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                    <text>&lt;&lt;£OS^

^

SrioN ^

cimerikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
20. April 1994

15

BOSNIEN

CLINTON: KEINE ERMÄCHTIGUNG DER UNO
FÜR USA UND NATO ZUR UNTERSTÜTZUNG
GORAZDES
Einsatz von Luftstreitkräften nicht möglich

USA PRÜFEN OPTIONEN FÜR REAKTION AUF
TRAGÖDIE VON GORAZDE
Stellungnahme des Außenministers

GATT

WELTHANDELSSYSTEM DARF NICHT DIE
AUSBEUTUNG
DER
ARBEITNEHMER
FÖRDERN
Erklärung Vizepräsident Gores in Marrakesch

GLOBALE INTERDEPENDENZ ERFORDERT
ÜBERPRÜFUNG VON ARBEITSFRAGEN
Erklärung des Handelsbeauftragten

KRIEGSVERBRECHEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

ALBRIGHT FORDERT WELTWEITE UNTERSTÜTZUNG FÜR
KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL
Rede im Holocaust Memorial Museum

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 4102

�BOSNIEN
20. April 1994

CLINTON: KEINE ERMÄCHTIGUNG DER UNO FÜR USA
UND NATO ZUR UNTERSTÜTZUNG GORAZDES
Einsatz von Luftstreitkräften nicht möglich
WASHINGTON - (AD) - Die Richtlinien der Vereinten
Nationen hindern die Vereinigten Staaten und ihre
Verbündeten in der NATO, den Einwohnern des
belagerten Gorazde, einer UN-Schutzzone in Bosnien, beizustehen, äußerte Präsident Clinton am 18.
April 1994.
Während Vertreter der Vereinten Nationen und
russische Diplomaten erklärten, die Stadt und ihre
mehr als 70.000 leidgeprüften Bürger seien den
angreifenden serbischen Truppen auf Gedeih und
Verderb ausgeliefert, teilte der Präsident vor Journalisten mit, der Einsatz von Luftstreitkräften zur
Verteidigung der Stadt sei weder praktikabel noch
möglich.
"Wir können nur das unternehmen, wozu wir befugt
sind", so der Präsident, der vorbrachte, die Vereinten
Nationen hätten der NATO keine Ermächtigung
erteilt, die vom UN-Sicherheitsrat errichteten Schutzzonen zu verteidigen.
"Halten Sie sich vor Augen", erläuterte der Präsident
den Reportern, "daß die Rolle der Vereinigten
Staaten und der NATO darin besteht, Luftunterstützung bereitzustellen, wenn die Vereinten Nationen darum bitten. Dies ist kein Sarajevo. Sarajevo
war ein Sonderfall."
Im Februar hatten serbische Truppen unter Androhung von NATO-Luftangriffen ihre schweren
Waffen der UNO übergeben oder sie aus der Sperrzone von zwanzig Kilometern um Sarajevo entfernt,
wodurch die Belagerung der bosnischen Hauptstadt
beendet wurde. Die serbischen Streitkräfte haben
jedoch seitdem den Zugang humanitärer Hilfskonvois
in die Stadt beschränkt, Mitarbeiter von Hilfswerken
entführt und die UNO-Truppen in ihren Stellungen
praktisch unter Hausarrest gestellt.
Der Präsident räumte ein: "Dies war kein großartiges Wochenende für den Friedensprozeß in
Bosnien." Nachrichten zufolge wird Gorazde im
Durchschnitt einmal pro Minute von einer Artillerie-

AMERIKA DIENST 15

granate getroffen, und die Mitarbeiter von Hilfswerken, Vertreter des Roten Kreuzes und ein Teil des
UNO-Personals wurden innerhalb der Stadt - wahrscheinlich von serbischen Streitkräften - unter Hausarrest gestellt.
Der Präsident billigte die Taktik des Kommandeurs
der UN-Bodentruppen, des britischen Generalleutnants Michael Rose, und erklärte, er habe die ihm zur
Verfügung stehenden Mittel nach besten Kräften
eingesetzt. "Meines Erachtens macht man es sich
leicht, die Aktionen von General Rose zu kritisieren,
der sehr aggressiv, sehr stark war und in diesem
Land und weltweit wegen seiner aggressiven Aktionen viel Unterstützung fand. Es ist leicht, jetzt zu
sagen, er hätte in Gorazde aggressiver sein sollen.
Meiner Meinung nach hat er angesichts der ihm zur
Verfügung stehenden Mittel und der Fakten das
Beste getan."
Clinton nannte die Situation "in und um Gorazde
ernst und unsicher" und machte die Serben für die
Verletzung "der Bedingungen eines mit den Vereinten
Nationen und den Russen abgeschlossenen Waffenstillstands verantwortlich". Er habe am Wochenende
den Zusammenbruch des Waffenstillstands und der
diplomatischen Bemühungen beobachtet und erklärte,
als er zu einem Redetermin nach Milwaukee aufbrach, seine wichtigsten sicherheitspolitischen Berater
würden im Laufe des Tages zur Besprechung der
Situation zusammentreffen.
Der Präsident teilte einem Fragesteller mit, er befürworte immer noch eine Aufhebung des Waffenembargos für Bosnien, das vom Sicherheitsrat gegen
alle Staaten des ehemaligen Jugoslawien verhängt
worden war. Die serbischen Streitkräfte verfügen
über Panzer und schwere Artillerie, die einst der
jugoslawischen Armee angehörten, während die
bosnischen Muslime nur wenige schwere Waffen
besitzen. Berichten zufolge haben Einheiten der
serbischen Streitkräfte Seite an Seite mit Truppen der
bosnischen Serben gekämpft.

Seite 1

�Der Präsident äußerte, er sei immer der Meinung
gewesen, das Waffenembargo wirke sich zum
Nachteil der bosnischen Muslime und zum Vorteil
der Serben aus, und das sei immer noch der Fall.
Aus diesem Grund befände man sich derzeit in einer
solch üblen Lage.
Er nannte jedoch eine Reihe von Faktoren, die
gegen eine Aufhebung des Embargos zum derzeitigen Zeitpunkt sprächen, einschließlich der Tatsache,
daß dies lediglich die Kampfhandlungen verlängern
würde, ohne sie zu einem endgültigen Abschluß zu
bringen. Sollte das gegen Bosnien verhängte UNEmbargo aufgehoben werden, so argumentierte er
ferner, würden einige Staaten das UN-Embargo
gegen den Irak verletzen.
Unterdessen deutete die Pressesprecherin des
Weißen Hauses, Dee Dee Myers, an Bord der Air
Force One an, das schlechte Wetter über Gorazde
sei der Hauptverbündete der angreifenden serbischen Truppen gewesen.
Auf die Frage, ob angesichts der mangelnden
Luftunterstützung für die UN-Mitarbeiter in der Stadt
die NATO "mehr bellt als beißt", entgegnete Myers,
das träfe nicht zu. Sie räumte jedoch ein, es habe
"am Wochenende und in der vergangenen Woche
Probleme gegeben, insbesondere das schlechte
Wetter. Somit ist es schwierig... Die NATO-Streitkräfte können die Ziele nicht richtig identifizieren."

*

Seite 2

*

Myers machte ihre Äußerungen vor Journalisten,
während Clinton sich auf dem Flug nach Milwaukee
befand, wo er um Unterstützung für seine Pläne zur
Gesundheitsreform werben wollte.
Sie teilte mit, der Präsident habe während des Flugs
ein zehnminütiges Telefongespräch mit Bundeskanzler Kohl geführt, bei dem die beiden Politiker "die
Situation in Bosnien erörterten und ihr beiderseitiges
Engagement für eine Verhandlungslösung bekräftigten. Sie beschlossen, in Kontakt zu bleiben."
Myers zufolge ist der einzige Weg "zur Beendigung
der Feindseligkeiten eine Verhandlungslösung, und
meiner Ansicht nach wissen die bosnischen Serben
das ebenso wie jeder andere Beteiligte". Sie brachte
vor, es habe auf dem Gebiet "einige Fortschritte"
gegeben und äußerte: "Sie dürfen nicht vergessen,
daß wir die Flugverbotszone über Bosnien durchgesetzt haben, was bedeutet, daß die Serben keine
Luftstreitkräfte eingesetzt haben. Sarajevo wurde
Schutz gewährt, und das war entscheidend."
Die Pressesprecherin des Weißen Hauses stellte fest,
"die Androhung von Gewalt hat gewisse Fortschritte
im diplomatischen Bereich bewirkt, oder zumindest
dabei, der serbischen Aggression Einhalt zu gebieten,
damit die diplomatischen Bemühungen fortgesetzt
werden können. Die Rolle der UNO und die Androhung von Gewart waren an verschiedenen Fronten
erfolgreich. Das heißt jedoch nicht, Gorazde sei kein
ernstes Problem. Das ist es in der Tat."

*

*

AMERIKA DIENST 15

�BOSNIEN
20. April 1994

USA PRÜFEN OPTIONEN FÜR REAKTION
AUF TRAGÖDIE VON GORAZDE
Stellungnahme des Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Indem er den Krieg in
Bosnien als "die größte menschliche Tragödie in
Europa seit dem Eisernen Vorhang" bezeichnete,
stellte Außenminister Christopher fest, die Vereinigten Staaten unterzögen ihre Optionen für eine
geeignete Reaktion auf die Belagerung Gorazdes
durch die bosnischen Serben einer eingehenden
Prüfung.
In seiner Rede bei einer nationalen außenpolitischen
Konferenz für Lehrkräfte an weiterführenden Bildungseinrichtungen am 18. April 1994 im US-Außenministerium erklärte der Außenminister, die von den
Vereinigten Staaten in Bosnien ergriffenen positiven
Maßnahmen seien "von den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Woche in Gorazde überschattet worden", einer isolierten Muslimenklave, die vom
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärt worden ist.
"Durch ihre flagrante Aggression und ihr unmenschliches Vorgehen haben die bosnischen Serben
erneut ihre Verachtung für die internationale Staatengemeinschaft und alle humanitären Belange unter
Beweis gestellt", so der Außenminister. Mit der
Feststellung, die Belagerung Gorazdes sei am
Wochenende in Washington die Hauptsorge gewesen, äußerte er, der Krieg in Bosnien sei die größte
menschliche Tragödie in Europa seit dem Eisernen
Vorhang.
"In diesem Augenblick unterziehen wir unsere
Optionen für eine geeignete Reaktion auf die Belagerung Gorazdes durch die bosnischen Serben und
die Situation in Bosnien insgesamt einer eingehenden Prüfung", stellte Außenminister Christopher fest.
Bei einem Phototermin mit dem zu Besuch weilenden slowakischen Außenminister Eduard Kukan
beschrieb Christopher später die Lage als "äußerst
ernst".
"In den vergangenen Tagen haben die Serben die
Vereinten Nationen angelogen, haben die sie seit
jeher unterstützenden Russen angelogen sowie sich
in ein Netz von Lügen und irreführenden Erklärun-

AMERIKA DIENST 15

gen verstrickt, das seinesgleichen sucht", äußerte der
Außenminister vor Journalisten.
"Wir werden uns mit der Situation dort befassen, und
meines Erachtens ist es weder klug noch angeraten
für mich, die uns zur Verfügung stehenden Optionen
zu diskutieren", antwortete Christopher auf die Frage,
ob militärische Aktionen in Erwägung gezogen
würden. "Zweifelsohne gibt es ein ziemlich breites
Spektrum an Optionen. Offensichtlich werden wir im
Zusammenhang mit der Situation nichts ausschließen."
Im Hinblick auf die von den Vereinigten Staaten zur
Bewältigung der Krise in Bosnien ergriffenen Maßnahmen erläuterte Christopher: "Wir haben die am
längsten andauernde Luftbrücke mit humanitären
Hilfslieferungen in der Geschichte eingerichtet und für
die Menschen in Bosnien über 10 Millionen Tonnen
Mahlzeiten abgeworfen. Wir haben die internationalen Bestrebungen zur Verhängung von Sanktionen
gegen Serbien angeführt - eines der wenigen Druckmittel, die uns noch zur Verfügung stehen. Wir
haben zur Verhinderung einer Ausweitung des
Konflikts nach Makedonien und in den Kosovo
beigetragen, und dies sind sehr feste amerikanische
Verpflichtungen."
Darüber hinaus haben die Vereinigten Staaten hart
an der Einrichtung eines Kriegsverbrechertribunals
gearbeitet, "um einige der Menschen zur Rechenschaft zu ziehen, die für Aktionen wie die am Wochenende verantwortlich sind", stellte Außenminister
Christopher fest.
Die Vereinigten Staaten leiteten eine neue Runde der
Diplomatie ein, die im Februar begonnen und dazu
beigetragen hat, "ein Abkommen zwischen den
bosnischen Muslimen und den Kroaten in Bosnien zu
erlangen, das ihren Krieg beendet, die Bürde ihres
Volkes mildert und hoffentlich den Weg zu einer
umfassenden Lösung ebnet", so der Außenminister.
"NATO-Flugzeuge haben das Ultimatum durchgesetzt, das den Beschuß Sarajevos stoppte, und
glücklicherweise dauert diese Situation an. Wir

Seite 1

�haben zur Durchsetzung der Flugverbotszone beigetragen und vier serbische Flugzeuge abgeschossen, die dieses Verbot verletzten."
Bei seiner regulären Pressekonferenz erklärte der
Sprecher des Außenministeriums, Michael McCurry,
die Optionen für Aktionen der Vereinigten Staaten zu
Bosnien würden auf "höchster Ebene" im Nationalen
Sicherheitsrat geprüft. Normalerweise versteht man
darunter den Außen- und Verteidigungsminister, den
CIA-Direktor und den Nationalen Sicherheitsberater.
"Aus diesem Grund kann ich Ihnen wirklich nichts ...
darüber sagen, welche Schritte wir im Hinblick auf
Gorazde, andere Schutzzonen oder Kämpfe in
Bosnien generell unternehmen werden", stellte
McCurry fest. Es habe Berichte über den weiteren
Beschuß von Gorazde gegeben und möglicherweise
sei ein Krankenhaus getroffen worden. "Die Angriffe
der bosnischen Serben am Wochenende hatten 35
Tote und über 200 Verletzte zur Folge", äußerte
McCurry und fügte hinzu, Berichten zufolge hielten
sich noch immer Panzer der bosnischen Serben in
unmittelbarer Umgebung der Stadt auf.
Auf die Frage nach dem möglichen Schicksal der
65.000 in Gorazde eingeschlossenen Menschen
antwortete der Sprecher: "Sie befinden sich in einer
Lage, die mit den Worten eines UNO-Beamten als
menschliches Desaster beschrieben werden könnte,
wenn die bosnischen Serben die Stadt zu überrollen
versuchen sollten."
Seines Erachtens sei Gorazde keine Schutzzone,
erwiderte McCurry einem Fragesteller und fügte
hinzu: "Es ist eine umkämpfte, von der UNO geschützte Enklave, in der sich im Augenblick Zehntausende von Flüchtlingen befinden, die sich einer
Offensive der bosnischen Serben ausgesetzt sehen."
Er erläuterte, er wolle nichts über den Status von
Gorazde im Rahmen der Resolutionen des UNSicherheitsrats implizieren. "In der Tat glaube ich
nicht, daß sich heute irgend jemand in Gorazde
sicher fühlen kann. Das ist alles, was ich sagen
wollte."
Die Vereinigten Staaten befürworten andauernde
Bestrebungen zur Entsendung ukrainischer Truppen
nach Gorazde, um die kleine dort stationierte UNOSchutztruppe UNPROFOR zu unterstützen - ein
Schritt, der seines Erachtens "sehr hilfreich wäre".
In jeder der im Rahmen der UNO-Resolutionen
erklärten sogenannten "Schutzzonen" gebe es eine
"beträchtliche" Anzahl von UNO-Mitarbeitern, im
Gegensatz zur Situation in Gorazde, wo sich nie
mehr als rund ein Dutzend UNO-Beobachter aufhielten, führte McCurry aus.

Seite 2

Er unterstrich, die UNPROFOR in Bosnien "versucht,
einen auf äußerst tönernen Füßen stehenden Frieden
aufrechtzuerhalten und die erforderlichen humanitären Hilfslieferungen für Hunderttausende Opfer dieses
Krieges bereitzustellen. Sie sind nicht dort, um einen
Krieg zu führen."
McCurry erklärte den Journalisten, sie sollten die
Hoffnung auf ein Ende der Offensive gegen Gorazde
nicht aufgeben, und die bosnischen Serben würden
vielleicht den wiederholten Aufforderungen des UNSicherheitsrats nachkommen, sich zurückzuziehen
und UNPROFOR-Truppen zuzulassen. "Vielleicht
erkennen sie, daß das in ihrem Interesse läge", fügte
der Sprecher hinzu.
Weil Außenminister Christopher die Serben als
Lügner und unglaubwürdig bezeichnet hatte, wurde
McCurry gefragt, wie irgend jemand überhaupt mit
ihnen verhandeln könnte. "Es ist schwierig", antwortete er. "Wie der Außenminister erläuterte, hatten wir
allerdings dank der Kraft eines von der NATO verhängten Ultimatums ein gewisses Maß an Erfolg bei
den Verhandlungen über eine Sperrzone um Sarajevo."
Bei der Beantwortung von Fragen bezüglich der Rolle
Rußlands zur der Bewältigung der Krise von Gorazde
stellte McCurry fest, der Außenminister sei zufrieden,
daß die russische Regierung "sehr sorgfältige und
geeignete diplomatische Schritte hierzu unternommen
und direkt mit den bosnischen Serben verhandelt
hat." Er fügte hinzu, einige damit befaßte russische
Diplomaten hätten erklärt, "sie könnten sich des
Gefühls nicht erwehren, von den Serben nicht aufrichtig behandelt worden zu sein."
"Ich glaube nicht, daß wir uns je Illusionen über die
von den bosnischen Serben gemachten Äußerungen
hingegeben haben", so der Sprecher des Außenministeriums. "Wir suchen nach Wegen um zu
verifizieren, welche von ihnen versprochenen Schritte
ergriffen und welche Veränderungen am Boden
stattfinden werden. Es war ziemlich klar, daß diese
Veränderungen am Boden nicht vorgenommen
würden, und meiner Ansicht nach war es für den
Westen und die russische Regierung ebenso enttäuschend."
McCurry zufolge war es "gerechtfertigt, weiterhin in
enger Verbindung zur russischen Regierung zu
stehen, während diese die diplomatischen Gespräche
mit den Serben führte. Zweifelsohne wird sie diese
Gespräche fortzusetzen versuchen. Er fügte jedoch
hinzu, "aufgrund des serbischen Verhaltens am
Boden wird es äußerst schwierig zu verstehen,
welcher diplomatische Weg der gangbare bleiben
wird".

AMERIKA DIENST 15

�Der Sprecher bekräftigte die Position der Vereinigten
Staaten, daß es keine Lockerung der Sanktionen
gegen die Serben geben kann, solange nicht eine
bosnische Lösung erzielt worden ist und die internationale Staatengemeinschaft Vertrauen haben
kann, daß sie in gutem Glauben umgesetzt wird.

Gespräche nicht angebracht sind, die eine Lockerung
der Sanktionen zum Ziel hätten. Die Serben haben
nicht einmal die grundlegendsten Verpflichtungen
über einen Waffenstillstand im Zusammenhang mit
Gorazde eingehalten, und daher gibt es meiner
Ansicht nach überhaupt keine Rechtfertigung, über
eine Lockerung der Sanktionen zu sprechen."

"Meines Erachtens belegen die Ereignisse der
vergangenen Tage jn Gorazde mehr als genug, daß
* * * *

AMERIKA DIENST 15

*

Seite 3

�GATT
20. April 1994

WELTHANDELSSYSTEM DARF NICHT
DIE AUSBEUTUNG DER ARBEITNEHMER FÖRDERN
Erklärung Vizepräsident Gores in Marrakesch
WASHINGTON - (AD) - "Ein nicht auf das Ende der Ausbeutung abzielendes Welthandelssystem wird
schließlich scheitern", erklärte Vizepräsident Gore.
In einer Rede aus Anlaß der Unterzeichnung des aus der Uruguay-Runde der weltweiten Handelsgespräche
hervorgegangenen Abkommens am 14. April 1994 vor Ministern aus mehr als 120 Ländern im marrokanischen
Marrakesch äußerte der amerikanische Vizepräsident, das Ende der Runde stelle nicht das Ende schwieriger
Fragen dar, die jetzt in einer Vielzahl internationaler Foren angegangen werden müßten, einschließlich der
neuen Welthandelsorganisation (World Trade Organization - WTO).
"Wirtschaftswachstum, das ohne Vision und ohne Berücksichtigung seiner Auswirkungen auf das Leben der
Arbeitnehmer und die - örtliche, regionale und globale - Umwelt angestrebt wird, ist Wachstum, das die Saat
für seine eigene Zerstörung birgt", teilte der Vizepräsident mit und fuhr fort: "Wirtschaftswachstum kann nicht
aufrechterhalten werden, wenn es letztlich zu sozialen Unruhen führt. Und es kann auch nicht aufrechterhalten
werden, wenn es letztlich Ressourcen erschöpft und vernichtet und vor allem, wenn es das weltweite natürliche
Gleichgewicht zerstört."
Die Vereinigten Staaten werden sich dem Vizepräsidenten zufolge jedem Versuch eines Landes
entgegenstellen, Arbeitsnormen als eine Art versteckter Handelsrestriktionen einzusetzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext AI Gores.

Bevor ich meine geplante Rede beginne, möchte ich
einen Moment innehalten und meiner Bestürzung
über die heute morgen im Norden Iraks geschehene
Tragödie Ausdruck verleihen. Ich spreche den
Familien derjenigen mein Mitgefühl aus, die im
Dienste der Vereinten Nationen gestorben sind.
Somit bin ich schweren Herzens in dieser schönen
und erinnerungsträchtigen Stadt, um mit Ihnen den
Abschluß eines Abkommens zu feiern, das viel zur
Verbesserung des Lebens der Menschen beitragen
wird. Das war natürlich auch das Ziel derjenigen,
die heute morgen umgekommen sind.
Marokko ist ein Land von bezaubernder Schönheit
mit einem großen Geschichtssinn. Es ist ein Land
mit weitblickenden Politikern, einer langen Vergangenheit und einer vielversprechenden Zukunft.
Vor nahezu 1.000 Jahren war Marokko die Hauptstadt eines arabischen Reiches, das den Maghreb
einte.

AMERIKA DIENST 15

König Hassan ist seit über einer Generation ein
weltweit anerkannter Politiker. Sein Interesse an
globalen Fragen, das seine Bestrebungen zur Förderung des Friedens im Nahen Osten demonstrieren,
machen Marokko zu einem geeigneten Ort für den
Abschluß einer internationalen Übereinkunft vom
Rang eines GATT-Abkommens.
Ich möchte vorschlagen, daß wir alle unseren marokkanischen Gastgebern danken - nicht nur für die bei
der Organisation dieser Veranstaltung geleistete
großartige und schwierige Arbeit, sondern für ihre
dauerhafte Rolle als positive Kraft in dieser häufig so
unruhigen Welt.
Dem Generaldirektor des GATT, Peter Sutherland,
seinen Vorgängern und allen Delegationen spreche
ich aufrichtigen Dank für ihre in siebeneinhalb Jahren
gezeigte Ausdauer aus, die uns so weit gebracht hat.
Vor fünfzig Jahren wirkte Außenminister Cordeil Hüll
bei der Konferenz von Bretton Woods an der Ausarbeitung des Welthandelssystems mit. Minister Hüll

Seite 1

�stammte aus meiner Heimat - Carthage (Tennessee)
- wo etwa 2.000 Menschen leben.

dent und ich gemeinsam mit dem Kongreß an einer
Annahme des Abkommens arbeiten.

Dieser Gründervater des GATT veranlaßte meinen
Vater, in den öffentlichen Dienst zu gehen, und ist
damit auf gewisse Weise verantwortlich für die
Inspiration, die mein Vater an mich weitergab.

Präsident Clinton ist ein überzeugter Befürworter des
Welthandelssystems, weil erweiterter Handel für die
wirtschaftliche, soziale und umweltpolitische Gesundheit aller Nationen von Vorteil ist. Die Clinton-Administration hat sich einer Fortsetzung des weltweiten
Dialogs und der Einrichtung eines offeneren und
faireren Handelssystems verschrieben.

Botschafter Mickey Kantor, der ebenfalls aus Tennessee stammt und nur etwa 80 Kilometer von
Carthage entfernt aufwuchs, hat mein Land auf
herausragende Weise vertreten.
Er empfindet ebenso wie ich ein persönliches
Vergnügen dabei, in die Fußstapfen Cordell Hulls zu
treten.
In gewisser Weise sind Fußstapfen der Grund dafür,
warum ich heute hierher gereist bin. Der Abschluß
der Uruguay-Runde stellt einen Sieg dar - nicht nur
für uns, sondern auch für unsere Kinder, Enkel und
alle nachfolgenden Generationen. Ich bin heute
hier, weil ich der Überzeugung bin, daß das zu
unterzeichnende Abkommen es unseren Nachkommen gestatten wird, sich auf der Grundlage der von
uns erzielten Fortschritte auf eine glücklichere
Zukunft zuzubewegen.
Wir alle sind hier zusammengekommen, um eine
großartige Leistung zu feiern. Dieses Abkommen
wird die wirtschaftlichen Bedingungen weltweit
verbessern. Dieses Abkommen wird mehr Ressourcen in den Dienst des Umweltschutzes stellen.
Dieses Abkommen wird den weltweiten Dialog
fördern. Die Auswirkungen der Uruguay-Runde sind
wahrhaft von großer Tragweite.
Allein in den Industriestaaten könnte das Wachstum
des Bruttosozialprodukts im kommenden Jahrzehnt
die bisherige Rate um bis zu 3,5 Prozent erhöhen,
was dem Ertrag eines ganzen Jahres entspricht. In
den Entwicklungsländern wird das Wachstum die
wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln und Ressourcen freisetzen, die für die Bekämpfung von Armut,
Hunger, einem Verfall der Infrastruktur, Epidemien
und Umweltzerstörung von entscheidender Bedeutung sind. Am wichtigsten ist, daß dieses Abkommen Familien auf der ganzen Welt eine Erhöhung
ihres Realeinkommens und eine echte Chance zur
Verbesserung ihres Lebens und ihrer Länder gibt.
Präsident Clinton hat sich persönlich für den erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde eingesetzt und
unterstützt entschieden die erzielten Ergebnisse.
Die Vereinigten Staaten engagieren sich entschlossen für eine Annahme des Abkommens der Uruguay-Runde noch in diesem Jahr. Wenn ich in die
Vereinigten Staaten zurückkehre, werden der Präsi-

Seite 2

Seit der Gründung des GATT vor 47 Jahren haben
die Vertragsparteien ein nie dagewesenes Maß an
dauerhaftem Wohlstand genossen. Die Lektion des
GATT ist offensichtlich: Der Weg zu Wohlstand,
Wachstum und Partnerschaft für alle liegt darin, sich
der Welt zu öffnen anstatt sich abzuschotten.
Die Uruguay-Runde hat einen bedeutenden Beitrag
zur Erreichung dieses Ziels geleistet.
Die Uruguay-Runde wird die Zölle um mehr als ein
Drittel senken. Sie wird den Agrarhandel reformieren
und den Landwirten in jedem Staat neue Exportmöglichkeiten aufzeigen, während gleichzeitig den
Verbrauchern niedrigere Preise und bessere Qualität
geboten werden.
Die Runde legt neue Handelsregeln für zwei Sektoren
der Weltwirtschaft schriftlich nieder, die von zunehmender Bedeutung sind: Geistiges Eigentum und
Dienstleistungen. Kurzum, sie führt das Welthandelssystem ins 21. Jahrhundert.
Die Runde stärkt auch das Verfahren zur Beilegung
von Streitigkeiten. Wir haben eine Reihe wirksamer
Regeln für die unverzügliche Schlichtung von Disputen geschaffen und Mängel im derzeitigen System
beseitigt. Die Länder werden in Zukunft nicht mehr
das Verfahren in die Länge ziehen und ihnen unangenehme Urteile blockieren können. Die UruguayRunde ist jetzt abgeschlossen.
Das Welthandelssystem macht jedoch Fortschritte.
Ich möchte gerne über die vor uns liegenden Herausforderungen sprechen. Die Beziehungen zwischen
Handel und der Schaffung von Wohlstand sind
offenkundig - ebenso wie die Notwendigkeit weiteren
wirtschaftlichen Fortschritts weltweit.
Wirtschaftswachstum, das ohne Vision und ohne
Berücksichtigung seiner Auswirkungen auf das Leben
der Arbeitnehmer und die - örtliche, regionale und
globale - Umwelt angestrebt wird, ist Wachstum, das
die Saat für seine eigene Zerstörung birgt. Wirtschaftswachstum kann nicht aufrechterhalten werden,
wenn es letztlich zu sozialen Unruhen führt. Und es
kann auch nicht aufrechterhalten werden, wenn es

AMERIKA DIENST 15

�letztlich Ressourcen erschöpft und vernichtet und vor
allem, wenn es das weltweite natürliche Gleichgewicht zerstört.
Die Uruguay-Runde hat beim Abbau der Hindernisse
auf dem Weg zu einem Anwachsen des Handels
große Fortschritte gemacht. Sie schafft auch - dank
der Verdienste jedes heute Anwesenden sowie
unserer Regierungen - ein lebensfähiges Forum zur
Erörterung aktueller und zukünftiger Fragen im
Zusammenhang mit dem Welthandel - die Welthandelsorganisation.
Jetzt verfügen wir erstmals über ein Mittel, um über
das Verhältnis erweiterter Handelsmöglichkeiten zu
den Voraussetzungen für das Wohlergehen unserer
Arbeitnehmer zu sprechen sowie über die Notwendigkeit, die Gesundheit unseres Planeten zu schützen - Fragen, die großen Einfluß auf unser Lebensgefüge haben.
Ich bin mir bewußt, daß dies heikle und kontroverse
Themen sind, möchte sie jedoch der Reihe nach
ansprechen und beginne mit der Arbeit.
Die Menschen von Armut zu befreien, setzt Wirtschaftswachstum voraus, aber auch verbesserte
Arbeitsnormen. Eine Erhöhung der Produktivität
sollte auch eine Erhöhung von Löhnen und Gehältern sowie des Lebensstandards mit sich bringen.
Ein nicht auf das Ende der Ausbeutung abzielendes
Werthandelssystem wird letztlich scheitern, weil die
Menschen auf der ganzen Welt es nicht unterstützen
können.
Heute genießen einige Staaten nicht nur dynamisches Wirtschaftswachstum, sondern binden es auch
an sozialen Fortschritt. Diese Länder verstehen, daß
verbesserte Arbeitsnormen den Weg zu einer
Erhöhung des Lebensstandards sowie zu langfristigem Wohlstand und Stabilität darstellen. Die
Vereinigten Staaten sind sich der Angst vieler
Länder bewußt, eine Einbindung von Arbeitsnormen
in den Kontext des Welthandels setze ihre Exporte
potentiellen versteckten Handelsrestriktionen aus.
Ich möchte folgendes sagen:
Die Vereinigten
Staaten stellen sich jedem Versuch eines Landes
entgegen, die Frage verbesserter Arbeitsnormen in
eine Art von Protektionismus umzuwandeln. Wir
waren führend bei den Bestrebungen zum Abbau
von Handelshemmnissen und Ablehnung des
Protektionismus und werden das auch in Zukunft
sein. Andererseits sind wir von der Bedeutung und
Notwendigkeit eines ernsthaften weltweiten Dialogs
über dieses Thema überzeugt.

AMERIKA DIENST 15

Jetzt möchte ich auf die Umwelt zu sprechen kommen.
Wir befinden uns inmitten einer langen Zeit wirtschaftlichen, technologischen und geopolitischen
Wandels. Während die uns konfrontierenden Probleme größer und komplexer werden, wird unsere Welt
kleiner und interdependenter.
Wir können jedoch die Gesundheit unserer Bürger
oder unser natürliches Erbe nicht im Alleingang
schützen. Aber mit Hilfe von Handel und weltweiter
Zusammenarbeit können wir ein besseres Leben für
uns selbst schaffen - und unseren Kindern einen
besseren Planeten hinterlassen.
Während die Welt kleiner wird und unsere Probleme
immer komplexer werden, müssen wir uns vor Augen
führen, daß selbst eine auf einen Ort begrenzte
Veränderung überall Konsequenzen haben kann.
Eine Veränderung des weltweiten Klimas kann zu
erhöhten Schäden durch Flutkatastrophen, Wirbelstürme und Dürreperioden führen - und die menschlichen und ökologischen Auswirkungen können
verheerend sein. Die Abnahme der Ozonschicht
erhöht die Fälle von Hautkrebs und wirkt sich auf die
Ernteerträge sowie die Nahrungsmittelproduktion aus.
Schlechte landwirtschaftliche Praktiken tragen den
Boden ab, führen zur Ablagerung von Salzen und
Giftstoffen, erhöhen die Armut und rufen Hungersnöte
hervor. Die Verschlechterung der Wasserqualität und
des Ackerlandes sowie das rasche Bevölkerungswachstum können nicht nur Hunger und Krankheiten
verursachen, sondern auch Wanderbewegungen
großen Ausmaßes mit daraus resultierenden Konflikten und sogar Kriegen. Wir erkennen sehr schnell,
daß Umweltschutz keine Option, sondern eine
Notwendigkeit darstellt. Durch energische Arbeit im
Umweltschutzbereich in Verbindung mit dem Welthandel werden wir Erfolg haben.
Jede große Herausforderung beinhaltet aber auch
eine große Chance. Die Verhinderung, Kontrolle und
Beseitigung von Verschmutzung ist derzeit eine
florierende Industrie. Mit erweitertem Handel und
einem höheren Lebensstandard könnte die Umwelttechnologieindustrie im Laufe des Jahrzehnts um
50 Prozent anwachsen. Die heute in Energieeinsparung, saubere Produktion und Umweltdienstleistungen investierenden Unternehmen schaffen die
hochwertigen und hochbezahlten Arbeitsplätze der
Zukunft.
Wir haben nicht die Wahl zwischen Handel oder
Umweltschutz. Wir können - und müssen - beides
haben.

Seite 3

�Langfristig können wir keine wachsende Wirtschaft
ohne eine sichere und gesunde Umwelt haben. Und
ohne eine starke Wirtschaft können wir keine sichere
und gesunde Umwelt aufrechterhalten. Die Armut ist
vielleicht der Hauptgrund für die Umweltverschmutzung auf der Welt. Freierer Handel wiederum ist der
Motor des Fortschritts.
Kurzfristig müssen wir uns bemühen, die Besorgnis
derjenigen zu zertreuen, die einen sogenannten
"grünen Protektionismus" fürchten - bei dem unter
dem Deckmantel des Umweltschutzes die Länder
auf der ganzen Erde der aus dem Handel resultierenden Vorteile beraubt werden. Andererseits ist die
mangelnde Beachtung von Umweltnormen kein
akzeptables Mittel zur Förderung von Wachstum.
Wir dürfen nicht die Regenerationsfähigkeit unseres
Ökosystems einer Erweiterung des Handels opfern
oder die wertvolle biologische Vielfalt einem kurzfristigen Wirtschaftswachstum. Der Preis dafür ist zu
hoch.
Auch hier sind die gegenseitigen Vorteile offensichtlich. Freierer Handel beschleunigt den wirtschaftlichen Fortschritt und setzt mehr Ressourcen für den
Umweltschutz frei. Andererseits kann eine unverantwortliche Entwicklung zur dauerhaften Erschöpfung von Ressourcen führen, unsere natürliche
Umwelt schädigen und dadurch Wirtschaftswachstum unmöglich machen.
Ein Beispiel für das von mir Ausgeführte ist der
besorgniserregende Zustand unserer Fischbestände.
Einer Schätzung aus dem Jahr 1965 über den
umweltverträglichen Fischfangertrag aus den Weltmeeren zufolge beläuft sich dieser auf 100 Millionen
Tonnen jährlich. Dieses Niveau wurde 1989 erreicht, und der weltweite Verbrauch betrug 90
Millionen Tonnen. Seitdem ist überfischt worden.
Der durchschnittliche Fang bei vielen Arten ist trotz
verbesserter Methoden und Techniken gesunken.
1992 sank der Fischfang weltweit um 5 Prozent. Es
gibt einfach nicht mehr so viele Fische. Wir haben
in zu kurzer Zeit zu viel gefischt und keine natürliche
Auffüllung der Vorräte zugelassen.
In ähnlicher Weise hat die schnelle Verstädterung
die Nationen der Fähigkeit beraubt, ihren neuen
Bürgern Arbeitsplätze, Ausbildung und andere
Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Das kann
nicht hingenommen werden. Wir schulden es uns
und zukünftigen Generationen, eine Welt zu hinter-

*

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lassen, die prosperierender und lebenswerter ist als
die von uns vorgefundene, in der die Luft und das
Wasser sauberer sind sowie unsere Bevölkerung und
großen Ökosysteme gesund.
Während die Welt sich der Lösung von Umweltproblemen und der Stärkung des Umweltschutzes
widmet, müssen die entsprechenden Auswirkungen
im Bereich des Handels in der Welthandelsorganisation und in anderen Foren offen besprochen werden.
Die Entscheidung, innerhalb der Welthandelsorganisation einen Ausschuß für Handel und Umwelt zu
schaffen, stellt hierzu ein offizielles Mittel bereit.
Dieser Ausschuß hat klare Richtlinien und ein umfassendes Arbeitsprogramm. Und er besitzt ein
Mandat zur Entwicklung von Empfehlungen für
notwendige Veränderungen.
Wir können uns jetzt gemeinsam an einen Tisch
setzen und zukunftsorientierte Lösungen für diese
äußerst komplizierten Fragen finden. Wir haben viel
harte Arbeit vor uns. Dieser Ausschuß wird uns bei
ihrer Bewältigung helfen. Ich freue mich besonders
über die heutige Annahme der Ministerentscheidung
zur Einrichtung dieses Ausschusses für Handel und
Umwelt.
Wie ich bereits zu Beginn meiner Ausführungen
anmerkte, hinterläßt die Uruguay-Runde ein Vermächtnis enormer Leistungen und schafft einen
Rahmen für die Zukunft. Wir schulden unseren
Kindern, die gemeinsame Arbeit an der Entwicklung
und Aushandlung der richtigen Maßnahmen aufzunehmen. Wir müssen Menschen unterschiedlicher
Fachrichtungen zusammenbringen, die nicht dieselbe
Sprache sprechen und die Probleme nicht auf die
gleiche Weise angehen. Es ist schwierig, das in
jedem einzelnen Land zu tun.
Es ist noch schwieriger, das in allen Ländern gemeinsam zu tun. Aber die jetzt vor uns liegenden
Aufgaben werden für den künftigen Wohlstand in der
Welt nicht weniger wichtig sein als die von Cordeil
Hüll und unseren anderen politischen Vorfahren in
Bretton Woods angegangenen.
Unser Ziel muß eine Welt mit einem offenen Handelssystem sein, in der die Arbeitnehmer Hoffnung
haben und die Umwelt durch eine umweltverträgliches Wachstum fördernde Politik geschützt ist. Wir
wollen zusammen auf dieses Ziel hinarbeiten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 15

�GATT
20. April 1994

GLOBALE INTERDEPENDENZ ERFORDERT
ÜBERPRÜFUNG VON ARBEITSFRAGEN
Erklärung des Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Dem amerikanischen Handelsbeauftragten Mickey Kantor zufolge betreffen die
Maßnahmen einer Nation zu Arbeitsnormen, Umweltschutz und Wettbewerbspolitik ihre Handelspartner.
"Ich bin mir bewußt, daß einige sich unbehaglich fühlen, wenn wir Fragen des Umweltschutzes und
international anerkannte Arbeitsnormen anzusprechen versuchen", erklärte Kantor in einer am 14. April 1994
vor den Handelsministern in Marrakesch gehaltenen Rede. Die Minister aus über 120 Ländern waren zur
Unterzeichnung des globalen Handelsabkommens der Uruguay-Runde am 15. April 1994 zusammengekommen. "In dieser sich rasch wandelnden und zunehmend interdependenten Welt ist es nützlich - und
unvermeidlich - daß wir über das herkömmliche Diktat des Handels hinauszugehen begonnen haben."
Kantor erläuterte, daß die Globalisierung der Volkswirtschaften mit in Lichtgeschwindigkeit die Grenzen
überquerenden Waren, Dienstleistungen und Kapital nicht die Souveränität einzelner Nationen aufhebt. Dieser
Prozeß erfordere jedoch die Erkenntnis seitens der Länder, daß ihr wirtschaftlicher Wohlstand aneinander
gebunden ist und Wohlstand eher durch den Abbau von Handelshemmnissen als durch deren Errichtung
gemehrt wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Handelsbeauftragten.

Es ist mir eine große Ehre, als Vertreter Präsident
Clintons zur offiziellen Unterzeichnung des Abkommens der Uruguay-Runde anwesend sein zu dürfen.
Ich freue mich, daß Vizepräsident Gore im weiteren
Verlauf des Nachmittags zu uns sprechen wird. Der
Vizepräsident ist von Kalifornien hierher geflogen,
um das Engagement unseres Landes für den Erfolg
der Uruguay-Runde zu unterstreichen.
Die Herausforderung, das neue Abkommen umzusetzen und das globale Handelssystem auf den Weg
zu bringen, beginnt erst. Obwohl viele Menschen
zum Erfolg der Runde beigetragen haben, möchte
ich den Generaldirektor des GATT, Peter Sutherland, besonders würdigen. Er hat die Arbeit von
seinem Vorgänger Arthur Dunkel übernommen und
mit seinem Intellekt und seiner Energie eine unerläßliche Rolle für den erfolgreichen Abschluß der
Verhandlungen gespielt. Ich möchte auch König
Hassan meinen Dank für seine großzügige Gastfreundschaft bei dieser Veranstaltung aussprechen.
Lange nach den meisten von Ihnen habe ich die
harte Arbeit dieser Verhandlungen aufgenommen.
Ich werde stets für die mir von Präsident Clinton
gebotene Chance dankbar sein, zusammen mit

AMERIKA DIENST 15

Ihnen zum erfolgreichen Abschluß der Runde beizutragen. Wenn ich über das von uns gemeinsam
Geleistete nachdenke, bin ich erstaunt über die
dünne Linie, die Erfolg und Scheitern trennt.
Es gab viele Momente, in denen die siebenjährigen
Bestrebungen zum Scheitern verurteilt schienen.
Scharfsinnige Kommentatoren nannten uns zahlreiche Gründe für unser voraussichtliches Versagen.
Sie sagten, die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern könne nicht überwunden werden. Sie
sagten, die Probleme bei Dienstleistungen, Investitionen und geistigem Eigentum seien zu komplex. Sie
sagten, das Ende des Kalten Krieges habe wirtschaftlichen Wettbewerb, nicht Zusammenarbeit
bewirkt. Sie sagten, wir könnten unsere bilateralen
Meinungsverschiedenheiten nicht beilegen.
Sie irrten sich. Ehrliche Diskussionen und harte
Verhandlungen haben zu gegenseitigem Verständnis
geführt. Wir erkannten, daß die Zeit nach dem
Kalten Krieg sowohl durch wirtschaftliche Zusammenarbeit als auch wirtschaftlichen Wettbewerb gekennzeichnet sein würde und muß. Bilaterale Differenzen
würden nicht verschwinden, aber wir weigerten uns,
unsere Fortschritte davon blockieren zu lassen.

Seite 1

�Wir hatten Erfolg, weil die uns verknüpfenden Bande
stärker als die Kräfte sind, die uns zu trennen versuchen. Wir befinden uns in einer globalen Wirtschaft, in der Waren, Dienstleistungen und Kapital
die Grenzen in schwindelerregender Geschwindigkeit
überqueren. Die Kräfte der Globalisierung werden
die Souveränität oder die jeweilige Kultur einzelner
Nationen nicht aufheben, aber sie erfordern von uns,
der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der Wohlstand unserer Länder aneinander gebunden ist, daß
wir Wohlstand eher durch den Abbau von Handelshemmnissen als durch deren Errichtung mehren und
wir ein internationales Handelssystem benötigen, um
dieses Wachstum zu ermöglichen.

Wir werden auch in Zukunft auf die Leistungen der
Runde aufbauen. Weitere 21 Länder wollen ebenfalls
der Welthandelsorganisation (World Trade Organization - WTO) beitreten, und wir begrüßen den Beitritt
der Länder, die zur Beibehaltung hoher Normen und
zur Einhaltung der grundlegenden GATT-Prinzipien
bereit sind.
Wir leben in einer veränderten Welt, einer Welt, in
der die einzige Konstante Wandel ist. Mit dem Ende
des Kalten Krieges und dem Aufstieg einer globalisierten Wirtschaft ist die Gestaltung der sich aus
einer interdependenteren Welt ergebenden Veränderungen absolut entscheidend für globalen
Wohlstand.

Der Dichter Yeats schrieb einmal: "Die Dinge lösen
sich vom Mittelpunkt, der sie nicht hält." Dieses Mal
hat er gehalten.

Ich bin mir bewußt, daß einige sich unbehaglich
fühlen, wenn wir Fragen des Umweltschutzes und
international anerkannte Arbeitsnormen anzusprechen
versuchen. In dieser sich rasch wandelnden und
zunehmend interdependenten Welt ist es nützlich und unvermeidlich - daß wir über das herkömmliche
Diktat des Handels hinauszugehen begonnen haben.
Es ist offenkundig, daß offene Märkte und erweiterter
Handel Wachstum und Wohlstand fördern. Unsere
Vision des Handelssystems muß jetzt dynamisch und
in der Lage sein, die sich abzeichnenden Herausforderungen für unser kollektives globales Wirtschaftswachstum zu bewältigen.

Präsident Clinton beschreibt diesen Wendepunkt als
"die dritte große Entscheidung des 20. Jahrhunderts". Nach dem Ersten Weltkrieg zogen sich die
Vereinigten Staaten zurück, nach 1945 entschieden
wir uns für einen anderen Weg, knüpften internationale Verbindungen und öffneten die Tür für eine
Periode beispiellosen globalen Wachstums.
Heute befinden wir uns am dritten entscheidenden
Moment. Das Ende des Kalten Krieges bietet neue
Chancen und neue Gefahren, aber wir sehen uns
mit derselben grundlegenden Entscheidung konfrontiert: Engagement oder Rückzug? Durch die
Uruguay-Runde und die morgen von uns zu unterzeichnenden Abkommen engagieren sich die Vereinigten Staaten weiterhin intensiv und verpflichten
sich zum internationalen System. Wie der Präsident
erklärt hat, vertreten wir die Auffassung, daß offener
und wettbewerbsorientierter Handel uns als Land
und die Welt bereichert. Und wir beabsichtigen, uns
der Konkurrenz zu stellen, nicht uns zurückzuziehen.

* *

Seite 2

Wir werden zunehmend Fragen in Zusammenhang
mit der jeweiligen Innenpolitik eines Landes erörtern,
wie Wettbewerbspolitik und andere innenpolitische
regulative Maßnahmen, sowie Umweltschutz und
Arbeitsnormen. Wie eine Nation in einer globalisierten Wirtschaft diese Fragen angeht, hat direkte
Auswirkungen auf ihre Handelspartner.

*

AMERIKA DIENST 15

�KRIEGSVERBRECHEN
20. April 1994

ALBRIGHT FORDERT WELTWEITE UNTERSTÜTZUNG
FÜR KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL
Rede im Holocaust Memorial Museum

WASHINGTON - (AD) - Die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, Madeleine
Albright, rief zur weltweiten Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien auf
und erklärte, das "Ausmaß" der dort verübten Kriegsverbrechen "erfordert eine internationale juristische
Antwort".
In einer am 12. April 1994 im amerikanischen Holocaust Memorial Museum in Washington gehaltenen Rede
gab die Ständige Vertreterin Amerikas bei der UNO einen Überblick über "die Gründe, warum die USRegierung das Kriegsverbrechertribunal für so wichtig hält".
"Selbst die Androhung von Bestrafung für Kriegsverbrechen kann Leben retten", äußerte sie, und das Tribunal
wird "es den Menschen in Bosnien erleichtem, einen echten Frieden zu erlangen".
Das Tribunal "kann als Abschreckung für andere potentielle Aggressoren dienen" und "das Völkerrecht
stärken", so Madeleine Albright.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede der amerikanischen UNO-Botschafterin im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und eine Herausforderung,
heute abend hier sein zu dürfen. Es ist nicht einfach, in diesem Gebäude eine Rede zu halten. In
seine Wände sind einige der eloquentesten sprachlichen Äußerungen eingraviert, die je gemacht wurden. In seine Ausstellungen wurden einige der
grausamsten Taten aufgenommen, die je begangen
wurden. In diesem lebendigen Museum, das kompromißlos und besser als Worte eine erzieherische
Wirkung hat, das uns tief im Innersten lehrt und
berührt, müssen wir den Taten Worte gegenüberstellen. Es gibt keinen angemesseneren Ort als
diesen, über das Kriegsvertrechertribunal für das
ehemalige Jugoslawien zu sprechen.
Wir haben großes Interesse an einem Erfolg dieses
Tribunals. Heute werde ich erörtern, warum das so
ist. Ich werde jedoch zunächst die Argumente
derjenigen anführen, die nicht dieser Meinung sind.

AMERIKA DIENST 15

Von manchen wird das Kriegsverbrechertribunal als
ein schwacher Ersatz für stärkere internationale
Aktionen zurückgewiesen, als Mittel, Schuld zu
sühnen, weil nicht schon eher mehr zur Beendigung
des Mordens in Bosnien unternommen wurde.
Andere machen sich über das Tribunal lustig, weil es
nicht über sichere Mittel verfügt, die Hauptverdächtigen in Gewahrsam zu nehmen, selbst diejenigen, die
wir für die Hauptverantwortlichen der geschehenen
Grausamkeiten halten.
Andere wiederum stellen die Frage, warum der
Konflikt im ehemaligen Jugoslawien besondere
Aufmerksamkeit verlange. Auch andernorts wurden
und werden Kriegsverbrechen begangen, auch
andernorts finden ethnische Säuberungen statt, gibt
es andere Kriege, die mehr Opfer fordern, andere
Kriege aufgrund von internationaler Aggression,

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�andere Kriege, bei denen Greueltaten von oben
befohlen werden. Warum soll man Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien bestrafen und Pol
Pot, Saddam Hussein und ihresgleichen unbehelligt
lassen?
Und schließlich wird das Tribunal von einigen als
Hindernis auf dem Weg zum Frieden betrachtet, die
der Ansicht sind, die Unterhändler würden niemals
einem Frieden zustimmen, wenn er keine Amnestie
für Kriegsverbrechen einschließt.
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist nicht der
Ansicht, daß alle Kriegsverbrecher ungestraft davonkommen sollten, nur weil das bei einigen der Fall ist.
Wir sind nicht der Ansicht, daß das Tribunal keinen
Versuch wert ist, weil seine Arbeit so schwierig ist.
Wir widersetzen uns einer Amnestie für die Architekten der ethnischen Säuberungen. Wir sind der
Ansicht, daß die Ermittlung der Wahrheit über die
Ereignisse in Bosnien eine Vorbedingung - und kein
Hindernis - für eine nationale Versöhnung darstellt.
Und wir sind uns bewußt, daß das Tribunal kein
Ersatz für andere Aktionen zur Abschreckung von
Aggression und Ermutigung des Friedens darstellt.
Vor zwei Wochen habe ich in Sarajevo das Grundstück für die neue US-Botschaft eingeweiht. Dort
entdeckte ich ein neues Gefühl der Hoffnung,
gemischt mit fester Entschlossenheit.
In Zentralbosnien hat die Versöhnung zwischen der
Regierung und der Faktion der bosnischen Kroaten
die tödliche Belagerung Mostars beendet. Die
Androhung einer Intervention kroatischer Truppen
besteht nicht mehr. Im unkämpften Osten ist jetzt
der Flugplatz von Tuzla geöffnet worden. Es wird
einfacher und sicherer, sich im Land fortzubewegen.
Wir hoffen, daß die Planer sich bald weniger auf
humanitäre Hilfslieferungen und stärker auf die
Arbeit an den Grundlagen einer nationalen Versöhnung konzentrieren können.
Der vor uns liegende Weg ist jedoch sehr steil.
Bereits erzielte Fortschritte müssen konsolidiert
werden. Der Waffenstillstand muß ausgeweitet
werden. Weitere Aggression in Gorazde und andernorts muß eingestellt werden. Wo es möglich ist,
müssen die Vertriebenen die Chance auf eine
Rückkehr nach Hause erhalten. Die bosnischen
Serben müssen zur Annahme des Friedens überredet werden. Und der Grundsatz, für den das
bosnische Volk kämpfte, litt, lebte und starb, muß
bewahrt werden. Bosnien muß ein multiethnischer
Staat bleiben.
Die Arbeit des Kriegsverbrechertribunals hängt nicht
von politischen Ereignissen ab, und das sollte auch

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nicht der Fall sein. Sie ist unabhängig. Sein Auftraggeber ist die zivilisierte Welt, sein versteckter
Feind die in unserer Welt herrschende Selbstgefälligkeit. Selbstgefälligkeit ist jedoch nicht etwas
Angeborenes, kein inneres Organ, sondern etwas
selbst Gewähltes. Es gibt keinen angemesseneren
Ort als diesen, um einen Appell gegen Gleichgültigkeit und für die schwerere Wahl einer Verpflichtung
zur Rechtsstaatlichkeit anzubringen.
Das Kriegsverbrechertribunal wurde im Mai vergangenen Jahres offiziell vom UN-Sicherheitsrat
eingerichtet. Seine Rechtsprechung umfaßt mehrere
Kategorien schwerer Verletzungen der internationalen
Menschenrechte, die ich heute abend der Einfachheit
halber unter der Überschrift "Kriegsverbrechen"
zusammenfasse. Dazu zählen gravierende Verletzungen der Genfer Konvention von 1949, Genozid
und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie im
konventionellen gewohnheitsrechtlichen Völkerrecht
sowie in der Charta und den Urteilen des Nürnberger
Kriegsverbrechertribunals anerkannt.
Die elf Richter des Tribunals, unter ihnen Richterin
Gabrielle Kirk McDonald aus Texas, wurden im
Herbst letzten Jahres gewählt und bereiten sich
intensiv auf ihre Arbeit vor. Beweisregeln und
Prozeßordnung sind bereits beschlossen.
Die
Vereinten Nationen haben für 1994 einen Haushalt in
Höhe von 11 Millionen gebilligt. Wir sind der Ansicht,
daß dieser Betrag sowie die erhaltenen Spenden
vollkommen ausreichen, das Tribunal zu verwirklichen.
Die Suche nach einem Oberstaatsanwalt war lang
und frustrierend. Der bevorzugte Kandidat des
Sicherheitsrats wartete drei Monate, bevor er offiziell
das Amt ablehnte. Die Suche nach einem Nachfolger
hat zu lange angedauert, wir erwarten hierzu jedoch
in Kürze eine Ankündigung. Ich kann Ihnen versichern, daß die Vereinigten Staaten alles in ihrer
Macht Stehende unternommen haben, damit dieses
entscheidende Amt besetzt wird. Glücklicherweise
leistet der stellvertretende Staatsanwalt - in den wir
großes Vertrauen setzen - harte Arbeit.
Die Zusammenstellung von Fakten, auf denen die
Ermittlungen und Anklagen basieren, ist schon weit
fortgeschritten. Tausende Seiten von Dokumenten
und Zeugenaussagen sind zu den Akten genommen
worden: Erklärungen und Berichte von Opfern,
Zeugen, Regierungen, UN-Behörden, internationalen
und nichtstaatlichen Organisationen sowie die von
der Europäischen Union durchgeführten Untersuchungen der gegen muslimische Frauen verübten Verbrechen. Ich begrüße insbesondere die Bestrebungen nichtstaatlicher Organisationen, die für die Sache

AMERIKA DIENST 15

*

�der Gerechtigkeit unschätzbare Arbeit geleistet
haben.
Die Vereinigten Staaten zeigen umfassendes Engage nent:
Wir bemühen uns um eine angemessene Finanzierung des Tribunals,
wir leisten einen freiwilligen Beitrag in Höhe von
3 Millionen Dollar,
der Kongreß hat den Präsidenten ermächtigt,
dem Tribunal bis zu 25 Millionen Dollar an
Waren und Dienstleistungen zur Verfügung zu
stellen (im vergangenen Monat bewilligte der
Präsident die erste Zuweisung - ungefähr 6
Millionen Dollar - dieser Bewilligung),
wir haben eine Gruppe von ungefähr 25 Staatjanwälten, Untersuchungsbeamten, Experten
und anderen zusammengestellt, die direkt mit
dem Tribunal zusammenarbeiten und ihre Arbeit
in den nächsten Wochen aufnehmen,
wir sammeln und analysieren ständig Informationen zu Kriegsverbrechen und
wir haben dem Tribunal Hunderte von Flüchtlingsberichten zur Verfügung gestellt und bereiten Hunderte von weiteren vor.
Diese Berichte wurden aufgrund der sorgfältigen
Arbeit amerikanischer Regierungsbediensteter in
mehreren Teilen der Welt gesammelt. Die meisten
waren Augenzeugenberichte von Greueltaten oder
ethnischen Säuberungen. Nebenbei bemerkt, gehört
einer meiner Mitarbeiter dem Team an, das unter
der Schirmherrschaft des Oberstaatsanwalts des
Tribunals arbeitet und die Opfer der schlimmsten in
diesem Krieg begangenen Greueltaten befragt.
Wir haben andere Regierungen wiederholt gebeten,
sich in finanzieller, politischer und juristischer Hinsicht unseren Bestrebungen zur Unterstützung des
Tribunals anzuschließen. Die Regierungen müssen
bereit sein, Informationen weiterzugeben, Zeugen zu
befragen, die Beschlüsse des Tribunals einzuhalten
und unter ihre Zuständigkeit fallende Verdächtige in
Gewahrsam zu nehmen. In diesem Zusammenhang
möchte ich anmerken, daß Deutschland eine entsetzlicher Verbrechen in einem Konzentrationslager
in Bosnien verdächtige Person verhaftet hat. Die
Dänen haben ebenfalls einen Verdächtigen festgenommen.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin eine
Zusammenarbeit in gutem Glauben mit dem Kriegs-

AMERIKA DIENST 15

verbrechertribunal seitens Serbien/Montenegro sowie
der bosnischen und kroatischen Serben in Betracht
ziehen um zu entscheiden, wie im Hinblick auf eine
Lockerung oder Aufhebung der vom UN-Sicherheitsrat gegen die Serben im ehemaligen Jugoslawien
verhängten Wirtschaftssanktionen verfahren werden
soll.
Wir sollten uns bezüglich der das Tribunal konfrontierenden Hindernisse keinen Illusionen hingeben. Dies
ist kein Nürnberg. Die Angeklagten sind nicht die
ausgelieferten Führer einer am Boden liegenden
Macht. Es wird äußerst schwierig werden, Beweismaterial zu beschaffen, einschließlich des Auffindens
von Massengräbern, insbesondere in serbisch
kontrollierten Gebieten. Es wird bei vielen der
Angeklagten schwierig sein, sie in Gewahrsam zu
nehmen.
Realismus im Hinblick auf die Aussichten des Tribunals darf jedoch nicht zu einer zynischen Einstellung
über seine Bedeutung führen. Obwohl es keine
Gerichtsverfahren in Abwesenheit geben wird,
werden Ermittlungen durchgeführt und Fakten gesammelt. Das Tribunal ist ermächtigt, Anklage zu erheben und Haftbefehle auszustellen. Die Regierungen
werden verpflichtet, in ihrem Zuständigkeitsbereich
befindliche Angeklagte auszuliefern. Das Tribunal ist
befugt, den Sicherheitsrat um Vollzugsmaßnahmen
gegen jede Regierung zu ersuchen, die dem nicht
nachkommt. Die Angeklagten haben die Wahl, vor
Gericht zu erscheinen oder internationale Parias zu
werden, die innerhalb der Grenzen ihres eigenen
Landes gefangen sind und mit einer sofortigen
Verhaftung rechnen müssen, falls sie es verlassen
sollten.
Einer unserer Vorteile ist Nürnberg selbst. Viele der
von den Verteidigern in Nürnberg vorgetragenen
rechtlichen Argumente wurden in den dort gefällten
Urteilen wieder entkräftet. Heute sollte es keine
Frage sein, daß die politisch und militärisch Verantwortlichen strafrechtlich verfolgt werden können,
wenn sie nicht den von ihren Anhängern begangenen
Greueltaten ein Ende setzen oder die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Wer den Befehl zu
einem Kriegsverbrechen gibt, ist genauso schuldig
wie derjenige, der das Verbrechen tatsächlich durchführt. Umgekehrt bleibt derjenige verantwortlich, der
solche Befehle durchführt, vorausgesetzt, er hatte
eine moralische Wahl. "Nur Befehle durchzuführen"
oder "nur Befehle zu geben" ist keine haltbare
Rechtfertigung.
Ich möchte jetzt auf die Gründe eingehen, aus denen
die Regierung der Vereinigten Staaten das Kriegsverbrechertribunal für so wichtig hält.

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�Erstens erfordert das Ausmaß der im ehemaligen
Jugoslawien begangenen Kriegsverbrechen eine
internationale juristische Antwort.
Der Krieg an sich ist das Ergebnis vorsätzlicher
bewaffneter Aggression. Die Führer der bosnischen
Serben haben eine "Endlösung" - Ausrottung oder
Vertreibung - des Problems der ihrer Kontrolle
unterstehenden nichtserbischen Bevölkerung gesucht. Die gewählten Mittel umfassen Mord, Folter,
wahllose Bombardierung, Brandschatzung, Verstümmelung, Vergewaltigung und Kastration. Die
Hälfte der bosnischen Bevölkerung wurde vertrieben.
Fünf Prozent wurden umgebracht. Die Mißhandlungen waren massiv, wiederholt, absichtlich und
ungeheuerlich. Und keine Seite ist frei von Schuld.
Zu Beginn dieses Jahres besuchte ich ein Massengrab in der Nähe von Vukovar. Dort sah ich eine
Müllhalde, ein Feld verrosteter Kühlschränke und
verschrotteter landwirtschaftlicher Ausrüstung, unter
denen zwei- bis dreihundert Leichen begraben
waren. Es gab keine Blumen, keine Plaketten oder
Grabsteine, keine Vertiefung im Boden.
Hannah Arendt schrieb über die Banalität des
Bösen. Die Banalität dort enthält Übelkeit erregendes Böses.
Während dieses Besuchs fielen mir die Bilder von
Flüchtlingsströmen der aus ihren Häusern in und um
Vukovar Vertriebenen ein. Die Bilder waren mir
unheimlich vertraut. Sie hätten von den Bildern in
diesem Museum stammen können, von Familien auf
der Flucht aus Warschau, Minsk, Bukarest oder
Prag. Die Gesichter waren nicht dieselben, aber ihr
Ausdruck und ihre Bewegungen waren es: Der
langsame, stauchelnde, irregeführte Schritt entwurzelter Familien, gebeugt unter der Last ihrer verbliebenen Habseligkeiten auf einem unbekannten
Weg in eine unsichere Zukunft; die Stärkeren helfen
den Schwächeren, bis sie selbst nicht mehr können.
Ebenso wie die Opfer, deren in diesem Gebäude
gedacht wird, sind die meisten Opfer des Krieges in
Bosnien nicht Soldaten. Es sind Bürger unterschiedlicher Nationalitäten - Kinder, Großeltern, Ärzte,
Krankenschwestern, psychisch Kranke und Kirchenvertreter. Die Mehrheit wurde getötet, nicht weil sie
in die Schußlinie geriet oder einem militärischen Ziel
zu nahe kam. Diese Toten waren -in der Terminologie der Soldaten - keine zwangsläufige Begleiterscheinung eines Krieges. Es waren Männer und
Frauen wie Sie und ich, Jungen und Mädchen wie
die, die wir kennen. Sie wurden zum internationalen
Ziel - nicht aufgrund dessen, was sie getan hatten,
sondern für das, was sie waren.

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Der das Kernstück der Nazi-Ideologie bildende
Rassenkult ist im Konflikt in Bosnien nicht vorhanden.
Dies ist nicht der Holocaust. Es hat jedoch Verbrechen des Genozids gegeben. 1939, als Feldmarschall Wilhelm Keitel die Säuberung Polens befahl,
nannte er es "politischen Hausputz". Heute wird es
als ethnische Säuberung bezeichnet. Die Fragen
lauten jedoch ziemlich gleich:
Wie reagieren wir, wenn die Autorität und Ressourcen eines Staates auf die Zerstörung einer
ganzen Kategorie von Menschen ausgerichtet sind?
*
Wie ist es möglich, daß so viele Menschen - die in
anderem Zusammenhang zu Großzügigkeit und
Wärme fähig sind - auf das Niveau von Bestien
sinken?

•

Wie ist es möglich, daß die Zivilisation nicht auf
Verbrechen dieser Größenordnung reagiert und
sich immer noch als "zivilisiert" bezeichnet?
Und wie können wir unsere Reaktion abwägen,
damit sie nicht nach Rache, sondern Gerechtigkeit
dürstet?
Dies bringt mich zu einem zweiten Argument zur
Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals. Selbst
die Androhung von Bestrafung für Kriegsverbrechen
kann Leben retten.
Die Aussicht von Kriegsverbrecherprozessen in den
letzten Phasen des Zweiten Weltkriegs veranlaßte
einige Nazigrößen zu einer Änderung ihrer Behandlung der Juden und anderen Gefangenen. Im ehemaligen Jugoslawien hat sich jedesmal die Behandlung der Inhaftierten verbessert und die Zahl der
Greueltaten verringert, wenn die Bestrafung von
Kriegsverbrechern angekündigt wurde. Heute gibt es
Anzeichen, daß einige der schlimmsten Verletzer von
Menchenrechten ihrer Autorität durch ihre früheren
Beschützer beraubt werden, die jetzt Gerechtigkeit
unter dem Gesetz fürchten.
Mit anderen Worten - je ernsthafter wir bezüglich des
Tribunals sind, desto größer wird seine potentielle
Abschreckung sein. Wenn das bedeutet, ein Dorf
bleibt verschont, das sonst angegriffen würde, eine
Frau wird respektiert, die sonst vergewaltigt würde,
einem Gefangenen wird das Leben geschenkt, der
sonst exekutiert würde - dann ist die Existenz des
Tribunals allein aus diesen Gründen gerechtfertigt.
Drittens wird das Tribunal es den Menschen in
Bosnien erleichtern, einen echten Frieden zu erlangen.

AMERIKA DIENST 15

'

�Die auf den Körpern und im Gedächtnis der Überlebenden dieses Krieges hinterlassenen Narben
erfordern Zeit zu heilen. An zu vielen Orten wurden
Nachbarn von Nachbarn betrogen und Freunde von
Freunden durch wilden und feindlich gesinnten
Fanatismus getrennt. Zu viele Familien kommen auf
zu vielen Friedhöfen zusammen, als daß wir sagen
könnten, die ethnischen Differenzen in Bosnien
wären unerheblich. Die Verantwortung für diese
Verbrechen liegt jedoch nicht bei den Serben,
Kroaten oder Muslimen als Menschen - sie liegt bei
denjenigen, die die Verbrechen befohlen und begangen haben. Die durch diesen Krieg geschlagenen
Wunden werden sehr viel schneller heilen, wenn die
kollektive Schuld für Greueltaten getilgt und individuelle Verantwortung zugewiesen wird.
Viertens kann das Tribunal als Abschreckung für
andere potentielle Aggressoren dienen.
Adolf Hitler hat einmal die Argumente gegen die
Ermordung der Juden mit der rhetorischen Frage
verworfen: "Wer erinnert sich schließlich noch an
die Armenier?"
Wenn die Architekten des Krieges und der ethnischen Säuberung in Bosnien ungestraft ausgehen,
würde die für Möchtegern-Milosevics auf der ganzen
Welt daraus zu ziehende Lehre uns alle gefährden,
denn die heutige Welt ist ein Pulverfaß offener und
potentiell nationalistischer Konflikte.
Nationalstolz kann der Treuhänder eines reichen
kulturellen Erbes sein, er kann Menschen bei der
Verteidigung des Gemeinwohls vereinen, er kann ein
Gefühl der Identität und Zugehörigkeit vermitteln,
das Zeit und Raum überbrückt.
Wenn jedoch der Stolz in "uns" zu Haß gegen "sie"
erstarrt, ist das Ergebnis ein verengter Blickwinkel
und der Zwang zu Gewalt. Wie wir in Deutschland
vor einem halben Jahrhundert, in Amerika mit dem
Ku-Klux-Klan beobachten konnten und wie wir heute
in Serbien sehen können, steht am äußersten Ende
von ethnischem Stolz Faschismus.
Es gibt Tausende selbsterklärter ethnischer Gruppen
auf der Welt, allein über 100 in der ehemaligen
Sowjetunion. Nicht jede kann zu Recht erwarten,
ihre eigene Flagge, Währung, Fluggesellschaft und
ihren eigenen Staat zu haben.
Heute gewinnen gewalttätige separatistische Bewegungen an Stärke. Unkontrolliert könnten sie ganze
Teile Europas, Asiens und Afrikas in einem Konflikt
verschlingen. Die Geschichte von Sarajevo bis
Sarajevo warnt uns, daß große Mächte häufig hineingezogen werden, wenn kleine Mächte kämpfen.

AMERIKA DIENST 15

Wir haben ein Interesse daran, daß die Glut ethnischer Konflikte gekühlt wird und Modelle zur Beschwichtigung der Angst, Harmonisierung der Ambitionen und Klärung der Prinzipien entworfen werden.
Aus diesem Grund werden wir weiterhin unsere
Ansicht vertreten, daß dem einzelnen unabhängig
von der Gruppenidentität grundlegende Menschenrechte zustehen. Aus diesem Grund werden wir
weiterhin die Arbeit der KSZE und anderer Organisationen unterstützen, um die Achtung der Rechte von
Minderheiten zu verbessern. Aus diesem Grund
werden wir weiterhin über die Vereinten Nationen und
regionale Organisationen auf die friedliche Beilegung
von Konflikten hinarbeiten. Aus diesem Grund sollten
wir entschlossen sein, aus dem Konflikt in Bosnien wenn wir können - zwei Lehren zu ziehen: Erstens,
daß Aggressoren und Geächtete zur Rechenschaft
gezogen werden und zweitens, daß das Problem der
Minderheiten nicht durch ethnische Säuberung gelöst
werden kann.
Und aus diesem Grund werden wir weiterhin den
Aufstieg ultranationalistischer Gruppen in strategischen Regionen der Welt mit tödlichem Ernst beobachten.
Wir sollten niemals vergessen, daß die extremen
Ansichten Adolf Hitlers viele dazu veranlaßten, sich
über ihn lustig zu machen, als sie sich gegen ihn
hätten stellen sollen. Heute möchten wir vielleicht
dem russischen Außenminister zustimmen, daß
Wladimir Schirinowskij weniger ein politisches als ein
medizinisches Problem ist. Es ist jedoch beunruhigend, Verbindungen zwischen radikalen Nationalisten
in Rußland und dem ehemaligen Jugoslawien zu
sehen. Und die Geschichte lehrt uns, daß der
einzelne gleichzeitig geistesgestört und gefährlich
sein kann.
Schließlich kann das Kriegsverbrechertribunal das
Völkerrecht stärken.
Was wir im ehemaligen Jugoslawien beobachten,
geht über einen Krieg bis zur Vergewaltigung von
Recht und Zivilisation selbst hinaus. Wir in einer
freien Gesellschaft lebenden Amerikaner haben
großes Interesse an einer Welt, in der akzeptable
"Spielregeln" eingehalten werden. Heute kommt die
Mehrzahl der uns konfrontierenden Bedrohungen von
Regimen, die sich entschlossen haben, außerhalb
des Gesetzes zu operieren. Wir sind entschlossen,
für ein solches Verhalten einen Preis zu fordern, sei
es in Form diplomatischer Isolierung, Wirtschaftssanktionen, militärischer Eindämmung oder Zwang.
Das Kriegsverbrechertribunal begrüßt diesen Ansatz.

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�Beispielsweise verleiht das Tribunal dem Prinzip
Inhalt, daß die Gesetze des Krieges unabhängig von
Erfolgen auf dem Schlachtfeld angewandt werden
sollten.
Das Tribunal bekräftigt den Status von Vergewaltigung während eines bewaffneten Konflikts als
Verletzung des internationalen humanitären Rechts.
Das Tribunal erkennt an, daß Störungen humanitärer
Hilfslieferungen ein Kriegsverbrechen sind. Dies hat
tiefgreifende Auswirkungen auf künftige UN-Missionen.
Und das Tribunal klärt, daß es eine logische Konsequenz des Rechts auf Auswanderung gibt - das
von der Hohen Flüchtlingskommissarinder Vereinten
Nationen, Dr. Sadako Ogata, sogenannte "Bleiberecht" - ein Recht, das in diametralem Gegensatz zu
ethnischer Säuberung steht.
Dies sind Schlüsselprinzipien. Mit ihrer Verwirklichung würden sie nicht nur Bürger einer ethnischen
Gruppe im ehemaligen Jugoslawien schützen,
sondern alle. Und sie würden uns allen einen
gesonderten Sicherheitsrahmen bieten.
Zweifelsohne wird das Kriegsverbrechertribunal nicht
das menschliche Verhalten revolutionieren, es wird
nicht jegliche Aggression stoppen, es wird Kriegsverbrechen kein Ende setzen, es wird - selbst im besten
Falle - nicht mehr sicherstellen als ein gewisses Maß
an Gerechtigkeit im ehemaligen Jugoslawien. Aber
es wird zumindest die Kraft und das Prestige des
Völkerrechts direkt an die Seite der Opfer dieses
Konflikts stellen. Es wird die Aussichten auf einen
dauerhaften Frieden verbessern. Es wird in den
Köpfen der Möchtegern-Aggressoren ein Quentchen
Vorsicht hinzufügen. Es wird die Fundamente einer
zivilisierten Gesellschaft in einer gefährlich instabilen
Welt sichtbar stärken. Und es wird das Berichten
der New York Times zufolge jetzt in Belgrad populäre Lied Lügen strafen: "Mein Vater ist ein Kriegsverbrecher, aber niemand wagt, ihn vor Gericht zu
bringen."
Heute abend, mit dem Krieg und dem Kriegsverbrechertribunalvor Augen wollen wir hier in diesem
der Erinnerung gewidmeten Museum feierlich geloben, nicht zuzulassen, daß die Zukunft von der
Vergangenheit definiert wird.
Einige sagen, wir alle seien Gefangene der Geschichte und die Gewalt, die das ehemalige Jugoslawien heimsucht, sei nur das unvermeidliche
Nachbeben der Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte
zuvor erlebten Streitigkeiten.

Seite 6

Einige fühlen sich von den gegen die Menschen in
Bosnien begangenen Verbrechen nicht betroffen, weil
die Opfer so weit weg sind, und aufgrund anderer
Probleme - und anderer Verbrechen - die unsere
Aufmerksamkeit hier zu Hause erfordern.
Einige sehen die menschliche Tragödie und die
rechtmäßige Entrüstung vor einem breiten geopolitischen Hintergrund und sagen, es sei "unrealistisch"
für uns, sich sehr oder sehr lange darum zu kümmern.
Einige sind so entsetzt über die Grausamkeit dieses
und anderer Kriege, daß sie am menschlichen
Fortschritt verzweifeln und sich weigern anzuerkennen, daß ein gewisses Maß an Gerechtigkeit überhaupt keiner Gerechtigkeit vorzuziehen ist.
Aufgrund unserer Erfahrungen können wir jede dieser
Einstellungen unterstützen. In diesem Gebäude gibt
es vieles, das zu Pessimismus und Verzweiflung
verleitet.
Wir können uns den verdammenswerten beiden
Gesichtern der menschlichen Natur nicht entziehen.
Wir können unser Leben oder unsere Politik nicht auf
Illusionen über den menschlichen Charakter gründen.
Aber wir können verstehen, daß es Grenzen in uns
für das von uns zu Leistende gibt, die das von uns
Angestrebte einschränken. Wir können die Realität
der Grausamkeit akzeptieren, ohne die Grausamkeit
zu akzeptieren. Wir können an Auschwitz denken
und verzweifeln, oder wir können über Auschwitz
nachdenken und geloben, Verzweiflung niemals
Untätigkeit entschuldigen zu lassen.
Wir sind dieselbe Spezies wie Adolf Hitler, aber auch
wie Anne Frank, Oskar Schindler, Raoul Wallenberg
und die Rebellen im Warschauer Ghetto.
Wir sind dieselbe Spezies wie die Belagerer Sarajevos und ihre Verteidiger, dieselbe Spezies wie die
Mörder in Bosnien und dieselbe wie die vielen,
einschließlich der bosnischen Serben, die ihr Leben
zur Rettung anderer riskiert haben.
Wir sind die Erben einer Nation, die zu spät zu wenig
zur Beendigung des Holocaust getan und dann
Buchenwald befreit hat.
Wir sind eine Nation, die mit ihrem direkten Engagement in Bosnien gezögert und mehr als jede andere
Nation getan hat, um Hoffnung zu wecken.
Wir kommen nicht in dieses Museum, um das Verständnis zu erleichtem. Wir kommen nicht zur

AMERIKA DIENST 15

�Beruhigung hierher. Wir kommen hierher um zu
lernen - nicht Antworten, sondern Fragen.

Dieses Museum fordert, was das Leben fordert: Eine
Entscheidung zu treffen.

Das Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige
Jugoslawien ist ein Test, ob wir die richtigen Fragen
stellen. Indem wir es unterstützen und dafür kämpfen, können wir unseren Teil dazu beitragen, nicht
von der Geschichte gefangengenommen zu werden,
sondern sie zu gestalten; eine Welt aufzubauen, die
nicht ohne Konflikt ist, in der Konflikt aber effektiv
eingedämmt wird; eine Welt nicht ohne Repression,
in der jedoch der Einflußbereich der Freiheit erweitert wird; eine Welt nicht ohne gesetzloses Verhalten, in der aber die Interessen der Gesetzestreuen
zunehmend gesichert sind.

Solange zuzusehen, wie wir können, oder so viel zu
tun, wie wir können.
Lassen Sie uns im Namen der seit langem und vor
kurzem Verstorbenen, der Lebenden und der nachfolgenden Generationen alles in unserer Macht
Stehende tun, um den Genozid zu beenden und uns
in den Dienst des Lebens zu stellen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 15

Seite 7

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                    <text>und
PITU
United States Information Service

20. Mai 1977

13

INHALT

WIRTSCHAFT
Ministertagung wird Nord-Süd-Dialog intensivieren
Interview mit Stephen W. Bosworth, Stellvertretender
Unterstaatssekretär im US-Außenministerium

HINTERGRUNDMATERIAL
Versorgung mit Kernbrennstoff
- Regierungschefs gaben Sonderstudie in Auftrag

WISSENSCHAFT &amp; TECHNIK
Pflanzenstoff als Düngemittel
- Zehn bis 40 Prozent Mehrertrag durch Triacontanol

Um Übef/cndung von
ßckgcKcmplorcn wird
gebeten

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�1
3

Wift/choft
United States Information Service

13/1977

MINISTERTAGUNG WIRD NORD-SOD-DIALOG INTENSIVIEREN
Interview mit Stephen W. Bosworth
Stellvertretender Unterstaatssekretär im US-Außenministerium

Anläßlich der bevorstehenden Ministertagung des Nord-Süd-Dialogs hat der
Stellvertretende Unterstaatssekretär im
US-Außenministerium, Stephen W. Bosworth,
in einem dem US-Informationsamt (USIA)
gewährten Exklusivinterview eine Bilanz
der von den vier wichtigsten Ausschüssen
der Konferenz für Internationale Zusammenarbeit (CIEC) - die Ausschüsse für Entwicklung, Finanzen, Energie und Rohstoffe geleisteten Arbeit gezogen. Bosworth, der
bei den kürzlichen Beratungen dieser Ausschüsse in Paris die amerikanische Delegation angeführt hatte, leitet im State
Department das Ressort Internationale
Ressourcen und Nahrungsmittel.

Postfach 300,
D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Frage: Womit hat sich der CIEC-Ausschuß für Entwicklung befaßt und
welchen Beitrag könnte er leisten?
Antwort: Der Ausschuß befaßt sich mit dem Transfer von Ressourcen und
Technologien sowie mit Handelsfragen. Seine Tagesordnung umfaßt eine weit
größere Vielfalt von Themen als die irgendeines

ier übrigen Ausschüsse.

Wir

hoffen, daß der Ausschuß fruchtbare Denkanstöße für die Arbeit anderer
Gremien geben kann, die sich ebenfalls mit Handelsfragen sowie dem Transfer
von Ressourcen und Technologien befassen.

Der Transfer von finanziellen

und anderen für die wirtschaftliche Entwicklung bedeutsamen Ressourcen umfaßt den wohl wichtigsten Themenkreis, der im Nord-Süd-Dialog angesprochen
wird. Bei der Analyse dieser Fragen und der möglichen Lösungen muß man sich
stets vor Augen halten, daß es keine Gruppe und auch keinen Block von Entwicklungsländern gibt, die genau den gleichen Bedarf an Hilfe aufweisen.
Bei den ärmsten unter den Entwicklungsländern ist zum Beispiel der Bedarf
an Hilfe völlig anders gelagert als bei den relativ wohlhabenderen Entwicklungsländern.
Einige Länder sind nicht mehr in der Lage, sich die für den Import von
Kapitalgütern benötigten Mittel von den Entwicklungsbanken zu leihen. Die
für sie noch bestehende einzige Möglichkeit, benötigte Ressourcen zu erhalten, ist die Entwicklungshilfe. Die Carter-Administration hat angesichts dieser Situation seit dem 20. Januar, ihrem Amtsantritt, beträchtliche Anstrengungen unternommen, um den US-Kongreß zu einer Aufstockung der
amerikanischen Beiträge an die Weltbank und die regionalen Entwicklungsbanken für Lateinamerika, den Fernen Osten und Afrika zu bewegen. . Andere
etwas wohlhabendere Entwicklungsländer können sich dagegen die benötigten
Finanzierungsmittel - für den Bau von Straßen und Schulen sowie für ihre
Industrialisierung - über die privaten Kapitalmärkte beschaffen.
Frage: UNCTAD IV - und ebenso das fünfte Gipfeltreffen der blockfreien
Länder in Colombo im August letzten Jahres - hat besonderes Gewicht auf den
Transfer von Technologien gelegt.

Handelt es sich hier, verglichen mit dem

�dem Transfer von Finanzierungsmitteln, um eine völlig anders gelagerte
Frage?
Antwort: Diese beiden Fragen gehen ineinander über.

Es ist ganz klar,

daß die Technologien ein wichtiges Element des Entwicklungsprozesses
stellen.

dar-

Technologie umfaßt praktisch alle die Dinge, die das Kapital in

Arbeit umsetzen - sie ist die wissenschaftliche Anwendung und beinhaltet zu
einem Teil auch Management.

Ohne Technologien wäre ein Land g a r nicht in

der Lage, seine Geldmittel für produktive Zwecke einzusetzen.

Sofern es

über das erforderliche Kapital verfügt, können seine Bürger und Unternehmen
ganz generell auch Technologien erwerben.
Aber bedenken Sie, daß Regierungen in dem Wirtschaftssystem des Westens
keine Kontrolle darüber haben, was die Unternehmen tun. Die Entwicklungsländer verstehen dies oftmals nicht. Sie streben eine Verbesserung der Bedingungen an, unter denen sie Zugang zu den Technologien des Westens erhalten können,und sie sind der Ansicht, daß sie bei Verhandlungen mit den
großen multinationalen Gesellschaften von vornherein im Nachteil sind.
Einige Entwicklungsländer sind zu der Auffassung gelangt, daß der Ausweg
aus diesem Problem in Verhandlungen über bindende Verhaltensnormen liegt,
die das Verhalten der multinationalen Gesellschaften in ihren eigenen
nationalen Territorien festlegen. Wir meinen, daß die Entwicklungsländer,
die ausländisches Privatkapital und ausländische Technologien haben wollen,
eine Verpflichtung haben, das erforderliche Investitionsklima zu schaffen,
damit die multinationalen Gesellschaften in diese Gebiete gehen. Aber wir
sind ebenso der Ansicht, daß die multinationalen Gesellschaften die Pflicht
haben, sich in den Ländern, in denen sie tätig sind, wie verantwortungsbewußte
Bürger zu benehmen.
Ganz allgemein neigen wir zu der Auffassung, daß die Vergehen, die
solchen Gesellschaften angelastet werden, in den Presseberichten wesentlich
übertrieben dargestellt worden sind.

Dies alles soll keinesfalls bedeuten,

wir würden darauf bestehen, daß jedes Land ausländische Privatinvestitionen
- 3 -

�Privatinvestitionen akzeptieren muß - nein, wir erkennen an, daß es sich
hier um eine souveräne Entscheidung handelt, die jede einzelne Regierung für
sich treffen muß.
gut.

Wenn jemand solche Investitionen nicht wünscht, nun

Aber für die Regierungen, die solche Investitionen wollen, gilt es

dann immer noch, zahlreiche Entscheidungen zu treffen - was für Investitionen
erfolgen könnten und unter welchen Bedingungen.
Frage: Und wie steht es mit dem Handel?
Antwort: Der Ausschuß für Entwicklung widmet den Handelsfragen beträchtliche Aufmerksamkeit.

Handel ist für alle Entwicklungsländer - und

ganz besonders für Länder wie Brasilien und Mexiko - von großer Bedeutung.

Das wichtigste, was getan werden kann, ist sicherzustellen, daß

die Weltmärkte weiter expandieren und relativ frei von Beschränkungen
bleiben.

Ich rechne dmit, daß der Entwicklungsausschuß verschiedene

Empfehlungen zu Handelsfragen vorlegen wird, zumal er von den Industriestaaten erwartet, daß diese auf der zur Zeit in Genf stattfindenden TokioRunde von GATT-ZollVerhandlungen gegenüber den Entwicklungsländern eine
liberale Haltung einnehmen.
Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Arbeit des Finanzausschusses und der der übrigen drei Ausschüsse und welche Beiträge könnte
dieser Ausschuß leisten?
Antwort: Der Finanzausschuß befaßt sich mit Zahlungsbilanzproblemen, mit
der Inflation, dem Investitionsfluß sowie hiermit zusammenhängenden Fragen.
Er erarbeitet die Grundlagen für die Erörterung von Finanzierungsfragen
und sich hieraus ergebenden Problemen in den übrigen Ausschüssen. Und er
kann auch Empfehlungen vorlegen, zum Beispiel auf dem Investitionssektor
oder zu Möglichkeiten, wie die privaten Kapitalmärkte für die Entwicklungsländer erschlossen werden könnten.
Frage:

�Frage: Befaßt sich die CIEC auch mit dem für die Entwicklungsländer
wichtigen Schuldenproblem?
Antwort: Ja, diese Frage wird sowohl im Entwicklungs- wie auch im Finanzausschuß erörtert.

Für die CIEC ist die Frage der"Schulden" n'cht eigent-

lich ein Schuldenproblem.

Doch die in der CIEC vertretenen Entwicklungs-

länder haben diese Frage als strukturelles Zahlungsbilanzproblem aufgeworfen,
dem sich eine Gruppe von Entwicklungsländern, darunter die Ärmsten unter
ihnen, gegenübersieht.

Aber aus dem gleichen Grund, aus dem diese Länder

arm sind, gibt es für sie ein eigentliches "Schulden"-Problem nicht, denn
sie haben keine festen Kredite auf den internationalen Kapitalmärkten und
sie sind auch nicht in der Lage, Geld aufzunehmen.
Hilfe.

Sie brauchen einfach mehr

So, wie wir die Situation sehen, wäre ein Schuldennachlaß nicht

das richtige Heilmittel.
Frage: Stimmt es, daß eine wachsende Tendenz besteht, über multilaterale
Institutionen zusätzliche Finanzierungsmittel in die Entwicklungsländer zu
schleusen?
Antwort: Natürlich kommt der multilateralen Hilfe große Bedeutung zu.
Beispielsweise eignet sich gerade die Weltbank ganz besonders zur Fortführung
der Entwicklungsaktivitäten in zahlreichen Gebieten. Und auch die zuständigen amerikanischen Kongreßausschüsse stehen heute den vielen internationalen Finanzierungsinstituten, unter anderem auch den regionalen Entwicklungsbanken, Weit aufgeschlossener gegenüber als in der Vergangenheit. Doch
der Prozeß, im Kongreß Rahmenermächtigungen und die Bewilligung von Mitteln
für Beiträge an diese Institutionen zu erhalten, ist immer noch schwierig und
langwierig.
Die Carter-Administration erachtet es als wichtig, eine gewisse Mischung
von bilateraler und multilateraler Hilfe zu erreichen.

Es könnte sich im

Laufe der Zeit eine Tendenz entwickeln, stärker auf die multilateralen Institutionen zurückzugreifen.

Fest steht jedoch, daß die Vereinigten Staaten
- 5 -

�Staaten es aus außenpolitischen Gründen wie auch aus Gründen der wirtschaftlichen Entwicklung für nützlich erachten, ein dynamisches bilaterales Hilfsprogramm beizubehalten.
Frage: Die Vereinbarungen von Jamaika haben Anfang 1976 zu einer beträchtlichen Ausweitung der kompensierenden Finanzierungsfazilität des Internationalen Währungsfonds (IWF) geführt. Hat sich dies bewährt und ist
eine weitere Stärkung dieser Fazilität erforderlich?
Antwort: Ja, dies hat sich sehr bewährt. Ober die kompensierende Finanzierungsfazilität sind in den letzten drei Jahren fast drei Milliarden Dollar
zur Verfügung gestellt worden. Die Vereinigten Staaten sind bereit, in
gewissen Zeitabständen zu überprüfen, ob diese Fazilität noch den Erfordernissen entspricht, vor allem was die Bedingungen anbetrifft, unter denen anderen
Ländern Geldmittel zur Verfügung gestellt werden.
Frage: Bei den erdölexportierenden Entwicklungsländern sammeln sich heute
die großen Kapitalreserven an. Sind Sie der Auffassung, daß die Weltbank und
der Internationale Währungsfonds (IWF) als Katalysatoren dienen sollten, um
diese Gelder in die Entwicklungsländer zu schleusen?
Antwort: Wie Sie wissen, hat der Internationale Währungsfonds beschlossen,
zu diesem Zweck eine neue temporäre Fazilität zu schaffen, deren Mittel von
den erdölexportierenden Ländern sowie den stärkeren Industriestaaten aufzubringen wären. Wir pflichten dem bei, daß der IWF eine nützliche Mittlerrolle zwischen den Überschüssen der erdölexportierenden Länder und den
Defiziten der erdölimportierenden Länder, einschließlich der Entwicklungsländer, einnehmen kann. Der IWF, der dabei nachhaltig von den Vereinigten
Staaten und anderen Ländern unterstützt wird, tendiert ganz eindeutig in
diese Richtung.
Frage:

- 6 -

�Frage: Hat der Energieausschuß bereits Erfolge zu verzeichnen?
Antwort: Meines Erachtens ja.
konstanten Zahlen messen.

Seine Leistungen lassen sich nicht in

Aber der Ausschuß hat den Energieerzeugern und

Verbrauchern der Welt die einmalige Möglichkeit gegeben, sich gemeinsam
an einen Tisch zu setzen und ihre gemeinsamen Energieprobleme und Interessen
in einer kooperativen Atmosphäre zu erörtern.
Es steht fest, daß das Anziehen der Erdölpreise um das Fünffache - ein
wirklich exorbitanter Anstieg in einer sehr kurzen Zeitspanne - sehr ernste
Auswirkungen auf die Volkswirtschaften der Industriestaaten gehabt hat, besonders auf Länder wie Italien und Großbritannien, die wirtschaftlich bereits geschwächt waren. Aber die Auswirkungen waren noch vernichtender für
die Entwicklungsländer, die nicht zu den großen Erdölexporteuren gehören.
Die sich ihnen bietenden politischen Optionen für eine Umstellung auf die
so enorm gestiegenen Ausgaben für Importe sind äußerst begrenzt. Sie
verfügen nur über &lt;;ehr geringe Möglichkeiten für Einsparungen. Im Gegenteil,
aufgrund ihrer Bemühungen um eine Industrialisierung ihrer Volkswirtschaften
muß ihr Energiebedarf ganz zwangsläufig steigen.
Die derzeitigen und die langfristigen Auswirkungen all dieser Entwicklungen
auf die Weltwirtschaft rechtfertigen es ganz eindeutig, daß sich die internationalen Gremien mit diesem Fragenkomplex befassen.

Und der Energie-

ausschuß ist ein Forum, in dem die Regierungen die sehr ernsten Probleme
erörtern können, die sich jetzt ergeben haben.
Frage: Werden die Beratungen im Energieausschuß zu irgendwelchen greifbaren und bedeutsamen Ergebnissen führen?
Antwort:

�Antwort: Ich glaube schon.

Zum Beispiel hoffe ich, daß der Ausschuß

die CIEC-Ministertagung nachdrücklich ersuchen wird, der Weltbank und
anderen internationalen Institutionen sehr spezifische Maßnahmen zu
empfehlen, wie die internationale Völkergemeinschaft den über kein Erdöl
verfügenden Entwicklungsländern bei der Lösung ihrer Energieprobleme
helfen kann.

Dies gilt besonders für die Erschließung ihrer eigenen Energie-

quellen.
Frage: Die Vereinigten Staaten haben auf der siebten Sondersitzung der
UN-Vollversammlung die Schaffung eines internationalen Energieinstituts vorgeschlagen. Was soll damit erreicht werden - und ist der Vorschlag gestorben?
Antwort: Das Energieinstitut sollte in erster Linie dazu dienen, den
Entwicklungsländern den Zugang zu den Energietechnologien zu erleichtern
und ihnen zu helfen, Unterstützung für die Planungsarbeiten zur Erschließung ihrer potentiellen Energiequellen sowie bei der Ausbildung von
Fachkräften zu erhalten.

Das Institut würde diesen Ländern keine Finan-

zierungsmittel zur Verfügung stellen.

Aber es würde ihnen helfen, sich

über die einschlägigen Technologien zu unterrichten, und ihnen den Zugang
zu solchen Technologien erleichtern.
Sofern auf Seiten der Entwicklungsländer genügend Interesse an diesem
Vorschlag besteht, könnte sich die CIEC für die Schaffung einer solchen
internationalen Behörde einsetzen.
Frage: Wie steht es nun mit dem Ausschuß für Rohstoffe?
Antwort: Dieser Ausschuß befaßt sich mit dem gesamten Bereich der
Rohstoffragen, die gegenwärtig im Rahmen eines integrierten Programms
auch von der Welthandelskonferenz (UNCTAD) in Genf untersucht werden.
Der Ausschuß selbst kann von sich aus allein wenig tun. Seine Aufgabe ist
es, die Arbeit der UNCATD zu unterstützen und ihr immer wieder Anstöße zu
geben.
- 8 •

Frage:

�Frage:

Könnten Sie darlegen, in wie weit sich die amerikanische Roh-

stoffpolitik in den letzten Monaten geändert hat?
Antwort: Ich möchte diese Änderung nicht überbewerten. Meines Erachtens handelt es sich hier um einen stetigen Evolutionsprozeß. Beispielsweise sind die Vereinigten Staaten heute mehr als früher geneigt, Möglichkeiten für die Stabilisierung der einzelnen Rohstoffpreise zu untersuchen.
Die Carter-Administration hält Bemühungen für wünschenswert, wo immer
möglich eine Verbesserung der Funktionsfähigkeit der Rohstoffmärkte durch
Dämpfung übergroßer Fluktuationen bei den Rohstoff preisen zu erreichen., Der
Wechsel zwischen sehr hohen und sehr niedrigen Preisen liegt weder im
Interesse der Erzeuger noch der Verbraucher. Für die Entwicklungsländer
ist es wichtig, mit einem festen Betrag an Exporteinnahmen rechnen zu
können. Und eine Stabilisierung der Rohstoffpreise ist ein legitimer Weg,
dieses Problem zu lösen.
Ein anderer Weg wäre, die Exporteinnahmen durch Verbesserung der
Mechanismen des Internationalen Wärhungsfonds zu stabilisieren. Dieser
könnte zum Beispiel Ländern, die ohne eigenes Verschulden einen Ruckgang
der Exporteinnahmen erleiden, eine Möglichkeit einräumen, zum Ausgleich
dieser Mindererlöse Geld aufzunehmen, so daß sie ihre normale wirtschaftliche Entwicklungsrate beibehalten können.
Frage: Würden hiervon lediglich die Entwicklungsländer profitieren?
Antwort: Nein, dies läge auch im Interesse der Industriestaaten, also
auch der USA, Zum Beispiel sind wir in Zeiten einer weltweiten Rezession
sehr stark daran interessiert, daß die weltweite Kaufkraft - das Vermögen
der übrigen Länder, unsere Güter und Dienstleistungen zu kaufen - nicht
auf einmal stark zurückgeht.

Genauso liegt es in unserem eigenen Interesse,

daß die Rate der Investitionen zur Erschließung neuer Ressourcen, vor allem
von Rohstoffen, nicht plötzlich sinkt, wenn die Preise für die betreffenden
Güter nachgeben.
Frage:
- 9 -

�Frage: Würde eine Stabilisierung der Rohstoffpreise den weltweiten
Inflationsdruck unter Kontrolle bringen?
Antwort: Ohne Zweifel. Versorgungsstörungen bei von den Industriestaaten benötigten wichtigen Rohstoffen begünstigen einen Preisanstieg
bei diesen Materialien.

Und ein derartiges Anziehen der Preise hält

gewöhnlich längere Zeit an.

Gelingt es also, solche Entwicklungen unter

Kontrolle zu bringen, so ist es auch leichter, die Inflation in den einzelnen Ländern unter Kontrolle zu bringen.
Beispielsweise hatten die Rohstoffpreise in der Zeit von 1972 bis 1975
äußerst starke Schwankungen aufzuweisen.

Erst zogen sie stark an und dann

fielen sie wieder auf ein niedriges Niveau zurück.

Die Inflationierung

der Rohstoffpreise bildete einen wichtigen Faktor für die weltweite
Inflation Anfang der siebziger Jahre und der anschließende starke Rückgang
trug wesentlich zu der weltweiten Rezession 1974 und 1975 bei. An Preisbewegungen dieser Art hat niemand ein Interesse.
Theoretisch läßt sich die Funktionsfähigkeit der Weltmärkte ohne
weiteres verbessern, aber in der Praxis ist dies nicht ganz so einfach.
Für die beteiligten Regierungen ergeben sich politische und anderweitige
Probleme. Doch möchte ich hoffen, daß in den nächsten Jahren in Verhandlungen irgendeine Art von internationalen Rohstoffabkommen erreicht werden
kann.
Frage: Bei welchen Rohstoffen?
Antwort: Wir haben bereits Rohstoffabkommen bei Zinn, Kaffee und Kakao.
Die USA haben sich dem Kakao-Abkommen nicht angeschlossen, aber wir wären
bereit, in neue Verhandlungen über eine Revision dieses Abkommens einzutreten. Wir hoffen, daß in den nächsten Monaten ein Zuckerabkommen abgeschlossen werden kann. Und wir sprechen gegenwärtig in Genf unter der
Aegide der UNCTAD über Abkommen für Kupfer, Kautschuk und Jute.
Frage:
- 10 -

�Frage: Wie stehen die USA zu dem gemeinsamen Fonds für eine Finanzierung
von Ausgleichslagern, wie er vor einem Jahr auf der UNCTAD IV in Nairobi
vorgeschlagen worden war.
Antwort: Wir haben bereits kürzlich auf einer Konferenz in Genf zur Prüfung
eines solchen gemeinsamen Fonds gesagt, daß wir bereit sind, in Verhandlungen über die mögliche Schaffung eines solchen Mechanismus einzutreten.
Sollte es zum Beispiel vier Abkommen für Rohstoffe mit unterschiedlichen
Preiszyklen geben, so könnte es vom wirtschaftlichen Standpunkt richtiger
sein, die zur Finanzierung der Ausgleichsvorräte benötigten Mittel zusammenzufassen. So werden Preiszyklen bei industriellen Rohstoffen wie Metallen
in erster Linie durch eine unterschiedliche Nachfrage beeinflußt, die wiederum
in engem Zusammenhang mit dem allgemeinen Wirtschaftszyklus steht. Die
Preise der meisten landwirtschaftlichen Rohstoffe werden dagegen stärker durch
das sich aufgrund der Wetter- und Erntebedingungen verändernde Angebot beeinflußt.
Wir akzeptieren nicht die Auffassung, daß ein gemeinsamer Fonds bereits
geschaffen werden sollte, noch bevor die einzelnen Rohstoffabkommen ausgehandelt sind. Genauso wenig sollten im voraus irgendwelche feste Geldzusagen
für einen solchen gemeinsamen Fonds gegeben werden. Vielmehr sind wir der
Ansicht, daß die Rohstoffabkommen einzeln von den wichtigsten Erzeugern und
Verbrauchern ausgehandelt werden sollten, und daß Ausgleichsvorräte nur als
Bestandteil solcher Abkommen Sinn haben. Vorausgesetzt wir haben die
richtige Zahl und Mischung von Rohstoffabkommen erreicht, wären wir auch
bereit, die verschiedenen Möglichkeiten zur Finanzierung von Ausgleichsvorräten und auch für ein Zusammenfassen der Mittel zu erörtern.
Aber wir sind nicht der Meinung, daß ein gemeinsamer Fonds zur Finanzierung
von Ausgleichsvorräten zu dem Zweck benutzt werden sollte, die Rohstoffpreise
auf lange Zeit hinaus überhöht zu halten.

Dies wäre unseres Erachtens ein

ganz ungeeigneter Weg, einen Transfer von Ressourcen zu erreichen, und wir
bezweifeln es, ob ein solcher Mechanismus überhaupt funktionieren würde.

- 11 -

Frage:
— * -

�Frage: Wie steht es mit der von den USA auf der UNCTAD IV vorgeschlagenen
Ressourcenbank und welche Aussichten werden ihr gegeben?
Antwort: Dieser Vorschlag wird gegenwärtig in der Weltbank geprüft und
dann dem zuständigen Entwicklungsausschuß von Weltbank und IWF zugeleitet
werden.

Wir rechnen damit, daß der Ausschuß in den nächsten Monaten -

wahrscheinlich im September - eine Analyse des Vorschlages und seine
Empfehlungen veröffentlichen wird - also noch vor der nächsten Jahrestagung
der Gouverneure der Weltbank und des IWF. Unseres Erachtens handelt es sich
bei dem Problem , ein ausreichendes Maß an Investitionen überall auf der
Welt zur Erschließung von Rohstoffen sicherzustellen, um eine wichtige
langfristige Frage und wir meinen, daß alle Länder diese Frage sehr
sorgfältig prüfen sollten.

Natürlich werden die Entwicklungsländer in

diesen Bereichen in den kommenden Jahrzehnten einen riesigen Kapitalbedarf
haben.

Die vorgeschlagene internationale Ressourcenbank ist ein Weg zur

Lösunq dieses Problems.

Ein anderer Weg wäre, die Welt zu ermutigen, mehr

staatliche und private Ressourcen für die Erschließung von Rohstoffen
verfügbar zu machen als in der Vergangenheit.
+ + +

- 12 -

�13/1977

VERSORGUNG MIT KERNBRENNSTOFF
- Regierungschefs gaben Sonderstudie in Auftrag

- (AD) - Auf der Londoner Gipfelkonferenz vom 7./8. Mai 1977 kamen
die Staats- und Regierungschefs der Länder USA, Japan, Kanada,Großbritannien,
Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien ü'berein, eine der
dornigsten zur Erörterung anstehenden Fragen durch eine Sonderstudie untersuchen zu lassen: Die Frage nämlich, wie sicherzustellen sei, daß alle
Länder zuverlässig mit Kernbrennstoff versorgt werden, ohne daß die Risiken
eines Mißbrauchs von kerntechnischen Anlagen oder Materialien für die
Herstellung von Kernwaffen wesentlich verstärkt werden. Die Studie soll in
zwei Monaten abgeschlossen sein.
Wegen dieser Risiken ist Präsident Carter besonders besorgt.

Für die

Vereinigten Staaten ordnete er an, die Entwicklung eines bestimmten Schnei 1brut-Reaktortyps nicht mehr mit Vorrang zu betreiben.

Denn amerikanische

Experten fürchten u.a., daß es ein Leichtes sein werde, von dem plutoniumreichen Kernbrennstoff, den dieser Reaktor einmal erzeugt, ungeachtet des
bestehenden Systems internationaler Sicherheitsmaßnahmen gewisse Mengen für
die Waffenrpoduktion abzuzweigen.
Präsident

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D 5300 Bonn-Bad Godesberg 1
Tel: 02221-893240 Telex:08-85432

�Präsident Carter schlug vor, die Arbeit auf dem Gebiet anderer, weniger
riskanter Verfahren zur optimalen Nutzbarmachung der begrenzten Weltvorräte
an Uran zu intensivieren.

Die USA erboten sich, gemeinsam mit anderen

Nationen im Rahmen einer internationalen Aktion Anstrengungen zu unternehmen,
um dieses Ziel zu erreichen.
Auch andere Nationen sind besorgt, daß sich die Kernwaffen immer weiter
ausbreiten.

Mit jedem neuen Land, das in die Lage kommt, Atombomben herzu-

stellen, sieht sich die Welt noch stärker der Gefahr ausgesetzt, daß durch
das Zusammenwirken irgendwelcher Umstände ein verheerender Atomkrieg ausgelöst wird.
Die Leistungsreaktoren, die heute in Betrieb sind, bedeuten kein großes
Risiko für die Ausbreitung von Kernwaffen. Das Problem ist jedoch, daß sie
nur einen kleinen Teil der nuklearen Energie nutzen, die mit einer gegebenen
Menge von Uran erzeugt werden könnte. Einige Nationen mit unzureichenden
eigenen Vorkommen fürchten, daß bei einer Beschränkung auf die gegenwärtige
Technologie der Zeitpunkt kommen werde, an dem die Uranvorkommen erschöpft
sind und ihrer Wirtschaft dann keine ausreichenden anderen Energiequellen
zur Verfügung stehen.
Eine mögliche Lösung wäre, die Kernbrennstoffe nach ihrem ersten Einsatz im Reaktor aufzubereiten und sie erneut zu verwenden. Präsident Carter
übersieht keineswegs, daß eines Tages die in Atomkraftwerken benutzten Kernbrennstoffe wieder aufbereitet werden müssen. Aber amerikanische Experten
sind überzeugt, daß die Welt genug Zeit habe, geeignete neue Technologien
zu entwickeln, die die Risiken einer nuklearen Proliferation nicht wesentlich
vergrößeren. Sie verweisen darauf, daß man in den USA so verfahre, verbrauchte
Brennelemente aus amerikanischen Atomkraftwerken zu lagern. Sie könnten wiederaufbereitet werden, sobald sich dies als notwendig erweise. Die USA
schlagen vor, dies weltweit zu praktizieren.
Die

- 2 -

�Die Vereinigten Staaten beabsichtigen, allein im nächsten Jahr 750
Millionen Dollar dafür aufzuwenden, um die Möglichkeiten für die Einführung
anderer Kernbrennstoffzyklen zu sondieren, die nicht die Gefahr einer
weiteren Ausbreitung von Kernwaffen in sich bergen.
Ländern wird an diesem Fragenkomplex gearbeitet.

Auch in anderen

So gab ein Vertreter

Frankreichs auf der IAEA-Konferenz über Kernmaterialien kürzlich in Salzburg
bekannt, daß in Frankreich ein neues Verfahren zur Urananreicherung entwickelt worden sei, mit dem Brennstoff für Leistungsreaktoren, nicht
aber Kernmaterial hergestellt werden könne, das sich für Atombomben eignet.
Um andere Nationen zu veranlassen, sich nicht zu früh auf gefährliche
Technologien einzulassen, schlug Präsident Carter ein Programm vor, das
anderen Ländern die zuverlässige Belieferung mit angereichertem Uran für ihre
Leistungsreaktoren garantiert. Bereits vor der Bekanntgabe des neuen amerikanischen Energieprogramms durch Präsident Carter hatten die USA keine neuen
Bestellungen für angereichertes Uran mehr angenommen. Der Hauptgrund dafür
war die Verzögerung in der Ausweitung der amerikanischen Anreicherungskapazität,
die sich aus den Auseinandersetzungen über das Vorgehen hinsichtlich der
Entwicklung neuer Anreicherungskapazitäten ergeben hatte. Präsident Carter
kündigte an, daß die Vereinigten Staaten in absehbarer Zeit wieder Aufträge
für angereichertes Uran annehmen würden. Gleichzeitig schlug er für die USA
vor, ein umfassendes Programm in Angriff zu nehmen, das die Entwicklung ausreichender Kapazitäten für die Produktion "nicht-sensitiver" Kernbrennstoffe
(d.h. von Kernbrennstoffen, die nicht ohne weiteres für Atombomben verwendet werden können) zur Deckung des in- und ausländischen Bedarfs gewährleistet.
Präsident Carter genehmigte inzwischen die ersten acht Lieferungen von
angereichertem Uran im Rahmen der neuen Politik.

Sie sind für Forschungs-

reaktoren in Belgien, der Bundesrepublik Deutschland, in Großbritannien,
Japan, Kanada, in den Niederlanden und für ein internationales Projekt
in Grenoble (Frankreich) bestimmt, an dem Frankreich, die Bundesrepublik und
Großbritannien beteiligt sind.

Im
- 3 -

�Im Rahmen ihrer Bemühungen, die Gefahr einer Weiterverbreitung von
Kernwaffen und eines Atomkrieges zu verringern, verlangen die USA strenge
Kontrollen über Verwendung und den Verbleib angereicherter Kernbrennstoffe,
die sie an andere Länder liefern. Deshalb entschlossen sie sich auch,
kommerzielle Wiederaufbereitungsanlagen nicht zu exportieren. In einem
Interview, das Präsident Carter kürzlich vier europäischen Journalisten
gab, antwortete er auf die Frage nach einem möglichen Export solcher Anlagen
durch andere Länder: "Es wäre uns lieber, wenn in der Welt keine Aufbereitungsanlagen an andere Länder verkauft würden, insbesondere nicht an jene,
die den Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Kernwaffen nicht unterzeichnet haben. Aber einige der Geschäfte oder Verträge sind unter Dach
und Fach oder wurden bereits ausgeführt. Wie haben unsere Meinung kundgetan; aber wir respektieren auch den freien Willen der Nationen, so zu
handeln, wie sie es für richtig erachten."
+ + +

�Wi/scn/choft
und Technik
United States Information Service

13/1977

PFLANZENSTOFF ALS DÜNGEMITTEL
Zehn bis 40 Prozent Mehrertrag durch Triacontanol

- (AD) - Bei Experimenten im Gewächshaus und auf klimageschützten
Versuchsbeeten mit Getreidepflanzen aller Art sowie mit Tomaten, Salat und
Gurken entdeckten Wissenschaftler der Staatsuniversität von Michigan, daß
die Behandlung mit winzigen Mengen der in Wasser gelösten Substanz Triacontanol das Pflanzenwachstum bis zu 40 Prozent zu steigern vermag. Die
Substanz ist ein natürliches Produkt und z. B. im Wachsüberzug der Blätter
bestimmter Pflanzen und im Bienenwachs enthalten.
Dr. Stanley K. Ries, der die Experimente an einem Institut der Staatsuniversität Michigan leitete, isolierte Triacontanol aus Luzernen (in den
USA "Alfalfa" genannt). Der Wissenschaftler vermutet, daß es in allen
Pflanzen vorkommt und als ein Wachstumsregulator wirkt. Er hält es für
denkbar, daß die Substanz synthetisch hergestellt und eines Tages ganz
allgemein zur Produktionssteigerung bei Getreide- und Gemüseanbau eingeführt wird. "Da es sich um ein Naturprodukt handelt, glauben wir auch
nicht, daß damit irgendwelcher Schaden angerichtet werden könnte."

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�Die Bestandteile von Triacontanol, das chemisch zu den Paraffinabkömmlingen zählt, sind Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff.

Es

enthält also - im Gegensatz zu den natürlichen und künstlichen Düngemitteln - keinen Stickstoff.
verdrängen.

Die Substanz könnte Stickstoffdünger nicht

Denn alle Pflanzen brauchen Stickstoff, um Aminosäuren und

Eiweißstoffe aufzubauen.

"Aber sie könnte möglicherweise die Wirksamkeit

der Düngemittel erhöhen", meint Dr. P. Carlson, Biologe an einem der
Pflanzenforschungsinstitute in Michigan.

Mit Triacontanol behandelte

Pflanzen werden größer und wachsen schneller als solche, die nur normal
gedüngt werden.

Acht Milligramm, in Wasser gelöst, reichen für einen

ganzen Hektar Anbaufläche aus.
Die Wirkung ist sowohl bei den einzelnen Pflanzenarten als auch nach
der Art der Anwendung - ob in fester bzw. kristalliner Form oder in Wasser
gelöst - verschieden.

So

erreichten Reis-Setzlinge, die mit Triacontanol-

Kristallen behandelt wurden, in neun Tagen 56 Prozent mehr Trockengewicht als
die Kontroll pflanzen.

(Unter "Trockengewicht" fallen Blätter, Halme,

Körner und Wurzeln, die Tieren oder dem Menschen schließlich zur Nahrung
dienen.)

Wurden Reispflanzen jedoch mit in Wasser gelöstem Triacontanol

behandelt, betrug die Wachstumssteigerung im Vergleich zu den Kontrollpflanzen in 10 Tagen 18 - 42 Prozent.

Die optimalen Konzentrationen für die

Behandlung mit Triacontanol-Lösungen scheinen bei 0,01 bis 0,1 Milligramm
pro Liter Flüssigkeit zu liegen.
Erste Feldversuche sollen im kommenden Sommer beginnen. "Wenn wir die
Laborergebnisse im Feldversuch bestätigen und dort auch nur 10 Prozent
Wachstumssteigerung bei den wichtigsten Nahrungspflanzen erzielen könnten",
so Dr. Joseph Worley vom US-Landwirtschaftsministerium, "wäre dies im
Hinblick auf die zunehmenden Schwierigkeiten mit der Ernährung der Weltbevölkerung ein fantastischer Erfolg." Gegenwärtig sind noch an einer Anzahl anderer amerikanischer Laboratorien Experimente im Gang, mit denen
die von Dr. Ries und seinen Mitarbeitern erzeilten Ergebnisse überprüft
und bestätigt werden sollen.
Die

�Die Möglichkeiten für eine künftige umfassende Anwendung des Wuchsstoffes Triacontanol beurteilt Dr. Ries, der in der Zeitschrift "Science"
(Ausgabe 25. März 1977) über seine Versuche berichtete, noch sehr zurückhaltend.

Denn man erhalte, so argumentiert er, bei Feldtests im Großver-

such - mit unterschiedlichen Feuchtigkeitswerten, bei wechselnden
Temperaturen und mit den verschiedensten Pflanzensorten - häufig nicht die
gleichen Ergebnisse und Reaktionen wie unter kontrollierten Laborbedingungen
oder im Gewächshaus.

Da er jedoch seine Experimente mit Feldversuchen,

und zwar mit Luzernen begann, hofft er, daß künftige Feldversuche mit dem
aus Luzernen gewonnenen Extrakt ebenfalls erfolgreich sind.
Dr. Ries nahm die Experimente, die auf die Spur von Triacontanol
führten, vor zwei Jahren auf. Da sich die Weltpreise für Stickstoffdünger
mehr als verdoppelt hatten, wollten er und seine Mitarbeiter nach Auswegen
für den Fall suchen, daß Kunstdünger zu teuer würde, um für die Mehrzahl
der landwirtschaftlichen Betriebe noch erschwinglich zu sein. Stickstoffreiche Pflanzen wie Luzernen, Klee oder Sojabohnen wurden ja bereits seit
langem auch zur sog. bründüngung benutzt - abgesehen davon, daß die
Luzerne in den USA die wichtigste Futterpflanze ist. Sie kommt immer
wieder - bis p + wa 25 Jahre lang - und braucht so gut wie keine Stickstoffdüngung, weil an ihrem tief in die Erde reichenden Wurzelwerk Bakterien
"nisten", die Luftstickstoff aufbereiten und ihr in verwertbarer Form zuführen. Möglicherweise konnten Leguminosen bei entsprechender Anwendungstechnik als regelrechter Düngerersatz dienen.
Um Luzernen als Dünger zu testen, vergruben Dr. Ries und seine Mitarbeiter Bänder von geschnittenen und getrockneten Pf 1 ar. a.r\ unter und
neben Saatkörnern und Sämlingen. "Die Pflanzen, die nahe dem LuzernenDünger wuchsen, gediehen besonders gut", so Dr. Ries. "Bei Tomaten erhielten wir z. B. Ertragssteigerungen um 10 Tonnen pro Hektar." Aber erst
nach einem Jahr und Hunderten von Experimenten gelang es den Wissenschaftlern,eine Substanz zu identifizieren, die die rätselhafte Wachstumszunahme
verursachte. Es war Triacontanol - nicht der Stickstoff, den pflanzliche
- 3 -

�pflanzliche "StickstoffSammler" langsam und rationell wieder an den Boden
abgeben.

Wurde nämlich Triacontanol aus den Luzernen völlig entfernt, voll-

zog sich das Wachstum der mit der Restmasse "gedüngten" Pflanzen normal.
Die Substanz läßt sich rein auskristallisieren.

Sie ist in jeder

Form wirksam - als Kristall pulver, in winzigen Mengen angewandt, und in
Lösung, die auf die Pflanzen aufgesprüht, als Gießwasser benutzt oder
in die Nährlösungen von Hydrokulturen eingebracht wird.

Die Menge, die

das Wachstum verstärkt, ist geringer als jene, die Pflanzen wie Luzernen von
Natur aus auf ihren Blättern haben.

Aber der Wirkungsmechanismus von

Triacontanol ist noch völlig unklar.

Die Substanz scheint in mancher

Hinsicht Naturgesetze außer Kraft zu setzen.

Am auffälligsten ist die Tat-

sache, daß sie Pflanzen dazu bringt, im Dunkeln zu wachsen.
wächst Getreide nur am Tage.

Normalerweise

Es nutzt Sonnenlicht als Energiequelle, um

atmosphärisches Kohlendioxid in Nährstoffe umzuwandeln.

Die einzigen

Pflanzen, von denen man weiß, daß sie nachts wachsen, sind gewisse Wüstenpflanzen.

Sie speichern CO2 und wandeln es in der Nacht in Nahrung um.

Dennoch scheinen die mit Triacontanol behandelten Pflanzen weder mehr
Kohlendioxid aus der Luft aufzunehmen als unbehandelte, noch scheinen sie
COg zu speichern, um es nachts umzuwandeln.
Die Wissenschaftler konzentrieren sich jetzt aber erst einmal auf die
Feldversuche. Sie meinen, später sei immer noch Zeit, den Wirkungsmechanismus des Triacontanol im Detail zu klären.
+ + +

- 4 -

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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ministertagung wird Nord-Süd-Dialog intensivieren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Stephen W. Bosworth, Stellvertretender Unterstaatssekretär im US-Außenministerium&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Versorgung mit Kernbrennstoff&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Regierungschefs gaben Sonderstudie in Auftrag -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Pflanzenstoff als Düngemittel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Zehn bis 40 Prozent Mehrertrag durch Triacontanol -&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weinberger vertraut auf Solidarität des Atlantischen Bündnisses&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Pressekonferenz des US-Verteidigungsministers in Brüssel -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ikle erläutert Mittelost-Politik der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Warnung vor sowjetischer Bedrohung der Energieversorgung -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
V,oN ^

20.

19

Mai 1 9 8 7

•

I N H A L T

DOKUMENTATION

Glasnost und das Bündnis
- Rede von Botschafter Burt vor der Deutschen Gesellschaft für
Auswärtiqe Politik -

HINTERGRUNDMATERIAL

Studie des US-Außenministeriums befürwortet weite Interpretation
des ABM-Vertrages
- Artikel über Informationsqespräche mit Sofaer und Nitze -

* * * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�;e° ST&gt;

AMERIKA DIENST
Dokumentation

20. Mai 1087

19
GLASNOST UND DAS BÜNDNIS

Rede von Botschafter Burt vor der Deutschen Gesellschaft
für Auswärtiqe Politik -

BONN - (AD) - In einer am 20. April 1987 vor der Deutschen Gesellschaft
für Auswärtiqe Politik in Bonn qehaltenen Rede hat der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Richard R. Burt, die Sowjetunion aufqefordert, der Breschnew-Doktrin eine Absaqe zu erteilen. "Wenn die Sowjetunion
am Erfolq von Glasnost interessiert ist, muß sie die Breschnc-wDok tr in aufqeben. Die Teilunq Europas kann solanqe nicht erleichtert oder abqeschafft werden, wie sie von der Roten Armee aufrechterhalten wird, und dazu würde eine
Abkehr von der Breschnew-Doktrin neue Horizonte für Buropa und auch für die
Sowjetunion eröffnen."
Nachfolgend bringen wir die Rede des amerikanischen Botschafters im Wortlaut.
Vielleicht weht ein neuer Wind
aus der Sowjetunion.
Eine Gesellschaft, die so erstarrt, so unglaubwürdiq zu sein schien, scheint heute
Zeichen des Wandels zu zeiqen. Russische Wörter - "Glasnost" (Offenheit)
und "perestroika"
(Umgestaltung) - werden im qesamten Westen
vernommen.
Die Folqen sowjetischen
Verhaltens werden in der qanzen Welt
gespürt. Es gibt vielleicht kein anderes Volk, das diese Entwicklunq so
aufmerksam verfolgt, wie die Deutschen .

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Hier wie auch in meinem Land ist
die Hoffnung weitverbreitet« daß der
Wandel in cier Sowjetunion eine Veränderung zum Resseren mit sich bringt,
und zwar nicht nur für das sowjetische Volk, sondern auch für die sowjetischen
Beziehungen
zur übrigen
Welt.
Es besteht ein Gefühl neuer
Chancen werden in den Ost-West-Reziehunqen, insbesondere im Bereich der
Rüstunqskontrolle.
Die
Hoffnunqen
sind besonders hochgespannt im Hinblick auf den Abschluß eines Abkommens über Mittelstreckenwaffen - um
diese gesamte Kategorie von Waffen in

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�Europa gemäß dem von Präsident Reagan
vor sechs Jahren unterbreiteten Vorschlag abzuschaffen.
Die
Reqierung
der
Vereinigten
Staaten teilt diese Hoffnungen auf
konkrete Fortschritte voll und ganz
und tut ihr möglichstes, um sie zu
erfüllen.
Die Vereinigten
Staaten
sind
besonders befriedigt darüber,
daß die Sowjetunion jetzt den Vorschlag des Bündnisses über IMF-Systeme aufgegriffen hat.
Der Abschluß
eines Abkommens über diese Kategorie
von Waffen würde einen wertvollen
Beitrag zur europäischen Sicherheit
leisten.

kontroll vorschlagen und, noch bedenklicher, Europa bilde einfach die Arena für den Wettstreit und die Vorherrschaft der Supermächte.
Das dagegen verordnete politische
Rezept heißt
"Europäisierung Europas".
Dieser Ansicht zufolge sollte
Europa aus den Klauen der Supermächte
befreit werden. In seiner extremeren
Form führt dieser Gedanke logischerweise zur sowjetischen Idee des Hauses Europa - der Befreiung Europas
von der nichteuropäischen Supermacht
- den Vereinigten Staaten.

Das Problem der europäischen Teilung
Das europäische
Sicherheitsprohlem liegt jedoch wesentlich tiefer
als das Problem der Rüstungsniveaus.
Der Rüstungswettlauf in Europa ist
sogar eher das Symptom des Problems
als dessen Ursache, und wenn wir uns
dieser Ursache zuwenden, müssen wir
die historischen Wurzeln des Problems
untersuchen.
Mit
Ihrer
Erlaubnis
möchte ich dies heute abend tun.
Es
gibt
zwei
weitverbreitete,
miteinander konkurrierende Meinungen
zum Wesen des europäischen Sicherheitsproblems.
Die eine besagt, daß
der Rüstungswettlauf das Grundproblem
ist und führt diesen wiederum auf den
Wettstreit der Supermächte in Europa
zurück.
Jüngste
Meinungsumfragen,
von denen ich Kenntnis erlangt habe,
besagen, daß solches Gedankengut allgemein verbreitet ist.
Laut einer
vom "Stern" im März veröffentlichten
Meinungsumfrage glaubten 49 Prozent
der
Befragten, daß Generalsekretär
Gorbatschow größere Anstrengungen für
Frieden
und
Abrüstung
unternimmt,
während nur 9 Prozent das gleiche von
Präsident Reagan annahmen. Ich finde
dies beunruhigend, da sich darin die
Meinung widerspiegelt, der Friede in
Europa sei das Produkt von Rüstungs- 2

Der zweite und produktivere Ansatz einer Betrachtungsweise des Problems der europäischen Sicherheit besteht darin, es als Ergebnis der Teilung Europas anzusehen.
Die europäische Teilung ist die Quelle des Problems, nicht das Wettrüsten oder der
Wettstreit der Supermächte an sich.
Und die Lösung des europäischen Sicherheitsproblems
besteht
in
der
Überwindung der Teilung des Kontinents.
Um Fortschritte bei der Überwindung der Teilung Europas zu machen,
müssen wir zunächst verstehen, warum
Europa geteilt ist. Und gerade hier
begeben sich viele auf Irrwege. Ich
persönlich bin tief davon berührt,
daß es hier in der Bundesrepublik
Deutschland wie auch in den Vereinigten Staaten jungen Leuten im Hinblick
auf die Teilung Europas oft an historischem
Bewußtsein
fehlt.
Dieser
allzu verbreitete unhistorische Ansatz führt oft zu der vereinfachenden
Diagnose des "Wettstreits der Supermächte" und zu ähnlich schlichten und
irreführenden Lösungen.
Die

Teilung

Europas

nach

dem

�Zweiten
Weltkrieq
veranschaulichte
ein in der Geschichte immer wiederkehrendes Phänomen. Wenn ein historisches Problem qelöst ist, taucht
ein
neues
auf.
Die
Niederlaqe
Deutschlands im Zweiten Weltkrieq bereitete
der katastrophalen
Politik
von Adolf Hitler und der Ausbreitunq
deutscher
Macht ein Ende.
Leider
brachte der Krieq jedoch auch die Rote Armee nach Mitteleuropa. Die Sowjetunion war nicht länger eine von
mehreren
europäischen
Großmächten.
Sie wurde zur dominierenden Macht Europas.
Die
Resetzunq
Osteuropas
durch die Rote Armee wurde zum grundleqenden europäischen Sicherheitsproblem der verqanqenen vier Jahrzehnte,
und dies ist auch heute noch der Fall.
Die daraus folqende Teilunq Europas kann deshalb aus den grundverschiedenen amerikanischen und sowjetischen Vorstellunqen von der Nachkrieqswelt heraus verstanden werden.
Die amerikanische Vorstellunq war von
Offenheit
qepräqt
- von
demokratischen Institutionen und einem freien
internationalen
Handelssystem.
Dazu qehörte die Erwartunq, daß die
Europäer unter dem Schutz eines überqeordneten, durch die Vereinten Nationen gewährleisteten
internationalen Sicherheitssystems ihre eigenen
Angelegenheiten
bewältigen
würden.
Die sowjetische Vorstellung, soweit
wir sie ermitteln können, sah ein geschlossenes System vor - die Grenzen
des sowjetischen Reiches würden nach
außen verschoben und sicherer v/erden.
In einem Essay über den kalten Krieg
hat
der
amerikanische
Historiker
Arthur Schlesinger diese gegensätzlichen Ansätze als den "universalistischen" und den der "Einflußsphäre"
beschrieben.
Um aufzuzeigen, wie Europa geteilt wurde, möchte ich fünf Thesen
zum amerikanischen und sowjetischen

Verhalten in der unmittelbaren Nachkriegszeit vortragen und zur Diskussion stellen.
ich hoffe, daß diese
detaillierte Untersuchung der historischen Tatsachen manche Fehlschlüsse
über diesen Zeitraum zerstreuen und
einige Hinweise darauf qeben wird,
wie das europäische Sicherheitsproblem heute wirksam anqegangen werden
kann.

1.

Erstens: die Ziele der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion
im Nachkriegseuropa waren grundverschieden.

Die Vereinigten Staaten befürworteten Demokratie und nationale Unabhängigkeit, in seinem Ruch "The Cold
War as History" beschrieb Louis Halle
die amerikanische Vorstellung folgendermaßen: eine weltweite internationale Gemeinschaft, die in einer Art
von Parlament der Nationen demokratisch orqanisiert sein sollte und in
der alle Mitglieder Selbstbestimmung
durch freie Wahlen nach westlichem
Modell qenießen würden.
Diese Vorstellunq wurde recht problemlos in
ganz Westeuropa verwirklicht.
Daqegen
waren die
sowjetischen
Absichten in Osteuropa offen expansionistisch.
Zu Reqinn des Jahres
1945 erklärte Stalin dem jugoslawischen Kommunisten Milovan Djilas, was
dieser in seinem Ruch "Gespräche mit
Stalin" ber ichtet:
"Dieser Krieg ist nicht wie die
vergangenen; wer ein Territorium besetzt, zwingt diesem auch sein eigenes Gesellschaftssystem auf.
Jeder
setzt sein eigenes System durch, soweit eine Armee reichen kann.
Es
kann nicht anders sein."
Der stellvertretende sowjetische
Außenminister, Maxim Litwinow, er-

- 3 -

�klärte
1946:

in

einem

Interview

im

Jahr
2.

"In Rußland hat eine Rückkehr zum
veralteten Konzept von Sicherheit in
Form von Territorium stattgefunden je mehr man davon hat, desto sicherer
ist man."
Bei Krieqsende hatten die Sowjets
Teile von Finnland, die drei baltischen Staaten, einen Teil von Ostpreußen,
Ostpolen
und
Teile
der
Tschechoslowakei und Rumäniens direkt
annektiert. Der Großteil Osteuropas,
der nicht unmittelbar der Sowjetunion
einverleibt wurde, qelangte unter die
zunehmend straffe und repressive sowjetische Kontrolle.
Die
Forderung
der
Sowjetunion
nach absoluter Sicherheit für sich
selbst bedeutete absolute Unsicherheit für ihre Nachbarstaaten - Verlust von Gebieten, Entzug der nationalen Unabhängigkeit und Aufnötigung
harter totalitärer Regime.
Die Sowjets hatten ihr Sicherheitsproblem
gelöst - aber ein neues für all ihre
europäischen Machbarn geschaffen.
Noch alarmierender für den Westen
war Stalins offensichtlicher Wunsch
nach Expansion über Osteuropa hinaus.
Schon im Jahr 1945 übte er Druck auf
die Türkei aus, um diese zu veranlassen, zwei Provinzen im Nordosten abzutreten und den Sowjets Stützpunkte
in der Ägäis und an den Meerengen
einzuräumen - Forderungen, die bis zu
seinem Tod Bestand hatten.
Im Jahr
1946 etablierte das sowjetische Militär ein Marionettenregime im Norden
Irans.
Der vertraglich vereinbarte
Truppenabzug fand erst unter internationalem
Druck
statt.
Das sowjetische Verhalten war noch besorgniserregender, als für die Sicherheit
der Sowjetunion keine aktuelle Bedrohung bestand.

Damit komme ich zu meiner zweiten
These» Sie besagt, daß im Gegensatz zur Sowjetunion die Vereinigten Staaten abrüsteten und
sich in den ersten Jahren nach
dem Zweiten Weltkrieg militärisch
weitgehend aus Europa zurückzogen.

Stalin gegenüber erklärte Präsident Roosevelt im Februar 194 5 in
jalta,
daß
amerikanische
Truppen
nicht viel, länger als zwei Jahre nach
Krieqsende in Europa verbleiben würden.
Er blieb seinen Worten treu:
die amerikanischen Truppen wurden von
3 Millionen Mann im Jahr 1945 auf
391 000 im Jahr 1947 abgebaut.
Das
amerikanische
Verteidigungsbudget
fiel von 81 Milliarden Dollar im Jahr
1945 auf 13 Milliarden Dollar im Jahr
1947.
Die Wehrpflicht wurde in den
Vereinigten
Staaten
wieder
abgeschafft.
Die amerikanischen Verteidigungsbemühunqen
blieben nach
Kriegsende
fünf Jahre lang auf diesem niedrigen
Niveau,
während
der
sowjetischen
Machtübernahme in der Tschechoslowakei, der Blockade Berlins, des Falls
von China an kommunistische Kräfte
und der Explosion der ersten sowjetischen Atombombe im Jahr 1949. Amerikanische
Militärberater
warnten
Präsident Truman, daß alles, was über
einen
kleinen
Konflikt
im Ausland
hinausging,
eine
Teilmobilisierung
von Reserven erforden würde.
Erst
nach der nordkoreanischen Invasion in
Südkorea im Jahr 1950 begann schließlich der Ausbau der amerikanischen
militärischen Fähigkeiten.
Darüber hinaus besaßen die Vereinigten Staaten in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg weder ein bedeutendes Atomwaffenarsenal

�noch die erforderlichen Trägersysteme. Noch im Frühjahr 1047 wurde Präsident Truman von seinen Reratern informiert, daß lediqlich eine Handvoll
atomarer
Gefechtsköpfe
existierten
und keiner davon einsatzbereit war.
naqeqen
unterhielt die Sowjetunion in den Nachkriegsjähren ein umfangreiches stehendes Heer. nie meisten europäischen und amerikanischen
Beobachter schätzten die Gesamtstärke
der sowjetischen Truppen im Jahr 1948
auf vier bis fünf Millionen Mann qeqenüber einer amerikanischen Truppenstärke von 1,5 Millionen Mann weltweit. Der RAND-Forscher Thomas Wolfe
schätzt, daß mindestens dreißiq sowjetische Divisionen in Europa weniqer als
zehn locker
koordinierten
britischen, französischen und amerikanischen Divisionen qeqenüberstanden.
Die Europäer betrachteten dieses
militärische Unqleichqewicht als qefährlich, lanqe bevor viele Amerikaner zu der qleichen Einschätzunq qelanqten, und sie unternahmen im Jahr
1948 selbst den ersten Schritt zu einer qemeinsamen Verteidiqunq, indem
sie den Brüsseler Vertraq unterzeichneten, der ein Bündnis zwischen Großbritannien, Frankreich und den Benelux-Staaten ins Leben rief.
Lothar
Ruehl hat die militärische Laqe folgendermaßen charakterisiert:
"Nachdem Deutschland als Militärmacht ausqeschaltet worden war, konnten weder die volle Wiedererstarkunq
Frankreichs noch die fortqesetzte Mobilisierung
britischer
Streitkräfte
im Kräfteverhältnis zur Sowjetunion
auch nur ein annäherndes Gleichgewicht in den Konfliktoptionen aufrechterhalten;
denn
keines
dieser
westlichen Länder hätte die Mobilisierung seiner Streitkräfte und seiner Wirtschaft auf dem in Kriegszeiten erreichten Stand halten können."

Deshalb drängten die verantwortlichen
europäischen
Politiker
die
Amerikaner, ihr Engagement in Europa
wiederaufzunehmen.
Raymond Aron bemerkte dazu:
"... es geschah auf Verlangen der
Europäer, daß der Nordatlantikvertraq
unterzeichnet wurde, und es geschah
auf Verlangen der Europäer
ebenso
sehr wie auf Vorschlaq der Amerikaner, daß der Mann, der den Kreuzzuq
qeqen das Dritte Reich befehliqt hatte, als Befehlshaber der Streitkräfte
der Orqanisation des Nordatlantikvertrages nach Europa zurückkehrte."

3.

Meine dritte These besagt, daß
das Engagement der Vereinigten
Staaten in Europa in den frühen
Nachkriegsjahren hauptsächlich
dazu diente, die europäische
Wirtschaft wiederaufzubauen und
ein offenes Handelssystem zu
schaffen.

In einem Beitrag für die Zeitschrift
"Diplomatie
History"
beschrieb Robert Pollard die amerikanische Wirtschaftspolitik folgendermaßen :
"Die
politisch
Verantwortlichen
in den Vereinigten Staaten nahmen an,
daß ein Umfeld des freien Handels ohne Diskriminierung - die "offene Tür"
- durch das Prinzip der vergleichbaren Ausgangslage die Vorteile des
friedlichen Wettbewerbs, des gleichen
Zugangs zu Rohstoffen und der höchsten Effizienz bieten und gleichzeitig stabile und demokratische Gesellschaftssysteme
im
Ausland
stärken
würde."
Pollard bemerkt, daß die
Nachkr iegsgeneration verantwortlicher
amerikanischer
Politiker
durch
die
Große Depression und die Ereignisse,
die zum Zweiten Weltkrieg führten,

- 5 -

�grundleqend beeinflußt worden waren.
Sie waren davon überzeugt, daß nationalistische
Handelspolitik,
Protektionismus und wirtschaftliche Rivalitäten eine Hauptursache des Krieges
bildeten.
Sie waren entschlossen,
ein System ins Leben zu rufen, das
diese Gefahren vermeiden würde.
Die amerikanische Wirtschaftspolitik war auf eine allgemeine wirtschaftliche
Erholung
ausgerichtet,
nicht
darauf,
der
amerikanischen
Wirtschaft besondere Vorteile zu verschaffen.
Amerikanische
Investoren
zögerten, in Übersee zu investieren.
Im Jahr 1950, wie im Jahr 1940, investierten die Europäer vie] mehr in
den Vereinigten Staaten als Amerikaner in Europa. überdies waren wichtige
Bereiche
der
amerikanischen
Wirtschaft gegen den Abbau von Zöllen
und anderen Handelsschranken, der ein
zentrales Element der amerikanischen
Politik zur Förderung einer gesunden
Weltwirtschaft darstellte.
Die Vereinbarungen
von Bretton
Woods und der Marshall-Plan waren
ebenfalls dazu gedacht, den allgemeinen Wohlstand zu fördern.
Pollard
erinnert uns daran, daß das System
von Bretton Woods politisch neutral
sein und sowohl den kapitalistischen
wie auch den sozialistischen Ländern
dienen sollte.
Um sowjetische Unterstützung zu
gewinnen, wurde den Sowjets zum Beispiel ein Stimmrecht im internationalen
Währungsfonds
eingeräumt, das
viel bedeutender war, als aufgrund
ihrer wirtschaftlichen Rolle angemessen gewesen wäre. Dem IWF sollte jedes Recht verwehrt werden, den Wert
des Rubel zu regulieren.
Wie Pollard
bemerkte, entstand
der Marshall-Plan aus einem wachsenden Gefühl der Furcht amerikanischer

Regierungsbeamter, daß Westeuropa auf
einen
politischen
und
wirtschaftlichen Zusammenbruch zusteuerte. Der
Plan wurde unterschiedslos der Sowjetunion und den Staaten Europas angeboten.
Insgesamt lagen während des Zeitraums von 1946 bis 1949 die Wirtschaftsbeihilfen und Kredite der Vereinigten Staaten an das Ausland bei
mehr als fünf .Milliarden Dollar jährlich. Die von der Marshall-Plan-Hilfe angekurbelte industrielle Produktion Westeuropas wuchs von 1947 bis
1951 um ein Drittel.
nie Sowjetunion
lehnte das in
Bretton Woods entworfene offene internationale
Handelssystem
schließlich ab. Stattdessen hatte sie schon
Anfang
1945 damit begonnen, ihren
osteuropäischen Satelliten geschlossene und autark gelenkte Wirtschaftsformen
aufzuzwingen.
Umfangreiche
Reparationszahlungen wurden von der
sowjetischen
Zone Deutschlands und
von Osteuropa verlangt. Nachdem die
sowjetischen Vertreter zunächst Interesse
am
Marshall-Plan
bekundet
hatten, nahmen sie eine ablehnende
Haltung ein und zwangen die Tschechoslowakei und Polen ebenfalls zur
Absage, obwohl diese sich gerne beteiligt hätten. Außerdem zwangen die
Sowjets die Polen und die Tchechoslowaken, ihre Beziehungen zum IWF abzubrechen .

4.

Meine vierte These lautet:
Die
sowjetische Politik, die zur Teilung Europas führte, zog auch die
Teilung Deutschlands nach sich.

Die Sowjetunion begann bald mit
der Errichtung eines gesonderten Systems in der Ostzone Deutschlands.
Grundbesitz
wurde
konfisziert
und
kollektiviert.
Die Industrie wurde

- 6 -

�verstaatlicht.
Im Jahr 1946 wurde
die SPD der Ostzone und Ost-Berlins
zum Zusammenschluß
mit der Kommunistischen
Partei gezwungen.
Ostdeutschland wurde zum integralen Bestandteil
des
sowjetischen
Herrschaftsgebiets.
Zu
dieser
Zeit
schlössen
die
grundlegenden sowjetischen Interessen
aus der Sicht der Sowjets selbst ein
freies und vereintes Deutschland aus.
Das vorrangige sowjetische Interesse
lag in der Bewahrung ihres Reichs.
Es gibt einige historische Beweise für die sowjetischen Absichten bezüglich
der
Einheit
Deutschlands.
Djilas berichtet uns, daß Stalin und
andere sowjetische Regierungsvertreter im Jahr 1946 darauf bestanden,
daß ganz Deutschland
kommunistisch
sein sollte, und er führt diese optimistischen
Stellunqnahmen
darauf
zurück, daß die Sowjets vom Rausch
des Sieges und der Hoffnung auf die
wirtschaftliche und politische Auflösung Westeuropas erfaßt worden waren.
Im Jahr 1948 vermerkt Djilas jedoch
einen Wandel: Stalin sagte nun, daß
Deutschland in ein westlich orientiertes Westdeutschland und ein kommunistisches
Ostdeutschland
geteilt
werden würde. Der zentrale Bestandteil sowjetischer Politik war der Erhalt und, wenn möglich, die Erweiterung
der
sowjetischen
Macht
in
Deutschland:
entweder Wiedervereinigung
unter
kommunistischem
Regime
oder fortdauernde Teilung und Kontrolle des Ostens.
Die Niederschlagung der Arbeiterrevolte in der DDR im Jahr 1953, der
ungarische Aufstand im Jahr 1956 und
der Prager Frühling von 1968 lieferten nachdrückliche Beweise für den
vorrangigen Wunsch der Sowjets, ihr
Reich unbeschadet zu erhalten.
Der
frühere
hohe
sowjetische
Diplomat

Arkadij Schewtschenko hat berichtet,
daß sich die sowjetischen Hauptzielsetzungen früherer Jahrzehnte bis zum
Jahr 1970 nicht geändert hatten. In
jenem Jahr entschied das Politbüro,
daß Verhandlungen über die Wiedervereinigung Deutschlands nur stattfinden
könnten,
wenn
die
Bundesrepublik
Deutschland aus der NATO austräte und
ein kommunistischer Staat werden würde.
Die Stalin-Note von 1952 schien
eine
Wiedervereinigung
anzubieten.
Tatsächlich war dies jedoch nicht der
Fall, denn die grundsätzlichen Interessen hatten sich überhaupt nicht
geändert.
Der historische Zusammenhang verdeutlicht diesen Widerspruch.
Die
ursprüngliche
Stalin-Note
deutete nur vage an, wie eine Wiedervereinigung erreicht werden sollte,
und sie versprach keine freien Wahlen.
Die Verhandlungen wären wahrscheinlich in jene endlosen Streitereien ausgeartet, die auch die vorherigen Debatten zwischen den Sowjets
und den Alliierten über Deutschland
gelähmt hatten. Selbst wenn die Sowjets theoretisch freien Wahlen zustimmten, so hatten sie doch in der
Praxis die Institution der
freien
Wahlen in ganz Osteuropa zerstört.
Der einzig ernsthafte Versuch des
Ostens zu einer Wiedervereinigung war
die nordkoreanische Invasion in Südkorea im Jahr 1950.
Für die Westdeutschen schien eine wiederbelebte
Vier-Mächte-Kontrolle
überdies
die
schwer errungene Unabhängigkeit und
Freiheit der Bundesrepublik zu gefährden.
Es war kein Wunder, daß
westliche Staatschefs, einschließlich
Adenauer, die Stalin-Note nicht als
eine echte Chance betrachteten, obwohl sie die sowjetischen Absichten
mit einer Reihe von Noten sondierten.
Raymond Aron erläutert die westlichen
Zweifel:

- 7 -

�"Obwohl es zwischen 1953 und 1954
Anzeichen einer Bereitschaft zu Verhandlungen
über
Deutschland
gab,
sucht man verqeblich nach Beweisen
für eine sowjetische Billigung der
Zugeständnisse, die nötig gewesen wären, um irgendeiner dieser Verhandlungen zum Erfolg zu verhelfen. Hätten Stalins Nachfolger wirklich freie
Wahlen in einer demokratischen Republik zugelassen, auf die Gefahr hin,
das Gesicht zu verlieren und ihr Imperium zu schwächen?"
Seine Antwort
ist ein nachdrückliches Nein.

5.

Meine fünfte und abschließende
These lautet: Die Vereinigten
Staaten unternahmen nach dem Ende
des Zweiten Weltkrieges beträchtliche Anstrengungen zur Fortsetzung der kooperativen Beziehungen
mit der Sowjetunion, während die
Sowjetunion den Konflikt schon
für unvermeidbar hielt.

Arthur Schlesinger hat die Situation wie folgt beschrieben: "Im Jahr
1945 lag der Unterschied
zwischen
Amerika und Rußland darin, daß einige
Amerikaner grundsätzlich langfristig
an einen möglichen modus vivendi mit
Rußland glaubten;
während die Russen, so weit man dies sagen kann,
höchstens einen kurzfristigen modus
vivendi mit den Vereinigten Staaten
für möglich
hielten."
Schlesinger
vermerkt, daß der amerikanische Außenminister Byrnes von 1945 bis 1946
"seinen langen und fruchtlosen Werbefeldzug durchführte, um die Russen
davon zu überzeugen, daß Amerika nur
solche Regierungen in Osteuropa anstrebte, die sowohl freundschaftliche
Beziehungen zur Sowjetunion unterhalten als auch alle demokratischen Elemente des Landes repräsentieren sollten". Entsprechend stellten die Vereinigten Staaten der Sowjetunion im

Jahr 1946 285 Killionen Dollar als
besondere
Entlastungszahlungen
zur
Verfügung, und 45 Millionen Dollar
sogar noch im Jahr 1947, als sich der
kalte Krieg verschärfte.
Amerikanische Nachkriegs-Anleihen
für die
Sowjetunion im Umfang von einer bis
sechs Milliarden
Dollar wurden zu
verschiedenen Zeiten angeboten.
Die
Vereinigten
Staaten
legten
den
Baruch-Plan zur Abschaffung der Kernwaffen und die gemeinsame friedliche
Nutzung der Atomenergie vor. Im Verlauf der Jahre 1945 und 1946 schlugen
die Vereinigten Staaten eine Folge
von Austauschprogrammen mit der Sowjetunion mit so ungleichen Teilnehmern wie dem Chor der Roten Armee und
der Princeton Universität vor.
Schlesinger nennt als Gründe dafür, warum die Sowjetunion auf die
amerikanischen Gesten nicht im Geist
der Zusammenarbeit antworteten, die
sowjetische Ideologie, Stalins paranoide Persönlichkeit und die nationalen
sowjetischen
Interessen.
Er
zieht die Schlußfolgerung, daß sich
die Sowjetunion im Oktober 1945 für
den isolationistischen Weg entschieden hatte. nies bedeutete natürlich
ebenso die Isolierung des osteuropäischen Vorfelds der Sowjetunion.
Warum habe ich die unmittelbare
Nachkriegsgeschichte
so
detailliert
wiederaufgerollt?
Ich wollte damit
nicht andeuten, daß Gorbatschows Initiativen unbedeutend seien oder die
sowjetische Politik sich nicht ändern
könne. Ich wollte vielmehr hervorheben, wie und warum das grundlegende
Sicherheitsproblem Europas entstanden
ist.
Die wesentlichen Tatsachen des
heutigen europäischen Lebens - die
Existenz zweier Bündnissysteme, die
amerikanische militärische Präsenz in
Europa, der Rüstungswettlauf - haben
ihren Ursprung
in der erzwungenen
Teilung des Kontinents und der er-

�zwunqenen Teilung Deutschlands.
Die amerikanischen Truppen kamen
nach Europa als Reaktion auf die Teilunq Europas, nicht als deren Ursache.
Sie kamen, weil die politisch
Verantwortlichen
Westeuropas
sie
wollten, und weil sie qemeinsamen Sicherheitsinteressen
dienten.
Sie
bleiben in Europa, nicht um die Teilunq fortbestehen zu lassen, sondern
um das Selbstbestimmunqsrecht auf dem
qesamten Kontinent am Leben zu erhalten. Die amerikanischen Truppen werden gehen, wann immer ihre Anwesenheit hier nicht länqer erwünscht ist.
Dies ist der fundamentale Unterschied
zwischen der amerikanischen und der
sowjetischen Truppenpräsenz in Europa. Und wenn Sie mir qestatten, etwas provozierend zu sein - dies ist
ein Unterschied, den Sie als führende
Vertreter der deutschen Außenpolitik
der
jüngeren Generation
in diesem
Lande nicht hinreichend vermitteln.
Diejenigen, die zu einer "Europäisierunq Europas" auffordern, müssen
Sorge tragen, daß ihr Ruf nach einer
Abkopplunq der Supermächte von Europa
- insbesondere der Vereinigten Staaten - nicht die Rückkehr zu der unmittelbaren Nachkriegssituation herbeiführt:
ein Europa, in dem ein
Land - die Sowjetunion - die unangefochtene Herrschaft hat.
Ohne die
amerikanische Präsenz in Europa wären
die sowjetischen Streitkräfte denjenigen
Westeuropas
weit
überlegen.
Die Schranken, die Europa teilen,
würden nicht fallen - sie würden sogar noch höher werden. Eine einseitige westliche Abrüstung oder eine
Abkopplung von Europa könnte sehr qut
jene Kräfte in Bewequng setzen, die
sowjetische Expansion und politische
Einschüchterung
nach
dem
Zweiten
Weltkrieg in die vorderste Front gebracht haben.

Es ist daher offensichtlich, daß
die "Europäisierung Europas" eher ein
Schlagwort
als
eine
Antwort
ist.
Aber um echte Lösungen zu finden, ist
es wichtig, daß Westeuropa und die
Vereinigten Staaten zunächst zu einer
gemeinsamen
Einschätzung
der Natur
des Problems qelanqen;
beide müssen
sich zweitens auf eine wirksame Strateqie einiqen.
Wie ich angedeutet
habe, lieqt der Kern des europäischen
Sicherheitsproblems
in der Teilunq
Europas, und der Westen muß auf eine
allmähliche Verrinqerunq und schließliche Überwindung des Problems hinarbeiten.
Dies sollte das Hauptziel
westlicher Politik gegenüber der Sowjetunion und Osteuropa sein.

Glasnost und das Bündnis
Wie ich bereits angedeutet habe,
gibt es Anzeichen für einen Wandel in
der sowjetischen Haltung. "Glasnost"
wird von der Sowjetunion als ein bedeutender Schritt zur Offenheit innerhalb der Sowjetunion beschrieben.
Es ist jedoch angebracht, nach der
Bedeutung von Glasnost für Europa im
weiteren Sinne zu fraqen.
Für eine endgültige Beurteilung
ist es noch zu früh, aber wir schätzen
Gorbatschows
Initiative
als
ernsthaft und bedeutsam ein.
Innenpolitisch sind in der Sowjetunion
einige
wenige
konkrete
Schritte unternommen worden und es
gibt Hinweise darauf, was noch folgen
könnte. Einige wenige politische Gefangene wurden freigelassen, und die
Medien sind etwas offener geworden.
Es ist jedoch insgesamt gesehen noch
nicht klar, wie die Worte in Taten
umgesetzt werden oder ob sie dauerhafte Ergebnisse zeitigen werden.
Wir

- 0

können

davon

ausgehen,

daß

�Gorbatschow seine eigene politische
Tagesordnung verfolgt und nicht die
des Westens. Wie Henry Kissinger bemerkt hat, könnte Gorbatschows Hauptmotivation einzig darin liegen, eine
wirtschaftlich stärkere, leistungsfähigere und militärisch mächtigere Sowjetunion zu schaffen.
Für den Westen ist dies nicht unbedingt eine
günstige Entwicklung.
nie Westeuropäer
begreifen nur undeutlich die
verschlungene
innere
Dynamik,
die
diesem Prozeß zugrunde liegt. Direkte westliche Bemühungen zur Einflußnahme auf Entwicklungen im Innern der
Sowjetunion
könnten
unwirksam
sein
oder sogar eine gegenläufige Wirkung
haben. Die Außenpolitik des Westens
muß sich weiterhin auf eine solide
Analyse
der
westlichen
Interessen
gründen und nicht auf die Hoffnung,
den bevorzugten Gruppierungen innerhalb der sowjetischen Führung in irgendeiner
Form behilflich sein zu
können.
Insbesondere sollten keine
Konzessionen
gemacht
werden,
die
sachlich nicht gerechtfertigt sind.
Zusätzlich
zu einer
Auswertung
der Veränderungen, die im inneren der
Sowjetunion stattfinden, müssen wir
auch die Auswirkungen von Glasnost
auf die Außenpolitik der Sowjetunion
untersuchen.
Hier sollten wir mehr
tun als Gorbatschow beim Wort nehmen
- wir sollten Glasnost auf die Probe
stellen.
Insbesondere
sollten wir
die Sowjetunion auffordern, Glasnost
auf Osteuropa anzuwenden - ein solcher Wandel könnte die Teilung Europas mildern und schließlich beenden.
Nachdem Gorbatschow Glasnost in
der Sowjetunion in die Wege geleitet
hat, sieht er sich jedoch in Osteuropa mit einem Dilemma konfrontiert.
Die Ausdehnung von Glasnost auf Osteuropa wird in Moskau wahrscheinlich
dahingehend
interpretiert, daß man
die Kontrolle der westlichsten Pro- 1

vinzen des sowjetischen Reichs aufs
Spiel
setzen
würde.
Andererseits
würde Unterdrückung in Osteuropa angesichts der fortschreitenden Reformen in der Sowjetunion einen Widerspruch schaffen, der auf lange Sicht
nicht aufrechterhalten werden könnte.
Was ist die Lösung für Gorbatschows Dilemma?
Es wäre vielleicht
an der Zeit für die sowjetischen Regierungsvertreter, sorgfältig zu erwägen, ob die historische Entscheidung der Sowjets nach dem Zweiten
Weltkrieg, ein geschlossenes, imperiales System zu gründen, wirklich
von Vorteil war. Der relative Wohlstand des Westens und die Rückständigkeit des Ostens legen die Vermutung nahe, daß dies nicht der Fall
war.
Ebenso wie Chruschtschows Entstalinisierung in den fünfziger Jahren wird Gorbatschows Glasnost-Politik neue Strömungen in Osteuropa auslösen.
Die Sowjetunion ist vor die
Wahl gestellt, die Initiative zu ergreifen und die Ausweitung von Glasnost auf Osteuropa zu gestatten oder
von der ansteigenden Welle der Unzufriedenheit dort mitgerissen zu werden.
Die Ausweitung von Glasnost auf
Osteuropa würde die Ost-West Spannungen beträchtlich verringern. Die sowjetische Beherrschung ihrer aufsässigen Nachbarn war eine Hauptursache
der Instabilität im Europa der Nachkriegszeit.
Seit dem zweiten Weltkrieg
wurden
sowjetische
Truppen
dreimal zur Unterdrückung spontaner
Aufstände in Osteuropa in Bewegung
gesetzt.
Wenn den
osteuropäischen
Staaten mehr Freiheit zur Verwaltung
ihrer eigenen Angelegenheiten gewährt
würde, könnte diese unbeständige Lage
entspannt werden.

Glasnost und die Breschnew-Doktrin

�Mir scheint, daß sich die sowjetische Führunq dem grundlegenden Konflikt zwischen der Aufrechterhaltung
eines Reiches in Osteuropa und den
Erfordernissen
von
Glasnost
noch
stellen muß. Stattdessen besteht zur
Zeit eine unsichere und sogar gefährliche Situation, in der die sowjetische Führung die Vorzüge von Glasnost hochlobt, aber mit Gewalt reagieren könnte, wenn Glasnost tatsächlich auf Osteuropa ausgedehnt würde.
Die Zukunft der Breschnew-Doktrin
ist daher meines Erachtens die entscheidende Feuerprobe für die neue
sowjetische Politik.
Diese Doktrin
ist die Verkörperung der langfristigen sowjetischen Politik, sich die
Kontrolle über Osteuropa zu sichern
- mit Gewalt, wenn notwendiq.
Elementare
Bestandteile
von
Glasnost
sind Offenheit, Innovation und Aufhebung der Kontrolle. Eine von Moskau
gesteuerte und eingeschränkte Glasnost-Politik für Osteuropa wäre überhaupt
keine Glasnost-Politik.
Und
die durch Glasnost geweckten Erwartungen können auch nicht unterdrückt
werden. Die Sowjetunion muß sich daher zwischen diesen beiden unvereinbaren Spielarten ihrer Politik entscheiden:
der Breschnew-Doktrin und
wahrhafter Glasnost-Politik.
Das hinter der Einführung von
Glasnost stehende Eingeständnis der
Sowjets bedeutet, daß die Politik der
vergangenen
vier Jahrzehnte, deren
zentraler Bestandteil die BreschnewDoktrin
ist, schlecht
funktioniert
hat.
Die logische
Schlußfolgerung
ist, daß die alte Politik zugunsten
der neuen weichen sollte.
Diese These ist einfach aufgestellt:
Wenn die Sowjetunion am Erfolg von Glasnost interessiert ist,
muß sie die Breschnew-Doktrin aufge-

ben.
Sie muß in der Theorie wie in
der Praxis, im öffentlichen wie im
privaten Bereich abgeschafft werden.
Die Osteuropäer können keine offeneren Gesellschaften schaffen oder normale Beziehungen mit dem Westen gestalten, wenn sie militärischen Druck
oder eine Intervention der Sowjetunion fürchten müssen, sobald sie die
Grenzen
der von Moskau diktierten
Orthodoxie überschreiten.
Die Teilung Europas kann solange
nicht
erleichtert oder
abgeschafft
werden, wie sie von der Roten Armee
aufrechterhalten wird.
Im Gegensatz
dazu
würde
eine
Abkehr
von
der
Breschnew-Doktrin neue Horizonte für
Europa und auch für die Sowjetunion
eröffnen.
Natürlich sollten wir nicht nur
die Hände in den Schoß legen und auf
sowjetische Initiativen warten.
Der
Westen sollte zu einer gemeinsamen
Beurteilung des Problems kommen - der
Teilung Europas und ihrer Konsequenzen. Wir sollten unser eigenes Programm zur Förderung der Offenheit aktiv verfolgen.
Glasnost sollte in
Osteuropa auf die Probe gestellt werden.
Die Liberalisierung sollte auf
bilateraler
wie auf
multilateraler
Ebene ermutigt werden. Mehr Raum für
freies Unternehmertum
und offenere
politische
Systeme sollten
begrüßt
werden.
Das
KSZE-Instrumentarium
sollte
dazu verwendet werden, den Osten für
die Wahrunq der Menschenrechte in der
Form verantwortlich zu machen, wie
sie in der Schlußakte von Helsinki
verabschiedet
wurde.
Der
Westen
sollte mit Nachdruck die umfassende
Einhaltung der Verfügungen von Helsinki
über
Familienzusammenführung
und Besuche, freien Informationsfluß
und die Wahrung der Grundfreiheiten
verfolgen.
Die
Verfügungen
der

- 11 -

�Schlußakte
über Tourismus, Jugendtreffen
und
Kultur- und
Bildunqsaustauschproqramme sollten nachdrücklich
zur Förderung echter menschlicher Kontakte eingesetzt werden.

Deutschland und Berlin
Glasnost sollte vor allem dort
auf die Probe gestellt werden, wo das
Problem der Teilunq Europas am gravierendsten ist - in Deutschland und
Berlin.
Zu Recht unterstützt der
Westen weiterhin die Bemühungen der
Bundesrepublik
Deutschland,
die
menschlichen Bürden der Teilung zu
erleichtern.
Im Zeitalter Gorbatschows scheint die sowjetische Politik in diesem Bereich jedoch bisher
eher von der Sucht nach Kontrolle als
von irgendeinem Anzeichen von Offenheit geleitet zu sein.
Die Sowjetunion wacht mit besonders strenger Hand über die innerdeutschen Beziehungen.
Aufgrund offensichtlicher sowjetischer Einwände
sind Gespräche
auf höchster Ebene
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR vereitelt worden.
Zu diesem und anderen innerdeutschen
Themen ist der sowjetische Ansatz von
altmodischem Mißtrauen und einer Verkrustung geprägt, die eher an die
Stalin-Sra erinnern als an den derzeitigen Reformeifer.
Nirgendwo ist die Realität der
Teilung
Europas
unmittelbarer
und
schmerzlicher als in Berlin. Die Sowjetunion hat eine anerkannte Rolle
als eine der vier Mächte, die für die
Stadt verantwortlich sind.
Die sowjetischen
Behörden
könnten
ihre
Macht
in Berlin zur Erleichterung
vieler Probleme der Stadt einsetzen.
Doch auch hier widersetzt sich das
sowjetische Verhalten in vieler Hinsicht hartnäckig einem konstruktiven

Wandel - also die Antithese zu Glasnost.
In ihren Bestrebungen zur Überwindung dieser Probleme, pflegt die
Bundesrepublik
ihre Beziehungen mit
der DDR mit einem hohen Maß an Geschicklichkeit
und einigem Erfolg.
Hier ist dem Gedanken der humanitären
Zusammenarbeit zwischen Ost und West
der Weg bereitet worden.
Die halbe
Million Bürger der DDR, denen im
letzten Jahr der Besuch im Westen bewilligt wurde, sind eine Anerkennung
der geduldigen Bemühungen der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren.

)

k

Es könnte jedoch noch sehr viel
mehr getan werden, wenn die Sowjets
eine
positivere
Haltung
einnehmen
würden.
Der
innerdeutsche
Reiseverkehr
ist noch weit von einer Aufhebung der
Beschränkungen
entfernt.
Vielen
Deutschen im Osten sind alle Kontakte
oder Verbindungen mit dem Westen untersagt.
Die Berliner können zwischen den
beiden Teilen der Stadt nicht einfach
hin und her reisen. Dies sollte ihnen jedoch nicht nur in diesem 750.
Jubiläumsjahr, sondern auch in allen
anderen
Jahren
ermöglicht
werden.
Die Sowjetunion vereitelt die fortschrittlichen
Errungenschaften
des
Viermächteabkommens,
wie
die
Aufrechterhaltung
und Entwicklung
der
Bindungen Berlins an die Bundesrepublik Deutschland, während sie darauf
besteht, jede mögliche Restriktion zu
erzwingen.
sie boykottiert internationale Treffen in oder über Berlin.
Sie hat Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Ländern
des Warschauer Pakts behindert, indem
sie die wirksame Einbeziehung Berlins
zu blockieren versuchte.

I

�Das Traqischste für die Berliner
ist, daß der Schießbefehl und die
Berliner
Mauer
fortbestehen.
Eine
sowjetische Parteiführung, die sich
so meisterhaft auf Public Relations
versteht, müßte sich bewußt sein, wie
schädiqend diese Schrecken für ihr
Image in der Welt sind.
Die Sowjetunion
ist nicht der
Drahtzieher hinter allen derzeitigen,
die
innerdeutschen
Beziehungen
und
Berlin betreffenden Problemen, aber
ich bin der Überzeugung, daß diese
ohne ihre Zustimmung nicht fortbestehen könnten.
Viele dieser Probleme
sind den Konzeptionen der inneren Sicherheit zu verdanken, die von den
sowjetischen Lehrern gepredigt werden.
Die Situation Berlins und der
innerdeutschen Beziehungen würde sich
ändern, und vielleicht dramatisch ändern, wenn die Sowjetunion den Geist
von Glasnost in diesen Bereich einbringen würde.
Als eine der Schutzmächte Berlins
halten sich die Vereinigten Staaten
bereit, Bemühungen, der Stadt zu helfen, zu unterstützen.
Eine unserer
vordringlichsten Aufqaben ist dabei
die Aufrechterhaltung des Berlin-Status. Der Status ist nicht eine Angelegenheit
anachronistischer
Rechtsfragen. Er bildet die Grundlage für
die fortdauernde stabile Existenz und
Lebensfähigkeit der Stadt.
Er begründet das unbestrittene Recht der
Alliierten zum Schutz der Stadt und
der Freiheiten der Berliner. Er sichert die Lebensader des garantierten
Zugangs zur Stadt. Es ist die nachdrückliche Geltendmachung des besonderen Status Berlins, die die Stadt
davor bewahrt, der Willkür des Ostens
ausgeliefert zu sein.
Das Verhältnis zwischen Berlin
und der Bundesrepublik
Deutschland
ist ein zentraler Aspekt des Berlin-

Status, ein Aspekt, der weiterhin vom
Osten in Frage gestellt wird.
Das
Viermächteabkommen sieht vor, daß die
Bundesrepublik Deutschland die Interessen der Westsektoren Berlins international
in
allen
Angelegenheiten
vertritt, die den Status und die Sicherheit der Stadt nicht berühren,
und daß die Bindungen zwischen den
Westsektoren und der Bundesrepublik
aufrechterhalten und weiterentwickelt
werden sollen. Die Sowjetunion sowie
die übrigen Staaten des Warschauer
Pakts widersetzen sich der Anwendung
dieser
Bestimmungen
und behaupten,
die Westsektoren seien ein getrenntes
politisches Gebilde.
Diese Haltung
des Ostens schafft Spannungen zwischen dem Wunsch nach Fortschritten
mit dem Osten und den Erfordernissen
des Berlin-Status.
Die Vereinigten Staaten erwarten
weiterhin, daß die Sowjetunion und
die DDR Fortschritte mit der Bundesrepublik Deutschland auch auf Berlin
ausdehnen werden. Die Aufrechterhaltung einer positiven Lage in und um
Berlin erfordert es, daß die Westsektoren voll und qanz an den Vorteilen
verstärkter
Ost-West-Zusammenarbeit
teilhaben.
Wie der Regierende Bürgermeister Diepgen zu Recht ausgeführt hat, sind solche Fortschritte
nicht nur durch das Viermächteabkommen geboten. Sie sind auch zentraler
Bestandteil der in der Schlußakte von
Helsinki enthaltenen Vereinbarungen.
Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied bei der Art und Weise, in der wir diese Ziele für Berlin
verfolgen können. Niemand stellt die
Vertretung
Bayerns,
Baden-Württemberqs oder Nordrhein-Westfalens durch
die Bundesrepublik in Frage. Niemand
bezweifelt ihre Bindungen an die Bundesrepublik, in Berlin jedoch werden
diese
grundlegenden
Prinzipien Tag
für Tag umstritten und müssen ebenso

- 13 -

�oft erneut geltend gemacht werden.
Andernfalls riskiert die Stadt, ankerlos
in der
Mitte Europas
und
Deutschlands zu treiben.
Das Ziel
des Westens muß weiterhin
in der
Stärkung der Bindungen zwischen den
Westsektoren und der Bundesrepublik
und der Beziehungen zwischen Berlin
und den Alliierten bestehen.
Die
Berliner
sollten
gleichermaßen
an
Fortschritten zwischen Ost und West
teilhaben.
Aber beim Streben nach
Chancen mit dem Osten müssen wir
sicherstellen, daß unsere Bemühungen
nicht die langfristige politische und
wirtschaftliche
Lebensfähigkeit
der
Stadt schwächen und die der alliierten
Schutz- und
Unterstützungsfunktion
zugrundeliegende
rechtliche
Grundlage sowie die volle Teilnahme
der Bürger Berlins am Leben der Bundesrepublik Deutschland.
Für uns ist es jedoch am wichtigsten im Gedächtnis zu behalten,
daß der Status nicht eine Behinderung
beim Abbau von Barrieren in der Stadt
ist, sondern ein Mittel, um sicherzustellen, daß diese Barrieren eines
Tages entfernt werden. Dies gilt besonders für den Anspruch des Ostens,
daß Ost-Berlin die Hauptstadt der DDR
ist und damit von den Rechten und der
Verantwortung
der vier Mächte für
Berlin als Ganzes nicht länger betroffen ist. Ost-Berlin als Teil der
DDR und als ihre Hauptstadt anzuerkennen bedeutet, die Dauerhaftigkeit
und Rechtmäßigkeit der Teilung der
Stadt einzugestehen. Die Aufrechterhaltung des Viermächtestatus Berlins
ist im Gegensatz dazu die Bekräftigung des Ziels eines wiedervereinigten Berlin und eines wiedervereinigten Deutschland.
Es ist vor allem
die
Präsenz
der
Verbündeten
in
Berlin, die weiterhin als Symbol für
die Welt steht, daß die deutsche Fra-'
ge offen und die gegenwärtige Teilung
des Landes unannehmbar bleibt.

Was ist über die Zukunft zu sagen?
Der Westen sollte den Osten
stets an die Unannehmbarkeit der andauernden
Teilung
von
Berlin,
Deutschland und Europa erinnern. Wir
sollten wahrhafte Offenheit mit Nachdruck verfolgen. Der Sowjetunion muß
die Erkenntnis näher gebracht werden,
und wir müssen sicherstellen, daß
auch unsere Jugendlichen dies erkennen, daß die Teilung Europas die Wurzel der Unsicherheit auf diesem Kontinent ist, daß sie die Hauptursache
des Rüstungswettlaufs und der Kriegsbedrohung hier darstellt, ebenso wie
sie unzähligen menschlichen Tragödien
zugrundeliegt.
Wie
der
griechische
Philosoph
Heraklit zutreffend feststellte, ist
es unmöglich, zweimal in den gleichen
Fluß zu steigen - das Vergangene ist
unwiederbringlich
verloren.
Aber
Arthur Schlesinger lenkt unsere Aufmerksamkeit auch zu Recht auf die
Zyklen der Geschichte. Nationen können sich mehr als einmal mit gleichartigen Situationen konfrontiert sehen.
Sie können gut, schlecht oder
ganz einfach anders reagieren.
Es
ist unmöglich festzustellen, ob die
heutige Zeit für die Sowjetunion eine
solche
Zeit der Entscheidung
ist.
Aber dennoch ist es unbedingt erforderlich, daß der Westen die sich möglicherweise ergebenden neuen Chancen
mit der Sowjetunion klar erkennt und
daß wir unsere Vorbereitungen treffen, um darauf reagieren zu können.
Wir
müssen
die
Sowjetunion
auch
furchtlos
dazu auffordern, bessere
Denk- und
Verhaltensmuster
anzuwenden. Vor allem ist es wichtig, nicht
der Vermutung zu erliegen, daß mit
dem Senken des Eisernen Vorhangs vor
mehr als vierzig Jahren das europäische Drama zum Ende gebracht wurde.
Im Gegenteil, ich bin davon
überzeugt, daß glücklichere Akte fol-

- 14 -

�qen werden, wenn sich dieser Vorhang
eines Tages - und das muß er - wieder hebt.

* * * *

- 15

�AMERIKA DIENST
4

^r

6

VION *

Hintergrundmaterial
20. Mai 1987

19

STUDIE DES US-AUSSENMINISTERIUMS BEFÜRWORTET WEITE INTERPRETATION
DES ABM-VERTRAGES
- Artikel über Informationsgespräche mit Sofaer und Nitze -

WASHINGTON - (AD) - Die Reaqan Administration qab am 13. Mai 1987 bekannt,
daß aus zwei Teilen einer Studie des Außenministeriums über den ARM-Vertraq
hervorqeht, daß eine "weite Interpretation" des Vertraqes seinem Wortlaut und
der Geschichte seiner Verhandlungen zufolge gerechtfertigt ist.

Der
Rechtsberater
im Außenministerium, Richter
Abraham Sofaer,
wies ebenfalls darauf hin, daß "keine
während des Prozesses der Ratifizierung
unternommenen Handlunqen
oder
abgegebenen
Stellungnahmen
die von
den
Sov/jets während
der
ABM- und
SALT I-Verhandlunqen für sich selbst
beibehaltene
Flexibilität
wirkungsvoll eingeschränkt haben".
Anläßlich
eines
Informationsgesprächs zur Vorlage der beiden Berichtsteile erklärte er, "die Sowjets
widersetzten
sich
unnachgiebig der

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Bestimmung, die unbekannte, auf zukünftiger Technologie basierende Teile betrifft und stimmten letztendlich
nur einer Beschränkung von deren Stationierung zu".
Sofaer zufolqe kommt die Studie
des Außenministeriums außerdem zu dem
Schluß, daß die Ratifizierung des
ABM-Vertraqes den Präsidenten im Sinne des Gesetzes nicht auf die enqe
Interpretation des Vertraqes festlegt.
Er betonte, daß die Reaqan-Administration ihre engen Konsultatio-

Postfach 20 03 00
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Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�nen mit dem Kongreß und den Verbündeten darüber weiter fortführen wird,
"ob wir das Programm der Strategischen
Verteidigungsinitiative
umstrukturieren sollen, um uns die weite Interpretation zunutze zu machen".
Sofaer erklärte, mit dem Abschluß
eines dritten Teils der Studie, der
sich mit späteren Abkommen und Praktiken der Vertragsparteien befassen
wird, könne zum 1. Juni gerechnet
werden.
Bei
dem
Informationsgespräch
sprach auch der Sonderberater
des
Präsidenten für Rüstungskontrollfragen und Teilnehmer an den Verhandlungen zum ABM-Vertrag, Botschafter Paul
Nitze. Nitze erklärte, die Untersuchung der Verhandlungspapiere "stützt
in erheblichem Maße die Annahme, daß
sich die Sowjets nicht an die enge
Sichtweise gebunden haben, wenn man
die Maßstäbe anlegt, die sie bei der
Festlegung ihrer eigenen rechtlichen
Verpflichtungen gelten lassen".
Nitze wies darauf hin, daß die
Sowjets die von den Amerikanern vorgeschlagene Sprachregelung zurückgewiesen hätten, durch die sie "eindeutig an die enge Sichtweise gebunden
worden wären".
Botschafter Nitze betonte ferner,
daß "der Lauf der Verhandlungen für
eine weite Interpretation
spricht.
Der Präsident unterzieht diese Angelegenheit einer Prüfung. Er hat sich
verpflichtet, nicht die weite Interpretation anzuwenden, bevor nicht all
unsere Studien fertiggestellt und die
Angelegenheit nicht vollständig mit
dem Kongreß und unseren Verbündeten
besprochen worden ist" .
Sofaer verwies darauf, daß sein
Büro nach Fertigstellung der dritten
Studie über den Prozeß des ABM-Ver-

trages einen Bericht darüber vorlegen
wird, welches "Gewicht jedem Teil des
Beweismaterials" beigemessen
werden
soll.
Er erklärte, es stelle nach dem
Völkerrecht eine "Verpflichtung" dar,
einen Vertragstext in gutem Glauben
"im Hinblick auf den Zweck des Vertrages hin" zu interpretieren.
Sofaer wies darauf hin, Reagan
habe das Problem einer Interpretation
des ABM-Vertrages angeschnitten und
"wir erklären jetzt, daß die weite
Interpretation völlig rechtmäßig ist".
Angesichts
der
Einzigartigkeit
dieser Situation - des Wandels in der
Interpretation des Vertrages - bemerkte er, der Präsident sähe es als
notwendig an, dem Kongreß diese Veränderung zu erklären.
Sofaer wies darauf hin, daß die
Sowjetunion jetzt zu denjenigen gehöre, die behaupten, die Regierung habe
keine solide Grundlage für ihre Forderung, während die Reagan-Administration "nicht behauptet, daß die
Dinge eindeutig lägen - ein Weg wie
der andere...
wir haben behauptet,
daß die Dinge so vieldeutig sind, daß
an sie nicht der sowjetiche Maßstab
anzulegen
sei, wie sie
ihn sich
selbst in der Geschichte auferlegt
haben - der strikte Maßstab der Konstruktion".
"Die Unterlagen sind so unterschiedlich und so vieldeutig, daß sie
sich dadurch nicht gebunden haben",
erklärte Sofaer und fügte hinzu, "es
gibt eine solide Grundlage für das,
was wir getan haben".
"Wir meinen nicht, daß es darin
keine Tatsachen gibt, die sich nicht
zur Unterstützung einer engen Interpretation benutzen ließen", bemerkte

- 2 -

\

*

�Sofaer.
"Wir sagen, es gibt eindeutige Beweise, die das unterstützen,
was uns als eine sehr vernünftige
Leseart des Vertrages erscheint".

f

'

Sofaer erklärte, er würde nach
Durchsicht der Verhandlungsprotokolle
Reagan darauf hinweisen, "daß die Sowjetunion, wenn ihr diese Protokolle
vorlägen, in der Lage wäre - ihre
Praxis vorausgesetzt - zu sagen, daß
sie nicht an die enge Interpretation
gebunden ist".
Nitze erklärte, die Sowjets hätten in den vergangenen Jahren "eine
Haltung eingenommen, die meiner Ansicht
nach
vollständig
von
der
Sprachregelung des Vertrages und von
dessen
Verhandlungsprotokollen
abweicht" .

- 3 -

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Glasnost und das Bündnis&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Rede von Botschafter Burt vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Studie des US-Außenministeriums befürwortet weite Interpretation des ABM-Vertrages&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Artikel über Informationsgespräche mit Sofaer und Nitze -&amp;nbsp;&lt;/em&gt;</text>
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Embassy of the United States of America

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20

20. Mai 1992

B K J W s y 0 ' ^ Services
Oeichmanns Aue 29

5300 Bonn 2

UMWELT

BUSH WIRD AN UMWELTGIPFEL IN RIO
TEILNEHMEN
Erklärung des Präsidenten

VEREINIGTE STAATEN SEHEN GUTE
CHANCEN FÜR ABKOMMEN IN RIO
Verhandlungen vor Abschluß

RIAS BERLIN KOMMISSION

IM GEISTE VON RIAS
Ansprache von Botschafter Kimmitt
in Berlin
DIE RIAS BERLIN KOMMISSION
Eine Übersicht

SOZIALPOLITIK

ARMUT IN AMERIKA TROTZ PROBLEMEN
IN INNENSTÄDTEN RÜCKLÄUFIG
Erster einer Reihe von Artikeln zur
US-Sozialpolitik

SOZIALVERSICHERUNG BEHEBT ARMUT
UNTER ÄLTEREN AMERIKANERN
Zweiter einer Reihe von Artikeln zur
US-Sozialpolitik

WAHLEN '92

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse
der Vorwahlen

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Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�UMWELT
20. Mai 1992

BUSH WIRD AN UMWELTGIPFEL IN RIO TEILNEHMEN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat dem Präsidenten von Brasilien und Vertretern der Vereinten Nationen
mitgeteilt, er werde an der im Juni in Rio de Janeiro stattfindenden UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung
teilnehmen.
In einer am 12. Mai veröffentlichten Erklärung zu seinem Entschluß stellte Bush fest, er begrüße die am
vorausgegangenen Wochenende verabschiedete Rahmenkonvention über die Klimaveränderungen. Er zählte
eine Reihe von Maßnahmen der Vereinigten Staaten im letzten Jahrzehnt auf, die bewiesen hätten, daß der
Schutz der Umwelt und die Förderung von Wirtschaftswachstum Hand in Hand gehen können.
Darüber hinaus stellte der Präsident fest, daß die Konferenz in Rio neben den Klimaveränderungen auch
Fortschritte beim Schutz der Meere und der darin lebenden Organismen erzielen, die Beteiligung der
Öffentlichkeit am umweltpolitischen Entscheidungsfindungsprozeß fördern und die Wälder der Erde schützen
sollte.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut.
Ich habe gerade Präsident Collor von Brasilien, den
Generalsekretär der UNO, Boutros Ghali und den
Generalsekretär der UNO-Konferenz über Umwelt und
Entwicklung (UNCED), Maurice Strang, davon unterrichtet, daß ich an der Konferenz von Rio Anfang Juni
teilnehmen werde. Die heutigen Umweltprobleme sind
weltweiter Natur - und jedes Land muß dabei helfen,
sie zu lösen.
Wie die Vereinigten Staaten seit über zwei Jahrzehnten demonstriert haben, können der Schutz der Umwelt
und die Förderung von Wirtschaftswachstum Hand in
Hand gehen - in der Tat entspricht es unserer Überzeugung, daß sie Hand in Hand gehen müssen. In den
frühen achtziger Jahren haben wir stufenweise verbleites Benzin abgeschafft. Andere Länder sind gerade
dabei, diesem Beispiel zu folgen. Wir haben Treibgase
bereits im Jahr 1978 abgebaut, und dieses Jahr haben
wir den völligen Abbau von FCKW bis zum Jahr 1995
angekündigt. In den vergangenen drei Jahren haben
wir uns bemüht, diese Bilanz weiter zu verbessern durch die Unterzeichnung des neuen Gesetzes zur
Luftreinhaltung und des Gesetzes über Ölverschmutzung, die Verhängung eines Moratoriums für Öl- und
Gasbohrungen vor unseren Küsten, Investitionen in
unsere Nationalparks, die Einleitung eines Programms
zur Anpflanzung von einer Milliarde Bäumen jährlich
und die Durchsetzung unserer Umweltgesetze, damit
die Verursacher für die Kosten der Umweltverschmutzung aufkommen.

AMERIKA DIENST 20

Im Ausland haben sich die Vereinigten Staaten energisch darum bemüht, verantwortungsbewußte Umweltpolitik durch unsere bilateralen Hilfeprogramme
sowie durch die Weltbank und das System der Vereinten Nationen zu fördern. Ich bin davon überzeugt, daß
unsere jahrzehntelangen Erfahrungen bei der Entwicklung - und Verwirklichung - wirtschaftlich solider
Maßnahmen anderen helfen können, die Umwelt zu
verbessern.
In Rio werden den politisch Verantwortlichen der Welt
eine Reihe von Dokumenten vorliegen. Eines dieser
Dokumente wird eine Rahmenkonvention über die
Klimaveränderungen sein, die am vergangenen Wochenende verabschiedet wurde. Wir begrüßen das
Ergebnis, und ich beglückwünsche die Unterhändler
dafür, daß sie sich bei diesem historischen Schritt
zusammengeschlossen haben. Diese Rahmenkonvention wird das Wirtschaftswachstum und unsere
Fähigkeit zur Schaffung neuer Arbeitsplätze nicht
bremsen.
Die Klimaveränderungen sind nicht das einzige in Rio
zur Diskussion stehende Thema. Es ist lebenswichtig,
daß Fortschritte ebenfalls beim Schutz der Meere und
der darin lebenden Organismen, bei der Förderung
von Offenheit und öffentlicher Beteiligung am umweltpolitischen Entscheidungsfindungsprozeß, der Förderung einer verantwortlichen Behandlung und des
Schutzes von Wäldern und Arten Vielfalt weltweit sowie
in vielen anderen Bereichen erzielt werden.
Seite 1

�Ich sehe den Gesprächen darüber erwartungsvoll
entgegen, wie alle Nationen durch Zusammenarbeit
gewährleisten können, daß wir unseren Kindern und

Enkelkindern einen gesunden und sicheren Planeten
übergeben,

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 20

�UMWELT
20. Mai 1992

VEREINIGTE STAATEN SEHEN GUTE
CHANCEN FÜR ABKOMMEN IN RIO
Verhandlungen vor Abschluß
WASHINGTON - (AD) - Das amerikanische Außenministerium sieht keine großen Hindernisse, die dem
Abschluß eines weitreichenden Abkommens beim UNO-Erdgipfel in Rio de Janeiro im Wege stehen könnten,
das bis ins nächste Jahrhundert hinein umweltpolitische Prioritäten setzen würde.
Dem Abteilungsleiter für Ozeane und internationale umweltpolitische und wissenschaftliche Angelegenheiten,
E. Curtis Bohlen, zufolge wurde im vergangenen Jahr bei den Verhandlungen über ein Agenda 21 genanntes
Aktionsprogramm ein großes Maß an Übereinstimmung erzielt.
"Ich bin optimistisch. Meines Erachtens steht Agenda
21 unmittelbar vor der Vollendung", erklärte Bohlen
kürzlich in einem Interview.
Bohlen bezeichnete Agenda 21 als Liste von Programmen, die von den Regierungen in den nächsten 10 bis
15 Jahren durchgeführt werden müssen, um die Welt
zu einer umweltverträglichen wirtschaftlichen Entwicklung zu veranlassen. Es handelt sich hierbei nicht um
einen Vertrag, und deshalb wäre Agenda 21 für die
Regierungen auch nicht bindend, betonte Bohlen.
Darüber hinaus hat es beim Entwurf einer als Rio
Declaration bezeichneten Erklärung über Umwelt- und
Entwicklungsprinzipien erhebliche Übereinstimmung
gegeben, so der Abteilungsleiter. Dieser Entwurf wird
zur Zeit von den US-Behörden geprüft. "Wir sind nicht
sicher, ob irgendwelche (Probleme) bestehen", sagte
Bohlen. "Im großen und ganzen ist sie für uns akzeptabel. Es steht für mich außer Frage, daß es definitiv
eine Erklärung von Rio geben wird."
Bohlens Optimismus steht im Gegensatz zu Sorgen
zahlreicher amerikanischer Umweltschutzgruppen, es
werde keine Übereinkunft geben, die zu einschneidenden Maßnahmen gegen lokale, regionale und globale
Probleme führen werde. Ein Großteil dieser Besorgnis
geht auf den öffentlich ausgetragenen Streit zwischen
Entwicklungsländern und Industriestaaten zurück.
Dieser Streit resultiert maßgeblich aus Geldforderungen der Entwicklungsländer, um beispielsweise moderne Technologie zur effizienten Energieausnutzung
zu erwerben und einzusetzen. Eine solche Technologie würde den Einsatz von Rohstoffen zur Energieerzeugung reduzieren und deshalb die Umwelt weniger
schädigen.

AMERIKA DIENST 20

"Meines Erachtens können wir eine befriedigende
Einigung über die finanziellen Mechanismen erzielen",
erklärte Bohlen. Bei der letzten Verhandlungsrunde im
März, an der über 150 Staaten beteiligt waren, habe es
bereits nahezu eine Einigung über die Finanzierung
gegeben. "Hätten wir zwei oder drei Tage mehr
gehabt, wir hätten die Verhandlungen abschließen
können", meinte Bohlen.
Die Entwicklungsländer hatten dabei ihre Forderung
nach einem "Grünen Fonds" fallengelassen, der von
den Industriestaaten finanziert und von den Leistungsempfängern mit den Geldgebern zusammen verwaltet
werden sollte. Japan und die nordeuropäischen Staaten boten einen Kompromiß an, der von der G-77, der
Gruppe von Entwicklungsländern, modifiziert wurde.
"Für uns wäre es kein Problem gewesen. Mit nur
wenigen geringfügigen Änderungen hätten wir diesem
Papier zustimmen können", erklärte Bohlen. Die
Europäische Gemeinschaft habe sich jedoch dagegen
gewandt, aber die Vereinigten Staaten hofften, daß die
EG ihre Haltung noch einmal überdenken werde.
Der Kompromiß hätte neue Hilfe in unbestimmter
Höhe bereitgestellt, die durch die bestehenden Programme der Weltbank und anderer multilateraler Institutionen eingesetzt worden wäre. Ein solcher Kompromi ß wurde unlängst in Gesprächen bei der Weltbank in
Washington zwischen einigen der größten Entwicklungs- und Industrieländer erzielt. Dies verstärkt Bohlen
zufolge den Optimismus, daß bei der Wiederaufnahme der Verhandlungen in Rio ein umfassendes Abkommen verabschiedet werden kann.
Einige Vertreter der Vereinten Nationen haben darauf
verwiesen, daß die Entwicklungsländer zusätzlich 70
Milliarden Dollar jährlich an Hilfe benötigten, um wirt-

Seite 1

�schaftliche Fortschritte zu erzielen und gleichzeitig die
Umwelt zu schützen. Sie erhalten gegenwärtig jährlich
etwa 55 Milliarden Dollar an Hilfe.
Die Vereinigten Staten waren von Beginn der Verhandlungen über Agenda 21 an davon überzeugt, daß
der Schutz von Ozeanen und Wäldern sowie die
technische Zusammenarbeit zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern zu den wichtigsten Themen gehören, so Bohlen.
Einigung wurde im großen und ganzen über die Notwendigkeit zur Kontrolle der vom Land aus verursachten Meeresverschmutzung erzielt, wie etwa der Entsorgung von Abfällen auf See. Feuchtgebiete und
Korallenriffe würden den bereits ausgehandelten Artikeln zufolge ebenfalls mehr Schutz erfahren.
Wie Bohlen feststellte, wurde bei einigen Fischereifragen jedoch noch keine Einigung erzielt. Eine der
wichtigsten ist die Tatsache, daß Kanada den Fischfang vor seiner Ostküste beschränken möchte, während sich die EG aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen dagegen gewandt habe.
"Ein Grund, warum wir uns darauf (auf die Ozeane)
konzentriert haben, ist, daß es sich dabei um ein
Gebiet handelt, dem noch nicht so viel internationale
Aufmerksamkeit zuteil geworden ist wie den Umweltproblemen zu Lande", erklärte Bohlen.
Die Kapitel zur technischen Zusammenarbeit seien im
großen und ganzen von den Vereinigten Staaten entworfen worden. Darin wird die Fortbildung von Vertretern aus den Entwicklungsländern beim Umgang mit
Umweltproblemen sowie die Bereitstellung umweltverträglicher Technologie für die dritte Welt gefordert.
Bohlen zufolge sind bereits zahlreiche Waldprobleme
gelöst worden. Die Wälder sind nicht nur wichtig, weil
sie traditionell als Schutz für die Artenvielfalt und

Reinheit des Trinkwassers betrachtet werden, sondern auch, weil sie einige der Gase absorbieren, die
zur Erderwärmung beitragen könnten. Wissenschaftler haben davor gewarnt, daß die Erwärmung zu
tiefgreifenden Klimaveränderungen führen könnte.
Das Tempo des Fortschritts wurde bei den Verhandlungen im März größtenteils deshalb gebremst, weil
Brasilien und andere Entwicklungsländer die Resultate einer anderen internationalen Verhandlungsrunde
abwarten wollten, die sich mit der Kontrolle von Treibhausgasen beschäftigt, stellte Bohlen fest. Einige
Länder hätten darüber hinaus abwarten wollen, bis
eine Einigung zur Finanzierung von Umweltprogrammen in den Entwicklungsländern erreicht sei.
Bei den kürzlich in New York abgeschlossenen Verhandlungen über die Erderwärmung einigte man sich
auf die Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen mit dem Ziel, zu dem Niveau von 1990 zurückzukehren.
Die Entwicklungsländer hätten bei einer vor kurzem in
Malaysia veranstalteten Konferenz erklärt, sie befürworteten energisch ein Abkommen über die Wälder, so
Bohlen. Die Vereinigten Staaten hofften, ein solches
Abkommen werde die Grundlage eines Vertrags bilden, der später zum Schutz der Wälder ausgehandelt
werden sollte.
Amerikanische Umweltschützer haben die Vereinigten
Staaten beschuldigt, sich auf den Schutz der tropischen Regenwälder zu konzentrieren und sich gleichzeitig zu weigern, ihre eigenen Praktiken im Forstbereich zu überdenken. "Wir haben befürwortet, daß die
Prinzipien bei jeder künftigen Konvention alle Wälder
der Welt umfassen sollten, nicht nur die tropischen",
erklärte Bohlen. Dies sei seit Beginn der Verhandlungen die Position der Vereinigten Staaten gewesen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 20

�RIAS

BERLIN

KOMMISSION
20. Mai 1992

IM GEISTE VON RIAS
Ansprache von Botschafter Kimmitt in Berlin
BERLIN - (AD) - Anläßlich der Unterzeichnung des Abkommens zur Gründung der RIAS BERLIN Kommission
hielt der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, am 19. Mai 1992 die
folgende Ansprache.
Herr Bundesminister,
Frau Präsidentin,
Herr Intendant,
liebe Mitarbeiter von RIAS,
verehrte Gäste,
es ist mir eine besondere Ehre, heute hier in Berlin
anwesend zu sein.
Wie für so viele meiner Landsleute ist Berlin eine
besondere Stadt mit einem ganz eigenen Reiz. Witz,
Energie, Kreativität, Entschlossenheit und Unabhängigkeit - all dies zeichnet den Geist von Berlin aus. Seit
seiner Gründung im Jahr 1946 ist RIAS Teil dieses
Geistes gewesen und hat selbst zu ihm beigetragen.
Mit der Gründung der RIAS BERLIN Kommission
markieren wir einen Wendepunkt, den Beginn eines
neuen Kapitels in der Geschichte dieser einzigartigen
Institution.
Wir sollten uns jedoch der Tatsache erinnern, daß
RIAS seit seiner Gründung gewachsen ist und sich
kontinuierlich verändert hat. Von der US-Militärregierung ins Leben gerufen, begann RIAS als Quelle
elementarer Informationen für die Bevölkerung Berlins. Er war ein Leitfaden zum Überleben, indem er
Informationen über Arbeitsplätze, Nahrungsmittel,
Brennstoff und Kleidung, über die Verteilungsstellen
für Lebensmittelkarten und die Zeiten übermittelte, zu
denen es Strom gab. Langfristig noch wichtiger war die
Tatsache, daß er eine Quelle zutreffender Nachrichten
war, die den elementaren Bestandteil von Demokratie
und Freiheit darstellen.
Im Lauf der Zeit expandierte der RIAS und begann, auf
Mittelwelle und Ultrakurzwelle zu senden. Sein Programm umfaßte Nachrichten und Unterhaltung, Musik
und Kommentare. Seine Rolle ging über die eines
lokalen Rundfunksenders für Berlin hinaus, und er
wurde zum Fenster der Freiheit für die Menschen in
Ostdeutschland. Das vom RIAS verkörperte Niveau

AMERIKA DIENST 20

eines objektiven, unvoreingenommenen Journalismus
beeinflußte die Entwicklung des Journalismus im
Nachkriegsdeutschland und hatte für die Deutschen
im Osten Modellcharakter. Die talentierten Rundfunkfachleute des RIAS paßten sich geschickt veränderten
Zeiten und einem gewandelten Publikum an.
RIAS 2, der vor einigen Jahren eingerichtet wurde und
sich an jüngere Zuhörer richtet, wurde über Nacht zum
Erfolg. RIAS 2 ist nach wie vor das populärste Programm für junge Menschen in Ostdeutschland. Auch
dem RIAS-Fernsehen - einem von den Regierungen
der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik
Deutschland großzügig unterstützten ehrgeizigen
Vorhaben - wurde aufgrund seiner innovativen und
lebendigen Sendungen die rasche Anerkennung der
Öffentlichkeit zuteil. An dieser Stelle möchte ich dem
Beirat von RIAS TV meinen besonderen Dank aussprechen. Die hervorragenden Persönlichkeiten, die
ihre Zeit geopfert haben, um diesem neuen Programm
beratend zur Seite zu stehen, haben einen wichtigen
Beitrag zu seinem Erfolg geleistet.
Im Lauf der Zeit wurde RIAS auch in einem anderen
Sinn zum Modell. Als bilaterale Institution, die von den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland gemeinsam betrieben wurde, war RIAS ein Beispiel erfolgreicher deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit bei einem gemeinsamen Anliegen, das auf
gemeinsamen Werten beruhte.
Die Erlangung der deutschen Einheit am 3. Oktober
1990 markierte für den RIAS einen weiteren Wendepunkt. Einstmals eine bilaterale Institution, wird der
RIAS zu einer rein deutschen Rundfunkanstalt. RIAS
TV hat bereits den Sendebetrieb für die Deutsche
Welle aufgenommen, RIAS 2 wird schon bald unter
privater Leitung zu senden beginnen, und es bestehen
Pläne, RIAS 1 in eine neue nationale Rundfunkanstalt
einzugliedern. Die Tradition des RIAS, das von ihm so
lange verkörperte journalistische Niveau und seine

Seite 1

�langjährigen Verdienste um die transatlantischen
Beziehungen werden, davon bin ich überzeugt, in
neuen Formen und neuen Rollen von diesen Institutionen fortgeführt werden.

Als Zeuge der jüngsten Geschichte kann niemand von
uns die Bedeutung der Presse und insbesondere der
elektronischen Medien in der heutigen Weltpolitik
bezweifeln. Wie schon in der Vergangenheit werden
die deutsch-amerikanischen Beziehungen auch in
Die Tradition wird auch von der heute gegründeten Zukunft von den Medien beeinflußt. Durch die UnterRIAS-Kommission fortgesetzt werden. Das Abkom- stützung des Austauschs von Rundfunkfachleuten und
men, das wir unterzeichnen, anerkennt die Leistungen Volontären sowie durch andere medienbezogene
des RIAS in den vergangenen fünfundvierzig Jahren Maßnahmen kann die RIAS-Kommission eine effektials transatlantische Medienbrücke, die sich dem unab- ve Kraft für die Vertiefung des Verständnisses zwihängigen Journalismus und der Demokratie verschrie- schen unseren beiden Ländern sein. Sie kann unsere
ben hat. Aber die Kommission wird nicht nur den Beziehungen stärken, die für uns alle von solch lebensLeistungen der Vergangenheit Tribut zollen. Vielmehr wichtiger Bedeutung sind. Ich bin stolz darauf, für die
symbolisiert sie unser Engagement für die anhaltende Vereinigten Staaten von Amerika dieses Abkommen
Unterstützung derselben Prinzipien in der Zukunft.
über die Gründung der RIAS-Kommission zu unterzeichnen.
Ich danke Ihnen.
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 20

�RIAS

BERLIN

KOMMISSION
20. Mai 1992

DIE RIAS BERLIN KOMMISSION
Eine Übersicht
BERLIN - (AD) - Am 20. Mai 1991 haben Präsident
Bush und Bundeskanzler Kohl gemeinsam die Gründung einer RIAS-Kommission zur Unterstützung und
Förderung von Informations- und Austauschprogrammen mit den fünf neuen Bundesländern angekündigt.
Die nach dem RIAS - Rundfunk im Amerikanischen
Sektor (von Berlin) - benannte "RIAS BERLIN Kommission" wurde am 19. Mai 1992 ins Leben gerufen, als
der Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, und der
Bundesminister des Innern, Rudolf Seiters, das bilaterale Abkommen zur Gründung der Kommission unterzeichneten.
Der RIAS wurde im Jahr 1946 von der US-Militärregierung in Berlin gegründet, um den Bürgern von Berlin
eine zuverlässige und unabhängige Informationsquelle zu bieten. Der RIAS wurde zum wichtigen Kulturund Informationsmedium nicht nur für Berlin, sondern
auch für die Bevölkerung Ostdeutschlands. RIAS
wurde zum Synonym für Objektivität und Zuverlässigkeit sowie des amerikanischen Engagements für Berlin. Der als gemeinsame amerikanisch-westdeutsche
Rundfunkanstalt konzipierte Sender umfaßte schließlich zwei Hörfunkprogramme, RIAS 1 und RIAS 2,
sowie einen Fernsehsender, der im Jahr 1988 den
Betrieb aufnahm. Vom Fall der Berliner Mauer bis
Ende 1991 erhielt der RIAS eine Flut von nahezu 2,7
Millionen Glückwunsch- und Dankesschreiben von
ostdeutschen Zuhörern, die die historische Rolle des
RIAS unterstrichen.
Die deutsche Vereinigung im Oktober 1990 markierte
das Ende eines Kapitels in der Geschichte des RIAS
und der direkten amerikanischen Beteiligung an seinem Sendebetrieb. Die Vereinigten Staaten sind in
dieser Übergangsphase weiterhin beim RIAS engagiert, während die Regierung der Bundesrepublik
Deutschland den RIAS in das nationale Rundfunksystem integriert.
Die Bundesrepublik plant, das Programm von RIAS 1
in einem neuen nationalen Hörfunksender mit dem
Deutschlandfunk und dem ostdeutschen Sender DSKultur zu verschmelzen. Der im Herbst 1985 für junge
Zuhörer geschaffene RIAS 2 wird demnach als privaAMERIKA DIENST 20

ter Sender fortbestehen. RIAS-TV hat bereits den
Sendebetrieb als Fernsehstation der Deutschen Welle, des deutschen Auslandsrundfunks, aufgenommen.
Die RIAS BERLIN Kommission hat das Ziel, das RIASErbe des objektiven Journalismus und der deutschamerikanischen Zusammenarbeit im Zeitalter nach
dem kalten Krieg fortzuführen - durch die Förderung
der deutsch-amerikanischen Völkerverständigung im
Bereich Rundfunkwesen durch Unterstützung eines
breiten Spektrums medienbezogener Maßnahmen.
Das am 19. Mai 1992 unterzeichnete Abkommen
würdigt die Leistungen des RIAS in den vergangenen
45 Jahren als eine der unabhängigen, objektiven Berichterstattung im Geist der Demokratie verpflichtete
transatlantische Brücke.
Zu den Maßnahmen, die von der Kommission unterstützt werden können, gehören: Austausch von Personen und Informationen im Bereich Rundfunkjournalismus zwischen der Bundesrepublik Deutschland und
den Vereinigten Staaten, Unterstützung von Rundfunk- und Fernsehproduktionen, die zum deutschamerikanischen Verständnis beitragen, Zuwendungen für die gelegentliche transatlantische Übertragung
von Rundfunkproduktionen, die dieses gegenseitige
Verständnis in herausragender Weise fördern sowie
Auszeichnung von Hörfunk- und Fernsehproduktionen, die in besonderem Maße zur Völkerverständigung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika
und der Bundesrepublik Deutschland beitragen.
Bei der Durchführung dieser Zwecke schenkt die
Kommission jenen Produktionen und Maßnahmen
besonderes Augenmerk, die in der Tradition des RIAS
den besonderen Bedingungen und Erfordernissen der
Länder Rechnung tragen, die ehemals die Deutsche
Demokratische Republik bildeten.
Die Kommission besteht aus zehn Mitgliedern, von
denen fünf Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland und fünf amerikanische Staatsbürger sind. Der
Bundesinnenminister und der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland sind Ehrenvorsitzende. Der Bundesinnenminister und der amerikanische Botschafter haben das Recht, die Kommis-

Seite 1

�sionsmitglieder ihres jeweiligen Landes zu ernennen
und abzuberufen.
Der Verwaltungssitz der Kommission wird in oder bei
Berlin sein, ihre Treffen und die Arbeit ihrer Mitarbeiter
können jedoch gegebenenfalls an anderen Orten stattfinden. Die Kommission wird durch einen Beitrag der
Bundesrepublik Deutschland von zwanzig Millionen
DM im Jahr 1992, und einen weiteren Beitrag von
ebenfalls 20 Millionen DM im Jahr 1993 finanziert. Die
Hälfte dieses Beitrags wird von der Bundesrepublik
Deutschland stellvertretend für die Vereinigten Staaten von Amerika in Anerkennung des 45jährigen
Engagements der Vereinigten Staaten für RIAS bereitgestellt. Die von der Kommission durchgeführten
Programme und anderen Aktivitäten einschließlich der
Verwaltungskosten werden durch die Zinsen und andere
aus den Kapitalreserven abgeleitete Erträge finanziert.
Die Kommission wird von der Bundesrepublik Deutschland als zwischenstaatliche Organisation anerkannt
und genießt in der Bundesrepublik Deutschland Vor-

rechte, Befreiungen und Immunitätsrechte, die in dem
am 21. November 1947 von der Generalversammlung
der Vereinten Nationen angenommenen Abkommen
über die Vorrechte und Befreiungen der Sonderorganisationen niedergelegt sind. Im Rahmen ihrer jeweils
geltenden Gesetze und der Rechtsvorschriften der
Europäischen Gemeinschaften gewährt die Bundesrepublik Deutschland der Kommission Befreiung von
Abgaben und Zöllen.
Die fünf amerikanischen Mitglieder der RIAS BERLIN
Kommission wurden bereits ernannt. Es sind: Der
Direktorder Voiceof America, Chase Untermeyer, der
ehemalige Stellvertretende Verwaltungsleiter des USInformationsamts, Henry Hockeimer, die renommierte
und zur Zeit in Deutschland tätige Journalistin Elizabeth Pond, die Gesandte-Botschaftsrätin für öffentliche Angelegenheiten bei der Amerikanischen Botschaft in Bonn, Cynthia Miller und die Leiterin der
Abteilung für öffentliche Angelegenheiten bei der
Amerikanischen Botschaft - Außenstelle Berlin, Caroline Osterling.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 20

�SOZIALPOLITIK
20. Mai 1992

ARMUT IN AMERIKA TROTZ PROBLEMEN
IN INNENSTÄDTEN RÜCKLÄUFIG
Erster einer Reihe von Artikeln zur US-Sozialpolitik
WASHINGTON - (AD) - Die jüngsten Ausschreitungen
in Los Angeles haben erneut Sorgen der Öffentlichkeit
über die Eintracht zwischen den Rassen und die
Effizienz staatlicher Programme zur Bekämpfung der
Armut aus den dreißiger und sechziger Jahren geweckt.
Trotz geschätzter Ausgaben von 3,389 Billionen Dollar
für Bundessozialhilfeprogramme zwischen 1965 und
1990 deuten jüngste Untersuchungen auf eine Verbreiterung der Einkommenskluft zwischen sehr reichen und sehr armen Personen in den Vereinigten
Staaten hin.
Mehrere traditionell arme Bevölkerungsgruppen hatten beeindruckende wirtschaftliche Fortschritte zu
verzeichnen, während andere entweder nicht vorangekommen oder noch weiter ins Hintertreffen geraten
sind. In einer offenen Gesellschaft wie in den Vereinigten Staaten sind es gerade letztere, die am meisten ins
Auge fallen.
Heute leben zahlreiche schwarze, hispanische und
aus Asien stammende Amerikaner in innerstädtischen
Gebieten, die von einer starken Armutskonzentration
gekennzeichnet sind. Aufgrund des Mangels an Arbeitsplätzen und eines wachsenden Gefühls der Verzweiflung haben sich manche Jugendliche der Innenstädte dem Drogenhandel, der Bandenkriminalität und
anderen verbrecherischen Aktivitäten zugewandt, womit
sie zur Verfestigung des Teufelskreises der Armut
beitragen, dem sie entfliehen möchten.
Die Ausschreitungen in Los Angeles wurden durch den
Freispruch von vier weißen Polizisten von der Anklage
der übermäßigen Gewaltanwendung bei der Festnahme eines schwarzen Verdächtigen ausgelöst. Die
Wurzeln der Unruhe in den Innenstädten gehen jedoch
weit tiefer und sind auch in anderen amerikanischen
Städten zutage getreten.
Einer vom 6.-8. Mai 1992 durchgeführten Meinungsumfrage von New York Times/CBS News zufolge
gaben 61 Prozent der Befragten an, die Bundesregierung gebe nicht genug für die Verbesserung der Lebensbedingungen der schwarzen Amerikaner aus - gegenAMERIKA DIENST 20

über 35 Prozent, die diese Meinung im Jahr 1988
vertreten hatten. Darüber hinaus erklärten 63 Prozent,
den Problemen rassischer Minderheiten werde zu
wenig Aufmerksamkeit geschenkt - verglichen mit 34
Prozent vor vier Jahren.
Viele Amerikaner sagen jedoch auch, sie lehnten
höhere Steuern ab, die speziell für die Bewältigung
dieser und anderer mit der Armut in Verbindung stehender Probleme eingesetzt würden.
Die durch die Unruhen in Los Angeles ausgelöste
neuerliche Debatte wird teilweise durch den Eindruck
geschürt, daß die Armut in den Vereinigten Staaten in
den letzten Jahren zugenommen hat.
Tatsächlich geht aus den Daten des amerikanischen
Statistischen Bundesamts jedoch hervor, daß die Armut
in den vergangenen 30 Jahren ständig gesunken ist
und angesichts von Fluktuationen in der amerikanischen Konjunktur mal höher und mal niedriger lag.
Die Armutsquote aller Amerikaner fiel von einem Spitzenwert von 22,4 Prozent im Jahr 1959 - dem ersten
Jahr, in dem diese Informationen aufgezeichnet wurden - auf einen Tiefstand von 11,1 Prozent im Jahr
1973. Nach der Rezession von 1981/82 stieg sie im
Jahr 1983 auf 15,2 Prozent, woraufhin sie bis 1989
schrittweise auf 12,8 Prozent zurückging und im Jahr
1990 wieder auf 13,5 Prozent stieg.
Zwischen 1989 und 1990 erhöhten sich die Armutsquoten bei Weißen und Hispaniern geringfügig, während sich die Quoten bei Schwarzen und Amerikanern
asiatischer Herkunft kaum veränderten.
Armut wird in den Vereinigten Staaten traditionell
anhand der Geldmittel gemessen, die erforderlich sind,
um Alleinstehenden und Familien zu niedrigstmöglichen Kosten eine ausgewogene tägliche Ernährung zu
sichern. Diese Summe wird um den Faktor drei
multipliziert, um der Tatsache Rechnung zu tragen,
daß Amerikaner durchschnittlich ein Drittel ihres Einkommensfür Nahrungsmittel ausgeben und zu Beginn
jedes Kalenderjahres den gestiegenen Lebenshaltungskosten angepaßt.
Seite 1

�Im Jahr 1991 betrug die offizielle Armutsgrenze 6.932
Dollar für Alleinstehende, 8.867 Dollar für einen Zweipersonenhaushalt, 10.857 Dollar für einen Dreipersonenhaushalt, 13.921 für einen Vierpersonenhaushalt,
16.457 Dollar für einen Fünfpersonenhaushalt und
18.590 Dollar für einen Sechspersonenhaushalt.
Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf das
Bruttoeinkommen vor Steuern und beinhalten keinerlei Sachleistungen an sozial Schwache in Form von
Krankenversicherung des Arbeitgebers, Lebensmittelmarken, subventionierten Ernährungsprogrammen,
medizinischen Leistungen, Sozialwohnungen und
anderen wichtigen staatlichen Leistungen. Vertreter
des Statistischen Bundesamts behaupten, bei Anrechnung der Sachleistungen läge die offizielle Armutsquote weitere 2-4 Prozent niedriger. Zur Zeit
besteht jedoch keine allgemeine Übereinstimmung
über eine Methode zur Bewertung dieser Hilfe.
Unmittelbar nach den Ausschreitungen in Los Angeles
entsandte Präsident Bush eine Arbeitsgruppe zur
Bekämpfung der Armut in die Region und gab die
Bereitstellung von rund 800 Millionen Dollar für Hilfsleistungen der Bundesregierung bekannt, um den Grundstein für den Wiederaufbau der verwüsteten Stadtgebiete zu legen.
Zu dem Hilfspaket zählen Notunterkünfte und Mietzuschüsse für durch die Unruhen obdachlos gewordene
Einwohner, Mittel zur Instandsetzung öffentlicher Einrichtungen, Katastrophendarlehen mit niedrigen Zinsen zum Wiederaufbau der beschädigten Geschäfte
und Wohnhäuser, Sofortzahlungen der Sozialversicherung an diejenigen, deren monatliche Zahlungen
durch die Ausschreitungen verzögert wurden, Verteilung von Babynahrung und anderen dringend benötigten Nahrungsmitteln an örtliche Aufbewahrungstellen
sowie die beschleunigte Bereitstellung von bereits von
der Stadt und vom Distrikt Los Angeles bewilligten
Bundesmitteln.
Nach Besuchen in Los Angeles und Philadelphia zur
Beurteilung der innerstädtischen Probleme aus erster
Hand unterbreitete Präsident Bush am 12. Mai einen 6
Punkte umfassenden Vorschlag, der die Wiederherstellung von Recht und Ordnung, die Schaffung neuer
Arbeitsplätze und die Verbesserung wirtschaflicher
Chancen für die Armen in den Stadtzentren zum Ziel
hat.
Der Bush-Plan, der in großen Teilen bereits vorlag,
aufgrund der Engpässe im Bundeshaushalt jedoch
aufgeschoben worden war, würde rund 36.000 Familien in den Innenstädten helfen, 1993 ein Eigenheim zu
erwerben und weiteren 65.000 Familien die Starthilfe
dazu geben.
Darüber hinaus würden dank dieses Plans Drogenhändler und andere kriminelle Elemente von den Stra*
Seite 2

ßen "verbannt", um ein der wirtschaftlichen Erholung
förderliches Umfeld zu schaffen, "Unternehmenszonen" geschaffen, die Investoren Steueranreize zur
Gründung von Arbeitsplätze schaffenden Unternehmen bieten, das Bildungswesen für öffentliche, private
und kirchliche Schulen verbessert, den Bundesstaaten mehr Spielraum zur Anpassung der verfügbaren
Ressourcen an den kommunalen Bedarf eingeräumt
und den Jugendlichen in den Innenstädten bessere
Arbeitsmöglichkeiten und Ausbildung geboten.
Quellen des Weißen Hauses zufolge hofft der Präsident auf die Finanzierung dieser - schätzungsweise
3,6 Milliarden Dollar betragenden - Programme ohne
Steuererhöhungen oder Überschreitung des 1990 mit
dem Kongreß vereinbarten Ausgabenlimits.
"Zweifelsohne ist es an der Zeit, alte Ideen zu verwerfen und etwas Neues auszuprobieren", erklärte Bush
bei einer Pressekonferenz am 12. Mai nach einem
Treffen mit Kongreßabgeordneten beider Parteien.
Speaker Tom Foley, der Vorsitzende der die Mehrheit
im Repräsentantenhaus haltenden Demokraten erklärte, das Treffen mit Bush sei "gut verlaufen", es
habe "viele Gemeinsamkeiten und einen konstruktiven
Ansatz zur Ausräumung von Differenzen" zwischen
Administration und den Vorschlägen des Kongresses
gegeben.
Zur Bewältigung der Armut kann der Präsident auf eine
große Bandbreite öffentlicher und privater Mittel der
Sozialhilfe zurückgreifen, die zusammen ein "soziales
Netz" schaffen, mit dem die meisten Amerikaner vor
dem geschützt werden sollen, was Präsident Franklin
Roosevelt als "die Unbilden und Wechselfälle des
Lebens" bezeichnete.
Viele dieser Programme sind im Rahmen der von
Roosevelt und dem Kongreß auf dem Höhepunkt der
Großen Depression von 1935 verabschiedeten bahnbrechenden Sozialversicherungsgesetze entstanden.
Zu dieser Kategorie zählen die Sozialversicherung für
ältere und behinderte Amerikaner, Arbeitslosenversicherung für diejenigen, die ihren Arbeitsplatz ohne
eigenes Verschulden verloren haben, zusätzliche
Sozialleistungen für arme, ältere und behinderte
Amerikaner, die nicht für Sozialleistungen in Frage
kommen sowie Hilfe für Familien mit unterhaltspflichtigen Kindern.
Andere Programme verdanken ihren Ursprung Präsident Lyndon Johnsons Mitte der sechziger Jahre verabschiedetem Projekt "Krieg der Armut". Zu den seit
dieser Ära noch bestehenden und weiterentwickelten
Programmen zählen Medicare für Ältere und Behinderte, Medicaid für die Armen und Head Start, mit dem
Vorschulkindern aus Familien, deren Einkommen
unterhalb der Armutsgrenze liegt, Schulspeisungen
und Unterbringung in Tagesstätten geboten werden.

*
AMERIKA DIENST 20

�SOZIALPOLITIK
20. Mai 1992

SOZIALVERSICHERUNG BEHEBT ARMUT
UNTER ÄLTEREN AMERIKANERN
Zweiter einer Reihe von Artikeln zur US-Sozialpolitik
WASHINGTON - (AD) - Den Eckpfeiler des amerikanischen Sozialwesens bilden eine Reihe während der
Großen Depression von Präsident Franklin Roosevelt
und dem Kongreß im Rahmen des bahnbrechenden
Sozialversicherungsgesetzes von 1935 geschaffenener Sozialversicherungsprogramme.
Roosevelt ging zu Recht von der Annahme aus, daß
diese Programme dazu beitragen würden, die Auswirkungen eines zukünftigen wirtschaftlichen Konjunkturrückgangs aufzufangen, indem amerikanischen Arbeitnehmern eine Einkommensquelle zur Verfügung
gestellt wurde, die "die Höhe- und Tiefpunkte von
Deflation und Inflation abschwächen würde".
Eine in dieser Gesetzgebung vorgesehene Reihe von
Programmen - Rentenversicherung, Hinterbliebenenund Berufsunfähigkeitsversicherung - wurde unter
dem Namen "Sozialversicherung" bekannt.
Dem amerikanischen Rentenversicherungsverband
zufolge hat die Sozialversicherung mehr getan, um die
Armut unter älteren Amerikanern zu beheben als jede
andere Initiative im Bereich des Sozialwesens. Und
Studien des Forschungsdienstes des Kongresses einer Institution des amerikanischen Kongresses gelangen zu dem Schluß, daß die Sozialversicherung
der "Hauptgrund" für eine echte Abnahme der Armutsquote unter den älteren Mitbürgern ist.
Dem amerikanischen Statistischen Bundesamt zufolge belief sich der Anteil der Personen über 65, die 1959
- als die Bundesregierung mit der Erstellung solcher
Statistiken begann - an oder unter der Armutsgrenze
lebten, auf 33,1 Prozent. Bis 1990, dem letzten Jahr,
aus dem Daten zur Verfügung stehen - war diese Zahl
auf 12,2 Prozent gesunken und lag damit weit unter der
Armutsquote von 13,5 für die Gesamtbevölkerung.
Die Armutsgrenze für eine alleinstehende Person über
65 belief sich 1991 auf 6.532 Dollar und lag damit leicht
unter der für jüngere Mitbürger festgesetzten Grenze
von 6.932 Dollar.

AMERIKA DIENST 20

Die Sozialversicherung hat als bei weitem größter
Bestandteil des amerikanischen Sozialwesens seit
ihrer Verabschiedung umfangreiche Veränderungen
erfahren. Ihre wesentlichen Prinzipien - obligatorische
Beteiligung, Qualifizierung für ihre Leistungen durch
Tätigkeit in einer versicherungspflichtigen Beschäftigung, Leistungen auf der Grundlage des bisher erwirtschafteten Einkommens und Finanzierung durch eine
von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu entrichtenden
Lohnsummensteuer - blieben jedoch unverändert.
Im Lauf der Jahre kamen Leistungen für Familienangehörige und Hinterbliebene des pensionierten Arbeitnehmers sowie für berufsunfähig gewordene Arbeitnehmer und deren Familien hinzu. Die obligatorische
Versicherung wurde auch auf Landwirte und Hausangestellte, Freiberufler, Angehörige der Streitkräfte,
bestimmte Regierungsbeschäftigte und Angestellte
gemeinnütziger Organisationen erweitert.
Zur Zeit liegt das normale Rentenalter bei 65 Jahren.
Arbeitnehmer können jedoch auch schon mit 62 Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wobei jedoch
ihre monatliche Rente auf Dauer um 20 Prozent gekürzt wird, wenn mindestens 10 Jahre lang eine versicherungspflichtige Beschäftigung bestanden hat. Ab
dem Jahr 2000 wird das normale Rentenalter für den
vollen Bezug der Rente stufenweise auf 67 Jahre
angehoben. Der vorzeitige Ruhestand bei gekürzten
Bezügen ist weiterhin mit 62 Jahren möglich, aber die
Kürzung fällt noch drastischer aus.
Bei der Einführung der Sozialversicherung im Jahr
1937 erfaßte diese weniger als 60 Prozent aller amerikanischen Arbeitnehmer. Heute deckt sie 95 Prozent
der Erwerbsbevölkerung ab. Einige Saison- und Teilzeitarbeitskräfte in Kleinunternehmen sind von der
Versicherungspflicht ausgenommen und versichern
sich auch nicht freiwillig.
Die Ausgaben für die Sozialversicherung betragen
heute etwa 25 Prozent der Gesamtausgaben des
Bundeshaushalts, und einer von sechs Amerikanern
erhält eine monatliche Rente.

Seite 1

�Der Sozialversicherungsverwaltung zufolge arbeiten
gegenwärtig etwa 132 Millionen Amerikaner in versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen, und
etwa 41 Millionen Personen werden im Jahr 1992
Leistungen in Gesamthöhe von 285 Milliarden Dollar
beziehen. Rentenzahlungen werden dieses Jahr an
etwa 28,2 Millionen Altersrentner und deren Gattinnen, 5,6 Millionen verwitwete Amerikaner, 3,7 Millionen Invaliden und deren Gattinnen sowie 3,5 Millionen
Kinder pensionierter, berufsunfähiger oder verstorbener Arbeitnehmer geleistet.
Die monatlichen Durchschnittsleistungen im Jahr 1992
variieren von 584 Dollar für eine alleinstehende Witwe
oder einen Witwer im Rentenalter, 610 Dollar für einen
berufsunfähigen alleinstehenden Arbeitnehmer von
65 Jahren oder darüber, bis zu 1.067 Dollar für ein
Rentnerehepaar, wobei beide Partner Rentenansprüche erworben haben und 1.252 Dollar für einen verwitweten Elternteil mit zwei Kindern.
Die Sozialversicherung wurde hauptsächlich geschaffen, um eine Grundlage wirtschaftlicher Sicherheit zu
gewährleisten, die durch eigene Ersparnisse, Betriebsrenten und Familienmittel ergänzt werden sollte.
Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, daß die
Sozialversicherung heute für die meisten älteren
Amerikaner die wichtigste Einkommensquelle ist. Bei
59 Prozent der Personen ab 65 Jahren stellt sie
mindestens die Hälfte des verfügbaren Gesamteinkommens, bei 24 Prozent liegt dieser Anteil bei 90 und
bei 13 Prozent der Senioren bei 100 Prozent.

Heute erhalten über ein Drittel aller Rentenbezieher
darüber hinaus eine Betriebsrente von durchschnittlich 525 Dollar im Monat, und viele beziehen zusätzliche Leistungen in Form von Steuervergünstigungen,
subventionierten Fahrten, verbilligter medizinischer
Versorgung sowie Ermäßigungen auf Lebensmittel
und Medikamente.
Zahlen des Arbeitsministeriums deuten darauf hin,
daß etwa 40 Millionen Amerikaner Mitglieder privater
Rentenversicherungen sind, die monatliche Leistungen gewähren, wenn der Versicherte in den Ruhestand tritt oder berufsunfähig wird. Diese Leistungen
erfolgen zusätzlich zu denjenigen, die bei Versicherungen auf Bundes- und Einzelstaatsebene bestehen.
Gegenwärtig gibt es etwa 1,7 Millionen private Rentenversicherungspläne, deren Gesamtmittel sich auf über
2 Billionen Dollar belaufen. Obwohl sich Mitgliedsbedingungen und Leistungen von Plan zu Plan unterscheiden, sind deren Mitglieder zumeist bei größeren
Unternehmen beschäftigt und verdienen mehr als
Nichtmitglieder.
Im Jahr 1990 erhielten über neun Millionen Amerikaner
und deren Familien Leistungen aus Betriebsrenten in
Höhe von 126 Milliarden Dollar.
Berücksichtigt man sämtliche Einkommensquellen, so
belief sich das mittlere Jahreseinkommen aller Haushalte, deren Vorstand 65 Jahre oder älter war, im Jahr
1990 auf 16.855 Dollar. Im gleichen Jahr bestanden
15,5 Millionen Haushalte, deren Vorstand eine ältere
Person war, oder 76,3 Prozent aller Haushalte dieser
Kategorie in Eigenheimbesitzern.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 20

�WAHLEN

'9 2
20. Mai 1992

ZWISCHENBERICHT ZU DEN WAHLEN '92
Anzahl der Delegierten und Ergebnisse der Vorwahlen
WASHINGTON - (AD) - Die nachstehend veröffentlichte inoffizielle Übersicht zeigt die Anzahl der Delegierten,
über die jeder Kandidat zum gegenwärtigen Zeitpunkt (13. Mai) des US-Wahlprozesses verfügt sowie die
Ergebnisse der Vorwahlen in West Virginia und Nebraska.
Bush und Clinton gewinnen zwei
Vorwahlen

weitere

Während der Termin für den unvermeidlichen Kampf
um das Weiße Haus im November immer näher rückt,
haben Präsident Bush und der Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, die Vowahlen ihrer jeweiligen Parteien
in West Virginia und Nebraska am 12. Mai mühelos
gewonnen.
Clinton errang in West Virginia mit einer Mehrheit von
6 zu 1 einen großen Vorsprung vor seinem verbliebenen demokratischen Herausforderer, dem ehemaligen
kalifornischen Gouverneur Jerry Brown und konnte
alle 31 Delegierten dieses Bundesstaates für den
nationalen Parteitag auf sich vereinigen. In Nebraska
betrug Clintons Vorsprung 2 zu 1, wo 17 Prozent der
demokratischen Wähler sich nicht eindeutig für einen
Präsidentschaftskandidaten entschieden hatten.
Clinton, der nur noch 436 Delegierte zur Nominierung
benötigt, hat die Gründung eines Gremiums bekanntgegeben, das mögliche Aspiranten für die Vizepräsidentschaftskandidatur sondieren soll. Den Vorsitz
dieser Kommission führt Warren Christopher, ein
ehemaliger Staatssekretär im US-Außenministerium
und Veteran dreier demokratischer Regierungen.

Die neuesten Zahlen
Demokraten (zur Nominierung erforderlich: 2.145)
Clinton
Nichtgebunden

631

Tsongas

526

Brown

357

Republikaner (zur Nominierung erforderlich: 1.105)
Bush
Buchanan
Nichtgebunden

Ebenfalls in West Virginia hat der demokratische
Gouverneur Gaston Caperton bei seiner Kandidatur
um die Wiederwahl vier Herausforderer besiegt und
wird sich im November dem republikanischen Beauftragten für die Landwirtschaft, Cleve Benedikt, gegenübersehen.
AMERIKA DIENST 20

1.236
70
8

Ergebnisse der Vorwahlen vom 12. Mai
Die nachfolgende Übersicht zeigt den Prozentsatz der
Stimmen, die jeder Kandidat bei den Vorwahlen am 12.
Mai erhalten hat.
West Virginia
Demokraten

Auf der republikanischen Seite konnte Bush in den
beiden Bundesstaaten über 80 Prozent der Stimmen
auf sich vereinigen. Sein konservativer Herausforderer Pat Buchanan bleibt im Rennen, obwohl der Präsident bereits die Unterstützung von mehr als genug
Delegierten zur Sicherstellung seiner Nominierung
hat.

1.709

Prozentsatz der Stimmen

Clinton

74

Brown

12

Tsongas

7

Sonstige

7

Republikaner

Prozentsatz der Stimmen

Bush

81

Buchanan

15

Sonstige

4
Seite 1

�Nebraska
Demokraten

Republikaner
Prozentsatz der Stimmen

Bush

84
14

Clinton

48

Buchanan

Brown

22

Sonstige

Tsongas
Nichtgebunden
Sonstige

Prozentsatz der Stimmen

2

7
17
6
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 20

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush wird an Umweltgipfel in Rio teilnehmen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten sehen gute Chancen für Abkommen in Rio&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Verhandlungen vor Abschluß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. RIAS Berlin Kommission&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Im Geiste von Rias&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Botschafter Kimmitt in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die RIAS Berlin Kommission&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sozialpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Armut in Amerika trotz Problemen in Innenstädten rückläufig&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erster einer Reihe von Artikeln zur US-Sozialpolitik&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sozialversicherung behebt Armut unter älteren Amerikanern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zweiter einer Reihe von Artikeln zur US-Sozialpolitik&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen'92&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zwischenbericht zu den Wahlen'92&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anzahl der Delegierten und Ergebnisse der Vorwahlen&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20. Mai 1998

10

LUFTBRÜCKE

CLINTON GEDENKT DER "HEROISCHEN
LUFTBRÜCKE VON 1948"
Rede des Präsidenten im Schauspielhaus

FÜR DIE BERLINER WAREN DIE FLUGZEUGMOTOREN EINE "SYMPHONIE DER FREIHEIT"
Rede von Präsident Clinton in Berlin Tempelhof

CLINTON: "SIE VERGASSEN NIE DAS GEFÜHL
VON FREIHEIT"
Rede des Präsidenten in Eisenach

EURO

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

EURO SETZT REFORMEN AUF DEM ARBEITSMARKT VORAUS
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

Deichmanns Aue 29
D53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�LUFTBRÜCKE

20. Mai 1998

Clinton gedenkt der "heroischen Luftbrücke von 1948"
Rede des Präsidenten im Schauspielhaus

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika, Bill Clinton, am 13. Mai 1998 im Berliner Schauspielhaus gehalten hat.

Vielen Dank. Herr Bundespräsident, Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete
des Bundestags und Angehörige des Bundesrats,
verehrte Kabinettsmitglieder, Angehörige des diplomatischen Corps, Herr Professor Schneider und alle, die
uns hier im schönen Schauspielhaus einen so herzlichen Empfang bereitet haben. Zuerst möchte ich dem
Symphonieorchester dafür danken, daß es eines
meiner Lieblingsstücke gespielt hat - die Eroica.
Vielen Dank.
Herr Bürgermeister, ich danke Ihnen für Ihre Ansprache. Herr Bundeskanzler, mein Dank gilt Ihnen für
Ihre Rede.
Ich freue mich außerordentlich, gemeinsam mit Ihnen
allen hier im historischen Herzen eines freien und
geeinten Berlins zu sein. Vor 50 Jahren gingen die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten den Einwohnern von Berlin gegenüber eine Verpflichtung ein.
Sie begann mit der heroischen Luftbrücke von 1948,
wurde 1961 während der historischen Kraftprobe mit
sowjetischen Panzern am Checkpoint Charlie fortgesetzt und bezog nahezu 100.000 amerikanische
Soldaten ein, die diese Stadt 40 Jahre lang verteidigten und ihre Einwohner ins Herz schlössen.
Sie dauerte an, als die Menschen in Ostdeutschland
mutig die Mauer zu Fall brachten und uns damit alle
befreiten, um ein Europa zu schaffen, von dem wir
vorher nur träumen konnten - einen ungeteilten
Kontinent blühender Demokratien, auf dem die Staaten
nicht dominieren, sondern miteinander kommunizieren;
auf dem Gesellschaften nicht durch Repression,
sondern durch Rechtsstaatlichkeit regiert werden; auf
dem die einzigen Grenzen, mit denen die Menschen
konfrontiert werden, die Grenzen ihrer eigenen Träume

AMERIKA DIENST 10

sind. Berlin symbolisiert heute alles, was ganz Europa
anstrebt.
Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt, der am
Tag des Mauerbaus Bürgermeister von Westberlin
war, erklärte in jener magischen Novembernacht, als
die Mauer fiel: "Es wächst zusammen, was zusammengehört." Sie, die Einwohner von Berlin, haben
gezeigt, daß er Recht hatte. Von der Bautätigkeit an
der Spree, die Berlin zur Hauptstadt Deutschlands der
Zukunft macht, bis zur Erneuerung des Potsdamer
Platzes als dynamischem Wirtschaftszentrum verkörpert die Wiedergeburt Berlins unsere gesamten
Hoffnungen für die Zukunft.
Und von München bis Potsdam, von Hamburg bis
Dresden haben die Menschen in den alten und neuen
Bundesländern gekämpft und Opfer gebracht, damit
der große Traum von der deutschen Einheit wahr
werden konnte. Jetzt, knapp 600 Tage vor dem
Beginn eines neuen Jahrhunderts und eines neuen
Jahrtausends müssen wir die Einheit zu unserer
Aufgabe für den gesamten Kontinent und eine neue
transatlantische Gemeinschaft machen.
Seit mehr als 1.000 Jahren - von der Zeit Karls des
Großen bis zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft - hat ein geeintes Europa die Phantasie dieses
Kontinents beflügelt. Jetzt liegt dieser Traum erstmals
in Reichweite - nicht durch Eroberung, sondern durch
die Entscheidung freier Menschen.
1994 besuchte ich Europa, um Ihre Einheit zu unterstützen und die Vision einer Partnerschaft zwischen
Amerika und einem neuen Europa ins Leben zu rufen,
die in sicherheitspolitischer Zusammenarbeit, freien
Märkten und prosperierenden Demokratien fußt. Ich

Seite 1

�bat alle Länder, ihre Institutionen an die neue Zeit
anzupassen, die neuen Marktwirtschaften der Osthälfte Europas zu fördern, die Ausbreitung von Freiheit
und Frieden zu unterstützen und die Völker der
euroatlantischen Gemeinschaft enger zusammenzubringen.
Wir haben an allen Fronten bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Die NATO übernimmt neue Aufgaben und nimmt neue Mitglieder auf. Sie knüpft
praktische Beziehungen zu Rußland und der Ukraine,
und sie vertieft die Zusammenarbeit zwischen den 44
Nationen des Partnerschaftsrats. Die Europäische
Union wird erweitert. Amerika und die EU arbeiten an
der Beseitigung weiterer Handelshemmnisse und der
Stärkung neuer Demokratien zusammen. Die OSZE,
der Vorreiter Europas für Menschenrechte und
Freiheit, hilft jetzt bei der Realisierung dieser Standards - von der Wahlbeobachtung in Albanien bis zur
Kontrolle der Abrüstung in Bosnien.
Mit Unterstützung der Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und insbesondere der von Bundeskanzler Kohl und dank der weitblickenden Führungsrolle Deutschlands fassen neue Marktwirtschaften auf dem gesamten Kontinent Fuß. Rußland
hat mehr Eigentum privatisiert als jede andere Nation
in diesem Jahrhundert. Polen und Estland zählen zu
den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften
Europas. Seit 1991 haben sich die Investitionen der
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union in
Zentral- und Osteuropa vervierfacht, und der Handel
hat sich verdoppelt.
Wir haben die vor kurzem befreiten europäischen
Nationen ermutigt - von der Unterstützung von Bürgervereinigungen in den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion bei der Wahlbeobachtung bis
zur Stärkung der Unabhängigkeit ihrer Rechtssysteme.
Allein in Rußland wirken allmählich Tausende von
Bürgervereinigungen an der Gestaltung der Zukunft
dieses Jahrhunderts mit. Präsident Jelzin hat eine
neue Regierung junger Reformer, die durchaus in der
Lage sind, Rußland entschlossen in die Zukunft zu
führen.
Wir haben dazu beigetragen, daß der Frieden von
Bosnien bis Nordirland Fuß fassen kann. Unsere
Bürger setzen sich Tag für Tag dafür ein, unsere
Nationen noch enger zusammenzubringen - von
Städtepartnerschaften wie der zwischen Leipzig und
Houston über amerikanische Studenten, die in Scharen nach Europa kommen, bis zu jungen Rumänen
und Bulgaren, die jetzt an unseren Militärakademien
studieren.
Trotz all dieser Fortschritte bleiben, wie der Bundeskanzler bereits feststellte, noch zahlreiche Herausforderungen an unsere gemeinsame Vision bestehen:

Seite 2

Die fortwährenden Kämpfe der vor kurzem befreiten
Nationen für die Konsolidierung ihrer Reformen; die
unbeendete Arbeit der vollständigen Einbindung der
Osthälfte Europas in unsere transatlantische Gemeinschaft; die Angst derjenigen, die nicht über die Fähigkeiten verfügen, um in dieser sich schnell wandelnden
Weltwirtschaft erfolgreich zu sein; die Stimmen von
Haß, Intoleranz und Teilung auf beiden Seiten des
Atlantiks, mögen sie nun als Patriotismus, religiöser
Eifer oder ethnischer Stolz getarnt sein; der brüchige
Frieden in Bosnien; die Unbeständigkeit im Kosovo;
die festgefahrene Lage in Zypern; die Gefahren, mit
denen alle unsere Nationen konfrontiert sind und die
sie nicht allein besiegen können, beispielsweise die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, das
organisierte Verbrechen oder die Zerstörung der
Umwelt.
Liebe Freunde, aus diesem Grund verlangt das Jahr
1998 nicht weniger als das Jahr 1989 von uns Mut,
Willenskraft und Einheit. Heute rufe ich unsere
Nationen dazu auf, ihre Kräfte zu mobilisieren und die
Bereitschaft zu zeigen, die begonnene Arbeit zu
beenden; sie fortzusetzen, bis jede Nation auf dem
Kontinent ebenso wie wir Sicherheit und Demokratie
genießt und alle Männer und Frauen von Seattle über
Paris und Istanbul bis St. Petersburg in Frieden nach
der Erfüllung ihrer Träume streben und ihren Kindern
ein noch besseres Leben ermöglichen können.
Dies ist eine seit Generationen einmalige Chance.
Gemeinsam müssen wir sie ergreifen. Wir müssen ein
Europa bauen, das ebenso wie Deutschland geeint
und frei, wohlhabend und friedlich, zunehmend
integriert und weiterhin global engagiert ist.
Gestatten Sie mir vor dem Hintergrund meiner Tätigkeit während der letzten fünfeinhalb Jahre eine
persönliche Bemerkung: Dieser wunderbare Augenblick in der Geschichte war nicht einfach da. Er wurde
geschaffen, großenteils dank der Vision und der
entschlossenen Führungsrolle Deutschlands und
seines gesamtdeutschen Bundeskanzlers seit neun
Jahren.
Betrachten Sie die von Ihnen errungenen historischen
Veränderungen.
Sie haben Deutschland erneut
verpflichtet, in einem geeinten Europa eine Führungsrolle zu übernehmen - dieses Mal durch Zusammenarbeit, nicht durch Eroberung. Sie gingen das Risiko
ein, auf die Währungsunion zu drängen - wohl wissend, daß dieser Weg insbesondere angesichts der
starken D-Mark und Ihrer Wirtschaftskraft steinig sein
würde. Sie übernahmen die immensen Kosten der
Wiedervereinigung Ihres Landes um sicherzustellen,
daß der Osten nicht zurückbleibt und um die mit
diesem Prozeß einhergehenden unvermeidlichen
Härten und das Leiden so gering wie möglich zu
halten.

AMERIKA DIENST 10

�Und bei alledem stellten Sie sich der Herausforderung,
der sich Westdeutschland bei dem schwierigen
Übergang zur Weltwirtschaft gegenübersieht, in der wie wir in Amerika täglich sehen - der Erhalt der
Chancengleichheit und des Sozialvertrags selbst für
die reichsten Nationen eine Herausforderung darstellt.
All dies haben Sie in neun kurzen Jahren versucht und
größtenteils erreicht.
Auch wenn viele Deutsche das Ergebnis noch nicht
kennen und vielleicht noch nicht die Vorteile Ihres
weitblickenden, mutigen Kurses spüren, stehen Sie
ganz klar auf der richtigen Seite der Geschichte.
Amerika honoriert Ihre Vision und Ihre Leistungen, und
wir sind stolz darauf, Seite an Seite mit Ihnen in das
neue Jahrtausend zu gehen. Wir danken Ihnen.
Wir beginnen unsere gemeinsame Reise mit einer
grundlegenden Prämisse: Amerika steht an der Seite
Europas. Heute sind unsere Geschicke ebenso eng
verbunden wie vor 50 Jahren. Wenn Europa in
Frieden lebt, ist Amerika sicherer. Wenn Europa
prosperiert, tut das Amerika auch. Wir haben eine
gemeinsame Zukunft, denn wir bewegen uns auf eine
Logik der Interdependenz zum beiderseitigen Vorteil
zu - wo jede Nation durch den Erfolg ihrer Nachbarn
und Freunde stärker und wohlhabender werden kann.
Aus diesem Grund begrüßen wir den europäischen
Weg zu größerer Einheit. Wir streben eine umfassende und offene transatlantische Partnerschaft an, in der
Rechte und Pflichten geteilt werden und wir uns für
eine stabile und friedliche Zukunft nicht nur für uns
selbst, sondern für die ganze Welt einsetzen. Wir
beginnen mit unserer gemeinsamen Sicherheit, deren
Grundlage die NATO ist.
Im nächsen Jahr werden die Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa in Washington zusammenkommen, um die 50 erfolgreichen Jahre der NATO zu
feiern, die ersten neuen Demokratien Osteuropas als
neue Mitglieder zu begrüßen, die Türen des Bündnisses für andere Länder offenzuhalten, die zur
Übernahme der mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten bereit sind, und um den Kurs für das
kommende Jahrhundert zu entwerfen, in dem die
Bedrohungen unklarer, aber nicht weniger gefährlich
sein werden als die unsere Gründerväter konfrontierenden.
In der Vergangenheit schützte die NATO unsere
Grenzen vor direkter militärischer Invasion. In Zukunft
muß das Bündnis unsere erweiterten Grenzen verteidigen und uns vor Bedrohungen unserer Sicherheit
schützen, die von jenseits der Grenzen kommen: Der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
ethnischer Gewalt, regionalen Konflikten. Die NATO
muß über die zur Erfüllung dieser Aufgaben erforderlichen Mittel verfügen. Und wir müssen unsere Partnerschaft mit Rußland, der Ukraine und anderen Nationen
auf dem gesamten Kontinent erhalten und stärken, mit

AMERIKA DIENST 10

denen wir gemeinsame Interessen, Werte und Träume
haben.
Die Förderung von Sicherheit verlangt von uns auch
Arbeit für den Frieden - sei es in Nordirland, NagornyKarabach, im Kosovo, in Bosnien oder auf Zypern sowie Widerstand gegen Intoleranz, Ungerechtigkeit
und militärische Aggression. Denn Rassismus und
Ungleichheit haben keinen Platz in der Zukunft, die wir
gemeinsam gestalten. Wir müssen sie im In- und
Ausland bekämpfen.
Zweitens müssen wir mehr zur Förderung von Wohlstand in unserer gesamten Gemeinschaft unternehmen. Wie der Bundeskanzler bereits erwähnte, stellt
der transatlantische Handel die größte Wirtschaftsbeziehung auf der Welt dar - er hat ein Volumen von
jährlich mehr als einer halben Billion Dollar und erhält
Millionen von Arbeitsplätzen sowohl in Amerika als
auch in Europa.
Halten Sie sich folgendes vor Augen: Die Investitionen
der Vereinigten Staaten in Europa entsprechen
ungefähr denen auf der ganzen Welt zusammengenommen. Und die europäischen Investitionen in
Amerika haben bereits so viele Arbeitsplätze geschaffen, daß jeder zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter bei
einer europäischen Firma angestellt ist.
Trotzdem müssen wir der Tatsache ins Auge blicken,
daß Wohlstand noch nicht jedermanns Partner ist. Die
neuen europäischen Demokratien sehen sich der
beängstigenden Herausforderung des Übergangs zur
Marktwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung gegenüber, das - wie ich bereits erwähnte - den Erhalt von
Chancengleichheit, einem starken sozialen Netz und
allgemeiner Fairness sehr schwierig macht. Wir
müssen diesen Ländern in ihrem Kampf beistehen,
auch wenn die wohlhabenderen Nationen unter uns an
diesen Fronten ihre eigenen Herausforderungen
haben.
Amerika wird den Weg Europas zu stärkerer Integration weiterhin unterstützen. Wir bewundern die
Entschlossenheit, durch die Ihre Wirtschafts- und
Währungsunion möglich wurde, und wir werden mit
Ihnen zusammenarbeiten, damit sie ein Erfolg wird.
Wir werden Sie auch weiterhin bei der Erweiterung der
EU unterstützen, damit sie letztlich ganz Zentraleuropa
und die Türkei umfaßt.
Unsere dritte Aufgabe besteht in der Stärkung und
Ausweitung der Demokratie. Ein wichtiges Instrument
hierbei ist die OSZE. Ihre große Mitgliederzahl bewirkt
auf dem Kontinent einzigartige Einheit und moralische
Autorität. Heute ist die OSZE von der Förderung von
Menschenrechten auf dem Balkan bis zur Unterstützung demokratischer Institutionen in Belarus vor Ort
tätig.

Seite 3

�Beim OSZE-Gipfel im kommenden Jahr wollten wir
noch mehr Engagement in den Regionen ermutigen, in
denen die Demokratie noch keine festen Wurzeln hat auf dem Balkan, in Zentralasien und im Kaukasus.
Und wir müssen praktische neue Instrumente für die
OSZE entwickeln wie die Ausbildung von Polizisten für
Friedenssicherungsmissionen und die Entsendung von
Teams zur Förderung der Demokratie und zum Aufbau
offenerer Gesellschaften. Nur so können wir Krisen
abschrecken und entschärfen, die unsere Werte und
unsere Sicherheit bedrohen, bevor sie außer Kontrolle
geraten.

drohungen unserer Sicherheit die Stirn bieten - von
Staaten, die internationale Normen verhöhnen bis zum
schwelenden Konflikt im Kosovo, von der Abschreckung von Terroristen und organisierten Verbrechern bis zur Unterstützung Asiens bei der Wiederherstellung seiner Finanzstabilität, von der Förderung der Eingliederung Afrikas in die Weltwirtschaft
bis zur Bekämpfung der globalen Erderwärmung. Auf
einer kleiner gewordenenen Welt haben Ereignisse
jenseits unserer Grenzen Auswirkungen auf unseren
Alltag. Amerika und Europa müssen bei der Gestaltung dieser Welt zusammenarbeiten.

Die von uns angestrebte sichere, freie und wohlhabende atlantische Gemeinschaft muß auch ein
erfolgreiches, demokratisches Rußland beinhalten.
Während des Großteils dieses Jahrhunderts wurde
Rußland durch Angst, Tyrannei und Isolation von der
europäischen Hauptströmung ausgeschlossen. Aber
schauen Sie sich an, welche Zukunft die Russen jetzt
bauen - und wir haben ein enormes Interesse an ihrem
Erfolg. Rußland erneuert sich buchstäblich: Es nutzt
die Instrumente von Offenheit und Reform zur Stärkung neuer Freiheit und Eindämmung derjenigen, die
Mißbrauch mit ihr treiben; um Wettbewerb zu fördern,
Steuern einzutreiben, Kriminalität zu bekämpfen, das
Militär umzugestalten, die Ausbreitung sicherheitsempfindlicher Technologien zu verhindern.
Wir
müssen diese russische Revolution unterstützen.

Bei unserer Arbeit an dieser Tagesordnung werden wir
manchmal Meinungsverschiedenheiten haben. Aber
ein gelegentlicher Mangel an Konsens darf nie zu
dauerhaften Brüchen in unserem Zusammenhalt
führen. Noch sollte uns das Streben nach Konsens
dazu verleiten, den einfachsten kleinsten gemeinsamen Nenner für schwierige, drängende Probleme zu
finden. Wenn die Welt von Prinzipien geleitete,
effektive, starke Führung braucht, müssen wir der
Verantwortung gerecht werden.

Wir werden unsere Bestrebungen mit Rußland verdoppeln, unsere Nuklearwaffenarsenale abzubauen, die
Obergrenzen für konventionelle Streitkräfte in Europa
zu senken, die Ausbreitung von Material und Technologie für Massenvernichtungswaffen zu bekämpfen,
eine praktische Partnerschaft mit der NATO aufzubauen, die für uns alle von Vorteil ist und die Bande
zwischen unseren Völkern zu stärken, die das beste
Gegenmittel gegen Mißtrauen sind. Und wir dürfen die
Ukraine nicht vergessen, denn auch sie hat die
Chance, sich nach Osten und Westen zu öffnen und
eine große Kraft für Frieden, Wohlstand und Stabilität
in Europa zu sein. Wir sollten Reformen ermutigen
und unterstützen. Die Ukraine erlebt einen historischen Augenblick, der nicht verpaßt werden darf.
Unsere vierte und letzte Aufgabe besteht in der
Stärkung unserer globalen Zusammenarbeit. Wir
wollen unsere gemeinsamen Anliegen zu unserer
gemeinsamen Sache machen und zusammen den Be-

*

Seite 4

*

Das sind unsere Herausforderungen. Sie sind ehrgeizig, können aber gemeistert werden. Sie verlangen
von den Nationen gemeinsame Ziele und gemeinsames Engagement, und sie erfordern die Unterstützung und den Mut unserer Bürger. Denn ohne den
Mut aller Bürger wäre die Mauer nicht gefallen, und
das neue Europa würde sich nicht entwickeln. Nun ist
es an jedem einzelnen von uns, das nächste Kapitel
der Geschichte zu schreiben, auf dem aufzubauen,
was niedergerissen wurde und fest zusammenzufügen, was nicht mehr durch eine Mauer getrennt ist,
die noch verbliebenen Risse zwischen unseren
Völkern zu kitten und ein Europa zu schaffen, das
zusammengehört und in Freiheit zusammenwächst.
Unser Erfolg bei diesem Unterfangen wird das neue
Jahrhundert zum großartigsten machen, das Deutschland, Amerika, Europa und die Welt je erlebt haben.
Dieses Unternehmen ist dem reichen Vermächtnis
Berlins, der visionären Führungsrolle des modernen
Deutschlands und unserer großen gemeinsamen
Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder angemessen. Wir wollen es dankbar, freudig und
entschlossen in Angriff nehmen.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 10

�LUFTBRÜCKE

20. Mai 1998

Für die Berliner waren die Flugzeugmotoren
eine "Symphonie der Freiheit"
Rede von Präsident Clinton in Berlin Tempelhof

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten von
Amreika, Bill Clinton, anläßlich der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Berliner Luftbrücke am 14. Mai 1998 in
Berlin Tempelhof gehalten hat.

Herr Bundeskanzler, verehrte Mitglieder der Bundesregierung, Herr Regierender Bürgermeister, Mitglieder
des diplomatischen Corps, Veteranen der Luftbrücke,
Bürgerinnen und Bürger Deutschlands: Vor 50 Jahren
war diese Landebahn ein entscheidender Schauplatz
in einem Krieg, der noch keinen Namen bekommen
hatte. 1948 brachte es die Welt noch nicht über sich,
von einem neuen Krieg zu sprechen.
Der Zweite Weltkrieg hatte Europa verwüstet und
geteilt zurückgelassen.
Nirgendwo war die Krise
akuter als hier in Berlin. Die Menschen waren hungrig
und hatten kein Zuhause. Hundert Jahre zuvor hatte
Karl Marx erklärt, ein Gespenst gehe um in Europa das Gespenst des Kommunismus. 1948 fiel der
Schatten dieses Gespenstes auf die Hälfte des
Kontinents. Am Rande dieses Schattens lag die
Landebahn hier am Flughafen Tempelhof. Das letzte
europäische Gefechtsfeld des Zweiten Weltkriegs
wurde das erste Gefechtsfeld des Kalten Krieges.
Am 24. Juni 1948 warf Stalin dann den Fehdehandschuh mit der Weigerung, die Versorgung der Stadt
Berlin zu erlauben. Es war ein Krieg durch Aushungerung. Zwei Millionen Menschenleben waren in Gefahr.
Die Blockade lähmte die britischen, die französischen,
die amerikanischen Verbündeten.
Einige sahen
keinen Ausweg und gaben widerwillig den Ratschlag
zur Evakuierung.
Das Schicksal des freien Berlins hing an einem
seidenen Faden - dem Faden der Versorgung aus der
Luft. Niemand glaubte wirklich, daß es möglich sei,
eine Stadt aus der Luft zu versorgen. Ein paar Visionäre waren jedoch überzeugt, daß es möglich wäre.

AMERIKA DIENST 10

Es gab keinen Präzedenzfall - nur die einfachen
Gesetze des Gewissens und die Erfindungsgabe, die
unsere wohlmeinenden Handlungen bestimmen. Und
es gab einen Präsidenten. Am 28. Juni erklärte Harry
Truman während einer Besprechung im Weißen Haus,
darübergibt es keine Diskussion, wir bleiben in Berlin,
Punkt.
Von diesem Augenblick an begann die längste Luftbrücke der Geschichte. Die westlichen Verbündeten
wurden dadurch zu Schutzmächten und waren nicht
länger Besatzungsmächte in Deutschland. Es gibt aus
dieser stolzen Zeit viele Geschichten - über die von
den Generalen Clay und Tunner übernommene
Führungsrolle; über die Opfer unter Amerikanern,
Briten und Deutschen, die wir nie vergessen dürfen;
über die unzähligen Akte persönlicher Freundlichkeit
wie die von Gail Halvorsen, dem berühmten Piloten
des Rosinenbombers, der für die Berliner Kinder kleine
Fallschirme mit Süßigkeiten abwarf. Er ist heute hier
und ich bitte ihn, sich zu erheben. Ich danke Ihnen.
Vielen Dank.
Wenn die Kommunisten mit den Mitteln der Angst und
der Furcht kämpfen wollten, würden wir mit Freundschaft und Überzeugungen zurückschlagen. Heute
grüße ich zusammen mit dem Bundeskanzler alle
amerikanischen Veteranen, die hierher gekommen
sind, um diesen Tag zu feiern. Ich bitte alle, die heute
hier sind, sich zu erheben.
Und ich grüße die Bevölkerung Berlins. Tausende
Berliner - von Ärzten bis zu Hausfrauen - krempelten
die Ärmel auf und halfen den Amerikanern, diese
Landebahn auszubauen, den Flughafen Tegel aus

Seite 1

�dem Nichts zu stampfen, die Flugzeuge zu entladen
und zu warten. Ihr furchtloser Bürgermeister Ernst
Reuter inspirierte Amerikaner und Deutsche gleichermaßen, als er vor der versammelten Bevölkerung
erklärte: "Wir lassen uns nicht eingrenzen, wir lassen
nicht über uns verhandeln, wir lassen uns nicht
verkaufen."
Und schließlich grüße ich die 75.000 Menschen aus
ganz Europa, die in irgendeiner Form zur Luftbrücke
beigetragen und sie zu einem Triumph für die Menschen gemacht haben, die überall auf der Welt die
Freiheit lieben.
Von Juni 1948 bis Mai 1949 wurden über eine Viertel
Million Einsätze geflogen - rund um die Uhr, Tag und
Nacht, bei gutem und schlechtem Wetter - ungefähr
alle 90 Sekunden kam ein Flugzeug. Aber das
kostbarste Gut kam nicht in den sogenannten Carepaketen. Es war vielmehr die Hoffnung, die durch den
ständigen Lärm der Flugzeugmotoren geweckt wurde.
Die Berliner nannten diesen Motorenlärm eine Symphonie der Freiheit, die sie daran erinnerte, daß Berlin
nicht allein und die Freiheit kein Phantasiegebilde war.
Heute muß eine neue Generation die Lehren der
Luftbrücke erneut lernen und sie zur Bewältigung der
Herausforderungen dieses neuen Zeitalters nutzen.
Denn der Kalte Krieg ist Geschichte, ein demokratisches Rußland ist unser Partner, und wir haben zum
ersten Mal die Chance, ein neues Europa aufzubauen
- ungeteilt, demokratisch und friedlich. Dennoch
wissen wir alle, daß die Chancen von heute keine
Garantie für morgen sind. Trotz all der Versprechungen unserer Zeit sind wir nicht vor Gefahr gefeit.
Und deshalb hoffe ich, daß Deutsche und Amerikaner
gleichermaßen stets die Lehren dessen beherzigen,
was hier vor 50 Jahren geschah: Daß wir uns niemals
der uns übertragenen Führungsrolle entziehen, denn
der Kampf um Freiheit endet nie.
Auf dem Höhepunkt der Berlinkrise schrieb General
Clay: "Ich glaube, im Interesse der Demokratie ist es
erforderlich, daß wir hier bleiben." Das war die beste
Investition, die wir in die Zukunft Deutschlands tätigen
konnten. Es ist schwer, sich einen besseren Freund
oder Verbündeten als das moderne Deutschland
vorzustellen.

Wie stolz die an der Luftbrücke Beteiligten gewesen
sein müssen, als Deutschland wiedervereinigt wurde,
als Deutschland die Bestrebungen zur Einigung
Europas anführte und als das moderne Gegenstück
der Carepakete nach Bosnien, Afghanistan und an
andere vom Krieg verwüstete Orte geschickt wurde als die Menschen in Deutschland unter den ersten
waren, die diese Pakete schickten. Die Entscheidung
zu bleiben, war eine gute Investition in die Demokratie.
Jetzt müssen wir weiterhin Brücken zwischen unseren
beiden Völkern bauen. Das deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm ist das größte der Welt. In diesem
Herbst wird die Amerikanische Akademie zu Berlin
eröffnet und bringt führende Persönlichkeiten aus
unserem kulturellen Leben nach Berlin. Wir werden
verstärkt auf die Unterstützung des Parlamentarischen
Patenschaftsprogramms Kongreß/Bundestag hinarbeiten, das bereits mehr als 10.00 deutschen und
amerikanischen Studenten die Chance zum Besuch
des jeweils anderen Landes geboten hat. Das nächste
Jahrhundert unserer Zusammenarbeit für die Freiheit
hat bereits in unseren Klassenzimmern begonnen.
Lassen Sie uns unseren jungen Menschen die Chance
geben, noch stärkere Brücken für die Zukunft zu
bauen.
In seinem "Gesang der Geister über den Wassern"
erklärte Goethe: "Des Menschen Seele gleicht dem
Wasser. Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt
es, und wieder nieder zur Erde muß es, ewig wechselnd." Für mich sind diese Zeilen Ausdruck der
Heldentaten der Luftbrücke. Denn damals wurden
mehr als Lebensmittel und Versorgungsgüter abgeworfen. Mit der Zeit entstand durch die Luftbrücke eine
Seelenverwandtschaft - eine Geschichte, die den
Menschen erzählt, niemals aufzugeben, niemals den
Glauben zu verlieren, daß Unbilden überwunden,
Gebete erhört, Hoffnungen erfüllt werden können. Die
Freiheit ist es wert, für sie einzutreten.
Meine Freunde, heute und in 100 Jahren werden die
Bürger dieser großartigen Stadt und alle Freunde der
Freiheit auf der ganzen Welt wissen: Berlin bleibt doch
Berlin - weil einige wenige für die Freiheit eintraten.
Ich danke Ihnen.

* * * *

*

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AMERIKA DIENST 10

�LUFTBRÜCKE
20. Mai 1998

Clinton: "Sie vergaßen nie das Gefühl von Freiheit"
Rede des Präsidenten in Eisenach

EISENACH - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika, Bill Clinton, am 14. Mai 1998 auf dem Marktplatz in Eisenach gehalten hat.

Vielen Dank. Herr Bundeskanzler, Herr Ministerpräsident, Herr Oberbürgermeister, Einwohner von
Eisenach und insbesondere alle jungen Menschen, die
hierher gekommen sind, ich danke Ihnen für diesen
herzlichen Empfang.
Jetzt weiß ich, warum Martin Luther Eisenach "meine
geliebte Stadt" nannte. Und ich bekomme ein Gefühl
für den Geist und die Unabhängigkeit, die Johann
Sebastian Bach inspirierten, der als junger Komponist
mit dem Kontrapunkt experimentierte, die Kirchenältesten mit seinem Orgelspiel verärgerte, aber alle
anderen Menschen auf der Welt begeisterte.
Wie bereits gesagt wurde, war es eine der ersten
Amtshandlungen der amerikanischen Soldaten, die
nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hierher
kamen, die Anweisung zum Wiederaufbau des Bachhauses zu geben. Ich bin immer noch stolz auf diese
historische Tat unserer Streitkräfte.
Wie Sie wissen, wurde Eisenach durch eine frühere
Übereinkunft der Kontrolle der sowjetischen Streitkräfte unterstellt, aber unsere Soldaten haben nie
diese wunderbare Stadt vergessen, und Sie vergaßen
nie das Gefühl von Freiheit.
Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, daß heute ein
amerikanischer Präsident und ein deutscher Bundeskanzler an diesem Ort in einem vereinten Deutschland und einem zusammenwachsenden Europa
stehen würden.
Es ist in nicht unerheblichem Maße das Verdienst Ihres
Bundeskanzlers, daß Deutschland heute eine geeinte
Nation ist, die in Harmonie mit ihren Nachbarn lebt und
im Mittelpunkt der europäischen Bestrebungen steht,

AMERIKA DIENST 10

das 21. Jahrhundert zu einem Jahrhundert der Demokratie, des Wohlstands und Friedens zu machen.
Ich weiß, daß es hier in den neuen Bundesländern
nicht einfach war, Deutschland zu vereinigen und
wiederaufzubauen. Ich weiß, daß Opfer gebracht
wurden. Ich weiß, daß noch einiges zu tun ist, aber
vergessen Sie nicht die großen Fortschritte, die Sie in
so kurzer Zeit gemacht haben. Und unterschätzen Sie
nicht, was Sie als freie Menschen mit Ihren Träumen
erreichen können.
Ich habe gerade das Opel Werk besichtigt, das 1991
aufgebaut wurde. Mit seiner Technologie, der Mitbestimmung der Arbeitnehmer an Entscheidungen und
seinen innovativen Bestrebungen zum Schutz der
Umwelt ist es jetzt ein Vorbild für die ganze Welt. Ich
bin stolz darauf, daß amerikanische Unternehmen wie
General Motors Investitionen in Ihre Zukunft getätigt
haben.
Ich wünschte, noch mehr Unternehmen
würden diesem Beispiel folgen, bis alle Menschen in
ganz Deutschland die Chance haben, ihre ihnen von
Gott gegebenen Fähigkeiten voll und ganz zu nutzen.
Auf Ihrem Weg in die Zukunft haben Sie Ihre Vergangenheit nicht vergessen. Sie ehren Luther und Bach
und erinnern daran, was diese der Welt gegeben
haben. Und Sie ehren Amerika, indem Sie an unsere
Rolle bei Ihrem Weg in die Freiheit erinnern.
Wie der Oberbürgermeister bereits sagte, haben Sie
eine Partnerstadt in den Vereinigten Staaten in
Waverly, Iowa. In Ihrem Rathaus hängt ein Quilt, der
von Frauen in Waverly, Iowa, angefertigt wurde, von
denen die meisten deutscher Abstammung sind. Eine
von ihnen war bereits 101 Jahre alt, als sie an dem
Quilt arbeitete. Während Ihrer dunkelsten Jahre haben

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�diese fernen deutschen Verwandten in Amerika
niemals ihren Glauben verloren, daß Sie hier eines
Tages frei sein würden.
An diesem wunderschönen Frühlingstag in Thüringen
werden wir vom Licht und der Wärme der Freiheit
überflutet. Möge dieses Licht immer über ganz

Deutschland, über diesen ganzen Kontinent und die
ganze Welt scheinen, und mögen Sie die Chancen
erhalten, auf die sie so lange gewartet haben und für
die Sie so hart gearbeitet haben.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 10

�EURO
20. Mai 1998

Euro setzt Reformen auf dem Arbeitsmarkt voraus
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Staatssekretär
für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart
Eizenstat, am 4. Mai 1998 bei einer Konferenz über die Europäische Union und Schlüsselfragen der
österreichischen EU-Präsidentschaft unter dem Thema "Der Euro: Seine Auswirkungen auf die Vereinigten
Staaten und die transatlantischen Beziehungen" an der Johns Hopkins University gehalten hat.

Einleitung

Die Beziehungen zwischen den USA und der EU

Es ist mir eine große Ehre, heute hier zu sein. Ich
danke dem österreichischen Presse- und Informationsamt und der Johns Hopkins University für die Veranstaltung dieser Konferenz. Das Schlüsselthema
dieser Konferenz ist die bevorstehende EU-Präsidentschaft Österreichs.

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Union gründen auf gegenseitigem Verständnis und dem Bewußtsein für die Bedeutung von Handel und Sicherheit.

Österreich übernimmt die Präsidentschaft zu einem
bedeutenden Zeitpunkt. Die EU arbeitet daran, die
Träume ihrer Gründerväter und Freunde zu verwirklichen - Erweiterung, Integration und eine stärkere
gemeinsame Politik. Österreich übernimmt zum ersten
Mal die Präsidentschaft - in einer für Europa entscheidenden Zeit. Die vom österreichischen Bundeskanzler, Viktor Klima, dargelegten Ziele der
Präsidentschaft seines Landes - Beschäftigung,
Erweiterung und die europäische Währungsunion stehen im Mittelpunkt der gemeinsamen Interessen der
Vereinigten Staaten und der EU.
Ich wurde gebeten, die Auswirkungen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion oder EWWU die im Jahr 2002 zur Einführung einer neuen einheitlichen Währung, dem Euro, führen wird - auf die
Vereinigten Staaten und die transatlantischen Beziehungen zu erörtern. Anstatt mich darauf zu konzentrieren, welche Konsequenzen der Euro für die globalen Finanzmärkte und internationale Finanztransaktionen haben wird, möchte ich über die zunehmende
Integration der EU und darüber sprechen, wie diese
Veränderungen unsere Beziehungen insgesamt
beeinflussen.

AMERIKA DIENST 10

Die Vereinigten Staaten und Europa haben einzigartige
historische und kulturelle Bande. Wir haben in diesem
Jahrhundert an drei großen Kriegen in Europa teilgenommen - zwei heißen und einem kalten - und wir
haben uns zur Zusammenarbeit mit Europa verpflichtet, um Frieden auf dem europäischen Kontinent
und weltweit zu gewährleisten. Das hat für uns
zweifelsohne Priorität gehabt - seit dem Marshallplan
vor 50 Jahren bis zur Unterstützung für die Gründung
und Ausweitung der Europäischen Union heute.
Die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Europa
sind seit langem der Grundstein unserer Wirtschaftsund Außenpolitik. Die Geschicke der Vereinigten
Staaten sind auch heute eng mit denen Europas
verbunden. Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, daß
wir ein Sicherheitsinteresse an den Ereignissen in
Europa sowie elementare Wirtschaftsinteressen auf
diesem Kontinent haben.
Die Vereinigten Staaten und die EU produzieren
zusammen nahezu die Hälfte aller Waren und Dienstleistungen weltweit, und auf sie entfällt mehr als die
Hälfte des Welthandels. Wir widmen den neuentstehenden Märkten auf der ganzen Welt große
Aufmerksamkeit, können aber die Bedeutung unserer
bilateralen Wirtschaftsbeziehungen gar nicht hoch

Seite 1

�genug einschätzen. Die EU ist bei weitem unserer
größter Wirtschaftspartner. Der Wert des jährlichen
Handels zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union übersteigt die 250-MilliardenDollar-Marke. Bei den Exporten in beide Richtungen
und dem Absatz amerikanischer Tochtergesellschaften
ist Europa für amerikanische Unternehmen ein doppelt
so großer Markt wie Kanada und Japan zusammengenommen. Wir sind die größten Investoren auf dem
jeweils anderen Markt. Die amerikanischen Direktinvestitionen in Europa stiegen zwischen 1982 und
1995 jährlich um 11,1 Prozent an. Zum Vergleich: Die
weltweite Wachstumsrate liegt bei 9,9 Prozent. Jeder
zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist bei einem
europäischen Unternehmen beschäftigt.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Förderung des globalen Handelssystems. Während
der letzten 50 Jahre waren Fortschritte des Welthandelssystems
das
Ergebnis
gemeinsamer
amerikanisch-europäischer Übereinkünfte und Initiativen. Wenn wir uns nicht einig sind - wie es in der
Uruguay-Runde bei Agrarfragen der Fall war - macht
der offene Handel kaum Fortschritte. Durch die
gemeinsame amerikanisch-europäische Führungsrolle
kann viel erreicht werden. Die Ergebnisse sprechen
für sich: Die Uruguay-Runde, die Gründung der
Welthandelsorganisation (WTO), das Informationstechnologieabkommen, das WTO-Abkommen über
Basistelekommunikationsdienste und das WTOAbkommen über Finanzdienstleistungen.
Die neue transatlantische Agenda
Es ist mir eine Ehre, als amerikanischer Botschafter
bei der Europäischen Union, als Staatssekretär für
Welthandel im US-Wirtschaftsministerium und jetzt als
Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische
und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium an der Gestaltung unserer sich
ständig weiterentwickelnden und unerläßlichen
Beziehungen mitzuwirken. Die Leistung, auf die ich
besonders stolz bin, ist unsere Arbeit an der neuen
transatlantischen Agenda (New Transatlantic Agenda NTA).

Handelshemmnisse - zur weiteren Liberalisierung der
bereits offenen Handels- und Investitionsbeziehungen
und für den besseren Umgang mit unseren Handelsstreitigkeiten. Bei der Erlangung dieses Ziels haben
wir bereits große Fortschritte gemacht:
Beispielsweise schlössen wir vergangenes Jahr ein
Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von
Produkttests und Zertifizierung, das die Kosten von
Exporten in beide Richtungen bei einem Handelsvolumen von 50 Milliarden Dollar in sechs Industriezweigen verringern wird. Wir hoffen, in den kommenden Monaten weitere Sektoren einbeziehen zu können.
Beim Gipfel der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union im Dezember vergangenen Jahres
stimmten wir überein, daß die Ausweitung des globalen elektronischen Handels marktgesteuert sein und
durch Privatinitiativen gefördert werden sollte. Wir
arbeiten zusammen, damit elektronische Übertragungen auch in Zukunft zollfrei bleiben und Differenzen
über Datenschutz beigelegt werden, die den transatlantischen Datenverkehr gefährden.
Am wichtigsten ist, daß die neue transatlantische
Agenda einen Plan für die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Europa
bis weit ins 21. Jahrhundert hinein bietet. Die NTA
erkennt an, daß sich unsere Beziehungen ständig
weiterentwickeln und sich an interne und externe
Veränderungen anpassen müssen. Wir sind uns
bewußt, daß sich die Europäische Union verändert.
Sie wird erweitert - die Zahl ihrer Mitglieder wird in den
nächsten 10 Jahren von 15 auf 26 ansteigen. Sie wird
somit ein für Europa immer wichtigeres Forum für
Diskussionen und das gemeinsame Vorgehen bei
diplomatischen Fragen, globalen Problemen und im
Bereich der Strafverfolgung. Das vielleicht offensichtlichste und greifbarste Beispiel für die zunehmende
Integration der EU ist die Schaffung der Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion und die Einführung
einer einheitlichen Währung am 1. Januar 1999.
Die EWWU - der Euro

Die Verabschiedung der neuen transatlantischen
Agenda im Dezember 1995 hat unsere Partnerschaft
gestärkt und gefördert. Die NTA erweitert unsere
Zusammenarbeit und verfügt über die vollständigste
Palette kooperativer Mechanismen, die wir je hatten:
Halbjährliche Gipfeltreffen, regelmäßige Zusammenkünfte unterhalb der Kabinettsebene sowie eine
Vielzahl von Kontakten auf Arbeitsebene.

Die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion ist
Teil des umfassenderen Prozesses der Erweiterung
und Vertiefung der Europäischen Union. Die führenden Politiker der EU betrachten die EWWU als den
nächsten historischen Schritt in einem langen Prozeß
europäischer Integration und als notwendiges Element
für die Gewährleistung einer globalen zukünftigen
Rolle Europas.

Die NTA gestattet uns, unsere Wirtschaftsbeziehungen
weiterzuentwickeln und neue Wege zu sondieren, wie
wir unsere bereits engen Beziehungen noch verbessern und ausweiten können. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir der Schaffung eines Marktes ohne

Diese Entwicklung begann 1962 mit der Entscheidung
der Europäischen Kommission für eine einheitliche
Währung. Im Maastrichter Vertrag von 1992 wurde ein
Dreistufenplan zur Erlangung dieses Ziels vorgeschlagen.

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AMERIKA DIENST 10

�Am letzten Wochenende bereitete sich Europa auf die
dritte Stufe vor. Während eines Sondergipfels in
Brüssel über die Wirtschafts- und Währungsunion traf
die EU Schlüsselentscheidungen zur EWWU: Wer sich
dafür eignet; bilaterale Wechselkurse zwischen den
Ländern, die der EWWU beitreten; wer der Zentralbankpräsident und die Mitglieder des Zentralbankausschusses sein werden.
Wie erwartet, werden alle EU-Mitgliedstaaten mit
Ausnahme von Schweden, Dänemark, Großbritannien
und Griechenland teilnehmen. Obwohl Schweden,
Dänemark und Großbritannien die Haushaltskriterien
erfüllen, haben sie sich entschlossen, zunächst nicht
der Währungsunion beizutreten. Griechenland erfüllt
die Kriterien nicht, ist aber vor kurzem dem Wechselkursmechanismus beigetreten.
Die USA und der Euro
Die Vereinigten Staaten haben den Prozeß der
europäischen Integration nach dem Krieg konsequent
unterstützt, weil er zu regionaler Stabilität, europäischer Einheit und freierem Handel beiträgt. Und die
Europäische Union ist zunehmend ein Binnenmarkt mit
einem höheren Maß an echter Integration. Die EWWU
wird die Integration noch einen Schritt weiter führen.
Die US-Regierung ist der Ansicht, daß die Entscheidung über die Einführung einer einheitlichen Währung
die souveräne Entscheidung der EU ist. Angesichts
unserer engen transatlantischen Beziehungen sind wir
fest davon überzeugt, daß eine erfolgreiche EWWU für
beide Seiten des Atlantiks von Vorteil ist.
Es gibt eine Reihe haushaltspolitischer und wirtschaftlicher Kriterien für die Mitgliedschaft in der
EWWU - ein Haushaltsdefizit von weniger als 3
Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP); eine Staatsverschuldung von weniger als 60 Prozent des BIP;
eine Inflationsrate von nicht mehr als 2 Prozent über
dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Volkswirtschaften für ein Jahr; langfristige Zinsen von nicht
mehr als 2 Prozent über dem Durchschnitt der EULänder mit den niedrigsten Zinsen und die Mitgliedschaft im Wechselkursmechanismus für zwei Jahre
ohne Abwertung.
Je mehr diese makroökonomischen Maßnahmen,
Kriterien und künftigen Strukturreformen Europa bei
der Entwicklung einer stabilen und gesunden Volkswirtschaft behilflich sind, die offen für die Weltmärkte
ist, desto erfolgreicher wird dieses Projekt sein und
umso willkommener für die Vereinigten Staaten.
Wirtschaftliche Stärke, Stabilität und Vitalität in Europa
liegen im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten.
Eine starke europäische Volkswirtschaft dient den
amerikanischen Exporten und den amerikanischen
Wirtschaftsinteressen im allgemeinen. Die Vereinigten

AMERIKA DIENST 10

Staaten, Europa und das internationale Währungssystem werden von einer EWWU profitieren, die von
soliden makroökonomischen und strukturellen Maßnahmen gestützt ist.
Obwohl die Unternehmen sich mit bestimmten Veränderungen befassen müssen, die mit der Einführung
einer einheitlichen Währung einhergehen, werden sie
von Einsparungen profitieren, die sich aus den geringeren Kosten der Devisentransaktionen innerhalb der
Euro-Zone ergeben. Amerikanische Unternehmen mit
Aktivitäten in Europa sollten sich darauf vorbereiten,
Geschäfte in einem Gebiet mit einer einheitlichen
Währung zu tätigen.
Die bessere Koordination und Zusammenarbeit, die wir
mit Hilfe der neuen transatlantischen Agenda und
Organisationen des Privatsektors wie dem transatlantischen Wirtschaftsdialog entwickelt haben,
bereiten uns besser auf die Anpassung an die durch
die EWWU gebotenen Chancen vor.
Herausforderungen für die EU
Obwohl sich die Vereinigten Staaten an die Einführung
des Euro anpassen müssen, ist unsere Anpassung
natürlich geringfügig verglichen mit den Veränderungen und Herausforderungen, denen sich die EWWUMitgliedstaaten gegenüber sehen. Sie werden die
Währungspolitik aufgeben und dem europäischen
Zentralbanksystem überlassen. Das europäische
Zentralbanksystem muß wiederum eine glaubwürdige
Politik für eine einheitliche Währung in der gesamten
Euro-Region umsetzen.
Damit die EWWU Erfolg hat und die Mitgliedstaaten
von nachhaltigem Wirtschaftswachstum profitieren,
sind Fortschritte bei Strukturreformen, insbesondere
auf den Arbeitsmärkten erforderlich. In Anbetracht der
bevorstehenden EWWU ist es für die Regierungen von
entscheidender Bedeutung, diese Reformen voranzubringen. Bei einer Störung der Binnennachfrage
haben die einzelnen Mitglieder der EWWU nicht länger
die Freiheit zu reagieren, indem sie ihre Wechselkurse
oder Zinssätze anpassen. Die wichtigsten Herausforderungen sind:
Arbeitsmarktreformen: Die durchschnittliche
Arbeitslosenquote in der EU beträgt über 11
Prozent und ist nahezu doppelt so hoch wie
1979. Die meisten Analysten vertreten die
Auffassung, daß bis zu 75 Prozent auf strukturelle Faktoren zurückzuführen sind. Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsmarktflexibilität und niedrigere Kosten sind erforderlich.
Andere Marktreformen: Wettbewerbsfähige
und uneingeschränkte Märkte für Produkte,
Dienstleistungen und Kapital sind wichtig für

Seite 3

�die Förderung von Beschäftigungswachstum.
Die Lockerung der Ladenschlußzeiten würde
beispielsweise Beschäftigung und Wachstum
im Groß- und Einzelhandel ermutigen.
Fiskalische Herausforderungen: Obwohl
große Fortschritte erzielt wurden, müssen die
meisten Länder noch beträchtliche Anstrengungen zur Erlangung eines fiskalischen
Gleichgewichts unternehmen, damit automatische Stabilisatoren bei Konjukturabschwüngen wirken können. Ebenso wie in den Vereinigten Staaten erfordert die bevorstehende,
durch alternde Bevölkerungen verursachte
starke Belastung des Rentensystems und der
Krankenversicherungen langfristige fiskalische
Reformen.
Die Aussicht auf die EWWU hat in vielen EWWUMitgliedstaaten, insbesondere Finnland, Irland, den
Niederlanden und Portugal, maßgebliche Reformen
dieser Art eingeleitet. Diese Länder führen den Weg
an, aber die Regierungen und führende Unternehmer
in allen EWWU-Staaten sprechen zunehmend über die
Bedeutung der Einführung solcher Reformen, um die
Chancen am besten zu nutzen, die die EWWU mit sich
bringt. Wenn die EWWU zu einem wettbewerbsfähigeren, flexibleren und produktiveren Europa
beiträgt, wird sie zweifelsohne ein Erfolg.

Schlußbemerkung
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an
künftigem Wachstum und Wohlstand Europas. Unser
Interesse besteht in der Entwicklung einer soliden und
gesunden europäischen Volkswirtschaft, die für
Weltmärkte offen ist.
Amerika hat jede Initiative unterstützt, die auf die
Vertiefung und Erweiterung der politischen und
wirtschaftlichen Integration in Europa abzielt. Ein
geeintes Europa wird bei der Verfolgung unseres
gemeinsamen Ziels - einer stabilen, wohlhabenden
und freien Welt - ein stärkerer Partner sein. Aus
diesem Grund hat Präsident Clinton die EU als "vielleicht unseren besten, natürlichen Partner für das 21.
Jahrhundert" bezeichnet.
Aus diesem Grund möchten wir, daß die EWWU Erfolg
hat. Die Vereinigten Staaten werden eine erfolgreiche
Währungsunion uneingeschränkt unterstützen, die
Europa die erforderliche Stärke und das Vertrauen
verleiht, die es für weitere Reformen und die Fortsetzung der Integration seiner Volkswirtschaft in die
übrige Welt benötigt.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 10

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                <text>&lt;strong&gt;1. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Sie wählten die Freiheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die jungen Republiken formen ihre Verfassungen nach dem Vorbild der freien demokratischen Staaten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Kunst&amp;nbsp;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Museumsläden Amerikas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sieben Millionen Dollar jährlich zur Intensivierung der kunstpädagogischen Programme&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Die Wissenschaft notiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der rote Planet erneut im Mittelpunkt&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein neues Radioteleskop für Mount Palomar&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Liste der Gedenktage für Juli 1956&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;John Foster Dulles: Auch der Frieden hat seinen Preis&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut einer Rede des US-Außenministers vom 9. Juni 1956 vor dem Iowa State College in Ames (Iowa)&lt;/em&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Zum internationalen geophysikalischen Jahr&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Schwerkraftmessungen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die ersten Aufnahmen vom Grund des Südatlantik&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Politik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die "stille Revolte" der ungarischen Schriftsteller&lt;br /&gt;I. Teil&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Paul Landy, Wien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein Dollar für die Partei&lt;br /&gt;Wähler sollen Wahlkampagnen mitfinanzieren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von John Kerigan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Phantasie und Geschmack an den Klassikern gebildet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;"King-Coit", Schule und Theater für Kinder&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Kurznachricht&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;IAEA plant Handbuch für die Verwendung von Radioisotopen</text>
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