Mittel für städtebauliche Verbesserungsvorhaben zur Verfügung
stellen;
Gewährung von Bürgschaften für langfristige Hypotheken an
Familien mit geringem Einkommen nach Einzahlung eines geringen
Barbetrages; und
Fortführung der Wohnbauvorhaben der öffentlichen Hand gemäß dem Wohnungsbaugesetz aus dem Jahre 1949, wenn sich andersgeartete Programme nicht als besser erweisen sollten.
Wenn sich jeder .einzelne, die Gemeinden, die Regierungen
der Einzelstaaten und die Bundesregierung, mit gleicher Tatkraft
diesem Programm widmen, dann wird jede amerikanische Familie ihr
Eigenheim besitzen.
Betreuung ehemaliger Kriegsteilnehmer
Die interne Umorganisation in den Organen zur Betreuung von
Kriegsteilnehmern vollzieht sich mit meiner vollen Zustimmung.
Nach Abschluß dieser Umorganisation wird eine einzige Behörde
alle Aufgaben, einschließlich der ärztlichen Versorgung, wahrnehmen und sich um das Wohl der 20 000 000 ehemaligen Kriegsteilnehmer, denen unser Volk so viel verdankt, besser kümmern
können.
Wahlrecht
Die wenigen Empfehlungen, die ich hier noch vorbringen
möchte, beziehen sich alle auf ein Grundrecht unserer Bürger
- das Recht, an den Entscheidungen der Regierung mitzuwirken».
Ich hoffe, daß die Bundesstaaten mit dem Kongreß zusammenarbeiten werden, um einheitliche Wahlgesetze zu schaffen, die
es den in Übersee stationierten Angehörigen unserer Streitkräfte erlauben, ihr Wahlrecht als Staatsbürger auszuüben.
Es

- 17 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Es ist höchste Zeit, der Bürgerschaft des District of
Columbia das Wahlrecht zuzugestehen, und das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung auch auf die Bundeshauptstadt anzuwenden.
Ich ersuche den Kongreß dringend, baldigst entsprechende Schritte
in dieser Hinsicht zu unternehmen und auch die fiskalischen Maßnahmen zu revidieren, um die erforderlichen Verbesserungsarbeiten
an Projekten der öffentlichen Hand durchführen zu können.
Hawaii muß nunmehr als Bundesstaat zugelassen werden.
Ich ersuche erneut darum, die notwendigen gesetzgeberischen Maßnahmen zu treffen, damit Hawaii seine Exekutive und seine Volksvertreter in Washington zusammen mit den anderen Bundesstaaten im Herbst
dieses Jahres wählen kann.
Seit langem werden die jungen Amerikaner zwischen 18 und 21
Jahren in Zeiten der Gefahr zur Verteidigung des Landes aufgerufen.
Sie sollten ein Recht auf Mitsprache in den politischen Vorgängen
haben, die zu einem so schicksalsschweren Befehl führen. Ich ersuche den Kongreß dringend, den Bundesstaaten einen Zusatz zur
Verfassung vorzuschlagen, damit die Bürger der Vereinigten Staaten
mit dem achtzehnten Lebensjahr das Wahlrecht erhalten.
Zusammenfassung.
Ich möchte ganz kurz auf den allgemeinen Zweck eingehen,
der mit diesen vielen Empfehlungen beabsichtigt ist.
Die Vollmachten unserer Regierung sind wohlweislich durch
die Verfassung begrenzt. Aber ganz abgesehen von diesen Einschränkungen gibt es gewisse Dinge, die eine Regierung niemals tun darf
oder versuchen sollte zu tun.
Eine Regierung muß sich, wie die unsere, mit allen Kräften
um die Erhaltung eines Wirtschaftssystems bemühen, das Raum läßt
für Unternehmergeist und Strebsamkeit - jene persönlichen Eigenschaften, auf denen ein wirtschaftlicher Aufstieg zu einem guten
Teile beruht. Aber Unternehmergeist und Strebsamkeit sind Dinge,
die eine Regierung nicht zu geben vermag. Wir preisen uns glücklich,
daß die amerikanische Regierung sich hierüber keine Sorge zu machen
braucht. Unser Volk hat von diesen Eigenschaften ein gerüttelt Maß.
Eine Regierung kann sich aufrichtig um die Erhaltung des
Friedens bemühen, wie wir das tun, und die Bevölkerung ihres Lanuds aufrufen, für die Erhaltung des Friedens Opfer zu bringen.
Aber keine Regierung kann den Herrschern fremder Lander das Samenkorn des Friedens ins Herz legen. Es ist somit eine Pflicht vor uns
selbst und gegenüber der Sache der Freiheit, geistig, wirtschaftlich und militärisch stark zu bleiben, damit wir uns ein Höchstmaß an Sicherheit gegen eine mögliche Aggression von Seiten anderer
erhalten.

- 18 -

�"AMERIKA DIENST"

6. Januar 1954

Keine Regierung kann ihr Volk gegen den tödlichen Materialismus, der unsere Epoche heimsucht, immun machen. Zum Glück
hat sich unser Volk, obgleich es wie kein anderes in der Geschichte mit materiellen Gütern gesegnet ist, stets in erster
Linie von geistigen Dingen leiten lassen, dem eigentlichen Quell
jener Freiheit, die wir höher als alle materiellen Güter schätzen.
Eine Regierung aber kann versuchen, so wie wir es tun, das
innerste Denken und Trachten des Volkes zu ergründen, und diesem Denken in der Innen- und Außenpolitik des Landes Ausdruck
zu verleihen. Sofern wir in unserem Wollen und Tun demütig und
aufrichtig im Angesicht des Allmächtigen das Gute erstreben,
sehe ich kein Hindernis für den weiteren Aufstieg Amerikas und
keine Grenze dessen, war wir zu geben vermögen..
*

* * * *

- 19 -

�KONGRESSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS ÜBER DIE
LAGE DER US-LANDWIRTSCHAFT
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die von Präsident Eisenhower dem amerikanischen Kongreß
am 11.Januar 1954 vorgelegte Botschaft über
die Entwicklung in der amerikanischen Landwirtschaft hat folgenden Wortlautj
"Zur wohlwollenden Beachtung unterbreitetich hiermit dem
Kongreß einige Empfehlungen, die die amerikanische Landwirtschaft
betreffen. Das landwirtschaftliche Problem ist heute ein genau
so schwerwiegendes und kompliziertes wie die vielen anderen,
mit denen Sie sich in der letzten Sitzungsperiode zu befassen
hatten. Schnelles Handeln ist erforderlich, um den wachsenden
Gefahren,die unser gegenwärtiges Landwirtschaftsprogramm bedrohen, zu begegnen und um zu verhindern, daß hieraus Schwierigkeiten in der Landwirtschaft resultieren.
Ich habe den amerikanischen Farmern die Versicherung gegeben,
daß die Unterstützung der gegenwärtigen Landwirtschaftsgesetze,
einschließlieh des Farmpreisstützungsprogramms während des Jahres 1954 zu 90 Prozent der Parität' ) eine moralische und gesetzliche Verpflichtung ist, die aufrechterhalten werden muß. Um
dieses Versprechen zu erfüllen, wurden in den vergangenen
12 Monaten alle Anstrengungen unternommen, damit den Farmern
ihr voller Anteil an dem Einkommen gesichert wird, das von
einem stabilen und wirtschaftlich blühenden Land geschaffen
wird. Damit diese Anstrengungen von Erfolg gekrönt sind, ist
ein neues Farmprogramm erforderlich, das die gegenwärtige Lage in der amerikanischen Landwirtschaft berücksichtigt.
Durch diese Botschaft wird dem Kongreß das neue Programm
unterbreitet. Es ist mit dem Ziel ausgearbeitet worden, im
Laufe der Jahre eine Stabilität und ein Anwachsen des Einkommens
zu erreichen, auf das unsere Farmer Anspruch haben, und das die
Nation im Interesse der 160 Millionen unseres Volkes garantieren muß.
Problemstudien
Bei der Ausarbeitung dieses Programmes ist es der Regierung gelungen, das beste Gedankengut unserer Farmer und Landwirtschaftsexperten zu koordinieren. Über 60 verschiedene Studiengruppen und mehr als 500 der bedeutendsten Landwirtschafts*) Paritätspreis = Preisverhältnis der
Einzelprodukte zu dem Durchschnitt
Von 1910 - 1924.

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13- Januar 1954

landwirtschaftsführer des Landes waren an dieser Studie beteiligt.
Landwirtschaftliche Hochschulen und Forschungsinstitute stellten
dabei die Ergebnisse ihrer Arbeit und ihre Ideen zur Verfügung.
Zahlreiche Produzenten, Verarbeiter und Handelsgruppen sowie verschiedene nationale landwirtschaftliche Vereinigungen, steuerten
ihre Meinungen und Vorschläge bei. Tausende Briefe von einzelnen
Farmern, und die Ergebnisse von Meinungsforschungen unter der
Landbevölkerung sind analysiert und in Betracht gezogen worden.
Die aus den beiden Parteien gebildete, repräsentative nationale
landwirtschaftliche Beratungskommission hat während der letzten
12 Monate ständig an diesem Problem mitgearbeitet und ihre Ratschläge gegeben. Auch zahlreiche landwirtschaftliche Handelsorganisationen wurden zu Rate gezogen. Viele Mitglieder des Kongresses haben ihre reichen Erfahrungen für diese Sache zur Verfügung gestellt. So konnte, wie vor einem Jahr versprochen, die
gründlichste und umfangreichste Studie, die je über das Farmproblem und die Farmprogramme der Regierung gemacht wurden, entstehen.
Empfehlungen nach Einzelprodukten
Die Empfehlungen, die aus all diesen Untersuchungen heranreiften, sind das Ergebnis einer traditionellen guten Zusammenarbeit der beiden Parteien hinsichtlich der Landwirtschaftsgesetzgebung. Sie wissen, daß jede Farmernte ihre besonderen Probleme hat und daß diese Probleme einer besonderen Behandlung bedürfen. Demzufolge enthält auch der erste Teil dieser Botschaft
detaillierte Vorschläge über die Behandlung von 16 Produkten und
Produktengruppen. Ich selbst beschränke mich hierbei auf solche
Aspekte des Farmprogramms, an denen alle Farmer und alle Bürger
gleichmäßig stark interessiert sind.
Einige fundamentale Betrachtungen
Bei der Behandlung dieses Problems, hat sich die Regierung
auf folgende Grundsätze gestützt:
1. Für den Wohlstand der Vereinigten Staaten ist eine stabile,
blühende und freie Landwirtschaft erforderlich.
2. Ein Farmprogramm muß sowohl die Interessen der Erzeuger
als auch der Verbraucher in wirklich fairer Weise repräsentieren.
3. Wenn jedoch große Vorräte an Nahrungsmitteln vorhanden sein
sollten, so dürfen diese nicht vernichtet werden. Übermäßig große
Lager können aus dem Handel gezogen und konstruktiven Zwecken zugeführt werden, die entweder den Bewohnern der Vereinigten Staaten
oder aber ihren Freunden in der Welt zum Nutzen gereichen.
4. Auf Grund verschiedener Ursachen unterliegen die Farmerzeugnisse weit größeren Preisschwankungen als andere Güter. Der
einzelne Farmer oder Rancher hat jedoch weniger Einfluß auf die
Preisgestaltung, als der Hersteller in den meisten Industriezweigen. Eine Preisstützung der Regierung muß aus diesem Grunde gewährleistet sein, damit die notwendige Stabilität des landwirtschaftlichen Einkommens sowie der Produktion erreicht wird.
.

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

5. Vor allem sollte ein Farmprogramm der Landwirtschaft helfen, ihren angemessenen Anteil am Volkseinkommen sicherzustellen.
Es muß gleichermaßen auch auf eine Stabilität der Farmeinkommen
abzielen. Aus diesem Grunde sollten allzu große Schwankungen
in der Höhe der Stützungspreise von Jahr zu Jahr vermieden werden.
6. Kein einzelnes Programm kann auf die Landwirtschaft in
ihrer Gesamtheit bezogen werden. Einige Farmerzeugnisse sind
verderblich, andere nichtj einige Farmen verbrauchten die Erzeugnisse anderer Farmen, einige Nahrungsmittel und Naturfasern
können wir exportieren, einige müssen wir importieren. Ein allumfassendes Farmprogramm muß an diese und andere Unterschiede
angepaßt werden können, und darf dennoch für einzelne Farmgruppen
keine Härten und für andere keine Vorteile mit sich bringen.
7. Ein arbeitsfähiges Farmprogramm muß der Regierung genügend Spielraum lassen, damit zeitliche Änderungen hinsichtlich
Politik und Methoden, einschließlich der Höhe der Preisstützungen,
deren Grenzen gesetzlich festgelegt sind, durchgeführt werden
können. Dadurch kann die Regierung auftauchende Schwierigkeiten
in der Landwirtschaft rechtzeitig erkennen und in Rechnung stellen,
und braucht sie nicht erst nach Eintritt mit gesetzlichen Maßnahmen zu bekämpfen.
8. Die Umstellung auf ein neues Farmprogramm muß allmählich
und im Interesse der Farmbevölkerung und der Gesamtwirtschaft
vollzogen werden.
9. Forschung und Ausbildung, die fundamentalen Funktionen
des Landwirtschaftsministeriums seit seiner Gründung, sind immer
noch unerläßlich, wenn unsere Farmer die Produktivität ßteigern
und ihre Märkte vergrößern wollen.
10. Das natürliche Fundament unserer Nationalökonomie ist
ihr Boden-, Wasser- und Waldreichtum. Aus diesen Quellen kommt
unsere Nahrung, der größte Teil unserer Kleidung und unseres Obdachs. Wenn wir diese Hilfsquellen gut schützen und entwickeln,
werden sie einen direkten Einfluß auf den zukünftigen Lebensstandard der ganzen Nation haben.
Die augenblicklich geltenden Gesetze lassen einen erhöhten
Verbrauch an Weizen, Mais, Baumwolle und Pflanzenölen nicht ratsam erscheinen, sie fördern jedoch eine gesteigerte Produktion
dieser Erzeugnisse. Die ungeheuren und stetig wachsenden Überschüsse, die die Regierung besitzt, bilden jedoch eine ständige
Bedrohung der normalen Märkte für diese Produkte. So zeitigen
die zur Zeit geltenden Gesetze Ergebnisse, die sich für diejenigen
nachteilig auswirken, denen die Gesetze eigentlich helfen sollten.
Im Laufe der letzten drei Jahre ist das landwirtschaftliche Einkommen, zum Teil wegen dieser übermäßig hohen Bestände, stetig
gesunken.
Die

- 6-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Die Dringlichkeit dieser Lage wird durch einige grundlegende Tatsachen am besten veranschaulicht. Im Laufe des vergangenen
Jahres hat sich die Investitionssumme der Agrarkreditgesellschaft
(Commodity Credit Corporation) für landwirtschaftliche Erzeugnisse
mehr als verdoppelt, sie stieg um ungefähr 2,5 Milliarden Dollar.
Als Ergebnis davon sind die finanziellen Verpflichtungen der Gesellschaft hart an die 6,75 Milliarden Dollar-Kreditgewährungsgrenze gerückt. Um zu garantieren, daß die augenblicklichen Verpflichtungen in bezug auf Preisstützung für die Ernten von 1953
und 1954 eingehalten werden können, werde ich den Kongreß auffordern, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, damit die Kapitalverluste
der Agrarkreditgesellschaft bis zum 30. Juni 1954 wieder ausgeglichen werden können und die Kreditgewährungsgrenze ab 1. Juli
1954 auf 8,5 Milliarden Dollar erhöht werden kann.
Die Warenbestände der Regierung sind außerordentlich groß.
Allein für Weizen belaufen sich ihre Investitionen auf mehr als
2 Milliarden Dollar. In dieser Summe sind 440 Millionen Bushel
Weizen einbegriffen, die der Regierung gehören. Etwa 400 Millionen weitere Bushel sind von der Regierung beliehen worden;
wobei es wahrscheinlich ist, daß der größte Teil davon im Besitz
der Regierung kommt. Dieser Bestand reicht aus, um den Weizenbedarf der gesamten Nation für mehr als ein Jahr zu decken.
Der Bestand an Baumwolle wird sich auf ungefähr 9»6 Millionen
Ballen belaufen. Auch hier entspricht der Bestand etwa dem Jahresbedarf der ganzen Nation.
Der Bestand an Pflanzenölen beträgt annähernd 1,5 Milliarden
Pfund, das ist, grob geschätzt, mehr als die Hälfte des Bestandes,
der normalerweise beibehalten werden sollte.
Da bereits solche enorme Vorräte vorhanden sind, mußten
für Weizen und Baumwolle Anbaubeschränkunge und Marktquoten eingeführt werden. Es erscheint unvermeidlich, daß die Regierung eine
erhebliche Reduzierung der Anbaufläche für Mais in Erwägung ziehen
wird, Man erwartet, daß die Anbaufläche ür diese Produkte im Jahr
1954 wie folgt verringert wird: Weizen 16,5 Millionen Acres; Mais
5-6 Millionen Acres} Baumwolle 3,5 Millionen Acres. Ohne sorgfältige Handhabung könnte innerhalb eines einzigen Jahres eine Zweckentfremdung von 25 Millionen Acres produktiven Ackerlandes - etwa
8 Prozent der Gesamtfläche - einen überaus nachteiligen Einfluß
auf die gesamte Wirtschaft ausüben.
Selbst diese Reduktionen werden wahrscheinlich die Überschüsse
an Weizen und Baumwolle nicht wesentlich verringern, da die Wahrscheinlichkeit besteht, daß man versuchen wird, aus den verkleinerten Anbauflächen größere Ernteerträge zu gewinnen und da die
Märkte weiterhin als Folge der starren Preisstützen schwinden werden. Man schätzt, daß beispielsweise auf Landflächen, die dem
Maisanbau entzogen wurden, Hafer, Gerste und Sorghum angebaut
werden, um den Bestand an Futtergetreide auf der derzeitigen Höhe
zu halten, wodurch die mit der Verringerung der Anbauflächen für
Mais verbundene Absicht unwirksam wird.
_,

�"AFRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Es wird ebenfalls erwartet, daß auf etwa 3 Millionen zweckentfremdenden Acres Sojabohnen angebaut werden, wodurch die übermäßig hohen Bestände an Pflanzenölen noch vermehrt werden. Die
Produktion, die auch aus anderen abgezweigten Anbauflächen zu
erwarten ist, bedroht die Farmer, die Kartoffeln, Zuckerrüben,
Reis, Alfalfa, Flachs, Gemüse und viele andere Feldfrüchte anbauen. Aus diesem Grunde müssen wir darangehen, den fundamentalen Ursachen unserer augenblicklichen übermäßig hohen Bestände
an landwirtschaftlichen Erzeugnissen ohne Zögern auf den Grund
zu gehen.
Das landwirtschaftliche Problem der Nation ist nicht das
einer allgemeinen Überproduktion: Der Verbraucherbedarf verläuft weiterhin auf Rekordhöhen oder nähert sich diesen. Die
Durchschnittspreise landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die keine
direkten Preisstützen besitzen, waren in den vergangenen Jahren
genau so hoch, wie die der Produkte mit Preisstützung. Das Problem ist vielmehr in einer unausgewogenen landwirtschaftlichen Produktion zu erblicken, die spezielle, durch die gegenwärtigen starren Preisstützen unvermeidliche Überschüsse zur
Folge hat. Das Problem wird noch kompliziert durch den fortwährenden Verlust einiger Auslandsmärkte, von denen die Landwirtschaft der Vereinigten Staaten zum großen Teil ihren Wohlstand ableitete.
Hauptpunkte des Landwirtschaftsprogramms
Das neue Landwirtschaftsprogramm, das hier vorgeschlagen
wird, stimmt mit allen zuvor erwähnten Verhältnissen und grundlegenden Erwägungen überein. Es weist 5 Hauptmerkmale auf:
1.. Dem neuen Programm sollte zuerst eine Anlaufmöglichkeit
ohne die Belastungen der großen Überschüsse gegeben werden.
Dies kann dadurch erreicht werden, daß gewisse llengen überschüssiger Nahrungsmittel beiseite gestellt werden, indem man
sie von den Preisstützungsberechnungen ausschaltet.
2. Die Landwirtschaftsgesetze des Jahres 1948 und 1949 waren gründlich ausgearbeitet worden und erhielten die Unterstützung beider Parteien. Die Prinzipien»auf die sie sich
gründeten, sind besonders auf die landwirtschaftliche Industrie von heute anwendbar. Obgleich die vorgeschlagene Landwirtschaftsgesetzgebung des Jahres 1954 im allgemeinen auf diesen Grundsätzen beruht, enthält sie doch gewisse neue Merkmale, Verbesserungen und Modifikationen.
3.. Die Abänderung des Landwirtschaftsgesetzes von 1949,
die obligatorische starre Preisstützung vorsieht, den Kriegserfordernissen angepaßt und für Friedenszeiten vollkommen ungeeignet ist, wird hiermit aufgehoben. Nach Einbringung der
Ernte des Jahres 1954 wird das Niveau der Preisstützen für die
grundlegenden landwirtschaftlichen Güter allmählich der Nachfrage angepaßt, wodurch den Farmern eine größere Stabilität des
Einkommens gewährleistet wird.
4.

�"AFRIKA LIJ.NST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

4.. Im Gesetz ist vorgesehen, daß ab I.Januar 1956 für alle
landwirtschaftlichen Verbrauchsgüter eine zeitgemäße Parität in
Kraft treten soll. Es soll dafür Sorge getragen werden, daß
die Oberleitung von der alten auf die neue Parität schrittweise
und zwar um jeweils 5 Prozentpunkte der alten Parität pro Jahr
erfolgt, bis der Wechsel von der alten zur neuen Parität vollzogen ist.
5. Der Schlüssel des neuen Programms besteht in einer allmählichen Angleichung an die neuen Umstände und Verhältnisse.
Die Anwendung der neuen Parität und das Verhältnis der Grundprodukte zur Höhe des Angebots erfordern eine Übergangszeit,
um eine stabile Landwirtschaft zu gewährleisten. Dieser Übergang soll auf vorsichtige und sorgfältige Weise erreicht werden, um scharfe Angleichungen zu vermeiden, die unter Umständen den Erfolg des Programms in Frage stellen würden.
6. In Befolgung des Prinzips des allmählichen Übergangs
wird der Landwirtschaftsminister seine Vollmacht nach dem Landwirtschaftsgesetz von 1949 ausüben, um zu gewährleisten, daß
die von Jahr zu Jahr vorzunehmenden Veränderungen hinsichtlich : .
der Höhe des Stützpreises sich in Grenzen halten.
7.« Der Landwirtschaftsminister behält weiterhin die Vollmacht, Preisstützungen bei mehr als 90 Prozent der Parität anzuwenden, wenn das nationale Wohlergehen oder die nationale
Sicherheit es verlangen.
Parität und Preisstützungen
Nach den Bestimmungen der Landwirtschaftsgesetze der Jahre 1948 und 1949 wird die Regierung:
1) die Preise der wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse derjenigen Farmer unterstützen,_die den AnbaubesChränkungen u.
Marktquoten unterliegen;
2) die Preisstützungshöhe für verschiedene Fruchtarten bekanntgeben, bevor diese angepflanzt werden, soweit es möglich
ist;
3) das Preisniveau bis zu 90 Prozent der Parität unterstützen. Für einige Erzeugnisse werden außerdem Mindestpreise
aufgestellt werden gemäß dem Landwirtschaftsgesetz des Jahres
1949» und zwar zwischen 75 und 90 Prozent der Parität nach dem
Verhältnis von Total- und Normalangebot;
4) die Preisstützungshöhe um einen Prozentpunkt verändern
für jeweils 2 Prozentpunkte der Abweichung im Gesamtangebot.
Ist das Angebot zu gering, so wird ein höherer Stützungspreis
zu größerem Anbau ermutigen. Besteht ein überreiches Angebot,
so wird ein niedrigerer Preis den Verbrauch fördern. Hierdurch
wird nicht nur erreicht, daß die Preise der Haupterzeugnisse
eine feste Grundlage erhalten, sondern auch die Schwankungen
in Preis und Angebot werden dahin tendieren, sich gegenseitig
auszugleichen und so das Einkommen des Farmers stabilisieren.
Modernisierte

- 9-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT üJüü ARBEIT

13. Januar 1954

Modernisierte Parität
Die Paritätsberechnungen für die meisten landwirtschaftlichen Erzeugnissenbasieren gemäß der alten Formel auf Preisverhältnisse und Kaufgewohnheiten von vor vierzig Jahren. Da
sich die Methoden der landwirtschaftlichen Produktion erheblich geändert haben, hat der Kongreß klugerweise den Paritätsbegriff den heutigen Verhältnissen angepaßt. Die neue Parität
berücksichtigt die Preisverhältnisse der letzten zehn Jahre.
Sie gestattet Veränderungen in der landwirtschaftlichen Technologie und der Verbrauchernachfrage, um sich in der Höhe des
Stützpreises auszudrücken und stellt die wahren Beziehungen
zwischen den landwirtschaftlichen Erzeugnissen wieder her.
Für die Haupterzeugnisse sieht das Gesetz bis zum I.Januar
1956 vor, daß die alte oder die neue Parität Anwendung findet,
je nachdem welche höher ist. Für alle Güter mit Ausnahme von
Weizen, Mais, Baumwolle und Erdnüsse wird die neue Parität bereits angewandt.
Gleiche Behandlung der verschiedenen Güter erfordert, daß
ab I.Januar 1956 - wie im Gesetz verankert - die neue Parität
für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse angewandt wird.
Isolierung der landwirtschaftlichen Produktionsüberschüsse von den Märkten
Die Beseitigung drohender gewaltiger Überschüsse der landwirtschaftlichen Produktion von der laufenden Marktwirtschaft
bildet einen wesentlichen Teil des hier vorliegenden Programms.
Die Vernichtung dieser Überschüsse kann unter keinen Umständen geduldet werden. Sie können von den Märkten abgezweigt
und für konstruktive Zwecke verwendet werden. Man kann sie u.a.
Schulspeisungen zuweisen, bei Katastrophenfällen zur Verfügung
stellen, man kann der Bevölkerung anderer Länder damit helfen
oder auch in der Heimat Reserven bilden für Kriegsfälle oder
sonstige nationale Notstände.
Ich empfehle daher, die Bildung von Reserven im Werte von
2,,5 Milliarden Dollar aus denen, über die zur Zeit die Agrarkredit-Gesellschaft verfügt, zu genehmigen. Die Verwendung dieser "eingefrorenen" Reserven sollte unumschränkter Vollmacht
unterliegen. Diese Vollmacht sollte Hand in Hand gehen mit gesetzlichen Sicherheitsmaßnahmen, um au verhindern, daß diese
Reserven einheimischen oder ausländischen Märkten zugeführt
werden, was Störungen in der Abwicklung der normalen Handelsbeziehungen mit sich bringen würde. Dem Verderb unterliegende Reserven sollen natürlich umgesetzt, Vorratslager für Weizen,
Baumwolle, Pflanzenöle und vielleicht Molkereiprodukte nach dem
Inkrafttreten dieses Programms abgestoßen werden.

Die

- 10 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar

1954

Die besonderen Gegebenheiten in bezug auf die Ernte und der
Zeitpunkt der Einführung des vorgeschlagenen neuen Programms
sollten maßgebend sein für die Schaffung einer jeden Waren-Reserve.
Dieses Reserve-Programm wird dann wirksam sein, wenn es sorgfältig mit dem neuen Programm als ein großes behandelt wird. Die
Isolierung unserer überschüssigen Reserven an Nahrungsmitteln
und Pasern bildet einen wesentlichen ersten Schritt zum Inkrafttreten dieses neuen Programms.
Erweiterung der Märkte im Ausland
Einen unserer wesentlichsten Kanäle für die Abzweigung des
gegenwärtigen Warenüberflusses bilden die uns befreundeten Länder.
Die Verwendung der beträchtlichen Warenmengen kann weiterhin
nachdrücklich vorangetrieben werden dadurch, daß Überschüsse an
Nahrungsmitteln und Pasern zur Unterstützung fremder Länder und
zur Linderung und Hilfe in Katastrophenfällen in größtmöglichem
Umfang zur Verfügung gestellt werden. Ich beantrage eine Portdauer der Erlaubnis, die landwirtschaftlichen Überschüsse diesem
Zweck zugänglich zu machen.
Die Anwendung dieser Maßnahmen genügt jedoch nicht, um die
Überschüsse dem Verbrauch zuzuführen. In keinem landwirtschaftlichen Programm sollten die ständige,wirtschaftliche Entwicklung
und Expansion übersehen werden. Durch den gewaltigen Anstieg
der landwirtschaftlichen Produktivität nach dem zweiten Weltkriege ermöglichten die amerikanischen Farmer es unserem Lande,
in immer größerem Umfang zum Nahrungsmittelbedarf der Welt beizusteuern. Der Aufbau von Märkten zum Absatz dieser erhöhten Produktion bildet einen Teil der größeren Aufgabe, ein freieres
Handels- und Zahlungssystem innerhalb der ganzen freien Welt zu
schaffen.
Da unsere Farmer in großem Umfang von den ausländischen
Märkten abhängig sind, wird ihren Interessen besonders gedient
werden,durch die Arbeit des Landwirtschaftsministeriums, das die
Aufgabe hat, in- und ausländische Märkte zu erschließen. In
meiner Budgetbotschaft werde ich den Einsatz ausreichender Mittel
für diesen Zweck empfehlen.
In der Zwischenzeit werden zahlreiche Handelsmissionen, die
mit unseren überseeischen Vertretungen zusammenarbeiten, aus den
Vereinigten Staaten nach Europa, Asien und Südamerika entsandt
werden, um in allen diesen Ländern die Möglichkeiten zur Erweiterung des internationalen Handels mit Nahrungsmitteln und Pasern zu untersuchen. Außerdem wird der Minister für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Außenminister für einen Meinungsaustausch mit ausländischen Landwirtschaftsministern Sorge
tragen. Es wird dabei alles erörtert werden, was die Verwendung
der landwirtschaftlichen Überschüsse und Vorratshaltungen betrifft.
Verwendung

- 11 -

�"AMERIKA LILNST" - VtIRTSCHAlT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Verwendung nicht bebauter landwirtschaftlicher Nutzflächen
Außer der Reduzierung von Überschüssen und der erforderlichen Märkteerschließung müssen besondere Maßnahmen ergriffen
werden hinsichtlich der Verwendung von Landflächen, die nicht
dem üblichen Anbausystem unterliegen. Um diese Schwierigkeiten
zu vermeiden, muß die landwirtschaftliche Nutzfläche, die für
die gewöhnliche Ernte entfiel, auf ein Minimum beschränkt werden. Las vorgesehene Programm will dies erreichen durch erhöhten
Warenverbrauch, was dann auch zu der Notwendigkeit führt, die
Einschränkung der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Fortfall
zu bringen.
Wenn Land von der Bebauung zurückgestellt werden muß, so
ist es erforderlich, daß dies im Hinblick auf die Grunderfordernisse der Bodenkonservierung geschieht - nämlich um das Land
zu schützen und zu verbessern. Wo immer diese Bodenausnutzung
auf besondere Schwierigkeiten stößt, werden die für das landwirtschaftliche Programm aufgewendeten Mittel eingesetzt werden,
um den Farmern eine
Erreichung dieser Ziele in der Form zu
ermöglichen, daß die Bodenpflege Förderung erfährt und langfristige Leistungen erzielt werden.
Kleine Farmen
Die hauptsächlichen Nutznießer unserer Preisunterstützungspolitik waren die 2 Millionen größeren, hochmechanisierten Farmen, die etwa 85 Prozent unserer landwirtschaftlichen Erzeugung
auf sich vereinigen. Die Erzeugung der 3,5 Millionen Einzelfarmen ist so jainimgl, daß ihre Bewirtschafter nur geringe Vorteile
aus der Preisunterstützungspolitik ziehen. Im Laufe dieses Jahres wird der Minister für Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit
der "National Agricultural Advisory Commission" (Nationaler
landwirtschaftlicher Beratungs-Ausschuß) den Problemen der Besitzer kleinerer Farmen besondere Beachtung schenken.
Folgerung
Las in diesem Abschnitt und in dem folgenden zweiten Teil
vorgeschlagene landwirtschaftliche Programm will neue inländische und ausländische Märkte nicht nur für die gegenwärtig bestehende Produktion, sondern auch für die zukünftige erschließen. Las Programm will eine feste Basis schaffen, an der sich
unsere Farmer halten können, wenn sie langfristige Produktionsund Absatzpläne entwerfen. Jahrein und jahraus wird dieses
Programm die besten Aussichten für stabile und anwachsende
Farmeinnahmen bieten.
Es wird dem Farmer zum völlig gleichwertigen Partner auf
den Märkten verhelfen. Es wird die Schaffung belastender Über=
Produktion vermeiden. Es will die vorherrschende Notwendigkeit
der Produktionsplanung beschränken, das Problem der unbenutzten
Anbauflächen verkleinern und den Farmern größere Entscheidungsund Aktionsfreiheit verschaffen. Es will die landwirtschaftliche
Gütererzeugung mehr dem Verbraucherbedarf anpassen. Es will die
- 12 -

�"AMERIKA DIENST" - YtlETSChAiT UND ARBEIT

13. Januar 1954

die landwirtschaftlichen Interessen im Zuge des allgemeinen
öffentlichen Interesses fördern. Es will jeder von Jahr zu Jahr
krasser auftretenden Veränderung der Preise und Einkommen entgegenwirken.
Das Programm will wieder Anregung geben für eine gute landwirtschaftliche Wirtschaftsführung. Es will willkürliche Kontrollen von Seiten der Regierung verhindern und dem einzelnen
Farmer die größtmögliche Freizügigkeit lassen. Es wird für zusätzliche Anreizmittel sorgen, um den besten Gebrauch von allen
unseren landwirtschaftlichen Hilfsquellen zu machen und verspricht dem landwirtschaftlichen Sektor des Landes verläßlichere
und stabilere Einkommensverhältnisse als jeder andere Plan.
Ich befürworte die baldige Genehmigung des Programms durch
den Kongreß.
II. Teil
In diesem Teil der Sonderbotschaft beziehen sich die bereits
im I.Teil entwickelten Grundsätze auf besondere Waren und Warengruppen.
Weizen
Weizen bildet ein Musterbeispiel für die Ergebnisse eines
UnterStützungsprogramms, das nicht in der Lage ist, den notwendigen Bedarf zu decken. Seit dem 16.Dezember 1953 wurden mehr
als 2 Milliarden Dollar aus den Mitteln der Agrarkredit-Gesellschaft in Weizen investiert.
Der Exportmarkt, der für unsere Farmer seit jeher sehr
wesentlich war, war selbst teilweise verantwortlich für die
ausgedehnte Erzeugung amerikanischen V/eizens während der Kriegsund Nachkriegs jähre,. Zur Deckung des Nahrungsmittelbedarfs der
zerstörten Länder behielten die Farmer ihren hohen Erzeugungsstandard auch nach dem Kriege bei und erwiesen so der Menschheit und der Sache des Friedens in der ganzen Welt einen großen Dienst.« Diese großen Absatzgebiete haben sich seitdem verkleinert. Dennoch blieb der Stützungspreis auf dem den Kriegsverhältnissen angepaßten Niveau. Daraus ergibt sich, daß die
Produktion auf dem Kriegsniveau verblieb und jährlich immer umfassendere Mengen dieser Produktion überschüssig wurden.
Auf den ausländischen Märkten bildete das starre Stützungsprogramm der Vereinigten Staaten einen Schirm für andere Konkurrenten. Dadurch wurde eine künstliche Konkurrenzlage geschaffen,
welche den amerikanischen Farmer einen wesentlichen Teil seines
Weizenmarktes auf der ganzen Welt kostete. Während der vergangenen zwei Jahre sank unsere Weizenausfuhr außerhalb des Internationalen Weizenabkommens von 220 Millionen BushelL auf 64
Millionen Busheis, während Kanadas freie Marktverkäufe von
105 auf 161 Millionen Bushel^ anstiegen. So schnürt unsere
Preispolitik gerade den Markt ein, der andererseits unsere
Überproduktion aufnehmen könnte.
Bei
- 13 -

�"AFRIKA LIEBST" - V H R T S C H A J T UND ARBEIT

13. Januar 1954

Bei Fortdauer des gegenwärtigen Preisstützungsniveaus für
Y.'eizen würden wir uns vor zwei unerwünschte Alternativen gestellt sehen:
1) Herabsetzung der Anbaufläche, so daß nur der Eigenbedarf und geringe Mengen für den Export anfallen. Dadurch würde eine Reduzierung der Weizenanbaufläche um
etwa 40 Prozent, von 79 Millionen Acres, die 1953 bebaut wurden, auf 45 bis 50 Millionen Acres erforderlich.
2) Subventionierung des Weizenverbrauchs durch anwachsende schwere Belastung der Steuerzahler.
Die aufgezeigten Alternativen zeigen immer deutlicher, daß
wir von dem hohen, starren UnterStützungsniveau für Weizen abgehen müssen.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1. Ein wesentlicher Teil des gegenwärtigen Weizenüberschusses vom Markt abgezogen und als Notstandsreserve beiseitegestellt wird.
2. Nach Einbringung der Ernte des Jahres 1954 soll die
Hohe der Preisstützung für Weizen sich nach dem Angebot richten.
Da beträchtliche Überschüsse vorhanden sind, würde die Errechnung des Stützpreises gemäß der Bestimmungen des Landwirtschaftsgesetzes von 1949 eine allmähliche Änderung der Stützungshöhe
gewährleisten. Der Landwirtschaftsminister wird sich mit allen
ihm gemäß dem Landwirtschaftsgesetz von 1949 zu Gebote stehenden
Vollmachten dafür einsetzen, daß die Höhe der Preisstützung nur
geringfügig von Jahr zu Jahr schwankt.
3. Ab I.Januar 1956 soll die Angleichung von der alten auf
die neue Parität um jährlich 5 Prozent vorgenommen werden.
4.» Anbau- und Marktquoten sollen beibehalten werden, wobei
erwartet wird, daß das angeglichene Preisstützungsniveau zu
einer weitergehenden Verwendung von Weizenland für andere Zwecke
beiträgt.
Reis
Preisstützungen für Reis zu einer Parität von 90 Prozent
sind in Jüngster Zeit nicht gewährt worden. Die Marktpreise lagen auf gleicher Höhe wie die Preisstützung oder darüber; Produktionsbeschränkungen waren nicht erforderlich; die Vorräte
sind nicht angewachsen. Immerhin können die derzeitigen Preisstützungen für Reis eine etwa erforderliche Angleichung verhindern, wie es auch bei Weizen der Fall war, als eine Angleichung notwendig wurde.
Es wird daher empfohlen, daß die zwangsweisen Preisstützungen für Reis zu einer Parität von 90 Prozent nach Einbringung der
Ernte von 1954 aufhören.
Mais
Mais ist ein wesentlicher Faktor in der Futtergetreide« und
Viehwirtschaft. Diese Wirtschaft ist ein vielfach ineinandergrei- 14 -

�•AiüKhUCA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AfiBLIT

13*- Januar 1954

ineinandergreifender Prozeß der Erzeugung von Futtermitteln und
damit der Aufzucht von Vieh, das wiederum in Form von Fleisch,
Molkereiprodukten und Eiern in den Konsum wandert. Preise sind
ein wesentlicher Faktor, um diese Wirtschaft im Gleichgewicht
zu halten, da sie jeweils eine Verstärkung oder Verminderung
der Viehhaltung bewirken, die Futtermittel rationieren, wenn
Mangel daran herrscht, und umgekehrt ihren Konsum von Fleisch
erhöhen, wenn dieses reichlich vorhanden ist. Wenn der Mais
nutzbringend verwertet werden soll, so ist eine gewisse freie
Preisgestaltung unerläßlich.
Ein starres System hoher Preisstützungen für Futtergetreide birgt die Gefahr einer Minderung unseres Viehbestandes und
einer mengenmäßigen Begrenzung der Vieherzeugnisse für den Konsum. Wir haben in der Maiserzeugung große Fortschritte gemacht,
die zum Teil auch dem Konsumenten in Form von verbilligten
Fleisch- und Molkereiprodukten zugute kamen. Unser Preisstützungsprogramm für Mais soll diese Tendenz fördern.
Maisfelder und Mais haben für den Farmer etwa die gleiche
Bedeutung wie Weideland und Heu. Nur in Ausnahmefällen gelangen
mehr als 25 Prozent des angebauten Maises auf den Markt, wobei
noch der größte Teil hiervon von anderen Farmern als Futtermittel
verwendet wird. Die Farmer sind also die Hauptkonsumenten von
Mais. Daraus geht hervor, daß durch einen hohen Stützungspreis
für diejenigen Farmer, die Mais zum Verkauf anbauen, die Selbstkosten derjenigen Farmer, die Mais und anderes Futtergetreide
einkaufen müssen, erhöht werden.
Die im Landwirtschaftsgesetz von 1949 vorgesehenen variablen Preise und Einkommens-Ausgleichsmaßnahmen sind im ganzen zur
Lenkung des Preisstützungsprogramms für Mais sehr geeignet. Die
darin festgelegte Höhe des Stützungspreises zielt darauf ab,
Absatzmöglichkeiten für Mais zu schaffen. Dadurch können die
Viehzüchter laufend mit einem Angebot von Futtermais zu tragbaren Preisen rechnen.
Nach der bisherigen Paritätsberechnung liegt der Stützungspreis für Mais im Verhältnis zu den Preisen für Fleisch und
Molkereiprodukte zu hoch. Die neue Parität, die am I.Januar
1956 in Kraft treten soll, wird dazu beitragen, dieses außerordentlich wichtige Preisverhältnis auszubalancieren.
Daher wird empfohlen:
1) die neue Parität für Mais ab I.Januar 1956 in Kraft ztt
setzen mit der Maßgabe, daß die jährliche Übergangsrate auf
5 Prozent begrenzt bleibt;
2) mit Ausnahme der Maßnahmen unter 3) und 4) die im Landwirtschaftsgesetz von 1949 vorgesehenen Bestimmungen bereits
auf die Maisernte des Jahres 1955 und der folgenden Jahre anzuwenden;
3) das Gesetz von 1949 dahingehend zu ergänzen, daß bei
einer Parität zwischen 75 und 90 Prozent eine Veränderung des
Angebots um 1 Prozent der Stützpreise ebenfalls um 1 Prozent
- 15 -

�"AMERIKA DläNST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

1 Prozent variiert, wodurch die Stützpreise für Mais elastischer
werden und eine übermäßige Vorratsbildung auf staatlicher Seite
verhindert wird;
4) ein Gesetz zu erlassen, demzufolge der in das nächste
Erntejahr überzunehmende Gesamtlagerbestand an Mais sich von
1G auf 15 Prozent des Inlandsverbrauchs zuzüglich der Exporte
erhöht; das Gesetz soll für das Ernte jähr 1955 in Kraft treten.
Dies würde zu einer Stabilisierung des Angebots in Futtermitteln
beitragen und die Auswirkungen der derzeitigen Vorräte aus den
Übernahmequoten auf künftige Produktionskontrollen und die Höhe
der Stützungspreise vermindern;
5) bei Annahme obiger Empfehlungen das System der Absatzquoten abzuschaffen.
Futtergetreide, ausschließlich Mais
Das Landwirtschaftsgesetz aus dem Jahre 1949 sieht die
Preisstützung für solche landwirtschaftliche Produkte vor, die
nicht zu den sechs wichtigsten Bodenprodukten rechnen, wie für
Hafer, Gerste und Sorghum, in Höhe von maximal 90 Prozent des
Paritätspreises. Die Höhe der Preisstützung, die Form und die
Bedingungen sowie die zeitliche Dauer ihrer Gewährung werden
durch das landwirtschaftsministerium unter Berücksichtigung der
verschiedenen Auflagen des Gesetzes festgelegt.
Insoweit sich dieses Programm in der Durchführung bewährt
hat, empfehle ich seine Weiterführung.
Schlachtvieh
Die Tatsache, daß die obligatorischen Preisstützen im Falle von Schlachtvieh nicht im Einklang mit den Erfordernissen
stehen, ist dem Landwirtschaftsministerium seit Jahren schon
bekannt. Die neue Gesetzesvorlage sieht Bestimmungen vor, die
geeignet sind, eine Lösung der Probleme der Viehzüchter herbeizuführen.
Molkereiprodukte
Das Landwirtschaftsgesetz von 1949 fordert eine Preisstützung für Molkereiprodukte zu einer Parität zwischen 75 und
90 Prozent, sofern dies für eine ausreichende Belieferung des
Marktes notwendig ist. Es sind hier genügend Möglichkeiten
offengelassen worden, um das Programm zufriedenstellend durchführen zu können. Ich empfehle, diese gesetzlichen Bestimmungen
auch weiterhin beizubehalten,
Geflügel und Eier
Die Geflügelzüchter haben keinen generellen Wunsch nach
einer Preisstützung zu erkennen gegeben. Zu Zeiten und unter
besonderen Umständen kann sich eine Preisstützung jedoch als
eine große Hilfe erweisen.
Es
- 16 -

�"AMERIKA DIENST" - YvIETSCHAJT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Es wird deshalb folgendes empfohlen:
1) die Bestimmungen des Gesetzes aus dem Jahre 1949 für Geflügel und Eier beizubehalten mit uneingeschränkter Vollmacht
des Landwirtschaftsministers die Preise bis zu, aber nicht über
90 Prozent der Parität zu stützen;
2) die uneingeschränkte Vollmacht, Geflügel aufzukaufen
für Schulspeisungen, gemeinnützige Institutionen und für gewisse andere Zwecke»
Baumwolle
Baumwolle ist ebenso wie Weizen ein exportorientierted Erzeugnis, dessen Stützpreis gegenwärtig über dem des Weltmarktniveaus liegt. Die Vofräte sind in den USA in den beiden letzten
Jahren schnell angewachsen. Diese Lager werden im August wahrscheinlich etwa 9,6 Millionen Ballen erreichen. Diese Menge entspricht in etwa einem vollen Jahresbedarf der USA.
Unser sehr straffes Preisstützungsprogramm fördert den Wettbewerb der ausländischen Erzeuger und vermindert unsere Exporte.
Während der zwanziger Jahre und zu Beginn der dreißiger übertrafen die Nettoexporte an Baumwolle im allgemeinen den Eigenverbrauch. Die gegenwärtigen Exporte belaufen sich auf kaum
ein Drittel des weit größeren Eigenbedarfes. .
Unsere Aufgabe ist es, ein Programm zu entwickeln, das den
Erzeugern hilft, sich allmählich den wandelnden Verhältnissen
anzupassen, einschließlich dem steigenden in- und ausländischen
Wettbewerb.
Das Landwirtschaftsgesetz des Jahres 1949 sieht Preisstützungen für Baumwolle auf der Höhe zwischen 75 Prozent und 90
Prozent der Parität vor, je nach Höhe des Angebots. Auf diese
Weise gleichen sich die Veränderungen in Angebot und Preis untereinander aus und sichern so ein verhältnismäßig stabiles Einkorns
men. Dieser Plan läßt begrenzte Preisschwankungen zu und gibt
so den Parmern einen vernünftigen, stabilen Markt und bietet zugleich einen Anreiz für einen erhöhten Baumwollverbrauch in
Jahren des Überflusses.
Durch Sondergesetze wurden die Preisangleichungsbestimmungen des Gesetzes des Jahres 1949 für Baumwolle außer Kraft gesetzt. Der Landwirtschaftsminister ist jetzt durch das Gesetz
ermächtigt, derartige Markt- und Ankaufquoten festzusetzen, damit das vorgesehene Preisstützungsniveau selten, wenn überhaupt,
unter 90 Prozent der Parität fallen kann. Anstatt sich teilweise auf die Gruüclpreisskalen, wie sie in dem Gesetz aus dem
Jahre 1949 vorgesehen sind, zu verlassen, erfordert das Gesetz
fast ausschließlich eine Ausrichtung auf die Produktionskontrollen.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) ein wesentlicher Teil der gegenwärtig zu erwartenden
großen Lagerbestände an Baumwolle, besonders gelagert wird als
- 17 -

�"AMERIKA DIENST" - MRTSüHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

als Reserve für den Notfall und aus dem Markt genommen wird;
2) nach der Ernte 1954 die Höhe des Stützpreises für Baumwolle dem Verbrauch angepaßt wird. Auf Grund der beträchtlichen
Einlagerungsreserve gewährleisten die Berechnungen der.Stützungshöhen nach dem Landwirtschaftsgesetz von 1949» daß Veränderungen
der Stützungshöhen allmählich erfolgen. Der Landwirtschaftsminister wird die Vollmachten des Landwirtschaftsgesetzes Von
1949 benutzen, um zu gewährleisten, daß die jährlichen Schwankungen in der Preisstützungshöhe begrenzt bleiben»
3) die neue Parität für Baumwolle wie vorgesehen ab
I.Januar 1956 wirksam wird;
4) der Kongreß die gegenwärtig bestehenden Bestimmungen
aufhebt, wodurch die Maximalanwendung der Produktionsbeschränkungen erforderlich wird, ehe irgendeine Senkung des Preisstützungsniveaus möglich ist»
Tabak
Die Tabakpflanzer haben ihre Fähigkeit bewiesen, die Produktion auf den Bedarf abgestimmt und gleichzeitig auf der
Preisstützungshöhe gehalten zu haben, ohne daß für die Regierung Verluste entstanden. Die verhältnismäßig kleinen Anbauflächen für Tabak und die wenigen Gebiete, die für Tabakanbau
geeignet sind, haben die Anwendung der Produktionskontrolle
leichter gemacht als für andere Erzeugnisse.
Der Unterstützungssatz beträgt für die/Snbaukontrollen :
unterliegenden Erzeuger 90 Prozent des Paritätspreises in jedem
Jahr, in welchem Marktquoten in Kraft sind.
Es wird empfohlen, das Tabakprogramm in der gegenwärtigen
Form fortzusetzen.
Erdnüsse
Das Gesetz erfordert, daß die vorgeschriebene Preisstützung
von 90 Prozent für Erdnüsse bis Ende 1954 weitergeführt wird und
die alte Parität bis Ende des Jahres 1955 in Kraft bleibt.
Dieses Programm, bei dem sich bei der Angleichung von Angebot und Nachfrage auf den Stützungspreis einige Schwierigkeiten
ergaben, kann jedoch bei Vornahme gewisser Änderungen wirkungsvoll arbeiten.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) das Landwirtschaftsgesetz aus dem Jahre 1949 für Erdnüsse am 1.Januar 1955 in Kraft tritt;
2) der Übergang zur neuen Parität für Erdnüsse entsprechend
den gesetzlichen Bestimmungen am I.Januar 1956 eingeleitet wird;
3) eine Übergangsregelung erfolgt, um die Änderung von der
alten auf die neue Parität nicht größer werden zu lassen als
5 Prozent.
,,
Aleunte18 -

�"AjaEhlKA LIEHST" - 'WIRTSCHAFT ÜML ARBEIT

13. Januar 1954

Aleurite-Samen und Honig
Aleurite-Samen und Honig sollten zu der gleichen Kategorie
wie andere Erzeugnisse gehören, für die Preisstützungen zwar
zulässig, aber nicht unbedingt erforderlich erscheinen. Es wird
deshalb empfohlen, daß die vorgeschriebene Preisstützung für
diese Produkte eingestellt wird.
Ölsaaten
Preissubventionen sind vorgesehen für Sojabohnen, Baumwollsamen und Flachs, wobei 90 Prozent der Parität nicht überschritten werden dürfen. Es wird empfohlen, daß die Bestimmungen des
Landwirtschaftsgesetzes von 1949 für diese Erzeugnisse weiterhin in Kraft bleiben.
Obst und Gemüse
Las gegenwärtige Gesetz erlaubt 30 Prozent der Zolleinnahmen zur Förderung des Exportes und Inlandsverbrauchs landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu verwenden. Im Fall einer
Marktstörung können diese Mittel benutzt werden, um einen
begrenzten Ankauf des Marktüberschusses solcher verderblicher Güter wie Obst und Gemüse zu ermöglichen. Ankäufe sollen
in solchen Fällen nicht geschehen, wenn Absatzmöglichkeiten
nicht vorhanden sind.
Es wird deshalb folgendes empfohlen:
1) die gegenwärtigen Bestimmungen über die Verwendung der
aus den Zolleinkünften stammenden Fonds beizubehalten;
2) die Vollmachten für die Anwendung von Marktabkommen
weiterzufahren und zu liberalisieren um
a) die Einbeziehung weiterer Produkte auf die Marktregelungen zu gewährleisten;
b) die Vollmachten der auf Grund der Marktordnung geschaffenen Stellen zu erweitern und zu klären, sich
innerhalb vernünftiger Grenzen in Marktforschungsarbeiten entsprechend den Marktaufträgen einzuschalten
oder diese zu finanzieren;
c) die störungsfreie Lurchführung der Marktabkommen
trotz kurzfristiger Preisschwankungen und erforderlichenfalls die reibungslose Verteilung während der
Marktsaison zu gewährleisten;
d) Erweiterung und Klarstellung der Vollmachten für
die Anwendung der Marktordnung, um die Wirksamkeit der
Märkte zu erhöhen; hierzu gehören auch die Bestimmungen über die Verpackung von Frischobst und Frischgemüse.
Kartoffeln
Es wird empfohlen, daß der Gesetzgeber ermächtigt wird,
de Kartoffelanbauern die gleichen Hilfsmaßnahmen zu gewähren
wie den Erzeugern von Obst und Gemüse.
- ,
°
Zucker
- 19 -

�"AFRIKA D I ^ S T " - Y.IBISCiiAlT UND ARBEIT

1 3 . J a n u a r 1954

Zucker
las Zuckerprogramm, das 1951 erweitert wurde, arbeitete allgemein zufriedenstellend. Es wird empfohlen, daß dieses Programm
in seiner bisherigen Form weitergeführt wird»
Wolle
Die Preisstützungen für Wolle in einer Höhe, die über dem
Marktpreis liegt, hatte zur Folge, daß sich bei der A_r rkreditGesellschaft sowie durch die Bevorzugung von Imporg-Wolle gegenübe der einheimischen riesige Vorräte angesammelt haben - heute
sind etwa 100 Millionen Pfund Wolle eingelagert. Zwei Drittel
der Wolle, die in den USA verarbeitet wird, ist importiert,
während sich die einheimische Wolle in den Lagerhäusern zu Bergen stapelt.
Hier '.st ein Programm erforderlich, das gleichbleibende
R ckvergütungen an den Schaf Züchter vorsieht, und der Erzeugung
und dem Markt genügende Anreize bietet. Die staatlichen Vorschriften für Erzeuger und Verarbeiter sollten auf einem Mindestmaß gehalten werden, so daß Steuerzahler und Verbraucher
nur geringstmögliche Lasten zu tragen haben, sie müssen dabei
mit der allgemeinen Agrarpolitik und der internationalen Handelspolitik vereinbar sein.
Es wird deshalb empfohlen, daß
1) sich der Preis für im Inland erzeugte Wolle bilden sollte, indem er mit dem anderer Fasern und der Importwolle in Wettbewerb tritt und so nur ein Wollpreis entsteht - nämlich der
Marktpreis *
2) die Direktzahlungen an den einheimischen Erzeuger in
ausreichender Höhe geleistet werden, wenn diese dem durchschnittlichen Marktpreis der Saison zugeschlagen sind, um den
Durchschnittserlös pro Pfund auf 90 Prozent der Parität zu
heben;
3) jeder Erzeuger die gleiche Vergütung für Jedes Pfund
Wolle erhält statt einer variablen Rate, die von äem erzielten
Marktpreis abhängt. Wenn jeder Erzeuger einen angemessenen
Gewinn aus dem Markt ziehen kann, werden ausreichende Produktion und wirksame Marktmethoden gefördert. Dies bietet den
weiteren Vorteil, daß seitens der Regierung nicht unbedingt
Subventionen geleistet, oder andere Vorschriften-Regulierungen
für die des Marktes erlassen werden müssen. Darüber hinaus
erhebt sich keine Notwendigkeit für zeitweilige Importkontrollen,
die das einheimische Preisstützungsprogramm schützen sollen^
4) Mittel für Stützungskäufe bei Wolle der Staatskasse entnommen werden, und zwar bis zur Höhe der nicht zweckgebundenen
Zolleinnahmen für Wolle;
5) ähnliche Methoden der Stützung angewendet werden sollen
für Wollzüge und für Mohais unter besonderer Berücksichtigung der
Preisbeziehungen zu ähnlichen Erzeugnissen.
Dwight D. Eisenhower
Weißes Haus, 11.Januar 1954
- 20 -

�: A M E R I K A

D I E N S T

WORTLAUT DER KONGRESSBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS ÜBER
ÄNDERUNGSVORSCHLÄGE DER ARBEITSGESETZGEBUNG
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — In einer Botschaft unterbreitete Präsident Eisenhower dem
amerikanischen Kongreß verschiedene Vorschläge
zur Abänderung der amerikanischen Arbeitsgesetzgebung, insbesondere des Taft-Hartley-Streikgesetzes. Die Botschaft hat folgenden Wortlaut:
Hiermit unterbreite ich dem Kongreß zur Begutachtung eine
Reihe von Empfehlungen über eine Änderung der bestehenden arbeitsgesetzlichen Bestimmungen. Diese Empfehlungen berücksichtigen die Interessen sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber. In einem weiteren Sinne liegen diese Änderungsvorschläge im Interesse unseres gesamten Volkes, dessen Wohlergehen in so hohem Maße von der gegenseitigen Achtung und dem
guten Einvernehmen zwischen den Sozialpartnern abhängt.
Die Geschichte der Arbeitsgesetzgebung ist lang und reich
an Konflikten. Es hat lange gedauert, ehe sich gewisse Rechtsgrundsätze herauskristallisierten, die auf dem so verwickelten
Gebiet der Beziehungen zwischen den Sozialpartnern von beiden
Teilen als Basis für eine Einigung anerkannt werden konnten.
Obgleich diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist und
vielleicht nie zu einem Ende kommen kann, haben wir auf diesem
Gebiet inzwischen so viele praktische Erfahrungen gesammelt
und eine solche politische Reife erlangt, daß der Arbeitsfrieden
in jüngster Zeit verhältnismäßig wenig gestört war. Daher sind
im gegenwärtigen Zeitpunkt durchgreifende gesetzliche Neuerungen auf diesem Gebiet weder wünschenswert noch erforderlich.
Die Arbeitsgesetzgebung des Bundes kann bestenfalls den
Rahmen für freie Tarifverhandlungen bilden. Sie darf die Beziehungen zwischen den beiden Sozialpartnern, die sich in erster Linie durch Gutwilligkeit und Aufgeschlossenheit auszeichnen sollten, nicht durch willkürliche Beschränkungen oder einen
schwerfälligen Apparat belasten.
Das Bundesgesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten - der sogenannte Wagner-Act - angenommen im Jahre 1935
mit Unterstützung beider Parteien - wurde erlassen, um das

4 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13- Januar 1954

das Recht der arbeitenden Männer und Frauen Amerikas auf Koalitionsfreiheit und Führung von Kollektivverhandlungen mit den Arbeitgebern durch selbstgewählte Vertreter gesetzlich zu fixieren.
Mit wachsender Stärke der Gewerkschaften erwies es sich als notwendig, die legitimen Rechte von Arbeitnehmern und Arbeitgebern
zu schützen und die Gesamtheit des Volkes vor den Folgen nicht beigelegten Arbeitsstreitigkeiten zu bewahren, die möglicherweise
eine Gefährdung des Wohls und der Sicherheit der Nation nach sich
ziehen. Aus diesem Grunde wurde im Jahre 1947 das Gesetz über die
Beziehungen zwischen den Sozialpartnern, das als das sogenannte
Taft-Hartley-Gesetz bekannt ist, mit der Mehrheit beider Parteien
angenommen.
Alle Gesetze, die der Kongreß auf dem Gebiet des Arbeitsrechtes
erlassen hat, bauen sich auf den bereits bestehenden Gesetzen auf.
Es gab keinen Rückschritt, und das Gesetz über die Beziehungen
zwischen den Sozialpartnern vom Jahre 1947 bildete keine Ausnahme.
Es bezieht sich auf das Gesetz über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten und hat das Recht der arbeitenden Männer und Frauen auf
Koalitionsfreiheit und zur Führung von Kollektivverhandlungen mit
ihren Arbeitgebern nicht nur bestätigt, sondern untermauert. Dieses Recht wird nur gesetzlich geschützt und es sollte fortan Teil
der Politik unserer Regierung sein, diesen Schutz zu garantieren.
Das Gesetz über die Beziehungen zwischen den Sozialpartnern
vom Jahre 1947 hat Hand und Fuß. Aus den Erfahrungen jedoch, die
wir in der Anwendung des Gesetzes machten, geht hervor, daß Änderungen angebracht wären, um den Grundgedanken schärfer herauszuarbeiten.
Der Erlaß einer einstweiligen Verfügung in arbeitsrechtlichen
Fragen ist stets ein strittiges Problem gewesen. Hingegen liegt
es auf der Hand, daß die mit einer einstweiligen Verfügung erreichte
Zurückhaltung der streitenden Parteien einfach im Interesse der Gerechtigkeit liegt, wenn ein nicht wieder gut zu machender Schaden
droht. Wo das Verhältnis zwischen den Sozialpartnern jedoch auf
Kollektivverträgen aufgebaut ist, hat der Erlaß einer einstweiligen
Verfügung allerdings oft die Beilegung eines Streitfalls, auf Grund
dessen die Verfügung überhaupt erst erlassen wurde, noch erschwert.
Daher empfehle ich, daß bei Erlaß einer einstweiligen Verfügung auf Grund des Gesetzes über die Beilegung von Arbeitsstreitigkeiten in solchen Fällen, in denen das Verhältnis zwischen den
Sozialpartnern auf Kollektivverträgen basiert, die Schlichtungsorgane des Bundes einen örtlichen Ausschuß einsetzen, der gemeinsam
mit beiden Parteien zum Zwecke der Beilegung des Streitfalles verhandelt. Weiter empfehle ich, daß in Secondary-Boycott-Fällen *
Antragsstellung auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung Ermessenssache ist.
Die in diesem Gesetz gegen Sympathiestreiks enthaltenen Verbote dienen dem Zweck, unbeteiligte Dritte vor Nachteilen zu
schützen, die ihnen aus Arbeitsstreitigkeiten,in die sie nicht
* Ein Streik gegen einen Unternehmer, der Materialien eines bestreikten Betriebes verwendet oder verkauft} unterscheidet sich
von einem Sympathiestreik dadurch, daß eine Geschäftsverbindung
zwischen den Unternehmern des Hauptstreiks und des Secondary
Streik existiert.
- 5 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

nicht verwickelt sind, erwachsen können. Der echte SecondaryBoykott kann nicht gebilligt und geduldet werden. Das Gesetz
soll jedoch berechtigte Kollektivmaßnahmen gegen andere als
unbeteiligte Dritte nicht verbieten. Ich empfehle daher, das
Gesetz genauer zu formulieren und klar festzulegen, daß 1.)
Kollektivmaßnahmen gegen einen Arbeitgeber, der im Auftrag eines
anderen Arbeitgebers, dessen Belegschaft sich im Streik befindet,
einen Subkontrakt ausführt, oder 2.) gegen einen Arbeitgeber,
der gemeinsam mit anderen Arbeitgebern im Rahmen eines gemeinsamen Bauvorhabens bei diesem Projekt den Auftrag ausführt,
nicht als Secondary-Boykott anzusehen sind.
Nach der jetzigen Fassung des Gesetzes ist es den wegen
Lohnforderungen streikenden Arbeitern untersagt, an Wahlen von
Vertretern zur Führung von Kollektivverhandlungen teilzunehmen.
Um es einem Arbeitgeber unmöglich zu machen, die Gewerkschaft
seiner Arbeitnehmer unter Benutzung dieser Bestimmung auszuschalten, empfehle ich, es möge dem Bundesschlichtungsausschuß im
Falle von Lohnstreiks untersagt sein, dem Antrag eines Arbeitgebers auf Aberkennung des Vertretungsrechtes der streikenden
Gewerkschaft stattzugeben. Ich empfehle ferner, den Schlichtungsausschuß dahingehend anzuweisen, daß er innerhalb von vier Monaten nach Streikbeginn keinem Antrag einer anderen Gewerkschaft,
die die Arbeitnehmer zu vertreten, vorgibt, stattgeben darf. Das
Verbot, dem Antrag eines Arbeitgebers stattzugeben, soll für die
Dauer des Streiks gelten, vorbehaltlich einer anderen Frist» die
ich auf ein Jahr zu beschränken vorschlage.
Das Gesetz ist dahingehend ausgelegt worden, daß selbst bei
Vorliegen eines Kollektivvertrages beide Parteien berechtigt sind,
auf einer Wiederaufnahme der Vertragsverhandlungen zwecks Erörterung von Fragen zu bestehen, die bei Vertragsabschluß nicht
Gegenstand der Verhandlungen gewesen sind. Auf diese Weise ist
es möglich, daß die Beziehungen zwischen den beiden Sozialpartnern nicht einmal für die Laufzeit des Vertrages stabilisiert
sind. Ich empfehle daher, das Gesetz möge so abgeändert werden,
daß beide Sozialpartner vor weiteren Verhandlungen, ehe der noch
gültige Vertrag abgelaufen ist, geschützt werden, es sei denn,
daß der Vertrag dies ausdrücklich vorsieht oder beide Vertragspartner sich damit einverstanden erklären.
Die für den Fall eines nationalen Notstandes vorgesehenen
Bestimmungen des Gesetzes sind im Interesse des Wohles unseres
Volkes und der nationalen Sicherheit von wesentlicher Bedeutung.
Gemäß der jetzigen Fassung des Gesetzes muß der Untersuchungsausschuß, der die Ursachen der den Notstand bedingenden Streitigkeiten festzustellen hat, dem Präsidenten Bericht erstatten, ohne
seine Empfehlungen beizufügen. Demgegenüber empfehle ich, den
Präsidenten zu ermächtigen, vom Ausschuß Empfehlungen einzuholen,
und zwar nachdem dieser seinen letzten Bericht unterbreitet und
der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, und - falls
die
Streitigkeiten nicht bereits beigelegt sind - den Ausschuß wieder
einzuberufen und ihn um Abgabe von Empfehlungen zwecks Beilegung

- 6

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

Beilegung der Streitigkeiten zu ersuchen. Obwohl die Empfehlungen des Ausschusses für die streitenden Parteien nicht bindend
sein können, messen wir doch den Empfehlungen sachkundiger und
unparteiischer Männer bei der Beilegung von Lohnstreitigkeiten,
die das Wohl des Volkes und die nationale Sicherheit bedrohen,
große Bedeutung zu»
Die Arbeiter der Vergnügungs-, Bau- und Schiffsbauindustrie
sehen eich einem besonders gearteten Problem gegenüber, da sie
in der Regel Gelegenheitsarbeit leisten und in keinem festen Arbeitsverhältnis stehen. Pur diese Berufe empfehle ich daher,
es möge dem Arbeitgeber gestattet werden, mit der jeweils in
Frage kommenden Gewerkschaft vor Anstellung einen Vertrag abzuschließen, auf Grund dessen die Gewerkschaft zunächst als der
Vertreter des Arbeitsnehmers bei Kollektivverhandlungen auftritt.
Weiter empfehle ich, es möge den Arbeitgebern und Gewerkschaften
dieser Industrien gestattet werden, einen Vertrag zwischen Betriebsführung und Gewerkschaft abzuschließen, gemäß dem die Angestellten innerhalb sieben Tagen nach Arbeitsaufnahme einer
Gewerkschaft beizutreten haben.
Nach der gegenwärtigen Passung des Gesetzes sind sowohl Gewerkschaften als auch Arbeitgeber für die Handlungen ihrer Bevollmächtigten verantwortlich. Um klarzustellen, daß eine Gewerkschaft nicht für die Handlungsweise eines einzelnen Mitgliedes nur wegen dessen Zugehörigkeit zu dieser Gewerkschaft verantwortlich gemacht werden kann, empfehle ich eine Abänderung
des Gesetzes dahingehend, daß auch für solche Fälle die traditionellen Bestimmungen des Common Law über die Stellvertretung
angewendet werden können.
Das Gesetz sieht gegenwärtig vor, daß sich nur solche Gewerkschaften an den Bundes-Schlichtungsausschüfi wenden können,
deren Funktionäre eidesstattliche Versicherungen darüber abgegeben haben, daß sie nicht Mitglied kommunistischer Organisationen
sind. Auf Arbeitgeber treffen diese Bestimmungen gegenwärtig
nicht zu. Ich empfehle, sie auch auf Arbeitgeber auszudehnen.
Besondere Gesetzesentwürfe, die sich mit der kommunistischen Infiltration im allgemeinen befassen, werden zur Zeit geprüft.
Falls nun neu in Kraft tretende Gesetze die Bestimmung dieses Gesetzes über die eidesstattliche Versicherung, nicht einer kommunistischen Organisation anzugehören, überflüssig machen, werde
ich ihre völlige Aufhebung empfehlen.
Das Recht auf Redefreiheit gehört zu den Grundfreiheiten.
Der Kongreß sollte klar herausstellen, daß das Recht der Redefreiheit, so wie es jetzt im Gesetz definiert ist, auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen in all ihren Beziehungen
zutrifft.
Das Gesetz verbietet es,heute einem Arbeitgeber, einen Beitrag zur Unterstützung des Fürsorge-Fonds der Gewerkschaften
zu leisten, wenn der Fonds nicht gewissen Ansprüchen gerecht
wird. Die diesbezüglichen Vorschriften sind tkriZuretchehd für
den Srhnt£ tmJ'älc Brh£ltninfi aöle^Ji? P-riie, die treuhänderisch

- 7 -

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

treuhänderisch zugunsten des einzelnen Gewerkschaftsmitgliedes
verwaltet werden. Ich möchte dem Kongreß empfehlen, eine eingehende Untersuchung der Unterstützungs- und Pensionsfonds, die
auf Grund von Tarifverträgen verwaltet werden, einzuleiten mit
dem Ziele, Gesetze zum Schutze und der Srhaltung dieser Fonds
im Interesse der Millionen berufstätiger Männer und Frauen, denen
sie zugute kommen, zu erlassen.
Das Gesetz soll klar definieren, daß die Bundesstaaten und
m
Territorien im Falle von Notständen, die die Gesundheit oder Sicherheit der Bürger gefährden, nicht infolge eines etwaigen tatsächlichen oder angenommenen Widerspruchs mit der Bundesgesetzgebung,des Rechts verlustig gegangen sind, bei derartigen Notständen einzugreifen. Die Notwendigkeit, die Frage der Zuständigkeit auf arbeitsrechtlichem Gebiet zwischen den Regierungsbehörden des Bundes, der Einzelstaaten und der Territorien zu klären, wurde erst kürzlich durch die jüngste Entscheidung des
Obersten Bundesgerichtes zu dieser Angelegenheit mit ihren weitreichenden Implikationen unterstrichen. Die Leiter der zuständigen
Behörden und Ministerien untersuchen gegenwärtig auf mein Ersuchen hin die verschiedenen Gebiete, auf denen Überschneidungen der
einzelnen Aufgabenbereiche zu verzeichnen sind*. Nach Abschluß
dieser Untersuchungen werde ich dem Kongreß meine Gesetzesvorschläge zur Bereinigung dieses Mangels unterbreiten.
Im Verhältnis Arbeitgeber-Arbeitnehmer gibt es nichts,
was den einzelnen Arbeitnehmer.so trifft wie die Einbuße seines
Lohnes, wenn er zum Streik aufgefordert wird. Bei einem so wichtigen Beschluß sollte ihm Gelegenheit gegeben werden, sich in einer unter Segierungsaufsieht durchgeführten geheimen Abstimmung
frei zu entscheiden.
Außerdem empfehle ich zwei weitere Abänderungen dieses Gesetzes. Die Vollmacht des Arbeitnehmers zur Einbehaltung der
Gewerkschaftsbeiträge durch seinen Arbeitgeber sollte nicht vor
Ablauf des Kollektivvertrages erlöschen, in dem diese Bestimmung
enthalten ist, es sei denn, der Arbeitnehmer zieht diese Ermächtigung vorher zurück. Die gesetzlichen Bestimmungen, denen zufolge die Gewerkschaften über ihre Organisation und FinanzVerhältnisse berichten müssen, sollten vereinfacht werden, um Wiederholungen in der Berichterstattung zu vermeiden.
Ich darf wohl hoffen, daß der Kongreß die genannten Änderungen umgehend vornimmt, denn durch sie werden die Grundgedanken
des Gesetzes scharfer herausgearbeitet. Ich bin sicher, daß die
zuständigen Kongreßausschüsse den Wunsch haben, dieses Gesetz
ständig zu überprüfen und unter Berücksichtigung der damit gemachten Erfahrungen weitere Zusätze einzubringen, um seine Ziele
erreichen und seine praktische Durchführung ständig verbessern
zu können.
Die Regierung sollte stets darauf bedacht sein, vernünftige
und krisenfeste Maßnahmen zur Verbesserung des Loses der im Berufsleben stehenden Männer und Frauen zu finden, sich dabei aber bewußt bleiben, daß die Arbeitsbedingungen und -anforderungen ebenso

-

8

-

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954.

ebenso Veränderungen unterworfen sind wie die produzierten
Güter, die Gewohnheiten und Bedürfnisse der arbeitenden Menschen.
Es ist eine der vordringlichsten Aufgaben der Regierung, die
Hoffnungen und Wünsche der arbeitenden Bevölkerung unseres Landes genau zu definieren,so daß allen die Möglichkeit gegeben
wird, einen angemessenen Anteil zu haben an den Erfolgen der
schöpferischen Leistungen unserer Zeit* die die Grundlage für
die materiellen Annehmlichkeiten der Gegenwart und für unsere
großen Hoffnungen auf die Zukunft sind.

* * * * #

�A M E R I K A

D I E N S T

Zum besseren Verständnis des von Präsident
Eisenhower in seiner Kongreß-Botschaft aufgezeigten neuen Farmprogramms, geben wir
nachstehend einige Erläuterungen über die
wichtigsten Begriffe in der US-AgrarGesetzgebung.
HINTERGRUNDMATERIAL ZUM NEUEN ÜS-PARMPROGRAMM
Washington — (Amerika Dienst) — Das Prinzip der Preisstützung für die wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugnisse
wurde von Präsident Eisenhower in seiner dem US-Kongreß am
11. Januar zugeleiteten Sonderbotschaft über die Lage der
Landwirtschaft nicht in Zweifel gezogen. Damit ist dieses Prinzip nunmehr als Mittel zur Sicherung stabiler Verhältnisse in
der Landwirtschaft anerkannt.
Es ging gar nicht um ein ja oder nein zur Frage der Preisstützung, sondern um die Frage, ob die Preise auf einer Paritätsbasis von 90 Prozent zu stützen seien, oder aber nach einem
flexibleren Verfahren, das dem Landwirtschaftsminister die
Möglichkeit bieten würde, die Preisstützung auf einer Paritätsbasis zwischen 75 und 90 Prozent zu variieren.
Der Begriff der Parität, der in dieser Fragestellung eine
entscheidende Rolle spielt, ist durch Gesetz definiert. Demnach versteht man unter Parität den Preis, der dem Farmer angemessene Einkünfte unter Berücksichtigung seiner Aufwendungen
für Arbeitslöhne, den Kauf von Maschinen, Saatgut und Düngemitteln sichert. Nach der derzeit bestehenden gesetzlichen Regelung wird der "Paritätspreis" für die meisten landwirtschaftlichen Produkte auf Grund der Preisverhältnisse während der
Jahre 1910-1914 berechnet, da während dieser fünf Jahre ein gesundes Verhältnis zwischen den Ein- und Verkaufspreisen der
Landwirtschaft auch in Beziehung zur gesamten Volkswirtschaft
bestanden hat.
Gegenwärtig werden die Preise der sechs wichtigsten BodenProdukte - Weizen, Mais, Reis, Tabak, Erdnüsse und Baumwolle auf einer Paritätsbasis von 90 Prozent gestützt. Dies geschieht
auf Grund eines im Jahre 1952 vom Kongreß verabschiedeten Gesetzes, das bis Ablauf des Ernte Jahres 1954 in Kraft bleiben
wird. Nach diesem Gesetz ist das Landwirtschaftsministerium
verpflichtet, im Falle des Absinkens der Preise eines der

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13. Januar 1954

der genannten sechs Erzeugnisse unter 90 Prozent Parität, die
Marktbestände aufzukaufen, bis der Preis die 90 Prozent Parität
wieder erreicht bzw. überschritten hat.
Dieses Preisstützungssystem führte dazu, daß sich in staatlichen Lagern ungeheure Überschüsse bestimmter landwirtschaftlicher Erzeugnisse angesammelt haben. Allein die Weizenvorräte
repräsentieren schon einen Wert von 2 Milliarden Dollar. Diese
Vorräte schließen 440 Millionen Bushel Weizen ein, die direktes
Regierungseigentum sind, und weitere 400 Millionen Bushel, die
auf Grund von Kreditleistungen an Farmer auf Lager gelegt wurden.
Diese Weizenmenge ist größer als der gesamte Jahresverbrauch an
Weizen in den Vereinigten Staaten.
Das Prinzip der Paritätspreise wird auch auf eine ganze Reihe
weiterer Landwirtschaftsprodukte angewandt. Der Landwirtschaftsminister ist nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge beispielsweise
ermächtigt, im Falle von Molkereiprodukten eine Preisstützung zwischen 75 und 90 Prozent Parität zu gewähren, bei Honig und Aleuritesöl zwischen 60 bis 90 Prozent und bei fast allen anderen Produkten,
mit Ausnahme von Kartoffeln, zwischen 0 und 90 Prozent.
Präsident Eisenhower erklärte in seiner Botschaft an den
Kongreß, daß die in den bestehenden Gesetzen vorgesehenen Stützpreise auch im Jahre 1954 beibehalten werden. Dies, so führte er
aus, sei "eine moralische und gesetzliche Verpflichtung, an der wir
festhalten müssen."
Was nach Ablauf des Ernte-Jahres 1954 geschehen wird, hängt davon
ab, welche Maßnahmen während der derzeitigen Sitzungsperiode des
Kongresses ergriffen werden.
Der Präsident schlägt dem Kongreß vor, ein flexibleres System
der Preisstützung auszuarbeiten, das auf einer "modernisierten Parität" beruhen müsse, wie Eisenhower es nannte.
Erstens sollen
als Erhebungszeitraum für die Parität nicht mehr die Jahre 1910
bis 1914 gelten, sondern jeweils die letzten 10 Jahre vor dem betreffenden Erntejahr. Zweitens schlägt der Präsident vor, daß die
landwirtschaftlichen Produkte vom 1. Januar 1956 an durch anpassungsfähige staatliche Subventionen zwischen 75 und 90 Prozent
der Parität gestützt werden.
Die Frage der Preisstützung für landwirtschaftliche Erzeugnisse
steht gegenwärtig im Mittelpunkt heftiger Debatten in allen Teilen
der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Landbevölkerung nimmt,
wie die stark unterschiedlichen Stellungnahmen der landwirtschaftlichen Organisationen zeigen, keinen einheitlichen Standpunkt in
der Frage ein, welche Maßnahmen die Regierung ergreifen solle.
Die größte dieser Organisationen, die American Farm Bureau
Federation, setzt sich für die Einführung der vom Präsidenten vorgeschlagenen flexiblen Preisstützung ein. Die zweitstärkste Farmervereinigung, National Grange, zog bisher eine starre Preisstützung
vor, nannte hierfür jedoch in jüngster Zeit nur bestimmte Landwirtschaftsprodukte. Sie fordert "die vorläufige Weiterführung der

- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

13- Januar

1954

der gegenwärtigen Politik der Preisstützung unter Jeweiliger Berücksichtigung der gesammelten Erfahrungen." Die Farmers Union,
die unter den landwirtschaftlichen Vereinigungen an dritter Stelle
steht, erachtet es für notwendig, daß die gegenwärt'gen GarantieSätze für die Preisstützung erhöht, nicht aber gesenkt werden.
Für die erwähnten sechs wichtigsten Bodenprodukte verlangt sie
eine Erhöhung des derzeitigen Paritätssatzes von 90 auf 100 Prozent.
Das steigende Angebot an landwirtschaftlichen Produkten ist
in den Vereinigten Staaten die Folge einer allgemeinen Erhöhung
der Hektarerträge innerhalb der letzten 20 bis 30 Jahre. Pro Landarbeiter werden heute soviel Nahrungsmittel und Faserstoffe erzeugt, daß 16 Personen damit versorgt werden können. Dies ist
durch eine weitgehende Mechanisierung der Arbeit, Verwendung besserer Düngemittel, hervorragendes Saatgut, Bodenkonservierung
und durch die praktische Auswertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse möglich geworden.
Eines steht jedoch fest: es werden keinerlei Ernteüberschüsse
vernichtet werden; vielmehr sollen sie das Los der Menschheit verbessern helfen. Präsident Eisenhower erklärte wörtlich: "Die Vernichtung von Ernteerträgen darf unter keinen Umständen erwogen
werden. Man kann sie dem Markt fernhalten und vernünftig anderweitig verwenden, beispielsweise für Schulspeisungen, Notstandshilfe,
Unterstützung anderer Staaten und Vorratsbildung für den Fall eines
Krieges oder nationalen Notstandes."

*

*

*

*

- 3 -

*

�A M E R I K A

E N S T

In wenigen Tagen vollendet Dr. James B. Conant
das erste Jahr seiner Tätigkeit als amerikanischer Hochkommissar und Botschafter in Deutschland. Aus diesem Anlaß stellen wir Ihnen das
folgende Interview zur Verfügung.

RÜCKBLICK AUF EIN JAHR ALS HOCHKOMMISSAR
Ein Interview mit Dr. James B. Conant
Von John Andrews

BONN, Mitte Januar — "Bitte, machen Sie es so kurz wie
möglich," bat mich die Sekretärin zwischen Tür und Angel.
"Eine ganze Reihe von anderen Besuchern wartet schon - wie
gewöhnlich."
So aufgefordert sprang ich mitten ins Gespräch, sobald
ich dem amerikanischen Hochkommissar gegenübersaß. "Was betrachteten Sie als Ihre erste Aufgabe, als Sie vor einem Jahr
in Deutschland ankamen?", fragte ich.
"Zuerst wollte ich einmal selbst sehen und hören, wie
sich das heutige Deutschland entwickelt," antwortete Dr. Conant.
"Ich habe Deutschland von Schleswig-Holstein bis Bayern, vom
Schwarzwald bis nach Berlin durchreist. Ich habe Fabriken,
Siedlungen, Universitäten, Flüchtlingslager, Regierungsstellen,
öffentliche Versammlungen, Wohnbunker besucht und mich mit Menschen aus allen politischen, wirtschaftlichen und geistigen
Gruppen unterhalten."
Dr. Conant lehnte sich lächelnd zurück. Er wisse natürlich, daß es für einen Botschafter nicht immer leicht sei,
eine ganz offene Meinung zu hören zu bekommen. "Aber auf jeden
Fall ist der Gedankenaustausch mit meinen deutschen Gesprächspartnern inzwischen recht lebhaft geworden. Sehen Sie selbst mein Posteingang."
Er schob mir eine Mappe mit Briefen zu: Briefe von Studenten, von Flüchtlingen, von zurückgekehrten Kriegsgefangenen;
freundliche, kritische, lobende, mahnende Briefe} Einladungen,
Zeitungsausschnitte, gute Ratschläge, Kommentare zu einer kürzlichen Rede des Hochkommissars. "Ich glaube fast, daß ich die

- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

13- Januar 1954

die deutschen Ansichten doch recht offen zu hören bekomme."
Ich mußte ihm recht geben. In den Briefen spiegelten sich
die Meinungen, Sorgen, Nöte und Hoffnungen unserer Zeit, manchmal sehr geschickt, manchmal sehr unbeholfen, aber vorwiegend
mit unverkennbarer Offenheit ausgedrückt. Selbstverständlich
auch ein paar närrische Briefe. Einer begann: "Als Wissenschaftler werden Sie den Wert meiner revolutionären Erfindung erkennen,
die bisher von allen anderen verlacht wurde. Schicken Sie mir
sofort zehntausend Mark."
Was aus der verwirrenden Vielfalt der neuen Eindrücke in
Deutschland ihm besonders bedeutsam erscheine, fragte ich den
Hochkommissar.
Natürlich sei er, so sagte Dr. Conant, wie jeder andere
von den gewaltigen Aufbauleistungen der letzten Jahre beeindruckt, nicht nur von dem Aufbau der Städte, sondern auch dem
Aufbau der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen in Deutschland. Noch bedeutsamer aber als der Aufbau sei
ihm die Tatsache, daß es sich dabei tatsächlich um einen schöpferischen Neubeginn handele. "Ich habe Deutschland im Jahre 1925
gesehen und hatte damals die größten Sorgen um die Zukunft der
demokratischen Staatsform in Deutschland. Heute dagegen - trotz
aller noch ungelösten Probleme, die ich nur zu gut kenne - bin
ich Optimist. Nicht etwa nur, weil die rabiaten Extremisten in
der Bundestagswahl geschlagen wurden, so erfreulich das auch war.
Daß sich Berlin trotz aller kommunistischen Einschüchterungsmanöver so eindeutig zur Demokratie bekennt und daß die Deutschen
in der Sowjetzone ihre Verachtung für die aufgezwungene Diktatur
so mutig zum Ausdruck brachten, das sind Tatsachen, die uns das
Recht zum Optimismus geben."
Auch der Wille der deutschen Jugend, die jahrhundertealten
Feindseligkeiten in Europa endlich zu begraben und am Aufbau
eines vereinten Europas mitzuarbeiten, sei ihm ein gutes Omen
für die Zukunft, fügte Dr. Oonant hinzu.
"Sind Sie auch Optimist in der Frage der deutschen Wiedervereinigung?", wollte ich wissen.
Ja, antwortete Dr. Conant, Optimismus bedeute keineswegs
Schönfärberei,sondern vertrage sich recht gut mit einer nüchternen und objektiven Betrachtung der Sachlage. Als nüchterner
Optimist sei er aber der Überzeugung, daß die Sowjets auf die
Dauer eine Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit nicht verhindern können. Das genaue Wie und Wann der Wiedervereinigung wage er nicht vorauszusagen, aber er hoffe sehnlichst, daß das neue Jahr die deutsche Wiedervereinigung zumindest bedeutend näherbringen werde. Die bevorstehende Viermächtekonferenz werde die Gelegenheit geben, die Möglichkeiten zu erforschen.
Die Sekretärin kam ins Zimmer und legte ein Buch auf einen
Nebentisch, auf dem schon ein Buch über die Sowjet-Union, ein
Essay über die Geschichte des Mittelalters, das neueste Werk
eines großen deutschen Physikers und ein Bändchen Kunstgeschichte
- 2 -

�AMERIKA DIENST"

13 • Januar 1954.

Kunstgeschichte lagen. "Zur Erholung von den Amtsgeschäften,"
sagte Dr. Conant und seufzte. "Leider bleibt wenig Zeit dafür."
Aber er sei besonders dankbar, daß er gewissermaßen in die deutsche
Gelehrtenwelt aufgenommen worden sei. Deutsche Volkswirtschaftler
Politiker, Historiker, Geistliche, Naturwissenschaftler und
Schriftsteller hätten ihm im vergangenen Jahr ihre Veröffentlichungen zugeschickt. Damit er wenigstens einige davon genau
durchlesen könne, benütze er sie beim Deutschunterricht.
Neben den Büchern liegt eine Mappe mit Zeitungsausschnitten,
eine kunterbunte Sammlung von Artikeln und Kommentaren über den
Hochkommissar. "Ursprünglich wollte ich solche Zeitungsausschnitte als Andenken in ein Buch kleben - damals ahnte ich
noch nicht, wieviele es sein würden. Jetzt weiß ich, daß die
Kleberei meine ganze Freizeit beanspruchen würde. Die interessanteren hebe ich mir aber doch auf."
Interessant ist diese Sammlung allerdings, teilweise auch
amüsant. Da sind Artikel über die Staatsbesuche bei den Länderregierungen, über den Deutschunterricht des Hochkommissars, Auszüge aus Dr. Conants Reden vor deutschen Universitäten, ein
bitterböser Angriff aus einer ostdeutschen Zeitung, Kommentare
zu einer Rede vor dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, Dr. Conants Nachruf auf Berlins großen Bürgermeister
Ernst Reuter und unzählige Zeitungsbilder, die den Hochkommissar
bei jeder nur erdenklichen Tätigkeit zeigen.
"Daß das Photographiertwerden gefährlich sein kann, habe
ich vor einem Jahr auch noch nicht gewußt," sagte der Hochkommissar. "Heute weiß ich es. Vor einigen Monaten, zum Beispiel,
wurde ich im Hofbräuhaus in München mit einem riesigen Maßkrug
photographiert. Wenige Tage später erhielt ich einen empörten
Brief von einem amerikanischen Antialkoholiker, der mich aufforderte, sofort meinen Maßkrug oder mein Amt niederzulegen. Später wurde ich in Rothenburg mit dem Meistertrunkhumpen photographiert. Diesmal beklagte sich ein deutscher Kritiker darüber,
daß es mir nicht gelungen sei, den Humpen in einem Zug auszutrinken."
Ich lachte noch, als die Sekretärin wieder ins Zimmer trat
und mir einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Ich verstand und
verabschiedete mich. Der nächste Besucher kam schon zur Tür,
als ich hinausging.
* * * # *

�A M E R I K A

D I E

AUSSENMINISTER DULIES UMREISST US-AUSSENPOLITIK
NEW YORK ~ (Amerika Dienst) — Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles
gab am 12. Januar 1954 vor dem Rat für
außenpolitische Prägen in New York einen
umfassenden Überblick über die amerikanische Außenpolitik. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Die Außenpolitische Entwicklung
Es ist nun fast ein Jahr her, seit Präsident Eisenhower die
Regierung der USA übernahm, Während dieses Jahres habe ich
häufig das Wort ergriffen, um zu verschiedenen Aspekten unserer
Außenpolitik Stellung zu nehmen. Heute Abend i möchte ich Ihnen
einen umfassenden Überblick über die Politik geben, die für unsere nationale Sicherheit erforderlich ist.
Die guten Seiten an der Außenpolitik der Vorgänger
Zuallererst wollen wir klarstellen, daß viele außenpolitische Maßnahmen meiner Vorgänger im Amt gut gewesen sind. Die
Militärhilfe für Griechenland und die Türkei hat den kommunistischen Vormarsch zum Mittelmeer aufgehalten. Das europäische Äiederaufbauprogramm hat es den westeuropäischen Völkern
ermöglicht, sich aus dem Morast der Nachkriegsjähre herauszuarbeiten. Die Westmächte haben in Berlin erfolgreichen Widerstand geleistet und die Blockade durch die Luftbrücke zum
Scheitern gebracht. Als loyales Mitglied der Vereinten Nationen haben die Vereinigten Staaten kraftvoll reagiert, um die
kommunistische Aggression in Korea zurückzuschlagen. Als diese
Aktion unsere militärische Schwäche aufzeigte, haben wir unsere militärische Stärke in großer Schnelligkeit wiederaufgebaut.
Wir strebten auch einen schnellen Aufbau der bewaffneten Stärke Westeuropas an.
Dies waren die Maßnahmen einer Nation, die die Gefahren
des sowjetischen Kommunismus erkannt hatte; die sah, daß ihre
eigene Sicherheit mit der anderer Völker eng verflochten war.
Es waren die Maßnahmen eines Volkes, das kühn und schnell handelte, um Notständen zu begegnen. Dies sind große Werte, die
man anerkennen muß. Wir köennen in diesem Zusammenhang auch die
Außenpolitische Unterstützung durch beide P&amp;rteien des amerikanischen Kongresses lobend erwähnen, die die Interessen der Nation über die der Partei gestellt haben.
Die
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

DIg schlechten Selten der Politik der Amtsvorgänger
Aber wir dürfen nicht vergessen, daß alle unsere Maßnahmen
in erster Linie Notstandsmaßnahmen waren, die uns unsere Gegner diktierten. Darf ich Ihnen das nälper illustrieren:
1. Wir sandten unsere Truppen nicht nach Korea, weil wir
von vornherein überzeugt waren, daß es eine sichere militärische Strategie sei, unsere Armeen zur Führung eines Landkrieges nach Asien zu entsenden. Wir hatten uns für einen Rückzug aus Korea entschieden, und «s war eine von den Sowjets angezettelte Aktion, die uns nach Korea zurückbrachte.
2. Wir wußten nicht von vornherein, daß es sich als klug
erweisen würde, wenn wir jährlich Milliarden Dollar an wirtschaftlicher Hilfe ausschütten würden. Wir entschlossen uns
zu diesem politischen Kurs, als die Kommunisten den Versuch
unternahmen, die freien Wirtschaftssysteme der Länder Westeuropas zu sabotieren.
3. Wir bauten unsere Armeen nicht in einem solchen Tempo auf, das enorme Haushaltdefizite nach sich ziehen mußte,
zur Minderung der Kaufkraft des Dollars führte und ein ungesundes Klima in unserer .Wirtschaft schuf, wei 1 dies uns von vornherein als eine sehr gute Politik erschienen war. Ja, wir
entschieden uns erst anders, als die militärische Bedrohung
seitens der Sowjetunion klar erwiesen war.
Wir leben in einer Welt, in der Notstände stündlich auftreten können, und unser Portbestand kann leicht davon abhängen,
inwieweit wir in der Lage sind, diesen Notständen entgegenzutreten. Wir bitten aus tiefstem Herzen, daß unser Volk sich
diese Fähigkeit bewahren möge. Aber nachdem dies nun gesagt
ist, ist es doch notwendig, darauf hinzuweisen, daß Notstandsmaßnahmen, wie gut sie auch immer für den Augenblick sein mögen, nicht notwendigerweise eine gute Politik auf lange Sicht
sein müssen. Notstandsmaßnahmen sind kostspielig, oberflächlich und sind ein Eingeständnis, daß die Initiative beim Gegner liegt. Man darf nicht erwarten, daß sie den Interessen
der Vereinigten Staaten auf lange Sicht dienlich sind«.
Die Notwendigkeit einer Politik auf lange Sicht
Dieser Faktor der Planung "auf lange Sicht" ist von entscheidender Bedeutung. Die sowjetischen Kommunisten zielen in
ihrer Planung auf etwas ab, was sie als "ganzes geschichtliches Zeitalter" bezeichnen. Wir sollten das gleiche tun. Sie
versuchen durch vielerlei Manöver, die freien Nationen Schritt
für Schritt zu teilen und zu schärähhen, indem sie ihnen übermäßige Anstrengungen aufzwingen, die, wie es Lenin ausgedrückt
hat, "über ihre Stärke hinausgehen,so-daß sie zum praktischen
Bankrott kommen." Dann, so sagt Lenin, "ist unsef Sieg sicher".
Und dann, so sagte Stalin, wird der Augenblick für den entscheidenden Schlag gekommen sein.
Angesichts
-

2

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Angesichts dieser Strategie können Maßnahmen, die nur eine
unmittelbare Gefahr abwenden, nicht als ausreichend angesehen
werden. Solche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, aber es ist
ebenso notwendig, daß wir sie durchführen, ohne uns selbst zu
erschöpfen.
Als die Regierung Eisenhower diesen Kurs einschlug, waren
wir der Auffassung, daß einige Umwandlungen notwendig waren.
Es ist keine gesunder militärische Strategie, die amerikanischen Landstreitkräfte in Asien dauernd in einem Maße einzusetzen, das uns keine strategischen Reserven beläßt»
Es ist weder eine gesunde .Wirtschaftspolitik noch eine gute
Außenpolitik, ständig andere Länder zu unterstützen, denn dies
schafft auf die Dauer genau so viel schlechten Willen wie guten
Willen.
Es ist auch nicht gesund, dauernd zu so hohen militärischen Ausgaben verpflichtet zu werden, da3 sie "zum praktischen
Bankrott" führen.
Ein Wechsel war unumgänglich, um die physische Kraft für
eine dauernde Sicherheit zu gewährleisten. Aber es war in gleicher Weise unumgänglich, daß dieser Wandel von einem Verständnis
unserer wahren Ziele und Zwecke begleitet wurde. Ein plötzlicher und auffallender Wandel mußte vermieden werden.
Andernfalls hätte es vielleicht eine Panik unter unseren
Freunden und eine auf falschen Voraussetzungen beruhende Aggres&gt;
sion unserer Feinde geben können. Wir können, so glaube ich,
in dieser Hinsicht einen guten Bericht ablegen.
Kollektive Sicherheit
Wir brauchen Verbündete und eine kollektive Sicherheit. Unser Ziel ist es, diese Beziehungen v/irksamer und weniger kostspielig zu gestalten. Dies kann dadurch getan werden, daß man
mehr Gewicht auf die abschreckende Macht legt und sich weniger
auf die örtliche Verteidigungsstärke verläßt.
Dies ist eine allgemein anerkannte Praxis, was örtliche
Gemeinschaften angeht. Wir haben Schlösser an unseren Türen,
aber wir haben nicht vor jedem Haus einen Wachtposten. Wir
verlassen uns grundsätzlich auf das Sicherheitssystem der Gemeinde, das gut genug entwickelt ist, um jeden Bestrafen zu können,
der einbricht und stiehlt,so daß jeder mögliche Angreifer ganz
allgemein abgeschreckt wird. Das tst der heutige Weg, um einen
größtmöglichen Schutz bei tragbaren Kosten zu erreichen. Was die
Regierung Eisenhower anstrebt, ist ein ähnliches System der internationalen Sicherheit. Wir wünschen, für uns selbst und für
die anderen freien Nationen, eine größtmögliche Abschreckung
bei tragbaren Kosten.
Die örtliche Verteidigung wird immer wichtig sein. Aber es
gibt kein örtliches Verteidigungssystem, das für sich allein die
riesige Macht der kommunistischen Welt in Schach halten könnte.Die

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

14. Januar 1954

Die örtlichen Verteidigungssysteme müssen dadurch verstärkt werden, iaß eine massive Verteidigungsmacht als Abschreckung wirkt.
Ein möglicher Aggressor muß wissen, daß er nicht immer die Kampfbedingungen vorschreiben kann, die ihm passen. Andernfalls könnte zum Beispiel ein potentieller Aggressor, der über ein ungeheures Menschenreservoir verfügt, versucht sein, im Vertrauen darauf,
daß der Widerstand nur auf dem Menschenpotential beruhe, anzureifen. Er könnte versucht sein, dort anzugreifen, wo seine
berlegenheit entscheidend wäre.
Für die Gemeinschaft der freien Nationen liegt der Weg, die
Aggression abzuschrecken, darin, willens und in der Lage zu sein,
mit Macht und Entschlossenheit an selbstgewählten Punkten und mit
selbstgewählten Mitteln zurückzuschlagen.
Solange unsere außenpolitischen Grundkonzeptionen nicht
klar umrissen waren, konnten unsere Militärs bei dem Aufbau unserer militärischen Stärke nicht wählerisch sein. Wenn ein Feind
in der Lage sein könnte, Zeit, Ort sowie Art und Äeise eines Angriffs nach Belieben festzusetzen, - und wenn unsere Politik
gemäß ihrer Tradition weiter daran festhalten soll, einer Aggression direkten örtlichen Widerstand entgegenzusetzen, dann mußten
wir bereit sein, in der Arktis und in den Tropen zu kämpfen, in
Asien; im Nahen Osten und in Europa, zur See, auf dem Lande und
in der Luft, mit alten und mit neuen Waffen,

§

Die Gesamtkosten unserer .Bemühungen zur Erhaltung unserer
nationalen Sicherheit in der Heimat und im Ausland beliefen sich
jährlich auf über 50 Millarden Dollar und hatten für 1953 ein
geplantes Haushaltsdefizit von 9 Milliarden Dollar und haben für
1954 voraussichtlich ein Defizit von 11 Milliarden Dollar zur
Folge. Dies ging im Vergleich noch über die Steuerlasten der
Kriegsjähre hinaus; und die Kaufkraft des Dollars wurde herabgemindert. Die Kräfte unserer Alliierten wurden in gleicher Weise
über Gebühr beansprucht. Diese Entwicklung konnte nicht von
langer Dauer sein, wenn nicht ernste finanzpolitische, wirtschaftliche und soziale Konsequenzen heraufbeschworen werden sollten.
Bevor jedoch die militärische Planung geändert werden konnte,
mußten der Präsident und seine Berater im nationalen Sicherheitsrat Entscheidungen von grundlegender politischer Bedeutung treffen. Dies ist geschehen. Der grundlegende Entschluß ging dahin,
sich in erster Linie auf die besten und geeignetsten Möglichkeiten
verlassen zu können, um sofort zurückzuschlagen - und zwar mit den
Mitteln und an den Orten, die unserer Wahl unterliegen. Nunmehr
sind das Verteidigung .inisterium und die Chefs unserer gemeinsamen Stäbe in der Lage, unsere militärische Organisation nach den
politischen Erfordernissen auszurichten. Sie brauchen nicht mehr
zu versuchen, eine passende Antwort auf die zahlreichen Möglichkeiten und Absichten des Feindes zu finden. Dies erlaubt eine Auswahl der militärischen Machtmittel statt einer Vervielfältigung
dieser Mittel. Dies hat nun zur Folge, daß es möglich ist, eine
größere nationale Sicherheit mit geringeren Kosten zu erreichen und
daran teilzuhaben.
Der
- 4 -

�"AMERIKA DIENST»

13. Januar 1954
Der gerne Osten

Wir wollen nun prüfen, inwieweit diese Konzeption auf
unsere Außenpolitik angewandt wurde. Ich darf mich zuerst
dem Fernen Osten zuwenden.
In Korea gelang es unserer Regierung, eine grundlegende
Änderung herbeizuführen. Der Kampf wurde zu ehrenhaften Bedingungen beendet. Das wurde möglich, weil sich der Angreifer bereits bis zu seiner Ausgangsbasis und darüber hinaus zurückgeworfen - der Möglichkeit gegenübersah, daß sich die Kampfhandlungen zu seinem eigenen Nachteil in Kürze auch auf andere,
nicht von ihm gewählte Räume und Methoden ausdehnen könnte».
Der hohe Blutzoll, den die amerikanische Jugend entrichtet
hat, hat aufgehört, und die Aufwendungen von vielen Milliarden
Dollar für unproduktive Zwecke konnten eingestellt werden. Darüber' hinaus sind unsere Streitkräfte nicht mehr in erster Linie
an das asiatische Pestland gebunden. Wir können damit beginnen,
strategische Reserven anzulegen, was unsere Defensivstellung wesentlich verbessert.
Diese Wendung verleiht der Warnung der am Kampfe in Korea
beteiligten Mitgliedstaaten der UN noch mehr Nachdruck, daß
die Gegenmaßnahmen der Vereinten Nationen im Falle einer erneuten Aggression der Kommunisten in Korea nicht notwendigerweise
auf Korea beschränkt bleiben würden.
Ich habe in bezug auf Indochina gesagt, daß die Konsequenzen, die sich aus einer offenen fot-chinesisehen Aggression in
Indochina ergeben müßten, "schwerwiegend sein würden und nicht
nur auf Indochina beschränkt bleiben könnten.*
Während des Vergangenen Monats verwies ich auf die Absicht
der Vereinigten Staaten, ihre Position in Okinawa zu halten.
Das ist notwendig, um eine angemessene Kampfkraft zur Verwirklichung der Konzeption der kollektiven Sicherheit zu gewährleisten.
All dies hat Präsident Eisenhower in seiner bedeutsamen
Erklärung vom 26. Dezember zusammengefaßt. Der Präsident gab
die allmähliche Verringerung der amerikanischen Landstreitkräfte in Korea bekannt. Er verwies darauf, daß sich die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Fernen Osten nun in
erster Linie "aus schnellbeweglichen Marine-, Luft-und amphibischen Verbänden zusammensetzen werden." Und er stellte dabei
fest, daß die Vereinigten Staaten trotz der Reduzierung der
Landstreitkräfte in der Lage sein werden, eine Aggression "mit
noch größerer Wirkung als bisher zurückzuschlagen."
Der Abzug eines Teiles unserer Landstreitkräfte ist gleichzeitig ein beredtes Zeugnis dafür, *ie unsinnig die kommunistische Beschuldigung eines "Imperialismus" wirklich ist.
NATO

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954
NATO

Wenn wir uns Europa zuwenden, so sehen wir eine Neuausrichtung in den kollektiven Sicherheitsbemühungen der NATO.
Senator Vandenberg bezeichnete die Verpflichtungen des Nordatlantikpaktes einmal als die "realste Abschreckung und Verhinderung des Krieges, die der menschliche Geist bisher erdacht hat".
Aber er hat auch weiter erklärt: "Wenn es das Konzept und das
Ziel ist, ausreichende Einsatzbereite Streitkräfte aufzubauen,
um die Sowjets in ihren Grenzen zu halten ... so ergeben sich
daraus vernichtende Polgen sowohl in den USA wie in Übersee".
In den ersten Jahren des Bestehend der NordatlantikpaktOrganisation nach der Aggression in Korea führten ihre Mitglieder ein Notaufbauprogramm der militärischen Stärke durch. Ich
stelle das Urteilsvermögen jener Zeit nicht in Frage. Die damals aufgebaute Stärke Hat der Sache des Friedens gut gedient,
aber das ursprünglich festgesetzte Tempo des Aufbaues konnte
nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden.
Auf der Tagung des NATO-Rates im April legten die Vereinigten Staaten eine neue Konzeption dar, die heute als das Programm
der "Planung auf lange Sicht" bekannt ist. Diese Planung bedeutet eine stetigere Entwicklung der Verteidigungsstärke in einem Tempo, das die wirtschaftliche Stärke unserer Verbündeten
und der USA aufrechterhält und nicht erschöpft. Diese Entwicklung würde durch die Schlagkraft einer strategischen Luftmacht
gestärkt werden, die auf international festgelegten Stützpunkten stationiert ist.
Wir haben auf der NATO-Tagung im vergangenen Dezember gesehen, daß das Konzept der Planung auf lange Sicht allgemein anerkannt wurde, und haben die Erkenntnis vorgefunden, daß ea
den eventuellen Bedürfnissen besser entspricht, als das Bemühen,
eine volle Verteidigungsstärke zu Lande auf Kosten unserer
Wirtschaft zu schaffen.
Die

E V &amp;

Ein Zeichen dafür, wie sehr die Nordatlantikpakt-Organisation aus einem Notstand heraus geschaffen wurde, ist die Tatsache, daß man an ihren Aufbau ging, noch ehe eine feste Grundlage dafür vorhanden war.
So kann beispielsweise Westeuropa nicht mit Erfolg verteidigt werden, wenn man Westdeutschland nicht verteidigt, Westdeutschland aber kann nicht ohne die Mitwirkung der Deutschen
verteidigt werden. Der Beitrag Westdeutschlands wird durch die
noch immer in Kraft befindlichen Waffenstillstandsbedingungen
verhindert.
Die Bundesrepublik Deutschland muß von diesen Bestimmungen
befreit werden; es sollten neue politische Vereinbarungen getroffen werden, um sicherzustellen, daß ein Wiederbewaffnetes
Deutschland der gemeinsamen Sache und niemals wieder den Zielen
des deutschen Militarismus dient,
Frankreich
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Frankreich schlug einen Plan vor, um dieses Problem zu
lösen»- Ss sollte eine europäische Verteidigungsgemeinschaft
geschaffen werden, der Prankreich, Itelien, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Westdeutschland angehören sollen. Es würde dann eine Suropa-Armee bestehen, in der auch Deutsche dienten,
aber es gäbe keine National-Armeen in Westeuropa.
Der Vertrag über die Gründung dieser Verteidigungs-Gemeinschaft wurde im Mai 1952 unterzeichnet. Aber als die Regierung
Präsident Eisenhowers im Januar des vergangenen Jahres ihr Amt
übernahm, hatte noch keine Regierung ihr Parlament um Ratifizierung des Vertrages ersucht, und der ganze Plan war nahe daran,
vergessen zu werden und zu verstauben.
Präsident Eisenhower ist fest davon überzeugt, daß es für
Europa und damit auch für die westliche Welt, einschließlich
der USA - weder eine Garantie für Sicherheit auf lange Sicht
noch Stärke geben kann, wenn es nicht zu einer Einigung unter
Einschluß Prankreichs und Deutschlands kommt und der Zwist und
Hader begraben wird, der immer wieder zu Kriegen geführt hat in unserer Generation allein zu zwei Weltkriegen. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte der NATO.und in seinem jetzigen
Amt als Präsident der Vereinigten Staaten hat er immer wieder
klar gemacht, welche Bedeutung die USA der Verwirklichung der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft beimessen, und,wie wir
hoffen möchten, der danach zu gründenden politischen Gemeinschaft.
Aber bis wir das Ziel der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erreicht haben, ist die Nordatlantikpaktorganisation und der zukünftige Friede in Gefahr. Das Mißtrauen zwifr
sehen Frankreich und Deutschland kann jederzeit zu neuen Auseinandersetzungen führen und schon sehen kommunistische Agenten
in diesem Mißtrauen das Mittel, um einen neuen Weltbrand zu
entfachen.
Es gibt natürlich enorme Schwierigkeiten auf dem Weg zur
Einigung zwischen Frankreich und Deutschland zu überwinden.
Aber wir erwarten, daß der Friede bald auf der festen Grundlage der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft aufgebaut werden kann.Wirtschaftshilfe
Die neuen Konzeptionen auf dem Gebiet der kollektiven
Sicherheit bewirken eine Reduzierung der unproduktiven militärischen Ausgaben unserer Alliierten bis zu einem Punkt, wo es
tunlich und praktisch ist, die Wirtschaftshilfe gleichfalls
zu verringern. Es bestand die Notwendigkeit* die Beziehungen
mit anderen Staaten auf die Basis einer größeren Selbstachtung
zu stellen, und das ist genau das, was unsere Alliierten woBien. Gesunde Handelsbeziehungen, größere Märkte und freie
Investierungsmöglichkeiten sind wirtschaftlich viel gesünder
als bilaterale Wirtschaftshilfen.
Es

7

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Präsident Eisenhower ließ die Welt mit seinem Vorschlag
aufhorchen, die Atomenergie von einem Mittel der Vernichtung
in eine Quelle des Lebens zu verwandeln, und der Menschheit
damit eine große Last der Furcht zu nehmen. Am gestrigen Tage
habe ich mit der sowjetischen Regierung die vorbereitenden
Besprechungen auf diesem Gebiet aufgenommen.
Wir haben zusammen mit unseren Verbündeten darauf bestanden,
die Wiedervereinigung Deutschlands und die Befreiung Österreichs anzustreben. Die sowjetischen Machthaber haben sich
jetzt bereit erklärt, diese Prägen zu erörtern. Wir erwarten,
in Kürze in Berlin mit ihnen zusammenzutreffen. Ich hoffe, daß
Sie mit denselben ernsthaften Absichten kommen werden wie wir.
Wir haben eine Konferenz angestrebt, um Korea wieder zu
vereinen und das Land von der Besetzung durch ausländische
Truppen zu befreien. Bisher ist unsere Beharrlichkeit nicht belohnt worden, aber wir haben nicht aufgegeben.
Dieses auf Verhandlungen gerichtete Bemühen entspricht
nur den normalen Gepflogenheiten einer Regierung, die vom Geist
der Freiheit durchdrungen ist. Sie haben nichts mit einem Plan
für eine Teilung der Weltmacht mit solchen Partnern zu tun,
die die Freiheit unterdrücken.
Wenn wir den von mir dargelegten Kurs weiter verfolgen,
dann werden wir die Diktatoren vor eine Aufgabe stellen, die
ihre Kräfte auf die Dauer übersteigt. Denn wenn sie ihre Methoden nicht ändern, dann werden sie jenes Streben des Menschen
unterdrücken müssen, das seine Erfüllung nur in der Freiheit
finder, wie an unserem Beispiel deutlich werden soll.
Wenn die Diktatoren auf ihrem gegenwärtigen Kurs beharren,
dann\ werden sie es sein, die sich mit oberflächlichen Erfolgen
begnügen müssen, während das Fundament ihres Reiches unter dem
Tritt ihrer Marschstiefel zusammenbricht.
Der Mensch strebt in deb meisten Fällen nach einfachen
Dingen. Er will Gott dienen, wie es ihm sein Gewissen befiehlt.
Aber das werden jede, die einen gottlosen Glauben vertreten,
nicht leicht zulassen.
Der Mensch will sich in seinem Denken von der Vernunft
leiten lassen. Aber das werden jene, die ein autoritäres Regime vertreten, nicht ohne weiteres billigen.
Der Mensch will seine Erfahrungen mit seinen Mitmenschen
austauschen. Die Menschen wollen sich gegenseitig überzeugen
und überzeugen lassen, wenn sie die Argumente mit ihrem Gewissen
vereinbaren können und sie ihnen vernünftig erscheinen. Aber
dieses Recht können jene nicht zugestehen, die an eine Absolut
einseitig ausgerichtete Gesellschaft glauben.
§ie wollen zu Haus ohne Furcht leben. Das kann keiner wünschen, der an ein polizeistaatliches Prinzip glaubt.
Sie wollen aufbauend und produktiv arbeiten und die Früchte

-

9 -

�"AMERIKA DIENST"

13. Januar 1954

Früchte ihrer Arbeit ernten. Aber keiner, der den Menschen nur
als ein Mittel zur Schaffung einer riesigen Maschine für die Beherrschung der Welt ansieht, kann dafür eintreten.
Wir können sicher sein, daß - selbst innerhalb der Sowjetunion - eine heimliche Kraftprobe zwischen der herrschenden
Schicht und den vielen unterdrückten Menschen entbrannt ist.
Jeder einzelne mag ohne Zweifel machtlos erscheinen, wenn er
seinen Kampf für sich allein kämpft. Aber die Bestrebungen
vieler Vereinigen sich zu einer unwiderstehlichen Kraft«
Es liegen Anzeichen vor, daß sich die kommunistischen
Herrscher einigen Wünschen ihrer Völker beugen. Man verspricht
mehr zu essen, mehr Haushaltswaren, eine größere wirtschaftliche
Freiheit.
Das heißt jedoch nicht, daß die Herren im Kreml ihre Ansicht geändert haben. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, daß
sie möglicherweise eine grundlegende Tatsache zu erkennen beginnen, das heißt, sie sehen, daß kein Herrscher den menschlichen
Geist auf unbegrenzte Zeit unterdrücken kann.
In diesem von Gott gewollten Umstand liegt unsere größte
Hoffnung. Sie ist unsere größte Kraftquelle. Auch wenn der
Pfad vor uns lang und steinig wäre, so braucht er flobh kein
Kriegspfad zu sein. Wir dürfen gewiß sein, daß dieser Weg
letzten Ende zu den Segnungen des Friedens führen wird."

* # * * *

- IC -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES-ERKLÄRUNG ZUR REVISION DER UN-CHARTA

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Außenminister
John Poster Dulles gab am 19« Januar 1954 vor
dem Unterausschuß für die Revision der UN-Charta
des außenpolitischen Senatsausschusses eine längere Erklärung ; ab, in der er den amerikanischen
Standpunkt in dieser Frage darlegte. Die Erklärung des Außenministers hat folgenden V/ortlaut:

"Die Charta der Vereinten Nationen stellt das entschlossenste und erfolgversprechendste Bemühen der Welt dar, die Menschheit vor der Katastrophe des Krieges zu bewahren und ein gerechtes Verhältnis zwischen den Nationen herzustellen. Bei den Verhandlungen über die Bestimmungen der Charta waren die Vereinigten Staaten durch eine hochverdiente überparteiliche Delegation
vertreten, und die Charta wurde vom amerikanischen Senat beinahe
einstimmig ratifiziert.
Auf den so zustandegekommenen Vereinten Nationen ruhten die
glühenden Hoffnungen des amerikanischen Volkes, ja aller Völker
der Erde. Die verantwortlichen Staatsmänner der USA, ohne Ansehen der Partei, haben immer wieder erklärt, daß die UN-Charta
den Eckpfeiler der amerikanischen Außenpolitik darstellt.
Es muß mit aller Offenheit gesagt werden, daß sich die
hohen Erwartungen, die aus der San Franzisko-Konferenz des Jahres 1945 entsprangen, nicht voll verwirklicht haben. Das hat
zwei Hauptursachen.
Erstens: Viele der anfänglich gehegten Hoffnungen waren
übertrieben. Durch einen Federstrich wird weder der Krieg für
immer aus der Welt geschaffet, noch ein System der Gerechtigkeit errichtet. Wäre das so einfach, dann hätten wir seit langem einen Weltfrieden und eine internationale Gerechtigkeit.
Ein gerechter und dauerhafter Friede erfordert jedoch unablässige und klug gelenkte Anstrengungen, die von einer Hingabe getragen sein müssen, wie sie notwendig ist, um einen Krieg zu
gewinnen.
Das geschriebene Wort übt jedoch weiterhin eine seltsame
faszinierende Wirkung aus, und es besteht immer wieder die Tendenz, das als bereits getan anzusehen, was einem Vertrag zufolge
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

zufolge eigentlich erst getan werden müßte. Hoffnungen, die sich
allein auf diese Basis stützten, mußten notwendig in Enttäuschungen enden.
Zweitens beruhten zahlreiche Bestimmungen der Charta auf der
Zusammenarbeit zwischen den sogenannten "großen Mächten". Die Mitgliedstaaten des sowjetisch-kommunistischen Blocks haben tatsächlich jedoch eine Politik verfolgt, die vom Geiste und vom Buchstaben der Charta abwich.
Dessenungeachtet können die UN jedoch auf eine Reihe hervorragender Erfolge zurückblicken. Unter den hauptsächlichen politischen Ergebnissen, die auf Grund der Arbeitsweise der Vereinten
Nationen zustandekamen, sind die folgenden erwähnenswert:
Der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Persien,
die Unterstützung des von den Kommunisten angegriffenen
Griechenlands, der Abschluß eines dauernden Waffenstillstandes zwischen Israel und den arabischen Staaten, die Errichtung der Republik Korea, die Regelung der Frage der italienischen Kolonien in Afrika und die Errichtung des Staates Libyen,
die Errichtung der Republik von Indonesien, und die Organisation eines wirksamen Widerstandes gegen die bewaffnete Aggression in Korea.
Wenn auch die USA den Hauptteil der Last der Vereinten Nationen in Korea trugen, so sollte doch nicht vergessen werden, daß
weitere 15 Mitgliedstaaten Streitkräfte entsandten und 46 andere
Länder in irgendeiner anderen Form, sei es militärisch oder wirtschaftlich, Beiträge leisteten.
• Damit wurden die Vereinten Nationen zur ersten internationalen Organisation, die einen wirksamen kollektiven 7/iderstand gegen die bewaffnete Aggression organisiert hat.
Die Vereinten Nationen haben dazu beigetragen, den Kolonialismus in Selbstregierung zu verwandeln. Die Rolle der UN in dieser
Angelegenheit ist strittig gewesen und in mancher Beziehung berechtigter Kritik ausgesetzt. Die UN haben jedoch durch die Förderung
friedlicher anstelle gewaltsamer Entwicklungen hier einen nützlichen Einfluß ausgeübt.
Über die politischen Erfolge hinaus haben die UN Mittel und
Wege für wirtschaftliche und soziale Entwicklungen geschaffen, die
einem großen Teil der Menschheit zugute gekommen sind.
Zusätzlich zu den einzelnen Erfolgen hat die Vollversammlung
als ein Weltforum zur Darlegung verschiedener Standpunkte gedient.
Sie ist zu einem Ort geworden, wo die öffentliche Meinung der Welt
zum Ausdruck kommen und eine moralische Autorität ausüben kann,
die keine Nation, so mächtig und despotisch sie auch sein mag,
öffentlich beiseite schiebt oder völlig mißachtet.
Der schwächste Punkt der Vereinten Nationen - und dies wurde
bereits in San Franaisko vorausgesehen - ist die Unfähigkeit des
Sicherheitsrates, seiner "hauptsächlichen Verantwortung für die
- 2 -

�20. Januar 1954

"AMERIKA DIENST"

die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit"
gerecht zu werden. (Artikel 24).
Es hat sich für den Sicherheitsrat als nichtdurchführbar
erwiesen, die Streitkräfte, die Unterstützung und die Einrichtungen zu organisieren, die vorgesehenermaßen dem Sicherheitsrat
zum Zwecke der Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit zur Verfügung gestellt werden sollten» (Artikel 43)«
Das Unvermögen des Sicherheitsrats, im Rahmen seiner geplanten Funktionen zu arbeiten, ist vor allem au:r den Mißbrauch zurückzuführen, den die Sowjetunion von dem sogenannten Vetorecht
gemacht hat.
Dieses Vetorecht wurde von der Sowjetunion schon mißbraucht,
um viele Länder von der Mitgliedschaft bei den UN auszuschließen,
Länder, die auf Grund der Bestimmungen des Artikels 4 für eine
Mitgliedschaft voll qualifiziert waren. Dieser Artikel sieht vor,
daß die Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen allen friedliebenden Staaten offensteht, die die in der derzeitigen Charta
aufgeführten Verpflichtungen übernehmen und willens sind, diesen
Verpflichtungen nachzukommen.
Durch das sowjetische Veto wurden folgende Staaten ausgeschlossen: Österreich, Kambodscha, Ceylon, Pinrland, Irland, Italien, Japan, das Königreich Jordanien, die epublik Korea, Laos,
Libyen, Nepal, Portugal, Vietnam.
Wir nähern uns einem Zeitpunkt, in dem höchstwahrscheinlich
eine Überprüfung der Charta im Hinblick auf eine mögliche Abänderung erfolgen wird. Artikel 109, Abschnitt 3 der Charta sieht
vor, daß ein Vorschlag zur Einberufung einer derartigen Konferenz
in die Tagesordnung der 10. Jahres-Vollversammlung der UN, die
im Jahre 1955 stattfinden wird, aufgenommen werden soll, und
gegenwärtige Anzeichen sprechen dafür, daß eine Revisionskonferenz
abgehalten werden wird.
Die Vereinigten Staaten haben bereits angedeutet, daß sie
die Abhaltung einer Revisionskonferenz zu befürworten gedenken.
Die Regierung begrüßt die koordinierte Aktion des Senats
hinsichtlich der Untersuchung der Probleme, vor die sich eine
derartige Konferenz gestellt sehen wird.
Die Regierung geht dieser Konferenz mit dem klaren Bewußtsein entgegen, daß eine Vervollkommnung der Charta höchst wünschenswert wäre, aber auch mit der Entschlossenheit, das Gute,
was bereits vorhanden ist, nicht auf der Suche nach etwas Besserem zu verlieren.
Wir haben im Hinblick auf Änderungen der Charta noch keine
feste Position bezogen» Wir wollen das solange aufschieben, bis
wir in unseren Untersuchungen weiter vorangekommen sind und uns
ein klares Bild über die Ansicht der amerikanischen Bürgerschaft,
des Kongresses und anderer Nationen verschafft haben. In diesem
Zusammenhang dürfen wir auch nicht vergessen, daß Änderungen der

_ 3 .

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

der Charta der Zustimmung des Senats bedürfen.
Unter diesen Umständen werde ich mich darauf beschränken,
einige der Hauptfragen zu berühren, mit denen sich die ChartaRevisionskonferenz möglicherweise befassen muß und über die die
öffentliche Meinung aufgeklärt sein sollte.
i

1. Universalität
Es ist nützlich, daß eine Organisation besteht, die, allgemein gesprochen, universal ist, und deren Arbeitsweise die ganze
Welt umfaßt. Im anderen Falle würde die Vereinigung den Charakter
eines Bündnisses annehmen. Universalität bedeutet natürlich, daß
Nationen zusammenkommen, deren Regierungen ganz verschiedener
Meinung sein können. Das hat seine Nachteile. Aber eine derartige
Organisation hält den Kontakt zwischen möglichen Gegnern aufrecht,
bietet die Möglichkeit, unnötige Mißverständnisse zu beseitigen
und stellt, wie Präsident Eisenhower in seiner "State of the
Union Message" vom 7. Januar 1954 erklärt hat, das einzige wirkliche Weltforum dar, wo wir die Möglichkeit haben, auf internationaler Basis unseren Standpunkt darzulegen und Angriffe zurückzuweisen. Diese Methode ist dazu geeignet, wenn auch langsam,
eine Übereinstimmung in bezug auf einen gemeinsamen Standard herbeizuführen.
Es ist natürlich unwahrscheinlich, daß es eine Universalität
im wahrsten Sinne des Wortes geben wird. Unglücklicherweise gibt
es Regierungen oder Machthaber, die die elementaren Regeln des AnStandes in den internationalen Beziehungen mißachten, so daß sie
nicht ordnungsgemäß in die organisierte Völkerfamilie aufgenommen
werden können. Dies wird deutlich bei dem Regime, das heute das
chinesische Festland regiert.
Selbst eine annähernde Universalität bringt natürlich gewisse
Nachteile mit sich. Es müssen zwangsläufig Meinungsverschiedenheiten auftreten, die die Wirksamkeit der Aktion begrenzen.
Zweifellos werden bei der Revisionskonferenz diese Probleme
einer universellen oder begrenzten Mitgliedschaft in Betracht gezogen werden. Man wird wahrscheinlich erwägen, ob der Artikel 4»
auf den ich vorhin Bezug nahm, die für eine Mitgliedschaft wünschenswerten Normen zum Ausdruck bringt.
In diesem Zusammenhang sollte man daran denken, daß die Artikel
5 und 6 eine Suspendierung und Ausschließung erlauben, obwohl dies
eine Aktion des Sicherheitsrats erfordert, die wiederum einem Veto
ausgesetzt ist.
Es scheint, als seien gegenwärtig die meisten Mitglieder der
UN der Ansicht, daß es besser ist, Mitgliedstaaten in der Organisation der UN zu haben, die womöglich in ihren Meinungen auseinandergehen, als zu versuchen, die Mitgliedschaft nur auf diejenigen Staaten zu beschränken, die die gleichen Ansichten vertreten.
Und hier muß man sich auch überlegen, daß nur sehr wenige
Staaten über längere Zeit hinweg die gleichen Ansichten über alle
- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

alle Dinge haben. Sind sie in bezug. auf das Problem der Sicherheit
eines Sinnes, oder besteht zwischen ihnen eine regionale Gemeinschaft, dann können sie sich auf Grund des Artikels 51» des Artikels über die kollektive Sicherheit, oder auf Grund der Bestimmungen der Artikel 52-54, der Artikel über die regionalen Gliederungen, untereinander organisieren.
2. Sicherheit
Durch die Charta (Artikel 24) ist der Sicherheitsrat verpflichtet, "hauptsächlich die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Weltfriedens und der Weltsicherheit" auszuüben. Kann
er durch Änderungen der Charta besser in die Lage versetzt werden, seinen Verpflichtungen nachzukommen? Oder muß diese "hauptsächliche Verantwortung" den Sicherheitsorganisationen überlassen
werden, deren Bildung durch Artikel 51 vorgesehen ist? Oder sollte
der Vollversammlung, bei der es kein Veto gibt, eine größere Verantwortlichkeit zugebilligt werden?
In diesem Zusammenhang möchte ich an die Resolution "Frieden durch Einheit" aus dem Jahre 1950 erinnern, die die Vollversammlung in die Lage versetzt, im Hinblick auf Frieden und Sicherheit eine entscheidende Rolle zu spielen, falls der Sicherheitsrat durch ein Veto gelähmt ist.
3. Sicherheitsrat
Sind die gegenwärtigen Bestimmungen für Mitgliedschaft und
Abstimmung im Sicherheitsrat bis zu ihrer maximalen Wirksamkeit
durchführbar? Sollte das Vetorecht in bezug auf Fragen, die sich
um die friedliche Regelung von Meinungsverschiedenheiten drehen
(Kapitel VI) und in bezug auf die Aufnahme neuer Mitglieder aufgehoben werden, wie dies in der sogenannten Vandenberg—Resolution
empfohlen wurde? Die Vereinigten Staaten würden voraussichtlich
zögern, jetzt in der Aufgabe ihres Vetorechtes weit über diese
Vorschläge hinauszugehen.
4. Abstimmung in der Vollversammlung
In der Vollversammlung hat jede Nation eine Stimme - ist
dies die beste Lösung? Wenn die Vollversammlung eine größere Verantwortung übernehmen soll, sollte dann nicht eine Form der Stimmberechtigung nach Gewicht eingeführt werden, so daß Nationen,
die selbst nicht in der Lage sind, größere militärische oder finanzielle Verantwortung zu übernehmen, diese Verantwortung nicht
anderen Staaten aufbürden können? Sollte in manchen Fällen eine
kombinierte Stimmabgabe erfolgen, bei der eine positive Maßnahme
der Mehrheit aller Mitglieder sowohl auf der Basis der Gleichheit
als souveräne Staaten als auch der Mehrheit auf der Basis einer
Stimmabgabe nach Gewicht bedarf - einer Stimmabgabe, die Bevölkerungszahl, die natürlichen Hilfsmittel usw. in Rechnung stellt.
5.

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954
5. Das Problem der Rüstung

Seit der Annahme der Charta haben die Möglichkeiten der Massenvernichtung, vor allem was Atomenergie und kernreaktive Waffen
anbetrifft, in gewaltigem Maße zugenommen.
Ich habe an der San Franzisko-Konferenz im Frühjahr 1945
teilgenommen und kann mit Überzeugung sagen, daß die Delegierten
in San Pranzisko - hätten sie gewußt, daß wir im Begriff standen,
in das Zeitalter des Atomkrieges einzutreten, darauf gesehen haben würden, daß die Charta sich mit den dadurch entstehenden Problemen in einer realeren Form befaßte. Vielleicht sollte man nun
die Schaffung eines speziellen Organs der Vereinten Nationen in
Erwägung ziehen, das - vergleichbar dem Wirtschafts- und Sozialrat und dem Treuhänderrat der UN - sich ständig mit dem Problem
der Rüstung befaßt, durch das die in der Präambel der Charta zum
Ausdruck gebrachten Hoffnungen der Völker in so grauenhafter Weise
bedroht werden.
In diesem Zusammenhang verweise ich nachdrücklich auf den
epochemachenden Vorschlag Präsident Eisenhowers vom 8. Dezember
1953 vor den Vereinten Nationen, in dem der Präsident zur Schaffung einer internationalen Atomenergiebehörde aufforderte. Diese
Behörde soll gewöhnliches Uranium und spaltbares Material erhalten und die Aufgabe haben, Methoden auszuarbeiten, nach denen das
verfügbare Material verteilt wird, um der Menschheit für friedliche Zwecke zu dienen.
6. Völkerrecht
Sind die Bestimmungen der Charta (Artikel 13, Abschnitt 1)
im Hinblick auf die Bedeutung des Rechts als anerkanntem Standard
des internationalen Verhaltens ausreichend? Diese Bestimmungen
fordern die Vollversammlung auf, Untersuchungen anzustellen und
Empfehlungen vorzulegen, um den Fortschritt auf dem Gebiet des
Völkerrechte und seiner Kodifizierung zu ermutigen. Bisher wurden
jedoch nur wenige Fortschritte erzielt. Dies ist ein schwerer
Nachteil für die Ordnung in der Welt, denn es bedeutet, daß die
Entscheidungen und Empfehlungen der Vereinten Nationen zwangsläufig mehr von dem Gesichtspunkt der politischen Zweckmäßigkeit und
weniger von den anerkannten Regeln des Völkerrechts beherrscht werden.
In diesem Zusammenhang möchte ich an die Überzeugung des verstorbenen Senators Robert Taft erinnern, der erklarte, daß "auf
die Dauer der einzige Weg zum Frieden die Formulierung eines Gesetzes ist, dem jede Nation zustimmt, und das die Beziehungen
dieser Nationen miteinander bestimmt, und weiter die feierliche
Verpflichtung all dieser Nationen, sich an dieses Gesetz zu halten und ihre Entscheidungen nach ihm zu fällen." (A Foreign Policy
for Americans, 1951).
Ein gleichzeitiger Fortschritt in ,inem globalen Ausmaß wird
zur Zeit durch den Riß erschwert, der die Welt in bezug auf das
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

20. Januar 1954

das Wesen des Gesetzes durchzieht. Die Regierungen der meisten
Völker der Erde sehen das "Gesetz" als die Bemühung des Menschen
an, moralische Prinzipien in den menschlichen Angelegenheiten und
Fragen zur Anwendung zu bringen. Damit ergibt sich eine objektive
Rechtsnorm, auf die man sich berufen kann. Ein Drittel der Bevölkerung der Welt jedoch wird von Männern beherrscht, die ein moralisches Gesetz nicht anerkennen und das menschliche "Gesetz"
lediglich als ein Mittel ansehen, das den Machthabern dazu dient,
ihre Ziele zu erreichen und ihre Feinde zu vernichten.
Die angeführten Punkte sind die wichtigsten Abänderungen
d^r Charta, die vor allem die Vereinigten Staaten angehen. Zweifel1 3 gibt es andere Aspekte, die für andere Staaten von großem Belan
Bind. Doch will ich zu diesem Zeitpunkt darüber keine weiteren
Ausführungen machen.
Es ist meiner Ansicht nach wichtig, daß die Vereinigten Staaten an das Problem einer Revision der Charta mit der klaren Erkenntnis herangehen, daß die Charta so wie sie jetzt ist, durchaus
als ein Mittel dienen kann, um der Sache des Weltfriedens und der
internationalen Gerechtigkeit zu dienen. Die Mängel der Charta
lassen sich zu einem beträchtlichen Teil durch Maßnahmen korrigieten, die nach den Bestimmungen der Charta zulässig sind. Es ist
bereits eine allgemein akzeptierte Gepflogenheit, daß die Stimmenthaltung eines ständigen Mitglieds des Sicherheitsrats kein Veto
darstellt, trotz der Tatsache, daß Artikel 27, Abschnitt 3,
"die
ausdrückliche Zustimmung von sieben Mitgliedern einschließlich der
einmütigen Zustimmung der ständigen Mitglieder" vorsieht.
Ich habe bereits auf die Resolution "Frieden durch Einheit"
verwiesen, die der Versammlung in Fragen der Sicherheit eine Vollmacht ohne Vetorecht gab.
Wir dürfen ferner nicht vergessen, daß viel im Rahmender
Charta erreicht werden kann, ohne eine eigentliche Abhängigkeit
von der Verfahrensweise der Vereinten Nationen selbst. Ich habe
auf den Artikel 51 Bezug genommen, der das Recht der kollektiven
Selbstverteidigung anerkennt. Dies wurde in weitgehendem Maße
genutzt. Viele Nationen, deren Sicherheitsinteressen die gleichen
sind, haben sich durch Sicherheitspakte verbunden. Es bestehen der
RIC-Pakt, der Nordatlantikpakt sowie ähnliche Sicherheitsabkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und anderen Ländern im westlichen Pazifik. Die Sowjets haben ebenfalls durch eine Reihe von sogenannten Verträgen mit ihren Satelliten ihr eigenes Sicherheitssystem aufgebaut.
Derartige Abmachungen unterliegen nicht dem Veto des Sicherheitsrates, obwohl Maßnahmen zur Selbstverteidigung dem Rat berichtet werden müssen.
Ich habe hier einige Probleme aufgezeigt, die möglicherweise
auf einer Revisionskonferenz im Jahre 1956 zur Sprache kommen,
ohne den Versuch zu machen, eine endgültige Antwort zu geben. Dies
wäre meiner Ansicht nach noch zu früh. Ich möchte jedoch wiederholen, daß eine Revisionskonferenz zwar als eine Möglichkeit zur
Stärkung der Vereinten Nationen begrüßt werden sollte, daß jedoch
die Meinungsverschiedenheiten über die Frage, wie die Charta zu
ändern ist, dann nicht bis zu einem Punkt gesteigert werden sollten

�"AFRIKA DIENST"

20. Januar 1954

sollten, an dem die Revisionskonferenz zu einer Unterminierung oder
Spaltung der Vereinten Nationen führen würde. Die Vereinten Nationen
sind so, wie sie sind, besser als gar keine Vereinten Nationen.
Man darf nicht vergessen, daß den Bestimmungen der derzeitigen
Charta zufolge jedes ständige Mitglied des Sicherheitsrates ein
Vetorecht in bezug auf die Abänderungen hat, die die Revisionskonferenz unter Umständen vorschlagen könnte. Das Bestehen dieses
Vetorechts bedeutet aber nicht, daß die Revisionskonferenz zur
Ergebnislosigkeit verurteilt ist. In San Franzisko hatte jede
Nation, die an der Ausarbeitung der •Dumbarton Oaks-Vorschläge'
teilnahm, ein Vetorecht über Abweichungen von diesen Vorschlägen.
Dennoch haben sie von diesem Veto keinen Gebrauch gemacht, sofern
es sich um Änderungen handelte, die vernünftig waren und von der
Weltmeinung gefordert wurden. Wir dürfen hoffen, daß die gleichen
Bedingungen bei der künftigen Revisionskonferenz vorherrschen werden. Wir können mit gutem Grund unsere Pläne auf die Arbeitshypothese
stellen, daß keine Nation tatsächlich in der Lage sein wird, willkürlich Veränderungen aufzuzwingen oder gegen Veränderungen ihr
Veto einzulegen.
Ich möchte mit der erneuten Versicherung schließen, daß ich
weiterhin an die Vereinten Nationen glaube. Ich teile voll und
ganz die von dem amerikanischen Senat in seiner Resolution vom
11. Juni 1948 zum Ausdruck gebrachte Meinung, daß es die Politik
der Vereinigten Staaten ist, den Weltfrieden und die Weltsicherheit durch die Vereinten Nationen zu erreichen. So hat auch Präsident Eisenhower dem Kongreß am 7. Januar 1954 erklärt, daß
"die Vereinten Nationen unsere weitere feste Unterstützung verdienen.
Ich bin überzeugt, daß es in unserer Macht liegt, die großen
Ziele der Vereinten Nationen zu fördern, wenn wir nur geduldig,
einfallsreich und entschlossen und von dem Glauben beseelt sind,
daß der Mensch die Fähigkeit hat, das Böse durch das Gute zu
überwinden.

# * * * *

- 8-

�Bitte Sperrfrist; 21. Januar 1954, 18 Uhr MEZ, beachten
EISENHOWER LEGT NEUEN HAUSHALT VOR

WASHINGTON — (Amerika Dienst^ — Präsident
Eisenhower unterbreitete am 21. Januar 1954
dem amerikanischen Kongreß den Haushaltsvorschlag für das Finanzjahr 1954/5*5, der Ausgaben in Höhe von 65,6 Milliarden Dollar und
Einnahmen in Höhe von 62,7 Milliarden Dollar
vorsieht. Das verbleibende Defizit wird auf
2,9 Milliarden Dollar veranschlagt und bleibt
damit noch um 400 Millionen Dollar hinter dem
für das laufende Haushaltsjahr erwarteten Defizit zurück.
In seiner Botschaft an den Kongreß, die in zwei Hauptteile
zerfällt - erstens eine allgemeine Übersicht über den Gesamthaushalt unter Berücksichtigung der wichtigsten Aspekte und
zweitens detaillierte Vorschläge zu den einzelnen Punkten führte der Präsident unter anderem aus:
"... Als diese Regierung am 20. Januar vergangenen Jahres
die Amtsgeschäfte übernahm, befaßte sie sich zuerst mit
dem von der vorangegangenen Regierung am 9« Januar dem Kongreß
unterbreiteten Haushaltsvoranschlag für das Finanzjahr 1954.
In Zusammenarbeit mit dem Kongreß wurde dieser Voranschlag umgehend überprüft und reduziert. Das neue Budget ist das erste,
das von dieser Regierung in seiner Gesamtheit allein ausgearbeitet worden ist.
Das Budget wird meiner Ansicht nach den Aufgaben der
nationalen Verteidigung und der internationalen Verantwortung
der USA in ausreichender Form gerecht - einer Verantwortung,
die wir als Führer der freien Welt auf uns nehmen mußten. Von
dem Erfolg dieser Führerschaft hängt unsere nationale Sicherheit
und unser Wohlstand ab. Das Budget trägt den gegenwärtigen
Bedürfnissen der Regierung Rechnung und läßt konstruktive Maßnahmen in bezug auf die vom amerikanischen Volke übernommene
Verantwortung sowie die inneramerikanischen Programme zu. ~

�»

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

20. Januar 1954

Das vorgeschlagene Budget ermöglicht eine weitere Stärkung
unserer Verteidigungsstellung, Portschritte in der Entwicklung
und Produktion von Atomwaffen, die Ausweitung unseres kontinentalen Verteidigungssystems, die Unterstützung bedreundeter Nationen beim Aufbau ihrer Verteidigungsstärke sowie die Durchführung von Programmen für eine schnelle Mobilisierung, sofern
ein derartiger Notstand eintreten sollte. Ferner wird die Bewilligung von Mitteln für neue und weitergehende Entwicklungsarbeiten zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie empfohlen
in der aufrichtigen Hoffnung, daß die gegenwärtigen internationalen Beziehungen verbessert und die Wunder der Atomkraft allmählich der Erschließung eines glücklicheren und schöneren Lebens
uns und der gesamtenMenschheit dienstbar gemacht werden können.
Das Budget enthält Vorkehrungen für gesetzliche Empfehlungen hinsichtlich der Ausdehnung des Versicherungsschutzes und
der Erhöhung der Sozialleistungen im Rahmen unseres Sozialversicherungssystems, der Schaffung besserer Wohnverhältnisse und
Förderung des Privathausbesitzes, der Verbesserung unseres Erziehungssystems, der Erhaltung unserer natürlichen Hilfsquellen,
der Verhinderung von Hochwasserschäden und Bodenerosion, der
Sicherstellung einer erweiterten ärztlichen und KrankenhausBetreuung für unsere Bevölkerung sowie für andere konstruktive
Zwecke innerhalb der USA, die alle darauf abgestellt sind, die
Fundamente einer stabilen und blühenden Wirtschaft zu stärken.
In diesem Budget werden die ständigen Bemühungen während
des vergangenen Jahres, sowohl die Anforderungen für neue Bewilligungen als auch die Regierungsausgaben zu senken, fortgesetzt. Die bisher schon vollzogenen Einsparungen zusammen
mit den noch vorgesehenen rechtfertigen die Steuersenkungen, die
am 1. Januar in Kraft getreten sind sowie weitere Steuersenkungen, die ich noch empfehlen werde. Diese neuen Steuersenkungen
werden einen neuen Anreiz .zu hohen Kapitalinvestitionen und Verbraucher-Ausgaben geben. Trotz des beträchtlichen Einnahmenausfalls, der diese Steuersenkungen zur Folge haben, sind wir
einem ausgeglichenen Budget näher gekommen.
Eines der ersten Probleme dieser Regierung bestand darin,
den Staatshaushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Dieses wurde
im wesentlichen durch die Revision des ursprünglichen Haushaltsplanes für das Finanzjahr 1954 erreicht. Nunmehr kommt ein etwa
gleich großer Betrag, wie er durch diese Revision eingespart
wurde, der Allgemeinheit in Form von Steuersenkungen und Änderungen fcvgute. Dieser Betrag übersteigt das geschätzte Budgetdefizit wesentlich.
Bei der Ausarbeitung dieses Haushaltsplanes hat die Regierung ihre Aufmerksamkeit den wesentlichen Tätigkeiten und Programmen gewidmet und nicht jenen, die von einigen vielleicht
zur Zeit als wünschenswert angesehen werden. Dieses Budget setzt
einigermaßen stabile Verhältnisse - sowohl in den USA wie auch
im Ausland - während der Periode, die es umfaßt, voraus. Es

- 2 -

�r

"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Es versetzt uns in die Lage, weiterhin die schweren Lasten des
Verteidigungsprogramms zu tragen. Wenn wir jedoch auch in Zukunft
bestrebt sind, die weniger erwünschten und unnötigen Regierungsausgaben zu reduzieren und zu eliminieren, so wird es durchaus
möglich sein, sich anderen Aufgaben zuzuwenden, die auf Grund ihres
Nutzens für alle als wünschenswert erscheinen.
Meine Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, in der Erfüllung
der Erfordernisse für die nationale Sicherheit und der notwendigen
und wohlbegründeten Funktionen der Regierung mehr zu leisten und
größere Sparsamkeit walten zu lassen.
Die gegenwärtigen Voranschläge für das Budget für 1954 zeigen,
daß die Anträge auf Neubewilligungen um etwa 12,5 Milliarden Dollar,
auf neue Vorgriffsmittel um über 11 Milliarden Dollar vermindert
wurden und daß die Ausgaben um 7 Milliarden Dollar niedriger lagen
als im offiziellen Gesamtvoranae&amp;lag der vorherigen Regierung für
das Haushaltsjahr 1954 vorgesehen war.
Ähnliche Einsparungen werden auch im Haushaltsplan für 1955
eingebaut werden. Die empfohlene Summe für Vergriffsmittel liegt um
4,4 Milliarden Dollar niedriger als in dem gegenwärtigen Voranschlag für das Haushaltsjahr 1954, um 15»5 Milliarden Dollar
niedriger als in dem offiziellen Haushaltsplan für das Jahr 1954
und um 23,9 Milliarden Dollar niedriger als 1953. Die Voranschläge
für das Finanzjahr 1955 liegen um 5,3 Milliarden Dollar unter den
Schätzungen, die für das Finanzjahr 1954 vorliegen, um 12,3 Milliarden Dollar unter der für das Haushaltsjahr 1954 offiziell empfohlenen
Summe, und um 8,4 Milliarden Dollar unter dem Betrag von 1953.
So wurden seit der Amtsübernahme dieser Regierung die Beträge
für die Vorgriffsmittel um 15,5 Milliarden Dollar, für die Voranschläge um 12,3 Milliarden Dollar vermindert.
Diese Reduzierungen rechtfertigten eine Senkung der Steuern.
Ohne Steuersenkungen wäre im Finanzjahr 1955 mit einem Haushallgüberschuß zu rechnen gewesen.
Um sicherzustellen, daß der größte Teil der Einsparungen den
amerikanischen Steuerzahlern im allgemeinen und damit auch unserer
gesamten Wirtschaft zugute kommt, hielt ich einen Kurs für das
beste, der sowohl zu einem ausgeglichenen Budget als auch zu
Steuersenkungen führt.
Die Verminderung der Ausgaben im Haushaltsjahr 1954 sollte
einen Abbau des hohen Defizits bewirken, wie es in dem offiziellen
Haushaltsplan für 1954 veranschlagt worden war. Die voraussichtlichen Einsparungen im Haushalt des Jahres 1955 haben bereits in
dem am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretenen Steuersenkungen
ihren Niederschlag gefunden und werden auch in den von mir in der
vorliegenden Botschaft empfohlenen Steuerreformen berücksichtigt.
Diese

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Diese Steuersenkungen werden insgesamt etwa 5 Milliarden
Dollar ausmachen.
Wir werden den gegenwärtigen Schätzungen zufolge auch
im Haushaltsjahr 1955 mit einem Defizit von etwas weniger als
3 Milliarden Dollar rechnen müssen. Aber wir werden uns weiterhin mit Entschlossenheit um Einsparungsmaßnahmen bemühen,
um dieses Defizit im Haushaltsjahr 1955 weiter zu verringern.
Überdies wird nunmehr trotz der Einbuße an Bargeldeingängen infolge der Steuersenkungen und -reformen der Gesamtbetrag
für Bargeldtransaktionen zwischen Regierung und Öffentlichkeit
im Finanzjahr 1955 etwas höher veranschlagt.
Gesamtzahlen der Haushaltsposten im Finanzjahr 1954
Das tatsächliche Haushaltsdefizit für das Finanzjahr 1953
betrug 9,4 Milliarden Dollar. Das Haushaltsdefizit für das
Finanzjahr 1954 wurde, wie aus dem offiziellen Haushaltsplan
für 1954 hervorgeht, mit 9»9 Milliarden Dollar veranschlagt.
Die gegenwärtigen Schätzungen über den Haushalt in diesem Jahr
ergeben ein Haushaltsdefizit von 3,3 Milliarden Dollar.
Der Gesamthaushalt für das Finanzjahr 1955
Das Defizit für das kommende Haushaltsjahr wird nach Schätzungen etwa 2,9 Milliarden Dollar betragen. Das vorliegende
geschätzte Defizit für das kommende Haushaltsjahr steht in
scharfem Gegensatz zu dem vom Budgetamt gemachten Defizitvoranschlag für das Finanzjahr 1954. Die Weiterführung der bereits bestehenden Programme, die in der Budget-Botschaft für
1954 aufgeführt worden waren, wiesen angesichts der damals
bestehenden Steuersätze für das Haushaltsjahr 1955 ein Defizit
auf, das ungefähr fünfmal größer war als das nun geschätzte
Defizit....
Das Budget erlaubt eine voraussichtliche Einnahmeminderung
von fast 5 Milliarden Dollar auf Grund der am I.Januar in Kraft
getretenen Steuersenkung und auf Grund der vorgeschlagenen
Steuerreformen, sofern diese das Haushaltsjahr 1955 betreffen.
Auf Jahresbasis gerechnet wird sich die Einnahmeverminderung
der sechs Milliardengrenze nähern
Die auf dem Wege zu einem ausgeglichenen Haushalt gemachten Fortschritte sind das Ergebnis eines entschlossenen und
ständigen Bemühens, die Finanzgebarung der Regierung unter
Kontrolle zu bekommen.
Neue Vorgriffsmittel
Meine Empfehlungen für neue Bewilligungen und andere neue
Vorgriffsmittel für das kommende Steuerjähr belaufen sich auf
56,3 Milliarden Dollar, stellen also eine weitere Verminderung
der während der letzten Jahre bewilligten Beträge dar.
._.
- 4 -

�"AMERIKA DIENST" • WIRTSCHAFT UND ARbr&lt;±±

20. Januar 1954

•

... Die geringeren Aufwendungen der neuen Vorgriffsmittel
und der angesammelten noch nicht ausgegebenen Mittel für 1954
und 1955 werden in diesen und den kommenden Jahren zu geringeren Ausgaben führen. Bei der Revision des für 1954 und 1955 vorgesehenen Haushalts zeichnet sich deutlich ein Trend zu einem
ausgeglichenen Etat ab.
Die Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes 1954/55 werden
auf 65»6 Milliarden Dollar geschätzt. Die Vergleichszahlen für
die vorhergehenden Jahre waren wie folgt:
Haushaltsjahr 1952 65,4 Milliarden
1953 74,0 Milliarden
1954 Nach dem Voranschlag Trumans vom 9.
Januar 1953,77,9 Milliarden und 70,9
Milliarden nach der Revision durch die
Regierung Eisenhower.
1955 Geschätzter Wert 65,6 Milliarden ,
Die vorgeschlagenen Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes
für das Finanzjahr 1954/55 gliedern sich in drei große Kategorien:
1) Nationale Sicherheit,
2) Größere, mit den erlassenen und zu schaffenden Gesetzen kaum
genau zu kontrollierende Vorhaben und 3) alle anderen Regierurigsprogramme.
Die Aufwendungen für die hauptsächlichen Sicherheitsprogramme,
d.h. für die militärischen Aufgaben des Verteidigungsministeriums,
das Programm für gemeinsame Sicherheit, die Atomenergie und die
Anlegung von Vorräten strategisch wichtiger Rohstoffe, beherrschen
das Budget und werden für das Finanzjahr 1954/55 mit 44,9 Milliarden Dollar veranlagt. Dem steht als Vergleichszahl ein Schätzungswert für das Finanzjahr 1953/54 mit 48,7 Milliarden Dollar und
für das Finanzjahr 1952/53 mit 50,3 Milliarden Dollar gegenüber.
Der prozentuale Anteil der Aufwendungen für die militärische
Sicherheit am Gesamthaushalt ist in allen drei Jahren etwa gleich.
In enger Beziehung zu diesen großen Sicherheitsprogrammen
stehen andere, dem gleichen Zwecke dienende Vorhaben, die an
anderer Stelle des Haushaltsplanes aufgeführt werden. Die Ausland shitfeprogramme und das Informationsprogramm sind besonders
wichtig, um einen Aggressor abzuschrecken und die Kräfte des
Friedens dieser Welt zu stärken.
Der größte Anteil der vorgeschlagenen Kürzungen an einem
Einzelposten im Haushalt 1955 entfällt auf die Aufwendungen für
nationale Sicherheit. Ich möchte ausdrücklich darauf verweisen,
daß diese Einsparungen dadurch möglich wurden, daß die bestehenden Programme überprüft, der Schwerpunkt verlagert, die Beschaffung besser durchorganisiert und die Verwaltung verbessert wurden.
Unsere Sicherheit ist dabei größer - nicht geringer geworden.
Darüber

- 5 -

�"AMERIKA LIEJÜST" - WIRTSCHAFT JAP ARBi.iT

Januar 1954

Darüber hinaus werden die Einsparungen bei gewissen Posten auf
andere Programme überschrieben werden.
Von allen Aufwendungen für die großen vier Sicherheitsprogramme sind die im Haushalt 1954/55 aufgeführten Posten für
die Atomenergie-Kommission und für das gemeinsame Verteidigungsprogramm höher als sie je zuvor seit ihrem Bestehen gewesen sind.
Im Rahmen der Aufwendungen für das Verteidigungsministerium
im Haushaltsjahr 1954/55 erhalten die Luftstreitkräfte den seit
dem zweiten Weltkrieg höchsten Anteil. Die für die kontinentalen
Verteidigungsprogramme vorgesehenen Mittel sind höher als in
irgend einem anderen Jahr ... •
Die Aufwendungen für die Vorratshaltung an strategisch
wichtigen Rohstoffen - der vierte Posten in der Kategorie der
großen Sicherheitsprogramme - liegen in diesem Haushalt unter
den Voranschlägen für das Haushaltsjahr 1953/54. Dies wurde
dadurch möglich, daß die Erfordernisse zur Anlegung von Vorräten in gewissen Fällen fast erfüllt wurden und daß die Weltmarktpreise für jene Rohstoffe, deren Bevorratung noch immer
notwendig ist, stark sanken»
Die im Haushalt aufgeführten Ausgaben für gewisse Regierungsaufgaben sind durch Gesetz relativ festgelegt und hängen
zu einem guten Teil von Faktoren ab, die sich nicht durch den
Haushaltsplan im voraus bestimmen lassen. Obwohl die Zahl der
hier zu nennenden Regierungsaufgaben klein ist, entfallen auf
sie hohe Summen, die jedes Jahr im Haushalt zu berücksichtigen
sind. Beispielsweise hängt nach Inkrafttreten der Gesetze die
Höhe der an die Bundesstaaten für eine Vielzahl von Zwecken zu
zahlenden Zuschüsse davon ab, inwieweit die einzelnen Staaten
die Darlehensprogramme der Bundesregierung in Anspruch nehmen;
die Höhe der Aufwendungen für Kriegsteilnehmer-Pensionen wird
durch die Zahl der berechtigten Antragsteller bedingt; die Höhe
der Aufwendungen für landwirtschaftliche Subventionen richtet
sich nach den Ernteerträgen und der Nachfrage nach subventionierten Erzeugnissen, und die Höhe der Zahlungen für die Verzinsung
der Staatsschuld wird durch die Höhe der Staatsschuld selbst und
den Zinssatz bestimmt.
Im Finanzjahr 1954/55 werden zur Durchführung dieser Programme schätzungsweise 14,1 Milliarden Dollar erforderlich.
Diese Summe ist etwa genau so hoch wie der zur Zeit für
1954 veranschlagte Betrag und liegt fast um 800 Millionen Dollar
unter ähnlichen Ausgaben im Haushaltsjahr 1953.
Die budgetmäßigen Ausgaben für andere Regierungsaufgaben,
die mehrere durch die Veranlagung lenkbare Sparten betreffen,
werden gegenüber dem Finanzjahr 1952/53 und 1953/54 um schätzungsweise 2,2 Milliarden Dollar niedriger sein. Dies ist eine
Einsparung für routinemäßige Regierungsaufgaben von etwa 25 Prozent gegenüber den obengenannten Jahren. Die Regierungsaufgaben
betreffen zahlenmäßig den größten Teil der im Budget angeführten
Posten, während sie, was die veranschlagten Summen angeht etwa
ein Zehntel des Gesamtbudgets ausmachen.
-

�"AMERIKA DIENST"

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar

1954

In dieser Kategorie ergeben sich auf Grund der Verringerung
des Defizite im Post- und Fernmeldewesen und gewisser Einsparungen in der Verwaltung sowie Einschränkungen der Tätigkeitsbereiche erhebliche Senkungen der Aufwendungen. Andererseits werden
die geschätzten Aufwendungen für die Tennessee-Talverwaltung (TVA),
für den Wohnungsbau und für städtebauliche Verbesserungen, für
Kredite für Studentenwohnheime, für die National Science Foundation
(Nationaler Forschungsrat), für die Wildhege und das Fischereiwesen, für das Schulspeiseprogramm und andere dem ganzen Volke zugutekommende Projekte höher sein, als je zuvor in der Geschichte
der Vereinigten Staaten.
Gesamtausgaben für die wichtigsten Vorhaben im Finanzjahr
1954/55 (in Millionen Dollar)
Nationale Sicherheit 44 860
Vorsorgungsleistinngen für ehemalige Kriegsteilnehmer 4 223
Internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen
1 885
Sozialleistungen, Fürsorge- und Gesundheitswesen 1 807
Wohnungs- und Städtebau 1 903
Forschungs- und Erziehungswesen 233
Landwirtschaft und landwirtschaftliche Hilfsquellen 6 752
Nutzung der natürlichen Hilfsquellen 1 337
Transport- und Verkehrswesen 4 277
Vorhaben des Arbeitsministeriums 282
Allgemeine Regierungsausgaben 1 164
Zinsendienst 6 875
Finanzwesen, Handel und Industrie 917
Rücklagen für unvorhergesehene Ausgaben 150
Insgesamt 76 655
Abzüglich der Einkünfte aus staatlichen Unternehmen 11 085
Gesamtausgaben 65 570
Staatseinnahmen und Steueraufkommen
Die Staatseinnahmen auf Grund der derzeitigen und der vorgeschlagenen Gesetze werden für das Finanzjahr 1954/55 auf 62,7
Milliarden Dollar geschätzt. Dies sind 4,9 Milliarden weniger,als
die Einnahmen im derzeitigen Finanzjahr 1953/54 nach den gegenwärtigen Schätzungen betragen werden. Das sind 1,9 Milliarden Dollar
weniger als 1953 und 1,3 Milliarden Dollar mehr als 1952.
Die

�"AMERIKA DIENST"- WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar

1954

Die gesamten Regierungsausgaben und die Steuern sind augenblicklich so hoch, daß wir unseren Kurs sorgfältig planen müssen,
um unzureichende Einnahmen auf der einen und eine wirtschaftshemmende Besteuerung auf der anderen Seite zu vermeiden. Ich bin bemüht, die Steuern so rasch wie möglich zu senken, soweit dies ohne
Auflaufen inflationistischer Defizite möglich ist. Meine Regierung
ist fest entschlossen, weitere Steuersenkungen so bald vorzunehmen
wie sich dies auf Grund der zu erwartenden Staatseinnahmen und
der Senkung der Ausgaben rechtfertigen läßt. Es wird dabei unser
Ziel sein, dem Volk einen möglichst großen Anteil an dem Geld
zur Verwendung nach eigenem Wunsch zurückzugeben, das die Regierung bisher an seiner Statt ausgegeben hat...
Ich unterbreite und erläutere nun die hierzugehörigen Einzelheiten des Budgets. Die in dem Haushaltsvoranschlag aufgeführten
Zahlen sind auf Grund der gegenwärtigen und übersehbaren Verhältnisse sorgfältig geschätzt worden. Änderungen des Haushalts können
durch Maßnahmen des Kongresses herbeigeführt werden. Andere können
durch wirtschaftliche Faktoren bedingt sein, die die Preise von
solchen Gütern verändern, die die Regierung gekauft hat, oder
Einkommens- und Steuerhöhe schwanken lassen. Ebenso könnten neue
Entwicklungen auf dem außenpolitischen und innerpolitischen Sektor
eine Änderung des Haushaltsplanes von 1955 notwendig machen.
Die Vorgriffsvollmacht umfaßt den Gesamtbetrag aller Vorgriff smittel, die es Kraft gesetzlichen Beschlusses des Kongresses den Regierungsbehörden ermöglichen, finanzielle Verpflichtungen
einzugehen. Diese umfassen neben neuen Bewilligungen in erster Linie Vollmachten, bereits vor der Bereitstellung von Mitteln durch
den Kongreß vertragliche Verpflichtungen zu übernehmen, sowie Vollmachten, Aufwendungen aus Anleihen zu bestreiten.
Neue Vorgriffsvollmachten auf Grund des Hauptprogramms für
1955 (in Milliarden Dollar):
Nationale Sicherheit
54,9
Versorgungsleistungen für
ehemalige Kriegsteilnehmer
4,0
Internationale Aufgaben und
finanzielle Verpflichtungen
1,5
Sozialleistungen, Fürsorge- und
Gesundheitswesen
1,8
Wohnungs- und Städtebau
0,2
Forschungs- und Erziehungswesen
0,2
Landwirtschaft und landwirtschaftliche Hilfsquellen
2,8
Nutzung der natürlichen Hilfsquellen
1 ,0
Transport- und Verkehrswesen
1,5
Finanzwesen, Handel und Industrie weniger als 50 Millionen
Vorhaben des Arbeitsministeriums
0,3
Allgemeine Regierungsa.sgaben
1,0
Zinsendienst
6,9
Rücklagen für unvorhergesehene Ausgaben 0,2
Insgesamt
56,3
- 8 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UDIL ARBEIT

20. Januar 1954

In früheren Jahren umfaßte die Vorgriffsvollmacht auch den
vom Kongreß bewilligten Übertrag nicht verbrauchter Mittel auf
das neue Haushaltsjahr. In Übereinstimmung mit der Verfahrensordnung des Kongresses sind in diesem Budget die Überträge bereits bewilligter, aber nicht verbrauchter Mittel für zwei große Programme, nämlich das Programm für gemeinsame Sicherheit
und das Bauprogramm der Atom-Energie-Kommission, nicht als Vorgriff svollmacht ausgewiesen. Diese Programme werden jährlich
bewilligt, laufen aber ständig weiter» Die daraus sich ergebende
Verminderung der Vorgriffsvollmachten wird durch eine entsprechende Erhöhung des Betrages unverbrauchter, bewilligter Gelder
ausgeglichen, die von einem Finanzjahr in das nächste übertragen
werden.
Der Voranschlag für die Gesamtsumme der Bewilligungen und
anderer Vollmachten für das Finanzjahr 1953/54 und ebenso die
von mir empfohlene Gesamtsumme der Vorgriffsvollmachten für das
Finanzjahr 1954/55 sind niedriger als die veranschlagten Haushaltsausgaben und auch niedriger als die veranschlagten Einnahmen für die betreffenden Jahre. Dies steht in direktem Gegensatz zu den erheblich höheren Beträgen der Bewilligungen gegenüber den Einnahmen in den letzten Jahren. Es bedeutet, daß wir
nunmehr den hohen Betrag noch offener, durch Einkünfte nicht
ausgeglichener Verpflichtungen, wie sie aus den Bewilligungen
der letzten Jahre aufgelaufen sind, abbauen und künftig das Ausgabenniveau nach Möglichkeit senken werden.
Die wichtigsten Programme für die nationale Sicherheit erfordern noch immer den Hauptanteil der Bewilligungen für den
neuen Haushalt. Vom Gesamtbetrag der Vorgriffsmittel, die für
das Finanzjahr 1954/55 zur Bewilligung empfohlen werden, entfallen allein 34,9 Milliarden Dollar oder etwa 62 Prozent auf
die militärischen Aufgaben des Verteidigungsministeriums, das
Atom-Energie-Programm, das militärische Programm für gemeinsame
Sicherheit mit unseren Verbündeten in der freien Welt, und die
Vorratsbildung strategisch wichtiger und knapper Güter«
Dem Budget liegt eine neue Konzeption hinsichtlich der
Planung und Finanzierung der Programme für die nationale Sicherheit zugrunde - eine Konzeption, auf der teilweise bereits unsere
Empfehlungen im vergangenen Frühjahr über eine Revision des Haushaltes 1954 fußten.
Unsere militärische Planung war bisher bestimmt von Schätzungswerten bezüglich des Eintretens einer höchsten Gefahr, wobei
man diese Werte von Zeit zu Zeit heu festlegte und die Pläne über
die Beschaffung und Festlegung der numerischen Stärke auf diese
jeweiligen Daten abstimmte. Dieses Budget zielt jedoch auf die
Erhaltung einer starken militärischen Position über einen längeren Zeitraum ab, in dem der Friede noch nicht voll gesichert
ist.
Mit diesem Haushaltsplan sollen moderne Luftstreitkräfte geschaffen, unterhalten und voll genutzt werden. Unsere militärischen Strategen und die für die militärische Planung der anderen
Nationen

- 9-

�"AMERIKA DIENST" -L WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar

1954

Nationen der freien Welt Verantwortlichen Stimmen darin überein,
daß die Luftstreitkräfte von größter Bedeutung sind. Aber die
Luftstreitkräfte müssen durch Amphibische und Landestreitkräfte,
eine Kriegsmarine und Einheiten zur Bekämpfung von U-Booten ergänzt
werden. Die besondere Betonung der Luftstreitkräfte macht unsere
.Pläne zur Verbesserung der kontinentalen Verteidigung gegen einen
möglichen feindlichen Angriff vollständig. Wir hoffen, die Kampfkraft unserer Streitkräfte durch eine Ausrüstung mit neuen Waffen und Ausbildung in neuen Verfahren der Kriegführung zu verbessern und letztlich eine weit größere Wendigkeit zu erreichen,
als
dies bisher der Fall war. Wir werden unsere strategischen Reserven immer dann aufrufen, wenn dies die Weltlage erforderlich macht , und die Streitkräfte'in einer steten Einsatzbereitschaft halten, damit sie mit möglichen Angriffshandlungen
jederzeit fertig werden können. Dieses Budget zielt darauf ab,
dieses komplexe Gebilde unserer militärischen Stärke auf einen
höchsten Stand an Wirksamkeit zu bringen. Es sieht größere Aufwendungen für die Luftstreitkräfte vor, als diese jemals seit
dem zweiten Weltkrieg erhalten haben. Die Neuausrichtung unserer
Verteidigungsstrategie macht dies bei geringeren Gesamtausgaben
für die nationale Sicherheit möglich.
Mit der Schwerpunktverlagerung auf die volle Ausnützung der
Luftmacht und der modernen Waffen sind wir in der Lage, mit einer
geringeren Inanspruchnahme unserer Hilfsquellen an Menschen, Material und Geldmitteln starke nationale Sicherheitsprogramme auf
unbestimmte Zeitdauer durchzuführen.
Wir haben heute einen Waffenstills tand in Korea. Nach drei
Jahre währenden Feindseligkeiten befinden wir uns heute im ersten
Jahr eines bewaffneten Friedens. Doch ist es noch ein weiter Weg
bis wir einen Frieden haben, wie wir ihn wünschen. Solange die
freie Welt vom Kommunismus bedroht wird, müssen wir in enger Zusammenarbeit mit den übrigen Nationen der freien Welt Vorsorge
treffen, um eine ausreichende militärische Stärke aufrechtzuerhalten.
Das grundsätzliche Ziel unserer Sicherheit besteht darin,
weitere Aggressionen zu verhindern. Durch die Aufrechterhaltung
einer starken militärischen Position sowohl in der Heimat wie
im Ausland müssen wir das notwendige Abschreckungsmittel gegenüber einem potentiellen Angreifer schaffen. Zur Durchführung dieser Aufgabe sind Entschlossenheit, ausreichende Hilfsquellen an
Menschen und Material sowie eine sorgfältige Planung erforderlich.
Der Abschnitt über die nationale Sicherheit im Haushaltsplan
führt daher nicht nur die Posten für die militärischen Aufgaben
des Verteidigungsministeriums auf, sondern auch die Mittel für
das gemeinsame Verteidigungsprogramm, die Entwicklung der Atomenergie und die Bevorratung strategischen Materials und knapper
Rohstoffe. Diese vier Hauptprogramme sind eng miteinander verbunden und dienen den wichtigsten Erfordernissen unserer Sicherheit.
Sie ergänzen sich gegenseitig und müssen mit den Planungen auf
weite Sicht abgestimmt sein, auf die sich das Regierungsprogramm
in fiskalischer und gesetzgeberischer Hinsicht stützt.
In

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

In der Vergangenheit waren unsere Verteidigungshaushalte
sogenannte
"2m. viel oder zu wenig"-Budgets und richteten
sich nach dem jeweiligen Stand der internationalen Lage. In
Friedenszeiten wurden die Bewilligungen gewöhnlich stark herabgesetzt. In Kriegszeiten dagegen blieben fiskalische Überlegungen großenteils unberücksichtigt. Unsere gegenwärtigen Haushaltspläne stellen eine Abkehr von dieser Gewohnheit dar. Sie sehen
die dauernde Unterhaltung starker militärischer Streitkräfte vor,
soweit es im Rahmen der finanziellen Leistungsfähigkeit einer
gesunden Wirtschaft möglich ist. Wir können es uns nicht leisten,
unsere militärische Stärke auf Kosten unserer Wirtschaft aufzubauen. Wir müssen in jeder Hinsicht stark sein.
Die Aufwendungen für das Verteidigungsministerium und für
die Vorratsbildung wurden im Finanzjahr 1953/54 bereits gekürzt,
und ich befürworte eine weitere Reduzierung für das Haushaltsjahr 1954/55. Die Verringerung der Gesamtausgaben des Verteidigungsministeriums wird ermöglicht werden, obwohl die Aufwendungen für die Luftstreitkräfte, den Schiffsbau, elektronengesteuerte Geräte, ferngelenkte Geschosse, Bauvorhaben, Forschungsund Entwicklungsarbeiten sowie zahlreiche andere verteidigungswichtige Aufgaben auch weiterhin für Friedenszeiten nahezu auf
Rekordhöhe liegen werden. Ich empfehle ferner für das Finanzjahr 1954/55 eine gewisse Erhöhung der Aufwendungen für das gemeinsame Verteidigungs-Programm und für die Atomforschung, die
damit eine Rekordhöhe erreichen werden. Dennoch werden die Gesamtausgaben für Aufgaben der nationalen Sicherheit vom Haushaltsjahr 1953/54 schätzungsweise um 1,6 Milliarden Dollar zurückgehen; vom Haushaltsjahr 1953/54 zum Haushaltsjahr 1954/55
wird mit einer weiteren Einsparung von 3,9 Milliarden Dollar
gerechnet.
Dieser Rückgang bei den Aufwendungen für die nationale
Sicherheit ist eine Auswirkung der vom Gemeinsamen Generalstab
vorgeschlagenen dynamischen und langfristigen Planung für unsere Streitkräfte; die Einsparungen sind das Ergebnis der von
meiner Regierung verwirklichten Sparsamen Finanzpolitik, der
Einstellung der Feindseligkeiten in Korea und der Einschränkung
in der Materialbeschaffung - insbesondere bei Kraftfahrzeugen,
Munition und den für die Versorgung der Truppe bestimmten Gütern,
die durch unsere verbesserte Versorgungs- und Rohstofflage ermöglicht wurde.
Die Ausgaben für die Armee und die Marine werden auf je rund
10 Milliarden Dollar geschätzt, das bedeutet eine Senkung um etwa 4 bezw. 1 Milliarde Dollar; die Ausgaben für die Luftstreitkräfte werden auf über 16 Milliarden Dollar geschätzt, das sind
600 Millionen mehr als im Haushaltsjahr 1954.
Die

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Die Höhe der für die nationale Sicherheit bewilligten Vorgriff smittel, soll gemäß Regierungsvorschlag 34,859 Milliarden
Dollar betragen, das sind 4,5 Milliarden Dollar weniger als der
für das Haushaltsjahr 1954 geschätzte Betrag. Für Marine und Luftstreitkräfte soll dieses Vorgriffsrecht der Regierung für etwa
den gleichen Betrag wie im Jahre 1954 gelten, während sich der für
die Armee erforderliche Betrag um etwa ein Drittel des für 1954
vorgesehenen Betrages senken würde. Die für das Haushaltsjahr 1955
vorgesehenen Aufwendungen zur Weiterentwicklung und Kontrolle
der Atomenergie werden auf 2 425 Millionen Dollar geschätzt, das
sind etwa 225 Millionen Dollar mehr als im Haushaltsjahr 1954. Die
neuen Vorgriffsmittel sollen gemäß Regierungsvorschlag 1 366
Millionen Dollar betragen, was einer Erhöhung um rund 300 Millionen
Dollar entspricht...
Vor einiger Zeit gab ich unseren Plan bekannt, zwei Divisionen
der US-Armee aus Korea äazuziehen und ihren Standort in die USA zu
verlegen. Dies stellt eine erste Maßnahme unseres Planes dar,
die amerikanischen Bodentruppen in Korea allmählich zu verringern.
Diese Verringerung ist durch die Einstellung der Feindseligkeiten
in Korea, durch die vermehrte Beweglichkeit und Schlagkraft unserer Luftstreitkräfte sowie anderer Kampfverbände und durch die
vermehrte Kampfkraft der Streitkräfte der Republik Korea ermöglicht worden. Diese Maßnahme gefährdet in keiner Weise unsere
Bereitschaft und Schlagkraft, wenn notwendig jeder neuen kommunistischen Offensive mit größerer Wirkung als bisher Widerstand zu
leisten. Die Streitkräfte der USA im Fernen Osten werden in einer
ausreichenden Stärke aufrechterhalten werden, wobei der größte
Nachdruck auf schnellbewegliche Marine- Luft- und amphibische
Streitkräfte gelegt wird. In dem Haushaltsvoranschlag werden dem
Verteidigungsministerium zur weiteren Unterstützung der Streitkräfte der Republik Korea und Erhaltung ihrer gegenwärtig hohen
Schlagkraft Mittel zur Verfügung gestellt.
Nach der vom Gemeinsamen Generalstab vorgelegten Planung auf
weite Sicht kann die Anzahl der jetzt bestehenden Heeres-Divisionen möglicherweise verringert werden, jedoch wird die größere
Beweglichkeit und die Ausrüstung an modernen Waffen jeder einzelnen Division eine immer stärkere Schlagkraft verleihen. Im Rahmen
des Programms für eine bessere Verteidigung des Festlandes, wird
die Anzahl der Flak-Bataillone mit ferngelenkten Geschossen erheblich vergrößert werden.
Im gegenwärtigen Zeitpunkt verfügen die Luftstreitkräfte und
Marine-Luftstreitkräfte insgesamt über annähernd 33 000 Flugzeuge,
davon etwa ein Drittel Düsenflugzeuge. Daß sich das Schwergewicht
auf die Luftstreitkräfte verlagert hat, geht daraus hervor, daß
während der nächsten drei Jahre der Bestand an Flugzeugen erster
Linie auf 40 000 Maschinen erhöht werden soll, wovon über die
Hälfte Düsenflugzeuge sein sollen. Nach Erreichung dieses Zieles
wird die Luftwaffe über 137 Geschwader verfügen - davon 126 Kampfgeschwader - die durch eine entsprechende Anzahl von Hilfsverbänden

- 12 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Hilfsverbänden ergänzt werden. Die Marine-Luftstreitkräfte werden
über 16 Plugzeugträger-Verbände und 15 U-Boot-Abwehr-Staffeln
verfügen, während die Marine-Infanterie drei Marine-Luftgeschwader unterhalten wird. All diese Einheiten werden durch die entsprechende Anzahl von Hilfseinheiten ergänzt.
Neben der Verstärkung ihrer einsatzfähigen Luftmacht wird
die Marine ihre Seestreitkräfte weiterhin modernisieren, wobei
das Schwergewicht auf den Kampfverbänden liegen soll. Die MarineInfanterie wird drei dinsatzbereite Divisionen unterhalten.
Der Plan für die im Haushaltsjahr 1955 zu unterhaltenden
Streitkräfte erlaubt eine Senkung der für Sold, Zulagen und andere
direkte personelle Kosten vorgesehenen Aufwendungen um annähernd
600 Millionen Dollar. Die Kosten für Betrieb und Unterhalt sollen
auf einem Minimum gehalten werden, so daß die Aufwendungen für
diesen Sektor gesenkt werden können.
Größere Aufwendungen für Anschaffungen werden im ganzen um
rund 15 Prozent niedriger gehalten werden als im Jahre 1954, doch
ist der Betrag von 14,5 Milliarden Dollar, die voraussichtlich
für diesen Zweck bereitgestellt werden sollen, fast immer noch
viermal so groß wie der im Haushaltsjahr 1951 - dem ersten Jahr
des Ausbaus unserer Verteidigung nach dem Angriff in Korea.
Das gemeinsame Verteidigungsprogramm
Da unsere eigene nationale Sicherheit von der beständigen
Stärke unserer Alliierten überall in der freien Welt in weitestem Maße abhängig ist, haben wir in den vergangenen Jahren Verpflichtungen übernommen, diese beim Aufbau ihrer Streitkräfte
zu unterstützen, die zur Abschreckung einer kommunistischen
Aggression von außen oder eines Umsturzversuches von innen notwendig sind. Seit Beginn des militärischen Hilfsprogramms im
Haushaltsjahr 1950 als sich die militärische Stärke der freien
Welt auf einem Tiefstand befand, wurden 18 Milliarden Dollar zur
Verfügung gestellt, um befreundete Nationen mit militärischer
Ausrüstung zu versorgen und ihre Streitkräfte auszubilden. Bei
Ablauf des Haushalte Jahres 1954 wird über die Hälfte dieser Summe
ausgegeben worden sein. Diese Unterstützung zusammen mit ihren
eigenen Hilfsquellen setzt unsere Freunde und Alliierten instand,
eine Streitmacht auszurüsten und auszubilden, die 175 Heeresdivisionen, etwa 220 Luftstaffeln, fast 1 500 Marineflugzeuge , über
440 Einheiten der Kriegsmarine und zugehöriger Kampf- und N".chschubverbände zur Unterstützung dieser Streitkräfte entspric" t.
Diese verbündeten Streitkräfte, die sich in strategischen
Schlüsselstellungen zur Verteidigung der freien Welt befinden,
werden großenteils von den betreffenden Ländern selbst unterhalten. Ferner werden starke Armee-Verbände von unseren Alliierten
ausschließlich selbst unterhalten. Ohne diese gesamten Streitkräfte
würden sich die Vereinigten Staaten potentiell so schweren finan-

- 13 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

finanziellen Verteidigungslasten gegenüber sehen, daß diese
sehr wohl die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Nation
erschöpfen könnten. Diese (befreundeten) Streitkräfte stellen
einen wesentlichen Bestandteil der militärischen Stärke der
freien Welt dar.
Da das gemeinsame Verteidigungsprogramm so eng mit unseren
eigenen militärischen Plänen und Programmen zusammenhängt, wird
es in diesem Jahre, im Kapitel Verteidigung im Teil II des
Haushaltsplanes ausgewiesen und dort als Teil unseres nationalen Sicherheitsprogramms aufgeführt. Da das militärische Hilfsprogramm auch ein Teil unserer Außenpolitik ist, wird der Verteidigungsminister auch weiterhin in Übereinstimmung mit den
Empfehlungen des Außenministers und gemäß der Bestimmungen der
vom Kongreß erlassenen Gesetze über die gegenseitige Sicherheit
das Programm für gemeinsame Verteidigung verwalten«
In diesem Budget sind die für das gemeinsame Verteidigungsprogramm bestimmten Summen in die neuen Vorgriffsmittel des Verteidigungsministeriums eingeschlossen. Jedoch wird dieses Verfahren zur Zeit überprüft, - ich werde meine diesbezüglichen
Empfehlungen zusammen mit Vorlagen zu den Bewilligungsgesetzen
dem Kongreß zuleiten, diese Bewilligungsgesetze sollten Abänderungen in bezug auf die Zusammenstellung unserer Hilfsprogramme gestatten, damit diese der Jeweiligen internationalen Entwicklung angepaßt werden können«. Es ist daher erforderlich» daß
der Kongreß die dem Präsidenten gegenwärtig zustehenden Überschreibungsbefugnisse für sämtliche Mittel der Auslandshilfe,
sei es für militärische, technische oder wirtschaftliche Unterstützung, auch weiterhin bewilligt«
Die Konferenz der Nordatlantikpaktorganisation in Paris
hat kürzlich für die 14 Mitgliedsstaaten erreichbare Ziele (für
die Streitkräfte festgesetzt, die eine wesentliche Steigerung
der Verteidigungskraft der NATO vorsehen. Der größte Teil der
Erstausrüstung sowie bestimmte Mobilmachungsreserven, die zur
Erreichung der neuen Ziele notwendig sind, werden im Rahmen
des gemeinsamen Verteidigungsprogrammes geliefert. Inzwischen
haben auch unsere Alliierten selbst schwere lasten übernommen.
Die Militär-Ausgaben in ihren Haushaltsplänen überschreiten
seit Anlaufen dieses Programms den Wert der von uns gelieferten
Ausrüstung um das Vielfache. Sie haben ihre Entschlossenheit
bekundet, ihre Anstrengungen mit aller Kraft fortzusetzen.
Trotz der Portschritte, die die Nordatlantikpaktorganisation gemacht hat, sehen wir uns dennoch der dringenden Notwendigkeit gegenüber, die für die Stärke und Sicherheit des
nordatlantischen Raumes erforderliche Einheit Europas herzustellen. Wie allgemein bekannt ist, ist der Vertrag über die
Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft noch nicht
in Kraft getreten. Ich brauche hier nicht länger die Gründe
darzulegen, warum die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
unerläßlich ist.
Jedoch

- 14 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Jedoch bin ich überzeugt, daß die Europäer, die ihre Entscheidung
über diesen wichtigen Schritt auf dem Wege zu einer Europäischen
Gemeinschaft zu fällen haben, sich wohl bewußt sind, was auf dem
Spiele steht, und daß sie diese Entscheidung in Kürze treffen
werden.
Strategie und Taktik der Nordatlantikpakt-Organisation werden gegenwärtig überprüft, um sie der in Kürze zu erwartenden
Bereitstellung von Atomwaffen anzupassen. Diese Überprüfung
macht es erforderlich, wenn sie überhaupt Sinn haben soll, daß
den Kommandeuren der Streitkräfte der NATO gewisse Informationen
über Atomwaffen zugänglich gemacht werden. Dies wird einen entscheidenden Einfluß auf die Planungsarbeit der NATO haben und
einen Beitrag dazu leisten, daß alle in größerer Sicherheit leben
können. Ich werde dem Kongreß eine Novelle zum Atomenergie-Gesetz
unterbreiten, damit wir unseren Alliierten Geheiminformationen
über den taktischen Einsatz von Atomwaffen geben können. Dies
würde natürlich unter strengsten Geheimhaltungsmaßnahmen erfolgen. Es ist unbedingt notwendig, daß der Kongreß noch während
seiner gegenwärtigen Sitzungsperiode gesetzgeberische Schritte
in dieser Richtung unternimmt.
In Indochina, wo die Streitkräfte der französischen Union
und der assoziierten Staaten die Bemühungen der Kommunisten bekämpfen, in das freie Asien einzudringen, leisten die Vereinigten
Staaten einen wesentlichen Beitrag zu diesem Kampf, indem sie
militärische Ausrüstungsgegenstände bereitstellen und andere militärische Unterstützung leisten. Die Höhe dieser Unterstützung
wie auch der Zeitpunkt, zu dem sie gewährt wird, sind wesentliche
Paktoren zur Verbesserung der dortigen Lage. Weitere einheimische
Streitkräfte müssen ausgebildet und ausgerüstet werden, um die
Defensivstärke Indochinas zu erhalten. Diese Unterstützung ist
erforderlich, damit diese tapferen Soldaten eine Offensive mit
Aussicht auf einen Sieg weiterführen können.
Wir haben den nationalchinesischen Streitkräften bei dem
Ausbau der Verteidigung der Insel Formosa geholfen. Diese Unterstützung wird fortgeführt, wie auch die Hilfe für andere Länder
der freien Welt, etwa die Philippinen und Thailand sowie einige
der amerikanischen Republiken.
Das Gemeinsame Verteidigungsprogramm wie auch die Pläne,
für die Verteidigung unseres eigenen Landes sind so angelegt,
daß wir eine maximale Stärke auf lange Sicht und nicht im Hinblick auf ein festgesetztes Datum schaffen. In Übereinstimmung
damit konzentrieren wir unsere Unterstützung auf die Ausrüstung
von Streitkräften, die unsere Verbündeten von sich aus über einen
längeren Zeitraum hinweg bei kleinstmöglicher Abhängigkeit von
der Hilfe der Vereinigten Staaten unterhalten können.
Unser Programm für Gemeinsame Sicherheit erstreckt sich auf
zwei eng miteinander zusammenhängende Gebiete, wobei der für das
wirtschaftliche und technische Programm vorgesehene Betrag wesentlich niedriger ist als die für das Gemeinsame Verteidigungsprogramm
festgesetzte Summe, auf die nachstehend in dem Kapitel Auslandsvorhaben eingegangen wird. Dieses Kapitel bringt eine vergleichende
- 15 -

�"MEfilKA DIENST" -ftIRTbüHAFTUNL ARBEIT

20. Januar 1954

vergleichende Zusammenfassung des gesamten Erogramms.
Entwicklung und Kontrolle der Atomenergie
In meiner Rede vor den Vereinten Nationen am 8.Dezember
1953 machte ich Vorschläge, wie die der ganzen Welt durch die
Atomwaffen drohende Gefahr gebannt werden könne. Meine in der
vorliegenden Botschaft enthaltenen Empfehlungen hinsichtlich
des Programms der Atomenergie-Kommission während des Haushaltsjahrs 1955 berücksichtigen sowohl neue Forschungen zur
Verwendung der Atomenergie für friedliche Zwecke als auch die
zusätzliche Erzeugung spaltbarer Stoffe. Alle wohlmeinenden
Menschen hoffen, daß diese spaltbaren Stoffe, die ebenso für
friedliche Zwecke als auch für die militärische Verteidigung
verwendet werden können, letzten Endes einzig und allein dem
Frieden und dem Wohle der Menschheit dienen m. gen.
Nach den in dieser Botschaft enthaltenen Empfehlungen
werden die Aufwendungen für die Atomenergie-Kommission im
Haushaltsjahr 1955 ihren bisherigen Höchststand erreichen.
Die Betriebskosten werden beträchtlich ansteigen, wenn die
neugebauten Anlagen die Produktion aufnehmen. Der Stand der
Investitionen wird sehr hoch bleiben, da der Bau der in den
letzten Jahren genehmigten großen Anlagen weiter vorangetrieben wird. Auf Grund der Betriebsausweitung liegen äle für
1955 vorgesehenen Vorgriffsmittel über denen des Jahres 1954.
Die Zahl der geplanten Bauvorhaben liegt unt r der der letzten
Jahre, und die Neubauten werden sich im wesentlichen auf Anlagen beschränken, die unmittelbar mit dem Pro uktionsprogramm
sowie dringend benötigten Forschungsstätten in Zusammenhang
stehen. Die Kommission ist nach besten Kräften bestrebt, auf
allen Gebieten Einsparungen zu machen, und die Kosten der
einzelnen Anlagen werden gesenkt.
Die Erhöhung der Betriebskosten von 912 Millionen Dollar
im Haushaltsjahr 1954 auf 1 182 Millionen Dollar im Jahre 1955
ist in erster Linie auf die Ausweitung des Betriebes in den
Anlagen der Kommission in Oak R dge, Paducah, Portsmouth,
Hanford und Savannah River zurückzuführen, da diese Anlagen
fertiggestellt und voll in Betrieb genommen wurden. Um einen
noch größeren Bedarf an Rohstoffen für diese ausgeweitete Produktionskapazität decken zu können, werden größere Mengen an
Uranerzen und Konzentraten gekauft werden. Dank unserer energischen Bemühungen während der letzten Jahre, unsere Rohstoffquellen im eigenen Land und im Ausland zu vergrößern, werden
jetzt größere Mengen verfügbar, um den gestiegenen Bedarf
decken zu können.
Die Entwicklungsarbeiten an Atommeilern werden sich besonders auf die Gewinnung von Atomenergie für kommerzielle,
friedliche Zwecke konzentrieren. Die Kommission wird einen großen Atommeiler bauen, mit dessen Erstellung noch im Haushaltsjahr 1954 begonnen werden wird. Er stellt einen bedeutsamen
Fortschritt in der Technik der Verwendung von Atomenergie für
friedliche Zwecke dar,
Die
- 16 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, einschließlich des
Bauee von Versuchsanlagen, werden auch bei verschiedenen anderen
Arten von Atommeilern fortgeführt, von denen man annehmen darf,
daß sie eines Tages eine wirtschaftliche Energieerzeugung ermöglichen.
Der. bevorstehende Stapellauf der "Nautilus", des ersten AtomUnterseebootes , wird im Haushaltsjahr 1955 der Stapellauf des
"Seewolfs", eines zweiten Atom-U-Bootes anderer Bauart, folgen.
Die Erforschung der noch schwierigeren Probleme des Atomantriebs
für Plugzeuge wird weiter vorangetrieben.
Mit dem Eintritt verschiedener technischer Entwicklungen in
der Atomforschung und mit dem steigenden Angebot an Rohstoffen
und spaltbarem Material ist die Zeit für eine Abänderung der einschlägigen Gesetze auf diesem Gebiet gekommen, um die Privatindustrie und andere öffentliche oder private Gruppen unseres Landes
stärker für die Entwicklung dieser neuen, vielversprechenden
Energiequelle für friedliche Zwecke zu interessieren. Eine solche
Beteiligung auf breiter Basis würde sich als ein Stimulans und als
treibende Kraft auf diesem wichtigen Gebiet erweisen und würde
der besten Tradition der industriellen Entwicklung Amerikas entsprechen. Der Kongreßausschuß für Atomenergie hielt im vergangenen
Jahr öffentliche Beratungen ab» die höchst nützlich waren für
die Klärung und Darlegung der Probleme wie auch der Möglichkeiten,
die sich zu dem Zeitpunkt ergeben, da wir uns anschicken, das bestehende Monopol der Bundesregierung auf diesem Gebiet aufzugeben.
Dem Kongreß werden Gesetzesvorlagen über Maßnahmen zugeleitet
werden, die einen Anreiz für eine solche Beteiligung bieten, dabei aber eine Überwachung dieser furchteinflößenden Kräfte durch
die Bundesregierung gewährleisten.
Eine weitere Abänderung des Atomenergiegesetzes ist notwendig,
damit wir in die Lage versetzt werden, den Wert unserer Atomforschung für die Verteidigung der freien Welt voll zur Geltung zu
bringen. Ich werde Änderungen vorschlagen, die, bei angemessenen
Sicherungen, einen erweiterten Austausch geheimer Informationen
mit unseren Alliierten erlauben würden,.um deren militärische Verteidigung, wie bereits erwähnt, zu stärken und es ihnen zu ermöglichen, sich stärker als bisher an der Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke zu beteiligen. Ich werde ferner eine
Änderung vorschlagen, die die Übergabe spaltbaren Materials an
befreundete Nationen erlaubt, um sie bei den Atomforschungsarbeiten für friedliche Zwecke zu unterstützen; besonders jene
Nationen, die uns das Ausgangsmaterial, Uran, liefern. Dieser
Änderungsvorschlag wird wie auch die vorher erwähnten Abänderungsanträge, ausreichende Vorkehrungen für die Sicherheit der Vereinigten Staaten enthalten. Diese gesetzgeberischen Empfehlungen sind
unabhängig von meinem kürzlich gemachten Vorschlag für die Schaffung einer internationalen Behörde zur Förderung der friedlichen
Atomforschung, für die eine gesonderte Gesetzgebung notwendig sein
wird.
Internationale

- 17 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen
Die in meiner Budget-Botschaft enthaltenen Empfehlungen
bezüglich der Auslandsvorhaben der Regierung werden die Voraussetzungen dafür schaffen, daß uns die eben erst gewonnene Initiative
in der Weltpolitik verbleibt und uns in die Lage versetzen, einem
dauerhaften Frieden näher zu kommen. Der Posten internationale Aufgaben und finanzielle Verpflichtungen schließt die Aufwendungen
für die Tätigkeit des Außenministeriums, für die Programme zur
wirtschaftlichen und technischen Unterstützung fremder Staaten und
für unsere Informations- und Austauschprogramme im Ausland ein.
Das Programm für die gemeinsame militärische Sicherheit, das
früher im Budget zusammen mit den genannten Programmen unter dem
Posten "Internationale Sicherheit und Auslandsbeziehungen" ausgewiesen wurde, ist in diesem Budget als Teil des nationalen Sicherheitsprogramms aufgeführt. Die militärische Hilfe steht in engem
Zusammenhang mit unserer Außenpolitik und muß im Sinne einer Förderung dieser Ziele verwaltet werden.
Der Umfang unserer Auslandshilfe sowohl im Rahmen des Gemeinsamen Verteidigungsprogramms wie auch des wirtschaftlichen und
technischen Hilfsprogramms ist aus einer nachstehend angeführten
Tabelle zu ersehen. Diese Tabelle enthält alle Einzelpunkte unseres gegenwärtigen Gemeinsamen Sicherheitsprogramms. Das gesamte
Programm dient dem Zweck, in überseeischen Gebieten Bedingungen
zu schaffen, die auf die eine oder andere Art geeignet sind, zu unserer eigenen Sicherheit und zu unserem Wohlergehen beizutragen.
(Aus einer beigeschlossenen Tabelle ist ersichtlich, daß die
geschätzten oder empfohlenen Ausgaben für das gesamte Gemeinsame
Sicherheitsprogramm während des Haushaltsjahres 1954/55 sich auf
5,4 Milliarden oder 100 Millionen weniger als die für das Jahr
1953/54 veranschlagte Summe belaufen.)
Der Präsident schätzt die für das Finanzjahr 1954/55 erforderlichen Aufwendungen für das Gemeinsame Verteidigungsprogramm
auf 4 275 Millionen Dollar; das sind 75 Millionen mehr als im
Finanzjahr 1953/54. Das gemeinsame wirtschaftliche und technische
Hilfsprogramm für das Finanzjahr 1954/55 wird auf 1 125 Millionen
Dollar veranschlagt} das sind 175 Millionen weniger als im Voranschlag für das Haushaltsjahr 1953/54.
An Vorgriffsmitteln wurden für das gesamte Programm 3 510
Millionen Dollar beantragt} das sind 1 216 Millionen weniger als
für das Haushaltsjahr 1953/54. Von den Empfehlungen für das Haushaltsjahr 1954/55 sind 2,5 Milliarden für militärische Vorhaben
und 1,01 Milliarden für das wirtschaftliche und technische Hilfsprogramm beantragt.
Unsere nationalen Sicherheitsprogramme und die internationalen
Vorhaben dienen dem Ziel, einen möglichen Aggressor, der die Vereinigten Staaten oder ein anderes Land der freien Welt' angreifen
will, abzuschrecken. Es soll ferner unsere Anstrengungen zur

- 18 -

�" AFRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

zur Erhaltung des Friedens auf jede nur geeignete Weise, einschließlich diplomatischer Verhandlungen mit den Sowjets, unterstützen. Von einer Position der Stärke aus wird die energische und erfolgreiche Führung unserer Außenpolitik durch das
Außenministerium zum Eckpfeiler unserer Bemühungen, den Frieden zu gewinnen. Noch niemals in der Geschichte hing die künftige Sicherheit und das Wohl unseres Landes mehr von einem
klugen und maßvollen Gebrauch der uns zugefallenen führenden
Stellung im Bereich der Weltpolitik ab. Meine Empfehlungen bezüglich der Bereitstellung von Mitteln für das Außenministerium
werden dieses in die Lage versetzen, den ihm gestellten Aufgaben gerecht zu werden.
Gewisse Staaten befinden sich noch immer in einer wirtschaftlichen Situation, die ihnen entweder einen Beitrag zu
den notwendigen militärischen Anstrengungen oder aber eine für
unsere gemeinsamen Ziele gleichermaßen wichtige Ausweitung
ihrer Wirtschaft gestattet. Es ist daher noch immer erforderlich, daß die Vereinigten Staaten zusätzlich Güter, Dienstleistungen und Fachleute zur Verfügung stellen, und es wird
darum ersucht, im Finanzjahr 1955 zur wirtschaftlichen und
technischen Entwicklung weitere Mittel zu bewilligen. Über
unser Informations- und Austauschprogramm versuchen wir, bei
den anderen Völkern Verständnis für unsere Ziele und unseren
Lebensstil zu wecken, und umgekehrt bei uns die Kenntnis der
Bestrebungen und der Kultur anderer Länder zu vertiefen. Ein
gegenseitiges Verstehen in diesem Sinne versetzt uns besser in
die Lage, in den gemeinsamen Anstrengungen der freien Völker
um die Verwirklichung ihrer gemeinsamen Ziele eine starke, verständnisvolle und auf Zusammenarbeit gegründete Führerrolle zu
übernehmen.
Während des vergangenen Jahres wurden Fortschritte im Hinblick auf die Erreichung der Ziele unserer internationalen Programme gemacht. Unsere Alliierten und Freunde sind nicht nur
militärisch erstarkt; eine fortgesetzt hohe Produktion und gestiegene Gold- und Dollarreserven haben es den europäischen
Ländern ermöglicht, nahezu auf eigenen Füßen zu stehen. Diese
Besserung der Lage gestattet es, die in diesem Budget enthaltenen Kostenvoranschläge für die wirtschaftlichen und technischen
Hilfsprogramme noch wesentlich niedriger zu halten als die bereits reduzierten Aufwendungen im Haushaltsjahr 1954- Faktoren,
die wesentlich zu diesem Fortschritt beigetragen haben, sind
unsere Hilfeleistungen in vergangenen Jahren sowie die positiven und konstruktiven fiskalischen und anderen wirtschaftlichen
Maßnahmen, die diese Länder von sich aus getroffen haben. Infolgedessen stellt das Haushaltsjahr 1955 gewissermaßen eine
Übergangszeit von weitgehender Abhängigkeit einer großen Anzahl
Länder von umfangreicher bilateraler Wirtschaftshilfe seitens
der Vereinigten Staaten auf eine Inanspruchnahme solcher Hilfe
in weit geringerem Maße dar. In einem solchen Übergang hängt der
Fortschritt im allgemeinen davon ab, in welchem Maße unsere eigene Politik und die unserer Freunde zu erhöhter privater Investitionstätigkeit, vermehrten Exporten nach den Vereinigten Staaten,
internen Finanz- und Wirtschaftsreformen in einigen Ländern und
zu multilateraler- Zusammenarbeit zur Erreichung starker, sich
selbst tragender Wirtschaftssysteme beitragen.
Das

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Die Bürde der enorm gestiegenen Verantwortung in der Führung unserer Außenpolitik lastet schwer auf dem Außenministerium,
da der Außenminister als dem Präsident unterstellt für den Ablauf
und die Überwachung der gesamten Außenpolitik sowie für die Herstellung von guten Beziehungen zu ausländischen Regierungen und
internationalen Institutionen verantwortlich ist. Um dieser großen Verantwortung gerecht werden zu können,. müssen unseren führenden Staatsmännern bei Verhandlungen auf höchster Ebene, wie in
Bermuda oder Berlin, gut informierte und sicher urteilende Diplomaten zur Seite stehen. Daher haben wir 273 diplomatische Missionen
und Konsulate im Ausland, die die USA vertreten. Wir müssen auch
in Zukunft die Vereinten Nationen und andere internationalen
Organisationen entschlossen unterstützen, und einen Anteil der
Kosten und Aufwendungen für ihre Programme übernehmen. Wenn unsere
Außenpolitik mit Erfolg geführt werden soll, dann muß das Außenministerium die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Ausland genau analysieren und darüber Bericht erstatten,
allen für die Durchführung unserer Programme in Übersee tätigen
Behörden die erforderlichen Direktiven zugehen lassen und auch
unsere im Ausland laufenden Programme gemäß unserer Außenpolitik
koordinieren. Schließlich müssen auch über die außenpolitischen
Auswirkungen innerpolitischer Programme Hinweise gegeben werden.
Die Netto-Aufwendungen für das Außenministerium sind für das
Haushaltsjahr 1955 mit 125 Millionen Dollar veranschlagt. Diese
Summe liegt um 4 Millionen Dollar unter den Aufwendungen für
das Haushaltsjahr 1954, was infolge von Personalkürzungen und
Einsparungen an anderen Ausgaben möglich wurde.
Die Netto-Aufwendungen für wirtschaftliche und technische
Entwicklungsprojekte während des Finanzjahres 1955 sind mit 1 028
Millionen Dollar veranschlagt, während für das Haushaltsjahr
1954 rund 1 555 Millionen Dollar vorgesehen waren.
Aus diesem Budget wird - wie bereits aus dem Haushalt des
Vorjahres - ersichtlich, daß Asien, Afrika und Süd-Amerika stärker
in den Vordergrund getreten sind. Es enthält nur ganz wenige neue
Posten für eine Unterstützung europäischer Staaten.
Im Fernen Osten ist es notwendig, einen Beitrag zur Linderung
der Not in Korea zu leisten, und nunmehr, da die Feindseligkeiten
eingestellt sind, ein Wiederaufbauprogramm für die im Krieg schwer
heimgesuchten Gebiete in Angriff zu nehmen. Wir empfehlen ferner,
die Bereitstellung von Mitteln, die zur Aufrechterhaltung der Stärke
und der Sicherheit Formosas und für die weitere Unterstützung der
Anstrengungen unserer Freunde verwendet werden sollen, die die
kommunistische Aggression in Indochina bekämpfen. Dieser Haushaltsplan sieht auch Zuwendungen für technische und wirtschaftliche
Entwicklungsprogramme in Indien, Pakistan, auf den Philippinen
und in anderen Staaten Asiens vor, um einen kontinuierlichen
Fortschritt der Bemühungen dieser Völker um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu gewährleisten.
w

- 20 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Was den Vorderen Orient anbetrifft, sieht das Budget finanzielle Hilfe zur Linderung der Not der arabischen Flüchtlinge vor,
die über die UN-Flüchtlingskcmmission zur Verteilung gelangen
soll, sowie technische Hilfe und andere Formen der Wirtschaftsförderung in den arabischen Staaten, Israel und Iran.
Das Budget befürwortet im weiteren die Fortführung des technischen Hilfsprogrammes für Südamerika. Das seit Jahren in Südamerika laufende Programm trägt dazu bei, die Zahl der wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu verringern - Probleme, die ein
Nährboden für den Kommunismus sind und die Entwicklung stabiler
und gesunder Wirtschaftssysteme hemmen.
Überschüssige Lagerbestände an landwirtschaftlichen
Produkten
Ich werde den Kongreß in Kürze um die Vollmacht ersuchen,
einen Teil unserer überschüssigen Lagerbestände an landwirtschaftlichen Produkten dazu zu verwenden, die Wirtschaftssysteme befreundeter Staaten zu stärken oder auf andere Weise als Mittel zur Förderung der Ziele unserer Außenpolitik zu verwenden. Ich werde um
die Vollmacht ersuchen, im Verlaufe der nächsten drei Jahre derartige Lagerbestände im Werte von einer Milliarde Dollar, die von
der Agrar-Kreditgesellschaft verwaltet werden, für diese Zwecke
einzusetzen. Dieses Budget enthält einen Antrag, für die zusätzliche Gewährung von 300 Millionen Dollar während des Finanzjahres
1955 zur Abgeltung von bereits von der Agrar-Kreditgesellschaft
gelieferten Waren.
Dieses Programm zur Verwendung von Lagerbeständen soll unser
allgemeines Programm für die wirtschaftliche und technische Entwicklung ergänzen und muß auf dieses abgestimmt werden. Das Programm
über die Verwendung überschüssiger Lagerbestände an Agrarprodukten
macht die Verwendung von Lagerbeständen aus dem Besitz der Agrarkreditgesellschaft erforderlich. Bei der Disposition dieser Güter
sind keine gesonderten Aufwendungen im Rahmen des Haushaltes erforderlich.
In Zusammenarbeit mit diesem Programm muß darauf hingewiesen
werden, daß es lediglich von begrenzter Dauer sein soll und auf
der Voraussetzung beruht, daß das Agrarprogramm angenommen wird,
im Rahmen dessen keine weiteren großen Überschüsse aufgestapelt
werden sollen. Es wird besondere Sicherheitsmaßnahmen vorsehen,
nach denen verlangt wird, daß gelieferte Waren zusätzlich über
die Mengen hinausgehen müssen, die sonst eingeführt worden wären
und die normalen Marktauflieferungen aus den USA und befreundeten
Ländern nicht verdrängen dürfen.
Auslandsinformation und Austauschprogramme
Dieses Budget sieht Ausgaben in Höhe von 97 Millionen Dollar
für Auslandsinformationen und Austauschprogramme vor. Dabei sind
die Ausgaben für die Funktionen des neuen amerikanischen Informationsamtes (USIA) eingeschlossen. Dies bedeutet gegenüber den
- 21 -

�"AMERIKA DIENST" - ».-IhTSChAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

den Ausgaben für Auslandsinformation und Austauschprogramme im
Haushaltsjahr 1954 eine Zunahme um zwei Millionen Dollar.
Auf Anregung des Nationalen Sicherheitsrates habe ich im
vergangenen Oktober das amerikanische Informationsamt angewiesen, Programme auszuarbeiten, die anderen Völkern zeigen, daß
die Zielsetzung und Politik der Vereinigten Staaten ihre berechtigten Wünsche und Hoffnungen auf Freiheit, Fortschritt und
Frieden unterstützen. Ich bin überzeugt, daß die Völker der
Welt, wenn sie unsere Ziele und unsere Politik kennen, sich
uns in den gemeinsamen Bemühungen anschließen werden, der Drohung des kommunistischen Imperialismus Widerstand zu leisten und
unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen. Es ist von entscheidender Bedeutung, daß dem amerikanischen Informationsamt die notwendigen Mittel und Einrichtungen zur Verfügung stehen, diese
Aufgaben durchzuführen.
Das amerikanische Informationsamt ist in der Lage durch
Eundfunk, Presse, Filme oder über Informationszentren 77 Länder der freien Welt zu erreichen und Rundfunksendungen in
10 Länder hinter dem Eisernen Vorhang auszustrahlen«
Die in meinen Budget vorgelegten Empfehlungen für Auslandsinformation und Austauschprogramme schließen 15 Millionen Dollar
an Vorgriffsmitteln für Austauschprogramme auf dem Gebiet des
Erziehungswesens ein. Diese Programme sollen durch den Austausch
von Studenten und Personen, die im Leben ihres Volkes eine Rolle
spielen oder spielen werden, ein aufgeschlossenes Klima der
öffentlichen Meinung im Ausland schaffen.
Soziale Sicherheit. Sozialleistun&amp;en und Gesundheitswesen
Ich bin überzeugt, daß wir gleichzeitig mit den notwendigen
Anstrengungen zum Schutze der Freiheit unseres Volkes und zur
Aufrechterha tung einer starken und expansiven Wirtschaft, größere und erfolgreichere Anstrengungen als bisher machen müssen,
um die soziale Sicherheit zu verstärken und die Gesundheit der
amerikanischen Bürger zu verbessern. Wenn wir dies tun, arbeiten
wir für die ukunft und zeigen der aufmerksam beobachtenden
Welt, daß eine freie Nation trotz der aller gegenwärtigen Spannungen die Mittel und Wege zum Fortschritt der Gesellschaft
finden kann und finden wird.
Der Eckpfeiler unseres heutigen sozialen Sicherheitsprogramms ist das System der Alters- und Hinterbliebenenversicherung, im Rahmen dessen fast 70 Millionen Menschen versichert
sind und zur Zeit rund sechs Millionen Menschen Renten beziehen.
Der wirtschaftliche Schutz, der durch diese Sozialversicherung
gewährleistet wird, ist heute als Grundlage für unsere Gesellschaftsordnung anerkannt. Aber dieses System weist noch erhebliche Mängel auf. In meiner vor kurzem vorgelegten Sonderbotschaft über die Sozialversicherung habe ich besondere Empfehlungen zur Behebung dieser Mängel vorgetragen.
Finanz.

- 22 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Finanz, Handel und Industrie
Im Rahmen der durch die Erfordernisse der nationalen Verteidigung und'unserer Wirtschaft gezogenen Grenzen sind wir ständig
darum bemüht, die direkte Beteiligung der Regierung am Bankwesen
und an Industrie und Handel zu vermindern. Beispielsweise wird
die Wiederaufbaufinanzierungs-Gesellschaft liquidiert, und die
xegierungseigenen Betriebe für synthetischen Kautschuk werden zum
Verkauf angeboten. Zur gleichen Zeit werden die vom Handelsministerium ausgearbeiteten Programme zur Förderung des Handels und
der Industrie verstärkt. Die Verwaltung für Kleinbetriebe ist
geschaffen worden, um den besonderen Bedürfnissen der kleinen
Unternehmer Rechnung zu tragen. Wirtschaftliche Interessenverbände sind dabei, ihre Arbeitsweise zu vereinfachen und größeren
Nachdruck auf Zusammenarbeit als auf Zwangsmaßnahmen zu legen,
ohne dabei der Öffentlichkeit geringeren Schutz zu bieten.
Schätzungen zufolge werden die Brutto-Ausgaben für Programme
auf dem finanzpolitischen, handelspolitischen und industriellen
Sektor im kommenden Haushaltsjahr rund 917 Millionen Dollar ausmachen, das sind 234 Millionen Dollar weniger als im laufenden
Haushaltsjahr. Rund 60 Prozent dieser Ausgaben sollen der finanziellen Unterstützung dienen, wie sie im Defense Production Act
niedergelegt worden ist. Weitere 30 Prozent sollen für die Produktionsprogramme - in der Hauptsache für Kautschuk und Zinn verwendet werden, die von der Wiederaufbaufinanzierungsgesellschaft ausgearbeitet worden sind. Man nimmt an, daß sich die
Einnahmen dieser Unternehmen als Ganzes in dem gleichen Maße
verringern werden wie ihre Ausgaben. Entsprechend werden die
Netto-Ausgaben von 162 Millionen Dollar im kommenden Haushaltsjahr die etwa gleichen bleiben wie 1954.
Allgemeine Regierungsaufgaben
Die Nettoausgaben für die allgemeinen Regierungsaufgaben
werden für das Finanzjahr 1955 auf 1,16 Milliarden Dollar veranschlagt; verglichen mit 1,175 Milliarden Dollar im Finanzjahr
1954. Mit diesen Ausgaben sollen in erster Linie die traditionellen Aufgaben der Regierung, die an anderer Stelle nicht gesondert
aufgeführt sind - die Ausarbeitung der Gesetze und deren Durchführung, das Einziehen der Steuereinnahmen, die Verwaltung und
Bedienung der Staatsschuld, die Bewachung und Verwaltung der
öffentlichen Gebäude und Archive - durchgeführt werden...
Zinsendienst
Die Aufwendungen für den Zinsendienst belaufen sich gegenwärtig, in erster Linie infolge der großen Zunahmen der Staatsschuld während des zweiten Weltkrieges, auf nahezu 10 Prozent der
Gesamtausgaben der Bundesregierung. Ihre Höhe wird vor allem durch
den Umfang der Staatsverschuldung sowie die Höhe der hierfür zu
entrichtenden Zinsen bestimmt.
_.„

- 23 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Januar 1954

Die Aufwendungen für den Zinsendienst werden für das Finanzjahr 1955 auf 6,8 Milliarden Dollar veranschlagt und liegen damit
um 275 Millionen Dollar über den geschätzten Aufwendungen des
laufenden Finanzjahres sowie um 297 Millionen Dollar höher als
die tatsächlichen Ausgaben im Finanzjahr 1953«
Der Haushalt der Vereinigten Staaten ist der finanzpolitische
Ausdruck des Regierungsprogramms für das kommende
Finanzjahr.
Jeder Bürger sollte sich auf das Äußerste bemühen, die Tragweite
und den Inhalt dieses Planes zu verstehen. Als ich vor- einem Jahr
die Regierungsgeschäfte übernahm, versprach ich dem Kongreß und
dem amerikanischen Volk, daß die neue Re ierung eine Finanz- und
Wirtschaftspolitik konzipieren wolle,- die die eingeplanten Defizite reduzieren und das Budget ausgleichen würde.
Ich sprach damals -'ie Warnung aus, da;5 dieses Ziel nicht einfach zu erreichen sein werde. Noch immer lasten die hohen Ausgaben
für die nationale Verteidigung schwer auf unserer Wirtschaft. Ein
wesentlicher Teil dieser Ausgaben wir 3 auf Grund der bestehenden
gesetzlichen Bestimmungen der Öffentlichkeit dargelegt.
Die weitreichenden Funktionen der amerikanischen Bundesregierung sind außerordentlich kompliziert. Trotz der damit gegebenen Schwierigkeiten haben wir große Fortschritte erzielen können.
Die Ausgaben der Bundesregierung sind wesentlich verringert worden, Steuersenkungen konnten gerechtfertigt und das Haushaltsdefizit konnte wesentlich reduziert werden. Darüber hinaus haben
wir ausreichende Mittel für unsere nationale Sicherheit
- und für unsere internationalen
Verpflichtungen bereitgestellt. Wir sind in der Lage gewesen,
gewisse Erhöhungen unserer Regierungsausgaben vorzuschlagen,
die dem Wohlstand und der Wirtschaft in unserem Lande zugutekommen sollen. Ich bin deshalb fest davon überzeugt, daß dieser
Haushaltsvorschlag ein Regierungsprogramm darstellt, das nicht
nur unsere Lebensform schützen, sondern auch unsere wirtschaftliche Grundlage stärken und das Wohlergehen aller unserer Bürger
steigern wird.
Dwight D. Eisenhower am 21. Januar 1954

*

* * * *

- 24 -

�A M E R I K A

D I E N S T

JAHRESBERICHT DES PRÄSIDENTEN DER USA DWIGHT D.EISENHOWER
ÜBER DIE WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER VEREINIGTEST STAATEN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Präsident Eisenhower
übermittelte dem US-Kongreß am 28. Januar den Jahresbericht
über die wirtschaftliche Lage in den Vereinigten Staaten. Im
folgenden bringen wir den Begleitbrief zu diesem Bericht sowie größere Auszüge aus seinen beiden Teilen.
Begleitbrief (Wortlaut)
An den Kongreß der Vereinigten Staaten,
Ich lege hiermit meinen Wirtschaftsbericht gemäß Artikel
3 (A) des "Employment Act" von 1946 vor.
Bei der Zusammenstellung des Berichtes stand mir der Wirtschaftsrat unterstützend und beratend zur Seite. Auch die Leiter der Ministerien und der selbständigen Regierungsstellen trugen mit ihrem Rat zu diesem Bericht bei.
Ich fasse nachstehend, größtenteils mit den Worten des Berichtes, die Punkte zusammen, die mir die wichtigsten scheinen.
unsere Ziele
Dem amerikanis chen Volk bietet sich eine große Chance.
Der von uns eingeschlagene Weg, einet* Grad höchster militärischer Bereitschaft zu erreichen, ermöglicht e? uns, unsere
Aufmerksamkeit in Zukunft in größerem Maße auf eine kontinuierliche Hebung des Lebensstandards zu richten.
Ziel unserer Wirtschaftspolitik ist eine Steigerung des
Volkseinkommens bei gleichbleibender Kaufkraft des Dollars.
Diese Steigerung soll allen Bevölkerungsteilen,die zu ihr beitragen, in gerechter Weise zugutekommen.
Eine kontinuierliche Expansion der Wirtschaft ist für die
Wohlfahrt, ja für den Fortbestand der Vereinigten Staaten und
der freien Welt unerläßlich.
Obwohl der Lebensstandard des amerikanischen Volkes im
Durchschnitt genommen heute höher als je zuvor liegt, gibt es
doch gewisse Bevölkerungsteile, deren Kaufkraft weit unter dem
erstrebenswerten Stand bleibt. Wir können noch in dieser Generation entscheidende Schritte unternehmen, um auch diesen Gruppen einen angemessenen Lebensstandard zu sichern.
Ein'
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar 1954

Ein stetig steigendes Volkseinkommen bietet die beste Gewähr
•ü einen harmonischen Verlauf des sozialen und wirtschaftlichen
Um chichtungsprozesses. In einem Staat, in dem die miteinander im
Wettbewerb stehenden Kräfte und Interessengruppen ein konstantes
der schrumpfendes Bruttosozialprodukt untereinander aufzuteilen
uchen., ist der Friede im Inneren nicht gesichert.
Die Rolle der Regierung in der Wirtschaft
Die Forderungen des modernen Lebens und die Tatsache, daß
wir in einer unbefriedexen Welt leben, weisen der Regierung eine
wesentlich wichtigere Rolle zu als sie früher und in ruhigeren
Zeiten spielte.
In einer freien Gesellschaft ist es Aufgabe der Regierung,
ein Wirtschaftsklima zu schaffen, in dem der einzelne Unternehmer
in konstruktiver Arbeit zum wirtschaftlichen Fortschritt beitragen kann. Es ist ferner Aufgabe der Regierung, die allgemeine
Spartätigkeit zu fördern und die wirtschaftlichen Verbindungen
mit der übrigen Welt zu pflegen und zu erweitern.
Um den einzelnen davor zu bewahren, unverschuldet in Not zu
geraten, muß sich die Regierung um Fragen des Gesundheitswesens,
der sozialen Sicherheit und der Wohlfahrt kümmern.
Die Regierung muß ihr ständiges Augenmerk ferner auf die soziale Gefahr richten, die jeder Monopolbildung innewohnt, und die
strenge Einhaltung der Anti-Trust-Gesetze erzwingen.
Es ist Pflicht der Regierung, ihre gesamte Macht darauf zu
verwenden, den derzeitigen Beschäftigungsstand, die Kaufkraft und
die Stabilität der Preise aufrechtzuerhalten.
Die Regierung muß alle wirtschaftlichen Entwicklungen einschließlich ihrer tausendfältigen eigenen Tätigkeit genauestens
verfolgen und bereit sein, jederzeit entsprechend zu reagieren. Sie
muß fähig sein, gegebenenfalls vorbeugende oder ausgleichende Maßnahmen zu ergreifen und muß jeder neuen Lage gerecht werden. Es
kann nicht ihre Aufgabe sein,nur dann in die Wirtschaft einzugreifen, wenn besondere Umstände dies dringend erforderlich machen;
sie muß die wirtschaftliche Entwicklung ständig in die richtige
Bahn lenken-.
Der Regierung steht zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Stabilität ein reiches Arsenal an Mitteln zur Verfügung.
Hierzu gehören die durch das Federal-Reserve-Bankensystem ausgeübte Kreditlenkung, die Maßnahmen des Schatzamtes zur Regelung der
Staatsschuld, die Befugnis des Präsidenten, die Bedingungen für
die Gewährung staatlich garantierter Darlehen zu variieren; Flexibilität in der Verwaltung des Staatshaushaltes; Stützung der Landwirtschaft, Änderungen in der Steuerstruktur und Vergebung von
Aufträgen der öffentlichen Hand. Wir werden nicht zögern, gegebenenfalls die eine oder andere dieser Maßnahmen und, wenn notwendig, alle zusammen anzuwenden.
Die derzeitige Wirtschaftslage
Das Jahr 1953 darf angesichts der Rekordhöhe des Warenausstoßes, der Streuung des Volkseinkommens auf immer weitere
- 2 -

�AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar 1954

weitere Bevölkerungskreise, der niedrigen Zahl der Arbeitslosen
und der im allgemeinen stabil gebliebenen Preise als ein erfolgreiches Jahr angesehen werden.
In der zweiten Hälfte des Vorjahres war ein geringer Geschäftsrückgang zu verzeichnen, der in einigen Gebieten zu Arbeitslosigkeit führte. Die Ursache hierfür ist in einer gewissen
Zurückhaltung auf seiten der Wirtschaft bezüglich der Aufwendungen für Kapitalgüterbeschaffung zu sehen. Auf anderen Sektoren, insbesondere im Einzelhandel, hat sich die Geschäftstätigkeit auf der bisherigen Höhe bewegt.
Die Expansion unserer Wirtschaft wird voraussichtlich in die
sem Jahr wieder einsetzen, insbesondere dann, wenn der Kongreß
durch Verwirklichung der weitreichenden Programme der Regierung
ein besseres Wirtschaftsklima schafft.
Begründetes Vertrauen auf die Zukunft
Die Aufhebung von Lohn-und Preiskontrollen, die Stabilisierung der Preise, die Entwicklung neuer Verbrauchsgüter und die
Besserung der wirtschaftlichen Lage der freien Welt stellen eine
ungewöhnlich günstige Konstellation für die Zukunft dar.
Während die Ausgaben des Bundes im vergangenen Jahr auf vielen Gebieten gekürzt wurden, stiegen bei einem Gesamtaufwand für
Forschungszwecke von rund vier Milliarden die Aufwendungen der
Regierung für Forschungs- und Entwicklungsvorhaben auf 2,5
Milliarden Dollar. Zahlreiche neue Industrien und Produkte darunter die Atomenergie, radioaktive Isotopen, Elektronengeräte,
Hubschrauber, Düsentriebwerke, Titan und hitzebeständige Stoffe,
Plastikmassen, synthetische Fasern, Mittel zur Bodenaufbereitung
u.a. - leiten sich von solchen Forschungsarbeiten her. Die Aufwendungen für die Erweiterung unseres Wissens müssen auch in Zukunft getragen werden, da diese Ausgaben die sichere Gewähr für
eine ständige Ausweitung unserer Wirtschaft bieten.
Auf Grund der Einsparung von mehreren Milliarden an Regierungsausgaben im ersten Jahr der neuen Regierung, konnten zum
1 . Januar wesentliche Steuersenkungen vorgenommen werden. Das
amerikanische Volk wird über fünf Milliarden Dollar an Steuern
sparen können und dieser Betrag wird seine Kaufkraft entsprechend
stärken. Zusätzliche Steuersenkungen werden vorgenommen werden,
sobald eine weitere Verringerung der Regierungsausgaben in Aussicht steht.
Eine anfallende starke Nachfrage nach Verbrauchsgütern, die
ihrerseits wiederum von der Höhe des Einkommens der Gesamtbevölkerung abhängt, wird des weiteren durch die steigende Eigentumsbildung und Einkommensstreuung und durch die gewaltigen Anstrengungen des amerikanischen Volkes, den Lebensstandard zu
heben, gesichert.
Die Summen, die die amerikanische Industrie in Betriebsmittel zu investieren beabsichtigt, stellen einen wesentlichen
Beitrag zur amerikanischen Gesamtwirtschaft dar.
Trotz

- 3-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

3. Februar 1954

Trotz der Rekordbautätigkeit in den letzten Jahren besteht
noch immer ein großer Bedarf an Wohnungen. Der Bedarf an Wohnraum in den Städten gewährleistet, mit geringen Ausnahmen, einen
richtigen Wettbewerbsmarkt.
Es ist mit einem stetigen Anstieg der Ausgaben der Bundesstaaten und Gemeinden zu rechnen. In zahlreichen Gebieten besteht
noch ein ausgesprochener Mangel an Schulen und Krankenhäusern;
das Straßennetz, die Kanalisation und die Wasserversorgung müssen ausgebaut und auch die sonstigen Versorgungseinrichtungen verbessert werden. Die Ausgaben des Bundes werden auch weiterhin ein
bestimmender und stützender Wirtschaftsfaktor bleiben.
Unsere Geldinstitute sind durchaus in der Lage, allen berechtigten Kreditwünschen zu entsprechen und können jeder Belastung standhalten.
Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft
Um das Gleichgewicht der Wirtschaft aufrechtzuerhalten und
zu sichern,pollten wir kühne Maßnahmen ergreifen: Reform der
Arbeitslosenversicherung} Ausdehnung der Altersversorgung auf
einen größeren Personenkreis und Erhöhung der Versorgungsleistungen}
Gewährung der steuerlichen Aufrechnungsmöglichkeit von Verlusten
eines Geschäftsjahres gegen Gewinne aus den Vorjahren} Erteilung
weitgehender Ermessensbefugnisse an die Exekutive, um ihr unter
Berücksichtigung der jeweiligen Umstände eine begrenzte Änderung
der Bedingungen für die von der Regierung garantierten Kredite
und Hypotheken zu gestatten} Schaffung eines Marktes für Zweithypotheken im Wohnungsbau und Verbesserung der Planung von Arbeitsvorhaben der öffentlichen Hand.
Um die Expansionsfähigkeit der einzelnen Betriebe voll auszunutzen, sollten wir folgende Maßnahmen treffen: Revision der
Steuergesetzgebung um der Wirtschaft neue Impulse zu geben und
gewisse Beschränkungen der Industrie, insbesondere der Kleinund Mittelbetriebe, zu beseitigen, Verbesserung des Kreditsystems für den Erwerb von Eigenheimen, für Renovierungsarbeiten
und Aufgaben der Städteplanung, Ausbau des Straßennetzes, Umstellung der Landwirtschaft auf die Bedarfslage und den neuesten
Stand der Technik.
Schlußbemerkungen
Die Beschäftigungslage im Januar 1954 war etwas ungünstiger
als im Januar 1953. Es scheint ein gewisser Zusammenhang zwischen
der Verschlechterung der Beschäftigungslage und der Tatsache zu
bestehen, daß die Vereinigten Staaten im Januar 1953 noch in
Korea Krieg führen mußten, während heute dort Waffenruhe herrscht.
Wir können den Übergang auf einen geringeren Mobilmachungsstand
ohne ernsthafte Behinderung der Expansion unserer Wirtschaft
vollziehen. Die. Vereinigten Staaten und die freie Welt können
auch in Friedenszeiten eine prosperierende Wirtschaft aufrechterhalten.
Es gibt zahlreiche Faktoren, die unser Vertrauen in die Zukunft rechtfertigen. Die Regierung wird alles in ihren Kräften
Stehende tun, um durch ihr Programm zur Förderung einer expansiven und dynamischen Wirtschaft dazu beizutragen, damit diese Hoffnungen auch Wirklichkeit werden.
- 4 -

�WIRTSCHAFTSBERICHT (AUSZÜGE):
Teil I
1. Kapitel
WIRTSCHAFTLICHER FORTSCHRITT UND REGIERUNG

Dem amerikanischen Volke bietet sich eine große Chance. Die
Vereinigten Staaten sind in der Lage, den Lebensstandard unverzüglich zu erhöhen und auf diesem neugewonnenen Niveau zu halten.
Während des zweiten Weltkrieges hatten natürlich die Forderungen
unserer Armee und der Beitrag, den die USA zu den militärischen
Anstrengungen ihrer Verbündeten leisteten, Vorrang vor '"allen
anderen Ansprüchen an unsere Wirtschaft. Die Jahre nach dem Kriege waren in erster Linie damit angefüllt, den durch den letzten
Krieg und die vorangegangene. Periode der Depression bedingten
Nachholbedarf zu decken. Infolge des Koreakonfliktes mußten wir
erneut, die Bedürfnisse unserer Armee allem anderen voranstellen. Wir glauben jedoch, daß diese Notwendigkeit gegenwärtig
und in der Zukunft nicht mehr von so großer Bedeutung sein wird.
Der von uns eingeschlagene Weg, einen Grad höchster militärischer Bereitschaft zu erreichen, macht es möglich, einen immer
größeren Teil der gesamten Produktion auf die Erzeugung ziviler
Güter umzustellen. Hierin liegt eine uns allen willkommene Chance
damit unser Volk sie aber auch wahrnehmen kann, muß die Bundesregierung weiterhin darum bemüht sein, jene akuten Probleme zu
beseitigen, die sich aus einer Umstellung der Wirtschaft von
Krieg und Inflation auf Frieden und stabile Währungsverhältnisse
ergeben.
Unser wirtschaftliches Ziel ist eine Erhöhung des Nationaleinkommens, an der alle, die einen Beitrag zu dieser Steigerung
leisten, in gleicher Weise teilhaben sollen} der sichtbare
Ausdruck hierfür soll ein Dollar mit stabiler Kaufkraft sein.
Wenn wir dieses Ziel erreichen wollen, dann müssen die dynamischen Kräfte unserer Wirtschaft voll zum Zuge kommen können.
Entsprechend müssen die Regierungspläne so angelegt sein, daß
sie der Aufrechterhaltung einer angemessenen wirtschaftlichen
Stabilität in Zeiten einer Wirtschaftsumstellung und einer auf
lange Sicht bemessenen Ausweitung der Wirtschaft förderlich sind.
Wir müssen die uns vom Kongreß in seinem Gesetz zur Sicherung
der arbeitenden Bevölkerung in Zeiten wirtschaftlicher Krisen
- 5-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Krisen (Employment Act) übertragene Aufgabe, "einen Höchststand
der Beschäftigung, Produktion und Kaufkraft auf eine Weise zu erzielen, daß der freie Wettbewerb und der allgemeine Wohlstand gefördert werden," stets vor Augen haben. Dieser Bericht umreißt
all jene Maßnahmen, die die Bundesregierung im Hinblick auf diese
Ziele zu ergreifen gedenkt.
Wirtschaftlicher Fortschritt ist wichtig
Ein starkes und kontinuerliches Wachstum der Wirtschaft ist
für den Wohlstand, wenn nicht sogar für die weitere Existenz der
Vereinigten Staaten und der Länder der freien Welt notwendig. Die
USA bringen gegenwärtig - und diese Politik wird noch einige Zeit
weitergeführt werden müssen - ihre Sicherheitsstreitkräfte auf
einen Stand der ausreicht, einen eventuellen Angreifer abzuschrekken und es erlaubt,gegebenenfalls zurückzuschlagen. Diese Bemühungen um die Verbesserung unserer Sicherheit und die damit gleichlaufenden Anstrengungen, das Verteidigungspotential und den Lebensstandard unserer Verbündeten zu erhöhen, hängen ebenso sehr von
dem Produktionsstand unserer Industrie ab wie die Führung eines
Krieges selbst. Inwieweit wir bei diesen Bemühungen Erfolg haben
werden, ist zu einem guten Teil eine Frage der Steigerung unserer
Produktion.
Eine progressive Entwicklung unserer Wirtschaft bedeutet nicht
nur größere Sicherheit. Eine Erhöhung des Volkseinkommens bei gleichbleibender Kaufkraft des Dollars macht es uns möglich, Maßnahmen
zu ergreifen, um einen angemessenen Lebensstandard zu sichern. Der
Lebensstandard Amerikas ist heute im Durchschnitt höher und die
Eigentumsstreuung größer als je zuvor. Der Konsum bestimmter Gruppen liegt jedoch weit unter dem Durchschnitt. Die Sicherung eines
angemessenen Lebensstandards ist ein Ziel, das sich noch zu Lebenszeiten vieler von uns verwirklichen läßt, wenn die Wirtschaft
sich weiterhin stark ausdehnt.
Die Aussicht auf einen sich kontinuierlich erhöhenden Lebensstandard ist darüber hinaus die beste Garantie dafür, daß sich
wirtschaftliche und sozaa le Umschichtungsprozesse ohne Schwierigkeiten vollziehen. Es kann in einem Staat keine dauernde und echte Gemeinschaft geben, wenn die miteinander im Wettbewerb stehenden Kräfte und Interessengruppen ein konstantes oder schrumpfendes
Bruttosozialprodukt untereinander aufzuteilen suchen. Bei einer
allgemeinen Aufbesserung der Einkommen lassen sich Interessen, die
miteinander im Wettstreit liegen, eher in Einklang bringen und
jedermanns Bemühungen ungehindert in den Dienst für die Gesamtheit
stellen.
Aus allen diesen Gründen ergibt sich für die Bundesregierung
die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Förderung der Wirtschaft zu treffen. Um diese jedoch wirksam gestalten zu können, darf man nie die
Voraussetzungen für eine hohe Ausweitungsquote in unserem Lande
und zu unserer Zeit überhaupt aus dem Auge verlieren.
Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Es gibt natürlich keine Formel, die eine günstige wirtschaftliche Entwicklung garantieren könnte. Fortschritt ist zu einem
guten Teil ein Produkt aus der Kultur - oder der Lebensart, wenn
man so will - eines Volkes, zu der auch solche schwer definierbaren und geistigen Werte wie religiöse Ideale, der Glaube an
die Würde des Menschen, die Überzeugung, der Mensch könne durch
eigenes Streben zu einer sittlich höheren Stufe gelangen, der
Wille zur Zusammenarbeit und die Bereitschaft gehören, sich veränderten Verhältnissen anzupassen. Eine durchdachte Politik der
öffentlichen Hand kann dem Fortschritt dienen, geradeso wie eine
kurzsichtige oder verantwortungslose Politik ihm hinderlich sein
kann. Allem voran aber sollte die Politik der öffentlichen Hand
anerkennen, daß das geistige Klima, in dem die Menschen ihrer
Tage Mühen nachgehen, ebenso wichtig für eine progressive Entwicklung ist, wie die körperlichen Kräfte, die sie dabei aufwenden.
Freiheit für den einzelnen
Unsere Geschichte beweist immer und immer wieder, daß eine
Welt, in der der Mensch innerhalb weit gezogener Grenzen seinen
Interessen nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen nachgehen kann, eine der fundamentalen Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Fortschritt ist. Die amerikanische Lebensform ist
Ausdruck wirtschaftlicher und politischer Freiheit sowie der
Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden. Seit eh und je waren
die Bemühungen unserer Bundesregierung darauf gerichtet, eine
Demokratie zu schaffen und zu erhalten, in der jeder die Freiheit
und besonders das Recht hat zu arbeiten, sein Geld nach eigenem
Gutdünken auszugeben, zu sparen und zu investieren, und die auch
den nötigen Anreiz dafür bietet, daß jeder im vollsten Sinne von
diesen Chancen Gebrauch macht.
Diese Auffassung von der Rolle, die die Bundesregisrung im
öffentlichen Leben spielen sollte, hat sich durch die Geschehnisse der letzten Jahrzehnte nicht geändert. Infolge Zweier
Weltkriege und einer weltweiten Depression sind der Bundesregierung immer mehr Aufgaben zugefallen^ aber diese Tatsache rechtfertigt nicht die vielverbreitete Ansicht, daß die Bundesregierung
künftighin noch mehr Aufgaben übernehmen müsse.
Es darf aber nicht vergessen werden, daß unser modernes Leben und die ungeklärte Weltsituation eine viel aktivere Beteiligung der Regierung und eine weit höhere Besteuerung erfordern,
als dies frühere Generationen für angebracht hielten. Gerade
deshalb muß die Regierung große Sorgfalt in der Formulierung ihrer Politik walten lassen, um die Initiative der Wirtschaftskräfte zu stärken, statt sie zu dämpfen oder gar zu unterbinden,
wie es schon so oft in der Weltgeschichte geschehen ist. Es müssen vernünftige Sicherheiten dafür geschaffen werden, daß Mühen
auch gebührend belohnt werden. Der Lohnempfänger muß wissen,
daß größere Anstrengungen, mehr fachliches Können und eine Erweiterung seiner beruflichen Fähigkeiten ihm auch mehr Lohn einbringen. Der Sparer muß sicher gehen, daß er aus dem Geld, das
er in den Wirtschaftsprozeß fließen läßt, auch einen angemessenen Gewinn ziehen kann. Ebenso muß der risikotragende Geldgeber
- 7 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar

1954

Geldgeber eine Gewißheit dafür haben, daß ein erfolgreiches Wagnis auch den entsprechenden Profit einbringt. In einer Gesellschaft, die diese Sicherheiten nicht zu geben vermag, werden Forderungen nach größeren Leistungen gegenstandslos, die Kapitalbildung geht nicht rasch genug voran und es besteht die Möglichkeit, daß die Wirtschaft stagniert.
Offene Märkte und wirksame Konkurrenz sind die Mittel, in
einem System des privaten Unternehmertums Anstrengungen um eine
Erhöhung der Produktivität so zu lenken, daß auch sozialen Zwecken
gedient wird. Die Märkte müssen von Beschränkungen frei bleiben,
die den Neuling gegen eingeführte Firmen oder Erzeugnisse nicht
aufkommen lassen. Offene Märkte bieten dem Neuling die Möglichkeit, sich emporzuarbeiten. Der Wettbewerb muß seine traditionellen Funktionen beibehalten, zu regulieren und neuen Auftrieb zu
geben, unsere wirtschaftlichen Hilfsquellen so zu lenken, daß
den Bedürfnissen oder dem Geschmack des Verbrauchers am besten
entsprochen wird. Diese Rolle der wettbewerbsfähigen Märkte ist
ebenso eine Voraussetzung für das Funktionieren unserer Wirtschaft,
wie auf politischem Gebiet die geheime Wahl für unsere Demokratie.
Die Regierung trägt hierbei eine äußerst wichtige Verantwortung,
die durch die gewaltigen Kapitalansammlungen von Großbetrieben
und großen Arbeiterorganisationen noch immens kompliziert wird.
Aber es ist auch klar, daß die Größe allein einen wirksamen
Wettbewerb nicht ausschließt. Die Fälle häufen sich immer mehr,
wo der Wettbewerb zwischen großen Firmen mit ähnlichen Erzeugnissen dazu führt, daß man sich ständig um eine Verbesserung der
Qualität der Produkte und um eine Senkung der Gestehungskosten
bemüht und damit den technischen Fortschritt beschleunigt und
nicht selten dem Verbraucher billigere Waren anbieten kann.
Dennoch muß die Regierung gegenüber den Gefahren der Monopolwirtschaft ständig wachsam bleiben und, über die Anti-Trust-Gesetze, jedem Überhandnehmen monopolistischer Kräfte Schach bieten.
Sie muß ständig darüber wachen, daß der Wettbewerb erhalten und
gefördert wird.
Eine weitere Voraussetzung für den wirtschaftlichen Fortschritt
innerhalb unserer Gesellschaft ist ein ausreichendes Vorhandensein von Spargeldern, denn davon hängt die Bildung echten Kapitals
ab. Es ist wesentlich, daß die Wirtschaftspolitik zum Sparen ermutigt. In einer dynamischen Wirtschaft ist kein Raum für die
Furcht um das Sparkapital. Zur Förderung der Spartätigkeit und
damit auch zur Kapitalbildung vermag die Regierung wohl keinen
größeren Beitrag zu leisten als Sicherheiten dafür zu bieten,
daß ein heute gesparter Dollar nicht morgen durch Inflation oder
Preiserhöhungen verloren ist.
Ebenso erforderlich ist die Verfügbarkeit von Kapital, das
der Ausweitung von Produktion und Handel Schritt hält. Diese
wachsende Kapitalbildung ist notwendig, um es nicht zu einem deflatorischen Druck kommen zu lassen, um Geld- und Warenwert innerhalb gesunder Beziehungen zu halten und die Stabilität der Kaufkraft
_ 8 _

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3« Februar 1954

Kaufkraft des Dollar zu gewährleisten«
Vom Standpunkt unserer Gesellschaft aus gesehen, gehen Ersparnisse aber verloren, wenn sie nicht produktiv angelegt werden. Dies bedeutet, daß die Wirtschaft ein leistungsfähiges,
wettbewerbsförderndes Finanzsystem besitzen muß, das in der
läge ist, Gelder - sowohl Risiko-Kapital als auch Kredite - so
zu lenken, daß sie nach menschlichem Ermessen am produktivsten
arbeiten.
Eine Grundvoraussetzung für wirtschaftlichen Fortschritt ist
die ständige Erweiterung der wissenschaftlichen und technischen
Erkenntnisse. Aus solchem Wissen ergeben sich neue Möglichkeiten
zur Investition und zum Aufbau neuer Industrien, die auf der Entwicklung neuer Materialien und Produkte, ergiebigeren Verfahren
und der Verbesserung älterer Warentypen basieren. Wissenschaftliche Forschung und Fortentwicklung haben zu einer schier endlosen Liste neuer Industrien und Produkte geführt, darunter Atomenergie, radioaktive Isotope, Elektronik, Hubschrauber, Düsenmotoren, Titan, Hitzebeständige Materialien, Plastikmassen Chemiefasern, Mittel zur Bodenaufbereitung, Hybridensaatgut und unzählige andere. Im Jahr 1953 betrugen die Aufwendungen der Industrie,
der Institute, der gemeinnützigen Stiftungen und der Regierung
für die wissenschaftliche Forschung und Weiterentwicklung insgesamt etwa 4 Milliarden Dollar. Eine auf Fortschritt bedachte
Politik erfordert, daß dieser Trend kräftig gefördert wird.
Eine Wirtschaft des freien Wettbewerbs, die dem einzelnen
die Initiative überläßt und die Entwicklung technischer Neuerungen
begünstigt, kann natürlich nicht absolut stabil bleiben. Es ist
unvermeidlich, daß der wirtschaftliche Fortschritt Schwankungen
unterworfen ist. Selbst wenn die Wirtschaft als Ganzes eine Aufwärtsentwicklung verzeichnet, kommen manche Industrien rascher
voran als andere, und einige müssen vielleicht sogar Rückschläge
hinnehmen. Diese Tatsache ist für die Wirtschaftspolitik des
Staates deshalb wichtig, weil sie die Notwendigkeit für Beweglichkeit und Elastizität in dem Wirtschaftssystem aufzeigt.
Die erstrebenswerte Stabilität des allgemeinen Preisniveaus
darf nicht so interpretiert werden, als ob die Preise für die
einzelnen Güter konstant bleiben müßten. Im Gegenteil, für den
wirtschaftlichen Fortschritt ist es sogar notwendig, daß die
Einzelpreise variieren, so daß die Rohstoffe und Wirtschaftsreserven aus jenen Sparten, in denen sie der Arbeiterschaft, den
Unternehmern und dem Kapital wenig einbringen, solchen zugeleitet
werden, wo der Ertrag entsprechend hoch ist. Industrien, die von
den Fortschritten der Technik oder durch Konsumverlagerungen profitieren, bieten neue Beschäftigungsmöglichkeiten, während andere,
für deren Produkte keine große Nachfrage mehr besteht, auch weniger
Arbeitsplätze zu besetzen haben. Die Aufgabe der Regierung besteht
nun nicht darin, eine Angleichung an veränderte Verhältnisse
zu verhindern, sondern vielmehr in der Forderung,darin eine allgemeine Lage zu schaffen, in der die Angleichung mit einem Minimum
an Härten oder Schwierigkeiten vor sich gehen kann.
Die

�"AMERIKA DIENST" - 'WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Die wichtigste Voraussetzung für eine tatsächliche wirtschaftliche Angleichung ist eine gewisse Stabilität des Beschäftigtenstandes und der Einkommenhöhe. Ein zeitweiliges Absinken der industriellen Produktion war für den gesamten wirtschaftlichen Fortschritt kein unüberwindliches Hindernis, solange eine große und kräftig sich entwickelnde Landwirtschaft die
Arbeitslosen vorübergehend aufnehmen könnte. Doch stellt die
Landwirtschaft heute nur einen verhältnismäßig kleinen Teil im
Wirtschaftsgefüge dar und ist auf Grund ihrer stärkeren "Industrialisierung" ebenfalls den Schwankungen im Wirtschaftsleben
unterworfen. Infolge der katastrophalen Krise der dreißiger
Jahre rufen heute bereits kleine wirtschaftliche Rückschläge,
die frühere Generationen überhaupt nicht beachtet hätten, Unruhe und Besorgnis im Einzelhandel und bei den Konsumenten hervor. Solange die Regierung nicht darauf vorbereitet und willens
ist, ihre großen Vollmachten zur Aufrechterhaltung des Beschäftigtenstandes und der Kaufkraft einzusetzen, kann selbst eine geringfügige Umschichtung innerhalb der Wirtschaft schon eine
Lohn- und Preisspirale auslösen. Daher haben auch beide Parteien im Kongreß in weiser Erkenntnis deje in unserem Zeitalter gegebenen Umstände, der Furcht vor Wirtschaftsschwankungen und
der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die dem
amerikanischen Volke aus einer Wirtschaftskrise erwachsen würden,
den "Employment Act 1946" gebilligt, durch den die Bundesregierung gehalten ist, kraft ihrer Vollmachten dazu beizutragen,
daß die Wirtschaft einen graden Kurs steuert.
Eine weitere Vorbedingung für den wirtschaftlichen Fortschritt in der heutigen Zeit ist die Gewährleistung der sozialen
Sicherheit und es ist Pflicht einer Regierung, dazu beizutragen,
diese Sicherheit zu schaffen. In einer dynamischen, hochentwickelten Volkswirtschaft ist der einzelne zahlreichen Wechselfällen ausgesetzt. Heute verfügen wir nicht mehr über freien
ungenutzten Boden im Westen der Staaten, wo alle, die eine neue
Existenz aufbauen wollen sich ansiedeln könnten. Die Zunahme
der privaten Alters- und Krankenversicherungen sowie der SozialversicherungspiDgramme in den letzten Jahren hat die wirtschaftlichen Wachstumskräfte gestärkt, da diese Einrichtungen den
einzelnen von den Sorgen bei Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit und Alter befreien. Daher ist ein weiterer Ausbau der
Sozialversicherungsprogramme äußerst wünschenswert. Doch darf
man dabei nicht übersehen, daß auch der einzelne, soweit er
dazu in der Lage ist, für seine eigene Sicherheit verantwortlich ist, und daß die Regierung am meisten zum Wohle des einzelnen beizutragen vermag, wenn sie die allgemeine Produktivität steigert.
Schließlich muß man sich darüber klar sein, daß der wirtschaftliche Fortschritt in unserem Lande eng mit dem Fortschritt
der übrigen Welt verknüpft ist, denn die wechselseitige Abhängigkeit auf wirtschaftlichem Gebiet ist nicht geringer als auf
politischen. Genau so wie Amerika nicht vor Angriffen sicher
ist, solange andere freie Nationen von einer Aggression bedroht
werden, kann es auch keine großen Fortschritte machen, wenn die
- 10 -

�"AFRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

die wirtschaftliche Entwicklung in anderen Ländern stagniert
oder schrumpft. In jedem Programm zur Wirtschaftsförderung in
Amerika muß daher beachtet werden, daß die wirtschaftlichen
Bande, die Amerika mit der übrigen Welt verbinden, vermehrt und
gefestigt werden. Ein stärkerer Güter- und Kapitalaustausch
unter den Nationen würde die wirtschaftliche Entwicklung in der
ganzen Welt fördern.
Dies sind also die Vorbedingungen für einen wirtschaftlichen
Fortschritt in unserem Land und in unserer Zeit. Um die Entwicklung
im eigenen Lande so weit wie möglich voranzutreiben, muß die Regierung den wirtschaftlichen Wettbewerb fördern, den Wirtschaftskräften einen Anreiz geben und die wissenschaftliche und technische Forschung unterstützen. Sie muß ihre weitreichenden Vollmachten benutzen, um die Stabilität der Kaufkraft zu erhalten,
den Beschäftigtenstand hoch zu halten und dem einzelnen materielle Sicherheit zu bieten. Es genügt nicht, daß sie sich zur Lösung der Probleme auf dem Gebiet des internationalen Handels
und der Währungspolitik mit anderen Nationen verbindet, aie muß
auch gewappnet sein, dabei die Führung zu übernehmen.
Um systematisch an die Lösung dieser schwierigen Aufgaben
heranzugehen, wurden im vergangenen Jahre Vorkehrungen zu einer
Überprüfung der von der Bundesregierung für die Entwicklung und
Stabilisierung der Wirtschaft ergriffenen Maßnahmen getroffen.
Der Wirtschaftsrat des Präsidenten wurde umgebildet. Lie Regierung veranlaßte besondere Untersuchungen der Probleme in der
Landwirtschaft, im Wohnungsbau, in der Außenhandelspolitik sowie
der Beziehungen zwischen def Bundesregierung, den Regierungen
der Einzelstaaten und den Gemeindeverwaltungen. Darüber hinaus
wurden alle Ministerien und Dienststellen der Regierung angewiesen, beim Studium der in ihrem Bereich auftauchenden Fragen
stets das eigentliche Ziel einer kontinuierlichen Wirtschaftsentwicklung im Auge zu behalten. Einige der Vorschläge, die
dieser Entwicklung dienen sollen, sind im vorliegenden Bericht
niedergelegt. Aber ehe wir auf die Empfehlungen, welche Politik
einzuschlagen ist, eingehen, ist es angebracht, die wirtschaftliche Entwicklung im vergangenen Jahr zu überprüfen, sich die
Maßnahmen der Regierung in diesem Zusammenhang zu vergegenwärtigen und die derzeitige Lage unserer Volkswirtschaft und ihre
weiteren Aussichten einer Analyse zu unterziehen

Kapitel 5
Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft
Im Eingangskapitel dieses Berichtes wurde die Notwendigkeit für eine Wirtschaftsausweitung betont und in großen Umrissen die Rolle aufgezeigt, die die Regierung bei der Schaffung
der Voraussetzungen für eine solche Entwicklung spielen kann.
Anschließend wurde ein Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung im Jahre 1953 einschließlich des Kurses der Wirtschaftspolitik gegeben, der von der Regierung eingeschlagen wurde, sp- 11

�"AMERIKA DIENST" - MRTSCHAFT UNL ARBEIT

3. Februar 1954

sowie eine Beurteilung der gegenwärtigen Wirtschaftslage. Daraus
ergibt sich die Folgerung, daß unsere Wirtschaft im Wesen gesund
ist, die gegenwärtige wirtschaftliche Umstellung vermutlich nur
von kurzer Lauer sein wird und mit einer automatischen Normalisierung gerechnet werden darf; es besteht jedoch kein Anlaß zur
Selbstzufriedenheit.
Gemessen an jedem historischen Standard steht unsere Wirtschaft heute in einer unwahrscheinlichen Blüte. Die Beschäftigungsziffer ist hoch, die Preise sind stabil und die Löhne und
Kapitalerträge im allgemeinen zufriedenstellend. Ler Verbrauch
ist weiterhin hoch. Investitionen für die Erstellung von
Wohnungen und Industrieanlagen sowie für Kapitalgüter halten
sich im allgemeinen auf dein bisher sehr hohen Stand. Las gleiche
gilt von den Ausgaben der öffentlichen Hand, wobei die Ausgaben
der Bundesstaaten und der Gemeinden zum Großteil die rückläufigen Bundesausgaben ausgeglichen haben. Und wenn auch seit Mitte
des vorigen Jahres die Gesamtproduktion sowie die Zahl der Beschäftigten etwas zurückgegangen ist, was in verschiedenen Gebieten zu Arbeitslosigkeit führte, hat die Wirtschaft als Ganzes den Übergang von eiöer durch die politischen Umstände bedingten Hochkonjunktur auf den normalen Stand einer Friedenswirtschaft vollzogen.
Es würde jedoch unklug sein, sich angesichts einer Wirtschaft,
die sich in Bewegung befindet, von Augenblickseindrücken bestimmen zu lassen. Lie amerikanische Regierung ist sich dessen
bewußt, daß es von lebenswichtiger Bedeutung ist, ob die GesamtArbeitslosenziffer von drei Prozent durch ein Ansteigen oder
Absinken erreicht wurde und ob der Prozentsatz des Steigens oder
Sinkens hoch oder niedrig ist. Zwar ist der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in den vergangenen sechs Monaten nur gering gewesen und beschränkte sich großenteils auf eine Verringerung
der Ausgaben der Wirtschaft zur Ergänzung der Warenlager, es
ist jedoch keine Garantie gegeben, daß die Abwärtsbewegung sich
nicht auf andere Ausgabengebiete ausdehnen wird* Wenn wir sicher
sein könnten, daß der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität,
wie er sich jetzt abzeichnet, nur auf eine Angleichung der Warenbestände zurückzuführen ist, brauchte die Regierung in dem
Bewußtsein, daß die bereits unternommenen Maßnahmen genügen,
nicht zu intervenieren. Es gibt in diesen Lingen jedoch keine
Gewißheit. Lie Vorsicht und der Wunsch, die Wirtschaft zu stärken,
verlangen, daß die Regierung sowohl eine sofortige Balebunfe als
äanja Bin*' Jangftistige Wirtschaftsexpansion ins Auge faßt»
Auf zweierlei Weise können wir in diesem Jahr den Aufbau
einer stärkeren Wirtschaft durchführen.
Wir sollten zum Schutz und zur Förderung der Stabilität unserer Wirtschaft folgende kühnen Maßnahmen ergreifen: Reform der
Arbeitslosenversicherung; Erweiterung des Personenkreises und d e r
Leistungen der Alters- und Hinterbliebenenfürsorge; Gewährung
der steuerlichen Aufrechnungsmöglichkeiten eines Geschäftsjahres
auf Gewinne der Vorjahre;
Gewährung

12

�•"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar 1954

Gewährung umfassender Ermessens-Befugnisse an die Exekutive, um
dieser innerhalb gewisser Grenzen und im Einklang mit den jeweiligen Umständen die Möglichkeit zur Variierung der Bedingungen
für die Gewährung von durch die Regierung gedeckten Anleihen und
Hypotheken zu geben; Bereitstellung von Zweithypotheken; und bessere Planung der Programme für öffentliche Arbeiten.
Gleichzeitig sollten wir Schritte unternehmen, um die Expansionskraft der privaten Unternehmen auszunutzen - und zwar durch
eine Revision der Steuergesetze, um einen Anreiz zu bieten und
gewisse Hemmnisse für die Unternehmen,vor allem für die kleineren
Geschäftsleute zu beseitigen; durch bessere Kreditmöglichkeiten
für den Wohnungsbau und die Renovierung sowie Städteplanung; durch
Ausbau des Straßensystems und durch Angleichung der Landwirtschaft
an die gegenwärtigen Bedingungen des Marktes und der Technik.
Diese Maßnahmen zur Stärkung unserer Wirtschaft stellen zusammengenommen ein zur Durchführung geeignetes Sofortprogramm
dar. Es ist kein Programm von Notmaßnahmen der Legislative, da
die gegenwärtige Lage ein solches durchaus nicht verlangt. Stattdessen ist es ein Programm zur Förderung des wirtschaftlichen
Wachstums und der Ausschaltung jeder Gefährdung der Wirtschaft
in der Zukunft. Das Programm wird wesentlich dazu beitragen, die
Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Fortschritt zu leisten,
wie er am Anfang dieses Berichtes aufgezeigt wurde.
Die nachfolgenden Ausführungen behandeln mehr ins Detail gehende Punkte des Wirtschaftsprogramms der Regierung.
Kapitel 6
Reform des Steuersystems
... Es ist daher an der Zeit, das System der Bundessteuern
den Interessen einer dynamischen und expansiven Wirtschaft ohne
inflationistische Tendenzen anzupassen. Das Steuersystem des Bundes kann und sollte geändert werden, um die Lasten auf die Steuerzahler gleichmäßiger zu verteilen; der Wirtschaft neue Anreize
zur Expansion zu geben und das Steuersystem zu einem wirksameren
Stabilisierungs-Faktor zu machen. Die Gelegenheit zu einer Reform
des Steuersystems sollte unverzüglich ergriffen werden, auch dann,
wenn allgemeine Steuersenkungen verschoben werden müssen. Unter
den vordringlichsten Zielen der Steuerreform sind diejenigen zu
nennen, die in stärkerem Maße die Interessen der Verbraucher berücksichtigen und einen größeren Anreiz zur höheren Leistung bieten, die Investitionstätigkeit fördern, den Arbeitsmarkt beleben
und tüchtigen Betriebsführern stärkere Anreize bieten, und die
das Steuersystem in seiner Anwendung zu einem stärkeren Faktor
der Stabilisierung machen. Diese Ziele lassen sich nicht auf
schnellem Wege erreichen; der Trend einer solchen Reform zeichnet
sich jedoch in ihren großen Umrissen klar ab. ...
... Eine Reihe weiterer steuerlicher Maßnahmen sollte bereits
jetzt in Angriff genommen werden, um die Kräfte für eine Expansion
des Arbeitsmarktes und der Produktion zu stärken. Diese Maßnahmen,
die die Staatseinnahmen zwar zunächst verringern würden, schaffen
jedoch die Grundlagen für ein steigendes Steuereinkommen in der
Zukunft;dieser ist die automatische Folge der von ihnen angeregten
Wirtschaftsausweitung.
- 13 -r« _

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar 1954

Der Zeitraum, in dem die Einzelunternehmen und Kapitalgesellschaften ihre geschäftlichen Nettoverluste steuermäßig aufrechnen
dürfen, sollte von zwei auf drei Jahre ausgedehnt werden...
Die Beseitigung der Doppelbesteuerung von Dividenden sollte
in Angriff genommen werden, indem man den Besitzern von Aktien
gestattet, einen Teil der von den Gesellschaften bereits entrichteten Steuern bei ihrer eigenen Einkommensteuer geltend zu
machen...
Die Abschreibungen sollten großzügiger gehandhabt werden...
Klare Bestimmungen über die steuerliche Behandlung von Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sollten erlassen werden...
Die Kapitalbildung aus Geschäftsgewinnen, die für die Betriebsausweitung benötigt werden, sollte steuerlich nicht benachteiligt werden...
Wege zu einer künftigen Reform
... Mit den im vorliegenden Bericht empfohlenen Sondermaßnahmen sind die Möglichkeiten, wie unser nationales Steuersystem
einer kontinuierlichen Wirtschaftsentwicklung besser dienen könne,
noch nicht erschöpft. Sie stellen lediglich die ersten Schritte
auf dem Wege zu Reformen dar, die in den kommenden Jahren folgen
sollten. Die gesamte Struktur des nationalen Steuersystems bedarf
einer neuen, gründlichen Überprüfung unter dem Gesichtspunkt
seiner künftigen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Stabilität der ganzen Wirtschaft ...
... Ein gutes, auf dem Grundsatz des freien Wettbewerbs beruhendes Steuersystem, das eine Förderung der produktivsten Wirtschaftszweige ermöglicht, ist die erste Voraussetzung für einen
wirtschaftlichen Fortschritt. Die Ausweitung der Produktion, des
Beschäftigtenstandes und der Märkte in einer Geldwirtschaft hängt
in jeder Phase davon ab, daß Kredite und Kapital in dem erforderlichen Ausmaß zur Verfügung stehen. Diese Mittel müssen zu
wirtschaftlich tragbaren und vernünftigen Bedingungen und in einer
Art und Weise bereitgestellt werden, die den jeweiligen wirtschaftlichen Erfordernissen gerecht wird.
In einer freien Gesellschaft
ist es Aufgabe der Regierung, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
in dem private Finanzinstitute diese Funktionen zufriedenstellend
erfüllen können.
....
Kapitel 10; Planung öffentlicher Arbeiten
Voraussetzung für eine starke Wirtschaft ist, daß der Bodenkonservierung und einer sparsamen Wasserwirtschaft entsprechend
Beachtung geschenkt wird. Nicht weniger wichtig ist es, Schulen
und Wohlfahrtseinrichtungen, Autostraßen und Flughäfen, Binnenschiffahrtswege und Häfen, Parks, Sportplätze, Grünanlagen und
andere unentbehrliche öffentliche Institutionen in dem Maße auszubauen und zu verbessern, wie es steigende Einkommen verlangen.
Ja, wenn wir es unterlassen, das Gemeingut zu mehren, dann könnte
- 14 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

könnte dies eines Tages das Anwachsen des privaten Wohlstandes
beeinträchtigen ähnlich der Entwicklung, die sich bei unserem unzulänglichen Straßennetz, das den Erfordernissen der 55 Millionen
Kraftfahrzeuge nicht mehr genügt, bereits abzuzeichnen beginnt.
Eine aufstrebende Wirtschaft macht die Durchführung immer
neuer Bauvorhaben und technischer Projekte erforderlich, die nicht
Sache der Privatwirtschaft sind. Diesen Bedürfnissen -.z.B. dem
Bedarf an Schulen - sollte jeweils sofort entsprochen werden.
Natürlich läßt sich eine gewisse Anzahl öffentlicher Vorhaben
mehr oder weniger lange hinausschieben.
Unsere öffentlichen Vorhaben sollten so geplant und durchgeführt werden, daß sie zur Stabilisierung der Wirtschaft beitragen,
indem sie in Zeiten schleppenden Geschäftsganges vorangetrieben,
in Zeiten der Konjunktur hingegen etwas gestoppt werden. In gewissen Grenzen lassen sich die Ausgaben für öffentliche Vorhaben
zeitlich so einteilen, daß sie zur Stabilisierung beitragen} dies
wird allerdings nur dann der Fall sein, wenn in gewissem Umfange
technische Unterlagen und Pläne zusammengetragen und fertig gestellt sind, lange bevor die Durchführung solcher Vorhaben akut
wird. Die Bundesregierung, die Regierungen der Einzelstaaten und
die Kommunalverwaltungen haben bereits Entwürfe und detaillierte
Voranschläge für eine große Anzahl öffentlicher Vorhaben fertiggestellt und bereiten zur Zeit weitere Projekte vor. Wenn nötig,
könnten die Anforderungen des Bundes für öffentliche Arbeiten
innerhalb eines Jahres um die Hälfte oder mehr erhöht werden. Die
Anforderungen der Einzelstaaten und der Gemeinden, die gegenwärtig ihren bisher höchsten Stand erreicht haben, ließen sich in
einem ähnlichen Ausmaß erhöhen, sofern auch die technischen Fragen der Finanzierung darauf abgestimmt werden...
Auf dem Wege zu einer freien Weltwirtschaft
... Dank der ihnen innewohnenden Kräfte haben die freien
Institutionen den Belastungen zweier Weltkriege und einer Weltwirtschaftskrise riesigen Ausmaßes standgehalten. Obwohl die
Wirtschaftskontrollen, die auf Grund der oben genannten Ereignisse notwendig geworden sind, ständig zunehmen, ist der Handel
zwischen den Ländern der freien Welt noch immer in überwiegendem
Maße Sache privater Geschäftsleute, aber nicht der Regierungen...
... In Amerika wie im Ausland hat man die Notwendigkeit einer
Liberalisierung des Handels und des Zahlungsverkehrs erkannt. Die
Regierungen haben die Aufgabe, ein Wirtschaftsklima zu schaffen,
in dem der Privathandel seine Transaktionen bei einem Minimum
an Devisenkontrollen oder Handelsrestriktionen ausführen kann.
Gesicherte Prosperität in einer Welt, wie der unseren, wo der
eine auf den anderen angewiesen ist - das ist die Aufgabe aller
freien Nationen, die zusammerarbeiten wollen.
Wir sollten uns nicht mit den bisher erreichten Erfolgen in
bezug auf eine Liberalisierung des Welthandels und des internationalen Zahlungsverkehrs zufrieden geben, sondern uns energisch

- 15 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3- Februar 1954

energisch bemühen, auch die letzten Schranken niederzureißen,
die den freien Welthandel behindern. Dazu gehören u.a. die unvoraussehbaren Entwicklungen, die auf Grund der Sensibilität
fremder Wirtschaften gegenüber allen Schwankungen der amerikanischen Wirtschaft ausgelöst werden. Das in diesem Bericht umrissene Programm zur Aktivierung der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung und zur Festigung der Widerstandskraft gegen deflationistische Tendenzen im Verein mit der festen Entschlossenheit
der Bundesregierung, alle ihre Vollmachten zur Verhinderung künftiger Krisen einzusetzen, sollte nicht nur dem amerikanischen Volk,
sondern auch den anderen Völkern Vertrauen in die Zukunft geben.
Gemeinsam mit anderen Ländern sind die Vereinigten Staaten entschlossen, nach wie vor auf das eine, gemeinsame Ziel hinzuarbeiten - eine kontinuierlich expansive Weltwirtschaft.
Die Stabilität der amerikanischen Wirtschaft
Eine Politik zur Förderung der Expansion und Stabilität der
Wirtschaft darf sich nicht auf inneramerikanische Angelegenheiten
beschränken, sondern muß sich notwendigerweise auch auf unsere
Beziehungen zu anderen Nationen erstrecken. Eine der grundlegenden Lehren der Geschichte ist, daß zwischen der eigenen Prosperität und der anderer Länder ebenso wie zwischen einer Wirtschaftskrise im eigenen Lande und Wirtschaftskrisen im Auslande Wechselbeziehungen bestehen. Diese engen Bindungen könnten natürlich
durch eine gewisse Autarkie, d.h. durch Maßnahmen gelöst werden,
die geeignet sind, einzelne Nationen und Gebiete zu isolieren
und gegen Wirtschaftsschwankungen im Auslande immun zu machen.
Die Argumente gegen eine solche Politik wiegen jedoch weitaus
schwerer. Die Opfer, die dabei in bezug auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Lebensstandard gebracht werden- müssen,sind
seit langem hinlänglich bekannt und brauchen daher nicht noch
einmal erläutert zu werden. Die stren'gen Kontrollen, die notwendig wären, um eine solche ..Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten,
sind nicht zumutbar. Ebensowenig ist eine -wirtschaftliche Isolierung die Garantie für innere Stabilität. Die schwere Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren wurde noch verschärft durch engstirnig-nationalistische Maßnahmen, mit denen sie bekämpft werden sollte; man führte eine Politik auf Kosten des Nachbarn,die in
einem Land nach dem anderen den Verfall der Währungen, Zollerhöhungen, Einfuhrbeschränkungen und Devisenkontrollen zur Folge
hatte. Flexible Handels- und Kapitalbewegungen, ergänzt durch eine
Politik der Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Zentralbanken,
dürften mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, die Volkswirtschaften zu stabilisieren, ein Polster gegen die Einflüsse
interner Störungen zu bilden und zu verhindern, daß solche Störungen die ganze Welt erfassen.
Wir müssen also auf ein System hinarbeiten, das immer mehr
Möglichkeiten für allseits vorteilhafte Handelsbeziehungen zwischen
den freien Nationen bietet, und das funktionsfähig ist, ohne daß
eine Nation immer wieder Wirtschaftshilfe leisten muß. Weder die
- 16 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT U N D ARBEIT

3. Februar 1954

die Vereinigten Staaten, noch eine andere Nation könnendurch die
eine oder andere Maßnahme ein solches System schaffen. Dazu bedarf es vielmehr einer Vielzahl von Maßnahmen seitens aller N a tionen. Der wichtigste Beitrag, den die Vereinigten Staaten zu
einem alle Teile zufriedenstellenden Welthandel
und internationalen Zahlungsverkehr leisten können, besteht darin, sich eine
kraftvolle gesunde und expansive Wirtschaft zu erhalten.
Abbau der internationalen

Handelsschranken

Damit ist es jedoch nicht getan. Der Welthandel war in den
vergangenen Jahren ständig dadurch bedroht, daß alle wichtigen
Importländer neue Handelsschranken errichten konnten. Was die
Vereinigten Staaten betrifft, so sind bei anderen Nationen Zwei-,
fei über die Kontinuität unserer Außenhandelspolitik aufgekommen,
die seit Jahren heiß umstritten ist. Zwar haben wir in den vergangenen Jahren energische Maßnahmen zur Senkung der Zölle durchgeführt, wobei wir aber mit vielen Unbekannten rechnen mußten. U n sere Handelspolitik und Zollverwaltung sollten jedoch bei der
übrigen freien Welt das Gefühl der Kontinuität,der Stabilität und
der Weiterentwicklung erwecken.
Diese Politik der Vereinigten Staaten sollte von ähnlichen,
auf Verringerung der staatlichen Einmischung in den freien Güteraustausch und den Kapitalfluß gerichteten Maßnahmen anderer N a tionen begleitet sein und diese erleichtern. Im Rahmen eines solchen Programms sollte mit Priorität an die Abschaffung der bilateralen und diskriminierenden Handels- und Zahlungsmethoden herangegangen werden, die das eigentliche Hindernis für einen internationalen Wettbewerb und eine freie Konvertierbarkeit der Währungen
darstellen. Damit wäre die Basis für eine stetige Entwicklung in
Richtung auf einen generellen Abbau der Handelsschranken geschaffen, gemäß den bestehenden internationalen Abmachungen nicht nur
gemeinsames Ziel ist, sondern bereits in Angriff genommen wurde.
Gleichzeitig sollte auf jede Behinderung des
freien Flusses von
Privatkapital verzichtet werden, damit dieses eine größere Rolle
bei der Entwicklung neuer Rohstoffquellen, der Errichtung neuer
Produktionsanlagen und der Erhöhung des Lebensstandards in der
ganzen freien Welt spielen könnte.
Die Regierung ist gegenwärtig intensiv damit beschäftigt, die
Ergebnisse und Vorschläge des kürzlich fertiggestellten Berichtes
der Kommission für Außenhandelsfragen auszuwerten. Ein auf diesem
Bericht basierendes umfassendes Programm wird dem Kongreß zur B e handlung vorgelegt werden...
Maßnahmen, die im Notfall ergriffen werden müssen
Da Wirtschaftsschwierigkeiten verschiedene Ursachen haben
und häufig ein unterschiedliches Vorgehen für ihre Behebung erfordern, können von verantwortungsbewußten Menschen im voraus keine
spezifischen Verhaltungsmaßregeln für irgendwelche Eventualitäten
gegeben werden. Es gibt jedoch gewisse breitangelegte
Grundsätze, von denen sich die amerikanische Regierung angesichts
der möglicherweise drohenden Gefahr einer Depression leiten läßt.
Diese sollten ganz klar herausgestellt werden.
„ _ + _._,

�•"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Erster und wichtigster Grundsatz ist, Präventivmaßnahmen zu
ergreifen, wie es im vergangenen Jahr geschehen ist und in diesem Bericht auch für das künftige Verhalten empfohlen wird. Der
zweite Grundsatz ist, eine doktrinäre Haltung zu vermeiden,
den Hebel an mehreren Stellen gleichzeitig anzusetzen und zu
gewährleisten, daß die unternommenen Schritte miteinander harmonieren und sich ergänzen. Der dritte Grundsatz ist die Ergreifung von Maßnahmen, die die private Aktivität dadurch fördern,
daß sie den Verbraucher veranlassen, mehr auszugeben, und den
Geschäftsmann, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, so daß der Expansionsprozeß der Wirtschaft mit neuer Kraft weitergeführt
werden kann. Der vierte Grundsatz ist promptes und energisches
Handeln, falls die wirtschaftlichen Gegebenheiten dies erfordere
Die Regierung wird nicht zögern, die Währungspolitik, die
Behandlung der Staatsschuld und die Kreditpolitik stärker zu aktivieren, was auch eine liberalisierte Handhabung der Bundesbürgschaften für private Obligationen, eine Modifizierung des
Steuersystems, oder eine Steuersenkung, oder eine Ausweitung des
Bauprogramms der öffentlichen Hand, oder irgendwelche anderen
eventuell erforderlich werdenden Maßnahmen einschließen kann. Die
Regierung muß und wird bereit sein, mit allen sich etwa ergebenden Fragen fertig zu werden. Ein wesentlicher Faktor in diesem
Gewappnetsein unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist die Erhöhung der Grenze für die Staatsschuld, die schon für eine erfolgreiche Durchführung der gegenwärtigen Regierungsvorhaben erforderlich ist.
Die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit und Bereitschaft
seitens der Regierung rechtfertigt jedoch nicht ständige Einmischung oder unaufhörliche Aktivität. Geringe Schwankungen in der
wirtschaftlichen Aktivität treten nicht nur in einem freien Wirtschaftssystem, sondern in jeder Volkswirtschaft auf. Die Regierung wird sich nicht scheuen, auf das Arsenal der stabilisierenden Gegenmittel zurückzugreifen - jedoch nicht häufiger, als
dies zur Sicherung einer gesunden Stabilität erforderlich ist.
Wir werden uns dieser Maßnahmen, die die Fluktuationen der Wirtschaft auf ein Minimum beschränken sollen, nicht
mehr als unbedingt notwendig bedienen, damit wir die wünschenswerten fiskalischen
Ziele wie Senkung der Aufwendungen des Bundes, Senkung der Steuern
und Herbeiführung eines Haushaltausgleiches auch wirklich erreichen können.
Grundlage des Fortschritts
Die Regierung kann in hohem Maße zur Aufrechterhaltung des
V/ohlstandes beitragen. Man tut jedoch gut daran, sich auch der
in Generationen gesammelten Erfahrungen zu erinnern, die uns lehren, daß eine Regierung von sich aus nicht in der Lage ist, eine
echte und dauerhafte Prosperität zu schaffen. Eine blühende Wirtschaft ruht vornehmlich auf den Unternehmungen von Millionen von
Menschen, die für sich, ihre Familie und Gemeinde arbeiten. Das
amerikanische Volk verfügt über berufliches Können, Phantasie,
Unternehmungsgeist und Weitblick. Den besten Dienst, den die Regierung, außer einem Beitrag zur Erhaltung der Stabilität und Sicherung
- 18 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

3. Februar 1954

Sicherung einer festen wirtschaftlichen Basis für die Bevölkerung,
daher der Wirtschaft leisten kann, ist die Schaffung von Verhältnissen, in denen bereitwillig neue Arbeitsplätze eingerichtet,
neue Produktionsmittel erworben und die alten verbessert oder
außer Dienst gestellt werden, in denen neue Produkte fabriziert
und neue Märkte erschlossen werden, die Leistung allgemein eine
Steigerung erfährt und die es auch erlauben und wünschenswert
machen, höhere löhne zu zahlen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Bundesregierung fördert jetzt und auch in Zukunft
die Entwicklung solcher Verhältnisse.
Wir haben heute eine stark prosperierende Wirtschaft, mit
einem starken, gesunden Fundament... Der in verhältnismäßig engen
Grenzen gehaltene Umschichtungsprozeß, der sich seit Mitte 1953
vollzieht, ist wahrscheinlich bald beendet, besonders wenn die
Empfehlungen der Regierung angenommen werden. Diesen Empfehlungen
liegt, ebenso wie die Analyse der gegenwärtigen Situation, auf der
sie basieren, die Überzeugung zu gründe, daß der amerikanische
Lebensstandard ebenso wie die Wirtschaft eine stetige Aufwärtsentwicklung erfährt. Die Zuversicht ist wohlbegründet, daß unser
System des freien Unternehmertums, das die Bewunderung aller verdient, auf unabsehbare Zeit die Quelle ständig steigenden und allgemein verbreiteten Wohlstandes sein wird.

*

* * * *

-19-

�A M E R I K A

D I E N S T

DER RANDALL-BERICHT
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — In einem rund
35 000 Wörter umfassenden Bericht hat am vergangenen Wochenende die vom amerikanischen Präsidenten im August letzten Jahres eingesetzte 17-köppfige Randall-Wirtschaftskommission ihre Ansichten und Empfehlungen hinsichtlich der Ausweitung
des Welthandels und der Stärkung der US-Wirtschaft veröffentlicht." Dieser Bericht, der rein
empfehlenden Charakter hat, soll dem amerikanischen Präsidenten als Richtlinie für die künftige nationale und internationale Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten dienen« Inwieweit
der Präsident die ihm unterbreiteten Empfehlungen für künftige Maßnahmen heranziehen wird,
bleibt abzuwarten, zumal der Bericht nicht die
übereinstimmende Ansicht sämtlicher Ausschußmitglieder widergibt und viele zu verschiedenen Punkten eine andere Stellung bezogen. So stimmten
u.a. die Senatoren Millikin, Hickenlooper, Byrd
und George sowie die Abgeordneten Reed und Simpson den Empfehlungen der Stabilisierung der
Rohstoffpreise nicht zu, während der Gewerkschaftler McDonald und der Bankier Whitney diese Vorschläge als nicht weitgehend genug bezeichneten. Reed und Simpson zeigten sich ferner im allgemeinen nicht mit den Zollempfehlungen einverstanden, wobei sie sowohl den Gehalt
dieser Empfehlungen als auch die Art ihrer Schlußfolgerungen kritisierten. Auch in der Frage des
Ost-West-Handels wichen einige Mitglieder von
der Meinung der Mehrheit ab,
I. Zusammenfassende Übersicht
Als die wichtigsten Voraussetzungen für die Ausweitung des Welthandels in "einem Geiste des gegenseitigen
Vertrauens" bezeichnet der Bericht den Abbau der den
internationalen Güteraustausch behindernden Handelsschranken. Er spricht sich dafür aus, daß die USA ihre
Außenhandelspolitik den anderen Ländern in eindeutiger
Form
- 1 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

Form darlegen sollen, um auf diese Weise zur Schaffung einer
"Atmosphäre des Vertrauens" beizutragen»
Im einzelnen tritt der Ausschuß $n seinem Bericht, der für
die amerikanische Regierung in keiner Weise bindend sondern lediglich als Richtlinie für die von Präsident Eisenhower geplante Neuausrichtung der amerikanischen Außenhandelspolitik gedacht
ist, dafür ein, daß die amerikanische Wirtschaftshilfe auf
Schenkungsbasis so schnell wie möglich eingestellt werden soll.
Nach Ansicht des Ausschusses sei eine weitere Hilfe nur gerechtfertigt, wenn diese zur Erhöhung der Sicherheit der Vereinigten
Staaten beitrage. Das von der Regierung durchgeführte Off shoreBeschaffungsprogramm müsse ausschließlich nach wirtschaftlichen
Gesichtspunkten sowie strategischen Erwägungen durchgeführt werden. Auf keinen Fall, so wird in dem Bericht betont, dürfe es
für Zwecke einer allgemeinen Wirtschaftshilfe mißbraucht werden.
In den Fällen, in denen mit den USA befreundete Nationen
um Unterstützung zur Aufrechterhaltung ihrer Verteidigungsstreitkräfte nachsuchen, so wird in dem Bericht betont, sollten - sofern dies für die Sicherheit der USA wichtig ist - Schenkungen
und keine Anleihen gegeben werden. Dagegen sollten, wenn sich im
Interesse der USA eine wesentliche Wirtschaftshilfe als notwendig erweise, für die kein privates Kapital zur Verfügung stehe,
Anleihen und keine Schenkungen gewährt werden.
Der Ausschuß spricht sich weiter für eine Fortsetzung des
technischen Hilfsprogramms (Punkt$4-Programm) aus. Dieses dürfe
kein Programm des "Großkapitals" werden und auch nicht Kapitalinvestitionen einschließen. Die Vereinigten Staaten sollten
darüber hinaus auch weiterhin das erweiterte technische Hilfsprogramm der Vereinten Nationen sowie das Programm der Organisationen der amerikanischen Staaten unterstützen. Keines der
an diesen Programmen beteiligten Länder dürfe jedoch aus eigenen Mitteln mehr als 60 Prozent zur Finanzierung dieser weltweiten, gemeinnützigen Bemühungen beitragen«
Der Bericht tritt dafür ein, daß die amerikanische Regierung alles in ihren Kräften stehende zur Förderung privater
Auslandsinvestitionen unternehmen soll. Die Förderung der
wirtschaftlichen Erschließung anderer Länder müsse in der
Hauptsache Aufgabe des Privatkapitals bleiben. In diesem
Zusammenhang empfahlt der Bericht, daß die amerikanischen
Körperschaftssteuern auf Gewinne aus Auslandsinvestitionen um
"wenigstens 14 Prozent" gesenkt werden. Privatpersonen solle
es erlaubt werden, die im Ausland für diese Gewinne abgeführten Steuern voll in den USA abzusetzen. Ferner solle dem Garantieprogramm des US-Amtes für $uslandshilfe (FOA) gegen Enteignungsversuche eine weitere Bewährungsfrist gegeben werden.
Der Ausschuß empfiehlt, daß die amerikanische Export-Import-Bank weiterhin Anleihen gewähren soll, die im besonderen
Interesse der Vereinigten Staaten liegen und die den Regeln
einer gesunden Kreditpolitik entsprechen. Zu dem im vergangenen Jahr abgeschlossenen internationalen Weizenabkommen wird
- 2 -

�"Ai£hRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UMD ARBEIT

27. Januar 1954

wird erklärt, daß die Möglichkeiten dieses Abkommens während
seiner Laufzeit in vollem Umfange zur Lösung der drängenden .
Weizenprobleme ausgenutzt werden müssen.
Der Ausschuß setzt sich weiter für eine möglichst baldige
Beseitigung des starren Preisstützprogramms für die Landwirtschaft ein. Dieses Programm habe lediglich zu fixierten Preisen, zu Subsidien und zur Einführung von Importquoten sowie zu
übertrieben hohen Zöllen geführt. Der Bericht weist in diesem
Zusammenhang darauf hin, daß die schwankenden Rohstoffpreise
nicht durch Rohstoffabkommen stabilisiert werden können, jedoch
in erster Linie durch Beseitigung der Handelsbeschränkungen.
Die Volkswirtschaften der Länder, die gegenwärtig in zu starkem
Maße von der Erzeugung einiger Produkte lebten, müßten auf eine
breitere Basis gestellt werden.
Der Bericht fordert weiter eine Abänderung des "Buy American
Act" in der Form, daß der Präsident hinsichtlich der Berücksichtigung ausländischer Angebote gewisse Ausnahmen zulassen darf.
Ferner soll die Zollkommission umgehend eine Studie für eine
Vereinfachung der amerikanischen Zollbestimmungen sowie eine
etwaige Änderung der Zollsätze ausarbeiten. Die Vollmachten
des Präsidenten zum Abschluß von Handelsabkommen auf Grund des
Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen sollen mindestens
um weitere drei Jahre verlängert werden. Gleichzeitig soll der
Präsident ermächtigt werden, die bestehenden Zollsätze in jedem dieser drei Jahre um bis zu fünf Prozent zu senken.
Der Bericht tritt für ein Fortbestehen des Exportverbots
nach Rotchina und Nordkorea ein, solange die gegenwärtige Ge-r
fahr für die Sicherheit der freien Welt anhalte. Darüber hinaus
sollten sich die USA auch weiterhin darum bemühen, daß entsprechende Maßnahmen von den übrigen freien Nationen durchgeführt werden. Gleichzeitig sollten die USA ihre Bemühungen, die
Exporte von solchen Gütern nach den europäischen Sowjetblockstaaten zu unterbinden, die zur Stärkung des militärischen Potentials
dieser Länder beitragen könnten, solange fortsetzen, bis ein echter Friede gewährleistet ist. Dagegen sei gegen einen stärkeren
Handel mit "friedlichen" Gütern zwischen Westeuropa und dem
Sowjetblock nichts einzuwenden, soweit dies ohne Gefährdung
der militärischen Sicherheit der USA und unter Beachtung des
Embargos für den Handel mit Rotchina und Nordkorea möglich sei.
Der Ausschuß fordert weiter einen allmählichen und positiven Fortschritt auf dem Wege zur freien Konvertierbarkeit der
Währungen, betont jedoch, daß die Verantwortung für derartige
Maßnahmen bei den betreffenden Ländern selbst liegen müsse.
Die freie Konvertierbarkeit der Währungen sei eine "unerläßliche" Voraussetzung für einen weltweiten, multilateralen Handel wie auch für einen ausgeglichenen Handel auf einem relativ
freien Weltmarkt. In diesem Zusammenhang setzt sich der LBericht dafür ein, daß die 3,3 Milliarden Dollar Gold- und Währungsreserven des internationalen Währungsfonds in stärkerem
Maße für einen "allmählichen und kontrollierten" Versuch in

- 3-

�"AMERIKA DIENST" - WIBTSChAIX UME ARBEIT

• 27. Januar 1954

in Richtung auf eine etwaige volle Konvertierbarkeit der Währungen eingesetzt werden sollten.

II. Auszüge
Auslandshilfeprogramm
••••• Dieser Bericht will in erster Linie untersuchen,
welche Maßnahmen die Vereinigten Staaten treffen müssen, um
einen Beitrag zur Lösung des Dollarproblems der Welt zu leisten, - Maßnahmen, die aber auch mit den wirtschaftlichen,
politischen und militärischen Interessen der U.S.A. in Einklang stehen.
Die Kommission wird größte Vorsicht bei ihren
Empfehlungen hinsichtlich jener Programme oder Verpflichtungen walten lassen, die bereits angelaufen oder in die die
Vereinigten Staaten bereits eingetreten sind. Wir haben jedoch zur Kenntnis genommen, daß die im Augenblick verfügbaren 7,3 Milliarden Dollar für laufende Programme und Verpflichtungen im Verlauf mehrerer Jahre verausgabt werden sollen.
Die Kommission unterbreitet für die Planung künftiger Programme auf der Grundlage späterer Bewilligungen folgende
Anmerkungen und Empfehlungen*
Die Kommission empfiehlt, binnen kürzester Frist die
Wirtschaftshilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen
(Grants) einzustellen. Weitere Hilfe ist nur dann gerechtfertigt, wenn dadurch die Sicherheit de;. Vereinigten Staaten
erhöht wird. Die Sicherheit Amerikas eifordert es, daß wir
uns in unserem eigenen Lande und in allen Teilen der Welt gegen eine Aggression oder Unterwanderun durch die Kommunisten
schützen. Für Zwecke der militärischen "erteidigung werden
gegenwärtig die meisten Aufwendungen gemacht, aber wir müssen
in unserer Sicherheitspolitik viele politische und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen. Die Sicherheit der USA ist
eng mit der der freien Welt verknüpft
Die Vereinigten Staaten unterstützen gegenwärtig
mehrere Länder wirtschaftlich, deren Wirtschaftskapazität nicht
groß genug ist, um die vom Nordatlnntikrat und unserer Regierung zur Abschreckung eines möglichen Aggressors für notwendig
erachteten Anstrengungen durchzuhalten. An dieser Stelle sind
Griechenland, die Türkei, Spanien und Jugoslawien in Europa
und Indochina und Formosa im Fernen Osten zu nennen. Auch
Frankreich wird von den USA weitgehend unterstützt, um es in
die Lage zu versetzen, mit noch größeren Anstrengungen auf einen
erfolgreichen Abschluß der Feindseligkeiten in Indochina hinzuarbeiten. Ferner erhalten Großbritannien, Italien und Berlin
für besondere Zwecke kleinere Beträge. Diese Art der Unterstützung läuft unter der neuen Bezeichnung ,lVerteidigungshilfeM
oder w

A

&lt;=

�"AFRIKA.L1JS!MSTW - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

oder "Mittel für die gemeinsame Verteidigung". Der genaue
Unterschied zwischen dem, was wirtschaftliche und militärische Hilfe ist, wird durch derartige Termini bis zu einem
Grade verwischt, den die Kommission als unangebracht bezeichnen muß. Obwohl die "Verteidigungshilfe" in erster Linie
dazu dient, ein unerwünschtes Nachlassen in den Verteidigungsanstrengungen zu verhüten, wird sie auch zur Förderung jener
wirtschaftlichen Ziele eingesetzt, die in der Vergangenheit
zur Rechtfertigung einer Wirtschaftshilfe genannt wurden.
Die "Verteidigungshilfe" ist eine Form von wirtschaftlicher
Unterstützung und sollte demnach unter dieser Bezeichnung
laufen.
Ferner erhalten unsere Verbündeten, einschließlich Großbritanniens, eine allgemeine Unterstützung ihrer Wirtschaft
durch die sogenannten "Off shore-Käufe"•
Die Kommission
ist sich wohl bewußt, daß diese Off shore-Käufe vom wirtschaftlichen Standpunkt gewisse Vorteile gegenüber den verlorenen
Zuschüssen haben, die wir im Rahmen des Marshall-Planes verteilten. Wenn man bei cen Off .hore-Aafträgen so verfährt,
daß die Produktionskapazität auf der Grundlage eines gesunden
Wettbewerbes gesteigert wird, dann konnten sie vielleicht einen
Beitrag zur Lösung des Dollarproblems der europäischen Länder
leisten. Die Off shore-Käufe jedoch lenen rein militärischen
Zwecken. Um dieses Ziel auch wirklich erreichen zu können,
empfiehlt die Kommission Aufträge über die Erzeugung militärischer Ausrüstungsgegenctände im Auslande untei Berücksichtigung des Kostenfaktors, der Lie;erbarkeit und Qualität zu
vergeben, wie dies in Ausführung einer wi ksamen Beschaffungspolitik in den Vereinigten Staaten üblich isü, oder unter Berücksichtigung allgemeiner strategischer Erwägungen hinsichtlich der Art und des Standortes des Erzeugungsbetriebes für
militärische Güter, von dem der Erfolg der gemeinsamen Verteidigungsanstrengungen abhängt. Das Off shore-Programm sollte nicht als eine Form allgemeiner Wirtschaftshilfe benutzt
werden. Die Kommission empfiehlt weiterhin die Gewährung von
nicht rückzahlbaren Zuwendungen anstelle von Anleihen an jene
Länder, die eine Unterstützung zur Unterhaltung der Streitkräfte oder zur Durchführung gewisser militärischer Operationen benötigen, die einen Einfluß auf unsere eigene Sicherheit
haben und über die wirtschaftlichen Kräfte eines Landes gehen.
In anderen Fällen, wo eine weitgehende wirtschaftliche
Unterstützung im Interesse der Vereinigten Staaten erforderlich ist, aber von privaten oder internationalen Organisationen nicht gewährt werden kann, sollten die U.S.A. Anleihen,
jedoch keine verlorenen Zuschüsse gewähren.
Der von der Kommission gebrauchte Begriff Wirtschaftshilfe
schließt die sogenannte "technische Unterstützung" nicht mit
ein
Die Kommission empfiehlt eine energische Fortführung des
Programms für technische Zusammenarbeit innerhalb der vom Kongreß durch seine Bewilligungen gesetzten Grenzen, sowie unter

- 5-

�"AMERIKA LläMST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

unter der Voraussetzung, daß nur erfolgversprechende Projekte
in Angriff genommen werden und tüchtige Techniker und Verwaltungsfachkräfte vorhanden sind. Es braucht - und sollte auch
nicht - ein "Programm der Riesensrummen" werden und darf keinesfalls Anlagekapitalinvestitionen einschließen.
Die Kommission empfiehlt ferner, die Vereinigten Staaten
mögen das erweiterte technische Hilfsprogramm der Vereinten
Nationen sowie das Programm der Organisation der Amerikanischen Staaten auch weiterhin unterstützen, da beide einen wichtigen Beitrag zur Mobilisierung des technischen Fachwissens
vieler Nationen leisten und eher den Weg zur Lösung regional
bedingter Probleme sowie der Probleme der abhängigen Territorien ebnen als dies bilaterale Programme tun können.
Die Kommission mißt der Unterstützung des technischen
Hilfsprogramms der Vereinten Rationen besondere Bedeutung zu.
Sie ist hingegen überzeugt, daß icein Land für sich allein über
60 Prozent der gesamten finanziellen Lasten dieses auf einer
weltweiten Zusammenarbeit beruhenden Programmes tragen sollte.
Die Kommission hält eine Ausweitung des Programmes für wünschenswert, jedoch sollte der auf die Vereinigten Staaten entfallende
prozentuale Anteil an der Finanzierung des Programmes reduziert
werden.
Amerikanische Auslandsinvestitionen
Die amerikanischen Investitionen im Ausland haben nicht in
dem Maße zugenommen, wie wir das nach dem zweiten Weltkrieg erwarteten. Es wurde nicht alles getan* um in den Genuß all jener
Vorteile zu gelangen, die ein ausgeweitetes Volumen klug placierter Auslandsinvestitionen hätte bieten :ö nen. ...
Die Bundesregierung kann und muß im Ausland mit diplomatischen Mitteln die Anerkennung und das Verständnis für jene
Prinzipien durchzusetzen versuchen, die allein geeignet sind,
ein Wirtschaftsklima zu schaffen, das einen Anreiz für die
Investition amerikanischen Kapitals bietet. Dies erfordert
eine bessere Zusammenarbeit und Koordinierung der Tätigkeit
der verschiedenen amerikanischen Behörden und Vertreter auf
dem Gebiete der Außenhandelspolitik, ganz besonders aber eine
klare Formulierung der Stellung der Bundesregierung hinsichtlich privater Kapitalanlagen im Ausland mit besonderer Betonung der Unterstützung des Systems der freien Wirtschaft sowie
der Interessen der amerikanischen Kapitalgeber.
Die Regierung der Vereinigten Staaten sollte auch
weiterhin versuchen, auf vertraglicher Grundlage die Bedingungen für eine faire Behandlung des amerikanischen Auslandskapitals zu sichern. Die Verhandlungen sollten zunächst mit Ländern gleicher Grundansichten aufgenommen und allmählich in dem
Grade auf die anderen Staaten ausgedehnt werden, in dem diese
zu der Überzeugung gelangen, daß eine wohlwollende Einstellung
gegenüber den freien Unternehmern für sie günstige Folgen
haben würde.
_.
Die
- 6 -

�"AFRIKA LIEHST" - WIRTSCHAFT UNS ARBEIT

27. Januar 1954

Die Bundesregierung sollte ferner Unklarheiten in ihrer
Politik beseitigen, die sich in irgendeiner Weise auf die Auslandsinvestitionen auewirken
So ist es beispielsweise ungewiß, inwieweit die Bestimmungen
des amerikanischen Anti-Trust-Gesetzes Anwendung auf eine Tätigkeit im Ausland finden. Die Anti-Trust-Politik sollte dahingehend neu formuliert werden, daß das Recht jedes Staates, den
Handel innerhalb seiner eigenen Grenzen selbst zu regeln, ausdrücklich anerkannt wird. Gleichzeitig sollte es klar gemacht
werden, daß ausländische Gesetze oder etwa übliche Handelspraktiken, durch die Preis-, Produktions- oder Marktabsprachen
gefördert werden, die Bereitschaft der amerikanischen Wirtschaft
für Auslandsinvestitionen nicht erhöhen und die aus den Investitionen ausländischen Kapitals erwachsenden Vorteile auf ein
Minimum reduzieren werden.
Eine weitere Quelle von Unsicherheit, die die Bereitwilligkeit des Auslands zur Hereinnahme von Privatkapital beeinträchtigt, steht mit dem Finanzgebaren der amerikanischen Regierung
bei der Finanzierung öffentlicher Aufträge in Zusammenhang.
Die US-Regierung sollte klarstellen, daß für die Unterstützung
des Ausbaus der ausländischen Wirtschaft in erster Linie Privatkapital in Anspruch genommen werden muß. Sie sollte darauf
hinweisen, daß die Fonds des amerikanischen Staates zur Bereitstellung öffentlicher Kredite begrenzt und im Verhältnis zu
dem Gesamtbedarf an Investitionsgeldern unzureichend sind; und
daß die öffentliche Kreditvergebung und andere Wege der Finanzierung durch den Staat keinen Ersatz für Investierungen seitens
der privaten Wirtschaft darstellen
Die Kommission empfiehlt, die Körperschaftssteuer auf die
Einkünfte aus Auslands-Investitionen um mindestens 14 Prozent
zu senken .... Sie ersucht den Kongreß, ebenso Maßnahmen - etwa
durch eine Senkung der Sätze, Anrechnung der im Ausland entrichteten Steuerbeträge oder anderes - zur bevorzugten steuerlichen
Behandlung solcher Einzelpersonen zu ergreifen, die im Ausland
Kapital investieren; hierbei können die Maßnahmen als Richtschnur dienen, die für die Behandlung von Investierungen tätigenden Handelsgesellschaften empfohlen worden sind. Falls es überdies in den Vereinigten Staaten zu einer allgemeinen Senkung
der Einzelbesteuerung auf Aktiengewinne kommen sollte, dann
müßten die Steuersenkungen gleichermaßen auf Dividendeneinkünfte
aus dem Ausland angewandt werden. Diese Maßnahmen würden für
amerikanische Staatsangehörige und Kapitalgesellschaften einen
Anreiz bieten, Kapital in ausländischen Privatunternehmen zu
investieren, und sie würden dazu beitragen, den riesigen amerikanischen Effektenmarkt auch für die Möglichkeiten lohnender
Auslands-Investitionen zu interessieren
Die Kommission empfiehlt dem Kongreß die Aufhebung mehrerer
Restriktionen, die es gegenwärtig Personen mit ausländischen
Kapitalsanlagen unmöglich machen, die hierauf im Ausland zu entrichtenden Steuern voll gegen ihre Steuerverpflichtungen im In*-

7-

�"AMERIKA DIENST» - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

Inland aufzurechnen. Die Bereitschaft zur Kapitalinvestierung
im Ausland wird beeinträchtigt, da auf Grund dieser Restriktionen das Gesamteinkommen aus Auslandsinvestierungen höher besteuert wird als aus Inlandsinvestitionen.
Unter dem gegenwärtigen Gesetz kann eine amerikanische
Kapitalgesellschaft, die mindestens 10 Prozent der stimmberechtigten Aktien einer ausländischen Gesellschaft besitzt, auf die
daraus bezogenen Dividendeneinkünfte einen prozentualen Anteil
der Gewinn-Steuern aufrechnen, die das ausländische Unternehmen an den eigenen Staat entrichtet hat. Diese 10-ProzentKlausel sollte gesenkt oder überhaupt abgeschafft werden .....
Ein einzelner Kapitalgeber kann gegenwärtig Auslandssteuern,
die auf sein Einkommen im Ausland direkt erhoben werden, aufrechnen
Diese Gutschrift verfällt jedoch, wenn dieser
amerikanische. Staatsbürger seine Investierung über eiha Kapitalgesellschaft vornimmt; es sollte sichergestellt werden, daß
diese Kapitalgesellschaften nicht nur den Status des individuellen Kapitalgebers erhalten, sondern die Gutschrift auch
auf den einzelnen Aktionär übertragen werden kann
Nach Ansicht der Kommission dürfte die amerikanische Gesetzgebung die Kapitalgeber nicht dafür bestrafen, daß sie eine bestimmte Organisationsform akzeptieren, die ihnen durch die Gesetze oder Geschäftsbedingungen des fremden Landes diktiert
wirdx Um die Möglichkeiten für solche Benachteiligungen einzuschränken, empfiehlt die Kommission, es dem eigenen Ermessen
einer amerikanischen Handelsgesellschaft zu überlassen, bei
der Entrichtung der Steuer das ausländische Unternehmen, in
dem sie direkt Kapital investiert hat, entweder als Filialbetrieb oder als Tochtergesellschaft zu behandeln, ohne Rücksicht
darauf nehmen zu müssen, welche der beiden Organisationsformen
für den Auslandsbetrieb tatsächlich gewählt wurde. Die für
die Steuerberechnung einmal getroffene Wahl sollte jedoch bindend sein, bis das US-Schatzamt sich mit einer Änderung des
Status* einverstanden erklärt
Probleme der Landwirtschaft und der Rohstoffe
Nach Ansicht der Kommission ist es notwendig, unsere Agrarpolitik mit unserer Außenhandelspolitik in Einklang zu bringen,
ohne dabei die vernünftigen Ziele beider aufzugeben.
Der eigentliche Gegensatz besteht an sich nicht zwischen
der Außenhandels- und der Agrarpolitik, und den Methoden, die
bei der Durchführung einer wichtigen Phase unserer Agrarpolitik
angewandt werden. Um es gerade heraus zu sagen, starre Preisstützungsprogramme, welche die Preise auf dem Binnenmarkt über
den Weltmarktpreisen halten, laufen praktisch auf Preisfestsetzungen hinaus und führen zu einer Anhäufung von Überschüssen,
die sonst auf dem Binnen- oder Auslandsmarkt abgesetzt worden
wären. Um solche Programme der festen Preise auch weiter aufrecht zu erhalten, kann es für die Vereinigten Staaten zum
Schutze gegen ausländische Importe notwendig werden, Handelsbet»

- 8 -

�»MEEIxiA DIEiNST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

Handelsbeschränkungen der verschiedensten Art, einschließlich
von Einfuhrkontingent'eh-* einzuführen. Um die teuren preisgestützten Überschüsse exportieren zu können, könnte es sich als
notwendig erweisen, den Export zu subventionieren oder Maßnahmen des Dumpings anzuwenden, die im Falle ihrer Anwendung bei
Einfuhren in die Vereinigten Staaten die Anwendung unserer AntiDumping- und Ausgleichszollgesetze zur Folge haben würden. Preisfestsetzungen, besonders im Hinblick auf Waren, die dem internationalen Handelsaustausch unterliegen, sind ihrem Wesen nach unvereinbar mit den Prinzipien des privaten Handels, des freien
Unternehmertums und eines Welthandels-Systems, in dem keine
Nation benachteiligt sein soll
Wenn zu einem System festgesetzter Agrarpreise der zwangsläufig damit verbundene Apparat von Produktionskontingenten,
Einfuhrkontrollen und'Exportsubventionen hinzutritt, wird die
Landwirtschaft ihre Fähigkeit, bei der Ausweitung des internationalen Handels dauernd eine dynamische Rolle zu spielen,
großenteils verlieren. Das würde nicht nur für die Landwirtschaft selbst, sondern auch für unsere gesamte Wirtschaft und
für die Produktionskapazität der freien Welt ein schwerer Verlust sein. Darüber hinaus würden sich die Rückwirkungen auf
die Handelspolitik unserer Freunde und Verbündeten in der freien
Welt sehr nachteilig für alle Beteiligten auswirken
Die Kommission ist der Ansicht, daß eine dynamische Außenhandelspolitik, soweit sie die Landwirtschaft betrifft, nicht
aus einem verwirrenden Knäuel restriktiver Maßnahmen führen
wird, wie starren zu Festpreisen führenden Preisstützungsprogrammen, offenen oder verschleierten Exportsubventionen, Einfuhrkontingentierungen in den USA und im Auslande, Devisenbeschränkungen und Regiebetrieben. Wenn wie eine Außenhandelspolitik haben wollen, die ihren größten Beitrag zur Stärkung
unserer langfristigen'Vorhaben zur Erschließung von Auslandsmärkten unserer Landwirtschaft leisten soll, müssen wir so
schnell wie möglich unsere Politik auf eine Beseitigung derartiger Maßnahmen, als ein Teil oder als Ergänzung unserer eigenen Agrarpolitik,ausrichten
Instabilität der Rohstoffpreise
Die Kommission ist der Ansicht, daß die konstruktiven Beiträge, die die amerikanische Regierung zur Erreichung einer
größeren Stabilität der Weltmarktpreise leisten kann, in folgenden Schritten bestehen:
1) Maßnahmen ergreifen, die auf einen Abbau oder die Beseitigung der für den amerikanischen Außenhandel bestehenden
Hindernisse abzielen und andere Länder zu einer ähnlichen Politik anregen;
2) eine Politik einzuschlagen, durch die jenen Ländern,
die zu sehr von der Produktion einer nur geringen Anzahl von
Gütern abhängig sind, eine Auflockerung ihres Wirtschaftssystems
erleichtert wird; gleichzeitig sollen die Regierungen dieser
Länder zu einer Politik ermutigt werden, die eine Beteiligung aus-

- 9-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

ausländischer Kapitalgeber an dieser wirtschaftlichen Auflockerung
wahrscheinlich macht;
3) Unterlassung von Maßnahmen, die mit unseren eigenen Programmen zur Produktionskontrolle und Bevorratung in ursächlichem
Zusammenhang stehen und sich unnötigerweise auf die Weltmarktpreise auswirken;
4) mit anderen Nationen einen ständigen Gedankenaustausch
zu pflegen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, um bessere Informationen über Angebot und Nachfrage bei Rohstoffen und Lebensmitteln zu erhalten und Mittel und Wege zu finden, Schwankungen nach Möglichkeit auszuschalten;
5) Maßnahmen zu ergreifen, um die Fluktuationen des amerikanischen Marktes, die die Weltmarktpreise stark beeinflussen,
abzufangen.
Nach Sneicht der Kommission sollten Zölle und andere Einfuhrbeschränkungen für Rohstoffe nur nach wirtschaftlichen Überlegungen festgesetzt werden
Zoll- und Handelspolitik
.... Alle mit den Zollsätzen, der Zollpolitik und der Zollverwaltung im Zusammenhang stehenden Fragen fanden weit mehr
das Interesse der Öffentlichkeit als die vielen anderen Probleme, mit denen sich die Kommission zu befassen hatte. Zu den
Zollfragen wurden mündlich und schriftlich weit zahlreichere
Vorschläge an uns herangetragen als zu allen anderen von der
Kommission zu untersuchenden Problemen. Auf keinem anderen Gebiet wurden so eindeutig einander widersprechende, subjektive
Darstellungen von Tatsachen, so unterschiedliche Meinungen und
so entgegengesetzte Empfehlungen zum Ausdruck gebracht*
Die Argumente zugunsten eines freien Außenhandels sind
uns wohlbekannt. Die Feststellung möge hier aber genügen,
daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen für die Vereinigten
Staaten nach Ansicht der Kommission ein völlig liberalisierter
Handel nicht möglich ist. Wenn wir auch eine größere Handelsfreiheit anstreben, so müssen wir doch alle Lenkungsmaßnahmen
in den Vereinigten Staaten selbst und in anderen Ländern berücksichtigen, die die Prämissen geradezu negieren, auf die
sich solche Argumente stützen. Wir müssen bedenken, daß nicht
nur die Vereinigten Staaten gewisse Handelsbeschränkungen in erster Linie in Form von Zöllen und in besonderen Fällen
durch Festsetzung von Einfuhrquoten - aufrechterhalten, sondern
daß dies auch andere Länder tun. Vielmehr bedienen sich andere
Staaten des Quotensystems in weit stärkerem Maße als die U.S.A.
und wenden es sowohl gegenüber anderen Staaten als auch gegenüber uns in weit größerem Umfange an; darüber hinaus gibt es
bei ihnen eine gewisanbewirtschaftung und andere, in den USA
nicht übliche Maßnahmen.
Wie die Erfahrung lehrt, wird die amerikanische Zollpolitik,
vom Psychologischen und vom Wirtschaftlichen her gesehen, von
der Öffentlichkeit sowohl in den Vereinigten Staaten als auch
in anderen Ländern als der entscheidende Faktor schlechthin ge- 10 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

gewertet. Wir glauben» daß man ihr hier ei» zu starke Bedeutung zumißt» da nicht angenommen werden darf, daß irgendwelche
Maßnahmen seitens der Vereinigten Staaten in Bezug auf Zollverwaltung und Zollpolitik automatisch eine vollständige Lösung
des bereits vorstehend dargelegten Problems der Störung des
Gleichgewichts im Außenhandel bringen können. Jedes diesbezügliche Programm erfordert in den Vereinigten
Staaten wie auch in anderen Ländern entsprechende Maßnahmen auf
breiter Front, wobei diese die Konvertierbarkeit und Investitionstätigkeit einschließen, steh aber nicht auf sie beschränken brauchen« Ebenso wenig darf man annehmen, daß die amerikanischen Zölle sowie die Zollverfahren in erster Linie für
die zahlreichen Hindernisse verantwortlich sind, die dem internationalen Güteraustausch und dem vorteilhaftesten Einsatz von
Kapital und Arbeitskräften entgegenstehen. Es ist auf Grund
des von der Kommission begutachteten Materials klar, daß zwar
zahlreiche amerikanische Zölle hoch und viele unserer Zollverfahren langwierig und schwerfällig sind, daß aber auf der anderen Seite auch viele Zollsätze sehr niedrig liegen und die
Hälfte aller unserer Einfuhren völlig unverzollt nach den Vereinigten Staaten gelangen.
Wir sind uns der Gefahren der Verallgemeinerung bewußt.
Welche Maßstäbe man immer such anlegt, so steht jedenfalls
fest, daß die Vereinigten Staaten nicht mehr zu den Ländern
mit den höchsten Zollsätzen zählen. Im großen und ganzen sind
unsere Handelsrestriktionen nicht mehr und nicht weniger die
Ursache für unausgeglichene Handelsbilanzen als die Lenkungsmaßnahmen anderer Staaten. Andererseits sind die Beschränkungen von Import und Export wahrscheinlich nicht weniger wichtig
als die Kartellbeschränkungen, die nicht vorhandene Freizügigkeit der Arbeiter und der tiefverwurzelte Widerstand gegen
technische Neuerungen im Ausland, mit denen sie in ursächlichem Zusammenhang stehen. Das gleiche gilt für die Starrheit
im amerikanischen Wirtschaftssystem als Folge der Preisstützungsprogramme, der Gesetzgebung über Mindestlöhne, der Gesetze über die Preisbildung der zweiten Hand und dergleichen
mehr.
In Wirklichkeit ist es so, daß eine industrielle Spezialisierung in der Welt von heute überhaupt nicht mehr möglich ist.
Einige der oben genannten Lenkungsmaßnahmen werden beibehalten
werden müssen. Andere, die beispielsweise mit Rücksicht auf
die Verteidigung der freien Welt notwendig sind, können für
die Dauer einer drohenden kommunistischen Aggression nicht
fallengelassen werden. Das heißt, daß ein völlig freier Außenhandel nicht möglich ist.
Die Staaten der freien Welt wären jedoch viel stärker,
und der Zusammenhalt unter ihnen viel fester, wenn ein Teil der
Handelsschranken abgebaut, unnötige Unsicherheiten und Zeitverluste - die Folge derartiger Handelsschranken - beseitigt und
entsprechende internationale Abmachungen getroffen würden, die
es möglich machten, die allen gemeinsamen Eandelsprobleme zu er
örtern und eine Lösung für sie zu finden. Die nachstehend auf- 11 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

aufgeführten Maßnahmen sollen zur Erreichung dieser weitgesteckten Ziele beitragen.
Das Gesetz über die Bevorzugung amerikanischer Lieferfirmen
bei öffentlichen Ausschreibungen (Buy American Act) sowie die Beetimmungen anderer auf dem gleichen Grundsatz beruhender Gesetze
sollten dahingehend ergänzt werden, den Präsidenten zu ermächtigen, Bewerber aus Ländern ,die die amerikanischen Firmen genau so
wie ihre eigenen Landsleute behandeln, von diesen gesetzlichen
Bestimmungen zu befreien. Bis zum Erlaß derartiger Zusatzbestimmungen sollte der Präsindet die Beschaffungsämter durch Regierungserlaß anweisen, im Interesse der Öffentlichkeit ausländische Angebote, die alle anderen Erfordernisse erfüllen, auf
gleicher Preisbasis wie Angebote inländischer Firmen zu behandeln
Der Kongreß sollte den Präsidenten ersuchen, die ZollKommission zu veranlassen, unverzüglich die Zollsätze zu überprüfen mit dem ausdrücklichen Ziel, Vorschläge zur Vereinfachung
der Warenbezeichnungen und Tarifstrukturen auszuarbeiten; diese
Überprüfung sollte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen sein, und der Mitarbeiterstab der Zoll-Kommission zu diesem
Zweck vergrößert werden. Der Kongreß sollte den Präsidenten ermächtigen, auf Grund dieser Vorschläge, die von ihm für angemessen erachteten Änderungen der Warenbezeichnungen und Tarife
zu verkünden, vorausgesetzt, daß der Gesamtbetrag der Zolleinnahmen gemäß den von derartigen Vereinfachungen betroffenen
Positionen, soweit sie sich auf Einfuhren in einem näher definierten Zeitraum beziehen, durch diese Modifikationen keine
wesentliche Änderung erfährt«
Die Nicht-Diskriminierung im Handel, wie sie in mnserer
von keinen Bedingungen abhängigen Politik der Meistbegünstigung
zum Ausdruck kommt, sollte nicht geändert werden.
Die Vereinigten Staaten sollten ihre traditionelle Politik
der Nicht-Diskriminierung in ihren Handelsbeziehungen mit anderen freien Völkern fortsetzen. Nur eine an keinerlei Bedingungen geknüpfte Meistbegünstigungs-Doktrin steht mit einer solchen Politik in Einklang. Führten die Vereinigten Staaten
Präferenzen gegenüber bestimmten Ländern ein, so würde diese
Maßnahme bereits eine Diskriminierung darstellen und wäre mit
der Position der Vereinigten Staaten in der freien Welt nicht zu
vereinbaren. Unsere gegenwärtige nicht-diskriminierende Handelspolitik ist seit 30 Jahren in Kraft. Widerriefen wir sie jetzt,
so würde das unseren Bemühungen, andere Länder zur Abschaffung
von gegen uns gerichteten Präferenz-Verträgen zu veranlassen,
sehr abträglich sein.
Über die organisatorischen Bestimmungen des GATT sollte neu
verhandelt werden mit dem Ziel, die Vertragspartner in ihren
Funktionen darauf zu beschränken, daß sie multilaterale Handelsvertragsverhandlungen fördern, den gesetzgebenden oder* awäearen
zuständigen Körperschaften der jacÜnzelmäxL^ Länder allgemeine
Empfehlungen zur Handelspolitik unterbreiten, und ein Forum für
Beratungen über internationale Handelsstreitigkeiten bilden. Die
- 12 -

�"AMEBIKA PIEKST« - WIRTSCHAFT UNI; A&amp;BSIT

27. Januar '1954

Die gemäß diesem Vorschlag neu formulierten organisatorischen
Bestimmungen sollten dem Kongreß entweder in Form eines Vertrages oder eines gemeinsamen Beschlusses beider Häuser zur
Billiggng Torgelegt werden.
Die Vollmacht des Präsidenten gemäß dem Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen, Verträge auszuhandeln und in Kraft zu
setzen, sollte, unter Einhaltung bestimmter Sicherungen, für
einen Zeitraum von mindestens drei Jahren verlängert werden.
Eine solche Verlängerung sollte Zeit geben, sich über die Auswirkungen der in diesem Bericht enthaltenen Empfehlungen und
der im Ausland getroffenen Maßnahmen zur Wiederherstellung des
früheren multilateralen Handels- und Zahlungsverkehrs klar zu
werden und es dem Kongreß zu ermöglichen, die gemäß den obigen
Empfehlungen neugefaßten organisatorischen Bestimmungen des
GATT hinlänglich zu erörtern. Es sollte dann in Erwägung gezogen werden, das Gesetz über gegenseitige Handelsabkommen
($eciprocal frade Agreement) für einen Zeitraum von mehr als
drei Jahren zu verlängern, wobei Einschränkungen gemacht werden könnten, soweit sie sich durch die Praxis als Sotwendig
erwiesen haben.
Der Präsident sollte auf Grund diese Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen weitgehende Vollmachten erhalten, multilaterale Verhandlungen über einen graduellen Abbau der Zölle
einzuleiten. Die Vollmacht des Präsidenten, Zolltarife heraufzusetzen, soll dadurch nicht beeinträchtigt werden. Der Präsident soll für die Dauer der drei auf die Erneuerung dieses
Gesetzes folgenden Jahre ermächtigt werden, Zolltarife im folgenden Rahmen zu senken«
a) im Verfolg multilateraler Handelsvertragsverhandlungen
sollte der Präsident ermächtigt werden, die bestehenden Zolltarife in jedem der drei ersten Jahre der Laufzeit des neuen
Gesetzes um nicht mehr als 5 Prozent der gegenwärtigen Sätze
zu senken;
b) der Präsident sollte ermächtigt werden, auf Grund von
Informationen der Zollkommission Zolltarife ohne Rücksicht
darauf, ob gegenseitige Konzessionen gemacht werden, um
höchstens die Hälfte der seit I.Januar 1945 in Kraft befindlichen Sätze bei Erzeugnissen zu senken, die nicht oder nur
in sehr geringem Umfang eingeführt werden. Jede Zollsenkung
sollte schrittweise im Verlauf von drei Jahren vorgenommen
werden«
c; der Präsident soll ermächtigt werden, alle über die
obengenannte Höchstgrenze hinausgehenden Zolltarife auf 50 Prozent ad valorem oder den entsprechenden Satz zu senken, jedoch
wiederum graduell innerhalb eines Zeitraumes von 3 Jahren!
d) die sich aus den vorgenannten Empfehlungen ergebenden
Tarifsenkungen dürfen nicht kumulativ auf einzelne Warengattungen angewandt werden«
e) in Ausübung dieser Vollmachten sollten die derzeitigen
Verfahrensweisen für Vorverhandlungen wie auch für die Vorladung
und das Erscheinen vor der Zollkommission und interministerielle
- 13 -

�"AMERIKA DIENST" ± WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

interministerielle Ausschüsse eingehalten und entschieden werden,
wann eine Gefährdung der einheimischen Wirtschaft einsetzt. Außerdem sollen auf die gemäß diesen Vollmachten ausgesprochenen Zollsenkungen die Bestimmungen der Rücktrittsklausel (Escape Clause)
angewandt werden»..
... Die Rücktrittsklausel und die Bestimmungen über Gefährdungsgrenzen sollen beibehalten werden. Jedoch sollten die Statuten dahingehend abgeändert werden, daß dem Präsidenten ausdrücklich das Recht eingeräumt wird, sich über diesbezügliche
Untersuchungsergebnisse hinwegzusetzen» sofern er zu der Auffassung gelangt, daß die nationalen Interessen der Vereinigten
Staaten es erfordern.
Arbeitsbedingungen und internationaler Wettbewerb
Amerikanische Arbeitskräfte dürfen nicht einem unlauteren
Wettbewerb als Teil eines Programmes ausgesetzt werden, das der
Ausweitung des amerikanischen Außenhandels dient. Der Begriff
"unlauterer Wettbewerb" muß jedoch völlig klar umrissen werden.
Wie sich gezeigt hat, kann' nicht allein die Höhe der Löhne als
Richtschnur dienen. Unsere Exportindustrien gehören zu jenen
amerikanischen Industriezweigen, die ohnehin die höchsten Löhne
zahlen, und konkurrieren dennoch erfolgreich auf den Weltmärkten
mit Ländern, die ein niedrigeres Lohnniveau besitzen und sich
zum Teil durch besondere Handelsschranken gegen unsere Exporte
schützen.
Die Arbeitskosten pro Einheit sind ebensowenig ein zuverlässiger Maßstab. Die Unterschiede in den Gestehungskosten sind
die Grundlage im Welt- und Binnenhandel überhaupt. Weder niedrige
Löhne noch niedrige Arbeitskosten pro Einheit sind "unlauterer
Wettbewerb" an sich.
Ein ganz klarer Fall unlauteren Wettbewerbs liegt vor, wenn
die Arbeiter in einer bestimmten Branche niedrigere Löhne erhalten, als sie den anerkannten Arbeitsbedingungen in dem betreffenden Exportland entsprechen. In solchen Fällen sollten unsere Verhandlungsdelegationen unmißverständlich darauf hinweisen, daß bei
Importgütern, die von unterbezahlten Arbeitern hergestellt wurden, keine Zollkonzessionen gemacht werden.
Es wäre für die Vereinigten Staaten nur von Vorteil, wenn
die Arbeitsbedingungen in der ganzen Welt verbessert würden.
Viele der Empfehlungen, die an anderer Stelle dieses Berichtes
gemacht wurden, gelten einer Erhöhung der Produktivität und des
Lebensstandards anderer Länder. Sofern es den Vereinigten Staaten
möglich ist, zu einer allgemeinen Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage anderer Länder beizutragen, ohne diesen
zwingende Vorschriften zu machen, sollten sie dies tun. Wahrscheinlich wäre es von Amerika nicht klug gehandelt, in Handelsbesprechungen auf einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen als
Gegenleistung für einen Abbau der Zollschranken zu bestehen. Die
Kommission empfiehlt jedoch, daß die Vereinigten Staaten versuchen, eine Hebung der Arbeitsbedingungen dadurch zu erwirken,
daß sie eine beratende Funktion ausüben und auf internationalen
Konferenzen, wie beispieslweise den von der ILO geförderten Tagungen mitarbeiten.
.. .
Randprobleme

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar

1954

Randprobleme zur Handelsangleichung^
Während eich eine wirksame Korrektur der Handels- und Zahlungsbilanz nur durch Auslandsinvestitionen, Konvertierbarkeit
der Währungen und Anpassung der Außenhandelspolitik, auf die
in einem anderen Teil dieses Berichtes eingegangen wird, finden
läßt, können wichtige Beiträge zur Lösung dieses Pro-blems auch
auf anderen Gebieten geleistet werden. Hierher gehören unter
anderem der Ost-West-Handel, die Schiffahrt und der Fremdenverkehr, die nachstehend erörtert werden.
Ost-West-Handel
Bezüglich der Frage, welche Haltung die Vereinigten Staaten
zu dem immer stärker werdenden Wunsche einiger unserer westeuropäischen Alliierten nach Handel mit den Ostblockstaaten einnehmen
sollen, scheinen zwei Punkte vollkommen klar.
Erstens, das gegenwärtige Embargo auf Exporten aus den Vereinigten Staaten nach Rotchina und Nordkorea wie auch unsere Bemühungen, andere Staaten zur Durchführung derartiger Maßnahmen
zu bewegen, müssen fortgeführt werden, bis die gegenwärtig- akute
Bedrohung unserer Sicherheit und der Sicherheit der anderen freien
Nationen dieses Gebietes nicht mehr besteht?
zweitens, unsere gegenwärtigen Bemühungen, solche Exporte an
die Länder des sowjetischen Blocks in Europa zu verhindern, durch
die ihre militärische Stärke noch gesteigert werden würde, müssen
fortgeführt werden, bis ein echter Friede hergestellt ist.
Aber neben diesen beiden Kategorien bestehen noch weitere
Möglichkeiten für einen Ost-West-Handel mit solchen Gütern, durch
die die Stärke der Streitkräfte für einen militärischen Angriff
nicht erhöht werden würde - einen Handel, der den Ländern des Westens wohl zum Vorteil gereichen könnte.
Und besonders auf diesem Gebiete stehen die Vereinigten Staaten vor einem gewissen Problem.
Seit vielen Generationen besitzt Mitteleuropa eine Handelsstruktur, die wesentlich zur Stützung der Wirtschaftsprobleme
jener Länder beitrug, die heute unsere Verbündeten sind. Diese
Staaten bezogen früher aus der Sowjetunion, Polen, Ost-Deutschland und den Balkanländern Lebens- und Futtermittel, Erd-Öl und
andere Rohstoffe. Sie verkauften dafür diesen Staaten Industrieprodukte.
Seitdem die Absichten der Sowjets gegen die Länder des westlichen Kulturbereiches klar erkannt wurden, haben wir uns zusammen
mit anderen freien Nationen um eine Einschränkung des Handels bemüht. Dadurch wurden die wirtschaftlichen Systeme unserer Verbündeten geschwächt? die Notwendigkeit einer Unterstützung durch die
Vereinigten Staaten wuchs.
Wenn diese Unterstützung einmal nicht mehr gewährt werden
wird, dann erhebt sich für uns die schwerwiegende Frage, ob wir

- 15 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954

wir diese verbündeten Staaten auch weiterhin davon abhalten
sollten, sich diese» normalen und traditionellen Hand*lsschemas
zu ihrem Vorteil zu bedienen.
Es ist darüber hinaus sehr wohl möglich, daß ein erweiterter Handel mit Gütern der Friedensproduktion dazu dienen könnte,
den Eisernen Vorhang zu durchbrechen und uns dem Tage näherzubringen, da mit den Staaten Osteuropas wieder normale Beziehungen
aufgenommen werden können.
Die Kommission empfiehlt daher, die Vereinigten Staaten
mögen, soweit das ohne Gefährdung der militärischen Sicherheit
möglich ist und vorbehaltlich des Embargos gegen Rotchina und
Nordkorea, einen erweiterten Handel mit Gütern der Friedensproduktion zwischen Westeuropa und dem Sowjetblock zulassen....
Konvertierbarkeit der Währungen
Die Kommission ist sich klar darüber, daß zwischen der sofortigen Einführung einer allgemeinen Konvertierbarkeit der
Währungen und einer langsamen und vorsichtigen Entwicklung in
dieser Richtung ein wesentlicher Unterschied besteht. Und sie ist
sich weiter darüber klar, daß die allgemeine Wirtschaftslage
heute eher die Voraussetzungen zur Einführung einer allgemeinen
Konvertierbarkeit der Währungen bietet als je zuvor seit Kriegsende. Die Kommission ist der Ansicht, daß die Einführung einer
allgemeinen Konvertierbarkeit der Währungen Sache der in Frage
kommenden Länder selbst sei, und daß alle darauf bezüglichenEntscheidungen, Verfahren und die Festsetzung der einzelnen Phasen
des Übergangs ihnen überlassen bleiben müßten. Sie ist sich jedoch bewußt, daß eine Konvertierbarkeit der Währungen im Lichte
der von den anderen Ländern, insbesondere den USA, verfolgten
Wirtschaftspolitik erwogen werden mußj und sie ist überzeugt,
daß die in dem vorliegenden Bericht enthaltenen Empfehlungen
es den anderen Ländern erleichtern werden, Handels- und Zahlungsbeschränkungen aufzuheben, so schnell dies eine vorsichtige Wirtschaftspolitik gestattet.
Im Lichte dieser Erwägungen gestattet sich die Kommission
einige allgemeinen Bemerkungen über die Konvertierbarkeit der
Währungen zu machen. Die Kommission ist der Ansicht, daß die freie
Konvertierbarkeit der Währungen eine unerlässliche Voraussetzung
für die Schaffung eines weltweiten multilateralen und die Beibehaltung eines ausgeglichenen Handels in einem relativ freien
Markt ist. Und sie würde es bedauern, wenn lediglich eine rein
formale, nur durch Handelsbeschränkungen aufrechterhaltene Konvertierbarkeit der Währungen erreicht würde, ßie ist der Ansicht,
die Aufhebung von Zahlungs- und Handelsbeschränkungen sollte Hand
in Hand gehen, und befürwortet eine allmähliche, aber positive
Entwicklung in Richtung auf eine allgemeine Konvertierbarkeit.
Sie ist der Ansicht, daß die sogenannte "Konvertierbarkeit der
Verbrauchsgüter"("Commodity Convertibility"), durch die z.B.
ausländischen Inhabern von Kontokorrent-Sterling-Konten gestattet
wird, ihre Salden in immer stärkerem Umfang zum Ankauf von Dollargütern zu benutzen, we*in England seine großen Märkte für Verbrauchsgüter wieder öffnet - ein Prozeß, der bereits im Gange ist vom Standpunkt einer wirksamen Handelskontrolle wesentlich vor- 16 -

�"AFRIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

27. Januar 1954
i

vorteilhafter sein dürfte als die allgemeinere Konvertierbarkeit der Sterlingsalden.
Die Kommission tritt nicht für eine "übereilte" Umstellung
der Währungen auf allgemeine Konventierbarkeit oder für die
Methode der "unkontrollierten Währungsangleichung" ein, da
eine solche Verfahrensweise die Gefahr einer endlosen Inflationsschraube in sich birgt und größere Reserven erfordert,
als vorhanden sein dürften,um eine schrankenlose Währungsabwertung zu verhindern. Die Kommission steht jedoch der Auffassung vom "beweglichen Kurs" wohlwollend gegenüber, da
dieser die Möglichkeit einer Anpassung an die jeweiligen Erfordernisse des Handels und zum Abfangen spekulativer Preisund Währungsbewegungen bietet. Ob ein Staat im Inneren und
Äußeren stark genug ist, ein derartiges System wirksam zur
Durchführung zu bringen, kann mit einiger Sicherheit nur von
den jeweiligen Staaten selbst entschieden werden.
Die Kommission wünscht jedoch mit Nachdruck auf die von
ihr vertretene Ansicht zu verweisen, daß gesunde wirtschaftliche Verhältnisse im Innern, bei denen eine Kontrolle des
Geldumlaufes und des Haushaltes als Schutzmaßnahmen gegen
inflationistische Tendenzen sowie eine zur Nutzung aller vorhandenen Hilfsquellen notwendige Beweglichkeit gewährleistet
ist und die der Kapitalbilc'ung zur Produktivitätssteigerung
und einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt förderlich sind, eine Voraussetzung für die Konvertierbarkeit der Währungen darstellen. Die Kommission ist ferner
überzeugt, daß die Zeit, die ein Land braucht, um diese Voraussetzungen zu erfüllen, als Maßstab dafür dienen kann, wann es
sein WährungsSystem auf freie Konvertierbarkeit umstellen darf.
Eine andere, sehr wichtige Frage ist, welche Auswirkungen
eine Konvertierbarkeit des Sterling (und anderer europäischer
Währungen) auf die Europäische Zahlungsunion haben würde« Wie
die Dinge jetzt stehen, und nach über einjährigen Untersuchungen des Direktoriums der EZU, soll dieses auf Ersuchen
des Europäischen Wirtschaftsrates im März 1954 zur Frage der
Kon errtierbarkeit der Währungen (besonders des Ste ling) und
der weiteren Funktionen der EZU Stellung nehmen. Die Kommission ist überzeugt, daß die Europäische Zahlungsunion seit
jeher als eine temporäre Institution betrachtet wurde, und
nach ihrem eigenen Wirken auch als solche betrachtet werden
muß - d.h. als ein Organ zur Regelung des Waren- und Zahlungsverkehrs zwischen den europäischen Ländern (einschließlich
ihrer überseeischen Besitzungen). Aber die Zahlungsunion ist
weitgehend erfolgreich gewesen - besonders wurde durch ihr
Wirken deutlich, daß eine Liberalisierung des Handels mit der
des Zahlungsverkehrs Hand in Hand gehen muß. Die Kommission
glaubt, sie sollte sich hinter keine Maßnahmen stellen, an der
die Zahlungsunion scheitern könnte, bis sie durch eine bessere
Institution ersetzt wird. Dies ist ein Problem, das die
Mitgliedstaaten der OEEC (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa) untereinander aushandeln müssen, wobei
- 17 -

�"AMERIKA DIEJüST" - WIRTSCHAFT JND ARBEIT

27. Januar 1954

wobei besonderes Augenmerk darauf zu richten ist, daß die von
ihnen gefundene Lösung nicht den Aufbau eines weltweiten, multilateralen Waren- und Zahlungsverkehrssystems erhindert.
Schließlich bleibt noch die wohl wichtigste Frage angemessener Reserven zu erörtern. Man sollte sich stets vergegenwärtigen, daß der Sterling eine Schlüsselwährung ist, d.h. eine
Währung, die zur Finanzierung des Ha.dels dritter Länder benutzt wird. Selbst heute noch werden etwa 40 Prozent des gesamten 7/elthandels in Sterling verrechnet* wenn man also die
freie Konvertierbarkeit des Sterling einführte, o wäre das
englische Pfund weit mehr HandelsSchwankungen und Spekulationen
ausgesetzt alr irgend eine andere europäische Wäh ung. Hierin
liegt in der Tat der Grund, warum wir unt._ angemessenen Verhältnissen für eine freie Konvertierbarkeit des S erling im
Interesse eines freien Waren- und Zahlungsverkehrs im Rahmen
eines weltweiten multilateralen System eintreten- In dem Maße,
in dem andere, stark am Welthandel beteiligten Länder ihre
Währungen zusammen mit dem St rling auf freie Konvertierbarkeit umstellen, würde natürlich die Belastung des englischen
Pfundes abnehmen. Die Kommission ist hingegen überzeugt, daß
die Reserven Großbritanniens rhöht werden müssen, um das
volle Vertrauen in den Sterling wiede herzustellen.
Nach eingehender Beratung und genauem Studium der Gutachten der vor der Kommission im Ausland und in den Vereinigten Staaten erschienenen kompetenten und zuständigen Sachverständigen ist sie zu der Ansicht gelangt, daß sich ausreichende Reserven zum Zwecke einer allmählichen Umstellung auf die
freie Konvertierbarkeit der Währungen . nich aber um Zwecke
der Kapitaltransferierungen oder zum Ausgleich aufgelaufener
Saldi) durch eine nunmehr we.t größere Inanspruchnahme der
Goldbestände des Internationalen Währungsfonds, d e sich jetzt
auf 3,3 Milliarden Dollar belaufen, bes haffen ließen. Die
Kommission heißt alle zu diesem Zwecke vom Internationalen
Währungsfonds erlassenen Modifikationen, wie e ne Abänderung
der zeitlichen Begrenzung bei der Inanspruchnahme on Quoten
und der Klausel, durch die der Kreis der Mitgliedstaaten genau
umgrenzt wird, gut.
Als eine zweite Möglichkeit zum Aufbau von Währungsreserven und zur Durchführung sekundärer Maßnahmen auf dem Gebiete des ausländischen Zahlungsverkehrs, die gleichfalls
einen Beitrag zur Schaffung eines Systems der freien Konventierbarkeit leisten können, schlagt die Kommission or, die Banken
des Federal Reserve System sollten mit den Zentralbanken anderer Länder Verhandlungen aufnehmen um die Möglichkeit der
Gewährung von Krediten auf Abruf und die An ichten bezüglich
der Kredithöchstgrenzen zu sondieren. Uns sind eine ganze
Reihe derartiger Abkommen aus den Jahren vor dem Kriege bekannt.
Die Kommission ist der Überzeugung, daß diese Methode jeder
anderen überlegen ist, die zur zusätzlichen Beschaffung von
Dollar vielleicht in Vorschlag gebracht we.den könnte, weil
sich damit einmal eine Erhöhung der Staatsschuld umgehen ließe
und sie zum anderen anpassungsfähiger und weniger formell, dadurch aber wirksamer wäre, als eine formelle Gewährung von Krediten durch das amerikanische- Finanzministerium.
# # * * #

�A M E R I K A

D I E N S T

ZUR BEKRÄFTIGUNG UNSERES GLAUBENS...

Über die Ziele und Ideale, die die Nationen der
freien Welt, insbesondere Westeuropa, und die
Vereinigten Staaten miteinander verbinden, sprach
kürzlich die amerikanische Botschafterin in Rom,
Mrs. Cläre Booth Luce, vor dem Centro di Studi per
la Riconciliazione Internationale. Im folgenden
geben wir die wesentlichsten Ausschnitte ihrer Rede
wider:
ROM — (Amerika Dienst) — Die Menschen der freien Welt,
vor allem diejenigen, die in Westeuropa und in den Vereinigten
Staaten leben, teilen die feste Überzeugung, daß ein sicherer
Weg zur Förderung der Sache des Friedens darin besteht, einer
gröJ3tmöglichen Anzahl der Menschen, die diesen Erdball bevölkern,
die größte Möglichkeit zur Zufriedenheit - und zum Glück - zu
bie ten.
Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli
1776 in Philadelphia angenommen wurde, ist eine Manifestation
des Glaubens, daß alle Menschen "von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen auch
Leb sn, Freiheit und das Anrecht auf Glück gehören". Dies bezieht sich nicht nur auf Amerikaner, sondern auf alle Menschen.
Die Amerikaner stehen heute zu dieser Erklärung und - wie alle,
die guten Willens sind, zugeben werden - sie haben in diesen
Naclikriegsjähren alles versucht, ihr Nachdruck und Sinn zu geben für die Menschen überall in dieser geplagten Welt.
Gleichheit vor Gott
Wir, die Angehörigen der freien Welt, sind uns auch einig
in 3er Ansicht, daß dem Menschen als Individuum unsere wichtigste soziale und politische Achtung gebührt. Wir glauben, daß
jed 3r Mensch das Recht auf Gleichheit besitzt - Gleichheit der
Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten und schließlich unter
menschenwürdigen Umständen begraben zu werden. Wir versuchen,
dem Menschen diese Gleichheit zu garantieren, die er vor dem
Thron Gottes besitzt. Wir behaupten daher, daß "unabhängig
davon, wie komplex unsere Gesellschaft sein oder werden mag, das
Ind Lviduum im Mittelpunkt aller öffentlichen und privaten Bemühungen stehen müsse... daß der Mensch jenen göttlichen Funken
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Funken besitzt, der allein den Fortschritt zu einer besseren Welt
verbürgt... daß eben in Anbetracht dieses göttlichen Funkens jedes Individuum jene Grundrechte besitzt, die zu verteidigen und
zu erweitern das Selbstinteresse der Gesellschaft verlangt - in
Übereinstimmung freilich mit den Rechten der Gruppe, der es angehört. "
Freimütig und offen geben wir die Berechtigung jenes aufrührerischen Ausrufes zu, in den im 19« Jahrhundert der philippinische
Rebell Rizal ausbrach: "Wir sind Menschen!" Wir alle stehen fest
zu dem in der Präambel der UN-Charta festgelegten Gelöbnis, in
dem wir "den Glauben an die Grundrechte des Menschen, an die Würde und den Wert der Person, an die Rechtsgleichheit von Mann und
Frau..." bekräftigen.
Wir sind uns alle darüber im klaren, daß die Menschen, ähnlich
wie Bäume, zur Erreichung des vollen Maßes ihrer menschlichen Ehre
und Würde "den richtigen Boden und genügende Freiheit von Unterdrückung" brauchen. Wir wissen, daß - wie der englische Philosoph
Bertrand Russell es ausdrückte - "der Boden und die Freiheit, die
für das Wachsen eines Menschen notwendig sind, unvergleichlich
schwieriger zu entdecken und erhalten sind als der Boden und die
Freiheit, die für das Wachsen eines Baumes notwendig sind." Aber
wir teilen miteinander die gemeinsame Entschlossenheit, alles,
was in unserer Macht liegt, zu tun in dem Versuch, den richtigen
Boden und die Freiheit von Unterdrückung zu schaffen.
Stärke durch Einheit
Die meisten von uns sind sich einig in dem Glauben, daß, wenn
unsere allmähliche Entwicklung zur Universalität, zur Realisierung
der Brüderlichkeit der Menschen nicht für ein Jahrhundert oder mehr
unterbrochen werden soll, der nächste Schritt die Vereinigung Westeuropas sein muß.
Dies ist ein alter Traum, dem schon italienische Träumer die wie viele große Träumer bewiesen haben, daß sie höchst praktische Männer waren - Gestalt gaben. Unsere höchste Verpflichtung
ist es heute, alles zu versuchen, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Angesichts dieses gemeinsamen Glaubens an die richtige Form der Gesellschaft und der Welt und an den gerechten Platz,
den der individuelle Mensch in dieser einnimmt, dürfen wir, die
wir der freien Welt angehören, nicht überrascht sein, daß unsere
wechselseitigen Bindungen immer stärker werden.
Kein

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Kein Mensch und keine Nation kann allein gehen
Y»ras den Bomben in Pearl Harbor zum Opfer fiel, war nicht
in erster Linie die tapfere Flotte, die im Hafen lag. Es war
die amerikanische Isolation. In jenem Augenblick empfing die
Idee, daß eine Nation sich physisch von der übrigen Welt isolieren könne, ihren Todesstoß. Ea mag so scheinen, als ob
diese Idee in den Vereinigten Staaten schon vor langer Zeit
im Sterben gelegen habe. Heute aber akzeptieren nahezu alle
denkenden Amerikaner im ganzen gesehen die Wahrheit dessen,
was der amerikanische Präsident Woodrow Wilson schon im Mai
1916 erkannte und formulierte:
"Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, an dem Leben der
Welt beteiligt. Die Interessen aller Nationen sind nun auch
unsere eigenen. Wir sind Partner der übrigen. Das, was die
Menschheit berührt, ist unausweichlich ebenso unsere Angelegenheit wie die Europas oder Asiens".
Die Menschen der freien Welt erkennen nun, daß dieser rapide zusammenschrumpfende Globus, den in Kürze düsenbetriebene
Flugzeuge umkreisen werden, schließlich - was bisher nur als
Theorie und Prophetie galt - wirklich eine Welt ist. Auf
dieser Erkenntnis basiert die größte Hoffnung aller Menschen,
daß es nie wieder ein Pearl Harbor geben wird.
Geduld und Verständnis sind notwendig
Die meisten von uns sind sich darüber im klaren, daß diese
"eine Welt" keineswegs eine Welt ist, auf der es sich leicht
leben läßt - auch wenn hirnverbrannte Sentimentalisten uns das
Gegenteil einzureden versuchen. Wir werden ein gehöriges Maß
an Geduld, Mitgefühl und Verständnis aufbringen müssen, wenn
wir alle glücklich unter einem Dach leben wollen. In Westeuropa und in den Vereinigten Staaten haben wir einen vielversprechenden Anfang zur Erreichung des für das Leben in
einer Welt notwendigen Verständnisses gemacht. Wir sind bereits fest miteinander verbunden, durch Bande, die niemand
zu zerreißen vermag. Das Ausmaß der politischen Bindung
zwischen der Alten und der Neuen Welt wird kein aufmerksamer
Beobachter übersehen - sie äußert sich deutlich in den sich
überstürzenden Ereignissen unserer Zeit. Nicht weniger augenfällig ist das Ausmaß unserer wirtschaftlichen und technologisbhen Abhängigkeit. Vor hundert Jahren sagte der englische
Historiker und Staatsmann Thomas Babington Macaulay: "Der
Hauptgrund für die mangelhafte Verschmelzung der verschiedenen
Elemente der Gesellschaft war die außerordentliche Schwierigkeit» mit der unsere Vorfahren sich von einem Ort zum andern
begeben konnten
"
Die

�"AFRIKA DUNST"

10. Februar 1954

Die Völkerfamilie des alten Rom wurde viele Jahrhunderte
lang durch die von Römern erbauten großen geraden Fernverkehrsstraßen zusammengehalten. Wer vermöchte das Ende unserer Zivilisation abzusehen, einer Zivilisation, die über Schnellschiffe,
Automobile, Blitzzüge und Überschallflugzeuge verfügt ?
Ein weiteres Zeugnis für die gegenseitige wirtschaftliche
.Abhängigkeit zwischen den Nationen ist die Anteilnahme, die
andere Dänder der Wirtschaft der beiden Amerikas zuwenden, mit
der, wie sie genau wissen, ihre eigene Wirtschaft untrennbar
verbunden ist, sowie die nicht weniger klare Einsicht der Amerikaner, daß sie sich niemals eines wahren Wohlstandes erfreuen
werden, wenn es anderen Völkern nicht auch gut geht.
Und weiterhin: der ständig anwachsende, von Präsident
Eisenhower mit allem Nachdruck geförderte Außenhandel verstärkt
die zwischen den freien Nationen bestehenden Bande immer mehr.
Und für das Ausmaß der militärischen Gemeinschaft, die aus den
Notwendigkeiten der Nachkriegswirren erwuchs, legt der Atlantikpakt ein beredtes Zeugnis ab.
Die geistigen Bande zwischen den Völkern
Das amerikanische Volk hat ferner ein ungeheures kulturelles
Erbe mit den Völkern Europas gemeinsam. Die Idee, aus der sich
die Amerikanische Revolution und schließlich die Vereinigten
Staaten selbst als eine unabhängige Nation entwickelten, ist
weitgehend europäischen Ursprungs.
Es wird oft gesagt, daß
die Gründerväter Amerikas den besten Ideen der Alten Welt
auf dem Gebiete der Politik größere Klarheit und Folgerichtigkeit verliehen hätten. Wenn dies auch wahr sein mag, so waren
doch die großen Männer wie Washington, Jefferson, Hamilton,
Franklin und Madison am Beginn der amerikanischen Geschichte
durchaus vertraut mit der Gesellschaftsphilosophie, den Regierungssystemen und den Gesetzen Griechenlands, Roms, Frankreichs
und Großbritanniens. Sie alle waren Schüler Piatos, Aristoteles'
und Cicercs. Sie bauten auf dem besten Gedankengut der
Alten Welt. Und sie waren ebenfalls dem Wahrheitsgehalt
unserer religiösen Glaubensbekenntnisse tief verpflichtet.

Auch

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Auch die Künste und Wissenschaften Amerikas wurden von Strömen
bewässert, deren Quellen in anderen Ländern liegen. Sie wurden genährt von Geistern wie Homer, Praxiteles, Archimedes und Botticelli. Heute beginnt Amerika seinerseits durch die Werke eines
Philosophen wie Henry James, eines Architekten wie Frank Lloyd
Wright, eines Dramatikers wie Eugene O'Neill sein geistiges Erbteil zurückzuerstatten. Amerikas Ballettgruppen und Symphonieorchester haben internationalen Ruf erlangt, und auch auf dem Gebiet der Theologie und Philosophie beginnt die Nation ihre eigenen Wege zu gehen. Was auch immer für neue Formen die amerikanische
Kultur unter dem Himmel der westlichen Hemisphäre entwickeln wird:
sie ist mit der Kultur Europas verwandt, inspiriert diese rückwirkend und wird wiederum von neuem inspiriert. Die Ähnlichkeiten
zwischen Europäern und Amerikanern sind sehr viel größer als die
Unterschiede.
Unterschiede zwischen den Nationen sind kein Hindernis
Die Menschen Europas und die Amerikaner haben gemeinsame Ahnen. Sie kommen aus derselben rassischen Wurzel. Sie haben dieselben Gesetze. Ihr geistiges Erbe ist ein und dasselbe. Die Fa-r
milie ist der Grundstein ihrer Gesellschaft, und sie haben den
gleichen tiefen unbeirrbaren Glauben an Gott. Aber sie haben
genau so auch ihre Unterschiede, innen wie außen, und sie haben
ihre spezifischen Fehler. Einige seichte Internationalisten behaupten,
daß es zwischen den Menschen der einen Nation und denen einer anderen keine wesentlichen Unterschiede gäbe. Das ist eine trübselige, mechanistische Ansicht vom Menschen und von der Nation. Völker haben durchaus ihre Charakteristika, die sich durch die Jahrhunderte hindurch erhalten. Was wir lernen müssen ist, daß diese
natürliche Verschiedenheit nicht unbedingt zu blutigen Konflikten
führen muß. Wir können lernen, die Verschiedenheiten zu pflegen.
Was die freien Menschen dieser Welt wollen, ist eine auf das gemeinsame Wohl gerichtete Zusammenarbeit von Nationen, die in ihrer sozialen Artung ebenso wie in ihren jeweiligen lokalen Interessen voneinander abweichen.
In vielen Ecken der Welt gibt es ernste Ursachen zu Vorurteil
und Mißtrauen gegen Amerika und seine Bevölkerung. Ein wichtiger
Unterschied zwischen Amerika und, um nur ein Beispiel zu nennen,
der Bevölkerung Europas manifestiert sich in den Worten "Alte Welt"
und "Neue Welt". Weil die Vereinigten Staaten eine "junge Nation"
seien, wirft man ihnen oft politische Unreife vor und glaubt, daß
sie für die große Rolle, die die Geschichte ihnen auferlegt hat,
noch nicht reif seien. Amerika ist absolut bereit, anzuerkennen,
daß es eine junge Nation ist. Das ist vielleicht einer der Gründe
dafür, daß es mit einigem Zögern an seine internationalen Aufgaben
herangeht, wie es eben junge Menschen in der Gegenwart ihrer Eltern befällt. Doch wenn die Umstände die Amerikaner zwingen, auszusprechen, was sie für richtig halten, so sind sie andererseits
auch bereit»zuzuhören. Sie sind bereit, Ratschläge anzunehmen.
Sie glauben nicht, daß sie die Weisheit gepachtet hätten. Der
amerikanische Außenminister John Foster Dulles legte dafür in erfrischender Weise Zeugnis ab, indem er sagte, daß "Amerika in einer
Welt des Einverständnisses leben" wolle.
Aber
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

10« Februar 1954

Aber welche Nation, sei sie alt oder jung, ist heute hinreichend ausgerüstet, um die schweren Verantwortungen auf sich
zu nehmen, die ungeheuren Lasten und Entscheidungen, die das
Gewicht dieses historischen Augenblicks in sich birgt ?
Welcher Nation in der Welt könnte man attestieren, daß sie
die volle Reife und die perfekte Fähigkeit habe, um die Führung der Welt zu übernehmen ?
In der Jugend kann Stärke liegen
Es ist wahr, daß die Alte Welt auf eine längere Geschichte
als die Neue Welt zurückblicken kann. Aber es ist auch wahr,
daß das amerikanische Regierungssystem ein gut Teil länger auf
einer gesunden Basis arbeitet als manche andere Regierung, die
zur Zeit existiert«.
Im Jahre 1787, als die Amerikaner die Verfassung ausarbeiteten, die noch heute Gültigkeit hat, war zum Beispiel von
einer deutschen Reichsgründung durch Bismarck noch nicht die
Rede. Italien war politisch zerrissen und zum großen Teil
unter fremder Herrschaft. In Großbritannien sollte es noch
fünfzig Jahre dauern, ehe es etwas gab, das einer öffentlichen
Wahl gleichkam. Louis XVI. regierte Frankreich ohne daß seine
Gedanken von dem Schatten kommender blutiger Ereignisse getrübt
gewesen wären. Katharina die Große hatte die Regierungsgewalt in Rußland inne, und nichts ließ die Umwälzungen ahnen,
die Lenin, Trotzki und Stalin herbeiführen würden. China war
eine uralte Monarchie, die sich noch nichts von Sun Yat-Sen,
Chiang Kai-Schek und Mao Tse-Tung träumen ließ. Was die
Lauer ihrerfiegierungsformenund ihrer Gesellschaftsphilosophie
angeht, sind viele Nationen der Welt im Vergleich zu den
Vereinigten Staaten noch Kinder zu nennen.
Die dreizehn amerikanischen Kolonien, die sich erst vor
nicht einmal zweihundert Jahren mit dem gemeinsamen Ziel der
Unabhängigkeit die Hand reichten, waren an sich beinahe genau
so eifersüchtig auf ihre Souveränität und ihre ökonomischen
Sonderinteressen wie manche andere Nation heutzutage. Mehr als
einmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten bestand die
Gefahr, daß solche Eifersucht die Union zerbrach. So hatten
die Amerikaner sich bei der Abfassung ihrer Konstitution wie
später bei ihrer praktischen Ausführung stets bemüht, sich
dessen bewußt zu sein, daß der Preis der Einheit die beständige Balance zwischen den Rechten und den Pflichten des
einzelnen Bürgers ist, zwischen der lokalen Verwaltung und
der Regierung des Einzelstaates sowie der Bundesregierung
- daß die Beschränkungen der verschiedenen Souveränitäten
sorgfältig definiert und unnachsichtig kontrolliert werden
müssen.

Eine

�"AMERIKA DIENST"

10. Februar 1954

Eine freie Nation ist stets bereit, der Zukunft ins Auge zu sehen
Ein Pendant zu der Beschuldigung, daß es den Vereinigten Staaten an politischer Reife ermangele, ist die, bei unseren Feinden
so sehr beliebte Phrase, wir seien eine "Kriegshetzer-Nation."
Amerikaner werden mitunter aber auch "Friedenshetzer" geschimpft
und es wird ihnen zur Last gelegt, daß sie in ihrer Absicht, den
Krieg zu vermeiden, sich der Gefahr aussetzen»ihre Führerstellung
zu riskieren.
Jene, die die Geschehnisse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts genau studiert haben, werden die Widerlegung dieser beiden
Beschuldigungen nicht fordern. Die Amerikaner haben sich alle Mühe
gegeben, den Frieden zu erhalten. Der Krieg, der kam, war ihnen
von ihren Feinden stets aufgezwungen worden - sehr zum späteren
Verdruß eben dieser Feinde.
Viele Male haben die Vereinigten Staaten sich um die Beschränkung der Rüstung bemüht, stets nur um alle ihre Hoffnungen
durch imperialistische Obstruktionspolitik vereitelt zu sehen. Das
amerikanische Volk hat in loyaler und uneingeschränkter Weise die
Ziele der Vereinten Nationen unterstützt. Es war geduldig und
wird auch weiterhin geduldig sein. Es wird jederzeit versuchen,
der Beschuldigung zu entgehen, daß es in internationalen Angelegenheiten, die den Krieg bedeuten könnten, übereilt gehandelt
hätte. Die Amerikaner werden immer bereit sein, ihre Friedensziele
vor der großen Schranke der Weltmeinung der Beurteilung darzulegen. Und sie werden dies tun ohne Einbuße der Ehre oder ihrer
Integrität. Einige dieser Dinge sind ihnen unveräußerliches Gut,
und sie werden nicht müßig dabeistehen, während sie in den Staub
getreten und dort zertrampelt werden.
"Optimismus" ein Wort für freie Staaten
Amerikaner werden oft wegen ihres als exzessiv erachteten
Optimismus von vielen Leuten scheel angesehen. Es ist durchaus
wahr, daß auf Grund der günstigen Umstände, unter denen die Amerikaner ihr Experiment der Selbstregierung durchführen konnten, auf
Grund ihres Erfolges in der "Zähmung der Grenzen", sie sich gewohnheitsmäßig so verhalten als könnten sie allen Schwierigkeiten,
die uns das Dasein auf diesem Planeten auferlegt, ins Auge sehen
und sie meistern. Ein wohlbekanntes Sprichwort der Amerikaner ist:
"Was getan werden muß, kann auch getan werden." Es war der nationale Erfolg, der dem Volk der Vereinigten Staaten gab, was D.W. Brogan,
der scharfsichtige irische Kritiker als dessen "ungeheuren und unbezähmbaren Optimismus" bezeichnet hat, der dem Europäer, mit dem
langen Weg seiner Geschichte und seiner entmutigenderen Lebenserfahrung so fremd ist.
Heute gibt es bereits sichtbare Anzeichen dafür, daß dieser
"exzessive" amerikanische Optimismus eine Mäßigung erfährt. Die
harten Erfahrungen der Nachkriegs jähre haben in den meisten Amerikanern eine neue Nüchternheit geweckt, einen neuen Realismus, mit
dem sie an ihre Vorhaben herangehen, ein wachsendes Verständnis
- 7 -

�"Aj.EhlKA LIEHST"

10. Februar 1954

Verständnis dafür, daß die Weltpolitik wie die nationale Politik "die Kunst des Möglichen" ist, - ein gutes Vorzeichen für
die Zukunft.
Pessimismus führt zu Verzweiflung und Niederlage
Im Grunde aber lebt der amerikanische Optimismus weiter.
Das ist gut so, denn es darf mit Recht angenommen werden, daß
ohne diesen optimistischen Drang Dinge unterbleiben würden,
die getan werden müssen, um eine Weltkatastrophe zu verhindern.
Blinder, gedankenloser Optimismus, der daran glaubt, menschlicher Portschritt sei unaufhaltsam, daß das Morgen sich von
selbst ergeben werde, ist schlecht, keinesfalls schlechter als
blinder gedankenloser Pessimismus, der die Schlacht noch vor
der Beteiligung am Kampf als verloren ansieht, der kampflos
aufgibt und sich der Verzweiflung überläßt.
Was wir in der freien Welt am meisten zu fürchten haben,
ist die Verzweiflung, Verzweiflung die zersetzt, Verzweiflung,
die jegliches Handeln hemmt, Verzweiflung, die lähmt. Verzweiflung und jenes Übel, das die Verzweiflung schürt und ausnützt - der Zynismus. Aber dort, wo westeuropäisches und
amerikanisches Denken konform gehen, sollten wir den Mittelweg des Vertrauens ohne Illusionen finden können, Glauben
ohne Fanatismus, nüchternen Realismus ohne Zynismus, Dinge, die
wir brauchen werden um mit den Problemen dieses, aus den Fugen
geratenen Zeitalters fertig zu werden.
Um gerecht zu sein, um die Waagschalen auszugleichen, ist
es nur fair, zu erwähnen, daß - berechtigter- oder unberechtigterweise - der Durchschnittsamerikaner das Gefühl hat, daß
er einen zu großen Teil der lasten der Verteidigung - wirtschaftlicher und militärischer Natur - unserer gesamten zivilisierten Welt, was letztlich doch eine allgemeine Bürde ist,
zu tragen habe. Der Amerikaner ist der Ansicht, daß die
Steuerlast für die gemeinsame Sicherheit, für die Wirtschaftshilfe, die Unterstützung der Vereinten Nationen und deren Sonderorganisationen, für die er mitarbeiten muß, zu schwer sei.
Deshalb schaut er mit Unwillen auf das, was ihm als wachsender
"Neutralismus" überall in der Welt erscheinen muß. Er sieht
sofort, was viele Menschen anderer Nationen nicht sehen: daß
Neutralismus nur ein neues Wort für "Isolationismus" ist,
genau das, was die Kritiker Amerikas so lange Zeit als das
schlimmste Zeichen amerikanischer Unreife bezeichnet haben.
Was von uns gefordert wird - den Völkern V/esteiropas und
dem Volk der Vereinigten Staaten - ist ein ehrliches Bemühen
um die gegenseitige Verständigung, ein Bemühen geboren aus der
Erkenntnis, daß alle vorhandenen Unterschiede unsere alles
andere überragende Einheit nicht stören dürfen.
Wir brauchen bessere Schriften und Berichte über die eine
und die andere Welt - mehr de Tocquevilles, Bryces, Barzinis,
die den Europäern von Amerika berichten, mehr Franklins, Jeffersons, Santayanas, die die Alte Welt für die Neue interpretieren.
Solange
- 8 -

�"AFRIKA DIENST"

10. Februar 1954

Solange wir sie nicht haben, wird dem großen Vorhaben, den
internationalen Komitien, nicht gedient sein.
Alexis de Tocqueville war einer der beredsamsten und
freundlichsten Kritiker der USA. Er schrieb vielleicht das
größte Buch über das amerikanische Experiment, da er es verstand, was viele heute nicht tun, daß der amerikanische Traum
durchaus kein amerikanischer, sondern ein europäischer Traum
ist, der von Europäern geträumt und verwirklicht worden ist.
Amerika mit seinen vielen und großen Fehlern ist noch immer
das Land der Verheißung, als das die Europäer es sich ursprünglich vorgestellt haben.
Kann es sein, daß die europäische Seelenpein um Amerikas
Unzulänglichkeiten geboren ist aus dem Wunsch des Träumers,
der auf die Erfüllung seines Traumes hofft, darauf, daß er
vollkommen wahr werde - wahr bis zur Vollkommenheit ?
# * * * *

- 9-

�LIE GESCHICHTE LEE REPUBLIKANISCHEN PARTEI L Ü R
VEREINIGTEN STAATEN
Sonderbericht zum 100.Jahrestag ihrer Gründung
Am 28.Februar 1954 besteht die Republikanische
Partei Amerikas genau einhundert Jahre. Aus diesem
Grunde geben wir Ihnen nachstehend eine vollständige Geschichte der Grand Old Party - der GOP, wie
die Republikanische Partei oft kurz genannt wird mit dem Elefanten im Wappen. Verfasser ist Nicholas
Roosevelt, früher US-Gesandter in Ungarn, der sie
für die ENCYC10PAELIA AMERICANA verfaßt hat.
WASHINGTON - (Amerika Lienst) - Die Gründung der Republikanischen Partei im Jahre 1854 war eine Folge der wachsenden Sklavenfeindlichkeit der Nordstaaten und der Unzufriedenheit mit den
Whigs und anderen in Opposition zu den Demokraten des Südens
stehenden Parteigruppen. Ler Streit um die Ehre, wer der neuen
Partei ihren Namen gegeben habe, ist noch nicht,entschieden, und
auch über den genauen Geburtsort der Partei hat man sich bisher
nicht endgültig geeinigt. Anspruch darauf erheben die Staaten
Michigan, Wisconsin, New York, Massachusetts und Maine. Wichtiger als solche Einzelheiten ist die Tatsache, daß im Jahre 1854
in all diesen Staaten vorausblickende Männer eine politische Reform für nötig erachteten. Sie schlössen sich zusammen und
stellten für ihre neue "republikanische" Partei Kandidaten auf.
Bereits ein Jahr später waren von den damals 62 Mitgliedern des
Senats 15 und von den 236 Abgeordneten des Repräsentantenhauses
108 Mitglieder der Republikanischen Partei und in den darauffolgenden Jahren 1854, 55 und 56 wurden in mehreren Staaten bereits
republikanische Kandidaten zu Gouverneuren und Abgeordneten gewählt.
Lern ersten Landeskonvent der Republikanischen Partei in
Philadelphia (Pennsylvanien) am 17.Juni 1856 wohnten auch
Edwin L. Morgan, Owen Lovejoy, Thaddeus Stevens, Horace Greely,
James G. Blaine, Ebenezer R. Hoar und John Bigelow bei, die
später eine politische Rolle in den USA spielen sollten. Zu den
aussichtsreichsten Anwärtern auf die republikanische Präsidentschaftskandidatur gehörte auch William H. Seward. Lie endgültige Entscheidung fiel aber zugunsten des von' Romantik umwitterten,
volkstümlichen "Pfadfinders", Offiziers und Pioniers John C.
Fremont aus, und als Kandidat für den Posten des Vizepräsidenten
wurde William L. Layton aufgestellt, während Abraham Lincoln auf
diesem Parteitag merkwürdigerweise nur 110 Stimmen erhielt, die
- 1 -

�"AFRIKA DIENST"

17. Februar 1954

die zu einer Nominierung nicht ausreichten.
Die Aufstellung Fremonts erwies sich nicht als besonders
glücklich und der siegreiche demokratische Kandidat James
Buchanan hatte nur wenig Einfluß auf das amerikanische Volk,
so daß die Republikaner bei den Kongreßwahlen im Jahre 1858
wieder die Mehrheit im Repräsentantenhaus erlangen konnten,
während ihnen im Senat von insgesamt 66 Sitzen 26 zufielen.
Bereits im Jahre 1860 besaßen sie die eindeutige Mehrheit in
beiden Häusern des Kongresses, und in fast allen Staaten des
Nordens wurden ihr Präsidentschaftskandidat Abraham Lincoln
und ihr Vizepräsidentschaftskandidat Hannibal Hamlin ins
Weiße Haus gewählt.
Besonders bemerkenswert ist es auch, daß Lincoln bei der
Wahl des Jahres 1860 nicht nur von den bei der 1856er Wahlkampagne führenden Republikanern unterstützt wurde, sondern
daß auch William M. Evarts, George William Curtis, Charles A.
Dana, Chauncey Depew und Carl Schurz für ihn eintreten. Mit
anderen Worten, der jungen Republikanischen Partei war es bereits in den ersten 6 Jahren ihres Bestehens gelungen, die
Unterstützung und Mitarbeit der fähigsten Männer der jüngeren
Generation für sich zu gewinnen und einen der größten Amerikaner zum Präsidenten zu wählen.
Noch niemals vorher war einem Präsidenten gleich unmittelbar nach seiner Amtsübernahme eine so große Last aufgebürdet
worden wie Lincoln. Ohne jegliche verwaltungstechnische Erfahrung, ohne irgendwelche strategische Ausbildung und ohne
eine genaue Kenntnis der politischen Gegebenheiten mußte er
bereits 6 Wochen nach der Einführung in sein neues Amt die
politische Führung und den militärischen Oberbefehl über eine
Nation übernehmen, die mit sich selbst uneins, in einen Krieg
verwickelt war, dessen Ende er nicht einmal um eine Woche
überlebte.
In diesem Zusammenhang verdienen drei Dinge am Rande des
politischen Geschehens noch besondere Beachtung: daß auf den
Stimmzetteln für die Präsidentschaftswahl im Jahre 1864 der
Name "Republikanische Partei" durch "Union-Partei" ersetzt
worden war; daß Präsident Lincoln ernsthafte Vorkehrungen traf,
um im Falle seiner Niederlage seinem Nachfolger mit allen
Kräften zu helfen, den Krieg zu gewinnen; daß Andrew Johnson,
der zum Vizepräsidenten gewählt worden war, nicht der für das
.Amt des Präsidenten geeignete Mann war.
Es war nur natürlich, daß die Führung auf den Parteikongressen der Republikaner schon von Anfang an in den Händen von
Männern aus den Nordstaaten lag. Darüber hinaus wurde die neue
Organisation, die als Opposition gegen eine bestehende Ordnung
entstanden war, schnell zu einem Sammelbecken für Geschäftsleute vom Mittelstand bis zur Großindustrie, zumal der Sezessions
krieg die Industrialisierung in den Nordstaaten beschleunigte
und die Republikanische Partei schon von Anfang an die Einführung von Schutzzöllen befürwortete. Sie wandte sich an die
Vertreter jenes traditionellen Konservativismus, der in der
persönlichen
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

17. Februar 1954

persönlichen Initiative den einzigen Schlüssel zu materiellem
Erfolg erblickt, und der diesen Erfolg nur nach Dollars und Cents
zu messen pflegt.
32 Jahre nach dem Tode Abraham Lincolns wurde William
McKinley Präsident; in seine Amtszeit fällt die Grundlegung der
amerikanischen Großindustrie. Die Männer der Geschäftswelt galten damals als Schöpfer und Baumeister einer großen amerikanischen
Zukunft, und die Bankiers spielten in Klein- und Großstädten eine'
führende Rolle. In atemberaubendem Tempo vollzog sich die Entwicklung der Vereinigten Staaten, riesige Vermögen wurden in dieser
Ära der Prosperität erworben und wieder verloren. Im Norden und
Westen der Vereinigten Staaten verschmolzen die Begriffe Prosperität und Republikanische Partei so eng miteinander, daß die Wähler
in schlechten Zeiten dazu neigten, gegen die Republikaner zu stimmen. Wer nicht teilhatte an der wirtschaftlichen Blüte, welche
die rasche Industrialisierung des Nordens mit sich brachte, schloß
sich den Demokraten oder der Popularpartei an.
Die Republikanische Partei bekannte sich offen zum "big
business", sie war die Partei der großen Geschäftsleute und Industriellen und von diesen Kreisen finanziell abhängig. Ihre Parteiführer waren durchaus konservativ;
Chronologisch gesehen ergibt sich folgendes Bild der Geschichte der Republikanischen Partei.
Nachdem Johnson die zweite Amtszeit Lincolns zu Ende geführt
und sich dabei die heftige Gegnerschaft beider Parteien zugezogen
hatte, nominierten die Republikaner General Ulysses S. Grant,
der 1868 Präsident wurde. Er erhielt auch 1872 die Mehrheit der
Stimmen, obwohl eine republikanische Splittergruppe Horace Greely
als Gegenkandidaten aufgestellt hatte. Während seiner ersten Amtsperlode konnte sich Grant auf eine ansehnliche Mehrheit in beiden
Häusern des Kongresses stützen, doch die Unzufriedenheit über Art
und Weise seiner Wiederaufbaupolitik in den Südstaaten nach dem
Sezessionskrieg sowie die Entrüstung über den nicht ganz einwandfreien Lebenswandel einiger seiner engsten Freunde und Mitarbeiter fanden 1874 in einer demokratischen Mehrheit im Abgeordnetenhaus ihren Ausdruck. Es ist jedoch nicht mehr als recht und billig,
darauf hinzuweisen, daß diese Reaktion gegen die am Ruder befindlichen Republikaner ihren Grund zum Teil in der Finanzkrise des
Jahres 1873 und der weitverbreiteten Unzufriedenheit in den FarmDistrikten des Mittelwestens hatte. Schuyler Colfax amtierte im
ersten und Henry Wilson im zweiten Kabinett Grant als Vizepräsident. Grants persönliche Beliebtheit war noch so groß, daß ihn
eine beachtliche Anzahl von Parteiführern zum dritten Mal nominieren wollte. Doch der republikanische Konvent entschied sich für
Rutherford B. Hayes aus Ohio als Präsidentschafts- und William A.
Wheeler aus New York als Vizepräsidentschaftskandidaten. Die Demokraten dagegen nominierten Samuel J. Tilden aus New York und
Thomas A. Hendricks aus Indiana. Ihre Kandidaten erhielten die
meisten Wählerstimmen, doch die Wahlmännerstimmen der Staaten SüdKarolina, Florida, Louisiana und Oregon wurden angefochten und
von beiden Partein beansprucht. Diese Auseinandersetzung beschäftigte
- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

17. Februar

1954

beschäftigte lange Zeit einen besonderen Überprüfungsausschuß,
der schließlich entschied, daß er nicht die Stimmzettel untersuchen könne, auf.denen die Wahlmännerstimmen der einaelnen
Staaten beglaubigt worden waren. Daher wurden Hayes und Wheeler
185 Wahlmännerstimmen zugesprochen, während Tilden und Hendricks
nur 184 erhielten. Hayes ernannte John Sherman, den Bruder des
Generals William T. Sherman,zum Finanzminister. Dieser schuf
die Grundlagen für ein gesundes Finanzwesen des amerikanischen
Bundes. Unter Hayes wurden auch die Truppen aus den Südstaaten
zurückgezogen.
Präsident Hayes war nicht beliebt genug, um ein zweites
Mal nominiert zu werden. Im folgte im Jahre ,1880 James A. Garfield,.
Ein enttäuschter Bewerber verübte am 2. Juli 1881 ein Attentat
auf Präsident Garfield, der am 19. September des gleichen Jahres
starb. Sein Nachfolger wurde Vizepräsident ehester Arthur, der
aber den Anforderungen des hohen Amtes nicht gerecht wurde, so
daß die Demokraten nach den Kongreßwahlen des Jahres 1882 wieder
mit einer Mehrheit von 73 Stimmen das Abgeordnetenhaus beherrschten. Die Republikaner stellten 1884 James G. Blaine und John A.
logan als Kandidaten auf. Bei den Wahlen siegten aber die Demokraten mit Grover Cleveland und Thomas A. Hendricks, und in das
Abgeordnetenhaus zog wieder eine demokratische Mehrheit ein.
Dabei ist die Feststellung interessant, daß Cleveland seinen
Sieg nur einer Mehrheit von 1 149 Stimmen von den insgesamt
1 200 000 Stimmen des Staates New York verdankte.
1888 wählten die Republikaner Benjamin Harrison aus Indiana.
Durch ihn wurden die Schutzzölle durch das sogenannte McKinleyGesetz von 1890 erhöht und im gleichen Jahre das Sherman-Arftitrust-Gesetz angenommen. Das Kabinett Harrison verhandelte auch
über einen Vertrag, nach dessen Bestimmungen die Inselgruppe von
Hawaii an die Vereinigten Staaten angeschlossen werden sollte.
Das Abkommen wurde zunächst von den demokratischen Senatoren abgelehnt und erst angenommen, als die Republikaner nach der zweiten Amtsperiode Clevelands wieder ans Ruder kamen.
Trotz seiner Popularität wurde Harrison bei den Wahlen im
Jahre 1892 von Grover Cleveland geschlagen, und die Demokraten
gewannen die Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im
Senat. Die demokratische Partei wandte sich gegen hohe Zölle und
trat dafür ein, daß die Bundesregierung Zölle überhaupt nur zur
Steigerung der Staatseinnahmen erheben dürfe. Neben der Unsicherheit in der Schutzzollfrage mit ihren Rückwirkungen auf die
heimische Industrie bildete vor allem die Schrumpfung der nationalen Goldreserven von 190 Millionen Dollar im Jahre 1890
auf 95 Millionen im Jahre 1893 und das gleichzeitige Schwinden
des Überschusses des amerikanischen Finanzministeriums von 105
Millionen auf 2 Millionen die Hauptursache der Finanzpanik des
Jahres 1893, die zu einer der schwersten Wirtschaftskrisen in
der amerikanischen Geschichte gezählt werden muß.Wie so oft
schon, waren auch die Kongreßwahlen des auf die Finanzpolitik
folgenden Jahres durch eine Ablehnung der regierenden Partei

�"AMERIKA DIENST"

17. Februar 1954

Partei gekennzeichnet, und so erlangte die Republikanische Partei
die Kontrolle über beide Häuser.
Im Jahre 1896 stellten die Republikaner William McKinley
als Präsidentschaftskandidaten und Garret A. Hobart für den
Posten des Vizepräsidenten auf und sprachen sich für ein Festhalten am Goldstandard und für die Erhebung von Schutzzöllen
aus. Der Kandidat der Demokratischen Partei, William J. Bryan,
der in seiner Wahlkampagne für eine freie und uneingeschränkte
Prägung von Silbergeld bei einem Verhältnis von 16 zu 1 eintrat,
erlebte eine eindeutige Niederlage. McKinley wurde gewählt und
unterzeichnete kurz nach seiner Amtsübernahme das sogenannte
Dingley-Zollgesetz. Zur selben Zeit verschlechterte sich die
Lage auf Kuba zusehends,,und der Ruf nach Intervention der USA
wurde immer lauter. Am 15« Februar 1898 wurde das amerikanische
Schlachtschiff Maine im Hafen von Habana in die Luft gesprengt.
Zwei Monate später befanden sich Amerika und Spanien im Kriegszustand, der mit Unterzeichnung des Pariser Friedensvertrages im
Dezember 1898 sein Ende fand. Puerto Rico, die Philippinen und
Guam wurden an die Vereinigten Staaten abgetreten und Kuba zeitweilig unter amerikanische Schutzherrschaft gestellt. Auf diese
Weise fand sich Amerika plötzlich in eine überseeische Expansionspolitik verwickelt, die von den Demokraten als "Imperialismus"
abgelehnt wurde. Präsident McKinley, eine volkstümliche Gestalt,
wurde 1900 abermals als Präsident gewählt. Doch bereits sechs Monate nach Beginn seiner zweiten Amtsperiode wurde er am 6. September 1901 von einem Anarchisten in Buffalo (New York) niedergeschossen und erlag eine Woche später, am 14« September, seinen Verletzungen.
Sein Nachfolger wurde der Vizepräsident Theodore Roosevelt,
der nach Beendigung seiner kurzen aber Aufsehen erregenden militärischen Laufbahn auf Kuba zunächst das Amt eines Gouverneurs
von New York übernommen hatte. Präsident Roosevelt verpflichtete
sich, die Politik McKinleys weiterzuführen und behielt das Kabinett seines Vorgängers bei, dem John Hay als Außenminister und
Elihu Root als Kriegsminister angehörten. Im zweiten Jahr seiner
Präsidentschaft brach in Amerika ein Bergarbeiterstreik aus, der
die Gefahr einer Kohlennot während des Winters 1902 heraufbeschwor. Roosevelt brachte eine Aussprache zwischen den Unternehmern
und den Arbeiterführern zustande und ernannte eine Kommission,
der es schließlich gelang, eine Einigung herbeizuführen. Auf außenpolitischem Gebiet nutzte er die Gelegenheit einer Revolution in
dem damals zu Kolumbien gehörenden Gebiet von Panama aus und anerkannte die Bildung eines neuen selbständigen Staates Panama, mit
dem er sogleich Verhandlungen aufnahm, um den Vereinigten Staaten das Recht zum Bau und zur späteren Verwaltung eines Kanals
durch den Isthmus von Panama zu sichern.
Roosevelt, der während des größten Teils der zweiten Amtsperiode McKinleys den Posten des Präsidenten bekleidet hatte,
wurde bei der Präsidentschaftswahl im Jahre 1904 zusammen mit
Charles W. Fairbanks als Vizepräsidenten nominiert. Er konnte
von den Stimmen der 476 Wahlmänner 336 für sich gewinnen. Da er
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

17. Februar 1954

er mit so großer Majorität gewählt worden war, fühlte er sich berechtigt, eine neue Politik, deren endgültiges Ziel die Freimachung der Republikanischen Partei von der Beherrschung durch
die Interessen des Großkapitals war einzuleiten, er erwirkte die
Ermächtigung den Aufgabenbereich der Interstate Commerce Commission
(eines Bundesausschusses zur Kontrolle des Transportwesens) zu erweitern und die Eisenbahntarife festzusetzen. Auch erhob er Klage
gegen mehrere große Industrieunternehmen, die einer Verschwörung
zur Behinderung des Handels beschuldigt wurden. Der erste und
wichtigste unter diesen Prozessen war der sogenannte Nord-AktienFall. Sein Vorgehen wurde vom Großkapital schärfstens kritisiert
und zog den Verlust der Unterstützung zahlreicher konservativer
Führer der Republikaner nach sich. Die Beliebtheit des Präsidenten beim Volk erfuhr allerdings dadurch keinerlei Beeinträchtigung.
Auf außenpolitischem Gebiet half Theodore Roosevelt bei
der Vermittlung des Friedens nach dem Russisch-Japanischen Krieg
und bot während der Marokko-Krise seinen ganzen Einfluß auf, um
einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland zu verhindern.
Von Dezember 1907 bis Februar 1909 sandte er die amerikanische
Flotte auf eine Weltreise und bekannte sich offen zu dem politischen Grundsatz, daß eine Nation nur dann geachtet wird, wenn
sie stark ist.
Präsident Theodore Roosevelt nahm entscheidenden Einfluß
auf die Nominierung seines Nachfolgers William Howard Taft auf
dem Parteikongreß der Republikaner im Jahre 1908. Taft war vorher bereits Kriegsminister und Generalgouverneur der Philippinen.
Seine Aufstellung durch den Parteikongreß wurde allgemein als ein
hervorragender Schachzug angesehen und er gewann zusammen mit
James S. Sherman als Vizepräsidenten die Stimmen von 321 der insgesamt 483 Wahlmänner.
Präsident Taft sympathisierte besonders mit konservativen
Elementen innerhalb der Republikanischen Partei, und so war eine
Spaltung zwischen den Anhängern Theodore Roosevelts und Tafts unvermeidbar. Diese Kluft griff vom Kabinett ausgehend auch auf
den Kongreß über, wo es zwischen den Republikanern aus dem Osten
und dem Westen zu Meinungsverschiedenheiten über die Zollfrage
kam. Die sogenannte Payne-Aldrich-Zollakte von 1909 befriedigte
nur wenige. Inzwischen setzte sich Taft eifrig für den Abschluß
eines wechselseitigen Vertrags mit Kanada ein, dessen Bestimmungen die Weiterentwicklung der Landwirtschaft und Industrie zahlreicher republikanisch gesinnter Staaten ernstlich gefährdeten.
Vor Ende der Sitzungsperiode des 61. Kongresses am 4. März 1911
blieb ihm die Annahme versagt, und als er dann die Billigung des
folgenden Kongresses fand, änderte Kanada seine Meinung und versagte dem Vertrag die Ratifizierung.
Als Theodore Roosevelt nach einer Jagdexpedition in Afrika
und einer Rundreise durch Europa im Jahre 1910 nach Amerika zurückkam, bemühten sich zahlreiche seiner Freunde, ihn für eine
Anti-Taft-Politik zu gewinnen. Zunächst lehnte er es aber ab,
die Innenpolitik Tafts zu kritisieren, um sich dann aber doch zu
- 6 -

�"AMERIKA DIENST

17. Februar

1954

zu Beginn der Wahlschlacht im Jahre 1912 als Gegenkandidat Tafts
für die Präsidentschaftswahl aufstellen zu lassen. Durch den
Bruch zwischen den beiden Männern wurde die Republikanische
Partei in zwei Gruppen aufgespalten. Roosevelt und Taft erschienen beide auf dem Parteikonvent der Republikaner in Chikago und
behaupteten, die Mehrheit der anwesenden Delegierten hinter sich
zu haben. Doch die Taftgruppe beherrschte den Parteitag. Darauf
kam es zu einer Spaltung der republikanischen Partei, und die
Anhänger Roosevelts gründeten die progressive party (Portschrittspartei) , gewöhnlich nach ihrem Emblem, dem Elchbullen, Bull
Moosepartei genannte. Im August veranstalteten sie einen Parteitag in Chikago und stellten Theodore Roosevelt als Präsidentschaftskandidaten und Hiram W. Johnson als Vizepräsidentschaftskandidaten auf. Bei den Wahlen im November trug wegen der Spaltung der Republikaner jedoch der demokratische Kandidat Woodrow
Wilson den Sieg davon, während Roosevelt 4 200 000 Stimmen und
Taft 3 400 000 Stimmen erhielt. 1916 wurde die Spaltung in der
Republikanischen Partei durch Theodore Roosevelts Aufforderung
an seine Anhänger, für den republikanischen Abgeordneten Charles
E. Hughes zu stimmen, nur teilweise überbrückt. Das Rennen zwischen Wilson und Hughes, der als Gouverneur des Staates New York
einige Reformen durchgeführt hatte und deswegen als liberal galt,
verlief so knapp, daß viele Zeitungen Hughes als den neugewählten Präsidenten vorstellten. Als jedoch die endgültigen Wahlergebnisse vorlagen, stellte es sich heraus, daß Hughes im Wahlkollegium nur 254 Stimmen bekommen hatte, während Wilson mit
277 Stimmen erneut zum Präsidenten gewählt worden war. In den
letzten Monaten des Jahres 1918 wuchs dann die allgemeine Unzufriedenheit mit der Kriegführung des Präsidenten Wilson, und als
er bei der Einberufung eines demokratischen Kongresses die Loyalität der demokratischen Partei in Frage stellte, antwortete das
amerikanische Volk mit einem Sieg der Republikaner bei den Kongreß-Neuwahlen. Es war also so gut wie sicher, daß der nächste
Präsident ein Republikaner sein würde.
Nach Wilsons Tod stellte die Demokratische Partei den wenig
bekannten Gouverneur von Ohio, James M. Knox, als Präsidentschaftskandidaten und den Gouverneur des Staates New York, Franklin D-.
Roosevelt, als Vizepräsidentschaftskandidaten auf.
Auf dem republikanischen Parteitag in Chikago im Jahre 1920
bewarben sich drei, auf ihrem Fachgebiet sehr angesehene Männer
um die Präsidentschaftskandidatur, der Gouverneur des Staates
Illinois, Frank Lowden, der Generalmajor Leonard Wood und der
Senator Hiram Johnson. Von ihnen war jedoch keiner besonders beliebt. Die Parteiführer warteten ab, bis die Verhandlungen auf
einem toten Punkt angekommen waren und beantragten dann die Ernennung des ihren Wünschen eher entsprechenden Senators von Ohio,
Warren H. Harding, zum Präsidentschaftskandidaten. Aus Propagandagründen wurde noch der volkstümliche Gouverneur von Massachusetts, Coolidge, als Vizepräsident auf die republikanische
Wahlliste gesetzt. Coolidge war während eines Streiks der Bostoner
Polizei durch seinen Ausspruch "niemand ist jemals oder unter
irgendwelchen Umständen berechtigt, gegen die öffentliche Sicherheit zu streiken" in ganz Amerika berühmt geworden.
_ .. . , ,
jrrasicienx

�"AMERIKA DIENST"

17. Februar 1954

Präsident Harding brachte zwar eine Anzahl tüchtiger Leute in
sein Kabinett, z.B. Herbert Hoover als Handelsminister und Charles
Evans Hughes als Außenminister, aber er selbst war nicht der geeignete Mann für das Amt eines Präsidenten. Wie die Geschichte des
Teapot Dome ölskandals beweist, versuchten dunkle Kräfte der
Republikanischen Partei, Harding für ihre Zwecke auszunützen,
Andererseits fand unter Hardings Regierung im November 1921 die
Flottenabrüstungskonferenz in Washington statt. Die auf der Konferenz entworfenen Verträge wurden im Jahre 1922 ratifiziert. Ein
Jahr darauf starb Präsident Harding, und Calvin Coolidge wurde
sein Nachfolger. Er beseitigte zunächst die unsauberen Elemente aus
der ehemaligen Umgebung Hardings und bemühte sich dann hauptsächlich um eine Tilgung der Staatsschuld und um die Herabsetzung der
Steuern.
1924 wurde Coolidge, ein einwandfreier Charakter und ein kluger Politiker, auf dem republikanischen Parteitag erneut als Präsidentschaftskandidat aufgestellt und mit ihm Charles G. Dawes als
Vizepräsidentschaftskandidat. Unter Coolidge erlebte Amerika, was
es sich ersehnt hatte, eine Zeit ruhiger Verwaltung ohne Sensationen.
1927 berief er die Genfer Flottenkonferenz ein, auf der das für
Schlachtschiffe geltende Kräfteverhältnis 5:3:3 der drei großen Seemächte (England, USA, Japan) auch auf Kreuzer ausgedehnt werden
sollte. Die Konferenz verlief jedoch ergebnislos. 1928 gab Coolidge
auf die Frage, ob er sich wieder als Präsidentschaftskandidat
aufstellen lassen wolle, die berühmte Antwort: "Ich ziehe es vor,
nicht zu kandidieren", und auf dem republikanischen Parteitag beteiligte sich Coolidge, treu seiner charakteristischen Zurückhaltung,
nicht an der Nominierung seines ehemaligen Handelsministers Hoover
zum Präsidentschaftskandidaten. Später unterstützte er allerdings
seinen früheren Minister rückhaltlos.
Hoover und sein Vizepräsidentschaftskandidat Charles Curtis
wurden mit einer Stimmenmehrheit gewählt, wie sie die amerikanische
Geschichte noch kaum erlebt hatte. Bei Hoover waren alle Voraussetzungen für einen großen Präsidenten gegeben, denn er hatte sich
in den Kabinetten der Präsidenten Harding und Coolidge einen guten
Namen gemacht und besaß weitgehende Erfahrungen auf dem Gebiete der
Außenpolitik; außerdem war er ein bekannter Ingenieur und Philanthrop. Es kam jedoch anders als man erwartet hatte, denn während
Hoovers Amtszeit ereignete sich die größte Wirtschaftskatastrophe
der neueren Geschichte, die Weltwirtschaftskrise von 1929• Der
Präsident sah sich Kräften gegenüber, denen er wie seine Ratgeber
hilflos gegenüberstand. Unter dem Eindruck der wachsenden Arbeitslosigkeit, wandten sich die Amerikaner nach kurzer Zeit gegen Hoover
und machten ihn für ihre Leiden verantwortlich. Bis 1932 war Hoover
in den Augen des amerikanischen Volkes soweit mit der Wirtschaftskrise identifiziert worden, daß seine Wiederwahl unmöglich war.
An Hoovers Stelle trat der demokratische Kandidat Franklin Delano
Roosevelt. 1936 stellten die Republikaner den tüchtigen Gouverneur
von Kansas, Alfred M. Landon, einen guten Beamten und typischen
Republikaner mit gesunden konservativen Wirtschaftsansichten als
Präsidentschaftskandidaten auf. Mit ihm kandidierte Franklin M.Knox
für das Amt des Vizepräsidenten. Landon war für eine Wahlkampagne
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

17. Februar

1954

Wahlkampagne gänzlich ungeeignet und wurde von seinem volkstümlichen und brillanten Gegenspieler Roosevelt völlig in
den Schatten gestellt. Auf dem republikanischen Parteitag im
Jahre 1940 entbrannte ein erbitterter Kampf zwischen einer
Gruppe von Parteiführern, die den Senator Robert Taft aus Ohio
als Präsidentschaftskandidaten vorschlug und einer anderen Gruppe,
die Thomas E. Dewey, den Gouverneur von New York, aufstellen
wollte. Der Konflikt wurde auf eine für die Republikanische
Partei ziemlich ungewöhnliche Weise bereinigt, denn weder Taft
noch Dewey, sondern Wendeil Willkie wurde vom Parteitag vorgeschlagen, und zum Vizepräsidentschaftskandidaten wurde McNary
nominiert. Willkie führte eine wirkungsvolle Wahlkampagne, aber
auch er konnte gegen Roosevelt nicht aufkommen. 1944 wurde
Dewey und sein Vizepräsidentschaftskandidat John D. Bricker aus
Ohio von Roosevelt geschlagen, obwohl hinter Dewey ein gut organisierter Apparat stand.
Im Kongreß beschränkten sich in dieser Zeit die Republikaner auf die Ablehnung fast aller von Roosevelt vorgeschlagenen
Maßnahmen. Nach Roosevelts Tod änderte sich die Lage jedoch zugunsten der Republikaner, und 1946 errangen sie sowohl im Repräsentantenhaus
(246 : 188) als auch im Senat (51 : 45) die
Mehrheit. Auf Grund dieses Sieges und angesichts des scheinbar
ständig schwindenden Prestiges des Präsidenten Truman prophezeiten viele politische Beobachter und Führer beider Parteien
für 1948 einen republikanischen Sieg. Doch als im November 1948
die endgültigen Wahlergebnisse vorlagen, stellten die Demokraten
nicht nur den Präsidenten, sondern gewannen sowohl im Senat
(54 :42) als auch im Repräsentantenhaus (263 : 171) die Mehrheit.
Nach ununterbrochener 20jähriger Herrschaft der Demokraten
in den USA brachte das Wahljahr 1952 wieder einen Republikaner
auf den Platz des obersten Beamten: den Feldherrn und Universitätspräsidenten Dwight D. Eisenhower. Das Ergebnis dieser denkwürdigen Wahl am 4. November 1952,das Ike mit 34 Millionen Stimmen
zum Präsidenten der USA machte - sechs Millionen Stimmen mehr
als je bei einer amerikanischen Wahl einem einzelnen Mann gegeben wurden - nannte die öffentliche Meinung einen politischen
"Erdrutsch".
* * * * #

- 9-

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE ATOMBOTSCHAFT PRÄSIDENT EISENHOWERS

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die Sonderbotschaft,
die Präsident Eisenhower am 17. Februar 1954 dem Amerikanischen Kongreß unterbreitete und in der er eine Abänderung des Atomenergiegesetzes von 1946 vorschlug,
hat folgenden Wortlaut:

"Ich ersuche den Kongreß, mit dem Ziele einer Stärkung
der Verteidigung und Wirtschaft der Vereinigten Staaten und
der freien Welt, eine Reihe von Novellen zum Atomenergiegesetz aus dem Jahre 1946 zu erlassen. Mit diesen GesetzesErgänzungen würde dieses Ziel bei entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen auf folgenden Wegen erreicht werden können:
1) Erweiterte Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten in
gewissen, die Atomenergie betreffenden Fragen;
2) Verbesserung der Verfahren zur Überwachung und Freigabe von Informationen über die Atomenergie;
3) Förderung einer auf breiterer Basis betriebenen Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke in den
Vereinigten Staaten.
Fortschritte auf dem Gebiete der Atomforschung
Als das Atomenergiegeset z im Jahre 1946 formuliert wurde,
befand sich die Welt an der S chwelle zum Atomz eitalter. Im
Jahr zuvor hatten die Vereini gten Staaten eine neue und elementare Quelle gewaltiger Ene rgie erschlossen, Diese Kraft
friedlichen und produktiven Z wecken nutzbar zu machen, war
schon damals unser Wunsch und unser Ziel, aber die furchterregende Zerstörungskraft verd unkelte uns den S inn, um die
Möglichkeiten der Atomenergie zum Wohle der Me nschheit Recht
zu erkennen. Die meisten Mens chen setzten die Atomenergie mit
der Atombombe gleich, und die Bombe bedeutete die restlose
Zerstörung ganzer Städte und den Tod von Mllli onen Männern,
Frauen und Kindern.
Darüber hinaus war das Monopol, das unser Volk auf dem
Gebiet der Atomwaffen besaß, von entscheidender Bedeutung für
die internationalen Beziehungen. Im Interesse der gemeinsamen
Verteidigung und des Weltfriedens war es notwendig, dieses
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

dieses Monopol durch die strengsten Geheimhaltungsmaßnahmen zu
schützen und zu erhalten.
Unter diesen Umständen wurde das Atomenergie-Gesetz erlassen. Vollauf den damaligen Bedingungen genügend, entspricht das
Gesetz auch heute noch im wesentlichen den Erfordernissen unseres Staates.
Seit 1946 haben wir jedoch große Portschritte in der Atomforschung und der praktischen Anwendung der Atomenergie gemacht.
Wissenschaftliche Entwicklungen, die sonst während Generationen
zur Reife gelangten, wurden in weniger als einem Jahrzehnt zur
Vollendung gebracht. Jahr auf Jahr haben wir auf dem Gebiete der
ik
ging und das Atomenergie-Gesetz verabschiedet wurde, sind bei
weitem in den Schatten gestellt worden.
Eine der damals allgemein grassierenden Annahmen - daß die
Vereinigten Staaten ihr Atomwaffen-Monopol für längere Zeit würden halten können - erwies sich bald als irrig. Dieses Monopol
besteht seit 1949 nicht mehr, d.h. es war schon drei Jahre nach
Erlaß des Atomenergie-Gesetzes nicht mehr vorhanden. Aber andererseits gibt es auch gewisse Dinge, die diesen Verlust so gut wie
wettmachen.
Viele der Atomwaffen, die man im Jahre 1946 für Konstruktionen einer weit entfernten Zukunft hielt, zählen heute in den
Ausrüstungen unserer Streitkräfte bereits zu den herkömmlichen
Waffen. Gemessen an den thermonuklearen Waffen von heute, die
es vor acht Jahren überhaupt noch nicht gab, ist die zerstörende
Kraft der Atomwaffen winzig. Die Durchführbarkeit des Baues eines mit
Atomenergie getriebenen U-Bootes schien im Jahre 1946 fraglich;
der Stapellauf der U.S.S. "Nautilus" vor drei Wochen hat es ganz
deutlich gemacht, daß die Verwendung von Atomenergie zum Antrieb
von Schiffen sich letzten Endes doch einmal allgemein durchsetzen
wird. Im Jahre 1946 wollte es scheinen, als sei die Zeit, da man
Industriestrom aus Atomenergie-Quellen erhalten könne, noch recht
entfernt -. heute stehen wir unmittelbar an der Schwelle dieser
Ära.. Die Verwirklichung dieses Zieles ist größtenteils nur noch
eine Sache weiterer Forschung und Entwicklung und hängt in gewissem Sinne davon ab, daß wir Bedingungen schaffen, in denen ein
Unternehmungsgeist blühen kann.
Es ist ganz offensichtlich, daß derartige Entwicklungen in
so kurzer Zeit einen tiefgreifenden Einfluß auf unsere Politik
auf dem Gebiete der Atomenergie hätten haben müssen. Aber in mancher Beziehung ist unser Atomenergie-Gesetz noch immer so, daß
es den Verhältnissen von 1946 entspricht.
Viele der gesetzlich geregelten Einschränkungen, die sich
auf solche im Jahre 1946 wirklich realen Tatsachen, wie das bestehende amerikanische Atomwaffen-Monopol und die begrenzte Verwendung der Atomenergie auf dem zivilen und militärischen Sektor,
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

24- Februar 1954

Sektor, gründeten, stehen heute im Jahre 1954 nicht mehr im Einklang mit den wirklichen Gegebenheiten auf dem Gebiete der Atomforschung. Darüber hinaus stellten diese Einschränkungen ein Hindernis für die richtige Ausbeutung der Atomenergie zum Segen des
amerikanischen Volkes und unserer Freunde in allen Teilen der
Welt dar.
Eine objektive Beurteilung dieser verschiedenen Faktoren
führt eindeutig zu folgenden Schlußfolgerungen: Was unsere eigene
Verteidigungsplanung angeht, so werden wir unsere Schlagkraft auf
dem Gebiet der Atomkriegführung wesentlich erhöhen, wenn wir den
mit uns in der gemeinsamen Verteidigung verbundenen Nationen gewisse,
genau festgesetzte Informationen über den Einsatz von Atomwaffen
ohne größere Schwierigkeiten zugänglich machen können. Hinsichtlich der Verwendung von Atomenergie zu friedlichen Zwecken sei
darauf verwiesen, daß dies sich schneller erreichen läßt und die
Segnungen eher einem weiteren Kreis von Menschen zuteil werden
können, wenn wir unsere Zusammenarbeit mit verbündeten Nationen
erweitern und die amerikanische Industrie in einem größeren Maße
daran teilhaben lassen. Durch eine Steigerung der militärischen
Schlagkraft unterbauen wir unsere Bemühungen, einen Aggressor
abzuschrecken; durch eine Erweiterung der Möglichkeiten, die'Atomenergie auch für friedliche Zwecke zu verwenden, fördern wir den
Fortschritt unserer Nation und stärken wir die freie Welt.
Teil I
des Atomenergie-Gesetzes von 1946 hat in weiser
Voraussicht die Notwendigkeit zukünftiger Revisionen des Gesetzes
anerkannt. In seinem Geist und seiner Behandlung von Fragen, die
für die Verteidigung und das Wohlergehen der Nation von äußerster
Wichtigkeit sind, schlage ich vor, daß der Kongreß eine Reihe von
Ergänzungen zum Atomenergiegesetz beschließen möge.
Zusammenarbeit mit anderen Nationen
In diesem Atomzeitalter ist die Vertiefung der internationalen
Zusammenarbeit zur Verteidigung der freien Welt die erfreulichste
Entwicklung auf außenpolitischem Gebiet. Die Vereinigten Staaten
haben mit vielen Freunden gemeinsame Maßnahmen ergriffen, um einen
Aggressor abzuschrecken und, wenn dies notwendig werden sollte,
den Aggressor zu besiegen. Die unser Land und unsere Freunde
bindenden Abkommen auf dem Gebiet einer gemeinsamen Verteidigung
stellen für jeden möglichen Aggressor eine Warnung dar, daß er
einer schnellen Bestrafung und einer unvermeidlichen Niederlage
entgegengehen wird. Diese mächtigen, dem Frieden dienenden Bestrebungen müssen so stark und überzeugend wie möglich gemacht werden.
Die Mehrzahl der mit uns verbündeten Staaten haben bisher
kaum Gelegenheit gehabt, Informationen über den Einsatz von Atomwaffen einzuholen. Gemäß den gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen
dürfen wir ihnen keine taktischen Informationen zugänglich machen,
die für eine wirksame Beteiligung dieser Nationen zusammen mit
uns an gemeinsamen militärischen Operationen und Planungen sowie
für ihre eigene Verteidigung gegen einen mit Atomwaffen geführten
Angriff ganz unerläßlich sind.
Unsere eigene Sicherheit wird in dem Maße größer, in dem unsere
Alliierten Informationen über die Verwendung von Atomwaffen und
die Verteidigung gegen einen mit diesen Waffen geführten Angriff
- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

Angriff erhalten. Einige unserer Verbündeten stellen ja in der
Tat spaltbares Material oder Waffen selbst her und fördern eine
wirksame Atomenergie-Forschung sowie Arbeiten über eine friedliche Verwendung der Atomkraft. Aber alle sollten besser über
die Probleme eines mit Atomwaffen geführten Krieges informiert
werden, d.h. besser gerüstet, den Erfordernissen einer solchen
Kriegführung zu entsprechen. Damit die freie Welt eine wirksame
Verteidigungseinheit werden kann, muß sie über alle Tatsachen
auf dem Gebiete der Atomforschung unterrichtet sein.
Ich schlage daher vor, daß der Austausch von taktischen Informationen mit solchen Ländern, die sich zusammen mit den Vereinigten Staaten an gemeinsamen Defensiv-Abkommen beteiligen,
gesetzlich gestattet wird. Bei diesem Informationsaustausch handelt es sich um solche Informationen, wie sie für die Entwicklung
der Verteidigungspläne und für die Ausbildung des für die atomare
Kriegführung vorgesehenen Personals notwendig sind. Die noch in
dieser Sonderbotschaft zu empfehlenden Zusätze zur Definition
"Geheiminformationen" werden gleichfalls dazu beitragen, eine
notwendige verwaltungsmäßige Elastizität bei dem atomaren Informationsaustausch mit solchen Nationen herbeizuführen.
Um einem im Jahre 1951 bestehenden spezifischen Erfordernis
unserer Landesverteidigung entgegenzukommen... nahm der Kongreß
ein sorgfältig begrenztes Verfahren beim Informationsaustausch
über die Verarbeitung atomarer Rohstoffe, über die Entwicklung
des Kernreaktors, über die Produktion von spaltbaren Materialien
und über die hiermit zusammenhängende Forschungsarbeit und Entwicklung an. Diese Einschränkungen sollten nun so modifiziert
werden, daß die den heutigen Verhältnissen besser angepaßte Genehmigung für einen Informationsaustausch im Interesse unseres
Landes wirksamer angewendet werden kann.
Was die Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiete der friedlichen
Verwendung von Atomenergie anbetrifft, so sind zusätzliche Ergänzungen erforderlich, damit die Vereinigten Staaten wirksam
mit den befreundeten Nationen zusammenarbeiten können. Eine derartige Kooperation macht den Austausch bestimmter "Geheiminformationen" über die industrielle Anwendung von Atomenergie sowie
die Freigabe von spaltbarem Material in solchen Mengen notwendig,
die für eine Verwendung in Industrie und Forschung ausreichen.
Ich empfehle daher eine Erweiterung des Atomenergie-Gesetzes, um
eine solche Zusammenarbeit gesetzlich zu sanktionieren. Diese
Novelle soll ausdrücklich die Bestimmung erhalten, daß jede Nation vor Abschluß eines Abkommens hinsichtlich der Überlassung
von spaltbarem Material die notwendigen Sicherheiten geben muß,
diese nicht für militärische Zwecke zu verwenden.
Wenn wir anderen Nationen derartige Informationen überlassen,
dann entsteht dabei natürlich ein Risiko, das in jedem einzelnen
Falle gegen den Vorteil, der sich daraus für die Vereinigten
Staaten ergibt, abgewogen werden muß. In jedem Falle müssen wir
uns folgende Fragen vorlegen; Wie müssen diese Angaben in bezug
auf Geheimhaltung eingestuft werden und wie wichtig sind sie,
welchem besonderen Zweck werden sie dienen, inwieweit ist der mit

�24. Februar 1954

"AMERIKA DIENST

mit uns zusammenarbeitende Staat gegen Spionage gefeit, welche
Rolle spielt er in der Verteidigung der freien Welt und welchen
Beitrag hat er geleistet und kann er zu den gemeinsamen Bestrebungen um die Sicherheit leisten? Derartige Erwägungen müssen sowohl beim Austausch oder der Freigabe von Informationen über die
allgemeine Verteidigungsplanung und den Einsatz von herkömmlichen
Waffen als auch hinsichtlich von solchen Informationen berücksichtigt werden, die gemäß diesen Empfehlungen ausgetauscht werden
sollen.
Diese Empfehlungen stehen in keinem Zusammenhang mit meinem
Vorschlag, eine neue Grundlage für eine internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Atomenergie zu suchen, den ich in meiner Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen im
vergangenen Dezember unterbreitete. Ehe wir zusätzliche gesetzgeberische Maßnahmen in Erwägung ziehen, die für eine Verwirklichung
dieses Vorschlages notwendig werden könnten, sollten wir abwarten,
auf welchen Gebieten als Folge unserer Verhandlungen mit anderen
Nationen Übereinstimmungen erzielt werden konnte.
Auf ähnliche Weise stehen die gegenwärtigen gesetzlichen Bestimmungen auch einer direkten oder indirekten Erzeugung von
spaltbarem Material durch natürliche und juristische Personen
aus den Vereinigten Staaten im Auslande entgegen, es sei denn,
der Präsident entscheidet, daß die geplante Tätigkeit die gemeinsame Verteidigung und Sicherheit nicht beeinträchtigt. Bei
den Fragen, die unter diese Gesetzesbestimmungen fielen, handelte
es sich zumeist um ganz gewöhnliche kaufmännische oder kommerzielle
Vorhaben, die dennoch von diesen allgemeinen Bestimmungen erfaßt
werden, weil sie - in welchem geringen Grade auch immer - einen
Beitrag zu Atomenergie-Programmen anderer Nationen leisten könnten.
Der Präsident sollte die Möglichkeit erhalten, die AtomenergieKommission zu ermächtigen, diesbezügliche Entscheidungen in Zukunft selbst zu treffen. Dieser Zusatzantrag steht in engem Zusammenhang mit der Novelle den Austausch von Atominformationen
betreffend, da Abkommen über die Autorisierung eines Austausches
von Informationen mit verbündeten Nationen die Teilnahme von
amerikanischen Bürgern und Firmen, die im Ausland arbeiten, nach
sich ziehen könnten. Mit der von mir vorgeschlagenen Novelle
würde die Atomenergie-Kommission ermächtigt, eine solche Teilnahme
zu sanktionieren.
Aus den hier in Vorschlag gebrachten Zusatzanträgen sollte
ersichtlich geworden sein, daß die übertragene Befugnis nur in
Übereinstimmung mit den vom Präsidenten zum Schutze der gemeinsamen Verteidigung und Sicherheit erlassenen Bestimmungen ausgeübt
werden darf.
Schutz der Informationen über Atomenergie
Die Kategorie der "Geheiminformationen" ist vom Gesetz so
definiert worden, daß sie praktisch alle für unsere Sicherheit
wesentlichen Informationen einschließt. Die "Geheiminformationen"
fallen in dem Gesetz unter besondere Spionageabwehr-Bestimmungen,
die sich auf die Kontrolle, die Verbreitung und die Freigabe derartiger Informationen sowie auf die Erfordernisse hinsichtlich der
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

der Überprüfung des Personals auf Unbedenklichkeit beziehen.
Unbedenklichkeit des Personals
Die diesbezüglichen Bestimmungen des Gesetzes müssen in
verschiedener Hinsicht verbessert werden. Das Gesetz kennt keine
Unterschiede hinsichtlich der Wichtigkeit von 'Geheiminformationen'. Bei allen Arten von 'Geheiminformationen" gelten die
gleichen Erfordernisse hinsichtlich der Überprüfung, gleichgültig ob ungelernten Bauarbeitern der Zugang zu "Geheiminformationen" gewährt werden soll, die für die Sicherheit nur geringe
Bedeutung haben, oder ob ein Wissenschaftler Zugang zu den geheimsten Informationen der atomaren Waffenherstellung erhalten
soll. Unter dem gegenwärtigen Gesetz hat die Atomenergie-Kommission
nicht genügend Bewegungsfreiheit, um über das Ausmaß der für die
Gewährleistung einer ausreichenden Sicherheit erforderlichen Überprüfung des Personals zu entscheiden. Viele kostspieligen Untersuchungen über das Vorleben des Personals, wie sie von dem gegenwärtigen Gesetz gefordert werden, sind unnötig. Der AtomenergieKommission sollte die Erlaubnis gegeben werden, den Umfang der
gesetzlich erforderlichen Untersuchung davon abhängig zu machen,
inwieweit Zugang zu Geheiminformationen gewährt werden soll.
Dieser Zusatz eignet sich in besonderem Maße für die vorgeschlagene Ausweitung der Beteiligung privater Stellen an der
Entwicklung der Atomkraft. Obwohl derartige private Stellen Zugang zu "Geheiminformationen" über die Grundprinzipien des Baus
von Kernreaktoren fordern werden, ist eine umfassende Überprüfung aller ihrer Angestellten, die Zugang zu derartigen Informationen haben werden, nicht gerechtfertigt, da ein großer Teil
dieser Informationen, was die Sicherheit anbetrifft, nicht von
besonderer Bedeutung ist. Darüber hinaus würden derartige Überprüfungen die erwünschte Beteiligung behindern und nicht dazu
ermutigen sowie für beide Teile, Regierung und Industrie, mit
unnötigen Kosten verbunden sein. In den Fällen, in denen es sich
um wichtigere •Geheiminformationen* handelt, muß die Kommission
selbstverständlich umfassende Überprüfungen fordern.
Ein weiteres Problem hinsichtlich der Überprüfung der Unbedenklichkeit betrifft das Personal der Dienststellen des Verteidigungsministeriums sowie das Personal der Unternehmer, die mit
diesen Dienststellen zusammenarbeiten. Die Atomenergie-Kommission
(AEC) darf gegenwärtig 'Geheiminformationen' an diejenigen Angehörigen dieser Dienststellen und Unternehmen weitergeben, die vom
Verteidigungsministerium auf ihre Unbedenklichkeit hin überprüft
sind. Die auf diese Weise weitergegebenen 'Geheiminformationen'
sind damit entsprechend den Sicherheits-Bestimmungen des Verteidigungsministeriums geschützt. Und dennoch ist es den Unternehmern, die mit der Kommission zusammenarbeiten, durch Gesetz
untersagt, dem gleichen Personenkreis Zugang zu den gleichen
'Geheiminformationen' zu gewähren, solange diese nicht eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der AEC beitzen, die auf Grund von
Überprüfungen durch den Bundesfahndungsdienst oder die Kommission
für Zivilbedienstete ausgestellt ist.
-

�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

In dem Maße, in dem die bewaffneten Streitkräfte mit Atomwaffen ausgerüstet werden, erhöht sich die Notwendigkeit, daß
die im Auftrage der Atomenergie-Kommission arbeitenden Firmen
und die Teilnehmer ähnlicher Vorhaben des Verteidigungsministeriums
ihre "Geheiminformationen" untereinander austauschen. Der gegenwärtige Zustand, daß das von Militärbehörden mit einer Unbedenklichkeitserklärung ausgestattete Personal, das an Projekten für
die Streitkräfte arbeitet, keinen Zugang zu den "Geheiminformationen" bezüglich der Vorhaben der Atomenergie-Kommission erhalten darf, ist einer Zusammenarbeit des Verteidigungsministeriums
und der Atomenergie-Kommission auf Gebieten gemeinsamen Interesses
hinderlich und führt zu unnötiger Verschwendung von Zeit und Geld.
Ich empfehle daher, die Atomenergie-Kommission in die Lage zu
versetzen, ihre Kontraktoren und Lieferfirmen zu ermächtigen,
solchen Personen Zugang zu 'Geheiminf ormationen'' zu verschaffen,
die an Projekten des Verteidigungsministeriums arbeiten, derartige Informationen zu ihrer Arbeit benötigen und eine von den
Militärbehörden ausgestellte Unbedenklichkeitserklärung vorweisen können.
Die Definition der Geheiminformationen
1) Nach dem gegenwärtig gültigen Gesetz bezieht sich ein großer Teil der 'Geheiminformationen' in der Hauptsache auf den militärischen Einsatz der atomaren Kampfmittel. Mit der Verantwortung für die Kontrolle eines großen Teils dieser Informationen
über diese Waffen sollte logischerweise das Verteidigungsministerium und nicht die Atomenergie-Kommission betraut werden. Viele
Schwierigkeiten verwaltungsmäßiger Art, die von einem doppelten
Sicherheitssystem hervorgerufen werden, würden dadurch beseitigt,
daß man die Informationen über diese Waffen aus der Kategorie der
•Geheiminformationen' herauslöst und sie in der gleichen Weise
und unter denselben Sicherheitsbestimmungen wie andere militärische Geheimnisse der Obhut des Verteidigungsministeriums unterstellt.
Diese Art, einen Informationsaustausch über Waffen durchzuführen, ist unter dem gegenwärtigen Gesetz nicht möglich. Die
'Geheiminformationen' können aus der im Gesetz festgelegten Kategorie der 'Geheiminformationen» nur durch Freigabe auf Grund
eines Beschlusses der Atomenergie-Kommission herausgelöst werden,
wonach die Veröffentlichung solcher Informationen nicht die gemeinsame Verteidigung und Sicherheit in nachteiliger Weise beeinflussen würde. Offensichtlich ist die Freigabe nicht das Heilmittel. Dieses liegt darin, daß man hierbei den allgemeinen Sicherheitsbestimmungen des Benutzers, des Verteidigungsministeriums,
vertraut. Ich schlage deshalb vor, daß die im Gesetz erfolgte
Definition des Begriffes der 'Geheiminformationen' so abgeändert
werden soll, daß alle Informationen über den taktischen Einsatz
der atomaren Kampfmittel ausgenommen sind, nicht aber die Informationen über ihre theoretischen Grundlagen, ihr Muster und ihre
Fertigung.
2) Neben den Informationen, die voll und ganz unter den Begriff Einsatz fallen, gibt es Informationen, die sich zwar in
erster Linie mit dem Einsatz von Waffen befassen, die aber auch
- 7 -

�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

auch Angaben über deren Konstruktion und Herstellung enthalten.
Um Schwierigkeiten in diesem Grenzgebiet zu vermeiden, empfehle
ich eine gesetzliche Verfügung, die ebenfalls zur Herauslösung
derartiger Informationen aus der Kategorie der 'Geheiminformationen' ermächtigen würde. Dies würde lediglich dann geschehen,
wenn die Kommission und das Verteidigungsministerium gemeinsam
entscheiden, daß diese Informationen in erster Linie den militärischen Einsatz von Atomwaffen betreffen, und daß sie im Rahmen des Spionageabwehrgesetzes sowie anderer anwendbarer Gesetze
als unter die Geheimhaltungsbestimmungen fallende Verteidigungsinformationen in ausreichendem Maße geschützt werden können.
3) Im Einklang mit diesen Änderungen empfehle ich, daß das
Verteidigungsministerium zusammen mit der Atomenergie-Kommission
die •Geheiminformationen• freigibt, die in erster Linie den militärischen Einsatz atomarer Waffen betreffen und ohne Gefährdung
der Sicherheit der USA veröffentlicht werden können. Auf diese
Weise wird das Verteidigungsministerium eine entsprechende Stimme
beim Schutz und bei der Freigabe derartiger 'Geheiminformationen'
haben und die Verantwortung der Kommission im Hinblick auf alle
übrigen ,Geheiminformationen, wird geklärt.
Erschließung der Atomenergie in den USA
Was im Jahre 1946 nur eine Hoffnung und ein entferntes Ziel
war - eine Verwendung der Atomenergie zum Wohle der Menschheit kann bald eine Realität sein. Unseren Wissenschaftlern und Technikern
bieten sich ungeahnte Möglichkeiten, die Atomenergie friedlichen
Zwecken nutzbar zu machen. Die Bundesregierung kann hier bahnbrechende Arbeit leisten. Aber hierbei bedarf es des Unternehmungsgeistes, der Initiative und des Mutes des einzelnen und ganzer
Gruppen innerhalb unserer freien Wirtschaft, um die größtmögliche
Wirtschaftlichkeit und den größtmöglichen Fortschritt bei den geringsten Kosten für die Öffentlichkeit sicherzustellen.
Das Interesse der Industrie auf diesem Gebiet liegt bereits
klar auf der Hand. In Zusammenarbeit mit der Atomenergie-Kommission
führen eine Anzahl privater Firmen, meist auf eigene Kosten, Untersuchungen über die verschiedenen Typen von Kernreaktoren durch, die
sich eventuell für die Erzeugung von Industrie-Strom eignen. Es
gibt Anzeichen dafür, daß diese Firmen ihre Bemühungen erheblich
steigern würden, falls Privatkapital in solchen Anlagen investiert
werden könnte. Wenn wir das Gesetz abändern um derartige Investitionen möglich zu machen, muß Vorsorge getroffen werden, daß die
Entwicklung dieser neuen Industrie auf möglichst normalen Wegen
gefördert wird, wobei Probleme der nationalen Sicherheit sowie
Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung besonders berücksichtigt
werden müssen. Dieses Programm muß sich so entwickeln, daß diese
neue Industrie sich selbst erhalten und auf eigenen Füßen stehen
kann.
Die Schaffung von Möglichkeiten für eine Ausweitung der industriellen Beteiligung wird es der Regierung erlauben ihre Tätigkeit
auf dem Gebiet der Kernreaktionsforschung und Entwicklung einzuschränken, sobald die Privatindustrie ihre Tätigkeit auf diesem
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

24. Februar

1954

diesem Sektor voll aufgenommen hat. Zusätzlich zu ihren Bemühungen,
zur technischen Weiterentwicklung von Kernreaktionen beizutragen,
wird die Regierung zum gegenwärtigen Zeitpunkt weiterhin die Portschritte auf dem Gebiet der hiermit zusammenhängenden technischen
Entwicklung von Antriebsreaktoren für militärische Zwecke intensivieren. Die sich gegenwärtig ergänzenden Maßnahmen der Industrie
und Regierung werden daher weitergehen, und der Industrie sollte
durch die Verabschiedung entsprechender Gesetze ein Anreiz gegeben
werden, auf diesem Gebiet eine wesentlich größere Rolle zu spielen.
Zu diesem Zweck schlage ich Zusätze zum Atomenergiegesetz vor,die
1) die im Gesetz, enthaltenen Verbote hinsichtlich des Besitzes
oder der Verpachtung spaltbarer Materialien und vorhandener Möglichkeiten zur Herstellung von spaltbarem Material lockern;
2) privaten Herstellern den Besitz und die Inbetriebnahme
von atomaren Kernreaktoren sowie die Ausübung hiermit zusammenhängender Tätigkeiten vorbehaltlich
notwendiger
Sicherheitsmaßnahmen sowie einer Genehmigung durch die AtomenergieKommission gestatten;
3) die Kommission ermächtigen, Mindestnormen über den Schutz
und die Sicherheit aufzustellen, die für alle Besitzer und Verarbeiter spaltbaren Materials bindend sein sollen;
4) die Kommission ermächtigen, im Anfangsstadium der neuen
Industrie Lizenzfirmen besonderes Material und Dienste zu einem
solchen Preis zu überlassen, durch den die Regierung angemessen
für den Wert des Materials und der Dienste und die Aufwendungen
für eine Überlassung entschädigt wird;
5) die Patentbestimmungen des Atomenergiegesetzes liberalisieren, in erster Linie durch eine Ausweitung der Gebiete, auf denen private Patente erworben werden können, einschließlich der Produktion und Verwendung spaltbaren Materials. Gleichzeitig soll für
einen begrenzten Zeitraum die Vollmacht bestehen bleiben, wonach
ein Patentinhaber anderen eine Lizenz zur Auswertung einer Erfindung
erteilen kann, die für die friedliche Nutzbarmachung der Atomenergie
notwendig ist.
Bis die Industrie an der Verwendung der Atomenergie auf einer
breiteren Basis beteiligt werden kann, machen es Erwägungen der
Gerechtigkeit erforderlich, gewisse Maßnahmen zu treffen, daß die
begrenzte Anzahl von Firmen, die gegenwärtig als Kontraktoren der
Regierung Zugang zu derartigen Projekten haben, nicht ein PatentMonopol aufbauen können, durch das andere Firmen, die sich ebenfalls auf diesem Gebiet betätigen wollen, ausgeschlossen würden.
Ich hoffe, daß das Interesse an der Entwicklung der Atomkraft sich
in den nächsten fünf Jahren so ausweitet, daß derartige Maßnahmen
nicht mehr erforderlich werden.
Um den größtmöglichen Fortschritt in der friedlichen Verwendung
der Atomenergie innerhalb Amerikas zu fördern, bedarf es einer gewissen Anpassungsfähigkeit bei der Erteilung von Lizenzen und im

- 9-

�"AMERIKA DIENST"

24. Februar 1954

im Hinblick auf die vom Kongreß erlassenen Kontrollbestimmungen.
Bis wir mit dieser neuen Industrie unsere Erfahrungen gesammelt
haben, wäre es unklug, durch Gesetz all die vielen Probleme, die
sicher auftreten werden, von vornherein zu regulieren. Genau
so wie das erste Atomenergiegesetz auf Grund seiner Bestimmungen
anerkannte, daß es in vieler Hinsicht nur ein Versuch sei, so
werden auch diese Zusatzanträge Änderungen und weiteren Ausarbeitungen in Zukunft unterworfen sein.
Das Schicksal aller Nationen in diesem Jahrhundert wird
stark von der Richtung und dem Tempo der Entwicklung auf dem
Gebiete der Atomenergie in den Vereinigten Staaten und anderen
Ländern abhängen. Die vorstehend unterbreitete Revision des
Atomenergiegesetzes will einen Beitrag dazu leisten, daß sowohl
die von öffentlicher als auch von privater Seite getragene Entwicklung auf dem Gebiete der Atomenergie in den USA eine große
und wirksame Rolle dabei spielen kann, die Menschheit in eine neue
Ära des Fortschritts und Friedens zu führen."

* #

- 10 -

�A M E R I K A

D I E N S T

EINIGKEIT DER FREIEN WEIT»BESTE HOFFNUNG FÜR DIE ZUKUNFT

LOS ANGELES — (Amerika Dienst) — Die Notwendigkeit der europäischen Integration angesichts der nach wie vor bestehenden Drohung
aus dem Osten unterstrich der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium
Robert D. Murphy in einer am 10. März 1954
im Stadthaus von Los Angeles gehaltenen Rede,
die wir im Auszug wiedergeben:

Es ist etwas über ein Jahr her, daß Joseph Stalin starb.
Es war um es genau zu sagen, am 5. März. Sein Tod erfüllte
die Welt mit Hoffnungsträumen. Selbst der größte Pessimist
hatte ein wenig von dieser Hoffnung. Warum auch nicht? Für
einen vernünftigen Menschen sind die sowjetischen Ideen der
Weltbeherrschung ja Unsinn. Moskau sollte einsehen, daß es
allen Grund hat, zu versuchen, mit der übrigen Welt auszukommen. Und Malenkow schien vernünftiger zu reden als sein
Vorgänger.
Die Situation ließ Hoffnungen keimen, nach denen viele
Menschen, besonders in Europa, gierig die Hände ausstreckten.
Die Russen taten natürlich nichts, aber man hätte immerhin
glauben können, daß sie nur auf den richtigen Augenblick für
eine versöhnliche Geste warteten.
Die Berliner Konferenz ließ diese bescheidenen Hoffnungen
zunichte werden. Sie gab der Welt ein genaues Bild der sowjetischen Ziele für die Zeit nach Stalins Tod. Die Katze läßt
das Mausen nicht. Herr Molotow hat es deutlich klargemacht.
Mag sie auch in den sanftesten Tönen flöten, sie hat einen
räuberischen Appetit. Wir haben jetzt Grund genug zu der Annahme, daß die Rückkehr zur Gruppenherrschaft anstelle des
Einmann-Regimes im Kreml die Grundlinie der (sowjetischen)
Politik nicht geändert hat und daß die UdSSR nicht daran denkt,
auch nur einen Fußbreit Boden freizugeben.
Mit bemerkenswerter Offenheit bemühte sich Molotow die
westliche Welt zu entzweien. Vom Anfang bis zum Ende der Konferenz war er auf der Suche nach schwachen Stellen unserer
_ 1_

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

unserer Einigkeit. Beständig und hartnäckig war er bestrebt, aus
eventuellen Differenzen Kapital zu schlagen. Die USA waren natürlich sein Hauptangriffsziel. Es war ein ziemlich sarkastisches
Kompliment, daß er keinen Versuch unternahm, uns zu besänftigen.
Wir waren der Feind. Er versuchte, Frankreich und Großbritannien
in einen europäischen Block zu ziehen, der die USA ausschließen
würde. Dies mißlang ihm. Frankreich und Großbritannien standen
fest. Nach der Konferenz waren die Westmächte sogar noch fester
zusammengeschlossen. Wie Außenminister Dulles berichtete, war
die Einigkeit unter den Westmächten bei Beendigung der Konferenz
gefestigter als vor ihrem Beginn.
Das ist von besonderer Wichtigkeit. Die Geschlossenheit der
Atlantikmächte ist und bleibt ein Bollwerk der freien Welt in
ihrem Kampf um die Erhaltung ihrer Freiheit.
Warum?
Nun, betrachten Sie die Landkarte. Schauen Sie über den
Atlantik. Dort sind die Nationen und die Menschen, aus deren Mitte
die meisten von uns kommen. Die Bindungen, durch Blut und Kultur,
sind stark. Wir haben die gleichen Ansichten über die Freiheiten
des Menschen.
Vielleicht ist das der Grund, daß wir uns manchmal nicht vertragen. Wir streiten uns wie die Mitglieder einer Familie. Wir
betrachten einander kritischer als wir Fremde betrachten würden.
Wir erwarten mehr voneinander.
Wir können es uns leisten, verschiedener Meinung zu sein, weil
unsere lebensideale im Grunde die gleichen sind. Im Angesicht von
Gefahren, die uns in der Vergangenheit gemeinsam bedrohten, wurden
wir gewahr, daß diese Ideale stärker sind als unsere vorübergehenden Meinungsverschiedenheiten. So ist es heute wieder.
Das ist jedoch nicht einmal die eigentliche Streitfrage.
Darin liegt auch keine Erklärung dafür, daß die Sowjets auf die
lostrennung Europas von Amerika solchen Wert legen.
Es ist eine Frage der Macht, des technischen Geschicks, der
industriellen Kapazität und der materiellen Reserven.
Das zweitgrößte Reservoir an Arbeitskräften besitzt Europa.
Eine der großen Schwächen der Sowjets ist ihr Mangel an Facharbeitern. Sie werden Jahre brauchen, bis sie genügend Techniker
ausgebildet haben, um sich mit der Atlantikgemeinschaft in der
Industrie zahlenmäßig messen zu können. Darum wirkt, obwohl Lenin
sagte, der Weg nach Paris führe über Peking, die Zitadelle Ruhr
auf sie wie ein Magnet.Molotow drückte es so aus: Deutschlands
Weg ist der Weg Europas.
Die Produktion ist in den sowjetischen Gebieten gestiegen,
aber nicht schnell genug für die Ziele und Zwecke der Sowjets.
Der letzte Bericht des Amtes für Auslpndshilfe vom 30. Juni 1953
illustriert diesen Punkt mit Statistiken über Kohle und Stahl, die
Grundlagen der Industriewirtschaft.
Die

�17. März 1954

"AMERIKA DIENST"

Die Stahlproduktion der USA und ihrer europäischen Verbündeten ist mehr als dreimal größer als die des Sowjetblocks
einschließlich China, das nur sehr wenig produziert. In der Kohlenförderung ist das Verhältnis zwei zu eins.
Die Sowjets wenden sicherlich einen großen Teil ihrer Produktion für Rüstung auf. Aber auch das ist eine Schwäche. Es
ist eine Schwäche, die sogar von Malenkow erkannt wurde, als er
kürzlich eine Steigerung der Verbrauchsgütererzeugung in Aussicht
stellte. Ein Versprechen, das er einhalten muß, wenn er der wachsenden Unruhe Herr werden will. Wenn er es nicht tut - nun, so
wird er sich einem anderen Problem gegenübersehen. Selbst totalitäre Staaten müssen dem Volk gewisse Konzessionen machen. Der
Kommunismus hat den Arbeitern ein Paradies versprochen. Dieses
Paradies ist lange überfällig.
Die Sowjets erkennen das hohe Niveau der Arbeitskräfte und
der industriellen Einrichtungen Europas. Sie haben den festen
Willen, diese Qualifikation ihrer Stärke hinzuzufügen.
Die Rohstoffquellen Europas sind ein anderer Anziehungspunkt.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund für die westliche Zusammenarbeit, den ich berühren möchte. Wir Amerikaner haben die
Findigkeit und die Tüchtigkeit nicht gepachtet. In der Krisis,
in der wir uns befinden, brauchen wir die Hirne und Hände unserer
Brüder jenseits des Atlantik. Die USA haben die Atombombe nicht
aus eigener Kraft allein hergestellt. In Wahrheit ist sie das
Resultat der gemeinsamen Bemühung vieler Menschen aus vielen
Nationen. Einstein, dessen G-eist den Plan geschaffen hat, ist
nach Herkunft und Erziehung Deutscher, wem er auch amerikanischer
Staatsbürger wurde. Da war der Italiener Fermi, der Engländer
Chadwick, der Däne Bohr, der Ungar Szilard und viele andere.
Alexander Sachs, ein anderer naturalisierter Amerikaner, brachte
auf Anforderung von Einstein, Szilard und Wigner die Idee als
erster nach Washington.
Die USA ihrerseits steuerten ihre technischen Qualitäten
ebenso wie ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten bei, damit die
Idee in die Tat umgesetzt werde. Von Anfang bis zum Ende war es
ein kooperatives Wagnis. Natürlich bin ich stolz auf die Rolle,
die mein Land bei diesem Projekt gespielt hat, und wenn wir es
nicht allein gemacht haben, so bin ich deswegen nicht weniger
stolz.
Präsident Eisenhower hat vorgeschlagen, daß die Nationen
der Welt - und zwar alle miteinander - in gemeinsamer Bemühung dieses Wunder unseres Zeitalters zum Segen des Menschengeschlechtes
anwenden mögen. Es macht mich glücklich zu wissen, daß dieser Vorschlag von einem Amerikaner kam, und es beeinträchtigt mein Glück
nicht im geringsten, wenn die Menschen in anderen Ländern ebenfalls von diesen Möglichkeiten profitieren.
Wir müssen erkennen, daß die Einheit der Atlantischen Gemeinschaft mehr ist als eine Sache des Gefühls. Sie ist heute
eine Lebensfrage. In unserer Einheit liegt unsere Stärke. Und

- 3

-

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Und in dieser Stärke liegt die beste Hoffnung der Menschheit
für die Zukunft.
Die in Berlin bewiesene Einmütigkeit der westlichen Mächte
war nicht das Ergebnis sorgfältiger Vorbereitung. Mr. Dulles hat
Ihnen erzählt, daß keine Absprache all die Finten hätte vorausberechnen können, mit denen so ein alter Fuchs wie Molotow aufzuwarten hatte. Die Einigkeit, die sich hier zeigte, war die natürliche und spontane Reaktion von Menschen, die dieselben Ideale
haben, die denselben Ideen von menschlicher Freiheit und nationaler Integrität ergeben sind.
Molotow rannte gegen eine Mauer an, als er versuchte, die
Franzosen und die Briten zur Kapitulation vor dem Totalitarismus
zu bewegen, die Regierungen beider ebenso wie die amerikanische
Regierung wiesen ohne Zögern die russischen "Friedensvorschläge"
zurück.
Die EVG ist nach Meinung der Vereinigten Staaten ein wesentlicher Schritt zur Sicherung des freien Europas, und damit zu unserer Sicherheit. Präsident Eisenhower ist zutiefst davon überzeugt, daß Leben und Sicherheit Europas und damit der ganzen freien
Welt einschließlich der USA auf längere Dauer nicht gewährleistet
werden können, solange in Europa nicht eine Einheit besteht, die
Frankreich und Deutschland einschließt. Mit den Worten unseres
Außenministers; "Ehe nicht das Ziel der EVG erreicht ist, ist die
NATO und damit auch der zukünftige Frieden in Gefahr".
Wir forderten und fordern noch die EVG von unseren europäischen
Freunden, doch sie sind freie Nationen, und wir können sie nicht
zwingen. Unsere Vorstellung von Einheit läßt Zwang nicht zu. Sie
sind keine Satelliten. Wir alle sind gleichberechtigte Glieder
einer freien Allianz. Wir entscheiden uns frei, ob wir nun richtig
handeln oder falsch.
Europa hat in den letzten zehn Jahren bemerkenswerte Fortschritte in Richtung auf diese Einheit zu verzeichnen. Da ist zum
Beispiel die ECA, der Europarat, die Europäische Zahlungsunion und,
natürlich, die Montanunion, sie alle arbeiten heute.
Die Berliner Konferenz hat wahrscheinlich der Verteidigungsgemeinschaft genützt, indem sie klarwerden ließ, daß die Russen
nicht in der Lage waren, zum Besten des Friedens und der europäischen Sicherheit irgend einen anderen Vorschlag zu machen. Die
Demonstration der westlichen Solidarität in Berlin war ein solider
Fortschritt. Die Berliner Konferenz zeigte deutlich, daß die von
Moskau drohende Gefahr noch nicht abgewandt ist. Das letzte Ziel
der Russen ist nach wie vor die Zerstörung und die Eroberung der
freien Welt. Dieses Ziel wird sicherlich so lange herrschen, bis
das russische Volk einmal seinem Willen freien Ausdruck verleihen
kann, bis der sowjetische Totalitarismus den Weg aller Diktaturen
gegangen sein wird und der Geschichte angehört.
* # * * *

- 4 -

�A M E R I K A

E N S T

FRANKREICH KÄMPFT FÜR DIE FREIHEIT IN INDOCHINA

LOS ANGELES — (Amerika Dienst) — Der stellvertretende Staatssekretär im US-Außenministerium Robert D. Murphy betonte am 10. März
1954 vor amerikanischen Geschäftsleuten, daß
die Anwesenheit Rotchinas auf der am 26. April
in Genf beginnenden politischen Koreakonferenz
in keiner Weise die Anerkennung des kommunistischen Regimes bedeute. In dieser Rede ging
Murphy auch auf die Möglichkeit ein, daß das
Indochina-Problem auf der Genfer Konferenz behandelt werde und gab der Hoffnung Ausdruck,
daß die Möglichkeit gegeben sei "den seit acht
Jahren andauernden blutigen und harten Krieg
zu beenden". Den Teil der Rede Murphys, der
sich mit der Lage in Indochina befaßt, geben
wir nachstehend in gekürzter Form wieder.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Indochina, ebenso wie
das übrige Asien, von einer Welle des Nationalismus überflutet. Dort, wie an anderer Stelle, zerbrach der Rahmen, den
die Kolonisation des 19. Jahrhunderts geschaffen hatte.
Guerilla-Streitkräfte traten unter dem Kommunistenführer
Ho Tschi-minh in den offenen Aufstand gegen das Kolonialregime. Es gelang ihnen, einen wichtigen Teil der nationalistischen Bewegung ebenfalls aufzuwiegeln und, bis zu einem gewissen Grade, sich selbst für viele Vietnamesen fälschlich
als die Kämpfer für die Unabhängigkeit hinzustellen.
In Anbetracht der höchst ungünstigen Lage des französischen Mutterlandes in der Nachkriegsperiode offenbarte die
Antwort der französischen Regierung auf die kommunistische
Herausforderung einen hohen Grad von Mut. Klarblickende französische Führer
anerkannten, daß es schließlich geboten sei,
den assoziierten Staaten die Unabhängigkeit zu gewähren.Schritt
für Schritt führte Frankreich die assoziierten Staaten Laos,
Vietnam und Kambodscha der Freiheit innerhalb der Französischen
Union entgegen. Laos besitzt jetzt einen Vertrag über seine

- 1 -

�r

17. März 1954

"AMERIKA DIENST"

seine völlige Unabhängigkeit. Vietnam steht im Begriff, einen
solchen abzuschließen, und nun ist Kambodscha an der Reihe, in
naher Zukunft über einen Vertrag zu verhandeln.
In dem Krieg gegen die Kommunisten besitzen die Franzosen
die Unterstützung der kommunisten-feindlichen nationalistischen
Elemente und sind in der läge gewesen, in beträchtlichem Umfang
vietnamesische Truppen auszuheben und auszubilden. Für ein Frankreich, das bestrebt ist, seine wirtschaftliche Stärke zurückzugewinnen und seinen Anteil an den lasten zu übernehmen, welche
die europäische Sicherheit verlangt, ist es ein kostspieliger
und enttäuschender Kampf. Eine frühere Kolonie und Quelle des
Wohlstands zehrte und zehrt jetzt fühlbar an der Wirtschaftsund Menschenkraft Frankreichs. Und der Schaden ist gewaltig:
An Geld kommt er annähernd dem Betrag gleich, den Frankreich
als Marshallplan-Hilfe erhielt; die Verluste an Menschen sind
wesentlich höher als die amerikanischen in Korea. Besonders
schwer sind die Verluste beim Berufsoffizierkorps der französischen Armee, dessen zahlenmäßige Verluste sich jährlich auf
60 bis 70 Prozent des Bestandes der Abschlußklasse der Offiziersschule von St. Cyr. beliefen.
...Im übrigen setzen Frankreich und die Vietnamesen den Kampf
fort, und wir unterstützen den Navarre-Plan durch umfangreiche
Materiallieferungen. Der Plan, der nach seinem Schöpfer, dem französischen Befehlshaber in Indochina, benannt ist, verlangt zusätzliche Bataillone von Truppen aus dem Mutterland und umfangreiche Verstärkungen der Vietnam-Streitkräfte. Er stellt zugleich
eine kräftige Offensiv-Strategie in Aussicht, die auf die Vernichtung der Vietminh-Streitkräfte gerichtet ist.
Die militärische Lage der Streitkräfte der Französischen
Union ist, soweit es sich an diesem Punkte beurteilen läßt,
stark. Die von den Vietminh vor einigen Wochen erzielten Fortschritte waren zum größten Teil nur von geringer taktischer Bedeutung. Sie lieferten jedoch den kommunistischen Propagandamühlen Mahlgut, was ohne Zweifel ihr Zweck war.
Im Hintergrund der militärischen Auseinandersetzung in
Indochina werden zwei weitere Kämpfe ausgetragen, - ein politischer und ein psychologischer Kampf. Beiden kommt ebenso große
Bedeutung zu, wie dem heißen Krieg und auch in diesem Ringen
gehen die Wogen der Schlacht auf und nieder.
Daß die Unabhängigkeit der Nationalregierungen der Assoziierten Staaten immer mehr verwirklicht wird, hat erheblich dazu beigetragen, die von den kommunistischen Vietminh aufgestellte
Behauptung, sie träten für Freiheit und Unabhängigkeit ein, als
eine Lüge zur Tarnung ihrer wahren Absichten zu entlarven. Immer
mehr Vietnamesen sind zu der Einsicht gekommen, daß die nationalistischen Gruppen innerhalb der Streitkräfte der Französischen
Union für die Sache der Freiheit kämpfen. Infolgedessen konnten
wir beobachten, wie Entschlossenheit und Kampfwille, ohne die

- 2 -

�t
"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

die kein Sieg zu erringen ist, an Stärke zunahmen. Mit psychologischen Mitteln kämpfen wir weiter gegen die Behauptung der
Kommunisten, die Franzosen und ihre amerikanischen Berater seien
Agenten des verhaßten Kolonialsystems und die anti-kommunistische
Regierung wäre nicht mehr als eine Marionette in der Hand der
Westmächte. Es gibt Gründe, die uns zu der Hoffnung berechtigen,
daß die Verträge über die Unabhängigkeit wesentlich dazu beitragen werden, den Schwindel der kommunistischen Beschuldigung
aufzudecken und außerdem das Prestige und die Stellung der
Nationalregierungen weiter zu stärken.
Die amerikanische Hilfe in diesem Kampf um die Freiheit
besteht in der Gewährung von materieller Unterstützung und der
Lieferung von leichten militärischen Ausrüstungsgegenständen,
beschränkt sich im übrigen aber auf beratende Funktionen, und
die Ermutigung der französischen und nationalen Kräfte Indochinas.

* * * * *

- 3-

�A M E R I K A

D I E N S T

METHODEN DES INTERNATIONALEN KOMMUNISMUS

CARACAS — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir Ihnen Auszüge aus einer Rede des US-Außenministers
John Foster Dulles vor dem politischen und juristischen
Ausschuß der zehnten pan-amerikanischen Konferenz in
Caracas (Venezuela) am 8. März 1954. In dieser Rede
forderte Dulles die amerikanischen Staaten zu gemeinsamem Handeln gegen kommunistische Infiltrationsversuche in der westlichen Hemisphäre auf.

Der internationale Kommunismus ist jene weitreichende
unterirdische politische Organisation, die von den Führern
der kommunistischen Partei der Sowjetunion gelenkt wird.
Seit 1939 hat er 15 einst unabhängige Nationen in den Zustand
tiefster Knechtschaft versetzt. Er verfügt in praktisch jedem
Land der Welt über einen Kader von Agenten. Im ganzen gesehen
stellt er weder eine Theorie noch eine Doktrin, sondern eine
aggressive, brutale politische Macht dar, hinter der große
Hilfsquellen stehen und die dem ruchlosesten Imperium der
modernen Geschichte dient.
Die meisten der Führer der sowjetischen kommunistischen
Partei treten vor den Augen der Welt als verantwortliche Beamte
der sowjetischen Regierung auf. In dieser Eigenschaft bahnen
sie über die traditionellen Institutionen der Diplomatie Beziehungen mit anderen Regierungen an. Gleichzeitig aber lenken
und kontrollieren sie die vorerwähnte unterirdische politische
Organisation.
Bis zum zweiten Weltkrieg wurde Moskaus Kontrolle über
diese Organisation ganz öffentlich durch das zentrale Hauptquartier der kommunistischen Internationale, die sogenannte
'Komintern* durchgeführt, der sämtliche kommunistische Parteien
angehörten und die ihren Sitz in Moskau hatte. Während des
Krieges wurde die Komintern offiziell aufgelöst. Seither wird
die Kontrolle über die kommunistischen Parteien im Ausland
geheim und informell durch die Führer Moskaus aufrechterhalten,
in den meisten Fällen nicht weniger wirksam als zuvor.
Als

- 1 -

�AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Als Beweis dieser Tatsache bedarf es nicht der Erforschung
der genauen Kanäle, durch die diese Kontrolle erfolgt, obwohl
einige davon tatsächlich bekannt sind. Wenn man die sowjetische
Propaganda mit der politischen Haltung vergleicht, die von den
einzelnen kommunistischen Beamten und Agenten in aller Welt
eingenommen wird, und zwar nach den Gesichtspunkten von Substanz und Zeit, dann wird es jenseits allen Zweifels klar,
daß man es hier mit der streng disziplinierten Hierarchie einer
Organisation zu tun hat, die den widerspruchslosen Gehorsam ihrer Mitglieder fordert.
Die disziplinarischen Vorschriften schließen ein unerschütterliches Beharren auf dem Standpunkt ein, daß die Loyalität gegenüber der Bewegung - die in der Praxis gleichbedeutend ist mit
der Loyalität gegenüber den Führern der kommunistischen Partei
der Sowjetunion - über jede andere Verpflichtung, einschließlich der Liebe zum Vaterland, der Sorge um die Familie und der
persönlichen Ehre, zu setzen ist.
Diese Folgerungen sind keine Spekulationen; es sind feststehende Tatsachen, die allen gut bekannt sind, die sich ernsthaft mit dem Studium des kommunistischen Apparates befaßt haben.
Die Tatsache, daß diese Organisation besteht, bedeutet nicht,
daß alle Mitglieder aller kommunistischen Parteien in allen Ländern sich ihrer Existenz und ihrer eigenen Beziehung zu ihr bewußt sind. Nur ein kleiner Teil der kommunistischen Parteimitglieder hat Einblick in alle Einzelheiten über die wahre Natur dieser
Bewegung, der sie angehören sowie in die wirklichen Hintergründe
ihrer Macht. Die meisten nationalen kommunistischen Parteien geben sich nach .außen hin den Anschein normaler patriotischer politischer Parteien, indem sie vorgeben, die politischen Impulse
ihres Landes zu reflektieren und
sich von patriotischen
Elementen leiten zu lassen.
Tatsächlich jedoch stellt jede dieser Parteien eine Verschwörung innerhalb einer Verschwörung dar. Die kleinen Parteimitläufer werden, indem sie dem Zweck dienen, andere hinters Licht zu
führen, selbst im weitesten Maße hinters Licht geführt. Die führenden Männer weihen diese Mitläufer weder in die wahre Natur
ihrer eigenen Pflichten vollkommen ein, noch in die Hintergründe ihrer eigenen Macht und Geldmittel.
Das Ziel, für das diese Organisation aufrechterhalten und
gelenkt wird, ist es, als Instrument zur Förderung der weltweiten politischen Pläne der dominierenden Gruppe der Führer Moskaus
zu agieren.
... Wenn wir nun betrachten,was der internationale Kommunismus
dem einzelnen Menschen angetan hat, so müssen wir feststellen,
daß er ihm ebenfalls jedes Gefühl für Würde und Achtung geraubt
hat. Die professionellen Propagandisten des Kommunismus sprechen
mit glatter Zunge von erhabenen Zielen und hohen Idealen. Das ist
ein Teil der üblichen und betrügerischen Anreizversuche der kommunistischen Internationale und eines der bedeutendsten Mittel,mit
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

mit denen die Unzufriedenen dazu gebracht werden, falschen Führern zu folgen. Aber von dem Augenblick an, wo der internationale
Kommunismus sein Ziel erreicht und die Menschen der sogenannten
"Diktatur des Proletariats" unterworfen hat, hört das Wohl des
Volkes auf, ein besonderes Anliegen zu sein.
Der Kommunismus war in seinen theoretischen Anfängen dazu
bestimmt,den Arbeitern zu dienen und ihnen zwar nicht geistigseelische Werte - der Kommunismus ist atheistisch - wenigstens
aber materiellen Wohlstand zu bringen. Es ist schon der Mühe wert,
sich vor Augen zu führen, was diesen begünstigten Gruppen in den
vom Kommunismus regierten Ländern widerfahren ist.
In diesen Ländern wurden die Arbeiter praktisch zu Sklaven
herabgewürdigt - und Millionen von ihnen sind es buchstäblich.
Aufschlußreiches Tatsachenmaterial darüber gibt der Bericht der
Vereinten Nationen über die Zwangsarbeit, der der letzten UNGeneral-Versammlung
in ihrer letzten Sitzung vorgelegt worden
war und dessen Verfasser drei hervorragende, voneinander unabhängige Persönlichkeiten aus Indien, Norwegen und Peru waren. Dem
Bericht ist zu entnehmen, daß die UdSSR und ihre Satelliten sich
in weitgehendem Maße der Zwangsarbeit bedienen. Dem gehen frühere
Beweise voraus, aus denen hervorgeht, daß gewöhnlich annähernd
15 Millionen Menschen die sowjetischen Zwangsarbeitslager füllen.
Der Bericht über die Zwangsarbeitslager nennt die sowjetische Methode der Ausbildung und des Einsatzes dieser Arbeitskräfte "ein System erzwungener oder obligatorischer Arbeit".
Der sowjetische Arbeiter ist der am stärksten unterbezahlte
und am meisten ausgebeutete Mensch aller modernen Industriestaaten. Er ist der am meisten herumdirigierte, am stärksten beaufsichtigte, bespitzelte und rechtloseste Arbeiter der heutigen Welt.
Er hat keinerlei Bewegungsfreiheit, denn es ist ihm nicht gestattet ,seinen Arbeitsplatz für einen anderen aufzugeben. Er ist
durch das Arbeitsbuch an seinen Posten gebunden. Mit Ausnahme
jener wenigen, durch Massenprivilegien, Begünstigten, gestattet
ihm sein Lohn nur eine erbärmliche Existenz. Heute, 37 Jahre nach
Ausbruch der Oktoberrevolution, haben in der UdSSR Unruhe und
Unzufriedenheit einen so hohen Stand erreicht, daß die Herrscher
im Kreml sie nicht mehr länger ignorieren können und Abhilfe versprechen müssen.
Die Lage in den sowjetischen Satellitenstaaten ist noch schlimmer als in Rußland selbst. Die unterworfenen Völker wurden in
ihrem Lebensstandard seit sie ihre Freiheit verloren haben scharf
beschnitten und noch größeres Ausbeutertum als in Rußland ist
dort vorherrschend. Der Aufstand der Arbeiter in der Ostzone
Deutschlands deckte mit einem Schlage auf, wie verzweifelt diese
Menschen sind, daß selbst Jugendliche es wagten, nur mit Steinen
bewaffnet gegen Sowjetpanzer anzugehen.
Als ich im letzten Monat im Ostsektor Berlins war, kam der sowjetische Außenminister auf diesen Aufstand zu sprechen und sagte,
daß Maßnahmen getroffen worden sind, derartiges in Zukunft zu verhindern. Sicher, es ist derartiges mehr geschehen. Ich sah solche
Maßnahmen. Sie bestanden in Tausenden und aber Tausenden von mit
Maschinengewehren und Tanks schwerbewaffneten Soldaten.
- 3 -

�A M E R I K A

E N S T

STÄRKE DER FREIEN VÖLKER
Von John Poster Dulles

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir wesentliche Auszüge aus einem
im Original 5 500 Worte umfassenden Artikel
über die US-Außenpolitik, den der amerikanische Außenminister John Foster Dulles für die
Aprilnummer der bekannten politischen Monatsschrift "Foreign Affairs" geschrieben hat.

Die uns drohende Gefahr ist nicht solcher Art, daß man ihr
mit Notmaßnahmen allein wirksam begegnen könnte. Es ist eine
Gefahr, die lange Zeit bestehen bleiben kann. Wir müssen unser
Handeln danach richten.
Die sowjetische Bedrohung spiegelt nicht die ehrgeizigen
Pläne eines einzigen Herrschers wider und ihre Größe kann
nicht an dessen Lebenserwartung gemessen werden. Es gibt
keinen Beweis, daß die Politik der Sowjets seit dem Tode Stalins fundamentale Wandlungen erfahren hat, und in der Tat
stellte die Berliner Konferenz vom Februar einen positiven Beweis für das Gegenteil dar.
Die Aktiva,die hinter dieser Bedrohung stehen, sind gewaltig. Der Block der von Kommunisten beherrschten Länder - eine
neue Form imperialistischer Kolonialherrschaft - stellt eine
riesige, zusammenhängende Landfläche mit einer 800 Millionen
zählenden Bevölkerung dar. Ungefähr 10 Millionen Männer stehen
in den aktiven Truppenteilen unter Waffen und dazu kommen weiter viele Millionen ausgebildete Reservisten. Die strategisch zentrale Position dieser Landstreitkräfte ermöglicht
einen Angriff auf jedes von etwa 20 Ländern entlang einer
Linie von über 30 000 Kilometern. Ergänzt werden diese Bodentruppen durch immer stärker werdende Luftstreitkräfte, die
mit Atomwaffen ausgerüstet sind, und deren Aktionsradius, bis
über die nördlichen Gebiete der Arktis hinausgehend, unsere
Industrie-Zentren in die Gefahr eines plötzlichen Angriffs
bringt.

- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Die Bedrohung ist nicht nur militärischer Art. Die sowjetischen Machthaber verfügen in der ganzen Welt über den ParteiApparat des internationalen Kommunismus. Er wird mit ausgebildeten Agitatoren und einer machtvollen Propaganda-Organisation
unterhalten. Er nützt jede Art der Unzufriedenheit aus, gleichgültig ob es sich um politische Unzufriedenheit über das "Kolonialsystem" oder um soziale Unzufriedenheit über die wirtschaftlichen Bedingungen handelt. Er versucht, die bestehende Ordnung
durcheinander zu bringen und den Weg für politische Coups zu
ebnen, durch die von Kommunisten geführten Gruppen zur Macht
verholfen werden soll.
Mit den verschiedensten Manövern und Drohungen, militärischer
und politischer Art, versuchen die sowjetischen Machthaber, die
freie Welt zu spalten und zu schwächen. Weiterhin versuchen sie,
die politischen Maßnahmen der freien Nationen als gescheitert
erscheinen zu lassen, indem sie diese zu starken Belastungen aussetzen, die - wie Lenin es ausdrückt - "über ihre Kraft" gehen.
"Dann", sagte Lenin, "ist unser Sieg gewiß". "Dann", sagte Stalin, "ist der Augenblick für den entscheidenden Schlag gekommen".
Es ist nicht leicht, politische Maßnahmen zu finden, mit denen dieser so starken und ungeheuren, so vielseitigen und anhaltenden Gefahr begegnet werden kann. Die Lösung liegt nicht darin,
daß man den Schein der Preiheitsfackel durch den Glanz des Stahls
ersetzt.
Gemeinsame Verteidigung
Der Eckpfeiler der Sicherheit für die freien Nationen muß
ein kollektives Verteidigungssystem sein. Es ist ganz klar, daß
sie einzeln keine Sicherheit erzielen können. Keine einzelne
Nation kann für sich selbst eine Verteidigungsmacht von ausreichendem Umfang und ausreichender Beweglichkeit aufbauen. Ein solcher Versuch würde - ohne die notwendige Sicherheit zu geben jede Nation zum Garnison-Staat werden lassen.
Dies trifft für die Vereinigten Staaten zu, ohne die Unterstützung der Alliierten würden wir sogar nicht in der Lage sein,
eine wirkungsvolle Vergeltung gegen die Rüstungsindustrie einer
angreifenden Nation durchzuführen. Dazu bedarf es der internationalen Zusammenarbeit. Ohne sie verliert unsere Luftstreitmacht viel
von ihrer Schlagkraft; mit ihr wird die strategische Luftmacht
das, was Sir Winston Churchill "das größte Abschreckmittel"
nennt. Ihm schrieb er die Sicherheit Europas während der letzten
Jahre zu. Solche Macht stellt zwar jetzt einen ausschlaggebenden
Faktor dar, aber es könnte sein, daß ihr die gleiche Bedeutung
nicht für alle Zeiten zukommt. Außerdem sind massiv geführte
Vergeltungsmaßnahmen mit Atom- und Wasserstoffbomben nicht Machtmittel solcher Art, die unter allen Umständen am wirkungsvollsten
angewandt werden können.
_..

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Die Sicherheit der freien Welt hängt demnach eher von
dem weiteren Ausbau der gemeinsamen Sicherheit und der gemeinsamen Streitkräfte ab als von dem Kräftepdtential einzelner Nationen. Jede Nation, die an dieser Sicherheit teilhat, sollte
daher je nach ihren Kräften und Möglichkeiten das Ihre dazu beitragen. Der inter-amerikanische Beistandspakt (Riopakt) von
1947 war das erste Nachkriegsbeispiel eines Paktsystems, nach
dem jeder bewaffnete Angriff gegen eines der Mitglieder als
Angriff gegen alle angesehen wird. Der Nordatlantikpakt ist
auf denselben Grundsätzen aufgebaut. Die an diesem Vertrag Beteiligten sind sogar viel weiter gegangen, indem sie im Rahmen
eines integrierten Sicherheitssystems gemeinsame Streitkräfte
aufgestellt und allen zur Verfügung stehende Verteidigungsmöglichkeiten geschaffen haben. Die NATU erstellt bedeutende Luftund Marinestützpunkte, zu deren Ausbau alle Mitgliedstaaten jeder nach seinen Mitteln und Möglichkeiten, - Beiträge leisten
könne. Die Nordatlantik-Gemeinschaft liefert außerdem die Plugzeuge, Schiffe und Waffen, die von diesen Stützpunkten aus ein- '
gesetzt werden können. Sie schafft viele Positionen, von denen
aus ein Angreifer auf die verschiedenste Art und Weise bedrängt
werden kann, so daß er es aus Gründen der Klugheit kaum wagen
dürfte, seine Kräfte auf ein einzelnes Opfer seines Angriffs
zu konzentrieren.
Während in der Nordatlantikpakt-Gemeinschaft das Konzept
der kollektiven Sicherheit bereits verwirklicht ist, ist es in
anderen Gebieten erst im Stadium der Entwicklung begriffen, zur
Zeit noch in einer etwas rudimentären Form. Ein Beispiel dafür
ist der westliche Pazifik, wo die Vereinigten Staaten eine Reihe
von Verträgen zur kollektiven Sicherheit abgeschlossen haben,
die nunmehr Australien, Neuseeland, die Philippinen, Japan und
Korea einschließen. Eine andere Verteidigungsgemeinschaft gruppiert sich zur Zeit im Mittleren Osten um den Kern Türkei-Pakistan. Diese Entwicklungen zeigen, daß dieses Konzept der
kollektiven Sicherheit immer mehr Anhänger gewinnt.
Die Vereinten Nationen sind bestrebt, der kollektiven Sicherheit eine Basis zu geben, die mehr umfaßt als einzelne Gebiete. Schöpfer der Idee des gemeinsamen Handelns waren die
Vereinten Nationen, und mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder
haben sich diesem Prinzip angeschlossen, darunter die 16 Staaten,
die bewaffnete Streitkräfte nach Korea entsandten, um die Aggression abzuwehren. Die Resolution über die "Vereinigung für den
Frieden", die im November 1950 von der Generalversammlung akzeptiert wurde, war ein Ergebnis dieser Erfahrungen. Diese Resolution ermöglicht es den Mitgliedern der Vereinten Nationen,
gegen zukünftige Aggressionen ähnliche gemeinsame Maßnahmen zu
treffen, ohne von dem Veto der Sowjetunion daran gehindert zu
werden.
Das von der freien Welt errichtete Stützpunkt-System gehört
zu den Maßnahmen für die kollektive Sicherheit. Herr Molotow hat
diese Stützpunkte während der Berliner Vier-Mächte-Konferenz wiederholt als Beweis für Aggressionsabsichten angegriffen. Tat-

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Tatsächlich verkörpern diese Stützpunkte auf Territorien anderer
souveräner Länder nichts anderes als einen Teil des kollektiven
Sicherheitssystems. Sie wurden nur auf Ansuchen dieser Länder
hin errichtet und von ihnen hängt es ah, wann und wie sie benützt werden dürfen. Die Zustimmung zur Benützung würde niemals
gegeben werden, solange dies nicht in Antwort auf eine offene
Aggression geschähe und durch die Art und Reichweite dieses
Angriffs zu rechtfertigen wäre. Dadurch wird die Punktion dieser
Basen als gemeinsame Aktionspunkte gewährleistet.
Die Strategie der Verhinderung eines Angriffs
Es bleibt die Frage: Wie soll die freie Welt ihre Verteidigung aufbauen, um mit minimalem Kosteneinsatz ein Maximum an
Sicherheit zu erzielen? Der Kern des Problems liegt jetzt darin,
den Angriff zu verhindern. Dazu ist es unserer Meinung nach nötig, daß wir einer angreifenden Macht keinen Zweifel darüber
lassen, daß die Verluste, die sie durch den Angriff erleiden
würde, eventuelle Gewinne überwiegen würden.
Wenn die freie Welt versuchen würde, den starken Verbänden
der kommunistischen Streitkräfte an jedem Punkt, an dem sie angreifen, Verbände von gleicher Truppen- und Materialstärke entgegenzusetzen, würde dies selbst mit Hilfe kollektiver Maßnahmen nicht gewährleistet sein. Dem sowjetisch-chinesischen Block
mangelt es nicht an Truppen und er verschwendet sein Menschenmaterial wie billige Ware. Wenn ein Angreifer sicher wäre, daß
er die Kampfbedingungen vorschreiben und uns in Kämpfe verwickeln könnte, bei denen es hauptsächlich auf die Truppenzahl
ankommt, könnte dies zu einer Aggression ermutigen. Er könnte
versucht sein, uns mit solchen Mitteln und an solchen Stellen
anzugreifen, wo seine überlegene Truppenstärke den Gang der
Kampfhandlung entscheiden und wo er uns mit geringen Kosten große
Lasten auferlegen könnte. Wenn sich die freie Welt diese Strategie aufdrängen ließe, führte sie sich selbst zum Bankrott
und würde lange Zeit keine Sicherheit erlangen können.
Die freie Welt muß zu ihrer Verteidigung eine bessere Taktik ausarbeiten, die sich auf die Mittel stützt, in denen sie
sich überlegen weiß. Die Stärke der freien Welt liegt hauptsächlich bei den Luft- und Seestreitkräften, bei den Atomwaffen, die
jetzt auf vielerlei Gebieten eingesetzt werden können,und nicht
mehr allein bei der Bombardierung strategisch wichtiger Punkte,
sondern auch in der Gefechtshandlung eine bedeutende Rolle spielen. Die freie Welt muß neue Einsatzmöglichkeiten für die abschreckenden Eigenschaften dieser Waffen finden und das Kräftepdential der kollektiven Sicherheit voll ausnützen. Richtig
eingesetzt könnte sie eine starke Verteidigung aufbauen, die
imstande ist, sofort und wirksam jede Aggression zu vergelten.
Im Hinblick auf die Verhinderung eines Angriffs ist es wichtig, daß man die Beweglichkeit und die strategischen Möglichkeiten besitzt, die verschiedene Abwehraktionen gewährleisten. In
vielen Fällen würde ein offener kommunistischer Angriff einen
- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

einen allgemeinen Krieg auslösen. Aber die freie Welt muß die
Mittel besitzen, um Ort und Zeit ihrer Gegenmaßnahmen selbst
zu bestimmen. Sie darf sich nicht in eine Lage drängen lassen,
in der es keine andere Antwort mehr gibt als den allgemeinen
Krieg. Wesent ich ist dabei, daß sich eine angreifende Macht im
vorhinein darüber im klaren ist, daß sie durch einen Angriff
mehr einbüßen würde als sie möglicherweise damit gewinnen könnte.
Das aber erfordert den Aufbau eines Verteidigungssystems, in dem
die örtliche Verteidigung jederzeit durch beweglichere, abschrekkende Einsatzkräfte verstärkt werden kann. Wie dieses System
im einzelnen auszusehen hat, hängt von der Beschaffenheit der
verschiedenen Gebete ab.
Manche Gebiete sind so lebenswichtig, daß ein besonderer
Schutzwall um sie herum gebildet werden sollte und gebildet werden
kann. Westeuropa ist ein solches Gebiet. Seine Industrieanlagen
sind von so großer Bedeutung für das wirtschaftliche Gleichgewicht in der Welt, daß ein Angreifer zu der Ansicht gelangen
könnte, es sei ein kluger Schachzug sich seiner zu bemächtigen sogar auf die Gefahr hin, sich selbst dabei erhebliche Verletzungen zuzuziehen. In dieser Hinsicht ist Westeuropa einzigartig.
Glücklicherweise haben die westeuropäischen Länder sowohl eine
militärische Trad tion als auch ein großes Militärpotential, so
daß sie durch eine europäische Verteidigungsgemeinschaft und mit
Unterstützung der Vereinigten Staaten und Großbritanniens eine
ausreichende Verteidigung des Kontinents schaffen können.
Die meisten Gebiete innerhalb der Reichweite eines Aggressors
bieten ihm weniger als der Verlust beträgt, den er durch wohldurchdachte Vergeltungsmaßnahmen erleiden würde. Jedoch selbst
in solchen Gebieten wird die lokale Verteidigung stets wichtig
sein. In jedem gefährdeten Gebiet sollten geeignete Abwehrkräfte
zur Aufrechterhaltung der Ordnung bei Umsturzgefahr und zur Abwehr anderer Formen indirekter Aggression und unerheblicher
Aggression von selten der Sa ellitenstaaten vorhanden sein.
Diese Abwehrkräfte sind notwendig; sie bekunden den Willen zum
Widerstand und zwingen jeden Angreifer seine wahre Absicht durch
einen Kampf zu erkennen zu geben, der ihn vor der ganzen Welt
brar.c markt und sofortige kollektive Maßnahmen auslöst- Etwaige
Aggressoren haben wenig Respekt vor Volkern, die nicht gewillt
sind, für ihre eigene Sicherheit zu kämpfen oder die Opfer zu
bringen, die notwendig sind um diesem Kampf Bedeutung zu verleihen. Sie wissen ebQnso, daß solche Völker keine Verbündeten
finden, die für ihre Sache zu kämpfen bereit sind. Aus all diesen
Gründen ist die lokale Verteidigung w'chtig. In solchen Gebieten
muß jedoch das Schwergewicht auf der Macht der freien Gemeinschaft
liegen, die mit starker Kraft Vergeltung üben ka n und zwar mit
den Mitteln und auf den Schauplätzen, die sie bestimmt.
Ein

�"AFRIKA DIENST"

17. März 1954

Ein etwaiger Aggressor wird zögern»eine Aggression zu
starten, wenn er im voraus weiß, daß er hierbei nicht nur die
Kräfte aufs Spiel setzt, die er in seinem Angriff einsetzen
will, sondern auch seine übrigen Machtmittel ihres "geheiligten" Status' beraubt. Das bedeutet nicht, daß jeder lokale
Krieg einen Weltkrieg entfesselt. Es bedeutet auch nicht, daß
im Falle eines kommunistischen Angriffs auf irgendein Gebiet
in Asien notwendigerweise Atom- oder Wasserstoffbomben auf
die großen Industriezentren Chinas oder Rußlands geworfen
werden. Es bedeutet vielmehr, daß die freie Welt die kollektiven Mittel aufrechterhalten und gewillt sein muß, sie so
wirksam zur Anwendung zu bringen, daß eine Aggression hierdurch zu gewagt und kostspielig wird um verlockend zu erscheinen.
Es wird manchmal behauptet, daß dieses System unzulänglich
sei, da es einem besetzten Land lediglich garantiert, daß es
schließlich befreit und der Eindringling bestraft wird. Diese
Ansicht trifft nicht den Kernpunkt. Es ist vielmehr so, daß
ein etwaiger Angreifer höchstwahrscheinlich keinen Überfall
wagen wird, wenn er glaubt, daß der mögliche Verlust und der
zu erwartende Gewinn einander die Waage halten. Ein System,
das die etwaigen Aggressoren zwingt, sich diese Tatsache vor
Augen zu führen, bildet die unerläßliche Ergänzung eines
lokalen Verteidigungssystems.
Praktische Anwendungen
Die ersten Anzeichen der Nutzanwendung dieser Politik
lassen sich bereits beobachten.
In Korea waren die gegen die Aggression eingesetzten
Streitkräfte so stark eingeengt, daß es ihnen sogar verboten
war, feindliche Plugzeuge, die jenseits des Yalu-Plusses
stationiert waren, zu.verfolgen. Die Plugplätze, von denen
aus die Angriffe gestartet wurden, waren tabu, ebenso die
Nachschublinien uhd -lager. Die Kampfhandlungen wurden dort
schließlich im Juli vergangenen Jahres unter Bedingungen abgebrochen, die bereits viele Monate vorher vorgeschlagen worden waren. Dieses Ergebnis wurde, zumindest teilweise, erzielt,
da sich der Angreifer, dem territoriale Gewinne bereits verweigert worden waren, vor die Möglichkeit gestellt sah, daß
die Kämpfe, sehr zu seiner eigenen Gefahr, sich bald über die
von ihm festgelegten Grenzen und Methoden hinaus in Gebieten
und unter Bedingungen abspielen könnten, die wir selbst bestimmen würden. Mit anderen Worten, das Prinzip der Anwendung
von Methoden unserer eigenen Wahl stand nahe vor seiner Verwirklichung, und es half den Krieg zu beenden, den der Gegner
begonnen und, gestützt auf die Theorie, daß es ein abgegrenzter
Krieg auf Schauplätzen und unter Voraussetzungen seiner eigenen
Wahl sei, geführt hatte.
Die 16 Mitglieder der Vereinten Nationen, die in Korea

�"AFRIKA DIENST"

17. März 1954

Korea kämpften, haben das gleiche Prinzip verfolgt. Sie haben
öffentlich bekannt gegeben, daß in dem Falle einer Verletzung
des Waffenstillstandes und einer Erneuerung der Aggression
durch die Kommunisten die Erwiderung des Kommandos der Vereinten Nationen sich nicht unbedingt auf Korea beschränken
werde. Wenn daher die Aggression wieder fortgesetzt würde,
hätte das UN-Kommando heute keinerlei Bedenken, dem Angreifer schwerste Vernichtungen auch außerhalb des Gebietes zuzufügen, das er gerade für seinen Angriff wählt. Das braucht
nicht die Ausbreitung des Atomkrieges über ganz Asien zu bedeuten. Man sollte nicht vorher bereits die genauen Absichten der militärischen Handlungen im Falle einer neuen Aggression bekannt geben. Dies ist eine Angelegenheit, über die
man den Aggressor besser im Unklaren lassen sollte. Aber er
kann und soll wissen, daß im Lichte der gegenwärtigen Politik
in einem solchen Falle nicht er, sondern wir bestimmen werden.
Bezüglich Indochina haben die Vereinigten Staaten öffentlich
erklärt, daß eine offene Aggression der rotchinesischen Armee
in diesem Gebiet "schwerwiegende Konsequenzen, die sich möglicherweise nicht auf Indochina beschränken", nach sich ziehen
würde.
Am 26.Dezember 1953 gab Präsident Eisenhower eine wichtige
Erklärung ab, die klar unsere gegenwärtige Politik in bezug auf
Asien reflektierte. Er kündigte einen progressiven Abzug amerikanischer Landstreitkräfte in Korea an. In seinen weiteren Ausführungen betonte er jedoch, daß die Militärstreitkräfte der
Vereinigten Staaten im Fernen Osten nunmehr "hochbewegliche
Marine-, Luft- und Amphibien-Einheiten" besitzen werden; und
er fügte hinzu, daß die Vereinigten Staaten auf diese Weise
trotz des Abzuges einiger Landstreitkräfte über eine Kapazität
verfügen werden, die jeder Aggression "sogar wirkungsvoller als
bisher" begegnen kann. Im gleichen Monat bekräftigten die Vereinigten Staaten abermals ihre Absicht, von dem uns durch den
japanischen Friedensvertrag zugestandenen Recht Gebrauch zu
machen und in Okinawa zu bleiben. Dieser Stützpunkt ist notwendig zur Sicherung wirkungsvoller Einsätze im Sinne der
Erfüllung der Konzeption der kollektiven Sicherheit.
In Europa kommen unsere Ziele vor allem im Nordatlantikpakt zum Ausdruck. Im Anschluß an die Aggression in Korea
vom Juni 1950 schritten die Mitglieder des Paktes zu einer
aus der Situation notwendig gewordenen Verstärkung der militärischen Kräfte in Westeuropa. Diese in der Zeit zwischen
1950 und 1953 ausgebaute militärische Stärke hat sich zur Erhaltung des Friedens gut bewährt. 1953 schien es nicht mehr
notwendig, diesen ursprünglich eingeschlagenen Weg weiter zu
verfolgen.
Auf der Sitzung des Nordatlantikrates im April 1953 setzten
die Vereinigten Staaten eine neue Konzeption fest, die heute als
das "Programm auf lange Sicht" bekannt ist. Es bedeutet eine
ständige Weiterentwicklung der defensiven Kraft, und zwar in

- 7-

�"AFRIKA DIENST"

17. März 1954

in einem Ausmaß, das der wirtschaftlichen Kraft unserer
Alliierten ebenso wie unserer eigenen angemessen ist und sie
nicht übersteigt. Diese Entwicklung würde unterstützt durch
das Vorhandensein neuer Waffen mit ungeheuer gesteigerter
Zerstörungskraft sowie durch den wirkungsvollen Einsatz von
Luftstreitkräften von Stützpunkten aus, über die man sich
auf internationaler Basis einigt. Präsident Eisenhower sucht
nun durch einen Zusatz zu dem bestehenden Gesetz einen Weg zu
einem freieren Austausch der Atominformationen mit unseren
NATO-Verbündeten zu finden. Als wir zu den Sitzungen des
Nordatlantikrates vom vergangenen Dezember zurückkehrten,
konnten wir eine allgemeine Zustimmung zu dem "Programm auf
lange Sicht" feststellen. Das Ergebnis ist, daß die meisten
unserer NATO-Verbündeten nunmehr in der Lage sind, eine
Budget- und Wirtschafts-Stabilität zu erreichen, ohne in
stärkerem Umfang von unserer Wirtschaftshilfe abhängig zu
sein.
Das erstarkende Verteidigungssystem der freien Welt, gestützt auf gemeinsame Bemühungen und gekoppelt mit entsprechenden Richtlinien für ihren Einsatz, spiegelt die bisher
höchste Annäherung der Welt an das Ziel, eine wirkungsvolle
Verteidigung mit einem Minimum an Kosten zu erreichen.
Das gegenwärtige Militärprogramm
Eine der grundlegenden Aufgaben der neuen Regierung ist es
gewesen, unser militärisches Programm im Lichte der früheren
Politik zu überprüfen.
In den Jahren 1945-53 waren unsere militärischen Programme
starken Schwankungen unterworfen, welche eine ordnungsgemäße
und wirksame Verwaltung behinderten. Während de» ersten Abschnittes dieses Zeitraumes ging die Politik dahin, die Streitkräfte drastisch zu verringern. Während des späteren Teils
dieses Zeitraums lief die Politik darauf hinaus, die militärische Stärke rasch zu erhöhen. Sowohl während der Demobilisierung als auch während der Verstärkung spiegelte das Militärbudget den Gedanken des sogenannten "Gleichgewichts der Heeresteile" wider. Einfacher ausgedrückt, bedeutete das die Aufteilung der zur Verfügung stehenden Mittel in drei einigermaßen gleiche Teile für die Armee, die Flotte und die Luftstreitkräfte.
Als die Regierung Eisenhower die Amtsgeschäfte übernahm,
waren für die Durchführung unserer nationalen SicherheitsProgramme im In- und Ausland jährlich über 50 Milliarden Dollar
erforderlich, und für das folgende Jahr waren dafür rund
55 Milliarden Dollar veranschlagt. Es ergaben sich Fehlbeträge im Budget in Höhe von 10 Milliarden Dollar, obgleich
die Steuern denen der Kriegszeit vergleichbar waren. Inflationserscheinungen verringerten die Kaufkraft des Dollars. Unsere
Verbündeten wurden in ähnlicher Weise belastet.
_&gt;„
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Das amerikanische Volk hat wiederholt bewiesen, daß es bereit
ist, jegliche Opfer zu bringen, die notwendig sind, um unsere nationale Sicherheit zu gewährleisten. Es würde zweifellos Militärausgaben in der'Höhe auf sich nehmen, die ihm seine Regierung
als unerläßlich für die Aufrechterhaltung seiner Sicherheit bezeichnen würde, und zwar selbst um den Preis von Fehlbeträgen
im Budget, von daraus sich ergebendem inflationistischem Druck
und Steuereätzen,, die den wirtschaftlichen Ansporn beeinträchtigen würden. Aber der patriotische Opferwille ist nicht etwas,
das man ohne Not in Anspruch nehmen soll. Die Regierung hat die
hohe Verpflichtung, unter Zuhilfenahme aller Mittel und ihrer
ganzen Erfindungsgabe nach Wegen zu suchen, die Sicherheit,ohne
gleichzeitige das wirtschaftliche und soziale Wohl gefährdende
Opfer,gewähren. Die Sicherheitspolitik., die wir hier beschreiben,
ermöglicht die Aufstellung von Programmen, die hinsichtlich der
Zusammensetzung der Streitkräfte und der Materialbeschaffung
größere und wirksamere Möglichkeiten bieten.
Die neue Regierung hat sich bemüht, auf ordnungsmäßigem
Wege" das Programm für die militärischen Streitkräfte den Bedürfnissen wieder anzupassen. Bevor dies geschehen konnte, war es
erforderlich, Klarheit darüber zu schaffen, in welchem Umfange
wir uns auf die kollektive Sicherheit verlassen können; war es
ferner notwendig, unsere grundlegende Strategie sowohl in Europa
als auch in Pernost eindeutiger zu definieren; unsere Aktionsfreiheit in bezug auf die Zurückweisung künftiger Aggressionshandlungen zu behaupten; die Wirkungsmöglichkeiten neuer Arten
von Waffen abzuschätzen; und schließlich die Zusammensetzung und
uüd den Umfang unserer sofort und künftig verfügbaren Streitkräfte in ein richtiges Verhältnis zu allen diesen Paktoren zu
bringen.
Das alles hat Zeit in Anspruch genommen. Es war eine Reihe
schwieriger grundlegender Entscheidungen von seiten des Präsidenten erforderlich unter Berücksichtigung der Empfehlungen des
Nationalen Sicherheitsrates und befürwortender Entscheidungen
des Außenministeriums, des Verteidigungsministeriums und des
Finanzministeriums. Es war notwendig gewesen, in einen Gedankenaustausch mit Führern des Kongresses und mit unseren Hauptverbündeten einzutreten und die Weltmeinung so zu unterrichten, daß
weder unsere Freunde noch unsere Gegner im Ausland unser Handeln
falsch auslegen konnten. Jetzt aber ist der neue Kurs festgelegt
und bildet die Richtschnur für unsere militärische Planung. Nunmehr erst ist es möglich, mit geringeren Ausgaben ein größeres
Maß an fundamentaler Sicherheit zu haben und zu geben. Dies fand
seine Bestätigung in dem Haushaltsplan, den der Präsident für
das Rechnungsjahr 19-55 unterbreitet hat. In diesem Plan betragen
die Ausgaben für die nationale Sicherheit für das Rechnungsjahr
1955 45 Milliarden Dollar gegenüber 50 Milliarden Dollar für
1953 und 49 Milliarden Dollar für 1954.
Anfangs

- 9 -

�17. März 1954

"AiäERIKA LIEHST"

Anfangs wurde diese Neugestaltung des militärischen Programms in verschiedener Hinsicht falsch ausgelegt. So meinten
einige, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigten, sich vollkommen auf den strategischen Bombenkrieg großen Ausmaßes als
einziges Mittel zur Verhinderung und Abwehr einer Aggression
zu verlassen. Diese irrige Ansicht sollte durch das, was
bereits gesagt wurde, eindeutig widerlegt sein. Die Kräfte
für einen massiven Einsatz werden immer in einem Zustand
sofortiger Bereitschaft gehalten werden, und unser Programm
läßt eine weite Skala von Möglichkeiten hinsichtlich der
Mittel und des Umfanges offen, um einer Aggression zu begegnen.
Andere interpretierten das Programm als eine Abkehr vom System
der kollektiven Sicherheit. Das genaue Gegenteil ist, wie
bereits aufgezeigt, der Fall. Unsere Politik basiert weitgehend auf einem System der kollektiven Sicherheit und der
Erfolg hängt von ihrer Fortführung eb. Wieder andere fürchteten,
daß wir im Interesse einer größeren Beweglichkeit beabsichtigen,
unsere Truppen aus Übersee abzuziehen. Jetzt, nach Beendigung
der Kampfhandlungen in Korea, werden unsere Streitkräfte im
Fernen Osten, so wie wir es schon früher ankündigten, zahlenmäßig reduziert werden. Diejenigen Truppenkontingente jedoch,
die auch weiterhin dort bleiben werden, verfügen über eine
große Kampfkraft. Dieses Programm hat außerdem nicht den
Abzug unserer Streitkräfte in Europa zum Ziel. Es ist natürlich wichtig, daß auch die Nationen des Kontinents ihrerseits
eine harmonische Streitmacht im Rahmen eines gemeinsamen Verteidigungssystems aufstellen, wenn sie dies tun, dann kann man
auch von den Vereinigten Staaten erwarten, daß sie ihrerseits
beträchtliche Kräfte in Europa behalten werden, und zwar sowohl
in Unterstützung einer Strategie der vorgeschobenen Verteidigung
als auch aus politischen Gründen.
Eine andere Auswirkung unserer neuen Politik ist, daß wir
jetzt in der Lage sind, die Wirtschaft&amp;MMe an unsere Verbündeten herabzusetzen. Das Programm für technische Hilfe wird
fortgesetzt, und auch die Wirtschaftshilfe selbst wird nicht
vollkommen eingestellt werden. Es gibt immer noch einige Gebiete nahe der sowjetischen Machtsphäre, wo die Regierungen der
betreffenden Länder ohne unsere Hilfe nicht in der Lage sind,
ausreichende Streitkräfte zu unterhalten. Das trifft besonders
für den Mittleren und Fernen Osten zu. Wir haben weitgehend
bereitwillig und, wie ich hoffe, auch konstruktiv dazu beigetragen, die Aggression in Indochina aufzuhalten und die Freiheit zu sichern. Der Einsatz, um den es dort geht, ist so
groß, daß man sich schuldig machen würde, wenn man die Streitkräfte, die gegen die kommunistische Versklavung kämpfen, nicht
unterstützen würde. Allgemein gesprochen jedoch, ist die bisherige Wirtschaftshilfe in Form nichtrückzahlbarer Darlehen im
Begriff, als Hauptbestandteil unserer Außenpolitik zu verschwinden. Dies ist in vielerlei Hinsicht wünschenswert, denn dadurch
ist es uns möglich,unser eigenes Budget besser zu handhaben und
eine internationale Zusammenarbeit des gegenseitigen Respekts
zu schaffen.
v&gt;aa

- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

17. März 1954

Das ist es, was unsere Verbündeten wollen. Handel, größere
Märkte und ein Strom von Investitionskapital sind weitaus gesünder als Leihabkommen zwischen den Regierungen. Es ist natürlich wichtig, daß wir auch wirklich den für alle Teile vorteilhafteren Ersatz für die bisherige "Hilfe" schaffen. Dies zu
erreichen ist eines der Hauptziele der Regierung Eisenhower
und ein wesentlicher Bestandteil der bereits beschriebenen Gesamtpolitik.
Unser nationales Ziel
Wir erheben natürlich keinen Anspruch darauf,irgendeine
Zauberformel, die gegen alle Arten des Kommunismus erfolgreich
ist, gefunden zu haben. Der Despotismus hat seine Stellung ausgebaut wie nie zuvor. Er bleibt aggressiv, ganz besonders in
Asien. In Europa sind seine Ziele expansionistisch, wie dies aus
Mr. Molotows Plänen
für Deutschland, Österreich und das gesamte Europa auf der Berliner Konferenz hervorging. Aber sowohl
Zeit als auch die grundlegenden Umstände selbst werden für uns
arbeiten, so wir es nur zulassen.
Die Diktatoren stehen einer unlösbaren Aufgabe gegenüber,
wenn sie sich darauf einlassen, die Möglichkeiten, die aus dem
Strom der Freiheit kommen, über weite Strecken und auf lange
Zeit hinaus abzudrosseln. Wir können sicher sein, daß auch innerhalb des sowjetischen Einflußbereiches in aller Stille Machtkampfe
zwischen den Diktatoren und der großen Masse des Volkes im Gange
sind. Der Kampf des einzelnen freilich scheint ein hilfloses
Unterfangen; aber ihr vereintes Wollen bildet eine gewaltige
Macht. Es sind gewisse Anzeichen dafür vorhanden, daß die sowjetischen Herrscher in einigen nationalen Fragen sich den Wünschen
des Volkes werden beugen müssen. Da sind die Versprechen von
besserem und mehr Essen, mehr Haushaltwaren, mehr wirtschaftlicher Freiheit. Das bedeutet nicht etwa,die Diktatoren hatten
sich bekehren lassen, aber sie beginnen wohl zu ahnen, daß der
Macht ihrer fortgesetzten Knebelung des menschlichen Geistes
Grenzen gesetzt sind.
Diese Wahrheit sollten wir nicht aus den Augen verlieren,
wenn wir unsere eigenen politischen Entscheidungen treffen. Unser
nationales Ziel ist nicht allein zu überleben in einer Welt voller
unheilschwangerer Gefahren. Wir wollen dieser Ära der Angst ein
Ende setzen. Wir werden dies nicht allein durch die Schaffung
einer großen Militärmacht, die unentbehrlich ist für unsere Verteidigung und zur Verhinderung jeden Angriffs, erreichen. Aber
das Schwert des Damokles schwebt weiter über unseren Häuptern.
Der einzige Weg,diese Gefahr auf friedlichem Wege zu bannen,
ist zu zeigen, daß Freiheit nicht nur Schießgewehre produziert,
sondern allen seelischen, geistigen und materiellen Reichtum
in sich birgt, den die Menschen sich erwünschen.
Das sind die Grundsätze, die uns leiten mögen. Wir haben
die Zuversicht, daß, wenn unsere Nation sich beharrlich nach ihnen
richtet, die Freiheit in ihrem jahrhundertealten Kampf mit dem
Despotismus wieder die Oberhand gewinnen und damit die Gefahr des
Krieges mehr und mehr schwinden wird.
*

* * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES UMREISST US-ASIENPOLITIK
NEW YORK - (Amerika Dienst) Außenminister John Foster Dulles
vor dem "Overseas Press Club" in
lagen der amerikanischen Politik
china und Rotchina dar. Die Rede
hat folgenden Wortlaut:

Der amerikanische
legte in einer Rede
New York die Grundin bezug auf Indodes Außenminister

"Die Zusammenkunft des Overseas Press Club bietet eine
passende Gelegenheit, die Grundgedanken der amerikanischen Regierung zu zwei zusammenhängenden Problemen, nämlich Indochina und dem kommunistischen China, darzulegen.
Indochina
Indochina ist aus vielen Gründen wichtig. An erster Stelle
- und immer an erster Stelle - stehen die menschlichen Werte.
Etwa 30 Millionen Menschen streben hier für sich selbst nach
der Würde der Selbstregierung. Bis vor wenigen Jahren stellten
sie lediglich ein von Frankreich abhängiges Gefüge dar. Heute
üben ihre drei politischen Einheiten - Vietnam, Laos und
Kambodscha - innerhalb der französischen Union eine weitgehende politische Unabhängigkeit aus. Jeder der drei Staaten
ist heute durch die USA und über 30 weitere Nationen anerkannt.
Diese drei Staaten haben mit uns den japanischen Friedensvertrag unterzeichnet. Ihre Unabhängigkeit ist noch nicht vollständig. Aber die französische Regierung hat im jha.l&amp; vergangenen Jahres ihre Absicht bekanntgegeben, diese Unabhängigkeit zu vervollständigen und die Verhandlungen zur Erfüllung
dieser Verpflichtung sind in vollem Gange.
Die Vereinigten Staaten beobachten diese Entwicklung mit
aller Aufmerksamkeit und großer Sympathie. Wir Amerikaner vergessen nicht, daß auch wir eine Kolonie gewesen sind, die
ihre Freiheit errang. Wir haben auf den Philippinen eine
sehr erfolgreiche Entwicklung einer politischen Unabhängigkeit gefördert und unterstützt. Wir fühlen uns irgendwie mit
all denen verwandt, die irgendwo auf der Welt nach Freiheit
dürsten.
Der kommunistische Imperialismus
Die Kommunisten versuchen die ordnungsgemäße Entwicklung
politischer Unabhängigkeit zu verhindern und die Sachlage in
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

in den Augen der Welt zu verwirken. Sie folgen hier einer bestimmten Linie, die Stalin im Jahre 1924 festlegte.
Sie verfahren dabei nach dem Schema, den Geist des Nationalismus bis zu leidenschaftlichen Gewaltakten aufzuputschen.
Das ist das Werk der berufsmäßigen Agitatoren. Diese Formen der
Gewaltherrschaft werden dann durch militärische und technische
kommunistische Anleitung und Führung und die Gewährung militärischer Unterstützung erweitert und verstärkt. Durch diese Methoden bekommt der internationale Kommunismus die Völker in seinen
Würgegriff und benutzt nun diese seine Macht, um sie in den
sowjetischen Herrschaftsbereich zu 'amalgamieren'.
"Amalgamierung" ist das Wort Lenins und Stalins, mit dem
sie ihre Verfahrensweise umschreiben.
Eine "Amalgamierung" wird gegenwärtig in Indochina unter
der vorgeblichen Führung Ho Tschi-Minhs betrieben. Er wurde in
Moskau ausgebildet. Er wurde Mitarbeiter den Russen Borodin,
als dieser die kommunistische Partei Chinas aufbaute, die dann
später dieses Land zu einem Satelliten Sowjetrußlands machte.
Danach entfaltete er seine Tätigkeit in Indochina.
Die Truppen, die unter der Flagge Ho Tschi-Minhs kämpfen,
wurden zum größten Teil im kommunistischen China ausgebildet
und mit rotchinesischen Waffen ausgerüstet. Sie werden durch
den rotchinesisch-kommunistischen Block mit Geschützen und
Munition versorgt. Ein guter Teil des von uns erbeuteten
Kriegsmaterials ist, wie sich zeigte, in den Skoda-Werken in
der Tschechoslowakei hergestellt und quer durch das europäische Rußland und Sibirien über China nach Vietnam geschickt
worden. Der militärische Nachschub für die kommunistischen
Truppen rollte in immer steigendem Tempo und Ausmaß nach
Vietnam.
Ungefähr 2 000 chinesische Kommunisten fungieren als
militärische und technische Berater. Sie nehmen innerhalb
der Ho Tschi-Minh-Streitkräfte wichtige Schlüsselpositionen
ein - im Stab des Oberkommandos, auf Divisionsebene und in
Sonderkommandos wie Nachrichten-, Pionier-, Artillerie- und
Transporteinheiten.
Im gegenwärtigen Stadium verwenden die Kommunisten in
Indochina nationalistische, anti-französische Schlagworte, um
die örtliche Unterstützung zu gewinnen. Sobald sie jedoch
einen militärischen oder politischen Erfolg errungen haben,
werden sie bestimmt die Bevölkerung einer grausamen kommunistischen Diktatur unterwerfen, die ihre Befehle von Peking
oder Moskau entgegennimmt.
Der Umfang der Gefahr
Die Tragödie würde hier nicht Halt machen. Sobald die
kommunistischen Streitkräfte die unbestrittene Kontrolle über

�"AM2RIÄAJDIEMST"

31. März 1954

über Indochina oder einen beträchtlichen Teil des Landes erlangt haben, würden sie bestimmt die gleichen aggressiven Gewohnheiten gegenüber den übrigen freien Völkern in diesem
Gebiet annehmen. Die Propagandisten Rotchinas und der Sowjetunion lassen es offensichtlich werden, daß das Ziel die Beherrschung ganz Südostasiens ist.
Südostasien ist die sogenannte 'Reisschüssel*, die die
Bevölkerung der sich von Indien bis nach Japan erstreckenden
dichtbesiedelten Gebiete ernähren hilft. Es ist reich an
vielen Rohstoffen wie Zinn, Erdöl, Kautschuk und Eisenerz.
Es bietet der Industrie Japans wichtige potentielle Märkte
und Rohstoffquellen.
Dieses Gebiet hat vom strategischen Standpunkt aus gesehen große Bedeutung. Südostasien liegt längs der bestausgebauten Schiffahrts- und Luftfahrtwege zwischen dem Pazifik
und Südasie.n. Hier liegen wichtige Luft- und Marinebasen.
Gewönnen die Kommunisten die Kontrolle über Südostasien, dann
bedeutete dies eine ernstliche Bedrohung der Philippinen,
Australiens und Neuseelands, mit denen wir gegenseitige Beistandsabkommen abgeschlossen haben. Der gesamte westliche
Pazifik, einschließlich der sogenannten "vorgelagerten Inselkette" würde strategisch bedroht.
Präsident Eisenhower umschrieb die gegenwärtige Situation,
als er sagte, dem Gebiet komme "überragende Bedeutung" zu.
Die Haltung der Vereinigten Staaten
Die Vereinigten Staaten haben in vielfacher Weise ihre
Bewunderung für den heldenmütigen Kampf der Streitkräfte Frankreichs und der assoziierten Staaten in Indochina zum Ausdruck
gebracht. Der Kongreß hat die nötigen Maßnahmen getroffen, damit wir den anerkannten Regierungen und ihren Völkern materielle
Hilfe zukommen lassen können. Ferner zielte unsere Diplomatie
darauf ab, Rotchina von einer offenen Aggression in diesem Gebiet abzuschrecken.
Präsident Eisenhower erklärte in seiner großen Friedensrede vom 16.April des vergangenen Jahres, daß ein Waffenstillstand in Korea ein Betrug wäre, wenn man ihn lediglich dazu
benutze, um Aggressionsarmeen für einen Angriff an einem anderen Ort freizubekommen. Ich sagte im vergangenen September,
daßces schwere Folgen nach sich zöge, die nicht nur auf Indochina beschränkt bleiben würden, falls Rotchina seine Armeen
nach Indochina einmarschieren ließe.
Die in der unmittelbaren Vergangenheit abgegebenen Erklärungen waren dazu bestimmt, einem jeden möglichen Aggressor
in aller Deutlichkeit klarzumachen, daß eine Aggression zu Gegenmaßnahmen an Orten und mit Mitteln führen könnte, die die
freie Welt nach ihrem eigenen Ermessen wählt, so daß eine

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

eine Aggression mehr kosten würde als sie einzubringen vermöchte.
Die Eotchinesen haben in der Tat auch den direkten Einsatz ihrer eigenen roten Armeen in offenen Aggressionshandlungen gegenüber Indochina vermieden. Sie haben jedoch die Unterstützung der Aggressoren in diesem Gebiet ganz erheblich verstärkt, ja, sie fördern die Aggression in Indochina mit allen
Mitteln außer der offenen Invasion.
Unter diesen Umständen scheint es wünschenswert und angebracht, die Position der USA noch weitgehender klarzustellen.
Unter den gegenwärtigen Bedingungen würde die Aufzwingung
des politischen Systems des kommunistischen Rußlands oder
seiner chinesischen Kommunisttachen Verbündeten in Südostasien, gleichgültig durch welche Mittel, eine ernste Gefahr
für die gesamte freie Welt darstellen. Die Vereinigten Staaten
sind der Ansicht, daß diese Möglichkeit nicht passiv hingenommen werden darf, sondern daß ihr durch gemeinsame Maßnahmen
begegnet werden sollte. Dies könnte mit ernsten Risiken verbunden sein. Aber diese Risiken sind viel geringer als diejenigen, denen wir uns in wenigen Jahren gegenübersehen,würden, wenn wir es nicht wagen, heute entschlossen zu sein.
Die freien Nationen wollen den Frieden. Frieden erhält
man jedoch nicht nur dadurch, daß man ihn will. Man muß für
den Frieden arbeiten und für ihn planen. Manchmal ist es notwendig, Risiken auf sich zu nehmen, um den Frieden zu gewinnen,
genau so wie es im Kriege notwendig ist, Risiken auf sich zu
nehmen, um den Sieg zu erringen. Die Aussichten für den Frieden werden gewöhnlich verbessert, wenn man einen etwaigen
Aggressor im voraus wissen läßt, wohin ihn seine Aggression
führen könnte.
Ich hoffe, daß die von mir hier heute Abend abgegebene
Erklärung der Sache des Friedens dienen wird.
Das kommunistische China
Gestatten Sie mir nun, auf unsere politischen Beziehungen
zu Rotchina und dabei in erster Linie auf die Frage seiner Anerkennung einzugehen.
Die Vereinigten Staaten erkennen das kommunistische Regime
in China nicht an. Dies ist allgemein bekannt. Die Gründe hierfür scheinen allerdings nicht genügend bekannt zu sein. Gewisse
Kreise glauben, daß es überhaupt keine derartigen Gründe gebe,
und daß wir uns in unserem Handeln nur von Ressentiments bestimmen lassen. Die amerikanische Regierung ist jedoch der Auffassung, daß ihre Haltung in dieser Frage nüchtern und von
klarer Vernunft bestimmt ist.
Die

�"Ai£EKIKA DIENST"

31. März 1954

Die Nichtanerkennung
Lassen Sie mich eingangs erst noch einmal an die Tatsache
erinnern, daß die diplomatische Anerkennung eines Staates ein
freiwilliger Schritt ist. Kein Land hat das Recht, die Anerkennung durch ein anderes Land zu fördern. Im allgemeinen ist
es zweckmäßig, wenn diejenigen, die die Regierungsgewalt de
facto ausüben, miteinander in diplomatischem Verkehr stehen
und es gilt als eine allgemein anerkannte Regel, daß die diplomatische Anerkennung noch keine moralische Anerkennung darstellt-,
Präsident Monroe brandmarkte in seiner berühmten Botschaft
an den amerikanischen Kongreß die Expansionisten und das despotische System des zaristischen Rußlands und seiner Alliierten.
Aber der Präsident sagte, daß es dennoch unsere Politik sein
würde, 'die de facto-Regierung als die für uns legitime Regierung anzuerkennen'. Das ist dann in der Tat die Grundpolitik
der Vereinigten Staaten gewesen und ich glaube, daß es eine
gesunde und vernünftige Politik ist. Wo diese Politik jedoch
unseren Interessen entgegenläuft, haben wir die Freiheit, von
ihr abzuweichen.
In bezug auf Rotchina sind wir gezwungen, das Faktum in
Rechenschaft zu stellen, daß das rotchinesische Regime gegenüber den Vereinigten Staaten eine ständige und bösartige Feindschaft an den Tag gelegt hat.
-Eine für die Kommunisten typische politische Broschüre
erklärt: 'Wir müssen die USA hassen, weil sie der unerbittliche
Feind des chinesischen Volkes sind. Wir müssen die Vereinigten
Staaten verachten, weil sie ein korruptes imperialistisches
Volk sind, das Weltzentrum der Reaktion und Dekadenz. Wir
müssen auf Amerika herabblicken, weil es ein hohler Koloß ist,
der durch und durch für die Niederlage reif ist.'
Derartige Themen sind von den kommunistischen Machthabern
durch Druckschriften, Rundfunk, Dramen, Bilder, mit all den
propagandistischen Künsten, die der Kommunismus ersonnen hat,
propagiert worden. Die Kommunisten machen ihrem Haß durch barbarische Taten Luft, wie zum Beispiel durch die Verhaftung und
Einkerkerung von Amerikanern.
Die Verantwortlichen für die Politik der Vereinigten Staaten müssen sich fragen und diese Frage beantworten: 'Wird es
unserem lande helfen, wenn wir, durch Anerkennung, einem Regime
verstärktes Prestige und größeren Einfluß geben, das aktiv unsere lebenswichtigen Interessen angreift?' Ich kann nur die eine
Antwort hierauf finden: 'Nein1.
Zulassung zu den Vereinten Nationen
Wenden wir uns nun der Frage der Aufnahme Rotchinas in die
Vereinten Nationen zu. Durch die UN-Charta soll die Mitgliedschaft auf 'friedliebende' Staaten beschränkt werden. Es ist
daher angebracht, sich daran zu erinnern, daß das chinesische

- 5 -

�»AMERIKA DIENST

31. März 1954

chinesische kommunistische Regime Ende des Jahres 1950 zum
Aggressor wurde. Seine Armeen drangen in Korea ein und nahmen den Krieg gegen das Oberkommando der Vereinten Nationen
auf. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, daß im Verlauf
der Kampfhandlungen rund 500 000 Soldaten des UN-Oberkommandos, darunter über 100 000 Amerikaner, getötet, verwundet
oder vermißt wurden.
Die Vollversammlung der Vereinten Nationen entschied sich
am I.Februar 1951 mit 44 zu sieben Stimmen, die Volksrepublik
China der Aggression in Korea für schuldig zu befinden. Sie
appellierte an Rotchina, seine Truppen aus Korea zurückzuziehen.
Aber sie sind noch immer dort.
j

Es trifft zu, daß die Befehlshaber des rotchinesischen
Korps in Korea einen Waffenstillstand abschlössen. Aber das
war ein Erfolg des UN-Oberkommandos. Die Kommunisten unterzeichneten erst, nachdem verzweifelte und verlustvolle Versuche,
die Front der Alliierten zu durchbrechen, gescheitert waren,
und nachdem das Oberkommando der Vereinten Nationen es ganz
deutlich gemacht hatte, daß wichtige militärische Basen und
industrielle Zentren in der nahen Mandschurei gefährdet sein
würden, wenn der Kampf weiter fortgesetzt würde.
Der auch heute noch mangelnde gute Wille der chinesischen
Kommunisten, zu einem Frieden zu kommen, wird in Indochina eindringlich demonstriert.
Als Mitglied der Vereinten Nationen und als Vertreter einer
Regierung, die ihre Macht vom Volke herleitet, müssen wir uns
fragen 'wird es der Weltordnung dienlich sein, ein Regime in
den Kreis der Vereinten Nationen aufzunehmen, das der Aggression
für schuldig befunden worden ist, das nicht von sich aus dieser
Aggression entsagte und das auch weiterhin die Anwendung von
Gewalt in Verletzung der Grundsätze der Vereinten Nationen unterstützt*? Ich kann darauf nur mit einem 'Nein' antworten.
Das freie China auf Formosa
Die Chinafrage hat noch einen weiteren Aspekt. Wir dürfen
nicht vergessen, daß die chinesische Nationalregierung auf
Formosa noch weiterbesteht und daß Millionen freier Chinesen
dort unter ihrer Jurisdiktion stehen. Außer den Bewohnern
Formosas sind ihr noch zahllose Chinesen treu ergeben. Nationalchina war unser treuer Freund und Alliierter, als wir einander
während des zweiten Weltkrieges nötig hatten.
Sollten die freien Völker wirklich zu der blutigen Liquidierung dieser freiheitsliebenden Chinesen durch die chinesischen Kommunisten ermutigen und diese sogar noch fördern? Für
mich ist dies einfach undenkbar.
Die
«. 6 *

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Die Erfahrung mit kommunistischen Versprechungen
Manche Kreise erklären, die USA sollten das kommunistische
Regime Chinas anerkennen und seine Aufnahme in die Vereinten
Nationen begrüßen, wenn das rotchinesische Regime bestimmte Zusicherungen und Versprechen in bezug auf Indochina und Korea
abgäbe.
Die USA müssen einen derartigen Vorschlag jedoch auf der
Basis der in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen bewerten.
Die Vereinigten Staaten erklärten sich im Jahre 1933 bereit, das Sowjetregime anzuerkennen, indem sie sich auf das in
dem sogenannten Litwinow-Abkommen gegebene Versprechen verließen,
daß die Sowjetunion jede gegen unsere politische oder soziale
Ordnung gerichtete Aktion vermeiden und verhindern würde. Aber
diese uns gegebenen Versprechungen waren leer.
In Jalta gaben Großbritannien und die USA im Februar 1945
ihre Sanktion zu dem Faktum eines beherrscherden sowjetischen
Einflusses in Zentraleuropa. Wir taten das auf der Basis eines
sowjetischen Abkommens, wonach die Völker des befreiten Europa
das Recht haben sollten, 'die Form der Regierung, unter der sie
zu leben wünschten, selbst zu wählen* und wonach 'in Polen
freie und ungehinderte Wahlen so bald als möglich stattfinden
sollten'.
Aber auch diese uns gegebenen Versprechungen waren leer.
Ein Teil des Abkommens von Jalta befaßte sich auch mit dem
Fernen Osten. Die Vereinigten Staaten willigten ein, der Sowjetunion die Kontrolle über Port Arthur, Dairen und die Mandschurischen Eisenbahnen zu sichern. Dafür verpflichtete sich die
Sowjetunion, die nationalchinesische Regierung zu unterstützen.
Dieses Übereinkommen wurde im August 1945 in Moskau bestätigt.
Danach erhielt die sowjetische Regierung die ihr zugesprochenen
Vermögenswerte in der Mandschurei. Sie gab ihrerseits ein auf
dreißig Jahre begrenztes Versprechen ab, China moralisch zu
unterstützen und ihm mit militärischen Gütern und anderen Hilfsmitteln zur Seite zu stehen, wobei diese Unterstützung und
Hilfe ausschließlich der zentralchinesischen Regierung zukommen
sollte.
Nachdem die sowjetische Regierung erhalten hatte, was sie
wollte, begann sie unverzüglich mit der aktiven Unterstützung
der chinesischen Kommunisten, bestrebt, die Nationalregierung
aus dem Sattel zu heben. Sie übergab den Kommunisten Riesenmengen militärischer Güter und anderer Hilfsmittel, die sie
sich verpflichtet hatte, ausschließlich der nationalchinesischen Regierung zukommen zu lassen.
Auch in dieser Angelegenheit hielten wir unser Wort. Aber
die entsprechenden Versprechungen der Kommunisten blieben eitler
Wahn.
Unsere

- 7-

�"AMERIKA DIENSff"

31. März 1954

Unsere Erfahrungen mit den Versprechungen der chinesischen
Kommunisten sind begrenzt, da wir mit ihnen nur ein Abkommen
haben, nämlich das Waffenstillstandsabkommen in Korea, Das
Oberkommando der Vereinten Nationen hat berichtet, daß die
Kommunisten es 40-mal verletzt haben. Das gibt jedoch nur
einen Teil des Problems, denn die fundamentale Verletzung ist,
daß den schwedischen und Schweizer Mitgliedern der Überwachungskommission eine ausreichende Gelegenheit verwehrt wurde,
den Norden,zu überwachen und die kommunistischen Verletzungen
aufzudecken.
Die Vereinigten Staaten erkennen an, daß wenige Nationen
eine Geschichte haben, die frei von Verletzungen von Abkommen
ist. Wir erkennen auch an, daß alles Menschliche wandelbar ist.
Sicherlich hat das amerikanische Volk nichts Rachsüchtiges oder.
Unversöhnliches an sich. Wenige Menschen sogar sind so schnell
bereit wie wir, zu vergeben und zu vergessen. Es wäre jedoch
leichtfertig für uns, die Ereignisse der letzten Jahre zu vergessen, die unsere Archive mit leeren Versprechungen gefüllt
haben. Wir wollen nicht noch mehr von ihnen haben.
Es ist jetzt die Politik der Vereinigten Staaten, ihre
Pflichterfüllung nicht mehr gegen kommunistische Versprechungen einzutauschen.
.'
Die Haltung der Vereinigten Staaten wurde auf der Berliner
Konferenz klargestellt. Dort konnte ich schließlich eben duch
diese feste Haltung Herrn Molotow die zögernde Einwilligung
abgewinnen, daß die Genfer Konferenz keine 'Konferenz der
Großen Fünf' sein werde und daß in der Einladung zur Genfer
Tagung ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß weder die
Einladung noch die Tagung selbst so ausgelegt werden dürfe,
daß sie in irgend einem Falle eine stillschweigende diplomatische Anerkennung darstelle, wo eine Anerkennung vorher nicht
ausgesprochen worden ist.
Die kommunistischen Machthaber Chinas wurden allein im
Hinblick auf die Erörterung der Situation in Korea und Indochina zugezogen, WQ Rotchina in der Tat eine Aggressormacht
darstellt, die wir nicht ignorieren können. Es erhält durch
die Tatsache, daß es zur Genfer Konferenz zugelassen wird,
nicht unsere diplomatische Anerkennung. Ich erklärte in
Berlin: 'Es sind zweierlei Dinge, ob man das Böse als eine
gegebene Tatsache anerkennt oder ob man es an. die Brust drückt
und für gut erklärt'. Letzteres werden wir nicht tun.
Die vor uns liegende Gefahr
Die amerikanische Delegation wird in dem Bemühen nach
Genf gehen, ein geeintes und unabhängiges Korea zu schaffen,
aus dem das kommunistische China seine Invasionsarmeen zurückziehen muß. Wir hoffen ferner, daß eine Diskussion über Indochina dazu dienen wird, die chinesischen Kommunisten die Gefahr
erkennen zu lassen, die in ihrer offensichtlichen Absicht der

�"AkERIKA DIENST"
-

31. März 1954
i

. ,

der Eroberung Südostasiens liegt, so daß sie aufhören und
davon Abstand nehmen. Wir werden jedoch nicht geneigt sein,
dem kommunistischen China das zu geben, was es von uns wünscht,
nur um uns damit Versprechungen für ein künftiges gutes Verhalten zu erkaufen.
Vielleicht würden es manche anders machen. Wir dürfen
jedoch nicht vergessen, daß in der Zeit, da wir die kommunistischen Versprechungen zu ihrem Nennwert akzeptierten und ihre
friedlichen Absichten als Tatsachen hinnahmen, die Gefahr
ständig wuchs.
Ich glaube, wir können eine Lehre aus Dien Bien Puh
ziehen. Einige Tage schien es so, als ließe die Gefahr nach;
aber in Wirklichkeit ist sie ständig gewachsen« Der Gegner
hat mit seiner Wühl- und Unterminierarbeit niemals aufgehört.
Er hat sich bis an die Verteidigungsstellungen herangearbeitet,
so daß die innere Festung aus nächster Nähe von massierten
Kräften angegriffen werden kann.
Heute wiegt sich die freie Welt auch in einer Art Sicherheit. Die Gefahr eines Weltkrieges scheint nachgelassen zu
haben. Ich hoffe, es ist wirklich so. Wenn es zutrifft, dann
nur, weil die freien Nationen die Gefahr erkannten und gemeinsam Schritte unternahmen, um ihr mit Mut und Entschlossenheit zu begegnen.
Nichts deutet indessen darauf hin, daß die Gefahr endgültig aufgehört hat zu bestehen. Keine Anzeichen lassen darauf
schließen, daß die Herrscher der kommunistischen Welt den
Frieden als dauerhaft anerkennen, auch dann, wenn dies ihren
Zielen hinderlich sein sollte. Sie wühlen und unterminieren
fortgesetzt, um ihre Positionen gegen die Festung der Freiheit weiter auszubauen.
In Europa hält die Sowjetunion die Ostzone Deutschlands
und Österreich fest in ihrem Griff und ist unermüdlich im
Manövrieren, um eine Versöhnung und Verständigung zwischen
Frankreich und Deutschland zu "verhindern. In Asien wird das
ganze Gebiet von Japan und Korea bis in die südostasiatischen
Gebiete hinein durch die kommunistischen Infiltrations- und
Expansionsversuche in Unruhe gehalten.
Gegen ein derartiges Treiben gibt es nur eine einzige
Abwehr: Ständige Wachsamkeit, wohlüberlegte, vernünftige
politische Maßnahmen und hohen Mut.
Die Vereinigten Staaten sind ein Mitglied jener festgefügten Völkergemeinschaft, die in der Vergangenheit in der
von großen Gefahren bedrohten Geschichte zusammengestanden ist.
Wenn wir dieser Vergangenheit die Treue halten, dann können
wir der Zukunft mit Hoffnung und Vertrauen entgegensehen.
* * * * *

- 9-

�&gt;Ä M E R I K A

E N S T

PARTEITAGE UND STATUT DER SED
Von Alexander Black
Die kommunistische Partei sei als bewußter Vortrupp der
Arbeiterklasse die höchste Form der Organisation und berufen,
alle anderen Organisationen der Arbeiterklasse zu führen,
forderte Lenin als Kernpunkt seiner Organisationsprinzipien.
Die Ausführung einer solchen These machte die Schaffung einer
besonderen Struktur der bolschewistischen Parteien notwendig,
einer Struktur, die in nicirb mit der der bürgerlichen Parteien zu vergleichen ist. Unter dem Schlagwort von der "revolutionären Disziplin" hat sich in den bolschewistischen Parteien die Minderheit der Mehrheit bedingungslos - also ohne
Diskussion der Belange der Minderheit - zu fügen.
Die Konsequenz daraus ergibt die festgefügte Diktatur
durch einen riesigen bürokratischen Parteiapparat, dessen
Punktionen bis ins kleinste Detail festgelegt sind. Sämtliche Räder dieser überdimensionalen Maschine sind zu stetigem,
gleichförmigem laufen verdammt. Nur der Stoff, der von dieser
Maschine verarbeitet wird, wechselt zuweilen seine Form. In
einer Substanz allerdings bleibt er permanent. Die Substanz
heißt Marxismus. Die verschiedenen Formen des Marxismus
reichen von der sozialistisch-demokratischen Betrachtungsweise August Bebeis bis zur Auslegung des Kommunismus durch
Stalin. In jeder Form aber findet man wiederum verschiedene
Spielarten.
Hier interessiert nur die Auslegung des autoritären
Kommunismus, wie er in den Ländern seines Herrschaftsbereichs in Erscheinung tritt, zu dem auch die Sowjetzone
Deutschlands gehört. Seine Spielart fand bis vor kurzem
ihre gültige Interpretation allein durch Stalin. Stalin
interpretierte die Auslegungen Lenins, den Leninismus, in
der Weis«, die ihm angesichts der gerade vorhandenen weltpolitischen Strömungen am nützlichsten erschien. Auch seine
Nachfolger halten im Prinzip an dieser "Arbeitsweise" fest.
Man spricht dabei von der Festlegung der sogenannten Parteilinie, die jeweils von unzähligen Direktiven in allen Einzelheiten für den Gebrauch erläutert wird. Um die von den
obersten Gremien des Apparates ausgearbeiteten Direktiven
in Funktion umzusetzen, beginnt die Parteimaschine in eingespielter Weise zu arbeiten.
Allein
- 1 -

�"AFRIKA LIEHST

31. März 1954

Allein mit der rein schematischen Arbeit ist es nicht getan. Um sie wirksam werden zu lassen, braucht man geschulte
Kräfte: das sind die sogenannten Funktionäre, die dem Apparat
durch straffe Disziplin verhaftet sind.
Nach Lenin besaß das Proletariat keine andere Waffe im
Kampf um die Macht als die Organisation, d.h. die kommunistische Partei. Für die Staaten, in denen diese Waffe dem Bolschewismus bereits zur Macht verholfen hat, ergänzte Stalin die
These Lenins mit folgenden Worten: "Ist eine richtige politische Linie gegeben worden, so entscheidet die Oragnisation
alles, auch das Schicksal der politischen Linie selbst - ihre
Durchführung oder ihr Scheitern." Dieser Satz besagt nicht
mehr und nicht weniger, als daß alle Macht bei der Organisation
selbst liegen müsse. Die Partei also hat immer recht. Der
Apparat mag zwar manchmal fehlerhaft arbeiten. Die Richtlinien
können falsche Wege weisen. Das alles ist korrigierbar. Nicht
korrigierbar dagegen ist das von der Partei gesetzte und im
Prinzip als richtig angenommene Ziel. Auf die Erreichung dieses Zieles aber muß der gesamte Apparat hinarbeiten. Wenn sich
daraus oft die kuriosesten politischen Sprünge ergeben, wenn
die theoretische Linie praktisch nicht zum Ziele führen kann,
so wird sie kurzerhand geändert, gleichgültig, wer oder was
dabei auf der Strecke bleibt: bestimmt nicht der Apparat selbst.
Seine Glieder hingegen sind auswechselbar wie die Ersatzteile
von Maschinen.
Diese Prinzipien wurden auch dem Aufbau der Sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands zugrunde gelegt. Der riesige Organisationsapparat, die ungeheure Anzahl von Punktionären ermöglichen der SED die totale Beherrschung aller Lebensgebiete der
in ihrem Machtbereich lebenden Untertanen.
Bereits im Mai 1945 begann der Aufbau des kommunistischen
Parteiapparates, der 1946 durch die Zwangsvereinigung mit der
SPD erheblich vergrößert wurde. Er umfaßt vor der letzten
Säuberung etwa 1,5 Millionen Mitglieder, von denen fast eine
Viertelmillion Funktionäre sind. Der einheitliche, organisatorische Aufbau der SED wurde in dem auf dem Vereinigungsparteitag (Zwängsverschmelzung von SPD und KPD zur SED) am 20.April
1946 angenommenen Statut festgelegt.
In diesem Statut wurde die innerparteiliche Diktatur der
SED durch demokratisch klingende Paragraphen verbrämt, zumal ja
die in der neuen Partei aufgegangene Sozialdemokratie in der
Sowjetzone anfangs noch ein gewichtiges Vi/ort mitzusprechen
hatte, was sich vor allem in den unteren Gliederungen der Partei bemerkbar machte.
Das oberste Gremium einer jeden Partei, das Parlament der
Partei sozusagen, bildet im allgemeinen der Parteitag, der sich
aus den Delegierten der Mitgliederschaft zusammensetzt. So auch
bei der SED.
_.
.. .
Theoretisch

�"AFRIKA DIENST"

31. März 1954

Theoretisch nimmt der Parteitag der SED die Rechenschaftsberichte des Zentralkomitees, der Revisionskommission und ande*rer zentraler Parteiorgane entgegen und beschließt gegebenenfalls
über Parteiprogramm und -Statut. Er bestimmt angeblich die
Generallinie und die Taktik der SED. Außerdem sollen auf den
Parteitagen ein neues Zentralkomitee und die Mitglieder und
Kandidaten der Zentralen Revisionskommission sowie aus der
Zahl der Mitglieder des ZK die beiden Vorsitzenden gewählt
werden. Das Zentralkomitee wählt seinerseits aus seiner Mitte
den Generalsekretär. Nach dem Statut hat der Parteitag außerordentliche politische Bedeutung. Da die SED die Staatspartei
ist, müßten die Delegierten der Parteitage zugleich für die
gesamte Politik der Sowjetzone verantwortlich sein. Tatsächlich
werden die Parteitage jedoch von den wirklichen Trägern der
Macht innerhalb der SED lediglich .zu demonstrativen Zwecken
einberufen, um die für die nächste Zukunft gültige Generallinie •
und die Änderungen der Taktik bekanntzugeben. Durch die zuvor
organisierte "einstimmige" Annahme dieser neuen Richtlinien
soll der Anschein demokratischer Methoden erweckt werden. Die
meisten Delegierten wissen gar nicht früh genug, was sie beschließen sollen. Sie haben auf die Ausarbeitung der neuen
Direktiven keinerlei Einfluß. Erst auf dem Parteitag erfahren
sie, welche Funktionäre in das neue Zentralkomitee zu wählen
sind und hören deren Namen eft zum ersten Male. Es ist daher
ausgeschlossen, daß sie durch eigenes Nachdenken überhaupt zur
Anerkennung oder Ablehnung der Kandidaten kommen können. Außerdem erfordert die "revolutionäre Parteidisziplin" auf dem Parteitag die Anerkennung der durch das Politbüro festgelegten Linie
und die widerspruchslose Wahl der durch die Kaderabteilung des
Zentralkomitees bestimmten Kandidaten. Die Delegierten des
Parteitages bewahren sich durch ihre "einmütige Zustimmung" vor
Parteistrafen und Verhaftung.
Auf dem III.Parteitag der SED im Juni 1950 wurde mit der
üblichen "Einstimmigkeit" ein neues Statut angenommen, das die
vollkommene Bolschewisierung der SED nach dem Muster der
KPdSU (B) zum Inhalt hatte. Das im Wortlaut des I.Statutes
noch hier und da durchschimmernde Gedankengut sozialdemokratischer Strömungen war ausgemerzt worden. Obwohl danach der Parteitag noch immer das oberste SED-Organ war, das alle zwei Jahre einberufen werden wollte, hielt es die Führung der SED nicht
für notwendig, diese Periode beizubehalten. Stattdessen wurde
im Juli 1952 eine Parteikonferenz abgehalten, auf der Walter
Ulbricht den "Aufbau des Sozialismus in der DDR" bekanntgab und
diese Anweisung Moskaus pro forma von den Delegierten beschließen ließ. Die fälligen Neuwahlen der SED-Leitung fanden nicht
statt.
Als plötzlich im Jahre 1952 die sogenannte Verwaltungsreform im Staatsapparat der Sowjetzone durchgeführt wurde, in der
überraschend und vermutlich auf sowjetischen Befahl hin die
fünf Länder abgeschafft und durch 14 Bezirke ersetzt wurden,
hielten es weder das Politbüro noch das Sekretariat für nötig,
dem

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

dem Zentralkomitee Vorschläge zur Abänderung des durch die
Verwaltungsreform zum Teil überholten Parteistatute von 1950
zu unterbreiten. Ungeachtet dessen betonen die führenden
SED-Punktionäre bei jeder Gelegenheit, daß das Statut das
pberste Gesetz für den organisatorischen Aufbau der Partei
sei.
Erst auf der zweiten Organisationstagung der SED am
24.April 1953 wurde das Statut in mehreren Punkten ohne
Zustimmung gewählter Parteiorgane oder Delegierter abgeändert. Karl Schirdewan, der jetzt Mitglied des Politbüros
ist, erklärte, daß das auf dem dritten Parteitag beschlossene Statut eng verbunden mit den 12 Ratschlägen Stalins an
die KPD im Jahre 1925 sei, während die jetzige Etappe neue
Beschlüsse hinsichtlich der Formen und Methoden der Parteiarbeit, des Parteiaufbaus und des inneren Parteilebens erfordere.
Die eigentliche Bedeutung der 2.Organisationsberatung
der SED scheint, abgesehen von den unzulässigen Abänderungen
des Statuts durch ein Sekretariatsmitglied, vor allem darin
zu liegen, daß hier den hauptamtlichen Punktionären durch die
Führungsspitze als Ziel der organisatorischen Arbeit die verstärkte Einmischung der Partei in alle Bereiche des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens gesetzt wurde. Hierzu führte
Schirdewan aus: "Aufgabe der leitenden Parteiorgane ist es,
die Tätigkeit der Staats- und Wirtschaftsorgane, der Gewerkschaften und der anderen Massenorganisationen in Übereinstimmung zu bringen mit den Beschlüssen der Partei...."
Mit diesem Satz hat Schirdewan ohne alle Umschweife zu
verstehen gegeben, daß der Anspruch der Partei, alle Organe
des staatlichen, wirtschaftlichen und kommunalen Lebens den
Beschlüssen der Partei unterzuordnen, ein totaler und absolutistischer Herrschaftsanspruch ist. Der Zentralismus der Partei ist nicht "demokratisch", wie die Funktionäre immer wieder
glauben machen wollen, sondern in Wahrheit und offensichtlich
ein rein diktatorischer Zentralismus, d.h., daß die neun Mitglieder des Politbüros die Geschicke von 18 Millionen gleichgeschalteten Menschen bestimmen.
Wer sind diese neun Mitglieder des Politbüros, in deren
Händen die Geschicke der sowjetisch besetzten Zone Deutschland
liegen? Dem Namen nach kennt sie jeder. Doch nimmt man ihre
Tätigkeit genauer in Augenschein, so sieht man erst, wie in
ihren Personen Staatsführung und Parteiinteressen miteinander
verquickt sind. Das heißt: im Staat, den Behörden, der Verwaltung, den Ministerien, geschieht nichts, was nicht dem
Machtanspruch der Partei gerecht würde.
Das Politbüro bestimmt in enger Zusammenarbeit mit der
Sowjetischen Kontrollkommission (SKK) und Moskau den politischen Kurs der Sowjetzone. Die zentrale Figur ist der gegenwärtig mächtigste Mann, Ulbricht. Seiner Meinung ordnen sich

�«AMERIKA DIENST"

31. März 1954

sich nicht nur die "bürgerlichen" Parteiführer und Minister
unter, sondern oft auch seine Kollegen im Politbüro. Obwohl
das Politbüro eigentlich dem größeren Zentralkomitee (51 Mitglieder/30 Kanditaten) untersteht, dient es den neun Männern
des Politbüros doch nur als Instrument, auf dem sie nach ihrem
Willen spielen können. Über die Fachabteilungen des Zentralkomitees dirigieren sie alles. Selbst für höhere Funktionäre
ist es schwierig, Aufbau und Zusammensetzung dieser Abteilungen
zu übersehen, da sie geheimgehalten werden. Ständig werden
Umorganisationen vorgenommen. Die Abteilungen gliedern sioh
in Referate auf. In der Abteilung Propaganda zum Beispiel, die
für die gesamte Schulung innerhalb und inoffiziell auch außerhalb der SED verantwortlich ist, gibt es Referate für Bezirksund für Kreisparteischulen, für die Schulung in den Massenorganisationen, in den staatlichen Verwaltungen, usw. Jede Abteilung besitzt ihren Kaderreferenten. Dieser ist, gemeinsam
mit der Kaderabteilung des ZK und dem Abteilungsleiter für die
Personalpolitik der Abteilung der entsprechenden Fachministerien
und der anderen durch die Abteilung gelenkten staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Institutionen und Organisationen,
verantwortlich. Die Entscheidung über wesentliche personelle
Veränderungen in den Spitzen des Partei- und Staatsapparates,
der Wirtschaft und der Organisationen ist allein dem direkten
Entscheid des Politbüros vorbehalten. Dieses entscheidet auch
über die Berufung und Absetzung "bürgerlicher" Minister und
Staatssekretäre und steuert die Besetzung der maßgebenden
Funktionen innerhalb der "Blockparteien" (SED-LDP-CDU-NDP).
Unter den neun Mitgliedern des Politbüros befinden sich
der Staatspräsident, der Ministerpräsident, zwei seiner Stellvertreter und der Vizepräsident der Volkskammer. Diese fünf
Schlüsselfiguren des Staatsapparates lassen erkennen, daß die
wahre Macht des Staates die Partei und nur die Partei ist. Die
Spitzenpositionen sind Personalunionen. Die Personalpolitik
im Staatsapparat und in allen öffentlichen Einrichtungen wird
ausschließlich durch die geschulten Kader der SED kontrolliert.
Legislative sowohl als auch Exekutive liegen somit ausschließlich in Händen der SED; denn die im Zentralkomitee angenommenen Entschließungen werden der Volkskammer zur kritiklosen
Übernahme und Durchführung zugeleitet. Die Exekutive, die
Justiz also, ist nach der "Justizreform" von 1952 ausschließlich mit zuverlässigen Funktionären besetzt, deren zuverlässigster Exponent wiederum von Justizminister Hilde Benjamin, der
"Roten Hilde" oder dem "Freisler Ulbrichts", verkörpert wird.
Doch all das genügt den Machthabem in der Sowjetzone noch
nicht. Alles, was sie unternehmen, dient zur Festigung der
ParteihJerarchie, d.h. ihrer eigenen Schlüsselposition.
Und so werden wir in den nächsten Tagen wieder einmal ein
Schauspiel erleben, das eigentlich schon lange fällig war. Am
30.März begann der IV.Parteitag der SED in Berlin. Man darf

�"AÄRIJ£A

DUNST"

31. März 1954

darf darauf gefaßt sein, daß er im Zeichen einer grundlegenden
Umorganisation von Regierung und Partei steht. Die SED muß
ihre Position, die durch die Ereignisse des 17.Juni 1953 erschüttert wurde, unter allen Umständen wieder festigen. Dazu
bedient sich das Führungsgremium eines neuen Parteistatuts,
das bereits vor seiner offiziellen Verkündigung
in der
SED-Presse veröffentlicht wurde. Seine Bedeutung dürfte in
dem Satz gipfeln: "Beschlüsse der höheren Parteiorgane sind
für jede untere Organisation verbindlich."
Der IV.Parteitag wird vor allem abermals einer Festigung
der Stellung Ulbrichts dienen, der sein Amt als erster stellvertretenden Ministerpräsident niederlegen wird. Er soll sich
nur noch dem Amte des ersten Parteisekretärs widmen können.
Da es künftig keine gleichberechtigten Vorsitzenden der SED
mehr geben wird, kann man Ulbricht in seiner Stellung als
erster Sekretär nunmehr als alleinigen und wirklichen Parteiführer betrachten. Aus dem neuen Statut geht eindeutig hervor,
daß die Regierung jede Anweisung der Partei zu befolgen hat,
die Partei also als Machtfaktor über der Regierung steht.
Damit aber wird auch der erste Sekretär in seiner Bedeutung
über den Ministerpräsidenten gestellt. So geht die zentrale
Gewalt praktisch von den obersten Gremien der Partei und der
Regierung in die Hand des Parteisekretärs über. Das heißt,
daß der vielgerühmte und oft beschworene "demokratische Zen=
tralismus" nach dem IV.Parteitag auch pro forma als nicht
mehr existent zu betrachten sein dürfte.
* * * * *

- 6 -

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER ÜMREISST US-AUSSENHANDELSPOLITIK

WASHINGTON — (Amerika Dienst) ~ Präsident
Eisenhower unterbreitete dem amerikanischen
Kongreß in einer Sonderbotschaft die Richtlinien für die amerikanische Außenhandelspolitik. Die Botschaft des Präsidenten hat
folgenden Wortlaut:

"Ich unterbreite hiermit dem Kongreß zur Beratung Empfehlungen hinsichtlich der Außenhandelspolitik der Vereinigten
Staaten.
Auf Grund der Dringlichkeit und der Bedeutung unserer Probleme auf diesem Gebiet hatte ich bereits zuvor die Bildung
der Kommission zur Untersuchung der amerikanischen Außenhandelspolitik empfohlen, und der Kongreß hat dies auch gebilligt.
Die Mitglieder dieser Kommission - 17 gewählte Beamte und private Bürger - wurden aus allen Teilen des Landes berufen und
vertreten verschiedene Ansichten. Der Bericht der Kommission,
der gemäß der amerikanischen Tradition nach umfassenden Debatten und lebhaften Auseinandersetzungen ausgearbeitet wurde,
ist von den verschiedenen Ministerien der Regierung sorgfältig
überprüft worden und bildet die Grundlage für das Programm, das
ich Ihnen in dieser Botschaft unterbreite.
Bevor die Kommission ihre Beratungen aufnahm, erklärte
ich vor Ihren Mitgliedern: 'Ich möchte Ihnen eine Haltung
nahelegen, die sowohl realistisch wie auch kühn ist. Vor allem
fordere ich Sie auf, dem einen Leitprinzip zu folgen: Was dient
den nationalen Interessen am besten.'
Die nationalen Interessen auf dem Gebiet der Außenhandelspolitik liegen klar. Es gilt, auf eine Art, die im Einklang
mit unserer nationalen Sicherheit steht und für alle nutzbringend und gleich ist, das höchstmögliche Handelsvolumen und
den wirkungsvollsten Einsatz von Kapital und Hilfsquellen zu
erreichen. Daß dies ebenfalls zur Stärkung unserer militärischen
Verbündeten beitragen würde, erhöht die Dringlichkeit des Problems. Ihre Stärke ist von entscheidender Bedeutung für die
Sicherheit unseres Landes.
„ Q
Große

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Große beiderseitige Vorteile sowohl für den Käufer wie für
den Verkäufer, für den Produzenten wie für den Konsumenten, für
den Investanten wie auch für die Gemeinschaft, in der diese Investitionen gemacht werden, erwachsen aus einem hohen Volumen
an Handel und Investitionen. Sie erwachsen genau so aus dem Handel zwischen den einzelnen Völkern wie auch aus dem Handel von
Stadt zu Stadt innerhalb eines Landes. Die innere Stärke der
amerikanischen Wirtschaft ist aus einem derartigen System der
beiderseitigen Vorteile hervorgegangen.
Unter dem Druck anderer Probleme und in der Eile, Notständen zu begegnen, haben die Vereinigten Staaten - wie viele andere
Völker der freien Welt - zu oft diese im Mittelpunkt stehende
Tatsache aus den Augen verloren. Weltweite Depressionen und Kriege, Inflationen und die hieraus resultierenden wirtschaftlichen
Erschütterungen haben ein trauriges Erbe hinterlassen: Ein Flickwerk vorübergehender Notbehelfe und eine Vielzahl von Restriktionen, Härten, Einmischungen und Schranken, die die Ausweitung
des internationalen Handels ernsthaft hemmen. Dies sind die
Hindernisse, die den Kräften für eine Steigerung der Produktion,
der Beschäftigtenzahlen und der Einkommen im Wege stehen.
Die Aufgabe, die durch die Katastrophe des Krieges verursachten Schäden zu beseitigen, ist im wesentlichen gelöst worden.
Der Aufbau eines ausreichenden Verteidigungssystems für die freie
Welt ist gut vorangeschritten. Die meisten der Länder, die unter
den Kriegsverheerungen gelitten haben, konnten beachtliche Portschritte auf dem Wege zur finanziellen Stabilität und erhöhten
Produktion erzielen. Ihre eigenen Bemühungen sind wesentlich durch
unsere Hilfe unterstützt worden. Und trotz dieser Erholung sind
wir und andere freie Nationen in unserer Handlungsfreiheit sehr
durch das Portbestehen der unwirtschaftlichen, von Menschen
errichteten Schranken eingeengt, da sie den beiderseitigen Handel
und den Kapitalfluß behindern.
Wir und unsere Freunde im Ausland müssen gemeinsam an der
Aufgabe arbeiten, diese ungerechtfertigten Schranken abzubauen nicht alle auf einmal, sondern allmählich, unter voller Berücksichtigung unserer eigenen Interessen. Bei diesen Bemühungen müssen die Vereinigten Staaten die Initiative übernehmen und es dabei
der übrigen Welt eindeutig klar machen, daß wir von ihr erwarten,
daß sie unserer Führung folgen.
Viele Restriktionen im Ausland sind als Folge der sogenannten
"Dollar-Lücke' eingeführt worden. Dieses Wort ist zum Symbol für
das Versagen der freien Welt geworden, eine dauerhafte Lösung für
den unausgeglichenen internationalen Zahlungsverkehr zu finden.
Wir sollten nicht länger diese Dollar-Lücke durch größere Schenkungen füllen, um andere Länder hierdurch in die Lage zu versetzen,
sich das zu beschaffen, was sie brauchen und sich nicht kaufen
können. Unser Ziel darf nicht darin bestehen, die Dollarlücke zu
füllen, sondern wir müssen vielmehr dazu beitragen, sie zu schließen. Unsere eigensten Interessen erfordern, daß diese Dollar-Lücke
durch Hebung des Volumens von Handel und Investitionen geschlossen
wird.
Die

�31. März 1954

"AMERIKA DIENST"

Die Vereinigten Staaten sind bereit und auch in der Lage, mehr
Güter zu erzeugen und zu verkaufen als der Rest der Welt uns abnehmen kann. Daß verschiedene Länder nicht in der Lage sind, unsere
Waren in dem Maße abzunehmen, wie wir sie verkaufen möchten, hat
nichts damit zu tun, daß der Wunsch nach Abnahme solcher Güter in
diesen Ländern nicht vorhanden wäre. Das ist durchaus nicht der
Fall. Der Grund hierfür ist vielmehr darin zu sehen, daß diese
Länder einfach nicht die Dollar-Beträge zur Verfügung haben, um
die Warenmengen zu kaufen, die wir abzusetzen haben.
Nichtrückzahlbare Dollarzuwendungen sind keine Dauerlösung
zur Überwindung dieses Engpasses. Die Lösung ist vielmehr in
einem größeren, bilateralen Warenaustausch zu sehen. Auf diese
Weise können wir verkaufen und eine Bezahlung für unsere Exporte .
erhalten und damit auch ein größeres Investitionsvolumen im Ausland erreichen, um wirtschaftliche Erschließungsprojekte in Übersee zu unterstützen, die uns ihrerseits wieder Erträge einbringen.
Größere Handelsfreiheiten durch Abbau von Restriktionen und Kontrollen sowie eine aus der Marktausweitung resultierende höhere
Leistungsfähigkeit und ein freieres Spiel der Wirtschaftskräfte
sind notwendig, um dieses Ziel zu erreichen.
Ein Fehlschlagen dieser Absichten würde unsere einheimische
Wirtschaft direkt gefährden, und unsere Anstrengungen zunichte
machentWege und Mittel zu finden, damit die anderen Länder aus eigenen
Kräften unsere Waren kaufen können. Die einzige andere Alternative
ist, die Exporte einzuschränken. Unsere Farmen würden weniger Produkte absetzen können, da die Erzeugnisse von 40 Millionen Acre,
die 10 bis 12 Prozent unserer landwirtschaftlichen Nutzfläche
ausmachen, auf Auslandsmärkten abgesetzt werden müssen. Wenn unsere
Exportmärkte jedoch eingeschränkt würden, müßten die amerikanischen
Fabriken, die heute ihre Waren überall in der Welt verkaufen, Entlassungen vornehmen. Es ist eine sehr wichtige Tatsache, daß durch
den internationalen Handel über 4 Millionen Amerikaner Arbeit
finden.
Abgesehen von den wirtschaftlichen Interessen aber würden
die Solidarität und die Fähigkeit der freien Welt, denen gegenüberzutreten, die sie vernichten wollen, durch die fortgesetzte
Unausgeglichenheit des Handels gefährdet - nämlich dadurch, daß
diese Länder nicht so viel verkaufen können wie sie zu kaufen
wünschen. Wenn wir mutig an die Aufgabe herangehen, die gegenwärtige Unausgeglichenheit zu beseitigen, werden wir unseren Export
an industriellen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen fördern
und weiter steigern. Gleichzeitig werden wir dazu beitragen, die
wirtschaftliche Stärke unserer Verbündeten und damit auch unsere
militärische Sicherheit zu erhöhen, indem wir unsere Freunde
stärken. Ferner werden wir hierdurch diejenigen Importquellen
sicherstellen, die unsere eigene Wirtschaft ergänzen und für
unsere Verteidigung von großer Wichtigkeit sind. Schließlich
können wir auf diese Art einen Anstieg unseres Lebensstandards
erreichen und dazu beitragen, eine bessere Welt für uns und unsere
Kinder aufzubauen.
Ich

- 3-

�31. März 1954

••AMERIKA DIENST"

Ich bin der Überzeugung, daß eine allmähliche und selektive
Revision unserer Zölle - durch die bewährte Methode von Verhandlungen mit den anderen Nationen - einen wesentlichen Bestandteil
des stetigen Wachstums unserer Wirtschaft bildet. Unsere bekundete
Bereitschaft zu weiteren Verhandlungen dürfte den nötigen Anstoß
geben, die Handels- und Zahlungsschranken abzubauen, durch die
heute noch die Märkte für unsere Güter überall in der Welt eingeengt werden. Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen
Außenhandelspolitik hat eine Verlängerung des Gesetzes über gegenseitige Handelsabkommen unter Berücksichtigung folgender
Gesetzesänderungen empfohlen:
A. Senkung der Sätze für bestimmte Warengruppen - auf Grund
von Handelsvertragsverhandlungen - um nicht mehr als 5 Prozent
der gegenwärtigen Sätze in jedem der drei Jahre der Gültigkeit
des neuen Gesetzes.
B. Senkung solcher Zollsätze um nicht mehr als die Hälfte
innerhalb der Drei Jahresperiode, die am 1. Januar 1945 in Kraft
waren und sich auf Erzeugnisse beziehen, die nicht oder nur in
geringem Umfang importiert werden.
C. Senkung der Zollsätze - auf Grund von Handelsvertragsverhandlungen innerhalb der Drei Jahresperiode bis zu 50 Prozent
Ad Valorum oder des entsprechenden Gegenwertes für alle diejenigen Sätze, die 50 Prozent Ad Valorum oder den entsprechenden
Gegenwert übersteigen.
Ich habe diese Empfehlungen der Kommission gebilligt und
befürworte ihre Annahme durch den Kongreß. Ich darf ebenfalls
besondere Maßnahmen für Verhandlungen mit Japan, auf Grund der
besonderen Wirtschaftsprobleme dieses Landes, empfehlen.
Die obengenannten Ermächtigungen schließen keine generellen
Zollsenkungen ein. Die Bestimmungen über den Gefahrenpunkt und
die Ausweichklausel werden natürlich in Kraft bleiben, und die
drei erwähnten Zollsenkungsarten sind nicht kumulativ zu verstehen. Zollsenkungen werden selektiv für spezielle Waren vorgenommen werden und erst nach Ankündigung und nachdem öffentliche
Erörterungen, so wie es der bisherigen Praxis entsprach, stattgefunden haben. Dieses wäre unser Beitrag für ein allmähliches
und vorsichtiges Herantasten an das Problem eines verbesserten
Handels» den die Welt so dringend benötigt.
Damit wären keine plötzlichen, heftigen oder weitreichenden
Anpassungen verbunden.
Diese in unserer Zollgesetzgebung enthaltene Ausweichklausel
und die Bestimmungen über Gefahrenpunkte sollen etwaige Härten
mildern, die unseren einheimischen Produzenten durch Zollsenkungen
entstehen. In allen Fällen, in denen auf diese Bestimmungen zurück
gegriffen werden soll, werde ich die von der Zollkommission ermittelten Tatbestände und ihre Empfehlungen sorgfältig prüfen.
Meine Verantwortung für das Wohl der Nation erfordert es, daß
ich gelegentlich meine Entscheidungen auch weiterhin auf Grund
umfassenderer Erwägungen treffe als die Zollkommission dies zu
- 4 -

�31. März 1954

"AMERIKA DIENST"

zu tun befugt ist. Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik vertritt die gleiche Auffassung,
Ich habe den Empfehlungen der Kommission zugestimmt, daß die
Vereinigten Staaten die Zollsätze für Erzeugnisse, die von Arbeitern hergestellt wurden, deren Löhne unter dem allgemeinen Lohnniveau des betreffenden Exportlandes liegen, nicht senken. Dieser
Grundsatz soll unverzüglich in die Tat umgesetzt werden. Außerdem
habe ich dem Vorschlag der Kommission zugestimmt, durch Beratung
und Teilnahme an internationalen Konferenzen, wie sie etwa von der
internationalen Arbeitsorganisation (ILO) einberufen werden, zur
Besserung der Arbeitsbedingungen beizutragen.
Diese Empfehlungen zur Erneuerung und Ergänzung des Gesetzes
über gegenseitige Handelsabkommen beruhen auf der einfachen Wahrheit, daß wir im Ausland einkaufen müssen, wenn wir an das Ausland
verkaufen wollen.
Das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT)
Seit 1948 sind praktisch alle größeren Handelsnationen der
Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, Partner eines allgemeinen Abkommens über Zölle und Handel geworden. Dieses Abkommen
war die wichtigste Vereinbarung mit deren Hilfe wir in den Vereinigten Staaten die Bestimmungen und Ziele des Gesetzes über
gegenseitige Handelsabkommen zu erfüllen suchten.
Die Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik empfiehlt, die Vereinigten Staaten sollten auf
dem Verhandlungswege eine Änderung der organisatorischen Bestimmungen des Abkommens dahingehend erwirken, daß die Teilnehmerländer durch gemeinsamen Beschluß ihre Punktionen darauf beschränken, multilaterale Handelsabkommen zu fördern, den gesetzgebenden
Körperschaften oder anderen zuständigen Stellen in den einzelnen
Ländern eine liberale Handelspolitik zu empfehlen sowie überhaupt
ein Forum zu bilden, vor dem alle aus dem Außenhandel erwachsenden Rechtsstreitigkeiten ausgetragen werden.
Ich werde im Sinne dieser Empfehlungen verfahren. Gleichzeitig werde ich den anderen Vertragspartnern eine Revision der
wesentlichen Bestimmungen des Abkommens vorschlagen, um es zu
vereinfachen und zu einem noch wirksameren Instrument der Bestrebungen zu machen, ein wirklich funktionierendes Welthandelssystem
aufzubauen. Wenn die mit dem Abkommen zusammenhängenden organisatorischen Bestimmungen ausgehandelt sind, werden sie dem Kongreß
unterbreitet werden.
Zollverwaltung und Zollverfahren
Die Probleme der Zollklassifizierung, der richtigen Bewertung
der eingeführten Waren und der Zollerhebungsverfahren sind sehr
vielschichtig und verwirrend. Im Laufe der Jahre haben diese Probleme einen Punkt erreicht, an dem sie nunmehr ein nicht mehr tragbares und auch nicht beabsichtigtes Hindernis für den Außenhandel
bilden.
Die
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

31. März

1954

Die Verhältnisse sind in den Vereinigten Staaten in dieser
Hinsicht wohl nicht schlechter als in vielen anderen Ländern.
Aber allein schon um eines anständigen Geschäftsgebarens Willen
ist es notwendig:
A. Die Warenkategorien, das Klassifizierungsverfahren und
die Zollsätze zu vereinfachen;
B. Die Methoden zur Wertfestsetzung von Importen zu verbessern; und
C. Ein wirksameres Zollverfahren einzuführen.
Zu diesem Zwecke werde ich gesetzgeberische Maßnahmen vorschlagen,
die eine Vereinfachung des Systems der Warenkategorien und der
Zollsätze in den Zollgesetzen bewirken; dies soll im Anschluß an
eine entsprechende Untersuchung durch die Zollkommission und im
Einklang mit den vom Kongreß hierfür aufzustellenden Richtlinien
geschehen. Diese Gesetze sollten - soweit dies zu diesem Zeitpunkt
tunlich erscheint - auch ein besseres Verfahren zur Klassifizierung
der nicht in den Zoll-Listen aufgeführten Waran sowie eine Verbesserung der die Zollerhebung regelnden Statuten bringen. In diesem
Zusammenhang erteile ich dem Finanzministerium den Auftrag, das
Zollverfahren einer laufenden Untersuchung zu unterziehen und dem
Kongreß jährlich über auftretende Schwierigkeiten und Verzögerungen
in der Verzollung von Waren zu berichten und entsprechende Maßnahmen zur Beseitigung derartiger Hindernisse zu empfehlen. Ich empfehle darüber hinaus, das anti-Dumping-Gesetz und das zu seiner Durchführung angewandte Verfahren dahingehend abzuändern, daß es eine
raschere und wirksamere Behandlung derartiger Fälle gestattet und
eine unzweckmäßige Behinderung des Handels durch eine laufende
Untersuchung eines mutmaßlichen Dumping-Geschäfts vermieden wird.
Um eine bessere Basis zur Wertfestsetzung bei der Verzollung
zu gewinnen, fordere ich die Annahme der vom Finanzministerium
gemachten Vorschläge hinsichtlich der Wertbestimmung. Sie sind
in der bereits vom Repräsentantenhaus gebilligten Entschließung
Nr. 6 584 enthalten.
Amerikanische Investitionen im Ausland
Eine verstärkte amerikanische Investitionstätigkeit im Ausland könnte einen wesentlichen Beitrag zu der nowendigen Expansion
des Welthandels leisten. Sie könnte ferner dazu beitragen, die
allgemeine Wirtschaftstätigkeit und die Beschäftigtenzahl in den
Vereinigten Staaten auf dem gegenwärtigen hohen Stand zu halten.
Darüber hinaus fördern derartige Investitionen die Erschließung
der Rohstoffquellen in anderen Ländern, die nowendig ist, um unseren
stets steigenden Bedarf decken zu können. Gleichzeitig stärken
sie auch die Wirtschaft der entsprechenden Länder. Im Hinblick auf
die große Bedeutung, die der privaten Investitionstätigkeit im
Verfolg unserer Außenpolitik zukommt, verweise ich nachdrücklich
auf die Notwendigkeit, das von meiner Regierung ausgearbeitete und
empfohlene Steuergesetz zu billigen, das Ihnen bereits zur Erörterung vorliegt.
Es sieht vor:

A.

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

A. Tochtergesellschaften oder selbständigen Zweigunternehmen im Ausland, die als Tochtergesellschaften fungieren oder als
solche besteuert werden wollen, einen 14-prozentigen Steuernachlaß auf die regulären Sätze der Körperschaftssteuer einzuräumen;
B. Den Kreis der im Ausland entrichteten Steuern, die gegenüber der in den Vereinigten Staaten zu zahlenden Einkommensteuer
aufrechenbar sind, dahingehend zu erweitern, daß auch die Steuern
einbezogen werden, die für die Besteuerung von Geschäftsunternehmen in den verschiedenen Ländern in erster Linie in Frage
kommen, mit Ausnahme von Umsatz-, Verkaufs- und Verbrauchssteuern
sowie der Sozialabgaben}
C. Die Höchstgrenze für die Anrechnung im Ausland entrichteter Steuern fallen zu lassen;
D. Den vorschriftsmäßig geführten •Investment Companies',
die sich auf Investitionen im Ausland konzentrieren, die Erlaubnis zu erteilen, die Anrechnungsmöglichkeit für im Ausland bezahlte Steuern, die für direkte Investitionen gewährt wird, auch
auf ihre Aktionäre zu übertragen.
Um die private Investitionstätigkeit im Ausland noch weiter
zu fördern, sollten wir auf diplomatischem Wege - durch entsprechende Maßnahmen im Innern und durch unsere Missionen und Vertreter im Ausland - alles in unseren Kräften stehende tun, um
andere Völker zum Verständnis und zur Anerkennung der Grundvoraussetzungen zu bewegen, die notwendig sind, um einen Anreiz für private Auslandsinvestitionen zu geben. Wir werden auch weiterhin
versuchen, in Verträgen allgemeine Richtlinien für eine faire
Behandlung von Ausiandsinvestitionen festzulegen.
Im Zusammenhang mit den zum gemeinsamen Sicherheitsprogramm
der USA erlassenen Gesetzen schlage ich vor, der Kongreß möge erwägen, inwieweit es wünschenswert erscheint, die bereits bestehenden Bestimmungen zum Schutz gegen Verluste bei Neuinvestitionen
im Ausland auch auf die Deckung etwaiger Verluste durch Krieg,
Revolution oder Aufstände auszudehnen.
Die Kommission hat darauf hingewiesen, daß die Ungewißheit
hinsichtlich der Anwendung der amerikanischen Antitrust-Gesetze
auf die Tätigkeit amerikanischer Firmen im Ausland ein Abschrekkungsmittel für Investitionen im Ausland bildet. Sie hat eine
Neufassung unserer Antitrust-Gesetze empfohlen, durch die eindeutig das Recht jedes Landes anerkannt wird, den Handel innerhalb
seiner Grenzen selbst zu regulieren. Gleichzeitig bestand die
Kommission nachdrücklich darauf, eindeutig klarzustellen, daß
Gesetze anderer Länder oder etwa übliche Handelspraktiken im
Sinne restriktiver Preis-, Produktions- oder Marktabsprachen der
Investitionsfreudigkeit der amerikanischen Geschäftswelt im Ausland Abbruch tun und die günstigen Auswirkungen derartiger Investitionen auf die Wirtschaft der Gastländer schmälern.
Ich habe das Justizministerium ersucht, diese Empfehlung im
Zusammenhang mit der bereits anhängigen Überprüfung der AntitrustGesetzgebung eingehend zu untersuchen.
Der

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Der 'Buy American Act'
Gegenwärtig sehen einige unserer Gesetze vor, daß bei näher
spezifizierten Einkäufen der Bundesregierung oder bei Einkäufen,
die die Bundesregierung finanziert, einheimische Lieferfirmen
vor ausländischen Bewerbern den Vorrang erhalten sollen. Ich
stimme mit der Kommission darin überein, daß es nicht zweckmäßig, nicht kaufmännisch gehandelt und dem Steuerzahler gegenüber
unfair ist, wenn die Regierung bei ihren Einkäufen ein Aufgeld
bezahlt, es sei denn, die Sicherheit des Landes, langanhaltende
und große Arbeitslosigkeit oder die Förderung der Klein- und
Mittelbetriebe macht dies notwendig.
Ich ersuche daher um die gesetzliche Ermächtigung, Bewerber
aus Ländern, die unsere Bewerber genau so wie ihre eigenen Landsleute behandeln, von diesen gesetzlichen Bestimmungen zu befreien.
Inzwischen wird die Exekutive Klarheit darüber schaffen, inwieweit
dieser Grundsatz der Bevorzugung auf Einkäufe der Regierung Anwendung finden soll. Sie wird den Preisunterschied zugunsten einheimischer Erzeuger gegenüber ausländischen Bewerbern je nach
den Umständen und ohne Rücksicht auf den in Frage kommenden Zolltarif auf einen vernünftigen Prozentsatz begrenzen. Allerdings
muß sie auch weiterhin die unumschränkte Vollmacht besitzen,
bei Regierungseinkäufen die Erfordernisse der nationalen Sicherheit, die Probleme der Mittel- und Kleinbetriebe und der Gebiete
mit dauernder großer Arbeitslosigkeit gebührend berücksichtigen
zu können.
Rohstoffe
Unser Land ist mit einer Fülle an Bodenschätzen gesegnet;
doch müssen wir aus ihnen soviel wie möglich herausholen, um den
ständig wachsenden Appetit einer expansiven Wirtschaft zu befriedigen und gleichzeitig unsere Verteidigung auf einem angemessenen
Stand zu halten. Wir müssen uns indessen darüber klar sein, daß
unser Land, wie jedes andere, nicht in der Lage ist, die von der
modernen Industrie benötigten Mengen an Metallen und Bodenschätzen
zu erzeugen. Denn diese Rohstoffe sind nicht gleichmäßig auf der
Welt verteilt. Wir sind also aufeinander angewiesen. Unsere Außenhandelspolitik muß daher einen Ansporn zu einem verhältnismäßig
reibungslosen Fluß dieser Rohstoffe im internationalen Handel geben.
Die Kommission empfiehlt zwei Wege, die meiner Ansicht nach
wesentlich dazu beitragen werden, eine gleichmäßige Ausweitung der
Förderung an Bodenschätzen in den USA wie im Ausland zu erreichen.
Erstens soll die Regierung der Vereinigten Staaten aktiv zu
einer größeren Stabilität der Weltmarktpreise für Rohstoffe beitragen, indem sie etwaige Behinderungen des Welthandels mildert
oder beseitigt, den Ausbau der Wirtschaft anderer Länder fördert,
bei ihren Einkäufen Praktiken vermeidet, die zu einer Störung des
Preisgefüges auf den Weltmärkten führen würden, mit anderen Nationen verhandelt und wirtschaftliche Schwankungen im eigenen
Lande ausgleicht.
^

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Der zweite Weg sieht eine stärkere Förderung der Investitionen
durch amerikanische Bürger und Angehörige anderer Länder in ausländischen Produktionsbetrieben vor.
Ich stimme diesen Empfehlungen nachdrücklich bei.
Die Kommission empfahl weiter, die für militärische Zwecke
benötigte Förderung von Rohstoffen im Inland durch direkte Maßnahmen, nicht durch Zölle und Einfuhrquoten sicherzustellen.
Meiner Ansicht nach ist dies im allgemeinen ein gesunder Grundsatz.
Ich habe aber dennoch einen Sonderausschuß des Kabinetts ernannt, der gegenwärtig das ganze Gebiet unserer Rohstoffpolitik
untersucht, und habe seine Aufmerksamkeit auf diese Empfehlungen
der Kommission gelenkt.
Landwirtschaft
Vielleicht kein anderer Sektor unserer Wirtschaft hat ein
größeres Interesse am Außenhandel als die Landwirtschaft. In
den vergangenen Jahren wurden zum Beispiel ein Drittel unseres
Weizens, 40 Prozent unserer Baumwoll- und Reisernte und ein Viertel unseres Tabaks und unserer Sojabohnen exportiert. Es ist daher
von größter Bedeutung, daß die Auslandsmärkte für unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse erhalten bleiben.
Jedes Programm, das den Interessen der amerikanischen Landwirtschaft dienen soll, muß der Notwendigkeit Rechnung tragen, daß
diese auf den Export angewiesen ist. Um es mit den Worten der
Kommission auszudrücken: 'Es ist unbedingt notwendig, unsere Landwirtschafts- und unsere Außenhandelspolitik miteinander in Einklang zu bringen, ohne die berechtigten Interessen einer von beiden
zu opfern'. Ich bin überzeugt, daß ein derartiger Ausgleich möglich ist, und ich bin sicher, daß dieses Ziel leichter zu erreichen ist, wenn die Empfehlungen, die ich in meiner Landwirtschaftsbotschaft vom 11. Januar gemacht habe, angenommen werden.
Die Handelsmarine
Was unsere Hochseeschiffahrt anbelangt, so müssen wir unbedingt eine Handelsmarine haben, die unseren Verteidigungserfordernissen angemessen ist. Ich vertrete den Grundsatz, daß die für
diesen Zweck erforderliche Unterstützung unserer Handelsmarine,
soweit wie irgend möglich, auf direktem Wege beschafft werden
sollte. Eine derartige Politik erfordert allerdings eine eingehende Analyse der für eine direkte Unterstützung verfügbaren Mittel, der möglichen Auswirkungen auf den Frachtentransport durch
ausländische Schiffe sowie der Gesamtaufwendungen, ehe ein ins
einzelne gehendes Programm zu empfehlen wäre.
Das Handelsministerium hat dieses Problem bereits eingehend
studiert. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen werden innerhalb der
Exekutive weiter erörtert, um ins einzelne gehende Empfehlungen
zur Vorlage im Kongreß während der nächsten Sitzungsperiode auszuarbeiten, die eine Ergänzung der gegenwärtig dem Kongreß vorliegenden Vorschläge der Exekutive darstellen sollen.
Internationaler

�"AMERIKA DIENST"

51. März 1954

Internationaler Reiseverkehr
Dem internationalen Reiseverkehr kommt sowohl aus kulturellen
wie auch aus sozialen Gründen erhebliche Bedeutung zu. Er hat darüber hinaus auch wirtschaftliche Bedeutung. Die Auslandsreisen amerikanischer Staatsbürger bringen vielen Ländern einen beachtlichen
Zustrom von Dollar und versetzen sie damit in die läge, ihre Einkäufe in den USA zu bezahlen.
Wenn auch die Förderung des Fremdenverkehrs in erster Linie
Aufgabe der Gastländer ist und vor allem von privaten Unternehmern
getragen werden muß, kann doch die Regierung in mancher Weise helfend eingreifen. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Entschließung Nr. 8352 des Repräsentantenhauses, durch die die Wertgrenze für die Hereinnahme zollpflichtiger Waren durch Touristen
pro Halbjahr von 500 auf 1 000 Dollar erhöht-würfle. Ich persönlich
kann ihre Billigung nur empfehlen. Zu gegebener Zeit beabsichtige
ich weitere Empfehlungen für legislative Maßnahmen zur Förderung
des Reiseverkehrs zu unterbreiten.
In der Zwischenzeit werde ich die zuständigen Ministerien und
Stellen innerhalb der Exekutive anweisen, sowohl im Inland als
auch im Ausland alle Möglichkeiten zu studieren, um den internationalenReiseverkehr zu verstärken. Ich werde sie ersuchen, entsprechende Maßnahmen in die Wege zu leiten, um die von der Regierung ausgeübten Kontrollen auf dem Gebiet der Zölle, der Visaausstellung, des Paßwesens, der Devisen- und Währungsbeschränkungen
und andere Bestimmungen zu vereinfachen, die das Reisen erschweren.
Wirtschaftliche Hilfe und technische Unterstützung
Die Hilfe, die die Vereinigten Staaten in den vergangenen
Jahren den übrigen freien Völkern gewährten, spielte eine entscheidende Rolle in der Stärkung der nationalen Sicherheit, der Erschließung wichtiger Hilfsquellen und der Schaffung freier Entwicklungsmöglichkeiten für uns und die übrigen Völker.
Das Verdienst hierfür gebührt nicht zuletzt - und dies gilt
insbesondere für die technische Hilfe und die Maßnahmen zur Bekämpfung des Hungers - dem amerikanischen Volk, das den aufrichtigen Wunsch hatte, anderen Menschen zu helfen. Unsere wirtschaftliche Hilfe kann aber nicht unendlich lange fortgesetzt werden.
Wir müssen zwischen einem wirklichen Notstand und einer chronischen
Krankheit, zwischen einem besonderen Einzelfall und der allgemeinen
Regel, unterscheiden.
Ich bekenne mich deshalb zu dem Grundsatz, daß die Wirtschaftshilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen eingestellt werden
sollte, sobald dies im Einklang mit unseren nationalen Interessen
möglich ist. In Fällen, in denen ein anderes Land unsere Unterstützung braucht, um militärische Streitkräfte aufzustellen und
auszurüsten, die für die gemeinsame Verteidigung erforderlich
sind, und von sich aus die Mittel hierfür nicht aufbringen kann,
sollte unsere Hilfe in Form nicht rückzahlbarer Zuwendungen gewährt

- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

gewährt werden. Wie die Kommission anerkannte, gibt es einige
wenige Fälle, in denen kleinere derartige Zuwendungen an wirtschaftlich rückständige Gebiete im Interesse der Sicherheit notwendig sind. Ich stimme ferner der Auffassung bei, daß in anderen
Fällen, in denen es die Sicherheit des Landes geboten erscheinen
läßt, daß ein Land anderweitig nicht zu beschaffende Dollarbeträge zur Verfügung gestellt bekommt, eine derartige Unterstützung
im größtmöglichen Ausmaß in Form von Darlehen, nicht aber in Form
von Zuwendungen, gewährt werden.sollte.
Bei der Ausweitung derartiger Anleihen müssen wir sorgfältig verfahren, damit dies nicht zu einer Einmischung in die normale Anleihetätigkeit und die Kreditgewährungsbestimmungen der
Export-Import-Bank führt. Die Weltbank ist die wichtigste Einrichtung für die Finanzierung wirtschaftlicher Erschließungsprojekte durch die öffentliche Hand. Die Export-Import-Bank
wird für sich allein Anträge auf Finanzierung von Erschließungsprojekten prüfen, die nicht durch die Weltbank gemacht werden und
die im besonderen Interesse der Vereinigten Staaten liegen, wirtschaftlich gesund sind, die Fähigkeit des betreffenden Anleihenehmers, den Kredit zurückzuzahlen, nicht übersteigen und nach
vorsichtiger Prüfung im Rahmen der Kreditgewährungs-Kapazität
der Bank liegen.
Ich befürworte die Empfehlungen der Kommission zur Überprüfung der amerikanischen Außenhandelspolitik, daß die Beteiligung
der Vereinigten Staaten an den Programmen der technischen Zusammenarbeit mit Nachdruck betrieben wird. Derartige Programme sollten
sich darauf konzentrieren, in erster Linie Fachleute und technisches Wissen zur Verfügung zu stellen und nur in geringerem
Maße größere Geldmittel für die Verschiffung von Gütern, es sei
denn, es handelt sich um Ausrüstungen, die für Lehrzwecke benötigt
werden. Sie sollten jedoch keine Gelder für Investitionszwecke
zur Verfügung stellen. Vielmehr sollten die gewährten Mittel
so verwaltet werden, daß sie sich in die Erschließungsprogramme
der unterstützten Länder einpassen, und sie sollten in Zusammenhang mit privaten oder öffentlichen Investitionen stehen, die
voraussichtlich gemacht werden.
Die Überprüfung der für das gemeinsame Sicherheitsprogramm
erforderlichen Aufwendungen wurde unter Berücksichtigung dieser
Grundsätze durchgeführt, und meine Regierung hat die nicht rückzahlbaren Zuwendungen erheblich gekürzt. Diese Grundsätze haben
auch in den gesetzgeberischen Maßnahmen, die ich später für das
gemeinsame Sicherheitsprogramm vorschlagen werde, ihren Niederschlag gefunden.
Ost-West-Handel
Bei Betrachtung der Probleme anderer Nationen der freien Welt
drängt sich uns die Erkenntnis auf, daß die Wirtschaft einiger
dieser Länder durch die Zerschlagung des umfassenden, historisch
gewachsenen Handels zwischen Ost und West geschwächt worden ist.
Eine

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Eine Kürzung unserer Hilfsprogramme wird den Druck zur Wiederaufnahme dieses Handels noch verstärken. Ein größerer Austausch
von zivilen Gütern zwischen Ost und West - das heißt solcher Güter, die nicht unter den 'Battle Act' fallen oder in anderer Hinsicht als strategisch wichtig gelten - sollte uns nicht unnötige
Sorgen verursachen, sofern er ohne Gefährdung der nationalen
Sicherheit und unter Einhaltung unseres über das kommunistische
China und Nordkorea verhängten Embargos durchgeführt werden kann.
Ich werde selbstverständlich die nötigen Vorkehrungen treffen, um
den vollen Schutz unserer Sicherheit zu gewährleisten.
Konvertierbarkeit der Währungen
Mit Recht erblickt die Kommission in der ungehind3rten Entwicklung zu einer freien Konvertierbarkeit der Währungen eine
unerläßliche Vorbedingung für einen freieren und gesünderen Welthandel. Daher verdienen alle Maßnahmen, die darauf abzielen, den
Devisenbesitzern den freien Umtausch ihrer Devisen in andere
Währungen zu ermöglichen, unsere Unterstützung.
Wie die Kommission sehr richtig bemerkte, muß der Anstoß
zur Einführung einer freien Konvertierbarkei t der Währungen von
den in Frage kommenden Ländern selbst ausgehen, die auch die
Verantwortung dafür zu tragen haben. Zu meiner Genugtuung kann
ich feststellen, daß einige Länder bereits die Initiative in dieser Präge ergriffen haben. Die Engländer und andere Angehörige
des britischen Weltreiches sind bereits zweimal, in London und
in Sydney, zusammengetroffen, um Pläne über die freie Konvertierbarkeit des englischen Pfundes zu beraten. Das Vereinigte
Königreich und andere größere europäische Länder unternehmen gegenwärtig konstruktive Maßnahmen hinsichtlich ihrer eigenen Währungen. Außerdem werden auch die derzeitigen Beratungen im Zusammenhang mit der Verlängerung der europäischen Zahlungsunion
weitgehend von ihrem Wunsch beeinflußt, den Weg zu einer freien
Konvertierbarkeit der Währungen zu ebnen«.
Ich habe die Empfehlungen der Kommission zur Stärkung der
Gold- und Dollarreserven jener Länder gebilligt, die sich auf
Grund einer stabilen Innen- und Außenpolitik die Voraussetzungen
für eine Währungskonvertierbarkeit geschaffen haben. Diese
Empfehlungen verlangen keine weiteren Schritte des Kongresses.
Die Gesetzesbestimmungen und die Ermächtigungen für diesen Zweck
bestehen bereits. Die Vereinigten Staaten werden die Verwendung
der Mittel des internationalen Währungsfonds als Währungsstütze
für diejenigen Länder befürworten, die ihre Währung konvertierbar machen wollen. In Ergänzung wird jetzt, wie von der Kommission
vorgeschlagen, ein Gutachten über die Möglichkeit von Beistandskrediten durch das Pederal Reserve System angefertigt.
Schlußfolgerungen
Was ich Ihnen soeben umrissen habe, ist ein Mindestprogramm,
welches als Ganzes beurteilt werden sollte. Seine verschiedenen
Teile stehen miteinander in enger Beziehung; das eine erfordert
das andere.
»-.„

- 12 -

�"AMERIKA DIENST"

31. März 1954

Als Ganzes entwickelt, besteht es aus vier Hauptteilen:
Hilfe - die wir kürzen möchten
Investitionen - die wir fördern wollen
Währungskonvertierbarkeit - die wir erleichtern, und
Handel - den wir ausweiten wollen.
Ich erachte es als wesentlich, daß wir diese beiden Ziele
erreichen, die - was wir uns klar machen sollten - eng miteinander
verknüpft sind; wenn wir die Dollarhilfe kürzen, dann müssen wir
helfen, die Dollarlücke durch Ausweitung unserer Auslandsinvestitionen und unseres Außenhandels zu schließen. Diese Ausweitung wird durch die Rückkehr zu einer freien Konvertierbarkeit
der Währungen erleichtert werden. Unsere Freunde im Ausland
werden dadurch zur Rückkehr zur Konvertibilität ermuntert werden, wenn sie auf Grund unserer Handelspolitik eine Ausweitung
unserer Auslandsinvestitionen und unseres Außenhandels erwarten können.
Wenn wir nicht vorbereitet sind, die Politik anzunehmen, die
ich zur Ausweitung des Außenhandels und der Auslandsinvestitionstätigkeit empfohlen habe, dann könnten unsere Freunde in ihrem
Bestreben entmutigt werden, einen freien Markt für ihre Währungen wiederherzustellen. Wenn wir in unserer Handelspolitik versagen, so mögen wir vielleicht auch in allem versagen. Unser
Beschäftigtenstand und Lebensstandard, unsere Sicherheit und die
Solidarität der freien Welt - all dieses ist hier einbezogen.
Um des Wachstums unserer eigenen Wirtschaft willen müssen
wir sich ständig vergrößernde Weltmärkte haben; unsere Sicherheit verlangt, daß unsere Verbündeten wirtschaftlich stark werden. Ausweitung des Handels ist die einzige geeignete Lösung für
diese beiden drängenden Probleme, denen sich unser Land gegenübergestellt sieht."

*

•

* *

*

�LEWIS L.STRAUSS: "H-BOMBENEXPLOSION WAR ZU KEINER
ZEIT UNSERER KONTROLLE ENTZOGEN"
WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Vorsitzende
der US-Atomenergiekommission (AEC), Lewis L. Strauss,
gab zu den amerikanischen H-Bombenversuchen im Pazifik auf der Pressekonferenz Präsident Eisenhowers
am 31• März in Washington folgende Erklärung ab:
"Der Präsident hat mich ermächtigt, jene Teile meines ihm
gestern vorgetragenen Berichts der Allgemeinheit zugänglich zu
machen, deren Veröffentlichung unsere nationale Sicherheit
nicht gefährden würde.
Ich bin soeben von dem Versuchsgebiet der AEC im Pazifik
zurückgekehrt, wo ich Zeuge des zweiten Teils einer Testserie
thermonuklearer Waffen war. Ich will meine dort gemachten Erfahrungen beschreiben, so gut ich es vermag; doch bevor ich
dazu übergehe, wird es vielleicht am besten sein, wenn ich
mit einer kurzen Zusammenfassung der geschichtlichen Hintergründe dieser Versuche beginne.
Im August 1949 erhielten wir Kunde von einem durch die
Sowjets ausgeführten Atomwaffenversuch oder einer Explosion,
bei der atomare Kräfte frei gesetzt wurden. Mit der Erkenntnis, daß damit unsere führende Rolle in Frage gestellt wurde
und daß wir nicht mehr allein im Besitz einer Waffe waren, die
bis dahin ein Hauptabschreckungsmittel gegen eine Aggression
gebildet hatte, wurde es klar, daß unsere Überlegenheit von
nun an nur eine relative sein konnte, die von dem quantitativen Vorsprung abhing, das heißt, von dem Besitz einer größeren
Zahl von Atomwaffen, solange dieser Vorsprung aufrechterhalten
werden konnte. Die Alternative einer 'qualitativen' Führung ergab sich, wenn es uns gelang, eine stärkere Waffe zu entwickeln,
stärker als die auf der Kernspaltung aufgebauten Waffen - um
eine Größenordnung stärker, wie sie zwischen den normalen Atombomben und den gewöhnlichen Bomben besteht. Eine Methode für
die Entwicklung solcher Waffen war unseren Wissenschaftlern
in der Theorie bekannt.
Im Januar 1950 gab der amerikanische Präsident der USAtomenergiekommission die Anweisung, die erforderlichen Schritte
zu unternehmen, um herauszufinden, ob diese Waffe - die Wasser- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Wasserstoffbombe, oder 'Kernverschmelzungsbombe' oder auch
thermonukleare Bombe genannt wird - tatsächlich hergestellt
werden könnte. Wie $le wissen,wurde die Möglichkeit einer Kernverschmelzungsreaktion dank der Genialität jener Wissenschaftler
und Konstrukteure, die alle ihre Kräfte in den Dienst dieses
Projektes stellten, erwiesen und ein erstes Modell dieser neuen
Waffe im November 1952 bei Eniwetok zur Explosion gebracht.
Dieser Versuch rief die größte von Menschen erzeugte Explosion hervor, die jemals bisher in der Geschichte stattgefunden hatte und von diesem Zeitpunkt an gingen wir daran, Konstruktionsverbesserungen und weitere Entwicklungsarbeiten durchzuführen. Im August des vergangenen Jahres führten die Sowjets
einen Versuch mit einer Waffe oder einer Anlage durch, bei der
ein Explosionsdruck entstand, der weit über den Eereich normaler
Atomwaffen hinausging und der seine Gewalt zu einem Teil aus
der Kernverschmelzung leichterer Elemente erhielt. Es besteht
guter Grund zu der Annahme, daß die Sowjets mit den Arbeiten
an dieser Waffe zu einem erheblich früheren Zeitpunkt als wir
begonnen hatten.
Die zur Zeit durchgeführte Testreihe ist seit langem geplant. Sie wird gemeinsam von der AEC und dem US-Verteidigungsministerium geleitet. Eine Einsatzgruppe, die sich aus Angehörigen der drei Waffengattungen und einem wissenschaftlichen
Stab der AEC zusammensetzt, wurde im vergangenen Jahr in Übereinstimmung mit den Maßnahmen aufgestellt, wie sie sich bei den
vorherigen außerhalb der US-Landesgrenzen durchgeführten Versuchen bewährt hatten. Die US-Marine, US-Luftstreitkräfte und
US-Armee haben abwechselnd das Kommando über diese Einsatzgruppe
gestellt.
Anfang Januar dieses Jahres begannen wir mit der Überführung
der Mannschaften und des Versuchsmateriales für diese Versuchsreihe nach dem Versuchsgelände im Pazifik. Die erste Explosion
fand an dem vorgesehenen Datum des 1. März statt, die zweite
am 26. März. Beide Versuche verliefen erfolgreich. Kein Versuch
wird durchgeführt, ohne daß ein sehr genau umrissener Zweck
damit verbunden ist und eine mit aller Sorgfalt getroffene
Entscheidung vorausgeht, daß er auf ein Endresultat abzielt,
das für unsere militärische Stärke und Schlagkraft von überragender Bedeutung ist. Die Ergebnisse, die die Wissenschaftler
in Los Alamos und Livermore aus den beiden Bombentests zu erhalten gehofft hatten, wurden voll und ganz erfüllt und durch die
gemachten Erfahrungen wurde unserer militärischen Stellung ein
mächtiges Potential hinzugefügt.
Es sollte aber außerdem bedacht werden, daß die Erprobung
solcher Waffen auch deshalb nötig ist, damit man über die denkbaren, zukünftigen Aggressionsmöglichkeiten eines Feindes genauestens unterrichtet ist; denn wir sind uns heute völlig
darüber im Klaren, daß wir kein Monopol mehr auf diesem schaudererregenden Gebiet besitzen.
w

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Nun zu der jüngsten Testreihe selbst. Die erste Explosion
ist als •verheerende Verwüstung', »außerhalb jeder Kontrolle*
und mit anderen übertriebenen und irrigen Bezeichnungen beschrieben worden. Ich will die Fakten keineswegs verkleinern. Es war
eine gewaltige, eine sehr gewaltige Explosion, aber sie war zu
keiner Zeit unserer Kontrolle entzogen. Die Mißverständnisse und
Irrtümer scheinen sich aus zwei Fakten herzuleiten. Erstens:
die Explosion war etwa doppelt so stark, als man angenommen
hatte - eine Fehlergrenze, die für eine neue Waffe durchaus
nichts Ungewöhnliches darstellt. Ich möchte dazu bemerken, daß
die vor der ersten A-Bomben-Explosion angestellten Schätzungen
einen relativ viel größeren Spielraum vorsahen. Zweitens: die
Folgen des 'radioaktiven Aschenregens'.
Bei jeder größeren Explosion auf einem Untergrund oder in
bestimmter Höhe über diesem Grund wird durch die Explosionsgewalt ein Teil der Erde, des Wassers oder woraus der Untergrund
sonst bestehen mag, in die Luft hochgerissen.Die schweren Partikelchen fallen rasch wieder herunter, aber die leichteren
werden durch die luft fortgetragen und mit der Windrichtung verweht, bevor sie schließlich auch niederfallen. Im Falle einer
kernreaktiven Explosion sind viele dieser Partikeln radioaktiv
und auch die zu Staub zermalmten Teile der Waffe selbst zeigen
eine Radioaktivität.
Aus diesem Grunde hat die AEG die Versuche mit ihren größeren
Waffen in großer Entfernung vom Festland durchgeführt, so daß
die niederfallenden Partikeln vom Meer aufgenommen werden, wo sie
rasch einerseits durch die Wassermassen fortgeschwemmt und andererseits durch den raschen Zerfall der meisten strahlenden
Teilchen unschädlich werden. Die Gründe warum die Marshallinseln
als Ort für die ersten großangelegten Versuche ausgewählt wurden,
werden Ihnen an Hand der Karte, die ich Ihnen sogleich zeigen
werde, einleuchten. Der verstorbene Admiral W.H.P. Blandy,unter
dessen Kommando zu dienen ich die Ehre hatte, wählte die Bikinigegend als Versuchsort aus.
In der Gruppe der'Marshallinseln herrschen während der Monate
Februar, März, April in der Regel Winde vor, deren Richtung von
den bewohnten Atollen hinweg aufs Meer führt. Das Bikini- und
Eniwetokatoll wurden als Basis für die Versuche ausgewählt. Die
beiden Atolle bilden eine lange Kette von K rallenriffen, die eine
Lagune von fünf- bis sechshundert Quadratkilometer umschließen.
An verschiedenen Stellen dieses Riffs treten - wie Perlen auf
einer Schnur - eine Vielzahl kleiner Inseln über den Meeresspiegel
heraus, einige davon ein paar tausend Quadratmeter groß, andere
kaum größer als eine Sandbank. Diese kleinen, unbewohnten und
baumlosen Sandhügel wurden für unsere Experimente benutzt. Tatsächlich hat die Einsatzgruppe in einem Falle erst aus Sand und
Korallen eine dieser sogenannten Inseln soweit aufgebaut, um sie
an dem Punkt, der für die erste Explosion am günstigsten erschien,
zur Verfügung zu haben. Der Eindruck, daß ein ganzes Atoll oder
sogar größere Inseln bei den letzten Versuchen zerstört worden

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

worden seien, ist durchaus irrig.
Bevor die Explosion zur Auslösung kommt, wird die Luft- und
Windströmung in allen Höhen bis zu mehreren tausend Metern sorgfältig registriert. Diese Wind- und Luftströmungs-Beobachtung wird
auf verschiedenen Inseln und von Schiffen unserer Flotte an weit
auseinandergezogenen Punkten durchgeführt.
Im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht ist die Windströmung zu
einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort nicht immer die
gleiche. In verschiedenen Höhen über der Erdoberfläche findet man
Windströmungen, die oft in entgegengesetzter Richtung wehen und
sehr unterschiedliche Geschwindigkeiten haben. Eine Atomwolke
wird daher, wenn sie durch diese verschiedenen Luftströmungen
hochtreibt, sozusagen in Schichten zerschnitten. Die Meteorologen
bemühen sich, die Windrichtung für die günstigste Bedingung vorauszusagen und der Kommandeur der Einsatzgruppe bestimmt auf Grund
der Wettervorhersagen, wann der Test stattfinden soll. Die Wettervorhersage muß auf eine relativ lange Sicht erfolgen, weil eine
bestimmte Warn- und Gefahrenzone auf Schiffe abgesucht werden muß.
Diese Aufgabe, die teils durch Radargeräte, teils durch P2V-Marineflugzeuge durchgeführt wird, erfordert eine Zeitspanne von mindestens ein bis zwei Tagen.
Das sogenannte "Warngebiet" ist eine um das Testzentrum liegende Zone, in der für Schiffe oder Flugzeuge ein Gefahrenmoment
besteht. Wir haben genau wie andere Regierungen eine Reihe solcher Zonen errichtet. Die Karte zeigt ein solches Gebiet vor
der Pazifikküste bei Point Magu und vor den Hawaiischen Inseln.
Eine weitere größere Warn- und Gefahrenzone für ferngelenkte Geschosse erstreckt sich von Florida zu den Bahamas. Eine andere
Gefahrenzone, die Großbritannien errichtet hat, liegt vor Australien. Einschließlich unserer kontinentalen Warnzonen haben wir
insgesamt 447 derartiger Warn- und Gefahrenzonen abgegrenzt. Dieses besondere Warngebiet (wo die letzten Versuche stattfanden)
wurde im Jahre 1947 abgegrenzt. Die Vereinten Nationen wurden davon unterrichtet und entsprechende Eintragungen wurden damals und
seither in den See- und Flugkarten vorgenommen.
Trotz dieser Warnungen und Bekanntmachungen gibt es viele
Beispiele, wo ein versehentliches Hineinkommen in die Gefahrenzone beinahe oder tatsächlich zu einem Unglück geführt hat. Allein
die Ausdehnung dieser Zonen macht es unmöglich, sie sozusagen
einzuzäumen oder polizeilich abzusperren. Für den Tag, an dem
die erste Explosion zur Auslösung kam, hatten die Meteorologen
Luft- und Windrichtungsverhältnisse vorausgesagt, die die Explosionspartikeln nach Norden an der Gruppe der kleinen Atolle vorbei treiben mußte, die östlich von Bikini liegen. Das Beobachtungsflugzeug suchte die Gefahrenzone sorgfältig ab und berichtete, daß kein Schiff zu sichten war. Die Explosion wurde ausgelöst. Der Wind hielt sich nicht an die Voraussagen der Meteorologen,
sondern drehte von dieser Linie nach Süden ab und nun lagen die
- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

die kleinen Inseln Rongelap, Rongerik und Uterik auf dem Weg der
herabfallenden Partikeln.Ein japanischer Fischdampfer, der 'Glückbringende Drachen', scheint bei dem Absuchen des Warngebietes übersehen worden zu sein, muß sich jedoch der Aussage des Kapitäns
zufolge, wonach er sechs Minuten nach dem Explosionsblitz den
Explosionsdonner hörte, noch innerhalb der Gefahrenzone befunden
haben. Die 23 Mann starke Besatzung dieses Dampfers, die 28 Amerikaner, die die Wetterstationen auf den kleinen Inseln besetzt
hielten und die 236 Insulaner kamen damit in den Bereich des
'Aschenregens'. Die Annahme, daß die wirkliche Explosionswelle
der Bombe sich über eine solche riesige Zone erstreckte, ist
selbstverständlich völlig irrig.
Der Kommandeur der Einsatzgruppe evakuierte daraufhin sofort
die Bevölkerung der Inseln. Sie wurden nach Kwajalein gebracht,
wo wir eine Marinestation unterhalten und standen hier unter ständiger fachärztlicher Beobachtung. Ich habe sie dort in der vergangenen Woche besucht. Seitdem wurde erklärt, daß unsere Männer
von den Wetterstationen ihren Dienst wieder aufnehmen könnten, daß
sie aber vorerst noch auf Kwajalein verbleiben, um weiter unter
Beoachtung zu stehen. Keiner von den 28 Meteorologen hat Verbrennungen e rlitten. Die 236 Insulaner erschienen mir auch sämtlich
gesund und glücklich. Die Ausnahme bilden zwei Eingeborene, die
krank waren. Der eine, ein alter Mann in einem fortgeschrittenen
Stadium von Diabetes, die andere eine Greisin mit arthritischen
Verkrüppelungserscheinungen. Beide Krankheitsfälle stehen in keinerlei Zusammenhang mit der Bombenexplosion. Heute - ein Monat
nach dem Geschehnis - haben die Ärzte von Kwajalein uns berichtet,
daß keine weitere Erkrankung zu erwarten sei, ausgenommen natürlich Krankheiten, die auch sonst auftreten können. Inzwischen
wurde auf Kwajalein ein Kind geboren und weitere Geburten werden
erwartet.
Was die Situation der 23 japanischen Fischer anbetrifft, so
ist die Lage hier weniger klar, weil die japanischen Behörden es
uns bisher nicht gestatteten, die Betroffenen einer gründlichen
klinischen Untersuchung zu unterziehen. Es ist jedoch interessant
zu vernehmen, daß die Berichte, die in jüngster Zeit zu uns durchdrungen sind, darauf hindeuten, daß das Blutbild dieser Männer dem
Blutbild unserer Meteorologen gleicht. Man nimmt an, daß die
beobachteten Hautschädigungen eher auf die chemischen Wirkungen
des umgewandelten Materials der Korallenriffe zurückzuführen
sind, als auf radioaktive Strahlung. Dafür spricht besonders die
Tatsache, daß die Wunden bereits zu heilen beginnen. Die Fischer
stehen unter ständiger Beobachtung durch japanische Ärzte, wir
selbst sind in Japan durch Dr. Morton von der Atombombenunfallkommission und durch Mr. Eisenbud von der AEC vertreten.
Was die Berichte über eine weitausgedehnte 'Verseuchung' von
Thunfischen und anderen Fischen durch Radioaktivität anbetrifft,
so werden sie durch die Tatsachen nicht bestätigt. Bie einzigen
'verseuchten'Fische fand man bisher in dem unbedeckten Fischbehälter des 'glückbringenden Drachen'. Der Beauftragte der USBundesprüfstelle für Nahrungsmittel und chemische Präparate hat
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

hat uns folgende Mitteilung zugehen lassen: 'Unsere Inspektoren
fanden bei keiner Fischladung aus den pazifischen Gewässern auch
nur einen einzigen Fall von Radioaktivität. Die Inspektionen wurden
lediglich als Vorsichtsmaßnahme durchgeführt ... es besteht kein
Anlaß für die Befürchtung der Öffentlichkeit, daß es derartige
Verseuchungen geben könnte.1
Ich darf vielleicht hier noch bemerken, daß in den Gewässern
rund um Bikini und Eniwetok zu gewissen Zeiten des Jahres fast
alle Fische, die gefangen werden, giftig sind, weil sie sich von
bestimmten in diesen Zeiten auftretenden Mikroorganismen nähren,
und daher für den Genuß des Menschen während dieser Monate nicht
geeignet sind.
Zu der Frage der Entschädigung der japanischen Fischer hat unsere Regierung die Regierung Japans dahingehend informiert, daß sie
bereit ist,solche finanziellen Beihilfen zu ersetzen, wie sie von
der japanischen Regierung und unserer Botschaft in Tokio gemeinsam
als eine Zwischenmaßnahme für die Aufbringung der laufenden medizinischen Kosten und Familienbeihilfen, einschließlich der Löhne
der Betroffenen für notwendig befunden werden.
Was die Befürchtung anbetrifft, radioaktive Partikelchen könnten mit der Strömung auf Japan zugetrieben werden, so kann ich erklären, daß jedes radioaktive Teilchen, das in der Versuchszone
niederfällt, schon wenige Meilen, nachdem es von dieser sich sehr
langsam bewegenden Strömung (weniger als 1 Seemeile in der Stunde)
erfaßt wird, vollkommen ungefährlich ist und nach 500 Seemeilen bereits vollkommen unentdeckbar wäre.
Was nun die in der vergangenen Woche in einigen Kreisen kursierende Meinung anbetrifft, daß auch die Vereinigten Staaten durch
herabfallende radioaktive Partikelchen gefährdet seien, so sollte
dazu bemerkt werden, daß nach jedem Test, den wir oder die Russen
durchgeführt haben, ein leichter Anstieg der in der Natur vorkommenden GrundStrahlung, an einzelnen Stellen des amerikanischen Kontinents zu verzeichnen ist. Doch ist dieser Anstieg gegenwärtig
geringer, als der nach früheren auf dem Kontinent oder in überseeischen Gebieten durchgeführten Versuchen beobachtete und liegt
jedenfalls weit unter dem Grad, der für Menschen, Tiere oder Pflanzen in irgendeiner Weise gefährlich sein könnte. Er wird nach den
Versuchen sehr rasch absinken, bis der Grad der Strahlung ungefähr
auf den normalen Wert zurückgegangen ist.
Ein Kommentar, der mir kürzlich gezeigt wurde, deutet an, daß
der unglückliche Zufall, der zu dem Niedergang der radioaktiven
Teilchen auf bewohnte Gebiete führte, in Wahrheit bei der gesamten
Operation geplant war. Ich möchte hierauf gar nicht weiter eingehen,
sondern kann dieses Gare de nur als völlig falsch, unverantwortlich
und im tiefsten ungerecht gegenüber den Männern, die in diesem
Dienst für das Vaterland ihre Pflicht taten, bezeichnen.
Zum Abschluß möchte ich sagen, daß das eine wichtige Resultat
dieser H-Bomben-Entwicklungsarbeiten in der Steigerung unseres militärischen Potentials bis zu einem Punkte besteht, wo wir sehr bald
freiere Hand haben dürften, um all unseren Nachdruck auf die friedliche Verwendung der Atomenergie zu legen - hier in den USA und in
den anderen Ländern der Welt. Es wird für die Männer, die an diesem
Programm mitwirkten, eine ungeheure Befriedigung bedeuten, daß ihre
Arbeit das Herannahen dieses Tages beschleunigt hat."
- 6 * * * * *

�*Ä

EISENHOWER: VERTRAUENSVOLL IN DIE ZUKUNFT BLICKEN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Präsident E isenhower umriß
am 5. April in einer großangelegten Rundfunk- und Fernsehanspräche die gegenwärtigen innen- und außenp olitischen Probleme der USA und forderte das amerikanische Volk auf, diesen
Problemen ohne Panik und Furcht entgegenzutre ten. Niemand
könne sagen, s o betonte der Präsident, daß es im gegenwärtigen Augenblick keine Gefahren gebe. Wenn die Vereinigten Staaten jedoch wac hsam seien, bestehe keir Anlaß zur Hysterie,
Die USA verfüg ten über die größte Stärke, "di e Gott jemals
einer Nation b eschert hat". Es sei daher ihre Aufgabe, die
Welt einer fri edlichen und sicheren Existenz entgegenzuführen, so sagte er, und "ich versichere Ihnen, daß wir dies
tun können".
Die Ansprache des Präsidenten hat folgenden Wortlaut:
"Heute abend möchte ich über ein sehr wichtiges Thema sprechen. Ich möchte zu Ihnen über unser großes Land sprechen. Ich
möchte Sie auffordern, mit mir einen kurzen Blick auf seine
Stärke, seine Probleme, seine Sorgen und seine Zukunft zu werfen. Ich möchte im besonderen zu Ihnen über das sprechen, was
Sie und ich für unsere Zukunft tun können.
Werfen wir zuerst einen Blick auf die Stärke der USA. Sie
und ich wissen, daß es das produktivste Land der Welt ist, und
daß wir in jeder Hinsicht reicher als irgend ein anderes Land
der Welt sind. Wir wissen, daß wir über eine große militärische,
wirtschaftliche und intellektuelle Stärke verfügen. Ich möchte
jedoch Ihre besondere Aufmerksamkeit auf die geistige Stärke
lenken.
Ich erachte es gerade in dieser Jahreszeit, in der so zahlreiche religiöse Ereignisse im Vordergrund stehen, für angebracht,
Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, daß unser Land
seine Konzeption aus seinen geistigen Grundlagen geschöpft hat,
die von den Männern, die die Unabhängigkeitserklärung geschrieben haben, in dieser Form verkündet wurden. Erinnern Sie sich
daran, was diese sagten?
'Wir sind der Überzeugung, daß alle Menschen von ihrem Schöpfer mit gewissen unabdingbaren Rechten ausgestattet sind'.
Das ist eine im prägnantesten Sinne geistige Konzeption. Es
ist die Erklärung der Form unserer Regierung,für die sich die
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

die Väter unserer Verfassung entschieden hatten. Und heute sind
die Anforderungen, die an diese geistige Haltung und Stärke gestellt werden,genau so groß wie Je zuvor in unserer Geschichte.
Mit diesem Satz meine ich, daß. es von entscheidender Wichtigkeit ist, daß Sie und ich jene geistigen Werte, die die Väter
im Sinn hatten, als sie unsere Republik gründeten, hochhalten,
jene Werte, wie sie zum Beispiel in der 'Bill of Rights1 ihren
Ausdruck finden. Die •Bill of Rights' verkündet, daß jedem einzelnen in diesem Lande Gleichheit vor dem Gesetz zusteht, daß
er das Recht hat, seinen Gott in der Form zu verehren, die ihm
die richtige scheint, daß er denken und reden kann, wie es ihm
beliebt, sofern er damit nicht die Rechte des anderen schmälert
oder stört. Der andere Teil dieser geistigen Stärke aber, die
wir heute brauchen, ist jene Kraft, jener Mut und jene Tapferkeit, mit der unsere Vorväter diese Rechte zu verteidigen bereit
waren.
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf diesen besonderen Teil der
amerikanischen Stärke lenken, weil ohne diese Stärke alles andere
verloren gehen würde. Wir müssen stark sein in unserer Bereitschaft und Ergebenheit, all unser Sein für Amerika einzusetzen.
Das ist das Grundelement all unserer übrigen Stärke. Als Ganzes
gesehen aber ist diese Gesamtstärke der Vereinigten Staaten eines
jener Dinge, die wir und die Welt 'unglaublich' nennen.
Warum sollten wir uns aber dann im Besitz dieser Kraft immer
wieder Sorgen machen um das, was die übrige Welt tut? Tatsächlich
sehen wir Bedrohungen aus allen Richtungen auf uns zukommen, im
Innern und von außen, und wir machen uns Gedanken darüber, was
die Zukunft uns - jedem einzelnen von uns und uns allen als Nation - bringen wird.
Vielleicht kann ich einige der Gründe für die uns bedrängende
Besorgnis deutlich machen. Morgen vor 37 Jahren trat unsere Nation in den ersten Weltkrieg ein. Damals war ich Leutnant in
einem amerikanischen Infanterieregiment in Texas. Mein Regiment
erhielt - genau wie alle anderen Regimenter der US-Armee - die
gleiche Ausrüstung - zumindest was den Typ, den Grundcharakter
und die Stärke anbelangt - wie seinerzeit die Regimenter, die
im spanisch-amerikanischen Krieg kämpften.
Heute aber ist knapp ein Jahr vergangen, daß im Pazifik die
erste Wasserstoffbombe zur Explosion kam. Im vergangenen Monat
wurde eine zweite derartige Testserie begonnen. Diese Verlagerung
der Kraft nun, diese Steigerung der Kraft von der bloßen Muskete
und der kleinen Kanone bis zur Wasserstoffbombe, die in der Spanne
eines Menschenlebens gesöhah, ist bezeichnend für die Ereignisse
und Geschehnisse, denen wir ausgesetzt waren. Sie zeigt in ziemlicher Deutlichkeit, wie weit die Wissenschaft unser soziales Bewußtsein überflügelt hat, um wieviel weiter wir uns wissenschaftlich entwickelt haben als wir mit unseren seelischen und geistigen
Kräften zu bewältigen in der Lage sind. Dies verdeutlicht den einen
Grund, warum wir uns so sorgenvolle Gedanken machen, Sorgen, die
in der Wasserstoffbombe nur ihren letzten dramatischen Ausdruck
finden. Auf keine der Fragen, die uns heute so bedrängen, gibt es
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

es eine leichte Antwort und für viele haben wir überhaupt keine
Antwort, zumindest keine, die ihren umfassenden Sinn erschöpft.
Wir können nur unser Bestes zu tun versuchen und uns vergewissern,
daß wir im weiteren Verlauf alles tun, was Menschen vermögen, um
diesen Problemen gerecht zu werden.
Dies ist von dem, was auch die durchschnittliche amerikanische
Familie tut, gar nicht so sehr verschieden. Diese Familie steht vor
den Problemen, wie sie die Zinsen für die Hypothek ihres Hauses
bezahlen soll, wie sie das neu gekaufte Auto abzahlen, den Kindern
eine gute Erziehung sichern
und daneben noch eine Kleinigkeit
für den Fall unerwarteter Krankheiten zurücklegen kann. Die amerikanische Durchschnittsfamilie tritt diesen Problemen mutig gegenüber und läßt sich nicht in Panikstimmung versetzen. Sie löst diese Probleme mit - wie ich es nenne - Mut und Glauben, aber vor
allem durch enge Zusammenarbeit, indem sie sie mit den einzelnen
Familienangehörigen durchspricht und dann erklärt; dies können
wir tun, dies werden wir tun - und so zu einer befriedigenden Antwort gelangt.
Die Probleme der Vereinigten Staaten sind diese Probleme
ihrer Familien - nur ins Millionenfache potenziert. Darüber wollen
wir heute abend sprechen.
Ich werde nicht versuchen, über alle diese Probleme zu sprechen. Über Wasserwirtschaft und Bodenerosionen und die Behandlung
der öffentlichen Schuld und alle die Dinge, die uns in unserem
Leben tagtäglich beschäftigen, könnten wir auch sprechen, aber ich
werde mich heute abend auf die Diskussion der Dinge beschränken,
die uns unmittelbar gegenüberstehen.
So machen wir uns zum Beispiel Gedanken über die Männer im
Kreml, über das Atomzeitalter, über den Verlust unserer internationalen Freunde in bedrohten Gebieten der Welt - ihren Verlust
an die kommunistische Diktatur. Wir sind besorgt über die kommunistische Infiltration in unserem eigenen Land und wir machen uns
Sorgen über die Möglichkeit einer Depression, den Verlust des Lebens und den Verlust der Stellung bei uns zu Hause.
Aber je größer eine dieser Befürchtungen ist, umso größer ist
die Notwendigkeit, daß wir ihnen klar ins Auge sehen, ohne Furcht,
wie ehrliche, aufrechte Amerikaner, damit wir nicht in Unruhe oder
eine Art von Panik geraten, und damit wir nicht einem hysterischen
Denken zum Opfer fallen.
Manchmal mögen Sie beinahe das Gefühl haben, daß ein klein
wenig Hysterie entschuldbar wäre, da diese Gefahren aus so vielen
Richtungen kommen und so vielerlei Natur sind. Was wir auch tun,
sie scheinen immer weiter zu bestehen, aber hinter all diesen Gefahren steht die eine, die Bedrohung, die von außen kommt, die
große Bedrohung, die uns der aggressive Kommunismus gebracht hat.
Hier steht die atheistische Doktrin, die an den Fatalismus glaubt,
gegen unsere Konzeption von der Würde des Menschen in der Gleichheit
vor dem Gesetz.
Die

- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Die Wasserstoffbombe
Wir wollen nun über die Wasserstoffbombe und das Atomzeitalter sprechen. Diese stellen an sich selbstverständlich keine
Bedrohung für uns dar. Die Wasserstoffbombe bildet für uns nur
eine Gefahr, wenn ein möglicher Aggressor, der ebenfalls das Geheimnis der H-Bombe besitzt, sich entschließt, sie gegen uns anzuwenden, und gegen diese Bedrohung müssen wir dann unsere Vorkehrungen treffen. Wir müssen sicherstellen, daß vernünftige Menschen
alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um uns gegen eine solche Bedrohung zu schützen. Da der Kommunismus versucht, einen
Keil zwischen uns zu treiben, Klasse gegen Klasse aufzuhetzen und
Zwietracht unter anständigen Menschen zu säen zu einem Zeitpunkt,
an dem diese zur Verteidigung der Freiheit und zur Abwehr des
Kommunismus zusammenstehen sollten, müssen wir uns zu gegenseitiger Beratung zusammenfinden, zusammenhalten und dafür Sorge tragen, daß nichts uns trenne.
Erlauben Sie mir also, diese Probleme eins ums andere hier
zu behandeln und diejenigen Faktoren aufzuzeigen, die wir gegen
diese Bedrohung in die Waagschale werfen können. Ich meine damit
zunächst den Kreml. Wenn wir dieses Wort aussprechen, dann meinen
wir damit das Politbüro mit all seinen Ränken, die es gegen uns
schmiedet, dann meinen wir die sowjetischen Diktatoren und ihre
Absichten, einen Aggressionskrieg zu entfesseln und die Welt zu
versklaven.
Von all diesen Momenten stellt der Krieg die größte Bedrohung
für uns dar, allein schon wegen seiner möglichen verheerenden
Folgen.
Lassen Sie mich nun den ersten jener Faktoren aufzeigen, den
ich als ein Gegengewicht ansehe. Allein die Tatsache, daß diese ..
Männer nur auf Grund ihres eigenen Willens im Kreml sitzen, bedeutet, daß sie die Macht lieben. Sie wollen gerade auf diesem Platz
sitzen. Sofern sie einen Krieg beginnen, nehmen sie das große Risiko auf sich, jene Macht einzubüßen. Deshalb studieren sie die
Geschichte ziemlich gründlich. Sie haben Mussolini und Hitler noch
nicht vergessen und haben sich auch mit Napoleon sehr gründlich
beschäftigt. Wenn sich Diktatoren übernehmen und die ganze Welt
in die Schranken fordern, dann werden sie aller Wahrscheinlichkeit
nach nicht dort enden, wo sie glauben - in einer Position noch
größerer diktatorischer Macht, sondern im Untergang; die Männer
im Politbüro wissen dies genau.
Darin liegt also der erste dieser als Gegengewicht wirkenden
Faktoren, der gegen die Möglichkeit einer Kriegserklärung ihrerseits spricht. Krieg bedeutet eben, eine Menge Risiken einzugehen.
Da haben die Russen beispielsweise ihr Satellitensystem - ein
System versklavter Staaten. Und so kennen sie auch ganz genau die
Risiken, die damit verbunden sind, einen Krieg zu beginnen, wenn
man unsichere Satelliten als Verbündete hat. Napoleon drang 1812
in Rußland mit einer Armee ein, die genau nach diesem Schema aufgebaut war. Frankreichs große Armee wurde durch Preußen und Menschen

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Menschen aus anderen von Napoleon eroberten Gebieten aufgestellt,
die er in seine Armee gepreßt hatte. Sobald er in Rußland seine
erste Niederlage einstecken mußte, setzten Massendesertationen
ein.
Dies alles wissen die Russen sehr wohl. Gerade dieses Satellitensystem könnte im Falle eines Erschöpfungskrieges eine
sehr große Quelle der Schwäche sein. Sie haben im Vergleich zu
uns große wirtschaftliche Schwächen - gerade, eine starke Wirtschaft aber ist notwendig, wenn man in einem modernen Krieg den
Sieg erringen will.
Die Sowjetunion förderte im vergangenen Jahr etwas mehr
als 60 Millionen Tonnen Erdöl, wir rund 300 Millionen Tonnen.
Unsere Stahlproduktion war mehr als doppelt so groß wie die der
Sowjets. Dies sind starke Aktiva auf dem wirtschaftlichen Sektor,
sofern man dazu übergeht, einen Großteil der Produktion für die
Führung eines Krieges zu verwenden, besonders eines Erschöpfungskrieges.
All diese Überlegungen dürften geeignet sein, die Männer im
Kreml abzuschrecken. Dies sind Faktoren, die, wie wir wohl sagen
dürfen, einen Krieg weniger wahrscheinlich erscheinen lassen. So
lange sie wissen, daß wir in der Lage sind, sofort tatkräftig
zu handeln und zurückzuschlagen, dürfte die Entscheidung, einen
Krieg zu beginnen, nicht sehr leicht fallen. Dennoch gebe ich
zu - und wir müssen dies alle zugeben - daß noch immer die Möglichkeit weiterbesteht, daß sie in einem Anfall von Wahnsinn oder
auf Grund irgendwelcher Fehlkalkulationen dennoch zum Krieg
schreiten. Wir leben im Atomzeitalter, und die Wasserstoffbombe
ist selbstverständlich, wie ich bereits einmal erwähnt habe, gefährlich, gerade weil jene Menschen ihr Geheimnis kennen und selbst
eine derartige Bombe besitzen und - dies geschah vor einigen Monaten - zur Explosion gebracht haben. Wir wissen jedenfalls, daß
wir trotz des Besitzes dieser Bombe keinen Krieg anfangen. Auf
unsere Veranlassung hin wird sie nicht verwendet werden, und ich
habe eben versucht, Ihnen den ernüchternden Effekt auszumalen,
den die Risiken eines Krieges auf die Männer im Kreml ausüben.
Von all diesen ernüchternden Effekten ist keiner größer als die
Aussicht auf eine unmittelbare Vergeltung, die unausweichlich jene
treffen wird, die irgend eines der Völker der freien Welt oder
irgend einen Teil unserer lebenswichtigen Interessen in aggressiver
Form und um Eroberungen zu machen, angreifen.
Darüber hinaus kümmern wir uns um die zivile Verteidigung und
die Landesverteidigung, um sicherzustellen, daß wir jede nur mögliche Gewähr haben, eine etwaige derartige Katastrophe zu überleben und dem Gegner dann solche Verluste zuzufügen, daß ihm das
Kriegführen vergeht.
Da dieser Wahnsinn aber noch immer umgeht, möchte ich noch
einmal ganz deutlich sagen, daß noch immer ein Element der Bedrohung gegeben ist, das wir kalt und nüchtern mit einkalkulieren

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Eine weitere Gefahr - deren wir uns durchaus bewußt sind ist die Idee von der kommunistischen Durchdringung unseres Landes, unserer Regierung, unserer Schulen, unserer Gewerkschaften,
unserer Institutionen und unserer Industrie in allen Teilen des
Landes, wo immer sich die Kommunisten eine Chance ausrechnen,
daß sie uns damit Schaden zufügen können.
Es wäre völlig falsch, die Gefahr dieser Durchdringung zu
bagatellisieren. Sie ist wirklich gegeben. Wir wissen, daß die
Kommunisten hier ihre Mittelsmänner haben. Lassen Sie mich aber
auch in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß es einige Paktoren gibt, die ein Gegengewicht hierzu bilden. In erster Linie
sei gesagt, daß diese Furcht vor einer Durchdringung, insbesondere was die Zahlen angeht, stark übertrieben worden ist. Es
gibt in den Vereinigten Staaten heute schätzungsweise 25 000 unbelehrbare Kommunisten. Das Bundeskriminalamt (FBI) weiß sehr wohl,
wo sie sich aufhalten; in den Schlagzeilen der Zeitungen wird
oft der Eindruck erweckt, als sei jeder Mensch, dem man begegnet,
ein Kommunist. Dabei bedeuten 25 000 Kommunisten bei 160 Millionen
Einwohnern, daß einer von ihnen auf rund sechstausend kommt. Nichlsdestoweniger sind sie gefährlich.
Das Bundeskriminalamt weiß uns vor diesen Leuten zu schützen.
Es hat seit Jahren auf diesem Gebiet eine erfolgreiche Tätigkeit
entfaltet. Es ist unser Schutzwall gegen diese Art Bedrohung, und
jeder einzelne unter Ihnen kann sich an diese Stelle wenden, sofern er einen wirklich begründeten Verdacht hegt, und sicher
sein, daß etwas in der Angelegenheit unternommen wird. Das ist die
Aufgabe des FBI. Seine Leistungen sind so groß, daß ich hier noch
nicht einmal den Versuch zu machen brauche, sie kurz aufzuzählen.
Ich habe dafür den Justizminister gebeten, am kommenden Freitag
hier vor Ihnen zu sprechen und Ihnen eine umfassende Übersicht
über das zu geben, was der FBI in dieser Angelegenheit bisher
unternommen hat.
Die Furcht vor einer derartigen kommunistischen Durchdringung beschwört eine andere Furcht herauf, nämlich, daß wir uns
bei der Untersuchung derartiger Fälle allzu durchgreifender Methoden bedienen, insbesondere in den Kongreßausschüssen, die sich
mit der Bekämpfung dieser kommunistischen Infiltration befassen.
Diese Gefahr ist jedoch, wie ich bereits ausführte, sehr gering.
Die Mehrzahl der in den Regierungsbehörden Beschäftigten,
die Masse der Zivilisten, die unsere Armee ausmachen, die Lehrer
an unseren Schulen und alle Kreise, die ich mir nur denken kann,
sind genau wie Sie und ich ihrem Vaterland verbunden. Sie sind
genau so loyal wie wir. Dennoch gilt es, dieser kleinen Splittergruppe auf die Finger zu sehen, und Sie werden einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Bundeskriminalamtes erhalten.
Ich möchte nun näher auf den Untersuchungsausschuß des Kongresses eingehen, dem bei seiner Gründung zunächst einmal die Aufgabe gestellt worden war, das Volk vor unstatthaften Maßnahmen
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

Maßnahmen einer übermächtigen Exekutive zu schützen. Seine Aufgabe war, für die Achtung der bürgerlichen Freiheiten zu sorgen
und sicherzustellen, daß sie nicht langsam durch die Entwicklung
Stück für Stück verloren gingen.
Meine Damen und Herren, ich gebe zu, daß ein Bürger in seinem Ansehen sehr geschädigt werden kann, wenn er unschuldig und
fälschlicherweise durch jemanden beschuldigt wird, der die Immunität eines Kongreßmitgliedes genießt. Er kann seine Stellung
verlieren, sein guter Ruf mag für alle Zeiten geschädigt werden - dennoch können Sie sicher sein: Amerika glaubt nach wie
vor an Pairness, Anstand und Gerechtigkeit und weiß diese auch
zu üben.
In diesem Land ist die öffentliche Meinung die stärkste
aller Kräfte, und sie wird in solchen Fällen, wann und wo immer
unsere Ideale gefährdet werden, dafür sorgen, daß alles wieder
ins Reine kommt.
Die nächste Furcht, die ich hier vor Ihnen erörtern möchte,
ist die, daß wir die Freundschaft anderer Völker verlieren können. Die Furcht, die uns anwandelt, oder die Sorge, die wir hegen,
wenn wir bedenken, daß gewisse gefährdete Gebiete der Welt, die
nicht so stark sind wie wir - materiell nicht so stark, nicht so
gesegnet an Reichtümern wie wir und militärisch nicht so gut
gerüstet - das Opfer von Umsturzversuchen, Verrat, Bestechung
und der von den Sowjets betriebenen Propaganda werden könnten.
Einige dieser Gebiete sind für uns von sehr, sehr großer
Bedeutung, nicht nur im Hinblick auf die Tatsache, daß wir von
ihnen wichtige Rohstoffe beziehen - Zinn, Wolfram, Kautschuk,
Manganerze und zahlreiche andere Stoffe, die wir zur Aufrechterhaltung unserer Wirtschaft benötigen - sondern auch deshalb, weil
diese Völker, von den kommunistischen Diktatoren im Kreml für
ihre Zwecke eingespannt, dessen Position immer weiter stärken
würden, während die freie Welt ausgeschlossen bliebe.
Auch hier kann ich Ihnen wieder einige Faktoren nennen, die
dieser Gefahr entgegenwirken. Haben Sie sich jemals die Mühe
gemacht, darüber nachzudenken, daß es in der ganzen freien Welt
nicht ein Volk gibt, das sich in freien Wahlen zum Kommunismus
bekannt hat? Ganz im Gegenteil. Wo immer die Kommunisten die
Macht übernommen haben - und dies gilt sogar für Rußland - geschah dies durch eine ganz kleine Minorität, die sich dabei der
Gewalt bediente, oder durch irgendwelche Machenschaften oder politische Manöver die Kontrolle über das entsprechende Land an
sich reißen konnte und durch Schaffung einer NKWD oder irgend
eines anderen Polizeiinstrumentes das Land beherrschte.
Darüber hinaus wächst in der Welt das Verständnis dafür, daß
die amerikanische Regierung sich in ihrer Opposition gegen die
Versklavung anderer Völker von ihrem Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit leiten läßt. Wir glauben nicht, daß irgendein Staat,
so groß er auch immer sein mag, das Recht hat, ein anderes Volk
zu beherrschen und es unter seine Gewalt zu zwingen. Wir glauben

- 7-

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

glauben nicht, daß irgend ein Staat, so groß er auch immer sein
mag, das Recht hat, ein anderes Volk zu beherrschen und es unter
seine Gewalt zu zwingen. Wir glauben vielmehr, daß jedes Volk das
Recht hat, sein eigenes Leben zu führen.
Jede auch noch so kleine Hilfe, die wir gewähren und jede
kooperative Anstrengung, die wir unternehmen, basieren auf der
Theorie, daß es sich um Maßnahmen unter Gleichberechtigten handelt.
Dieser Tage hat eine amerikanische Zeitung aus einem seltsamen Mißverständnis heraus von Alliierten als Mittel zur Erreichung eines Zwecks statt als Verbündeten gesprochen. Wir dürfen
hier nie den einen Fehler begehen, uns von unseren Verbündeten
in der ganzen Welt die Vorstellung von Werkzeugen zu machen. Dies
sind sie auf keinen Fall. Sie sind unsere Freunde. Und wenn sie
nicht unsere Freunde sind, dann sind sie nutzlos für uns.
Die Vereinten Nationen sind aus der Idee entstanden, daß
kooperative Bemühungen unter großen und freien friedliebenden
Nationen den Frieden in der Welt herstellen könnten und daß sie
Koalitionen in allen Teilen der Welt erlauben, die im gleichen
Geiste den gleichen Zielen dienen. Wir vertrauen auf solche
Koalitionen. Wir glauben, daß die interessierten Nationen in
jedem Teil der Erde, ob zum Schutze des Südwestpazifik oder in
der NATO zum Schutze Europas oder wo immer es auch sein mag, sich
zusammenschließen und im Geiste der Zusammenarbeit die Freiheit
dieser Länder gegen jede Form der kommunistischen Aggression aufrechterhalten sollten.
Einige dieser Nationen sind immer noch schwach. Sie sind unentschlossen, und bei dem Versuch, ihnen bei ihrem Aufbau zu helfen, erleben wir Enttäuschungen. Und so treten hier erneute Befürchtungen auf, die wir einkalkulieren und auf die wir uns immer
wieder vorbereiten müssen.
Keine Angst vor der Depression
Ich möchte mich jetzt kurz mit der Angst vor einer Depression
und dem Verlust des Arbeitsplatzes befassen. Man spricht viel über
die Zahl der Arbeitslosen, die bei 3,7 Millionen liegt. Diese Zahl
stimmt, aber es ist eine Zahl, die aus unseren Bemühungen um eine
Umstellung von einer Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft resultiert.
Glücklicherweise sind alle Anzeichen vorhanden, daß hier eine Konsolidierung stattfindet. Die letzten Berichte liegen nur noch um
wenige Tausend höher als die früheren. Alle diejenigen, die die
Lage so düster sehen, reden niemals davon, daß über 60 Millionen
Menschen in den USA heute in Brot und Arbeit stehen, ganz abgesehen von den 3,5 Millionen, die in den bewaffneten Streitkräften
dienen.
Die Zahl der zivilen Arbeitsplätze und der Beschäftigten liegt
dicht an dem bisherigen Höchststand. Wir haben in den USA umfassende Pläne für eine Arbeitslosenversicherung. Wir haben Landwirtschaftsprogramme, um den Farmer vor dem Ruin zu bewahren. Wir
verfügen über die großen Ersparnisse unseres Volkes, die ebenfalls
beinahe einen Höchststand erreicht haben. Und dann besteht schließlich der riesige Bedarf eines 160 Millionen Volkes, das ein gutes
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

gutes Einkommen hat. Dieser Bedarf gibt Arbeit und sichert die
Produktivität unserer Farmen und Fabriken.
Aber davon abgesehen, meine Freunde, haben wir auch eine
Regierung, die bereit ist zu handeln, wenn immer es sich als
notwendig erweist.
Eines der wichtigsten Dinge bei dieser Art von Problemen
ist die Haltung der von Ihnen gewählten Regierung. Ich habe
mehrfach versucht, unsere Regierung als eine Form der Staatsverwaltung zu definieren, die in ihrer Beziehung zum Volke gänzlich liberal ist, die sich aber mit all ihren Kräften bemüht, konservativ
zu sein, sofern sie es mit Ihrem Geld und Ihrer Wirtschaft zu tun
hat.
Wir haben in dieser Hinsicht bereits eine Reihe von Maßnahmen
getroffen, um den Übergang der Wirtschaft von Kriegsbedingungen auf
Friedenszeiten so reibungslos und anpassungsfähig wie möglich zu
gestalten. Wir haben die Kreditbedingungen erleichtert, wir haben
die Bautätigkeit gefördert, wir haben zu einem gewissen Maße die
Überschüsse unseres Agrarmarktes reduziert und reduzieren sie
weiter, wir haben versucht, unsere Absatzmärkte im Ausland zu erweitern, die Produktion unseres Landes zu beleben und zahlreiche
andere Maßnahmen dieser Art getroffen. Wir haben aber noch viele,
viele weitere Pläne in Reserve, die wir anwenden werden, wenn es
notwendig ist. Unter diesen Plänen befinden sich selbstverständlich solche für die öffentliche Bautätigkeit, für weitere Steuersenkungen und die Steigerung des Verbrauchereinkommens. All diese
Pläne werden in Aktion treten, wenn die Lage dies erfordert. Andererseits jedoch hat unsere Regierung nicht die Absicht, Hals
über Kopf ein Notstandsprogramm durchzuführen, wenn die Ereignisse das nicht mit Dringlichkeit gebieten.
Nun meine Freunde, darf ich wohl sagen, daß die eine große
Hoffnung und das eine große Zukunftsziel der Vereinigten Staaten
eine freie, friedliche und blühende Welt ist. Um eine solche freie,
friedliche und blühende Welt zu schaffen, müssen wir immer stärker werden. Wir müssen stärker werden nicht nur in den Dingen, die
ich erwähnt habe, sondern vor allem auch im geistigen Sinne, im
Glauben und Vertrauen, daß wir solche Dinge zu tun imstande sind.
Wir müssen jenen Glauben haben, der aus dem Wissen um unsere Geschichte und aus der Inspiration kommt, die uns unsere großen Vorfahren wie Washington und Lincoln und die Taten unserer Vorväter
geben können.
Wenn wir aber das gesamte Problem betrachten und die Befürchtungen, von denen ich gesprochen habe, zusammenfassen, finden
wir, daß jede dieser Befürchtungen einen gewissen kleinen Wahrheitskern enthält. Daher haben wir Pläne ausgearbeitet und diese
Regierung hat dem Kongreß einen Plan, ein Gesetzgebungsprogramm
vorgelegt. In diesem Programm sind großzügige Maßnahmen für die
Verteidigung - für die zivile und die Landesverteidigung - vorgesehen sowie für die Abschreckungswirkungen unserer Atomwaffenentwicklung. Wir haben die Steuern gesenkt, so daß sechs Milliarden Dollar und mehr der Öffentlichkeit für die Belebung und

- 9-

�"AMERIKA DIENST"
7. April 1954
und Steigerung der Produktion wieder zur Verfügung gestellt wurden.
Wir haben landwirtschaftliche Programme, Steuer-, Handels-, Wohnungsbau-, Gesundheits-, und Sozialprogramme sowie ein Programm
für die gegenseitige Sicherheit.
Alle diese Dinge, meine Freunde, werden - wenn sie zur Ausführung gelangt sind, uns mit Sicherheit ein stärkeres Amerika
bringen, das uns durch seine Stärke einem friedlichen, blühenden
und gesicherten Amerika näher führt.
Aber ich betone nochmals, daß es der Glaube Amerikas an
Anständigkeit, Gerechtigkeit, Portschritt und den Wert der Freiheit des einzelnen auf Grund der ihm vom Schöpfer gegebenen Rechte
ist, der uns im Studium und der Planung all dieser Dinge die Kraft
und den Willen zum Durchhalten gibt.
Wir müssen nicht nur mit unserem Kopf,sondern auch mit unserem Herzen bei der Sache sein. Wenn wir das tun und die Probleme
in dieser Weise angehen, dann - das versichere ich - brauchen wir
keine Furcht zu haben. Ich will damit nicht sagen - niemand könnte
so etwas sagen - daß es keine Gefahren gibt. Natürlich gibt es Gefahren und Risiken, wenn wir nicht auf der Hut sind. Aber wir dürfen deshalb keiner hysterischen Furcht verfallen. Wir können wachsam und auf der Hut sein, wir können uns als Amerikaner erweisen.
Wir können aufrecht dastehen und unsere Köpfe hochhalten und sagen:
Die Vereinigten Staaten verfügen über die größte Stärke, die Gott
jemals einer Nation beschert hat. Als eine solche Macht, haben
wir die Aufgabe, diese Welt zu einer friedlichen und sicheren
Existenz zu führen, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß wir
dazu imstande sind."

* # * * *

- 10 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ÜBER DIE ZIELE DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK:
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Der amerikanische
Außenminister John Poster Dulles gab am 5.April vor dem
Außenpolitischen Ausschuß des Repräsentantenhauses einen
umfassenden Überblick über die Ziele der amerikanischen
Außenpolitik. Die Erklärung des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955
"Ich begrüße die Gelegenheit, um zugunsten des für
das kommende Haushaltsjahr 1955 vorgesehenen Voranschlages für das Programm der gemeinsamen Sicherheit auszusagen. Ich werde hierbei über die Beziehungen sprechen,
in denen dieses Programm zu unserer grundlegenden Außenpolitischen Konzeption steht. Die anderen Aspekte des
Programms werden von zuständiger Seite behandelt werden.
Dieses Programm ist entworfen worden, um die Sicherheit
und das Wohlergehen der Vereinigten Staaten zu fördern.
Es ist auf vier Grundtatsachen abgestellt:
1) Die Machthaber in der Sowjetunion und in Rotchina
setzen den Aufbau eines gewaltigen militärischen Machtapparates fort, der zur Erreichung ihres Zieles, der
Weltherrschaft, dienen soll.
2) Die USA können sich ihre Sicherheit nicht durch
eine Isolierung sondern nur durch ein System der kollektiven Sicherheit schaffen.
3) Gewisse Länder in der freien Welt können ohne unsere Hilfe nicht die im gemeinsamen und dem amerikanischen Interesse liegende erforderliche Verteidigung
aufbauen.
4) Die Bedrohung, der wir uns gegenübersehen, ist
weder eine solche von kurzer Dauer noch eine von ausschließlich militärischer Natur. Deshalb sollten wir
danach streben, die Sicherheitsverpflichtungen der
freien Welt auf einem Stand zu halten, der mit den
wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten der USA
und unserer Alliierten im Einklang steht.
,,.
Diese
- 1 -

�"AiäE&amp;IKA DIENST"

7. April 1954

Diese Grundsätze leiten sich aus der Vergangenheit her
und sind auch für die Zukunft anwendbar. Natürlich machen
veränderte Bedingungen eine Änderung der Anwendung erforderlich. Ich werde mich in meinen heätigen Ausführungen in der
Hauptsache auf solche Aspekte des für das
kommende Haushaltsjahr vorgesehenen Programms beschränken, die einen Wandel widerspiegeln.
Die Strategie der Abschreckung
Während des vergangenen Jahres entwickelten wir unsere
Strategie im Hinblick darauf,daß größerer Nachdruck auf die
Macht der Abschreckung gelegt wird. Es ist nicht praktisch,
der ungeheuren Landmacht des Sowjetblocks mit gleichen
Mitteln entgegenzutreten, einer Macht, die von ihrer fcentraleurasischen landmasse aus in zahlreichen Richtungen gegen
jede der über zwanzig freien Nationen losschlagen könnte.
Wenn man den Versuch machte, einer derartigen Macht an jedem
lebenswichtigen Punkt, wo sie unter Umständen angreifen könnte, entsprechend entgegenzutreten, dann würde das den Bankrott
bedeuten und hieße, zahlreiche Länder der Eroberung von innen
her, durch kommunistische Infiltration, auszusetzen. Wenn auch
die Notwendigkeit einer örtlichen Landstärke keinesfalls übersehen wird, so mußte man doch intensiv nach wirksameren und
weniger kostspieligen Möglichkeiten suchen, um von einem Angriff abzuschrecken.
Wir sind der Ansicht, daß mögliche Aggressoren mit einem
Angriff zögern würden, wenn sie glauben, daß sie für ihre
Aggression mehr erleiden müßten, als sie durch einen solchen
Akt gewinnen könnten. Diese Erkenntnis des Gegners kann geschaffen werden, wenn die freie Welt über eine Mannigfaltigkeit und Beweglichkeit an Vergeltungsstärke verfügt. Wir
dürfen uns nicht verpflichtet fühlen, den Aggressoren immer
die Wahl des Ortes und der Mittel zu überlassen, sondern
müssen unsere eigene Wahl treffen können. Diese Wahl würde
der Überlegung entspringen, wie man dem Aggressor größeren
Schaden zufügen könnte, als er möglicherweise gewinnen würde,
ohne daß gleichzeitig der Konflikt zu unserem Nachteil ausgeweitet wird.
Die freien Nationen können diese Stärke, die Wahl selbst
zu treffen und infolgedessen von einem Angriff abzuschrecken,
dadurch aufbauen, daß sie ein weitverzweigtes System der Ge*
meinsamkeit schaffen, in dessen Rahmen die Defensivstärke
durch eine bewegliche Macht vergrößert wird, die über zahlreiche Punkte als Ausgangsbasis verfügt. Dies ist nicht nur
wirksam sondern auch relativ wirtschaftlich, weil die Macht,
die einen äinzelnen schützt, auch schnell zum Schutze Vieler
verfügbar gemacht werden kann»
Die NATO

�7. April 1954

'AMERIKA DIENST"
Die NATO

Die Nordatlantikpaktorganisation, die gestern ihren
fünften Jahrestag feierte, bietet die Möglichkeiten, die zur
Vervollständigung der Politik der Abschreckung erforderlich
sind. Sie vernachlässigt dabei nicht dieflefensiveStärke.
Sie ergänzt diese jedoch wirkungsvoll durch ein ausgedehntes
Netz von Stützpunkten und Möglichkeiten, an dem alle Mitglieder teilhaben und das sich von Kanada über den Nordatlantik
bis nach Europa und nach Asien erstreckt. Der Ministerrat der
NATO, der normalerweise zweimal im Jahre zusammentritt, garantiert die unumgänglich notwendige Fühlungnahme auf maßgeblicher Ebene.
Das System der NATO wird als ein wesentliches Element der
amerikanischen Außenpolitik betrachtet. Die Summe der amerikanischen Zuwendungen und Zuteilungen, die für das Verteidigungssystem der NATO notwendig ist, wird
- wie ich hier mit Freuden
feststellen darf - wesentlich unter den bisherigen Beträgen liegen.
Dies ist darauf zurückzuführen, daß eine Revision der nach der
neuen strategischen Konzeption erforderlichen Mannschaftsstärke,
sowie der bei der Ausrüstung und Ausbildung der NATO-Streitkräfte erzielte wesentliche Fortschritt und die erreichte größere
Kampfkraft uns in die Lage versetzt hat, unseren eingegangenen
Verpflichtungen mit niedrigeren Kosten als ursprünglich angenommen nachzukommen.
Die europäische Verteidigungsgemeinschaft
Jede Betrachtung der NATO ist unvollkommen, wenn sie nich$
den gegenwärtigen Status der EVG berücksichtigt. Die NATO benötigt einen deutschen Beitrag und vor allem eine französischdeutsche Einheit, die für alle Zeiten das beseitigt, was der
Welt schlimmstes Pulverfaß gewesen ist. Die Franzosen haben vorgeschlagen, dieses Ziel dadurch zu erreichen, daß sich sechs
kontinentale Nationen, einschließlich Frankreichs und Deutschlands, zusammenschließen, um eine neue Gemeinschaft zu bilden,
deren von allen Mitgliedstaaten gestellte Streitkräfte die
nationalen Eruppen in Europa ersetzen würden. Im nächsten Monat
werden es zwei Jahre her sein, seit der Vertrag zur Schaffung
der EVG unterzeichnet wurde. Bisher haben drei Nationen, Belgien,
Holland und die Bundesrepublik, die Ratifizierung beendet. Die
Ratifizierung durch ein viertes Land, Luxemburg, mag schon sehr
bald erfolgen. Was Frankreich und Italien angeht, so hat der
parlamentarische Ratifizierungsprozeß noch nicht begonnen, aber
ein früher Zeitpunkt dafür wird vielleicht bald festgelegt.
Diese Verzögerungen stellen vom Standpunkt der freien Welt
aus einen negativen Faktor dar. Sie zögern die Fähigkeit der
NATO hinaus, auf die Deutschen zurückzugreifen, um diejenige
Stärke aufzubauen, die zur Vervollständigung der auf die Zukunft
gerichteten Strategie der NATO notwendig ist. Darüber hinaus
wird Westdeutschland durch diese Verzögerungen daran gehindert,

- 3 -

�"AiffiRIKA DUNST"

7. April 1954

gehindert, sich der Familie der souveränen und freien Nationen
anzuschließen, weil die Verträge, die der Bundesrepublik die
volle Souveränität wiedergeben wollen, auf Grund ihrer Bestimmungen von dem Inkrafttreten der EVG abhängig sind. Selbstverständlich ist die Bundesregierung rechtmäßig gewählt, sie
ist aber noch nicht souverän. Es ist ganz klar, daß der gegenwärtige Status nicht noch viel länger andauern kann.
Spanien
Während des vergangenen Jahres ist das NATO-Verteidigungssystem, was die Vereinigten Staaten anbetrifft, durch ein
Stützpunkt-Abkommen mit Spanien erweitert worden. Dieses Abkommen wird die Zahl der den amerikanischen Luft- und Marineverbänden im westlichen Mittelmeerraum zur Verfügung stehenden Einrichtungen bedeutend erhöhen. Dies ist bereits seit
langem angestrebt worden. Nunmehr sind die Verhandlungen erfolgreich abgeschlossen worden. Dies bedeutet eine Erhöhung
unserer Gesamtsicherheit. Es wird jedoch einen weiteren Punkt
in den Bewilligungen erfordern.
Wirtschaftshilfe
Eine weitere ermutigende Entwicklung während des laufenden Haushaltsjahres ist die Besserung des wirtschaftlichen
Wohlstandes unserer europäischen Verbündeten. Ihr Lebensstandard hat sich ganz allgemein erhöht, ihre Währungen sind
stärker geworden und die Bevölkerung hat größeres Vertrauen
in die Zukunft.
Ihre internationale Position hat sich, vom Standpunkt
der Zahlungsbilanzen gesehen, ebenfalls gebessert und die
Zahlungsbilanz ist nunmehr etwas günstiger für äie geworden.
Dieses Efcgebnis ist mit Hilfe unseres Off-Shore-Beschaffumgsprogramms erreicht worden, das Europa in die Lage versetzt,
durch Herstellung einiger der von ihm benötigten militärischen
Versorgungsgüter Dollar zu verdienen. -Wir haben ferner Prankreich Dollarbeträge zur Deckung seiner Ausgaben in Indochina
zur Verfügung gestellt.
Die Schaffung einer gesünderen Wirtschaft in Europa ist
in beachtlichem Maße auf die dieses Jahr erfolgte Annahme der
langfristigen Konzeption der NATO zurückzuführen. Es hat sich
erwiesen, daß das lühere Programm eines schnellen militärischen
Aufbaus nicht den wirtschaftlichen Fähigkeiten der Mitgliedsstaaten entspricht. Das neue Programm legt geringeren Wert
auf Quantität und dafür mehr Wert auf Qualität.
Durch Anwendung des Prinzips der besseren Auswahl und durch
erhöhtes Vertrauen auf die neue Strategie wird es möglich sein,
eine stetig wachsende Verteidigungskapazität ohne höhere Kosten
aufrechtzuerhalten, die unsere europäischen Verbündeten ohne
größere Wirtschaftshilfe von den Vereinigten Staaten nicht
tragen könnten.
mi r

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST

Wir glauben nicht, daß selbst die Vereinigten Staaten mit
Vernunft große wirtschaftliche Zuwendungen zu einem ständigen
Bestandteil ihrer Politik machen können.
Wir haben versucht, die Wirtschaftshilfe an Europa als
reine Stützung des Budgets dieser Staaten einzustellen. Ausnahmen werden gemacht, wo dies zur Aufrechterhaltung militärischer Einrichtungen notwendig ist, die von direktem Nutzen
für uns sind und die nicht ohne Hilfe seitens der Vereinigten
Staaten in dem Maße erhalten werden können, das unseren militärischen Beratern wünschenswert erscheint.
Die Türkei ist eine gute Illustration hierfür. Sie unterhält ungefähr 20 Divisionen von einer hohen Kampfmoral an einem
strategisch wichtigen Punkt. Die türkische Wirtschaft kann diese Verbände nicht ohne eine gewisse Unterstützung unterhalten,
und hier tritt das Auslandshilfeprogramm in Aktion. Wir sind
der Ansicht, daß das auf diese Weise ausgegebene Geld den USA
hinsichtlich ihrer Sicherheit größere Gewinne einbringen wird
als wenn es auf andere Weise oder überhaupt nicht ausgegeben
werden würde.
Es gibt in diesem Programm einige Punkte der Wirtschaftshilfe, die sich nicht auf direkte militärische Vorteile beziehen. Dies trifft besonders hinsichtlich Asiens und Lateinamerikas zu. Diese Beträge sind in den meisten Fällen recht
gering. Der kleinste Einzelposten wirtschaftlicher Natur, außerhalb dem für Korea vorgesehenen - von dem ich später sprechen
werde - beträgt 85 Millionen Dollar und ist für Indien bestimmt.
Die Außenpolitik Indiens unterscheidet sich von der unsrigen.
Aber die Freiheit nimmt auch abweichende Auffassungen in Kauf.
Die indische Regierung führt gegenwärtig einen bemerkenswerten
Versuch durch, eine freie demokratische Regierungsform in jenem
Teil der Welt aufzurichten. Dies steht in einem scharfen Gegensatz zu dem von dem benachbarten China durchgeführten Versuch,
ihrem Lande ein von der kommunistischen Staatspolizei beherrschtes politisches System aufzuzwingen. Wir sind der Meinung, es
ist wichtig für die USA, daß der wirtschaftliche Fünfjahresplan
der indischen Regierung Erfolg hat, und daß eine Weiterführung
der amerikanischen Hilfe für Indien mit Recht im wohlüberlegten
Selbstinteresse der USA liegt. Es kann jedoch in diesem Zusammenhang mitgeteilt werden, daß jetzt im allgemeinen sich selbst
tragende Maßnahmen die nicht rückzahlbaren Zuwendungen in
wirkungsvoller Weise ersetzen.
Der Nahe Osten
Ein weiteres neues Element der Ermutigung ist die Maßnahme
der Türkei und Pakistans, die in der vergangenen Woche einen
Vertrag der Freundschaft und Zusammenarbeit abgeschlossen haben.
Es ist erfreulich, daß die Konzeption der gemeinsamen Sicherheit
im wichtigen Nahen Osten Fuß gefaßt hat. Dies ist ein Gebiet
von großem menschlichen, wirtschaftlichen und strategischen
Wert, das durch Spaltungen geschwächt wurde. Die Tatsache, daß

- 5-

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

daß nunmehr Pakistan und die Türkei - unser NATO-Alliierter planen, zur gemeinsamen Sicherheit zusammenzuarbeiten, gibt
diesen beiden Ländern eine neue Quelle der Stärke. Darüber
hinaus haben sie ein Beispiel gegeben, dem andere Länder vielleicht folgen werden.
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 wird die Bewilligung weiterer militärischer Hilfslieferungen an Pakistan
einschließen, die das Land in den Stand setzen sollen, seinen
Teil bei der regionalen Verteidigung zu übernehmen. Ich möchte
in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß Pakistan die
klare Versicherung abgegeben hat, die von den USA zur Verfügung
gestellte Militärhilfe nur zu Verteidigungszwecken einzusetzen,
Lateinamerika
Bevor wir den Fernen Osten erörtern, möchte ich ein Wort
über diese Hemisphäre sagen. Ich bin erst kürzlich von der
zehnten panamerikanischen Konferenz aus Caracas zurückgekehrt.
Liese Konferenz hat eine wichtige außenpolitische Deklaration
abgegeben. Sie hat bekräftigt, daß falls die internationale
kommunistische Bewegung die Herrschaft oder die Kontrolle über
die politischen Institutionen irgend eines der amerikanischen
Staaten gewinnen sollte, dies eine Bedrohung der Souveränität
und der politischen Unabhängigkeit aller amerikanischen Staaten
darstellen und den Frieden in Amerika gefährden würde . Die
einzige Stimme gegen diese Deklaration wurde von Guatemala abgegeben - aus Gründen, die offensichtlich sind.
Diese Aktion der panamerikanischen Konferenz stellt einen
wichtigen Schritt zum Zusammenschluß dieser Hemisphäre gegen
die Bedrohung durch den internationalen Kommunismus dar.
Weitere Schritte sind Jedoch notwendig. Der Lebensstandard in
dem größten Teil Lateinamerikas ist niedrig und zahlenmäßig
starke und einflußreiche Elemente suchen die Vereinigten Staaten hierfür zu tadeln.
Unser gemeinsames Sicherheitsprogramm wird der Bedeutung
des wirtschaftlichen Wachstums und eines höheren Lebensstandards
in Lateinamerika Rechnung tragen. Der größte Teil der Hilfe, die
die Vereinigten Staaten gewähren können, wird über die Privatwirtschaft erfolgen. Diese kann und sollte jedoch durch gewisse Regierungsmaßnahmen ergänzt werden. Hierzu gehören die
Programme über technische Zusammenarbeit. Das gemeinsame Sicherheit sprogramm für 1955 wird auch weiterhin einige Bestimmungen für diese Art der Hilfe an Lateinamerika und andere
Gebiete der Welt enthalten. Diese Programme zeitigen Resultate,
die weit größer sind, als daß sie noch an den bewilligten
Dollarbeträgen gemessen werden können, denn sie vermitteln
das Wissen, das anderen hilft, sich selbst zu helfen.
Korea

�7. April 1954

"AMERIKADIENST"
Korea

Nun möchte ich mich dem Fernen Osten zuwenden. Hier haben die Entwicklungen dieses Jahres unterschiedliche Resultate,
günstige und ungünstige, gezeitigt. In Korea sind die Kampfhandlungen durch ein im vergangenen Juli unterzeichnetes Waffenstillstandsabkommen beendet worden. Dort hat das Töten
von Menschen aufgehört. Dieses auf ehrenvolle Weise erreichte
Ergebnis hat unserer Auffassung nach das amerikanische Volk
mit tiefer Befriedigung erfüllt. Die Einstellung der Kampfhandlungen hat ihre Rückwirkungen auf das kommende Haushaltsjahr des Programms für gemeinsame Sicherheit.
Für das Verteidigungsministerium ist nun die Ausgabe von
Milliarden Dollar nicht mehr länger notwendig, die zur Führung
des eigentlichen Krieges in Korea verwendet wurden. An die
Stelle dieser destruktiven und unproduktiven Ausgaben ist nun
ein Programm für den Wiederaufbau und die Unterstützung der
Republik Korea angelaufen. Dieses Programm wird teilweise von
den Vereinten Nationen, zum größten Teil aber von den USA getragen.
Die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Wohlstands in
dem kriegszerstörten Korea ist eine gigantische Aufgabe. Die
Kosten stellen jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Kosten
dar, die ein Krieg erfordern würde. Wir sind der Ansicht, daß
die Durchführung dieser friedlichen Aufgabe im Interesse der
USA und der ganzen freien Welt liegt, wenn sie - und wir wissen,
daß sie dies kann - die Fähigkeit freier Menschen beweist, sich
in den Künsten des Friedens auszuzeichnen.
Japan
Die japanische Regierung plant, nunmehr einen größeren
Teil an Verantwortung für die Verteidigung des eigenen Landes
zu übernehmen, womit ein Beitrag zur Aufrechterhaltung von
Frieden und Sicherheit im Fernen Osten geleistet wird. Die
Japaner haben verständlicherweise gezögert, die wirtschaftliche Last für den Wiederaufbau selbst begrenzter Sicherheitseinrichtungen auf sich zu laden. Durch die grausamen Folgen des
zweiten Weltkrieges war die Bevölkerung Japans auch so tief
beeindruckt, daß sie die Tendenz verfolgte, ihre Augen vor der
Gefahr einer neuen militärischen Bedrohung zu verschließen.
Am achten März 1954 wurde jedoch ein gegenseitiges Sicherheitsabkommen zwischen den USA und Japan unterzeichnet. Es
sieht den Ausbau der japanischen Verteidigungsstreitkräfte
mit amerikanischer Unterstützung vor allem im Hinblick auf
amerikanische Militärausrüstung vor. Wenn dies auch für die
Vereinigten Staaten mit Kosten verbunden ist, so ist das doch
eine Ausgabe, die sich bezahlt machen wird,
Indochina
Die Situation in Indochina istiaach weiterhin überaus gefahrvoll, nicht nur für das direkt betroffene Gebiet sondern

- 7-

�7. April 1954

"AMERIKA DIENST"

sondern auch für die Sicherheit der USA und ihrer Alliierten
im pazifischen Raum. Sie werden sich erinnern, daß wir mit
Australien und Neuseeland und mit den Philippinen gegenseitige
Sicherheits- und Verteidigungsverträge abgeschlossen haben,
die zum Ausdruck bringen, daß das Gebiet für den Frieden und
die Sicherheit der USA von lebenswichtiger Bedeutung ist.
Rotchina hat die kommunistische Aggression in Französischindochina intensiviert« In Anwendung des klassischen kommunistischen Musters hat es versucht, aus den örtlichen Unabhängigkeitsbestrebungen Kapital zu schlagen und sie als Vorwand für einen
Aggressionskrieg größeren Ausmaßes zu benutzen. Die Herrscher
des kommunistischen China bilden und rüsten die Truppen ihrer
Marionette Ho Chi-Minh in China aus, Sie versorgen diese Truppen
mit großen Mengen an Geschützen und Munition. Sie geben den
Stäben Ho Chi-Minhs bis hinunter zur Divisionsebene und den
Spezialabteilungen wie dem Nachrichten- und dem Pionierkorps
sowie den Artillerie- und Transporteinheiten militärische und
technische Anweisungen.
Der Hauptzweck ist nicht nur die Machtergreifung in Indochina sondern die Beherrschung ganz Südostasiens. Dieser Kampf
stellt daher nicht nur eine schwere Bedrohung für Vietnam, Laos
und Kambodscha sondern auch für solche befreundete Nachbarländer
wie Malaya, Thailand, Indonesien, die Philippinen, Australien und
Neuseeland dar.
Die amerikanische Regierung ist sich dieser wachsenden Gefahr vollauf bewußt. Im vergangenen September kamen wir mit der
französischen Regierung überein, uns an der Durchführung des
Navarre-Plans zu beteiligen. Dies ist ein von General Navarre
ausgearbeiteter Plan, den organisierten Widerstand der kommunistischen Aggressoren durch die bis zum Beginn der Regenzeit
von 1955 möglichen Kampfhandlungen zu brechen und dadurch die
Kämpfe zu einem Guerillakrieg zu reduzieren, der 1956 zum
größten Teil von den nationalen Streitkräften der drei assoziierten Staaten geführt werden könnte.
Dieser Plan war auf folgende Grundideen abgestellt:
Volle Unabhängigkeit für Vietnam, Laos und Kambodscha im Rahmen
der französischen Union, so daß ihre Völker in diesem Kampfe
ein großes Ziel vor Augen haben;
Aufbau von nationalen Streitkräften in Vietnam, Laos und
Kambodscha; und
zu Anfang eine zusätzliche Verstärkung durch bewaffnete
Streitkräfte aus anderen Teilen der französischen Union.
Die Vereinigten Staaten haben ihrerseits zugestimmt, an
der Beschaffung der meisten der hierfür benötigten militärischen
Bedarfsgüter mitzuwirken und den größten Teil der Kosten zu bestreiten, besonders im Hinblick auf Ausbildung, Ausrüstung und
Aufrechterhaltung von weiteren örtlichen Streitkräften.
Dieses
- 8 -

�7. April 1954

"AiioEKIKA DIENST"

Dieses übereinkommen führte zu einer bedeutenden Erhöhung
der Kosten, die in dem im Frühjahr 1955 unterbreiteten gemeinsamen Sicherheitsprogramm veranschlagt worden waren. Bereits
damals war ein hoher Betrag, 400 Millionen Dollar, angefordert
und bewilligt worden. Es wurde jedoch für wünschenswert erachtet, diesen Betrag auf 785 Millionen Dollar zu erhöhen.
Desgleichen wurde die Gesamtzahl der zu liefernden militärischen Ausrüstungsgüter wesentlich erhöht. Dies wurde im Rahmen
der bestehenden Gesetze unter Rückgriff auf die flexiblen
Transferbestimmungen getan, die mit Billigung der führenden
Männer im Kongreß angewendet wurden. Diese Lage in Indochina
und der Einsatz größerer Mittel in Persien auf Grund der
günstigen politischen Entwicklungen in diesem Land sind kennzeichnend für die geradezu lebenswichtige Bedeutung der Transferbestimmungen, die es dem Präsidenten ermöglichen, entsprechend den veränderten Notwendigkeiten, die nicht immer ein
Jahr oder noch länger im voraus abzusehen sind, Beträge einer
anderen Bestimmung zuzuführen.
Wir werden für 1955 um Mittel für Indochina in einer
Höhe nachsuchen, die etwa den für das laufende Haushaltsjahr
für notwendig erachteten Beträgen entspricht.
Dieser Punkt ist von großer Bedeutung, wie aus dem hervorragenden Bericht des Unterausschusses hervorgeht, dessen
Vorsitzender der Abgeordnete Judd ist.
Es besteht keine Veranlassung, die dem Navarre-Plan innewohnende logische Richtigkeit in Zweifel zu ziehen. Durch
ihre Deklaration vom 3.Juli 1953 sicherte die französische
Regierung Vietnam, Laos und Kambodscha die volle staatliche
Unabhängigkeit zu und diese wird praktisch verwirklicht. Die
nationalen Streitkräfte dieser drei Staaten werden jetzt in
immer größerer Zahl ausgebildet und ausgerüstet. Die Franzosen
haben wie versprochen ihre eigenen Streitkräfte in Indochina
verstärkt. Die französischen und nationalen Streitkräfte
haben in der Schlacht um Dien Bien Phu hervorragenden Kampfgeist entwickelt. Nichts ist geschehen, was den für das Jahr
1955 vorgesehenen Militärhaushalt ändern mußte, Die Kommunisten
sind im Gegenteil gegenwärtig dabei, ihre militärischen Trümpfe
in Indochina rücksichtslos auszuspielen.
Es scheint offensichtlich, daß sie jetzt in einer gewaltigen Anstrengung alles auf eine Karte gesetzt haben, um die
Kampfmoral der Franzosen und der assoziierten Staaten vor Beginn der Regenzeit im Mai und vor Beginn der Genfer Konferenz
zu brechen.
Dieser Plan muß durchkreuzt werden. Dies läßt sich angesichts der Tatsache, daß die Kommunisten ihr Menschenpotential
in massierten, selbstmörderischen Angriffen einsetzen mit dem
Ziel, den Einzelwillen zu brechen, dadurch erreichen, daß man
den Zusammenschluß vieler Einzelwillen zustandebringt, die zusammen unbesiegbar sind. Das Gebot der Stunde für die freie

- 9-

�7. April 1954

»AMERIKA DIENST"

freie Welt und wohlgemerkt für alle jene Nationen, für die die
Bewahrung der Freiheit in jenem Teil der Erde von lebenswichtiger Bedeutung ist, heißt Solidarität. Die französische Regierung und die Regierungen der assoziierten Staaten sollten nicht
das Gefühl haben, daß sie in einer Stunde höchster Gefahr
allein stehen.
Dies ist die Überzeugung der amerikanischen Regierung und
ich hoffe, daß diese Ansicht auch von dem amerikanischen Kongreß und von den anderen betroffenen Nationen geteilt wird.
Auf diese "Weise können wir eine Lehre daraus ziehen, die uns alle
beschützen wird«. Es würde für viele eine ernsthafte Bedrohung
bedeuten, wenn man das politische System des kommunistischen
Rußland und seiner chinesischen kommunistischen Alliierten den
Ländern des südostasiatischen Raumes aufzwänge. Eine derartige
Entwicklung sollte nicht passiv hingenommen, sondern ihr sollte
durch eine Einheit des Wollens und, wenn notwendig, durch eine
Einheit des Handelns entgegengetreten werden.
Die gegenwärtige Weltlage erfordert ein großes Maß von
Einigkeit und Zusammenarbeit auf äeiten der nichtkommunistischen
Völker nicht nur im Hinblick auf Indochina sondern auch im
Hinblick auf zahlreiche andere Fragen. Keiner von uns könnte
alleine zuversichtlich dem Sowjetblock entgegentreten. Seine
Machthaber halten nunmehr 800 Millionen Menschen unter ihrer
scharfen Kontrolle und sie bauen mit diesen Menschen und den
ungeheuren Hilfsquellen ihrer Länder eine Maschine von großer
Stärke auf. Diese Maschine ist mit den modernsten Massenvernichtungswaffen ausgestattet, die von den Kommunisten ohne jegliche Hemmungen entwickelt werden. Glücklicherweise neutralisiert
die Kapazität der freien Welt für eine sofortige Vergeltung diese
Gefahr der Massenvernichtung. Andernfalls würde diese Vernichtungsstärke zusammen mit dem Fehlen jeglicher moralischer Zurückhaltung einen einschüchternden Einfluß von nie dagewesener
Größe darstellen.
Niemand sollte daran zweifeln, daß die sowjetischen Machthaber immer noch die Weltherrschaft anstreben. Die kürzliche
Vier-Mächtekonferenz in Berlin hat dazu gedient, in treffender
Form zu demonstrieren, daß die kommunistischen Führer sich nicht
der menschlichen Freiheit unterordnen können und der Ansicht
sind, daß sie, weil die Freiheit so ansteckend ist, versuchen
müssen, diese auszurotten. Diese grundlegende Unvereinbarkeit
zwischen Kommunismus und Freiheit spornt die Kommunisten
ständig an, ihren Machtbereich zu erweitern. Dies', ist nicht
lediglich auf das Streben nach Macht sondern auf eine echte
Furcht vor der Freiheit zurückzuführen.
Es stimmt, daß die sowjetischen Führer den Wunsch nach
einem friedlichen Nebeneinanderleben in Europa zum Ausdruck
bringen. Die sowjetischen Machthaber wollen jedoch, wie die
Berliner Konferenz gezeigt hat, keine auch noch so geringe
Maßnahme ergreifen, um den Griff um die von ihnen versklavten
- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

7. April 1954

versklavten Völker zu lockern. Sie halten nicht nur die Teilung
Deutschlands aufrecht und Österreich weiterhin besetzt, sondern versuchen auch mit jedem nur erdenklichen Mittel, ihre
Macht auf Westeuropa auszudehnen. Die sowjetischen Herrscher
bemühen sich, Spaltungen zu verewigen, vor allem zwischen
Frankreich und Deutschland - Spaltungen, die wirklich keinem
nützlich sein können, der ehrlich nach Frieden strebt. Und
sie versuchen ferner, die Einheit und Stärke der NATO durch
Infiltration zu zerstören.
Nur unglaubliche Blindheit oder die glühendsten Wunschträume könnten uns glauben machen, daß die Gefahr vorüber ist
und daß nunmehr jede freie Nation sicher ihren eigenen Weg
gehen kann. Wir müssen auch weiterhin vereint bleiben.
Die Aufrechterhaltung der Einigkeit verlangt auf aeiten
aller Nationen in der freien Welt Verständnis, Nachsicht und
Zusammenarbeit. In jedem Land der freien Welt besteht eine
in der Natur der Sache liegende Ungeduld über die Bedingungen,
welche von uns auf lange Zeit hinaus ein gemeinsames Handeln
verlangen. In einigen Ländern gibt es Leute, die dagegen protestieren und behaupten, daß die Mitarbeit ihrer Regierungen
an der gemeinsamen Sache Unterwürfigkeit bedeute und daß diese
Länder ihre Unabhängigkeit durch einen verwirklichten Isolationismus beweisen sollten. In den USA gibt es einige, die
dafür eintreten, daß die Vereinigten Staaten besser daran täten,
sich von den militärischen und wirtschaftlichen Lasten und den
politischen Befürchtungen zu befreien, die uns nun aus jedem
Teil der Erde bedrängen.
Das Hauptziel der sowjetischen Strategie besteht darin,
die Einheit der freien Welt auseinanderzubrechen. Ihre ganze
Diplomatie, ihre Propaganda, ihre Druckmittel, ihre Lockungen
dienen diesem Ziel. Diese Bemühungen sind im großen und ganzen
nicht ohne Erfolg gewesen.
Das gemeinsame Sicherheitsprogramm der USA ist eine der
Möglichkeiten, den Erfolg der sowjetischen Strategie zu verhindern. Es trägt unerläßlich dazu bei, die für unsere eigene
Sicherheit lebenswichtige Einheit aufrechtzuerhalten. Ohne diese Einheit würden die Vereinigten Staaten schnell dazu gezwungen,
zu einem Garnisonsstaat zu werden, und die Schlinge des Kommunismus würde sich immer enger um uns legen.
Ich fordere Sie daher auf, diesem Programm eine baldige und
au|geschlossene Behandlung zuteil werden zu lassen. Es ist eine
Maßnahme für die Sicherheit der USA und für die Aufrechterhaltung der Freiheit in der Welt."
* * # * #

�STEAUSS ZUE FEIEDLICHEN N U T Z B A E M A C H U N G DEE ATOMENEEGIE
Nachstehend geben wir Ihnen wesentliche Auszüge aus einer umfassenden Eede, die der Vorsitzende des US-Atomenergieausschusses, Lewis
L. Strauss, am 19»April 1954 vor dem "Eat für
Weltfragen" (Council of World Affairs) über die
Entwicklung der Atomwaffen und die Weltaspekte
im Zeitalter der Atomenergie gehalten hat und
in deren Verlauf er bekanntgab, daß Präsident
Eisenhower die Absicht habe, im Verlauf dieses
Jahres eine internationale Atomwissenschaftlerkonferenz - die erste ihrer Art in der Geschichte
der Menschheit - nach den USA einzuberufen. Sie
solle, nach den Worten des Präsidenten, dem Ziele
dienen "das Herannahen des Tages zu beschleunigen,
wo die Furcht vor dem Atom aus den Herzen der Menschen und der Eegierungen in Ost und West zu
schwinden beginnt".
I.
LOS ANGELES - (Amerika Dienst) - Es gibt eine Blitzlichtaufnahme von Präsident Eisenhower, die gemacht wurde, als er
kurz nach Beendigung seiner Eede über die friedvolle Nutzung
der Atomenergie seinen Platz im großen Sitzungssaal der achten
UN-Vollversammlung wieder eingenommen und anhaltender Applaus
eingesetzt hatte - ein Applaus nahezu unbekannt in diesem erhabenen Eaume - ein Applaus, der zum Vorboten der weltweiten
Zustimmung wurde, die dieser historischen Eede zuteil werden
sollte. Es ist ein ergreifendes Bild. Es zeigt das Gesicht
eines Mannes, dem es gelungen ist, seine innerste Überzeugung
seinen Zuhörern mitzuteilen, die ihrerseits spontan und offensichtlich bewegt darauf reagierten. Was wohl als ein großer
historischer Augenblick gelten darf, ist in diesem Bild eingefangen und dokumentiert.
Viel wurde bisher über die Eede vom 8.Dezember 1953 gesagt.
Sie war keine nur flüchtig präparierte Eede gewesen. Allerdings
ist wahr, daß der Präsident schon in Bermuda weilte,als an ihn
die Einladung erging, vor den Vereinten Nationen zu sprechen einem für diesen Zweck absolut angemessenen, Ja geradezu idealen Forum. Die Eede selbst aber war lange Zeit in Vorbereitung
gewesen und beschäftigte den Präsidenten noch bedeutend länger.
Er hatte daran gearbeitet, sie niedergeschrieben, sie wieder
- 1 -

�21. April 1954

"AMERIKA DIENST"

wieder umgeschrieben und er hätte sie, wenn er gewollt hätte,
ohne jedes Manuskript halten können
Ich möchte nun zunächst darüber sprechen, warum wir Atombomben gemacht haben, warum wir uns zur Herstellung von Wasserstoffbomben entschlossen haben und über das, was meinem bescheidenen Urteilsvermögen nach noch vor uns liegt.
II.
Wir in den Vereinigten Staaten begannen erstmalig mit der
Herstellung der Atombombe, weil wir guten Grund zu der Annahme
hatten, daß die Deutschen bereits an der Entwicklung dieser
Waffe arbeiteten. Es blieb uns zweifellos kein anderer Ausweg,
als dafür zu sorgen, daß wir in der Rüstung nicht überholt wurden, - besonders nicht von einer Nation, mit einer so verantwortungslosen und kriegerischen Führung wie der Hitler-Deutschlands. Nachdem wir diese Waffe hergestellt hatten, setzten wir
sie ein, um den Krieg mit Japan zu einem raschen Ende zu bringen,
und beließen es dann bei unseren militärischen und wissenschaftlichen Erfolgen.
Der nächste Schritt war unser Angebot, das Monopol mit der
Welt - trotz ihres Mangels an Erfolg • zu teilen. Das ist eine
der Seiten in der amerikanischen Geschichte, auf die wir mit
größter Befriedigung und größtem Stolz blicken können - mit Befriedigung, weil uns dazu ausnahmslos wohlgemeinte Motive veranlaßt haben. Die Schuld dafür, daß es uns nicht gelang, unsere
Generation von dieser Vernichtungsgefahr zu befreien, muß die
Geschichte allein dem Denken und Handeln der Männer zuschreiben,
denen sie zukommt - den Machthabern im Kreml. Zynisch aber
wirkungsvoll wandten sie jede diplomatische Strategie an, um die
Verwirklichung unseres Vorschlages zu verzögern, Unklarheiten
aufkommen zu lassen und schließlich den Plan zum Scheitern zu
bringen. Dies ist ihnen gelungen. Jetzt allerdings stellt sich
heraus, daß der Grund dafür sehr wohl in dem Vorhandensein
eigener Pläne zur Herstellung von Atomwaffen lag.
Mit dem Scheitern des Baruch-Plans blieb für die Vereinigten
Staaten kein anderer Weg offen, als die Entwicklung ihrer Atomwaffen voranzutreiben - was dann auch geschah.
Die Sowjets kamen früher in die Lage, Atomwaffen einsetzen
zu können, als die meisten erwartet hatten - viel früher. Durch
die Tätigkeit unserer Abwehr, die glücklicherweise zeitig genug
anlief, wußten wir ebenso schnell wie das russische Oberkommando
- und Monate bevor das russische Volk informiert wurde - daß
eine Versuchsexplosion stattgefunden hatte. Wir veröffentlichten
diese Nachricht am 23.September 1949.
Die Sowjets führten weitere Versuche im Herbst 1951 durch
und dann wieder im Laufe des letzten Sommers. Die letzte Versuchsreihe begann mit einer sehr starken Explosion, von der wir
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

21. April 1954

wir mit Bestimmtheit sagen können, daß es eine thermo-nukleare
Reaktion war - das heißt eine Verschmelzung der Kerne leichter
Elemente.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß dieser Versuch
möglicherweise verheerende Folgen für uns hätte haben können,
wenn wir nicht darauf vorbereitet gewesen wären. Glücklicherweise waren wir vorbereitet. Als die Tatsache, daß die Sowjets
im Besitz der Atom-Bombe sind, im Jahre 1949 erkannt wurde und
die Verhandlungen über eine internationale Kontrolle und
Inspektion durch das Verhalten der Russen zum Stillstand gekommen waren, traf Präsident Truman eine Entscheidung.
Er war sich bewußt, daß ein Vorsprung in der Zahl der vorhandenen Atomwaffen - eine mengenmäßige Überlegenheit, die wir
damals zu haben glaubten, wenn wir andererseits auch sicher
waren, daß wir sie nicht beibehalten konnten - relativ
immer weniger wichtig und schließlich völlig bedeutungslos
werden würde. Unsere einzige Hoffnung bestand darin, den
Status quo durch eine qualitative Überlegenheit beibehalten
zu können. Der Präsident gab der Kommission am 31.Januar 1950
die Anweisung, mit den Arbeiten zur Entwicklung der "SuperBombe", wie sie damals allgemein genannt wurde, zu beginnen;
das heißt, eine Waffe zu schaffen, der das Prinzip der Kernverschmelzung zugrunde liegt, nicht aber der Kernspaltung.
Der Erfolg der amerikanischen Wissenschaftler und Techniker bei der Lösung dieser Aufgabe ist heute weitgehend bekannt,
und unsere Ansicht, daß nur unsere ständige Überlegenheit durch
den Besitz der besseren Waffen die Welt vor einer weiteren
Aggression größten Ausmaßes und vor einem anderen Blutbad bewahrt hat, wird durch keine geringere Persönlichkeit als Sir
Winston Churchill bekräftigt.
Stellen Sie sich vor, in welcher Situation wir uns befänden, wenn wir nicht die Macht der Vergeltung besitzen würden,
die ein wirksames Gegengewicht zur riesigen Sowjet-Streitmacht
und ihren Atomwaffen darstellt. Besäßen sie diese Macht allein
oder könnten sie sie anwenden, so wäre es ihnen möglich, kleine
angrenzende Nationen zu unterwerfen und schließlich würde die
ganze Welt im Abgrund des Kommunismus und der Sklaverei ihr
Ende finden.
Der andere Ausweg aber - daß sich,nach der Metapher, die
der Präsident gebrauchte, "zwei Atom-Kolosse in einer zitternden Welt auf "unbestimmte ' Zeit unheilbringend gegenüberstehen"',
- bringt eine ebenso unannehmbare Lage mit sich, wenn auch inweit weniger starkem Maße unannehmbar als die Folgen, die entstehen, wenn wir uns dem Kommunismus unterwürfen. V/eil damit
die Unsicherheit der Auslösung eines ungeheuren VerwüstungsKrieges verbunden ist, hat sich Präsident Eisenhower mit diesen Problemen lange und eingehend befaßt.
Bei seinen Überlegungen kam er zu der Überzeugung, daß ein
neuer Faktor hervorgehoben, ein neuer Maßstab angelegt werden
-

.

• *

,

.

�«AFRIKA DIENST"

21. April 1954

werden müsse, ehe ' Irgendwelche Hoffnung gefaßt werden könne.
Die Lösung aller Schwierigkeiten liegt im Atom selbst, in der
Bindung seiner Kraft, die es nicht zum Herrn und Zerstörer sondern zum Diener der Menschheit werden läßt. Sie werden sich
erinnern, daß es der Kern seines Vorschlages war, daß die Regierungen, die es in erster Linie angeht, soweit es die Klugheit gestattet, jetzt schon damit beginnen sollten, von ihren
Vorräten an normalem Uran und spaltbarem Material Beiträge an
eine "Internationale Atomenergie-Behörde" zu leisten und dies
auch weiterhin fortzusetzen. Er sah vor, daß diese Behörde
unter der Igide der Vereinten Nationen stehen sollte. Einzelheiten wie die Höhe der einzelnen Abgaben, die Art der Durchführung usw. sollten nach seiner Ansicht im Rahmen von "privaten Aussprachen" zwischen den Beteiligten abgesprochen werden.
Private Aussprachen sind erfolgt. Ich habe das Gefühl, daß
- wahrscheinlich weil diese Aussprachen privaten Charakter
tragen - der Eindruck entstanden ist, daß nichts geschehe und
daß der Vorschlag ruhe. Das ist nicht der Fall. Die Idee des
Präsidenten ist zu einem konkreten Plan geformt und mit einigen
befreundeten Regierungen diskutiert worden. Gerade heute vor
einem Monat wurde er dem Sowjetischen Botschafter in Washington
zur Weiterleitung an seine Regierung überreicht. Dieser Schritt
war den privaten Aussprachen gefolgt, die im Januar begonnen
hatten und von Außenminister Dulles fortgesetzt worden waren,
als sich die Außenminister in Berlin trafen.
Warum haben die Mitglieder der sowjetischen Delegation im
Zuhörerraum der Vereinten Nationen, völlig überrumpelt, gemeinsam mit allen anderen anwesenden Delegierten applaudiert? Und
warum haben die Sowjets, nachdem sie ursprünglich mit Ablehnung
und Schmähungen reagiert hatten, schließlich doch geantwortet?
Die Beantwortung dieser Frage liegt wohl in der Gesamtheit
dessen begründet, was folgte.
Ich habe den Vorzug bekanntgeben zu dürfen, daß es die Absicht des Präsidenten ist, im Verlaufe dieses Jahres durch eine
amerikanische wissenschaftliche Organisation eine internationale
Konferenz der Wissenschaftler einberufen zu lassen. Diese Konferenz, von der man sich eine starke Beteiligung erhofft und
die die hervorragendsten Wissenschaftler aus allen Teilen der
Welt vereinigen wird, soll sich mit der Erforschung der segensreichen und friedlichen Verwendung der Atomenergie befassen.
Es wird das erste Mal sein, daß eine derartige Konferenz einberufen wird, die nach den Worten Präsident Eisenhowers dem
Ziel dienen soll, das Herannahen des Tages zu beschleunigen,
an dem die Furcht vor dem Atom aus den Herzen der Menschen und
Regierungen in Ost und West zu schwinden beginnt.
III.
Ich habe soeben auf die Tatsache verwiesen, daß der Vorschlag des Präsidenten als genau festgelegter Plan formuliert
wurde. Es erscheint mir durchaus angebracht, einmal ganz klar
- 4 -

�21. April 1954

AMERIKA DIENST"

klar darzulegen, was der Vorschlag ist und was er nicht ist,
um so eine Basis für die Diskussion über die praktischen Möglichkeiten einer Welt-Atomenergie-Organisation zu schaffen.
Der Vorschlag der Vereinigten Staaten ist nicht nur ein
anderer Schachzug im Spiel der Kräfte der Weltpolitik; er ist
auch nicht etwa in erster Linie eine Formel für die Abrüstung.
Dieser Vorschlag gefährdet in keiner Weise die Geheimhaltung^
der Atomwaffen irgendeiner Nation, die jetzt im Besitze derartiger Geheimnisse ist oder in Zukunft solche besitzen wird.
Dieser Vorschlag fordert nicht, daß man heute dort plötzlich
vertraut, wo man gestern noch kein Vertrauen hatte. Bei der
praktischen Verwirklichung des Planes brauchte man sich nicht
auf irgendwelche unmöglichen Vollziehungsbestimmungen zu berufen, noch hinge man ganz von der Auslegung des Begriffes
"guten Glaubens" ab.
Dieser Plan enthält kein Rezept dafür, wie man Seuchen,
die noch weite Teile der Erde heimsuchen, mit technischen
Mitteln beseitigen könnte, und er stellt keine Formel dafür
dar, wie man den verzweifelten Kampf ums tägliche Brot dort,
wo er existiert, in einem Tage - oder einem Jahr - beenden
könnte. Mit diesem Plan wird es nicht etwa möglich, nach
einer festgelegten Zeit-Tabelle Wüste in fruchtbares Weideland zu verwandeln, auch wird er nicht die Energiemengen bereitstellen, die notwendig wären, um die geplagten Menschen
der unterentwickelten Gebiete von ihrer Mühsal zu befreien.
Was die von uns vorgeschlagene Organisation bewirken soll,
ist dies: Sie wird dafür Sorge tragen, daß in allen Teilen
der Erde die Atomenergie in beschleunigtem Maße für friedliche
Zwecke verwendet wird.
Sie wird spaltbares Material aus ihren Vorräten für solche
Zwecke bereitstellen, die der Menschheit zum Wohle gereichen,
und die Menge dieses spaltbaren Materials wird anwachsen, solange der Frieden aufrechterhalten wird.
Sie wird den Atomwissenschaftlern in allen Teilen der
Erde die nötigen Informationen zugänglich machen.
Sie wird die Erschließung neuer fundamentaler Erkenntnisse und Theorien fördern, ohne die kein Fortschritt möglich
ist.
Sie wird allen jenen Nationen, die selbst keine oder unzureichende Anlagen zur Atomforschung besitzen, die Möglichkeit
geben, entweder allein oder in Zusammenschluß mit anderen Staaten solche Anlagen zu erwerben, wie dies ihre Bedürfnisse erfordern.
Sie wird uns helfen, mehr Kenntnis von der Physiologie des
Menschen und der Pflanzen und Tiere, von denen er lebt, aber
auch der Insekten und tierischen Schmarotzer, die eine Gefahr
für ihn bedeuten, zu erlangen, so daß die Heilkunst neue Fortschritte machen wird und neue Wege zur Steigerung der Nahrungsmittelerzeugung gefunden werden. Und so wird auch die produk- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

21. April 1954

produktive Lebenszeit des Menschen ausgedehnt werden.
Sie wird junge und phantasiebegabte Menschen in vielen
Ländern der Erde ermutigen, sich in den neuen Disziplinen der
Wissenschaft und Technik nutzbringend zu betätigen, damit sie
einen Beitrag zur Ankurbelung der Wirtschaft und Hebung des
Lebensstandards ihres Heimatlandes leisten können.
Und, was vielleicht am wichtigsten ist, die erfolgreiche
Arbeit der Internationalen Atomenergiebehörde wird wesentlich
mit dazu beitragen, der Weltöffentlichkeit die Möglichkeiten
der Atomenergie zur Bereicherung unseres Daseins vor Augen zu
führen, und auf diese Weise einige der heute noch bestehenden
Zweifel und Ingste, man würde sie nur zu destruktiven Zwecken
einsetzen, zerstreuen.
Es wind erst wenige Tage her, daß im Kongreß Anträge zur
Ergänzung des Atomenergie-Gesetzes eingebracht wurden, die die
Verwirklichung des Planes von Präsident Eisenhower beschleunigen sollen.
Darüber hinaus sind wir gern bereit, in den etwa stattfindenden öffentlichen Informationssitzungen über das Ausmaß oder
eine eventuelle Freigabe von Angaben bezüglich der Nutzbarmachung
der Atomenergie für industrielle Zwecke, alle Prägen hinsichtlich
der Gefährdung der Sicherheit durch diese Informationen, ausgiebig zu beantworten. Ich stünde heute abend nicht hier, wenn
ich überzeugt wäre, daß die Beteiligung der Vereinigten Staaten
an der Internationalen Atomenergie-Organisation durch Preisgabe
der für unsere Verteidigung lebenswichtigen Geheimnisse eine
Gefährdung ihrer Sicherheit nach sich zöge.
IV.
Es ist noch keine 12 Jahre her, seit die Kraft des Atoms
in einem Kernreaktor erstmalig nutzbar gemacht werden konnte.'
In dieser kurzen Zeitspanne sind auf dem Gebiet der friedlichen
Anwendung dieser Energie bedeutende und verschiedenartige Leistungen vollbracht worden. Obwohl wir uns im Interasse unserer
Verteidigung und der Verteidigung der freien Welt weiterhin
auf die militärischen Anwendungsmöglichkeiten dieser Kraft
konzentrieren mußten, haben wir hier in den Vereinigten Staaten
in unseren Bemühungen um ihre friedliche Verwendung laufend neue
und zahlenmäßig anwachsende Erfolge erzielt.
Es ist hier überflüssig, die vielseitige Verwendung der
Atomenergie in der Medizin, der Biologie, Landwirtschaft und
Industrie im einzelnen anzuführen. Wir brauchen nur zu bemerken,
daß wir dessenungeachtet die Schwelle dieses Forschungsgebietes
kaum berührt haben. Fortschritte wurden auch in anderen Ländern
erzielt, wo die Intuition der Menschen durch die Probleme und
Möglichkeiten angefeuert wurde.
Ich möchte aber auch auf einen weniger bekannten Aspekt des
atomwissenschaftlichen Fortschrittes hinweisen, nämlich die Erweiterung unserer fundamentalen Erkenntnisse. Fast ein Dutzend
_ 6 -

�"AMERIKA DIENST"

21. April 1954

Dutzend neuer Elemente konnte isoliert, identifiziert
und in das periodische System der Elemente eingeordnet werden.
Bei der Entwicklung dieser noch jungen Wissenschaft wurden
wir Zeugen der Betätigung des Prinzips, auf das sich die Erzeugung von Atomtreibstoff aufbaut. Eine erfolgreiche Anwendung dieses Prinzips wird den Verbrauch des gewöhnlichen
Urans, welches der Internationalen Atomenergie-Behörde zur
Verfügung gestellt würde, erheblich erweitern.
Eine derartige Erweiterung der fundamentalen wissenschaftlichen Erkenntnisse wird einer der Zwecke der neugewonnenen
Atomenergie sein. Es ist durchaus keine gewagte Extrapolation,
aus dem, was wir heute wissen, vorherzusagen, daß wir früher
oder später - es kann ein paar Jahre dauern, ein Jahrzehnt
oder eine Generation - neue Entdeckungen machen werden, die
genau so bedeutend sind, wie die bisherigen, und die unser
aller leben bereichern werden.
V.
Erstmalig seit der Nutzbarmachung des Feuers sind wir in
den Besitz einer Macht gelangt, mit der wir unser Leben noch
unvorstellbar bereichern oder, wenn wir die verkehrte Wahl
treffen, einen großen Teil dessen, was wir an angehäuften
Werfpen der Kunst, des Herzens und des Geistes von vergangenen
Generationen übernommen haben, zerstören können.
Ich habe diese derzeitigen Einschränkungen angeführt, um
einerseits den Optimismus zu zügeln, gleichzeitig aber das Ver»
trauen zu erhalten, das der Plan .des Präsidenten verdient.
Freilich kann auch dieser Plan die Übel der Welt nicht mit
einem Schlage beseitigen, noch gibt er vor, eine Sicherung
gegen künftige Kriege zu sein. Es wäre ein unseliges Unterfangen, wollte man ihn als etwas anderes darstellen als das,
was er tatsächlich ist - und das ist wirklich sehr viel nämlich ein leicht verständlicher, vernünftiger, durchführbarer, konstruktiver und hoffnungsvoller erster Schritt auf
dem Wege,die Atomenergie zum Diener der Menschheit zu machen.
# * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER RUFT ZUM KREUZZUG FÜR BESSERE INTERNATIONALE
ZUSAMMENARBEIT UND VERSTÄNDIGUNG AUF

NEW YORK — (Amerika Dienst) ~ Am 22. April 1954
rief Präsident Eisenhower die Welt zu einem Kreuzzug für eine bessere internationale Zusammenarbeit
und Verständigung auf. Die Rede des Präsidenten
vor dem amerikanischen Zeitungsverlegerverband,
die von allen amerikanischen Rundfunk- und Fernsehsendern übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
"Ihre Einladung hier vor Ihnen zu sprechen ,ehrt mich sehr,
Die hohe Verantwortung der amerikanischen Presse und ihr Konstruktiver Einfluß geben dieser Gelegenheit in meinen Augen
eine besondere Bedeutung; ich nehme diese Gelegenheit dankbar wahr. Meine persönlichen, in Krieg und Frieden gemachten
Erfahrungen haben mich gelehrt, wie sehr Sie sich in ihrer
Arbeit für die Wahrheit und das Wohlergehen unseres Landes
einsetzen. Sie verdienen den Beifall der freien Menschen überall auf der Welt.
Vor acht Jahren - fast auf den Tag genau - hielt ich eine
Rede vor Ihrer Werbungsabteilung. Zu jener Zeit war der Schrekken des Krieges eine bittere Erinnerung der unmittelbaren Vergangenheit. Ein Stimmungsumschwung, der alles erfaßte, was
Krieg heißt oder an den Krieg erinnerte, hatte unser Volk ergriffen. Die gesamte Atmosphäre in den Vereinigten Staaten war
mit einer Stimmung geladen, die leicht unsere militärische
Stärke hätte zerstören können. Glücklicherweise erlaubten
uns damals unsere Zeitungen nicht - genauso wenig wie sie es
uns heute erlauben - die ständig vorhandene Realität einer
aggressiven Bedrohung zu vergessen.
Die Aggression ist immer noch eine furchtbare Realität,
obgleich die Menschheit auf allen Kontinenten und Inseln der
Welt, nach Frieden hungert. Dieser Hunger muß gestillt werden.
Entweder werden die einzelnen Nationen der Welt an einem
Frieden der Zusammenarbeit mitbauen, oder sie werden - eine
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

eine nach der anderen - gezwungen werden, einen diktierten Frieden anzunehmen, so wie er heute von den kommunistischen Mächten,
genau wie früher von Hitler, angestrebt wird.
Aber die Menschen der freien Welt sind im Besitz des größeren Teils der natürlichen Hilfsquellen dieser Erde und des
Kräftepotentials, das durch sie mobilisiert werden kann. Sie sind
an wissenschaftlichem Können, intellektuellen Fähigkeiten und
auch rein quantitativ den Kommunisten überlegen. Daher können die
freien Völker der Welt einen Frieden der Zusammenarbeit schaffen,
wenn sie sich gemeinsam dieser Aufgabe in Einheit»gegenseitigem
Verständnis und Kraft weihen und Furcht und Zweifel aus ihrem
Herzen und Denken fernhalten.
Es ist sehr wichtig, daß wir versuchen, uns hierüber Klarheit zu verschaffen. Lassen Sie uns mit unserer eigenen, gegenwärtigen Lage beginnen. Unser Land hat Wunder an produktivem
Schaffen vollbracht und ist sowohl in bezug auf seinen gesamten
Wohlstand wie auch auf das Einkommen der einzelnen Bürger reich;
es verfügt über eine einzigartige Verbindung von wissenschaftlicher, militärischer, wirtschaftlicher und moralischer Stärke.
Seit Generationen hat unser Land nicht mehr die Zerstörungen eines
Krieges auf eigenem Boden erlebt und es hat zuverlässige und befreundete Nachbarn. Uns gelüstet nicht nach dem was anderen Nationen gehört. Wir suchen nur die Freundschaft der anderen. Wir
sind bestrebt, für diese unschätzbare Gabe in gleicher Münze zurückzuzahlen.
Nachdem alle diese geschichtlichen Voraussetzungen gegeben
sind, sollten die Vereinigten Staaten eigentlich in einem echten
Frieden und in Ruhe leben. Unser Land hat jedoch im gegenwärtigen
Zeitpunkt keine wirkliche Ruhe. Wir, die Bevölkerung dieses Landes,
stehen einer ernsten Gefahr gegenüber, die zumindest ihrem Wesen
nach alle von uns verstehen. Diese Gefahr erfordert zwei auf lange
Sicht ausgearbeitete politische Konzeptionen oder Zielsetzungen,
hinter die sich alle Bürger unseres Landes geschlossen stellen
sollten.
Dies sind:
Erstens; All unsere Anstrengungen müssen darauf ausgerichtet
sein, die Hingabe der Vereinigten Staaten an die Freiheit, ihr
Wissen und Verständnis, ihren gut fundierten, von allen geteilten
Wohlstand und eine entsprechende militärische Position zu stärken.
Zweitens: Diese Stärke muß in den Dienst des Aufbaus eines
Friedens der Zusammenarbeit zwischen allen Menschen gestellt werden.
Dies sind für die Mehrheit unseres Volkes ganz fest umrissene Ziele. Aber in einer Welt der ideologischen Spaltung, der
Rivalitäten, der turbulenten Krisen an einer Stelle und der politischen Umstürze an einer anderen, sind zur Erreichung dieser
Ziele weitaus mehr als nur ein guter Wille oder begeisterte Worte
erforderlich.
Wenn

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Wenn wir die Stärke, die für die Bewältigung dieser Probleme
unseres Zeitalters erforderlich ist, aufbauen und beibehalten
wollen, dann müssen wir miteinander zusammenarbeiten - jeder Teil
mit allen anderen, jede Gruppe mit ihren Nachbarn. Das bedeutet»
Einigkeit im Innern des Landes, über die ich unablässig rede.
Einigkeit heißt nicht starre Konformität mit jeder Doktrin oder
Haltung einer bestimmten Persönlichkeit des politischen Lebens.
Einigkeit erfordert jedoch eine gemeinsame Hingabe an die Grundprinzipien unseres Systems einer freien Gemeinschaft, ein Wissen' und Verständnis für unsere eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, an dem alle teilhaben,und eine gemeinsame Entschlossen- &gt;
heit, rückhaltlos in dem Streben nach den für uns wahrhaft bedeutenden Zielen zusammenzuarbeiten. Diese Art der Einigkeit
ist die wahre Quelle für unsere große Kraft und Inergie - für
unsere geistige, intellektuelle, materielle und schöpferische
Energie.
Darüber hinaus muß unser Volk - stark und einig - mit anderen Nationen zusammenarbeiten, um bei der Schaffung eines
Friedens der Zusammenarbeit mitzuhelfen. Eine derartige Zusammenarbeit erfordert von den Amerikanern ein größeres Verständnis
für ihre Mitmenschen überall auf der Welt. In gleicher Weise müssen die Nationen außerhalb unserer Grenzen das amerikanische Volk
besser verstehen lernen, vor allem unsere Hoffnungen und unsere
Ziele. Auf Grund des relativ größeren Gewichts, das uns in der
Frage der Weltstabilität zukommt, und weil die Geschichte bestimmt hat, daß die Verantwortung, die eine führende Rolle mit
sich bringt, den USA auferlegt werden soll, müssen wir bei der
Entwicklung dieser echten internationalen Verständigung, auf der
ein Friede der Zusammenarbeit sich aufbauen muß, die Initiative
ergreifen.
In der Wahrheit dieser Erkenntnisse finde ich die Rechtfertigung, heute vor Ihnen zu erscheinen. Das Verständnis und
das Wissen zu vergrößern, ist eine Aufgabe, die nicht allein
von unseren Schulen oder unseren Kirchen oder von politischen
Foren her gelöst werden kann. Die bösartigen Keime des Mißverständnisses und der falschen Unterrichtung sind im Denken der
Menschheit jeden Tag ununterbrochen aktiv. Der Kampf gegen diese Keime erfordert von jedem einzelnen, der Einfluß auf die
öffentliche Meinung hat, Mitarbeit und intensiven Einsatz.
Jede Zeitung und jede Zeitschrift, jede Rundfunkanstalt und
jede Fernsehstation hat die Aufgabe, dem amerikanischen Volk und
allen Völkern der Welt, die erreicht werden können, die Tatsachen unserer heutigen Existenz näher zu bringen. Doch dies ist
nicht genug. Alle Medien der Nachrichtenverbreitung müssen auch
daran mithelfen, daß die Völker überall auf der Welt die Tatsachen im richtigen Licht sehen. Angenommen, die amerikanische Presse
würde genau die Einzelheiten jedes Verbrechens in unserem Lande
berichten, sich aber über die Festnahme und Bestrafung der Verbrecher ständig ausschweigen, entstünde dann nicht sehr bald
überall auf der Welt der Eindruck, daß bei uns Gesetzlosigkeit,
Unordnung und Anarchie herrschen? Die Tatsachen müssen in der

- 3-

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

der richtigen Perspektive zueinander berichtet werden. Nur in
einem derartigen Rahmen werden wir in dem ständigen Bemühen um
ein stärkeres Amerika und eine friedliche Welt klare Entscheidungen treffen können.
Die Einheit und Stärke im Innern wie auch die internationale
Verständigung beruhen daher zu einem großen Teil auf dem freien
Nachrichteneinfluß und der ausgewogenen Wiedergabe der Nachrichten.
Ich meine damit nicht, daß Sie der Sache der inneren Einheit durch irgendeinen Versuch dienen würden, Nachrichten zu
färben oder Ihre Nachrichten in Kommentare umzuwandeln. Der
daraus resultierende Verlust des Vertrauens und der Achtung der
Öffentlichkeit würde sehr bald den Einfluß der Presse zerstören.
Ich bin jedoch zutiefst davon überzeugt, daß die Presse alle
die Dinge, die unser Volk einigen, mit dem gleichen Nachdruck
behandeln sollte wie das, was uns trennt.
Nachrichten über Ereignisse, die Meinungsverschiedenheiten
zum Ausdruck bringen, mögen sensationeller sein als Nachrichten
über Entwicklungen, die zur Einigkeit führen. Aber eine freie
Presse kann ihrer Verantwortung gegenüber einem freien Volk nur
gerecht werden, wenn sie alle Pakten in ausgewogenem Gleichgewicht zur Darstellung bringt. Pakten, die im rechten Licht gesehen werden, sind für ein gültiges und reifes Urteil der Bürger
von größter Bedeutung. Ein gesundes Urteil aber ist entscheidend
für die Erhaltung der Freiheit. Daher kann eine freie Presse
nur bestehen, wenn sie alle Pakten und Meinungen - die sensationellen wie die weniger in die Augen fallenden, die einigenden wie
die trennenden - verantwortungsbewußt berichtet.
Könnte die Urteilsbildung des Lesers nicht ein genau so
gewichtiges Kriterium für die Redaktionen der Zeitungen sein,
wie das sogenannte Leserinteresse?
Sind diese beiden Eigenschaften notwendigerweise miteinander unvereinbar? Ich glaube, nein. Die führenden Publizisten
unserer Tage müssen sich in der Berichterstattung und kritischen
Betrachtung von Gesetzesvorschlägen zwangsläufig mit konstruktiven Prägen auseinandersetzen wie:
•Kann das entsprechende Gesetz zur Aufrechterhaltung unsers
Wirtschaftsvolumens beitragen oder nicht? Dient es dem Aufbau
der erforderlichen militärischen Stärke? Trägt es dazu bei, daß
wir andere Völker, und diese uns, besser verstehen lernen?
Stärkt es unsere außenpolitische Position? Verspricht es, die
Preiheitsliebe und die geistige Selbständigkeit unter unserem
Volk wahren und verbreiten zu helfen? Wirkt es sich günstig
auf die Volksgesundheit und den Lebensstandard aus? Gewährleistet es unseren Kindern jene Staats- und Regierungsform, die
uns eigen war?!.
Wenn Gesetzesvorschläge und Richtlinien für die künftige
Politik nur das Schlachtfeld abgeben sollen, auf dem einzelne
oder die Parteien, die die Macht zu erreichen suchen, ihre Niederlagen erleiden oder Siege einheimsen, dann ist das amerikanische

- 4-

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

amerikanische System in der Tat für uns und für die Welt entstellt. Wenn das Einzelschicksal dessen, der für eine solche
Maßnahme eintritt oder sich gegen die wendet, in der Beurteilung
durch die Öffentlichkeit eine ebenso wichtige Stellung einnimmt
wie das mit der entsprechenden Maßnahme vertretene Prinzip und
die damit verfolgte Zielsetzung, dann sind unsere Bemühungen
um jene Stärke, die ein wirkliches Verstehen mit sich bringt,
als gescheitert anzusehen. Wenn der Tag heraufdämmert, an dem
persönliche Konflikte höher gestellt werden als die ehrliche
Auseinandersetzung um die große Politik, dann gerät die Flamme
der Freiheit in Gefahr, zu verlöschen.
Ich darf wohl annehmen, daß Sie meine heutigen Ausführungen
nicht als einen Versuch ansehen, Ihnen Vorschriften über die Gestaltung Ihrer Arbeit machen zu wollen. Ich weiß, daß ich mich
der Gefahr einer derartigen Mißinterpretation meiner Absichten
aussetze. James Madison schrieb einmal: 'eine Volksregierung, die
das Volk nicht eingehend informiert oder ihm nicht die Möglichkeit gibt, sich selbst eingehend zu informieren, ist nichts
anderes als der Prolog zu einer Farce oder zu einer Tragödie,
wenn nicht gar zu beiden.' Dies ist also eine Problemstellung,
die kein verantwortungsbewußter Regierungsbeamter übergehen kann,
und genau so wenig können Sie sich dieser Frage verschließen.
Wir sind weit davon entfernt, eine derartige Farce oder
Tragödie heraufzubeschwören. Mit Hilfe einer verantwortungsbewußten Presse ist unser Volk seit den Tagen Madisons seinen Aufgaben gerecht geworden und es wird Ihnen auch in Zukunft gerecht
werden. Das Wissen um die Tatsachen und ihre Zusammenhänge ist
mehr denn je für die Lösung der Probleme der Menschheit notwendig.
Ich weiß, daß die Darstellung tatsächlicher Sachverhalte in
der richtigen Perspektive eine schwierige Aufgabe darstellt.
Die Hast des täglichen Lebens läßt auf Seiten der Leser leicht
Ungeduld aufkommen. Sie läßt eine umfassende Erklärung des Sachverhalts als hoffnungsloses Unterfangen erscheinen und gibt fertigen Klichees und Schlagworten den Vorzug. Wir sind allzuleicht
geneigt, andere mit einem attraktiven Aushängeschild überzeugen
zu wollen oder eine Sache durch ein verächtlichmachendes Wort
zu verurteilen.
Schlagworte sind aber keine Informationen. Und zweifellos
kann das Volk aus ihnen kein gesundes Urteil ableiten.
Von einer stetigen und täglichen Verbreitung vollständiger
Informationen hängt aber die verständige Beteiligung des Volkes
an seiner Regierung ab. Dies ist für das Volk keine leicht zu
nehmende Angelegenheit. Die Entscheidungen,'die es zu treffen hat,
sind ihrem Wesen nach sehr schwerwiegend und von weltweiter Bedeutung. Alle Lebensnotwendigkeiten und das persönliche Wohl
hängen von ihnen ab - angefangen von der eigenen Geldbörse,
der ordentlichen Instandhaltung der Straßen und der Wohnraumversorgung bis zu der Frage, in welchem Zustand das Erbe unseres
Landes an Kinder und Kindeskinder weitergegeben werden soll. Das
Volk braucht vollständige und genaue Informationen. Ihren Zeitungen kommt es zu, ihm diese zu geben. Seine Entscheidung wird
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

wird immer dann vernünftig ausfallen, wenn es in der entsprechenden Frage eingehend informiert worden ist.
Wenn ein profundes Wissen und Verständnis die Voraussetzung
dafür sind, die Einigkeit des amerikanischen Volkes zu fördern,
so sind diese beiden Dinge ebenso notwendig, um eine Zusammenarbeit der Völker zuwege zu bringen. An diesem Kreuzweg der Weltgeschichte besteht die Möglichkeit, daß Unwissenheit über die
Fähigkeiten, die Hoffnungen, die Vorurteile, die Ideale und Absichten unseres Nachbarn eine wahre Zusammenarbeit zunichte macht
und den Keim für einen neuen Krieg legt.
In keinem Teil der Erde gibt es heute noch eine unverwundbare
Festung, einen Kontinent oder eine Insel, die so weit abgelegen
wären, daß sie die ganze Umwelt einfach nicht beachten brauchten.
Wenn wir nicht wollen, daß unser Jahrhundert zu einem Jahrhundert
der Hysterie und der Furcht von der Atomenergie wird, dann müssen wir es zu dem Jahrhundert der Völkerverständigung und des
Friedens der Zusammenarbeit machen. Selbst die überzeugtesten Anhänger des Marxismus, die rücksichtslosesten Anhänger der Gewalt,
geben dies in Augenblicken geistiger Klarheit zu. Eine wahre Völkerverständigung aber hängt zu einem großen Teil, wie ja auch
die Einigkeit des Volkes im jnnern, von einem umfassenden und
ungehinderten Fluß von Informationen und ihrer wohlabgewogenen
Wiedergabe ab.
Aus kürzlich veröffentlichten Berichten geht jedoch hervor,
daß rund 75 Prozent der gesamten Erdbevölkerung nur zensierte
Nachrichten erhalten. Zudem stellt das Analphabetentum in weiten
Teilen der Welt noch einen wichtigen Faktor dar. Und es bestehen
natürlich sprachliche und kulturelle Schranken. Unter diesen Umständen ist es selbstverständlich schwierig, ein wirkliches Verständnis schnell und leicht herzustellen. In dieses von Zensur
und Analphabetentum geschaffene Vakuum ergießt sich ein ständiger
Strom schöngefärbter und brunnenvergiftender sowjetischer Propaganda. Und das täglich 24 Stunden lang»
Die sowjetische Propagandamaschine erzählt der Welt zum
Beispiel unermüdlich, daß das amerikanische System des freien
Unternehmertums unweigerlich in Massenarbeitslosigkeit, einem
bitteren Konkurrenzkampf und finanziellem Bankrott enden muß.
Immer und Immer wieder haben die Kommunisten den Schwerpunkt
ihrer Propagandataktik verlagert, oder sich um einhundertachtzig
Grad gedreht. Aber dieser eine Punkt steht unverrückbar fest im
kommunistischen Dogma von Marx bis zu Malenkow.
Der Informationsdienst der amerikanischen Regierung sucht
in Zusammenarbeit mit ähnlichen Vorhaben befreundeter Nationen,
diese Propaganda-durch Wahrheit zu bekämpfen. Jeder Dollar, den
wir in dieses Programm hineinstecken, wird sich, wenn er klug
angelegt ist, tausendfach in Dividenden bezahlt machen, die den
Sieg der Wahrheit bedeuten und die Grundlage für ein echtes Verständnis legen. Aber unser amtlicher Informationsdienstt ist mit
gutem Recht in seinen Zielen und seinem Umfang beschränkt. _

�"AMERIKA DIENST»

28. April 1954

Der größte Teil der Informationen für uns und über uns muß
durch die herkömmlichen Mittel der Massenunterrichtung der einzelnen Nationen fließen. Von allen diesen Informationsmedien halten wt"
die unsrigen für die besten und wirkungsvollsten.
Und dennoch ergab, wie man mir sagte, eine Untersuchung, an
der viele von Ihnen teilgenommen haben, daß die amerikanischen
Tageszeitungen im Durchschnitt vier Spalten Auslandsnachrichten
abdrucken. Ich weiß nicht, ob das zu wenig oder zu viel oder gerade richtig ist. Aber ich weiß bestimmt, daß es schwer sein dürfte,
auf diesem Raum alles das zu drucken, was für eine ausreichende
Unterrichtung des amerikanischen Volkes über die Ereignisse in
den einzelnen Ländern erforderlich ist.
Die Berichterstattung über das Ausland befaßte sich nach dieser Untersuchung zu zwei Dritteln mit wichtigen offiziellen Feierlichkeiten und Ereignissen - mit innenpolitischen Krisen, Fragen
der auswärtigen Beziehungen, amtlichen Erklärungen und Verlautbarungen. Nur ein ganz geringer Prozentsatz war dem kleinen Mann auf
der Straße, dem sozialen, pädagogischen, kulturellen und religiösen
Leben oder Fragen der Gemeinde und der Geschichte gewidmet. Und
dennoch sind gerade diese Dinge für das Verständnis einer Nation
ganz unerläßlich.
Dieselben Sachverständigen, die diese Frage untersuchten, haben
auch viele europäische Zeitungen eingehend analysiert. Und auch
hier waren Meldungen über den Durchschnittsamerikaner nur spärlich
zu finden. Wer von Ihnen einige Jahre im Ausland gelebt hat, wird
ohne Zweifel erstaunt gewesen sein, wie häufig die Angehörigen anderer Nationen irrige oder schiefe Ansichten über den einzelnen
Amerikaner oder das Leben in Amerika äußern.
Man ist immer wieder fassungslos, wenn man hört, wie ausländische Freunde die amerikanische Kultur abfällig als eine bloße
Kollektion gleißender technischer Raffinessen bezeichnen.
Es ist geradezu alarmierend zu wissen, daß man uns in weltpolitischen Dingen für so unreif hält, daß wir leichtsinnig und unnötig einen Krieg vom Zaune brechen. Noch schlimmer aber ist es zu
erfahren, daß man uns oft als ebenso machthungrig wie die Männer
im Kreml einschätzt.
Auf Grund eines tragischen Unvermögens, uns und unsere Absichten zu verstehen, betrachtet der Westeuropäer häufig genug Amerika
und die UdSSR als zwei große Machtgebilde, die beide nur auf den
geeignetsten Augenblick warten, um den anderen durch Gewalt zu
vernichten. Bis dahin, so glaubt er weiter, sucht jeder von beiden
Verbündete unter den europäischen Nationen, einzig und allein zu
dem Zweck, sie im entscheidenden Augenblick als Faustpfand zu benutzen.
Wir aber wissen, daß wir nur einen Frieden durch Zusammenarbeit unter Gleichberechtigten suchen. Soll dieses große Ziel
erreicht werden, so müssen auch die anderen dies wissen.
_.

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Der einzelne Amerikaner wird häufig als ein reicher Mann
hingestellt, der allen Werten außer dem Gelde gegenüber gleichgültig ist, die Rechte anderer nicht achtet und nichts davon weiß,
was andere zur Entwicklung der westlichen Kultur beigetragen
haben.
Diese falschen Vorstellungen sind zweifellos zu einem Teil
auf die kommunistische Propaganda zurückzuführen. Sie gedeihen
aber so üppig, weil eine umfassende, wahrheitsgemäße gegenseitige Unterrichtung fehlt.
Wir hier in Amerika bedürfen einer besseren und umfangreicheren Information über andere, wenn wir eine kluge Politik, die
auf echte Sicherheit abzielt, betreiben wollen. Viele von uns
gehen von derfiLschenVoraussetzung aus, daß alle anderen Völker
in einem Staatswesen leben möchten, das dem unseren gleicht
oder ähnlich ist. Manche Amerikaner glauben, daß alle Ausländer
faul oder dekadent seien - daß nur wenige von ihnen Steuern zahlen, daß sie uns hassen, nur weil es uns gut geht. Wir hören
oft genug Äußerungen wie : die Angehörigen dieser oder jener Nation seien feige, es fehle ihnen an Vaterlandsliebe oder Stolz
auf die Zugehörigkeit zu ihrer Nation. Allzuoft betrachten wir
sie als schwach, als intellektuell oberflächlich und geistig
abgewirtschaftet.
Selbstverständlich gibt es überall einzelne Personen, auf
die diese Beschreibung zutrifft - aber es ist für uns und für
den Frieden gefährlich, wenn wir leichtfertig in derartigen
Verallgemeinerungen als bezeichnend für eine ganze Nation
sprechen.
Die Welt von heute ist klein, und nur durch das gemeinsame
Bemühen der freien Völker in den Gebieten von entscheidender Bedeutung können wir Sicherheit und Frieden schaffen. Es geht dabei nicht darum, Presse, Rundfunk, Fernsehen und Wochenschauberichte zu verzuckerten Propagandamedien umzuwandeln, um Amerika
dem Franzosen, Frankreich dem Deutschen und England dem Amerikaner 'anzupreisen'.
Es geht um etwas ganz anderes. Ich wiederhole: um Verstehen
zu können, müssen wir die Tatsachen und die dazugehörigen Perspektiven kennen. Ich bin sicher, daß die freie Presse in allen
freien Ländern echte Fortschritte auf diesem Wege erzielt hat.
Dennoch glaube ich, daß hier noch viel mehr getan werden könnte
und unter allen Umständen getan werden sollte. Unser aller Zukunft hängt davon ab.
Wohl niemand kann, als Gruppe, hier mehr erreichen als Sie
vom Verband amerikanischer Zeitungsverleger. Hier liegt wirklich
eine Aufgabe, die Ihrer Gaben und Ihres Könnens wert ist.
Im Rahmen von Freundschaftsbündnissen sind wir mit Millionen
von Menschen der freien Völker durch bereits in Kraft befindliche
Abkommen verbunden, bei denen es in erster Linie um die militärische Sicherheit geht, die sich aber unweigerlich auf die Hoffnungen und Alltagssorgen jedes einzelnen auswirken. Wir leben in
der Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft leben wir in einem
- 8 -

�28.April 1954

"AMERIKA DIENST"

einem gewaltigen Raum, der von einem Pol zum andern reicht, praktisch die ganze Welt umspannt und von Angehörigen unabhängiger
Völker bewohnt ist. Diese Völker, die nur wenig voneinander wissen
und deren gegenseitiges Verstehen nicht allzu tief geht, sind durch
die kommunistische Bedrohung zu Zweckverbündeten geworden; aber
morgen schon könnten sie Partner im wahrsten Sinn* des Wortes
sein, auf immer vereint im gegenseitigen Verstehen, beflügelt von
gemeinsamen Bestrebungen. Zumindest unter den Nationen dieses gewaltigen Raumes kann der Krieg zu etwas völlig Undenkbarem werden - und zwar umgehend. Ein auf Zusammenarbeit basierender Friede
zwischen ihnen ist keineswegs das Wunschbild eines Träumers.
Mit den Vereinten Nationen haben wir ein Weltforum, wo wir uns
für die Sache des Friedens einsetzen können und wo uns sogar die
Männer des Kreml anhören müssen. Wohl können sie ihre Ohren vor
dem Geist unserer Worte verschließen. Sie können jedoch nicht auf
ewig die Tatsachen eines Zeitalters ignorieren, in dem wir und sie
- nur durch einige Flugstunden von einander getrennt - leben müssen.
Wir können nicht hoffen, durch ein paar Reden, ein paar Konferenzen,ein paar Abkommen das unter allen Zielen der Menschheit
am schwersten zu erlangende zu gewinnen - einen Frieden der Zusammenarbeit für die ganze Menschheit. Aber freie Menschen verlieren
nicht ihre Geduld, ihren Mut, ihren Glauben, weil die Hindernisse
groß sind und der Weg unbekannt ist. Bei gegenseitigem Verstehen
sind sie den Forderungen gewachsen.
Nie zuvor war es ein dringlicheres und lohnenderes Anliegen,
für die internationale Verständigung zu arbeiten und sich um einen
Frieden der Zusammenarbeit zu bemühen.
Ich bin zutiefst überzeugt, daß die Entscheidung des amerikanischen Volkes, unser Land in seiner moralischen Führungsrolle,
sowie in geistiger und militärischer Hinsicht zu stärken und bleibenden Wohlstand für möglichst viele zu schaffen, verwirklicht
werden wird. Diese Entscheidung erwächst aus einer gewaltigen
geistigen Energie, die, so glaube ich, jeder Prüfung standhält.
Ich glaube, daß sie von Tag zu Tag wächst in dem Maße, in dem unser Volk sich der tödlichen Gefahr des Weltringens mehr und mehr
bewußt wird.
Ich bin auch zutiefst überzeugt, daß Amerika alle Fähigkeiten
besitzt, um die Initiative bei der Schaffung eines Friedens der
Zusammenarbeit zu übernehmen.
Diese Fähigkeiten werden Frucht tragen, wenn jeder der hier
Anwesenden seine ganze intellektuelle Kraft, seine Energie und alle
ihm zur Verfügung stehenden Mittel, im Verein mit Menschen von
gleichem Einfluß, einsetzt, um das Verständnis, die Einsicht und
die Entschlossenheit zu schaffen, die wir brauchen. Rede- und
Pressefreiheit ist nicht nur ein Recht - unter den heutigen

- 9-

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

heutigen Umständen ist die konstruktive Ausübung dieses Rechts
sogar eine ernste Pflicht. Haben wir, haben Sie als Verleger den
Mut, dieses Recht voll auszuüben und diese Pflicht zu erfüllen?
Neben Vaterlandsliebe sind es Verständnis, Einsicht, Entschlußkraft, die wir benötigen. Ohne sie können wir nicht die
Überlegenen sein. Mit Ihnen können wir nicht untergehen.

* * * # *

- 10 -

�A M E R I K A

DR. JAMES B. CONANT ZUR LAGE IN DEUTSCHLAND
NEW YORK — (Amerika Dienst) — Der amerikanische Hochkommissar für Deutschland, Botschafter Dr. James B.
Conant, berichtete der amerikanischen Öffentlichkeit
am 28. April 1954 eingehend über die gegenwärtige Situation in Westdeutschland. Die Rede des Hochkommissars
vor der New Yorker Anwaltskammer hat folgenden Wortlaut:

"Ich schlage vor, daß ich zu Ihnen heute als Berichterstatter spreche, wenn auch vielleicht einige von Ihnen es vorziehen würden, daß ich die Rolle eines Propheten übernehme.
Denn ich habe in privaten Unterhaltungen während der vergangenen Tage festgestellt, daß viele Menschen mehr an dem interessiert sind, was in Europa während der kommenden Monate geschehen wird als an einer Analyse der gegenwärtigen Situation.
Dies trifft in besonderem Maße für die Pläne über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu, deren Schicksal von der
Abstimmung in der französischen Nationalversammlung abhängen
wird, wenn diese die Debatte über die Ratifizierung des EVGAbkommens im kommenden Monat abhält. Ich habe wiederholt gesagt, daß es meiner Meinung nach keine praktische Alternative
für die EVG gibt, und die Ansicht vertreten, daß der EVG-Vertrag von allen sechs Ländern ratifiziert werden würde. Ich
wiederhole diese Erklärung erneut; aber darüber hinaus werde
ich der Versuchung widerstehen, mich in Prophezeiungen einzulassen. Vor Jahren, als ich ein Chemieprofessor war, habe
ich in dieser Hinsicht eine Lehre erhalten. Wie viele andere
Professoren, benutzte ich als Lehrmittel Tischexperimente,
bei denen es häufig zu Explosionen kam, um meine Hörer wach
zu halten. Diese Experimente verliefen jedoch nicht immer erfolgreichj die vorhergesagten Explosionen fanden manchmal
nicht statt. Nach einem derartigen Fiasko trat ein älterer
Herr, der sich unter den Zuhörern befand, nach der Vorlesung
auf mich zu und gab mir folgenden Ratschlag: Junger Mann, es
ist immer besser, als Historiker zu sprechen, wenn ein Ereignis
eingetreten ist, denn als Prophet noch bevor das betreffende
Ereignis stattgefunden hat. Diesem vernünftigen Hinweis folgend, schlage ich vor, meine Bemerkungen über Deutschland
heute abend in einen historischen Rahmen zu kleiden.
T .
Ich
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Ich kann dies umso leichter tun, da ich zufällig als junger Chemiker sieben Jahre nach dem ersten Weltkrieg acht Monate
lang in Deutschland weilte. Als amerikanischer Hochkommissar
für Deutschland habe ich wiederum sieben Jahre nach dem Ende
eines anderen Weltkrieges dieses Land betreten. Daher haben
sich mir auch in den vergangenen zwölf Monaten ständig Vergleiche
aufgedrängt zwischen dem, was ich 1925 in Deutschland sah und
hörte, und dem, was ich während des verflossenen Jahres gesehen und gehört habe. Als junger Chemieprofessor bin ich
1925 viel umhergereist und habe die verschiedenen Universitäten
besucht, aber meine Unterhaltungen mit den Leuten, mit denen
ich zusammenkam, beschränkten sich keineswegs nur auf rein fachliche Themen. Denn in jenen Tagen gingen in der Weimarer Republik
die Wögen politischer Erregung ziemlich hoch. Der erste Präsident, Friedrich Ebert, war kurz zuvor verstorben, und der Wahlkampf, in dem sein Nachfolger gewählt werden sollte, war in vollem Gange. Ich erörterte mit meinen Bekannten recht offen das
vergangene, das gegenwärtige und das künftige Deutschland und
Europa. Durch diese zwanglosen Unterhaltungen in den gemütlichen Räumen einer Weinstube oder Bierhalle erhielt ich einen
ziemlich zutreffenden Eindruck von dem, was die Menschen in
Deutschland im Jahre 1925 dachten. Ich habe versucht, mir diese
Erfahrung wieder zunutze zu machen, indem ich als amerikanischer
Hochkommissar weite Reisen durch Deutschland unternahm und zahlreiche private Diskussionen mit kleinen Gruppen hatte. Darüber
hinaus gibt es noch andere Wege, um die öffentliche Meinung zu
erforschen, sozusagen auf indirektem Wege, und wir haben hierfür nicht nur in Bonn, sondern, über unsere Konsulate in ganz
Deutschland verteilt, einen ausgezeichneten Stab. Ich glaube
daher, daß die Vergleiche zwischen dem Deutschland von 1925 und
dem Deutschland von 1954, die ich ziehen werde, auf ziemlich
zuverlässigen Informationen beruhen.
Zuerst einmal bin ich geneigt, die Haltung der Bürger in
der deutschen Bundesrepublik gegenüber ihrer Regierung mit der
Einstellung der Bürger in der Weimarer Republik gegenüber den
demokratischen Institutionen jener Jahre zu vergleichen. Und
hier ist der Unterschied recht beträchtlich. 1925 war ein großer
Teil der Bevölkerung, mit der ich sprach, entweder desinteressiert
an den Grundsätzen, auf denen die Weimarer Republik beruhte, oder
ihnen feindlich gesonnen. Es ging damals nicht darum, einer
Oppositionspartei als Mitglied anzugehören, noch ging es um
parteipolitische Dinge, es war vielmehr eine Frage, ob man den
damals neu geschaffenen republikanischen Institutionen aus tiefster Überzeugung ergeben war. Es schien mir damals, daß die neue
Regierungsform Deutschlands nicht die loyale Unterstützung weiter einflußreicher Kreise der deutschen Bevölkerung gefunden
hatte. Der Grund hierfür war teilweise in dem Versagen der
westlichen Demokratien zu suchen, die es versäumten, jene von
den deutschen konservativen und reaktionären Kräften bekämpften
Elemente zu ermutigen und zu unterstützen. Diese Kreise hatten
die militärische Niederlage im ersten Weltkrieg niemals als
- 2 -

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

als endgültig hingenommen und sie hatten sich demzufolge geweigert, mit der imperialistischen Vergangenheit zu brechen. So
fand sich praktisch, von Beginn der Weimarer Republik an, die
deutsche Reichsregierung in einem scharfen Konkurrenzkampf um
die Gunst des Volkes mit einer Opposition verstrickt, die ein
Schattensystem war und alle antidemokratischen Kreise in sich
vereinigte. Deren Ziel war einzig und allein auf eine nationalistische Restauration gerichtet, und in der Wahl der Mittel zur
Erreichung dieses Zieles gab es für sie keine Skrupel. Denjenigen, die die neue Verfassung geschaffen hatten, stand nur selten
die volle politische Kontrolle der Weimarer Republik zu Gebote,
und dies war ein Grund, weshalb sie das Volk nicht demokratisch
erziehen und vor allem die Jugend nicht zur Annahme und Unterstützung dieses Regierungssystems bringen konnten. Ich glaube, daß
ich nicht einfach in der Rückschau etwas in die Geschichte hineinprojiziere, wenn ich folgendes sage: Damals verließ ich Deutschland mit dem Gefühl mangelnden Vertrauens in die Fähigkeiten der
Weimarer Republik, mögliche zukünftige Stürme zu bestehen. Und
nach einer kurzen Bes^chsreise durch Deutschland im Jahre 1930,
als Hitlers Schatten bereits die Ereignisse verdunkelte, kehrte
ich in einem Gefühl der Niedergeschlagenheit und des Pessimismus
über die Zukunft Deutschlands nach Amerika zurück.
Heute ist die Situation ganz anders. Hierbei beziehe ich
mich auf etwas, was bedeutender und auch bezeichnender als das
bloße Faktum des Wahlsiegs von Bundeskanzler Adenauer ist? dieser
Sieg brachte seiner Partei und seiner Regierungskoalition eine
Zweidrittelmehrheit im deutschen Bundestag ein. Das Ergebnis dieser Septemberwahlen vom vorigen Jahr ist bei der Erörterung der
gegenwärtigen europäischen Lage ein Faktor von großer Bedeutung
und stellte eine Anerkennung für die wirksame Führung Bundeskanzler Adenauers und für die von seinem Kabinett in den ersten
vier Jahren des Bestehens der deutschen Bundesrepublik geleistete
Arbeit dar. Aber was hierbei viel bedeutungsvoller ist, das ist
die Treue, die das deutsche Volk ungeachtet seiner parteipolitischen Zugehörigkeit der auf demokratischen Prinzipien aufgebauten Regierungsform der Bundesrepublik entgegengebracht hat.
Ein Zeichen hierfür war die schwere Niederlage der rechtsradikalen Parteien und der kommunistischen Partei, denen es versagt
blieb, auch nur einem einzigen ihrer Kandidaten im Bundestag
Sitz und Stimme zu verschaffen. Das deutsche Volk scheint mit
seiner undemokratischen Vergangenheit gebrochen zu haben. Konservative und liberale Kreise haben gemeinsam eine demokratische
Verfassung geschaffen, und alle Parteien unterstützen loyal das
neue politische System. Die Opposition, welche heute besteht,
richtet sich nicht gegen die Prinzipien und die Form der neuen
Republik, sondern nur gegen bestimmte Aspekte der Regierungsgewalt,
Ein zweiter wichtiger Unterschied zwischen 1925 und 1954
liegt in der Haltung der Deutschen gegenüber der jüngsten Vergangenheit und in den Hoffnungen, die sie für die Zukunft hegen.
Sieben Jahre nach der Beendigung des ersten Weltkrieges konnte
man kaum irgendein politisches Problem in Deutschland diskutieren,
ohne dabei in eine endlose Debatte über die Ursachen des Weltkrie-

- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Weltkrieges zu geraten, über die Präge, wer ihn wirklich gewonnen oder verloren hätte und über die Rolle, die die Gründer
der Weimarer Republik in den Wirren nach dem Waffenstillstand
vom November 1918 spielten. Die Legende vom Dolchstoß, mit dem
die Liberalen und die Sozialisten der Front in den Rücken gefallen
sein sollten, wurde einem immer wieder aufgetischt. In der Tat,
diese tiefe Anteilnahme an der jüngsten Vergangenheit führte
viele Deutsche dazu, der Weimarer Republik zu mißtrauen und die
demokratischen und sozialistischen Parteien zu hassen.
Heute hört man sehr selten irgendwelche Diskussionen über
die Ereignisse der Jahre von 1933 und 1945. Ich will nicht behaupten, daß es in Deutschland nicht hier und da noch Gruppen
von ehemaligen Nazis gibt, die mitTIfehmut und möglicherweise mit
Befriedigung an die Tage zurückdenken, als sie die Macht in
Händen hatten. Aber der Ausgang der letzten Wahl hat gezeigt, daß
die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes heute die Extremisten von rechts und lijiks ablehnt.
Tatsächlich sind die Führer der großen Parteien, der Koalition wie der sozialdemokratischen Opposition, Männer, die in
ihren öffentlichen Reden keine Sekunde zögern, das Nazi-Regime
und die Innen- und Außenpolitik Hitlers auf das Schärfste zu
verurteilen.
Im großen und ganzen aber sind die Blicke der Deutschen heute
nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft gerichtet}
und dieser Zukunft gegenüber haben sie eine ganz andere Haltung
als gegenüber allem bisher Erlebten. Wenn man einen fortschrittlich eingestellten Menschen als einen definiert, der eine neue
und bessere Zukunft erhofft, und einen Reaktionär als einen, der
der Vergangenheit sehnsüchtig nachtrauert, dann ist meiner Ansicht
nach die Behauptung fair, wenn man sagt, daß die vorherrschende
Einstellung in der deutschen Bundesrepublik heute fortschrittlich
ist. Sicherlich gibt es einige wenige Reaktionäre, die die Uhr
der Geschichte am liebsten zurückstellen möchten.
Als ich im Frühjahr 1953 nach Deutschland kam, war ich zuerst
erstaunt, festzustellen, wie eingehend die Pläne für eine europäische Integration hier diskutiert wurden und wie groß das Vertrauen und die Zuversicht der deutschen Politiker auf die Entwicklung eines neuen Europa war. Wohlgemerkt, die Sprecher der
oppositionellen sozialdemokratischen Partei lehnen die Bildung
einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft ab, aber da sie
demokratisch sind und sich dem Westen zugehörig fühlen, haben sie
sogar eigene Pläne für eine enge militärische und wirtschaftliche
Zusammenarbeit zwischen einer starken Gruppe der westeuropäischen
Nationen ausgearbeitet.
Im vergangenen Sommer führte die Stadt Passau eine festliche
Veranstaltung durch, in deren Mittelpunkt das Thema der Entwicklung einer europäischen Staatengemeinschaft stand. Jeder, der 1925
für die Tagesordnung einer Versammlung die Erörterung der europäischen Integration vorgeschlagen hätte, wäre zweifellos als
- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

als ein visionärer Fanatiker angesehen worden. Es mag sein, daß
die deutsche Begeisterung für das Ideal eines geeinten Europa
heute etwas geringer ist als vor 18 Monaten. Die Schwerfälligkeit, mit der die Ratifizierung des EVG-Vertrages vorangegangen
ist, hat den Enthusiasmus mancher, die Europaidee am leidenschaftlichsten vertretenden, deutschen Politiker etwas abgekühlt. Es
stimmt auch und ist angesichts des völlig Heuen an diesem Plan
nicht überraschend, daß sich nun Schwierigkeiten bei der Montanunion abzuzeichnen beginnen, Schwierigkeiten, die in der Öffentlichkeit viel Beachtung finden. Aber trotz dieser beiden negativen Faktoren hat es doch den Anschein, daß das Ideal einer
neuen europäischen Zukunft noch immer bei einer überraschend
großen Zahl von Menschen in der deutschen Bundesrepublik sehr
lebendig ist. Berichte, die mir von verschiedenen Seiten zugänglich gemacht worden sind, zeigen, daß die Jugend in Deutschland zumindest im gegenwärtigen Augenblick über das Fortschreiten
der Pläne für eine enge militärische, wirtschaftliche und politische Integration der sechs Nationen begeistert ist. Diese
sechs Nationen unterzeichneten den EVG-Vertrag und gehören jetzt
der Gemeinschaft für Kohle und Stahl an, einer Gemeinschaft,
welche, wie ich hoffe, die deutsdhen und westeuropäischen Interessen fest miteinander verbinden und sich als eine Spritze zur
rechten Zeit für ein Unternehmen erweisen wird, das noch immer
als der wichtigste Schritt auf dem Gebiet der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit Europas gilt. Das Jahr 1954 scheint eines jener
Jahre in der europäischen Geschichte zu sein, wo sich eine
Strömung abzeichnet, die wir Amerikaner nur als die richtige
bezeichnen können. Ob diese Strömung nun auch ausgenutzt wird,
solange sie im Fluß ist, muß zugestandenermaßen abgewartet werden.
Jeder von Ihnen hat.wahrscheinlich seine eigene Ansicht
über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre und ist auch bereit,
seine persönlichen Thesen hinsichtlich der Ursachen des ersten
Weltkrieges, des Scheiterns des Versailler Vertrages, des Auftauchens von Hitler und der daraus resultierenden Katastrophe
des zweiten Weltkriegs zu verteidigen. Meine eigene Auffassung
ist die, daß das Gebäude der Weimarer Republik auf Sand errichtet worden war. Die furchtbaren und schweren Ausschreitungen
in den Jahren nach 1919, die durch politische Morde, Straßenkämpfe und Putsche charakterisiert waren, spielten eine große
Rolle und bedingten die Stärkung der politischen Reaktion in
Deutschland. Viele richteten ihre Blicke auf die nationalistischen und militärischen Ideale der Epoche von 1870 bis 1914.
Als daher die Kräfte, diexinfolge der großen sozialen Katastrophe der Inflation und Arbeitslosigkeit sowie des Versagens
der Siegermächte des ersten Weltkrieges, eine kluge und weise
Politik zu befolgen, entstanden waren, eine Reihe revolutionärer
politischer Ereignisse auslösten, bekamen nationalistische und
militaristische Ideale - kurz gesagt die Reaktion - die Oberhand,
verkörpert in der Person Adolf Hitlers.
T h

�"AMERIKA DIENST"
1

28.April 1954

ch rufe diese Zeit nur deshalb in Ihre Erinnerung zurück,
um den Gegensatz aufzuzeigen. Wenn ich richtig orientiert bin, so
ist die Zahl der Deutschen sehr klein, die heute eine Zukunft ihres Landes im Sinne der vergangenen imperialistischen Herrlichkeit erwarten. Ich will heute abend hier nicht als Prophet sprechen. Wenn daher einige von Ihnen zu sagen geneigt sein mögen: ah,
aber die Stimmung der Deutschen kann umschlagen, so kann ich nur
wiederholen, daß der Unterschied in der Einstellung zwischen
1954 und 1925 nicht nur ein gradueller, sondern ein grundsätzlicher ist. Außerdem können wir Sterblichen die Zukunft nur in
den Ausdrucksformen der gegenwärtigen und vergangenen Pakten
voraussagen.
Selbstverständlich reflektiert sich in dem fundamentalen
Unterschied, der in Deutschland und der freien Welt zwischen der
gegenwärtigen harten Zeit und den verhältnismäßig ruhigen Zeiten
der zwanziger Jahre besteht, die Grundtatsache, daß wir in einer
geteilten Welt im Atomzeitalter leben. Den Menschen in Deutschland
ist die Existenz einer geteilten Welt seit 1945 stets gegenwärtig.
Seit der Berliner Blockade konnte kein Deutscher mehr die Tatsache
anzweifeln, daß der Eiserne Vorhang nach Westen an die Elbe vorverlegt worden ist. Diese Tatsache sowie die furchtbare Zerstörung
der meisten deutschen Städte und der völlige Zusammenbruch aller
deutschen Regierungsinstitutionen 1945 am Waffenstillstandstag bedeutete, daß die Deutschen seit Ende des zweiten Weltkrieges buchstäblich um ihre nackte Existenz kämpfen mußten. Die hier täglich
neu gestellte Aufgabe, sich am Leben zu erhalten, zu versuchen,
aus den Trümmern ihres Staates wieder irgendwie geordnete Verhältnisse zu schaffen, hat bis in die jüngste Zeit alle ihre Kräfte
beansprucht. Daher ist auch der große Unterschied in der Einstellung des Deutschlands von heute zu dem vor 30 Jahren eine, wie man
vielleicht sagen könnte, Polge der totalen Niederlage Deutschlands
im zweiten Weltkrieg und des Beschlusses der westlichen Alliierten,
die Sowjetisierung ganz Deutschlands durch die Russen im Verlauf
der Besetzung zu verhindern. Selbstverständlich haben die militärischen Ereignisse der Jahre 1944 und 1945 und das diplomatische
Ringen zwischen Ost und West, das von den Besatzungsmächten in
der Zeit von 1945 bis 1949 geführt wurde, das Bild des gegenwärtigen Deutschlands geprägt und werden es auch noch für die nächsten Jahre tun.
Wenn wir von Deutschland sprechen, so ist es gut, sich die
Tatsache vor Augen zu halten, daß es gegenwärtig drei Deutschlands
gibt: die Bundesrepublik Deutschland, die den Teil des ehemaligen
deutschen Reiches umfaßt, der auf die britische, die französische
und die amerikanische Besatzungszone entfällt und der rund 50
Millionen Einwohner zähltj die sowjetische Zone mit ihren 18
Millionen Deutschen im Osten, und die Stadt Berlin, deren westliche
Sektoren eine Insel der Freiheit tief im Herzen des sowjetisch besetzten Gebiets sind. Wenn ich von der Einstellung der Deutschen
spreche, so habe ich damit die Einstellung der Bürger der Bundesrepublik und Westberlins gemeint. Wie die Menschen in der sowjetischen Zone über die Vergangenheit und die Zukunft denken, läßt

�AMERIKA DIENST"

28. April 1954

läßt sich aus dem herauslesen, was die Tausende von Flüchtlingen
berichten. Aher das tragische Schicksal dieser 18 Millionen
Deutschen ist eine der brutalen Tatsachen der Gesdhichte, die
den glücklichen Deutschen vor Augen steht, die in den westlichen
Zonen wohnen. Die dramatischen Ereignisse des 17. Juni vergangenen
Jahres zeigten die ganze Schwere der Situation, in der sich die
Ostzonenbevölkerung befindet. Sie zeigten ferner ihren Mut und
ihren Wunsch nach Freiheit.
In den knapp neun Jahren, die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges verstrichen sind, ist es den fünfzig Millionen in der
deutschen Bundesrepublik gelungen, eine freie demokratische Regierungsform zu schaffen, die, wie ich hoffe und glaube, bald im
wesentlichen souverän sein wird. Dank der weisen Politik der Engländer, Franzosen und Amerikaner beginnt sich das kulturelle
leben Westdeutschlands in einer Atmosphäre der Freiheit und Demokratie erneut zu entfalten. Der Wiederaufbau in Westdeutschland
ist eine so eindrucksvolle und wohlbekannte Tatsache, daß sich
hier vor der Versammlung jedes weitere Wort erübrigt. Hauptsächlich dank der amerikanischen Hilfe, zuerst durch Sonderzuweisungen
und dann durch den Marshallplan, aber auch dank der energischen
und guten Verwendung dieser Bewilligungen durch die Deutschen
selber, hat sich die deutsche Industrie wieder erholt und die
Städte werden schnell wieder aufgebaut.
Jeder, der heute durch Westdeutschland reist, wird alle Anzeichen einer wohlhabenden, stabilen und industrialisierten Gesellschaft antreffen, und wenn unsere Wirtschaftsexperten die
Lage nicht völlig falsch beurteilen, dann sind die Aussichten für
eine Fortdauer dieser zufriedenstellenden Entwicklung von Industrie
und Handel in Westdeutschland in der Tat sehr gut. Die Währung
ist stabil und die Beziehungen zwischen den Banken und der Regierung sind so, daß eine stabile Finanzpolitik gewährleistet ist.
Die Einstellung der wirtschaftlichen Berater von Bundeskanzler
Adenauer deckt sich weitgehend mit den amerikanischen Konzeptionen
von Initiative und freiem Unternehmertum. Es sind noch mehr Anzeichen einer wachsenden Stabilität und weiteren Gesundung der
wirtschaftlichen und finanziellen Situation in Deutschland anzutreffen, die für die Amerikaner von besonderem Interesse sind.
Die Bundesregierung hat in den letzten Monaten eine Möglichkeit
gesehen, die Einfuhrbeschränkungen für fast 3 000 verschiedene
Handelsartikel aus den Vereinigten Staaten aufzuheben. Ein großer Teil dieser Waren spielt für die amerikanische Landwirtschaft
eine bedeutende Rolle. Die deutsche Bundesregierung hat weiterhin die Restriktionen für die Transferierung von Gewinnen aus
Investitionen in Deutschland wesentlich verringert, die von in
Deutschland wohnenden Amerikanern vorgenommen wurden, und sie hat
die Beschränkungen für den Transfer der sogenannten 'SperrmarkKonten' reduziert.
Nun

�28.April 1954

"AMERIKA DIENST"

Nun vergleichen Sie einmal all dies mit dem, was in solchen
Städten wie Leipzig, Dresden und dem Sowjetsektor von Berlin geschieht. Dort wurde durch einen Befehl der Sowjets 1949 eine
Marionettenregierung gebildet, der man später durch die Abhaltung von Scheinwahlen im Jahre 1950, bei denen die Kommunisten
begünstigt wurden, das Aussehen einer Verfassungsmäßigen Regierung gegeben hat. Wenn auch der eiserne Griff dieses Regimes
nicht zu allen gleich hart war, so sind doch die Charakteristika
eines totalitären Staates seit dem Tage der deutschen Kapitulation 1945 vorhanden. Ja, Sie dürfen hier nicht vergessen - und
das ist wichtig - daß eine große Anzahl der Deutschen in der
Ostzone sich überhaupt nicht an eine Zeit erinnern kann, wo sie
nicht unter einem totalitären System gelebt hat, sei dieses
nun unter den Nazis oder der Tyrannei der sowjetischen Besatzungsmacht gewesen. Die wirtschaftliche Situation ergibt sich aus den
Versuchen der Sowjets, ihr System weiter nach Westen bis zur
Elbe auszudehnen. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind kollektiviert, Kaufhäuser und Industrien^ weitgehend verstaatlicht
worden. Diejenigen, die die Städte in der Sowjetzone besucht
haben, berichten mir, der Gegensatz zwischen Ost und West sei
so offensichtlich wie erschreckend.
Selbstverständlich besteht, wie ich selbst so 'oft in Berlin
gesehen habe, ein großer Unterschied zwischen Westberlin - das
ist unsere Seite der Trennungslinie mit ihren an Vorräten reichen
Geschäften, gut gekleideten Einwohnern, Kraftfahrzeugen, neuen
oder wiederaufgebauten Büchereien, Kirchen und Theatern und
ihrer allgemeinen Atmosphäre der Freiheit - und Ostberlin, der
sowjetischen Seite. Betritt man den sowjetischen Sektor, so
umfängt einem eine triste, bedrückende Atmosphäre. Trotz der
vielgepriesenen Stalinallee, einem nach Moskauer Vorbild für die
Arbeiter errichteten Wohnbauprojekt, ist in Wirklichkeit nicht
sehr viel Wiederaufgebaut worden. Und in besonderem Maße steht
man unter dem Eindruck einer strengen Polizeiherrschaft und harten Lebensbedingungen.
Die Herrschaft in Ostberlin und der Ostzone ist in Wirklichkeit die Herrschaft Moskaus. Nach außen hin mag es einem naiven
Beobachter erscheinen, als sei das deutsche kommunistische Regime
Herr in seinem eigenen Hause. Diese Passade ist erst kürzlich durch
die Proklamation der Souveränität der Marionettenregierung neu
geschmückt worden. Dieses Manöver der Sowjets hat niemanden getäuscht und die freien Nationen der Welt werden dem Regime keinen legitimen Status zuerkennen.
Daß zwei Millionen Menschen in den letzten acht Jahren aus
der sowjetischen Zone nach der Bundesrepublik geflohen sind, wird
daher niemanden überraschen. Dieser Strom dauert gegenwärtig mit
durchschnittlich 80 000 Flüchtlingen pro Jahr an. Im vergangenen
Jahr haben die Sowjets einen verhältnismäßig unbehinderten Reiseverkehr zwischen ihrer Zone- und dem übrigen Deutschland zugelassen - ich betone das Wort verhältnismäßig, denn es gibt nur

- 8 -

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

nur wenige Übergangsstellen, und der Verkehr wird scharf kontrolliert. Die Grenze zwischen der sowjetischen Zone und der
Bundesrepublik ist allgemein durch einen Stacheldrahtzaun, einen
umgepflügten Streifen Land und bewaffnete Wachposten gekennzeichnet. Daß der Reiseverkehr verhältnismäßig unbehindert ist,
bedeutet aber, daß im Augenblick genau so viele Flüchtlinge
über die Zonengrenze wie über Berlin kommen. Dieser ständige
Zustrom von mehreren hunderttausend Menschen pro Jahr zusätzlich zu den 10 Millionen Flüchtlingen, die bereits in der Bundesrepublik leben, stellt diese vor ein ernstes Problem.
In den letzten Monaten haben die Sowjets, wie Sie wohl
alle wissen, alles in ihren Kräften Stehende versucht, um das
Prestige ihrer Satellitenregierung, der sogenannten Deutschen
Demokratischen Republik oder, wie sie in Deutschland allgemein
bezeichnet wird, des Pankow-Regimes, zu stärken. Außenminister
Molotow hat auf der Berliner Konferenz gefordert, daß die Vertreter dieser Regierung an der Konferenz teilnehmen. Als er von
Außenminister Dulles über die Legitimität dieser Regierung befragt und ihm der in seiner Zone bei der Wahl der gesetzgebenden Versammlung angewendete Wahlterror vorgehalten wurde, verteidigte Molotow, ohne mit der Wimper zu zucken, die sowjetische
Konzeption von freien Wahlen. Sowohl in seinen Ausführungen wie
auch in den hierauf von der Ostberliner Presse veröffentlichten
Artikeln wird das Wahlsystem mit sowjetisch kontrollierten
Einheitslisten als die 'einzige freie und demokratische' Methode
zur Wahl von Volksvertretern bezeichnet. Die Ergebnisse derartiger Wahlen - unserer Ansicht nach eine Farce - wurden zu dem
in Gegensatz gestellt, was geschieht, wenn, wie die Sowjets
es nennen, Militaristen und Kapitalisten miteinander in Wettbewerb treten, wie das bei de~h Septemberwahlen der Fall gewesen
sei, aus denen Adenauer erneut als Kanzler der Bundesrepublik
hervorging.
Mehr als ein Beobachter der Berliner Konferenz hat aus
Herrn Molotows erstaunlich freimütiger Haltung den Schluß gezogen, daß ihm überhaupt nichts daran lag, irgendwelche Vorschläge zu erörtern, die die Abhaltung freier Wahlen in ganz
Deutschland betreffen - erstens deshalb, weil er nicht auf die
sowjetische Kontrolle der Sowjetzone verzichten wollte und zweitens weil er letztlich die Beherrschung ganz Deutschlands im
Auge hatte. Ich werde noch lange seine zynische Verachtung für
demokratische Methoden im Gedächtnis bewahren, als er an uns
die Mahnung richtete: 'Wir dürfen uns nicht von parlamentarischen
Formalitäten und den rein organisatorischen und technischen
.Aspekten dieser Sache fortreißen lassen'... Bei 'dieser Sache',
ging es um die von den USA, Großbritannien und Frankreich vorgeschlagenen und von allen Deutschen herbeigewünschten freien
und demokratischen Wahlen in ganz Deutschland.
Aber

. 9 .

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Aber Herr Molotow war der Auffassung, daß 'wir uns von
parlamentarischen Formalitäten fortreißen ließen'. Manche von
uns hatten den Eindruck, daß er aus verschiedenen Gründen bestrebt war, sein Marionettenregime in der Ostzone zu unterstützen. Einmal um des Prestiges der Deutschen Willen, die ihr
Schicksal mit dem der Sowjets verbunden haben; zweitens weil
er das Prestige der Satellitenregierungen in Polen, der Tschechoslowakei und den benachbarten Ländern stärken mußte und drittens
weil er den Boden für seine für später vorgesehene Ausweitung
seines Wahlsystems auf ganz Deutschland bereiten wollte. Er
schien hierbei eine Zukunft im Auge zu haben, die kommen sollte,
wenn der Keil, den er zwischen die westlichen Alliierten zu
treiben versuchte, endlich eine weiche Stelle gefunden und tiefe
Spalten aufgerissen haben würde.
Daß Herr Molotow und seine Kollegen im Kreml im gegenwärtigen Augenblick solche Träume träumen können, mag phantastisch erscheinen. Ob sie jedoch von uns aus gesehen als unmöglich erscheinen und ob kein Deutscher an sie glaubt, macht den Männern im
Kreml wenig aus.
Herr Molotow mag vielleicht annehmen, daß die amerikanische
Außenpolitik eines Tages weniger stark und bestimmt sein wird,
daß unser Wirtschaftssystem zusammenbrechen muß, daß die amerikanische Strategie Europa nicht mehr weiterhin als eine Bastion in
ihrem Verteidigungssystem betrachten wird, daß die Franzosen und
Deutschen ihre alte Feindschaft wieder aufleben lassen und bereit
sind, einander in den Rücken zu fallen und daß die gesamte freie
Welt in eine große Depression mit einer sich daraus ergebenden
weitgehenden Arbeitslosigkeit in Westdeutschland hineinsteuert.
Unter solchen Bedingungen wären die Herren der Sowjetunion dann
in der Tat in einer Position, von der aus sie das deutsche Problem
in einem durchaus anderen Ton erörtern könnten als dem, den wir
im vergangenen Januar in Berlin zu hören bekamen.
Lassen Sie mich nochmals daran erinnern, daß ich versprochen
habe, heute nacht hier nicht den Propheten zu spielen. Meine letzten
Sätze bezogen sich lediglich auf eine Zukunftsvision, die in
den Augen der Herrscher im Kreml sehr wohl einen prophetischen
Charakter haben mag. Wenn ich in dieser Annahme richtig gehe,
dann besteht für uns in der freien Welt die Aufgabe darin, alles
in unserer Kraft Stehende zu tun, um zu verhindern, daß die Zukunft in irgendeiner Weise dem gleicht, was Herr Molotow und
seine Mitarbeiter vielleicht so hoffnungsvoll im Sinn haben,
und in dieser Hinsicht gehen die Vereinigten Staaten und die
Deutsche Bundesrepublik völlig konform. Denn - wie ich bereits
berichtete - die führenden Persönlichkeiten in Deutschland scheinen mit allen Kräften auf irgendeine Form der europäischen Integration hinzuarbeiten; und in der Jugend Deutschlands ist die
Idee einer neuen Form europäischer Gemeinschaft stark verwurzelt.
Man braucht kein Prophet zu sein, um zu sagen, daß die Zukunft eines freien Europa von den künftigen Beziehungen zwischen
Deutschland und Frankreich abhängt; trotz der vielen entmutigenden Vorfälle in den letzten Jahren sind nach meiner Überzeugung
- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Überzeugung die günstigen Anzeichen für einen stetigen Portschritt in der europäischen Zusammenarbeit noch immer in der
Überzahl.
Die Politik Bundeskanzler Adenauers ist eine Politik der
Einbeziehung Westdeutschlands in Westeuropa. Er betrachtet
eine solche Integration als notwendigen Schritt auf dem Wege
zur Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit.
Im Gegensatz zu den Behauptungen einiger seiner politischen
Gegner ist er der Meinung, daß die Wiedervereinigung mit der
europäischen Integration nicht im Widerspruch steht. Er und
seine Anhänger glauben vielmehr, daß die Sowjets in Berlin
deutlich erkennen ließen, ihre Bemühungen um eine weitere Vorverlegung des Eisernen Vorhanges nach Westen nicht aufgeben zu
wollen und auch einen Verzicht auf die von iinen in Deutschland
besetzte Zone nicht in Erwägung zu ziehen, solange sich der
Westen nicht als stark und einig erweist. Denkt man diesen Gedanken weiter, so kann man dem Tag entgegensehen, an dem ein
wiedervereinigtes Deutschland zu einer der standhaften Nationen
in einem neuen freien Europa wird, einem freien Europa, das der
totalitären Gefahr aus dem Osten furchtlos entgegensehen kann.
Die Vorstellung von der Zukunft, wie sie den führenden
Männern der Bundesrepublik heute vorschwebt, mag von manchen
von Ihnen als eine Illusion betrachtet werden. Ich weiß, daß
die Furcht vor einem neubelebten Deutschland existiert. Viele
Menschen in den USA machen sich ihre Gedanken darüber, was das
neue Deutschland tun wird. Sie haben von der geschlossenen Energie Westdeutschlands im Jahre 1954 etwas gesehen, gelesen oder
gehört. Sie fragen sich nur, wird diese neue machtvolle Nation
einen stabilisierenden Einfluß ausüben oder wird sie, wie schon
zweimal in der Zeit, an die sich die meisten von uns erinnern
können, uns in einen Weltbrand hineinziehen?
Ich habe gesagt, daß ich kein Prophet sein will, aber ich
stehe nicht davon ab, meine bisherige Diagnose zusammenzufassen:
Das heutige Deutschland ist ein anderes als das in den zwanziger
Jahren, den dreißiger Jahren oder das vor dem ersten Weltkrieg.
Es besitzt eine Reihe starker politischer Persönlichkeiten in
verschiedenen Parteien, die eine enge Zusammenarbeit mit dem
Westen anstreben,und Menschen, die fest an ein friedliches und
demokratisdhes Deutschland glauben. Diese Menschen brauchen die
Hilfe und das Verständnis der friedliebenden Menschen in den USA
und den europäischen Staaten. Die Fehler der Sieger in den zwanziger Jahren dürfen nicht wiederholt werden. Die kürzliche Garantieerklärung Großbritanniens und; der Vereinigten Staaten - selbstverständlich von der Verwirklichung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abhängend - zeigen eindeutig, daß das neue
Deutschland ein fest integriertes Mitglied der freien Welt sein
wird. Ich weiß für diejenigen, die Fragen über die ;Zukunft
Deutschlands stellen, wenn seine Souveränität wieder hergestellt
ist, keine bessere Antwort".
#•.*•#

- 11 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES KOREA-KONFLIKTS

GENF — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles gab am 28. April
1954 auf der dritten Vollsitzung der Genfer Konferenz einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Korea-Konfliktes. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Wir sind hier, um ein geeintes und unabhängiges Korea zu
schaffen. Es mag uns vielleicht gegeben sein, ein neues Blatt
einer bisher tragischen Geschichte zu schreiben. Die Einwohner
Koreas haben jahrhundertelang als ein Volk zusammengelebt, und
gemeinsam haben sie lange Zeit ausländische Herrschaft und
Aggression erduldet. Sie haben die Einheit in Freiheit und
Unabhängigkeit gesucht, ein Recht, das kein Volk und keine
Gruppe von Völkern ihnen verwehren kann.
Die Vereinigten Staaten sind gemeinsam mit der Republik
Korea und den übrigen Regierungen, deren Streitkräfte Korea
zu Hilfe kamen, in einem erneuten und entschlossenen Versuch
zusammengekommen, um dem koreanischen Volk bei der Verwirklichung Beinssvernünftigen und rechtmäßigen Strebens zu helfen.
Warum verbleibt Korea geteilt? Im Jahre 1943 versprach
die Deklaration von Kairo, daß ein Sieg über Japan dazu benutzt werden sollte, Korea frei und unabhängig zu machen. Aber
das ist nicht geschehen.
Die gegenwärtige Phase der Leidenszeit Koreas geht auf den
August 1945 zurück. Damals einigten sich die Vereinigten Staaten, die vier Jahre lang die Last des Krieges gegen Japan getragen hatten, mit der Sowjetunion dahin, daß diese in die
Mandschurei und den nördlichen Teil Koreas einmarschieren sollte,
um die Übergabe der Japaner anzunehmen. Aber die Sowjets, die
zu einem bestimmten Zweck nach Nordkorea gekommen waren, blieben dort zu einem anderen Zweck. Ihr Ziel war es, direkt oder
durch eine Marionettenregierung Nordkorea zu einem Satellitenstaat zu machen und ihre Herrschaft, wenn möglich, über ganz
Korea auszudehnen. Damit haben sie ständig 4bkommen mit ihren
früheren Verbündeten verletzt und ebenfalls gegen den durch
die Vereinten Nationen verkörperten kollektiven Willen verstoßen.
Es
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Es ist wichtig, daß wir uns beständig daran erinnern, daß
es hier nicht nur um Korea geht - so wichtig dies an sich ist sondern auch um die Autorität der Vereinten Nationen. Den Vereinten Nationen kommt die Hauptverantwortung zu, Korea zu einem
freien und unabhängigen Land zu machen. Sie haben bei der Errichtung der Republik Korea mitgeholfen und Korea auf die Beine gestellt. Als Aggressoren die Republik Korea zu vernichten drohten,
haben die Vereinten Nationen ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert,
Korea verteidigen zu helfen.
Korea ist das erste Beispiel in der Geschichte, daß eine
kollektive Sicherheitsorganisation tatsächlich eingegriffen hat.
Wenn diese Konferenz sich gegenüber den Vereinten Nationen und
ihren Entscheidungen unloyal verhält, dann hat jeder von uns
einen Teil der Verantwortung für die Vernichtung dessen zu tragen, was uns alle schützt.
Gestern haben die Delegierten der Republik Korea und Kolumbiens in gleicher Weise von der Mission gesprochen, die
die Vereinten Nationen gegenüber Korea auf sich genommen haben.
Diese Tatsachen sind es wert, wiederholt zu werden.
Die Vereinten Nationen haben sich im Jahre 1947 erstmals
mit dem Koreaproblem befaßt. Damals riefen sie eine zeitweilige
Kommission ins Leben, die bei der Bildung einer Regierung für
Korea mithelfen und die ersten Wahlen beobachten sollte. Die
Sowjetunion verweigerte der UN-Kommission den Zutritt nach
Nordkorea. In den übrigen Teilen Koreas arbeitete die Kommission,
wie das von den Vereinten Nationen vorgesehen war.
Im Dezember 1948 nahm die UN-Vollversammlung den Bericht
ihrer zeitweiligen Kommission entgegen, und billigte mit 48
gegen 6 Stimmen bei einer Enthaltung eine Entschließung,in der
festgestellt wird:
•Daß eine rechtmäßige Regierung (die Regierung der Republik
Korea) gebildet worden ist, die eine wirksame Kontrolle und
Rechtsprechung über den Teil Koreas ausübt, in dem die zeitweilige Kommission Beobachtungen anstellen und Konsultationen geben
konnte, und in dem die große Mehrheit der Bevölkerung ganz Koreas
wohnt; daß diese Regierung auf der Grundlage von Wahlen gebildet
wurde, die den freien Willen der Wählerschaft in diesem Teil
Koreas in gültiger Form zum Ausdruck brachten und die von der
zeitweiligen Kommission beobachtet wurden} und daß dies die einzige derartige Regierung in Korea ist.'
Die Vereinigten Staaten, die auf die moralische Autorität
der Vereinten Nationen sowie darauf vertrauten, daß sich ihre
Mitglieder entsprechend der UN-Charta verhalten würden, zogen
ihre eigenen Streitkräfte aus Südkorea zurück. Damit verblieben
in Südkorea nur einheimische Truppen, die lediglich in der Lage
waren, die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz
hierzu förderte die Sowjetunion den schnellen Aufbau der Kriegsmaschinerie des von ihr in Nordkorea eingesetzten kommunistischen
Regimes. Am 25. Juni 1950 eröffneten diese Streitkräfte, unterstützt durch zahlreiche in der Sowjetunion gebaute Panzer und
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

und Flugzeuge einen totalen Angriff.
Die zeitweilige Kommission der Vereinten Nationen, die
an Ort und Stelle zugegen war, und zu deren Mitgliedern auch
Indien gehörte, stellte sofort und einmütig fest, daß dies
eine bewaffnete Aggression war, und berichtete entsprechend an
den Weltsicherheitsrat. Dieser wiederum bestätigte mit neun
gegen null Stimmen bei einer Enthaltung und Abwesenheit eines
Landes die Tatsache einer Aggression und forderte die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf, mit dazu beizutragen, daß
der Aggression Widerstand entgegengesetzt wird. 16 Länder antworteten hierauf durch Entsendung von Truppen und über 40 erklärten sich zur Gewährung militärischer oder materieller Hilfe
bereit.
Die wenigen und leicht bewaffneten Streitkräfte der Republik
Korea wurden zu Beginn des Krieges von dem Angreifer überwältigt.
Die kommunistischen Aggressoren besetzten mit Ausnahme eines
kleinen Brückenkopfes bei Pusan den größten Teil Koreas. Aber
die Streitkräfte Südkoreas gewannen schnell an Kampfstärke und
die Mitglieder der Vereinten Nationen gaben ihnen eine immer
größere Hilfe. Eine brillante militärische Operation, die aus
einer kühnen Landungsaktion bei Inchon bestand, brachte die
Angreifer aus dem Gleichgewicht und ermöglichte dem UN-Oberkommando den Ausbruch aus dem Pusanbrückenkopf. Die Aggressoren wurden
in die Flucht geschlagen und waren militärisch gesehen kein
nennenswerter Gegner mehr.
Es schien, als ob jetzt die Vereinten Nationen ihre früher
unternommene Aufgabe, Korea zu einigen, zu Ende führen könnten.
So setzte die UN-Vollversammlung am 7. Oktober 1950 ein neues
Gremium ein, das unter dem Namen Kommission der UN für die
Vereinigung und den Wiederaufbau Koreas (UNCURK) bekannt geworden ist,und stellte ihm die Aufgabe, die Arbeit der früheren
Kommissionen zu beenden. Die neue Kommission begab sich nach
Korea.
Aber die langerstrebte Wiedervereinigung und Freiheit für
Korea sollte noch nicht Wirklichkeit werden. Eine weitere
kommunistische Aggression verhinderte dies. Im November 1950
entsandte das kommunistische Regime von China Scharen seiner
Streitkräfte nach Nordkorea. Die UN-Vollversammlung brandmarkte
mit 44 gegen sieben Stimmen bei 9 Enthaltungen diese Intervention als Aggression.
Das UN-Oberkommando wurde erneut gezwungen, seine Streitkräfte nach Südkorea zurückzuziehen. Aber sie kämpften sich
wieder soweit vor, daß den Aggressoren weniger Land verblieb
als zu dem Zeitpunkt, da sie zu ihrer ursprünglichen Aggression
über den 38. Breitengrad hinaus antraten.
Am 27. Juli 1953 wurde der Waffenstillstand mit dem UNOberkommando abgeschlossen. Dies war kein freiwilliges Friedensgeschenk der Kommunisten. Es wurde lediglich gegeben, nachdem
- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

nachdem letzte fanatische Versuche, die Front des UN-Oberkommandos zu durchbrechen, mit ungeheuren Verlusten für den
Angreifer gescheitert waren. Und es wurde auch nur gegeben,
nachdem die Kommunisten erkannt hatten, daß das Kampfgebiet so
weit ausgeweitet werden würde, daß dies zu einer Gefährdung der
Basis der Aggression in der Mandschurei führen könnte, falls es
nicht zu einem schnellen Waffenstillstand kommen würde. Dann und
erst dann waren die kommunistischen Machthaber der Ansicht, daß
es zweckmäßig sei, den Waffenstillstand zu unterzeichnen.
Der Waffenstillstand sah vor, daß eine politische KoreaKonferenz innerhalb von drei Monaten stattfinden sollte. Die
Kommunisten fanden es jedoch unzweckmäßig, jener von allen
Beteiligten angenommenen Empfehlung zu entsprechen. Sie hatten
zuallererst nur den Wunsch, ihre Position in Nordkorea zu
festigen.
Erst jetzt ist die politische Korea-Konferenz nach einem
langen Feilschen über ihre Zusammensetzung und den Konferenzort zusammengetreten.
Die Zusammensetzung und der Konferenzort entsprechen genau
den Vorschlägen, welche die Vereinten Nationen vor sechs Monaten
machten.
Diese Tatsache: ermöglicht es einem, ein Urteil darüber zu
fällen, wer für diese Verzögerung verantwortlich ist.
Die Geschichte der sieben Jahre, die ich eben kurz dargestellt habe, ist die Geschichte eines ständigen Angriffs gegen
die Kräfte des Völkerrechts und der Ordnung, wie sie von den
Vereinten Nationen repräsentiert werden. Ob diese Aggression
die Oberhand behalten soll, kann von dieser Konferenz entschieden werden.
Während dieser siebenjährigen Periode von 1947 bis heute
haben sich die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und
den Vereinigten Staaten bemüht, mit der Sowjetunion zusammen
Deutschland wiederzuvereinigen und Österreich zu befreien. Über
diese Fragen sind hunderte von Konferenzen zwischen den Außenministern oder ihren Beauftragten abgehalten worden. Nichts ist
bisher erreicht worden. Aber etwas hat man dabei gelernt. Es ist
nützlich, wenn die jetzige Konferenz diesen Tatbestand im Auge
behält, wenn die hier vorgebrachten Vorschläge von uns geprüft
werden.
Das Verhalten der sowjetischen Kommunisten scheint hauptsächlich von ihrer Furcht vor der Freiheit beeinflußt zu sein.
Die herrschende Klasse der Kommunisten glaubt, daß eine Gesellschaft am friedfertigsten und produktivsten ist, wenn ihre Mitglieder die Züge tragen, die ihnen von ihren Machthabern vorgeschrieben werden. Einer solchen Auffassung liegt notwendigerweise
die Unterdrückung der Freiheit zugrunde, denn Freiheit impliziert Verschiedenheit und nicht Gleichförmigkeit.
Aber

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Aber es genügt nicht, wenn die Freiheit in dem Gebiet unterdrückt wird, das heute den sowjetischen Einflußbereich darstellt.
Die Freiheit ist ansteckend. Deshalb darf die Freiheit außerhalb dieses Gebietes nicht zur Ruhe kommen. Das Gebiet, in dem
die Unterdrückung herrscht, muß ständig vergrößert werden, damit
das bestehende Gebiet der Unterdrückung erhalten werden kann.
So scheinen die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion durch ihre eigene Doktrin und ihre eigene Furcht dazu angetrieben worden zu sein, ihre Kontrolle auf die eine oder die
andere Weise auszudehnen zu suchen, bis schließlich das von
Lenin als die »Einschmelzung der Massen in einen einzigen
Staatenblock', bezeichnete Ziel erreicht ist.
Es mag vielleicht gesagt werden, daß Lenin und Stalin tot
sind. Wenn das auch zutrifft, so ist ihre Lehre jedoch nicht
tot. Sie wird weiterhin von den Kommunisten in aller Welt gelehrt und die Kommunisten fahren fort, in allen Teilen der Welt
danach zu handeln.
Nachdem, was die Geschichte bisher gezeigt hat, haben die
kommunistischen Machthaber noch zu keiner Zeit und an keiner
Stelle freiwillig ihren Griff um etwas, das sie besitzen, gelockert. Und dies trifft auch im Falle Ostdeutschlands, Österreichs und Nordkoreas zu, wo sie versprochen hatten, daß ihre
Besitznahme nur vorübergehender Natur sei. Darüber hinaus
arbeiten in allen nichtkommunistischen Ländern der Welt Agenten
des internationalen Kommunismus, um die 'Einschmelzung1 dieser
Länder und ihrer Einwohner in das System der kommunistischen
Diktatur zu erreichen.
Das Problem, dem wir hier in Genf gegenüberstehen, ist das
gleiche, dem wir auch woanders gegenüberstehen. Es ist das
Problem, 'Frieden* und 'Demokratie' in der geschichtlichen
Bedeutung dieser Worte herzustellen. Dies sind eingängige
Worte, reich in ihrer traditionellen Bedeutung. Die kommunistische Propaganda hat sie als Köder benutzt, um die Unbedachtsamen zu fangen. Man muß sich daran erinnern, daß die Kommunisten, wenn sie von 'Frieden' sprechen, eine gleichgeschaltete
Gesellschaftsform unter einem einzigen Willen meinen. Wenn sie
von 'Demokratie' reden, so meinen sie eine 'Diktatur des
Proletariats'.
Das Fazit hieraus ist:
Wenn wir mit den sowjetischen Kommunisten und ihren Satelliten verhandeln, so stehen wir etwas weit Schlimmerem als
nur der Gier eines einzelnen oder eines ganzen Landes nach
Ruhm gegenüber. Wir stehen einem riesigen monolithischen System
gegenüber, das trotz seiner Stärke glaubt, es könnte nicht fortbestehen, es sei denn,es .gelänge ihm allmählich,die menschlichen
Freiheiten zu zerstören.
Ich gebe diese Analyse nicht aus pessimistischer, sondern
vielmehr aus einer sehr realistischen Stimmung heraus. Die
kommunistische Doktrin fordert Anpassung, wenn die Opposition
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Opposition sehr stark ist. Unsere Aufgabe hier besteht darin,
eine solche Stärke für einen ehrenvollen und nicht-aggressiven
Zweck zu zeigen, daß die Kommunisten es zweckmäßig finden,
Korea Einheit und Freiheit zu gewähren.
Gestern wurden für die Lösung des Korea-Problems drei
Vorschläge gemacht. Die Republik Korea und die Republik Kolumbien befürworteten eine Lösung, die den Resolutionen der Vereinten Nationen für die Errichtung eines geeinten und freien
Koreas neues Leben verleihen.
Der Vorschlag des kommunistischen Regimes in Nordkorea
lautete jedoch etwas anders.. Er erwähnte nicht die Vereinten
Nationen oder deren Resolutionen. Diese sollen scheinbar als
nicht vorhanden betrachtet werden.
Der kommunistische Vorschlag ist seinem Wesen nach der
gleiche, der im Juni 1950 als Vorspiel für den bewaffneten Angriff auf die Republik Korea unterbreitet wurde. In gleicher
Weise ähnelt er dem Schema ganz auffällig, das die Sowjetunion
im vergangenen Februar in Berlin für die Wiedervereinigung
Deutschlands vorgeschlagen hat. Sie sehen, Konformität ist bei
den Kommunisten die Regel.
Der gegenwärtige kommunistische Korea-Vorschlag sieht vor,
daß die frei gewählte Regierung der Republik Korea, die wenigstens Dreiviertel des koreanischen Volkes vertritt, zu einer
Zusammenarbeit auf der Basis der Gleichberechtigung mit dem
kommunistischen Regime gezwungen wird, das nur eine kleine
Minderheit der Bevölkerung im Norden beherrscht.
Von den Kommunisten werden allgemeine Wahlen unter einem
Gesetz vorgeschlagen, gegen dessen Bestimmungen von dem kommunistischen Regime ein Veto eingelegt werden kann. Der Vorschlag
setzt weiter fest, daß die Wahlordnung jegliche 'ausländische
Einmischung' ausschließen soll; vermutlich soll hierdurch eine
Überwachung durch die Vereinten Nationen ausgeschlossen werden.
Der Plan zielt auf die Zerstörung der bestehenden Regierung
und auf ihre Verdrängung durch eine kommunistische Marionettenregierung ab.
Der Vorschlag der nordkoreanischen Kommunisten verlangt
gleichfalls, daß alle ausländischen Streitkräfte aus dem
koreanischen Staatsgebiet innerhalb von sechs Monaten zurückgezogen werden. Die Streitkräfte der Vereinten Nationen würden
hierbei einen weiten Weg zurücklegen müssen. Die Streitkräfte
der chinesischen Kommunisten dagegen würden hierfür nur wenige
Kilometer benötigen. Sie könnten also schnell nach Korea zurückkehren.
Die Vereinigten Staaten wollen nicht, daß ihre Truppen auf
unbestimmte Zeit in Korea verbleiben sollen. Aber wir erinnern
uns, daß wir bereits schon einmal unsere in Korea stationierten
Truppen zurückgezogen haben und daß sich dies als voreilig herausgestellt hatte. I'Wir wollen nicht, daß sich die Geschichte wie-

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Dies ist also der nordkoreanische Vorschlag. Die USA
müssen ihn zurückweisen, weil er nicht den Erfordernissen eines
freien, vereinigten und unabhängigen Koreas entspricht, für
das so viel Blut geflossen und so viel Leid erduldet worden
ist.
Der Friede ist immer einfach zu erreichen: nämlich durch
Kapitulation. Die Einheit ist gleichfalls leicht zu schaffen:
durch Kapitulation. Die schwere Aufgabe, die Aufgabe, der wir
gegenübergestellt sind, besteht darin, den Frieden und die
Einheit mit der Freiheit zu verbinden.
Die Bevölkerung der Republik Korea kennt die Freiheit und
sie hat für die Bewahrung ihrer Freiheit gekämpft und; gelitten
wie nur wenige andere Völker. Ich habe selbst die Freiheit in
der Republik Korea kennengelernt. Ich habe die Universität
von Seoul besucht und habe gesehen, wie die jungen Männer und
Frauen Koreas an einer freien, liberalen Institution voll Eifer
ihr Wissen zu vertiefen suchten. Ich habe einigen Sitzungen
des koreanischen Parlaments beigewohnt und habe die reibungslose Arbeitsweise dieses Gremiums kennengelernt, eines Gremiums,
dessen Mitglieder in freien, von einer Kommission der UN beaufsichtigten Wahlen gewählt wurden.
Ich bin in einer großen Versammlung mit Tausenden von
Flüchtlingen christlichen Glaubens zusammengekommen, die kürzlich aus Nordkorea geflüchtet waren, um der religiösen Verfolgung in dem kommunistisch beherrschten Norden zu entgehen und
der Freiheit der Religionsausübung teilhaftig zu werden, die
in der Republik Korea herrscht.
Die Republik Korea, welche so tapfer für die Freiheit gekämpft hat, wird niemals einer Einheit zustimmen, die mit einer
schlecht verhüllten Annexion durch den sowjetisch-kommunistischen
Block erkauft werden soll. Die Vereinigten Staaten haben über
eine Million ihrer jungen Männer nach Korea geschickt, um dort
zu kämpfen und das land vor der gewaltsamen Annexion durch die
Aggressoren zu retten. Unsere Verluste betrugen hierbei über
140 000 Mann. Zweifellos sind wir nicht geneigt, hier am Konferenztisch irgendetwas wegzugeben, wofür unsere Söhne so tapfer
gekämpft haben.
Es ist eine Grundwahrheit,wenn man sagt, daß jedes Programm,
das hier für die Einigung Koreas angenommen wird,auch die Freiheit in Korea garantiert.
Ein durchführbares Programm für die Vereinigung Koreas
braucht nicht erst von uns ausgearbeitet zu werden. Es ist
bereits vorhanden. Es wurde in der Resolution der UN-Vollversammlung vom 7. Oktober 1950 unterbreitet. Es ist diejenige Resolution, auf welche ich mich bereits bezogen habe. Hierbei wurde eine Kommission zur Herbeiführung der Vereinigung Koreas gebildet. Diese Kommission sollte die Wahlen in jenem Teil Koreas
überwachen, wo eine solche Wahlüberwachung bisher noch nicht
stattgefunden hat.
_.

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Die Kommission der Vereinten Nationen (UNCURK) befindet sich
gegenwärtig in Korea und ist jederzeit bereit, ihren von deP UN
erteilten klaren und genauen Auftrag auszuführen.
Die Erledigung dieses Auftrags würde die Einigung und die
Freiheit Koreas zustandebringen. Zwei Dinge, die zuerst durch
die sowjetische Obstruktionspolitik 1948, durch die kommunistische
Aggression Nordkoreas im Juni 1950 und dann durch die Aggression
der Rotchinesen im November gleichen Jahres verhindert worden sind.
Da nun die Aggression zum Scheitern gebracht worden ist, sollte
die unterbrochene Arbeit der Kommission weitergeführt werden. Das
ist unser Vorschlag.
Hierfür wäre die Zurückziehung der chinesischen AggressionsStreitkräfte durch die rotchinesische Regierung und die Beendigung ihrer Besetzung Nordkoreas erforderlich, so daß die Vereinten
Nationen ihre Aufgabe in einer von aller Bedrohung freien Atmosphäre
erfüllen können.
Es ist wichtig, die Freiheit nicht nur als die Freiheit des
einzelnen, sondern auch als die Freiheit der Völker zu sehen.
Korea ist eine Halbinsel von so großem strategischem Wert, daß
es seit Jahren im Blickfeld der großen Politik stand. Rußland,
Japan und China haben erfolgreich versucht, Korea in den Dienst
ihrer eigenen Expansionspolitik zu stellen. Lange Zeit konnten
die Koreaner nicht über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Dies
sollte nunmehr aufhören.
Die Vereinigten Staaten suchen keine Vorteile in Korea. Wir
stehen im Begriff,ein gemeinsames Sicherheitsabkommen mit der
Republik Korea abzuschließen. Diesem Abkommen liegen jedoch keine
Aggressiven Absichten zugrunde und die Vereinigten Staaten versuchen auch nicht»sich hierdurch eine vorgeschobene Position zu sichern, die irgend jemanden bedrohen könnte.
Japan ist nicht mehr länger eine aggressive Macht und hat in
loyaler Form zugesagt, daß es von jeglicher Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische
Unabhängigkeit irgendeines anderen Landes Abstand nehmen wird.
Die Republik Korea selbst hat keine Ambitionen, die über
ihre natürlichen Grenzen hinausgehen.
Sind die Sowjetunion und Rotchina bereit, den Ambitionen zu
entsagen, denen die Kontrolle Koreas dient? Wenn ja, so wäre es
möglich, Korea die nationale Unabhängigkeit zu geben, die die
Vereinten Nationen für dieses Land erstreben und die die Koreaner
für sich selbst wünschen.
Ein derartiges Korea sollte natürlich Mitglied der Vereinten
Nationen werden und sich der zusätzlichen Würde und des erhöhten
Schutzes erfreuen, den diese Mitgliedschaft mit sich bringt. Man
sollte sich daran erinnern, daß die Republik Korea im Jahre 1949
um Aufnahme in die Vereinten Nationen nachsuchte. Ihre Aufnahme
wurde lediglich durch das Veto der Sowjetunion im Weltsicherheitsrat verhindert. Dies war ein weiteres Unrecht, das gutzumachen wir
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

wir uns hier einigen sollten.
Da ist die Gruppe derjenigen, die der Ansicht sind, daß
sowohl die Erfahrungen der Vergangenheit, als auch die kühle
Überlegung der Vernunft die Fruchtlosigkeit und Vergeblichkeit
der von uns unternommenen Aufgabe erweisen. Ich unterschätze
die Schwierigkeiten dieser Aufgabe nicht. Aber ich bin immer
noch der Ansicht, daß wir den Mut nicht verlieren dürfen, und daß
es keine bloße Zeitvergeudung ist, wenn wir mit allen uns zur
Verfügung stehenden Mitteln unser uns angemessenes Ziel zu erreichen suchen.
Wir rufen uns die in der Vergangenheit begangenen Fehler
und Versager mit aller Genauigkeit ins Gedächtnis, damit wir
aus den Erfahrungen lernen können. Aber wir dürfen uns auch
dessen erinnern, daß die Zukunft niemals eine bloße Wiederholung
der Vergangenheit ist.
Wir brauchen unsere Hoffnungen nicht im eisigen Hauch
kalter Logik dahinschwinden lassen. Wir wissen, daß diejenigen,
die im Glauben leben, am Ende doch über diejenigen triumphieren
werden, die nur auf das nackte Kalkül vertrauen.
Es ist richtig, daß Korea vereinigt und eine freie und unabhängige Nation werden sollte, eine Nation, die imstande ist,
ihr Geschick in die Hand zu nehmen, das den friedlichen Aspirationen ihrer Bevölkerung entspricht.
Es ist richtig, daß die Vereinten Nationen als eine Autorität gestärkt werden, an die sich alle Völker für alle Zeiten
wenden können, um sich vor der Geißel des Krieges zu bewahren
und die Würde, Werte und gleichen Rechte der großen und kleinen
Nationen sicherzustellen.
Es ist unsere Pflicht, diese Ziele mit Hingabe und einer
Reinheit des Herzens zu verfolgen, die kein Machtstreben und
keine Selbstherrlichkeit zuläßt. Dann haben wir unseren Teil getan, um den Grundsätzen der moralischen Ordnung zu dienen, die
den Menschen und Nationen gesetzt sind.

* * * * *

- 9-

�DULLES ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES KOREA-KONFLIKTS

GENF — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Foster Dulles gab am 28. April
1954 auf der dritten Vollsitzung der Genfer Konferenz einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Korea-Konfliktes. Die Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Wir sind hier, um ein geeintes und unabhängiges Korea zu
schaffen. Es mag uns vielleicht gegeben sein, ein neues Blatt
einer bisher tragischen Geschichte zu schreiben. Die Einwohner
Koreas haben jahrhundertelang als ein Volk zusammengelebt, und
gemeinsam haben sie lange Zeit ausländische Herrschaft und
Aggression erduldet. Sie haben die Einheit in Freiheit und
Unabhängigkeit gesucht, ein Recht, das kein Volk und keine
Gruppe von Völkern ihnen verwehren kann.
Die Vereinigten Staaten sind gemeinsam mit der Republik
Korea und den übrigen Regierungen, deren Streitkräfte Korea
zu Hilfe kamen, in einem erneuten und entschlossenen Versuch
zusammengekommen, um dem koreanischen Volk bei der Verwirklichung Beinssvernünftigen und rechtmäßigen Strebens zu helfen.
Warum verbleibt Korea geteilt? Im Jahre 1943 versprach
die Deklaration von Kairo, daß ein Sieg über Japan dazu benutzt werden sollte, Korea frei und unabhängig zu machen. Aber
das ist nicht geschehen.
Die gegenwärtige Phase der Leidenszeit Koreas geht auf den
August 1945 zurück. Damals einigten sich die Vereinigten Staaten, die vier Jahre lang die Last des Krieges gegen Japan getragen hatten, mit der Sowjetunion dahin, daß diese in die
Mandschurei und den nördlichen Teil Koreas einmarschieren sollte,
um die Übergabe der Japaner anzunehmen. Aber die Sowjets, die
zu einem bestimmten Zweck nach Nordkorea gekommen waren, blieben dort zu einem anderen Zweck. Ihr Ziel war es, direkt oder
durch eine Marionettenregierung Nordkorea zu einem Satellitenstaat zu machen und ihre Herrschaft, wenn möglich, über ganz
Korea auszudehnen. Damit haben sie ständig Abkommen mit ihren
früheren Verbündeten verletzt und ebenfalls gegen den durch
die Vereinten Nationen verkörperten kollektiven Willen verstoßen.
Es
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Es ist wichtig, daß wir uns beständig daran erinnern, daß
es hier nicht nur um Korea geht - so wichtig dies an sich ist sondern auch um die Autorität der Vereinten Nationen. Den Vereinten Nationen kommt die Hauptverantwortung zu, Korea zu einem
freien und unabhängigen land zu machen. Sie haben bei der Errichtung der Republik Korea mitgeholfen und Korea auf die Beine gestellt. Als Aggressoren die Republik Korea zu vernichten drohten,
haben die Vereinten Nationen ihre Mitgliedsstaaten aufgefordert,
Korea verteidigen zu helfen.
Korea ist das erste Beispiel in der Geschichte, daß eine
kollektive Sicherheitsorganisation tatsächlich eingegriffen hat.
Wenn diese Konferenz sich gegenüber den Vereinten Nationen und
ihren Entscheidungen unloyal verhält, dann hat jeder von uns
einen Teil der Verantwortung für die Vernichtung dessen zu tragen, was uns alle schützt.
Gestern haben die Delegierten der Republik Korea und Kolumbiens in gleicher Weise von der Mission gesprochen, die
die Vereinten Nationen gegenüber Korea auf sich genommen haben.
Diese Tatsachen sind es wert, wiederholt zu werden.
Die Vereinten Nationen haben sich im Jahre 1947 erstmals
mit dem Koreaproblem befaßt. Damals riefen sie eine zeitweilige
Kommission ins Leben, die bei der Bildung einer Regierung für
Korea mithelfen und die ersten Wahlen beobachten sollte. Die
Sowjetunion verweigerte der UN-Kommission den Zutritt nach
Nordkorea. In den übrigen Teilen Koreas arbeitete die Kommission,
wie das von den Vereinten Nationen vorgesehen war.
Im Dezember 1948 nahm die UN-Vollversammlung den Bericht
ihrer zeitweiligen Kommission entgegen, und billigte mit 48
gegen 6 Stimmen bei einer Enthaltung eine Entschließung,in der
festgestellt wird:
•Daß eine rechtmäßige Regierung (die Regierung der Republik
Korea) gebildet worden ist, die eine wirksame Kontrolle und
Rechtsprechung über den Teil Koreas ausübt, in dem die zeitweilige Kommission Beobachtungen anstellen und Konsultationen geben
konnte, und in dem die große Mehrheit der Bevölkerung ganz Koreas
wohnt; daß diese Regierung auf der Grundlage von Wahlen gebildet
wurde, die den freien Willen der Wählerschaft in diesem Teil
Koreas in gültiger Form zum Ausdruck brachten und die von der
zeitweiligen Kommission beobachtet wurden; und daß dies die einzige derartige Regierung in Korea ist.'
Die Vereinigten Staaten, die auf die moralische Autorität
der Vereinten Nationen sowie darauf vertrauten, daß sich ihre
Mitglieder entsprechend der UN-Cbarta verhalten würden, zogen
ihre eigenen Streitkräfte aus Südkorea zurück. Damit verblieben
in Südkorea nur einheimische Truppen, die lediglich in der läge
waren, die innere Ordnung aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz
hierzu förderte die Sowjetunion den schnellen Aufbau der Kriegsmaschinerie des von ihr in Nordkorea eingesetzten kommunistischen
Regimes. Am 25. Juni 1950 eröffneten diese Streitkräfte, unterstützt durch zahlreiche in der Sowjetunion gebaute Panzer und
- 2 -

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

und Plugzeuge einen totalen Angriff.
Die zeitweilige Kommission der Vereinten Nationen, die
an Ort und Stelle zugegen war, und zu deren Mitgliedern auch
Indien gehörte, stellte sofort und einmütig fest, daß dies
eine bewaffnete Aggression war, und berichtete entsprechend an
den Weltsicherheitsrat. Dieser wiederum bestätigte mit neun
gegen null Stimmen bei einer Enthaltung und Abwesenheit eines
Landes die Tatsache äner Aggression und forderte die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf, mit dazu beizutragen, daß
der Aggression Widerstand entgegengesetzt wird. 16 Länder antworteten hierauf durch Entsendung von Truppen und über 40 erklärten sich zur Gewährung militärischer oder materieller Hilfe
bereit.
Die wenigen und leicht bewaffneten Streitkräfte der Republik
Korea wurden zu Beginn des Krieges von dem Angreifer überwältigt.
Die kommunistischen Aggressoren besetzten mit Ausnahme eines
kleinen Brückenkopfes bei Pusan den größten Teil Koreas. Aber
die Streitkräfte Südkoreas gewannen schnell an Kampfstärke und
die Mitglieder der Vereinten Nationen gaben ihnen eine immer
größere Hilfe. Eine brillante? militärische Operation, die aus
einer kühnen Landungsaktion bei Inchon bestand, brachte die
Angreifer aus dem Gleichgewicht und ermöglichte dem UN-Oberkommando den Ausbruch aus dem Pusanbrückenkopf. Die Aggressoren wurden
in die Flucht geschlagen und waren militärisch gesehen kein
nennenswerter Gegner mehr.
Es schien, als ob jetzt die Vereinten Nationen ihre früher
unternommene Aufgabe, Korea zu einigen, zu Ende führen könnten.
So setzte die UN-Vollversammlung am 7. Oktober 1950 ein neues
Gremium ein, das unter dem Namen Kommission der UN für die
Vereinigung und den Wiederaufbau Koreas (UNCURK) bekannt geworden ist,und stellte ihm die Aufgabe, die Arbeit der früheren
Kommissionen zu beenden. Die neue Kommission begab sich nach
Korea.
Aber die langerstrebte Wiedervereinigung und Freiheit für
Korea sollte noch nicht Wirklichkeit werden. Eine weitere
kommunistische Aggression verhinderte dies. Im November 1950
entsandte das kommunistische Regime von China Scharen seiner
Streitkräfte nach Nordkorea. Die UN-Vollversammlung brandmarkte
mit 44 gegen sieben Stimmen bei 9 Enthaltungen diese Intervention als Aggression.
Das UN-Oberkommando wurde erneut gezwungen, seine Streitkräfte nach Südkorea zurückzuziehen. Aber sie kämpften sich
wieder soweit vor, daß den Aggressoren weniger Land verblieb
als zu dem Zeitpunkt, da sie zu ihrer ursprünglichen Aggression
über den 38. Breitengrad hinaus antraten.
Am 27. Juli 1953 wurde der Waffenstillstand mit dem UNOberkommando abgeschlossen. Dies war kein freiwilliges Friedensgeschenk der Kommunisten. Es wurde lediglich gegeben, nachdem
- 3 _

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

nachdem letzte fanatische Versuche, die Front des UN-Oberkommandos zu durchbrechen, mit ungeheuren Verlusten für den
Angreifer gescheitert waren. Und es wurde auch nur gegeben,
nachdem die Kommunisten erkannt hatten, daß das Kampfgebiet so
weit ausgeweitet werden würde, daß dies zu einer Gefährdung der
Basis der Aggression in der Mandschurei führen könnte, falls es
nicht zu einem schnellen Waffenstillstand kommen würde. Dann und
erst dann waren die kommunistischen Machthaber der Ansicht, daß
es zweckmäßig sei, den Waffenstillstand zu unterzeichnen.
Der Waffenstillstand sah vor, daß eine politische KoreaKonferenz innerhalb von drei Monaten stattfinden sollte. Die
Kommunisten fanden es jedoch unzweckmäßig, jener von allen
Beteiligten angenommenen Empfehlung zu entsprechen. Sie hatten
zuallererst nur den Wunsch, ihre Position in Nordkorea zu
festigen.
Erst jetzt ist die politische Korea-Konferenz nach einem
langen Feilschen über ihre Zusammensetzung und den Konferenzort zusammengetreten.
Die Zusammensetzung und der Konferenzort entsprechen genau
den Vorschlägen, welche die Vereinten Nationen vor sechs Monaten
machten.
Diese Tatsache: ermöglicht es einem, ein Urteil darüber zu
fällen, wer für diese Verzögerung verantwortlich ist.
Die Geschichte der sieben Jahre, die ich eben kurz dargestellt habe, ist die Geschichte eines ständigen Angriffs gegen
die Kräfte des Völkerrechts und der Ordnung, wie sie von den
Vereinten Nationen repräsentiert werden. Ob diese Aggression
die Oberhand behalten soll, kann von dieser Konferenz entschieden werden.
Während dieser siebenjährigen Periode von 1947 bis heute
haben sich die Regierungen von Frankreich, Großbritannien und
den Vereinigten Staaten bemüht, mit der Sowjetunion zusammen
Deutschland wiederzuvereinigen und Österreich zu befreien. Über
diese Fragen sind hunderte von Konferenzen zwischen den Außenministern oder ihren Beauftragten abgehalten worden. Nichts ist
bisher erreicht worden. Aber etwas hat man dabei gelernt. Es ist
nützlich, wenn die jetzige Konferenz diesen Tatbestand im Auge
behält, wenn die hier vorgebrachten Vorschläge von uns geprüft
werden.
Das Verhalten der sowjetischen Kommunisten scheint hauptsächlich von ihrer Furcht vor der Freiheit beeinflußt zu sein.
Die herrschende Klasse der Kommunisten glaubt, daß eine Gesellschaft am friedfertigsten und produktivsten ist, wenn ihre Mitglieder die Züge tragen, die ihnen von ihren Machthabern vorgeschrieben werden. Einer solchen Auffassung liegt notwendigerweise
die Unterdrückung der Freiheit zugrunde, denn Freiheit impliziert Verschiedenheit und nicht Gleichförmigkeit.
Aber

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Aber es genügt nicht, wenn die Freiheit in dem Gebiet unterdrückt wird, das heute den sowjetischen Einflußbereich darstellt.
Die Freiheit ist ansteckend. Deshalb darf die Freiheit außerhalb dieses Gebietes nicht zur Ruhe kommen. Das Gebiet, in dem
die Unterdrückung herrscht, muß ständig vergrößert werden, damit
das bestehende Gebiet der Unterdrückung erhalten werden kann.
So scheinen die kommunistischen Machthaber in der Sowjetunion durch ihre eigene Doktrin und ihre eigene Furcht dazu angetrieben worden zu sein, ihre Kontrolle auf die eine oder die
andere Weise auszudehnen zu suchen, bis schließlich das von
lenin als die 'Einschmelzung der Massen in einen einzigen
Staatenblock', bezeichnete Ziel erreicht ist.
Es mag vielleicht gesagt werden, daß Lenin und Stalin tot
sind. Wenn das auch zutrifft, so ist ihre Lehre jedoch nicht
tot. Sie wird weiterhin von den Kommunisten in aller Welt gelehrt und die Kommunisten fahren fort, in allen Teilen der Welt
danach zu handeln.
Nachdem, was die Geschichte bisher gezeigt hat, haben die
kommunistischen Machthaber noch zu keiner Zeit und an keiner
Stelle freiwillig ihren Griff um etwas, das sie besitzen, gelockert. Und dies trifft auch im Falle Ostdeutschlands, Österreichs und Nordkoreas zu, wo sie versprochen hatten, daß ihre
Besitznahme nur vorübergehender Natur sei. Darüber hinaus
arbeiten in allen nichtkommunistischen Ländern der Welt Agenten
des internationalen Kommunismus, um die 'Einschmelzung» dieser
Länder und ihrer Einwohner in das System der kommunistischen
Diktatur zu erreichen.
Das Problem, dem wir hier in Genf gegenüberstehen, ist das
gleiche, dem wir auch woanders gegenüberstehen. Es ist das
Problem, 'Frieden' und 'Demokratie' in der geschichtlichen
Bedeutung dieser Worte herzustellen. Dies sind eingängige
Worte, reich in ihrer traditionellen Bedeutung. Die kommunistische Propaganda hat sie als Köder benutzt, um die Unbedachtsamen zu fangen. Man muß sich daran erinnern, daß die Kommunisten, wenn sie von 'Frieden' sprechen, eine gleichgeschaltete
Gesellschaftsform unter einem einzigen Willen meinen. Wenn sie
von 'Demokratie' reden, so meinen sie eine 'Diktatur des
Proletariats'.
Das Fazit hieraus ist:
Wenn wir mit den sowjetischen Kommunisten und ihren Satelliten verhandeln, so stehen wir etwas weit Schlimmerem als
nur der Gier eines einzelnen oder eines ganzen Landes nach
Ruhm gegenüber. Wir stehen einem riesigen monolithischen System
gegenüber, das trotz seiner Stärke glaubt, es könnte nicht fortbestehen, es sei denn,es .gelänge ihm allmählich,die menschlichen
Freiheiten zu zerstören.
Ich gebe diese Analyse nicht aus pessimistischer, sondern
vielmehr aus einer sehr realistischen Stimmung heraus. Die
kommunistische Doktrin fordert Anpassung, wenn die Opposition
- 5 -

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

Opposition sehr stark ist. Unsere Aufgabe hier besteht darin,
eine solche Stärke für einen ehrenvollen und nicht-aggressiven
Zweck zu zeigen, daß die Kommunisten es zweckmäßig finden,
Korea Einheit und Freiheit zu gewähren.
Gestern wurden für die Lösung des Korea-Problems drei
Vorschläge gemacht. Die Republik Korea und die Republik Kolumbien befürworteten eine Lösung, die den Resolutionen der Vereinten Nationen für die Errichtung eines geeinten und freien
Koreas neues Leben verleihen.
Der Vorschlag des kommunistischen Regimes in Nordkorea
lautete jedoch etwas anders.. Er erwähnte nicht die Vereinten
Nationen oder deren Resolutionen. Diese sollen scheinbar als
nicht vorhanden betrachtet werden.
Der kommunistische Vorschlag ist seinem Wesen nach der
gleiche, der im Juni 1950 als Vorspiel für den bewaffneten Angriff auf die Republik Korea unterbreitet wurde. In gleicher
Weise ähnelt er dem Schema ganz auffällig, das die Sowjetunion
im vergangenen Februar in Berlin für die Wiedervereinigung
Deutschlands vorgeschlagen hat. Sie sehen, Konformität ist bei
den Kommunisten die Regel.
Der gegenwärtige kommunistische Korea-Vorschlag sieht vor,
daß die frei gewählte Regierung der Republik Korea, die wenigstens Dreiviertel des koreanischen Volkes vertritt, zu einer
Zusammenarbeit auf der Basis der Gleichberechtigung mit dem
kommunistischen Regime gezwungen wird, das nur eine kleine
Minderheit der Bevölkerung im Norden beherrscht.
Von den Kommunisten werden allgemeine Wahlen unter einem
Gesetz vorgeschlagen, gegen dessen Bestimmungen von dem kommunistischen Regime ein Veto eingelegt werden kann. Der Vorschlag .
setzt weiter fest, daß die Wahlordnung jegliche 'ausländische
Einmischung' ausschließen soll; vermutlich soll hierdurch eine
Überwachung durch die Vereinten Nationen ausgeschlossen werden.
Der Plan zielt auf die Zerstörung der bestehenden Regierung
und auf ihre Verdrängung durch eine kommunistische Marionettenregierung ab.
Der Vorschlag der nordkoreanischen Kommunisten verlangt
gleichfalls, daß alle ausländischen Streitkräfte aus dem
koreanischen Staatsgebiet innerhalb von sechs Monaten zurückgezogen werden. Die Streitkräfte der Vereinten Nationen würden
hierbei einen weiten Weg zurücklegen müssen. Die Streitkräfte
der chinesischen Kommunisten dagegen würden hierfür nur wenige
Kilometer benötigen. Sie könnten also schnell nach Korea zurückkehren.
Die Vereinigten Staaten wollen nicht, daß ihre Truppen auf
unbestimmte Zeit in Korea verbleiben sollen. Aber wir erinnern
uns, daß wir bereits schon einmal unsere in Korea stationierten
Truppen zurückgezogen haben und daß sich dies als voreilig herausgestellt hatte. I'Wir wollen nicht, daß sich die Geschichte wie-

- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Dies ist also der nordkoreanische Vorschlag. Die USA
müssen ihn zurückweisen, weil er nicht den Erfordernissen eines
freien, vereinigten und unabhängigen Koreas entspricht, für
das so viel Blut geflossen und so viel Leid erduldet worden
ist.
Der Friede ist immer einfach zu erreichen: nämlich durch
Kapitulation. Die Einheit ist gleichfalls leicht zu schaffen:
durch Kapitulation. Die schwere Aufgabe, die Aufgabe, der wir
gegenübergestellt sind, besteht darin, den Frieden und die
Einheit mit der Freiheit zu verbinden.
Die Bevölkerung der Republik Korea kennt die Freiheit und
sie hat für die Bewahrung ihrer Freiheit gekämpft und. gelitten
wie nur wenige andere Völker. Ich habe selbst die Freiheit in
der Republik Korea kennengelernt. Ich habe die Universität
von Seoul besucht und habe gesehen, wie die jungen Männer und
Frauen Koreas an einer freien, liberalen Institution voll Eifer
ihr Wissen zu vertiefen suchten. Ich habe einigen Sitzungen
des koreanischen Parlaments beigewohnt und habe die reibungslose Arbeitsweise dieses Gremiums kennengelernt, eines Gremiums,
dessen Mitglieder in freien, von einer Kommission der UN beaufsichtigten Wahlen gewählt wurden.
Ich bin in einer großen Versammlung mit Tausenden von
Flüchtlingen christlichen Glaubens zusammengekommen, die kürzlich aus Nordkorea geflüchtet waren, um der religiösen Verfolgung in dem kommunistisch beherrschten Norden zu entgehen und
der Freiheit der Religionsausübung teilhaftig zu werden, die
in der Republik Korea herrscht.
Die Republik Korea, welche so tapfer für die Freiheit gekämpft hat, wird niemals einer Einheit zustimmen, die mit einer
schlecht verhüllten Annexion durch den sowjetisch-kommunistischen
Block erkauft werden soll. Die Vereinigten Staaten haben über
eine Million ihrer jungen Männer nach Korea geschickt, um dort
zu kämpfen und das Land vor der gewaltsamen Annexion durch die
Aggressoren zu retten. Unsere Verluste betrugen hierbei über
140 000 Mann. Zweifellos sind wir nicht geneigt, hier am Konferenztisch irgendetwas wegzugeben, wofür unsere Söhne so tapfer
gekämpft haben.
Es ist eine Grundwahrheit,wenn man sagt, daß jedes Programm,
das hier für die Einigung Koreas angenommen wird,auch die Freiheit in Korea garantiert.
Ein durchführbares Programm für die Vereinigung Koreas
braucht .nicht erst von uns ausgearbeitet zu werden. Es ist
bereits vorhanden. Es wurde in der Resolution der UN-Vollversammlung vom 7. Oktober 1950 unterbreitet. Es ist diejenige Resolution, auf welche ich mich bereits bezogen habe. Hierbei wurde eine Kommission zur Herbeiführung der Vereinigung Koreas gebildet. Diese Kommission sollte die Wahlen in jenem Teil Koreas
überwachen, wo eine solche Wahlüberwachung bisher noch nicht
stattgefunden hat.
,..

�"AMERIKA DIENST"

28. April 1954

Die Kommission der Vereinten Nationen (UNGURK) befindet sich
gegenwärtig in Korea und ist jederzeit bereit, ihren von deP UN
erteilten klaren und genauen Auftrag auszuführen.
Die Erledigung dieses Auftrags würde die Einigung und die
Freiheit Koreas zustandebringen. Zwei Dinge, die zuerst durch
die sowjetische Obstruktionspolitik 1948, durch die kommunistische
Aggression Nordkoreas im Juni 1950 und dann durch die Aggression
der Rotchinesen im November gleichen Jahres verhindert worden sind.
Da nun die Aggression zum Scheitern gebracht worden ist, sollte
die unterbrochene Arbeit der Kommission weitergeführt werden. Das
ist unser Vorschlag.
Hierfür wäre die Zurückziehung der chinesischen AggressionsStreitkräfte durch die rotchinesische Regierung und die Beendigung ihrer Besetzung Nordkoreas erforderlich, so daß die Vereinten
Nationen ihre Aufgabe in einer von aller Bedrohung freien Atmosphäre
erfüllen können.
Es ist wichtig, die Freiheit nicht nur als die Freiheit des
einzelnen, sondern auch als die Freiheit der Völker zu sehen.
Korea ist eine Halbinsel von so großem strategischem Wert, daß
es seit Jahren im Blickfeld der großen Politik stand. Rußland,
Japan und China haben erfolgreich versucht, Korea in den Dienst
ihrer eigenen Expansionspolitik zu stellen. lange Zeit konnten
die Koreaner nicht über ihr eigenes Schicksal bestimmen. Dies
sollte nunmehr aufhören.
Die Vereinigten Staaten suchen keine Vorteile in Korea. Wir
stehen im Begriff,ein gemeinsames Sicherheitsabkommen mit der
Republik Korea abzuschließen. Diesem Abkommen liegen jedoch keine
Aggressiven Absichten zugrunde und die Vereinigten Staaten versuchen auch nicht»sich hierdurch eine vorgeschobene Position zu sichern, die irgend jemanden bedrohen könnte.
Japan ist nicht mehr länger eine aggressive Macht und hat in
loyaler Form zugesagt, daß es von jeglicher Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische
Unabhängigkeit irgendeines anderen Landes Abstand nehmen wird.
Die Republik Korea selbst hat keine Ambitionen, die über
ihre natürlichen Grenzen hinausgehen.
Sind die Sowjetunion und Rotchina bereit, den Ambitionen zu
entsagen, denen die Kontrolle Koreas dient? Wenn ja, so wäre es
möglich, Korea die nationale Unabhängigkeit zu geben, die die
Vereinten Nationen für dieses Land erstreben und die die Koreaner
für sich selbst wünschen.
Ein derartiges Korea sollte natürlich Mitglied der Vereinten
Nationen werden und sich der zusätzlichen Würde und des erhöhten
Schutzes erfreuen, den diese Mitgliedschaft mit sich bringt. Man
sollte sich daran erinnern, daß die Republik Korea im Jahre 1949
um Aufnahme in die Vereinten Nationen nachsuchte. Ihre Aufnahme
wurde lediglich durch das Veto der Sowjetunion im Weltsicherheitsrat verhindert. Dies war ein weiteres Unrecht, das gutzumachen wir

�28. April 1954

"AMERIKA DIENST"

wir uns hier einigen sollten.
Da ist die Gruppe derjenigen, die der Ansicht sind, daß
sowohl die Erfahrungen der Vergangenheit, als auch die kühle
Überlegung der Vernunft die Fruchtlosigkeit und Vergeblichkeit
der von uns unternommenen Aufgabe erweisen. Ich unterschätze
die Schwierigkeiten dieser Aufgabe nicht. Aber ich bin immer
noch der Ansicht, daß wir den Mut nicht verlieren dürfen, und daß
es keine bloße Zeitvergeudung ist, wenn wir mit allen uns zur
Verfügung stehenden Mitteln unser uns angemessenes Ziel zu erreichen suchen.
Wir rufen uns die in der Vergangenheit begangenen Fehler
und Versager mit aller Genauigkeit ins Gedächtnis, damit wir
aus den Erfahrungen lernen können. Aber wir dürfen uns auch
dessen erinnern, daß die Zukunft niemals eine bloße Wiederholung
der Vergangenheit ist.
Wir brauchen unsere Hoffnungen nicht im eisigen Hauch
kalter logik dahinschwinden lassen. Wir wissen, daß diejenigen,
die im Glauben leben, am Ende doch über diejenigen triumphieren
werden, die nur auf das nackte Kalkül vertrauen.
Es ist richtig, daß Korea vereinigt und eine freie und unabhängige Nation werden sollte, eine Nation, die imstande ist,
ihr Geschick in die Hand zu nehmen, das den friedlichen Aspirationen ihrer Bevölkerung entspricht.
Es ist richtig, daß die Vereinten Nationen als eine Autorität gestärkt werden, an die sich alle Völker für alle Zeiten
wenden können, um sich vor der Geißel des Krieges zu bewahren
und die Würde, Werte und gleichen Rechte der großen und kleinen
Nationen sicherzustellen.
Es ist unsere Pflicht, diese Ziele mit Hingabe und einer
Reinheit des Herzens zu verfolgen, die kein Machtstreben und
keine Selbstherrlichkeit zuläßt. Dann haben wir unseren Teil getan, um den Grundsätzen der moralischen Ordnung zu dienen, die
den Menschen und Nationen gesetzt sind.

* #

- 9-

�A M E R I K A

E N S T

ARBEITER IN KETTEN IM ARBEITERPARADIES
Trotz kommunistischer Auskunftsverweigerung wird die Arbeit
ctes UN-Untersuchungsausschusses für Zwangsarbeit fortgesetzt

UN, NEW YORK — (Amerika Dienst) — Sechs Nationen - die
Vereinigten Staaten, Großbritann ien, Frankreich, Norwegen,
die Türkei und Ekuador - beantra gten bei der UN, daß die
Internationale Arbeitsorganisati on (ILO) in ihren Bemühungen um die Abschaffung aller Sys teme der Zwangsarbeit in
der gesamten Welt nicht nachlass en solle.
In einer gemeinsamen Resoluti on, die dem Wirtschaftsund Sozialrat vorgelegt wurde, v erurteilten sie die Systeme der Zwangsarbeit als Mitte 1 zur Ausübung eines politischen Drucks und wirtschaftl icher Ausbeutung.
Die Resolution selbst basierte auf dem Bericht des im
Juni 1951 vom Generalsekretariat der UN und der Internationalen Arbeitsorganisation ins leben gerufenen Sonder(ad hoc)-Ausschusses zur Untersuchung der Zwangsarbeit.
Nach einer erschöpfenden und unparteiischen Untersuchung
der Beschwerden, die gegen insgesamt 24 Regierungen vorgebracht worden waren, gab der Ausschuß im vergangenen Juni
einen langen Bericht heraus. Dieser Bericht kam zu dem
Ergebnis, daß das System der Zwangsarbeit hinter dem
Eisernen Vorhang sowohl für politische als auch für wirtschaftliche Zwecke weitgehende Verwendung findet. Der
Ausschuß stellte fest, daß in der Sowjetunion das System
der Zwangsarbeit sowohl als Mittel zur zwangsweisen Herstellung einer politischen Einheitlichkeit wie auch zur
wirtschaftlichen Ausbeutung existiere. Aus den vor dem
Ausschuß abgegebenen Erklärungen ging hervor, daß das sowjetische System der Zwangsarbeit von größter Bedeutung
für die nationale Wirtschaft sei, da es billige Arbeitskräfte für die Arbeit in unterentwickelten und ungesunden
Gebieten zur Verfügung stelle. Es wurde festgestellt, daß
die Zahl derjenigen, die zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion verurteilt sind, in die Millionen gehe.
Die drei Mitglieder des Sonderausschusses stellten weiter fest, daß von den anderen Gebieten hinter dem Eisernen
Vorhang auch das tschechoslowakische Regime ein System der
- 1 -

�5. Mai

"AMERIKA DIENST"

1954

der Zwangsarbeit besitze, das sie für politische und wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen verwende. In Bulgarien, so erklärte der Ausschuß weiter, biete die bestehende Gesetzgebung die geeignete Grundlage für die Anwendung der Zwangsarbeit als Mittel zur politischen "Korrektion" und Erfüllung der wirtschaftlichen Pläne des Landes. Darüber hinaus
besitzen nach Peststellung des Ausschusses Rumänien, Polen
und Ungarn Gesetze und Bestimmungen, die die Grundlage zur
Anwendung des Zwangsarbeits-Systems sowohl auf politischem
als auch auf wirtschaftlichem Gebiet bilden.
In seinem Bericht erklärte der Ausschuß, daß er nicht
imstande sei, Größe, Lage und Zahl der Lager anzugeben,
in denen hinter dem Eisernen Vorhang Zwangsarbeit ausgeführt werde.
Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des Berichtes
im vergangenen Jahr hatte der amerikanische Chefdelegierte
bei den UN, Henry Cabot Lodge erklärt: Er "legt die Ketten
des Kommunismus selbst bloss, so daß alle sie sehen können".
Lodge verurteilte "diejenigen, die vorgeben, die Rechte
der Arbeiter zu verteidigen", in Wirklichkeit jedoch gerade diese Rechte verletzen "durch Methoden, die zu Verfolgung und Terror führen."
Der Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) beschäftigt sich
nunmehr als erste Körperschaft der UN mit einer eingehenden
Diskussion aller Einzelheiten des Berichtes. Die letzte
Generalversammlung verlangte, daß der Bericht in der laufenden Sitzungsperiode der ECOSOC bevorzugt behandelt werde. Sie wies auf die Wichtigkeit der Abschaffung aller
Arten von Zwangs- und "Korrektur"-Arbeit hin und bat abermals alle Regierungen, die es bis dahin noch nicht getan
hatten, die notwendigen Informationen dem ad hoc-Ausschuß
zuzuleiten. Die einzigen Antworten, die von den Regierungen
des Sowjetblocks kamen, waren Ablehnungen, die damit begründet wurden, daß der Ausschuß ungesetzlich sei.
# * *

Anschließend geben wir die wesentlichsten Teile der
Ansprache wieder, die der amerikanische Vertreter Preston
Hotchkiss vor dem Wirtschafts- und Sozialrat der UN am
23. April 1954 hielt»
"Herr Präsident,
... Zwangsarbeit ist ein Anachronismus, aber sie existiert
trotzdem immer noch im 20. Jahrhundert. In ihrer ausgeprägtesten
Form bedeutet sie ein Leben, das schlimmer ist als der Tod und
zu dem diejenigen verurteilt sind, die es wagen, an einer totalitaristischen Regierung zu zweifeln; sie ist ein Rückfall in
die Sklaverei der dunklen Vorzeit, die von der kommunistischen
Diktatur zur Massenliquidation der Opposition angewandt wird.-

�"AMERIKA DIENST"

5- Mai 1954

Im Dezember 1953 verurteilte die Generalversammlung, empört
über das in dem Bericht des ad hoc-Ausschusses zur Untersuchung
der Zwangsarbeit zusammengefaßte Tatsachenmaterial, in strenger
Form die Zwangsarbeit als eine direkte Verletzung der feierlichen Verpflichtungen der Charta der Vereinten Nationen. Dieses Vorgehen der Generalversammlung geschah nahezu einstimmig,
denn nur fünf Stimmen wurden dagegen abgegeben - von denen, die
das von Lenin verheißene sogenannte "Arbeiterparadies" repräsentierten.
Dieser Bericht wird fast ausnahmslos als ein Markstein in
der Geschichte des Kampfes der Menschheit gegen Freiheit von
Unterdrückung angesehen.
Außerhalb der sowjetischen Welt wurden die erhobenen'Anklagen sorgfältig überprüft. Die Regierungen haben bei der Zusammenstellung aller Daten und Fakten tatkräftig mitgewirkt. Es
gab gewisse Anzeichen, daß die Regierungen im Verlaufe der Untersuchungen des Ausschusses ihre eigenen Praktiken einer Revision unterzogen haben. Das Tatsachenmaterial, das dem Ausschuß
bei seinen Untersuchungen als Unterlage diente, war für die
involvierten Regierungen von größter Bedeutung. Es appellierte
an ihr Gewissen und an ihre moralischen Verpflichtungen gegenüber
ihrem eigenen Volk und den Völkern der Welt.
Es ist von größter Bedeutung - dabei allerdings leicht verständlich - daß die schwärzesten Feststellungen des Ausschusses
gerade diejenigen Länder betrafen, die sich weigerten, mit dem
Aussdnß in irgendeiner Weise zusammenzuarbeiten.
Die höchste Mißachtung und Schmähung der Wertmaßstäbe der
menschlichen Ehre und Freiheit, die die Vereinten Nationen repräsentieren, drückt sich klar in den Antworten der Tschechoslowakei und der Sowjetunion auf die Anfragen des Ausschusses aus.
Darüber hinaus wird diese Mißachtung auch durch deren dauernde
Weigerung offenbar, an den Untersuchungen mitzuarbeiten, selbst
nachdem die Generalversammlung eine solche Mitarbeit in ihrer
Resolution vom 7. Dezember 1953 gefordert hatte. Etwa sechs
Wochen später, am 22. Januar 1954, setzte die Delegation der
UdSSR das Generalsekretariat davon in Kenntnis, daß sie sich
auch weiterhin weigerten, mitzuarbeiten, und charakterisierte
den Bericht wiederum als "verleumderisch" und "provokativ".
Die Delegationen der Polnischen Volksrepublik und der Tschechoslowakei folgten diesem Beispiel am 1. bzw. 10. März.
Diese letzten Antworten müssen als das ausgelegt werden,
was sie wirklich sind - ein unverfrorener Versuch, die Technik
der "großen Lüge" dafür zu verwenden, eine Reihe von nachgewiesenen Tatsachen zu bestreiten, die bereits in der ganzen zivilisierten Welt Anstoß erregt haben.
Die Mitglieder dieses Rates sind vertraut mit den Feststellungen des ad hoc-Ausschusses und dem unparteiischen Ton,
in dem sie gehalten sind. Die Zurückhaltung, die Untertreibungen
und die vorsichtige Art, mit der die drei bedeutendsten Mitglieder
- 3_

�"AMERIKA DIENST"

5- Mai 1954

Mitglieder sich allmählich ihre Schlüsse bildeten, bezeugt sowohl
ihre eigene Kompetenz als auch die Solidität ihrer Feststellungen.
Diese drei Mitglieder hielten sich an den Grundsatz der
Rechtsprechung^, daß ein Angeklagter als unschuldig gilt, bis
seine Schuld erwiesen ist, selbst im Falle von Aussagen gegen
Länder, die ihren eigenen Bürgern dieses Recht nicht gewähren.
Sie waren dabei häufig behindert durch die Weigerung der länder
jenseits de*s Eisernen Vorhangs, (an der Klärung der Dinge) mitzuarbeiten. Die einzigen Kommentare dazu aus der Sowjet-Welt
erhielt das Komitee durch die Debatten während der Ratsversammlung.
Jedoch, obwohl es diese mit in Rechnung zog, sah sich das Komitee
zu dem Schluß gezwungen, daß der Zwangsarbeit in ihrer verwerflichsten Form in der Struktur der Sowjet-Union eine bedeutende
Rolle zukommt, und daß ihr die Satellitenstaaten in papageienhafter Nachahmung einen gleichwertigen Platz zugewiesen haben.
Das Komitee stellte fest, daß die Zwangsarbeit als politische
Waffe dazu gebraucht wird, alle Freiheit zu unterdrücken. Das
bedeutet, daß die Mehrzahl der Zwangsarbeiter nach den Rechtsnormen der freien Welt nicht als kriminelle, sondern als politische Gefangene zu gelten hätten. Dazu wurde eine weitere Form
der Zwangsarbeit festgestellt. Diese besteht in dem Zwang, für
den Staat zu arbeiten wie der Staat es befiehlt, wobei es keine
Freiheit der Berufswahl oder Wahl des Arbeitsplatzes gibt.
Die Zeugenaussagen der Opfer dieser Sklaverei, die von dem
Komitee als solche ermittelt wurden, sind nur im Anhang zu dem
Bericht zusammengefaßt. Man möchte fast wünschen, daß die vollen
Akten veröffentlicht und ihr Inhalt der Welt vor Augen geführt
werden könnte; dennoch kann man die Entscheidung des Komitees,
von einem solchen Schritt Abstand zu nehmen, verstehen. Die Verfahrensweise des Komitees wurde von dem Vertreter der Sowjetunion
im Dritten Komitee der Achten Generalversammlung als im Zeichen
des geheimen Charakters der "verleumderischen" und "provokatorischen" Angriffe auf die UdSSR stehend, kritisiert. Ich frage
mich, ob die UdSSR wirklich wünscht, daß die Protokolle von den
Zeugenaussagen, die vor dem Komitee gemacht wurden, in ihren erschreckenden Einzelheiten veröffentlicht werden. Aus diesen Akten werden nicht nur die Tatsachen der Zwangsarbeit ersichtlich,
sondern auch andere Verletzungen der Menschenrechte und der einfachsten Anstandsregeln wie die tragische Zerreißung von Familien, die Trennung von Eheleuten, von Müttern und Kindern, die
Brutalität des Vorgehens, die unvernünftigen und schweren Arbeiten, die Frauen und Kinder verrichten mußten, der grausame Übergang aus Träumen und Hoffnungen auf eine Zukunft zum Alpdruck
eines Lebens im Gefangenenlager - summa summarum, die Zertrümmerung
unzähliger Menschenleben. Ich möchte Ihnen hier nur einen Teil
jener Dinge aufzählen, die 118 ehemalige Insassen eines Zwangsarbeitslagers in der Sowjetunion, Landarbeiter, Hilfsarbeiter,
Buchhalter, Betriebsleiter, Ingenieure, Journalisten erlebten.

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

In den meisten Fällen wurde das Opfer in tiefster Nacht aus
seinem Hause geholt, wobei der Betroffene nichts mitnehmen dürfte,
als die Kleider, die er anhatte. Er mußte sich langen und wiederholten Verhören unterziehen, die oft von seelischem Zwang und
körperlichen Mißhandlungen begleitet waren.
Nach dieser Inquisition wurden die Opfer gewöhnlich noch zu
einem Scheinverhör geholt, obwohl manche auch ohne Verhör in die
Arbeitslager geschickt wurden. Manchen wurde der Prozeß in
absentia gemacht. Es scheint überhaupt keine Regelung darüber zu
geben, ob ein Verfolgter ein Recht darauf hat, sich zu verteidigen oder einen Rechtsbeistand zu erhalten; manchmal wurde ein
Rechtsbeistand gewährt, manchmal nicht. Die Urteile wurden manöhmal nach nur viertelstündigen Verhören ausgesprochen. Nach der
Verhandlung wurden die Opfer in bewachten Güter- oder Viehwagen
in die Arbeitslager gebracht.
'Alle zwei Tage bekamen wir 400 g gesalzenen Fisch und täglich 300 g Brot,'sagte ein ehemaliger Lagerinsasse.'Manchmal
hatten wir zwei oder drei Tage kein Wasser. Gewöhnlich wurde
ein Eimer hingestellt, auf den sich 70 Menschen stürzten. Wer
schnell war, bekam was, viele gingen leer aus.'
Die Lager und Zellen bestanden gewöhnlich aus Baracken,
einer Krankenstube, Küche und Verwaltungsgebäuden, umschlossen
von Stacheldraht oder elektrisch geladenem Draht und Wachttürmen,
bewacht von patrouillierenden Hunden und bewaffneten Wächtern.
In vielen dieser Lager waren auch weibliche Gefangene, die im
wesentlichen auf die gleiche Weise behandelt wurden wie die Männer.
Die Quartiere der Frauen waren von denen der Männer gewöhnlich
getrennt, und für jeden Kontakt zwischen männlichen und weiblichen
Gefangenen gab es Strafen. Die Berichte der ehemaligen Lagerinsassen enthalten Beispiele von einem Sadismus und einer Verworfenheit, die an die Grenze des Fassbaren reichen.
In der Mehrzahl der Fälle wurde die Essensration im Lager
danach bemessen, ob der Gefangene seine Arbeitsnorm erfüllt hatte.
'Wer die Norm nicht erreichen konnte, erhielt 400 g Brot, wer.
mehr als das Soll leistete, bekam 800 g.'
Der Großteil der Personen, die über die Zustände in den
Zwangsarbeitslagern aussagten, berichteten, daß die ausgegebene
Kleidung sehr unzureichend war.
Einer hatte folgendes zu berichten:
'Theoretisch hätten wir volle Bekleidung erhalten sollen, aber
was wir bekamen war in einem ganz schlechten Zustand. Zerrissen
und schmutzig. Die Schuhe waren sehr schlecht.Eigentlich sollten
wir zwar nicht barfuß zur Arbeit gehen. Manchmal zerrissen die
Hunde die Kleider, aber in der Hauptsache gingen sie durch die
schwere Arbeit kaputt.'
Gewöhnlich

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Gewöhnlich gab es einen Lagerarzt, aber der war häufig selbst
ein Gefangener, und oft lag die ärztliche Betreuung nur in den
Händen von Krankenschwestern. Meistens gab es eine Krankenstube,
aber nicht immer, und wo es eine gab, waren Medikamente, Bandagen usw. nur sehr unzureichend vorhanden.
Die Zahl der Todesfälle pflegte unter diesen Umständen
recht hoch zu sein. Die Ursache war meistens Erschöpfung und
Unterernährung, Schutzlosigkeit gegenüber extremen Klimaverhältnissen sowie Arbeitsunfälle und gelegentliche Epidemien.
'Die meisten Gefangenen starben an der Ruhr, an völliger
Erschöpfung, an Erkältungskrankheiten und ihren Polgen,1 enthüllte einer der ehemaligen Gefangenen.
Manche Lagerinsassen durften Post verschicken und empfangen,
manche nicht. Wo Postverkehr erlaubt war, war dieser gewöhnlich
auf einen Brief im Monat beschränkt und alle ein- und ausgehende
Post ging durch die Zensur.
Die Verweigerung der Arbeit war mit schweren Strafen belegt.
Eines der Opfer berichtet:
'So zum Beispiel streikten 350 Gefangene mit dem Ziel, eine
ihrer Qualifikation angemessene Arbeit, einen achtstündigen Arbeitstag und Trennung von den Kriminellen durchzusetzen.- Sie
hungerten 15 bis 40 Tage lang. Alle wurden erschossen. In anderen Fällen wurden den Protestierenden Aufbesserungen versprochen, aber die Versprechungen wurden niemals eingehalten. Sie
wurden auf die Schreibstube geschickt und dann in andere Lager
gebracht. Oder sie kamen in Einzelhaft. Jeden Tag verweigerten
einige die Arbeit und wanderten in Einzelhaft. Wenn ein Einzelner sich auflehnte, wurde es als Verbrechen betrachtet,
schlimmer jedoch war es, wenn die Weigerung gruppenweise erfolgte. Dann bekam der Einzelne ein, zwei oder drei weitere
Jahre zu seiner Haftstrafe hinzu, ging für Monate in Einzelhaft
und erhielt Strafverpflegungssätze. Außerdem darf man sagen,
daß kaum irgend eine Beziehung zwischen den einzelnen 'Verbrechen' und den jeweiligen Strafen bestand* Fast jede Strafe kann
für jedes 'Verbrechen' verhängt werden.'
Die Strafverließe waren furchtbar. Es waren dunkle unterirdische Gewölbe ohne Heizung, Licht oder Decken. Als Betten
dienten bloße Pritschen. 'Zuweilen bekamen die Gefangenen
300 g Schwarzbrot am Tag, manchmal auch gar-nichts* berichtet
einer der Männer.
Eine der furchtbarsten Einrichtungen des Lagers waren die
•Blatnois', eine organisierte Gruppe von Gewohnheitsverbrechern.
Aus Berichten über ihre Tätigkeit geht hervor, daß sie die anderen Gefangenen quälen, bestehlen und sie durch Gewalt zwingen,
ihnen ihre Rationen zu überlassen. Sie schlagen sich auch unter
sich und manchmal kommt es vor, daß sie einen der ihren oder
einen nicht-kriminellen Gefangenen töten. Diese Tätigkeit der
Blatnois wird gar nicht oder selten bestraft.
_

�5. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Es gab Gerüchte über einige durch die Tätigkeit des ad hocKomitees bedingte Verbesserungen in den Lagern. Und natürlich
gab es sogenannte Amnestien. Die UdSSR stellte vor einem Jahr
eine solche in Aussicht, und die 'souveränen' Staaten, die den
Ostblock ausmachen, ahmten den Sowjeterlaß nach und brachten
ihn mit kleinen Abänderungen heraus. Doch von diesen Amnestien
wurden politische Gefangene sorgfältig ausgenommen. Wenn wirklich Verbesserungen irgendwelcher Art im Vollzug der Zwangsarbeit durchgeführt wurden, dann hat die Welt ein Anrecht darauf,
von den angeklagten Ländern über die Situation unterrichtet zu
werden. Wenn die UdSSR und ihre Satelliten auch nur die geringste
Achtung vor den Grundsätzen haben, auf denen die Vereinten Nationen sich aufbauen, muß der Eiserne Vorhang fallen und eine
volle und vorbehaltlose Öffnung stattfinden.
Trotz intensiver Arbeit war das Komitee nicht in der Lage,
seine Aufgabe in vollem Umfange zu bewältigen. Insbesondere im
Falle Albaniens und Chinas war das Komitee außerstande, zu endgültigen Ergebnissen zu gelangen. Aber es muß vermerkt werden,
daß das Komitee die Beschuldigungen gegen Albanien und China
keineswegs entkräftete, wie es in einigen Fällen geschah, wo
es keine Bestätigungen vorfand.
Von der Regierung Enver Hodscha wurde strengste Zensur
verhängt, um die Außenwelt daran zu hindern, über Albaniens
innere Angelegenheiten einschließlich der Sklavenarbeit irgend
etwas zu erfahren. Reisenden, Korrespondenten und anderenPublizisten aus demokratischen Ländern ist die Einreise gesperrt.
Und die Albanier selbst sind in ihrer Bewegungsfreiheit behindert durch Gesetze und bewaffnete Grenzwachen. Gesetze, Erlasse
oder administrative Anordnungen, gerichtliche Verfahren, interne
politische Ereignisse, alle staatlichen Angelegenheiten werden
von den albanischen Zeitungen nur soweit veröffentlicht, wie
es der Regierung paßt. Ist es daher noch länger verwunderlich,
daß das ad hoc-Komitee nach seinen eigenen Worten über ''keine
Dokumentationen im Hinblick auf Albanien'' verfügt? Und doch
gibt es Mittel und Wege, fragmentarische Kenntnisse über das
zu erlangen, was in diesem abgeschirmten Staate vor sich geht.
Ich zitiere eine albanische Zeitung, um zu zeigen, daß das
Hodscha-Regime eine Politik der Sklavenarbeit verfolgt. Es handelt sich um einen Bericht, der in der albanischen Zeitung
'Bashkimi' am 23. Mai 1952 veröffentlicht wurde, und zwar die
Wiedergabe einer Rede, in der der Justizminister Billil Klosi
dem Parlament einen neuen Strafgesetzentwurf vorlegte. Hier
seine Worte; 'Was sind die Grundlinien dieses Gesetzentwurfes?
Die des sowjetischen Strafrechts. Bei Verbrechen gegen den Staat
hat Komplizentum eine weitreichendere Bedeutung. Hier ist die
bloße Teilnahme an einer gegen die Regierung gerichteten Gruppe
bereits als ausgeführtes Verbrechen zu betrachten.' Über den
Strafvollzug führte der Justizminister aus: 'Der Strafvollzug
hat nicht nur die Aufgabe, Delinquenten zu bestrafen, sondern
sie zu erziehen und unsichere Elemente niederzuhalten... Die
- 7 -

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Die Hauptarten des Strafvollzugs sind die Todesstrafe, Gefängnis,
Deportation in 'Korrekturlager, Zwangsarbeit und öffentliche Zensur.'
Das Zeugnis von 300 Albaniern, die der dunklen Tyrannei ihres Landes entkamen, berichtet von dem Schicksal der Menschen,
die unter diesem Regime gelitten haben. Der Bericht dieses
Schicksals steht für die unhörbare schmerzliche Klage all der
ungezählten Männer, Frauen und Kinder, die in die dem Tode geweihte Bruderschaft der kommunistischen 'Umerziehung' aufgenommen wurden. Es ist die Furcht einflößende Geschichte von dem
mitternächtlichen Schlag an das Hoftor, der Anklage, der unabwendbaren Verurteilung.
Unter diesen Berichten ist auch der des Reshad Age-i.j, eines
Stenographen derselben Zeitung (Bashkimi) während der ersten
Tage der Herrschaft des kommunistischen Regimes. Zwei lochen
vor dem Weihnachtsfest des Jahres 1946 - fast vier Jahre ehe
der neue Strafkodex eingeführt wurde - wurde Agaig von der
albanischen politischen Polizei festgenommen. Man beschuldigte
ihn, Nachrichten der britischen Rundfunkgesellschaft weitergegeben zu haben, der Verbreitung regierungsschädlicher Propaganda und des Kontakts mit den Reaktionären. 'Dann kam der
mutwillig vom Zaun gebrochene Prozeß, die wirkungslosen Beteuerungen der Unschuld, die Gefangenschaft, die Überführung
in ein Arbeitslager im Bezirk Tirana, die weitere Verlegung
nach dem Lager Woldischti im Distrikt Korea, wo das Dasein nur
noch ein Alptraum war. In fensterlosen Baracken, in denen die
Türen im Sommer offen standen und die im Winter nicht geheizt
wurden, schliefen die Männer dicht aneinandergedrängt Schulter
an Schulter auf dem blanken Fußboden. Sanitäre Einrichtungen?
Für die 1400 Zwangsarbeiter im Lager gab es drei Latrinen - und
einen einzigen Ziehbrunnen für Trink- und Waschwasser. Nicht
einmal in 12 Monaten war das Lager desinfiziert worden. Für die
1400 Insassen des Lagers waren bei einer Massenansteckung drei
Ärzte verfügbar - ebenfalls Verurteilte. Ihr Arzneischränkchen
enthielt nichts außer Atebrin, das sie ohne Zustimmung der Lagerleitung nicht verabreichen durften. Der Arbeitstag begann
um 5 Uhr morgens, nach einem mageren Frühstück, das aus Brot
und 'synthetischem' Tee bestand, und endete um 6 Uhr abends. Jeder Zwangsarbeiter wurde dazu angetrieben, seine Norm im Grabenziehen zu erfüllen. Nichterfüllung bedeutete Kürzung der bereits
mageren Rationen und körperliche Züchtigung. 140 von uns vollendeten in weniger als einem Jahr ihre 'Erziehung' und wurden von
ihrem Schicksal befreit - durch den Tod'.-Wenden wir uns nun
China zu. Das Mutterland ist von den Kommunisten beherrscht. Die
vielleicht offenste Bestätigung der Existenz von Zwangsarbeit in
China kam von Lo Jui-Ch'ing, dem Minister für Öffentliche Sicherheit, im Rahmen eines Artikels, der unter der Überschrift 'Die
machtvolle Organisation zur Bekämpfung der Gegenrevolutionäre *
in der 'Peiping Jen Min Jih Pao' veröffentlicht wurde. Er
eröffnet in einem einzigen Absatz, daß Zwangsarbeit dazu benutzt wird, die Feinde des
- 8 -

�'AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954-

des Peking-Regimes zu 'reformieren' und zu 'liquidieren'} und daß
sie - nämlich die Zwangsarbeit - jp.aowohl von wirtschaftlicher
als auch von politischer Bedeutung sei.
Ich zitiere diesen Absatz wörtlich;
'Die Verurteilung von Gegenrevolutionären zu Zwangsarbeit
ist sattcüein unentbehrliches Mittel bei der Liquidation der
aufständischen Klasse, als auch ein elementares Verfahren für
eine gründliche Umwandlung der Verbrecher in neue menschliche
Wesen. Diese Art der Reform ist eine Kombination der Reform
auf dem Gebiet der Politik und des Arbeitsmarktes einserseits
und ferner eine Kombination von Strafe und Erziehung ... Es ist
Sache aller Abteilungen oder Volksregierung und der Organe der
öffentlichen Sicherheit ihr besonderes Augenmerk darauf zu richten, um diesen Arbeitsprozeß, dem größte wirtschaftliche und
politische Bedeutung zukommt, zu einem vollen Erfolg zu machen.1
Im gleichen Artikel sagte Lo weiter, daß - ich zitiere 'eine große Zahl zu Gefängnis verurteilt worden war und sich
einer zwangsweisen Reform durch Arbeit zu unterwerfen hat.'
Die Kommunisten in China traten seit den ersten Tagen ihres Regimes für Zwangsarbeit ein. Der Kommunist C. Aichan Tao Tse-Tung
hielt damals eine Rede in welcher er ausdrücklich betonte, daß
er beabsichtige - wie er sich ausdrückte - 'die reaktionären
Klassen durch Arbeit umzuerziehen.' Und er fügte hinzu:'Wenn sie
nicht arbeiten wollen, der Volksstaat wird sie dazu zwingen.'
Ich zitiere einen anderen chinesischen Kommunistenführer
Tschu En-Lai.Auf der dritten Sitzung der Nationalen Politischen
Beratenden Konferenz berichtete er:
'In Übereinstimmung mit den Direktiven des Vorsitzenden Mao
(Tse-tung)... haben wir beschlossen, daß jene konterrevolutionären
Elemente die "Blutschulden" haben Unct nationale] Interessen ernstlaft geschädigt haben', zum Tode zu verurteilen sind und hingerichtet werden. Jene, die die Todesstrafe verdienen, aber keine
'Blutschuld1 auf sich geladen haben und die nationalen Interessen
weniger ernsthaft geschädigt haben, werden zwar auch zum Tode
verurteilt werden, aber ihre Hinrichtung wird auf zwei Jahre
hinausgeschoben, in denen sie auf Bewährungsfrist Zwangsarbeit
zu leisten haben.*
Die Bedeutung dieser Erklärung ist klar. Es ist eine Ausnutzung der nackten Drohung mit dem Tode und bedeutet Zwangsarbeit bis zum Äußersten. Diese Zitate werden jeden Menschen mit
aufgeschlossenem Verstand davon überzeugen, daß das kommunistische
Regime in China unumwunden seine Absicht der Anwendung der Zwangsarbeit zugegeben hat - es hat darüber hinaus der Welt mitgeteilt,
warum und für wen sie in Präge kommt.
Durch den Zehn-Monatsbericht der Provinzialregierung von
Kwangtung wurde ebenfalls die Existenz von Zwangsarbeit bewiesen.
Ku Ta-Chuan, Vizepräsident der Kwaigtung-Provinz, erklärte» daß

- 9-

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

daß 1571 Fälle von nach seiner Meinung •gegenrevolutionären Versuchen1 aufgedeckt wurden, wobei nahezu 90 000 Personen verhaftet worden seien. Von diesen wurden 28 000 erschossen, der Rest
zur "Reform durch Zwangsarbeit'' verurteilt.
Es war in einem solchen Lager,in dem Li Po-Schen, der frühere
Sekretär von Dr. Sun Yat-Sen»verschwand. Zu krank um gekochten
Reis zu sich zu nehmen, in einem Lager,in dem es keinerlei ärztliche Hilfe gab, versuchte er wenigstens Reiswasser zu erhalten.
Dafür wurde er geschlagen bis er zusammenbrach und am gleichen
Abend starb, 'nicht mehr zu erziehen' mit seinen mehr als sechzig Jahren.
Ich möchte nun noch kurz auf einen anderen Arbeitsbericht
aus dem chinesischen Mutterlande eingehen, der von Brajkishore
Shastri, einem prominenten Mitglied der Praja-Sozialistischen
Partei Indiens, der das kommunistische China im April und Mai
vergangenen Jahres besucht hat, zusammengestellt worden ist.
Seine Eindrücke von diesem sechswöchigen Aufenthalts in China
•wurden, in Bombay, in der Praja-Sozialistischen Wochenzeitung
'Janata' veröffentlicht. Von seinem Besuch des Yangtse-Tal-Projekts erzählte er: 'An die 5 000 Arbeiter waren hier beschäftigt. Jede Arbeit, ob es sich um Steine brechen, Tunnel schlagen
oder Steine räumen handelt, wurde von den Männern mit der bloßen Hand ausgeführt. Die dürftigen Werkzeuge wurden von den Arbeitern wie Museumsstücke behandelt. Sobald wir aus dem Bus stiegen, gab man uns dunkle Brillen und dünne Schleier zum Schutze
gegen die Staubstürme. Die Arbeiter hatten nichts dergleichen.
Ich war entsetzt. Ein Mensch ist schließlich kein Tier. Selbst
zum Wiederaufbau eines Landes sollte er nicht als ein bequemes
Werkzeug benutzt werden.'
Und noch ein wenig mehr von Mr. Shastris Bericht:
'Die meisten dieser Arbeiter waren von weit entfernten Orten hierher gebracht worden und selbst wenn sie wollten, könnten
sie ihre Arbeit hier nicht aufgeben um anderswo eine neue zu
suchen. Die Kommunistische Partei in China und ihr Vorsitzender
Mao Tse-tung hatten den Befehl zur Arbeit für alle gegeben;
vielleicht war es Zwangsarbeit wie diese, die im Westen Schilderungen von 'Konzentrations-Arbeits-Lagern' und 'Zwangsarbeit'
hervorgerufen hat.'
Vielleicht wird die Kritik einzuwenden haben, daß sowohl
in dem kommunistischen China als auch in Albanien die angeführten Beispiele von Zwangsarbeit und di« Gesetze, die den Zwangsarbeitsprogrammen als Grundlage dienen, zwei oder mehr Jahre
zurückliegen. Vielleicht mögen einige von Ihnen versucht sein
zu sagen, bei dem allen handle es sich um alte Informationen.
Geben Sie dieser Versuchung nicht nach. Denn das ist etwas Neues es ist ein Ungeheuer, das in unserer Zeit geboren und seit dem
Endes des letzten Krieges zu den Ausmaßen eines Drachens großgezogen wurde. Es ist ein Ungeheuer»geschaffen nach dem Vorbild
des Kremls, das in jedem Lande, das versklavt wurde, aufs neue
- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

5, Mai

1954

neue losgelassen wird. Gerade jetzt wartet es darauf, daß ihm erlaubt wird, in die Assoziierten Staaten von Indochina einzudringen.
Die Mittel, deren wir uns bedienen, um der Welt die Tatsachen der Zwangsarbeit vor Augen zu führen, müssfn in ihrer Anwendung besonders wirkungsvoll sein. Die Arbeit des ad hoc-Ausschusses hat eine feste Grundlage geschaffen für das, was noch
vor uns liegt. Es bestehen günstige Aussichten für den Vorschlag,
den Ausschuß weiterbestehen zu lassen. Die Vereinigten Staaten
sind bereit, einen Vorschlag dieser Art zu unterstützen. Wir
sind der Ansicht, daß wir ein sachkundiges Gremium brauchen, um
den vor den Vereinten Nationen erbrachten Nachweis über das Vorhandensein von Zwangsarbeit auszuwerten. Zu einem geeigneten
späteren Zeitpunkt wird die Regierung der Vereinigten Staaten
möglicherweise den Wunsch haben, derartige Vorschläge den
Vereinten Nationen zu unterbreiten.
Für den Augenblick indessen kann die Fortführung der Untersuchung, die auf der Grundlage der von dem Ausschuß aufgestellten
gesunden Prinzipien begonnen hat, sehr wohl dem Generalsekretär
der Vereinten Nationen und dem Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation zur gemeinschaftlichen Behandlung anvertraut werden.
Die gemeinsame Entschließung, die wir zusammen mit den Delegationen von Ekuador, Frankreich, Norwegen, der Türkei und
Großbritannien eingebracht haben, führt diesen Gedanken aus. Sie
sieht in Absatz 5 (B) die Vorlegung neuen Informationsmaterials
jeglicher Art über Zwangsarbeitssysteme vor, einerlei ob diese
de jure oder de facto bestehen. Sie gestattet die Unterbreitung
von Informationsmaterial seitens verantwortlicher Quellen - Regierungsmitgliedern, Spezialämtern und nichtbehördlichen Organisationen beratenden Charakters» Den beteiligten Regierungen wird
Gelegenheit gegeben, Erklärungen zu dem in dieser Weise übermittelten Informationsmaterial abzugeben. Die Entschließung sieht
weiter vor, daß dieses Informationsmaterial zusammen mit etwaigen
von den beteiligten Regierungen abgegebenen Erklärungen in einen
Bericht aufgenommen wird, welcher der 19« Ratstagung erstattet
werden soll.
Ich möchte die Natur dieses Berichtes, zu dem die dem Rat
vorliegende gemeinsame Entschließung die Ermächtigung geben würde,
vollkommen klar machen und ebenso auch feststellen, wozu sie keine
Ermächtigung verleiht.
Der Wortlaut der Entschließung ist sorgfältig gewählt. Sie
faßt einen Bericht ins Auge, der auf neuen Informationen beruht
und sich auf wirkliche Information und nicht auf unbewiesene
Behauptungen stützt. Das würde eine nochmalige Vorlegung des in
dem Bericht des ad hoc-Ausschusses enthaltenen Materials ausschließen,
-r.

- 11 -

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Es soll ferner ein Bericht sein, der sich mit den Systemen
der Zwangsarbeit in dem Sinne befaßt, in dem solche Systeme von
dem ad hoc-Ausschuß definiert und in ihrem Charakter herausgearbeitet worden sind. Die Entschließung sieht aber nicht einen
Bericht vor, der außerdem Informationen über zahlreiche andere
Prägen enthält. Um mich ganz präzise auszudrücken; Die Entschließung erlaubt nicht, daß - ich will mir eine Redewendung
ausborgen und sie benutzen, wo sie wirklich am Platze ist •verleumderische und provozierende' Belanglosigkeiten mit in
den Bericht eingeschlossen werden, ähnlich denen, die der ad
hoc-Ausschuß schon weggelassen hat.
Die Verantwortung für die Ausarbeitung eines sorgfältigen
Berichtes dieser Art ist schwer. Ich bin überzeugt, daß der
Generalsekretär der Vereinten Nationen und der Generaldirektor
der Internationalen Arbeitsorganisation
ihre Verantwortung
in einer Weise erfüllen werden, die ihren Bericht zu einer
hervorragenden Ergänzung des von dem ad hoc-Ausschuß in Angriff
genommenen Werkes machen wird.
Die Entschließung verlangt auch die Mitarbeit von Regierungen, die den ihnen vom Ausschuß übersandten Fragebogen nicht
beantwortet haben. Das bedeutet einen wichtigen Schritt zur
Gewinnung weiterer Informationen über. . Zwangsarbeit und trägt den
Wünschen der 8. Generalversammlung Rechnung. Derartiges Informationsmaterial würde dann auch in den Bericht des Generalsekretärs und des Generaldirektors der Internationalen Arbeitsorganisation aufgenommen werden.
Aber auch während wir fortfahren, die Tatsachen noch weiter zu erforschen, dürfen wir nicht nachlassen in der Verurteilung dieser unmenschlichen Verfahren, die mit solch überzeugender Kraft zu unserer Kenntnis gebracht worden sind. Die
dem Rat vorliegende Entschließung verdammt unzweideutig jegliche Zwangsarbät und richtet, in Befolgung der Empfehlungen
des ad hoc-Ausschusses, einen Appell an die Regierungen, die
Gesetze und Verfahren, die zu dieser Untersuchung Veranlassung
gegeben haben, einer erneuten Prüfung zu unterziehen.
Die Vereinten Nationen sind als das Gewissen der zivilisierten Welt bezeichnet worden. Ich empfehle nachdrücklich die
Annahme dieser Entschließung als ein Zeichen dafür, daß dieses
Gewissen wach ist."
* # * * *

- 12 -

�A M E R I K A

E N S T

DIE ATOMKRAFT, DIE AMERIKANISCHE UNI DIE
WELTWIRTSCHAFT
NEW YORK - (Amerika Dienst) - Im folgenden übermitteln wir Ihnen Aaszüge aus einer
Rede, die der Vorsitzende der US-Atomkommission, Lewis L. Strauss, auf einem Festessen
der Gesellschaft für Warenzeichenschutz im
Waldorf-Astoria-Hotel in New York am
28.April 1954 gehalten hat:
"... Allein in dieser Stadt gibt es dreißig Firmen,
die in der einen oder anderen Form das Wort Atom in ihrem
Namen führen. Im Telephonbuch sind die Firmenbezeichnungen
von Herstellern und Verkaufsvertretungen so verschiedener
Artikel wie Atombücher und Atombürsten aufgeführt, und auch
Nahrungsmittel und Treibstoffe, Hüte und Handtaschen, Kleider und Sportartikel, ja selbst Unterkleidung werden mit dem
Atom in Zusammenhang gebracht. Ich frage mich vergeblich, was
das Atom wohl beispielsweise mit dem letztgenannten Artikel
zu tun hat.
Washington übertrifft New York sogar noch. Dort gibt
es eine Atomvernichtungsgesellschaft. Dieser schauerliche
Titel braucht uns aber nicht in Angst und Schrecken zu versetzen, da sich diese Firma nur mit der Ausrottung von Wanzen und anderem Ungeziefer beschäftigt. Die Firma hatte vor
einigen Jahren einen Regierungsauftrag bekommen und weist
mit Stolz auf die Tatsache hin, daß sie es war, die den Termiten in Washington nahezu vollständig den Garaus gemacht hat.
Es gibt aber auch noch andere Zeichen, die darauf hindeuten, daß das Atom in steigendem Maße Einfluß auf unser
Alltagsleben gewinnt. Es gehört bereits zum eisernen Bestand der Lustspielautoren und Verfasser von Zukunftsromanen
und ist aus den Kriminalschmökern und den Comic-Strips nicht
mehr wegzudenken.
Das Atom beeinflußt auch schon die Finanzwelt. Einige
Maklerfirmen haben bereits Angebote für Atomaktien gemacht.
In einigen dieser Werbeprospekte finden sich Vorkalkulationen kommender Gewinne in Industriezweigen, die direkt oder
indirekt mit den Programmen der Atomenergiekommission zu tun
haben.
Bei

�"AioLKIKA LIENST" - WIRTSCHAFT UNL ARBEIT

5. Mai 1954

Bei der Darstellung dieser neuen Entwicklung heißt es
in einem dieser Werbetexte, daß 'jedermann in Wall-Street,
jeder Wirtschaftsbeobachter und Wirtschaftswissenschaftler
sich in Zukunft mit Prägen der Atomenergie und Kernphysik
genau so eingehend befassen muß wie er sich heute über Frachtsätze, Stahlerzeugung, Einzelhandelspreise und die Elektrizitätsversorgung informieren muß.'Er kündigt weiter an, bald
werde die Zeit anbrechen, in der die Statistiker in ihren
Wochenübersichten auch die Erzeugung an Uranium, Thorium und
anderen mit der Atomphysik in Zusammenhang stehenden Materialien aufführen müssen.
Ohne auf die Richtigkeit dieser Voraussagen einzugehen,
kann man immerhin viele Tatsachen aufzählen, die das wachsende Verständnis für unser Atomzeitalter erkennen lassen.
Wir sind gegenwärtig dabei, Hunderte von jungen Menschen
für die Arbeit auf dem Gebiet der Atomforschung auszubilden.
In all unseren Colleges und Universitäten wird in Examens- und
Anfangssemestern in immer stärkerem Maße auf die Fragen der Kernforschung eingegangen. So hat beispielsweise das North Carolina
State College einen Lehrgang für Fragen der Atomforschung eingerichtet, der Versuche mit dem anstaltseigenen Kernreaktor einschließt. Die Staatsuniversität Pennsylvanien hat kürzlich
bekanntgegeben, sie beabsichtige, einen eigenen Kernreaktor
zu errichten, und die Atomenergiekommission hat sich bereit
erklärt, ihr die benötigten Mengen spaltbaren Materials zu
überlassen. Andere Lehranstalten tragen sich mit ähnlichen
Plänen.
Auch in den Mittel- und Grundschulen haben Fragen der
Kernphysik und -Chemie Eingang in den Lehrplan gefunden. In
den New Yorker höheren Schulen ist ein Praktikum eingerichtet
worden, in dem die Schüler in einer Versuchsreihe die verschiedenen Anwendungsbereiche der Atomenergie kennen lernen.
Nach dem derzeitigen Stand der Entwicklung zu urteilen,
werden noch bis Ende dieses Jahres etwa 10 Prozent der Gesamterzeugung an elektrischer Energie für Atomforschungsvorhaben verwendet werden. Heute bereits werden 7 Prozent der
gesamten Nickelerzeugung und 20 Prozent der Erzeugung an
Rohren aus rostfreiem Stahl für Zwecke der Atomforschung
verwendet. Lies sind nur einige wenige Beispiele. Die verschiedenen Atomforschungszentren beschäftigen heute rund
18 000 fachlich ausgebildete Arbeitskräfte,meist Wissenschaftler und Ingenieure.
Lie Atomforschungsstätten gehörten in der Vergangenheit
zu den Großverbrauchern an elektrischer Energie und an dieser
Tatsache wird sich auch in nächster Zukunft nichts Ändern.
Gleichzeitig haben die kommunalen Versorgungsbetriebe Mühe,
die stets steigende Nachfrage nach Elektrizität zu befriedigen. Lie Atomforschung verbraucht ferner große Mengen an
- 2 -

�"A^KIKA DxENST" - WIRTSCHAFT CNL ARBEIT

5. Mai 1954

an knappen Rohstoffen, die für die zivile Produktion benötigt
werden. Sie absorbiert einen gewaltigen Prozentsatz unseres
technisch gebildeten Fachpersonals, das für die normale Expansion der Gütererzeugung und Dienstleistungen auf dem ein«?
schlägigen Sektor gebraucht würde. Das ist nur eine kurze
Zusammenfassung dessen, was die Atomforschungsvorhaben unserer
Wirtschaft entziehen.
Als Gegenstück hierzu sei aufgeführt, welchen Nutzen die
Wirtschaft aus der Atomforschung zieht. Hier ist an erster
Stelle ihr Beitrag zur Erhaltung des Weltfriedens zu nennen.
Wer könnte seinen wahren Wert abschätzen? Premierminister
Churchill und andere kluge und erfahrene Männer haben erklärt,
daß gerade unsere Überlegenheit in den Atomwaffen entscheidend
dazu beigetragen habe, eine großangelegte Aggression der
Kommunisten, insbesondere in Europa, seit 1946 zu verhindern.
Sie hat es vermocht, die Gefahr eines großen Krieges acht Jahre lang zu bannen.
Wir sind von der Hoffnung erfüllt, unsere Stärke auf dem
Gebiet der Atomforschung möge uns zu jenem Frieden verhelfen,
der unser höchstes Ziel ist: ein Friede, auf gute Taten und
gegenseitiges Vertrauen gegründet - sofern dies je zu erreichen
ist. In jüngster Zeit gab es einige schwache, aber dennoch
verheißungsvolle Anzeichen, daß selbst den Harthörigsten allmählich aufgeht, welche zerstörerischen Kräfte die Atombombe
für alle Beteiligten birgt. Wir hoffen, auch die Sowjets
erkennen allmählich, was wir schon lange wissen: daß die
Welt im Falle eines Atomkrieges einen furchtbaren Preis zu
entrichten hätte. Ohne Übertreibung darf man wohl sagen, daß
der Beitrag der Atomforschung zur Sicherheit der freien Welt
alle Opfer und auch die Belastung unserer Wirtschaft gelohnt
hat, die wir um ihretwillen auf uns genommen haben.
Das ist aber keineswegs der einzige Vorteil, den die
Atomforschung uns brachte. Die Liste der Aktiva ist lang, und
die mir hier zur Verfügung stehende Zeit ist zu kurz, um sie
ganz aufzuzählen. Ich beschränke mich deshalb auf einen Überblick. Das wenigst auffällige Ergebnis der Atomforschung ist
gerade dasjenige, das auf lange Sicht die bedeutendsten Auswirkungen für uns hat: die neu gewonnenen Erkenntnisse in
der Grundlagenforschung. Wir haben mächtige Apparate gebaut,
die uns immer tiefere Einblicke in das Wesen der Materie gestatten.
Lassen Sie mich als Beispiel die Tatsache anführen, daß
das Strahlenforschungsinstitut der Universität Kalifornien
nunmehr die leistungsfähigste Kernzertrümmerungsanlage der
Welt betreibt, das sog. Bevatron, in dem Protonen auf eine
Energie von mehreren Milliarden Elektrcnenvolt beschleunigt
werden. Man hofft, durch diese Anlage zu fundamentalen neuen
Erkenntnissen zu gelangen. Auf die Frage, welcher Art diese
Erkenntnisse seien, antwortete Dr. Ernest Lawrence, der Erbauer der Anlage: Wenn ich Ihnen das heute schon äagen könnte

- 3 -

�"AFRIKA Lii^ST" - 'miETSChAJ-T ÜML ARBEIT

5. Mai 1954

könnte, hätten wir die Anlage gar nicht erst zu bauen brauchen.
In der Chemie, Metallurgie und Biologie sowie auf vielen
anderen wissenschaftlichen Gebieten wurden große Fortschritte
gemacht. Auf dem Gebiet der Eiologie ist man beispielsweise
dabei, das Rätsel der Assimilation der Pflanzen von den verschiedensten Ausgangspunkten aus anzugreifen, daß die Aussichten auf endgültige Klärung dieser für den Bestand der Menschheit so entscheidenden Frage noch nie so günstig waren wie
heute. Die medizinische Wissenschaft hat zahlreiche bedeutende
neue Entdeckungen zu verzeichnen. Als Beispiel habe ich ein
kleines Gerät mitgebracht, das zwar nicht gerade überragende
Eedeutung besitzt, aber doch sehr interessant ist. Ich meine
diesen tragbaren Röntgenapparat, der knappe 4 V2 kg wiegt.
Dieses kleine Gerät kann einen gut Teil jener Aufgaben erfüllen, für die man gegenwärtig noch sehr teure und stationäre
Röntgengeräte benötigt. Es bedarf keinerlei Energiezuführung
und kostet einschließlich des als Strahlüngsquelle dienenden
Thulium-Elements knappe 250 Dollar.
Ich habe stets die Auffassung vertreten, die Grundlagenforschung stelle den eigentlichen Schlüssel für einen dauernden Fortschritt dar. Eines der bemerkenswertesten Charakteristika der Grundlagenforschung ist, daß jede Entdeckung nicht etwa
einen Abschluß darstellt, sondern eine Vielfalt neuer Forschungsmöglichkeiten aufzeigt. Die Atomenergie-Kommission hat die
Grundlagenforschung immer bewußt nach Kräften gefördert, lienn
wir auch den Erfolg der jeweiligen Vorhaben nicht vorhersagen
können, haben wir doch die Gewißheit, daß die Förderung dieses
Zweiges der Wissenschaft die militärische und wirtschaftliche
Stärke der Vereinigten Staaten steigern - die Volksgesundheit
und den Lebensstandard heben und unser Verständnis für die Welt,
in der wir leben, vertiefen wird.
Die Aufwendungen für die Grundlagenforschung stellen nur
einen Bruchteil der Gesamtausgaben für Forschungszwecke dar.
Wir dürfen uns auf diesem Gebiet keineswegs zur Sparsamkeit
verleiten lassen, denn es wäre Sparsamkeit am falschen Platz.
In der Medizin und Biologie beginnen zehn Jahre Arbeit und
Planung auf dem Gebiet der Atomenergie ihre Früchte zu tragen.
Mehr als 1 800 Wissenschaftler dieser beiden Disziplinen sind
gegenwärtig mit einschlägigen Forschungsarbeiten beschäftigt.
Auf Grund der Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten hat man ganz
neue Wege zur Krebsbekämpfung entdeckt und viele Einsichten in
das Wesen dieser furchtbaren Krankheit gewonnen. Auch in der
Behandlung anderer Krankheiten ist die Verwendung von Radioisotopen heute selbstverständliche Praxis.
In der Erforschung der Krankheiten des Menschen, der Tiere
und Pflanzen durch die Biochemie hat eine neue Ära begonnen.
Die Anwendung der Ergebnisse der Atomforschung auf die Genetik
hat die Biologen in die Lage versetzt, gewisse Pflanzenkrankheiten erfolgreich zu bekämpfen und neue Arten zu züchten, die

- 4-

�"Ai^hiKA DILNST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

5. Mai 1954

die weit widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind. Diesen
Forschungsergebnissen kommt größte wirtschaftliche Bedeutung
zu. Die Auswertung der auf diesem Gebiet gesammelten Erkenntnisse zeigte auch neue Wege zum Studium der Erblehre und der
Vererbbarkeit gewisser Anlagen des Menschen auf.
Auch für die amerikanische Industrie gewinnt das Atom
ständig an Bedeutung. Über die Hälfte der Neuanforderungen von
Radioisotopen kommt aus der Industrie. So benutzt z.B. die
Petroleumindustrie Atomstrahlen zur Feststellung von Erdöllagern und zur Quellenbohrung; auch Erdölleitungen und der gesamte Raffinationsprozeß werden mit Hilfe radioaktiver Isotope
kontrolliert. Über 150 Fabriken benutzen Stahlenmeßl ehren, um
die Einheitlichkeit und Qualität ihrer Erzeugnisse zu erhöhen.
Durch die Verwendung der billigeren und leichter austauschbaren
radioaktiven Substanzen anstelle des teuren Radiums bei der Radio-Autographie konnten die Inspektionskosten stark herabgedrückt werden. Und durch die lizenzweise Überlassung von Regierungspatenten auf Erfindungen, die in den Laboratorien der
Atomenergiekommission gemacht wurden, konnten die bereits vorhandenen Erzeugnisse und die bisherigen Verfahren verbessert
sowie neue Produkte und Methoden entwickelt werden.
Diese Errungenschaften - von grundlegenden neuen Erkenntnissen bis zu Putz- Und Scheuermitteln - wurden zum großen Teil
durch das bisher bedeutsamste Erzeugnis des Atomzeitalters,
die Radioisotope, möglich gemacht. Radioisotope sind als die
sogen, "etikettierten" oder "Spür-Atome" bekannt. Ihr besonderer Wert und ihre vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten
liegen in der Tatsache begründet, daß sie Strahlen bestimmter
Art und Intensität aussenden, die bis auf gewisse Entfernung
zu ermitteln und genau zu messen sind, dabei aber genau die
gleichen chemischen Eigenschaften besitzen wie ihre festen,
nicht-radioaktiven Brüder, und in jeder Beziehung genau wie
diese reagieren.
Seit August 1946, als die ersten Radioisotope von Oak Ridge
im Staate Tennessee per Flugzeug in ein Krankenhaus in St. Louis
gebracht wurden, hat diese Versuchsstation über 45 000 Sendungen
radioaktiver Isotopen in alle Staaten der USA und in 39 Länder
der freien Welt geschickt. Die Zahl der Anforderungen steigt
an, je mehr neue Verwendungsmöglichkeiten entdeckt werden. Dies
ist ein weiterer Aktivposten, den unsere Wirtschaft dem Atom
verdankt, ein Plus, dessen Wert gar nicht abzuschätzen ist.
Denn wer kann den Wert geretteter Menschenleben - ja, eines
einzigen Lebens - ermessen?
Einen weiteren Aktivposten stellen die wirtschaftlichen
Vorteile dar, die das Atom gewissen Regionen gebracht hat. Als
Beispiel hierfür könnte man das Colorado-Plateau nennen, das
große Gebiete der Staaten Colorado und Utah und Teile von New
Mexiko und Arizona umfaßt: heute sind auf dem Plateau über
500 Uran-Minen in Betrieb, die etwa 5 000 Menschen beschäftigen.
Ich

- 5 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT ggD ARBEIT

5. Mai 1954

Ich bin überzeugt, schon diese unvollständige Aufzählung
des bisher auf dem Gebiete der Atomwirtschaft Erreichten läßt
erkennen, daß das Atomprogramm insgesamt einen positiven Beitrag zu unserer Wirtschaft darstellt.
Gestatten Sie mir nun einen vorsichtigen Blick in die
Zukunft. All diese von mir aufgezählten Aktivposten dürften
sich ständig erhöhen - und die Anwendung des Atoms in Forschung,
Medizin, Landwirtschaft und Industrie sollte weiter ausgebaut
werden. Hinzu kommen noch zwei ganz bestimmte Dinge, die der
Entwicklung bedürfen. Es sind dies die Entwicklung der Atomkraft
als Energiequelle und die Verwirklichung der internationalen
Zusammenarbeit. Präsident Eisenhower verwies auf die Absicht
der Vereinigten Staaten, die Entwicklung auf diesen Gebieten
so schnell wie möglich voranzutreiben, als er im Dezember vergangenen Jahres erklärte, das Atom gehöre in die Hände all
jener in der ganzen Welt, "die verstehen, es seines militärischen Gewandes zu entkleiden und es in den Dienst der friedlichen Wissenschaften zu stellen".
Bei der Verwendung der Atomkraft für Zwecke der Wirtschaft
gilt es noch, große Probleme zu lösen. Einige dieser Probleme
erfordern Änderungen des Gesetzes über die Atomenergie, und
die Kommission hat dem Kongreß vor einigen Wochen ihre Inderungsvorschläge vorgelegt. Die Forderungen der Kommission
zielten im wesentlichen darauf ab, das derzeitige Monopol der
Regierung auf spaltbares Material und die Besitzrechte an
Kernreaktoren und Patenten zu lockern und teilweise aufzuheben.
In der Entwicklung der Kernreaktoren wurden beträchtliche
technische Fortschritte erzielt. Diese Fortschritte in der
Schaffung von Kernreaktoren zur Erzeugung von Atomkraft für
zivile Zwecke sind zu einem großen Teil das Ergebnis der Bemühungen, die zum Bau des ersten mit Atomkraft angetriebenen
Schiffes, des Unterseeboots "Nautilus", führten. Seit 1951
hat die Privatindustrie in steigendem-Maße eigenes Kapital
in die Kernreaktorenforschung gesteckt.
Vor einem knappen Jahr glaubten wir noch, die Privatindustrie werde erst dann größere Investitionen in die Entwicklung der Atomkraft als Energiequelle stecken, wenn zwei Bedingungen erfüllt seien, nämlich bis das Gesetz über die
Atomenergie geändert und die Kommission mit Hilfe von Regierungsgeldern den Nachweis erbracht hat, daß die Atomkraft
als Energiequelle mit der Wasserkraft und den bekannten festen
und flüssigen Brennstoffen wirtschaftlich konkurrieren kann.
Hier hat sich in den letzten 12 Monaten ein großer Wandel
vollzogen.
Das Interesse der Privatwirtschaft an der Atomkraft geht
aus der Zahl und Bedeutung der Gesellschaf -^hervor, die Vorschläge für die erste, vollständige Anlage zur Erzeugung von
Atomenergie mit einer Mindestkapazität von 60 000 Kilowatt
einreichten. Der geeignetste Vorschlag stammte von d_er_ Duquesne
- 6 -

�"AiahhlKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND AKßi,IT

5. Mai 1954

Duquesne Light Company in Pittsburgh. Nach den Bestimmungen
des mit dieser Gesellschaft geplanten Vertrags könnten unserer
Ansicht nach die Kosten, die der Regierung für den Bau und
Betrieb dieses ersten vollständigen Atomkraftwerks entstehen,
um rund 30 Millionen Dollar gesenkt werden. Wir prüfen gegenwärtig auch noch die Vorschläge anderer Firmen.
Wenn wir ein Verfahren zur wirtschaftlichen Ausbeutung
der Atomenergie entwickeln wollen, so müssen wir die Naturgesetze • nöciii weit eingehender zu ergründen und sie unseren
Bedürfnissen noch mehr dienstbar zu machen suchen, und wir
werden auf diesem Wege auch Lösungen für viele komplizierte
Probleme der Metallurgie, der Wärmeumwandlung, der Chemie und
ähnliches mehr finden. Wir wissen, daß wir auf all diesen
Gebieten, wo wir es mit der unbelebten Natur zu tun haben,
noch große Portschritte machen können.
Ein anderes Problem, das das Atom aufwirft, ist leider
nicht so einfach zu lösen, da hier die Hindernisse, die zu
überwinden sind, in der menschlichen Natur begründet liegen.
Erfolg oder Mißerfolg unserer Bemühungen, auf dem Gebiet der
Atomenergie eine internationale Zusammenarbeit zu erreichen,
sind vielleicht gleichbedeutend mit Portschritt oder Rückgang der menschlichen Zivilisation. Im Bewußtsein dieser
Tatsache hat Präsident Eisenhower in seiner Rede vor den
Vereinten Nationen im Dezember vorigen Jahres der Welt seinen
hochsinnigen und wegweisenden Vorschlag unterbreitet, eine
internationale Behörde zu schaffen, an die alle hierbei in
Frage kommenden Nationen, einschließlich der Russen, regelmäßig bestimmte Mengen gewöhnlichen Uraniums und spaltbaren
Materials abzuliefern haben. Liese Behörde solle sicherstellen,
d-°ß die segensreichen Kräfte des Atoms in den Lienst der gesamten Menschheit gestellt und die aus Atomkräften gewonnenen
Energien den an Treibstoffen armen Gebieten zugänglich gemacht
werden. Eine Folge dieser Regelung, und eine recht bedeutsame, wäre die sich daraus ergebende immer stärkere Abnahme
des für zerstörerische Zwecke zur Verfügung stehenden spaltbaren Materials. Der Plan des Präsidenten ist einfach, leicht
verständlich und eindeutig. Diese Sache ist nicht eingeschlafen, wie manche Leute angenommen haben» Wie immer das Endresultat aussehen möge, der Plan ist noch nicht zu Grabe getragen,
und die im Januar begonnenen Besprechungen werden gegaawärtig
in Genf fortgesetzt.
Angesichts dessen, was das Atom zum Wohle des Menschen
vermag, ist es nur natürlich, daß die Forderungen der von Seuchen und Hungersnöten heimgesuchten Völker und der Länder, die
begierig nach Energiequellen zur Ankurbelung ihrer Wirtschaft
und zur Hebung ihres Lebensstandards suchen, immer dringender
werden. Dies gilt aut&amp;h für die Länder jenseits des Eisernen
Vorhangs. Gewährt man den Menschen nur einen kleinen Blick
in das segensreiche Wirken des Atoms, so würden sich ihnen
Ausblicke auf Zeiten des Friedens und Gedeihens eröffnen. Und

- 7-

�"A^hlKA LLfaiMST" - WIRTSCHAFT UML Ah.BX.IT

5. Mai 1954

Und haben sie das erst einmal gesehen, so wird es selbst einem
tyrannischen politischen System schwerfallen, ihnen diese Segnungen zu versagen.
Die Atomenergiekommission ist entschlossen, alles nur
Mögliche zur Verwirklichung des Vorschlags Präsident Eisenhowers
für eine internationale Zusammenarbeit zu tun, der bei allen
Nationen, den großen wie den kleinen, neue Hoffnungen erweckt
und die Menschen guten Willens in allen Ländern zu neuem
Gebet angeregt hat".

*

* * * *

I

- 8-

�DES NAHE OSTUN UND 3ÜLASIEN - LAS PROBLEM LEE SICHERHEIT
Von John L. Jernegan,
Stellvertretender Unterstaatssekretär für nahöstliche,
südasiatische und afrikanische Angelegenheiten
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Seit dem beginnenden Niedergang des Ottomanischen Reiches besaßen der
Mittlere Osten und das Südliche Asien.für die Lauer
von mindestens 2 Jahrhunderten so gut wie keine eigene
Verteidigungskraft. Lie Folge war, daß dieses Gebiet
zum Gegenstand heftiger Machtkämpfe wurde. Eines der
stärksten Elemente, die auf dieser Bildfläche erschienen, war der ständige Ansturm des russischen Kaiserreiches gegen den Süden und Osten. Liesem Ansturm
wurde vom Mittleren Osten selbst nur sehr geringer
Wideretand entgegengesetzt und er wurde nur durch das
Gegengewicht der anderen europäischen Mächte, vor
allem Großbritannien und Frankreich, unter Kontrolle
gehalten. Im laufe des 19»Jahrhunderts baute sich
Großbritannien in Indien und im Nahen Osten eine
starke Position aus. Las Ergebnis war, daß die Gebiete zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Pazifik eine Art Pax Britannica genossen.
Nach dem letzten Weltkrieg wurde die britische
Machtbasis im Mittleren Osten und im Südlichen Asien
stark reduziert. Ladurch wurden die Staaten in die
Lage versetzt, selbst frei über ihre-nationalen Belange nach eigenem Gutdünken zu entscheiden, aber sie
verloren dadurch gleichzeitig auch weitgehend die Verteidigungskraft gegen eine räuberische Großmacht, und
unglückseligerweise endeten die Absichten der Russen
in dieser Richtung nicht mit dem Sturz des zaristischen
Regimes.
Es ist wichtig festzustellen, daß der von Deutschland und der UdSSR gemeinsam ausgearbeitete Entwurf des
Geheimabkommens vom 26.November 1940 den folgenden
Passus enthält: "Lie Sowjetunion erklärt, daß der
Schwerpunkt ihrer territorialen Aspirationen auf dem
Raum südlich des nationalen Territoriums der Sowjetunion allgemein in der Richtung auf den Indischen
Ozean liegt". Seit 1940 haben wir reichlich Beweise
dafür erhalten, daß sich diese Einstellung der Sowjets
nicht geändert hat. Ein besonders bezeichnendes Bei-

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Beispiel war ihr Versuch, die Kontrolle über das iranische
Aserbeidschan in den Jahren 1945 und 1946 zu gewinnen.
Wir haben keinen Beweis dafür, daß sich die Haltung
der Sowjets seit Stalins Tod geändert hat. Ich glaube nicht,
daß es auch nur ein einziges Land im Mittleren Osten gibt,
wo sich nicht die Hand des Kreml offenbart. In einigen, wie
beispielsweise der Türkei, macht eine starke Regierung diese Bemühungen allerdings äußerst schwierig. In anderen aber
tragen die Machinationen der Kommunisten des eigenen Landes
weitgehend zur Untergrabung der internen Stabilität bei.
Im Jahre 1951 wurde die Möglichkeit diskutiert, ein
Nahostkommando zu bilden, das unterstützt werden sollte
von den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich,
Frankreich, der Türkei und bestimmten Britischen Dominien,
und das die arabischen Staaten einschließen sollte. Die
Nahost-Staaten waren jedoch zu sehr von ihren Auseinandersetzungen mit dem Westen und den Feindseligkeiten zwischen
den Arabern und Israel in Anspruch genommen, um sich an
einer allgemeinen Befensiv-Vereinbarung unter westlicher
Führung beteiligen zu wollen.
Im Jahre 1952 wurde die Bildung einer sogenannten NahostVerteidigungsorganisation in Erwägung gezogen, die im Gegensatz zu dem ursprünglichen gemeinsamen Verteidigungsplan
einen viel loseren Zusammenschluß der Beteiligten vorsah.
Aber auch dieser Plan fand bei den Staaten des Nahen Ostens,
deren Beteiligung für seinen Erfolg von ausschlaggebender
Bedeutung gewesen wäre, keine günstige Aufnahme.
Als Außenminister Dulles im vergangenen Jahr sein Amt
antrat, entschied er, das gesamte Problem des Nahen Ostens
und Südasiens, einschließlich der Situation der Sicherheit,
auf völlig neue Weise anzupacken. Im Frühjahr 1953 unternahm er eine ausgedehnte fieise durch dieses Gebiet. Er
legte Tausende von Kilometern zurück und führte lange Unterredungen mit führenden politischen Persönlichkeiten. Als er
zurückkehrte, hatte er zu dem Problem der Verteidigung folgendes zu sagen:
"Die Bildung einer Verteidigungsorganisation im Nahen
Osten ist eine Möglichkeit, die sich eher für die Zukunft als
für die unmittelbar vor uns liegende Zeit bietet. Viele Länder
der Arabischen Liga sind derart mit ihren Auseinandersetzungen
mit Israel oder Frankreich oder Großbritannien beschäftigt,
daß sie der Bedrohung des sowjetischen Kommunismus wenig Beachtung schenken. Allerdings ist dort die Sorge größer, wo
die Sowjetunion in der Nähe ist. Im allgemeinen zeigt sich
bei den im Norden gelegenen Staaten, daß diese sich der Gefahr
bewußt sind.
Es

�"AMERIKA DIENST"

5. Mai 1954

Es besteht der noch nicht klar umrissene Wunsch nach
einem kollektiven Sicherheitssystem. Aber kein derartiges
System kann von außen aufgezwungen werden. Dieses System
sollte von innen heraus entwickelt werden und aus einem Gefühl für das gemeinsame Schicksal und die gemeinsame Gefahr
erwachsen.
Während die Vereinigten Staaten auf die formelle Schaffung
einer Sicherheitsgemeinschaft warten, können sie in nützlicher
Weise an der Stärkung der stark voneinander abhängigen Verteidigungssysteme jener Länder mithelfen, die stark sein
wollen - nicht etwa, um gegeneinander oder gegen den Westen
gerüstet zu sein, sondern um der allen freien Nationen gemeinsamen Bedrohung zu widerstehen".
Ich glaube, der Schlüssel für eine künftige kollektive
Sicherheit im Nahen Osten liegt in jenem Gefühl, von dem
Außenminister Dulles erklärte, daß es von innen heraus entwickelt werden müsse - daß es einem Gebiet nicht von außen
her aufgezwungen werden könne. Sowohl der Plan des NahostKommandos wie auch der der Nahost-Verteidigungsorganisation
scheiterten daran, daß die Initiative dazu vom Westen ausging.
Hohe Beamte der Regierung von Pakistan hatten uns im Rahmen von informellen Gesprächen vor Monaten schon ihr Interesse
an einer Stärkung Pakistans angedeutet und erklärt, daß Pakistan
die Gefahren, denen sich die freie Welt gegenübersieht, erkannt habe. Wir für unseren Teil hatten das Potential, das
Pakistan in Zusammenhang mit dem Problem einer Stärkung der
Defensivkraft des Nahen Ostens darstellt, bereits in Erwägung
gezogen. Während diese Frage noch innerhalb der amerikanischen
Regierung näher untersucht wurde, begannen die Regierungen der
Türkei und Pakistans die Vorteile einer engeren Zusammenarbeit
auf politisch«, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet sowie
in bezug auf ihre Sicherheit in nähere Erwägung zu ziehen. Die
Regierung der Vereinigten Staaten war sich völlig im klaren
über diese Gedankengänge, die sie begrüßte und aus denen
schließlich jene gemeinsame Erklärung der Regierungen der Türkei
und Pakistans vom 19«Februar dieses Jahres resultierte, die das
Vorhaben zum Ausdruck brachte, "die Methoden zur Erreichung einer
engeren freundschaftlichen Zusammenarbeit auf politischem,
wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ebenso wie in bezug
auf die Stärkung des Friedens und der Sicherheit in ihrem eigenen Interesse wie auch in dem aller friedliebenden Nationen
zu untersuchen".
Pakistan hat der freien Welt konkrete Angebote zu machen.
Es verfügt über eine vorzügliche Armee, die in der Zeit vor
seiner Lostrennung eine beachtliche Zahl verdienter Regimenter
in der indischen Armee stellte - Regimenter, die sich in zwei
Weltkriegen durch ihre besondere Tapferkeit auszeichneten. Es
verfügt über ein erhebliches Menschenreservoir, mit dem es
diese Armee ausbauen kann. Seine militärische Tradition und
- 3 -

�"A*£RIAA

DIENST"

5. Mai 1954

und Fähigkeit hat es bereits anter Beweis gestellt. Es nimmt
eine wichtige Schlüsselstellung ein, da es die Einfallstraßen
zum indischen Subkontinent beherrscht und dabei eine Straße,
die es ihm im Ernstfälle ermöglicht, die Verteidigung des
Nahen Ostens wirkungsvoll zu unterstützen.
Um jedoch all diese natürlichen Gegebenheiten günstig entwickeln zu können, bedarf Pakistan der Hilfe von außen. Es verfügt weder über die notwendigen Rohstoffe noch über eine genügende Produktionskapazität, um sich selbst so ausrüsten zu
können, daß es einer Aggression von außen her standhalten
könnte.
Auf der anderen Seite mußte die Regierung der Vereinigten
Staaten - und sie tat es auch - die Einstellung von Pakistans
großen Nachbarn, Indien, berücksichtigen. Wir fürchteten - und
in cer Fol£e wurde diese Furcht noch bestärkt - daß vielen
Indern die Aussicht auf eine militärische Unterstützung eines
benachbarten Landes, mit dem sie nicht in bestem Einvernehmen
stehen, nicht behagen würde.
Mr. Nehru gab auch der Befürchtung Ausdruck, daß die militärische Hilfe für ein asiatisches Land der Wiedereinführung des
westlichen Imperialismus die Wege ebnen würde.
Wir müssen Mr. Nehrus Meinung respektieren und tun es auch.
Er ist der große politische Führer einer großen Nation von
376 Millionen Menschen. Er ist nie von seinem Ziel abgewichen,
die Demokratie zu fördern und den Kommunismus in seinem eigenen
Lande zu bekämpfen. Zwischen den Vereinigten Staaten und Indien
besteht eine feste Tradition der freundschaftlichen Beziehungen,
die nicht zerstört werden dürfen und die, davon bin ich überzeugt, noch stärker werden.
Aber wir fühlen uns dazu berechtigt, in denjenigen politischen Angelegenheiten von Mr. Nehrus Ansichten abzuweichen, die
unsere Beziehungen zu anderen Ländern betreffen, ebenso wie es
berechtigt ist, darin von unseren Auffassungen abzuweichen.
Was in Osteuropa geschehen ist - in Polen, der Tschechoslowakei, den Baltischen Staaten, der deutschen Ostzone - was
in Korea und in Indochina geschehen ist, das alles deutet unmißverständlich auf die offenkundige Tatsache hin, daß die
freien Völker der Welt es mit einer Verschwörung zu tun haben,
deren Ziel die Versklavung von uns allen ist. Unsere Botschaft
ist einfach und klar: Wenn die Freiheit bestehen bleiben soll,
muß sie geschützt werden. Unsere Art dies zu tun - und sie hat
sich bewährt - liegt in der Konzeption der kollektiven Sicherheit. Wir können es nicht zulassen, daß die Völker, die in
Frieden und Sicherheit leben wollen, nacheinander abgeschossen
werden.
Wir glauben daher nicht, daß eine Stärkung der freiheitliebenden Nationen einen Angriff herausfordert. Im Gegenteil,
wir sind der Ansicht, daß die Erfahrung gezeigt hat, daß dies
- 4 _

�"AMEKIKA LIENST"

5. Mai 1954

dies ein Abschreckungsmittel für jeden Angriff ist.
Ein wirklicher Schritt vorwärt? auf dem Weg zur Sicherung
eines dauerhaften Friedens für den Nahen Osten und Südasien
wurde durch die Eigeninitiative der Nationen dieser Gebiete
zur gemeinsamen Zusammenarbeit erreicht, der die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten auf deren Wunsch hin ihre Unterstützung zuteil werden ließen. Wir sollten auf jeden Fall
durch diese von der Türkei und Pakistan ergriffene Initiative
ermutigt sein, Sie ist zwar nur ein Anfang, aber aus ihr können sich noch weitreichende Resultate entwickeln. Es ist von
größter Bedeutung, daß diese beiden Länder angedeutet haben,
daß sich an den im Zusammenhang mit dieser Vereinbarung vorgeschlagenen Verhandlungen auch andere gleichgesinnte Nationen
beteiligen können. Es bedarf keiner weiteren Betonung, daß
die Vereinigten Staaten es begrüßen würden, wenn andere Staaten
dieses Gebietes sich diesen kooperativen Beziehungen rechtzeitig anschließen würden, sobald und wenn sie erkannt haben,
daß es in ihrem eigenen Interesse geschieht.
Es ist nicht zuviel gesagt, wenn wir hoffen, daß das, was
wir heute hier miterleben, sich möglicherweise zu einer allgemeinen Stärkung des Nahen Ostens entwickeln könnte.
Uneinigkeit bedeutet Schwäche. Einheit trägt wesentlich
zur Stärke bei. Wenn die Nationen des Nahen Ostens sich von
sich aus dazu entschließen können, die Fragen des Friedens
und der Sicherheit gemeinsam voranzutreiben, dann werden sie
nach meiner Überzeugung durch ihre neue Einigkeit und Stärke
viele der grundsätzlichen Fragen von Instabilität und Zwietracht lösen können. Mit etwas Hilfe und Ermutigung von außen
her werden sie den großen Fortschritt auf dem Wege zu einer
lebensfähigen Wirtschaft erkennen können. Sie können auch
Fortschritte auf sozialem Gebiet erwarten, sie werden die Mittel haben, ihre individuelle Sicherheit wirkungsvoll zu
schützen. Vor allem aber werden sie einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der freien Welt leisten.
*

* * * *

- 5 -

�A M E R I K A

DIE WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT DER USA
MIT DEN NAHOST-STAATEN
Von Stephan Dorsey
Stellvertretender Direktor der Nahost-Abteilung im
US-Außenministerium
WASHINGTON - (Amerika Dienst) - Die Geschichte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen amerikanischen Privatfirmen und den Nahost-Staaten geht weit zurück. Schon in den
ersten Tagen der jungen amerikanischen Republik zogen amerikanische Kaufleute in die Levanteländer, und als den ersten
technischen Experten kann man den Missionar Eli Smith bezeichnen, der 1834 die erste Druckereipresse nach Syrien brachte.
Zur technischen Entwicklung dieses Gebietes trugen auch viele
Techniker aus den amerikanischen Südstaaten bei, die nach Beendigung des Bürgerkrieges in die Länder des Nahen Ostens gingen. Alle diese Menschen kamen in den vorderen Orient als
Privatleute und als Wegbereiter derjenigen Firmen, religiösen,
philanthropischen, Wohlfahrts- und Kultur-Organisationen, deren besondere Interessenheute gerade hier liegen.
Die amerikanische Regierung andererseits hat, noch bevor
sie den Freundschafts- und Handelsvertrag mit Muscat unterzeichnete, wohl solchen privaten Unternehmungen ihren diplomatischen Schutz ajbgedeihen lassen, aber bis zum Beginn des
letzten Krieges keinen aktiven Part in der Durchführung
finanzieller und technischer Projekte übernommen.
Die erste staatliche Unterstützung überhaupt war eine begrenzte "lend-lease"-Hilfe zu Beginn des letzten Krieges, die
nach seinem. Ende noch durch Anleihen der Import-Export-Bank
ergänzt wurde. 1947 erfolgte dann der Abschluß des türkischgriechischen Hilfsvertrages, der sich in bezug auf die Türkei
zuerst auf eine militärische Unterstützung und später, mit
der Eingliederung der Türkei in den Marshallplan, hauptsächlich auf wirtschaftliche Hilfe konzentrierte. Mit der Verkündung des "Punkt-4-Programmes" durch Präsident Truman anläßlich seiner Regierungsantritts-Rede erfolgte dann auch die
finanzielle Unterstützung des technischen Beistand^rogramms,
durch das schon rund '\1j2 Jahre später die ersten hundert Techniker in diese Länder kommen konnten.
In dieser Nachkriegsperiode bewilligte der US-Kongreß aber
auch noch Mittel für zahlreiche UN-Organisationen, die heute
in diesem Gebiet aktiv tätig sind, sowie für das Flüchtlings- 1 -

�"AMKKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Mai 1954

Flüchtlingshilüawerk in Palästina (153 Millionen Dollar), für
die Weltbank und eine Anzahl anderer UN-Organisationen, wie
die Weltgesundheitsorganisation, den UN-Kinderhilfsfonds usw.
Ursprünglich auf den "Türkisch-Amerikanischen Handelsschiff ahrts-Vertrag" (1929) und das Niederlassungsabkommen
(1931) gestützt, erweiterte sich die türkisch-amerikanische
Zusammenarbeit in den letzten 12 Jahren auf das "lend-lease"und Rohstoffbevorratungsprogramm, auf Kreditabkommen mit der
"Bundesverwaltung für die Schiffahrt", der "Import-ExportBank" und dem "Amt für Auslandshilfe".
Die Weltbank hat inzwischen neue Anleihen zur Vollendung
schon begonnener Projekte bereitgestellt, eine allgemeine
Wirtschaftsanalyse unter Berücksichtigung der Investitionsmöglichkeiten beendet und der "Bank für Industrielle Entwicklung" bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt. Insgesamt haben
die Vereinigten Staaten bisher 300 Millionen Dollar in Form von
"Zuwendungen" im Rahmen der Militärhilfe der Türkei gewährt.
In dieser Summe sind die Mittel für das technische Hilfsprogramm
einbegriffen. Die Höhe der gewährten Anleihen beträgt 90 Millionen Dollar,
Technischer Beistand
Bilaterale technische Hilfsprogramme werden gegenwärtig im
Iran, in Israel, Liberia,. Abessinien und anderen arabischen
Staaten mit Ausnahme von Syrien und dem Jemen durchgeführt. Die
vom UN-Kongreß für diesen Zweck bereitgestellten Mittel betrugen:
1951
1952
1953
1954
Also insgesamt:

:
5 Millionen Dollar;
: 45 Millionen Dollar;
: 51 Millionen Dollar;
: 34 Millionen Dollar.

135 Millionen Dollar.

Die größten Posten im Rahmen dieses Programms erhielt
Persien, das 1953 24 von den insgesamt 51 Millionen Dollar bekam
und auch die größte Zahl von technischen Beratern aufweist, die
in den Ländern des Nahen Osten arbeiten, nämlich 175 von insgesamt 600. Es folgt Ägypten mit 13 Millionen Dollar, von
denen 10 Millionen im Rahmen des landwirtschaftlichen Entwicklungsprogrammes zugeteilt wurder* zu dem die ägyptische Regierung ebenfalls Beiträge in Höhe von 16 Millionen Dollar leistet. Die Arbeiten konzentrieren sich dabei auf die beiden Provinzen Beheira
und Fayoum, in denen Kultivierungsarbeiten sowie Landwirtschafts-,
Gesundheits- und Erziehungsprogramme sowie andere Projekte durchgeführt werden.
Andere, allerdings unbedeutendere Zuteilungen (1953: 3 Mill.
Dollar) wurden für Israel (Heuschreckenbekämpfung) und andere
kleine Programme verwendet.
Folgende
- 2 -

�"AiviEKIKA CILEST" - »IRTSCHAitT UND AhB.fc.IT

19. Mai 1954

Folgende Projekte wurden bisher durchgeführt: Erstellung
einer Mütter- und Säuglingsklinik in Samawe (Irak), Malariabekämpfung in vielen Gebieten Persiens, sowie die Bewässerung im
Jordantal.
Im Sommer 1953 bewilligte der US-Kongreß 147 Millionen
Dollar für besondere wirtschaftliche Hilfe im Nahen Osten und
in Afrika. Zum ersten Mal konnte die US-Regierung den Ländern
des vorderen Orients mitteilen: "Wir verfügen jetzt über einen
Fonds, aus dem wir Eure Länder unterstützen, wenn Ihr uns geeignete Projekte vorlegt, die zum beiderseitigen Nutzen durchgeführt werden können".
Die erste Zuteilung aus diesem Fonds erhielt Persien in
Höhe von 23,4 Millionen Dollar. Die Summe wurde der persischen
Regierung nach der Rückkehr des Schahs und nach der Einsetzung
General Zahedis zur Verfügung gestellt, damit das Budget ausgeglichen und die neue Regierung, die im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin unter Mossadegh, mehr nach den USA und den westlichen
Ländern ausgerichtet ist, gestärkt werden konnte. Die zweite
Zuteilung aus dem besonderen Hilfsfonds erfolgte ebenfalls zur
Beseitigung eines Notstandes, und zwar 250 000 Dollar, um die
Transportkosten für amerikanischen Weizen zu bezahlen, der zur
Verhinderung einer Hungersnot im südlichen Jordanien dorthin geschickt wurde, nachdem Präsident Eisenhower seine Zustimmung
dazu gegeben hatte.
Auch die dritte Zuteilung in Höhe von 26 Millionen Dollar
an Israel betraf einen ähnlichen Fall: den Einkauf von Lebensund Futtermitteln, Saatgut, Kunstdünger, Brennstoff und Rohmaterial für die Herstellung von Bekleidung zur Abwendung eines
Notstandes.
Hilfe für Palästina-Flüchtlinge
Unsere Hilfsmaßnahmen, die darauf abgestellt waren, die
Not der 870 000 Flüchtlinge zu lindern, wurden von der UNRWA
durchgeführt. Diese Körperschaft besitzt ein Beratungskomitee,
das sich ursprünglich aus Delegierten der USA, Großbritanniens,
Frankreichs und der Türkei zusammensetzte und inzwischen, nachdem bereits einige Projekte durchgeführt worden sind, durch
Vertreter von Syrien, Jordanien, Ägypten, and dem Libanon ergänzt wurde.
Seit 1948 hat die amerikanische Regierung 153 Millionen
Dollar für diese Flüchtlinge bereitgestellt. Von dieser Summe,
die 65 Prozent aller bisherigen Zuwendungen ausmacht, wurden
43 Millionen Dollar für reine Hilfsmaßnahmen, der Rest für die
Ansiedlung der Flüchtlinge bereitgestellt bzw. verwendet.
Die größte Aufmerksamkeit hat zweifellos der Plan zur Entwicklung des Jordantales gefunden. Erst kürzlich wurde dieses
Programm auf Grund eines Übereinkommens zwischen UNRWA und Jor- 3 -

�"AiioEKIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

19. Mai 1954

Jordanien noch beträchtlich erweitert, wobei UNRWA die Zusicherung gab, 40 Millionen Dollar zum Nutzen der Flüchtlinge
bereitzustellen, damit weitere Flußregulierungsarbeiten durchgeführt und Kraftwerke erstellt werden können. Das 1952 ausgearbeitete Programm für die Ansiedlung von 6 000 Flüchtlingsfamilien vergrößert sich dadurch beträchtlich. Eine Anzahl
Projekte dieses umfangreichen Programms sind inzwischen schon
angelaufen bzw. durchgeführt worden. So u.a. ein Berufsschulungsprogramm, das rund 1 Million Dollar erfordert sowie die
Erteilung von Darlehen zur Schaffung von Existenzgrundlagen
für Flüchtlinge, die durch die jordanische Aufbaubank gegeben
wurden, deren Grundkapital die UNRWA zeichnete.
In Syrien hat UNRWA Übereinstimmung über die Durchführung
eines Programmes zur Vergrößerung der landwirtschaftlichen
Nutzflächen und der technischen Schulung erzielt, zu dem die
syrische Regierung 30 Millionen Dollar beisteuern wird.Hiermit
sollen rund 85 000 Flüchtling»neue Beschäftigun^möglichkeiten
gegeben werden. Eine landwirtschaftliche Siedlung für
200 Flüchtlingsfamilien steht bereits vor der Vollendung und
andere Bemühungen zielen u.a. darauf ab, neue Gebiete zu erforschen, in denen eine Landwirtschaft aufgebaut werden kann.
Zu diesem Zweck sind bereits zwei Untersuchungsexpeditionen in
die nördlichen und nordöstlichen Teile des Landes abgereist,
um geologische Untersuchungen durchzuführen.
Auch die ägyptische Regierung hat UNRWA hinsichtlich der
200 000 Flüchtlinge in Gaza ihre volle Unterstützung zugesagt.
Während des vergangenen Jahres wurden u.a. die Möglichkeiten
untersucht, Wasser aus einem Süßwasserkanal, der durch den
Nil gespeist wird, unter dem Suezkanal hindurch nach der
Sinai-Halbinsel zu leiten, um dort Land kultivieren zu können.
Eine genaue Analyse der Möglichkeiten zur Bewässerung dieses
Gebietes, das rund 60-70 000 Menschen eine neue Heimat geben
könnte, wird gegenwärtig gemeinsam von UNRWA und der ägyptischen Regierung durchgeführt. Die Ergebnisse dürften in einigen
Monaten vorliegen. 30 Millionen Dollar stehen für diesen Zweck
zur Verfügung.
Das letzte Mittel der Zusammenarbeit zwischen der amerikanischen Regierung :und den Ländern des Nahen Ostens liegt in der
Unterstützung durch Anleihen und Kreditgewährungen. Seit Kriegsende wurden folgende Kredite bzw. Anleihen gewährt:
Export-Import-Bank in Washington bis Ende Finanzjahr 1953:
Land:

�"AÜÜERIKA

LIEHST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

bewilligt:

Land;
Afganistan
Türkei
Israel
Ägypten
Saudi-Arabien
Abessinien
)

19. Mai 1954
angeiwiesen:

Millionen Dollar

21
46
135

n

7,25
29,0
3,0

H

"
w

II

M

II

tl

II

II

*)

17,5
30,0
130,0
7,25
15,0
3,0

Mill.Dollar
n

H

n

M

•i

H

M

W

1»

H

davon 14 gestrichen

Die Gesamthöhe der von der Export-Import-Bank gewährten
Anleihen beläuft sich damit auf insgesamt 203 Millionen Dollar.
Das US-Büro für die Abwicklung ausländischer Kredite, das
auch die Guthaben verwaltet, die nach dem letzten Krieg aus den
Lieferungen überschüssigen Heeresmaterials an die Nahostländer
entstanden, beziffert diese Leistungen auf rund 50 Millionen
Dollar, die sich im einzelnen wie folgt auf die verschiedenen
Staaten verteilen (in Millionen Dollar):
Persien
Ägypten
Türkei
Saudi-Arabien..
Libanon
Abessinien ....

30;
10;
6;
2;
1,5;
0,5.

Eih Teil der an die Türkei im Rahmen der ECA/MSA/FOA
geleisteten Hilfe besteht in erster Linie aus Anleihen und
weniger aus nichtrückzahlbaren Zuwendungen. Die Gesamthöhe
amerikanischer Anleihen an die Türkei beläuft sich auf
140 Millionen Dollar. Desgleichen verwendete die Türkei
einen 3-Millionen-Dollar-Kredit der "US-Bundesverwaltung
für die Schiffahrt".
Die Gesamthöhe sämtlicher an die oben genannten Staaten
gewährten amerikanischen Kredite belaufen sich auf 396 Millionen Dollar. Darüber hinaus besitzen die Vereinigten Staaten
32 Prozent des Aktienkapitals der Weltbank, die Kredite in
Höhe von 59,6 Millionen Dollar an die Türkei, 12,8 Millionen
Dollar an den Irak und 8,5 Millionen Dollar an Abessinien
gewährte.
* * * * * *

- 5-

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE CHINAPOLITIK DER VEREINIGTEN STAATEN
Wesentliche Auszüge aus einer Rede
von Alfred le Sesne Jenkins, dem derzeitigen Leiter der China-Abteilung im
US-Außenministerium, die er am 2.April
1954 vor der amerikanischen Akademie für
Staatswissenschaften (Academy of Political
and Social Science) in Philadelphia gehalten hat.
PHILADELPHIA - (Amerika Dienst) - ".... Wir glauben
nicht, daß die kommunistische Regierung Chinas den Willen
des von ihr beherrschten Volkes repräsentiert. Vielmehr
folgte sie bisher sklavisch der Führung der Sowjetunion
und versuchte, diese in jeder Hinsicht nachzuahmen. Mit
Hilfe von Tausenden von sowjetischen Ratgebern hat sie sich
das Ziel gesetzt, das gesamte Gefüge der traditionellen
chinesischen Kultur systematisch zu verändern und durch die
materialistischen und atheistischen Lehren des Kommunismus
zu ersetzen, nach denen der Staat das ein und alles ist und
das Individuum sein Unterpfand. Das Regime erfuhr zunächst
beträchtlichen Zulauf, namentlich durch seine Förderung des
Gedankens der Bodenreform. Nunmehr aber, nachdem die dazu
erforderlichen Organe des Polizeistaats geschaffen sind,
nimmt es das Land seinen Besitzern auf dieselbe Weise weg,
die in anderen kommunistischen Staaten üblich ist, um es
zu kollektivisieren.
Zusammenarbeit zwischen Mao und Moskau
Obwohl Vertreter der Sowjetbürokratie vor der Machtübernahme durch die chinesischen Kommunisten unter Protest
erklärten, daß sie nicht wüßten, was diese "unabhängigen
Agrarreformer" im Sinne hätten, bestand schon immer eine
enge Zusammenarbeit zwischen Mao und Moskau. Trotz des
Freundschafts- und Bündnisvertrages, der am 14»August 1945
zwischen der Chinesischen Republik und der Sowjetunion geschlossen worden war, und demzufolge die Sowjetunion "Unterstützung und Hilfe ausschließlich der nationalen Regierung
als der zentralen Regierung Chinas" zusicherte, übereignete
dieselbe Sowjetunion das in der Mandschurei beschlagnahmte
japanische Kriegsmaterial den chinesischen
Kommunisten. Schon zwei Tage nach deren Machtergreifung
nahm die Sowjetunion diplomatische Beziehungen # u ' Peking

�ffAiaERIKA DIENST*
j| f Mai 1954
eking auf, und fünf osteuropäische sowjet-Sftelliten folgten
innen einer Woche Das nordkowstäaiB Regime, der kommunistische
Satellitenstaat in Mitteldeutschland und die sogenannte Mongolische Volksrepublik nahmen ebenfalls innerhalb der ersten
Monate diplomatische Beziehungen aü China auf.

?

Nur vier Tage nach der Errichtung der sogenannten "Volksregierung" wurde bereits der Chinesisch-Sowjetische Freundschaftsbund gegründet, eine Massenorganisation, deren Ziel
nach den Worten der Kommunisten darin besteht, "brüderliche
Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen dem Qhinesischen und
dem Sowjetvolk zu begründen und zu festigen, und den Austausch
von Wissen und Erfahrung zwischen den beiden großen Nationen
zu entwickeln."
Seitdem hat das Mao-Eegime mit der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten verschiedene wirtschaftliche,
militärische und kulturelle Verträge geschlossen und Abkommen
getroffen. Starke ideologische Bande bestehen zwischen Moskau
und Peking, und ein großer Teil der chinesischen kommunistischen
Führer ist in Moskau ausgebildet. Die chinesischen Kommunisten
fühlen auch die Notwendigkeit, ihre militärische Stärke und
ihre Schlagkraft durch eine nahe Verbindung mit der Sowjetunion zu erhöhen. China kann seinerseits die Sowjetunion mit
notwendigen Rohstoffen und Nahrungsmitteln versorgen und die
Benutzung der eisfreien Häfen Dairen und Port Arthur anbieten.
Die Sowjetunion wünscht kein starkes, unabhängiges China an
seiner sibirischen Grenze. Sein natürliches Interesse an dem
Bestand und der Stärke des kommunistischen China (sofern dieses nicht allzu stark und allzu unabhängig wird natürlich)
sowie an dem Bündnis mit diesem China zielt darauf ab, eine
Machtposition zu gewinnen, wie sie andernfalls nicht denkbar
wäre.
Im Sinne dieser Anlehnung an den Sowjetblock überhäuft
China die freie Welt im allgemeinen und die Vereinigten Staaten im besonderen mit Schmähungen und allen Arten von Beleidigungen über den Rundfunk, in Zeitungen, am Konferenztisch
und in Zeitschriften aller Sprachen einschließlich Esperanto,
die über die Welt verbreitet werden. Ganz abgesehen von den
möglichen politischen Folgen erscheint ein solches Verhalten
besonders empörend, wenn man bedenkt, daß es von den Chinesen
kommt* Denn ein gutes Jahrhundert lang haben die Amerikaner
eine tiefe Beziehung und eine aufrichtige Freundschaft zum
chinesischen Volk unterhalten. Unser Anteil an der Unterstützung der territorialen Integrität Chinas und seiner politischen Unabhängigkeit ist nur allzu gut bekannt. Es erweckt
unsere Besorgnis und unser Bedauern, daß wir seit mehr als
vier Jahren von unserer gewohnten engen Freundschaft mit der
großen Mehrheit des chinesischen Volkes abgeschnitten sind.
Es gibt einige, die das Gefühl haben, daß diese unglückliche Situation zu beheben wäre, wenn wir das Pekingregime
anerkennten und ihm das Recht zubilligten, China bei den
Vereinten Nationen zu vertreten«. Indess, selbst wenn wir der

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

der Meinung wären, daß sich eine solche Handlungsweise moralisch
rechtfertigen ließe, bestünde doch nicht die Spur einer Aussicht,
auf irgendeine befriedigende Gegenseitigkeit im Sinne einer
Wiederherstellung unserer Beziehungen zu der Bevölkerung des
chinesischen Festlandes. Während der der Machtübernahme durch
die sogenannte Volksregierung vorausgehenden und der ihr folgenden Monate haben Funktionäre des kommunistischen China eine
Anzahl unserer offiziellen Vertreter eingekerkert und auf andere Weise mißhandelt, jedenfalls ihren offiziellen Status
keineswegs anerkannt. Als die Situation schließlich unerträglich wurde, zogen wir unsere sämtlichen diplomatischen Vertreter zurück und baten die Briten, unsere Interessen wahrzunehmen. Die Briten haben sich bemüht, dies nach besten Kräften zu
tun. Aber sie wurden an dieser Absicht gehindert. Denn während
sie das Regime anerkannten und diplomatische und konsularische
Vertretungen auf dem Festland unterhalten, zeigen sich die
Kommunisten ihrerseits keineswegs bereit, diplomatische Beziehungen mit den Briten aufzunehmen, und sie haben auch den
britischen Beamten die volle Akkreditierung verweigert. Die
Briten und auch andere, Vollakkreditierte haben vergeblich
versucht, in unserem Auftrage die Freilassung von einigen
Hundert Amerikanern zu erwirken, die gegen ihren Willen im
kommunistischen China zurückgehalten werden. 32 von ihnen
sitzen im Gefängnis, ohne Beziehung zur Außenwelt, ohne Prozeßverfahren, und sogar ohne zu wissen, welche Anklagen gegen sie
erhoben sind.
Wie sich das Pekingregime benimmt
Das Pekingregime hat sich bisher im Verkehr mit anderen
Nationen nicht an anerkannte Maßstäbe gehalten. Es hat mehrfach
die Abmachungen des Koreanischen Waffenstillstandsabkommens
verletzt. Es hat in der Behandlung der Kriegsgefangenen die
internationalen Regeln mißachtet. Um sich den für seine abenteuerlichen Aggressionen und die entsprechende Tätigkeit in
anderen Ländern erforderlichen Außenhandel zu sichern, hat es
einen Rauschgifthandel über die ganze Welt organisiert und
hat einen Erpressungsfeldzug gegen die Chinesen in Übersee
eingeleitet, deren Angehörige sich in seiner Gewalt befinden.
Zusätzlich zu seiner Aggression in Korea und seiner Herausforderung der Vereinten Nationen selbst, hat es die kommunistischen
Vietminh-Truppen mit Material und Beratern versorgt und VietminhTruppen auf chinesischem Boden ausgebildet. Es hat sich über
die traditionelle Autonomie Tibets hinweggesetzt und über ganz
Südostasien ein Programm der Einschüchterung und der Unterwerfung eingeleitet.
Innerpolitisch ist das Mao-Regime ein erbarmungsloser
Polizeistaat mit all dem was dazu gehört. Millionen von Chinesen wurden ermordet oder haben im Zusammenhang mit der niederträchtigen "Bodenreform" und den Maßnahmen gegen angebliche
Unregelmäßigkeiten privater Kaufleute Selbstmord begangen.
Eigentum von Chinesen wie von Ausländern wurde entschädigungslos enteignet. Persönliche Freiheit gibt es nicht mehr. Die

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Die Justiz der sogenannten Volksgerichtshöfe dient den politischen Zielen des Staates. Das Tun und Lassen des einzelnen
wird weitgehend kontrolliert. Sklavenarbeit besteht in großem
Maßstabe. Kinder werden dazu ausgebildet und angehalten, über
ihre Eltern und Freunde Bericht zu erstatten. Nicht einmal die
Freiheit, zu schweigen, gibt es, seitdem sich alle zur kommunistischen Politik laut bekennen müssen. "Gehirnwäsche" der
Massen ist ein Prozeß, der sich in täglichen Versammlungen und
in allen Kommunikationsmitteln laufend vollzieht. Die Familie
wurde ein besonderes Angriffsziel des kommunistischen Systems.
Die Kommunisten haben die Geschichte umgeschrieben und die
Religion zur Magd der Politik gemacht.
In Anbetracht all dieser Erwägungen dürfte es kaum überraschen, daß die unbeirrbare Politik der amerikanischen Regierung dem kommunistischen Regime Chinas einen entschiedenen
Widerstand entgegensetzt. Eine allmähliche Anerkennung des
Pekingregimes durch die Weltöffentlichkeit würde uns mit großer Sorge erfüllen.
Ferner sind wir der Meinung, daß die Anerkennung des
Peking-Regimes die anderen asiatischen Nationen in ihrem Willen,
der kommunistischen Expansion Widerstand entgegenzusetzen,
schwächen würde. Die Völker, die in der Nähe Chinas leben,
würden unter solchen Umständen leicht zu der Ansicht gelangen,
daß der Kommunismus unabwendbar sei und würden ihre politischen
und wirtschaftlichen Maßnahmen nach dieser Meinung ausrichten.
Wenn das kommunistische Regime für die 12 Millionen außerhalb des Mutterlandes lebenden Chinesen die einzige Repräsentantin Chinas wäre, so würden die Kommunisten über eine fix
und fertige Fünfte Kolonne von Bedeutung in ganz Südostasien
und in vielen anderen Ländern der Welt verfügen. Sie haben
die Unterstützung einiger dieser Chinesen, aber ihre Gefolgschaft ist merklich kleiner geworden seit jener Erpressungsepisode und seitdem die Ausschreitungen des Regimes immer mehr
offenbar wurden.
Diejenigen, die sich für eine Anerkennung des PekingRegimes einsetzen, melden sich zum Wort, um uns zu veranlassen, "die Realität anzuerkennen". Doch es entspricht nicht
unserer Tradition, die Wirklichkeit mit dem Unzumutbaren zu
verwechseln. Wir erkennen zum Beispiel mit Sorge, daß die
Zahl der Krebserkrankungen in den letzten Jahren gestiegen ist,
aber wir weigern uns, den Krebs als unvermeidlich zu betrachten.
So viel über unsere politische Haltung gegenüber dem
kommunistischen Regime Chinas. Militärisch sind die Vereinigten
Staaten der Meinung, daß der einzige Weg zur Vermeidung von
Angriffskriegen der Wille und die Bereitschaft zur entschiedenen
Abwehr ist. Und zwar an dem Ort und mit den Mitteln, die die
freie Gesellschaft für richtig hält.
^.

�"AMERIKA SIEHST"

12. Mai 1954

Die Politik des totalen Embargo
Auf wirtschaftlichem Gebiet vertreten wir die Politik des
totalen Embargos gegen das kommunistische China. Unseren Schiffen ist es untersagt, chinesische Häfen anzulaufen. Es ist wohl
klar, daß nicht jede Art von Ware geeignet ist, direkte Hilfe
auf dem Schlachtfeld zu leisten. Trotzdem glauben wir, daß gegen
einen Angreifer, der dabei ist, Truppen der Vereinigten Staaten
und anderer freier Länder zu bekämpfen und zu töten, der größtmögliche wirtschaftliche Druck ausgeübt werden müsse. Die Aggression in Korea wird, soweit sie das kommunistische China angeht,
erst dann endgültig beigelegt sein, wenn dessen Truppen sämtlich
zurückgezogen sind. Der Waffenstillstand ließ bisher nur das
Schießen aufhören - zweifellos, weil die Kommunisten den Kampf
profitlos fanden - aber wir haben bisher noch kein Anzeichen
dafür wahrnehmen können, daß das ICao-Regime seine aggressive
Politik aufgegeben hätte. Wenn die Zeit kommen sollte, da
eine Lockerung der wirtschaftlichen Kontrollen in Erwägung zu
ziehen wäre, sollten wir noch daran denken, welche Wirkung
eine solche Maßnahme hinsichtlich der Aufrüstungspläne Chinas
haben würde und seiner unverhohlenen Absicht, ganz Asien und
gegebenenfalls die Welt zu "befreien".
Genf
Natürlich wollen wir weder in Genf noch irgendwo anders
etwas unternehmen, was der Sache der Regierung der Republik
China schaden könnte. Unaere Politik geht darauf hinaus, die
moralische und materielle Unterstützung des freien Chinas zu
erweitern, und wir haben nicht die Absicht, es fallen zu lassen.
Seine Regierung war standhaft in ihrer Opposition gegen den
gesetzlosen Imperialismus. Wir vergessen nicht, daß die Regierung Chinas unter Präsident Tschiang Kai-Schek während der
langen Jahre, in denen sie auf einsamen Posten gegen die japanischen Eindringlinge stand, wiederholt Gelegenheit hatte, mit
der eindringenden Macht zu einem scheinbar vorteilhaften Vergleich zu kommen, es aber ablehnte, ihn zu schließen. Die
chinesische Regierung hat sehr bald schon die wahre Natur der
chinesischen Kommunisten erkannt und sich geweigert, mit ihnen
einen Kompromiß zu schließen. Ebenso, wie wir die unwandelbare
Freundschaft der chinesischen Regierung mit Dankbarkeit entgegennehmen, so verfolgen wir mit Genugtuung das Wachsen seiner
materiellen Stärke und politischen Anerkennung. Wir sind
durchaus bereit, diese Entwicklung weiterhin zu unterstützen,
aber wir können sie nicht selbst bestimmen. Dies ist natürlich
in erster Linie eine Angelegenheit der Chinesen. Der militärische und wirtschaftliche Fortschritt, der sich während der
letzten vier Jahre in Formosa vollzogen hat, war ermutigend.
Wir hoffen zuversichtlich, daß der Fortschritt, den das freie
China macht, sich in zunehmendem Maße in vorteilhaften Gegensatz zu den Organisierungen und Unterdrückungen durch das Regime
des Hauptlandes stellt.
w.

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Wir werden unsere militärische und wirtschaftliche Hilfe
für die Regierung des freien China fortsetzen. Wir werden
fortfahren, sie als die Regierung Chinas anzusehen, und wir
werden sie als Repräsentantin Chinas bei den Vereinten Nationen
unterstützen. Wir sind überzeugt, daß sie, obwohl sie von
ihrem Mutterlande abgeschnitten ist, den Willen des chinesischen Volkes weit mehr repräsentiert als das Peking-Regime.
Sie hat sich bei den Vereinten Nationen als fähig, verantwortungsbewußt und würdig erwiesen. Die freie Welt kann mit
dieser Regierung auf der Basis gegenseitigen Verständnisses
verhandeln.
Eine Lösung des "China-Problems" dürfte weder leicht noch
schnell zu erreichen sein. Die Zeit kann jedoch für uns arbeiten. Was die Kommunisten am meisten zu fürchten haben, ist
die Wahrheit. Diese Furcht war es auch, die sie den Eisernen
Vorhang und den Bambus-Vorhang errichten ließ. Es gibt nichts
Neues beim Kommunismus, und wir wissen, daß er auf keinen Fall
die "unentrinnbare Welle der Zukunft" ist. Er hatte eine
lange Bewährungszeit und hat sich als völlig unfähig erwiesen,
seine Versprechungen zu erfüllen. Wir sind entschlossen,
stark zu bleiben, damit wir genügend Zeit haben, durch die
Schranken der Vorhänge hindurch, die einfache Tatsache darzulegen, daß das von den freien Menschen aufgestellte System
unvergleichlich besser die Energien ausnützen und den Anforderungen der Völker gerecht werden kann als ein materialistisches und zynisches System, das sich auf Zwang und Organisierung aufbaut.
* * # * *

- 6 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BERICHTET DEM AMERIKANISCHEN VOLK
WASHINGTON -(Amerika Dienst) - Außenminister
John Poster Dulles berichtete am 7»Mai 1954 dem
amerikanischen Volk über den bisherigen Verlauf
der Genfer Konferenz und nahm zu Prägen der
amerikanischen Außenpolitik Stellung« Die
Rede des Außenministers hat folgenden Wortlaut:
"Ich begrüße diese Gelegenheit, um zu Ihnen über die
gegenwärtig in Genf stattfindende Konferenz und damit zusammenhängende Aspekte unserer Außenpolitik zu sprechen.
Zuerst möchte ich mit
Verteidigern von Dien Bien
gegeben sein, einen echten
te zu leisten, für die sie

Ihnen zusammen den heldenmütigen
Phu Tribut zollen. Möge es uns
Beitrag zur Verteidigung der Werihr Leben gegeben haben.

Ich bin diese Woche von der Genfer Konferenz zurückgekehrt. Meine Rückkehr hatte keinerlei Zusammenhang mit irgendwelchen Entwicklungen der Konferenz selbst. Ich habe bereits im Februar, als die Konferenz anberaumt wurde, erklärt,
daß ich nur an den Eröffnungssitzungen teilnehmen und daß
mein Platz dann von dem stellvertretenden Außenminister General
Walter Bedell Smith eingenommen würde. Er ist in bester Weise
geeignet, unsere Delegation in Genf zu leiten.
Da die Konferenz einige Wochen dauern kann, sah ich mich
außerstande, die ganze Zeit in Genf zu bleiben. Ich bin in
den letzten sechs Monaten sehr oft von den Vereinigten Staaten
fern gewesen, um an den Konferenzen von Bermuda, Berlin,
Caracas und den beiden Sitzungen des Nordatlantikrates in
Paris teilzunehmen. Diese Zusammenkünfte stärken die Bande
mit unseren Alliierten und ermöglichen es uns, den amerikanischen Standpunkt anderen Regierungen darzulegen. Aber der
Außenminister muß auch in enger Fühlungnahme mit dem amerikanischen Volk und dem Kongreß stehen, und um unseren Einfluß
in außenpolitischen Dingen voll geltend zu machen, muß die
Regierung das Verständnis und die Unterstützung der afrikanischen Bevölkerung bei ihrer Politik haben.
Die Genfer Konferenz hat zwei Aufgaben. Die erste besteht
darin, einen Weg zur Vereinigung Koreas zu finden. Die zweite
ist darauf gerichtet, die Möglichkeit einer Wiederherstellung
des Friedens in Indochina zu erörtern.
Die
_ 1_

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Die sow4etische Delegation hat sich dagegen aber bemüht,
die Konferenz für andere Zwecke auszunutzen. Sie hat durch verschiedene Taktiken versucht, den falschen Eindruck zu erwecken,
als ob diese Konferenz Rotchina als eine der'fünf Großmächte'
akzeptiert oder ihm einen neuen internationalen Status gegeben
habe.
Diese beiden Fragen wurden in Verbindung mit der Einberufung der Konferenz geklärt, und die Sowjetunion hatte sich dann
dazu bereitgefunden, daß die Konferenz nicht eine Angelegenheit
der fünf Mächte sein noch daß sie irgendeine Anerkennung Rotchinas einschließen würde. Die USA und ihre Alliierten hielten
an dieser Auffassung unverbrüchlich fest, und die Sowjets konnten sie schließlich nur akzeptieren.
ÄIS ich aus Genf abreiste, waren die Verhandlungen über die
Korea-Phase der Konferenz organisiert worden und in vollem Gange.
Ich will zunächst davon sprechen und dann auf Indochina übergehen,
wo immer noch aktiv gekämpft wird und wo die Frage einer eventuellen amerikanischen Teilnahme zu erwägen wäre.
Korea ist jahrelang das Faustpfand großer Mächte gewesen.
Rußland, Japan und China haben Korea mißbraucht und ausgebeutet
und seine Bevölkerung versklavt gehalten. Die Koreaner wollen
jetzt nur vereint und frei sein und alleine gelassen werden. Tatsächlich ist Korea jedoch geteilt, und Nordkorea lebt unter
dem Joch Rotchinas. Es ist doch wohl nicht mehr als recht und
billig, daß die Kommunisten dem koreanischen Volk endlich gestatten sollten, sein leben selbst zu leben, und seine Freiheitsbestrebungen zufriedenzustellen.
Als die Genfer Konferenz organisiert war, kamen die Kommunisten mit ihrem Programm für die Einigung Koreas heraus. Leider war dies kein Programm, das die Wünsche des koreanischen
Volkes nach Einheit und Freiheit erfüllte. Das Programm war wie Präsident Eisenhower es nannte - eine 'chinesische Kopie'
des sowjetischen Schemas für die Wiedervereinigung Deutschlands.
Sie wollen die Wahlen so aufgezogen haben, daß die Kommunisten
das Ergebnis praktisch diktieren und damit ihre Herrschaft dem
ganzen Lande auferlegen können.
Im Falle Deutschlands kontrollieren die Kommunisten die
Ostzone, die nur etwa ein Viertel der gesamten Bevölkerung
Deutschlands umfaßt. Im Falle Koreas kontrollieren sie etwa
ein Sechstel der Gesamtbevölkerung. Die Kommunisten bestehen
jedoch in beiden Fällen darauf, daß dies ihnen das Recht auf
eine gleiche Beteiligung bei der Festlegung der Wahlbedingungen
gibt. Darüber hinaus wollen sie durchsetzen, daß es keine unparteiische Überwachung oder Beobachtung der Wahlen geben darf, womit wir sicherstellen wollen, daß diese fair und ohne Zwang
durchgeführt werden.
Die Kommunisten sind überzeugt, daß unter diesen Vorbedingungen ihre Kandidaten gewinnen könnten.
Dieses

�«AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Dieses Schema wurde, als es für Deutschland vorgeschlagen
wurde, von der Bundesrepublik Deutschland und den drei Westmächten in Berlin abgelehnt. Dieses Schema muß in gleicher
Weise auch für Korea zurückgewiesen werden. Ich kann Ihnen
versichern, daß die amerikanische Delegation alles in ihrer
Macht stehende tun wird, um auf friedlichem Wege die Unabhängigkeit, Freiheit und Einheit Koreas herbeizuführen.
über 140 000 dem UN-Oberkommando unterstellte Amerikaner
wurden getötet oder verwundet, als sie verhinderten, daß Korea
von einer bewaffneten Invasion überrannt wurde. Ich verspreche
Ihnen, daß wir am Konferenztisch in Genf die Freiheit nicht
opfern werden, für die so viele gekämpft haben und gefallen
sind.
Wir drängen die Kommunisten, ehrenhaften Wahlen zuzustimmen, die von zuverlässigen ausländischen Beobachtern
überwacht werden, die wiederum Wirklich freie Wahlen garantieren. Ob die Kommunisten dies annehmen werden, muß abgewartet werden. Wenn sie diese Bedingungen annehmen, dann, so bin
ich überzeugt, kann Korea wiedervereint werden.
Das Problem Südostasien
Ich möchte mich jetzt dem Problem Südostasien zuwenden.
Auf dieser großen Halbinsel und den im Süden vorgelagerten
Inseln leben annähernd 200 Millionen Menschen in sieben Staaten - Burma, den drei assoziierten Staaten von Indochina Laos, Kambodscha und Vietnam - Thailand, Malaya und Indonesien.
Eine kommunistische Eroberung dieses Gebietes würde die Stellung der freien Welt im westlichen Pazifik ernsthaft gefährden.
Sie würde u.a. die Philippinen, Australien und Neuseeland in
Gefahr bringen, Staaten, mit denen die USA gegenseitige Sicherheitsabkommen geschlossen haben. Sie würde weiter Japan wichtiger Außenhandelsmärkte sowie Rohstoff- und Nahrungsmittelquellen berauben.
In einem der drei indochinesischen Staaten,Vietnam, ist
der Krieg seit 1946 im Gange. Als er begann, war Indochina
eine französische Kolonie, die gerade von der japanischen
Besetzung befreit worden war. Es war ursprünglich ein Krieg,
der die nationale Unabhängigkeit anstrebte. Was als ein Bürgerkrieg begann, ist nun von dem internationalen Kommunismus
für seine eigenen Zwecke ausgenutzt worden. Der kommunistische
Führer Vietnams, Ho Chi Minh, wurde in Moäkau ausgebildet und
erwarb seine ersten Erfahrungen als Berufsrevolutionär in
China.
Im Namen des Nationalismus zielen die Kommunisten darauf
ab, die Bevölkerung von Vietnam ihrer Unabhängigkeit zu entkleiden, indem sie sie dem neuen Imperiali smust des Sowjetblocks unterwerfen» Was sich gegenwärtig in Indochina abspielt, ist ein perfektes Beispiel der kommunistischen Strategie, die Lenin und Stalin vor vielen Jahren ausgearbeitet
hatten und die die Kommunisten anwandten, um große Teile
Asiens zu unterwerfen.
Das

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Das Gebiet Indochinas war verwundbar. Die Regierungen
von Vietnam, Laos und Kambodscha hatten noch nicht ihre volle
nationale Unabhängigkeit erhalten. Ihre Völker waren nicht
ausreichend organisiert, um gegen die kommunistisch geführten
Rebellen zu kämpfen, und sie waren nicht der Auffassung, daß
bei diesem Kampf große Dinge auf dem Spiele stehen, die große
Opfer rechtfertigen.
Präsident Eisenhower wurde mit dem Problem vertraut, als
er Oberbefehlshaber der NATO in Europa war. Er hat gesehen,
wie der Krieg in Indochina Frankreich belastet und ausgesogen
hat. Er bemerkte die zunehmende Unzufriedenheit in Frankreich
über den langen Krieg, in dem Frankreich die Hauptlast des
Kampfes auf sich nahm und der zunehmende menschliche und materielle Anforderungen stellte.
Ich erinnere mich, daß wir uns im Dezember 1952, als
General Eisenhower als gewählter Präsident von seiner Koreareise zurückkehrte, auf dem Kreuzer Helena ernsthaft mit dem
Indochina-Problem befaßten. Wir kamen zu der Erkenntnis, daß
die Kommunisten in ganz Südostasien eindringen könnten, wenn
Vietnam in feindliche Hände fiele und wenn die Nachbarstaaten
dieses Lancfesschwach und uneinig blieben. Aus diesen Gründen
richtete die Regierung Eisenhower von Anfang an ihr besonderes
Augenmerk auf das Problem Südostasien.
Unsere Bemühungen bewegten sich auf zwei sich ergänzenden
Linien. Wir suchten den Widerstand gegen den Kommunismus in
Indochina zu stärken, und wir versuchten auch, in Südostasien
eine breitere Verteidigungsgemeinschaft aufzubauen.
Maßnahmen für Indochina
Für Indochina selbst scheinen uns die folgenden Maßnahmen
wichtig zu sein: Erstens die Franzosen sollten ihre Absicht,
den Staaten Vietnam, Laos und Kambodscha volle Selbständigkeit
zu gewähren, der Verwirklichung näherbringen. Das würde dem
falschen kommunistischen Anspruch, einen Kampf um die nationale Unabhängigkeit zu führen, den Boden entziehen.
Zweitens: Man sollte sich mehr auf die nationalemArmeen
stützen, die in ihrem eigenen Lande kämpfen würden. Dies könnte nach unserer Ansicht geschehen, wenn die Bevölkerung weiß,
daß sie einen guten Grund zum kämpfen hat, und wenn sie feststellt, daß bessere Möglichkeiten für die Ausbildung und Ausrüstung ihrer Streitkräfte vorhanden sind.
Drittens: Die freie Welt sollte eine größere Unterstützung gewähren. Frankreich hat einen Kampf geführt, der seine
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit überlastet.
Auf jedem der drei Gebiete sind viele Fortschritte gemacht
worden. Die französische Deklaration vom 3.Juli 1953 versprach
für Vietnam, Laos und Kambodscha die volle Unabhängigkeit. Be-

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Bereits jetzt ist ein Unabhängigkeitsvertrag mit Laos abgeschlossen worden, und Staatschef Bao-Dai teilte mir vor zwei
Wochen in Paris mit, daß seiner Ansicht nach Vietnam die Zusicherung der Unabhängigkeit gegeben worden sei.
Auf der militärischen Seite wurde von General Navarre ein
Zwei-Jahresplan ausgearbeitet. Dieser Plan war darauf abgestellt,
die Ausbildung der einheimischen Streitkräfte zu beschleunigen.
Die Kosten dieses Planes sind beträchtlich. Die USA, die
bereits einen Teil der Kosten des Krieges bezahlten, erklärten
sich bereit, die Hauptlast der Gesamtkosten zu tragen. Wir
leisten gegenwärtig einen Beitrag von etwa 800 Millionen Dollar
im Jahr, zuzüglich sehr großer Lieferungen an militärischen
Gütern.
Trotz der Gewinne an diesen Fronten wuchs die Überzeugung
des französischen Volkes, daß Prankreich im Hinblick auf seine
Verantwortung in Asien, Afrika und Europa überbeansprucht werde.
Aus diesem Grunde stellte die französische Regierung, als ich im
Januar und Februar mit den Außenministern von Prankreich, Großbritannien und der Sowjetunion in Berlin zusammentraf, das Ersuchen, daß die vorgesehene Korea-Konferenz ausgeweitet würde,
um auch das Problem eines Friedens in Indochina zu erörtern.
Kurz nach Beendigung der Berliner Konferenz begannen die Kommunisten, wie es von ihnen zu erwarten war, ihre militärischen
Trümpfe im Hinblick auf Menschen und Material in einer verzweifelten Bemühung auszuspielen, um einen Sieg zu erringen, den
sie für politische Zwecke ausschlachten könnten. Sie konzentrierten sich auf einen Massenangriff gegen einen der französischen Außenposten - Dien Bien Phu. Dieser Angriff wurde mit
einer rücksichtslosen Mißachtung des menschlichen Lebens vorgetragen.
Jetzt ist Dien Bien Phu gefallen. Seine Verteidigung in
57 Tagen und Nächten wird als eine der heroischsten Taten aller
Zeiten in die Geschichte eingehen. Die aus französischen und
einheimischen Streitkräften zusammengesetzten Verteidiger fügten dem Gegner furchtbare Verluste zu. 'Die französischen Soldaten haben gezeigt, daß sie weder den Willen, noch das Können
verloren haben, selbst unter den ungünstigsten Bedingungen zu
kämpfen. Es hat sich gezeigt, daß Vietnam Soldaten hervorbringt,
die das Zeug haben, ihr Land zu verteidigen.
Ein heldenhafter Kampf ist zu Ende gegangen. Aber in der
Geschichte wurde schon häufig eine große Sache letztlich doch
trotz verlorener Schlachten zum Siege geführt.
Rotchina hat die Vietminh-Rfebellen mit Munition, Lastkraftwagen, Flak-Artillerie, Radargeräten, technischem Material
und technischem Personal unterstützt. Vor einer offenen Intervention sind die chinesischen Kommunisten jedoch zurückgeschreckt.
Es kann sein, daß die Warnungen der Vereinigten Staaten, jede
derartige Intervention werde folgenschwere Konsequenzen haben,
die unter Umständen nicht auf Indochina beschränkt bleiben würden,
Rotchina von diesem Schritt zurückgehalten hat.
- ,, ...
Kollektive
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Kollektive Verteidigung
Während dieser Zeit haben die Vereinigten Staaten auch die
zweite Linie verfolgt, nämlich durch kollektive Maßnahmen in
Südostasien einen Block der Stärke zu schaffen»
Schon im Jahre 1951 habe ich mit den Philippinen, Australien und Neuseeland entsprechende Verträge ausgearbeitet. Die
Verträge brachten zum Ausdruck, daß das betreffende Gebiet für
die Vereinigten Staaten von lebenswichtiger Bedeutung ist und
daß die Verträge selbst nur einen ersten Schritt darstellten in
der Schaffung eines umfassenderen Systems der kollektiven Sicherheit für dieses Gebiet.

Um die Schaffung eines solchen Systems haben wir uns seitdem ständig bemüht, doch hat sich seine Verwirklichung als recht
schwierig erwiesen. Es gab hier Unterschiede der Rasse und der
Kultur und Unterschiede in der Entwicklung der verschiedenen
nationalen Selbstregierungen. Die Länder, die ihre Unabhängigkeit von dem westlichen Kolonialismus oder dem japanischen
Imperialismus gewonnen hatten oder im Begriff standen zu erlangen, waren in vielen Fällen von den Gefahren der Vergangenheit,
denen sie gerade entronnen waren, viel stärker beeindruckt als vor
der Bedrohung einer zukünftigen Gefahr. Die Erinnerung an die
Vergangenheit machte sie für die bestehenden Gefahren des kommunistischen Imperialismus blind. Sie waren darum nicht in der
Lage, jene Opfer zu bringen, die jedes kollektive Sicherheitssystem fordert.
Diese Lage begann sich jedoch zu verändern, und im Frühjahr
dieses Jahres hatte es den Anschein, daß ein Programm zur kollektiven Verteidigung in einem breiteren Rahmen aufgestellt werden
könnte.
Am 29.März 1954 stellte ich nach Beratungen mit führenden
Vertretern des amerikanischen Kongresses beider Parteien und
nach Rücksprache mit unseren wichtigsten Alliierten fest: 'Unter
den gegenwärtigen Bedingungen würde die Aufzwingung des politischen Systems des kommunistischen Rußland oder seiner chinesischen Kommunistischen Verbündeten in Südostasien, gleichgültig
durch welche Mittel, eine ernste Gefahr für die gesamte freie
Welt darstellen. Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß
diese Möglichkeit nicht passiv hingenommen werden darf, sondern
daß ihr durch gemeinsame Maßnahmen begegnet werden sollte1.
Die Erklärung war nichts Äeues, obwohl die Umstände des
Augenblicks den Worten eine neue Bedeutung gaben.
In seiner am 16.April im vergangenen Jahr gehaltenen Rede
hatte Präsident Eisenhower davon gesprochen, daß 'die Aggression
in Korea und in Südostasien eine Bedrohung für die gesamte Gemeinschaft der freien Welt darstellt, der durch eine gemeinsame
Aktionfeegegnetwerden muß'.
Nachdem wir unsere Ziele dem amerikanischen Volk dargelegt
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

dargelegt hatten, erörterten wir diese Frage unverzüglich mit
den Vertretern von neun freien Nationen, die ein unmittelbares
Interesse an diesem Gebiet haben, nämlich mit Vietnam, Laos,
Kambodscha, Thailand, den Philippinen, Australien, Neuseeland,
Frankreich und Großbritannien. Wir setzten andere Staaten,
deren Interessen hiervon berührt werden konnten, davon in
Kenntnis.
Die Regierungen von Großbritannien und Frankreich haben
mich gebeten, ihre Hauptstädte aufzusuchen, um unsere Konzeption
weiter zu entwickeln. Nach Konferenzen mit Sir Winston Churchill
und Außenminister Eden am 12. und 13.April in London, gaben
wir ein gemeinsames Amerikanisch-Britisches Kommunique heraus,
das nach einer Darlegung der sich aus der kommunistischen
Kriegführung in Indochina ergebenden Gefahr für das gesamte
Gebiet Südostasiens und des westlichen Pazifik zu folgendem
Schluß kam: 'Demgemäß sind wir bereit, zusammen mit anderen
hauptsächlich interessierten Staaten an einer Prüfung der Möglichkeiten der
Richtung einer kollektiven Verteidigung im
Rahmen der Charta der Vereinten Nationen teilzunehmen, um den
Frieden, die Sicherheit und die Freiheit Südostasiens und des
westlichen Pazifik anzustreben'.
In Paris kam es zu einer ähnlichen Abmachung mit Ministerpräsident Laniel und Außenminister Bidault.
Der damit erreichte Fortschritt war das, was die USA angestrebt hatten. Wir beabsichtigten niemals irgendeine plötzliche
aufsehenerregende Handlung, wie etwa ein Ultimatum an Rotchina».
Unser Ziel war es, eine grundsätzliche Einigkeit der konstruktiven Zielsetzung zu erreichen. Wir sind diesem Ziel nähergekommen. Ich bin überzeugt, daß sich die Einigkeit der Zielsetzung durchsetzt und daß ein solch tragisches Ereignis, wie
der Fall von Dien Bien Phia, unser Ziel, vereint zu bleiben,
stärken und nicht schwächen wird.
Die Vereinigten Staaten und andere unmittelbar betroffenen
Länder ziehen die Errichtung eines kollektiven Verteidigungssystems sorgfältig in Erwägung und führen Besprechungen in dieser Richtung. Wir müssen uns darüber einig werden, wer an der
gemeinsamen Verteidigungsanstrengung teilnehmen soll, und welches die Verpflichtungen der Beteiligten sein sollen.
Es muß in Rechnung gestellt werden, daß Schwierigkeiten aufgetaucht sind, aber dies war zu erwarten. Die Kompliziertheit
des Problems ist groß. Wie ich bereits betont habe, waren die
Komplikationen derart, daß es erst vor einigen Monaten möglich
war, damit zu beginnen. Angesichts aller gegebenen Umstände
glaube ich, daß gegenwärtig gute Fortschritte gemacht werden.
Meiner festen Überzeugung nach wird der Ausgang der Entwicklung
so sein, daß die kommunistische Aggression nicht imstande sein
wird, ihre Bestrebungen in Südostasien zu verwirklichen.
Dies mag schwerwiegende Verpflichtungen für uns alle bedeuten. Aber die freien Völker werden niemals frei bleiben, wenn

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

wenn sie nicht den Willen haben, für ihre lebenswichtigen
Interessen zu kämpfen. Darüber hinaus können die vitalen
Interessen nicht länger durch eine bloße lokale Verteidigung
geschützt werden. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Verteidigung und für die Abschreckung eines Angriffs ist der Zusammenschluß für eine gemeinsame Verteidigung. Das ist das,
was die USA in Südostasien anstreben.
Die Frage bleibt bestehen, was die USA hinsichtlich der
gegenwärtigen Feindseligkeiten in Vietnam tun sollten.
In Korea haben wir gezeigt, daß wir unter entsprechenden
Bedingungen zu einem militärischen Eingreifen bereit sind,
wenn dies notwendig ist, um unsere lebenswichtigen Interessen
und die Grundsätze zu wahren.auf denen ein dauerhafter Friede
beruhen muß.
In Korea haben wir uns zusammen mit anderen Nationen zur
Verteidigung einer unabhängigen Regierung zusammengetan, die
bereits einem bewaffneten Angriff Widerstand leistete. Wir
taten dies auf Ersuchen der Republik Korea und im Auftrage der
Vereinten Nationen. Das Koreanische Volk war von einem tiefen
patriotischen Gefühl durchdrungen und willens, eine eigene
Macht zu entwickeln. Die Fragen, um die es hier ging, wurden
vor dem Forum der Welt durch die Entschlüsse der Vereinten
Nationen klargestellt. Unter diesen Umständen kämpften wir
und unsere Alliierten, bis der Feind um einen Waffenstillstand
nachsuchte.
In Indochina ist die Lage weitaas verwickelter. Die gegenwärtigen Bedingungen bieten keine annehmbare Grundlage für die
Vereinigten Staaten, mit ihren bewaffneten Streitkräften einzugreifen.
Die Genfer Konferenz mag vielleicht eine Klärung der Lage
bringen. Die Franzosen haben ihren Wunsch für einen Waffenstillstand zu ehrenhaften Bedingungen und unter geeigneten
Sicherheiten geäußert. Wenn sie eine Regelung zu Bedingungen
erreichen können, die die Freiheit der Bevölkerung von Vietnam
nicht gefährden, dann wäre dies ein echter Beitrag zu der
Sache des Friedens in Südostasien. Wir wären jedoch zutiefst
besorgt, wenn in Genf ein Waffenstillstand oder eine Waffenruhe zustande käme, die den Weg für eine kommunistische Machtübernahme und weitere Aggressionen bereiten würden. Wenn dies
eintrifft, oder wenn die Feindseligkeiten weitergehen, dann
wird sich die noch dringendere Notwendigkeit zur Schaffung der
Bedingungen für eine gemeinsame Aktion zur Verteidigung des
Gebietes ergeben.
Wenn es darum geht, Verpflichtungen auf sich zu nehmen,
die den Einsatz bewaffneter Streitkräfte zur Folge haben könnten,
dann hat der Kongreß mitzusprechen. Nur der Kongreß kann den
Krieg erklären. Präsident Eisenhower hat wiederholt betont,
daß er keine militärische Maßnahme in Indochina ohne die Unterstützung des Kongresses anordnen würde. Darüber hinaus hat er
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

er klargemacht, daß er eine solche Maßnahme nicht anstreben
würde, ohne daß nach seiner Ansicht eine ausreichende Kollektive Anstrengung unternommen wird, die auf dem Grundsatz einer
echten Gemeinsamkeit der Zielsetzung in der Verteidigung lebenswichtiger Interessen beruht.
Die kommunistische Propaganda hat sich mit allen Kräften
bemüht, es als etwas Grundböses hinzustellen, wenn Asien sich
mit den amerikanischen Staaten und Europa zusammenschließt,
um jenen Beistand zu erlangen, der den asiatischen Völkern
helfen würde, ihre Freiheit zu sichern. Die kommunistischen
Völker haben hier das Schlagwort 'Asien den Asiaten' geprägt.
Eines ähnlichen Schlagwortes bedienten sich schon einmal
die japanischen Kriegsherrn, als öie Asien unter ihr despotisches Regiment zu bringen versuchten. Das gleiche Thema schlug
auch Molotow in Berlin an, als er 'Europa für die Europäer'
forderte und vorschlug, die Europäer sollten ihre Sicherheit
durch Abkommen zu erreichen suchen, durch die die Amerikaner
nach den Vereinigten Staaten zurückgeschickt würden.
Große despotische Mächte haben stets gewußt, daß sie ihren
Willen durchsetzen und ihre Eroberungen ausnützen können, wenn
die freien Nationen abseits stehen und keiner dem anderen hilft.
Man sollte sich in diesem Zusammenhang daran erinnern,
daß sich die sowjetkommunistische Aggression in Europa nur gegen solche Länder richtete, die keinen kollektiven Sicherheitsabkommen angehörten. Seit der Schaffung der NATO hat es in
Europa keine erfolgreiche Aggression mehr gegeben.
Natürlich ist es von äußerster Wichtigkeit, daß die Teilnahme der USA an der Schaffung eines kollektiven Sicherheitssystems in Asien auf einer Grundlage beruhen muß, die die Aspirationen und kulturellen Bestrebungen der asiatischen Völker
vollständig in Rechnung stellt. Wir haben das materielle und
industrielle Potential zur Verfügung, das ihnen fehlt und
welches ein wesentliches Element der Sicherheit darstellt.
Diese Länder besitzen auch eigene kulturelle und geistige
Werte, die sie in moralischer Beziehung uns durchaus gleichgestellt sein lassen.
Als erste Kolonie in der neueren Geschichte, die sich
ihre Unabhängigkeit selbst erringen konnte, teilen die Vereinigten Staaten instinktiv die freiheitlichen Bestrebungen
aller abhängigen und kolonialen Völker. Wir wollen an der
Ausbreitung der Freiheit mithelfen und sie nicht behindern.
Wir trachten nicht danach, den westlichen Kolonialismus
zu verewigen und wir finden den neuen imperialistischen Kolonialismus deB Kommunismus sogar noch unerträglicher.
Das

�"AMERIKA DIENST"

12. Mai 1954

Das ist der Geist, der uns beseelt. Wenn wir diesem
Geist die Treue bewahren, dann können wir der Zukunft mit Vertrauen entgegenblicken, mit dem Vertrauen, daß wir im Einklang mit jenen moralischen Kräften stehen, die letzten Endes
die Oberhand behalten werden."
*

* * * *

i

/

- 10 -

�A M E R I K A

D I E N S T

KERNPROBLEME DER AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
Im folgenden übermitteln wir Ihnen den
vollen Wortlaut einer Rede des amerikanischen Außenministers John Poster Dulles,
gehalten am 15.Mai 1954 anläßlich des Jahrestages der Amerikanischen Unabhängigkeitsresolution von Virginia und der 'Virginia
Bill of Rights1.
'AILLIAkSBÜRG, Virginia - (Amerika Dienst) - "Es ist mir
eine Ehre, daß Sie mich um die Teilnahme an diesem jährlich gefeierten Gedenktage der Unabhängigkeitsentschließung von
Virginia und der 'Virginia Bill of Rights' gebeten haben.
Heute ist gleichzeitig der Tag der amerikanischen Streitkräfte. Zwischen den beiden Konzeptionen, nämlich der der
politischen Freiheit und der ihrer Verteidigung besteht eine
deutliche Verbindung. Unabhängigkeit und Menschenrechte behaupten sich nicht allein deshalb, weil sie proklamiert worden sind. Sie sind abhängig von dem Willen und der Fähigkeit
der Menschen,dafür zu kämpfen und, wenn es für ihre Erhaltung
nötig ist, auch dafür zu sterben. Das ist das besondere Pflichtgebot unserer Armee, und heute, da wir der historischen Taten
der Vergangenheit gedenken, ehren wir auch jene Männer, die
bereitstehen, das heutige Erbe der Freiheit zu verteidigen.
Historische Taten wie jene, die im Jahre 1776 hier vollbracht wurden, sollten stets ins Gedächtnis zurückgerufen
werden. Damit soll nicht nur eine Schuld der Gegenwart an die
Vergangenheit abgetragen werden. Wir sind es uns selbst schuldig, die tiefe Weisheit und die großen Glaubenstaten unser
Vorväter immer frisch in Erinnerung zu behalten. Denn wie in
der Virginia Bill of Rights verkündet wurde, können einem
Volke weder eine freie Regierung noch die Segnungen der Freiheit erhalten bleiben, denn durch häufiges Sich-Besinnen auf
die grundlegenden Prinzipien.
Es waren große Ereignisse, die sich in den ersten sechs
Monaten des Jahres 1776 hier in Williamsburg abspielten. Die
Unabhängigkeitsentschließung, die am 15.Mai 1776 von der
Virginia-Delegiertenversammlung gefaßt wurde, war der unmittelbare Auftakt zu der Unabhängigkeitserklärung des 4.Juli.
Die Virginia Bill of Rights, die am 12.Juni 1776 angenommen
wurde, führte direkt zu unserer konstitutionellen Bill of
Rights.
Der Kurs, den Virginia einschlug, war bestimmt von dem

�"AnuEKIKA LIEBST"
19. Mai 1954
dem Geist, der alle Kolonien durchdrang, und er führte zur
Schaffung einer politischen Union auf diesem Kontinent, inspiriert von den Grundsätzen der Religion, geweiht der Freiheit und Gerechtigkeit.
Das löste bald weltbewegende Folgen aus. Unsere Republik
zeitigte so reiche Früchte - in geistiger, intellektueller und
materieller Hinsicht -, daß sie weithin als 'das große amerikanische Experiment' bekannt wurde.
Und dies geschah zu einer Zeit, da die Flut des Despotismus einen Höchststand erreicht hatte. Zar Alexander und seine
Verbündeten suchten damals ihre koloniale Domäne und ihr politisches System über die ganze Welt zu verbreiten.
Zu jenem kritischen Zeitpunkt brachte das Beispiel unseres
Volkes den Menschen überall neue Anregungen und erweckte in
ihnen das Streben nach Freiheit. Dieser Druck wurde so stark,
daß die Despoten schließlich gezwungen waren, ihren Griff zu
lockern. Es folgte ein Jahrhundert, welches für viele Menschen
größere politische Freiheit und eine erhebliche Verbesserung
ihres wirtschaftlichen und sozialen Wohlergehens mit sich
brachte. Heute steht unser Volk vor Verhältnissen, die in
vieler Hinsicht den Verhältnissen während der ersten Jahre
unserer Republik ähnlich sind. Wieder droht eine Flut von
Despotismus die Welt zu verschlingen.
Das kam nicht zuletzt als Strafe für die Unfähigkeit der
Menschen, Kriege zu verhüten. Der erste Weltkrieg und die Niederlage Rußlands ermöglichte es einer kleinen Gruppe fanatischer Kommunisten, das große Volk unter ihre Gewalt zu bekommen.
Der zweite Weltkrieg machte es dieser Gruppe möglich, ihren
Machtbereich nach Osten und Westen auszudehnen, so daß sie heute
über 800 Millionen herrscht, das ist ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Erde. Immer noch suchen diese Herrscher ihre
Herrschaft auszuweiten. Das wird besonders auffällig im Hinblick auf die 200 Millionen Menschen Südostasiens. Ihr Ziel,
zu dem sie sich bekannten, liegt darin, die gesamte Menschheit ihrem System zu unterwerfen.
Die Vereinigten Staaten sind heute ein großes und mächtiges Volk, wohl in der Lage, einen weit größeren materiellen
Einfluß auszuüben als die junge Republik von damals. Wir sind
heute ein gereiftes Volk, und wir sind reich an materiellen
Gütern. Das macht es für uns schwieriger, moralischen Einfluß
auszuüben so wie wir ihn damals gewannen als wir noch besitzarme Revolutionäre waren. Damals war unser drängender
Geist noch unbelastet und erschien anderen als eine Fackel,
die der Welt jene Werte sichtbar machte, die in der Freiehit
wurzeln.
Auch sind die Kräfte des Despotismus heute furchtbarer
als je zuvor. Früher war aggressiver Imperialismus meistens
die Widerspiegelung der Ambitionen einer einzelnen Nation oder
eines einzelnen Mannes. Er hatte nie zuvor diesen Status einer
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

einer wohlausgeklügelten intellektuellen Glaubenslehre, die
auf der ganzen Welt verbreitet und von vielen Völkern fanatisch
verfochten wird.
Der kommunistische Despotismus nun, der die sogenannte
Diktatur des Proletariats proklamiert, ist eine Lehre von
starker Anziehungskraft auf Jene, die keinen festen Glauben
an die geistige Natur des Menschen haben. Sie gibt auf plausible Weise vor, das zu verkörpern, was sie als eine große
und unwiderstehliche Kraft der Natur und der Geschichte bezeichnet.
Wenn jemand nicht an eine geistige Ordnung glaubt, wenn
jemand die Tatsache des moralischen Gesetzes, das die Virginia
Bill of Rights "unsere Pflicht gegenüber dem Schöpfer" nennt,
mißachtet, dann freilich ist es schwierig, der These entgegenzutreten, daß die Menschen Sklaven des Staates zu sein hätten
und daß ein Staat die anderen Staaten zu beherrschen habe.
Wenn man es als Prämisse gelten läßt, daß der Mensch ledig
lieh eine Sache sei, dann ist es leicht, die Folgerung zu ziehen, wie es die Kommunisten tun, daß sich die größte Harmonie
und die größte Fruchtbarkeit in einer völlig einförmig organisierten Gesellschaft ergebe, in der jedes Anderssein als Sand
im Getriebe einer empfindlichen Maschine behandelt wird. Wenn
alle Leute in ihrem Handeln, in ihrem Denken, in ihrem Glauben
ausgerichtet sind, dann, so folgert man, werde es jene Kollisionen, jene Störungen nicht mehr geben, die soziale Unruhen
und Kriege hervorbringen. Dann, so sagt man, werde Frieden und
höchster Wohlstand sein, weil wir dann auf den Menschen dieselben Grundsätze angewendet haben, von denen wir erfahrungsgemäß wissen, daß sie bei den Haustieren Eintracht und Gedeihen fördern.
Es ist wahr, ein System politischer Freiheit und nationaler Souveränität ist nur dann gesund und erträglich, wenn die
Bürger Selbstzucht und Selbstbeherrschung im Sinne des Sittengesetzes üben und nach der Goldenen Regel handeln. Es ist unerläßlich für eine freie Gesellschaft, daß die Autorität des
Sittengesetzes geachtet wird. Andernfalls verfällt eine freie
Gesellschaft einem Zustand unerträglicher Willkür.
Sie werden sich erinnern, daß George Washington in seiner
Abschiedsrede ausführte, daß 'Sittlichkeit eine der unerläßlichen Voraussetzungen der Volksregierung1 sei. Und er sagte
weiter, daß Sittlichkeit ohne Religion unmöglich Bestand haben
könne. Im Grunde ist der gegenwärtige Konflikt zwischen Freiheit und Despotismus ein Konflikt zwischen einem geistigen und
einem materiellen Welt- und Menschenbild.
Ich glaube nicht, daß die Auseinandersetzung rasch oder
leicht beigelegt werden wird. Ganz sicherlich wird sie nicht
beigelegt werden durch irgendeine vereinbarte Trennung der
Menschheit in Freie und Unfreie. Es wäre nicht tragbar für

- 3-

�"AixiEixiKA DIENST"

19. Mai 1954

für uns, Hunderte von Millionen menschlicher Seelen einer despotischen Herrschaft zu überlassen. Auch vom Standpunkt der
Kommunisten her gesehen, böte eine solche Regelung keine Sicherheit. Die sowjetischen Machthaber erzählen uns gelegentlich, daß eine Koexistenz zwischen ihrer Gesellschaft und uns
möglich wäre. Wir müssen indessen vor solchen Kundgebungen auf
der Hut sein. Koexistenz ist mit dem sowjetischen Glaubensbekenntnis oder der sowjetischen Praxis nicht vereinbar, es sei
denn, daß man Nichtkommunisten allenfalls erlaubt, physisch
zu existieren. Es kann den Sowjets unmöglich genügen, daß die
Freiheit nur in den von ihnen gegenwärtig beherrschten Gebieten unterdrückt ist. Die Freiheit ist überall eine konstante
Gefahr für sie, denn der Freiheit wohnt eine ansteckende und
dynamische sittliche Kraft inne. Daher folgern die Kommunisten,
daß es eine notwendige Maßnahme der Verteidigung sei, die Freiheit in ihrem Machtbereich zu unterdrücken. Auf diese Weise
werden die Sowjetmachthaber nicht nur von ihrem Machttrieb,
sondern auch von ihrer Doktrin, von ihren Ängsten getrieben,
den Bereich ihrer Kontrolle immer mehr zu erweitern.
Wir haben in diesem Jahr bis jetzt in gutem Glauben mit den
Sowjetmachthabern verhandelt über den Gebrauch der Atomenergie,
über Deutschland, Österreich, Korea und nun über Indochina.
Überall begegnet man einem zusammenhängenden taktischen System.
Niemals wollen sie ihren Griff lockern, wenn sie erst etwas
gepackt haben. In jedem der von mir gemeinten Gebiete bestehen
sie auf ganz bestimmten Formeln, die nicht allein die Fortführung ihrer Herrschaft in den schon eroberten Gebieten gewährleisten, sondern es ihnen auch erlauben, durch Anwendung
ihrer rücksichtslosen Methoden die Macht in solchen Gebieten
zu erringen, die noch frei sind. Es könnte die Frage gestellt
werden, warum wir überhaupt verhandelt haben, wenn diese Ergebnisse vorauszusehen waren. Meine Antwort lautet, daß kein
Mensch das Recht hat sich einzubilden, er sehe die Zukunft klar
genug, um wirklich darüber urteilen zu können, ob der Krieg unvermeidlich und alles Entgegenkommen vergeblich sei.
Die Bemühungen um einen anständigen Frieden müssen auf
gesitteter Achtung vor dem Willen der Menschheit beruhen.
Auch klären sie die Ziele. Das sind die Gründe, warum wir mit
denen, die sich selbst unsere Feinde nennen, hochoffizielle
Gespräche führten, Gespräche, die seit fünf Jahren abgebrochen
waren. Wir haben diesen Gesprächen gewisse Sicherungen vorgebaut, um zu verhindern, daß falsche Hoffnungen entstehen oder
unsere Wachsamkeit im Wesentlichen nachläßt. Wir haben die
Freiheit dort, wo sie in der freien Welt herrscht nicht verraten, und wir haben mit denen, die die Freiheit verloren
und sie ersehnen, den Glauben bewahrt.
Das Ergebnis dieser Gespräche, die unter solchen Bedingungen geführt wurden, war schließlich eine Demonstration
der unversöhnlichen Ziele des sowjetkommunistischen Blocks.
Wir sehen uns in der Tat einer Sache gegenüber, die weit unge- 4 -

�"AFRIKA PIEKST"
19. Mai 1954
ungeheuerlicher ist als individuelle oder nationale Sucht nach
Ruhm und Macht. Wir sehen uns einem massiven System gegenüber,
das trotz seiner gegenwärtigen Macht glaubt, sich nicht halten zu können, wenn es ihm nicht gelingt, die menschliche
Freiheit fortschreitend zu vernichten. In diesem Handeln
ist sie durch keine moralischen oder humanen Erwägungen gebunden.
Ich spreche durchaus nicht aus einer pessimistischen Stimmung heraus. Wir werden hartnäckig in unseren Bemühungen fortfahren, über Deutschland, Österreich, Korea, Indochina und die
Frage der Atomenergie zu verhandeln. Wir wissen, daß die
sowjetkommunistische Doktrin lehrt, daß der Kommunismus zu
Konzessionen und Rückzügen bereit sein muß, wenn er auf einen
starken Gegner stößt. Darüber hinaus wissen wir, daß der Versuch der Sowjetunion, ihre absolute Macht 800 Millionen versklavter Menschen aufzuzwingen, sie in eine Aufgabe verwickelt,
die letztlich unlösbar ist. Unter der harten und furchteinflößenden Oberfläche, die ein despotisches System gewöhnlich
nach außen hin zeigt, macht sich bereits eine starke Unruhe
bemerkbar. Größtenteils wird das verheimlicht, aber gelegentlich kommt es zu Ausbrüchen, die die Wahrheit enthüllen. Die
Hinrichtung Berijas und der Juni-Aufstand der deutschen Sowjetzonenbevölkerung zeigen, daß die kommunistischen Herrscher sich
gegenseitig fürchten, hassen und bekämpfen und daß die versklavten Völker sich keineswegs mit ihrem Schicksal abgefunden haben.
Außerdem kann möglicherweise gerade die Tatsache selbst,
daß sich die Kraft der Verzweiflung jetzt erschreckend bemerkbar macht, sogar die Materialisten dazu bringen, aus selbstsüchtiger Berechnung Zurückhaltung zu üben.
Ich glaube nicht, daß die Welt von einer neuen Eiszeit
des Despotismus überzogen werden wird, sondern bin der Auffassung, daß die Freiheit immer noch mit einer Flamme brennt,
die nicht gelöscht werden kann. Es ist jedoch an der Zeit,
daß wir uns darüber klar werden, daß die Freiheit einer überaus großen Bedrohung gegenübersteht. Wir sollten auch erkennen,
daß das Weiterbestehen der Freiheit nicht nur von der Anzahl
der freien Menschen abhängt, sondern mehr noch von der Intensität ihres Glaubens.
Wir gebrauchen einfachheitshalber oft den Ausdruck 'Freie
Welt
und meinen damit die Teile der Welt, die jetzt nicht
vom Kommunismus beherrscht werden. In diesem Sinne sind etwa
zwei Drittel der Welt 'frei1, aber in den freien Ländern ist
nur ein Teil der dort lebenden Menschen von dem Glauben erfüllt, der allein stark genug ist, um den materialistischen
und zerstörenden Kräften des Despotismus standzuhalten.
1

Die Zukunft der Freiheit liegt in den Händen einer kleinen
Minderheit unter den Menschen und das erklärt den Grund, warum
es unerläßlich ist, daß alle in unserer Republik von sich aus
an dem Glauben ihren Väter festhalten. Ebenso wie der Wille
zur Freiheit von Generation zu Generation übertragen wird, so

- 5-

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

so wird auch der Glauben von Generation zu Generation weitergegeben. Eines der besten Mittel, um unseren Glauben stark
zu halten, besteht darin, sich an den Glauben unserer Vorfahren
zu erinnern und die großen, an Wunder grenzenden Taten, die
sie durch ihren Glauben vollbrachten, fest im Gedächtnis zu
bewahren.
Die Geschichte unseres Landes ist reich an Berichten über
Männer, die durch ihren Glauben an die Bedeutung der Freiheit
Ungeheures leisteten. Einige der Größten unter ihnen - ich
nenne nur ein paar Namen wie George Washington, Thomas Jefferson,
George Mason und Patrick Henry - arbeiteten hier in Williamsburg
an dem, was unter dem Begriff 'Präludium zur Unabhängigkeit'
bekannt geworden ist. Es ist gut, daß wir durch solche Gedenkstunden, wie Sie sie hier heute begehen, wieder an den
Glauben und die Arbeit dieser Männer erinnert werden. Dadurch
wird auch unser Glauben stark gehalten und uns die Möglichkeit
gegeben, den uns zufallenden Aufgaben in der Zeit, in der wir
leben, gerecht zu werden."

* * * * #

- 6 -

�OBERSTER US-BUNDESGERICHTSHOF ERKLÄRT RASSENTRENNUNG IN
ÖFFENTLICHEN LEHRANSTALTEN FÜR VERFASSUNGSWIDRIG

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Oberste Bundesgerichtshof der USA hat am 17. Mai 1954 einstimmig
eine Rassentrennung in den öffentlichen Lehranstalten
der Vereinigten Staaten für verfassungswidrig erklärt.
Nach Ansicht des Gerichts verstoße eine derartige Rassentrennung gegen den im 14. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung niedergelegten Grundsatz des gleichen
Rechtsschutzes.
Der Oberste Amerikanische Bundesrichter Earl Warren
betonte in seiner Urteilsbegründung, daß die "Doktrin
des getrennt aber gleich' auf dem Gebiet der öffentlichen
Erziehung keinen Platz habe. Getrennte Erziehungseinrichtungen seien immer ungleich.
Die Entscheidung des Gerichts, die für das gesamte
Gebiet der Vereinigten Staaten Gültigkeit hat, wird sich
nur in einer kleinen Zahl von Einzelstaaten direkt auswirken, da die meisten der 48 amerikanischen Bundesstaaten keine Rassentrennung in ihren öffentlichen Lehranstalten kennen. Lediglich 17 Bundesstaaten und der Distrikt von Kolumbia haben Gesetze, die die Rassentrennung
in den öffentlichen Schulen fordern, und in vier weiteren
Staaten mit einer geringen farbigen Minderheit ist die
Rassentrennung gesetzlich zugelassen.
Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der Urteilsbegründung, die der Oberste Amerikanische Bundesrichter Earl Warren in den Fällen über die Rassentrennung in
den öffentlichen Lehranstalten der Staaten Kansas, South
Carolina, Virginia und Delaware gab:
Derartige Fälle werden uns aus den Staaten Kansas, South
Carolina, Virginia und Delaware gemeldet. Sie resultieren aus
verschiedenen Faktoren und verschiedenen lokalen Gegebenheiten,
aber ihre gemeinsame gesetzliche Verankerung rechtfertigt es, daß
sie in dieser Urteilsbegründung gemeinsam behandelt werden. In
jedem dieser Fälle haben Minderheiten der Negerrasse durch ihre
gesetzlichen Repräsentanten die Unterstützung des Gerichtes zur
Zulassung an die öffentlichen Lehranstalten ihrer Gemeinden auf
der Basis gemeinsamer Erziehung gefordert. In jeder Instanz war
- 1 -

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

war ihnen die Zulassung in Schulen, die,unter Gesetzen, die
die Rassentrennung fordern oder zulassen, von weißen Kindern besucht werden, verweigert worden. Diese Rassentrennung führte dazu, die Kläger ihres im 14» Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung niedergelegten Grundrechtes des gleichen Rechtsschutzes zu
berauben. In jedem der Fälle, mit Ausnahme des Falles Delaware,
hat ein mit drei Richtern besetztes Bundes-Bezirksgericht die
Kläger mit Berufung auf die Doktrin des "getrennt aber gleich"
abgewiesen, die von diesem Gericht im Falle Plessy gegen Ferguson
(163 U.S. 537 )verkündet wurde. Unter dieser Doktrin ist die Gleichheit der Behandlung gewährt, wenn den Rassen im wesentlichen die
gleichen Mittel zur Verfügung stehen, auch wenn diese Mittel getrennt sind. Im Falle Delaware hielt der Oberste Gerichtshof
des Staates Delaware zwar ebenfalls an dieser Doktrin fest, ordnete jedoch an, daß die Kläger an den weißen Schulen zugelassen
werden, da diese besser waren als die Negerschulen.
Die Kläger behaupten, daß öffentliche Schulen, in denen die
Rassentrennung existiert, nicht "gleich" seien, und daß sie deshal
nicht den gleichen Rechtsschutz genießen. Wegen der unverkennbaren
Bedeutung dieser Frage hat das Gericht eine Entscheidung getroffen. Während der Sitzungsperiode von 1952 wurden die Einwände, und
im Verlaufe dieser Sitzungsperiode die Gegeneinwände zu gewissen,
dem Gericht vorgelegten Fragen gehört.
Die Gegeneinwände bezogen sich weitgehend auf die Umstände,
unter denen der 14. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung
im Jahre 1868 angenommen wurde. Sie behandelten erschöpfend die
Erwägungen des Kongresses zu diesem Zusatzartikel, seine Ratifizierung durch die einzelnen Staaten, des weiteren die bestehenden
Praktiken der Rassentrennung sowie die Ansichten der Antragsteller und Gegner des Zusatzartikels. Diese Diskussion und unsere
eigenen Untersuchungen haben uns überzeugt, daß diese Quellen - ob
wohl sie ein gewisses Licht auf die Sache werfen - nicht ausreichen, um das Problem, dem wir gegenüberstehen, zu lösen. Zumindest sind sie nicht überzeugend. Die heftigsten Verfechter der
Nachkriegs-Zusatzartikel verfolgten mit diesen zweifellos das Ziel
alle gesetzlichen Unterscheidungen zwischen allen in den Vereinigten Staaten geborenen oder naturalisierten Personen zu beseitigen.
Ihre Gegner lehnten mit der gleichen Bestimmtheit diese Zusatzartikel sowohl nach ihren Buchstaben wie auch nach ihrem geistigen
Inhalt ab und wollten ihre Auswirkungen auf ein Mindestmaß beschränkt sehen. Welche Ziele andere Vertreter des Kongresses und
der staatlichen Gesetzgebung verfolgten, kann mit einem gewissen
Grad der Sicherheit nicht bestimmt werden.
Ein weiterer Grund, weshalb die Geschichte der Zusatzartikel
im Hinblick auf die Rassentrennung in Schulen als nicht beweiskräftig angesehen werden kann, ist der Status der öffentlichen Lehranstalten zu jener Zeit. Im Süden hatte die Bewegung für ein freiei
öffentliches Schulwesen, unterhalten durch öffentliche Gelder, nocl
nicht festen Fuß gefaßt. Die Erziehung der weißen Kinder lag weitgehend in der Hand privater Gruppen. Eine Schulbildung für Neger
- 2 -

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Neger gab es so gut wie gar nicht, und nahezu alle Angehörigen
dieser Rasse waren Analphabeten. In einigen Staaten war jede
Schulerziehung für Neger sogar gesetzlich verboten. Heute jedoch
haben im Gegensatz dazu zahlreiche Neger hervorragende Erfolge
in Kunst und Wissenschaft ebenso wie im Geschäfts- und Wirtschaftsleben erzielt. Es ist richtig, daß die öffentliche Erziehung im
Norden bereits weitere Portschritte gemacht hatte, aber die Auswirkungen der Zusatzartikel auf die Nordstaaten wurden in den
Kongreß-Debatten allgemein ignoriert. Aber selbst im Norden waren
die Verhältnisse im öffentlichen Schulwesen nicht annähernd so wie
sie heute sind. Der Lehrplan war unzulänglich; in den ländlichen
Gebieten gaben die Schulen gewöhnlich keine Abschlußzeugnisse;
das Schuljahr war in vielen Staaten auf drei Monate beschränkt,
und der Begriff der Schulpflicht war praktisch unbekannt. Als
Folge davon ist es nicht überraschend, daß sich in der Geschichte
des 14« Zusatzartikels so wenig finden läßt, was sich auf seine
geplanten Auswirkungen auf das öffentliche Erziehungswesen bezieht.
In den ersten Fällen, die dieses Gericht unter Auslegung des
14. Zusatzartikels &amp; kurz nach dessen Annahme zu entscheiden hatte,
interpretierte ihn das Gericht als ein Verbot jeglicher vom Staat
ausgehender Diskriminierung der Negerrasse. Die Doktrin des "getrennt aber gleich" trat in diesem Gericht nicht in Erscheinung
bis zum Jahre 1896 im Falle Plessy gegen Ferguson, der darüber
hinaus nicht die Frage der Erziehung, sondern der Personenbeförderung betraf. Die amerikanischen Gerichte haben seither mehr als
ein halbes Jahrhundert lang mit dieser Doktrin laboriert. Vor
diesem Gericht wurden allein sechs Fälle behandelt, in denen die
Doktrin des "getrennt aber gleich" auf das Gebiet der öffentlichen
Erziehung übertragen wurde. In den Fällen Comming gegen Kreis-Schul
behörde(175 U.S. 528)und Gong Lum gegen Rice(275 U.S. 78)wurde die
Gültigkeit der Doktrin nicht angezweifelt. In verschiedenen neueren
Fällen, die sich alle mit dem Hochschulstudium befaßten, wurde
Ungleichheit insofern festgestellt, als weiße Studenten gewisse
Vorteile genossen, die den Negerstudenten mit gleichen Erziehungsvoraussetzungen nicht zugestanden wurden. In keinem dieser Fälle
war es notwendig gewesen, die Doktrin noch einmal zu überprüfen,
um den als Kläger auftretenden Negern Rechtsschutz zu bieten.
Und im Falle Sweatt gegen Painter, behielt sich das Gericht ausdrücklich die Entscheidung über die Frage vor, ob der Fall Plessy
gegen Ferguson auf das Gebiet der öffentlichen Erziehung übertragen werden kann oder nicht.
In den vorliegenden Fällen ist diese Frage direkt gestellt
worden. Im Gegensatz zum Falle Sweatt gegen Painter werden hier
die unten angeführten Feststellungen getroffen, daß die in Frage
stehenden Schulen der Neger und Weißen gleichgestellt worden sind
oder gleichgestellt werden in bezug auf Gebäude, Lehrpläne, Qualifikationen und Gehälter der Lehrer und anderer "greifbarer"Faktoren. Unsere Entscheidung kann sich deshalb in jedem der Fälle
nicht allein auf Vergleiche dieser "greifbaren" Faktoren in den
Schulen der Neger und der Weißen stützen; wir müssen vielmehr die
- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

die direkten Auswirkungen der Rassentrennung auf die öffentliche
Erziehung im Auge haben.
Bei der Behandlung dieses Problems können wir uns nicht zum
Jahre 1868, da dieser Zusatzartikel angenommen wurde&gt;oder zum Jahre
1896,in dem der Fall Ferguson niedergeschrieben wurde, zurückversetzen. Wir müssen die heutige Rolle der öffentlichen Erziehung
und deren Platz innerhalb des nationalen Lebens der USA zugrunde
legen. Nur so können wir feststellen, ob die Rassentrennung in den
öffentlichen Lehranstalten die klagende Partei des ihr im Gesetz
garantierten gleichen Rechtes beraubt.
Heute ist die Erziehung vielleicht die bedeutendste Aufgabe
staatlicher und lokaler Regierungen. Bestehende Gesetze, die den
Schulbesuch obligatorisch machen sowie die Höhe der für das Erziehungswesen ausgeworfenen Summen zeugen beide von der Wichtigkeit der Erziehung in einer demokratischen Gesellschaftsordnung.
Sie ist Voraussetzung zur Ausübung der grundlegendsten öffentlichen
Verantwortlichkeiten selbst für den Dienst in den US-Streitkräften. Sie ist die Grundlage guten Staatsbürgertums, und heute das
hauptsächlichste Instrument, um während der Vorbereitung auf den
späteren Beruf den Sinn eines Kindes für die kulturellen Werte
zu wecken und ihm zu helfen,sich auf normale Weise seiner Umgebung
anzupassen. In unseren Tagen ist es zweifelhaft, daß man von einem
Kinde, dem die Gelegenheit einer guten Erziehung verweigert wird,
Erfolge im Leben erwarten kann. Eine solche Möglichkeit, die zu
stellen der Staat übernommen hat, ist ein Vorrecht, das allen unter
gleichen Voraussetzungen zugänglich gemacht werden muß.
Wir kommen dann zu der vorgelegten Frage, ob die Absonderung
von Kindern in den öffentlichen Schulen allein auf der Basis der
Rasse, selbst dann, wenn die Einrichtungen und andere "greifbare"
Faktoren gleichwertig sind, die Kinder der Minderheitengruppe
einer gleichen Erziehungsmöglichkeit berauben? Wir glauben, daß
dies so ist.
Im Falle Sweatt gegen Painter und bei der Entscheidung, daß
das Rechtsstudium an einer Negerschule diesen keine gleiche erzieherische Möglichkeit bietet, bezog sich dieses Gericht weitgehend auf "jene Werte, die sich zwar nicht in 'greifbaren' Dingen
ausdrücken lassen, die aber das Wesen einer guten juristischen
Bildung ausmachen." Auch im Fall McLaurin gegen den Staat Oklahoma,
in dem gefordert wird, daß ein zum Besuch einer "weißen Lehranstalt
zugelassener Neger wie alle anderen Studenten behandelt werden soll
ließ sich dieses Gericht erneut von 'nicht "greifbaren" Erwägungen leiten': ...'die Möglichkeit des Studiums, mit anderen
Studenten zu diskutieren, Ansichten auszutauschen und im allgemeinen seinen Beruf zu erlernen.''Solche Erwägungen gelten in verstärktem Maße für Kinder in Grund- und Oberschulen. Sie von anderen
gleichen Alters und gleicher Begabung allein auf Grund ihrer Rasse
zu trennen, schafft ein Minderwertigkeitsgefühl in bezug auf ihre
gesellschaftliche Stellung innerhalb der Gemeinschaft, die Herz
und Geist in einer nie wieder gutzumachenden Weise beeinflussen
können.
'
Diese

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Diese Auswirkung der Rassentrennung auf ihre erzieherischen
Möglichkeiten wurde von einem Gericht in Kansas, das trotzdem gegen den Kläger entschied, deutlich formuliert»
"Die Trennung von weißen und farbigen Kindern wirkt sich
schädlich auf die farbigen Kinder aus. Der Schaden ist größer,
wenn das Gesetz ihn sanktioniert; denn die Maßnahme der Trennung
der Rassen wird gewöhnlich als Zeichen der Minderwertigkeit der
Negergruppen interpretiert. Das Gefühl der Minderwertigkeit aber
wirkt sich auf den Lerneifer eines Kindes aus. Vom Gesetz sanktionierte Rassentrennung hat deshalb die Tendenz, die pädagogische
und geistige Entwicklung der Negerkinder zu hemmen und beraubt
sie einer Reihe von Anregungen, die ihnen in einem rassisch integrierten Schulsystem zuteil werden würden.
Was auch immer das Ausmaß der psychologischen Erkenntnisse
zur Zeit des Falles von Plessy gegen Ferguson gewesen sein mag,
die damals gemachten Peststellungen finden bei den heutigen Behörden weitgehende Unterstützung und jedes Argument, das zu den
Entscheidungen im Fall Ferguson in Gegensatz steht, wird abgelehnt.
Wir stellen abschließend fest, daß die Doktrin des "separate
but equal" (getrennt aber gleich) nicht zulässig ist. Getrennte
Schulen sind seit jeher ungleich. Deshalb sind wir der Ansicht, daß
die Klagenden und alle anderen, die sich in ähnlicher Lage befinden und für die wir hier entscheiden,auf Grund der angeführten
Rassentrennung, nicht in den Genuß des gleichen Rechtsschutzes, den
der 14. Zusatzartikel garantiert, kommen. Diese Auslegung macht
jede Erörterung darüber, ob solche Trennung auch die Bestimmungen
des "due process clause" (des jedem Bürger der USA verfassungs*ä-.
Big zustehenden Minimums an Rechtssicherheit und Rechtsschutz)
verletze, überflüssig.
Da es sich bei dieser Rechtssache um das Anliegen einer ganzen
Klasse handelt und wegen der weiten Anwendung dieser Entscheidung
sowie wegen der großen Verschiedenheit lokaler Gegebenheiten,
ist die Formulierung der entsprechenden Erlasse sehr kompliziert.
Auf Gegeneinwand wurde die Erwägung angemessenenAbhilfe notwendigerweise der primären Frage - der Verfassungsmäßigkeit der Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten - untergeordnet. Wir
haben jetzt verkündet, daß solche Trennung ein Vorenthalten des
gleichen Rechtsschutzes ist. Um die volle Unterstützung der Parteien in der Formulierung solcher Erlasse zu erhalten, wird der
Fall zu den Akten genommen und die Parteien werden ersucht»weitere
Einwände zu den Fragen vier und fünf in dieser Sitzungsperiode
diesem Gericht vorzulegen. Der Justizminister der Vereinigten Staaten (Generalstaatsanwalt) ist erneut eingeladen,daran teilzunehmen.
Den Generalstaatsanwälten der Einzelstaaten, die die Rassentrennung
in öffentlichen Schulen fordern und zulassen, wird es auf ihr Ersuchen hin gestattet werden,als amici curiae am 15• September 1954
und bei der Vorlage der Beweisergebnisse am 1. Oktober 1954 vor
diesem Gericht zu erscheinen.
Nachstehend

�"AMERIKA DIENST"
19. Mai 1954
Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der am 17. Mai
1954 vom Obersten Amerikanischen Bundesgericht gefällten Entscheidung über die Rassentrennung in Schulen im District of
Columbia.
Die Urteilsbegründung wurde vom Obersten Amerikanischen Bundesrichter Earl Warren gegeben:
In diesem Fall wird die Zulässigkeit der Rassentrennung in
den öffentlichen Schulen des District of Columbia bestritten. Die
Kläger, Angehörige der Negerrasse, führen an, daß ihnen durch eine
derartige Rassentrennung die in dem 5. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung verbürgte angemessene Rechtssicherheit vorenthalten wird. Die Zulassung zu einer öffentlichen Schule, die von
weißen Kindern besucht wird, wurde ihnen allein wegen ihrer Rassenzugehörigkeit verweigert. Sie appellierten an das Bezirksgericht des District of Columbia, diese Zulassung für sie zu erwirken. Dieses Gericht wies jedoch ihre Klage ab. Wir zogen durch
höchstrichterlichen Beschluß das Verfahren wegen der Bedeutung der
damit zusammenhängenden verfassungsrechtlichen Fragen an uns, bevor ein Urteil am Berufungsgericht gefällt wurde. (344 U.S. 873.)
Wir haben heute entschieden, daß die Klausel des gleichen
Rechtsschutzes des 14. Zusatzartikels den Staaten die Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten verbietet. Das Problem der
gesetzlichen Verankerung liegt im District of Columbia allerdings
etwas anders, da der 5. Zusatzartikel, der für den District of
Columbia anzuwenden ist, nicht die Klausel des gleichen Rechtsschutzes enthält wie der 14. Zusatzartikel, der nur in den Einzelstaaten anwendbar ist. Die Klauseln des gleichen Rechtsschutzes und
der angemessenen Rechtssicherheit, die sich beide auf unseren
amerikanischen Idealen der Gerechtigkeit aufbauen, schließen
sich jedoch nicht gegenseitig aus. Die "Equal Protection of the
Iaws"-der "gleiche Rechtsschutz" - ist ein deutlicher definierter
Schutz gegen eine unzulässige Ungerechtigkeit als der "Due Process
of Law" - die "angemessene Rechtssicherheit" - und wir behaupten
deshalb nicht, daß diese beiden Begriffe stets willkürlich miteinander ausgewechselt werden können. Eine Diskriminierung kann
jedoch, wie dieses Gericht erkannt hat, so ungerechtfertigt sein,
daß sie auch die angemessene Rechtssicherheit verletzt.
Klassierungen, die lediglich auf der Rasse basieren, müssen
mit besonderer Sorgfalt untersucht werden, da sie im Gegensatz
zu unseren Traditionen stehen und deshalb im Sinne der Verfassung höchst zweifelhaft erscheinen. Seit 1896 vertritt dieses
Gericht die Auffassung, daß "die Verfassung der Vereinigten Staaten in ihrer gegenwärtigen Form, so weit es sich um zivile und
politische Rechte handelt, die Diskriminierung eines Bürgers auf
Grund seiner Rasse durch die Regierung oder durch die Staaten
verbietet". Und im Falle Buchanan gegen Walley,(245 U.S. 60, entschied das Gericht, daß ein Statut, das das Recht eines Eigentümers, sein Eigentum an eine Person anderer Rassenzugehörigkeit
abzutreten, beschneidet, als unbillige Diskriminierung, tfnd damit
als Vorenthalt der angemessenen Rechtssicherheit anzusehen sei.
Obwohl das Gericht sich nicht angemaßt hat, dem Begriff "Freiheit"
mit einer gewissen Präzision zu definieren, wird dieser Begriff
- 6 -

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Begriff nicht nur auf die Freiheiten von körperlichem Zwang angewendet. Freiheit im Sinne des Gesetzes erstreckt sich auf die
gesamte Lebensführung, über die der einzelne frei entscheiden
kann, und sie kann nicht eingeschränkt werden, es sei denn durch
eine notwendige, wohlbegründete Regierungsmaßnahme. Die Rassentrennung in öffentlichen Schulen kann mit einer notwendigen, wohlbegründeten Regierungsmaßnahme nicht einleuchtend begründet werden
und setzt so die Negerkinder des District of Columbia einem Druck
aus, der eine willkürliche Beraubung ihrer Freiheit durch Verletzung der Klausel der angemessenen Rechtssicherheit darstellt.
Angesichts unserer Entscheidung, daß die Verfassung den Staaten die Aufrechterhaltung def Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten verbietet, wäre es undenkbar, daß die gleiche Verfassung
der Bundesregierung eine geringere Verpflichtung auferlegt. Wir
sind der Ansicht, daß die Rassentrennung in den öffentlichen Lehranstalten des District of Columbia eine Nichtgewährleistung der
angemessenen Rechtssicherheit darstellt, die durch den 5. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung garantiert wird.
Hit der Begründung, die im Fall Brown gegen die Schulbehörde
angeführt ist, wird dieser Fall entsprechend einem früheren Vorschlag des Gerichts zur Wiederaufnahme in seinen Fragen 4 und 5
zurückverwiesen. (345 U.S. 972). So soll es geschehe-».

# * * # *

1

- 7 -

�A M E R I K A

E N S T

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
Vortrag von Botschafter Dr. Heinz Krekeler vor der SteubenSchurz-Gesellschaft, Prankfurt am Main.
PRANKPURT/Main — (Amerika Dienst) — Nachstehend
geben wir Ihnen die leicht gekürzte Passung
eines Vortrages des deutschen Geschäftsträgers
in den USA, Botschafter Dr. Heinz Krekeler, den
dieser am 19« Mai 1954 vor der Steuben-SchurzGesellschaft in Prankfurt am Main gehalten hat.

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
... Ich muß Ihnen sehr freimütig gestehen, daß ich etwas überrascht, ja verwundert war, als ich vor mehreren Jahren zum
ersten Mal den Namen Ihrer Gesellschaft las, weil Sie darin
zwei so verschiedenartige geschichtliche Persönlichkeiten wie
Steuben und Schurz zusammengespannt haben. Ich habe mich gefragt, was denn das Gemeinsame sein könne, welches in der geschichtlichen Betrachtung diese beiden Männer verbindet, den
friderizianischen Offizier und den Revolutionär des Jahres
48. Ich glaube, es liegt in der Art des Beitrages, den sie zur
Entwicklung der Vereinigten Staaten geleistet haben, Steuben
als Organisator und Lehrmeister des Revolutionsheeres, Karl
Schurz als Innenminister. Dieser Wirkungskreis gab Schurz
Gelegenheit, einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des
amerikanischen Civil service, also des Berufsbeamtentums zu
leisten. Pflichterfüllung und selbstlose Hingabe im Dienst
für das eigene Volk waren in beiden Fällen die Grundlage, auf
der ein organisatorischer Beitrag für die Sicherung und Festigung des jungen Staatswesens gegeben wurde. Es ist kein Zufall, daß damit beide Männer einen Beitrag auf einem Gebiet
geleistet haben, das auch heute noch in den Vereinigten Staaten
als eines angesehen wird, auf dem die Deutschen Vorzügliches
leisten. Für uns ist aber das Wesentliche, in diesen beiden
Männern stellvertretend für viele Millionen Amerikaner deutscher Abkunft die Träger des Beitrages zu sehen, der von unserem
Volk zur Begründung und Weiterentwicklung einer Nation gegeben
wurde, die heute das mächtigste Land der Erde und das größte
Bollwerk der Freiheit ist...
„...,
.
Wahrend

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Während des ganzen Krieges hat man in den Vereinigten Staaten nicht aufgehört, deutsche Opern und Musikstücke zu spielen.
Deutsche Bücher wurden verkauft und gelesen und deutsche Malerei
hatte ihren Platz in den großen amerikanischen Museen. Viele,
die während beider Kriege in den Vereinigten Staaten gelebt
haben, bestätigen, daß es hier während des zweiten Weltkrieges
trotz der unvergleichlich bitteren Auseinandersetzung besser bestellt war als während des ersten. Wir dürfen dankbar empfinden,
daß Händel oder Wagner, Goethe oder Schopenhauer, Dürer oder
Holbein einer Sphäre angehören, die von nationalen Wertungen und
politischen Auseinandersetzungen kaum mehr berührt wird...
Die Bundesregierung ist sich der Bedeutung der kulturellen
Beziehungen bewußt. Im April v.J. wurde vom Bundeskanzler und
von Außenminister John Poster Dulles in Washington ein deutschamerikanisches Kulturabkommen unterzeichnet, dessen Aufgabe es
sein soll, den gegenseitigen Kulturaustausch zu fördern. Wir
in den deutschen Vertretungen in den Vereinigten Staaten sind
uns darüber im klaren, welcher Anteil uns an dieser Aufgabe zufällt. Dies gilt zum Beispiel für die kulturelle Repräsentanz
in unserer Vertretung in Washington selbst, die ich persönlich
als eine verpflichtende Aufgabe empfinde...
Sowohl den amtlichen Bestrebungen als auch der privaten
Initiative kommt nun der Umstand entgegen, daß z. Zt. in den
Vereinigten Staaten ein wachsendes Interesse an deutscher Kultur festzustellen ist. Nicht nur die mehr als zehnjährige Schweigefrist, sondern vor allem auch die neuen politischen Beziehungen
haben dazu geführt, daß man wieder wissen will, wie es in der
Kunst und in der Wissenschaft in Deutschland aussieht. Man ist
daran interessiert zu erfahren, wie die Erziehungs- und Bildungswege, welches die Methoden der Universitäten sind, die ja offenbar nicht ganz so eindeutig und verzerrt gelaufen sind, wie man
in der Neigung zur Verallgemeinerung während der ersten Nachkriegsjahre geglaubt hatte. Das Gästeaustauschprogramm, welches
zunächst kurz nach dem Kriege von amerikanischer Seite aufgenommen und in großzügiger Weise entwickelt worden ist, brachte u.a.
viele deutsche Professoren und Gelehrte nach den Vereinigten
Staaten, die hier ein neues Vorstellungsbild von Deutschland vermittelten und das Interesse an den deutschen Natur- und Geisteswissenschaften erweckten. Dies wird seit einiger Zeit ergänzt
durch ein eigenes Gästeprogramm der Bundesregierung, das/ trotzdem es zahlenmäßig einen sehr viel kleineren Kreis erfaßt als
das sehr großzügige amerikanische Programm, eine außerordentliche
Wirkung gehabt hat, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden
kann. Schließlich haben auch manche Persönlichkeiten der Besatzungsorgane selbst ihre Vorstellungen von einem neuen Deutschland und zugleich von den ewigen Qualitäten unseres Volkes über
den Ozean in ihre Heimat gebracht. Und dies gehört zu den versöhnlichen Nachwirkungen, die auch das Furchtbare eines Krieges
zuweilen zur Folge haben kann. Diese Aufgeschlossenheit gibt
uns die Möglichkeit, die kulturellen Beziehungen in der, ich
möchte fast sagen, einzig gemäßen Weise zu fördern: Unaufdringlich, natürlich und ohne die gebotene Zurückhaltung zu verletzen«!.

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

An dieser Stelle möchte ich auch dankbar der vielen Anregungen gedenken, welche auf kulturellem Gebiet seit dem Ende des
Krieges aus den Vereinigten Staaten zu uns gelangt sind. Die Werke
amerikanischer Schriftsteller und Dramatiker, die Schöpfungen
amerikanischer Komponisten, welche in den vergangenen Jahren bei
uns bekannt geworden sind, haben nicht nur unser Geistesleben
bereichert, sondern sie sind in einem Augenblick zu uns gekommen,
in dem wir infolge unserer Isolierung nicht nur an körperlicher,
sondern auch an geistiger Unterernährung litten. Jetzt haben wir
uns erholt, und wir können jetzt wieder geben. Zweimal hat damit
in dem vergangenen Jahrhundert die Richtung des Stromes der Kulturgüter gewechselt. In den letzten hundert Jahren floß er im wesentlichen über den Ozean zum neuen Kontinent - dann waren wir
die Empfangenden - und nun glaube ich, daß wir in eine Epoche
des Gebens und Nehmens, des lebendigen Austauschs unserer Kulturschöpfungen eintreten werden...
Man interessiert sich für neue deutsche Musik und diskutiert
gelegentlich über Orff und Egk, deren Opern jedoch in den Vereinigten Staaten noch nicht zu hören waren. Der berühmte Dirigent
Stokowski brachte vor kurzem mit dem Nationalen Symphonieorchester
in Washington eine Komposition des Berliner Komponisten Boris
Blacher zur Erstaufführung.
Mit dem Stuttgarter Kammerorchester ist das erste deutsche
Musikerensemble nach den Vereinigten Staaten gekommen. Sie haben
ihr erstes Konzert in Dumbarton Oaks gegeben, einer der HarvardUniversität gehörenden Stiftung in Washington, die für einen Kreis
von besonders verwöhnten Musikliebhabern Konzerte veranstaltet.
Danach hat das von vielen Schallplatten her in den Vereinigten
Staaten bekannte Orchester unter seinem Dirigenten Professor
Münchinger eine Gastspielreise angetreten.
Das am meisten besprochene kommende Ereignis ist das Konzert
der Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler unter dem
Patronat des Bundeskanzlers, welches dank der großherzigen Spende
eines amerikanischen Mäzens Anfang 1955 in den Vereinigten Staaten erwartet wird...
Anläßlich eines Konzertes, welches das Nationale Symphonieorchester in Washington zu Ehren der Bundesrepublik als Deutschen
Abend veranstaltete, war, wie dies bei solchen Anlässen üblich
ist, ein Tisch mit deutschen Büchern in dem großen Foyer der Konzerthalle aufgestellt worden. Gegen alles Erwarten drängten sich
die Besucher vor und nach dem Konzert, sowie in der Pause am
Büchertisch, nahmen Bücher und Zeitschriften in die Hand und
stellten Hunderte von Prägen, wobei deutlich wurde, daß nur ein
Teil von ihnen der deutschen Sprache ganz mächtig war. So ist
es kein Wunder, daß in einigen Städten Buchhandlungen entstanden
sind, die sich sehr stark auf deutsche Bücher konzentriert haben.
Verschiedentlich kommen Anregungen von Buchhändlern, eine große
Wanderbuchausstellung oder eine Kunstbuchausstellung zu veranstal-

- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954
Eine Deutsche Wanderausstellung

Eine Reihe amerikanischer Museen sind an uns herangetreten
mit dem Wunsch, auch einmal eine deutsche Ausstellung zeigen zu
können, und ich hoffe, daß sich dies im begrenzten Rahmen von
rund 100 Meisterwerken durch die Beteiligung der großen deutschen
Museen verwirklichen läßt...
Ein Deutsches Haus
Von Anfang an ist uns klar gewesen, daß es die kulturellen
Beziehungen sehr fördern würde, wenn man in einigen großen Städten
der Vereinigten Staaten Zentren einrichten könnte, die, ähnlich
wie die Amerikahäuser in Deutschland, ihrer Pflege dienten. Diese
lange gehegten Pläne sollen nun bald in einem ersten Schritt verwirklicht werden. In New York soll dank der Unterstützung amerikanischer Freunde ein Deutsches Haus begründet werden. Unser Beitrag
wird dabei u.a. in der Hergabe einer umfangreichen Bücherei und
deren ständiger Ergänzung bestehen. Diese von gemeinsamen Anstrengungen getragene Einrichtung soll ausschließlich der Förderung der
kulturellen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern dienen.
Wirtschaftliche Beziehungen
Auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Beziehungen war nach
dem Kriege ein völlig neues Beginnen notwendig. Es gereicht der
Initiative und der Tatkraft der deutschen Exporteure zur hohen
Ehre, daß sie es verstanden haben, aus den kleinsten Anfängen
auf dem anspruchsvollsten und dem Wettbewerb am meisten ausgesetzten Markt, dem der Vereinigten Staaten, wieder Fuß zu fassen.
Gelegentlich hat es Stimmen gegeben, die gemeint haben, daß diese Anstrengungen besser auf andere Märkte der Welt gerichtet worden wären. Ich teile diese Auffassung nicht. Ganz gewiß müssen
wir Welthandel betreiben, wo immer sich die Möglichkeit dazu ergibt. Bei allem bleiben aber doch die Handelsbeziehungen zu den
Vereinigten Staaten unser besonderes Anliegen. Ich denke dabei
nicht nur an die Notwendigkeit, Dollars zu verdienen, sondern
auch daran, auf diesem anspruchsvollsten Markte ständig die eigene Leistungsfähigkeit vor sich selbst und vor den Wettbewerbern
aus aller Welt wieder unter Beweis zu stellen. Aus dieser Anstrengung werden wir nicht als geringsten Lohn den ständig neuer Anregung
für die eigene Weiterentwicklung empfangen. Ich denke dabei aber
auch an die außerordentlichen Wirkungen, welche von der amerikanischen Wirtschaft auf die Weltwirtschaft ausstrahlen und an die
Konsequenzen, welche diese für die Wirtschaft eines jeden anderen
Landes, nicht zuletzt auch für unsere eigene,haben können. Die Besorgnis, welche in Europa in den letzten Monaten wegen der Entwicklung der amerikanischen Wirtschaft zu verspüren war, hat ein
eindrucksvolles Zeugnis dafür abgelegt, wie sehr diese Wechselbeziehung in Europa empfunden wird. Es ist nicht zuletzt aus
diesem Grunde notwendig für uns, stets die Hand am Pulse der
-

4

-

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

der amerikanischen Wirtschaft zu haben. Gewiß liegt hier eine
wichtige Aufgabe der amtlichen Wirtschaftsberichterstattung und
Sie dürfen überzeugt sein, daß wir uns ihr mit allem Ernst und
dem Bewußtsein unserer Verantwortung unterziehen. Das allein
reicht aber nicht aus. Nur der lebendige Kontakt zwischen der
Wirtschaft beider Länder kann das Maß von Verbindung ergeben,
welches notwendig ist, um sich rechtzeitig auf Entwicklungen von
drüben einzustellen. Es kann als ein erfreuliches Ergebnis der
bereits erreichten Intensität der beiderseitigen wirtschaftlichen
Beziehungen angesehen werden, daß von Deutschland eigentlich nur
wenige Stimmen zu vernehmen waren, die der amerikanischen Wirtschaft in den letzten Monaten einen erheblichen Rückschlag voraussagten. Die meisten wußten es aus eigener Anschauung besser. Sie
sind so vertraut mit dem wirtschaftlichen Geschehen drüben, daß
sie um den Unterschied zwischen der gegenwärtigen Situation und
den Verhältnissen während der Krise in den 30er Jahren wissen.
Ich brauche hier nur anzudeuten, daß er in den mannigfachen regelnden Paktoren besteht, die inzwischen auch in den Vereinigten
Staaten in den Wirtschaftsablauf, vor allem im Bankwesen, eingebaut sind. Die Kenntnis dieser und anderer Umstände ist es,
die die Kenner der amerikanischen Wirtschaft nie in der Prognose
schwankend gemacht haben, daß es sich bei den Vorgängen, die wir
gegenwärtig dort beobachten, um Anpassungen an eine veränderte
Lage handelt, aber nicht um eine eigentliche Krise. Diese Anpassungen ergeben sich zwangsläufig daraus, daß die Periode vorüber
ist, in der der Nachholbedarf aus der Nachkriegszeit befriedigt
werden mußte, und daß zur gleichen Zeit die seit dem Ausbruch
der Koreakrise sehr forcierte Aufrüstung ebenfalls zu ihrem ersten
Abschluß gekommen ist und nun einer stetigeren Rüstungsanstrengung
der Vereinigten Staaten Platz gemacht hat...
Eine besondere Bedeutung haben die schon vor längerer Zeit
begonnenen Verhandlungen über das Wiederinkraftsetzen des deutschamerikanischen Preundschafts-, Konsular- und Handelsvertrages
von 1923• Sie wurden im letzten Sommer abgeschlossen. Die Vereinigten Staaten haben diesen Vertrag bereits ratifiziert. Dabei
wurde von beiden Seiten die Notwendigkeit erkannt, den Vertrag
so bald als möglich durch ein der gegenwärtigen Situation besser
entsprechendes Abkommen zu ersetzen. Zwar galt dieser Vertrag
viele Jahre hindurch als der modernste Vertrag seiner Art. Nun
ist aber die Zeit gekommen, neue Formulierungen zu finden, die
der gegenwärtigen Situation entsprechen. Die Verhandlungen darüber sind bereits im Gange.
Ein weiteres Vertragswerk, das sich in Vorbereitung befindet,
behandelt die Doppelbesteuerung. Auch hierüber sind die Verhandlungen im Gange. Als drittes Vertragswerk ist an dieser Stelle das
Londoner Schuldenabkommen zu nennen, obwohl es nicht auf die Vereinigten Staaten und Deutschland beschränkt ist. Im Zuge seiner
Durchführung ist eine Stelle zur Wertpapierbereinigung in den
Vereinigten Staaten geschaffen worden, die paritätisch von Deutschen und Amerikanern besetzt ist
Ich halte es für gewiß, daß wir mit einer zwar allmählichen,
aber doch steten Weiterentwicklung in Richtung einer liberaleren

- 5-

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

liberaleren Handelsauffassung in den Vereinigten Staaten rechnen können. Diese Bestrebungen können dadurch sehr unterstützt
werden, daß die europäischen Länder weitere Portschritte in
Richtung auf die Konvertibilität ihrer Währungen machen
Selbstverständlich wird durch einen solchen Schritt außerdem noch eine weitere wesentliche Voraussetzung dafür geschaffen werden, daß amerikanisches Kapital nach Deutschland fließt.
Ich stimme mit all denen überein, die erst noch in jüngster
Zeit die Möglichkeiten, welche in dieser Hinsicht bestehen,
mit betonter Zurückhaltung beurteilen. Zu mannigfach sind die
Voraussetzungen, welche zusätzlich noch geschaffen werden müssen, um amerikanisches Kapital für Investitionen bei uns einen
ausreichenden wirtschaftlichen Anreiz zu bieten. Auch die
Herstellung der Konvertibilität allein wird dazu nicht ausreichen. Sie wird aber gewiß die Vertrauensgrundlage soweit
stärken, daß es dann im wesentlichen noch eine Präge der Rentabilität ist, ob und in welchem Umfang amerikanische Finanzkreise bereit sein werden, Deutschland Kapital zur Verfügung
zu stellen.
Zuletzt möchte ich noch auf eines hinweisen: Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß die Technik in den Vereinigten
Staaten in eine Periode neuer umwälzender 3ntwifeklungen eintritt. Abgesehen von der Erschließung neuer Energiequellen
aus Atomkraft, die ich für sicher halte, dürften diese Entwicklungen in der Richtung einer immer weiter gehenden Automatisierung aller Pabrikationsvorgänge liegen. Daneben werden wir
interessante Weiterentwicklungen auf dem Gebiete der Pernmelde- und Nachrichtentechnik zu erwarten haben. Wir schenken
diesen Entwicklungen sehr viel Aufmerksamkeit, und ich sehe zu
meiner Freude, daß die Wirtschaft und Technik unseres Landes
die Fortschritte auf diesen Gebieten mit wacher Aufmerksamkeit
beobachtet.
Presse, Rundfunk, Film

und Fernsehen

Wer den Vertretern der Organe der öffentlichen Meinung
in den Vereinigten Staaten mit einem Gefühl für ihre Bedürfnisse und mit Offenheit begegnet, wird auf eine freundliche
und vor allem auf eine sehr faire Behandlung rechnen können.
Nichts ist verkehrter als die Vorstellung, als ob die Verhältnisse, welche einen Wildwestfilm charakterisieren, für
diesen Bereich des amerikanischen öffentlichen Lebens maßgebend wären. Es gibt gewiß viel Leidenschaft, viel Gefühl für
Publizität und für das, was Schlagzeilen bringt, aber es gibt
daneben auch ein großes Verantwortungsbewußtsein, eine Berufsethik, die in den besten Vertretern dieser Sparten in den Vereinigten Staaten beispielhaft ist....
Politische Beziehungen
Ich komme nun zu dem wichtigsten Teil unserer Beziehungen,
dem politischen. Bevor ich darauf im einzelnen eingehe, darf ich
das Kommunique in Ihr Gedächtnis zurückrufen, welches Präsident
- 6 -

�I

"AMERIKA DIENST" ,

19- Mai 1954

Präsident Eisenhower und der Bundeskanzler gemeinsam zum Abschluß
des Staatsbesuches im vergangenen Jahr herausgegeben haben.
In diesem heißt es, daß "die Bande der Freundschaft zwischen beiden Völkern glücklich wiederhergestellt seien. Von dieser Feststellung aus berufenstem Munde ist seither eine außerordentliche
Wirkung ausgegangen, die zu beobachten man in den Vereinigten
Staaten ständig Gelegenheit hat. Sie bringt, glaube ich, die
Verpflichtung mit, sich darüber klar zu werden, welche Grundlage und welchen Inhalt diese wiederhergestellte Freundschaft hat.
Eine Steigerung dieser Charakterisierung eines Verhältnisses zwischen zwei Völkern ist nicht denkbar, um so mehr ergibt sich
aus diesem Zustand die Verpflichtung, ihn ständig neu zu befestigen. Denn was mit dem Goethe-Wort für die Freiheit und das Leben
gilt, die nur der verdient, der täglich sie erobern muß, das
gilt mit ebenso - großem Recht auch von der Freundschaft.
Vielleicht überrascht es Sie, daß ich meine Ausführungen
über das so nüchterne Gebiet der politischen Beziehungen mit diesem Hinweis auf die wiedererstandene Freundschaft beginne. Ich
hoffe, Sie aber im weiteren Verlauf meiner Ausführungen zu überzeugen, daß ich damit die Grundlagen auch für dauerhafte politische
Beziehungen zwischen unsern beiden Ländern anspreche. Diese Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten werden
belastet von der schweren Hypothek der Erinnerung an zwei Weltkriege und alle damit verbundenen Ereignisse. So sehr wir auch
hoffen müssen und dürfen, daß die Erinnerung daran in den Vereinigten Staaten immer mehr und mehr zurücktritt gegenüber dem
Bild der lebendigen gegenwärtigen Beziehungen, so sollten wir
dies doch nie vergessen, denn das hieße, sich aus der Wirklichkeit
in den Bereich des Irrealen flüchten. Das Gewicht dieser Hypotheken klar zu erkennen ist um so wichtiger, als die Beziehungen
der Vereinigten Staaten zu anderen großen europäischen Nationen
hiervon frei sind.
Wer die Wirkung des gesprochenen und geschriebenen Wortes
in den Vereinigten Staaten kennt, vder wird es auch richtig einschätzen, was es für die Engländer bedeutet, daß sie die gleiche
Sprache wie die Amerikaner sprechen. Die Beziehungen zwischen
Frankreich und den Vereinigten Staaten sind dadurch charakterisiert, daß Frankreich sich mit Recht rühmen kann, der älteste Bundesgenosse der Vereinigten Staaten zu sein, mit dem es nie in
irgendeinem Konflikt gestanden hat. In dem Auf und Ab und bei
allen Belastungen, denen Beziehungen zwischen Nationen wie zwischen einzelnen Menschen nun einmal ausgesetzt sind, stecken in
diesen Tatsachen Vertrauensreserven, die gar nicht hoch genug
veranschlagt werden können. Wir tun gut daran, uns dessen immer
bewußt zu bleiben.
Zu unseren Gunsten wirken sich die vielfältigen lebendigen
Beziehungen aus, welche durch Bande der Familie oder der Verwandtschaft zwischen den vielen Millionen Angehörigen unserer beiden
Länder bestehen.
««_

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Für eine Bestandsaufnahme der politischen Beziehungen ist
ferner festzustellen, daß es keine irgendwie gearteten Gegensätzlichkeiten zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland
gibt, die ein Gewicht haben könnten.
Das überragende gemeinsame Interesse aber, welches die
Vereinigten Staaten und Deutschland verbindet, ist das der Sicherheit. Nun ist jedem klar, welche Bedeutung die Vereinigten
Staaten für die Sicherheit Deutschlands haben. Wir sind dankbar, daß die Vereinigten Staaten sich der Rolle, die ihnen hier
von der Geschichte zugefallen ist, und der darin liegenden
Verpflichtung bewußt sind. Sie haben dies, als sie die Luftbrücke für Berlin aufrecht erhielten, überzeugend unter Beweis
gestellt. Wären aber die Beziehungen zwischen unseren beiden
Ländern auf dem Gebiet der Sicherheit oder, wie man vielleicht
im Atomzeitalter zu sagen berechtigt ist, des nationalen Überlebens so einseitig, sie würden eine schlechte Grundlage für
dauerhafte politische Beziehungen abgeben. Sie würden sogar
gewisse Gefahren in sich bergen, wie sie nun einmal jeder
societas leonis zu eigen sind. Beziehungen zwischen zwei Völkern,
die darauf beruhen, daß das eine vom anderen sich in einseitiger
Abhängigkeit befindet, können nicht von Dauer sein. Nur Beziehungen zwischen im Wesen gleichberechtigten und innerlich unabhängigen Partnern, mag auch ihre Kraft noch so verschieden sein,
können einen Beitrag für ein harmonisches Miteinanderleben der
Völker liefern. Ich möchte hier ausdrücklich feststellen, daß
mir in Gesprächen mit so vielen verantwortlichen Persönlichkeiten
in den Vereinigten Staaten niemals eine andere Auffassung begegnet ist.
Man darf sich aber meines Erachtens mit einer solchen Feststellung in Form eines Postulates nicht begnügen. Deshalb ist
es gerade bei einer nüchternen Betrachtung durchaus notwendig,
sich darüber klar zu werden, welche Bedeutung Deutschland für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten hat. Das Ziel einer solchen Betrachtung soll nicht sein, darauf irgendwelche Ansprüche
zu gründen, sondern lediglich völlige Klarheit über das Wesen der
beiderseitigen Beziehungen zu gewinnen. Sie ist aber auch notwendig, um die Verpflichtungen zu erkennen, die sich für uns daraus
als Partner ergeben. Die Bedeutung Deutschlands für die Sicherheit der Vereinigten Staaten ist nun eine zweifache. Im Negativen besteht sie darin, daß alles, was in und mit Deutschland
geschieht, sowohl wegen des Gewichtes unseres Landes, als auch
wegen seiner geographischen Lage, die Vereinigten Staaten unmittelbar angeht, wie zwei Weltkriege gezeigt haben. Es ist kein
Konflikt um Deutschland denkbar, an dem die Vereinigten Staaten
nicht zwangsläufig beteiligt wären.
Hierin erschöpft sich zum Glück unsere Bedeutung für die Vereinigten Staaten nicht. Bei aller gebotenen Zurückhaltung dürfen
wir doch feststellen, daß auch wir etwas in diese Partnerschaft
einzubringen haben. Wirtschaftlich ist Deutschland auch heute
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

heute schon wieder ein Faktor. Auf anderen Gebieten ist die Bedeutung von der Art eines Potentials. Für den, der nicht nur Tagespolitik betreibt, sondern seine Pläne auf lange Sicht abstellt, hat die Frage nach dem Potential einer Nation fast das
gleiche Gewicht, wie 'die nach der gegenwärtigen Kraft. Diese
Feststellung,ist deswegen so wichtig, weil die gegenwärtige läge
in Europa verständlicherweise für die Amerikaner mehr ein Gegenstand der Sorge als ein Anlaß zur Ermutigung ist. Deutschland
aber wird von drüben, wenn es. sich um sein politisches Gewicht
handelt, nicht' isoliert gesehen, sondern als ein Bestandteil,
und zwar ein besonders wesentlicher Bestandteil des freien Teiles von Europa. Wer wie ich mehrmals im Jahr zwischen Europa
und den Vereinigten Staaten hin und her reist, dem drängt sich
die Beobachtung auf, wie anders doch die Einstellung der Amerikaner zu den europäischen Fragen ist, als die vieler Europäer.
Hier in Europa treten die Schwierigkeiten, die einer Gesundung
der europäischen Verhältnisse im Wege stehen, viel drastischer
zu Tage. So weite Kreise sich auch mit Leidenschaft zur europäischen Integrierüng bekennen, so gibt es doch viele andere,
die sie nicht als eine geschichtliche Notwendigkeit empfinden,
sondern eher als ein Experiment, das diejenigen, welche sich ihm
verschrieben haben, gewissermaßen aus einem Fortschrittsgedanken
heraus anstellen möchten. Drüben ist dies nun ganz anders. Wer
sich ernsthaft mit dem Gedanken der europäischen Integration befaßt, der tut es eigentlich immer aus dem Gefühl heraus, daß hier
eine zwingende geschichtliche Notwendigkeit vorliegt, ohne, deren
Erfüllung nicht nur kein Fortschritt in Europa denkbar ist,
sondern sogar die Gefahr einer abschließenden Katastrophe droht.
Ich bin der Meinung, daß die Distanz unserer amerikanischen Freunde diese Zusammenhänge klarer sehen läßt, als die von hier zu
erkennen sind. Gewiß mögen sie unsere Schwierigkeiten oft
unterschätzen, aber sie sehen die europäischen Notwendigkeiten
doch aus ihrer eigenen Erfahrung heraus und aus dem Abstand,
den sie zu ihnen haben, in einer angemessenen Perspektive. Wenn
ich nun zu dem deutsch-amerikanischen Verhältnis zurückkehre,
so möchte ich sagen, daß das potentielle Gewicht Deutschlands
als eines Gliedes eines vereinten Europa, nicht zuletzt auch
wegen der immer wieder bewiesenen Bereitschaft, an der Vereinigung Europas mitzuwirken, hoch eingeschätzt wird. In den Vereinigten Staaten weiß man genau, welche Bedeutung unser Land
auch für die eigene Sicherheit hat. In diesen gemeinsamen Interessen an der Sicherung ihrer Existenz liegt die Substanz der politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern.
Es wäre aber falsch, die Beziehungen zwischen beiden Ländern
allein auf die Grundlage derartiger Nützlichkeitserwägungen
zu stellen, so gewichtig sie auch sein mögen. Das beste und gesundeste Fundament für Beziehungen zwischen zwei Ländern besteht
meines Erachtens in einem Freundschaftsverhältnis, das auch unabhängig von den Konstellationen des Augenblicks denkbar ist...
Um

�"AMERIKA DIENST"

19. Mai 1954

Um in dieser Beziehung Portschritte zu machen, muß man sich
darüber klar werden, welches denn eigentlich die wesentlichsten
Elemente dieser Freundschaft sind, soweit es uns angeht. Diese
Frage ist in der letzten Zeit wiederholt mit Besuchern in den
Vereinigten Staaten erörtert worden. Manche meinten, die Achtung
vor der Leistung, die das deutsche Volk durch seinen wirtschaftlichen Wiederaufbau bewiesen habe, habe sehr wesentlich zur
Wiederherstellung der Freundschaft beigetragen. Andere sahen
den Grund darin, daß Deutschland antikommunistisch sei. Dazu
wäre zu sagen, daß der wirtschaftliche Wiederaufbau einmal abgeschlossen sein und daß auch diese Leistung, welche die Amerikaner
zweifellos stark beeindruckt hat, dann wieder aus ihrem Bewußtsein schwinden wird. Eine dauerhafte Grundlage für ein Freundschaftsverhältnis kann hier demnach gar nicht zu finden sein. Die
Tatsache, daß der Kommunismus bei uns eine so entscheidende politische Niederlage erlitten hat, hat gewiß ein großes Gewicht,
aber es gibt noch viele andere Länder, die die gleiche Immunität
gegen den Kommunismus aufweisen. Es läßt sich daraus also kein
spezifischer Grund für ein deutsch-amerikanisches Freundschaftsverhältnis ableiten. Vielmehr besteht die Grundlage für unsere
Freundschaft in zwei Umständen, die beide von den Tagesereignissen
unabhängig sind. Der eine liegt in der Tatsache, daß der Amerikaner nicht zuletzt auch wegen der so vielfältigen und engen menschlichen Beziehungen, die sich daraus ergeben, daß deutsche Auswanderer einen so gewichtigen Anteil an dem Werden des amerikanischen Volkes haben, eine freundschaftliche Verbindung zu
Deutschland als etwas Natürliches ansieht...
Zum anderen aber liegt die Grundlage für die Freundschaft
darin, daß Deutschland heute nicht nur als Freund schlechthin
gilt, sondern als ein zuverlässiger Freund. Hierzu muß ich etwas
ausholen. Das Bild des Amerikaners, wie es vielfach in Europa
verbreitet ist, stellt einen Menschen dar, der nur in Extremen
denkt und handelt. Gewiß ist Amerika ein Land von einer unendlichen Spannweite der Erscheinungen. Aber es gehört zu den verbreitesten Irrtümern anzunehmen, daß deswegen alles Extreme dort
geschätzt und geachtet wird. Ganz im Gegenteil gibt es drüben
zwei Begriffe, die mehr als vieles andere zum Maßstab einer
Persönlichkeit gemacht werden. Das eine ist der sense of Proportion, der Sinn für Proportion, und die balance of judgement,
das abgewogene Urteil. Wenn man in den Vereinigten Staaten zum
Ausdruck bringen will, daß jemand für wichtige Aufträge geeignet
ist, dann schreibt man ihm diese beiden Eigenschaften zu...
Nun ist, und ich möchte es fast sagen zur freudigen Überraschung
des Amerikaners, in den letzten Jahren auf einmal ein ganz neuer
Typ des Deutschen vor ihre Augen getreten... Gewiß gibt es auch
heute noch Stimmen, aus denen das alte Mißtrauen in unverminderter Schärfe herausklingt, daß die maßvollen Vertreter des neuen
Deutschland Einzelerscheinungen seien, welche eine Kontinuität
nicht zu garantieren vermöchten. Diese Stimmen können aber den,
der in den Vereinigten Staaten lebt, in der Gewißheit nicht irre
machen, daß die öffentliche Meinung im ganzen gesehen überzeugt
ist, daß das deutsche Volk nun eine neue Haltung gewonnen hat.

- 10 -

All

�19. Mai 1954

"AMERIKA DIENST"

Als ich schon aus den Vereinigten Staaten abgeflogen war,
las ich die Meldung, Präsident Eisenhower habe sich mit großer
Sorge darüber geäußert, daß man die Vereinigten Staaten in Europa so oft nicht verstehe. Diese Sorge ist sehr ernst zu nehmen.
Sie weist uns zugleich auf eine Verpflichtung hin, welche unser
Freundschaftsverhältnis zu den Vereinigten Staaten mit Bich
bringt. Nicht nur müssen wir ständig um Verständnis für unsere
Lage, insbesondere soweit sie sich aus der tragischen Spaltung
Deutschlands, der läge der Vertriebenen und der unserer Brüder und Schwestern aus der sowjetischen Zone ergibt, werben,
sondern wir müssen, gerade weil wir selbst so sehr auf Verständnis angewiesen sind, auch unsererseits eine stete Bereitschaft
zum Verstehen haben. Ich bin überzeugt, daß wir damit zugleich
einen bedeutenden Beitrag zum Weltfrieden leisten können.. Man
kann unterstellen, daß die führenden Persönlichkeiten von Kongreß und Regierung, sowie die maßgebenden Kreise anderer Sparten des öffentlichen Lebens die gegenwärtige Weltlage sehr
realistisch beurteilen Die Beherrschung der Atomenergie durch
den Menschen, der Höhepunkt, den sie durch die Entwicklung der
Wasserstoffbombe erreicht hat, sind zweifellos der Beginn eines
neuen Zeitalters. Vorstellungen, die aus der Voratomzeit stammen-,
müssen korrigiert werden... Gewiß spielt der technische Portschritt in den Vereinigten Staaten eine große Rolle. Gewiß ist
der Wettbewerb im Erwerbsleben hart und fordernd für jeden einzelnen. Zugleich aber besteht eine tiefe Religiosität. Es besteht ein Bedürfnis, ja ein Hunger nach kulturellem Erleben,
und es besteht eine sehr herzliche Bereitschaft, die Verbindung
von Mensch zu Mensch auch gegenüber dem Besucher aufzunehmen. Und
es hat schließlich bei allem Erwerbssinn fast jeder Amerikaner
das Gefühl einer großen Verpflichtung gegenüber dem Menschen,
gegenüber der engeren Lebensgemeinschaft, der Community, und
gegenüber der Nation. Es ist so leicht, einzelne Steinchen aus
diesem ungeheueren Mcsaik, das die Vereinigten Staaten darstel-.'
len, herauszunehmen und sie zu einem ganz verzerrten Abbild
der Nation wieder zusammenzusetzen. Ein solches Bild kann dann
zwar tausendfältig belegt werden, aber es ist doch ganz falsch.
Ich'meine demgegenüber, daß nur der Amerika richtig sieht, der
dieses warmherzige und aufgeschlossene Volk von der menschlichen
Seite zu verstehen versucht. Ich sage dies nicht, um für Amerika
zu werben, ich sage es vielmehr, weil ich glaube, daß es in unserem besten Interesse ist, wenn wir Amerika und die Amerikaner
in der richtigen Perspektive sehen. Für uns ist ebenso wenig wie
für irgendein anderes V^lk eine Zukunft denkbar, wenn wir nicht
der freundschaftlichen Hilfe durch andere Völker gewiß sind.
Schon der Versuch eines Alleinganges wäre das sichere Verderben,
über den Wert, den in diesem Zusammenhang die Freundschaft des
amerikanischen Volkes für uns hat,., itt kein Wort zu verlieren.. ,
Diese Freundschaft wir" aber auch dann noch ein wertvolles Gut
sein, wenn die gegenwärtigen Weltspannungen einmal überwunden
sind. Sie zu pflegen dürfen wir immer als einen wesentlichen Beitrag zum Frieden und zu einem guten Zusammenleben der Völker
auffassen.
* * * * *

-11-.

�A M E R I K A

D I E N S T

HENRY GABOT LODGE: USA AUCH WEITERHIN GEGEN DIE
AUFNÄHME ROTCHINAS IN DIE USA
Nachstehend bringen wir im Wortlaut die
13 Punkte einer Erklärung des US-Chefdelegierten bei der UN, Henry Cabot Lodge, mit
denen er am 25.Mai 1954 vor dem Verband der
amerikanischen Inlandspresse in Chikago die
Gründe der amerikanischen Weigerung in der
Präge der Aufnahme Rotchinas in die TO'dar-

CHICAGO - (Amerika Dienst) -"Einer der wichtigsten
Gründe, weshalb die Vereinten Nationen so maßgebend für
die Meinung der Welt sind, ist ihr moralisches Fundament.
Die Vereinten Nationen verkörpern im wahrsten Sinn des
Wortes das moralische Bewußtsein der Welt und sie reflektieren in allen vorliegenden Fragen das moralische Urteil
der Welt. Das können sie deshalb, weil sie auf eine moralische Sanktion gegründet sind, nämlich darauf, daß sie
sich aus "friedliebenden" Nationen zusammensetzen, die ihre
der Charta gemäßen Verpflichtungen, den Frieden zu bewahren,
einhalten.
Darum ist es so schwer, diejenigen zu verstehen, die
da sagen, es wäre gut für die Vereinten Nationen, wenn die
Chinesen darin vertreten wären. Die Vereinten Nationen sind
nicht eine bloße diplomatische Konferenz, wo der Tugendhafte
Seite an Seite mit dem Verbrecher sitzt. Laut Charta sollen
sie eine Organisation von "friedliebenden Staaten" sein,
und als solche haben wir sie ratifiziert. Wollte man daner
Leuten wie chinesischen Kommunisten - die so offensichtlich
den Krieg als Instrument ihrer nationalen Politik befürworten - hier einen Sitz geben, so würde das der moralischen
Basis der Vereinten Nationen Hohn sprechen. Ich möchte
jene, die uns - erst kürzlich - den Rat gaben, die chinesischen Kommunisten in die Vereinten Nationen aufzunehmen,
ersuchen, dieses Regime einmal unbefangen zu betrachten und
sich ein offenes Urteil darüber zu bilden, ob ihm ein Sitz
bei den Vereinten Nationen ansteht. Ich möchte sie bitten,
die folgenden 13 Tatsachenpunkte zu beachten, die nach meiner Ansicht den absolut schlüssigen Beweis dafür liefern,
daß das chinesische kommunistische Regime für eine Vertretung bei den Vereinten Nationen gänzlich ungeeignet istx
^

*

�•"AMERIKA DIENST"

26. Mai 1954

1) Das chinesische kommunistische Regime hat sich der
flagranten Aggression gegen drei Länder schuldig gemacht:
a) Es ist schuldig der direkten Aggression in Korea, wo
die chinesischen Kommunisten in einem vergeblichen Versuch,
die Koreanische Republik auszulöschen und die Streitkräfte der
Vereinten Nationen, die dieses Land verteidigten, zu vernichten, über eine Million Soldaten einsetzten.
b) Es ist schuldig der versteckten Aggression in Indochina. Es hat der Aggression Vorschub geleistet indem es die
kommunistischen Vietminh-Armeen mit Kriegsmaterial, Technikern
und Ratgebern versorgte und die Vietminh-Truppen auf chinesischem Boden ausbildete. Es besetzte das unbewehrte Tibet und
brachte dessen Regierung und Bodenreichtümer unter seine Kontrolle.
c) Es ist schuldig der heimlichen Aggression gegen das
chinesische Volk. Schätzungen ergaben, daß die Kommunisten
in China seit 1945 an die 15 Millionen Menschen ermordet haben
müssen, indem sie dem blutigen Beispiel der Kommunisten in anderen Ländern folgten. Weitere Millionen wurden zur Sklavenarbeit gepreßt, getreu dem von der Sowjetunion erstmalig angewandten ausgeklügelten System. Ferner haben die chinesischen
Kommunisten die Grundformen der chinesischen Lebensweise zerbrochen, indem sie die Kinder zwangen, Eltern und Bekannte anzuzeigen, indem sie die chinesische Kultur "verstaatlichten"
und China in einen totalen Polizeistaat verwandelten.
2) Chinas große nationalen Eigenschaften sowie seine Kultur wurden zum Angriffsziel der regierenden Kommunistenführer,
die Chinas Interessen denen des Kremls opferten: Die Verwaltung des Peking-Regimes ist mit der Sowjetunion eng verbunden.
Oberall findet man sowjetische Ratgeber und "Techniker".
Als Eschu En-lai auf der Genfer Konferenz das Schlagwort
"Asien den Asiaten" wieder aufgriff, lehnte er es ab, sich
darüber zu äußern,-ob das auch bedeute, daß die Sowjets beispielsweise Port Arthur dann nicht länger besetzt halten würden. Ein kanadischer Redakteur charakterisierte neulich die
Unterordnung der chinesischen Kommunisten unter die sowjetische
Führung als eine Sache der Doktrin, wobei er Tschu En-lai als
die "authentische Stimme Moscows" bezeichnete.
3) Die chinesischen Kommunisten verletzten die Selbstachtung des chinesischen Volkes und entsetzten die Weltöffentlichkeit durch ihre barbarische Behandlung der Ausländer. Hunderte von in China lebenden Ausländern wurden unter falschen
Anschuldigungen arretiert und ohne Verbindung mit der Außenwelt und ohne verhört zu werden oder einen Rechtsbeistand zu
erhalten, lange Zeit in Gefängnissen gehalten, und den Gewalttaten des offiziell organisierten Mobs ausgeliefert und des
Rechts beraubt, ihren Geschäften nachzugehen. Manche wurden
umgebracht oder starben durch die brutale Behandlung in den

�"AFRIKA DIENST"

26. Mai 1954

den Gefängnissen. Gegenwärtig befinden sich 32 Amerikaner in
Kerkerhaft. Sie waren während des größten Teils oder auch
während der Gesamtdauer ihrer Inhaftierung von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschnitten. Sie kamen entweder überhaupt nicht oder ohne Rechtsbeistand zum Verhör, und von vielen wurde berichtet, daß sie unter Mißhandlungen und Vernachlässigung leiden.
4) Einer der erschreckenden Beweise dafür, daß das PekingRegime die üblichen Formen der internationalen Spielregeln verletzt hat, ist seine Förderung der internationalen Rauschgiftsucht. Zur Zeit scheinen die chinesischen Kommunisten diese
Waffe in einem verstärkten Maße anzuwenden in ihrem IlBemühen,
die anti-kommunistischen Völker durch einen Umsturz als Folge
von Ausschweifungen zu schwächen. Sie versuchten diese verabscheuungswürdige Praktik sogar an Kriegsgefangenen in Korea
bei dem Versuch, Gefangene für den Kommunismus zu gewinnen.
Die chinesischen Kommunisten haben sich ein bestimmtes Programm
zur Erweiterung dieses unerlaubten Handels im freien Asien und
anderen Ländern zugelegt, wobei die Profite zu kriegerischen
und umstürzlerischen Zwecken in die kommunistische Staatskasse
fließen. Harry J. Anslinger, der Rauschgift-Kommissar der
Vereinigten Staaten, erklärte kürzlich vor den Vereinigu i
Nationen, daß dieses ruchlose Geschäft "ein vielköpfiger
Drache" sei, der "ganze Volksteile zu verstümmeln und vernichten drohe."
5) Die chinesischen Kommunisten richteten besonders
brutale Angriffe gegen Mitglieder religiöser und missionärer
Organisationen, die man der Spionage, des Diebstahls, des
Waisenmordes und anderer lächerlicher Tätigkeiten beschuldigte.
Unter diesen Verfolgten befinden sich außer Amerikanern auch
Franzosen, Iren, Spanier, Polen, Belgier, Italiener, Kanadier,
Holländer, Deutsche, Briten, Portugiesen und Österreicher.
6) Ein weiterer Beweis dafür, daß das Peking-Regime nicht
die Regierung Chinas, sondern eine Agentur einer weltumspannenden kommunistischen Bewegung darstellt, wird offenkundig durch
die Aufhebung von Verträgen und Abmachungen, die die Verbindung zur freien Welt herstellen. Zur gleichen Zeit, da
die chinesischen Kommunisten die Verträge aufhoben, die von
der legitimen Regierung Chinas, auf deren Nachfolgeschaft sie
Anspruch erheben, abgeschlossen wurden, suchten sie alle internationalen Rechte dieser Regierung zu behaupten ohne bereit
zu sein, ihre Verpflichtungen zu übernehmen.
7) Das chinesisch kommunistische Regime hat willentlich
und wissentlich an der Ausarbeitung und Veröffentlichung einer
falschen Beweisführung mitgearbeitet zur Stützung der fälschlicherweise gegen die Vereinigten Staaten erhobenen Beschuldigung des Bakterienkrieges, als diese in Erfüllung des Auftrages
der Vereinten Nationen in Korea Truppen einsetzten,um die
- 3

�"AFRIKA DIBK3T*

26. Mai 1954

die Aggression zurückzuweisen. Es weigerte sich, eine unparteiische Untersuchung dieser Beschuldigungen, wie ich sie
während der letzten Generalversammlung vorschlug, zuzulassen.
8) Das chinesisch kommunistische Regime ist schuldig,
aus Nordkorea eine Kolonie gemacht zu haben} Hunderttausende
chinesischer Soldaten leben auf koreanischem Gebiet und Tausende von Chinesen sind herübergekommen,um wichtige Transportunternehmen und andere Betriebe zu übernehmen,
9) Die chinesischen Kommunisten setzten einen teuflischen,
widernatürlichen, nach wissenschaftlichen Methoden durchgeführten Plan ins Werk, um von den Kriegsgefangenen in Korea militärische Geheimnisse und erzwungene "Bekenntnisse" über angeblich
begangene Verbrechen zu erpressen.- Die Vereinigten Staaten erhoben vor den Vereinten Nationen Anklage gegen diese furchtbaren Grausamkeiten, die es daraufhin öffentlich verurteilten,
daß Kriegsgefangene einer derart grausamen und unmenschlichen
Behandlung unterworfen wurden.
10) Das Pekinger Regime hat Südostasien zum ersten Zielpunkt einer Kampagne des Terrors und der Einschüchterung gemacht. Die chinesischen Kommunisten haben die kommunistischen
Freischärler in Malaya ermutigt, dirigiert und für den Guerillakrieg mit dem Notwendigen versorgt. Das Pekinger Regime hat
auch die Kommunisten in Burma und Indonesien zum Handeln aufgestachelt und sein Netz von Agenten über das gesamte Gebiet ausgedehnt»
11) Das chinesische kommunistische Regime hat Erpressungsmanöver auf internationaler Ebene durchgeführt, mittels deren
es die in Übersee lebenden Verwandten von Chinesen des Mutterlandes ausplünderte. Millionen Dollars sind in die Staatskassen
Pekings von solchen Chinesen in Übersee hineingeworfen worden,
die versuchten, damit Sicherheit.und Schutz für ihre Verwandten
in der Heimat zu erkaufen. Die Erpressungsbriefe wurden in
vielen Fällen selbst dann noch verschickt, als die Geiseln
schon erbarmungslos hingerichtet worden waren.
12) Die chinesischen Kommunisten haben wiederholt unbegründete und feindselige Propagandavorstöße gegen die Vereinigten Staaten unternommen und haben unsere Regierung fälschlich
schwerer Verbrechen beschuldigt, in dem Bestreben,dem Ansehen
und den Interessen der Vereinigten Staaten im Ausland damit
einen vernichtenden Schlag zu versetzen«

121

- 4

�.»AMERIKA DIENST"

26. Mai 1954

13) Das Pekinger Regime hat, indem es die internationalen
Grundsätze hinsichtlich der Kriegsgefangenenfürsorge mißachtete,
sich eines Freibeutertums schuldig machte, es ablehnte, internationalen humanitären Organisationen Beistand zu leisten, und
wiederholt die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens für
Korea verletzte, keine der anerkannten Regeln im internationalen
Verkehr befolgt. Es stellt einen seltsamen Widerspruch dar, daß
die chinesischen Kommunisten unabläßig die Vereinten Nationen
angreifen, also gerade die Organisation, in der sie selbst
vertreten zu sein wuenschen. Sie haben mehrfach behauptet, daß
die Vereinten Nationen ein Werkzeug für die amerikanische
Aggression in Korea gewesen seien. Erst kürzlich hat in Genf
ITschtti En-lai, den sie ihren Außenminister nennen, die Beschuldigung erhoben, daß die Vereinigten Staaten
"ein Organ der Vereinten Nationen durch besondere Manöver
dazu veranlaßt haben, diesem Akt der Aggression der
Vereinigten Staaten in ungesetzlicher Weise eine rückwirkende Billigung zuteilwerden zu lassen. Auf diese
Weise wurden die Vereinten Nationen in die Rolle eines
Kriegführenden in Korea versetzt und verloren dadurch
die Fähigkeit, die koreanische Frage unparteiisch zu
behandeln.M
Indem die chinesischen Kommunisten sich einer solchen Art von
widersinniger Beweisführung bedienten, haben sie im Einklang
damit sich geweigert, die Resolutionen und Beschlüsse der
Vereinten Nationen, vornehmlich diejenigen, die sich mit
Korea beschäftigten, zu beachten. Tatsächlich scheinen sie
alle Aktionen der Vereinten Nationen, mit denen sie nicht
einverstanden sind - und das sind praktisch a l l e
Aktionen
der UN - herabwürdigen zu wollen.
Im Lichte einer derartigen Politik und Praxis - wie sie
gerade jetzt in Genf von ihnen weiterbetrieben wird - erscheint
es mir als eine äußerst seltsame Form moralischer Blindheit,
wenn man dafür plaidiert, daß die-chinesischen Kommunisten als
Repräsentanten eines "friedliebenden" Staates angesehen werden
sollten, der geeignet-sei, einen Platz unter den Vereinten Nationen einzunehmen. Ich kann Ihnen versprechen, daß die Vereinigten Staaten unentwegt allen Winkelzügen des chinesischen
kommunistischen Regimes und seiner Befürworter Widerstand
leisten werden, sich durch das bloße Versprechen künftigen
Wohlverhaltens einen Weg in die Vereinten Nationen zu erkaufen.
Ich komme zum Schlußa Ich habe Ihnen zu der Frage, welchen
Wert die Vereinten Nationen als ein Weltforum für uns im Kalten
Krieg besitzen, einige Illustrationen gegeben. Den Vereinten
Nationen kommen selbstverständlich noch viele andere Werte zu,
die sie zu einem bedeutsamen und einzigartigen Instrument machen»
so ihre Bedeutung für die friedliche Beilegung von Streitfällen,
wie in Indonesien, Palästina und Kaschmir, von denen jeder einzelne die freie Welt innerlich hätte auseinanderreissen können?
dann
- 5_

�«

"AMERIKA SIEHST»

26. Mai 1954

dann ihr Wert für die Herbeiführung wirtschaftlicher und sozialer Fortschritte bei Völkern, die in der Entwicklung noch zurück
sind und die andernfalls an sich selbst verzweifelnd, den kommunistischen Schmeicheltönen zum Opfer fallen könnten; und end^
lieh die Bedeutung, die den UN dadurch zukommt, daß sie einigen
Millionen Menschen in der freien Welt behilflich sind, ihr«
Unabhängigkeit zu erlangen und zu bewahren.
Alle diese Tatsachen und viele andere sind ein sprechender
Beweis für die Schlußfolgerung, daß die Vereinten Nationen etwas
Gutes für Amerika darstellen« Denn einmal helfen sie uns im
Kalten Krieg. Dann aber befürchte ich, daß, wenn wir die
Vereinten Nationen nicht gehabt hätten, wahrscheinlich gerade
jetzt der dritte Weltkrieg um uns herum rasen würde. Mit den
Vereinten Nationen bim ich von dem tiefen Vertrauen erfüllt,
daß wir den Kalten Krieg gewinnen und eine Atomkatastrophe
vermeiden können. Lassen Sie uns also dafür arbeiten, daß
die Vereinten Nationen in ihren Bestrebungen erfolgreich
sind.

* • * *

*

�EISENHOWER ZUR WELTLAGE

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Präsident
Eisenhower nahm am 31. Mai 1954 auf einem
Essen im Wal dorf-Astoria-Hotel anläßlich
der Zweihundert-Jahrfeier der ColumbiaUniversität in einer großangelegten Rede
zu den gegenwärtigen Weltproblemen Stellung.
Die Rede des Präsidenten hat folgenden
Wortlaut:
"Dieser Anlaß ist für mich von besonderer Bedeutung, denn
ich stand eine Zeitlang in enger Verbindung mit denen, deren
Lebensaufgabe die Erziehung der amerikanischen Jugend ist. Ich
bin stolz, daß mein Name für eine kurze Zeit in der zweihundertjährigen Geschichte der Columbia-Universität eng mit dieser
großen Institution verknüpft war. Wenn ich diesen persönlichen
Stolz über die Verbindung zu einer Stätte des Lernens zum Ausdruck bringe, so habe ich dabei berühmte Vorgänger.
Thomas Jefferson zum Beispiel zog am Ende seines langen
Lebens vor, in der Erinnerung der Nachwelt nicht als der Träger eines hohen Amtes, sondern auf Grund seiner Verbindung mit
der Universität des Staates Virginia zu leben.
Er betrachtete den freien Fluß von Informationen als unerläßlich für die Erhaltung der Freiheit. Er schrieb, daß - wenn
er die Wahl zwischen einer Gemeinschaft ohne Zeitungen oder
Zeitungen ohne eine Regierung hätte - er dem letzteren den Vorzug geben würde. Und hinsichtlich der Verbreitung des Wissens
unter der Menschheit mit Hilfe der Schulen sagte er, 'keine
andere sichere Grundlage kann für die Erhaltung von Freiheit
und Glück ersonnen werden'.
Ein unbarmherziger Feind der Tyrannei in allen ihren Formen,
hielt Jefferson während seines ganzen Lebens standhaft an einem
der fundamentalen Grundsätze der westlichen Gesellschaft fest,
wie er 2 000 Jahre zuvor im Allerheiligsten des Tempels von
Jerusalem verkündet worden war, daß nämlich die Wahrheit den
Menschen freimachen wird.
Das Festhalten an der Wahrheit, ihre Erhaltung und weite
Verbreitung; die Verwirklichung der Freiheit, ihre Verteidigung
und Verbreitung; diese Ziele sind eng verknüpft mit der amerjka-

�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

amerikanischen Konzeption von der Erziehung. Die amerikanische
Universität ist weder das Eigentum einer begünstigten Klasse
noch ein Elfenbeinturm, der Phantasten vor der Bewährungsprobe
in der Praxis beschützt, jede amerikanische Universität steht
mit ihren grundlegenden Zielen im Dienste des Themas der Zweihundertjahrfeier der Columbia-Universität - 'Das Ree'ht des Menschen auf Wissen und seine freie Anwendung'.
Diejenigen, die das Motto für die Zweihundert-Jahrfeier bestimmten, hätten kein amerikanischeres Thema auswählen können.
Indem ich dies feststelle, möchte ich mich zugleich bei den Gelehrten aus aller Welt entschuldigen, damit nicht etwa der Eindruck entsteht, daß ich ein universales Prinzip bewußt auf ein beschränktes Gebiet begrenze. Aber von den ersten Anfängen unserer
Republik an waren die Erziehung der Bevölkerung und die Freiheit
für die Bevölkerung zwei miteinander in engem Zusammenhang stehende Zielsetzungen, die den Mittelpunkt des amerikanischen Traumes
bildeten.
Weit davon entfernt, vor Ideen Angst zu haben, fürchteten die
Begründer der Republik lediglich fehlgeleitete Bemühungen zur Unterdrückung der Ideen. Nicht weniger groß war ihr Glaube an die
Fähigkeit der Menschheit, die Freiheit im Rahmen des Gesetzes zur
Sicherung des eigenen Wohlergehens und dem des Landes anzuwenden.
In der Freiheit des einzelnen sahen sie eine Kraftquelle, die
Berge versetzen, Flüsse bändigen, die Wildnis roden und einen Kontinent verändern konnte.
Aus dieser Überzeugung heraus proklamierten die Gründer unserer Republik für die gesamte Menschheit die revolutionäre Doktrin
von den gottgegebenen Rechten des Menschen. Diese Lehre wurde seither zum Fundament des amerikanischen Glaubens. Die völlige Ablehnung
dieses Glaubens ist das Hauptcharakteristikum des materialistischen
Despotismus unseres Jahrhunderts.
Folglich ist die Welt, die einst durch Ozeane und Gebirge getrennt wurde, heute durch zwei sich feindliche Konzeptionen des
menschlichen Charakters und der menschlichen Natur gespalten. Räumliche Grenzen und ihre Auswirkungen sind heute größtenteils überwunden. Aber die neuen Hindernisse scheinen unüberwindlicher zu
sein als die alten.
Die beiden Weltlager, die in wichtigen Gebieten gemeinsame
geographische Grenzen haben, liegen, was den Ausgangspunkt und
die Art ihres Handels angeht, weiter auseinander als die beiden
Pole. Während das eine Lager sich in den Dienst der Freiheit des
Einzelmenschen und des Rechtes aller auf ein Leben in Frieden
stellt, hat sich das andere der Marxistischen Philosophie vom
Materialismus und dem Bemühen verschrieben, diese Macht über den
ganzen Erdball zu verbreiten. Viele Hunderte Millionen von Menschen,
die sich in ihrer Zugehörigkeit noch nicht entschieden haben, beobach
ten diese beiden sich bekämpfenden Lager.
Heute gibt es kein Wissen, das zu Verstehen für uns wichtiger
ist, als die wesentlichen Charakteristika dieses Kampfes.
Eine
- 2

�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

Eine Tatsache überragt völlig und eindeutig: Von allen
Bewohnern des Erdballs ist nur eine verhältnismäßig kleine Zahl selbst in der Sowjetunion nur eine Handvoll - von der Entschlossenheit besessen, die Welt durch Gewalt und Betrug zu beherrschen.
Mit Ausnahme dieser Gruppen in den verschiedenen Völkern dürstet
die Menschheit in der ganzen Welt, diejenigen, die in Freiheit
aufrecht einhergehen, diejenigen, die sich dem Kommunismus beugen
müssen, diejenigen, die im Neutralismus zögern, nach Freiheit,
Wohlstand und Frieden. Wie können einige wenige Männer dem Willen
von Hunderten Millionen von Menschen entgegenarbeiten?
Da sie keinem moralischen Prinzip verantwortlich und der
öffentlichen Meinung keine Rechenschaft schuldig sind, führen
sie einen rücksichtslosen und bis ins kleinste durchdachten weltweiten Kampf des Betrugs, der Subversion und des Terrors. Und
im Gegensatz zu ihnen gibt es kein einheitliches, weltweites
Bemühen, das Wissen und die Zusammenarbeit zu fördern.
Sie predigen ein materielles Dogma, das uns zuwider ist,
ein Dogma, das mit falschen Versprechungen ausgeschmückt ist.
Sie verkünden es jedoch pausenlos und unermüdlich und monoton,
während die freie Welt auf vielfältige Weise eine Botschaft verkündet, die von jedem einzelnen Verantwortung, Ausdauer und Opfer
fordert.
Unsere Gegner legen das gesamte Gewicht ihrer Regierungsarbeit
auf das einzelne Ziel, das sie sich für die nächste Zukunft gewählt haben. Die freie Welt erblickt im Staat ein Mittel zur Förderung der Glückseligkeit der Menschen - eine Front, die so breit
ist, daß sich die Fortschritte zuweilen kaum wahrnehmen lassen.
Um ihre Eugen zu verbreiten, bedienen sich die wenigen, die
nach einer Beherrschung der gesamten Welt trachten, eines weltweiten Apparates, der unaufhörlich die Befehle ihrer Herren ausführt.
Um der Welt die Wahrheit geben zu können, müssen sich die freien
Nationen in erster Linie auf die freiwilligen Bemühungen einzelner verlassen - Bemühungen, die oftmals unwirksam bleiben müssen,
weil sie nicht aufeinander abgestimmt und nicht kontinuierlich
fortgeführt werden.
Vielleicht stellen die Kommunisten in keiner besseren Weise
ihre Furcht vor einer unzerbrechlichen Einigung der freien Welt
bloß, als durch ihr ständiges Bemühen, uns zu spalten und uns dadurch zu schwächen. Sie beuten jede kleine, zwischen unabhängigen
Nationen auftretende Meinungsverschiedenheit aus, so daß eine in
Aufrichtigkeit geführte Diskussion nicht als ein von allen Mitgliedern der freien Völker Wert gehaltenes Charakteristikum erscheint, sondern fälschlicherweise als ein Zeichen gegenseitigen
Hasses. Diese Doktrin des rteile und herrsche' wenden sie nicht
nur auf die Völker an, sondern auch auf einzelne Gruppen und Menschen innerhalb ein und derselben Nation. Ohne Unterlaß bekämpfen sie unsere gesellschaftlichen, industriellen kulturellen»
und religiösen Institutionen und fördern jeden Bruderkampf, welcher Art er auch immer sein mag.
M
- 3 -

�*AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

Man kann sehr leicht ungewollt und ohne es zu merken zum
Bundesgenossen oder zum Werkzeug der Kommunisten werden, wenn
man so etwas duldet. So gibt es beispielsweise keine Frage und
kein Ziel, über die sich die Amerikaner so einig sind, wie in
ihrer Opposition zum Kommunismus. Und dennoch gibt es im Augenblick eine andere Frage, die Anlaß zu so viel Zwiespalt unter
uns zu geben scheint, wie das Anliegen, unsere Freiheiten vor der
Vernichtung durch die kommunistische Subversion zu bewahren. Wir
müssen in dieser Frage mit größerem Wissen und mit mehr Geist
und mit weniger Vorurteil und weniger Ressentiment vorgehen.
Wir dürfen niemanden gestatten, Streitigkeiten heraufzubeschwören, die letzten Endes ehrsame Bürger gegen andere ehrsame Bürger
aufbringen, während doch alle Streitenden im Grund gemeinsam tatkräftig gegen den Kommunismus Stellung nehmen wollen.
Wir müssen natürlich von den für unsere innere und äußere
Sicherheit errichteten Regierungsinstitutionen das Äußerste an
Wachsamkeit, Energie und Loyalität verlangen. Wir müssen durch
eine dauernde Überprüfung sicherstellen, daß sie ihren Pflichten
in dieser Weise nachkommen. laßt uns jedes zusätzliche Gesetz
oder jede zusätzliche Handhabe schaffen, die geeignet und notwendig sind, Amerika zu schützen - wobei auch der Schutz jedes einzelnen Amerikaners in seinen amerikanischen Rechten eingeschlossen
ist. Aber laßt uns auch nicht den Glauben an unsere eigenen Regierungseinrichtungen verlieren - und an die grundsätzliche innere
Gesundheit der amerikanischen Bürgerschaft - wenn wir nicht innerhalb unserer eigenen Reihen uneinig - den Interessen derer
dienen und die Zwecke derer fördern wollen, die uns zu vernichten
suchen.
Die sowjetischen Kommunisten behaupten, daß ihre Sache nicht
an die Zeit gebunden ist und vielleicht ein ganzes Zeitalter
brauche, um die erwünschten Erfolge zu erzielen. Aber sie wissen,
daß die Wahrheit der Freiheit einen unveränderlichen Wert und eine
zusammenballende Kraft besitzt, die zunimmt, je mehr Millionen
Menschen von ihr erfahren. Daher versuchen die Diktatoren, der
Welt die Zeit und die Gelegenheit vorzuenthalten, die Wahrheit
über den Kommunismus und die Freiheit kennen zu lernen. Aus diesem Grunde sind die wenigen -äfechthungrigen immer aggressiv.
In dieser Situation stehen wir, das amerikanische Volk, vor
der Verpflichtung, zwei weitreichende politische Ziele anzustreben.
Als erstes und wichtigstes: Wir haben uns der Schaffung eines
Friedens verpflichtet, der sich auf Zusammenarbeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Anstand gründet.
Als zweites: Um dieses Ziel tatkräftig anzustreben, suchen
wir Amerika - und auch seine Freunde - in der Liebe zur Freiheit,
im Wissen und im Verständnis für andere zu stärken und, in einem
weiten Kreise zugutekommenden und dauerhaften,wirtschaftlichen
Wohlstand sowie in einer die Sicherheit gewährleistenden militärischen Macht zu festigen.
_.

�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

Diesen beiden Zielsetzungen wohnt nicht ein Jota Aggression
inne, nicht die geringste Absicht, andere auszubeuten oder ihnen
ihren Platz oder Raum in der Welt streitig zu machen. Diese Achtung vor anderen - dieses Bekenntnis zu einer aus friedliebenden
und sich selbst achtenden Völkern bestehenden Welt - findet einzig
Ablehnung auf seiten eines militanten Totalitarismus.
Wenn wir als geistige Menschen einen Beitrag zur Sache der
Freiheit leisten sollen, dann müssen wir diese Paktoren und ihre
Auswirkungen in unserer turbulenten Welt kennen und verstehen
lernen.
Selbst mit solchem Wissen ausgestattet, wird es für die Vertreter der freien Welt nicht einfach sein, erfolgreich mit jenen
zu verhandeln, die die Wahrheit nicht sehen oder die Existenz
offen zu Tage liegender Pakten nicht zugeben wollen oder können.
Aber sicher müssen selbst die Männer im Kreml erkennen, daß
nunmehr vor der gesamten Menschheit eine großartige Aussicht auf
ein besseres Leben für jeden einzelnen liegt. Die Verwirklichung
dieses Zieles bedingt lediglich, daß sich die Wissenschaftler
aller Völker auf die Mittel für ein Leben in Fülle und nicht auf
die Werkzeuge für einen plötzlichen Tod konzentrieren; daß die
Millionen gegenwärtig unter Waffen stehenden Soldaten für eine
produktive Arbeit freigegeben werden; daß die Kriegsindustrien auf
die Herstellung nützlicher Güter umgestellt werden. Wir haben uns
bemüht und werden uns weiter darum bemühen, diese Ziele zu verwirklichen.
Das Wissen um die von unserem eigenen Lande gemachten Bemühungen, die Welt in Richtung auf dieses Ziel zu führen, ist ein
weiterer Punkt, dessen Kenntnis für jeden einzelnen Bürger wichtig
ist.
Als die gegenwärtige Regierung vor 16 Monaten ihr Amt antrat,
war sie sich der rücksichtslosen Verhandlungsführung der Kommunisten
sowie der Unzuverlässigkeit der Verträge mit ihnen voll bewußt.
Aber wir glaubten, daß die Außenpolitik der USA dem unablässigen
Bemühen um die Erhaltung des Friedens im Rahmen des wohlausgewogenen Eigeninteresses und der fundamentalen Ziele der Vereinigten
Staaten geweiht sein muß. Wir glaubten, daß parteipolitische Ziele,
persönliche Ansichten, all die Strömungen von geringerem Interesse,
diesem überragenden Ziele untergeordnet werden mußten.
Wir waren uns bewußt, daß jede Verhandlung mit den Kommunisten
für uns fallen und Hinterhalte bringen würde; aber wir wußten auch,
daß eine aufbauende, entschiedene Kleinarbeit des Tages für die
freien Nationen gute Ergebnisse bringen würde. Wir wollten, daß
wieder ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen den Nationen der
ganzen Welt geschaffen würde - eine dauerhafte Basis für einen auf
Zusammenarbeit begründeten Frieden - und nicht nur eine kleine
Atempause, in der nicht jeden Augenblick eine neue Krise droht.
Jede Maßnahme, die wir ergriffen, war als ein Schritt zur
Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen den Nationen gedacht» Diese Vorschläge schlössen einen ehrenhaften Waffenstillstand in Korea, ein freies und wiedervereinigtes Deutsch

�2. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Deutschland, ein befreites Österreich, ein befriedetes Indochina
und Südost-Asien sowie die Verwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken unter internationaler Kontrolle mit ein.
Der erste Vorschlag konnte verwirklicht werden. Das Waffenstillstandsabkommen in Korea war darüber hinaus der erste Schritt
zur Statuierung eines neuen Prinzips der Freiheit - daß nämlich
Kriegsgefangene das Recht haben, die Seite, zu der sie sich
repatriieren lassen wollen, selbst wählen können. Dieses eine
Prinzip mag im Hinblick auf seine Wirkung auf den Portgang der Geschichte mehr wiegen, als jede Schlacht unserer Tage.
Die Verhandlungen zur Wiederherstellung der Einheit Deutschlands wurden durch die sowjetische Forderung, dieses Land müsse
in seiner Lebensform einem Satelliten gleichen, zunichte gemacht.
Was Österreich anbetrifft, so haben sich die Vereinigten Staaten,
Großbritannien und Frankreich bereit erklärt, Bedingungen des
Staatsvertrages anzuerkennen, die der Sowjetunion bisher akzeptabel erschienen. Nachdem diese Bereitwilligkeit zum Ausdruck
gebracht wurde, erfand die Sowjetunion sofort neue Bedingungen,
durch die sie in die Lage versetzt worden wäre, ihre Besatzungsstreitkräfte auf unbestimmte Zeit in Österreich zu halten.
Wir konnten einem solchen Plar nicht zustimmen. Es ist nach
Auffassung unserer Regierung weit besser, daß wir eine Diskussion
über dieses immer noch ungelöste Problem beenden, als daß wir einen
Kompromiß schließen oder einem Abkommen zustimmen, dessen Preis in
späteren Jahren vielleicht mit Blut bezahlt werden müßte.
In unserem Bemühen, Mittel und Wege zu finden, mit denen die
wunderbare Erfindungsgabe des Menschen nicht seinem Tod, sondern
seinem Leben geweiht werden könnte, hat ein schriftlicher Meinungsaustausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stattgefunden. Außenminister Dulles hat sowohl in Berlin als
auch in Genf persönlich mit dem sowjetischen Außenminister Molotow
verhandelt. Diese Besprechungen haben nicht die von uns angestrebten produktiven Ergebnisse gezeitigt, aber wir setzen unsererseits
den Meinungsaustausch und die Beratungen mit den hauptsächlich
interessierten freien Nationen weiter fort.
Wir haben die feste Absicht, diese und alle ähnlichen Verhandlungen weiterzuführen im Vertrauen in die Verdienste unserer
Sache, realistisch in unserer Beurteilung der sowjetischen Absicht
und in der festen Überzeugung, daß unsere Ziele und Hoffnungen
auch die noch so festgefahrenen Konferenzen überdauern werden.
Um erfolgreich zu sein:, müssen unsere friedlichen Zielsetzungen und unsere Hoffnungen selbstverständlich mit der Wahrheit in Einklang stehen und der Welt immer wieder von neuem vor
Augen geführt werden. Unser Handeln muß vor jeder Prüfung - sei
es durch Freunde, Feinde oder Zweifelnde - bestehen können. Wir
müssen bei einer Erläuterung aufrichtig und geduldig sein. Wir
können um der Sache des Friedens willen keinen besseren Schlachtruf wählen, als das Thema der Zweihundert-Jahrfeier der ColumbiaUniversität« 'Das Recht des Menschen auf Wissen und auf seine
freie Anwendung.'
w.
- 6 -

�2. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Wir wollen aber die Wahrheit oder das Wissen um die Wahrheit
nicht nur mit den engen Begriffen bloßer Tatsachen, statistischen
Berechnungen oder mathematischer Gleichungen definieren. Weisheit
und menschliches Verständnis - echter Sinn für das rechte Maß sind wesentliche Voraussetzungen. Wissen vermochte uns die Kernspaltung zu bringen, aber Weisheit allein und Verständnis können ihre
Anwendung zur Besserung des Loses der Menschheit statt zu ihrer
Vernichtung gewährleisten.
In diesem Lichte gesehen, ist das Thema, das sich die ColumbiaUniversität gestellt hat, eine dynamische Idee, ein echter Nachfahre der revolutionären Doktrin, die unsere Vorväter dereinst
proklamierten. Wir sollten uns furchtlos zu ihr bekennen und nach
ihr leben.
In dieser hervorragenden Gesellschaft und in diesen angenehmen
äußeren Bedingungen, in denen wir uns heute abend hier finden,
könnten wir es nur zu leicht für alle Zeiten als gegeben und gesichert betrachten, daß die Freiheit des Wissens und ihre Anwendung
bewahrt werden. Die zweihundertjährige Geschichte der Columbia-Universität und die Tausende von anderen Lehranstalten in den USA scheinen einen Beweis dafür abzulegen. Aber können wir sicher sein, daß
der Besitz dieser Werte selbst bei uns so unzerstörbar wie unbezahlbar ist? Die traurige Geschichte eines Dutzend von Staaten
lehrt uns beständig ein anderes.
Die zuversichtlichste Prophezeiung aus den Tagen meiner Kindheit hieß, daß die Prinzipien unserer freien Gesellschaft in allen
Ländern der Erde innerhalb eines Menschenalters so schnell akzeptiert werden würden, wie die Menschen geistigen Besitz von ihnen
ergreifen und sie verwirklichen könnten.
Sicherlich sprach ein gewisses Maß an Logik und Vernunft dafür, auf eine derartige Voraussage zu vertrauen. Die Freiheit war
seit Beginn der Menschheit ein von Gott in die Herzen der Menschen
verpflanztes Verlangen. Zu allen Zeiten und überall haben die Menschen, selbst wenn sie sich dessen niemals bewußt waren - selbst
wenn sie die Werte der Freiheit nur instinktiv und nicht bewußt
empfanden - nach persönlicher Freiheit gestrebt, dafür gekämpft
und dafür ihr Leben hingegeben.
Trotzdem wurde während der letzten Jahrzehnte die ganze
Philosophie unserer Vorväter von über große Macht verfügenden
Männern, die weite Gebiete unseres Planeten kontrollieren,verworfen. Die revolutionären Lehren unserer freien Gemeinschaft
werden nicht in allen Teilen der zivilisierten Welt angewandt.
Vielmehr haben wir zu oft erlebt, daß Gegenangriffe des Faschismus
und des Kommunismus diese Lehren durch einen Polizeistaat zu ersetzen suchen, in dem jegliche Freiheit und freie Forschung unterdrückt werden. Wir haben zu oft erlebt, daß die Erziehung zu einem
Instrument für die Anwendung und Unterstützung der Diktatur gemacht
wurde.
Darüber hinaus wurden diese wenigen Jahrzehnte Zeuge, wie
die Wissenschaft dem Menschen technische Hilfsmittel in die Hand
gegeben hat, deren zerstörende Wirkung so kolossal ist, daß sie
zeitweise seinen Blick für die ihnen innewohnenden gewaltigen

- 7-

�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

gewaltigen Möglichkeiten zur Besserung des Loses aller trübten.
Die praktisch völlige Auslöschung des Raumes als Schutzschild
hat uns alle in den Frontbereich eines etwaigen künftigen großen
Krieges gebracht.
Inmitten solcher Alarmzeichen und so vieler unsicherer Faktoren, beginnen die Zweifler das Vertrauen in sich selbst, in ihr
land und in ihre Oberzeugung zu verlieren. Sie fangen an, die
Ideen anderer Völker - ja schließlich sogar jede neue Idee - zu
fürchten. Sie gehen dann dazu über, nach einer Zensur der Quellen
und der Verbreitung der Ideen zu rufen. Sie vergessen, daß die
Wahrheit das Bollwerk der Freiheit ist, während Unterdrückung der
Wahrheit die Waffe der Diktatur darstellt. Wir wissen, daß jede
Zensur, sofern sie über die Grenzen des Anstands oder über den
reinen Schutz der klaren Interessen des Staates hinausgeht, für
uns rasch zu einer tödlichen Gefahr würde. Sie bedeutet eine
durch Zwang geschaffene Konformität in der Erziehung, eine reglementierte statt eine freie Presse und den Verlust der Grundfreiheiten des Menschen.
Die ehrenhaften Männer und Frauen unter den 'Möchte-gern'Zensoren und Reglementierern mögen vergessen haben, daß der Preis
ihres Erfolges gerade die Zerstörung der Lebensform sein könnte,
die sie zu erhalten suchen. Aber die unehrenhaften und unloyalen
unter ihnen wissen genau, was sie zu erreichen suchen - die Perversion und Unterminierung einer freien Gesellschaft, der sie mit
falschen Schwüren Gefolgschaft versprechen.
Wo immer und aus was für Gründen auch immer Menschen den
Versuch machen, Ideen zu vernichten, ihre Überzeugungen zu verbergen, jeden Nachbarn als möglichen Feind zu betrachten oder
irgendeine Wünschelrute haben wollen, um die Konformität zu prüfen, ist eine freie Gesellschaft in Gefahr. Wo immer das Recht
des Menschen auf Wissen und seine Anwendung beschränkt wird, beginnt seine Freiheit im gleichen Maße zu schwinden. Wir hier in
Amerika stammen geistig und blutsmäßig von Revolutionären und Rebellen ab - von Männern und Frauen, die es wagten sich von den
überkommenen Doktrinen zu lösen. Als ihre Erben dürfen wir niemals eine aufrichtig vertretene andere Meinung mit unloyaler
Subversion verwecheln.
Ohne erschöpfende Diskussion - selbst einer hitzig geführten
Diskussion - der Ideen und Programme, müßte jede freie Regierung
empfindlich geschwächt werden und langsam zugrunde gehen. Aber wenn
wir uns zu dem Grundsatz bekennen, daß jeder Mensch - oder jede
Partei, die unsere eigenen Überzeugungen angreift - notwendigerweise böswillig oder verräterrisch ist, dann, ja dann wären wir
wirklich am Ende der Freiheit angelangt.
Ein wirksames Eintreten für eine Idee erfordert - wie die
Verteidigung einer Kampfstellung - Sicherheit, ruhiges Urteil,
Mut, Glauben und Kraft. Der Sache der Freiheit und Wahrheit im
eigenen Lande und jenseits unserer Grenzen verschrieben, können
wir Furcht, Drohungen, Hysterien und Einschüchterungsversuche
nicht gebrauchen - und dürfen sie auch nicht tolerieren.
Da
- 8 -

�2. Juni 1954
"AMERIKA DIENST"
Da wir andere die Worte der Freiheit lehren wollen, sollten
wir Freiheit leben. Dann werden wir, gefestigt in unserer Integrität, den revolutionären Marsch der Gründer unserer Republik
fortsetzen.
So wie sie den Willen der Menschheit wachgerüttel haben,
sich aus den Fesseln der monarchistischen Herrschaft politisch
zu befreien, so können wir in der Menschheit den Wunsch wecken,
sich geistig aus der Lügenpropaganda und Zwangsverdummung der
kommunistischen Tyrannei zu lösen. Mit Wiesen und mit Einsicht
werden wir alle jene aus dem Tempel der Freiheit vertreiben, die
uns der Gedankenkontrolle unterwerfen wollen - ob sie nun Agenten
einer ausländischen Macht sind, oder Demagogen, die nach persönlicher Macht und öffentlicher Anerkennung hungern.
Wahrheit kann den Menschen frei machen. Und wo die Menschen
ihr Leben in Freiheit planen, wo sie sich in Freiheit selbst
regieren, die Wahrheit aneignen, und um das Verständnis ihrer
Mitmenschen ringen können, dort glauben wir, ist auch der wahre
Wille, in Frieden zu leben.
Darin sehen wir - trotz aller Atom- und Wasserstoffbomben,
trotz der furchtbaren Zerstörungen moderner Kriege,trotz des
Terrors, der Subversion, der Propaganda und Bestechung - den
Schlüssel zum Frieden. Der Schlüssel heißt Wissen und Einsicht
und die ständige Anwendung beider durch die Menschen.
Selbstverständlich müssen wir heute Infanterie haben - und
Flugzeuge und Schiffe und Artillerie. Nur so können wir sicher
sein, daß wir morgen noch bestehen und die Möglichkeit haben,
die Mobilisierung der moralischen und geistigen Kräfte fortzusetzen. Es gibt jedoch keine Zeit zu vergeuden, wenn die Wahrheit
den Kampf um die Herzen der Menschen gewinnen soll. Hier liegt
die nie endende Mission der Universität - praktisch aller Lehreinrichtungen der freien Welt - die Wahrheit zu finden und zu
verbreiten!
Wir entsenden Professoren, Gelehrte und Studenten an die
Schulen der freien Welt, die das Verständnis für die USA fördern
sollen, während sie selbst gleichzeitig ihr Wissen bereichern und
die anderen besser verstehen lernen. Diese Praxis muß beschleunigt
werden. Wir finden an unseren eigenen Schulen Platz für Zehntausende junger Männer und Frauen aus anderen Ländern, die innerhalb
der amerikanischen Gemeinschaft die Wahrheit über uns lernen und
uns ihr eigenes Volk besser verstehen lassen. Diese Anstrengungen
müssen verstärkt werden.
Die Zielsetzung der freien Welt darf nicht allzu begrenzt
sein! Es ist nicht unser Ziel, nur auf kommunistische Übergriffe,
Lügen und Angriffe zu antworten. Das wäre ein end- und nutzloses
Unterfangen. Der Taktik der Falschheit sind keine Grenzen gesetzt.
Wir müssen uns mit unseren Freunden zu einem Kreuzzug der Wahr- '
heit zusammenschließen. Wir müssen die Schaffung eines in Gerechtigkeit und Freiheit begründeten Friedens zu unserem Ziel machen.
Dies ist ein würdiges Ziel und es verheißt uns goldenen Lohn. Die
unermeßlichen Energien der freien Menschen setzen uns in die Lage,
es auch zu erreichen.
Besser

- 9-

�"AMERIKA DIENST"

2. Juni 1954

Besser als jede andere Institution, die sich mit den flüchtigen und wandelbaren Aspekten menschlicher Probleme auseinanderzusetzen hat, kann uns eine Universität die bleibenden Maßstäbe
an die Hand geben, die wir brauchen. Natürlich bleibt die Zeit
auch in Hörsälen, Laboratorien und Bibliotheken nicht stille
stehen. Dort werden aber die menschlichen Probleme gegen den
Hintergrund von Jahrhunderten geprüft. Professoren und Studenten
wissen gleichermaßen, daß eine Nation nicht wegen einer verlorenen
Schlacht oder eines abgelehnten Vorschlags, eines zeitweiligen
Stillstands von Verhandlungen und auch nicht wegen eines Jahrzehnts der Angst zugrunde geht. Sie wissen, daß Völker nur dann
sterben, wenn sie das Vertrauen in sich selbst und den Glauben
an ihre Grundsätze verlieren und daß die Völker zugrundegehen,
wenn sie von ihrer Überzeugung lassen und dem Defaitismus anheimfallen.
\
Wenn eine Universität die Wege findet, ihr Wetbild mit jedem
Amerikaner zu teilen, dann werden wir niemals das hysterische
Getue hören, daß alles schon verloren ist, wenn der Kampf erst begonnen hat. Wir werden dann in unserer vielfältigen Kraft stetig
voranschreiten, in dem Wissen, daß der Lauf der Geschichte trotz des Marxistischen Treibens - langsam ist und daß Rückschläge
und Siege in unseren Tagen erst von der nächsten Generation nach
der dann vorhandenen Lage der Welt ihre wahre Beurteilung erfahren
werden. Die Einheit eines entschlossenen und wohlinformierten
Volkes ist wichtiger als Tag und Stunde eines Ereignisses.
'Die Aussichten für uns hier in Amerika', so schrieb John
Adams im Jahre 1765, 'verlangen, daß die Aufmerksamkeit jedes
Gebildeten auf die Fragen von Macht und Recht gerichtet ist, damit
wir niemals blind in eine nicht wiedergutzumachende Zerstörung
hineingeführt oder hineingetrieben werden... Darum sollen alle
Schleusen des Wissens geöffnet und freigemacht werden'.
Ich finde es heute abend angebracht, diese Ausführungen von
John Adams zu wiederholen in der Überzeugung, daß wir, getrieben
von der Vernunft und gerüstet mit dem Glauben, den Portschritt
des Wissens und der Freiheit auf ihrem gemeinsamen Weg durch
die Zeiten vorantreiben werden."
* # * # *

- 10 -

�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES FORDERT FORTFÜHRUNG DES
US-AUSLANDSHI1FSPROGRAMMS

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den vollen Wortlaut einer
Rede des amerikanischen Außenministers John
Foster Dulles vom 4. Juni 1954 vor dem Außenpolitischen Ausschuß des US-Senats, in der er zu
dem Auslandshilfsprogramm der amerikanischen Regierung für das kommende Finanzjahr Stellung
nahm und dabei die Notwendigkeit der Fortführung des US-Auslandshilßprogramms und des Aufbaus der Verteidigung der freien Welt besonders
unterstrich:
"Ich begrüße es, daß ich heute hier vor Ihnen erscheinen
darf, um für das gemeinsame Sicherheitsprogramm für das Finanzjahr 1955 eintreten zu können. Dieses Programm ist ein wichtiges Instrument unserer amerikanischen Außenpolitik. Ich werde
mich zunächst mit den Beziehungen dieses Programms zu unserer
Gesamt-Außenpolitik befassen.
Das Programm entspricht den folgenden von uns klar erkannten Grundtatsachen. Erstens: Die sowjetischen und rotchinesischen Herrscher suchen weiterhin die Weltherrschaft zu erlangen.
Nichts, was bisher geschehen ist, deutet auf einen Weehsel in
der Verfolgung dieses Ziels. Als einen Teil ihres Expansionistischen Programms unterhalten sie weiterhin einen riesigen
militärischen Apparat, sowie gewaltige Propagandamaschinen und
kontrollieren starke Subversive Kräfte in den freien Nationen.
Zweitens: Die Gefahr für unsere nationale Sicherheit ist weder
auf eine bestimmte kürzere Zeitspanne begrenzt noch rein militärischer Art. Aus diesem Grunde müssen wir uns darum bemühen
unsere Sicherheitsabkommen so zu gestalten, daß sie mit unserer
wirtschaftlichen und sozialen Gesundheit verträglich sind. Dies
gilt in gleicher Weise für unsere Alliierten. Drittens: Durch
Isolation können die USA keine Sicherheit erlangen, sondern nur
durch ein kollektives Verteidigungssystem. Unser Weiterbestehen
hängt davon ab, daß die geistigen und materiellen Hilfsquellen
der anderen freien Nationen dem sowjetischen Zugriff entzogen
bleiben und daß die Beiträge, die andere freie Nationen im Kampf
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Kampf gegen den Kommunismus leisten können, so weit wie möglich
gesteigert werden. Viertens: Eine Anzahl freier Länder in der Welt
können ihre militärische Stärke und ihre wirtschaftliche Stabilität, die sie in ihrem eigenen Interesse haben müssen und die wir
in unserem Interesse ihnen wünschen, nicht aufrechterhalten,
wenn wir ihnen nicht helfen. Unsere Unterstützung muß ihren Bedürfnissen angepaßt - in einigen Ländern militärischer, in anderen wirtschaftlicher Natur - sein.
Das sind immer bleibende Grundsätze. Sie bestimmen das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm und auch unser Ersuchen um die
Ermächtigung, das Programm im kommenden Jahr fortzusetzen. Lassen
Sie mich jetzt einen kurzen Überblick über die hauptsächlichen
Entwicklungen des vergangenen Jahres in den wichtigsten Gebieten
der Welt geben und die Hauptfaktoren umreißen, die für das Programm in diesen Gebieten im kommenden Jahr eine Rolle spielen
werden.
Europa
Wie Sie wissen, ist eines unserer bedeutendsten und erfolgreichsten Wagnisse auf dem Gebiet der kollektiven Sicherheit der
Nordatlantikpakt, dem 14 Nationen angehören. Die NATO hat nicht
nur eine beträchtliche regionale Verteidigungsstärke geschaffen,
sondern stellt auch die für die Verwirklichung unserer umfassenden Abschreckungsmaßnahmen notwendigen Einrichtungen zur Verfügung. Im Rahmen des Nordatlantikpaktes haben wir und unsere
Alliierten ein ausgedehntes System von Stützpunkten und Einrichtungen geschaffen, das allen Partnern zugutekommt und das sich
von Kanada über den Nordatlantik bis nach Europa und die Grenzen
Asiens erstreckt. Darüber hinaus verfügen unsere Alliierten in
der NATO über Heeresverbände, die der Zahl nach den unsrigen überlegen sind. Den sechs Divisionen amerikanischer Truppen, die wir
der NATO zur Verfügung gestellt haben, stehen heute rund 90 aktive
und Reservedivisionen der alliierten Länder zur Seite. Wir schlagen vor, diese gegenwärtig von unseren Alliierten gebildeten Verbände weiter zu stärken, indem wir ihnen zusätzliche weitere militärische Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung stellen.
Wenn diese Kräfte auch von Bedeutung sind, so stellen sie
doch nur den Kern unserer kombinierten Verteidigungs- und Abschreckungsstärke dar. Sie müssen durch all die anderen Möglichkeiten ergänzt werden, die nötig sind, um von einem Angriff abzuschrecken. Als eines dieser Mittel schlagen wir in diesem Programm vor, daß die USA dadurch zur Erlangung dieses Zieles beitragen, daß sie Großbritannien bei der Entwicklung einer moderneren und mächtigeren Luftmacht unterstützen, die die begrenzten
Bodentruppen der NATO verstärken soll.
Das System der NATO ist ein wichtiges Element der amerikanischen Politik« Es stellt einmal die Grundlage der europäischen
Verteidigung dar und bildet zum anderen den politischen Rahmen
für die Koordinierung und Angleichung der alliierten Politik und
der alliierten Programme. Der Ministerrat der NATO, der regelmäßig zweimal im Jahr zusammentritt, bietet die Gewähr für eine
unerlässliche Beratung auf autoritativer Grundlage.
- 2 Ich

�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Ich freue mich feststellen zu können, daß das Ausmaß der
neuen Vollmachten, welche für unseren Beitrag zur Stärkung der
NATO-Organisation notwendig sind, im kommenden Jahr viel geringer
sein wird als bisher. Eine Überprüfung der von der NATO gemachten
Portschritte macht eine Überprüfung des zur Zeit bestehenden Status der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erforderlich. Die
NATO braucht einen deutschen Beitrag, um eine vorausschauende
Strategie zu entwickeln. Sie braucht ferner eine französische
deutsche Einigung, die für alle Zeiten die Gefahr von Spannungen
und Auseinandersetzungen zwischen den beiden Nationen beseitigen
wird. Die Franzosen schlugen zur Erreichung dieses Ziels den Zusammenschluß von sechs europäischen Nationen, Deutschland und
Prankreich mit einbegriffen, vor, um eine neue Gemeinschaft zu
bilden, deren bewaffnete Streitkräfte, die aus diesen Staaten
gebildet worden sind, in Europa die nationalen Streitkräfte
ersetzen sollen.
Es ist nun über zwei Jahre her, seit der Vertrag für die
Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft unterzeichnet worden ist. Seit meinem letzten Besuch in Europa, wo ich die
Wichtigkeit, die unsere Regierung der Verwirklichung der EVG
beimißt, noch einmal unterstrich, sind beträchtliche Portschritte
erzielt worden. Vier der sechs Unterzeichnerstaaten haben nun
den Vertrag ratifiziert. Heute haben lediglich Prankreich und
Italien noch keine parlamentarischen Maßnahmen zu seiner Ratifizierung getroffen.
Diese Verzögerungen stallen vom Standpunkt der freien Welt
aus einen negativen Paktor dar. Sie haben nicht nur einen deutschen militärischen Beitrag zur westlichen Verteidigung verzögert, sie haben die Bundesrepublik auch daran gehindert, in die
Familie der souveränen Völker zurückzukehren. Das erklärt sich
daraus, daß die Verträge, die die Souveränität der Bundesrepublik
wiederherstellen sollen, auf Grund ihrer Bestimmungen von der
Errichtung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abhängig
sind. Es gibt in Westdeutschland natürlich eine ordnungsgemäß
gewählte Regierung, sie ist jedoch keine souveräne Regierung.
Es ist offensichtlich, daß die Situation so nicht mehr
lange andauern kann. Es besteht eine Konstellation, die sicher
nicht auf unbestimmte Zeit gegeben sein wird und die es im Falle
eines Wandels vielleicht unmöglich machen könnte, das entscheidende Ziel eines Zusammenschlusses' jener europäischen Staaten
zu verwirklichen, deren Differenzen zu immer verheerenderen
Kriegen geführt haben. Wir haben es unseren europäischen Verbündeten klar gemacht, daß wir, falls die Europäische Verteidigungsgemeinschaft nicht gebilligt und verwirklicht wird, gezwungen
wären, die amerikanische Politik einer gründlichen Überprüfung
zu unterziehen. Es läßt sich im gegenwärtigen Augenblick nicht
sagen, welche Ergebnisse eine derartige Überprüfung zeitigen
würde. Es kann jedoch mit Sicherheit gesagt werden, daß sie einige
grundlegende Änderungen notwendig machen würde und daß wir unsererseits unsere Einstellung und Politik, die ein gewisser Teil

_ 3-

�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Teil unserer Alliierten als eine Selbstverständlichkeit anzusehen
scheint, in gewissen Punkten revidieren müßten.
In diesem Zusammenhang bestimmte der Kongreß im vergangenen
Jahr einen beträchtlichen Anteil der Mittel für die gemeinsame
Sicherheit für die EVG. Soweit ich weiß, beabsichtigt der Kongreß, in diesem Jahr eventuell etwas ähnliches in Erwägung zu
ziehen. Da unsere gegenwärtige Politik auf der Voraussetzung
basiert, daß die EVG- realisiert wird, kann vernünftigerweise
gegen eine derartige Handlungsweise nichts eingewendet werden.
Das 'kürzliche Abstimmungsergebnis des sozialistischen Kongresses
in Prankreich ist sehr ermutigend und könnte uns in unserer Annahme,
daß die EVG sich durchsetzen wird, nur noch bestärken. Gleichzeitig empfehle ich dem Kongreß, die Gesetze über die gemeinsame Sicherheit in der Weise zu modifizieren, daß es den Ländern, die
dem EVG-Vertrag bereits zugestimmt haben, gestattet wird, den
Aufbau ihrer Verteidigung bis zu einer endgültigen Entscheidung
der anderen Signatarmächte fortzuführen.
Im vergangenen Jahr hat unser System der kollektiven Sicherheit durch ein Stützpunktabkommen mit Spanien eine Stärkung erfahren. Diese Vereinbarung wird für die im westlichen Mittelmeerraum
stationierten amerikanischen Luft- und Seestreitkräfte eine Erweiterung der ihnen zur Verfügung stehenden Anlagen bedeuten. Der
erfolgreiche Abschluß dieser Verhandlungen stellt eine bedeutsame
Erhöhung unserer allgemeinen Sicherheit dar.
Die Erhöhung des wirtschaftlichen Wohlstandes unserer
europäischen Verbündeten in diesem Jahr ist eine ermutigende Entwicklung. Allgemein gesprochen ist ihr Lebensstandard gestiegen,
ihre Währung stabiler geworden, und das Volk hat mehr Vertrauen
in die Zukunft. Das vorliegende Programm basiert zweifellos auf
unseren letzten wirtschaftlichen Hilfsprogrammen. Es resultiert
ferner in hohem Maße aus der Annahme der auf lange Sicht berechneten NATO-Konzeption in diesem Jahr®
Durch Auswahl der geeignetsten Methoden und immer stärkere
Identifizierung mit einer neuen Strategie wird es möglich sein,
die Verteidigungskapazität ohne zusätzliche Militärausgaben, die
unsere europäischen Alliierten ohne umfangreiche wirtschaftliche
Hilfe von den Vereinigten Staaten nicht tragen könnten, ständig
zu erweitern.
Wir haben die Ausschaltung der den europäischen Ländern als
reinen Budgetbeitrag gegebenen Wirtschaftshilfe erstrebt und beinahe schon restlos verwirklicht, Wir sind der Auffassung, daß es
für uns im eigenen Interesse nach wie vor wichtig ist, eine
derartige Hilfe in einigen außergewöhnlichen Fällen zu gewähren insbesondere dann, wenn es notwendig ist, in einem Gebiet militärische Einrichtungen zu unterhalten, deren Vorhandensein auch
uns unmittelbar zugutekommt und die andernfalls und ohne Unterstützung durch die Vereinigten Staaten nicht in einer von unseren
militärischen Beratern notwendig erachteten Stärke dort unterhalten werden könnten.
Dieser

�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Dieser Sachverhalt läßt sich am Beispiel der Türkei am besten
illustrieren. Die Türkei unterhält 20 schlagkräftige Divisionen
in einem strategisch wichtigen Raum. Die türkische Volkswirtschaft
kann die Ausgaben für diese Streitmacht nicht ohne eine gewisse
Unterstützung bestreiten; aus diesem Grund schließt das Programm
zur Gemeinsamen Sicherheit eine entsprechende Hilfe ein. Wir sind
der Auffassung, daß die Vereinigten Staaten aus den auf diese
Weise verausgabten Summen, was die militärische Sicherheit angeht,
mehr Nutzen ziehen, als wenn sie für andere Zwecke oder überhaupt
nicht ausgegeben würden.
Im Nahen Osten ist der Abschluß eines Vertrages der Freundschaft und der Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Pakistan
ein wichtiges Element der Ermutigung. Man muß es begrüßen, daß
die Konzeption der gegenseitigen Sicherheit in diesem wichtigen
Gebiet der Erde Wurzeln gefaßt hat. Dieses Gebiet ist von großem
menschlichem, wirtschaftlichem und strategischem Wert. Es würde
bisher durch Spaltungen geschwächt. Die Tatsache, daß Pakistan
und unser Alliierter in der NATO, die Türkei, nunmehr eine Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Sicherheit planen, verleiht beiden
Ländern eine neue Quelle der Kraft. Darüber hinaus haben sie ein
Beispiel gegeben, daß andere eventuell befolgen werden.
Unter den mit uns befreundeten Nationen im Nahen Osten und
Südasien befinden sich Länder, für die wir eine Wirtschaftshilfe
vorschlagen, die nicht im Zusammenhang mit einem direkten militärischen Nutzen stehen. Die Bevölkerung dieser Länder steht in einem
Ringen, in dem sie nicht in erster Linie Waffen für den Krieg, sondern Werkzeuge für den Frieden benötigen. Der größte Posten, für
den um eine Bewilligung in dieser Kategorie nachgesucht wurde,
ist für die Entwicklungshilfe an Indien bestimmt.
Hilfe für Indien
Die Außenpolitik Indiens ist in manchen Fragen von unserer
verschieden. Aber die Grundsätze Indiens - die Prinzipien der Demokratie - sind im Grunde die gleichen, die von uns Wert gehalten
werden. Das indische Volk und seine Politiker sind Anhänger einer
demokratischen Regierungsform. Die indische Verfassung hat teilweise unsere eigene Verfassung zum Vorbild, indem ihr Hauptgewicht
auf der Garantie der Bürgerrechte liegt. Indien bemüht sich mutig
und zäh um einen wirtschaftlichen Fortschritt, der für die unter
seiner neuen Selbständigkeit gewonnenen demokratischen Institutionen
unerläßlich ist.
Dieses Bemühen steht in krassem Gegensatz zu den Entwicklungen
in dem benachbarten Rotchina. Ich hege keine Zweifel darüber, daß
die Völker Asiens wesentlich von einem Vergleich zwischen dem wirtschaftlichen Fortschritt unter einem demokratischen Regime in Indien
und unter der Herrschaft einer roten Diktatur in China beeinflußt
werden. Wir sind der Auffassung, man sollte Indiens eigene Anstrengungen unterstützen, so daß sein wirtschaftliches Entwicklungsprogramm auch Erfolg hat. Wir sollten niemals vergessen, daß freie

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

freie Nationen durchaus Meinungsverschiedenheiten vertragen können. Wir dürfen es nicht zulassen, daß unser Wunsch, Indien bei
der Entwicklung seines Staates zu helfen, durch irgendwelche vorübergehenden Differenzen, wie wichtig sie auch sein mögen, ins
Wanken gerät. Es ist wesentlich, unsere Unterstützung fortzuführen - selbst wenn dies lediglich aus keinem anderen Grunde geschieht, als unserem vernünftigen Eigeninteresse zu dienen. Es
wäre ein tragischer Tag für uns, wenn das indische Volk das in
seine demokratischen Institutionen gesetzte Vertrauen verlöre.
Latein-Amerika
Ich möchte hier noch ein Wort über die westliche Hemisphäre
sagen. Die auf der zehnten interamerikanischen Konferenz in
Caracas getroffenen Maßnahmen stellen einen wichtigen Fortschritt
in Richtung auf eine Vereinigung dieser Hemisphäre gegenüber der
Bedrohung durch den internationalen Kommunismus dar. In Caracas
wurde eine Solidaritätserklärung zur Erhaltung der politischen
Integrität der amerikanischen Staaten gegenüber einer internationalen kommunistischen Intervention angenommen. Es wurde beschlossen,nur Guatemala war anderer Ansicht -,daß die Beherrschung oder Kontrolle der politischen Institutionen durch den internationalen
Kommunismus in irgendeinem amerikanischen Staat eine Bedrohung der
Souveränität und der politischen Unabhängigkeit der amerikanischen
Staaten darstellen und so den Frieden Amerikas bedrohen würde.
Es genügt jedoch nicht, die kommunistische Bedrohung als die
Gefahr zu erkennen, die sie wirklich ist. Es ist auch notwendig,
Schritte zu ergreifen, um die Solidarität auch auf wirtschaftlichem Gebiete zu demonstrieren.
Der Lebensstandard in den meisten lateinamerikanischen Ländern ist niedrig und es gibt zahlenmäßig nicht unbedeutende Gruppen, die mit entsprechendem Lärm versuchen, die Schuld dafür den
Vereinigten Staaten zuzuschieben.
Unser Gemeinsames Sicherheitsprogramm stellt die Bedeutung
eines wirtschaftlichen Aufstieges und eines besseren Lebensstandards in Lateinamerika in klarer Erkenntnis in Rechnung. Der
Hauptbeitrag, den unsere Nation hier leisten kann, muß über das
private Unternehmertum erfolgen. Dennoch sind gewisse Maßnahmen der Regierung zur Unterstützung und Ergänzung notwendig.
Hierzu gehören die Programme zur technischen Zusammenarbeit. Das
Gemeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 wird diese Form der Hilfeleistung in Lateinamerika und anderen Ländern in entsprechender
Weise ermöglichen. Es bringt Resultate hervor, die weitaus größer
sind als dies in den dafür bereitgestellten Dollar-Beträgen zum
Ausdruck kommt, denn durch sie werden Wissen und Kenntnisse vermittelt, die anderen helfen, sich selbst zu helfen.
Der Ferne Osten
Im Fernen Osten drückt sich das Ende der Kämpfe in Korea
auch in dem Gemeinsamen Sicherheitsprogramm für 1955 aus.
Das

�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Das Verteidigungsministerium braucht nicht mehr die Milliarden auszugeben, die für die aktive Kriegsführung nötig waren. An
die Stelle der destruktiven und ins Leere hinausgeworfenen Ausgaben tritt je-tzt ein Programm für die Unterstützung und den Wiederaufbau der Republik Korea. Dieses Programm wird zum Teil von den
Vereinten Nationen durchgeführt, die Hauptlast wird jedoch von
den USA getragen. Die Wiederherstellung des Wohlstandes in einem
durch den Krieg zerstörten Korea ist eine ungeheure Aufgabe. Die
Kosten dafür stellen jedoch nur einen kleinen Bruchteil der Ausgaben dar, die das Führen eines Krieges kosten würde. Wir sind der
Ansicht, daß die Durchführung dieser Aufgabe des Friedens sowohl
im Interesse der USA als auch der freien Welt liegt, wenn sie
die Fähigkeit freier Menschen zeigt, - und wir sind sicher, daß
das möglich ist - sich in ihren Friedenstaten gegenseitig zu überbieten.
Die japanische Regierung plant gegenwärtig, einen größeren
Teil an Verantwortlichkeit für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen. Am 1. Mai 1954 trat ein gegenseitiges Verteidigungs-Hilfsabkommen zwischen den USA und Japan in Kraft. In den letzten Tagen hat der japanische Reichstag eine Gesetzgebung in Kraft gesetzt, die eine neue nationale Verteidigungsbehörde schafft und
zu einer Vergrößerung der gegenwärtigen nationalen Sicherheitskräfte ermächtigt. Im Rahmen des gegenseitigen VerteidigungsHilfsabkommens planen die USA die Unterstützung der japanischen
Verteidigungsstreitkräfte mit militärischen Ausrüstungsgegenständen-. Natürlich schließt dies weitere Kosten für die USA ein, es
ist jedoch eine Ausgabe, die sich bezahlt machen wird.
Indochina
Die Lage in Indochina ist von Gefahren durchsetzt. Diese Gefahren bestehen nicht nur für das eigentliche indochinesische Gebiet, sondern auch für die Sicherheit der USA und ihrer Alliierten
im pazifischen Raum. Dieses Gebiet ist für den Frieden und die
Sicherheit der Vereinigten Staaten von lebenswichtiger Bedeutung.
RotChina hat den Vietminh-Verbänden fortlaufend und in immer
stärkerem Ausmaß Munition und militärische Bedarfsgüter zur Verfügung gestellt. Es liegen auch Beweise dafür vor, daß sowjetische
Waffen in immer größeren Mengen den kommunistischen Streitkräften
in Indochina geliefert worden sind.
In ihrer klassischen Methode haben es die Kommunisten darauf
angelegt, aus den regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen Kapital
zu schlagen und diese Aspirationen dazu benutzt, die Kontrolle
über eine Bewegung zu bekommen, die in ihren Anfängen zuerst nationalistisch eingestellt war. Die Machthaber Rotchinas haben
die Verbände ihrer Marionette Ho Tschi-minh ausgebildet und ausgerüstet. Sie beliefern diese Truppen mit großen Mengen an Artillerie und Munition, die in den Ländern des Sowjetblocks hergestellt worden sind. Sie stellen militärische und technische Berater zur Verfügung, die in den Divisionsstäben Ho Tschi-minhs und
solchen Spezialeinheiten wie Nachrichten- und Pionierverbänden,
Artillerie- und Transportregimentern Dienst tun.
_

�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

Der Plan zielt nicht nur darauf ab, Indochina zu schlucken,
sondern auch die Herrschaft über ganz Südostasien zu erlangen.
Der Kampf bringt damit nicht nur eine schwere Bedrohung Vietnams,
laos' und Kambodschas, sondern darüber hinaus auch der befreunde- ,
ten Nachbarländer wie Thailand, Malaya, Burma, Indonesien, den
Philippinen, Australien und Neuseeland.
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist sich der wachsenden
Gefahr bewußt. Wir haben auf die Franzosen dahingehend eingewirkt,
daß sie Schritte unternehmen, um Vietnam, Laos und Kambodscha die
volle Unabhängigkeit zu gewähren. Wir haben einen großen Teil des
von den Streitkräften der französischen Union und den Nationalarmeen
von Laos, Kambodscha und Vietnam benötigten militärischen Materials
gestellt. Wir erklärten uns bereit, den Großteil der Ausgaben für
den Kampf um die Erhaltung der Freiheit der assoziierten Staaten
zu tragen. Vor allem aber haben wir uns bemüht, bei der Ausrüstung
und Unterhaltung einer wachsenden Zahl von nationalen Streitkräften
mitzuhelfen.
Das Semeinsame Sicherheitsprogramm für 1955 enthält eine Bestimmung, die eine derartige Unterstützung auch weiterhin vorsieht.
Angesichts der vielen vor uns liegenden Unsicherheiten ist es wichtig, daß die Verwendung von bereits bewilligten Mitbein entsprechend elastisch gehandhabt wird, so daß die notwendigen Ausgaben
gemacht werden können, um in Südostasien und dem westlichen Pazifik die im Gemeinsamen Sicherheitsgesetz festgelegten politischen
Zielsetzungen zu erreichen.
Sie alle wissen, daß die Franzosen und ihre vietnamesischen
Verbündeten Rückschläge wie den Fall von Dien Bien Phu nach einer
großartigen Verteidigung erlitten haben. Die gegenwärtige Situation
ist ernst, aber auf keinen Fall hoffnungslos.
Auf der gegenwärtig in Genf stattfindenden Konferenz bemühen
sich die USA und andere freie Nationen, eine Formel zu finden, durch
die die Kämpfe beendet werden können und der Bevölkerung von Indochina die wahre Unabhängigkeit gesichert wird. Bisher war die
kommunistische Haltung nicht ermutigend. Es ist unmöglich, vorauszusagen, was die Zukunft bringen wird.
Die Ungewißheit hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung
im Fernen Osten sowie die schwierigen Probleme in anderen Teilen
der Welt weisen auf die Notwendigkeit hin, die für dieses Programm
bewilligten und bereitgestellten Mittel elastisch anzuwenden. Wenn
wir imstande sein wollen, aus unseren Mitteln das Beste und Wirkungsvollste herauszuholen, dann muß der Präsident in der Lage sein,
schnell und entschlossen zu handeln, was nach Lage der Dinge am
besten den Zielen dient, die dieses Gesetz erreichen soll. Aus
diesem Grunde sind wir der Ansicht, daß die in diesem Gesetz bisher enthaltene Elastizilät beibehalten werden müßte.
Ich möchte noch kurz zur Durchführung dieses Programms Stellung nehmen* Im vergangenen Jahr sagte ich, daß dies meiner Ansicht
nach am besten durch eine andere Behörde erfolgen könnte, die nicht

�"AMERIKA DIENST"

9. Juni 1954

nicht dem US-Außenministerium angehört. Ich bin mir klar darüber,
daß die Präge einer gut arbeitenden Behörde im Kongreß wie auch
in der Regierung eingehend erörtert worden ist. Ich glaube, Ihnen
die Erklärung schuldig zu sein, wenn ich sage, daß ich über die
Art und Weise, in der die jetzigen Vereinbarungen ausgearbeitet
worden sind, tief befriedigt bin und daß ich ihre Weiterführung
für das kommende Finanzjahr empfehle.
Lassen Sie mich zum Abschluß noch kurz auf das gemeinsame
Sicherheitsprogramm in seiner größeren Bedeutung eingehen.
Die gegenwärtige internationale Lage erfordert vor allem
anderen die Aufrechterhaltung der Einheit und Zusammenarbeit
zwischen den nichtkommunistischen Nationen. Auf sich allein
gestellt., könnte niemand von uns mit Vertrauen einer groß angelegten Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Weltreich begegnen. Die kommunistischen Machthaber halten gegenwärtig 800
Millionen Menschen versklavt und sie haben diese Völker und die
großen materiellen Hilfsquellen ihrer Länder zu der dreifachen
Drohung des Krieges, der Subversion und der Propaganda zusammengeschlossen, der größten Drohung, der die freien Völker jemals
gegenüberstanden. Glücklicherweise trägt die Fähigkeit der freien
Welt, sofort zurückschlagen zu können, dazu bei, die sowjetische
Bedrohung der Massenvernichtung zu neutralisieren. Trotzdem tritt
die Notwendigkeit immer klarer hervor, daß die freien Völker sich
bei der Entwicklung zusätzlicher Abwehr - und Abschreckungskräfte
gegenüber der kommunistischen Expansion zusammenschließen müssen.
•

Einigkeit erfordert gegenseitige Achtung und Geduld auf
seiten aller freien Nationen. In allen freien Ländern herrscht
eine natürliche Ungeduld gegenüber den Hemmnissen und Beschränkungen kollektiven Handelns. In manchen Ländern gibt es Gruppen,
die Einwände erheben, daß die Mitarbeit ihrer Regierungen an dieser gemeinsamen Aufgabe eine Unterwerfung unter fremden Einfluß
bedeutet und $ie folgern, daß man die Unabhängigkeit durch Neutralität beweisen sollte. Manche Leute in Amerika glauben, daß
die USA besser verfahren würden, wenn sie versuchten, sich der
weltweiten militärischen und wirtschaftlichen Lasten zu entledigen wie auch der politischen Sorgen, die die Geschichte uns auferlegt hat.
Eine solche Politik würde aber den Sowjets nur zum Vorteil
eteichen. Die Zerstörung der Einheit der freien Welt ist das
idfotigste Ziel der sowjetischen Strategie. Ihre gesamte Diplomatie, ihre Propaganda, der von ihnen ausgeübte Druck und ihre
Verlockungen haben nur dieses Ziel.
Das Programm der USA für Gemeinsame Sicherheit ist eine Möglichkeit, den Erfolg der sowjetischen Strategie zu unterbinden.
Es trägt unweigerlich zur Erhaltung einer Einigkeit bei, die für
unsere eigene Sicherheit lebenswichtig ist. Ohne diese Einigkeit
würden die Vereinigten Staaten schnell gezwungen, ein Kasernenstaat
zu werden und die Schlinge des Kommunismus würde immer enger um
uns gezogen werden.
**. , .
&amp;
&amp;
überdies

S

�9. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Überdies erlaubt dieses Programm der freien Welt, eine umfassendere Stärke zu entwickeln als wir auf der anderen Seite
möglicherweise dadurch erreichen könnten, wenn wir denselben Betrag in den USA ausgeben würden. Lassen Sie uns niemals vergessen,
daß unsere Alliierten für jeden Dollar, den wir ihnen geben, drei
Dollar für Verteidigungszwecke ausgeben. Die Sicherheit unseres
Landes hängt nicht länger mehr ausschließlich von unseren eigenen
Streitkräften, so wichtig diese auch sind, sondern von der zusammengefaßten militärischen Stärke sowie von der politischen und
wirtschaftlichen Stabilität der freien Welt insgesamt ab. Aus diesem Grunde kann ich voller Zuversicht sagen, daß jeder Dollar im
Rahmen dieses Programms für Gemeinsame Sicherheit dem Schutz und
der Stärkung der Sicherheit sowie dem Wohlstand der USA selbst
dient. Daher trete ich dafür ein, daß dieses Programm ihre prompte
und verständnisvolle Berücksichtigung findet."
* * * * *

- 10 -

�DIE DEUTSCHLANDPOLITIK DER USA

Nachstehend bringen wir den vollen Wortlaut der
Rede des stellvertretenden Leiters der Deutschlandabteilung im US-Außenministerium, Geoffrey
Lewis, die dieser am 18. Juni 1954 vor dem Verband
der Reserve-Offiziere in Omaha gehalten hat:
OMAHA — (Amerika Dienst) — "Die amerikanische Deutschlandpolitik hat seit Kriegsende zwei Hauptziele verfolgt:
Erstens die Bildung einer demokratischen Regierungsstruktur in
Deutschland zu fördern, wirklich demokratischen Persönlichkeiten eine führende Rolle anzuvertrauen und das demokratische
Ideengut zu verbreiten! und zweitens den Weg für eine Rückkehr
Deutschlands in die Familie freier demokratischer Nationen innerhalb eines vereinten Europas vorzubereiten.
Während der ersten Jahre der Besatzung war es notwendig,
im Zusammenhang mit diesen positiven Zielen eine negative Politik einzuschlagen, um den Auswirkungen der jahrelangen Herrschaft der Nationalsozialisten und des Krieges entgegenzutreten. Diese negative Politik fand ihren Ausdruck in den alliierten Maßnahmen der Entnazifizierung und der Abrüstung. Dies war
angesichts der damals herrschenden Bedingungen verständlich.
Die USA bemühten sich jedoch, diese negative Phase ihrer Politik so schnell wie möglich abzuschließen und sie ist seit langem
beendet worden. Außenminister Dulles stellte in diesem Zusammenhang während der Berliner Konferenz treffend fest: 'Diejenigen,
die sich auf ehrliche Weise und durch kluge Politik um den Frieden bemühen, haben gelernt, daß keine große Nation dadurch ausgeschaltet wird, daß man sie irgendwelchen Diskriminierungen
aussetzt, so daß diese Nation innerhalb der Völkerfamilie keinen gleichberechtigten Platz einnehmen kann. Beschränkungen,
wie sie durch den Versailler Vertrag auferlegt wurden, bringen
ein tatkräftiges und mutiges Volk nur dazu, die ihm angelegten
Fesseln abzustreifen, um dadurch seine souveräne Gleichberechtigung zu demonstrieren!
Ein Meilenstein bei der Verwirklichung unseres ersten Zieles - die Schaffung einer festgegründeten und dauerhaften Demokratie in Deutschland - war die Bildung der deutschen Bundesregierung im Jahre 1949 mit ihrem Sitz in Bonn. Dies war die logische Entwicklung früherer Maßnahmen, den Deutschen die Rege- 1 -

�23. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

Regelung ihrer eigenen Angelegenheiten zurückzugeben. Dies geschah
zuerst auf lokaler, dann auf regionaler (Länder) Ebene und wurde
später mit der Zusammenlegung der britischen und amerikanischen
Besatzungszone fortgesetzt, wobei den Deutschen die Verantwortung
für weite Teile de» Regierungs- und Wirtschaftssektors übertragen
wurde.
Unsere Politik, ein starkes demokratisches Deutschland zu
schaffen, hat sich von der Tatsache leiten lassen, daß Demokratie
nicht von außen aufgezwungen werden, sondern nur von innen her
wachsen und gedeihen kann. Wir haben uns bemüht, die bestehenden
demokratischen Kräfte in der deutschen Bevölkerung zu stärken und
wir haben die Tatsache berücksichtigt, daß die Demokratie notwendigerweise von Grund auf, in der Familie, der Schule und den Gemeinden aufgebaut werden muß. Wenn wir rückblickend die bisher
gemachten Portschritte betrachten, gibt es vieles, was uns Mut
gibt. Beispielsweise gibt es eine freie Presse. In Deutschland
haben zweimal Bundestagswahlen stattgefunden, an denen sich ein
hoher Prozentsatz der Wahlberechtigten - bei der letzten Wahl
waren es über 86 Prozent - beteiligt hat, und Persönlichkeiten,
deren demokratische Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist,
spielen eine führende Rolle. In diesem Zusammenhang ist es interessant, die gegenwärtige Lage in Deutschland mit der zu vergieß
chen, die zur Zeit der Weimarer Republik bestanden hat. Heute
gibt es in Deutschland eine starke Opposition, aber diese besteht
aus der SPD, einer Partei, die scharf antikommunistisch eingestellt ist und eine lange demokratische Tradition besitzt. Die
Weimarer Republik erlag einer aus Elementen bestehenden Opposition, die nicht nur gegen die am Ruder befindliche Regierung,
sondern auch gegen den demokratischen Charakter der Regierung
eingestellt waren.
Das zweite Ziel - die Rückkehr Deutschlands in die freie
Völkerfamilie eines geeinigten Europa zu unterstützen - gründet
sich auf dem Glauben, daß eine freie demokratische Gesellschaftsform in Deutschland die beste Chance zum Weiterbestehen hat, wenn
das Land in die demokratischen Nationen Westeuropas unlöslich
eingegliedert wird. Wir sind zu der Überzeugung gekommen, daß
die Integration Deutschlands in Westeuropa die beste Garantie
für einen Portbestand der demokratischen Ordnung sein und die
beste Verwendung der deutschen Hilfsquellen zum gemeinsamen
Wohl sicherstellen würde. Zu diesem Zweck unterzeichneten wir
im Mai 1952 die sogenannten Bonner Verträge, die nach ihrer Raxxfizierung der Deutschen Bundesrepublik faktisch die Souveränität mit nur drei Vorbehalten zurückgeben werden. Diese betreffen
die Stationierung amerikanischer Streitkräfte, unsere Stellung
in Berlin und die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der
Sowjetunion und ihren Satelliten.
Es mag an dieser Stelle angebracht sein, kurz darauf einzugehen, was auf dem Gebiete der Europäischen Integration geleistet
worden ist. Nach der Bildung des Europäischen Wirtschaftsrates
(OEEC), der von den europäischen Nationen zur Verwendung der im
Rahmen des Marshallplanes gewährten Hilfe geschaffen wurde, entstanden andere Organisationen, die Europa in immer wachsendem
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

23. Juni 1954

wachsendem Maße zusammenführen. In diesem. Zusammenhang sind der
Europarat, die Montanunion, die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und die Europäische politische Gemeinschaft zu nennen. In
all diesen Organisationen haben die Deutschen eine wichtige Rolle
gespielt. Die Bundesrepublik hat sich vielleicht mehr als jedes
andere europäische Land für den Erfolg dieser Bemühungen eingesetzt. Der größte Portschritt ist auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet erzielt worden, weil die dringende Notwendigkeit
bestand, hier einer Krise entgegenzuarbeiten. Die Entwicklung auf
politischem Gebiet hat enttäuscht. Wenn auch der Nachdruck, den
man auf den militärischen Sektor legte, in mancher Hinsicht unglücklich gewesen ist, so war er doch auf Grund der sowjetischen
Aggressionsdrohung notwendig, Und es muß festgestellt werden, daß
die Europäische Verteidigungsgemeinschaft wirklich ein erster
großer Schritt in Richtung auf die europäische politische Integration ist.
Eine Lösung des militärischen Problems in Europa wurde in
der NATO gefunden. Diese stellte jedoch kein Mittel dar, Westdeutschland gegen eine kommunistische Aggression zu schützen.
Sie machte sich auch nicht das deutsche Industrie- und Menschenpotential zunutze, um die Verteidigung des Westens zu stärken.
Die Notwendigkeit, Mittel und Wege hierfür zu finden, trat besonders
deutlich durch die kommunistische Aggression in Südkorea hervor.
Dieses Ereignis beseitigte mehr als jedes andere die verständliche
Abneigung der anderen europäischen Nationen gegen jede Form einer
deutschen Wiederbewaffnung und ließ sie die Notwendigkeit einsehen,
Deutschland in die Lage zu versetzen, einen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung zu leisten. So stimmte der Rat der Außenminister
im September 1950 erstens darin überein, jeden Angriff auf die
deutsche Bundesrepublik oder Berlin als Angriff auf ihr eigenes
Land anzusehen; und zweitens bekräftigte der Rat seine Opposition
gegen die Bildung einer deutschen Nationalarmee. Er regte jedoch
an, daß eine Beteiligung der deutschen Bundesrepublik an den gemeinsamen Verteidigungsbemühungen ermöglicht werden sollte.
Wenige Tage später kündigte der NATO-Rat an, daß Deutschland
in die Lage versetzt werden sollte, einen Beitrag zum Aufbau der
Verteidigung Westeuropas zu leisten. Nach der Erörterung eines
Vorschlages, wonach Deutschland ein Kontingent für die NATO-Streitkräfte stellen würde, schlug Prankreich den Plan vor, aus dem sich
dann später die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entwickelte.
Die Vereinigten Staaten nahmen diesen Plan an, nachdem General
Eisenhower, der damals Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte war,
ihn wärmstens unterstützt hatte.
Eine Erörterung unserer Deutschlandpolitik würde nicht vollständig sein, wenn man nicht auf die Bedeutung einginge, die die
deutsche Bevölkerung einer schließlichen Wiedervereinigung ihres
Landes beimißt. Jeder Deutsche wartet auf den Tag, an dem dies
geschehen sein wird. Die im vergangenen Herbst erfolgte entscheidende Wahlniederlage der SPD, die die Politik einer Wiedervereinigung zum alles beherrschenden Ziel der deutschen Außenpolitik
macht, hat aber erkennen lassen, daß die meisten Deutschen sich
- 3 -

�23. Juni 1954

"AMERIKA DIENST"

sich darüber im klaren sind, daß eine Wiedervereinigung zu annehmbaren Bedingungen erst später kommen kann. Diese Erkenntnis
wurde noch durch den Ausgang der Berliner Konferenz vertieft,
auf der die Sowjets so unmißverständlich zeigten, daß sie keinerlei Absicht haben, ihre Machtstellung in ihrer Zone aufzugeben. Die kürzliche Gewährung der 'Souveränität' an ihre Marionette, die sogenannte 'Deutsche Demokratische Republik', kann
die westdeutsche Bevölkerung nicht täuschen.
Ich habe vorher die letzten Wahlen zum deutschen Bundestag
erwähnt. Sie erbrachten einen unerwartet überwältigenden Sieg
für den Kanzler und seine Partei. Dies ist insofern bedeutsam,
als sie die starke Unterstützung dokumentierten, die der Kanzler bei der deutschen Bevölkerung hat. Diese Wahlen bekräftigten
seine westeuropäische Integrationspolitik und seine Ablehnung
des Neutralismus. Sie legten darüber hinaus ein beredtes Zeugnis von der Stärke der gemäßigten Kräfte in Deutschland ab.
Die Tatsache, daß sich über 86 Prozent der Wahlberechtigten an
der Wahl beteiligten, bewies zudem das starke Interesse, welches
die Deutschen ihrer eigenen Regierung entgegenbringen. Aber je
mehr die Zeit verstreicht und je länger die Ratifizierung des
EVG-Vertrages und der Bonner Verträge weiterhin hinausgezögert
wird, desto größer werden die Anzeichen von Ungeduld in Deutschland, selbst innerhalb der Koalitionsparteien. Von verschiedenen
Seiten wird offen die Souveränität gefordert, die die Alliierten
vor mehr als zwei Jahren Deutschland zusicherten, als sie die
Bonner Verträge unterzeichneten. Sollte es noch weitere Verzögerungen geben, werden wir in Erwägung ziehen müssen, welche
Schritte unternommen werden müssen, um eine ernsthafte Verschlechterung unserer Beziehungen mit der deutschen Bundesrepublik zu
vermeiden.
Wie wird also unsere zukünftige Politik Deutschland gegenüber aussehen? Wir werden uns um eine Ratifizierung der EVG bemühen. Gleichzeitig werden wir zum rechten Zeitpunkt und zu den
hierfür angemessenen Bedingungen auf eine Wiedervereinigung
Deutschlands drängen. Diese beiden Grundzüge unserer Politik
sind nicht miteinander unvereinbar, denn wenn sich die Stärke
des Westens erhöht, so wird damit auch die Möglichkeit größer,
die versklavten osteuropäischen Völker zu befreien. Schließlich
und endlich werden wir weiter daran arbeiten, die Besatzung zu
beenden und den Deutschen den größtmöglichen "Umfang ihrer Souveränität zurückzugeben, wie dies in den Bonner Verträgen vorgesehen ist."
* # # * »

_ 4 .

�A M E R I K A

D I E N S T

STRAUSSs ATOMENERGIE MUSS SEGEN DER MENSCHHEIT
WERBEN
PHILADELPHIA - (Amerika Dienst) - Im folgenden übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede, die der Vorsitzende der U.S.-Atomenergiekommission, Lewis L. Strauss,
am 5»August vor der Jahresversammlung des Amerikanischen
Kriegsveteranenverbandes gehalten hat.
"Ich empfinde die Einladung als große Ehre, hier vor
den Mitgliedern dieses Kriegsteilnehmerverbandes zu sprechen,
die einzeln und in der Gemeinschaft ihrem Vaterland so hervorragende Dienste geleistet haben. Die U.S.-Regierung
setzt ihr besonderes Vertrauen in jene Amerikaner, die
ihrem Lande in Kriegszeiten gedient haben. Sie haben jedes
Recht, stolz auf ihre Leistungen als Verteidiger und Hüter
unseres freiheitlichen Erbes zu sein. Ich erachte es als
eine besondere Auszeichnung, Ihnen hier meinen Gruß entbieten zu dürfen.
Vermutlich haben Sie mich eingeladen, vor Ihnen zu
sprechen, weil Sie wünschen, daß ich zu der in der Öffentlichkeit jüngst stark beachteten Handhabung der Sicherheitsvorschriften der Atomenergiekommission und der langen Senatsdebatte über einige der geplanten Abänderungen des
Atomenergiegesetzes vom vergangenen Monat Stellung nehme.
Da diese Dinge aber im wesentlichen schon der Vergangenheit angehören und inzwischen andere Themen von größerer
Tragweite und stärkerem Tagesinteresse im Vordergrund
stehen, werde ich mich, mit Ihrem Einverständnis heute
Abend mit den letztgenannten Fragen befassen.
Wie Sie sicher wissen, sieht die gegenwärtig dem Vermittlungsausschuß unterbreitete Vorlage zum Atomenergiegesetz gewisse entscheidende Änderungen des ursprünglichen
Gesetzes von 1946 vor, auf Grund dessen die Atomenergiekommission eingesetzt wurde und das als Richtschnur für
deren Arbeit galt. Es kommt mit nicht zu» diese Änderungen
zu einem Zeitpunkt zu erörtern, an dem sie noch dem Kongreß
zur Beratung vorliegen. Glücklicherweise herrschen bezüglich der in der Änderungsvorlage enthaltenen 'Erklärung
über die einzuschlagende Politik* keinerlei Meinungsverschiedenheiten. Der Gesetzentwurf beginnt zunächst einmal
mit einer Erklärung der künftigen Politik der Vereinigten
Staaten.
•n\
1 -

�."AxviERIKA DIENST"

'a)

b)

11. August 1954

Entwicklung, Verwendung und Kontrolle der Atomenergie sollen darauf gerichtet sein, den größtmöglichen
Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten, jederzeit
dem obersten Ziel untergeordnet, einen maximalen
Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung und Sicherheit
zu leisten; und
Entwicklung, Verwendung und Kontrolle der Atomenergie sollen darauf gerichtet sein, den Weltfrieden zu fördern, der Allgemeinheit zu dienen,
den Lebensstandard zu heben und den freien Wettbewerb der privaten Wirtschaft zu stärken'.

Diese Erklärung ist eine Bekräftigung der vom Kongreß im
ursprünglichen Atomenergiegesetz ausgesprochenen politischen
Zielsetzung. Die Ziele unserer Politik bleiben demnach die
gleichen. In beiden Passungen des Gesetzes wird das erstgenannte Ziel - Gewährleistung der gemeinsamen Verteidigung
und Sicherheit - ausdrücklich als vordringlich bezeichnet.
Das zweite Ziel des Gesetzes in der neuen Passung aber ist
die Sicherung des Weltfriedens, die in der ursprünglichen
Fassung erst an letzter Stelle aufgeführt worden war. Wie
Sie sehen, besteht der Unterschied nur in einer Akzentverschiebung, nicht in einer Änderung der Grundgedanken.
Ich möchte Ihnen hier kurz schildern, was die Kommission
in den rund acht Jahren ihres Bestehens, und insbesondere im
vergangenen Jahr, geleistet hat. Ich werde versuchen, dieses
Referat auf die einzelnen Punkte der genannten Erklärung über
die politischen Grundgesetze abzustellen. Als Steuerzahler
wollen Sie selbstverständlich in erster Linie wissen, ob die
erzielten Erfolge in einem vernünftigen Verhältnis zu den dafür aufgewandten gewaltigen Summen stehen; ich werde deshalb
zunächst auf die finanzielle Seite dieser Angelegenheit eingehen, damit Sie eine Vorstellung von dem Umfang unserer
Atomforschungsprojekte gewinnen können.
Der Entwicklung von Atomwaffen wurde natürlich die höchste
Dringlichkeitsstufe eingeräumt, und für sie wurden die größten
Beträge aufgewandt. Erfindung, Entwicklung, Herstellung und
Verwendung von Waffen sind einem so raschen Wandel unterworfen,
daß die bestehenden Anlagen bereits vor dem kommunistischen
Überfall auf die Republik Korea im Jahre $950 dreimal erweitert werden mußten. Seitdem wurde unser Bauprogramm noch
wesentlich erweitert. Durch die Geldbewilligungen vom Jahre
1952 waren die größten Aufwendungen für die Errichtung neuer
Anlagen ermöglicht worden, und die Arbeiten gingen so rasch
voran, daß einige der großen neuen Werke bereits den Betrieb
aufnehmen konnten. Wir geben gegenwärtig monatlich rund 115
Millionen Dollar allein für Bauvorhaben aus, und die Betriebskosten übersteigen eirte Milliarde Dollar im Jahr.
Wenn unser gegenwärtiges Konstruktionsprogramm abge- 2

�"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

abgeschlossen ist, wird sich der vom amerikanischen Volk für
den Bau von Atomwerken aufgebrachte Betrag auf rund 8,5 Milliar
den Dollar belaufen. Wir verfügen über umfangreiche industrielle Anlagen, die, gemessen am heutigen Kaufwert des Geldes, wahrscheinlich schon mehr wert sind, als sie ursprünglich gekostet
haben. Die wichtigsten dort gewonnamen Produkte, d.h. also
das spaltbare Material für Atomwaffen, kann auch zur Energiezeugung benutzt werden. Und dies wird geschehen, wenn die
Lage - die weltpolitische Lage - dies erlaubt.
Das spaltbare Material ist praktisch unbegrenzt haltbar.
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, kann man sagen, daß
mit den aufgewandten Milliarden für den Bau von Betriebsan«
lagen und zur Vorratsbildung an Uran, Plutonium und anderen
Materialien eine gewaltige Reserve angelegt wurde, die sich
letztlich irgendwann einmal durch die Erzeugung nutzbringender elektrischer Energie bezahlt, ja wahrscheinlich mehr als
bezahlt machen wird.
Gemeinsame Verteidigung und Sicherheit
Im Anschluß an die finanzielle Übersicht, die ich Ihnen
hier gegeben habe, möchte ich Ihnen einiges über unser Atomwaffenprogramm berichten. Gerade dieses Programm ist dazu
bestimmt, den genannten maximalen Beitrag zur gemeinsamen
Verteidigung und Sicherheit zu leisten, die "das oberste
Ziel" unseres Atomforschungsprogramms darstellt.
Seit dem ersten Atombombenversuch im Jahre 1945 in
Texas sind mehr als 40 weitere Atombombenteste unternommen
worden. Es gelang, eine ganze Reihe von Atomwaffen-Typen
herzustellen. Sie wurden den Erfordernissen aller Waffengattungen angepaßt und eignen sich für die Land-, See- und
Luftkrieg^ührung. Unsere Vorräte wachsen ständig. Die zerstörende Gewalt der neuesten Atombomben beträgt gegenüber
der ersten derartigen Bombe mehr als das Fünfundzwanzigfache. Doch selbst die modernste Atombombe ist geradezu
ein Zwerg gegenüber jener Waffe, die allgemein als thermonukleare "Super"- oder auch Wasserstoffbombe bekannt ist.
Können Sie sich die zerstörende Kraft der uns heute zur
Verfügung stehenden thermonuklearen Waffen vorstellen ? Ich
für meinen Teil habe dabei Schwierigkeiten. Um halbwegs eine
Vorstellung davon zu gewinnen, rufe ich mir immer ins Gedächtnis zurück, was sich im Jahre 1917 im Hafen von Halifax bei
der Explosion des Munitionsdampfers Mont Blanc ereignete.
Die Mont Blanc hatte 'nur* etwas mehr als 2 500 t Munition
für herkömmliche Waffen geladen - Sprengstoffe also aus
der Zeit des ersten Weltkrieges - und dennoch belief sich
die Zahl der Toten und Verletzten auf über 10 000, und
die Sachschäden in Halifax waren ungeheuer. Nun nehmen Sie
einmal zehn solcher Schiffe, die alle mit dem heute üblichen
Sprengstoff TNT beladen sind? das etwa ist die Größene

* 3-

�"AmEhlKA DIENST

11. August 1954

Größenordnung der Explosionsgewalt einer Atombombe aus den
ersteh Jahren ihrer Herstellung* Wenn Sie sich eine ganze
Hotte solcher mit TNT beladenen Schiffen vorstellens die»
in Kiellinie fahrend, über zwanzig Meilen lang ist, dann haben Sie eine ungefähre Ahnung von der zerstörenden Gewalt
einer Wasserstoffbombe von nur einer Megatonne, das ist das
Äquivalent von einer Million Tonnen TNT. Und eine Megatonne
ist natürlich nicht die oberste Grenze für die in unserem
Besitz befindlichen furchterregenden Waffen.
Präsident Eisenhower hat in seiner großen Rede vor den
Vereinten Nationen darauf verwiesen, daß
'die zerstörende Wirkung der Atomwaffen, über die die
Vereinigten Staaten heute bereits verfügen und deren
Zahl natürlich täglich zunimmt, um ein Vielfaches die
Wirkung aller Bomb#n und Granaten übertrifft, die auf
sämtlichen Kriegsschauplätzen des zweiten Weltkrieges
zusammen abgeworfen bezw* abgefeuert wurden.'
Einige der besten unserer Bürger haben ihren Unwillen
darüber geäußert, daß es gerade unser Land ist, welches sich
im Besitze von Waffen mit derartigen zerstörerischen Gewalten
befindet. Dieser Unwille ist ein Zeichen ihrer Anständigkeit
und kann nur in einem freiem Lande frei dargelegt werden.
Niemand, der die Möglichkeiten der Atomwaffen genau kennt,
wird sie ohne innere Vorbehalte betrachten. Wer jedoch solche
Bedenken hegt, sollte sich einmal die läge vor Augen führen,
in der wir wären, wenn diese Atomwaffen sich in den Arsenalen
der Sowjetunion und nicht der Vereinigten Staaten befänden.
Es war niemand geringeres als Premierminister Sir Winston
Churchill, der erklärte, daß die Überlegenheit der USA auf
dem Gebiete der Atomwaffen in den neun Jahren nach der Beendigung des zweiten Weltkrieges zu den Paktoren gehört habe,
die den Ausbruch eines neuen Krieges verhindern halfen. Was
mich betrifft, so wünsche ich nichts sehnlicher, als daß wir
auch in Zukunft eine Überlegenheit auf dem Gebiete der Atomwaffen und ihrer Anwendung haben mc;gen, und daß diese so lange
ein aufschiebbarer Paktor bleibe, bis sich alle Nationen auf
eine Formel für eine praktisch durchführbare internationale
Kontrolle für Waffen aller Art geeinigt haben.
Dienst an der Allgemeinheit. Hebung des Lebensstandards
Die Regierung der Vereinigten Staaten verfolgt im Hinblick
auf die Atomenergie zwei Ziele: sie will der Allgemeinheit dienen und den allgemeinen Lebensstandard heben. Im allgemeinen gesehen, sind diese zwei Ziele einpnder ähnlich und können hier
als eines behandelt werden. Obwohl noch nicht einmal zwölf Jahre
vergangen sind, seitdem man sich zum ersten Male die Atomkraft
mit Hilfe von Reaktoren zunutze machen konnte, haben wir riesige
Portschritte in Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft,
Chemie, Metallurgie, Biologie, Mediain und auf anderen wissen- 4

�"AMERIKA LlhlNST"

11. August 1954

wissenschaftlichen und technisch-industriellen Gebieten gemacht.
Darüber hinaus sind wir Zeuge geworden, wie sich der Horizont
unseres Wissens um die grundlegenden Pakten enorm geweitet hat;
und ich bin zuversichtlich, daß uns noch neue Entdeckungen bevorstehen, die genau so großartig wie die bisherigen sind und
das Leben aller Menschen noch mehr bereichern werden. "Wir haben
den Zenit des Atomzeitalters noch nicht erreicht - wir stehen
erst im Morgengrauen einer neuen Epoche.
Die verfügbare Zeit gestattet es mir nur, mich mit den
wenigen vorstehend erwähnten Gebieten zu befassen. Der Verlockung,
wenigstens bei einigen auf nähere Details einzugehen, gilt es
zu widerstehen. Es gibt jedoch ein Programm, welches ich besonders gern darstellen möchte und das ich Ihnen gern eingehender
schildern möchte* Es handelt sich hier um ein Programm zur Bekämpfung der schlimmsten Geißel unserer Generation - des Krebses.
Die Atomenergie-Kommission hat in Ihrer Forschungstätigkeit auf
diesem Gebiet drei Wege eingeschlagen:
1) Wir verschicken radioaktive Isotope zum Selbstkostenpreis oder darunter an hunderte von Krankenhäuser, medizinische Fakultäten und Kliniken. So werden zum Beispiel in allen Kriegsversehrten-Krankenhäusern Radioisotope zur Lokalisierung von Hirntumoren und krebsartigen Geschwülsten vor Anwendung der Röntgentherapie
oder einem chirurgischem Eingriff verwandt.
2) Nach Maßgabe eines Gremiums hervorragender Ärzte vergeben wir Gelder zur Förderung von Krebs-Forschungsprojekten.
3) Wir haben vier eigene Krebsforschungs-Krankenhäuser aufgebaut, deren größtes das Argonne-Krankenhaus in Chikago
ist. Es wurde mit einem Kostenaufwand von 4 Millionen
Dollar erstellt, eine bisher zu diesem Zwecke noch nie
aufgebrachte Summe.
Um den wissenschaftlichen Fortschritt, den wir in der inneren Medizin und Chirurgie gefördert haben, eingehend demonstrieren zu können, habe ich ein vollständiges, transportables Röntgengerät mit hierhergebracht. Es ist etwa so groß wie ein Litermaß
und wiegt rund 18 Pfund. Es wurde in unserem Argonne-Laboratorium
entwickelt und kann anstelle eines 100 000 Volt-Röntgengerätes
zu diagnostischen Zwecken benutzt werden. Dieser Apparat leistet
die gleiche Arbeit wie jedes andere konventionelle Röntgengerät,
das um ein Vielfaches größer und schwerer ist. Man benötigt zu
seiner Benutzung keine fremde Energiequelle und es kann auf Verbandsplätzen, Erste-Hilfe-Stationen usw. verwandt werden.
Höchstwahrscheinlich ist es auch für die Industrie von großem
Nutzen.
In gleicher Weise unterstützen wir auch die Herzheilkunde
und Kreislaufforschung, um neue Mittel und Wege zur Bekämpfung
chronischer Krankheiten zu finden, die die Quelle vielen menschlichen Leidens sind. Es wäre unendlich segensreich, gelänge es
- 5 -

�"AFRIKA LiENST"

11, August 1954

es uns, Herr über den Krebs oder eine der anderen erwähnten
Krankheiten zu werden; bestimmt ließe sich ein solcher Erfolg nicht nach Geldeswert bemessen. Wir sind aber auf dem
Wege zu diesen Zielen»
Die Verwertung der Atomenergie für friedliche Zwecke soll
aber nicht unter Ausschluß aller übrigen Anwendungsgebiete, wo
ihre Segnungen ebenso notwendig wie realisierbar sind, der Medizin und der Industrie allein vorbehalten bleiben. So unterstützen wir z.B. tatkräftig Forschungsarbeiten auf dem Gebiet
der Viehzucht sowie Versuchsprojekte zur Verbesserung von
Kunstdünger und Insektenvernichtungsmitteln, zur Erhaltung
der Fruchtbarkeit des Bodens und zur Steigerung der Ernteerträge.
Der Anwendungsbereich der Radioisotope in der Industrie
wächst in so raschem Tempot daß diese Entwicklung allein die
Ausgabe der Milliarden Dollar, die wir bereits in die Kernforschung gesteckt haben, letztlich rechtfertigen dürfte.
Beschießt man in normalem Zustand die stabilen Elemente wie
Natrium, Kobalt, Kupfer und Eisen in einem Kernreaktor mit
Neutronen, so sind sie danach mit unstabilen Atomen aufgeladen, die eine ganz bestimmte Strahlungsintensität besitzen.
Die von diesen Atomen ausgehende Energie kann ermittelt, verfolgt und gemessen werden* wo immer die in Erscheinung tritt«
Die Kommission hat die Industrie bisher mit 150 verschiedenen
Sorten dieser vielseitig verwendbaren Isotope beliefert, die
jetzt in etwa 860 privaten Forschungslaboratorien benutzt
werden»
Diese radioaktiven Indikatoren werden von der Industrie
in zunehmendem Maße zur Kontrolle von Fertigunggprozessen benutzt, so in der Petroleumindustrie zur Kontrolle des ölstroms
in den Rohrleitungen und zur Feststellung des Abnutzungsgrades
von Kolbenringen bei Motoren. In größerem Umfang benutzt man
sie als Strahlenquelle für Dickenmeßlehren, zum Aufspüren von
Fehlern in Gußteilen und für buchstäblich Dutzende anderer
Zwecke. Dadurch wurden in der amerikanischen Industrie bereits
beträchtliche Einsparungen möglich. So hat beispielsweise eine
der 700 von uns belieferten Firmen im vergangenen Jahr durch
diese neuen Verfahren annähernd 100 000 Dollar eingespart.
Eine andere Firma berichtete, daß sie heute für bestimmte
Testverfahren dank der Verwendung von Radioisotopen nur noch
35 000 Dollar ausgeben müsse, während die Kosten bei Anwendung
der bisher üblichen Methoden 1 Million Dollar betrugen. Die
Erprobung, die sich früher über Jahre erstreckte, ist heute
in wenigen Wochen zu bewältigen« Die Verwendung von Isotopen
nimmt Monat für Monat zu. Im vergangenen Jahr sind von Oak
Ridge über 12 000 Eineelsendungen an Isotopen verschickt
worden.
Unter den Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie für
friedliche Zwecke steht unmittelbar hinter dem militärischen
Programm die Entwicklung eines Verfahrens zur Gewinnung von
Energie aus dem Atom. Ich meinde damit die Verwendung der bei
- 6

�"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

bei der Atomspaltung entstehenden großen Hitze zur Erzeugung
von Dampf, der seinerseits wiederum in Turbinengeneratoren zur
Erzeugung von Elektrizität benutzt wird. Unsere ersten Erfolge
auf diesem Gebiet hatten wir im Dezember 1951 zu verzeichnen,
als wir bewiesen,, daß die in einem Kernreaktor erzeugte Hitze
ohne große Gefahr abgeleitet und zur Erzeugung elektrischen
Stroms verwertet werden kann. Daraufhin wurde ein Kernreaktor
anderen Typs gebaut und im Februar 1953 in Betrieb genommen.
In diesen beiden Fällen war die erzeugte Energiemenge nicht
so groß» daß sie kommerziell auszuwerten gewesen wäre; aber
schon wenige Monate später, im Sommer vergangenen Jahres, wurde das erat« große Atomkraftwerk fertiggestellt und mit seiner
vollen Kapazität in Betrieb genommen. Dieser Reaktor diente
als Vorbild für den jetzt in das erste mit Atomenergie betriebene U-Boot? die 'Nautilus', eingebaute Kernreaktor.
Die Stärke des Atommotors der 'Nautilus' wird geheim gehalten. Es ist Ihnen jedoch sicher ohne weiteres klar, daß
jedes moderne Unterseeboot, das mit der Flotte auf hoher See
zusammen operieren soll, mit einer zuverlässigen und sehr
leistungsfähigen Maschine ausgestattet sein muß.
Unser nächster großer Schritt war die Unterzeichnung
eines Kontrakts mit der Duquesne Light Company, die zu den
Bewerbern um den Bau und Betrieb eines Kraftwerks mit einer
Kapazität von 60 000 KW gehörte. Dieses Kraftwerk soll in der
Nähe von Pittsburgh errichtet werden; in die Kosten werden
sich die Gesellschaft und die Atomenergie-Kommission in einer
für die Regierung äußerst günstigen Weise teilen.
Die Atomenergiekommission beginnt jetzt ein umfangreiches
FünfJahresprogramm zur Erzeugung von elektrischer Energie aus
dem Atom, dessen Kosten sich auf annähernd 200 Millionen Dollar
belaufen. Im Rahmen dieses Programms werden fünf verschiedene
Versuchs-Atomkraftwerke gebaut werden, jedes nach anderen technischen Prinzipien. Da diese Kraftwerke klein sein werden und
lediglich Versuchsstationen darstellen sollen, wird keines
elektrischen Strom auf kommerzieller Basis erzeugen. Selbst
die eifrigsten Verfechter einer Energieversorgung mit Hilfe
der Atomkraft glauben nicht, daß diese schon in unmittelbarer
Zukunft an die Stelle der bisher üblichen Kraftquellen treten
werde. Einige Ingenieure aus der Wirtschaft meinen, voraussagen zu können, daß bis zum Jahre 1960 - in sechs Jahren vielleicht 10 Prozent der neuen Kraftwerke, die heute erst
auf dem Zeichenbrett existieren, an Stelle der mit Kohle, öl
oder Gas geheizten Dampfkessel Spezialkernreaktoren verwenden
werden. Die gleichen Fachleute erklären, bis zum Jahre 1980
würde etwa die Hälfte der neuen Kraftwerke spaltbares Material
als Brennstoff benutzen» Ich persönlich glaube aber, daß diese
Prophezeiungen allzu vorsichtig gehalten sind.
Stärkung

-7-

�-"AMERIKA DIENST"

11. August 1954

Stärkung dea freien Wettbewerbs in der Privatwirtschaft
Ein weiteres Ziel unserer Politik zur praktischen Nutzbarmachung der Atomenergie ist die 'Entwicklung, Verwendung und
Zontrolle der Atomenergie, um den freien Wettbewerb in der privaten Wirtschaft zu stärken'.
Dies ist eine völlig überparteiliche Feststellung, die erstmals im Jahre 1946 durch einen demokratischen Kongreß zum Gesetz
erhoben und in diesem Jahr von einem republikanischen Kongreß gebilligt wurde.
Natürlich ist bereits die Page erhoben worden, wer die Atomwerke besitzen und betreiben soll, die innerhalb der nächsten
zwei oder drei Jahrzehnte in immer größerer Zahl errichtet werden.
Gegenwärtig befindet sich die ganze mit der Gewinnung der Atomenergie zusammenhängende Industrie im Besitze des Staates. Dieses
Abgehen von dem in unserem lande für Industrieunternehmen üblichen
Status geschah nicht aus der Absicht heraus, unsere Institutionen
irgendwie zu ändern. Es wurde für notwendig erachtet, um damals,
im Jahre 1946, dem einmaligen und neuartigen Charakter der Atomenergie gerecht werden zu können. Ein weiterer Grund war, daß
ihre Produkte damals fast ausschließlich in unsere Rüstungsarsenale wanderten. Das Atomenergiegesetz vom Jahre 1946 sah ausdrücklich vor, daß das Gesetz durch Zusätze abgeändert werden
solle, sobald ausreichende Erfahrungen auf diesem Gebiete vorliegen. In dieser Zeit überwiegend friedlicher Anwendung der
Atomenergie diese Industrie völlig in staatlicher Regie zu belassen - was überdies einen grundlegenden Wandel im gegenseitigen
Grundverhältnis von Regierung und Staatsbürger mit sich bringen
würde -, könnte eine Änderung unserer Gesellschaftsstruktur bedeuten, radikaler als jede andere, die sich eventuell aus der
Existenz jener technischen Novität, der Atomkraft, ergeben könnte.
In Übereinstimmung mit der von uns offiziell verfolgten
Politik, 'den freien Wettbewerb in der privaten Wirtschaft zu
stärken', meine ich, daß die Kernenergie, sobald sie sich wirtschaftlich nutzen läßt, in die Energiewirtschaft unseres Volkes
eingeschaltet werden sollte. Auch sollten Erzeugung und Verteilung über die vorhandenen privaten und öffentlichen Kraftwerke
erfolgen, nicht über die Atomenergiekommission,
Die mit der Ausnutzung der Kernenergie verbundenen Möglichkeiten werfen auch Probleme.der Kontrolle auf, die eine ungewöhn
lieh weitgehende Einschaltung des Bundes verlangen. Dennoch bin
ich überzeugt, daß es gelingen wird, die unumgägglichen Beschränkungen und Sicherungen, die die Gesellschaft bei der Nutzbarmachung der Atomenergie fordern muß, mit der Freiheit zur Initiative seitens der Privatindustrie in Einklang zu bringen. Meiner
Auffassung nach können die besonderen Probleme der Atomenergie
ohne Risiko für die nationale oder persönliche Sicherheit, ohne
unbillige Bevorzugung irgendeiner Gruppe und in Übereinstimmung
mit den normalen Beziehungen zwischen Staat und Bürgerschaft gelöst werden.
loh

�"AFRIKA DIENST1

11. August 1954

Ich glaube, daß es durch gemeinsame Verhandlungen zwischen
der Atomenergiekommission und Privatfirmen möglich sein wird,
die Erteilung von Lizenzen in völlig fairer "Weise zu regeln und
Verträge abzuschließen, durch die die enorme Kostenlast für die
künftige Forschung, Entwicklung und den Bau neuer Anlagen zum
Teil von den Schultern des Steuerzahlers genommen wird. Ich
kann Ihnen versichern, daß die Atomenergiekommission,, so wie
sie heute besteht, und ihre Mitarbeiter in den Büros, Laboratorien und Werksanlagen in den ganzen Vereinigten Staaten bei
allen Verhandlungen und Vereinbarungen mit der Privatindustrie
das öffentliche Interesse in vollem Umfange wahren werden,
La ist ferner der gemeinsame Atomenergieausschuß des Kongresses
- er setzt sich aus Männern zusammen, die in unserer Arbeit wohlbewandert sind und laut Gesetz darüber laufend und uneingeschränkt informiert werden müssen. Sie sind jetzt - und zweifellos auch in Zukunft - wachsame Hüter des öffentlichen Interesses. Eigentlich erübrigt es sich, Ihnen zu sagen, daß
zu den Mitgliedern dieses Ausschusses auch Captain James E.
Van Zandt gehört, der dreimal Vorsitzender Ihrer Organisation
gewesen ist und heute als Abgeordneter von Pennsylvanien in
hohem Ansehen steht.
In meinen Bemerkungen zum Thema Atomenergie habe ich mich
auf die Aussichten zu ihrer weiteren Entwicklung in unserem
eigenen Lande beschränkt. In vielen anderen Ländern besteht
jedoch ein weit dringenderer Bedarf an zusätzlichen Energiequellen als in den USA.
Der immer größer werdende Energiehunger und der steigende
Brennstoffbedarf im Transportwesen und in der Industrie stellen
immer höhere Ansprüche an die Energiequellen vieler Staaten.
Zu den Nationen, die noch nicht einmal die Hälfte ihres Verbrauchs an Kohle und Öl aus eigenen Quellen decken können, gehören Italien, Portugal, Griechenland, Norwegen, Schweden,
Dänemark, Finnland, Argentinien, Algerien, FranzösischMarokko, Ceylon und Pakistan. Angesichts der potentiellen Bedeutung der Kernenergie als zusätzliche Quelle für die Energieversorgung der ganzen Welt kann der Fortschritt, der hinsichtlich der entsprechenden Entwicklungsarbeiten in den
Vereinigten Staaten erzielt worden ist, sowohl für andere
Nationen als auch für Amerika selbst sehr wichtig sein.
Förderung des Weltfriedens
Es war der Glaube, an die Realisierbarkeit eines Abrüstungsprogramms für Atomwaffen und an deren schließliche Abschaffung,
der Präsident Eisenhower im Dezember vergangenen Jahres veranlaßte, der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Schaffung
einer internationalen Atombank vorzuschlagen, bei der diejenigen
Nationen, die normales Uran und spaltbares Material herzustellen in der Lage sind - einschließlich der Sowjetunion -,
dieses deponieren sollen. Aufgabe der von ihm vorgeschlagenen
internationalen Atomenergiebehörde wäre es, diese Materialien
so zu verwenden, daß die segensreichen Kräfte des Atoms allen

�"AÄKIKA DIENST"

11. August 1954

allen Menschen dienstbar gemacht werden, und die Kernenergie
auch den in der Energieversorgung bisher benachteiligten Gebieten zugute kommt. Ich möchte an dieser Stelle Präsident
Eisenhower selbst zitieren, dann seine Worte verdienen, immer
und immer wieder ins Gedächtnis zurückgerufen zu werden;
'Die Vereinigten Staaten würden hierbei mehr als eine
bloße Verminderung oder Abschaffung des für militärische
Zwecke verfügbaren Atommaterials herbeizuführen suchen. Es
genügt nicht, daß man diese Wafferaus den Händen der Soldaten nimmt. Sie muß in die Hände derer gelegt werden, die
wissens wie man sie ihres militärischen Charakters entkleidet und sie in den Dienst des Friedens stellt. Die Vereinigten
Staaten wissen, daß die furchtbarste aller zerstörerischen
Kräfte, die Atomenergie, zu einer großen, dem Wohlergehen der
gesamten Menschheit dienenden Gabe werden kann, wenn es gelingt, die erschreckende Tendenz eines Atomwettrüstens ins
Gegenteil zu verkehren. Die Vereinigten Staaten wissen, daß
es kein Zukunftstraum mehr ist, aus der Atomenergie Kräfte
für friedliche Zwecke zu gewinnen. Die erwiesene Möglichkeit
dazu besteht jetzt - hier - heute. Wer könnte bezweifeln,
daß diese Möglichkeit einer universalen, wirksamen und wirtschaftlichen Form der Atomenergienutzung rasch verwirklicht
würde, wenn alle Wissenschaftler und Ingenieure der ganzen
Welt ausreichende Mengen spaltbaren Materials zur Verfügung
hätten, ujä damit ihre Ideen erproben und weiterentwickeln zu
können'.
Der Vorschlag des Präsidenten war einfach und klar. Die
von ihm konzipierte internationale Behörde 'kann der Welt zeigen, daß die Atomenergie dazu verwendet werden kann, den
Lebensstandard der Völker einschließlich dem des amerikanischen Volkes zu heben.
Seit Dezember vorigen Jahres hat unsere Regierung geheime
diplomatische Besprechungen mit anderen Nationen geführt. Die
Haltung der Sowjetunion ist nicht ermutigend; angesichts der
seit 1945 andauernden vergeblichen Bemühungen, mit dieser
Regierung zu einer Einigung zu gelangen, ist die3 nicht überraschend. Dennoch hat Präsident Eisanhower die Hoffnung auf die
schließliche Annahme seines Vorschlages nicht aufgegeben. Erst
gestern hat er auf seiner Pressekonferenz seinen Entschluß
wiederholt, mit oder ohne sowjetische Beteiligung auf eine
Lösung des Problems zu drängen.
Gegen den düsteren Hintergrund, den die derzeitige Weltlage abgibt, möchte ich diese Bemerkungen mit einem persönlichen Glaubensbekenntnis anschließen; Nach meiner festen
Überzeugung kann es nicht die Absicht des Schöpfers sein,
daß sich die Menschheit durch die Jahrtausende hindurch bis
zu diesem Zeitpunkt entwickelte, nur um etwas hervorzubringen,
was allein zur Zerstörung allen Lebens auf dieser Erde dienen
- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

11, August 1954

dienen kann. Im Gegenteil, ich habe den festen Glauben, daß
die Freimachung der im Atom enthaltenen Energie durch die
Anstrengungen und den Genius des Menschen nach dem Plan der
Vorsehung dazu verwendet werden soll, den Frieden auf Erden
und die Freundschaft unter den Menschen zu fördern. Wäre ich
nicht immer fest davon überzeugt gewesen, daß die friedliche
Anwendung der Atomenergie schließlich an Stelle ihrer Verwendung zu Zwecken der Zerstörung treten werde, dann hätte
ich es abgelehnt, einen Beitrag zu diesem großartigen Werk
zu leisten. Ich scheide von Ihnen in der Hoffnung, daß Sie
diesen Glauben an die Entfaltung unseres Schicksals teilen".
*

#

#

*

•

�DWIGHT D.EISENHOWER: DER GLAUBE IST DIE STÄRKSTE KRAFT, ER
ZWINGT DIE MENSCHEN ZUR GRÖSSE

EVANSTON,ILLINOIS — (Amerika Dienst) — Im folgenden
bringen wir Auszüge aus der Rede Präsident Eisenhowers,
die er am 19. August vor der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Evanston gehalten hat:

"Es gibt mancherlei Gründe, weshalb ich es als eine große
Ehre empfinde, vor dieser zweiten Vollversammlung des Weltkirchenrates kurz zu sprechen.
Zum ersten sind Sie eine Vereinigung internationaler
Kirchenführer. Wenn man auch gelegentlich der Ansicht ist,
wir hier in den Vereinigten Staaten würden nur zu gerne materiellen Dingen anhängen, so sind wir doch stolz, Gastgeber
einer Versammlung zu sein, die ihr Wirken so hohen Zielen geweiht hat. Ebenso freuen wir uns darüber, daß Ihre Konferenz,
auf der 48 Nationen und 161 kirchliche Vereinigungen vertreten sind, wahrlich die Welt mitten ins Herz des nordamerikanischen Kontinents bringt. Wie glühend auch die Bürger unseres Staates ihr Land lieben mögen, so sind wir uns doch
alle darüber im klaren, daß unsere gegenwärtigen Probleme
und Hoffnungen die Probleme und Hoffnungen der ganzen Welt
sind. Immer mehr lernen wir verstehen, welche prophetische
Weisheit aus den Worten John Wesleys spricht, wenn er sagt:
"Die Welt ist meine Gemeinde".
Zum zweiten nennen Sie sich selbst einen Rat. Dies läßt
darauf schließen, daß Sie die Forderung: "Kommt, laßt uns
miteinander beraten" akzeptieren. Beratungen wie die Ihren,
die sowohl akute Probleme als auch Ziele auf weite Sicht behandeln, vermögen uns Tiefe des Denkens und Abstand zu den
Dingen zu geben. Internationale politische Konferenzen haben
gewöhnlich Krisen zum Gegenstand, und die Ergebnisse sind
häufig wenig mehr als eine Reihe von Improvisationen. Es ist
sogar so, daß die Verantwortlichen häufig erst Gelegenheit
haben, sich mit einer Sache zu befassen, wenn diese zu einer
Krise geworden ist. Woodrow Wilson beklagte sich darüber mit
den Worten: "Wenn etwas zu mir gelangt, dann ist es schon zu

- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

25. August

1954

zu einem Problem geworden." Uns auf den verantwortlichen Regierungsposten geht es heute oft ebenso; in vieler Hinsicht beneiden wir Sie um die Möglichkeit, zur Aussprache und Planung für
die nächsten Jahre einen konstruktiven Ausgangspunkt zu haben.
Drittens sind Sie ein Konzil der Kirchen. Sie sind die Vertreter einer großen Zahl von Gläubigen - von Männern und Frauen,
die vom Wert des Glaubens und von seiner Macht überzeugt sind.
Sie sind Hüter des Glaubens und Vertrauens in einer Zeit der Unsicherheit und Verwirrung. Viele unter Ihnen haben, um mit den
Quäkern zu sprechen, ein wirkliches Anliegen. Ihr Wirken ist auf
ein bestimmtes Ziel gerichtet. Sie haben sich einer Aufgabe verschrieben, die persönliche Verantwortung zum Wohl der Allgemeinheit fordert.
Deshalb sind wir von aufrichtiger Freude erfüllt, daß die
Vereinigten Staaten zum Ort Ihrer Zusammenkunft ausersehen wurden. Und wir glauben auch, daß Sie damit eine gute Wahl getroffen haben. Wo immer Sie sich in unserem Lande hinwenden, werden
Sie Menschen und Institutionen finden, die, geprägt vom Zusammenwirken religiöser Kräfte, im Dienst an anderen ihre Aufgabe erblicken. Überdies sind wir ein großes Volk von Menschen verschiedenster nationaler Herkunft. Praktisch alle Volksstämme sind
irgendwie in unserem Staatsapparat vertreten. Angesichts dieser
Verschiedenartigkeit, wie sie sich dem Außenstehenden offenbart, dürfte unser Staat theoretisch eigentlich gar nicht lebensfähig sein. Dennoch hat er Bestand - und noch dazu in bemerkenswerter Harmonie. So haben wir der Mannigfaltigkeit dieser Versammlung die Mannigfaltigkeit unseres eigenen Volkes entgegenzusetzen und begegnen ihr deshalb mit der Gewißheit, daß wir Verständnis auch für Ihre Hoffnungen und Wünsche aufbringen werden.
So wie Sie Ihre Ziele aufgezeigt haben, so haben auch wir
als Volk unsere Ideale verkündet. Wir haben es für richtig erachtet, diese Ideale öffentlich darzulegen, damit die ganze Welt
sie zur Kenntnis nehmen kann. Am Anfang unserer nationalen Geschichte, vor nunmehr über 175 Jahren, ließen wir die Welt wissen, was wir aus diesem Land zu machen gedenken. Wir proklamierten damals die Grundsätze, auf die es gegründet wurde und die
wir stetig verfolgen. Es ist wahr, wir haben die gesteckten Ziele nicht restlos erreicht. Die Ideale aber, die wir auf unsere
Fahnen geschrieben und der Welt verkündet haben, haben noch immer Gültigkeit und sind uns ständige Verpflichtung. Somit werden
wir Ihren Bemühungen, ein immer höheres Ideal als Ziel des Menschen in seiner weiteren Entwicklung aufzurichten, tiefstes Verständnis entgegenbringen.
Noch aus einem anderen Grund werden wir Ihr Wirken hier mit
größtem Interesse verfolgen. Wir sind ein im Innersten religiöses
Volk. Nicht nur aus Tradition sind wir der Religion verbunden;
wir sind heute mehr denn je geneigt, die Religion als eine wirksame Kraft in allen Lebensbereichen anzusehen. Entgegen vielfach
geäußerter anderer Auffassungen ist der Anteil der einer Religionsgemeinschaft angehörenden Bevölkerung Amerikas ständig im Wachsen.
Er

�AMERIKA DIENST"

25. August

1954

Er hat sich in den letzten 100 Jahren verdreifacht.
Kürzlich gab eine große Bibelgemeinschaft bekannt, daß
sie seit 1948 die Auflagen der Heiligen Schrift in den Vereinigten Staaten verdoppeln konnte. Im vergangenen Jahr wurden in
den Vereinigten Staaten nahezu 10 Millionen Bibeln in 81 verschiedenen Sprachen verkauft.
Nun sind diese beiden Tatsachen allein natürlich noch kein
Beweis für die Frömmigkeit der Menschen oder für das Herannahen
des Reiches Christi. Sie sind aber ein Zeichen, ein Hinweis, daß
unser religiöses Interesse ernst und echt und nicht nur theoretischer Natur ist.
Viele Glaubensgemeinschaften, großgund kleine, sind im
Kongreß der Vereinigten Staaten vertreten. Es wird Sie interessieren, zu erfahren, daß viele Kongreßmitglieder außerhalb der
Parlamentssitzungen regelmäßig zusammentreffen, um in ernstem,
andachtsvollem Gespräch nach Wögen zu suchen, religiöse Grundsätze in unserer praktischen Regierungsarbeit verwirklichen zu
können. Mir scheint, Sie können sich daher hier wohlfühlen,
und wissen, daß Sie unter Menschen sind, die mit Ihren Zielen
voll übereinstimmen.
La wir uns über die Bedeutung der Religion klar sind, erwarten wir von Ihrer Konferenz hier sehr viel. 7/ir hoffen, daß
Sie uns neue Anregungen geben werden. Daß Sie uns immer wieder
an jenes Höhere gemahnen, ohne das der Mensch zugrunde geht.
Wir wollen Ihre Kritik im Lichte gesunder religiöser Ideale.
Entfacht in uns aufs neue das Streben nach sittlicher Größe
und zeigt uns, wo wir fehlen. Wir werden Euren Worten lauschen,
wenn Ihr zu uns sprecht, wie dies einst in alten Zeiten die
Propheten taten.
Und noch etwas erwarten wir von Ihnen: eine Manifestation
der christlichen Ethik, um uns immer aufs neue zu zeigen, wie
diese auf alle nur erdenklichen Probleme des menschlichen Lebens anzuwenden ist. Ich meine damit die Mobilisierung der
Kräfte des Glaubens.
Wir, das amerikanische Volk, haben uns stets bemüht, soweit
dies in unseren Kräften stand, in diesem Geiste Programme regionalen, ja sogar weltweiten Maßstabes durchzuführen: Hilfe für
die vom Krieg verwüsteten Gebiete, Care, Marshall-Plan, technische Unterstützung und darüber hinaus die mannigfachen Hilfsaktionen der kirchlichen Vereinigungen.
Zweifellos verkörperten diese Programme sowohl unser vernünftiges Eigeninteresse als auch humanitäre Ziele. Wir wissen,
daß keine Nation auf sich allein gestellt bestehen kann. Um
die uns so teuren persönlichen Freiheiten zu bewahren, müssen
wir nicht nur uns selbst als Nation schützen, wir müssen darüber
hinaus die Gewißheit schaffen, daß auch andere, die die Freiheit
ebenso lieben, weiter bestehen und gedeihen können. Wir wollten
eine Welt, in der wir in Frieden und Zuversicht leben können.
Und

�"AMERIKA DIENST"

25. August 1954

Und im Streben nach diesem Ziel haben wir erfahren, daß wir oft
dann am weitesten vorangekommen sind, wenn wir anderen Völkern
Beistand leisteten.
Aber all diesen praktischen Erwägungen lag stets der Glaube
an die Würde des Menschen und die ihm von seinem Schöpfer verliehenen Rechte zugrunde.
Und noch etwas hoffen wir aus unserem Beisammensein hier
zu lernen. Was ich meine, wird Ihnen aus dem folgenden Zitat
der Worte eines früheren College-Präsidenten klar werden - und
ich verstehe sehr wohl, warum er so sprach. "Für mich", so
sagte er, "gibt es zwei Arten von Problemen. Dringende und wichtige. Die dringenden sind nicht wichtig, und die wichtigen sind
niemals dringend". Hier, so scheint mir, haben wir das Dilemma,
des modernen Menschen. Ihr Hiersein vermag uns das Wichtige vor
Augen zu führen - und vielleicht sogar dem Wichtigen ein wenig
Dringlichkeit zu verleihen. Und Sie können uns in dem Glauben
bestärken, daß Menschen guten Willens, wenn sie zusammen."arbeiten, alle Schwierigkeiten überwinden können.
Der Glaube ist die stärkste Kraft, er zwingt die Menschen
zur Größe - im Denken, in Worten und in Taten.
Die Taten gläubiger Männer und Frauen zu allen Zeiten werden auch uns stets Ansporn sein. Denn der Glaube hat wahrlich
Berge versetzt.
Unsere Zeit braucht wieder das Wagnis großer Taten im Glauben. In aller Welt suchen Männer und Frauen angstvoll die Zukunft zu enträtseln, ob sie den Anbruch eines gerechten und
dauernden Friedens bringen wird. Den Frieden zu bringen, kann
nicht allein Sache der Diplomaten und Soldaten sein; die Geschichte ist reich an Beispielen für ihr Versagen, mögen sie
auch mit noch so viel Geschick und Eifer vorgegangen sein.
Dies Versagen aber hat nicht die Hoffnung vernichtet. Die
Menschheit kennt keine andere, so weltweite und unzerstörbare
Sehnsucht wie das Sehnen nach einem gerechten und dauerhaften
Weltfrieden. Und mag uns dieses Ziel im Augenblick auch unerreichbar erscheinen, so glaube ich doch, daß jeder von uns, du
und ich, viel dazu beitragen kann, dieses Ziel zu erreichen.
Darum lassen Sie mich jetzt einiges sagen, nicht als Regierungsoberhaupt, dessen Tage weitgehend den Bemühungen der
Regierung um den Frieden gewidmet sind, sondern als Privatmann,
als einfaches Mitglied einer Ihrer kirchlichen Gemeinden. Doch
kann ich nicht umhin, gleichzeitig als ein Mann zu sprechen, der
aus nächster Nähe erlebt hat, welche nahezu wunderbaren Taten
die Menschen auf dem Schlachtfeld vollbringen, vereint in der
Hingabe an eine gerechte Sache. Tausend Erlebnisse dieser Art
haben mich zu der über jeden Zweifel erhabenen Überzeugung gebracht, daß die gemeinsame, begeisterte Hingabe an eine edle
Sache unsere Kräfte wachsen läßt und uns in die Lage versetzt,
praktisch jedes Ziel im Bereich des Möglichen zu erreichen.
Heute

�"AMERIKA DIENST"

25- August

1954

Heute - jetzt - bedarf die Sache eines gerechten und dauerhaften
Friedens wie nie zuvor der erhebenden und gestaltenden Kraft,
die in Männern und Frauen in aller Welt lebendig ist, wenn sie
sich von ihren höchsten Idealen und ihren besten Motiven leiten
lassen.
Die Sache des Friedens bedarf der Hilfe Gottes.
Auf welche Weise können wir dazu beitragen, daß dieser
Funke der Bereitschaft in den Herzen der Menschen in allen Ländern der Erde zündet?
Ich glaube, daß Sie, die geistigen Führer einer weltweiten
Organisation, gemeinsam mit Ihren Brüdern aus anderen Konfessionen den Weg weisen können. Das Ziel sollte nichts geringeres
sein, als alle Menschen in jedem Land der Welt, die an die Macht
des Gebetes zu einem Höheren glauben, aufzurufen, sich gleichzeitig an einem gewaltigen und eindringlichen Glaubensakt zu beteiligen. Dieser von Hunderten von Millionen vollzogene Glaubensakt
könnte etwa das persönliche Gebet um die Hingabe, die Weisheit
und die Kraft sein, für einen gerechten und dauerhaften Frieden
unermüdlich zu wirken. Wenn diese gewaltige Bewegung, gestützt
durch das Gebet, zu einem ständigen Feldzug für den Frieden führte,
dann wird sie, dessen bin ich sicher, auch wunderbare Ergebnisse
zeitigen. Sie würde dazu beitragen, die Dinge zu ändern, weil sie
die Menschen ändern würde.
Zumindest würde ein solcher Akt jeden von uns daran erinnern,
daß die Verantwortung für Krieg oder Frieden bis zu einem gewissen Grad bei jedem von uns liegt. Jeder einzelne würde durch die
Gewißheit ermutigt und bestärkt werden, mit seinem Nächsten im
Glauben und im Ziel eng verbunden zu sein.
So würden große und ständig wachsende Kräfte wirksam, die
die Menschen im Frieden einigten, wie sie es angesichts der gemeinsamen Gefahr im Kriege tun.
Eine beständige Oberprüfung der wichtigen Faktoren in den
internationalen Problemen, die heute die friedliche Entwicklung
der Welt hemmen, würde in Angriff genommen werden. Überall in
der Welt würde ehrenhaften und selbstlosen Persönlichkeiten Unterstützung zuteil, und diese selbst wiederum würden dadurch ermutigt, in neue Tiefen der Erkenntnis und der Verständigung vorzudringen und nach neuen Wegen zu suchen, um die Menschen miteinander zu versöhnen. Neue Pläne würden ausgearbeitet und durchgeführt werden, um die Verzweiflung, das Leid und die Hoffnungslosigkeit zu überwinden, in denen heute Millionen von Menschen
leben. Und wenn die Verhältnisse, die die Seelen verkümmern
lassen und den Körper schwächen, erst einmal beseitigt sind, dann
werden neue Millionen den Kämpfern im Glauben zugeführt werden des Glaubens nämlich, daß die Kinder Gottes, wenn sie es nur selbst

�"AMERIKA DIENST"

25. August

1954

selbst wollen, in einer Umgebung und unter Bedingungen leben
können, die von Gerechtigkeit, Würde und Frieden bestimmt sind.
Ich hoffe, Sie werden mich nicht für anmaßend halten, wenn
ich zu Ihnen von meinem persönlichen Vertrauen auf Ihre Möglichkeiten und Ihre Fähigkeiten als Führende im Dienste des Allmächtigen spreche. Sollte es aber doch der Fall sein, dann möchte
ich zu meiner Entschuldigung auf die weltweite Überzeugung hinweisen, daß die Zeit gekommen ist, wo der Menschheit keine anderen Möglichkeiten mehr offenstehen, um zu einem gerechten und
dauerhaften Frieden zu gelangen. Entweder wir leben auch weiterhin in Unwissenheit, Selbstsucht, Habgier, Unglauben, Krieg und ernten Vernichtung. Oder aber unser Dasein ist erfüllt von
Mut, Kraft, Verständnis füreinander, Glaube und Frieden. Möge
ein jeder von uns aus seinem eigenen Glauben heraus die Kraft
finden, die ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen."
*

*

*

*

*

�A

M E R I K A

D I E N S T

STASSEN: REVIDIERUNG DER "BATTLE ACT"-LISTE

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Der Leiter
des US-Amte s für Auslandshilfe, Harold E.
Stassen, ga b am 25. August in Washington bekarmt, daß die amerikanische Embargoliste für
Ostexporte( "Eattle Act"-Liste) revidiert wurde,
In Anbetrac ht der großen handelspolitischen Bedeutung die ser Maßnahme bringen wir die Erklärung Stasse ns sowie die Veränderungen in der
Embargolist e nachstehend im Wortlaut:
"Ich bin überzeugt, daß diese Revision, die in Übereinstimmung mit dem Außen-, Finanz-, Verteidigungs- und Wirtschaftsministerium erfolgte und vom Präsidenten genehmigt
wurde, einen Nettogewinn für die freie Welt in Form eines
erweiterten Handels mit Gütern des friedlichen Bedarfs und
einer wirkungsvolleren Kontrolle des Handels mit militärischen
Gütern erbringen wird. Dieser Schritt liegt im ureigendsten
Interesse der USA."
Der Battle Act oder das gemeinsame Verteidigungskontrollgesetz des Jahres 1951 enthält die Bestimmung, daß die EmbargoListe "laufend den gegebenen Bedingungen auf der Grundlage
von Überprüfungen und Beratunge'n angepaßt wird". Die neue
Embargo-Liste tritt am 25. August in Kraft. Durch die revidierte Liste werden die Kontrollen im Hinblick auf Lieferungen
an Rotchina nicht geändert. Militärische Güter oder Atomerzeugnisse sind von der Liste nicht gestrichen worden. Dasselbe
gilt für Maschinen und Güter, die der Herstellung von Kriegsmaterial dienen. Auf Grund der fortschreitenden technischen
Entwicklung wurden verschiedene Güter neu in die Liste aufgenommen.Das Ergebnis der Revisionen ist eine Verminderung der
unter Embargo stehenden Güter von 297 auf 217 Positionen.
Ein Großteil dieser 217 auf der Embargo-Liste verbleibenden
Gütersorten ist neu definiert worden, wodurch gewisse, nicht
so wichtige Größen und Typen dieser Güter abgetrennt wurden,
so daß das Embargo nur die wichtigeren Abmessungen und Typen
betrifft. In einer Anzahl von Fällen wurde die Reichweite der
Kategorie ausgedehnt.
Stassen erklärte in diesem Zusammenhang:
"Die amerikanische Regierung kam vor über einem Jahr zu
dem Schluß, daß das System der Sicherheits-Handelskontrollen
1

der

�"AI/ERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBSIT

25. August

1954

der freien Welt im Hinblick auf die veränderten internationalen
Bedingungen völlig überprüft werden müsse, und daß eine gründliche und mühsame Neubewertung der Warengruppen auf interministerieller Grundlage und innerhalb der 15 sich hieran beteiligenden Länder notwendig sei."
Die "Battle Act Embargo"-Liste wird bisweilen auch als die
"Titel I"-Liste bezeichnet. Viele der Materialien, die nicht
länger gesperrt sind, werden zur Zeit auf eine andere Battle
Act-Liste, die "Titel II"-Liste gesetzt. Diese enthält Güter von
geringerer Bedeutung.
Am 16. A U g U s t trat eine neue internationale Embargoliste in
Kraft, die in viermonatigen Verhandlungen zwischen den Regierungen
ausgehandelt worden war. Als ein aktives Mitglied der Gruppe ist
die amerikanische Regierung der Ansicht, daß den Sicherheitsinteressen der USA und der freien Welt durch die getroffenen Vereinbarungen genügend Rechnung getragen worden ist, die den kooperativen Charakter des Kontrollprogramms beibehalten haben und die
nicht nur Veränderungen in der Liste sondern auch Maßnahmen für
eine strengere Einhaltung der Embargo-Vorschriften vorsehen« Daher wird sich die neue "Battle Act "Embargo-Liste eng an die neue
internationale' Embargoliste anschließen, wenn sie auch nicht in
allen Punkten mit ihr völlig übereinstimmen wird.
In diesem Zusammenhang gab Stassen folgende Erklärung ab:
"Unsere Revision der"Battle Act"Embargo"-Liste stellt ein
notwendiges Teilstück unserer Bemühungen dar, die der Sicherheit
der freien Welt dienenden Handelsbeschränkungen auf eine dauerhaftere
und wirkungsvollere Grundlage zu stellen. Wie ich bereits früher erklärte, ist nach monatelangen Verhandlungen in
Paris bei den beteiligten Ländern völlige Einmütigkeit erzielt
worden, ihre allgemein akzeptierten Warenkontrollisten zu beschränken und die Einhaltung der Kontrollvorschriften der noch
nicht freigegebenen wichtigen Güter zu verschärfen.
Die Veränderungen der "Battle Act"-Liste sind einseitige
Beschlüsse der amerikanischen Regierung. Sie sind nach sorgfältigsten Beratungen der hierfür zuständigen Dienststellen, darunter dem Außen-, dem Verteidigungs- und Handelsministerium, getroffen worden. Wegen des multilateralen Charakters des Kontrollprogramms haben wir auch mit unseren Alliierten einen Meinungsaustausch geführt, wobei wir alle im Zusammenhang mit der internationalen Lage stehenden dazugehörigen Fragen in Rechnung
stellten»" Diese Punkte werden im Kapitel 5 des vierten Halbiahresberichts der "Battle Act" erörtert, der im Mai unter der
Überschrift "Ost-West Handel" veröffentlicht worden ist. Zu ihnen gehören:
die starke Notwendigkeit, die Einigkeit und Zusammenarbeit
zwischen den Völkern der freien Welt angesichts der sowjetischen
Bemühungen diese zu spalten, zu erhalten;
die Wahrscheinlichkeit einer langen Periode der Spannungen
hart an der Grenze eines allgemeinen Krieges;
,.
_ 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25- August 1954

die Notwendigkeit, das Kontrollsystem mit Unterstützung
der westlichen Handelspartner auf eine langfristige Basis zu
stellen;
das Bedürfnis, jeden Pfad offen zu halten, der möglicherweise dahinführen könnte, die Welt allmählich auf eine gesündere Friedensbasis zu stellen;
die gewaltige Erhöhung der westlichen Stärke und industriellen Produktion schafft ein wachsendes Bedürfnis für neue Märkte;
die verminderte amerikanische Hilfe an die Nationen der
freien Welt;
die wirtschaftlichen Vorteile, die unsere Verbündeten aus
ihrem Handel mit nichtstrategischen Gütern mit dem Sowjetblock
erhalten;
die Tatsache, daß inzwischen einige Güter eine größere
oder geringere Bedeutung erlangt haben und daher von der Liste
genommen werden sollten;
die Tatsache, daß eine kürzere und einfachere Kontrolliste
leichter durchzuführen und in Kraft zu setzen ist.
Die "Battle Act"-Listen haben einen anderen Zweck als die
vom US-Handelsministerium aufgestellten Listen, die lediglich
die Aufgabe haben, die Exporte aus den USA zu kontrollieren. Das
US-Handelsministerium beabsichtigt, in Kürze eine Verlautbarung
über die amerikanischen Exportkontrollen herauszugeben.
Hinsichtlich der kürzlich getroffenen Übereinkünfte über
die Revidierung des internationalen Kontrollsystems wurden von
Harold E. Stassen auf einer Pressekonferenz am 22. Juli und von
Peter Thorneycroft, dem Präsidenten des britischen Board of Trade,
im Unterhaus am 26. Juli bekanntgegeben.
Sie betonten dabei, daß eine Übereinkunft über straffere
Kontrollmaßnahmen zusammen mit der neuen Liste erzielt worden
sei. Diejenigen Länder, die den Transit von Gütern gestatten,
werden in Zukunft besondere Schritte unternehmen, damit verhindert wird, daß Embargogüter in die Sowjetunion gelangen. Andere
Länder wiederum werden Maßnahmen ergreifen, um zu verhindern, daß
ihre Bürger in Transaktionen verwickelt werden, die den Export
von Embargogütern in den Ostblock zum Ziele haben, ganz gleich,
aus welchem Land diese Waren stammen.
Die allgemein als "internationale Embargoliste" bekannte
Verbotsliste, die sich hauptsächlich auf industrielle Güter bezieht, wurde von 260 auf 170 Güter gekürzt. Allerdings sind
hierin nicht die Materialien der Atomenergie und einige andere
Posten mit eingeschlossen, die nicht ausschließlich oder überwiegend Kriegs- und Atomenergiematerial umfassen, die aber ohne
weiteres für Kriegszwecke verwendet werden können oder eine Bedeutung für die Anwendung atomarer Energie haben. All diese sind
in der Länderliste gesondert aufgeführt und werden von allen unseren Verbündeten als wichtige Embargogüter behandelt. Jedoch
- 3 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. August 1954

Jedoch schließt die jetzt von 297 auf 217 Posten reduzierte
"Battle Act"-Embargoliste nicht solche Materialien ein, die in
einer besonderen Kategorie, nämlich der "Kategorie A" zusammengefaßt sind. Alle anderen Posten rangieren in der Liste der
"Kategorie B".
Wenn ein Land das amerikanische wirtschaftliche, militärische oder finanzielle Hilfe erhält, Exporte von Gütern der
"Kategorie A" zuläßt, so müßte diese Hilfe eingestellt werden»
Wenn Waren der"Kategorie B" exportiert werden, so steht es im
Ermessen des Präsidenten, die Hilfeleistung fortzusetzen, falls
durch die Einstellung die Sicherheit der USA gefährdet werden
würde.
Die internationale Quantitätsliste wird von etwa 90 auf
20 Posten reduziert, und weitere 60 Güter werden auf eine sogenannte Beobachtungsliste gesetzt werden, so daß die einzelnen
Länder eine genaue Exportkontrolle haben. Diese Gegenstände
werden in der "Battle Aet"-Embargoliste in Rubrik "II" aufgeführt.
Obgleich die "Battle Act"-Embargoliste auf Exporte in alle
Teile des Ostblocks Anwendung findet, beziehen sich die neuen
Veränderungen nur auf den Handel mit der Sowjetunion und deren
europäische Satellitenj und zwar deshalb, weil das internationale
Embargo für den ^andel mit strategischen Gütern nach Rotchina
auf Grund der Resolution der Vereinten Nationen vom 18. Mai 1951
weitreichender als die "Battle Act"-Liste ist und bisher auch
noch nicht von den beteiligten Nationen eine Erleichterung dieser Embargobestimmungen beschlossen wurde.
I. Ergänzende Erklärungen zu den
Listenänderungen zum Battle Act
Las Battle Act Embargo - oder die Liste unter Titel I zerfällt in zwei Teile:
Kategorie A, umfaßt 23 Posten, und zwar 12 Posten - oder
richtiger 12 verschiedene Warenklassen - Waffen, Munition, Kriegsmaterial, und 11 Posten ausschließlich oder vorwiegend atomarer
Natur. In Kategorie A werden nur verhältnismäßig kleine Änderungen
vorgenommen. Die Neufassung der Kategorie A ist in Anhang Nr. 2
zu finden.
Kategorie B der Embargoliste enthält Artikel von höchster
strategischer Bedeutung, wenn auch nicht ausschließlich} in einigen
Fällen sogar vorwiegend für militärische Zwecke oder zur Nutzbarmachung der Atomenergie. Wie bereits erwähnt, wurde die Liste der
Kategorie B stark gekürzt.
Die Liste unter Titel Nr. II enthält Waren von geringerer
Bedeutung, bei denen nach Ansicht der USA eine mengenmäßige Kontrolle oder sorgfältige Überwachung genügt, die jedoch ein Embargo
nicht erfordern. Auf Grund der gründlichen Überprüfung der internationalen Listen durch die 15 Länder in Paris kamen den Vereinigten Staaten bei der Überprüfung der Battle Act-Listen sämtliche
_ 4 _

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25» August 1954

sämtliche Unterlagen technischer, handelstechnischer und anderer
Natur zugute, die die Vereinigten Staaten und die anderen Teilnehmerländer sich beschaffen konnten» Bei dieser Revision der
Battle Act-Listen wurden nicht nur die von unseren Verbündeten
ermittelten Informationen sondern auch ihre Ansicht bezüglich
der Bedeutung der Kontrolle bestimmter Güter berücksichtigt*
Die auf der Liste unter Titel I, Kategorie B oder unter
Titel II aufgeführten Artikel sind im allgemeinen solche, die
in erster Linie für die Waffenproduktion oder die Erzeugung
von Atomenergie bestimmt oder gebraucht werden, oder stellen
hochentwickelte technische Erzeugnisse dar, die dem Sowjetblock
nicht geliefert werden sollen, oder die für die Rüstungsproduktion des Sowjetblocks von wesentlicher Bedeutung, dort aber
äußerst knapp sind.
Die allgemeine Regel ist, daß Güter, die als äußerst wichtig für militärische Zwecke angesehen werden oder die hochentwickelte technische Erzeugnisse der Rüstungsindustrie darstellen,
auf die Embargo-Liste gesetzt werden. Andere Güter, die wegen
ihrer potentiellen Auswertung für militärische Zwecke als wichtig
betrachtet werden, werden auf die Embargo-Liste oder die Liste
unter '^itel II gesetzt, je nachdem ob eine schärfere oder geringere Kontrolle erforderlich ist.
Das Verfahren zur Feststellung, welche Güter auf die Battle
Act-Liste0gesetzt werden sollen, ist sehr kompliziert und erfordert die Zusammenstellung, Sortierung und Auswertung aller
einschlägigen Informationen auf dem Gebiet der Technik,
Abwehr, Wirtschaft u.a. Diese Registrierung ist ein ununterbrochener Prozeß, bei dem ständig neue Informationen und neue
Bewertungen sowohl in den USA als auch im Ausland in Betracht
zu ziehen sind. Die Battle Act-Listen werden natürlich, wie
das Gesetz dies vorschreibt, dauernd überprüft.
Die Registrierung der Güter, die unter das Battle Act
Embargo fallen, ist in vielen Fällen an sich schon eine recht
komplizierte Angelegenheit. Die Definition der Güter erfordert
genaueste Angaben über Größe, Typ und Zweck, die den Laien verwirren würden, dem Fachmann jedoch ein strategisches Urteil darüber darstellen, welche Güter unter das Embargo fallen und welche einer geringeren Kontrolle bedürfen oder gar freigegeben
werden können.
Bei der Registrierung der nach dem Battle Act unter das
Embargo fallenden Güter verursacht die Bestimmung der Spezialanfertigungen für militärische Zwecke die geringsten Schwierigkeiten.
Hinsichtlich der Güter, die hochwertige technische Erzeugnisse darstellen, ist eine Beurteilung dahingehend erforderlich,
ob der Sowjetblock über die zu ihrer Herstellung nötigen technischen Kenntnisse und Ausrüstungen verfügt und wie weit diese
Güter seine militärische Schlagkraft erhöhen würden.
-^

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25- August 1954

Die größten Schwierigkeiten ergeben sich bei der Beurteilung von Gütern, die sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken
dienen» Bei diesen Gütern geht es darum, festzustellen, ob ihre
militärische Verwendung innerhalb des Sowjetblocks große Bedeutung besitzt oder ob sie innerhalb des Sowjetblocks eine derartige Mangelware darstellen, daß bei Nichtlieferung in erster
Linie der militärische Sektor der Wirtschaft des Sowjetblocks,
nicht der zivile Sektor, betroffen wirdo
Was hier geschehen ist, geht aus den kurzen Kommentaren über
die verschiedenen Warenkategorien hervor.
Während in der Gruppe "Maschinen für Metallbearbeitung" bestimmte Typen von Rohr- und Drehautomaten unter das Embargo fallen, ist die Überwachung bei kleineren Typen dieser Maschinen
geringer und richtet sich nach dem Stand der technischen Entwicklung und Rüstungsproduktion im Sowjetblock. Bestimmte Typen
von Drehbänken wurden auf der Embargo-Liste belassen, während
andere, die keine hochentwickelte technische Präzisionsarbeit
darstellen und in großen Mengen innerhalb des Sowjetblocks
hergestellt werden, von der Liste gestrichen wurden» Die unter
das Embargo fallenden Werkzeugmaschinen sind die Grundlage für
die Massenproduktion von Plugzeugen, Geschützen und anderen
Waffen sowie für die Herstellung hochspezialisierter Geräte
für wichtige militärische Zwecke von Bedeutung,
In der Gruppe "Pabrikausrüstungen für die Chemische- und
Erdölindustrie" wurde das Embargo für die wichtigsten Materialien
und Bestandteile zur Herstellung von kriegswichtigen Chemikalien
und zur Erzeugung von Atomenergie beibehalten. Gleichzeitig wurden die in der ganzen Welt einschließlich des Sowjetblocks in
großen Mengen hergestellten gewöhnlichen Teile und Ausrüstungen
dieser Gruppe von der Kontrolle freigegeben. Auf Grund der technischen Portschritte wurden obiger Gruppe einige neue Posten
beigefügt, wie z J . Anlagen zur Erzeugung von Titan und gewisse
wichtige aus neuen Kunststoffen hergestellte Materialien»
Die Gruppe "Elektrische Kraftanlagen" in der revidierten
Embargo-Liste enthält starke Elektro-Anlagen, die für das sowjetische Kriegspotential von großer Bedeutung sind, jedoch
sind Güter wie Außenbordmotore, Condensor-Röhren und kleinere
Motoren, Generatoren und Diesel-Maschinen nicht in die Liste
aufgenommen.
In der Kategorie "Allgemeine Industrieausrüstungen" wurden
verschiedene Waren von der Liste abgesetzt. So wurde beispielsweise bei Zugmaschinen nur ein schwerer Typ auf der Embargo-Liste
belassen, da die Staaten des Sowjetblocks selbst über eine hohe
Produktion an Traktoren verfügen und sogar zahlreiche Typen
exportieren. Andererseits wurden bestimmte Ausrüstungen - Walzenstraßen beispielsweise -,die eine wichtige Voraussetzung für
die moderne industrialisierte Wirtschaft und damit auch für die
militärische Schlagkraft darstellen, weiterhin auf der Embargo-

- 6 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. August 1954

Embargoliste belassen»
Auf dem Sektor "Verkehrsanlagen und Transportmittel" fallen
Warengruppen wie Pritschewagen, Tankwagen, Säure-Tankwagen und
Schienen nicht mehr direkt unter das Embargo sondern unterliegen
nur noch einer quantitativen Kontrolle oder Überwachung und werden nunmehr unter Titel II aufgeführt. Wenngleich diese Güter für
die Wirtschaft und die Rüstung eines jeden Landes von Bedeutung
sind, so führte eine Analyse der Versorgungslage der Sowjets zu
dem Schluß, daß im gegenwärtigen Augenblick ein Embargo auf diese
Dinge nicht erforderlich sei. Auf der neuen Embargoliste verblieben sind Turbo-Lokomotiven, während andere Typen unter Titel
II erfaßt sind. Seeschiffe und Tanker, die bereits früher unter
Embargo standen, bleiben auch weiterhin auf der Liste und einige
Typen von Fischerei-Fahrzeugen und Handelsschiffen wurden neu
auf die Liste gesetzt. Die Ausfuhr von Schiffen anderer Typen,
Bauart und Geschwindigkeit ist einer gewissen Kontrolle unterworfen, jedoch nicht verboten.
Die meisten Präzisionsinstrumente und Elektronengeräte,
die bisher schon auf der Verbotsliste standen, wurden im Hinblick
auf ihre strategische Bedeutung und die technische Entwicklung
auf der Liste belassen. Einige dieser Warengattungen wurden um
verschiedene Posten erweitert, andere Posten wie Absorptionsmesser, Mikro-Härteprüfer und Oszillographen wurden von der
Liste gestrichen.
In der Gruppe "Metalle und Mineralien" kam man bei einer
Reihe von Produkten zu dem Schluß, daß der Ostblock über ausreichende Vorräte verfügt, so daß sie von der Verbotsliste abgesetzt werden konnten. Platin wurde beispielsweise vom Embargo
befreit, da die Sowjetunion über die größte Produktion an diesem
Metall verfügt. Andere, von der Liste gestrichene Stoffe sind
Cadmium, Kalzium, Natrium, Stontium, Vanadin, Asbest und Glimmer.
Diejenigen Mineralien und Metalle, die für die Sowjets militärisch
wichtig sind - zum Beispiel Aluminium, Kupfer, Nickel, Molybdaen,
Kobalt, Magnesium, Wolfram und Titan (letzteres ein Material, das
für den Bau von Düsentriebwerken in jüngster Zeit erhöhte Bedeutung gewonnen hat) - bleiben auch weiterhin auf der Embargoliste
der Kategorie B. Andere strategisch wichtige Mineralien, die eine
erhebliche Bedeutung auf dem Atomkraft-Sektor besitzen, verbleiben
auf der Verbotsliste der Kategorie A.
In der Warengruppe "Chemische Produkte" wurden einige Artikel
wie Permanganate, Phosphorsäure, flüssige Gummiinhibitoren und
Petrolkoks nach Prüfung der Produktions- und Verbrauchslage im
Sowjetblock von der Embargoliste abgesetzt. Die auch weiterhin
unter das Verbot fallenden Chemikalien finden weitgehende Verwendung in der Herstellung von Explosiv- und Treibstoffen.
Veredelungsprodukte der Erdölraffination stehen nach wie vor
unter Embargo, während andere Erdölprodukte wie Rohöl und Dieselöl einer nicht ganz so strengen, aber doch noch immer sehr sorg-

- 7-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. August 1954

sorgfältigen Kontrolle unterliegen. Der Sowjetblock gehört selbst
zu den wichtigsten Erdölfördergebieten und hat der westlichen
Welt wiederholt Verkaufsangebote unterbreitet und auch Lieferungen getätigt»
Im Falle der Warengruppe "Gummi und Verschiedenes" wurde
das Ausfuhrverbot bei Reifen unter Berücksichtigung der eventuellen militärischen Verwendbarkeit verschiedener Typen und
Großen revidiert. Die nicht für Militärfahrzeuge brauchbaren
Reifentypen wurden von der Liste gestrichen, da die Reifenprodukt "on des Sowjetblocks bei den meisten Größen ausreicht, um
den Bedarf zu decken. Naturkautschuk bleibt auf der Liste unter
Ti'el II, um eine sorgfältige Kontrolle über die dem Ostblock
verfügbar gemachten Mengen zu behalten.
Nachstehend folgt eine allgemeine Übersicht über die in
der Liste unter der Kategorie B aufgeführten Waren (Die gesamte
Liste wird hier nicht im einzelnen angeführt; die folgende
Zusammenfassung gibt aber ein Bild von ihrem Ausmaß):
Maschinen für Metallbearbeitung
Maschinen und Geräte, die eigens für die Herstellung von
Waffen, Munition und Kriegsgerät konstruiert sind; Lehrenbohrmaschine; Formfräsmaschinen; Lehrenschleifmaschinen; LaeppRadialSchleifmaschinen; Gewindeschieifmaschinen;Holmfräsmaschinen; Plandrehbänke für Panzerplatten; für die Herstellung von
Waffen geeignete Bohrmaschinen.
Größere, verbesserte und für Spezialanfertigung geeignete
Typen der folgenden Maschinen: Karusseldrehbänke; Langlochbohrmaschinen und Bohrer; Zylinder-, Oberflächen- und Kugelschleifmaschinen; Hobelschleifmaschinen; Revolverdrehbänke; automatische,
drückende und kombinierte Zylinderbohr- und Drehbänke sowie
Leitspindeldrehbänkej Gewindefräsmaschinen, kombinierte Fräsund Hobelmaschinen; Schmiedehämmer; Pressen; Draht-, Röhrenund Bandfertigungsanlagen; ferner Maschinen für die Planbearbeitung, zum Metallschneiden und -hobeln, zur Getriebefabrikation, zum Honen und zum Läppen, Formschleifen und -fräsen sowie
Kopiermaschinen.
Fabrikausrüstungen für die chemische und Erdölindustrie
Fabrikausrüstungen für die Herstellung von militärischen
Sprengstoffen; gegenläufige Flüssigkeitszentrifugen; Anlagen
und Maschinen für die Produktion von metallischem Titan.
Die folgenden Anlagen und Stoffe, soweit es sich um große
und wichtige Typen oder Arten handelt: gesamte Ausrüstungen und
Ausrüstungsteile für die Produktion von Stickstofftetroxyd,
Antibiotika, Wasserstoff- und Deuteriumoxyd, flüssigem Sauerstoff und Wasserstoff; Kompressoren, Pumpen, Spezialventilen
und Röhren verschiedenster Abmessungen; Ausrüstungen für Erdölbohrungen und -raffination, für die Herstellung von Schmiermitteln und die Verarbeitung von Naturgas.

- 8-

Elektrische

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25« August 1954

Elektrische Anlagen und Maschinen für Kraftwerke
Hochleistungsturbinen und -generatoren zur Stromerzeugung;
SpezialdieseJ-• und elektrische Motoren®
Allgemeine Industrieausrüstungen
Metallwalzwerke; Industriediamanten; und gewisse Typen
schwerer Zug- und Räummaschinen, Bodenverdichter, Diamantwerkzeuge und koaxiale Kabelmaschinen»
Verkehrsanlagen und Transportmittel
Zentralisiert« Verkehrsüberwachungsanlagen; Turbolokomotiven
und Spe?ial-Motorfahrzeuge mit Allradantrieb; verschiedene Schiffstypen einschließlich Schwimmdocks, Tankschiffe, Walfangmutterschiffe, Kriegsschiffe, und bestimmterArten von Eisbrechern,
.-hereifahrzeugen und Passagier- ui..d Frachtschiffen; Kompasse
und Schiffsdampfkessel, die sich für die Verwendung in Kriegsschiffen eignen; Minenräumgeräte und wichtige Kabeltypen»
Elektronengeräte und Präzisionsinstrumente
Flugzeugfunkeinrichtungen; Radargeräte; Ultrakurzwellenfunkgeräte; Störsender; Geräte zur Überwachung von Flugzeugen und
ferngelenkten Geschossen; panoramische Hochfrequenz-Empfängero
Wichtige Telegraphenausrüatung, Verstärker, Kabel, Messinstrumente, Elektronenröhren für Rundfunk- und Fernsehsender,
magnetische Registriergeräte, Rechenmaschinen und photographische
Ausrüstung, Metalle, Mineralien und daraus hergestelle Erzeugnisse, Messing und Bronzeerzeugnisse für die Munitionsherstellung;
Eisen und Stahlschrott; Germanium, Titan, Molybdaen, Columbium,
Kobalt.
Ver -Merie legierte Stähle und Legierungen aus Nichteisenmetallen) w shtige Erzeugnisse aus Aluminium, Kupfer, Nickel,
Magnesium, Taiitalum, Wolfram, magnetische Rohstoffe und Wälzlager«
Chemische- und ErdjTIerzeugnisse
Flüssigkeiten für hydraulische Anlagen; Barium Nitrate;
Dinitrotoluol; Hydrazin, Pikrinsäure; flüssige Silikone.
Spezielle Arten von Spreng- und Zündmischungen, Stabilisierer
für Exploaivstuffe und Glykosen.
Benzin, Kerosin; Schmieröle; Zusätze für Flugbenzin; Tetraätylen.
Gummierzeugnisse
Aus synthetischem Gummi auf Butylbasis hergestellte Reifen
für Militärfahrzeuge} Lager aus Bunaverbindungen mit Wasserschmierung .
Verschiedenes

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. August 1954

Verschiedenes
Nylonstoffe für Fallschirme; bestimmte Arten von optischem
_ +0 „ Rohglas; Papier für elektrische Isolierungen.
r°
Waffen, Munition, Kriegsgeräte
101 Gewehre, Karabiner, Revolver, Pistolen, Maschinenpistolen und
Maschinengewehre, die besonders für militärische Zwecke konstruiert sind, sowie sämtliche für militärische Zwecke konstruierte
Einzel- und Ersatzteile«
102 Geschütze, Haubitzen, Kanonen, Mörser, Raketenkatapulte, militärische Flammenwerfer, Rauch-, Gas- und pyrotechnische Abschußapparate, rückstoßfreie Gewehre, die militärischen Zwecken dienen, sowie sämtliche für militärische Zwecke hergestellten Einzel- und Ersatzteile«.
103 Munition und sämtliche Einzel- und Ersatzteile für die unter
101 und 102 aufgeführten Waffen.
104 Bomben, Torpedos, Granaten, Raketen, Minen, Projektile und Tiefensprengladungen für militärische Zwecke, Geräte und Vorrichtungen, die insbesondere der Handhabung, Kontrolle, Inbetriebsetzung, Abfeuerung oder Auffindung derselben dienen, und sämtliche Einzel- und Ersatzteile derselben.
105 Artilleriefeuer-Beobachtungsgeräte; infra-rote und andere Vorrichtungen für die Beobachtung bei Nacht, Feuerleitgeräte; Suchgeräte und Zielvorrichtungen, Visiervorrichtungen für Bombenabwurfgeräte und Geschütze und Periskope für militärische Zwecke
und die in dieser Liste aufgeführten Kriegsgeräte; sowie sämtliche Einzel- und Ersatzteile derselben.
106 Panzerkraftwagen, bestückte oder gepanzerte Fahrzeuge für militärische Zwecke, Panzerzüge, Sattelschlepper für militärische
Zwecke, Panzerabschleppfahrzeuge, Panzerabwehrwaffen, Lafetten,
alle beweglichen Werkstätten, die der Instandsetzung militärischer Ausrüstung dienen und sämtliche für solche Fahrzeuge besonders konstruierte Einzel- und Ersatzteile.
107 Die nachstehenden Giftstoffe:
A) Für den militärischen Gebrauch bestimmte pflanzliche oder
chemische Giftstoffe;
B) Ausrüstungsgegenstände für die Versprühung und Feststellung
der unter A aufgeführten Substanzen und der Mittel zu ihrer Unschädlichkeit smachung.
108 Die nachstehend aufgeführten Raketentreib- und Explosivstoffe:
A) Raketentreibstoffe, die;speziell für den Antrieb der unter
103»104 und 107 aufgeführten und hergestellten Gegenstände bestimmt sind; Hochexplosivstoffe für militärische Zwecke.
109 Die nachstehenden Kriegsschiffe:
.

- 10

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. August

1954

A) Kriegsschiffe oder Schiffe, die für militärische Zwecke bestimmt sind;
B) Ausrüstungsgegenstände, die speziell für das Legen, Suchen
und die Auffindung von Minen bestimmt sind; und die sie zum Entzünden bringen.
C) Unterseebootnetze
(Anmerkung: Einzel- und Ersatzteile für die in dieser Liste
vorstehend aufgeführten Gegenstände umfassen: Geschütz türme;
Drehscheibenlafetten, die Zubehörteile und zusätzliche Einrichtungen umfassen, Akkumulatoren für Unterseeboote und Katapulte).
10 Kampfflugzeuge; sämtliche Arten von Flugzeugen, die militärischen
Zwecken dienen oder deren Einzel- und Ersatzteile, die nur militärischen Zwecken dienlich sind.
11 Hochleistungsradargeräte; elektronische Abwehrgeräte,die militärischen Zwecken dienen; Unterwasserhorchgeräte außer denen, die
bei der Tiefenlotung und bei der Ortung von Schiffahrts-Hindernissen verwendet werden und sämtliche dafür bestimmte Einzelund Ersatzteile.
12

Elektronische Rechenmaschinen für militärische Zwecke.
Nr. 200 - 299 kernreaktive Stoffe

01

02
03

04

05

Spaltbare Materialien einschließlich - jedoch nicht begrenzt auf a) Plutonium
b) mit den Isotopen 233 oder 235 angereichertes Uran
c) alle durch eines der vorgenannten künstlich angereicherten
Materialien
metallisches Uran, metallisches Thorium
Metalle, Legierungen und uran- oder thoriumhaltige Verbindungen,
ausschließlich der unter Titel I aufgeführten Legierungen, die
kein Uran, aber weniger als 1,5 Gewichtsprozent Thorium enthalten,
sowie der unter Titel II aufgeführten, für die Medizin gebräuchlichen Stoffe
Mineralien im rohen und verarbeiteten Zustand, einschließlich der
Rückstände, die mindestens 0,05 Gewichtsprozent Uran oder Thorium
oder deren Verbindungen enthalten. Dies schließt ein, ist aber
nicht beschränkt aufs
a) Monazitsand und andere thoriumhaltige Erze
b) Carnotit, Pechblende und andere uranhaltige Erze
Deuterium und seine Verbindungen, deuteriumhaltige Mischungen und
Lösungen, einschließlich schweren Wassers und schweren Paraffins,
in denen das Verhältnis von Deuterium- zu Wasserstoffatomen kleiner

- 11 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

25. August 1954

kleiner ist als 1 : 1 5000
218 Apparate, die speziell für die Trennung von Uranisotopen bestimmt
sind
219 Zyklotrone, Van De Graaff-Generatoren, Synchrozyklotrone, Betatrone,
Synchrotrone, Linearbeschleuniger und andere elektronukleare Maschinen, die in der Lage sind, Energien von mehr als 1 Million
Elektronenvolt an ein Kernpartikel oder ein Ion zu vermitteln
sowie speziell für solche Apparate gebaute Magneten
220 Strahlenmeßgeräte und Geräteteile folgender Typen, die für die
Messung von Kernstrahlungen wie Alpha- und Beta-Partikel, Gammastrahlen, Neutronen und Protonen konstruiert sind, solche zu messen vermögen oder für diese Zwecke umgebaut werden können:
a) Proportionalitätszähler
b) Neutronenzähler, die Bor, Bortrifluorid oder Wasserstoff
enthalten
c) Meßgeräte irgendwelcher Art, die für die Strahlungsmessung
geeignet sind
d) Szintillationszähler mit Lichtverstärker
222 Ionenseparatoren, d.h. elektromagnetische Geräte einschließlich
Massenspektrographen und Massenspektrometer jeder Art
223 Beschleunigungs- und Pokussierungsröhren. wie sie in Massenspektrometern und Massenspektrographen verwendet werden
224 Material, das als Quelle für positiv geladene Ionen in Zyklotronen, Massenspektrometern und ähnlichen Apparaten verwendet
werden kann.
* * * * #

- 12 -

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER: US-POLITIK MUSS ÜBERPARTEILICH SEIN

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir den vollen Wortlaut einer Rede des US-Präsidenten
Dwight D. Eisenhower vom 30. August 1954 vor der "American
Legion", in der er betonte, daß keine Gruppe oder Partei
in den USA ein Monopol in der Politik der USA besitze, sondern daß diese Politik von allen getragen werde. Selbst
der Ausdruck "überparteilich", so führte der Präsident in
seiner Rede auf der Jahresversammlung des größten amerikanischen Kriegsteilnehmer-Verbandes in Washington aus, sei
noch zu eng gefaßt, um die Einstellung zu beschreiben, mit
der alle Amerikaner an die Außen- und Innenpolitik ihres
Landes herangehen sollten:
"Zum dritten Male seit Ende des zweiten Weltkrieges habe
ich die Ehre, der Jahresversammlung der American Legion beizuwohnen.
Ebenso wie Sie bin ich dankbar, daß wir endlich in einer
Zeit zusammenkommen können, da der Schlachtenlärm in der ganzen
Welt verstummt ist.
In einer Versammlung wie dieser, einer Versammlung von
Menschen also, die Amerika im Kriege gedient haben, scheint es
angebracht, daß wir die Aufmerksamkeit unserer Außenpolitik und
der Sicherheit unseres Landes zuwenden. Wenn ich dies sage,
meine ich damit nicht, daß irgendeine Gruppe oder eine Schicht
des amerikanischen Volkes allein das nötige Interesse oder die
nötige Klugheit besitzt, mit den verwickelten internationalen
Fragen fertig zu werden. Das Gegenteil ist vielmehr richtig.
Der Begriff einer überparteilichen,von beiden Parteien getragenen Politik ist zu eng gefaßt, um die Einstellung genau zu
kennzeichnen, die alle Amerikaner gegenüber diesem umfassenden
und so lebenswichtigen Gebiet einnehmen sollten. Wir sollten
lieber von universaler oder nationaler Teilnahme am Weltgeschehen sprechen, was wiederum ernsthaftes Studium, Analyse
und Debatte jedes auftauchenden Problems und Lösungsvorschlags
bedeutet.
Stabilität ist in unseren nationalen Zielsetzungen unbedingt erforderlich. Dies kann offensichtlich nicht erreicht
werden, wenn es jedesmal eine grundlegende Änderung geben sollte,
- oder wenn die Welt auch nur eine solche befürchten müßte sobald der parteipolitische Wind einmal umschlägt.
Die
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Die einzige Antwort darauf ist, daß die gesamte amerikanische
Bevölkerung laufend unterrichtet werden muß und daß die jeweiligen Entscheidungen in aller Klarheit dargelegt werden müssen.
Es ist natürlich klar, daß ein Großteil der diplomatischen
Bemühungen und vor allem jene Anstrengungen, die vor dem Zustandekommen von Vereinbarungen als vorbereitende Gespräche
gekennzeichnet sind, nicht der Öffentlichkeit dargelegt werden
können.
Die politische Lage ist in den einzelnen Ländern der
freien Welt nicht dieselbe, und eine vorzeitige Bekanntgabe der
Standpunkte und Argumente könnte unter Umständen das Zustandekommen einer vernünftigen Lösung verhindern.
Aber über die allgemeinen Zielsetzungen und Zwecke sowie
über die annehmbaren Methoden zu ihrer Verwirklichung muß das
amerikanische Volk in allen Einzelheiten unterrichtet sein.
Daher werden die getroffenen Entscheidungen der Situation angepaßt,und die Welt weiß, daß sie in bezug auf die Zeit stabil
sindo

Diese umfassende Einstellung ist schwer zu erreichen und
Vollkommenheit wird es auf diesem Gebiet nie geben. Was unsere
komplizierte Welt von heute uns aber als erstes zu lehren hat,
ist, daß die Weltpolitik für uns alle viel zu wichtig ist, als
daß eine Partei oder eine Gruppe es riskieren könnte, die anderen Bürger unseres Landes davon auszuschließen, Lösungen zu
finden, die schließlich das Schicksal jedes einzelnen von uns
betreffen. Erfolg oder Mißerfolg in allem, was wir im Streben
nach einer friedlichen Welt zu erreichen hoffen, können sehr
wohl davon abhängen, wie weit es uns gelingt, Vorurteile und
Machenschaften aller Art bei den Bemühungen unseres Volkes,
dies Ziel zu erreichen, auszuschließen.
Grundvoraussetzung für eine Analyse der gegenwärtigen
internationalen Lage ist die klare Erkenntnis mehrerer wichtiger Wahrheiten. Ich nenne nur einige wenige dieser Realitäten, aber diese wenigen Punkte können wir nur um den Preis
unseres drohenden Untergangs außer acht lassen.
Die erste dieser Wahrheiten ist, daß die kommunistische
Diktatur - rücksichtslos, stark und unersättlich - entschlossen ist, ihre Herrschaft in der ganzen Welt zu errichten. Diese
Wahrheit bedarf keiner weiteren Erläuterungen. Alle Amerikaner
sind sich über diese Tatsache im klaren.
Die zweite dieser Wahrheiten ist, daß die kommunistische
Diktatur sehr geschickt in der Auswahl und im Gebrauch jeder
erdenklichen Waffe zur Erreichung ihrer Ziele ist. Sie bedient
sich der Gewalt und der Drohung mit Gewalt. Sie bedient sich
der Bestechung, des Umsturzes und der Sabotage. Sie benutzt
die Propaganda.
Diese letzte Waffe - die Propaganda - verlangt dringend,
daß wir neue und schlagkräftige Gegenmaßnahmen ergreifen. Es
besteht ein gefährliches Mißverhältnis zwischen den Bemühungen
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Bemühungen unseres Landes, die Wahrheit über die Freiheit und
unsere nationalen Ziele zu verbreiten einerseits und der Propaganda der Roten Diktatur andererseits. Jeden Künder der Freiheit,
den wir im Kampf um die Seelen und Herzen der Menschen einsetzen,
stellen die Kommunisten Dutzende entgegen; auf jeden Dollar, den
wir für Informationszwecke ausgeben, kommen bei ihnen fünfzig;
für jedes Wort, das wir der Sache der Freiheit und des Glaubens
reden, haben sie tausende, um ihr System anzupreisen und die
Werte der freien Menschen herabzuwürdigen und zu diffamieren.
Vor Ihnen, den ehemaligen Kriegsteilnehmern, möchte ich
betonen, daß wir die Stärke und den Wert der Freiheit predigen,
demonstrieren und der Welt unermüdlich nahe bringen müssen.
Nichts kann unserer Sache gefährlicher werden als zu erwarten,
daß die Botschaft Amerikas gehört werden wird, wenn wir selbst
nicht immer wieder sie verkünden«
Den unterdrückten Massen der Welt müssen wir immer wieder
die große Wahrheit bestätigen, daß Gott, der dem Menschen das
Leben gegeben hat, zur gleichen Zeit ihm auch das Recht auf Freiheit gab. Und in unserem eigenen Interesse müssen wir sowohl unsere geistige Kraft als auch die notwendigen materiellen Mittel
einsetzen, um anderen Völkern darin beizustehen, die Segnungen
der Freiheit und der Selbstregierung ihrerseits zu erkennen.
Eine zweite Waffe der Kommunisten, gegen die wir uns kraftvoll zur Wehr setzen müssen, ist der Umsturz. In diesem Stadium
des weltweiten Kampfes befinden wir uns ständig. Zum Glück sind
viele Völker gegenüber den Gefahren dieser Bedrohung hellhörig
geworden und unternehmen die nötigen Schritte dagegen.
Im vergangenen Jahr haben die Nationen der westlichen Hemisphäre in Caracas die gemeinsame Erklärung verkündet, daß der
Kommunismus in einem Lande eine Bedrohung für alle übrigen Völker darstelle. Gestärkt durch diese entschlossene Haltung, hat
sich das guatemaltekische Volk in seiner Mehrheit erhoben, um
den ersten eindeutigen Versuch des kommunistischen Imperialismus niederzuschlagen, in dieser Hemisphäre einen Stützpunkt zu
errichten.
Ich weiß, daß Sie, die American Legion, in dem Kampf gegen
den Umsturz in unserem Lande ein Vierteljahrhundert lang vorangingen. Unsere Nation hat alle Ursache, Ihnen für diese unbeugsame Haltung dankbar zu sein. Und ich weiß, daß Ihre entschlossene Führung auch weiterhin unserem Volke zugute kommen wird.
Die amerikanische Regierung wird auch weiterhin einen unermüdlichen Kampf gegen Umsturz und Infiltration führen. Und
wir werden das nicht mit schwächlichen halben Maßnahmen tun,
die gleichmütig alle unloyalen und nicht vertrauenswürdigen
Elemente dulden oder ignorieren, wir werden vielmehr Maßnahmen
ergreifen, die dem Wesen und dem Ausmaß der kommunistischen Verschwörung realistisch angepaßt sind.
Wir

�''AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Wir haben bisher in großem Ausmaß die bestehenden Gesetze
gegen alle umstürzlerische Tätigkeit angewandt. In den vergangenen 19 Monaten ist die Zahl der durch das Bundeskriminalamt
und das Justizministerium herbeigeführten Verurteilungen und
Ausweisungen erheblich gesteigert worden. Darüber hinaus haben
wir in gemeinsamer Arbeit mit dem Kongreß eine Anzahl neuer Gesetze verfaßt, die uns bei der Ausrottung der kommunistischen
Verschwörung helfen werden. Mögen auch einige dieser Gesetze
auf Grund unserer Erfahrungen noch gewisse Änderungen benötigen,
so werden sie doch alles in allem einen wesentlichen Gewinn für
uns bedeuten.
Und eines kann ich Ihnen versichern: wir werden in diesem
Kampf die verfassungsmäßigen Sicherungen, die unsere Rechte und
Freiheiten schützen, nicht verletzen. Unsere Nation ist zu stark,
um in hysterische Furcht zu verfallen, die unter dem Vorwand,
unsere verfassungsmäßigen Institutionen zu wahren, gerade jene
Grundsätze untergraben würde, auf denen diese Institutionen beruhen. Ich weiß, die American Legion vertritt voll und ganz diese
kluge Auffassung echt amerikanischen Geistes.
Ich habe hier zwei Wahrheiten dargelegt, deren Erkenntnis
für unsere Einschätzung der Weltlage von wesentlicher Bedeutung
ist - die Unerbittlichkeit der Kommunisten in ihrem Streben nach
Weltherrschaft, und die Bereitschaft der Kommunisten, zur Erreichung ihrer Ziele jede nur mögliche Waffe einzusetzen.
Eine dritte Wahrheit ist die: Die Sicherheit jeder einzelnen
Nation der freien Welt hängt unmittelbar von der grundsätzlichen
Einigkeit aller Nationen der freien Welt ab. Keine Nation diesseits des Eisernen Vorhanges kann sich eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschick irgendeiner anderen freiheitsliebenden Nation leisten.
Wenn jedes Land, ohne Rücksicht auf die anderen, nur seine
eigenen Ziele verfolgt, dann haben die Kommunisten unbegrenzte
Möglichkeiten, ihre ganze Kraft auf ein Opfer zu konzentrieren.
So würde ihnen ein Land nach dem anderen, zuerst das schwächste
und exponierteste zum Opfer fallen, bis schließlich das stärkste
- wir selbst - sich allein einer feindlichen Welt gegenübersähe.
An dieses Ende zu denken, ist furchtbar, und wir werden niemals
zulassen, daß es soweit kommt.
Die Länder der freien Welt verfügen über gewaltige Aktivposten - an Menschen, produktiven Hilfsquellen, an Durchhaltekraft
und der Anpassungsfähigkeit ihrer Institutionen. Der Grad der Wirk
samkeit und Einigkeit der Länder, diese HilSquellen einzusetzen,
kann sehr wohl den Ausgang des gegenwärtigen Streites bestimmen.
Aus diesem Grunde hat sich die Regierung der Vereinigten
Staaten unermüdlich darum bemüht, bestimmte Aspekte dieser Partnerschaft immer wieder klarzumachen. .
Zunächst

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Zunächst, und das ist das Wichtigste, können wir keine Partnerschaft mit einer Nation eingehen, die nicht selbst den Wunsch
nach Frieden hat und die sich nicht für den Weltfrieden einsetzt.
In unserem modernen Zeitalter ist der Krieg als Instrument einer
wohlüberlegten Politik für uns so undenkbar, daß wir unmöglich
in dauernder Harmonie mit einer Nation leben können, die unsere
friedlichen Überzeugungen nicht teilt.
Auf dieser Basis gingen wir Bündnisse mit anderen Staaten
ein, die guten Willens sind. Heute sind wir im Nordatlantikpakt
mit 13 Staaten, im Riopakt mit 19 amerikanischen Republiken und
im Pazifikpakt mit 6 Nationen verbündet. Was dürfen wir nun von
diesen Alliierten erwarten, und was dürfen sie umgekehrt von
uns erwarten?
Die Antwort lautet eindeutig: wir müssen nach dem Prinzip
der Freiheit in Einigkeit zusammenarbeiten. In unseren gemeinsamen Interessen und Werten, in unseren gemeinsamen Zielen und
Zwecken müssen wir fest zusammenstehen. Wenn wir dies nicht tun,
so beschwören wir damit eine ernste Gefahr herauf. Andererseits
sind wir und unsere Verbündeten in unserem Denken, in unseren
praktischen Entscheidungen und in unserer Politik als souveräne
Staaten frei, und wir müssen darin auch frei bleiben. Weil wir
gleichzeitig einig und frei sind, können wir auch stark sein.
Niemand sollte sich je über den Ursprung dieser Stärke einer
Täuschung hingeben.
Der genannte Grundsatz läßt das Maß unserer gegenseitigen
Verpflichtungen klar erkennen» Wenn wir diese mißachten, erwecken
wir auf beiden Seiten nicht realisierbare Erwartungen. Dann kann
jede kleine Abweichung im Handeln oder Reagieren den Eindruck
erwecken, daß ein Partner dem anderen gegenüber 'vertragsbrüchig'
geworden sei.
In der Praxis bedeutet dieser Grundsatz, daß wir nicht verpflichtet sind, irgendeinem unserer Vertragspartner ein Veto über
unser Handeln einzuräumen, genauso wie wir kein Vetorecht gegenüber den Handlungen anderer besitzen. Wir müssen uns deshalb
vor der gefährlichen Auffassung hüten, daß andere Völker als
unsere Verbündeten das tun müssen, was wir wünschen. Sie sind
niemals derartige Verpflichtungen eingegangen, und wir haben uns
umgekehrt nicht verpflichtet, das zu tun, was sie wollen.
Alle freien Völker haben jedoch die ständige Verpflichtung,
auf eine immer größere Achtung der gemeinsamen geistigen Werte
und Interessen hinzuarbeiten und im Glauben an die Segnungen der
Freiheit und der menschlichen Gerechtigkeit zu handeln. Diese
Ideale müssen die Herzen aller freien Menschen mit Licht und
Wärme erfüllen und ihr Handeln bestimmen. Diese Ideale sind Ausdruck inneren Reichtums und einer lebendigen Einheit. Freie
Menschen, die sich diese Ideale zu eigen gemacht haben, werden
sie nie für das alles erstickende Leichentuch der staatlichen
Reglementierung eintauschen , mit denen die kommunistische Despotie
ihre zum Schweigen verurteilten unterjochten Völker vor den
Blicken der Welt verbirgt.
Die

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Die vierte Wahrheit, die in engstem Zusammenhang mit der
dritten steht, besteht darin: Aus den Hilfsquellen der freien
Welt gilt es, die geistige und materielle Stärke zu entwickeln,
die notwendig ist, um dem gewaltigen Druck der kommunistischen
Welt widerstehen zu können.
Wir und unsere Freunde müssen im Denken und im Seist stark
sein, damit weder Furcht noch Unwissenheit noch mangelnde Entschlossenheit uns ins Verderben leiten können.
Wir brauchen eine starke und freie Weltwirtschaft, damit die
freien Völker die militärische Stärke aufbringen können, derer
sie bedürfen, und damit sie Hunger, Not und Verzweiflung bannen
können, die die kommunistischen Machthaber so erfolgreich für
ihre Zwecke ausnutzen.
Die freie Welt muß auch materiell gewappnet sein, um eine
Aggression abschrecken und sie zurückschlagen zu können, falls
die Kommunisten so unklug sein sollten, zum Angriff überzugehen.
Diese Aufgabe, die freie Welt stark und gesund zu erhalten,
ist sehr vielschichtig, und man darf nie von ihr ablassen. Es
ist in der Tat schwierig, eine Welt des Friedens aufzubauen. Es
erfordert ständige Bemühungen seitens der freien Völker, es gilt,
geduldig bei der Lösung zahlreicher Probleme zusammenzuarbeiten,
die die Menschen in allen Teilen unserer Erde angehen. Diese
Bereitschaft ist durch zahlreiche Rückschläge und auch Erfolge
gekennzeichnet. In Europa beispielsweise, hat der Fortschritt
im Aufbau der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht unseren Erwartungen entsprochen. Andererseits sind inzwischen die
alten Gegensätze im Falle Ägyptens und Persiens bereinigt worden und in Südostasien nehmen die Maßnahmen zur gemeinsamen
Verteidigung Gestalt an. Weder Erfolge noch Rückschläge dürfen
uns dazu verleiten, in unseren Anstrengungen nachzulassen. Die
freie Welt muß auf ihren Erfolgen aufbauen und in den Rückschlägen einen Ansporn zu neuen Leistungen erblicken.
Die fünfte Wahrheit - der für uns als Nation die größte
Bedeutung zukommt - ist unser eigener Platz und unsere Rolle
in der großen gemeinsamen Anstrengung zur Erhaltung der Sicherheit und des Friedens.
Von allen freien Nationen ist unser Land in vieler Hinsicht
das reichste und stärkste. Daher haben wir auch einen großen Anteil an der Last dieser Sicherheit der freien Welt zu tragen.
Es ist ganz offensichtlich, daß wir den andern nicht helfen
können, wenn wir nicht selbst stark bleiben - stark im Geist, in
der produktiven Leistung und in der militärischen Macht.
Ich möchte nur ein paar statistische Tatsachen über unsere
militärische Stärke machen. Diese militärische Stärke basiert
auf der Leistung unserer Wissenschaftler, unserer arbeitenden
Männer und Frauen, unserer Industriellen, unserer führenden
Militärs, - kurz gesagt unseres ganzen Volkes.
Die
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Die Vereinigten Staaten verfügen heute über die machtvollsten
und schlagkräftigsten Streitkräfte in ihrer ganzen Geschichte von der Kriegsstärke natürlich abgesehen. In gewisser Hinsicht
sind es sogar die schlagkräftigsten Streitkräfte, die jemals
aufgebaut wurden.
Wir besitzen Luftstreitkräfte, deren Schlagkraft ständig
zunimmt. Sie verfügen heute über 50 Prozent mehr Düsenflugzeuge
als im vergangenen Jahr.
Wir haben eine mächtige Kriegsmarine mit 13 000 einsatzbereiten Flugzeugen. Auf dem Gebiet des Atomantriebs ist sie in
der Welt führend.
Wir besitzen die stärkste Friedensarmee unserer ganzen Geschichte, ausgerüstet mit modernen Waffen, ausgebildet nach
modernen Methoden, die ihren Aufgaben in der heutigen Zeit durchaus gerecht werden kann.
Wir haben eine starke Marineinfanterie, die mit Recht auf
ihren altbekannten Geist und ihre traditionelle Bereitschaft
stolz sein kann.
Diese gewaltige Streitmacht wird noch unterstützt durch den
Ausbau von Abwehr- und Warnsystemen, um ihr immer größere Wirksamkeit und Reichweite zu verleihen.
Sie werden mir vielleicht erlauben, an dieser Stelle ein
Wort über die Zivilverteidigung einzuflechten. Was immer die
American Legion tun kann, um dieses Programm zu vervollständigen,
wird zur Stärkung unserer nationalen und individuellen Sicherheit beitragen. Ich möchte keinesfalls, daß diese Aufzählung
von Tatsachen über das Wesen unserer Streitkräfte als Aufschneiderei oder eine an irgend jemanden gerichtete Drohung ausgelegt
wird.
Wir wollen immer daran denken, daß unser Grundziel der Frieden ist. Aber in unserer Suche nach dem Frieden - die wirklich
nur seiner weiteren Festung dient - sind wir entschlossen, nicht
auf die Sicherheit zu verzichten.
Darf ich über unsere Streitkräfte noch etwas sagen: Eineinhalb Jahrhunderte lang war unsere Republik stolz darauf, kein
großes Berufsheer zu unterhalten. Wir haben uns statt dessen
auf den Bürger als den Verteidiger des Landes verlassen. Aber
wir haben es dabei an Fairness sowohl gegenüber dem Bürger als
an der Sicherheit der Nation fehlen lassen. Wir haben weitgehend
versagt, jene starke, einsatzbereite militärische Reserve aufrechtzuerhalten, die wir vor 150 Jahren für selbstverständlich
hielten.
Nun müssen wir endlich eine solche Reserve aufbauen, und
wir müssen sie erhalten. Fromme Wünsche und politische Trägheit dürfen nicht länger ein Programm behindern, das für unsere
Verteidigung so absolut lebenswichtig ist.
_.

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Ein Punkt muß dabei besonders unterstrichen werden: Diese
Reserve wird keine unbillige Härte für jene bedeuten, die ihrer
Dienstpflicht bereits genügt haben. Dafür wird die Regierung
sorgen.
Die Schaffung einer angemessenen Reserve - ein Ziel, für
das die American Legion und andere patriotische Verbände eine
ganze Generation lang vergeblich gekämpft haben - wird als
eines der dringlichsten Erfordernisse dem Kongreß im kommenden
Jahr unterbreitet werden.
Und ich wiederhole - wenn wir uns mit diesem machtvollen
militärischen System befassen, müssen wir stets daran denken,
daß wir es nur unterhalten, weil wir es müssen; wir dürfen nicht
vergessen, daß Waffen allein der Welt nicht eine Zukunft zu geben vermögen, die sicher, friedlich und verheißungsvoll für die
Menschheit ist.
Die Außenpolitik unseres Landes, meine Freunde, ist heute
einfach ein Programm, das den Frieden mit Methoden zu gewinnen
sucht, die mit diesen und anderen Wahrheiten, die heute nun einmal in der Welt Gültigkeit haben, übereinstimmen. Wichtig für
ihren Erfolg sind unsere loyalen und tüchtigen Männer im Auswärtigen Dienst, die unter der hervorragenden Führung von Außenminister Dulles ihre Aufgaben erfüllen. Mit Ausnahme von wenigen Fällen, die in der Öffentlichkeit stark diskutiert wurden,
können wir dankbar sein für den Eifer, das Können und die Aufopferung dieser Beamten, auf die wir uns bei den heiklen und
schwierigen Verhandlungen mit anderen Nationen und in der Versicherung unserer friedlichen Absichten gegenüber der Welt verlassen müssen.
Was dieses Streben nach Frieden angeht, so wird sich an dem
Verhalten Amerikas nichts ändern. Kein verantwortlich denkender
Mensch - keine politische Partei - will den Krieg oder will
Amerika Schaden zufügen. Die einzige verräterische Partei, die
wir haben und die uns schaden will, ist die kommunistische Verschwörung, die aber glücklicherweise zahlenmäßig sehr gering
ist. Mögen wir in anderen Dingen noch so verschiedener Meinung
sein, in dieser Hinsicht sind wir alle Amerikaner, sonst nichts.
Wir müssen uns vor Augen halten, daß es bei der Anwendung einer
solchen Politik auf die zahlreichen mühevollen und schwierigen
Probleme, die die freie Welt zu losen hat, auch weiterhin Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten in bestimmten Fragen
geben wird.
Aber so schwierig unser Weg auch ist, so würden wir doch
gut daran tun, nicht zu vergessen, daß wir, sollen Klugheit und
Menschlichkeit walten, gar keinen anderen wählen können. Den
Weg der Isolierung zu gehen, würde bedeuten, den größten Teil
der freien Welt dem kommunistischen Despotismus auszuliefern
und schließlich unsere eigene Sicherheit aufzugeben. Bewußt den
Weg des Krieges zu wählen, würde plötzlich die Zivilisation in
Gefahr bringen, die zu bewahren wir entschlossen sind.
Wir
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1 954

Wir werden uns in keine dieser Sackgasse treiben lassen.
Wir werden auch weiterhin de» in unseren Nationen tief verwurzelten Wunsche Ausdruck geben, mit allen Völkern im Frieden zu
leben. In Verfolgung dieses Zieles haben wir die Vereinten
Nationen, die in den ersten neun Jahren ihres Bestehens für
die Sache des Friedens Großes geleistet haben, loyal unterstützt
und mit ihnen zusammengearbeitet. Gewiß ist es den Vereinten
Nationen oftmals nicht gelungen, unsere Hoffnungen zu erfüllen,
doch ist das kein Grund, um in unserer Unterstützung nachzulassen.
In unserem Kampf um den Frieden haben wir uns für die Lösung bestimmter internationaler Streitfälle eingesetzt. Im Juni
vorigen Jahres verhandelten wir über einen Waffenstillstand,
der dem Krieg in Korea ein Ende setzte, dem Lande die Freiheit
bewahrte und die Eroberungsabsichten der Kommunisten vereitelte.
Im Januar bemühten wir uns auf der Berliner Konferenz um die
Zustimmung der Kommunisten für die Errichtung eines freien und
wiedervereinigten Deutschlands und um einen Österreichischen
Staatsvertrag. Im April setzten wir uns in Genf für die friedliche Wiedervereinigung Koreas ein und versuchten, einen Beitrag zur Beendigung des Krieges in Indochina zu leisten.
Wir haben daneben auch andere Mittel und Wege zu einer Verringerung der Spannungen vorgeschlagen. Im April vorigen Jahres
haben die Vereinigten Staaten die allgemeinen Grundlagen für
eine allgemeine internationale Verständigung umrissen. Im vergangenen Dezember schlugen wir eine internationale Zusammenfassung der atomaren Hilfsquellen für friedliche Zwecke vor.
Bedauerlicherweise ist die Reaktion der Kommunisten auf diese
beiden Vorschläge entweder gleichgültig oder negativ gewesen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten wird aber trotzdem gemeinsam mit ihren Freunden auch weiterhin praktische Methoden
prüfen, um die Atomwissenschaft in den Dienst der Menschheit zu
stellen® Darüberhinaus werden wir fortfahren, den Friedenshoffnungen der freien Welt Ausdruck zu verleihen. Trotz der entmutigenden Ergebnisse auf bestimmte Vorschläge glaube ich, daß
die ständigen Bemühungen der Vereinigten Staaten, die Sowjets
zu einer Prüfung solcher Lösungen zu bewegen, die der Sache des
Friedens förderlich sind. Die Tür wird ihnen stets offen stehen,
wenn immer sie ihre ernsthafte Absicht zeigen, an diesem Projekt
teilzunehmen.
Wir zweifeln nicht an unserem letztlichen Erfolg. Kein
menschliches Problem ist unlösbar. Aus der tiefen Überzeugung
heraus, daß unsere grundsätzlichen Ziele im Einklang mit dem
Willen des höchsten aller Herren stehen, werden die Vereinigten
Staaten 3ie auch weiter verfolgen. Für diese höchste Aufgabe
unseres Jahrhunderts benötigen die Vereinigten Staaten die
Unterstützung aller ihrer Bürger. Sie brauchen ihr Verständnis,
ihre Entschlossenheit und Opferbereitschaft sowie die Kraft und
den Mut ihres Glaubens.
„.,».

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Hilfe zu leisten, daß Amerikas Stärke und seine Sicherheit
erhalten bleibt, mitzuhelfen, daß Amerika auf den wahren Weg des
Friedens geführt wird., dafür ist keine Gemeinschaft besser qualifiziert als die Ihre, die American Legion.
Insbesondere aus diesem Grunde wiederhole ich meine Worte,
in d enen ich meinem Gefühl des Stolzes und der Auszeichnung
Ausdruck gab, die mich bewegen während ich vor Ihnen spreche.
Mögen Mut, Weisheit und Entschlossenheit die Verhandlungen
dieser Jahresversammlung leiten und die American Legion zu einem
Instrument von ständig wachsender Bedeutung für ganz Amerika
und die freie Welt machen."
* * * * * *

- 10 -

�A

EISENHOWER: DIE FREIE WELT IST TROTZDEM ÜBERWÄLTIGEND STARK

DES MOINES,IOWA — (Amerika Dienst) -- Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Teil der Rede des US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, in dem e r am 30.
August 1954 bei einer Ansprache vor Besuchern der
landwirtschaftlichen Messe in Des Moine s, Iowa auf
die Ablehnung des EVG-Vertrages durch d ie französiehe Nationalversammlung Bezug nahm} e in Ereignis,
das der amerikanische Präsident als ein en Rückschlag
im Kampf gegen den internationalen Kommunismus bezeichnete. Auf die jüngsten Erfolge des Westens, wie
die Beilegung des persischen ölkonflikt s, die Regelung der Suezkanalfrage und die Beseiti gung der
kommunistischen Regierung in Guatemala hinweisend,
betonte der Präsident, die USA dürften es nie so
weit kommen lassen, daß ihr Land nur no ch eine Insei der Freiheit in der kommunistischen Flu(t darstelle, und führte im Zusammenhang mit der EVG wörtlieh aus:
"... Wir haben auch Rückschläge erlitten. Von einem der
schwersten Rückschläge ist heute in der Presse zu lesen: der
Ablehnung des französischen Vorschlages, in Europa die Europäische Verteidigungsgemeinschaft zu errichten, durch die
französische Nationalversammlung. Die EVG war ein Instrument,
mit dem die freie Welt die Sicherheit vor jeder Drohung von
außen erlangen könnte, ohne in die traditionellen inneren
Streitigkeiten in Westeuropa verwickelt zu werden. Dieser
Vorschlag wurde zu einem Bündnissystem ausgebaut, ohne daß
dadurch auch nur die geringste Gefahr bestand, daß es zum
Ausgangspunkt eines Krieges oder auch nur irgendeiner aggressiven Handlung hätte werden können.
Auf Grund dieser Eigenschaften des Planes, traten die USA,
Großbritannien und alle westlichen Nationen für ihn ein und
billigten diese große französische Idee. Heute läßt sich die
Tatsache nicht verheimlichen, daß wir einen schweren Rückschlag
erlitten haben. Aber ich möchte dazu eines sagen: Die freie Welt
ist im Verhältnis zu den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang
immer noch überwältigend stark. In ihrer Bevölkerung, dem Niveau
ihrer Intelligenz und dem beruflichen Können, in ihrer Landwirt- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Landwirtschaft und ihrer Industrie, in ihrem Pesthalten an
einer Sache und nicht in der befohlenen Unterwerfung unter eine
Regierung und schließlich in ihrer ungeheuren Produktivität
und alles zusammen genommen in ihrer militärischen Macht."
Der Präsident erinnerte in seiner Rede weiter daran, daß
die Stärke Amerikas auf dem Glauben an die Würde des Menschen
auf der Überzeugung der vollen Wirksamkeit einer freien Wirtschaft und der Einigkeit in den grundlegenden Prinzipien beruhe.
Eisenhower betonte erneut, daß niemand in den USA einen
Krieg wünsche und das amerikanische Volk glücklich sei, daß
nach vielen Jahren endlich der Schlachtenlärm überall in der
Welt verstummt sei. Die Freiheit, so führte Eisenhower weiter
aus, sei jedoch unteilbar. "Wenn wir selbst frei sein wollen",
so sagte der Präsident, "dann müssen wir bereit sein, die Freiheit derer zu verteidigen, die frei bleiben wollen." Amerika
werde nie in seinem Streben um die gute Sache nachlassen.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Atomenergie unterstrich Eisenhower, daß die USA alles unternehmen, um mit der
ganzen Welt die Geheimnisse zu teilen, die dazu dienen könnten,
die Atomenergie durch ihre friedliche Verwendung zu einem
wahren Segen für die Menschheit zu machen. Auch diese Bemühungen würden wie alle andern unermüdlich fortgesetzt. "Wir brauchen nicht zu verzweifeln", so schloß der Präsident, "und wir
dürfen es auch nicht."
* * * * *

- 2 -

�A M E R I K A

D I E N S T

JOHN FOSTER DULLES: UNVERZÜGLICHE EINBERUFUNG DES NATO-RATES
UND BALDIGE BERATUNGEN MIT BUNDESKANZLER ADENAUER

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Das amerikanische
Außenministerium veröffentlichte am 3 1 • August 1954
eine Erklärung, in der Außenminister Dulles zur Ablehnung der EVG durch die französische Nationalversammlung Stellung nimmt. Die Erklärung hat folgenden Wortlaut:

"Die französische Ablehnung der Europäischen Verteidungsgemeinschaft ist ein betrübliches Ereignis* Frankreich hat sich
dadurch von seinem eigenen historischen Vorschlag abgewandt,
den es vor fast vier Jahren machte. Dieser Vorschlag zielte
auf eine Vereinigung der militärischen Kräfte Kontinentaleuropas in einer einzigen europäischen Armee ab, um damit die
Periode der sich wiederholenden Kriege in Europa zu beenden,
nachdem die letzten beiden dieser Kriege zu Weltkriegen geworden waren.
Der französische Schritt ändert nichts an gewissen grundlegenden und feststehenden Tatsachen:
A) Die wirksame Verteidigung Kontinentaleuropas erfordert
einen wesentlichen Beitrag von seiten der Deutschen; alle,die
Deutschen eingeschlossen, möchten jedoch eine nationale Wiederbewaffnung in einer Form vermeiden, die durch einen wiedererstehenden Militarismus mißbraucht werden könnte.
B) Deutschland kann nicht auf unbestimmte Zeit einer Neutralität unterworfen oder hinsichtlich seiner Souveränität anderweitig benachteiligt werden, wozu auch das ihm zustehende
Recht der individuellen und kollektiven Selbstverteidigung
gehört. Beschränkungen der deutschen Souveränität, die auf
lange Sicht annehmbar sein sollen, müssen auch von anderen
als Teil einer internationalen kollektiven Ordnung geteilt
werden.
C) Die Verhinderung von Kriegen zwischen benachbarten Nationen, die auf eine lange Geschichte kriegerischer Ereignisse
zurückblicken, kann nicht lediglich durch nationale Versprechungen oder Drohungen sondern einzig und allein durch den
Zusammenschluß gewisser Funktionen ihrer Regierungen in übernationalen Institutionen erreicht werden«
-..
Diesen
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

Diesen Tatsachen Rechnung zu tragen, war das große Ziel der
EVG. Vier der äechs vorgesehenen Mitgliedstaaten haben den Vertrag ratifiziert, nämlich Belgien, Deutschland, Luxemburg und
die Niederlande. Ein fünftes Land, Italien, stand kurz vor der
Ratifizierung. Großbritannien und die USA waren weitreichende
Verpflichtungen im Hinblick auf eine Assoziierung mit der EVG
eingegangen. Prankreich rückt also nicht nur von seinem eigenen
Vorschlag ab sondern trennt sich auch von seinen vorgesehenen
Partnern, die auf der kürzlichen Brüsseler Konferenz einen einheitlichen Standpunkt einnahmen.
Die amerikanische Nachkriegspolitik wurde seit 1946 auf der
Voraussetzung aufgebaut, daß Westeuropa schließlich eine Einheit
entwickeln würde, die es gegen Kriege untereinander immun und
gegen Aggressionen von außen verteidigungsfähig machen würde.
Die zwingende Notwendigkeit für diese Einheit wurde von den führenden Staatsmännern aller freien Nationen Europas anerkannt.
Die Vereinigten Staaten haben sich zusammen mit den westeuropäischen Ländern der Nordatlantikpaktorganisation angeschlossen. Sie haben diesen Ländern geholfen, sich von den Schäden des
zweiten Weltkrieges zu erholen. Sie haben ihnen sowohl auf wirtschaftlichem wie auf militärischem Gebiet umfangreiche Unterstützung zukommen lassen. Sie haben Streitkräfte in Europa stationiert, die der Gefechtsstärke von sechs Divisionen entsprechen. Sie haben darüber hinaus ihre führenden militärischen Fachleute der für die Verteidigung Westeuropas vorgesehenen militärischen Organisation zur Verfügung gestellt, um dort hohe Posten
zu übernehmen.
Die negative Handlung Prankreichs, die keine Alternativlösungen vorsieht, macht es für die USA verständlicherweise notwendig, ihre Außenpolitik zu überprüfen, insbesondere im Hinblick
auf EuropaDie Notwendigkeit einer derartigen Überprüfung kann kaum in
Präge gestellt werden, da der NATO-Ministerrat selbst zweimal
einstimmig erklärt hat, daß die EVG für die von ihm geplante
Verteidigung Europas von ausschlaggebender Bedeutung wäre. Darüber hinaus ist eine solche Überprüfung auf Grund der Bedingungen notwendig geworden, welche der Kongreß in diesem und im vorigen Jahr für Bewilligungen und Zuweisungen im Hinblick auf militärische Unterstützung für Europa aufgestellt hat.
Die westlichen Nationen sind es nun der deutschen Bundesrepublik schuldig, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um der
deutschen Bundesrepublik so schnell wie möglich die Souveränität
zurückzugeben und sie in die Lage zu versetzen, einen Beitrag
zum Weltfrieden und zur internationalen Sicherheit zu leisten.
Der bestehende Vertrag zur Wiederherstellung der deutschen
Souveränität ist auf Grund seiner Bestimmungen von der Verwirklichung des EVG-Vertrages abhängig« Es würde unverantwortlich
sein, wenn das Scheitern der Bemühungen, die EVG zu verwirklichen,
an dem Deutschland keine Schuld trägt, nur als ein Vorwand benutzt
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

1. September 1954

benutzt werden sollte, um Deutschland zu bestrafen. Die deutsche
Bundesrepublik sollte ihren Platz als ein freies und gleichberechtigtes Mitglied in der Gemeinschaft der Nationen einnehmen.
Das war der Sinn der vom amerikanischen Senat im Juli dieses
Jahres einstimmig angenommenen Resolution, und die Vereinigten
Staaten werden in diesem Sinne handeln.
Die USA sind weiterhin bereit, die vielen in Westeuropa
zu unterstützen, die trotz ihrer mannhaften Bemühungen nun in
ernster Sorge verbleiben. Wir brauchen nicht zu glauben, daß
der europäische Gedanke tot ist,nur weil in einem der sechs
Länder eine heute vorhandene Mehrheit gegen eine seiner Manifestationen eingestellt zu sein scheint. Es gibt noch immer vieles, auf dem man aufbauen kann( und diese Grundlagen sollten
nicht durch irgendeine abrupte oder unüberlegte Maßnahme unsererseits in Frage gestellt werden.
Es ist eine Tragödie, daß sich in einem Land der Nationalismus, unterstützt vom Kommunismus, so behauptet hat, daß er ganz
Europa gefährdet. Diese Tragödie würde noch größer werden, wenn
die USA daraus den Schluß zögen, daß sie sich einem Kurs des
engstirnigen Nationalismus zuwenden müßten. Es ist eine Sache
der elementarsten Klugheit, daß die USA ihre Dispositionen und
ihre Planung im Lichte der nunmehr geschaffenen neuen Situation
überprüfen. Wir sind glücklicherweise in der Lage, uns nicht mit
einer Politik identifizieren zu müssen, die uns als eine Politik
der Selbstaufgabe erscheint. Wir sind elastisch genug, um unsere
eigene Politik so anzupassen, daß sie den Entwicklungen anderswo
Rechnung trägt. Dabei werden wir von der Erkenntnis geleitet,
daß wir in der Isolierung keine Sicherheit für uns finden können.
Als der NATO-Ministerrat sich im vergangenen April vertagte,
um im kommenden Dezember wieder zusammenzutreten, wies ich darauf hin, daß - falls das Zustandekommen der EVG scheitern
sollte - damit eine Notlage geschaffen würde, die eine Sondersitzung des Rates erforderlich machen würde. Diese Situation
ist nun eingetreten, und die USA sind der Überzeugung, daß unverzüglich eine Sondersitzung des NATO-Ministerrates einberufen
und baldige Beratungen mit Bundeskanzler Adenauer aufgenommen
werden sollten."
* * * * *

- 3-

�EISENHOWER: BEMÜHUNGEN ZUR SCHAFFUNG EINES INTERNATIONALEN
ATOMPOOLS WERDEN FORTGESETZT

DENVER — (Amerika Dienst) — Präsident
Eisenhower verkündete am 6. September 1954
in Denver, Colorado, daß die USA zusammen
mit mehreren befreundeten Nationen der freien
Welt seinen Plan zur Gründung eines internationalen Atompools und zum Austausch von Informationen und Material zur Atomenergieentwicklung unverzüglich in Angriff nehmen werden. Der Präsident gab diesen Entschluß in
einer anläßlich der Grundsteinlegungszeremonie
zum ersten amerikanischen Atomkraftwerk in
Shippingport, Pennsylvania,von Rundfunk und
Fernsehen übertragenen Ansprache bekannt,
die folgenden Wortlaut hat:
"An dem diesjährigen 'Tag der Arbeit' halten wir Amerikaner in unserem Tagewerk inne, um mit besonderer Aufmerksamkeit der Würde und des Werts - und der unerhörten Leistung - des einzelnen Arbeiters in unserem Lande zu gedenken.
An diesem Tage blicken wir mit besonderem Stolz auf die beispielhafte Arbeitskraft und -leistung unserer arbeitenden
Männer und Frauen. Alle Amerikaner sind dankbar für diesen
Beweis, was freie Menschen zu erreichen und zu leisten vermögen.
Es ist daher ein besonderes Glück für uns, daß wir an
diesem Tag der Arbeit einen historischen Schritt voran tun
können, der für alle von uns neue Wege zu aufbauender Arbeit
und zu Wohlstand erschließt und die Bürde unserer Arbeit
erleichtert.
Heute nämlich beginnen wir in Shippingport im Staate
Pennsylvania mit dem Bau unseres ersten Atomkraftwerks, das
der Größe eines normalen Kraftwerks entspricht und für eine
Gemeinde von 100 000 Menschen Strom liefern soll. Mit diesem
Vorstoß zu einer wirtschaftlich rentablen Elektrizitätserzeugung durch Atomkraft kommt die Menschheit der Erfüllung
des alten Traums von einer neuen und besseren Welt näher.
Aber wir bleiben weder bei diesem Atomkraftwerk noch,
bei den Hoffnungen und Träumen unseres eigenen Landes stehen.
Unsere zahlreichen Vorschläge zur friedlichen Nutzung der
- 1 -

�8. September 1954

"AMERIKA DIENST"

der Atomenergie wurden bislang auf den verschiedenen internationalen Konferenzen in zynischer Weise zum Scheitern gebracht,
dennoch werden wir weiter vorangehen. Wir werden nun dazu
übergehen - entsprechend den Sicherheitsbestimmungen, wie
sie in unserem Atomenergiegesetz niedergelegt sind - unsere
technischen Kenntnisse vom Atom mit anderen Staaten, die guten Willens sind, zu teilen.
Wir sind soeben mit einer Reihe anderer Nationen übereingekommen, Schritte zur Bildung einer internationalen Behörde zu unternehmen, durch die die Vermehrung und die Ausbreitung der neuen Atomtechnik für friedliche Zwecke gefördert
werden soll. Atommaterial für Projekte, die von dieser Behörde
unterstützt werden, wird zu diesem Zwecke bereitgestellt werden. Wir hoffen, daß auf die Dauer keine Nation sich von der
Arbeit dieser Behörde ausschließen wird.
Gleichzeitig mit der Durchführung dieser Pläne werden wir
in den USA eine 'Atomreaktor-Schule' aufbauen, um die Techniker der befreundeten Nationen in den Fertigkeiten und Techniken zu unterrichten, die sie zur Durchführung ihrer eigenen
Atomprogramme benötigen. In Kürze werden außerdem mit den
Ländern, die ihre eigenen Atomreaktoren für Forschungszwecke
bauen wollen, Besprechungen über eine zweckmäßige Zusammenarbeit aufgenommen werden.
Wir stehen außerdem vor Verhandlungen mit der belgischen
Regierung über den Bau einer Atomkraftanlage in Belgien. Am
kommenden Donnerstag beginnen wir mit unseren Freunden in Kanada Gespräche über Atomfragen. Verhandlungen mit anderen befreundeten Nationen werden in Kürze folgen.
Meine Freunde, alle diese Maßnahmen und das Wissen, das
wir durch die neue Anlage gewinnen, mit deren Bau wir heute
beginnen, werden - davon bin ich fest überzeugt - das Atom
zu einem mächtigen Diener und unerschöpflichen Wohltäter der
Menschheit machen und nicht zu ihrem Zerstörer.
Mit dieser tiefen Hoffnung und diesem unerschütterlichen
Vertrauen - und mit einem Gebet für die Zukunft der Menschheit setze ich nun hiermit die Bauarbeiten zum ersten amerikanischen Atomkraftwerk in Gang."
Bei den letzten Worten seiner Rede führte Präsident
Eisenhower einen radioaktiven Stab über ein Elektronen-RöhrenAggregat und setzte mit dem hierdurch erzeugten elektrischen
Impuls eine Erdräummaschine auf dem rund 1600 Kilometer entfernten Baugelände in Shippingport in Gang, die den ersten
"Spatenstich" zur Grundlegung des Atomkraftwerks ausführte.
Das Kraftwerk, das gemeinsam von der US-Atomenergiekommission
und der "Duquesne Light Company" errichtet wird, soll eine
Kapazität von 60 000 Kilowatt haben und arbeitet mit einem
mit angereichertem Uran betriebenen Reaktor. Als Kühlung und
Moderator des Atomreaktors wird Wasser unter Druck verwendet.
* * * * * *

- 2 -

�JOHN POSTER DULLES ZUR ERÖFFNUNG DER MANILA-KONFERENZ
MANILA — (Amerika Dienst) — Die Achtmächtekonferenz über die Verteidigung Südostasiens,
an der Australien, Frankreich, Großbritannien,
Neuseeland, die Philippinen, Pakistan, Thailand
und die USA teilnehmen, ist am 6. September
1954 in der Kongreßhalle der philippinischen
Hauptstadt Manila eröffnet worden.
Die Eröffnungsansprache der dreitägigen Konferenz hielt der philippinische Staatspräsident
Ramon Magsaysay. Danach sprachen die Chefdelegierten der an der Konferenz teilnehmenden
Nationen kurze Begrüßungsworte, in denen sie
die Bedeutung der Zusammenkunft betonten. Die
Rede des US-Außenministers John Foster Dulles
hat folgenden Wortlaut;
"Wir sind hierher gekommen, um ein kollektives Sicherrheitsabkommen für Südostasien zu schaffen. Bei diesem Vorhaben
handeln wir im Rahmen und In Übereinstimmung mit den Grundsätzen der UN-Charta. Was wir hier tun, ist gegen keine Nation und gegen kein Volk gerichtet. Wir führen nur das durch,
was die Charta als das uns zustehende Recht der kollektiven
Selbstverteidigung bezeichnet.
Die USA selbst haben in Südostasien keine direkten territorialen Interessen. Dennoch verbindet uns das Gefühl eines
gemeinsamen Schicksals mit den Menschen, die in diesem Gebiet leben und schaffen. Wir sind durch eine gemeinsame Gefahr vereint, eine Gefahr, die aus dem internationalen Kommunismus und seinen unersättlichen Ambitionen herrührt. Wir wissen, daß, wo der internationale Kommunismus auch immer Gewinne
erzielt - wie in Indochina -, diese Gewinne nicht als endgültige Lösungen sondern als Ausgangspunkte für weitere Gewinne angesehen werden. Diese Tatsache erfordert von uns allen,
daß wir uns mit den Dingen befassen, die anderswo vor sich
gehen.
Die Gefahr offenbart sich in mannigfacher Form. Eine dieser Formen ist die offene, bewaffnete Aggression. Wir können
diese Gefahr entscheidend verringern, wenn wir deutlich erklären, daß ein Angriff auf den Geltungsbereich des Vertrages
eine so einheitliche, so starke und eine so gut placierte Gegenmaßnahme zur Folge hätte, daß der Angreifer mehr verlieren
würde, als er hoffen könnte zu gewinnen.
TT
1
Unsere

�8. September 1954

"AMERIKA DIENST"

Unsere Zusammenkunft sollte daher alle Beteiligten eng
zusammenführen und sowohl die individuelle als auch die kollektive Fähigkeit zur Abwehr eines bewaffneten Angriffs schaffen.
Die USA selbst streben dies an, und wir vermerken mit Genugtuung die Bemühungen, die in dieser Richtung von anderen hier
vertretenen Ländern wie den Philippinen, Pakistan und Thailand
unternommen werden. Wir begrüßen die historische Erklärung
des australischen Ministerpräsidenten, daß Australien selbst
in Friedenszeiten bereit ist, überseeische Militärverpflichtungen einzugehen.
Es wird notwendig sein sicherzustellen, daß die einzelnen
Bemühungen der verschiedenen Vertragspartner zum besten Vorteil
aller genutzt werden. Die hier vertretenen Nationen können sich
mit den riesigen Landarmeen, über die der internationale Kommunismus in Asien verfügt, nicht messen. Wenn die freien Nationen
versuchen würden, an jedem Gefahrenpunkt auf der Welt große Landarmeen zu unterhalten oder zu unterstützen, dann wäre das gleichbedeutend mit Selbstzerstörung.
Was die Vereinigten Staaten angeht, so sind unsere Verantwortlichkeiten so groß und so weit gespannt, daß wir glauben,
den besten Dienst dadurch zu leisten, daß wir als Abschreckung
eine bewegliche und schlagkräftige Macht in Verbindung mit
strategisch gut verteilten Reserven schaffen.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die vorgesehenen Vertragsmitglieder durch wohlabgewogene und gut koordinierte Bemühungen,
die im Rahmen unserer Kapazität liegen, eine Macht schaffen
können, die uns alle schützt.
Neben der Gefahr eines offenen bewaffneten Angriffs besteht
die Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression. Um
einer solchen Gefahr zu begegnen, gibt es keine einfache oder
alleinige Formel. Ihr entgegenzutreten, erfordert Hingabe, Stärke
und Elastizität, wie sie zum Beispiel Staatspräsident Magsaysay
gezeigt hat.
Die Möglichkeiten werden sich für den Kommunismus verringern, wenn Handelsbeziehungen den freien Nationen helfen, ihre
Wirtschaft zu stärken. Dies wird die Teilnahme von Ländern erfordern, die zu den Staaten hinzutreten, deren besonderes Anliegen die Sicherheit Südostasiens ist. Eine wirtschaftliche Planung, die ausreichend sein soll, muß den Handel nicht nur innerhalb des südostasiatischen Raumes fördern, sondern auch dem Handel zwischen diesem Raum und Südasien und dem westlichen Pazifik
Auftrieb geben. Eine solche Planung geht ganz offensichtlich
über den Bereich dieser Konferenz hinaus. Diese Konferenz würde
jedoch nicht ihre Pflicht gegenüber den vielen auf uns hoffenden
Menschen erfüllen, wenn wir nicht mit dem wohldurchdachten Entschluß aus Manila fortgingen, daß wir unsere Bemühungen mit denen anderer vereinigen, um die freien Länder dieses Gebietes
nicht nur in militärischer sondern auch in sozialer und wirt- 2 -

�t
"AMERIKA DIENST"

8. September 1954

wirtschaftlicher Hinsicht stärker und widerstandsfähiger zu
machen.
Einige Länder, die zu dem in Aussicht genommenen Bereich
des Vertrages enge Beziehungen haben, sind hier nicht vertreten.
Zu diesen Ländern gehören Kambodscha, Laos und Vietnam. Die Regierungen und die Völker dieser Länder können wissen, daß wir
sehr viel an sie denken, und ich hoffe, daß wir in der Lage
sein werden, irgendein Gewand des Schutzes um sie zu legen. Es
gibt andere Länder, die später vielleicht den Wunsch haben mögen, unserem Defensivsystem beizutreten. Um dies möglich zu
machen, wird der Vertrag, so hoffe ich, die Bestimmung für den
Beitritt neuer Mitglieder enthalten.
Es gibt einen Aspekt unseres Problems, den wir uns immer
vor Augen halten sollten. Das ist die Sehnsucht der asiatischen
Völker, frei vom 'Kolonialismus' zu sein. Der internationale
Kommunismus benutzt den 'Nationalismus' als ein Schlagwort
zur Erlangung der Macht und legt den Völkern dann seine eigene
brutale Form des Imperialismus auf, der die Negation des Nationalismus darstellt.
Zu Recht stellen wir uns mit allem Eifer gegen diese kommunistische Bedrohung. Die Westmächte sollten jedoch mit Sorgfalt
darauf achten, daß dieser Eifer sie nicht blind macht gegenüber den Gefühlen, jener, die den Kolonialismus immer noch mit
dem Westen in Verbindung bringen.
Es muß über jeden Zweifel klargestellt werden, daß wir
alle die Absicht haben, die Unabhängigkeit der neuen Nationen
zu stärken und den Prozeß zu fördern, durch den andere die
von ihnen gewünschte Unabhängigkeit gewinnen und erhalten
können« Nur dann können der Osten und der Westen in echter
Partnerschaft zusammenarbeiten.
Wir kommen hier zusammen und müssen'einige Meinungsverschiedenheiten beseitigen. Das ist nichts Erschreckendes. Zu
einer freien Gesellschaft gehören auch Meinungsverschiedenheiten.
Ich zweifle nicht daran, daß wir aus unseren anfänglich verschiedenen Ansichten ein bedeutsames Übereinkommen erarbeiten
können. Das ist unsere große Pflicht, die wir gegenüber uns
selbst und gegenüber anderen haben.
Diese Pflicht wird uns zu einem Augenblick dramatisch
vor Augen geführt, wo in Nordvietnam Hunderttausende ihre angestammte Heimat aufgeben, um dort ein neues Leben zu beginnen,
wo sie glauben, frei zu sein. Wir werden Zeuge einer neuen
Massenflucht, wie schon vorher Millionen aus dem kommunistischen
Ostdeutschland und dem kommunistischen Nordkorea geflohen sind.
Diejenigen von uns, die frei und stark sind und noch nicht
in augenblicklicher Gefahr leben, haben die ehrenhafte Verpflichtung, zu beweisen, daß die Freiheit jene schützen kann, die unter großen Opfern der Freiheit die Treue halten. Lassen Sie das
die Verpflichtung unserer Konferenz sein."
* * * * *

- 3 -

�AUSSENMINISTER DÜLLES BERICHTET ÜBER MANILA-KONFERENZ

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Außenminister Dulles berichtete dem amerikanischen
Volk am 15.9.1954 über die Manila-Konferenz,
auf der der südostasiatische Verteidigungspakt unterzeichnet wurde. Die Ansprache des
Außenministers, die vor seinem Abflug nach
Bonn und London auf Band aufgenommen worden
war, hat folgenden Wortlaut:
"Unsere Suche nach Frieden führte uns in der vergangenen
Woche nach Manila. Dort trafen sich acht Nationen, um in Südostasien und dem südwestlichen Pazifik Einigkeit für Sicherheit und Frieden zu schaffen.
Um diese Einigkeit hatten sich die USA schon seit langem
bemüht. Vor vier Jahren verhandelte ich mit Australien, Neuseeland und den Philippinen über Sicherheitsverträge. Wir alle
wußten jedoch, daß dies nicht genug war. Daher forderten diese
Verträge die 'Entwicklung eines umfassenderen Systems der regionalen Sicherheit im pazifischen Raum'. Am 16. April 1953 forderte Präsident Eisenhower in seiner Friedensrede ein 'gemeinsames Handeln', um der Aggressionsandrohung in Südostasien zu
begegnen. Im vergangenen März habe ich diesen Appell wiederholt.
Der Präsident und ich hatten gehofft, rechtzeitig eine
Einheit zur Stärkung der Verhandlungsposition der freien Nationen während der Indochina-Verhandlungen in Genf zustandezubringen. Jedoch erwies sich dies als nicht durchführbar.
Der Ausgang der Genfer Konferenz bestätigte aber die Notwendigkeit nach Einigkeit. So kamen Australien, Frankreich, Neuseeland, Pakistan, die Philippinen, Tailand, Großbritannien und
die Vereinigten Staaten in der vergangenen Woche zusammen. Wir
verhandelten hierbei als völlig gleichberechtigte Partner und
unterzeichneten schließlich einen Verteidigungsvertrag, der gegen eine offene Aggression von außen wie gegen eine Subversion
von innen gerichtet ist.
Der Vertrag sieht vor, daß im Falle einer bewaffneten
Aggression jedes der Länder Maßnahmen treffen wird, um der gemeinsamen Gefahr zu begegnen. Es wurde ein Gremium geschaffen,
das über militärische und andere Planungen beraten soll.
«.
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Der Vertrag trägt auch der Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression Rechnung. Er befaßt sich mit diesem schwierigen Problem ausdrückli her als irgendein anderer bisher abgeschlossener Sicherheitsvertrag. In dieser Hinsicht stellt der
Vertrag einen bedeutsamen Fortschritt dar, weil die Subversion
und die indirekte Aggression Hauptwerkzeuge des internationalen
Kommunismus gewesen sind.
Der Vertrag sieht vor, daß - falls irgendein Vertragspartner der Ansicht ist, die Integrität des Geltungsbereichs des Vertrages werde durch 'rgendeme andere Drohung als einen bewaffnete. Angriff gefäh et - alle Signatarstaaten unverzüglich zu Beratung n zusammenk mmen sollen, auf denen über Maßnahmen für
die gemeinsame Ver eidigung entsch eden werden soll. Dies« Maß:;ah*
men werden natürli h niemals eine Intervention in rein innere
Angelegenheiten eines anderen Staates einschließen.
Die USA befan en s ch in Manila m einer besonderen Lage,
weil s e der einzige Sig atarstaat waren, der keine territoriale:
Interessen n dem Vertragsraum besai:. Pur die anderen Mächte war
dieser Vertrag nich nur ein antikommunistischer Pakt sondern
auch ein Regionalpakt. Aus diesem Grunde befaßte er s u h mit allen
Aggressionsakten, di den Frieden dieses Gebietes stören könnten.
Für die USA setzten lr jedoch fest, daß der einzige bewaffnete
Angriff in diesem Gebiet den wir notwendigerweise als unseren
Frieden und unsere Sicherheit gefährdend ansehen würden, ein von
den Kommunisten geführter bewaffneter Angriff sein würde.
Jede bedeutende Ausweitung der kommunistischen Welt würde
in der Tat eine Gefahr für die USA darstellen, weil der internationale Kommunismus etzten Endes danach strebt, seine Machtstellung gegen die Verenigten Staaten einzusetzen. Aus diesem Grunde konnten wir ehrl herweise sagen, indem wir die von Präsident
Monroe bei der Pr
amati n seiner Doktrin gebrauchten Worte benutzten, daß eine b waffnete Aggression der Kommunisten in Süd
ostasien in der Ta
seren Frieden und unsere Sicherhe* gefährden und Gegenma nahmen unsererseits erforderlich machen
würde.
Der Vertrag erkennt die Bedeutung des wirtschaftlichen Wohlstands an. Er ver; 1 htet jedoch die USA nicht zu irgendwelchen
'Schenkungsprogramme *. Wir erklären uns damit einverstanden, bei
der Entwicklung wirts haftlicher Maßnahmen mitzuarbeiten, die das
wirtschaftliche un
ziale Wohl fördern. Der Kongreß hat in diesem Jahr mit Weitb Li k erkannt, daß es im südostasiatischen Raum
besondere Bedürf" lsse geben könnte. Durch das Gesetz für die gemeinsame Sicherheit hat der Kongreß bereits Mittel zur Verfügung
gestellt, die diesem Gebiet zugutekommen sollen. Ein Teil davon
wird zweifelsohne : ur Unterstützung der freien Regierungen Sudostasiens verwandt werden.
Der Vertrag richtet aber keine wirtschaftlichen Schranken
auf . Vom wirtschaftlichem Gesichtspunkt bleiben solche Länder
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Länder wie Japan, Indonesien, Burma, Ceylon und Indien wichtig.
Der Geltungsbereich des Vertrages wird als das Territorium der Mitgliedstaaten in Südostasien und im südwestlichen
Pazifik definiert. Das Protokoll dehnt darüber hinaus die
sich aus diesem Vertrag ergebenden Vorteile auf Kambodscha
und Laos sowie den nichtkommunistischen Teil von Vietnam
aus. Der indochinesische Waffenstillstand hat diese drei
Staaten daran gehindert, sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt
als tatsächliche Vertragspartner dem Vertrag anzuschließen.
Der Vertrag wird jedoch, soweit dies praktisch durchführbar
ist, diesen jungen Nationen Schutz gewähren.
Der Manila-Pakt ist eine stattliche Leistung. Ich wäre
froher gewesen, wenn er früher zustandegekommen wäre. Es ist
jedoch entschieden besser, daß der Vertrag jetzt abgeschlossen
wurde als niemals.
Verträge arbeiten jedoch nicht von selbst. Die Unterzeichnung eines Vatrages selbst hat noch keine wunderbaren
Auswirkungen. Verträge müssen ratifiziert werden» und dann
muß der ehrliche Wille vorhanden sein, ihre Zielsetzungen auch
zu verwirklichen. Ich bin der Überzeugung, daß der ManilaPakt tatsächlich ein wesentlicher Beitrag ist, um die freien
Regierungen in Südostasien zu erhalten und die Kommunisten an
einem Vorstoß in den pazifischen Raum zu hindern, der die
Verteidigung der USA ernsthaft gefährden würde.
Wir haben in Manila die Frage erörtert, wie der Vertrag
verwirklicht werden soll. Eine Möglichkeit hierzu bestand in
der Schaffung einer gemeinsamen militärischen Macht. Ich
wies jedoch darauf hin, daß die Verantwortlichkeiten der
USA so umfangreich und so weit gespannt sind, daß wir glaubten, wir könnten den besten Dienst dadurch leisten, daß wir
unsere Truppen nicht für bestimmte Gebiete des Fernen Ostens
festlegen, sondern als Abschreckung eine bewegliche und
schlagkräftige Macht in Verbindung mit strategisch gut verteilten Reserven schaffen.
Dieser Standpunkt wurde akzeptiert. So macht es dieser
Vertrag für uns nicht erforderlich, unsere militärischen Planungen wesentlich zu ändern. Diese Pläne sehen bereits die
Aufrechterhaltung mächtiger Marine- und Luftstreitkräfte im
westlichen Pazifik zu jeder Zeit vor, Streitkräfte die in der
Lage sind, gegen jeden Aggressor mit Mitteln und an Plätzen
der eigenen Wahl Schläge zu führen. Die gewaltige Abschreckungskraft, die wir so schaffen, kann genau so, wie sie einen
schützt, auch viele wirkungsvoll schützen.
Zusätzlich zu der erzielten Übereinstimmung und der Unterzeichnung des Manila-Paktes wurde noch eine Deklaration
entworfen und unterzeichnet, die als die 'Pazifik-Charta'
bekanntgeworden ist. Hier wurden in bezug auf das Recht der
Völker auf Selbstbestimmung, Selbstregierung und Unabhängigkeit gewisse Grundsätze aufgestellt.
^

�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Der Gedanke dieser 'Pazifik-Charta' wurde vom Präsidenten
der philippinischen Republik Magsaysay vorgebracht. Er ist ein
bewährter Kämpfer für die Freiheit und gegen den Kommunismus,
und er hielt es für außerordentlich wichtig, auf der Konferenz
von Manila klar zum Ausdruck zu bringen, daß wir das Wohl der
asiatischen Bevölkerung anstreben und keinen 'Kolonialismus'
schaffen wollen.
In meiner Eröffnungsansprache auf der Konferenz unterstrich
ich nachdrücklich, daß eine der wirksamsten Waffen des Kommunismus die Behauptung ist, die westlichen Nationen trachteten
danach, den asiatischen Völkern den Kolonialismus aufzuzwingen.
Ich sagte, wir müßten es eindeutig klarstellen, daß wir nach
einer Stärkung der Unabhängigkeit streben. Nur so könne der
Westen und der Osten in echter Partnerschaft zusammenarbeiten.
Die Manila-Konferenz machte sich diesen Standpunkt zu
eigen. Sie war die erste Konferenz, auf der Vertreter von
asiatischen und westlichen Nationen zusammenkamen, um ein
Programm der gemeinsamen Sicherheit auszuarbeiten. Das Ergebnis war die Pazifik-Charta, die die Signatarstaaten in besonders eindrucksvoller Weise zur Stärkung der Prinzipien der
Selbstregierung und der Unabhängigkeit für alle Länder verpflichtet, deren Völker dies wünschen und die in der Lage
sind, ihrer Verantwortung nachzukommen.
Immer wenn in Asien eine Macht auftaucht, die andere
erobern will, dann wählt sie das Schlagwort 'Asien den Asiaten'. Als die Japaner von ihren Generälen regiert wurden, gebrauchten sie dieses Motto. Heute verwenden es die sowjetischen und chinesischen Kommunisten. Sie wollen die freien
Länder Asiens hindern, die Hilfe zu empfangen, die sie für die
Wahrung ihrer Unabhängigkeit benötigen.
Die Pazifik-Charta, bei der sich der Westen und der Osten
trafen, kann sioh se-fe-r wohl als das wichtigste Ergebnis der
Konferenz erweisen.
Die Haltung der Kommunisten war während der Konferenz
durch heftige Propagandaangriffe charakterisiert und trat noch
deutlicher durch eine neue militärische Aktivität hervor, die
sich gegen ein benachbartes Gebiet richtete. Offensichtlich
hatten sie gehofft, die Mitglieder unserer Konferenz zu beeinflussen und einige von ihnen von der Unterzeichnung des
Sicherheitspaktes abhalten zu können.
Diese Bemühungen, durch Gewaltmaßnahmen einzuschüchtern,
sind für die kommunistische Technik charakteristisch. Als
die koreanischen Waffenstillstandsverhandlungen ihren Höhepunkt erreicht hatten?. leiteten die chinesischen Kommunisten
ihren blutigen Angriff gegen die Stellungen der UN-Streitkräfte in Korea an. Als man schließlich übereingekommen war,
den Frieden in Indochina zu erörtern$ eröffneten die unter
Ho Tschi-minh stehenden und von Rotchina unterstützten kommunistischen Streitkräfte ihren mörderischen Angriff auf Dien
Bien Phu. Und als die Manila-Konferenz begann, richteten die
chinesischen Kommunisten ihre Geschütze auf Quemoy, eine Insel,

. 4.

�"AMERIKA DIENST"

22. September 1954

Insel, die seit Beendigung des zweiten Weltkrieges immer ein
Teil des freien China gewesen ist und die nur rund 640 Kilometer von den Philippinen entfernt liegt.
Dieser Versuch, die Konferenz von Manila einzuschüchtern,
war ein vollständiger Mißerfolg. Alle Teilnehmer unterzeichneten den Manila-Pakt und die Pazifik-Charta voller Vertrauen,
daß sie dadurch ihre eigene Sicherheit stärken konnten.
Das sowjetische Außenministerium hat soeben eine längere
Erklärung veröffentlicht, in der der Manila-Pakt angegriffen
wird. Es wendet sich vor allem gegen den Artikel vier, der
einen gemeinsamen Widerstand gegen bewaffnete Angriffe und
politische Subversion vorsieht» In der sowjetischen Erklärung heißt es, daß auch die chinesischen Kommunisten keine
Freunde dieses Paktes sind. Der Manila-Pakt richtet sich gegen keine Regierung, gegen kein Land und gegen kein Volk.
Er ist lediglich gegen die Aggression gerichtet. Die Tatsache,
daß die Kommunisten dies ablehnen, enthüllt in tragischer
Weise ihre Ambitionen.
Die USA haben in Manila in eindrucksvoller Weise eine
nationale Einigkeit demonstriert. Die drei bevollmächtigten
Delegierten auf der Konferenz waren der republikanische Senator aus New Jersey H. Alexander Smith, der demokratische
Senator aus Montana Michael J. Mansfield und ich. Beide
Senatoren gehören dem außenpolitischen Sinatsausschuß an und
sind mit fernöstlichen Angelegenheiten auf das beste vertraut.
Auf diese Weise nahmen sowohl die Exekutive als auch der Senat
und beide politischen Parteien an den Verhandlungen über den
Vertrag und an seinem Abschluß teil. Ich bin den beiden Senatoren für ihren Beitrag zu dem erfolgreichen Ende der Konferenz zu großem Dank verpflichtet.
Das Thema unserer Konferenz war, größere Sicherheit durch
größere Einigkeit zu schaffen. Wir brauchen diese Einigkeit
nicht nur unter den Nationen sondern auch innerhalb unserer
eigenen Nation. Es ist politisch gesund, zwei Parteien zu
haben, die darum ringen, wer die Geschicke der Nation leiten
soll. Es ist auch wichtig, daß dieser Wettstreit vor den
Landesgrenzen haltmacht, so daß wir anderen Ländern als eine
geeipigte Nation gegenübertreten. Dies hat sich bei uns zu
einer Tradition entwickelt, und die Manila-Konferenz hat dieser Tradition ein neues und würdiges Kapitel hinzugefügt."
* # * * #

- 5 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES REDE VOR DER UN-VOLLVERSAMMLUNG

UN, NEW YORK — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister, John Poster Dulles, nahm vor der UNVollversammlung am 23. September 1954 in einer großen
umfassenden Rede zu außenpolitischen Problemen Stellung» Die Rede hat folgenden Wortlaut«

Partnerschaft für den Frieden
"Ich bin zu dieser Eröffnungssitzung der 9. Vollversammlung in vollem Bewußtsein der Bedeutung dieses Anlasses gekommen. Diese alljährlich stattfindende Tagung der Vertreter von
60 Nationen stellt den hoffnungsvollsten Versuch von Menschen
dar, den Frieden in Gerechtigkeit zu verwirklichen. Hier manifestieren sich die gegenseitige Abhängigkeit in unserer Welt
von heute und auch die gewaltigen Möglichkeiten für die Erreichung konstruktiver Ergebnisse, die aus den Bemühungen einer
aufrichtigen Partnerschaft erwachsen können.
Das Wesen des Friedens
Das amerikanische Volk glaubt aufrichtig an die Zielsetzungen und Grundsätze, die in der Charta der Vereinten Nationen
niedergelegt sind.
Dieses Dokument stellt einen Meilenstein in dem Verständnis der wahren Natur des Friedens dar. Darin wird anerkannt, daß
der Friede nicht eine zur Inaktivität verdammende Idee ist,
sondern Taten fordert. Es genügt nicht, den Krieg zu verabscheuen und ihn zu verdammen. Der Krieg wird seit Jahrhunderten
von den Menschen gehaßt. Und doch hat es immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen gegeben. Ein Grund dafür liegt in
der Tatsache, daß die Menschen niemals mit den gleichen Mitteln den Frieden zu gewinnen suchten, mit denen sie für den
Sieg in einem Krieg arbeiten.
Die Menschheit wird sich niemals eines dauerhaften Friedens erfreuen können, so lange sie ihre ganzen Kräfte für
kriegeri-sche Aufgaben aufspart. Um den Frieden zu sichern, ohne
wesentliche Freiheiten zu opfern, bedarf es ständiger Bemühungen, unermüdlichen Mutes und zuweilen der Bereitschaft, schwere

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

schwere Risiken einzugehen. Das ist der wahre Geist des Friedens .
Während des vergangenen Jahres haben viele Nationen aktiv
für die Sache eines dauerhaften und gerechten Friedens zusammengearbeitet. Es hat Augenblicke gegeben, in denen es scheinen
wollte, daß zwischen einem Weltkrieg und dem Frieden nur noch
ein ganz kleiner Schritt lag. Diese gefährliche Situation besteht noch immer, aber wir sehen wenigstens die Gefahren und
sind bemüht, die Sache des Friedens zu stärken.
Die Bemühungen des vergangenen Jahres dürfen nicht nur
danach bewertet werden, ob sie auch tatsächlich zu konkreten
Ergebnissen geführt haben. Die Tatsache, daß intelligente, entschlossene und gemeinsame Bemühungen um gerechte Regelungen gemacht worden sind, hat allein schon zum Frieden beigetragen.
Die3 läßt einen dynamischen Geist und eine Wachsamkeit erkennen,
die jedem potentiellen Aggressor zur Warnung gereichen sollten.
In der Vergangenheit ist der Friede oft durch Versagen verloren worden. Lassen sie uns entschlossen dafür sorgen, daß so
etwas nicht wieder der Fall ist. Ich kann natürlich nicht auf
die mannigfachen Maßnahmen eingehen, die in der letzten Zeit
innerhalb und außerhalb der Weltorganisation unternommen worden
sind. Ich werde mich daher hauptsächlich auf die politischen
Bemühungen beschränken, an denen die USA als aktiver Partner
Anteil hatten.
Die Organisation der amerikanischen Staaten
Lassen Sie mich zuerst über die Organisation der amerikanischen Staaten sprechen. Das interamerikanische System basiert
auf einer langen Tradition der Zusammenarbeit für Freiheit und
Frieden in der westlichen Hemisphäre. Die Treue zu dieser Tradition und der Stolz darauf haben dazu geführt, dieser Hemisphäre
solche Kriege zu ersparen, die in tragischer Form Europa und
Asien im vorigen und in diesem Jahrhundert verwüstet haben. Im
vergangenen März beschloß und verkündete die Caracas-Konferenz
der amerikanischen Staaten, daß - falls der internationale Kommunismus die Kontrolle der politischen Institutionen irgendeines
der amerikanischen Staaten erlangen sollte - dies eine Gefahr
für den Frieden und die Sicherheit aller darstellen und kollektive Maßnahmen zur Abwendung dieser Bedrohung erfordern würde.
Wie aggressiv der Kommunismus anderswo auch beurteilt werden mag, wir in dieser Hemisphäre wissen ohne Ausnahme, daß das
Eindringen des Kommunismus hier ernste Konflikte heraufbeschwören würde, wie wir sie zuvor noch nicht kennen gelernt haben.
In Guatemala bahnte sich eine deutlich wahrnehmbare Bedrohung des Friedens und der Sicherheit dieser Hemisphäre an. Die
amerikanischen Staaten tauschten ihre Ansichten über diese Gefahr aus und waren gerade dabei, ihr gemeinsam entgegenzutreten,
als die Bevölkerung Guatemalas diese Bedrohung aus eigenen
Kräften zunichte machte,
_

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

In diesem Zusammenhang bestand für die Vereinten Nationen
Anlaß, die in unserer Charta verkörperten Prinzipien anzuwenden,
die unter Bestätigung der weltumspannenden Autorität dieser Organisation die Anwendung regionaler Abkommen vor einer Anrufung
des Sicherheitsrates vorsehen. (Artikel 33 und 52.) Diese Bestimmungen waren in San Franzisko in einer langen Debatte ausgehandelt worden, als unsere Charta angenommen wurde. Die amerikanischen Staaten traten damals dafür ein, daß ihre bereits in
der Praxis erprobten wechselseitigen Beziehungen in den Rahmen
der Vereinten Nationen gestellt und nicht durch sie ersetzt
werden sollten, da diese ihrer Ansicht nach infolge des Vetorechtes im Sicherheitsrat nicht immer verlässlich sein könnten.
Aus diesem Grunde traf man den Entschluß, die regionalen Abkommen zu einem wesentlichen Bestandteil des Priedenssystemes der
Vereinten Nationen zu machen.
In diesem Jahre bewies die Organisation der amerikanischen
Staaten erneut, daß ade bereit, fähig und willens ist, den
regionalen Frieden aufrechtzuerhalten. Dadurch wurden die Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen untermauert und
die Basis für einen Frieden in der westlichen Hemisphäre fest
ausgebaut.
Deutschland
Vergangenes__.Jahr- erklärte ich an dieser Stelle, daß die Teilung Deutschlands nicht ohne ernste Risiken aufrechterhalten
werden kann. In dem Bemühen, dieses Risiko auszuschalten, reiste
ich im Januar dieses Jahres nach Berlin, um mit den Außenministern der drei anderen Besatzungsmächte zu beraten. Wir brachten
dann zusammen mit Großbritannien und Frankreich einen Vorschlag
für die Wiedervereinigung Deutschlands durch freie Wahlen vor»
die von den Vereinten Nationen oder einer vergleichbaren anderen
unparteiischen Körperschaft überwacht werden sollten. Die Sowjetunion kam mit Gegenvorschlägen, die auf eine Erweiterung des sowjetischen Machtbereichs bis zum Rhein hinausliefen. Darin liegt
der.Grund, daß die gefährliche Teilung Deutschlands noch immer
fortbesteht. Ich darf aber hinzufügen, daß auch noch etwas anderes nach wie vor besteht» unsere Entschlossenheit, aus dem
Geiste des Friedens heraus dieser grausamen, Deutschland zugefügten Ungerechtigkeit ein Ende zu machen.
Österreich
Im vergangenen Jahr sprach ich auch davon, daß ein österreichischer Staatsvertrag längst überfällig ist. Ich betonte,
daß zwischen den Besatzungsmächten kein 'wesentlicher Punkt
der Unstimmigkeit' mehr bestand. Auf der Berliner Konferenz wurden von den drei Westmächten die letzten Unstimmigkeiten beseitet,
indem diese von allen Artikeln, bei denen noch Meinungsverschiedenheiten bestanden, die sowjetischen Versionen akzeptierten. Es
schien für kurze Zeit so, als ob der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet werden könnte. Aber dann stellte die Sowjetunion eine neue Bedingung. Sie erklärte, daß sie Österreich von
- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

29- September

1954

von der sowjetischen Besetzung nicht befreien werde, bevor nicht
ein deutscher Friedensvertrag abgeschlossen sei.
Es kann keinen Friedensvertrag mit Deutschland geben, solange Deutschland nicht wiedervereinigt ist. So ist auch Österreich weiterhin ein auf unbestimmte Zeit besetztes Land. Dennoch
akzeptieren wir es nicht als endgültig, daß dem unglücklichen
Österreich - dem ersten Opfer der Aggression Hitlers und dem
Lande, dem die in der Moskauer Deklaration von 1943 enthaltenen
Versprechen auf Freiheit und Unabhängigkeit galten - Gerechtigkeit versagt wurde. Die drei Westmächte, unbeirrbar in ihrem
Friedensstreben, haben die Sowjetunion erneut in den jüngsten
Tagen aufgefordert, den österreichischen Staatsvertrag zu unterzeichnen - eine Tat, die weit eher als ein phrasenreicher Wortschwall zeigen wird, ob andere Fragen nutzbringend erörtert werden können.
Die europäische Einheit
Die Frage der Schaffung des Friedens in Europa wurde durch
den kürzlichen Rückschlag bei der Vollendung der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft noch mehr kompliziert. Diese Konzeption entsprang der Einsicht, daß die beste Garantie für einen
dauerhaften Frieden in Europa in einer organischen Einheit liege,
die Frankreich und Deutschland einschließen würde, ferner, daß
diese Einheit, die einen Zusammenschluß der militärischen Kräfte
dieser beiden Mächte und anderer europäischer Staaten brächte,
eine Garantie für ihren nichtaggressiven Charakter darstellen
werde. Solche Streitkräfte könnten überhaupt nicht zum Einsatz
kommen, es sei denn, daß die gesamte Gemeinschaft die Notwendigkeit einer Defensivaktion für gegeben erachtet.
Die Stimmen der kommunistischen Abgeordneten haben mehr bewirkt als nur die parlamentarische Mehrheit zustande zu bringent
die dazu führte, daß die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
in einem Lande aufgeschoben wurde. Sie brachten es zuwege, die
Teilung Europas, die wiederholt Kriege heraufbeschworen hat, aufrechtzuerhalten.
Die betroffenen freien Völker akzeptieren jedoch die Beibehaltung dessen, was sich historisch als der gefährlichste Brandherd der Welt erwiesen hat, keinesfalls mit Resignation. Sie
sind sich der Gefahr bewußt, und sie arbeiten aktiv darauf hin,
sie zu überwinden.
Korea
Als ich im vergangenen Jahr hier über Korea sprach, konnte
ich von einem Waffenstillstand berichten. Ich sagte, daß es zu
diesem Waffenstillstand nicht gekommen sei, weil die kommunistischen Aggressoren den Frieden liebten, sondern weil sie auf eine
wirkungsvolle militärische Schranke gestoßen waren. Ich sagte
weiter, 'die politische Korea-Konferenz wird, wenn die Kommunisten an ihr teilnehmen, einen besseren Prüfstein abgeben.'
Sieben Monate harter Verhandlungen waren nötig, um die politische
Konferenz zustande zu bringen. Als sie schließlich in Genf stattfand, wurde von seiten der Vereinten Nationen die Einigung Koreas
auf der Basis freier gesamtkoreanischer Wahlen vorgeschlagen, die
- 4 -

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

die von der UN überwacht werden sollten. Dieser Vorschlag wurde
von der kommunistischen Seite verworfen. Die Kommunisten bestanden darauf, daß die Vereinten Nationen selbst als ein Instrument
der Aggression behandelt und von jeder weiteren Tätigkeit in
Korea ausgeschlossen werden müssen.
Dieser Gegenvorschlag, der eine Beleidigung der Vereinten
Nationen darstellte, wurde von denen verworfen, die stolz die
Maßnahmen der UN in Korea als das erste Beispiel in der Geschichte
feierten, daß eine internationale Organisation in der Praxis wirksam gegen eine bewaffnete Aggression eingeschritten ist.
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Ansicht, daß sich
die Einigung Koreas erst nach einem anderen Krieg vollziehen
lasse. Wir haben jeden uns zur Verfügung stehenden Einfluß geltend gemacht, um eine friedliche Lösung des Koreaproblems herbeizuführen, und wir haben nicht den Glauben verloren, daß eine
solche Lösung möglich ist.
Südostasien
Auf der Genfer Konferenz haben die kriegführenden Parteien
sich gleichfalls mit dem Problem der Schaffung des Friedens in
Indochina auseinandergesetzt. Ein acht Jahre währender Konflikt,
der immer mehr an Heftigkeit zunahm, wurde beigelegt. Wir können uns alle glücklich schätzen, daß das Töten zu einem Ende gebracht wurde. Auf der anderen Seite dürfen wir unsere Augen
nicht vor der Tatsache verschließen, daß mehrere Hunderttausend
Menschen aus Nordvietnam auf ihren eigenen Wunsch hin in die
nicht von den Kommunisten beherrschten Gebiete evakuiert wurden,
und daß darüber hinaus noch Millionen Menschen gegen ihren Willen einem fremden Despotismus ausgeliefert sind. In diesem Falle
wurde die Einstellung der Feindseligkeiten teuer erkauft, und
das endgültige Ergebnis läßt sich noch nicht absehen.
Eine Folge war jedoch, daß dem am südostasiatischen Raum
interessierten Nationen klar die Bedeutung einer kollektiven
Organisation zur Verteidigung gegen weitere Aggressionshandlungen
vor Augen geführt wurde. In Manila sind in diesem Monat acht Nationen zusammengekommen. Diese haben einen Vertrag ausgearbeitet
und unterzeichnet, der für eine kollektive Verteidigung gegen
eine Aggression eintritt.
Selbstbestimmung
Die Manila-Konferenz führte zu weit mehr als zu einer Ausweitung des Gebietes der kollektiven Sicherheit. Sie nahm eine Pazifik-Charta an. Darin proklamierten die acht Länder - asiatische
und nichtasiatische Staaten - die in Manila zusammenkamen, in
erhabenen Worten die Prinzipien der Selbstbestimmung, der Selbstregierung und der Unabhängigkeit. Diese Charta und der Geist der
Zusammenarbeit, der sie aus der Taufe hob, sollten ein und für
alle Male den Mythos beseitigen, daß zwischen Ost und West ein
unvereinbarer Gegensatz besteht. Die Völker Asiens, die bereits

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

bereits die Freiheit haben oder die die Freiheit suchen, müssen nicht angesichts des neuen Imperialismus schwach, geteilt
und ohne Unterstützung bleiben, angesichts eines Imperialismus,
der bereits 800 Millionen Menschen, die einst in 15 wirklich unabhängigen Ländern lebten, unter die koloniale Knechtschaft gebracht hat.
Atomenergie
Das vergangene Jahr hebt sich besonders durch die eingehenden Bemühungen zur Regelung der Frage der Atomenergie hervor.
Die Vereinigten Staaten haben sich bereit erklärt, ihre führende
Position auf diesem Gebiete mit anderen Ländern auf solche Weise
zu teilen, daß sich viele Nationen an einem großen neuen Vorhaben zum Wohle der Menschheit beteiligen können. Wir hofften, die
Atomenergie, bislang ein Instrument des Todes, zu einer Quelle
des Segens für das menschliche Leben zu machen.
Ich erinnere mich noch auf das lebhafteste an den 8. Dezember 1953» als Präsident Eisenhower hier seinen Vorschlag unterbreitetes alle Nationen im Besitze spaltbaren Materials sollten
unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen an der Schaffung einer internationalen Atombank zusammenarbeiten. Dieser
Behörde sollten sie alle spaltbares Material zuweisen, daß dann
für produktive und nicht für destruktive Zwecke verwandt werden
sollte.
Ich war Zeuge dieses dramatischen Augenblicks und erlebte
den allgemeinen Beifall, mit dem dieser Vorschlag aufgenommen
wurde - ein Beifall, der in allen Teilen der Welt seinen Widerhall fand.
Da öffentlich geführte Verhandlungen mit der Sowjetunion
oftmals die Tendenz zu zeigen scheinen, in einem Propaganda-Wettstreit zu enden, schlug Präsident Eisenhower vor, diese neuen
Verhandlungen geheim zu führen. Die Regierung der Vereinigten
Staaten unterbreitete nach Beratungen mit anderen Nationen einen
konkreten und detaillierten Vorschlag, um Präsident Eisenhowers
große Konzeption in die Tat umzusetzen.
Ich selbst traf mehrere Male in Berlin und Genf mit dem
sowjetischen Außenminister zusammen, um diese Frage zu erörtern.
Wir sind durchaus bereit, einer Veröffentlichung alier im Rahmen
dieser Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion ausgetauschten Dokumente zuzustimmen.
Wir hofften und glaubten, daß - wenn die Sowjetunion sich
den Vereinigten Staaten, Großbritannien und den übrigen Nationen
anschließen würde, die über spaltbares Material und Kenntnisse
in der Atomtechnik verfügen - diese Tat der Zusammenarbeit einen
Rahmen schaffe, der sich auch auf weitere Gebiete ausdehnen würde.
Der von uns unterbreitete Plan konnte niemanden schaden. Er
wurde mit der Hoffnung motiviert, daß hierdurch die dunkelste
Wolke beseitigt würde, die über der Menschheit schwebt. Seine
anfänglichen Dimensionen waren nicht so weitgehend, daß sie die
militärischen Fähigkeiten der Sowjetunion hätten beeinträchtigen
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

29- September

1954

beeinträchtigen können, und es gab keinen offensichtlichen Grund
für seine Ablehnung. Und vor allem war dieser Plan praktisch,
leicht durchführbar und nicht von einer ins einzelne gehenden
Überwachung abhängig.
Dennoch wurde der Vorschlag von der Sowjetunion im vergangenen April praktisch zurückgewiesen. Diese Zurückweisung erfolgte nicht wegen angeblicher Mängel des Planes selbst. Diese
hätte man sicherlich in Verhandlungen eliminieren können. Die
sowjetische Haltung lief praktisch auf folgenden Standpunkt
hinaus: Wir werden nicht an der friedlichen Entwicklung der Atomenergie mitarbeiten, wenn man nicht von vornherein übereinkommt,
zunächst einmal auf jene atomaren Mittel zu verzichten, die für
die freien Nationen die stärkste Verteidigungshandhabe gegen
jede Aggression darstellen.
Bis zum heutigen Tag hat die Sowjetregierung keine Bereitschaft erkennen lassen, sich an der Verwirklichung des Planes
von Präsident Eisenhower außer unter dieser völlig unannehmbaren
Bedingung zu beteiligen. Als es gestern bekannt wurde, daß ich
heute zu dieser Frage Stellung nehmen werde, brach die Sowjet«
union ihr fünfmonatiges Schweigen mit einer Note, in der sie ihrer Bereitschaft zu weiteren Verhandlungen Ausdruck gab. Aber
diese Note enthielt noch immer keinerlei Hinweis darauf, daß die
Sowjetunion ihre Position aufgegeben habe.
Die Vereinigten Staaten sind auch weiterhin zu Verhandlungen
mit der Sowjetunion bereit. Aber wir werden nicht länger mehr
unsere Bemühungen um die Errichtung einer internationalen Atomenergiebehörde zurückstellen.
Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, Präsident Eisenhowers Vorschlag nicht solange hinhalten zu lassen, bis er tot
ist. Er wird ständig genährt und weiter entwickelt werden. Wir
werden auf seine Verwirklichung drängen und zwar in enger Partnerschaft mit den Ländern, die, durchdrungen von den Idealen der
UN-Charta.diese große neue Kraft zu einem Werkzeug des Menschenfreundes und Staatsmannes machen können und nicht lediglich zu
einer furchterregenden Erweiterung des Kriegsarsenals. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß ein neuer Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wird, der es uns ermöglicht, über unsere Bemühungen um die Erschließung und Entwicklung der ungeheuren Möglichkeiten für eine friedliche Verwendung der Atomenergie zu berichten. Diese Bemühungen waren und werden auch weiterhin auf
folgende Ziele ausgerichtet sein:
Erstens: Die Schaffung einer internationalen Behörde, zu
deren Mitgliedern schon vom Anfang an Staaten aus allen Teilen
der Erde gehören werden. Es steht zu hoffen, daß eine derartige
Behörde schon im kommenden Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.
Zweitens: Die Einberufung einer internationalen Wissenschaft
liehen Konferenz, um dieses umfangreiche Gebiet eingehend zu erörtern; sie soll bereits im Frühjahr 1955 unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen zusammentreten.
~ .,.
Drittens:

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

Drittens: 3)ie Eröffnung einer Reaktor-Ausbildungsschule in
den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr, auf der Wissenschaftler aus anderen Ländern in den mit der Erschließung der Atomenergie zusammenhängenden Fragen unterwiesen werden, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Verwendung für friedliche Zwecke.
Viertens: Die Einladung einer großen Anzahl von Fachärzten
für innere Medizin und Chirurgie aus dem Auslande, die an den Arbeiten in unseren Krebsforschungskrankenhäusern teilnehmen sollen, - hier spielen Methoden unter Anwendung von Atomenergie eine
ganz besonders wichtige und hoffnungsvolle Rolle bei dem Bemühen,
neue Wege zur Kontrolle dieser Geißel der Menschheit zu erschließen.
Ich möchte es nachdrücklich klarmachen, daß bei unseren Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben
ausgeschlossen wird. In dem Maße, in dem unsere Vorschläge Gestalt annehmen, sind alle Nationen, die sich für eine solche Beteiligung interessieren und willens sind, die Verpflichtungen der
Mitgliedschaft zu übernehmen, herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam an der Planung und Ausführung dieses Programmes zu arbeiten.
Obschon uns viel durch die negative Haltung der Sowjetunion
vorenthalten wird, bleibt doch noch viel zu tun übrig. Wir müssen
auf jene große Entspannung verzichten, die möglich gewesen wäre,
hätte sich die Sowjetunion bereit erklärt, mit anderen Nationen
hinsichtlich jenes Gebiets zusammenzuarbeiten, das die Quelle für
so viel Furcht und für so große Hoffnungen ist. Dennoch läßt sich
viel im Hinblick auf wirtschaftliche und humanitäre Fortschritte
erreichen. Es kann kein Wunder über Nacht geschehen. Aber wir
können ein Programm zusammenstellen und ihm lebendigen Geist einhauchen, um sicherzustellen, daß wir den Lebensstandard von Millionen von Menschen mittels der Atomenergie heben können. Dies zu
erreichen, ist unser fester Vorsatz.
Begrenzung der Rüstungen
Eng mit dem Problem der friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie ist die ganze große und schwierige Abrüstungsfrage verknüpft.
Im vergangenen Jahre haben die Vereinigten Staaten vor dieser Versammlung ihren glühenden Wunsch zur Reduzierung der Rüstungslasten bekräftigt. Ich erklärte hier, daß die Vereinigten Staaten
mit großem Nachdruck die technischen Studien über eine Kontrolle
und Begrenzung der Rüstungen fortführen würden, die für jede Lösung dieses Problems von entscheidender Wichtigkeit sind.
Im vergangenen Frühjahr nahmen die Vereinigten Staaten in
London an Gesprächen mit der Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und Kanada teil, die in einem Unterausschuß unserer Abrüstungskommission stattfanden und feststellen sollten, ob ein neues
Aufgreifen dieses Problems zu einer für die Sowjetunion wie auch
für die freie Welt akzeptablen Lösung führen könnte. Die Protokolle
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

Protokolle dieser Sitzungen sind nun veröffentlicht worden.
Es zeigte sich, daß die Vertreter Kanadas, Prankreichs,
Großbritanniens und der Vereinigten Staaten mit Geduld und Erfindungsgabe alle Möglichkeiten eines Übereinkommens mit der
Sowjetunion zu erforschen suchten, die mit der Sicherheit aller
Länder vereinbar sein würden. Wir machten es noch einmal klar,
wie wir es immer und immer wieder in der Vergangenheit getan haben, daß wir die Verwendung der Atomenergie für alle anderen als
friedlichen Zwecke auszuschalten suchen.
Auf diese Bemühungen antwortete die Sowjetunion mit der
glatten Ablehnung, unsere Vorschläge auch nur auf ihren sachlichen Gehalt hin zu erörtern. Der springende Punkt an der Haltung der Sowjetunion lag darin, daß sie noch vor Eintritt in
echte Abrüstungsverhandlungen auf einer papierenen Ächtung der
Anwendung von Atomwaffen seitens der Großmächte besteht. Erst
soll der große Schutzschild, das wichtigste Abschreckungsmittel,
aufgegeben werden, um dann die freien Völker dem ungeheuren
Menschenpotential der Kommunisten auszuliefern. Wenn dieses Mißverhältnis in der Stärke erst sichergestellt ist, dann wird die
Sowjetunion - vielleicht - aus ihrer Position der gesicherten
Überlegenheit heraus weiter verhandeln.
Ein solches Vorgehen würde die Sicherheit keines freien
Volkes erhöhen können.
Wir müssen, wenn auch zögernd, feststellen, daß die Sowjetunion gegenwärtig nicht den ernsthaften Wunsch hegt, über die
Abrüstung zu verhandeln. Wir werden aber auch weiterhin hoffen
und darauf hinarbeiten, daß die Sowjetunion sich schließlich
bereit findet, an einem Programm mitzuarbeiten, das der verschwenderischen Zweckentfremdung reicher wirtschaftlicher Hilfsquellen ein Ende bereiten und diese einer konstruktiven Verwendung im Dienste der Menschheit zuführen könnte.
Überprüfung der Charta
Sie werden ohne Zweifel festgestellt haben, daß viele der
von mir erwähnten Bemühungen um den Frieden außerhalb der Vereinten Nationen unternommen wurden. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die Organe der Vereinten Nationen selbst ständig Arbeit leisten, die wesentlich, wenn auch nicht unmittelbar ins
Auge fallend, zur Schaffung der politischen, wirtschaftlichen
und sozialen Bedingungen beitragen, die die Grundlage des
Friedens darstellen. Die Vereinigten Staaten möchten all denen,
die diese unerläßlichen Aufgaben durchführen, ihre höchste Anerkennung aussprechen.
Wenn sich viele wichtige politische Entwicklungen außerhalb
des direkten Rahmens der Vereinten Nationen abgespielt haben,
dann bestehen dafür zwei Gründe - ein guter und ein schlechter.
Die Charta der Vereinten Nationen enthält die Bestimmungen,
daß die Beteiligten an einem Streit, der eine Bedrohung für den

- 9-

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

den internationalen Frieden und die internationale Sicherheit
darstellt, zunächst eine Beilegung dieses Streites auf dem Verhandlungsweg versuchen, regionale Körperschaften anrufen, oder
sich anderer friedlicher Mittel nach ihrem Gutdünken bedienen.
Nur wenn sich alle diese Wege als aussichtslos erweisen, sollen
die streikenden Parteien vor den Sicherheitsrat treten. Mit anderen Worten: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen sollte
niemals ein Gerichtshof erster Instanz sein, sondern war vielmehr als letztinstanzliches Entscheidungsgremium gedacht. In
diesem Sinne entsprechen die bis dahin noch nie dagewesenen
Bemühungen um den Frieden während des vergangenen Jahres ganz
den von der Charta gesetzten Normen.
Es besteht noch ein zweiter Grund und dieser ist beunruhigend. Es ist dies die Tatsache, daß die Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen bei weitem nicht all die Länder umfaßt, die
friedliebend sowie in der Lage und gewillt sind, die Verpflichtungen der UN-Charta zu erfüllen, und die zwangsläufig an zahlreichen kritischen internationalen Problemen beteiligt sind.
14 Länder sind gegenwärtig nur durch die Anwendung - in Wirklichkeit durch den Mißbrauch - des sogenannten Veto-Rechts von der UNMitgliedschaft ausgeschlossen. Keines dieser Länder gehört der
gleichen Kategorie wie Rotchina an, das von den Vereinten Nationen der Aggression schuldig befunden worden ist. Alle 14 Länder
sind voll für die UN-Mitgliedschaft qualifiziert.
Sofern nicht Wege gefunden werden können, um diese friedliebenden Länder, die sich dem Recht beugen, in diese Organisation zu bringen, werden Macht und Einfluß dieser Organisation
zwangsläufig immer mehr schwinden.
Wir nähern uns dem zehnten Jahrestag der Gründung der Vereinten Nationen. Alle Regierungen und Völker der Mitgliedstaaten
dürfen mit gutem Recht dankbar sein für die großen Leistungen und
Erfolge der UN und für die einzigartigen Dienste dieser Organisation als Forum für internationale Gespräche. Aber der herannahende Jahrestag muß mehr werden als nur ein Tag der Selbstbeglückwünschung. Es ist an der Zeit, die Schwächen unserer Organisation aufzuzeigen und nach Mitteln und Wegen zu suchen, durch
die die UN in die Lage versetzt werden kann, besser als ein Bürge
des Friedens und der Gerechtigkeit und als Mittelpunkt für die
Harmonisierung des Handels der Nationen zu dienen. Dies war gerade
die Idee ihrer Gründer, die eine Konferenz zur Überprüfung der
Charta vorsahen, die auf der nächsten Jahressitzung unserer Versammlung einberufen werden soll.
Zusammenfassung
Die Bemühungen um die Herstellung des Friedens haben uns
große Hoffnungen aber auch tiefe Enttäuschungen gebracht. Aber
nach Tiefpunkten lebt immer neue Hoffnung auf. Namens der Regierung der Vereinigten Staaten möchte ich abschließend feststellen,
daß wir überzeugt sind« daß der internationale Friede ein erreichbares Ziel ist. Das ist die Voraussetzung, von der alle unsere
- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

unsere Planungen ausgehen. Wir geloben, niemals zu zaudern, uns
niemals entmutigen zu lassen, sondern zuversichtlich und unermüdlich so zu handeln, daß der Frieden für uns ein allzeit verbindlicher Grundsatz des Handels wird.
Wir wissen, daß wir dabei nicht allein stehen. Nicht nur
darum, weil wir aus Nützlichkeitserwägungen Bündnisse und Pakte
eingegangen sind, sondern weil der Geist des Friedens wie ein
Magnet viele Menschen und viele Nationen verbindet und sie zu
einer loyalen Partnerschaft für den Frieden zusammenschweist."

*

* * * *

- 11 -

�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. CONANT ZUR ERÖFFNUNG DER AMERIKANISCHEN
ATOMENERGIE-AUSSTELLUNG IN BERLIN

BERLIN — (Amerika Dienst) — Nachstehend der
Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische
Hochkommissar für Deutschland, Dr. James B.
Conant, am 24. September 1954 in der Technischen
Universität zum Thema "Kernphysik - eine Errungenschaft des menschlichen Geistes" gehalten hat.
Der Vortrag fand anläßlich der Eröffnung der
amerikanischen Atomausstellung im George C.
Marshall-Haus, die im Rahmen der Berliner Industrieausstellung 1954 veranstaltet wird, statt.

"Ein Botschafter hat oft unerwartete und eigenartige, dabei aber doch angenehme Aufgaben zu erfüllen, und meine Rede
heute ist eine solche Aufgabe. Als ich am 16. Juli 1945 in
Alamogordo im Staate Neumexiko im Sand lag und auf die erste
Atombombenexplosion in der Geschichte der Menschheit wartete,
hätte ich nie gedacht, daß ich eines Tages in Berlin eine
amerikanische Ausstellung eröffnen würde, die sich mit den
friedlichen und konstruktiven Möglichkeiten der Atomenergie
befaßt.
Wie heute allgemein bekannt ist, war es damals ungewiß, ob
es überhaupt möglich sein würde, eine Atomexplosion auszulösen«
Ich hatte'»während
ich im Morgengrauen dieses Julitages wartete, gerade mit einigen Kernphysikern die Frage diskutiert,
ob der Versuch erfolgreich verlaufen könnte. Dabei erwähnte
jemand, daß wir ja früher einmal gefürchtet hatten, eine unkontrollierte Kettenreaktion könne den Stickstoff der Luft
entzünden.
Genaue Berechnungen hatten aber schon lange zuvor erwiesen,
daß eine solche Befürchtung reine Torheit war: eine Stickstoffe
Kettenreaktion konnte unter keinen Umständen erfolgen. Trotzdem war wohl die eben geführte Diskussion über die Möglichkeit
einer Entzündung des Stickstoffes der Luft noch in meinem Unterbewußtsein. Denn angesichts des ungeheuer grellen Blitzes,
der bei der ersten Atombombenexplosion aufflammte, durchzuckte
mich für den Bruchteil einer Sekunde der irrationale Gedanke,
daß jetzt vielleicht die ganze Welt explodieren werde. So erschütternd, so im tiefsten aufwühlend war das Erlebnis dieser
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

dieser ersten Atomexplosion in der menschlichen Geschichte.
Erst eine endlos scheinende Minute nach der Explosion erreichte
uns an unserem 20 km entfernten Standort die ungeheure Schallwelle, die durch sie ausgelöst worden war. Aber schon lange vorher hatte mich die Wirklichkeit über die momentane Furcht hinweggebracht, die die Bilder meiner Phantasie in mir ausgelöst
hatten. Die Wirklichkeit war schlimm genug.
Seit dieser ersten Explosion in Alamogordo steht nun die
Menschheit vor großen, schwierigen Problemen. Das muß man zugeben. Aber wir wissen jetzt, daß die Angst vor einer die Welt zerstörenden Kettenreaktion überflüssig ist, und daß auch die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung der Erde nicht besteht.
Heute abend will ich weder über die politischen Probleme
noch über die militärischen Prägen sprechen, die die Erschließung der Atomenergie aufgeworfen hat. Denn die Ausstellung, die
wir hier in Berlin vorbereitet haben, befaßt sich ja mit anderen Aspekten der Atomenergie. Heute abend möchte ich mich ausschließlich mit ihren friedlichen Verwendungsmöglichkeiten befassen. Es ist eine interessante Tatsache, daß wir in Amerika
schon bald nach Beginn der Entwicklungsarbeiten während des
Krieges wußten, daß eine gelenkte Kettenreaktion möglich war,
aber keineswegs sicher waren, ob sich auch eine nicht gelenkte
Kettenreaktion, nämlich in Form einer Explosion, herbeiführen
ließe. Nur die Gesetze der Kernphysik konnten Antwort auf diese
Präge geben, und sie waren damals noch nicht hinreichend bekannt.
Ich möchte hier die gelenkte Kettenreaktion behandeln. In
diesem Zusammenhang darf ich, wenn Sie es gestatten, noch einmal
ein persönliches Erlebnis einflechten. Einigen unter Ihnen ist
es vielleicht schon aus zwei Artikeln bekannt, die Frau Fermi,
die Gattin des großen italo-amerikanisehen Physikers, in der
Zeitschrift "New Yorker" veröffentlicht hat. Professor Permi hat
bekanntlich entscheidenden Anteil an der Erschließung der Atomenergie gehabt.
Er war es, der die erste gelenkte Kettenreaktion Ende 1942
unter der Tribüne des Fußballstadions der Universität Chikago
auslöste. Als das denkwürdige Experiment gelungen war, rief
mich Dr. Arthur Compton, der Gesamtleiter des dortigen Atomforschungsprojektes, in Washington an; "Der italienische Seefahrer
hat die neue Welt erreicht", sagte er mir, gemäß unserer vorher
vereinbarten Geheimsprache. "Und wie verhielten sich die Eingeborenen?" fragte ich ihn voller Spannung. "Außerordentlich
freundlich", antwortete Compton. So erfuhr ich, daß die erste
gelenkte Kettenreaktion der Geschichte gelungen war.
Sicher erhebt sich nun die Frage: Was ist denn eigentlich
eine gelenkte Kettenreaktion? Gerade das will unsere Ausstellung erklären, und darum haben wir dort einen Apparat aufgebaut,
der sich nicht viel von dem ersten Atommeiler unterscheidet, den
Permi im Dezember 1942 in der Universität Chikago in Betrieb
setzte.
Ich

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

Ich will heute abend nicht versuchen, die physikalischen
Theorien zu erläutern, denen Sie ja in der Ausstellung immer
wieder begegnen werden. Das wäre von mir, einem organischen
C:.emiker, vielleicht auch eine Anmaßung. Sie müssen nämlich
wissen, daß zwischen Chemikern und Physikern eine gewisse,
und ich will hoffen, immer freundschaftliche Rivalität besteht.
Die Physiker haben es nicht gern, wenn ein Chemiker über ein
Gebiet spricht, das sie ihr eigen nennen.
Aber jetzt zurück zu meinem Thema. Wer mit der Theorie
schon vertraut ist, wird, so glaube ich, in erster Linie an den
in dieser Ausstellung gezeigten Modellen, Instrumenten und Anlagen interessiert sein. Pur die anderen hoffe ich, daß ihnen unsere Ausstellung eine sehr lehrreiche Einführung in die moderne
Wissenschaft der Kernphysik sein wird.
Gewisslich muß man die Intelligenz bewundern, mit der der
Mensch eine gelenkte Kettenreaktion herbeigeführt hat. Aber wozu
ist diese nützlich? Es sei hier noch einmal betont, daß ich
nicht über die explosive Kettenreaktion und auch nicht über die
politischen Probleme spreche, die sie mit sich gebracht hat.
Die gelenkte Kettenreaktion im Kernreaktor erzeugt einerseits
Energie in Form von Wärme und andererseits chemische Elemente
mit starker Radioaktivität. Diese sind entweder beim Prozeß
der Kernspaltung entstanden oder als Elemente radioaktiv gemacht worden, indem man sie den Strahlungen im Reaktor aussetzte.
Wie ich eben sagte, besteht also die Möglichkeit, mit Hilfe
eines Reaktors Energie zu gewinnen, mit der man wiederum Dampfmaschinen betreiben und elektrische Kraft erzeugen kann. Meiner
Meinung nach wurde in der Presse schon so viel über das Atom als
Energiequelle geschrieben, daß ich hier nicht viel darüber zu
sagen brauche, und ich möchte mich auch nicht mit den wirtschaftlichen Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie auseinandersetzen. Eins möchte ich aber betonen: die grundsätzlichen
technischen Probleme sind längst gelöst. Nur die wirtschaftliche
Nutzbarmachung der Atomenergie für die Industrie muß noch experimentell erarbeitet werden. Wie Sie sicher wissen, hat Präsident Eisenhower am 6. September das Zeichen für den Beginn
der Bauarbeiten an dem ersten amerikanischen Atom-Kraftwerk
gegeben. Es werden in kurzer Zeit noch vier andere Versuchsanlagen gebaut werden, und diese fünf Kraftwerke sollen hauptsächlich dem Zwecke dienen, Prägen der wirtschaftlichen Gewinnung
und Verwendung der Atomenergie zu erforschen.
Der Reaktor als industrielle Energiequelle gehört also
noch immer der Zukunft an. Aber heute schon sind die radioaktiven Produkte der Reaktoren zu wichtigen Hilfsmitteln der
Forschung geworden und stellen gegenwärtig das wichtigste Ergebnis des ganzen Reaktorprogrammes dar. In Amerika werden
radioaktive Stoffe seit mehreren Jahren in größeren Mengen produziert und nach über 50 Ländern versandt. Auch in England, besonders in Harwell, führt man ähnliche Programme durch. Pur
Stoffe, deren Radioaktivität nur von kurzer Dauer ist, bleibt

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

bleibt England natürlich der Hauptlieferant Europas.
Um Ihnen einen Begriff von der Bedeutung der Produktion solcher radioaktiven Stoffe zu geben, möchte ich nur auf ein Experiment hinweisen, das in Brookhaven in der Nähe von New York durchgeführt wird. Es handelt sich um die Versuche mit dem sogenannten
Gammastrahlenfeld, bei denen die Wirkungen dieser Strahlen auf
Pflanzen studiert werden. Die dort benutzte Strahlungsquelle ein kleiner Block radioaktiven Kobalts - ist nur eine von vielen,
wie sie in zahlreichen Laboratorien und Forschungs-Instituten
in Amerika benutzt werden. Diese Quelle entspricht 1800 Curie,
für welche man also 1800 Gramm Radium brauchen würde. Dies mag
Sie zunächst nicht sehr beeindrucken, bestimmt aber, wenn ich Sie
darauf hinweise, daß heute in der ganzen Welt nur 1500 Gramm
Radium verfügbar sind.
Somit habe ich schon eine der Anwendungsmöglichkeiten für
radioaktive Stoffe erwähnt. Manche von ihnen sind infolge ihrer
besonderen Art der Radioaktivität ein äußerst praktischer Ersatz
für Röntgenapparate und zudem noch billiger als diese. Viele
haben eine höhere Strahlungsintensität als Radium. Diese ungeheure Strahlungskraft aber macht künstlich radioaktivierte Stoffe
für den Menschen äußerst gefährlich.
Man kann sagen, daß die in Amerika entwickelten Schutzeinrichtungen, durch die die Handhabung solcher Stoffe erst ermöglicht wurde, einen Triumph des menschlichen Erfindungsgeistes
darstellen. Wenn Sie morgen in die Ausstellung gehen, werden
Sie, mitten in der Haupthalle, die tatsächliche Apparatur vorfinden, mit deren Hilfe ein hinter einer Schutzwand stehender
Techniker die Experimente ausführen kann. Die ferngesteuerten
magischen Hände sind fast so geschickt wie die menschliche Hand.
Ich muß hier aber eine Warnung aussprechen - nicht etwa vor
irgendwelcher Strahlungs- oder Vergiftungsgefahr. Diese gibt
es nur bei der praktischen Arbeit mit dieser Apparatur. Wovor
ich Sie warnen möchte, ist nicht die Gefahr der Radioaktivität,
sondern vor genau dem Gegenteil, nämlich daß Sie nur harmlose
Modelle zu sehen bekommen. Wir haben hier so etwas die amerikanischen Reklamemethoden verwendet. Sie werden daher auch nicht
überrascht sein, wenn ich gestehe., daß in der Praxis die magischen Hände dieser komplizierten Apparatur nicht, wie bei dieser Ausstellung, Grußkarten für Besucher schreiben. Auch muß
ich zugeben, daß bei uns in Amerika selten so hübsche junge Mädchen die Geräte kontrollieren wie hier auf der Ausstellung.
Ich habe von der Anwendung einiger der radioaktiven Produkte
eines Atommeilers als Ersatz für Röntgenröhren gesprochen. Lassen Sie mich Sie, meine Zuhörer, an die Bedeutung der großen
Entdeckung Röntgens erinnern, die er gegen Ende des 19» Jahrhunderts als damaliger Professor in Würzburg machte.
Die Kunde von dieser großen Entdeckung lief in kurzer Zeit
um die ganze Welt, und schon bald erkannten die Ärzte, daß ihnen
damit ein ungemein wertvolles Werkzeug an die Hand gegeben war.
Es

�29. September 1954

"AMERIKA DIENST"

Es folgte die Entdeckung des Radiums, welches für spezielle
Zwecke, besonders in der Krebstherapie, Anwendung findet. Heute
aber steht uns, dank dem Reaktor, eine ganze Reihe von radioaktiven Elementen zur Verfügung, die auch in kleinster Menge mehr
als ein vollwertiger Ersatz für Röntgen- und Radiumstrahlen sind.
Wenn Sie durch unsere Ausstellung gehen, werden Sie interessante Hinweise auf die Anwendung von radioaktivem Jod bei der
Diagnose von Schilddrüsenkrebs und seiner Metastasen sowie bei
der Lokalisierung und Therapie von Gehirntumoren finden. Die
radioaktiven Stoffe eröffnen nicht nur dem Arzt, sondern auch dem
Naturforscher neue Möglichkeiten, die vielleicht nicht so eindrucksvoll | aber wohl ebenso wichtig sind.
Wie radioaktive Stoffe in der wissenschaftlichen Forschung
verwendet werden, läßt sich manchmal nur schwer in nichttechnischen Worten erklären. Man nennt einen Teil dieser Stoffe deshalb Spürelemente, weil sie es dem Wissenschaftler möglich machen, chemische Reaktionen genau zu verfolgen. In der Tat, man
kann diesen Vorgängen sogar mit dem Geigerzähler folgen, wie der
Hund der Spur des Hasen. Der Vergleich wird noch deutlicher, wenn
ich hier zwei spezifische Beispiele anführe. In beiden Fällen handelt es sich um Forschungsarbeiten, bei denen ein radioaktiver
Stoff - und zwar die radioaktive Form des Kohlenstoffes - geholfen hat, Geheimnisse der Natur zu lüften.
An der einen Arbeit habe ich ein gewisses persönliches Interesse: Eine der ersten Veröffentlichungen auf diesem Gebiet im
Jahre 1941 trug neben anderen auch meinen Namen, obwohl mein Beitrag dazu nur ein bescheidener war. Damals konnte radioaktiver
Kohlenstoff nur in sehr kleinen Mengen mit großen Schwierigkeiten im Labor hergestellt werden. Heute gewinnt man ihn, wie auch
viele andere radioaktive Elemente, in ziemlich großen Mengen,
und auch die Herstellungskosten sind heute viel geringer. In
diesen Anfangsexperimenten wurde Kohlensäure verwendet, welche
radioaktiven Kohlenstoff enthielt und somit selbst radioaktiv war.
Beim Studium von Tierzellengeweben machte man eine sehr
überraschende Entdeckung: die Kohlensäure wird von diesen Zellen
aufgenommen und in zuckerähnliche Kohlehydrate umgewandelt. Viele
von Ihnen mögen denken, daß dies gar keine so revolutionäre Entdeckung sei. In der Tat war diese Feststellung aber so unerwartet, daß die Forscher zuerst glaubten, sie hätten irgendwo einen
Fehler gemacht; war es doch bisher eine der grundsätzlichsten
Hypothesen der Biochemie, daß Tierzellen Kohlensäure nicht aufnehmen, sondern nur produzieren, und zwar durch die Oxydierung
von Kohlehydraten. Es galt ferner als feststehende Tatsache,
daß die Assimilierung von Kohlensäure durch eine lebende Zelle
und ihre Umwandlung in Kohlehydrate nur in grünen Pflanzen unter
Einwirkung des Sonnenlichtes stattfindet.
Diese Hypothese war nun widerlegt. Viele tierische und
pflanzliche Zellen verwandeln Kohlensäure in Zucker, und jede
Etappe dieses Prozesses ließ sich nunmehr mit Hilfe der Spur des
- 5 -

�29. September 1954

"AMERIKA DIENST"

des radioaktiven Kohlenstoffs in allen Einzelheiten verfolgen.
Ich kann leider hier nicht auf nähere Details eingehen, obwohl
diese Entdeckung mit allen ihren Polgerungen eine für den Wissenschaftler höchst aufschlußreiche Entwicklung ist. Ich möchte
hier nur die Schlußfolgerung aus diesen Experimenten wiedergeben: bei Pflanzen geht die Erzeugung von Kohlehydraten aus
Kohlensäure unter Einwirkung von Lichtenergie vor sich; viele
Tierzellengewebe können den gleichen Umwandlungsprozeß vollziehen, wobei die erforderliche Energie aus der Oxydation anderer Kohlehydrate unter Heranziehung der Kohlensäure stammt.
Jetzt möchte ich mit Ihrer Erlaubnis einen Sprung von der
Biochemie zur Archäologie machen. Eines der schwierigsten Probleme, mit denen der Archäologe sich oft auseinanderzusetzen
hat, ist die Datierung prähistorischer und frühgeschichtlicher
Punde. Mein zweites Beispiel illustriert eine der interessantesten und neuesten Methoden in der Anwendung der Radioaktivität.
Es handelt sich hier nicht um künstlich erzeugtes radioaktives
Material, sondern um solches, das sich in der Natur findet.
Dieses Verfahren wurde durch einen amerikanischen Chemo-Physiker,
Willard P. Libby von der Universität Chikago, entwickelt.
In den höheren Schichten der Erdatmosphäre wird ständig
ein kleiner Prozentsatz Stickstoff durch die Einwirkung kosmischer Strahlen in radioaktiven Kohlenstoff umgewandelt. Der Prozentsatz dieses radioaktiven Kohlenstoffs in der Atmosphäre ist
unglaublich gering und konstant: auf tausend Milliarden Atome
gewöhnlichen Kohlenstoffs entfällt ein Atom radioaktiven Kohlenstoffs. Der Kohlenstoff wird in der Atmosphäre zu radioaktiver Kohlensäure oxydiert, welche durch die Pflanzen zusammen
mit gewöhnlicher, nichtradioaktiver Kohlensäure aufgenommen und
umgesetzt wird. Damit gelangt auch radioaktiver Kohlenstoff in
die Zellen aller Lebewesen und wird dort in dem gleichen Verhältnis, wie vorher genannt, aufgebraucht: auf je tausend Milliarden Atome gewöhnlichen Kohlenstoffs kommt ein Atom radioaktiver
KohT enstoff.
Wenn nun eine Pflanze oder ein Tier stirbt, ist die - nebenbei gesagt sehr schwache - Radioaktivität des Kohlenstoffs in
den Zellgeweben dieselbe wie die der Atmosphäre. Nach ungefähr
5 500 Jahren, der sogenannten Halbwertzeit des radioaktiven Kohlenstoffs, hat sich die Hälfte seiner Atome zersetzt, und die
Radioaktivität ist nur noch halb so stark. Nach ungefähr 11 000
Jahren ist sie nur noch ein Viertel so stark, usw. So kann man
in jeder kohlenstoffhaltigen Substanz durch Messung der Radioaktivität feststellen, vor wieviel Jahren der Kohlenstoff ursprünglich aus der Atmosphäre gewonnen wurde.
Ich muß hier erwähnen, daß es sich um eine sehr schwierige
Messung handelt, die nur mit äußerst empfindlichen Instrumenten
durchgeführt werden kann. Immerhin können heute archäologische
Punde datiert werden, die zwischen 1000 und 20 000 Jahre alt
sind, und zwar mit einer Genauigkeit von etwa 200 Jahren.
Die
- 6 -

�"AMERIKA LIEHST"

29. September 1954

Die Exaktheit dieser Methode wurde kontrolliert, indem man
die Radioaktivität eines Holzstückes maß, das aus dem Innern
eines unserer Riesensequoiabäume in Kalifornien stammte; dessen
Alter war auf Grund der Zahl seiner Jahresringe genau bekannt.
Eine der interessantesten Feststellungen, zu denen man mit dieser Methode gelangte, war, daß die letzte Eiszeit ungefähr
11 000 Jahre zurückliegt, und daß die bemerkenswerten Wandmalereien in der Lascoux-Höhle bei Montignac in Frankreich ungefähr 15 000 Jahre alt sind. Die Papyrusrollen mit Texten aus
dem Buch des Propheten Jesaia, die unlängst in Israel entdeckt
wurden, sind nach den Meßergebnissen ungefähr 1900 Jahre alt.
Wenn Sie meinen Ausführungen gefolgt sind, werden Sie gemerkt haben, daß die beiden Beispiele, die ich gab* eigentlich
eng zusammenhängen. Beide basieren auf der Assimilation von Kohlenstoff durch die Zellen von Organismen. Als ehemaliger Professor habe ich eine Vorliebe für praktische Experimente» Wir haben
hier einen Geigerzähler, den wir dem deutschen Physiker dieses
Namens verdanken. Ich will den Apparat hier nicht weiter erklären, es genügt zu sagen, daß er das Vorhandensein von Gammastrahlen anzeigt. Wenn ich diese Rose in einer radioaktiven Atmosphäre
oder mit radioaktivem Dünger gezüchtet hätte» so würde sie selbst
strahlen. Mit dem Geigerzähler ließe sich das feststellen,
genau wie er jetzt anzeigt, daß dieses Phosphorpräparat radioaktiv ist. Leider würde es zu lange dauern, bis eine Pflanze
Kohlensäure absorbiert, um diese Transformation innerhalb des
Zeitraums einer einzelnen Vorlesung zu demonstrieren- Ich will
aber dennoch diese Rose in ein Glas Wasser stellen, das eine
radioaktive Phosphorverbindung enthält. Etwas später werde ich
dann vielleicht mal sehen, ob ich Sie davon überzeugen kann» daß
die Rose etwas von dem radioaktiven Material assimiliert hat.
Ich sage "vielleicht", weil ich vor vielen, vielen Jahren schon
schmerzliche Erfahrungen mit der Durchführung von Experimenten
vor einer Zuhörerschaft gemacht habe. In meinen Tagen als Chemieprofessor ist mir mehr als ein solches Experiment daneben gegangen; was ich vorausgesagt hatte, trat peinlicherweise manchmal ganz einfach nicht ein« Nach einem solchen Fehlschlag kam
einmal ein älterer Zuhörer meiner Vorlesungen zu mir und sagte:
"Junger Mann, Sie würden Ihre Vorlesungen wirksamer mit Versuchen illustrieren, wenn Sie nach dem Experiment als Historiker
und nicht vorher als Prophet sprechen." Ich muß angesichts gewisser Erfahrungen in den letzten Monaten gestehen, daß dieser
Ratschlag sich eigentlich auch in meiner neuen Karriere als
Diplomat recht nützlich hätte erweisen können. Aber keine Angst:
ich will heute abend nicht von politischen Dingen sprechen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten trägt zur alljährlichen Berliner Industrieausstellung diesmal eine Sonderausstellung über das "Atom" bei, weil die Vereinigten Staaten
seinerzeit der Sammelpunkt des wahrhaft internationalen Unterfangens auf diesem Gebiet waren.
Ich sehe in den Arbeiten, die bei uns in den letzten 15 Jahren geleistet worden sind, eine großartige Errungenschaft des

- 7-

�"AMERIKA SIEHST"

29. September 1954

des schöpferischen menschlichen Geistes. Als Amerikaner bin ich
stolz auf das, was unsere Wissenschaftler erarbeitet haben. Dnd
es ist mir eine besondere Genugtuung, daß sie ihre Erfolge gemeinsam mit jenen hervorragenden Wissenschaftlern erringen konnten, die in Amerika ein Asyl fanden, als die Diktatoren in il
rer europäischen Heimat sie zwangen, diese zu verlassen. Ich
nenne hier Szilard, Wigner, Teller, Weisskcpf und noch einmal
Permi.
Ich darf hier kurz die wichtigsten Errungenschafter der
Physik in diesem Jahrhundert rekapitulieren. Das Phänomen der
Radioaktivität wurde im Jahre 1896 von dem Franzosen Becquerel
entdeckt und dann eingehend von Pierre und Marie Curie untersucht,
die 2 Jahre später das Radium fanden und rein darstellten. 1919
gelang dem großen britischen Physiker Rutherford, dem Mann der
1911 den Kern des Atoms entdeckt hatte, zum ersten Male eine
KernUmwandlung. Durch Beschuß mit Alpha-Partikeln, das heißt mit
Heliumkernen, verwandelte er einige Atome Stickstoff in Sauerstoff. Der nächste entscheidende Portschritt war die Entdeckung
des Neutrons, jenes elektrisch neutralen Elementarteilchens,
ohne das die Erschließung der Atomenergie und die Möglichkeit
einer gelenkten Kettenreaktion überhaupt undenkbar ist. Unter
Zugrundelegung der Experimente, die Booth und Becker 1930 in
Deutschland und Irene Curie und Frederic Joliot 1932 in Prankreich durchführten, und auf Grund eigener Berechnungen sagte der
Engländer Chadwick die Existenz der Neutronen voraus, deren Vorhandensein er später experimentell bewies.
Die Entdeckung des Neutrons eröffnete ein neues Kapitel
der experimentellen Physik. Es ist schwer, die Bedeutung der
neuentwickelten Methoden auf jenem Gebiet zu überschätzen,
das schon seinen eigenen Namen, Neutrcnenphysik, trägt. Der Beschuß von Elementen durch Neutronen ermöglichte die Erzielung
von vielfachen Umwandlungen. Der Beschuß des Elements mit dem
größten Atomgewicht, also Uran, ergab seltsame Effekte, die zunächst falsch ausgelegt wurden. Im Dezember 1938 machte Professor Otto Hahn zusammen mit Pritz Strassmann die bedeutsame Entdeckung, daß im Zuge des Beschüsses von Uran mit Neutronen
Elemente auftauchten, die nur ungefähr- das halbe Atomgewicht
des ursprünglichen Urans hatten. Diese Entdeckung wurde hier
ih Berlin gemacht, und ich freue mich besonders, daß Professor
Otto Hahn heute abend hier anwesend ist.
Die Entdeckung Hahns und Strassmanns verbreitete sich wie
ein Lauffeuer über die ganze Welt und führte zu einer wahren
intellektuellen Kettenreaktion, mit der die Namen Frisch, Meitner, Bohr und Fermi besonders hervorragend verbunden sind. In
den Vereinigten Staaten wurde die Kunde von Mund zu Mund weitergetragen, daß man wahrscheinlich vor einer Atomspaltung stehe.
Dies wurde sehr bald durch Experimente in vielen Laboratorien
bestätigt. Innerhalb von einem Janr waren mehr als hundert Ergebnisse von solchen Experimenten veröffentlicht worden. Anfang
194Q war es bereits klar, daß die Atomspaltung eines Uranisotops
stattfand, wenn man es mit Neuxronen beschoß und daß dabei weitere Neutronen freigesetzt wurden» Damit tauchte die Möglichkeit
- 8 -

�29. September

"AMERIKA DIENST"

1954

Möglichkeit einer Kettenreaktion im großen Maßstab auf. Es
schien, daß dem Menschen in aller Kürze die praktische Durchführung dessen gelingen würde, was Einstein mehr als 35 Jahre vorher
vorausgesagt hatte, nämlich, daß Materie in Energie umgewandelt
werden könnte.
1940 befand sich Europa im Kriege. Amerikanische, englische
und kanadische Wissenschaftler aber arbeiteten - mit wesentlicher
Unterstützung der amerikanischen Industrie und vornehmlich in
amerikanischen Forschungsstätten - an der Lösung der Präge, wie
die Atomenergie in großem Maßstabe freigesetzt werden könne.
Was diese Wissenschaftler zuwege brachten, kann man gut und gern
als Wunder der Forschung bezeichnen. Ich beziehe mich hier abermals nicht auf die Atombombe, sondern ich meine die ungeheure
kollektive wissenschaftliche Leistung, die darin liegt, die
tausendfältigen Probleme der Freisetzung der Atomenergie gelöst
zu haben. Auf Grund von Experimenten mit Materie, die nur in so
kleinen Mengen vorhanden war, daß man sie nicht einmal mit dem
Mikroskop hätte sichtbar machen können, ließen sich mit Hilfe
der Extrapolation Berechnungen über den Aufbau eines Atommeilers
anstellen» der Vergrößerungsfaktor betrug dabei etwa 10 Milliarden.
Als organischer Chemiker, der sich mit den Reaktionen der
Moleküle befaßte, muß ich zugeben, daß sich die größte Skepsis
zeigte, als meine Freunde, die Kernphysiker, zum ersten Male
ihre Pläne darlegten. Sie erklärten mir, daß sie die Atomspaltung an einem Isotop des Urans versuchen wollten, das nur zu
ungefähr 1/2 Prozent im natürlichen Uran enthalten ist. Dieses
Isotop, das sogenannte U 235, sei am besten als Träger einer gelenkten Kernreaktion geeignet. Um nun die Wahrscheinlichkeit der
Spaltung zu erhöhen, mußte die Geschwindigkeit der Neutronen abgebremst werden.
Aus den Berechnungen der Physiker ergab sich, daß es möglich sein mußte, zu einer gelenkten Kettenreaktion zu gelangen,
wenn Uran und der Bremstoff für die schnellen Neutronen in
meflerähnlicher Schichtung zusammengebracht würden.
So entstand der Atommeiler. Man wußte, daß eine gewisse Mindestmenge von Uran, die kritische Masse, für die Auslösung einer
Kettenreaktion nötig war. Über die exakte Größe dieser kritischen
Masse aber bestand noch Ungewißheit.
Und als man 1941 die ersten Pläne für einen Atommeiler ausarbeitete, wußte man nicht, ob er so groß sein mußte, wie dieser
Tisch, oder etwa so groß wie ein Fußballstadion. Seitdem sind in
Amerika viele Atommeiler verschiedener Typen in Betrieb gesetzt
worden. In unserer Ausstellung finden Sie das Modell eines typischen sogenannten Graphit-Reaktors, der dem ersten Meiler, der
in Chikago gebaut worden war, nicht unähnlich ist.
Die Versuchung ist groß, noch weiter nicht nur über das Modell dieses Reaktors, sondern auch über die anderen Modelle, in

- 9-

�"AMERIKA DIENST"

29. September 1954

in unserer Ausstellung zu sprechen. Aber, da Sie ja alle selber
Gelegenheit haben werden, sich diese Dinge persönlich anzusehen,
will ich nichts weiter über die Ausstellung sagen. Lassen Sie
mich vielmehr zum Abschluß auf das Thema zurückkommen, dem diese
Vorlesung gewidmet ist, nämlich 'Die Kernphysik als Errungenschaft des menschlichen Geistes.'
Dabei möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die rein wissenschaftlichen Aspekte des ganzen Unterfangens lenken. In dem Zusammenhang fällt mir die Geschichte von dem berühmten deutschen
theoretischen Physiker ein, der einmal gebeten wurde, eine Vorlesung über die Beziehungen zwischen der reinen und der angewandten Physik zu halten. Seine Rede war denkbar kurz. Er sagte
nämlich: 'Die Beziehung ist sehr einfach - die beiden Gebiete
haben nämlich gar nichts miteinander zu tun.' Daß er die Dinge
etwas sehr stark vereinfacht hat, brauche ich hier kaum besonders zu betonen. Dennoch ist etwas Wahres an dieser Argumentation gerade im Zusammenhang mit meinen Ausführungen, denn manche
von meinen Zuhörern mögen über der Masse von technischen Details,
die ich vor Ihnen ausgebreitet habe, den Blick für die wahrhaft
erregende Entwicklung der grundsätzlichen wissenschaftlichen Gedanken, um die es hier geht, verloren haben.
Ich habe mich heute abend mit einiger Ausführlichkeit mit
der Bedeutung der neuen Entdeckungen auf dem Gebiete der Kernphysik für das praktische Leben beschäftigt; morgen werden Sie
bei der Besichtigung der Ausstellung selbst feststellen, welch
großer Nutzen der Menschheit aus der wissenschaftlichen Entwicklung der vergangenen 20 Jahre erwachsen ist. Künstlich radioaktive Stoffe werden heute schon und in Zukunft noch viel mehr
in der Medizin, in der Landwirtschaft und auf zahllosen anderen
wissenschaftlichen Gebieten verwendet, von den ungeheuren Möglichkeiten der Kraft- und Wärmeerzeugung durch die gelenkte
Kettenreaktion ganz zu schweigen.
Aber lassen Sie mich jetzt zum Schluß nicht von dieser Anwendung der Atomenergie sprechen. Vielmehr möchte ich Sie bitten,
mit mir die Geschichte der Entwicklung der Kernphysik einmal so
zu betrachten, wie man eine Symphonie, eine Oper, eine der großen Schöpfungen der Architektur, ein Gemälde oder überhaupt jedes
Kunstwerk betrachtet.
Pur den Laien ist es vielleicht schwer vorstellbar, wie sehr
sich die ganze Geschichte der Atomenergie auf der Zusammenarbeit,
ja der Verschmelzung der geistigen Kraft von Menschen aus vielen
Ländern und vielen Zeitabschnitten aufbaut. Ich gehe bei dem Hinweis auf diese Zusammenarbeit einmal von der Tatsache aus, daß
zahllose Wissenschaftler Tag für Tag gemeinsam überlegt und experimentiert haben; zum anderen schließe ich aber auch darin jene
unbewußte Zusammenarbeit ein, die sich daraus ergibt, daß die
letzten in der Kette der Wissenschaftler, welche an der Atomspaltung maßgeblich beteiligt waren, auf der Denkarbeit und der
Begriffsentwicklung, auf den zahllosen mühseligen Experimenten
jener aufgebaut haben, die vor ihnen kamen.
^
- 10 -

�29. September

"AMERIKA DIENST"

1954

Der Naturwissenschaftler neigt oft zu der irrtümlichen Auffassung, daß so materielle Dinge wie etwa die Atomenergie lediglich das Ergebnis von Experimenten sind, daß ihre Schöpfer rein
empirisch diese oder jene Möglichkeit experimentell verfolgen,
bis sie am Ziele sind. Dies ist grundverkehrt. Wie die berühmte
Einsteinsche Formel von der Beziehung zwischen Energie und Materie zeigt, ist die theoretische Erarbeitung neuer Begriffe
oft wesentlich wichtiger als das Experiment und sein Resultat.
Vielmehr sind häufig wichtige experimentell erzielte Ergebnisse
die Früchte jener begrifflichen Entwicklung, von der ich eben
sprach. Die theoretischen Überlegungen sind die Wegweiser, die
dem Physiker und Chemiker sagen, was er versuchen und was er
bleiben lassen soll. In der außerordentlichen, ja völlig unerwarteten Entwicklung der Kernphysik hat zum Beispiel die Mathematik eine große Rolle gespielt.
Ich habe absichtlich das Wort 'unerwartet' benutzt, denn
einer der faszinierenden Aspekte der Geschichte der Atomenergie
ist der, daß noch vor 50 Jahren kein noch so brillanter Wissenschaftler die tatsächliche Entwicklung auch nur annähernd vorausahnen konnte. In unserer Ausstellung werden Sie an einer Wand
eine Definition des Atoms vorfinden, welche auf die alten Griechen zurückgeht und welche noch zu Beginn unseres Jahrhunderts
alle Wissenschaftler der Welt als gültig erachteten. Es handelt
sich um die Definition des Atoms als eines Partikels, das nicht
weiter gespalten werden kann. Heute hingegen akzeptieren wir
ohne weiteres den an sich unlogischen Satz, daß die Kernphysiker
sich mit der Spaltung des Atoms befassen, das laut Definition
nicht weiter gespalten werden kann.
Wir alle nehmen heute mit der größten Selbstverständlichkeit
zur Kenntnis: die Tatsache, daß bei einer Kettenreaktion Materie
in Energie umgewandelt wird, ist ein Beweis für den Einsteinschen
Satz: Energie ist gleich Maße mal dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit. Aus der häufigen Verwendung dieses Satzes - Energie ist
gleich Masse maldem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit, - etwa in
Zeitungsartikeln, gewinnt man den Eindruck, daß es sich hier um
etwas ganz Alltägliches handle. Vergleichen Sie dies aber mit
dem, was noch zu Lebzeiten der Älteren unter uns als Definition
der objektiven Wirklichkeit gelehrt wurde. Im Jahre 1876 erklärte
zum Beispiel der berühmte Professor Tait in einer Vorlesung über
die jüngsten Fortschritte in der Physik: 'Der Prüfstein dessen,
was wir als Materie bezeichnen, der Beweis, daß sie objektive
Existenz hat, ist ihre Unzerstörbarkeit und ihre Unschaffbarkeit
wenn es erlaubt ist, das Wort zu gebrauchen - durch einen menschlichen Akt.' Und indem er darstellte, wie der Chemiker stets
damit rechnen könne, am Ende einer Reihe von chemischen Umwandlungen genau dieselbe Menge an Materie zu haben wie am Anfang,
schloß Tait, 'dies also müssen wir als den Prüfstein der objektiven Wirklichkeit der Materie ansehen.'
Diese, wie mir scheint, seinerzeit fast volkstümliche Definition der Wirklichkeit hat nun in einer relativ doch sehr
kurzen Zeit eine grundlegende Wandlung erfahren. Es würde weit
- 11 -

�"AMERIKA DIENST"

29. September

1954

weit über den Rahmen dieses Vortrages hinausgehen, etwa auch
von der Auswirkung der Entwicklung der neuen Physik auf den philosophischen Bereich zu sprechen. Ich will nur darauf hinweisen,
welche revolutionären Wirkungen die rasante Entwicklung der Physik
auf die grundsätzlichen Voraussetzungen unserer gesamten Denkungsweise hat. Ich meine revolutionär nicht im Sinne einer Auflehnung gegen das Bestehende, sondern als Kennzeichen der ungeheuren Geschwindigkeit, mit welcher der menschliche Geist neue
Schöpfungen hervorgebracht hat. Es ist in diesem Gefühl der Ehrfurcht vor den Leistungen des menschlichen Geistes, daß ich Sie
bitte, sich unsere Ausstellung anzuschauen.
Die Geschichte der letzten dreihundert Jahre ist eine Geschichte dessen, was durch die Verwirklichung von Ideen erreicht
wurde. Es ist die Geschichte der Blüte der schöpferischen Kraft
des menschlichen Geistes. In unserem unruhigen Zeitalter, im
Schatten von Atom- und Wasserstoffbomben, scheint es geboten,
diesen Aspekt der Neuzeit hervorzuheben. Es wird als eine der
größten Errungenschaften des Menschen in die Geschichte eingehen,
ein Gebäude neuer Begriffe und Begriffswelten entworfen zu haben,
die aus Experiment und Beobachtung entstanden sind und sich für
immer neue Experimente als außerordentlich fruchtbar erweisen.
Wie der Parthenon und die Dome des Mittelalters legen die wissenschaftlichen Ideen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts Zeugnis dafür ab, was der Geist des Menschen schaffen kann.
Da ich leider morgen an der Teilnahme der offiziellen Eröffnung verhindert bin, werde ich jetzt die amerikanische Sonderausstellung 'Atom1 eröffnen, indem ich die inzwischen hoffentlich etwas radioaktiv gewordene Rose nehme und vor den Geigerzähler halte. Dieser ist mit dem Zeichen über mir verbunden und
indem die Rose den Geigerzähler ausschlagen läßt, stellt sie den
Kontakt her, welcher das Zeichen aufleuchten läßt. Somit ist es
also die radioaktive Rose, welche hiermit die Ausstellung 'Atom"
eröffnet."
* * * * * *

- 12 -

�A M E R I K A

D I E N S T

AMERIKANISCH-SOWJETISCHER NOTENWECHSEL ÜBER SCHAFFUNG
EINES INTERNATIONALEN ATOMPOOLS VERÖFFENTLICHT

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Die Vereinigten Staaten
haben am 25« September 1954 den Wortlaut der Noten veröffentlicht, die mit der Sowjetunion im Laufe der Verhandlungen überPräsident Eisenhowers Vorschlag zur Schaffung einer internationalen Atombehörde für die Verwendung der Atomkraft für
friedliche Zwecke ausgetauscht wurden.
Diese Dokumente zeigen einerseits die ständigen Bemühungen
der USA, die von Präsident Eisenhower vor der UN-Vollversammlung im Dezember vergangenen Jahres umrissenen Ziele zu erreichen, nämlich die Sache des Friedens durch eine derartige Behörde zu fördern, sowie andererseits das hartnäckige Bestehen der
Sowjetunion darauf, daß der Plan des Präsidenten nur dann verwirklicht werden könne, wenn gleichzeitig ein Abkommen über die
Ächtung von Atomwaffen geschlossen werde.
In den Noten der amerikanischen Regierung wurde klargestellt, daß der Plan des Präsidenten nicht als eine Art Ersatz
für Abrüstungsmaßnahmen zu betrachten sei, sondern vielmehr einen
Weg darstelle, die Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie
für friedliche Zwecke bei gleicb^mf.ger Fortführung der Abrüstungsbestrebungen teilweise zu realisieren.
Am 11. Januar wurde dem sowjetischen Botschafter in
Washington folgende Note überreicht:
"1) Die Vereinigten Staaten schlagen vor, die Gespräche
über die Atomenergie zunächst auf diplomatischem Wege einzuleiten, wobei beiden Partnern das Recht vorbehalten bleiben soll,
die Verhandlungen vor das Forum der Vereinten Nationen zu bringen, und zwar gemäß deren Beschluß, nichtöffentliche Besprechungen gegebenenfalls im Rahmen der Abrüstungskommission zu
führen.
2) Es wird vorgeschlagen, daß die diplomatischen Gespräche
in Washington oder an anderer für die Gesprächspartner geeigneter Stelle stattfinden sollen. Voraussichtlich werden der sowjetische Außenminister Molotow und der amerikanische Außenminister
Dulles eine nichtöffentliche Erörterung darüber in Berlin führen.
3) Es wird vorgeschlagen, Besprechungen über Verfahrensfragen zunächst auf die UdSSR und die Vereinigten Staaten zu
beschränken und die anderen in erster Linie betroffenen Nationen nur hinzuzuziehen, sofern die zur Verhandlung stehenden
Fragen ihre Belange berühren.
4) Die Vereinigten Staaten sind bereit, jeden Vorschlag,
den die BOWjetunion hinsichtlich der Atom-, Wasserstoff-, oder

�29. September 1954

"AMERIKA DIENST"

oder anderer Waffen zur Massenvernichtung einbringt, einer Prüfung zu unterziehen.
5) Allerdings vertreten die Vereinigten Staaten die Überzeugung, als erstes müsse, wenn auch in bescheidenem Rahmen, eine
Grundlage geschaffen werden, aus der das für Planungen größeren
Stils erforderliche Zutrauen und gegenseitige Vertrauen erwachsen
könne» Aus diesem Grunde drängen die Vereinigten Staaten auf eine
baldige Diskussion des von Präsident Eisenhower am 8. Dezember
1953 gemachten Vorschlags. Die Vereinigten Staaten sind bereit,
über diesen Plan und seine mögliche Verwirklichung konkrete
Geheimbesprechungen zu führen.
6) Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, daß im gegenwärtigen Zeitpunkt Geheimbesprechungen am ehesten zu praktischen
Ergebnissen führen werden, und daß diese Gespräche von keiner
Seite für Propagandazwecke ausgeschlachtet werden sollten."
Am 19» Januar antwortete Botschafter Zarubin und erklärte
sich einverstanden, Eisenhowers Vorschlag zu prüfen und die von
den Vereinigten Staaten vorgeschlagenen Verhandlungen aufzunehmen.. Der Botschafter fügte hinzu, die UdSSR werde die Verhandlungen unter der Voraussetzung aufnehmen, daß gleichzeitig der
sowjetische Vorschlag auf bedingungsloses Verbot von Atom-, Wasserstoff- und allen anderen Waffen zur Massenvernichtung diskutiert werde.
Am 30. Januar überreichte Außenminister Molotow dem amerikanischen Außenminister Dulles auf der Berliner Konferenz eine Note,
in der der Verzicht auf derartige Waffen vorgeschlagen wurde.
Der Gedanke der Sowjetunion hierbei war, die Vereinigten Staaten,
Großbritannien, Frankreich, die UdSSR und das kommunistische
China sollten eine gemeinsame Erklärung in diesem Sinne abgeben
und die anderen Länder auffordern, ein Gleiches zu tun.
Am 13• Februar überreichte Molotow Dulles ein zweites
Aide Memoire, in dem der sowjetische Außenminister erklärte,
später auch andere Länder zur Teilnahme an den Verhandlungen
über das Problem der Atomenergie einzuladen. Das Aide Memoire
erhielt einige Feststellungen, auf die Außenminister Dulles wie
folgt antwortete:
"Ich nehme Bezug auf das mir von ., unen am 13. Februar 1954
überreichte Aide Memoire betreffs der Diskussion aber den Vorschlag zur Regelung der Atomfrage.
In Absatz 2 schreiben Sie, 'ich (Dulles) ... vertrat die
Ansicht, daß Großbritannien, Frankreich sowie Kanada und Belgien zur Teilnahme an den Verhandlungen über die Atomfrage aufgefordert werden sollte, und hätte erklar , Kanada und Belgien
sollten teilnehmen, da sie die Grunds o:fe zur Erzeugung von
Atomenergie besitzen'. Soweit ich mich erinnere, stimmt diese
Feststellung nicht ganz mit dem übere Lns was ich am 30. Januar
über diese Frage sagte. Ich möchte dah.r das offensichtlich
bestehende Mißverständnis klären. Bei e damaligen Besprechungen
sagte ich, daß Großbritannien, Kan*!a und Frankreich alle Fortschritte auf dem Gebiet der Atomenergie gemacht hätten. Des
- 2 -

�"Aiiui.i-.Iia KIEKST"

29. September 1954

Des weiteren erwähnte ich Belgien und andere Länder, die wichtige Rohstoffquellen besitzen. In diesem Zusammenhang wies ich
darauf hin, daß im Falle einer Ausweitung unserer zweiseitigen Gespräche zu einer größeren Konferenz die Vereinigten Staaten dann die Frage aufwerfen würden, welche Länder nun teilnehmen sollten.
Im Zusammenhang mit der allgemeinen Frage einer eventuellen späteren Teilnahme anderer Länder möchte ich ihre Aufmerksamkeit nochmals auf eine allgemeine Erklärung lenken, die ich
wiederholt hier in Berlin gemacht habe. Und zwar handelt es
sich darum, daß die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, an
irgendeiner Konferenz teilzunehmen, an der sich auch das kommunistische China beteiligt auf Grund der These, daß es für die
Erhaltung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit
eine besonders verantwortliche Stellung einnimmt.
Ich hoffe, es wird mir möglich sein, Botschafter Zarubin
kurz nach meiner Rückkehr nach Washington ein Memorandum über
den Inhalt des Vorschlags von Präsident Eisenhower zu überreichen."
Am 19»März überreichte Außenminister Dulles dem sowjetischen Botschafter in Washington ein Memorandum, in dem die
Ansichten der amerikanischen Regierung bezüglich des Aufbaues
der internationalen Atomenergie-Behörde und ihrer Funktionen
dargelegt wurden. Im Nachstehenden folgt der Wortlaut des
Memorandums 1
"Die Regierung der Vereinigten Staaten möchte hiermit
weitere Arbeitsvorschläge unterbreiten, welche als eine Erläuterung des vom Präsidenten der USA vor der UN-Vollversammlung am 8.Dezember 1953 dargelegten Programmes bezüglich der
Gründung einer internationalen Atomenergiebehörde gedacht
sind:
I. Ziel der amerikanischen Vorschläge
Die Regierung der Vereinigten Staaten schlägt die Gründung einer internationalen Atomenergie-Behörde unter der
Schirmherrschaft der Vereinten Nationen vor, welche von den
im Besitze kernreaktiven Materials befindlichen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen solche Grundstoffe erhalten soll«
Diese sollen zu folgenden Zwecken verwendet werden:
A) Förderung der internationalen Forschung und Entwicklungsarbeiten auf dem Gebiete der Nutzbarmachung der
Atomenergie zu friedlichen Zwecken, indem einmal die
Gewähr geboten wird, daß Techniker und Wissenschaftler der ganzen Welt genügend derartige Grundstoffe erhalten, um solche Arbeiten ausführen zu können; und
indem zum anderen der Austausch von Informationen angeregt wird,
B) Bereitstellung von kernreaktivem Material, um den Bedarf der Landwirtschaft, der Medizin und anderer dem
Frieden dienender Betätigungsgebiete, einschl. der

- 3 -

�"AFRIKA LIENST

29. September 1954

der Erzeugung von Energie, zu decken.
II. Die internationale Atomenergie-Behörde
A) Die Behörde soll durch einen Vertrag geschaffen und
ihre Befugnisse in diesem Vertrag festgelegt werden,
der zwischen den daran beteiligten ^Nationen geschlos»sen werden soll. So weit sich das praktisch ermöglichen
läßt, sollen in dem Vertrag sämtliche Verfahrensweisen
und Grundsätze definiert werden, die für die Behörde
bei der Durchführung ihrer Aufgaben bindend sind.
B) Mitgliedschaft - Alle Signatarmächte des Vertrages
wären Mitglied der Behörde.
C) Das vollziehende Organ - 1) Die höchste Exekutivbefugnis innerhalb der Behörde soll einem Generaldirektorium (Board of Governors) übertragen werden; das
Direktorium ist zahlenmäßig begrenzt, seine Mitglieder sind Vertreter ihrer Regierungen. Bei der Beschlußfassung bezüglich der Zusammensetzung des Generaldirektoriums könnte es sich als zweckmäßig erweisen, die Aufteilung nach geographischen Gesichtspunkten und die Mitgliedschaft künftiger Nutznießer in Betracht zu ziehen.
Es darf erwartet werden, daß die größten Liefermächte
im Generaldirektorium vertreten sind.
2) Es wird hiermit der Vorschlag unterbreitet, daß die
Entscheidungen des Generaldirektoriums im allgemeinen
durch eine Form der Mehrheitswahl getroffen werden. Es
ließen sich Verfahrensordnungen ausarbeiten, um den
größten Liefermächten bei besonderen Fragen, wie beispielsweise der Bereitstellung spaltbaren Materials,
Sonderrechte in der Abstimmung einzuräumen.
D) Mitarbeiterstab - Das Personal der Behörde wird von
einem Verwaltungschef oder Verwaltungsdirektor (General
Manager) geleitet, der vom Generaldirektorium auf eine
bestimmte Zeit ernannt wird und dessen Kontrolle untersteht, sowie natürlich von hochqualifizierten Technikern
und Wissenschaftlern. Der Verwaltungsdirektor ist unter
der allgemeinen Aufsicht des Direktorium für die Anstellung, Organisation und Arbeit des Personals verantwortlich.
E) Finanzierung - 1) Die für die zentralen und festen Anlagen der Behörde und ihre Forschungsprojekte erforderlichen Mittel sind von den daran beteiligten Regierungen gemäß einem in gegenseitigem Übereinkommen festgesetzten Plan durch Bewilligungen bereitzustellen. Es
wird hiermit der Vorschlag unterbreitet, die allgemeinen Prinzipien zur Anwendung gelangen zu lassen, die
für die Finanzbeiträge der einzelnen Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen verbindlich sind.
2) Mittel für etwaige von Mitgliedstaaten unterbreitete
Sonderprojekte bezüglich der Verwendung von behördeneigenem Material oder des Einsatzes der Dienste der
- 4 -

�"A^Ki^A LIaNST"
.
29. September 1954
der Behörde sollen von den Empfängerländern auf dem
Wege über jeweilige Sonderabkommen bereitgestellt werden.
P) Zum Sitz der Verwaltung der Behörde kann ein in gegenseitigem Übereinkommen festgesetzter Ort bestimmt
werden.
G) Beziehung zu den Vereinten Nationen und anderen internationalen Körperschaften - Die Behörde soll dem Sicherheitsrat und der UN-Vollversammlung auf Aufforderung dieser Gremien Bericht erstatten» Die Behörde sollte ferner
mit anderen Körperschaften der Vereinten Nationen, deren
Tätigkeit in irgendeinem Zusammenhang mit der Arbeit der
Behörde stehen könnte, engen Kontakt halten und mit ihnen
zusammenarbeiten.
H) Die Anlagen der Behörde sollen umfassen:
1) Werkanlagen, Ausrüstungen und Gebäude zur Entgegennahme, Aufbewahrung und Weitergabe von kernreaktivem Material.
2) Sicherheitsvorkehrungen.
3) Prüflaboratorien zur Analyse und Untersuchung des eingehenden Materials sowie zur Inventurkcntrolle deß
kernreaktiven Materials4) Gebäude zur Unterbringung des Verwaltungsapparates und
anderer Zweige der Behörde, die nicht unter obenstehen™
de Kategorien fallen.
5) Einrichtungen, die sich im laufe der Zeit als notwendig erweisen körnten, z.B. für Ausbildung und Unterrichtung, Porschungs- und Entwicklungsarbeiten, Herstellung von Brennstoffen und chemische: Aufbereitung.
III. Punktionen der Behörde
A) Entgegennahme und Aufbewahrung spaltbaren Materials 1) Alle Mitgliedstaaten, die über Vorräte an gewöhnlichem und angereichertem Uran, metallischem Thorium,
U 233, U 235, U 238, Plutonium und ihrer Legierungen
verfügen, sollen der Behörde von diesem Material Zuweisungen machen.
2) Die Vereinigten Staaten sind bereit, der Behörde als
Geschenk eine ansehnliche erste Zuweisung kernreaktiven
Materials zur Deckung des Bedarfs der Behörde zu machen,.
Die UdSSR würde dann eine gleichwertige Zuwendung zu
demselben Zwecke machen.
3) Die Behörde soll die Bestimmungen über den Ort, die
Methode der Übergabe und, falls notwendig, die Form
und Zusammensetzung des von ihr entgegenzunehmenden
Materials erlassen. Die Behörde soll die Angaben über
die Menge des überstellten kernreaktiven Materials
prüfen und den Mitgliedstaaten darüber Bericht erstatten. Die Behörde soll für di3 Bevorratung und die
Sicherheit des Materials so verantwortlich sein, daß
- 5 -

�"AFRIKA DIENST"

B)
1)

2)

3)

4)

C)
1)

2)

29. September 1954

daß die Wahrscheinlichkeit eines Überraschungsraubes
auf ein Mindestmaß beschränkt wird.
Weitergabe kernreaktiven Materials
Die Behörde soll alle von den Mitgliedstaaten unterbreiteten Vorschläge nach einheitlichen und auf Billigkeit beruhenden Maßstäben prüfen, in denen die Überstellung kernreaktiven Materials aus den Vorräten der
Behörde beantragt wird, und hierbei u.a. folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:
a) 'Beabsichtigter Verwendungszweck des Materials,
einschließlich der wissenschaftlichen und technischen Durchführbarkeit;
b) Zulänglichkeit der Planungsarbeiten, der Mittel,
des technischen Personals usw., um eine wirksame Verwendung des Materials sicherzustellen;
c) Zulänglichkeit der vergesehenen Maßnahmen zum
Schutze der Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit bei der Handhabung und Bevorratung des Materials
und den Verarbeitungsanlagen;
d) Gerechte Verteilung des verfügbaren Materials.
Das radioaktive Material bleibt zunächst Eigentum
der Behörde, die für die Verwendung des Materials
einen gerechten Preis festsetzen soll.
Um sicherzustellen, daß angemessene Vorkehrungen zum
Schutze der Gesundheit und der öffentlichen Sicherheit getroffen werden, und um zu garantieren, daß das
spaltbare Material für die ihm zugedachten Zwecke verwendet wird, soll die Behörde die zeitlich unbegrenzte
Berechtigung haben, gewisse Bestimmungen über Entwurfsund Arbeitsbedingungen sowie Vorschriften bezüglich
des Gesundheitsschutzes und der öffentlichen Sicherheit zu erlassen, Material- und Verarbeitungsberichte
anzufordern, die Verwendung der Neben- und Abfallprodukte des spaltbaren Materials genau festzusetzen und
es sich vorzubehalten, Inspektionen durchzuführen und
Arbeitsberichte zu verlangen. Die Behörde soll darüber
hinaus ermächtigt sein, die Inventurangaben über das
bereitgestellte Material und die Einhaltung der bei
der Jberstnllung gemachten Bedingungen zu überprüfen.
Die Informationen über die von der Behörde getätigten
überstellungen sollen allen Mitgliedstaaten zur Verfügung stehen.
Informations- und Dienstleistungen der Behörde
Alle Mitgliedstaaten, die über für die Tätigkeit der
Behörde wichtige Informationen verfügen, sollen der
Behörde diese Informationen zugehen lassen.
Neben den im Gefolge eigener Vorhaben gewonnenen Informationen soll die Behörde nachstehende Unterlagen
verfügbar machen:
&gt;.

�"AiiLKIiU DIENST"

29. September 1954

a) Die von den beteiligten Nationen bei der Anwendung
von Materialien, Informationen, Dienstleistungen und
anderen Unterstützungsmaßnahmen der Behörde gewonnenen
Erkenntnisse;
b) die in einigen der anderen Länder bereits öffentlich
zugänglich gewordenen Informationen;
c) Informationen, die von den wichtigsten oder anderen
Mitgliedstaaten gewonnen und bis dahin besessen und
der Behörde aus freien Stücken zugänglich gemacht wurden.
3) Die Behörde soll den Austausch wissenschaftlicher und
technischer Informationen unter den Völkern fördern
und ist für eine weite Verteilung der in ihrem Besitz
befindlichen Unterlagen verantwortlich.
4) Die Behörde ist vermittelndes Organ, welches garantiert,
daß ein beteiligtes Land seine Dienste dem anderen zur
Verfügung stellt. Zu den besonders hier zu nennenden
Aufgaben, denen sich die Behörde widmen könnte, gehören:
a) Ausbildung und Unterrichtung;
b) Dienste im Hinblick auf die Ausarbeitung verbindlicher Vorschriften zum Schutze der öffentlichen Gesundheit und öffentlichen Sicherheit in Zusammenhang mit
der Nutzbarmachung spalUsren Materials;
c) beratende technische Dienste in Zusammenhang mit
der Nutzbarmachung spaltbaren Materials;
d) Aufbereitung kernreaktiven Materials, d.h. chemische Trennung und Reindarstellung, Herstellung von
Brennstoffelementen usw.;
e) Bereitstellung wichtiger Materialien, wie schweres
Wasser,f) Konstruktion und Bereitstellung von Spezialgerät;
g) Forschungssonderaufgaben, wie die Durchführung von
Versuchen und Tests;
h) Hilfe bei finanziellen Vorkehrungen zur Unterstützung angemessener Projekte."
Die Regierung der UdSSR legte hierzu ihre Stellungnahme in
einem dem amerikanischen Außenminister am 27»April 1954 in Genf
überreichten Aide Memoire dar. Es heißt dort:
"Die Vorschläge der Regierung der Vereinigten Staaten von
Amerika, daß die entsprechenden Staaten einen kleinen Teil des
in ihrem Besitz befindlichen kernreaktiven Materials einer internationalen Behörde zur Weiterverwendung überstellen, um dann
für friedliche Zwecke verwendet zu werden, kann kein Beitrag
zur Verwirklichung der in der Rede des Präsidenten der Vereinigten Staaten... verkündeten Ziele sein."
Die sowjetische Stellungnahme ließ durchblicken, der Präsident habe gesagt, das Wettrüsten mit Atomwaffen könne durch
eine selche Behörde zu einem Ende gebracht werden. Die Regierung der UdSSR fuhr fort, daß der amerikanische Vorschlag,
einen gewissen Prozentsatz der kernreaktiven Materialien aus-

�"AFRIKA DIENST"

29. September 1954

ausschließlich zu friedlichen Zwecken zu verwenden, "nicht nur
nicht zu einer Beendigung des Wettrüstens mit Atomwaffen, sondern
sogar noch zu einer Beschleunigung führt".
Die Regierung der UdSSR bestand darauf, daß die Verhandlungen nicht die "notwendigen Ergebnisse" erzielen können, wenn nicht
zunächst Übereinstimmung über einen "Verzicht auf den Einsatz
von Atomwaffen" erreicht würde.
Außenminister Dulles beantwortete die sowjetische Note
am I.Mai wie folgt:
"1) Ich habe nunmehr das Aide Memoire der Sowjetunion
vom 27.April über den Vorschlag für "eine internationale Atomenergiebehörde", der dem sowjetischen Botschafter in Washington
am 19.März überreicht worden war, geprüft. In diesem Aide Memoire
wird der Vorschlag kritisiert, da durch ihn weder die vorhandenen Vorräte an Atommaterial wesentlich reduziert, noch eine
Überwachung der Verwendung von Atomwaffen ermöglicht, noch die
Gefahr eines Atomkrieges beseitigt werde.
2) Diese Kritik verkennt vollkommen die mit dem amerikanischen Vorschlag vom 19-März verfolgten Ansichten. Nach seinem
Wortlaut war dieser Vorschlag nicht als eine Maßnahme zur Kontrolle der Atomwaffen oder als Lösung der verschiedenen änderen
in der sowjetischen Note erwähnten Frobleme gedacht. Er diente
vielmehr dem etwas bescheideneren Ziele, eine internationale
Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Atomenergie auf einer Basis
einzuleiten, auf der viele der Hindernisse, die bisher eine
Einigung blockierten, umgangen werden. Auf diese Weise könnte
der Vorschlag zu einer Verbesserung der Beziehungen der auf
diesem Gebiet zusammenarbeitenden Länder beitragen und dadurch
die Lösung des schwierigen Problems einer wirksamen Kontrolle
der Verwendung der Atemenergie für militärische Zwecke erleichtern.
3) Infolgedessen können die Vereinigten Staaten die Ansicht
der Sowjetunion, die Schaffung einer internationalen Behörde zur
Förderung der Verwendung von Atommaterial für friedliche Zwecke
allein nütze nichts, nicht teilen. Sie sind im Gegenteil der
Ansicht, eine derartige Behörde könne wertvolle Erfolge mit
sich bringen, sowohl was die Förderung einer engeren Zusammenarbeit der beteiligten Nationen als auch die Beschleunigung
einer stärkeren Verwendung der Atomenergie zum Segen der Menschheit anbelangt. Die Vereinigten Staaten bedauern daher, daß die
Sowjetunion nicht bereit ist, sich im gegenwärtigen Zeitpunkt
eingehender mit dieser Angelegenheit zu befassen.
4) In Anbetracht der Tatsache, daß die Sowjetunion zur Zeit
nicht an einer weiteren Verfolgung dieses Vorschlags interessiert
ist, fühlen sich die Vereinigten Staaten berechtigt, die Schaffung einer derartigen Behörde mit anderen eventuell interessierten Nationen zu beraten. Sollte die Sowjetunion zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, daß sie doch wünscht, an derartigen
Diskussionen teilzunehmen, so werden die Vereinigten Staaten
selbstverständlich ihre Teilnahme begrüßen.
,-\

- 8 -

�"AFRIKA DIKUST
29. September 1954
5) Der amerikanische Vorschlag vom 19«März war natürlich
nicht als Ersatz für ein wirksames System zur Kontrolle der
Verwendung der Atomenergie für militärische Zwecke gedacht.
Die Vereinigten Staaten werden auch weiterhin, wie bisher,
nach Mitteln und Wegen suchen, eine derartige Kontrolle, unter
zuverlässigen und geeigneten Sicherungsmaßnahmen zu erreichen.
Sie sind bereit, zu diesem Zweck auch weiterhin mit der Sowjetunion einen Meinungsaustausch zu pflegen und werden in Kürze
der Sowjetunion nähere Ausführungen zu dem in ihrem Aide
Memoire vom 27.April gemachten Vorschlag unterbreiten."
Am 9»Juli wurde dem sowjetischen Botschafter in Washington,
Zarubin, durch den Unterstaatssekretär im Außenministerium,
Merchant, folgendes Memorandum überreicht:
"Die Vereinigten Staaten haben die Erklärung vom 30.Januar und das Aide Memoire vom 27.April, die von der Sowjetunion
an die Vereinigten Staaten gerichtet worden waren, weiterhin
geprüft. Die Vereinigten Staaten möchten hieran folgende Bemerkungen knüpfen.
I.
1) Der Präsident verwies in seiner Rede vom 8.Dezember
1953 vor der UN-Vollversammlung auf die Befahren eines AtomWettrüstens und betonte den Wunsch der Vereinigten Staaten,
diese Gefahren durch ein wirksames Verfahren auszuschalten,
das ausreichende Sicherheiten gegen Vertragsverletzungen oder
-Umgehungen einschließen müsse. Die Vereinigten Staaten würden jedes Abrüstungssystem gutheißen, das dem Zweck diente,
die Völker der Erde vor der Bedrohung durch den Krieg zu
schützen und sie von der schweren Belastung durch die militärische Verteidigung zu befreien, sofern dies in einer in Einklang mit ihrer Sicherheit stehenden Weise geschieht.
2) Die Vereinigten Staaten sind sich ferner der Schwierigkeiten bewußt, auf die sie seit 1946 bei ihren Versuchen, über
einen Abrüstungsplan zu verhandeln, gestoßen sind. Von diesem
Zeitpunkt an bis in die Gegenwart haben die Vereinigten Staaten
beharrlich versucht, alleine und gemeinsam mit anderen Staaten,
Mittel und Wege zu finden, um die Rüstungslast zu erleichtern
und die Gefahr eines Krieges zu verringern. In der Atomenergiekommission der Vereinten Nationen von 1946 bis 1948, in der
Kommission für. herkömmliche Waffen von 1947 bis 1950, bei den
Sonderbesprechungen der sechs ständigen Mitgliedstaaten der
UN-Atomenergiekommission von 1949 bis 1950 und innerhalb der
Abrüstungskommission der Vereinten Nationen seit 1951 war die
überwältigende Mehrheit der Staaten zu einer Einigung bereit
- die Sowjetunion allein verhinderte ihr Zustandekommen.
3) Trotz dieser entmutigenden Vorgeschichte erklärte der
Präsident eingedenk der Resolution der UN-Vollversammlung vom
28.November 1953 am 8.Dezember in seiner Rede, die Vereinigten
Staaten seien bereit,* sich in geheimen Verhandlungen mit den
anderen hieran hauptsächlich interessierten Nationen zusammenzufinden, um mit ihnen eine annehmbare Lösung für das Atomwettrüsten zu finden, das nicht nur den Frieden, sondern die
gesamte Existenz der Welt überschattet.
II.

- 9-

�"AjüLRIia LI MST"

29. September 1954

II.
4) Ler Präsident erklärte in seiner Eede ferner, daß die
Vereinigten Staaten zu diesen Verhandlungen einen neuen Vorschlag bezüglich einer zu schaffenden internationalen Atombehörde unterbreiten, ,um die Verwendung der Atomenergie für
friedliche Zwecke baldmöglichst herbeizuführen. In ihrem Memorandum vom 19.MärZ' teilten die Vereinigten Staaten eingehendere Einzelheiten bezüglich ihrer Auffassung mit, wie sich diese Konzeption in die Praxis umsetzen lasse. Das Aide Memoire
der Sowjetregierung vom 27.April deutet diesen speziellen
Vorschlag offensichtlich völlig falsch.
5) Dieser Vorschlag wurde aus dem Wunsch heraus vorgebracht, einen Anfang damit zu machen, der Menschheit die
Segnungen einer friedlichen Verwendung der Atomenergie zu
erschließen. Dieses Angebot der Vereinigter! Staaten, gemeinsam mit anderen Ländern, die über Atomanlagen verfügen, spaltbares Material und das für die Ausnutzung der Atomenergie notwendige technische V/issen um des allgemeinen Wohles willen
zur Verfügung zu stellen, würde eine neue Gelegenheit für eine
internationale Zusammenarbeit bieten. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit in der Verwirklichung der Vorschläge des Präsidenten würde sicher zu einer Bereinigung der Atmosphäre führen,
die ihrerseits wiederum die Aussichten auf eine echte und auf
entsprechenden Sicherheitsgarantien beruhenden Merraticrrüe Abrüstung erheblich verbessern könnte. Ler Vorschlag selbst
war nicht als ein/Abrüstungsplan gedacht.
6) Las sowjetische Aide Memoire vom 27.April besagt in
praxi, daß die UdS^R nicht bereit ist, sich an Maßnahmen zu
beteiligen, die djie Segnungen der Atomkräfte der ganzen Welt
zugänglich macheri könnten, solange die Vereinigten Staaten
nicht einer Ächtung der Atomwaffen zustimmen. Ler wichtigste
für diese Einstellung angeführte Grund liegt darin, daß nach
dem Vorschlag, den der Präsident vor den Vereinten Nationen
entwickelte,, die Möglichkeit bestehe, daß die Vorräte an dem
für Waffen Verwendbaren Material auch nach Schaffung der internationalen Atombehcrde noch weiter vermehrt werden. Ler sowjetische Vorschlag bezüglich einer Ächtung der Verwendung derartiger Waffen würde jedoch andererseits in keiner Weise eine
derartige Vergrößerung der Vorräte unmöglich machen. Lemgemäß
können die Vereinigten Staaten nicht zustimmen, daß die sowjetische Einstellung einen stichhaltigen Einwand gegen eine
Portführung der derzeitigen Schritte darstellt, die friedliche Verwendung der Atomkräfte herbeizuführen.
7) Lie Sowjetunion nimmt ferner offensichtlich an, daß
jede Porm einer friedlichen Ausnutzung der Atomenergie zwangsläufig eine Erhöhung der Lagerbestände an auch für militärische
Zwecke verwendbarem Material mit sich bringen müsse. In Wirklichkeit lassen sich jedoch Maßnahmen treffen, die geeignet
sind, eine Abzweigung von Material aus den Reaktoren zu verhindern, die zur Energieerzeugung benutzt werden. Übrigens
gibt es auch Formen einer friedlichen Verwendung, bei denen
die Frage erst gar nicht auftaucht, ob das entsprechende Ma4- 10 -

�"AMERIKA DIENST*

29. September 1954

Material auch für Waffen brauchbar sei.
8) Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß diejenigen Länder, die in ihrem Wissen hinsichtlich der konstruktiven Verwendung von Atomenergie weiter fortgeschriti
nd
als andere, die Verpflichtung haben, dieses V/issen unt&lt; r hierfür geeigneten Bedingungen für die Verbesserung des Lo
aller Menschen zur Verfügung zu stellen. Im gegenwärtigen
Stadium der Entwicklung der Atomtechnik halten die Vereinigten
Staaten den Zeitpunkt für gekommen, einen Anfang in diesem
Sinne zu machen- Demgemäß fühlen sich die Vereinigten Staaten frei, die Verwirklichung ihres Vorschlages zusammen mit
anderen inter
ben Nationen in Angriff zu nehmen, auch
wenn die Sowjetunion im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht weiterzuverhandeln wünscht. Wenn die Sowjetunion zu einem späteren
Zeitpunkt sich entschließen sollte, an solchen Gesprächen
wieder teilzunehmen, so werden die Vereinigten Staaten eine
solche Teilnahme auch weiterhin willkommen heißen.
III.
9) Die Sowjetunion nimmt Bezug auf ihren Vorschlag vom
30.Januar über die Ausarbeitung eines internationalen Abkommens, das einen bedingungslosen Verzicht auf die Anwendung
von atomaren, thermonuklearen und anderen Waffen fordert, die
der Massenvernichtung dienen. Die Vereinigten Staaten haben
gemäß der von ihnen verfolgten Politik, alle vorgebrachten
Lösungen für das Abrüstungsproblem bereitwillig zu prüfen,
diesen Vorschlag eingehend und ernsthaft erörtert.
10) Nach Ansicht der Vereinigten Staaten muß ein wirksamer Abrüstungsplan zwei grundsätzliche Fragen zufriedenstellend beantwortens
a) Wird - erstens - der Plan tatsächlich eine Reduzierung
oder Abschaffung der Rüstung der einzelnen Staaten in
einer V/eise herbeiführen, die mit ihrer nationalen Sicherheit zu vereinbaren ist ? Ein Versprechen über den Verzicht der Anwendung von Waffen, das nur auf dem Papier
steht, wird es den Nationen nicht ermöglichen, ihre Rüstung
zu reduzieren, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu begeben.
Schon aus dem bloßen Vorhandensein von Waffen irgendwelcher Art ergibt sich die Möglichkeit ihrer Anwendung, trotz
des gegenteiligen Versprechens, das ja ohnehin einfach
gebrochen werden kann.
b) Wird - zweitens - der Plan die Gefahr von Aggression
und Krieg wesentlich mindern oder ausschalten ? Falls
irgendein Plan die Gefahr, daß ein möglicher Aggressor
Zuflucht zum Kriege nimmt, sogar noch erhöht, so würde
durch ihn der Hauptzweck der Abrüstung nicht erreicht.
11) Der Vorschlag der Sowjetunion vom 30.Januar beantwortet weder diese Grundfragen zufriedenstellend, noch gibt er Anlaß zu irgendwelchen Hoffnungen auf eine dem Wohle aller dienenden Lösung der Abrüstungsprobleme j
v
11 -

�"AMERIKA LIEHST"

29. September 1954

a) Er würde auf die vorhandene Rüstung und die Weiterführung der Rüstungsproduktion überhaupt keinen Einfluß haben»
Dies geht aus der Formulierung des sowjetischen Planes klar
hervor. Es käme nur zu gegenseitigen Versprechungen, Keine
Waffen anzuwenden, die heute noch in Reserve gehalten
werden. Es gäbe keine Sicherheit dafür, daß solche Beteuerungen auch eingehalten würden. Die Beibehaltung von
Waffenarsenalen und die laufende Waffenproduktion wären
fragwürdige Garantien gegen die Gefahr, daß die abgegebenen Versicherungen nicht eingehalten werden können.
b) Die Gefahr von Aggression und Krieg würde nicht gemindert, wenn man den sowjetischen Vorschlag in die Wirklichkeit umsetzte, sie würde sogar noch erhöht, da die
abschreckende Wirkung der vorhandenen Atomwaffen auf
einen möglichen Aggressor zweifellos gemindert würde,
wenn dessen eventuelle Opfer sich verpflichtet haben,
solche Waffen nicht anzuwenden. Ein solcher Aggressor
wäre leicht versucht, einen Angriff in der Hoffnung zu
starten, daß die Anwendung solcher Waffen für die Verteidigung seiner Opfer durch das Verbot verhindert oder
verzögert würde. Überdies könnte ein Aggressor, der im
Besitz nuklearer Waffen ist, seine gegebenen Versprechen
widerrufen und nukleare Waffen anwenden, wenn immer dies
in seinem Interesse läge. Enher würde ein solcher Plan
nur zur Aggression verführen und die Opfer des Aggressors
schwächen.
12) Der sowjetische Vorschlag wird den notwendigen Erfordernissen eines wirksamen Planes, der den Atomkrieg verhindert,
nicht nur nicht gerecht, sondern er würde sogar den Aussichten
auf die Annahme eines solchen Planes schaden. Denn sicherlich
würde der sowjetische Plan, wenn man ihn akzeptierte, leicht
die Täuschung erwecken, daß die Gefahr eines Atemkrieges bis
zu einem gewissen Grade gebannt sei, und er würde die Wachsamkeit der Bevölkerung gegenüber eines* Bedrohung vermindern, die
sich höchstens noch verstärken kann. Dieses Gefühl einer - in
Wirklichkeit nicht existierenden - Sicherheit, wäre ferner dazu
angetan, weitere Bemühungen um eine echte Abrüstung mit wirksamen Sicherheitsmaßnahmen zu beeinträchtigen, die tatsächlich Sicherheit für alle bedeuten, die Gefahr des Krieges vermindern und die schwere Bürde der Rüstung erleichtern würden.
IV.
13) Die Vereinigten Staaten versichern erneut, wie sie
dies schon in der von der UN-Vollversammlung am 17«November
1950 gebilligten Resolution zum Ausdruck brachten, daß die
Aggression an sich, ohne Rücksicht auf die jeaeils angewandte
Methode, die größte aller Gefahren darstellt. Nur im Falle
einer Aggression wird die Welt den Schrecken eines modernen
Krieges ausgesetzt sein.
14) Die Signatarstaaten der Charta der Vereinten Nationen
haben die feierliche Versicherung abgegeben, keine Aggression
zu begehen. Gemäß ihrer geschichtlichen Tradition werden die
- 12 -

�"AüiEKIJa LIEBST"

29- September 1954

die Vereinigten Staaten dieses Versprechen niemals brechen.
Wie jedoch bereits zum Ausdruck gebracht, sind die Vereinigten
Staaten überzeugt, daß einzig die Annahme eines mit entsprechenden Sicherungen ausgestatteten und ausgewogenen Abrüstungssystems die Gewähr biete, daß es zu keiner Aggression
mehr kommt, und daß Atomwaffen im Falle eines Krieges nicht
zum Einsatz gebracht werden. Ein derartiges System könnte
die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Aggression erheblich verringern und damit die Gefahr einer Aggression
überhaupt stark herabsetzen,
15) Die Vereinigten Staaten glauben auch weiterhin,
daß eine Lösung der Rüstungsfrage von entscheidender Bedeutung ist. Obwohl sie sich außerstande sehen, den sowjetischen Vorschlag anzunehmen, sind sie doch zu jeder Zeit
bereit, annehmbare Maßnahmen für eine wirksame Abrüstung bei
Vorhandensein entsprechender Sicherung zu erörtern. Sie sind
hierzu bereit, sei es durch eine Portführung des geheimen
Notenaustauschs oder im Rahmen der UN-Abrüstungskommission „
&amp;igesiehts der Dringlichkeit der Abrüstung werden die Vereinigten Staaten eine derartige Fortführung der Verhandlungen
gutheißen, sofern die Sowjetunion in ihnen ein wirksames
Instrument erblickt, um eine gemeinsame Basis in der Einstellung zu diesem Problem zu suchen.
16) Die Vereinigten Staaten hoffen ferner, daß die
Sowjetunion im lichte der obigen Darlegungen den Ymnsch
hegt, weitere Ausführungen zu dem von den Vereinigten Staaten am 19«März 1954 unterbreiteten konkreten Vorschlag
zu machen. Auf jeden Fall sind die Vereinigten Staaten bereit,
zu jedem Zeitpunkt die Besprechungen über den Vorschlag des
Präsidenten mit der Sowjetunion wieder aufzunehmen."
Am 22.September überreichte die sowjetische Regierung
dem amerikanischen Botschafter ein zweites langes Aide
Memoire, in dem sie bereits früher vorgebrachte Argumente
wiederholte und erklärte, man solle sich auch weiterhin bemühen, die Ansichten beider Regierungen einander näher zu
bringen. Auch regte die Sowjetunion an, den Notenwechsel
über diese Fragen zu veröffentlichen. Am nächsten Tage erklärten sich die Vereinigten Staaten damit einverstanden,
die Dokumente zu veröffentlichen.
Am gleichen Tage sprach Außenminister Dulles vor der
UN-Vollversammlung. Er sagte, die Vereinigten Staaten seien
zwar nach wie vor bereit, mit der UdSSR über diese Frage
zu verhandeln, erklärte jedoch, daß die USA ihre "Bemühungen, eine internationale Atorabehörde zu schaffen, nicht
länger auf die lange Bank schieben werden,"
* * * * *

- 13 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DIE FRAGE DER INTERNATIONALEN ABRÜSTUNG VOR DER
NEUNTEN VOLLVERSAMMLUNG DER VEREINTEN NATIONEN
NEW YORK - (Amerika Dienst) - Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Rede des amerikanischen UNDelegierten James Wadsworth vom ^.Oktober 1954 vor dem ersten Komitee der Neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen,
in der er den Standpunkt der Vereinigten
Staaten in Fragen der Abrüstung, des Verbotes der Atomwaffen und der Einrichtung
eines internationalen Kontrollorgans
klarlegt.
Herr Vorsitzender,
Das Erste Komitee der Vollversammlung tritt nunmehr in
das neunte Jahr seiner Tätigkeit ein, das neunte Jahr harter
Arbeit an dem zähen Problem der Abrüstung. In all diesen Jahren der Diskussion war es nicht möglich, sich auch nur über
die Verschrottung eines einzigen Gewehres, eines einzigen
Tanks, einer einzigen Bombe oder die Entlassung eines einzigen Soldaten zu einigen.
Diese entmutigende Tatsache ist allen Menschen in der Welt
bekannt, auch denen, die wenig von Weltpolitik wissen. Doch es
ist der Ausdruck ihres Willens zum Frieden, wenn wir nicht ablassen, nach einer Lösung zu suchen. Unser bisheriger Mißerfolg ist hauptsächlich auf die unglückliche Tatsache zurückzuführen, daß wir es mit dem Problem der Abrüstung in einer
Zeit der Konflikte aufnehmen mußten. Die beiden in diesem
Konflikt befindlichen Parteien waren nicht in der Lage, einander Vertrauen entgegenzubringen.
Schließlich wäre es auch überaus unklug gewesen, denjenigen zu trauen, bei denen eine auf die Spitze getriebene Geheimniskrämerei zum Lebensstil gehört. Wie können wir gegenseitiges Vertrauen fassen, auf das die Abrüstung gegründet werden
könnte ?
Wir geben zu, daß es mit der Beteuerung "Wir versprechen,
glaubt uns !" nicht getan ist. Vertrauen ist eine überaus delikate Angelegenheit und kann nicht durch Worte herbeigezaubert
werden.
In einer Sache wie der Abrüstung wird es nur möglich
w
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

möglich, wenn beide Parteien sich auf einen fairen Plan einigen und dann jeden Punkt dieses Planes Schritt für Schritt
unter den Augen des anderen in die Tat umsetzen.
Das ist eine äußerst schwierige Aufgabe, aber es ist möglich. Wenn sie mit gutem Willen ausgeführt wird, wird sich als
eines der Hauptresultate auch jenes echte Vertrauen bilden,
dessen Fahlen unsere Bemühungen bis jetzt zum Scheitern verurteilt hat.
I« Der grundsätzliche Standpunkt der Vereinigten Staaten
Es gibt vier Grundgedanken, die die Vereinigten Staaten
von Anfang an bei den Abrüstungsdiskussionen vor den Vereinten
Nationen beseelt haben.
Erstens? Die Vereinigten Staaten wollen die Abrüstung»
Die Vereinigten Staaten gehören zu jenen Ländern, die Artikel
26 der Charta der Vereinten Nationen vorschlugen, in der zur
"Herbeiführung und Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit für eine möglichst geringe Inanspruchnahme der menschlichen und wirtschaftlichen
Hilfsquellen der ganzen Welt für Rüstungszwecke" plädiert wird»
Wir wollen die Entwaffnung, die wirklich entwaffnet. Wir wollen
mehr als Trinksprüche, bei denen die Staaten die Gläser klingen
lassen und auf die Abrüstung trinken. Wir wollen eine Abrüstung,
die wirklich funktioniert.
Zweitens3 Wir glauben, daß es für die Welt mehr als einen
Weg gibt9 der zur Abrüstung führt. Jahre hindurch haben wir
eine Anzahl von Wegen vorgezeichnet, von denen wir einige oder
alle mit dem Ziel der Abrüstung hätten beschreiten können?
Kontrolle der Atomenergie; Einschränkung der Streitkräfte der
Großmächte; ein System der Offenlegung aller Streitkräfte und
jetlicher Bewaffnung mit Prüfung der Wahrheit durch ein internationales Organ. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen,
daß dieses Problem unmöglich zu lösen ist, wenn nicht alle
Großmächte der Lösung zustimmen Wir haben so viele Möglichkeiten der Diskussion in der Hoffnung vorgeschlagen, daß wir,
auch wenn keine volle Übereinstimmung mit den Sowjets zu erreichen gewesen wäre, wenigstens die Differenzen verringert
hätten, die uns trennen. Das ist unser Ziel in der Vergangenheit gewesen, und es ist auch heute noch unser Ziel.
Drittens? Wir wollen, daß die Welt von Atomwaffen befreit
werde. Aber die Welt wird nicht durch lautes Geschrei nach
einem Verbot von den Atomwaffen befreit, während eine Nation
hinter dem Eisernen Vorhang weiterhin solche Waffen stapelt.
Die Vereinigten Staaten werden weder Atomwaffen noch andere
Waffen, deren Gebrauch die Charta der Vereinten Nationen verletzen würde, benutzen. Die Vereinigten Staaten werden weder
Atomwaffen noch andere Waffen gebrauchen, es sei denn in der
Verteidigung gegen eine Aggression,, Das ist unser Versprechen,
und es ist zugleich auch das Versprechen aller anderen Mitglieder der Vereinten Nationen einschließlich der UdSSR. Dieses
Versprechen gibt dennoch keinem Sicherheit, solange eine der

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

der Hauptnationen, die diese Zusicherung ebenfalls gegeben
hat, ihren Eisernen Vorhang besitzt, hinter welchem sie den
Bruch ihres Wortes ohne Angst vor Entdeckung vorbereiten kann.
Viertens: Wir wollen den Frieden der ganzen Welt. Wir wissen, daß ein neuer Krieg eine Katastrophe bedeuten würde. Wir
vergessen nicht, daß Wettrüsten in der Vergangenheit bewaffneten Angriffen durch aggressive Völker vorausgegangen ist.
Im Augenblick aber können wir trotzdem das Wettrüsten nicht
aufgeben, solange andere Teilnehmer nicht ebenfalls haltmachen. Und wir können nicht wissen, ob alle Teilnehmer dös
Wettrennen aufgegeben haben, wenn einer von ihnen auf einer
versteckten Rennstrecke läuft. Für die fr^ie Welt würde die
Beendigung der Rüstung - während die Sowjetunion weiterhin
damit beschäftigt ist, ihre bewaffnete Macht zu vergrößern eine Einladung zu jenem fürchterlichen Krieg und zur Ausrottung
der Freiheit bedeuten, die wir ja gerade verhindern wollen.
Die Erfahrung hat uns harte Lektionen erteilt. Wir denken immer daran, während wir in unserer Suche nach jener Abrüstung fortfahren, die Sicherheit für alle bietet. Immer an
diese Lektionen denkend, halten wir fest, daß sichere Entwaffnung in einer Welt, in der es kein Vertrauen mehr gibt,
zweierlei Dinge erfordert, die über alles gehen:
Erstens: Der Abrüstungsplan muß jegliche Bewaffnung umfassen - denn Bajonette und Sprengstoffe sind auch im Atomzeitalter noch immer tödlich.
Zweitens: Die Sicherheit muß gegeben sein, daß jede Seite
wirklich unter klarer Einsichtnahme der anderen abrüstet - mit
der festen Zusicherung, daß bei jedem Schritt auf dem Wege
dahin alle Versprechungen gehalten werden.
Wir glauben, daß alle Staaten diesen Grundsätzen zustimmen werden. Wie kommt es aber, daß wir/nicht zuwege
brachten, daraus ein durchführbares Programm zu erarbeiten ?
Die Akte der Abrüstungskommission und ihres Unterausschusses
gibt darüber weitgehend Aufschluß.
II. Das Protokoll der Abrüstungskommission von 1954
Wir sind einer Meinung mit der Sowjetunion, wenn sie
vorschlägt, das Vergangene so weit wie möglich zu vergessen
und wir werden daher der Vergangenheit viel weniger Zeit widmen als der sowjetische Delegierte.
Bemerkenswert an dem von der Achten Vollversammlung angenommenen Abrüstungsbeschluß war der Paragraph 6, der den Vorschlag enthält, daß die Abrüstungskommission untersuchen möge,
ob es wünschenswert sei, daß ein Unterausschuß aus Vertretern
der grundsätzlich betroffenen Mächte in privaten Verhandlungen eine annehmbare Lösung suche und der Abrüstungskommission
darüber Bericht erstatte.
In Übereinstimmung mit dieser Resolution stellte die Abrüstungskommission im letzten April einen solchen Unteraus-

�"AFRIKA SIEHST"
13. Oktober 1954
Unterausschuß auf, an dem die Sowjetunion, Großbritannien,
Frankreich, Kanada und die Vereinigten Staaten beteiligt waren.
Dieser Ausschuß traf auf privater Ebene und - wie wir hoffen frei von Unterschiebungen propagandistischer Tendenzen in
London zusammen. Darauf lieferte der Unterausschuß einen Bericht an die Abrüstungskommission ab. In einem Teil dieses
Berichtes gab der Unterausschuß die gesamte Akte der Londoner
Zusammenkünfte bekannt. Die Welt ist jetzt in der Lage, die
Fortschritte oder Nichtfortschritte dieser privaten Zusammenkünfte zu beurteilen und zu entscheiden, wer die Verantwortung
für ihre Erfolge oder Mißerfolge trägt.
Das einfache Motiv des Vorschlags der Achten Vollversammlung, daß wieder einige wenige Mächte auf privater Ebene
zusammenkommen sollten, war der Versuch, die Abrüstung von
einer neuen Seite aus anzugehen - von einer Seite, die wenigstens die kleine Hoffnung ließ, die Differenzen zu verringern,
die die Sowjetunion von der freien Welt trennten. Nun wollen
wir einmal die Protokolle des Fünf-Mächte-Unterausschusses untersuchen um zu sehen, wie weit sich diese Hoffnungen erfüllten.
Gleich bei dem ersten Zusammentreffen unterbreitete die
Sowjetunion einen Abrüstungsvorschlag, aber es war kein neuer»
Es war - Wort für Wort - der gleiche Vorschlag, den die Sowjetunion der Achten Vollversammlung vorgelegt und den diese
als unannehmbar befunden hatte. Das war gewiß ein entmutigender
Anfang, und nach diesem Muster verliefen die gesamten Diskussionen. Der Vertreter Neuseelands charakterisierte die sowjetische Haltung während der Diskussionen der Abrüstungskommission im Juli sehr treffend als "von einer steinernen Unbeweglichkeit".
Dagegen bemühten sich die anderen Mitglieder des Unterausschusses, zwei neue, in den Vereinten Nationen bisher noch
nicht gründlich untersuchte Wege zur Abrüstung aufzuzeigen.
Die Vereinigten Staaten brachten als Arbeitsgrundlage einen
Vorschlag auf Errichtung eines internationalen Zontrollorgans
ein, das mit den entsprechenden Rechten, Vollmachten und Funktionen auszustatten ist. Indem wir diesen Vorschlag als Arbeitsgrundlage einbrachten, betonten wir, daß wir keineswegs darauf
bestehen, daß die anderen Staaten unseren Vorschlag nur annehmen oder ablehnen sollten. Der Vertreter der Vereinigten Staaten
sagte: "Wir wollen diesen Vorschlag nur als einen Weg betrachten, auf dem wir an die eigentliche Substanz herankommen können.
Durch die Diskussion über die spezifischen Probleme hoffen wir,
die zwischen uns bestehenden Differenzen ausgleichen zu können.
Vielleicht kommen wir dann zu einem Standpunkt, dem alle von uns
zustimmen können." Außerdem wiesen wir darauf hin, daß das
Kontrollorgan, so wie wir es geplant haben, für ein auf den
sowjetischen Konzeptionen der letzten Jahre beruhendes Programm
ebenso anwendbar sein würde, wie es in das von den Vereinigten
Staaten vorgeschlagene Programm hinein paßte.
Trotz unserer Bemühungen verweigerte
treter jede ernsthafte Diskussion unseres
eine Tatsache, daß er nie über den ersten
kam, der sich auf die von der Sowjetunion
- 4 -

der sowjetische VerVorschlages. Es ist
Paragraphen hinausabgelehnte Resolution

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

Resolution der Generalversammlung vom 11.Januar 1953 bezog.
Der zweite neue Weg zu einer Annäherung in der Präge der
Abrüstung wird in dem britisch-französischen Memorandum vom
11.Juni aufgezeigt, über das in den letzten Wochen in der
Presse viel berichtet wurde. Dieses Memorandum befaßte sich
mit der Festlegung der zeitlichen Reihenfolge der wichtigsten
Punkte des Abrüstungsprogramms. Die Vertreter des Vereinigten
Königreichs und Frankreichs haben diese Vorschläge eingehend
erklärt, und ich brauche ihre Erklärungen nicht zu wiederholen*
Die Vereinigten Staaten haben diese Vorschläge unterstützt und
sie unterstützen sie noch.
In London hat sich die Sowjetunion geweigert, die britischfranzösischen Vorschläge zu diskutieren und kam - worauf die
Vereinigten Staaten hingewiesen haben - nie über den ersten
Paragraphen hinaus. Der sowjetische Vertreter gab dazu u.a.
folgenden Kommentar: "Es ist völlig klar, daß der von den
Vereinigten Staaten unterstützte Vorschlag des Vereinigten
Königreiches und Frankreichs kein Verbot der Atomwaffen vorsieht, sondern deren Gebrauch sogar rechtfertigen soll. Die
Annahme eines solchen Vorschlags würde in keiner Weise zu
einer Milderung der internationalen Spannungen oder zur Beseitigung der Gefahr eines Atomkrieges beitragen. Vielmehr
könnte sie die Wachsamkeit der Völker gegenüber dieser Gefahr
einschläfern."
Nach all dem hat jetzt auf dieser Vollversammlung der
sowjetische Vertreter eine Resolution eingebracht, die besagt,
daß diese Vorschläge Frankreichs und des Vereinigten Königreichs als Grundlage für ein internationales Abrüstungsabkommen verwendet werden können«
Wir freuen uns wirklich sehr darüber, daß die Sowjetunion
offenbar ihre Ansicht geändert hat und jetzt den wahren Wert
der britisch-französischen Vorschläge anerkennt und sie als
einen neuen Weg zur Lösung dieses großen Problems ansieht.
Aber diese Änderung des Standpunktes - und wir hoffen, daß es
eine wirkliche Änderung ist - hat sich erst am 30.September
gezeigt.
III. Der sowjetische Vorschlag
Der erste Hoffnungsstrahl, den wir im Verlauf vieler Jahre von der Sowjetunion empfangen haben, war der Vorschlag, den
der sowjetische Vertreter unserer Versammlung jetzt übermittelt hat. Dieser Strahl wurde beträchtlich getrübt, wenn nicht
gar wieder ausgelöscht, durch die Erklärung, die Herr Wyschinski
gestern abgegeben hat. Wir haben den Vorschlag sorgfältig, und,
wir glauben, objektiv geprüft. Was ich jetzt darüber sagen werde, spiegelt unsere ersten Eindrücke von einem Vorschlag wider,
der in verschiedenen grundlegenden Punkten hinsichtlich seines
Sinnes unklar war und es auch geblieben ist. Wir sind gern bereit, unsere Eindrücke zu berichtigen, wenn die Erörterungen
in diesem Ausschuß und später in der Abrüstungskommission
eine Grundlage dafür ergeben.
_
L T S jj 6 TIS

- 5 -

�"AMZRIK^

DIENST"

13. Oktober 1954

Erstens erkennen wir an, daß in einer und nur in einer
wichtigen Frage die Sowjets einen klaren und unzweideutigen
Standpunkt eingenommen haben, der die Meinungsverschiedenheiten verringert, welche die Sowjetunion von der freien
Welt getrennt haben. Die Sowjetunion hat jetzt zugestanden,
daß 50 Prozent der bewilligten Verringerung bei den bewaffneten Streitkräften und den herkömmlichen Waffen vorgenommen
werden können, bevor irgendwelche Maßnahmen zum Verbot der
Atomwaffen getroffen sind. Das ist Paragraph I (2) (A) des
sowjetischen Vorschlags.
Zweitens verlangt die Sowjetunion in Paragraph I (1) (ß)
"eine Grundlage, die eine dauernde Überwachung in dem Umfang
möglich macht, der notwendig ist, um die Einhaltung der zuvor angeführten Konvention seitens aller Staaten sicherzustellen." Dies ist einer der unklaren Punkte, über den eine
weitere Diskussion erforderlich ist. Er könnte eine große
Verbesserung gegenüber der sowjetischen Formel von 1952 für
ein internationales Kontrollorgan bedeuten, welches "das
Recht haben soll, eine Überwachung auf dauernder Grundlage
durchzuführen, jedoch nicht berechtigt sein soll, sich in
die inneren Angelegenheiten der Staaten einzumischen".
Jedes Kontrollorgan mit Vollmachten "in dem notwendigen
Umfang, um die Einhaltung der Konvention sicherzustellen",
muß klar die volle Eingriffsfreiheit haben. Herr Wyschinski hat
darauf hingewiesen, daß während des Krieges Knopffabriken in
der Sowjetunion Munition herstellten. Die Internationale Kontrollkommission muß daher das Recht haben, auch Knopffabriken
zu inspizieren, um festzustellen, ob sie Munition herstellen
oder nicht. Das aber ist genau das, was der Sowjetdelegierte
uns während der londoner Besprechungen abgeschlagen hat; wir
hatten gehofft, daß diese Resolution hier einen Stellungswechsel
anzeige. Wenn wir jedoch die Erklärung von Herrn Wyschinski
vom gestrigen Tage richtig auslegen, dann kann jedes land die
Inspektoren einfach dadurch lahmlegen, indem es an einer
Munitionsfabrik ein Schild anbringt, das anzeigt; "Bleibt
draußen - diese Fabrik stellt Knöpfe her".
Drittens würde eine mit angemessenen Vollmachten ausgestattete Kommission zwangsläufig auch berechtigt sein gegen
jede Verletzung des Abkommens einzuschreiten. Dies soll nicht
heißen, daß die Kommission über eine eigene Armee verfügen
solle, die eingesetzt werden könnte, um den Schuldigen zu bestrafen. Sie würde jedoch über bestimmte Befugnisse verfügen,
von denen wir einige in unserem Konzept über das Internationale Kontrollorgan, das wir dem Unterausschuß der Abrüstungskommission in London vorlegten, genannt haben. Dazu gehört
das Recht der Sperrung der Zuteilung von spaltbarem Material
für die Vertragsbrüchige Nation, sowie die Schließung von
kernphysikalischem Material verarbeitenden Fabriken in diesem lande.
Der Vertreter der Sowjetunion hat kategorisch festgestellt,
daß die Kontrollkommission über die Weiterleitung des Vertragsbruchs an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, in dem

�"AIÜERIKÜ

DIÜNST"

13. Oktober 1954

dem jedes permanente Mitglied in der läge ist, alle Aktionen
durch ein Veto zu blockieren, hinaus nichts tun könne. Wir
hofften, daß die neuen sowjetischen Vorschläge, die von der
die Durchführung sichernden Vollmachten reden, einen Wandel
in der sowjetischen Haltung darstellten. Herr Wyschinski
hat diese Hoffnung gestern sehr gründlich zerschlagen. Er
stellte klar, daß das Kontrollorgan, in dem es kein Vetorecht gibt, nichts unternehmen könne, um Vertragsbrüche zu
ahnden. Keine Verletzung der Bestimmungen des Abkommens kann
ohne die Zustimmung der mit ihrem Vetorecht bewaffneten Sowjetunion bestraft werden.
Viertens war es eine Frage, die in london vielleicht ausgedehntere Diskussionen verursachte als irgendeine andere,
nämlich diejenige
über die Zeitspanne, die zwischen dem
Verbot der Atomwaffen und dem Einsetzen der internationalen
Kontrolle liegen soll. Die Ansicht der Sowjetunion, die sie
traditionsgemäß auch in london vorbrachte, und die besagt,
daß das Verbot der Atomwaffen und die Einrichtung der Kontrolle gleichzeitig erfolgen solle, hört sich zwar gut an
- wir haben das vielfach zum Ausdruck gebracht -, ist aber
in diesem Zusammenhange buchstäblich bedeutungslos.
Das Atomwaffenverbot ist ein einziger Akt, während die
Ingangsetzung der internationalen Kontrolle einer langen Serie
von Beschlüssen bedarf. Der springende Punkt ist: Zu welchem
Zeitpunkt in der Entwicklung des Kontrollorgans würde das Verbot der Atomwaffen einsetzen ? Die Vereinigten Staaten, das
Vereinigte Königreich, Prankreich und Kanada haben sich in
London zu der im britisch-französischen Memorandum niedergelegten Auffassung bekannt, derzufolge das Verbot der Atomwaffen
so bald, aber nicht eher in Kraft treten soll, als bis das
Kontrollorgan in der läge sei, zu garantieren, daß das Verbot
auch tatsächlich verbietet. Die Sowjetunion andererseits,
stellte sich auf den Standpunkt, das Verbot solle bereits zum
Zeitpunkt der Erreichung eines Übereinkommens über die Errichtung eines Kontrollorgans ausgesprochen werden* Das ist als würde man sagen: MDa wir uns nnun einig sind ein Haus zu bauen,
laßt uns gleich einziehen. Ein Übereinkommen allein schützt
aber nicht vor dem Regen.
Herr Wyschinski gab dem Wort "gleichzeitig" in seiner Erklärung vom gestrigen Tage einen neuen Sinngehalt. Er brachte
zum Ausdruck, daß das Verbot von Kernwaffen und die Schaffung
internationaler Kontrollen in demselben Zeitabschnitt verwirklicht werden müßten. Mit anderen Worten, wir müssen das Haus
fertigstellen und gleichzeitig einziehen. Dies ist natürlich
schon ein Portschritt gegenüber dem Unterfangen, das Haus
schon zu beziehen, noch ehe es überhaupt gebaut ist. Es erheben sich dabei aber einige Prägen. Was soll werden, wenn
wir unsere Bereitschaft erklären, das Haus zu beziehen, und
es wird nie gebaut ? Was wird, wenn die für den Bau vorgesehene Zeit verstreicht, ohne daß das Haus fertiggestellt ist
- müssen wir dann trotzdem einziehen ? Kurz gesagt, inwieweit
die neue Situation einen Portschritt darstellt, hängt von dem
Zeitplan für den Bau und den Bezug des Hauses ab.
Herr

�"AMERIKA DIENST"

13. Oktober 1954

Herr Wyschinski hat für seine alte Formel, die sich als unbrauchbar erwiesen hatte, eine neue aufgestellt, cie noch sehr
vage gehalten ist und deshalb noch gründlich überprüft werden
muß.
Fünftens, liefert ein weiteres Eeispiel für eine Frage,
die erst noch eines eingehenden Studiums bedarf Absatz I (A),
in dem die Rede ist von gebilligten Stärken und der Abrüs &lt;ng
vom Stand des 31.Dezembers 1953. Wir haben diese Klausel m
der englischen und französischen Übersetzung sorgfältig geprüft. Offen gesagt, sie ist völlig sinnlos. Ich weiß ni h
recht, ob ich Herrn Wyschinskis Erläuterung dieses Abs tzes
richtig verstanden habe. Wie Herr Wyschinski beim Anbören der
Übersetzung bemerkte, sind die Bedingungen weit davon ent -r;,t,
ein Optimum darzustellen. Wenn ich recht begriffen haben &gt;ll*:e,
hat man ziemlich eindeutig zu verstehen gegeben, daß die Sowjetunion vorschlägt, man solle in der Abrüstung vom Stand des
31.Dezembers 1953 ausgehen und in zwei Phasen verfahren, wobei
die Gesamtabrüstung in jeder Phase zur Hälfte verwirklicht werden soll. Es ist uns noch immer nicht klar geworden, wo die es
Verfahren enden soll. Wie soll der Stand festgesetzt werden,,
auf den die bewaffreten Streitkräfte und die Rüstungen reduziert
werden sollen ? Wir wissen noch immer nicht, ob die Sowjetunion auch weiterhin und ausschließlich auf eine prozentuale
Abrüstung vom Stand des 31.Dezembers 1953 ausgehend besteht.
Herr Wyschinski erklärte, daß er im gegenwärtigen Zeitpunkt
nicht auf eine prozentuale Abrüstung bestehe. Er ließ nicht
erkennen, ob er seine früheren Forderungen habe fallen lassen
oder ob er eine Alternativlösung anzunehmen bereit sei.
Wir hoffen noch immer, daß diese Sowjetvorschläge einen
wichtigen Schritt in Richtung auf eine Einigung auf ein Abrüstungsprogramm darstellen. Sie müssen jedoch noch k.argestellt und weiter ausgearbeitet werden. Weite Sektoren des
Abrüstungsprogramms werden in diesen Vorschlägen über aupt
nicht berührt. Darauf haben die Vertreter Großbritanniens u d
Frankreichs bereits mit klaren Worten verwiesen. Es gilt ei
gewaltiges Pensum schwerer Arbeit zu bewältigen, ehe wir ir
gendeinen der gegenwärtig der Vollversammlung oder der Abrüstungskommission vorliegenden Vorschläge in ein brauchbares
Abrüstungsprogramm umformen können.
Dies ist eine technische Frage. Nach unserer Auffassung
stellt die Vollversammlung kein geeignetes Forum für eine Erörterung der technischen Details dar. Allein schon die Tatsache, daß die Sowjetunion sich im Stande sah, diese neuen
Vorschläge zu unterbreiten, zeigt unserer Auffassung nach
wieviel Weisheit der von der Achten Vollversammlung ausgehenden Anregung zugrundegelegt war, daß die davon betroffenen Staaten in Geheimverhandlungen eintreten sollten. Wir würden die
Wiedereinsetzung des Unterausschusses befürworten, der sich mit
den sowjetischen Vorschlägen und den anderen der Abrüstungskommission zugegangenen Vorschlägen befassen soll. Kurz gesagt, wir
sind der Auffassung, daß man die sowjetischen Vorschläge in der
Hoffnung überprüfen sollte, daß eine ganze Reihe von ihnen in ir
gendeiner Form in einen Abrüstungsvertrag eingearbeitet werden
kann. Es sei hier ausdrücklich gesagt, daß wir sie nicht ablehnen.
- 8 IV!

�"juafchliCü LIENST"
13. Oktober 1954
IV»
Während der Beratungen des Unterausschusses in London und
den Erörterungen der Abrüstungskommission in New York haben wir
immer wieder darauf verwiesen, daß der sowjetische Abrüstungsvorschlag drei Haken enthalte, die nicht nur ein Uebereinkommen
unmöglich machen, sondern auch die Möglichkeit echter Verhandlungen zerstören. Wir wollen hier riöoh einmal auf diese drei
Charakteristika eingehen und prüfen, inwieweit sie auch in den
neuen sowjetischen Vorschlägen enthalten sind. Zunächst einmal
hat die Sowjetunion sich in der Vergangenheit immer mit Vorschlägen begnügt, die so vage gehalten waren, daß sie kaum noch
eine Bedeutung hatten. Botschafter Patterson verglich auf den Beratungen des Londoner Unterausschusses diese Vorschläge völlig
zu Recht mit einem Buch, das wohl ein Inhaltsverzeichnis und
sonst nur leere Seiten enthält. Wir bedauern es, daß diese Beschreibung unserer Meinung nach auch auf die neuen sowjetischen
Vorschläge passt. Viel Arbeit wird noch zu leisten sein, ehe sie
überhaupt eine wahre Bedeutung gewinnen.
Weiter enthielten die sowjetischen Vorschläge in der Vergangenheit stets lange Passagen ueber Versprechen, sie schwiegen
sich aber bemerkenswerterweise aus bezueglich der Sicherheitsgarantien, aus denen ersichtlich geworden wäre, daß die Sowjetunion
ihre Versprechen auch einhalten wolle. Die UdSSR hat sich jeder
Form internationalerKontrolle widersetzt, die bewirkt haben würde,
daß der Eiserne Vorhang hochgezogen werden müsste. Die nunmehr
unterbreiteten Vorschläge sind in solcher Weise abgefaßt, daß der
Anschein erweckt wird, als wolle die Sowjetunion gemäß ihrem eif
genen Vorschlag echten und wirksamen Sicherheitsgarantien zustimmen.
Ob sie in Wahrheit zu einem solchen Schritt bereit ist, läßt sich
wahrscheinlich erst nach Beginn der Erörterungen der Einzelheiten
sagen.
Ferner hätten die alten Vorschläge - selbst wenn wir die Erfüllung der von der Sowjetunion eingegangenen Versprechen voraussetzen - stets bewirkt, daß die freie Welt, nicht aber die Sowjetunion, hätte abrüsten müssen. So wären beispielsweise nach dem
alten sowjetischen Plan die wichtigsten Bausteine in dem Verteidigungsgebäude der freien Welt - die atomaren und thermonuklearen
Waffen und Stützpunkte - eliminiert worden. Andererseits wären die
wesentlichsten Faktoren, die die Stärke der Sowjetunion ausmachen die riesigen Heere und der enorme Vorrat an herkömmlichen Waffen um ein Drittel reduziert worden. Von diesem Standpunkt aus gesehen,
stellen die neuen Vorschläge gegenüber den alten Plänen einen wirklichen Fortschritt dar. Es ist sehr gut möglich, daß nähere Darlegungen erweisen werden, daß der neue Vorschlag durchaus mit der
Sicherheit anderer Nationen vereibar ist. Aber auch hier muss festgestellt werden, daß sich Abschließendes erst dann sagen läßt, wenn
wir wissen, was der Vorschlag genau bedeutet.
Wenn die Sowjetunion wirklich die Politik aufgegeben hat, die
eine Abrüstung der freien Welt, nicht aber des sowjetischen Blocks
bedeutete, dann stellte dies in der Tat eine Änderung des politischen Kurses dar. Ihre bisherige Politik stammte, wie wir bereits

- 9-

�"AMERIKA LIEHST"
13. Oktober 1954
bereits in den Debatten in der Abrüstungskommission aufgezeigt
haben, aus einer Zeit lange vor Schaffung der Abrüstungskommission
der Vereinten Nationen. Dies war die Politik der Kommunisten lange
bevor es die Sowjetunion überhaupt gab. Schon im Jahre 1916 findet
sich in den Schriften Lenins folgender Satz:
"Erst nachdem das Proletariat die Bourgeoisie entwaffnet hat,
wird es in der Lage sein, ohne dabei seine weltgeschichtliche
Mission zu gefährden, alle Waffen zum alten Eisen zu legen} das
Proletariat wird dies unzweifelhaft tun, aber erst nachdem diese
Bedingung erfüllt ist, keinesfalls vorher".
Bis die Sowjetunion das Sicherheitsbedürfnis anderer Staaten
zu berücksichtigen beginnt, bis die Sowjetunion die Abrüstung als
ein Mittel zu Verhinderung eines Krieges und zur Hebung des Lebensstandards der ganzen Menschheit und nicht als ein Sprungbrett dafür
betrachtet, strategische Vorteile für sich herauszuschlagen, so
lange wird es im Hinblick auf die Abrüstung keine Fortschritte
geben können. Angesichts der Entwicklungen der vergangenen Woche
sind die Vereinigten Staaten willens und aufrichtig bestrebt, in
neue Verhandlungen und Gespräche einzutreten, die neue Fortschritte
im Hinblick auf die Herstellung des Weltfriedens zu bringen versprechen. Wir hoffen, daß die Welt zu allen weiteren Verhandlungen
und Diskussionen eine realistische Haltung einnimmt und sich nicht
vorzeitig ein allzu schönes Bild von einem Fortschritt ausmalt,
der sich dann als Fata Morgana erweist.
V. Schlußfolgerungen
Lassen Sie mich abschließend unseren Wunsch bekräftigen, alle
erfolgversprechenden Möglichkeiten für eine Abrüstung zu erschöpfen,
wenn sie nur eine richtige Abrüstung ist. Der Präsident der Vereinigten Staaten bekannte sich in seiner feierlichen Ansprache anläßlich seiner Amtseinführung zu jenen Grundsätzen, von denen sich
die Vereinigten Staaten in der Verfolgung ihrer gerechten Sache vor
den Schranken der Weltgeschichte und in ihrem Ringen um den Weltfrieden leiten lassen, -c-iner dieser Grundsätze lautet: "Wir sind
bereit, uns mit jedermann und allen in dem gemeinsamen Bemühen
zusammenzufinden, um die Ursachen der gegenseitigen Furcht und
des Mißtrauens unter den Nationen zu beseitigen und auf diese Art
eine drastische Reduzierung der Rüstungen zu ermöglichen. Die
einzigen Voraussetzungen für Bemühungen dieser Art sind, daß sie
in ihrer Zielsetzung folgerichtig und ehrlich auf einen sicheren
Frieden für alle gerichtet sind, und daß durch diese Bemühungen
Methoden entwickelt werden, durch die jede beteiligte Nation ihren
guten Willen zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen beweisen kann."
Die neuen sowjetischen Vorschläge scheinen wirklich neue
Chancen für weitere Diskussionen zu eröffnen. Wir müssen jedoch .
nachdrücklich darauf verweisen, daß diese Vorschläge - wie alle
Vorschläge überhaupt - lediglich einen Anfang darstellen. Es gibt
viele wichtigen Teile eines Abrüstungsprogrammes, auf die in
diesen Vorschlägen ueberhaupt nicht eingegangen worden ist, und
selbst wo sich in den sowjetischen Vorschlägen eine Lösung anzu-

- 10 -

�JIENST"
13. Oktober 1954
anzubieten scheint, ist diese in den meisten Fällen zu wenig
genau und zu zweideutig formuliert, als dä3 die Welt rs!L»h nach
ihrem rechten Wert beurteilen kann. Wir sind der Hoffnung, daß
die Sowjetunion ihren Standpunkt wirklich geändert hat, so daß
greifbare Portschritte hinsichtlich jenes Zieles erreicht werden
können, dem jedermann zustreben muß: einem wahren und dauerhaften
Frieden.
"ÜMEKIKA

* * * * *

- 11 -

�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER ALDRIC1I FÜR STÄRKERE LIBERALISIERUNG DES
AMERIKANISCHEN AUSSENHANDELS
Nachstehend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Ansprache, die der amerikanische Botschafter in Großbritannien, Winthrop W. Aldrich, am
14» Oktober anläßlich der Zuerkennung der goldenen Ehrenplakette für seine Verdienste um die
Wahrung des amerikanischen Erbes vor dem
New York Board of Trade gehalten hat„
NEW YORK ~ (Amerika Dienst) — Das Gefühl der Dankbarkeit,
das mich angesichts der so ehrenvollen Zuerkennung dieser Auszeichnung erfüllt, wird noch erheblich vertieft durch das Wissen,
daß Mr. Byrnes dieselbe Ehrung erfährt. Seine politische Klugheit hat uns durch einige der spannungsreichsten Momente unserer
Geschichte geleitet. Ich erinnere mich noch sehr genau an ein
Zusammentreffen mit ihm in Paris, zu der Zeit, als er das Amt
des Außenministers bekleidete. Es war in den Tagen des zweiten
Außenministerrates im Frühjahr 1946. Er sprach damals von den
ernsten Sorgen, die ihm die ständig zunehmende Behinderung des
Welthandels bereiteten und betonte, daß es seiner Auffassung
nach an der Zeit sei, in den Vereinigten Staaten ein Gremium von
führenden Wirtschaftlern und Bankfachleuten aus allen Teilen
des Landes zu bilden, um diese Probleme eingehend zu studieren
und der Regierung Vorschläge zu unterbreiten, wie man gegen
diese Entwicklung ankämpfen könne. Auf Empfehlung Mr. Byrnes'
schuf der Präsident später einen derartigen Ausschuß und mir
persönlich widerfuhr die Auszeichnung, jahrelang als dessen Vorsitzender zu fungieren. Es war mir ein Vergnügen, damals unter
Mr. Byrnes zu arbeiten und es ist mir deshalb auch heute eine
besondere Freude, mit ihm die Ehrung zu teilen, die sie uns
beiden gemeinsam zugedacht haben»
Ich bin nun schon beinahe zwei Jahre in London. Im Laufe
dieser beiden Jahre konnte ich eine wahrhaft außergewöhnliche
Reihe von Erfolgen der amerikanischen Diplomatie aus nächster
Nähe miterleben. Unter der weitschauenden und klugen Führung
von Präsident Eisenhower und Außenminister Dulles haben die
Vereinigten Staaten sich immer mehr in die Rolle des guten
Partners in der Gemeinschaft der Nationen hineingelebt.
~

- 1

�"AMERIKA DIENST* - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Der Krieg in Korea wurde von uns in jenem Geist der Partnerschaft gegen die Aggression geführt, der dem Begriff der
"Vereinten Nationen" erst einen wirklichen Sinngehalt gibt. Und
der Waffenstillstand, der schließlich doch zustande kam, war
das Ergebnis langer und auf einander abgestimmter Bemühungen
seitens der freien Völker.
Aus diesem Geist der Partnerschaft heraus auch waren wir in
der Lage, Großbritannien und Ägypten bei der Ausarbeitung einer
endgültigen Lösung in der Präge der Suezkanal-Stützpunkte zur
Seite zu stehen.
Im gleichen Geiste konnten wir auch bei der Beilegung des
persischen ölstreits eine helfende Hand bieten.
Der Manila-Pakt und die gleichfalls dort unterzeichnete
beispielgebende Pazifik-Charta waren zwei Meilensteine auf einmal.
Der Pakt war ein entscheidender Beitrag zur Stärkung der kollektiven Selbstverteidigung in Südostasien und die Charta war eine
kühne Erklärung der Grundsätze der Selbstbestimmung, der Selbstregierung und der Selbständigkeit in jenem Teil der Welt.
Dazu kommen die.in jüngster Zeit erfolgreich beendete NeunMächte-Konferenz und die Unterzeichnung des Triest-Abkommens.
Die auf der Neun-Mächte-Konferenz unterzeichnete Schlußakte,
stellt meiner Meinung nach die bestmögliche Vereinbarung bezüglich der Sicherheit Westeuropas dar, die nach Ablehnung der EVG
erzielt werden konnte* Aus dem Vakuum, das das Scheitern der EVG
hinterlassen hatte, und nach vier Wochen,von ernsten Befürchtungen gekennzeichnet, wurde ein brauchbarer Plan für die Zuerkennung der Souveränität an Deutschland und seine Wiederbewaffnung geboren und damit im Herzen der Nordatlantikgemeinschaft ein
Krietallisationspunkt der Einheit gewonnen. Die erfolgreiche
Arbeit, die die Architekten dieses Europas in London geleistet
haben, wurde durch die Billigung seitens des deutschen Bundestages und - vorgestern erst - auch durch die französische Nationalversammlung gekrönt.
Während der gesamten Konferenz haben Großbritannien und die
Vereinigten Staaten in engster Gemeinschaft zusammengearbeitet.
Wir leisteten unserem großen Verbündeten Hilfestellung, der die
Initiative ergriffen hatte, um einen Plan zur Ausfüllung des
durch die Ablehnung der EVG entstandenen Vakuums auszuarbeiten.
Da das Scheitern der EVG-Pläne ein Scheitern von innen
heraus darstellte, war Mr. Dulles zu der weisen Schlußfolgerung
gelangt, daß die Initiative für neue Vorschläge zur Neun-MächteKonferenz von den europäischen Völkern ausgehen müsse» Seine
staatsmännische Kunst hat aber viel dazu beigetragen, die Konferenz über manche Untiefe hinwegzubringen.
Triest war gleichfalls im Grunde ein europäisches Problem,
ein seit neun Jahren bestehender Fieberherd, da dort die territorialen Wünsche Italiens und Jugoslawiens mit einander völlig

- 2 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

völlig unvereinbar schienen. Ein langes Jahr der Erörterungen
und Konferenzen, bei denen Großbritannien und die Vereinigten
Staaten helfend zur Seite standen, endete schließlich mit einem
Kompromiß, durch den dieser Gefahrenherd beseitigt werden konnte.
A]le hier angeführten Ereignisse werden von den Sowjets mit
Unbehagen aufgenommen. Die Partnerschaft der freien Welt aber wurde
durch diese Erfolge gestärkt.
Nun möchte ich aber noch auf Fragen eingehen, die Ihnen näher
liegen dürften.
Als Mitglieder des New York Board of Trade, einer Vereinigung von Wirtschaftlern dieser größten Hafen- und Handelsstadt
unseres Landes nehmen Sie an der Außenhandelspolitik der Vereinigten Staaten besonderen Anteil. Als amerikanischer Botschafter
bei einem der wichtigsten Handelsvölker der Erde wurde mir einmal
mehr klar, welche unerhörte Bedeutung unseren Handelsbeziehungen
mit der übrigen Welt zukommt und zwar nicht nur für die Entwicklung der Wirtschaft, sondern auch im politischen und militärischen
Bereich.
Der geradezu phantastische Aufstieg unseres Landes und seine
in so kurzer Zeit vollzogene Umwandlung von einem unentwickelten
Kontinent zu einer der wirtschaftlich stärksten Machte der Erde
haben dazu geführt, daß unsere Handelsbeziehungen zum Ausland zu
einem wichtigen Anliegen wurden.
Ich glaube, daß eine immer größer werdende Anzahl von Menschen
und insbesondere unsere Geschäftswelt dieses Problem klar erkannt
hat und weiß, wo die Lösung liegt. Und wir schätzen una glücklich,
daß heute ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der diese Einsicht
teilt.
Um den Erfordernissen der Zeit gerecht werden zu können,
sollte das amerikanische Volk die Förderung eines möglichst ausgedehnten Welthandels als eine seiner vordringlichsten Aufgaben
ansehen.
Als ein Volk, das sich dem I^eal einer freien Wettbewerbswirtschaft verschrieben hat, können wir ohnehin nur eine Welt als
erstrebenswert erachten, in der der Handel auf der Basis der Gegenseitigkeit abgewickelt wird, in der es keinerlei diskriminierende
Praktiken hinsichtlich des Zugangs zu den Rohstoffquellen gibt,
in der jeder Geschäftsmann die Möglichkeit hat, nach Belieben und
Können Handel zu treiben, in der es nur ein Mindestmaß an Eingriffen in die Wirtschaft durch die Regierung gibt und in der die
Währungen frei konvertierbar sind. Wir alle wissen, daß die^e
Bedingungen nicht herbeigeführt werden können, es sei denn, daß
auch die Vereinigten Staaten bereit sind, tatkräftig auf ihre
Verwirklichung hinzuarbeiten.
Das ist auch der Grund, warum ich auf dem Standpunkt stehe,
daß die Vorschläge des von Clarence B. Randall geleiteten Ausschusses für Außenhandelspolitik des Präsidenten angenommen werden

- 3-

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

werden sollten. Sie stellen ein nüchternes und praktisch durchführbares Programm auf, das so gehalten ist, daß es sich reibungslos in das amerikanische Wirtschaftsleben einfügt und unseren nationalen Interessen zu dienen vermag.
Wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, zu glauben,
daß irgendeine diesbezügliche Maßnahme nur dem Wohl anderer
Völker dient oder etwa darauf abzielt, die übrige Welt auf unsere
Kosten vor dem Ruin zu bewahren. Ganz im Gegenteil. Eine liberale
Außenhandelspolitik der USA ist das Diktat des wohlverstandenen
Eigeninteresses des amerikanischen Volkes. Sie wird natürlich
anderen freien Völkern helfen und sie wird sicher den Schutzwall
der Freiheit in allen Teilen der Welt stärken. Sie ist aber gleichermaßen wichtig für eine zunehmende Prosperität und für die
endgültige Sicherung des Fortbestandes unseres Landes und unseres
Lebensstils,,
Seit ich nach London gegangen bin, habe ich wiederholt einsehen müssen, wie unmittelbar und einschneidend die Auswirkungen
unserer Außenhandelspolitik auf die Wirtschaft in den Vereinigten
Staaten sind.
Das tägliche Brot und der Lebensstandard eines großen Teils
des amerikanischen Volkes hängt von der Entwicklung auf den Exportmärkten ab. In der Landwirtschaft beispielsweise gehen die Erträge
einer Anbaufläche von 16 Millionen ha, das sind etwa 10 bis 12
Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugung der USA ins
Ausland. Zahlreiche amerikanische Werke verkaufen ihre gesamte
Produktion auf ausländischen Märkten» Präsident Eisenhower hat
einmal festgestellt, daß vier Millionen Amerikaner für den Export tätig sind.
Es ist eine feststehende Tatsache des Wirtschaftslebens,
daß wir für das Ausland Dollars flüssig machen müssen,, wenn wir
unsere Exporte in Dollar bezahlt erhalten wollen.
Was heißt das? Es heißt einfach, daß wir bei der Annahme,
wir könnten durch eine Restriktion der Importe Amerika und seinen Lebensstandard schützen, genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir erreichen wollen. Dann Importrestriktionen sind
gleichbedeutend mit Ausfuhrbeschränkungen. Und das kann nicht
nur eine steigende Zahl von Arbeitslosen und einen fallenden Lebensstandard für viele vom Ausfuhrgewerbe abhängigen Amerikaner Farmer, Industriearbeiter und Unternehmer - bedeuten, sondern
sich auch in gleicher Weise auf die gesamte Verbraucherschaft in
den Vereinigten Staaten auswirken, die dann für diese Güter höhere
Preise zu zahlen haben wird.
Dieser Gesichtspunkt wird einem um vieles augenscheinlicher,
wenn man, so wie ich, in London tätig ist * also an einem Platz
im Ausland, wo Amerika Waren absetzt und infolgedessen auch einkaufen kann, oder wo die Vereinigten Staaten zu unserem Bedauern
zuweilen keine Waren verkaufen und infolgedessen auch keine einkaufen können,.
Tag
«= 4 —

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Tag für Tag wird die amerikanische Botschaft in London von
amerikanischen Bürgern besucht, die ihre Waren gern im Bereich
Großbritanniens und des Commonwealth absetzen wollen. Sie bieten
Autos, Harthölzer, landwirtschaftliche Produkte und viele andere
in den Vereinigten Staaten erzeugte Güter zum Verkauf an. Sie erhalten immer die gleiche Antwort: "Ihre Erzeugnisse finden unseren
Beifall, wir wollen sie gern haben. Aber wir haben nicht genug
Dollar. Wenn wir uns Dollar verdienen könnten, dann würden wir
gern mit Ihnen Geschäfte abschließen."
Und zur gleichen Zeit berichten uns englische Kaufleute von
ihren Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Markt, von Verzögerungen in der Erledigung der Zollformalitäten, von hohen Zollsätzen, von der Zurückweisung niedriger Angebote auf Grund der
Bestimmungen des Gesetzes über die Bevorzugung amerikanischer
Lieferfirmen bei öffentlichen Ausschreibungen (Buy American Act),
und vor allem von der Unsicherheit, die s^ch aus den Rücktrittsklauseln (eacape uiauses)und anderen Bestimmungen unserer Zollgesetze ergeben, die für sie in ihren Handelsbeziehungen bindend
sind.
Alle diese Erschwernisse, die der Einfuhr aus dem Auslande
in den Weg gelegt werden, sind dem ausländischen Exporteur hinderlich. Aber gleichzeitig bewirken sie noch etwas anderes. Sie behindern nämlich auch den amerikanischen Exporteur. Jedes Mal, wenn
wir ein mögliches Importgeschäft vereiteln, geht uns «in wahrscheinliches Absatzgeschäft im Auslande verloren.
Wenn wir uns nicht zu einer liberaleren Handelspolitik bekennen, dann ist durchaus die Möglichkeit gegeben, daß wir den
jetzigen Stand des Außenhandelsgeschäfts nicht aufrecht erhalten
können. Wir werden uns dann wahrscheinlich in das Gewirr immer
größerer Restriktionen verstricken, auf den alten engstirnigen
Grundsatz der Handelsabkommen auf Zweiseitigkeit zurückgreifen
und ein rückläufiges Außenhandelsvolumen in Kauf nehmen müssen.
Eine solche Entwicklung hat ein eigenes Kraftmoment, sowohl nach
vorn als auch nach rückwärts. Sie könnte unser ganzes Wirtschaftssystem in schwere Gefahren bringen.
Ganz besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang wohl
der Tatsache zu, daß die große Nachfrage nach amerikanischen Waren
im Ausland als einer der wichtigsten Faktoren in der Stabilisierung
der rückläufigen Wirtschaftstendenz in den Vereinigten. Staaten
während des vergangenen Winters bezeichnet werden darf. Ich bin
der Überzeugung, daß der überwiegende Teil der amerikanischen
Geschäftsleute, Farmer, Gewerkschafter und Wirtschaftler heute
immer mehr der Ansicht zuneigen, daß eine liberalere Außenhandelspolitik der USA für die Prosperität im Innern unerläßlich ist.
Aber heute besteht neben dem wirtschaftlichen Eigeninteresse
und über dieses hinaus noch ein anderer Grund, aus dem heraus wir
uns Präsident Eisenhower auf seinem Weg anschließen und eine Steigerung des Volumens eines zweigleisigen Handels unterstützen
sollten. Und dieser Grund lautet: Die Sicherheit des Landes erfordert es.
-nÖQ

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Das ist eine völlig neue Entwicklung. Und auch hier wieder
ergibt sie sich aus der ungeheueren Bedeutung, die die amerikanische Wirtschaft heute innerhalb der gesamten Weltwirtschaft
errungen hat. Unser Markt ist so riesig, daß ein geringfügiger
Aufwärts- oder Abwärtstrend in unserem Importgeschäft - wie unbedeutend er auch im Hinblick auf den Totalkonsum der Vereinigten Staaten sein mag - für viele andere Länder die Differenz
zwischen Wohlstand und Depression bedeuten kann. Und wenn unsere
Wirtschaft in ernste Schwierigkeiten gerät und wir uns nicht
vernünftig und klug verhalten und unseren riesigen Anteil am
Welthandel nicht in gerechter Weise in die Waagschale werfen,
dann besteht die Gefahr, daß ein wirtschaftliches Chaos über
Gebiete hereinbricht, an deren Wohlstand, Stabilität und guten
Willen uns aus unserem eigensten Interesse gelegen ist.
In dieser unserer Welt müssen wir die bestehenden Bande der
Freundschaft pflegen und unsere Bündnisse ausbauen. Hierbei kommt
der Art, wie wir unseren Außenhandel abwickeln, besondere Bedeutung zu.
Es gibt drei ganz präzise Gründe, warum eine liberalere
Außenhandelspolitik für die Verteidigung der Vereinigten Staaten
unerläßlich ist.
1) Wenn wir unseren Freunden einen besseren Markt bieten,
werden ihre Wirtschaftssysteme gestärkt. Damit wird für ihre
eigenen Verteidigungsanstrengungen eine gesündere Basis geschaffen und ihre Länder werden gegen die Wühlarbeit der Fünften
Kolonne des Gegners, die sich vor allem auf wirtschaftliche
Schwierigkeiten stützt, immer mehr immun. Durch eine Liberalisierung des Imports läßt sich das auf dem Wege des Handels erreichen, was uns und anderen Ländern zum Nutzen gereichen würde.
2) Verbündete Nationen, denen wir den Zugang zu unserem
Markt verwehren, müssen sich andernorts Märkte erschließen.
Unsere Gegner lassen keine Gelegenheit verstreichen, unsere Fehler auszunutzen. Sie sagen: "Da habt ihr es, man kann mit den
Vereinigten Staaten keinen Handel treiben. Darum handelt mit uns!"
Diese Worte müssen natürlich auf alle diejenigen einen tiefen
Eindruck machen, die in ihrem Handel mit uns auf Schwierigkeiten
stießen - die Holländer zum Beispiel, deren Käse von der Einfuhrliste gestrichen wird, oder die Dänen etwa, deren Butter unter
Embargo fällt. Derartige Angebote haben bereits ihren Einfluß
auf den amerikanischen Handel und unsere gemeinsame Sicherheit
ausgeübt.
Natürlich wird ein begrenztes Volumen im Ost-West-Handel
keinen Schaden anrichten. Die Auswirkungen können sogar günstig
sein. Aber die Folgen müßten gefährlich sein, wenn die kleineren
und schwächeren Nationen in Europa in ihrem wirtschaftlichen
Wohlergehen und ihrem Bestand zu abhängig von den sowjetischen
Märkten würden.
3) Als stärkste Nation in der Partnerschaft der Staaten der
freien Welt müssen sich die Vereinigten Staaten das Vertrauen
- 6 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Vertrauen jener Völker zu erhalten suchen, mit denen sie verbündet und von denen sie abhängig sind. Immer wieder haben wir die
Initiative ergriffen, Maßnahmen vorzuschlagen und auszuarbeiten,
die dann später mit Erfolg gemeinsam von den Nationen der freien
Welt ergriffen wurden. Aber ich spräche nicht offen genug zu
Ihnen, wollte ich verschweigen, daß wir das Semenkorn des Zweifels hinsichtlich unserer Eignung, eine führende Rolle in dieser
Partnerschaft zu spielen in die Herzen anderer Völker säen, wenn
wir immer wieder zögern oder zagen, uns eine liberale Handelspolitik zu eigen zu machen oder sie fortzusetzen. Wenn die Bestimmungen des Gesetzes über die Bevorzugung amerikanischer
Lieferfirmen bei öffentlichen Ausschreibungen zu Gunsten eines
höheren amerikanischen Angebotes vor einem niedrigeren Angebot
aus dem Auslande angewendet werden, dann erregt das hier in den
Vereinigten Staaten kaum Interesse; aber ich darf Ihnen versichern, daß dies eine ganze Woge der Kritik, des Ressentiments
und der Bitterkeit in den davon betroffenen Ländern auslöst,
und daß diese Tatsache stets in den Schlagzeilen der Zeitungen
auftaucht. Die Kosten, die wir für den sogenannten Schutz einer
einzigen amerikanischen Firma zahlen müssen, sind für die Gesamtheit unseres Volkes enorm hoch.
Auch diesem Grunde stelle ich mich voll und ganz hinter die
Empfehlungen des Randall-Ausschusses, in denen eine grundlegende
Neuordnung dieser diskriminierenden Gesetzesbestimmungen gefordert wird.
Und das ist auch der Grund, warum ich so fest von der Richtigkeit und Notwendigkeit eines Bekenntnisses unsererseits zu den
übrigen von Präsident Eisenhower verkündeten Grundsätzen der
Außenhandelspolitik überzeugt bin.
Seit Ende des Krieges haben wir - neben unseren finanziellen
und militärischen Unterstützungsmaßnahmen zur Wiederherstellung
der Stärke anderer Staaten - maßgeblich bei den Versuchen mitgewirkt, vernünftige Regeln für den Handel auf der Grundlage des
freien Wettbewerbs, der Initiative des einzelnen und der gleichen
Chancen für alle auszuarbeiten. Wir haben diese Grundsätze der Welt
unaufhörlich vorgebetet. Ich bin der Meinung, wir - wie auch die
anderen - sollten entsprechend handeln.
Es ist an uns, einen weiteren wichtigen Schritt zu tun:
wir müssen die Vereinigten Staaten in die Lage versetzen, ihren
Anteil am Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT), das den
Rahmen für allgemeine Handelsbestimmungen bietet, voll zu erfüllen. Unsere Beteiligung an diesem Abkommen wurde zum Teil dadurch unklar, daß der Kongreß diesen Vertrag weder gebilligt noch
abgelehnt hat. Dennoch wurden die Bestimmungen dieses Abkommens
allgemein als die Verfahrensregeln für den internationalen Handel
anerkannt. Die Signatarmächte des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens sind öfters zusammengetreten und haben viele Handelsprobleme gelöst, die sich in einem anderen Falle leicht zu schwierigen Streitfällen hätten ausweiten können. Zwischen den Unterzeichnerstaaten des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens hat sich
- 7 -

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

sich ein beachtliches Maß an gegenseitigem Vertrauen entwickelt,
das als eine der großen zur Einheit der freien Welt drängenden
Kräfte bezeichnet werden darf. Ein solches Verständnis für einander und ein solches gegenseitiges Vertrauen sind besonders notwendig, wenn, wie in der gegenwärtigen Zeit, die Sowjets ihre
"Außenhandelsoffensive" intensivieren.
Viele Staaten sind ängstlich bestrebt, weitere Verhandlungen
über eine Herabsetzung der Zollsätze in die Wege zu leiten. Aber
keine Gruppe von Staaten ist zu einer solchen Herabsetzung bereit,
so lange sich die Vereinigten Staaten nicht an den notwendigen
Verhandlungen beteiligen. Wir werden erst dann in der Lage sein,
uns an den Verhandlungen zu beteiligen, wenn wir die Pläne des
Präsidenten für eine bessere Zusammenarbeit auf diesem Gebiet
angenommen haben.
Es gibt aber auch noch andere praktische Gründe, aus denen
heraus wir uns um eine möglichst weitgehende Expansion des Volumens des Welthandels
auf der Basis multilateraler
Abkommen bemühen sollten. Etwa 85 Prozent aller Einfuhren entfallen auf Rohstofflieferungen aus wirtschaftlich rückständigen
Gebieten.
Zu erwähnen ist ferner das Sonderproblem Japan, das auf
fairer Basis wieder in die Gemeinschaft der handeltreibenden Nationen des Westens eingegliedert werden muß, damit es ohne die
ungewöhnlichen Methoden der Subventionierung seinen eigenen
Lebensunterhalt verdienen kann. Zur Erfüllung dieser Aufgabe ist
es für die freie Welt notwendig, während der nächsten Jahre
gemeinsame Anstrengungen zu unternehmen, um Raum für zusätzliche
japanische Exporte im Werte von vielleicht 500 bis 600 Millionen
Dollar zu schaffen.
Schließlich möchte ich noch auf einen weiteren Punkt hinweisen. Niemals ist uns die Zeit so günstig gewesen wie heute. Teils
als Folge unserer eigenen Bemühungen und Unterstützungsleistungen,
teils auf Grund der eigenen Energie und Entschlossenheit haben
sich zahlreiche Länder der freien Welt großenteils von den Kriegsfolgen erholt. Ihre Währungen haben sich stabilisiert, ihre Produktion ist wieder im Ansteigen begriffen und überschreitet bereits den Vorkriegsstand und auch ihre Gold- und Dollarreserven
wachsen. Die Rationierungen und Restriktionen aus der Kriegszeit werden nach und nach aufgehoben. Besonders in den letzten
beiden Jahren ist bei zahlreichen Ländern ein immer fühlbarer
werdender Übergang zu größerer wirtschaftlicher Freiheit feststellbar. Und zahlreiche Nationen Europas und des britischen
Commonwealth beginnen ernsthaft die freie Konvertierbarkeit der
Währungen und die Rückkehr zu gesunden Handelsverhältnissen, wie
wir alle sie erstreben ins Auge zu fassen. Es dürfte aber meiner
Ansicht nach klar sein, daß zahlreiche Länder erst dann endgültige Schritte unternehmen werden, wenn sie die Gewißheit haben,
daß auch wir uns weiterhin in der gewünschten Richtung bewegen.

Es

�"AMERIKA DIENST" - WIRTSCHAFT UND ARBEIT

20. Oktober 1954

Es ist daher beruhigend zu wissen, daß Präsident Eisenhower
sich dieser Situation ebenso wie der Notwendigkeit bewußt ist,
die gegenwärtigen Tendenzen zu größerer Freiheit zu stärken.
In seinem Briefe an Harry Bullis, den Präsidenten der General
Mills, schrieb der Präsident vor einigen Wochen: "Eine kluge
Erweiterung und Vertiefung des Handels und eine gesteigerte amerikanische Investitionstätigkeit wird nicht nur von sich aus schon
günstige Ergebnisse zeitigen, sondern auch unsere Freunde im
Auslande zu einer ähnlichen Handlungsweise ermutigen. Dieser Weg
sollte eingeschlagen werden, um zu größeren Märkten und einem
besseren gegenseitigen Verständnis zu gelangen." Und der Präsident
fügte hinzu: "Ich habe gegenwärtig die Absicht, bei der Planung
für das Gesetzgebungsprogramm für das nächste Jahr diesem gesamten Gebiet eine Vorrangstellung einzuräumen."
Neue Entwicklungen und neue Bedürfnisse bahnen sich in
großen Teilen der Welt an. Die freien Nationen befinden sich
heute an einem Punkt des Überganges von aus der Not geborenen
Maßnahmen zu einer Politik auf weite Sicht. Welche Form diese
Politik annimmt, wird in großem Ausmaße von dem Kurs abhängen,
den wir in den kommenden Monaten einschlagen.
Mit Rücksicht auf das wirtschaftliche Wohl unseres eigenen
Volkes und auf unsere Sicherheit wie die unserer Freunde in der
ganzen Welt können wir es uns nicht leisten, diese Gelegenheit
zum Handeln vorübergehen zu lassen. Es ist daher von äußerster
Wichtigkeit, daß Präsident Eisenhower in seinen Bemühungen, so
schnell wie möglich eine weitschauende Außenhandelspolitik einzuschlagen auch vom amerikanischen Volke unterstützt wird. Bei
diesen Bemühungen fällt der amerikanischen Geschäftswelt eine
besondere Verantwortung zu. Mehr als andere können die führenden
Persönlichkeiten aus Handel und Finanz, aus der Industrie und
der Landwirtschaft klar erkennen, was wir gewinnen, wenn wir
Erfolg haben und welches Risiko wir eingehen, wenn wir versagen.
Angesichts der Tatsache, daß der Friede und das Wohl der
Vereinigten Staaten so deutlich auf dem Spiele stehen, hege ich
keinen Zweifel, daß uns Erfolg beschieden sein wird.
*

*

*

•

- 9-

*

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES BERICHTET ÜBER DIE PARISER KONFERENZ
WASHINGTON — (Amerika Dienst) ~ Unter dem Vorsitz
von Präsident Eisenhower fand am 25« Oktober 1954 eine
außerordentliche Sitzung des amerikanischen Kabinetts
statt, auf der Außenminister Dulles über die am 2J&gt;. Oktober 1954 beendete Pariser Konferenz Bericht erstattete. Die Niederschrift dieser Sitzung, die zum ersten
Mal in der amerikanischen Geschichte von den amerikanischen Rundfunk- und Fernsehstationen direkt übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
Präsident Eisenhower; Mrs. Hobby, meine Herren! Wie Sie
wissen, habe ich Sie heute abend hierher gebeten, um einen Bericht aus erster Hand von Außenminister Dulles über die Verhandlungen entgegenzunehmen, die gerade in Europa stattgefunden
gebnis diese Verhandlungen
^ordentlich wichtig, daß
-icht

worden ist, unter welchen Umständen die Ergebnisse erzielt wur
den und was sie wahrscheinlich bedeuten werden.
Als ich ersucht wurde, diese Kabinettssitzung durch die
amerikanischen Fernseh- und Rundfunkstationen sowie die Wochen
schauen übertragen zu lassen, war mir klar, daß das Thema des
heutigen Abends ein ganz besonderes ist, ein Thema, über das
die gesamte amerikanische Bevölkerung unbeschadet ihrer Rassen ,
Parteien- oder Religionszugehörigkeit etwas hören möchte. So
werden wir heute abend diese Kabinettssitzung durch alle Nachrichtenmedien übertragen lassen.
Außenminister John Foster Dulles: Mr. Präsident, ich weiß
es sehr zu schätzen, daß man mir die Gelegenheit gegeben hat,
Ihnen Mr. Präsident, meinen Kabinettskollegen und dem amerikanischen Volk einen ersten sofortigen Bericht über die Ereignisse zu geben, die am vergangenen Sonnabend ihren Höhepunkt
fanden. Ich glaube, daß die Bedeutung dieser Ereignisse es
rechtfertigt, wenn sie dem amerikanischen Volk unverzüglich
zur Beurteilung unterbreitet werden. Ich weiß wohl, wie schwierig es ist, ein wohlüberlegtes Urteil zu fällen, wenn man noch
mitten in den Ereignissen steht. Aber ich bin aufrichtig davon
überzeugt, daß die Geschichte die Ergebnisse, die am vergangenen Sonnabend in Paris zustandekamen, bzw. ihren Höhepunkt fanden, nicht so bald vergessen wird.
._
- 1 -

�"AMERIKÜ

DIENST"

27. Oktober 1954

• Anfang September sahen die Dinge recht düster aus. Der
Plan für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft war zusammengebrochen, und es hatte den Anschein, als ob die gesamte
Struktur des Nordatlantikpakts, das ganze Paktsystem, von politischen Entscheidungen und Ungewißheiten unterminiert, ja hinwegggriseen wardai könnte.Dieser schwere Schlag in Europa erfolgte zu
einem Zeitpunkt, da wir unser wohlgeplantes Projekt für die
Schaffung einer Einheit in Südostasien noch nicht zum Abschluß
gebracht hatten.
Wir hatten - wie Sie sich erinnern werden - für Anfang
September eine Konferenz geplant, die in Manila stattfinden
sollte. Diese Konferenz aber stand noch aus. So hatten wir
als erstes die schwere Entscheidung zu treffen, ob wir an
diesem Manila-Projekt für einen Südostasienvertrag festhalten
oder ob wir diesen ganzen Komplex fallen lassen sollten, um
uns sofort Europa zuzuwenden und hier zu versuchen, mit der
entstandenen Situation fertig zu werden. Wir alle empfanden,
daß wir die Weiterarbeit an dem Südostasienplan nicht unterbrechen durften. Ich bin sicher, daß unsere Alliierten in
Asien sehr unangenehm berührt gewesen wären - ja sich tief
verletzt gefühlt hätten -,wenn wir in dem gleichen Augenblick,
da in Europa Schwierigkeiten entstanden, alle unsere Konferenzpläne mit ihnen einfach fallengelassen hätten.
So beriefen wir also zunächst einmal die Manila-Konferenz
ein. Sie fand dann auch, wie Sie sich sicher erinnern werden,
zwischen dem 2. und 9« September statt und hatte den Südostasien-Pakt und die Pazifik-Charta als Ergebnis. Die Konferenzteilnehmer, die freien Völker Asiens und Europas, brachten bei
dieser Gelegenheit gemeinsam ihre Entschlossenheit zum Ausdruck,
für die Aufrechterhaltung des Friedens, der Sicherheit, der
Unabhängigkeit und Freiheit in Südostasien einzutreten.
Als jene Phase unserer Politik hinter uns lag, hatte ich
wieder freie Hand und konnte nach Europa reisen, um an Ort und
Stelle die Lage zu studieren, die durch das Scheitern des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft entstanden war. Und als ich nach Europa flog, war ich in einer wirklich günstigen Position: nicht nur, daß die Exekutive eine
feste Stellung bezogen hatte, diese Stellung wurde auch durch
den Senat der Vereinigten Staaten in einer nicht von Parteigesichtspunkten beeinflußten einstimmigen Abstimmung gutgeheißen. Diese Abstimmung war eine wirklich außergewöhnliche
Demonstration des Geistes, der Zusammenarbeit und des unparteilichen Handelns seitens des Senats. Sie werden sich sicher
noch daran erinnern, daß der Senat, ehe er im August in Ferien
ging, einstimmig jene Resolution annahm, mit der Sie aufgefordert wurden, für den Fall eines Scheiterns des EVG-Vertrags
unter Ausschöpfung Ihrer gesamten Exekutivvollmachten den Versuch zu unternehmen, Deutschland die Souveränität zurückzugeben
und die Voraussetzungen für einen Beitrag Deutschlands zur Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit in der Welt zu
schaffen.
Gestützt auf diese Tatsachen und auf Ihren Beschluß hin
fuhr ich dann schnell nach Europa. Ich reiste zuerst nach Bonn, •,
- 2 -

�"AMERIKA

27. Oktober 1954

DIENST"

Bonn, wo ich mit Bundeskanzler Adenauer sprach, dessen Ansichten ich kennen lernen wollte, da er in all diesen Jahren ein
kühner und entschlossener Verfechter der Einheit Europas gewesen ist. Er wird übrigens, wie Sie wissen, übermorgen selbst
hier sein, und ich weiß, man wird ihm hier den Empfang bereiten, den das amerikanische Volk einem großen Staatsmann wie ihm
schuldig ist.
Nach eintägigem Aufenthalt in Bonn fuhr ich anschließend
'nach London, wo ich mit Sir Winston Churchill und Mr. Eden verhandelte. Ich sollte jetzt wohl Sir Anthony Eden sagen. Aber das ist so neu für mich, irgendwie vergesse ich das immer.
Und er machte sich gleich mit großer Tatkraft und geistiger
Aufgeschlossenheit daran, alles, was nach dem Scheitern des
EVG-Vertrages übrig geblieben war, noch zu verwenden. Zu diesem
Zeitpunkt mußten wir noch eine andere wichtige Entscheidung
verfahrensmäßiger Art treffen, nämlich ob wir sofort europäische Konferenzen einberufen oder sie noch verschieben sollten,
bis die UN=Vollversammlung ihre Beratungen aufnähme. Diese
sollte in Kürze zusammentreten, und obgleich die Rede davon
gewesen war, daß wir uns ohne Rücksicht auf die UN-Vollversammlung in Europa an die Arbeit machen sollten, beschlossen wir
doch, zunächst keine Besprechungen in Europa abzuhalten, da
hierdurch die Aufmerksamkeit von der Eröffnung der UN-Vollversammlung abgelenkt werden würde•
So kamen wir mit Mr. Eden überein, daß die europäische
Konferenz erst einberufen werden sollte, nachdem die UN-Vollversammlung bereits eine Woche getagt hatte. Dadurch wurde es
mir möglich, nach den Staaten zurückzukehren und an der sogenannten Eröffnungsdebatte der Vollversammlung teilzunehmen.
Und ich hatte, Herr Präsident, damals Gelegenheit, einen Plan
weiterzuentwickeln, demzufolge die Kontrolle über die Atomenergie einer internationalen Behörde zum Zwecke einer Itonstruktivan Nutzbarmachung übertragen werden soll. Die Vorbefeitungen gehen weiter....
Mr. Strauss (Vorsitzender der US-Atomenergiekommission)f
unterbricht:
Vielleicht darf ich hier unterbrechen, um zum
Ausdruck zu bringen, daß Ihr Vorschlag über die friedliche
Verwendung der Atomenergie von den meisten UN-Delegierten als
der in seiner Gesamtheit beste Vorschlag befrachtet wird, der
geeignet ist, dem Wohl der ganzen Menschheit zu dienen, und
daß ich in dieser Sitzungsperiode auf Maßnahmen hoffe, die ihn
fördern und in die Praxis umsetzen.
Der Präsident»
Ich danke Ihnen.
Außenminister Dulles: Ich glaube, es hat sich doch gelohnt, dieses Projekt auf der diesjährigen Vollversammlung
in Angriff zu nehmen. Und die Verzögerung, die zwischen dem
1. und 28.September eingetreten ist, bedeutete keinesfalls
einen Verlust, jedenfalls soweit dies Europa betraf. Denn so
wurde Zeit gewonnen für das dringend notwendige nüchterne und
nochmalige Überdenken der Angelegenheit. Und man hatte Zeit,
sich Gedanken darüber zu machen, wie das noch Brauchbare, was

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

27. Oktober 1954

was nach dem Scheitern der EVG übrig geblieben war, zu verwenden sei.
Am 28.September trafen sich dann die neun Außenminister
in London. Es waren dies die Vertreter der sechs Länder, die
die EVG hatten bilden sollen, nämlich Prankreich, Deutschland,
Belgien, Holland, Italien und Luxemburg und ferner die Vertreter Großbritanniens, Kanadas und der Vereinigten Staaten.
Und als wir dort ebenso wie hier um den Tisch versammelt
waren, hatten wir, glaube ich, alle das Gefühl, daß unsere Zusammenkunft vom Standpunkt der Geschichte gesehen von weittragender Bedeutung sein würde.
Der kritische Tag der Konferenz war der zweite Tag - der
Mittwoch - als Großbritannien und ich selbst im Namen der Vereinigten Staaten Erklärungen über unsere Einstellungen abgaben.
Von uns beiden war ich der erste, der das Wort ergriff. Ich
verwies meine Kollegen auf unser Vorgehen bezüglich Europas
in der Vergangenheit - auf unsere positiven und unsere negativen Schritte, und ich erklärte, daß die amerikanische Hilfe
fortgesetzt werde, sofern Europa ernsthafte Anstrengungen mache,
sich in Einigkeit und Stärke zusammen zu schließen, und daß
wir in selchen Fällen immer sehr großzügig gewesen seien.
Aber ich verwies auch darauf, daß wir uns zurückziehen
würden, wenn die Entwicklung in Europa in einer anderen Richtung verliefe, wenn Europa sich nicht einigen könne, die alten
Streitigkeiten neu aufleben lasse, wenn es den circulus vitiosus der ständig wiederkehrenden Kriege nicht durchbreche. Und
ich machte es ganz deutlich, daß über die Vereinigten Staaten
gegenwärtig eine Woge der Enttäuschung hinweggehe. Zum anderen
aber, stellte ich fest, daß ich Ihnen, Herr Präsident, die erneute Bekräftigung Ihrer politischen Erklärung vom April dieses Jahres hinsichtlich der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft empfehlen würde, wenn sich ein neues System der Einheit
und Stärke in Europa herausschälte, auf welches wir die von
uns in die EVG gesetzten Hoffnungen mit gutem Gewissen übertragen könnten. Das heißt, daß wir unter diesen Umständen auch
weiterhin einen gerechten Anteil der Lasten der europäischen
Verteidigung tragen würden, so lange die Gefahr noch besteht.
Ich schloß dann meine Ausführungen vor meinen Kollegen
mit der Peststellung, daß sie die amerikanische Plagge neben
den Fahnen ihrer Länder in Europa sehen würden, wenn sie sich
zu einem solchen Schritt entschließen und sich zur Stärkung
der freien Welt einigen würden.
Mr. Eden schloß dann mit einer großzügigen Würdigung der
Unterstützung der Vereinigten Staaten an, und er ist eine historische Bindung eingegangen. Er führte aus, das Vereinigte Königreich sei bereit, sich den kontinentaleuropäischen Nationen nicht
nur bei der Schaffung eines Rates der westeuropäischen Union anzuschließen, sondern sei auch willens, die vier auf dem Kontinent stationierten britischen Divisionen plus Einheiten der
taktischen Luftstreitkräfte in Europa zu belassen mit dem aus-

- 4-

�"AMERIKÜ

DIENST"

27. Oktober 1954

ausdrücklichen Eingeständnis, daß sie nicht gegen die Entscheidung des Brüsseler Rates der europäischen Nationen aus Europa
abgezogen werden können.
"Wie Sie ja wissen, stellte diese Erklärung einen epochemachenden. ....
Der Präsident: Sehr richtig
Außenminister Dulles; Kurswechsel der britischen Außenpolitik dar. Seit über einem Jahrhundert, oder sogar noch länger, haben es die Engländer stets vermieden, vertraglich festgelegte Vereinbarungen über Truppenkontingentierungen auf dem
europäischen Pestland einzugehen. Sie haben ihrer Commonwealthpolitik stets den Vorrang gegeben.
Diese beiden Erklärungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens hatten eine außerordentliche und sofortige Wirkung.
Am ganzen Rund des Tisches erhoben sich die Stimmen. Kanada gab
sofort ein feierliches Versprechen zur Unterstützung der europäischen Einheitsbestrebungen ab. Und dann gaben die anderen
Staaten ihrer Erkenntnis Ausdruck, daß sie das Außerordentliche der gemachten Ausführungen verstanden hatten und willens
seien, entsprechend zu handeln. Und von diesem Augenblick an
waren wir in London alle überzeugt, daß unsere Konferenz ein
Erfolg sein würde.
Die noch vor uns liegenden Schwierigkeiten waren enorm
und würden normalerweise vielleicht für unüberwindlich gehalten worden sein; aber plötzlich schienen diese doch sehr
schwierigen Probleme nur noch zweitrangiger Natur zu sein,
als die Früchte eines Erfolgs so unerwartete Ausmaße angenommen hatten und der Preis eines Scheiterns der Verhandlungen
nicht mehr tragbar gewesen wäre.
Un dann gingen wir richtig an die Arbeit. Bis zum nächsten
Sonntag - die Verhandlungen erstreckten sich von Dienstag bis
Sonntag - hatten wir eine Einigung über vier grundlegende
Vorschläge erzielt. Der erste Vorschlag zielte auf die Wiederherstellung der Souveränität für die daatsche Bundesrepublik.
Der zweite ging auf die Schaffung einer Einigung Westeuropas,
dieses Mal in Form eines Rates der westeuropäischen Union, der
im Rahmen des alten Brüsseler Vertrages von 1948 geschaffen
werden sollte. Die Mitglieder dieses Vertrages und des Rates
sollten dieselben sechs Länder sein, die der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft angehört haben würden. Darüber hinaus
trat nun Großbritannien als siebenter Mitgliedsstaat dieser
Organisation bei.
Drittens wurde ein Übereinkommen erzielt, daß dieser Rat,
von dem ich spreche, einen Kontrollapparat schaffen sollte,
der die militärische Stärke seiner Mitgliedstaaten überwacht,
um jede Form einer übermäßigen Aufrüstung zu verhindern.
Diese Kontrollen, so wurde beschlossen, hätten ohne jede Diskriminierung zu erfolgen und ihr Ziel hätte in der Gewährleistung zu bestehen, daß die vereinbarten Truppenstärken - die,
wie Sie wissen, weitgehend durch den N A T O - und alliierten Oberkommandierenden in Europa beaufsichtigt werden -, daß diese

- 5 -

�27. Oktober 1954

"AMERIKA DIENST"

diese festgesetzten Kontingente in einem der
i MitgliedStaaten die für das Landheer, die Marine und die Luftstreitkräfte sowie für die militärische Ausrüstung, Bewaffnung
und Munition oder ähnliches festgelegten Zahlengrenzen überschreiten«
Der vierte Vorschlag sah vor, daß Deutschland als volles
und gleichberechtigtes Mitglied in den Atlantikpakt aufgenommen werden sollte, etwas, was nebenbei bemerkt, im Rahmen des
EVG-Plans nicht geschehen wäre. Ferner wurde in diesem Vorschlag zum Ausdruck gebracht, daß die Machtbefugnisse des Oberbefehlshabers für Europa in einem außerordentlichen Maße vermehrt werden sollten, so daß er die Streitkräfte und das Rüstungspotential der europäischen Pestlandsstaaten wirksam
integrieren kann.
Nachdem wir nun diese Entscheidungen getroffen hatten,
unterbrachen wir die Verhandlungen, um unseren Fachleuten und
Ratgebern, die die wirkliche Detailarbeit bei dieser Konferenz
leisteten, Gelegenheit für die Ausarbeitung der vielen Dokumente zu geben - ich habe sie, um dies besser zu illustrieren,
mitgebracht -, Dokumente, die diese erreichten prinzipiellen
Vereinbarungen in die Tat umsetzen sollten. Wir haben jenen
Experten lediglich zwei Wochen Zeit für die Erledigung dieser
Aufgabe zugestanden. Meiner Ansicht nach sollte man diese
knappe Frist von zwei Wochen einmal mit der Tatsache vergleichen, daß man bei den Verhandlungen über den EVG-Vertrag zwölf
Monate brauchte, um ähnliche Dokumente für die Unterzeichnung
vorzubereiten» Sie sehen also, daß wir jetzt ein ganz schönes
Arbeitstempo eingeschlagen hatten. Deshalb konnten wir vierzehn Tage später wieder in Paris zusammenkommen. Von dieser
Reise bin ich gerade wieder zurückgekehrt. Während der vierzehn Tage haben die Fachleute und technischen Berater wirklich
fast Obermenschliches geleistet, um eine Einigung für alle die
erforderlichen Dokumente zustandezubringen, eine Einigung zwischen den vielen betroffenen Ländern, die noch durch Übersetzungsprobleme und andere Fragen kompliziert wurde.
In Paris einigten wir uns zunächst auf eine Zusammenkunft
der vier Mächte, das heißt der Staaten, die von der Frage der
Wiederherstellung der deutschen Souveränität direkt betroffen
waren:
die drei Besatzungsmächte Frankreich, Großbritannien
und die USA sowie die Bundesrepublik Deutschland. Und auf dieser Konferenz billigten wir die verschiedenen Abmachungen und
Dokumente, die sich mit der Frage der Wiederherstellung der
deutschen Souveränität befassen. Das war ein ziemlich schwieriges Verfahren im Hinblick auf die vielen Dinge, die während
der vergangenen zehn Jahre begonnen wurden und auf einem geordneten Weg zu Ende gebracht werden mußten.
Wir entschlossen uns ferner - und das war wirklich ein
völlig neuer Entschluß - eine neue Konvention über die Stationierung von Streitkräften in Deutschland auszuarbeiten. Das
wird Sie, Herr Verteidigungsminister, ganz besonders interessieren. Dieser Vertrag besagt nun, daß die in Deutschland stationierten Truppen nicht mehr kraft der uns durch das Abkommen von
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

27. Oktober 1954

von Potsdam übertragenen Vollmachten und der bedingungslosen
Kapitulation dort sein werden, sondern nunmehr auf Grund eines
von Deutschland freiwillig abgesc ilossenen neuen Vertrages, der
der Bildung der verantwortlichen parlamentarischen Gremien unterliegt. In dieser Hinsicht wird sich Deutschland von keinem
anderen alliierten Land unterscheiden»
Nach dem Zusammentreffen der Vertreter dieser vier Mächte
fand eine Neunerkonferenz jener neun Staaten statt, die schon
auf der von mir beschriebenen Londoner Zusammenkunft getagt
hatten. Auf dieser Neunerkonferenz einigten wir uns über alle
die zur Erweiterung des Brüsseler Vertrages, zur Gründung der
westeuropäischen Union, zur Schaffung einer Behörde zur Kontrolle der Streitkräfte, Ausrüstungen und Munitionsvorräte usw.
erforderlichen Verträge und definierten die Vollmachten des
Rates der westeuropäischen Union, welcher in wichtiger Hinsicht
eher ein supranationales Organ in dem Sinne ist, daß viele großen Entscheidungen nicht mit Einstimmigkeit, sondern durch Mehrheitsbeschluß gefällt werden müssen.
Daran schloß sich die Sitzung der 14 Mitgliedstaaten der
Nordatlantikpakt-Organisation an, die durch den Nordatlantikrat vertreten war. Und dort wurde einstimmig jenes Protokoll
gut geheißen, mit dem Deutschland zum Beitritt in die NATO
als volles und gleichberechtigtes Mitglied der Organisation
und des Rates eingeladen wird. Gleichzeitig billigten wir die
von der amerikanischen Delegation für erforderlich gehaltene
Resolution über die Erweiterung der Befugnisse des Obersten Befehlshabers in Europa - das ist, wie Sie wissen, gegenwärtig
General Gruenther -, um ihn besser in die Lage zu versetzen, die
seinem Kommando unterstellten Streitkräfte und Anlagen besser
integrieren zu können. Der Erfolg dieser Dokumente war, daß die
Kontrollen teilweise von der unter dem Brüsseler Vertrag gegründeten Behörde und teilweise vom ©bersten Befehlshaber in Europa
kraft seiner erhöhten Vollmachten ausgeübt werden. Es wird in
der Wirklichkeit eine Integration von kontinentalen Streitkräften stattfinden, welche durchaus dem Zusammenschluß, der im
Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft vorgesehen war, gleichzusetzen ist und die auch gleichermaßen wirksam werden wird»
Wir wollen uns jetzt einem weiteren, sehr schwierigen Problem zuwenden: der Saarfrage.
Mrs. Hobby (Minister für Gesundheit. Erziehung und soziale Fragen):
Mr. Präsident ?
Der Präsident: Ja, Mrs. Hobby ?
Mrs. Hobby: Darf ich den Herrn Außenminister fragen, wie
das Saarabkommen erreicht wurde ? Wir wissen ja alle, daß die
Saar seit langer Zeit schon - rund hundert Jahre fast - eines
der umstrittensten Gebiete in Europa war.
Außenminister Dulles:
Ja, Mrs. Hobby, es war ein schwieriges Problem. Es war auch das Problem, das als letztes gelöst wurde, und aus der Art und Weise, wie es gelöst wurde,

- 7-

�"AMERIKÜ

27. Oktober 1954

DIENST"

wurde, können Sie sehen, wie schwierig es zu lösen war.
Zunächst einmal sei gesagt, daß es eigentlich nur für
Frankreich und Deutschland ein unmittelbares Problem war. Es
betraf die übrigen Partner an den sonstigen Vereinbarungen
nicht wirklich. Die Franzosen hatten sich jedoch auf den
Standpunkt gestellt, daß sie keine der anderen Abmachungen unterzeichnen würden, sofern das Saarproblem nicht vorher gelöst
worden sei. Und so zogen sich die Verhandlungen immer mehr in
die Länge. Noch 24 Stunden vor dem ursprünglich vorgesehenen
Termin für die Unterzeichnung aller Verträge hatte man sich
noch immer nicht geeinigt.
Am Freitagabend zogen sich dann Bundeskanzler Adenauer
und M. Mendds-France zu einer Beratung zurück. Sie begannen
ihre Besprechungen am Freitagabend um 10 Uhr und diskutierten
bis gegen drei Uhr morgens, - und dann delegierten sie noch
einige Fragemkomplexe an jene berühmten und schwerarbeitenden
Sachverständigen. Anschließend legten sie eine mehrstündige
Ruhepause ein und nahmen am frühen Morgen des Sonnabends ihre
Besprechungen erneut auf, die sich gleichfalls wieder hinzogen.
Und als wir uns am Quai d'Orsay am frühen Nachmittag um
drei Uhr erstmals zur Unterzeichnung dieser Abkommen versammelten, wußten wir noch nicht, ob es zu einer Einigung gekommen
war oder nicht - oder ob womöglich alles platzen würde. Und
Sie können sich wohl vorstellen, daß wir ein bißchen nervös
waren, als wir da am Quai d'Orsay mit gezückten Füllhaltern
herumstanden und nicht wußten, ob es überhaupt irgend etwas
zum unterzeichnen geben würde.
Jetzt ist die Einigung erreicht, durch den kraftvollen
Einsatz dieser beiden führenden Staatsmänner. Und hier haben
sie wieder einmal ihr staatsmännisches Können bewiesen, indem
sie den wesentlichen Dingen den ihnen gebührenden Rang einräumten und dieses langjährige Problem endlich beseitigten.
Und somit sind jetzt meiner Ansicht nach sowohl die Saarais auch die Triestfrage als gelöste Probleme zu betrachten,
die die derzeitigen Verhältnisse in Europa nicht mehr gefährden werden.
Justizminister Brownell;
Darf ich eine Frage stellen,
Herr Außenminister ? Dieses Pariser Abkommen wird doch wohl
von den Parlamenten der beteiligten Nationen ratifiziert werden müssen ?
Außenminister Pullest
Ja, das ist nötig, und hier können
die Pessimisten wieder einhaken - zu denen ich Sie, Herr Justizminister, natürlich nicht rechne
Justizminister Brownell»
Auf gar keinen Fall.
Außenminister Dulles (fährt fort)j Aber hier können die
Pessimisten einhaken und sagen, nun, dann werden wir wieder
genau da landen, wo wir vor zwei oder drei Jahren standen,
und wir werden das ganze noch einmal durchexerzieren, die gleichen Aufschübe und Enttäuschungen.
Ich
- 8 -

�"AMERIKA DIENST"

27. Oktober 1954

Ich glaube nicht, daß die Dinge diesmal ebenso verlaufen
werden, denn ich bin der Ansicht, die bisherigen Ereignisse
haben jeden zu der Erkenntnis gebracht, daß es diesmal keine
Alternative zu dem vorliegenden Plan gibt.
Darüber hinaus hatten wir auf der positiven Seite einiges
zu bieten, was vorher nicht möglich war. Ich beziehe mich hier
vor allem auf die von Großbritannien übernommene Verpflichtung,
die von ungeheurer Bedeutung ist; und auch, ich wiederhole dies,
die Saar und Triest stellen kein Unruheelement mehr dar, das
die Gesamtlage gefährden könnte.
M. Mendös-France, der übrigens, wie ich hoffe, bald nach
den USA kommen wird, sagte wiederholt, daß es an Frankreich
sei, den Zeitverlust wenigstens zum Teil wieder gutzumachen,
und Frankreich unterbreitete, wie Sie sich vielleicht erinnern
werden, bereits nach der Londoner Konferenz, in der Zwischenzeit bis zur Pariser Konferenz, die grundlegenden Prinzipien
der londoner Beschlüsse dem französischen Parlament, ebenso
wie dies in der Bundesrepublik geschah. Sie wurden mit entscheidender Mehrheit angenommen. Und ich glaube, daß diese
Tatsachen, im Verein mit gutem Willen und dem Gemeinschaftsgeist, wie er in all diesen Zusammenkünften erkennbar war, und
dem Fehlen jeglicher Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland, das jetzt eigentlich zum ersten Mal festzustellen ist,
ein gutes Vorzeichen sind und die Erwartung rechtfertigen,
daß mit einem positiven Ergebnis gerechnet werden kann.
Nun mag man natürlich fragen, wie die Sowjetunion....
Landwirtschaftsminister Ezra Benson:
Mr. Präsident,
ich möchte die Frage stellen, welche Reaktion Außenminister
Dulles von der Sowjetunion speziell zu dem Pariser Abkommen
erwartet.
Der Präsident: Ich bin ganz Ihrer Ansicht, daß er uns
hierüber berichten sollte.
Außenminister Dulles; Nun, dazu möchte ich sagen, daß
ich doch ziemlich überzeugt davon bin, daß die Sowjetunion
von der gegenwärtigen Entwicklung nicht gerade begeistert ist.
Das ist wohl eine viel zu schwache Formulierung dessen, was
in diesem Rahmen hierzu zu sagen ist. Was die Kommunisten
wollen, ist ein schwaches und geteiltes Europa, und sie versuchen, es dahin zu bringen. Aber ich glaube nicht, daß es
ihnen gelingen wird. Das Programm, das wir ausgearbeitet
haben, schützt ja sogar Rußland ebenso wie jeden anderen vor
einem möglichen Wiedererwachen des deutschen Militarismus.
Und dieses Programm wird getragen von dem Bewußtsein um seine
Dringlichkeit und Bedeutung, so daß ich nicht glaube, daß es
der Sowjetunion möglich sein wird, es zu sprengen«. Wenn wir,
wie ich hoffe, für Westeuropa eine Position der Festigkeit
und Stärke schaffen, dann mag es vielleicht eine neue Verhandlungsbasis geben, die gegenwärtig nicht existiert. Zum
mindesten können wir hoffen, daß es dann zu zufriedenstellenderen Gesprächen kommt als heute, wenn es das einzige Ziel der
Sowjetunion ist, durch List oder irgendwelche Machenschaften
die europäische Einheit auf die Probe zu stellen und zu Fall

�"AMERIKA DIENST"

27. Oktober 1954

Fall zu bringen.
Finanzminister Humphrey;
Eine Zwischenfrage, Mr. Präsident.
Per Präsident: Bitte sehr, das Wort hat der Finanzminister.
Finanzminister Humphrey;
Da ist noch eine Frage, an
der ich sehr interessiert bin und zu der Sie noch gar nicht
Stellung genommen haben. Und das ist, wieviel mehr müssen
die Vereinigten Staaten unter diesem Plan aufbringen ?
Außenminister Dulles;
Mein lieber Finanzminister, es
wird uns keinen Pfennig mehr kosten. Ich bin sicher, daß Sie
diese Nachricht mit tiefer Befriedigung entgegennehmen,
nicht wahr ? Dieses Übereinkommen ist kein Veftrag, den wir
irgend jemandem verkauften und wir haben auch niemandem versprochen, etwas zu bezahlen, wenn er diesen Vertrag abschließt.
Das ist ein Vertrag, den die europäischen Nationen unter sich
aushandelten. Und das ist das wesentlichste Merkmal des ganzen Vertragswerkes:. Denn es kam uns dabei darauf an, daß die
europäischen Staaten ihre Fähigkeit und ihren Willen beweisen
sollten, einer so großen Notlage zu begegnen, daß sie die
Kraft der Entscheidung und des Handelns besitzen. Das wurde
durch die Tatsache belegt, daß dies ein zwischen ihnen ausgehandeltes Vertragswerk ist. Und wir haben weder durch Druck,
Versprechungen noch Bestechungen irgend jemanden dazu überredet. Und in Wirklichkeit wird jeder damit besser fahren,
wenn wir das Vertragswerk durchkriegen.
Sie, Mr. Präsident, haben immer wieder gesagt, wir
müßten gute Partner sein und daß wir die Rolle eines guten
Partners durchführen sollten. Natürlich ist Partnerschaft
immer eine Sache auf Gegenseitigkeit. Und ich bin schon der
Meinung, daß die Ereignisse der vergangenen Wochen einen
deutlichen Beweis dafür erbracht haben, daß auf beiden Seiten des Atlantik die Voraussetzungen für eine gute Partnerschaft bestehen.
Und ich möchte noch etwas sagen, Mr. Präsident. Als wir
dort auf diesen Sitzungen zusammenkamen, hatte man das Gefühl,
Sie seien im Geiste bei uns. Jedermann weiß, daß Sie, wie nur
wenige, die Notwendigkeit einer Einigung Europas erkannt und
ungeheuer viel dazu beigetragen haben. Und wenn Europa jetzt
stark und einig sein wird, ein Hüter seiner alten und kostbaren Rechte und Freiheiten, so ist das weitgehend dem zu
verdanken, was Sie getan haben«,
Diese Ansicht bringe ich hier zum Ausdruck, nicht als die
meine, sondern als eine Botschaft, die mir viele der führenden
Staatsmänner Europas aufgetragen haben.
Nun, damit ist wohl der Bericht so vollständig, wie er
sein soll. Es wird noch viele Einzelheiten zu erledigen geben;
aber was ich Ihnen hier berichtete, gibt die Ereignisse in
groben Umrissen wieder.
_
Der
- 10 -

�"AMEBIKA

DIENST"

27. Oktober 1954

Der Präsident:
Ja, durchaus, ich habe das Gefühl,
wir alle hier sollten Ihnen eine Ovation darbringen. Sie
kennen meine feste Überzeugung, daß die Sicherung und
Sicherheit der westlichen Welt die Einheit und Stärke
Westeuropas erfordert.
Und nun, da dies Wirklichkeit zu werden verspricht,
kann ich Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich bin,
nicht nur für mich sondern für das ganze amerikanische
Volk. Und Ihre Kollegen danken Ihnen für Ihre glänzende
Darstellung. Ja, wir danken Ihnen.
Außenminister Dulles:

* *

Vielen Dank, Sir.

* * *

�A M E R I K A

D I E N S T

HENRY CABOT LODGE JA. LEGT AMERIKANISCHEN
ATOMPLAN VOR

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Im folgenden übermitteln wir Ihnen den Wortlaut der Rede, die Botschafter
Henry Cabot Lodge5 jr., der amerikanische Chefdelegierte bei den Vereinten Nationen, am 5« November vor
dem Politischen Ausschuß der UNO-Vollversammlung über
"Internationale Zusammenarbeit in der Entwicklung friedlicher Verwendungsmöglichkeiten für die Atomenergie:
Bericht der Vereinigten Staaten von Amerika'! gehalten
hat.
I. Die Auswirkungen des Vorschlages Präsident Eisenhowers
Herr Vorsitzender,
Vor fast elf Monaten hörten viele von uns hier in diesem
Gebäude eine Rede Präsident Eisenhowers, der von einer Konferenz
auf den Bermudas auf dem Luftwege direkt hierher gekommen war.
Seine Rede galt den schwerwiegenden Problemen, denen sich die
Welt damals gegenübersah und mit denen sie sich auch noch heute
auseinanderzusetzen hat.
Eines dieser Probleme war die Gefahr des Atomkrieges, in
dem eine einzige Nation durch einen überraschenden Angriff mit
Atomwaffen etwa auf die Vereinigten Staaten schreckliche Zerstörungen anzurichten vermag, Tod und Verderben über die Menschen gebracht werden und von Kultur, Wirtschaft und politischen Institutionen nichts als Trümmer zurück bleiben.
Präsident Eisenhower wußte - und sprach es auch aus, daß
die bloße Erwähnung der Bedrohung und die Ankündigung der Vergeltung weder ein angemessenes noch ein wahrheitsgetreues Bild
von den Empfindungen oder den Zielen der Vereinigten Staaten
geben.
Um der Menschheit, der Zivilisation, der wahrhaft friedlichen Absichten willen mußte es etwas geben, was für die Zukunft mehr versprach als nur Explosionen, die unsere Welt in
ihren Grundfesten erschüttern.
Der
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Der Präsident wußte - und sagte-,daß seine Rede besser ungesprochen bleiben müßte, hätte er ihr nicht gleichzeitig eine
hoffnungsvolle Friedensbotschaft hinzuzufügen.
Bei der Überlegung, wie diese Botschaft am besten vorzubringen sei, sah er sich einer geschichtlichen Tatsache von größter Bedeutung gegenüber - dem jahrealten, zähen Problem der Verhandlungen über ein System zur Einschränkung und Kontrolle der
Rüstungen und dem wirksamen Verzicht auf die Anwendung von Atomwaffen.
In sieben Jahren Debattieren und Verhandeln war es nicht
gelungen, die Welt diesem Ziel näher zu bringen.
Der Präsident kam daher zu dem Schluß, daß einem Vorschlag,
der sich völlig im Rahmen der ermüdenden Debatten der Vergangenheit hielt, von Ihnen und den Völkern der Welt wohl nicht das
Prädikat erteilt werden könnte, von aufrichtiger Hoffnung getragen zu sein und baldigen Portschritt zu versprechen. Er wollte
daher ein Angebot machen, das im Gegensatz zu denen der Vergangenheit, außerhalb der Atmosphäre von Mißerfolg und Ablehnung stand,
er wollte ein Angebot machen, dessen hervorragendes und unmißverständliches Charakteristikum war, brauchbar zu sein -, daß es
sich praktisch verwirklichen ließ, daß Menschen und Völker mit
gutem Willen und friedlichen Absichten es ohne Schwierigkeit annehmen konnten, und zwar ohne ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie
damit von ihrem früher vertretenen Standpunkt abgehen mußten.
Und so sagte am 8. Dezember 1953 Präsident Eisenhower im großen Sitzungssaal vor dieser bedeutenden Versammlung wörtlich:
"Ich unterbreite daher folgende Vorschläge:
Die hauptsächlich betroffenen Regierungen sollen in dem durch
die elementare Klugheit gebotenen Ausmaß jetzt damit beginnen
und darin fortfahren, aus ihren Vorräten von normalem Uran und
spaltbaren Materialien gemeinsame Beiträge an eine internationale
Atomenergie-Behörde zu leisten. Wir würden erwarten, daß eine
derartige Behörde unter der Ägide der Vereinten Nationen errichtet wird.
Die Anteile der Beiträge, die Verfahrensweise und andere Einzelheiten würden am besten im Rahmen der von mir bereits erwähnten 'nichtöffentlichen Verhandlungen' zu klären sein.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, sich an diesen Untersuchungen guten und ehrlichen Willens zu beteiligen« Jeder Partner der USA, der aus dem gleichen guten Willen handelt, wird in
den Vereinigten Staaten bestimmt keinen unvernünftigen oder kleinlichen Partner finden.
Zweifellos würden die ersten und anfänglichen Beiträge zu diesem Plan mengenmäßig klein sein. Der Vorschlag hat jedoch den großen Vorteil, daß er ohne: di.e Reibungen und ohne den gegenseitigen
Argwohn ausgeführt werden kann, die mit jedem Versuch zur Einführung eines allgemein annehmbaren Systems weltweiter Inspektion
und Kontrolle verbunden sind."
Der
_ 2 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Der Präsident wollte nichts unversucht lassen, um sicherzustellen, daß die sowjetische Regierung diesen Vorschlag in seiner
offen erkennbar ernsten, aufrichtigen, auf die Zukunft gerichteten Bedeutung hinnähme, und ihn nicht als einen auf Augenblickswirkung abgestellten Propagandatrick interpretiere.
Um dies sicherzustellen, tat er zwei Dinge. Erstens wies
er unseren Botschafter in Moskau an, Herrn Molotow bereits im
voraus davon zu unterrichten, daß die Rede Präsident Eisenhowers
Fragen von weittragender Bedeutung umfassen werde und die Vereinigten Staaten wünschten, daß die Sowjetregierung sie auch in
diesem Sinne prüfe. Daneben wurden, nachdem der Präsident gesprochen hatte und man nun darauf wartete, daß die Sowjetunion die
Initiative zur Einleitung von nichtöffentlichen Gesprächen ergreife, alle Vertreter und Dienststellen der amerikanischen Regierung angewiesen, über die Einzelheiten des Vorschlags nichts
verlauten zu lassen und sich, falls Erläuterungen notwendig werden sollten, auf eine simple Wiederholung des Wortlauts der Rede
des Präsidenten sowie die Erklärung zu beschränken, daß wir nunmehr auf ein Wort von der Sowjetunion warteten.
Die zweite Sorge des Präsidenten galt dieser Körperschaft,
vor der ich jetzt stehe - den Vereinten Nationen. Als er von
Generalsekretär Hammarskjöld die Einladung erhielt, zu Ihnen
zu sprechen, entschloß er sich, den Vorschlag vor der Vollversammlung, vor niemand sonst, vorzutragen - denn er wollte, daß
die Welt erfahre, daß er sich in dieser überaus wichtigen Angelegenheit an die Vereinten Nationen als das internationale Organ wandte, dem es am ehesten anstand, den Vorschlag in seiner
ursprünglichen Formulierung zu hören und sich an der Ausarbeitung
des Planes zu beteiligen.
Sie alle wissen, wie positiv und hoffnungsvoll die Antworten waren, mit denen in allen Teilen der Welt dem Vorschlag des
Präsidenten begegnet wurde. Dieses Echo bedeutete für die Vereinigten Staaten in ihrer Zusammenarbeit mit anderen Staaten
zur Entwicklung eines praktischen Planes eine große Ermutigung.
Sie wissen auch, daß es daraufhin zu einem bedauernswerten
Ereignis kam - einer Ablehnung des Vorschlags des Präsidenten
seitens der UdSSR, bis sich die Vereinigten Staaten mit einem
bedingungslosen Verbot der Anwendung von Atomwaffen, das bar
jeglicher Sicherungsvorkehrungen war, einverstanden erklärt
hätten. Diese Angelegenheit finden Sie in einem Dokument der
Vereinten Nationen dargestellt, das vor Ihnen liegtj es ist
Dokument Nummer A/2738 vom 27. September 1954. Beginnend mit
dem 27. April bestand die Sowjetunion während der ganzen Zeit
dieses Notenaustausches hindurch darauf, daß wir unsere neue
Hoffnung an die langwierigen Debatten der Vergangenheit ketteten,
wo die Schwierigkeiten selbst für die geringsten Fortschritte so
ausführlich demonstriert worden waren.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, sei hier auch erwähnt,
daß die Sowjetunion uns in einer Note vom 22. September 1954 dem Tag vor der Eröffnungsansprache von Außenminister Dulles vor

3 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen - wissen ließ,
daß sie die Tür einen winzigen Spalt offen halte. Tatsächlich
aber war die Tür schon am 8. Dezember 1953 von den Vereinigten
Staaten weit aufgetan und von diesen in der ganzen Zwischenzeit
auch weit offengehalten worden. Die Tür steht noch immer offen.
Auch als den Vereinigten Staaten klar wurde, daß die Sowjets
dem Vorschlag im wesentlichen ablehnend gegenüberstehen, verloren sie keine Zeit, die Gespräche mit anderen Staaten fortzusetzen - Gespräche, deren Initiatoren lediglich auf eine klare
Stellungnahme der Sowjets gewartet hatten. Die Staaten, mit
denen wir Verhandlungen führen, sind jene Länder, die entweder
Rohstoffquellen erschlossen oder bereits weit gediehene Programme
zur Nutzbarmachung der Atomenergie entwickelt haben - es sind dies
das Vereinigte Königreich, Prankreich, Kanada, Australien,
die Südafrikanische Union und Portugal. Es ist bezeichnend, daß
wir, trotz der Weigerung der Sowjetunion, sich ebenfalls zu beteiligen, alle einverstanden waren, die Bildung der Behörde voranzutreiben. In unseren Diskussionen sind Portschritte zu verzeichnen, auf die später noch eingegangen werden soll.
So lagen die Dinge, als Außenminister Dulles am 23. September
vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen erklärte:
"Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, den Vorschlag
Präsident Eisenhowers nicht auf die lange Bank schieben zu lassen,
bis er etwa ganz in Vergessenheit gerät. Wir wollen, daß er neue
Nahrung erhält und ständig weiterentwickelt wird. Wir werden auf
seine Verwirklichung drängen, und zwar in enger Partnerschaft
mit den Ländern, die, durchdrungen von den Idealen der Vereinten
Nationen, diese neue große Kraft in den Dienst der Menschlichkeit
stellen und sie zu einem Werkzeug echter Staatskunst machen
können, anstatt damit lediglich neue furchtbare Waffen für den
Krieg zu schmieden. Die Vereinigten Staaten schlagen vor, daß
ein neuer Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wird, der es uns ermöglicht, über unsere Bemühungen um die Erschließung und Entwicklung der ungeheuren Möglichkeiten für eine friedliche Verwendung
der Atomenergie zu berichten. Diese Bemühungen waren bisher und
sind auch weiterhin auf folgende Ziele ausgerichtet:
1) Schaffung einer internationalen Behörde, zu deren Mitgliedern schon von Anfang an Staaten aus allen Teilen der Welt gehören werden. Es ist zu hoffen, daß eine derartige Behörde schon
im kommenden Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.
2) Die Einberufung einer internationalen wissenschaftlichen
Konferenz, um dieses umfangreiche Gebiet eingehend zu erörtern;
sie soll bereits im Frühjahr 1955 unter der Schirmherrschaft der
Vereinten Nationen zusammentreten.
3) Die Eröffnung einer Reaktor-Ausbildungsschule in den Vereinigten Staaten im kommenden Jahr, auf der Wissenschaftler aus
anderen Ländern in den mit der Erschließung der Atomenergie zusammenhängenden Fragen unterwiesen werden, unter besonderer Berücksichtigung der Verwendung dieser Energie für friedliche Zwecke.

11
- 4 -

�"AMERIKA DIENST*

10. November 1954

4) Die Einladung einer großen Zahl von Fachärzten für innere
Medizin und Chirurgie aus dem Auslande, die an den Arbeiten in
unseren Krebsforschungskliniken teilnehmen sollen - hier spielen
Methoden unter Anwendung von Atomenergie eine ganz besonders wichtige und hoffnungsvolle Rolle bei dem Bemühen, neue Wege zur Kontrolle dieser Geißel der Menschheit zu erschließen.
Ich möchte dabei nachdrücklich klar machen, daß bei unseren
Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben ausgeschlossen wird."
Am J&gt;. November d.J. gab nun Präsident Eisenhower bekannt,
daß die Vereinigten Staaten dem sowjetischen Botschafter in
Washington eine Antwort auf die sowjetische Note vom 22. September überreicht hätten und er, der Präsident, hoffe, damit eine
neue Phase in den amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen einleiten zu können, die fruchtbarer wäre alB die bisherigen Bemühungen.
Der Präsident bestätigte jedoch noch einmal, daß die Vereinigten
Staaten entschlossen sind, sich zusammen mit gleichgesinnten
Staaten weiterhin um die Schaffung einer internationalen Behörde
zu bemühen, um die gewaltige Kraft des Atoms der ganzen Menschheit als gemeinsames Gut nutzbar zu machen.
Dies ist in kurzen Umrissen die Geschichte des ersten Jahres
der Bemühungen um die Gründung einer internationalen Organisation,
die die Zusammenarbeit aller Länder der Welt zum Zwecke der friedlichen Nutzung der Atomkraft gewährleisten soll.
Bei all unseren Vorschlägen werden wir dabei von dem Gedanken geleitet, darauf zu achten, daß sie auch brauchbar, praktisch durchführbar sind.
Bevor wir uns aber mit der Zukunft der internationalen Zu=
sammenarbeit auf diesem Gebiet befassen, wollen wir einmal untersuchen , wo wir heute stehen, und kurz die wissenschaftlichen'Entwicklungen betrachten, die uns die Schwelle zum Atomzeitalter haben überschreiten lassen.
II. An der Schwelle des Atomzeitalters
Diese unsere Erörterungen fallen mit erregenden und schwerwiegenden Entwicklungen in der Atomwissenschaft und Atomtechnik
zusammen. Wir, die wir hier versammelt sind, befassen uns mit
etwas größerem als ResoMipnen und Formen der Organisation, die
das Handwerkszeug unseres Diplomatenberufes sind. Wir befassen
uns mit dem Wissen, mit der Beherrschung einer Kraft, deren zerstörerische Gewalt nur noch von dem Guten überboten wird, das sie
der Menschheit bringen kann.
Selbst wir als Laien können uns das erregende Gefühl der Entdeckerfreuden vorstellen, das die Wissenschaftler beherrscht jene Männer, denen es glückte, uns dieses Geschenk in die Hand
zu legen. Wenn wir an diesem Gefühl der Entdeckerfreude teilhaben,
dann dürfen wir hoffen, daß unsere Fortschritte auf diplomatischer Ebene den greifbaren Fortschritten in der Physik ebenbürtig
sein werden, die von den wagemutigsten Geistern der Wissenschaft
eingeleitet wurden.
Einige
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Einige der wesentlichsten Tatsachen dieses Portschrittes
der Atomphysik und Atomtechnik sind eindeutige Beweise dafüx^ daß
wir die Schwelle zu einem Atomzeitalter, in dem die Atomenergie
fuer friedliche Zwecke genutzt wird, bereits überschritten haben.
In der Zusammenfassung, die ich jetzt zu geben gedenke, werden
die Leistungen anderer Länder nicht berücksichtigt, die gleichermaßen vielversprechend sind und von denen wir zweifellos im Laufe
dieser Debatte noch mehr hören werden.
Wir sind Zeugen ungezählter neuer Entdeckungen auf den Gebieten Atomtechnik und Atomwissenschaft. Von allen diesen Entdeckungen hat sich die der Radioisotope bisher am segensreichsten
für den Menschen erwiesen. Von vielen der Naturwissenschaft bekannten Elementen, wie etwa Gold, Kobalt und Kohlenstoff, lassen
sich im Atomreaktor Varianten erzeugen? radioaktives Gold, radioaktiver Kohlenstoff, radioaktives Kobalt usw. Eine Veränderung
ihrer atomaren Struktur bewirkt, daß diese Atomvarianten Strahlen
iäussendeny'TÜi'fe Irtgnte' im wesentlichen zwei Verwendungszwecke haben:
sie koennen in lebenden Organismen Veränderungen hervorrufen, und
sie können als Indikatoren dienen» Die von den Isotopen in Form
von Strahlen ausgesandten Signale werden von feinen Meßinstrument
ten registriert, die dann ihrerseits einen komplizierten Fertigungsprozess steuern oder uns neue, der Menschheit bisher unbekannte Einsichten in das Wachstum oder in pathologische Vorgänge bei der Pflanze oder dem Menschen gewähren.
Ich werde nunmehr einige Beispiele fuer die vielfachen Verwendungsmöglichkeiten der Isotope, wie wir sie in den bereinigten
Staaten kennen, geben. Viele davon sind den Technikern-anderer
Länder schon lange kein Geheimnis mehr.
Zunächst wollen wir uns den durch die Strahlung möglich ge=
wordenen Veränderungen in einem lebenden Organismus zuwenden.
Große Portschritte bei der Behandlung krebsartiger Erkrankungen
konnten mittels des radioaktiven Kobalts und anderer Elemente bei
der Abtötung krebskranker Zellen erzielt werden, wobei diese Methode der Behandlung weit wirksamer als die bisher übliche Röntgenbestrahlung ist.
Die Konservierung und Aufbewahrung von Lebensmitteln während
des Winters und Frühjahres unter Umgehung großer Verluste durch
Verderb ist gleichfalls durch Bestrahlung möglich geworden.
Bei der Züchtung neuer Rassen und Arten in der Landwirtschaft hat die Strahlung die Zahl der Erbsprünge,durch die wir
gewöhnlich die neuen Arten und Rassen erhalten - Arten und Rassen,
die dann gegen Krankheiten widerstandsfähiger sind und qualitativ
und quantitativ bessere Nährstoffe und Pasern liefern -, ganz
wesentlich erhöht.
An zweiter Stelle ist die Verwendung der Radioisotope als
Indikator zu nennen. In diesem Reich der wissenschaftlichen Entdeckung gibt es zahllose Anwendungsmöglichkeiten, die theoretisch
unbegrenzt sind. Als Beispiel möchte ich hier anführen!
Bei der Herstellung von Platten - aus Metall, Papiermasse,
Kunststoff oder anderem Rohstoff - wird eine gleichmäßige Dicke
durch eine Messung der radioaktiven Strahlung garantiert» - ^ .

�"AMERIKA DIENST"

10. Novemver 1954

Beim Schweißen und Nieten lassen sich mit Hilfe der Radiophotographie Lunker und Risse feststellen, die früher außerordentlich schwierig aufzufinden waren»

Der Transport von Rohöl in großen Rohrleituagtn ist ein
anderes wichtiges Anwendungsgebiet von radioaktiven Stoffen. Man
legt in die Rohre Kugeln mit radioaktivem Material. Diese Kugeln
werden dann durch das strömende öl in der Leitung fortgeschwemmt
und signalisieren sozusagen die Ankunft einer neuen ölsorte.
In der Landwirtschaft haben Radioisotope, dem Kunstdünger
beigegeben, die wichtige Aufgabe zu zeigen, wann und wie wirksam
der Dünger von der wachsenden Pflanze absorbiert wird. Damit
konnte eine unerhörte "Überdüngung", die völlig wertlos ist, vermieden werden»
Auf Hühnerfarmen hat man mittels der Radioisotope den Weg des
Hühnerfutters durch den Körper der Henne bis in das Ei hinein
verfolgt, so daß man nunmehr eine genaue Vorstellung darüber hat,
welches Futter gegeben und zu welcher Zeit es verabreicht werden
muß, um einen Maximalertrag an Eiern zu erhalten.
Die Fischzucht verwendet Indikatoren zur Peststellung, wie man
stickige Gewässer durch eine einfache chemische Behandlung in
fischreiche Gründe verwandeln kann.
Die Indikatoren-Forschung der Medizin hat uns ein neues synthetisches Material zur Bluttransfusion an die Hand gegeben., Indikatoren werden zur Peststellung von Kreislaufstörungen verwandt,
ehe diese ernsthafte Schäden nach sich ziehen. Viele andere Wunder der Diagnose lassen sich mit Indikatoren vollbringen. Sie haben zu neuen Erkenntnissen über die Zuckerkrankheit, Erkrankungen
der Schilddrüse, pathologische Blutveränderungen und über den gesamten Ernährungs- und Lebensprozeß des Körpers geführt.
Auf dem Gebiete der Eindämmung von Epidemien hat man Indikatoren dazu verwendet, den Flugradius der diese Krankheiten
übertragenden Fliegen und Moskitos zu erforschen - ein wichtiger
Schritt, um diesen Geißeln der Menschheit Einhalt zu gebieten.
Dies sind, an der Schwelle des neuen Atomzeitalters, nur
einige wenige der Entdeckungen, di* wir gemacht haben und zum
Nutzen der Menschheit anwandten. Andere Projekte sind auf dem besten Wege, verwirklicht zu werden. Ein ganz außerordentliches Vorhaben ist dabei die Erforschung des Wachstumsprozesses der Pflanze
mit dem wichtigsten Vorgang, der Photosynthese. Ein Verständnis
dieses Geschehens könnte uns vielleicht in die Lage versetzen,
eines Tages riesige Mengen an Nahrungsmitteln aus ganz gewöhnlichen chemischen Grundstoffen herzustellen.
Die Grundlage dieser Fortschritte ist in jedem Falle das
radioaktive Atom gewesen. Die Mehrzahl dieser Atome läßt sich
in verhältnismäßig unkomplizierten und kleinen Reaktoren erzeugen. Der größte Produzent dieses Artikels in den Vereinigten Staaten ist das "Oak Ridge National Laboratory", das in den vergangenen acht Jahren nahezu 50 000 Sendungen von Isotopen an Fabriken,
Laboratorien, Krankenhäuser und Universitäten verschickt hat. Die
- 7 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Die meisten Sendungen gingen an Adressaten in den Vereinigten
Staaten; aber über 2 800 wurden an Empfänger in 50 Ländern geschickt.
Es ist durchaus richtig, daß eine der imponierendsten und
schwierigsten Anwendungsmöglichkeiten der Atomenergie an letzter
Stelle genannt wirdf die Erzeugung von Strom. Dies ist ein Problem, das heute in den Vereinigten Staaten von den Technikern
eingehend erforscht wird. In diesem Jahr verkündete die US-Atomenergie-Kommission ein Fünf-Jahres-Programm für den Bau von fünf
Versuchsreaktoren zur Erzeugung von Strom, die in ihrer Konstruktion alle grundverschieden sein werden. Es wird erwartet, daß
einer dieser Reaktoren Strom zu einem Preis erzeugen wird, der
niedriger ist als die Tarife, die mit Kohle oder anderen konventionellen Rohstoffen betriebene Kraftwerke erheben. Aber wir erv
warten uns von ihnen neue Informationen über die Zukunft der
Atomenergie» Das Geld, das wir in diesen Reaktoren investieren,
wird sich durch das Wissen, das wir erwerben werden, voll bezahlt
machen. Diese Reaktoren sind Meilensteine auf dem Weg zu einem
Zeitalter, da allen Ländern, selbst wenn sie nicht über genügend
natürliche Rohstoffe zur Krafterzeugung verfügen, ausreichende
Mengen elektrischer Energie geliefert werden können. Und diese
neue Energiequelle wird die Entwicklung neuer Industrien ermöglichen, die zu einer Hebung des Lebensstandards von Millionen
Menschen beitragen werden.
Über eine Tatsache im Hinblick auf diese mit Atomenergie betriebenen Kraftreaktoren sind sich heute aber selbst die Laien
im klaren, und das ist ihr komplizierter Aufbau» Darum bedürfen
wir der Fachleute, und das ist auch der Grund, weshalb in so
vielen Ländern wie nur möglich kleinere Reaktoren gebaut werden
sollten. Sie lassen sich in vielen Fällen bei einem Aufwand von
weniger als 500 000 Dollar in Jahresfrist erstellen» Sie werden
den größten Teil der Radioisotope!erzeugen, deren vielfältige
Verwendungsmöglichkeiten ich soeben darzustellen versuchte. Damit würden sie einen Beitrag zur Intensivierung der Forschung
und praktischen Anwendung des Atoms in der Medizin, der Landwirtschaft und Industrie leisten» Darüber hinaus können an ihnen
die jungen Atomwissenschaftler, Verfahrenstechniker und Ingenieure in die Grundlagen der Reaktortechnik eingeführt werden.
Nachdem wir das Problem des Atomreaktors zur Erzeugung von Energie gelöst haben, stünde uns ein Reservoir zur Verfügung, über
das die Welt "bisher kaum verfügen dürfte - ein Reservoir an
Männern, die das zur tatsächlichen Erzeugung von Strom durch
einen Atomreaktor erforderliche Wissen mühelos bereit haben*
Herr Vorsitzender, in diesem kurzen Rückblick auf die in
den Vereinigten Staaten erzielten Fortschritte in der Atomwissenschaft und Atomtechnik habe ich viele erstaunliche Dinge beschrieben - Entdeckungen, die die ganze Welt bereichert haben. Und doch
sind sie nichts weiter als die ersten Goldkörner an der Oberfläche
einer neuen Mine. Sie genügen aber, um uns eine Vorstellung über
die Reichtümer zu vermitteln, welche wir noch zu erwarten haben.
Diese

�"AMERIKA DIENST"

10. November

1954

Diese Reichtümer in Frieden und Zusammenarbeit zu nutzen,
sollte für die Nationen unserer Erde ein nobles Anliegen sein.
Es ist ;keinZufall,daß uns diese Entdeckungen, die uns in Frieden
zusammenbringen, von jener wahrhaft weltumspannenden Gemeinschaft
gegeben wurden - nämlich der Gemeinschaft der Wissenschaft, die
keine nationalen Grenzen kennt und sich nur um die Wahrheit und
die Besserung des Loses der Menschheit bemüht. Mit nichts könnten
wir diese Weltgemeinschaft der Wissenschaftlern angemessener
ehren als mit unserer gemeinsamen Entschlossenheit, unser Wissen
um die Geheimnisse der Atomphysik mit anderen zu teilen, und
andere an dem von uns Erreichten teilhaben zu lassen, damit alle
mehr haben,,
In diesem Geiste sind die Vereinigten Staaten gewillt, auf
verschiedenen Wegen einen Beitrag für die nächsten zukunftweisenden Maßnahmen auf dem Gebiete der Atomenergie zu leisten.
Da wir also die Schwelle des Atomzeitalters überschritten
haben, erhebt sich nunmehr die Frage, was wir als nächstes zu tun
haben, um uns mit dieser neuen Welt vertraut zu machen. Und damit
sind wir bei den speziellen Aufgaben angelangt, die die Internationale Behörde übernehmen sollte. Unserer Ansicht nach sollte
diese Behörde in allen Ländern die Forschungsarbeit zur Nutzung
der Atomenergie für friedliche Zwecke anregen und fördern; sie
sollte dafür sorgen, daß genügend kernreaktives Material für
Forschungszwecke, zur Entwicklung und praktischen Anwendung der
Atomenergie für friedliche Zwecke, einschließlich der Erzeugung
von Energie, zur Verfügung steht«, Unserer Ansicht nach sollte
die Behörde den internationalen Austausch aller Erfahrungen und
Erkenntnisse über die friedliche Nutzung der Atomenergie in jeder Weise begünstigen. Wir erwarten, daß die Internationale Behörde durch ihre Arbeit den Boden für künftige Zeiten bereitet,
in denen die Atomenergie vornehmlich - ja vielleicht ausschließlich - zu friedlichen Zwecken verwendet werden wird.
Diese Behörde sollte durch ein Abkommen geschaffen werden,
das die Richtlinien und Grundsätze enthält, nach denen sie ihre
Funktionen ausüben soll» Alle Staaten, die ursprünglich dieses
Abkommen unterzeichnet haben, sollten Mitglieder dieser Behörde
werden, und eine Bestimmung des Vertrages sollte die Zulassung
weiterer Mitglieder ermöglichen. Unserer Meinung nach sollten
die Mitglieder sich verpflichten, die Arbeit der Behörde durch
Bereitstellung von Material und Informationen, durch finanzielle
Unterstützung und die Möglichkeit zu offenen Diskussionen und zur
Fühlungnahme der um die Erforschung der friedlichen Nutzungsmöglichkeiten der Atomenergie bemühten Wissenschaftler zu fördern.
Es ist soviel zu tun, daß die Internationale Behörde unmöglich gleich von Anfang an all ihren Aufgaben nachkommen könnte.
Praktisch kann die Internationale Behörde in der unmittelbaren
Zukunft nur einige wenige der ihr zugedachten Obliegenheiten erfüllen - und zwar die, für die sie am besten geeignet ist. Allerdings werden und müssen auch die übrigen Arbeiten gleichzeitig
durchgeführt werden, da sie alle Teil des grundlegenden Programms
für eine stetige Fortentwicklung in das Atomzeitalter darstellen.
Wir

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Wir sind bereit, mit anderen Ländern Besprechungen über den
Abschluß von Abkommen aufzunehmen, die es uns ermöglichen werden,
im Rahmen unserer gesetzlichen Vorschriften technisches Wissen,
technische Unterstützung und die nötigen Mengen spaltbaren Materials für den Bau und den Betrieb von Kernreaktoren im Ausland
zu wissenschaftlichen Zwecken zu liefern.
Darf ich Ihnen nun über die von den Vereinigten Staaten bis
zur Gründung dieser Behörde geplanten Arbeiten berichten, die zum
Teil das Ergebnis der jüngst vom Kongreß erlassenen Zusatzartikel
zum Gesetz über die Atomenergie sind. All diese Arbeiten werden
mit dem Programm der Internationalen Behörde koordiniert werden.
Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um sich darüber klar
zu sein, daß ein Gremium geschulter Fachleute eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung und den Betrieb von
Kernreaktoren zum Zwecke der Energieerzeugung in jedem Lande ist.
Ich werde nunmehr darüber berichten, was die Regierung der
Vereinigten Staaten im Jahre 1955» also nächstes Jahr, auf dem
Gebiet der Ausbildung zu tun beabsichtigt.
Zunächst zur Frage der Kernreaktoren. Wir beabsichtigen, im
Frühjahr 1955 eine Ausbildungsstätte für die Entwicklung und Handhabung von Kernreaktoren zu schaffen. Der erste Kursus dieser
Schule soll nicht nur der Energieerzeugung durch Kernspaltung
theoretisch, sondern auch praktisch behandeln. Unsere derzeitigen
Pläne sehen vor, 30 bis 50 Wissenschaftler und Techniker aus dem
Ausland zum praktischen Studium des Atom-Meiler-Baues einzuladen,
um den Teilnehmern dieses Kursus das nötige wissenschaftliche und
technische Wissen zu vermitteln, so daß sie nicht nur über die
theoretischen Kenntnisse hinsichtlich eines Kernreaktors verfügen, sondern auch verstehen, praktisch mit ihm umzugehen.
Die den Kursteilnehmern verfügbaren Informationen über den
Stand der Atomforschung werden zunächst nicht geheimer Natur sein.
Mit dem Abschluß bilateraler Abkommen zwischen den Vereinigten
Staaten und anderen Ländern jedoch, wie das Gesetz über die Atomenergie von 1954 sie fordert, werden weitere Informationen freigegeben werden. Von Anfang an aber werden die Kurse den Wissenschaftlern und Technikern grundlegende Kenntnisse über die so
überaus wichtigen Versuche und die Grundsätze vermitteln, nach
denen ein Kernreaktor für Forschungszwecke arbeitet, der das
wichtigste Versuchsobjekt zur Vorbereitung auf den weit komplizierteren Kernreaktor für Ehergieerzeugung darstellt.
Zweitens zur Frage der Sicherheit. Da wir es hier mit «Jiner
Kraft zu tun haben, die sowohl eine Gefahr als einen Segen darstellt, müssen neben jedem Lehrgang in Fragen der Atomenergie
besondere Ausbildungskurse über Schadenverhütung durch Atomstrahlung und die Therapie bei solchen Schäden eingerichtet werden.
Wir schlagen daher vor, unter den Auspizien der US-Atomenergiekommission folgende Lehrgänge einzurichten, an denen Angehörige
aller anderen Nationen teilnehmen können:
Betriebssicherheit in der Atomindustrie - Ein- bis zweijährige
Kurse an jenen amerikanischen Universitäten, die mit der Atomener- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Atomenergiekommission wegen Schadenverhütung und etwaiger Therapie
bei solchen Betriebsangehörigen, die mit Atomenergie zu tun haben,
in Verbindung stehen.
Betriebshygiene - Kurse über die Maßnahmen zur Erhaltung
hygienisch einwandfreier Verhältnisse in den mit gefährlichem
kernreaktivem Material arbeitende Industrien»
Radiologie sowie Gerätekunde und praktische Anwendung von
Strahlungsinstrumenten - Ausbildung durch das Brookhaven National
Laboratory.
Als dritter Punkt unseres Ausbildungsprogramms folgt das
riesige Gebiet der Verwendung von Atomenergie in der Biologie und
Medizin. Das Argonne Cancer Hospital der Universität Chikago, das
Brookhaven National Laboratory und die Krebsforschungsklinik im
Oak Ridge-Institut für Kernforschung werden ein- bis zweijährige
Kurse für jeweils 5 - 1 0 Teilnehmer über die Nutzbarmachung der
Atomenergie in der Medizin und Biologie abhalten.
Das Gebiet der Krebsforschung ist so wichtig, und andere Länder haben hier bereits solche Fortschritte erzielt, daß wir unseren
Beitrag nicht lediglich auf das Studium der verschiedenen Methoden
beschränken möchten. Wir sind daher bereit, 150 befähigte und hervorragende ausländische Wissenschaftler auf dem Gebiet der Krebsforschung zu eingehendem Studium unserer Krebsforschungsinstitute
im Jahre 1955 einzuladen. Diese Gäste werden nicht nur unsere
Institute und Methoden unbehindert studieren können, sondern werden darüber hinaus zu einem regen Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit unseren Ärzten, und Wissenschaftlern angeregt werden.
Der letzte und vierte Punkt unseres Ausbildungsprogramms ist
das Gebiet der Verwendung von Radioisotopen als Spürelemente, über
dessen rasche Entwicklung wir bereits gesprochen haben. Auf diesem
Gebiet konnte die Atom-Energiekommission bisher nur in beschränktem Umfange ein Ausbildungsprogramm für ausländische Wissenschaftler durchführen. Die Kommission ist jetzt in der Lage, Spezialkurse
für ausländische Techniker einzurichten, die Anfang 1955 beginnen
sollen. Diese Kurse sollen jeweils vier Wochen dauern und umfassen
Praktikum im Laboratorium, Vorlesungen über Laborversuche sowie
Seminare über besondere Themen. Die Laborversuche sollen die Benutzung der Instrumente, die Reindarstellung radioaktiven Materials
und seine Trennung vom inaktiven Material sowie die praktische
Anwendung verschiedener Verfahren in der Benutzung von Radioisotopen auf den verschiedensten Forschungsgebieten umfassen.
Diese von uns geplanten Ausbildungskurse in Betriebssicherheit,
Therapie und Biologie würden, in Zahlen ausgedrückt, über 250 Techniker aus anderen Ländern im Laufe der kommenden 12 bis 15 Monate
mit den grundlegenden theoretischen und praktischen Kenntnissen
vertraut machen. Die Beschränkung der Teilnehmerzahl ist nicht
etwa von dem Wunsch diktiert, die Kenntnisse nur einem kleineren
Kreis zugänglich zu machen, sondern ist einfach notwendig, damit
wir die Teilnehmer an den verschiedenen Lehrgängen in den uns gegenwärtig zur Verfügung stehenden Instituten und Anlagen unterbringen
können.
Soviel
- 11 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November

1954

Soviel über unsere anfänglich geplanten^Ausbildungskurse.
In enger Verbindung damit steht die Frage des schriftlichen Informationsaustausches über den Stand der wissenschaftlichen
Atomforschung. Wir setzen voraus, daß die Internationale Behörde
bereit ist, von Anfang an eine Reihe bestimmter Informationen
zu geben und Dienstleistungen zu übernehmen wobei sie sich von
den Mitgliedstaaten Angaben über deren Atomenergieprogramme
machen läßt und die Mitglieder darüber und über die eigenen Projekte unterrichtet. In kurzen Umrissen führe ich hier die Art
des Informationsmaterials an, das die Vereinigten Staaten im
Jahre 1955 der Internationalen Behörde nach deren Errichtung zur
Verfügung stellen wollen.
Im Gegensatz zu der allgemein verbreiteten Ansicht haben die
Vereinigten Staaten seit Beginn ihrer Arbeiten zur Entwicklung
der Atomenergie durch die Veröffentlichung von Dokumenten der
Atomenergiekommission und durch Aufsätze in wissenschaftlichen
Zeitschriften eine gewaltige Menge Forschungsmaterial über die
friedliche Verwendung der Atomenergie zur Verfügung gestellt.
Dennoch hält sich in der Öffentlichkeit noch immer die Vorstellung
von einem mysteriösen Monopol.
Ebenso wie ich selbst werden auch Sie überrascht wein zu
hören, daß sich die von den Vereinigten Staaten über die friedliche Verwendung der Atomenergie der Öffentlichkeit zugänglich
gemachten Dokumente auf über 20 000 Schriftstücke mit insgesamt
über 800 000 Seiten Text belaufen.
Stets der Zeit eingedenk, in der es sich als nützlich erweisen würde, dieses Material als Ganzes der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, haben wir unter Berücksichtigung der Tatsache, daß
Einzelheiten stets zur Verfügung gestanden haben, zehn vollständige Bibliotheken aus eigenem Material zusammengestellt, die wir
bereit sind, den wichtigsten technisch-wissenschaftlichen Bibliotheken der beteiligten Nationen zu übergeben. Und wenn es verlangt
werden sollte, werden wir auch mehr als zehn Bibliotheken zur Verfügung stellen.
Außer diesen aus eigenem Material zusammengestellten Bibliotheken sind wir bereit, vollständige Kartotheken mit Indexkarten
sowie unser in den vergangenen sieben Jahren gesammeltes Aktenmaterial mit Auszügen aus den bereits in sämtlichen Ländern veröffentlichten 50 000 wissenschaftlichen und technischen Büchern
und Berichten bereit zu stellen.
Um es in greifbaren Zahlen auszudrücken! wir erklären uns
bereit, jeder einzelnen dieser ausländischen Bibliotheken bereits
veröffentlichte Berichte sowie 200 000 Indexkarten zu übergeben.
Darüber hinaus werden wir diesen Bibliotheken neu veröffentlichtes Material beifügen, als Gegenleistung verlangen wir von
den Mitgliedstaaten nur die Überlassung ihrer Sammlungen von offiziellen nichtgeheimen, der allgemeinen wissenschaftlichen Literatur aber nicht zur Verfügung stehenden Dokumenten a&amp; • die entsprechenden Bibliotheken der USA.
Neben
- 12 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Neben der wissenschaftlichen Ausbildung und dem Austausch
von Informationen müssen wir auf dem Gebiet der Forschung und
Entwicklung der Atomenergie einen weiteren Schritt unternehmen.
Wir müssen die praktischen Entwicklungsmöglichkeiten der Atomenergie für die Medizin, die Landwirtschaft und andere friedliche Tätigkeiten einschließlich der späteren Erzeugung von
elektrischer Kraft weiter fördern. Die internationale Behörde
muß sofort an die Entwicklung solcher Forschungsaufgaben gehen
und sich bemühen, kernreaktives Material zu beschaffen, um den
überall in der Welt vorhandenen Bedarf der Forschung zu decken.
Es muß jedoch anerkannt werden, daß die Forschungsarbeit auch
weiterhin in der Hauptsache von den einzelnen Staaten durchgeführt werden wird.
Das sind in der Hauptsache die Maßnahmen, die wir Amerikaner für das Jahr 1955 im Auge haben. Wie Präsident Eisenhower
Ihnen bereits versichert hat, wird kernreaktives Material für
Projekte, die von der Internationalen Behörde gefördert werden,
für diesen Zweck abgezweigt. Wir vertrauen darauf, daß auch von
anderen entsprechende Beiträge im Interesse des gemeinsamen
Unternehmens gemacht werden. Verschiedene Maßnahmen werden von
einzelnen Staaten, andere von der Internationalen Behörde und
wieder andere teils von den Staaten selbst und teils von der
Internationalen Behörde unternommen werden. Auf jeden Fall
sollten wir uns von dem Prinzip leiten lassen, daß sich die Behörde auf solche Projekte konzentrieren soll, die von einem
Staat allein oder von privaten Gruppen gar nicht oder lange
nicht so wirksam durchgeführt werden könnten.
All diese Schritte werden uns im kommenden Jahr ein gutes
Stück weiter bringen auf dem Wege in das friedliche Atomzeitalter.
Die Vereinigten Staaten waren die ersten, die bereit waren,
ihre Atomenergie über die Vereinten Nationen für friedliche
Zwecke zur Verfügung zu stellen. Wir hoffen, daß es möglich
sein wird, eine internationale Organisation zu schaffen, die
die erforderliche Autorität besitzt, um rasch, wirksam und
gerecht diese kostbare • Gabe ungezählten Millionen jenseits
unserer Grenzen zuteil werden zu lassen.
Wir sind überzeugt davon, daß zwischen der Internationalen
Behörde und den Vereinten Nationen ein ähnliches Verhältnis
geschaffen werden muß, wie es zwischen diesen und ihren Sonderorganisationen besteht. Über die Art dieser Beziehungen kann
natürlich erst dann etwas ausgesagt werden, wenn die Behörde
selbst errichtet ist. Geschaffen werden wird die Behörde auf
Grund von Verhandlungen zwischen den interessierten Nationen.
Diese Verhandlungen bei denen bereits Fortschritte zu verzeichnen
sind, werden zum Abschluß eines Vertrages führen, der den üblichen, durch die Verfassungen festgelegten Ratifizierungsverfahren unterliegt. Die Internationale Atomenergiebehörde wird 'sich»soweit erforderlich, mit anderen Organisationen der Vereinten Nationen, deren Tätigkeit zu der Arbeit der Behörde in
Verbindung steht sowie mit den nationalen und regionalen Atom- 13 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November 1954

Atomenergie-Organisationen&gt;wie etwa der Gesellschaft für Europäische Kernforschung, beraten und mit ihnen zusammenarbeiten.
Die Beziehungen, die sich möglicherweise entwickeln, im
einzelnen genauer definieren zu wollen, würde im jetzigen Zeitpunkt nicht zweckmäßig sein, ehe wir nichts genaueres darüber
wissen, wie die Behörde einmal beschaffen sein wird. Während
in gewissem Umfange allgemeine Übereinstimmung über verschiedene
verwaltungstechnische Fragen erzielt wurde, scheint es nicht ratsam, heute ausführlicher auf Einzelheiten dieser Verhandlungen
einzugehen. Sie werden begreifen, daß bei den Verhandlungen die
Aussichten der acht verhandelnden Staaten im Hinblick auf die
besondere Stellung, die diese auf dem Gebiete der Atomenergie
einnehmen, berücksichtigt werden müssen, ebenso wie die der
übrigen Staaten, die sich hoffentlich einmal beteiligen werden.
In der Hauptsache haben sich die Verhandlungen auf der Linie
bewegt, die wir in unserem am 19. März der Sowjetunion übergebenden Entwurf aufgezeigt haben und der dem Ausschuß vorliegt. Doch
sind Änderungen möglich.
An dieser Stelle dürfte es angebracht sein, ein Problem zu
erwähnen, das während der Verhandlungen aufgetaucht ist. Ursprünglich vertraten die Vereinigten Staaten die Ansicht, daß die Internationale Behörde über spaltbares Material selbst verfügen würde.
Nach der Ablehnung des amerikanischen Vorschlages durch die Sowjetunion, beschlossen jedoch sämtliche an den Verhandlungen beteiligten Staaten, daß es vorzuziehen sei, wenn die Behörde
als Clearing-Haus für Anträge dienen würde, die von den verschiedenen Nutznießern gestellt würden. Der das spaltbare Material
zur Verfügung stellende Staat sollte es für die von der Behörde
genehmigten Projekte kenneeichnen und es diesen direkt zuleiten.
Da die Mittel, der Behörde offenbar beschränkt sein werden, erscheint es unserer Meinung nach zweckvoller, die ihr zur Verfügung stehenden Hilfsquellen lieber für zusätzliche Programme
als für eine kostspielige treuhänderische Tätigkeit zu verwenden.
Wie ich im Verlaufe meiner Ausführungen bereits erklärt
habe, haben die Vereinigten Staaten den Wunsch und verfolgen das
Ziel, daß alles was getan wird, auch im Bereich des Möglichen
und Durchführbaren bleiben muß, nicht behindert oder zum Spielball endloser Argumente oder unüberwindlicher Vetos werden darf.
Unsere Arbeit geht so schnell wie möglich vonstatten, und wir
sind entschlossen, zu verhindern, daß dieses Hoffnungsvolle Unternehmen auf die lange Bank geschoben, verzögert oder auf lange Zeit
hinaus von denen vereitelt wird, die nicht dulden wollen, daß
die Segnungen der Atomenergie aller Welt zuteil werden.
Die von uns unterstützte Resolution spiegelt diesen Wunsch
wider - nämlich zum Wohl der ganzen Welt so rasch wie möglich
Fortschritte zu erzielen.
III. Internationale Konferenzen
Zur Erreichung des Zieles, alle Völker an den Segnungen der
Atomenergie teilhaben zu lassen, hätten die Vereinten Nationen
schon jetzt eine weitere Möglichkeit, einen Beitrag zu leisten, Ift- 14 -

�"AMERIKA DIENST"

10. November

1954

in dem sie eine internationale Konferenz einberufen, die feststellen soll, auf welchen Gebieten eine technische Weiterentwicklung angebracht ist» und nach welcher Verfahrensweise die
einzelnen Nationen ihre Wünsche geltend machen können.
Die Vereinigten Staaten haben die Absicht, jeden Antrag
auf Abhaltung einer solchen Konferenz zu unterstützen, und werden als Vertreter qualifizierte Wissenschaftler und befähigte
Techniker entsenden. Unsere Atomenergiekommission wird die
bei bestimmten Informationen verhängten Nachrichtensperren aufheben und sie veröffentlichen in der Hoffnung, damit zu einem
Erfolg der Konferenz beizutragen und andere Länder zu veranlassen, das gleiche zu tun.
Die Vereinigten Staaten sind seit langem überzeugt, daß eine
solche Konferenz von Wissenschaftlern und Regierungsvertretern,
die an der Entwicklung der Atomenergie in ihren Ländern mitarbeiten, die wissenschaftlichen Kenntnisse der Teilnehmer bereichern und dementsprechend auch den einzelnen Ländern zugute
kommen würde. Es boten sich zahlreiche Gelegenheiten, Informationen auszutauschen und all die Probleme auf dem gewaltigen
Gebiet kennenzulernen, das sich jetzt vor unseren Augen erschließen würde, wenn die segensreichen Verwendungsmöglichkeiten
der Atomenergie leichter durchzuführen und zahlreicher wären.
Zweifellos werden die meisten Teilnehmer der Konferenz
Regierungsvertreter sein, von denen viele Sachverständige auf
dem Gebiete der Atomenergie sind. Die Vereinigten Staaten halten
es ferner für angebracht, auch Vertreter der verschiedenen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen einzuladen, deren Tätigkeit Bereiche umfaßt, die bei den Diskussionen auf der Konferenz unmittelbar interessieren. Hierzu gehören Organisationen
wie die UNESCO, die Internationale Arbeitsorganisation (ILO),
die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Welternährungsund Landwirtschaftsorganisation (PAO). Die Organisierung der
Konferenz, die Verschickung der Einladungen, die Vorbereitung der
Tages- und Geschäftsordnung sollte dem Generalsekretär der Vereinten Nationen übertragen werden, der sich dabei von einem Aus3±ruß
aus Vertretern bestimmter Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen
beraten läßt. Die Mitglieder dieses Beratungsausschusses müssen
unserem Vorschlag gemäß zwei wesentliche Voraussetzungen erfüllen: sie sollen die Entwicklung der Atomenergie kennen und sie
müssen ein Gebiet repräsentieren, das geographisch gesehen bestimmte Voraussetzungen erfüllt.
Wir schlagen vor, daß auf der Konferenz unter anderem solche
Themen wie der vermutliche Weltbedarf an elektrischer Energie,
der mögliche Beitrag der Atomenergie zur Beseitigung der Knappheit an herkömmlichen Brennstoffen, die Atomenergiewirtschaft,
die gesundheitlichen Aspekte der Atomenergie und die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen erörtert werden. Erörtert werden
müssen ferner die Kerntechnik, die Verwendung von Kernreaktoren
in der Forschung und Energieerzeugung, die Verwendungsmöglichkeiten der Atomenergie in der Medizin und Biologie und die Verwendung
radioaktiver Erzeugnisse in der Industrie.
_.
- 15 -

�10. November 1954

"AMERIKA DIENST"

Wir wissen, daß die Berichte und Entscheidungen der Konferenz
von großer Bedeutung sowohl für die zu errichtende Internationale
Atomenergiebehörde als auch für die einzelnen Länder in bezug auf
deren eigene Atomenergieprogramme sein werden.
IV. Schlußfolgerungen
Wir beabsichtigen, in diesem Ausschuß einen Resolutionsentwurf zu unterstützen, der den eben gemachten Ausführungen entspricht. Wir glauben, daß er vorbildlich sein kann für eine
praktische Teilnahme der Vereinten Nationen an diesem großen
Werk internationaler Zusammenarbeit, das der Entwicklung der
Atomenergie für friedliche Zwecke dienen soll. Indem die Vereinigten Staaten diese Resolution unterstützen, geben sie dem
Wunsche Ausdruck,gemeinsam mit Ihnen an der Verwirklichung dieses
Programms zu arbeiten, dessen alleiniger Zweck nach den Worten
Präsident Eisenhowers in seiner Rede vom vergangenen Dezember
darin besteht, "einen Weg zu finden, auf dem des Menschen wunderbare Erfindergabe nicht zu seiner Vernichtung gebraucht sondern
seinem Leben geweiht wird."

* * * * *

�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. J A M E S B. CQNANT ZUR FRAGE DER
EUROPÄISCHEN INTEGRATION UND WIEDERVEREINIGUNG
DEUTSCHLANDS
BERLIN - (Amerika Dienst) - Nachfolgend der Text einer Ansprache, die der
amerikanische Hochkommissar, Dr. James
B. Conant, am 9.November 1954 über RIAS
Berlin gehalten hat:
Die letzten Monate haben uns Entscheidungen von außerordentlicher Wichtigkeit gebracht - Entscheidungen, die, wenn
sie vollständig durchgeführt sind, das Leben jedes einzelnen
von uns betreffen werden, das Leben jedes Berliners und jedes
Bewohners der Sowjetzone. Vor wenig mehr als zwei Monaten
standen wir vor einer Situation, die sich leicht zu einer Tragödie für die ganze westliche Welt hätte entwickeln können«
Unsere Integrationspläne, ja, unsere ganze Zukunft schien gefährdet. Heute jedoch scheint unsere Einigkeit gefestigter und
unsere Zukunft hoffnungsvoller als je zuvor.
Die Namen dreier Städte: London, Paris und Washington
wurden zu Symbolen für diese neue Entwicklung. In London wurde
die Grundlage gelegt für die neue Einheit, in Paris errichteten
wir das Gerüst, in Washington feierten wir sozusagen das Richtfest. Eine Reihe von verfassungstechnischen und sonstigen Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet werden, ehe das neue Gebäude fertig und bewohnbar sein wird, aber wir wissen, daß
diese Arbeit gute Portschritte macht.
Ich habe an allen drei Ereignissen teilgenommen, ich war in
London, Paris und Washington dabei. Diejenigen von uns, die
bei den entscheidenden Sitzungen in London und Paris anwesend
waren, erkannten, daß damals das Schicksal der freien Welt auf
dem Spiele stand. Ich war von dem Weitblick der europäischen
Staatsmänner bei den Verhandlungen tief beeindruckt, von ihrem
Gefühl für das wirklich Entscheidende und von ihrer Entschlossenheit, die Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Ich werde niemals den historischen Augenblick vergessen,
in dem der britische Außenminister, Sir Anthony Eden, die Bereitschaft der britischen Regierung bekanntgab, der Union der
westeuropäischen Länder beizutreten. Wenn ich auf diese schicksalhaften Tage zurückschaue, kann ich nur die Worte wiederholen,
die Außenminister Dulles nach seiner Rückkehr aus London sprach:
"Die Tatsache, daß soviel erreicht werden konnte, zeigt, wie lebensfähig die atlantische Gemeinschaft ist."
Was bedeutet das nun alles für uns ?
- 1 -

Meines

�"*MERIK* DIENST" 10. November 1954
Meines Erachtens bedeuten die londoner und Pariser Abkommen einen der größten Erfolge, die der Westen je erreicht hat.
Wir haben ihn erreicht trotz der unnachgiebigen und bösartigen
Versuche eines rücksichtslosen Gegners, den Nationen der freien
Welt diesen Erfolg zu verwehren. Es ist auch eine der klarsten
Niederlagen, die die Sowjetunion im Kalten Krieg erlitten hat.
Wir haben der sowjetischen Absicht, Mißtrauen zwischen den westlichen Alliierten zu säen und sie von einer Vereinigung abzuhalten, einen schweren und hoffentlich tödlichen Schlag versetzt*
Wir haben dabei gezeigt, wie falsch und nutzlos die sowjetische Taktik ist, den unnatürlichen Zustand der Schwäche und Uneinigkeit der Völker zu verewigen und durch Spaltung die Eroberung vorzubereiten. Wenn die Sowjetunion diese Absicht aufgeben muß, dann wird ein bedeutender Teil der sowjetischen Strategie hinfällig. Auf jeden Fall wird die westliche Union nach
ihrer Vollendung nicht nur den westlichen Nationen neue Kraft
geben, sondern sie wird die Gegner des Westens zwingen, bei der
Formulierung ihrer eigenen Pläne diese neue Situation zu respektieren.
Während der letzten Jahre wurde viel von der westlichen
"Politik der Stärke" gesprochen. Es bestand manchmal die Tendenz, Stärke nur nach dem Umfang der materiellen und militärischen Macht zu bemessen. Natürlich wäre es unklug, und unrealistisch, zu leugnen, daß es in unserem Zeitalter der globalen
Spannungen und Konflikte unerläßlich ist, sich mit den materiellen Verteidigungsmitteln auszurüsten, wenn man stark sein will.
Es gibt jedoch noch eine andere Stärke, und das ist die Stärke,
die in London und Paris in Erscheinung trat, nämlich die moralische Stärke der Nationen. Dazu gehört Mut, Entschlossenheit und
die Bereitschaft, für das gemeinsame Wohl Opfer zu bringen. Wenn
materielle Macht nicht mit dieser geistigen und moralischen Kraft
verbunden wird, dann ist sie nutzlos, ja sie wird sogar destruktiv. Wenn sich aber die materielle Macht mit der moralischen
Stärke verbindet, und wenn die Macht in den Dienst der Gemeinschaft gestellt wird, dann brauchen wir keinen Mißbrauch der
Macht zu befürchten. Das ist der wahre Sinn der Pariser Abkommen. Die Stärke, die durch Einigkeit erreicht wurde, wird
nicht nur die einzelnen Mitglieder der Union schützen, sondern,
wie es Außenminister Dulles formuliert hat, auch die anderen
Nationen. Entweder mißverstehen diejenigen, die diese neue
Union verleumden, Zweck und Sinn der Abkommen, oder sie entwerfen absichtlich ein falsches Bild, Die Geschichte wird diesen Verleumdern beweisen, wie voreingenommen und falsch ihre
Ansichten sind.
Nun werden Sie, meine Hörer, fragen, aber wie steht es mit
unserer Hoffnung auf eine Wiedervereinigung Deutschlands ?
Das ist schließlich das brennendste Problem für uns. Gerade mit
diesem Problem hat sich die Washingtoner Konferenz eingehend
befaßt. Bekanntlich haben der Präsident der Vereinigten Staaten
und Bundeskanzler Adenauer in einer gemeinsamen Erklärung in
Washington die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit als
eine berechtigte Forderung des deutschen Volkes bezeichnet.
Beide Staatsmänner waren sich einig, daß dieses Ziel auf friedlichem Wege erreicht werden muß. Sie gaben ihrer Überzeugung

�PIEKST"
10. November 1954
Überzeugung Ausdruck, daß fortgesetzte Bemühungen auf dieses
Ziel hin nötig sind, und sie stimmten überein, daß solche Bemühungen von den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik gemeinsam mit den Regierungen Großbritanniens und Prankreichs
unternommen werden sollen. Schließlich bestätigten sie ihren
festen Glauben, daß die Stärkung des freien Europas, die aus
den londoner und Pariser Abkommen erwächst, die Bemühungen
unterstützen wird, dem gesamten deutschen Volk Freiheit und
Einheit zu geben. Diese hoffnungsvolle Botschaft offenbart
unseren unerschütterlichen Glauben, daß das Recht über die
Macht triumphieren wird. Gewiß, diese Botschaft enthält keine
Zeitangaben, aber es wäre unverantwortlich und unrealistisch,
durch feste Voraussagen, verfrühte Hoffnungen zu erwecken.
Niemand von uns kann voraussagen, wann die Sowjetunion bereit
sein wird, die berechtigte Forderung des deutschen Volkes nach
Einheit in Freiheit anzuerkennen. Wir nehmen an, daß die Sowjets
bereit wären, sogenannte freie Wahlen nach dem Vorbild des
17.Oktober in ganz Deutschland abzuhalten. Aber die Freiheit,
die wir meinen, ist nicht die Freiheit, die die Sowjets meinen.
Es wird nicht leicht sein, die Wiedervereinigung in echter
Freiheit zu verwirklichen. Wir müssen Schritt um Schritt vorgehen. In London und Paris haben wir bereits entscheidende
Schritte getan, und ich bin sicher, daß wir unserem gemeinsamen Ziel näher gekommen sind« Ehe die westlichen Nationen
nicht einen gewissen Grad der Einigkeit erreicht hatten, konnten wir kaum erwarten, daß die Sowjets unsere wachsende Stärke
respektieren würden und ihre Taktik der neuen Situation anpassen. Aber jetzt, da die westliche Welt in immer engerer Verbundenheit zusammenfindet, dürfen wir hoffen, daß aus der neu
geschaffenen Einigkeit eine noch größere Einigkeit entsteht,
daß ein immer größeres Gebiet der Welt in den Genuß der Freiheit gelangt, bis auch jenen Menschen, die heute noch in der
Sklaverei leben, die Freiheit geschenkt wird.
"AMERIKÜ

Inzwischen wird meine Regierung, in enger Zusammenarbeit
mit der britischen und französischen Regierung, ihre Bemühungen fortsetzen, den Tag der Freiheit näher zu bringen. Wir werden sorgfältig alle ehrlichen und realistischen Vorschläge für
eine Lösung der noch schwebenden Probleme prüfen, besonders in
der Frage der deutschen Wiedervereinigung.
Wir werden auch weiterhin die Berliner Bevölkerung unterstützen. Die Vereinigten Staaten, zusammen mit Großbritannien
und Frankreich, haben die einzigartige Bedeutung der Stadt
Berlin für die westliche Welt in der Dreimächte-Erklärung
vom Jahre 1952 anerkannt, die im Oktober 1954 auf der Londoner Konferenz bestätigt wurde. Diese Erklärung stellt fest,
daß in der heutigen internationalen Lage die Sicherheit und
das Wohlergehen der Stadt Berlin und die Aufrechterhaltung
der Position der drei Mächte in Berlin wesentlich für den
Frieden sind. Es gibt kein anderes Gebiet auf dieser Erde, dem
der Schutz und die Unterstützung der amerikanischen Regierung
so klar und fest zugesagt wurde und das durch Wort und Tat so
wirksam beim Wiederaufbau gefördert wurde. Durch diese Unterstützung, die gewährt werden wird solange sie nötig ist, war
die Stadt in der Lage, ein aktives wirtschaftliches, kulturel-

- 3-

�"ÜMEBIJU

SIEHST"

10. November 1954

kulturelles und politisches Leben zu entwickeln - trotz ihrer
schwierigen Lage als Inäel der Freiheit mitten im kommunistisch
beherrschten Gebiet.
Die amerikanische Unterstützung bestand nicht nur in der
finanziellen Hilfe im Wert von fast einer Milliarde Dollar im
Laufe der letzten Jahre, sondern auch in der Förderung des
Handels und in der Produktionssteigerung. Dadurch war es möglich, innerhalb von drei Jahren die Produktion zu verdoppeln
und die Zahl der Arbeitsplätze beträchtlich zu erhöhen.
Ich möchte besonders betonen, daß diese Erfolge erzielt
würden, obwohl die Zahl der Arbeitsuchenden durch neuhinzukommende Flüchtlinge vergrößert wurde. Außerdem mußte die Stadt
Berlin Tausenden von Flüchtlingen vorübergehend Obdach geben,
bis sie in die Bundesrepublik geflogen werden konnten. Was in
Berlin seit der Blockade erreicht wurde, erwuchs aus der engen
Zusammenarbeit zwischen der tapferen Bevölkerung Berlins und
der Regierung der Vereinigten Staaten.
Die ganze Welt bewundert heute den Mut der Berliner Bevölkerung, aber sie weiß auch, daß die schwierigen Bedingungen,
unter denen Sie, meine Hörer in der Sowjetzone, leben, Tag für
Tag einen noch größeren Mut erfordern. Aber ich weiß, daß in
Ihrem Herzen die Überzeugung lebt, daß auch Ihre Zone ein Teil
Deutschlands ist und bleibt und damit auch zu der Gemeinschaft
der freien Nationen gehört. Erhalten Sie sich dieses Gefühl
der Zusammengehörigkeit mit dem Westen so wie auch wir immer
unserer Zusammengehörigkeit mit Ihnen eingedenk sein wollen bis zum Tag der Wiedervereinigung in Freiheit.

* * * * #

- 4 -

�Gleichfalls übersende ich zur Informa ion des Sen ts eine
Abschrift der als Pazifik-Charta bekannten E klarung, die in
Mani a ausgearbeitet und am gleichen Tage in erzeichnet wurde.
Die Charta proklamiert das Bekenntnis der
gnatarmächte zu
den Grundsätzen der Selbstbestimmung und der U bha gigkeit.
Sie teilt eine Grundsatzerklärung dar und erfor ert deshalb
nich "en Rat und die Zustimmung des Senats.
Ferner wird hiermit dem Senat zur Information der Bericht
übermittelt, der mir vom Außenminister zum Südost s' tischen
Vert idigungspakt und em hierzu gehörigen Prot koll bergeben worden ist. Im Einklang mit der Empfehlung des Ministers,
ist die "einmütige Übe e'nstimmung", wie sie Artikel I
Paragraph
1, für die Namhaftmachung von Staaten oder Terr torie , Artikel
VII für die Einladung an Staaten, dem Pakt beizutreten, und Artikel VIII für eine Änderung des von dem Pakt betroffenen Raumes
vorsieht, in jedem Fall so auszulegen, daß hierfür der Senat
seine Billigung und Zustimmung geben muß.
,-

- 1 -

�AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Der Vertrag ist dazu bestimmt, die Sicherheit und den Frieden in Südostasien und dem südwestpazifischen Raum dadurch zu
fördern, daß er vor einer kommunistischen oder anderweitigen
Aggression in diesem Raum abschreckt. Es ist dies ein DefensivVertrag sowohl gegen offene bewaffnete Angriffe als auch gegen
Umsturzversuche von innen her. Für die Vereinigten Staaten ergibt sich aus dem Vertrag die selbstverständliche Voraussetzung,
daß der einzige bewaffnete Angriff in diesem Raum, den die Vereinigten Staaten notwendigerweise als Gefährdung des Friedens
und ihrer Sicherheit betrachten würden, ein kommunistischer bewaffneter Angriff wäre. Der Vertrag fordert wirtschaftliche Zusammenarbeit, um die freien Länder dieses Raumes in die Lage zu
versetzen, nicht nur auf militärischem sondern auch auf sozialem
und wirtschaftlichem Gebiet stark und lebensfähig zu werden.
Der Südostasiatische Verteidigungspakt bedeutet eine Ergänzung unserer anderen Sicherheitspakte im Pazifik und stellt
ein wichtiges Glied im System kollektiver Sicherheit der freien
Nationen des südostasiatischen und pazifischen Raumes dar.
Ich empfehle, der Senat möge den hiermit unterbreiteten Vertrag samt Protokoll bald und in wohlwollendem Sinne erörtern und,
unter besonderer Berücksichtigung der darin enthaltenen für die
Vereinigten Staaten selbstverständlichen Voraussetzungen die
Ratifizierung befürworten.
Dwight D. Eisenhower,
Weisses Haus, 10. November 1954

- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Bericht des amerikanischen Außenministers an
den Präsidenten

Ich habe die Ehre, Ihnen in der Erwartung, daß Sie Vorliegendes an den Senat zur Billigung und Zustimmung,der Ratifizierung weiterleiten, eine Ausfertigung des Südostasiatischen
Verteidigungspaktes samt dem dazugehörigen Protokoll, die beide
am 8. September 1954 in Manila unterzeichnet wurden, zu unterbreiten. Zur Informationen des Senats wird außerdem eine Kopie der
am gleichen Tag in Manila unterzeichneten und proklamierten Pazifik-Charta vorgelegt. Die Charta ist eine Grundsatzerklärung
und bedarf nicht der Zustimmung und Billigung des Senats.
Auf Ihr Ersuchen begleiteten mich die Senatoren H. Alexander Smith und Michael J. Mansfield vom Außenpolitischen Ausschuß
des Senats als bevollmächtigter Delegierte zur Manila-Konferenz
und unterzeichneten mit mir den Vertrag, das Protokoll und die
Pazifik-Charta. Ich bin ihnen für die Beiträge, die sie für den
erfolgreichen Abschluß dieser Dokumente geleistet haben, außerordentlich zu Dank verpflichtet. Dieser Vertrag ist einer von
denjenigen, wobei Regierung und Senat, durch die beiden in diesem
vertretenen politischen Parteien, die ganze Zeit hindurch zusammengearbeitet haben.
Das Ziel des Südostasiatischen Verteidigungspaktes ist die
Schaffung einer Einheit für Sicherheit und Frieden in Südostasien und im südwestlichen Pazifik. Acht Nationen - Australien,
Frankreich, Neuseeland, Pakistan, die Republik der Philippinen,
Thailand, Großbritannien und die Vereinigten Staaten - haben an
den Verhandlungen als freie und gleichberechtigte Partner teilgenommen. Es ist dies sowohl ein Vertrag der gemeinsamen Verteidigung gegen offene bewaffnete Angriffe als auch gegen Umsturzversuche von innen heraus. Obgleich die Vereinigten Staaten kein
direktes territoriales Interesse in Südostasien haben, ist uns
mit den Völkern und Regierungen dieses Raumes vieles gemeinsam,
und wissen wir uns eins mit ihnen angesichts der gemeinsamen
Bedrohung durch den internationalen Kommunismus.
Wie ich in meiner Rede an die Nation am 15« September erklärte, entspricht die Einigkeit, die durch den Vertrag vorgesehen ist, dem, was die Vereinigten Staaten schon lange angestrebt haben. Im Auftrag der vorhergehenden amerikanischen Regierung verhandelte ich im Jahr 1951 mit Australien und Neuseeland, der Republik der Philippinen und Japan über Sicherheitsverträge. In der Zwischenzeit wurde auch mit Korea ein Beistandspakt abgeschlossen, bei dem allerdings die Ratifizierungsurkunden
noch ausgetauscht werden müssen. Jeder dieser Verträge spielt
noch immer eine Rolle im Ausbau eines pazifischen Sicherheitssystems, und jeder sah die Entwicklung eines umfassenden Systems
regionaler Sicherheit im pazifischen Raum vor.
w.

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Wie die früheren Verträge steht auch der Manila-Pakt voll in
Einklang mit den Absichten und Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen; er basiert auf Artikel 51, der das unabdingbare
Recht auf individuelle oder kollektive Selbstverteidigung anerkennt. Er richtet sich gegen keine Regierung, gegen keinen Staat
und gegen -kein Volk.
Der Vertrag besteht aus einer Präambel und elf Artikeln. In
der Präam el sind Geist und Ziele des Vertragswerkes umrissen.
Es anerkennt die unbeschränkte Gleichheit aller Vertragspartner
u d gibt noch einmal ihrem Glauben an die Charta der Vereinten
Nationen und ihrem Verlangen, mit allen Völkern und Regierungen
in Frieden zu leben, Ausdruck. Indem es noch einmal den Grundsatz
von den gleichen Rechten und der Selbstbestimmung der Völker versichert, erklärt es die Absicht der Partner, sich mit Hilfe aller
zur Verfügung stehenden friedlichen Mittel darum zu bemühen,
daß das Prinzip der Selbstregierung gefördert und die Unabhängigkeit all jener Länder erhalten wird, deren Völker diese wünschen
und auch wirklich in der Lage sind , die daraus erwachsenden
Ve. antwortlichkeiten auf sich zu nehmen. Durch die Öffentliche
und formelle Erkläru; g ihrer Auffassung von Einigkeit weisen die
Vertragspartner jeden möglichen Aggressor warnend darauf hin, daß
sie in dem betreffenden Raum zusammenstehen werden. Die Präambel
gibt auch dem fundamentalen Zweck des Vertrages Ausdruck, d.h.
der weiteren Koordinierung der Bemühungen um kollektive Verteidigung zur Erhaltung von Frieden und Sicherheit.
Die elf Artikel der Pazifik-Charta

ARTIKEL I enthält Bestimmungen, die denen in vergleichbaren
Artikeln anderer Sicherheitsverträge ähneln. Im Rahmen dieser Bedingungen bekräftigen die vertragschließenden Partner ihre in der
Charta der Vereinten Nationen feierlich übernommenen Verpflichtungen, alle internationalen Streitfälle, in die sie verwickelt
werden sollten, mit friedlichen Mit ein eizulegen und sich in ihren internationalen Beziehungen der Drohung mit oder der Anwendung von Gewaltmitteln zu enthalten, die unvereinbar mit den
Zwecken der Vereinten Nationen sind. Alle vertragschließenden
Partner sind Mitglieder der Vereinten Nationen.
ARTIKEL II nimmt in den Vertrag den Grundsatz der VandenbergEntschließung (siehe Resolution 239 80. Kongreß) auf, der verlangt, daß regionale und kollek ive Sicherheitsvereinbarungen,
denen sich die Vereinigten Staaten anschließen, auf ständiger
Selbsthilfe und gegenseitiger Hilfe beruhen müssen. Die Parteien
verpflichten sich auf diese Weise, nicht nur ihre eigene und
ihre kollektive Fähigkeit, einem bewaffneten Angriff Widerstand zu
leisten, aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln, sondern auch
Umsturzbestrebungen, die von außen her gegen ihre territoriale
Unantastbarkeit und politische Stabilität unternommen werden, zu
verhindern und zu bekämpfen. Der Vertrag erkennt so die Gefahr

�"AMERIKA DIENST"

17 • N vember 1954

Gefahr eines Umsturzes oder einer indirekten Aggression an, die,
wie wir genau wissen, die Hauptwerkzeuge des internat onalen
Kommunismus bilden.
ARTIKEL III erkennt die Wichtigkeit freie: Ins t t onen
und gesunder Wirtschaftssysteme für die Erreichung
r Z
e des
Friedens und der Sicherheit an. Er gründet sich a f
Über Fügung, daß die günstigen Gelegenheiten für dm Komm
smus sich
verringern werden, wenn die freien Völker dur,ch
ts
ft\ iche
Zusammenarbeit in der Lage sind, ihre innere :-„abi itä zu entwickeln. Die Vertragschließenden kommen übere'
s ch bei der
Förderung des wirtschaftlichen Fortschritts un der soz
Wohlfahrt gegenseitig behilflich zu sein. Dies r Artik
ve pflichtet die Vereinigten Staaten nicht zu irgen eich
Unterstützungsprogramm. Wie ich jedoch schon m meiner Rede vom l5»&lt;
September feststellte, sah der Kongreß in diesem ahre
raus,
daß in Südostasien besondere Notstände sich erg oen wür n. Auf
Grund der Mutual Security Act (des Gesetzes für gemeinsame Sicherheit) hat der Kongreß bereits bestimmte F nds b reit es eilt,
die dazu verwendet werden können, den freien Regierungen in Südostasien Beistand zu leisten.
Der Artikel richtet keine wirtschaftlichen M uern a
gegenüber Ländern oder Gebieten, die nicht dem Vertrag angebe lossen
sind. Da zwischen den Ländern, die schwerwiegende Abmach ngen miteinander treffen, besonders enge Beziehungen vorwa ten sol't ,
so sind sich die Vertragsländer völlig der Bedeutung ew ßt, die
vom wirtschaftlichen Standpunkt solchen Ländern wie J pan, Indonesien, Burma, Ceylon, Indien, Formosa und anderen Ge ie JXI im
fernöstlichen und südasiatischen Raum zukommt. Artike II' schließt
nicht unsere weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit diesen
und anderen Ländern aus, deren Wirtschaft iche Wohlfahrt als
bedeutsam sowohl für die Stabilität des Vertragsgebietes ala auch
für unser eigenes Wohlergehen erachtet wird.
ARTIKEL IV enthält einige der wichtigsten Bestimmungen des
Vertrages. Mit ihm werden die Bestimmungen fo tgeführt, durch die
die Parteien auch über die Gefahr der Subversion und der indirekten Aggression einigen.
Unter Absatz 1 dieses Artikels erkennt jede der Parteien an,
daß "eine Aggression durch einen bewaffneten Angriff in dem Vertragsgebiet gegen eine der Parteien oder gegen irgendeinen Staat
oder ein Gebiet, das die Vertragsparteien an chließend einstimmig
bezeichnen können, ihren eigenen Friede., und die eigene Sicherheit
gefährden würde und l chbereit erklärt, beim Eintritt eines
solchen Ereignisses entsprechend den in den " ertragsbestimmungen
festgelegten Verfahren der gemeinsamen Gefahr ntgegenzutreten."
Dieser Wortlaut beruht auf dem Grundsatz de "Monroe-Doktrin"
und wurde bereits in anderen Sicherheitsvertrage der Vereinigten Staaten im Pazifik angewandt. Jede Part I erkennt in Artikel
IV, Absatz 1, an, daß der darin bezeichnete bewaffnete Angriff
als eine Gefährdung des eigenen Friedens und der eigenen Sicherheit angesehen würde.
_,..

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Für die Vereinigten Staaten kann diese Vertragsbestimmung
nur ein kommunistischer bewaffneter Angriff wirksam werden lassen.
Die Haltung der Vereinigten Staaten geht aus dem Wortlaut des
Vertrages selbst hervor. Dort heißt es wie folgt:
"Für die Vereinigten Staaten ist das Wirksamwerden der Bestimmungen des vorliegenden Vertrages an die Voraussetzung gebunden, daß die Anerkennung der Tatsache einer Aggression und
eines bewaffneten Angriffs und d er entsprechenden Vorschriften
des Artikels IV, Absatz 1, nur auf eine kommunistische Aggression
Anwendung findet«, Die Vereinigten Staaten bestätigen jedoch, daß
sie im Falle einer anderen Aggression oder eines anderen bewaffneten Angriffs gemäß den Bestimmungen des Artikels 17, Absatz 2,
in Beratungen eintreten werden."
Diese Bedingung entspricht der besonderen Stellung der Vereinigten Staaten als der einzigen der Signatarmächte, die in
dem Vertragsgebiet keine territorialen Besitzungen hat. Die anderen Signatarmächte bindet der Vertrag bei jedwedem Aggressionsakt, der den Frieden in diesem Gebiet stören könnte. Bezüglich
der Vereinigten Staaten ist jedoch ausdrücklich festgelegt, daß
die Vereinigten Staaten nur einen kommunistischen bewaffneten
Angriff als eine wirkliche Bedrohung für ihren Frieden und i
ihre Sicherheit ansehen würden. Die Erkenntnis, daß ein
kommunistischer bewaffneter Angriff in Südostasien tatsächlich
den Frieden und die Sicherheit der Vereinigten Staaten bedrohen
und eine Gegenaktion der Vereinigten Staaten erforderlich machen
würde, beruht auf der Überlegung„ daß die Ausweitung des internationalen Kommunismus die Vereinigten Staaten ebenso wie die
gesamte freie Weit bedroht.
Der Wortlaut von Absatz 1 sieht außerdem die einstimmige
Bezeichnung anderer Staaten oder Territorien vor, für die, falls
sie einem bewaffneten Angriff ausgesetzt sein würden, gewisse
Bestimmungen des Vertrage^ ebenfalls wirksam würden. Ich empfehle
Ihnen, den Senat davon zu unterrichten, daß diese Vorschrift so
ausgelegt werden muß, daß für jedes Abkommen, mit dem eine solche
Bezeichnung vorgenommen wird, Beratung und Zustimmung des Senats
der Vereinigten Staaten erforderlich sind.
Das Übereinkommen jeder der Parteien, der gemeinsamen Gefahr
"in Übereinstimmung mit dem in den Vertragsbestimmungen festgelegten Verfahren" entgegenzutreten, überläßt jedem Lande die
Entscheidung, welche Gegenaktion im Falle eines bewaffneten Angriffs zu unternehmen ist. Natürlich gibt es eine ganze Reihe von
Verteidigungsmaßnahmen, die je nach den Umständen angewandt werden können. Selbstverständlich würde jede Aktion, die die Vereinigten Staaten unternehmen würden^ in Übereinstimmung mit dem
in den Vertragsbestimmungen vorgeschriebenen Verfahren erfolgen.
Im letzten Satz des Absatzes wird bestimmt, daß die gegen
eine bewaffnete Aggression zu unternehmenden Maßnahmen, gemäß
den in der Charta der Vereinten Nationen in Artikel 51 von den
Parteien eingegangen Verpflichtungen, dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu melden sind.
....

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Mit der Gefahr der Subversion und indirekten Aggression befaßt sich Absatz 2 des Artikels IV, der sich über dieses schwierige Problem k arer ausläßt, als jeder andere früher abgeschlossene Sicherheitsvertrag. Danach sind unmittelbare Konsultationen
der Vertragsparteien vorgesehen, sobald irgend eine der Parteien
glaubt, daß die Integrität des Vertragsgebietes durch einen anderen als e;nen bewaffneten Angriff bedroht ist. Die Bedrohung
kann sich s wohl richten gegen die territoriale Unverletzlichkeit
oder Integrität als auch gegen die Souveränität oder politische
Unabhängigkei jedes Teils innerhalb des Vertragsgebietes, oder
gegen jeden an eren Staat oder Territorium, auf die von Zeit zu
Zeit Abschnitt 1 des Artikels angewandt werden kann. Der Absatz
enthält keine Verpflichtung, die über eine Konsultation hinaus
geh » aber der Zweck der Konsultation ist, sich über die zur gemeinsamen Verteidigung zu ergreifenden Maßnahmen zu verständigen.
In der Erläuter ng des Artikels IV, Absatz 1, bestätigen die
Vereinigten Sta ten, daß sie im Falle einer anderen Aggression
oder eines anderen bewaffneten Angriffs als einer kommunistischen
Aggression die Vorschriften des Artikels IV, Absatz 2 beachten
wercen.
Absatz 3 bestätigt den Grundsatz gleicher Rechte und der
Selbstbestimmung der Völker, die die Signatarmächte der PazifikCharta proklamiert haben. Er enthält ferner die Übereinkunft der
Teilnahmer, nach de , außer
I einer Einladung oder Einwilligung
der betreffenden Regierung, keine Hand ung auf dem Gebiet irgendeines der in Absatz 1 näher bezeichneten Staaten oder irgendeines
anderen der bezeichneten Territorien vorgenommen werden darf.
Um die Durch ü r ng des Vertrages zu erleichtern, wird
Artikel V ein Rat gegründet, in dem jeder Beteiligte vertreten
ist. Der Rat wird im Hinblick auf m'litärische oder andere Planungen, wie sie ein veränderte Situation innerhalb des Vertragsgebietes erfordern könnte, eine Bera ung festsetzen.
Unsere Beteili ung am Rat wird keine materiellen Änderungen
der militärischen Pläne der Vereinigten Staaten erfordern. Die
gegenwärtige Planung der USA ve langt die ständige Unterhaltung
starker Plottenverbande und Luftstreitkräften im westlichen Pazifik, die groß genug sind, jeden Angriffsversuch zurückzuwerfen und zwar dort, wo wir es für richtig halten. Wie ich bereits
auf der Manila-Konferenz erklärte, sind die Verantwortlichkeiten
der Vereinigten Staaten so ausgedehnt und weitreichend, dai wir
glauben, nicht durch den Einsatz bestimmter Streitkräfte an bestimmten Punkten des pazifischen Areals, sondern durch die Entwicklung abschreckender mobiler Streitkräfte und strategisch aufgestellter Reserven der Sache am besten zu dienen. Die Konferenz
akzeptierte diesen Standpunkt. Sie sah ein, daß die so geschaffene abschreckende Militärmacht auf di.se Weise viele Punkte
gleichzeitig wirksam schützen könnte«. Dennoch mögen es andere
Mitglieder für wünschenswert halten, ihren Beitrag zur Verstärkung der pazifischen Verteidigung durch Aufstellung besonderer
Streitkräfte zu leisten.
Artikel VI

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

ARTIKEL VI stellt klar fest, daß die sich aus diesem Pakt
ergebenden Verpflichtungen der Teilnehmer in keiner Weise mit
ihren Verpflichtungen kollidieren, die sich aus der Charta
der Vereinten Nationen ergeben. Der Artikel anerkennt den Vorrang der Vereinten Nationen und ihre erste Verantwortlichkeit
bei der Aufrechterhaltung des internationalen Friedens und der
internationalen Sicherheit. Jeder Teilnahmer erklärt, daß er
keine internationalen Verpflichtungen habe, die mit dem Vertrag
nicht vereinbar seien, und daß er auch nicht beabsichtige, solche
Verpflichtungen einzugehen.
ARTIKEL VII stellt in Rechnung, daß sich nicht alle Länder,
deren Interessen heute oder in der Zukunft mit denen des "Allgemeinen Südostasien-Verteidigungspaktes" verbunden sind, in der
Situation befinden, jetzt schon Mitglieder zu werden. In Übereinstimmung damit bestimmt er, daß die Mitglieder durch einstimmigen
Beschluß andere Staaten, die in der Lage sind, die Ziele des Vertrages zu fördern und zur Sicherheit des südostasiatischen Areals
beizusteuern, zu einem späteren Zeitpunkt einladen können, dem
Vertrag beizutreten. Ich empfehle daher, dem Artikel so zu interpretieren, als erfordere er Rat und Zustimmung des Senates, damit
die Vereinigten Staaten an dem "einstimmigen Beschluß" teilnehmen
dürfen, der zur Einladung neuer Teilnehmer vorgeschrieben ist.
ARTIKEL VIII definiert das gesamte Gebiet Südostasiens, einschließlich aller Territorien der asiatischen Vertragspartner,
als den Vertragsbereich, sowie den südwestlichen Pazifik bis zu
der Linie 21 30' nördlicher Breite. Es ist dafür Sorge getragen
worden, daß der Vertragsbereich durch einen Zusatzartikel unter
allseitiger Zustimmung festgesetzt wird. Was die Vereinigten Staaten angeht, so schlage ich vor, daß der Rat und die Zustimmung
des Senats für eine solche Übereinkunft erforderlich ist.
ARTIKEL IX betraut die Philippinische Republik mit den laufe nden-TfTTcTrFen der Aufbewahrung des Vertrages. Absatz 2 sieht
vor, daß die Ratifizierung und die Ausführung des Vertrages
von den Partnern nach ihrem jeweiligen konstitutionellen Verfahren
vorgenommen werden soll. Daß der Beitritt der Vereinigten Staaten
zu kollektiven Übereinkünften auf dem Wege des konstitutionellen
Verfahrens erfolgt, ist in der Vandenberg-Resolution vorgeschlagen,
und bildete bisher die Grundlage für alle unsere Sicherheitspakte.
Absatz 3 des Artikels IX sieht vor, daß die Ratifizierung durch
die Mehrheit der Signatarmächte den Vertrag für diejenigen Mächte,
die ratifiziert haben, bereits in Kraft treten läßt. Hinsichtlich
der anderen Staaten soll er am Tage der Ratifizierung in Kraft
treten.
Nach ARTIKEL X hat der Vertrag unbegrenzte Dauer, doch jeder
Partner kann unter Einhaltung einer einjährigen Kündigungsfrist
austreten. Es ist zu hoffen, daß die Zusammenarbeit für Frieden
und Sicherheit, die den Inhalt dieses Vertrages ausmacht, Bestand
haben wird. Gleichwohl erscheint, da die im Vertragsgebiet herrschenden Bedingungen gewissen Veränderungen unterworfen sind, eine

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

eine elastische Regelung hinsichtlich der Dauer geraten.
ARTIKEL XI ist formalen Inhalts und betrifft die amtliche
Vertragssprache.
Das Protokoll dehnt die Gültigkeit der Artikel III und IV
auf die Staaten Kambodscha und Laos sowie auf das Freie Territorium unter vietnamesischer Oberherrschaft aus. Einige Vertragsmächte waren der Meinung, daß die Situation in Indochina diesen
drei Ländern Hindernisse bieten könnte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt in das Vertragswerk als Teilnehmer aufgenommen zu werden,
Indem es sie als Staaten oder Teritorien im Sinne des Artikels
IV bezeichnet, bestimmt das Protokoll, daß ein bewaffneter oder
auch ein mittelbarer Angriff gegen Laos, Kambodscha oder gegen
das unter vietnamesischer Verwaltung stehende Territorium die
unter diesem Artikel vorgesehenen Folgen nach sich ziehen würde.
Damit ist diesen neuen Nationen ein gewisser Schutz garantiert
und das Protokoll gewährt auch diesen Ländern die Verträge hinsichtlich wirtschaftlicher Maßnahmen, einschließlich der in
Artikel III erwähnten technischen Hilfe. Das Protokoll wird so
der Tatsache gerecht, daß der wirtschaftliche Portschritt und
das soziale Wohlergehen dieser Gebiete nicht von dem Wohlergehen
und der Widerstandskraft zu trennen sind, die der ganze Vertragsbereich dem Kommunismus entgegenzusetzen hat. t
Zusätzlich zu Vertrag und Protokoll wurde auf der ManilaKonferenz weiterhin eine Erklärung aufgesetzt und unterzeichnet, die als Pazifik-Charta bekannt ist. Diese Charta war die
Idee des philippinischen Präsidenten Magsaysay, der darauf hinwies, wie wichtig es sei, den Gedanken zu unterstreichen, daß
die Vertragsmächte das Wohl der asiatischen Völker wollten und
keinem Kolonialismus Vorschub leisten möchten. Wie ich bereits
der Konferenz in meiner Eröffnungsansprache erklärte, bildet die
Behauptung, daß die westlichen Mächte danach trachten, die Völker Asiens zu unterdrücken, eine der wirksamsten Waffen des Kommunismus. Ich wies weiter darauf hin, daß wir immer wieder unsere
Absicht, die Unabhängigkeit zu stärken, klarstellen müssen.
Die Pazifik-Charta verkündet gewisse Grundprinzipien hinsichtlich des Selbstbestimmungsrechte der Völker, hinsichtlich
der Selbstverwaltung, der Unabhängigkeit. Sie verpflichtet alle
Signatarmächte, diese Prinzipien in die Tat umzusetzen, sobald
ein Volk dieses wünscht und in der Lage ist, die Verantwortung
für sich selbst zu übernehmen. In der Pazifik-Charta haben sich
der Westen und der Osten brüderlich verbunden, die Grundprinzipien) auf denen sich der kollektive südostasiatische Verteidigungspakt und das Protokoll aufbauen, zu stützen und zu stärken.
Im Hinblick auf die Wichtigkeit, die dem südostasiatischen
Verteidigungspakt und dem Protokoll bei der Abwendung kommunistischer oder anderer Angriffe und als einem Bollwerk der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit im pazifischen
Raum zukommt, darf die Hoffnung ausgesprochen werden, daß dieser
Vertrag, der die von den Vereinigten Staaten gestellten Bedinggungen enthält, auch im Sinne einer amerikanischen Beteiligung,
zusammen mit dem Protokoll dem Senat zur baldigen und geneigten
Entscheidung vorgelegt werde.
* * * * *

- 9-

�A M E R I K A

D I E N S T

EISENHOWER LEGT PARISER VERTRÄGE DEM
US-SENAT ZUR RATIFIZIERUNG VOR

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln wir Ihnen 1• den Wortlaut des Begleitschreibens des amerikanischen Präsidenten Dwight D.
Eisenhower vom 15» November 1954» mit dem er dem
amerikanischen Senat die Pariser Protokolle über
die Beendigung des Besatzungsregimes in Deutschland und die Aufnahme Deutschlands in die NATO zur
Ratifizierung übersandt hat;sowie 2. den Wortlaut des
Schreibens des US-Außenministers John Poster Dulles
vom 12. November 1954 an den amerikanischen Präsidenten, mit dem er diesen auf die weitreichende
und positive Bedeutung der Pariser Vertragswerke
hinweist und bittet, die Ratifizierung der Verträge
durch den Senat zu befürworten.

An den Senat der Vereinigten Staaten.
Hiermit unterbreite ich dem Senat zur Beratung eine beglaubigte Ausfertigung des am 23. Oktob er in Paris unterzeichneten Protokolls über die Beendigung de s Besatzungsregimes in
der Bundesrepublik Deutschland mit sein en fünf Listen sowie
eine beglaubigte Ausfertigung des Zusat zprotokolls zum Nordatlantikpakt über die Aufnahme der Bund esrepubiik Deutschland
in die Nordatlantikpakt-Organisation, w elches gleichfalls am
23. Oktober 1954 zu Paris unterzeichnet wurde. Ich ersuche den
Senat um seine Billigung und Zustimmung zur Ratifizierung dieser beiden Verträge.
Darüber hinaus unterbreite ich dem Senat zu seiner Information eine Anzahl weiterer, mit diesem Fragenkomplex zusammenhängender Dokumente. Dies sind: ein mir vom Außenminister unterbreiteter Bericht über die vorliegenden Verträge; die Londoner
Schlußakte über die Neun-Mächte-Konferenz in London vom 28. September bis 3« Oktober 1954 mit Anhang; drei vom Nordatlantikrat
am 22. Oktober angenommene Resolutionen; vier am 23. Oktober in
Paris unterzeichnete Protokolle zur Änderung und Ergänzung des
Brüsseler Paktes mit dem Wortlaut des am 17. März 1948 geschlossenen Brüsseler Paktes; eine vom 23. Oktober 1954 stammende Deklaration der Signatarstaaten des Brüsseler Paktes über die

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

die Einladung Italiens und der Bundesrepublik Deutschland zum Beitritt zu diesem Vertrag; eine von der Neun-Mächte-Konferenz am
21. Oktober 1954 angenommene Resolution bezüglich der Produktion
und Standardisierung der Rüstungen; der Vertrag über den Aufenthalt ausländischer Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland
vom 23. Oktober 1954; die Drei-Mächte-Erklärung über die Ausübung
der Vorbehaltsrechte in Deutschland, abgegeben am 23- Oktober 1954;
gewisse Briefe bezüglich der Beendigung des Besatzungsregimes
in der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Oktober 1954 mit dem
darin erwähnten Schreiben aus dem Jahre 1952; und die Erklärung
bezüglich Berlin, abgegeben von den Außenministern Frankreichs,
der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreiches zu
Paris am 23. Oktober 1954.
Ich bin mir bewußt, daß der Senat der Bedeutung dieser Verträge für die Sicherheit der Vereinigten Staaten und die Sache
des Friedens und der Freiheit in der Welt eingedenk ist.. In diesen
Verträgen kulminieren die seit Jahren unternommenen Bemühungen,
eine engere Zusammenarbeit in Fragen der Sicherheit zwischen
den Nationen Westeuropas herbeizuführen und einen Weg dafür zu
finden, das große ] Kräftepotential der Bundesrepublik mit dem der
freien Welt auf solche Weise zu vereinigen, daß die Freiheit und
der Grundsatz der gleichen Behandlung für das deutsche Volk gewahrt und gleichzeitig die Gefahr eines Wiederauflebens des
deutschen Militarismus vermieden wird. Der Kongreß der Vereinigten Staaten hat zu wiederholten Malen seiner Überzeugung Ausdruck
gegeben, daß die gesamte atlantische Gemeinschaft im wesentlichen
nur bei Erreichung dieser Ziele wirksam werden kann. Im vergangenen Sommer nahm der Senat eine Resolution an (Senatsresolution Nr.
295 vom 30. Juli 1954), in der er zum Ausdruck brachte, daß Maßnahmen zur Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands eingeleitet werden sollen, um die Bundesrepublik Deutschland in die
Lage zu versetzen, einen Beitrag zum internationalen Frieden und
zur internationalen Sicherheit zu leisten.
Man hatte gehofft, diese Ziele durch Abschluß des Vertrages
über die Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft sowie
die Bonner Verträge vom 26. Mai 195?,durch die das Besatzungsregime in der Bundesrepublik beendet werden sollte, zu erreichen.
Aber der Vertrag über die Schaffung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft wurde nicht ratifiziert, und die Bonner Verträge,
die mit dem EVG-Vertrag gekoppelt waren, konnten nicht in Kraft
gesetzt werden. Es erwies sich daher als notwendig, andere Regelungen zu treffen, die es den Nationen der Nordatlantikgemeinschaft ermöglichen, für ihre gemeinsame Sicherheit zu arbeiten;
diese Regelungen sind in den vorliegenden Abkommen enthalten.
Gemäß dieser Abkommen wird die Bundesrepublik eingeladen, dem
Nordatlantikpakt und, gemeinsam mit Italien, dem Brüsseler Vertrag beizutreten. Darüber hinaus werden wichtige Änderungen der
militärischen Vereinbarungen im Vertrag über die Nordatlantikpaktorganisation sowie Änderungen grundsätzlicher Natur im Brüsseler Pakt dem Belgien, Frankreich, Luxemburg, die Niederlande und

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

und das Vereinigte Königreich bereits angehören, vorgenommen
werden. Diese Änderungen werden nicht nur gewisse, bereits vereinbarte Rüstungskontrollen für die europäischen Länder zur Folge
haben, sondern auch die Nordatlantikpakt-Organisation und die
Brüsseler Organisation, die sog. Westeuropäische Union, stärken
und untermauern.
Was die NATO anbetrifft, so werden die dem Alliierten Oberbefehlshaber in Europa unterstellten Streitkräfte hinsichtlich der
Stärke und Verwendung der Truppen, der Kontrolle und des Nachschubwesens eine Stärkung erfahren. Daneben dürfte der Grundsatz
der Integration der Kontingente auch auf kleinere Einheiten Anwendung finden, als dies bisher der Fall ist. Diese Maßnahmen
sind einfach an sich wünschenswert, weil sie die allgemeine Schlagkraft der NATO-Streitkräfte erhöhen. Gleichzeitig wird dadurch
eine gewisse gegenseitige Abhängigkeit der der NATO unterstellten
nationalen Kontingente geschaffen, so daß selbständige militärische Aktionen seitens irgendeines Staates in dem SACEÜR unterstehenden Befehlsraum weitgehend unterbunden werden.
Der Brüsseler Vertrag wird insofern abgeändert, als ein neuer
Rat für die Westeuropäische Union geschaffen und die Förderung
der europäischen Einheit zu einem der Ziele des Vertrages erklärt
wird. Dieser Rat erhält wichtige Vollmachten auf dem Gebiet der
Kontrolle der Streitkräfte und Rüstungen. Die Stärke der auf dem
Kontinent stationierten Streitkräfte der dem Brüsseler Vertrag
angeschlossenen Länder ist ausdrücklich festgelegt und entspricht
für diejenigen Länder, die Mitglieder der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft werden sollten, der im EVG-Vertrag festgelegten
Stärke. Diese Begrenzung der Stärke der Streitkräfte kann nur durdh
einstimmigen Beschluß des Rates geändert werden. Daneben hat Großbritannien sich bereit erklärt, seine Truppen auf dem europäischen
Festland in der bisherigen Stärke zu belassen. Auf dem Gebiet der
Rüstung sind weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Die Bundesrepublik Deutschland hat auf das Recht zur Herstellung von
Atomwaffen und bestimmten anderen Kriegsmaterialien verzichtet.
Die wichtigsten herkömmlichen Waffen werden einer Kontrolle unterstellt. Zum Zwecke der Durchführung dieser Bestimmungen zur Rüstungskontrolle wird ein Amt für Rüstungskontrolle geschaffen
werden.Man ist ferner übereingekommen, das Besatzungsregime zu beenden und der Bundesrepublik die gesamten Machtbefugnisse eines
souveränen Staates über ihre äußeren und inneren Angelegenheiten
zu übertragen. Dies wird durch das Protokoll über die Beendigung
des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland bewerkstelligt, mit dem die dem Senat im Jahre 1952 vorgelegten Verträge
abgeändert und in dieser Neufassung in Kraft gesetzt werden» Die
Vertragsänderungen sollen in erster Linie dazu dienen, das Bonner
Vertragswerk mit den neuen Abmachungen über einen deutschen Verteidigungsbeitrag und eine Mitgliedschaft der Bundesrepublik in
der Nordatlantikpakt-Organisation in Einklang zu bringen. Der
größte Teil der Verträge blieb unverändert. Sie stellen, wie bisherj
die Abmachungen über die Aufhebung des Besatzungsstatuts, die Auf- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Auflösung der Alliierten Hochkommission und die Regelung zahlreicher aus dem Krieg und der Besatzung entstandenen Fragen dar. Der
Vertrag über die Regelung des Status der Alliierten Streitkräfte
in Deutschland wird bis zu seiner Ablösung durch neue Vereinbarungen beibehalten, welche sich auf das Abkommen über den Status
der NATO-Streitkräfte stützen sollen; die entsprechenden Vereinbarungen sollen ferner durch solche Bestimmungen ergänzt werden,
die sich aus den besonderen Gegebenheiten bezüglich der im Gebiet der Bundesrepublik stationierten Streitkräfte ergeben. Es
werden ferner neue Abkommen bezüglich der Versorgung der in der
Bundesrepublik stationierten ausländischen Streitkräfte zu treffen sein. Die Sonderrechte. - Berlin und Gesamtdeutschland
betreffend -, die sich die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Prankreich in den ursprünglichen Verträgen vorbehalten hatten, werden wie bisher beibehalten; das Recht zur Stationierung von Streitkräften in Deutschland wird, nach Aufnahme
der Bundesrepublik in die Nordatlantikpakt-Organisation so weit
das Hoheitsgebiet der Bundesrepublik betroffen ist, mit Zustimmung der Bundesregierung ausgeübt werden.
Von den vier durch das Protokoll geänderten und in der Neufassung in Kraft gesetzten Verträgen, hat nur einer (der Vertrag
über die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland und den Drei
Mächten) dem Senat zur Billigung und Zustimmung zur Ratifizierung
vorgelegen. Die anderen Verträge waren ihrem Wesen nach Maßnahmen
im Sinne von Verwaltungsabkommen, bezüglich welcher der Senat
ausdrücklich feststellte, daß eine formelle Billigung nicht notwendig und sogar
nicht einmal wünschenswert sei, da sie mit den
sich ändernden r Gegebenheiten aller Wahrscheinlichkeit von Zeit
zu Zeit revidiert werden mußten. Die Billigung des Protokolls
über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik
Deutschland berührt das Wesen der mit diesem Vertrag zusammenhängenden Abmachungen in keiner Weise.
Wenngleich die in diesen Verträgen eingeschlossenen Vereinbarungen sehr vielschichtig sind, ist ihr Zweck doch sehr einfach.
Die Bundesrepublik erhält den Status der vollen Gleichberechtigung
neben anderen Staaten. Die militärische Stärke der Bundesrepublik
wird mit der der anderen Staaten in der Atlantikgemeinschaft in
einer Weise kombiniert, daß der Aufbau und die Verwendung des
deutschen militärischen Beitrags in einer den gemeinsamen Bedürfnissen entsprechenden Weise erfolgt. Die Bundesrepublik wird
durch ihre Mitgliedschaft in der Nordatlantikpakt-Organisation
mit der Atlantikgemeinschaft und durch ihre Mitgliedschaft in
der Westeuropäischen Union gemäß dem Brüsseler Pakt mit der Gemeinschaft der europäischen Staaten assoziiert. Beide Organisationen werden in ihrer Struktur gefestigt. Die Maßnahmen und
Institutionen, die Gegenstand dieser Übereinkünfte sind, machen
es unvermeidbar, daß die beteiligten Staaten in allen für die
Sicherheit vordringlichen Fragen eng zusammenarbeiten. Dieses
gemeinsame Handeln wird nach meiner Überzeugung den Geist der
Zusammenarbeit und den Wunsch nach einer dauerhaften Verbindung
vertiefen, die sich auf Seiten der freien Völker manifestiert haben und die für ihre künftige Sicherheit und für ihr Wohlergehen
von so entscheidender Bedeutung sind.
_.

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Eine besonders bedeutsame Folge der neuen Verträge ist die
wesentliche Verstärkung des atlantischen Verteidigungssystems durch
: das Hinzukommen des deutschen Potentials. Gleichzeitig möchte
ich die Tatsache betonen, daß diese Verträge auf der tiefen Sehnsucht nach Frieden beruhen, von der sämtliche Völker der Atlantikpakt-Organisation erfüllt sind. Die Verträge bedrohen keine Nation. Im Gegenteil, sie stellen einen der ersten großen praktischen Versuche zu einer internationalen Kontrolle der Rüstungen
dar. Außerdem geht ihre fundamentale Bedeutung weit über die
bloße Zusammenfassung der Kräfte zur Abschreckung einer Aggression
hinaus. Wir hoffen, daß sie auf lange Sicht eine Verständigung
unter den freien Völkern Europas und einen neuen Geist der Freundschaft hervorrufen werden, die zu einer engeren Zusammenarbeit
in zahlreichen Lebensbereichen führen wird.
Ich ersuche den Senat, diesem großen Werk seine Zustimmung
zu erteilen durch Billigung und Einwilligung zur Ratifizierung
der Protokolle über die Zulassung der Bundesrepublik zur Nordatlantikpakt-Organisation und über die Beendigung des Besatzungsregimes. Ich gebe der Erwartung Ausdruck, daß diese Verträge
unter dem Gesichtspunkt geprüft werden, den Senat in die Lage zu
versetzen, in dieser Angelegenheit unverzüglich nach Eröffnung
der im Januar beginnenden neuen Legislaturperiode die notwendigen
Schritte unternehmen zu können.
Dwight D. Eisenhower
Weisses Haus
am lf« November 1954

- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

WORTLAUT DES SCHREIBENS DES US-AUSSENMINISTERS AN
PRÄSIDENT EISENHOWER VOM 12. NOVEMBER 1954, IN DEM
ER SICH PUR DIE RATIFIKATION DER PARISER VERTRÄGE EINSETZT

Sehr geehrter Herr Präsident,
I
Ich habe die Ehre, Ihnen - mit der Bitte um Übermittlung an
den Senat zwecks Billigung und Zustimmung zur Ratifikation
1) ein am 23. Oktober 1954 in Paris unterzeichnetes und mit fünf
Listen versehenes Protokoll über die Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland sowie 2) einen am 23.
Oktober 1954 in Paris unterzeichneten Zusatz zum Nordatlantikpakt, der die Aufnahme der Bundesrepublik Deutschland vorsieht,
zu unterbreiten.
II
Die genannten Protokolle sind Teil eines Systems miteinander
in Zusammenhang stehender Vereinbarungen, die dazu bestimmt sind,
die Sicherheit Westeuropas zu festigen. Im Hinblick auf diesen
Zusammenhang unterbreite ich hiermit auch die Listen (über die
Abänderung des Bonner Vertrags ^obwohl sie keine Stellungnahme des
Senats erfordern. Ich empfehle, diese im Anhang aufgeführten Dokumente dem Senat zur Information zu unterbreiten.
III
Die genannten Vereinbarungen werden, wenn sie in Kraft treten,
von Grund auf neue Bedingungen in Westeuropa schaffen. Sie werden
ein Ergebnis zeitigen, das von den Vereinigten Staaten schon
lange erhofft wurde. Die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts
haben erkennen lassen, daß die auf die menschliche Freiheit hingeordnete westliche Zivilisation nicht bestehen kann, wenn die
Glieder der westlichen Welt fortfahren, einander zu bekämpfen.
Sie haben bereits so viel an Gut und Blut in Kämpfen verschwendet,
daß ihre Kraft weitgehend geschwunden ist, und sie haben sich die
moralische Verurteilung der ganzen Menschheit zugezogen, weil sie
es verabsäumten, auch nur untereinander eine friedliche Ordnung
zu errichten. In der klaren Erkenntnis dessen suchten die westeuropäischen Nationen nach einem Mittel der Einigung, vor allem
auf militärischem Gebiet, das es sowohl militärisch unzweckmäßig
als auch politisch unwahrscheinlich machte, gegeneinander oder
gegen irgend jemanden Krieg zu führen, es sei denn zum Zwecke der
reinen Verteidigung.
Diese Notwendigkeit traf mit den neuen Gefahren zusammen, die
sich aus der expansionistischen, von weltweiten Bestrebungen des
Sowjetkommunismus inspirierten und einer ungeheuren Streitmacht
gestützten russischen Politik ergaben. Eine Bedrohung für das westliche Europa, der wirksam nur begegnet werden kann, wenn es gelingtr
- 6 -

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

gelingt, die Einheit unter den europäischen Nationen einschließlich der Bundesrepublik Deutschland und, wie wir hoffen, eines
geeinten Deutschlands, weitgehend zu realisieren.
Ursprünglich war versucht worden, dies durch den Abschluß
einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, bestehend aus den
sechs Staaten Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, Italien,Frankreich
Luxemburg und den Niederlanden, zu erreichen. Dadurch wäre eine
internationale Organisation mit einer übernationalen Verteidigungsmacht geschaffen worden. Dies würde ein festes und sicheres Kernstück im kritischen Zentrum der Nordatlantikpakt-Organisation geschaffen haben.
Dieser Plan wurde am 24. Oktober 1952 durch M. Pleven, den
damaligen französischen Verteidigungsminister, vorgeschlagen. Nach
etwa anderthalbjähriger Verhandlung fand er seinen Niederschlag
in zwei zusammenhängenden Verträgen, der Bonner Konvention über
die Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland vom 26. Mai 1952, die
die Souveränität der Bundesrepublik wieder herstellen, und dem
Pariser Vertrag vom 27. Mai 1952, der die Europäische Verteidigungsgemeinschaft begründen sollte.
Die Bonner Verträge waren von den Vereinigten Staaten unterzeichnet worden,und am 1. Juli 1952 gab der US-Senat Billigung und
Einwilligung zur Ratifizierung-. Der Senat stimmte zur selben Zeit
einer Ausdehnung des Nordatlantik-Paktes bei, um das Gebiet der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft einzuschließen, wobei ,
Westdeutschland der bedeutenete Zuwachs war. Wie dem auch sei, weder der Vertrag von Bonn, noch der darauf bezogene Vertrag von
Paris wurde von allen Signatarmächten ratifiziert.
Das Misslingen der Realisierung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und damit der Wiederherstellung der Souveränität
der Bundesrepublik Deutschland schuf eine äußerst gefahrvolle
Situation. Es schien, als bliebe Europa zur Teilung verdammt,
was ein Unglück wäre, da eine solche Zerrissenheit den Zyklus
ständig wiederkehrender Kriege zwischen den westeuropäischen Nationen selbst verewigen und ein geteiltes Westeuropa automatisch
durch die despotische Macht der Sowjets beherrscht werden würde.
IV
Ich möchte in diesem Augenblick an die Maßnahme des Senats
der Vereinigten Staaten vom 30. Juli 1954 erinnern. In jenen Tagen war zu erkennen, daß die französische Kammer die Verträge von
Bonn und Paris, über die ich vorhin schon gesprochen habe, nicht
ratifizieren würde; die Konsequenzen, die sich aus diesem Versagen ergeben hätten, waren vorauszusehen. In Vorwegnahme dieser
Situation wurden zwischen Regierung und Senat Verhandlungen geführt, als deren Ergebnis der Senat mit 88 zu 0 Stimmen eine Resolution annahm, in welcher Sie in Ihrer Klugheit und innerhalb
der Begrenzung Ihrer verfassungsmäßigen Gewalt gebeten wurden,
einen Weg zur 'Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands zu
suchen und ihm die Möglichkeit zu geben, das Seine zur Erhaltung des
internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit beizusteuern

-*

Dieser

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Dieser Akt der Zusammenarbeit zwischen Regierung und Senat
und die einhellige Aktion beider Parteien im Senat selbst brachten ein nüchternes und stabilisierendes Element in eine Zeit der
Verwirrung und der Ratlosigkeit. Diese Tat des Senates versetzte
mich in die Lage, als Ihr Vertreter mit der entsprechenden Autorität in den anschließenden Verhandlungen zu sprechen, die ich in
Ihrem Namen führte.
Die durch den Weitblick des Senates im Verfolg seiner verfassungsmäßigen Vorrechte gegebene Zustimmung wurde dann auch erfolgreich in die Tat umgesetzt. Das erste Protokoll, von dem ich bereits in Abschnitt I gesprochen habe, wird die Souveränität
Deutschlands wiederherstellen, und das zweite Protokoll, auf das
ich ebenfalls im vorerwähnten Abschnitt hingewiesen habe, wird
Deutschland die Möglichkeit geben, das Seine zur Erhaltung des
internationalen Friedens und der internationalen Sicherheit
beizusteuern.
V
Das Protokoll über die Beendigung des Besatzungsregimes der
Bundesrepublik Deutschland ist nicht an das Inkrafttreten der
Abmachung für einen deutschen Verteidigungsbeitrag gebunden, wie
dies bei den ursprünglichen Verträgen über die Beziehungen zur
Bundesrepublik der Fall war. Es kann in Kraft treten, auch wenn die Übereinkommen hinsichtlich Deutschlands Verteidigungsbeitrag
noch nicht in Kraft gesetzt werden können. Wenn sich dies hinziehen sollte, werden Frankreich, das Vereinigte Königreich und
die Vereinigten Staaten die bestehenden Rechte auf dem Gebiete
der Entwaffnung und Demilitarisierung in der Bundesrepublik behalten. Diese Rechte wurden durch eine gemeinsame Kommission,
die aus Vertretern der drei Mächte und der Bundesrepublik besteht, wahrgenommen und die Beschlüsse durch Mehrheit gefaßt.
Diese Übereinkünfte werden im Lichte der Ende 1954 bestehenden
Situation und mit Hinblick auf das Inkrafttreten des Protokolls
revidiert werden, und die vier Regierungen werden zur selben Zeit
die Ausführung der Kontrollen hinsichtlich der Erlaubnis, auf
Grund derer sich die Bundesrepublik auf ihren zukünftigen Verteidigungsbeitrag vorbereiten darf, revidieren.
Unter Beachtung der oben erwähnten Differenzen wurden in den
Vertrag über die Beziehungen zur Bundesrepublik einige grundsätzliche Änderungen im Vergleich zu 1952 aufgenommen. Dennoch steigern diese Änderungen weder die Verpflichtungen der Vereinigten
Staaten, noch beeinträchtigen sie ihren Nutzen gegenüber jenem
Bonner Vertrag, den der Senat am 1. Juli 1952 gutgeheißen hat.
Die Änderungen, die in erster Linie vom Standpunkt der Bundesrepublik Deutschland aus bedeutungsvoll sind, können folgendermaßen zusammengefaßt werden»
1. In Artikel II der Vereinbarung, wie sie ursprünglich getroffen wurde, behielten sich die drei Mächte ihre Rechte in bezug auf die Stationierung von bewaffneten Streitkräften in Deutschland und den Schutz ihrer Sicherheit vor, in bezug auf Berlin
und Deutschland als Ganzes, einschließlich der Wiedervereinigung

�"AMERIKA DIENST"

17« November 1954

Wiedervereinigung Deutschlands und des Abschlusses eines Friedensvertrages. Diese Befugnisse sollten aber hinsichtlich der Position der Sowjets in Ostdeutschland nur in einem Sonderfall in
Anwendung kommen und waren nicht gedacht als Mittel zur Einmischung in innere oder äußere deutsche Angelegenheiten. Es schien
daher besser zu sein, daß insoweit das Gebiet der Bundesrepublik
betroffen war, die Abmachungen über die Stationierung der ausländischen Truppen auf vertraglicher Basis geschlossen werden
sollten. Demgemäß werden die Streitkräfte in der Bundesrepublik
von dem Augenblick an, in dem die Abmachungen über einen deutschen
Verteidigungsbeitrag Gesetzeskraft erhalten, unter eine Sonderabmachung mit der Bedingung gestellt, wonach die Bundesrepublik
der Stationierung von Streitkräften derselben Nationalität und
Effektivstärke zustimmt, wie sie zu diesem Zeitpunkt in der Bundesrepublik stationiert sind. Jede Vergrößerung der Effektivstärke
dieser Streitkräfte kann nur mit Zustimmung der Regierung
der
Bundesrepublik Deutschland vorgenommen werden.
Die deutschen Vertreter anerkannten ausdrücklich, daß die
drei Mächte ihre Rechte zum Schutz der Sicherheit von Streitkräften, die in der Bundesrepublik stationiert sind, solange selbst
wahrnehmen sollten, bis die Bundesregierung in der Lage ist, die
notwendigen Maßnahmen zu ergreifen» Dies hängt davon ab, daß die
Bundesregierung neue legislative Vollmachten erhält. Das Erlöschen
der Generalvollmacht der drei Mächte in dieser Hinsicht wird keinen Einfluß auf das Recht eines militärischen Befehlshabers haben,
für den Fall, daß seine Streitkräfte unmittelbar bedroht sind,
derartige Sofortmaßnahmen (einschließlich des Einsatzes von Streitkräften) zu ergreifen, wie dies für den Schutz der Streitkräfte
und die Beseitigung der Gefahr erforderlich ist.
2. Eine zweite Abänderung der Vereinbarungen über die Beziehungen ist die Einrichtung eines Schiedsgerichts, das Streitfragen beilegen soll, die sich zwischen irgendeiner der drei
Mächte und der Bundesregierung ergeben. Auf Grund der ursprünglichen
Statuten für diesen Schiedsgerichtshof, besaß dieser die Vollmacht, sich bei legislativen und administrativen sowie gerichtlichen
Entscheidungen, die innerhalb der Bundesrepublik gelten, direkt
einzuschalten. Diese Vollmachten, die einer Körperschaft, welche
Streitfragen zwischen souveränen Staaten auf dem Wege des Schiedsspruchs beilegen soll, normalerweise nicht zuerkannt werden, wurden
aus den Statuten gestrichen.
3. Die dritte Abänderung der vertraglichen Abmachungen bezieht
sich auf die Situation, die auf Grund der Wiedervereinigung Deutschlands erstehen wird. Die Abmachung über die Beziehungen, die im Jahre
1952 abgeschlossen wurde, sah für den Fall einer Wiedervereinigung
eine Revision vor (Artikel X). Das neue Protokoll sieht eine Revision der Vereinbarung und der damit zusammenhängenden Abmachungen
nicht nur für den Fall einer tatsächlichen Vereinigung Deutschlands vor, sondern auch für den Fall, daß eine internationale Verständigung mit Teilnahme und Zustimmung der vier Partner-Regierungen zu den Vereinbarungen erreicht wird, um die Wiedervereinigung Deutschlands zustandezubringen. Die Abmachung über die Anwesenheit fremder Streitkräfte in Deutschland wird unter diesen

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

diesen Umständen ebenfalls Gegenstand einer Revision sein. Selbstverständlich muß für alle Änderungen, die an den Vereinbarungen
vorgenommen werden, unter den Signatarmächten Übereinstimmung
bestehen.
4. Änderungen sind ebenfalls in den damit zusammenhängenden
Vereinbarungen gemacht worden. Diese Änderungen sind in der Hauptsache dazu angetan, die Vereinbarungen dem heutigen Stand der
Dinge anzupassen, indem sie alle Klauseln eliminieren, die sich
auf den Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
beziehen, und indem sie nicht nur den Zeitverlust bis zum Abschluß der Verträge, sondern auch den Portschritt in Rechnung
stellen, den die Erfüllung bestimmter alliierter Programme in
Deutschland machen. Ebenfalls ändern sie gewisse Vertragsklauseln, die mit dem Status der Gleichberechtigung, der der Bundesrepublik zugebilligt wurde, als nicht mehr in Einklang stehend
empfunden werden. Schließlich sind die Abmachungen über die Unterhaltungskosten der fremden Truppen, die in Deutschland stationiert sind, mit neueren Verträgen mit der Bundesrepublik auf
diesem Gebiet in Einklang gebracht worden.
Die angeführten Abmachungen waren Ausführungsabkommen, welche
die Vereinbarung über die gegenseitigen Beziehungen einschlössen.
Pur sie war eine Aktion des Senats nicht nötig und darüber hinaus
von dem Außenpolitischen Ausschuß als unerwünscht bezeichnet
worden, insofern, als vorauszusehen war, daß diese Abkommen von
Zeit zu "Zeit eine technische Revision erforderlich machen würden,
um den veränderten Verhältnissen gerecht zu werden. Bericht des
Außenpolitischen Ausschusses des Senats (Nr. 16, 82. Kongreß,
2. Sitzungsperiode) stellte fest: "Einige der technischen Bestimmungen in den (angeführten) Abkommen sind ihrer Natur nach zeitlich bedingt, und es dürfte, wenn die Situation in Deutschland
sich ändert, notwendig werden, von Zeit zu Zeit Änderungen an ihnen vorzunehmen. Unter diesen Umständen würde es als unpraktisch
erscheinen, wenn man verlangte, daß die Abkommen jeweils wieder dem Senat vorzulegen seien, bevor jede derartige Änderung
rechtswirksam würde." Die Ratifikation des Protokolls über die
Beendigung des Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland wird die Natur dieser angeführten Abkommen nicht ändern.
VI
Die Vorkehrungen für die Beendigung des Besatzungsregimes in
der Bundesrepublik berühren nicht den Status von Berlin. In einer
von den Regierungen der Vereinigten Staaten, des Vereinigten
Königreiches und Prankreichs auf der Londoner Neun-Mächte-Konferenz
vom 28. September bis 3» Oktober 1954 abgegebenen Erklärung bekräftigten diese ihre am 27. Mai 1952 in Paris abgegebene Erklärung, daß sie so lange bewaffnete Streitkräfte in Berlin belassen
würden, wie es ihre Verantwortung erfordert, und daß sie bei jedem
Von irgendwelcher Seite aus gegen Berlin gerichteten Angriff wie
bei einem Angriff auf ihre eigenen Streitkräfte und auf sich
selbst handeln würden. Außerdem gaben die drei Mächte am 23. Oktober 1954 in Paris eine Erklärung ab, in der sie ihre Entschlossenheit bekräftigten, in Berlin das größtmögliche Maß von Selbstregierung sicherzustellen, das mit der besonderen Lage dieser Stadt
- 10-

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

Stadt vereinbar sei, und in der sie darlegten, daß sie ihre Vertreter in Berlin angewiesen hätten, mit den deutschen Behörden
in der Stadt über eine gemeinsame Einhaltung dieser Grundsätze bis
zu dem höchstmöglichen Grade zu beraten.
VII
Das in Abschnitt I angeführte Protokoll zum Nordatlantik-Pakt,
das den Beitritt der Bundesrepublik vorsieht, hat kein direktes
Gegenstück in den Dokumenten, die dem Senat 1952 unterbreitet wurden, obgleich, wie erwähnt, damals ein vom Senat gebilligtes Protokoll vorhanden war, welches das Vertragsgebiet auf das der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft ausdehnte. Nicht in Betracht gezogen war Jedoch damals, daß die Bundesrepublik Deutsch- i
land selbst Mitglied des Nordatlantik-Paktes werden würde. Der
deutsche Verteidigungsbeitrag wäre allein auf dem Wege über die
Europäische Verteidigungsgemeinschaft geleistet worden. Unter den
nunmehr in Betracht gezogenen Vereinbarungen ist es wesentlich,
daß die cDeutsche Bundesrepublik Unterzeichner des NordatlantikPaktes werden und an der Nordatlantikpakt-Organisation (NATO)
teilnehmen soll. Zu diesem Zweck wurde am 2 % Oktober 1954 in
Paris ein Protokoll von den Vertretern der 14 Nationen unterzeichnet, die jetzt Mitglieder dieses Vertrages sind, und dieses Protokoll ist eines der in Abschnitt I erwähnten zwei Dokumente,das,wie
empfohlen wird, dem Senat unterbreitet werden sollte, damit er es
begutachte und der Ratifizierung zustimme.
Das Protokoll ist so abgefaßt, daß sein Inkrafttreten an das
der anderen Abmachungen, die die Teilnahme Deutschlands an der
allgemeinen Verteidigung betreffen, gebunden ist.
VIII
Eines der oben angeführten Dokumente ist eine vom Nordatlantik-Rat am 22. Oktober 1954 gebilligte Entschließung, die sich
auf die Machtbefugnisse des Alliierten Oberbefehlshabers in Europa
(SACEUR) bezieht. Der allgemeine Zweck dieser Entschließung besteht darin, die Stellung des SACEUR gegenüber den unter seinem
Befehl stehenden Streitkräften zu stärken. Ein Ergebnis dieser
Veränderungen wird die Erhöhung der Schlagkraft der NATO-Streitkräfte in Europa sein, woraus sich Vorteile für die gesamten Bemühungen der NATO ergeben werden. Eine Stärkung der Autorität
des SACEUR wird auch bedeuten, daß die ihm zugeteilten nationalen
Streitkräfte integriert und in einem solchen Maße voneinander abhängig werden, daß die Möglichkeit für einzelne Nationen, eine
selbständige militärische Initiative in Europa zu entfalten, auf
ein Minimum herabgedrückt wird.
IX
Eine andere der Resolutionen des Nordatlantik-Rates, die ich
vorschlage dem Senat zu seiner Information zu unterbreiten, ist die
vom 22. Oktober 1954, die einen Austausch von Erklärungen zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und den Regierungen der Vereinigten
Staaten, des Vereinigten Königreichs und Prankreichs am 3. Oktober
- 11 -

�17. November 1954

"AMERIKA DIENST"

3. Oktober 1954 in London konstatierte und alle Mitglieder des
Nordatlantik-Paktes mit der von den oben genannten drei Regierungen herausgegebenen Dreimächte-Erklärung bekannt machte.
In ihrer Erklärung bringt die Regierung der Bundesrepublik
zum Ausdruck, daß sie ihre Politik in Übereinstimmung mit den
Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen führen wird, und daß
sie die in Artikel II der Charta festgelegten Verpflichtungen
anerkennt. Die Bundesrepublik erklärt, ferner, daß sie sich, wenn
sie dem Nordatlantikpakt und dem Brüsseler Vertrag beitritt,
jeder mit dem streng defensiven Charakter dieser Verträge nicht
zu vereinbarenden Handlung enthalten will. Insbesondere unternimmt
die Bundesrepublik keine Gewaltmaßnahmen zur Herbeiführung der
Wiedervereinigung Deutschlands oder zur Änderung der gegenwärtigen Grenzen der deutschen Bundesrepublik,
In der Drei-Mächte-Erklärung antworten die Regierungen der
Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs und Prankreichs
entsprechend auf diese Erklärung und bestätigen in diesem Zusammenhang erneut die Prinzipien des Artikels II der Charta der Vereinten Nationen, die die Anwendung von Gewalt zwischen den Nationen verurteilen.
X

Ein Hauptbestandteil der neuen in Paris am 23. Oktober 1954
unterzeichneten Vereinbarungen sind die vier Protokolle, mit denen der Brüsseler Vertrag abgeändert wird. Dieser Vertrag, der
am 17. März 1948 von Prankreich» Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich unterzeichnet wurde, war
der erste Schritt in Richtung auf eine militärische Integration
des Nachkriegs-Europa und ging dem Nordatlantikpakt um mehr als
ein Jahr voraus. Die Bestimmungen des Brüsseler Vertrages verpflichteten alle Länder zum vollen und unmittelbaren militärischen
Beistand für jeden Teilnehmer, gegen den eine Aggression unternommen würde. Die Vertragsbestimmungen sahen ferner eine beratende
Körperschaft zur Ausarbeitung gemeinsamer Verteidigungspläne vor.
Mit der Bildung und dem Anwachsen der NATO wurde die durch den
Brüsseler Vertrag geschaffene Organisation verhältnismäßig inaktiv,
der Vertrag selbst aber blieb im vollen Umfange in Kraft und hat
nun die Grundlage für die Verwirklichung gewisser wichtiger politischer und die Sicherheit betreffender Ziele gebildet.
Das erste Protokoll wird verschiedene wichtige Änderungen in
den Brüsseler Vertrag bringen. Als erstes sieht es den Beitritt
Deutschlands und Italiens zum Brüsseler Vertrag vor, so daß die
Zusammensetzung der der vorgeschlagenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft entsprechen wird, bei zusätzlicher Teilnahme des Vereinigten Königreichs. Zweitens wird der Konsultativrat des Brüsseler Vertrages in einen "Rat der Westeuropäischen Union" umgewandelt werden, mit der Aufgabe, Frieden und Sicherheit zu festigen, die Einheit zu fördern und die fortschreitende Integration
Westeuropas sowie eine engere Zusammenarbeit mit anderen europäische:
Organisationen zu unterstützen. Besondere Vertragsbestimmungen befassen sich mit Abstimmungen für die bei bestimmten Fragen Zwei- 12

�17. November 1954

"AMERIKA DIENST"

Zweidrittel - oder einfache Mehrheit nötig sind. Andere Bestimmungen sehen eine enge Zusammenarbeit zwischen der Organisation
des Brüsseler Vertrages und der Nordatlantikpakt-Organisation
vor. Eine Klausel besagt, daß eine Verdoppelung der Arbeit der
militärischen Stäbe der NATO unerwünscht ist und es wird festgelegt, daß der Rat und sein Rüstungskontrollamt sich zu ihrer
Information und Beratung in militärischen Angelegenheiten auf die
militärischen Behörden der NATO stützen werden.
Das zweite Protokoll befaßt sich mit der Stärke der Streitkräfte der Westeuropäischen Union. Es bestimmt, daß die Gesamtstärke und Anzahl der Formationen der Land- und Luftstreitkräfte
Belgiens, Frankreichs, der Bundesrepublik Deutschland, Italiens
und der Niederlande, die SACEÜR unterstellt sind und die in einem
dem Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft beigefügten besonderen Abkommen festgelegt wurden, nicht überschritten werden. Die SACEÜR unterstellten Streitkräfte des Vereinigten
Königreichs sollen nicht größer sein als die gegenwärtig unter
dem Oberkommando von SACEÜR stehenden Truppen und die Streitkräfte
Luxemburgs werden auf eine Kampfgruppe in Regimentsstärke festgelegt. Die Seestreitkräfte werden in einem ,'Jährlichen Überprüfungsverfahren der NATO bestimmt. Jede Vergrößerung über die beschlossenen Truppenstärken hinaus sind dem einstimmigen Beschluß
aller Mitglieder des Brüsseler Vertrages unterworfen.
Ein besonders bedeutsamer Teil dieses Protokolls ist die
von dem Vereinigten Königreich übernommene Verpflichtung, auf
dem europäischen Festland britische Streitkräfte in gleicher
Stärke zu unterhalten, wie sie jetzt SACEÜR zugeteilt sind} das
heißt, vier Divisionen und die II. taktische Einheit der Luftstreitkräfte oder andere Einheiten, deren Kampfkraft von SACEÜR
als ebenbürtig anerkannt wird. Das Vereinigte Königreich willigt
ein, diese Streitkräfte nicht entgegen dem Wunsch einer Mehrheit
der Brüsseler Vertragsmächte zurückzuziehen. Weiterhin besagt
das Protokoll, daß diese Verpflichtung für das Vereinigte Königreich im Falle eines plötzlichen Notstandes in seinen überseeischen Besitzungen nicht bindend ist. Außerdem ist darin festgelegt worden, daß die Regierung des Vereinigten Königreichs den
Nordatlantik-Rat ersuchen wird, die finanziellen Bedingungen über
die Unterhaltung der Streitkräfte des Vereinigten Königreichs zu
prüfen, wenn die Ausgaben für die Streitkräfte auf dem Kontinent
zu irgendeiner Zeit eine zu starke Belastung für die finanziellen
Verpflichtungen Großbritanniens außerhalb des eigenen Landes bedeuten.
Diese Verpflichtungen bestehen zusätzlich zu den vertraglichen Bestimmungen, die mit der Mitgliedschaft des Vereinigten
Königreichs in dem neuen Rat der Westeuropäischen Union verbunden
sind.
Das dritte Protokoll bezieht sich auf die Rüstungskontrolle.
Es befaßt sich sowohl mit den Waffen, die nicht in der Bundesrepublik Deutschland hergestellt werden dürfen, als auch mit denen,
die innerhalb des Gebietes der Brüsseler Vertragsmächte auf dem
- 13 -

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

dem Festland unter Kontrolle stehen sollen. Die verbotenen Waffen,
auf deren Herstellung die Bundesrepublik Deutschland offiziell
verzichtet hat, sind: atomare, biologische und chemische Kampfmittel sowie ferngelenkte Raketen, größere. Marine-Fahrzeuge und
strategische Bomber. Um Deutschland das Recht zu verleihen,
atomare, biologische und chemische Kampfmittel herzustellen, ist
ein einstimmiger Beschluß des Rates der Westeuropäischen Union
erforderlich. Durch eine Zweidrittelmehrheit des Rates kann
Deutschland das Recht erhalten, ferngesteuerte Raketen, größere
Marine-Fahrzeuge und strategische Bomber herzustellen, allerdings
nur unter der Voraussetzung, daß SACEUR die Verleihung dieses Rech
tes an Deutschland empfiehlt.
Die Bestimmungen des Protokolls über die Waffenkontrolle
innerhalb des gesamten Gebietes der sechs Kontinental-Länder
beziehen sich sowohl auf die verbotenen Kampfmittel als auch
auf eine Anzahl anderer wichtiger Waffen. Dazu gehören Minen,
Panzer, große Artilleriegeschütze und die dazugehörige Munition,
Bomber und die meisten militärischen Flugzeugtypen.
Ein viertes Protokoll bestimmt die Errichtung einer Behörde
zur Rüstungskontrolle. Auf Grund der Bestimmungen über die einzelnen, unter Kontrolle stehenden Waffen soll die Behörde ihre
Funktion mehr durch Prüfung der Waffenvorräte als durch eine
Produktionskontrolle ausüben. Sie hat sich außerdem zu überzeugen,
daß verbotene Kampfmittel nicht in Deutschland hergestellt werden.
Die Vereinigten Staaten werden dem Rat der Westeuropäischen
Union Informationen hinsichtlich der militärischen Hilfe für die
Streitkräfte der Brüsseler Vertragsmächte auf dem europäischen
Festland zur Verfügung stellen. Diese Informationen werden durch
den Rat an die Behörde für Rüstungskontrolle weitergeleitet werden. Die Vereinigten Staaten erhalten absolute Vollmacht über die
Verteilung von Mitteln und Lieferungen im Rahmen ihrer militärischen Hilfsmaßnahmen. Die Behörde für Rüstungskontrolle trägt
keinerlei Verantwortung hinsichtlich der Produktion und Beschaffung von Waffen oder der Zuteilung von militärischer Ausrüstung.
In einer Resolution, die am 21. Oktober in Paris angenommen wurde,
sind die Brüsseler Vertragsmächte jedoch übereingekommen, für
den 17. «Januar 1955 einen Ausschuß nach Paris einzuberufen, der
über die Entwicklung eines Programms zur rationellen Produktion
beraten wird.
XI
Die Abmachungen, die ich hier erörtert habe, bringen für
die Vereinigten Staaten keine anderen vertraglichen Bindungen
und Verpflichtungen mit sich als diejenigen, die mit der Rückgabe der von den Alliierten nach der Niederlage der Nazi-Regierung
übernommenen Souveränitätsrechte an die Bundesrepublik Deutschland sowie mit der Anerkennung der Bundesrepublik als Mitglied
des Nordatlantikpaktes verbunden sind. Nichtsdestoweniger ist
die zukünftige Einstellung der Vereinigten Staaten zu den Abmachungen eine Angelegenheit von außerordentlicher, sogar entscheidender Bedeutung.
In
- U -

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

In diesem Zusammenhang, gab ich auf der Londoner Konferenz
im Rahmen einer Sitzung am 29« September 1954 eine Erklärung ab,
deren voller Text in einem Anhang zum Londoner Schlußprotokoll
niedergelegt ist und der hiermit überreicht wird. Durch diese
Erklärung versuchte ich dem Wunsch unserer Nation Ausdruck zu
verleihen, solche Maßnahmen zu fördern und zu unterstützen, die
Westeuropa einigen und stärken, da wir andernfalls gezwungen
wären, uns aus einem Europa zurückzuziehen, das dann geteilt
und schwach bleiben würde. In diesem Zusammenhang erklärte ich,
daß, wenn neue Übereinkommen von den westeuropäischen Ländern
getroffen würden, die als Ersatz für die Europäische Verteidigungs
gemeinschaft, Einigkeit und Stärke gewährleisten, so daß Hoffnungen, die wir in die EVG gesetzt hatten, im maßvollen Rahmen
in diese Abkommen übertragen werden können, ich dann Ihnen,
Herr Präsident, empfehlen würde, eine ähnliche Erklärung über
die Politik ähnlich der abzugeben, wie Sie sie nach Konsultierung mit den Führern des Kongresses im Zusammenhang mit der in
Aussicht genommenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgaben, und die die Bekundung der Absicht der Vereinigten Staaten enthält, "in Europa solche Teile der bewaffneten Streitkräfte
zu belassen, die als notwendig oder angemessen erscheinen, damit
wir einen fairen Anteil an der gemeinsamen Verteidigung des
nordatlantischen Raumes tragen können, solange dieses Gebiet
bedroht wird.
Ich war dabei sorgsam darauf bedacht aufzuzeigen, daß solch
eine Erklärung nicht mehr als eine politische Erklärung sein würde
und daß sie keine bindende Verpflichtung darstellt. Ich erklärte:
"Auf Grund unserer Verfassung ist der Präsident der Vereinigten
Staaten auch gleichzeitig der Oberbefehlshaber der bewaffneten
Streitkräfte, und in dieser Stellung berechtigt, über ihre Stationierung zu entscheiden. Ein Präsident der Vereinigten Staaten
hat verfassungsgemäß dabei nicht die Möglichkeit seinen Nachfolger in dieser Hinsicht festzulegen. Jeder amerikanische Präsident, der ins Amt kommt, genießt das Recht, in Übereinstimmung
mit den Vorschlägen seiner militärischen Berater, über die bewaffneten Streitkräfte der Vereinigten Staaten so zu verfügen,
wie damit seiner Ansicht nach den Interessen der Nation am besten
gedient ist."
Dessen ungeachtet wies ich darauf hin, daß die grundlegende
und fundamentale politische Grundlage^als praktischer Tatbestand,
wahrscheinlich nicht geändert würde, und daß unsere Politik, mit
einem Westeuropa zusammenzuarbeiten, das selbst alle Anstrengungen
unternimmt, sich zu einigen und stark zu machen, wie ich es sehe,
die grundlegende Politik der Vereinigten Staaten ist, so wie sie
auch von der Regierung und dem Kongress ganz klar manifestiert
wurde. In Verfolg meiner Londoner Erklärung habe ich die Absicht,
Ihnen Herr Präsident, wie bereits angedeutet, eine Empfehlung
zu unterbreiten, wenn die Vereinbarungen, die in Paris unterzeichnet wurden, verwirklicht sind, oder die Wahrscheinlichkeit
einer Verwirklichung gegeben ist.
„

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

XII
Es ist klar, daß, wenn die oben genannten Abkommen in
Kraft treten, sie weitreichende und günstige Ergebnisse zeitigen
werden. Sie werden die Hoffnungen der Menschen der Bundesrepublik
Deutschland für eine gleichberechtigte Stellung im Rahmen der
freien Nationen erfüllen, und sie werden das Verteidigungspotential der atlantischen Gemeinschaft wesentlich erhöhen.
Gleichzeitig aber gewähren sie einen Schutz gegen einen
überbetonten Militarismus als ein Werkzeug eines aggressiven
Nationalismus. Dieser Schutz bezieht sich nicht nur auf die
Mitglieder der atlantischen Gemeinschaft, sondern auf alle.
Sie bieten einen starken Schutz gegen ein Wiederaufleben eines
brudermörderischen Konfliktes unter den freien Nationen Europas
und stellen einen Rahmen für eine praktische Zusammenarbeit dar,
der weitere Fortschritte in Richtung auf eine politische und wirtschaftliche Einheit unter den europäischen Nationen ermöglicht.
Da unsere Nation ein großes Interesse an der Erreichung
dieses Zieles hat, empfehle ich Ihnen, Herr Präsident, den Senat
aufzufordern sich hiermit bald zu befassen, und im besonderen,
die Billigung und die Zustimmung des Senats zur Ratifizierung
der beiden Dokumente des Vertrages.einzuholen, die die Vereinigten Staaten unterzeichne^ ' haben, insbesondere des Protokolls,
das die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland wiederherstellt, sowie jenes das die Aufnahme der Bundesrepublik in den Nordatlantikpakt ermöglicht.
Ergebenst unterbreitet:
John Poster Dulles

*

*

*

*

*

- 16 -

�\

M E R I K A

D I E N S T

LODGE: USA STELLEN 100 KILO SPALTBARES MATERIAL FÜR DEN
INTERNATIONALEN ATOMPOOL

NEW YORK — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer
Steliungnahmea des US-Chefdelegierten,Henry
Cabot Lodge jr., vom 15» November 1954, in
der er vor dem Politischen Ausschuß der UNO
erneut denAbCBB-für-den-Frieden-Plan der Vereinigten Staaten erörterte.

1. Während der fruchtbaren Debatte der letzten Woche sind
einige Fragen aufgetaucht. Die erste, glaube ich, wurde sowohl
von dem Vertreter der Sowjetunion als aUch von dem Chinas vorgebracht. Sie fragten, ob der in Aussicht genommene Vorschlag
präziser sein werde als der des Präsidenten vom 8. Dezember
letzten Jahres. Damit befaßte sich mein Kollege Mr. Jackson.
2. Sodann traf der sowjetische Vertreter eine interessante
Feststellung hinsichtlich der Rolle, die die Sowjetunion in
der Atomphysik gespielt habe und spielen werde. Sein Bericht
über die Entwicklung der friedlichen Anwendung der Atomenergie
in der Sowjetunion schien auf russische Errungenschaften aus
der Zeit vor dem Ersten Weltkriege hinzuweisen. Immerhin wurde der erfolgreiche Bau eines 5 OOO-Kilowatt-Kraftwerkes erwähnt. Wir gratulieren der Sowjetunion zu dieser Errungenschaft,
obwohl vom Bau eines 5 OOO-Kilowatt-Werkes bis zur unbeschränkten Verfügung über die aus Atomenergie gewonnene elektrische
Kraft noch ein weiter Weg ist.
Der Stand der sowjetischen Atomt echnik wurde in einem
Artikel der sowjetischen Zeitschrift "Kommunist" im April dieses Jahres von A. Nesmejanoff mit lob enswerter Bescheidenheit
dargestellt. Der Verfasser schreibt, die sowjetischen Wissenschaftler müßten sich sputen, "die At omenergie für den breitesten Gebrauch in Industrie und Transp ort nutzbar zu machen."
Sodann heißt es weiter: "Der Fortschr itt der Atomforschung im
Sinne einer friedlichen Anwendung wei ten Umfangs ist zweifellos
die Sache einer ganzen Epoche."
Ganz

- 1: -

�."AMERIKA DIENST

17. November 1954

Ganz abgesehen von der Frage, wie lange eine "ganze Epoche"
dauert, darf wohl festgestellt werden, daß einer der Wege, das
Tempo der Atomindustrie-Epoche zu fördern, darin besteht, den
Erfahrungsaustausch zu verbreiten. Aus diesem Grunde drücken
wir die Hoffnung aus, daß die Sowjetunion so bald wie möglich
die Pläne ihres 5 OOO-Kilowatt-Atomkraftwerks veröffentlichen
möge. Wir in den Vereinigten Staaten haben dies mit unseren Entwürfen für ähnliche Kernreaktoren getan, und die Sowjetunion
dürfte davon sicherlich Kopien besitzen. Wenn die Sowjetunion
ähnliche Publikationen herausbringen wird, werden sie sicherlich
überall Interesse finden und die internationale Zusammenarbeit
erleichtern.
3. Der Sowjetvertreter sprach ebenfalls von anderen Arten
des atomaren Fortschritts^, namentlich hinsichtlich der Produktion
und des Gebrauchs radioaktiver Isotope, Es wäre interessant zu erfahren, wie das sowjetische Programm für die Ausfuhr dieser Isotope zum Nutzen anderer Länder aussieht.
4. Hinsichtlich der Mitgliedschaft zur "agency" (Internationale: Atombehörde), sind wir immer noch der Überzeugung, daß
die Tür offengelassen werden sollte, so daß alle Staaten an der
Verantwortung teilhaben und sich die Vorteile einer Teilnahme
sichern können. Ich kann in Punkto Sarkasmus sicherlich nicht mit
dem sowjetischen Vertreter wetteifern, aber ich kann versichern,
daß das einzige "Sonderprivileg", das wir beanspruchen, darin
besteht, so vielen Ländern wie möglich helfen zu können, wie
auch die einzige "Ausbeutung", die wir im Sinne haben, die Ausbeutung der Atomenergie für friedliche Zwecke ist.
5. Hinsichtlich des Verhältnisses der "agency" zu den Vereinten Nationen haben wir unsere Ansicht, daß die internationale
Behörde unter der Ägide der Vereinten Nationen stehen solleP nicht
geändert. Wie wir in der gemeinsamen Resolution vorgebracht haben,
denken wir, daß die endgültige Mitgliedschaft bei den Vereinten
Nationen ausgearbeitet werden kann, sobald die agency gegründet
ist. Wie ich in meiner Eröffnungsrede feststellte, wäre es unzweckmäßig, die mögliche Mitgliedschaft auszuarbeiten ehe wir
genau wissen, wie die "agency", wenn sie ins Leben gerufen ist,
aussehen wird. Wir stimmen darin mit dem Sowjetvertreter überein,
daß die von diesem Komitee zu fassende Resolution, die Beziehung
zwischen der Behörde und den Vereinten Nationen nicht im voraus
bestimmen sollte. Wir stimmen mit ihm auch darin überein,, daß dies
eine Angelegenheit ist, die von den der Behörde angehörenden Staaten und zwischen dieser,sofern sie besteht, und den Vereinten Nationen verhandelt werden sollte. Später werde ich mich mit dem
Problem der Beziehung der "agency" und dem Sicherheitsrat sowie
der Generalversammlung auseinandersetzen.
6. Erinnern wir uns daran, daß hier acht Nationen sind, welche
die Absicht haben, spaltbares Material oder Rohstoffe abzugeben,
die beide außerordentlich wertvoll sind sowohl für die Entwicklung dieser Nationen in Friedenszeiten als auch für deren Sicherheit. Jedes Mitglied der gesetzgebenden Körperschaften dieser

�"AMERIKA DIENST"

17. November

1954

dieser Länder, einerlei ob es dem belgischen Parlament oder
dem kanadischen Parlament, der französischen Nationalversammlung, der Portugiesischen Regierung oder der Gesetzgebenden
Versammlung der Südafrikanischen Union, dem Unterhaus in London
oder dem Kongreß der Vereinigten Staaten in Washington angehört,
jedes Mitglied dieser Körperschaften würde das ihm entgegenge- *
brachte Vertrauen verletzen, wenn es den ihm vorgelegten Vertrag
nicht genau prüfen würde. Viele von Ihnen, die in diesem Raum
vereint sind, waren selbst Mitglieder gesetzgebender Körperschaften. Das sind Dinge, die wir verstehen und respektieren.
7. Auch das Anerbieten, das wir heute machen, ist durdh
die Zusätze zum Atomenergie-Gesetz ermöglicht worden, das in
der letzten Sitzungsperiode des Kongresses beschlossen worden
ist. Dieses Gesetz schafft für das, was wir jetzt tun können,
einen erweiterten Spielraum über das hinaus, was wir im letzten
Jahr hätten tun können. Es war beispielsweise in der letzten
Sitzungsperiode, daß der Kongreß uns die Ermächtigung gab, Informationen und Materialien auch anderen zugänglich zu machen.
Offensichtlich müssen wir uns schon aus praktischen Gründen im
Rahmen des Gesetzes halten.
8. Ich habe am 5» November erklärt, daß die Internationale
Behörde für Atomenergie bei Ersuchen um Zuteilung von spaltbarem Material für Projekte, welche ihre Billigung gefunden haben,
als Clearing house wirken würde. Der sowjetische Vertreter legte
meine Bemerkungen folgendermaßen aus: "Wenn Pläne oder Entwürfe
für die Verwendung von Atommaterial, für das seitens der Internationalen Behörde in Übereinstimmung mit dem Abkommen ein Ausgleich von einem Staat zum anderen herbeizuführen ist, von der
Zustimmung der Internationalen Behörde abhängig gemacht werden,
dann bedeutet das, daß die Internationale Behörde das Recht haben wird, die Pläne der Staaten, die an der Verwendung von
spaltbarem Material zu friedlichen Zwecken interessiert sind, zu
billigen oder nicht zu billigen." Das ist keine korrekte Interpretation unseres Vorschlags. Die Internationale Behörde würde
sich nur mit demjenigen spaltbaren Material befassen, das von
den zum Beitrag bereiten Staaten ausdrücklich für Projekte
der Behörde selbst bereitgestellt worden ist. Sie würde dagegen
keine Kontrolle über die Verwendung irgendwelchen anderen spaltbaren Materials ausüben. Jeder solchen Beitrag leistende Staat
würde also die Freiheit haben, spaltbares Material in einen
anderen Staat zu überführen, ohne erst der Zustimmung der Internationalen Behörde zu bedürfen.
9. Es gibt da aber auch noch andere Probleme. Beispielsweise werden viele Staaten sich für diese Organisation interessieren, und manchmal wird es erforderlich sein, die Interessen
aufeinander abzustimmen. Es wird schwierig sein, selbst über
eine so einfache Organisation zu verhandeln und ein Übereinkommen zu erzielen. Je komplizierter die Organisation und je verwickelter die Verhandlungen sind, um so länger wird es dauern,
auch andere in den Genuß der Vorteile der Atomenergie kommen zu

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

zu lassen. Und um so mehr wir hier versuchen, ein bestimmtes Verfahren im Hinblick auf diese Verhandlungen zu beschleunigen, desto
größer wird die Gefahr, daß wir unnötige, ja selbst unüberwindliche Hindernisse für den Ablauf eines raschen Portschritts schaffen. Wir sind daher der Ansicht, daß der beste, wenn nicht überhaupt einzige,Wegjder Welt auf diesem Gebiet einen Dienst zu
leisten für uns darin besteht, daß wir uns durch Vereinfachung
der Organisation und Verhandlungen - durch Konzentrierung auf
das, was durchführbar und möglich ist - so schnell wie irgend
möglich an die Arbeit machen.
10. Der Sowjet-Vertreter erneuerte seinen Versuch, jeden
Portschritt innerhalb internationaler Zusammenarbeit durch die
Erschließung friedlicher Anwendungen der Atomenergie zum gleichzeitigen Portschritt in Verbindung mit einem Abrüstungsprogramm
zu verhindern, wenn er auch nicht länger auf der Forderung verharrt, daß andere Staaten zuerst einem praktisch nur auf dem
Papier stehenden Verbot der Anwendung von Atomwaffen zustimmen
müßten, bevor seine Regierung an den Verhandlungen über eine
friedliche Verwendung der Atomenergie teilnehmen würde.
Präsident Eisenhower machte im vergangenen Dezember klar, d
daß der von ihm vorgelegte Plan, obgleich er kein Abrüstungsplan
sei, wenn er angenommen würde, doch dazu geeignet sei, den Frieden und damit die Abrüstung näher zu rücken, denn Abrüstung und
Frieden sind natürlich nicht ein und das selbe. Der Präsident
sprach die Hoffnung aus, daß sein Vorschlag "einen neuen Weg
zur friedlichen Diskussion freigeben möge und zumindest einen
neuen Versuch zur Lösung der vielen schwierigen Probleme auslösen werde, die in privaten und offiziellen Besprechungen erörtert und geklärt werden müssen, wenn die Welt die aus Furcht
entstandene Untätigkeit aufgeben und positive Fortschritte in
der Arbeit für den Frieden erreichen solle."
Dieser Ausschuß,vor dem ich spreche, bedarf nicht eines
Hinweises auf die Bedeutung der Abrüstung oder auf die ungeheure
physische und seelische Belastung, die durch ihre Verwirklichung
beseitigt würde. Noch weniger brauchen wir - nach einer Debatte
von acht Jahren - daran erinnert zu werden, wie schwierig die
Durchführung einer Abrüstung ist, wenn es an gegenseitigem
Vertrauen fehlt.
Abrüstung stellt einen Faktor auf dem Wege zum Frieden dar.
Zumindest ein weiterer Faktor besteht in einer neuen Einstellung
der Welt, die eine enge Zusammenarbeit zur Gewohnheit werden
lassen könnte und damit allmählich gegenseitiges Vertrauen schaffen würde.
Wir sind der Auffassung, daß dieser "Atom-für-den-Frieden"Vorschlag die Welt vom Kriegführen abbringen wird, da wir die
Probleme der Welt durch ein neues Prismenglas sehen werden. Er
ist eine neue Möglichkeit, um mit der Arbeit für den Frieden zu
beginnen.
Wi

. 4-

�"AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Wir dürfen einen Vorschlag nicht dadurch entwerten, daß
wir ihn an einen anderen anhängen. Es besteht bereits ein gesonderter Entwurf für die Durchführung der Abrüstungsverhandlungen,
Wir schlagen einen Entwurf für die dazu parallel laufenden Besprechungen über die friedliche Verwendung des Atoms vor.
Wir hoffen, daß wirklicher Portschritt bei einer der beiden Diskussionen schließlich die anderen erleichtern wird. Wir
stimmen dem Delegierten der Sowjetunion zu, wenn er sagt, daß
die Vorschläge des Memorandums vom 19« März an sich nicht zu
einer Verminderung der potentiellen Kraft von Atomwaffen führen.
Ebenso wenig wird sie diese erhöhen. Aber vielen Gebieten der
Welt würden sie wirtschaftliche und soziale Vorteile bringen.
Und so sind wir als Partner der Mächte, mit denen wir in Verhandlung stehen, fest entschlossen, nicht zu dulden, daß Portschritte bei der Aufgabe, das Atom für den Frieden nutzbar zu
machen, weiterhin hinaus gezögert werden.
11. Der sowjetische Vertreter behauptete, die Nutzbarmachung der Atomenergie für friedliche Zwecke führte zwangsläufig
zur Erhöhung des Vorrats an spaltbarem Material, das sich zur
Herstellung von Atomwaffen verwenden lasse; er führte ferner
aus, die ungefährlichen, für die Verwendung zu friedlichen Zwecken
abgezweigten Materialien könnten doch für gefährliche Ziele genutzt werden, und die in den Industriereaktoren erzeugten radioaktiven Nebenprodukte ließen sich eventuell für militärische
Zwecke verwenden. Damit gab er zu verstehen, daß der Vertrag über
die Nutzbarmachung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken auch
ein Abkommen über das Verbot der Atomwaffen enthalten müsse.
Der sehr verehrte schwedische Kollege befaßte sich gleichfalls
mit dieser Präge. Wir sind jedoch der Auffassung, daß eine Lösung des gesamten Problems der internationalen Atomenergie-Kontrolle und ein Verbot der Atomwaffen erst dann nötig wird, wenn
wir nichtkriegerische Projekte geschaffen haben, durch die die
Kräfte des Atoms in Übereinstimmung mit den Geboten der internationalen Sicherheit freigesetzt werden.
Ich darf an dieser Stelle erneut der Überzeugung der Regierung der Vereinigten Staaten Ausdruck geben, welche in der
veröffentlichten Korrespondenz zwischen den USA und der UdSSR
als Dokument A/2738 niedergelegt ist, daß sich nämlich in Übereinstimmung mit den Geboten der internationalen Sicherheit, Mittel und Wege für eine allmähliche Nutzbarmachung der Atomenergie
zu friedlichen Zwecken und eine Sicherung gegen eine Abzweigung
radioaktiver Stoffe für eine kriegerische Absicht finden lassen.
Denn es gibt ja Formen der Nutzbarmachung zu friedlichen
Zwecken, die keinerlei Möglichkeit bieten, daß sie zu militärischen Zwecken mißbraucht werden. Die von mir in meiner Rede
vor dieser Versammlung am 5» November vorgeschlagenen Projekte
zum Beispiel würden sich überhaupt nicht für radioaktive Stoffe
eignen, die sich auch in Waffen verwenden lassen.
Das

�"AMERIKA DIENST"

T7. November

1954

Das Problem der radioaktiven Nebenprodukte, das der sowjetische Delegierte hier aufgeworfen hat, läßt sich gleichfalls
lösen.
Was die Sicherheit gegen eine etwaige Abzweigung derartigen
Materials aus den Stromreaktoren anbetrifft, so ist dieses Problem doch Teil der allgemeineren und umfassenderen Frage der verschiedenen ineinander greifenden Garantien, die erforderlich
sind, um sicherzustellen, daß das für solche friedliche Projekte
bereitgestellte oder in ihrem Rahmen erzeugte spaltbare Material
nur zu friedlichen Zwecken verwendet und nicht mit unbilligen
Absichten abgezweigt wird. Das ist ein Problem, das im Laufe
der Verhandlungen über die Gründung der Internationalen Atombehörde gelöst werden muß, und die zwischen den verhandelnden
Staaten - vor allem den Erzeugerländern von spaltbarem Material geführten Gespräche werden Klarheit über ihre jeweiligen Standpunkte bringen. Es ist theoretisch möglich, wie der sowjetische
Delegierte darlegte, solche Stromreaktoren zu erstellen, durch
die der Vorrat an radioaktiven, für die Verwendung in Waffen
geeigneten Stoffe vergrößert werden könnte, aber das muß nicht
unbedingt der Fall sein. Wir sind der Auffassung, daß die Wissenschaftler und Staatsmänner in dem Maße, in dem in der Zukunft
Stromreaktoren gebaut und konstruiert werden, mit ihrem Scharfsinn Mittel und Wege finden werden, durch die garantiert wird,
daß derartige Stoffe nicht für die Rüstungsindustrie oder verwandte Fertigungszweige verschoben werden.
Man möge doch nicht vergessen, daß die Verteilung von kernreaktivem Material durch die Internationale Atombehörde zur
Erstellung von Stromreaktoren in keiner Weise das Problem komplizieren würde, wie man die Gewähr für eine tatsächliche Verwendung der Atomenergie zu ausschließlich friedlichen Zwecken
schaffen könnte. Dieses Problem ist ein Teilproblem der Abrüstungsfrage, mit der sich die Großmächte seit Jahren befassen.
Das internationale Kontrollorgane für Abrüstung)könnte nach seiner Schaffung seine* Funktionen durchaus in Zusammenarbeit mit
der internationalen Atombehörde durchführen. Aber in der Zwischenzeit möchten wir doch mit unseren Bemühungen, die Atomenergie in den Dienst der Menschheit zu stellen, ein Stück vorankommen. Nichts, was wir in dieser Hinsicht unternehmen|braucht
das Problem der Abrüstungskontrollen irgendwie zu komplizieren.
12. Der sowjetische Vertreter hat auch versucht, die Frage
der Abrüstung und die der friedlichen Verwendung der Atomenergie
miteinander zu verbinden, indem er sich darauf versteifte,
daß hierbei dem Sicherheitsrat eine überragende Bedeutung zukomme. Auf Grund der UN-Charta ist der Sicherheitsrat vor allen
Dingen für die Aufrechterhaltung der internationalen Sicherheit
und des Weltfriedens verantwortlich. Die UN-Vollversammlung
trägt hier eine ähnliche Verantwortung. Sollte in Verbindung mit
der friedlichen Verwendung der Atomenergie in irgendeinem Land
oder einer Ländergruppe eine Situation entstehen, die den Weltfrieden und die internationale Sicherheit gefährdet, so wären
in einem solchen Fall der Sicherheitsrat und die Vollversammlung
- 6 -

�."AMERIKA DIENST"

17. November 1954

Vollversammlung gleichermaßen zuständig, und zweifellos würden
die Vereinten Nationen - wie auch mit anderen derartigen Situationen - mit der Angelegenheit fertig werden. Daher ist es möglich
und auch durchaus wahrscheinlich, daß im Interesse der internationalen Sicherheit zwischen dieser Behörde und dem Sicherheitsrat
sowie der Vollversammlung und dem Generalsekretär der Vereinten
Nationen gewisse Beziehungen bestehen.
Aber der sowjetische Vertreter griff auf die Resolution der
UN-Vollversammlung vom 14. Februar 1946 zurück, mit der die ursprüngliche UN-Atomenergie-Kommission geschaffen worden war eine Körperschaft, die nicht mehr existiert. Es war dies die
Kommission, die detaillierte Vorschläge zur Kontrolle der Atomenergie in einem Umfange machen sollte, der eine ausschließliche Verwendung zu friedlichen Zwecken hätte gewährleisten
können. Da es die Hauptaufgabe dieser Kommission war, sich mit
der Abrüstung auf dem Gebiet der Atomwaffen zu befassen, hatte
sie natürlich dem Sicherheitsrat und der UN-Vollversammlung Bericht zu erstatten und ihnen Empfehlungen zu unterbreiten. Der
Vertreter der Sowjetunion schlägt jetzt offenbar vor, daß die
Internationaler: Atombehörde, deren Funktionen ganz anders geartet
sein werden, das gleiche tun solle - und damit wäre sie praktisch
dem Veto unterworfen.
Die Wahrheit ist, daß die Aufgabe, die dieser inzwischen
erloschenen Kommission übertragen worden war, auf Grund einer Resolution (und auf Grund zahlreicher Beschlüsse)"
) an die
Abrüstungskommission überwiesen wurde, die Körperschaft, von der
die Vereinten Nationen nunmehr konkrete Schritte in der Abrüstungsfrage erwarten.
13. Es wurde mehrfach die Frage aufgeworfen, in welcher Form
die unterentwickelten Länder in der Behörde vertreten sein sollen.
Das am 19« März durch den amerikanischen Außenminister dem sowjetischen Botschafter überreichte Memorandum enthielt eine Bestimmung, der zufolge die höchste Exekutivgewalt der Behörde durch ein
Direktorium mit begrenzter Mitgliedschaft ausgeübt werden solle,
wobei die Delegierten als Vertreter ihrer jeweiligen Regierung
fungieren. Wie im Memorandum weiter vorgeschlagen wurde, dürfte
es bei Festlegung der Zusammensetzung des Direktoriums wünschenswert sein, "geographische Gesichtspunkte und die Mitgliedschaft
etwaiger künftiger Nutznießer im Direktorium zu berücksichtigen".
Mit anderen Worten - und dies möchte ich besonders unterstreichen sehen unsere Pläne vor, daß im Direktorium der Behörde diejenigen
unterentwickelten Länder vertreten sind, die auch der Atombehörde
angeschlossen sein werden.
14. Eine weitere Frage betrifft die Teilnahme jener Staaten,
die nicht an den Verhandlungen über die Schaffung dieser Organisation teilnehmen. In seiner Eröffnungsansprache am 23. September
vor dieser Versammlung hat der amerikanische Außenminister die
Stellung der Vereinigten Staaten zu diesem Punkt eindeutig klargelegt. So sagte er z.B.: "Ich möchte es nachdrücklich klarmachen,daß

- 7 -

�."AMERIKA DIENST"

17. November 1954

daß bei unseren Plänen keine Nation von einer Beteiligung an diesem großen Vorhaben ausgeschlossen wird. In dem Maße, in dem
unsere Vorschläge Gestalt annehmen, sind alle Nationen, die sich
für eine solche Beteiligung interessieren und bereit sind, die damit verbundenen Verpflichtungen zu übernehmen, herzlich willkommen,
gemeinsam mit uns an der Planung und Ausführung dieses Programms
zu arbeiten". Diesen Standpunkt vertreten die Vereinigten Staaten nach wie vor.
Wir haben niemals die Bildung einer geschlossenen Organisation der in dieser Behörde vertretenen Länder erwogen, ebenso
wenig hatten wir die Absicht, die übrigen Staaten durch Bildung
dieser Behörde vor eine vollendete Tatsache zu stellen. Wie wir
in der Sieben-Mächte-Entschließung angedeutet haben, sind wir
gewillt, die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen über die Portschritte bei der Schaffung dieser Behörde laufend zu unterrichten.
Darüber hinaus kann ich zu dieser Sache noch weitere Zusicherungen
geben. Die an den gegenwärtigen Verhandlungen beteiligten Regierungen beabsichtigen, ehe die Vereinbarung über die Schaffung
der Behörde zur Ratifizierung vorgelegt wird, diejenigen Regierungen, die Interesse an der Mitgliedschaft in der Behörde zeigen,
zu Rate zu ziehen und selbstverständlich die von ihnen vorgebrachten Ansichten gewissenhaft zu erwägen und zu berücksichtigen.
15« Das also ist unser Programm« Vor allem müssen wir Möglichkeiten finden, um diese Behörde auf schnellstem Wege ins
Leben zu rufen: Das ist der eigentliche Zweck der Sieben-MächteResolution. Wir drängen in unseren Verhandlungen nachdrücklich
auf Eile und wir verlangen nichts weiter als die Bereitwilligkeit der übrigen Regierungen zur aufrichtigen Mitarbeit, damit wir
zu Beginn der nächsten Sitzungsperiode der Vollversammlung bereits
die bis dahin erzielten Erfolge und konkreten Ergebnisse der internationalen Zusammenarbeit erörtern können, die dem Ziel dienen,
die Entdeckungen der Atomwissenschaft in den Dienst der Menschheit zu stellen.
Zum Abschluß möchte ich Ihnen gern noch eine weitere Angelegenheit unterbreiten; ich hoffe, damit ein für allemal jegliche
Unklarheit darüber zu beseitigen, inwieweit der Vorschlag der
Vereinigten Staaten bezüglich der Verwendung der Atomenergie
für friedliche Zwecke geht, sowie darüber, ob das Ausmaß unseres
Vorschlags irgendwie eingeengt worden ist.
Ich bin vom Präsidenten der Vereinigten Staaten zu der Erklärung ermächtigt worden, daß die amerikanische AtomenergieKommission 100 Kilogramm an spaltbarem Material zur Verfügung
zu stellen bereit ist, das als Treibstoff für die vom Außenminister und mir vorher erwähnten Atomreaktoren 1$ Experimentierstadium dienen soll. Dieses spaltbare Material reicht der Menge
nach aus, um eine beträchtliche Anzahl dieser Reaktoren überall
in der Welt in Betrieb zu setzen.

- 8 -

�A M E R I K A

D I E N S T

DULLES: DAS ZIEL DER AMERIKANISCHEN AÜSSENPOLITIK
IST DER FRIEDE

CHICAGO — (Amerika Dienst) — Der amerikanische
Außenminister John Poster Dulles nahm am 29. Nov-»
1954 in einer umfassenden außenpolitischen Rede
zu der gegenwärtigen Weltlage Stellung. Die Rede
des Außenministers auf dem Kongreß der 4-H-Klubs,
die von allen amerikanischen Rundfunkstationen
übertragen wurde, hat folgenden Wortlaut:
"Vor 10 Tagen habe ich im Weißen Haus die Außenpolitik
der USA mit den maßgebenden Kongreßmitgliedern beider Parteien,
Republikanern wie auch Demokraten, erörtert. Anschließend
sagte der Präsident zu mir,, er glaube, es wäre gut, wenn ich
darüber auch dem amerikanischen Volke berichten würde.
Es ist nicht einfach, das ganze Thema in eine kurze Rede
zusammenzufassen. Aber ich werde mein Bestes versuchen.
Lassen Sie mich damit beginnen, das Ziel der amerikanischen Außenpolitik herauszustellen. Es besteht darin, Ihnen
und mir sowie unseren Kindern die Möglichkeit zu verschaffen,
sich in Frieden den Segnungen der Freiheit zu erfreuen. Dieses Ziel steht über allem was wir unternehmen.
Diese Aufgabe ist nicht einfach, denn der internationale
Kommunismus bedroht Frieden und Freiheit mit vielen Mitteln
und an zahlreichen Orten.
Koexistenz
Eine allgegenwärtige Gefahr besteht darin, daß wir uns
dazu verleiten lassen, unseren Schutz aufzugeben, bevor die
Gefahr wirklich vorbei ist. Die internationalen Kommunisten
sind Meister des Tricks, Worte zu verwenden, die für sie eine
ganz bestimmte Sache und für uns etwas ganz anderes bedeuten.
Es dauerte lange, bis wir lernten, daß das Wort 'Demokratie' für die Kommunisten eine Diktatur bedeutet, die sie
'die Diktatur des Proletariats* nennen. Es dauerte eine gewisse
Zeit, bis wir lernten, daß das Wort 'Frieden' für die internationalen Kommunisten 'Konformität' bedeutet - eine Gleichschaltung, bei der das Verhalten von Moskau vorgeschrieben wird,
Das
- 1

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Das heikle Wort heißt heute 'Koexistenz'. Für uns bedeutet es Nachsicht gegenüber anderen Auffassungen. Man muß abwarten, was es für die internationalen Kommunisten bedeutet.
Es stimmt, daß die sowjetischen Kommunisten in der letzten
Zeit in einer sanfteren Tonart geredet haben. Aber es entspricht
ebenso den Tatsachen, daß die rotchinesischen Kommunisten in
ihren Worten und Taten eine immer größere Gewalttätigkeit an
den Tag legten. Sie haben die elementaren Grundsätze der internationalen Gepflogenheiten verletzt.
Vielleicht versucht der internationale Kommunismus die
freien Nationen durch neue Mittel und Wege zu spalten. Die
Kommunisten versuchen, in Europa öl auf die Wogen zu gießen,
während sie in Asien provokatorische Handlungen begehen.
Die USA werden antworten. Sie werden scharf reagieren, ohne
sich jedoch dabei zu einer Maßnahme provozieren zu lassen, die
eine Verletzung der von den USA eingegangenen internationalen
Verpflichtungen darstellen und die Allianz der freien Nationen
in Mitleidenschaft ziehen würde. Was geschehen ist, stellt für
uns und für alle, die den Frieden wollen, einen Ansporn dar,
Mittel und Wege zu finden, die mit dem Frieden vereinbar sind
und die das Völkerrecht bekräftigen.
Wir haben uns auf Grund der Charta der Vereinten Nationen
damit einverstanden erklärt, internationale Gegensätze auf friedlichem Wege in solcher Weise beizulegen, daß der Weltfriede nicht
gefährdet wird. Daher besteht unsere erste Pflicht vielmehr darin, alle friedlichen Mittel auszuschöpfen, damit die internationalen Rechte der USA und jene ihrer Bürger gewahrt bleiben,
als darin, jetzt zu kriegerischen Handlungen in Form einer Luftund Seeblockade gegen Rotchina überzugehen.
Natürlich trachten wir immer wieder danach, Anzeichen einer
wirklichen Änderung in der Haltung des internationalen Kommunismus zu entdecken. Hoffentlich wird der Tag einmal kommen, wo er
seine Bemühungen einstellen wird, die Welt durch Gewalt,,Einschüchterung und Betrug zu beherrschen. Diesen Tag werden wir,
sollte er einmal anbrechen, lebhaft begrüßen. Aber wir wollen
sicher sein, daß wir hierbei keinen Fehler begehen und eine
falsche Morgendämmerung für die richtige ansehen. Es existiert
noch immer ein ungeheures sowjetisches Militärpotential, das
irgendwelche defensive Notwendigkeit bei weitem übersteigt.
Die fotchinesischen Kommunisten sind noch immer aggressiv eingestellt. Und es gibt noch immer in jedem freien Land einen
kommunistischen Apparat, der die bestehende Ordnung niederzureißen sucht.
Daher müssen wir wachsam bleiben. Wir müssen eine Politik
betreiben, und wir betreiben sie auch, um sowohl dem militärischen wie dem subversiven Risiko begegnen zu können.
Verteidigung der USA gegen einen bewaffneten Angriff
Es gibt Menschen in den USA - und noch mehr in anderen Ländern - die behaupten, daß es unrecht ist, bereit und in der Lage
zu sein, zu kämpfen. Sie sagen, daß die wahrhaft Friedliebenden
- 2 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Friedliebenden unbewaffnet und neutral sein sollten.
Wir haben das versucht, aber es ist nicht gegangen.
Wir waren im Jahre 1914 unbewaffnet und neutral, als der
erste Weltkrieg ausbrach. Die Angreifer glaubten, daß sie mit
uns nicht zu rechnen brauchten.
Wir waren im Jahre 1939 unbewaffnet und neutral, als der
zweite Weltkrieg ausbrach. Und wieder glaubten die Angreifer,
nicht mit uns zu rechnen zu brauchen.
Der Koreakrieg kam, als wir weitgehend abgerüstet und unsere Truppen aus Korea zurückgezogen hatten, und die Aggressoren
dachten, daß ihnen kein Widerstand entgegengestellt würde.
Heute sind wir anderer Ansicht. Wir sind überzeugt, daß
der größte Beitrag, den wir zum Frieden leisten können, die
Bereitschaft ist, zu kämpfen, wenn es sein muß, sowie die Hilfsmittel und die Verbündeten zu besitzen, die sicherstellen, daß
ein Aggressor unbedingt besiegt wird. Das bedeutet keineswegs,
daß wir roh oder herausfordernd oder militariä:isch sind. Es bedeutet, daß wir den Frieden nicht nur mit dem Herzen sondern auch
mit dem Verstand suchen.
In diesem Geiste treffen wir militärische Vorbereitungen,
die, wie wir überzeugt sind, vor einem Krieg abschrecken werden.
Dies erfordert grundsätzlich, daß ein möglicher Aggressor nicht
glauben darf, ej e Aggression macht sich bezahlt. Er muß wissen,
daß er die Vereinigten Staaten nicht durch einen plötzlichen
Angriff vernichten kann und daß wir in der Lage sind, zurückzuschlagen.
Aus diesem Grund bauen wir die kontinentale Verteidigung in
einer wesentlichen Richtung aus. Sie wird aus einem ausgebauten
Vorwarnungsnetz und aus Kampfflugzeugen bestehen, die nach den
neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgestattet sind.
Diese Einrichtungen sollten es uns ermöglichen, einen sehr hohen
Prozentsatz etwaiger roter Bomber, die sich auf einem feindlichen Auftrag gegen die Vereinigten Staaten befinden, abzuschießen.
Dann haben wir unser strategisches Luftkommando, das in
der Lage ist, Gegenschläge gegen die lebenswichtigen Teile der
Sowjetunion zu führen. Diese Schläge würden nach unserer Rechnung weit mehr Schaden anrichten, als die roten Flugzeuge den
USA zufügen könnten.
Sie werden vielleicht fragen, was denn die Außenpolitik damit zu tun hat. Darauf antworte ich Ihnen: alles. Unser kontinentales Verteidigungssystem hängt von Kanada ab. Und die freien
Nationen können keine wirksamen Vergeltungsmaßnahmen zur Abwehr
etwaiger Aggressionen ergreifen, wenn sie nicht über ein weitgespanntes Netz von Flugplätzen verfügen.
Daher ist es ein wesentlicher Bestandteil unserer Außenpolitik, freundschaftliche Beziehungen zu anderen Ländern zu pflegen, so daß wir mit ihnen für unsere gemeinsame Verteidigung

- 3-

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1 954

Verteidigung zusammenarbeiten können.
Und ich kann Ihnen sagen, daß wir solche freundschaftliche
Beziehungen haben und daß es daher jeder Nation teuer zu stehen
kommen dürfte, die Vereinigten Staaten anzugreifen.
Schutz anderer Länder gegen einen bewaffneten Angriff
Natürlich könnten wir derartige Beziehungen zu anderen Ländern nicht haben, wenn wir nur an uns dächten. Diese Beziehungen
müssen vielmehr dem gemeinsamen Interesse dienen. Das heißt, die
gemeinsame Verteidigung umfaßt viele Gebiete außerhalb der Vereinigten Staaten.
Von besonderer Bedeutung hierbei ist, daß die Weltmeere
von freien und befreundeten Nationen beherrscht werden. Dafür
haben wir durch eine Reihe von Sicherheitsabkommen gesorgt; für
das atlantische Gebiet ist dies durch den Nordatlantikpakt geschehen; für das pazifische Gebiet bestehen einige Abkommen,
die sich zum Teil noch im Stadium der Entwicklung befinden und
sich auf Japan, die Republik Korea, die Riukius (Okinawa),
Formosa, die Philippinen, Australien und Neu-Seeland sowie Teile
Südostasiens beziehen.
Zur konkreten Untermauerung dieser schriftlichen Verträge
stehen die örtlichen Streitkräfte zur Verfügung. In einigen Fällen sind diese örtlichen Streitkräfte, die man für notwendig
erachtet, größer als die jeweiligen nationalen Regierungen sie
unterhalten können. In diesen Fällen helfen wir aus. Dabei handelt
es sich jedoch nicht um 'Almosen'. Es ist vielmehr die sogenannte
'Auslandshilfe• - eine Bezeichnung, die mir nicht gefällt. Die
korrekte und bessere Bezeichnung ist 'gegenseitige Sicherheit'.
Westeuropa, mit seiner gewaltigen Industriemacht, ist ein
Preis erster Ordnung für jeden, der die Weltherrschaft anstrebt.
Es bedarf daher eines besonderen Schutzes, den es durch die NATO
erhält. Die NATO aber braucht in ihrem Kern auf dem Kontinent
einen engeren Zusammenschluß unter Beteiligung Deutschlands.
Dies war das Ziel der historischen Abkommen, die vorigen Monat in
London und Paris abgeschlossen wurden. Diese Abkommen sollen den
ständigen Kriegen der europäischen Völker untereinander ein Ende
setzen und gleichzeitig Westeuropa eine wirksame Verteidigung
gewährleisten. Die Aussichten auf ein geeintes Europa werden
durch die jüngst von Italien und Jugoslawien getroffene Regelung
der Triester Frage und die bevorstehende Regelung der Saarfrage
durch Frankreich und Deutschland gestärkt.
Zu den nationalen Verteidigungskräften der Mitgliedstaaten
kommen noch die Luft- und Seestreitkräfte hinzu. Diese beweglichen Kräfte sind zur Abwehr etwaiger Angriffe notwendig, da es
für einen Angreifer sehr vorteilhaft wäre, wenn er ein einzelnes,
bestimmtes Gebiet angreifen könnte ohne mit Vergeltungsmaßnahmen
rechnen zu müssen. Wir müssen in der Lage sein, zu jeder Zeit wo
immer wir wollen und mit welchen Mitteln wir wollen auf etwaige
Angriffe zu reagieren.
Dies

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Dies bedeutet jedoch nicht, daß jede örtliche kriegerische
Auseinandersetzung automatisch in einen allgemeinen Krieg umgewandelt wird, in dem sämtliche Länder mit Atombomben bombardiert
werden. Die Kernfrage, um die es hierbei geht, ist, daß wir und
unsere Verbündeten die Mittel und den Willen haben sollten, dafür zu sorgen, daß ein etwaiger Angreifer durch seine Aggression
mehr verliert, als er gewinnen könnte. Dies bedeutet wiederum
nicht, daß der Aggressor vollständig vernichtet wird. Es bedeutet
aber, daß wir in der läge sind, ihm als Vergeltungsmaßnahmen
Schaden zuzufügen. Wir sind der Ansicht, daß wir und unsere
Verbündeten über die hierzu erforderliche Macht verfügen. Und
wir sind ebenfalls der Ansicht, daß ein bewaffneter Angriff
auf die durch unsere Sicherheitsabkommen erfaßten Gebiete sehr
unwahrscheinlich ist, solange wir über diese Macht verfügen.
Es gibt einige Gebiete in der Welt, die nicht durch besondere kollektive Sicherheitsabkommen geschützt sind. Dies
trifft insbesondere für einige Teile Asiens zu.
Allerdings sind bereits Entwicklungen im Gange, auch für
diese Gebiete ein kollektives Sicherheitssystem zu errichten. So
sind zum Beispiel die Türkei und Pakistan dabei, im Norden einen
Verteidigungsgürtel zu schaffen, damit die reichen ölfelder des
Nahen Ostens nicht eine leichte Beute der Sowjetunion werden.
Die kürzliche Befreiung Persiens von dem Zugriff durch die kommunistische Tudeh-Partei, die anschließende Beilegung des ölkonflikts und der Kontroverse um den Suez-Kanal, all dies eröffnet
neue Möglichkeiten zur Stärkung und Festigung auch dieses Teiles
der Welt.
In jedem Falle bieten auch die Vereinten Nationen einen
mächtigen Schutz gegen eine offene Aggression. Dies ist nicht
von nebensächlicher Bedeutung - wie der Fall Korea bewiesen hat.
Und es ist unsere Politik,die Vereinten Nationen tatkräftig zu
unterstützen.
Diese von mir hier umrissenen Maßnahmen bieten den freien
Nationen weitgehend Schutz gegen die Gefahr eines bewaffneten
Angriffs.
Die Völker der Erde scheinen dies zu spüren. Daher herrscht
auch allgemein das Gefühl vor, daß die Gefahr eines Weltkrieges
heute geringer ist, als dies vor einigen Jahren der Fall war.
Maßnahmen gegen subversive Tätigkeit
Lassen Sie mich nunmehr die durch subversive Tätigkeit drohende Gefahr behandeln. Diese Gefahr ist groß. Der internationale
Kommunismus hat große Erfahrung darin, politische unsichere Verhältnisse für sich auszunützen. Diese Erfolge sind nicht nur an
der Zahl der tatsächlich von den Kommunisten übernommenen Regierungen zu messen - die bereits nahezu die Zahl 20 erreicht haben sondern auch an der Spaltungs- und Obstruktionspolitik, die die
Kommunisten innerhalb der freien Welt betreiben.
Was

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember

1954

Was uns in diesem Zusammenhang an erster Stelle interessiert,
ist die Lage in den amerikanischen Republiken. Den Lateinamerikanischen Ländern droht weniger ein offener bewaffneter Angriff,
sie sind aber eine schwache Stelle hinsichtlich subversiver Tätigkeit der Kommunisten. Diese Frage haben wir auf der im März
dieses Jahres in Caracas abgehaltenen panamerikanischen Konferenz
behandelt. Dort wurde eine Erklärung des Inhalts angenommen, daß
es eine Gefahr für den Frieden und die Sicherheit aller amerikanis chen Nationen darstellen würde, wenn es dem internationalen
Kommunismus gelingen sollte, in einem dieser Staaten die politische
Macht an sich zu reißen.
Es war dies eine bedeutsame Erklärung. Sie dürfte den Forderungen unserer Zeit vielleicht ebenso dienlich sein, wie die
Monroe-Doktrin den Bedürfnissen unseres Landes im vergangenen
Jahrhundert gedient hat. Durch diese Erklärung wurde eindeutig
klar gestellt, daß eine gemeinsame Aktion zur Ausmerzung des
internationalen Kommunismus nicht ein Akt der Intervention ist
sondern vielmehr ein Akt zur Unterbindung jeglicher Interventionen.
Der in dieser Caracas-Erklärung niedergelegte Grundsatz war
insbesondere für die Lage in Guatemala von Bedeutung. Dort hatte
der internationale Kommunismus tatsächlich die Regierungsgewalt
an sich gerissen. Die amerikanischen Staaten waren eben im Begriff, zur Beratung über diese von hier drohende Gefahr zusammenzutreten, als das Volk von Guatemala selbst die loyalen
Kreise unterstützte, die das Krebsgeschwür des Kommunismus aus
dem Staatskörper entfernten. Der von den Kommunisten gelenkte
Präsident von Guatemala hat schmählich die Flucht ergriffen,
während der Führer der Befreiungsbewegung heute Fräsident von
Guatemala ist.
Jene Deklaration von Caracas und die Demonstration, daß
die amerikanischen Staaten diese ernst nehmen, schützen unsere
Hemisphäre im weiten Umfang vor einer kommunistischen Unterwühlung. Die Kommunisten wissen, daß sie die anderen amerikanischen
Länder als ihre Gegner erwarten müssen, wenn sie die politischen
Institutionen eines amerikanischen Landes unter ihre Kontrolle
bekommen sollten. Daher besteht ein geringerer Ansporn für sie,
nach Herrschaft zu streben, als dies bisher der Fall gewesen ist.
Darüber hinaus trachten die amerikanischen Staaten danach,
bessere wirtschaftliche Verhältnisse zu schaffen. Gegenwärtig
findet in Rio de Janeiro eine Wirtschaftskonferenz statt, wir
glauben und hoffen, daß diese Konferenz den Boden für gesunde
Maßnahmen bereiten wird, um die Nationalwirtschaften zu fördern
und den Lebensstandard zu erhöhen. Dies würde der von Präsident Eisenhower verkündeten 'Politik der guten Partnerschaft'
eine praktische Bedeutung verleihen.
In

�"AMERIKü DIENST"
1. Dezember 1954
In Asien und Afrika sind die Gefahren einer kommunistischen Unterwühlung groß. In diesen Kontinenten gibt es Länder,
die keine Selbstregierung besitzen, wo zahlreiche politische
Institutionen noch nicht festen Fuß gefaßt haben, die wirtschaftlichen Verhältnisse schwach sind und die Regierungen
nicht auf sicheren Füßen stehen. Die Lage in Vietnam ist
heute besonders gefährdet, und in Nordafrika ist die Situation ebenfalls unruhig.
Einige der asiatischen Nationen, die kürzlich ihre nationale Unabhängigkeit erhalten haben, brauchen Hilfe. Sie wollen
diese Hilfe jedoch nicht vom Westen annehmen, weil sie fürchten, daß damit eine Wiedergeburt des westlichen Kolonialismus
verbunden sein könnte. So sind sie weiterhin einem System des
Kommunismus ausgesetzt, das die grausamsten und erbarmungslosesten Kolonialherren der Geschichte hervorbringt.
Es muß klar gemacht werden, daß die asiatischen und westlichen Nationen als gleichberechtigte Partner zusammenarbeiten.
Auf der Konferenz von Manila im September dieses Jahres haben
wir einen großen Schritt vorwärts auf diesem Wege getan. Dort
haben die westlichen und asiatischen Konferenzteilnehmer über
eine 'pazifische Charta1 Übereinstimmung erzielt. In dieser
Charta kam ihr Willen nach Unabhängigkeit und Selbstregierung
für alle Völker in der Welt zum Ausdruck, die in der Lage
sind, dieser ihrer Verantwortung auch nachzukommen.
Das war ein wichtiger Schritt nach vorn, um den Geist des
westlichen Kolonxalismus zu vertreiben, der noch immer die
freien asiatischen Länder erschreckt und der sie dazu bringt,
nur zögernd eine hilfreiche Verbindung mit dem Westen einzugehen.
Wirtschaftspolitik
Es besteht ferner die Notwendigkeit für eine Wirtschaftspolitik, die die Erschließung aller wirtschaftlich rückständigen Länder unterstützt. In den kommunistischen Ländern werden
Erschließungsaufgaben durch ein System der Zwangsarbeit gelöst,
das der Sklaverei gleichkommt. Der Lebensstandard wird sehr niedrig gehalten und die Bevölkerung wird zu sehr schwerer Arbeit
gezwungen. Auf diese Weise wird die Schwerindustrie aufgebaut.
Dieses System ist grausam und dient in erster Linie Kriegszwecken. Es hat jedoch für die Völker der wirtschaftlich rückständigen Länder einen gewissen Reiz, die der Ansicht sind, daß
ihre eigenen Volkswirtschaften still stehen.
In einer freien Gemeinschaft ist es das Normale, daß die
fortgeschrittenen Staaten den wirtschaftlich rückständigen Ländern Geld leihen. Unsere Vereinigten Staaten wurden in ihren
ersten Anfängen zum Teil mit europäischem Kapital erschlossen.
Heute verfügen die Vereinigten Staaten über das meiste Kapital,
um anderen Ländern bei ihrer Erschließung helfen zu können. Wir
müssen einen Weg finden, um dieses Kapital arbeiten zu lassen.
Dies ist ein vernünftiges Geschäftsgebaren, denn die gewährten
Anleihen machen sich gewöhnlich bezahlt und die Erfahrung zeigt,
daß wir alle von einer Umgebung des Wohlstandes profitieren.

Ich

- 7-

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Ich möchte in diesem Zusammenhang Präsident Eisenhowers
Plan für die friedliche Nutzbarmachung der Atomenergie erwähnen.
Dieser Plan wurde im Dezember vergangenen Jahres vor den Vereinten
Nationen verkündet und fand ein gewaltiges Echo. Ich selbst erörterte ihn verschiedentlich mit dem sowjetischen Außenminister
Molotow. Die Sowjets lehnten ihn jedoch ab. In diesem Herbst
verkündeten wir dann, daß wir mit diesem Plan zusammen mit anderen Ländern und ohne die Sowjetunion voranschreiten würden.
Nun scheint es jedoch, daß die Sowjets nun doch noch mitarbeiten
wollen.
Mit diesem Eisenhower-Plan ersteht unser Volk erneut in seiner historischen Rolle. Wir haben neue Möglichkeiten für das
Wohl der Menschen gefunden und stellen unser Wissen in den
friedlichen Dienst der gesamten Menschheit.
Die Unterdrückten Völker
Es gibt noch einen letzten Aspekt unserer Politik, auf den
ich zu sprechen kommen möchte. Wir sind der Überzeugung, wie
Abraham Lincoln sagte, daß unsere Unabhängigkeitserklärung 'Freiheit nicht nur für das Volk dieses Landes, sondern auch für alle
künftige Zeit Hoffnung für die Welt* verspricht. Heute lebt ein
Drittel der Menschheit in den schrecklichen Banden der kommunistischen Diktatur. Aber wir betrachten diesen Zustand nicht als
unabänderlich.
Es besteht, wie wir wissen, unter den 800 Millionen Menschen,
die der internationale Kommunismus regiert, ein großes Maß an Unzu&gt;
friedenheit. Diese entstammt der Versklavung der Arbeiter, der
Unterdrückung der Religion und der persönlichen Initiative sowie
der nationalen Demütigung der Satellitenländer.
Befreiung kommt gewöhnlich von innen heraus. Aber sie wird
eher von innen kommen, wenn die Hoffnung ständig von außen genährt wird. Und dies tun wir auf vielerlei Art.
Ein bedeutsamer Paktor in der jüngsten Entwicklung ist die
Änderung der sowjetischen Politik gegenüber Jugoslawien gewesen.
Im Jahre 1948 machte sich Jugoslawien vom Würgegriff des internationalen Kommunismus frei und gewann seine eigene nationale
Existenz zurück.
Bis vor kurzem wurden die Regierung und das Volk Jugoslawiens von den internationalen Kommunisten im benachbarten Ungarn,
Rumänien und Bulgarien bedroht und geschmäht. Jetzt zollt die
Sowjetunion jedoch Jugoslawien ihre Achtung, während sie die
Marionettenregierungen in Ungarn, Rumänien und Bulgarien weiterhin mit Geringschätzung behandelt. Dies mag den Satelliten den
Mut geben, ein Maß an Unabhängigkeit zu verlangen.
Die Entwicklungen tragen klar den einmal kommenden Wandel
der absoluten Herrschaft in sich, die der internationale Kommunismus über die einst freien Nationen Europas und Asiens ausübt.
Konferenzen

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Konferenzen
Unsere Politik schließt internationale Konferenzen selbst
mit denen nicht aus, die feindselig gegen uns eingestellt sind.
Auf diese Weise haben wir den Koreakrieg beendet. Der Umfang
der Konferenzen mit der sowjetischen Regierung ist durch unsere
Einstellung zu den unterdrückten Völkern naturgemäß begrenzt,
denn die Sowjets wissen, daß wir zu keinem Kuhhandel bereit sind,
der die Versklavung von Menschen und Nationen gutheißen und verewigen würde.
Darüber hinaus wünschen wir nicht mit sowjetischen Vertretern zu verhandeln, wenn ihr einziges Ziel ist, die freien Nationen zu spalten und sie daran zu hindern, die notwendigen
Schritte für ihre eigene Sicherheit zu unternehmen.
Wir hatten eine solche Konferenz im vergangenen Januar und
Februar in Berlin. Der offensichtliche Zweck dieser Konferenz
war, die Wiedervereinigung Deutschlands und die Befreiung
Österreichs. Praktisch versuchte der sowjetische Außenminister
nachher lediglich die Pläne für die westeuropäische Sicherheit
zu blockieren.
Wir haben den Wunsch, herauszufinden, ob die Sowjetunion den
österreichischen Staatsvertrag unterzeichnen will und ob sie nach
Ratifikation der Londoner und Pariser Abkommen zu ernsthaften
Gesprächen über die Wiedervereinigung Deutschlands bereit ist.
Dies ist der Zweck einer Note, die wir heute der sowjetischen
Regierung übermittelt haben.
Ein wesentliches Ziel der Verträge von London und Paris
besteht nicht lediglich in der Schaffung einer Verteidigungsstärke für die westeuropäischen Länder sondern in der Begrenzung
und Kontrolle dieser Stärke, so daß sie niemals zu einem aggressiven Paktor werden kann. Heute ist in Moskau eine sogenannte
'Sicherheitskonferenz* eröffnet worden, auf der die sowjetischen
Führer mit ihren Marionetten reden werden, deren Antworten
wiederum so ausfallen, wie es ihre Herrn und Meister wünschen.
Wir werden sehen, ob die Sowjetunion die Gelegenheit wahrnimmt
und es dem Westen gleichtut, indem sie die militärischen Einrichtungen in dem von ihr kontrollierten Teil Europas in ähnlich
vernünftiger Weise begrenzt.
Es besteht häufig auf Seiten der freien Völker eine Tendenz,
ihre eigenen Fehler und Schwächen zu sehen und die Stärke und
Erfolge der anderen zu übertreiben. Natürlich sollten wir uns
einer ständigen Selbstkritik unterwerfen, da dies einen Weg zur
Läuterung darstellt.
Wir brauchten jedoch nicht das Gefühl zu haben, daß wir nun
in dem großen Kampf, den man uns aufgezwungen hat, unterliegen.
Wir haben ein Recht dazu, Vertrauen zu haben, weil wir in uns
selbst stark sind und stark in der guten Partnerschaft, die wir
mit unseren Alliierten besitzen.
Die

�4

"AMEKIK*

DIENST"

1. Dezember 1954

Die Wahrheit hierfür besteht in der Tatsache, daß die
USA in jeder Beziehung nicht nur in materieller sondern auch
in geistiger Hinsicht die stärkste Macht der Welt sind.
Wir verfolgen eine Politik, die klar und gesund und die für
eine auf dem religiösen Glauben fußende Zivilisation und
Kultur angemessen ist. Unsere Politik wird in die Tat umgesetzt und zu einem Preis, den wir uns leisten können. Sie
hat sich zu einer von beiden Parteien getragenen Politik
entwickelt und genießt ganz allgemein die Unterstützung der
überwältigenden Mehrheit unserer Bevölkerung. Eine derartige
Politik wird, dessen bin ich fest überzeugt, in Frieden bestehen können."

* * * * *

- 10 -

�A M E R I K A

D I E N S T

BOTSCHAFTER DR. JAMES B. CONANT ZUR POLITISCHEN
SITUATION IN DEUTSCHLAND

CLEVELAND, OHIO — (Amerika Dienst) ~ Nachfolgend übermitteln wir Ihnen den Wortlaut
einer Rede, die der amerikanische Hochkommissar, Botschafter Dr. James B. Conant, am 1.
Dezember 1954 vor der Handelskammer (Chamber
of Commerce) in Cleveland, Ohio, gehalten hat:

"Sie haben mich gebeten, Ihnen über die jüngsten Entwicklungen in Deutschland und seinen Platz in der freien Welt zu
berichten. Im April dieses Jahres sprach ich schon einmal bei
einem kurzen Besuch in den Vereinigten Staaten über das gleiche Thema zu einer anderen Gruppe amerikanischer Bürger - allerdings von ganz anderen Begriffen ausgehend. Damals sprach
ich von einem Deutschland, das nominell unabhängig war, aber
noch immer unter Besatzung stand, und für das die Vereinigtien
Staaten, Großbritannien und Prankreich in einem gewissen Sinne
verantwortlich waren. Wenn ich heute von der Bundesrepublik
Deutschland spreche, dann meine ich ein Land, das mit den
Vereinigten Staaten gleichberechtigt ist. Ich spreche von
einem Deutschland, das im Begriff steht, den Status eines
souveränen Staates unter den souveränen Mächten der freienWelt wiederzuerlangen.
In der Zeit, die zwischen diesen meinen beiden Besuchen
verstrichen ist, hat die westliche Welt eine Krise zu über- !
stehen gehabt, die gefahrvolle Möglichkeiten in sich barg. Am
31. August erst, als der Vertrag über die Gründung der Buropäischen Verteidigungsgemeinschaft in der französischen Nationalversammlung durchfiel, waren unsere Hoffnungen auf ein
vereinigtes Europa auf einen Tiefpunkt gesunken. Das gleiche
gilt von der begründeten Hoffnung Deutschlands, als gleichbe- 1
rechtigtes Mitglied in der Gemeinschaft der europäischen Nationen aufzugehen und zur Verteidigung dieser Gemeinschaft
einen Beitrag leisten zu können, ohne die mit der Schaffung
einer Nationalarmee verbundenen Gefahren auf sich nehmen zu
müssen. Und dennoch war innerhalb von 33 Tagen nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft die fast an

�"AMERIKA DIENST"

1 . Dezember 1954

an Verzweiflung grenzende Niedergedrücktheit einem starken Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und der erneuten Hoffnung für
die Zukunft gewichen.
Vor einigen Wochen bat man mich, ich möchte den Berlinern
und den Einwohnern der sowjetischen Besatzungszone die Bedeutung
der neuen Entwicklung erklären. Ich wandte mich über die berühmte
Berliner Rundfunkstation Rias an diese tapferen und standhaften
Menschen und bediente mich der Namen dreier Städte, um die Entwicklung symbolisch darzulegen, die uns diese ruhige Zuversicht
in die Zukunft eingeflößt hatte. Diese drei Städte waren London,
Paris und Washington. 'In London', so sagte ich damals, 'wurde
der Grundstein zu einer neuen Einheit gelegt, in Paris bauten
wir das Haus und in Washington feierten wir das Richtfest*.
Ich hatte die Ehre, in allen drei Fällen dabei sein zu dürfen. In London und später in Paris waren sich alle Konferenzteilnehmer wohl bewußt, daß das Schicksal der freien Welt auf dem
Spiele stand. Die Vereinigten Staaten gingen davon aus, daß Deutschland seine Souveränität wiedererhalten müsse. Alle Konferenzteilnehmer stimmten darin überein, daß Deutschland an jedem europäischen
Verteidigungsbündnis beteiligt sein müsse. Dornenreich war nur die
Frage, einen Modus für die Wiederbewaffnung Deutschlands zu finden, der sowohl Frankreich als auch Deutschland akzeptabel erschien.
Bundeskanzler Adenauer hatte eine grundlegende Bedingung gestellt,
daß keiner der Pläne für eine Wiederbewaffnung Deutschlands irgendwelche diskriminierende Bestimmungen gegen sein Land enthalten
dürfe.
Als Augenzeuge kann ich Ihnen sagen, daß die Konferenzen
von Paris und London ebenso dramatisch wie erhebend waren. Ich
war tief beeindruckt von der Voraussicht der europäischen Staatsmänner, von ihrem Sinn für Proportionen und ihrem grundlegenden
Willen, die zwischen ihnen bestehenden Meinungsverschiedenheiten
zum Wohle des Ganzen beizulegen. Wenn in einer Gruppe von Menschen
jeder einzelne bereit ist, dem anderen auf halbem Wege entgegenzukommen, dann wird man ganz zwangsläufig zu einer Einigung gelangen, So auch hier.
Großbritannien machte den Vorschlag, gewisse Prinzipien der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zu retten. Sie hatten die
kluge Idee, einen im Jahre 1948 zwischen England, Frankreich und
den Beneluxländern unterzeichneten Vertrag der Vergessenheit zu
entreißen. Dieser war ursprünglich gegen das Wiedererstehen eines
aggressiven Deutschlands gerichtet. Die Engländer schlugen jetzt
vor, unter Ausschuß der anti-deutschen Klausel diesen Vertrag
als Grundlage für ein Bündnis mit Deutschland zu benutzen. Dieses
neue Bündnis ist jetzt unter dem Namen Westeuropäische Union bekannt geworden. Ich werde niemals jenen historischen Augenblick
vergessen, als der englische Außenminister Sir Anthony Eden den
Entschluß der Regierung ihrer Majestät bekannt gab, die Streitkräfte des Vereinigten Königreiches in ihrer bisherigen Effektivstärke auf dem europäischen Kontinent zu belassen, falls diese
neue Union zustande kommt.
Es

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember

1954

Es war gleichfalls ein denkwürdiges Ereignis, als der Vertreter Frankreichs die deutsche Bedingung einer Nichtdiskriminierung annahm, indem er über die Aufnahme Deutschlands in die
Westeuropäische Union hinausging und dem Beitritt der Bundesrepublik in die Nordatlantikpakt-Organisation zustimmte. Deutschland seinerseits, das mehr als die anderen Länder Bedenken gegen
die Schaffung einer deutschen Nationalarmee und das Risiko eines
Wiedererwachens des Militarismus hegte, erklärte sich freiwillig
bereit, zwei spezifische Begrenzungen auf sich zu nehmen. Bundeskanzler Adenauer bekräftigte eine früher öffentlich abgegebene
Erklärung, daß Deutschland aus freiem Willen auf das Recht zur
Herstellung gewisser Waffentypen verzichten werde. Gleichzeitig
nahm er für sein Land die Verpflichtung auf sich, die im Vertrag
über die Gründung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft festgesetzten Höchstgrenzen für die Streitkräfte aufrechtzuerhalten das sind T2 Diviaionen und etwa 1 000 Plugzeuge. Und so konnte
Außenminister Dulles nach seiner Rückkehr von London sagen:
'Die Tatsache, daß all dies vollbracht wurde, ... ist ein Beweis
für die Lebenskraft der atlantischen Gemeinschaft1.
Ganz konkret betrachtet wurde damit folgendes erreicht:
Rückgabe der Machtbefugnisse eines souveränen Staates an Deutschland; Aufnahme Deutschlands in die Nordatlantikpaktorganisation;
Stärkung der Einheit Europas im Rahmen der Westeuropäischen Union.
Die Verträge, in denen diese Maßnahmen festgelegt sind, wurden
in Paris in der Zeit vom 20. bis 23. Oktober überarbeitet und
unterzeichnet. Sie bedürfen jetzt noch der Ratifizierung durch
die Parlamente der beteiligten Staaten. Das englische Unterhaus
hat ihnen bereits seine Zustimmung gegeben. Ministerpräsident
Mendes-Prance hat die Zusicherung gegeben, die Verträge der
Nationalversammlung in den ersten Tagen dieses Monats vorzulegen.
Das deutsche Kabinett hat die Verträge gebilligt. Und wenn nicht
alle Zeichen trügen, so dürfte die Ratifizierung im kommenden
Frühjahr abgeschlossen sein.
So viel zu der Frage, welche Stellung Deutschland heute
innerhalb der freien Welt einnimmt.
Man hat mich wiederholt gefragt: 'u^d was ist mit den
Deutschen?' 'Ilaben sie sich wirklich von Grund auf geändert?1
'Können wir ihnen jetzt, da sie auf ihren eigenen Füßen stehen,
wirklich vertrauen?' Angesichts der Geschichte Deutschlands
werden diese Fragen durchaus zu recht erhoben. Gewiß beschäftigen
sie das Denken vieler Menschen aus allen Lebensbereichen und an
vielen Orten und es ist durchaus wahrscheinlich, daß diese Fragen auch einigen unter Ihnen ein echtes Anliegen sind. Ich werde
sie nach bestem Wissen und Gewissen beantworten.
Ich bin kein Prophet und ich kann nicht in die Zukunft
sehen. Meine Antworten stützen sich allein auf meine Beobachtungen.
Wenn ich diese Fragen beantworte, möchte ich gewisse Parallelen zwischen den zwei Deutschlands ziehen, die ich persönlich
kenne.
Ich
- 3 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Ich hatte Gelegenheit, Deutschland und seine Menschen im
Jahre 1925 zu beobachten, das war sieben Jahre nach dem ersten
Weltkrieg. Damals ging ich nach Deutschland als junger Chemiker,
um dort acht Monate lang zu leben und zu lernen. 1950 kam ich
noch einmal kurz nach Deutschland. Und dann ging ich 1953 wiederum
nach Deutschland - das war zwischen sieben und acht Jahren nach
dem zweiten Weltkrieg. Der Gegensatz zwischen dem Deutschland der
zwanziger und der Fünfziger Jahre war erstaunlich.
Im Jahre 1925 litt Deutschland an Massenarbeitslosigkeit
und den Nachwehen seiner geradezu fabulösen Inflation kurz nach
dem ersten Weltkrieg. Friedrich Ebert, der erste Präsident der
Weimarer Republik, war vor nicht allzu langer Zeit gestorben,
und der Wahlkampf für seinen Nachfolger stand kurz vor seinem
Höhepunkt. Politische Morde, örtliche Aufstände und Straßenkämpfe
waren für das kurze und turbulente leben der Weimarer Republik
typisch.
Während meiner Reisen durch das Land traf und sprach ich
viele Leute und mußte dabei zu dem Schluß gelangen, daß sich die
Deutschen ihrer Regierung in keiner Weise verbunden fühlten. Viele
wandten sich ganz offen gegen die Prinzipien, auf denen die Repbulik
aufgebaut war, und ein guter Teil war völlig indifferent. Es war
im wahrsten Sinne des Wortes unmöglich, mit einem Deutschen politische Probleme zu diskutieren, ohne in eine endlose Debatte über
die Kriegsschuldfrage zu geraten. Das Volk wollte die Verantwortung
für jenen Krieg der Jahre 1914/18 einfach nicht anerkennen, und
zur Begründung der Niederlage zitierte man die Dolchstoß-Legende,
in der die Liberalen und Sozialisten die Rolle der Bösewichte
spielten. Man richtete den Blick stur nach rückwärts und sah die
Vergangenheit durch eine rosarote Brille.
Ende des Jahres 192 5 verließ ich Deutschland mit dem Gefühl,
daß das Gebäude der Weimarer Republik, die keinen Rückhalt im Volke
hatte, auf Sand gebaut war. Als ich im Jahre 1930 für kurze Zeit
nach Deutschland zurückkehrte, über das sich damals schon der
Schatten Hitlers breitete, befiel mich ein tiefer Pessimismus
hinsichtlich der Zukunft Deutschlands.
Achtundzwanzig Jahre nach meinem ersten Besuch und rund sieben
Jahre nach dem Untergang Hitler-Deutschlands kam ich in die Bundesrepublik Deutschland, die damals seit vier Jahren bestand und der
nächsten großen Wahl entgegensah. Es war ein lebendiges und blühendes Deutschland. Die Menschen sahen gesund aus, waren quicklebendig und gut gekleidet. Riesige Wiederaufbau-Vorhaben füllten
rasch die Lücken in den vom Kriege schwer betroffenen Städten.
Diese Erhebung aus dem absoluten wirtschaftlichen Chaos schien
unfasslich. Im Jahre 1953 erreichte der Produktionsindex 158 Punkte,
gemessen an dem Index des Jahres 1936, das allgemein als das letzte
Jahr mit normalen Wirtschaftsverhältnissen vor Ausbruch des zweiten
Weltkrieges betrachtet wird. Das Exportvolumen nahm stetig zu.
Bank- und Währungswesen waren stabil.
In
- 4 -

�"AMERIKA DIENST»

1. Dezember

1954

In den neun Jahren seit der Kapitulation hatte es in Deutschland keine Unruhen, keinen organisierten Aufstand, keine politischen Morde gegeben. Die heutige Atmosphäre unterscheidet sich
grundsätzlich von der der zwanziger Jahre. Man anerkennt allgemein
und offen die Verantwortung Deutschlands für den zweiten Weltkrieg.
Über diesen Punkt gibt es keine Diskussion mehr. Gleichzeitig will
man, mit wenigen Ausnahmen, von der Vergangenheit nichts mehr
wissen. Man wendet sich der Zukunft zu. Natürlich gibt es in
Deutschland noch einige unbelehrbare Nazis und Reaktionäre, die
Sehnsüchtig dem Pomp und der "Gloria" aus den Glanztagen Hitlers
nachhängen; aber ihr Wehklagen stößt auf wenig Gegenliebe. Ich
bin der festen Überzeugung, daß die Mehrheit der Bürger der Bundesrepublik, ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit, die Grundsätze
anerkennt, auf denen ihr Staat aufgebaut ist. Die Wahlen vom September 1953 haben dieser Überzeugung in vieler Hinsicht recht gegeben.
Im Jahre 1949 bildete Bundeskanzler Dr. Adenauer seine Koalitionsregierung mit einer recht kleinen Mehrheit in der zweiten
Kammer des deutschen Parlaments, dem Bundestag. Aus den zweiten
Bundestagswahlen am 6. September 1953 ging die Partei des Bundeskanzler Dr. Adenauers, die Christlich Demokratische Union, mit
absoluter Mehrheit hervor, während die Koalitionsparteien eine
zwei-drittel-Mehrheit errangen. Diese Reaktion der Wähler auf
die Leistungen der Regierung Adenauer, die wirtschaftliche Prosperität, die Integration Europas und einen deutschen Beitrag zur Verteidigung Europas auf ihr Programm geschrieben hatte, ist ein
treues Spiegelbild der neuen Einstellung der Deutschen und der
ganzen Atmosphäre im Deutschland von Heute. Darüber hinaus beweisen die Wahlen vom September 1953 eindeutig, daß das deutsche Volk
die Regierungsform einer auf den Prinzipien der Demokratie aufgebauten föderativen Republik unterstützt und die Extremisten der
Rechten und Linken ablehnt. Weder den Rechtsradikalen noch den
Kommunisten gelang es,in diesen Wahlen auch nur einen einzigen
Sitz im Bundestag zu erringen. Adenauer erreichte etwas, was keinem Kanzler der Weimarer Republik gelang: Ihm ist es zu danken,
daß alle größeren Parteien den neuen Staat bejah.en - ausgenommen
freilich die totalitären Elemente der Rechten und Linken.
Hier kann man fragen: Welcher Art sind denn nun die Aussichten
für eine stabile und kontinuierliche Außenpolitik dieses neuen
Deutschlands, das jetzt ein souveräner Staat werden soll?
Von Diesseits des Atlantik aus gesehen, mag vielen Amerikanern die europäische Geschichte der letzten dreißig Jahre als eine
Kette von Regierungskrisen erscheinen. Daher habe ich mit großem
Interesse vermerkt, daß das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eine wichtige Bestimmung enthält, derzufolge sich die deutsche
Regierung in ihrem Aufbau von den anderen kontinentaleuropäischen
Regierungen wesentlich unterscheidet. Ferner verhindern die von
dieser Regierung eingebrachten und vom Parlament verabschiedeten,
vom deutschen Volk unterstützten Wahlgesetze die Entstehung einer
Unaahl von Parteien und enthalten die Bestimmung, daß Parteien
nur dann im Bundestag vertreten sein können, wenn einer ihrer
- 5 -

�"AMERIKA DIENST"

'

1. Dezember 1954

ihrer Kandidaten in direkter Wahl gewählt wird oder wenn es
ihnen gelingt, mehr als 5 Prozent der Gesamtstimmenzahl in mindestens einem der Bundesländer auf sich zu vereinen. Jeder Kenner
der europäischen Geschichte weiß, daß das Bestreben sehr vieler
Parteien in mehr als einem demokratischen Staat in den Jahren
zwischen den zwei Weltkriegen die Ursache seines Zusammenbruchs war
Dies trifft insbesondere für Deutschland zu, wo die Vielzahl
der bestehenden Parteien in der Weimarer Zeit zu einer Aufsplitterung der Wählerschaft führte, so daß schließlich eine völlige
Lähmung des politischen Lebens eintrat, die Regierung sich ohne
jede Mehrheitsunterstützung im Parlament fand und das Prestige
und die Arbeitsfähigkeit des parlamentarischen Systems völlig
untergraben wurden.
Die von mir soeben erwähnte Bestimmung des deutschen Grundgesetzes lautet: Der Kanzler wird von den Mitgliedern des Bundestages - der Volksvertretung - in geheimer Abstimmung gewählt.
Ein Mißtrauensvotum gegen den Bundeskanzler wird noch nicht seinen Rücktritt bewirken; dies besagt das deutsche Staatsgrundgesetz. Der Bundestag kann ein Mißtrauensvotum nur dann mit Erfolg
durchbringen, wenn gleichzeitig eine Mehrheit für die Wahl eines
Nachfolgers zustandekommt. In den vier Jahren zwischen den Bundestagswahlen kann der Bundeskanzler auf keine andere Weise zum
Rücktritt veranlaßt werden. Bedenken Sie das angesichts der Geschichte gewisser anderer Staaten mit einer parlamentarischen Regierungsform, und Sie werden erkennen, welch weitreichende Bedeutung dieser Bestimmung zukommt. Und dann beachten Sie bitte
ferner, daß es nur sechs, aber auch wirklich nur sechs Parteien
gibt, die in der Bundestagswahl des Jahres 1953 so viele Stimmen
auf sich vereinigten, um in den Bundestag einziehen zu können.
Sie werden nunmehr das Bild eines Staates erhalten, d er sich
erheblich von dem früher in vielen Ländern Europas üblichen
Staatswesen unterscheidet. Was hat dies, vom Standpunkt der Vereinigten Staaten aus gesehen, zu bedeuten? es bedeutet, wie mir
scheint, daß wir nunmehr mit weit größerer Sicherheit auf eine
kontinuierliche Innen- und Außenpolitik der deutschen Bundesregierung zählen können.
Ich bin der festen Meinung, daß der Unterschied zwischen dem
Deutschland von Heute und dem der zwanziger Jahre nicht quantitativer sondern qualitativer Natur ist. Selbst wir in den Vereinigten Staaten haben uns seit den zwanziger Jahren in mancher
Hinsicht grundlegend gewandelt. Diese einschneidenden Änderungen
in Deutschland, in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern
der freien Welt sind natürlich lediglich Ausdruck der grundlegenden Tatsache, daß wir in einer geteilten Welt und im Atomzeitalter. Jgben.
Damit sind wir an dem tragischen Punkt des Deutschland-Problems angelangt. Das deutsche Volk empfindet die Spaltung der
Nation seit 1945 als eine schmerzliche und sein tägliches Leben
einschneidend berührende Tatsache. Die Bedingungen der Kapitulation haben im Verein mit der Unnachgiebigkeit der Sowjets dazu
- 6 -

�1. Dezember 1954

"AMERIKA DIENST"

dazu geführt, daß heute drei Deutschland nebeneinander bestehen.
Die Bundesrepublik, die den westlichen Teil des ehemaligen
Reichs umfaßt, liegt im Gebiet der britischen, französischen und
amerikanischen Besatzungszonen, in denen der größte Teil des deutschen Volkes, 50 Millionen Menschen, leben. Im Osten schließt sich
die sowjetische Besatzungszone an, in der 18 Millionen Deutsche
beheimatet sind. Tief im Herzen der sowjetischen Zone liegt Berlin, die ehemalige Hauptstadt Deutschlands, wie das ganze Land gespalten, wobei die westlichen Sektoren unter dem Schutz der drei
Westmächte stehen und in Wahrheit eine 'eine Insel der Freiheit in
einem Meer der Tyrannei' bilden.
Bisher habe ich von der Haltung und Einstellung der Bürger
der Bundesrepublik und Westberlins gesprochen und Ihnen dargelegt,
was ich mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört
habe. Was die Menschen der sowjetischen Zone über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft denken, entnehme ich den Worten derer,
die aus der Zone geflohen sind, oder zu Besuch nach Westberlin
kommen. Ich weiß, daß sie kein leichtes Los zu tragen haben. Seit
dem Tage der Kapitulation hat das Leben in der Ostzone alle Merkmale eines totalitären Staates aufgewiesen. Das bedeutet, daß eine
große Zahl der Einwohner dieses Teils von Deutschland, der von der
Gewaltherrschaft der Nazis unmittelbar unter die Tyrannei der
Sowjets kam, zu jung ist, um sich einer anderen als der totalitären Herrschaftsform zu erinnern.
Wir können natürlich nur in sehr beschränktem Umfang den
Kontakt mit diesen Menschen pflegen. Unsere wichtigste Verbindung
zu ihnen stellt unser Sender Rias dar, der Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins, der den Bewohnern der Sowjetzone 24 Stunden
am Tag von der Freiheit kündet. Rias ergänzt die Bemühungen privater Rundfunkstationen wie Radio Freies Europa, die eine gleiche
Botschaft an die anderen versklavten Völker hinter dem Eisernen
Vorhang richten. Wir haben zahlreiche Beweise dafür in Händen, daß
diese Stimmen der Freiheit auch wirklich gehört werden und die
Wertschätzung der Hörerschaft genießen. Sie knüpfen die Bande der
Freundschaft immer wieder neu und stärken die Freiheitshoffnung
von Millionen Menschen, die den Wunsch hegen, mit dem Westen vereint zu sein.
Die Menschen des von den Sowjets beherrschten Teiles Deutschlands leben in arger Bedrängnis. Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind Ausdruck des sowjetischen Versuchs, ihr System bis an
die Elbe auszuweiten. Die Arbeiter werden rücksichtslos und systematisch ausgebeutet, die Landwirtschaft wurde kollektiviert, und
Warenhäuser und Industrie weitgehend verstaatlicht. Wer von einem
Besuch aus der russischen Zone zurückkehrt, berichtet ipner wieder, wie erschreckend der Unterschied zwischen Mittel- und Westdeutschland im Hinblick auf die äußeren Lebensbedingungen ist.
Die spontane Erhebung der waffenlosen Arbeiter der Ostzone
gegen die auf Waffengewalt beruhende Autorität des Polizeistaates
im Juni vergangenen Jahres beweist eindeutig, daß diese Menschen den
Mut haben, der Unterdrückung die Stirn zu bieten. Die Tatsache,daß
- 7 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

daß während der vergangenen vier Jahre mehr als vier Millionen
Menschen aus der sowjetischen Zone geflohen sind, unterstreicht
die Härte des Lebens in der sogenannten 'deutschen demokratischen
Republik'. Die Zahl der Flüchtlinge hat im vergangenen Jahr erheblich abgenommen - aber dennoch wird die Bundesrepublik, in der jeder fünfte ein Flüchtling ist, durch den ständigen Zustrom von
wöchentlich 3 - 4000 Heimat- und arbeitslosen Menschen vor ein
schwieriges Problem gestellt.
Angesichts dieses chronischen Flüchtlingsproblems und unter
Berücksichtigung der Tatsache, daß Westdeutschland im Jahre 1945
weitgehend in Schutt und Trümmern lag, ist der wirtschaftliche
Wiederaufstieg und der ständige Fortschritt bemerkenswert. Die
Deutschen haben Hilfe bekommen, vor allen Dingenron den Vereinigten Staaten; aber wir können ihren Willen und ihre Fähigkeit, sich
selbst zu helfen, gar nicht hoch genug einschätzen. Die Deutschen
selbst sind geneigt, Unterstützung durch die USA als den entscheidenden Faktor für ihren Wiederaufstieg zu bezeichnen. So
sagte mir jüngst ein höherer Bundesbeamter:
•Es ist richtig, wir Deutschen arbeiten hart; aber das ist
nicht das wichtigste. Als erstes wäre die Währungsreform im Jahre
1948 zu nennen. Sie gebot der Inflation Einhalt. Wir verdanken
es den Besatzungsmächten, daß wir heute eine stabile Währung haben. Weiter hatten wir von Anfang an die Hilfe der Amerikaner
und den Marshall-Plan, der es uns ermöglichte, die Industrie und
unsere Städte wieder aufzubauen. Noch nie zuvor in der Geschichte
hat ein Volk, das einen so totalen Sieg errungen hatte, seine
Einstellung so rasch gewandelt und so viel für die Besiegten getan, die den Krieg begonnen hatten'.
Die Deutschland-Politik der amerikanischen Regierung trägt
heute Zinsen in Form von Freundschaft und Vertrauen. Die Produktion der westdeutschen Industrie steigt ständig, und das Land
blüht. Die Deutschen haben in all den Jahren nach dem zweiten
Weltkrieg hart und lange gearbeitet, um diesen Wohlstand zu
erreichen, und sie erfreuen sich dieser erneuten Prospherität,
ohne großen Lärm darum zu machen. Das kulturelle Leben blüht in
einer Atmosphäre der Toleranz und Freiheit.
Geistig sowohl als auch menschlich strecken sie Fühler nach
anderen Ländern aus. In dem Chaos der Nachkriegszeit begeisterte
sich die deutsche Jugend, vom Nationalsozialismus betrogen und
selbst des gewöhnlichen Nationalgefühls überdrüssig, für den
Europagedanken, für ein vereintes Europa. In dieser Idee fanden
sie ein I^eal, an das sie glauben und für das sie sich einsetzen
konnten. Jeder, der in den zwanziger Jahren ernsthaft von einem
Vereinten Europa gesprochen hätte, wäre als Fanatiker und Phantast verspottet worden. Aber ganz allgemein hat jetzt das deutsche
Volk schon seit Jahren nüchtern erkannt, daß ein Zusammenschluß
mit Westeuropa notwendig ist, und es ist sich ebenso uneingeschränkt der Tatsache bewußt, daß eine Annäherung zwischen ihm und
Frankreich der Schlüssel für eine europäische Zusammenarbeit war
und ist. Im großen und ganzen hat das deutsche Volk bei all den
Verzögerungen und Hindernissen im Verlaufe der Entwicklung, die
- 8 -

�I

"AMERIKA DIENST"

,

1. Dezember 1954

die zu den kürzlich abgeschlossenen Pariser Verträgen führte,
Geduld und Zurückhaltung gezeigt.
Deutschland sowohl wie wir werden auch in Zukunft noch immer
dem ungelösten Problem der deutschen Wiedervereinigung gegenüberstehen. Die deutsche Opposition, die sozialdemokratische Partei,
steht auf dem Standpunkt, die Wiedervereinigung müsse einer
Wiederaufrüstung vorausgehen, und ein Bündnis und Zusammenschluß
mit den Nationen des Westens werde die Bemühungen um den Zusammenschluß mit der sowjetischen Zone und ihren 11 Millionen Menschen komplizieren, wenn nicht sogar völlig aussichtslos machen.
Sie sagt, man müsse erst einmal mit den Russen ins Gespräch
kommen und sich der Wiederbewaffnung entgegenstellen bis derartige
Verhandlungen geführt wurden, worauf Bundeskanzler Adenauer antwortete» 'Wir haben das im Januar und Februar in Berlin versucht..
Wie kommen Sie darauf, daß die Sowjets jetzt mehr Vernunft zeigen
werden?' In der Tat besteht zwischen der Haltung der Westmächte
und der Einstellung der deutschen Bundesregierung darüber Einigkeit, daß schlecht vorbereitete und vorzeitige Verhandlungen mit
der sowjetischen Regierung die Sache der deutschen Einheit nicht
nur nicht fördern sondern ihr sogar schaden können.
Von Freunden hier in Amerika wurde ich gefragt: 'woher
wissen sie, daß ein wiederbewaffnetes Westdeutschland nicht den
Versuch unternimmt, die sowjetische Zone mit Gewalt zurückzugewinnen? '
Es ist wohl kaum vorstellbar, daß ein Deutscher ernstlich
mit dem Gedanken spielt, mit einer aus nur 12 Divisionen bestehenden deutschen Streitmacht einen Angriff gegen die Sowjetunion
zu beginnen. In Wirklichkeit sind der Bundeskanzler und die
Mehrheit des deutschen Volkes davon überzeugt, daß ihre Hoffnung
auf Wiedervereinigung in einem vereinigten Europa liegt, das
stark genug ist, 'vernünftige' Gespräche mit den Russen in Gang
zu bringen. Jedenfalls hat der Kanzler im Namen der Bundesregierung wiederholt innerhalb und außerhalb Deutschlands zum
Ausdruck gebracht, daß Deutschland auf die Anwendung von Gewalt
als Mittel zu seiner Wiedervereinigung verzichtet. Dieser Verzicht
auf Gewaltanwendung ist auch in den in Paris unterzeichneten Verträgen niedergelegt; er ist ebenso Teil der gemeinsamen Erklärung
Präsident Eisenhowers und des Bundeskanzlers, die nach Abschluß
ihrer Washingtonter Gespräche herausgegeben wurde. Es heißt dort:
•Wir halten die Forderung nach einem in Freiheit wiedervereinten Deutschland für eine berechtigte Forderung des deutschen
Volkes. Wir sind uns darüber einig, daß dieses Ziel nur mit
friedlichen Mitteln erreicht werden soll. Wir sind von der Notwendigkeit überzeugt, unsere Bemühungen zur Verwirklichung dieses
Zieles fortzusetzen, und stimmen darin überein, daß diese Bemühungen von den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
Deutschland zusammen mit den Regierungen des Vereinigten Königreichs und'Frankreichs unternommen werden'.
, ,
Auch

- 9-

�&lt;

"AMERIKA DIENST"

l. Dezember 1954

Auch bei der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands zu
helfen, war von Anbeginn der Besetzung das erklärte Ziel der
amerikanischen Regierung. Auf der Berliner Konferenz appellierte
der amerikanische Außenminister an die anderen Besatzungsmächte,
dieser tragischen Teilung Deutschlands ein Ende zu bereiten.
Und wieder wies die Sowjetregierung den Vorschlag der Westmächte
zur Herstellung der deutschen Einheit durch freie Wahlen zurück
und brachte ihrerseits einen Gegenplan vor? nach dem offensichtlich die kommunistische Herrschaft auf die 50 Millionen Deutschen
der Bundesrepublik ausgedehnt werden sollte. Westdeutschland
kommt nicht in Versuchung, sich die Einheit um den Preis der
Freiheit zu erkaufen. Die Deutschen im Osten wünschen keine Wiedervereinigung unter Bedingungen, die ihre Freunde und Verwandten
jenseits der Zonengrenze dem gleichen bedauernswerten Dasein
aussetzen würden, das sie führen müssen. Die letzte Antwort auf
die Frage der Wiedervereinigung wird die Zukunft bringen.
Nach meiner Ansicht machen die in London und Paris getroffenen Vereinbarungen eine der eindrucksvollsten Niederlagen aus,
die die Sowjetunion in dem nun schon so lange andauernden Kalten
Krieg hinnehmen mußte. Indem wir unter uns Einigkeit erzielten,
durchkreuzten wir die Absicht der Sowjets, unter den westlichen
Alliierten Mißtrauen zu säen und sie daran zu hindern, sich
zusammenzuschließen. Wir erbrachten den Beweis für die Unrichtigkeit und Nutzlosigkeit einer Politik, die auf dem Grundsatz des
•Divide et Impera' aufgebaut ist und den unnatürlichen Zustand
der Schwäche dadurch zu verewigen sucht, daß sie politisch reife
und selbständige Völker in offener Mißachtung ihrer nationalen
Interessen für immer geteilt sehen möchte. Es erscheint mir durchaus vernünftig, daß eine immer besser harmonierende und immer
enger zusammenarbeitende Organisation der Staaten Westeuropas
zum Schutze ihrer gemeinsamen Sicherheit und Förderung ihres
Wohlstandes durchaus in der Lage ist, die sowjetische Strategie
zu erschüttern. Ich bin überzeugt, daß die Westeuropäische Union,
ist sie erst einmal verwirklicht, nicht nur die Position der
freien Welt stärken sondern auch ihre Gegner zwingen wird, der
neuen Situation bei der Formulierung der eigenen Pläne unbedingt
Rechnung zu tragen.
Zum Abschluß möchte ich noch einmal auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen zurückkommen. Ich glaube, daß sie im wahrsten
Sinne des Wortes freundschaftlich und zufriedenstellend sind.
Vom deutschen Volke wird das, was wir in Deutschland geleistet
haben, wirklich anerkannt. Noch wichtiger sind die Bande des Verstehens und der persönlichen Freundschaft, die durch das Austauschprogramm geknüpft werden. Im Rahmen dieses Programms konnten
über 10 000 Deutsche aus den verschiedensten Lebensbereichen die
Amerikaner in ihrem privaten Leben kennenlernen und sich selbst ein
Urteil über unser Land und unsere Lebensweise bilden. Dann gibt
es die über die ganze Bundesrepublik und Berlin verteilten "U.S.
Information Centers". Diese haben sich zu echten Mittelpunkten des
Gemeinschaftslebens entwickelt und sind so sehr zu einem Teil des
täglichen Lebens in Deutschland geworden, daß man dort niemals
- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

•niemals ihre offiziellen Titel gebraucht. Sie heißen einfach
"Amerika Häuser", dieser Name ist ihnen von den Deutschen selbst
aus einem Gefühl der Zuneigung und der Anerkennung heraus gegeben
worden.
Eine große Beruhigung ist die Tatsache, daß sich in den vergangenen Jahren ein deutlicher Wandel in den Beziehungen zwischen
der deutschen Bevölkerung und unseren Truppen vollzogen hat.
Wie mir zahlreiche Deutsche erklärten, gelten unsere Streitkräfte
seit einiger Zeit als Besatzungstruppen nur noch »auf dem Papier',
in Wirklichkeit aber waren und sind sie Verteidigungstruppen.
Die Einwohner Berlins waren wahrscheinlich die ersten, die in
unseren Soldaten Verteidiger sahen, damals in der Zeit der sowjetischen Blockade und der Luftbrücke. Wenn ich jetzt mit dem Stander des Hochkommissars an meinem Wagen durch West-Berlin fahre,
bilden sich häufig Gruppen, die mir freundlich zuwinken. Über
diesen Beifall freue ich mich um so mehr, als er nicht meiner
Person, sondern vielmehr der Nation gilt, die ich vertrete.
Die Berliner wissen eben, daß, wären wir nicht da, die Russen
in Berlin sein würden.
Eine kürzlich in der ganzen Bundesrepublik durchgeführte
Meinungsbefragung ergab, daß 6 von 10 Personen der Ansicht waren,
die Beziehungen zwischen der deutschen Bevölkerung und den amerikanischen Streitkräften hätten 3ich gebessert; ebenso bezeichneten
6 von 10 Befragten das Verhalten der Truppen als •gut'j und nur
einer unter 25 nannte es schlecht. Im allgemeinen führen die
Deutschen diese Besserung des Verhältnisses auf die größere
gegenseitige Achtung und das wachsende Verständnis für einander
beim näheren Kennenlernen, auf die Großzügigkeit der Amerikaner
und ihr Mitgefühl für Menschen in Not, sowie auf häufigere freundschaftliche Kontakte von Mensch zu Mensch zurück.
Auf Grund meiner eigenen persönlichen Verbindungen in Deutsch
land weiß ich, daß der vom Senat im Juli einstimmig angenommene
Beschluß zu Gunsten der Wiederherstellung der deutschen Souveränität von den Deutschen mit großer Befriedigung aufgenommen wurde.
Ich bin überzeugt, daß der von Außenminister Dulles und Bundeskanzler Dr. Adenauer am 29. Oktober unterzeichnete Preundschafts-,
und Handels- und Schiffahrtsvertrag in angemessener Weise die
Anerkennung der neugewonnenen Souveränität Deutschlands seitens
der Vereinigten Staaten zum Ausdruck bringt und willkommene Gelegenheit bot, den Rahmen normaler konstruktiver Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu erweitern.
Deutschland ist nicht mehr unser Schützling oder Mündel,
aber wir haben auch weiterhin ein lebhaftes und tiefverwurzeltes
Interesse am Wohlergehen des neuen Deutschlands. Und noch für
geraume Zeit wird die Zukunft der Demokratie in Deutschland in
hohem Maße davon abhängen, daß wir ständig unser aktives. Interesse
zeigen. Wir können einen Beitrag leisten, indem wir private Investitionen unterstützen, das Austauschprogramm fortsetzen und den

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

den kulturellen Austausch fördern. Wir können dadurch helfen, daß
wir die Schwierigkeiten begreifen, die sich aus der Teilung
Deutschlands und der Trennung seiner Bevölkerung ergeben, und
versuchen, diese Schwierigkeiten zu verringern.
Wenn wir die Deutschen unterstützen und ihnen helfen, ihre
Selbstachtung und Unabhängigkeit zu bewahren, so wie wir ihnen
helfen, sie sich wieder zu erwerben, dann, so glaube ich, kommt
der Tag, an dem ein wiedervereinigtes Deutschland eines der
ersten Mitglieder der Gemeinschaft der freien Nationen sein wird,"

•

*

#

- 12 -

*

*

�A M E R I K A

E N S T

HOCHKOMMISSAR DR. JAMES B. CONANT: WIR MÜSSEN AUF DIE
DEMOKRATISCHEN KRÄFTE IM DEUTSCHEN VOLK VERTRAUEN
CHICAGO — (Amerika Dienst) — Nachstehend
übermitteln wir Ihnen den Wortlaut einer Ansprache, die der amerikanische Hochkommissar für
Deutschland, Botschafter Dr. Conant, auf einem
anläßlich der Bundesstaaten-Konferenz veranstalteten Bankett am 2. Dezember 1954 in Chikago
gehalten hat.
Die freie Welt hat in den letzten Monaten eine große Krisis durchgemacht. Aber schließlich hat ein außerordentlich verwickelter Fragenkomplex, der bisher ausweglos erschien, seine
Lösung gefunden. Diese' Lösung wird, wie wir hoffen, den Gang
der Geschichte in der unmittelbaren Zukunft bestimmen. Ich begrüße daher die Gelegenheit, Ihnen über diese Ereignisse zu
berichten und Ihnen insbesondere ihre Bedeutung für die Zukunft
Deutschlands zu erläutern. Die amerikanische Regierung vertritt
seit langem die Auffassung, daß die Einbeziehung Deutschlands
in die Verteidigung des Westens notwendig sei, wenn diese Verteidigung wirksam sein sollte. Die Geschichte gibt uns aber
eine ganze Reihe warnender Beispiele dafür, daß die Wiedererweckung der deutschen Stärke mit geteilten Risiken verbunden
ist. Welche Sicherheiten, sofern es solche überhaupt gibt,
kann das amerikanische Volk haben, daß diese Risiken nicht zu
groß sind und unsere Arbeit für die Zukunft gefährden?
Ich möchte heute abend versuchen, Ihnen die Antwort auf
diese und andere Fragen zu geben, die Sie, wie ich mir gut
vorstellen kann, bei der Betrachtung der jüngsten internationalen Entwicklungen bewegt haben. Wie sieht denn nun eigentlich
diese Bundesrepublik aus, mit der wir es zu tun haben? Inwie-'
weit gleicht das neue Deutschland dem Deutschland der Vergangenheit? Können wir die Umrisse eines aus den Nöten und Ungewissheiten dieser Nachkriegszeit langsam aufsteigenden neuen Deutschlands erkennen? Oder sollten wir dieses Land auch weiterhin nach
dem Bilde der Vergangenheit beurteilen? Und insbesondere, da.es
nun eine beschlossene Sache ist, daß die Bundesrepublik Deutschland eine Nationalarmee haben soll - welche Aussichten bestehen,
daß diese deutsche Nationalarmee, die sich in der Vergangenheit
als so gefährlich erwiesen hat, nunmehr das Werkzeug für eine
- 1 -

�"AMERIKA DIENST"
1. Dezember 1954
eine friedliche, demokratische Entwicklung in Deutschland und
Europa sein wird, und nicht die Ursache neuer Kriege?
Die drei Deutschland
Darf ich hier zunächst einige Augenblicke dabei verweilen,
um Sie an gewisse simple Tatsachen über Deutschland zu erinnern.
Wenn wir heute von Deutschland sprechen, müßten wir eigentlich von
drei Deutschland sprechen, nämlich 1. von der Bundesrepublik Deutschland, die das Gebiet der früheren britischen, französischen und
amerikanischen Besatzungszonen umfaßt, 2. von der Sowjetzone im
Osten, die gegenwärtig von einem kommunistischen Marionettenregime
beherrscht wird, und ~$. Berlin, jener Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, die in das freie Westberlin und das versklavte Ostberlin geteilt ist. Und diese ehemalige Hauptstadt Deutschlands ist nur eine
kurze Wegstrecke von jenem Teil Deutschlands entfernt, der jetzt unter polnischer Verwaltung steht.Die Bundesrepublik entstand, wie sie
sich erinnern werden, im Jahre 1949 als das Ergebnis gemeinsamer Bemühungen seitens der drei Westmächte, nachdem sich eindeutig gezeigt hatte, daß unsere Versuche, eine Einigung auf Vier-MächteBais zu erzielen, endgültig zum Scheitern verurteilt waren.Unser
Beschluß, einen freien Staat zu schaffen und eine Währungsreform
durchzuführen, wurde mit der Blockade Berlins beantwortet. Wir haben diese Blockade gebrochen. Dank des Mutes und der Standhaftigkeit General Clays, Dank der Hilfe unserer Alliierten und insbesondere
dere Dank des unbeugsamen Geistes der Berliner.
Die Berliner Blockade bedeutete in gewissem Sinn das Ende eines
Abschnitts in der Besetzung Deutschlands. Kurz darauf erfolgte die
Gründung der Bundesrepublik mit einer aus freien Wahlen hervorgegangenen zweiten Kammer, dem Bundestag und Professor Theodor Heuss
als Staatspräsident und dem früheren Ober-Bürgermeister von Köln,
Konrad Adenauer, als ersten Kanzler. Die Entwicklung der Folgezeit
ist so allgemein bekannt, daß ich mir Einzelheiten hierüber sparen
kann. Es möge genügen, wenn ich feststelle, daß der ganze Prozeß
des Wiederaufbaus sehr treffend als ein von Menschen bewirktes
"Wunder" bezeichnet wird. Ein "Wunder", zweifellos eingeleitet durch
die Hilfe von außen, aber dennoch erst vollendet durch die Initiative und Auedauer von Männern und Frauen, die in ihrer Entschlossenheit, erneut zu wirtschaftlicher Sicherheit und Stärke zu gelangen,
zusammenstanden wie kaum je zuvor.
Die politische Krise und ihre Lösung
Ich möchte hier jedoch nicht bei der wirtschaftlichen und
industriellen Entwicklung Deutschlands verweilen. Das Interesse der
Öffentlichkeit scheint sich heute in erster Linie auf die jüngsten
politischen Ereignisse zu konzentrieren. Lassen Sie mich hier zunächst kurz einen geschichtlichen Überblick geben und einige
unserer vorausgegangenen Maßnahmen skizzieren. Im Jahr 1949 hatten
sich zwölf Staaten in Europa und Nordamerika ein System der kollektiven Sicherheit, die Nordatlantikpakt-Organisation, gegeben und
hatten begonnen, ihre militärische Verteidigung wieder aufzubauetis,
aber diese nationalen Verteidigungssysteme waren beängstigend
schwach, da die den NATO-Ländern
für

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

für einen raschen Ausbau der Verteidigungsstärke zur Verfügung
stehende Wirtschaftskapazität sehr eng begrenzt war. Aus der
Furcht heraus, daß auf den Angriff auf Korea ein Angriff auf
Europa folgen könnte, vereinbarten die NATO-Staaten die unter
großen Opfern vorgenommene Verdoppelung ihrer Verteidigungsanströngungen; sie begannen sich aber auch nach zusätzlichen
Möglichkeiten zur Ausfüllung des militärischen Vakuums umzusehen.
Es war nur natürlich, daß man dabei auch das gewaltige Kräftepotential des wiederaufsteigenden Deutschlands ins Auge faßte.
Deshalb schlug die amerikanische Regierung auf der Tagung des
Nordatlantik-Rates im September 1950 vor, der Bundesrepublik
zu gestatten, einen militärischen Beitrag zur Verteidigung des
Westens zu leisten.
Wenn auch alle NATO-Mitgliedstaaten die Notwendigkeit eines
deutschen militärischen Beitrags anerkannten, so hatten einige
doch Befürchtungen hinsichtlich eines möglichen Wiederauflebens
des militaristischen Nationalismus in Deutschland. Es ist nur
natürlich, daß Prankreich die größten Bedenken vorbrachte. Die
Haltung Prankreichs ist durchaus verständlich, selbst wenn wir
sie nicht immer billigen können. Prankreich hat in nicht einmal
100 Jahren drei erbitterte Kriege mit Deutschland geführt. Deshalb bestand die französische Regierung, die gemeinsam mit den
übrigen NATO-Staaten das Prinzip eines deutschen militärischen
Beitrags guthieß, darauf, daß ein solcher Beitrag in einer Form
gegeben werde, die - ohne Deutschland dabei irgendwie zu diskriminieren - die sichere Gewähr dafür bietet, daß die deutschen
Streitkräfte niemals wieder den Frieden und die Sicherheit
Europas gefährden. Nach Prüfung verschiedener zur Erreichung
dieses Ziels geeignet erscheinender Methoden machten die Franzosen den Vorschlag, daß Deutschland seine Streitkräfte mit
denen von fünf weiteren westeuropäischen Staaten in einer gemeinsam, unter übernationaler Kontrolle stehenden europäischen
Armee verschmelzen solle. Nach diesem Plan sollten die nationalen
militärischen Befugnisse Prankreichs, Italiens, Deutschlands und
der Benelux-Staaten auf eine nach föderativen Grundsätzen gestaltete Europäische Verteidigungsgemeinschaft übertragen werden,
die dann für den Aufbau und den Unterhalt gemeinsamer bewaffneter
Streitkräfte mit einer einheitlichen Befehlsstruktur, einem
gemeinsamen Budget und einem gemeinsamen Beschaffungssystem 8orge
tragen würde. Im Zusammenhang mit diesen Plänen hatte man sich auch
dahingehend geeinigt, daß die Besetzung der Bundesrepublik beendet und dem Land die Souveränität zurückgegeben werden solle, mit
Ausnahme von Beschränkungen auf militärischem Gebiet, die aber
auch die anderen fünf Mitgliedstaaten der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft gleicherweise auf sich nehmen sollten.
Im Mai 1952 wurden die beiden diesbezüglichen Verträge unterzeichnet; der eine, der unter dem Namen Pariser Vertrag bekannt
wurde, galt der Schaffung jenes etwas komplizierten Systems der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, der andere, als Bonner
Vertrag bekannt, sah die Beendigung der Besetzung und die Wiederherstellung der deutschen Souveränität vor. Vom Mai 1952 bis zum

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

zum 31. August dieses Jahres lagen die beiden Verträge auf Eis
angesichts der noch nicht vollzogenen Ratifikation seitens der
parlamentarischen Körperschaften Frankreichs und anderer europäischer Staaten. Zur Ratifikation durch Prankreich sollte es
überhaupt nicht kommen.
In der Zwischenzeit Jedoch hatte sich mit der Idee der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht nur in Deutschland,
sondern auch in anderen Staaten ein neues Denk- und Begriffssystem herausgebildet. Die Bewegung für ein vereintes Europa begann, eine eigene Schwungkraft zu entwickeln. Die Anhänger der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft - und glauben Sie mir,
daß es sich bei dieser Anhängerschaft sowohl in Deutschland als
auch in Prankreich, in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien um einflußreiche Kreise handelte, die ihre Sache mit Kraft
und Beharrlichkeit verfochten - versicherten, die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft sei Teil eines allgemeinen Prozesses
der Integration, der alle europäischen Nationen einschließen und
mehr als nur die militärischen Lebensbereiche umfassen sollte.
Der bereits früher unternommene Versuch einer Zusammenfassung
gewisser wirtschaftlicher Hilfsquellen in der europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl - dem sogenannten Schuman-Plan wurde lediglich als der erste Schritt zur Herstellung der Einheit
Europas betrachtet. Die Europäische Verteidigungsgemeinschaft
war der zweite Schritt in dieser Richtung. Darüber hinaus sprach
man offen und zuversichtlich von der nach vorausgehenden Wahlen
zu gründenden europäischen politischen Gemeinschaft mit einer
europäischen Versammlung. Aber während die Diskussionen um dieses
Projekt weitergeführt wurden, verschlechterten sich die Aussichten
für die Europäische Verteidigungsgemeinschaft immer mehr, bis
sie schließlich einen parlamentarischen Tod in der französischen
Nationalversammlung starb.
Wir sahen uns im September dieses Jahres einer außerordentlich schwierigen Situation gegenüber, nicht nur die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft war gescheitert, sondern auch das Schicksal der Bonner Verträge, die Wiederherstellung der deutschen Souveränität war fraglich geworden. Vor knapp zwei Monaten standen
wir vor der Notwendigkeit, einen Alternativplan für die Europäische
Verteidigungsgemeinschaft zu entwickeln und gleichzeitig das umfangreiche Bonner Vertragswerk neu auszuhandeln. Es sah so aus,
als hätten wir eine langwierige Aufgabe vor uns, an der wir, gemessen nach den uns zur Verfügung stehenden Vergleichsmaßstäben, vielleicht sechs Monate, vielleicht ein Jahr oder gar noch länger zu
arbeiten haben würden. Hätte damals jemand mit mir eine Wette darauf abschließen wollen, daß in etwa sechs Wochen in Paris der
gleiche französische Premierminister namens der gleichen Regierung
mit den Vertretern anderer Nationen einen Vertrag unterzeichnen
würde, mit dem die Bundesrepublik Deutschland nicht nur in das
europäische Verteidigungssystem, sondern auch in die Nordatlantikpakt-Organisation eingegliedert würde - eine vielen französischen
Politikern und führenden Kreisen anderer Länder unvorstellbare
Möglichkeit - und daß es zur gleichen Zeit möglich sein würde,
das Äquivalent des vollkommen neu ausgehandelten Bonner Vertragswerkes zu signieren, so hätte ich jeden Betrag dagegen gesetzt.
Ich brauche hier nicht weiter darauf zu verweisen, daß ich mein
Geld verloren hätte, denn genau das traf ein.
- 4 -

�"^MERIKA

DIENST"

1. Dezember 1954

Rückblickend können wir heute sagen, daß unsere Befürchtungen falsch waren, da keiner von uns in Europas kritischster
Stunde versagte. Die Vertreter der europäischen Staaten und der
USA in London und Paris zeigten sich der Situation gewachsen.
Vor die Alternative gestellt, einzeln zugrundezugehen oder gemeinsam in Sicherheit zu leben, trafen sie eine Anzahl entscheidender Maßnahmen, die noch einen Monat zuvor völlig indiskutabel erschienen. Die Ereignisse bewiesen jedoch, daß die
Nationen des Westens in der Stunde der Gefahr ihre nationalen
Interessen hintanstellen können.
Erstens stimmte Prankreich, das sich einer integrierten
europäischen Armee widersetzt hatte, der Gründung einer deutschen Nationalarmee zu und erklärte sich ferner einverstanden,
daß diese deutsche Armee ohne jegliche Diskriminierung als
Kontingent in die NATO-Streitkräfte aufgenommen wird.
Als zweites machte Bundeskanzler Dr. Adenauer ein entscheidendes Angebot, als er erklärte, Deutschland verzichte auf freien Stücken auf das Recht, gewisse Waffentypen herzustellen. Obschon bestimmte Anzeichen darauf hindeuteten, daß es zu einer
solchen Verpflichtung kommen würde, war sie doch niemals formell unterbreitet worden. Was die Bedeutung des Angebotes von
Bundeskanzler Dr. Adenauer noch erhöhte, waren der Zeitpunkt,
an dem es gemacht wurde, und der Geist, in dem es gehalten war.
Denn der Kanzler wies darauf hin, daß Deutschland in keiner
Weise eine Erhöhung der ihm im Rahmen der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft zugestandenen Rüstungen und Truppenstärke
erstrebe - das waren zwölf Divisionen und etwa über tausend
Flugzeuge -. Dieses Angebot des Kanzlers hatte, wie sie
leicht ersehen werden, weitreichende politische Polgen. Damit
wurde ein für alle Mal und von vornherein jeder künftigen Anschuldigung oder Klage, man habe die Rechte Deutschlands als
Mitgliedstaat verletzt, der Boden entzogen. Es war die Bundesrepublik, und nicht etwa ein anderer auf der Konferenz vertretener Staat, die eine Modifizierung des deutschen Wehrbeitrages
vorschlug.
Als drittes ist das historische Angebot von Sir AnthonyEden zu nennen, die gegenwärtig auf dem Kontinent stationierten
britischen Streitkräfte in voller Stärke dort zu belassen,
ferner das Angebot auf Beitritt zu einem neuen Bündnis, das
sich auf einen im Jahr 1950 unterzeichneten Vertrag gründet
und sich L gruxfrllegefliS' von allen
Verpflichtungen unterscheidet, welche Großbritannien im Zusammenhang mit der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft«eingegangen war. Es bedarf keiner
weiteren Worte, um festzustellen, daß das britische Angebot
das ganze Klima der Konferenz veränderte und vielleicht mehr
als irgend ein anderes Geschehnis dazu beitrug, daß die
Londoner Zusammenkunft ein Erfolg wurde.
Diese

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Diese drei Faktoren also - die unverzügliche und konstruktive
Kursänderung Frankreichs, die selbstlose Konzession Deutschlands
und die bedeutsame Abkehr Großbritanniens von einem bisher als
unverrückbar angesehenen Grundprinzip seiner traditionellen Politik - ebneten letztlich den Weg zur Einigung. Und schließlich muß
ich noch der außerordentlichen Wirkung Erwähnung tun, die das Angebot des amerikanischen Außenministers in London hervorrief, dem
Präsidenten für den Fall, daß alle Vorschläge verwirklicht würden,
die Abgabe einer Garantieerklärung bezüglich der Stationierung
amerikanischer Streitkraft« in Europa zu empfehlen, ähnlich jener,
die er in Zusammenhang mit dem Vertrag über die Gründung der
Europäischen Verteidigungsgemeinschaft abgegeben hatte.
Diese konstruktiven Beiträge der Konferenzteilnehmer wurden,
so mächte man fast sagen, durch ein allgemeines Gefühl auf das
eindringlichste bestätigt, daß irgend etwas unternommen werden
müßte - und zwar in größter Eile -, da sonst einige jener Möglichkeiten, von denen man in den Korridoren flüsternd sprach, sehr
leicht Wirklichkeit werden könnten. Ich brauche wohl kaum zu sagen,
daß jene Möglichkeiten ihre Rückwirkungen unter anderem auch auf
die zukünftige Rolle der Vereinigten Staaten in Europa gehabt
hätten.
So angehaucht vom Atem der Geschichte wurde die Konferenz von
London und später die Zusammenkunft von Paris ein voller Erfolg.
In außerordentlich kurzer Zeit wurde Übereinstimmung in allen
noch strittigen Punkten erzielt, einschließlich einiger sehr verwickelter Probleme hinsichtlich der Beendigung de,s Besatzungsregimes in der Bundesrepublik Deutschland. Das Unerwartete, das
Unvorhergesehene trat einj die Verträge wurden von allen Konferenzteilnehmern unterzeichnet. Und jetzt bleibt nur noch ihre Ratifizierung durch die jeweiligen Länderparlamente abzuwarten.
Die Bedeutung der Pariser Verträge
Lassen Sie mich unter Berücksichtigung der von mir geschilderten Vorgänge die Bedeutung der verschiedenen Verträge darlegen,
die am 23. Oktober in Paris unterzeichnet wurden. Mit ihrem Inkrafttreten wird das Besatzungsregime in Westdeutschland zu Ende gehen.
Sie werden
der Bundesrepublik die volle Autorität eines souveränen Staates zurückgeben. Und durch sie wird das Land Mitglied
der neugeschaffenen Westeuropäischen Union sowie auch der atlantischen Gemeinschaft werden.
Jedermann, der sich mit Geschichte befaßt, wird erkennen,
daß dies eine Entwicklung ist, die in ihren politischen Möglichkeiten kaum überschätzt werden kann. Falls es überhaupt noch weiterer Beweise für die Bedeutung dieser Verträge bedarf, so brauchen wir nur auf die jüngsten sowjetischen Noten zu verweisen,
von der Panik diktierte Versuche der Sowjetregierung, die Ratifizierung der Verträge unter allen Umständen zu verhindern. Unbekümmert um den wahren Sachverhalt, wie die Sowjets nun einmal
sind, haben sie die Übereinkommen als gegen die Sowjetunion gerichtete aggressive Verträge angegriffen. Das ist eine bewußte
Verfälschung unserer Absichten. Präsident Eisenhower hat dargelegt,

�"AMERIKA KIENST"

1. Dezember 1954

dargelegt, daß "in diesen Verträgen die seit Jahren unternommenen Bemühungen kulminieren, eine engere Zusammenarbeit in Fragen
der Sicherheit zwischen den Nationen Westeuropas herbeizuführen
und einen Weg dafür zu finden, das große Kräftepotential der
Bundesrepublik mit dem der freien Welt auf solche Weise zu vereinigen, daß die Freiheit und der Grundsatz der gleichen Behandlung für das deutsche Volk gewahrt und gleichzeitig die Gefahr
eines Wiederauflebens des deutschen Militarismus vermieden wird."
Außenminister Dulles betonte, daß diese Verträge nicht dem Zweck
dienen:, die gegenwärtigen Spannungen zu erhalten und alten
Konflikten immer wieder neue Nahrung zu geben, sondern dem
Ziele, "eine so weitgehende Einigung vor allem auf militärischem
Gebiet herbeizuführen, daß es den westeuropäischen Nationen sowohl militärisch unzweckmäßig als auch politisch unwahrscheinlich erscheinen muß, daß diese militärischen Streitkräfte gegeneinander oder gegen irgendein anderes Land eingesetzt werden,
es sei denn zum Zwecke der reinen Verteidigung." Aber es trifft
auch zu, wie Außenminister Dulles weiter sagte, daß die Notwendigkeit einer Einigung mit den neuen Gefahren zusammentraf, die
"sich aus der expansionistischen, von weltweiten Bestrebungen
des Sowjetkommunismus inspirierten und von einer ungeheueren
Streitkraft gestützten russischen Politik ergaben,"
Das Ausmaß des Erfolges von London und Paris können vielleicht nur diejenigen völlig erfassen, die sich vor knapp drei
Monaten der erschreckenden Aussicht gegenüber sahen, daß Europa
in sich uneins und nicht im Stande sein werde, sein koordiniertes Kräftepotential in das System der westlichen Verteidigung
einzubauen. Jene Tage gegen Ende des Monats August, als die
Europäische Verteidigungsgemeinschaft begraben wurde, waren
Tage des Schreckens. Die Einheit der europäischen Nationen war
in Gefahr, zu zerbrechen, und damit auch die militärische Sicherheit der Vereinigten Staaten. Aber bis zum 23. Oktober war
es uns gelungen, die Grundlagen für ein "neues System der Sicherheit und Einheit" zu finden, das unserer Meinung nach eine Garantie für die Erhaltung des Friedens und der Sicherheit darstellt.
Ich war Zeuge dieser gewichtigen Entscheidungen - und ich
kann den europäischen Nationen für ihr Wissen um die Dringlichkeit der Sache, für ihren Weitblick und für ihre Opferbereitschaft, ebenso wie für die von ihnen gezeigte Staatskunst nur
meine größte Anerkennung zollen, hätten sie dies alles nicht
auf sich benommen, und wären sie nicht bereit gewesen, nationale
Interessen und Wünsche dem Ganzen unterzuordnen, ja selbst, wie
im Falle Großbritanniens, eine durch Tradition geheiligte Politik
dem allgemeinen Wohl zu opfern, so hätten wir niemals jenes
Ausmaß an Übereinstimmung erreicht, zu dem wir schließlich gelangt sind.
Was

�«AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Was noch getan werden muß
Ich möchte hier kurz daran erinnern, was noch zu tun ist
und wie sich die weitere Entwicklung - wenn nicht alle Zeichen
trügen - vollziehen wird. Und ich vertraue darauf, daß das Notwendige wirkliche getan wird. Wir haben das Schlimmste hinter
uns. Ministerpräsident Mendds-France hat sich verpflichtet,
das Vertragswerk anfang Dezember dem französischen Parlament
vorzulegen, und es ist damit zu rechnen, daß es noch vor Weihnachten darüber entscheiden wird. Bundeskanzler Dr. Adenauer
hat die Verträge bereits mit Zustimmung seines Kabinetts seinem Parlament zugeleitet.
Um nun das Besatzungsstatut aufheben zu können, müssen
Frankreich und die Bundesrepublik das sogenannte Protokoll das praktisch weiter nichts ist als der alte Deutschlandvertrag mit einigen Änderungen = sowie den neuen Saarvertrag
ratifizieren. Hierüber wird es zweifellos noch recht hitzige
Debatten im deutschen Bundestag geben, da es in der Presse und
während der eben zu Ende gegangenen Wahlkampagnen anläßlich der
Landtagswahlen hierüber bereits zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist.
Um ferner die Einbeziehung Deutschlands in die neuen militärischen Vereinbarungen zu ermöglichen, ist es erforderlich,
daß alle sieben Mitgliedstaaten des erweiterten Brüsseler Paktes, der heutigen Westeuropäischen Union, die entsprechenden
Abmachungen, und alle fünfzehn Mitgliedstaaten der NATO den
abgeänderten Noidatlantikpakt ratifizieren. Aber auch dies
wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, zu Beginn des Frühjahrs
geschehen sein.
Ich glaube, man kann für die ersten Monate des kommenden
Jahres mit ziemlicher Sicherheit jetzt schon voraussagen, daß
das Besatzungsregime aufhören und das Amt des Hochkommissars
seine Tätigkeit einstellen und durch eine Botschaft ersetzt
werden wird, und daß Deutschland vielleicht schon bis April
oder Mai, bestimmt aber bis Juni, reguläres Mitglied der
NATO und der Westeuropäischen Union sein wird.
Das sind die Tatsachen, meine Damen und Herren - und was
ergibt sich nun aus ihnen ? Wie sieht das Deutschland aus, das
vor unseren Augen aus der totalen militärischen Niederlage neu
ersteht, nach dem bemerkenswerten Wiederaufbau und nachdem die
politische Krise überwunden und der Weg für seine Einbeziehung
in die europäische Völkerfamilie geebnet ist ?
Deutschland war, wie wir gesehen haben, noch vor ein paar
Jahren nicht nur auf unsere Anleitung und Führung in allen Lebensbereichen auf uns angewiesen, sondern es hing in seiner
nakten Existenz unmittelbar von uns ab - eine Nation, die eine
totale Niederlage erlitten hatte, die gebrochen war an Körper
und Geist, deren Zukunft hoffnungslos und deren Wiedersufstieg
fast undenkbar schien. Jahrzehnte schienen ein viel zu kurzer
Zeitraum zu sein, um die Trümmerstätten, die Zeugen des Zusammenbruchs, zu beseitigen, und von der Wiederherstellung gesunder
Verhältnisse, einer prosperierenden Wirtschaft und eines fest-

�"AFRIKA DIENST

1. Dezember 1954

festgegründeten Staatswesens war gar nicht zu reden. Gestern
noch war die Bundesrepublik praktisch unser Mündel, fehlten
ihr doch all die Attribute politischer Unabhängigkeit, die das
Wesen eines Staates ausmachen. Heute ist sie praktisch ein
souveränes Land. Morgen schon wird seine Stimme im Rat der
freien Völker gehört und geachtet werden.
Diese plötzliche Wandlung Deutschlands gibt uns Anlaß,
die veränderten amerikanisch-deutschen Beziehungen und unsere
eigene Haltung gegenüber dem neuen Deutschland einer näheren
Betrachtung zu unterziehen. Viele von uns, zu viele vielleicht,
sind noch immer geneigt, dieses neue Deutschland mit den Maßstäben früherer Zeiten zu messen. Viele unter uns halten noch
immer an dem Bild von Deutschland fest, wie wir es in unserer
Jugend in uns aufgenommen haben. Manche mögen noch immer das
Bild des kaiserlichen Deutschlands in sich tragen? das nach
politischer und territorialer Macht strebte. Andere wieder,
wie ich zum Beispiel, denken dabei an die turbulenten zwanziger
Jahre, als die Weimarer Republik vergeblich gegen wirtschaftliches Elend und politische Reaktion ankämpfte. Und keiner von
uns hat, dessen bin ich sicher, den Schrecken des Nationalsozialismus vergessen, der in einem weltweiten Massenmorden
endete. Unsere Erinnerung ist voll von solchen sich widersprechenden und verwirrenden Bildern einer verflossenen Deutschland, in dem Kultur und aufgeklärter Geist von Niedertracht und
finsterem Terror abgelöst wurden. Welches nun, so mögen sie
fragen, ist das "wahre" Deutschland ? Welches der "vielen"
Deutschland ist heute unser Verbündeter ?
Ich bin fest überzeugt, daß wir keinen größeren Fehler
begehen könnten, als das Deutschland von heute mit einem dieser Bilder gleichzusetzen. Das neue Deutschland, wie ich es
in den letzten zwei Jahren kennengelernt habe, läßt sich
nicht nach irgendwelchen alten Schemata beurteilen. Natürlich
trägt es auch gewisse Merkmale seiner Vergangenheit - im guten
wie im schlechten Sinne - aber es hat auch viele Charakterzüge,
über die keines unserer Geschichtsbücher etwas aussagt. Wenn
wir also diesem neuen Deutschland aufgeschlossen gegenüber treten wollen, so müssen wir uns von dem verständlichen Hang frei
machen, veraltete Klischees zu benutzen, und statt dessen versuchen, dieses Land objektiv und auch kritisch, aber stets unter
Berücksichtigung der gegebenen Pakten zu sehen«
Zunächst einmal müssen wir verstehen lernen, daß das neue
Deutschland offensichtlich mit seiner politischen Vergangenheit
und, dies möchte ich ausdrücklich betonen, mit seiner militärischen Tradition gebrochen hat und nun versucht, etwas Neues
aufzubauen.
Ferner können wir un3 der Tatsache nicht verschließen,
daß sich ein souveränes Deutschland bei der Gestaltung seiner
Zukunft vielleicht von dem Beispiel anderer demokratischer
Nationen leiten läßt, daß es dies aber von nun an nicht mehr
deshalb tut, weil wir oder irgend jemand anderes es so wünscht?
sondern allein aus eigenem freien Entschluß, Wir müssen daher
von nun an davon absehen, uns auf eine Kontrolle von außen zu

- 9-

�1. Dezember 1954

"AMERIKA DIENST"

zu verlassen, um negativen Einflüssen Schach zu bieten. Von
jetzt an müssen wir auf die Stärke und Lebensfähigkeit der demokratischen Kräfte im deutschen Volke selbst vertrauen.
Ebensowenig dürfen wir in den Deutschen noch länger die
ewigen Empfänger amerikanischer Almosen erblicken. (Ich möchte
mit dieser Peststellung keinesfalls die vielen ernsten sozialen
und wirtschaftlichen Probleme verkleinern oder leugnen, mit denen
das neue Deutschland zu kämpfen hat. Die Millionen von Flüchtlingen, die weitgehenden Zerstörungen, das Problem der Wohnungsnot
und viele andere Beispiele materieller Not stellen auch in Zukunft enorme Anforderungen an die Energie, die Erfindungsgabe
und das Gewissen sowohl der Regierung als auch des einzelnen
Bürgers. Aber dies sind Probleme, die die Deutschen bereitwillig
und tatkräftig mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln in
Angriff nehmen werden - zumindest so weit ihnen das eben möglich
ist. Ich habe auch nicht von Berlin gesprochen - das ist eine
ganz andere Frage.)
Schließlich wird das neue Deutschland als gleichberechtigtes
Mitglied der europäischen und atlantischen Gemeinschaft nicht
nur seine Stellung als freier und unabhängiger Staat eifersüchtig
hüten, sondern au^h bemüht sein, sein Teil zur Weiterentwicklung
dieser Gemeinschart und zur Formulierung eines gemeinsamen Programms und einer gemeinsamen Politik beitragen. Wir müssen uns
bewußt sein, daß Partnerschaft schließlich und endlich eine
Wechselbeziehung darstellt, in der jede Partei sowohl der Gebende
als auch der Emp^ ngende sein kann. Je früher wir erkennen, daß
dies das Axicjn für unsere künftigen Beziehungen zu Deutschland
sein muß, desto vielversprechender sind die Aussichten auf eine
gedeihliche Partnerschaft und desto geringer sind die Möglichkeiten für Überraschungen und Enttäuschungen.
Was wir in unseren Beziehungen zu dem neuen Deutschland
vor allen Dingen brauchen, ist eine kräftige Portion Realismus.
Ich bin mir &gt;der Tatsache durchaus bewußt, daß das ungeheure Tempo
der jüngsten Entwicklungen für manche Anlaß zu Genugtuung war, bei
anderen aber auch Befürchtungen wieder hat aufleben lassen, die
gegenstandslos geworden oder endgültig begraben zu sein schienen.
Das ist verständlich. Ich bin kein Hellseher, und ich wäre der
letzte, der sich heute abend in optimistischen Voraussagen ergehen
wollte. Statt dessen möchte ich mit gewissen Schlußfolgerungen
vor Sie hintreten, die sich auf persönliche Beobachtungen gründen - einige davon machte ich im Jahr 1925 und die anderen seit
meiner Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1953.
Ich möchte gerne Vergleiche zwischen der Einstellung der
Bürger der heutigen Bundesrepublik zu ihrer Regierung und der
Haltung der Bevölkerung der Weimarer Republik gegenüber den demokratischen Institutionen jener Zeit ziehen. Der Unterschied ist
augenfällig. 1925 stand ein hoher Prozentsatz der Menschen, mit
denen ich ins Gespräch kam, den Grundsätzen, auf denen die Weimarer Republik gegründet war, entweder gleichgültig oder feindselig gegenüber. Es war dies keine Frage der Zugehörigkeit zur
Oppositionspartei oder der Parteipolitik, sondern eine Frage
- 10 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Frage grundsätzlicher Loyalität gegenüber den neu geschaffenen
demokratischen Institutionen. Es schien mir damals, als hätte
die neue Regierungsform Deutschlands nicht die aufrichtige Unterstützung vieler einflußreicher Kreise des deutschen Volkes
zu gewinnen vermocht. Dies war zum Teil darauf zurückzuführen,
daß die Demokratien des Westens es versäumt hatten, jene Elemente
in Deutschland zu ermutigen und zu unterstützen, die versuchten,
eine demokratische Regierung aufzubauen. Diesen demokratischen
Elementen in Deutschland galt der Kampf der konservativen und
reaktionären Kräfte, die die militärische Niederlage im ersten
Weltkrieg niemals als endgültig akzeptiert hatten und sich deshalb weigerten, mit der imperialistischen Vergangenheit zu
brechen. Praktisch vom ersten Tage der Weimarer Republik an lag
die offizielle deutsche Regierung mit einem oppositionellen
Schattenregime antidemokratischer Kräfte, die eine nationalistische Restauration herbeizuführen suchten und in der Wahl ihrer Mittel keinerlei Skrupel kannten, im Wettstreit um die Gunst
des Volkes. Die Begründer der neuen Verfassung hatten kaum jemals die politische Kontrolle dex* Weimarer Republik voll in der
Hand; zum Teil war dies der Grund dafür, weshalb es ihnen nicht
gelang, das Volk und vor allem die Jugend dazu zu erziehen, die
demokratische Regierungsform zu akzeptieren und zu unterstützen.
Ich glaube nicht, daß ich hier einfach geschichtliche Betrachtungen
aus der Rückschau anstelle, wenn ich sage, daß ich damals (1925)
bei meiner Rückkehr aus Deutschland kein Vertrauen zur Fähigkeit
der Weimarer Republik hatte, eventuell bevorstehenden Stürmen
zu trotzen. Und nach einem kurzen abermaligen Deutschlandbesuch
im Jahr 1930, als sich bereits der Schatten Hitlers abzeichnete,
beurteilte ich die Zukunft des deutschen Volkes sehr pessimistisch.
Heute ist die Lage ganz anders. Ich denke dabei an tiefere
und wichtigere Dinge als die Tatsache, daß die Wähler die Partei
Bundeskanzler Dr. Adenauers mit einer absoluten Mehrheit und
seine Koalition mit Zweidrittelmehrheit in den Bundestag wiederwählten. Dieses Ergebnis der Bundestagswahlen von 1953 ist sicherlich von großer Bedeutung für die Beurteilung der heutigen
deutschen Situation und stellt eins volle Anerkennung der
erfolgreichen Politik des Bundeskanzlers und der Arbeit seines
Kabinetts in den ersten vier Jahren des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland dar. Noch bedeutsamer aber ist, daß sich
das deutsche Volk, ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit, zur
Regierunggform
einer nach demokratischen Grundsätzen gestalteten föderativen Republik bekennt. Dies kam unter anderem
darin zum Ausdruck, daß es weder den extrem rechten Parteien
noch den Kommunisten gelungen ist, einen einzigen Vertreter in
den Bundestag zu entsenden. Die Ergebnisse der letzten Wahlen
in Bayern und Hessen beweisen, daß trotz geringfügiger Schwankungen die Politik des Goldenen Mittelweges bevorzugt wird.
Selbstverständlich gibt es auch Opposition. Gerade diese Beobachtung hat mich zu der Bemerkung veranlaßt, das neue Deutschland
habe eine demokratische Verfassung ausgearbeitet, und alle Parteien unterstützten in voller Loyalität das neue politische
- 11

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

politische System. Denn die Opposition von Heute richtet sich
nicht gegen die Grundsätze und den Aufhau der neuen Republik,
sondern gegen bestimmte Aspekte der Regierungspolitik.
Worin sich das Deutschland des Jahres 1953 außerdem von dem
des Jahres 1925 unterscheidet, ist die Einstellung der Deutschen
gegenüber der unmittelbaren Vergangenheit und gegenüber ihren
Zukunftshoffnungen. Sieben Jahre nach Beendigung des ersten
Weltkrieges konnte man sich in Deutschland kaum über irgendeine
politische Frage: unterhalten,ohne daß es zu endlosen Debatten darüber kam, wie der Krieg entstanden sei, wer ihn nun eigentlich
gewonnen oder verloren habe und welche Rolle die Gründer der
Weimarer Republik in den Unruhen gespielt haben, die auf den
Waffenstillstand vom November 1918 folgten. Überall wurde einem
die Dolchstoßlegende über die Liberalen und die Sozialisten aufgetischt. Tatsächlich hatte diese ständige Beschäftigung mit der
unmittelbaren Vergangenheit viele Deutsche dazu verführt, der
Weimarer Republik zu mißtrauen und die demokratischen und sozialistischen Parteien zu verabscheuen. Heute gibt es keine Zweifel
mehr darüber, wer den zweiten Weltkrieg verloren hat. Nur selten
hört man Gespräche über die Ereignisse der Jahre von 1933 bis
1945« Ich will damit nicht sagen, daß es nicht hier und da Gruppen
ehemaliger Nazis gibt, die voller Sehnsucht und womöglich mit einer
gewissen Befriedigung auf jene Tage zurückschauen, da sie an der
Macht waren, oder von einem "Come-back" träumen; aber die Ergebnisse der letzten Bundestagswahlen beweisen, daß sich die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes von den Extremisten der
Rechten und Linken endgültig abgewandt hat. Und in der Tat zögern
die führenden Persönlichkeiten der großen Parteien - sowohl die
Mitglieder der Koalition als auch die sozialdemokratische Opposition - keineswegs, das nationalsozialistische Regime und die
Innen- und Außenpolitik Hitlers in öffentlichen Reden nachdrücklich zu verurteilen.
Dieser neue Geist Deutschlands exemplifizierte sich in jüngster Zeit in der vom Berliner Abgeordnetenhaus einstimmig angenommenen Entschließung, in der die Anwendung von Gewalt seitens
einer Partei im Wahlkampf als Wiederholung der von den Nazis praktizierten Methoden verurteilt wurde.
Die neue deutsche Armee
Lassen Sie mich an dieser Stelle ein wenig bei einem Thema
verweilen, das uns alle, die wir hier heute abend versammelt sind,
brennend interessiert. Ich habe von den Plänen über die Schaffung
einer neuen deutschen Armee gesprochen, die gegenwärtig in Bonn
eingehend studiert werden. Allein die Erwähnung einer deutschen
Armee muß bei vielen meiner Zuhörer wenig erfreuliche Erinnerungen
wachrufen. Selbst eine schwache Erinnerung an das Deutschland der
Weimarer Republik und des Naziregimes genügt, böse Ahnungen in
einem zu wecken, wenn man Ausdrücke wie deutscher Generalstab und
deutsche Armee hört. W«s mich nun interessiert, ist die Tatsache,
daß viele führende Politiker aller Parteien in Deutschland sich
mit der Frage befassen, wie eine neue militärische Tradition zu
- 12 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

zu schaffen sei. Sie mögen nicht alle in ihren Analysen über die
Fehler der Vergangenheit übereinstimmen. Dennoch bin ich überzeugt, daß ein Großteil der verantwortlichen Persönlichkeiten
in Deutschland sich eindeutig zu jenen bekennen wird, die der Meinung sind, daß sich die neue deutsche Armee grundsätzlich von der
alten unterscheiden muß. In erster Linie sind sie der Ansicht,
sie müsse weit mehr der zivilen Kontrolle unterstehen als dies
selbst in der Weimarer Republik der Fall war; zweitens müsse
sie von einem solchen Geist getragen sein, daß der einzelne Soldat immer noch ein Mensch bleibt, ohne daß dadurch die Organisation der Armee als potentielle Kampfeinheit gefährdet wird.
Ein führendes Bundestagsmitglied fragte mich vor nicht allzu
langer Zeit, ob er und seine Kollegen in dem Bemühen, eine deutsche
Armee neuen Typs zu schaffen, auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten rechnen könnten. Ich versicherte ihm, daß es diesbezüglich keine Schwankungen in der Haltung der Regierung der Vereinigten Staaten gebe. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß die seit vielen Monaten in der deutschen Bundeshauptstadt erörterten Pläne der Schaffung einer Europa-Armee galten, in
deren Rahmen Deutschlands größte nationale Einheit eine Division
sein sollte. So hat mir mehr als ein Deutscher in den vergangenen
Wochen wehmütig versichert, wir wollen gar keine Nationalarmeej
aber wenn wir unseren Beitrag zur Verteidigung Europas leisten
wollen, dann scheint es daß es keine andere Möglichkeit gibt.
Ich bin mir wohl bewußt, daß ich hier eher Stimmungen wiedergebe, als Tatsachen berichte. Allerdings ist der Ernst, mit dem
man in Deutschland das Problem einer demokratischen Armee diskutiert, sehr ermutigend. Die für die Schaffung dieser Armee Verantwortlichen scheinen mir nicht etwa naive Leute zu sein, sondern sind sich der Gefahren und Schwierigkeiten durchaus bewußt.
Ich bin überzeugt, sie sind entschlossen, eine Armee zu schaffen,
die die Dienerin, nicht Herrin des demokratischen Staates sein
wird oder gar ein Werkzeug eines rücksichtslosen Diktators ist.
Dieses Problem wird nicht nur in den führenden politischen Kreisen eingehend erörtert, sondern auch von der Öffentlichkeit im
allgemeinen und der jungen Generation, die in dieser neuen Armee
Dienst tun wird. Sie sind sehr darauf bedacht, aus unseren Erfahrungen und denen anderer demokratischer Länder auf diesem Gebiete
zu lernen. Ich bin der Meinung, unser Verständnis und unsere Unterstützung können sich sehr real auf diese Bemühungen Deutschlands auswirken, mit allem Bösen und Gefährlichen in seinen militärischen Traditionen der Vergangenheit zu brechen.
Ein Volk, das indie^Zukunft blickt
Man darf ganz allgemein sagen, daß das Deutschland von Heute
nicht so sehr in die Vergangenheit zurückblickt, als vielmehr seine Aufmerksamkeit auf die Zukunft lenkt. Und in dieser Zukunft
sehen die Deutschen etwas, das sich grundlegend von allem vergangenen unterscheidet. Wenn man den als einen fortschrittlich gesinnte
Menschen bezeichnen will, der einer neuen und besseren Zukunft

- 13 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

Zukunft entgegensieht, und jenen als einen Reaktionär, der der
Vergangenheit wehmütig nachhängt, dann glaube ich, daß man die
heute in der Bundesrepublik vorherrschende Einstellung als fortschrittlich bezeichnen darf. Natürlich gibt es auch eine gewisse
Zahl von Reaktionären, die das Rad der Geschichte gern zurückdrehen möchten.
Als ich im Frühjahr 1953 zum ersten Male wieder nach Deutschland kam, war ich erstaunt, in wie weiten Kreisen die Pläne für
eine Vereinigung Europas diskutiert wurden, und mit welcher Zuversicht die deutschen Politiker dem Aufbau eines neuen Europas
entgegensahen. Es sei zugegeben, daß die Sprecher der Sozialdemokratie, der Oppositionspartei, die Gründung der Europäischen
Verteidigungsgemeinschaft ablehnten; aber da sie gute Demokraten
und westlich orientiert sind, hatten selbst sie ihre Pläne für
eine enge militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen
einer weitgefaßten Gruppe westeuropäischer Staaten.
Wenn ich meine Beobachtungen zusammenfassen darf, so möchte
ich sagen, daß das politische Gleichgewicht in der Bundesrepublik
durchaus stabil erscheint. Die Aussichten, daß die gegenwärtige
politische Stabilität andauern wird, sind gut. Sie ist allerdings
von einer Anzahl Bedingungen abhängig. Zunächst einmal hängt
alles davon ab, daß eine den Prinzipien der Demokratie treu ergebende Führerschicht, die dem Westen wohlgesinnt und jeder Form
politischen oder militärischen Abenteurertums abhold ist, auch
weiterhin in Deutschland vorhanden ist. Heute stehen solche Männer am Ruder der Bundesrepublik. Bundespräsident Heuss und Bundeskanzler Dr. Adenauer sind Ihnen allen als unverbrüchliche Protagonisten der Demokratie und eines geeinten Europas bekannt. Aber
während sie im In- und Auslande dieser Einstellung wegen bekannt
sind, ist es doch ermutigend, daß sie von Männern umgeben und
Unterstützt sind, die ebenso wie Sie an diese Ziele glauben. Der
neugewählte Präsident des Bundestages, Dr. Eugen Gerstenmaier,
Protestant und Demokrat der alten schwäbischen Schule, nahm sein
neues Amt mit den Worten des Ehrenpräsidenten der Eröffnungssitzung des ersten deutschen Bundestages, Paul Loebe, an» "Deutschland will ein aufrichtiges, friedliebendes Glied der Vereinigten
Staaten von Europa werden, mit den gleichen Rechten und Pflichten
wie alle übrigen Mitglieder. Wir haben im Grundgesetz den Verzicht
auf nationale Souveränitätsrechte schon im voraus ausgesprochen,
um dieses geschichtlich notwendige höhere Staatengebilde zu schaffen, und wir werden uns auch durch Anfangsschwierigkeiten von
diesem Ziele nicht ablenken lassen".
Ich bin überzeugt, daß die Chancen für die Schaffung eines
geeinten Europas nicht verloren sind, solange dieser Geist in
den verantwortlichen Kreisen Deutschlands herrscht.
Die Zukunft wird durch die Zusammenarbeit bestimmt
Die zweite Voraussetzung für den Bestand der politischen Stabilität ist die Aufrechterhaltung freundschaftlicher Beziehungen
und eine weitere Zusammenarbeit mit den westlichen demokratischen

- 14 -

�1» Dezember 1954

"MBRIKA DIENST"

demokratischen Nationen. Hierbei denke ich nicht allein an die
diplomatischen und offiziellen Beziehungen der Regierungen untereinander. Ich meine die gesamte Skala der üblichen Kontakte
auf dem Gebiet der Politik, der Wirtschaft, der Wissenschaft
und der Kultur, die erst ein wirkliches Geben und Nehmen zwischen den Angehörigen der verschiedenen Nationen ermöglichen.
Das Austauschprogramm mit Deutschland hat sich als ein ausgezeichnetes Mittel zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten
und Deutschland erwiesen. Im Rahmen dieses Programmes konnten
Tausende von Deutschen nach den Vereinigten Staaten reisen, und
viele Amerikaner hatten die Möglichkeit, Deutschland zu bereisen und kennenzulernen. Der kürzlich von Außenminister Dulles
und Bundeskanzler Adenauer unterzeichnete Freundschafts-,
Handels- und Schiffahrtsvertrag ist ein weiteres Beispiel für
die ständigen Bemühungen, nicht nur die Beziehungen zwischen
den beiden Nationen zu "normalisieren", sondern auch der Privatinitiative einen Anreiz zu bieten, das Werk ihrer Regierungen zu vervollständigen. Dieser Vertrag, ebenso wie der noch
in diesem Jahr in Kraft tretende Vertrag zur Vermeidung der
Doppelbesteuerung, stellt die liberalsten und fortschrittlichsten Maßnahmen zum internationalen Schutz ausländischer
Investierungen dar, die bisher getroffen wurden. Darüber hinaus
bestärkt uns die Haltung der Bundesregierung in der Präge des
Londoner Schuldenabkommens, in dem sie sich zur Rückzahlung der
Vorkriegsschulden verpflichtet und diese auch tatsächlich leistet, in dem Glauben, daß die Bundesregierung diese Verträge
im gleichen Geiste einer konstruktiven Zusammenarbeit erfüllen
wird. Ich möchte sogar noch weiter gehen und behaupten, daß
sich angesichts dieser Haltung das Klima für ausländische Investitionen sehr verbessert hat, was eins der Hauptziele der
amerikanischen Außenpolitik ist, und daß sie ein gutes Vorzeichen für die Ausweitung amerikanischer Investitionen in
Deutschland und in anderen Ländern darstellt.
Die sowjetische Gefahr
Die dritte Voraussetzung für die Stabilität der politischen
Verhältnisse ist, daß weder äußere noch innere Einflüsse auf
eine Störung der bestehenden positiven Beziehungen zwischen
Deutschland und seinen Verbündeten abzielen. Hier ist die einzige, allerdings furchtbare Gefahr das ständige Trachten der
Sowjetunion, die Bundesrepublik in ihren Machtbereich einzubeziehen, oder, falls ihr das nicht gelingt, den Anschluß Deutschlands an den Westen zu verhindern« Ich selbst bin davon überzeugt, daß sich in Paris herausgestellt hat, wie falsch und
sinnlos die sowjetische Politik ist« Die Ratifizierung des Pariser Abkommens wird eine der offenkundigsten Niederlagen, die
die Sowjetunion bisher im Kalten Kriege erlitten hat, besiegeln.
Ob diese Niederlage zu einem Wechsel in der sowjetischen Strategie führen wird, ist natürlich schwer vorauszusagen. Die verstärkte Position des Westens und die offensichtlich nutzlosen
Spaltungsversuche der Sowjets bieten* meiner Meinung nach, Aussicht auf einen solchen Wechsel. Was die amerikanische Regierung anbetrifft, so werden wir nicht nachlassen, immer wieder
- 15 -

�"AMERIKA DIENST"

1. Dezember 1954

wieder der Welt klarzumachen, wie vollkommen unsinnig und unmenschlich die sowjetische Deutschlandpolitik ist. Das gilt in
erster Linie für die sowjetische Politik, die Teilung Deutschlands aufrechtzuerhalten. Die Wiedervereinigung Deutschlands
bleibt eins der wichtigsten Ziele der amerikanischen Politik.
In Verfolgung dieses Zieles läßt sich die Regierung der Vereinigten Staaten nicht allein von einem humanitären Impuls, sondern
von einer nüchternen politischen Überlegung leiten. Denn solange
die Frage der deutschen Einheit nicht in Übereinstimmung mit den
elementarsten Gesetzen der menschlichen Natur und nach internationalem Brauch gelöst ist, werden wir das Ziel unseres V.eges
zu Sicherheit und Frieden nicht erreicht haben.
Ich werde der Versuchung widerstehen, meine Rede mit der
Versicherung zu beenden, daß die sowjetische Deutschland-Politik
schon in Kürze bankerott machen werde - noch möchte ich die
schwierigen Probleme und die vor uns liegenden Gefahren irgendwie
verkleinern. Wir nähern uns aber langsam, unter Leiden und mit
großer Geduld unserem Ziel. Das Jahr 1954» das sich seinem Ende
zuneigt, hat uns einen entscheidenden Schritt weitergebracht. Es
ist uns gelungen, eine Anzahl großer Hindernisse zu beseitigen.
Wir sind heute stärker als zu Beginn des Jahres. Ich denke dabei
nicht allein an physische Stärke» ich spreche von der Kraft, die
ein gemeinsames Ziel verleiht. In dem Pariser Abkommen manifestiert
sich diese Kraft. Es hat den Bereich unserer Sicherheit ganz entscheidend erweitert und erlaubt uns, dem Jahr 1955 in der Hoffnung
auf weitere Fortschritte entgegenzusehen«

*

* » * *

- 16 -

�A M E R I K A

D I E N S T

ROTCHINA VERLETZT WAFFENSTILLSTAND IN KOREA

WASHINGTON — (Amerika Dienst) — Nachstehend übermitteln
wir Ihnen den Wortlaut einer Erklärung, die Botschafter
Henry Cabot Lodge Jr., der Chefdelegierte der Vereinigten
Staaten bei den Vereinten Nationen, am 8. Dezember 1954
vor der UN-Vollversammlung abgab, und in der er das kommunistische China beschuldigte, in Verletzung des Waffenstillstandes in Korea Angehörige der amerikanischen Streitkräfte gefangen und in Haft zu halten.
Herr Präsident,
Die 16 Staaten, deren Streitkräfte in Korea in den Kampf
zogen, um der Charta der Vereinten Nationen Achtung zu verschaffen, haben beschlossen, die Vollversammlung um vordringliche
Untersuchung des Schicksals jener Angehörigen der UN-Streitkräfte zu ersuchen, die gegenwärtig noch entgegen dem koreanischen Waffenstillstandsabkommen tgefangengehalten werden oder
unter Arrest stehen. Die Vereinigten Staaten haben in Ausübung
ihrer besonderen Verantwortlichkeit innerhalb des gemeinsamen
Oberkommandos der UN-Streitkräfte in Korea den formellen Antrag gestellt, der zu der gegenwärtigen Debatte führte.
Vor einigen Tagen gab Radio Peking die Verurteilung und
Einkerkerung von 11 amerikanischen Luftwaffenangehörigen bekannt, die in Korea im Einsatz gestanden hatten. Es hätte sich
dabei ebenso gut um Angehörige irgendeines anderen Landes handeln können, deren Flieger im Auftrag der Vereinten Nationen
im koreanischen Luftraum gekämpft hatten. Zufällig handelte
es sich um Amerikaner, und so obliegt mir die ernste Pflicht,
Ihnen die ganze Bewegung und Sorge zu schildern, mit der das
amerikanische Volk die Nachricht von dem sogenannten Gerichtsverfahren in Peking aufgenommen hat.
Herr Präsident, jede Regierung, die nicht die Achtung vor
sich selbst verlieren möchte, hat die elementare historische
Verpflichtung, jene Männer zu schützen, die sie in den Krieg
entsendet.
In früheren Zeiten war jede Regierung allein zur Entscheidung darüber befugt, welche Mittel sie zum Schutz ihrer Bürger
in diesem Falle anzuwenden gedenke, und ob die Anwendung von
Gewalt am Platze sei.
_.
Die

�"AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Die Vereinigten Staaten sind vor die Vereinten Nationen
getreten, weil diese als ein Kollektivwerkzeug der Gerechtigkeit geschaffen worden sind und weil sie eine ganz besondere
Verantwortung für jene Männer tragen, die, einem Ruf der Vereinten Nationen folgend, in Korea kämpften.
Die Geschichte jener 11 Flieger ist ein Kapitel in dem
dicken Buch über die Männer, die in Korea kämpften und dabei
in die Hände der Kommunisten fielen.
Die kommunistischen Militärbehörden in Korea haben bisher
keinerlei Informationen herausgegeben und nichts über das
Schicksal einer großen Anzahl von Angehörigen der UN-Streitkräfte verlauten lassen, die im Einsatz in Korea als vermißt
gemeldet wurden, und von denen man den Umständen nach annehmen
darf, daß sie in Gefangenschaft geraten sind.
Als das Waffenstillstandsabkommen endlich unterzeichnet
wurde, verpflichteten sich die Kommunisten, alle Angehörigen
der UN-Streitkräfte, die eine Repatriierung wünschten, zu entlassen. Die Delegation des UN-Oberkommandos bei der Waffenstillstandskommission verlangte Auskunft über alle nichtrepatriierten Angehörigen der UN-Streitkräfte, von denen anzunehmen ist,
daß sie von den Kommunisten gefangengehalten werden. In der
Zeit vom 9.September 1953 bis 17.August 1954 wurden 5 Anfragen
in diesem Sinne gestellt, in denen auch diese 11 Flieger genannt
wurden. Die Antworten auf diese Anfragen brachten keine befriedigenden Auskünfte. Ein weiteres Ersuchen um Auskünfte über diese Personen wurde im Mai 1954 über den Vertreter Großbritanniens
in Peking gestellt. Diese Anfrage blieb bis heute unbeantwortet.
Dann kam die Genfer Konferenz. Am 10.Juni 1954 übergab der
amerikanische Botschafter, U.Alexis Johnson, dem Generalsekretär der rotchinesischen Delegation zur Genfer Konferenz, Wang
P'Ing-Nan, Namenslisten verschiedener Kategorien von Zivilisten
im Dienst des UN-Oberkommandos und Angehörigen der UN-Streitkräfte, die sich, soweit bekannt, in koreanischer Kriegsgefangenschaft befinden müßten. Botschafter Johnson wies ausdrücklich
darauf hin, daß sich diese Listen auf die besten uns verfügbaren
Informationen stützen, und ersuchte darum, daß alle in den Listen
aufgeführten Personen freigelassen werden, oder daß man Aufklärung über ihr Schicksal erteilen möge. Diese Listen enthielten
auch die Namen der 11 Besatzungsmitglieder jenes Flugzeugs vom
Typ B-29 und von 4 Düsenflugzeugpiloten der Luftstreitkräfte.
Schließlich gab der Vertreter des kommunistischen China auf
einer Zusammenkunft am 15»Juni zu, daß sein Land amerikanisches
Militärpersonal "wegen Verletzung des chinesischen Luftraumes"
gefangenhalte. Am 21.Juni gab er zu, daß das kommunistische Regime tri China 15 Angehörige der US-5Il*iaitäBctaÄEL3ftnräfte gefangenhalte, nämlich die 11 überlebenden Besatzungsmitglieder der
am 12.Januar 1953 abgeschossenen B-29 und 4 Düsenflugzeugpiloten der US-Luftstreitkräfte. Wang erklärte, daß die übrigen
3 Mitglieder der HkÖpfigen Besatzung der B-29 den Verletzungen erlegen seien, die sie sich beim Fallschirmabsprung aus der
abgeschossenen Maschine zugezogen hatten.
- .

�"AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Nach diesen Besprechungen in Genf vergingen 5 Monate,
ohne daß von den chinesischen Kommunisten irgendwelche Informationen zu erhalten waren. Sie machten keinerlei Anstalten,
irgendeinen der gefangenen Luftwaffenangehörigen freizulassen,
die sie eingestandenermaßen oder vermutlich gefangen halten. •
Abgesehen von jenen 15 Angehörigen der US-Luftstreitkräfte,
die sich, wie die chinesischen Kommunisten am 21.Juni 1954 zugaben, in ihrem Gewahrsam befinden, fehlt noch jede Auskunft
über das Schicksal von weiteren 470 Amerikanern, die dem UNOberkommando unterstanden und vermutlich von den Kommunisten
gefangengenommen wurden.
Diese Zahl schließt keine Angehörigen der UN-Streitkräfte
anderer als amerikanischer Nationalität und keine Angehörigen
der Streitkräfte der Republik Korea ein, über deren Schicksal
die Kommunisten bisher keinerlei Auskunft erteilt haben.
Wir hatten gehofft, durch eingehende und beharrliche Verhandlungen Auskunft über alle noch vermißten Männer zu erhalten und die Freilassung aller noch zurückgehaltenen Personen
zu erreichen. Weder in Panmunjom noch in Peking und Genf zeitigten diese Bemühungen irgendwelche konkreten Resultate.
Dann gab Radio Peking am 24.November 1954 plötzlich bekannt, daß ein rotchinesisches Militärtribunal 11 amerikanische
Flieger, die sich noch in chinesischer Gefangenschaft befanden,
zu langen Haftstrafen verurteilt habe* Die Regierung der Vereinigten Staaten wurde unverzüglich über die Regierung Großbritanniens und unmittelbar in Genf bei den z*otchinesischen Behörden vorstellig. Die Vorstellungen wurden in Bausch und Bogen
zurückgewiesen.
Lassen Sie mich Ihnen berichten, was mit jenem Flugzeug
geschah, dessen Besatzung die 11 Angehörigen der US-Luftstreitkräfte angehörten, die nunmehr von einem rotchinesischen Militärtribunal zu Haftstrafen verurteilt worden sind. Es handelte
sich um ein Flugzeug vom Typ B-29, das dem Befehl von Oberst
John K.Arnold interstand, dem Kommandeur des 581.Nachschub- und
Nachrichten-Geschwaders. Die gesamte Bordbesatzung gehörte dem
gleichen Geschwader, einem Teil der 13-Luftflotte an, deren
Hauptquartier der Fliegerhorst Clark auf den Philippinischen
Inseln ist. Das Geschwader befand sich im Einsatz und wurde
durch die 91»Fernaufklärer-Staffel vom Fliegerhorst Tokota in
Japan unterstützt, die dem Kommando Fernost der Luftstreitkräfte untersteht. Beide Einheiten gehörten dem Verband der UNStreitkräfte an.
Am 12.Januar 1953 wurde besagte B-29 um 17.20 Uhr örtlicher
Zeit vom Fliegerhorst Yokota in Japan mit dem Auftrag ausgesandt,
eine Flugblattaktion über Nordkorea auszuführen. Die Maschine
war im Rahmen der Operationen des UN-Oberkommandos eingesetzt.
Als Zielraum für den Abwurf der Flugblätter waren der Maschine
die nordkoreanischen Städte Pakchon, Pukchin, Kusong, Sonchon,
Charyongwan und Cholsan zugewiesen» Bei diesem Auftrag handelte
es sich um eine Mission, wie sie in der modernen Kriegsführung
zur allgemein geübten Praxis gehört. In Korea wurde diese Praxis
weitgehend geübt.
j) e r

�15« Dezember 1954

"AMERIKA DIENST"

Der Flug vom 12. Januar 1953 erfolgte im Einklang mit dem
allgemeinverbindlichen Befehlen des UN-Oberkommandos bezüglich
der Begrenzung von Luftoperationen auf den koreanischen Raum
südlich des Yalu-Flusses. Das Flugzeug trug die Kennzeichen der
Flugzeuge der US-Luftstreitkräfte. Alle Besatzungsmitglieder an
Bord waren Angehörige der US-Luftstreitkräfte, trugen Uniform und
führten die erforderlichen Personalausweise bei sich, einschließlich der Dokumente, die sie als Angehörige der UN-Streitkräfte
auswiesen. Das Flugzeug sollte am 13. Januar 01.30 Uhr örtlicher
Zeit nach Yokota zurückkehren.
Der letzte Kontakt mit der im Einsatz befindlichen Maschine
war ihre Ortung durch eine Radarstation der UN-Streitkräfte gegen
23.10 Uhr an einem Punkt etwa 22 km südlich des Yalu-Flusses
unweit der nordkoreanischen Stadt Sonchon. Die Radarstation
meldete, daß die B-29 von 12 Feind Jägern angegriffen werde.
Der Kommandeur des Flugzeugs ließ um 23.16 Uhr über den Funk
das Codewort "Mayday" durchgeben. Dies ist ein internationales
Notsignal, das in diesem Fall bedeutete, das Flugzeug sei so
stark beschädigt, daß e3 manövrierunfähig sei und aufgegeben werden müsse. Kurz darauf verschwand das Flugzeug vom Radarschirm.
Wir haben eine Karte anfertigen lassen, in der die gesamte Flugstrecke der Maschine bis zu dem Punkt eingezeichnet ist, an dem
sie letztmalig auf dem Radarschirm beobachtet worden ist. Ich
werde diese Karte allen Delegationen zur Verfügung stellen.
Damals konnte das UN-Oberkommando keine Berichte oder anderweitigen Angaben über das Schicksal dieser Maschine erhalten, und die
Besatzung wurde deshalb als im Einsatz vermißt gemeldet.
Von dem Tag, an dem das Flugzeug abgeschossen worden ist,
bis zum Juni 1954 war der einzige kleine Hinweis auf das Schicksal jener Männer eine Meldung von Radio Peking vom 21. Januar 1953,
in der die Gefangennahme von 3 Besatzungsmitgliedern bekanntgegeben wurde: Oberst Arnold, Major Baumer und Hauptmann Vaadi.
Ich möchte die Namen der überlebenden Besatzungsmitglieder
verlesen und bitte um ihre Aufnahme ins Protokoll. Wie ich bereits
bemerkte, war der heute 41jährige Oberst John K. Arnold Kommandeur
des 581. Nachschub- und Nachrichtengeschwaders. Seine Frau lebte
in Montgomery im Staate Alabama.
Major William H. Baumer, 32 Jahre alt, Kc-Pilot, dessen Mutter in Lewisburg, Pennsylvanien, lebt.
Hauptmann Eimer F. Llewellyn, 29 Jahre alt, Navigationsoffizier des Flugzeugs. Seine Frau lebt in Missoula, Montana.
Hauptmann Eugene J. Vaadi, 33 Jahre alt, Kommandant des
Flugzeugs. Seine Frau lebt in Clayton, New York.
Oberleutnant John W. Bück, 33 Jahre alt, Beobachter, dessen
Eltern in Armathwaite, Tennessee, beheimatet sind.
Oberleutnant Wallace L. Brown, 28 Jahre alt, Pilot des Flugzeugs. Seine Frau lebt in Montgomery, Alabama.
Oberfeldwebel
- 4 -

�• "AMERIKA DIENST"

15. Dezember

1954

Oberfeldwebel Howard W. Brown, 32 Jahre alt, Bordmechaniker,
dessen Eltern in St. Paul, Minnesota, wohnen.
Unteroffizier Steve E. Kiba, 22 Jahre alt, Bordfunker. Seine
Eltern leben in Akron, Ohio.
Gefreiter Harry M. Benjamin, 22 Jahre alt, als Radaroffizier,
dessen Frau in Worthington, Minnesota,lebt.
Gefreiter Daniel C. Schmidt, gleichfalls 22 Jahre alt, als
Feuerleitoffizier, dessen Frau sich gegenwärtig in Redding, Kalifornien, aufhält.
Gefreiter John W. Thompson III, 23 Jahre alt, als Radaroffizier. Seine Eltern leben in Orange, Virginia.
Diese Männer wurden nach ihrer Gefangennahme beim Einsatz
im Rahmen einer von den Vereinten Nationen zur Wiederherstellung
des Friedens in Korea durchgeführten Aktion von einem rotchinesischen Militärtribunal zu Haftstrafen von 4 bis 10 Jahren verurteilt.
Ich habe bereits erwähnt, Herr Präsident, daß der Vertreter
Rotchinas, Wangp'Ing-Nan, in Genf im Juni vergangenen Jahres zugegeben hat, daß sein land außer den 11 eben aufgeführten Personen
4 weitere Angehörige der US-Luftstreitkräfte gefangenhält. Ich
möchte der Vollversammlung auch in diesen Fällen die einschlägigen Tatsachen bekanntgeben.
Oberleutnant Lyle W. Cameron aus Lincoln, Nebraska, war Pilot
eines Flugzeugs vom Typ F-84, das am 26. Oktober 1952 vom Flugplatz Taegu in Korea aufstieg, um an einer Operation zur bewaffneten Aufklärung zwischen Kanggye und Huichon in Nordkorea teilzunehmen. Nach Erreichung des Zielraumes wurde seine Maschine
bei einem Bombenangriff auf Lokomotiven beschädigt, so daß er
sich zum Absprung gezwungen sah. Er landete wohlbehalten an einem
Punkt mehrere Kilometer südlich von Kanggye und gab über sein
Notfunkgerät Mitteilung, daß er unverletzt sei und sich in den
umliegenden Hügeln verborgen halte. Die übrigen Flugzeuge seiner
Kette mußten bald darauf zu ihren Ausgangsbasen zurückkehren,
da sie nicht genug Treibstoff hatten. Als sie einige Stunden später das Gebiet aus der Luft absuchten, konnten sie keine Spur von
Oberleutnant Cameron entdecken. Radio Peking gab am 30. Oktober
1952 dann bekannt, daß Oberleutnant Cameron nach dem Absturz seiner Maschine über China gefangengenommen worden sei. Im Dezember
1952 wurden von den Kommunisten in großer Zahl Handzettel mit dem
Bild Oberleutnant Camerons verteilt, in denen seine Mission und
der Abschuß seiner Maschine als ein Beispiel der amerikanischen
Aggression gegen China dargestellt wurde.
Hauptmann Harold E. Fischer aus Swea City, Iowa, führte am
7. April 1953 eine Kette F-86 bei einem Einsatz längs des YaluFlusses in Nordkorea. Die Maschinen stießen auf feindliche Jäger
und wurden in einen Luftkampf verwickelt. Während dieses Gefechts
erteilte Hauptmann Fischer seiner Kette über Funk den Befehl, das
Kampfgebiet zu verlassen. Dies ist das letzte, was über Hauptmann
Fischer definitiv bekannt ist,und den Suchflugzeugen der Luftstreitkräfte gelang es nicht, ihn selbst oder seine Maschine zu finden.

- 5-

Radio

�AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Radio Peking meldete in einer Propagandasendung am 10. April 1953,
daß Hauptmann Fischers Maschine abgeschossen und er selbst in Gefangenschaft geraten sei.
Oberleutnant Roland W. Parks aus Omaha, Nebraska, gehörte
zu einer Kette F-86, die am 4. September 1952 vom amerikanischen
Flugplatz Suwon zu einem Kampfeinsatz über Nordkorea aufgestiegen
war. Während ihres Fluges entlang des Yalu stießen die amerikanischen Flieger über nordkoreanischem Gebiet auf feindliche Jäger,
mit denen sie in 9 000 m Höhe in einen Luftkampf gerieten. Im Verlauf des Gefechts wurde Oberleutnant Parks von seiner Kette abgedrängt. Er meldete später durch Funkspruch, daß sein Kreisel- und
sein Funkkompass ausgefallen seien und daß er die Orientierung verloren habe. Wiederholte Versuche, ihn auf befreundetes Gebiet zu
leiten, schlugen fehl; als es klar wurde, daß ihm bald der Betriebs'
stoff ausgehen müsse, wurde er aufgefordert, eine Beschreibung der
Gegend durchzugeben, über der er sich gerade befand. Aus seiner
Antwort war ersichtlich, daß es sich anscheinend um die Halbinsel
Liaotung in der Mandschurei handelte. Fünf Minuten später funkte
Oberleutnant Parks, daß der Motor seiner Maschine ausgesetzt habe,
und er per Fallschirm abspringen werde. Es zeigte sich, daß er sich
zu diesem Zeitpunkt in der Nähe von Dairen in der Mandschurei befand.
Oberstleutnant Edwin L. Heller aus Wynnewood in Pennsylvanien
war Führer einer Kette von F-86, die am 23. Januar 1953 entlang
des TöLu über nordkoreanischem Gebiet Einsatz flog. Die Maschinen
stießen auf feindliche Jäger, die sie in einen Luftkampf verwickelten. Während der Kampfhandlung wurde Oberstleutnant Hellers Maschine
durch Treffer beschädigt und letztmalig in einer Höhe von 13 400 m
gesehen. Am 28. Januar 1953 behauptete Radio Peking in einer Propagandasendung, daß Oberstleutnant Heller mandschurisches Gebiet
verletzt habe und nach dem Absprung aus seiner beschädigten Maschine gefangengenommen worden sei.
Die chinesischen Kommunisten gaben zu, daß sich diese vier
Düsenflugzeugführer in ihrem Gewahrsam befinden.
Herr Präsident, diese fünfzehn Amerikaner werden nunmehr seit
vielen Monaten gefangengehalten, einige seit über zwei Jahren. Die
meisten ihrer Kameraden sind längst mit ihren Einheiten aus Korea
in die Heimat zurückgekehrt. Die Familien dieser fünfzehn Männer
aber warten immer noch. Gegenüber diesen Soldaten, ihren Familien,
ihren Mitbürgern in zehn einzelnen amerikanischen Bundesstaaten und
gegenüber dem ganzen amerikanischen Volk tragen wir in der Vollversammlung eine große Verantwortung.
Herr Präsident, die fortgesetzte Zurückhaltung von Kriegsgefangenen, die ihre Repatriierung wünschen, ist eine flagrante Verletzung des am 27.Juli 1953 abgeschlossenen Waffenstillstandes in
Korea. Die Einkerkerung von elf Angehörigen der amerikanischen Luftstreitkräfte im Anschluß an ein "Verfahren*1 vor einem Militärgerichl
der chinesischen Kommunisten ist nur dazu angetan, diesen Verstoß
gegen ein feierlich eingegangenes internationales Abkommen um so
schwerwiegender erscheinen zu lassen.
Gestatten Sie mir, Ihnen einen Überblick über die einschläj- 6 -

�"ÜÜÜERIKA

DIENST"

15. Dezember 1954

einschlägigen Bestimmungen des koreanischen Waffenstillstandsabkommens zu geben. Sie sind im Artikel III des Waffenstillstandsabkommens und in dem über die Zuständigkeiten der neutralen Repatriierungskommission handelnden Teil des Anhangs enthalten.
Die diesbezüglichen Bestimmungen der Abschnitte 51 und 54 des
Artikels III lauten;
"51. Die Freigabe und Repatriierung sämtlicher Kriegsgefangener, die sich zur Zeit des Inkrafttretens dieses Waffenstillstandsabkommens im Gewahrsam beider Parteien befinden, soll in
Übereinstimmung mit den nachstehenden von beiden Parteien "vor
Unterzeichnung dieses Waffenstillstandsabkommens vereinbarten
Bestimmungen durchgeführt werden.
a) Innerhalb von zwei Monaten nach Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkommens sollen beide kriegführenden Parteien unverzüglich und ohne irgendwelche Schwierigkeiten zu bereiten, alle
jene in ihrem Gewahrsam befindlichen Kriegsgefangenen gruppenweise repatriieren, die zu der kriegführenden Partei, auf deren
Seite sie sich bei ihrer Gefangennähme befanden, zurückzukehren
wünschen. Die Übergabe der Kriegsgefangenen soll im Einklang mit
den diesbezüglichen Beatimmungän dieses Artikels durchgeführt
werden. Um die Rückführung zu beschleunigen, soll jede Partei
vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens der anderen Seite die nach Nationalitäten geordnete Gesamtzahl der zu
repatriierenden Kriegsgefangenen mitteilen. Mit jeder Gruppe soll
eine namentliche Aufstellung der zu repatriierenden Kriegsgefangenen, nach Nationalitäten getrennt, übergeben werden, die den
etwaigen Dienstgrad sowie die Internierungs- bzw. Stammrollennummer enthalten soll.
b) Beide kriegführenden Parteien kommen überein, alle nicht
direkt rückgeführten Kriegsgefangenen der Neutralen Repatriierungskommission zur weiteren Betreuung gemäß den im Anhang festgelegten Bestimmungen über den 'Aufgabenbereich der Neutralen
Repatriierungskommission' zu überstellen..,.
54. Die im Abschnitt 51 Absatz a verlangte Repatriierung
sämtlicher Kriegsgefangener soll innerhalb von zwei Monaten
nach Inkrafttreten des Waffenstillstandsabkcmmens abgeschlossen
werden. Die beiden kriegführenden Parteien verpflichten sich,
die Repatriierung der genannten, in ihrem Gewahrsam befindlichen
Kriegsgefangenen zum frühestmöglichen Termin innerhalb dieses
Zeitraums zum Abschluß zu bringen."
Nach den Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens waren
die kommunistischen Behörden daher verpflichtet, sämtlich«
Kriegsgefangenen entweder dem Oberkommando der Vereinten Nationen oder aber der Neutralen Repatriierungskommission zu übergeben.
Die von mir früher genannten vier Düsenflugzeugführer sind
weder repatriiert noch der Repatriierungskommission übergeben
worden. Sie werden auch weiterhin von den rotchinesischen Behörden festgehalten.
Die elf überlebenden Besatzungsmitglieder dez am 12.Januar

�"AiklEBIKA DIENST •

15. Dezember 1954

12.Januar 1953 abgeschossenen B-29 werden nicht nur von den chinesischen Kommunisten zurückgehalten, sondern sie sind nach einer Meldung des Senders Peking von einem rotchinesischen Militärgericht zu langfristigen Gefängnisstrafen wegen angeblicher
vor ihrer Gefangennahme begangener Verbrechen verurteilt worden.
Über diese fünfzehn amerikanischen Flieger hinaus ist noch
eine ganze Reihe weiterer Fälle bekannt, in denen Angehörige
der dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstehenden
Streitkräfte - Amerikaner und Bürger anderer Staaten - nicht
repatriiert wurden, oder in denen die Kommunisten entgegen den
von ihnen eingegangenen internationalen Verpflichtungen bisher
keinerlei Auskünfte über das Schicksal der betreffenden Personen
erteilt haben.
Bei diese© groben Verstößen gegen das koreanische Waffenstillstandsabkommen handelt es sich leider nicht um Einzelfälle,
die als Ausnahme zu einer allgemeinen Erfüllung der Waffenstillstandsbedingungen seitens der Kommunisten gelten könnten. Tatsache ist, daß diese Verstöße ihre Parallele finden in schweren
Verletzungen des Waffenstillstandes durch die Kommunisten auch
auf anderen Gebieten, die in keinerlei Zusammenhang mit der
Kriegsgefangenenbehandlung stehen.
In den rotchinesischen Rundfunksendungen wurde mit viel
Aufhebens die Behauptung aufgestellt, daß die Besatzung der
B-29 über chinesischem und nicht über koreanischem Gebiet absprang. Nach der zuverlässigsten Information, die dem Oberkommando der Vereinten Nationen vorliegt, wurde Oberst Arnolds
B-29 über koreanischem Gebiet angegriffen und von der Mannschaft verlassen« Dies entspricht auch den von einem Radargerät
registrierten Daten.
Doch ist die Stelle, an der die Maschine auf dem Boden
aufschlug oder die Besatzung landete, ohne Belang. Die Repatriie
rungsbestimmungen des Waffenstillstandsabkommens machen keine
Unterschiede bezüglich des Ortes der Gefangennahme. Diese Bestimmungen beziehen sich auf sämtliche Kriegsgefangenen, unabhängig davon, an welchem Ort sie gefangengenommen worden sind.
Das Entscheidende ist bei dieser Angelegenheit, daß die
15 Personen zum Zeitpunkt ihrer Gefangennahme Angehörige der
dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstehenden Streitkräfte waren und an einer von diesem Oberkommando befohlenen
Operation teilnahmen. Darauf allein kommt es an.
Die von den Rotchinesen gegen die Besatzung der B-29 erhobenen Beschuldigungen wegen angeblicher Spionagetätigkeit
sind selbstverständlich falsch. Die Besatzung ebenso wie die
Maschine befanden sich auf einer vom Oberkommando der Vereinten
Nationen befohlenen routinemäßigen Plugblattaktion, die zur
Unterstützung der allgemeinen militärischen Operationen der
Vereinten Nationen und im Rahmen des Gesamtvorgehens der Vereinten Nationen in Korea durchgeführt wurde. Die Besatzung war
uniformiert und führte sämtliche erforderlichen Ausweispapiere
bei sich.
Abgesehen
1 8 -

�".AMERIKA LIEHST"

15. Dezember 1954

Abgesehen aber von diesen Überlegungen, entbehren die Behauptungen der Rotchinesen jeder Grundlage. Selbst wenn die verlogenen Vorwürfe gegen unsere Flieger wahr wären - was nicht
der Fall ist - und selbst wenn unsere Leute Verbrechen begangen
hätten - was auch nicht zutrifft -, fielen sie noch immer unter
die Bestimmungen des Waffenstillstandsabkommens, die die Freilassung der Kriegsgefangenen vorsehen. Diese Auffassungen sind
auch durch eine Erklärung der Kommunisten bestätigt, die sie
auf der 16.Sitzung der Militärischen Waffenstillstandskommission am 31.August 1953 in Panmunjom abgegeben haben. In dieser
Sitzung erklärte der Vertreter der koreanischen Volksarmee und
des chinesischen Freiwilligenkorps wörtlich:
"Von unserer Seite wurde wiederholt erklärt, daß wir vor
Abschluß der Repatriierungsaktion alle von uns gefangengenommenen Angehörigen Ihrer Streitkräfte - wenn sie dies wünschen repatriieren werden, einschließlich derjenigen Kriegsgefangenen,
die vor oder nach ihrer Gefangennahme Kriegsverbrechen begangen
haben."
Der Vertreter des Oberkommandos der UN erwiderte darauf:
"Wir werden alle Kriegsgefangenen in absoluter Übereinstimmung mit den Waffenstillstandsbestimmungen und entsprechend
dem vorliegenden Plan repatriieren...."
Diese Auslegung des Waffenstillstandsabkommens durch die
beiden Partner so kurze Zeit nach Abschluß dieses Abkommens erweist über jede Zweifel hinaus die Tragweite, die der von beiden Seiten übernommenen Verpflichtung zukommt.
Entsprechend dieser seiner Auslegung der von ihm übernommenen Verpflichtung hat das Oberkommando der UN-Streitkräfte
418 in seiner Hand befindliche und der Kriegsverbrechen beschuldigte kommunistische Kriegsgefangene (314 Koreaner und
104 Chinesen) zusammen mit 36 wichtigen Zeugen repatriiert.
Es repatriierte des weiteren 166 Mann, denen Verstöße nach
ihrer Gefangennahme zur Last gelegt werden (165 Koreaner und
1 Chinese) sowie 118 wichtige Zeugen. In diesen Fällen lautet
die Anklage auf alle möglichen Verbrechen, einschließlich Mord.
Alle diese Gefangenen verlangten ihre Repatriierung und wurden
tatsächlich bis zum 9»September 1953 repatriiert. So haben die
Vereinten Nationen ihre Verpflichtungen erfüllt.
Die Vollversammlung möge nun ihr Urteil darüber abgeben,
wie weit die Kommunisten ihrerseits den von ihnen übernommenen
Verpflichtungen nachgekommen sind. Wie die Kommunisten selbst das
Waffenstillstandsabkommen auslegten, waren sie verpflichtet,
alle in ihrer Hand befindlichen Kriegsgefangenen, ohne Rücksicht
auf etwa gegen sie vorliegende Beschuldigungen bezüglich irgendwelcher vor oder nach ihrer Gefangennahme begangenen Verbrechen
als Kriegsgefangene zu betrachten, die für eine Repatriierung
in Frage kamen. Die amtlichen Stellen des kommunistischen Chinas,
die einige Angehörige der UN-Streitkräfte auch weiterhin zurückgehalten haben und 11 von ihnen wegen angeblicher Verbrechen aburteilten, haben das Waffenstillstandsabkommen unter Mißachtung
ihrer damaligen Auslegung gebrochen.

- 9\

�"AMERIKA DIENST"

15. Dezember 1954

Um kurz auf die unwahre Beschuldigung angeblicher Spionagetätigkeit zurückzukommen: Am Montag führte der sowjetische
Vertreter als Beispiel erwiesener Spionagetätigkeit Oberst
Arnolds angebliche Erklärung an, daß sein Plugzeug unbewaffnet
und nur mit zwei Heckgeschützen bestückt gewesen sei. Tatsächlich war Oberst Arnolds Flugzeug eine gewöhnliche B-29, die
für den Nachteinsatz umgebaut worden war. Im einzelnen war die
Maschine schwarz gestrichen, die Auspuffrohre mit Funkenkörben
versehen, einige Geschütze ausgebaut, die verbleibenden mit
Mündungsdämpfern ausgestattet. Beim Nachteinsatz kann eine Maschine nur vom Heck aus unter Verwendung von Radargeräten angreifen, weswegen eine vollkommene Bestückung weder nötig noch
zweckdienlich ist.
Dies, Herr Präsident, ist ein Beispiel dafür, welcher Art
das Beweismaterial war, auf Grund dessen die amerikanischen
Flieger zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch daran erinnern,
daß der sowjetische Vertreter am Montag voriger Woche ausdrücklich erklärte, daß die elf Mann, von denen die Rede ist, Uniform trugen.
Untersuchen wir einmal genau, was er sagte. Zu diesem Zweck
führe ich die nach dem offiziellen Protokoll angefertigte Übersetzung der Ausführungen an, die der sowjetische Delegierte
Malik in russischer Sprache machte. Elf dieser Flieger, sagte
Malik - ich benütze seine Formulierung -, waren - ich zitiere
wörtlich - "in militärischer Uniform". Die russischen Worte
lautetens "Wo formu wojenno-sluschaschtschich". Sie können
sich die Bandaufnahme vorspielen lassen und selbst hören.
Als ich am Montag darauf hinwies, daß es ein Hohn auf den
menschlichen Verstand sei, zu behaupten, daß sich uniformierte
Angehörige der US-Luftstreitkräfte als Spione in China betätigen, machte der sowjetische Vertreter geltend, es handle sich
hier um einen Übersetzungsfehler.
Nun, Herr Präsident, eines der Wunder bei den Vereinten
Nationen ist der Sprachendienst. Ich habe seine Mitarbeiter bereits früher wegen der erstaunlichen Schnelligkeit und Genauigkeit ihrer Arbeit gelobt. Ja, das Wort Genauigkeit ist zu
schwach, um auszudrücken, wie diese begabten Dolmetscher die
wahre Bedeutung und den Sinn der Ausführungen eines Redners
vermitteln.
Die Feststellung überrascht daher keineswegs, daß es sich
in diesem Fall nicht um einen Übertragungsfehler handelt, daß
der Vertreter der Sowjetunion wirklich von den elf Mann "in
militärischer Uniform" sprach, und daß die Tonbandaufnahme diesen Sachverhalt bestätigt.
Es scheint mir keine sehr faire Diskussionsmethode zu sein,
sich auf eine Ungenauigkeit in der Übertragung auszureden, wenn,
wie es hier tatsächlich der Fall war, der sowjetische Delegierte
sicherlich unbeabsichtigt - etwas sagte, was ihm in seiner Argumentation den Boden unter den Füßen wegzieht. Wie die Franzosen
sagen würden: "Ce n'est pas trds chic."
_
- 10 -

�"kMERIKn DIENST"

15. Dezember 1954

Ganz offensichtlich hat der sowjetische Vertreter tatsächlich gesagt, daß diese Leute Uniform trugen. Nicht minder einleuchtend aber ist die Tatsache, daß es einfach unvorstellbar
ist, daß Angehörige der US-Streitkräfte, Männer in der Uniform
des amerikanischen Militärs, in China Spionage betreiben. Damit
bricht die Argumentation der Kommunisten zusammen, und der
Versuch, die Schuld den Dolmetschern zuzuschieben, wird ihnen
wenig helfen.
Wie die Dinge heute liegen, Herr Präsident, ist die im
koreanischen Waffenstillstandsabkommen für die Entlassung der
Kriegsgefangenen gesetzte Frist inzwischen um fast 18 Monate
überschritten. In eklatantem Verstoß gegen eine der wichtigsten Bestimmungen dieses Abkommens halten die chinesischen
Kommunisten auch weiterhin eine Anzahl von Soldaten der UNStreitkräfte fest und haben elf Mann zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Es muß daher etwas unternommen werden,
um ihre Entlassung sowie die Entlassung aller Angehörigen der
UN-Streitkräfte, die ein Anrecht auf Repatriierung haben, zu
bewerkstelligen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten, die den Oberkommandierenden der Streitkräfte der Vereinten Nationen in Korea
stellt, hat daher die von mir bereits näher bezeichneten
Schritte unternommen, um zu erreichen, daß die chinesischen
Kommunisten die ihnen durch das Waffenstillstandsabkommen
auferlegten Verpflichtungen auch erfüllen. Die diesbezüglichen
bisherigen Bemühungen der Regierung der Vereinigten Staaten
scheiterten restlos. Nach eingehender und erschöpfender Beratung mit allen anderen UN-Mitgliedstaaten, deren Streitkräfte in Korea kämpften, haben wir nunmehr die Angelegenheit
zur dringlichen Behandlung vor die Vollversammlung gebracht.
Es ist dies eindeutig ein Fall, in dem den Vereinten Nationen eine besondere Verantwortung obliegt. Sie leitet sich
aus der Tatsache ab, daß die Vereinten Nationen es waren, die
die gemeinsamen Kräfte zur Verteidigung der Republik Korea
mobilisierten, als diese vor viereinhalb Jahren angegriffen
wurde. Die Vereinten Nationen haben den Sachverhalt festgestellt, sie forderten die Nordkoreaner auf, die Aggression zu
beenden und ersuchten die UN-Mitgliedstaaten, jede Unterstützung,
einschließlich der Entsendung bewaffneter Streitkräfte, zur Verteidigung Koreas zu gewähren. Sie stellten fest, daß sich auch
die chinesischen Kommunisten der Aggression schuldig machten.
All dies geschah in der Überzeugung, daß diese Weltorganisation
erfolgreich der Aggression entgegentreten und so dazu beitragen
könne, ein dauerndes Fundament für die Erhaltung des Friedens
zu schaffen, während bisher der Friede immer wieder durch
Aggressoren gestört worden war, die glaubten, daß sie sich
durchsetzen könnten.
Aus diesen Gründen haben die Vereinigten Staaten die Vereinten Nationen dringend ersucht, für die Achtung des Rechts
zu sorgen.
Vorige Woche gab Präsident Eisenhower der Vermutung Ausdruck, die eklatante Verletzung des Waffenstillstandsabkommens
seitens
- 11 -

�-

' "üikiliRlK^ DIENST"

15. Dezember 1954

seitens der chinesischen Kommunisten durch Einkerkerung von
Angehörigen der UN-Streitkräfte ziele vielleicht ganz bewußt
darauf ab, die Vereinigten Staaten zu unüberlegten Aktionen
zu verleiten in der Hoffnung, so zwischen sie und die übrigen
freien Völker einen Keil zu treiben. Wenn das der Fall sein
sollte, so werden die Beteuerungen der Kommunisten hinsichtlich einer friedlichen Koexistenz wahrlich zu einer lächerlichen Farce. Aber sei dem wie es wolle, für uns gelten die
Worte Präsident Eisenhowers:
"Wir sind es uns und der Welt schuldig, jedwede Möglichkeit einer friedlichen Bereinigung der Differenzen zu erkunden,
ehe wir den leisesten Gedanken an Krieg hegen dürfen.
Es ist wahrlich ein gerüttelt Maß an Einsicht nötig, immer wieder den Mut zur Geduld aufzubringen und unermüdlich nach
jedem nur gangbaren V/eg zu suchen in der Hoffnung, auf der anderen Seite schließlich doch ein wenig Verständnis dafür zu
wecken, daß wir es ehrlich meinen."
In diesem Geiste haben die Vereinigten Staaten zusammen
mit 15 anderen UN-Mitgliedstaaten, die bewaffnete Streitkräfte
zum Kampf nach Korea entsandten, der Vollversammlung den Entwurf einer Resolution vorgelegt, die in Dokument A/L 182 enthalten ist. Ich werde sie im Wortlaut vorlesen, sie ist kurz
und klar:
"Die Vollversammlung der Vereinten Nationen
- nach Prüfung des von den Vereinigten Staaten als
Repräsentant des Oberkommandos der Vereinten Nationen
eingebrachten Antrags bezüglich 11 von chinesischen Truppen als Gefangene eingebrachten Angehörigen der dem Oberkommando der Vereinten Nationen unterstellten Streitkräfte, die am 12.Januar 1953 an einer vom UN-Oberkommando befohlenen Aktion teilgenommen hatten, - und unter Hinweis auf die Bestimmungen des Artikels III des Vertrages über den Waffenstillstand in
Korea betreffend die Repatriierung von Kriegsgefangenen 1. erklärt, daß die Zurückhaltung und Einkerkerung der
im Dokument A/2830 erwähnten und dem Oberkommando der UN
unterstehenden 11 Angehörigen der amerikanischen Luftstreitkräfte, sowie die Zurückhaltung aller übrigen in
Gefangenschaft geratenen Angehörigen der UN-Streitkräfte,
die ihre Repatriierung wünschen, einen Verstoß gegen das
Waffenstillstandsabkommen für Korea darstellt;
2. mißbilligt die Tatsache, daß die nach dem 25.September 1953 illegal zurückgehaltenen Kriegsgefangenen vor
Gericht gestellt und verurteilt wurden, da ein solches
Vorgehen im Widerspruch zu dem Waffenstillstandsabkommen
für Korea steht;
3« ersucht den Generalsekretär, sich namens der Vereinten Nationen darum zu bemühen, daß die 11 Angehörigen
der
- 12 -

�'lAuLhIKxi LLSMSI"

15« Dezember 1954

der UN-Streitkräfte und alle übrigen in Gefangenschaft geratenen und noch zurückgehaltenen Angehörigen der UN-Streitkräfte gemäß den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages
für Korea freigelassen werden;
4. ersucht den Generalsekretär auf dem ihm am besten geeignet erscheinenden Wege, sich ständig und unermüdlich für
dieses Ziel einzusetzen und allen Mitgliedern der UN bis
zum 31.Dezember 1954 über den Erfolg seiner Bemühungen zu
berichten".
Wir bitten die Vollversammlung dringend, diese Entschließung
mit überwältigender Mehrheit anzunehmen. Dies wäre eine eindeutige Bekundung der Auffassung der Vollversammlung, daß die weitere
Zurückhaltung der Kriegsgefangenen durch die chinesischen Kommunisten im Widerspruch zu dem Waffenstillstandsabkommen in Korea
steht. Die Vollversammlung würde damit alle moralischen Kräfte
aufbieten, auf die Freilassung der ungesetzlich zurückgehaltenen
Kriegsgefangenen hinzuwirken. Und schließlich ist so die Aussicht gegeben, daß Mittel und Wege gefunden werden, die Freilassung dieser Gefangenen durchzusetzen, und daß laufend über
den Portgang der Bemühungen zur Freilassung berichtet wird.
Tausende und aber Tausende Soldaten aus 16 Mitgliedstaaten
der Vereinten Nationen wurden einst auf Anordnung der Vereinten
Nationen nach Korea entsandt, um die kommunistische Aggression
abzuwehren. Nach Beendigung der Kampfhandlungen wurden klare
Abmachungen über die Freilassung der Kriegsgefangenen getroffen.
Das Waffenstillstandsabkommen, das diese Bestimmungen enthält,
wurde von der Vollversammlung der UN am 28.August 1953 mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Die Kommunisten verstoßen nun
offen gegen diese Abmachungen, und sie fügen diesem Verstoß
noch die Aburteilung von 11 der von ihnen widerrechtlich zurückgehaltenen Soldaten hinzu, in der Absicht, diese für einen
schamlosen Propagandacoup zu mißbrauchen, bei dem man sich auf
erlogene Beschuldigungen und von ihnen selbst zusammengebrautes
Beweismaterial stützt.
Angesichts dieser ernsten Lage ist es angebracht und notwendig, daß die Vereinten Nationen für die Respektierung ihrer
Autorität und Würde Sorge tragen und so die Rechte der kämpfenden Truppen sichern.

*

* * * *

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="6929">
              <text>1954</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="6930">
              <text>Sonderausgaben 1954</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="6931">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="6932">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="14560">
              <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 6/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Eisenhower berichtet über die Lage der Nation&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kongressbotschaft Präsident Eisenhowers über die Lage der US-Landwirtschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wortlaut der Kongressbotschaft Präsident Eisenhowers über Änderungsvorschläge der Arbeitsgesetzgebung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rückblick auf ein Jahr als Hochkommissar (Ein Interview mit Dr. James B. Conant)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles umreißt US-Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles-Erklärung zur Revision der UN-Charta&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt neuen Haushalt vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 3/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Jahresbericht des Präsidenten der USA Dwight Eisenhower über die wirtschaftliche Lage der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27/I&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Randall-Bericht&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clare Booth Luce: Zur Bekräftigung unseres Glaubens...&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Geschichte der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 24/II&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Atombotschaft Präsident Eisenhowers&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Robert D. Murphy: Einigkeit der freien Welt, beste Hoffnung für die Zukunft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Robert D. Murphy: Frankreich kämpft für die Freiheit in Indochina&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Methoden des internationalen Kommunismus&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Stärke der freien Völker&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 31/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles umreißt US-Asienpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 31/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Parteitage und Statut der SED&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 31/III&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower umreißt US-Außenhandelspolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lewis L. Strauss: "H-Bombenexplosion war zu keiner Zeit unserer Kontrolle entzogen"&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower: Vertrauensvoll in die Zukunft blicken&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 7/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles über die Ziele der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 21/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strauss zur friedlichen Nutzbarmachung der Atomenergie&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 28/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower ruft zum Kreuzzug für bessere internationale Zusammenarbeit und Verständigung auf&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 28/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. James B. Conant zur Lage in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 28/IV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles über die Entwicklung des Korea-Konflikts&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 5/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;UN-Sonderausschuss: Arbeiter in Ketten im Arbeiterparadies&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 5/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strauss: Die Atomkraft, die amerikanische und die Weltwirtschaft&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 5/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John I Jernegan: Der Nahe Osten und Südasien - Das Problem der Sicherheit&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 12/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Alfred le Sesne Jenkins: Die Chinapolitik der Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 12/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles berichtet dem amerikanischen Volk über die Genfer Asienkonferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Stephan Dorsey: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit der USA mit den Nahost-Staaten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Kernprobleme der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Oberster US-Bundesgerichtshof erklärt Rassentrennung in öffentlichen Lehranstalten für Verfassungswidirg&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 19/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. Heinz Krekeler: Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 26/V&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Henry Cabot Lodge: USA auch weiterhin gegen die Aufnahme Rotchinas in die UN&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 2/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower zur Weltlage&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 9/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Foster Dulles fordert Fortführung des US-Auslandshilfsprogrammes&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 23/VI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Geoffrey Lewis: Die Deutschlandpolitik der USA&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;A. 11/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Strauss: Atomenergie muss Segen der Menschheit werden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dwight D. Eisenhower: Rede vor dem Kongress des Weltkirchenrates in Evanston&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 25/VIII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Stassen: Revidierung der "Battle Act" - Liste&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1 /IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower vor der "Amerika Legion": US-Politik muss überparteilich sein&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower in Des Moines: Die freie Welt ist trotzdem überwältigend stark&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: unverzügliche Einberufung des NATO-Rates und baldige Beratung mit Bundeskanzler Adenauer&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 8/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower in Shippingport: Bemühungen zur Schaffung eines internationalen Atompools werden fortgesetzt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 8/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Foster Dulles zur Eröffnung der Manila-Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 22/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Außenminister Dulles berichtet über Manila-Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 29/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles Rede vor der UN-Vollversammlung&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 29/IX&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Dr. Conant zur Eröffnung der amerikanischen Atomenergie-Ausstellung in Berlin&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 13/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;James Wadsworth: Die Frage der Internationalen Abrüstung vor der neunten Vollversammlung der Vereinten Nationen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 20/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Winthrop W. Aldrich: Für stärkere Liberalisierung des amerikanischen Außenhandels&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 27/X&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles berichtet über die Pariser Konferenz&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Henry Cabot Lodge jr. legt amerikanischen Atomplan vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 10/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Botschafter Dr. James B. Conant zur Frage der europäischen Integration und Wiedervereinigung Deutschlands (über RIAS Berlin)&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt Manila-Pakt dem US-Senat zur Ratifizierung vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 17/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower legt Pariser Verträge dem US-Senat zur Ratifizierung vor&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 18/XI&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lodge: USA stellen 100 Kilo spaltbares Material für den internationalen Atompool&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dulles: Das Ziel der amerikanischen Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dr. James B. Conant in Cleveland zur politischen Situation in Deutschland&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 1/XII&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Dr. James B. Conant in Chicago: Wir müssen auf die demokratischen Kräfte im deutschen Volk vertrauen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;A. 15/XII&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Lodge: Rotchina verletzt Waffenstillstand in Korea&lt;/p&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
