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                  <text>Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Di« folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG. APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

7 - 3

Frankfurt, den 1 . Februar 1V52

I N HALTSVBRZBICHNIS

Die Lohnangleichung an die Lebenshaltungskosten in
Westeuropa ."

1

Die Ursachen des industriellen Friedens

8

Paul Finet zur amerikanischen Gewerkschaftsbewegung

11

Vollbesohaeftlgung in Schweden

13

Franzoesisohe Seeleute blickten hinter den
"Eisernen Vorhang

15

Die Lohnangleichung an die Lebenshaltungskosten in Westeuropa
In allen Laendern, in denen die Verbraucherpreise ataendig dazu neigen, sich zu erhoehen, bildet die Angleichung der
Lohntarife an die veraenderten Lebenshaltungskosten ein Problem von lebenswichtiger Bedeutung. Mit zunehmenden Inflationserscheinungen wird die Forderung nach automatischer Angleichung der Loehne oder regelmaessiger Erneuerung der Tarifyertraege immer haeufiger. Weil die Inflation oder zumindest
die Gefahr einer Inflation seit dem Ende des zweiten Weltkrieges allen Laendern droht, die Mitglieder des Europaeischen
Wirtschaftsrates sind, sind haeuflg Diskussionen ueber eine
diese Steigerung ausgleichende Lohnanpassung gefuehrt worden.
Man hat jedoch erkannt, dass die Lohnangleichung allein kein
wirksames Mittel zur Schliessung der Luecke zwischen Kaufkraft
und Angebot bei den Verbrauchsguetern ist. Eine grundlegende
Loesung dieses Problems muss in einer Steigerung der Produktivltaet gesucht werden.

- 1

�In dem Bemuehen, die Kaufkraft der Loehne in den L'arshallplan-Laendern in der Nachkriegszeit stabil zu erhalten, hat
man zu verschiedenen Kitteln gegriffen. Die automatische Lohnangleichung an die Lebensnaltungskosten i3t weit verbreitet,
sie findet sich in Belgien, Luxemburg, Daenemark, Italien und
dem freien Territorium Triest und zwar in Form eines dezentralisierten Tarifvernandlungssystems in Belgien und Luxemburg und
in Form entsprechender Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und
Arbeitnehmern auf Landesbasis in den uebrigen drei Laendern.
Verschiedentlich wurde auch in Norwegen und Schweden die gleiche
Methode der Lohnangleichung befolgt wie in Daenemark.
In England sind seit dem ersten Weltkrieg" einige Tarifvertraege in Kraft, die automatische "Stufengleif-Klauseln enthalten. Ende lyöl arbeiteten etwa 10% aller englischen Arbeitnehmer aufgrund ihrer Tarifvertraege unter Stufengleit-Bestimmungen. In Frankreich gab es nur wenige solcher Vertraege.
In Oesterreich, Westdeutschland und Holland sahen sich die
Gewerkschaften auf Grund der Erfahrungen, die sie nach dem ersten
Weltkrieg waehrend der Inflation gemacht hatten und durch die
Bedenken einer Wiederholung dazu veranlasst, von der Forderung
nach automatischer Lohnangleichung abzusehen. Selbst in diesen
Laendern waren jedoch gewisse Lohnerhoehungen unumgaenglieh,
nachdem Preissteigerungen von beunruhigenden üusmassen eingetreten waren. Derartige Lohnangleichungen mussten jedoch in
Oesterreich und Holland von der Regierung genehmigt werden.
In den Laendern, in denen die automatische Lohnangleichung nicht
bekannt ist, hat man versuent, durch haaufige Erneuerung der
Tarifvertraege Abhilfe zu schaffen. Waehrend die Bestimmungen
ueber die Lohnangleichung in den einzelnen Laendern und auch
von Zeit zu Zeit innerhalb der einzelnen Laender verschiedene
sind, blieben die Argumente hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen
Auswirkungen die gleichen. Die Gegner des Stufengleit-Prinzipa
behaupten, dass es der Inflation Vorschub leiste, die PreisLohn-Spirale ins Leben rufe, ja sogar die Inflation beschleunige.
Diejenigen, die dieses System befuerworten, sind dagegen der
Auffassung, dass in ihm nicht die eigentliche Ursache der Inflation zu suchen ist, weil zuerst die Preise anziehen muessen,
bevor eine Lohnangleichung gefordert wird, wenn die Preise
jedoch erhoeht werden, ist eine Lohnanpassung notwendig, um
das Realeinkommen der Lohnempfaenger zu schuetzen. Allein das
Bestehen einer solchen Bestimmung duerfte dazu anspornen, die
Preise zu stabilisiaren. Ihrer Meinung zufolge kann ausserdem
eine ordnungsgemaesse und im voraus berechnete Lohnangleichung,
so wie sie in den Stufengleit-Klauseln der Tarifvertraege
der Gewerkschaften vorgesehen ist, fuer eine .Virtschaft weniger schaedlich sein als die durch Preissteigerungen hervorgerufene Unruhe innerhalb der Industrie oder die langwierigen
TarifVerhandlungen, die Begleitumstaende haeufig wiederkehrender Krisen sind.
Die in London erscheinende Wirtschaftszeitung "Economist"
bringt die Auffassung zum Ausdruck, dass eine gewisse Form der
Lohnangleichung sogar mithelfen koennte, der Inflation entgegenzuwirken; "Diese k'oeglichkeit waere dadurch gegeben, dass die
Loehne den Preisen erst in einem bestimmten Zeitabschnitt folgen und die Srhoehungen der Loehne geringer als die der Preise
sind. Der Zweck der Klausel waere, den Gewerkschaften als Ausgleich fuer die nachhinkenden Loehne ein Gefuehl der Sicherheit zu geben. Die Einfuehrung der Stufengleitklausel koennte
somit die englische Industrie vor einem Chaos bewahren."

- 2 -

�'Vo der Einfluss der Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen
so gross ist wie in den meisten westeuropaeischen Laendern seit
dem zweiten '.Veitkrieg, besteht die Tendenz, Lohnerhoehungen vorzunehmen, wenn eine fuehlbare Preissteigerung eintritt. Die
Angst vor einer inflationistischen Spirale hat jedoch die Gewerkschaften veranlasst, sich wa«hrend eines grossen Teiles der
Nachkriegszeit in ihren Lohnforderungen Beschraenkungen aufzuerlegen.
Die Gewerkschaftsfuehrer sind in den meisten l'arshallplanLaendern entschieden fuer eine Preiskontrolle eingetreten. Unter bestimmten Bedingungen sind die Lohntarife mit dem Lebenshaltungskostenindex gekoppelt worden. Auf der anderen Seite jedoch
haben die Gewerkschaften ihr traditionelles Ziel einer Steigerung
des Realeinkommens der Arbeiter, dem gesteigerte Froduktivitaet
zugrunde liegen muss, nicht aus dem Auge gelassen.
Die Auswirkungen der automatischen Lohnangleichungsbestimmungen auf die .Virtschaft haengen davon ab, wie haeufig solche
Angleiohungen vorgenommen werden, in welcher Hoehe ein Ausgleich
gewaehrt wird, ob diese Massnahmen ein Sinken oder Steigen des
Preisindex' bewirken und in welchem Grade die verschiedenen Freisindizis, die bei der Lohnangleichung verwendet werden, eine Veraenderung der Preise widerspiegeln, die tatsaechlich von den betreffenden Arbeitern gezahlt werden.
Zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Laendern hat
man, um einer Inflation entgegenzuwirken, den zeitlichen Zwischenraum zwischen den einzelnen Lohnangleichungen verlaengert
und die Preiserhoehungen nur zum Teil durch Lohnerhoehungen ausgeglichen, um einen bestimmten Abstand zwischen den Erhoehungen
des Preisindex' und den Lohnerhoehungen zu schaffen. Regierungen, Gewerkschaften und Unternehmer haben haeufig eine Verbindung von Lohnerhoehungen und Produktivitaetssteigerungen einer
Kopplung der Loehne an die Preise vorgezogen; diese Methode ist
jedoch in keinem Lande ununterbrochen zur Anwendung gekommen.
In den nachstehenden Ausfuehrungen wird beschrieben, inwieweit in den Marshallplan-Laendern in der Nachkriegszeit Lohnangleichungen durchgefuehrt wurden, um hauptsaectlich fuer die Arbeiter der Industrie einen Ausgleich fuer die veraenderten Lebenshaltungskosten zu schaffen. Wir werden uns nicht mit anderen Arten der Lohnangleichung beschaeftigen, die zu gewissen
Zeiten und unter gewissen Umstaenden, angewendet worden sind, so
zum Beispiel Belohnungen fuer Produktivitaetserhoehungen oder
um groessere Lohnunterschiede fuer verschiedene Berufe zu schaffen. Es wird gezeigt, wie automatische Stufengleitskalen verhaeltnismaessig haeufig in den Tarifvertraegen der Gewerkschaften auftreten und wie die Lohntarife in Erkenntnis der Veraenderungen, denen die Lebenshaltungskosten unterworfen sind, in
regelmaessigen Zeitabstaenden abgeaendert werden. Es wird
ausserdem gezeigt, welche Rolle die Regierungen hierbei gespielt
haben, sei es durch gesetzliche Anordnungen von Lohnveraenderungen, durch deren Genehmigung oder Ablehnung oder durch
eigene Verhandlungen mit den betreffenden Partnern ueber die
Hoehe der Lohnveraenderung.
In Belgien, Daenemark, Italien, Luxemburg und dem freien
Territorium von Triest sind Bestimmungen ueber eine automatische
Lohnangleichung in fast allen Tarifvertraegen enthalten, die im
Dezember 1951 sowohl fuer Arbeiter als auch fuer Angestellte in
der Industrie gueltig waren. Arbeitern in der Landwirtschaft
und Regierungsangestellten wurden in Daenemark und bis zu einem

- 3 -

�gewissen Grade auch in Belgien und Italien automatische Lohnerhoehungen gewaehrt. Die Tarifvertraege in England, die sich
ueber eineinhalb bis zwei Millionen Arbeitnehmer erstrecken d.h. etwa 10% der unselbstaendigen Erwerbsbevoelkerung - enthalten Bestimmungen ueber automatische Lohnangleichungen. In
Frankreich sind derartige Bestimmungen nur in wenigen Tarifvertraegen vorzufinden, das neue Gesetz bringt hier allerdings eine
grundlegende Aenderung.
In Korwegen und Luxemburg werden Lohnangleichungen in der
Regel halbjaehrlich vorgenommen. In Daenemark werden die Loehne vierteljaehrlich revidiert, und ebenso war es in Schweden,
als dort noch Bestimmungen ueber die automatische Lohnangleichung in Kraft waren. In Italien, Triest und Belgien kann eine
Anpassung der Loehne an die Lebenshaltungskosten alle zwei
Monate erfolgen. In Island hat man in der Zeit von 1940 bis
Januar 1948 die Loehne monatlich den Lebenshaltungskosten angepasst. Seit Januar 1948 sind durch verschiedene Gesetze und
Verordnungen der Regierung monatliche, vierteljaehrliche und
dann halbjaehrliche Lohnangleichungen angeordnet worden. Die
gesetzlichen Bestimmungen in England sind in bezug auf die
Gueltigkeitsdauer der Lohnangleichungen verschieden. In einigen
Faellen werden sie sogar nur einmal im Jahre durchgefuehrt.
t

Die zentralen Arbeitgeberverbaende und Gewerkschaften in
Schweden und Norwegen haben in den dreissiger Jahren und nach
1945 bzw. von 1939-1946 Vereinbarungen getroffen, in denen automatische Angleichungen der Loehne an die Lebenshaltungskosten
vorgesehen waren. In Schweden ist man nach 1946 von dieser Ivlethode abgekommen, in Norwegen hat man sie erst in letzter Zeit
abgeaendert. -Seit 1940 werden in Island die Loehne zur Anpassung
an die Lebenshaltungskosten recht haeufig veraendert. Eine Ausnahme bildete lediglich die Zeit zwischen 1948 und 1950, als
solche Massnahmen durch Gesetz suspendiert waren. In Irland
hat man in Tarif Verhandlungen zum Ausgleich fuer Erhoehungen
der Lebenshaltungskosten von Zeit zu Zeit Lohnaufbesserungen gewaehrt, ohne sich jedoch durch "Stufengleif-Bestimmungen festzulegen.
Einige diesernStufengleitn-Klauseln sehen einen hundertprozentigen, andere einen geringeren Ausgleich fuer hoehere Lebenshaltungskosten vor. Die Vereinbarungen ueber Lohnangleiohungen, die waehrend des Krieges in Schweden getroffen wurden,
legten Lohnausgleiche fest, die teils nur die Haelfte und teils
nur drei Viertel der Steigerung des Lebenshaltungskostenindex1
ausmachten. Die im Oktober 1950 in Norwegen getroffenen Vereinbarungen gewaehrten einen Ausgleich nur fuer solche Preiserhoehungen, die durch die Beschraenkung der Subventionen verursacht
waren. Zurzeit sind neue Verhandlungen hierueber im Gange.
Haeufig werden Loehne dadurch angeglichen, dass man einfach
den Stundenlohn-Tarif erhoeht, wenn dar Lebenshaltungskostenindex um eine bestimmte Anzahl von Punkten gestiegen ist. Hierbei ist nicht ausdruecklich festgelegt, bis zu welcher Koehe
ein Ausgleich gewaefirt werden muss. In solchen Faellen ist
die prozentuale Lohnerhoehung offensichtlich fuer die Arbeiter
der niedrigen Einkommensstufen guenstiger.
In England wird in den Vereinbarungen ueber Lohnangleichungen im allgemeinen bestimmt, dass der Grundlohn um einen bestimmten Betrag zu erhoehen ist. Dieser Betrag ist je nach Alter
und Geschlecht des Arbeitnehmers verschieden. Einige Vereinbarungen, so z.B. die in der Baumwollindustrie, sehen jedoch auch
eine prozentuale ü,rhoehurig des "Standardtarifes" vor.
- 4 -

�In Daenemark werden fuer je sechs Punkte, um die sich der
daenische Index fuer Einzelhandelspreise in den Monaten Januar
und Juli ueber die Indexziffer 291 11914*100) erhoeht hat, erwachsenen maennlichen Arbeitern einen Stundenlohnzuschlag von
fuenf ^re, weiblichen Arbeitnehmern 3,3 0re und Jungarbeitern
zwei 0re mit "Wirkung von dem darauffolgenden 1. Maerz bzw. 1.
September gewaehrt.
Daenemark ist das einzige Land, in dem sich die Loehne
nach einem Lebenshaltungskosten-Index richten, in dem die .Einkommensteuer beruecksichtigt ist. Auch in Holland und Schweden
werden Indizis veroeffentlicht, in denen die Steuern enthalten
sind, werden jedoch nur selten zum Zwecke der Lohnangleichung
verwendet.
In Belgien, Daenemark, England, Island, Italien, Norwegen
und Schweden sind in den betreffenden Abkommen automatische Lohnangle ichungen fuer Erhoehungen und Senkungen des Preisindexes
vorgesehen.
Die Furcht vor der Inflationsspirale, die sowohl gewerkschaftliche Kreise als auch Kreise der Regierung beunruhigt,
war bestimmend fuer das Ausmass, in dem man automatische Lohnangleichungen als Entschaedigung fuer Preiserhoehungen vorgenommen hat. In Oesterreich und Deutschland haben die Gewerkschaften die automatische Lohnangleichung nicht verlangt. Auch
die drei Gewerkschafts Organisationen Hollands KW, KAB und CNV, haben
gemeinsam mit ihrer Regierung dieses Verfahren abgelehnt. In
Frankreich ist es der Regierung bis vor kurzem gelungen, dem
gewerkschaftlichen Druck nach allgemeiner Verwirklichung der
automatischen Lohnangleichung zu widerstehen. Der englische
Gewerkschaftsbund TUC hatte im November 19*9 versucht, die ihm
angeschlossenen Gewerkschaften zu veranlassen, fuer ein Jahr
die Stufengleit-Bestimmungen ihrer Tarifvertraege ausser acht
zu lassen, wenn sich der Preisindex fuer Verbrauchsgueter in
der Zwischenzeit nicht um mehr als fuenf Prozent steigern wuerde. Dieser Versuch scnlug jedoch fehl.
Eine andere, aber aehnliohe Lethode zur Angleichung der
Loehne an die Lebenshaltungskosten besteht darin, dass Gewerkschaften und Unternehmer die Vereinbarung treffen, bei einer
Steigerung der Lebenshaltungskosten neue Tarifverhandlungen aufzunehmen. Nach den Stufengleit-Bestimmungen sind sowohl Hoehe
des Ausgleichs als auch Periodizaet der Lohnangleichung von
vornherein festgelegt. Nach der soeben erwaehnten Methode der
vorzeitigen Tarifkuendigungsmoeglichkeit sind diese beiden Begriffe dagegen unbestimmt. Im Falle einer Neuaufnahme von Tarifverhandlungen ist jedoch die Moeglichkeit gegeben, rueckwirkende Lohnerhoehungen zu gewaehren. aine Neuaufnahme von
TarifVerhandlungen war z.B. in der Schweiz vorgesehen, und zwar
vierteljaehrlich nach den von der Regierung erlassenen Bestimmungen, die von 1941 bis 1946 gueltig waren, und unregelmaessig
nach privaten Vereinbarungen, auf die die Regierung keinen
Einfluss hatte, und die man von 1947 bis 1951 kannte. Seit
1948 werden in .'/Ostdeutschland alle vier bis sechs Monate eine
immer groessere Zahl von Tarifvertraegen neu abgeschlossen.
Dieses Verfahren kennt man auch in England, und zwar vor allem
seit Ende des Krieges, ausgenommen sind natuerlich jene Vertraege, die an sich 3ciion Stufengleit-Klauseln enthalten. Auch in
Frankreich bedient man sich in einigen Faellen dieser Methode.
In Norwegen wurden die Bestimmungen ueber automatische
Lohnangleichungen, die in den von 1945 bis 1946 abgeschlossenen
Tarifvertraegen enthalten waren, 1949 und 1950 von Vereinbarungen
5 -

�abgeloe3t, die fuer eine bestimmte iürhoehung der Lebenshaltungskosten einen automatischen Ausgleich durch Lohnerhoehungen und
fuer eine weitere Steigerung des Lebenshaltungskostenindex*
eine Neuaufnahme der Tarifverhandlungen vorsehen.
In einigen Laendern haben die Vertreter der Regierung,
der Gewerkschaften, der Industrie und anderer Sektoren der
Wirtschaft ueber die Hoehe der zu kontrollierenden Preise, die
Hoehe der Subventionen, ueber Steuersaetze, Sozialunterstuetzungen, Beitraege zur Sozialversicherung und auch ueber die
Anpassung der Lohntarife an die Preise gemeinsam Verhandlungen gefuehrt. Diese Verhandlungen fuehrten in Oesterreich zu
einem formellen Abkommen. Die schwedische Regierung fuehrt
wirtschaftspolitische Besprechungen mit Vertretern der verschiedenen interessierten Gruppen. Ganz bestimmte Vorschriften
ueber die Besprechung wirtschaftlicher und sozialer Fragen zwischen den von der Regierung und der .Virtschaft ernannten Vertretern gibt es in Frankreich, Belgien, Holland und Norwegen.
Dagegen werden in iängland diese Verhandlungen zwischen Beauftragten des Arbeitsministeriums und Vertretern der Unternehmer und Gewerkschaften gefuehrt. Die englische Regierung hat
im allgemeinen nach solchen Beratungen eine Verlautbarung
ueber ihre Politik der Lohn- und Preisstabilisierung vsroeffentlicht.
Die hollaendische Regierung behaelt sich die Kontrolle
der Loehne und ferner das Recht vor, gegen Lohnerhoehungen,
ueber die man sich in 'iarifVerhandlungen einig wurde, ihr
Veto einzulegen. Die drei nichtkommunistischen Gewerkschaftsorganisationen N W , KAB und CNN stimmen dieser Politik zu.
In Frankreich hat die Frage der Lohnangleichung wiederholt
Anlass zu politisch-wirtschaftlichen Krisen gegeben. Das
franzoesische Parlament hat die Streitfrage zeitweilig durch
Abaenderungen der Gesetzgebung beigelegt. Lit dem Gesetz vom
Februar 1950 wurde das Recht, nach Belieben TarifVerhandlungen
zu fuehren, wiederhergestellt, und gleichzeitig wurde eine
Nationale Jtommission ins Leben gerufen, in der Regierung, Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertreten sind, und die die Aufgabe
hat, fuer das ganze Land gualtige, garantisrte ilindestloehne
vorzuschlagen, die sodann durch einen ^rlass des Kabinetts
fuer allgemeinverbindlich erklaert werden. Diese Mindestloehne,
die fuer die verschiedenen Industrien, Berufe und Ortsklassen
festgelegt werden, sind von Zeit zu Zeit erhoeht worden, wenn
dies in den Augen der Gewerkschaften in Anbetracht der ^rhoehungen der Lebenshaltungskosten gerechtfertigt war.
Im September 1951 beschaeftigte sich die franzoesische
Nationalversammlung gegen den Protest der Kabinettskoalition
in erster Lesung mit einer Gesetzesvorlage, die die Anwendung
einer Stufengleit-Klausel bei der Festsetzung von l-iindestloehnen einfuehren wollte. Hiernach sollte eine ürhoehung der
lündestlebenshaltungskosten eines Arbeiters um fuenf Prozent
oder mehr sofort durch eine entsprechende xurhoehung des Mindestlohnes ausgeglichen werden, 'im allgemeinen jedoch sollte
diese Angleichung nur einmal in drei Monaten vorgenommen werden.
Noch im November 1951 war ueber diese Gesetzesvorlage nicht
entschieden.
Der franzoesische Premierminister kuendigte an,
die Regierung hoffe, diese Vorlage durch Bestimmungen ersetzen
zu koennen, "die den Arbeitern noch bessere Sicherheiten bieten,
aber auch eine Stoerung der wirtschaftlichen Stabilitaet vermeiden." Inzwischen nat das Parlament jedoch grundsaetzlich
fuer die üiinfuehrung der Stufengleitklausel gestimmt.

- 6-

�Die griechische Regierung setzt die Lohntarife noch immer
nach einem Gesetz aus dem Jahre 1944 fest und erhoeht von
Zeit zu Zeit den Uindesttarif, wenn die Gewerkschaften dies
wegen der erhoehten Lebenshaltungskosten verlangen. Die griechischen Gewerkschaftsfuehrer haben jedoch verlangt, dass man
dieses Gesetz ausser Kraft setzt und dass man ihnen das Hecht
gibt, fuer die einzelnen Industrien Tarifverträge mit Stufengleit-Klauseln abzuschliessen.
Nach der Abwertung eines grossen Teils der euronaeischen
Y/flhi'ungen im Jahre 194« und nach Beginn des Krieges in Korea
waren die Regierungen der Ilarshallplan-Laender bemueht, Lohnerhoehungen moaglichst lange hinauszuzoegern. Die Erhoehungen
der Grosshandelspreise drohten deaals das Gleichgewicht der
Aussenhandelsbilanzen und der Stattsbudgets der ueisten dieser
Laendor zu 3toeren, weil sie eine Erhoehun.? der Preise fuer
Importwaren und der Subventionen fuer Lebensaittel zur Folge
hatten.
Die Auswirkungen der Stufengleitklauseln und aohnlichen
Methoden zur Anpassung der Loehne an die effektive Kaufkraft
des Realeinkommens koennen unmoeglich genau verfolgt werden,
weil erstens daneben noch Lohnaufbesserungen anderer Art gewaehrt wurden, zweitens die Veraenderungen der Lebenshaltungskosten in einigen dieser Laender nur unvollstaendig zu erfassen
sind, und weil drittens in einigen Laendern statistische Angaben
ueber Loehne fenlen und da, wo sie vorhanden sind, sie die Veraenderungen der Einkommen und nicht die der Lohntarife aufzeigen. Die Lohnentwicklung wird jedoch nicht nur durch die Veraenderungen der Tarife bestimmt, sondern auch durch andere Faktoren, wie z.B. die Unterschiede zwischen gut- und schlechtbezahlten Industriezweigen.
Index fuer Stundenloehne, Lebenshaltungskosten und
Realeinkomuen in zehn Liarshallplan-Laendern im 2.
Quartal der Jahre 1950 und 1951 11936 - 100)
Stundenlöhne:

U

Lebenshaltungskosten: 2)

Realeinkommen:
1)

1950

1951

1950

1951

19S0

1951

Daenenark

2c0

239

17b

194

126

123

Belgien

3Ö5

431

352

395

109

109

Italien

5,465

5,985

4,778

5,345

114

112

Niederlande

191

211

236

263

81

80

Oesterreich

.602

761

605

619

91

95

Westdeutschland

155

166

153

165

101

113

Norwegen

200

213

166

19*

120

110

England

239

258

182

197

131

131

Irland

195

217

167

201

104

108

1.)

Die Angaben ueber die Einkommen der Industriearbeiter in
Oesterreich gölten nur fuer Wien. Sie betreffen in Korwegen nur L'aenner. Diese ZaiJ.en bezieheu sich fuer alle
- 7 -

�angefuehrten Laender nur auf die in der Industrie beschaeftigten Arbeitnehmer, unberuecksichtigt bleiben die Arbeitslosen und die Einkommen in der Landwirtschaft.
2.) Die Waren- und Dienstleistungen, die diesem Index zugrundeliegen und die Methoden zur Zusammenstellung der Preise,
auf die sie sich gruenden, sind von Land zu Land sehr verschieden ISiehe Text).
Die
umstehende Tabelle zeigt fuer zehn Marshallplan-Laender den Stand der Preise fuer Verbrauchsgueter, die durchschnittlichen Stundenloehne und die Realloehne, die man dadurch errechnet hat, dass man den Einkommens-Index durch den betreffenden
Index fuer Verbraucherpreise dividiert hat. Die Tabelle zeigt
nicht die Unterschiede des Standes der Realeinkommen zwischen
den angefuehrten Laendern, weil diese Unterschiede in der Vorkriegszeit sehr gross waren. Man kann der Tabelle lediglich
die Veraeriderung der Realeinkommen seit 1938 entnehmen.
Im Vergleich zu 1938 sind die Realloehne in Holland heute
am niedrigsten, was auf einen langfristigen Lohnstop zurueckzufuehren sein duerfte, dem eine Lohnangleichung folgte, die jedooh nur zum Teil einen Ausgleich fuer die Preissteigerungen seit
Beginn des Korea-Krieges darstellt. Man schaetzt, dass der Stand
der Realloehne in Frankreich, das in der obenstehenden Tabelle
nicht angefuehrt ist, im Vergleich zur Vorkriegszeit im vierten
Quartal 1950 noch niedriger war als in Holland. In beiden Laendern wird die wirtschaftliche Lage der Arbeiter mit Familie zum
Teil durch Kinderbeihilfen verbessert, die von Zeit zu Zeit entsprechend den Preisveraenderungen einer Revision unterzogen werden. Die Kinderbeihilfen sind in Frankreich jedoch nicht in dem
gleichen Ausmass wie die Loehne den Preisen angopasst worden.
In Italien, Daenemark und Belgien, wo die Loehne seit 1945
am regelmaessigsten den veraenderten Preisen entweder durch Stufengleit-Bestimmungen oder durch einen regeli^aessigen Neuabschluss von Tarifverträgen aufgebessert wurden, betrug der Index fuer Realloehne im zweiten Quartal des Jahres 1951 112, 123
bzw. 109. In der Liste der zehn Laender steht Daenemark hinsichtlich der Hoehe seiner Realloehne an dritter, Italien an 5.
und Belgien an 7. Stelle.
Die italienischen Arbeiter mit Familie, die recht hohe
Familienunterstuetzungen beziehen, erhalten wesentlich mehr als
in den verfuegbaren Statistiken ersichtlich ist. Wenn diese
Unterstuetzungen in dieser Tabelle beruecksichtigt waeren, waere
Italiens Stellung verhaeltnismaessig guenstiger als es in dieser
Tabelle zum Ausdruck kommt'.
Monthly Labor Review
1/52
Die Ursachen industriellen Friedens
Streiks sind dramatische Ereignisse, ueber die in grossen
Schlagzeilen berichtet wird. Aber weit haeufiger sind friedliche Beziehungen in der Industrie anzutreffen. Streiks bilden
nur eine Ausnahme. Der Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und
Unternehmern widmet man in der amerikanischen Industrie groesste
Beachtung.
Es gibt in den Vereinigten Staaten eine private Organisation, die sich mit der Frage beschaeftigt, was das gute Ver- 6 -

�haeltnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ausmacht, und
wie es gefoerdert und verbessert werden kann. Es handelt sioh
hier um die Nationale Vereinigung fuer Planung, die von den Gewerkschaften und auch von den Unternehmern unterstuetzt wird.
Diese Organisation hat unlaengst die Ergebnisse einer Erhebung
veroeffentlicht, die in der Firma "Colorado Fuel and Iron Company'
angestellt wurde. Es ist die neunte Untersuchung dieser Art
ueber bestimmte Industrieunternehmen, in denen ausgezeichnete
Beziehungen zwischen den Arbeitern und der Betriebsleitung bestehen. Fruehere Untersuchungen wurden in Zellulose- und Papier-, Glas- und chemischen Fabriken, sowie Textil-, Flugzeugund Stahlwerken durchgefuehrt. Die Feststellungen, die man in
den //erken der "Colorado Fuel and Iron Company" in i'innequa machen konnte, spiegeln praktisch drei Abschnitte in der Geschichte
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung wider: die anti-gewerkschaftliche Zeit, die Zeit der gelben Gewerkschaften und die der
unabhaengigen Gewerkschaftsorganisation. Von 1882 bis 1915 kam
es in Kinnequa zu Streikaktionen, die zu heftigen Auseinandersetzungen fuehrten. Auf die Initiative der Firma wurde sodann eine
gelbe Gewerkschaft gebildet, die die Belegschaft des Betriebs
vertreten sollte. Dies gesohah im Rahmen des sogenannten Rockefeiler- Planes, der In der amerikanischen Industrie weite Verbreitung fand. Man kam damit jedoch nicht zum Zuge. Wie die meisten gelben Gewerkschaften konnte sich auch diese nicht mohr
laenger behaupten und musste 1937 aufgeloest werden, nachdem
kurz zuvor unter dem New Deal des Praesidenten Roosevelt das
nationale Arbeitsgesetz erlassen worden war.
Nach einer Zeit der Wirrnis wurden die Arbeiter in der
Stahlarbeiter-Gewerkschaft des CIO organisiert. Wie in vielen
anderen Faellen hatten auoh hier die Organisatoren der Gewerk-,
schaft erkannt, dass eine gelbe Gewerkschaft einer unabhaengigen Gewerkschaftsorganisation als Sprungbrett dienen kann.
Die gegenwaertig guten Beziehungen kamen nicht ueber Nacht
zustande. Die Unternehmer waren zu Anfang von der Gewerkschaft
nicht sonderlich begeistert. Nach 1943 waren sie jedoch zusammen mit der Ortsgewerkschaft aufrichtig bemueht, durch Kollektivverhandlungen eine Verbesserung der Situation herbeizufuehren.
Die nationale Vereinigung fuer Planung berichtet, dass man
sich damit die Grundsaetze zu eigen machte, auf denen sich gute
Beziehungen in der Industrie aufbauen.
Hierzu gehoert an erster
Stelle, dass sich der Unternehmer mit TarifVerhandlungen und
Gewerkschaft abfindet. Die Gewerkschaften muessen zu der Erkenntnis kommen, dass die Wohlfahrt und die Beschaeftigung ihrer
Arbeiter von der erfolgreichen Arbeit des Betriebs abhaengig
sind. Gleichzeitig muss eine groessere Produktionsleistung
ihren Niederschlag in hoeheren Loehnen finden. Die Gewerkschaften muessen verantwortungsbewusst und demokratisch sein. Der
Unternehmer darf nicht versuchen, sich in innergewerkschaftliche
Angelegenheiten einzumischen oder das Vertrauen der Arbeiter in
die Gewerkschaft zu untergraben. Das gegenseitige Vertrauen
muss auf dem guten Willen und dem ehrlichen Streben nach Zusammenarbeit beider Partner beruhen. Keiner von ihnen darf versuchen, durch unnachgiebige Haitung und ruecksichtsloses Beschreiten des gesetzlichen Weges*eine Loesung der Probleme herbeizufuehren. Die Beziehungen und gemeinsame Diskussionen muessen auf
freizueglger und dehnbarer Basis gepflegt werden. Die Verhandlungen muessen auf Probleme des Alltags, auf Streitfragen und
Beschwerden konzentriert werden, die so schnell wie moiglich zu
klaeren sind. Es muss ein dauernder Nachrichten-, Eeinungsund Informationsaustausch zwischen der Gewerkschaft und dem
Unternehmer stattfinden.
- 9

�Durch die Befolgung dieser Grundsaetze, die die guten Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern ermoeglichen, konnte das Unternehmen "Colorado Fuel and Iron Company"
aufbluehen. Die Produktionsleistung wurde mehr und mehr gesteigert, die Konkurrenzfaehigkeit der Firma wurde immer staerker. Gleichzeitig verbesserten sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer. Das Bewusstsein ihrer Menschenwuerde steigerte sich, und die gewannen eine neue Auffassung ueber
ihre Mitwirkung in der Gewerkschaft, im Betrieb und innerhalb
der Gemeinschaft. Die Arbeltsdisziplin beruht in erster Linie
auf freiwilliger Basis und wird nicht durch den Staat oder eine
andere aussenstehende Behoerde erzwungen, sie ist vielmehr auf
eigenen Wunsch der Gewerkschaft zustandegekommen.
25% der Belegschaft dieses Unternehmens sind latein-amerikanischer Herkunft. Sechs Prozent sind Neger, die Uebrigen
stammen aus England' oder anderen europaeischen Laendern. Man
kennt keine Diskriminierung im Betrieb, weder aus rassepolitischen Erwaegungen heraus noch aus einem anderen Grunde. Jeder
wird aufgrund seiner Faehigkeiten und seiner Tuechtigkeit eingestellt und befoerdert. Weniger als fuenf Prozent der Belegschaft sind Frauen, die zum groes3ten Teil Buerotaetigkeiten verrichten. 25% der Arbeitnehmer sind in diesem Unternehmen seit
20 Jahren oder noch laenger beschaeftigt, einige von ihnen sogar seit 50 Jahren. Unentschuldigtes Fehlen kennt man fast
ueberhaupt nicht. Die Arbeitsplatzwechsel-Ziffer betraegt
jaehrlich nur zwei Prozent im Vergleich zu sechs Prozent, die den
Durchschnitt fuer ganz Amerika bilden.
Mehr als zwoelf Jahre lang hat dieses Werk ununterbrochen
unter Ausnutzung seiner vollen Produktionskapazitaet gearbeitet,
und es hat keine saisonbedingten Schwankungen in der Beschaeftigung gegeben. Ein wichtiger Beitrag zu dieser Stabilitaet
der Beschaeftigung ist das gemeinsame Lehrlinge-Programm. Lehrlinge sind meist Söehne alterer Arbeiter. Sie verdienen bei
Beginn ihrer Lehrzeit 1,18 Dollar in der Stunde. Nach Je sechs
Monaten wird ihr Lohn regelmaessig erhoeht.
Der Ortsausschuss der Stahlarbeiter-Gewerkschaft ist durchaus demokratisch, und jedes Mitglied wird zur aktiven Beteiligfing an der gewerkschaftlichen Arbeit aufgerufen. Das Problem
des kommunistischen Einflusses ist seit langem ueberwunden. Die
Wahlen sind vollkommen frei, bei den letzten Wahlen waren alle
Gewerkschaftskandidaten Antikommunisten. Die Wahlen sind natuerlich wie in allen amerikanischen Gewerkschaften geheim.
Dieser Ortsausschuss arbeitet mit anderen Ortsgewerkschatten eng zusammen, wenn jaehrlich mit Hilfe der üniversitaet Colorado Schulungskonferenzen abgehalten werden. Der Ortsausschuss
leistet auf oertlicher Basis ausgezeichnete Erziehungsarbeit.
Junge Gewerkschafter werden fuer fuehrende Positionen geschult.
Nichtig ist, dass sie wissen, dass die Fortschritte, die dank
friedlicher und freier Tarifverhandlungen heute erzielt werden
koennen, in vergangenen Jahren nur durch hartnaeckigen Kampf
errungen werden konnten. Sie sollen es lernen, das uebernommene
Lrbe zu schaetzen.
Die Gewerkschaft veroeffentlicht eine Wochenzeitung unter
den Titel "Steel News". Hierin ist ein anderes Mittel zu sehen,
um die Mitglieder zu schulen und sie von der Notwendigkeit zu
ueberzeugen, sich an der gewerkschaftlichen Arbeit zu beteiligen. Es ist eine Gewaehr fuer die Beachtung demokratischer
Grundsaetze innerhalb der Gewerkschaft.

- 10 -

�In keinem der neun ueberprueften Industrieunternehmen hat
di9 Nationale Vereinigung
fuer Planung festgestellt, daas die
Zusammenarbeit in einer nVerv;oehnung" der Arbeiter durch die
Betriebsleitung besteht. Zusammenarbeit bedeutet auch nicht,
dass die Gewerkschaft in ihren Forderungen weniger aktiv und
weniger unabhaengig waere. £a bedeutet vielmehr, dass beide
Partner vernuenftig und verantwortungsbewusst sind, und dass
diese Zusammenarbeit fuer jeden von Vorteil ist - fuer die Arbeiter, den Unternehmer und die Allgemeinheit.
Special Services Branch
1/14/52
Paul Finet zur amerikanischen Gewerkschaftsbewegung
Paul Finet, der ehemalige Vorsitzende des IBFG, kehrte
unlaengst von seinem vierten Besuch in den Vereinigten Stauten
nach Europa zurueck. In einem Interview, dessen '..ortlaut in
dem monatlichen Or^an des IBFG "Freie Gewerkschaftswelt" veroeffentlicht wurde, berichtet er von seinen iindruecken, die
das arbeitende Amerika auf ihn machte. Auf die Frage, was ihn
am meisten beeindruckte, antwortete Finet:
"In ihrem .v'esen sind die Arbeiter auf beiden Seiten des
Atlantik nicht sehr verschieden. Der tatsaechliche Unterschied
ist die andersgeartete Atmosphaere in den Betrieben und im amerikanischen Leben ueberhaupt. Die sozialen Unterschiede sind
auf ein Minimum reduziert. ILs herrscht ein kameradschaftlicher
Geist zwischen Unternehmern und Arbeitern, wie er etwa in einer
Sportmannschaft vorhanden ist. 3s waere sehr schwierig, in
turopa hierfuer eine Farallele zu finden, beide sprechen sich
nicht nur gegenseitig als Personen gleichen Randes an, sondern
der Chef scheint auch jeden Arbeiter persoeniich zu kennen.
Die Arbeiter, die ich beobachtete, zeigten in ihrer Haltung dem
Chef gegenueber wirklich 'keinerlei Unterwuerfigkeit.
"'.Veil man in Amerika einen hoeheren Grad der sozialen
Gleichheit kennt, ist dem amerikanischen Arbeiter auch nicht
jenes Klassenbewusstsein eigen, an das wir denken, wenn wir
vom Klassenkampf sprechen. Sie sind sich bewusst, da3s -jeder
Erfolg auf Kosten der Kapitalisten verwirklicht werden muss,
aber zur staendigen Verbesserung ihres Lebensstandards streben
sie einen gerechteren Anteil an den Gewinnen an. Armut und Kot,
das Los so vieler «rbeiter in iuropa und Asien, gibt es nicht,
zumindest nicht in den Industriegebieten des Cstons, die ich
besuchte*. Die guten Lebensbedingungen des durchschnittlichen
Arbeiters tragen dazu bei, dass er dem Luxus, dessen sich ein
geringer Teil der Bevoelkerung erfreut, voellig uninteressiert
gegenuebersteht."
Man fragte Finet, welche Rolle die Gewerkschaften im amerikanischen Leben spielten. "Die 16 Millionen Kitglieder der amerikanischen Gewerkschaften haben sowohl im wirtschaftlichen als
auch im politischen Leben ein grosses .fort mitzureden. Ich
glaube jedoch, da3s die Rolle, die sie im politischen Leben
Amerikas spielen, unbedeutender ist als die der eurooaeischen
Gewerkschaften. Dies ist auf die unterschiedlichen Methoden
und Auffassungen der amerikanischen Gewerkschaften zurueckzufuehren. In Amerika wollen die Gewerkschaften nicht, um ihr Ziel
zu erreichen, zu der Gesetzgebung selbst Zuflucht suchen. Sie
ziehen es vor, direkt üit den Unternehmern inre Angelegenheiten
zu regeln.
.vichtige Fragen, wie bezahlter Urlaub", Kranken- und

- 11 -

�Invalidenversicherung, Alterspensionen, Einstellungsbedingungen
und Fragen des Senioritaetsrechtes werden auf dem Wege der
TarifVerhandlung geklaert. loh glaube, dass die amerikanische
Regierung in den kommenden Jahren einschreiten muss, um allen
Arbeitern die Vorteile zu garantieren, deren sich die Mehrheit
ihrer Kollegen bereits erfreut. Inzwischen haben d'le Gewerkschaften einen beachtlichen
Grad an Unabhaengigkeit und Handlungsfreiheit erreioht.n
Der Berichterstatter der "Freien Gewerkschaftsweltn fragte sodann Finet, warum die amerikanischen Gewerkschaften so
maechtig sind. Er antwortete:
"Duroh die Einbeziehung sogenannter Union-Shop-Klauseln
in die Tarifvertraege wird es'den Arbeitern zur Pflicht gemacht,
einer Gewerkschaft beizutreten. Deshalb koennen die Gewerkschaften mit einer ziemlich stabilen Mitgliederzahl und auch
mit ausreichenden Geldmitteln rechnen. So wie die Menschen in
Belgien beispielsweise, wq, die Wahlpflicht besteht, es als
eine ganz natuerliche Tatsache hinnehmen, dass sie am politischen Leben ihres Landes teilnehmen muessen, ist es dem organisierten amerikanischen Arbeiter eine Selbstverstaendlichkeit,
dass sein Betriebsobmann ein aktiver Gewerkschafter ist."
Natuerlich wurde Finet auch ueber die Modernisierung der
amerikanischen Industrie befragt. Hierauf antwortete er:
"Ich besichtigte zwei Kohlenbergwerke. Im Mathies-Bergwerk in Pennsylvanien wird bituminoese Kohle abgebaut, das Bergwerk eignet sich in geradezu idealer .Veise fuer die Modernisierung. Mit Hilfe von Maschinen, die erst vor wenigen Monaten angeschafft wurden, koennen zwei Bergleute innerhalb von
SO Minuten 40 bis 45 Tonnen Kohle abbauen, sie uebertreffen
damit bei weitem die Leistungen im europaeischen Kohlenbergbau.
In dem Steinkohlenbergwerk in Pottsville, das ich besuchte, waren die Verhaeltnisse allerdings schwieriger. Die Modernisierung ist dort nicht so weit vorgeschritten wie im Weichkohlenbergbau. n
Auf die Frage, ob die zunehmende Mechanisierung fuer die
Bergleute eine drohende Arbeitslosigkeit bedeute, erwiderte
Finet:
"Zwar ist die Zahl der Untertage arbeitenden Bergleute
stark zurueckgegangen, aber dafuer ist die Zahl der Beschaeftigten, deren Arbelt im Ueberpruefen und Instandhalter, besteht,
im gleichen Verhaeltnis zum Rueckgang der Zahl jener Arbeiter,
die direkt produktiv taetig sind, angestiegen. Hierbei ist
nioht die Extraarbeit beruecksichtigt, die durch Pflege und
Instandhaltung der Maschinen entsteht."
Der belgische Gewerkschaftsfuehrer berichtete sodann von
den Stahlwerken, die er besuchte - die Stahl- und Walzwerke
und die Metallfabriken der Midvale Steel Company in Philadelphia. "Als frueherer Metallarbeiter haette ich es durchaus
nicht als Verlust betrachtet, wenn man mir in den MidvaleStahlfabriken einen Arbeitsplatz als Facharbeiter angeboten
haette. Vom produktionstechnischen Standpunkt aus sind die
amerikanischen Fabriken auf Grund einer besseren allgemeinen
Planung unseren Betrieben ueberlegen. Die Produktion ist bis
in die kleinsten Einzelheiten sorgfaeltigst organisiert. Den
Arbeitsbedingungen wird weit mehr Beachtung geschenkt. Der
Arbeiter hat nur ein Minimum an koeroerlichen Anstrencuneen aufzuwenden. "
- 12 -

�Ueber den Wohnungsbau und die Wohnverhältnisse in Amerika
berichtete Finet folgendes:
"In Amerika ist das Wohnraumproblem ebenso akut wie in
Suropa. Doch ist es fuer Amerika nichts Ungewoehnliches, 1000
Wohneinheiten in.wenigen Monaten an einer Stelle zu errichten.
In Pittsburgh sah ich mir eiaJLge Arbeiterwohnungen an, die
1U38 gebaut wurden und andere, die erst aus neuerer Zeit- stammen. Ich war erstaunt ueber die soziale Initiative in einem
Land, von dem man im allgemeinen berichtet, dass es eine Einmischung der staatlichen Behoerden in die Angelegenheiten der
Privatindustrie ablehnt. Die Gewerkschaften stehen im Kampf
um ein grosaijuegiges Wohnbauprogramm, das den Arbeitern billige
Wohnungen verschaffen soll, in vorderster Linie. Sie halten es
fuer undenkbar, dass es in einem so wohlhabenden Land wie den
Vereinigten Staaten noch Elendsviertel gibt."
Was die europaeisohen Arbeiter von den amerikanischen
Gewerkschaften lernen koennten, fragte man schliesslich Finet',
und hier meinte er:
"Die Taetigkeit innerhalb der Gewerkschaften und die Durohfuehrung der Tarifverhandlungen duerften fuer die europaeisohen
Arbeiter beispielhalft sein. Die amerikanischen Gewerkschaften
sind absolut geschaeftstuechtig. Sie haben sich auf dem Gebiet der Forschung, der Erziehung und der Publizistik in einer
Weise betaetigt, dass sich die Gewerkschaften der ganzen Welt
diese Arbeiter zum Vorbild nehmen sollten. Die Mitgliedsbeitraege sind hoch, und jeder weiss, dass sie gut verwendet.werden. In New York sah ich das Buero der Allamerikanischen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter. Mit einer Uitgliedszahl von 400.000 und einem Personal st ab des Zentraljbueros von 250 Angestellten besitzt diese Gewerkschaft eine eigene
Rundfunkstation. Die Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter hat
eine eigene Bank, die nicht nur die finanziellen Transaktionen
der luitglieder taetigt, sondern auch Unternehmern, die in Schwierigkeit geraten sind, Darlehen geben kann.
"Was die TarifVerhandlungen betrifft, so war ich von der
Wirksamkeit der von den amerikanischen Gewerkschaften angewendeten Methoden stark beelndruokt. Die Gewerkschaften werden
von Wirtschafts- und Rechtssachverstaendigen gut beraten. Die
Staerke und Solidaritaet der Gewerkschaftsbewegung ist beachtenswert. Vielleicht wendet man politischen Problemen nicht
genuegend Aufmerksamkeit zu, aber was das 'Brot- und Butterproblem ' betrifft, so beurteilt man die Gewerkschaftsfuehrer
nach ihrer Faehigkeit, die Unternehmer zum Zahlen zu zwingen."
Finets Erfahrungen und Erkenntnisse erinnern uns wieder an
die Bedeutung eines umfangreichen Meinungs- und Informationsaustauschs. Ein solcher Austausch kommt allen zugute, denn der
Austausch verschiedener Erfahrungen foerdert die Einigkeit,
und die Gewerkschaftsbewegung hat laengst gelernt, dass in der
Einigkeit zugleich Staerke liegt.
Special Services Branch
1-25-52
Vollbeschaeftigung in Schweden
Die Aufrechterhaltung der Vollbescnaeftigung in Schweden
ist eine Aufgabe, die die schwedische Regierung in der Form
- 13 -

�uebernommen hat, wie sie von der schwedischen sozialdemokratischen Partei vorgeschlagen war. Es ist dies ein 'Grundsatz,
der in engstem Einvernehmen mit der schwedischen '.Wirtschaftspolitik der letzten Jahre steht. In den Richtlinien zur Aufrechterhaltung der Vollbeschaeftigung wird hervorgehoben, dass
eine hohe Kachfrage nach Waren durch die Stabilisierung einer
hohen Investitionsquote gesichert werden muss. Die Wirtschaftspolitik des Landes ist darauf ausgerichtet, die private Investitionstaetigkeit durch Besteuerung und durch Kontrollen zu
lenken, Einer Erklaerung des schwedischen Finanzkonitees zufolge wird die Regierung ihre Taetigkeit auf wirtschaftlichem
Gebiet dadurch erweitern, dass sie die private Investitionstaetigkeit strengeren Kontrollen unterwirft und ihren Einfluss
auf die gesamte Investierungspolitik vergroessert.
Um die ins Auge gefa3sten Ziele zu erreichen, beabsichtigt
man, den Privatverbrauch sich nicht in dem gleichen Tempo wie
in den vergangenen Jahren steigern zu lassen. Kr muss vielmehr
durch hoehere Steuern gelenkt werden, u*m damit eine Moeglichkeit
zur Erweiterung des Investitionsvolumens in der vorgesehenen
Richtung zu geben.
Das Finanzkomitee erklaert weiterhin, dass den Sozialreformen eine bestimmte Grenze gesetzt ist, es kommt zu der Schlussfolgerung, dass diese Reformen in den kommenden fuenf Jahren
nicht ausgedehnt werden duerfen.
Die schwedischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind sich
darin einig, dass ein rationeller Einsatz der Arbeitskraefte
durch den Liangel an vernuenftigen Lohndifferenzierungen zwischen den verschiedenen Industrien und vor allem zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern stark erschwert wird. Nach
der Auffassung des Komitees muesste dieses Problem von Privatunternehmern und Gewerkschaften gemeinsam geloest werden, aber
auch die Regierung des Landes und die Gemeindebehoerden muessten
sioh mit dieser Frage beschaeftigen. Um koerperlich schwere
Arbeit in den Grundstoffindustrien und die Schichtarbeit attraktiver zu gestalten, muessen hoehere Loehne gezahlt und entsprechend der Anzahl der Berufsjahre regelmaessig Lohnerhoehungen
gewaehrt werden. Auch die Berufsausbildung ist von groesster
Wichtigkeit. Das Durchschnittsalter der Facharbeiter ist in
den meisten schwedischen Industrien ziemlich hoch; wenn nicht
geeignete Massnahmen getroffen werden, um einen ausreichenden
Zustrom junger Facharbeiter zu gewaehrleisten, koennten sioh
einige Unternehmen gezwungen sehen, wegen Mangel an Facharbeitern ihre Taetigkeit einzuschraenken.
Indem man die Bedeutung einer vollen Auswertung der zur
Verfuegung stehenden Maschinen und Ausrüstungen hervorhebt
und den Arbeitern, die Nachtschichtarbeit leisten, bessere
ÜJrholungsmoeglichkeiten gewaehrt und besondere Vorrechte auf
vorteilhafte Wohnraeume bietet, wird die Arbeiterschaft staerker an Kachtschichtarbeit interessiert werden.
Der Finanzausschuss empfiehlt weiterhin, dass die Regierung in Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften eine liberale Einwanderungspolitik betreibt, wenn sich
hieraus fuehlbare wirtschaftliche Vorteile ziehen lassen.
Die Zahl der einwandernden auslaendischen Arbeitskraefte wird
einen der Faktoren darstellen, die fuer die Entwicklung der
Produktion in den naechsten fuenf Jahren entscheidend sind.

- 14 -

�Die Bemuehungen zur Steigerung der Produktion in der Zeit
von 1951 bis 1955 muessen auf die Steigerung der Leistungsfaehigkeit des einzelnen Arbeiters konzentriert werden. Der Finanzausschuss ist der Auffassung, dass, auf lange Sicht gesehen,
Investierung und hoehere Produktivitaet in engem Zusammenhang
stehen werden. Die Ergebnisse der in neuerer Zeit vorgenommenen hohen Investierungen duerften sich schon in allernaechster
Zukunft bemerkbar machen. Ausserdem muss die Wirtschaftspolitik ihr Ziel darin sehen, vor allem den leistungsfaehigsten
Sektoren der schwedischen Industrie Moeglichkeite.n zur Ausdehnung zu bieten.
Nach eingehenden Besprechungen uebcr Preiskontrollfragen
mit Industrieunternehmen und Gewerkschaften hat das Komitee auf
die Gefahr hingewiesen, dass dauernde Preiskontrollen einer Steigerung der Produktivitaet im V.'ege stehen koennten. Das Komitee
gibt, zu, dass es unter den jetzigen Vejrhaeltnissen nioht ratsam
ist, die Preiskontrolle zu beseitigen. Sollten sich die Verhaeltnisse Jedoch bessern, dann muesste eine grosszuegigere
Methode zur Beeinflussung der Preise gefunden werden. Die jetzige Methode der Festsetzung von Preisen füer einzelnetfarendurch
die Regierung muss durch, eine allgemeine Ueberwachung der
Preisentwicklung und durch ein Einschreiten im Fall' einzelner
Missbraauche ersetzt werden.
Notes on Labor Abroad
9/10 - 51
Franzoesische Seeleute blickten hinter den "Eisernen Vorhang"
Einige franzoesische Seeleute hatten Gelegenheit, einen
Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werden. Nach ihrer Rueckkehr in ihre Heimat konnten sie den kommunistischen Fuehrern
ihrer "Gewerkschaft" die vielsagende Mitteilung machen, du3s die
sowjetischen Satellitenstaaten keine Arbeiterparadiese sind.
Nach ihrer langen Seereise, die sie ueber Odingen und Riga
fuehrte, kamen die franzoesischen Seelaute nach Nantes zurueck,
wo sie im Hafen von dem Sekretaer ihrer Gewerkschaft empfangen
wurden. Er stellte ihnen sofort aehrere Fragen, offensichtlich
in der Erwartung, begeisterte Berichte ueber das, was sie gesehen hatten, natuerlich vor allem ueber die dortigen Arbeitsbedingungen, zu hoeren. "Sie muessten naechstes Mal mit uns
kommen", sagte ein franzoesischer Seemann, "dann koennten sie
sich selbst davon ueberzeugen, dass das Leben, das man in diesen Laendern fuehrt, unsere franzoesischen Arbeiter schwerlich
zufriedenstellen wuerde."
Der ausfuehrliche Bericht der franzoesischen Seeleute wurde
in dem offiziellen Organ des Mittelllaendischen Komitees der
Transportarbeiterfoederation "Air - Terre - Mer" veroeffentlicht.
Dieses Komitee vertritt die Transportarbeiter in Frankreich, Italien und Griechenland. Wir geben den Bericht hier auszugsweise
wieder:
"Wir wurden nicht mit Blumen empfangen, sondern mit zahllosen Maschinenpistolen. Die Polizeibeamten dort tragen ihre
Pistolen nicht versteckt wie unsere Polizisten, sondern ganz
offen, als ob sie damit den Leuten Respekt einfloessen wollten.
Bei unserer Ankunft kam uns ein Lotsenschiff entgegen, das von
einer bewaffneten Mannschaft besetzt war. Der Lotse kam in Begleitung seiner Leute an Bord unseres Schiffes. Es war uebrigens
schwierig, festzustellen, ob wir es mit Soldaten oder Zivilisten
zu tun hatten. Sobald wir in den Hafen eingelaufen waren, wurden alle Luken unseres Schiffes von bewaffneten Maennern be- 15

�setzt, waehrena anaere aas ganze Schiff durchsuchten. Das Funkgeraet und sogar unsere privaten Rundfunkgeraete und Kameras
wurden beschlagnahmt und verschlossen aufbewahrt. Wir mussten
uns alle an Deck einfinden und unsere Ausweispapiere vorzeigen.
£s wurde uns der strenge Befehl erteilt, alle unsere Schubladen, Sohraenke, Kisten usw. nicht abzuschliessen. Waehrend
man die Personalpapiere aller Schiffsangehoerigen an Deck ueberpruefte, wurde das Schiff gruehdlich durchsucht. Man hielt
uns laenger als eine halbe Stunde an Deck fest.
"Sie koennen sich vorstellen, dass wir nach dieser Begruessung wenig Lust hatten, an Land zu gehen. Einige unserer
Leute beantragten die erforderlichen Ausweise, um das Sohiff
verlassen zu koennen; sie erhielten sie erst kurz vor Abfahrt
des Schiffes, sodass auch sie nioht an Land gehen konnten.
"Was wir sahen, war wenig geeignet, uns zu ueberzeugen,
dass man dort wirklich so friedensliebend ist, wie es die Kommunisten staendig behaupten. Wir begegneten unterwegs mehreren
Kriegsschiffen, die Manoever durchfuehrten. Im Abstand von 10
Minuten tauchte immer wieder ein Duesenjaeger auf, und -die
einzigen Kraftfahrzeuge, die wir vom Sohiff aus an der Kueste
sehen konnten, waren von uniformierten Maennern besetzt.
"Obwohl unser Aufenthalt sehr kurz war, konnten wir die
Dockarbeiter bei der Arbeit beobachten. Fuer das Ausladen eines
Schiffes wurde nicht wie sonst eine ganze Mannschaft eingesetzt.
Man laesst vielmehr einen Mann allein arbeiten, und nur wenn
er unbedingt Hilfe benoetigt, wird er von einer Mannschaft unterstuetzt, die zu irgendeinem Schiff abkommandiert werden kann,
das zufaellig Entladehilfe braucht.
"Den Menschen, die man dort zu Gesicht bekommt, steht das
Elend im Gesicht geschrieben. Ihre Kleider sind zerlumpt, und
sie machen den Eindruck, als ob sie dringend eine gute Mahlzeit
brauohten.
"Auf der anderen Seite traegt die Polizei schoene Uniformen, die Polizisten sehen wirklich nicht hungrig aus. Sie sind
sicher gut bezahlt. Der Verkehr wird von weiblichen Polizisten
geregelt, wie man sagt, sind deren Loehne doppelt so hoch wie
die der Facharbeiter.
"Sagen Sie unseren Kollegen, dass sie mit ihren Aussagen
aeusserst vorsichtig sein sollen. Viele Polen, die frueher in
Frankreich lebten und naoh Polen zurueokgekehrt sind, wurden
zur Polizei einberufen, man gewaehrte ihnen alle moeglichen
Vorteile, um sie dem Regime gefuegig zu machen, und sie verstehen franzoesisch. Ein franzoesischer Seemann, der sioh
eine Bemerkung ueber Josef Stalin erlaubte, wurde von der Polizei festgenommen und erst kurz vor Abfahrt unseres Schiffes
wieder freigelassen.
"In Riga beschaeftigt man Frauen, die schwere Lasten und
Pritschen tragen muessen oder" zu Ausbesserungsarbeiten an Eisenbahngeleisen herangezogen werden. Wie man uns sagte, arbeiten s-ie taeglich zwoelf Stunden.
"Was wir sahen und hoerten, hat uns eindeutig gezeigt,
dass es kein Vergnuegen ist, im Sowjetparadies zu leben."
MSA Information
1/17/52

16
II M I 5« I H K III I C

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplar können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankfurt
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet.
Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

V- 4

Frankfurt, den 15. Februar 1V52

INHALTSVERZEICHNIS

Das Geheimnis der Produktivltaet in den Ü.S.A

1

Die Kohlenfoerderung b e r e i t e t den Kommunisten
Sorge

6

Gewerkschaften und Kapitalismus in Amerika und
Europa
Die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Schulung

y

11

Die staatliche Organisation fuer Arbeitsvermittlung
in Irland
13
Eine wichtige Aufgabe fuer die Schule

16

Das Geheimnis der Froduktivitaet in den Ü.S.A.
Im Rahmen des Austausohprogramms, das auf die Initiative
der frueheren ECA-Verwaltung zurueokzufuehren ist und jetzt
von der Verwaltung fuer Gemeinsame Sicherheit weitergefuehrt
wird, reisen Vertreter europaeischer Gewerkschaften, Unternehmer und Techniker der europaeischen Industrie nach den Vereinigten Staaten, um die neuesten Produktionsmethoden der amerikanischen Industrie kennenzulernen. Diese Besuchergruppen stellen
immer wieder fest, dass das Geheimnis der amerikanischen Produktivltaet nicht nur in der Maschine liegt.
Eine Gruppe von Vertretern der franzoesischen Schuhindustrie,
deren Bericht an die Schuhhersteller Frankreichs vor kurzem
uebersetzt wurde, hat zu den menschlichen Ursachen der Produktivltaet in Amerika Stellung genommen.
"Es ist die Geisteshaltung der Menschen und nicht die Maschine, die den amerikanischen Lebensstandard hocLhaelt," erklaerten
die franzoesischen Besucher, die Arbeiter, Techniker, Werkmeister
oder auoh Betriebsleiter waren. Ihr Bericht besagt, dass "der
- 1 -

�ausschlaggebende Faktor der Produktivitaet der Mensch ist, weil
Produktivitaet nicht nur ein technisches Problem ist, sondern
vielmehr eine Geisteshaltung voraussetzt, die natuerlicherweise
bestimmte Arbeitsmethoden hervorbringt."
"Wir unterstreichen die Bedeutung des Produktivltaetsbewusstseins", heis3t es weiter in dem Bericht. "Es umfasst die
loyale Zusammenarbeit aller Menschen mit gleichen Interessen,
das ernsthafte Streben nach gegenseitigem Verstaendnis und ein
Solidaritaetsgefuehl, da3 alle im Betrieb Beschaeftigten verbindet."
"Die Menschen in den Vereinigten Staaten sind nicht rein
zufaellig produktivitaetsbewusst geworden." Der Bericht der
franzoesiscn=m Besucher weist auf die wirtschaftliche Depression
zu Anfang der dreissiger Jahre hin, der eine Zelt folgte, in
der sich eine neue Auffassung ueber das Verhaeltnis zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer entwickelte, die fuer Gewerkschaften und Unternehmer von gemeinsamem Interesse rar. Es ist fuer
Europaeer immer wieder Erstaunlich, festzustellen, dass heiss
umstrittene Probleme in Amerika von Gewerkschaftern und Unternehmern gemeinsam geloest werden, und dass sich der Arbeitgeber
und der Vertreter der Belegschaft nach Klaerung einer solchen
Streitfrage wieder voellig einig*sind, sich nichts nachtragen
und dann sofort bereit sind, sich mit gleichem Eifer wie vorher
um die Produktion zu bemuehen." Die Franzosen erklaerten in
diesem Zusammenhang in ihrem Bericht:
"Die Mitglieder dieser Besuchergruppe hegen gemeinsam den
Wunsch, dass in Frankreich eine aehliche Geisteshaltung sich entwickeln moege. Sie wissen, dass kein technologischer Fortschritt
sichtbare Ergebnisse zeitigen wird, wenn die Arbeiter unserer
Betriebe nicht erkennen, dass sie produktivitaetsbewusst sein
muessen, was nur durch loyale Zusammenarbeit erreicht werden kann."
Aus einem sehr praktischen Grunde moechten die franzoesischen Arbeiter diese Geisteshaltung auch in Frankreich verwirklich! sehen« So heisst es in dem Bericht: "Waehrend ein franzoesischer Arbeiter mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von
100 Francs (DM 1.25) etwa 60 Stunden arbeiten muss, um sich ein
Paar Schuhe kaufen zu koennen, muss sein amerikanischer Kollege,
dessen Stundenlohn im Durchschnitt 1,50 Dollar (DM 6.30) betraegt,
nur 12 oder IS Stunden arbeiten, d.h. also, dass er in etwa
einem Viertel der Zeit das Gleiche verdient. Wenn man die Wichtigkeit der verschiedenen Verbrauchsgueter beruecksichtigt, kann
man sagen, dass die Kaufkraft des amerikanischen Arbeiters etwa
viermal so gross ist wie die seines franzoesischen Kollegen.
Und diese Zahl vier bringt auch den durchschnittlichen Unterschied
in der Produktiv!taet Amerikas und Frankreichs zum Ausdruck."
Die amerikanischen Arbeiter, die sich nach den Erfahrungen
der Besucher einmal in der gleichen L8ge sehen moechten wie der
franzoesische Arbeiter, sollten sich die Zeit nehmen, sich mit
den folgenden Auszuegen aus einem Artikel der Zeitschrift
"Workers" zu beschaeftigen. Denn sie geben ein Bild, wie es
dem franzoesischen Volk von seinen eigenen Vertretern vor Augen
gehalten wird, und das dazu angetan ist, bessere internationale
Beziehungen unter all jenen Voelkern zu foerdern, die sich mit
uns im Kampf gegen die sowietische Gewaltherrschaft vereint haben.
"Es dreht sich um eine Feststellung, die vor allen anderen
betont werden muss. Der Besucher, der in der Erwartung nach Amerika kommt, aussergewoehnlicha Werkzeuge und Maschinen zu entdecken, wird schwer enttaeuscht sein. Er wird keine Geheimnisse
- 2 -

�feststellen, durch die maerehenhafte Erfolge erzielt werden koennen, und er wird auoh keine Arbeiter sehen, von denen ueberdurohschnittliche Leistungen verlangt werden. Und trotzdem wird er
mit Erstaunen feststellen, was man erreicht hat, er wird sich
darueber wundern, wie die Amerikaner es fertigbringen, ihre
Produktionszelt dermassen zu reduzieren und Verbrauohsgueter
auf den Markt zu bringen, die um die Haelfte oder sogar um dreiviertel billiger sind als die gleichen Waren in Frankreich, wenn
man sie nach der erforderlichen Arbeitszelt und den Arbeitsaufwand berechnet. Und dabei sind die Masohinen und Werkzeuge,
die in Amerika zur Verfuegung stehen, denen in Frankreich sehr
sehnlich, und auch hier muessen viele verschiedene und haeufig
komplizierte Typen hergestellt und viele Klelnauftraege erledigt
werden.
"Der Zweck dieser Ausfuehrungen ist es, zu zeigen, wie die
amerikanischen Betriebe dieses Problem geloest haben. Wenn auoh
die technischen Methoden eine bedeutsame Rolle spielen, so ist
der Faktor Mensch doch bei weitem der wichtigste.
"In der Literatur und in der Presse Westeuropas wird bei
jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, dass die Menschen mehr
Beachtung verdienen als die Maschinen, und dass die Gesinnung
der Arbeiter wichtiger ist als ihre Werkzeuge. Mann kann nicht
umhin, diesen Grundsatz gutzuheissen.
"Aber in der amerikanischen Literatur und Presse werden
diese Dinge nicht so sehr betont und nioht selten findet man
Buecher, Zeitungsartikel oder Filme, in denen die Maschine verherrlicht wird. Trotzdem ist es unmoeglioh, die Tatsache zu
ueberseüen.dass der Mensoh in den Vereinigten Staaten weit mehr
respektiert wird als in den Laendern Westeuropas.
"Wir wuerden ueber unser Thema hinausgehen, wenn wir versuchen wolltsn, die amerikanische Zivilisation auf ihre menschliche Seite hin zu ueberpruefen, denn wir sind Gewerkschafter
und wollen dies den Philosophen und Soziologen ueberlassen; aber
es ist ebenso unmoeglich, in einer Betrachtung ueber die Produktivitaet dem menschlichen Faktor nicht den ersten Platz einzuraeumen.
"Diese Achtung vor dem Einzelmenschen ist stark ausgepraegt.
Fuer Mensohen der lateinischen Welt ist es wahrscheinlich schwierig, die amerikanische Denkweise voellig zu verstehen und sie
klar definieren zu koennen. Diese Volksgruppen sind so zahlreioh
und so verschiedenartig, dass ein Verstaendnis der amerikanischen Denkweise nur zum Teil moeglloh ist. Trotzdem sind die
gemeinsamen Merkmale des amerikanischen Wesens, wenn auch sehr
verschieden, so doch offensichtlich. Es sind jene Merkmale,
von denen wir ausgehen, wenn wir versuchen, jene Geisteshaltung
zu erklaeren, die in amerikanischen Betrieben vorherrscht.
"Der Einzelne wird respektiert und er wird identifiziert
duroh seinen Namen und durch seinen Vornamen. Damit ist sioh
der Arbeiter der Tatsache bewusst, dass er einen individuellen
Charakter hat, der in seiner Art einzig ist. Wenn auch der
Einzelne duroh Üeberiegung zu der Erkenntnis kommt, dass er
Bestandteil einer Gemeinschaft ist, die das soziale Gebilde seines Landes darstellt, so sind es trotzdem sein eigenes Wesen
und sein eigenes Gewissen, die ihn im Umgang mit anderen Menschen beherrschen.
"Dies ist die Antithese zur totalitaeren Auffassung der
Gesellschaftsordnung, in der der Einzelmensoh nur eine Zelle
- 3 -

�ohne eigenes Denken darstellt und verpflichtet ist, dieses Denken einem kollektiven Muster anzupassen.
"Bedeutet dies, dass es in Amerika kein soziales Gewissen
gibt, und dass diese Zusammenballung von 140 Millionen keine
Gemeinschaft darstellt, sondern eine Versammlung von 140 Millionen isolierten Einzelpersonen?
"Keineswegs. Weil der Einzelne sich voellig darueber im
klaren ist, dass er eine Persoenlichkeit und einen eigenen Charakter besitzt, weiss er auch, dass andere Menschen normalerweise auf die gleichen Reohte Anspruoh haben wie er. Er respektiert damit in anderen die persoenlichen Eigenschaften, die er
selbst besitzt. Aus dem Wunsch heraus, sich frei zu fuehlen,
respektiert der Amerikaner die Freiheit der anderen. Weil er
als Mensch behandelt werden will, behandelt er auch die anderen
als Mensohen. Diese Denkweise ist so ausgapraegt, dass sie oft
zu Situationen fuehrt, fuer die wir kein Verstaendnis haben.
Ein Beispiel ist das Familienleben. Die Autoritaet der Eltern
Jungen Menschen gegenueber, die noch nicht £0 Jahre alt sind,
ist nicht so gross wie in unseren Familien, wo noch die willkürlichen Rechte des "pater families" bestehen.
"Der hohe Lebensstandard der gesamten Bevoelkerung, der
einen allgemeinen Wohlstand ermoegllcht, den wir in Europa nur
in wenigen reichen Familien kennen, hat die sichtbaren Unterschiede in der sozialen Stellung des Einzelnen wesentlich reduziert. Diese Gleichschaltung, sofern es eine solche ueberhaupt
gibt, wird dadurch herbeigefuehrt, dass Tian sioh das Beste und
nicht das Schlechteste zum Ziele nimmt. Deshalb gibt es auch
kein Klassenbewusstsein, weij. Jeder die gleichen Moeglichkeiten
hat, vorwaertszukommen. Seinen -Vorgesetzten oder seinem Arbeitgeber gegenueber hat der Arbeiter keine Minderwertigkeitskoaplexe, weil er mit Bestimmtheit weiss, dass er vorwaertskommen
und selbst in hoechste Positionen berufen werden kann, wenn er
den Wunsch und die Faehigkeit dazu hat.
" M n e logische Folge dieser Achtung vor dem Einzelnen und
seiner Freiheit ist der amerikanische Grundsatz von den gleichen
Chanoen fuer Alle.
"Die Erinnerung an den maerchenhaften Aufstieg der Vanderbilts, Rockefeiler und vieler anderer ist im Geist der Amerikaner sehr lebendig geblieben. Wenn ein solcher aussergewoehnlioher Aufstieg auch heute aeusserst selten ist, gibt es doch
noch Beispiele, in denen Menschen mit Nichts angefangen haben
und einflussreiche Geschaeftsleute oder Fuehrer der Industrie
geworden sind. Es ist Grundsatz, Jedem die Moeglichkeit zu geben, seine Talente anzuwenden und Jeder, der sich weigern wuerde,
einem Menschen diese Chance zu bieten, wuerde als antisoziale
Kreatur betrachtet werden.
"Die oben erwaehnten Beispiele und die weniger bekannten,
die sich noch laufend ereignen, verringern den Wert von Diplomen und das Ansehen solcher Leute, die Diplome besitzen. Ein
Mansch wird nicht nach der Anzahl seiner Diplome bewertet, sondern nach seiner praktischen Faehigkeit, an seinem Arbeitsplatz
seinen Mann zu stehen. Es gibt deshalb fuer Absolventen von
Hochschulen praktisch keine Vorrechte. Es kaeme niemandem in
den Sinn, einem Mensohen, der bewiesen hat, dass er tuechtig
ist, eine gute Stellung zu verweigern mit der Begruendung, er
habe keine Hochschule besucht. Die amerikanischen Hochschulen
sind stets voll belegt, weil das erworbene Wissen die Entwick-

- 4 -

�lung der persoenlichen Faehigkeiten wesentlich erleichtern kann,
ohne dass es absolut erforderlich waere, ein Diplom zu erwerben.
" M n drittes gemeinsames Merkmal des "amerikanisierten"
Menschen ist sein unerschuetterlioher Glaube an das bekannte
Sprichwort "Zeit ist Geld". Die Geschiohte der amerikanischen
Industrie bestaetigt eindeutig, dass immer dann mehr Geld verdient wurde, wenn Zeit gespart werden konnte. Es muss vielleicht gesagt werden, dass dieses Sprichwort den Grundgedanken
der Produktivitaet in treffendster Form zum Ausdruck bringt.
Wenn man zugibt, dass Geld erhoehte Kaufkraft bedeutet, dann
stellt das Bemuehen, Zeit zu sparen, letzten Endes den Schluessel zur Produktivitaet und zu allen anderen Moeglichkeiten, die
sich durch sie eroeffnen, dar.
"Diese drei Grundsaetze, die wir soeben aufgezaehlt haben,
und die die Grundlage der amerikanischen Denkweise bilden, loesen in sozialer Beziehung logische Folgerungen aus, die wir bereits in den Betrieben verwirklicht finden. Zweifellos ist
die Atmosphaere in den Betrieben, die unsere Gruppe besucht hat,
eine direkte Folge dieser drei grundlegenden Auffassungen.
Wenn es nur selten vorkommt, dass die Maschinen in einem
Betrieb mit den Namen der betreffenden Arbeiter versehen sind,
dann einfach deshalb, weil im Betrieb jeder den anderen kennt.
Wenn jedoch ein Arbeiter mit der Oeffentlichkeit in Beruehrung
kommt, wird sein Name auf einem kleinen Schild angegeben, das
am Schreibtisch, am Schalter, am Aufzug oder ueber dem Sitz
eines Cknnibusfahrers angebracht ist. Die Angestellten und Arbeiter wollen nicht nur Nummern sein und wuerden es als eine
Erniedrigung ansehen, wenn sie am Kragen oder an der Muetze
durch eine Nummer gekennzeichnet waeren.
"Im Betrieb wird jeder beim Vornamen genannt, was eine
Atmosphaere der Vertraulichkeit schafft. Die Autoritaet des
Vorarbeiters oder des Abteilungsleiters kommt nicht in Form
wlllkuerlicher Vorrechte zum Ausdruck, sondern in Form der persoenlichen Beratung. Jeder Arbeiter, der sich seiner Persoenllchkeit bewusst ist, ist sich tatsaechlich auch seiner Verantwortlichkeiten bewu33t. Man hat ihm eine Arbeit anvertraut, die
er aus Selbstachtung so gut wie moeglich zu verrichten bemueht
ist. Wenn er nur schlechte Arbeit leistet, wird man nicht sagen,
dass ein gewisser Arbeiter nichts von seiner Arbeit versteht,
sondern man wird offen erklapren, dass George Smith ein schlechter Arbeiter ist. Seine Arbeit ist also nicht anonym.
"Das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen ist stark ausgapraegt und wirkt sioh nach zwei Richtungen aus. Der Vorarbeiter weiss, dass George Smith persoenliches Verantwortungsbewusstsein hat, und er hat keinerlsi Grund, diese Verantwortung und die
eines anderen, ihm unterstehenden Arbeiters selbst zu uebernehmen. Damit kann er sich ganz seiner Aufgabe als Vorarbeiter widmen. Weil auch er seinen Verantwortungsbereich sehr gut kennt
und seinem Namen Ehre machen will - und zwar aus dem gleichen
Grunde wie George Smith - gibt ihm auch sein Chef, der Abteilungsleiter, freie Hand in seiner Arbeit, was auch diesem ermoegllcht,
sich seinen eigenen Pflichten zu widmen. Genau so ist das Verhaeltnis zwischen dem Abteilungsleiter und dem Betriebsleiter.
Der Betriebsleiter braucht sich nicht mit Dingen zu belasten,
die den Produktionsgang im Betrieb betreffen, er kann deshalb
all seine Bemuehungen vollkommen auf die Verwaltung, des Betriebs
konzentrieren.
In einer solchen Atmosphaere, in der jeder seinen eigenen
Verantwortungsbereich kennt, muessen Verdienste natuerlich belohnt
- 5 -

�und Nachlaessigkeiten bestraft werden. Die Loehne bilden das
fuer diesen Zweck geeignete Kittel. Da diese Loehne die Kaufkraft darstellen, ist man sich ihrer grossen Bedeutung bewusst,
und jeder versucht, nicht nur seinen Lohn zu halten, sondern
ihn, wenn moeglich, zu verbessern.
MSA Information
1/22/52
I
Die Kohlenfoerderung bereitet den Kommunisten Sorge
Kohle ist in allen Laendern ein lebenswichtiger Rohstoff.
Seit dem Zeitpunkt, zu dem die Agenten des Kreml die Macht in
Osteuropa an sich gerissen haben, haben sie wiederholt auf die
'.Vichtigkeit einer gesteigerten Kohlenf oerderung hingewiesen.
Sie haben damit jedoch keinen Erfolg, und zwar deshalb» weil sie
versucht haben, die Bergleute anzutreiben, und weil die einzige
Taktik, die die Kommunisten kennen, darin besteht, die "Arbeitsdisziplin" noch strenger zu handhaben."
Aber hoeren wir, was einige Kommunisten darueber selbst zu
sagen haben.
Aus Ungarn erhielten wir kuerzlich den neuesten Bericht
ueber den Stand des Fuenf jahresplanes'. Er war in einer Ausgabe
der "Szabad Kep" abgedruckt. In diesem Bericht heisst es:
"Die Schwierigkelten, die sich im vorigen Jahr und in
der ersten Haelfte dieses Jahres bemerkbar machten, bestanden
auch im dritten Quartal dieses Jahres. Die Kohlenfoerderung
blieb noch immer hinter den gesteckten Zielen zurueck, obwohl
Partei und Gewerkschaften mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfuegung stehen, diesem Uebel zu Leibe gerueckt waren. Eine
Kampagne zur Staerkung der Arbeitsdisziplin folgte der anderen.
Die tuechtigsten russischen Bergleute wurden nach Ungarn gebracht. Die Bergleute wurden veranlasst, Produktionsversprechen an Rakosi zu unterschreiben. Aber auch diese Versprechen
wurden nicht erfuellt. Erno Gero, der fuehrende Mann der ungarischen Wirtschaft, gab auf einer Konferenz der Bergwerkadirektoren zu, dass die Moral der Arbeiter Im Sinken begriffen ist.
Er versprach ihnen, die Fleischrationen zu verbessern, aber,
so sagte er, die Arbeitsdisziplin muss besser werden." Er beklagte sich ueber zu haeufiges Zuspaetkommen und das Fernbleiben vom Arbeitsplatz sowie ueber Herumstehen in den Fabriken
und "Sabotage".
Er berichtete ausserdem, dass von 50(^0 neuen Arbeitern,
die vor kurzem fuer die Bergwerke Tatabanya rekrutiert worden
waren, nur wenige laenger als vier Wochen in den Kohlengruben
blieben. Es handelte sich hier um Frauen, Jugendliche, Bueroangestellte und ehemalige Bauern, die im Zuge der Kollektivierung ihren Wohnsitz wechseln mussten. Sie wurden zur Grubenarbeit unter Tage herangezogen, ohne hierfuer ausgebildet zu sein.
Man wird sich erinnern, dass Tatabanya das Bergwerk ist,
in dem sich am 30. September eine grosse Katastrophe ereignete.
Die Regierung hatte bekanntgegeben, dass 81 Bergleute ums Leben
gekommen waren. Fluechtlinge schaetzen die Zahl der toedlich
Verunglueckten auf 200. In ihrem Eifer, die Produktion zu steigern, hatten die Bergwerksleiter die Sicherheitsvorschriften
voellig vernachlaesslgt.

6 -

�Auch der stellvertretende Premierminister Rakosi nahm
kuerzlioh die Gelegenheit wahr, den Bergarbeitern sein Missfallen auszusprechen. Er sagte: "40# der ungarischen Bergleute sind Kommunisten. Sie muessen es sein, die eine strenge
Arbeitsdisziplin rueckhaltlos unterstuetzen. Sie sollten als
Stossarbeiter den anderen als Beispiel vorangehen. Aber sie
sind undiszipliniert. Sie sind die ersten, die wegen des Mangels an Lebensmitteln protestleren, und sich dem stachanowistischen und anderen sowjetischen Methoden widersetzen."
Rakosi koennte hlnzugefuegt haben, dass sich diese Leute
sogar darueber beschweren, dass Ungarn zuviel Lebensmittel
nach Russland schicken muss und im Ueberfluss leben koennte,
wenn Russland diese Lieferungen von Ungarn nicht forderte.
Die Bergleute machten ihrem Unwillen in den Worten Luft: "Wir
koennen von Rakosls Versprechungen nicht leben." Das ist kein
Wunder, denn die Preise fuer Schinken, Speck, Butter und Oel
haben sich seit. Mai verdreifacht, und die Fleischrationen sind
gekuerzt worden.
Erst im vorigen Monat wurden 400 ungarische Bergleute
verhaftet, weil sie oeffentlich gegen eine Senkung der Fleischration protestiert hatten. Die Ernaehrungslage ist fuer die
Bergleute dadurch noch schlechter geworden, dess sie keine
Zeit mehr haben, ihre kleinen Gaerten zu bearbeiten. Man verlangt von ihnen, dass sie im Bergwerk an Sonnabenden und haeuflg auoh an Sonntagen Ueberstunden leisten.
Angesichts dieser Schwierigkeiten fordern ungarische
Kommunistenfuehrer wie Rakosi und Gero groessere Strenge in
der Handhabung der Arbeitsdisziplin, obwohl derartige Versuche
bereits geseheitert sind. Wie weit diese Arbeitsdisziplin gehen kann, zeigt ein Vorfall, ueber den die "Nepszava" berichtet.
In Tatabanya wurde ein "Volkserzieher" damit beauftragt,
waehrend und nach der Arbeltszeit Bergleute zu ueberwachen, die
regelmaesslg vom Arbeitsplatz fernbleiben.
Auch in der Tschechoslowakei hat das Regime mit aehnlichen
Schwierigkeiten zu kaempfen. Am 3. November wurden die Ergebnisse des dritten Quartals des Jahr-Planes 1951 veroeffentlicht.
Es wurde zugegeben, dass die Kohlenfoerderung 6#6 niedriger
war, als man veranschlagt hatte. Infolgedessen musste auch
die Produktion in den Giesserelen und anderen von der Kohle
abhaengigen Industrien zurueckbleiben.
"Am 13. November gaben Radio Prag und die Prager Presse
bekannt: Strenge Massnahmen werden ergriffen, um die in der
Stahlindustrie herrschende Krise zu bek&amp;empfen. Diese kritische Lage ist eine Folgeerscheinung der Krise im Kohlenbergbau."
Auch hier in der Tschechoslowakei koennen wir eine tyoisch
kommunistische Reaktion feststellen. Der tschechische Minister fu.er Arbeitseinsatz Havelka kuendigte eine intensive Kampagne an, in deren Verlauf Jugendliche im Alter von 17 bis
22 Jahren zu Bergleuten und Jungen zwischen 15 und 17 Jahren zu
Bergwerkslehrlingen ausgebildet werden sollen. Auch auf junge
Maenner, die ihrer Dienstpflicht in der Armee genuegt haben,
wird ein Druck ausgeuebt, um sie zu veranlassen, in den Bergwerken einen Arbeitsplatz anzunehmen. Nicht besser ergeht es
den Jugendlichen Landarbeitern. Drack, aber nicht Belohnung
ist die kommunistische Parole. Der tschechische Innenminister
Nosek sprach z.B. vor kurzem den Bergleuten in Maehrisch-Ostrau
sein Befremden darueber aus, dass sie eine Arbeitswoche von 44
- 7 -

�Stuftden gefordert hatten. Was in der Vergangenheit revolutionaer gewesen sei, sei heute reaktionaer. Bergleute, die nicht
damit einverstanden sind, dass an Sonnabenden nloht eine kurze,
sondern eine normale Sohioht gearbeitet wird, verurteilte er
als Staatsfeinde.
Es mag beilaeufig erwaehnt werden, dass Bergleute in Amerika und Westeuropa nur selten am Sonnabend arbeiten, und wenn
sie es tun, gewaehrt man ihnen volle Lohnzusohlaege fuer Mehrarbeit.
Wenden wir uns nun Rumaenien zu, von wo uns ebenfalls Berichte ueber die Unzufriedenheit unter den Kohlenbergarbeitern
erreichten. Kuerzlioh gab ein frueherer italienischer Kommunist, der aus Rumaenien fluechtete, einen Tatsachenbericht
ueber die Arbeitsbedingungen in rumaenlsohen Kohlenbergwerken.
Nennen wir diesen Italiener Luigl. Er berichtete, dass in
den Bergwerksgebieten Fetrila., Vulcan und Lppeni in der Naehe
von Petrosani alte pensionierte Bergleute aus ihren Wohnungen
vertrieben wurden, um Platz fuer neurekrutierte Bergarbeiter zu
maohen.
"Die Mehrheit der Bergleute sohloss sich der Kommunistischen Partei aus Gruenden der Zweokmaessigkeit an. Nur 5% von
ihnen sind jedoch ueberzeugte Kommunisten. Wenn sie ernueohtert sind und keine Illusionen mehr haben, wenden sie sioh
meistens der Religion zu. Die Rumaenen sind hoechst empoert
darueber, dass die Bergwerksleitung in den Haenden von Russen
liegt, die Angestellte einer "gemeinsamen Gesellschaft"
(Sovromcarbune) sind.
Unfaelle ereignen sioh in den Bergwerken haeufig, ihre
Zahl nimmt staendig zu. Die Sicherheitsmassnahmen werden aus
Gruenden der Produktionssteigerung vernachlaessigt. Der Durchschnittslohn betraegt monatlioh 9000 Lei, d.h. DM 250.-,
Nebenbei gesagt entspricht dieser Monatslohn dem Verdienst
eines amerikanischen Bergmannes fuer vier Tage Arbeit.
Doch hoeren wir uns Luigis Augenzeugenbericht weiter an:
"Stossarbeiter in rumaenischen Bergwerken koennen monatlioh bis zu 12.Ü0Ü Lei verdienen, aber sie ruinieren dabei meistens ihre Gesundheit. Einer von ihnen namens Ludovic Papp,
der im vorigen Jahr als "Arbeitsheld" gefeiert wurde, befindet
sioh nun mit einer Tuberkulose im Krankenhaus. Die Bergleute
erzaehlen sich deshalb den zynischen Witz: "Werde Stossarbeiter und verdiene Dir eine lange Bettruhe." Das Krankenhaus in
Petrosani, einer Stadt von 15.000 Einwohnern, hat nur 250 Betten. Es f9hlt ausserdem an Medikamenten. Die runaenischen
Bergleute verachten ihre Kameraden, die sich zur Steigerung der
Leistungsnormen ausbeuten lassen und vermoegen ihrer koerperlichen Staerke und ihrer Fertigkeiten mehr arbeiten als der
Durchsohnitt. Schon die Tatsache, dass die Redakteure runaeni3cher Zeitungen es fuer notwendig halten, fast taeglich die
Arbeiter zu tadeln, die sich dem Stachanow-System widersetzen,
ist ein Bewei3 dafuer, dass der Widerstand unter der Arbeiterschaft gros3 ist.
Weil diese Stossarbeiter verhasst sind, forderte die ruraaenisohe Zeitung "Vita Sindicala" Betriebsleiter sowie Partelund Gewerkschaftsfuehrer auf, jene Arb3iter"liebevoller" zu behandeln, die sich bereiterklaeren, die Produktionsleistung zu
steigern.
- 8

�Das Regime In Rumaenlen Ist heute, wie auch in anderen
Satellitenstaaten der Sowjetunion, mit verstaerktem Eifer daran
gegangen, Frauen und Jugendliche fuer die Bergwerke zu rekrutieren. Luigi beriohtet in diesem Zusammenhang:
"Die Erbitterung unter den Bergleuten nimmt zu, wenn sie
mitansehen muessen, wie ihre Frauen in den Gruben Kohle hauen
muessen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Auch
dass ihre Soehne zum Verlassen der Schule gezwungen werden, um
in die Bergwerke zu gehen, traegt wenig dazu bei, sie dem
Regime gegenueber fruendlioher zu stimmen."
Auch in polnischen Bergwerken bekaempfen die Kommunisten
mit allen Mitteln das haeufige Fehlen, den haeufigen Arbeitsplatzwechsel und den Widerstand gegen das Stachanow-8ystem.
Die polnischen Bergleute erzaehlen sich einen nooh grimmigeren
Witz als ihre rumaenischen Kollegen: "Sei ein Held der Arbeit,
und Du wirst schnell in den Himmel kommen."
Hilary Mine, der Wirtsohaftsfuehrer Polens, erklaerte in
seiner letzten Rede an Arbeiter und Bergwerkbesitzer warnend,
dass, wenn die in der Vergangenheit aufgetrenenen Schwierigkeiten auoh im kommenden Jahr nicht zu beseitigen waeren, die
Arbeiter bereit sein muessten, noch groessere Haerten auf sioh
zu nehmen. Dies betreffe besonders den Mangel an Verbrauohsguetern. Opfer waeren notwendig, um die kuenftige Sicherheit
des Vaterlandes gewaehrleisten zu koennen. Die polnisohen
Bergleute, von denen man groessere Arbeitsanstrengungen verlangt, und deren Produktion zum grossen Teil naoh Sowjetrussland exportiert wird, fragen sich jedooh mit Reoht: "Welches
Vaterland?"
Die polnischen Bergleute gaben ihrer Unzufriedenheit u.a.
dadurch Ausdruck, dass sie sich weigerten, die Beltraege an
die Gewerkschaft zu »ahlen. "Glos Praoy" berichtet, dass nur
65$ der Arbeiter Beltraege entrichten, obwohl die Mitgliedschaft
in der polnisohen Arbeitsfront obligatorisch ist. Die Zeitung
fordert wie gewöhnlich staerkere Kontrollen.
Diese Reihe der Beweise fuer die Unzufriedenheit der Arbeiterschaft koennte an Hand offizieller Verlautbarungen und
Pressemeldungen aus allen Laendern der sowjetischen Einflusssphaere nooh lange fortgesetzt werden. Die Methoden sind mit
nur auffaellig wenig Abweichungen ueberall die gleichen. In
den Grundstoffindustrien, wie z.B. dem Kohlenbergbau, ist die
Produktion, im ganzen gesehen, unzureichend. Was achlagen die
Stalinisten vor, um diesem Uebel abzuhelfen? Fuer sie gibt
es keine andere Moeglichkeit als jenes Mittel, das man schon
seit 34 Jahren ohne Erfolg in Sowjetrussland anwendet: Letzten
Endes wird immer die Arbeiterschaft verantwortlich gemaoht.
Die Parole heisst ueberall: Verbessert die Arbeitsdisziplin.
Ueberall nimmt der Terror immer krassere Formen an.
Massnahmen, die die Fehler des kommunistischen Wirtschaftssystems beseitigen wuerden, wuerden das Ende des Regimes bedeuten. Denn was tatsaeohllch hierbei erforderlich waere, ist die
Beseitigung der Diktatur und die Wiedererringung der Freiheit.
Program Servioes Seotion
XI-16-51
Gewerkschaften und Kapitalismus in Amerika und Europa
Die grosse Wirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen
foerderte in wesentlichem Masse die Entwicklung der grossen
9 -

�Industriegewerkschaften. Auch der wirtschaftliche Aufstieg
waehrend und nach dem Kriege trug dazu bei, der Gewerkschaftsbewegung als Gesamtheit Macht und Elnfluss in der Industrie zu
verschaffen. Professor Sumner Süchte von der Harvard-Universitaet preegte die Bezeichnung "labouristic economy" (gewerkschaftsorlentierte Wirtschaft). Er und viele andere sind der
Auffassung, dass die neuen Entwicklungen in der amerikanischen
Wirtschaft das Merkmal der gesteigerten Macht der Gewerkschaftsbewegung auf industriellem und sozialem Gebiet tragen. Es mag
Leute geben, die mit dieser Auffassung nicht einverstanden
sind oder auf die Tatsache hinweisen, dass der politische Elnfluss der Gewerkschaftsbewegung beispielsweise hinter dem der
Bauern weit zuruecksteht. Aber es ist kaum anzuzweifeln, dess
die Gewerkschaften heute im allgemeinen staerker sind als je
zuvor. Die Erfolge einiger der groessten Gewerkschaftsorganisationen in Bezug auf Lohnerhoehungen, Stufengleit-Klauseln
und Pensionsplaene waren hoechst eindrucksvoll. Darueberhinaus
wird die Gewerkschaftsbewegung jetzt im allgemeinen von dem
Unternehmertum und anderen Gruppen im Staate als staendige und
vielleicht unerlaessliche Einrichtung akzeptiert, wenn sie
auch gelegentlich Rueckschlaege hinnehmen mus3te, fuer die
das Taft-Hartley-Gesetz und natuerlich auch die grossen Auseinandersetzungen zwischen wirtschaftlichen und reinen Machtinteressen als Symbol gelten koennen.
Woertlich genommen bleibt die bejahende Haltung der Gewerkschaftsbewegung in Amerika dem kapitalistischen Wirtschaftssystem gegenueber eine Tatsache, die fuer das Privatunternehmen
im Gegensatz zum oeffentlichen Unternehmen einen Vorteil bedeutet, die freie Tarifverhandlung mit dem Unternehmer wird in
jedem Fall einer Lohnbeatiimune durch die Regierung vorgezogen.
Im groessten Teil Europas und in vielen anderen Teilen der
Welt haben die Gewerkschaften Verbindungen mit antikapitalistiachen Parteien oder Bewegungen eingegangen und sie zuweilen
aus ihrer fuehrenden Stellung verdraengt. Sie waren entweder
sozialistisch, kommunistisch oder katholisch orientiert oder
hingen mit irgendeiner anderen Ideologie zusammen. In den Vereinigten Staaten waren sie bestrebt, "ein moeglichst grosses
Stueck des kapitalistischen Kuchens zu erhalten, aber nicht
einen neuen Kuchen selbst zu backen - obwohl sie den Koch wenig
schaetzen und ihm nicht sonderlich vertrauen." Um die Mitte
dieses Jahrhunderts gaben sich jedoch viele amerikanische Gewerkschaften nicht mehr mit hoeheren Loehnen und einer kuerzeren Arbeitszeit zufrieden, obwohl diese Ziele in ihren Programmen noch immer einen breiten Raum einnehmen. Aber sie wuenschten jetzt auch eine groessere wirtschaftliche Sicherheit fuer
die Arbeiter durch den Abschluss von Pensionsplaenen und durch
aehnliche Einrichtungen. Sie sind sich der Bedeutung der Realloehne bewusst geworden, sie beanspruchen mehr und mehr sogenannte Stufengleit-Klauseln, d.h. Bestimmungen, die die Loehne
an die Lebenshaltungskosten koppeln. Sie haben festgestellt,
dass die Wirtschaftspolitik ihres Landes und auch die Ereignisse
im Ausland sich immer auf die Lage der Arbeiter auswirken werden,
sie beteiligen sich deshalb aktiv an der Formulierung und Beeinflussung dieser Politik. Sie fangen an, bewusst in oeffentlichen Angelegenheiten, im Erziehungswesen und auf anderen wichtigen Gebieten mitzuwirken, die die Gewerkschaften der alten Z e it
als belanglos abgetan hatten. Bis jetzt haben sie noch keine
direkte Beteiligung an der Betriebsleitung gefordert, viele
Gewerkschaftsfuehrer wuerden sie uebrigens entschieden ablehnen;
aber schon ist John L. Lewis nicht mehr der Einzige, der die
Entscheidungen der Unternehmer entweder auf friedlichem Wege
oder auch durch eine unnachgiebige Haltung tatsaechlich beeinflusst hat.

10 *

�All dies bedeutet, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung wesentlich zu der Umwandlung des amerikanischen Kapitalismus beigetragen hat, auch wenn sie ihn theoretisch befürwortet. Und diese Veraenderung war so einschneidend, dass
Kapitalisten und auch andere Leute bereits bezweifeln, ob es
noch das gleiche Wirtschaftssystem wie frueher ist. Die Antwort auf diese Frage ist letzten Endes eine Frage der Interpretation der Begriffe. Alle, auch die amerikanischen Gewerkschaften, scheinen sich darueber im klaren zu sein, dass das amerikanische Wirtschaftssystem als Kapitalismus zu bezeichnen
ist, gleichgueltig, ob sioh hier Veraenderungen der Funktionen
vollzogen haben, zumindest solange bleibt dieses System kapitalistisch, wie das Privateigentum in dieser oder Jener Art die
Grundlage dieses Wirtschaftssystems bildet.
Es ist deshalb leicht moeglich, dass zukuenftlge Historiker die Unterschiede zwischen der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung und - sagen wir - der britischen oder deutschen Gewerkschaftsbewegung als wesentlich geringer ansehen, als diese
uns heute erscheinen. Waehrend die amerikanische Gewerkschaftsbewegung unmissverstaendlich jede ideologische Auffassung antikapitalistischen Charakters und insbesondere Jedes Programm
der Kollektivierung des Eigentums abgelehnt hat, hat sie sich
mit Erfolg um die Solidaritaet der Arbeiter bemueht, wie es
auch in den europaeisohen Gewerkschaften der Fall ist, und es
Ist ihr in sehnlicher V/eise gelungen, nach und nach den sozialen Einfluss der Gewerkschaften als Gesamtheit zu steigern. Es
koennte sein, dass die Mitwirkung der westeuropaeischen Gewerkschaftsbewegung bei der Umformung des kapitalistischen Wirtschaftssystems weniger radikal war als die der amerikanischen
Gewerkschaften, wenn dies in den entsprechenden Schlagworten
auoh nicht zum Ausdruck kommt.
Wenn es Jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen
amerikanischen und europaeisohen Gewerkschaften gibt, dann ist
es ihre Einstellung zur Produktivitaet. Wenn auch der typische amerikanische Arbeiter und seine Gewerkschaft sehr haeufig um Juristische Begriffe und ihre Auslerunp feilschen, so
erkennen sie doch im allgemeinen die Abhaengigkeit eines hoeheren Lebensstandards von der höheren Produktivitaet an. Fuer
ihre europaeisohen Kollegen ist es dagegen bezeichnend, dass
sie in Produktivltaetserfolgen einen Anlass zur Steigerung der
Arbeitslosigkeit und der Ausbeutung sehen. Auch die Haltung
der Unternehmer zur Produktivitaet ist verschieden und weist
einen Unterschied auf, der die Verschiedenertigkeit der Besitzverhaeltnisse, des historischen und kulturellen Erbgutes und
der allgemeinen wirtschaftlichen Motivierung widerspiegelt.
Wenn die Gewerkschaftsbewegung trotzdem dem "Kapitalismus"
ihre Unter3tuetzung nicht versagt hat, so hat sie, wenn auch
zum Teil ohne es zu wissen, dazu beigetragen, die amerikanische
Wirtschaft zu etwas ganz anderem zu machen, als sie es um die
Jahrhundertwende war, wenn auch Sprache und Wortpraegung wiederum hinter der Wirklichkeit zurueckgeblleben sein moegen.
Labor News from the U. S.
1-15-52
Die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Schulung
Damit die Mitglieder der Gewerkschaften gleichen politischen und sozialen Zielen zustreben, damit der Zusarunenhang in-

11 -

�nerhalb der Gewerkschaftsbewegung gewaehrleistet bleibt, braucht
man heute wie frueher auch andere Mittel wie Streikposten und
Werbecarolen. Man braucht jedoch mehr als Versprechungen, die
einen schnellen politischen Erfolg in Aussicht stellen, oder
Drohungen mit antigewerkschaftlichen Gesetzen, wenn die organisierte Gewerkschaftsbewegung der Fuelle ihrer Verpflichtungen
gegenueber ihren Mitgliedern und der Allgemeinheit gerecht werden
soll. Selbst eindrucksvolle politische Kampfreden und glattzuengige Wahlreden bieten keineswegs eine echte Moeglichkeit,
die seit langem bestehenden Forderungen der Arbeiterschaft zu
befriedigen, Eine der tat3aechlich konkretesten Methoden, die
jedoch noch nicht genuegend erprobt ist, ist ein grundlegendes
Programm der gewerkschaftlichen Schulung sowohl fuer die Mitglieder als auch fuer die Funktionaere, das darauf ausgerichtet
ist, die Gewerkschaften und die Bevoelkerung im allgemeinen
ihrer Verantwortlichkeit bewusst werden zu lassen.
Wenn auch eine immer groesser werdende Zahl Gewerkschaften
sich darueber im klaren ist, dass wirksame Schulung und Orientierung dringend notwendig ist, will es die Gewerkschaftsbewegung als Gesamtheit noch nicht zugeben, dass die Scbulungsarbeit
eine logische Grundlage fuer das Gefuehl der Staerke am Verhandlungstisch, fuer eine wirksame politische Betaeti^ung und,
fuer die Erkenntnis des staendlg zunehmenden Verantwortlichkeitbereiches bilden kann, dessen sich der Staat zu unterziehen hat.
Trotzdem ueberrascht die Feststellung, dass eine grosse
Zahl Gewerkschafter an der erzieherischen Taetigkeit lebhaft
interessiert ist. Das Bemuehen, sich ein abstraktes Wissen
anzueignen, wird heute vielleicht von praktischen Erwaegungen
uebertrumpft. Einige sind der Ansicht, dass eine derartige
Schulung fuer ihre jetzige oder kuenftige Arbeit als Funktionaer wertvoll sein kann. Andere sind sich ihrer unzureichenden
Kenntnisse bewusst, die sie sich durch die normale Schulausbildung erworben haben. Eine nicht unbetraechtliche Zahl Jedoch
ist einfach der Auffassung, dass Schulung fuer sie, ihre Ortsgewerkschaft und ihre Umgebung einfach unumgaenglioh ist. Aber
dieses Verlangen nach einer zweckmaessigen Schulung steht bei
der Mitgliederschaft der Gewerkschaften haeufig erst im Anfangsstadium, man tastet gewissermassen noch im Dunkeln. Die ausgezeichnete Arbeit, die von einigen fortschrittlichen Gewerkschaften geleistet wird, erfasst nur einen Bruchteil derer, die
dieser Ausbildung beduerfen. Der groesste Teil der Arbeit auf
diesem Gebiet bleibt noch zu tun.
Die allgemeine Lage kann nicht wesentlich verbessert werden, wenn sich nicht bei einer groesseren Anzahl hoher Funktioneere die sichere Erkenntnis durchsetzt, dass die gewerkschaftliche Schulung wichtig ist und dementsprechend mit finanziellen Mitteln und durch Zurverfuegungstellung des erforderlichen Personals unterstuetzt werden muss.
Eine positive Haltung der zentralen Vorstaende gegenueber
dieser Arbeit kann den Funktionaeren der Ortsgewerkschaften
als Richtschnur dienen und dadurch ihre so wesentliche Mitarbeit erwirken, ohne die es bestimmten Interessenvertretern
moeglich sein wuerde, wertvolle erzieherische Programme zu untergraben, die wirklich geeignet waeren, die breite Masse
ihre Verantwortung dem Staat gegenuaber erkennen zu lassen.
Leider deutet nichts darauf hin, dass genuegend einflussreiche zentrale und oertliohe Gewerkschaftsbehoerden bereit
waeren, die gewerkschaftliche Schulung zu foerdern. Sie sind

- 12 -

�offensichtlich zu sehr mit ihren Gewerkschaften selbst beschaeftigt, um sich um ihre einzelnen Mitglieder kuemmern zu koennen.
Die bedeutungsvolle Rolle, die die Gewerkschaftsbewegung
in der Politik uebernommen hat, koennte vielleicht der gewerkschaftlichen Schulung den Auftrieb geben, den sie seit langen
benoetigt. Trotz der zahlreichen Stimmen, die sich gegen die
angebliche gewerkschaftliche Vorherrschaft erheben, ist die
Teilhaberschaft der Gewerkschaften an allen Angelegenheiten
nationaler Bedeutung, eine feststehende Tatseche und unwiderruflich. Wenn man auch der Gewerkschaftsbewerunsr nicht jenen
Status gewaehrt hat, den sie verlangte, so arbeitet sie doch
aktiv in den Verteidigungsbehoerden der amerikanischen Regierung mit.
Zusammen mit ihren Gegenspielern aus der Industrie arbeiten die Vertreter der Gewerkschaften in oeffentlichen und privaten Sonderausschüssen mit, die die Aufgabe haben, die wirtschaftliche Staerke des Landes zu stabilisieren. Die Gewerkschaftsbewegung hat leider nicht in dem gleichen Umfang wie
Industrie und Regierung genuegend qualifizierte Vertreter, die
entweder auf gewerkschaftlicher oder auf staatlicher übene
den an sie gestellten Anforderungen gerecht werden koennen.
Waehrend der Bedarf an tuechtigen und gut informierten
Gewerkschaftsvertretern immer groesser wird, die einflussreiche hauptamtliche Stellungen als Berater uebernehmen muessen,
macht sich auch unter den Mitgliedern und den unteren Funktionaeren nioht selten ein Mangel an Verstaendnis fuer die Politik und die Handlungsweise ihrer Repraesentanten in der Regierung und anderen wiohtigen Zentralbehoerden bemerkbar.
Labour
XI1/51
Die staatliche Organisation fuer Arbeltsvermittlung in Irland
Die staatliche Organisation fuer Arbeitsvermittlung in
Irland wurde auf Grund des im Jahre 1949 erlassenen Gesetzes
ueber Arbeitsvermittlung errichtet, sie ist bis ins einzelne
durchorganisiert und erstreckt sich ueber das ganze Land. Im
ganzen gibt es in den verschiedenen Teilen des Landes 123 oertliche Arbeitsaemter. Im Durchschnitt hat Jede Grafschaft fuenf
soloher Aemter.
32 dieser Arbeitsaemter arbeiten praktisch fuer die groesseren Staedte; das Personal setzt sich aus Beamten des Ministeriums
fuer soziale Wohlfahrt zusammen. Die uebrigen 91 Arbeitsaemter
befinden sich in Kleinstaedten und sind fuer diese und die sie
umgebenden Gebiete zustaendlg. Die Arbeitsaemter in den Kleinstaedten werden in der Regel von Personal geleitet, das nur
auf eine bestimmte Zeit angestellt ist und die Arbeit als Nebenarbeit verrichtet. Die entsprechende Zentralstelle beim Ministerium fuer soziale Wohlfahrt erteilt allen 123 Arbeitsaemtern die fuer ihre Arbeit erforderlichen Weisungen und beaufsichtigt ihre Taetigkeit.
Alle Iren, die das schulpflichtige Alter ueberschritten
haben, koennen sloh, ganz gleich ob sie Arbeit haben oder nioht,
bei einem Arbeitsamt registrieren lassen; dies kann entweder
durch persoenlloho Vorsprache geschehen oder brieflich. Das
Amt vermerkt das Alter des Bewerbers, seine Kenntnisse und
Fertigkeiten sowie die Art der gewuenschten Arbeit.
13 -

�&lt;•

Im Hinbliok darauf, dass es namentlich In letzter Zelt
fuer die Wirtschaft des Landes sehr wesentlich ist, dass Arbeit skraefte sofort dort eingesetzt werden, wo Luecken bestehen, ist die Eintragung frueherer Arbeitserfahrungen ausführlicher gehalten als es allgemein ueblich ist. Gleichfalls wird
angegeben, ob der Betreffende gewillt ist, Arbeit in anderen
Teilen des Landes anzunehmen. Die Meldungen werden nach Berufszweigen geordnet; zu diesem Zweoke sind ungefaehr 360 verschiedene Berufsgruppen aufgestellt worden.
Wo es sich durchfuehren laesst, werden Frauen und jugendliche Bewerber in gesonderten Raeumen oder In einer besonderen
Abteilung des Arbeitsamts registriert. Wo weder das eine noch
das andere moeglioh ist, werden besondere Empfangszeiten festgesetzt. Soweit es moeglich ist, werden Frauen und Jugendliche
von Beamtinnen registriert.
Die Bewerber halten ihre Bewerbung dadurch aufrecht, dass
sie in regelmaessigen Abstaenden - in der Regel mehrmals in der
Woche, mindestens aber einmal alle zwei Wochen - persoenlioh
oder brieflich beim Arbeltsamt rueokfragen. Antraege auf Arbeltslosenunterstuetzung koennen nur berueokslohtigt werden, wenn
eine solche Meldung erfolgt ist.
Ein Unternehmer, der die Dienste eines Arbeitsamtes in Anspruch nehmen will, meldet seinen Bedarf an. Das Arbeitsamt bemueht sioh, ihm am Ort wohnende Arbeitskraefte zur Verfuegung
zu stellen, unter den registrierten Arbeitssuchenden werden
solohe ausgewählt und dem Arbeitgeber vorgeschlagen, die fuer
den betreffenden Arbeitsplatz geeignet erscheinen. Wenn der
Beamte des Arbeitsamtes nicht in der Lage ist, geeignete
Personen vorzuschlagen, weil keine entsprechenden Bewerbungen
vorliegen, aohlaegt er ein bestimmtes Verfahren ein, nachdem
Einzelheiten ueber den offenen Arbeltsplatz innerhalb von ein
oder zwei Tagen den bei saemtliohen anderen Arbeitsaemtern in
Irland registrierten Arbeitssuchenden zur Kenntnis gebraoht
werden koennen. Dieses Verfahren besteht darin, dass Einzelheiten ueber den offenen Arbeitsplatz der Zentralstelle gemeldet
werden, die sie dann den verschiedenen Arbeitsaemtern meldet.
Diese teilen sodann den in Frage kommenden Bewerbern alle Einzelheiten mit{ weiter werden die Einzelheiten auch oeffentlioh
duroh Aushang bekanntgegeben.
Die Arbeitsvermittlung ist kostenlos und erfasst das ganze
Land. Der Leiter eines Arbeitsamtes kann dem Arbeitssuchenden
einen Sohein fuer Freifahrt ausstellen, vorausgesetzt, dass
sioh der Arbeitgeber oder der registrierte Arbeitsuchende verpflichten, die Fahrtkosten zurueokzuzahlen; das Arbeitsamt
kann ihm auch das noetige Fahrgeld vorstrecken, damit der Arbeitsuchende zur Vorstellung fahren kann. In allen Faellen, in
denen registrierte Arbeitsuchende auf Arbeltslosenunterstuetzung
Anrecht habtn, kann ein Teil des Vorschusses aus dem Fonds fuer
Arbeltslosenunterstuetzung genommen werden.
Der Leiter eines Arbeltsamtes hat die Pflioht, die Arbeitgeber seines Gebietes von Zeit zu Zeit aufzusuohen, um sie zu
veranlassen, das Arbeitsamt von frei werdenden Arbeitsplaetzen
zu unterrichten. Wenn die Arbeitgeber die bei ihnen frei werdenden Arbeitsplaetze dem zustaendigen Arbeitsamt unverzueg-lioh melden, so kann dieses alle notwendigen Massnahmen ergreifen; auf
diese Weise wird der Bedarf in der Regel sohneil und gut befriedigt, das unerfreuliche Feilbieten von Arbeitakraeften ist dadurch
vermieden. Auf diese Weise wird den Arbeitsaemtern leichter ge-

- 14 -

�macht, Stellen an Personen zu vermitteln, die sich andernfalls
um Arbeitslosenunterstuetzung bemuehen wuerden.
Es gibt keine Statistik ueber den Prozentsatz der Zahl
der Arbeitsvermittlungen, die durch die Arbeitsaemter erfolgt
sind, im Vergleich zu den gesamten Einstellungen im ganzen
Land; Jedoch laesst sich feststellen, dass die einzelnen Arbeitsaemter seit Kriegsende im Jahr ungefaehr 50,000 Arbeitsplaetze vermittelt haben*
Es ist von Interesse festzustellen, dass die Arbeitsaemter
gelegentlich besondere Aufgaben durohfuehren. So fuehren zum
Beispiel die Arbeitsaemter Listen ehemaliger Angehoeriger der
irischen Wehrmacht, um auf diese Weise den Veteranen alle nur
moegliche Hilfe bei der Wiedereingliederung ins buergerliche
Leben zu gewaehren; auf Grund dieser Listen werden denjenigen
Arbeitgebern Vorschlaege gemacht, die sioh bereit erklaert
haben, Veteranen bevorzugt einzustellen.
Sodann befassten sich die Arbeitsaemter mit dem von der
Regierung durohgefuehrten Projekt der Beschaffung von Erntearbeitern. So wurden den Bauern in den betreffenden Gebieten
Arbeltskraefte aus den ueberfuellten Gebieten der Westkueste
als Erntehilfskraefte zur Verfuegung gestellt. Der Staat trug
die Reisekosten fuer Jeden Arbeiter und beteiligte sich an der
Deckung seiner Nebenausgaben und Unterhaitakosten. Dazu wurden in den Jahren 1943 bis 1947 noch besondere Listen von Landarbeitern gefuehrt.
Ein weiteres Beispiel fuer die Mitarbeit der Arbeitsaemter
bei der Durohfuehrung verschiedener Projekte bilden die Projekte
fuer Torfgewinnung, die von der Regierungsstelle durchgefuehrt
wurden. In diesem Zusammenhang wurden Arbeitsuchende in den
verschiedenen Teilen des Landes von den freien Arbeitsplaetzen
durch die Arbeitsaemter in Kenntnis gesetzt; die Arbeitsaemter
sorgten auch dafuer, dass sie zu den Arbeitsplaetzen fahren
konnten. Im Jahre 1948 uebernahm die Regierungsstelle von den
Grafschaften einigeBodenameliorationsprojekte. Bei der Durohfuehrung dieser Projekte wurden nur einheimische Arbeltskraefte
verwandt, die, soweit es erforderlich war, von den oertlichen
Arbeitsaemtern vermittelt wurden.
Den Arbeitsaemtern in Dublin, Cork, Limerick und Waterford
sind besondere Ausschuesse zur Beratung Jugendlicher angegliedert. Diese Ausschuesse setzen sich aus Vertretern der Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Kirchen, Erziehungsbehoerden und oertlichen Verwaltungsbehoerden sowie aus anderen, an Jugendfragen
interessierten Personen zusammen. Der Zweck dieser Ausschuesse
ist, den Minister fuer soziale Wohlfahrt zu beraten, soweit es
sich um die Behandlung von jugendlichen Arbeitsuchenden handelt;
die Ausschuesse haben ferner die Aufgabe, die Jugendlichen und
ihre Eltern bei der Berufswahl und in anderen Fragen zu beraten.
Die Ausschuesse bemuehen sioh, eine Zusammenarbeit zwischen Lehrern, Eltern und Arbeitgebern herbeizufuehren und den
Schulentlassenen passende Arbeitsplaetze zu vermitteln. Sie bemuehen sich ferner, mit den Jugendlichen Arbeitnehmern in den
ersten Jahren ihrer Taetigkeit in Fuehlung zu bleiben und sie
zu beraten.
Die Erweiterung des Arbeitsgebietes der irisohen Organisation fuer Arbeitsvermittlung hat netuerlioh an dem ursprueng1lohen Zweck dieser Behoerde nichts geaendert. Die verschiede-

15

�nen irischen Regierungen haben ausnahmslos den Standpunkt vertreten, dass der Staat die Freiheit des Individuums, sich eine Arbeit nach seinem Ermessen zu suchen, nicht beschraenken duerfe.
Die Taetigkeit der Arbeltsaemter soll lediglich dazu dienen,
dem einzelnen dabei behilflich zu sein, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden; der Staat uebt Jedoch in dieser Beziehung keinerlei Druck aus.
Employment Security Review
6/51
Eine wichtige Aufgabe fuer die Schule
"Keine Schule darf sich ruehmen, gute Arbeit zu leisten,
wenn sie ihre Schueler nioht darauf vorbereitet, einen fruchtbaren Kontakt mit allen Organisationen eines modernen Staates,
einschliesslich den Gewerkschaften, aufzunehmen.n Dies erklaerte Mark Starr vor Schuelern der St. Paul's Schule am 4.
Maerz In Concord im Staate New Hampshire.
Starr, der Direktor fuer Arbeitsrbildung in der Allanerikanischen Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeiter (AFL),
steht auf dem Standpunkt, die Gewerkschaftsbewegung habe am meisten unter der Tatsache zu leiden gehabt, dass man sie vernaohlaessigt und falsche Informationen ueber ihre Taetigkeit verbreitet habe. Nur gelegentlich vorkommende Streiks und seltene
Faelle von Ausschreitungen und Erpressungen wuerden im allgemeinen als Neuigkeiten angesehen. Das, was die Gewerkschaft
fuer das Wohl der Allgemeinheit getan habe, wuerde nur selten
gebuehrende Anerkennung finden.
Er sagte zum Beispiel, man habe nur wenig Beachtung der
Tatsache geschenkt, dass Kurt Carlsen, der heroische Kapitaen
der "Flylng Enterprise", Mitglied der AFL Gewerkschaft der
Schiffskapitaene, Schiffsmaate und Steuermaenner ist, und dass
die Maenner, die vor einigen Jahren bei der Bergung der dreiJaehrigen Kathie Fiscus mithalfen, die in einen unbenutzten
Erdoelschacht gefallen war, Mitglieder der AFL Gewerkschaft
der Betriebsingenieure waren.
"Wenn Verstaendnis fuer das Verhaeltnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgebracht werden und die Zusammenarbeit zwischen verstaendnisvollen Arbeitgebern und Gewerkschaften gefoerdert werden soll, muss die Schule allen Maennern und
Frauen, die guten Willens sind, helfen, sich ein richtiges Bild
ueber die Gewerkschaftsbewegung zu machen, dem auch wirklich
Tatsachen zugrundeliegen," sagte Starr abschliessend.
Daily News Service
III/4/52

16 -

�Internationale

ARBEITSMITTEILIINGEN
Di« (olgenden Artikel stellen AuszUge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei
Office of Labor Affairs
HICOG, APO 757, Frankhirt
angefordert werden. Auf Wunsch werden dies« auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post zugeleitet
Dar Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme der amerikanischen
Hohen Kommission für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

V - 5

Frankfurt, den 29. Februar 1952

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
Mindestnormen fuer das Lehrlingswesen

1

Heilands Premierminister zur amerikanischen
Gewerkschaftsbewegung

9

Kuropaeer studieren moderne Agrarmethoden

10

Energie-Schluessel zur Wirtschaftskraft Europas 12
Hellmittel und medizinische Geroete durch den
Karshallplan

15

Kindestnormen fuer das Lehrlingswesen
Sin Handbuch der amerikanischen Mechaniker-Gewerkschaft
Blnfuehrung:
Da der Beruf des Mechanikers einer Jener Berufe ist, die
in groeastem Masse faohmaennlsches und technisches Eoennen voraussetzen, hat der Beratungsaussohusa fuer das Lehrlingswesen
in der AIlamerikanisehen Gewerkschaft der Mechaniker in dem vorliegenden Handbuch bestimmte Normen fuer das Lehrlingswesen
festgelegt, die bei der Ausbildung und Schulung von Lehrlingen
fuer den Mechanikerberuf Richtschnur und Gewaehr dafuer bieten
•ollen, des« die Fertigkeiten und das Wissen, die siob Gesellen
in diesem Beruf durch labrrelange praktische Erfahrung angeeignet haben, durch die Einfuehrung eines genormten Systems der
Lehrlingsausbildung fuer die Zukunft erhalten bleiben.
In die sem Sinne wird euch gefordert, dass diese Normen so
gut eingehalten werden, wie es die CJmstaende erlauben, dass
- 1-

�Fragen der Produktion gegenueber der Ausbildung als Probleme
zweitrangiger Bedeutung behandelt und dass ^ualitaet ueber Quantitaet gestellt wird.
Richtlinien fuer die Lehrlingsausbildung;
1. Alter der Lehrlinge: Bewerber fuer eine Lehrstelle muessen
zwischen 16 und 23 Jahre alt sein.
2. Dauer der Lehrlingsausbildung: Die Dauer der Lehrlingsausbildung soll nicht
weniger als 8.000 Stunden ununterbrochener
Beschaeftigune- umfassen. Wenn sich der Lehrling bereits frueher gewisse Erfahrungen in diesem Beruf erworben hat, die mit
einer Lehrlingsausbildung gleichgestellt werden koennen, so
kann der Lehrlingsausschuss diese Kenntnisse abschaetzen und
eine entsprechende Kuerzung der Lehrzeit empfehlen.
3. Probezeit: Fuer alle Lehrlinge, die in Uebereinstimmung
mit diesen Bestimmungen beschaeftigt werden, sollen die ersten
1.000 Arbeitsstunden als Probezeit gelten. Waehrend dieser
Zeit kann dar Lehrvertrag von einer der beiden beteiligten Seiten durch Kuendigune: geloest werden. Der Beratungsausschuss
fuer Lehrlingsfregen und die Registrierungsbehoerde sollen jedoch hierueber in Kenntnis gesetzt werden. Nach Beendigung
der Probezeit kann der Lehrvertrag von beiden beteiligten Seiten
jedoch nicht gekuendigt werden, wenn der Lehrlingsausschuss
diese Kuendigung nach entsprechender und sorgfaeltiger Erwaegung der angegebenen Gruende nicht billigt.
4. Lehrplan: (Siehe nachfolgende Beispiele fuer die Arbeitseinteilung waehrend der Lehrzeit).
(Die nachfolgenden "Plaene der Arbeitseinteilung" sind allgemein und sollen bei dem Entwurf entsprechender Plaene
in den verschiedenen Fabriken lediglich als Richtschnur
dienen. Der Arbeitsverlauf selbst und die Anzahl der Stunden, die fuer Jeden Lehrabschnitt aufgewendet werden sollen,
werden von den zur Verfuegung stehenden Einrichtungen und
der Art der Arbeit abhaengig sein, die in dem bestimmten
Betrieb verrichtet wird, fuer den diese Normen angewendet
werden sollen.)
Bei der Ausarbeitung von Lehrplaenen sollen die verschiedenen Arten der Arbeiten, die verwendeten Maschinen und die in bestimmten anerkannten Lehrwerkstaetten zur Verfuegung stehenden
Einrichtungen berueckslchtlgt werden, denn die Lehrzeit hat den
Zweck, durch Ausbildung an allen Maschinen und durch Unterweisung in allen Formen der Arbeit, die zu dem betreffenden Beruf
gehoeren, tuechtige Handwerker heranzubilden. Unter allen ümstaenden soll die Gesamtzeit der Lehrlingsausbildung nicht
unter achttausend Arbeitsstunden liegen.
5.

Berufsschulausbildung:
(a) Der Ausschuss fuer Lehrlingsfragen soll in Zusammenarbeit mit den Schulbehoerden technische Schulungskurse durchfahren, die die praktische Lehrlingsarbeit ergaenzen.
(b) Jeder Lehrling soll an einem anerkannten Berufsschullehrgang -fuer solche Lehrlinge teilnehmen, die ihre Lehrzeit in Uebereinstimmung mit diesen Vorschriften ableisten,
er soll Jaehrlich regelmaessig zumindest an 144 Berufsschul-

- 2 -

�stunden teilnehmen. Wo es keine Berufsschulen gibt, soll
Jeder Lehrling an einem gleichwertig anzusehenden technischen Lehrgang teilnehmen. Von Lehrlingen darf nicht verlangt werden, dass sie ausserhalb ihrer Arbeitszelt an
Berufslehrgaengen teilnehmen, es sei denn, sie werden fuer
dftose Zeit gemaess den Bestimmungen des Tarifvertrags und
des Lehrvertrags bezahlt.
•

6. Arbeitszeit fuer Lehrlinge: Die Arbeitszeit pro Tag und
pro Woohe und die Arbeitsbedingungen sollen fuer Lehrlinge die
gleiohen sein wie fuer Gesellen. Der Lehrling soll zu Jeder
Zelt gemeinsam mit einem Gesellen oder unter der Aufsicht eines
Gesellen arbeiten. Keinem Lehrling darf es erlaubt werden,
Mehrarbeit zu leisten, es sei denn, die gesamte Werkstaette
oder Abteilung, in der er beschaeftigt ist, arbeitet naoh einem
regelmaessigen (Jeberstundenplan.
7.

Loehne:
(a) Lehrlinge sollen nicht weniger verdienen, als in der
nachstehenden Lohntabelle angegeben ist:
In den ersten sechs Monaten 50% des Lohntarifs fuer Gesellen
il
n
n
»
55% "
" m zweiten "
w
•
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• • dritten "
60% "
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II
n
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90% "
" n achten
"
Nach Beendigung der Lehrzeit erhaelt der Ausgelernte den
vollen Gesellentarif.
(b) Lehrlinge, denen bereits gesammelte Erfahrungen in demselben Bexuf angerechnet werden, sollen nach ihrem Eintritt
fuer ihre Leistung den Lohntarif derjenigen Stufe erhalten,
in die sie auf Grund ihrer .Erfahrungen eingereiht werden.
Sie koennen auch nach Antritt ihrer Lehrzeit nachtraeglich
hoeher eingestuft werden, wenn ihre frueheren Berufserfahrungen sie hierzu berechtigen.

8. Regelmaessige Pruefungen: Der Lehrlingsausschuss wird die
Berichte ueber die praktische Arbeit und die Berufsschulausbildung der Lehrlinge vor Abschluss eines Jeden Halbjahres oder zu
anderen festgelegten Zeitpunkten ueberpruefen, um sioh ueber die
Fortschritte der Lehrlinge am Arbeitsplatz und in der'Berufsschule und ueber andere Dinge zu informieren, die fuer die Entwicklung des Lehrlings aufschlussreich sein koennen. Der Ausschluss soll Empfehlungen unterbreiten, die ihm wuenschenswert
erscheinen.
9. Zahl der Lehrlinge in einem Betrieb: Auf Je zehn Gesellen
soll im Betrieb ein Lehrling kommen. Fuer den Fall, dass Arbeitskraefte abgebaut werden muessen, sollen auch Lehrlinge
abgebaut werden, sodass auch hier dieses Verhaeltnls 1:10 bestehen bleibt.
10. Lehrlingsvertrag: Der Lehrling und seine Eltern oder
sein Vormund (bei MinderJaehrigen) unterzeichnen einen Vertrag,
der von dem Arbeitgeber gegengezeichnet und von dem Ausschuss
fuer Lehrlingsfragen gebilligt wird. Jeder Vertrag, der unter
Anerkennung der hier beschriebenen Normen abgeschlossen wird,

- 3 -

�soll eine Bestimmung enthalten, die die Einhaltung dieser Normen
zur Bedingung macht. Aus diesem Grunde sollen der Lehrling,
seine Eltern (oder Vormund) und der Arbeitgeber eine Abschrift
dieses Vertrags erhalten. Eine Abschrift des Lehrlingsvertrags
soll also ausgehaendigt werden an;
a) Lehrling
b) Arbeitgeber
o) Gewerkschaft
d) Ausschuss fuer Lehrlingsfragen
e) Registrierungsbehoerde
11. Lehrlingsvorgesetzter: In jedem Betrieb, in dem Lehrlinge
beschaeftigt werden, wird eine Person bestimmt, die allgemein
als Lehrlingsvorgesetzter bekannt ist. Es kann sich hierbei,
besonders in groesseren Betrieben, um einen hauptberuflichen
Lehrmeister oder um einen Werkmeister, Vorarbeiter oder Gesellen handeln. Der Lehrlingsvorgesetzte i3t fuer die Durchfuehrung des Lehrlingsprogramms im Betrieb verantwortlich und wird
von dem Gemeinsamen Ausschuss fuer Lehrlingsfragen bei seiner
Arbeit beraten und beaufsichtigt. Er ist fuer die Einteilung
der Lehrlinge zu den Arbeiten, die sie nach dem Lehrplan verrichten sollen, verantwortlich, er schreibt Berichte ueber den
Stand der Lehrlingsausbildung und steht den einzelnen Lehrlingen zur Loesung ihrer persoenlichen Probleme als Berater zur
Seite. Durch entsprechende Vereinbarungen mit dem Gemeinsamen
Ausschuss fuer Lehrlingsfragen koennen ihm noch andere Funktionen uebertragen werden.
12.

Gemeinsame Ausschuesse fuer Lehrlingsfragen:
(•) Der Gemeinsame Ausschuss fuer Lehrlingsfragen ist
ein Ausschuss, in dem Arbeitgeber und Gewerkschaft paritaetisoh vertreten sind.
(b) Verwaltungsmaessige Einzelheiten:

1. Der Ausschuss tritt jaehrlich mindestens viermal zusammen, wobei eine Zusammenkunft in jedem Quartal des Kalenderjahres zu bevorzugen ist. Er waehlt unter seinen Kitgliedern
einen Vorsitzenden und einen Sekretaer.
2. Alle Mitglieder des Ausschusses, auch der Vorsitzende
und der Sekretaer, sind berechtigt, ueber alle Fragen abzustimmen.
3. Ist der Vorsitzende des Ausschusses in irgendeinem
Jahre der Vertreter der Unternehmer, so muss der Sekretaer ein
Vertreter der Gewerkschaft (oder umgekehrt) sein.
4. Der Aussohuss stellt Richtlinien und Bestimmungen auf,
die die erforderlichen Verwaltungsverfahren regeln.
(o) Aufgaben:
1. Die Ausbildungsnormen und die Moeg Henkelten des Lehrlings zu erhoehen, sich berufliche Erfahrung anzueignen.
2. Lehrvertraege zwisohen Unternehmer und Lehrling zu
billigen und diese Vertraege der zustaendigen Registrierungsbehoerde zur Eintragung vorzulegen.

- 4 -

�3. Mit dem Lehrlingsvorgesetzten, mit dem Arbeitgeber
und den Betriebsleuten der Gewerkschaft zusammenzuarbeiten.
4. Alle Meinungsverschiedenheiten zwischen Arbeitgeber
und Lehrling in Bezug auf die Lehrlingsausbildung anzuhoeren und
zu klaeren, wenn solche Meinungsverschiedenheiten durch den
Lehrvertrag nicht entschieden werden koennen, oder wenn sie
von dem Lehrlingsvorgesetzten nicht in zufriedenstellender
Welse beigelegt werden koennen.
5. Durch Pruefung der Arbeitsberichte und durch Praefunigen, denen die Lehrlinge, wenn man es fuer ratsam oder erforderlich haelt, von Zeit zu Zeit unterzogen werden, haelt sich der
Ausschuss ueber den Fortschritt der Lehrlinge in ihren handwerklichen Faehigkeiten und ihren technischen Kenntnissen auf
dem laufenden.
6. Der Ausschuss verfasst elljaehrlich einen Taetigkeitsberlcht fuer den Unternehmer, die Gewerkschaft und die Registrierungsbehoerde.
7. Allgemein gesagt ist der Ausschuss fuer die erfolgreiche Durohfuehrung dieser Vorschriften verantwortlich, indem er
sich den hier angefuehrten Pflichten unterzieht; mit oeffentliohen und privaten Behoerden zusammenarbeitet, die seine Arbeit
foerdern koennen, indem er sich Publiziteet verschafft, um sioh
die Unterstuetzung der Oeffentllchkeit zu sichern, und indem
er mit allen in Frage kommenden Stellen in staendiger Verbindung bleibt.
13. Berater: Die Bereter in diesem Ausschuss nehmen auf dessen
Ersuchen an seinen Konferenzen teil, beraten den Ausschuss in
Fragen, die mit dem Lehr]ingswesen im Zusammenhang stehen, und
stellen ihre Unterstuetzung zur Verfuegung, wenn sie damit
eine Verbesserung der Lehrlingsausbildung erwirken koennen.
14. Bescheinigung ueber erfolgreiche Beendigung der Lehrzelt:
Nach erfolgreicher Beendigung der Lehrzeit unter Einhaltung der
vorliegenden Bestimmungen sorgt der Lehrlingsausschuss dafuer,
dass eine Bescheinigung ueber die Beendigung der Lehrzeit ausgehaendigt wird.
15. Offizielle Billigung dieser Vorschriften: Bevor diese
Vorschriften in Kraft treten, muessen sie von dem Arbeitgeber,
der Gewerkschaft und der Registrierungsbehoerde offiziell gebilligt werden.
16. Etwaige Absonderungen dieser Vorschriften: Diese Bestimmungen koennen zu ,Jeder Zeit durch Mehrheitsbeschluss des Ausschusses fuer Lehrlingsfragen mit Zustimmung des Arbeitgebers,
der Gewerkschaft und der Registrierungsbehoerde abgesondert werden, vorausgesetzt, dass eine solche Abaenderung die von der
Allamerikanischen Gewerkschaft der Mechaniker festgesetzten Mindestnormen nicht verringert. Durch solche Abaenderungen duerfen
Jedoch keine Lehrvertrtiege geaendert werden, die zu dem Zeitpunkt
der Abaenderung in Kraft sind, es sei 'denn, dass alle an diesem
Vertrag beteiligten Partner ihre ausdrueckliche Zustimmung hierzu
geben.
17. Einhaltung der Vorschriften: Diese Vorschriften werden
hiermit zun Bestandteil eines Jeden Lehrvertrags erklaert. Die
Unterzeichnung oines Lehrvertrags verpflichtet deshalb die Beteiligten zu ihrer Einhaitun«.

5 -

�18. Gebilligt wird dieser
am
und im Namen der Ortsgewerkschaft
und (Name des Arbeitgebers)

19
fuer
oder des Bezirks

(Die nachstehenden Lehrplaene, die die einzelnen Arbeiten
aufzeigen, die Lehrlinge in den verschiedenen Mechanikerberufen erlernen nuessen, sollen lediglich als Richtschnur dienen
fuer die Aufstellung von Lehrplaenen in bestimmten Betrieben
oder Industrien. Wir fuehren an dieser Stelle deshalb Beispiele einiger Lehrplaene an, wie sie in den Lehrlingsbestimmungen
der Tarifvertraage einiger unserer 3ezirks- und Ortsgewerkschaften vorgesehen sind. »Vir haben diese Lehrplaene ausgewaehlt,
weil sie sich dort, wo sie angewendet wurden, als ziemlich erfolgreich erwiesen haben.)
Wenn solche Lehrplaene in bestimmten Betrieben oder Industrien angewendet werden, kann die Verschiedenheit der hergestellten Produkte, der verfuegbaren Einrichtungen usw. es erforderlich machen, dass:
1. Die Zahl der einzelnen zu erlernenden Arbeiten erhoeht
wird (wir befuerworten jedoch nicht eine Yerminflerung dieser
Zahl);
2. die Zahl der Stunden geaendert wird, die fuer die einzelnen Arbeiten aufgewendet werden.
Lehrplaene
In einem Betrieb, in dem der Mechanik rberuf ausgeuebt
wird, muss der Lehrling mit Kenntnissen und Erfahrungen in diesem Beruf ausgeruestet werden, die es ihm gestatten, sioh nach
Beendigung seiner Lehrzeit als kompetenter l'echanikergeselle
zu qualifizieren. In der Lehrzeit sollen die Lehrlinge die
folgenden T&amp;etigkeiten ausueben, wobei nicht erforderlich ist,
die hier angegebene Reihenfolge einzuhalten.
Mechanijcer (Lehrplan-Anleitung Nr. 1)
ungefaehre Dauer
(in Stunden)
Werkzeugkunde
320
Bohrmaschine (Einzelspindel)
480
Bohrmaschine (radial)
480
Hobelbank
480
Fraesmaschine
960
Drehbank
1,120
Revolverdrehbank
480
Bohrmaschine
960
Anreissen
480
Montage
480
Reparaturarbeiten an Maschinen (allgemein)
640
Wiederholung und Verschiedenes
480
Schleifmaschine (innen, aussen, Oberflaeohe) ... 480
Stahlbehandlung durch Eitze
160
insgesamt

8,000

Mechaniker (Lehrplan-Anleitung Nr. 2)
Werkzeugkunde
167
Bohrmaschine (Einfach, mehrfach und radial) .... 333
Adjustieren
666

- 6 -

�Hobelbank
666
Fraesmaschine (vertikal und horizontal)
855
Drehbank
1,556
Bohrmaschine (vertikal und horizontal)
666
Schleifmaschine (Innen, aussen und Oberflaeche)
666
Zahnradschneiden
500
Stossbank
555
Anreissen und Werkbankmontage
855
Werkbankmontage
1,556
Bohrmaschine
666
insgesamt 9,005
Werkzeugmacher (Lehrplan-Anleitung Nr. 1)
Werkzeugkunde, Gebrauch von Werkzeugen und Material
520
Bokzmaschinen
800
Fraesmaschinen
1,500
Drehbaenke
1,800
Hobelbank, Stossbank usw
Schleifmaschinen (innen und aussen)
1,040
Reparatur von Werkzeugen etc.
1,040
Werkbankarbeit
2,600
insgesamt 10,400
Werkzeugmacher (Lehrplan-Anleitung Nr. 2)
Profilschleifer
Drehbank
Fraesmaschine
Werkzeugschleifen
Zylindersohlelfen
Oberf laechensohleifen
Höbe lbank
Beerten
Werkzeugpruefen
insgesamt

500
1,500
1,500
1,000
1,000
1,000
500
500
500
8,000

Werkzeugmacher (Lehrplan-Anleitung Nr. 5)
Hobelbank
Drehbinke
Fraesmaschinen
Schleifmaschinen (alle Typen)
Reparatur von Maschinen
Werkbankarbeit
insgesamt

1,000
1,500
1,500
1,000
500
2,500
8,000

Autoschlosser (Lehrplan-Anleitung Nr. 1)
(Vergaser- und Dieselmotore)
".Yerkzeugkunde
Bremsen
Reifen, Raeder, Federn
«
Hinter- und Vorderredachsen, Steuerung,
Univeraalgelenke
Kupplung, Transmissionen
Kuehlung
Treibstoff, Vergaser, Funpen, Injektoren
Generalueberholen von Maschinen
Sammlerbatterien
Anlassen von Kotox&gt;en, Lichtmaschinen, Lampen,
elektrische Anlagen
7 -

160-160
56C-54C
560-540
560-740
560-540
520-400
960-1280
1,600-1800
160-200
1,280-1,500

�Schweissen, Ha rtloeten, Loeten

200-300
8,000

insgesamt
Autoschlosser ILehrplan-Anleitung Kr.2)

Monate

Auseinandernehmen Auseinandernehmen des Motors
von Teilen
Abmontieren des Vorderteils
und der Bremsen, der Steuerung, Raeder usw.

Stunden

6

1,040

des Vorderteils und der
Bremsen, der Fus =rasten,
Uebertragungswellen und Antriebswellen, usw.

9

1,560

Motor, einschl. Transmisslon, Differential, Bremsen, usw.

3

520

praktische Arbeit Bohren, Werkbankarbeit, einIn der Werkstatte schl. Fraesen, Feilen U3'.v.

3

520

6

1,040

Ueberholea

Zusammensetzen
und Einbauen

Ueberholen von

Kupplung, Transmission,
Differential, Steuerung usw.

Ueberholen des

Motors, einschl. Einfahren
und Pruefen
7
Elektrische
Kabel und Beleuchtung pruefen
Anlagen
und ausbessern; Ueberholen
der Verteiler Anlasser, Lichtmaschinen usw.
4
Treibstoffanlagen Pruefen und Reparieren der Benzinleitungen und Vergaser,
Pruefen der Frischluftzufuhr
4

Allgemeine Inspektion
Schweissen

Allgemeine Inspektion, auch
nach Fahrprobe
Schweissen, Loeten, Haerten
und Richten von Einzelteilen
insgesamt

1,214

693
693

3

520

3
48

520
8,320

Autoschlosser (Lehrplan-Anleitung Nr. 3)
Karosserie und Federn
Vorderachse und Steuerung
Hinterrad- und Achsenmontage
Transmission und Kupplung
Motor
Bremsen
Pruefen von Vergasung, Zuendung, elektr. Anlagen,
Kuehlung, Treibstoffpumpe
Wiederholung und Verschiedenes (darf nicht mehr als
25J6 der in einem Vierteljahr geleisteten
Arbeitsstunden in Anspruch nehmen)
insgesamt

Stunden
600
1,000
1,000
1,000
2,000
600
1,600

8,000

Autoschlosser (Lehrplan-Anleitung Nr. 4)
Karosserie und zugehoerige Teile

1,000

8

�Stunden
Bremsen, Kupplung, Transmission, Differential und
zugehoerlge Teile
•
Motor und zugehoerlge Teile
Pruefen von Treibstoffpumpe, Vergasung und elektr.
Anlagen
%
Verschiedenes
insgesamt

1,500
1,500
1,500
2,500
8,000

Flugzeugmechanikerlehrllng
Modellmachen
Metellformen mit der Hand
Bearbeiten von Einzelteilen
Blechzurichtung und Vormontage
Zusammensetzen des Rumpfes
Zusammensetzen des Mittelteils
Fluegelfabrikati on und Montage
Fabrikation und Montage der Seitenruder
Holz, Stoff, Anstrich
Anstrich und Fertignontage
Kabelflechten
Installation und Hydraulik
Fabrikation und Schweissen von Stahl
Elektrische Anlagen
Fertigmontage
Zusammensetzen und Einbauen von Lichtmaschinen
Ueberholen der Motore
Bedienung von Flugzeugen
Technische Fachschulausbildung
Hydraulik und verschiedene Anlagen, Elektrik, Funk,
Instrunente, Lichtmaschinen, Aufbauten
EinJaehrige Fachschulausbildung
insgesamt

120
120
80
120
120
120
120
120
120
80
40
480
200
520
1,380
668
400
1,000
432
1,936
114
8,320

Quelle: Allamerikanische Mechanikergew.
Hollands Prenlermlnlster zur amerikanischen Gewerkachaftsbewegung
Der hollaendische sozialistische Premierminister Willem
Drees erklaerte vor kurzem in Amsterdam, seine Taetigkeit in
den Vereinigten Staaten waehrend seines Besuchs im Januar sei
nach seiner Rueckkehr in ungerechtfertigter Weise in Holland
kritisiert worden, obwohl es zur Zeit seiner Abreise allgemein
bekannt gewesen sei, dass er die Absicht hatte, mit amerikanischen Gewerkschaftarn und Fuehrern sonstiger sozialer Gruppen
Verbindungen aufzunehmen.
"Auf der einen Seite sagte man, ich haette mit Kapitalisten Freundschaft geschlossen, waehrend auf der anderen Seite
behauptet wird, ich sei als "Parteinann" und nicht als Vertreter
unseres Landes nach den USA gegangen, weil ichn mit Gewerkschaftsfuehrern und Arbeitern Unterredungen fuehrte, erklaerte der
Premierminister in einem Artikel, der im Organ des sozialistischen Gewerkschaftsbundes veroeffentlicht wurde. Premierminister
Drees ist Mitglied der hollaendischen Arbeiterpartei; er half
mit, den hollaendischen "Arbaitsvereinigung" zu organisieren,
ein Nachkriegsexperiment zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
"Fuer nich hatten neine Bemuehungen keinen anderen Zweck,
als nich mit den Arbeitsbedingungen, den Sozialversioherungssystemen und der Haltunr der Arbeiter und der Gewerkschaften
vertraut zu machen.
- 9-

�"Ich kann mit Genugtuung feststellen, dass die Erfahrungen, die ich sammeln konnte, fuer mich ungeheuer wertvoll
waren. V.'ie aehnlich waren die Probleme - wenn auch in andersartigem Verheeltnis - denen, die wir hi9r in unserem eigenen
Lande zu loesen haben, und wie gross war das gegenseitige
Verstaendnis fuer Dinge, die auf dem Gebiet der Arbeit getan
werden koennenl"
Premierminister Droes betonte, man sei in Amerika der
festen Ueberzeugung, dass jede Steigerung des Lebensstandards
von einer Steigerung der Produktion abhaengig ist. Eine der
grossen amerikanischen Gewerkschaften habe eine besondere
Abteilung, in der die Unternehmer ueber moderne und leistungsfaehige Produktionsmethoden beraten wuerden.
"Aber die Arbeiter wissen auch, dass Produktionssteigerungen allein keine Gewaehr fuer bessera Lebensbedingungen
oder groessere soziale Sicherheit sind, wenn e3 keine starken
Gewerkschaften und keine umfassende Sozialgesetzgebung gibt,"
fuhr Premierminister Drees fort. "Das Ausmass der gewerkschaftlichen Taetigkuit und der Sozialgesetzgebung ist gegenueber
Holland verschieden, aber die amerikanischen Arbeiter sind
sich der Notwendigkeit dieser beiden Faktoren bewusst."
Drees stellte fest, dass sich die amerikanischen Gewerkschaften auf breitester Basis mit Fragen beschaeftigen, die
sich gewiss nicht auf Loehne und Arbeitszeit allein beschraenken. Gesundheitseinrichtungen, die in Amerika nicht im gleichen Hasse wie in Holland durch bundesstoatliche Gesetze festgelegt sind, ziehen die Aufmerksamkeit der Gewerkschaften ganz
besonders *uf sich. Er berichtete von einem Gesundheitazentrum
einer Gewerkschaft, da3 ausschliesslich mit ICitt9ln der Gewerkschaft aufgebaut worden war, und nun zur Haelfte von Gewerkschaften und Unternehmern finanziert wird. Sehr viel wurde
fuer die Arbeiterbildung getan. Drees berichtet von einem
Besuch in einer Schule fuer Betriebsleiter und in einer "Schulungs- und Bildungsabteilung* einer Gewerkschaft, wo vielseitige Arbeit geleistet wurde.
T o r einigen Tagen erhielt ich von einem Funktionaer dieser Abteilung einige Buecher und Broschueren ueber die Gewerkschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten," sagte der Premier»
minister. "In eines dieser Buecher hatte er die Widmung geschrieben: "Gruesse an die Kollegen in den hollaendischen Gewerkschaften." Es ist mir eine Freude, diese Grueäse zu uebermitteln.
"Das Amerikanische Gewerkschaftskomitee arbeitet auf internationaler 3asis mit den freien Gewerkschaften anderer
Laender zusammen. Diese Zusammenarbeit wird zusammen mit wachsendem gegenseitigem Verstaendnis fuer die Erhaltung der Freiheit und die Verbesserung des Wohlstandes und der sozialen
Sicherheit in zunehmendem Masse von Bedeutung sein."
KSA Resorts
III/5/52
Eurooaeer studieren moderne Agrarmethoden
Europaei3Che Experten, die naoh den Vereinigten Staaten
gehen, um amerikanische Produktionsmethoden zu studieren,
koennen zuweilen auch den Amerikanern noch etwas zeigen. Dies

10 -

�gilt besonders fuer die Landwirtschaft. Landwirte, besonders
aus Nordeuropa, wissen z.B. sehr gut, wie man noch mehr Getreide aus einem Morgen Land herausholt, und wie die Milchleistung
einer Kuh noch besser gesteigert werden kann. Aber die europaeischen Landwirte brauchen fuer ihre Arbeit weit mehr Arbeitskraefte als die amerikanischen Farmer.
Da die Landflucht immer groessere Ausmasse annimmt und
mehr und mehr Arbeiter wegen der besseren Verdienstmoegliohkelten in die Staedte gehen, sind europaeisohe Agrarexperten
hauptsaechlich an arbeitsparenden landwirtschaftlichen Methoden und Maschinen interessiert. Ihre Hauptaufgabe besteht
darin, die Produktionsleistung des einzelnen Arbeiters zu steigern, um einen Ausgleich fuer die abwandernden Arbeitskraefte
zu schaffen und damit dazu beizutragen, die Preis« fuer Lebensmittel niedrig zu halten.
In einigen Teilen Suedeuropas, Suedostaslens und Nordafrikas koennten die Ernten und die Ertraege der Viehhaltung
verdoppelt werden, was einen wesentlichen Beitrag zur Deckung
des Bedarfs an Lebensmitteln und Kleidung in der freien Welt
bedeuten wuerde.
Das Programm zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion bedeutet nicht nur eine Staerkung des Wirtschaftspotentials dieser ^aender, sondern bringt auch einen hoeheren
Lebensstandard fuer deren Bewohner mit sich und steigert zugleich ihre Faehigkeit, sich gegen den Kommunismus zu verteidigen.
Im vergangenen Jahr wurden im Rahmen des Marshallplans
839 Agrarexperten aus Yuesteuropa und Suedostasien nach den
Vereinigten Staaten geschickt,- um dort Mittel und Wege zur
Steigerung der Produktivitaet in der Landwirtschaft zu studieren. Sie nahmen an 210 Lehrveranstaltungen tei'l, angefangen
von agrarwirtschaftlichen Vorlesungen bis zur Unterweisung in
modernen Methoden der Zucke^ruebenverwertung.
Die amerikanische Verwaltung fuer Gemeinsame Sicherheit
(MSA), der nun die Lenkung der wirtschaftlichen und militaerischen Hilfe Amerikas in Uebersee uebertragen ist, arrangiert
ausserdem Besuche amerikanischer Agrarexperten nach solchen
Laendern, die von Amerika unterstuetzt werden. Das gesamte
landwirtschaftliche Unterstuetzungsprograrnm wird durch die Zusammenarbeit Tausender amerikanischer Farner, Farmerorganisationen, landwirtschaftlicher Hochschulen und des amerikanischen
Landwirtschaftsministeriums ernoeglicht. In unterentwickelten
Laendern Suedostasiens, wie Burma, Indochina, Thailand und
den Philippinen, haengt der Lebensstandard der eingeborenen Bevoelkerung, die sich zu 80-90$ aus Bauern zusammensetzt, voellig von diesen Unterstuetzungsprograrnm ab. Im nahen Osten ist
es die Tuerkei, die unter Anwendung fuer diesen Staat revolutionaerer Neuerungen zur Modernisierung ihrer Landwirtschaft
vorwaertsstrebt. Die fortschrittliche Entwicklung in diesem
Land wird dazu beitragen, die Luecke in seiner Lebensmittelversorgung zu 3Chliessen, die durch den Verlust der Importe aus
Laendern hinter den Eisernen Vorhang entstanden ist. 28 junge
Tuerken verbrachten ein Jahr in den Vereinigten Staaten, um dort
Dinge zu lernen, die sie nach ihrer Rueckkehr den tuerkischen
Bauern mitteilen koennen.
Das nur wenig Nahrungsmittel erzeugende England hat sich
von seiner seit Jahrhunderten befolgten traditionellen Land-

- 11 -

�Wirtschaftspolitik abgewandt und foerdert mit allen Mitteln
die neuen Methoden der Nahrungsmittelerzeugung. Britisohe
Agrarexperten konnten mit Hilfe des Austauschsprogramms des
Marshallplans viel lernen. Sie waren besonders interessiert
an den Methoden der Arbeitgeber in der Landwirtschaft, die
in Amerika dazu beigetragen haben, dass die Farmer zwei- bis
fuenfmal soviel Lebensmittel pro Arbeitsstunde erzeugen koennen wie die Landwirte in England.
Westdeutschland, das sioh dem Problem gegenuebersieht,
ausser seiner Bevoelkerung elf Millionen Flueohtlinge aus den
Laendern hinter dem Eisernen Vorhang zu ernaehren, prueft alle
amerikanischen Arbeitsmethoden, die geeignet sein koennten,
die landwirtschaftliche Erzeugung zu steigern. Ein deutscher
Agrarexperte leitet seit seiner Rueckkehr aus den Vereinigten
Staaten eine bekannte bundesstaatliche Informationsabteilung,
die Veroeffentllchungen, Lehrfilme, Marktberichte und andere
Informationen fuer die Landwirtschaft ausarbeitet, Dinge, die
fuer den amerikanischen Farmer laengst Selbstverstaendllchkeiten geworden sind.
Die Maisproduktion konnte in Frankreich wesentlich gesteigert werden, nachdem zwei franzoesische Agrarexperten in den
Vereinigten Staaten im Jahre 1949 vier Monate lang den Anbau
von Hybridenmais studierten. 1950 wurden in Frankreich etwa
150 Tonnen Hybridenmais verbraucht. 1951 betrug der Verbrauch
bereits 1,000 Tonnen und die Anbauflaeche fuer Hybridensaatmais, der 1953 zur Aussaat gelangt, "umfasste 800 Hektar.
Die Ertragsfaehigkeit von Hybrideniaais ist um 25 bis 50%
groesser als die der bisher uebliohen franzoesischen Anbausorten.
Ein deutscher Experte fuer Viehzucht hat zusammen mit Vertretern des amerikanischen Landwirtschaftministeriums Forschungsarbeiten ueber eine wenig bekannte Tierkrenkheit durchgefuehrt, was fuer die Viehzuechter in beiden Laendern von Vorteil sein wird.
ECA-Information
Energle-Schluessel zur Wirtschaftskraft Europas
Energie ist das Lebensblut der Industrie, Europas staendig steinende Industrieproduktion braucht neue Energiezufuhren. Der Marshallplan hat die Bemuehungen, der im Wiederaufbau
begriffenen Industrie die noetigen Energien bereitzustellen,
nachdrueoklich unterstuetzt, aufgrund der Gewissheit unterstuetzt, dass das Gedeihen und die Verteidigung der freien Welt
untrennbar mit der Energieversorgung zusammenhaengen.
Die OEEC erklaerte anlaesslich der Annahme ihre3 Prorramms
zur Steigerung der europaeischen Industrieproduktion,dass, um das
Verteidigungsprogramm durchzufuehren und zugleich den Lebensstandard zu steigern, Westeuropa in den naechsten fuenf Jahren
seine Produktion um weitere 25% steigern muss. Energieversorgung, die ausreichend sein soll, ist 3omit ein wichtiger Faktor
zur Durchfuehrung dieses Programms.
Kein anderer Einzelfaktor spielt eine solch wichtige Rolle
bei der Produktionssteigerung wie die Energie. Eine Maschine
mit eigenem Antrieb laesst die Haende des Arbeiters fuer andere
Arbeiten frei und Jluropa wird in den kocinenden Jahren sehr viel
Arbeit fuer freie Haende haben.
- 12

�Der Stromverbrauch der europaeiachen Industrie steigt
staendlg an. Die Produktion haelt Jedoch noch Schritt mit
den Plaenen des SCA-Programms, das eine jaehrliche Mehrproduktion von etwa 8$ vorsah. Bis zum Jahre 1951 hatte sich die
Stromerzeugung im Vergleich zu den VorkriegsJahren verdoppelt,
die Haelfte dieses Fortschritts war seit dem Jahre 1947 zu
verzeichnen. Der industrielle Energiebedarf ist aber nooh
Immer weitaus hoeher als die Erzeugung, bis zum Jahre 1954
wird die3 Jedoch in noch weit groesserem Masse der Fall sein.
Nach den letzten Berechnungen wird das Stromdefizit unter normalen Wasserverhaeltnissen im Jahre 1954 etwa 4,7000,000 kw betragen, waehrend es 1951 erst 3,500,000 kw ausmacht. Der Energiemangel wird vor allem in Grossbritannien, Italien, Deutschland und Holland zu Engpaessen fuehren, waehrend in Griechenland und Oesterreich das Defizit geringer 3ein wird. Nach den
Berechnungen fuer die Jahre 1951 bis 1954 wird bei normalen
Wasserverhaeltnissen in Belgien und Frankreich ein betraechtlioher Energieueberschuss vorhanden sein.
Der Marshallplan leistete einen erhebliohen Beitrag zu der
bedeutungsvollen Steigerung der Stromversorgungskapazitaet.
Dieser Beitrag, der in Form einer finanziellen Hilfe stattfand,
belief sich bis zum 1. August 1951 auf 665 Millionen D-Mark zuzueglioh eines Betrages aus dem Gegenwertfond in Höhe von weiteren 4,116 Millionen D-Mark. Von Anfang an wurde besonderer
Wert darauf gelegt, vor allem grosse Projekte, in erster Linie
Jedooh im Bau befindliche Staudaemme fertigzustellen; ebenso
wurde in der Anlaufphase des. Marshallplans der Ankauf sofort
einsetzbarer Anlagen gefoerdert. Die ECA hat die westsuropaeisohsn Regierungen staendig darin bestaerkt, den Energieprojekten ein besonderes Prioritaetsvorrecht einzuraeumen und das
Interesse des privaten Kapitals wie auoh der Internationalen
Bank dadurch zu foerdern, dass sie solchen Projekten ihre grundsaetzliche Unterstuetzung zusagte.
In Frankreich allein wurde ungefaehr eine Summe von 4,2
Milliarden D-Mark fuer Kraftwerke verausgabt. An dieser Summe
hat sich die ECA direkt mit 160 Millionen D-Mark und mit weiteren 2100 Millionen D-Mark aus dem Gegenwertfond beteiligt.
Im Jahre 1949 wurden 3,130 Millionen Francs aus dem Gegenwertfond zugewendet, um den Plan der Nutzbarmachung der Rhone,
der Frankreich Jaehrlich zusaetzlich 14 Milliarden kw Strom
erbringen kann, durchzufuehren.
Dieses sioh ueber 30 Jahre erstreckende Projekt sieht vor,
dass 22 Daemme im Tal der Rhone erbaut werden. Damit wird die
Rhone zugleioh vom Genfer See bis zum Mittelmeer schiffbar und
bewaessert Tausende von Aeckern, die bisher brach lagen.
Der erste Abschnitt dieses riesigen Brojekts war die Fertigstellung des Ganlaaiat-Damms. Dieser Damm, fuer den
2,395,000 Francs aus Gegenwertfondmitteln aufgewendet wurden,
ist der groesste Staudamm Europas und liefert eine Energiekapazltaet von 390,000 kw. Der naechste Bauabschnitt bildete die
Stauung der Rhone bei Donzere, wobei das Wasser der Rhone in
einen zementierten Seitenkanal abgelenkt wurde. Die naeohste
Etappe war der Bau des Wasserkraftwerks in Mondragon. Das mit
Hilfe von 2,850,000 Franos aus Gegenwertfondsmitteln finanzierte
Donzere-Mondragon Projekt wird nach seiner Fertigstellung im
naeohsten Jahre Frankreichs Stromerzeugung um 2 Millionen kw
im Jahr steigern.

13 -

�Oesterreich erhielt bis zum 30. Juni 1951 aus Gegenwertfondsmitteln 231,000,000 D-Mark fuer die Fertigstellung von
Kraftwerken und fuer die Ausruestung solcher Anlagen. Der
Kaprun-Danm an der Enns mit seiner 129 Meilen langen Ueberlandleltung, die in Richtung Wien fuehrt, wird eine Energie
von 600 Millionen kw im Jahr erzeugen - das sind 10 Prozent
der oesterreichischen Gesamtproduktion. Diese Leitung, die
ueber 680 Stahlma3ten laeuft, die 5,000 Tonnen wiegen, hat bereits sehr wesentlich die bedrohte Stromversorgung Wiens verbessert. Mehr als Zweidrittel der Gestehungskosten wurden von
der ERP getragen, das Projekt konnte innerhalb von neun Monaten fertiggestellt werden. In. diesem Kraftwerk ist ein so
hoher Druck auf die Flaeche eines Quadratzentimeters zu finden, wie es in keinem anderen Werk dieser Groessenordnung erreicht wird.
In Bröunau an der deutsch-oesterreichischen Grenze wurde
der Bau eines Kraftwerks am Inn von dem OesterrelchischenBayerischen Kraftwerk in Angriff.genommen. Das Werk besteht
aus vier Einheiten mit einer Leistung von je 2-i,000 kw, die
eine Gesamtenergie von 96,000 kw erzeugen. Zwei Einheiten werden das oesterreichische und zwei das bayerische Netz versorgen. Die Gesamtkosten fuer das Kraftwerk werden mit 120 Millionen D-Mark veranschlagt. Die ECA erteilte die Genehmigung,fuer
2,395,000 D-Mark aus den Vereinigten Staaten moderne Baugeraete
fuer dieses Projekt anzukaufen.
In Italien erhielt die Gesellschaft Idroelettrica Piemonte in Turin im Jahre 1950 eine Anleihe von 26,500,000 D-Merk,
um ein komplettes Dampfkraftwerk anzukaufen. Dieses Kraftwerk
soll die Wasserkraftwerke Norditaliens in jenen Faellen mit
Strom versorgen, wo durch Stromauafaelle die Versorgung der
Industrie gefaehrdet ist - bei Wasserkraftwerken ist dies
vor allem in den Sommermonaten der Fall. Turin, das wichtigste
Industriezentrum Italiens, hat 'seit Ende des Krieges besonders
schwer unter Stromkuerzungen und -ausfaellen gelitten. Das
neue Werk wird dazu beitragen, diesen Mangelzustand zu beheben. Insgesamt hat Italien bis zum 30 Juni 1951 mehr als 570
Millionen D-Mark zum Bau von Kraftwerken aufgewendet, die ECA
hat sich daran mit 277 Millionen D-Mark beteiligt.
Die Erweiterung des Kyndby-Kraftwerkes auf der daenischen Insel Seeland, deren Kosten sich auf 42 Millionen D-Mark
belaufen; sollen noch in diesem Jahre fertiggestellt sein.
Das Kraftwerk Kyndby wird gemeinschaftlich mit zwei, anderen
Kraftwerken auf Seeland und zusaetzlichen Stromlieferungen aus
Schweden das oestliche Daenemark bis zu 90 Frozant mit Strom
versorgen. Die Baukosten fuer dieses Projekt wurden zur Haelfte aus Marshallplanmitteln bestritten. Die Erweiterung des
Kjtadby-Werkes ist nur ein Teil des Plans der d&amp;enlschen Regierung, Daenemark voellig von den kleinen, unwirtschaftlichen
und unrentablen Kraftwerken unabhaengig zu machen.
In Deutschland hat die Erweiterung des Kraftwerks Hannover-Ost wesentlich zu dem schnellen Wiederaufbluehen des Kamburger Hafens beigetragen. Eine Marshallplanzuwendung von
10,000,000 D-Mark nachte es moeglich, die Energieerzeugung
von 70,000 kw auf 140,000 kw zu steigern. Die Fertigstellung
dieses Dampfkraftwerkes hat den groesseren Strombedarf, der
auf die allgemeine Wiederbelebung der Industrien im Hamburger
Gebiet zurueckzufuehren ist, decken koennen. Eine weitere Zuwendung von 11,000,000 D-Mark bestritt die Baukosten der neuen

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�110,000 kw Ueberlandleitung von Hannover-Ost nach Hamburg,
ueber die der Strom des Kraftwerkes in das Netz geleitet
wird. Die Gesamtkosten fuer diese beiden Projekte betrugen
27,000,000 D-Mark. Ton dieser Summe stammen 21,000,000 DMark aus Marshallplanmitteln und 6,000,000 D-Mark aus privaten Quellen.
Es besteht bereits ein gewisser Stronaustausch zwischen
den benachbarten europaeischen Laendern. Es ist jedoch nicht
moeglich, das Stromdsfizit durch eine Kopplung der bestehenden europaeischen Netze zu ueberbruecken. Ueberschuesse be.stehen an 3ich haeufiger eis Defizite, aber sie bestehen
nicht zur gleichen Zeit, ein gesanteuropaeisches Netz wuerde
daher die Schwierigkeiten zur Zeit noch nicht beseitigen
koennen.
Um diesen Strommangel zu beheben, hat sich die Karshallplan-Verwaltung dafuer eingesetzt, zusaetzliche Kraftwerke in
den Laendern mit einem hohen Stromdefizit zu errichten, waehrend in den Laendern, die durch neue Ueberlandleitungen zu eii ner Verminderung des Defizits beitragen koennen, diese Leitungen und Transf or:;»atorenstationen erbaut werden muessen.
Es wurde auch besonders darauf. Wert gelegt, Waermekraftwerke zu errichten, um einen besseren Ausgleich zwischen
Waerme- und Wasserkraftwerken zu erzielen, um damit die saisonbedingten Maengel besser zu ueberwinden.
Es ist das Ziel der ECA, die europaeische Energieversorgung duroh Errichtung neuer und Erweiterung bestehender
Kraftwerke um fuenf Millionen kw pro Jahr zu steigern, damit
bedeutend mehr PS hinter jedem europaeischen Arbeiter stehen
und somit die Voraussetzungen fuer eine staendig wachsende
Produktion gegeben sind.
ECA Information
Heilmittel und medizinische Geraete durch den Marshallplan
fuer Europa
Radium, eiserne Lungen und DDT, die im Rahmen der Marshallplan-Hllf3massnahmen nach Westeuropa geschickt wurden,
waren fuer die Wiedergesundung dieses Kontinents von einer
Bedeutung, die bei weitem in keinem Verhaeltnis zu den Kosten
steht.
Von Beginn des Marshallplans im Fruehjahr 1948 bis zum
30. Juni 1951 waren aus Marshallplanmitteln insgesamt 200
Millionen D-Mark fuer Arzneien und medizinische Geraete aufgewendet worden. Wunderwirkende Heilmittel und moderne
Heilmethoden haben den Europaeern geholfen, sich einen normalen Gesundheitszustand wieder zu verschaffen. Die Krebsforschung in Frankreich, die Belieferung Hollands mit Brutkasten fuer fruehgeborene Kinder und die Herstellung Jcuen3tlicher Glieder in Griechenland sind einige Beispiels fuer
die Arbeit auf medizinischem Gebiet, die in Europa unter
verhaeltnismaessig geringem Kostenaufwand geleistet werden
konnte.
Die Entwicklung der pharmazeutischen Industrie in Frankreich in den letzten drei Jahren ist beispielhaft fuer das
Wiedererstarken Westsuropas unter dem Marshallplan. Unmittel-

- 15 -

�bar nach dem Kriege, aber noch vor dem Einsetzen des Marshallplans, hatte Frankreich fuer Penicillin, Streptomyzin und
andere Antibiotika 15 Millionen D-Mark ausgegeben. Damit war
bei weitem der Bedarf Frankreichs nicht gedeckt, aber es verfuegte nur ueber geringe Dollarreserven. Seit Beginn des
Marshallplans hat Frankreich Heilmittel dieser Art im "Werte
von 42 Millionen D-Mark erhalten.
Gleichzeitig konnte in diesem Land selbst dank der Hilfe
des Technischen Unterstuetzungsprogramms der ECA mit der Herstellung solcher Heilmittel begonnen werden; heute ist Frankreich sogar in der Lage, bestimmte Arzneien zu exportieren.
Vor kurzem wurden 2,250,000 D-Mark fuer den Bau von zwei Streptomyzin- Werken bereitgestellt, deren Produktion den gesamten
Inlandsbedarf decken wird.
Auch die Krebsforschung und -behandlung wurde in Frankreich
mit ECA Mitteln gefoerdert. Dank einer Sendung von 10 Milligramm Radium im Werte von 336.000 D-Mark konnte die groesste
radiumtherapeutische Klinik Frankreichs weiterarbeiten. Fuenf
Spezialinstrumente, "Autotechnicons" genannt, die bei der
•
Kreb3diagnose das Gewebe automatisch untersuchen, wurden ebenfalls nach Frankreich geliefert. Mit diesen Geraeten koennen
in unterbrochenem Arbeitsgang viermal so viel Untersuchungen
durchgefuehrt werden wie bei dem alten Handverfehren.
Mit dem Flugzeug wurden drei "Eiserne Lungen" nach
Paris gebracht, die zur Bekaempfung der spinalen Kinderlaehmung in dem kritischen Jahr 1949 benoetigt wurden. Flugzeugladungen von DDT, dem bekannten Insektenbekaempfungsmlttel,
wurden nach Europa geschickt, um unter der Anleitung amerikanischer Spezialisten bei einer Malaria-Bekaempfungskampagne
verwendet zu werden. Groessere Mengen gingen zum gleichen
Zweck nach Franzoesisch Afrika. Dem Institut Pasteur in Saigon wurden zur Bekaempfung der Tuberkulose medizinische Geraete
im Vferte von 84,000 D-Mark zur Verfuegung gestellt.
Die Modernisierung und Neuausruestung der Penicillinwerke
in Daenemark und Oesterreich wurde durch einen Zuschuss aus
Marshallplanmitteln in Hoehe von 945.000 D-Mark ermoeglioht.
Die Penicillin-Fabrik in Daenenark kann nun auch Korwegen und
Schweden versorgen, waehrend sich das in Oesterreich erzeugte
Penioillin durch eine besondere Haltbarkeit auszeichnet und
gespeichert werden kann, um etwaigen Notfseilen vorzubeugen.
Zwei Sachverständige aus England, die von der ECA bezahlt
werden, leiten die Herstellung und das Anpassen von kuenstlichen Gliedern in einer grossen orthopaedischen Werkstaette in
Griechenland. Ueber 20,000 Amputierte, groesstenteils Kriegsopfer, werden in einem benachbarten Hospital behandelt, das
zu einem grossen Teil mit Hilfe der ECA erweitert una modernisiert werden konnte.
Wie diese Beispiele zeigen, ist dioser uralte Kampf, in
den die Menschheit von Jeher verwickelt ist, na.emlich der
Kampf gegen Krankheit und Tod, in den letzten drei Jahren
mit Hilfe des Marshallplans in Europa erfolgreich gefuehrt
worden.
ECA Information

- 16 T D c » W7» (I II

�Internationale

ARBEITSHITTEILUNCEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und dienen
der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren Mitglieder.
Von d i e s e n Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
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Hohen Kommisaion für Deutschland, noch irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten
aufzufassen.

V - 6

F r a n k f u r t , den 1 4 . iLärz 1952

I N H A L T S V JS R Z ii I C H K I S

Soziale Sicherheit in den Vereinigten Staaten ..
Wright Mills neue Theorie ueber den Angestelltenberuf

1

13

Soziale Sloherhelt in den Vereinigten Staaten
Die meisten Europaeer sehen die sozialen Verhaeltnisse
Amerikas so, wie sie die sozialkritisohen Romane Steinbeeks
und Dos Passos vor zwanzig Jahren geschildert haben. Amerika
ist fuer sie ein Land, in dem ein freies kapitalistisches
Wirtschaftssystem Aufstiegsmoegliohkeiten fuer jeden, soziale
Sloherhelt aber fuer niemand bietet. Sie sahen auf der einen
Seite den "self-made businessman", der sioh vom Zeitungsverkaeufer emporgearbeitet hat, auf der anderen den Fabrikarbeiter, fuer den niemand sorgt, wenn er einmal arbeitsunfaehig
geworden ist.
Dass dieses soziale Bild trotz der veraenderten Verhaeltnisse nooh immer vorherrscht, ist wohl der Eindringlichkeit
einer kuenstlerisohen Darstellung zuzusohreiben. Aber auoh
eine gewisse Propaganda hat dazu beigetragen, dieses Bild zur
Foerderung ihrer Ziele festzunageln. So haben es zum Beispiel
die Kommunisten zur Rechtfertigung des niedrigen Lebensstandards
In der Sowjetunion benuetzt. Ja, sagen sie, der amerikanische
- 1 -

I

�Arbeiter hat einen hoeheren Lohn, es stimmt, dass er sich ein
Auto kaufen kann, ein Haus, und alles was dazugehoert. Aber
im Gegensatz zum Arbeiter in der UdSSR steht er ohne sozialen Schutz da.
Wie liegen die Verhaeltnisse aber wirklich? Die letzten
fuenfzehn Jahre haben nahezu jedem Lohnempfaenger in den Vereinigten Staaten eine ausreichende soziale Sicherstellung gebracht. Daneben beziehen 7,650.000 Arbeiter auf Grund von
Kollektivvertraegen Sozialleistungen wie Altersrente, Unfallentschaedigung und Krankengeld.
Die vorliegende Zusammenfassung ist fuer Gewerkschafter,
Sozialwissenschafter und alle jene gedacht, die ein klares
Bild des Sozialversicherungswesens der Vereinigten Staaten bekommen wollen.
*

*

*

Das Gesetz aus dem Jahre 1950 sieht erhoehte Bundesversicherungsleistungen fuer Millionen neuer Berechtigter vor.
AUS DEM INHALT: EINLEITUNG. - FUENFZEHN JAHRE BUNDES-SQZIALVERSICHERUNGEN. Ihre vordringlichsten Aufgaben: Kinderhilfe,
Blinden-, Alters- und Arbeitslosenunterstuetzung. DIE VERWALTUNGSTECHNISCHE ORGANISATION DES SOZIALVERSICHERUNGSWESENS
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN. DAS GESETZ AUS DEM JAHRE 1950.
EIN BEDEUTENDES HILFSPROGRAMM FUER ALTE ARBEITER UND IHRE
FAMILIEN: Weitere Vorteile des neuen Gesetzes; ein wesentlicher Fortschritt, der in kuenftigen Errungenschaften seine
Fortsetzung finden wird.
E i n l e i t u n g
Am 28. August 1950 hat Praesident Trurnan die "Novelle
aus dem Jahre 1950 zum Sozialversicherungsgesetz" unterzeichnet, das eine Reform des seit dem Jahre 1935 in den Vereinigten Staaten in Geltung gewesenen Bundes-Sozialversicherungagesetzes darstellt. Die neuen Massnahmen stellen einen wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiete der Altersversorgung, Familienunterstuetzung, Arbeitslosenunterstuetzung, Unterstuetzung
der Hilfsbeduerftigen, der Blinden und aller derjenigen dar,
denen das Schicksal einen angemessenen Lebensunterhalt versagt
hat.
Das Gesetz aus dem Jahre 1950 sieht vor allem eine Erhoehung der Anzahl der Arbeiter, die zum Bezug einer bundesstaatlichen Altersrente berechtigt sind, vor. Diese stieg von
35,000,000 auf 45,000,000. Hier sind die Nutzniesser vor
allem diejenigen, denen bisher kein Schutz durch Altersversorgung zustand. Es handelt sich hierbei um folgende Gebiete:
Landwirtschaft: 850.000 Arbeitende; selbstaendig, nicht in
der Landwirtschaft Erwerbstaetige: 4,700.000 Arbeitende;
Haushalt: 1,000.000 Arbeitende.
Ausserdem werden 3,000.000 pensionierte Arbeiter schon
ab September 1950 eine hoehere Rente erhalten und ab 1. Januar
1950 - diese Massnahmen sind inzwischen zum Gesetz geworden werden drei von vier in der Wirtschaft taetige Amerikaner
sozialversichert sein; eine Massnahme, die darauf hinzielt,
alte Leute vor drohender Armut zu schuetzen. Von der finanziellen Seite aus gesehen gibt diese neue Massnahme die Moeglichkeit, die monatliche Rente fuer alte Arbeiter und ihre
2 -

�Familien um durchschnittlich 77,5$ zu erhoehen. Dadurch wird
die vom Bundesstaat gewaehrte Alterspension durchschnittlich
46 Dollar gegenueber der frueher gezahlten Rente von 26 Dollar
betragen. Der monatliche Rentenanspruch eines Amerikaners
ohne Familienangehoerige kann unter dem neuen Gesetz 68,5 Dollar erreichen. Fuer Arbeiter mit Familienangehoerigen wurde
die Maximalgrenze von 85 Dollar auf 150 Dollar im Monat erhoeht.
Dennoch umfasst die "Novelle zum Sozialversicherungsgesetz" aus dem Jahre 1950 nur einen Teil des Gebietes, das in
Europa im allgemeinen als "Sozialversicherung" bezeichnet
wird. Zum Beispiel sind in den Vereinigten Staaten die Arbeiter durch andere bundesgesetzliche Massnahmen und durch Gesetze der einzelnen Bundeslaender, durch die fast saemtliche
Arbeiter und Angestellte erfasst werden, gegen Arbeitsunfall
geschuetzt. Ausserdem ist die berufliche Umschulung und Wiedereinstellung der Kranken, Invaliden und der Arm- und Beinamputierten Gegenstand eines sehr fortschrittlichen bundesstaatlichen Hilfsprogramms, das unter dem Titel "Wiedereinstellung der Invaliden und Kranken in den Vereinigten Staaten"
im US-Bundesgesetzblatt Nr. 23 vom 1. Juli 1950 veroeffentlicht
wurde.
Alles in allem haben die Bundesregierung, die einzelnen
Landesregierungen und die Gemeinden im Jahre 1949 einen Gesamtbetrag von 10,500.000,000 Dollar zur Finanzierung der Sozialversioherungs-Gesetze und -Programme auf den verschiedenen Gebieten ausgegeben, waehrend die zahlreichen privaten Wohlfahrtsorganisationen auf dem Gebiete der Altersversorgung,
der Unterstuetzung der Kinder, der Invaliden, etc. im vergangenen Jahr 2,000,000,000 Dollar fuer Programme, die mit den
oeffentlichen Massnahmen parallel laufen, ausgegeben haben.
Ausserdem ist die Zahl der amerikanischen Handels- und
Industriebetriebe im staendigen Anwachsen begriffen, die zusaetzlich zu den staatlichen Sozialversicherungsmassnahmen «in System der Pensions-, Kranken-, Arbeitsunfallversicherung
einfuehren, durch das in vielen Faellen die oben erwaehnten
Altersrenten nicht nur wesentlich erhoeht, sondern sogar verdoppelt werden. Zu den Schutzmassnahmen, die den Arbeitnehmern und ihren Familien vom Staate und von privater Seite auf
diesen verschiedenen Gebieten geboten werden, kommen noch die
oft bedeutenden Zuwendungen der verschiedenen Gewerkschaftsverbaende, die hilfsbeduerftigen Arbeitern zugute kommen.
Die Reichweite der neuen staatlichen Bemuehungen auf dem
Gebiete der Sozialversicherung wird durch die Tatsache beleuchtet, dass im Juni 1950, als die neuen gesetzlichen Bestimmungen
noch nicht in Kraft waren, 2,930,357 Personen eine staatliche
Unterstuetzung im Rahmen des Alters- und Hinterbliebenen-Versorgungsprogrammes erhielten, was einer Ausgabe von 60,681,000
Dollar aus oeffentlichen Geldern entspricht. Vom Juni 1936
bis Juni 1950 betrugen die Ausgaben des Bundessohatzes fuer
diesen Zweok ueber 3,375.000.000 Dollar.
Im Juni 1950 hat die Bundesbehoerde folgende Betraege zur
Finanzierung der oeffentlichen Unterstuetzungsprogramme der einzelnen Staaten der Union zugeteilt: 122,350,600 Dollar fuer
2,790,068 Faelle von Altersfuersorge; 4,394,000 Dollar fuer
95,418 Faelle von Blindenfuersorge; 46,035,000 Dollar fuer Kinderbeihilfe (1,659,766 Kinder). In der Zeit von Juni 1936 bis
Juni 1950 beliefen sich die bundesstaatlichen Ausgaben fuer
- 3 -

�oeffentliche Wohlfahrt auf insgesamt 13,028,000,000 Dollar.
Im folgenden werden wir sehen, dass die Bundesregierung eine
Ausdehnung dieser Hilfeleistung auf Personen, die unfreiwillig
der Oeffentlichkeit zur Last fallen, ins Auge fasst.
Bevor wir auf die neuen, in der "Novelle aus dem Jahre
1950 zum Sozialversicherungsgesetz" enthaltenen Massnahmen der
Sozialversicherung eingehen, wird es zweifellos zweckmaessig
sein, die seit dem Inkrafttreten des Sozialversicherungsgesetzes aus dem Jahre 1935 erzielten Erfolge einer kurzen Betrachtung zu unterziehen und einen allgemeinen üeberblick ueber
die verwaltungstechnische Organisation des heute in den Vereinigten Staaten bestehenden Sozialversicherungs-Systems zu geben.
FOnfzehn Jahre Bundes-Sozialversioherung
Schon vor Unterzeichnung des Sozialversicherungsgesetzes
durch Praesident Roosevelt am 14. August 1935 gab es in den Vereinigten Staaten eine Reihe von Sozialversicherungs-Kasanahme».
In vielen Staaten waren schon seit Jahren gesetzliche Bestimmungen in Kraft, nach denen Arbeitern, die erkrankt waren oder
waehrend der Ausuebung ihres Berufes einen Unfall erlitten haben, eine Entschaedigung bezahlt werden musste. Bundeseinheitliche Gesetze sorgten ebenfalls fuer den Schutz der Seeleute
und der Arbeiter in anderen Berufsgruppen.
Ein besonderes Programm der Bundesregierung sah die Auszahlung einer jaehrlichen Altersrente an Eisenbahner und Staatsbeamte vor, waehrend durch Staatsgesetze und oertliche gesetzliche Bestimmungen fuer Zahlung einer Pension an Angestellte
und Arbeiter des oeffentlichen Dienstes gesorgt war.
Das Gesetz aus dem Jahre 1935 ist ein Markstein, weil es
die erste gemeinsame Aktion aller Regierungsstellen - der Bundesregierung, der einzelnen Staatsregierungen und der oertlichen
kommunalen Verwaltungshehoerden - ist, um das Problem der wirtschaftlichen Stabilitaet, insoweit sie von der Sicherheit der
Arbeitnehmer und ihrer Familien beeinflusst wird, zu loesen.
Es gab den einzelnen Staaten auch die Moeglichkeit, das System
der Krankenversicherung und des Wohlfahrtswesens auszubauen.
Das Gesetz, das eine Bestaetigung des oeffentlichen Einverstaendnisses mit der Auffassung, der Staat trage die Verantwortung fuer die soziale Sicherstellung der Allgemeinheit, darstellt, war das Ergebnis einer langjaehrigen Entwicklung des
amerikanischen Wirtschafts- und sozialen Lebens. Im Laufe
eines halben Jahrhunderts wurde aus einem Agrarstaat ein Handels- und Industriestaat. An Stelle der Einfamilien-Farm, die
Familienmitglieder aller Altersstufen und beider Geschlechter
mit Unterhalt und produktiver Arbeit versorgte, trat als Grundlage der industriellen Wirtschaft die Familie mit ihrem Wohnsitz
in der Stadt, fuer deren Unterhalt ein "Familienerhalter" sorgte,
der im Gehalts- oder Lohnverhaeltnis stand. So kam es, dass
Arbeiter, deren Kraefte infolge vorgeschrittenen Alters nachgelassen hatten, schwer Arbeit finden konnten, andererseits aber
nicht ueber genuegend Ersparnisse verfuegten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Problem wurde dadurch noch ernster,
dass die Bevoelkerung Amerikas sich im Laufe von fuenfzig
Jahren beinahe verdoppelt hatte, wodurch sich auch die Anzahl
von alten Leuten erhoehte; dabei erhoehte der rasche Fortschritt
auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Hygiene die allgemeine
Lebensdauer ganz wesentlich. Die allgemeine Unsicherheit, die
durch diesen Stand der Dinge in einem hochentwickelten Industriestaat waehrend der wirtschaftlichen Depression in den Vereinlg-

- 4 -

�ten Staaten vor zwanzig Jahren geschaffen wurde, beeindruckte
die oeffentliche Meinung sehr stark. Die alten Arbeiter waren
natuerlich diejenigen, die zuerst und am schwersten betroffen
waren, denn sie waren die ersten, die entlassen, und die
letzten, die wieder aufgenommen wurden. Der Staat zog die
Konsequenz aus dieser Situation und beschloss einzugreifen,
was schliesslich zum irlass des Sozialversicherungsgesetzes
im Jahre 1935 fuehrte.
Vordringlichste Aufgabe:
Oscar. R. Ewing, der Leiter des Sozialversicherungswesens,
wies kuerzlich auf die durch Bundesgesetze erzielten Fortschritte auf dem Gebiete der Kinderfuersorge hin und stellte
fest, dass die Summe der ifiinzelleistungen, die im Laufe der
letzten fuenfzehn Jahre im Rahmen der Sozialversicherung ausbezahlt wurden, 24,000,000,000 Dollar betrug.
Sin Grossteil dieses Betrages war fuer die Verbesserung
der Kinderfuersorge bestimmt, so dass die Saeuglingssterblichkeit von 1935 bis 1948 um 57 Prozent herabgedrueckt wurde,
wobei die Todeszahl innerhalb eines Jahres von 56 auf 32 pro
1000 Lebendgeburten sank, innerhalb des gleichen Zeitraumes
sank die Sterblichkeit bei Kindern im vorschulpflichtigen
Alter ( 1 - 4 ) um 64 Prozent und bei Kindern im schulpflichtigen Alter um 57 Prozent. Die Zahl der Todesfaelle durch die
verbreitetsten Kinderkrankheiten (Diphtherie.Scharlach, Keuchhusten und Masern) verminderte sich um 88 rrozent. Die Sterblichkeit bei Woechnerinnen nahm ebenfalls zusehends ab, naemlich um 79,5 Prozent oder von 58 auf 12 Todesfaelle pro
10,000 Lebendgeburten. Der Prozentsatz an ülntbindungen in Kliniken erhoehte sich von 37 auf 86. Obowhl wir nicht behaupten
koennen, dass das Sozialversicherungsgesetz die Ursache aller
dieser begruessenswerten Fortschritte ist, so hat das Gesetz
dabei doch eine wesentliche Rolle gespielt.
Ausser Barzahlungen sah das Gesetz aus de« Jahre 1935 ein
Programm vor, das den einzelnen Bundesstaaten fuer den Ausbau
des oeffentllchen Gesundheitsdienstes und der Kinderfuersorge
Hilfe gewaehrte. Diese llittel - die in der Form aerztlicher
Betreuung, ürforschung der Kinderkrankheiten, Aufrechterhaltung
von Betreuungsstellen usw. zur Verwendung kamen - beliefen
sich im Laufe von fuenfzehn Jahren auf 189,367,598 Dollar.
Vor 1935 gab es in den Bundesstaaten verschiedene Formen
der Unterstuetzung fuer Kinder armer Familien, aber in vielen
Bezirken bestanden ueberhaupt keine Betreuun^seinrichtungen.
Im Jahre 1934 wurden 280,000 Kinder unterstuetzt; die Zahlungen waren sehr niedrig und betrugen durchschnittlich monatlich
11 Dollar pro Kind. Kraft des Gesetzes aus dem Jahre 1935 kamen
Programme, die gemeinsam von den einzelnen Staaten und der
Bundesregierung finanziert wurden, in allen Staaten zur Durchfuehrung, mit Ausnahme von Nevada, wo sie wegen der sehr geringen Bevoelkerungsdichte ueberfluessig sind. Zur Zeit werden
durch diese gesetzlichen Bestimmungen ueber 1,600,000 Kinder
unterstuetzt, wobei die durchschnittliche iüonatsleistung 46
Dollar pro Kind und fast 73 Dollar pro unterstuetzter Familie
betraegt. Von Juni 1935 bis Juni 1950 wurden von den oeffentlichen Dienststellen 2,756,000,000 Dollar fuer dieses Gebiet
der Sozialfuersorge aufgewendet.
Blinden-. Alters- und Arbeitslosen-Unterstuetzung
Vor 1935 bestanden in siebenundzwanzig Staaten gesetzliche
- 5 -

�Bestimmungen fuer Darzahlungen an Blinde. 32.000 bis 34.000
Blinde erhielten im Jahre 1934 eine monatliche ünterstuetzung
von ungefaehr 20 Dollar. Derzeit erhalten 77.000 Blinde im
Rahmen de3 Programms der Bundesregierung eine monatliche Ünterstuetzung von durchschnittlich 47 Dollar. Durch das Gesetz
vom Jahre 1950 werden weitere 18.000 Personen, die bisher nur
in den Staaten Pennsylvania, Missouri, Nevada und Alaska unterstuetzt wurden, in das Programm einbezogen. Von 1935 bis 1950
wurden 287,000.000 Dollar fuer Blindenunterstuetzung veranschlagt.
Vor 1935 gewaehrten ungefaehr dreissig Staaten armen
alten Leuton eine Ünterstuetzung. Im Jahre 1934 erhielten
235.000 alte Leute eine monatliche ünterstuetzung von durchschnittlich 14 Dollar. Das Gesetz vom Jahre 1935 schuf zwei
Gruppen von Unterstuetzungsempfaengem: diejenigen, die vor
ihrer Pensionierung regelmaessig Zahlungen an die oeffentliche
Pensionsanstalt leisten, und solche, die eine ünterstuetzung
von einem oeffentlichen Fonds fuer die ünterstuetzung armer
alter Leute beziehen. Die erste Gruppe umfasst 2,100.000
Personen, die derzeit Unterstuetzungen beziehen, sowie 750.000
junge Muetter und Kinder, die ebenfalls innerhalb dieser Aktion
unterstuetzt werden.
Vor dem Inkrafttreten des Gesetzes aus dem Jahre 1950
waren 35,000.000 der insgesamt 64,000.000 Arbeiter und Angestellte durch die staatliche Altersversicherung erfasst. Zur
Zeit sind weitere 10,000.000 Personen altersversichert, wobei
die Altersrenten um durchschnittlich 77 Prozent erhoeht wurden,
wie aus der folgenden Analyse der neuen gesetzlichen Bestimmungen hervorgeht. Die Unterstuetzungen, die im Juni 1950 unter
dem Titel Altersversicherung gemaess den gesetzlichen Bestimmungen des Jahres 1935 gewaehrt wurden, beliefen sich auf
3,375,556,469 Dollar. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass
nicht nur dem pensionierten Arbeiter oder Angestellten die
Altersrente zugute kommt, sondern auch seiner Frau und den von
ihm unterhaltenen Familienmitgliedern. Wenn wir in Betracht
ziehen, da3S eine amerikanische Familie im Durchschnitt 3,6
Mitglieder hat, koennen wir sehen, dass die Altersversicherung,
die 45,000.000 Arbeiter und Angestellte erhalten, tatsaechlich
130,000.000 Amerikanern zugute kommt, d.h. dem groessten Teil
der Bevoelkerung von 150,500.000 Einwohnern, die eine Alteraversicherung benoetigen.
An hilfsbeduerftige, alte Leute, die keine Altersrente
und keine ünterstuetzung durch das oeffentliche Versicherungsprogramm beziehen, wurde innerhalb von fuenfzehn Jahren ein
Betrag von 9,985.000.000 Dollar an Unterstuetzung3g»ldern ausbezahlt. Zwei Millionen neunhunderttausend Personen dieser
Gruppe erhalten jetzt als ünterstuetzung unter diesem Titel
eine monatliche ünterstuetzung von durchschnittlich 44 Dollar.
Die Bundesregierung kommt fuer die Haelfte der Spesen auf, die
durch die Durchfuenrung dieses Programms in den einzelnen Staaten sich ergeben.
Vor 1935 bezahlte ein einziger Staat, naemlich Wisconsin,
Durch das Sozialversicherungsgesetz aus dem Jahre 1935 kamen saemtliche Staaten in den Genuss
dieser Unterstuetzungsmassnahme, nach der arbeitslose Amerikaner
innerhalb eines Zeitraumes von fuenfzehn Jahren insgesamt
7,949,549.413 Dollar erhielten.

Arbeitslosenunterstuetzungen.

Im Juni 1949 waren 31,500.000 Arbeiter arbeitslosenversichert, wodurch ihnen im Falle "vollkommener Arbeitslosigkeit"
- 6

�eine woechentliche Unterstuetzung von durchschnittlich - nicht
maximal - mehr als 20 Dollar zusteht, was einer monatlichen
Arbeitslosenunterstuetzung von ungefaehr 85 Dollar entspricht.
Dank dieser Massnahmen wurden die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit, die am 3nde des Jahres 1948 und waehrend des ersten
Halbjahres 1949 ein alarmierendes Ausmass anzunehmen drohten,
sehr abgeschwaecht.
Der Aufbau des oel'fentlichen Versicherungs-Systems in den Vereinigten Staaten
Durch das Versicherungsgesetz aus dem Jahre 1935 wurde
das Unterstuetzungssystem in den Vereinigten Staaten nach acht
Programmen organisiert, zu deren Durchfuehrung eine Einteilung
in drei verschiedene Untorstuetzungskategorien vorgenommen
wurde:
1.

2.

3.

Sozialversicherung
a)

Arbeitslosenversicherung

b)

Alters- und Hinterbliebenen-Versicherung

Staatliohe Unterstuetzung der Hilfsbeduerftigen
a)
b)

Altersfuersorge
Blindenfuersorge

c)

Kinderbeihilfe

Allgemeine Kinderfuersorge

a) "Mutter und Kind"-Gesundheitsdienst
b) Befuersorgung verkrueppelter Kinder
o) ..ohlfahrtswesen fuer Kinder
Das Versicherungsgesetz ist ein Bundesgesetz, aber die
Bundesregierung fuehrt nur eines der obengenannten Programme
durch: die Alters- und Hinterbliebenenversicherung. Die uebrigen sieben Programme werden von den einzelnen Statten unter
Vitarbeit und finanzieller Unterstuetzung seitens der Bundesregierung durchgefuehrt. Diese Kittel gelangen durch das
Finanzministerium zur Verteilung, und zwar im Einvernehmen mit
der Bundesbehoerdo fuer soziale Verwaltung, des U.S.-Bundesamtes
fuer soziale Fuersorge, einer autonomen Organisation, der
ausser den Betreuungsinstitutionen das Erziehungswesen, der
oeffentliche Gesundheitsdienst, die Ueberwachung der Lebensmittel und Medikamente, sowie die Abteilung "Berufliche Umschulung und Wiedereinsteliung" des Gesundheitsamtes unterstehen.
Auf dem Gebiete der Altersversicherung wurden gleich zu
Beginn gewisse prinzipielle Richtlinien festgelegt: die Arbeiter fuehren einen geringen Prozentsatz ihres Einkommens an
den Bundesfonds ab; das Ausmass der Altersrente muss nicht unbedingt mit der noehe der Betraege in Einklang stehen, die
die Arbeiter an den Fonds leisten. Um Anspruch auf eine Altersrente erheben zu Koennen, muessen die Arbeiter waehrend einer
festgesetzten Mindestzeit ihre Beitraege geleistet haben.
Auf dem Gebiet der Arbeitslosenversicherung hat das Sozialversicherungsgesetz nicht fuer ein bundeseinheitiicnes Arbeitslosenversicherunrssystem Vorsorge retroffen, sondern errcoeglichte
es den einzelnen Staaten, ihre eigenen Plaene auszuarbeiten.
Im Itehmen dieses Gesetzes wurde eine Bundessteuer vorgeschrieben,
- 7 -

�die von gewissen Unternehmungen, die mehr als sieben Personen
beschaeftigen, erhoben wird. Jeder Staat erlaesst seine
eigenen Gesetze, die bestimmen, wer und wieviel Personen Anspruch auf Arbeitslosenunterstuetzung haben und fuer welche
Zeitspanne diese gewaehrt wird. Die woechentliche Unterstuetzung, deren Hoehe in den einzelnen Staaten verschieden
ist, betraegt im allgemeinen die Haelfte des Wochenlohnes des
betreffenden Arbeiters.
Von der staatlichen Unterstuetzung, die Hilfsbeduerftigen
dank der Geldmittel, die die Bundesregierung den einzelnen
Staaten fuer diesen Zweck zur Verfuegung stellt, gewaehrt wird,
werden nur Personen ueber 65 Jahre, Blinde, Kinder unter sechzehn und 16- und 17-jaehrige Kinder, die regelmaessig die
Schule besuchen, erfasst. Durch das Gesetz aus dem Jahre 1950
kam eine vierte Gruppe von Unterstuetzungsempfaengern hinzu:
Amerikanische Staatsbürger ueber 18 Jahre, die vollkommen
berufsunfaehig sind.
Die Hoehe des Beitrages, den die Bundesregierung in den
einzelnen Staaten zur Durchfuehrung ihrer Frogramme auf dem
Gebiete derfciuetterfuexsorge,der Bekaempfung von Kinderkrankheiten, der Unterstuetzung verkrueppelter Kinder und der allgemeinen Kinderfuersorge gewaehrt, wird je nach der Dringlichkeit bestimmt, die aus den Plaenen ersichtlich ist', die die
einzelnen Staaten jaehrllch bei der Bundesverwaltungsbehoerde
einreichen muessen. Die Differenz zwischen dem Gesamtbetrag
der Unterstuetzung und dem Bundesbeitrag wird von den einzelnen Staaten finanziert. Die von den Staaten aufgestellten
Plaene beziehen sich auf folgende Details: Arztvisiten,
Schwangerschaftsbetreuung, Konferenzen ueber die Gesunderhaltung der Kinder, Gesundheitsdienst in Sohulen, Krankenpflege
in Kliniken, Schulen und daheim, aerztliche Betreuung und
haeusliche Pflege der Woechnerinnen vor und nach der Geburt,
Lehrvortraege fuer Aerzte, Zahnaerzte und Pflegerinnen ueber
Fragen der Kinderkrankheiten, strenge aerztliche Ueberwachony
verkrueppelter Kinder, Unterbringung dieser Kinder in besonderen Heimen zum Zwecke ihrer Erziehung und Eingliederung in
die menschliche Gesellschaft, unterstuetzung von Waisen und
Kindern hilfsbeduerftiger Eltern, Erziehung und Betreuung der
verwahrlosten Jugend.
Das Gesetz aus dem Jahre 1950 - Ein bedeutendes Hilfsprogramm
fuer alte Arbeiter und deren Familien""
Das Gesetz, das Praesident Triiman am 20. August 1950 unterzeichnete, enthaelt ungefaehr dreissig groessere Abaenderungen
des Sozialversicherungsgesetzes aus dem Jahre 1935, durch das
die staatlichen Hilfsmassnahmen fuer pensionierte Arbeiter
und ihre Familien bedeutend erweitert werden. Es enthaelt
auch wichtige Bestimmungen, auf deren Grundlage Personen sieben
anderer Kategorien des Sozialversicherungs-Systems in den Vereinigten Staaten guenstigererUnterstuetzungsbedingungen teilhaftig werden.
Die wichtigsten Abaenderungen zu Gunsten pernsionierter
Arbeiter und ihrer Familien sind die folgenden:
1. Die Bundes-Altersversicherung erstreckt sich auf
9,700.000 Neuversicherte; von diesen werden 7,650.000 versicherungspflichtig sein, waehrend die restlichen 2,050.000 eine
freiwillige Versicherung eingehen koennen, vorausgesetzt, dass
- 8 -

�sich ihre Arbeitgeber damit einverstanden erklaeren, die Bundesabgaben fuer Sozialversicherung zu bezahlen. Mach dem Gesetz aus dem Jahre 1950 werden von der Gesamtzahl von ueber
64,000.000 Beschaeftigten, 44,700.000 versichert sein, gegenueber 35,000.000 im Jahre 1935. Die Neuversicherten sind hauptsächlich: 4,700.000 Selbstaendige,nicht in der Landwirtschaft.
Erwerbstaetige mit einem Mindest-Nettoeinkommen von 400 Dollar
im Jahr, ausgenommen: Aerzte, Zahnaerzte, Tieraerzte, Ingenieure »Architekten und gewisse andere lierui'sgruppen; 850.000
Landarbeiter; 1,000.000 Hausangestellte; 600.000 Angestellte
nicht auf Gewinn abzielender Unternehmungen (freiwillige Versicherung); 1,450.000 Angestellte der Staats- und Landesregierungen (grossenteils freiwillig Versicherte); 200.000 Beamte der
Bundesregierung; 150.000 Amerikaner, die in Gebieten ausserhalb
der Vereinigten Staaten beschaeftigt sind; Arbeiter und Angestellte aus Puerto Rico und den Virginia Inseln; 350.000 Personen, die zugleich Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind.
2. Fuer Arbeiter und Angestellte, die gegenwaertig eine
Altersrente beziehen, wuerde sich diese um durchschnittlich
ungefaehr 77 Prozent erhoehen und zwar von ungefaehr 50 Prozent
fuer die hoechsten Klassen bis zu 100 Prozent fuer die untersten Klassen, wie es au3 der folgenden Tabelle ersichtlich ist:
Oegenwaertige Rente: 10 15

20 25

30 35 40 45

Neue Rente:

37 46

54 59

20 30

46 Dollar

64 68,5 68,5

n

3. Eine neue Berechnungsbasis wird angewendet, um die Renten fuer kuenftige Rentenempfaenger zu erhoehen, und um die
Altersversicherung einem groesseren Personenkreis zugaenglioh
zu machen. Die Arbeiter und Angestellten, die nach 1950 wenigstens fuer sechs Vierteljahre versichert waren, werden Anspruch
auf eine Rente haben in Hoehe von 50 Prozent der ersten 100
Dollar ihres durchschnittlichen Monatseinkommens, plus 15 Prozent fuer je weitere 200 Dollar (auf der Basis eines jaehrlichen Hoechstgenaltes von 3.600 Dollar). Die Versicherung fuer
«±0 Jahresviertel ist das Hoechstmass, das zur Erlangung des
vollen Versicherungsanspruches erforderlich ist. Nach dem Gesetz aus dem Jahre 1935 richteten sich die Renten nach einem
jaehrlichen Hoechsteinkommen von 3,000 Dollar. Infolgedessen
wird ein Arbeiter mit einem Monatseinkommen von durchschnittlich 300 Dollar, 50 Dollar von den ersten 100 Dollar seines
Gehaltes, plus 15 Prozent der restlichen 200 Dollar, das ist
30 Dollar, erhalten, wodurch er Anspruch auf eigene staatliche
Rente von insgesamt 80 Dollar im Monat hat.
4* Die Auszahlung von Renten an die hinterbliebenen Witwen und an die Ehemaenner verstorbener oder pensionierter Arbeiterinnen, die von diesen erhalten wurden, wird grosszuegig
gehandhabt. Die ueber 65 Jahre alte Gattin hat noch Anspruch
auf einen Betrag in der Hohe der halben Monatsrente des Gatten.
Nachfolgend wird eine Tabelle veroeffentlicht, aus der die Erhoehung der Renten ersichtlich ist, auf die ein alleinstehender
pensionierter Mann einerseits und der pensionierte Ehegatte
und die pensionierte Ehegattin andererseits Anspruch haben.
Pensionierter alleinstehender Mann
Nach einer Versicherungsdauer von fuenf Jahren
Durchschnittliches Monatsgehalt ... Dollar 100 200 250 300
Rente nach dem alten Gesetz
"
26
37
42 /
Rente nach dem neuen Gesetz
"
50
65
72 80
/ Nach dem alten Gesetz gab es fuer diese Gehaltsstufe keine
Altersgrenze
- 9-

�fach einer Versicherungsdauer von dreissig Jahren
Durchschnittliches Monatsgehalt ... Dollar 100 200
n
Rente nach den-alten Gesetz
32,5 45
n
Rente nach dem neuen Gesetz
i.
50
65

250
52
72

300
/
80

Pensionierter Ehegatte und pensionierte Ehegattin
Nach einer Versi.cherungsdauer von fuenf »Jahren
Durchschnittliches Monatsgehalt .. Dollar
w
Rente nach dem alten Gesetz
Rente nach dem neuen Gesetz
•

100
48
75

200
67
98

250 300
78,2 /
109 120

/ Nach dem alten Gesetz gab es fuer diese Gehaltsstufe keine
Altersrente
5. Nach dem neuen Gesetz erhaelt eine Witwe den gleichen
Betrag wie nach dem alten Gesetz - drei Viertel der urspruenglichen Rente. Im neuen Gesetz ist aber insofern eine Aenderung
vorgesehen, als die Hinterbliebenen ei/ies verstorbenen Arbeiters
eine Rente nach folgender Abstufung erhalten: Das erste Kind
drei Viertel der urspruenglichen Rente und die anderen die
uebliche Haelfte. Infolgedessen kann die an die Kinder eines
verstorbenen Arbeiters ausbezahlte Rente um ein Vielfaches
hoeher sein al3 die urspruengliche Rente, die er bei Lebzeiten
bezogen haette.
6. Nach dem abgeaenderten Gesetz wurden die Rentenbezuege
fuer einen Elternteil, fuer dessen Unterhalt gesorgt werden
muss, auf 75 Prozent der urspruenglichen Rente (gegenueber 50
Prozent nach dem alten Gesetz ) erhoeht.
7. Nach dem neuen Gesetz wird beim Tod eines Arbeiters
eine Pauschalsumme ausbezahlt, waehrend dies nach dem alten
Gesetz nur in dem Fall geschah, wenn kein Hinterbliebener Anspruch auf eine monatliche Rente hatte. Diese Pauschalsumme
betraegt das Dreifache der urspruenglichen Rente nach dem alten
Gesetz. Die Versicherten muessen den Tod eines versicherten
Arbeiters innerhalb der vorgesehenen Frist von zwei Jahren melden, um auf die Rente Anspruch erheben zu koennen, auf die
Ehegatten, Gattinnen, Kinder oder andere Versorgungsberechtigte
einen Anspruch haben.
8. Die lioehe des monatlichen Gehaltes, das ein pensionierter Arbeiter nach seiner Pensionierung beziehen darf, ohne der
Altersrente verlustig zu werden, wurde von 14,99 auf 50 Dollar
erhoeht. Ueber 75 Jahre gibt es keine solche Gehaltsgrenze
mehr.
9. In Bezug auf die Anzahl von Vierteljahren der Versicherungsdauer, die erforderlich ist, um in den Genuss einer
Rente zu gelangen, bestimmt das Gesetz, dass Uaennern, die
waehrend des 2. Weltkrieges als Soldaten gedient haben, fuer
die Zeit ihrer Dienstleistung ein Monatsgehalt von 160 Dollar
angerechnet wird, es gilt die Zusatzbestimmung, da3S diese
Beguenstigung nicht gewaehrt wird, falls die Dienstzeit bereits
bei irgendeiner anderen staatlichen Pension angerechnet wurde.
10. Es wurde vereinbart, die Bestimmungen des Gesetzes
aus dem Jahre 1950 zu folgenden Terminen in Kraft treten zu
lassen:
10 -

�Termin fuer das Inkrafttreten der neuen Bestimmungen ueber
die Versicherungsdauer: 1. Januar 1951.
Die Erhoehung der Rente bei Personen, die zur Zeit bereits eine Rente beziehen, erfolgt ab 1. September 1950.
Renten, die auf Grund der Neuformulierung des Rentengesetzes gewaehrt werden, gelangen erstmalig am 1. Kai 1952
zur Auszahlung.
.11. Die Hoechstgrenze des Jahresgehaltes, die fuer die
Berechnung der Rente in Frage kommt, wurde mit 3.600 Dollar
festgesetzt; nach dem alten Gesetz betrug die Eoechstgrenze
3.000 Dollar.
12. Die Beitragssaetze, die zu gleichen Teilen von Arbeitgebern und Arbeitern zu entrichten sind, wurden wie folgt
erhoeht: 1950-53, 1&amp;&gt;; 1954-59, 2%; 1960-64, 2 &amp; ; 1965-69, 3&gt;i;
1970 und spaeter, 3£-/0; selbstaendig Erwerbstaetige bezahlen
das li-fache der obigen Saetze.
Weitere Vorteile des neuen Gesetzes: Der Fortschritt, der
durch das Gesetz aus dem Jahre 1950 auf den anderen Gebieten
der Sozialversicherung erzielt wurde, kann wie folgt zusammengefasst werden:
Arbeitslosenversicherung: Die Hoechstgrenze der Unterstuetzungen betraegt, je nach dem Staat, 15 und 28 Dollar je Woche
und die Mindestgrenze 3 bis 10 Dollar je Woche. In den meisten Staaten ist die Mindestgrenze 5 Dollar; die Zeit, fuer
die Arbeiter und Angestellte zum Bezüge einer Arbeitslosenunterstuetzung berechtigt sind, betraegt, je nach dem jeweiligen
Staat, 14 bis 26 Wochen.
Altersunterstuetzung: Die Bundesregierung bezahlt 75 Prozent
der ersten 20 Dollar, die monatlich von den einzelnen Staaten
an die Rentenempfaenger ausbezahlt werden, plus 50 Prozent
des Restbetrages bis zu einer Hoechstgrenze von 50 Dollar pro
Person.
Staatliche Unterstuetzung der Kinder hilfsbeduerftiger filtern:
Die Bundesregierung kommt fuer 75 Prozent der ersten 12 Dollar,
die von den einzelnen Staaten im Durchschnitt an Unterstuetzung je Kind bezahlt werden auf, plus 50 Prozent des
Restbetrages bis zu einer Hoechstgrenze von 27 Dollar fuer
das erste Kind und 16 Dollar fuer jeden Hinterbliebenen.
T.utter und Kind"-Gesundheitsdienst: Der von der Bundesregierung zu leistende Beitrag, der nach dem alten Gesetz ll,0u0.000
Dollar pro Jahr betrug, wurde auf 15,0oü.0ü0 Dollar fuer das
Finanzjahr, da3 am 1. Juli 1950 begann, erhoeht. In den folgenden Jahren wird er 16,500.000 Dollar betragen.
Fuersorge fuer verkrueppelte Kinder: Der von der Bundesregierung zu leistende Beitrag, der bisher 7,500.000 Dollar pro
Jahr betrug, wurde fuer das am 1. Juli 1950 begonnene Finanzjahr auf 12,000.000 Dollar erhoeht; in den darauffolgenden
Jahren wird er 15,000.000 Dolllar betragen.
Wohlfahrtsunterstuetzungen fuer Klndar: Der von der Bundesregierung zu leistende Beitrag, der bisher 3,500.000 Dollar
betrug, wird auf 10,000.000 Dollar erhoeht.
Unterstuetzung fuer Puerto Rico und die Virgin-Inseln: Fuer
Puerto Rico ist ein Hoechstbetrag von 4,250.000 Dollar fuer
- 11 -

�den bundesstaatlichen Beitrag im Gesetz aus dem Jahre 1950 vorgesehen und 160.000 Dollar fuer die Virgin-Inseln.
Diese Unterstuetzung wird fuer die folgenden vier Kategorien Unterstuetzungsennfaenger gewaehrt: hilfsbeduerftige Personen ueber 65 Jahre, Blinde, Kinder unter 16, 16 - 17-jaehrige
Kinder, die regelmaessig eine Schule besuchen, dauern! und vollkommen Arbeitsunfaehige mit einem Mindestalter von 18 Jahren.
Jfis ist das erste Mal, dass diesen amerikanischen Territorien
von der Bundesregierung solche ansehnlichenBetraege fuer den
Ausbau ihres Fürsorgewesens zugewiesen wurden.
Bemerkenswerter Fortschritt, der in kuenftigen Errungenschaften
seine Fortsetzung finden wird.
Als Praesident Truman das Gesetz aus dem Jahre 1950 unterzeichnete, bemerkte er, dass dessen Inkrafttreten einen "bemerkenswerten Fortschritt" darstelle, fuegte aber hinzu, dass
"noch viel geleistet werden muss, ehe die Sozialfuersorge zu
voller Befriedigung Anlass gibt".
"Durch diese Art von Gesetzgebung, die den sozialen Fortschritt unterstuetzt", fuegte Praesident Truman hinzu, "koennen wir am besten beweisen, dass unsere demokratischen ifiinrichtungen Garanten fuer Freiheit und die Sicherheit aller Staatsbuerger sind, über in Zukunft muss sich die Altersversicherung
auf eine weit groessere Anzanl von Amerikanern erstrecken."
Praesident Truman wird seinerseits alles ihm Moegliche tun,
um ein wirkungsvolleres Versicherungssystem einzufuehren und
ein Programm zur Durchfuehrung zu bringen, das Arbeitern und
Angestellten, die infolge zeitweiliger oder dauernder koerperlicher Behinderung ihres Gehaltes verlustig werden, Hilfe
bringt.
Ueberdies werden die Bemuehungen der Bundesregierung in
dieser Richtung in immer steigendeia Masse von den amerikanischen
Gewerkschaften unterstuetzt, denen reichliche finanzielle Mittel zur Unterstuetzung hilfsbeduerftiger Arbeiter zur Verfuegung stehen, sowie von Industrie- und Handelsbetrieben, die
in ihre Kollektrivvertraege Klauseln mit ausdruecklicher Betonung der Sozialversicherung aufnehmen. Der Beweis hierfuer
kann durch den Kollektivvertrag erbracht werden, der im Mai
1950 zwischen der Leitung und den 250.000 Arbeitern und Angestellten von "General Motors", eine der drei groessten Automobilfabriken in den Vereinigten Staaten, abgeschlossen wurde.
Waehrend der naechsten fuenf Jahre werden diese Arbeiter und
Angestellten in den Genuss verschiedener sozialer Beguenstigungen gelangen, die ihren Arbeitgeber zusaetzlich eine iillion
Dollar kosten wird. Die in diesem Vertrag vorgesehenen Altersrenten werden sich auf insgesamt beinahe 120 Dollar im v o n a t
erhoehan, wovon ein Teil von der Bundesregierung getragen wird.
.Veiter enthaelt dieser Kollektivvertrag Bestimmungen, denen
zufolge die Leitung einen Teil der Spesen fuer aerztliche Betreuung und Spitalspflege trae^t und im Falle von Krankheit
oder Unfaellen woechentliche Zuschuesse gevwaehrt.
Das sorgfaeltig abgestimmte Zusammenwirken von staatlichen, privaten und gewerkschaftlichen Massnahmen, sowie die
enge Zusammenarbeit zwischen Staat und .Virtschaft im Hinblick
auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter, sind
die wahren Garanten fuer ein immer staerker werdendes System
der sozialen Sicherheit in den Vereinigten Staaten.

- 12 -

�Wright Hills neue Theorie ueber den Angestelltenbe
Wir leben in einer V.elt, die wir nicht verstehen. Was
jedoch noch mehr bedeutet: '.Vir wissen, dass wir sie nicht
verstehen. -Vir wenden uns deshalb mit besonderem Interesse
einem Buch zu, da3 uns den Vteg zu einer neuen Auffassung
ueber das Leben in Amerika im 20. Jahrhundert weist, Es
handelt sich um das Buch "White Collar" (Weisser Kragen),
dessen Verfasser C. Wright Mills ist.
Der Mittelstand frueherer Zeiten, so sagt Hills, setzte
sich hauptsaechlich aus selbstaendigen Handwerkern zusammen.
Sie stellten zu Anfang des 19. Jahrhunderts wahrscheinlich
80$ der arbeitenden Bevoelkerung dar. 1870 machten die selbstaendigen Arbeiter nur noch ein Drittel und 1940 ein Viertel
der Erwerbsbevoelkerung aus. Das Sinken der Zahl unabhaengiger Farmer begann vor 50 Jahren und wurde in den zwanziger
Jahren dieses Jahrhunderts akut. Zur gleichen Zeit uebernahm
das Grosskapital nicht nur die Fabrikation, sondern auch die
Verteilung der Erzeugnisse, die Position des kleinen Geschaeftsmannes wurde damit staendig unsicherer.
Aber waehrend die Mittelklasse frueherer Zeiten von
33% der Erwerbsbevoelkerung im Jahre 1870 auf 20% im Jahre
1940 zusammenschrumpfte, wuchs die neue Mittelklasse von
6% auf 25% an. Sie setzt sich aus Betriebsleitern (10%),
Angestellten mit akademischer Ausbildung 125%), Kaufleuten
(25%) und einfachen Bueroangestellten (40%) zusammen. Die
Angehoerigen dieser Mittelklasse werden, wie die Lohnempfaenger, von anderen beschaeftigt und im grossen und ganzen besser
bezahlt als die Arbeiter. Aber die unterschiede verwischen
sich langsam, das Prestige des Angestelltenberufs nimmt
unaufhoerlich ab.
In den groessten und interessantesten Abschnitten des
Buches beschreib!; Mills die verschiedenen '..elten des "White
Collar"-Arbeiters, das ist der Arbeiter mit dem weissen Kragen, also der Angestellte. In der Betriebsleitung, so erklaert Mills, hat der Angestellte die besten Moeglichkeiten,
in hoehere Einkommensgrurpen zu kommen, aber er erinnert
daran, dass das erfolgreiche Vorwaertskommen in der Betriebsleitung immer weniger von Dingen abzuhaengen scheint, die
einst als unentbehrliche Eigenschaften des wirklichen Kaufmanns galten - Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Fleiss und Entschlussbereitschaft. Persoenlichkeit und die Gabe der Manipulation sind jedoch
jene Eigenschaften, die heute ausschlaggebend sind. Heute ist es der zu allem entschlossene
Geschaeftsmann, der vorwaertskommt. Was die akademischen Berufe betrifft, so sind es hier die Mediziner und Juristen, die
mehr und mehr Leute beschaeftigen und die groesste Rolle unter den ünabhaengigen spielen. Beinen Intellektuellen dagegen
wird es immer schwieriger, sich zu behaupten, wenn sie nicht
einer Buerokratie innerhalb der Geschaeftswelt oder der Regierung angehoeren.
Die grosse Expansion der neuen Mittelklasse hat sich jedoch vor allem unter den Kaufleuten und den Bueroangestellten
vollzogen. Mills gibt einen neuartigen Ueberblick ueber die
Entwicklung des modernen Grosskaufhauses, er zeigt, wie der
Persoenlichkeitsfaktor seine zentrale Stellung verloren hat
und zur gleiohen Zeit diese "Persoenlichkeit" zum ausschlaggebenden Faktor im Verkauf geworden ist. Ebenso eindrucksvoll
13 -

�ist das Bild, das er von den grossen Bueros entwirft, die fuer
moderne Unternehmen und fuer die Regierung notwendig sind.
Modernisierung und Rationalisierung stehen hier in voller
Bluete, der Unterschied zwischen einem Arbeiter im Betrieb
und einem Angestellten im Buero verwischt sich mehr und mehr.
Mills hat nur wenig ueber die Lebensweise der Angehoerigen dieser neuen Mittelklasse zu sagen. Die Arbeit selbst
bietet an und fuer sich keine Befriedigung, man lebt deshalb
fuer seine Freizeit. Die Freizeit ist nicht nur wichtig, weil
sie eine direkte Genugtuung bedeutet, sondern auch deshalb,
weil sie dem Angestellten die Moeglichkeit bietet, seinen Anspruch auf ein gewisses Prestige geltend zu machen. Es wird
immer seltener, so versichert Mills, dass Angehoerige des Angestelltenberufs damit rechnen, eine wirkliche Karriere machen
zu koennen. Den alten Traum vom persoenlichen Erfolg haben
sie aufgegeben, sie sind aber bereit, sich mit einer ausreichenden sozialen Sicherheit zufriedenzugeben.
Da die neue Mittelklasse bereits einen grossen Beatandteil der Gesamtbevoelkerung darstellt und dieser Bestandteil
wahrscheinlich noch groesser wird, moechte man natuerlich gern
wissen, welchen Einfluss sie auf das Leben der Kation ausueben
wird. Mills hat nur wenig Hoffnung, dass dieser Einfluss
nutzbringend sein wird. Er rechnet mit einem Anwachsen der
Angestelltengewerkschaften, aber diese Gewerkschaften werden
nach seiner Ansicht ausserordentlich konservativ sein. Auf
politischem Gebiet wird der Angestellte gedankenlos das Zweiparteiensystem akzeptieren oder die Reihen der politisch uninteressierten vergroessern.
Es ist, kjirz gesagt, ein duesteres Bild, das er uns malt,
und dies nicht einmal mit Unrecht. Die industrielle Revolution, der sich die westliche V.'elt und besonders die Vereinigten Staaten so eifrig hingeben, hat uns fast unbewusst in ein
System der Massenproduktion, des Massenvertriebs und der Massenbeeinflussung gestuerzt, das bisher ungekannte Ausmasse angenommen hat. Jeder traditionelle Typ der Menschenbeziehungen
ist veraendert worden, jede sonst selbstverstaendliche Regel
der menschlichen Haltung ist in Frage gestellt.
Aus diesem Grund muss Mills unbedingt ernst genommen werden. Aber es ist auch moeglich, dass gerade in der heutigen
Zeit manche Dinge nicht so schlecht stehen, wie er es behauptet. Es ist moeglich, dass wir, wie Mills es ausdrueckt,
"einer Gesellschaftsordnung entgegentreiben, in der die Menschen gesteuerte V.'esen eines Garn isons Staat es sind." Aber
das soll nicht heissen, dass wir bereits an diesem Punkte
angelangt sind, oder dass eine solche Entwicklung unvermeidlich waere.
Auf jeden Fall ist niemand ausser wenigen hartgesottenen
Grossagrariern der Auffassung, dass wir die Massenproduktion
aufgeben koennen oder muessen. Wir wissen jetzt, dass es "uns
moeglich ist, nicht nur alle lebensnotwendigen Uueter zu produzieren, sondern auch eine Vielzahl von Luxusgegenstaenden, die,
wohlgemaerkt, Jedem zugaenglich sein muessen. Wir werden nicht
freiwillig zu einer Mangelwirtschaft zurueckkehren. Die Frage
ist, wie wir solche Vorteile sichern, vermehren und gerechter
verteilen koennen, waehrend wir zur gleichen Zeit jenen Tendenzen im Wirtschaftssystem der Massenproduktion entgegenwirken, die eine Gefahr fuer die Gesundheit des Einzelnen und
der Gesellschaft darstellen.
- 14 -

�Das, worum es in der Auseinandersetzung mit Mills geht,
ist nicht etwa die Tatsache, dass er keine Antwort hierauf
wuesste (niemand weiss sie), sondern dass er handelt, als
ob er eine Antwort wuesste. Der Titel "White Collar" verraet eine ziemlich radikale Einstellung, aber kein radikales
Programm, Mills wirft dieser Gruppe staendig Feigheit, Nervenversagen und Flucht aus der Wirklichkeit vor, aber er sagt
niemals, was diese Gruppe eigentlich tun muesste.
Einer der Lehrmeister Hills ist Karl Marx, und obwohl
er ein freidenkender Revisionist ist, glaubt er in irgendeiner
Weise an die marxistische Revolution, an die Uebertragung der
Macht von einer Klasse auf die andere. Dies hat er ganz
eindeutig in einem heftigen Angriff auf die Theorie von der
Revolution des Unternehmertums zu erkennen gegeben. "Macht,"
so sagt Hills, "liegt nicht in den Haenden der Betriebsleiter,
sondern in denen der Eigentuemer." "An der Quelle oeffentlicher Entscheidungen," schreibt er an anderer Stelle, "stehen
maechtige Leute, die selbst nicht unter den nachhaltigen
Auswirkungen ihrer eigenen Entscheidungen zu leiden haben."
Fast immer beschaeftigt er sich mit der Existenz einer
Oligarchie, einer kleinen Gruppe von Reichen und Maechtigen,
die enteignet werden koennen und muessen.
Die Essenz seines Baches ist jedoch die Behauptung, dass
der Maschinismus der Massenproduktion und der Massenverteilung
in gewissem Sinne selbstherrlich ist. In den Ausfuehrungen
ueber sein imaginaeres Grosskaufhaus schreibt er: "Es ist
schwierig, festzustellen, wer nun eigentlich der Besitzer des
Basars ist
Er ist selbstschoepferiscfc und selbsterhaltend, und niemand ist sein Besitzer." Vielleicht gibt es im
Zentrum dieses Systems Leute mit hohen Privilegien, die fast
voellig verantwortungslos sind, *ber selbst wenn dem so waere wuerde durch ihre Beseitigung dem Leben des "White-Collar"Arbeiters mehr Inhalt gegeben, als es heute hat?
Die Tatsache, dass sich Mills weigert, in diesen Punkten
ausfuehrlich zu sein, laesst den Verdacht aufkommen, dass er
weiss, dass er kein revolutionaeres Programm aufweisen kann,
das einer kritischen Betrachtung st&amp;ndhaelt. Doch er besteht
darauf, die moralische Entruestung und den Sinn fuer moralische Ueberlegenheit hervorzuheben, die die Geburtsrechte des
Revolutionaeren sind. Unerbittlich macht er den Intellektuellen den Vorwurf, sie seien eine Klasse, die der Politik
den Ruecken kehrt. "Es fehlt ihnen einfach der Wille dazu."
Die "Entfremdung des Intellektuellen"nennt er einen "Jammer
und eine Form des Sichgehenlassens in Selbstbequemlichkeit."
Er gibt zu, dass die Schwierigkeiten, die sich einer wirksamen politischen Betaetigung entgegenstellen, gross sind.
Aber er besteht darauf, dass "die Intellektuellen von dem,
was sie in ihrem Innern als falsch erkannt haben, verraten
sind." Das koennte zutreffen, aber das Recht, solche Vorwuerfe zu erheben, hat nur Einer, der bereit ist, zu sagen,
was die Intellektuellen tun koennen und tun sollen - und das
kann Mills nicht.
Sein unnachgiebiger revolutionaerer Eifer verwickelt ihn
in einige befremdende Widersprueche. So bedauert er z.B. den
Wohlstand, dessen sich die Vereinigten Staaten in groesserem
Masse als irgendein anderes Land erfreuen." Von einem Volk,
das eine derartige Geschichte der sich steigernden und ununterbrochenen materiellen Befriedung durchgemaoht hat," so
- 15 -

�schreibt er, "kann man nicht erwarten, dass es wirtschaftliche Ueberlegungen anstellt, die seine politischen Institutionen in Kampfstaetten des ideologischen Konfliktes oder
ihre Gemueter in politische Foren umwandeln wuerde." Welch
eine Katastrophe!
In seinem Vorwort schreibt Mills: "In Worten der sozialen Philosophie ausgedrueckt, liegt diesem Buch die Annahme
zugrunde, dass das liberale iäthos, wie es in den beiden ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts von Leuten wie Beard,
Dewey und Holmes entwickelt wurde, jetzt haeufig belanglos
geworden ist. Der marxistische Standpunkt, der in Amerika in
den dreissiger Jahren populaer war, ist heutzutage oft unzureichend."
Die Annahme ist in beiden Punkten richtig und Mills
traegt bedeutend zu dem Prozess der Gestaltung einer neuen
und lebensfaehigen Gesellschaftslehre bei. Der Wert seiner
Arbeit ist jedoch dadurch beschraenkt, dass er an der Vorstellung festhaelt, selbst ein Radikaler zu sein. Was ist
Radikalismus heutzutage? Sich mit der radikalen Atmosphaere
abzufinden, ohne diese Frage zu beantworten, ist eine Form
der Verantwortungslosigkeit und in gewissem Sinne eine Flucht.
Edmund Wilson hat aus seinen marxistischen Tagen eine Haltung
beibehalten, die nicht nur rein intellektueller, sondern
auch moralischer ueberlegener Natur ist. Irving Howe, der
Mills Radikalismus befuerwortet, kann uns niemals davon ueberzeugen, dass das, was er gut heisst, mehr als eine Geste
ist. Dwigth Macdonais ist ebenfalls zeitweilig als Vertreter
des Radikalismus aufgetreten, obwohl er in einer Kritik zu
dem Buch "White Collar" zugibt, dass er sioh "hilflos und
verwirrt fuehlt." iSr ist der ansieht, dass Mills ebenfalls
dieses Gefuehl hat. Aber er wuerde es nicht zugeben.
So ergibt sich die Frage, ob der radikale Kenschentyp
heute Menschen, wie z.B. auch Mills, nicht daran hindert,
soviel wie moeglich zum Verstaendnis und zur Lenkung sozialer
Umwaelzungen beizutragen. Die Tendenzen unserer Gesellschaftsordnung sind im grossen und ganzen ziemlich klar und, insgesamt
gesehen, erschreckend. Wenn irgendjemand einen praktischen
Vorschlag zur Hand hat, wie die Uebel einer Massengesellschaft
beseitigt oder vermieden werden koennten, dann moege er ihn
unter allen Umstaenden vorbringen. Wenn es jedoch nicht einen
solchen Plan gibt, waere es dann nicht besser, aus den Vorteilen, den Widerstaenden und den Misstaenden, die man festgestellt hat, oder noch feststellen kann, das Bestmoegliche
herauszuholen? Sollen wir nicht diese sich lediglich entruestende radikale Haltung ablehnen und endlich an die Arbeit
gehen?
The New Leader
1-28-52

- 16 -

IT i p r 3 1 18375

0 * 8 0

�Internationale

ARBEITSMITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weiter« Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

T - XI
I H H A L T S T E B 2 S I C H N I S
Bessere Lebensbedingungen in Westdeutachland

2

Gewerkschaftlicher Iura ouss auf lange Sicht
abgestellt sein. Di« Lehren aus den Ereignissen
Heuseelands, Kanadas und Ausstraliens

3

Solomon Barkini Lohnbestiramungt Trick oder Technik

7

Bie Beitrage der Arbeitsbewertungsplaene
zu den Lohnverhandlungen,

8

Bar Mensch in dar Produktion
(Aus einer Publikation des British Institute of Management

9

William Gombergi Bar Zwack der Arbeitsbewertung

13

Schulungsarbeit der britischen Gewerkschaft*»
Bar britische Gewerkschaftsbund (TUC) fuehrt drei gut organisierte
Wochenkurse als Sommerschule in Oxford durch und veranstaltet darueber
hinaus eine umfangreiche Anzahl von Wochenendkursen im ganzen Land« Viele Gewerkschaften haben dazu eigene Schulungskurse fuer ihre Mitglieder.
Bia "Arbaitarbildungs-Vereinigung** (WSA) und das "Nationalkomitee der
Arbeiterschulung" (NCLC) bieten ebenfalls verschiedene Fortbildungsmoegliohkeiten fuer "Gewerkschaftsstudenten". Abgesehen von diaaan gewerkschaftlichen Schulungsveranstaltungen in dar Heimat wardan viele Kollagen in diesem Jahr fuer Schulung und Bildung sozusagen ein Haus weitergehen» nach Genf mit dar WEA, nach Oslo mit dam HCLC und nach Helsingfors und La Breviere zu dan von dam I3FG und seiner europaeisohen
ßegional-Organisation betriebenen Kursen.
In einigen Faellen werden Ferien und Schulung zusammengekuppelt, in
anderen werden achttaegiga Schulungskurse als Arbeitszeit gerechnet, waehrend die Ferien gesondert stattfinden« Aber ob es sich um ihre Perien
handelt oder nicht, die Mehrheit AMT Sthulungsbeflisaenen verdanken die
Teilnahme an den Kursen entweder ihrar Gewerkschaft oder dem TUC«
Mehr und mehr englische Gewerkschafter benutzen die Sommerzeit auf
die Weise, um ihre Kenntnisse zu erweitern und sich darueber hinaus ein
SfeaielTiaeen fuer ihre gewerkschaftliche Taetigkait anzueignen.

.

1

-

quellet "Freie Gewerkschaftswelt"
24 - 25/1952

�Bessere Lebensbedingungen in Westdeutachland
In Westdeutschland konnte infolge einer Steigerung der Kohleproduktion zu Rekordhoehe in diesem Winter, der glücklicherweise
sehr mild war, eine Kohlennot vermieden werden. Diese Steigerung verspricht auch, West-Deutschland Einsparungen von Millionen Dollar
au bringen, die es bisher fuer die Einfuhr amerikanischer Kohle
zu 22 Dollar die Tonne ausgeben musste.
Die Sachverstaendigen halten sich nun berechtigt zu der Annahme, dass die Produktion im Jahre 1952 die Ertragsziffer des Jahres
1951 in Hoehe von 119 Millionen Tonnen noch um 10 Millionen Tonnen
uebersteigen wird«
Im letzten Jahr hat Westdeutschland ungefaehr 5 Millionen Tonnen
Kohle aus den Vereinigten Staaten eingefuehrt. In diesem Jahr war
geplant, 6 bis 8 Millionen Tonnen zu importieren« Obwohl der Kohlebedarf in Westdeutschland infolge der andauernden Entwicklung der Industrie staendig ansteigt, besteht jedoch Anlass zu der Hoffnung,
dass Abstriche an den Schaetzungen fuer die erforderlichen Importe
vorgenommen werden koennen. Bs wird sogar fuer moeglich gehalten, dass
Westdeutschland Ende dieses Jahres nicht mehr von amerikanischer
Kohle abhaengig sein wird, obwohl es aufgrund seiner1 Verpflichtungen
nahezu 20 Millionen Tonnen Kohle im Jahr nach anderen europaeischen
Laendern ausfuehren muss.
Das Hauptverdienst fuer das ploetzliche Ansteigen der Kohleproduktion kommt einem neuen gemischten deutsch-amerikanischen
Kohle-Produktionsausschuss zu. In diesem Ausschuss sitzen Vertreter
der westdeutschen Regierung, der Betriebsleitungen, der Gewerkschaften und des amerikanischen Hilfsprogramms, Sie ueberpruefen
und koordinieren die Plaene fuer die Steigerung der Produktivitaet.
Der neue Produktionsaufschwung im ersten Monat dieses Jahres ist
zurueckzufuehren auf einen am 1. Januar 1952 eingefuehrten Plan
fuer Leistungspraemien, Die Bergleute erhalten einen Zuschlag fuer
"Extra"-Leistungen, Es wird erwartet, dass dieses neue System eine Steigerung der Gesamtproduktion von 5 his 10 Prozent mit sich
bringen wird.
Andere Massnahmen, die vom Kohleproduktionsausschuss schon ergriffen wurden oder geplant sind, werden nicht so schnelle Erfolge
zeitigen, werden aber dazu beitragen, die auf lange Sicht berechnete Aufwaertsbewegung in der Produktion aufrechtzuerhalten. Die
500 Millionen Mark im Marshallplan-Gegenwertsfonds, die in den letzten drei Jahren fuer Investitionen freigegeben wurden, beginnen
sich auszuwirken und werden sich weiter auswirken. Jetzt werden die
deutschen Banken aufgefordert, sich am Investitionsprogramm zu beteiligen. Weitere 50 Millionen D-Mark aus Gegenwertfonds werden
unt«r der Bedingung freigegeben, dass die Banken ihrerseits ein Darlehen von 100 Millionen D-Mark aufbringen.
Die amerikanischen Gelder werden ebenfalls verwendet, um zur
Behebung des Mangels an Bergmannswohnungen beizutragen. Tausende
von Bergleuten sind immer noch in barackenartigen Gemeinschaftshaeusern untergebracht.
Die ungenuegenden Lebensbedingungen haben viele Bergleute veranlasst, die Gruben zu verlassen, und der sich daraus ergebende
Wechsel an Arbeitskraeften hat den Prozentsatz an erfahrenen»gut
ausgebildeten Bergleuten verringert. Die Produktivitaet leidet

�unter diesem Paktor wie auch unter der allgemeinen Auswirkung schlechter Wohnungsbedingungen auf die moralische Verfassung der Arbeitskraft«.
Der Wohnungsbau hat nun eingesetzt, vorerst mit dem Ziel, 1952
46.OOO Wohnungseinheiten zu bauen. Die gleiche Anzahl von Wohnungen
sollen im Jahre 1953 errichtet werden» Es wird geschaetzt, dass damit der gegenwaertige Bedarf gedeckt sein wird. Die Tatsache allein,
dass die Haueser versprochen worden sind, hat bereits die Wirkung
eines Staudamms gegen die Flut der in andere Berufe abwandernden
Bergleute gehabt.
Gewerkschaftliches Nachrichten-Bulletin
Nr. 39/40 - 52

Gewerkschaftlicher KUrs muss auf lange Sicht abgestellt sein
Die Lehren aus den Ereignissen Neuseelands, Kanadas und Ausstraliens
Die Gewerkschaften dieser Laender haben erhebliche Schwierigkeiten zu ueberwinden, die in erster Linie darauf zurueckzufuehren sind,
dass man sich die Gewerkschaftspolitik etwas bequem machte und alle
Portschritte und Erfolge vom Staat erwartete. Die Vorkommnisse muessen jedoch genau analysiert werden, um den Kern der Ursachen zu erkennen, die zu den Jetzigen Schwierigkeiten fuehrten. Wenn heute diese Schwierigkeiten als Polge planwirtachaftlicher Bestrebungen hingestellt werden, so erfordert dieser Vorwurf erst recht eine kritische Wuerdigung der Ereignisse - auch fuer die europaeische Gewerkschaftsbewegung ergeben sich aus diesen Vorkommnissen gewisse Konsequenzen.
In Neuseeland streikten die Hafenarbeiter, die Aktion wurde durch
kommunistische Agenten ausgeloest und staendig geschuert. Natuerlich
brach der Streik gerade in dem Augenblick aus, als in den Haefen Neuseelands Hochbetrieb herrschte, sodass die Erfolgsvoraussetzungen fuer
den Streik gute zu sein schienen; die Polge war, dass sich die Kuehlhausarbeiter und die Seeleute der Streikbewegung anschlössen. Nun
besteht jedoch in Neuseeland seit 1925 die Regelung, dass die Gewerkschaften sich einer Schiedssprechung unterwerfen koennen, indem sie
eine entsprechende Erklaerung gegenueber den Behoerden abgeben - die
automatische Folge ist der Verzicht auf das Streikrecht. Diesen
Schritt glaubten die neuseelaendischen Gewerkschaften damals vornehmen zu koennen, weil eine gewerkschaftsfreundliche Regierung am
Ruder war, sodass die Meinung vorherrschen konnte, dass die Interessen
der Gewerkschaften auch nach der Unterzeichnung auf jeden Fall gewahrt bleiben.
Nun wurde 1950 in Neuseeland eine konservative Regierung gewaehlt.
Damit ergab sich fuer die Gewerkschaften eine voellig neue Situation,
da sie auf das Streikrecht grundsaetzlich verzichtet hatten. Um aus
dieser Zwangslage herauszukommen, bildeten die Arbeiter des Transportgewerbes, der Kuehlhaeuser und der Hafenbetriebe eine neue Gewerkschaft, sodass die Poederation der Gewerkschaften Neuseelands etwa
ein Drittel ihrer Mitglieder verlor. Der jetzt gefaellte Schiedsspruch, der sich nur auf die von der alten Gewerkschaft erfassten
Arbeiter erstreckte, gewaehrte fuer diese Mitglieder aufgrund der
gestiegenen Lebenshaltungskosten eine allgemeine Lohnerhoehung von
15^* Da jedoch die neugegruendete Gewerkschaft sich dem Schiedsgerichtsverfahren nicht unterworfen hatte, erhielten deren Mitglieder
keine Lohnerhoehung. Es kam jedoch zu direkten Verhandlungen mit
der neuen Gewerkschaft, die auch zu einem positiven Erfolg zu gelangen

- 3

�schienen - die Gewerkschaft lehnte jedoch grundsaetzlioh Jede Ueberstundenarbeit ab, obwohl fuer die neuseelaendischen Eaefen die
Hochsaison heranrueokte« Sie konservativ« Begierung hatte inzwischen
duroh eine zielbewusste Lenkung der oeffentlichen Meinung dafuer gesorgt, dass die Sympathien der Oeffentlichkeit gegen die neue Gewerkschaft eingestellt war, obwohl die kommunistischen Drahtzieher geschickt
im Hintergrund blieben« Die Regierung konnte nunmehr zum entscheidenden Schlag ausholen, sie erklaerte einen nationalen Hotstand und
stellte der neuen Gewerkschaft eine Frist, bis zu der die Begierungsforderungen angenommen werden mussten. Als die Arbeiter dieses Ultimatum ablehnten, wurde kurzerhand der neuen Gewerkschaft die Anerkennung entsogea und sie dadurch aufgeloest« Die Haefen wurden von
Truppen besetzt, die zugleich die Hafenarbeiten uebernahmen.
Es wurde bereits erwaehnt, dass die Dachorganisation der neuseelaendischen Gewerkschaften, die 7oederation der Gewerkschaften Neuseelands, der Entwicklung mit einer gewissen Nervositaet folgte« Durch
das Verderben der Haelfte der Obsternte in den Haefen und das Liegenbleiben der Wolle wurde die neuseelaendische Wirtschaft schwer erschuettert, die Oeffentlichkeit billigte die Massnahmen der konservativen Regierung und verurteilte das Verhalten der Gewerkschaft, wobei massgebende Zeitungen geflissentlich die Unterschiede zwischen
der kommunistisch infiltrierten neuen selbstaendigen Gewerkschaft und
der Foederation verwischten. Die Foederation lehnte in aller Oeffentlichkeit das Vorgehen der Hafenarbeiter ab und brandmarkte die Machenschaften der Agenten des Kreml«
Hach dem Einsetzen der Truppen brach der Streik zusammen* Aber
Jetzt holte die konservative Begierung zu entscheidenden Schritten aus«
Wach der Aufloesung der neuen Gewerkschaft durch ihre Streichung im
Begister und der Beschlagnahme ihres Vermoegens und ihrer Akten wurden
einfach Begierungsgewerkschaften als Gewerkschaften anerkannt, die
lediglich auf dem Papier existiert hatten, wenn den Jetzt wieder zur
Arbeit zurueckkehrenden Streikendem nicht bedeutet worden waere, dass
nur "Gewerkschaftsmitglieder" einen Arbeitsplatz erhalten - auf diese
Weise konnten die Mitgliederzahlen dieser Begierungsgewerkschaften
schnell in die Hoehe steigen«
Die Poederation der Gewerkschaften Neuseelands hatte 1936 die
damalige Arbeiterregierung veranlasst, die Zwangsmitgliedschaft bei
den Gewerkschaften einzufuehren, wie es beispielsweise bei Aerzteoder Anwaltskammern der Fall ist« Dieses Prinzip fuehrte Jetzt dazu,
dass die kuenstlich auf die Beine gestellten Begierungsgewerkschaften
sehr schnell aufbluehten« Da hier jedoch die Funktionmere eher zur
Stelle waren als die Mitglieder, so wurden diese "Gewerkschaften" zu
nichts anderem als zum verlaengerten Ans der konservativen Regierung
Neuseelands«
Diese Entwicklung war nur moeglich, weil vor 16 Jahren die Gewerkschaften es sich allzu leicht gemacht hatten, einfach die Zwangsmitgliedschaft durchzusetzen« Damit erstarb der kaempferische Geist der
Gewerkschaften, die im uebrigen auf die Politik der frueberen Arbeiterregierung Buecksicht zu nehmen hatte - das Schiedsspruchverfahren war unter diesen Umstaenden durchaus bequem fuer eine inaktive
Gewerkschaft«
Und die Lehren aus dem Fall Neuseeland! Die Gewerkschaften muessen politisch neutral bleiben, sie duerfen sich nicht einseitig einer
einzigen Partei - und sei es die massgebliche und majerisierende verschreiben« Je bequemer man es sich macht, umso grosser kann die
Auswirkung in der entgegengesetzten Hinsicht sein« Uninteressierte
Mitglieder fuehren zum Absterben einer Gewerkschaft, Kommunistische
Punktionaere verfolgen ihre eigenen Ziele ohne Jede Buecksicht auf

4 -

�die Konsequenzen, in Neuseeland haben ihre Aktionen die Gewerkschaften
unpopulaer gemacht und sie zur Ohnmacht verurteilt« Es wird einige
Jahre dauern, bis die neuseelaendische Gewerkschaftsbewegung wieder
ein imponierender Machtfaktor sein wird.
Das zweite Beispiel einer gewerkschaftlichen Fehlentwicklung ist
in Kanada gegeben. Hier ist es dem kanadischen Gewerkschaftabund (Canadian Congress of Labor) nicht gelungen, eine echte und eindeutige
politische Schulunesarbeit unter seinen Mitgliedern durchzufuehren.
Die Gewerkschaften verliessen sich gar.z einfach darauf, da:s die Partei es schon machen werde. Dadurch wurde die Mitgliedschaft ziemlich
uninteressiert, sie kue.imerte sich kaue um die Arbeit der Gewerkschaft.
Die Inflation nahm m^n als etwai naturgegebenes hin, es ging den Arbeitern verhaeltnismaessig gut, Arbeitslosigkeit war unbekannt und
die Lo hne stiegen nominal ziemlich regelmaessig an, Betriebsversammlungen fanden kaum statt, aber wenn sie einberufen wurden, kamen nur
wenige Mitglieder - im uebrigen erledigten die Funktlonaere die Arbeit.
Es gab nach den Wahlen in Kanada ein fuerchterliches Erwachen»
Die Arbeiterpartei behielt in Ontario von ihren 21 Sitzen gerade zwei,
in den Staedten verlor sie betraechtlich« Waehlennaseen, auf dem Lande blieb fast nichts an Waehl'-rn uebrig. Zwar waren es immer noch
19% aller Stimmen, aber das ergab nur 2$ aller Sitze.
Die Zahl der Mitglieder der kanadischen Gewerkschaften ist jedoch nach wie vor hoch, aber der Zuwachs geht immer schleppender vor
sich. Im vergangenen Jahre wirkte sich auch in Kanada die Trennung
der AFL in den gemeinsamen Ausschuessen von dem CIO aus, wodurch auch
die gemeinsamen politischen Komitees aufgeloest wurden. Dadurch hat
sich in Kanada ein Gefuehl der Unsicherheit bei den Gewerkschaften ergeben, obwohl die Cueltigkeit des Closed shop-Systems aufrechterhalten
werden konnte, nachdem fuenf Jahre darum gekaempft wurde. Diese Bestimmung besagt, dass nur Gewerkschaftsmitglieder in Betrieben eingestellt werden duerfen, wenn ein solches Abkommen mit der zustaendigen Gewerkschaft abgeschlossen wurde.
In Kanada sind die Verhaeltnisse aiso weit besser als in Neuseeland fuer die Gewerkschaften - aber auch hier zeigt sich deutlich,
wohin eine politische üninteressiertheit der Mitgliedschaft und eine
zu enge Bindung an eine Partei fuehren kann. Die Wichtigkeit des
staendigen Kontakts zwischen Gewerkschaftsmitgliedern und Ortsausschüssen ist ebenfalls unterschaetzt worden. Die kanadischen Gewerkschaften werden sehr schnell die Konsequenzen aus diesen Vorgaengen ziehen und alles daran setzen, um wieder eine kaempferische Gewerkschaftsbewegung, an der Jedes einzelne Mitglied lebhaften Anteil nimmt, wieder auf die Beine zu stellen. Jede Saturiertheit bedeutet den Tod der Gewerkschaftsbewegung - das ist die Lehre des Falles der kanadischen Gewerkschaftsbewegung.
Die Schwierigkeiten der australischen Gewerkschaftsbewegung liegen auf einem ganz anderem Gebiet 1 Die T^rifloehne werden hier nicht
durch direkte Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Unternehmern
festgelegt, sondern durch ein Schied.:jericht. Das war in einer Zeit
der Massenarbeitslosigkeit gewiss eine verstaendliche Massnahme, im
Zeitalter der Vollbeschaeftioing ist ein solches System aber zu eineD Bremsklotz fuer die Gewerkschaften geworden. Das Schiedsgericht
ist geradezu eu einem Gericht geworden, in dem die Anwaelte der Gewerkschaften und die der Unternehmer sich erbittert bekaempfen, um
LohnsugestaenlalM« aeranssukelen. Das Ist verhaeltniamaeerig leicht
fct&gt;l steigenden Preisen, in anderen Faellen vers.igt jedoch dieses
Schiedssystem, da die Schiedsrichter auf die wirterh^ftliche Lage Je-

-

5 -

�ner Betriebe ßuecksicht nehmen muessen, die nur mit einem Grenznutzen
arbeiten. Unternehmen, die ihren Betrieb voellig durchrationalisiert
haben, verdienen infolgedessen ausgezeichnet, aber die Gewerkschaften
•uessen sich mit Hinweisen der gegnerischen Anwaelte zufrieden geben,
dass diese Ausnahmen keine Regel darstellen und deshalb unberücksichtigt bleiben muessen«
Dieses System traegt auch dazu bei, die Lohndifferenzen in den
Betrieben selbst gegenseitig anzugleichen« Hier haben die Gewerkschaften es Jedoch erreicht, dass neben dem Grundlohn noch ein sogenannter Hebenlohn bezahlt wird, der Je nach den fuer die Stellung
erforderlichen Faehigkeiten gestaffelt ist. Diese Staffelung ist sehr
weit gediehen, es bestehen Jedoch natuerliche Grenzen fuer die Festlegung der Differenzierungen, im uebrigen ergeben sich hierdurch in
der Praxis eine Fuelle von Schwierigkeiten.
Es ist auch in Deutschland kein Geheimniss, dass der gute Facharbeiter meist zugleich der beste Gewerkschafter ist. Nun wird aber
gerade der Facharbeiter durch das System der schiedsgerichtlichen
Festlegung der Lohnsaetze am staerksten getroffen, waehrend der Hilfsarbeiter durch dieses System bevorzugt wird. Der Facharbeiter hat aber
keinerlei Moeglichkeiten, sich vorwaerts zu arbeiten, die Inanspruchnahme der Hebenloehne ist ebenfalls nicht Jedermanns Sache - die guten Gewerkschafter resignieren aus diesen Gruenden nach und nach. Zudem werden die Nebenloehne nicht in dem gleichen Umfang erhoeht wie die
Grundloehne, sodass hier eine zunehmende Nivellierung vor sich geht.
Die australischen Gewerkschaften koennen natuerlich noch streiken
aber bei der endgueltigen Lohnfestsetzung ist doch das Schiedsgericht
allein zustaendig, sodass der Wert eines Streiks sehr problematisch
ist. Leistungspraemien werden von den australischen Gewerkschaften
grundsaetzlich abgelehnt, im uebrigen haben es die Unternehmer auch
garnicht noetig, sich auf solche Praemien einzulassen, da Ja der Entscheid des Schiedsgerichts fuer die gesamte Branche massgeblich ist.
Der Kardinalfehler des Systems liegt darin, dass der Lohn fuer
die gesamte Branche Geltung hat. Als eine Massenarbeitslosigkeit
drohte, vertraten die Gewerkschaften das Prinzip der Leistungsmoeglichkeit der Industrie oder der Masse der einzelnen Unternehmen. Bei
der Feststellung eines Durchschnitts muessen aber alle unrentabel
arbeitenden Betriebe mitberuecksichtigt werden, fuer die modernen
Grossbetriebe ist also der Durchschnittslohn eine ausgezeichnete Angelegenheit, naemlich eine zusaetzliche Verdienstquelle.
Lohnfragen sind fuer eine Gewerkschaft die entscheidende Aktionsmoeglichkeit. Durch das australische Schiedsgerichtssystem sind die
Gewerkschaften in ihren wichtigsten Aufgabengebieten lahmgelegt, die
Verhandlungen vor dem Schiedsgericht arten in Juristische Spitzfindigkeiten aus, die Protokolle solcher Schiedssprüche umfassen zuweilen
mehrere 1000 Seiten. Gerade der Facharbeiter wird vera*rgert, die Gewerkschaftsbewegung muss nach und nach erstarren, Kampfgeist und Aktivitaet finden kein Ventil. In einer Zeit der ruecklaeufigen Konjunktur mag dieses Schiedsgerichtsverfahren seine Vorteile haben, bei
steigender Konjunktur wird es Jedoch zum Hemmschuh und Bremsklotz.
Es kommt noch ein weiterer Punkt hinzu. Die Gewerkschaften haben
durch diese Schiedsgerichtsverfahren die Moeglichkeit der Anpassung der
Loehne an veraenderte Preise, Das koennen andere Bevoelkerungskreise
nicht automatisch oder wenigstens mit einer gewissen Automatik nicht
erzwingen, wie etwa ßentner oder Handwerker. Die Machtposition der
Gewerkschaften wird in dieser Hinsicht in der Oeffentlichkeit sehr
haeufig voellig falsch gesehen und erst recht unverstaendig kritisiert.

6

�Es ist eine Frage der Zeit, wie lange die australischen Gewerkschaften dieses S; otem des Schiedsgerichts beibehalten werden. Gluecklich sind sie «it diesem System nicht geworden, die qualifizierten Arbeiter sind zudem unzufrieden mit ihrer Organisation« Die Oeffentlichkeit hingegen redet von einer gewerkschaftlichen Maschinerie, die
Jedooh nicht existiert , sondern nur die Maschinerie der Schiedsgerichte. Vielleicht ist jedoch das eine klar, dass Produktivitaetssteigerungen auf diesem Schiedsgerichtswege nicht erreichbar eind echte und reale Lohnerhoehungen sind nur durch eine Steigerung des
Sozialprodukts moeglich. Bei unzufriedenen und veraergerten Arbeitern wird die Leistung jedoch unnoetig zwangslauefig abgebremst.
Wenn die australischen Unternehmer an einer Produktivitaet interessiert sind,; so waere der erste Schritt dazu eine Weckung des Interesses der Arbeiter durch frei zu vereinbarende Tarifloehne - das setzt
jedoch voraus, dass Unternehmer und Gewerkschafter die Zwangsschiedssprechung ablehnen und beseitigen.

Lohnbeatimmungt Trick oder Technik?
Von Solomon Barkin, Leiter der Forschungsabteilung der US-Textilartnitergewerkschaft.
Die formalen Systeme der Arbeitsbewertung sind waehrend der letzten Jahre in steigendem Masse von den Arbeitgebern verwendet worden.
Ihre Anwendung wurde waehrend der Kriegszeit betraechtlich gefoerdert,
da sie einen Weg boten, tragbare Lohnerhoehungen sicherzustellen. Das
War Labor Board erkannte die Notwendigkeit an, innerhalb einer Fabrik
Ungerechtigkeiten bei den Loehnen auszugleichen. Die Arbeitsbewertungsmethoden lieferten ein brauchbares Werkzeug zur Angleichung der Loehne fuer einzelne Arbeiten. Das kam den massgebenden Analytikern des
Board entgegen. Die Gewerkschaften waren gegenueber den Nachteilen
dieser ^laene nicht uebermaessig empfindlich, da sie unter allen Umstaenden Lohnerhoehungen zu erreichen wuenschten. Da die Arbeitsbewertungsmethoden durch da3 War Labor Board gebilligt wurden, gaben
die Gewerkschaften rasch ihre Zustimmung. Obgleich das Board diese
Plaene hauptsaechlich im Hinblick auf die geltenden Lohnspannen pruefte, die von der organisierten Arbeiterschaft unguenstig beurteilt wurden, waren die Gewerkschaften oft bereit, sich alle Vorteile, die sie
aus diesen Progrannen ziehen konnten, zu sichern, da ja die kollektiven Vertragsverhandlun^en selbst diese Programme nicht aendern konnten. Als Folge hiervon wurden diese ^laene nit groesserer Bereitschaft
akzeptiert, als es unter gewohnlichen Unstaenden haette erwartet werden koennen.
Waehrend der letzten Jahre haben die Arbeitgeber vier Grundmethoden der Arbeitsbewertung entwickelt. Diese sind
1.

das Rangfolgeverfähren, welches die Arbeiten als Ganzes miteinander vergleicht;

2.

die Methode der Gruppeneinteilung, die willkuerlich Arbeitsstufen
festsetzt und sie definiert, wobei gefordert wird, dass, wie bei
der Zivilverwaltung, alle Arbeiten unter diese vorher aufgestellten Stufen aufgeteilt werden;

3.

das Punktsystem, welches die Arbeiten nach gegebenen Bewertungsmerkmalen vergleicht, gewoehnlich 10 - 15 an der Zahl, bei denen die
Punktwerte fuer die verschiedenen vorher definierten Abstufungen
dieser Merkmale angegeben sind;

- 7

�4.

die Methode des Vergleichs nach Merkmalen, welche die Arbeiten mit
Hilfe gegebener Bewertungsmerkmale vergleicht.

Grundsaetzlich beruhen diese Arbeitsbewertungsmethoden mit Ausnahme des Rangfolgeverfahrens auf der Auswahl einer willkuerlichen Reihe
von Arbeitsmerkmalen und einer Liste von Werten fuer die Abstufungen,
die entweder vorher definiert werden wie beim Punktsystem oder durch
vergleichende Untersuchungen der bereits in einer Fabrik bestehenden
Verhaeltnisse der Arbeiten untereinander ermittelt werden, wie bei der
Methode des Vergleichs nach Merkmalen.
Nach dieser Einteilung der Arbeiten wird eine vorher bestimmte
Lohnskala zu diesen festgelegten Arbeiten in Beziehung gesetzt. Diese
Lohnkurve wird entweder durch einen Vergleich mit den ueblichen Loehnen fuer Schluesselarbeiten ermittelt, oder unabhaengig mit Hilfe einer Lohntheorie des Arbeitgebers oder der Ingenieure, die das System
einrichten, oder durch die bestehenden Loehne fuer Schluesselarbeiten.
Die oben skizzierten Arbeitsbewertungsmethoden sind nicht nur ein
System zur Ermittlung einer Lohnskala zur Zeit der Einfuehrung, sondern auch eine starre Methode zur Kontrolle der Festsetzung aller zukünftigen Loehne«
Die Uebergangszeit hat in steigendem Masse viele Arbeiten ans
Licht gebracht, die man waehrend des Krieges uebersehen hatte, als
die Gewerkschaften darauf bedacht waren, Lohnerhoehungen zu erzielen»
Gewerkschaften, die mit diesen Plaenen Erfahrungen gesammelt haben,
sind jetzt gegen die diesen Plaenen innewohnenden Fehler empfindlicher
geworden« Die Arbeitgeberschaft hoffte, diese Plaene zur Lohnsenkung
in der uebergangszeit verwenden zu koennen, hat aber in der grossen
Mehrzahl der Faelle dies nicht getan, weil der Schwerpunkt auf allgemeinen Lohnerhoehungen lag. Es beginnen sich jedoch die Crenzen dieser Arbeitsbewertungsplaene fuer kollektive Vertragsvi-rhandlungen bereits zu zeigen. In steigendem Masse versuchen die Gewerkschaften,
von diesen Plaenen loszukommen, wo sie in den Vertrag aufgenommen worden sind.
Die oben kurz geschilderten Arbeitsbewertungsverfahren stehen im
Gegensatz zu den Verfahren der kollektiven Vertragsverhandlungen. Normalerweise werden die Arbeitsloehne durch gegenseitiges Uebereinkommen festgesetzt. Bei ihrer Bestimmung spielen viele Faktoren eine
Rolle. Es gibt keine begrenzte Zahl von Bewertungsmerkmalen und keine
feste Stufenfolge von Werten fuer jedes Merkmal. Tradition, die herkoemmlichen Beziehungen der Arbeiten zueinander, Produktivitaet, Angebot und Nachfrage an besonders ausgebildeten Arbeitskraeften, Verhandlungsgeschick und Eigenart der Arbeiten spielen bestaendig bei
der endgueltigen Festlegung einer Lohnskala durch kollektive Verhandlungen eine geneinsame Ro'lle. Der jeweilige Schwerpunkt wechselt im
Lauf der Zeit, neue Arbeiten kommen auf, neue Loehne werden gefordert.
Die Gewerkschaften wuenochen keine starre festgelegte Methode zur Abschaetzung der Arbeitswerte,
*

#

*

Die Beitraefte der Arbeitsbewertungsplaene zu den Lohnverhandlungen
Der Nachdruck, den die Arbeitgeber auf die Arbeitsbewertungsverfahren le^en, hat nichtsdestoweniger einige bedeutsame Beitraege zum
Verfahren bei den kollektiven Vertragsverhandlungen zur Folge gehabt,
naemlich indem die Annahme folgender Prinzipien hierdurch gefoerdert
wurde»
1. Die Notwendig! eit eines formalen Syctems von Arbeitsloehnen im
Gegensatz zu einem Sy tem individueller Loehne. Das Ergebnis war,
dass jetzt viel mehr Gesellschaften formale Lohnsysteme haben.

-

8

-

�2.

Herabsetzung der Zahl der verschiedenen Loehne innerhalb eines
Werkes sowie der Versuch, sie auf Lohnuntercchiede von 2,5 bis
5 Cents zu begrenzen.

3.

Eine grundsaetzliche Methode zur Differenzierung der Arbeitsloehne.

4«

Arbeitsbeschreibungen als notwendiger Bestandteil des Lohnsystems,
wobei Jede sorgfaeltig definierte Arbeit auf einen bestimmten Lohn
Anspruch hat. Das Ergebnis wu.r eine groessere Gleichfoermigkeit
der Arbeiterloehne und die Herabsetzung der Lohnunterschiede auf
Grund von Geschlecht, Religion, Rasse oder Farbe.

Deshalb hat die Anwendung der Arbeitsbewertung das kollektive
Vertragsverhandlungsverfahren erleichtert, weil die Gewerkschaften
immer eine Erreichung dieses Zieles durch kollektive Verhandlungen erstrebt haben. Die Gewerkschaften haben es oft als wuenschenswert betrachtet, einen dieser Plaene anzunehmen, da sie sie als eine willkommene Zwischenstufe auf dem 'liege zu einem ordnungsgemaessen und gebilligten Lohnsystem angesehen haben.

Der L'.en3ch in der Produktion. (Aus einer Publikation des British Institute of Management)
Die Haltung der in der Produktion taetigen Menschen gegenueber
dem Betrieb, ihr Verhalten untereinander und gegenueber der Betriebsleitung und das Verhalten der Betriebsleitung ihnen gegenueber sind
entscheidend fi er den Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens. Wenn
die Menschen nicht wissen, was sie zu tun haben oder warum sie es tun,
wenn Regeln und Notwendigkeiten von ihnen nicht verstanden werden,
wenn die Arbeiter fuehlen, dass man sie ungerecht behandelt und wenn
sie der Betriebsleitung nicht vertrauen, dann wird der Produktionserfolg inner geringer sein als er sein koennte.
Die Fabrik wird ihre
Leistungsfaehigkeit nic:.t voll entfalten koennen, wie gut auch ihre
Produktionsmethoden, ihre Planungsarbeit und der Zustand ihrer Maschinen sein moegen.
Der Arbeiter sollte daher ueber die Ziele und Plaene der Betriebsleitung informiert werden, ebenso ueber die Produktionszahlen und den
Umfang der Verkaeufe. Man sollte ihm auch einiges ueber die Organisation und die Produktionsprozesse in anderen Abteilungen sagen, damit
er eine klare Vorstellung von seinem persoenlichen Beitrag zum Endprodukt hat. Genau so wichtig ist es, dass die Betriebsleitungen die Auffassungen, Ideen und Vorschlaege des Arbeiters erfaehrt, besonders wenn
sie bessere Arbeitsmethoden betreffen. Der Arbeiter kennt sicherlich so
gut wie irgendein anderer einige Moeglichkeiten, den Arbeitsprozess zu
verbessern und die Verschwendung von Zeit und Material zu vermeiden«
Es ist ein Teil der Verantwortlichkeit der Belegschaftsvertreter, dafuer
zu sorgen, dass Informationen in beide Richtungen geleitet und dass
schlummernde Ideen und Energien zum Nutzen aller verwertet werden,
•

*

•

Leistungsanreize
Welcher Typ der Leistungsanreize wahrscheinlich die besten Resultate bringt, haengt vom Menschen ab und von der Art der Arbeit, die er
zu verrichten hat. Als der Handwerker ein Produkt vom Beginn bis zu
seiner Vollendung herstellte und unter seinen Haenden wachsen sah, gab
es noch eine echte Befriedigung durch die blosse schoepferische Taetigkeitj dieselbe Art der Befriedigung also, die ein Kuenstler fuehlt,

- 9 -

�wenn er ein Bild malt. Da aber Jetzt nur wenige Arbeiter mehr als
einen kleinen Teil des gesamten Produktionsaufträges erledigen und
oftmals kaum noch mehr als eine Arbeitsverrichtung im Rahmen eines
Arbeitsganges, ist diese schoepferische Befriedigung nur noch selten
zu erreichen» Es gibt allerdings andere Anreize» Ehrgeiz, die Hoffnung auf Befoerderung, Wetteifer, manchmal sogar das Bestreben, einen gut gelittenen Vorgesetzten zu erfreuen, wie das besonders bei
jungen Arbeiterinnen der Fall sein kann. Alle diese Faktoren bestimmen neben vielen anderen die Menschen dazu, wie intensiv sie
arbeiten werden. Nichtsdestoweniger ist der allgemeinste Anreiz
fuer den einfachen Mann und fuer die einfache Frau, die keine unmittelbare Chance einer Befoerderung sehen und deren Arbeit nicht
interessant genug ist, damit sie um ihrer selbst willen getan werden koennte, eine Celdbelohnung»die der zusaetzlichen Anstrengung
entspricht.
Sie ist aus dem einfachen Grunde der allgemeinste Anreiz, weil Geld das uebliche Mittel ist, um die Ziele zu erreichen,
die die meisten Menschen erstreben: Groessere Sicherheit und Behaglichkeit fuer sich selbst und ihre Familien, Es ist ganau das gleiche Motiv, das.die Taetigkeit des selbstaendigen Geschaeftsmannes,
des Landwirts oder des Haendlers anspornt. Wir werden diesen Anreiz spaeter noch besprechen,
•

*

•

Der Zweck der Praemiensysteme«
Wenn ein Mensch einmal an seine Arbeit gewoehnt ist, wird er
in einem gleichbleibende Tempo arbeiten, das seinem Temperament entspricht. Dieses Tempo kann waehrend der Arbeit nicht leicht geaendert
werden. Wenn er nicht einige persoenliche Vorteile sieht ( zum Beispiel eine besondere geldliche Belohnung), wird er dazu neigen,
kleine Arbeitsunterbrechungen zu dulden, entweder aus persoenlichen
Gruenden oder durch Maschinenstoerungen entstandene Unterbrechungen,
Der Erfolg einer Tagesproduktion wird darunter leiden.
Ein gut
ausgearbeitetes Praemiensystem ist nicht in erster Linie dazu bestimmt, das Arbeitstempo zu beschleunigen,waehremd der Arbeiter seine Taetigkeit tatsaechlich ausuebt, ( das ist nie t einmal in allen
Faellen erwuenscht, da die ^ualitaet der Produkte darunter leiden
kann), sondern ihn stetiger arbeiten zu lassen und ihn daran zu
interessieren, dass Unterbrechungen sofort zur Kenntnis des *Bfsi«htsfuehrenden Vorgesetzten gelangen.
•

*

•

Festsetzung von Akkordbetraegen oder Akkordzeiten.
Vor der Entwicklung der Arbeitsstudien war das Feststellen der
Stueckloehne eine Aufgabe des Akkordschaetzers.
Er war im allgemeinen ein Mann mit langjaehriger praktischer Erfahrung bei der Erledigung der Arbeitsgaenge, die er zu beurteilen hatte,Er studierte
die Zeichnungen, pruefte die Vorrichtungen und Werkzeuge und ging
vielleicht auch einmal in die Werkstatt, um mit dem Arbeiter, der den
Auftrag ausfuehren sollte, die Arbeitsmethoden zu besprechen. Schliesslich wog er alle diese Faktoren mit Hilfe seiner eigenen Kenntnisse
ab und setzte eine Vorgabezeit oder - was frueher wahrscheinlich war einen Stn«cklohn fest. Diese Entscheidung konnte von dem Arbeiter
anerkannt werden oder auch nicht. Der Arbeiter konnte recht gut der
Meinung sein, dass er besser als der Akkordschaetzer wisse, wieviel
Zeit die Erledigun&gt; des Arbeitsauftrags in Anspruch nehmen werde.
Wurde der Akkordsatz nicht akzeptiert, dann folgten Verhandlungen,
bis ein beiderseitig annehmbarer Akkordlohn vereinbart war.

-

10

-

�Diese Methode der Festsetzung des Akkordlohns wird noch in grossem Umfange angewandt, vor allem in Werkstaetten, die haeufig wechselnde Arbeitsauftraege erledigen. Es ist dort schwierig, Arbeitsstudien durchzufahren, weil die Serien der einzelnen Artikel im allgemeinen recht klein sind. Die Methode wird auch in der schweren Industrie angewandt« Sie wird sich dort ohne Zweifel auch noch viele
Jahre behaupten, obwohl sie fuer die Betriebsleitung und fuer die
Arbeiter Nachteile bringt«
Der erste Nachteil besteht darin, dass der Akkordschaetzer, wie
erfahren er auch sein mag, eben immer nur schaetzt. Allerdings
wird ein erfahrener Mann ziemlich genau schaetzen. Eo hat sich Jedoch wiederholt erwiesen, dass Menschen, die eine Arbeit leisten,
nur selten wissen, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen sollte. Wenn
sie nicht ausgebildet sind, einen Arbeitsgang zu analysieren und die
wesentlichen Elemente von den auszuschliessenden Elementen ( wie Unterbrechungen dieser oder Jener Art) zu trennen, dann besteht die Gefahr, dass sie die auszuschliessenden Elemente nicht beachten oder als
Teile des Arbeitsganges ansehen.
Der zweite Nachteil ist der, dass kein nachpruefbarer Bericht
ueber den Arbeitsgang vorliegt, wenn die Berechtigung des Akkordsatzes spaeter bestritten wird oder wenn sich einzelne Elemente des
Arbeitsganges aendern. Es steht dann das Urteil des Akkordschaetzers im Gegensatz zu dem Urteil des Arbeiters,
Um sich selbst
su schuetzen, wird der Akkordschaetzer deshalb leicht dazu neigen,
den Akkordlohn ziemlich niedrig anzusetzen. Er ist dann in der Lage, ihn zu erhoehen, wenn er darum ersucht wird, ohne zu grosse Zugestaendnisse zu machen. Das Ergebnis duerfte unter solchen Umstaenden immer ein Akkordlohn sein, der den Arbeiter nicht zu seinem Hecht kommen laesst. Wenn andererseits ein leicht erreichbarer
Akkordlohn festgesetzt ist, wird der geschickte Arbeiter zurueckhaltend sein, seine ganze Leistungsfaehigkeit einzusetzen, weil er befuerchten muss, dass der Akkordlohn beschnitten wird. Er beschraenkt
deshalb vielleicht sogar seine Leistung bis zu einer Grenze, von der
er annimmt, dass sie von der Betriebsleitung noch geduldet wird. Der
Stueckakkord haette damit auigehoert, als Anreizmitte 1 noch irgendeinen Wert zu haben.
Der dritte Nachteil geschaetzter Stueckakkorde besteht darin,
dass die Betriebsleitung nicht zu genauem Zahlenmaterial gelangt, dass
sie fuer Kostenrechnungen, Toranschlaege usw. braucht, und dass AI«
durch Maschinenschaeden und sonstige Arbeitsunterbrechungen verlorene
Zeit in der Regel nicht genau erkennbar wird.
•
#
•
Festsetzung der Akkordsaetze durch Arbeitsstudien
Arbeitsstudien als Grundlage der Entlohnung nach den Leistungen
fuehren - wie wir gesehen haben - zu einer viel groesseren Genauigkeit,
denn Jedes Element des Arbeitsganges wird dabei geprueft und Jede
Beobachtung schriftlich niedergelegt. Die fuer Jedes Element erforderliche Zeit wird viele Male gemessen und notiert, so wie auch alle
Einzelheiten ueber Arbeitsmethoden und Werkzeuge schriftlich niedergelegt werden. Der Bericht wird aufbewahrt. Wenn irgendeine Frage
auftaucht, die die Torgabezeit betrifft, besteht fuer alle Beteiligten zu Jeder Zeit die Moeglichkeit, ihn einzusehen. Die festgestellten Zeiten koennen von den betrieblichen Gewerkschaftsvertretern kontrolliert werden, Tatsaechlich ist es erwuenscht, dass Vertrauensleute
der Gewerkschaften in den Betrieben, die Arbeitsstudien betreiben,
die Verfahren kennen und im Gebrauch einer Stoppuhr ausgebildet sind.
Die Arbeitsstudien leiden noch darunter, dass man sie in der Vergangen-

-

11

-

�heit zu einem Geheimnis gemacht hatte,
F
uer den Arbeiter vorteilhaft ist die Tatsache, dass die durch Arbeitsstudien festgesetzten Zeiten keine durch Arbeitsunterbrechungen
und llaschinenstillstand hervorgerufenen Zeitverluste enthalten. Wenn
sie eintreten, kann der Arbeiter fuer die Dauer der Unterbrechungen
seinen Zeitlohn verlangen und sich so den Akkordverdienst sichern, den
er vorher erreicht hatte. Auch die Betriebsleitung kann dadurch, dass
sie am Ende einer Woche oder eines Monats in den Berichten erscheinende Wartezeiten analysieren lae:st, feststellen, wo die Unterbrechungen vorkommen und sie kann Schritte unternehmen, die die Unterbrechungen in Zukunft verhueten.

Eine andere fuer den Arbeiter guenstige Eigenschaft der durch
Arbeitsstudienmethoden festgesetzten Zeiten ist der Einschluss eines
bestimmten Prozentsatzes als Erholungazuschlag. Die fuer verschiedene Arbeitsarten und verschiedene Arbeitsbedingungen festgelegten Prozentsaetze werden fast allgemein anorkannt, Sie ermoeglichen es, dass
kein Arbeiter - sei er mit leichter oder mit anstrengender Arbeit beschaeftigt - am Ende des Tages uebermuedet ist, vorausgesetzt, dass
er fuer die Art der Arbeit, die er leistet, geeignet ist.
Vielleicht dar einzige, was vom Standpunkt des Arbeiters aus zugunsten der einfachen Akkordschaetzung gesagt werden kann, ist, dass
man ueber die Pestsetzung verhandeln kann. Der Arbeiter fuehlt dann,
dass er einiges dazu zu sager. hat, was er verdienen kann, waehrend
ein Verhandeln zwischen dem Arbeiter und demjenigen, der die Vorgabezeit auf Grund durchgefuehrter Arbeitsstudien festsetzt, unnoetig ist.
Das bedeutet nicht, dass Kollektivverhandlungen ueber die Geldloehne,
die zu zahlen sine1, nicht mehr angebracht waeren; sie sind es in genau der gleichen Weise, wie unter Jedem anderen System, Es bedeutet
auch nicht, dass eine Vorgabezeit, die durch Arbeitsstudienmethoden
festgesetzt wurde, nicht abgelehnt werden koennte. Wichtig ist, dass
die Vorgabezeit sofort kontrolliert wird, wenn moeglich unabhaengig
von denen, die sie festsetzten, falls ihre Hichtigkeit angezweifelt
wird. Es bedeutet jedoch, dass Diskussionen ueber eine Vorgabezeit
auf einer Grundlage niedergeschriebener Tatsachen vor sich gehen koennen, die von jedem Beteiligten zu kontrollieren sind, auch - wenn das
erforderlich ist - vom Arbeiter selbst. Nichtsdestoweniger ist der
Arbeiter berechtigt, Sicherungen zu verlangen, dass die Resultate der
Arbeitsstudien aufrechterhalten und nicht missbraucht werden. Die
erste dieser Scherungen muss darin bestehen, dass die Studien zur
Nachpruefung durch jeden Betroffenen zur Verfuegung stehen. Die zweite Sicher,ng muss darin bestehen, dass die Vorgabezeit nicht verringert wird, wenn sich die Arbeitsmethoden nicht aendern. Diese Sicherungen gehoeren zu oen fundamentalen Regeln der Anwendung von Arbeitsstudien, deren Erfolg von gegenseitigem Vertrauen abhaengt. Wenn
dieses Vertrauen einmal gebrochen wurde, ist die weitere Lohnfestsetzung durch Arbeitsstudien eine Zeitvergeudung, weil ihr Wert als
Mittel der Lohnfindung fuer Stueckakkorde nicht mehr vorhanden ist.
Viele Firmen, die durch Arbeitsstudien festgesetzte Akkorde in
einer Werkstatt um ersten Male anwenden, geben die Bedingungen und
Garantien schriftlich bekannt und lassen sie in der Werkstatt auahaengen. Der Anhang B ist eine genaue Kopie einer solchen Ankuendigung
(nur die Namen sind weggelassen), die in einer Fabrik im Londoner Gebiet waehrend des letzten Jahres verwendet worden ist. Verhandlungen
mit den Vertretern der Arbeiter hatten stattgefunden, bevor die Studien
durchgefuehrt wurden. Alle Arbeiten waren in vollem Umfange studiert
worden. Der Betriebsleiter las die Notiz Absatz fuer Absatz der versanin-lten Belegschaft. Jeder Werk tatt vor, kurz bevor das neue System
in Kraft gesetzt »urde. 2s sollte dar.it erreic. t werden, dass .jeder
3otro:'fene er voll und ra.'.\z v rstand und dass Fr^-en dazu gestellt und

1?

�Aussprachen daxueber stattfinden konnten« Es wird auoh als notwendig
angesehen, dass den Arbeitern nicht spaeter als am folgenden Tage der
Verdienst des Vortages bekannt ist. wenn die Vorgabezeiten durch Arbeitsstudien festgesetzt worden sind.
•

•

«

Sonderpraeaien
Sin anderes Anreizsystem ist der Aufmerksamkeit wert, bevor wir
diesen Teil abschliessen. Es ist in Grossbritannien nicht in grossem
Umfange angewandt worden, aber eine Anzahl bedeutender Firmen wendet
es an und es wird behauptet, dass man damit beachtenswerte Erfolge erzielt hat. Es besteht aus einer ganz besonders sorgfaeltigen Einschaetzung eines Jeden Arbeiters nach bestimmten Zeitabstaenden (drei
oder sechs Monaten). Der Umfang der Produktion eines Arbeiters, die
^ualitaet seiner Arbeit, die Innehaltung festgesetzter Zeiten, die allgemeine Faehigkeit, die Zusammenarbeit mit den aufsiehtnfuehrenden Vorgesetzten und mit seinen Kollegen und andere Faktoren werden dabei
gewertet. Zusätzliche Zahlungen werden gegeben, wenn die ^ualitaet
der Arbeitsleistungen ueber dem Durchschnitt liegt. Als Ergebnisse
der verschiedenen aufeinanderfolgenden Einschaetzungen koennan die
gezahlten Praemien hoeher oder niedriger als die Torgezahlten sein,
Je nach Leistung und Haltung des einzelnen Arbeiters. Das System ist
nuetzlich fuer Betriebe, die Produkte von hoher Qualitaet anfertigen,
da die meisten Entlohnungssysteme nach Leistungen nicht unmittelbar
der Aufrechterhaltung der £ualitaet der Arbeit dienen, obwohl die Lohnzahlung gewoehnlich gute Arbeit als Bedingung voraussetzt.
Aus der Schrifti Leistungssteigerung durch
Organisation
(Bund-Verlag, GmbH, Koeln)
(Gegen Erstattung des Portos kann dl« Schrift
kostenlos bezogen werden)

William Gomberg, Leiter der Forschungsabteilung der Allamerikanischen
Gewerkschaft der Damenoberbekleidungsarbeitert
Der Zweck der Arbeitsbewertung.
Die Arbeitsbewertung ist ein Verfahren zur Untersuchung von Arbeiten innerhalb eines Betriebes, um ihr Verhaeltnis zueinander nach
dem Arbeitsinhalt festzulegen« Ihr Anliegen ist es, einen Masstab zu
schaffen, um alle Arbeiten so genau und objektiv wie moeglich miteinander vergleichen zu koennen.
Es gibt vier hauptsaechliche Methoden zur Bewertung der Arbeitt
Rangfolgeverfahren, Gruppeneinteilung, Punktbewertung und Vergleich
nach Merkmalen« Alle diese Techniken drehen sich Jedoch um eine einzige Fraget Was ist der Inhalt einer Arbeit im Verhaeltnis zu anderen
Arbeiten im Betrieb? Die Arbeitsbewertung darf nicht mit den Leistungsloehnen verwechselt werden« Die Arbeitsbewertung misst die Arbeit als
solche und beschaeftigt sich nur mit den Grundstundenloehnen« Di* Leistungslöhne bilden ein Mass fuer die persoenliche Anstrengung und betreffen den individuellen Lohn und die Arbeitsgeschwindigkeit« Wenn
eine Praemie oder irgend eine andere Form des Leistungslohnes zu den
durch die Arbeitsbewertung entwickelten Grundloehnen hinzugefuegt wird,
dann koennen allerdings die beiden Elemente der Lohngestaltung so miteinander verquickt sein, dass es im Einzelfall unter Uastaenden fast
unmoeglieh wird, sie auseinander zu halten.

15

�Um jedoch ein klares Terstaendnis der Arbeitsbewertung zu erlangen,
ist es wesentlich, sich der grundsaetzliehen unterschiede im Zweck »wischen der Arbeitsbewertung und einem Leistungslohnsystea bewusst zu sein«
Die Arbeitsbewertung befasst sich ausschliesslich mit dem relativen
Schwierigkeitsgrad der Arbeiten, so wie er in den Grundstundenloehnen
zum Ausdruck kommt. Bin Leistungslohnsystem beschaeftigt sich mit dem
Verhaeltnis des individuellen Lohnes zu den Unterschieden des individuellen Arbeitsergebnisses»
Der Grundzweck der Arbeitsbewertung ist nichts Neues« Die Tatsache,
dass nicht alle Arbeiten den gleichen Lohn wert sind, ist sowohl von
den Arbeitern wie den Betriebsleitungen erkannt worden. Die Aufstellung
einer Lohnskala ist eine der hauptsaechlichen Aufgaben eines Tarifvertrages. Der Zweck einer Lohnskala ist Festsetzung unterschiedlicher
Stundenloehne fuer verschieden hohe Arbeitswerte. Zum Beispiel sind
die historischen Unterschiede zwischen den Lohnsaetzen fuer Lehrlinge,
Hilfsarbeiter und Handwerker schon seit langem anerkannt. In dieses
sehr weiten Sinne ist die Arbeitsbewertung so alt wie die Tarifvertraege.
Charakteristisch fuer die Arbeitsbewertung ist die Art, wie sie
an das Problem der Beurteilung des relativen Arbeitsinhaltes herangeht.
Diese Art und die mit ihr verbundenen Techniken sind hauptsaechlich aus
dem Problem der Bestimmung der Lohnunterschiede in Industriezweigen mit
Massenproduktion entwickelt worden.
Vor dem Kriege erlangten die Arbeitsbewertungsmethoden ihre groesste Verbreitung in der Metallbearbeitung und der Elektroindustrie. Die
Massenproduktion in diesen Industrien fuehrte zur Spezialisierung der
Arbeiten, fuer die die Arbeiter nur einige einzelne spezielle Fertigkeiten benoetigen. Ein gelernter Mechaniker in einem Betrieb musste
viele verschiedene Arten von Drehbaenken, Fraesmaschinen, Schraubenmaschinen usw. zu bedienen wissen. Im Gegensatz dazu erfordert eine
Pabrik mit Massenproduktion einen Maschinenarbeiter, der wie ein angelernter Bedienungsmann an einer Presse nur an einer Maschine arbeiten
kann und ausgebildet ist.
Die Betriebsleitungen versuchten deshalb, eine Technik zu entwickeln,
um die Arbeiten ausschliesslich danach zu bewerten, was die gerade vorliegende Arbeit in dem in Präge kommenden Betrieb erforderte. Der groessere Nachdruck lag auf der inneren Folgerichtigkeit» Der historische
gewerbliche Lohnaufbau, der auf dem Lehrling, dem Hilfsarbeiter und dem
Facharbeiter beruhte, war in den Industriezweigen mit Massenproduktion
nicht anwendbar. Erst kuerzlich ist die Arbeitsbewertung eine bedeutende
Streitfrage bei TarifVerhandlungen geworden. Viele Betriebe der Massenproduktion, in denen die Bewertung zuerst eingefuehrt wurde, waren
nicht gewerkschaftlich erfasst, Betriebe des Metallgewerbes mit einem
hohen Anteil von allseitig ausgebildeten Facharbeitern zahlten auch weiterhin die ueblichen Handwerkers^etze. Die Lage hat sich in wenigen Jahren veraendert» Der Krieg beschleunigte den Zug zur Massenproduktion.In
der ganzen Metallindustrie verwischte sich die fruehere klare TTennungslinie zwischen Massenproduktion und handwerklicher Fertigung. Fruehere
Berufsverbaende wie die internationale Vereinigung der Maschinenbauer
mit einen hohen Bewusstseia von handwerklicher Tradition und Lohngestaltung haben sich schnell im Bereich der Massenproduktion ausgebreitet.
Die zum CIO gehoerenden Auto-, Stahl- und Elektroarbeiter und andere aus
der Massenproduktion entstandene Gewerkschaften haben bereits seit langem Interesse an den Methoden der Lohndifferenzierung gezeigt.
Als Ergebnis dieser Entwicklungen ist die Arbeitsbewertung eine
der strittigsten Fragen bei den laufenden Lohnverhandlungen geworden.
Um die Auseinandersetzungen ueber die Arbeitshewertung auf das geringste
Mass zurueckzufuehren, ist es wichtig, dass die Mitglieder der Verhandlungskocinission, der Bewertungsausschuesse und andere, die die Verant-

14

-

�wortung fuer Entscheidungen auf diesem Gebiet tragen, sorgfaeltig ( im
Toraus) die Grundursachen ermitteln, die hinter der allgemein verbreiteten Einstellung gegen die Arbeits'bewertung stehen.
Die Gruende fuer das Misstrauen und den Widerstand der Arbeiterschaft
sind nicht schwer zu finden. Oft verstanden die Arbeiter nicht die Bewertungstechnik, und die Betriebsleitungen zogen bisweilen ihren Vorteil
hieraus. Diese Dmstaende trugen zu dem allzu weit verbreiteten Fehlschluss bei, die Arbeitsbewertung sei eine Art von Zauberformel, die
man etwa wie einen Rechenschieber handhaben koenne und die die menschliche Urteilsfaehigkeit entbehrlich mache.
Missverstaendnisse dieser Art sind zu einem grossen Teil an der
Opposition der organisierten Arbeiter gegen die Arbeitsbewertung
schuld. Die Lage ist aehnlich wie bei den frueheren Versuchen, Arbeitszeitstudien und Leistungsloehne als Waffe zur Dnterbietung der
Tarifvertraege zu benutzen. Das fuehrte dazu, die Arbeiterschaft
gegen fast alle Methoden "wissenschaftlicher Betriebsfuehrung" einzuMksen, einschliesslich der rationellen. In Juengster Zeit vorgekommene Versuche, die Arbeitsbewertung in der gleichen Weise zu missbrauchchon, haben so zu Rueckschlaegen gefuehrt«
Eine Tatsache allein sollte Jedoch genuegen, diese ganze Auffassung
von der "magischen ?ormelu zu zerstreuen. Es gibt mindestens vier
verschiedene Methoden zur Bestimmung der relativen Arbeitsschwierigkeit, die alle als Arbeitsbewertung bezeichnet werden. Ferner gibt es
eine unbegrenzte Zahl von Kombinationen und Abaenderungen dieser vier
grundlegenden Methoden. Die Befuerworter der Arbeitsbewertung sind
oft durchaus verschiedener Meinung in bezug auf die relativen Vorteile
ihrer eigenen Methode und - selbstverstaendlich - die ünzulaenglichkeit aller anderen Methoden. Kurz, keiner der gaengigen Bewertungsplaene ist fehlerlos oder wissenschaftlich objektiv. Selbst die Plaene, welche "Punkte" in dem Bestreben nach mathematischer Genauigkeit
anwenden, verletzen grundlegende mathematische Gesetze in vielen
wichtigen Paellen,
Glücklicherweise sieht man heute mehr und mehr ein, dass die Arbeitsbewertung genau so wie jedes andere Tarifvertragsverfahren auf
menschlichem Urteil beruht. Ausserdem draengt eine wachsende Anzahl von
Befuerwortern der Arbeitsbewertung darauf, dass die ganze Sache gemeinsam von Gewerkschaft und Betriebsfuehrung behandelt wird, damit die
Missverstaendnisse vermieden werden, die sich aus einer einseitigen
Behandlung ergeben.
Ein anderer Grund fuer die Skepsis und die Opposition der Arbeiterschaft ist die Tatsache, dass die Arbeitsbewertung als ein Ersatz fuer
Tarifvertraege, anstatt ein Werkzeug fuer sie zu sein, missbraucht worden ist.
Die Bestimmung einer relativen Lohnskala durch einen Tarifvertrag
braucht nicht nur nach den Gesichtspunkten der Arbeitsbewertung allein
erfolgen. Die Arbeitsbewerung ist ein Versuch, ein objektiveres Mass
fuer den relativen Arbeitsumfang festzusetzen, als dies sonst moeglich
ist. Die schliessliche Lohnskala als Ergebnis einer Tarifvertragsverhandlung kann durchaus das Ergebnis der Beachtung vieler Paktoren sein,
und dabei voellig unanhaengig vom Arbeitsumfang,
Die Tatsache, dass eine verhaeltnismaessig spezialisierte Arbeit
sich auf dem aeussersten Ende einer Befoerderungslaufbahn befindet,
kann zu einem hoeheren Bewertungssatz fuehren, als es allein durch die
Berücksichtigung der relativen Arbeitsschwierigkeit gerechtfertigt sein
wuerde.

- 15

�feiterhin wird ein« stark« Nachfrage nach einem schwachen Angebot irgend einer besonderen Facharbeit die benoetigten Arbeitakraefte nicht
verfuegbar machen, wenn die Betriebsleitung auf der Beibehaltung von
gekuenstelten Arbeit«bew«rtung8grund«a«tzen besteht* Sodann kann die
Tatsache, dass dl« Arbeit einen stark •aisonmaessigen Charakter traegt,
also den betreffenden Arbeiter viel kuerzer« Zeit als eine ander« Arbeit in der gleichen fabrik b«schaeftigt, zu relativ hoeheren Stundenloehnen fuer diese Arbeit fuehren, ganz unabhaengig von dem relativen
Schwierigkeitsgrad der beiden Arbeiten«
Alles dieses laeuft darauf hinaus, dass die relative Arbeitsschwierigkeit genau so wenig allein da« relative Lohnniveau bestimmt, wio die
Produktionskosten den Preis des Produktes« Die Arbeitabewertung ist eine Hilf« zur Beurteilung bei Tarifvertfagsverhandlung^nj sie ist nicht
da« einzige Kriterium fuer die relative Lohnskala*
Sie Statistiken ueber das Lohnniveau in bestimmten Gebieten, wie
man sie in anderen Abhandlungen ueber Arbeitsbewertung findet, sind voellig ausser Betracht gelassen* Die sogenannte Theorie des vorherrschenden oertlichen Lohnes gehoert in keine Behandlung der Arbeitsbewertung*
Die Arbeitsbewertung hat es nur damit zu tun, die relative Arbeitsschwierigkeit zu messen. Die Pestsetzung eine« Grundlohnes, auf dem
die Lohnskala aufgebaut wird, haengt von den jeweiligen Lohntheorien
der TarifVertragspartner ab* Die Gewerkschaftsbewegung in den USA hat
die Theorie eines Gebietslohne« restlos abgelehnt angesichts einer
Volkswirtschaft, In der die meisten Produzenten fuer einen Harkt
arbeiten, der die gesamte Nation umfaast*
Es wird einer Gewerkschaft wenig helfen,die Arbeitsbewertung nur
dazu zu benutzen oder anzunehmen, um die gleiche Lohnsumm« unter der
gleichen Arbeitergruppe aufzuteilen in der Annahme, dass sie so die
Lohnstruktur rationalisiert haette. Das wuerde die durch die Pehler
der Betriebsleitung verursachten Probleme einfach auf die gewerkschaftliche Organisation oder irgend eine ausgleichende Lohnerhoehung verlagern* Vom Gewerkschaftsstandpunkt aus ist der Hauptzweck, zu dem die
Technik der Arbeitsbewertung bei Verhandlungen dienen kann, die Verteilung eines Zuwachses zu der gesamtsten Lohnsumme in der Weise, dass
einige der bestehenden Ungerechtigkeiten, ausgeglichen werden*
Die Arbeiter klagen darueber, dass die Arbeitsbewertung dazu dient,
ihren individuellen Wert zu vermindern, indem sie ihr Augenmerk auf die
jeweilige Arbeit richtet anstatt auf den Hann, der die Arbeit ausfuehrt.
Sie weisen auf aehnliche Zustaende auf anderen Gebieten hin* Beispielsweise werden in groesen Krankenhaeusern die Patienten durch verschiedene Aerzte untersucht« Waere es moeglich, die Arbeit eines Arztes, der
mit dem Hoerrohr das Herz untersucht, zu bewerten und zu erklaeren, dass
diese besondere Arbeit verhaeltnismaessig einfach sei und deshalb kein
normales Arztgehalt verdiene? Sie behaupten, dass es genau so unpraktisch
waere, Uediziner auf dieser Basis auszubilden wie einen Schlosserlehrling.
Genau wie die Hausfrau Knorpel und Knochen in Kauf nehmen muss, wenn sie
Pleisch kauft und bezahlt, muesste die Betriebsfuehrung die _*asaetzlichen Paehigkeiten des Arbeiters nehmen und sie zu Bestandteilen der Arbeit machen.
quelle: "Arbeitsbewertung"
Ein praktisches Handbuch fuer Gewerkschafts- und Betriebsfunktionaere
von Willian Gomberg

- 16 -

�Inlcrnallonalt

ARBEITSNITTEILUNGEN
Uie folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

V - XII

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

:

Paul R. Hutchings:
Die heutige Gewerkschaftsfront der Angestellten

Seite

1

Produktivität - die Quelle unserer Staerke

Seite

6

Das Senioritaetsrecht des amerikanischen Arbeiters

Seite 11

Pruefung der Wirtschaftsfreiheit

Seite 13

Boris Shishkin:

Paul R. Hutchings, Vorsitzender der allamerikanischen Gewerkschaft
der 3ueroangestellten:
Sie heutige Gewerkschaftsfront der Angestellten
"Die Jront der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung sind die
15 000 000 Angestellten der Vereinigten Staaten. Sie bilden eine
Herausforderung der amerikanischen Arbeiterschaft und das ist der
Punkt, an dem sie ihre Kraft und Staerke sammeln ..IUSS. Weniger
als 2 Millionen dieser 15 Millionen Angestellten sind Mitglied
der Gewerkschaften. Diese Arbeiter brauchen die organisierte
Gev:erk3chE.f t, und die organisierte Gewerkschaft braucht sie."
Diese Worte sprach Arboitsminister Maurice J. Tobin, als er im
vergangenen Soamur an die Versammlung einer der groessten Angestellten1

�gewerkschaften innerhalb der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation
Worte der Begruessung richtete. Die American Federation of Labor
ist die Dachorganisation der oertlich und branchemaessigen zusammengeschlossenen Gewerkschaften, der auch die Allanerikanis ehe Angestellten-Union als Mitglied angeschlossen ist.
Die ernste Lage der Angestellten war» Gegenstand vieler Kommentare, aber nur wenige Persoenlichkeiten haben der Oeffentlichkeit
so freimuetig die Tatsache terkuendet, dass die wirkliche Loesung der
wirtschaftlichen Probleme des Angestellten in der Hinwendung zur Gewerkschaftsorganisation und in der Annahne gewerkschaftlicher Grundsaetze
liegt.
"Vas ist eigentlich ein Arbeiter mit weissem Kragen?", wie in den
Vereinigten Staaten die Angestellten ganz allgemein bezeichnet werden.
Diese irrefuehrende, dem eigentlichen Wesen ausweichende Redensart ist
entstanden, um jenen Teil unseres Arbeitsheeres zu kennzeichnen, der
keine "blauen Kragen", keine Arbeitsanzuege und keine Overalls traegt.
Er bezieht sich auf jene Personen, die nicht all Teil des Erzeugungsund Versorgungsheeres angesehen werden. Es ist Jer sogenannte "Nichthandarbeiter," der nichtsdestoweniger hauefig genug sich auf die Geschicklichkeit seiner Haende und seine neuro-muskulaere Koordination, das
heisst die tatkraeftige Zusammenarbeit seiner Ilerven und Muskeln verlassen muss, um der geforderten Arbeit Herr zu werden.
In die weite Klasse der Angestellten fallen die vielseitigen Gruppen der Stenotypisten, Lehrer, Musiker, der im Sozialdienst Taetigen,
der Buchhalter, Handwerker, Journalisten, Telephonisten, Reisenden und
Vertreter, Ingenieure, Bueroangestellten und viele andere mehr.
Obwohl einige Angestelltengruppen zurzeit gut organisiert sind,
wie z.B. die Musiker, Schauepieler, Eisenbahn- und Postangestellten
und andere, so ist es eine nuechterne Tatsache, dass heute annaehernd
85$ der 15 Millionen Angestellten des Landes nicht gewerkschaftlich
organisiert sind»
Was ist eigentlich den unorganisierten Angestellten geschehen? Sie
haben eine Hiederlage nach der anderen eingesteckt. Ein US-Regierungsbeamter hat kuerzlich geschaetzt, dass der Angestellte heute einen um
6j» hoeheren Reallohn verdient als 1939» Der Fabrikarbeiter andererseits hat heute ein Realeinkommen, das fast 50/« ueber dem von 1939
liegt.
Was ist die Ursache fuer diese grosse Differenz? Wer hat schuld,
dass es dem Angestellten nicht gelang, wenigstens im gleichen Schritt
wie sein in der Fabrik arbeitender Bruder voranzuschreiten? Die Antwort ist» Die fehlende gewerkschaftliche Organisation.
Der amerikanische Kopfarbeiter - abgesehen von den 2 Millionen,
die organisiert sind - zahlt teuer fuer seine unterlassene Organisierung, Arbeitsminister Tobin schaetzt in einer neuerer. Ausgabe des
"Bulletin des Arbeitsministeriums", dass in der 18aonatigen Periode
von Januar 1950 bis letzten Juni 20 Millionen unorganisierte amerikanische Arbeiter mehr als drei Milliarden Dollar an Kaufkraft eingebuesst
haben.
Einen grossen Teil dieses enormen Verlustes haben notwendigerweise
die 13 Millionen unorganisierter Angestellter auf sich genommen.
Das kaufmaennische Personal in den Geschaefts- und Industriebueros
stellt einen erheblichen Teil der Angestelltengruppe dar. Der Organi-

2 -

�sierung dieser arbeitenden Menschen ist die Arbeit der Allamerikanischen
Gewerkschaft der Bueroangestellten gewidmet. Ss ist eine gewaltige Aufgabe, diesem riesigen Arbeitsheer von Stenotypisten, Buchhaltern, Uaschinenschreibem, Bedienern von Bueromaschinen, Handlungsgehilfen und anderen, die den Bueronervenzentren der amerikanischen und kanadischen
Industrie und Geschaeftswelt dienen, die Vorteile und Wohltaten eines
beruflichen Zusammenschlusses zu bringen.
Buero- und kaufmaennisehe Angestellte sind,
schwer zu organisieren. Organisierungsmethoden,
Arbeitern als gesund erwiesen haben, wirken sich
kampagnen unter den Bueroangestellten nicht aus,
gar manchmal Sueokschlaege.

geschichtlich gesehen,
die aioh bei anderen
bei Organisationsja, sie bringen so-

Der Glorienschein von Tfuerde und Auszeichnung, der um die Buerotaetigkeit gewunden ist, hatte eine Einstellung und ein Empfinden im
Gefolg«, die rorsichtig ueberwunden werden muesseri, wenn die Bueroangertellten Ton ihren Befuerchtungen befreit werden und eine wirkliche
Gelegenheit erhalten sollen, vorwaertszukorimen und ihren eigentlichen
Platz auf dem amerikanischen Gewerkschaftsgebiet auszufuellen.
Der Bueroangestellte ist im allgemeinen gegen alles eingestellt,
was seinen Chef verletzen oder sein Ansehen und seine Bedeutung verringern koennte. Er arbeitet staendig in viel engerer Verbindung
mit der Leitung als der Produktions- und Versorgungsarbeiter, Er
wird haeufig als der verlaengerte Arm vier Geschaeftsleitung angesehen,
der die Myriaden Dokumente und Aufzeichnungen handhabt und verwaltet,
die Verbindung im Betrieb und mit den Geschaeftspartnern unterhaelt und
andere Einzelheiten, wie sie zur Arbeit des Bueroangestellten gehoeren.
Der Bueroangestellte ist meist nicht gewillt, seiner nahen Verbundenheit mit der Geschaeftsleitung zu entsagen. Er widersetzt sich allem,
was seine Eigenschaft als Individuum, al3 selbstaendigem Wesen beeintraechtigen koennte. Wenn, wie es haeufig vorkoinmt, die Geschaeftsleitung aus Kunsichtigkeit die beiderseitigen Vorteile nicht erkennt,
die sich daraus ergeben, dass sie einen wohlorganisierten Stab an Bueroangestellten hat, die frei von Aengsten um unzulaengliche Gehaeiter, Ar»
beitsunsicherheit, Befoerderungsungluecken und aehnlichem sind, dann
spiegelt der Bueroangestellte zunaechst haeufig die gegnerische Einstellung der Geschaeftsleitung gegenueber den Gewerkschaften wider •
Nur dann gehen sie dazu ueber, die Grundsaetze der Organisation anzuerkennen, wenn die Angestellten davon ueberzeugt werden koennen, dass
eine gewerkschaftliche Organisierung üie mit einem wirklichen Hilfsmittel versieht, durch das sie Selbstbewusstsein erlangen, und zugleich
auch die wahren Interessen der Gesellschaft foerdert und gleichzeitig
eine angemessene Eueckverguetung in Dollar bringt fuer die Dienste, die
sie leisten, wobei sie sich frei von Furcht vor Unsicherheit fuehlen
und in der Gewerkschaft ein Hilfsmittel fuer freundschaftliche fiogelung
der Bueroprobleme sehen«
Auch der Arbeitgeber muss umerzogen werden. Die Gewerkschaft muss
ihn ueberzeugen von ihres Interesse an dem Erfolg seines Unternehmens
und von der Tatsache, dass durch die Organisierung sein Buerostab eine stark erweiterte Gelegenheit zur Entwicklung der einzelnen Persoenlichkeiten fuer die Ausbildung von Puehrereigenschaften haben wird. Die
Ausdehnung demokratischer Grundsaetze auf das Buero gilt dann seinen
Angestellten als eine beachtliche Stimme in der Industriegemeinde.
Wir rnuessen den Arbeitgeber zu der Erkenntnis bringen, dass seine
Mitarbeiter im Buero einen groesseren Einsatz fuer das /Wohlergehen der
Pinna entwickeln, wenn sie an demokratischen Entscheidungen, die ihre
Arbeitsbedingungen bei den Unternehmern angehen, Arcteil nehmen. Sie

-

3 -

�koirunen zu der Erkenntnis, dass ea erst einmal den Unternehmern gut
gehen auss, wenn sie alle vorwaertskommen wollen. Das giat ihrer Arbeit eine neue Wuerze.
Die 3ueroangestellten kommen somit dabin, sich selbst als einen Teil
der '.Yettbewerbsmannschaft anzusehen, und dass sich bei angestrengterer
Arbeit ein hoeherer Gewinn ergeben wird, an de« sie teilnehmen koranin.
Wenn die Bueroangestellten wach geworden sind und die Notwendigkeit
ihrer Organisierung anerkennen, dann entdecken sie, dass sie ihre eigene
Organisation haben moechten. Sie noechten nicht von einer Schablone
und einer Politik verschluckt werden, die organisierte Arbeiter anderer
Gevrerbe ausgearbeitet haben. Sie ersehnen vielmehr eine organisatorische
Eigenart und wollen selbst an die Loesun0 threr Bueroprobl'eme herangehen.Die Allamerikanische Bueroangestellten-Gewerkschaft verschafft ihnen
diese Mittal«
iüehr als 2^0 sich selbst verwaltende O.tsgewerkschaften arbeiten
gegenwaertig in den gesauten Vereinigten Staaten und Kamada, sie haben
mit mehr als 600 Handels- und Industrieunternehmen Tar'HTvertraege abgeschlossen. Sie umfassen rund 40 000 Mitglieder - von Neufundland bis San
Diego und von Vancouver bis Miami,
Organisation erzeugt wieder Organisation, i/enn unorganisierte Bueroange3te?lte in einer Gemeinde von den Vorteilen erfahren, die die organisierten Angestellten bei einem anderen Unternehmen erreicht haben, so
wird ih'.en die Moeglichkeit klar, diese Gewerkschaftsmethoden zu benutzen,
um ihre eigenen Gehaeiter und Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Jedes Jahr organisieren sich viele neue Angestelltengruppen und
verbinden sie': mit unserer allamerikanischen Gewerkschaft, in der sie
durch die Anwendung gewerkschaftlicher Grundsaetze ihr wirtschaftliches
Schicksal am gemeinsamen Verhandlungstisch ausarbeiten.
V/aehrend des letzten Jahres habe., sich die Angostelltenstaebe zahlreicher grorser und wichtiger Industriekonzerne der Allamerikanischen
Bueioange.tellten-Gewerkschaft zugewendet. LIehr als 4C0 kaufmaennische
und Buoroangeste] lte der' grossen 3uffalo-'.7erke dertforthingtonPump
Conpany organisierte-: 3ich kuerzlich in unserer Ortsgewerkschaft 212,
ungeachtet der Tatsache, dass die Produktions- und Versorjungsarbeitar
dieses ',7 rkes von einer der gro gen CIO-Gewerkschaf t vertreten werden,
die also auch daran interessiert ist, den Angestelltenstab zu erfassen.
Die Kernfrage wurde klargestellt: Durch die National Labor Relation
Board, eine Auf :;ichtsbehoerde fu=;r die Gewerkschaften,wurde eine Stimmzettelwahl durchgefuehrt. Hierbei bekundeten die Bueroangeutellten
ihren .Vunsch, von einer Gewerkschaft vertreten zu werden, die sich ausschliesslich den Probienen der kaufmaennisehen und Bueromitarbeiter widmet.
Das grosse 3. 36 Boi.iber-',.'erk der Consolidated Vultee Aircraft Corporation in Port V.'orth, Texas, war ebenfalls der 3chauplatzeines Organisations'jieges der allamerikanischen Gewerkschaft der Bueroangestellten. Mehr als 1500 Mitglieder des Büropersonals dieses Werkes wandten
sich im letzten SoTjner der Allamerikanischen Gewerkschaft der Bu-.roangectellten zu und sti.inten in einer V/ahl dafuer, dass sie durch diese
Gewerkschaft bei Verhandlungen fuer bessere Angestelltenbedingungen vertreten sein wollen.
Andere bedeutsame kaufmaennische Gruppen wurden neuerdings unter das
Banner der Allamerikanischen Angestellten Gewerkschaft gebracht wie etwa
das Büropersonal solcher Werke wie die Capital Transit Company in
Washington D.C., die Chicago Pneumatic Tool Company in Utica N.Y., die
Kennecott Copper Corporation in Bingham Canyon/ütah, die A.P. Controls

- 4 -

�Corporation in llilwaukee, die Cities Service Refining Corporation,
Verwaltuugsbuero in Lake Charles/Louisiana, die Abercombie and Fitch
(..'arenhaus) in New ^fork City und die Permanent Hospitals in Vallejo
und Ean Francisco, Kalifornien.
Diese ve schiedenen Firr.er. werden erwaehi.t, um ein Bild von der
Verbreitung der kaufmaennisehen Organisation zu geben, und zwar sowohl geographisch als auch hinsichtlich der verschiedenen Industriegruppen.
In Kanada hat rut ueber die Ilaelfte des kaufnaennicchen Personals
in der beherrschenden Papier- und Eellstoif-Indu3trie dieses Landes die
Alla.nerikanische Angestellten Union als ihren Verhandlungsvertreter erwaehlt, sie geniessen bereits verbesserte Gehaeiter und hervorragende
Arbeitsbedingungen.
Diese Organisation ist. in Kanada jedoch nicht allein auf die kaufmaennischen Angestellten dieser Industrie beschraenkt. Die Bueroangestellten der Dominion "Tabana °re Company Ltd. von Bell Island, einer
Insel, die vor der Tordkue3te Neufundlands liegt, hoerten von der
Allamerikanisc en Angestellten-Union und geniessen bereits die Vorteile der Kollektiv-Verhandlungen ihrer oertlichen Gewerkschaft auf diesem entlegenen Eiland. Der ka fmaennische Stab der Niagara Hydro Electric, ein Bauprojekt, hat eine Ortsgewerkschaft der Allamerikanischen
Union eingerichtet und hat -.Tesentliche Verbesserungen ihrer Loehne und
Arbeitsbedingungen erzielen koennen.
Andere juengere kanadische Organisationen haben den Buerostab der
Canadian I:on Foundries von Thrce Rivers,Quebec, und die Dominion Foils
Company in der gleichen Stadt, das St. Lawrence Alloy3 lerk in Eeauharnols/
^uebec, die Comstock Engineering Conpany in Toionto und viele andere
gewerkschaftlich organisiert.
Die grosse Aufgabe dieser allamerikanischen Union ist es, an '..en
Grundsaetzen, auf die die Gewerkschaft ge^ruendet wurde, festzuhalten
und weiterhin den Angestellten aller Industrien in beiden Laendern eine
echte Gelegenheit zu bieten, ihr rirtschaftliches ",','ohlergehen durch
Kolle'- tiwerhandlur.gon zu verbessern und dabei ihre Eigenart zu bewahren und zu foerdern.
J=den Tag wender: sich kaufmaennische Angestelltengruppen bei der
Suche n".ch ein-jr Antwort auf ihre wirtschaftlichen Probiene und, nachdem sie von den Erfolgen anderer kaufnaenr.ischer Gruppen gehoert haben,
schliessen sich der Allamer^kanischen Union an. Das ist die Loesung.
Wie die Organisation koerperlich waechst, so waechöt sie auch in der
Statur, d.h. in dem, was sio vorstellt.
Sie sa me",t staendig '.vertvoile Erfahrungen und bildet ^eschickte
fachmaer.nische üepraesentar.ten aus, die faehig sind, der. neuerdings
organisierten kaufmaennischen Gruppen beizustehen, wenn sie ihren speziellen Berufsprobleren wirksam gegenuebertreten wollen.
Die Notwendigkeit zur Entwicklung entsprech-nder Forschungs- und
Erziehungsabteilun_en darf nicht uebersfther. werden. Die Allanerikanische Angestellten-Union hat eine zwecknae. si/;e Forschungsabteilung eingerichtet, die von einen erfahrenen Forschungsexperten gefuehrt wird.
Sie will in technischen und enu:ren komplizierten Probienen Beistand
leisten, wie sie avs dem U.w. Lohnst-ibilisi^iungs-i-rogramn herwachsen,
ebenso bei der Notwendigkeit, sich nit den Arbeitsbewertungsproblenen
und anderen grundlegenden Dinjen von besonderen Belang fuer das kaufmaerinicche Personal aur.einan erzu3etze.n.
Ein auf dem lai:f enden gehaltener Kodifizierungs- und Analysierungs-

5 -

�plan aller Vereinbarungen der Union ist eingefuehrt worden, so dass die
Studienergebnisse und Informationen ueber spezielle Vertragsklauseln
rasch zur Hand sind und laufend beraten werden koennen vor allem in Bezug
auf Forn und Aenderungen der Verhandlungsart oertlicher Gewerkschaften
der Angestellten-Union in den verschiedenen Industrien und geographischen
Gebieten.
Jeden Monat findet Jedes Mitglied der Union in seinem Hausbriefkasten ein Exemplar der offiziellen Druckschrift "The Office V.'orker."
Sie informiert ihn ueber organisatorische Fortschritte, zugestandene
Lohnerhoehungen und viele andere wichtige Dinge, die von unmittelbarem
Interesse fuer ihn und sein Wohlergehen als Bueroangestellter sind.
Die Angestellten brauchen eine entschiedene Orgnnisation. Die Bueround kaufmaennisehen Angestellten, die einen breiten Ausschnitt aus der
Kopfarbeitergruppe bilden, benoetigen das Recht, durch Kollektiwerhandlungen an den Entscheidungen ueber ihre Gehaeiter und ueber ihre Arbeitsbedingungen am Ort ihrer Beschaeftigung teilzunehmen.
Sie koennen ihre Ziele erreichen ohne Aufgal3 ihrer Wuerde oder
ihres Ansehens durch ihre Ortsgewerkschaften derA^lamerikanischen
Angestellten-Uni&amp;h, die sich ausschliesslich aus Buero- und kaufmaennischen Angestellten zusammensetzt und sich ausschliesslich ihren Problemen widmet - die (AFL) Union der Bueroangentellten,
"The American Pederationist", Vol. 59» No. 4

Boris Shiskin: Wirtschaftsberater der American Pederation of Labor
Produktivitaet - die quelle unserer Staerke
Wenn wir Gueter produzieren und Dienstleistungen schaffen, so zeugen wir damit Wohlstand. Amerika mit seinen 150 Millionen Menschen
setzt auf diese Weise das Doppelte um wie Westeuropa mit seinen 275
Millionen Menschen.
Unser Land verfuegte ueber viele Vorzuege. Zunaeohst einmal ist es
-reich an natuerlichen Hilfsquellen. Nutzholz, Eisen, Kupfer, Oel und eine
reiche Zahl anderer Rohstoffe ruhen innerhalb unserer Landesgrenzen und
warten auf ihre Erschliessung. Und wir erschlossen sie. Wnehrend die
meisten europaeischen Laender fuer viele ihrer Industrierohstoffe von der
Einfuhr aus Uebersee oder dem Ausland abhaengig waren, fanden wir den
groessten Teil unseres Bedarfs im eigenen Land.
Ein weiterer gewaltiger Vorteil wax die Einheitlichkeit der Vereinigten Staaten. Innerhalb unseres Landes herrschten weder Sprachschranken
noch Zollnauern. Ein Fabrikant in Michigan konnte seine Produkte, wenn
er wollte, in Oregon, Louisiana oder Maine verkaufen. Ein Obstzuechter
in Kalifornien brauchte sich keinerlei Sorgen zu machen ueber eine "ausgeglichene Handelsbilanz" fuer seine Produkte etwa gegenueber den Maschinen, die er vielleicht in Michigan kaufen nusste, wie es etwa ein italienischer Zuechter muss, wenn er seine Erzeugnisse nach der Schweiz, Italien
oder nach den Vereinigten Staaten verkaufen will.
Der dritte grosse Vorteil war unser Wettbewerb- und Unternehmersinn.
Waehrend der Wettbewerbsgeist die Ja.«rd nach neuen, besseren und billigeren Methoden wach hielt, haben wir Gesetze beschlossen, die den freien
Wettbewerb vor dem '.Vuergegriff der Monopolwirtschaft schuetzen.
U n s c vierter Vorteil war das allmaehliche Entwickeln und Wachsen
der Organisatior.staetigkeit der amerikanischen Arbeiterschaft mit dem
Ziel, dem Einzelnen einen fairen Anteil an den Pruechten der Produktion

- 6 -

�zu sichern. Die Maschine hatte denflussund den Schmutz des industriellen Lebens mit sich gebrächt. In ihrem Kielwasser folgte die Ausbeutung, der staendige Druck nach mehr Arbeitsstunden, der unerbittliche
Druck um niedrigere Loehne. Hier rausste ein Gegengewicht geschaffen
werden. Und der Ansatzpunkt fuer den ausbleichenden Hebel kam mit den
Kollektivtarif-Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Waehrend das organisierte T/irken der Arbeiterschaft diese lebenswichtige Handhabe fuer einen gorechteren Anteil am Industriefortschritt
schuf, ermoeglichte die freiwillige Selbstorgani3ation der Arbeiter
auch ein ausgeglicheneres Wachstum unserer gesamten industriellen Ge*meinschaft. Von der Stroemung des 19. Jahrhunderts mit ihren Forderung
nach schulgeldfreien Volksschulen bis zu der Bewegung des 20. Jahrhunderts fuer soziale Sicherung und besseres V.'ohnen, ist es die ununterbrochene Benuehung der Arbeiterschaft gewesen, die dazu beitrug, die vermehrte Produktion in bessere Lebensverhaeltnisse umzuformen.
Wenn eine Fabrik, uie 1000 Einheiten am Tag fertigte, heute 1 200
Einheiten mit derselben Arbeiter- und Stundenzahl taeglich herausbringen
kann, dann oager wir, dass die Produktivitaet um 20$J zugenommen hat. Das
kann ermoeglicht worden sein durch bessere Maschinen, durch den reibungsloseren Ablauf der Herstellung und durch guenstigere Produktionsmetho^en, oder eine Verbindung dieser und anderer Faktoren.
Produktion ist das Ausmass der produzierten Gueter selbst. Hoehere
Produktion kann das Ergebnis des Einsatzes einer groesseren Zahl Arbeiter
oder einer laengeren Arbeitsdauer sein. Sie ist nicht notwendigerweise
das Ergebnis einer ;roeoseren Nutzleistung. Sie kann naemlich mit Hilfe
von mehr Menschen und einem laengeren Arbeitsplan erreicht werden, selbst
bei einer absinkenden Nutzleistung des Einzelnen.
Produktivitaet ist der Wert der Produktion je K0pf und Arbeitsstunden! n i * anderen Worten: der Umfang der Produktion je Kopf und Zeiteinheit. Die industrielle Produktivitaet ist das Produktionsmass Je Kopf
und Stunde. Eine Aenderung in der Produktivitaet gibt das llass fuer die
Veraenderung der industriellen Nutzleistung. Steigende Produktivitaet
bedeutet, dass die Erzeugung leistungsfaehiger geworden ist und weniger
kostet.
Wenn die gleiche Zahl Arbeiter, bei unveraenderter GesamtStundenzahl, mehr Einheiten des gleichen Produkts erzeugen kann, so fallen die
Herstellungskosten je Einheit, denn jede Einheit kostet herstellungsmaessig weniger. Wenn die Produktionskosten, sagen wir einer Taschenlampe, auf diese Weise von einem Dollar auf 80 Cents je Stunde herabgedrueckt werden koennen, dann betraegt der Gewinn aus der gesteigerten
Produktivitaet 20 Cents an jeder Einheit« Dieser gesamte Gewinn kann
als erhoehter Nutzen fuer den Fabrikanten in Erscheining treten. Wenn
die Loehne fuer die Arbeiter, die diese Taschenlampe fertigen, gleich
bleiben und ebenso der Preis der gleiche bleibt, so wuerde der Profit
des Unternehmers je Taschenlampe um 20 Cents steigen.
Ebenso kann aber auch der ganze Gewinn der Produktivitaet in hoehere
Loehne umgewandelt werden. Oder es koennte dazu dienen, die Preise des
Erzeugnisses zu senken. Oder der Ertrag der vermehrten Produktivitaet
koennte in dreiflichtungenaufgeteilt werden» al3 hoeherer Unternehraergewinn, als hoeherer Lohn fuer den Arbeiter und als gesenkter Preis fuer
den Verbraucher.
Auch die gesteigerte Produktivitaet der Wirtschaft als Ganzes kann
in gleicher V/eise gemessen und beurteilt werden wie die Produktivitaet
des einzelnen Unternehmers. Der Wert der gesamten Produktion unserer
ganzen Wirtschaft, den jeweiligen Preisschwankungen angepa;st, repraesentiert den tatsaechlichen Wert der Gueter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Zeitabschnitts erzeugt und geschaffen wurden.

- 7

�Die Produktivitaet der amerikanischen Wirtschaft war in einem stetigen Aufstieg begriifen. Im privaten Sektor der Wirtschaft unter Auslassung der ausgesprochenen Regierungsdien^tleistungen und der Wehrmacht
stand der jaehrliche Anstieg der Produktivitaet zwischen 1909 und 1941
auf den Durchschnittssatz von 2,1^. Dies ist natuorlich nur ein Durchschnitt. Depressionen, d.h. wenn weniger Kapital in neuen Ma3chinenanlagen investiert wird, verlangsamen das Tempo, solange sie andauern,
sie zeigen ihre Wirkung meist erst spaeter. In anderen Jahren hat es
Spruenge nit überdurchschnittlichen Steigerungen gegeben. Aber dieses
Bild zeigt, dass bei einer* Aufrechterhaltung dieses durchschnittlichen
Prozentsatzes der industriellen Vervollkommnung die Nutzleistung in
ungefaehr 50 Jahren verdoppelt werden kann.
Seit Ende des letzten Krieges ist dieser Prozentsatz der zunehmenden Produktivitaet bedeutend angestiegen. Seit 1949 stieg die Produktivitaet konstant mit etwa 5"i/j i m J-hre an. Wenn dieses Tempo einer steigenden Produktivitaet beibehalten wird, so kann die Leistungsfaehigkeit schon
in 20 Jahren verdoppelt werden,
Dis Produktivitaet ist daher die quelle, au:, der eine ganze ITi-.tion
schoepfen kann, um eine allgemeine wirtschaftliche Besserstellung herbeizufuehren. Entscheidend Jedoch fuer Erfolg oder Uisslingen der
Uebertragung der erhoehten Produktivitaet in einen besseren Lebensstandard ist die Faehigkeit, den Nutzen der verbesserten Produktivitaet
in eine wirtschaftliche Besserstellung fuer alle zu verwandeln. Durch
Mehrproduktion mit geringeren Konten ist es moejlich, sowohl den Unternehmergewinn als auch die Loehne ohne Preissteigerung zu erhoehen.
Die steigende Produktivitaet in der amerikanischen V/irtschaft
spiegelt wirksame Kraefte wider, die weitreichender sind al3 die verbesserte Leistungsfaehikeit im Rahmen eines einzelnen Werkes, einer
liine oder eines anderen erzeugenden Unternehmens. Die neue Technologie
(technische Wirtschafts- und Gewerbelcunde) hat das Tempo de3 Wirtschaftslebens ueberall beschleunigt, Wo Handel und Gewerbe vor 50 Jahren ohne
Stromlinienbahnen, Fernlagtzuege, Eil-Luftfracht und Luftpost betrieben
wurden, spielen sie sich heute unter ilithilfe all dieser zusaetzlichen
Schnelligkeit ab, plus Fernschreiber und Fern-Schnellsprechdienst. Die
Schnelligkeit der Bewegung und Verbindung allein hat schon die Leistungsfaehigkeit der Wirtschaft gesteigert. Die moderne Technologie hat uns
neue Stoffe und neue Produkte geschenkt, ebenso neuartige Maschinen geschaffen, die die Produktion besser und schneller gestalten koennen.
Die groesste oekonomische Frage unserer Zeit ist nun die: Wie koenner vir am besten diese bessere Wirtschaft sorg- nisation in hoehere Realeinkommen umwandeln? Wie koennen wir die zunehmende Menge neuer Produkte in die finanzielle Reichweite einer groesseren Anzahl Lienschen
bringen, die sie brauchen und in der Lage sein moechten, sie zu kaufen?
Die amerikanische Gewerkschaftsbewegung erkannte fruehzeitig die
fundamentale ./ichtijkeit der Beziehungen zwischen Lohn und steigender
Produktivitaet. Schon vor mehr als einem ViertelJahrhundert nahm im Jahre 1925 die T-.jung der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation (Al'L)
folgende Resolution an, die von dem Delegierten John P. Frey vorgeschlagen wv rde.
"Soziale Ungleichheit, industrielle Unstabilitaet und Ungerechtigkeit muessen wachsen, wenn nicht die Realloehne der Arbeiter und die
Kaufkraft ihrer Loehne, gepaart mit einer staendigen Verminderung der
Arbeitsstunden am Ts?g, im Verhältnis zu der zunehmenden menschlichen
Produktionskraft weiter entwickelt und vorangetrieben werden."
Die Amerikanische Gewerkschaftefoei ration, die eine Anzahl Studien ueber das Verhaeltnis zwischen Lohn und Produktivitaet durchfüehrte,
schlug als "moderne Lohnpolitik der organisierten Arbeiterschaft" eine
solche vor, die die erhoehte Produktivitaet in hoeheren Loehnen widerspiegelt.
8

�Als ein Teil des (grossen Gesantprogramna der wirtschaftlichen
Stabilisrung waehrend der gegenwaertigen Abwehrperiode hat die Arbeiterschaft das Lohnstabilisierungsprogramm angenommen und unterstuetzt«
Jedoch hat die Arbeiterschaft von Anfang an mit der Zustimmung mur
Lohnkontrolle als Teil einer breiteren Abwehr gegen jede Inflation die
Notwendigkeit dargelegt, dass Lohnerhoehungen, die die gesteigerte Produktivitaet widerspiegeln, zuzulassen sind.
Schon am 11» Januar 1951 erklaerte ein gemeinsamer Bericht, der
dem Lohnstabilisierunrrsamt von den Gewerkschaften vorgelegt wurdet
"Der jetzige Verkaufsmarkt macht es offensichtlich, dass eine
Herabsetzung der Kosten je Produktionseinheit, die sich aus .verbesserter Leistungsfaehigkwit ergeben hat, nie t dazu fuehrt, die Preise zu
senken. Die Ablehnung einer Lohnanpassung an den industriellen Fortschritt wuerde daher nicht den Verbrauchern zugute komnen, sondern
allein zur Vermehrung des Unternehmergewinns dienen.
Das Hichtzustandekommen einer Vereinbarung ueber die Zulaessigkeit
einer Lohnanpassung, sei sie in bestehenden Vertraegen festgelegt oder
in kuenftigen vereinbart, wuerde ein Eingriff dieses Amtes in die
Verteilung des Nationaleinkommens zun Schaden der Arbeiteranteile und
zum Nutzen des Geschäfts- und Direktorialeinkoncens darstellen. Dies
wuerde eine schmerzliche Ungerechtigkeit gegenueber den Arbeitern sein,
deren Rolle in Produktionsprozess 30 lebenswichtig ist.
Eine Beteiligung an den Ertraegen des industriellen Fortschritts
und gesteigerter Produktivitaet wuerde erheblich zur Foerderung der Moral und der Leistungsfaehigkeit der Arbeiter beitragen und dabei gleichzeitig die wirtschaftliche Stabilitaet staerken."
i'uenf llonate spaeter handelte das Lohnstabilisierun^samt nach diesem
Vorschlag, aber in zweischneidiger 7eise, Es gab die Erlaubnis zu geringen,
aber
auf der steigenden Produktivitaet basierenden Lohnerhoehungen,
jedochnur bei Abkommen, die vor dem 26, Januar getroffen waren.
Das Ergebnis war ein doppelseitiger Zustand. Arbeiter mit vor dem
26. Januar 1951 abgeschlossenen Tarifvertraegen konnten Lohnerhoehungen,
die sich auf die cteigende Produktivitaet gruendeten, erhalten. Diejenigen, die keine entsprechenden Schritte vor diesem Stichtag unternom.'iwn hatten, bekamen solche Lohnerhoehungen jedoch nicht.
Im Oktober 1951 legten die Gewerkschaftsmitglieder des ^ohnstabilisierunjsantes eine Entschliessung vor, die dringend eine Politik forderte, die die Produktivitaetslohnerhoehungen fuer alle Arbeiter zuliess.
Das Lohnstabilisierungsamt unterliess es jedoch, die noetigen Schritte
zu unternehmen. Am 26, Hai eroeffnete der Vorsitzende des Lohnstabilisierungsamtes, Nathan Feinsinger, eine dreitaegige Beratung, um das
Fuer und Wider dieser *'rage zu erwaegen. Die Amerikanische Gewerkschaftsfoederation erbrachte bei dieser Beratung den Nachweis, dass das Amt
voll und ganz berechtigt sei, Lohnerhoehungen auf Grund der gestiegenen
Produktivitaet in einem Ausnass bis zu ll£ zu bewilligen, wenn solchen
Erheohungen von der Gewerkschaft und der Geschaeftsleitung zugestimmt
worden i3t.
Der Antrag der Amerikanischen Gewerkschaftsfoederation war mit der
Tatsache begruendet, dass sich die Produktivitaet in der amerikanischen
Wirtschaft als Ganzem pro Kopf und Jtunde zwischen 1949 und 1950 um
5,97^» zwischen 1950 und 1951 um 5»4^' erhoeht hatte. Es wurde dargelegt,
dass waehrend dieser zweijaehrlgen Periode von 1949 bis I95I die Produktivitaet in der privaten '.Virtschr.ft um 11,67' stieg. Auf dieser Grundlage hielt es die Amerikanische Gerrerkschaftsfoederation fuer ebenso gerecht wie notwendig, dass das Amt eine allgemeine Anordnung erlaesst, die

- 9 -

�Produktivitaetslohnerhoehungen von maximal 11$« zulae3st.
'.Yenn das Amt durch die Anordnung, Produktivituetslohnarhoehungen
im Rahmen von llfi als Ergebnis kollektiver Verhandlungen zu genehmigen
erlauben wuerde, so wuerde es im Effekt den Arbeitern gestatten, gleichen Schritt mit ihrem Anteil an der steigenden Produktivitaet fuer die
Periode 1?49 - 1951 zu halten. Der Antrag war also nicht gegruendet
auf Llutmassungen oder irgendeine Schaetzung', wie hoch die kuenftigen
Aenderungen in der Produktivitaet sein koennten, er ist vielmehr gegruendet auf die feststehende Tatsache, dass waehrend dieser zweijaehrigen
Periode, in der die Produktivitaet anstieg, es den Arbeitern nicht
genehmigt wurde, an dem Nutzen dieses Aufschwungs ihren berechtigten
Anteil zu erhalten,
Lohnerhoehungen, gegruendot auf Produktivitaetsgewinnen, sind
keineswegs inflationistischer Natur, Selbst wenn die Preisebene waehrend der vergangenen 50 J- hre gestiegen ist, so liegt das wirkliche
Einkommen pro Kopf heute im V.rhaeltnis von 2J zu 1, verglichen mit der
Lage vor einen halben Jahrhundert. Durch Erfahrung ist bewiesen worden, dass der beste V.'eg, wie sich die Produktivitaetsgewinne in einen
hoeheren Lebensstandard umwandeln koennen, der ist, den Arbeitern zu
genehmigen, sich an dem Produktivitaotsgewinn durch angemessene Lohnerhoehungen zu beteiligen.
Es muss vollkommen klargestellt werden, dass dieser Vorschlag nicht
die Absicht vertritt, die Produktivitaetsgewinne voll und ganz in
hoehere Loehne umzuwandeln. Angenom.-.en, die unmittelbaren Arbeitskosten
je Einheit belaufen sich auf 30;' des '..'ertes des Fertigprodukts. Ein
ll^iges Ansteigen der Loehne wuerde im Verhaeltnis zur Produktivitaetostei^erung nicht mehr als den Arbeitsante. 1 am Produktivitaf;tsgewinn
erfordern, ein Anteil, der nur ein Bruchteil des gesamten Gewinnes ist«
Im Falle der Erzeugung von 111 Einheiten pro Kopf/stunde anstatt
100 wird es moeglich, eine solche Lohnerhoehung, die sich uuf gestiegene Produktivitaet gruendet, ohne weiteres zu gewaehren und trotzdem
die Arbeitsko:ten pro Einheit des Erzeugnisses nicht hoeher gleiten zu
lassen, sondern auf dem bisherigen Stand zu belassen.
Gesteigerte Produktivitaet bedeutet nicht, dass die Arbeiter einer
angespannteren Anstrengung unterworfen werden. Im Gegenteil, die' zusamnengefassten Ergebnisse einer besseren Technologie, vorteilhafterer
Organisation der Erzeugung und hoehere fachliche Fertigkeiten haben
es moeglich gemacht, eine ueberlange Arbeitszeit zu verkuerzen, ebenso
die Loehne zu erhoehen un dadurch die Realeinkommen staendig zu erhoeher..
7/enn eine gesteigerte Produktivitaet nicht von einer Steigerung
des Realeinkommens begleitet ist, so kann die Kaufkraft nicht mit der
erhoehten Srzeugurigsmoeglichkeit Schritt halten. Es ist in hohem Kasse
lebenswichtig, sicherzustellen, da-ss nach Ueberschreiten des Gipfelpunktes der Abwehrproduktion noch eine genuegende Kaufkraft verfuegbar
ist, um einen vollen Fluss der zivilen Produktion nach Durchfuehrung der
^bwehrmassnahnen zu gewaehrleisten. "le USA werden sicher einmal einer
Versetzung und Aufloesung gegenueberstehen, wenn sie den Loehnen nicht
zugestehen, die juengsten Produktivitaetsgewinne aufzuholen.
Das Ziel der Amerikanischen Gewerkschaltsioederation ist eine
lljiige Steigerung der Loehne, die Produktivitaetsgewinne von 1949
bis 1951 begruenden diese Forderung, Das Lohnstabilisierungsamt sollte
eine solche Erhoehung bewilligen, sie sollte verwirklicht werden durch
das Instrument gemeinsamer Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Unternehmer.
Steigende Produktivitaet ist die quelle der Staerke der gesamten
'•Virtschaft, Produktivitaetslohnerhoehungen sind das üittel, um diese
-

10

�Quelle zu den Lebenswurzeln des zukuenftigen Wachstums Amerika» zu
leiten.
"The American Federatlonist",
Vol. 59/No. 6

Das Senioritaetsrecht der amerikanischen Arbeiter.
Der amerikanische Arbeiter schaetzt die Vorteile, die ihn auf Grund
seiner Senioritaet zuteil werden, ueberaus hoch. Das Senioritaetsrecht
ist ein Recht des Dienstalters - je laenger jemand bei einen Unterne'jnen
oder in einer Industrie beschaeftigt ist, umso hoehere Hechte hat er,
er kann z.B. erst dann entlassen werden, wenn alle mit einer gleichartigen Arbeit beschaeftigten Kollegen, die nach ihm in den Betrieb eintraten, entlassen worden sind. Bei liassenentlassungen hat er auch bei
Neueinstellungen das Hecht, bevorzugt wieder eingestellt zu werden diese Holle auf Grund des Dienstalters wird in den amerikanischen
Tarifvertraegen durch den Ausdruck ".Senioritaetsrecht" wiedergegeben.
Diese Hechte sind zumeist c*urch Tarifvertraege geschaffen worden, zuweilen sind sie auch durch die Initiative einzelner Arbeitgeber moeglich.
Das Senioritaetsrecht kann fuer die Dauer des bezahlten Urlaubs
oder der Kranktage entscheidend sein, 'wenn sie dem Arbeiter zustehenj
ebenso kann es bei Befoerderungen oder Personaleinschraenkungen eine
entscheidende Holle stielen. Die Versetzung in den Pensionsstand und
die Auswahl der Arbeiter fuer Tag- oder Nachtarbeit kann sich ebenfalls n^ch der Senioritaet richten. Der amerikanische Arbeiter schaetzt
vorpllem vier Formen der Vorteile der amerikanischen Senioritaet, die
"Sein taegliches Leben beeinflussen. Es handelt sich hierbei um die
Reihenfolge bei der Entlassung und Befoerderung, den Pensionsanspruch
und den bezahlten Urlaub.
Das amerikanische Amt fuer Statistik hat den Versuch gemacht, die
Wichtigkeit dieser Vorteile festzustellen, die sich aus dem Senioritaetsrecht ergeben und durch Kollektiwertraege wirksam wurden. Im Juni 1951
sind 330 Kollektiwertraege, die fuer 4 Millionen Arbeiter gelten, genauestens geprueft, ueber das Ergebnis wurde eine Studie zusammengestellt.

Befoerderungen.
Die Reihenfolge, die bei Entlassungen und Befoerderungen eingehalten werden muss, zaehlt zu den Vorteilen, die 3ich auf Grund des
Senioritaetsrechtes gegenueber anderen Arbeitern ergeben. Die Gewerkschaften bestaetigen, dass es sehr schwierig ist, die Peststellung zu
treffen, wem der Vorrang zu geben ist, zumal keine Vergleichsmethoden
existieren» Sie treten jedoch dafuer ein, der Zahl der Dienstjahre eine groessere Bedeutung fuer Befoerderungen zuzumessen, als auf Grund von
Verdiensten. Die Arbeitgeber hingegen sind der Meinung, dass, wenn man
sich bei Befoerderungen ausschliesslich auf das Dienstalter stuetzt, man
Gefahr laeuft, fuer gewisse' Arbeiten wenig leiatungsfaehige oder ungeeignete graefte aufsteigen zu lassen.
Die Rolle, die das Dienstalter fuer die ^rage der Befoerderung
spielt, ist in ungefaehr 60# der Vertraege genau festgelegt, sie umfassen 52;$ der Arbeiter, die in dieser Studie beruecksichtigt wurden.
Die meisten Vertraege fordern durchweg die Geeignetheit oder bestimmen, dass die Arbeiter fuer den hoeheren Posten die benoetigte Leistungsfaehigkeit haben muessen, wenn das Dienstalter bei der Befoerderung
den Ausschlag geben soll.
11

�Entlassungen und Wiedereinstellungen.
Die Aufstellung einer Entlassungsordnung, die sich auf den
Senioritaetsrecht aufbaut, ist fuer ungefaehr 74$ der Vertraege vorgesehen und betrifft 56$ der Arbeiter. Gemaess diesen Bestimmungen muesste
grundsaetzlich der zuletzt eingestellte Arbeiter zuerst entlassen werden. Beinahe die Haelfte dieser Vereinbarungen betonte jedoch ausdruecklich, dass das Personal mit dem hoechsten Dienstalter in der Lage sein
muss, die geforderte gute Arbeit zu leisten. 12?' der geprueften Vereinbarungen, die sich auf 500 000 Arbeiter erstrecken, lassen die Bevorzugung des Dienstalters nur dann gelten, wenn die Faehigkeiten der durch
das Senioritaetsrecht geschuetzten Arbeiter gleichwertig sind. Die
Industrien der Serienproduktion (z.B. Apparate, Steine, Ton, Glas, Petroliumraffinaden, Lebensmittel und aehnliches) und das Transportwesen legen dem Dienstalter bei Entlassungen den groessten V?ert bei. 95$ der
Arbeiter, die den geprueften Vereinbarungen unterliegen, sind in diesen
Industrien beschaeftigt. In der Tabak-, Textil, Gas- und Elektrizitaetsindustrie betraegt der Anteil 75$» i n d e r Verpackungs- Papiertind Metallbearbeitungsindustrie 50$. Die Bauindustrie ist die einzige,
die auf das Senioritaetsprinzip bei Entlassungen keinerlei fiuecksicht
nimmt, was hauptsaechlich auf den Saisoncharakter der Arbeit in dieser
Industrie zurueckzufuehren ist. In der Bekleidungsindustrie ist die Berücksichtigung des Senioritaetsrechtee bei Entlassungen ziemlich selten,
es herrscht dort die Gewohnheit, waehrend der flauen Zeit verkuerzt zu
arbeiten.
Im allgemeinen richtet sich die Wiedereinstellung von Arbeitern
nach dem Senioritaetsprinzip; die Arbeiter mit der hoechsten Senioritaetsstufe werden somit als erste wiedereingestellt.

Pensionen und bezahlter Urlaub.
Pensionen und bezahlter Urlaub gehoeren ebenfalls zu den Vorteilen,
die ein Arbeiter durch ein Senioritaetsrecht fuer sich selbst beanspruchen kann. In diesem Fall ist es nicht erforderlich, mit anderen
Arbeitern verglichen zu werden.
Ungefaehr zwei Drittel der Arbeiter profitieren von dem Pensionssystem, dass sich auf eine bestimmte Anzahl Dienstjahre stuetzt. Die
meisten Pensionssysteme werden durch Tarifvertraege eingefuehrtj diese
Vorteile treten zu der Altersrente, die durch die Sozialversicherung gewaehrt wird, noch hinzu.
Die Dauer des bezahlten Urlaubs bildet einen weiteren wesentlichen
Vorteil fuer den Arbeiter. Kehr als 70$ der Arbeiter haben Anspruch
auf bezahlten Urlaub, dessen Laenge sich nach den Dienstjahren richtet,
wobei der Tarifvertrag die Einzelheiten festlegt.
Im Augenblick gibt es weder ein industrieweites noch ein bezirkliches Einheitspro^ramn, die Senioritaetsrechte der Arbeiter, die in
die Verteidigungsindustrie uebernommen worden sind, zu sichern. Jedoch
sehen verschiedene Vereinbarungen die Aufrechterhr.ltung dieser ursprünglichen Senioritaetsrechte vor, sobald die eigentliche Arbeit wiederaufgenommen wird, falls vorher eine Ueberweisung in die Verteidijungsindustrie
stattgefunden hat. Dies gilt jedoch nur, wenn die Ueberweisung auf Veranlassung einer Regierungsstelle erfolgte.
(Studie des amerikanischen Staatsministeriums
fuer Arbeit)

-

12

�Pruefung der Wirtschaftsfreiheit.
Was hat das amerikanische freie Unternehmer tum eigentlich dem
Arbeiter gebracht? Lies ist eine sehr heikle Trage - wobei die Sozialisten ihr System als das bessere anpreisen, waehrend die Kommunisten
behaupten, dass der amerikanische Arbeiter ausgebeutet wuerde,
Zunaechst einige grundlegende Betrachtungen. Kein Wirtschaftssystem kann zum Erfolg fuehren, wenn es nicht echten Beduerfnissen
entspringt. In Amerika wurzelt der wirtschaftliche Ansporn im natuer—
liehen Wunsch des llenschen zur persoenlichen Leistung. Gewisse wirtschaftliche Hechte sind sichergestellt, so dass jeder die rolle Freiheit hat, das Erwuenschte in die Tat umzusetzen. Das Recht, sich Besitz
zu erwerben oder einen bestimmten Beruf auszuwaehlen, sich mit irgendeinem
Geschaeft zu befassen und angemessen zu Terdienen, eine Organisation aufzuziehen und gemeinsam um hoehere Loehne und soziale Vergünstigungen
zu verhandeln oder eine Handelsgesellschaft zu gruenden. Leiter hat
Jeder das Hecht, Vertraege abzuschliessen, sei es zwischen Firnen untereinander oder zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern) das Hecht, ein
Geschaeft zu fuehren, bedeutet die Anerkennung des freien Wettbewerbs«
Und ueber allem hat jeder einzelne das Hecht, nach eigenem Gutduenken
zu handeln und eigene wirtschaftliche Entschluesse zu treffen. Alle
diese Rechte bilden das Fundament der persoenlichen Initiative und der
Verantwortlichkeit, die den wirtschaftlichen Fortschritt ausmachen.
Ein anderer Faktor ist dabei auesserst wichtig: Der freie Markt,
der sich rauenlich ueber ein Gebiet von drei LIillior.en ^uadratmeilen
ohne jede Zolltarifbeschraenkun^en oder Waehrungsuntersehiede ausdehnt,
bedient heute 150 Millionen Llenschen.
Dadurch ist es der Industrie moe.;lich geworden, durch Massenproduktion die Kosten zu senken und somit hochwertige Erzeugnisse zu
Preisen zu verkaufen, die die Arbeiter anlegen konnten. Hohe Loehne
haben die Kaufkraft geschaffen, die zur Aufrechterhaltung der Massenproduktion notwendig ist.
In diesem weltoffenen freien Markt steht es Jedermann frei, seine
Talente und Faehigkelten zu entfalten. Das freie Unternehmertum entwickelte die Energie und den Schoepfungsgeist von Millionen massgebender
Mitbuerger, um Werkzeuge, Maschinen und industrielle Einrichtungen zu
schaffen, die den Arbeitern einen hohen Lebensstandard ermoeglichen«.
Der Wettkampf der Unternehmen untereinander gab dem Geschaeftsmann ganz
allgemein den Ansporn, das bestmoeglichste Erzeugnis zu moeglichst geringem Preis auf den Markt zu bringen, die Erzeugnisse staendig zu verbessern und neue Artikel herauszubringen, die dem Beduerfnis der Verbraucher angepasst sind. Millionen Verbraucher haben durch ihre Auswahl
unter den miteinander in Wettbewerb stehenden Erzeugnissen des freien
Marktes bestisimt, was produziert werden soll und welche Unternehmen produzieren sollen« Hicht leistungsfaehige Firmen wurden dadurch vom Markt
ausgeschlossen} ein hoher Standard industrieller Leistungofaehi^keit, der
zur Erhaltung eines hohen Lebensstandards erforderlich ist, wurde dadurch
zwangslauefig aufrechterhalten. Zwar wurde der Wettbewerb zuweilen durch
monopolistische industrielle Zusanmenschluesse behindert, jedoch trugen
die Anti-Trust-Gesetze viel dazu bei, um dies zu verhueten. Im ganzen
gesehen, ist es aber im vergangenen halben Jahrhundert auf G und des Wettbewerb ssystems moejlich gewesen, den Markt mit einem reichhaltigen Angebot qualitativ guter Erzeugnisse zu versorgen und zwar zu Preisen, die
die Kehrzahl der Bevoelkerung bezahlen konnte.
Vor hundert Jahren hat der amerikanische Durchschnittsarbeiter nicht
mehr als 31 Cents in Form des Produktionswertes pro Arbeitsstunde, gemessen
am Dollar in heutiger Kaufkraft, erzeugt. Trotz langer Arbeitszeit waren
seine Loehne sehr niedrig, weil er nicht genug herstellen konnte, um sich
-

13

-

�einen angemessenen Lohn zu sichern. Aber der Anreiz zur Produktionssteigerung war gross - sowohl fuer die Unternehmer als auch fuer die
Arbeiter, Allmaehlich wurde durch neue Maschinen urd neue Arbeitsmethoden die Produktion Je Kopf und Stunde erhoeht. Das Wettbewerbssystem
belohnte die besten Unternehner. Um I890 erzeugten die Arbeiter 53
Cents in Form de« Produktionswertes pro Arbeitsstunde und erhielten 48
Cents Stundenlohn, gemessen in Dollar der heutigen Kaufkraft,
In Jenen Tagen war die noch in den Anfaengen steckende Gewerkschaftsbewegung nicht einflussreich genug, um den Arbeitern ihren gerechten Anteil am aufkommenden Wohlstand, der ihnen z* verdanken war,
xu sichern, Di« Produktivitaet stieg in weiteren 20 Jahren um 19
Cents pro Stunde an, die Loehne aber nur um 2 Cents, Als dann waehrend
des ersten Weltkrieges die Gewerkschaften maechtiger wurden, holten die
Arbeiter ihre Verluste ein. Von 1910 - 1920 stiegen die Loehne um 16
Cents Je Stunde, die Produktivitaet um 6 Cents. Von diesem Zeitpunkt
an und besonders durch die wachsende Mitgliedschaft der Bewegung in den
30iger Jahren zwangen die Forderungen nach hoeh:ren Loehnen die Unternehmer, ihre Produktivitaet mehr denn Je- au steigern. Die Loehne hielten Schritt und von 1920 bis 1944 verdoppelte sich sowohl die Produktion
Je Kopf/stunde als auch das Arbeitsentgelt, Waehrend der NachkriegsInflation trat ein Stillstand ein. Obgleich die Unternehmer die Preise erhoehen konnten, um Lohnforderungen auszugleichen, mangelte es an Interesse,
die Kosten herabzusetzen und die Produktivitaet zu erhoehenj die Arbeiter sahen ihre Lohnerhoehungen durch Preissteigerungen zunichte gemacht.
Als aber 1948 di e Preiserhoehungen genauer untersucht wurden, stiegen die
Produktivitaet und di«^Loehne wieder an. Steigende Produktivitaet aber
war schon immer die Grundlage fuer steinende Loehne gewesen.
Die Kaufkraft pro Arbeitsstunde des Fabrikarbeiters - sein Reallohn
naemlich - stieg um das Dreifache in der Zeit von 1890 bis 1950, naemlich von 48 Cents auf I.76 Dollar. Seine Arbeitszeit wurde dabei verkuerzt. Vergleicht man 1900 mit 1950, so kann festgestellt werden, das*
der Wochenlohn des Arbeiters sich verdoppelte, v.aehrend seine Arbeitsstunden in der Woche sich von 55 oder 60 auf 40 reduzierten. Er hatte
also Je T.'oohe 15 - 20 Erholungsstunden mehr zur Verfuegung.
Das amerikanische Arbeitsminlsteriun fuehrt diesen und andere Vorteile auf, die die amerikanischen Arbeiter in den vergangenen 50 Jahren
erreicht haben« im Jahre 1901 blieben einer Arbeiterfamilie, nachdem
sie ihre Ausgaben fuer Nahrung, Kleidung und Wohnung beglichen hatte,
nur I79S ihres Einkommens fuer andere Ausgaben uebrig, wie etwa aerztliche
Betreuung, Ersparnisse, Erholung, Erziehung und Fortbildung, Dies gestattete keinen Luxus, nicht einmal eine genuegende Sicherung bei Notfaellen oder eine angemessene Erziehung der Kinder. Heutzutage steht der
durchschnittlichen Arbeiterfamilie mit 36$ bis 41/S «in viel groesserer
Einkommensbetrag fuer solche Sonderausgaben zur Verfue^-ung - der Jaehrliche
Betrag, der nach Abzug der Kosten fuer die Lebensnotwendigkeiten verbleibt,
ist von 230 auf 1100 Dollar angestiegen, wenn die heutigen Preise zugrundegelegt werden. Das bedeutet, da'ss der Arbeiter heute mehr iloebel oder
Haushaitsgeraete oder sogar ein Auto erwerben kann. Er geniesst eine
bessere aerztliche Fuersorge, er kann mehr Geld fuer Reisen und Erholung
ausgeben, er hat mehr Zeit fuer seine gewerkschaftlichen und kommunalpolitischen Interessen und kann seinen Kindern eine bessere Erziehung geben.
Heute besucht der Durchschnittsamerikaner die hoehere Schule| er besucht
sie heute vier Jahre laenger als frueher, d.h.. heute 12 Jahre, waehrend
er sie 1900 nur 8 Jahre lang besuchte. Der Arbeiter lebt heut« in einer viel besseren Wohnung als frueher. Um 1900 gab es nur in wenigen Arbeiterwohnungen Strom, fliessendes Wasser, Badeeinrichtungen oder wenigstens eine grause, Fernsprecher waren dem Arbeiter etwas Unbekanntes,
Heute sind diese Dinge in fast allen Arbeiterwohnungen eine Selbstverstaendlichkeit geworden, viele besitzen ei«en FernsprecJaanschluss. Vor
50 Jahren waren die Arbeiterwohnungen klein und ueberfuellt, sie lagen oft

-

14

-

�in den Elendsvierteln der Staedte. Jetzt sind viele Slums beseitigt,
wenn es auch noch immer einige gibt. Im Jahre 1901 besessen nur 20$
der Arbeiter Eigenheime, heute sind es etwa 507»«
Eine Arbeiterfamilie von heute kennt eine wesentlich bessere Ernaehrung, sie verbraucht mehr Eier, Vilch und vitaminhaltige Nahrungsmittel wie Zitrusfrüchte; ihre Kleidung ist besser. Sie sind durch
Sozialversicherungen fuer ihr Alter versorgt, sie kennen die Arbeitslosenversicherungen, viele Tarifvereinbarungen der Gewerkschaften sichern
ihnen Pensionen und sorgen fuer Gesundheits- und '/r'ohlfahrtseinrichtungen.
Das gesellschaftseigene Fabrikdorf, in dem Werkbeamte das Leben der Arbeiter beherrschen, ist schnell im Verschwinden. Heute sind die Arbeiter voellig unabhaengig. Das Recht, sich in Organisationen zusanmenzuschliessen, wurde durch Gesetz zugelassen. Tarifverträge seitens gelber "Gewerkschaften", schwarze Listen, die frueher ueblichen Strafmassnahmen gegen Streikende, wurden durch Gesetz ausgemerzt.
Erzeugtes Nationaleinkommen je Arbeitsstunde von 1850 - 1950
(Der Dollar ist auf "Normal"dol]ar mit der Kaufkraft des Jahres
1QSO umgerechnet. )

FABRIK-STUNDENLOHN PRO KOPF

850

1860

1870

1860

1890

1900

1910

1920

1930 1940

1950

Zur labeilet
Die "Produktion je Arbeitsstunde stellt das gesamte produktive Nationaleinkommen dar unter Beruecksichtigung aller arbeitstaetigen Personen.
Der Lohnsatz stellt den Durchschnittslohn des Fabrikarbeiters je Stunde
dar.
Saemtliche Zahlen sind auf die Kaufkraft des Dollar im Jahre
1950 umgestellt, um Preisschwankungen auszuschalten, die Zahlen stellen
also die echte Kaufkraft dar.
#«*
Hinsichtlich der Verteilung des Einkommens hat Amerika in den
letzten 25 Jahren ebenfalls eine friedliche ümwaelzung erfahren. Spitzeneinkommen sind wesentlich geringer geworden, dagegen sind die Arbeiterund andere niedrige Einkommensklassen weit hoeher als bisher am Nationaleinkommen beteiligt. Im Jahre 1929 waren die % Bezieher von Spitzeneinkommen mit 34$ am Gesamteinkommen beteiligt, waehrend dieser Prozentsatz im Jahre 1946 auf fast die Haelfte, naemlich 18$, zurueckging.
Da»'bedeutet, dass die niedrigen Einkommensgruppen, hauptsaechlich also
die Arbeiterschaft im Jahre I946 etwa 25 Milliarden an Einkommen hatten,
das, wenn es prozentual ebenso wie 1929 verteilt worden waere, zu einem
wesentlichen Teil den wohlhabendsten 5$ zugute gekommen waere.

-

15 -

�Alles in allem zeigt dieser Ueberblick ueber die letzten 50
Jahre sehr deutlich die dem Arbeiter erwachsenden Vorteile und
die Neuaufteilung des Einkommens, das die Sozialisten und Kommunisten zwar immer versprechen, aber niemals gehalten haben.

Erzeugung je Kopf in den Vereinigten Staaten und Europa

U.5.A.

EUROPÄISCHE
NATO-LÄNDER
INSGESAMT

ENGLAND

FRANKREICH

ÜBRIGE
EUROPÄISCHE
NATO-LANDER

Ein Vergleich zwischen Amerika und Europa zeigt, warum in den USA
ein hoeherer Lebensstandard moeglich ist. Vor dem zweiten Weltkrieg
betrug die Produktion in den USA das 2 l/3fache derjenigen von Europa - d.h. 1360 Dollar in den,USA und 550 Dollar Produktionswert pro
Kopf in Europa. Die ueberragende industrielle Produktion Amerikas,
ein Ergebnis des freien Unternehmertums, seine Maschinen und Verfahren, seine Massenproduktion und Massenabsatzmaerkte haben es den
Arbeitern ermoeglicht, sich e.inen hohen Lebensstandard zu sichern.
Seit dem zweiten Weltkrieg ist die Produktion pro Kopf um mehr als
50$ angestiegen, in Europa wegen der Kriegseinwirkungen, die zuerst
beseitigt werden mussten, dagegen nur um 5$« Die heutige Produktion
in Amerika betraegt pro Kopf das 3-§-fache derjenigen von Europa: in
den USA ergibt sich ein Produktionswert je Kopf von 2 100 Dollar,
in Europa von 600 Dollar. Es wird erwartet, dass die Produktion in
Europa in einem solchen Masse ansteigt, dass der Lebensstandard erhoeht werden kann.
"Labor Monthly Survey"
Vol. 12/9

-

16

�Internationale
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaf tsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

XIII

inuiSTinnciriis
Giulia Pastorei
Italiens wirtschaftliche Sorgen..........
George ,Y. Brooks und Rüssel] Allen:
Das gewerkschaftliche Sohulungsprogramm
der Papierarbeitergewerkschaften. .. ,.nn ~r

..«.»............ .Seite

I

1

Seite

5

Forschung»- und Produktivitaetsprobleme
in der britischen Schuhindustrie...

Seite 12

Amerikanische Stahlarbeitergewerkschaft
billigt Leistungsuntersuchung

Seite 14

Amerikanische Gewerkschafter und ihre
Haltung «a politischen Ratschlaegen

Seite 16

Giulio Pastore, Vorsitzender der ciSLi
Italiens wirtschaftliche Sorgen,

(

Ich habe den Eindruck, dasa sowohl unsere als auch die allgemeine
europaelache Situation nicht ao ist, wie es an internationalen Stellen
oft gesagt wird, dass naemlich Italien sich in einer Epoche der Wie»
dergesundung und des Wohlstandes befindet.
"Uns allen ist bekannt, dass unsere Wirtschaft angesichts des
Budgetdefisits und der 2 Millionen Arbeitslosen nicht gerade auf Rosen gebettet ist."
Diese Feststellung erschien in der italienischen Zeitung "Corriere
della Sera" vom 15. Juli und stammte von einer mit der italienischen
Wirtschaft besonders gut vertrauten Autoritaet, dem frueheren Minister
Cesare Merzagora, der ganz gewiss nicht zu denen gehoert, die besonders
pessimistisch eingestellt sind.
Es besteht kein Zweifel darueber, daae Italien eich in einer der
schwierigsten Zeiten seiner demokratischen Wiedergesundung befindet.
Das Budgetdefizit von 1952 und 1955 wird wahrscheinlich den niederschmetternden Betrag von 617 Milliarden Lire erreichen.
Im folgenden gebe ich einige Tatsachen ueber Italiens wirtsohaft-

�Hohe Lage bekannt, die auf dem italienischen Gewerkschaftskongress
der C.I.S.L. in Mailand voroeffentlicht wurden. Diese Tatsachen beziehen aioh jedoch auf nur 23 norditalienisch« Provinzen.
In der Textilindustrie arbeiten waehrend der letzten sechs Monate ron 103.628 Arbeitern 89,550 verkuerzt und 5»4?» wurden voruebergehend entlassen.
Im Sektor der Bekleidungsindustrie arbeiten 64$ verteuerst. 7*3^
wurden vorruebergehend entlassen«
Auch in der Maschinenindustrie sind die Beobachtungen entmutigend!
Innerhalb einer Gruppe Unternehmen arbeiten von 61,000 beschaeftigten
Arbeitern 30.339 verkuerzt und 4»483 wurden •oruebergehend entlassen.
Sie Krisis macht sich auch in der chemischen Industrie bemerkbar«
Ton den beobachteten Unternehmen arbeiten bei insgesamt 21,736 Beschaeftigten 13,335 oder 62.2fS verkuerzt und 1,917 oder 8.8J» wurden
waehrend der. letzten 6 Monate voruebergehend entlassen. Zusammengefasst ergibt sieh folgendes Bild: Ton 1,776 in Horditalien gelegenen
Unternehmen mit insgesamt 213,000 Arbeitern arbeiten 133,690 oder
72j( verkuerzt und 14,006 oder 6,5^ wurden waehrend der letzten 6 Monate voruebergehend entlassen.
Waehrend es auf dem Arbeitssektor sehr unguenstig aussieht, haben sich dagegen die italienischenttiternehmenrecht guenstig entwickelt. Dies geht aus den Gewinnen hervor, die die groesseren Industriekonzerne im Jahre 1951 im Tergleich zu denen des Jahres 1950
erzielten« 13 der groesseren Elektrizitaetsgesellschaften hatten
einen durchschnittlichen Gewinnanstieg bis zu 18ji zu verzeichnen.
Acht der groesseren Gruben- und Metallgesellschaften haben Durchschnittsgewinne von 695S erzielt« Bei den groesseren Unternehmen der chemischen
Industrie erreichte der durchschnittliche Gewinnzuwachs sogar 98^o«
In einem Land wie Italien, dessen Wirtschaft charakterisiert ist
durch ihre ausserordentliche Unbeweglichkeit, Qie Enge der Uaerkte
mit ihrem monopolistischen Charakter und die starke Arbeitslosigkeit um nur die hervorstechendsten Anzeichen zu erwaehnen - hofft die demokratische Gewerkschaftsbewegung mit ihrem starken Terantwortungsgefuehl eine tragende Solle zu spielen« So beschlossen die demokratischen Gewerkschaften auf ihrem ersten Bundeskongress, ihre Lohnforderungen in den Grenzen der in jedem Fall gesicherten Produktion jeder
Industrie zu halten, waehrend sie andererseits sich dafuer einsetzen,
dass den Arbeitern unmittelbare Torteile in Form hoeherer Loehne aus
allen Produktionssteigerungen zustehen«
In Italien besteht der sogenannte Nationale Produktionsausschuss.
Seiner Arbeit standen jedoch Hindernisse im Weg« Ausserdem wurde von
Seiten der Unternehmer und der Regierungsfachkreise Widerstand gegen
die neue Lohnpolitik der CI3L in der Frage der Familienausgleichsloehne entgegengesetzt.
Nur der Hinweis auf schwere Unruhen in grossem Ausmasse, ermoeglichte die Wiederaufnahme von Verhandlungen auf diesem Gebiet und das
Ergebnis, das seinen Ausgang in Form einer Antwort auf ein Memorandum
der CISL an die Regierung nahm, wurde in Form eines Abkommens erst
in der Mitte dieses Jahres erreicht«
Dieses Abkommen legt das Ziel fest, das die CISL sich in Bezug auf
die Industriearbeiterloehne gestellte hatte« Es bedeutet die Erhoehung
der Familienzuschlaege in einem Gesamtbetrag von ungefaehr 48 Milliarden Lire«

2

�Die Gewerkschaft ist jetzt auch auf dem Gebiete der Landwirtschaft
um die Zahlung von Fanilienzuschlaegen bemueht. Es wird dabei vorausgesetzt, dass die Verhandlungen greifbare Vergünstigungen bieten, die
besonders den in der Landwirtschaft Taetigen in Sueditalien zugute
kommen werden*
Wenn auch der Sieg der Gewerkschaften in der Frage der Familienzuechlaege einen Gewinn fuer die arbeitende Bevoelkerung darstellt,
so bleibt doch die Arbeitslosigkeit ein sehr schweres Problem fuer
die Arbeiter und Gewerkschaften Italiens. Sie bedeutet einen Krebsschaden fuer die ohnehin geringe Kaufkraft der italienischen Arbeiterschaft.
Die Kaufkraft der in der italienischen Nahrungsmittelindustrie
Beschäftigten wurde kuerzlich vom Büero fuer Arbeitsstatistik des
amerikanischen Arbeitsministeriums verglichen. Legt man fuer den
Durchschnittslohn in den Vereinigten Staaten 100$ zu Grunde, so
nimmt der Lohn der italienischen Nahrungsmittelindustriearbeiter
mit 31$ den letzten Platz ein. Die entsprechenden Frozentsaetze anderer
Laender betrugen! Norwegen 73$» Daenemark 70$, Gross-Britanien 67$,
Schweiz 56$, Frankreich 51!«» Holland 44$ und Oesterreich 36$»
Die Kaufkraft der italienischen Lohnempfaenger sinkt dabei staendig, da die mangelnde Bereitschaft der Kaufleute, die Preise zu senken, zu Erhoehungen fuehrt. Von Dezember 1951 bis zum Juni 1952
betrugen die Preissenkungen im Grosshandel ungefaehr 10$, jedoch
blieben fast alle Preise fuer lebenswichtige Dinge, besonders im
Nahrungsmittelsektor, unveraendert. Trotz der niedrigen Grosshandelspreise stiegen in einzelnen Faellen dennoch die Einzelhandelspreise«
Die CISL hat neben ihren an die Adresse der Regierung gerichteten Forderungen hinsichtlich der Massnahmen zur Freissenkung in diesem
Jahre eine eigene Aktion in Form eines psychologischen Feldzugs
gegen Preiserhoehungen unternommen« In jeder Provinz wurden Einwohner-Aussohuesse zum Schutz der Verbraucherschaft gebildet. Di«
Teilnahme stand allen Bevaelkerungsschichten frei; in 90$ aller Provinzen konnte ein begeisterter Widerhall festgestellt werden«
Ein Dienstag wurde daraufhin zum "Verbrauchertag" erklaert« An
diesem Tage wurden von der CISL-Zentrale Resolutionen an die praefekten und das Wirtschaftsministerium gesandt. Diese Resolutionen
forderten wirksame Massnahmen zur Niedrighaltung der Preise. Natuerlich regte diese Aktivitaet der freien Gewerkschaftsbewegung die Kommunisten auf. 7/ieder einmal war die Initiative nicht von ihnen ergriffen worden.
Trotz der Anstrengungen, die von den Organisationen der freien
Arbeiterschaft und ihrer Anhaenger gemacht wurden, hielten sich die
Ergebnisse in engen Grenzen und blieoen auf bestimmte Gebiete begrenzt. Die allgemeine Situation erfuhr keine bedeutende Verbesserung.
Es kann nicht geleugnet werden, dass die Lage in den ersten
Monaten des Jahres 1952 sich-verschlechterte. Die Kaufkraft der
arbeitenden Schichten ging herunter.
Die wirtschaftlich negative Situation unseres Landes ist derart, dass die CISL keine Hoffnung auf eine schnelle und wirksame
Unterstuetzung durch amtliche Stellen hat. Andererseits erkennt
die CISL an, dass es unter den bestehenden Umstaenden sehr schwierig ist, eine allgemeine Wiederaufwertung der Loehne durch andere
als Zwangsmassnahmen zu erreichen.

3 -

�Ernsthaft behindert werden die gegenwaertigen Anstrengungen
der italienischen Arbeiterschaft zur Ueberwindung der Arbeitslosigkeit durch die Reduzierung der Zahl der Arbeiter an einer
Arbeitsstelle. So wird das kuerzlich von der Regierung angekündigte Programm zur Bekaempfung der Arbeitslosigkeit wahrscheinlich
im Sande verlaufen.
Die Finanz- und Steuerverordnungen, die ebenfalls eine zusaetzliche Belastung fuer den Arb.eiter bringen und eine zusaetzliche
erhebliche Lohnverringerung hervorrufen, bewirken gleichfalls
einen Bschaeftigungsrueckgang, anstatt die Zahl der Arbeitsplaetze
zu erhoehen.
Die C-ISL hat deshalb Vorschlaege zur Verbesserung des gegenwaertigeh italienischen starren Produktionssystems unterbreitet»
Wir haben dringend auf die Ergreifung geeigneter Massnahmen
zur Senkung der Lebenshaltungskosten hingewiesen. Die freie
Gewerkschaftsbewegung in Italien is t in jeder Hinsicht bemueht,
die Realeinkommen der arbeitenden Bevoelkerung zu schuetzen. Wir
moechten gern eine Situation erleben, in der die finanziellen Ertraege oeffentlicher und privater Investierungen zu erhoehter. und
ausgedehnterer Kachfrage nach Industrieerzeugnissen fuehren. Wir
sind staeadig um die Entwicklung eines allgemeinen gesunden Absatzmarktes in unserem Lande bemueht. Wir verlangen eine angemessene Kaufkraft fuer alle.
Italiens freie Arbeiter haben sich verpflichtet, nicht gaenzlich gerechtfertigten voruebergehenden Entlassungen ernsthaften
Widerstand entgegenzusetzen und verlangen die Einschaltung der
Regierung in das Problem des Inlandabsatzes bestimmter, lebenswichtiger Erzeugnisse - ausser Nahrungsmitteln - zu Standardpreisen durch eine vorgeschriebene Form des Systems.
Da die konservativen Kraefte die produktiven Moeglichkeiten
der Zusammenarbeit auf regierungsmaessiger Grundlage immer staerker begrenzen, ergreift die CISL die Initiative auf privater Grund*
lage. Durch peraoenliche Zusammenarbeit ihrer Mitglieder werden
Wirkungen erzielt, die revolutionaerer sind als der kommunistische
Herrenstandpunkt. Die CISL setzt ein umfangreiches Schulungsprogramm in die Tat um. Durch dieses Programm wird beabsichtigt, die
Bevoelkerung in die Lage zu versetzen, mit den wesentlichen Produktivitaetsvereinheitlichungen vertraut zu werden und neue Wege zu
finden, um den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zu foerdern.
In der Atmosphaere der Unsicherheit, in der die italienische
Industrie sich gegenwaertig befindet, hat Ale CISL die wichtige
Aufgabe, die kluefte zu ueberbrueoken. Dies kann nur geschehen
durch eine gewissenhafte, stete und direkte Zusammenarbeit zwischen
den Unternehmern und den fuer die Produktion Verantwortlichen sowie
jenen, die gleichzeitig die grosse Masse der Verbraucher vertretennaemlich die freien Gewerkschaften.
"The American Federationist",

Vol. 59, Ho. 9t 195^
(Giulio Paetore ist Generalsekretaer der Confederazione Italiana
Sindacati Lavoratori, die dem Internationalen Bund Freier Gewerkschaften angeschlossen ist. Die CISL wird scharf von der kommunistischen CIGL bekaempft, die jedoch nach und nach in Italien an
Einfluss verliert.)
(Red.)
4

�George ff. Brooks und Russell Allen:
Das gewerkschaftliche Schulungsprogramm der Papierarbeitergewerkschaften.
Zwei Gewerkschaften der Zellstoff- und Papierindustrie, die Zellstoffr,_ Sulfit- und Papiermuehlenarbeitergewerkschaft und die Papierhersl^ellergewerkschaft (beide AFL) haben ein gruendliches Schulungaprogramm- fuer Funktionaere, gewerkschaftliche Vertrauenslaute und
die Mitglieder der seit 1948 bestehenden Beschwerdeausschuesse durchgeführt. Dieses Programm unterscheidet sich in folgendem von den
ueblichen gewerkschaftlichen Schulungsprojektent 1.) Die Schulungskurse gehoeren zu dem feststehenden Aufgabenkreis der Gewerkschaften!
die Be zirksfunktionaere sind fuer ihre Durchfuehrung verantwortlich.
2.) Der Unterricht in den Ortsgewerkschaften wird von Dozenten erteilt, die von der Ortsgewerkschaft eigens hierfuer berufen wurden.
Diese Dozenten sind angewiesen, in erster Linie die Methoden anzuwenden und das Material zu gebrauchen, die von den Schulungsabteilungen
der beiden allamerikanischen Gewerkschaftsorganisationen ausgearbeitet
und herausgegeben wurden.
Bevor man nun daran ging, dieses Schulungsprogramm zu starten,
stellte man sorgfaeltige Untersuchungen darueber an, was bisher auf
dem Gebiet der gewerkschaftlichen Schulung geleistet worden ist.
Hierbei pruefte man auch Broschueren, Filme, Bildbaender und andere
traditionelle Schulungsmittel und kam dabei zu dem Schluss, dasa
dieses Material keine besondere Bedeutung hat und von nicht allzu
grossem bleibenden Wert ist.
Zwei Dinge fehlten vor allem, die zu einem erfolgreichen Programm
gehoerem Die direkte Mitwirkung der Gewerkschaftsfuehrer am Schulungsprogramm und die umfangreiche Teilnahme aktiver Gewerkschaftsmitglieder. Das hier beschriebene Programm weist diese beiden Vorzuege auf und wird nicht nur von voruebergehendem Wert sein.
Die Ausbildungskurse fuer die Dozenten werden direkt von den
Schulungsabteilungen durchgefuehrt und zwar auf Veranlassung und
unter der Mitarbeit der Bezirksfunktionaere. Diese Funktionaere
besitzen nicht allein die erforderlichen Verhandlungsbefugnisse
oder die Vollmacht fuer die Erledigung von Beschwerden aus den
Betrieben, sie verfuegen ausserdem ueber die volle Verantwortung
fuer die Durchfuehrung und Leitung der Schulungskurse.
Die Bedeutung der gewerkschaftlichen Fuehrung wird durch ein
apaeter angefuehrtes Beispiel geklaertj es muss hier bereits gesagt
werden, dass sie von entscheidender Wichtigkeit ist. Sie ist grundlegend fuer den Erfolg des Programms und umfasst vor allem die an
erster Stelle stehende Fra^e der Qualitaet - naemlich die Annehmbarkeit. Die fuehrenden Persoenlichkeiten der Gewerkschaften, vom
stellvertretenden Vorsitzenden abwaert3, nehmen an diesem Programm
auf Jeder Stufe aktiv teil. Praktisch ist es also ebenaosehr ihr
Programm wie das der Schulungsabteilung.
Der Einsatz ehrenamtlicher Lehrkraefte geschah urspruenglich'
aus dem einfachen und verstaendlichen Grunde, uhnoetige Geldausgaben und personal einzusparen. Diese Methode hat jedoch'auch
ihre Vorteile, die anfaenglich nicht voll anerkannt wurden« Es ist
dies die einzige Moeglichkeit fuer die beiden Gewerkschaf^sorgahisationen, die sich an eine grosse Zahl Mitglieder wenden, die mit
anderen Schulungsprogrammen nicht erfasst werden koennten. Die
ehrenamtlichen Lehrkraefte der beiden Gewerkschaften belaufen sich.
auf einige Tausend Funktionaere,- gewerkschaftliche.Vertrauensleute^
Beschwerdekomitee-Mitglieder, sowie einfache Gewerkschaftsmitglieaer
daneben jedoch solche, die weder ein Seminar, noch einen Kursus
noch etwa eine Konferenz besuchen wuerdeh. Diese freiwilligen

-

5 -

�Lehrkraefte leisten weit mehr und sind zu viel groesseren. Zugestaendnissen bereit als jeder berufsmaessige Dozent, Sie halten
ihre Vortraege in Gewerkschaftsraeumen, in Saelen, oeTfentliohen
Bibliotheksraeumen oder Schulen und richten sich voellig danach,
welche Zeit ihren Kursusteilnehmern am guenstigsten erscheint.
Sie sind schnell mit den oertlichen Verhaeltnissen und den Personen
vertraut, viele von ihnen besitzen ein ausgesprochenes natuerliches
Lehrtalent, alles in allem haben sie bewiesen, dass sie ein hochwertiges Schulungsprogramm durchfuehren koennen.
Die Lehrkraefte wiederholen ihre Kurse, sie erweitern ihr
Lehrpensum jedoch von Jahr zu Jahr. Dadurch wird erreicht, dass
dieses Schulungsprogramm in den einzelnen Ortsgew.erkschaften staendig auf dem laufenden gehalten wird.
Dieser zuletzt erwaehnte Vorteil ist unschaetzbar. Im allgemeinen wurde frueher innerhalb des gewerkschaftlichen Schulungsprogranims ein bestimmter Kuraus abgehalten, danach verschwanden
die Dozenten wieder» . Bei der jetzigen Methode wird den Mitgliedern
der Ortsgewerkschaft ein wirkliches Lernen ermoegliaht, der Studienkursus ist gut aufgebaut und ausgearbeitet, er umfasst eine derartige Stoffuelle, dass alljaehrlich neue Studienklassen errichtet
werden koennen. Die Lehrkraefte der Ortsgewerkaohaften widmen sich
meist viel interessanteren und wichtigeren Aufgabengebieten als
die an vielen Orten bestehenden Schulungskomitees der Verbaende.
, Der persoenlichen Initiative der Lehrkraefte ist keine Grenze
gesetzt, sie steht jedoch in fester Verbindung mit den gewerkschaftlichen Schulungsabteilungeö, die stets-, darueber informiert wurden,
wo Schulungskurse abgehalten werden koennen. Der Dozent sohickt
einfach eine schriftliche Materialanforderung an das Häuptbuero.
Er bestellt die Lernunterlagen klassenweise, sodass die Schulungsabteilung ziemlich gut unterrichtet ist ueber die Fortschritte)
die in den einzelnen Gruppen gemacht werden. Nachdem die ersten
acht Lektionen des ersten Lehrgangs durchgearbeitet sind, uebermittelt der Dozent dem Schulungsbuero seine endgueltigen Anwesenheit sberichte. Auf der Baals dieser Berichte werden am Ende eines
jeden Schulungslehrganges fuer die Teilnehmer Zeugnisse ausgestellt.
Die Auswahl der Lehrkraefte bleibt vollkommen den Ortsgewerkaohaften 'ueberlassen. Sie werden entweder vom Vorsitzenden nominiert oder bei einer ZusammenkUJ&amp;ft der Ortsgewerkschaft durch Abstimmung ermittelt. Es werden hierbei jedoch auch solche Kraefte
ausgewaehlt, die bereits frueher einen Funktionaersposten bekleideten oder nur einfache Mitglieder sind, also keine anderen Funktionen ausueben. Die Schulungsabteilung hat zwax bestimmte Bedingungen aufgestellt, die der vorgeschlagene Dozent au erfuellen
hat, letzten Endes liegt die Entscheidung jedoch bei der Ortsgewerkschaft und die Sohulungsabteilung hat keinerlei Macht, Einwendungen durchzusetzen oder ihr Veto gegehueber bestimmten Lehrkraeften einzulegen.
Die Kosten des Schulungsprogramms werden von den beiden allamerikanischen Gewerksohaftsorganisationen und den Ortsgewerkschaften gemeinsam getragen. Die Gewerkschaftszentrale zahlt
die Gehaeiter und die Auslagen der angestellten Lehrkraefte, die
das Arbeitsmaterial ausarbeiten und die bertlichen Lehrkraefte
sohulen. Ausserdem kommen sie fuer die Miete der Konferenzraeume
auf und beschaffen das Unterrichtsmaterial sowohl fuer die auszubildenden Lehrkraefte als auch fuer die Schulungslehrgaenge in
den Örtsgewerkschaften selbst. Die Ortsgewerkschaften vergueten
den Ausfall, der den Lehrkraeften durch den viertaeglgen Ausbildungslehrgang entstanden ist (einschliesslich der Reisekosten

- 6 -

�und sonstigen Auslagen) und finanzieren di« Errichtung oertlicher
Schulungsklassen.
Methoden und Material.
Zwei Hauptlehrmethoden werden angewandti Die Fuehrung von
Diskussionen auf Grün* von Fragebogen und die der Diskussion
folgende "Praxisprobe". Beide Methoden basieren auf den erfolgreichsten Prinzip, naemlich dem Lernen durch die Praxis. Die
gewerkschaftlichen Vertrauensleute "berichten" z. B. nicht, wie
sie neu Eingestellte behandeln. Sie zeigen vielmehr Beispiele
aus der Praxis, wie etwa ein *ortgeplaenkel mit einem solchen Heuling, dessen Werdegang (vielleicht sogar ein anti-gewerkschaftlicher) der Klasse bekannt ist, jedoch nicht dem gewerkschaftlichen
Vertrauensmann. Dadurch wird der Klasse ein praktisches Beispiel
gegeben, das anschliessend eifrig diskutiert wird. Die Klasse
urteilt sehr scharf darueber, wie der gewerkschaftliche Vertrauensmann vorgegangen ist, was er dabei haette besser machen koennen,
was er dabei uebersehen hat, usw.. Die gleiche Methode wird uebrigens bei Beschwerdefaellen angewandt.
Die Kursusteilnehmer sind nicht verpflichtet, den Vorgang zu
beherrschen. Sie erhalten jedoch Fragebogen, aus denen ihre Gewandtheit bei der Loesung spezieller Probleme wie etwa bei ueberstunden, Zahl der Urlaubstage,Feiertagszuschlaege, hervorgeht.
Die Methode des Lernens durch blosses Zuhoeren wird am seltensten
angewandt, da sie nur die geringsten Erfolge zu verzeichnen hat.
Sie dient lediglich dazu, um auf ein anderes Unterrichtsgebiet
ueberzuwechseln und die Klasse darueber zu informieren, was als
naechstea geschehen soll.
Die Lehrmethoden, die bei den Kursen angewandt werden, sind
natuerlich festgelegt. Manchmal werden einige humoristische
Wendungen in die Diskussionen eingeflochten, die mit Hilfe der
Fragebogen gefuehrt werden. Die jeweiligen Themen sind streng
voneinander abgegrenzt1, die sich daran anschliessenden Diskussionen sind und koennen je'doch in ihrem Inhalt sich sehr unterscheiden. Der Dozent muss aber immer bemueht sein* jede Ungenauigkeit sofort richtig zu stellen. Seine Aufgabe besteht ebenfalls darin, bestimmte Themen anzuregen, die Diskussion za lenken
und zum Schluss einen Ueberblick zu geben. Waehrend also die
Lehrmethoden und die allgemeinen Diskussionsthemen ziemlich feststehen, ist die Art und Weise, wie der Lehrstoff behandelt wird,
durchaus verschieden.
Das Lehrmaterial ist sorgfaeltig ausgearbeitet und gibt dem
Dozenten eine Vielzahl Anhaltspunkte und aufschlussreiche Einzelheiten fuer die Diskussionen. Den Instruktoren wird ausserdem
nahegelegt,sich selbst geeignetes Diskussionsmaterial und "Streitfaelle" zu beschaffen.
Der Lehrstoff
Der grundlegende Lehrstoff des Schulungsprogramms ist in
acht Punkten fuer jeden Kursus festgelegt.
(1) Worin bestehen die Aufgaben des gewerkschaftlichen Vertrauensmannes? (Fragebogenmethode)
(2)

Begruessung des neu Eingestellten (Praktische Darstellung).
Gewerkschaftliche Errungenschaften (Fragebogenmethode).

- 7 -

�(3) V/ie eine Gewerkschaft geleitet wird (Fragebogenmethode).
Statuten.
Das Vermoegen der Gewerkschaften.
Die Mehrheit entscheidet - aber die Minderheit hat Recht»..
(4) Beschwerdefaelle und -verfahren. (Fragebogenmethode und
praktische Darstellung).
(5) Der Tarifvertrag (Fragebogenmethpde)(6)

Beschwerd«regelung (Fragebogenmethode - JPjpaktische Darstellung - Beschwerdeberichte)

(7)

Informationen fuer den gewerkschaftlichen Vertrauensmann
(FragebogenmethodeJ:
Taft-Hartley-Gesetz.
Wagner-Gesetz.
Pensionsplaene und soziale Sicherheit.
Eerichte und Protokolle.

(3) Beschwerdewesen (Praktisch^ Darstellung)
Der vom Dozenten der Ortsgewerkschaft zu behandelnde Lehrstoff
ist, wie an Hand des Beispiels gezeigt wird, durchaus zu bewaeltigen.
Die folgenden Beispiele sprechen dabei fuer sich selbst.
Die gesamte Klasse oder eine bestiamte Gruppe Kursusteilnehmer
widmet sich einer Reihe Fragen, die die Art und Weise betreffen, wie
die Gewerkschaft arbeitete So erscheint zum Beispiel der nachstehende
Satz auf dem Fragebogen und soll mit "richtig" oder ••falsch'* beantwortet werden.
"Kann ein Mitglied den Ortsvorsitzenden der Gewerkschaft auf
einer Konferenz der Ortsgewerkschaft kritisieren, weil er Jm Verlauf eines Beschwerdefalles allein zur Direktion geht, um ueber
diesen Streitfall zu verhandeln?"
Die Kursusteilnehmer beantworten die an sie gerichteten Fragen
nach ihrem eigenen Empfinden und ihren eigenen Kenntnissen der Gewerkschaftsorganisationen .
Ein anderer Fragebogen enthaelt Behauptungen ueber die Statuten,
die von den Schulungsteilnehmern mit "richtig" oder "falsch" beantwortet werden muessen, wie zum Beispiels
"Die Rechte der Minderheit umfassen:
1.) Die unbeschraenkte Moeglichkeit, bei Versammlungen der Ortsgewerkschaft ihre Ansicht zu vertreten.
2.) Die Verhinderung einer Abstimmung ueber einen Antrag, ueber den
sich die Mehrheit bereits einig ist.
Die Kursusteilnehraer muessen sich natuerlich darueber klar werden,
inwieweit diese Behauptungen mit den Statuten in Einklang stehen
und diskutieren anschliessend ueber die tatsaechliche Sachlage in
Bezug auf die vorgebrachten Ausfuehrungen.
Der Lehrgang befasst sich hauptsaechlich mit der Behandlung
alltaeglicher Unzulaenglichkeiten und Beschwerden. Diese werden
8

�teilweise im Fragebogen aufgefuehrt oder auch durch praktische
Uebungen dargelegt. So wird in einem Lehrgang zum'Beispiel eroertert, wie sich der gewerkschaftliche Vertrauensmann eines Betriebes pflichtgemaess .zu verhalten hat, wenn er in das, liuero
des Abteilungsleiters gerufen wird, um hier die Namen seiner Kollegen anzugeben, die bei einer kleinen Spielerei «ine Fabrikuhr
boschaedigt hatten - andere meinten, es haette eine regelrechte
Papierballenschlacht in der Maschinenhalle stattgefunden. Bei
der Uebung beobachteten nun die Kursusteilnehmer, wie einer der
ihren mit dem Abteilungsleiter verhandelt und spaeter witf'd darueber diskutiert, wie sie selbst sich anstelle des Vertrauensmannes
verhalten haetten.
Die ersten acht Punkte, die aufgefuehrt wurden, beziehen sich
auf den GrundSchulungskurs fuer Funktionaere, gewerkschaftliche
Vertrauensleute und Beschwerdekomitee-Mitglieder. Es werden solche
Themen behandelt, die fuer die Dozenten nicht allzu schwierig sind,
da ihr Hauptaugenmerk auf die Lehrmethode und die Technik des Lehrens
gerichtet sein muss.
Die folgenden vier punkte des Schulungsprogramms und gwar die
Punkte 9 - 1 2 behandeln das Senioritaetsrecht. Bei diesen Punkten
muss ein wesentlich staerkerer Nachdruck auf die Schulung gelegt
werden als bei den vorangegangenen leicht fasslichen Themen der:
Fall sein konnte. Auf der anderen Seite nehmen diese Lehrmethoden
weniger Zeit und Muehö. in A n 9 P r u ch t da die Lehrkraefte bereits
eigene Klassen geleitet haben.
Die Schulung der Lehrkraefte fuer die Senioritaetskurse erfordert die Erwerbung der notwendigen Kenntnisse und das Bekanntsein mit der Praxis sowie der Bedeutung der verschiedenen Senioritaetsaysteme. Bis heute wurden die Senioritäetsprobleme in drei
Dezirkem mit unterschiedlichem Erfolg geleitet. rBas Senioritaetsproblam ist jedoch noch zu kompliziert, um in der-g-egenwaertigen
Form Ton allen Gewerkschaftsdozenten in den Lehrgangsunterricht
eingebaut zu werden. Die Unterweisung in die Probleme des Senioritaetsrechts fuer die Punkte 11 und 12 fuer einzelne Werke bedarf
ebenfalls noch einer besonderen Klaerung; mit entsprechenden Materialvorbereitungen wurde bereits begonnen.
Das Senioritaetsrecht wurde fuer den zweiten Kursus, der vier
Dis.kussionspunkte umfasst, vorgesehen. Seitdem die Industrie im
Jahre 1949 durch Auftragsmangel gezwungen war, Entlassungen ausausprechen, wurde dieser Kursus dringend notwendig. Obgleich dieses
Problem augenblicklich nicht in gleichem Masse akut i3t, erscheint
es doch wichtig genug, um als zweiter Kursus im Programm festgelegt
zu werden. Der naechste Kursus wird sich mit gewissen wirtschaftlichen Fragen, die fuer die Zellstoff- und Papierindustrie von
besonderem Interesse sind, beschaeftigen. Ausserdem werden die
Beziehungen zwischen Loehnen, Preisen, Gewinnen und anderen rein
wirtschaftlichen Fragen eroertert werden muessen. Die Ausarbeitung
brauchbaren Materials fuer diesen Abschnitt des Schulungsprogramms
duerfte jedoch nicht leicht sein.
Das Schulungsprogramm an der Pazifischen Kueste.
Die beiden Gewerkschaften der Zellstoff- und Papierindustrie
fuehrten im Fruehjahr und im Winter 1951 i m Gebiet der pazifischen
Kueste ein grossangelegtes Schulungsprogramm durch. Die Schulungskurse fuer Dozenten wurden durch die stellvertretenden Landesvorsitzenden der beiden Gewerkschaften organisiert. In Zusammenarbeit
mit den Schulungssekretaeren legten sie fest, wo und wann die Schulungskurse durchgefuehrt werden sollen, Sie luden alle Ortsgewerk^schaften

9 -

�ein, Vertreter zu diesen Schulungskursen zu entsenden.
Bevor diese Schulungslehrgaenge begannen, hatten die Schulungsabteilungen bereits vollstaendige Listen ueber die Teilnehmer in
Haenden. Bei der Einteilung der Kursusteilnehmer in die vorgesehenen SchulungsZentren wurde selbstverstaendlich auf ihren Wohnsitz
Ruecksicht genommen. So konnte jeder kuenftige Dozent rechtzeitig
benachrichtigt werden, wann und wo der Kursus beginnt.
Vierzehn Schulungskurse wurden auf zehn Staedte verteilt.
Drei Mitglieder der gewerkschaftlichen Schulungsabteilung erteilten den Unterricht. 3s vmrden zweitaegige Schulungslehrgaenge abgehalten, die um neun Uhr morgens begannen und um 17*30 Uhr beendet
wurden. Irgendwelche Schulungsarbeit waehrend der Abendstunden
wurde grundsaetzlich abgelehnt, ebenso gab es keine sogenannte geplante Erholung. Bei diesem zweitaegigeh Lehrgang wurden die ersten
vier Punkte des Schulungsprogrammes durchgenommen. Xja Anschluss
daran konnten die zukuenftigan Dozenten wieder nach Hause gehen,,
zuvor wurden sie jedoch mit verschiedenen Aufgaben betraut, die sie
waehrend der einmonatigen Unterbrechung des Lehrganges zu erfuftllen
hatten. Jeder Dozent sollte ausserdem zwei Beschwerdefaelle, die'
er in seiner eigenen Praxis erlebt hat, schriftlich niederlegen.
Aus diesen Berichten wurde das Material ausgewaehlt, das dann in
das Schulungsprogramm mitaufgenommen wird. 7/eiterhin wurden die
Kursleiter angewiesen, bei ihrer Ortsgewerkschaft einen Bericht
zu erstatten und die Lehrgaenge vorzubereiten, d.h., die in Frage
kommenden Teilnehmer zu notieren, die Zeit und den Ort des Lehrgangs festzulegen und schliesslich eine Aufstellung des Materials
anzufertigen, das fuer den ersten Lehrgang gebraucht wird. Ferner
sollten die Dozenten noch ein Buch lesen, das die Beziehung zwischen
Meister und gewerkschaftlichem Vertrauensmann behandelt.
Nach fuenf Wochen fand ein weiterer zweitaegiger Schulungslehrgang statt. Diesmal wurden die Schulungszentren von 10 auf 8 reduziert. Die Punkte 5 - 8 wurden durchgearbeitet und durch praktische Lehrmethoden ergaenzt. inzwischen war der Lerneifer der
Dozenten wesentlich groesser geworden, sie bekamen allmaehlich ein
gesundes Gefuehl fuer die Wichtigkeit ihres Postens und waren sicherer geworden.
Die Anmeldungsformulare der Teilnehmer an den Ortslehrgaengen
und die Materialanforderung wurden eingereicht. Die Probleme, die
sich in der Zwischenzeit ergeben hatten, wurden selbstverstaendlich
ausgiebig besprochen. Falls die Unterstuetzung eines Vertreters
der allamerikanischen Gewerkschaften noetig wurde, sei es, dass
die Beteiligung der Kursusteilnehmer zu wuenschen uebrig Hess,
sei es aus irgendwelchen anderen Gruenden, so wurde dafuer Sorge
getragen. Bevor die Dozenten entlassen wurden, um ihre Lehrtaetijkeit auszuueben, hatten die Schulungsabteilungen eine genaue Vorstellung von den Problemen, die sich ergeben konnten.
Auch auf diesem zweiten zweitaegigen Lehrgang wurde von einem
Mitglied des Schulungsstabes ueber'jede Klasse eine Kontrolliste
gefuehrt. Um sich ftfer weitere Lehraufgaben zu qualifizieren,
muss jeder Dozent an dem gesamten viertaegigen Schulungskursus'
teilnehmen, die ihm gestellten Aufgaben erfuellen und imstande sein,
den Lehrgang mit seiner Klasse durchzufahren, er muss also zuvor
den Beweis erbringen, dass er die Lehrmethoden und die Probleme
verstanden hat. Dabei war die Feststellung sehr erfreulich, dass
nur etwa 10$ der Teilnehmer fuer eine weitere Lehrgangsarbeit
ungeeignet sind.

-

10 -

�Eine Statistik ueber das Schulungsprogramm an der pazifischen
Kueste ist sehr aufschlussreioh. Eine Gesamtzahl von 143 Uaennem
und Frauen nahmen an dem Dozentenlehrgang teil, unter anderem zehn
Vertreter und Funktionaere der Gewerkschaftszentrale. Zehn Teilnehmer fuehrten den viertaegigen Lehrgang nicht zu Ende, weitere
fuenf fielen spaeter noch aus den verschiedensten Gründen aus.
Von den 110 Dozenten haben 81 tatsaechlich die ersten acht
Punkte des Lehrgangs mit ihren Teilnehnern durchgenommen. Mehr
als 20 Dozenten haben in zwei Kursen unterrichtet und einem
Instruktor wurde die besondere Aufgabe zuteil, in einer neuen
Ortsgewerkschaft zu unterrichten. Die Lehrgaenge wurden von
ueber 800 Ortsgewerkschaftsfunktionaeren, gewerkschaftlichen Vertrauensleuten und Gewerkschaftsmitgliedern besucht.
Diese Ergebnisse der gewerkschaftlichen Schulungsarbeit sind
ausserordentlich beachtlich. Die Zahl der Lehrstunden ueberstieg
noch die der Hochsohulen, die groessere Hilfsmittel und mehr Personal zur Verfuegung haben. Eine bekannte Hochschule, die Gewerkschaftskurse durchfuehrt, berichtete im September 1951 die erfolgreiche Durchfuehrung von 24 Studienkursen. Die Universitaet verfuegt Jedoch ueber zehn hauptberufliche Lehrkraefte, die den gewerkschaftlichen Unterricht erteilen.
Umfang und Auswertung des Programms.
Anfang 1952 war dieses Sohulungsprogramm bereits gut fundiert.
Ueberall in Amerika waren Dozenten geschult worden, sei es an der
pazifischen Kueste oder in Britisch-Kolumbien, in Ontario oder
Quebec in Kanada; in Wisconsin, Minnesota oder Michigan, sei es in
den Suedstaaten; in den Staaten Heu-Englands, im noerdlichen Teil
des Staates Hew York oder in den mittelatlantischen Staaten. Die
Teilnahme der Ortsgewerkschaften* war recht unterschiedlich, Jedoch
leistete ein grosser Prozentsatz der Ortsgewerkschaften, die um
die Foerderung des Schulungsprogramms gebeten wurden, dem Aufruf
Folge.
An Jedem Schulungslehrgang nimmt immer ein Vertreter der Gewerkschaftszentrale teil. Diese Vertreter muessen notfalls ebenfalls in der Lage sein, die Schulungslehrgaenge abzuhalten. Im
grossen und ganzen Jedoch haben sie innerhalb des Schulungsprogramms nur eine beratende Funktion, genau so wie in allen anderen
Angelegenheiten der Ortsgewerkschaften.
Bis jetzt sind "575 Dozenten ausgebildet worden. Die Mehrzahl
von ihnen hat in ihrer zustaendigen Ortsgewerkschaft Lehrgaenge
aufgestellt und erteilt staendig Unterricht.
Das Schulungsprogramm der Ortsgewerkschaften kann jetzt nur
noch dort als experimentell bezeichnet werden, wo es sich um neuhinzugekommenen Lehrstoff handelt. Das Kernmaterial des Lehrgangs
liegt fest. Es sind genuegend Unterlagen vorhanden! um gewisse Voraussagen mit Bestimmtheit machen zu koennen, wie etwa folgendet
1.) Von drei ausgebildeten Dozenten werden zwei in den Ortsgewerkschaften lehren. 2.) Zwei Drittel der Ortsgewerkschaften haben den Wunsch und die Mittel, um an diesem Programm teilzunehmen.
3.) SO"* der Ortsgewerkschaften, die Teilnehmer zu den Anfangskursen entsenden, lassen ihre Dozenten auch spaeter die hoeheren
Kurse besuchen und unterstuetzen das Programm, indem sie die Lehrgaenge erweitern, in denen gewerkschaftliche Grundgebiete gelehrt
werden.
-

11

�Dieses Programm dient nicht nur der Erziehung, sondern auch
der Schulung. Die Gewerkschaftsfunktionaere wollen keine Erziehungsluecken ausfuellen, die vielleicht bei ihren Mitgliedern vorhanden sind. Die Gewerkschaften verfolgen ganz bestimmte Zwecke und
verwenden wohlerprobte Methoden. Das «'ort "Schulung" ist nicht so
aufzufassen, als waere es rein zufaellig gebraucht. Viele alltaeglichen Probleme, mit denen der Vertreter der Ortsgewerkschaft sich
beschaeftigen muss, haben jedoch eine oppositionelle Bedeutung;
auch die gewerkschaftliche Tradition ist bewegt und fordert zu
Aktionen heraus. Der Inhalt und die Richtung der Diskussionen innerhalb der Lehrgaenge wird daher hoechstwahrscheinlich durch die
Haltung, die Wertschaetzung und das Wissen der Lehrgangsteilnehmer
bestimmt.
Das wichtigste Ergebnis dieses Programms ist die Tatsache, dass
sich die Ortsgewerkschaft fuer den langsamen und- schwierigen, letzten Endes jedoch erfolgreichen Prozess der Selbsthilfe entschieden
haben. Beide Gewerkschaften der Papierindustrie, von denen hier die
Rede ist, haben eine starke oertliche Selbstaendigkeit erworben und
verfuegen ueber eine aktive, ideenreiche Gewerkschaftsbewegung. Diese charakteristischen Merkmale ermoeglichen erst e^.n derartig bedeutendes Schulungsprogramm. Ausserdem traegt dieses Programm dazu bei,
jene Bestrebungen weiter zu verfolgen, die den Anlass-zur Gruendung
der Gewerkschaften gaben.

Monthly Labor Review,
1952, Vol. 74, No. 4
Forschungs- urtd Produktivitaetsprobleme in der britischen Schuhindustrie.
Zwei verhaeltnismaessig neue Forschungsergebnisse tragen wesentlich zur Produktivitaetssteigerung in der Schuhindustrie bei.
Die SATRA-Forschungsgemeinschaft (British Boot, jShoe &amp;_Allied
_Trade8 Research Association) hat eine Reihe Untersuchungen zur
FeststeTlung der Arbeitsleistung in Betrieben abgeschlossen,
waehrend die Forschungsarbeit ihrer Laboratorien hinsichtlich
der Beschaffenheit des Schuhmaterials wesentliche Einsparungsmoeglichkeiten feststellen konnte.
Mehr als 90$ aller Betriebe dieses Industriezweiges gehoeren dem Verband an.
Wissenschaftliche und technische Gruppen des Verbandes haben
eine Reihe Fabriken besucht und Durchschnittsplanziffern auf Grund
der Leistungen der drei besten Betriebe ausgearbeitet. In den
Uebersichten v/erden die Leistungsunterschiede zwischen den einzelnen Betrieben nach ihrem Ausstoss, den Arbeitskosten und dem Gewinn berechnet. In den meisten leistungsfaehigen Betrieben betragen die Ausgaben fuer Arbei'tsloehne um 25$ weniger als in den
uebrigen Betrieben, waehrend der Gewinn um £2 pro Woche hoeher
liegt. Es ist daneben ein- Verfahren zur schnellen und sicheren
Schaetzung der ^ualitaet eingefuehrt worden, das auch ohne Festlegung von Nornalwerten zeigt, dass zwischen den mooglichen Qualitaetsklassen eine Schwankung von 60 bis 90$ besteht.
Auf Grund dieser Untersuchungen ist die SATRA nunmehr in der
Lage, den einzelnen Unternehmen eine mehrfache Auswahlsmoeglichkeit
zur Festlej-ung ihrer Produl-.tivitaetsziele vorzulegen. Die planziffern lassen sich je nach der Anzahl der fertiggestellten Schuhe,

12

�der Anzahl der Arbeitsgaenge je Vorarbeiter, der durchschnittlichen
Arbeitsleistung je Arbeiter oder aber nach dem Prozentsatz der
Ausschuss-Schuhe festlegen. Neben den Planziffern fuer jeden Arbeitagang werden allgemeingültige Produktivitaetsziffern fuer jede
Abteilung und jeden Betrieb festgelegt. Diese sind besonders wichtig, da sie sich nicht allein darauf beschraenken, die weniger
leistungsfaehigen Betriebe auf den gleichen Stand wie die besten
zu bringen, sondern, da selbst die besten Betriebe wunde punkte
aufweisen, «in Leistungssoll festlegen, das auch fuer diese Gueltlgkeit besitzt.
Unter Verwendung des Zahlenmaterials, das von den Betriebeleitungen zur Verfuegung gestellt wird, kann der Verband zweckmaessige Varsohlaege zur Steigerung der Produktivitaet vorlegen.
Bas Verfahren ist noch in den Kinderschuhen, aber nach den Berichten der. Unternehmen sind bereits Verbesserungen von 10 bis 15$
zu verzeichnen.
Manchmal wird das Leistungssoll um 15 oder 20$ ueberschritten,
womit de* Beweis erbracht ist, dass mit den zur Verfuegung stehenden Arbeitakraeften, Maschinen und Material die festgesetzte produktionshoechstleistung erreicht werden kann.
Vor einiger Zelt erklaerte der Leiter der Indusltrieabteilung
de» SATKAj F.G. Bailey, auf einer Konferenz, deren Thema"Dte Prodüktivltaetssteigerung in der Schuhindustrie" lautete, dass ihre
Forschuhgen.auf dem Gebiet aar Schuhindustrie darauf ausgerichtet
seien, zu beweisen, dass das Verhaeltnis der taeglichen Arbeitsleistung in sich selbst ein guter Masslab fuer die produktivitaet
eines Betriebes ist. Er wies auf einen Forschungsbericht hin,
aus dem hervorgeht, dass die Beschaeftigung von Arbeitern auf
Tageslohnbasis eher als Symptom denn, als Ursache fuer die geringe
Produktivitaet gewertet wird und hauptsaechlich dort zu finden
ist, Wo die bestehende Organisation und der Fluse der Arbeit es
den Beschaeftigten unmoeglioh machen, im Akkord ausreichende Loehne
zu verdienen. Weiterhin wird darin festgestellt, dass die Leistungsfaehigkeit der Betriebsleitung durch die beharrlichen Forderungen
der Akkordarbeiter nach guenstigen Bedingungen einen starken Antrieb erhielt. Fast immer mussten die SATRA-Untersuchungskommissionen feststellen, dass der entscheidende Faktor darin lag, in
welchem Masse die Betriebsleitungen den Finger auf den Puls der
Abteilungen' legten.
In der Schuhfabrik wie in den meisten Industriezweigen, wo
die Bearbeitung und der innerbetriebliche Transport der Ware
schaetzuhgsweise 60 - 80$ der Gesamtarbeitszeit beanspruchen,
ist die Transportfrage ein Problem von besonderer Bedeutung.
Auf Grund entsprechender Untersuchungen hat die SATRA ein neues
Foerdergeraet fuer die Durchfuehrung der Arbeitsgaenge entwickelt.
Es ist so eingerichtet, dass es zwischen den einzelnen Arbeitsgaengen anhaelt, also den verschiedenen Arbeitsgeschwindigkeiten
gerecht werden kann. Es bietet somit eine ideale Voraussetzung
fuer ein schnelles Arbeiten und ermoaglicht bei besonders schwierigen Umstaenden die Seachtung der erforderlichen Sorgfalt .
Durch seine Beschaffenheit laesst es ein ununterbrochenes Arbeiten
in voellig bequemer Stellung zu. Ein spiralfoermiger Behaelter
reguliert den Arbeitsnachacliub nach dem Prinzip der Schwerkraft.
Sobald der Arbeitsgang an der Maschine beendet und der Schuh auf
das Foerdergeraet zurueckgestellt ist, -wird der Schuh automatisch
zum naechsten Arbeitsgang weiterbefoerdert.

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13

-

�Im Anschluss an die Untersuchungen drehte die SATRA einige
Schmalfilme, die Arbeiter"stars" bei ihrer Arbeit zeigen. Da
sonst in einem Film das Hauptaugenmerk nicht auf die Voraussetzungen fuer. aussergewoehnliche Arbeitsleistungen gerichtet
wird, hat der Verband ein voellig neues Filmgeraet unter der Bezeichnung "Tachograph" eingefuehrt. Dieses registriert auf elektrischem v/ege die maschinellen Bewegungen und die Geschwindigkeiten und schaltet dadurch viele menschliche Irrtuemer aus, die
bei der Verwendung von Stoppuhren entstehen. Es kann laengere
Zeit hindurch registrieren und hat bereits zur Verbesserung weiterer Hilfsmittel fuer die ununterbrochene Herstellung gefuehrt.
Bei der Fabrikation von Schuhen werden die Hauptunkosten
durch das Material verursacht. Die SATRA beraet Herstellerfirmen bei der Auswahl besonders geeigneter Materialien und arbeitet
gemeinsam mit den Materiallieferanten an der weiteren Verbesserung
des Schuhmaterials und Zubehoere. Vor kurzem hat der Verband
einen Index zur Berechnung.der Haltbarkeit des Ober- und Sohlenleders ausgearbeitet.
Eine gesteigerte Wirtschaftlichkeit wird beim Zuschneiden von
Sohlenleder durch sorgfaeltig gearbeitete Originalmuster gewaehrleistet. Es ist durchaus nicht ungewoehnlich,' wenn in einer Fabrik,
die eine Vielfalt von Schuhformen herstellt, mehr als 200 Groessen
gebraucht werden, und es ist sicherlich nicht zweckmaessig, fuer
Jede einzelne Groesse eine Zuachneidepresse zu haben. Drei Formen
pro Schuhgroesse sind gerade praktisch, und, die SATRA vermittelt
den einzelnen Firmen die fuer ihre eigene Produktion geeigneten
Zuschneidepressen.
"Target"
No.8/9, 52
Amerikanische Stahlarbeitergewerkschaft billigt Leistungsunter'suchung.
Der Bericht der Stahlbaukommission enthaelt keine Aufstellung
bestimmter Vorsohlaege wie der Bericht der Stahl- und'Eisenkommission. Er beschreibt in objektiver Weise die Eindruecke, die die
Mitglieder dieser Kommission auf ihrer Studienreise gesammelt haben,
jeder technische Abschnitt schlisset mit einer Zusammenfassung der
darin aufgeworfenen Fragen.
Das Thema wird nacn drei verschiedenen Gesichtspunkten behandelte Bruecken- und Stahlgeruestebau, Stahlwalz- und mechanische
Fabrikation3anlagen.
Die Leistung des einzelnen Arbeiters liegt in den Vereinigten
Staaten hoeher, was im wesentlichen auf die Verwendung von breiten
Profilflanschen zurueckzufuehren ist. Weiterhin ergibt sich dort
eine hoehere produktivitaet durch die Tatsache, dass die verschiedenen Arbeitsgebiete in den Werkhallen nicht streng abgegrenzt und
eingeengt sind. Zum Beispiel darf doft ein Monteur jede Art hand*
werklicher Arbeit ausfuehren, die zu einer Montage erforderlich ist,
wie zum Beispiel passen, nieten, schwaivaen, uvw.. Dadurch wird ein
ununterbrochener Arbeitsgang gewährleistet und es entsteht kein
Zeitverlust durch das Warten, auf die Beendigung* des vorhergehenden
Arbeitsganges. In amerikanischen Betrieben werden weniger Hilfekraefte, wie z. B. zur Bedienung, wie etwa Zutraeger, gebraucht,
da die Produktionsarbeiter den Flusa, des Materials selbst bewerkstelligen.

14

�In Amerika wird die Arbeit in den technische-» Einzelheiten
im voraus schematisch festgelegt, was den Produktionsprozess dann
epaeter erleichtert.
Die Einfuehrung-verschiedener Sicherheitsvorschriften in den
britischen Betrieben bei der Schweisgung von Verbindungsstuecken
machte die Verwendung von Stahlplatten erforderlich, die staerker
als die normalerweise ueblichen sind. Es wird vorgeschlagen, eine
Revision des Leistungsfaktors in den britischen Betrieben durchzufahren, um Einsparung durch die Verwendung, anderer platten vorzunehmen.
Viele amerikanische Verarbeitungsbetriebe haben aioh auf die
Herstellung bestimmter Zubehoerteile spezialisiert, die sie dann
an andere Verarbeitungsbetriebe absetzen, die sich ihrerseits auf
die Herstellung anderer Teile konzentrieren.
Der Maschinenbau steht auf dem Vorlesungsplan vieler amerikanischer Hochschulen und üniversitaeten.
Im Gegensatz zu Grossbritannien gibt es dort keine fest«
woechentliohe Stundenzahl fuer Stahlbauarbeiter und keine Bezahlung fuer Schlechtwetter-Perioden. Bei langfristigen Vertraegen
werden entapreohende Sicherheiten geboten, obwohl einige in Grossbritannien eingsfuehrte Methoden dort nicht angewendet werden.
In dem Bericht heisst est "
Hinter dem Einzelnen stehen
die amerikanischen Gewerkschaften, die sich der Notwendigkeit
bewuset sind, die Methoden der Betriebsfuehrung zu erforschen und
bei ihrer Anwendung in den Betrieben mitzuhelfen.' Dies wird durch
ihre einzigartige Organisation ermoeglicht, und obschon sie in
dieser Torrn in den britischen Betrieben nicht existiert, kann sehr
viel zur Erreichung einer besseren Zusammenarbeit der verschiedenen
Gewerkschaften auf Betriebsebene getan werden."
"Technische Gewerkschaftsabteilungen koennen Vertreter der
Arbeiterschaft in Produktionsleitungsmethoden ausbilden, damit sie
in der Lage sind, bei Besprechungen gemeinsamer Produktionsaussohuesse einen.konkreten und wertvollen Beitrag zu leisten, ohne
dabei- ihre Forderungen bei Lohnverhandlungen zu gefaehrden* In
dieser Beziehung ist schon einiges getan worden, aber es koennte
noch viel mehr getan werden, der Antrieb hierzu muesete allerdings von Seiten der&gt;beruflieh orientierten Gewerkschaften kommen.»
"Pas Interesse der Gewerkschaften an der Produktionsleitung
und der daraus resultierenden Beibehaltung eines exhoehten Lebensstandard* ist ein wesentlicher Paktor fuer die Staerke und Elaatizitaet der amerikanischen Industrie."
Weiter wird erwaehnt, dase die Gewerkschaften in den Vereinigten Staaten die Berechnung der normalen taegllchen Arbeitsleistung
durch die Messung der fuer die einweinen Handgriffe beanspruchten
Zeit anerkennen; das« alle Lohnverhandlungen auf Betriebsebene
gefuehrt werden; dass die meisten der beeuchten Betriebe die Arbeiter nach ihref Leistung bezahlen, und dass die Verbundenheit
der oertlichen Gewerkschaften mit'den einzelnen» Fabriken den
Betriebsangehoerigen ein besonderes Interesse an der Leiatungsfaehigkeit und dem Gedeihen des Betriebes vermittelt.
Die Kommission hat festgestellt, dass die Werkanlagen in
amerikanischen Betrieben ^laeufig Einrichtungen zur Erleichterung

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15 -

�des Materialtransports und zur Einsparung von Arbeitakraeftan
haben, die eine schnellere Arbeiteabwicklung gewaehrleisten,
iri-e «um Beispiel Hilfflaufzuege und Transportgeraete, besondere
Gabelstapler und Elektrokarren.
•Target"
HO. 8/9, $?
Amerikanische Gewerkschafter und ihre Haltung au politischen
Ratschlaegen
lieber die Frage des Wertes gewerkschaftlicher Ratschlaege
in politischen Angelegenheiten ist eigentlich bisher nur sehr
wenig.geaeussert worden. Das ist insofern natuerlloh, als
seither alle Folgerungen mehr oder minder fr&amp;gwuerdiger Natur
warent da man ueber Vermutungen nicht hinauskam.
Nun hat jedoch der bekannt*, amerikanische Meinungsforscher
Elmo Roper, der Leiter der Prueforganisation fuer oeffentliehe
Meinung, eine besondere Untersuchung durchgefuehrt, um festzustellen, in welchem Masse amerikanische Gewerkschaftsmitglieder
sich nach den Empfehlungen ihrer Organisation bei der Stimmabgäbe richten. Wenn alle Gewerkschaftsmitglieder sich in die
Wahllisten aufnehmen Hessen und am Wahltag ihre Stimme so abgeben, wie es die fuehrenden Maenner der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung vorgeschlagen haben, dann wuerde sich allein aus
den Reihen der Gewerkschaftemitglieder eine Steigerung von etwa
acht Millionen Stimmen ergeben. Bisher ging naemlich nur etwa
die Haelfte der Gewerkschaftsmitglieder zur I&amp;h-lurne, die ander«
Haelfte verzichtete auf jede Wahlbeteiligung, weil sie zu viel
Scherereien machte.
Aus dem Bericht Ropers geht nicht hervor, dass Gewerkschaftsmitglieder keine aktive politische Rolle spielen. Weniger als die
Haelfte der Befragten erklaerte den Interviewern, dass sie bei
jeder Wahl ihre Stimme, abgegeben habe, sei es bei Wahlen der Gemeinde, der Einzelstaaten oder des Bundes, die in den letzten
vier Jahren abgehalten wurden. Die Bemuehunge» der AFL-Liga fuer
politische Schulung, des Politischen Aktionskomitees des CIO sowie der -politischen Ausschusses der verschiedenen unabhaengigen
Gewerkschaften gehen dahin, die Gewerkschaftsmitglieder und ihre
Familien zur Einschreibung in die Stimmlisten zu veranlassen und
sie am Wahltag an die Urnen zu bringen. Natuerlloh erfolgt auch
hier eine Beeinflussung des Waehlers, wobei sich die Gewerkschaften jedoch gewoehnlich keiner Partei verschreiben, sondern stets
den gewerkschaftsfreundlichen Kandidaten empfehlen.
Special Article,
LS 52 - 5070

-

16

O l l t l l K S ! 1»'» ! MIC

�Internationale

ARBEITSNITTEILUNGEN
Die folgenden Artikel stellen Auszüge aus der amerikanischen Presse und anderen Quellen dar und
dienen der Information deutscher Redakteure, der Gewerkschaften, Gewerkschaftsschulen und deren
Mitglieder. Von diesem Material kann uneingeschränkt Gebrauch gemacht werden.
Weitere Exemplare können kostenlos bei dem
Amt für Arbeitsinformationen
Mehlem, Mehlemer Aue
angefordert werden. Auf Wunsch werden diese auch einzelnen Interessenten direkt durch die Post
zugeleitet. Der Inhalt der „Arbeitsmitteilungen" ist nicht als offizielle Meinung oder Stellungnahme
irgendeiner Dienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten aufzufassen.

Y -

IIT

i H n A 1. x a v t u i t i i; a » i s
Eisenhowers Rad« vor das AFL-Kongrese in New York

Seite

1

George Meanyi
Warum der amerikanische Arbeiter
das fraie Unternehmertum unteretuetzt

Seite

9

Bewegungsstudie halbiert Anlernzeit

Salt« 12

Hans Hansen:
Dia daenisehen Baugenossenschaftan zeigen
Moeglichkeiten verstaerkten Wohnungsbaus

Seite 14

Zunahme des Mittelstandes in den Vereinigten Staaten».

Seite 13

Eisenhowera Rede vor den AFL-Kongress in New York
Die Einladung, auf Ihren Kongress zu sprechen, gibt mir die
erste Gelegenheit, das zu tun, was ich schon lange vorhatte! naemlich vor die amerikanischen Gewerkschaften zu treten und ihnen die
Versicherung zu geben, dass die freie Welt immer in ihrer Schuld
bleiben wird fuer ihre tatkraeftige Unterstuetzung, die sie unserem Sieg in letzten Kriege angedeihen Hessen. Immer, wenn Ich
waehrend des Krieges Botschaften an die Gewerkschaften richtete,
war ich mir der Tatsache bewusst, dass ich die Uniform meine»
Landes trug. Deshalb legte ich stets besonderen Wert auf die
beiden folgenden Punktet Erstens, dass Krieg herrschte und wir
in einen schrecklichen Konflikt um die Verteidigung der Freiheit
verwickelt waren} und zweitens, dass unsere kaempfende Truppe,
Infanteristen, Marine und Luftwaffe, Eure Soehne, Eure Freunde
und Kameraden, Waffen brauchten, die nur von den arbeitenden Maennern und Frauen geschmiedet werden konnten. In diese Botschaften
legte ich die ganze Inbrunst eines Mannes, der das schreibt, was
ihm am Herzen liegt. Und der Widerhall war stark, weit staerker
als jemals der Appell eines einzigen Mannes haette sein koennen.
Lassen Sie mich heute einfach und klar zum Ausdruck bringen, dass
der Beitrag der freien amerikanischen Gewerkschaften zum Siege der
Freiheit alle Erwartungen ueberstieg.

�Fuer alle Zeiten haben Sie bewiesen, dass die freie Gewerkschaftsbewegung besser arbeiten, besser produzieren, bessere
Loehne erzielen und ueberhaupt guenstigere Ergebnisse zustande
bringen kann als Sklavenarbeiter, seien es die im damaligen
Nazi-Deutschland oder im heutigen kommunistischen Russland.
Heute ist unsere Aufgabe weniger dramatisch, aber nicht weniger wichtig oder weniger noetig. Es handelt sich jetzt darum, den
Frieden zu sichern, den wir so teuer erkauften. Wieder muss die
Gewerkschaftsbewegung gemeinsam mit allen anderen Cruppen Amerikas
ihre Posten beziehen, um die freie Welt so stark an Herz und Herren
zu machen, dass eine Aggression undenkbar wird.
Bei dieser grossen Aufgabe ist Ihre Verantwortung eine andere
als jene waehrend des Krieges. Und so ist es auch bei min Meine
Aufgabe ist auch fuer mich eine voellig neue. Und ich weiss, dass
Sie mir glauben, dass ich diese Pflicht niemals uebernommen haette,
waere ich nicht davon ueberzeugt, dass dies meine Aufgabe ist, die
ich im Dienste Amerikas zu erfuellen habe.
Die Tatsache, dass ich heute als Zivilist, als Kandidat fuer
das hoechste Amt unseres Landes vor Sie trete, bedeutet nicht,
dass ich mehr von Ihnen zu verlangen haette als wenn ich in uniform erschienen waere. Sie kennen mich sicherlich gut genug, um
zu wissen, daas ich nicht gekommen bin, um mich einzuschmeicheln.
Ich bin auch nicht zu Ihnen gekommen, um Ihnen ein Angebot zu
machen oder um Ihre Unterstuetzung zu buhlen. Meine Ansichten
ueber die Gewerkschaftsbewegung werden keim« anderen sein als sie
es seit langem waren, ohne Ruecksicht auf die Haltung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung auf diesem Kongress in Bezug auf die
Frage der Unterstuetzung eines Praesidentschaftskandidaten. In
dieser wichtigen Angelegenheit werde ich mich immer nur von einem
Motto leiten lassen: Was ist gut fuer Amerika, fuer ganz Amerika?
Meine Aufgabe hat sich zwar geaendert, ich jedoch habe mich
nicht geaendert.
In meinem ganzen Leben habe ich immer das gesagt, was ich dachte, und ich habe auch stets gedacht, was ich sagte. Daran wird
niemand etwas aendern. Mein ganzes Leben lang habe ich mir einen
tiefen und grundsaetzlichen Glauben an mein Land, sein Tolk, seine
Grundsaetze und seine geistigen Werte bewahrt. Auch das wird niemand aendern.
In dieser meiner neuen Rolle habe ich mit vielen meiner Mitbuerger ueber die grossen Aufgaben von heute gesprochen und auch
ueber die ernsten Probleme, denen wir in den naechsten vier Jahren
gegenueberstehen werden. Jedermann hat ein Recht, zu wissen, was
in meinem Kopf und in meinem Herzen vor sich geht.
Unter dem Druck jener Maenner, die Macht als Recht ansehen,
aber nicht als Verantwortung, sind wir gezwungen, das Aeusserste
zu tun. Politische Fuehrer haben es zugelassen, dass unsere Nation in einen Krieg verwickelt wurde, in dem wir keinerlei Plaene
fuer einen Sieg vorbereitet haben. Politische Fuehrer Hessen
es zu, dass der Abscheu vor dem Kommunismus uns voneinander trennt,
anstatt uns zu einen, wie es haette sein koennen. Und anstatt
innere Probleme zu loesen, nutzten politische Fuehrer diese Probleme fuer engstirnige parteipolitische Zwecke aus. Ich weiss, dass
Millionen Mitglieder der AFL ebenso wie ich von diesem Washingtoner
Durcheinander genug haben, und ich weiss, dass viele von Ihnen mir
helfen werden, diese Misstaende zu beseitigen.

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staatliches Beilegung*- und Schlichtungswesen ist. Es steht aus
Ruecksicht auf politische Manoever solange beiseite, bis der Siedepunkt der Streitigkeiten erreicht ist.
Das staatliche Schlichtungswesen ist in Amerika in einen derartigen Verruf eekonnan. daaa unaa-r VnlV «n«#Unk«T«oi«» ««h«« »•»-

In Wahrheit ist es so, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung viel geschickter und schneller als die amerikanische Verwaltung diesen Problemen begegnete. Ich habe zum Beispiel nie davon gehoert, dass Sie das Problem'eines kommunistischen Agenten in
einer hohen politischen Stellung "Fantasiegeschichte" nannten. Ganz
im Gegenteil, Sie haben gezeigt, wie man durch gruendliches Begreifen des Kommunismus und durch die Entschlossenheit, ihn zu bekaempfen, Organisationen von jedem kommunistischen Einfluss frei halten
kann. Sie haben den Kommunisten wirklich kein glueckliches Heim
bereitet, in dem sie gedeihen und sich weiter entwickeln konnten.
Unsere aufrichtigen amerikanischen Gewerkschafter haben beachtlich
dazu beigetragen, den Widerstand des amerikanischen Arbeiters gegen
den Kommunismus zu staerken.
.Ich weiss, dass Sie meine Ansichten ueber gewerkschaftliche
Probleme als Diskussionsthema wuenschten. Deshalb moechte ich von
Anfang an sagen, dass ich der Meinung bin, dass in Washington eine
Regierung am Ruder sein sollte, die dem Arbeiter im gleichen Umfang
wie dem Unternehmer Vertrauen einfloesst. Zur Zeit gibt es keine
derartige Regierung. Um jedoch eine Regierung zu berufen, der beide
Teile vertrauen koennen, brauchen wir nicht noch mehr Gesetze, sondern eine staerkere Führerschaft.
Vielleicht ist es nicht fehl am Platze, in diesen Tagen der
politischen Forderungen und Gegenforderungen daran zu erinnern,
dass es meine Partei war, die das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren und Tarifverträge abzuschliessen, gesetzlich verankerte.
Dieses Recht wurde erstmalig in dem Eisenbahnarbeiter-Gesetz von
1926 festgelegt. Es wurde so langt als vorbildlich angesehen, bis
spaetere Verwaltungen damit Politik machten.
Das Norris-LaGuardia Gesetz wurde ebenfalls unter der Regierung
meiner Partei verabschiedet. Diese beiden Gesetze schafften die
Grundlage fuer die legalen Rechte der Arbeiterschaft und ihrer
Gewerkschaften. Auf dieser Basis wurden weitere rechtliche Verordnungen aufgebaut, die das Wachstum der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung foerderten.
Ich weiss sehr gut, welche konkreten Vorteile das Anwachsen
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung brachte.
Bevor ich vor 41 Jahren in die Armee eintrat, arbeitete ich
in einem Kaeserei- und Kuehlhauabetrieb in Kansas. In damaligen
Zeiten war das eine sehr schoene Stellung. Ich arbeitete 84 Stunden pro Woche und zwar in der Nachtschicht von sechs Uhr abends
bis sechs Uhr morgens, sieben Naschte in einer Woche. Seitdem
haben jedoch die Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit den Unternehmern das Los der Arbeitenden weitgehend verbessert.
Heute nehmen in Amerika die Gewerkschaften einen sicheren
Platz im industriellen Leben ein. Nur eine Handvoll unbelehrbarer Reaktionaere beschaeftigt sich mit dem haesslichen Gedanken, die Gewerkschaften zu spalten und den Arbeitern das Recht
auf freie Wahl ihrer Gewerkschaft streitig zu machen.
Ich kann diese Leute nicht gebrauchen — gleichgueltig,
welcher politischen Partei sie angehoeren -- die sich unnuetzen,
dummen Traeumen von einem Zurueckdrehen der Uhr der Zeit zu jenen
Tagen hingeben, da die Arbeiter noch nicht organisiert waren und
eine zuaammengewuerfelte, hilflose Masse bildeten. Es ist naemlich nicht nur der Unternehmer, der die Arbeiter ausbeuten kann.
Oder sollten die Arbeiter den aussergewoehnlichen Vorschlag der

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�In Wahrheit ist es so, daas die amerikanische Gewerkschaftsbewegung viel geschickter und schneller als die amerikanische Verwaltung diesen Problemen begegnete. Ich habe zum Beispiel nie davon gehoert, daas Sie das Problem"eines kommunistischen Agenten ia
einer hohen politischen Stellung "Fantasiegeschichte" nannten. Ganz
im Gegenteil, Sie haben gezeigt, wie man durch gruendliches Begreifen des Kommunismus und durch die Entschlossenheit, ihn zu bekaempfen, Organisationen von jedem kommunistischen Einfluss frei halten
kann. Sie haben den Kommunisten wirklich kein glueckliches Heim
bereitet, in dem sie gedeihen und sich weiter entwickeln konnten.
Unsere aufrichtigen amerikanischen Gewerkschafter haben beachtlich
dazu beigetragen, den Widerstand des amerikanischen Arbeiters gegen
den Kommunismus zu staerken.
.Ich weiss, dass Sie meine Ansichten ueber gewerkschaftliche
Probleme als Diskussionsthema wuenschten. Beshalb moechte ich von
Anfang an sagen, dass ich der Meinung bin, dass in Washington ein«
Regierung am Ruder sein sollte, die dem Arbeiter im gleichen Umfang
wie dem Unternehmer Vertrauen einfloesst. Zur Zeit gibt es keine
derartige Regierung. Um jedoch eine Regierung zu berufen, der beide
Teile vertrauen koennen, brauchen wir nicht noch mehr Gesetze, sondern eine staerkere Puehrerschaft.
Vielleicht ist es nicht fehl am Platze, in diesen Tagen der
politischen Forderungen und Gegenforderungen daran zu erinnern,
dass es meine Partei war, die das Recht der Arbeiter, sich zu organisieren und Tarifvertraege abzuschliessen, gesetzlich verankerte.
Bieses Recht wurde erstmalig in dem Eisenbahnarbeiter-Gesetz von
1926 festgelegt. Es wurde so lange als vorbildlich angesehen, bis
spaetere Verwaltungen damit Politik machten.
Bas Norris-LaGuardia Gesetz wurde ebenfalls unter der Regierung
meiner Partei verabschiedet. Biese beiden Gesetze schafften die
Grundlage fuer die legalen Rechte der Arbeiterschaft und ihrer
Gewerkschaften. Auf dieser Basis wurden weitere rechtliche Verordnungen aufgebaut, die das Wachstum der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung foerderten.
Ich weiss sehr gut, welche konkreten Vorteile das Anwachsen
der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung brachte.
Bevor ich vor 41 Jahren in die Armee eintrat, arbeitete ich
in einem Kaeserei- und Kuehlhausbetrieb in Kansas. In damaligen
Zeiten war das eine sehr schoene Stellung. Ich arbeitete 84 Stunden pro Woche und zwar in der Nachtschicht von sechs Uhr abends
bis sechs Uhr morgens, sieben Naechte in einer Woche. Seitdem
haben jedoch die Gewerkschaften in Zusammenarbeit mit den Unternehmern das Los der Arbeitenden weitgehend verbessert.
Heute nehmen in Amerika die Gewerkschaften einen sicheren
Platz im industriellen Leben ein. Nur eine Handvoll unbelehrbarer Reaktionaere beschaeftigt sich mit dem haesslichen Gedanken, die Gewerkschaften zu spalten und den Arbeitern das Recht
auf freie Wahl ihrer Gewerkschaft streitig zu machen.
Ich kann diese Leute nicht gebrauchen — gleichgueltig,
welcher politischen Partei sie angehoeren — die sich unnuetzen,
dummen Traeumen von einem Zurueckdrehen der Uhr der Zeit zu jenen
Tagen hingeben, da die Arbeiter noch nicht organisiert waren und
eine zusammengewuerfelte, hilflose Masse bildeten. Es ist naemlich nicht nur der Unternehmer, der die Arbeiter ausbeuten kann.
Oder sollten die Arbeiter den aussergewoehnlichen Vorschlag der

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�jetzigen Regierung ueber die Massnahmen gegen einen angedrohten
Eisenbahnerstreik schon wieder vergessen haben? Der oberste
Fuehrer der Demokratischen Partei stellte die Forderung, alle
Streikenden in die Armee einzuziehen!
Als damaliger Stabschef fand ich mich in diese Angelegenheit
verwickelt. Das war im Fruehjahr 1946. Ich war gerade von einer
Inspektionsreise im Pazifischen Ozean zurueckgekehrt und wollte
mich in Georgia ein klein wenig erholen. Da kam ein Telefongespraech aus Washington. Ich wurde angewiesen, sofort nach Washington zurueckzukommen, um den Befehl ueber die streikenden Eisenbahner zu uebernehmen, die gerade in die Armee einberufen werden
sollten. Unter bitterem Protest weigerte ich mich. Man sagte
mir, dass ich der einzige Militaer sei, mit dem die Eisenbahner
ueberhaupt sprechen wuerden. Ich uebernahm also die Aufgabe.
Aber ich war natuerlioh Soldat und kein Streikbrecher.
Soweit ich mich erinnere, widersprach mein jetziger Wahlgegner nicht der Einberufung der Streikenden in die Armee. Auch
sein sich fuer die Vizepraesidentachaft bewerbender Anhaenger
stimmte fuer diese Massnahme. Letzten Endes ueberstimmten jedoch
die Angehoerigen der Republikanischen Partei im Senat diesen Vorschlag.
Ich strebe keine Schiedsgewalt ueber die Arbeiterschaft oder
die Industrie an. Ich glaube nicht daran, dass der Praesident
einer freien Nation sie ausueben kann, ohne dass die Nation ihre
Freiheit einbuesst. Mein Gegner hat am "Tag der Arbeit" sehr
klar zum Ausdruck gebracht, dass er die Macht haben will, als
Praesident Entscheidungen zu erzwingen. Das ist genau das, was
ich ablehne. Der grundsaetzliche, unversoehnliche Unterschied
zwischen seiner und meiner Position ist der, dass er und seine
Partei den Zwang befuerworten, waehrend ich ihn ablehne!
Lassen Sie uns frei ueber das Problem des Streiks sprechen.
Das Recht aller Schaffenden, ihre Arbeit niederzulegen, ist ein
Musterbeispiel der Freiheit. Hitler unterdrueckte jeden Streik.
Stalin unterdrueckt ebenfalls jeden Streik. Das Einberufen von
Streikenden zur Armee wuerde den Streik natuerlich auch unterdrücken. In jedem einzelnen Fall wird aber die Freiheit unterdrueckt. Es gibt Dinge, die schlimmer sind, viel schlimmer als
streikende Arbeiter. Eines von diesen ist der Verlust der Freiheit.
Die Zeit ist gekommen, unserem Volke die Wahrheit zu sagen.
Heute, am Tage unserer Verfassung, der die Annahme unseres Verfasaungadokumentes in Erinnerung bringt, hat diese Wahrheit besondere Bedeutung. Die meisten Streiks koennen vermieden werden,
ohne unsere Verfassung durch illegale Beschlagnahme von Eigentum
oder die Einberufung von Streikenden in die Armee zu verletzen.
Vieles bleibt noch zu tun, um Arbeitsstreitigkeiten ohne Streiks
xu schlichten.
Ich bin sicher, dass die Industrie wie auch die Gewerkschaften
ueber eine ausreichend verantwortliche Fuehrerschaft verfuegt, auf
der sich eine feste Basis fuer einen Arbeitsfrieden aufbauen laesst.
Es ist hoechste Zeit, dass wir einige verantwortliche Fuehrer in
die Regierung bekommen, damit wir recht bald an diese Aufgabe herangehen koennen.
Um nur ein Beispiel dafuer zu nennen, wo diese Aufgabe zu beginnen waere, bedenken Sie bitte wie erbaermlich unfaehig unser

�staatliches Beilegungs- und Schlichtungswesen ist. Es steht aus
Ruecksicht auf politische Manoever solange beiseite, bis der Siedepunkt der Streitigkeiten erreicht ist.
Das staatliche Schlichtungswesen ist in Amerika in einen derartigen Verruf gekommen, dass unser Volk moeglicherweise schon vergessen hat, was durch Schlichtung ueberhaupt erreicht werden kann.
Ernsthafte, wohlueberlegte Schlichtung hat schon manche Konflikte
innerhalb der Interessengruppen geloest; ja, sie hat auch Kriege
beendet. Erinnern wir uns doch, was Ralph Bunche tat, als er zwischen den Arabern und den Juden vermittelte. Sicherlich ist keines
der Probleme der Arbeiterbewegung so verwickelt, mit so viel Erregung
angefuellt und so hart umstritten wie das Problem, das er zu loesen
half, indem er den Staat Israel ins Leben rief. Das alles kann durch
Vermittlung erreicht werden. Lassen Sie uns das nicht vergessen.
Sicherlich koennen wir uns auch bei Arbeitsstreitigkeiten solch
echter Bemuehungen und ruhiger Aufrichtigkeit bedienen. Voraussetzung dafuer ist allerdings, dass wir Maenner in der Regierung
haben, die selbst ruhig und aufrichtig sind.
Eine vorbeugende Medizin hat bei der Erhaltung der Gesundheit
schon Wunder bewirkt. Vorbeugende Vermittlung koennte die Fieberflecken in unserer Wirtschaft oftmals schon vorzeitig anzeigen.
Fuer Streitigkeiten von nationaler Bedeutung, die selbst redliche VermittlungBbeauehungen ueberdauern - und deren wird es bestimmt einige geben - halte ich es ebenso wie ein grosser Staatsmann der Gewerkschaftsbewegung. Er war grundsaetslich fuer Freiwilligkeit und gegen jeden Zwang. Ich zitiere ihm "Die Arbeiter
Amerikas halten an freiwilligen Einrichtungen fest, die sie gegenueber den Systemen des Zwanges bevorzugen, da sie diese nicht nur
fuer ungeeignet halten, sondern sogar als Bedrohung ihrer Rechte,
ihrer Wohlfahrt und ihrer Freiheit betrachten." Das sind Worte,
die der Gruender und weitsichtige Fuehrer der grossen amerikanischen Gewerkschaft, der AFL, San Gompers gesprochen hat.
Natuerlich ist es nicht notwendig, dass ich Ihnen vor Augen
fuehre, dass es keine allgemein gueltigen Heilmethoden fuer die
schnelle Beseitigung von Arbeitsstreitigkeiten gibt. Ebenso ist
die Gewaehrung besonderer Verguenstigungen hoeheren Ortes bestimmt
nicht der leichtere Weg, einmal begonnene Streiks zu gewinnen, wie
die Stahlarbeiter vor kurzem erst erfahren mussten.
Verbote, Beschlagnahmungen und sehnliche Massnahmen werden die
fundamentalen Probleme, die zu einem Streik fuehren, nicht loesen.
Auf welchen Platz werden wir von der starken Hand einer Regierungsintervention verwiesen? Sie bringt uns lediglich in das Wartezimmer von Regierungsbeamten - weit vom Ausgangspunkt entfernt. Sie
koennen garantieren, dass Maenner, die so weit vom Schuss entfernt
sitzen, praktisch nichts darueber wissen.
Jeder, der sagt, dass er zwar gegen auedrueckliche Verbote,
jedoch fuer die Beschlagnahme zum Zweck des Ausgleichs in allen
Faellen des nationalen Hotstandes ist, redet bewusst Unsinn. Jede
Beschlagnahme schliesst eine Befehlsgewalt in betonter Form in sich
ein. In dem Moment, da die Regierung Bergwerke oder Eisenbahnen
beschlagnahmt, werden die Gerichte eine Verfuegung gegen jeden
Streik erlassen, da die Streikenden, wenn auch ohne ihre Zustimmung, ploetzlich Angestellte der Regierung geworden sind.

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5 -

�Nachdem die Eisenbahnen beschlagnahmt waren, erwirkte die
Regierung ein Verbot nach dem anderen gegen die Eisenbahnarbeiter.
Die Eisenbahner werden Ihnen erzaehlen koennen, genau so wie sie
es mir erzaehlten, dass die Beschlagnahmen eine Kalamitaet fuer
die "Angestellten" sein koennen. Sie Terfuegung selbst, die durch
die Beschlagnahme gerechtfertigt wird, ist zeitlich wii auch in
ihrem Tollen Ausmass voellig unbegrenzt.
Wenn die Regierung in einem durch den Kongress proklamierten
nationalen Notstand in einen Streik eingreift, um die Wiederaufnahme der Arbeiten zu sichern, muss sie gleichzeitig Tarifverhandlungen anregen und diese nicht unterdruecken. Es gibt keinen
anderen Weg, um an die Streitigkeiten, die dem Streik zugrunde
liegen, heranzukommen.
Ich muss nochmals betonen, dass weder der Arbeitsfrieden noch
der Frieden im internationalen Bereich gesetzlich verankert werden
kann. Dieser kann nur durch gegenseitige Respektierung gesichert
werden, durch den Willen zum Frieden und eine verantwortungsbewusste, humanitaere Führerschaft.
Eine durch die Industrie betonte Gesellschaftsform, die sich
im groesstmoeglichen umfang der wirtschaftlichen Freiheit verschrieben hat, muss sich auch bei TarifVerhandlungen selbst immer treu
bleiben. Diese Haltung ist die beste Methode, um die Arbeitsbedingungen zu Versendern und zu verbessern und dadurch den amerikanischen Lebensstandard zu erhoehen.
Gesunde Tarifvertraege erfordern verantwortungsbewußte
Gewerkschaften und verantwortungsbewusste Arbeiter und Angestellte.
Schwache Gewerkschaften koennen nicht verantwortungsbewusst sein.
Das allein ist Grund genug dafuer, dass wir starke Gewerkschaften
haben muessen.
Der Kampf zwischen der Gewerkschaftsbewegung und der Industrie
kann nicht aus der Welt geschafft werden, ohne die wirtschaftliche
Freiheit aufzugeben. Der Regierung faellt dabei die Rolle des Unparteiischen zu. Ich hoffe sehr, dass wir bald eine Verwaltung
haben werden, die die Regeln des ehrlichen Partners beachten wird*
Unsere schlimmsten Fehlschlaege bei den Tarifverhandlungen
der letzten 50 Jahre erlitten wir, als die Regierung die Rolle
des unparteiischen Schiedsrichters aufgab und aktiv in den Kampf
eingriff.
Ich vermute, dass Sie darauf warten, von mir etwas Naeherea
ueber das Taft-Hartley-Gesetz zu hoeren. Ich will Ihnen ganz
genau sagen, wie ich dazu stehe:
Ich nehme an, dass Ihr eigener Ezekutivausschuss festgestellt
hat, dass er darauf vorbereitet ist, eine, wie sie heute genannt
wird, "realistische" Haltung zu den Zusatzantraegen anzunehmen.
Und meine Einstellung dazu ist genau die gleiche. Ich sage Ihnen
das ebenso einfach wie klar. Ich bin fuer eine Abaenderung, aber
nicht fuer eine Aufhebung dieses Gesetzes.
Ich werde keinen Abaenderungsvorschlag unterstuetzen, der die
Fechte der arbeitenden Maenner und Frauen schwaecht. In dem Bemuehen um eine wuenschenswerte Abaenderung des Gesetzes werde ich
den Rat und die Vorschlaege aller interessierten Gruppen einholen der Oeffentlichkeit, der Unternehmer und der Arbeiter. Und ich

�kann Ihnen versichern, aeine Herren, dass ich es ernst und aufrichtig
meine und dass diese Aufforderung zur Zusammenarbeit keine leere
theatralische Geste ist, wie sie in den letzten Jahren so oft geaacht wurde. Ich bin davon ueberzeugt, dass die Abaenderung des
Gesetzes zustande kommen kann, und zwar in einer Fora, dass keiner
von Ihnen, der gerecht denkt, die Resultate als unvernuenftig ansehen wird. Eine derartige Gesetzgebung kann niemals als endgueltig betrachtet werden; und was die Arbeitsgesetze betrifft, so
verspreche ich Ihnen das eine, dass die Gewerkschaftsbewegung
immer gleichberechtigt neben anderen stehen wird, wenn ich irgendeine Verantwortlichkeit in der Exekutive haben werde.
Es ist die amerikanische Art, die Dinge so zu nehmen wie sie
sind, jedoch staendig auf Verbesserungen bedacht zu sein.
Ich zitiere einige der Grundsaetze, von denen ich glaube, dass
es wichtig ist, sie gesetzlich weiter auszuarbeiten: Foerderung
des Tarifverhandlungssystems; das Recht auf Streik; die vorherige
Bekanntgabe eines beabsichtigten Streiks; die Forderung, dass Gewerkschaften wie auch Unternehmer die bestehenden Vertraege unbedingt einhalten; die Verpflichtung, dass den Mitgliedern der
Gewerkschaften regelmaessig Bericht erstattet wird ueber die
Finanzen ihrer Organisation.
Ich habe ueber das Taft-Hartley-Gesetz mit Vertretern der
Gewerkschaftsbewegung wie auch denen der Industrie gesprochen.
Ich weiss, wie das Gesetz gebraucht werden kann, um die Gewerkschaften zu zerschlagen. Bas muss anders werden. Aaerika will
kein Gesetz, das den Bankerott der Gewerkschaften konzessioniert,
und ich will das auch nicht. (Beifall).
Ich bin der Meinung, dass, wenn alle patriotischen amerikanischen Gewerkschaftsfuehrer schwoeren mueasen, dass sie kein«
Kommunisten sind, an die Arbeitgeber, ait denen sie verhandeln
auesaen, die gleiche Anforderung gestellt werden auesste. Meine
Daaen und Herren, lassen Sie mich Ihnen hierzu meine persoenliche
Meinung sagen: Ich habe nichts dagegen, jeden Morgen einen Treueschwur auf die Vereinigten Staaten zu leisten. Ich wuerde stolz
sein, jeden Abend einen Eid zu leisten, dass ich kein Kommunist
bin. Aber ich wuerde es ganz entschieden ablehnen, das zu tun,
wenn lediglich mir als Einzelnem diese Auflage geaacht wuerde,
weil ich zufaelligerweise ein Veteran oder irgendein Einwohner
von Kansas oder ein Gewerkschafter bin.
Ich aoechte jetzt der hervorragenden Arbeit gedenken, die
Sie in Kampfe gegen den Kommunismus und gegen den kommunistischen
Einfluss innerhalb der Arbeiterschaft anderer Laender leisteten.
Unsere amerikanischen Gewerkschafter haben ihren arbeitenden Bruedern anderer Rationen, die den Kommunismus dort bekaempfen,wo
der Kampf am erbittertsten ist, uneigennuetzig geholfen und sie
nachdruecklich unterstuetzt. Die ganze freie Welt steht in ihrer
Schuld.
Die fundamentalen Probleme meiner letzten Dienstreise nach
Europa schlössen den Kampf gegen den Kommunismus ein. Ich moechte
hiermit Irving Brown, dem Vertreter der AFL, fuer seine wertvolle
Zusammenarbeit und Unters tuetzung oeffentlich meine Anerkennung
aussprechen.
Er wurde von sehr faehigen Maennern unterstuetzt, unter ihnen
Matthew Woll, der ueberall dort, wo der Kampf am haertesten ist,

-

7 -

�zur Stelle ist, sei es in den Fabriken, in den Docks, in den Bergwerken oder in den Gewerkschaftshallen.
Wir duerfen niemals vergessen, dass die amerikanische Gewerkschaftsbewegung nur deshalb stark genug ist, ihren Kollegen im Ausland zu helfen, weil unser Wirtschaftssystem ihr Vorwaertskommen
ermoeglichte. Alle Vorteile, die der amerikanische Arbeiter bisher erzielt hat und auch die Vorteile, die er in Zukunft noch erringen wird, waeren nicht moeglich ohne das freie, sich staendig
ausdehnende produktive System der amerikanischen Industrie. Derjenige, der den Mut hat, von uns zu verlangen, dass wir unser System durch ein anderes ersetzen, verstoesst damit gegen die unmittelbaren Interessen der Gewerkschaften. Er ist dadurch gefaehrlich,
vor allem, wenn er dabei annimmt,im Namen der Gewerkschaften, einer
Weltanschauung oder einer politischen Partei zu sprechen.
Gerade Sie als Gewerkschafter muessen das besonders gut wissen.
Die Arbeiter sind immer und ueberall die auserwaehlten Zielscheiben
gewisser Demagogen. Wie viele verworrene, ehrgeizige Schematiker
haben davon getraeumt, auf den Ruecken der Arbeiter der ganzen
Welt zur Macht empor zu steigen! Sie haben diese Traeume jedoch
immer dort gehabt, wo sich die Ruecken der Arbeiter unter Armut
und Verzweiflung beugten. Ss ist eines jener echten amerikanischen
Merkmale der Groease, dass auch ein Mann aus dem Arbeiterstande
hier nicht beiseite geschoben wird. Er bekommt kein Klasseschild
umgehaengt. Wir sind keine geschlossene Gesellschaft. Wir sind
eine Gesellschaft freier Memschen und freier Buerger. Wir sind
alle - mit der Hand oder mit dem Kopf, mit Geschick und Staerke Arbeiter«
Aus diesem Grunde widersetze ich mich all denen, die besonders seltsame Aufrufe an die Gewerkschaften richten. Man kann
Sie nicht von den uebrigen Buergern durch eine besondere "Behandlung" irgendwelcher Art trennen - sei es zur Unnachgiebigkeit
oder in der wohlwollenden Form des Schulterklopfens. Die Gewerkschaften als einen besonderen Fall zu behandeln, hieaae
Ihre wolle Wuerde als amerikanische Buerger zu verneinen.
loh glaube nicht, dass der amerikanische Arbeiter irgend
etwas anderes von seiner Regierung verlangt als Fairness und
Gerechtigkeit. Mein festes Versprechen, das ich Ihnen gebe,
lautet aot Soweit ich imstande bin, eine Lage zu beurteilen,
werde ich Ihnen immer Gerechtigkeit und Billigkeit widerfahren
lassen. loh wiederhole damit mein Versprechen, das ich Ihnen
am Tag der Arbeit gab. Lassen Sie sich getrost in Ihren politischen Handlungen immer von Ihrem Gewissen bestimmen; ich
werde immer versuchen, ein wahrer Freund der Gewerkschaften zu
•ein.
Diese einfachen Ideale der Gerechtigkeit und Billigkeit fuer
alle sind die Staerke unserer ganzen Lebensform. Sie koennen
jedoch durch industrielle Streitigkeiten gefaehrdet werden. Ein
solcher Streit, der in einen Klassenkampf ausartete, hat die Freiheit in anderen Laendern der Welt voellig zerstoert.
Diese Streitigkeiten zu verhindern, gehoert zu den grossen
Verantwortungen und den Aufgaben der Regierung. Sie zu verhindern bedeutet aber nicht nur, einfach den Ausbruch eines
Streits zu bedauern, sondern vielmehr die Ursachen zu bekaempfen.
Die Inflation ist gegenwaertig ein drohender Grund dafuer. In
den kommenden Wochen werde ich noch viel ueber den Kampf gegen
diese Bedrohung zu sagen haben. Im Augenblick denke ich daran,

�dass eines uns allen klar sein solltet Jene, die die Entwicklung
dieser Bedrohung zuliessen, werden sie nicht wieder von den Heimstaetten der amerikanischen Arbeiter nehmen koennen. Dieser unheilvolle Streit wird nicht von selbstzufriedenen Maennern beseitigt, die der Meinung sind, die Stimmen der amerikanischen Arbeiter
schon sicher in ihren Taschen zu haben.
Meine Herren, ich bin von bescheidener Herkunft. Ich glaube
daher, die elementaren Beduerfnisse und Rechte aller arbeitenden
Maenner und Frauen gut zu kennen. Ich kenne sie nur allzu gut,
als dasa ich den Versuch unternehmen wuerde, politisches Kapital
aus den Sorgen zu schlagen, die jeder einzelne um seine soziale
Sicherheit, seine Wohnung, seinen Lohn, die Arbeitslosenversicherung und die Erhaltung des Wertes seiner Spareinlagen hat.
Meine Damen und Herren, ich habe schon aufgefuehrt, und ich
wiederhole es hier, dass diese Massnahmen der Boden sind, den wir
jedem amerikanischen Buerger bereiten muessen, um zu verhindern,
dass er in Unglueck stuerzt, das er nicht selbst verschuldet hat.
Es ist billig und zugleich erniedrigend, versuchen zu wollen,
aus diesen Problemen Munition fuer oder gegen eine Partei zu
achmieden. Es sind Probleme, fuer deren Loesung die Intelligenz
und Redlichkeit aller Amerikaner, die guten Willens sind, eingesetzt werden muss.
Ich komme nioht mit Schickealsprophezeiungen; ich verspreche
auch keine ünmoegliohksitsn. loh bin aber dar tiefen üeberzeugung, dass vor uns unbegrenzte Moeglichkeiten fuer uns alle liegen. Wir sind ein junges Tolk und ein junges Land. Der Aufbau
Amerikas hat erst begonnen. Wir koennen uns sin Amerika bauen,
dessen Gerechtigkeitssinn und guter Wille dem materiellen Rahmen
und den besonderen geistigen Faehigkeiten aller arbeitenden Maenner und Frauen entspricht.
Mit Gottes Hilfe werden wir das tun koennen.
Meine Damen und Herren, ich moeohte mich noch einmal bei
Ihnen bedanken fuer die grosse Ehre, die Sie mir mit Ihrer Einladung bezeugten. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.
Quellet

Protokoll des
71. AFL-Kongresees,
3« Tagesbericht.

Warum der amerikanische Arbeiter das freie Unternehmertum unterstuetzt
George Meaay, Erster Vorsitzender der AFLt
Warum unterstuetzt der amerikanische Arbeiter den Kapitalismus?
Das ist eine der immer wiederkehrenden Fragen der europaeischen
Gewerkschafter, die innerhalb des ECA-Austauschprogramms die Vereinigten Staaten besuchen. Diese Frage beantwortete bereite der
amerikanische Sozialistenfuehrer Norman Thomas in einem kuerzlich
gegebenen Interview. Im Gegensatz dazu steht die Ansicht George
Meanre, des ersten Vorsitzenden der American Federation of Labor.
Vor allen Dingen ist Meany der Meinung, dass das Wort "Kapitalismus" eine ausgesprochen falsche Bezeichnung fuer das amerikanische Wirtschaftssystem ist. Die dogmatische Definition und
Beschreibung des Kapitalismus, wie sie Karl Marx praegte und wie

9 -

�sie von den stalinistischen Zeitgenossen wiederholt wird, hat
durch die grundlegenden und drastischen Versenderungen unserer
Gesellschaftsordnung keine Beziehung mehr zur Wirklichkeit.
Die amerikanische Gesellschaftsordnung ist immer dynamisch,
anpassungsfaehig und fortschrittlich gewesen. Niemals war sie
Jedoch feudalistisch. Die ungeheuer bedeutungsvollen Reformen,
die jahrzehntelang, ganz besonders aber seit 1932, durchgefuehrt
wurden, bilden die Fortsetzung und einen Hoehepunkt der permanenten amerikanischen Revolution. Jene Reformen sind die Verwirklichung der Ideale der hervorragendsten Liberalen von Jefferson bis zu Roosevelt. Und auf dem ganzen Wege, angefangen von
dem unentgeltlichen Besuch oeffentlicher Schulen und den allgemeinen Wahlen bis zur Sozialversicherung und den Massnahmen gegen
das Itonopolwesen, stand die amerikanische Gewerkschaftsbewegung
in vorderster Linie im Kampf fuer die dem allgemeinen Interesse
dienenden Reformen.
Die Gewerkschaften ziehen es vor, die amerikanische .Yirtschaftsstruktur das System des freien Unternehmertums zu nennen. Dieses System unterstuetzt der amerikanische Arbeiter
hauptsächlich deshalb, weil es ihm im Verein mit Freiheit und
Demokratie einen sehr hohen Lebensstandard gebracht hat.
Da hungrige Menschen leicht dazu neigen, den Wert der Freiheit und der Demokratie zu unterschaetzen, muessen erst einmal die
materiellen Vorteile in Betracht gezogen werden, die der amerikanische Arbeiter gewonnen hat.
Man kann jedoch beides nicht vollstaendig voneinander trennen,
da eines vom anderen abhaengig ist. Doch ist der wirtschaftliche
Fortschritt, den Amerika gemacht hat, wirklich erstaunlich. Die
Kaufkraft des Reallohnes eines Arbeiters stieg von 1890 bis 1930
um das dreifache. Die Arbeitswoche verkuerzte sich von 60 auf 40
Stunden. Um die Jahrhundertwende blieben einem Arbeiter, nachdem
er fuer sich und seine Familie Lebensmittel, Kleider und Wohnutig
bezahlt hatte, nur noch siebzehn Prozent seines Einkommens fuer
alle anderen Ausgaben uebrig. Heute gibt die Familie eines einfachen Arbeiters, bei einem weit groesserem Einkommen, ungefaehr
vierzig Prozent ihres Einkommens fuer so wichtige Dinge wie Erziehung, aerztliche Fuersorge, Erholung, Reisen, Moebel und Hausrat aus und kann trotzdem noch Ersparnisse machen. Hinzu kommt
noch, dass der Arbeiter wesentlich mehr Zeit hat, um sich um seine
Gewerkschaft, seine Kirche, kurz alle ihn interessierenden charitativen, sozialen, kulturellen und politischen Angelegenheiten zu
kuemmern und darin taetig zu sein. Dies macht ihn zu einem vollwertigen Mitglied seiner Gemeinde.
Um die Jahrhundertwende hatte ungefaehr nur jede fuenfte Arbeiterfamilie ihr eigenes Haus. Um 1900 konnten sich auch nur
wenige die Annehmlichkeiten der Elektrizitaet, des Badezimmers,
des Kuehlschrankes, oder sehnlicher Dinge leisten. Heute findet
man alle diese Dinge selbstverstaendlich, sie gelten nicht mehr
als Luxus. Natuerlich waren diese Veraenderungen nur durch ein
gewaltig erhoehtes Volksvermoegen zustandegekommen.
Die Frage ist nun, ob die Arbeiterschicht an einer gerechten
Verteilung des hoeheren Volkseinkommens Anteil gehabt hat.
Gerade auf diesem Gebiet hat sich jedoch eine wirkliche, noch
heute andauernde Revolution vollzogen. Die Einkommens- und Erbschaftssteuer sowie andere Finanz- und Sozialreformen, die von

10

-

�der Arbeiterschaft sehr nachdruecklich unterstuetzt wurden, haben
die Verteilung des Vermoegens erheblich veraendert. Die Grossverdiener haben einen weit geringeren, die Arbeiterschaft einen sehr
viel hoeheren Anteil an dem gesamten privaten Nationaleinkommen
als vor fuenfzig oder sogar nur zwanzig Jahren.
Es sei hierbei nur wiederholt, wie Samuel Gompers die Ziele
der organisierten Arbeiterschaft auslegtet "Wir wollen mehr und
mehr an den guten Singen des Lebens teilhaben. Wir fordern immer
wieder, dass durch Steuerreformen und Tarifvertraege der Anteil
des Arbeiters an der Produktion noch weiter gesteigert wird."
Durch die internationale Notlage muessen vielleicht einige unserer
Forderungen zurueckgestellt werden, da wir gewillt sind, Opfer zu
bringen und unseren gerechten Anteil an den Lasten, die der amerikanischen Arbeiterschaft durch Stalins aufgezwungene Wiederaufrüstung auferlegt werden, auch tragen wollen.
Der hohe Lebensstandard der Amerikaner beruht auf verschiedenen Cruenden. In erster Linie sind es jene Beweggruende, die
eine freie Gewerkschaftsordnung mit sich bringen. Freiheit und
die Achtung der persoenlichen Rechte bilden die eigentliche Ursache, dass wir unsere ungeheuer ergiebigen Naturschaetze dem
allgemeinen Wohl zukommen lassen. Wir haben technische Wunder
entwickelt, die die Produktivitaet auf eine Hoehe geschraubt haben, die man sich vor fuenfzig Jahren noch nicht haette traeumen
lassen. Vor dem zweiten Weltkrieg war die Leistung des einzelnen
amerikanischen Arbeiters zweieinhalb mal so hoch wie in Europa.
Heute ist die Produktion pro Kopf dreieinhalb mal so hoch wie die
der Westeuropaeer und sechs oder sieben mal so hoch wie die der
Russen. Die grundlegende Erklaerung hierfuer ist, dass der amerikanische Arbeiter weit mehr durch Maschinen unterstuetzt wird als
der Arbeiter anderer Laender. Im Durchschnitt steht dem Arbeiter
in Westeuropa nur ein Drittel der Maschinenkraft des amerikanischen
Arbeiters zur Verfuegung. Der Russe jedoch hat noch weit weniger
Maschinen als der Westeuropaeer zur Verfuegung.
Es gibt aber noch andere, wesentliche Gesichtspunkte fuer den
"laissez-faire"-KapitaliamuB oder europaeischen Kapitalismus, der
in Amerika nicht vorhanden ist. Das freie Unternehmertum Amerikas
wird durch Anti-Trustgesetze geregelt, die, durch die Macht der Gewerkschaften gestaerkt, den strangulierenden Einfluss der Kartelle
oder Monopole auf die amerikanische Wirtschaft verhindern. Es ist
zum Beispiel einer Interessengemeinschaft verboten, sich mit gleichen Wirtschaftsgruppen zu verbuenden, um durch eine Minderung der
Produktion ein hohes Preisniveau zu halten. Diese Massnahme sichert
einen ehrlichen Wettbewerb. Die allgemeine Politik der Industriellen
ist eine Massenproduktion von Waren, die mit einem geringen Gewinn
auf einem riesigen Markt, der ueber 150 Millionen Verbraucher zaehlt,
abgesetzt werden. Und hierbei gibt es keine Zoll- und Handelsschranken, wie es auf dem europaeischen Kontinent der Fall ist.
Diese Art des freien Konkurrenzkampfes bietet den sichersten
Weg zum Erfolg. Es besteht das gleiche Recht fuer den Unternehmer
und den Arbeiter, vorwaerts zu kommen und seine wirtschaftliche und
soziale Lage zu verbessern. Dieses Recht ist gesichert. Ich behaupte nicht, dass das System des freien Unternehmertums gesetzlich
ein vollkommenes ist. Davon ist es noch weit entfernt und immer
wieder werden seine Fehler von der Gewerkschaft kritisiert. Nach
seiner Ansicht gibt es jedoch kein besseres System.

-

11

-

-

�Es existieren aber noch immer Misstaende. Die Schwaechen
werden jedoch Schritt fuer Schritt durch die entschlossene Zusammenarbeit der liberalen Kraefte und der Gewerkschaften ueberwunden*
Das sind einige der wesentlichen Gruende, warum der amerikanische Arbeiter die freie Wirtschaft unterstuetzt. Wir haben Freiheit in wirtschaftlicher, kultureller und auch politischer Hinsicht.
Und jede totalitaere Macht, die versucht, uns diese Freiheit zu
rauben, muss gegen den amerikanischen Arbeiter kaempfen.
Es muss jedem klar gemacht werden, dass die Amerikaner nicht
die Absicht haben, ihr Wirtschaftssystem und ihre Ideologie anderen
Voelkern aufzuzwingen. Andere Laender moegen den Weg des demokratischen Sozialismus waehlen -- oder irgend ein anderes System
foerdem, solange sie nicht den Weltfrieden und die Unabhaengigkeit anderer Laender durch imperialistische Aggressionen bedrohen.
Die amerikanischen Arbeiter , sowie die Amerikaner ueberhaupt
wuenschen nur, den Menschen anderer Laender zu helfen, ihren Lebensstandard zu heben und die Fruechte freier Arbeit in Frieden und
Freiheit zu geniessen.
Quellet
Features ünit Labor Special,
Ho. 190
Bewegungsstudie halbiert Anlernzeit
Heue Arbeitsmethoden in Verbindung mit neuen Schulungssystemen
haben bei der Steigerung der ProduktlTitaet der Kayser Bondor Strumpffabrik in Baidock, England, eine wichtige Rolle gespielt. Bis 1947
sassen die Arbeiterinnen, die kettelten, saeumten und die Struempfe
prueften, in verschiedenen fiaeumen. Dadurch ging viel Zeit und
Arbeitskraft beim üebergang von einem zum anderen Arbeitsgang verloren.
Die Maedel arbeiten jetzt in Gruppen, die die drei Arbeitsgaenge unter sich aufteilen. Diese Methode reduziert nicht nur
die Dauer der Arbeitsgaenge, es wurde ausserdem festgestellt, das»
einer der groessten Vorteile darin besteht, dass der Pruefer einen
festgestellten Fehler.sofort verbessern lassen kann* Die Produktion
und der Arbeitslohn sind dadurch um 20$ gestiegen.
Weiterhin konnte die Anlernzeit fuer Saeuaen und Ketteln von
12 Monaten auf 12$ Wochen herabgesetzt werden. Zu der Zeit, da
daa Anlernen noch nicht so gut organisiert war, sass der Anlernling mit einer qualifizierten Arbeiterin zusammen und lernte von
ihr, so gut es eben ging.
Als man 1947 intensiv durchgefuehrte Lehrgaenge einfuehrte,
wurde die Anlernzeit von 12 auf 6 Monate reduziert. Im letzten
Jahr jedoch fuehrte man erstmalig Bewegungsstudien bei einem
Abschnitt des Unterrichts durchs der durchschnittliche Anlernling
erreicht jetzt den erforderlichen Leistungsstandard bereits in 12$
Wochen. Ein Maedchen, das waehrend des Unterrichts die erforderliche Geschicklichkeit erreicht hatte, buesste sie oftmals wieder
ein, sobald es seinen Platz innerhalb der Gruppe, die in der Werkstatt arbeitete, einnahm. Man loeste dieses Problem zum grossen
Teil dadurch, dass man der Arbeiterin einen Arbeitsplatz in einer
Produktionsabteilung anwies, die von der Werkstatt der Fabrik

-

12

-

�getrennt war, in der jedoch die Arbeiterinnen den gleichen Leiatungaatandard wie aie aelbat hatten, da aie ebenfalls im Unterricht geschult worden waren.
Hier bleibt nun daa Maedel.bis die naechate TJnterrichtaklaaee
den erforderlichen Leiatungsstandard vermittelt hat, erat dann
wird aie von der Produktionsabteilung in die Fabrikwerkstatt versetzt.
Bewegungsstudien sind auch bei der Schulung der Sortierer angewandt worden, daa aind jene Arbeiter und Arbeiterinnen, die die
gefaerbten und schlusabehandelten Struempfe nach Paaren sortieren.
Vor der Einfuehrung der Bewegungsstudie betrug die durchschnittliche
Anlernzeit sechs Monate. Sie konnte jetzt auf neun Wochen herabgesetzt werden, ohne die Leistungen irgendwie zu vermindern.
Ebenso wie in der Abteilung der Saeumer und Ketteier hat man
auch bei den Sortierern die neuen Methoden der Gruppenarbeit angewandt | innerhalb von zwei Jahren waren hier die Leistungen um
50# und die Loehne um J0% gestiegen. Vor der Einfuehrung des
Gruppenarbeitssystems hatten die Sortierer, die Etikettierer (Arbeiter, die den Markennamen auf den Struempfen anbringen), und die
Falter, die die Struempfe falten und verpacken, je einen Arbeitsraum.
Nach dem neuen System der Gruppenarbeit werden alle diese
Arbeitsgaenge gemeinsam in einem Raum ausgefuehrt. Die Dauer
der Arbeitsgaenge wurde dadurch auf ein Minimum reduziert, ein
Foerderband bringt die verpackten Struempfe in daa Lager und
bringt zugleich leere Kartons zu den Faltern.
Ein anderer Beitrag zur Beschleunigung der Produktion in
dieaer Abteilung wurde mit der Errichtung einea Gestells zwiachen
dar Zurichterei(hier werden vor allem die Fadenenden entfernt)
und der Sortierabteilung geleistet. Bis dahin wurden die Struempfe
auf einem Lastkarren von der Zurichterei duroh eine Tuer in die
Sortierabteilung gebracht. Jetzt hat man die Wand zwiachen dieeen
beiden Abteilungen beseitigt und dafuer ein Gestell erriohtet. Dia
Zurichter achieben mit Struempfen vollgestopfte Behaelter in dieaaa
Gestell, die Sortierer koennen auf der anderen Seite die Struempfe
herausnehmen, wann und wie ee ihnen gerade paaat.
Nach dem Vorschlag einea Arbeiters wurde fuer jeden Sortierer
eine gesonderte verateilbare Lampe angebracht. Auch diese Massnahme hat zur Verbesserung dea Arbeitsergebnisses beigetragen, da
auf diese Weise eine Ueberanstrengung der Augen vermieden wird.
In der Strickabteilung wurde hauptaaechlich durch neue Maschinen eine 25-prozentige Produktionssteigerung innerhalb einea Jahre«
erreicht. Man kann jetzt das Verdoppeln der Einfassung an dreisaig
Struempfen in einem automatischen Arbeitsgang vornehmen, waehrend
frueher jede Einfassung einzeln mit der Hand verdoppelt werden
muaate.
Selbst bei einem verhaeltniamaeaaig geringen Arbeitsergebnis
muss die Leitung des Werkes in Anbetracht der fuer Schulung benoetigten Zeit der Placierung neu eingestellter Arbeiter auf besondere
geeignete Arbeitsplaetze ataendige Aufmerksamkeit widmen. Frueher
war die Placierung der Arbeitekraefte ausschliesslich von einem
Interview mit dem Personalchef abhaengig. Auch heute noch wird
daa "Interview" ala der wichtigate Faktor bei der Auawahl dea

-

13 -

�Personals angesehen; vor zwei Jahren hat man jedoch die vom
Nationalinstitut fuer Psychologie entworfene Eignungspruefung
eingefuehrt. Die Ergebnisse dieser Pruefungen werden in dem
Bericht des Personalchefs mit aufgezeigt; der dadurch gewonnene
Gesamteindruck, ermoeglicht dann eine besonders geeignete Placierung des Neulings in der Fabrik.
In der Fabrik besteht ein Gemeinschaftliches Produktions Komitee (GPK) und ein Betriebsrat. Letzterer besteht aus 21
Mitgliedern, die ihren Vorsitzenden wechselweise fuer ein Jahr
aus den Reihen der Leitung des Betriebs und fuer das naechste
Jahr aus dem Kreis der Arbeiter waehlen. In Verbindung mit dem
GPK gibt es ein Vorschlagsschema-Komitee, das die Hoehe der Praemien fuer geeignete Vorschlaege empfiehlt. Das GPK diskutiert
lediglich Produktionsprobleme, waehrend alle anderen Angelegenheiten vom Betriebsrat bearbeitet werden.
Die neuen Arbeitsmethoden wurden mit voller Unterstuetzung
der Arbeiter eingefuehrt, die fast alle Mitglieder der Gewerkschaft der Strumpfarbeiter sind.
"Target"
51-11-12

Hans Hansens Die daeniachen Baugenossenschaften zeigen Moeglichkeiten
verstaerkten Wohnungsbaus.
In dem Kopenhagener Vorort RVidovre beschaeftigt sich die
daenische Baugenossenschaft "Arbejderbo" augenblicklich mit einem
Bauvorhaben, das fuer den daeniachen Nationalfond fuer Wohnungsbau unter ümstaenden eine Ersparnis von 112,000,000 Kronen bedeutet und Tausenden, die auf der Wohnungs-Warteliste stehen, neue
Hoffnung gibt. Der daenischen Baugenossenschaft, die von den
Gewerkschaften gegruendet wurde, ist es gelungen, die Kosten fuer
107 Wohneinheiten um 15$ im Verhaeltnis zum gegenwaertigen Stand
zu senken. Dies wurde erreicht durch eine weitgehende Rationalisierung der Bautechnik,wobei man besonderen Wert auf die sorgfaeltige Abstimmung der in üntervertraegen festgesetzten Arbeiten legte
und vor allem die Verwendung fertig konstruierter und genormter
Betongussteile vorsieht, die an Ort und Stelle hergestellt werden.
Im daenischen Bauwesen ist es ueblich, alle Vertraege fuer
die vorkommenden einzelnen Arbeiten direkt zu vergeben, anstatt
einen einzigen Vertragspartner damit zu beauftragen; zugleich
wird dem jeweiligen "Hauptkontraktor" ein gewisser finanzieller
Spielraum gegeben, der ihn gegen unvorhergesehene Ereignisse
schuetzt. Bei dem Bauvorhaben wichen der Vorsitzende der "Arbejderbo", Erik Jensen, der Architekt Eske Kristensen und der
Ingenieur P. E. Malstrom von der bisherigen daenischen Tradition
ab und stellten in Zusammenarbeit mit zahlreichen finanzstarken
Kontraktoren einen bis in alle Einzelheiten gehenden Plan auf,
bevor sie Angebote einholten. Der Erfolg dieses Vorgehens bestand darin, dass die Angebote, die angenommen wurden, dem absoluten Minimum viel naeher kamen als es sonst gewoehnlich der Fall
war.
Ein weiterer bedeutsamer Faktor ist der Umfang, in dem neue
Methoden der Betonbauweise die Ziegelsteinbauweise ersetzt haben.

- 14

�Die Aussenwaende bestehen aus Betonplatten von der Croease 60 z
110cm. Sie werden in der "Fabrik", die sich im Freien direkt
neben dem Bauplatz befindet, gefertigt, d.h. im Buettelverfahren
gegossen und heissbehandelt. Diese und sehnlich konstruierte
groessere Platten fuer das Fundament und den Boden werden mit
Hilfe von fahrbaren Kraenen an Ort und Stelle gebracht. Vertikale Innenteile werden direkt in vertikalen Verschalungen gegossen; dieses Verfahren wird der Aufsetzmethode vorgezogen*
Die Standardgussvorrichtungen bestehen aus Holz; sie sind leicht
versetzbar und koennen immer wieder benutzt werden.
Jede Wohneinheit besteht aus vier zweistoeckigen Wohnungen.
Jede Wohnung ist fuer eine Familie mit drei bis vier Kindern
bestimmt; im ersten Stock befindet sich ein Wohnzimmer, eine
Kueche mit einer Essnische- sowie eine Spuelkueche. Im zweiten
Stock liegt ein grosses Schlafzimmer, ein etwas kleineres Schlafzimmer fuer die juengsten Kinder, zwei etwa halb so grosse Zimmer
fuer die aelteren Kinder, die ihr "eigenes" Zimmer haben sollen,
und schliesslich ein Badezimmer. Es ist kein Keller vorhanden,
jedoch ist ein Verschlag vorgesehen, den man zum Abstellen der
Fahrraeder benutzen kann. Fuer die 107 Wohneinheiten soll eine
Zentralheizungsanlage sowie eine Cemeinschaftswaescherei eingerichtet werden. Die daenischen Arbeiterfamilien, die demnaechst
dort einziehen werden, bezahlen etwa 200 Kronen Miete im Monat;
das entspricht ungefaehr einem Wochenlohn.
Die Gesamtbaukosten fuer eine Wohnung betragen 40,230 Kronen
oder etwa 24.000 DM. Die Kosten liegen damit ungefaehr iyf&gt; unter
den gegenwaertigen Baukosten. Man verspricht sich bei dem gesamten
Bauvorhaben durch Anwendung rationalisierter Methoden eine Ersparnis von 700 000 daenischen Kronen. Es erscheint jedoch noch etwas
zu frueh, um bestimmte Angaben zu machen. Verschiedene Sachverstaendige halten es fuer das Beste, diese neuen Methoden erst bei
vier- oder mehrstoeckigen Gebaeuden anzuwenden, ehe sie mit ihnen
vielleicht Schiffbruch erleiden. Andere Sachverstaendige meinen
wiederum, man koenne die Kosten noch weiter reduzieren.
Nachdem nun, nach dreizehn Jahren, die Rationierung der Verbrauchagueter in Daenemark aufgehoben wurde, (Kaffee und Zucker
wurden erst im vergangenen Monat freigegeben), bleibt das Wohnungsproblem noch immer eines der wichtigsten Probleme der daenischen
Wirtschaft. In diesem Jahr sieht der Baufinanzierungsetat der
Regierung die Schaffung von 16 000 neuen Wohnungen vor. Eine
Ersparnis von 7000 Kronen pro Wohnung oder eine Gesamtersparnis
von 112 000 000 Kronen wuerde fuer 13.915 Wartende eine neue
Wohnung bedeuten.
Sonderbericht der
MSA Labor Division,
Kopenhagen.

Zunahme dea Mittelstandes in den Vereinigten Staaten
Eine allmaehliche Veraenderung der Einkommensschichtung der
Vereinigten Staaten hat in den letzten 20 Jahren zu einer Verbreiterung des Mittelstandes gefuehrt. Im Verlaufe dieses Prozesses hat sich die Hoehe des Bevoelkerungsanteils innerhalb der
Spitzeneinkommengruppe und der niedrigsten Einkommenstufe zahlen-

15

�maessig verringert. Tor kurzen beendete Simon Kuznets vom amerikanischen Wirtschaftsforschungsinstitut eine umfangreiche Abhandlung
ueber diese Veraenderungen in der amerikanischen Einkommensstruktur.
Die Ergebnisse dieser Studie wurden von Geoffrey H. Moore fuer die
"American Economic Review", einer amerikanischen Wirtschaftszeitung,
eingehend analysiert. Eine amerikanische Zeitung, die einen Kommentar zu dieser Abhandlung veroeffentlichte, erklaerte, die Studie
zeige, dass in den Vereinigten Staaten eine friedliche soziale
Revolution mit durchgreifenden wirtschaftlichen Folgen vor sich geht.
Im Jahre 1929 gaben 513 Personen ihr Einkommen mit einer Million
Dollar oder mehr an, im Jahre 1948 waren es nur noch 149« Ton 1929
bis 1948 stieg das Einkommen des einprozentigen Bevoelkerungsanteils
mit Spitzeneinkommen um 8$; das Einkommen der restlichen 99$ erhoehte
sich jedoch um 124$. Waehrend des 35-jaehrigen Zeitraums von 1913
bis 1948 stieg das Einkommen der unteren 99$ um das Vierfache.
Waehrend der Zeit von 1929 bis 1939 sank das Individualeinkommen beider Gruppen, und zwar bei der oberen Einkomaensklasse um 39$
und fuer die verbleibenden 99$ der Bevoelkerung um 18$. Von 1939
bis 1948 trat wiederum eine wesentliche Erhoehung ein. Sie betrug
78$ pro Kopf fuer die oberste Einkommensgruppe und 174$ fuer die
untere Einkommensklasse. Diese Veraenderungen in der Einkommensschichtung der verschiedenen Bevoelkerungskreise zeigen eine Tendenz
nach der Mitte hin - und zwar wird sie hervorgerufen durch das steigende Einkommen der niedrigeren Einkommensklassen, einem Absinken
der Spitzeneinkommensklassen und schliesslich einem Ansteigen des
Einkommens der Mittelklasse.
Fuer die Hebung des Einkommensstandards werden verschiedenartige
Begruendungen gegeben. Man "uehrte dabei vor allem an, dass die
Loehne und Gehaeiter im Verhaeltnis zu den Einkommen aus Renten,
Dividenden und Zinsen erheblich gestiegen sind. Die Gehaeiter der
Angestellten haben sich um 134$ pro Kopf der Bevoelkerung erhoeht,
waehrend die Einkuenfte in der Landwirtschaft, Einzelunternehmen
und Handwerksbetrieben um 143$ gestiegen sind.
Die Hebung des Einkommens minderbemittelter Familien hat sich
am staerksten ausgewirkt. Sie wurde spuerbar durch groessere Aufwendungen fuer Verbrauchsgueter und einer groesseren Nachfrage in
den Geschaeften. Im Jahre 1939 hatte eine von 10 Familien ein Einkommen von 3000 Dollar oder mehr und eine von 45 Familien gehoerte
zu der Einkommensgruppe mit 5000 Dollar und mehr. Im Jahre 1948
jedoch hatte die Haelfte aller Familien ein Einkommen von 3000
Dollar oder mehr und eine unter 6 Familien war in der Einkommensgruppe 3000 Dollar und mehr.
Viele Wirtschaftssachverstaendige glauben, dass die Veraenderungen in der Einkommenverteilung die Wiederholung einer Wirtschaftskrise verhindern wuerden. Die wirtschaftliche Lage hat
durch das Anwachsen des Mittelstandes zweifellos eine Stabilisierung erfahren. Die Angehoerigen des Mittelstandes sind so zahlreich wie nie zuvor und verfuegen ueber den groessten Einkommenanteil. Sie besitzen eine starke Kaufkraft und betraechtliche
Spareinlagen; sie tragen dadurch zur Ausdehnung des amerikanischen
Marktes bei. Nach Ansicht vieler Wirtschaftssachverstaendiger wird
die Erhoehung des Realeinkommens des Durchschnittsamerikaners noch
weiter andauern und eine Erhoehung der Produktivitaet sowie ein
Anwachsen des Kapitals zur Folge haben, wobei sich die Durchschnittsziffern erhoehen.
Weekly Labor News Digest
VIl/43
-

16

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              <text>Die Lohnangleichung an die Lebenshaltungskosten in Westeuropa&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Ursache des industriellen Friedens&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Paul Finet zur amerikanischen Gewerkschaftsbewegung&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vollbeschäftigung in Schweden&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Franzözische Seeleute blicken hinter den "Eisernen Vorhang"</text>
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