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U.S. Information Service
JÜibassy
of
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United
States of America
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27. Januar 1993

i

AUSSENPOLITIK

WARNUNG CLINTONS AN SADDAM HUSSEIN:
AMERIKAS ENTSCHLOSSENHEIT BLEIBT
Äußerungen Clintons vor
Diplomatischem Korps

UNO

ALBRIGHT: UNO AM ENDE DES
KALTEN KRIEGES VOR ZWEIFACHER
HERAUSFORDERUNG
Anhörung der designierten
US-Vertreterin bei der UNO

MENSCHENRECHTE

FORTSCHRITTE BEI DER
MENSCHENRECHTSSITUATION 1992,
VERLETZUNGEN DAUERN JEDOCH AN
Jahresübersicht des US-Außenminsteriums

THURGOOD MARSHALL

THURGOOD MARSHALL:
PIONIER FÜR DIE BÜRGERRECHTE
Zum Tod des ersten schwarzen
Richters am Obersten Bundesgericht

GESELLSCHAFT-

GEDANKEN ZU DEN RASSENBEZIEHUNGEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von Marc Leepson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�AUSSENPOLITIK
27. Januar 1993

WARNUNG CLINTONS AN SADDAM HUSSEIN:
AMERIKAS ENTSCHLOSSENHEIT BLEIBT
Äußerungen Clintons vor Diplomatischem Korps
WASHINGTON - (AD) - Der neue amerikanische Präsident Clinton richtete am 18. Januar eine eindeutige
Warnung an den irakischen Präsidenten Saddam Hussein und erklärte, dieser müsse "verstehen, daß Amerikas
Entschlossenheit" während der Übergangszeit zwischen zwei Präsidenten "nicht nachlassen werde".
In einer Ansprache vor dem Diplomatischen Korps in der Georgetown University in Washington hob der neue
Präsident seine Unterstützung für die "Aktionen der internationalen Staatengemeinschaft" hervor, die das Ziel
haben, den irakischen Machthaber "zur vollen Einhaltung der Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates zu
veranlassen".
Clinton versicherte die Diplomaten aus aller Welt der "grundsätzlichen Kontinuität" in der amerikanischen
Außenpolitik. "Unsere Beziehungen und Aktionen im Ausland wurzeln in bleibenden Interessen, Bündnissen,
Freundschaften und Prinzipien", erklärte er.
Nachfolgend veröffentlichen wir Clintons Ansprache im Wortlaut:
Hillary und ich, Senator Gore und seine Frau, wir
freuen uns außerordentlich über die Gelegenheit, heute
mit Ihnen zusammenzutreffen und danken Ihnen für
Ihre Anwesenheit.

North, eine Rede. Unsere damals kaum 20 Jahre
bestehende Republik hatte nicht viel Macht, aber viele
Hoffnungen. Der Marquis de Lafayette, dessen Freundschaft und Zusammenarbeit mit unserer Nation so
wichtig für ihr Entstehen war, wurde 1824 von einer
Ich kam damals zu einer Zeit an diese Universität, als Truppe leichter Kavallerie auf diesen Campus eskorein ermordeter Präsident meine Generation gebeten tiert. Und Präsidenten, Würdenträger und Gelehrte
hatte, ihrem Land etwas zurückzugeben. Ich suchte aus allen Generationen Amerikas haben diesen Ort
nach einem Ort, an dem ich dieser Aufforderung Folge gewählt, um über unsere gemeinsamen Hoffnungen
leisten konnte.
für die Zukunft unserer Nation und der Welt zu sprechen.
Georgetown und seine School of Foreign Service
waren nicht nurfür mein Leben, sondern fürden Dienst Im Dezember 1991, als ich meine Präsidentschaftsan der Allgemeinheit von großer Bedeutung. Viele der kampagne startete, kam ich hier nach Georgetown
Absolventen, einschließlich der meines Jahrgangs, zurück, um in drei Reden die Prinzipien und politischen
sind jetzt angesehene Mitglieder unseres auswärtigen Leitlinien darzulegen, die das Herzstück meiner KanDienstes, unserer Streitkräfte oder sind auf anderen didatur werden sollten. In der ersten dieser Reden
Gebieten im öffentlichen oder privaten Bereich tätig.
erinnerte ich an die Lektion, die mich einer meiner
Professoren in Georgetown, Carroll Quigley, gelehrt
Vor kurzem hat Georgetown mit der Person von Dr.
hat. Ich könnte vielleicht noch hinzufügen, daß mir
Madeleine Albright, die das Sprachrohr unserer Nation
Pater O'Donovan heute, bevor wir hierher kamen, in
bei den Vereinten Nationen sein wird, einen weiteren
einer kurzen privaten Zeremonie vier Kassetten von
Beitrag geleistet.
Professor Quigleys Vorlesungen aus den 60iger Jahren
übergab. Ich hoffe, ich werde in seiner Stimme
Ich habe mich auch aufgrund der historischen Tradikeinen
Tadel hören. Auch bekam ich einen restauriertion der Georgetown University entschlossen, heute
ten
Schreibtisch
aus meinem früheren Studentenhier meine Ansprache vor Ihnen zu halten. 1797, als
wohnheim,
über
den
ich mich besonders freue und an
das College noch nicht einmal 10 Jahre als war, hielt
dem
ich
sicher
gut
arbeiten
werde.
George Washington hier in diesem Gebäude, Old
AMERIKA DIENST 4

Seite 1

�Carroll Quigley argumentierte, daß die Idee, die die wiens und der Sowjetunion, dem Leiden in Somalia,
westliche Zivilisation und insbesondere die der Verei- den Unruhen auf Haiti, der Verbreitung modemer
nigten Staaten definiert und von ihm als künftige Waffen, der Ausbreitung des Terrorismus und des
Präferenz bezeichnet wurde, die Idee sei, daß die Drogenhandels, der AIDS-Epidemie und der ZerstöZukunft besser sein kann als die Gegenwart, und daß rung unserer Umwelt auf der Erde. Jedes dieser
jeder von uns eine moralische Verantwortung hat, Probleme erfordert, wenn wir es lösen wollen, eine
dazu beizutragen.
starke Führungsrolle Amerikas.
Als wir uns diese Idee zu eigen machten, war sie
revolutionär. Jetzt hängen ihr Menschen auf der
ganzen Welt an. Jene Idee war das Herzstück meiner
Kampagne fürdie Präsidentschaft und ist eine Lektion,
die jetzt mit ebensolchem Nachdruck auf die internationale Staatengemeinschaft Anwendung findet.

Das amerikanische Volk wollte eine neue Administration, aber unsere Außenpolitik weist eine grundsätzliche Kontinuität auf. Unsere Beziehungen und Aktionen im Ausland wurzeln in bleibenden Interessen,
Bündnissen, Freundschaften und Prinzipien. Meine
Administration wird auf den Erfolgen meiner Vorgänger auf bestimmten Gebieten aufbauen, bei der Suche
Nach dem Ende des Kalten Krieges, während wir noch nach Frieden im Nahen Osten, bei den Bemühungen
nicht alle Konturen des neuen Zeitalters, in dem wir um eine sichere Reduzierung unserer Atomwaffenarleben, ausmachen können, sind wir uns alle ganz senale, bei der Verhinderung einer Weiterverbreitung
deutlich bewußt, daß es sowohl ein gefährliches als von Massenvernichtungswaffen, bei der mutigen Entauch ein vielversprechendes Zeitalter sein wird, wenn scheidung, das Leiden in Somalia zu lindern, bei der
die Zukunft von Abermillionen von Menschen auf der Unterstützung des Reformprozesses in der ehemaliganzen Welt besser sein kann als die Gegenwart, gen Sowjetunion und bei der Suche nach neuen,
wenn die Träume von Freiheit, Demokratie, Wohlstand expandierenden Märkten auf der ganzen Welt.
und Menschenrechten Wirklichkeit werden können.
Aber ob das wirklich so sein wird, hängt davon ab, was Die Welt hat sich jedoch grundlegend verändert, und
wir tun.
wir müssen uns mit ihr ändern. Wir müssen ganz klar
darlegen, wie wir in den Vereinigten Staaten unsere
Wir leben jetzt in einer Zeit voller Hoffnung. Von der außenpolitischen Ziele und Institutionen an dieses
Berliner Mauer sind nur noch die einzelnen Mauerstük- neue Zeitalter anpassen wollen. Eine solch klare
ke übriggeblieben, die die persönlichen Erinnerungen Erklärung ist notwendig, wenn wir hier zu Hause die
an den historischen Triumph der Freiheit über die Unterstützung des amerikanischen Volkes für eine
Tyrannei sind. Eine weltweite demokratische Revolu- Politik des aktiven internationalen Engagements
tion hat ihre Stärke und Beharrlichkeit gezeigt - von den gewinnen wollen, das für unseren eigenen Wohlstand
Werften in Danzig bis zu den Straßen in Moskau, von und unsere Sicherheit heute ebenso unerläßlich ist wie
den Universitäten in Peking bis zu den Dörfern von El zu jedem Zeitpunkt in diesem Jahrhundert.
Salvador und den Townships in Soweto.
Wir müssen klar unsere Ziele darlegen, damit alle
Die Ausbreitung freierer Märkte hat die Möglichkeit Nationen auf der Welt, seien sie unsere Freunde oder
besserer Lebensbedingungen mit sich gebracht - von nicht, unsere Absichten in den nächsten Monaten und
den Fabriken in den baltischen Staaten bis zu den Jahren verstehen. Wir müssen uns alle immer vor
fruchtbaren Feldern Afrikas und Lateinamerikas. Aber Augen halten, daß die letztendliche Bewährungsprobe
die Ereignisse der letzten Woche erinnern uns erneut einer Außenpolitik ihre Auswirkung auf das Leben
daran, daß dieses Zeitalter auch Gefahren enthält. Wir unserer Bürger ist.
alle sind uns der Spannungen im Irak bewußt und der
ständigen, gegen die internationale Staatengemein- Die Außenpolitik meiner Administration wird auf drei
schaft und sein eigenes Volk gerichteten Provokatio- Säulen gründen. Erstens werden wir die wirtschaftlinen Saddam Husseins. Er mu ß wissen, daß Amerikas che Sicherheit unseres eigenen Landes zum Hauptziel
Entschlossenheit auch in dieser Übergangszeit nicht unserer Au ßenpolitik machen. Wir in Amerika können
nachlassen wird.
uns nicht im Ausland aktiv engagieren, ohne eine
gesunde Wirtschaft zu Hause. Aber umgekehrt gibt es
Ich unterstütze die Aktionen der internationalen Staa- in unserem Land keinen Wohlstand ohne aktives
tengemeinschaft, die das Ziel haben, ihn zur vollen Engagement im Ausland.
Einhaltung der Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates zu veranlassen, und ich bitte jeden einzelnen hier Aus diesem Grund werden wir durch erhöhte Produkim Diplomatischen Korps, bei Ihrer eigenen Regierung tivität unsere wirtschaftliche Stärke zu mehren trachauf diesen Punkt hinzuweisen. Nach dem 20. Januar ten. Gleichzeitig werden wir sicherstellen, daß die
wird die Politik dieses Landes amerikanische Politik Weltwirtschaft auf den Prinzipien der Offenheit, Fairbleiben.
neß und Gegenseitigkeit gründet.
In diesem neuen Zeitalter sehen wir uns drängenden Zweitens wird unsere Au ßenpolitik auf einer Neustrukanderen Gefahren gegenüber: dem Anstieg ethni- turierung unserer Streitkräfte aufbauen, um neuen und
schen Hasses in den ehemaligen Republiken JugoslaSeite 2

AMERIKA DIENST 4

�andauernden Bedrohungen für unsere Sicherheitsinteressen und den Wettfrieden zu begegnen.
Wir werden weiterhin unsere Verteidigungsausgaben
auf vernünftige Weise reduzieren. Aber die potentiellen Aggressoren sollten keinen Zweifel an der Entschlossenheit Amerikas haben. Wir finden zwar keinen Gefallen an der Anwendung militärischer Gewalt,
aber falls notwendig schrecken wir nicht davor zurück,
wenn alle Mittel im Bereich der Diplomatie erschöpft
sind.

lebenswichtige Institutionen eng mit der internationalen Staatengemeinschaft zusammenarbeiten werde,
um Streitigkeiten zu lösen und den Herausforderungen
des nächsten Jahrhunderts zu begegnen.

Amerika kann und sollte nicht die Last der Welt alleine
tragen. Aber wenn wir zusammenarbeiten, können wir
viele Fortschritte dabei machen, eine bessere Weh für
alle unsere Bürger zu schaffen. Wir können die
weltweiten Probleme angehen - die Zerstörung unserer Umwelt, die Geißel AIDS, die Bedrohung unserer
Kinder und unserer Gesellschaften durch den DrogenDrittens wird die Außenpolitik meiner Administration in handel und das Elend der Millionen von Flüchtlingen
den demokratischen Prinzipien und Institutionen ver- auf der ganzen Welt.
wurzelt sein, die unser eigenes Land einen, und nach
denen so viele Völker auf der ganzen Welt zur Zeit Der Golfkrieg und die humanitäre Hilfsaktion in Somastreben.
lia zeigen, was die Vereinten Nationen zu leisten
vermögen und an was ihre Gründer vor mehr als 40
Die Verbreitung demokratischer Werte hat Millionen Jahren dachten: Aggression von abtrünnigen NatioMenschen weltweit, die Jahrzehnte der Unterdrük- nen zu begegnen und denjenigen, die internationale
kung erduldet haben, die Hoffnung auf Freiheit gege- Partner benötigen, wieder Hoffnung zu geben.
ben. Wann immer möglich werden wir die, die unsere
Werte teilen, unterstützen, denn das liegt im Interesse Wir wollen heute zusammen handeln, um diese löbliunseres eigenen Landes und der ganzen Welt.
chen Ziele zu erreichen. Ich begrüße die Teilnahme
des Diplomatischen Korps an unserer großen nationaDiese andauernden Wahrheiten sind im Laufe der len Feier, bei der jeder Amerikaner an demteilhat, was
Geschichte erhärtet worden.
wohl die größte Stärke unsere Demokratie ist: die
gewünschte und friedliche Übergabe politischer Macht
Demokratien führen nicht gegeneinander Krieg. Sie
von einem Präsidenten an seinen Nachfolger. Hierbei
sind bessere Partner in den Bereichen Handel und
handelt es sich um eine der Demokratie innewohnende
Diplomatie. Und trotz ihrer Probleme sind sie die beste
Tradition, die für freiheitsliebende Menschen eine Quelle
Garantie für den Schutz der Menschenrechte.
der Inspiration gewesen ist, seit George Washington
Zum Schluß möchte ich Ihnen allen - den Mitgliedern vor fast 200 Jahren oben auf Old North stand. Ich
des Diplomatischen Korps - versichern, daß ich als danke Ihnen.
Präsident durch die Vereinten Nationen und andere
*

AMERIKA DIENST 4

*

Seite 3

�UNO
27.Januar 1993

ALBRIGHT: UNO AM ENDE DES KALTEN KRIEGES
VOR ZWEIFACHER HERAUSFORDERUNG
Anhörung der designierten US-Vertreterin bei der UNO
WASHINGTON - (AD) - Die doppelte Herausforderung der Ära nach dem Kalten Krieg besteht der von Präsident Clinton zur Ständigen Vertreterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen nominierten
Madeleine Albright zufolge in der Sondierung von Wegen zur "Nutzung der sich abzeichnenden Erkenntnis, daß
die Nationen bei der Lösung gemeinsamer Probleme zusammenarbeiten" und in diesem Geiste "die Exzesse
des lange unterdrückten Nationalismus eindämmen müssen".
In ihrer Eingangserklärung vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte Albright am 21. Januar 1993
femer: "Obwohl wir Amerikaner in vieler Hinsicht Hüter des Prinzips der Selbstbestimmung sind, tragen wir auch
eine besondere Verantwortung für internationalen Frieden und Sicherheit. Die Vereinten Nationen werden das
Forum sein, in dem wir entweder durch diese beiden Herausforderungen eine friedlichere Welt bewirken, oder
den Kampf verlieren und in einer von Chaos gekennzeichneten Welt dahintreiben."
Vorbehaltlich ihrer Bestätigung will Albright die drei außenpolitischen Säulen der Clinton-Administration
aufrechterhalten - "wirtschaftliche Sicherheit, militärische Stärke und die Förderung von Demokratie und freien
Märkten im Ausland".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Madeleine Albright im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, Senator Helms, verehrte Mitglieder
des Auswärtigen Ausschusses. Es ist mir eine große
Ehre, heute als die von Präsident Clinton für das Amt
der Ständigen Vertreterin der Vereinigten Staaten bei
den Vereinten Nationen Nominierte vor Ihnen sprechen zu dürfen. In diesen Zeiten der Unruhen und
Hoffnung stellt diese Position eine große Herausforderung dar.

Die Position der Vertreterin der Vereinigten Staaten
bei den Vereinten Nationen wird in hohem Maße
gestärkt, wenn der Präsident seine uneingeschränkte
Unterstützung so klar zum Ausdruck bringt.

Die Rolle der amerikanischen Vertreterin bei den
Vereinten Nationen wird auch durch die Unterstützung
des Kongresses gestärkt. Viele von Ihnen wissen, daß
ich eine Reihe von Jahren auf dem Capitol Hill für einen
Als der Präsident im vergangenen Monat meine Er- herausragenden Vorsitzenden, Senator Edmund S.
nennung bekanntgab, erklärte er, in seiner Administra- Muskie, gearbeitet habe. Ferner war ich drei Jahre
tion nehme die US-Botschafterin bei den Vereinten lang Angehörige des Nationalen Sicherheitsrats, wo
Nationen eine entscheidende außenpolitische Posi- ich Gesetzesvorlagen koordiniert und mit vielen von
tion ein. Der Präsident fügte hinzu, nie zuvor in ihrer Ihnen und Ihren Mitarbeitern zusammengearbeitet habe.
Geschichte hätten sich die Vereinigten Staaten mit Ich respektiere die Rolle des Kongresses im Prozeß
größeren Herausforderungen oder Chancen konfron- der außenpolitischen Entscheidungsfindung. Tatsächlich bin ich unter meinen Freunden für meine "Kontiert gesehen.
greß-Perspektive" bekannt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges sind die Vereinigten
Staaten dazu prädestiniert, eine zentrale und positive Neue Anfänge und Chancen
Rolle für den Frieden zu spielen. Der Präsident stellte
femer fest, seine Vertreterin bei den Vereinten Natio- Herr Vorsitzender, Mitglieder des Ausschusses,
nen müsse wissen, wie man diese Chancen ergreift Außenminister Warren Christopher hat in der verganund die Führungsrolle der Vereinigten Staaten ein- genen Woche zu Ihnen über die drei au ßenpolitischen
setzt, um unsere Ziele zu fördern und voranzubringen. Säulen der Clinton-Administration gesprochen - wirtAMERIKA DIENST 4

Seite 1

�schaftliche Sicherheit, militärische Stärke und die
Förderung von Demokratie und freien Märkten im
Ausland. Diese Themen hat der Präsident in seinem
Wahlkampf wiederholt angesprochen und erneut am
Montag vor der Georgetown University. Es wird die
Pflicht derjenigen von uns sein, die mit der Durchführung der Außenpolitik der Administration beauftragt
sind, die Verwirklichung der Ziele des Präsidenten
sicherzustellen. Ich bin der Oberzeugung, daß jedes
einzelne von ihnen bei den Vereinten Nationen verfolgt
werden kann und wird. In der Tat sind sie mit den sich
verändernden Prioritäten dieser Institution in den
Bereichen kollektive Sicherheit, humanitäre Hilfe,
umweltverträgliche Entwicklung und Förderung der
Demokratie kompatibel.
Die Geschichte wird belegen, daß das Ende des
Kalten Krieges einen Neubeginn für die Vereinten
Nationen markiert. Jeden Tag werden wir Zeuge, wie
die Vereinten Nationen die schwer zu beherrschenden
Probleme des neuen Zeitalters angehen. Die herausragenden Leistungen der Botschafter Pickering und
Perkins während der vergangenen vier Jahre und die
positiven Beiträge der Bush-Administration sollten uns
mit Stolz erfüllen. Die Vereinten Nationen befinden
sich an der Schwelle, zu der Institution zu werden, die
ihre Gründerväter im Jahr 1945 für sie vorhersahen.
Mit spürbarer Unterstützung der Vereinigten Staaten
sind die Vereinten Nationen nützlich, ein Zentrum der
Debatten und damit befaßt, Frieden und Sicherheit in
einer gespaltenen Welt zu schaffen.

vor der Geißel des Krieges zu bewahren,... unseren
Glauben an die Grundrechte des Menschen... erneut
zu bekräftigen ..., Bedingungen zu schaffen, unter
denen Gerechtigkeit und die Achtung ... des Völkerrechts gewahrt werden können, den sozialen Fortschritt und einen besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu fördern."
Die Verfasser dieser Charta waren ihrer Zeh voraus.
Wir müssen nicht nur ihre Träume wahr werden lassen, sondern diese internationale Organisation auf die
Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts vorbereiten. Tun wir das nicht, werden wir vielleicht keine
zweite Chance dazu bekommen.
Bei meiner heutigen Anhörung sollte ich nicht nur auf
die große Bedeutung der Vereinten Nationen für unser
Land hinweisen. Sie sollten auch wissen, daß ich sehr
wohl die Mängel und Vielzahl von Problemen dieser
Institution sehe. Die Vereinten Nationen werden in
ihrer Arbeit durch schwerfälliges und ineffizient verwaltetes Personal, sich überschneidende Verantwortungsbereiche und eine Finanzkrise behindert. Generalsekretär Boutros-Ghali, der unermüdlich für den Frieden
tätige Diplomat, sieht diese Probleme. Wenn immer
mehr Nationen zu der Auffassung neigen "Das kann
die UNO tun" und gleichzeitig nicht auf umfassende
Reformen und die Errichtung einer soliden Finanzgrundlage drängen, dann sind die Vereinten Nationen
in Gefahr, unter dem Gewicht der ihnen neu aufgebürdeten Lasten zusammenzubrechen.

Die Vereinigten Staaten müssen großes Engagement
zeigen, um die Vereinten Nationen in das 21. Jahrhundert zu geleiten. Viele von Ihnen haben beim Kampf für
eine Reform der UNO in der ersten Reihe gestanden
und ich beabsichtige, zur Verwirklichung der von ihnen
geforderten Effizienz bei der Arbeit dieser Organisation weiterhin hart zu arbeiten. Ich muß jedoch darauf
hinweisen, daß es eine Gratwanderung zwischen der
Die Vereinten Nationen tragen auch zur Förderung von durch die Zurückhaltung von Geldern in Erwartung
Demokratie und der Verteidigung von Menschenrech- einer Reform ausgeübten Macht ist und dem Verlust
ten in Mittelamerika, Afrika und Asien bei. Die neue an Glaubwürdigkeit aufgrund großer Schulden. Jetzt
UN-Kommission für umweltverträgliche Entwicklung ist es an der Zeit, unseren ausstehenden Verpflichtunwird ein ehrgeiziges globales Umweltprogramm über- gen gegenüber den Vereinten Nationen nachzukommen und sie in die Lage zu versetzen, die Last dieses
wachen.
multilateralen Zeitalters zu tragen.
Die verstärkte Tätigkeit der UNO wird auf besonders
anschauliche Art und Weise durch die Tatsache ver- Die vor uns liegende Herausforderung
deutlicht, daß der Sicherheitsrat 1992 doppelt so oft
wie im Vorjahr zusammentraf und 74 Resolutionen - 32 Als Professorin für internationale Beziehungen und
mehr als im Jahr 1991 - annahm. Und es hat sich Präsidentin des Zentrums für Nationale Politik habe ich
gezeigt, daß keine Resolution leichtfertig verabschie- sehr viel Zeit mit der Beschreibung und Analyse der
Vergangenheit verbracht. Wir alle wissen, wieviel
det wurde.
schwieriger es ist, die Zukunft zu prognostizieren.
Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder, Unser 45 Jahre währender Kampf mit dem Kommunisich bin völlig davon überzeugt, da ß wir heute die größte mus ist beendet. Ironischerweise gab es während
Chance haben, die ursprüngliche Aufgabe der Verein- dieser Zeit bedeutend mehr Sicherheit als in der jetziten Nationen zu erfüllen. Die 1945 verfaßte Charta ruft gen. Es gibt sogar weniger Sicherheit bezüglich der
uns dazu auf, zusammen mit den in den Vereinten Zukunft. Vielleicht fällt es uns aus diesem Grund so
Nationen vertretenen Völkern "künftige Geschlechter schwer, einen Namen für dieses neue Zeitalter zu
Das zunehmende Ausmaß der UN-Bestrebungen ist
wirklich bemerkenswert. Heute nehmen über 50.000
Angehörige der UN-Friedenstruppen an 13 friedenserhaltenden und Beobachtermissionen von Somalia über
Kambodscha bis zum ehemaligen Jugoslawien teil.
Acht der 13 Missionen wurden seit 1989 in die Wege
geleitet.

Seite 2

AMERIKA DIENST 4

�finden, weshalb wir immer von der 'Zeit nach dem ordnung isoliert wird. Die Tätigkeit der Vereinten
Kalten Krieg' sprechen. Meiner Ansicht nach ist jetzt Nationen hat Auswirkungen auf das tägliche Leben der
der Zeitpunkt gekommen, an dem wir bei der Betrach- Amerikaner:
tung dieses Zeitalters den Blick mehr auf die Zukunft
Am offensichtlichsten wurde das, alsder Sicherals auf die Vergangenheit richten sollten. Wir sollten es
heitsrat die Genehmigung zum Einsatz "aller
als Privileg betrachten, zu denen zu gehören, die in
notwendigen Mittel" zur Abwehr irakischer
einem historischen Zeitalter die Rolle der Vereinigten
Aggression
und zum Schutz der humanitären
Staaten definieren. Das ist vergleichbar mit anderen
Hilfslieferungen
an die Somalier erteilte. AmeZeiten, in denen wir an einem Scheideweg standen
rikanische
Soldaten
aus Ihren Heimatstädten
und in denen internationale Systeme geschaffen wurverließen
ihre
Familien
und riskierten ihr Leben,
den, wie zum Beispiel 1815,1918 und 1945.
um den Willen der Vereinten Nationen durchzusetzen.
Im Hinblick auf unsere Aufgaben 1993 sehen wir uns
zwei dynamischen und scheinbar widersprüchlichen
Die Ausrichtung der UNO auf Umweltfragen
Kräften gegenüber: Einerseits den mächtigen Integranach
dem Erdgipfel in Rio de Janeiro wird dautionskräften - Anwachsen des Handels, explosionsarerhaften
Einfluß auf die Formulierung und Durchtige Entwicklungen im Informations-, Kommunikationsführung
unserer nationalen Umweltpolitik haund Technologiebereich, die alle die traditionellen
ben.
Barrieren niederreißen und neue Verbindungen zwischen den Menschen schaffen. Selbst einige unserer
Wir werden einfach nicht in der Lage sein, ohne
aktuellen Probleme im Zusammenhang mit unserer
die Hilfe des Hohen Flüchtlingskommissars der
globalen Umwelt, der Verbreitung von Atomwaffen,
Vereinten Nationen dem Flüchtlingsstrom an
Krankheiten, Drogenhandel und Wanderbewegungen
unseren Grenzen und denen unserer Freunde
großen Ausmaßes tragen zu diesem wachsenden
wirksam zu begegnen.
Bewußtsein der Interdependenz bei. Wir werden uns
in immer stärkerem Maße bewußt, daß Lösungen
Die Arbeit der Vereinten Nationen in den Bereigemeinsame Anstrengungen erfordern, die einzelne
chen wirtschaftliche Entwicklung und BevölkeNationen nicht unternehmen können.
rungswachstum in den ärmsten Ländern der
Welt hat letztlich auch Auswirkungen auf unsere
Diesen Integrationskräften stehen die Kräfte der Zereigene Wirtschaft, unsere Handelsmöglichkeisplitterung und Teilung gegenüber. Einige dieser
ten und unsere bilateralen AuslandshilfeproEntwicklungen rühren von dem innigen und ernsthafgramme.
ten Wunsch nach Ausdruck der eigenen Persönlichkeit in ethnischer, kultureller, religiöser und politischer
Die UNICEF stellt Nothilfe für Kinder im ehemaHinsicht her. Wir werden Zeuge, daß viele Völker nicht
ligen Jugoslawien, in Rußland, dem Sudan,
in ihrer Ansicht nach künstlichen Ländern leben wollen.
Rumänien und im Irak bereit.
Sie wollen nicht von wirklich autoritären Regierungen
oder von weniger korrupten, aber ebenso erstickenden
Die Impf Programme der UNICEF und der Weltund zentral gelenkten bürokratischen Regimen vorgegesundheitsorganisation sind unschätzbare
schrieben bekommen, wie sie zu leben haben.
weltweite und damit auch amerikanische Prioritäten im Gesundheitsbereich.
Die doppelte Herausforderung dieses neuen Zeitalters
Und falls Sie denken, ich hätte dies vergessen:
besteht in der Nutzung der sich abzeichnenden ErIch verstehe nur zu gut, daß meine Bitte an Sie,
kenntnis, daß die Nationen bei der Lösung gemeinsaunsere
Rechnungen bei den Vereinten Natiomer Probleme zusammenarbeiten und in diesem Geiste
nen
und
für die steigenden Kosten friedenserdie Exzesse des lange unterdrückten Nationalismus
haltender
Operationen zu bezahlen, mit unseeindämmen müssen. Obwohl wir Amerikaner in vieler
rem
bereits
enormen Haushaltsdefizit konkurHinsicht die Hüter des Prinzips der Selbstbestimmung
riert.
sind, tragen wir auch eine besondere Verantwortung
fürden internationalen Frieden und die Sicherheit. Die
Vereinten Nationen werden das Forum sein, in dem wir Jeder Gedanke, die Vereinten Nationen seien eine
entweder durch diese beiden Herausforderungen eine fremde, von unserem innenpolitischen Programm
friedlichere Welt bewirken, oder den Kampf verlieren getrennte Organisation, ist völlig falsch. Ich schließe
und in einer von Chaos gekennzeichneten Welt dahin- mich der Ihnen von Außenminister Christopher gegebenen Zusicherung an, daß wir uns bemühen werden,
treiben.
dem amerikanischen Volk zu erläutern, was in unserer
Die andere vor uns liegende Herausforderung besteht Außenpolitik auf dem Spiel steht, um Außenpolitik
darin sicherzustellen, daß die Arbeit der Vereinten weniger fremd erscheinen zu lassen.
Nationen nicht von unserer innenpolitischen Tages-

AMERIKA DIENST 4

Seite 3

�Eine persönliche Anmerkung

Der Aufbau einer Partnerschaft

Obwohl die Vereinten Nationen einen wichtigen Teil
unseres Lebens in diesem Land ausmachen, habe ich
zu den Vereinten Nationen eine wesentlich persönlichere Verbindung. Wie ich vor wenigen Wochen
bereits in Little Rock erklärt habe, wäre meine Familie
ohne die Vereinten Nationen nicht in den Vereinigten
Staaten. Mein Vater war als tschechoslowakischer
Diplomat Mitglied der ersten UN-Kommission für Indien und Pakistan. Kurz nach seiner Berufung auf
diesen Posten fand im Februar 1948 in der Tschechoslowakei ein kommunistischer Staatsstreich statt. Meine
Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich kamen
in die Vereinigten Staaten, während unser Vater Indien, Pakistan und Kaschmir bereiste. Nach Beendigung seiner Arbeit schloß er sich uns an. Kurz danach
beantragte er politisches Asyl. Dank der Großzügigkeit des amerikanischen Volkes wuchsen wir als freie
Amerikaner auf.

Es gibt noch eine weitere Art der Partnerschaft, auf die
ich heute eingehen möchte. Bei meinen Zusammentreffen mit vielen von Ihnen - ein Prozeß, den ich voll
und ganz genossen habe -, wurde ich durch Ihre
Äußerungen und Ihre Zustimmung bestätigt, daß dies
eine entscheidende Periode für die Vereinten Nationen und damit für uns alle ist.

Im Falle meiner Bestätigung gedenke ich, die Bindungen zwischen den Vereinten Nationen und dem Kongreß zu stärken, indem ich Ihnen meine Dienststellen
in Washington und New York öffne und so viele von
Ihnen wie möglich nach New York einlade - vielleicht
als Delegierte oder um die stattfindende Arbeit zu
beobachten. Ich habe die Absicht, kooperative Beziehungen zwischen unseren Mitarbeitern aufzubauen.
Ich werde die Einholung Ihres Rats und Ihrer Kritik als
integralen Bestandteil meiner Arbeit betrachten. Als
Mitglied von Präsident Clintons Kabinett werde ich bei
Die Tatsache bleibt bestehen, daß ich sprichwörtlich Erörterungen im Weißen Haus meine eigene Meinung
ein Kind des Kalten Krieges bin. Ich wurde in der einbringen. Dabei weiß ich jedoch, daß Ihre Ansichten
Tschechoslowakei geboren und kam in dieses Land, ein unerläßlicher Faktor bei meiner Meinungsbildung
weil meine Eltern erkannten, daß das Leben unter dem sowie bei den Ratschlägen sein werden, die ich dem
Kommunismus unerträglich war. Deshalb habe ich Präsidenten geben werde.
noch mehr als andere den Fall der Berliner Mauer und
besonders die sanfte Revolution Vaclav Havels gefei- Bei der Gründung der Vereinten Nationen war unsere
ert. Aber seit 1989 habe ich auch stets von der Gefahr Außenpolitik von Überparteilichkeit geprägt. Als ich
gesprochen, uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen. Ihren Eingangserklärungen und Fragen bei der Anhörung von Außenminister Christopher zuhörte, wurde
Das Ende des Kalten Krieges hat zu historischen mir die historische Bedeutung jener Sitzung bewußt.
Rüstungskontrollabkommen geführt, besonders dem Obwohl einige Meinungsverschiedenheiten feststellSTART-Il-Vertrag. Die Bevölkerung der Vereinigten bar waren, herrschte bemerkenswerte ÜbereinstimStaaten führt sich wesentlich sicherer. Das Problem ist mung bei den wichtigsten tagespolitischen Themen.
jedoch, daß die Wert für viele Menschen in anderen Wir haben eine außergewöhnliche Chance, für die vor
Ländern gefährlicher ist. Ich bin der Überzeugung, uns liegenden Jahre eine starke und sehr notwendige
daß diese Generation die unausweichliche Pflicht hat, überparteiliche Außenpolitik herbeizuführen.
eine friedliche Welt aufzubauen und den abscheulichen Ungerechtigkeiten und Bedingungen ein Ende zu Ich hoffe und erwarte, häufig vor Ihnen zu sprechen.
bereiten, die die Zivilisation an der Schwelle zum 21. Ich bin sicher, daß ich Sie weiterhin bitten werde,
Jahrhundert immer noch heimsuchen: Aggression unsere Rechnungen zu bezahlen und Sie mich fragen
gegen Nationen, Völkermord, Hunger, "ethnische werden, wie das Geld des amerikanischen SteuerzahSäuberung", Massenfolter und -Vergewaltigung, gan- lers ausgegeben wird. Ich kann Ihnen versichern, daß
ze Völker betreffende Umwälzungen, Zerstörung der ich Ihnen nicht nur die Informationen geben, sondern
Umwelt, überall anzutreffende Diskriminierung und auch auf die notwendigen Reformen drängen werde.
Unterdrückung von Frauen und Kindern, die Verbrei- Aber vor allem möchte ich Ihnen versichern, daß ich
tung von Massenvernichtungswaffen sowie die Ver- bei den Abstimmungen im Sicherheitsrat, bei den
Diskussionen mit anderen Delegierten und bei meinen
weigerung echter Freiheit für so viele Menschen.
Reisen im Land, um dem amerikanischen Volk die
Und während Präsident Clinton uns daran erinnert hat, Politik der Vereinten Nationen zu erläutern, stets die
daß Amerika nicht allein die Lasten der Wert tragen amerikanische Botschafterin bei den Vereinten Natiokann und sollte, ist er doch ebenso davon überzeugt, nen und nicht die Botschafterin der Vereinten Nationen
daß der Golfkonflikt und die humanitäre Hilfsoperation in den Vereinigten Staaten sein werde. Mit anderen
in Somalia das Beste dessen verkörpern, was die Worten: Ich werde nicht der Krankheit des KlienteldenBegründer der Vereinten Nationen vor 48 Jahren kens anheimfallen.
beabsichtigten: Gemeinsam mit unseren internationalen Partnern der Aggression durch gesetzlose Regie- Schlußbemerkung
rungen entgegenzutreten und die Hoffnung der BeHerr Vorsitzender und Mitglieder des Ausschusses, in
dürftigen zu erneuern.
den außerhalb der Regierung verbrachten Jahren

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�habe ich mich theoretisch mit der Rolle befaßt, die die
Vereinigten Staaten in dieser entscheidenden Periode
spielen können und sollten. Die Macht, die wir als
Nation gehabt haben, ergibt sich aus unserer Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken und auf der Seite des
Wandelszu stehen. Wir müssen diese Macht heute für
unsere Arbeit bei den Vereinten Nationen einsetzen.
Ich bin mir der vor uns liegenden enormen Herausforderungen voll und ganz bewußt.

Präsident Clinton hat einen neuen Bund mit dem
amerikanischen Volk gefordert. Ich bin der Überzeugung, wir sollten uns darum bemühen, seine Vision zu
erweitern und einen neuen Bund unter den Nationen
zu fordern - einen Bund, der die Vielfalt der Welt, in der
wir leben, ebenso anerkennt wie unsere gemeinsamen
Bedürfnisse und Bestrebungen. Mit Ihrer Hilfe können
wir beim Aufbau dieses neuen Bundes Erfolg haben.

* *

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�MENSCHENRECHTE
27. Januar 1993

FORTSCHRITTE BEI DER MENSCHENRECHTSSITUATION 1992, VERLETZUNGEN
DAUERN JEDOCH AN
Jahresübersicht des US-Außenministeriums

WASHINGTON - (AD) - Trotz weltweiter Fortschritte
bei der Menschenrechtssituation sind einer Vertreterin
des US-Außenministeriums zufolge immer noch zahlreiche "negative" Beispiele von Menschen rechtsverletzungen auf der Welt zu verzeichnen.
"Die Hoffnung auf eine weiterverbreitete Achtung der
Menschenrechte - in den vergangenen Jahren durch
den Zerfall der Sowjetunion und die demokratische
Umgestaltung andernorts manifestiert - wurde durch
die entsetzliche Verletzung der grundlegendsten
Menschenrechte im Jahr 1992 unterminiert", erklärt
die Abteilungsleiterin im US-Außenministerium für
Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten
Patricia Dennis in der Einleitung der am 19. Januar
1993 veröffentlichten weltweiten Übersicht des Außenministeriums über die Menschenrechtssituation.

den vergangenen Jahren enthält das vorliegende
Dokument auch Berichte über Länder, die weder Hilfsempfänger noch UN-Mitgliedstaaten sind.
Dennis stellt fest, daß im Verlauf des letzten Jahres
"falsche Propheten des Nationalismus und 'ethnischer
Säuberung' sowie religiöse Extremisten offen die in
der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte
verankerten Werte mißachtet haben."
"Obwohl als Ideologie diskreditiert, diente die Loyalität
gegenüber dem Leninismus weiterhin mehreren Regimen in Asien und Castros Kuba als Vorwand für den
Versuch, die andauernde Verweigerung der grundlegendsten politischen und Bürgerrechte für ihre Einwohner zu rechtfertigen", erläutert Dennis.

Sie fügt hinzu, in mehreren Ländern der ehemaligen
Die Berichte über 189 Länder "belegen, daß trotz Sowjetunion "ist der Prozeß der demokratischen
Fortschritten bei der Menschenrechtspolitik... im Jahr Umgestaltung in eine Pattsituation geraten, teils auf1992 zahlreiche negative Eintragungen bei der Bilanz grund des noch spürbaren Einflusses der alten Regievon Menschenrechtspraktiken zu verzeichnen waren", rungseliten."
so Dennis.
Auf der positiven Seite markiert Dennis zufolge die am
"In andauernden ethnischen und religiösen Konflikten
in Europa, Afrika und Asien litten und starben Hunderttausende, denen humanitäre Hilfe durch unmenschliche Regierungen und Kriegsherren verweigert wurde",
fügte sie hinzu.
Dennis verweist darauf, daß "in einem seit einem
halben Jahrhundert ungekannten Ausmaß barbarische Regierungschefs bewußt Greueltaten der abscheulichsten Art verübten bis hin zu Massenvergewaltigungen von Frauen in Bosnien, um die ethnischen
Bevölkerungsgruppen aus ihrer Heimat zu vertreiben."
Der gesetzlich vorgeschriebene 17. Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums an den Kongreß
befaßt sich mit Menschenrechtspraktiken in Ländern,
die von den Vereinigten Staaten Hilfe erhalten, sowie
den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Wie in
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8. Dezember 1992 in die Wege geleitete Militärmission
zur Sicherung der Nahrungsmittel- und anderer humanitärer Hilfslieferungen für die vom Hungertod bedrohten Opfer in Somalia "einen entscheidenden Moment
für die Rolle, die Menschenrechte und humanitäre
Belange in der internationalen Politik spielen können."
Diese unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen handelnden Streitkräfte durchbrachen die vollkommene Gewalt derfokalensomalischen Kriegsherren und Banditen über die Lieferungen von Nahrungsmitteln, Medikamenten und andere humanitäre Hilfe,
stellt sie fest.
Als weitere Fortschritte bei den Menschenrechten
zitiert Dennis das "beachtliche Tempo", das der
Demokratisierungsprozeß'Vor allem in Afrika" gewonnen hat, die kontinuierliche Verwirklichung der Frie-

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�densvereinbarungen in El Salvador sowie "bahnbre- Bosnien an bosnischen Muslimen verübten Ermordunchende" - wenngleich gelegentlich noch unzulängliche gen und anderen Menschenrechtsverletzungen."
- Wahlen in mehreren Ländern einschließlich Kenia,
Kambodscha
Kuwait und Kamerun.
Dieses Land "erlebte im Jahr 1992 außerordentliche
Veränderungen und erzielte bemerkenswerte Fortschritte im Menschenrechtsprozeß, obwohl ernsthafte
Probleme bestehen bleiben... Es war... unmöglich,
Menschenrechtsverletzungen in den von den Roten
"Obwohl demokratische Normen nicht die kontinuierli- Khmer gehaltenen Gebieten zu dokumentieren. Man
che Respektierung der Menschenrechte garantierten, konnte nur allgemein feststellen, daß die Roten Khmer
blieb der Trend zur Einhaltung der Menschenrechte weiterhin die Bevölkerung in ihren Gebieten durch
unter dem Strich positiv", betonte die Regierungsver- Gewalt und Einschüchterung fest im Griff halten..."
treterin.
"Politische Parteien, die in Phnom Penh Büros eröffNachfolgend einige Auszüge aus dem Bericht zur nen wollten, wurden von den Sicherheitsbehörden des
Situation in bestimmten Ländern:
Staates Kambodscha behelligt. Politische Morde wurden
in Kambodscha an unabhängigen Parteimitgliedern
Afghanistan
verübt und können in einigen Fällen eindeutig den
"Es ist unklar, ob die aufeinanderfolgenden Interimsre- Sicherheitskräften des Staates Kambodscha zugegierungen einen offiziellen internen Sicherheitsappa- schrieben werden..."

Dennis zufolge "wurde die Demokratie in Thailand
wiederhergestellt und im vom Krieg zerrütteten Mosambik bot der Aussöhnungsprozeß einen Hoffnungsschimmer".

rat geschaffen haben. Viele der Widerstandsgruppen,
einschließlich der Interimsregierungen, haben vor ihrem Sieg über das Nadschibullah-Regime mit größter
Wahrscheinlichkeit Ad-hoc-Sicherheitsvereinbarungen
getroffen. Blutige Rivalitäten brachen zwischen und
innerhalb dieser Gruppen aus. Durch den Einsatz von
Gewalt wurden die Differenzen häufig beigelegt und
die Opposition kontrolliert."
Angola
"Im ersten Jahr nach der Unterzeichnung der Friedensvereinbarungen (Mai 1991) zwischen der Regierung der Republik Angola und der Nationalen Union für
die Vollständige Unabhängigkeit Angolas (UNITA) hat
Angola die schwierige Aufgabe des nationalen Wiederaufbaus und der Aussöhnung fortgeführt, die zunächst durch Mehrparteienwahlen, dann jedoch durch
erneute Kämpfe unterstrichen wurde."

"Besonders ungeheuerlich war 1992 die rassistisch
motivierte Gewalt gegen die vietnamesische Minderheit in Kambodscha. Vietnamesen wurden ermordet
und politische Gespräche, insbesondere zwischen den
Roten Khmer und der Nationalen Befreiungsfront der
Khmer nahmen weiterhin einen prominenten Platz in
der antivietnamesischen Rhetorik ein."
China
"Über 10jähriges beeindruckendes Wirtschaftswachtum und die Erweiterung der Marktkräfte führten zu
einer Verringerung der staatlichen Kontrolle über die
Wirtschaft und zahlreiche Aspekte des täglichen Lebens
der Chinesen..."
"Die Menschenrechtspraktiken der Regierung sind nach
wie vor repressiv und bleiben weit hinter den international anerkannten Normen zurück..."

Bosnien-Herzegowina

"Hunderte, vielleicht Tausende, politische Gefangene
blieben weiterhin inhaftiert oder wurden festgehalten.
Aus Platzgründen ist es schwierig, in dem Bericht "das Die Unterdrückung von Gläubigen, die sich weigerten,
wahre Ausmaß des Schreckens und der von den sich von der Regierung geförderten religiösen Grupserbischen Streitkräften verübten Greueltaten im ein- pen anzuschließen, dauerte an. In Tibet und anderen
zelnen aufzuführen".
von ethnischen Minderheiten dicht bevölkerten Gebieten waren nach wie vor Menschenrechtsverletzungen
"Zweifelsohne waren Angehörige anderer ethnischer
zu verzeichnen. Auch Fälle von Folterungen und
Gruppen im ehemaligen Jugoslawien, einschließlich
Mißhandlungen der eines Verbrechens Beschuldigten
der Kroaten und - in wesentlich geringerem Umfang wurden dokumentiert."
bosnischen Muslime, verantwortlich für die in praktisch
allen Fällen gegen Angehörige anderer ethnischer "Auf der positiveren Seite wurden Schätzungen von
Gruppen, insbesondere Serben, gerichteten Menschen- Dissidenten in Beijing zufolge bis Mitte 1992 70 bis 80
rechtsverletzu ngen."
Prozent der in der Stadt aufgrund der Beteiligung an
den
demokratischen Demonstrationen von 1989 Fest"Die Greueltaten von Kroaten und bosnischen Musligehaltenen
freigelassen. Chinas begrenzter Dialog
men verblassen jedoch gegenüber dem bloßen Ausmit
ausländischen
Kritikern hat weiterhin einer größemaß und der kalkulierten Grausamkeit der von den
ren
Zahl
von
Chinesen
einen breiteren Blickwinkel von
serbischen und bosnisch-serbischen Streitkräften
Menschenrechtspraktiken
zugänglich gemacht, obangeblich in Verteidigung der serbischen Interessen in
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AMERIKA DIENST 4

�wohl dieser Dialog generell von der strikten Verteidi- Iran
gung des bestehenden Systems durch die Volksrepublik China charakterisiert ist. Bescheidene Fortschrit- "Die Kontrolle der Macht durch die Regierung wird
te waren bei der Lösung einiger weniger Menschen- weiterhin durch Festnahmen, Schnellprozesse und hinrichtungen sowie andere Formen der Einschüchterechtsfälle zu verzeichnen."
rung untermauert, die von einem umfassenden inneren Sicherheitsapparat durchgeführt werden..."
Kuba
"Die Regierung beschneidet alle grundlegenden Menschenrechte in gravierenderWeise, einschließlich der
Meinungs-, Koalitions-, Versammlungsfreiheit und der
Freizügigkeit sowie dem Recht auf den Schutz der
Privatsphäre, dem Recht der Bürger, ihre Regierung
abzuwählen und Rechten der Arbeitnehmer..."
"Die Regierung verhängt ferner außergewöhnlich harte Gefängnisstrafen gegen Aktivisten, die als eine
Bedrohung ihrer Kontrolle erachtet werden. Americas
Watch berichtete, daß 'die Menschenrechtssituation in
Kuba, wo bürgerliche und politische Rechte systematisch durch das Gesetz und in der Praxis verletzt
werden, 1992 noch durch Repressalien gegen Dissidenten, insbesondere Menschenrechtsbeobachter und
friedliche prodemokratische Aktivisten, verschärft
wurde.'"

"Der Iran ist weiterhin ein Hauptverletzer von Menschenrechten, und es gab keine Hinweise auf bedeutende Veränderungen im Jahr 1992. Angesichts der
von der Regierung zur Verschleierung ihrer Menschenrechtsverletzungen ergriffenen Maßnahmen ist
es jedoch schwierig, Einzelheiten und Zahlen dieser
Übergriffe präzise anzugeben. Elemente im Inland,
die die Praktiken der Regierung beobachten und darüber berichten könnten, werden brutal unterdrückt."
Irak
"Die abscheuliche Bilanz des irakischen Regimes bei
den Menschenrechten setzte sich 1992 ohne Verbesserung fort. Systematische Verletzungen der Menschenrechte dauerten in praktisch allen Kategorien
an.

"Es gab Massenhinrichtungen politischer Gegner,
weitverbreitete Anwendung von Folter, extreme Unter"Das Ende des Bürgerkrieges brachte eine allgemeine drückung ethnischer Gruppen, Verschleppungen,
Verbesserung der Menschenrechtssituation mit sich. Verweigerung ordentlicher Verfahren und willkürliche
Es gab 1992 keine bestätigten von Todesschwadro- Inhaftierungen. Meinungs- und Koalitionsfreiheit exinen begangenen Mordfälle. Menschenrechtsverlet- stieren nicht, und die Bürgerhaben nicht das Recht auf
zungen finden jedoch nach wie vor statt. Sowohl die Änderung ihrer Regierung."
FMLN (Nationale Befreiungsfront Farabundo Marti)
als auch die ESAF (Salvadorianische Streitkräfte) "Zu den 1992 verübten besonders flagranten Übergriffen gehörten militärische Operationen gegen schiitibegingen 1992 Menschenrechtsverletzungen."
sche Nichtkombattanten im Südirak, bei denen HunHaiti
derte und wahrscheinlich sogar Tausende von Unschuldigen, darunter Kinder, getötet wurden. Sowohl
"Haitianer waren im gesamten Jahr 1992 häufig Opfer im Norden als auch in Teilen des Südens hat das
von Menschenrechtsverletzungen, darunter von Si- Regime vollständige Embargos verhängt, die den
cherheitskräften begangene Tötungen ohne Gerichts- Grundbedarf an Nahrungsmitteln, Medikamenten und
verfahren, Verschleppungen, Prügel sowie andere Treibstoff betreffen."
Mißhandlungen von Internierten und Gefangenen,
willkürliche Festnahmen und Inhaftierungen sowie Israel und die besetzten Gebiete
Einmischung der Exekutive in Gerichtsverfahren.
Obwohl die schlimmsten dieser Übergriffe unter der "Trotz des Gesamtrückgangs der Gewalttaten in ZuRegierung Nerette-Honorat stattfanden, dauerten sie sammenhang mit der Intifada wurden 1992 von den
israelischen Streitkräften 62 Prozent mehr Palästinenunter der Regierung Bazin an."
ser getötet als 1991 (158 im Jahr 1992 gegenüber 98
"Die nach dem Putsch amtierende Regierung hat die im Jahr 1991). Die Vereinigten Staaten vertreten seit
Übergriffe von Elementen der Streitkräfte weder aus- langem die Haltung, daß mehrere israelische Praktidrücklich verurteilt oder ernsthaft den Versuch unter- ken wie etwa die Abschiebung von Gefangenen aus
nommen, diese einzudämmen, noch hat sie versucht, den besetzten Gebieten sowie die Zerstörung oder der
das Militär daran zu hindern, jegliche organisierte Verkauf von Häusern als Form der kollektiven BestraUnterstützung für Aristide nach dem Putsch von 1991 fung einschlägigen Bestimmungen der Vierten Genfer
Konvention zuwiderlaufen."
im Keim zu ersticken..."
El Salvador

"Am Jahresende hielten die weitverbreiteten Übergriffe an, und es gab keine Hinweise darauf, daß das
Militär zu einer Einstellung dieser Praktiken bereit oder
die zivile Regierung in der Lage war, das Militär unter
Kontrolle zu bringen."
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"Im Lauf des Jahres gab es weiterhin Fälle israelischer
Mißhandlungen von Palästinensern bei der Verhaftung und Befragung, Verbot von Reisen und Freizügigkeit, Beschränkungen der Familienzusammenführung,
administrative Internierungen, Zerstörung von Häu-

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�sern sowie diskriminierende Praktiken bei der Nutzung teln und strafrechtlich zu verfolgen sowie Gewalt gegen
von Land und Ressourcen sowie im Handel..."
Frauen (darunter Vergewaltigungen und das Verprügeln von Ehefrauen)."
"Von Palästinensern an anderen Palästinensern wegen angeblicher Kollaboration mit den israelischen Peru
Behörden und aus anderen Gründen verübte Morde
dauerten ebenfalls an. Im Westjordanland ging die "Hauptursache von Menschenrechtsverletzungen in
Zahl dieser Tötungen im Vergleich zu 1991 zurück, Peru waren weiterhin die terroristischen Aktivitäten
während sie insgesamt aufgrund des großen Ausma- des "Leuchtenden Pfads" sowie in geringerem Umfang
ßes der Gewalt zwischen verschiedenen Gruppen im die Exzesse der Sicherheitskräfte."
Gazastreifen anstieg..."
Philippinen
"In der Menschenrechtsbilanz gab es in den besetzten "Von der Regierung wie auch nichtstaatlichen MenTerritorien 1992 einige Verbesserungen. Im August schenrechtsgruppen vorgelegte Informationen zeiggab die Regierung Pläne zur Freilassung von 800 ten einen wesentlichen Rückgang einzelner Verletzunpalästinensischen Gefangenen bekannt und hob die gen und Übergriffe im Jahr 1992, womit sich der
Versiegelung und Barrikaden an einigen Häusern und rückläufige Trend der vergangenen Jahre fortsetzte.
Straßen auf. Die Zerstörung von Häusern zur Bestra- Die Verbesserung beruht teilweise auf der sinkenden
fung von Vergehen gegen die Sicherheit sowie die Zahl militärischer Zusammenstöße."
administrative Internierung hielt an, wurde jedoch weniger
häufig angewandt als 1991. Die Regierung verhängte "Die Regierung und Menschenrechtsgruppen unterweniger Ausgangssperren."
nahmen gemeinsame Anstrengungen, um die Sicherheitskräfte im Hinblick auf grundlegende MenschenMosambik
rechte und Verhaltensregeln zu schulen..."
"Die Menschenrechtsverletzungen dauerten 1992 an, "Zu den größten Menschenrechtsverletzungen, die
wobei die schwerwiegendsten aus dem anhaltenden von Regierungstruppen gegen Einzelpersonen beganBürgerkrieg resultierten. Zahlreiche Berichte handel- gen wurden, zählten Tötungen ohne Gerichtsurteil,
ten von Morden an Zivilisten, Entführungen, Folterund Verschleppung, willkürliche Festnahmen, Folter sowie
Plünderungen. Obwohl die RENAMO (Nationale Belästigungen verdächtigter Rebellen und deren
Widerstandsbewegung Mosambiks) für viele dieser Anhänger."
Greueltaten verantwortlich war, machten sich auch
Regierungstruppen schwerwiegender Übergriffe schul- Rußland
dig. Sowohl die RENAMO als auch - in geringerem
Umfang - Elemente in der Regierung behinderten um "Die russischen Behörden setzten weiterhin die in den
politischer und militärischer Vorteile willen die interna- letzten Jahren errungenen Fortschritte bei den Mentionalen humanitären Hilfsbemühungen oder versuch- schenrechten um, auch wenn sich die Bedingungen im
politischen und wirtschaftlichen Bereich im Fluß befanten, diese zu manipulieren..."
den..."
"Bei einigen Aspekten hat sich die Menschenrechtsbilanz des Landes jedoch verbessert. Mit dem Start "Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Koalitionseines neuen, privaten Nachrichtenblattes wurde die und Religionsfreiheit wurden im allgemeinen gewahrt.
Pressefreiheit erweitert... Der neuen Arbeitsgesetz- Beschränkungen der Reisefreiheit blieben jedoch vor
gebung zufolge wurden mehrere Gewerkschaften dem vollen Inkrafttreten des 1991 verabschiedeten
Gesetzes über Aus- und Einreise am 1. Januar 1993
registriert und erklärten ihre Unabhängigkeit..."
bestehen."
"Obwohl ihnen finanzielle Mittel fehlten und sie auf
angebliche Behinderungen durch die Regierung ver- "In anderen Bereichen blieb der Schutz der Menschenwiesen, hielten neu entstehende politische Parteien rechte jedoch uneinheitlich. Der immer noch vom
Kongresse ab, gaben Presseverlautbarungen heraus kommunistischen Erbe bei Personal und Praktiken
geprägte Justizapparat ist trotz der Gesetze zur Förund warben Mitglieder."
derung seiner Unabhängigkeit immer noch nicht völlig
Nicaragua
unabhängig oder dazu ermächtigt, als Garant der
Menschenrechte zu handeln."
"Zu den wichtigsten fortdauernden Menschenrechtsproblemen gehörten 1992 Tötungen ohne Gerichts- "Zu den weiteren Menschenrechtsproblemen gehörverfahren, Mißhandlungen von Gefangenen und an- ten harte Bedingungen in den Gefängnissen, inoffizieldere Übergriffe der Sicherheitskräfte, Gewalttaten le Diskriminierung von Juden, die Ausübung von Druck
paramilitärischer Banden in ländlichen Gebieten... das auf unabhängige Gewerkschaften sowie die anhaltenanhaltende Versäumnis der Regierung, die Verant- de Anwendung des Systems der Aufenthaltserlaubnis,
wortlichen für Menschenrechtsverletzungen zu ermit- das die Freizügigkeit einschränkte."

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�Serbien

schüchterungsversuchen. Das von Milosevic dominierte serbische Parlament verabschiedete Gesetze
zur Einschränkung der Versammlungsfreiheit und der
Autonomie der Universitäten. Presse- und Meinungsfreiheit werden gesetzlich garantiert, aber in der Praxis
nicht respektiert."

"Unter der Kontrolle von Präsident Milosevic hat die
serbische Polizei die Menschenrechte in der serbischen Provinz Kosovo umfassend, brutal und systematisch verletzt und damit das Muster schwerer
Menschenrechtsverletzungen und systematischer
Repression der mehrheitlich albanischen Bevölkerung Südafrika
des Kosovo fortgesetzt. Die serbischen Behörden
bewahrten die völlige Kontrolle über alle Aspekte des "Obwohl die Regierung die wichtigsten gesetzlichen
politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Säulen der Apartheid aufgehoben hat, bleibt die Mehrheit
der Südafrikaner entrechtet. Nichtweiße Südafrikaner
Lebens..."
sind weiterhin de facto von Diskriminierung betroffen,
von
Beschränkungen des Rechts auf ordentliche
"Ermutigt vom Regime Milosevic benutzten serbische
Gerichtsverfahren
sowie Entbehrungen, die auf seit
Nationalisten und paramilitärische Gruppen DrohunGenerationen
bestehender
sozialer, wirtschaftlicher
gen und Gewalt, um Minderheiten einzuschüchtern und
anderer
gesetzlich
erzwungener
Ungleichheit
Muslime im Sandschak, Kroaten und Ungarn in der
beruhen."
Wojwodina sowie ethnische Albaner im Kosovo -, was
zum Verschwinden und Tod von Personen führte."
"Positive Entwicklungen im Bereich der Arbeitnehmer"Führenden serbischen und montenegrinischen de- rechte hielten 1992 an, aber es wurden wenig - wenn
mokratischen Oppositionellen wurde regelmäßig der überhaupt - Bemühungen unternommen, umdie rechtfaire Zugang zu den staatlich kontrollierten Massen- liche und gesellschaftliche Diskriminierung von Frauen
medien verweigert, und sie waren Opfer von Ein- zu beheben."
* * * * *

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�THURGOOD

MARSHALL
27. Januar 1993

THURGOOD MARSHALL: PIONIER FÜR DIE
BÜRGERRECHTE
Zum Tod des ersten schwarzen Richters am Obersten Bundesgericht

WASHINGTON - (AD) - Amerikas erster Richter am
Obersten Bundesgericht schwarzer Hautfarbe, der am
24. Januar 1993 verstorbene Thurgood Marshall, war
von den vierziger bis zu den sechziger Jahren eine
überragende Figur der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Der 84jährige Marshall war im Juni 1991 beim Obersten Gerichtshof ausgeschieden. Der äußerst würdevolle Mann war auch wegen seines Sinns für Humor
bekannt - sowie besonders für seine Ungeduld angesichts des andauernden Kampfes der Schwarzen für
Gleichberechtigung in der amerikanischen Gesellschaft.

In seiner 20jährigen Tätigkeit als Rechtsanwalt der
Nationalen Vereinigung für die Förderung von Farbigen (National Association for the Advancement of
Colored People - NAACP) trug Marshall jedoch in
besonderem Maße zur Konzipierung einer Strategie
bei, die die Gerichte dazu benutzte, den schwarzen
Davor hatte er als Bürgerrechtsanwalt eine entschei- Amerikanern die vollen Bürgerrechte zu sichern dende Rolle bei der Änderung von Gesetzen gespielt, Rechte, die das politische System aus eigenem Andie die Trennung von Schwarzen und Weißen in Amerka trieb nicht zu gewähren in der Lage gewesen war. Die
verankerten. Von 32 Bürgerrechtsprozessen, die er Nation als Ganzes tendierte in jener Zeit zur Ausdehvor dem höchsten Gerichtshof des Landes führte, nung der Bürgerrechte auf die Schwarzen, und viele
verlor er nur drei.
führende Politiker, darunter Martin Luther King und
Präsident John F. Kennedy, halfen, den Weg hierfürzu
Präsident Clinton bezeichnete Marshall als "einen ebnen. Trotzdem leistete Marshall einen entscheidenGiganten beim Streben nach Menschenrechten und den Beitrag zur Beseitigung der Rassentrennung.
Chancengleichheit". Er fügte hinzu, "jeder Amerikaner
sollte für die Beiträge dankbar sein, die er als Rechts- Marshall errang seinen größten Triumph im Jahr 1954,
anwalt und Richter geleistet hat".
als das Oberste Bundesgericht in seinem historischen
Urteil im Fall Brown gegen die Schulbehörde entEs "gibt keinen lebenden Amerikaner, dessen Leben
schied, daß die Rassentrennung an den öffentlichen
nicht von dem sechzig Jahre währenden Kampf dieses
Schulen der Vereinigten Staaten verfassungswidrig
Mannes für ein Amerika berührt wurde, in dem sowohl
sei und damit dem System der "getrennten, aber
der kleine Mann als auch der Mächtige denselben
gleichen" Schulen ein Ende bereitete. Marshall hatte
Zugang zur Gerechtigkeit haben", schrieb der Kolumdie Strategie entwickelt, die den Fall vor das Gericht
nist und Marshall-Biograph Carl Rowan. Vielederrund
brachte, und sein Plädoyer führte zum Erfolg.
8.000 in ein Amt gewählten Schwarzen verdankten
ihre Chancen teilweise Marshalls Bemühungen, er- Als Jurastudent an der Howard University in der Bunklärte er. "Er war einfach eine überragende Figur."
deshauptstadt Washington begegnete Marshall in den
frühen dreißiger Jahren dem Vizedekan Charles Hamilton
Marshall war ursprünglich dafür vorgesehen, verganHouston, der sein Jurastudium in Harvard absolviert
gene Woche Vizepräsident Gore den Amtseid abzuhatte und die Studenten ermutigte, die Gerichte als
nehmen. Sein schlechter Gesundheitszustand hinderInstrument des sozialen Wandels zu betrachten. 'Charlie
te ihn jedoch daran, und vier Tage später starb er im
Houston drängte uns, soziale Ingenieure anstatt ledigMarinekrankenhaus (National Naval Medical Center)
lich Rechtsanwälte zu werden", erklärte Marshall später
von Bethesda an Herzversagen.
einmal.
In seinen 24 Dienstjahren beim Obersten Bundesgericht (1967-91) trug Marshall kontinuierlich dazu bei,
die Nation zur Gewährung weiterer Bürgerrechte für
Frauen sowie Schwarze und andere Minderheiten zu
drängen.

AMERIKA DIENST 4

Seite 1

�;
Die Bundesstaaten und die Bundesregierung waren zu
dieser Zeit nicht bereit, den Schwarzen per Gesetz
mehr Rechte einzuräumen; sie fürchteten das Gewicht der Gewohnheiten und Traditionen der Mehrheit,
die strenge Trennung zwischen Schwarzen und Weißen in der Nachbarschaft, den Schulen und am Arbeitsplatz forderte. In den fünfziger Jahren verminderten jedoch der allgemeine Wohlstand und die verbesserte Bildung und Ausbildung die Ressentiments der
Weißen gegen den Fortschritt der Schwarzen. Marshall - und die anderem führenden Persönlichkeiten
schwarzer und weißer Hautfarbe seines Zeitalters nutzten diese politische Öffnung, um die Gerichte zu
veranlassen, Institutionen von Staat und Bildungswesen durch Anordnungen zur Aufhebung der Rassentrennung auf allen Gebieten des Lebens in Amerika zu
zwingen.

Rechtsvertreters dieser Organisation bei, Ende 1939
rief er deren Rechtsschutz- und Ausbildungsfonds ins
Leben, dem er bis 1961 vorstand. Dabei war er
unermüdlich für die Verbesserung der Rechte von
Minderheiten tätig. 1961 berief Präsident Kennedy ihn
in das Bundesberufungsgericht von Manhattan, 1965
wurde er von Präsident Lyndon Johnson zum Vertreter
der Bundesregierung beim Obersten Bundesgericht
und 1967 als Nachfolger des in den Ruhestand eingetretenen Richters Tom Clark in den Obersten Gerichtshof berufen.

Als er dem Gericht angehörte, bemerkte Marshall
ironischerweise, daß seine eigene Handlungsfreiheit
eingeschränkter war als während seiner Tätigkeit als
Anwalt. Seine eigenen Ansichten waren auf dem
linken Flügel dieser allgemein als liberal bis gemäßigt
geltenden Institution anzusiedeln. Marshall lenkte die
Houston und Marshall halfen auf der Grundlage der Aufmerksamkeit des Gerichts auf Bürgerrechtsfragen,
NAACP zunächst bei der Durchsetzung der Aufhe- indem er oftmals von der Meinung der Mehrheit abweibung der Rassentrennung in Universitäten und Berufs- chende Ansichten vertrat. Er war nicht nur in Bürgerrechtsfragen abweichender Meinung, sondern auch
schulen, danach in allen öffentlichen Schulen.
im Hinblick auf die Todesstrafe, die er unter allen
Jack Greenberg, ein auf Bürgerrechtsfragen speziali- Umständen für verfassungswidrig hielt. Ein solcher
sierter Jurist, erinnert sich daran, wie Marshall an der juristischer Ansatz verhalf ihm zu dem Namen "der
Umwandlung Amerikas "von einer Apartheidsgesell- große Dissident" unter Kommentatoren der Vorgänge
schaft zu einer Gesellschaft, in der Schwarze zwar beim Gericht.
noch unter Zwängen leiden, aber trotzdem eine gleiche Chance haben", teilhatte.
Zweifellos konnte Marshall mit Zufriedenheit auf die im
Laufe seines Lebens von Schwarzen und anderen
Marshall wurde 1908 in Baltimore (Maryland) geboren. Minderheiten in Amerika erzielten sozialen und wirtSeine Mutter war Lehrerin, sein Vater Kellner. Er schaftlichen Fortschritte zurückblicken. Er erlebte
wurde nach seinem Großvater benannt, der den Namen jedoch auch die durch die Aufhebung der Rassentren"Thorough Good" (vollkommen gut) wählte, als er nung in den Schulen hervorgerufenen sozialen Schwiewährend des amerikanischen Bürgerkrieges der Unions- rigkeiten, beispielsweise den umstrittenen zwangsarmee beitrat. Marshall verwendete diesen Namen in weisen Bustransfer von Schülern zwischen den Schulverkürzter Form. Später erzählte er, er und seine bezirken zur Sicherung eines rassischen GleichgeKlassenkameraden hätten in der Schule Teile der wichts in den örtlichen Schulen sowie eine Tendenz
amerikanischen Verfassung auswendig lernen müs- zur tatsächlichen erneuten Rassentrennung in den
sen, "wenn sie sich nicht gut benahmen". Mittels Schulen, da die Weißen und aufstrebende Schwarze
dieser 'Bestrafung" habe er "die Verfassung Absatz für aus den Innenstädten flohen und ihre ärmeren LandsAbsatz studiert" und so seine Berufung gefunden: Er leute sowie verfallene Stadtviertel zurückließen.
verteidigte die Menschen in Amerika, die ihre in der
Verfassung niedergelegten Rechte noch nicht wahr- Trotzdem schuf sein Werk und das anderer Männer
nehmen konnten.
seines Zeitalters eine Nation, die in den Bereichen
Ausbildung, Arbeit und öffentliches Leben vollkommen
Marshall legte als Jahrgangsbester 1933 an der juristi- gewandelt war, und Marshall blieb zeit seines Lebens
schen Fakultät der Howard University sein Examen ein unbeirrbar liberal denkender Mensch.
ab. 1936 trat erder NAACP als Berater des nationalen
* *

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* *

AMERIKA DIENST 4

�GESELLSCHAFT
27. Januar 1993

GEDANKEN ZU DEN RASSENBEZIEHUNGEN
IN DEN VEREINIGTEN STAATEN
von Marc Leepson
In dem nachfolgenden Beitrag stellt der Autor ein breites Spektrum von Gedanken zu den Rassenbeziehungen
und Rassenfragen in den Vereinigten Staaten von heute vor.
Der Verfasser lebt als freiberuflicher Schriftsteller in der Bundeshauptstadt Washington. Als ehemaliger
langjähriger Mitarbeiter der Editorial Research Reports der Zeitschrift Congressional Quarterly und
Kolumnist des Magazins American Polit ics hat er umfassend über gesellschaftliche Themen in den Vereinigten
Staaten geschrieben, darunter eine Serie von jährlichen Artikeln über Sozialhilfe für Encyclopedia Americana
Yearbook.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind
eine der ethnisch und rassisch vielfältigsten Gesellschaften der Welt. Millionen von Einwanderern aus
aller Welt haben sich seit der Landung der ersten
englischen Kolonisten in Virginia im frühen 17. Jahrhundert in diesem Land niedergelassen. Die meisten
neuen Amerikaner kamen aus Europa und suchten
religiöse Freiheit und wirtschaftliche Chancen. Eine
erhebliche Zahl von Einwanderern aus Asien und
Mittelamerika ist ebenfalls in die Vereinigten Staaten
gekommen, viele davon in den vergangenen 25 Jahren
und hauptsächlich, um politischen oder wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu entgehen.

machten zu wählen, sowie aus anderen Gesetzen, die
Rassentrennung im Bildungswesen, bei der Arbeit
sowie der Benutzung öffentlicher Einrichtungen wie
etwa Toiletten, Bussen, Restaurants und Hotels verankerten. Afroamerikaner unterlagen jedoch auch in
den Bundesstaaten im Norden und Westen ungeschriebenen aber ebenso strengen Gesetzen der
Rassentrennung und Diskriminierung.

Erst Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zu landesweiten Fortschritten bei der Rassenintegration in der
amerikanischen Gesellschaft. Die ersten bedeutenden nationalen Bemühungen zur Förderung von Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt wurden im Juni
Die Vorfahren einer großen Gruppe von Amerikanern 1941 verwirklicht, als Präsident Franklin D. Roosevelt
kamen jedoch nicht aus eigenem freien Willen. Briti- eine Verfügung erließ, mit der eine landesweite Politik
sche Kolonisten begannen im Jahr 1619 afrikanische "nichtdiskriminierender Beschäftigung und Ausbildung"
Sklaven nach Nordamerika zu importieren. Die Skla- in allen Regierungsbehörden sowie in Privatunternehven - die meisten von ihnen in Westafrika gefangenge- men eingeführt wurde, die Aufträge der Bundesregienommen - wurden nahezu ausschließlich in den Süd- rung erhielten. Präsident Harry S. Truman hob im Jahr
staaten eingesetzt, um auf Plantagen Tabak, Zucker 1948 die Rassentrennung in den Streitkräften auf.
und Baumwolle anzupflanzen. 1865, am Ende des Hauptsächlich aufgrund dieser Maßnahmen stellen
Bürgerkriegs, gab es in den Vereinigten Staaten über die amerikanischen Streitkräfte und der öffentliche
Dienst des Bundes heute die im Hinblick auf Integravier Millionen Sklaven.
tion und Gleichberechtigung fortschrittlichsten BeschäfIn diesem Jahr sowie in den Jahren 1868 und 1870 tigungsbereiche für Afroamerikaner dar.
verabschiedeten die Vereinigten Staaten Zusätze zu
ihrer Verfassung, in denen die Sklaverei verboten und Die Bürgerrechtsbewegung der fünfziger und
den Freigelassenen die vollen Bürgerrechte gewährt sechziger Jahre
wurden. Die Afroamerikaner waren jedoch weiterhin
schwerwiegenden Diskriminierungen ausgesetzt. Dies In seinem epochalen Urteil im Fall Brown gegen die
ergab sich weitgehend aus Gesetzen in den Südstaa- Schulbehörde von Topeka (Kansas) hat das Oberten, die es Afroamerikanern schwierig oder unmöglich ste Bundesgericht der Vereinigten Staaten 1954 die
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�Rassentrennung in allen öffentlichen Bildungseinrichtungen formal für verfassungswidrig erklärt. Die Entscheidung des höchsten Gerichtshofes wurde nach
jahrelangem Drängen führender Vertreter der Nationalen Vereinigung für die Förderung von Farbigen
(National Association forthe Advancement of Colored
People - NAACP), der größten und ältesten (gegründet 1909) amerikanischen Bürgerrechtsorganisation
gefällt.

nern, als sie 'Niemals' und sonstige (die Rassen herabwürdigende) Worte riefen."

Die Bürgerrechtsbewegung war darüber hinaus entscheidend für die praktische Beendigung der von
Powledge so bezeichneten "Ära des Terrors, die das
weiße Amerika gegen das schwarze Amerika verhängt
hatte". Paul Delaney, ein leitender Redakteur bei der
New York Times, war in seiner Jugend in Montgomery
(Alabama) Zeuge jenes Terrors geworden. "Auch
Die weitreichende Entscheidung in diesem Fall ebnete heute noch erinnere ich mich lebhaft an die täglichen
der Bürgerrechtsbewegung den Weg, die in den spä- Belästigungen Schwarzer durch Weiße, die entschlosten fünfziger Jahren begann. Unter dem Einfluß der sen waren, uns 'an unserem Platz' zu halten", erklärte
von Pfarrer Martin Luther King Jr. angeführten massi- Delaney kürzlich. "Und ich erinnere mich an die
ven gewaltlosen Proteste begannen rechtliche Schran- zahllosen sinnlosen, von Polizisten begangenen Töken gegen Integration und Gleichberechtigung zu fal- tungen, die im Süden jener Zeit an der Tagesordnung
len. Der größte Erfolg der Bewegung war die Verab- waren. Ich erinnere mich an die Tötung von Jack
schiedung des historischen Bürgerrechtsgesetzes von Stringer, eines geistig behinderten 12jährigen Jungen,
1964 - eines weitreichenden nationalen Gesetzes- durch zwei weiße Polizisten in Montgomery. Ich habe
werks, das zuerst von Präsident John F. Kennedy mit eigenen Augen gesehen, wie der Onkel meines
vorgeschlagen und von seinem Nachfolger, Präsident besten Freundes von einem weißen MotorradpoliziLyndon B. Johnson, durch den Kongreß gebracht sten geschlagen wurde, nachdem dieser ihn wegen
einer angeblichen Verkehrsübertretung angehalten hatte.
wurde.
Dieser Vorfall blieb in meinem Gedächtnis haften, weil
Das Bürgerrechtsgesetz von 1964 untersagte Diskri- ich diesen Onkel, einen höflichen Gentleman, zutiefst
minierung aufgrund von Rasse, Religion, Geschlecht respektierte, der Versicherungsvertreter und einer der
oder nationaler Herkunft am Arbeitsplatz, in öffentli- mit Ausnahme von Lehrern wenigen schwarzen Akachen Unterkünften sowie bei allen Programmen oder demiker in Montgomery war."
Maßnahmen, die mit Bundesmitteln finanziert werden.
Letztere Bestimmung versagte die Vergabe von Bun- Dem Professor für amerikanische Zivilisation und Politik
desmitteln an alle Bundesstaaten und Gemeinden, die an der Brandeis University in Massachusetts, Lawrenihre öffentlichen Schulen nicht integrierten. Im folgen- ce H. Fuchs, zufolge hat die Bürgerrechtsbewegung
den Jahr verabschiedete der Kongreß das Wahlrechts- darüber hinaus die amerikanische Gesellschaft im
gesetz von 1965, dem Präsident Johnson durch seine allgemeinen dazu veranlaßt, sich zum ersten Mal ihren
Unterschrift Gesetzeskraft verlieh. Damit wurde ein Rassenproblemen zu stellen. Die amerikanische
direkt von der Bundesregierung durchgeführtes Pro- Gesellschaft habe ein "unglaubliches Bewußtsein" für
gramm in die Wege geleitet, das schwarzen Amerika- Rassenhaß und Vorurteile "als nationales Problem"
nern die Registrierung und Teilnahme an Wahlen entwickelt, erklärte Fuchs, der Autor von The Ameriermöglichte.
can Kaleidoscope: Race, Ethnicity, and the Civic
Culture (1990) kürzlich. "Zum Beispiel gibt es in jeder
Die Bürgerrechtsbewegung und die landesweit gülti- mittelgroßen Stadt der Vereinigten Staaten einen
gen Bürgerrechtsgesetze der sechziger Jahre haben Bürgerrechtsrat, dem Mittel zur Bewältigung von Vorin den Vereinigten Staaten grundlegende Veränderun- urteilen zur Verfügung stehen." Laut Fuchs ist dies ein
gen in den Rassenbeziehungen herbeigeführt. Zu den Beweis für die "Beschäftigung mit Gleichberechtigung
positivsten gehörte die nahezu vollständige Beseiti- aller Bürger" in der amerikanischen Gesellschaft.
gung von offenem Rassismus in den meisten Sektoren
der amerikanischen Gesellschaft. "Eines der nützlich- In den vergangenen 27 Jahren hat das Wahlrechtsgesten, wenn nicht unterhaltsamsten, Ergebnisse der setz Hunderttausenden von Afroamerikanern das
(Bürgerrechts-)Bewegung war es, die Veränderungen Wahlrecht gesichert. Es hat ferner zur Wahl von
zu beobachten, die sie bei gewährten Politikern auslö- Tausenden schwarzer Vertreter in Klein- und Großste", erklärte Fred Powledge, ein Autor, der viel über städten, Kreisen und Bundesstaaten sowie in den
Bürgerrechte geschrieben hat. "Praktisch (und in Kongreß der Vereinigten Staaten beigetragen. Dem in
einigen Fällen tatsächlich) über Nacht begannen in der Bundeshauptstadt Washington ansässigen Joint
zeitlichem Einklang mit der Verabschiedung des Center for Political and Economic Studies zufolge gibt
Wahlrechtsgesetzes Politiker, die ihre Ämter durch es heute etwa 8.000 Schwarze, die Wahlämter innehadas Predigen von Rassenhaß behalten hatten ... zu ben.
proklamieren, daß der Süden ein viel zu geschäftiger
Ort sei, um weiterhin den alten Methoden zu frönen. Zu diesen gehören ein Gouverneur, nämlich L. DouHeute haben diese Politiker ihre Meinung bis zu einem glas Wilder aus Virginia (dem Bundesstaat, in den als
Punkt gewandelt, daß sie sich kaum der Zeiten erin- ersten afrikanische Sklaven eingeführt wurden), 314

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�Bürgermeister, 448 Abgeordnete in Parlamenten der Zeit gab mir ein großes Maß an Optimismus, ziemlich
Bundesstaaten sowie 39 Mrtglieder des US-Repräsen- viel aggressive Energie, ein Gefühl, daß ich etwas
tantenhauses. Damit ist die Vorhersage von David erreichen konnte und den Wunsch, einen Beitrag zu
Bositis, einem Mitarbeiter des Joint Center, eingetre- leisten."
ten: "Aufgrund der (nach der Neueinteilung) 1992
entstandenen 12 neuen Wahlkreise mit schwarzer Ein weiteres unmittelbares Ergebnis der BürgerrechtsBevölkerungsmehrheit erwarten wir, daß es nach den bewegung war die umfassende Einführung und AusWahlen (im November) 35-40 schwarze Kongreßab- breitung afroamerikanischer Studien an amerikanischen Colleges. Vor 1970 existierten solche Seminare
geordnete geben wird."
praktisch nicht. Heute gibt es an amerikanischen
Zu den anderen weitreichenden Folgen des Bürger- Colleges und Universitäten über 200 afroamerikanirechtsgesetzes von 1964 - darin sind sich die meisten sche Studienprogramme, einschließlich eines neu
Beobachter einig - gehören die erheblichen Fortschrit- belebten an der Harvard University, das von Henry
te, die von zahlreichen Afroamerikanern beim Aufstieg Louis Gates Jr., dem prominenten schwarzen Literaauf der wirtschaftlichen Leiter gemacht wurden. Ent- turkritiker und Literaturprofessor geleitet wird.
gegen dem häufig von den Massenmedien gezeichneten Bild gehört eine solide Mehrheit der 30 Millionen "Aufgrund der nationalen Vorrangstellung von Harvard
Afroamerikaner zu den produktiven Mitgliedern der verleiht das, was dort geschieht, afroamerikanischen
großen amerikanischen Mittelschicht, und eine be- Studien auch andernorts intellektuelle Legitimität", meint
trächtliche Zahl schwarzer Amerikaner hat wirtschaft- Cornel West, der das afroamerikanische Studienprolichen Erfolg und den damit einhergehenden gesell- gramm der Princeton University leitet. "Was in Harschaftlichen Status erreicht. So zeigen Erhebungen vard geschieht, macht es schwieriger, afroamerikanides amerikanischen Statistischen Bundesamtes aus sche Studien abzuwerten."
dem Jahr 1989 zum Beispiel, daß doppelt so viele
Anhaltende wirtschaftliche Ungleichheit
schwarze Familien 50.000 Dollar oder mehr verdienten als zehn Jahre zuvor.
Trotz der vielen von der Bürgerrechtsbewegung in den
vergangenen dreißig Jahren erzielten Fortschritte
Im New Yorker Stadtbezirk Queens mit seinen etwa bestehen in den Vereinigten Staaten auch heute noch
zwei Millionen Einwohnern ergab der Zensus von viele ernste Rassenprobleme. Obwohl die schwarze
1990, daß das mittlere Jahreseinkommen - der statisti- Mittelschicht erheblich gewachsen ist, hat sich in den
sche Punkt, an dem eine Hälfte der Gruppe mehr und vergangenen Jahren die wirtschaftliche Kluft zwischen
die andere weniger verdient - schwarzer und weißer Schwarzen und Weißen vergrößert. In den achtziger
Familien nahezu gleich war. Bei Weißen lag diese Zahl Jahren und bis in die neunziger Jahre hinein lebten
bei 34.600 Dollar, bei Schwarzen erreichte sie 34.500 rund ein Drittel aller Afroamerikaner und etwa 45 bis 50
Dollar. Damit ist Queens der größte amerikanische Prozent der schwarzen Kinder unterhalb der ArmutsVerwaltungsbezirk, in dem die Einkommen von Schwar- grenze, die 1991 für eine vierköpfige Familie bei einem
zen und Weißen statistisch gleichauf liegen. Ein Gesamtjahreseinkommen von 13.000 Dollar lag. Im
Jahrzehnt zuvor lag das mittlere Jahreseinkommen Vergleich betrug die nationale Armutsquote für Hispaschwarzer Familien noch 9,5 Prozent unter dem der nier 28 Prozent und etwa 11 Prozent für Weiße. Ein
weißen Haushalte.
kürzlich vom Statistischen Bundesamt veröffentlichter
"Die schwarze Bevölkerung von Queens - zumeist Bericht ergab, daß die Nettovermögenswerte der mittStaatsbedienstete oder Menschen, die in den Genuß leren schwarzen Familie - rund 4.170 Dollar - 10mal
von Gleichstellungsmaßnahmen kommen - hatte 1980 niedriger lagen als die Vermögenswerte des mittleren
und noch mehr 1990 Erfolg, und das ist der Weg, nach weißen Haushalts.
dem das System funktionieren soll", erklärt Frank
Vardy, ein Demograph in New York.
Eine weitere positive Konsequenz der Bürgerrechtsbewegung waren ihre persönlichen Auswirkungen auf
zahlreiche Amerikaner - schwarze und weiße. "Mit
meiner Generation geschah etwas einzigartiges, insbesondere mit denjenigen, die im Süden waren oder
den Integrationsprozeß mitmachten", erklärt Thulani
Davis, Dichterin, Journalistin, Opernlibrettistin und
Autorin des sehr positiv aufgenommenen Romans
1959, der sich mit den Folgen der Integration in einer
Kleinstadt Virginias beschäftigt.

Der jüngste Jahresbericht mit dem Titel "Der Zustand
des schwarzen Amerika", der im Januar 1992 von der
National Urban League, einer landesweit tätigen afroamerikanischen Bürgerrechtsorganisation veröffentlicht wurde, enthielt Statistiken, die belegten, daß
Schwarze bei allen ökonomischen Wohlstandsindikatoren hinter den Weißen zurücklagen. Afroamerikaner
"befanden sich in der Rezession, bevor sich diese
Rezession überhaupt auswirkte", konstatierte der
Präsident der Urban League, John Jacob, bei der
Vorstellung des Berichts, "und heute stecken wir in
einer tiefen Wirtschaftsdepression."

Davis zufolge hat ihre Generation "eine ganz andere Zahlreiche Afroamerikaner, die in den größten Städten
Lebenseinstellung, weil wir sahen, daß eine soziale des Landes wie Atlanta, Chicago, Detroit, Los AngeBewegung funktionierte. Das Heranwachsen in dieser les, Miami, New York, Philadelphia, St. Louis und
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�Washington leben, sind immer härteren wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ausgesetzt. Hohe
Quoten bei Arbeitslosigkeit, Drogenmißbrauch, Gewaltverbrechen und Haushalten mit nur einem Elternteil sowie der Verfall der Infrastruktur haben die dicht
besiedelten Innenstädte heimgesucht.

den letzten 30 Jahren drastisch abgenommen", so
James Q. Wilson, Professor für Verwaltung und öffentliche Politik an der University of California in Los
Angeles. "Dies wird von jeder wissenschaftlichen
Meinungsumfrage und, was noch wichtiger ist, vom
Verhalten der Menschen bestätigt. Vor dreißig Jahren
war es nahezu unvorstellbar, daß es überall im Süden
Sich verschlechternde soziale und wirtschaftliche schwarze Abgeordnete, schwarze Richter, schwarze
Bedingungen unter Schwarzen in den Großstädten Polizisten, schwarze Polizeichefs gibt. Dies ist heute
des Landes sind "eines der wichtigsten gesellschaftli- im Süden ebenso normal wie in den ganzen Vereinigchen Probleme des ausgehenden 20. Jahrhunderts", ten Staaten. Es gibt in den Großstädten mehr nach
erklärt William Julius Williams, Soziologieprofessor an Rassen getrennte Wohngebiete wie vor 30 Jahren.
der University of Chicago und Verfasser des einf lu ßrei- Die Ursachen hierfür sind ein wichtiges Diskussionschen, 1987 veröffentlichten Buches The Truly Disad- thema, aber ich bin nicht der Meinung, daß schlichter
vantaged. Es wird "immer schwieriger", so Williams, Rassismus dazugehört. Am Arbeitsplatz, in politi"ein gesundes Umfeld in diesen großen, zentralen schen Unternehmen, in Wirtschaft und GewerkschafStädten zu haben, wenn eine erhebliche Bevölke- ten ist die Integration jedoch wesentlich weiter fortgerungsschicht gesellschaftlich isoliert ist".
schritten als vor den sechziger Jahren."
"Nie zuvor haben so viele arme Schwarze in solcher
Armut so eng zusammengelebt", äußert Alan Wolfe,
Professor für Soziologie und Politologie an der New
School for Social Research in New York. "Die Armut
der Schwarzen in den Städten hat soziale Bedingungen geschaffen, die in diametralem Gegensatz zu dem
Versprechen einer humanen und sicheren Sozialordnung stehen." Welche "Fortschritte die Schwarzen der
Mittelschicht auch gemacht haben mögen", fügt Wolfe
hinzu, "die Lage der in Armut lebenden städtischen
Schwarzen hat sich in den vergangenen 25 Jahren bis
zu einem Punkt verschlechtert, an dem sie alle anderen im gleichen Zeitraum erzielten Fortschritte in den
Rassenbeziehungen bedroht".
Der Anglistikprofessor Shelby Steele von der San Jose
State University, der viel über dieses Problem geschrieben hat, beschrieb die Innenstädte des Landes
als Orte, die von "enorm großem Mangel" überwältigt
werden. Familien werden Steele zufolge 'Verwüstet.
Eltern werden ihren Kindern entrissen, und wir ziehen
unsere Kinder in der Gewißheit auf, daß die Hälfte von
ihnen im Gefängnis sitzen oder tot sein werden, bevor
sie ihr 21. Lebensjahr vollenden."

Andere Beobachter erklären, Fragen von Rasse und
Rassismus bildeten gemeinsam mit Veränderungen in
der amerikanischen Wirtschaft die Ursache der Probleme, mit denen die amerikanischen Innenstädte
konfrontiert sind. "Was in den vergangenen 20 Jahren
hauptsächlich geschah, war die massenhafte Abwanderung weißer Amerikaner aus den amerikanischen
Großstädten, in denen eine großenteils aus Minderheiten und Einwanderern zusammengesetzte arme
und vom Steueraufkommen her schwache Bevölkerung zurückblieb, und in denen die Beschäftigungsmöglichkeiten für Arbeiter gleichzeitig ausgedünnt
wurden", so der Journalist und Verfasser des Buches
Parting the Waters: America in the King Years,
Taylor Branch.

Meinungsumfragen deuten stark darauf hin, daß
Schwarze und Weiße in den Vereinigten Staaten diametral entgegengesetzte Meinungen über das Ausmaß des Rassismus vertreten. Im allgemeinen ergeben diese Umfragen, daß vergleichweise wenig Wei ße
der Ansicht sind, weißer Rassismus gegen Schwarze
sei weit verbreitet oder stark, während große Mehrheiten bei den Schwarzen das Gegenteil für richtig halten.
Eine zu Beginn des Jahres 1992 von der Washington
Die jüngsten Gewalttaten in Los Angeles und anderen
Post veranstaltete Umfrage ergab zum Beispiel, daß
amerikanischen Städten, die nach dem Freispruch von
71 Prozent der Schwarzen meinten, Afroamerikaner
vier weißen Polizisten vom Vorwurf der Mißhandlung
würden nicht so rasch wie möglich gleichgestellt, weil
eines Schwarzen im Mai 1992 ausgebrochen waren,
die Weißen ihnen den Erfolg nicht gönnten. Nur 35
richteten die Aufmerksamkeit erneut auf die LebensProzent der Weißen hielten dies für richtig.
bedingungen der Afroamerikaner in den größten Städten des Landes. Einige sind der Ansicht, die Wurzel Weiße und Schwarze in den Vereinigten Staaten "haben
des Problems sei der anhaltende und rücksichtslose zwei verschiedene ethnische Sprachen entwickelt,
Rassismus der Weißen. "Von der Sklaverei bis heute und zentraler Bestandteil dieser Unterschiede in der
hat die Nation ihre Türen niemals weit genug geöffnet, Sprache sind die verschiedenen Definitionen des
um schwarzen Amerikanern eine Chance zu geben, Rassismus", erklärt der Soziologe Robert Blauner von
vollwertige Mitbürger zu werden", schrieb der Politolo- der University of California in Berkeley. "In diesen
ge Andrew Hacker vom Queens College in seinem beiden verschiedenen ethnischen Sprachen betrachunlängst veröffentlichten Buch Two Nations: Black tet die schwarze Rasse und Rassismus als absolut
and White, Separate, Hostile and Unequal.
zentralen Bestandteil der amerikanischen Kultur und
der Organisationsform der Gesellschaft, während Weiße
Andere teilen diese Ansicht nicht. "Nach allen Ma ßstä... Rasse und Rassismus nicht für zentral halten."
ben hat der Rassismus in den Vereinigten Staaten in
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�Andere stimmen dieser Beurteilung zu, erklären aber
auch, daß die meisten Amerikaner - Schwarze und
Weiße - Ansichten vertreten, die näher beieinander
liegen als sie sich bewußt sind. "Man hört viele
Schwarze schreien, daß der Rassismus an allen Ecken

und Enden zu spüren sei, und man hört viele Weiße
schreien 'Ich bin kein Rassist! Ich hege keine Animositäten gegen Schwarze'", meint Shelby Steele. "Nun,
die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte."

* * * * *

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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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3. Februar 1993
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° 5300 ^ 0 0 °

US-MILITÄR

CLINTON MÖCHTE AUSSCHLUSS VON
HOMOSEXUELLEN AUS DEM MILITÄR
AUFHEBEN
Erklärung des Präsidenten
DIE POLITIK GEGENÜBER
HOMOSEXUELLEN IM MILITÄR
Übersicht des Weißen Hauses

AFROAMERIKANER

CLINTON WÜRDIGT LEISTUNGEN
DER AFROAMERIKANER
Botschaft des Präsidenten

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN
STAATEN: GEMEINSAM VOR NEUEN
HERAUSFORDERUNGEN
Rede von Botschafter Kimmitt

USA-EG

USA WERDEN SICH
BEI DISKRIMINIERUNGEN DER EG
AUF TITEL VII BERUFEN
Übersicht des US-Handelsbeauftragten

WIRTSCHAFT

HEY MISTER TALLYMAN...
von Botschafter Cresencio Arcos

MENSCHENRECHTE

WEITERE EINZELHEITEN ÜBER
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM
EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Fünfter US-Bericht für Vereinte Nationen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

bitte wenden
Postfach 20 03 00
Tel.: 0228 - 339 2372
D 5300 Bonn 2
Telex: 8-85432

�KONGRESS

ERZIEHUNGSURLAUB, FRAUENFRAGEN
UND DIE REFORM DER KONGRESSARBEIT
Bericht über die Arbeit
des Kongresses

FRAUEN

DIE NEUNZIGER JAHRE - JAHRZEHNT
DER FRAU IN DER AMERIKANISCHEN
POLITIK?
von Michele St. George

�US-MILITAR
3. Februar 1993

CLINTON MÖCHTE AUSSCHLUSS VON HOMOSEXUELLEN AUS DEM MILITÄR AUFHEBEN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat den Verteidigungsminister zur Vorlage eines Entwurfs für einen
Präsidialerlaß bis zum 15. Juli 1993 aufgefordert, um die amerikanische Praxis "des Ausschlusses aus dem
Militärdienst einzig und allein aufgrund einer sexuellen Veranlagung" zu beenden.
Bei einer Pressekonferenz am 29. Janaur 1993 stellte der Präsident fest, der Entwurf für einen Präsidialerlaß
würde "äußerst strenge Normen für das sexuelle Verhalten festlegen, die auf alle Angehörigen des Militärs
Anwendung finden".
Clinton zufolge haben die Vereinigten Stabschefs für die Interimsperiode zugestimmt, die Frage der sexuellen
Veranlagung in Zukunft von den Formularen für die Dienstverpflichtung beim Militär zu streichen, und das
Justizministerium wird anhängige Gerichtsverfahren bezüglich der Wiederaufnahme in das Militär in der
Zwischenzeit aussetzen.
"Es geht nicht darum, ob es im Militär Homosexuelle geben sollte. Jeder räumt ein, daß es welche gibt", erklärte
Clinton. "Die Frage lautet, ob man Männer und Frauen, die wirklich hervorragend dienen können und gedient
haben, einzig und allein aufgrund ihrer Veranlagung aus dem Militärdienst ausschließen soll. Meines Erachtens
sollte man dies nicht tun."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung des Präsidenten bei der Pressekonferenz.
sollten, es sei denn, ihr Verhalten disqualifiziert sie.
Das militärische Leben unterscheidet sich grundlegend von derzivilen Gesellschaft und hat zwangsläufig
einen anderen und sehr viel strengeren Verhaltenskodex, sogar ein eigenes Militärstrafgesetzbuch. DenWie Sie wissen, bin ich heute zumindest mit den noch sollten Personen, die sich bereit erklären, alle
Senatoren Nunn und Mitchell übereingekommen, wie erforderlichen Einschränkungen ihres Verhaltens zu
wir in den nächsten Tagen vorgehen werden. Zu- akzeptieren - von denen viele von einer zivilen Gesellnächst möchte ich jedoch erläutern, worum es meines schaft nicht toleriert würden - ihrem Land ehrenhaft
Erachtens bei dieser Frage geht, und mein weiteres und gut dienen können.
Vorgehen nach einer langen und fruchtbaren Diskussion mit den Vereinigten Stabschefs und mehreren Ich habe den Verteidigungsminister nach umfassenden Konsultationen mit Angehörigen des Militärs und
Kongreßabgeordneten darlegen.
des Kongresses sowie betroffenen NichtregierungsEs geht nicht darum, ob es im Militär Homosexuelle mitgliedem um die Vorlage eines Entwurfs für einen
geben sollte. Jeder räumt ein, daß es welche gibt. Die Präsidialerlaß bis zum 15. Juli 1993 gebeten, der die
Frage lautet, ob man Männer und Frauen, die wirklich derzeitige Praxis des Ausschlusses aus dem Militärhervorragend dienen können und gedient haben, ein- dienst einzig und allein aufgrund einer sexuellen Verzig und allein aufgrund ihrer Veranlagung aus dem anlagung beenden und gleichzeitig äußerst strenge
Militärdienst ausschließen soll. Meines Erachtens Normen für das sexuelle Verhalten festlegen (soll), die
sollte man dies nicht tun.
auf alle Angehörigen des Militärs Anwendung finden.

Meine Damen und Herren, die Debatte über die Beendigung des Ausschlusses von Homosexuellen aus
dem Militär hat in den vergangenen Tagen gelinde
gesagt sehr viel Interesse geweckt.

Meine Position gründet sich auf folgendes Prinzip: Ich
bin der Überzeugung, daß amerikanische Staatsbürger, die ihrem Land dienen wollen, dies auch können
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Dieser Entwurf des Präsidialerlasses wird von einer
Studie begleitet, die in den nächsten sechs Monaten

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�über die wirklichen, praktischen Probleme durchgeführt wird, die durch diese neue Praxis verursacht
würden, damit wir einen praktischen, realistischen
Ansatz im Einklang mit den hohen Normen der Schlagkraft und des Zusammenhalts der Einheit haben, die
unsere Streitkräfte beibehalten müssen.

Dies sind die Vereinbarungen, die ich mit den Senatoren Nunn und Mitchell getroffen habe.

Während der Überprüfungsphase werde ich mit dem
Kongreß zusammenarbeiten. Meines Erachtens wird
der heute von den Senatoren und mir angekündigte
Kompromiß unter Beweis stellen, daß wir bei der
Ich stimme mit den Vereinigten Stabschefs überein, Beendigung der Pattsituation zusammenarbeiten
daß die höchsten Verhaltensnormen gefordert werden können, von der unsere Stadt zu lange betroffen war.
müssen. Der Wandel kann und sollte nicht über Nacht
stattfinden. Er erfordert umfassende Konsultationen Dieser Kompromiß ist nicht der Beste, den ich erhofft
mit den Vereinigten Stabschefs, Juristen, Experten im hatte, oder das Beste, für das ich eingetreten bin, aber
er ist offenkundig ein beachtlicher Schritt in die richtige
Kongreß und meiner Administration sowie anderen.
Richtung. Und er wird uns Fortschritte bei anderen
Wir haben bis heute eingehende Konsultationen ge- außerordentlich wichtigen Problemen gestatten, die
führt und werden dies auch in Zukunft tun. Während weit mehr Amerikaner betreffen.
dieses Prozesses werden Interimsmaßnahmen angewandt, die wiederum - so hoffe ich - den Brennpunkt Meine Administration ist mit dem Auftrag in diese Stadt
dieser Debatte beleuchten. Die Vereinigten Stabs- gekommen, die entscheidenden Themen Reform,
chefs haben zugestimmt, die Frage bezüglich der Erneuerung und wirtschaftliche Wiederbelebung in die
sexuellen Veranlagung in Zukunft von den Bewer- öffentliche Debatte einzubringen - Themen, die für das
bungsformularen für den Dienst beim Militär zu strei- Leben aller Amerikaner von zentraler Bedeutung sind.
chen, und sie wird auch in der Zwischenzeit nicht Wir arbeiten an einem Programm für Wirtschaftsreformen, das mit einer Ansprache vor der gemeinsamen
gestellt.
Sitzung des Kongresses am 17. Februar beginnt. In
Wir stimmen ferner alle überein, daß sehr hohe Verhal- den kommenden Monaten wird die Arbeitsgruppe des
tensnormen angwandt werden können und müssen. Weißen Hauses für das Gesundheitswesen unter dem
Die einzigen Meinungsverschiedenheiten bestehen Vorsitz der First Lady die Arbeit an einem umfassenalso in folgendem Bereich: Sollte jemand seinem Land den Gesundheitsreformvorschlag beenden, der dem
in Uniform dienen können, wenn er zugibt, homose- Kongreß binnen 100 Tagen nach Amtsantritt dieser
xuell zu sein, jedoch nichts tut, was den Verhaltensko- Administration vorgelegt wird.
dex verletzt oder den Zusammenhalt oder die Moral
der Einheit abgesehen von dieser Aussage untergräbt. Wir werden ein System des nationalen Dienstes entwerfen, mit dem die unbewältigten Belange unseres
Um das hat sich der Furor der vergangenen Tage Landes durch einen einjährigen Dienst an der Allgeentzündet. Und die durch diese Frage aufgeworfenen meinheit in Angriff genommen werden, und wir werden
praktischen, nicht unerheblichen Probleme sind es, die mehr jungen Menschen die Möglichkeit zu einem
in den nächsten sechs Monaten geprüft werden.
College-Besuch bieten. Wir werden umfassende
Gesetze zur Reform des Sozialwesens und andere
In der Zeit bis zum 15. Juni 1993 wird das Justizmini- wichtige Initiativen unterbreiten.
sterium anhängige Gerichtsverfahren bezüglich der
Wiederaufnahme in das Militär aussetzen. Und recht- Ich weiß die Arbeit zu schätzen, die in den vergangemäßige Entlassungen gemäß der derzeitigen Praxis nen zwei, drei Tagen von Senator Nunn, Senator
des Verteidigungsministeriums ausschließlich aufgrund Mitchell und anderen geleistet wurde, damit wir bei
der Veranlagung werden bis zum Abschluß dieser einer Frage Fortschritte erzielen konnten, die für mich
Überprüfung aufgeschoben. Die endgültige Entlas- von Bedeutung ist, ohne die Regierung handlungsunsung ausschließlich aufgrund der Veranlagung wird fähig zu machen und das Risiko einzugehen, die
aufgehoben, bis der Präsident die Gelegenheit zur Themen Familien- und Krankenurlaub auszuklammern,
Überprüfung hat und anhand der endgültigen Empfeh- die für die amerikanischen Familien so wichtig sind,
lungen des Verteidigungsministers im Hinblick auf die bevor der Kongreß sich vertagt.
derzeitige Praxis handeln kann.
Ich hoffe, diese und andere Themen in den kommenIn der Zwischenzeit wird ein Angehöriger des Militärs, den sechs Monaten voranbringen zu können, denen
dessen Entlassung vom Justizminister aufgehoben im Wahlkampf zentrale Bedeutung zukam und - was
wurde, vom aktiven Dienst suspendiert und bis zum noch wichtiger ist - die für das Leben aller Amerikaner
endgültigen Bericht des Verteidigungsministers und so entscheidend sind.
der endgültigen Entscheidung des Präsidenten in
Reservebereitschaft versetzt.
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�US-MILITAR
3. Februar 1993

DIE POLITIK GEGENÜBER HOMOSEXUELLEN IM MILITÄR
Übersicht des Weißen Hauses
Am 29. Januar 1993 veröffentlichte das Weiße Haus die nachfolgende Übersicht zur Politik des Verteidigungsministeriums gegenüber Homosexuellen im Militär.
Im Zusammenhang mit homosexuellem Verhalten stehende Fälle werden im Einklang mit der
jetzigen Politik durch Entlassung gelöst.

Der Präsident hat den Verteidigungsminister beauftragt, eine Überprüfung der jetzigen Praxis des Verteidigungsministeriums durchzuführen, die Homosexuelle vom Militärdienst ausschließt, und auf der Grundlage dieser Überprüfung bis zum 15. Juli 1993 den
Entwurf eines Präsidialerlasses vorzubereiten.

Wenn ein Fall lediglich den Status als Homosexueller betrifft und die betreffende Person eine
Entlassung beantragt, wird sie vom aktiven Dienst
befreit.

Die derzeitige Personalpolitik des Verteidigungsministeriums zu dieser Frage wird mindestens bis zum 15.
Juli 1993 in Kraft bleiben, während das Verteidigungsministerium die vom Präsidenten angeordnete Überprüfung nach folgenden Richtlinien durchführen wird:

Zweitens: Das US-Verteidigungsministerium beantragt die Vertagung anhängiger Fälle im Zusammenhang mit ehemaligen Angehörigen der Streitkräfte, die
aufgrund ihrer Homosexualität entlassen wurden und
ihre Wiederaufnahme in das Militär anstreben. Diese
Fälle würden bis zum Abschluß der vom Präsidenten
angeordneten Untersuchung vertagt.

Fälle, bei denen eine tatsächlich vorliegende
Homosexualität von dem Betreffenden abgestritten wird, werden auf allen Ebenen verfolgt,
von der Mitteilung über den Entlassungsgrund,
einer Anhörung vor dem Off iziersausschuß, der
Überprüfung der Empfehlungen dieses Ausschusses durch die Entlassungsbehörde und
den Maßnahmen der Entlassungsbehörde bis
zurtatsächlichen Entlassung des Betreffenden.
Auf Anweisung des Justizministers kann die
endgültige Entlassung in den lediglich den Status als Homosexueller betreffenden Fällen aufgehoben werden, bis der Präsident auf Empfehlung des Verteidigungsministers im Hinblick auf
die jetzige Politik Maßnahmen ergreift. Ein
Mitglied des Militärs, dessen Entlassung vom
Justizminister aufgehoben wurde, wird vom aktiven Dienst suspendiert und in Reservebereitschaft versetzt. Die dieser Reserve Angehörigen haben auf Antrag die Möglichkeit, in den
aktiven Dienst zurückzukehren, falls sich die
jetzige Politik ändert. Diejenigen, deren Fälle
nicht ausgesetzt wurden, werden entlassen.

Drittens: Kommandeure werden ihnen vorliegende
Fälle weiterhin gemäß den Präzendenzfällen und aktuellen Vorschriften in bezug auf Homosexualität
behandeln.

Kommandeure dürfen im Interesse eines einzelnen in der Einheit während der Entlassungsvorgänge Änderungen im Bereich der Personalverwendung anordnen.

Erstens: Im Zusammenhang mit der sexuellen Veranlagung stehende Fragen werden in Zukunft von den
Dienstantrittsformularen gestrichen und auch in der
Zwischenzeit nicht gestellt. Die Einführungsgespräche über die Militärgerichtsbarkeit, die alle Rekruten
gemäß Artikel 137 des einheitlichen Militärstrafgesetzbuches bei ihrem Eintritt in den Militärdienst und regelmäßig danach erhalten müssen, werden eine detaillierte Erklärung der anzuwendenden Gesetze und
Regeln enthalten, die das Sexualverhalten von Angehörigen der Streitkräfte betreffen.

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�AFROAMERIKANER
3. Februar 1993

CLINTON WÜRDIGT LEISTUNGEN
DER AFROAMERIKANER
Botschaft des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - In einer Botschaft aus Anlaß des im Februar begangenen Nationalen Monats für
Afroamerikanische Geschichte (National African-American History Month) hat Präsident Clinton erklärt, "wir
kommen dem Tag näher, an dem wir ein neues Heim für Amerika errichtet haben, ein Heim, in dem alle
Amerikaner einen Platz am Tisch haben werden".
Mit dem Hinweis, daß im Jahr 1993 "mehr Afroamerikaner im Kabinett des Präsidenten vertreten sind als jemals
zuvor in der Geschichte unseres Landes" forderte Clinton alle Amerikaner auf, Geschichte und Leistungen der
Afroamerikaner neu zu entdecken, zu feiern und zu würdigen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Botschaft des Präsidenten im Wortlaut.

Das empfindliche Dokument wurde fünf Tage lang
neben den Originalen der Freiheitsurkunden - der
Unabhängigkeitserklärung, der Verfassung der Vereinigten Staaten und der Bill of Rights - in unserer
Ich freue mich feststellen zu können, daß 1993 mehr Bundeshauptstadt ausgestellt. Die Ausstellung erinAfroamerikaner im Kabinett des Präsidenten vertreten nerte Amerika daran, wie einem bestimmten Teil unserer
sind als jemals zuvor in der Geschichte unseres Lan- Bevölkerung einst die Freiheit verweigert worden war.
des. Wir kommen dem Tag näher, an dem wir ein Die vielfältige Herkunft der Menschen, die dort jeden
neues Heim für Amerika errichtet haben, ein Heim, in Tag Schlange standen, zeigte jedoch, wie die Gedem alle Amerikaner einen Platz am Tisch haben schichte der Afroamerikaner uns alle berührt.
werden.
Das Echo der Öffentlichkeit war überwältigend. MenWenn wir die Vergangenheit verstehen, wird uns bewußt, schen aus allen Schichten kamen mit ihren Kindern
wie weit wir gekommen sind und wie weit wir noch oder Freunden aus allen Winkeln unseres Landes, um
gehen müssen. Vergangenen Monat hat unser Natio- selbst die Schriftstücke zu sehen, die für Millionen den
nalarchiv zum ersten Mal seit vielen Jahren die Eman- Unterschied zwischen Sklaverei und Freiheit bedeutezipationsproklamation öffentlich ausgestellt. Dieses ten. Jeden Abend mußte das Nationalarchiv die
am 1. Januar 1863 von Präsident Abraham Lincoln Öffnungszeiten verlängern, um Menschen einzulasunterzeichnete Dokument bedeutete für Millionen von sen, die bereits nahezu drei Stunden angestanden
Afroamerikanern den Beginn eines Lebens in Freiheit. hatten. Die Bemühungen der wenigen Bürger, die
diese Ausstellung ins Leben gerufen hatten, machten
Über mehrere Monate hinweg hatten einzelne Bürger für Tausende die Geschichte der Freiheit in Amerika
und Gruppen vergangenes Jahr an das Nationalarchiv lebendig.
geschrieben, um anzufragen, ob das historische Dokument zu Ehren dieses Jahrestages über Neujahr Ich lade alle Amerikaner dazu ein, diese und andere
ausgestellt würde. Nach gründlicher Erwägung be- historische Vorgänge wiederzuentdecken, wenn unschloß das Nationalarchiv, eine Ausstellung zu veran- ser Land den National African-American History Month
stalten.
begeht.
Im Rahmen des National African-American History
Month wiederentdecken, feiern und würdigen wir
Geschichte und Leistungen der Afroamerikaner.

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�D E U T S C H L A N D - USA
3. Februar 1993

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN STAATEN:
GEMEINSAM VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede von Botschafter Kimmitt in Leipzig
LEIPZIG - (AD) - Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus wird die
persönliche und kulturelle Dimension der transatlantischen Beziehungen eine zunehmend wichtige Rolle in der
Welt nach dem Kalten Krieg spielen, erklärte der amerikanische Botschafter, Robert M. Kimmitt, am 27. Januar
1993 in einer Rede an der Universität Leipzig. Die Vereinigten Staaten engagierten sich dafür, "sehr konkret"
mit Deutschland zusammenzuarbeiten, um "unsere gemeinsamen Ziele zu verwirklichen" und die persönlichen
Kontakte zwischen Deutschen und Amerikanern zu vertiefen, besonders durch schulische und akademische
Austauschprogramme.
Mit dem Hinweis auf die Gründung der ersten Abteilung für Amerikanistik in Deutschland an der Universität
Leipzig vor über 100 Jahren sowie deren Tradition ausgezeichneter Leistungen bei Amerikanistikstudien gab der
Botschafter die Einrichtung eines jährlich verliehenen Preises für das Studium der englischen Sprache bestehend aus einer Sammlung von Büchern prominenter amerikanischer Autoren - bekannt, um das Studium
der englischen Sprache und der Vereinigten Staaten an der Universität zu fördern.
Auf dem Weg nach Leipzig hatte der Botschafter zuvor das Leipziger Arzneimittelwerk besucht, das im Juli 1992
von der American Home Products Corporation aus New York übernommen wurde. Dieses Unternehmen ist dem
Botschafter zufolge eine von 180 amerikanischen Firmen, die in den neuen Bundesländern tätig sind und dort
insgesamt nahezu DM 5 Milliarden investiert sowie fast 40.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten haben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt an der Universität Leipzig im Wortlaut.
Zahlreiche führende Wissenschaftler, Musiker und
Denker studierten und unterrichteten hier in Leipzig.
liebe Studentinnen und Studenten,
Der Mathematiker Leibniz, der renommierte Jurist
Thomasius, der berühmte Arzt Wilhelm Wundt, der
liebe Freunde der Universität Leipzig,
Physiker Werner Heisenberg, Goethe, Schumann und
Wagner
- Sie alle sind Bestandteil der reichen Gemeine sehr verehrten Damen und Herren,
schichte dieser Institution. Nicht weniger als sechs
ich freue mich über die Gelegenheit, heute zu Ihnen in Mitarbeiter des Amerikanischen Generalkonsulats und
dieserwichtigen Institution sprechen zu können. Es ist des Amerika Hauses in Leipzig sind Absolventen der
mir eine besondere Freude, unter den Zuhörern viele Universität Leipzig und setzen die von dem renomStudenten zu sehen, denn viel von dem, was ich sagen mierten amerikanischen Literaturdozenten Dr. Ewald
werde, richtet sich an Sie.
Flügel, Enkel des dritten Konsuls der Vereinigten Staaten
in Leipzig, eingeführte Tradition fort.
Die Universität Leipzig wurde ganze 83 Jahre vor
Christoph Kolumbus' Aufbruch zu seiner historischen Ich möchte hier auch die Arbeit der Abteilung AmerikaReise gegründet - eine Tatsache, die für viele Ameri- nistik der Universität würdigen. Sie haben die vor über
kaner schwierig zu begreifen ist. Wenn man sich 100 Jahren in die Wege geleitete Tradition ausgeLeipzigs Rolle als 'Treffpunkt Europas", Marktplatz für zeichneter Leistungen bei Amerikanistikstudien beakademischen Austausch und Heimat der ältesten wahrt. Als erste deutsche Universität, die eine AbteiHandelsmesse der Welt vor Augen hält, dann sollte es lung Amerikanistik gründete, hat Leipzig Beziehungen
auch nicht überraschen, daß die Errichtung einer aufgenommen, die sich mit zahlreichen schwierigen
Universität in dieser wichtigen Stadt ganz natürlich Herausforderungen konfrontiert sahen und überlebt
erschien.
haben.
Magnifizenz,

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�Die deutsch-amerikanischen Beziehungen erstrecken
sich über drei Jahrhunderte. Seit das erste Schiff mit
deutschen Emigranten im Jahre 1683 aus Krefeld an
unseren Küsten landete, ist uns in Amerika die deutsche Erfahrung zugute gekommen. Unsere Kultur,
unsere Sprache und selbst unsere Identität tragen
unauslöschlich den Stempel unserer engen Beziehungen zu Deutschland. Ganze 25 Prozent der amerikanischen Bevölkerung sind deutscher Abstammung, ich
selbst eingeschlossen, da meine Vorfahren mütterlicherseits Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Gebiet
um Lippe und Detmold nach Amerika kamen.

Verbündeten und ehemaligen Gegner. Im gesamten
Verlauf der zweiten Nachkriegszeit unterstützte Amerika spürbar und rückhaltlos die Vereinigung Deutschlands. Von der Ost- bis zur Westküste freuten sich die
Amerikaner am 3. Oktober 1990 mit den Deutschen,
als die politische Einheit endlich erzielt war. Nur sehen
in der Geschichte hat eine Idee in solcher Weise
gesiegt - die Idee der Demokratie und der Freiheit des
einzelnen.

Ich möchte meine Ausführungen heute auf nur 30
Minuten beschränken, um Ihnen genügend Zeit für
Ragen zu lassen. Angesichts der Erfahrung meines
Vorgängers tue ich das jedoch mit gewissen Vorbehalten. Botschafter Walters hielt einmal eine 40minütige
Rede, nach der der Gastgeber der versammelten
Zuhörerschaft sagte, er freue sich über die "Anmerkungen" des Botschafters und hoffe, Botschafter Walters
werde wiederkommen, wenn er Zeit habe, eine "richtige" Rede zu halten.

Wenn wir heute die Lage in Europa betrachten, werden
wir von der Realität ernüchtert, daß ein Zeitalter ewigen Friedens noch nicht in Sicht ist. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat in der Tat eine Konfrontation zwischen den Supermächten zwar weniger
wahrscheinlich gemacht, aber auch zur Öffnung einer
Büchse der Pandora beigetragen, die Nationalismus,
Betonung ethnischer Zugehörigkeit und Separatismus
enthält. Das grausame Blutvergießen, das jetzt auf
dem Balkan stattfindet, läßt die Gefahr eines sich
ausbreitenden Chaos sehr real erscheinen. Es muß
unser gemeinsames Ziel sein, dieses Jahrhundert
nicht so zu beenden, wie es begonnen hat, nämlich mit
einer Reihe von Balkankriegen, die unnötigerweise
Unschuldige das Leben kosten und die Sicherheit aller
bedrohen.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des
Kalten Krieges sind wir in die dritte Nachkriegszeit
dieses Jahrhunderts eingetreten. Diese dritte NachHeute nachmittag möchte ich die deutsch-amerikani- kriegszeit ist von ebenso entscheidender Bedeutung
schen Beziehungen seit der in der Heldenstadt Leipzig wie die ersten beiden: Wiederum müssen wir die
hervorgebrachten Wende erörtern und auch auf das richtigen Entscheidungen treffen, wenn wir die GrundPhänomen zu sprechen kommen, mit dem sich die lagen für eine friedliche Zukunft legen wollen. Wir
Gesellschaft in unseren beiden Ländern befassen müssen sowohl aus den tragischen Fehlschlägen der
muß: Immigration und die Akzeptanz von Minderhei- Vergangenheit als auch aus unseren großen Erfolgen
ten. Zum Schluß meiner Ausführungen werde ich lernen.
dann noch kurz auf Präsident Clintons neue AdminiSicherheit
stration eingehen.

Die drei Nachkriegszeiten dieses Jahrhunderts
Das zwanzigste Jahrhundert war geprägt durch zwei
auf europäischem Boden stattfindende verheerende
Kriege und den langen Kalten Krieg, in dem Europa
ebenfalls in hohem Maße das Hauptschlachtfeld war.
Jedem dieser Kriege folgte eine kurze, aber äußerst
wichtige Nachkriegszeit, die Gelegenheit zu neuem
Denken und zu Veränderungen gab.
Der erste Weltkrieg zog zum erstenmal in der Geschichte der Vereinigten Staaten amerikanische Armeen in eine in Europa stattfindende Schlacht hinein.
Zum Nachteil von Europäern und Amerikanern gleichermaßen begingen die Vereinigten Staaten am Ende
dieses verheerenden Krieges einen entscheidenden
Fehler, indem sie zu einer engstirnigen Kirchturmpolitik zurückkehrten, anstatt eine Führungsrolle zu übernehmen, die nach dem Krieg so verzweifelt benötigt
wurde. Die folgenden Ereignisse erwiesen sich als
katastrophal - eine weltweite Wirtschaftskrise und ein
zweiter Weltkrieg folgten.
Am Ende dieses Zweiten Weltkrieges trafen klügere,
vorausschauende Entscheidungsträger die richtige
Entscheidung - die Vereinigten Staaten blieben in
Europa und beteiligten sich am Wiederaufbau der
zerstörten Volkswirtschaften und Gesellschaften ihrer

Die Vereinigten Staaten werden eine Politik des aktiven Engagements bei der Bewahrung der Sicherheit
Europas weiterverfolgen. Wir unterstützen die Bestrebungen der Europäer, eine gestärkte europäische
Sicherheitsidentität zu entwickeln, die auf dem grundlegenden und bewährten Garanten der Sicherheit
Europas aufbaut und ihn stärkt: der Organisation des
Nordatlantikvertrags oder NATO. Die NATO wurde als
ein flexibles Forum für die Erarbeitung einer Sicherheitspolitik entwickelt und ermöglicht es den Europäern und Amerikanern daher, sich an eine Vielzahl
unbekannter, sogar unvorhersehbarer Bedrohungen
verschiedenen Ausmaßes anzupassen und darauf zu
reagieren. Unser Ziel ist ein stärkeres Europa und
eine stärkere NATO.
Wirtschaft
Politische und militärische Angelegenheiten wie die
künftige Rolle der NATO bleiben zwar weiterhin von
Bedeutung, ich bin jedoch der Überzeugung, daß die
wirklichen Wachstumsbereiche der Zukunft in den

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AMERIKA DIENST 5
•

�deutsch-amerikanischen Beziehungen Handel und Kultur von der persönlichen Dimension der deutsch-amerikasind. Diese Beziehungen würden darüber hinaus eine nischen Beziehungen profitieren können.
noch stärkere Zusammenarbeit in den Bereichen
Umwelt, Bildungswesen, Wissenschaft und Gesund- Das neue Gesicht Europas
heitswesen beinhalten.
An jenem historischen Tag, dem 9. November 1989,
Zwei der wichtigsten Bindeglieder zwischen den Ver- als die Berliner Mauer fiel, erkannten nur wenige, die
einigten Staaten und Deutschland sowie zu ganz Europa voller Freude Zeugen dieser Szenen wurden, das volle
sind die sich selbst verstärkenden Bande des Handels Ausmaß der bevorstehenden Aufgabe. Seit dem
und der Investitionen. Dieser Handel wurde großen- Untergang des Kommunismus haben die Länder Ostteils von einer der wichtigsten internationalen Organi- europas und der ehemaligen Sowjetunion versucht,
sationen unterstützt, dem Allgemeinen Zoll- und Han- ihre neuerworbene politische Freiheit zu konsolidieren
delsabkommen oder GATT. Seit seiner Gründung im und das Wachstum von Marktwirtschaften zu fördern.
Jahre 1947 sind die Zölle im Durchschnitt von ungefähr Diese überwältigende Aufgabe wurde durch die Abkühlung der Weltkonjunktur noch weiter erschwert.
40 auf 5 Prozent gesunken.
Von wenigen Ausnahmen abgesehen, war dieser
Von den im Laufe der Jahrzehnte sorgfältig geführten Übergang von Unruhen begleitet, als neugewählte
Verhandlungsrunden des GATT ist keine entscheiden- Regierungen versuchten, sich nicht nur mit den bankder gewesen als die aktuelle Uruguay-Runde. Ein rotten Volkswirtschaften zu befassen, sondern auch
erfolgreicher Abschluß der Runde könnte den für unsere mit den Bürgern, die sich den Pflichten stellen, die die
Volkswirtschaften notwendigen Wachstumsanreiz Freiheit mit sich bringt. Dieses Dilemma sowie die
darstellen. Wir schätzen, daß die Weltwirtschaft in den destruktiven und anscheinend unkontrollierten Kämpersten zehn Jahren nach Abschluß der Uruguay-Runde fe auf dem Balkan haben zu einer Völkerwanderung
um 5 Billionen Dollar, das heißt fast um die Größe des ungeheuren Ausmaßes von Ost- nach Westeuropa
Bruttosozialprodukts der Vereinigten Staaten, wach- geführt. Und Deutschland war das Ziel des Großteils
dieser Zuwanderer. Allein im Jahre 1992 kamen fast
sen wird.
eine halbe Million Asylsuchende nach Deutschland,
Kulturelle Bindungen
zusätzlich zu den 235.000 Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien. In der Tat nahm Deutschland
Die Übergangsphase in den deutsch-amerikanischen
1992 rund siebzig Prozent aller nach Europa kommenBeziehungen in der Zeit nach dem Kalten Krieg erforden Zuwanderer auf.
dert ein auf dem gemeinsamen Gefühl der Verpflichtung auf beiden Seiten des Atlantiks basierendes Opportunistische Extremisten haben diesen Zustrom
Verständnis. In diesem Zusammenhang ist eine äußerst von Ausländem und die wirtschaftliche Belastung
wichtige Dimension der transatlantischen Beziehun- Deutschlands als Ausrede benutzt, um Akte rassigen - die bei der Konzentration auf unsere dringende- stisch motivierter Gewalt zu begehen, die in Deutschren Anliegen leicht übersehen werden kann - die land und auf der ganzen Welt alte Ängste wieder
persönliche und kulturelle Dimension.
wachwerden ließen. Sie hier in den neuen BundeslänIm Jahre 1946 brachte Senator William Fulbright das dern sind besonderen Belastungen ausgesetzt, und
bedeutendste Gesetzeswerk im Bereich der interna- das sollten wir nicht bagatellisieren. Wir alle müssen
tionalen Kulturbeziehungen in der amerikanischen jedoch Gewaltanwendung und Rassismus jeglicher
Geschichte ein, ein internationales akademisches Art eindeutig zurückweisen, ungeachtet der Zwänge,
Austauschprogramm, das nach ihm benannt wurde. denen unsere Gesellschaften ausgesetzt sind.
Fulbright ging davon aus, daß junge Menschen, denen
fü r eine bestimmte Zeit ein Studium im Ausland ermöglicht würde, andere Nationen schlie ßlich nicht mehr nur
als abstrakte Gebilde betrachteten.

Wir dürfen die Auswirkungen der Gewattanwendung in
Deutschland zwar nicht herunterspielen, jedoch auch
nicht die Verpflichtung der Deutschen und ihrer Regierung zu Demokratie, Toleranz und Mitgefühl mit den
weniger Begünstigten unterschätzen. Die deutsche
Seit ich amerikanischer Botschafter in Deutschland
Regierung hat gehandelt, um gegen die Gewalttaten
geworden bin, ist mir bewußt geworden, daß unsere
vorzugehen, und Millionen deutscher Bürger haben
Beziehungen zunehmend auf den persönlichen Binmit ihren Demonstrationen für Frieden und Toleranz
dungen beruhen werden, die zwischen den Menschen
die Straßen wieder in Besitz genommen.
unserer beiden Länder geknüpft werden. Diese durch
akademische Austauschprogramme, Tourismus, Wenn ich Zeitungsartikel über rechtsradikale Gewalt
Konferenzen, wissenschaftliche Zusammenarbeit und lese oder im Fernsehen die Menschenmassen in ganz
künstlerische Veranstaltungen geschaffenen Bande Deutschland sehe, die in stillem Protest gegen auslänwerden eine noch wichtigere Dimension unserer künf- derfeindliche Gewalt Kerzen in den Händen halten, so
tigen Beziehungen sein. Und, wie Sie hier in der Buch- komme ich nicht umhin, mich der vielen ähnlichen
und Messestadt Leipzig nur allzugut wissen, sind diese Probleme zu erinnern, denen Amerika ausgesetzt war
Bemühungen wichtig fürdie Deutschen aller Altersstu- und mit denen es auch heute noch konfrontiert wird.
fen in den neuen Bundesländern, die erst jetzt wirklich
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�In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatten
wir im Anschluß an unseren blutigen Bürgerkrieg die
Teilung unseres Landes zu bewältigen. Später, in der
Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, war ein Viertel der zivilen Erwerbsbevölkerung
der Vereinigten Staaten - nahezu 13 Millionen Menschen - arbeitslos. Die massive Arbeitslosigkeit hatte
tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanischen
Arbeitnehmer und deren Familien, da sie das Vertrauen der Menschen in ihre eigenen Fähigkeiten zur
Sicherung eines sinnvollen Lebens für sich und ihre
Familien untergrub.

West versteht und glaubt, daß Toleranz ein unerläßliches Element einer modernen Demokratie ist. Es ist
insbesondere die Aufgabe der Studenten an der Universität Leipzig sowie an den anderen Universitäten
dieses großartigen Landes, dieses Verständnis und
Engagement in das nächste Jahrhundert zu tragen.
Die "schweigende Mehrheit" in der ehemaligen DDR
sprach - besonders hier in Leipzig - im Herbst 1989 mit
mutiger und historischer Klarheit und nahm dabei ihre
Zukunft in die eigenen Hände. Um diese Zukunft zu
sichern, müssen die Deutschen im Osten wie im
Westen heute ebenso klar und ebenso mutig sprechen
und damit deutlich machen, daß Sie über die Zukunft
Selbst nachdem wir die Große Depression überwun- Deutschlands entscheiden werden und Ihre Straßen
den hatten, erwiesen sich die Bemühungen der Verei- oder Ihr Leben nicht einer Handvoll Extremisten auf
nigten Staaten, für alle ihre Bürger - unabhängig von der Rechten oder Linken überlassen werden.
Hautfarbe oder ethnischer Abstammung - sowohl wirtschaftliche Chancen als auch wirkliche Gleichheit zu Das amerikanische Engagement für die neuen
gewährleisten, als langerund schwieriger Prozeß, der Bundesländer
auch heute noch anhält.
Das amerikanische Engagement in Deutschland geht
In den Streitkräften der Vereinigten Staaten herrschte weiter, als lediglich Sorge um unsere Freunde zum
bis nach dem Zweiten Weltkrieg Rassentrennung. Ausdruck zu bringen. Wir engagieren uns dafür, mit
Noch in den frühen fünfziger Jahren war die gegen Ihnen sehr konkret zusammenzuarbeiten, um unsere
schwarze Amerikaner gerichtete Rassentrennung in gemeinsamen Ziele zu verwirklichen.
17 amerikanischen Bundesstaaten gesetzlich verankert. Während die Mehrheit der Amerikaner nicht an Ein Bereich sehr detaillierter Hilfe ist der Bereich der
dieses System glaubte, klammerte sich der amerikani- inneren Sicherheit. Die Sicherheitsbehörden unserer
sche Süden mit einer heute kaum noch vorstellbaren beiden Länder tauschen Informationen und ErfahrunLeidenschaft an die Rassentrennung. Echter Wandel gen über die schwierige aber dennoch unerläßliche
war nur durch Gesetzesänderungen, energische Schritte Rolle der Polizei in offenen, demokratischen Gesellder Regierung und die aktive Unterstützung durch die schaften aus. Eine Gruppe von Experten unserer
"schweigende Mehrheit" Amerikas möglich. Wir dür- Botschaft in Bonn ist bereits nach Thüringen gereist,
fen jedoch nicht vergessen, daß dies nicht Herausfor- um dort mit Kollegen zusammenzutreffen, und sie
derungen und Leistungen einer neuen Demokratie, plant, in diesem neuen Jahr Sachsen zu besuchen.
sondern einer 180 Jahre alten Demokratie waren.
In einem weiteren wichtigen Bereich ist es eine meiner
Hauptprioritäten
als Botschafter, amerikanische InveIch möchte nicht behaupten, die Vereinigten Staaten
stitionen
in
diesem
Teil Deutschlands zu fördern, und
hätten diese Probleme gelöst oder die Vereinigten
ich
kann
mit
Stolz
sagen,
daß die Vereinigten Staaten
Staaten hätten ein Patentrezept, um die Probleme zu
der
zweitgrößte
ausländische
Investor in den neuen
lösen, vor denen Deutschland heute steht. Dies wäre
Bundesländern
sind.
Unseren
konservativen Berechanmaßend. Ich meine jedoch, daß solide Beziehunnungen
zufolge
sind
über
180
amerikanische
Firmen
gen - sei es zwischen Einzelpersonen oder Nationen im
Osten
aktiv.
Sie
haben
dort
insgesamt
nahezu
5
von einem Verständnis nicht nur für gemeinsame
Milliarden
D-Mark
investiert
und
fast
40.000
ArbeitsInteressen, sondern ebenso für gemeinsame Sorgen
plätze geschaffen oder erhalten. Kürzlich bekanntgegekennzeichnet werden.
gebene Projekte im Energiebereich werden mindeWie uns allen in Amerika allzu oft in Erinnerung gerufen stens 1,5 Milliarden D-Mark und Tausende von Arwird, können Gesetze allein weder Gleichheit garantie- beitsplätzen hinzufügen. In diesem Zusammenhang
ren, noch den Frieden zwischen sozialen Gruppen möchten wir besonders die Treu handanstalt hervorhesicherstellen. Das Schlüsselelement, das nicht per ben, die unseren Firmen Möglichkeiten in einem SekGesetz erzwungen werden kann, ist Toleranz. Die tor erschlossen hat, der ausländischen Investoren
renommierte amerikanische Humanistin Helen Keller lange versperrt war.
hat uns daran erinnert, daß "das höchste Resultat der
Erziehung Toleranz ist". Und wir müssen daran den- Auf meinem Weg nach Leipzig - bei meinem einundken, daß Toleranz - ebenso wie die Demokratie selbst zwanzigsten Besuch in den neuen Bundesländern in
- tagaus, tagein genährt und jeder neuen Generation den vergangenen 14 Monaten - habe ich heute das
Leipziger Arzneimittelwerk besucht, das früher zum
gelehrt werden muß.
Pharmazeutischen Kombinat Germed gehörte und im
Meine eigene Erfahrung hier deutet darauf hin, daß die Juli 1992 von der American Home Products Corporaüberwältigende Mehrheit der Deutschen in Ost und tion in New York übernommen wurde. Hier in Leipzig
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AMERIKA DIENST 5
•

�fuhr ich an Niederlassungen von Chrysler und IBM
vorbei. Diese beiden amerikanischen Firmen stellen
heute ebenso wie Coca-Cola, McDonalds, General
Motors/Opel, General Electric und Westinghouse
Arbeitsplätze für Bürger Leipzigs zur Verfügung. Durch
den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen in den
neuen Ländern tragen wir dazu bei, daß eine der
grundlegenden Ursachen von sozialer Gewalt - Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit, besonders bei
Jugendlichen - beseitigt wird.
Die Wohnungsknappheit ist ein weiterer unterschwelliger Grund der jüngsten sozialen Unruhen. Die Vereinigten Staaten haben große Erfahrung beim Bau von
hochwertigen, preiswerten Fertighäusern, die dazu
beitragen könnten, sowohl kurzfristigen als auch langfristigen Wohnungsbedarf zu decken. Fertighäuser
werden zur Zeit auf dem deutschen Markt erprobt, und
ich kann mit Befriedigung feststellen, daß im vergangenen Monat die erste Lieferung vorgefertigter Mobilhäuser aus den Vereinigten Staaten in Hamburg eingetroffen ist, die als Notunterkünfte für Asylbewerber
dienen soll.
Wie ich bereits erwähnte, sind unsere kulturellen
Beziehungen, darunter die Unterstützung von Austauschprogrammen im Erziehungs- und Bildungsbereich sowie persönliche Kontakte zwischen Deutschen
und Amerikanern, in dieser Zeit des Übergangs von
lebenswichtiger Bedeutung.
Mit großer Freude konnte ich im Januar 1992 in
Neubrandenburg eine erhebliche Erhöhung des amerikanischen Beitrages für mehrere Austauschprogramme - darunter das Fulbright-Programm - bekanntgeben, um diese Programme in den neuen Bundesländern zu erweitern, ohne erfolgreiche Programme im
Westen streichen zu müssen. Und im Juni des vergangenen Jahres haben wir - wie Sie alle wissen - ein
neues Amerika Haus in Leipzig eröffnet, das den
Bedürfnissen der Menschen in Sachsen und Thüringen dienen soll.

Universitäten von Leipzig, Dresden, Chemnitz und
Jena.
Ich habe ferner vor kurzem ein ähnliches Programm
bekanntgegeben, dank dem wir Unterrichtsmaterial
und Büchervon amerikanischen Mittel-und Oberschulen der geschlossenen US-Stützpunkte in Westdeutschland an Schulen und Institutionen in den neuen Bundesländern übergeben können. Institutionen, die diese Gelegenheit nutzen möchten, sollten sich an das
Amerika Haus Leipzig wenden.
Es muß jedoch eindeutig mehr getan werden, um
junge Deutsche im Osten zu erreichen, und ich freue
mich, daß wir eine weitere Erhöhung um 600.000 DMark erhalten haben. Diese Summe wird der Erweiterung von zwei Programmen zugutekommen, die von
unseren beiden Regierungen getragen werden: dem
Parlamentarischen Patenschafts Programm "KongreßBundestag" sowie einem zweiten Programm, das es
jungen Akademikern aus den neuen Bundesländern
ermöglichen soll, die Vereinigten Staaten zu besuchen.
Auch die amerikanische Regierung stellt der Universität Leipzig ein erhebliches Maß an Unterstützung zur
Verfügung, und wir würden gern mehrtun. Dieses Jahr
zum Beispiel lehrt ein amerikanischer Professor für
Kulturanthropologie, Dr. John Eidson, als FulbrightDozent an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der
Universität Leipzig. Bradley Hunnicutt, ein FulbrightForscher, verfolgt hier ebenfalls musiktheoretische
Studien. Im Juli 1991 haben wir den Bestand der
Universitätsbibliothek Leipzig um 18.000 englischsprachige Bücher zu einer Vielfalt von Themen, von amerikanischer Literatur bis zu Geschichte, ergänzt.

Mit erheblicher finanzieller Unterstützung des USInformationsamtes hat die Ohio University Beziehungen zur Universität Leipzig angeknüpft, wobei insbesondere Wert auf zeitgenössische Geschichte und
Journalisitk gelegt wurde. Zur Zeh sind zwei Studenten aus dem Hauptstudium an der Ohio University
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben vor eingeschrieben, einer im Historischen Seminar und
kurzem die Gründung der RIAS Kommission bekannt- einer an der Journalistischen Fakultät. Diese beiden
gegeben, die sich dem Ausbau von Kontakten und Universitäten haben zusammen ein akademisches
Studien zwischen Medienzentren und Rundfunkjour- Sommerprogramm mit Kursen in Geschichte, Journanalisten in den neuen Ländern und deren amerikani- lismus und Amerikanistik für die Ohio University entschen Kollegen widmen wird. Dies, sc glauben wir, ist wickelt.
eine Reaktion auf die veränderten Bedürfnisse des
Publikums, die der RIAS - Radio im Amerikanischen Im Hinblick auf die Bemühungen zur Förderung des
Sektor - während des Kalten Krieges so gut erfüllt hat. Studiums der englischen Sprache und der Vereinigten
Staaten an der Universität Leipzig freue ich mich
Mit der Schließung einiger unserer militärischen Stütz- darüber hinaus, die Einrichtung eines jährlich verliehepunkte in Westdeutschland werden diesen Einrichtun- nen Preises für das Studium der englischen Sprache
gen angegliederte Bibliotheken auf Universitätsniveau bekanntgeben zu können. Der erste Wettbewerb wird
an ostdeutsche Institutionen übergeben. Fast 300.000 dieses Frühjahr im Seminar für Amerikanistik veranBücher wurden seit Beginn dieses Programms über- staltet, und der Preisträger oder die Preisträgerin wird
reicht. Bibliotheken in Sachsen und Thüringen waren eine Sammlung von Werken prominenter amerikaniEmpfänger umfangreicher Bestände, einschließlich scher Autoren erhalten.
der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und der

AMERIKA DIENST 5

Seite 5

�Die amerikanische Demokratie ist organisch gewachsen und hat sich im Lauf unserer gesamten zweihundertjährigen Geschichte verändert und weiterentwikkelt, während wir uns den Herausforderungen gestellt
und - noch häufiger - die Vorzüge einer multikulturellen
Gesellschaft genossen haben. Die Studenten der
Universität Leipzig sind die nächste Generation, die
diese Welt der Herausforderungen und Chancen erben wird. Grenzen werden Ihnen nur durch Ihre Fähigkeit gesetzt, die Herausforderungen zu verstehen und
sich ihnen anzupassen, sowie durch Ihre Vorstellungskraft, die gebotenen Chancen zu ergreifen. Ich hoffe,
die Initiativen, die ich Ihnen heute angekündigt habe,
machen deutlich, daß wir in den Vereinigten Staaten
im Hinblick auf Ihren Erfolg zuversichtlich sind und daß
wir an Ihrem Erfolg teilhaben möchten.

Und drittens, der Verbreitung demokratischer
Werte, die Millionen die Hoffnung auf Freiheit
verschafft haben, in anderen Ländern der Welt.
Präsident Clinton engagiert sich für die enge Zusammenarbeit mit der internationalen Staatengemeinschaft
durch die Vereinten Nationen, die NATO und andere
lebenswichtige Institutionen, umdie Konflikte zu lösen,
die uns heute herausfordern, und die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts zu bewältigen.
Schlußbemerkung

Die neue Administration
In der vergangenen Woche, am 20. Januar, wurde die
Welt Zeuge der Amtsübergabe an William Jefferson
Clinton als 42. Präsident unseres Landes. Trotz eines
Wahlkampfes, der die Notwendigkeit einer inneren
Erneuerung der Vereinigten Staaten betonte, hat
Präsident Clinton deutlich gemacht, daß Amerika aktiv
in Übersee engagiert bleiben muß. In seiner Antrittsrede erklärte er, "um Amerika zu erneuern, müssen wir
Herausforderungen im Ausland ebenso wie im Inland
bewältigen. Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen Außen- und Innenpolitik...". Indem er die vor
uns liegenden Herausforderungen skizzierte, charakterisierte er die Welt von heute als "freier aber weniger
stabil", und er betonte, daß wir "gemeinsam mit unseren Freunden und Verbündeten ... danach streben,
den Wandel zu gestalten, damit er uns nicht überwältigt".
Präsident Clinton hat eine Außenpolitik umrissen, die
auf drei Säulen ruht.
Erstens, einer wiederbelebten amerikanischen
Wirtschaft und einem offenen internationalen
Handelssystem, das mit einem nachhaltigen
Engagement für fairen Welthandel einhergeht.

*

Seite 6

Zweitens, der Umstrukturierung der amerikanischen Streitkräfte, um sowohl fortbestehenden
als auch neuen Bedrohungen unserer Sicherheitsinteressen und des internationalen Friedens zu begegnen.

*

Wie lange ich noch als amerikanischer Botschafter in
Deutschland arbeiten werde, liegt bei dem neuen
Präsidenten.
Wie auch immer meine Zukunft aussehen mag, eines
ist sicher: Ich gedenke, mich den Rest meines Lebens
- in und außerhalb der Regierung - für engere Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland einzusetzen. Ich werde dies großenteils deshalb
tun, weil ich dieses Land, seine Menschen und seine
Kultur liebe. Ich tue dies jedoch umso mehr, als engere
deutsch-amerikanische Beziehungen für den künftigen Frieden und Wohlstand in unseren beiden Ländern, sowie in Europa und der ganzen Welt lebenswichtig sind. Wir müssen folglich alles in unserer
Macht Stehende tun, umdie Grundlage für den Beginn
eines neuen Kapitels in den deutsch-amerikanischen
Beziehungen zu legen, indem wir bestehende Programme nutzen und neue entwickeln, um mehr über
uns selbst und über den anderen zu lernen. Ich freue
mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen zur Verwirklichung dieses Zieles.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bin jetzt
gerne bereit, Ihre Fragen zu beantworten.

*

*

AMERIKA DIENST 5

�USA-EG
3. Februar 1993

USA WERDEN SICH BEI DISKRIMINIERUNGEN
DER EG AUF TITEL VII BERUFEN
Übersicht des US-Handelsbeauftragten
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht über die Anwendung von Titel VII, die am
1. Februar 1993 vom Büro des US-Handelsbeauftragten herausgegeben wurde.
Der Handelsbeauftragte der Vereinigten Staaten, Michael
Kantor, gab heute die Absicht der Administration bekannt,
die Vergabe von Aufträgen durch Bundesbehörden für
Produkte und Dienstleistungen aus einigen oder allen
Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft (EG)
bei öffentlichen Ausschreibungen der Vereinigten
Staaten zu untersagen, die am oder nach dem 22.
März 1993 veröffentlicht werden. Die Maßnahme wird
gemäß der Befugnis von Titel VII des Allgemeinen
Handels- und Wettbewerbsgesetzes von 1988 verhängt. Kantor erbat femer öffentliche Stellungnahmen
zu dieser Sanktion bis zum 5. März 1993 sowie zu
möglichen weiteren Maßnahmen, die als Reaktion auf
Diskriminierungen der EG gegen amerikanische Unternehmen bei staatlichen Beschaffungen ergriffen
werden.

der geplanten Verhängung der Maßnahme behoben
wird, oder wenn der Präsident entscheidet, daß eine
solche Maßnahme den nationalen Interessen zuwiderläuft.

Die Bekanntgabe dieser Maßnahme erfolgt im Bundesanzeiger am oder nach dem 4. Februar 1993. Die
Bekanntgabe erfordert ferner öffentliche Stellungnahmen bezüglich der Kosten und Nutzen der weiteren
Beteiligung der Vereinigten Staaten am GATT-Abkommen über staatliche Beschaffung (dem "Kodex") in
Zusammenhang mit einer Studie der US-Regierung
über ein wünschenswertes und praktikables Ausscheiden aus dem Kodex, die jetzt in die Wege geleitet wird.

Titel VII sieht Konsultationen mit Ländern vor, die dem
Bericht zufolge diskriminieren, sowie geeignete Maßnahmen des Präsidenten im Hinblick auf diese Länder,
wenn die Diskriminierung nicht in einem festgelegten
Zeitrahmen behoben wird.

Von dem Kodex abgedeckte Käufe und Käufe von
Behörden der US-Regierung zur Unterstützung amerikanischer Sicherheitsinteressen einschließlich aller
Käufe des US-Verteidigungsministeriums werden vom
Verbot der Auftragsvergabe für Produkte und Dienstleistungen der EG ausgenommen. Ausgenommen
werden ferner spezifische Beschaffungen oder Beschaffungskategorien, wenn die öffentliche Gesundheit, Sicherheit oder die Erwägung öffentlicher Interessen solche Ausnahmen erforderlich machen. Diese
Maßnahme wird nicht verhängt, wenn die in Titel VII
vom 22. April 1992 ausgemachte Identifizierung vor

AMERIKA DIENST 5

I. Titel VII Statut
Titel VII des Handelsgesetzes von 1988 änderte das
Gesetz über Handelsabkommen von 1979 dahingehend, daß die Administration unter anderem dem
Kongreß bis zum Jahr 1996 jährlich einen Bericht
vorlegen muß, der Länder ausweist, die amerikanische Produkte oder Dienstleistungen bei staatlichen
Beschaffungen gemäß spezifischen Kriterien des Statuts
diskriminieren. Diese Funktionen wurden durch einen
Präsidialerlaß dem US-Handelsbeauftragten übertragen.

II. Maßnahmen unter Titel VII im Hinblick auf die
EG
Die Ankündigung des US-Handelsbeauftragten im
Namen der Administration erfolgt im Anschluß an den
Bericht vom 21. Februar 1992 an den Kongreß, in dem
die Bush-Administration die EG unter Titel VII diskriminierender Beschaffungspraktiken durch staatliche
Telekommunikations- und Versorgungsunternehmen
in bestimmten EG-Mitgliedstaaten bezichtigt. In diesem Bericht wurde insbesondere die "Sektorenrichtlinie" der EG zitiert, die am 1. Januar 1993 in Kraft trat
und von Versorgungsunternehmen der EG fordert,
Waren der EG denen der Vereinigten Staaten und
anderer Länder vorzuziehen. Die Richtlinie ersetzt die
inoffizellen Handelshemmnisse, mit denen sich ameriSeite 1

�die von der Versorgungsunternehmen die offizielle
Einhaltung nichtdiskriminierender und transparenter
Beschaffungsregeln verlangt. Diese größtenteils positive
Richtlinie wird durch eine Verfügung (Artikel 29) beeinträchtigt, die Waren mit einem Auslandsanteil von über
50 Prozent aufgrund der Forderung diskriminiert, daß
die Versorgungsunternehmen der EG "europäischen"
Angeboten einen 3prozentigen Preisvorteil und die
Am 22. April 1992 identifizierte der Präsident im Ein- Option einräumen müssen, nichteuropäische Angeboklang mit Paragraph 305(g)(1)(a) des Gesetzes über te abzulehnen. Die Bestimmungen von Artikel 29 geHandelsabkommen von 1979 mit Zusätzen die EG als statten ihre Aufhebung für Länder, mit denen die EG
ein Land, das bei staatlichen Beschaffungen beträcht- ein bilaterales oder multilaterales Marktzugangsablich und kontinuierlich amerikanische Produkte oder kommen für Versorgungsunternehmen geschlossen
Dienstleistungen diskriminiert, was amerikanischen hat.
Unternehmen offenkundigen Schaden zufügt. Im
Einklang mit den Bestimmungen von Titel VII modifi- Im April 1992 wurde die Änderung beschlossen, die
zierte der Präsident die Verhängung von Sanktionen unter Titel VII aufgeführten Sanktionen im Januar 1993
dahingehend, daß sie bis Januar 1993 wirksam wer- zu verhängen, um den Unterhändlern der Vereinigten
den, vorbehaltlich der Durchführung der diskriminie- Staaten und der EG die Gelegenheit zu geben, die
renden Bestimmungen der "Sektorenrichtlinie" durch Verhandlungen überden staatlichen Beschaffungskodie EG. Der Präsident stellte fest, daß die Sanktionen dex und die parallel dazu verlaufenden Verhandlungen
im Einklang mit dem Statut in ihrer Wirkung der Diskri- im Telekommunikationsbereich abzuschließen. Ein
minierung gegen amerikanische Produkte oder Dienst- solches Ergebnis hätte die EG in die Lage versetzt,
leistungen entsprechen und solchen Bedingungen und Artikel 29 aufzuheben, bevor er in Kraft trat, und
Konditionen unterworfen würden, die er für angemes- offene, konkurrenzfähige und nichtdiskriminierende
sen erachtet.
Beschaffungspraktiken auf diesen Gebieten anzuwenden. Trotz dieser Verzögerung und der beträchtlichen
IM. Hintergrund
Verhandlungsergebnisse trat die "Sektorenrichtlinie"
am 1. Januar 1993 mit Artikel 29 in Kraft.
Bisherige Prüfungen von Titel VII der EG
In den 1990 und 1991 vorgenommenen ersten beiden Verhandlungen

kanische Unternehmen bisher auf einigen Märkten der
EG konfrontiert sahen, durch offizielle Diskriminierung
auf allen Märkten für Versorgungsuntemehmen der
EG mit Ausnahme von Spanien, wo die Richtlinie am
1. Januar 1996 in Kraft tritt, sowie Griechenland und
Portugal, wo die Richtlinie am 1. Januar 1998 in Kraft
tritt.

Prüfungen von Titel VII leitete die Administration Informationen an den Kongreß über die Praktiken der EG
und bestimmter Mitgliedstaaten im Hinblick auf das
Telekommunikationswesen und die Beschaffungpraktiken für schwere elektrische Güter weiter, hat sie unter
dem Statut jedoch nicht amtlich ausgewiesen. In der
Prüfung von 1991 gab die Administration jedoch ihre
Absicht bekannt, eine "frühzeitige Prüfung" dieser
Praktiken im Januar 1992 durchzuführen, vorbehaltlich des erwarteten Verhandlungsergebnisses über
den staatlichen Beschaffungskodex. Infolge dieser
frühzeitigen Überprüfung stellte die Administration am
22. Februar 1992 unter Titel VII fest, daß die Europäische Gemeinschaft bei Beschaffungen durch ihre
staatlichen Telekommunikations- und Energieversorgungsunternehmen amerikanische Unternehmen diskriminierte.
Ergebnisse der frühzeitigen Prüfung von 1992
Die in dem Bericht über Titel VII vom Februar 1992
enthaltene besondere Beschwerde bezieht sich auf
Diskriminierung bei der Gerätebeschaffung durch
bestimmte staatliche Telekommunikations- und Energieversorgungsunternehmen der EG. Viele dieser
Unternehmen haben seit Jahren Gerät (wie Telekommunikationsschalter und Turbinengeneratoren) ausschließlich von nationalen Lieferanten gekauft. Diese
umfassende, inoffizielle Diskriminierung wurde am 1.
Januar 1993 durch die "Sektorenrichtlinie" abgelöst,
Seite 2

Die Vereinigten Staaten haben sowohl auf bilateraler
als auch auf multilateraler Ebene mit der EG über die
Diskriminierung im Bereich der Telekommunikation
und der Elektrizitätsversorgung verhandelt. Die multilateralen Verhandlungen konzentrierten sich auf die
Ausweitung des Geltungsbereichs des Kodexes. Der
Geltungsbereich des Kodexes würde diese Versorgungsbetriebe den strengen, nichtdiskriminierenden
Verfahren des Kodexes unterwerfen sowie seinem
grundlegenden Prinzip der nationalen Behandlung.
Auch würde er die Art von Vereinbarung über den
Marktzugang darstellen, die es der EG gestatten würde,
Artikel 29 der Richtlinie aufzuheben. Darüber hinaus
würde sie amerikanischen Unternehmen zusätzliche
Beschaffungsmöglichkeiten in Höhe von mehreren
Milliarden Dollar geben und damit die in dem Kodex
enthaltene Chancenungleichheit zwischen den Vereinigten Staaten und der EG beheben helfen. Bisher ist
es uns nicht gelungen, im Bereich Telekommunikation
oder Elektrizitätsversorgung eine Ausweitung des
Geltungsbereichs des Kodexes sicherzustellen.
Zusätzlich dazu haben die Vereinigten Staaten und die
EG in den letzten beiden Jahren im Bereich Telekommunikation auf bilateraler Ebene verhandelt. Ebenso
wie im Bereich der Verhandlungen über den Kodex ist
es jedoch den Unterhändlern der Vereinigten Staaten
und der EG nicht gelungen, zu einer Einigung zu
gelangen, die die Diskriminierung auf dem EG-Markt
abschaffen würde.
AMERIKA DIENST 5

�Die Vereinigten Staaten sind bereit, die Verhandlun- einkommen, das nichtdiskriminierenden und wirksagen mit der EG weiterzuführen. Die Vereinigten Staa- men Zugang zum Beschaffungswesen im Telekomten bevorzugen eindeutig ein ausgehandeltes Über- munikations - und Versorgungsbereich der EG gewährleistet.
* *

AMERIKA DIENST 5

Seite 3

�WIRTSCHAFT
3. Februar 1993

HEY MISTER TALLYMAN...
von Botschafter Cresencio Arcos
Der folgende Artikel des amerikanischen Botschafters in Honduras, Cresencio Arcos, den wir mit leichten
Kürzungen veröffentlichen, ist mit dem Zusatz gestattet: HEY MISTER TALLYMAN... Von Cresencio Arcos,
US-Botschafter in Honduras, Nachdruck aus Hemisphere Magazine.

Jahrelang habendie Vereinigten Staaten, europäische
Länder sowie internationale Hilfsorganisationen den
Entwicklungsländern erklärt, der einzige Weg zur
Entwicklung führe über die freie Marktwirtschaft.
In neuerer Zeit wurde die Wirtschaftshilfe, ob von
internationalen Organisationen oder als bilaterale Hilfe
vergeben, an marktorientierte Wirtschaftsreformen
gebunden. Hilfsgelder werden nur solchen Ländern
gewährt, die Defizite und Staatsausgaben reduzieren,
Strategien zur Importsubstitution beseitigen (zum
Beispiel hohe Zölle oder nichttarifäre Maßnahmen
zum Schutz ineffizienter heimischer Industrien), ihre
Devisenregime liberalisieren und in anderer Weise ihre
Volkswirtschaften für internationalen Handel und Investitionen öffnen. Nach der Öffnung ihrer Volkswirtschaften können sie dieser Argumentation zufolge die
Güterund Dienstleistungen produzieren, bei denen sie
einen komparativen Vorteil haben, und von anderen
Staaten frei die von ihnen benötigten Waren und
Dienstleistungen erwerben, ihre Wirtschaftsbedingungen verbessern und den ökonomischen Kuchen für
alle vergrößern.
Die Länder Mittelamerikas befolgen nun diesen Rat
und sind dabei, sich den offenen Markt zunutze zu
machen. In Europa wurde jedoch die Tür zum Markt
1992 zugeschlagen.
Nach dem Vorbild von Staaten wie Chile und Mexiko
haben die Länder Mittelamerikas bedeutende marktwirtschaftliche Reformen durchgeführt. Zum Beispiel
hat Honduras seine Zölle von einem Höchststand von
über 100 Prozent auf eine bescheidenere Bandbreite
von 5 bis 20 Prozent gesenkt. Zu den anderen
Reformen zählen die Kontrolle des Haushaltsdefizits,
die Festsetzung und Beibehaltung eines realistischen
Wechselkurses, die Sicherung von Grundbesitzrechten sowie die Verabschiedung eines Investitionsreformgesetzes. Trotz erheblicher Opposition hat die

AMERIKA DIENST 5

Regierung von Rafael Callejas diese Reformen mutig
fortgesetzt, von denen viele kurzfristig ökonomisch
schmerzhaft sind.
Nach Einleitung der schwierigen Schritte zur Schaffung des geeigneten Umfelds führt Honduras jetzt eine
Doppelstrategie durch, um exportgetriebenes Wachstum zu gewährleisten. Dazu gehört erstens die Ausweitung traditioneller Exportbranchen wie Bananen,
andere tropische Früchte und Kaffee, und zweitensdie
Diversifizierung zu anderen Waren und Dienstleistungen, bei denen Honduras konkurrenzfähig sein wird.
Der Diversifizierungsprozeß hat bereits begonnen.
Gamelenzucht, Wintermelonen, tropische Nüsse sowie
Montage- und leichtindustrielle Herstellungsbetriebe
leisten einen wichtigen Beitrag zu den honduranischen
Exporteinnahmen.
Honduras hat nicht länger eine einzig und allein von
Bananen abhängige Volkswirtschaft in Form einer
Monokultur. Bananen sind jedoch nach wie vor der
wichtigste Exportartikel des Landesund für40 Prozent
der gesamten Deviseneinnahmen verantwortlich. Nach
dem freien Fall der Weltkaffeepreise hat die Bananenindustrie in Honduras die Lokomotivfunktion für rasches, auf Exporten basierendes Wirtschaftswachstum übernommen. Es gibt in Honduras ein Reservoir
an willigen Arbeitskräften, technisches Fachwissen
sowie geeignetes Land zur unverzüglichen Ausweitung des Bananenanbaus. Obwohl also die Diversifizierung das langfristige Ziel des Landes bleibt, wird der
Ausbau der Bananenindustrie (in der Honduras mit
seiner qualitativ hochwertigen, preiswerten Produktion
einen offenkundigen komparativen Vorteil hat) als
Initialzündung betrachtet, die erforderlich ist, um ein
akzeptables Wirtschaftswachstum herbeizuführen.
Gerade in dem Augenblick, da Honduras und seine
mittelamerikanischen Nachbarländer bereit sind, die
Früchte ihrer wirtschaftlichen Reformen zu ernten,

Seite 1

�sehen sich sich zu Opfern restriktiver Handelspraktiken gemacht. Bei einem Treffen am 7. April 1992
empfahl die EG-Kommission, daß Bananen bei der
Einführung des Binnenmarkts im Januar 1993 besonderen Beschränkungen unterworfen werden sollen.
Der Vorschlag sieht für Bananen aus Lateinamerika
(vorwiegend Ecuador, Kolumbien, Costa Rica, Honduras und Panama) Einfuhrquoten vor, die etwas unter
der gegenwärtigen Importmenge liegen. Auf diese
Einfuhren würde ein Zoll von bis zu 20 Prozent erhoben. Dagegen würden die ehemaligen EG-Kolonien in
Afrika, der Karibik und dem Pazifik (AKP-Staaten), die
zu zwei- bis dreifachen Kosten der lateinamerikanischen Bananen qualitativ schlechtere Bananen produzieren, weiterhin unbegrenzten zollfreien Zugang haben.

Ein weiterer Verlierer ist die Weltwirtschaft. Nach
Aufrechnung aller Kosten und aller Vorteile steht im
Ergebnis ein Verlust von 238 Millionen Dollar. Die
Autoren des Cl E-Berichts erkennen an, da ß diese Zahl
wahrscheinlich noch untertrieben ist. Ihr Modell ist
"vergleichsweise statisch" und vergleicht eine feststehende Situation mit einer anderen. Unberücksichtigt
bleiben die Synergieeffekte des freien Handels, die
aus dem effizienteren Einsatz von Ressourcen und
dem Zusammenspiel der Wettbewerbskräfte entstehen.

Ein weniger offensichtlicher aber weit stärker betroffener Verlierer ist der europäische Verbraucher. Der
heute in den meisten EG-Staaten gültige 20prozentige
Zoll wird natürlich an den Verbraucher weitergegeben.
Die Quoten blähen den Bananenpreis künstlich auf
und verzerren das Gleichgewicht zwischen Angebot
und Nachfrage. Diese Kosten betragen zusammengenommen schwindelerregende 1,4 Milliarden Dollar.

Die grö ßten und (absolut gesehen) einzigen Gewinner
sind sowohl beim gegenwärtigen bilateralen Quotensystem als auch beim geplanten EG-System die
monopolistischen, in Europa ansässigen Importeure/
Reifungsunternehmen. Der CIE-Studie zufolge betragen ihre zusätzlichen Gewinne nahezu 1 Milliarde
Dollar. Diese Unternehmen haben gewiß ein enormes
Interesse an dem Ergebnis.

Wer sind bei so vielen Verlierern die Gewinner? Die
beabsichtigten Nutznießer, die AKP-Anbieterstaaten,
gewinnen auf dem Papier 228 Millionen Dollar. Dabei
handelt es sich jedoch um einen Pyrrhussieg. DieselDieser Beschluß wurde auf starken Druck einer Lobby ben Quoten, die lateinamerikanische Erzeuger von
und zweifellos mit besten Absichten seitens der einem Teil des EG-Marktes ausschließen, legen die
Kommissare gefaßt. Diese fühlten sich buchstaben- AKP-Produzenten auf den ungesunden, abhängigen
getreu an die Lome-IV-Konvention, Protokoll 5, gebun- Status von "Bananenrepubliken" fest. Sie werden
den, in der es teilweise heißt: "... im Hinblick auf den völlig von ihren ehemaligen Kolonialherren abhängig
Zugang zu seinen traditionellen Märkten (für Bananen) gemacht, die den einzigen Markt für ihre qualitativ
und seine Vorteile auf diesen Märkten, darf kein AKP- schlechten, hochpreisigen Bananen darstellen. AufStaat in eine weniger günstige Lage gebracht werden grund ihres garantierten Zugangs zu den hochpreisials in der Vergangenheit oder Gegenwart." Die Lome- gen EG-Märkten gibt es keinen Anreiz zur VerbesseIV-Konvention sowie der Kommissionsvorschlag zie- rung der Produktionsmethoden. Der künstlich erhöhte
len darauf ab, den AKP-Staaten durch Handelspräfe- Preis für die Bananen, deren Absatz ihnen gestattet
renzen indirekte Finanzhilfen zu gewähren. Trotz ist, macht andere wirtschaftliche Aktivitäten unattrakdieser guten Absichten wird nahezu niemand von tiv und entmutigt von der Diversifizierung. Trotz aller
guten Absichten führt das Quotensystem zu einem
diesem Plan profitieren.
Kreislauf von Armut, Abhängigkeit und wirtschaftlicher
1991 veröffentlichten Brent Borrell und Sandy Cuth- Stagnation in den AKP-Staaten.
berson vom Zentrum für Weltwirtschaft (Centre for
International Economics - CIE) unter dem Titel "EC Bananenverbraucher außerhalb der EG (zum Beispiel
Banana Policy 1992: Picking the Best Option" eine in den USA, Japan, Nordeuropa) profitieren mit 61
Untersuchung über die Auswirkungen des gegenwär- Millionen Dollar. Dies beruht darauf, daß die EGtigen europäischen Quoten- und Zollsystems im Ver- Quoten die Nachfrage künstlich begrenzen und einen
gleich zu einem freien Markt. Ihr auf einer früheren geringfügig niedrigeren Weltmarktpreis für Bananen
Studie der Weltbank fu ßendes Modell ist die Quelle der zur Folge haben. Wiederum spiegelt diese Zahl den
nachfolgenden Zahlen zu den Kosten. (Es ist festzu- vergleichsweise statischen Charakter des Modells wider.
halten, daß der vorliegende EG-Plan die Bananenzölle In der realen Welt wird das Angebot nicht begrenzt (für
auf Deutschland ausdehnen würde, das heute grund- die Bananenerzeugung geeignete brachliegende
sätzlich einen freien Handel hat, und deshalb noch Anbauflächen sind in vielen Ländern vorhanden), und
nachteiligere Auswirkungen hätte als das derzeitige wirklicher Freihandel würde sowohl zu verstärkter
System.)
Nachfrage als auch zu einem größeren Angebot führen und letztlich die Preise für alle auf ungefähr den
Die offenkundigsten Verlierer des Plans der Kommis- derzeitigen US-Preis zuzüglich etwaiger Transportkosion sind die lateinamerikanischen Erzeugerländer. sten senken. Kurzum: Aufgrund seines dynamischen
Das derzeitige System kostet sie 82 Millionen Dollar Charakters würde der Freihandel bei Bananen die
jährlich. Diese Zahl steht nicht für verlorenen Brutto- Kosten für Verbraucher außerhalb der EG langfristig
umsatz, sondern für entgangenes Nettoeinkommen.
nicht erhöhen.

Seite 2

AMERIKA DIENST 5

�Eine emotionslose ökonomische Analyse zeigt, daß gen finanziert werden. Diese unvollkommene Lösung
das hehre Ziel indirekter Hilfe für die AKP-Länder würde bedeuten, daß deutsche und niederländische
durch Zölle und Quoten sehr kostspielig ist. Die Verbraucher die ehemaligen britischen und französieuropäischen Verbraucher zahlen 1,4 Milliarden Dollar schen Kolonien finanzieren, aber sie würde auch einen
mehr, als sie in einem von freiem Handel geprägten Großteil der unter dem derzeitigen System herrschenUmfeld zahlen würden, aber nur 228 Millionen Dollar den Verschwendung beenden und ein ausgeglichenekommen bei den beabsichtigten Empfängerländern res Wettbewerbsumfeld für die effizienten und qualitaan.
tiv hochwertigen lateinamerikanischen Erzeuger schaffen.
Eine wesentlich effizientere Methode zur Einhaltung
der Lome-IV-Verpflichtung der EG gegenüber den Die freie Einfuhr von Bananen nach Europa ist Teil
AKP-Ländern wären direkte Hilfen. Solche direkten eines umfassenderen ökonomischen Bilds, das AgrarHilfen könnten der Verbesserung der Bananenerzeu- subventionen, Preisstützung sowie Erfolg oder Mißergung und der Diversifizierung der Volkswirtschaften folg des GATT-Prozesses umfaßt. Wir stehen bei der
der Empfängerländer dienen und dann mit sinkender Entwicklung des Welthandelssystems an einem ScheiNotwendigkeit stufenweise abgebaut werden. Idealer- deweg. Es ist an der Zeit, daß der Westen praktiziert,
weise sollte diese Hilfe im nationalen Haushalt des was er gepredigt hat, selbst wenn dies die Beendigung
Geberlandes ausgewiesen werden, aber die politische traditioneller Privilegien und die Öffnung historischer
Zweckmäßigkeit spricht dagegen. Direkte Hilfe könnte Monopole für den Wettbewerb bedeutet. Die Alternajedoch durch einen EG-weiten Zoll von 20 Prozent tive der Handelsblöcke und Handelskriege wird nie(möglicherweise weniger) ohne weitere Begrenzun- mandem zum Vorteil gereichen.

*

AMERIKA DIENST 5

* * *

*

Seite 3

�MENSCHENRECHTE
3. Februar 1993

WEITERE EINZELHEITEN ÜBER MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Fünfter US-Bericht für Vereinte Nationen
WASHINGTON - (AD) - Der jüngste Bericht der Vereinigten Staaten über Verletzungen des internationalen
humanitären Rechts im ehemaligen Jugoslawien dokumentiert weitere Fälle vorsätzlicher Tötung, der Folterung
von Gefangenen, gezielter Angriffe auf Nichtkombattanten, mutwilliger Verwüstung und Zerstörung von
Eigentum sowie gewaltsamer Massenvertreibung und Deportation von Zivilisten.
Der fünfte amerikanische Bericht zu diesem Thema wurde den Vereinten Nationen am 26. Januar 1993
vorgelegt. Dieser jüngste Bericht enthält eine neue Kategorie von Menschenrechtsverletzungen: "Die
Behinderung von Lebensmittellieferungen und medizinischer Versorgung der Zivilbevölkerung".
Im Einklang mit Resolution 780 des UNO-Sicherheitsrates wird in dem Bericht festgestellt, daß "die Vereinigten
Staaten weiterhin in ihren Besitz gelangende Informationen in Form von Berichten zur Verfügung stellen wollen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den Bericht im Wortlaut.

Heute legt unsere Vertretung bei den Vereinten Nationen in New York dem Sekretariat der UNO den fünften
Bericht der amerikanischen Regierung über Verletzungen des internationalen humanitären Rechts im
ehemaligen Jugoslawien vor. Wir bitten darum, daß
der Bericht als ein Dokument des Sicherheitsrates in
Umlauf gebracht und der Expertenkommission der
UNO ("Kommission für Kriegsverbrechen") zur Verfügung gestellt wird, die Hinweise auf schwere Verletzungen der Genfer Konventionen untersucht.
Dieser Bericht enthält ebenso wie die vorhergehenden
vier Berichte zahlreiche Beispiele für vorsätzliche Tötung,
Folteru ng von Gefangenen, gezielte Angriffe auf Nichtkombattanten, mutwillige Verwüstung und Zerstörung
von Eigentum sowie andere von allen Konfliktparteien
begangene Verletzungen des internationalen humanitären Rechts, einschließlich der gewaltsamen Massenvertreibung und Deportation von Zivilisten.
In den vorliegenden Bericht haben wir eine neue
Kategorie von Verletzungen des internationalen humanitären Rechts aufgenommen: "Die Behinderung
von Lebensmittellieferungen und medizinischer Versorgung der Zivilbevölkerung".
Wir werden weiterhin derartige Berichte verfassen und
den Vereinten Nationen zur Verfügung stellen, wenn
wir weitere Informationen erhalten.

AMERIKA DIENST 5

Hiermit legt die Regierung der Vereinigten Staaten
gemäß Absatz vier der Resolution 771 des Sicherheitsrates aus dem Jahr 1992 zum fünften Mal Informationen über den Bruch des internationalen humanitären Rechts vor, einschließlich schwerer Verletzungen der Genfer Konventionen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Ebenso wie in den vorausgegangenen Berichten haben wirunsauf schwere Verletzungen der Genfer Konventionen konzentriert und im
Einklang mit Resolution 771 "glaubwürdige" Informationen zur Verfügung gestellt, die auf Zeugenaussagen beruhen, zu denen wir direkten Zugang hatten
oder die in ausreichendem Maße beweiskräftige Einzelheiten geben. Wir haben uns auch bemüht, keine
Informationen wiederzugeben, die uns von anderen
Ländern oder nichtstaatlichen Quellen übermittelt
wurden, da diese gemäß Resolutionen 771 und 780
ihre eigenen Berichte vorlegen werden. Die von uns
vorgelegten Informationen sollen der Expertenkommission dienen, die im Rahmen von Resolution 780
des Sicherheitsrates gegründet wurde. Den Vereinigten Staaten liegen weitere, die in diesem Bericht
beschriebenen Vorfälle erhärtende Informationen vor,
die wir der Expertenkommission auf Vertrauensbasis
direkt zur Verfügung stellen werden.
Gemäß Absatz 1 der Resolution 780 beabsichtigen die
Vereinigten Staaten, weiterhin in ihren Besitz gelangende Informationen in Form von Berichten zur Verfügung zu stellen.
Seite 1

�Wir weisen darauf hin, daß wir zusätzlich zu den in
unseren vorherigen Berichten erwähnten Kategorien
von Verletzungen des internationalen humanitären
Rechts und schweren Verletzungen der Genfer Konventionen eine neue Kategorie aufgenommen haben:
"Die Behinderung von Lebensmittellieferungen und
medizinischer Versorgung der Zivilbevölkerung".
Falls keine gegenteiligen Informationen vorliegen,
ereigneten sich die in dem Bericht geschilderten Vorfälle im Jahr 1992.
Vorsätzliche Tötung
8. Januar 1993
Am 8. Januar ermordete ein Armeesoldat der bosnischen Serben den stellvertretenden bosnischen Premierminister Hakija Turajlic. Turajlic befand sich in
einem UN-Fahrzeug auf einem UN-Kommandoposten
in der Nähe des Flughafens von Sarajevo. Der französische General Morillon, Kommandeur der UNO-Schutztruppe in Bosnien, machte den Kommandeur des
bosnisch-serbischen Korps Lukavica für die Ermordung verantwortlich.
Januar 1993
Zeugenaussagen zufolge töten und verwunden bewaffnete serbische Gruppen jeden Tag Menschen
aller Altersgruppen, zerstören verlassene Gebäude
der Muslime und Kroaten und plündern Wohnungen
und Geschäfte in Banja Luka und Umgebung.
14. Dezember
Aussagen eines Einwohners zufolge brachten Streitkräfte der bosnischen Muslime aus Srebrenica in Dörfern
nahe der bosnischen Stadt Bratunac mindestens 60
Serben um, die Mehrheit davon Zivilisten. Als Folge
der Feindseligkeiten flohen nahezu 5.000 Menschen vor allem Frauen, Kinder, Ältere und Verwundete - aus
den bosnischen Dörfern Bjelovac, Sikiric, Voljevica,
Jugovici und Loznicka Rijeka über die Drina nach
Ljubovija.

September
Ein 44jähriger serbischer Zivilist, der seit dem 30. Mai
Gefangener in Celebici war, wurde Zeuge, wie 15 oder
16 Serben von einem muslimischen Wärter und dem
stellvertretenden Direktor des Lagers, Azem Delic einem "Grünhelm" (Mitglied der bosnisch-muslimischen
paramilitärischen Streitkräfte in Konjic) zu Tode geprügelt wurden.
24. Juli
Ein 39jähriger bosnischer Muslim aus Prijedor, der
vom 31. Mai bis zum 5. August im Lager Keraterm
interniert war, wurde am 24725. Juli Zeuge des Massakers von Keraterm. Obwohl wir in unseren vorherigen Berichten bereits auf das Massaker eingegangen
sind, liefert dieser Augenzeuge weitere Einzelheiten
über die Vorgänge am Abend des 24. Juli.
Der Zeuge befand sich im Nebenraum, wo er einen
Großteil der Vorgänge beobachten konnte, da die
großen Fabriktüren zwischen den Räumen Öffnungen
hatten. Er berichtete, kurz nach Beginn der Unruhen
im Nebenraum seien zwei Lastwagen mit Soldaten in
das Lager gefahren. Scheinwerfer wurden eingeschaltet und aus den Lastwagen drei zusätzliche
Maschinengewehre gebracht, die neben die zwei ohnehin
im Lager befindlichen gelegt wurden. Aus allen fünf
Maschinengewehren wurde in den Raum gefeuert.
Der Zeuge gehörte zu denjenigen, die am nächsten
Morgen um sechs Uhr die Leichen in die Lastwagen
laden sollten. Ihm zufolge wurden mehr als 100 Tote
in drei Schichten in den Lastwagen aufeinandergestapert
26. Juni
Ein 19jähriger serbischer Zivilist aus Visoko beobachtete, wie Milivoje Samardzic zu Tode geprügelt wurde,
als er von Muslimen festgenommen und in das Lager
Visoko gebracht wurde. Der Zeuge identifizierte die für
den Tod Verantwortlichen.
20. Juni

September

Ein 27jähriger serbischer Zivilist aus Okolisce, einem
Ein 44jähriger Muslim war Zeuge, wie serbische Sol- Dorf in der Nähe von Visoko, war Zeuge, wie sechs
daten Anfang September au ßerhalb des Gefangenen- unbewaffnete serbische Zivilisten am 20. Juni in Okolisce
lagers vonBatkovicaufvierMännereinschlugen. Zwei von einem Soldaten der bosnischen Territorialverteidider Männer konnten in das Lager entkommen, die gung umgebracht wurden. Er beobachtete die Erbeiden anderen jungen Männer hatten nicht die Kraft, schießungen aus dem Haus seines Nachbarn und
den Schlägen zu entfliehen. Vier oder fünf Soldaten stellte fest, daß sich die Frau und der Sohn eines
schlugen so lange auf die beiden ein, bis einer von serbischen Nachbarn unter den Opfern befanden.
ihnen, der ungefähr zwanzig Jahre alt war, starb. Der Während dieses Angriffs rettete ein muslimischer
zweite blutete aus den Ohren und war so schwer Nachbar dem Zeugen das Leben.
verletzt, daß er seinen eigenen Vater nicht erkannte, An demselben Tag, am 20. Juni, beobachtete dieser
der ebenfalls Gefangener war. Während sich der etwas später, wie Bosko Rakovic im Lager Visoko von
Zeuge im Lager von Batkovic aufhielt, wurden 15 einem muslimischen Wärter, den er erkannte, zu Tode
Männer umgebracht. Der Zeuge war in der Lage, die
geprügelt wurde.
brutalsten Wärter von Batkovic zu identifizieren.

Seite 2

AMERIKA DIENST 5

�13. Juni

Mai - Oktober

Ein 24jähriger serbischer Zivilist aus Visoko wurde am
13. Juni zusammen mit seinem Vater und zwei Brüdern von Angehörigen der bosnisch-muslimischen
Territorialverteidigung gefangengenommen. An jenem Tag beobachtete er, wie Slobodan Gogic zu Tode
geprügelt wurde. Der Zeuge zeigte als Beweis für an
ihm begangene Folterungen eine Wunde an seinem
Ellenbogen und identifizierte diejenigen, die auf ihn,
Gogic und andere Gefangene eingeschlagen hatten.

Serbische paramilitärische Polizei nahm am 14. Mai
einen 44jährigen Muslim fest und fuhr mit ihm zu einem
Kindergarten im Westteil von Zvornik. Dort wurde er
von einem dieser Polizisten eine Stunde lang mit
einem Knüppel geschlagen, während ein anderer mit
einer Pistole auf ihn zielte und ein dritter Dokumente
durchsah. Der Zeuge sagte aus, die drei seien Serben
aus Serbien, nicht aus Bosnien gewesen. Sie hätten
weiße Koppel und Tarnanzüge getragen.

Folterung von Gefangenen

Der Zeuge und ein weiterer Gefangener wurden etwa
fünf Minuten lang zu einerfrüheren Textilfabrik mit dem
Mai - Oktober
Namen "Alhos" gefahren. Diese Einrichtung war mit
zahlreichen
serbischen Soldaten belegt, aber er und
Ein 33jähriger muslimischer Arzt aus Prijedor, der vom
der
andere
Muslim schienen damals die einzigen
25. Mai bis zu seiner Freilassung in das ÜbergangslaGefangenen
dort zu sein.
ger für ehemalige Gefangene am 1. Oktober im Lager
Trnopolje interniert war, beschrieb den Betrieb einer Sie wurden mehrere Tage in einem kleinen Raum
Klinik im Lager Trnopolje - der einzigen Klinik in den eingesperrt, der mit Flecken übersäht war, die ihrer
Lagern des Gebiets um Prijedor, die je erwähnt wurde. Vermutung nach Blutflecken von früheren GefangeTrnopolje ist ein kleines Dorf in der Gemeinde des nen waren. Im großen und ganzen wurden sie in Ruhe
ungefähr sechs Kilometer entfernten Kozarac. Es liegt gelassen, bis sie am 16. Mai von acht Uhr abends bis
an der Eisenbahnverbindung zwischen Prijedor und vier Uhr des folgenden Morgens die schlimmsten und
Omarska. Auf Landkarten ist es als "Bahnhof Koza- intensivsten Prügel ihrer viermonatigen Gefangenrac" verzeichnet. Züge nach Banja Luka fuhren oft- schaft erdulden mußten. Die Mißhandlungen wurden
mals durch Trnopolje. Frauen, Kinder, Jungen unter von Serben begangenen, von denen er zwei aus dem
sechzehn Jahren, Männer im Alter von mehr als 65 Gebiet um Zvornik wiedererkannte.
Jahren und Schwerkranke wurden auf diese Durchgangszüge verladen; leistungsfähige Männer blieben
in Trnopolje.
Der Zeuge erzählte, daß serbische Soldaten bei Nacht
durch das Lager Trnopolje streiften, die männlichen
Gefangenen brutal schlugen und die weiblichen wahllos vergewaltigten. Das geschah mit Wissen und
Erlaubnis der an mehreren Stellen in Trnopolje stationierten Lagerwärter.
Der Zeuge untersuchte einige der vergewaltigten Frauen,
durfte jedoch in keinem Dokument festhalten, daß sie
vergewaltigt worden waren. Die Ärzte erstellten einige
Wochen lang Krankengeschichten ihrer Patienten, bis
sie von den Serben daran gehindert wurden. In den
Unterlagen durften die Ärzte nicht darauf hinweisen,
daß ihre Patienten geschlagen oder vergewaltigt worden waren, aber der Zeuge und einige seiner Kollegen
bedienten sich hierzu eines Codes. Der Zeuge schmuggelte diese Aufzeichnungen aus dem Lager und übergab sie dem muslimischen Club von Kozarac in Zagreb.
Die Angestellten der Klinik kamen mehrmals unter
Verdacht und sahen sich deshalb Bedrohungen ihres
Lebens ausgesetzt. Eine der weiblichen Mitarbeiterinnen war Serbin. Sie wurde wiederholt verhört und
aufgefordert, ihre Arbeit in der Klinik einzustellen. Sie
blieb jedoch dort. Der Zeuge glaubt, daß die Anwesenheit dieser Serbin den anderen Mitarbeitern viele Male
das Leben rettete.
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Die beiden Männer wurden gezwungen, sich an einer
Wand aufzustellen und nationalistische serbische Lieder
zu singen. Da sie die Texte nicht kannten, wurden die
beiden Muslime von den Soldaten mit Fäusten und
Gewehren geschlagen und mit Stiefeln getreten. Als
er nahezu bewußtlos war, wurde der Zeuge gezwungen, sein eigenes Blut vom Boden und den Wänden zu
entfernen. Nach Erfüllung dieses "Auftrags" wurde er
weiter geschlagen. Dabei wurden seine beiden Kieferknochen gebrochen und die gesamte Knochenstruktur
des Oberkiefers so weit gelockert, daß seine Zähne
aus dem Mund hervortraten. Seine Freilassung aus
der Textilfabrik Alhos am 20. Mai wurde von einem
mitleidigen serbischen Soldaten bewirkt.
Sein nächster Internierungsort war das Gerichtsgebäude von Zvornik, wo die Wachen die Gefangenen
nicht belästigten. Jeden Tag wurde jedoch serbischen
Soldaten von außen der Zugang gestattet, um wahllos
einige der Gefangenen zu verprügeln. Die Gefangenen mußten für gewöhnlich aufstehen, wenn diese
Uniformierten von außen den Raum betraten. Die
Opfer wurden rasch ausgewählt und sodann geschlagen und getreten, häufig in die Nierengegend - manchmal bis zur Bewußtlosigkeit.
Am 4. Juni wurden die Gefangenen aus dem Gerichtsgebäude in ein Nachbarhaus verlegt, wo weitere 120
muslimische Gefangene aus einem Internierungslager
im Kulturzentrum Celopek einquartiert wurden. Auch
hier dauerten die täglichen Prügel an. Während des

Seite 3

�annähernd sechswöchigen Aufenthalts in diesem Haus
ritzten Männer von Seseljs Truppen Kreuze in die Stirn
von 10 muslimischen Männern. Eine weitere Gruppe
bosnisch-serbischer "Polizisten" war darauf spezialisiert, Opfern Drahtschlingen um den Hals zu legen und
diese dann zuzuziehen.

den Boden gestellt und ein Gefangener wurde sodann
gezwungen, sich mit heruntergelassenen Hosen darauf zu setzen. Die Wärter drückten danach den
Gefangenen mit Gewalt herunter, bis sein Gesäß den
Boden berührte und die Flasche tief in den Anus des
Mannes eingedrungen war. Von den Wärtern sagte er:

Am 15. Juli wurden die meisten Gefangenen in Bussen
zu einem Internierungslager in Batkovic gebracht.
Sofort nach ihrer Ankunft wurden der Zeuge und
andere mit Knüppein geschlagen. Prügel waren im
Lager Batkovic an der Tagesordnung. Der Zeuge
wurde am 1. Oktober im Rahmen eines Gefangenenaustauschs aus serbischer Internierung freigelassen.

"Was immer sie sich vorstellten, versuchten sie auch.
Wenn ihnen die Wirkung gefiel, taten sie dasselbe
auch mit anderen Gefangenen."

August
Eine 40jährige Frau beschrieb, wie Anhänger des
Serbenführers Milan Martic Frauen aus ihrer Stadt
selektierten und Hunderte von ihnen in eine Schule in
Doboj brachten.
"Vor einigen hundert Gefangenen vergewaltigten und
folterten sie tagelang Frauen und Mädchen. Es war
unerträglich mitanzusehen, wie Mädchen vor den Augen
ihrer Väter vergewaltigt wurden."

Mai - August
Eine 36jährige serbische Ärztin wurde am 5. Mai von
Paragas Schwarzhemden (HOS) in Capljina festgenommen. Sie wurde nach Dretelj zu einem militärischen Treibstofflager gebracht, das man zu einem
Internierungslager für 64 weibliche und 100 männliche
Häftlinge gemacht hatte. Dort beobachtete sie Folterungen und konnte einige der Verursacher identifizieren.
"Alle Männer wurden bei ihrer Ankunft und allen Verhören brutal geschlagen. Sie wurden mit Händen, Fäusten, Gummiknüppeln, Holzlatten und Gewehrkolben
geschlagen. Sie wurden mit Messern zerschnitten und
auf jede erdenkliche Art erniedrigt."

"Auch ich wurde vergewaltigt und gefoltert, weil sie
wußten, daß ich mit einem führenden Mitglied der
Muslim-Partei verheiratet bin. Im August wurden
einige Gefangene ausgetauscht, darunter ich und meine
Söhne. Viele schwangere Frauen und Mädchen blieben im Lager zurück. Sie wurden in ein Krankenhaus
gebracht und erhielten zweimal täglich zu essen, weil
sie - in den Worten derTschetniks - ihre Nachkommen
gebären mußten."

"(Ein) stark übergewichtiger Besitzer mehrerer Verpflegungsbetriebe sollte in ein anderes Gefängnis verlegt
werden. Dies geschah jedoch nicht, weil man ihn
tatsächlich nicht bewegen konnte: Er war so schwer
zusammengeschlagen worden."

Mai - August

"Beim Verhör... wurden die Gefangenen normalerweise ins Gesicht geschlagen, ihre Fingerspitzen abgeschnitten oder die Finger zerquetscht."

Ein 39jähriger bosnischer Muslim aus Prijedor wurde
vom 31. Mai bis 5. August im Lager Keraterm gefangengehalten. Bei seiner Ankunft in Keraterm schnitt
ein Wärter - den er identifizierte - mit einem Messer am
ersten Gelenk den linken Zeigefinger des Zeugen und
dann noch die Spitze seines linken Ringfingers ab.
Während seiner Haft beobachtete der Zeuge, wie vier
Wärter mit einem Messer einem anderen Gefangenen
Gesicht und Körper zerschnitten. Einer der Wärter
schnitt den unteren Teil vom linken Ohr des Mannes
ab. Nachdem sie ihn verprügelt hatten, ließen sie ihn
ohne medizinische Versorgung in dem Raum zurück.
Der Mann überlebte seine Verletzungen. Nach wenigen Tagen entzündeten sich jedoch seine Wunden,
und der Zeuge sagte, daß er sehen konnte, wie sich
Maden in den offenen Wunden bewegten. Der Zeuge
glaubt, daß der Mann in Prijedor geblieben ist.
Der Zeuge beschrieb eine weitere Form der Grausamkeit, die er in Keraterm beobachtete. Die serbischen
Wärter sammelten Zweiliterglasflaschen von einer
nahegelegenen Abfüllfabrik. Eine Flasche wurde auf
Seite 4

"(Ein anderer) erhielt etwa 50 Schläge auf den Kopf,
der klaffende Wunden aufwies. Weibliche Kämpfer
halfen mit, indem sie ihn traten."

"Nadeln wurden unter meine Nägel getrieben, man
schnitt mich mit einem 'Kama' in Gesicht und Brüste.
Die Behandlung der Frauen war nicht weniger inhuman als die der Männer. Im Gegenteil, mehrere
Frauen wurden vergewaltigt, sogar sehr alte."
18. Juni
Ein 42jähriger Muslim aus Kevljani wurde vom 27. Mai
bis zum 28. August im Lager Omarska interniert. Am
18. oder 19. Juni wurde er aus Gebäude 11 herausgerufen und in einen Raum mit vier Soldaten im Gebäude
10gebracht.
Die Wächter zwangen den Zeugen, sich bis auf die
Unterwäsche auszuziehen und sich bäuchlings auf
den gefliesten Boden zu legen. Ein Wächter nahm
einen eisernen Stuhl, stellte ihn auf seinen Rücken und
setzte sich darauf. Ein anderer Wächter nahm ein
großkalibriges automatisches Gewehr und schlug mit
dem Gewehrkolben auf das Rückgrat ein, wobei er

AMERIKA DIENST 5

�jeden Wirbel zweimal traf. Ein dritter Wächter trat ihn 27. Juli
ständig in Beine und Leistengegend. Der vierte schlug
unaufhörlich auf seinen Brustkorb ein und brach dem Ein 29jähriger serbischer Zivilist aus Srebrenik wurde
am 27. Juli von bosnischen Regierungstruppen in das
Zeugen dabei vier Rippen.
Lager Zenica gebracht. Er wurde ständig mit Tauen
Der Zeuge verlor das Bewußtsein. Als er aufwachte, und Knüppeln geschlagen - alle 10 Minuten während
standen die vier Wärter um ihn herum und begannen der ersten 96 Stunden nach seiner Ankunft. Die
erneut, ihn auf Beine, Schultern und Kopf zu schlagen. Spuren der Schläge waren noch sichtbar, besonders
Ein Wärter nahm einen Gummiknüppel, spreizte den am Kopf. Darüber hinaus berichtete er, wie NahrungsRücken des Gefangenen und schlug ständig auf Rücken mittel absichtlich ungenießbar gemacht wurden.
und Rippen ein. Der Zeuge fühlte lediglich die Schmerzen der ersten 10 Schläge, danach fühlte er nichts Behinderung der Lieferung von Nahrungsmitteln
mehr. Ein weiterer Wächter zog ein Messerund sagte, und Medikamenten an die Zivilbevölkerung
er werde ihn "beschneiden". Der Wächter schnitt ihn
dann in die Kniescheibe, aber der Zeuge erklärte, er 10. Januar 1993
habe noch nicht einmal das Messer gespürt, als er sah, Bosnisch-serbische Truppen feuerten nahe der Stadt
wie das Blut aus seinem Bein strömte.
Kladanj auf britische Truppen, die einen UN-Hilfskonvoi begleiteten.

Juni

Ein 22jähriger serbischer Zivilist aus Drivusa wurde
dreimal in den linken Arm geschossen, als bosnische
Regierungstruppen im Juni serbische Stellungen in
Zenica einnahmen. In den ersten zehn Tagen nach
seiner Gefangennahme wurde er im Lager Zenica
geschlagen. Er hatte immer noch eine Narbe am Bein,
wo man ihn geschnitten hatte, "nur weil ich Serbe bin".
Er wurde Zeuge, wie ein älterer Mann, der auf eine
Mine getreten war, keinerlei medizinische Versorgung
erhielt und vor einem Besuch des Sonderberichterstatters der UNO-Menschenrechtskommission, Tadeusz
Mazowiecki, aus dem Lager entfernt wurde. Nach
Mazowieckis Abreise wurde der Gefangene zurückgebracht und starb wenige Tage später. Nahrung und
Tee waren oft mit Seife ungenießbar gemacht worden.
Mißhandlung von Zivilisten in den Gefangenenlagern

6. Januar 1993
Bosnisch-serbische Truppen stoppten am 6. Januar
Versuche der UNO, die Stromversorgung in Sarajevo
wiederherzustellen und verhinderten, daß eine Ladung Brennholz nach Sarajevo gelangte.
Dezember
Auch im Dezember behinderten bosnische Serben
Hilfskonvois des Hohen Flüchtlingskommissars der
Vereinten Nationen (UNHCR) nach Ostbosnien, beschossen weiterhin die Straße nach Mostar und gefährdeten UNHCR-Mitarbeiter mit Angriffen von Hekkenschützen und Mörserattacken. Die bosnischen
Serben verhinderten ferner Lieferungen nach Bihac
sowie die Überwachung von Hilfslieferungen in Banja
Luka.

Bosnische Kroaten hielten UNHCR-Konvois auf der
Straße von Mostar nach Sarajevo auf: Erst erklärten
1992
die bosnischen Kroaten den UNHCR-Konvois, die
Ein Vertreter des Zentrums für die Untersuchung von Straße sei unsicher und könne nicht benutzt werden.
Kriegsverbrechen in Zenica behauptete, das Zentrum Als der UNHCR-Konvoi darauf bestand, das Risiko
habe Zeugen von Vergewaltigungen und Gewalttaten eines serbischen Artillerieangriffs einzugehen, wurde
befragt, die die Vergewaltigung von 30.000 Frauen in ihm die Weiterfahrt gestattet. Seitdem wurden die
Bosnien-Herzegowina beschrieben hätten.
Konvois jedoch wiederholt an Kontrollpunkten gestoppt,
auf schwer passierbare Nebenstraßen umgeleitet, an
August
Kontrollpunkten beleidigt und mit Schüssen in die Luft
Ein 12jähriges Mädchen aus Jelec wurde in neun eingeschüchtert.
Nächten von mehreren serbischen Soldaten im Gefan- Bosnische Muslime schössen wiederholt auf UNHCRgenenlager Partizan bei Foca vergewaltigt. Bei einer Fahrzeuge und -Mitarbeiter und belästigten UNHCRGelegenheit vergewaltigte ein serbischer Soldat das Mitarbeiter an von Muslimen bewachten Barrikaden.
Mädchen und seine Mutter.
Eine gravierende Behinderung der humanitären HilfsEine 20jährige Frau, die von einem serbischen Polizi- lieferungen in von der bosnischen Regierung kontrolsten vergewaltigt worden war, erklärte, daß in Miljevi- lierte Gebiete im Dezember waren die von den muslina, einer als mögliches "Vergewaltigungslager" be- mischen Streitkräften in der Gegend von Bratunac
schriebenen ostbosnischen Stadt, etwa 100 "junge eingeleiteten Aktivitäten, mit denen die HilfslieferunMuslimfrauen und -mädchen vergewaltigt wurden".
gen für Srebrenica unterbrochen wurden sowie in der
Gegend von Rogativa, wo ein für Gorazde bestimmter
Konvoi an der Weiterfahrt gehindert wurde.
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Seite 5

�Vor Banja Luka belästigten serbische Wachposten
weiterhin die Mitarbeiter der Hilfskonvois, bedrohten
sie mit Gewehren und Pistolen und untersagten ihnen
die Verteilung der Nahrungsmittel.
12. Dezember
Am 12. Dezember stoppten bewaffnete Serben einen
humanitären Hilfskonvoi von Belgrad nach Sarajevo
bei Han Pijesak und drohten mit der Ermordung der
Mitarbeiter des Hilfskonvois.

das UN-Hauptquartier in Sarajevo bombardiert und
das Radar des Flughafens im Südwesten der Hauptstadt durch Artilleriebeschuß zerstört.
Mutwillige Verwüstung und Zerstörung von Eigentum
27. Mai

Ein 42jähriger Muslim beschrieb am 26. Mai den
serbischen Angriff auf Kevljani. Die Dorfbewohner
flüchteten in die Wälder, nachdem sie jedoch die Nacht
I.Dezember
unter heftigem Artilleriebeschuß verbracht hatten, wollten
sich zahlreiche Frauen ergeben. Der Zeuge und ein
Am 1. Dezember trifft aus Handfeuerwaffen abgefeu- Imam geleiteten eine Gruppe von Frauen und Kindern
erte Munition den Stabilisator einer amerikanischen C- mit einer weißen Flagge zur Schule, um sich zu erge130 beim Anflug auf den Flughafen von Sarajevo, was ben.
die vorübergehende Einstellung der UNHCR-Luftbrükke zur Folge hatte. Seit dem 4. November sind Ein serbischer Offizier mit dem Spitznamen Cigo - der
mindestens fünf der an der humanitären Luftbrücke Führer des Panzerregiments, das Kevljani angegriffen
beteiligten Flugzeuge von Handfeuerwaffen getroffen hatte - erklärte der Gruppe, das gesamte Dorf habe
worden.
zwei Stunden, um sich zu ergeben. Der Zeuge sagte
aus, er habe Cigo alle Waffen der Gruppe in der
Gezielte Angriffe auf Nichtkombattanten
Hoffnung übergeben, das Dorf würde verschont. Die
serbische Armee brannte jedoch die meisten Häuser
16. Dezember
bis auf die Grundmauern nieder. Sie schickte alle
Am 16. Dezember erschoß ein Heckenschütze einen Muslime und Kroaten in Bussen nach Prijedor.
französischen Soldaten der UNO-Schutztruppe in
Bosnien-Herzegowina, der auf dem Flughafen von Juni
Sarajevo Wache hatte.
Der orthodoxe Bischof von Herzegowina sagte am 28.
September
öffentlich aus, daß die reguläre Armee der
Auf der Fahrt nach Sarajevo in einem gepanzerten und
gekennzeichneten Fahrzeug der UNO wurden Hans Republik Kroatien von der Küste und kroatische StreitStercken, Bundestagsabgeordneterund Vorsitzender kräfte aus der westlichen Herzegowina seit Anfang
des Auswärtigen Ausschusses sowie ein Angehöriger Juni folgendes Eigentum in seiner Diözese zerstört
der deutschen Botschaft angegriffen. Das von ägyp- hätten:
tischen Fahrern gesteuerte Fahrzeug wurde von
am 15. und 16. Juni die orthodoxe Kathedrale
mehreren Schüssen getroffen.
und den Bischofssitz in Mostar,
Stercken zufolge hätten die Vereinten Nationen die
Identität des Fahrzeugs "nicht deutlicher kenntlich
machen können". Es war weiß lackiert und mit dem
Symbol der Vereinten Nationen versehen.
6. Dezember
Am 6. Dezember wurde das Fahrzeug eines UNHCRVertreters viermal von Kugeln getroffen.
5. Dezember
Salven aus Granatwerfern, die den Terminal des Flughafens von Sarajevo am 5. Dezember trafen, verwundeten zwei der UN-Friedenssicherungsmission unterstellte portugiesische Polizisten. Der Beschuß des
Flughafens wurde den ganzen Tag über fortgesetzt.
4. Dezember
Während des Kampfes um Otes in der ersten Dezemberwoche wurden zwei UN-Flugzeuge beschossen,

Seite 6

Kirchen in Bjelo Polje, Bobani plateau, Capljina,
Dubrovnik, Duvno, Gabela, Metkovic, Stolac,
Zacula und Zalanik,
die serbischen Dörfer Brdjani, Zukici, Djepi (oder
Cepi), Blace, Vrdolje, Zagorice, Zivanje, Ljuta,
Ovcari, Ribari, Sitnik, Donje Selo, Cerici, Bjelovcani, Celebici, Pokojiste, Obri, Nevizdraci, Idbor, Ostrozac, Dobrigosce, Paprasko, Repovac, Shunje, Hondici, Gnojnica, Buna, Hodbina
und Pijesci,
das byzantinische Kloster ausdem 15. Jahrhundert in Zavala, das byzantinische Kloster aus
dem 16. Jahrhundert in Zitomislic, die serbischen Dörfer Tasovcic, Klepci und Prebilovci
am Ostufer der Neretva - wo am 7. und 8. Juni
die Kirche mit den Gebeinen von fast 2.000
zwischen 1941 und 1945 getöteten Serben
niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht worden war.

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�Erzwungene Massenvertreibung und Deportation
von Zivilisten

hatten, beschrieb die jüngsten Angriffe der bewaffneten Serben:

12. Januar 1993

"Sie beraubten uns. Sie nahmen die Autos, die Fahrräder. Die Polizisten fahren jetzt meinen Privatwagen.
Bis zu 35.000 Männer, Frauen und Kinder sind in Zepa Sie sagten, wenn wir uns weigerten, ihnen unsere
aufgrund von Krankheiten und Unterernährung vom Autos zu geben, würden sie uns in die Lager schicken."
Tod bedroht. Bosnische Serben verweigern die Lieferung von Nahrungsmitteln, Medikamenten und ande- Der Muslim berichtete, die serbische Miliz bombardieren Gütern in die Stadt. Bis heute unterbinden sie alle re weiterhin jede Nacht die umliegenden Dörfer von
humanitären Hilfskonvois der Vereinten Nationen in Sanski Most.
die Stadt.
Dezember
5. Januar 1993
Angehörige der Zivilpolizei der UNO-Schutztruppe
Ein Sozialarbeiter eines Pflegeheims in Nedzarici im UNPROFOR begleiten die letzten sechs Kroaten aus
serbisch kontrollierten Teil von Sarajevo erklärte, 10 Zemunik Gornji, vier ältere Frauen und zwei ältere
seiner Patienten seien in den vergangenen 36 Stunden Männer, nach Zadar. Ihren Aussagen zufolge hatten
gestorben und 26 Bewohner des Heims seien in den sie wie im Gefängnis gelebt und waren geflohen, um ihr
letzten beiden Wochen aufgrund fehlender Heizung Leben zu retten. Mit Ausnahme von zweien waren alle
gestorben. Er stellte ferner fest, Heckenschützen oder Häuser der Kroaten in der Gegend zerstört worden.
direkte Angriffe auf das Gebäude hätten seit April 1992
den Tod von 20 bis 25 Heimbewohnern verursacht. 25. Mai
Einem UNHCR-Vertreter zufolge hatte das PflegeEin 33jähriger Muslim aus Prijedor beobachtete serbiheim weder Wasser, Elektrizität noch Heizung. Die
sche Streitkräfte, die am 25. Mai schwere Panzer und
meisten Versorgungsunternehmen in Sarajevo (ElekKanonen nach Kozarac verlegten. Zahlreiche Dorfbetrizität, Erdgas und Wasser) sind unter serbischer
wohner flüchteten in ein nahegelegenes Haus in den
Kontrolle.
Wäldern, wo sie sich im Keller versteckten. Um die
Mittagszeit bildeten Frauen, Kinder und Verwundete
Gruppen zu je 30, trugen eine weiße Fahne und wollten
In den ersten beiden Dezemberwochen wies die serbi- sich den Serben ergeben. Die serbische Armee feuersche "Polizei" 65 NichtSerben aus Baranja in der UN- te auf einige Mitgliederder Gruppe, die sich zu ergeben
Schutzzone Ost aus, vor allem aus Darda, Bilje und versuchte.
Knezevi Vinogradi. Weitere 24 Familien wurden von
der serbischen "Polizei" unter Druck gesetzt, Knezevi Der Zeuge beobachtete, wie die Soldaten Häuser,
Autos und alles, dessen sie habhaft werden konnten,
Vinogradi zu verlassen.
plünderten und niederbrannten. Er sah, wie serbische
5. Dezember
Panzer auf Privathäuser feuerten. Die Männerwurden
dann von den Frauen und Kindern getrennt und nach
Ein Muslim, dem zufolge sich nur noch 3.000 Muslime Trnopolje gebracht.
in Sanski Most befinden, wo zuvor 15.000 gelebt
Dezember

*

AMERIKA DIENST 5

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Seite 7

�KONGRESS
3. Februar 1993

ERZIEHUNGSURLAUB, FRAUENFRAGEN UND
DIE REFORM DER KONGRESSARBEIT
Bericht über die Arbeit des Kongresses
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend bringen wir einen Bericht über Aktivitäten im amerikanischen Kongreß zu
den Themen Erziehungsurlaub, Pläne der weiblichen Kongreßabgeordneten und Reform der Arbeit des
Kongresses.

Rasche Verabschiedung des Gesetzes über Familienurlaub
Ein von Präsident Clinton unterstütztes Gesetz, das
amerikanischen Arbeitgebern vorschreiben würde, ihren
Beschäftigten unbezahlten Urlaub zur Bewältigung
familiärer und medizinischer Notlagen zu gewähren,
macht rasche Fortschritte auf seinem Weg durch den
Kongreß.
Das offiziell als Family and Medical Leave Act von
1993 bezeichnete Gesetz wurde am 26. Januar mit 13
zu 4 Stimmen vom Arbeitsausschuß des Senats verabschiedet. Das Gesetz muß nun noch von beiden
Häusern des Kongresses genehmigt werden, bevor es
dem Präsidenten zur Unterschrift zugeleitet wird.
Die Verabschiedung dieser Maßnahme würde Clintons Fähigkeit unterstreichen, eng mit einem von seiner Demokratischen Partei kontrollierten Kongreß
zusammenzuarbeiten und damit 12 Jahre des politischen Patts mit einem von den Republikanern beherrschten Weißen Haus zu beenden.
Es ist nahezu identisch mit zwei früheren Gesetzentwürfen, die mit soliden Mehrheiten sowohl vom Senat
als auch vom Repräsentantenhaus befürwortet worden waren, gegen die der ehemalige Präsident Bush
jedoch sein Veto eingelegt hatte. Im Jahr 1992 gelang
es dem Senat, genug Stimmen aufzubringen, um
Bushs Veto zu überstimmen, während dieser Versuch
im Repräsentantenhaus jedoch scheiterte.
In einer Stellungnahme vor einem Unterausschuß des
Arbeitsausschusses im Repräsentantenhaus erklärte

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der neue Arbeitsminister Robert Reich am 26. Januar,
das Gesetz - das 60 Prozent der amerikanischen
Arbeitnehmer erfassen würde - sei notwendig, um mit
den raschen demographischen Veränderungen der
Erwerbsbevölkerung Schritt zu halten und die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten
zu erhalten.
Reich zufolge ist Clinton, der im Präsidentschaftswahlkampf 1992 den Familienurlaub nachdrücklich unterstützt hatte, "begierig darauf, dieses Gesetz zu unterzeichnen".
"Präsident Clinton und ich engagieren uns dafür, das
Abdriften unseres Landes zu einer Zweiklassenwirtschaft zu beenden, in der einige amerikanische Arbeitnehmer als wertvolle Partner und andere als verzichtbare Teile behandelt werden", erklärte er. "Auf unserem Weg zur Volkswirtschaft der Zukunft müssen wir
gewährleisten, daß wir jeden mitnehmen. Das Gesetz
über Familien- und Krankenurlaub wird ein starkes
Signal darstellen, daß alle Arbeitnehmer, nicht nur die
Spitzenkräfte, in die bestehenden Netze des kooperativen Lernens und der Teamarbeit eingebunden sind."
Auf Fragen über die Sorgen von kleinen und mittleren
Unternehmen, das Gesetz könne sich als zu kostspielig erweisen, verwies Reich auf eine Untersuchung des
amerikanischen Bundesrechnungshofes (General
Accounting Office - GAO), einer überparteilichen
Ermittlungsbehörde des Kongresses.
"Der GAO fand heraus, daß die Kosten pro Arbeitnehmer etwa 5 Dollar pro Jahr betragen - eine unbedeutende Summe im Vergleich zu den Sozialleistungen",
Seite 1

�stellte er fest. Reich zufolge haben die führenden
Industrienationen bereits Pläne für Familienurlaub
eingeführt.

Der Vorschlag, den die weiblichen Kongreßabgeordneten Präsident Clinton bis Mitte Februar vorlegen
wollen, räumt den Bedürfnissen von Kindern und Frauen - insbesondere "denen, die in Armut leben" - in den
"Der von Clinton während des Wahlkampfs vorgelegte Bereichen Gesundheit, Wirtschaft und Bildung PrioriWirtschaftsplan geht von der Prämisse aus, daß wir tät ein.
den Menschen in den Mittelpunkt stellen müssen",
erklärte er. "Wenn wir dieses Kapital nicht nutzen, Nach den Worten der demokratischen Abgeordneten
werden wir nicht konkurrenzfähig sein. Andere Länder des Repräsentantenhauses Nadia Velazquez und
sind sich dessen bewußt."
Majorie Margolies-Mezvinsky sowie ihrer republikanischen Kollegin Tillie Fowler fordert der Vorschlag
Der Arbeitsminister verwies darauf, daß die Normen zusätzliche Finanzmittel für die medizinische Forschung
für Familienurlaub in den meisten anderen Ländern auf dem Gebiet der Gesundheit von Frauen. Er spricht
wesentlich höher liegen als in dem amerikanischen ferner die Notwendigkeit einer Gesundheits- und BilPlan.
dungsreform an und der Erarbeitung eines Plans, um
frischgebackenen Eltern Erziehungsurlaub oder eine
"In vielen Ländern erhalten Arbeitnehmer bezahlten
verlängerte Abwesenheit vom Arbeitsplatz zu gewähUrlaub zur Kinderbetreuung oder für medizinische
ren.
Notfälle", fügte er hinzu. "Wir bemühen uns, zu ihnen
aufzuschließen."
Die drei weiblichen Kongreßabgeordneten würdigten
die
Ernennung von Hillary Rodham Clinton durch den
Reich zufolge erhalten Arbeitnehmer in den meisten
Präsidenten
zur Leiterin einer Arbeitsgruppe, die PläIndustriestaaten durchschnittlich 12 bis 14 Wochen
ne zur Reform des nationalen Gesundheitswesens
Erziehungsurlaub sowie bis zu einem Jahr unbezahlerarbeiten soll.
ten Urlaub mit Arbeitsplatzgarantie.
Nach dem Family and Leave Act von 1993 würden "Dies ist ein deutliches Signal, daß er (Präsident
amerikanische Arbeitnehmer in Firmen mit mehr als 50 Clinton) die Frage mit der ihr gebührenden ErnsthaftigBeschäftigten das gesetzlich garantierte Recht erhal- keit angeht. Wir sind außerordentlich erfreut über
ten, bei der Geburt oder Adoption eines Kindes, für die seine Entscheidung", erklärte Margolies-Mezvinsky,
Betreuung eines schwerkranken Kindes, Ehegatten eine ehemalige für Gesundheitsfragen zuständige
oder Elternteils sowie die medizinische Behandlung Fernsehreporterin.
des Arbeitnehmers selbst bei ernsthafter Erkrankung
bis zu 12 Wochen unbezahlten Urlaub zu nehmen.

Am 25. Januar gab Clinton seine Entscheidung bekannt, seine Frau zur Leiterin der Arbeitsgruppe für die
Die Unternehmen müßten die Krankenversicherung Reform des nationalen Gesundheitswesens zu ernender Beschäftigten während des Urlaubs weiter gewäh- nen. Die aus sechs Kabinettsmitgliedern und hochranren, und die Arbeitnehmer würden denselben Arbeits- gigen Beratern des Weißen Hauses zusammengeplatz oder eine gleichwertige Position zurückerhalten. setzte Arbeitsgruppe wird Clintons Plan zum Abbau
der Kosten im Gesundheitswesen und der uneingeBestimmte besonders wichtige Arbeitnehmer würden schränkten Bereitstellung von medizinischer Versorvon dem Gesetz ausgenommen. Ein besonders wich- gung bei entsprechendem Bedarf formulieren. Hillary
tiger Arbeitnehmer wird als Beschäftigter definiert, der Clinton wird diese Tätigkeit ehrenamtlich ausüben.
gehaltsmäßig zu den obersten 10 Prozent der Erwerbsbevölkerung gehört und dessen Urlaub dem Unabhängig davon, ob es die Gesundheitsreform oder
Arbeitgeber ökonomischen Schaden zufügen würde. medizinische Forschung, Kindererziehung oder Erziehungsurlaub betrifft, so Fowler, die neuen Frauen im
Neue Frauen im Kongreß haben gemeinsame Ziele Kongreß "sind der festen Überzeugung, daß es kein
parteipolitisches Diktat für unsere Arbeit in WashingNur knapp einen Monat nach ihrem Amtsantritt haben ton gibt".
die neuen Frauen im Kongreß bereits einen überparteilichen Vorschlag erarbeitet, der sich auf die Bedürf- "Wir sind als Architekten und Instrumente des Wannisse amerikanischer Frauen und Kinder konzentriert. dels hier, um die Zukunft für unsere Kinder zu bauen",
stellte sie fest.
Bei der Erläuterung ihrer Tagesordnung vor dem nationalen Presseclub am 26. Januar 1993 hoben drei der "Meines Erachtens sind wir als Frauen besonders für
im November letzten Jahres gewählten weiblichen die Bedürfnisse von jungen Menschen geschärft",
Kongreßabgeordneten hervor, daß ihr Aktionsprogramm fügte sie hinzu. "Wir wollen einen Kongreß, derauf ihre
für die Belange von Frauen und Kindern per Konsens Bedürfnisse und die der Allgemeinheit eingeht."
von den 54 weiblichen Mitgliedern des Kongresses "in
Die neuen weiblichen Mitglieder des Kongresses
weniger als einer Stunde" verabschiedet wurde.
möchten ferner mit ihren männlichen Kollegen bei der

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AMERIKA DIENST 5

�Verabschiedung von Gesetzen zusammenarbeiten,
die den Abbau des Haushaltsdefizits zum Ziel haben,
"denn wenn die Konjunktur schwach ist, müssen alle insbesondere Frauen und Kinder- leiden", erklärte sie.

Vor dem Gemeinsamen Ausschuß für die Organisation des Kongresses erschienen der Sprecher des
Repräsentantenhauses Thomas Foley, der Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus Dick Gephardt, der
Minderheitsführer im Repräsentantenhaus Robert H.
Michel, der Mehrheitsführer im Senat George J. Mitchell sowie der Minderheitsführer im Senat Bob Dole.

Alle Rednerinnen schrieben ihren Wahlerfolg den
Wählern zu, die mit den Worten von Velazquez "jemanden in den Kongreß entsenden wollten, der aussieht wie sie, denkt wie sie, den Bezug zu den Men- "Der Kongreß arbeitet nicht so, wie er sollte", erklärte
schen nicht verloren hat, der ihre Hoffnungen interpre- Senator David Boren, einer der beiden Vorsitzenden
tieren und ihre Ängste in Maßnahmen umsetzen kann". des Gemeinsamen Ausschusses, und jetzt ist die Zeit
zur "Wiederbelebung unserer Demokratie" mit einer
Die drei weiblichen Delegierten zählen zu den 54 neuen Administration und einem neuen Kongreß
Frauen - sechs Senatorinnen und 48 weiblichen Abge- gekommen. Er stellte fest, daß der 24köpf ige Gemeinordneten des Repräsentantenhauses - die jetzt im same Ausschuß im letzten August als Reaktion auf
Kongreß tätig sind. Dies ist die höchste Anzahl von den "Druck (zu Reformen) inner- und außerhalb des
Frauen, die je im nationalen Parlament vertreten war. Kongresses" gebildet worden sei.
Nach den Wahlen vom 3. November stieg ihre Zahl
drastisch an, weil die Wähler landesweit zusätzlich 24 "Eine systematische und eingehende Überprüfung der
Frauen ins Repräsentantenhaus und vier weitere in Tätigkeit des Kongresses kann zeigen, daß wir uns
den Senat gewählt hatten.
ernsthaft um eine verbesserte Wirkungsweise bemühen", so Lee Hamilton, Mitglied des RepräsentantenDie neuen Frauen im Kongreß vertreten alle Schichten hauses und Mitvorsitzender des Gemeinsamen Ausder Gesellschaft und spiegeln viele der Kulturen wider, schusses.
von denen die Vereinigten Staaten - aber nicht zwangsläufig der Kongreß - gekennzeichnet sind.
"Die Öffentlichkeit verlangt eine größere Rechenschaftspflicht und eine wirksamere Funktionsweise dieser
Im 103. Kongreß sind die erste weibliche schwarze Institution", erklärte Mitchell. Zu diesem Zweck schlug
Senatorin, Carol Moseley Braun, eine Demokratin aus er sieben Beschlüsse vor, von einer Verringerung der
Illinois, und Senatorin Patty Murray, eine Demokratin Ausschußarbeit bis zu einer Änderung der Vorschrifaus Washington vertreten, deren Wahlkampf motto sie ten für die Debatten oder einer Beschleunigung des
als "Mutti in Tennisschuhen" charakterisierte.
Gesetzgebungsprozesses vor den Plenarsitzungen
Velazquez, die als erste Puertoricanerin in den Kon- im Senat.
greß entsandt wurde, gab für ihren Wahlkampf in New
York weniger Geld aus als ihr republikanischer Gegenkandidat Angel Diaz. Unter Verweis auf ihre als Kind
mit acht Geschwistern, deren Vater Zuckerrohrschneider war, gemachten Erfahrungen, stellte Velazquez
fest: "Es gab zahllose Tage, an denen wir hungig zu
Bett gingen. Es gab Tage, an denen andere dachten,
ich wäre Analphabetin, nur weil ich einen Akzent hatte.
Es gab Tage, an denen mich die Kinder wegen meiner
Nationalität verspotteten. Ich repräsentiere die neue
Welleder Einwandererund bin entschlossen sicherzustellen, daß sie gut behandelt und nicht in Krankenhäusern abgewiesen werden, weil sie keine Versicherung
haben."

Dole stimmte einer Verringerung der Ausschußarbeit
der Abgeordneten zu, wies jedoch darauf hin: "Wir
müssen Vorsicht walten lassen, bevor wir die Vorschriften ändern", da diese die Minderheitsfraktion
schützen.

Am 26. Januar erschienen die Fraktionsführer beider
Häuser des Kongresses vor einem Gremium des
Kongresses, um dieses bei der Reformierung und
Neuorganisation des Gesetzgebungsprozesses zu
unterstützen.

Der Gemeinsame Ausschuß für die Organisation des
Kongresses wurde ins Leben gerufen, um "eine umfassende und vollständige Untersuchung über die Organisation und Funktionsweise des Kongresses zu erstellen". In der 204jährigen Geschichte des Kongresses ist dieser Ausschuß erst der dritte seiner Art.

Foley stellte fest, daß zwar Reformen erforderlich
seien, der Kongreß jedoch effizienter funktioniere als
die Öffentlichkeit glaube. Er wies darauf hin, daß seit
seiner ersten Wahl in das Repräsentantenhaus vor 28
Jahren bereits bedeutende Reformen durchgeführt
wurden.

"Wir haben uns wieder und wieder in Richtung größerer Rechenschaftspflicht, Offenheit und Information
"Ich bin entschlossen, für gleiche Chancen für alle bei der Öffentlichkeit bewegt", erklärte er. Er gab zu, daß
allem zu kämpfen. Ich habe Glück, daß meine Ziele die für ein verbessertes Funktionieren des Kongresses
Ziele all meiner Kolleginnen im Parlament sind."
weitere Veränderungen erforderlich seien, wies jedoch
darauf hin, daß dem durch eine Neuorganisation ErBemühungen um Reform und Modernisierung
reichbaren Grenzen gesetzt seien.

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�Der Ausschuß wird sich auf spezifische Reformbereiche konzentrieren, einschließlich der Verabschiedung
des Haushalts, des Ausschußsystems, der Debatten
und ihrer Anberaumung, der Berufung von Kongreßabgeordneten, der Beziehungen zwischen den Kam-

mern und den Parteien, der Verbesserung des Verständnisses der Öffentlichkeit für den Kongreß als
Institution, der Kommunikations- und Informationstechnologie sowie der Moral und Integrität dieser Institution.

* * * *

*

»

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AMERIKA DIENST 5

�FRAUEN
3. Februar 1993

DIE NEUNZIGER JAHRE - JAHRZEHNT DER FRAU
IN DER AMERIKANISCHEN POLITIK?
von Michele St. George
Aufgrund der ehrgeizigen Anstrengungen, die Zahl der für ein Wahlamt in den Vereinigten Staaten kandidierenden Frauen zu erhöhen, ist es nach Meinung der Autorin des vorliegenden Artikels, Michele St. George,
wahrscheinlich, daß die Repräsentation der Frauen auf ein Spitzenniveau steigen wird.
Michele St. George ist freiberufliche Schriftstellerin und lebt in Campo (Kalifornien).

Es besteht die Möglichkeit, daß die neunziger Jahre
dieses Jahrhunderts als ein Jahrzehnt in die Geschichte eingehen werden, in dem Frauen in der Politik der
Vereinigten Staaten enorme Fortschritte machten.

reich tätigen Frauen viermal so hoch wie vor 20 Jahren.
Jedoch besetzen Frauen auf keiner Ebene mehr als
ungefähr ein Fünftel der landesweit verfügbaren Positionen.

Immer mehr Frauen lassen in der Politik ihre Muskeln
spielen, indem sie für ein Amt kandidieren, Gelder für
weibliche Kandidaten aufbringen, ihr Wahlrecht ausüben und andere dazu ermutigen, in Entscheidungsfindungsgremien und -ausschüsse gewählt und für die
Anliegen von Frauen als Lobbyistinnen tätig werden.

Die dramatischsten Veränderungen gab es auf Gemeinde- und bundesstaatlicher Ebene. 1969 waren
lediglich 301 Frauen im Bereich der bundesstaatlichen
Gesetzgebung tätig. Dem CAWP zufolge hat sich die
Zahl vervierfacht und liegt jetzt bei 1.375 oder 18,4
Prozent. Die Statistiken des Zentrums offenbaren
auch, daß in sechs Bundesstaaten - Arizona, Maine,
Utah, New Hampshire, Vermont und Colorado - mehr
als 30 Prozent der Abgeordneten im Parlament Frauen
sind.

"Frauen werden auf allen Ebenen der Politik stärker
einbezogen", erklärte Jane Danowitz, geschäftsführende Direktorin des Wahlkampffonds für Frauen,
einem politischen Aktionskomitee. "Die Anzahl unserer neuen Geldgeber hat sich verdoppelt. Zur Zeit
arbeiten wir an einem Joint Venture mit der Nationalen
Vereinigung weiblicher Führungskräfte, einer Organisation mit mehr als 250.000 im mittleren Management
tätigen Frauen, um Frauen zu einem Engagement in
der Politik und zur Unterstützung weiblicher Kandidaten zu ermutigen".
Frauen stellen 52 Prozent der Bevölkerung in den
Vereinigten Staaten. Daher ist es eines der Hauptziele
solcher Gruppen, die politische Gleichstellung mit
Männern zu erreichen. "Wir werden nicht ruhen, bis
Frauen 50 Prozent der wichtigen Positionen in diesem
Land innehaben", erklärt Katherine Spillar, nationale
Koordinatorin des Fonds fürdie feministische Mehrheit
(FFM).
Zahlen des Zentrums für die amerikanische Frau und
die Politik (Center forthe American Woman and Politics - CAWP) zufolge ist die Zahl der im Regierungsbe-

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Das politische Engagement der Frauen in Amerika
geht auf das 19. Jahrhundert zurück, als führende
Persönlichkeiten wie Elizabeth Cady Stanton, Susan
B. Anthony und Lucretia Mott für das Wahlrecht für
Frauen kämpften sowie für soziale Reformen wie
Gesetze zur Kinderarbeit, öffentliche Bildungseinrichtungen, Gesundheitsfürsorge und das Ende der Sklaverei.
Durch die Ratifizierung des 19. Zusatzartikels zur
amerikanischen Verfassung im Jahre 1920 erhielten
die Frauen das Wahlrecht. Im Bereich der Repräsentation in öffentlichen Ämtern machten sie jedoch nur
langsam Fortschritte. Bis in die siebziger Jahre, als die
Frauenbewegung das politische Engagement der Frauen
schürte, war die Wahl von Frauen in ein Amt eher die
Ausnahme. Im Zuge der verbesserten Bildung von
Frauen und ihrer Eingliederung in die arbeitende
Bevölkerung förderten Gruppen wie die Nationale
Frauenorganisation (National Organization for WoSeite 1

�men - NOW) gleiche Rechte und Mitbestimmungs- erstmals in der Geschichte 13 der 15 Kandidatinnen für
möglichkeiten für Frauen in allen Bereichen des Lebens. Parlamentssitze gewählt.
Seit den siebziger Jahren haben die Frauen im Bereich
der Politik Beträchtliches erreicht. 1971 gab es nur
sieben weibliche Bürgermeister in den großen Städten
der Vereinigten Staaten. 1992 war diese Zahl auf 374
oder annähernd 14 Prozent der Bürgermeister von
Städten mit einer Einwohnerzahl von über 10.000
angestiegen. Die Zahlen des CAWP zeigen, daß 19
der 100 größten Städte in den Vereinigten Staaten
eine Bürgermeisterin haben, einschließlich San Diego
(Kalifornien), Fort Worth (Texas) und der Bundeshauptstadt Washington.

Spillar stellt ferner fest, daß sich 1992 auch in Kalifornien eine Rekordzahl von Frauen um öffentliche Ämter
bewarb. "Mit mehr als doppelt so vielen Frauen
verglichen mit vor zwei Jahren könnte Kalifornien die
Zahl der in das Parlament des Bundesstaates und in
den Kongreß gewählten Frauen beträchtlich erhöhen."

Die Vorwahlen in Kalifornien vom Juni 1992 erwiesen
sich als vorteilhaft für die Frauen: Zwei heißumstrittene Kandidatinnen der Demokraten bei den Vorwahlen
für den US-Senat waren beispielsweise die Abgeordnete des Repräsentantenhauses Barbara Boxer und
Den Statistiken des CAWP zufolge wurden auf der die ehemalige Bürgermeisterin von San Francisco,
Ebene der Bundesstaaten 60 Frauen (18 Prozent) in Dianne Feinstein. Sie traten als Team gegen die leitende Positionen gewählt, einschließlich drei Gou- beiden männlichen - republikanischen Kandidaten an,
verneurinnen und sieben Vizegouverneurinnen. Fünf die sie bei den Wahlen im November 1992 besiegten.
der fünfzig amerikanischen Bundesstaaten haben eine Insgesamt gewannen 16 neue kalifornische KandidaJustizministerin. Mehr Frauen als jemals zuvor sind im tinnen die Vorwahlen für Sitze im RepräsentantenBereich der staatlichen Haushalts- und Finanzpolitik haus. Garantiert wird es mindestens zwei neue Getätig. Achtzehn Bundesstaaten haben 21 in das Amt sichter im Repräsentantenhaus aus Wahlbezirken
des Leiters der Finanzabteilung oder des Präsidenten geben, in denen Frauen sowohl die Vorwahlen der
Republikaner als auch der Demokraten gewonnen
des Bundesrechnungshofes gewählte Frauen.
haben.
Im amerikanischen Kongreß gab es seit Mitte der
siebziger Jahre nur geringe Fortschritte. 1975 stellten Es gibt Anzeichen dafür, daß die traditionellen Schrandie 19 Frauen vier Prozent der Kongreßabgeordneten ken beim Wahlprozeß niedergerissen werden können.
dar. Dies hat sich jedoch geändert. Heute sind im Die Diskriminierung der Wähler gegen Frauen hat seit
Kongreß 54 Frauen vertreten, 6 Senatorinnen und 48 den sechziger Jahren beträchtlich abgenommen, als
Abgeordnete im Repräsentantenhaus.
viele Amerikaner der Überzeugung waren, die Frau
gehöre ins Haus. Meinungsumfragen zufolge würden
Zur Behebung des Ungleichgewichts begann der Fonds heute weniger als 10 Prozent der Amerikaner gegen
für die feministische Mehrheit die Kampagne "Mehr einen Kandidaten stimmen, nur weil dieser eine Frau
feminine Macht", um mehr Frauen als jemals zuvor zur ist. In der Tat werden Frauen sogar von einigen
Kandidatur für ein öffentliches Amt zu bewegen. "Wir Wählern bevorzugt.
haben eine einfache Strategie", erklärt Spillar. "Je
mehr Frauen kandidieren, desto mehr werden auch "Jüngste öffentliche Meinungsumfragen belegen, daß
gewählt. Wir wollen die Wahlliste überfluten, so daß die Wähler Kandidatinnen in diesem Jahr Vorrang
sich um jedes Amt eine Frau bewirbt. Wir sprechen mit einräumen", erklärt Spillar. "Mehrere Faktoren beeinpotentiellen Kandidatinnen und mit Frauen, die uns bei flussen die Bevorzugung von Kandidatinnen durch die
der Suche nach potentiellen Kandidatinnen behilflich Wähler. Wähler sehen Frauen außerhalb der korrupsind, und dringen darauf, daß sie das Risiko eingehen. ten Seilschaften und nicht als Teil der Politik des
Wir stellen Kontakte zwischen ihnen und den in jeder 'business as usual'".
Stadt vorhandenen verfügbaren Kandidaten her. Wir
unterhalten uns mit qualifizierten Frauen, mit Lehrerin- Der Meinungsforscherin Celina Lake von der Analysis
nen, Krankenschwestern, mit Frauen, wie sie im Kongreß Group zufolge "sind die neunziger Jahre eine außerorund im Bereich der bundesstaatlichen Gesetzgebung dentlich gute Zeit für Kandidatinnen. In einem Zeitalfehlen, und legen ihnen eindringlich den Gedanken ter, in dem die Wähler äußerst voreingenommen gegen
Amtsinhaber und politikverdrossen sind, kandidieren
nahe, dieses Jahr zu kandidieren".
Frauen als die letzten Außenseiter und verwandeln
FFM benutzte diese Strategie der "Überflutung der einen bisherigen Nachteil bei den Umfragen in einen
Wahlliste", um im Jahr 1990 die Rekordzahl von 2.063 großen Vorteil." Lake führte eine Erhebung für drei
Frauen zur Kandidatur um Parlamentssitze anzure- politische Organisationen von Frauen durch und gegen, 210 mehr als sich 1988 aufstellen ließen. 1990 langte zu dem Schluß, daß Kandidatinnen Männern
kandidierten Frauen auch in 30 Staaten fürdas Reprä- bei Fragen wie Bildungswesen, Gesundheitsfürsorge
und Erfüllung der Bedürfnisse des Mittelstandes vorsentantenhaus.
gezogen wurden. "Sind alle anderen Faktoren gleich,
Die Gewinne waren beeindruckend: 59 Prozent der so sind beide Parteien konkurrenzfähiger, wenn sie
Frauen, die sich um Parlamentssitze in den Bundes- Frauen in ein Amt ernennen", stellt sie fest.
staaten bewarben, waren erfolgreich. In Nevada wurden
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AMERIKA DIENST 5

�Dem Direktor für Meinungsumfragen bei der Times
Mirror Foundation, Andrew Kohut, zufolge sagten sechs
von 10 befragten Personen aus, den Vereinigten Staaten ginge es besser, wenn mehr Frauen in den Kongreß gewählt würden.

Jahren besser dabei geworden", stellt Kathy Kleeman
vom CAWP fest. "Es gibt eine Reihe von politischen
Aktionskomitees (political action committees - PACs),
die speziell für Kandidatinnen Geld sammeln. Eine
Zeitlang gab es Emily's List (Early Money is Like
Yeast), deren Mitglieder sich darauf spezialisiert hatAbgesehen davon, daß man ihnen höhere ethische ten, so früh wir möglich viel Geld für Kandidatinnen der
Normen zuschreibt, sehen Wähler in Frauen jeman- Demokraten für den Kongreß zu sammeln, und jetzt
den, der eine andere Perspektive in die Politik einbringt kontern die republikanischen Frauen mit einer als
- den menschlichen Blickwinkel. Frauen werden in WISH bezeichneten Liste (Women in Senate and
Umfragen als interessierter an Fragen der Bildung, House), insbesondere für Befürworterinnen des Rechts
Gesundheitsfürsorge, Entwicklung der Gemeinde, auf Schwangerschaftsabbruch bei den Republikanern."
Umwelt, Belange von Jugendlichen, älteren Menschen
und Kranken gesehen.
Die größten Hürden bestehen vielleicht immer noch für
Frauen aus Minderheiten, obwohl sich hier ein Silber"Nicht zuletzt sind Frauen häufig Krankenschwestern, streifen am Horizont abzeichnet. Shirley Chisholm war
Angestellte im Gesundheitswesen, Lehrerinnen und die erste Schwarze, die in das Repräsentantenhaus
Sozialarbeiterinnen", so Spillar. "Wenn sich die Wäh- gewählt wurde (1968). Seither waren noch weitere im
ler also Sorgen über innenpolitische Themen wie in Repräsentantenhaus vertreten, jedoch gab es bis zu
diesem Jahr machen, denken sie, Frauen seien zur den Wahlen am 3. November 1992 keine einzige
Lösung des Problems geeigneter.
schwarze Senatorin. Afroamerikanische Frauen haFrauen kennen den Kampf um gute Kinderbetreuung, ben dem Fonds für die feministische Mehrheit zufolge
mit dem Geld auszukommen und um das Familienbud- lediglich 1,7 Prozent und hispanische Frauen nur 0,2
get aus erster Hand. Wähler sind der Überzeugung, Prozent der Sitze in den Parlamenten der Bundesstaadaß Frauen, die diese Erfahrungen täglich am eigenen ten inne.
Leib spüren, im Falle ihrer Wahl etwas für sie tun
werden."

"Die Zahl der weiblichen Amtsträger aus Minderheiten
ist immer noch verschwindend gering", so Kleemann
vom
CAWP. "Dieses Jahr bewerben sich einige sehr
Als Beweis für ihre Fähigkeit, den Kurs der Regierung
starke
schwarze und hispanische Kandidatinnen für
zu ändern, haben Frauen im Kongreß Gesetze erden
Kongreß,
und eine Rekordzahl von Latinas kandikämpft und unterstützt, die Familien mit mittlerem
diert
dieses
Jahr
für das kalifornische Parlament."
Einkommen bei der Finanzierung ihres Eigenheims
Gloria
Molina,
die
erste
hispanische Frau im Parlament
behilflich waren, Netze von Krankenhäusern für VeteKaliforniens,
die
heute
beträchtlichen
Einfluß im Rat
ranen aufbauten, die Ausbildung von Behinderten fides
Landkreises
Los
Angeles
hat,
wurde
infolge einer
nanzierten sowie Steuererleichterungen für Kinderbeentschlossenen
Kampagne
einer
Gruppe
hispanischer
treuung, die Reform des Rentengesetzes, das Programm für Schulspeisung und das Verbot der Diskrimi- Frauen gewählt, die sie in diesem Amt sehen wollten.
nierung aufgrund des Geschlechts förderten.
Ein weiteres Zeichen dafür, daß sich die Zeiten ändern,
deutete sich im März 1992 an, als die AfroameWarum sind angesichts dieser Vorteile noch nicht
rikanerin
Carol Moseiey Braun, eine nahezu unbemehr Frauen in der Regierung? Das politische System
kannte
Grundbuchbeamtin,
in der Vorwahl der Demoselbst kann Frauen vom Anstreben eines Amts abhalkraten
im
Staat
Illinois
einen
zweimaligen Amtsinhaber
ten. Es kann mehrere Jahrzehnte und zahlreiche
aus
dem
Feld
schlug.
In
der
Novemberwahl besiegte
Opfer erfordern, wirkliche politische Macht zu erlansie
den
republikanischen
Kandidaten
und wurde damit
gen. Viele der die Ausgangsbasis darstellenden polidie
erste
schwarze
Senatorin
im
US-Senat.
Im April
tischen Ämter auf lokaler Ebene sind Teilzeittätigkei1992
wurde
Lynn
Yeakel,
die
zuvor
ehrenamtlich
einten, schlecht bezahlt oder sogar ehrenamtlich. Eine
kommensschwache
Frauen
und
Kinder
betreut
hatte
Frau muß dies häufig mit den Anforderungen einer
regelmäßigen Vollzeitbeschäftigung und der Familie und als Neuling in die Politik eintrat, von den Demokravereinbaren. Frauen müssen Zeit darauf verwenden, ten in Pennsylvania nominiert, um gegen den Amtsinorganisatorische Fähigkeiten zu entwickeln, zu Veran- haber, Senator Arien Specter, anzutreten. In der heiß
staltungen zu reisen, bei denen sie als Rednerinnen umkämpften Wahl unterlag sie schließlich nur knapp.
auftreten und Spenden aufbringen - all dies erschwert Und in New York gehörten zwei Frauen - die ehemalige
es außerordentlich, das Familienleben mit der Politik Abgeordnete im Repräsentantenhaus (und demokratische Vizepräsidentschaftskandidatin von 1984),
unter einen Hut zu bringen.
Geraldine Ferraro, und das New Yorker StadtratsmitZusätzlich zu dem Balanceakt zwischen Arbeit und glied Elizabeth Holtzman - in der Vorwahl im SeptemFamilie besteht das Problem der Aufbringung von ber zu den fünf Bewerbern umdie Nominierung fürden
Spenden zur Deckung der Wahlkampfkosten. "Frauen Senat.
sind in dem beobachteten Zeitraum von nahezu 20

AMERIKA DIENST 5

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�"Carol Moseley Brauns Kandidatur zeigt, wie tief die
politische Unterstützung für Frauen geht", meint Danowitz vom Wahlkampffonds für Frauen. "Sie hatte kein
Geld, keine richtige Organisation und bis zum Ende
praktisch keine Aufmerksamkeit der Medien. Diese
Kampagne sprach allen traditionellen Regeln Hohn."
Neben Wählämtern sind es Berufungen auf Positionen
in öffentlichen Gremien, Kommissionen, Ausschüssen
und Räten auf Gemeinde-, Kreis-, Staats- und Bundesebene, die das politische Engagement von Frauen
verstärken.
Mit dem Ziel eines Gleichgewichts bei der öffentlichen
Entscheidungsfindung drängt der Fonds für die feministische Mehrheit auf die Verabschiedung von Gesetzen, die Frauen eine gleiche Anzahl dieser Positionen
garantieren.

sten europäischen Demokratien waren. Der Grund
besteht darin, daß es in ihren Parteien Gleichstellungsvorschriften gibt, die man als positive Quoten bezeichnet" und erfordern, daß ein bestimmter Prozentsatz
der Kandidaten Frauen sein müssen. "Wir haben
gesehen, welch dramatische Auswirkungen dies haben kann", fügt Spillar hinzu.
Wenn Frauen in derPolitik der neunziger Jahre so aktiv
sind, wann wird Amerika dann seine erste Präsidentin
haben? In vielen Ländern ist dies gewiß kein ungewöhnlicher Gedanke, wie in Großbritannien, Island,
den Philippinen, Pakistan, Nicaragua, Indien, Israel
und Norwegen - sie alle hatten bereits weibliche Staatsoder Regierungschefs.

Geraldine Ferraro, die 1984 für das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten kandidierte, erklärte kürzlich:
"Wir haben wirklich die Chance auf eine Präsidentin im
"Es ist Teil unserer Strategie, Gesetze zur Herstellung nächsten Jahrzehnt. Das Land ist bereit. Das einzige,
des Gleichgewichts zwischen den Geschlechtern zu was fehlt, ist eine Frau, die dazu bereit ist."
fordern, nach denen eine gleiche Zahl von Männern
und Frauen in staatliche Gremien und Kommissionen Mehr Frauen denn je bereiten sich gerade auf eine
berufen werden müssen", erklärt Spillar. Bis heute gibt solche Zukunft vor, indem sie die ersten Stufen der
es solche Gesetze oder Maßnahmen in sieben Bun- politische Leiter erklettern und als Rechtsanwältinnen,
desstaaten sowie in der Stadt und im Landkreis Los Gemeindeaktivistinnen, Managerinnen und in GemeinAngeles und in der Stadt Tucson (Arizona). Das deämtern tätig sind. Einige Frauen sammeln als
Ergebnis war ein beträchtlicher Anstieg bei der Zahl Mitglieder von Stadträten, Abgeordnete in Staatsparweiblicher Berufungen. Man kann einen Gouverneur lamenten und als Bürgermeisterinnen praktische Eroder Bürgermeister tagelang ständig auffordern, mehr fahrung für Ämter auf Bundesebene.
Frauen zu berufen, aber bevor nicht ein Gesetz existiert, das dies vorschreibt, finden die erforderlichen "Die Tragödie von 1992 ist, daß es keine Kandidatin
gibt", erklärt Danowitz. "Zweifelloswerden wir in naher
Fortschritte einfach nicht statt."
Zukunft eine Präsidentin haben, und sei es nur desSpillar zufolge "stammt ein Teil unserer ganzen Stra- halb, weil wir die Reihen wirklich geschlossen haben.
tegie für ein Gleichgewicht zwischen den Geschlech- Wir werden einen Zuwachs derweiblichen Abgeordnetern tatsächlich aus Westeuropa. Wir haben eine ten im Repräsentantenhaus und im Senat verzeichStudienreise in zahlreiche westeuropäische Länder nen, und all dies verspricht Gutes. Bei jedem Schritt
durchgeführt, um herauszufinden, warum dort mehr stoßen wir auf enorme Hindernisse, aber offenkundig
Frauen nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch fallen die Hürden."
Abgeordnete in den nationalen Parlamenten der mei-

* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. US-Militär&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton möchte Ausschluss von Homosexuellen aus dem Militär aufheben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Politik gegenüber Homosexuellen im Militär&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Afroamerikaner&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton würdigt Leistungen der Afroamerikaner&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschaft des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutschland und die Vereinigten Staaten: gemeinsam vor neuen Herausforderungen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Kimmitt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-EG&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA werden sich bei Diskriminierungen der EG auf Titel VII berufen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht des US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hey Mister Tallyman...&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Cresencio Arcos&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Weitere Einzelheiten über Menschenrechtsverletzungen im ehemaligen Jugoslawien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Fünfter US-Bericht für Vereinte Nationen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Erziehungsurlaub, Frauenfragen und die Reform der Kongressarbeit &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht über die Arbeit des Kongresses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;8. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Neunziger Jahre - Jahrzehnt der Frau in der amerikanischen Politik?&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Michele St. George&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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Deichmanns Aue 29
5300 Bonn 2

6

NAHER OSTEN

10. Februar 1993

CLINTON SENDET CHRISTOPHER AUF
EINE FRIEDENSMISSION IN DEN
NAHEN OSTEN
Erklärung des Präsidenten
CHRISTOPHER SOLL NÄCHSTE SCHRITTE
IM FRIEDENSPROZESS SONDIEREN
Parteien weiterhin an
Gesprächen interessiert

MENSCHENRECHTE

CLINTON ZEIGT BESONDERES INTERESSE
AN UNO UND MENSCHENRECHTEN
Erklärungen von Schifter, Blackwell
und Abram
US-DELEGATION BEI UN-MENSCHENRECHTSKOMMISSION BRINGT ENGAGEMENT
CLINTONS ZUM AUSDRUCK
Kurzporträts von Schifter, Blackwell
und Abram
UNO MUSS KAMPF GEGEN
RASSISMUS ANFÜHREN
Rede von Botschafter Blackwell
DIE VERGEWALTIGUNGEN IN BOSNIEN
von Botschafter Kenneth Blackwell
ABRAM: SELBSTBESTIMMUNG, NICHT
ETHNISCHER ISOLATIONISMUS
Rede vor der
Menschenrechtskommission
bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�SOZIALHILFE

CLINTON VERSPRICHT MASSNAHMEN
ZUR SOZIALHILFEREFORM
Armut einkommensschwacher Arbeitnehmer soll beseitigt werden

PORTRÄT

STEPHANOPOULOS: INTELLIGENT, WORTGEWANDT, "NICHT ZU ERSCHÜTTERN"
Neuer Sprecher des Weißen Hauses
ERSTE STELLVERTRETENDE PRESSECHEFIN PRÄSIDENT CLINTONS BRINGT
GELASSENHEIT UND HUMOR MIT
Porträt von Dee Dee Myers

�NAHER

OSTEN
10. Februar 1993

CLINTON SENDET CHRISTOPHER AUF EINE
FRIEDENSMISSION IN DEN NAHEN OSTEN
Erklärung des Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton erklärte, er werde Außenminister Christopher in den Nahen Osten
senden, um "allen Seiten zu vermitteln, daß ich mich für Fortschritte bei den Friedensgesprächen einsetzen
werde".
Christopher "wird ihre Ansichten dazu hören, wie am besten Fortschritte zu erzielen sind und ... mit ihnen über
bilaterale Fragen und regionale Probleme sprechen, einschließlich des Irak", erklärte Clinton am 4. Februar 1994.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut:

Im Einklang mit meiner Verpflichtung, bei den arabisch-israelischen Friedensgesprächen Kontinuität zu
bewahren, habe ich beschlossen, Außenminister
Christopher in den Nahen Osten zu entsenden. Ziel
seiner Reise wird sein, allen Seiten zu vermitteln, daß
ich mich für Fortschritte bei den Friedensgesprächen
einsetzen werde. Er wird ihre Ansichten dazu hören,
wie am besten Fortschritte zu erzielen sind, und mit
ihnen über bilaterale Fragen und regionale Probleme
sprechen, einschließlich des Irak.
Dies wird Au ßenminister Christophers erste Dienstreise ins Ausland sein. Sie ist ein Zeichen für die Priorität,
die meine Administration dem Friedensprozeß im Nahen
Osten einräumt. Auch stellt sie fürdie Konfliktparteien
eine Gelegenheit dar, ihre Energien auf die große
Herausforderung zu konzentrieren, in einer zerstrittenen Region Frieden zu schaffen.
Angesichts von so viel Gewaltanwendung auf der Welt
ist es bemerkenswert, daß im Nahen Osten ein Prozeß
direkter Verhandlungen begonnen hat. Israel, all seine
arabischen Nachbarn und die Palästinenser haben
sich dem gemeinsamen Unternehmen verschrieben,

einen gerechten, umfassenden und dauerhaften Frieden auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338
des UNO-Sicherheitsrates zu schaffen.
Die Vereinigten Staaten haben zusammen mit ihrem
russischen Partner bei der Einleitung dieser Gespräche eine wichtige Rolle gespielt. Ich werde darauf
hinarbeiten, daß wir diese Rolle möglichst auch weiterhin spielen.
Wir können dem Nahen Osten keine Lösung aufzwingen. Nur die führenden Politiker dieser Region können
Frieden schaffen. Sie tragen eine enorme Verantwortung. Diejenigen, die sich dem Prozeß entgegenstellen, die ihn durch Gewaltanwendung und Einschüchterung zu untergraben drohen, werden hier kein Verständnis für ihre Methoden finden. Diejenigen jedoch,
die gewillt sind, Frieden zu schaffen, werden in mir und
meiner Administration einen wirklichen Partner finden.
Dies ist ein historischer Moment. Nur zu leicht kann er
einfach vorübergehen. Wenn wir jedoch die Gelegenheit ergreifen, können wir mit der Schaffung eines
friedlichen Nahen Ostens für künftige Generationen
beginnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 6

Seite 1

�NAHER

OSTEN
10. Februar 1993

CHRISTOPHER SOLL NÄCHSTE SCHRITTE
IM FRIEDENSPROZESS SONDIEREN
Parteien weiterhin an Gesprächen interessiert

WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher
hofft, bei seinen Treffen mit führenden Vertretern der
Region noch in diesem Monat die nächsten Schritte im
Nahost-Friedensprozeß planen zu können, erklärte
ein hochrangiger Vertreter des US-Außenministeriums
am 4. Februar 1993.
"Präsident Clinton hat deutlich gemacht, daß er beabsichtigt, dem Fortgang des arabisch-israelischen Friedensprozesses in seiner Administration hohe Priorität
einzuräumen", erläuterte der Vertreter vor Reportern.
"Wir engagieren uns sehr fürden Erfolg dieses Prozesses und gehen davon aus, daß es echte Chancen gibt,
um dieses Jahr Fortschritte zu erzielen."
Der Präsident ist ihm zufolge der Ansicht, es sei
unerläßlich, daß Christopher in die Region reise, um
mit den Parteien über die nächsten Schritte in den
arabisch-israeiischen Friedensverhandlungen zu beraten.
Christopher wolle eine Erläuterung der Ansichten aller
Parteien "aus erster Hand", und dafür "gibt es keinen
besseren Weg" als "die Schaffung dieser Art von
persönlichen Kontakten", erklärte der hochrangige
Vertreter.
Der Außenminister habe in den vergangenen zwei
Tagen zahlreiche Telefongespräche mit vielen führenden Persönlichkeiten dort geführt, darunter König
Hussein von Jordanien, den Premierministem von
Israel, Jordanien und dem Libanon sowie den Außenministern Israels, Ägyptens, Syriens und Saudi-Arabiens. Darüber hinaus habe er zweimal mit Faisal
Husseini, einer Schlüsselfigur bei den Palästinensern,
gesprochen und "eine ausführliche Diskussion" mit
dem russischen Außenminister Andrej Kosirew geführt. Der bei der Madrider Konferenz 1991 begonnene Nahost-Friedensprozeß steht unter der Schirmherrschaft Rußlands und der Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 6

"In all ihren Gesprächen mit dem Außenminister bekräftigten diese Persönlichkeiten die anhaltende Unterstützung ihrer Regierungen für den arabisch-israelischen Friedensprozeß sowie die Bedeutung einer
Rückkehr an den Verhandlungstisch", erklärte der
hochrangige Vertreter. "Der Außenminister empfand
seine Diskussionen als ziemlich produktiv, nützlich
und ermutigend."
Im vergangenen Jahr hätten alle Parteien durch acht
Runden bilateraler Gespräche zwischen Israel und
dessen unmittelbaren arabischen Nachbarstaaten Syrien, Libanon und Jordanien - sowie zwischen israelischen und palästinensischen Vertretern ihr Engagement für den Verhandlungsprozeß unter Beweis gestellt.
"In dieser Hinsicht ist es unserer Überzeugung nach
unerläßlich, daß wir einen Erfolg der Extremisten, die
zur Zerstörung dieses Prozesses entschlossen sind,
nicht zulassen", so der US-Vertreter. "Es gibt gewisse
Gruppen in der Region, die kategorisch klargestellt
haben - öffentlich und privat -, daß sie den arabischisraelischen Friedensprozeß ablehnen. Eine davon ist
Hamas, eine andere die Hisbollah. Ein weiteres Beispiel ist der Palästinensische Islamische Dschihad."
"Diese Gruppen werden jede Situation ausnutzen, um
Fortschritte bei diesem Friedensprozeß zu verhindern", warnte er. "Wenn es keinen anhaltenden arabisch-israelischen Friedensprozeß und Verhandlungen gibt, so wird die Möglichkeit steigen, daß diese
extremistischen Gruppen die Situation ausnutzen."
Der hochrangige Vertreter verwies darauf, daß "die
Vereinigten Staaten keinen Frieden schließen oder
stellvertretend für die Parteien verhandeln können.
Gleichzeitig tragen die Vereinigten Staaten und Rußland als Schirmherren eine besondere Verantwortung,
alles in ihrer Macht Stehende zu tun, damit dieser
Prozeß funktioniert."
Seite 1

�Mit dem Hinweis, daß die amerikanischen und russischen Schirmherren eine Serie in den kommenden
Wochen geplanter multilateraler Arbeitsgruppensitzungen bis nach Christophers Reise verschoben haben,
stellte er fest, den Vereinigten Staaten sei bei den
Konsultationen von den Parteien mitgeteilt worden,
daß "sie angesichts der unmittelbar bevorstehenden
Runde heute noch keine Entscheidung treffen wollen..."
Einige Sprecher der Palästinenser und insbesondere
Hamas haben die Ankündigung Israels der vergangenen Woche zurückgewiesen, es werde die Rückkehr
eines Teils der 400 im Dezember deportierten Palästinensergestatten. Demzufolge könnten 100 der Abgeschobenen unverzüglich heimkehren. Durch eine
Halbierung der Urteile würde es allen anderen erlaubt,
bis Ende des Jahres nach Israel oder in die besetzten
Gebiete zurückzukehren. Ein Beschwerde- und Revisionsprozeß könnte die Rückkehr einiger der Letztgenannten beschleunigen. Den im Südlibanon Verbleibenden soll humanitäre Hilfe geleistet werden.

*

Seite 2

"Wir gehen davon aus, daß die Lage im Hinblick auf die
Abgeschobenen wesentlich besser ist als letzte Woche", erklärte der hochrangige Vertreter und fügte
hinzu, "unseres Erachtens bringt der vereinbarte Prozeß für diese Situation einen erheblichen Fortschritt".
Die Frage sei, ob es den Extremisten, die den Friedensprozeß ablehnen, gestattet werde, bei der ernsthaften Behinderung einer Fortsetzung des Friedensprozesses Erfolg zu haben. "Was wir von den Parteien
bekommen haben", sagte er, "ist das anhaltende
Engagement der - arabischen, israelischen und palästinensischen - Führung für den Friedensprozeß."
Neben der Erörterung des arabisch-israelischen Friedensprozesses wird der Außenminister darüber hinaus die bilateralen Beziehungen mit jedem der von ihm
besuchten Länder sowie regionale Fragen diskutieren.
"Der Irak wird voraussichtlich eines der Hauptthemen
sein, ebenso wie regionale Sicherheit und andere
Angelegenheiten", erklärte er.

* * *

*

AMERIKA DIENST 6

�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

CLINTON ZEIGT BESONDERES INTERESSE
AN UNO UND MENSCHENRECHTEN
Erklärungen von Schifter, Blackwell und Abram
GENF- (AD) - Im folgenden veröffentlichen wir die anläßlich einer Pressekonferenz mit den Botschaftern Richard
Schifter, dem Chef der amerikanischen Delegation bei der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission 1993,
und seinen beiden Stellvertretern J. Kenneth Blackwell und Morris B. Abram abgegebenen Erklärungen.

Botschafter Schifter: Meine Damen und Herren,
zunächst möchte ich betonen, daß ich mich freue,
wieder in Genf zu sein und die Gelegenheit zur Zusammenarbeit mit meinen Kollegen bei der UN-Menschenrechtskommission zu haben.
Zu Beginn meiner Ausführungen sollte ich darauf
hinweisen, daß es eine Zeit gab, in der das Gefühl
vorherrschte, die Vereinigten Staaten sollten jedes
Jahr einen anderen Vertreter hierhin entsenden, der
nicht über besonders viel Erfahrung verfügt. Was uns
drei betrifft: Wenn ich mich recht erinnere, begann
Botschafter Abram seine Tätigkeit hier als Mitglied der
UN-Menschenrechtskommission im Jahr 1967, nein
1964. Und bei den letzten zwölf Sitzungen der UNMenschenrechtskommission war immer zumindest einer
von uns dreien anwesend. Unsere Teilnahme ist ein
Beweis für eine gewisse Kontinuität der Beteiligung
der Vereinigten Staaten an der Arbeit der UN-Menschenrechtskommission.
Ich möchte vier Punkte ansprechen... Erstens möchte
ich das besondere Interesse der Clinton Administration an den Vereinten Nationen und Menschenrechtsfragen unterstreichen. Jedem vom Ihnen, der noch
nicht die Rede des damaligen Präsidentschaftskandidaten Clinton vom 1. Oktober 1992 in Milwaukee
gelesen hat, kann ich das nur wärmstens empfehlen.
In dieser Rede wird die Politik dieser Administration im
Hinblick auf die Unterstützung von Demokratie und
Menschenrechten sowie der multilateralen Bemühungen angesprochen, an denen wir uns zusammen mit
Gleichgesinnten beteiligen wollen.
Aus genau diesem Grund haben wir eine Delegation
hierhin entsandt, die auf diesem Gebiet Hintergrundwissen und Erfahrung hat. Wie in den vergangenen
Jahren sind wir - wie ich bereits betont habe - mit dem

AMERIKA DIENST 6

Wunsch hierhergekommen, mit anderen demokratischen Staaten die Sache der Menschenrechte voranzubringen. In diesem Zusammenhang möchte ich,
was unsere allgemeine Besorgnis anbelangt, auf folgenden Punkt hinweisen: In den letzten Jahren war es
ziemlich schwierig, Menschenrechtsfragen betreffende Worte und Slogans in die Tat umzusetzen. Die
Situation hat sich geändert. Zur Zeit haben wir eine
wirkliche Chance, über bloße Worte hinauszugehen
und für die Menschen au ßerhalb des Saales, in der die
Menschenrechtskommission ihre Beratungen abhält,
etwas zu erreichen.
Die Herausforderung besteht darin, zu unterscheiden
zwischen bloßer Sprücheklopferei und dem Verfassen
von Erklärungen einerseits und Aktivitäten andererseits, bei denen Erklärungen lediglich die Grundlage
für Taten darstellen, die das Leben der Menschen
winklich verändern. Letzterem sollten wir uns alle
verpflichten. Und die Anstrengungen, die wir zusammen mit allen anderen unternehmen, die unsere Besorgnis und unser Interesse teilen, sollten tatsächliche
Aktionen voranbringen.
Soweit meine einleitenden Bemerkungen.
Botschafter Abram: Ich möchte eine kurze Erklärung
abgeben. Seit 1948 ist die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte die maßgebende Erklärung der
Grundrechte gewesen, auf die alle Menschen Anspruch haben. Die meisten Staaten haben die zwei
internationalen Menschenrechtskonventionen ratifiziert.
Diese Menschenrechtsinstrumente, die nicht nur im
Einklang mit der westlichen demokratischen Tradition
stehen, sondern mit den Traditionen und Kulturen der
vielen Staaten, die aus eigenem Willen ihren Beitritt
erklärt haben, sind eine gemeinsame Bekräftigung.

Seite 1

�Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die
Menschenrechtskonventionen enthalten die Rechte,
die den Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmachen, die die Quintessenz der Menschheit sind.
Warum murren jetzt einige über ihren Inhalt? Ein
Angriff auf die Allgemeingültigkeit der internationalen
Menschenrechte könnte die drängendste Menschenrechtsfrage unserer Zeit darstellen.
Hier bei den Vereinten Nationen wurde das Argument
vorgebracht, daß die Definition der Menschenrechte
von Staat zu Staat, von Region zu Region unterschiedlich sein könnte, abhängig von kulturellen und religiösen Bräuchen, daß die "Besonderheiten" - ein Begriff,
der meines Wissens im Sprachgebrauch der UNO
bisher einzigartig ist - verschiedener Traditionen bei
der Verwirklichung der Menschenrechte in Betracht
gezogen werden müssen und man nicht jeden Staat
bei der Befolgung der Menschenrechte mit den gleichen strengen Normen messen kann.
Wenn eine solche Argumentation von der internationalen Staatengemeinschaft akzeptiert wird, gäbe es nicht
länger allgemein anerkannte Normen für die Einhaltung der Menschenrechte. Jeder Staat oder jede
Region hätte dann die Freiheit, seine internationalen
Verpflichtungen auf die ihm genehme Weise zu interpretieren. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte würde in Frage gestellt.

Botschafter Blackwell: Meine Damen und Herren,
nur wenige hundert Kilometer von hier entfernt werden
Greueltaten unvorstellbaren Charakters begangen. Für
Frauen und Kinder im ehemaligen Jugoslawien sind
die von serbischen Truppen durchgeführten "ethnischen Säuberungen" das barbarischste Verhalten
überhaupt.
Ich bin sicher, Sie haben die stattfindende Tragödie
der weit verbreiteten Gewalttaten gegen Frauen in
jenem Land verfolgt. Die Beweise häufen sich, daß die
allgegenwärtigen Vergewaltigungen von bosnischen
Musliminnen unter der Leitung hochrangiger serbischer Offiziere und vielleicht auch führender Politiker
in organisierter oder systematischer Weise begangen
wurden. Wenn dies der Fall ist, so muß Vergewaltigung neben Folter und Mord auf die lange Liste skrupelloser Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien gesetzt werden.
Bis heute ist es der Regierung der Vereinigten Staaten
nicht gelungen, zu beweisen, daß die Mehrheit der
Übergriffe auf Befehl serbischer Offiziere oder unter
der Leitung führender serbischer Politiker in Bosnien
und in Belgrad verübt wurden. Die Tatsache jedoch,
daß die Vergewaltigungen weit verbreitet sind und die
überwältigende Mehrzahl der Opfer zu einer ethnischen Gruppe gehört, deutet darauf hin, daß sie mehr
als zufällige Akte einzelner Soldaten sind.

Unterschiedliche Definitionen existierender Rechte oder
veränderte Normen für ihre Verwirklichung schaffen
mehr Grund für Differenzen zwischen den Staaten und
entfernen uns weiter von dem Ziel des Weltfriedens.

Amnesty International zufolge war der einzige Zweck
der serbischen Gefangenenlager die Massenvergewaltigung. Dies weist darauf hin, daß die Vergewaltigungen integraler Bestandteil der "ethnischen Säuberungen" waren-einer willkürlichen Politik, um muslimiNatürlich sollte ethnischen Gruppen erlaubt werden, schen Frauen serbische Kinder aufzuzwingen und
ihre traditionellen Bräuche zu pflegen. Allen Religio- damit die muslimischen Familien in Bosnien zu zerstönen sollte gestattet sein, ihren Glauben frei zu prakti- ren. Zur Zeit sind alle Schätzungen der Zahl von
zieren. In einer ausgewogenen Gesellschaft werden Frauen, die Vergewaltigungen oder sexuellen Mißdiese Elemente der Kultur und Religion von toleranten brauch erlitten haben, mit Vorsicht zu genießen. Eine
Regierungen geschützt, die diese wichtigen Werte Gruppe von Ermittlern der Europäischen Gemeinanerkennen und bewahren. Die unterschiedlichen schaft berichtet jedoch, daß wahrscheinlich mindeAnsichten ethnischer und nationaler Gruppen müssen stens 20.000 Frauen vergewaltigt und einige davon
durch Gesetze geschützt werden, die Minderheiten sogar getötet wurden. Die bosnische Regierung vereine wirksame Beteiligung an der Regierung geben, anschlagt die Zahl der Vergewaltigungsopfer auf 30.000
durch Begrenzungen der Macht der Mehrheit und bis 50.000. Und nicht nur Frauen sind von sexuellen
durch regelmäßig veranstaltete freie Wahlen.
Mißhandlungen betroffen. Augenzeugen haben von
sechs- oder siebenjährigen Mädchen berichtet, die
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte stellt
vergewaltigt wurden, einige gleich mehrmals.
einen umfassenderen Konsens dar als jede einzelne
Zivilisation, Tradition oder Kultur. Sie beinhaltet Wer- Vergewaltigung und sexuelle Mißhandlungen, unte, die allen Religionen, allen Traditionen und der menschliche oder erniedrigende Behandlung laufen
ganzen Menschheit gemein sind. Die in der Allgemei- eindeutig den internationalen Menschenrechtsnormen
nen Deklaration von 1948 festgelegten universellen sowie dem internationalen humanitären Recht zuwiMenschenrechte entstanden aus dem vom Großteil der, die auf den Konflikt in Bosnien anzuwenden sind.
der Welt erlittenen Elend und sind von vielen anderen Ein Kriegszustand ist keine Rechtfertigung für die
Regierungen anerkannt worden. Es ist die Pflicht der Aussetzung solcher Normen.
Menschenrechtskommission zu gewährleisten, daß
ihre Allgemeingültigkeit, ihre Qualität und ihr Inhalt Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, daß die für
aufrechterhalten werden.
die sexuellen Übergriffe verantwortlichen Personen -

Seite 2

AMERIKA DIENST 6

�ebenso wie diejenigen, die sie angeordnet haben - Sonderberichterstatters Tadeusz Mazowiecki zu unindividuell für ihre Aktionen zur Rechenschaft gezogen terstützen.
werden müssen.
Wir sollten darüber hinaus die Ernennung eines besonWir werden den Vereinten Nationen auf jede erdenkli- deren UNO-Berichterstatters über geschlechtsspezifiche Weise helfen, um die erforderlichen Beweise für sche Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen erwädie Verfolgung dieser Kriegsverbrecher zu sammeln. gen sowie die Stärkung der DurchführungsmechanisDer juristische Präzedenzfall für eine solche Verfol- men im Rahmen der Konvention über die Beseitigung
gung ist im Völkerrecht fest verankert.
jeder Form von Diskriminierung der Frau.
Jede Verletzung der Genfer Konvention ist ein Kriegsverbrechen. Artikel 27 der Konvention im Hinblick auf
den Schutz von Zivilpersonen im Krieg sieht vor, daß
Frauen "besonderen Schutz vor Vergewaltigung"
genießen.

Wir müssen uns ferner bemühen, die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an allen Regierungen und in
allen internationalen Organisationen - darunter auch
Menschenrechtsorganisationen - zu gewährleisten,
damit ihre Ansichten Gehör finden.

Die Vereinigten Staaten appellieren erneut an alle
Konfliktparteien, die Menschenrechte und das humanitäre Recht zu beachten. Wir fordern eine vollständige Untersuchung der Berichte über Vergewaltigungen
und sexuelle Mißhandlungen in Bosnien durch serbische Truppen, um zu sehen, ob wir die für die Verletzungen verantwortlichen Kommandeure ermitteln
können.

Die Vereinigten Staaten versuchen, die Leiden von
Frauen in vom Krieg heimgesuchten Gebieten, darunter auch das ehemalige Jugoslawien, mit einem Spektrum von Programmen zu lindern. Eines dieser Programme stellt denjenigen, die das Trauma der Vergewaltigung erlitten haben, psychologische Hilfe zur
Verfügung. Ich hoffe, es wird der Beginn breitgefächerter Bemühungen sein, Frauen im ehemaligen
Jugoslawien und in allen anderen kriegführenden
Ländern, in denen die Notlage von Frauen so lange
ignoriert wurde, gezielte Hilfe zu leisten.

Zu diesem Zweck werden die Vereinigten Staaten
500.000 Dollar beitragen, um die Bemühungen des

*

AMERIKA DIENST 6

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*

Seite 3

�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

US-DELEGATION BEI UN-MENSCHENRECHTSKOMMISSION BRINGT ENGAGEMENT
CLINTONS ZUM AUSDRUCK
Kurzporträts von Schifter, Blackwell und Abram

GENF - (AD) - Die amerikanische Delegation bei der
diesjährigen Sitzungsperiode der UN-Menschenrechtskommission spiegelt die Kontinuität der amerikanischen Unterstützung für die grundlegenden Menschenrechte und Grundfreiheiten in der ganzen Welt sowie
das Engagement der Clinton-Administration für den
Schutz dieser Rechte wider.

Schifter wurde 1923 in Österreich geboren und kam
auf der Flucht vor dem Nazi-Terror 1938 in die Vereinigten Staaten.

"Meines Erachtens müssen wir konsequent für Menschenrechte, Freiheit und Unabhängigkeit auf der ganzen
Welt eintreten", hatte Clinton bei einer Wahlkampf rede
in Florida im vergangenen September erklärt. "Wir
müssen durchgängig energischer versuchen, für alle
Menschen auf der Welt grundlegende Menschlichkeit
und anständige Behandlung zu gewährleisten."

Als unabhängiger politischer Berater und Schriftsteller
hat sich Blackwell viele Jahre mit nationalen und
internationalen Menschenrechtsfragen beschäftigt. Er
ist langjähriges Mitglied der Heritage Foundation in
Washington sowie des Urban Morgan Institute for
Human Rights an der University of Cincinnati.

Clintons Wahl von Botschafter Richard Schifter als
Leiter der amerikanischen Delegation bei der diesjährigen Sitzungsrunde der Kommission - des wichtigsten
Gremiums zur Überwachung der Menschenrechte im
UNO-System - sowie der Botschafter J. Kenneth Blackwell und Morris B. Abram als stellvertretende Delegierte ist ein deutlicher Hinweis darauf, daß die Administration von langjährigen Experten im Bereich der Menschenrechte vertreten werden möchte.
Schifter, der von Beruf Rechtsanwalt ist, warvon 198592 unter den Präsidenten Reagan und Bush Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium und Hauptberater Clintons in Menschenrechtsfragen während dessen Wahlkampf.
Schifter ist ferner ein ausgezeichneter Kenner der
Menschenrechtskommission - von 1983-86 war er
amerikanischer Vertreter bei der Kommission. Darüber hinaus war er stellvertretender US-Vertreter beim
UN-Sicherheitsrat (1984-85).

AMERIKA DIENST 6

Blackwell ist seit 1991 US-Vertreter bei der Kommission. Er behält diese Position, obwohl Schifter die
amerikanische Delegation insgesamt leitet.

Blackwell war darüber hinaus stellvertretender Delegierter und Sonderberater der amerikanischen Delegationen beim UN-Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) sowie hochrangiger Berater der US-Delegation
bei der Konferenz über nationale Minderheiten der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (KSZE). Er war Leiter der US-Beobachterdelegation bei der UN-Unterkommission zur Verhütung
von Diskriminierung und für Minderheitenschutz und
leitet die amerikanische Delegation bei den Vorbereitungstreffen der Weltkonferenz über Menschenrechte, die im Juni in Wien stattfinden soll.
Abram beschäftigt sich seit langem mit Menschen- und
Bürgerrechten. Dieses Engagement läßt sich bis zu
seiner Präsenz im Team der amerikanischen Staatsanwälte beim Internationalen Militärtribunal in Nürnberg im Jahr 1946 zurückverfolgen.
Als praktizierender Rechtsanwalt in Atlanta und New
York entwarf er ein allgemein eingeführtes Modellgesetz zur Bekämpfung bedrohlicher Aktivitäten des KuKlux-Klan, hielt das Plädoyer im epochalen Wahlrechtsverfahren "ein Mensch, eine Stimme" vor dem

Seite 1

�Obersten Bundesgericht, war Ko-Vorsitzender der
Bürgerrechtskonferenz des Weißen Hauses (Planungssitzung 1965), Vizevorsitzender der US-Bürgerrechtskommission (1984-86) sowie Vorsitzender der nationalen Konferenz über das sowjetische Judentum (198388).

Pariser KSZE-Konferenz über die menschliche Dimension (1989).

Seit 1989 ist Abram Ständiger Vertreter der Vereinigten Staaten beim UN-Büro und anderen internationalen Organisationen in Genf und hat sich Jahr für Jahr
aktiv an der Arbeit der Kommission beteiligt, einAbram leitete die amerikanischen Delegationen bei schließlich der beiden Sondersitzungen des Jahres
der UN-Unterkommission zur Verhütung von Diskrimi- 1992 über die Menschenrechtssituation im ehemalinierung und für Minderheitenschutz (1963-65), der gen Jugoslawien, insbesondere in Bosnien-HerzegoMenschenrechtskommission (1965-68) sowie der wina.
*

Seite 2

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AMERIKA DIENST 6

�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

UNO MUSS KAMPF GEGEN RASSISMUS ANFÜHREN
Rede von Botschafter Blackwell
GENF - (AD) - Botschafter Kenneth Blackwell ist der Vertreter der Vereinigten Staaten bei der UN-Menschenrechtskommission. Zur Zeit nimmt er in Genf an der 49. Sitzung der Kommission teil.

Die moderne Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten begann am 1. Dezember 1955 in Montgomery (Alabama), als eine müde, hart arbeitende Afroamerikanerin namens Rosa Parks sich weigerte, ihren
Sitz in einen Bus einem weißen Mann zu überlassen,
wie es die Gesetze der Bundesstaaten zu jener Zeit
forderten.
Ich war damals ein siebenjähriger afroamerikanischer
Junge, der in Cincinnati (Ohio) im Mittelwesten aufwuchs und sich des Wirbelsturms unbewußt war, der
die Rassenbeziehungen in den Vereinigten Staaten
erfassen sollte.
Mein Unwissen war jedoch nicht von langer Dauer.
Den Großteil meines Lebens wurde ich Zeuge der
Erfolge und Fehlschläge der Bewegung, die durch die
mutige Tat von Rosa Parks ausgelöst wurde - der
majestätischen Kraft von Martin Luther Kings Kampagne zu direkter Aktion, den juristischen Bemühungen
von Organisationen wie der Nationalen Vereinigung
für die Förderung von Farbigen (National Association
for the Advancement of Coloured People - NAACP),
die von Giganten wie dem verstorbenen Richter am
Obersten Bundesgericht, Thurgood Marshall, angeführt wurden und dem zornigen Trotz der Black-Power-Bewegung Mitte und Ende der sechziger Jahre.
Es war eine schwierige Zeit für alle Amerikaner - für die
Schwarzen unter uns, die zur Erlangung voller Gleichberechtigung, wie in der amerikanischen Verfassung
verankert, entschlossen waren und auch für Weiße,
die zur Konfrontation mit den Widersprüchen und
Inkonsequenzen ihrer erklärten Überzeugungen
gezwungen waren.
Trotz der von der Bewegung erzielten sozialen, rechtlichen und politischen Gewinne, müssen noch viele
Fortschritte gemacht werden. Die meisten Afroamerikaner sind immer noch in dem starren Kreislauf relativer Armut gefangen, in den vergessenen Ecken der
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Städte des Landes versteckt - ihr Schicksal ein augenfälliger Makel des amerikanischen Versprechens der
Freiheit und Gerechtigkeit für alle.
"Wenn ein Mann keine Arbeit oder kein Einkommen
hat", stellte Martin Luther King einmal fest, "hat er
weder Leben, noch Freiheit oder die Chance des
Strebens nach Glück." Der Kampf zur Behebung des
enormen wirtschaftlichen Gefälles zwischen Schwarzen und Weißen ist nach wie vor - auch im Vergleich
mit der Situation eine Generation davor - die große
unvollendete Geschichte der amerikanischen Rassenbeziehungen.
Während wir unseren Kampf fortsetzen, müssen wir
uns jedoch die von uns erzielten Fortschritte vor Augen
führen. Die rechtlichen Schranken der Rassentrennung wurden im gesamten Süden siegreich niedergerissen und entscheidende Kämpfe gegen De-factoDiskriminierung dort und im übrigen Land gewonnen.
Am wichtigsten ist jedoch, daß ein Werk von Gesetzen, die Bürgerrechte, das Stimmrecht, angemessene
Wohnungen und sehr viel mehr durchsetzen, Afroamerikanern die Rechte zugesteht, die nicht nurfürsie
selbst, sondern auch als Instrumente für weiteren
Fortschritt unabdingbar sind.
Trotz des noch zurückzulegenden Weges haben sich
im Umfeld der Rassenbeziehungen während der letzten Generation tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Ich bin ein Produkt dieses Wandels. Meine Eltern
haben erlebt, wie ich Bürgermeister von Cincinnati und
der Vertreter des Präsidenten bei der UN-Menschenrechtskommission wurde - Leistungen, die sie sich vor
der Bürgerechtsbewegung kaum vorstellen konnten.
Aus diesem Grund sehe ich meine Ernennung als ein
heiliges Vertrauen. Denn es sind nicht nur die Vereinigten Staaten, die mit Rassismus kämpfen, es ist die
ganze Welt. "Sein verwerflicher Würgegriff", wie
King auch erklärte, "kennt keine geographischen
Grenzen."
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�Wir beobachten Rassismus und den schlimmsten
Genozid heute im ehemaligen Jugoslawien. Wir nennen es ethnische Säuberung. Aber in Ländern aller
Kontinente und unter Völkern jeder Rasse, Hautfarbe,
Sprache und Religion verrichtet Rassismus seine
häßliche Arbeit, die manchmal zu unaussprechlicher
Gewalt führt. Wenn es eine Lektion gibt, die die
moderne Welt gelernt hat, dann, daß Rassismus nicht
leicht den Versprechungen des guten Willens oder
guter Absichten weicht.

Dies haben wir in den Vereinigten Staaten getan. Die
Bürgerrechtsbewegung fand in der amerikanischen wenn auch unzulänglichen - Praxis der demokratischen Regierungsform, Rechte des einzelnen und
ordentlichen Verfahren einen mächtigen Verbündeten. Wir sind der Überzeugung, daß diese Prinzipien
auch anderen gut dienlich sind.

In einer zunehmend interdependenten, verflochtenen
Welt, in der sich die Grenzen mehr und mehr verwischen, muß die UN-Menschenrechtskommission meines
Jetzt hat das Ende des Kalten Krieges alte, zuvor Erachtens die Führungsrolle übernehmen, nicht nur
unterdrückte, ethnische Spannungen mit Folgen wie- um Rassismus zu bekämpfen, sondern um ihn auszuderaufbrechen lassen, die für die Zuschauer der Abend- merzen.
nachrichten nur allzu offenkundig sind. Ethnische
Spannungen sind zur rassischen Fehlerquelle in dia- Es ist an der Zeit, über die Bekräftigung der in der
metral entgegengesetzten Gesellschaften auf der Übereinkunft über die Beseitigung aller Formen rassiganzen Welt geworden - in Industrienationen, Entwick- scher Diskriminierung niedergelegten Prinzipien und
lungsländern, relativ stabilen und instabilen Nationen die Zuwendung von Mitteln für Konflikte, die bereits in
Barbarei ausgeartet sind, hinauszugehen zu neuen
gleichermaßen.
präventiven Bestrebungen auf dem gesamten PlaneDie Rassenprobleme in meinem Land waren größten- ten.
teils von der Hautfarbe dominiert. Andernorts wurzeln
ethnische Spannungen häufig in religiösen, sprachli- Als Teil dieser Bestrebungen unterstützen die Vereichen, Stammes- und selbst sozialen Gegensätzen. In nigten Staaten einen für rassische und ethnische Diszahlreichen Fällen werden diese Kämpfe zwischen kriminierung zu ernennenden Berichterstatter, dessen
Menschen der gleichen Hautfarbe ausgetragen. Dies Aufgabe darin bestehen würde, die Nationen der Welt
trifft beispielsweise für viele Teile Afrikas - sogar zur Rechenschaft zu ziehen, die Bestimmungen von
Südafrika - zu, wo die Spaltung der Gesellschaft tiefer Artikel X zu erfüllen, der von der UNO alles in ihrer
geht als die dominante Unterscheidung zwischen weiß Macht Stehende erfordert, "um die Beseitigung aller
Formen von Diskriminierung zu ermöglichen". Beund schwarz.
zeichnenderweise stellt die Übereinkunft klar, daß die
Meines Erachtens ist die von der Ausbreitung des Vereinten Nationen auch die Achtung der MenschenRassismus ausgehende Gefahr für die Welt heute so rechte und Grundfreiheiten von Frauen fördern sollten.
groß,, daß keine Nation und kein internationales Gremium sie klugerweise ignorieren kann. Natürlich muß Jeder, der Opfer von Rassismus geworden ist, weiß,
jedes Land, das guten Willens ist, das Übel in seiner daß aggressives Vorgehen nicht leicht sein wird. Es ist
Mitte in seiner eigenen Weise im Einklang mit seinen jedoch der mit dem hehren Idealismus am ehesten in
Traditionen und in Absprache mit seinen Institutionen Einklang stehende Kurs, von dem die Gründung der
Vereinten Nationen und die in der Allgemeinen Erkläangehen.
rung der Menschenrechte verankerten Prinzipien geleitet waren - und noch immer der beständige Trost all
derer, die Freiheit auf der ganzen Welt wertschätzen.

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�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

DIE VERGEWALTIGUNGEN IN BOSNIEN
von Botschafter Kenneth Blackwell
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Beitrag wurde vom Vertreter der Vereinigten Staaten bei der UNMenschenrechtskommission, Botschafter Kenneth Blackwell, im Januar 1993 verfaßt.

Die Beweise mehren sich, daß die weitverbreiteten
Vergewaltigungen bosnisch-muslimischer Frauen von
hochrangigen serbischen Offizieren und möglicherweise politisch Verantwortlichen organisiert und befehligt werden. Falls dies zutrifft, muß Vergewaltigung
auf der langen Liste skrupelloser Kriegsverbrechen im
ehemaligen Jugoslawien mit willkürlicher Folterung
und Ermordung gleichgesetzt werden. Die 49. Sitzung
der zur Zeit in Genf tagenden UN-Menschenrechtskommission bietet den von dieser Situation betroffenen Ländern die Gelegenheit, etwas dagegen zu unternehmen. Es ist eine Chance, die die Vereinigten
Staaten nicht ungenutzt verstreichen lassen wollen.
Die Berichte legen den Schluß nahe, daß Vergewaltigungen von allen Seiten in Bosnien-Herzegowina
vorgenommen, die überwältigende Mehrheit jedoch
von den serbischen Streitkräften an muslimischen
Frauen verübt wurden. Bisher sah sich die amerikanische Regierung außerstande zu beweisen, daß der
Großteil der Übergriffe auf Anweisung serbischer Offiziere erfolgte und wahrscheinlich von den politisch
Verantwortlichen in Bosnien und auch Belgrad befehligt wurde. Die Tatsache, daß die Vergewaltigungen
so weitverbreitet und die Opfer überwiegend Angehörige einer ethnischen Gruppe sind, läßt vermuten, daß
sie mehr als zufällige Akte einzelner Soldaten sind.
Die genaue Zahl der Opfer ist unbekannt. Kürzlich
berichtete eine Untersuchungskommission der Europäischen Gemeinschaft, daß mindestens 20.000 Frauen vergewaltigt und einige von ihnen getötet wurden.
Die EG-Untersuchungskommission gelangte zu der
Schlußfolgerung, daß Vergewaltigung einen integralen Bestandteil der Politik der ethnischen Säuberung
darstellt. Schätzungen der bosnischen Regierung
über die Vergewaltigungsopfer rangieren von 30.000
bis 50.000, die meisten von ihnen muslimische Frau-

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en. Und es sind nicht nur Frauen. Augenzeugen
berichteten, wie sechs oder sieben Jahre alte Mädchen vergewaltigt wurden, manche bei Massenvergewaltigungen. Einige von ihnen wurden auch grausam
verstümmelt.
Nichtstaatliche Organisationen wie Amnesty International und die von Frankreich aus operierenden Ärzte
ohne Grenzen berichten ebenfalls, Vergewaltigungen
seien weitverbreitet und würden systematisch vorgenommen. Amnesty zufolge besteht der einzige Zweck
einiger Internierungslager in Vergewaltigungen, und
Vergewaltigungen könnten einen integralen Bestandteil der ethnischen Säuberung bilden - eine mutwillige
Politik, um muslimischen Frauen serbische Kinder als
Mittel zur Zerstörung der muslimischen Familien in
Bosnien aufzuzwingen. Amnesty veröffentlichte vor
nur wenigen Wochen ein Dokument mit Augenzeugenberichten.
Die Beweise waren für den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zwingend genug, um - einstimmig - die
"an Frauen, insbesondere muslimischen Frauen in
Bosnien und der Herzegowina verübten Greueltaten"
zu verurteilen.
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
die für die sexuellen Übergriffe verantwortlichen Personen - und ebenso wichtig, die Personen, die sie
befohlen haben könnten - einzeln für ihre Taten zur
Verantwortung gezogen werden müssen. Die Vereinigten Staaten haben bereits hochrangige serbische
Regierungsvertreter und andere benannt, gegen die
wegen Kriegsverbrechen einschließlich Vergewaltigung ermittelt werden sollte. Wir werden den Vereinten Nationen in jeder erdenklichen Weise behilflich
sein, um die erforderlichen Beweise gegen die Kriegsverbrecher zu erbringen und sie nach der ganzen
Bandbreite der Gesetze zu verfolgen.

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�Die rechtlichen Präzedenzfälle für eine solche Strafverfolgung sind im Völkerrecht verankert. Jede Verletzung der Genfer Konvention ist ein Kriegsverbrechen.
Artikel 27 benennt speziell Vergewaltigung. Der systematische Einsatz von Vergewaltigung als Kriegswaffe
zur Erlangung politischer und rassischer Ziele - wie bei
ethnischer Säuberung - könnte die Verbrechen zu
einem historisch beispiellosen Vergehen machen, das
die Welt nicht ignorieren darf.

schließlich Menschenrechtsorganisationen - die etwas
dagegen unternehmen können. Wir müssen auf die
gleichberechtigte Vertretung von Frauen in allen
Regierungen und allen internationalen Organisationen
hinarbeiten. Geschlechtsspezifische Informationen
und Dokumentationen sollten in allen wichtigen Studien und Berichten enthalten sein.

Darüber hinaus sollten wir die Ernennung eines UNSonderberichterstatters für geschlechtsspezifische
Neben Ermordung ist Vergewaltigung das schwerwie- Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen sowie vergendste Verbrechen, das an Frauen begangen wird. besserte Durchführungsverfahren im Rahmen der
Die Geschichte belegt jedoch auch, daß Frauen auch Konvention über die Beseitigung aller Formen von
in vielfältiger anderer Weise unverhältnismäßig unter Diskriminierung gegen Frauen in Erwägung ziehen.
Kriegen leiden. Beispielsweise stehen Frauen häufig Meines Erachtens sollten die Rechte von Frauen auf
hinter Männern zurück, wenn es um knappe Nah- die Tagesordnung der im Verlauf dieses Jahres in
rungsmittel oder Obdach geht. Die Statistiken über Venedig anberaumten historischen Weltkonferenz über
Kriegsflüchtlinge illustrieren dies. Die Daten belegen, Menschenrechte gesetzt werden. Bei dieser Konfedaß bis zu zwei Drittel der Flüchtlinge Frauen und renz bietet sich der Welt eine ausgezeichnete GeleKinder sind.
genheit, ihre Tagesordnung zu Menschenrechten bis
ins nächste Jahrhundert darzulegen. Die Rolle und
Darüber hinaus wird ihr Leiden durch den schlechteren Position von Frauen in unserer Welt sollte eines unsewirtschaftlichen u nd sozialen Status verschärft. Einige rer dringlichsten Anliegen sein.
der in Bosnien vergewaltigten muslimischen Frauen
verstecken sich zum Beispiel vor ihren Familien - von Schließlich unterstützen die Vereinigten Staaten ProScham über das ihnen Zugefügte erfüllt, das so offen- gramme uneingeschränkt, die eine Milderung des
kundig nicht ihr Verschulden ist.
Leidens von Frauen an Orten wie dem ehemaligen
Jugoslawien zum Ziel haben. Wir müssen insbesonWas kann getan werden, um die negativen Auswirkun- dere mehr Ressourcen für die medizinischen und
gen von Kriegen auf Frauen zu beheben? Daß Frauen anderen Bedürfnisse von Frauen bereitstellen. Die
so häufig die Opfer des Krieges sind, belegt nicht nur Bürde der Frauen in Kriegszeiten ist zu lange ignoriert
ihren schlechteren wirtschaftlichen und sozialen Stand worden. Es ist jetzt an der Zeit, diese Situation zu
weltweit, sondern auch ihre Unterrepräsentierung in beheben.
der Regierung und internationalen Gremien - ein-

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�MENSCHENRECHTE
10. Februar 1993

ABRAM: SELBSTBESTIMMUNG, NICHT
ETHNISCHER ISOLATIONISMUS
Rede vor der Menschenrechtskommission
GENF - (AD) - Die UN-Menschenrechtskommission sollte Toleranz unter Völkern unterschiedlicher ethnischer
und religiöser Herkunft fördern und die Bande der Respektierung von Rechten schmieden, "die unterschiedliche
Einzelpersonen, Gruppen und Nationen zusammenbringen", erklärt Botschafter Morris Abram.
In einer am 3. Februar 1993 vor der 53 Nationen umfassenden Kommission gehaltenen Rede zum Recht der
Völker auf Selbstbestimmung warnte Abram, dieses "sollte nicht mit ethnischem Isolationismus verwechselt
werden".
"In der heutigen Welt ist Selbstbestimmung ironischerweise zum Schlachtruf von Gruppen geworden, die aus
ethnischen oder religiösen Gründen die Teilung von Nationen bezwecken", fügte Abram hinzu.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafter Abram im Wortlaut.

Selbstbestimmung ist eines der schwierigsten Themen, mit denen sich die Welt heute konfrontiert sieht.
Zur Zeit der Charta der Vereinten Nationen sollte das
Prinzip mit den Worten der Charta eines der unabdingbaren Erfordernisse für die "Stärkung des universellen Friedens" und die Vereinigung von Nationen sein.
In der heutigen Welt ist Selbstbestimmung ironischerweise zum Schlachtruf von Gruppen geworden, die
aus ethnischen oder religiösen Gründen die Teilung
von Nationen bezwecken.
Offenkundig hat sich die Bedeutung des Wortes Selbstbestimmung gewandelt. Selbstbestimmung sollte nicht
mit ethnischem Isolationismus verwechselt werden.
Zur Zeit der Charta bedeutete Selbstbestimmung das
Recht, frei von einer imperialistischen Macht zu sein,
die häufig über den Ozean hinweg herrschte. In der
heutigen Version wird Selbstbestimmung oft gegenüber einem Nachbarn auf dem gleichen Territorium
geltend gemacht.
Die Kontroverse läßt sich in der grundlegenden Frage
zusammenfassen, was eine Nation definiert. Wenn es
nur die gemeinsame Kultur, eine gemeinsame Sprache und historische Gebietsansprüche sind, dann
könnte es Tausende Nationen geben statt weniger als
zweihundert. Das Recht auf Selbstbestimmung im
Sinne des Rechts, auszubrechen und seine eigene
Nation zu gründen, bezieht sich nicht zwangsläufig
auf eine Gruppe, nur weil ihre einzelnen Mitglieder eine
ethnische, religiöse oder kulturelle Geschichte teilen.
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Das Recht auf Selbstbestimmung kann jedoch auf
mehr als eine Weise geltend gemacht und geschützt
werden. Denkbar wäre, daß es ein Spektrum von der
Gründung eines neuen Staates über die Gewährung
gewisser Autonomie bis zu unterschiedlichen Formen
des Föderalismus und dem Vorrang von Autorität vor
Bildung, kulturellen Angelegenheiten und anderen
staatlichen Dienstleistungen umfaßt.
Und nur weil eine Nation aus Menschen mit derselben
ethnischen Herkunft, Religion und Sprache zusammengesetzt ist, wird nicht zwangsläufig gewährleistet,
daß ihre Rechte geschützt oder angemessener Respekt
für andere Unterschiede eingeräumt wird. Beispielsweise könnte es keine Toleranz für politische, geschlechtsspezifische, soziale oder Klassenunterschiede geben. Eine multiethnische Gesellschaft, die den
unterschiedlichen Hintergrund ihrer Mitglieder bewahrt,
ermutigt Toleranz. Eine vielfältige Gesellschaft trägt
Farbe, Aufregung und Inspiration bei und läßt Kreativität und Chancen florieren. Mein Land hat beträchtlich von der unterschiedlichen Herkunft und Kultur ihrer
Mitglieder profitiert.
Die Kräfte, die Gruppen in die Isolation und Nationen
in die Zersplitterung treiben, sind jedoch nicht notwendigerweise dazu bestimmt, die Oberhand zu gewinnen. Während die Welt diese separatistischen Tendenzen erlebt, bestehen gleichzeitig Tendenzen zu
transnationalem Zusammenhalt. Fortschritte bei der
Kommunikation haben die Welt kleiner gemacht. Und
Seite 1

�die Nationen werden sich bewußt, daß es für Konkurrenzfähigkeit auf der Welt große Märkte und Kostenersparnis durch optimale Betriebsvergrößerung geben
muß. Die europäische Gemeinschaft, die KSZE und
das Nordamerikanische Freihandeisabkommen sind
alles Beispiele der vereinenden Kraft von Volkswirtschaften.

sen befriedigt werden, haben sie vielleicht nicht den
gleichen Drang auszubrechen und ein Recht auf Selbstbestimmung geltend zu machen. Bevor die Charta der
Vereinten Nationen verabschiedet wurde, drängte der
amerikanische Präsident Woodrow Wilson - der häufig
mit der Bewegung für Selbstbestimmung in Verbindung gebracht wird • auf die Einbeziehung von Rechten der Minderheiten zusammmen mit Selbstbestimmung in den Vertrag von Versailles.

Solch wirtschaftlicher Druck auf Zusammenhalt beseitigt nicht die Allgegenwart von lokalen Problemen.
Gemeinden können mit der von ihrer Regierung ver- Es wird jedoch Zeiten geben, wenn Trennung unverfolgten Politik unzufrieden sein oder nationalistische meidbar ist, weil traditionelle Grenzen nicht mehr der
Sympathien gegenüber einem Land äußern, aus dem Realität entsprechen oder aus Gründen, die andere
sie einst emigrierten. Diese Sichtweisen sollten unter Nationen niemals begreifen werden. Sollte dies geeiner Regierung geäußert werden dürfen, die Rechte schehen, dann sollte es friedlich, durch Verhandlunvon Einzelpersonen und Minderheiten schützt.
gen und in einem demokratischen Prozeß, jedoch
nicht durch diese schreckliche Gewalt vollzogen werIn einer ausgewogenen Gesellschaft wird eine Vielfalt den.
von Religionen, Kulturen sowie ethnischer Zugehörigkeit respektiert, Gesetze wahren die Identität von Um den britischen Dichter John Donne zu zitieren:
Gruppen und räumen Minderheiten ein Mitsprache- "Kein Mensch ist eine Insel, ganz auf sich allein gerecht in der Regierung ein. Es gibt ferner ein Völker- stellt; jeder Mensch ist ein Teil des Kontinents, ein Teil
rechtsgremium, das Gruppen und Minderheiten unab- des Ganzen." Abschließend möchte ich bemerken,
hängig von staatlich geschaffenen Grenzen schützt. daß wir als Mitglieder der Kommission uns erneut der
Es gibt Verträge, die Rassismus, ethnische und religiö- Schaffung von Banden der Toleranz und Respektiese Diskriminierung verbieten und die Rechte von rung von Rechten widmen sollten, die unterschiedliche
Minderheiten wahren.
Einzelpersonen, Gruppen und Nationen zusammenbringen.
Wenn Gruppen das Gefühl haben, daß ihre individuellen Rechte geschützt und ihre wirtschaftlichen Interes* *

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�SOZIALHILFE
10. Februar 1993

CLINTON VERSPRICHT MASSNAHMEN ZUR SOZIALHILFEREFORM
Armut einkommensschwacher Arbeitnehmer soll beseitigt werden

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat rasche
Maßnahmen zur Einlösung des im vergangenen Jahr
eingegangenen Wahlkampfversprechens zugesagt, das
zersplitterte Sozialhilfesystem in den Vereinigten Staaten zu reformieren und die Armut bei einkommensschwachen Arbeitnehmern zu beseitigen.

te sich möglicherweise entschließen, den Vorsitz der
Arbeitsgruppe zu übernehmen.

"Wir müssen die Armut von Amerikanern beenden, die
arbeiten wollen. Und wir müssen dies zu Bedingungen
leisten, die auch uns übrigen zur Ehre gereichen sowie
unserem Land dabei helfen, besser zu funktionieren",
erklärte Clinton in einer Rede beim jährlichen Wintertreffen der nationalen Gouverneursvereinigung am 2.
Februar 1993.

"Erstens sollte die Sozialhilfe eine zweite Chance darstellen, keinen Lebensstil." Menschen,
die von Sozialhilfe leben, sollten Zugang zu
medizinischer Versorgung, Aus- und Fortbildung sowie Arbe'rtsplatzchancen erhalten, die
sie benötigen, um auf fremde Hilfe verzichten zu
können. Nach zwei Jahren jedoch, so der
Präsident, "muß man sie auffordern, eine Arbeitsstelle anzunehmen", entweder in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst.

Um sein Mandat zu erfüllen, wird Clinton seinen eigenen Worten zufolge innerhalb der nächsten 10 Tage
eine interministerielle Arbeitsgruppe aus hochrangigen Vertretern des Weißen Hauses, des Gesundheitsund Sozialministeriums sowie anderer Bundesbehörden auf Kabinettsebene ernennen, die mit den Gouverneuren der Bundesstaaten und dem Kongreß einen
neuen Plan zur Reform der Sozialhilfe entwickeln soll.
"Ich habe die besten Kenner dieses Themas im Land
aufgefordert, mir dabei behilflich zu sein". Dazu gehörten Vertreter von Wirtschaft und Gewerkschaften sowie
"führende Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen, denen dieses Thema ein Anliegen ist", erklärte
er.
"Bei der Reform der Sozialhilfe gibt es ebensowenig
wie bei der Gesundheitsreform von oben angeordnete,
in Washington fabrizierte Lösungen, die für jeden
funktionieren werden", betonte der Präsident. "Die
Probleme und Fortschritte sind in den Gemeinden
dieses Landes anzutreffen."
Bei einer getrennten, am 2. Februar 1993 im Weißen
Haus veranstalteten Pressekonferenz zur Reform der
Sozialhilfe teilte Bruce Reed, Berater des Präsidenten
für Innenpolitik, vor Reportern mit, Clinton selbst könn-

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Clinton führte vier Hauptprinzipien auf, die seine
Administration bei der Abfassung eines endgültigen
Vorschlags zur Reform der Sozialhilfe leiten werden:

"Zweitens müssen wir dafür sorgen, daß Arbeit
sich auszahlt." Jeder amerikanische Elternteil,
der ganztätig erwerbstätig ist, sollte sicher sein,
daß seine Familie der Armut entfliehen kann.
"Wenn Arbeit mit Würde einhergeht, dann muß
jedem Arbeitnehmer Würde gegeben werden",
erklärte Clinton. "Deshalb werde ich eine Erweiterung des verdienstabhängigen Einkommensteuerfreibetrags vorschlagen, mit dem das
Einkommen von Geringverdienem ergänzt wird."
"Drittens benötigen wir eine schärfere Durchsetzung der gesetzlichen Vorschriften zur Unterstützung von Kindern." Der Präsident kündigte
an, er werde eine nationale Datenbank ins Leben
rufen, um die abwesenden Väter von geschätzten 15 Millionen amerikanischen Kindern aufzuspüren, die Unterstützungszahlungen für Kinder leisten könnten, dies aber nicht tun. Clinton
schlug vor, die Bundesstaaten sollten die Vaterschaft bereits "im Krankenhaus bei der Geburt
des Kindes" feststellen. Die US-Einkommensteuerbehörde wird eingesetzt werden, um in
schweren Fällen Zahlungen einzutreiben, so

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�der Präsident, "wenn ich mich damit durchsetzen kann".
"Viertens müssen wir die Bundesstaaten zu
Experimenten ermutigen." Clinton versprach,
den Bundesstaaten mehr Spielraum zur Erprobung neuer Initiativen zum Abbau der Zahl von
Sozialhilfeempfängern einzuräumen, vorausgesetzt, daß sie bereit sind, die Bundesregierung
und die anderen Bundesstaaten über die Ergebnisse aussichtsreicher Experimente zu informieren. "Wir alle können Maßnahmen einführen, die funktionieren", erklärte er. "Und wenn
sie nicht funktionieren, können wir sie einstellen
und etwas anderes versuchen."
Clinton teilte den Gouverneuren mit, das von Präsident
Reagan kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt
unterzeichnete überparteiliche Gesetz zur Unterstützung der Familie aus dem Jahr 1988 werde funktionieren, wenn man ihm eine echte Chance einräume. In
den vergangenen vier Jahren sei es nicht vollständig
umgesetzt worden, weil die Zahl der Sozialhilfeempfänger landesweit explodiert sei, die Kosten für Krankenversicherung bei gleichzeitigem Abschwung des
Arbeitsmarktes gestiegen seien, die Wirtschaft die
geringste Wachstumsrate seit 50 Jahren aufgewiesen
habe und sinkende Steuereinnahmen den Kongreß
und die Administration daran gehindert hätten, die in
dem Gesetz vorgesehenen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen vollständig zu finanzieren.
Die Nation muß jedoch Clinton zufolge über die vollständige Verwirklichung des epochalen Gesetzes von
1988 hinausgehen.

Der Präsident zitierte Untersuchungen, nach denen
einer von vier amerikanischen Sozialhilfeempfängern
acht Jahre oder länger Sozialhilfe bezieht. Dies sind
"die Menschen, denen wir wirklich zu helfen versuchen
sollten, damit sie den Kreislauf durchbrechen, der ihre
Kinder und Enkelkinder im Griff hält", erklärte er.
Auf Fragen bei der Pressekonferenz im Weißen Haus
erläuterte Reed den Reportern, rund 4,7 Millionen
amerikanische Familien mit insgesamt 13,5 Millionen
Personen seien heute als Sozialhilfeempfänger registriert. Während über die Hälfte der Erwachsenen als
arbeitsunfähig gelten, fielen vielleicht 1,5 Millionen
Personen in die Kategorie derer, die letztlich die Anforderungen einer Erwerbstätigkeit erfüllen müßten.
Laut Reed werden schätzungsweise 5 bis 25 Milliarden
Dollar an Unterstützungszahlungen für Kinder nicht
geleistet, die - falls sie eingetrieben würden - dazu
eingesetzt werden könnten, die Ausgaben für Sozialhilfe und damit indirekt das Defizit im Bundeshaushalt
zu verringern.
Der neugewählte Vorsitzende des Finanzausschusses des Senats und führende Förderer des Gesetzes
zur Unterstützung der Familie von 1988, Senator Daniel
Moynihan, stellte in einer Erklärung vom 2. Februar
1993 fest, er sei 'lief befriedigt über die Erklärung des
Präsidenten zur 'Veränderung der Sozialhilfe, wie wir
sie kennen'".
Moynihan gab an, erfreue sich auf die Mitarbeit an den
künftigen Erörterungen zur Sozialhilfereform mit den
Gouverneuren der Bundesstaaten und dem Weißen
Haus. "Wir können dieses Jahr ein neues Gesetz
einführen", prognostizierte er.

"Es mu ß... ein fester Termin gesetzt werden, über den
hinaus niemand einen Scheck ohne Gegenleistung
erhält, wenn er etwas tun kann, und es gibt eine Menge
Arbeit zu tun", betonte Clinton.
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�PORTRAT
10. Februar 1993

STEPHANOPOULOS: INTELLIGENT,
WORTGEWANDT, "NICHT ZU ERSCHÜTTERN"
Neuer Sprecher des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Der neue Präsidentensprecher Bill Clintons, der offiziell den Titel Kommunikationsdirektor führt, ist für seine Energie, Intelligenz,
Beherrschung nationaler Fragen und hohe Belastbarkeit bekannt.
"Vor allem versuche ich immer, die Ruhe zu bewahren", erklärte der 31jährige George Stephanopoulos,
den Clinton als erstes Stabsmitglied für seine Präsidentschaftkampagne einstellte.
Der ehemalige Rhodes-Stipendiat stieg von der Position eines stellvertretenden Wahlkampagnendirektors
zu der des höchst angesehenen und mächtigen
Kommunikationsdirektors der Clinton/Gore-Wahlkampagne auf, bei der er die Oberaufsicht über Meinungsumfragen, Politik, Zeitplanung, Pressekontakte und
den Medienbetrieb führte.
In seiner jetzigen Position als Präsidentenberater und
Kommunikationsdirektcr im Weißen Haus hat Stephanopoulos unmittelbaren Zugang zu Clinton und bleibt
im nationalen Rampenlicht, wenn er - auf seine charakteristische unerschütterliche Art - bei den im Fernsehen übertragenen Pressekonferenzen des Weißen
Hauses erscheint, um die oft kontroverse Innen- und
Außenpolitik der neuen Administration darzulegen.
"Wie hart George auch arbeiten und unter welchem
Druck er auch stehen mag, seine Ruhe ist nicht zu
erschüttern", sagte Clinton über Stephanopoulos.
Der kometenhafte Aufstieg von Stephanopoulos in die
obersten Ränge der amerikanischen Politik wird auf
zwei Fähigkeiten zurückgeführt, die nicht oft in einer
Person vereint sind.
"Manche Menschen haben ihre Talente im Kommunikationsbereich, andere bei Sachfragen. George ist auf
beiden Gebieten talentiert, und das ist äußerst selten",
schrieb Mandy Grunwald, Werbedirektorin derClinton/

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Gore-Wahlkampagne, in einem Artikel der Los Angeles Times.
Stephanopoulos steht in dem Ruf, während der Präsidentschaftswahlkampagne entscheidend dazu beigetragen zu haben, eine möglicherweise negative Berichterstattung über Clinton in den bedeutenden Zeitungen und Fernsehsendungen verhindert zu haben.
Berichten zufolge rief er Zeitungsherausgeber und
Fernsehredakteure an und überzeugte sie, daß die in
Frage kommenden Berichte nicht fair seien und noch
weitere Mängel aufwiesen.
Stephanopoulos leitete darüber hinaus die Ausarbeitung von Clintons Wirtschaftsplan, der ein breites
öffentliches Echo auslöste, sowie die Kommunikationsstrategie, die die Kandidaten der Demokraten in
eine Vielzahl von beliebten Fernsehprogrammen und
sogenannten 'Talkshows" brachte. Stephanopoulos
spielte auch eine Schlüsselrolle bei der Planung der
Stategie, deren sich die Demokraten auf ihrem Konvent im Juli 1992 bedienten, um das Bild der Nation von
Clinton zu ändern.
Als Sohn und Enkel griechisch-orthodoxer Priester
hatte Stephanopoulos früher einmal in Betracht gezogen, selbst Priester zu werden. "Bis ich vierzehn
wurde, hatte ich immer vor, Priester zu werden", sagte
er in einem Interview mit der Los Angeles Times. Das
Leben in einer geistlichen Familie ist "ein gutes Training für das öffentliche Leben", erklärte er. "Man mu ß
lernen, jeden gleich zu behandeln. Man sieht die
Menschen in Momenten höchsten Glücks und größten
Unglücks. Man muß lernen, ihnen zuzuhören."
Der Präsidentensprecher mit den braunen Augen wird
von seinen Landsleuten griechischer Abstammung
vergöttert. "Wann immer ich mit einem in der Bundeshauptstadt Washington lebenden Griechen spreche,
ist George Stephanopoulos das erste Thema, das er
anspricht", äußert George Savidis, Direktor für Öffent-

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�lichkeitsarbeit der amerikanisch-griechischen Vereinigung für Fortschritte im Bildungswesen (American
Hellenic Educational Progressive Association), der
ältesten und größten griechisch-amerikanischen Vereinigung des Landes.

1988 war Stephanopoulos stellvertretender Kommunikationsdirektor der Wahlkampagne der Demokraten
für Dukakis und Bentsen. "Ich mußte einfach für
Michael Dukakis arbeiten", erklärte Stephanopoulos in
einem Zeitschrifteninterview. "Die ganze griechische
Gemeinde war so stolz auf ihn - und er war Demokrat".

In der Wahlnacht gab es in Griechenland, in dem
kleinen Dorf auf dem Peloponnes, aus dem Stephano- Später gehörte Stephanopoulos dem Stab von Ripoulos' Vorfahren stammen, eine Jubelfeier, als die chard Gephardt, dem Fraktionsführer der Mehrheit im
Nachricht von Clintons Wahlsieg eintraf.
Repräsentantenhaus, an und wurde dessen geschäftsführender Manager für diese Kammer. Gephardt lobte
Der in Fall River (Massachusetts) geborene Stephano- das diplomatische Geschick von Stephanopoulos und
poulos wuchs in Rye (New York) und Orange Village, erinnert sich: "Die Menschen mochten ihn sofort... Er
einer Vorstadt in Cleveland auf. Zur Zeit leben seine arbeitete zehn Stunden am Tag, sieben Tage in der
Eltern in New York, wo sein Vater Dekan der Dreifaltig- Woche, verfolgte den Gesetzgebungsprozeß und keitskirche der griechisch-orthodoxen Erzdiözese ist. was am wichtigsten war - massierte das Ego der 435
Kongreßabgeordneten".
Stephanopoulos und seine ältere Schwester Anastasia - eine heute 33jährige griechisch-orthodoxe Nonne 1991 begann Stephanopoulos seine Suche nach ei- spielten ihrer Mutter zufolge nie mit Spielzeug. Sie nem Präsidentschaftskandidaten, den er unterstützen
"hatten immer Anteil daran, was gerade passierte", könnte. Er und Clinton verstanden sich sofort und
lasen Zeitungen und Zeitschriften, erklärte sie in einem pflegen eine sehr enge Freundschaft. Clinton "konZeitschrifteninterview. In der High-School in Ohio zentrierte sich genau auf die Probleme, mit denen wir
gehörte Stephanopoulos dem Ringkampfteam für die uns im Kongreß befaßten", erklärte Stephanopoulos in
48-Kilo-Gewichtsklasse an. "Das Ringen brachte ihm einen Zeitschrifteninterview. "Es gab dieses JahrDisziplin und Konzentration auf ein Ziel bei", so seine zehnt, in dem sich die Amerikaner in wirtschaftlicher
Mutter.
Hinsicht immer weiter spalteten: Die Reichen wurden
noch reicher, die Armen noch ärmer, und alle anderen
1982 erhielt Stephanopoulos seinen Abschluß in Polimußten den Gürtel enger schnallen - und genau darauf
tologie an der Columbia University in New York. Später
konzentrierte er sich".
war er als Verwaltungsassistent für Edward Feighan,
einem Abgeordneten des Repräsentantenhauses aus David Maraniss, Journalist bei der Washington Post,
Ohio tätig, der Stephanopoulos als "Einmanndenkfa- ist der Ansicht, daß die Beziehungen zwischen Clinton
brik" bezeichnete, dessen Rat "von unschätzbarem und Stephanopoulos eng bleiben werden. Er propheWert" sei.
zeit, daß der junge Stratege im Weißen Haus weiterhin
Anschließend studierte Stephanopoulos in England an der "Berater sein wird, den Clinton morgens als ersten
der Universität Oxford, wo er - wie Clinton - ein und abends als letzten konsultiert und dazwischen
Rhodes-Stipendiat war. Stephanopoulos machte sei- immer dann, wenn eine wichtige Entscheidung getrofnen Magister in Theologie am Balliol College in Oxford. fen werden muß."

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�PORTRAT
10. Februar 1993

ERSTE STELLVERTRETENDE PRESSECHEFIN
PRÄSIDENT CLINTONS BRINGT GELASSENHEIT
UND HUMOR MIT
Porträt von Dee Dee Myers

WASHINGTON - (AD) - Als mitreisende Pressechefin
im Wahlkampftross von Clinton und Gore während der
Wahlkampagne 1992 wurde Dee Dee Myers von den
begleitenden Journalisten wegen ihres Humors, ihrer
Gelassenheit und Kaltblütigkeit in der Hitze des Gefechts respektiert.
Diese Attribute werden sich auch in der neuen Tätigkeit als Stellvertretende Pressechefin und persönliche
Referentin Präsident Clintons im Weißen Haus als
nützlich erweisen. Sie ist die erste Frau, der dieser
anspruchsvolle Posten im Rampenlicht der Öffentlichkeit übertragen wurde.
Die 31 jährige Myers trat im Dezember 1991 in Clintons
Stab ein, kurz bevor sich der damalige Gouverneurvon
Arkansas täglich den bohrenden Fragen von Journalisten über angebliche außereheliche Affären und Versuche, sich dem Militärdienst während des Vietnamkriegs zu entziehen, ausgesetzt sah.

sekonferenzen der neuen Administration ab. Stephanopoulos war Clintons wichtigster Sprecher während
der Übergangsperiode. Im Wahkampf arbeiteten Myers
und er eng zusammen.
Zur Zeit beschäftigt sich Myers mit dem, was das
Pressekorps des Weißen Hauses als das "Tick-Tack"
bezeichnet - sie liefert einen Überblick über die voraussichtlichen Ereignisse des Tages. Darüber hinaus
bleibt sie nach den Pressekonferenzen von Stephanopoulos bei den Reportern, um "übriggebliebene Fragen" zu beantworten.
Trotz ihrer relativen Jugend hat Myers gründliche
Erfahrung mit der Politik der Demokraten auf bundesstaatlicher, lokalerund nationaler Ebene vorzuweisen.

Vor ihrem Eintritt in Clintons Wahlkampfteam im Dezember 1991 war sie Wahlkampfdirektorin des Bürgermeisters von San Francisco, Frank Jordan. Darüber
hinaus war sie als Pressesprecherin im GouverneursDem Journalisten Edward Walsh von der Washington wahlkampf von 1990 der heutigen Senatorin Dianne
Post zufolge bewies Myers Geschick bei der Reaktion Feinstein tätig. Zuvor diente sie als Pressesprecherin
auf diese Beschuldigungen, die Clintons Hoffnungen des Bürgermeisters von Los Angeles, Tom Bradley,
auf die Präsidentschaft zu zerstören drohten. Walsh und arbeitete in der nationalen Vorhut des Wahlkampfschrieb: "Sie macht sich rasch mit einer Materie teams von Gouverneur Michael Dukakis 1988.
vertraut und verliert nicht ihre Gelassenheit. Die
Reporter sehen das, und es bleibt nicht ohne Wirkung. Zum ersten Mal war sie ehrenamtlich beim Präsidentschaftswahlkampf des Vizepräsidenten Walter MonEs tut ihr und der Kampagne gut."
dale im Jahr 1984 tätig. An der Santa Clara University
Die Reporter bewunderten darüber hinaus ihren schel- erwarb sie 1983 einen B.A. in Politologie.
menhaften Sinn für Humor - während einer längeren
Myers zögerte, bevor sie den Posten in Clintons
Clinton-Rede schlug sie einmal ein Rad für sie.
Wahlkampfmannschaft annahm. Der Präsident war
In einem Bruch mit vergangenen Gepflogenheiten hält ein unbekannter Gouverneur aus dem Süden, der in
Myers Chef, der Kommunikationsdirektor des Weißen landesweiten Meinungsumfragen bei zwei Prozent
Hauses George Stephanopoulos, die täglichen Pres- lag. "Zu jener Zeit erschien Bush als felsenfest, und ich

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�wollte mich eigentlich nicht an einem weiteren Wahlkampf beteiligen", erklärte sie einer kalifornischen
Zeitung.
Sie fügte hinzu, "das Beste an diesem Posten ist, für
Bill Clinton zu arbeiten. Er ist der klügste und optimistischste Mensch, dem ich jemals begegnet bin. Am
* *

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letzten Abend des Wahlkampfs ... sagte ich zu ihm:
'Dachten Sie wirklich, daß Sie heute abend hier stehen
würden'...? Und er antwortete: 'Oh ja, ich hatte immer
die unerschütterliche Zuversicht, daß dies möglich
ist.'"

*

*

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                <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton sendet Christopher auf eine Friedensmission in den Nahen Osten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Christopher soll nächste Schritte im Friedensprozess sondieren &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Parteien weiterhin an Gesprächen interessiert&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton zeigt besonderes Interesse an UNO und Menschenrechten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärungen von Schifter, Blackwell und Abram&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Delegation bei UN-Menschenrechtskommission bringt Engagement Clintons zum Ausdruck&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kurzporträt von Schifter, Blackwell und Abram&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;UNO muss Kampf gegen Rassismus anführen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Blackwell&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Vergewaltigungen in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter Kenneth Blackwell&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Abram: Selbstbestimmung, nicht ethnischer Isolationismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor der Menschenrechtskommission&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Sozialhilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verspricht Maßnahmen zur Sozialhilfereform&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Armut einkommensschwacher Arbeitnehmer soll beseitigt werden&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Stephanopoulos: intelligent, wortgewandt, "nicht zu erschüttern" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neuer Sprecher des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Erste Stellvertretende Pressechefin Clintons bringt Gelassenheit und Humor mit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Dee Dee Myers&lt;/em&gt;</text>
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17. Februar 1993

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CHRISTOPHER SKIZZIERT DIPLOMATISCHE BEMÜHUNGEN DER USA
ZU BOSNIEN
Erklärung bei Pressekonferenz

MENSCHENRECHTE

USA FORDERN RESOLUTION GEGEN
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM
EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN

-ßV;

Erklärung von Botschafter Schifter
GATT

GATT MUSS GRUNDLICH ÜBERHOLT
WERDEN
Rede von Botschafter Seitz

HANDEL

KONGRESSWIRD FAST-TRACK-MANDAT
WAHRSCHEINLICH AN BEDINGUNGEN
KNÜPFEN
Antrag auf einjährige Verlängerung erwartet

FRAUEN

FRAUSEIN IN DEN NEUNZIGER JAHREN:
EIN DRAHTSEILAKT
von Rosalyn Wiggins Berne

PORTRAT

"FRONTKÄMPFERN GEGEN DAS
VERBRECHEN"
Janet Reno - Clintons designierte Justizministerin
BARTHOLOMEW ZUM SONDERGESANDTEN
FÜR BOSNIENGESPRÄCHE ERNANNT
Porträt von Botschafter Reginald Bartholomew

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Fax:0228-33 41 02

�BOSNIEN
17. Februar 1993

CHRISTOPHER SKIZZIERT DIPLOMATISCHE
BEMÜHUNGEN DER USA ZU BOSNIEN
Erklärung bei Pressekonferenz
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Christopher hat am 10. Februar 1993 erklärt, die Clinton-Administration
werde sich aktiv an den diplomatischen Bemühungen beteiligen, eine politische Lösung für den Konflikt im
ehemaligen Jugoslawien zu erreichen.
Bei einer Pressekonferenz im State Department gab Christopher bekannt, daß der Präsident den amerikanischen Botschafter bei der NATO, Reginald Bartholomew, zum US-Gesandten bei den von den internationalen
Schlichtern Cyrus Vance und Lord David Owen geleiteten Verhandlungen ernannt hat. Bartholomew wird vor
Gesprächen bei den Vereinten Nationen in New York zu Beratungen mit dem russischen Präsidenten Jelzin nach
Moskau reisen.
Präsident Clinton hat allen Beteiligten verdeutlicht, erklärte Christopher, daß die Vereinigten Staaten bereit sind,
"ihren Teil zur Implementierung und Durchsetzung eines für alle Parteien annehmbaren Abkommens beizutragen... Dies ist ein gemeinsames Problem, und wir müssen die Lasten gemeinsam tragen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung Außenminister Christophers bei der Pressekonferenz
am 10. Februar im Wortlaut.

Ich gebe heute eine Reihe von Schritten bekannt, die
Präsident Clinton im Hinblick auf das ehemalige Jugoslawien beschlossen hat. Der Präsident ist der Überzeugung, es sei an der Zeit, daß sich die Vereinigten
Staaten aktiv und direkt an den multilateralen Bemühungen beteiligen, eine gerechte und funktionsfähige
Lösung für diesen äußerst gefährlichen Konflikt zu
finden.
Gleich zu Beginn unserer Administration erben wir
eine tragische und gefährliche Situation. In den vergangenen zwei Jahren sind die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens in eine dunkle Periode des Terrors
und Blutvergießens versunken. In diesem Zeitraum
hat der Westen wiederholt Gelegenheiten verpaßt,
frühzeitige und wirksame Maßnahmen zu ergreifen,
die möglicherweise eine Verschärfung des Konflikts
verhindert hätten. Wie Präsident Clinton im Wahlkampf wiederholt erklärte, hätte eine frühzeitiges und
energisches Signal durchaus einen Großteil der Aggressionen, des Blutvergießens und der "ethnischen
Säuberungen" abschrecken können. Weil diese
Maßnahmen nicht ergriffen wurden, sind wir heute mit
einer wesentlich schwerer in den Griff zu bekommenden Lage mit entschieden schwierigeren Optionen
konfrontiert. Trotzdem müssen wir die Umständeso in
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Angriff nehmen, wie sie sich darstellen, und wir sind
entschlossen, dies zu tun.
Diese Umstände haben tiefliegende Wurzeln. DerTod
Präsident Titos und das Ende der kommunistischen
Herrschaft über das ehemalige Jugoslawien haben
den Deckel auf dem brodelnden Kessel uralten ethnischen Hasses gelüftet. Dies ist ein Land, in dem
mindestens drei Religionen und ein halbes Dutzend
ethnischer Gruppen jahrhundertelang miteinander
gestritten haben. Es ist der Geburtsort des Ersten
Weltkrieges. Es ist seit langem die Wiege europäischer Konflikte. Dies ist auch heute noch so.
Im vergangenen Jahr haben Cyrus Vance und Lord
Owen unermüdlich nach einer Verhandlungslösung
gesucht. Obwohl sie Fortschritte erzielt haben, wurde
ihr Lösungsvorschlag von den Konfliktparteien nicht
akzeptiert, und das Töten geht weiter.
Dieser Konflikt mag weit entfernt von unseren Küsten
liegen, aber unseren Anliegen steht er nicht fern. Wir
können es uns nicht leisten, ihn zu ignorieren. Lassen
Sie mich erklären, warum dies der Fall ist.
Wir können den Zoll an Menschenleben nicht ignorieren. Die "ethnischen Säuberungen" wurden durch
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�Massenmord, systematische Prügel sowie die Vergewaltigung von Muslimen und anderen, durch Dauerbeschu ß auf Unschuldige in Sarajevo und andernorts, die
gewaltsame Vertreibung ganzer Dörfer, inhumane
Behandlung von Gefangenen in Internierungslagern
sowie die Blockierung von Hilfslieferungen für Kranke
und verhungernde Zivilisten angestrebt. Greueltaten
wurden auch von anderen Parteien begangen. Unser
Gewissen wehrt sich gegen die Idee, solche Brutalität
passiv zu akzeptieren.

einfach sein werden, wir wissen, daß es aufgrund
früherer Untätigkeit weniger Optionen gibt, wir erwarten keine Wunder, glauben aber, daß wir etwas bewirken können. Wir unterstützen entschieden die Bemühungen der Vereinten Nationen und der Europäischen
Gemeinschaft, durch die Vance-Owen Verhandlungen zu einem Abkommen zu gelangen, das Bosnien
den Frieden bringt. Um die bestmögliche Kommunikation zwischen uns sicherzustellen, hat Präsident Clinton heute einen unserer Spitzendiplomaten zum Abgesandten unserer Regierung bei diesen Gesprächen
Neben diesen humanitären Interessen haben wir auch ernannt: Botschafter Reginald Bartholomew. Herr
direkte strategische Anliegen. Die anhaltende Zerstö- Bartholomew diente als Botschafter der Vereinigten
rung eines neuen Mitgliedstaates der UNO stellt das Staaten im Libanon und in Spanien und ist gegenwärtig
Prinzip in Frage, wonach international anerkannte Botschafter bei der NATO. Ihm sind derartige Krisen
Grenzen nicht gewaltsam verändert werden sollten. nicht unbekannt. Er ist der richtige Mann für diese
Darüber hinaus kennt dieser Konflikt selbst keine Aufgabe. Die Vereinigten Staaten werden sich durch
natürlichen Grenzen. Er droht auf neue Regionen, wie seine Bemühungen, die Zusammenarbeit mit Minister
etwa den Kosovo und Mazedonien, überzugreifen. Er Vance und Lord Owen und mit anderen Mitteln an der
könnte sodann zu einem größeren Balkankrieg wer- Suche nach neuen Lösungen des Konflikts beteiligen,
den, ähnlich denen, die vor dem Ersten Weltkrieg die hoffentlich von allen Parteien akzeptiert werden
stattfanden.
können.
Umfangreichere Feindseligkeiten könnten weitere
Nationen erfassen, etwa Griechenland, Albanien und
die Türkei. Der Flüchtlingsstrom, der bereits Hunderttausende umfaßt, könnte anschwellen. Die politische
und wirtschaftliche Kraft Europas, die bereits durch die
Integration der ehemals kommunistischen Staaten
geprüft wird, würde weiter belastet.

Zweitens erklärt der Präsident den Bosniern, Serben
und Kroaten, daß Verhandlungen die einzige Möglichkeit zur Lösung dieses Konflikts darstellen. Den Parteien kann keine Lösung aufgezwungen werden, einmal aus Prinzip, aber auch weil eine auferzwungene
Lösung viel schwieriger aufrechtzuerhalten wäre als
eine freiwillig von den Parteien akzeptierte. Gleichzeitig sind wir der Ansicht, daß jede Partei die Bereitschaft
Es gibt in diesem Zusammenhang noch einen umfaszeigen muß, eine Lösung zu akzeptieren, die ihren
senderen Imperativ. Die Reaktion der Welt auf die
Zielen nicht völlig entspricht. Aus diesem Grund
Gewalt im ehemaligen Jugoslawien ist eine frühe und
dringen wir darauf, daß sich die Parteien nicht von
entscheidende Probe darauf, wie sie die Anliegen
ernsthaften Verhandlungen zurückziehen. Die Verethnischer und religiöser Minderheiten in der Welt
antwortung für die Ausarbeitung einer funktionierennach dem Kalten Krieg behandeln wird. Diese Frage
den Lösung liegt überwiegend bei den beteiligten
betrifft ganz Osteuropa. Sie erstreckt sich auf die
Parteien, aber wir werden diesen Verhandlungen unsere
Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in denen der
ernstgemeinte Unterstützung angedeihen lassen.
Zusammebruch des Kommunismus 25 Millionen Russen
zu ethnischen Minderheiten in anderen Republiken Drittens wird der Präsident Maßnahmen ergreifen, um
gemacht hat. Und sie betrifft auch andere Kontinente. die Durchsetzung von Wirtschaftssanktionen zu verDie Vorgänge im ehemaligen Jugoslawien werfen die
Frage auf, ob ein Staat die Rechte seiner Minderheiten
so behandeln darf, daß er diese Minderheiten auslöscht, um "ethnische Reinheit" zu erlangen. Anmaßende Tyrannen und ängstliche Angehörige von Minderheiten warten ab, ob "ethnische Säuberungen" eine
Politik darstellen, die die Welt toleriert. Wenn wir die
Ausbreitung der Freiheit und das Entstehen friedlicher,
multiethnischer Demokratien fördern wollen, muß unsere
Antwort ein eindeutiges Nein sein.

schärfen, den politischen Druck auf Serbien zu verstärken und Serbien von einer Ausweitung des Krieges
abzuhalten. Wir haben den Serben mitgeteilt, daß wir
die wirtschaftlichen und politischen Kosten von Aggressionen erhöhen wollen. Wir werden mit unseren
Verbündeten, den Russen und anderen zusammenarbeiten, um dieses Ergebnis zu erzielen. Wir sind
weiterhin bereit, gegen die Serben vorzugehen, wenn
diese im Kosovo einen Konflikt auslösen. Zusätzlich
werden wir auf eine verstärkte internationale Präsenz
in Mazedonien hinwirken.

Aus diesem Grund hat Präsident Clinton die folgenden
Viertens arbeitet der Präsident während des Fortsechs Schritte beschlossen.
gangs der Verhandlungen darauf hin, das Leiden und
Erstens hat der Präsident entschieden, daß die Verei- Blutvergießen zu verringern. Er ruft alle Konfliktparteinigten Staaten sich aktiv und direkt an den Vance- en dazu auf, den Artilleriebeschuß und andere Arten
Owen-Verhandlungen beteiligen und das Gewicht von Gewaltanwendung einzustellen. Allen Beteiligten
amerikanischer Diplomatie zur Geltung bringen wer- teilte er mit, die Einhaltung der Flugverbotszone über
den. Wir wissen, daß diese Verhandlungen nicht Bosnien sollte im Rahmen einer UNO-Resolution
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AMERIKA DIENST 7

�durchgesetzt werden. Er drängte darauf, daß den
Notleidenden humanitäre Hilfe gewährt werden sollte,
und zur Zeit denken wir über weitere Aktionen zur
Förderung verstärkter Hilfsleistungen nach. Zudem
stellen wir ein Team der amerikanischen Regierung
zusammen, um auf Dringlichkeitsbasis eine Einschätzung zu weiterer humanitärer Hilfe vorzunehmen. Der
Präsident wünscht die baldmögliche Einsetzung eines
Kriegsverbrechertribunals bei der Vereinten Nationen,
um Gerechtigkeit walten zu lassen und von weiteren
Greueltaten abzuschrecken.
Fünftens hat der Präsident Schritte unternommen, um
allen Betroffenen die Bereitschaft der Vereinigten Staaten
zu verdeutlichen, ihren Teil zur Implementierung und
Durchsetzung eines für alle Parteien annehmbaren
Abkommens beizutragen. Wenn es ein tragfähiges
Abkommen mit Verfügungen zu seiner Verwirklichung
gibt, wären die Vereinigten Staaten bereit, zusammen
mit den Vereinten Nationen, der NATO und anderen zu
seiner Implementierung und Durchsetzung einschließlich einer möglichen militärischen Beteiligung der
Vereinigten Staaten beizutragen. Dies ist ein gemeinsames Problem, und wir müssen die Lasten gemeinsam tragen.
Sechstens und letztens hat der Präsident umfassende
Konsultationen mit unseren Freunden und Verbündeten über diese Aktionen geführt. Er und ich haben
bezüglich unserer Absichten mit Dutzenden Staatsund Regierungschefs gesprochen. Vor allem hat der
Präsident heute telephonisch mit Präsident Jelzin
konferiert, um seine persönliche Bitte zu übermitteln,
daß unsere beiden Nationen eng und kooperativ bei
dieser Suche nach einer friedlichen Lösung zusammenarbeiten. Darüber hinaus wird der Präsident Botschafter Bartholomew nach Moskau entsenden, um
unser Vorgehen zu erörtern, bevor Botschafter Bartholomew für die Verhandlungen nach New York zurückkehrt.
Ich möchte verdeutlichen, was wir mit diesen Schritten
zu erzielen hoffen. Wir werden versuchen, so auf die
Vance-Owen-Verhandlungen aufzubauen, daß wir eine
gerechte, praktikable und dauerhafte Lösung hervorbringen. Wir werden die Erhaltung der Überlebensfähigkeit von Bosnien als Staat anstreben. Wir hoffen,
daß unser direktes Engagement bei diesen Verhandlungen ebenso wie die anderen von mir angekündigten
Schritte die Parteien zu unverzüglichen Verhandlungen und zur Erarbeitung einer Lösung ermutigen werden,
die für alle akzeptabel ist und vor allem einen echte
Chance hat, zu funktionieren. Insbesondere erwarten
wir, daß unsere Bereitschaft zur Beteiligung an der
Verwirklichung eines solchen Abkommens dazu beiträgt, die Besorgnis der bosnischen Regierung und
anderer zu zersteuen, die sie bezüglich der Durchführbarkeit des Abkommens zum Ausdruck gebracht haben.
*

AMERIKA DIENST 7

*

Ich möchte auch eindeutig klarstellen, was wir mit
diesen Schritten nicht bezwecken. Wir wollen den
Parteien keine Lösung aufzwingen. Unseres Erachtens besteht der schnellste, beste und dauerhafteste
Weg zur Beendigung des Blutvergießens im ehemaligen Jugoslawien in der Schaffung eines Umfelds, in
dem alle Parteien die Aushandlung einer politischen
Lösung als in ihrem eigenen Interesse liegend ansehen.
Die Vereinigten Staaten sind nicht der Weltpolizist. Wir
können unsere Streitkräfte nicht entsenden, um jeden
bewaffneten Konflikt auf der Welt zu beenden. Dennoch sind wir die Vereinigten Staaten von Amerika.
Wir haben beispiellose Macht und Einfluß. Wir haben
uns der Stabilität Europas verpflichtet. Unsere Werte
und Interessen geben uns Grund, zur Schaffung internationaler Normen für die faire Behandlung von Minderheiten beizutragen. Daher haben wir Grund, uns
aktiv an diesen Bestrebungen zu beteiligen.
Dies ist ein wichtiger Augenblick für die Rolle unserer
Nation in Europa und weltweit in der Zeit nach dem
Kalten Krieg. Er stellt unsere Fähigkeit auf die Probe,
neue Ansätze zur Au ßenpolitik in einer Welt zu erarbeiten, die sich grundlegend verändert hat. Er erprobt
unser Engagement für den Aufbau von Demokratie
und die Unterstützung eines Umfelds, in dem Demokratie Wurzeln schlagen und gedeihen kann.
Er stellt unsere Bereitschaft und die unserer Verbündeten auf die Probe, unseren Institutionen der kollektiven Sicherheit wie der NATO dabei behilflich zu sein,
Wege zu sondieren, die den Bedürfnissen eines neuen
Zeitaltersgerecht werden. Und er erprobt, was wir aus
diesem blutigen Jahrhundert gelernt haben und mißt
unsere Entschlußkraft, unverzügliche, konzertierte
Aktionen gegen systematische ethnische Verfolgung
zu unternehmen.
Vor dem Hintergrund der verheerenden Kämpfe des
20. Jahrhunderts kann heute keine Großmacht die
Risiken eines Engagements in einem Balkankonflikt
auf die leichte Schulter nehmen. Keine Großmacht
kann jedoch auch die wahrscheinlichen Konsequenzen außer acht lassen, wenn man den Balkankonflikt
weiter wüten läßt. Jetzt in enger Zusammenarbeit mit
unseren Verbündeten und Freunden zu handeln, bietet die beste Chance, diese Flammen des Konflikts zu
ersticken, bevor sie ein Untergrundfeuer werden, das
später ausbrechen u nd alles vernichten könnte .Indem
wir jetzt handeln, können wir unter Beweis stellen, daß
nicht jede Krise zu einer Entscheidung zwischen Untätigkeit und einseitiger Intervention der Vereinigten
Staaten werden muß. Angesichts des großen Leidens
und des Diktats unserer Eigeninteressen können wir
es uns nicht leisten, weiter Gelegenheiten ungenutzt
verstreichen zu lassen, auf eine Lösung dieses Konflikts hinzuarbeiten.
*

*

Seite 3

�MENSCHENRECHTE
17. Februar 1993

USA FORDERN RESOLUTION GEGEN
MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IM
EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Erklärung von Botschafter Schifter
GENF - (AD) - Die UN-Menschenrechtskommission muß dem amerikanischen Botschafter Richard Schifter
zufolge "eine Resolution verabschieden, in der die Empörung der Völkergemeinschaft" über die Ereignisse im
ehemaligen Jugoslawien zum Ausdruck kommt.
"Aber die Staatengemeinschaft muß noch mehr tun", erklärte Schifter am 9. Februar 1993 vor der Kommission.
"Sie mu ß all jenen, die weitere Aktionen dieser Art in Erwägung ziehen oder zu anderer Zeit u nd an anderen Orten
ähnliche Taten begehen könnten, die Botschaft übermitteln, daß sie bei Mord und Vergewaltigung nicht
ungestraft davonkommen werden."
"Wenn der Präzedenzfall Nürnberg in Vergessenheit geraten ist, ist es erforderlich, all jene, die eine solche
Gedächtnisstütze benötigen, daran zu erinnern, daß Kriegsverbrechen in der Tat Straftatbestände sind und
Missetäter letztlich bestraft werden", stellte Schifter fest.
Wir veröffentlichen die Erklärung Schifters nachfolgend im Wortlaut.

Die Schrecken Bosniens gehören sicherlich zu den
größten Tragödien, von denen die Menschheit in der
zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts heimgesucht wurde.
Eigentlich hätten wir davon ausgehen können, daß die
50 Jahre zurückliegenden Erfahrungen Europas als
Schutzimpfung gedient und die Wiederholung von
Greueltaten der Art verhindert hätten, wie sie im vergangenen Jahr im ehemaligen Jugoslawien stattfanden. Wir müssen uns die Frage stellen: Was ist falsch
gelaufen? Was war die Ursache der Bestialität, deren
Zeugen wir geworden sind?
Diejenigen unter uns, die sich mit internationalen
Menschenrechtsfragen beschäftigen, müssen sich eine
weitere, forschende Frage stellen. Wir müssen wissen, welche positiven Leistungen unter diesen Umständen von den Dokumenten vollbracht wurden, die
von diesem Gremium und anderen Organen des UNOSystems oder durch die Schlußakte von Helsinki hervorgebracht wurden. Was müssen wir tun, damit die
hier verfaßten Anweisungen funktionieren, damit unsere Dokumente über diesen Saal hinaus mit Leben
erfüllt werden?
Zweifellos wohnt der Kriegführung eine Tendenz zur
Entmenschlichung inne. Und doch bemühen sich die
AMERIKA DIENST 7

Armeen häufig darum, die Disziplin aufrechtzuerhalten, eine Unterscheidung zwischen Kombattanten und
Nichtkombattanten zu treffen. Sie müssen insbesondere den Status von Frauen und Kindern als Nichtkombattanten respektieren. Warum ist die Erfahrung in
Bosnien so anders? Was hat zu den Massenmorden
und Massenvergewaltigungen geführt? Was hat im
Jahr 1992 die Erinnerungen an die SS-Einsatzgruppen
von 1941 zu neuem Leben erweckt?
Die Antwort auf diese Frage liegt in dem Begriff, der
benutzt worden ist, um die Aktionen der Missetäter zu
beschreiben: "ethnische Säuberung". Dieser Begriff
impliziert, daß Personen anderer ethnischer Zugehörigkeit unsauber sind, daß sie beseitigt werden sollten,
wie man Schmutz beseitigt.
Was bringt diese Geisteshaltung hervor, die eine gesamte
Kategorie von Menschen verurteilt, die dazu führt, daß
eine Gruppe eine andere als Untermenschen betrachtet und sie deshalb folgerichtig zu Opfern abstempelt?
Ein Song aus einem Musical, das in meinem Land vor
einigen Jahrzehnten gespielt wurde, beschrieb, wie
solche Gedanken bereits in frühester Jugend eingeimpft werden. In dem Lied heißt es: "Du mußt gut
erzogen werden, bevor du sechs oder sieben oder acht
Seite 1

�bist, damit du all die Menschen haßt, die von deinen
Verwandten gehaßt werden." Dieser ethnische Haß,
der einigen Menschen seit Generationen eingeprägt
wurde und lange Zeit schwelte, ist heute in hellen und
schreckenerregenden Flammen ausgebrochen.

Serben werden lange mit Scham an diese schrecklichen Vergehen zurückdenken müssen, mit denen ihre
nationale Sache inzwischen verbunden wird.

Daß im Gegensatz dazu ein demokratisches System
positiv reagieren kann, wenn es in der Frage des
Besonders tragisch ist die Tatsache, daß dieser Aus- menschlichen Anstands gefordert wird, wurde durch
bruch von Furchtund Haß viele Menschen mitgerissen die jüngsten Erfahrungen Deutschlands unterstrichen.
und zu Gewalttaten veranlaßt hat, die in der Vergan- Die Hunderttausenden, wenn nicht Millionen, die auf
genheit weder Anzeichen des Hasses noch eine Nei- die Straße gingen, um ihrer Empörung über die Gegung zur Gewalt gezeigt hatten. Die schockierendsten waltakte einer kleinen Gruppe von Rassisten AusVerbrechen wurden kürzlich von einigen gegen Nach- druck zu verleihen, sind lebendiger Beweis für die
barn begangen, mit denen sie in Frieden lebten und Tatsache, daß demokratische Gesellschaften das
gegen die sie keinen Groll zu hegen schienen. Wie Problem des Rassenhasses wirksam behandeln können. Gesellschaften, die von nach persönlicher Verkam es dazu?
herrlichung strebenden Diktatoren geführt werden,
Traurige Erfahrungen haben gezeigt, daß in einem reagieren hingegen auf die Launen dieser Diktatoren,
System ohne demokratische Kontrollen eine skrupel- und im ehemaligen Jugoslawien haben sie dies getan.
lose Führung die Leidenschaften der Menschen aufpeitschen und zumindest einige dazu bringen kann, die Wie der von dem Sonderberichterstatter vorgelegte
abscheulichsten Brutalitäten gegen Menschen zu Bericht zeigt, haben alle an dem schrecklichen Kampf
begehen, die sie nicht als Feinde betrachteten, bis sie im ehemaligen Jugoslawien beteiligten ethnischen
einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, um ihre Gruppen Kriegsverbrechen begangen. Aber diese
Nachbarn zu fürchten und zu hassen.
Bemühungen zur nüchternen Beschreibung der Fakten in einer umfassenden allgemeinen Erklärung sollDer Sonderberichterstatter Tadeusz Mazowiecki hat ten uns nicht davon abhalten, ins Detail zu gehen. Herr
wirklich hervorragende Arbeit dabei geleistet, diese Mazowiecki hat uns Beweise geliefert. Wir müssen
Kommission, die Generalversammlung und den Si- anerkennen, daß die größte Zahl der ungeheuerlichcherheitsrat sowie durch uns die Völkergemeinschaft sten Menschenrechtsverletzungen von Serben beüber die erschreckenden Ereignisse in Bosnien-Herze- gangen und an bosnischen Muslimen verübt wurden.
gowina zu informieren. In dürren, technischen Worten Obwohl alle Kriegsverbrechen eine Verurteilung verhat er uns eine Definition der "ethnischen Säuberung" dienen, müssen wir feststellen, daß die in Bosnien von
gegeben: Ich zitiere nun aus Paragraph 9 seines serbischen Truppen begangenen Verbrechen dem
Berichts an die Generalversammlung und den Sicher- Sonderberichterstatter zufolge systematisch und willheitsrat vom 17. November 1992:
kürlich verübt werden. Sie spiegeln eindeutig eine auf
hoher Ebene beschlossene Politik wider. Mazowiecki
"Der Begriff ethnische Säuberung bezieht sich hat dies folgendermaßen ausgedrückt:
auf die Beseitigung von Mitgliedern anderer ethnischer
Gruppen durch die ethnische Gruppe, die die Kontrolle
"Viele der in den serbisch kontrollierten Gebieüber ein bestimmtes Gebiet ausübt. Ein breites Spek- ten als Mittel zur Erlangung der ethnischen Säuberung
trum von Methoden wird angewendet, um dieses Ziel angewandten inhumanen Praktiken finden ebenfalls in
zu erreichen, darunter Drohungen, Belästigungen und den von der Regierung kontrollierten Teilen Bosniens
Einschüchterung, Einsatz von Explosivstoffen gegen und der Herzegowina sowie in der sogenannten 'KroaHäuser, Geschäfte und geschäftliche Einrichtungen, tischen Gemeinschaft von Herzegowina-Bosnien' statt.
oder ihr Beschlu ß Zerstörung von Gotteshäusern und Nach den besten derzeit verfügbaren Informationen
kulturellen Einrichtungen, gewaltsamer Transfer oder werden in den von der Regierung kontrollierten GebieUmsiedlung von Bevölkerungen, summarische Exe- ten keine systematischen, mit ethnischen Säuberunkutionen, die Verübung von Greueltaten, die Terror gen in Zusammenhang stehenden Menschenrechtsunter der Bevölkerung verbreiten sollen, wie etwa verletzungen begangen, und die stattfindenden VerletFolter, Vergewaltigung und Verstümmelung von Lei- zungen, die durchaus stark zu verurteilen sind, scheichen sowie die Beschießung ziviler Bevölkerungszen- nen nicht Teil einer vorsätzlichen Kampagne zur
tren."
Säuberung dieser Gebiete von der serbischen Bevölkerung zu sein. In den von der 'Kroatischen GemeinWir verurteilen alle Aspekte der sogenannten ethnischaft von Herzegowina-Bosnien' kontrollierten Geschen Säuberungen, aber wir müssen uns besonders
bieten gibt es mehr Beweise für vorsätzliche Bemüauf Mord, Folter und Vergewaltigung konzentrieren.
hungen, die serbische Bevölkerung zur Abreise zu
Im Hinblick auf diese Kategorien scheußlicher Verbrezwingen. Allerdings wird im allgemeinen ein begrenzchen, von denen alle verabscheuungswürdig sind,
teres Spektrum von Maßnahmen angewandt, und die
wird Bosnien aufgrund der Politik der serbischen TrupBemühungen sind nicht so systematisch wie in den
pen, Frauen massenhaft Gewalt anzutun, lange Zeit in
serbisch kontrollierten Gebieten."
Erinnerung bleiben. Alle anständigen und ehrbaren

Seite 2

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�Nachdem die Tatsache, daß Greueltaten begangen
wurden, eindeutig festgestellt wurde, müssen wir uns
der Frage widmen, was diese Kommission derzeit im
Hinblick auf Bosnien tun kann. Zunächst müssen wir
eine Resolution verabschieden, in der die Empörung
der Völkergemeinschaft über die Massenmorde, über
die Massenvergewaltigungen, überall die Schrecken,
die im ehemaligen Jugoslawien verübt worden sind,
zum Ausdruck kommt. Insbesondere den vielen anständigen und ehrbaren Serben, den Anhängern der
Demokratie in ganz Serbien, müssen wir eine Botschaft darüber senden, was die Menschheit von den in
ihrem und im Namen der nationalistischen Sache
begangenen Greueltaten hält.
Die Völkergemeinschaft muß jedoch noch mehr tun.
Sie muß all jenen eine Botschaft übermitteln, die
weitere Aktionen dieser Art in Erwägung ziehen oder

*

AMERIKA DIENST 7

*

zu anderer Zeit und an anderen Orten ähnliche Taten
begehen könnten, daß sie bei Mord und Vergewaltigung nicht ungestraft davonkommen werden. Wenn
der Präzedenzfall Nürnberg in Vergessenheit geraten
ist, ist es erforderlich, all jene, die eine solche Gedächtnisstütze benötigen, daran zu erinnern, daß Kriegsverbrechen in der Tat Straftatbestände sind und Missetäter letztlich bestraft werden. Sie sollten sich des
Nürnberger Prozesses gegen SS Obergruppenführer
Ohlendorf und seine Mitangeklagten erinnern, an das
Urteil in diesem Fall und die verhängte Strafe. Wir
sollten vom System der Vereinten Nationen erwarten,
einen Mechanismus ins Leben zu rufen, um diese
Kriegsverbrecher der Gerechtigkeit zuzuführen. Dies
ist die Botschaft, die wir dem Sicherheitsrat senden
sollten.

*

*

Seite 3

�GATT
17. Februar 1993

GATT MUSS GRÜNDLICH ÜBERHOLT WERDEN
Rede von Botschafter Seitz
LONDON - (AD) - Das GATT bedarf "einer gründlichen Überholung", erklärte der Botschafter der Vereinigten
Staaten in Großbritannien, Raymond Seitz, am 9. Februar 1993.
In einer Rede vor dem nationalen Bauernverband stellte Seitz fest, daß sich die Handelsbedingungen in den
neunziger Jahren von denen zu Zeiten der Gründung des GATT drastisch unterscheiden. Er verwies auf die
Zunahme nichttarifärer Handelshemmnisse sowie die Ausgrenzung von Dienstleistungen, intellektuellem
Eigentum und Landwirtschaft.
Seitz zufolge sei die Clinton-Administration damit befaßt, die Angelegenheit zu überprüfen und Konsultationen
zum GATT mit den Verhandlungspartnern zu führen. Die Frage sei von entscheidender Bedeutung, weil wir
heute in einer Weltwirtschaft leben, in der internationaler Handel und Investitionen den Schlüssel zu weltweitem
Wirtschaftswachstum darstellen, fügte er hinzu.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Seitz im Wortlaut.

Eine der immerwährenden Fragen zu internationalen
Beziehungen - in akademischen Kreisen und Elfenbeintürmen erörtert - lautet, ob sich die Geschichte in
einem unendlichen Zyklus von Ereignissen wiederholt.
Das ist die von der konservativen Schule (Sow-andReap School) vertretene These. Sie ist der Ansicht,
daß die menschliche Natur und menschliche Verhaltensweisen konstant sind und es daher naiv sei zu
erwarten, daß sich der Zustand der Menschheit in
irgendeiner grundlegenden Weise verbessern kann.
Die entgegengesetzte Schule argumentiert, die Geschichte sei mehr oder weniger linear, sie könne aus
ihren eigenen Fehlern lernen, Verhalten verbessern oder, falls dies nicht gelingt - konstruktiv gelenkt werden. Zivilisation ist Fortschritt und Aufklärung. Das
sind die Thesen der innovativen Schule (Bigger Watermelon School). Nicht zuletzt ist es ziemlich lange her,
seit jemand am Marble Arch gevierteilt wurde - eine
Tätigkeit, die jetzt die Presse übernommen hat.
Als Diplomat stehe ich natürlich irgendwo zwischen
diesen beiden sich widersprechenden Schulen. Als
Amerikaner vertraue ich darauf, daß die Dinge sich
verändern und besser gemacht werden können. Als
gelegentlich in Europa Ansässiger bin ich skeptisch,
ob eine Nation sich von ihrer Vergangenheit befreien
kann.

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Während der jüngsten Wahlkampagne in den Vereinigten Staaten war das Wahlkampflied des Kandidaten Bill Clinton "Don't Stop Thinking About Tomorrow".
Ich stimme mit diesem zukunftsorientierten Optimismus überein, obwohl ich im Geiste vor mich hinsumme
"But Don't Stop Thinkin' About Yesterday Either".
Wenn ich mir die heutige Wert betrachte, stelle ich trotz
der vor uns liegenden Mehrdeutigkeiten, Unsicherheiten und Besorgnis zumindest eine erstaunliche Entwicklung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs fest.
Es ist das bemerkenswerte Tempo der Globalisierung,
das unser Zeitalter charakterisiert.
Wir legen große Distanzen zurück, ohne einen zweiten
Gedanken daran zu verschwenden. Wir sprechen
mittels reflektierender, von Satelliten ausgestrahlter
Signale von entgegengesetzten Hälften der Erdkugel
miteinander. Massen von Informationen werden praktisch ohne zeitliche Verzögerung durch ein globales
Netz von Transaktionen übermittelt. Die Finanzmärkte in New York, London und Tokio arbeiten rund um die
Uhr und können bis zu einer Billion Dollar an einem
einzigen Tag wechseln.
Wenn Unternehmen heute nicht global denken, schließen sie sich automatisch vom Handelsgebiet mit der
größten Expansion aus. Mit Blick auf die Zukunft steht

Sehe 1

�außer Frage, daß die Zukunft von internationalem
Wirtschaftswachstum und Entwicklung in internationalem Handel und Investitionen liegt.

gesprächen bisher. Indem sie sich mit ausländischen
Handelsschranken befaßt, reicht die Uruguay-Runde
weit in das innenpolitische Gefüge all ihrer Teilnehmerstaaten hinein. Sie ist ein mutiges und riskantes
Es ist aufschlußreich, die internationalen Handels- und Unternehmen.
Investitionszahlen der fünfziger und neunziger Jahre praktisch einer Generation - zu vergleichen. 1950 Im Rahmen der Uruguay-Runde wird die Landwirtwurde der internationale Handel auf 650 Milliarden schaft als besondere Herausforderung angesehen und
Dollar beziffert. 1990 belief er sich auf 6,8 Billionen noch kompliziert durch den Gedanken der SelbstverDollar - eine zehnfache Aufstockung in realen Zahlen. sorgung mit Nahrungsmitteln, seit langer Zeit bestehende Abhängigkeit von der Regierung, die ExtravaBei Investitionen betrug die Zahl im Jahr 1950 265 ganzen der Produktion und - in jeder unserer Kulturen
Milliarden Dollar und 19901,6 Billionen Dollar - sechs- - die romantische Idee einer kleinen Farm in der Nähe
mal so viel. Praktisch das gesamte Wirtschaftswachs- eines verschlafenen Dorfes, goldene Kornfelder, den
tum der Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahren die Scholle bearbeitenden Farmer,... die 20 Morgen
kann auf Exporte zurückgeführt werden.
und ein Esel, die einfachen Tugenden des ländlichen
Lebens und die gute Mutter Erde.
In Europa belief sich der Handelswert 1950 auf 204
Milliarden Dollar, 1990 auf 2,8 Billionen Dollar. Das Trotz dieser Schwierigkeiten muß Landwirtschaft auf
Export- und Importgeschäft ist nichts Neues für Groß- der Tagesordnung der Uruguay-Runde stehen, wenn
britannien. Fürdie Vereinigten Staaten betrug es 1950 der Prozeß der umfassenden Handelsliberalisierung
weniger als 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) fortgeführt werden soll. Wir können nicht von den
und beläuft sich heute auf 21 Prozent. Wir sind derzeit Entwicklungsländern und anderen potentiellen Nahdie größte Handelsnation der Welt.
rungsmittelexporteuren fordern, sie sollten ihre Märkte
für Industrieprodukte öffnen, wenn wir auf unseren
Dieser explosive Zuwachs von Handel und InvestitioMärkten nicht dasselbe mit landwirtschaftlichen Pronen in den letzten vierzig Jahren erfolgte nicht zufällig.
dukten tun.
Er war eine Folge der eindeutigen Entscheidung der
internationalen Staatengemeinschaft am Ende des Auch sollten wir nicht die Bedeutung der zwei Drittel
Zweiten Weltkriegs, sich mit den in der Vergangenheit der Weltbevölkerung umfassenden Entwicklungslängemachten Fehlern auseinanderzusetzen und Institu- der als potentielle Abnehmer landwirtschaftlicher Protionen aufzubauen, die ein liberales Gefälle des Welt- dukte übersehen. Wenn wir weitere Fortschritte machen
wirtschaftssystems gewährleisteten.
wollen, muß über alles verhandelt werden.
Daher wurde 1947 das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen ins Leben gerufen, das bei der Festsetzung der Spielregeln eine unerläßliche Rolle übernommen hat. Ohne das GATT hätten uns Handelskriege
und Fehlschläge des Systems wahrscheinlich schon
vor langer Zeit heimgesucht.

Es wäre darüber hinaus ein - wenn auch bequemer Fehler uns vorzumachen, daß die Landwirtschaftsreform einzig und allein oder hauptsächlich von internationalen Überlegungen geleitet wird. Die wirkliche
Triebkraft liegt im Inland. Als Nationen können wir es
uns einfach nicht mehr leisten, die landwirtschaftliche
Aber selbst die effizienteste Maschinerie mu ß von Zeit Produktion auf dieselbe Art und Weise und in demselzu Zeit gewartet werden. Trotz einer Folge von Han- ben Umfang zu subventionieren wie in der Vergangendelsgesprächen im Verlauf der Jahre bedarf das GATT heit.
einer gründlichen Überholung. Nichttarifäre Handels- Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten die
hemmnisse haben sich vervielfacht und bewirken jetzt vom Steuerzahler unterstützten Landwirtschaftssubeine ernsthafte Verzerrung des Handelssystems. Das ventionen in den achtziger Jahren von 26 Milliarden
GATT muß sich damit befassen.
Dollar auf 6,5 Milliarden Dollar gesenkt, obwohl der
Trend
sich jetzt wieder umkehrt. Die berühmten ButDarüber hinaus gibt es überhaupt keine GATT-Regeln
terberge
und Weinseen - nicht der internationale Druck
für die Bereiche, die proportional einen immer größehaben
die
Europäische Gemeinschaft zu einer Reren Teil des Welthandels ausmachen - Dienstleistunform
ihrer
Gemeinsamen
Agrarpolitik veranlaßt. Als
gen, Investitionen, geistiges Eigentum und LandwirtSteuerzahler
bringen
die
Europäer
jedes Jahr 47 Milschaft. Und selbst wo Regeln existieren, können sie in
liarden
Dollar
für
Landwirtschaftssubventionen
auf, als
vielen Fällen nicht angemessen durchgesetzt werden.
Konsumenten
zahlen
die
Europäer
nochmals
ungeSie müssen gestärkt und bessere Wege gefunden
fähr
84
Milliarden
Dollar.
werden, um Steitfälle gerecht und unverzüglich zu
lösen.
Die Uruguay-Runde ist also nicht nur eine weitere
Übung zur Senkung von Zöllen. Sie ist zweifellos die
ehrgeizigste und umfassendste Runde von HandelsSeite2

Nebenbei gesagt möchte ich hier nicht vorgeben, ein
freier internationaler Markt sei aus moralischer Sicht
dringend geboten. Das ist er nicht einmal in wirtschaftlicher Hinsicht. Subventionen werden aus allen mög-

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�liehen Gründen und in den verschiedensten Formen
gewährt. Um einen Vergleich anzustellen .könnte man
nationale Steuerkodizes oder Energiekosten als Subventionen bezeichnen - oder als Bestrafung. Subventionen können aus Gründen der nationalen Sicherheit
gerechtfertigt sein - beispielsweise bei der Beschaffung im Verteidigungswesen - oder aus sozialen Gründen, beispielsweise im Kohlebergbau. Wenn es um
Subventionen geht, gibt es keinen erkennbaren Heiligen auf der Welt.
Das Problem mit den Subventionen besteht jedoch
darin, da ß sie rasch zu Ansprüchen werden, und selbst
wenn sich ihr Zweck überlebt hat sie bereits so tief im
Wirtschafts- und Haushaltssystem verwurzelt sind,
daß ihre Abschaffung oder auch nur ihre Kürzung als
Gefährdung der bestehenden Ordnung angesehen
wird, die ihren eigenen Charakter und auf dieser Grundlage wirkliche Erwartungen entwickelt hat. In politischer Hinsicht ist es nahezu unmöglich, die innenpolitischen oder internationalen Verzerrungen von Subventionen anzusprechen, wenn man nicht nachweisen
kann, daß ein größerer oder umfassenderer Gewinn
erzielt werden kann.
Dies ist der Fall bei dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen in den Vereinigten Staaten und dem
Binnenmarkt in Europa. Nicht jeder, aber die überwiegende Mehrheit hat davon einen Vorteil. Dasselbe gilt
für die Uruguay-Runde, wo es Absprachen mit dem
Landwirtschaftssektor sowie zwischen dem Landwirtschaftssektor und anderen Wirtschaftsbereichen wie
dem Dienstleistungssektor gibt. Dies ist die Quintessenz des Fast-track-Mandats des Präsidenten: Die
größeren Gewinne gibt es nur in einem Gesamtpaket.
Von Anfang an war man sich bewußt, daß ein Landwirtschaftsabkommen zwischen Amerika und der EG
- die zusammen nahezu 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte der Welt exportieren - der Dreh- und
Angelpunkt einer erfolgreichen Uruguay-Runde wäre.
Das schließlich im November letzten Jahres in Blair
House nach fast einjährigen äußerst schwierigen
Verhandlungen erzielte Abkommen ist nicht so wertreichend, wie wir das gewünscht hätten. Die Exportsubventionen würden um lediglich 21 Prozent gekürzt das liegt unter den vom GATT-Sekretariat empfohlenen 24 Prozent und ganz entschieden unter den 100
Prozent, die wir und viele andere anfangs zu erreichen
versuchten. Meines Erachtens stellt es jedoch einen
vernünftigen Kompromiß dar.
Trotz der gegenwärtigen Pattsituation in Genf haben
wir noch die Hoffnung, daß die Abkommen von Blair
House zu dem Schlüssel werden, der die Tür zu
werteren Verhandlungen öffnet, während sie andere
Länder wie beispielsweise Japan ihrerseits zu Angeboten im Bereich der Landwirtschaft ermutigen.
Zu diesem für die Uruguay-Runde entscheidenden
Zeitpunkt überprüft die Clinton-Administration erneut

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die Angelegenheit und konsultiert mit ihren Hauptverhandlungspartnern. Nur drei Wochen nach seiner
Amtsübernahme wird der neue US-Handelsbeauftragte Mickey Kantor diesen Donnerstag mit Sir Leon
Brrttan zusammentreffen. Und in drei Wochen läuft
das Fast-track-Mandat des Präsidenten rechtskräftig
aus. Nach sechs langen Verhandlungsjahren, in denen
die Vereinigten Staaten an der Spitze der Bemühungen um einen Abschluß der Uruguay-Runde standen,
sucht Präsident Clinton nach einem eindeutigen Signal
dafür, daß Europa ebenso bereit ist wie Amerika, die
für einen erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde
nötigen schwierigen Entscheidungen zu treffen. Bis
jetzt hat die Aussicht, schwierige Entscheidungen treffen
zu müssen, nicht zu einem Abkommen, sondern nur
zur Aufschiebung geführt.
Meines Erachtens besteht die Tendenz, die Differenzen über die Handelspolitik zwischen den demokratischen und republikanischen Administrationen zu überschätzen. Beide haben beständig die Liberalisierung
des Handels unterstützt und Präsident Clinton hat
klargemacht, daß er diese Tradition fortsetzen wird. Er
ist bereit, zur Öffnung der Märkte die Handelsschranken zu senken, wenn andere seinem Beispiel folgen.
Sollte dies nicht der Fall sein, ist er bereit, zur Sicherstellung gleicher Chancen unsere Handelsgesetze
durchzusetzen. Die jüngsten Aktionen im Stahlbereich und bei der staatlichen Beschaffung sind hierfür
Beispiele.
Vom Standpunkt Washingtons aus sind nicht die Vereinigten Staaten mit ihrem riesigen offenen Markt die
Verfechter des Protektionismus. Wenn man am Ufer
des Potomac steht, erscheint das Ausland protektionistisch und viele Länder scheinen bereit, sich unsere
Offenheit zunutze zu machen, aber nur wenige gewillt,
anderen dieselben Privilegien einzuräumen. Das muß
aufhören.
Meine Sorge über Washington bezieht sich nicht auf
die protektionistische Mentalität, sondern auf die steigende Frustration, daß sechs Jahre multilateraler
Verhandlungen nicht zu einem gerechten Handesabkommen geführt haben, so daß zu Hause die Bereitschaft wächst, die Ungerechtigkeiten auf unilateraler
Ebene zu bewältigen. So verständlich dieser Ansatz
auch sein mag, er lad zur Vergeltung ein, die ihrerseits
wieder zu Vergeltung führt, und so driftet die Welt in
Richtung nationaler Maßnahmen und kleinerer Märkte. Wir alle haben eine lange Zeit am Rande dieses
Abgrunds gestanden.
Es wurden Parallelen zwischen unserer jetzigen Situation und den dreißiger Jahren gezogen, als die wirtschaftliche Misere die Nationen dazu verleitete, den
genau das Gegenteil bewirkenden Fehler des konkurrierenden Protektionismus zu begehen. Ich glaube
nicht, daß wir zur Wiederholung dieser Geschichte
verurteilt sind. Wir haben meiner Meinung nach unsere Lektion gelernt...

Seite 3

�HANDEL
17. Februar 1993

KONGRESS WIRD FAST-TRACK-MANDAT
WAHRSCHEINLICH AN BEDINGUNGEN KNÜPFEN
Antrag auf einjährige Verlängerung erwartet

WASHINGTON - (AD) - Falls der Kongreß dem erwarteten Antrag Präsident Clintons auf Verlängerung der
Fast-track-Verhandlungsvollmacht stattgibt, wird er
dies wahrscheinlich mit gewissen Bedingungen verknüpfen, insbesondere der Wiedereinführung des Super
301-Gesetzes, erklären Mitarbeiter des Kongresses.
"Es ist noch kein Handelsgesetz ohne Zusätze verabschiedet worden", stellte der parlamentarische Assistent von Senator Jay Rockefeiler, William Reinsch,
am 12. Februar 1993 fest. Reinschs Stellungnahme
erfolgte einen Tag nachdem der US-Handelsbeauftragte Mickey Kantor bekanntgegeben hatte, daß Clinton eine Verlängern ng des Fast-track-M andats anstreben werde, um die seit langem auf der Stelle tretende
Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche
abzuschließen, die bereits sechseinhalb Jahre andauert.
Im Rahmen des Fast track muß der Kongreß ein
ausgehandeltes Handelsabkommen innerhalb gewisser Fristen und ohne Zusätze verabschieden oder
ablehnen. Unter den Teilnehmern an der UruguayRunde herrscht Übereinstimmung, daß eine endgültige Einigung nicht vordem 2. März 1993 erzielt werden
kann, dem Tag, an dem die bestehende Fast-trackVollmacht ausläuft.
Rockefeiler prognostiziert, Clinton werde eine einjährige Verlängerung beantragen, so Reinsch. Ein Mitarbeiter der Demokraten im Senat äußerte die gleiche
Erwartung.
In Kongreßkreisen wurde erklärt, der Handelskommissar der Europäischen Gemeinschaft, Sir Leon Brittan,
der am 11. und 12. Februar 1993 Washington besuchte, habe in vertraulichen Unterredungen auf eine
wesentlich kürzere Verlängerung, nämlich um zwei
oder drei Monate, gedrängt.
In den letzten Wochen hat Senator Max Baucus, der
Vorsitzende des Handelsunterausschusses des Se-

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natsfinanzausschusses, von einer sechsmonatigen
Verlängerung gesprochen, während der Vorsitzende
des Finanzausschusses selbst, Senator Patrick Moynihan, diesen Quellen zufolge zwei Jahre erwähnt hat.
Ein Mitarbeiter erklärte, Baucus könnte einem Gesetzentwurf zustimmen, der für bilaterale Handelsgespräche eine größere Verlängerung des Fast-track-Mandats vorsehe als für die multilaterale Uruguay-Runde.
Baucus ist energischer Befürworter einer erfolgreichen Uruguay-Runde, während zahlreiche andere
Kongreßmitglieder, nach deren Einschätzung diese
Verhandlungen für die amerikanische Wirtschaft bisher wenig Vorteile gebracht haben, bilaterale Lösungen der amerikanischen Handelsprobleme bevorzugen.
Einige Mitglieder wünschen darüber hinaus starke
einseitige Abhilfemaßnahmen für Handelsprobleme.
Baucus hat bereits eine Gesetzesvorlage eingebracht,
die eine Wiedereinführung der Super 301-Bestimmung des US-Handelsgesetzes auf fünf Jahre vorsieht. Die von den amerikanischen Handelspartnern
verurteilte Super 301-Bestimmung mit der darin enthaltenen offenen Androhung von Vergeltungsmaßnahmen hat vor ihrem Auslaufen im Jahr 1990 erfolgreich Märkte in Japan, Brasilien, Südkorea und Taiwan
geöffnet.
Von Baucus wird erwartet, daß er sich nachdrücklich
um die Verknüpfung seiner Super 301 -Vorlage mit der
Verlängerung des Fast track einsetzen wird. Er hat
einen weiteren Gesetzentwurf eingebracht, der bei
Verletzungen von Handelsabkommen Vergeltungsmaßnahmen vorsieht, und könnte anstreben, auch
dieses Vorhaben mit dem Fast track zu verbinden.
Im Repräsentantenhaus ist Mehrheitsführer Dick
Gephard Berichten zufolge dabei, seine Strategie im
Handelsbereich zu überprüfen. Niemand im Repräsentantenhaus wollte sich an Spekulationen über
mögliche Zusätze zum Fast-track-Mandat beteiligen.

Seite 1

�Ein Indiz könnte jedoch die Zahl von Handelsgesetzen Verlängerung wird es sicherlich am einfachsten masein, die 1992 vom Repräsentantenhaus verabschie- chen, ein Abkommen zu erzielen", so Brittan.
det wurden, jedoch keine Gesetzeskraft erlangten.
Die Geschichte ist jedoch nicht auf seiner Seite. Zu
Mit 280 zu 145 Stimmen verabschiedete das Haus ein Beginn der Uruguay-Runde im Jahr 1986 hatte Präsiwichtiges Gesetz, das Super 301 einbezog, sowie dent Reagan um das Fast-track-Mandat gebeten. Es
mehrere auf Japan abzielende Bestimmungen: zur wurde ihm schließlich im August 1988 innerhalb des
Begrenzung japanischer Automobilexporte in die Ver- 1100seitigen Allgemeinen Handels- und Wettbewerbseinigten Staaten und um Druck auf Japan zur Beseiti- gesetzes von 1988 gewährt, das von neun Senatsausgung von Importschranken gegen amerikanischen Reis, schüssen, 11 Ausschüssen des Repräsentantenhauamerikanische Automobile und Ersatzteile auszuü- ses und 17 Vermittlungsunterausschüssen von Senat
und Repräsentantenhaus erarbeitet worden war.
ben.
Ein weiteres 1992 vom Repräsentantenhaus verab- Rockefeller-Mitarbeiter Reinsch prognostizierte, die
schiedetes Gesetz sah eine Erhöhung der Einfuhrzölle Mitglieder des Kongresses würden der Verlängerung
auf japanische Kleinbusse von 2,5 auf 25 Prozent vor. des Fast track zustimmen, auch wenn ihnen weder die
Fortsetzung der Uruguay-Runde noch die Preisgabe
Ein im Jahr 1992 zweimal vom Repräsentantenhaus eines Teils der verfassungsmäßigen Macht des Konverabschiedeter Gesetzentwurf hätte neuen, im Aus- gresses zur Regelung des Handels sehr gefalle. Die
land mit Subventionen gebauten Schiffen das Anlau- meisten Parlamentarier mögen es überdies nicht, wie
fen amerikanischer Häfen untersagt. Die treibende das Fast-track-Mandat die verbleibende Macht des
Kraft hinter diesem Gesetzentwurf, der Vorsitzende Kongresses im Haushaltsausschuß des Repräsentandes Handelsunterausschusses im Haushaltsausschuß tenhauses sowie im Finanzausschuß des Senats
des Repräsentantenhauses, Sam Gibbons, hat be- konzentriert, fügte er hinzu.
reits begonnen, den Entwurf für eine Neuvorlage zu
überarbeiten.
Trotzdem werden sie Reinsch zufolge der Verlängerung wahrscheinlich zustimmen, weil dies dem Wunsch
In einer Pressekonferenz am 12. Februar erklärte Präsident Clintons entspreche. Darüber hinaus würBrittan seine Präferenz für die Verabschiedung eines den sie versuchen, die von ihnen befürworteten Zusätgestrafften Gesetzentwurfs durch den Kongreß um ze anzubringen. "Die Leute werden versuchen, soviel
der Uruguay-Runde willen. "Eine nicht überfrachtete wie möglich hinzuzufügen", erklärte Reinsch.

* *

Seite 2

* *

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�FRAUEN
17. Februar 1993

FRAUSEIN IN DEN NEUNZIGER JAHREN:
EIN DRAHTSEILAKT
von Rosalyn Wiggins Berne
In der bei FOCUS Women's Week, Charlottesville (Virginia), am 4. Oktober 1990 gehaltenen Rede erläutert die
Verfasserin, wie sich die amerikanische Gesellschaft verändern muß, um den Bedürfnissen berufstätiger
Frauen, ihrer Ehemänner und Kinder gerecht zu werden und zeigt Wege auf, wie diese Familien einen Ausgleich
zwischen den Ansprüchen von Arbeit und Familie schaffen.
Die Autorin ist Forschungsassistentin am Olsson Center for the Study of Applied Ethics der University of Virginia
Darden School.
Die nachfolgende Rede darf nur ungekürzt mit folgendem Zusatz veröffentlicht werden: Mit freundlicher
Genehmigung von Rosalyn W. Berne und Vital Speeches of the Day. Copyright (c) 1990 Rosalyn W. Berne.

Ich habe meinem Babysitter gegenüber erwähnt, daß
ich heute abend vor Ihnen sprechen werde. Nachdem
ich ihr das Thema erläutert hatte, sah sie mich etwas
verwundert an, also versuchte ich einen anderen Ansatz
und fragte sie, ob ihre Mutter außer Haus tätig war, als
sie und ihre Geschwister aufwuchsen. Sie zögerte
einen Moment und antworte dann: "Nun, ich nehme
an. In jenen Tagen hatten wir kein fließendes Wasser,
also holte sie Wasser aus dem Brunnen unten im Dorf.
Wir hatten Ofenheizung, also trug sie Holz herauf zum
Haus. Sie mußte die ganze Wäsche machen, die
Hühner füttern und den Garten bestellen und all das,
also denke ich, man könnte sagen, daß sie immer
gearbeitet hat." Unser Babysitter ist 40 Jahre alt.
"Jene Tage" lagen für sie nicht allzulange zurück.
Nachdem ich ihr zugehört hatte, wurde mir bewußt,
daß meine heute abend an Sie gerichteten Worte nicht
auf alle Frauen Anwendung finden. Das Thema betrifft
Frauen, die eine Wahl haben. Und obwohl wir theoretisch alle die Wahl haben, gibt es für einige von uns
praktisch keine.
Meine heute abend vorgetragenen Gedanken sind das
Ergebnis eines ziemlich umfassenden Studiums der
jüngsten Literatur zu diesem Thema, von Interviews,
die ich mit zwanzig Frauen geführt habe sowie meiner
persönlichen und beruflichen Erfahrung.
1954 schrieb Ann Morrow Lindberg Gifts From the
Sea und stellte folgendes fest:
"Was für einen Drahtseilakt Frauen jeden Tag
unseres Lebens vollführen. Ein Trapezkünstler
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ist nichts dagegen. Sehen Sie uns an. Wir
balancieren jeden Tag mit einem Stapel Bücher
auf dem Kopf auf einem Drahtseil. Kinderwagen, Sonnenschirm, Küchenstuhl - alles unter
Kontrolle. Ruhig jetzt! Es ist nicht das einfache,
sondern das Leben in seiner Vielfalt, vor dem
uns die klugen Manne warnen. Es führt nicht zu
Vereinigung, sondern zu Zersplitterung. Es
birgt keinen Charme, es zerstört die Seele. Und
ich gelange zwangsläufig zu der Schlußfolgerung: Dies gilt nicht nur für mein Leben, es ist
das Leben von Millionen Frauen in Amerika. Ich
betone Amerika, weil die amerikanische Frau
heute mehr als jede andere Frau das Privileg
hat, sich für ein solches Leben zu entscheiden."
Als diese Worte vor 35 Jahren gedruckt wurden, war
die Welt ein völlig anderer Ort. Die Rollen von Männern
und Frauen waren klar definiert. Und obwohl es
sicherlich Frauen gab, die Pionierarbeit bei ihrer beruflichen Laufbahn leisteten, waren die meisten von keinem Zweifel getrübt, daß ihre Hauptaufgabe in der
Familie bestand. Wenn sie aus finanziellen Gründen
Geld verdienen mußten, taten sie es. Die Konzentration lag jedoch nicht auf unserer persönlichen Entwicklung, sondern vielmehr auf dem Engagement der
Frauen im Haushalt. Wohlhabende Frauen, die bei der
Verfolgung ihrer Karriere einiges riskierten, wurden
nicht ernst genommen, sondern eher als etwas Neues,
"ganz Hübsches", angesehen. In jenen Tagen wurden
Frauen zur Heirat ermutigt, damit sie versorgt wären,
und eine gute Partie zu machen, bedeutete, einen
Seite 1

�Mann zu finden, der es geschafft hatte, so daß man
nicht arbeiten mußte. Frauen der Mittelschicht, die
arbeiteten, taten dies aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und riskierten das Stigma, ihre Männer hätten nicht
genug Erfolg, um es ihnen ermöglichen zu können, zu
Hause zu bleiben. Gleichgültig, ob sie aus Vergnügen
oder Notwendigkeit arbeiteten - Frauen waren immer
noch vor allem Mütter und Ehefrauen. Zu jener Zeit
bedeutete die Geburt eines Kindes die Rückkehr vom
Arbeitsplatz in den Haushalt, und in den meisten Fällen
blieben wir mit unseren Kleinen solange zu Hause, bis
sie eingeschult wurden. Frauen arbeiteten bewußt aus
persönlicher und gesellschaftlicher Verpflichtung, um
ihre Verantwortung für die Familie und Gesellschaft zu
erfüllen. In diesem Umfeld schrieb Lindberg über die
Zersplitterung und Vielfalt des Lebens der Frau. Stellen Sie sich vor, was sie zu sagen hätte, wenn sie heute
schreiben würde.

ze liegendes Einkommen. Heutzutage herrscht in
weniger als9,9 Prozent der amerikanischen Haushalte
eine Situation, in der der Mann Geld verdient und die
Frau zu Hause den Haushalt führt und die Kinder
versorgt.

Wenn ich heute an einem Wochentag mit meinem
Sohn zu dem Spielplatz in der Nachbarschaft gehe,
finden wir leere Schaukeln, ruhige Bänke und Einsamkeit. Vor 35 Jahren wäre derselbe Park vom Lärm
spielender Kinder, schreiender Babys und plaudernder Frauen erfüllt gewesen, deren Diskussionen sich
darum gedreht hätten, sich gegenseitig in dem von
ihnen geführten Leben zu bestärken. Heute nicht.
Heute spielen die meisten Kinder in Tagesstätten oder
im Hinterhof bei ihrem Babysitter.

Das Privilegium der Wahlfreiheit hat jedoch einen
bitteren Nachgeschmack, denn die Wahlfreiheit bringt
auch die natürliche Verpflichtung und den Wunsch mit
sich, sich zu entscheiden. Obwohl unsere Wahlfreiheit
uns Freiheit gebracht hat, hat sie unser Leben auch
hektischer, bruchstückhafter und komplizierter gemacht.
Harte Arbeit ist für Frauen nichts Neues. Im Gegenteil:
In vielerlei Hinsicht war das Leben in der Vergangenheit noch viel härter. Der Streß der heutigen Zeit ist
anders als das Leid der Vergangenheit. Die Lasten,
die wir heute tragen, sind mehr psychischer als physischer Natur. Heutzutage geht es mehr um eine
unklare Rollendefinition, um Schuld, mangelnde Unterstützung und den emotionalen Streß eines von
zahlreichen widersprüchlichen Verpflichtungen gekennzeichneten Lebens.

Das Leben heute unterscheidet sich beträchtlich von
den Tagen, als unsere Mütter die Kinderwagen in den
Park schoben. Soweit ich das beurteilen kann, ist es
eine sehr viel kompliziertere Welt, besonders für
amerikanische Frauen. Wir haben nicht nur einen
Stapel Bücher auf dem Kopf, der sich mit Familie und
Haushalt befaßt, sondern alle Hände voll mit unserer
Karriere zu tun. Heute sind über 80 Prozent der
berufstätigen Frauen auch Mütter und führen ihren
Haushalt. Ob dieser Lebensstil aus wirtschaftlicher
Notwendigkeit, wirtschaftlicher Präferenz oder aus
dem Wunsch nach beruflichem Fortschritt und intellektueller Erfüllung gewählt wurde - die Wahl ist getroffen.
Und mit dieser Wahl haben wir uns schwierige und
mühselige Konsequenzen eingehandelt.

Das ist eine Tatsache. Tatsache ist aber auch, daß
Frauen in wirtschaftlicher und beruflicher Hinsicht mehr
Chancen haben als je zuvor. Wir haben mehr Möglichkeiten, unsere Rolle als Individuum und als Frau zu
definieren. Wir haben, was unseren Beruf, unseren
Partner, unseren Nachwuchs und unseren Lebensstil
betrifft viel mehr Entscheidungsfreiheit. Vor 35 Jahren
wäre es fürunsere Mütter schwierig, umnichtzu sagen
unmöglich gewesen, einen M.B.A. zu erwerben, Ärztin, Steuerberaterin, Geistliche, Elektrikerin, Computerfachfrau, Zahnärztin oder Nachrichtensprecherin
zu werden.

In der Vergangenheit hatten nur sehr wenige Frauen
die Wahlfreiheit, die wir heute genießen, und machten
auch von ihr Gebrauch. Heutzutage sind mehr Frauen
gleichberechtigte oder wichtigste Geldverdiener in einem
Haushalt. Aufgrund des Anstiegs der Lebenshaltungskosten müssen zwei Familienmitglieder Geld
verdienen, damit wir den Lebensstandard beibehalten
können, den wir von unseren Eltern gewöhnt sind.
Daher stehen Frauen unterdem Druck, Geld zu verdienen und den Haushalt zu führen. Der Umfang und die
Schwierigkeit der Rolle der Frau in unserer Zeit gehen
Halten Sie sich die folgende Statistik vor Augen:
weit über das hinaus, was unsere Eltern sich vorgeDie Zahl berufstätiger Frauen mit Kindern unter einem stellt haben, als sie vor 30,40 oder 50 Jahren erwachJahr stieg im letzten Jahrzehnt um 70 Prozent. 73 sen wurden.
Prozent aller berufstätigen Frauen sind im geburtsfähigen Alter und Frauen mit Kindern unter sechs Jahren Das Problem besteht nicht darin, daß wir Wahlfreiheit
sind der am schnellsten wachsende Teil des Arbeits- haben. Die meisten Frauen sind wohl den Frauen
kräftepotentials. Die Zahl der geschiedenen, verwit- dankbar, die in früheren Zeiten mit Hingabe, Schweiß
weten oder alleinlebenden berufstätigen Frauen mit und Tränen die Chancen erkämpft haben, die wir heute
Kindern unter 18 Jahren stieg zwischen 1971 und 1982 haben. Die meisten von uns nutzen begeistert die sich
um 76 Prozent. Im Jahr 1984 waren 11 Millionen uns bietenden Möglichkeiten. Der technologische
Männer und 6 Millionen Frauen die alleinigen Geldver- Fortschritt hat uns soviel Zeit gegeben, wie unsere
diener in ihrer Familie. In nahezu 20 Prozent aller Großmütter nie hatten. Das Problem liegt darin, daß
amerikanischen Familien ist eine Frau der Ernährer, wir in dieser Zeit unsere neugewonnenen Optionen
und ein Drittel von ihnen hat ein unter der Armutsgren- genutzt haben und versuchen, einen Ehemann, KinSeite2

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�der, Arbeit für das Gemeinwohl, Einkaufen, Wäschewaschen, Reparaturen im Haus, Kochen, politische
Tätigkeit, Elternpflegschaftssitzungen und Karriere
unter einen Hut zu bringen. Eine Karriere, bei der
Frauen Gleichberechtigung fordern, was bedeutet,
daß sie ebenso wie die Männer 50 oder 60 Stunden pro
Woche arbeiten, um auf derselben Ebene wie Männer
Erfolg zu haben. Die Frauen von heute fahren Autos,
Traktoren, Schiffe und Einkaufswagen. Sie tragen
Monteuranzüge, maßgeschneiderte Kostüme, Schürzen und Umstandskleider. Sie tragen Aktenkoffer,
Einkaufstaschen und Kettensägen, Ziegelsteine, Staubsaugerund Taschenrechner, Aktenordner und Babys.
Vor 35 Jahren schrieb Anne Morrow Lindberg:
"Eine Frau zu sein bedeutet, Interessen und
Pflichten zu haben, die sich in alle Richtungen
erstrecken, ausgehend vom Mutterherz, wie die
Speichen von der Radnabe ausgehen. Das
Muster unseres Lebens ist hauptsächlich kreisförmig. Wir müssen in alle Himmelsrichtungen
offen sein, gegenüber Ehemann, Kindern, Freunden, dem Heim, der Gesellschaft, wir müssen
ausgestreckt, enthüllt sein, so empfindlich wie
ein Spinnennetz, das auf jeden Windhauch
reagiert. Wie schwierig ist es dann für uns,
inmitten dieser widersprüchlichen Spannungen
ein Gleichgewicht zu finden, und wie wichtig ist
das doch für ein gut funktionierendes Leben."
Das schrieb sie vor einer Generation in einer im
Wandel begriffenen, aber dennoch traditionellen
Gesellschaft. Heute jedoch leben wir inmitten eines
radikalen, gesellschaftlichen Umbruchs, in einer Übergangszeit sich schnell ändernder Rollenvorstellungen,
Verpflichtungen und Erwartungen. Erwartungen, die
andere an uns haben, und Erwartungen, die wir selbst
an uns haben. Den unterschiedlichen Interessen und
Bestrebungen der Frau sind nur wenige natürliche
Grenzen gesetzt, wenn überhaupt...und das ist ein
Traum, der für viele Töchter nur wahr wurde, weil ihre
Mütter hart dafür arbeiteten. Aber dieser Traum birgt
aus verschiedenen Gründen auch Elemente eines
Alptraums. Einmal befinden wir uns mitten in einer
Phase des Umbruchs, in einer sozioökonomischen
Struktur, die noch nicht an die Rollen angepaßt ist, die
wir zu spielen versuchen. Es ist ein Alptraum, weil viele
berufstätige Mütter das Gefühl haben, daß sie alleingelassen werden. Die meisten von uns bekommen
sehr wenig Verständnis von Seiten unserer Arbeitgeber, die nie zuvor gebeten wurden, unser Interesse an
unserer Familie oder unsere Verpflichtungen ihr gegenüber mit uns zu teilen oder sich für unsere Doppelbelastung zu Hause und am Arbeitsplatz zu interessieren. Frauen haben sich viel stärker an die Arbeitswelt
angepaßt als Männer an die Welt des Haushalts und
der Kindererziehung, und Frauen müssen sich vielleicht damit abfinden, daß Männer einfach keine Lust
dazu haben, soviel im Haushalt zu tun wie wir. Paare
mit zwei berufstätigen Partnern und alleinerziehende
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berufstätige Mütter sehen sich der schwierigen Aufgabe gegenüber, einen Betreuer für ihre Kinder zu finden,
und dann müssen sie sich auch noch fragen, ob die
Betreuung gut ist. Viele von uns haben die zusätzliche
Verpflichtung, sich um ihre alternden Eltern zu kümmern. Berufstätige Frauen benötigen eine flexiblere
Arbeitszeit und wollen sich doch profilieren. Wieviele
von uns kämpfen noch für gleiche Bezahlung und
vergleichbare Anerkennung? Viele Frauen, die sich
den Änderungen anpassen und eine Vielzahl von
Pflichten erfüllen, fragen sich jetzt, ob das, was sie
versuchen, überhaupt möglich ist. Möglich zumindest
ohne die großen Opfer, die eine Begleiterscheinung
bei dem Streben nach diesem Lebensstil zu sein
scheinen.
Achtzig Prozent der berufstätigen Frauen sind Mütter
oder Ehefrauen, die, aus welchem Grund auch immer,
beschlossen haben, zahlreiche und miteinander konkurrierende Rollen zu spielen. Diese Entscheidung
macht ihr Leben streßreich und wenig ausgeglichen,
aber die Vorteile sind offensichtlich. Frauen genießen
mehr wirtschaftliche Vorteile, größere Unabhängigkeit
und ein verstärktes Selbstbewußtsein, das aus dem
Bewußtsein resultiert, in der Arbeitswelt einen wertvollen Beitrag zu leisten. Aber irgendetwas stimmt nicht.
Fast jede der 22 Frauen, mit denen ich sprach, und
nahezu alle von mirgelesenen Bücherund Broschüren
zu diesem Thema lassen auf eine tiefliegende und
weitverbreitete Unzufriedenheit bei denjenigen schließen, die alles bewältigen wollen.
Vielleicht müssen wir als Individuen und als Partner
realistisch sein und nicht nur über die Vorteile, sondern
auch über die notwendigen Opfer im Zusammenhang
mit dieser Entscheidung nachdenken. Wir sollten uns
beispielsweise ganz ehrlich fragen, ob wir das Wohlergehen unserer Kinder auf's Spiel setzen, wenn wir uns
für eine anspruchsvolle Vollzeitkarriere entscheiden.
Ein Amerikaner war dieser Ansicht und verlieh kürzlich
seiner Besorgnis in einem Zeitungsartikel Ausdruck:
"Ich bin der festen Überzeugung, daß viele der
Probleme, die wir mit unseren Kindern haben,
von der Tatsache herrühren, daß unsere Gesellschaft die Mutterschaft nicht mehr schätzt
und achtet. Mutter zu sein und zumindest in den
ersten vier Jahren der Entwicklung des Kindes
zu Hause zu bleiben, hat Frauen, insbesondere
Akademikerinnen, derart gebrandmarkt, daß sie
nicht mehr als vollwertige Person erscheinen.
Unsere Prioritäten haben sich geändert, so daß
wir mehr Wert aufs Geldverdienen oder auf Ichbezogene im Zusammenhang mit unserer Karriere stehende Ziele legen. Wir halten nicht
länger das Einzige, das uns wirkliches Glück
bringen kann, für unsere höchstes Gut - unsere
Kinder. Die Vorstellung, die Gegenwart für die
Zukunft unserer Kinder zu opfern, erscheint
seltsam und veraltet. Wer würde in der heutigen
Welt noch vorschlagen, daß Frauen ihr Leben
Seite 3

�lang Hausfrau sein sollten. Aber wenn nicht unsere Kinder sorgen und unseren Ehemännern eine
Frauen und Männer aller Gesellschaftsschich- fröhliche und liebende Gattin sein.
ten in stärkerem Maße die Bereitschaft zeigen,
regelmäßig an der Entwicklung ihrer Kinder Das Szenarium der perfekten Karrierefrau und Mutter
mitzuwirken, selbst wenn das von ihnen Opfer ist ein brutaler Mythos. Es ist der Mythos der Cläre
erfordert, kann die Regierung nichts tun, unsere Huxtible, der Ehefrau in der populären Cosby-Show im
Abwärtsbewegung hin zu einem Land dritter Femsehen. Cläre Huxtible - eine erfolgreiche Rechtsanwältin, die am Ende eines Tages bei Gericht in ein
Klasse aufzuhalten."
schönes, sauberes, aufgeräumtes Haus zurückkehrt,
Könnte er recht haben? Es handelt sich hier um eine um glückliche, gut angepaßte, lachende Kinder zu
Angst, die die meisten berufstätigen Mütter - bewußt begrüßen. Sie ist die aufopfernde und liebevolle
oder unbewußt - hegen. Es ist nicht erstaunlich, daß Ehefrau eines bewundernden, verständnisvollen
so viele von uns um ihr Gleichgewicht ringen, wenn Mannes. Cläre Huxtible: die Frau mit dem schönen
anscheinend so viel von unseren Entscheidungen Körper, dem strahlenden Lächeln, die stets die Ruhe
abhängt. Aber was ist mit der anderen Seite? Der und Kontrolle bewahrt. Da ist sie und grüßt uns jeden
Seite, die fragt, warum immer die Frau auf ihre Karriere Donnerstag Abend um 8 Uhr - die Verkörperung perfekter Anmut. Sie stellt das vollkommene Gleichgeverzichten soll?
wicht dar, das zu erlangen so viele von uns so verzweiKinder führen fast notwendigerweise dazu, daß die felt bestrebt sind. Die Wahrheit ist: Sie existiert nicht
Frau einen Teil ihrer Karriere aufgibt. Die meisten und kann auch nicht existieren.
Frauen fanden, daß die Wiedereingliederung in die
Arbeitswelt nach einem längeren Mutterschaftsurlaub Jede, die diesen Weg beschritten hat, weiß - irgendwo
äußerst schwierig ist. Im Management tätige Mütter müssen Kompromisse gemacht werden, und sie tut
verzichten wirklich auf die Chance, die oberste Spros- dies. Die Realität ist, daß gute Kinderbetreuung kostse der Karriereleiter im Unternehmen zu erreichen. spielig und sehr schwer zu finden ist. Die Realität ist,
Obwohl 90 Prozent der im Management tätigen Män- daß ehrgeizige ganztägig berufstätige Mütter der
ner Kinder haben, gilt das für nur 35 Prozent ihrer Gesellschaft insgesamt voraus sind, die sich immer
Kolleginnen. In einer Untersuchung aus dem Jahr noch an ihre Präsenz im Erwerbsleben gewöhnen
1986 über die 413 Frauen, die in den größten amerika- muß. Solange dies der Fall ist, werden die meisten
nischen Unternehmen eine führende Position haben, Frauen Schmerz und Frustration zu spüren bekomkam man zu dem Ergebnis, daß der typische Frauen- men. Wir werden uns fragen, warum unsere Arbeitgetyp hierfür 44jährig, verheiratet, kinderlos, protestan- ber nicht verstehen, daß bei dem kranken Baby jetisch und weiß ist und pro Woche weniger als 10 mand zu Hause bleiben muß, und daß wir dieser
Stunden mit Hausarbeit verbringt. Diese Frauen sind jemand sind. Wir werden die Frage stellen, warum es
der Ansicht, daß man um des beruflichen Erfolgs willen so schwierig ist, eine gut bezahlte Teilzeitbeschäftiauf die Mutterschaft verzichten muß.
gung zu finden, die unserem Wissen und unseren
Fähigkeiten entspricht. Und wir werden uns fragen,
Opfern wir gesunde Beziehungen mit unseren Män- warum wir ständig das Gefühl haben, nicht genug zu
nern? Vielleicht nicht. Eine neuere Studie enthüllte, tun, tatsächlich, warum wir versuchen, alles unter
daß der höchste Grad an ehelicher Zufriedenheit bei einen Hut zu bringen. Einem neueren und zunehberufstätigen Paaren festgestellt wurde. Andererseits mend verbreiteten Trend zu folge verlassen erwerbstäkönnten Ehemänner ganztägig berufstätiger Mütter tige Mütter sogar ihren Arbeitsplatz und kehren zu
auch eine zusätzliche Belastung spüren. Auch sie traditionellen familiären Rollen zurück - ein Trend, der
kommen nach Hause und finden Haushaltsarbeiten seine eigenen Opfer und Belohnungen mit sich bringt.
vor, die zu erledigen sind. Es ist mehr Arbeit für Mann
und Frau, wenn sie nach einem vollen Arbeitstag nach Erwerbstätige Frauen, Hausfrauen und Mütter, FrauHause kommen.
en, die beides tun, Ehemänner, Väter, Arbeitgeberund
der Gesetzgeber... befinden sich alle in einer ÜberOb der Kompromiß nun Kindererziehung, Ehe, Karrie- gangsphase - und reagieren langsam auf sich rasch
re oder schlicht Selbstbehauptung oder -erhaltung verändernde Rollen, Erwartungen und Pflichten von
betrifft, Opfer sind unvermeidlich. Hausfrauen und Frauen ebenso wie Männern. Die meisten Männer
Mütter haben mir erzählt, daß es angesichts der ge- müssen auf das von ihren eigenen Vätern, die in einer
genwärtigen sozialen Muster emotional schwierig ist, gänzlich anderen Welt lebten, überlieferte Rollenmoals Vollzeithausfrau voll anerkannt zu werden und in dell zurückgreifen. Aber auf diese Vorbilder kann man
dieser Tätigkeit persönliche Erfüllung zu finden. sich nicht mehr verlassen, und deshalb begeben sich
Ganztägig berufstätige Frauen haben mir erklärt, es auch die Männer auf neues, unerschlossenes Terrain.
sei in der heutigen Kultur einfach unrealistisch anzunehmen, wir könnten in einem Erwerbssektor, der In der Zeitung Chicago Tribüne erschien ein interesgroßen zeitlichen Einsatz belohnt, erfolgreich sein und santer Artikel unter der Überschrift Männer nur schlepam Ende des Tages mit Energie und Begeisterung für pend zur Mithilfe im Haushalt bereit. Der Artikel
beginnt:
Seite 4

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�"Da ist sie, Ms. America. Gekleidet für den
Erfolg. Attachekoffer in der einen Hand, an der
anderen ein Kind im Vorschulalter. Rasche
Aufsteigerin am Arbeitsplatz. Supermutti zu
Hause. Die Frau, die alles hat. Das Modell der
neunziger Jahre. Was sie ebenfalls hat, sind der
Großteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung und ein Mann, der weit geschickter ist, sich vor
seinem fairen Anteil zu drücken als sie dabei, ihn
durch Schmeicheleien, Verhandlungen oder
sanfte Überredung zur Mithilfe zu bewegen."

Wie können Frauen in den neunziger Jahren ein Gleichgewicht finden? Persönlich halte ich dies nicht für
möglich, solange wir uns entschließen, zahlreiche,
miteinander in Konflikt stehende und gesellschaftlich
nicht unterstützte Rollen zu spielen. Was wir tun
können, ist, was Frauen stets getan haben: uns zu
beugen, anzupassen, durchzusetzen und auf die Anforderungen jedes einzelnen Moments zu reagieren
und dann kurz innezuhalten, um uns zu erneuern.

Können wir alles haben? Ja. Wennwirdamitzufrieden
sein können, bei allem, was wir tun, weniger als 100
Der Verfasser fährt fort, daß sich die unterschwelligen Prozent oder auch 85 Prozent zu geben. Wenn wir mit
Gefühle von Männern im Hinblick auf die Übernahme dem Gefühl leben können, daß nichts unsere volle und
von Pflichten im Haushalt viel weniger stark verändert aufopfernde Aufmerksamkeit erhält. Wenn wir bei
haben als die Gefühle der Frauen im Hinblick auf die unseren Standards und Erwartungen Kompromisse
schließen können.
Erlangung einer Identität am Arbeitsplatz.
Auch die Arbeitgeber verwenden überholte Modelle,
die auf dem ethischen Fundament des Rechts auf
Arbeit gründen, wobei das Engagement am Arbeitsplatz an die erste Stelle gesetzt und die Betreuung der
Familie von jemand anderem übernommen wird, dessen Pflicht es ist, sich darum zu kümmern. Die
demographische Entwicklung zwingt jedoch immer
mehr dazu, dieses Thema auf die Tagesordnung zu
setzen, und die Arbeitgeber müssen sich ernsthaft mit
dem wachsenden Anteil von Frauen an der Erwerbsbevölkerung befassen. Heute wird nämlich allgemein
die Prognose vertreten, daß bis zum Jahr 2000 61
Prozent der Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt Frauen sein werden. Das bedeutet, daß Veränderungen
unvermeidlich sind. Steuervergünstigungen für Arbeitgeber, die Familienurlaub, job-sharing, Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten anbieten, könnten notwendige Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit sein.

Es gab eine Zeit - und sie ist noch nicht einmal lange
her -, daß ich danach trachtete, alles zu haben, und in
diesem Bestreben sehr hart arbeitete. Lassen Sie
mich in einer Zusammenfassung in wenigen Minuten
erläutern, wie ich mich persönlich um Ausgeglichenheit und Vollkommenheit bemüht habe.

Im Oktober 1989, als ich im sechsten Schwangerschaftsmonat war, verließ ich meine Stellung als Leiterin der Zulassungsstelle an der Darden Graduate
School of Business Administration, um die Position der
Stellvertretenden Verwaltungsleiterin an der University of Virginia zu übernehmen. Zu jener Zeit war ich
zugleich Teilzeitdoktorandin im Fach Ethik. Ich weiß
nicht, ob es mein Ego oder pure Torheit war, aber ich
war voll und ganz davon überzeugt, daß ich Mutter
eines Neugeborenen, Doktorandin und Ehefrau sein
und alles gut leisten konnte. Ich arbeitete sehr hart an
dieser Vision. Ich nahm vier Wochen MutterschaftsurAuch die Gesellschaft hinkt hinterher. Meines Erach- laub und kehrte voller Energie an meinen Arbeitsplatz
tens müssen wir Tätigkeit im Haushalt und Kinderer- zurück. Und dann brachten die Betreuer der Kindertaziehung neu bewerten, damit Frauen und Männer, die gesstätte eines Tages sechs Kinder, darunter meinen
sich für diese Rolle entscheiden, genügend soziale Sohn Ari, in den Rundbau, in dem sich mein Büro
Unterstützung haben und es berufstätigen Männern befand. Ich stillte Ari und gab ihn dann dem Betreuer
leichter fällt, ehemals Frauen vorbehaltene Rollen zu zurück. Als sie weggingen - mein Baby, fünf andere
übernehmen. Die Ehe muß weiter entwickelt werden, Kinder und zwei Erwachsene - schössen mir Tränen in
damit berufstätige Paare Vorbilder der Zukunft werden die Augen, und dann wurde ich von einem Gefühl des
können. Vielleicht müssen wir auch fragen, ob wir Schmerzes überwältigt. Ich wurde mir bewußt, wie
unsere Kinder mit Werten aufziehen können, die glei- sehr ich unseren Sohn liebte und daß jemand anderes,
che Pflichten im Haushalt und am Arbeitsplatz vorse- den ich noch nicht einmal kannte, ihn aufzog. Mit
hen. Wäre es nicht hilfreich, wenn wir unseren Söhnen einem Mal brachen all meine Ziele, Träume und Werte
Kochen, Saubermachen und das Wechseln von Win- zusammen, und ich begann die von mir getroffenen
deln mit einem Gefühl der Befriedigung und Wert- Entscheidungen anzuzweifeln. Nach zwei Wochen
schätzung beibringen könnten? Sollten wir nicht auch schmerzhafter Gewissenserforschung und Diskussiounsere Töchter lehren, sich nicht länger für eigene nen mit meinem Mann war mir klar geworden, daß ich
Fehler zu entschuldigen und aufzuhören, unrealisti- einen Weg finden mußte, um mehr Zeit mit Ari zu
schen Normen und selbst auferlegten Schuldgefühlen verbringen. Glücklicherweise stellte mich mein früheanzuhängen? Schuldgefühle darüber, dort draußen rer Arbeitgeber, ein glühender Bewunderer arbeitenzu sein, während jemand anders für unsere Kinder der Mütter, erneut für eine Position mit flexibler Arsorgt. Schuldgefühle wegen staubiger Fensterbretter. beitszeit ein, die meine beruflichen, akademischen
Schuldgefühle darüber, daß wir am Ende des Tages zu und mütterlichen Bedürfnisse unterstützt.
müde sind, um mit unseren Männern und Kindern
"qualitativ hochwertige Zeit" zu verbringen.
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Seite 5

�Die Entscheidung, eine lukrative, ziemlich verantwortungsvolle Vollzeitstelle aufzugeben, um ein Leben als
Mutter mit weniger profilierter beruflicher Stellung zu
führen, war für mich genau die richtige Entscheidung.
Für andere Frauen mag dies jedoch nicht gelten. Es ist
eine individuelle Wahl, und meiner Meinung nach ist es
nicht an sich eine moralisch richtige oder falsche Wahl,
sondern nur eine unter vielen. Aber meine und die
zahlloser anderer Frauen von heute war keine Wahl
ohne Schmerzen und einen gewissen Kummer wegen

der gebrachten Opfer. Wer weiß, welche Auswirkungen dies auf meine künftige Karriere hat? Zum jetzigen
Zeitpunkt werde ich jedoch den geringeren Verdienst
und den niedrigeren Status gerne für die vielen wundervollen Stunden zu Hause mit der Familie und ein
gesunderes, ausgeglicheneres Leben akzeptieren.
Lindberg schließt ihr Buch mit dem Satz: "Wir können
nicht alle schönen Muscheln des Meeres besitzen."
Vielleicht ist dies die Realität für Frauen in den neunziger Jahren.

* * * *

Seite 6

*

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�PORTRAT
17. Februar 1993

FRONTKÄMPFERIN GEGEN DAS VERBRECHEN"
Janet Reno - Clintons designierte Justizministerin

WASHINGTON - (AD) - Mit seiner Nominierung der
Staatsanwältin Janet Reno aus Miami als zukünftige
Justizministerin ist Präsident Clintons Wahl eigenen
Äußerungen zufolge auf eine "Frontkämpferin gegen
das Verbrechen" gefallen, die "sich fürsorglich für die
Allgemeinheit einsetzt".

setzen, "rassische, ethnische oder geschlechtsbedingte Diskriminierung und Disharmonie in Amerika zu
beenden, indem ich Gesetzen Geltung verschaffen
werde, die allen Amerikanern Chancengleichheit sichern und der Gewährung der Bürgerrechte sehr hohe
Priorität einräumen werde".

Reno "hat ihr Leben der Aufgabe geweiht, ihre Gemeinde zu einem sicheren Ort zu machen, Kindern
Kummer und Sorgen zu ersparen, die Gewalt in der
Familie zu bekämpfen und den Familien zu helfen",
erklärte Clinton auf einer Pressekonferenz, bei der er
Janet Renos Nominierung zur Justizministerin bekanntgab. "Sie hat wirklich den Menschen an erste
Stelle gestellt."

Reno erklärte, es sei eines ihrer Ziele, sich der amerikanischen Gesetze zu bedienen, um alles Menschenmögliche dafür zu tun, "Amerikas Kinder vor Mißbrauch und Gewalt zu schützen und jedem von ihnen
die Gelegenheit zu geben, starke, gesunde und unabhängige Bürger zu werden."

Seit 1978 ist die 54jährige Reno Justizministerin in
Dade County (Florida), einer der Regionen der Vereinigten Staaten mit der höchsten Kriminalitätsrate. Ihre
Mitarbeiter beschreiben sie als intelligente, hart arbeitende und engagierte Expertin mit untadeligem Ruf.
Reno ist Clinton zufolge bereit, die Probleme des
Justizministeriums anzugehen, da sie als Chefanklägerin in einer "komplizierten, vielfältigen städtischen
Gemeinschaft" viele Erfolge zu verzeichnen hatte, in
der sie 900 Angestellten, einschließlich 230 Staatsanwälten vorstand, die mehr als 120.000 Fälle pro Jahr
bearbeiteten, 40.000 davon Kapitalverbrechen.
Clinton bezeichnete Reno als "faire" Staatsanwältin,
die mit "innovativen Programmen" zur Bekämpfung
von Verbrechen, Gewalt und Drogenmißbrauch Pionierarbeit geleistet habe. "Sie rief ein landesweit
gepriesenes Drogenprogramm der Gerichte ins Leben" und begann ein "Polizeiprogramm auf Gemeindeebene, das zur Verbrechensbekämpfung in verwahrlosten städtischen Gebieten dienen sollte", so der
Präsident.
Reno erklärte, sie wolle ein Justizministerium aufbauen, das "das Spiegelbild einer Regierung sei, in der die
Menschen aus ganz Amerika an erster Stelle stehen".
Sie versprach, sich im Justizministerium dafür einzu-

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Obwohl Reno, wie sie selbst erklärte, "persönlich gegen
die Todesstrafe ist", hat ihr Büro seit ihrer Tätigkeit als
Staatsanwältin von Dade County 80 Todesurteile wegen
Mordes erwirkt.
"Wenn die Beweislast und das Gesetz die Todesstrafe
rechtfertigen, werde ich sie einfordern, so wie ich es
konsequent getan habe", erklärte sie. "Ich werde in
bestimmten Situationen, so wie es das Gesetz vorschreibt, dafür eintreten, wenn wir solche Strafen
erwirken können."
Reno, die alleine lebt, wurde in Miami geboren und ging
in Dade County zur Schule. Im Jahr 1960 erhielt sie
ihren Bachelor of Arts an der Cornell University und
legte 1963 ihr Juraexamen an der Harvard University
ab. Nach zehnjähriger Tätigkeit in einer Anwaltskanzlei wurde sie 1978 von Gouverneur Askew zur Staatsanwältin des 11. Gerichtsbezirks von Florida ernannt.
Sie war die erste Staatsanwältin Floridas und wurde
fünfmal wiedergewählt.
Reno ist für ihr Umweltbewußtsein und ihre Leidenschaft für Sport im Freien bekannt, darunter bootfahren, campen und wandern. Sie ist die Tochter der
beiden bereits verstorbenen Journalisten aus Florida,
Henry und Jane Wood Reno. Ihr Vater, ein dänischer
Einwanderer, berichtete 40 Jahre lang im Miami Herald über polizeiliche Aktivitäten.

Seite 1

�Reno war in zahlreichen Ausschüssen und den Einsatzgruppen der Amerikanischen Anwaltsvereinigung
(American Bar Association - ABA) tätig. 1992 wirkte
sie in der ABA-Einsatzgruppe mit, um eine Strategie
zur Beseitigung rassischer und ethnischer Befangenheit aus dem Rechtssystem auszuarbeiten. 1988 war
sie Mitglied der landesweiten AIDS-Einsatzgruppe.

Figur im Bundesstaat Florida", schrieb H.T. Smith, ein
renommierter afroamerikanischer Rechtsanwalt aus
Miami in einem Artikel der Washington Post. "Sie ruft
jeden zurück, der sie anruft. Ihre Präsenz ist in der
ganzen Gemeinde zu spüren. Die Menschen haben
das Gefühl, daß sie mit ihren Problemen zu ihr kommen können... Ich war einer ihrer schärfsten Kritiker,
und in den letzten 12 Jahren hat sie mich davon
Reno ist in ganz Florida wegen ihres Dienstes an der überzeugt, daß sie grundehrlich ist, daß Rasse und
Anwaltschaft und an der Gemeinschaft bekannt. 1980 Geschlecht bei ihren Entscheidungen in personalpoliwurde sie von der Grand Jury Association zur Bürgerin tischer Hinsicht und vor Gericht keine Rolle spielen."
des Jahres ernannt. 1990 wurde sie vom Miami-DadeZweig der Nationalen Vereinigung der Sozialarbeiter Reno "betrachtet das Gesetz fast als Religion", sagte
zur Bürgerin des Jahres aus dem öffentlichen Leben Sandy D'Alemberte, Rechtsanwalt aus Miami, in eiernannt.
nem Interview der New York Times. "Sie glaubt
wirklich, daß ihre Tätigkeit in der Justiz eine Berufung
Einige von Renos Mitarbeitern bezeichnen ihre politi- ist und sie die Aufgabe hat, unser System gerechter zu
schen Fähigkeiten als ihr hervorstechendstes Merk- gestalten."
mal. Reno ist "die am besten zugängliche politische

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�PORTRAT
17. Februar 1993

BARTHOLOMEW ZUM SONDERGESANDTEN FÜR
BOSNIENGESPRÄCHE ERNANNT
Porträt von Botschafter Reginald Bartholomew

WASHINGTON - (AD) - Botschafter Reginald Bartholomew, der am 10. Februar 1993 zum amerikanischen
Sondergesandten für die von den internationalen
Schlichtern Cyrus Vance und Lord David Owen geleiteten Friedensverhandlungen ernannt wurde, ist seit
dem 20. Juli 1992 Ständiger Vertreter der Vereinigten
Staaten bei der NATO in Brüssel.
1989 war Bartholomew zum Staatssekretär für internationale Sicherheitsfragen berufen worden. Dabei
war er für Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung, Militärhilfe und Waffenlieferungen, nukleare Angelegenheiten, Technologietransfer und -kontrollen, wissenschaftliche und technologische Angelegenheiten sowie andere
internationale Sicherheitsfragen zuständig.
Bartholomew war von 1986 bis 1989 Botschafter in
Spanien und von 1983 bis 1986 Botschafter im Libanon.

Büros für militärpolitische Angelegenheiten im USAußenministerium.
Von 1968 bis 1974 war Bartholomew im höheren
Dienst des Verteidigungsministeriums tätig. Zu seinen
Verwendungen gehörten die des Leiters des politischen Planungsstabes im Büro *ür internationale Sicherheitsangelegenheiten sowie des Leiters der Expertengruppe im Pentagon für die Beiderseitigen und
Ausgewogenen Truppenreduzierungen (MBFR).
Zu seinen jüngsten Auszeichnungen irn Staatsdienst
zählen in den Jahren 1986 und 1988 verliehene P-esidential Meritorious Service Awards sowie im Jahr 1990
der Presidential Distinguished Service Award.
Vor seinem Eintritt in den Staatsdienst lehrte Bartholomew 1963-64 Sozialwissenschaften an der University
of Chicago und war von 1964 bis 1968 Dozent für
Staatswissenschaften an der Wesleyan University.

1982 und 1983 war er im Rang eines Botschafters
amerikanischer Sonderunterhändler für die Verhandlungen über militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und
Griechenland. 1981-82 diente er im Außenministerium als Sonderkoordinator für Zypern.

Bartholomew erhielt 1958 am Dartmouth College einen Bachelor of Arts, studierte von 1958 bis 1961
Politologie an der University of Chicago und erhielt
1960 seinen M.A. im Fach internationale Beziehungen. Er ist Mitglied des Council on Foreign Relations
sowie des International Institute for Strategie Studies.
1979-81 fungierte Bartholomew als Abteilungsleiter im Bartholomew wurde 1985 von der Wesleyan UniversiAußenministerium und Leiter des Büros für militärpo- ty sowie 1987 vom Hobart and William Smith College
die Ehrendoktorwürde der Rechtswissenschaften
litische Angelegenheiten.
verliehen.
1977-79 war er zum Nationalen Sicherheitsrat abgeordnet und leitete Operationen in Zusammenhang mit Bartholomew wurde am 17. Februar 1936 in Portland
den Ost-West-Beziehungen, der UdSSR und Osteuro- (Maine) geboren. Er lebt mit seiner Frau Rose-Ann,
pa.
geb. Dognin, in Washington. Das Ehepaar hat vier
Kinder.
Von 1974 bis 1977 war er Erster Stellvertretender
Leiter des politischen Planungsstabes und danach des
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                <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher skizziert diplomatische Bemühungen der USA zu Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung bei Pressekonferenz&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA fordern Resolution gegen Menschenrechtsverletzungen im ehemaligen Jugoslawien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Schifter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;GATT muss gründlich überholt werden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Seitz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kongress wird Fast-Track-Mandat wahrscheinlich an Bedingungen knüpfen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Antrag auf einjährige Verlängerung erwartet&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Frausein in den Neunziger Jahren: ein Drahtseilakt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Rosalyn Wiggins Berne&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;"Frontkämpferin gegen das Verbrechen" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Janet Reno - Clintons designierte Justizministerin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bartholomew zum Sondergesandten für Bosniengespräche ernannt &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Botschafter Reginald Bartholomew&lt;/em&gt;</text>
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Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Fax:0228-33 41 02

�LAGE

DER

NATION
18. Februar 1993

CLINTON ERLÄUTERT SEIN
WIRTSCHAFTSPROGRAMM
Bericht zur Lage der Nation
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat im Kongreß ein weitreichendes Wirtschaftsprogramm vorgestellt,
das die amerikanische Wirtschaft wiederbeleben, das Haushaltsdefizit erheblich reduzieren und staatliche
Verschwendung und Ineffizienz abbauen soll.
In seinem Bericht zur Lage der Nation erklärte Clinton am 17. Februar 1993, er werde mittels scharfer Ausgabenkürzungen und durch Steuererhöhungen das Defizit innerhalb von vier Jahren um 140 Milliarden Dollar
kappen. Darüber hinaus versprach er jedoch auch mehr Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, eine Reform
der Krankenversicherung sowie "einen Plan..., die Sozialhilfe in der uns bekannten Form zu beenden".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text von Clintons Ansprache vor beiden
Häusern des Kongresses im Wortlaut. Es gilt das gesprochene Wort.

Wenn Präsidenten von diesem Podium zum Kongreß
und zur Nation sprechen, kommentieren sie für gewöhnlich das gesamte Spektrum der vor uns liegenden
Herausforderungen und Chancen. Dies sind jedoch
keine gewöhnlichen Zeiten. Bei all den vielen Aufgaben, die unsere Aufmerksamkeit erfordern, sind wir
aufgerufen, uns zu konzentrieren, uns zu vereinen und
zu handeln. Gemeinsam müssen wir unserer Wirtschaft zu neuer Blüte verhelfen.
Es ist allzu lange her - mindestens drei Jahrzehnte -,
seit ein Präsident die Amerikaner dazu aufgerufen hat,
mit ihm gemeinsam unseren großen nationalen Weg
zu gehen, nicht einfach die heute vorhandene Fülle zu
konsumieren, sondern für ein besseres Morgen zu
investieren.
Ebenso wie jeder einzelne müssen Nationen letztlich
entscheiden, wie sie ihr Leben gestalten möchten was diejenigen von ihnen denken sollen, mit denen sie
leben, und - später - wie sie von der Geschichte
beurteilt werden möchten. Wie jeder Mann und jede
Frau müssen sie entscheiden, ob sie bereit sind, mit
den ihnen von der Geschichte gegebenen Chancen zu
wachsen.
Wir sind stets ein Volk voll jugendlicher Energie und
Wagemut gewesen. Und in diesem historischen
Augenblick, da der Kommunismus abgetreten ist, da
sich die Freiheit auf der ganzen Welt ausbreitet, da

Sonderdienst

eine Weltwirtschaft vor unseren Augen Gestalt annimmt, haben die Amerikaner den Wandel gefordert und jetzt ist es an uns, den in diesem Saal Versammelten, die Erwartungen zu erfüllen.
Unsere Nation braucht einen neuen Kurs. Heute
abend stelle ich Ihnen unseren umfassenden Plan vor,
um unsere Nation auf diesen neuen Kurs zu bringen.
Ich gehe davon aus, daß wir unseren neuen Kurs in
den Grundwerten finden werden, die uns hierher gebracht
haben: Chancen, Verantwortlichkeit des einzelnen,
Gemeinde, Arbeit, Familie und Glaube. Wir müssen
mit den alten Gewohnheiten beider politischer Parteien in Washington brechen. Wir müssen sagen, daß es
nicht länger für nichts eine Gegenleistung gibt, und
darin sind wir alle vereint.
Die Bedingungen, die uns an diesen Punkt gebracht
haben, sind wohlbekannt. Zwei Jahrzehnte niedriger
Produktivität und stagnierender Löhne, anhaltender
Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Jahre riesiger Staatsdefizite und abnehmender Investitionen in
unsere Zukunft, explodierender Kosten im Gesundheitswesen und mangelnden Krankenversicherungsschutzes. Legionen armer Kinder, schulische und
Ausbildungschancen, die den Anforderungen einer
Wirtschaft mit hohen Löhnen und starkem Wachstum
unangemessen waren. Zu lange sind wir ohne echten
Sinn für Ziele, Verantwortlichkeit oder Gemeinschaft

Seite 1

�dahingetrieben, und unser politisches System wurde
allzu oft von Interessengruppen, Parteiengezänk und
der schieren Komplexität unserer Probleme gelähmt.

jedoch möchte ich sagen: Die Regierung kann dies
nicht allein leisten. Der Privatsektor ist die Lokomotive
des Wirtschaftswachstums in Amerika. Und jeder von
uns kann eine Lokomotive des Wandels in unserem
Ich weiß, daß wir es besser machen können, weil dies eigenen Leben sein. Wir müssen den Menschen mehr
nach wie vor das großartigste Land der Welt ist, die Chancen geben, aber wir müssen als Gegenleistung
stärkste Volkswirtschaft und die einzige militärische auch mehr Verantwortlichkeit fordern.
Supermacht der Welt. Wenn wir die Vorstellungskraft,
den Willen und das Herz haben, die Veränderungen Unsere unmittelbare Priorität gilt der Schaffung von
vorzunehmen, die wir vornehmen müssen, werden wir Arbeitsplätzen jetzt. Einige behaupten, wir befänden
mit Möglichkeiten in das 21. Jahrhundert eintreten, die uns in einer wirtschaftlichen Erholung. Nun, wir alle
sich unsere Eltern nicht einmal hätten träumen lassen, hoffen dies. Aber wir schaffen einfach keine Arbeitsund wir werden den Amerikanischen Traum für uns plätze. Und kein Konjunkturaufschwung ist einen
selbst und für künftige Generationen gesichert haben. Pfifferling wert, wenn er nicht mit neuen Arbeitsplätzen
beginnt.
Ich erinnere mich sehr gut daran, wie vor zwölf Jahren
Ronald Reagan an diesem Podium stand und dem Um Arbeitsplätze zu schaffen und einen nachhaltigen
amerikanischen Volk erklärte, wenn man unsere Schul- Aufschwung zu garantieren, fordere ich den Kongreß
den in Dollarscheinen aufeinandertürmte, ergäbe sich auf, ein Sofortprogramm zur Schaffung von Arbeitsein Haufen von 67 Meilen Höhe. Heute wäre dieser plätzen in Höhe von über 30 Milliarden Dollar zu
Haufen 267 Meilen hoch.
verabschieden. Wir werden den Menschen unverzüglich Arbeit bringen und eine halbe Million neuer ArbeitsIch erzähle ihnen das nicht, um jemandem die Schuld plätze schaffen: Arbeitsplätze, mit denen unsere
für dieses Problem zu geben. Man kann überall Autobahnen und Flughäfen erneuert, Häuser renoSchuldzuweisungen vornehmen - bei beiden Seiten viert, neues Leben in ländliche Kleinstädte getragen
der Regierung und beiden Parteien. Die Zeit der und Hoffnung und Chancen bei der Jugend unseres
Schuldzuweisungen ist beendet. Ich bin hierher ge- Landes verbreitet werden, die allein in diesem Somkommen, um Verantwortung zu übernehmen. Ich mer nahezu 700.000 Arbeitsplätze erhalten soll. Und
möchte, daß Sie Verantwortung für die Zukunft dieses ich lade die führenden Köpfe der amerikanischen
Landes übernehmen, und wenn wir es richtig machen, Wirtschaft ein, sich uns in diesen Bemühungen anzudann ist es mir egal, wer dafür die Lorbeeren erntet.
schließen, damit wir gemeinsam in Städten und armen
ländlichen Gebieten eine Million Ferienjobs für junge
Unser Plan besteht aus vier grundlegenden Kompo- Menschen schaffen können.
nenten:
Erstens kehrt er unseren wirtschaftlichen Ab- Zweitens weist unser Plan über den gegenwärtigen
schwung um, indem die Wirtschaft kurzfristige Wirtschaftszyklus hinaus, weil unsere Bestrebungen
Impulse erhält und langfristig in unsere Men- in das nächste Jahrhundert reichen. Der Kern unseres
schen, ihre Arbeitsplätze und ihre Einkommen Planes ist langfristig angelegt. Er beinhaltet ein Investitionsprogramm, das in den Bereichen, die für unsere
investiert wird.
wirtschaftliche Zukunft entscheidend sind, öffentliche
Zweitens verwandeh er das Geredevon gestern und private Investitionen ankurbeln soll. Und er beinin die Taten von heute, indem Arbeit und Familie haltet ein Programm zum Defizitabbau, das die für
in jedem Teil unseres Lebens geschätzt wer- Investitionen des privaten Sektors zur Verfügung stehenden Ersparnisse erhöhen, die Zinssätze senken,
den.
den von Zinszahlungen aufgefressenen Prozentsatz
Drittens sieht er eine erhebliche, ehrliche und des Bundeshaushalts abbauen und das Risiko von
glaubwürdige Verringerung des Defizits im Bun- Turbulenzen auf den Finanzmärkten verringern wird,
deshaushalt vor.
die die Wirtschaft belasten könnten.
Schließlich verdient er sich das Vertrauen des
amerikanischen Volkes, indem diese Pläne zuerst
durch Einschnitte bei staatlicher Verschwendung und Ineffizienz bezahlt werden - Kürzungen, nicht Tricks, bei den Staatsausgaben - und
endlich einmal durch Fairneß in der Art und
Weise, wie die Lasten getragen werden.
Heute abend möchte ich zu Ihnen darüber sprechen,
was die Regierung tun kann, weil ich der Ansicht bin,
daß unsere Regierung mehr für die hart arbeitenden
Menschen tun muß, die für sie bezahlen. Zunächst

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Langfristig sollte all dies zu stärkerem Wirtschaftswachstum, verbesserter Produktivität, höheren Löhnen, mehr qualitativ anspruchsvollen Arbeitsplätzen
und einer verbesserten Wettbewerbsposition in der
Weltwirtschaft führen.
Um öffentliche Investitionen und Defizitabbau zu verwirklichen, werden die Staatsausgaben gesenkt und
die Steuern erhöht. Unsere Ausgabenkürzungen wurden
sorgfähig durchdacht, um zu versuchen, wirtschaftliche Auswirkungen zu minimieren, die Friedensdividende für Investitionszwecke zu nutzen und die Gewichte

Sonderdienst

�im Haushalt vom Verbrauch zu Investitionen zu verschieben. Die Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen sind beide darauf angelegt, zu gewährleisten,
daß die Kosten dieses historischen Programms zur
Behandlung und Bewältigung unserer Probleme von
denen getragen werden, die sich diese Kosten am
ehesten leisten können.

te zur Reformierung unseres Krankenversicherungssystems unternehmen. Die Unternehmen der Vereinigten Staaten werden niemals stark sein, die Familien
Amerikas werden niemals sicher sein und die Regierung der Vereinigten Staaten wird niemals solvent
sein, wenn wir nicht unsere Krise in der Krankenversicherung in den Griff bekommen.

Unser Plan zielt darauf ab, die Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft durch niedrigere Zinssätze, eine
verbesserte Infrastruktur, besser ausgebildete Arbeitnehmerund eine stärkere Mittelschicht zu verbessern.
Weil kleine und mittlere Unternehmen die meisten
Arbeitsplätze schaff en, beinhaltet u nser Plan die kühnsten auf kleinere Unternehmen gerichteten Anreize in
der Geschichte. Wir schlagen eine auf Dauer bestehende Steuervergünstigung für Investitionen von Kleinunternehmen sowie neue Vorteile für Unternehmer
vor, die bereit sind, Risiken einzugehen. Wir werden
kleineren Unternehmen Zugang zu den brillanten
Technologien unserer Zeit und zu den Krediten verschaffen, die sie benötigen, um zu blühen und zu
gedeihen.

Die steigenden Kosten und der Mangel an medizinischer Versorgung gefährden sowohl unsere Wirtschaft
als auch unser Leben. Die Kostendämpfung im Gesundheitswesen wird mehrere hundert Milliarden Dollar für Investitionen und Wachstum und neue Arbeitsplätze freisetzen. Langfristig ist die Reform der Krankenversicherung unerläßlich, um unser Defizit abzubauen und die Investitionen zu erhöhen.

Mit einem neuen Netz von Gemeindeentwicklungsbanken sowie 1 Milliarde Dollar, um den Traum von
Unternehmenszonen zu verwirklichen, werden wir
beginnen, neue Hoffnung und neue Arbeitsplätze indie
Geschäfte und Fabriken von Süd-Boston bis SüdTexas und South-Central Los Angeles zu tragen.
Unser Plan investiert in unsere Straßen, Brücken,
Nahverkehrssysteme, in Hochgeschwindigkeitszüge
und spitzentechnologische Informationssysteme sowie in die ehrgeizigste Beseitigung von Umweltschäden unserer Zeit.
An der Schwelle des neuen Jahrhunderts hängt Wirtschaftswachstum wie nie zuvor von der Öffnung neuer
Märkte in Übersee ab. Deshalb werden wir auf fairen
Handelsregeln auf den internationalen Märkten bestehen.
Ein Teil unserer nationalen Wirtschaftsstrategie muß
die Ausweitung des Handels zu fairen Bedingungen
sein, darunter der erfolgreiche Abschluß der jüngsten
Runde von Welthandelsgesprächen. Ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen mit angemessenen
Sicherheiten für Arbeitnehmer und die Umwelt. Gleichzeitig benötigen wir einen aggressiven Versuch zur
Schaffung zukunftsträchtiger Arbeitsplätze in der Spitzentechnologie, besondere Konzentration auf angeschlagene Branchen wie Flugzeugbau und Fluggesellschaften sowie besondere Hilfen für freigesetzte Arbeitskräfte, etwa in unserer Rüstungsindustrie.
Ich verspreche, daß Wirtschaft, Regierung und Gewerkschaften partnerschaftlich zusammenarbeiten
werden, um Amerika für den Wandel zu stärken.
Alle unsere Bemühungen zur Stärkung der Wirtschaft
werden jedoch scheitern, wenn wir nicht kühne SchritSonderdienst

Dieses Frühjahr werde ich dem Kongreß einen umfassenden Plan zur Reform der Krankenversicherung
unterbreiten, der endlich die Kosten unter Kontrolle
bringen wird. Wir werden allen unseren Familien
Sicherheit gewähren, damit niemandem der benötigte
Versicherungsschutz verwehrt wird. Wir werden Betrug und unverschämte Gebühren ausmerzen und
gewährleisten, daß Sie oder Ihr Arzt nicht länger von
der Bürokratie erstickt werden. Und wir werden amerikanische Standards aufrechterhalten - die qualitativ
beste medizinische Versorgung der Welt und die
Wahlmöglichkeiten, die wir verlangen und verdienen.
Das amerikanische Volk erwartet von uns, daß wirdas
Problem der Krankenversicherung bewältigen. Und
wir müssen dies jetzt tun.
Der vielleicht grundlegendste Wandel, den unser neuer
Kurs bietet, liegt in seiner Konzentration auf die Zukunft und die Investitionen, die wir bei unseren Kindern
anstreben.
Jeder Tag der Verzögerung fordert einen hohen Preis.
Die Hälfte unserer Zweijährigen erhalten keine Schutzimpfungen gegen tödliche Krankheiten. Unser Plan
wird sie für jedes in Frage kommende Kind bereitstellen. Und wir sparen zehn Dollar für jeden Dollar, den
wir ausgeben, indem wir verhütbare Kinderkrankheiten beseitigen.
Das Ernährungsprogramm für Frauen, Säuglinge und
Kinder (WIC) wird ausgebaut werden, damit jede
Schwangere, die unserer Hilfe bedarf, sie erhält.
Head Start - ein Programm, das Kinder auf die Schule
vorbereitet - ist eine Erfolgsgeschichte. Es spart Geld,
aber es erreicht heute lediglich ein Drittel aller in Frage
kommenden Kinder. Im Rahmen unseres Planes
werden wir jedes anspruchsberechtigte Kind einbeziehen. Investitionen in Head Start und WIC sind nicht nur
richtig, sie sind klug. Für jeden Dollar, den wir heute
investieren, sparen wir morgen drei.
Amerika muß mehr von unseren Schülern, unseren
Lehrern und unseren Schulen verlangen. Und wir

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�müssen ihnen die Mittel geben, die sie benötigen, um Wir bitten die Väter und Mütter, mehr Verantwortung
hohe Normen zu erfüllen.
für ihre Kinder zu übernehmen. Und wir werden hart
gegen die Eltern vorgehen, die sich vor UnterhaltszahWir werden Wirtschaft und Schulen zusammenbrin- lungen für ihre Kinder drücken wollen.
gen, um neue Lehrstellen zu schaffen und jungen
Menschen die Fähigkeiten zu vermitteln, die sie heute Wir wollen unsere Familien vor Gewaltverbrechen
benötigen, um die produktiven Arbeitsplätze von mor- schützen, die die Menschen in Angst und Schrecken
gen zu finden.
versetzen und unsere Gemeinden zerreißen. Wir
müssen ein strenges Gesetz zur Bekämpfung der
Lebenslanges Lernen wird Arbeitnehmern während Kriminalität verabschieden. Wir brauchen auf unseren
ihrer gesamten Karriere nützlich sein. Wir müssen ein Straßen 100.000 zusätzliche Polizisten, müssen für
neues einheitliches Ausbildungssystem für Arbeitneh- nicht gewalttätige Erststraftäter Erziehungslager einmer schaffen, damit Arbeitnehmer unabhängig davon richten und abgebrühte Kriminelle hinter Gitter brinausgebildet werden, warum sie ihren Arbeitsplatz gen. Wir haben die Pflicht, den Waffenbesitz von
verloren haben.
Kriminellen zu verhindern. Wenn Sie das BradyGesetz verabschieden, werde ich es unterzeichnen.
Unser Programm eines nationalen Dienstes wird allen
Amerikanern Kredite für den Collegebesuch verfügbar Damit die Regierung den Steuerzahlern aus der Mittelmachen und sie dazu auffordern, ihrem Land etwas schicht dient und nicht besonderen Interessengrupzurückzugeben - als Lehrer, Polizeibeamte, Sozialar- pen, müssen wir unser politisches System reformiebeiter. Dies wird ein historischer Wandel von der ren.
Dimension der Land Grant Colleges und der Gl Bill
sein. Hundert Jahre später werden Historiker, die ihre Ich bitte den Kongreß, eine wirkliche WahlkampffiAusbildung unserem Plan für einen nationalen Dienst nanzreform durchzuführen. Wir wollen die Macht
verdanken, Ihrer Vision ihren Respekt bezeugen.
bestimmter Interessengruppen verringern und die
Beteiligung der Bevölkerung erhöhen. Wir sollten die
Wir glauben an Arbeitsplätze, wir glauben an das Steuersenkungen für den Lobbyismus bestimmter
Lernen, und wir glauben an die Belohnung von Arbeit. Interessengruppen abschaffen und das Geld zur
Wir glauben an die Wiederherstellung der Werte, die Säuberung unseres politischen Systems verwenden.
Amerika zu einem besonderen Ort machen.
Und wir sollten schnell die entsprechenden Gesetze
verabschieden, um Lobbyisten zur Offenlegung ihrer
Jede Arbeit hat ihre Würde, und alle Arbeitenden
müssen in Würde leben. Denjenigen, die unsere Aktivitäten zu zwingen.
Kranken pflegen, sich um unsere Kinder kümmern und
die erschöpfendsten und schwierigsten Arbeiten verrichten, können wir im Rahmen unseres neuen Kurses
die feierliche Versprechung geben:

Um die Regierung von Grund auf umzugestalten,
müssen wir jedoch sicherstellen, daß sie nicht über
ihre Verhältnisse lebt. Und das beginnt an der Spitze
- im Weißen Haus. In den letzten Wochen habe ich 25
Durch die Ausweitung der Steuervergünstigung für Prozent des Personals im Weißen Haus abgebaut und
selbstverdientes Einkommen werden wir Geschichte damit zehn Millionen Dollar eingespart. Ich habe
machen: Wir werden dazu beitragen, daß die Arbeit Kürzungen im Verwaltungsbudget von Behörden und
von Millionen einkommensschwacher berufstätiger Ministerien angeordnet und 100.000 Stellen in der
Amerikaner belohnt wird. Unser neuer Kurs zielt Verwaltung der Bundesregierung abgebaut, was insdarauf ab, ein ebenso mächtiges wie einfaches Prinzip gesamt zu einer Einsparung von 9 Milliarden Dollar
in die Praxis umzusetzen: Wer ganztätig arbeitet, führen wird. Fürdie Regierung ist die Zeit gekommen,
ebenso bescheiden zu leben wir jeder andere Haushalt
sollte nicht arm sein.
in Amerika. Aus diesem Grunde begrüße ich die
Im Laufe dieses Jahres werden wir einen Plan vorle- heutige Entscheidung des Kongresses, ähnliche Schritgen, die Sozialhilfe in der uns bekannten Form zu te zur Kostensenkung im eigenen Haus zu unternehbeenden.. Niemand möchte das Sozialhilfesystem so men. Gemeinsam können wir dem amerikanischen
gerne ändern wie diejenigen, die darin gefangen sind. Volk zeigen, daß wir seinen Ruf nach Wandel gehört
haben.
Wir werden den von der Sozialhilfe Abhängigen die
Bildung und Ausbildung, Kinderbetreuung und Ge- Aber wir können noch weiter gehen. Heute abend
sundheitsfürsorge anbieten, die sie brauchen, um wieder habe ich ein einjähriges Einfrieren der Gehälter für
auf die Beine zu kommen. Nach Ablauf von zwei Beschäftigte der Bundesregierung gefordert. Nach
Jahren müssen sie dann wieder arbeiten - wenn möglich Ablauf dieser Zeit werden diese Gehälter in geringein der Privatwirtschaft, wenn nötig im öffentlichen rem Maße steigen als die Inflationsrate.
Dienst. Jetzt ist die Zeit gekommen, den Bezug von
Wir müssen die Regierung neu erfinden, damit sie wieSozialhilfe als Lebensform zu beenden.
der funktionsfähig wird. Wir werden auf eine innovatiUnser nächstes großes Ziel ist die Stärkung der ve Bildungsreform drängen, um den Lernprozeß zu
verbessern und nicht einfach mehr Geld ausgeben.
amerikanischen Familien.
Seite 4

Sonderdienst

�Wir werden den Superfund zur Beseitigung der Um- Im Rahmen der Umstrukturierung der US-Streitkräfte
weltverschmutzung nutzen und nicht einfach das Ein- zur Bekämpfung der neuen Gefahren in der Welt nach
kommen der Juristen erhöhen. Wir werden unser dem Kalten Krieg können wir unseren VerteidigungsBundesbanksystem gesetzlich regeln, nicht nurumdie etat auf verantwortungsvolle Weise kürzen. Niemand
Sicherheit unserer Finanzinstitutionen zu gewährlei- sollte jedoch einen Zweifel daran haben, daß die unter
sten, sondern auch um uns aus der Kreditfalle zu der Flagge der Vereinigten Staaten dienenden Männer
befreien. Wir werden die gesamte Ausrichtung unse- und Frauen die am besten ausgebildeten, am besten
rer Programme zur Bekämpfung der Armut ändern - ausgerüsteten, am besten vorbereiteten Streitkräfte
von Anspruchsdenken zu Befähigungsdenken.
der Welt sein werden, solange ich Präsident bin.
Jahrelang wurde ständig überdas Defizit geredet, aber
wenige glaubwürdige Anstrengungen zu seinem Abbau unternommen. Dieser Plan befaßt sich mit diesem
Problem. Unser Plan nimmt das Haushaltsdefizit in
Angriff - ernsthaft und langfristig. Wir werden eine der
größten Reduzierungen des Haushaltsdefizits und die
größte Änderung unserer staatlichen Prioritäten in der
Geschichte zur gleichen Zeit durchführen.

Mit Unterstützung einer gestrafften und effektiveren
Landesverteidigung und einer stärkeren Wirtschaft
wird unsere Nation bereit sein, die Führungsrolle in
einer Welt zu übernehmen, die sich den Herausforderungen ethnischer Konflikte, der Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen, der globalen demokratischen Revolution und dem Schutz unserer Umwelt
stellen muß.

Wir bauen nicht das Defizit ab, weil uns die Experten
dazu raten. Wir bauen das Defizit ab, damit es sich Ihre
Familie leisten kann, die Kinder aufs College zu schikken. Wir bauen das Defizit ab, damit Ihre Kinder eines
Tages in der Lage sind, sich ein eigenes Haus zu
kaufen. Wir bauen das Defizit ab, damit Ihr Unternehmen in die Umschulung seiner Angestellten und die
neue Ausrüstung seiner Fabriken investieren kann.
Wir bauen das Defizit ab, damit die Regierung Investitionen tätigen kann, die uns stärker, klüger und sicherer machen.

Unser Wirtschaftsplan ist ehrgeizig, aber er ist notwendig, damit unser Land weiterhin Rang und Macht hat.
Und wir werden auf faire Weise dafür zahlen - indem
wir in der Regierung Einsparungen vornehmen und
von denen, die in der Vergangenheit am meisten
profitiert haben, jetzt das meiste erwarten - indem wir
mehr Amerikaner um ihren Beitrag heute bitten, damit
es allen Amerikanern morgen besser geht.

Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir dieses Land
in zehn Jahren nicht mehr wiedererkennen. In zehn
Jahren wird das jährliche Haushaltsdefizit auf 635
Milliarden Dollar angewachsen sein, die nationale
Verschuldung wird sich auf nahezu 80 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts belaufen. Die Zinszahlungen für diese Schulden werden das kostspieligste
Regierungsprogramm überhaupt sein, und wir werden
weiterhin der größte Schuldner der Welt sein, der
einen Großteil seiner Investitionen nur in Abhängigkeit
von Auslandsgeldern tätigen kann.
Unser Haushalt wird bis 1997 140 Milliarden Dollar
unseres Defizits abbauen - eine der größten tatsächlichen Einsparungen auf der Ausgabenseite, die jemals von einem amerikanischen Präsidenten vorgenommenen wurden. Wir nehmen mehr als 150 schwierige, schmerzhafte Kürzungen vor, wodurch die Staatsausgaben um 246 Milliarden Dollar gesenkt werden.
Wir streichen nutzlos gewordene Programme, beispielsweise bei der Forschung und Entwicklung von
Atomkraft. Wir werden bei Subventionen drastische
Kürzungen vornehmen und verschwenderische Projekte einstellen. Viele dieser Programme hatten früher
durchaus ihre Berechtigung. Aber wenn wir mit neuen
Plänen beginnen, müssen wir alte abschaffen. Die
Regierung hat ihre Fähigkeit zum Entwurf von Programmen unter Beweis gestellt. Jetzt müssen wir
zeigen, daß wir auch zu ihrer Begrenzung fähig sind.

Sonderdienst

Ich fordere Sie auf, den Spitzensteuersatz für die
Wohlhabendsten - diejenigen, die mehr als 180.000
Dollar im Jahr verdienen - von 31 Prozent auf 36
Prozent zu erhöhen. Unser Plan empfiehlt eine zehnprozentige Ergänzungsabgabe auf 250.000 Dollar im
Jahr übersteigende Einkommen. Wir werden die
Schlupflöcher stopfen, die es einigen ermöglichen,
ohne Steuerzahlungen davonzukommen.
Für Unternehmen mit einem zu versteuernden Einkommen über 10 Millionen Dollar werden wir die Körperschaftssteuer auf 36 Prozent erhöhen. Und wir
werden die Steuersenkungen für Aufwandsentschädigungen abbauen.
Unser Plan nimmt die Steuersubventionen in Angriff,
die diejenigen Unternehmen belohnen, die Aufträge
nach Übersee vergeben. Wir werden durch eine
wirksame Kontrolle der Steuerzahler sicherstellen,
daß ausländische Unternehmen, die in Amerika Gewinne
erzielen, unserem Land die Steuern zahlen, die sie ihm
schulden.
An die Angehörigen der Mittelschicht gerichtet sage
ich folgendes: Sie sind nicht länger alleine; Sie werden
nicht länger vorgeschickt; Sie werden nicht länger
mehr zahlen und weniger bekommen. 98,8 Prozent
aller amerikanischen Familien werden keinen höheren
Einkommensteuersatz haben. Nur bei den reichsten
1,2 Prozent wird dieser Satz steigen.
Ich möchte eines klarstellen: Es wird keine erneuten
Leistungskürzungen für die bei Medicare Versicherten

Seite 5

�geben. Es wird Kürzungen bei den Zahlungen an
diejenigen geben, die Leistungen erbringen - Ärzte,
Krankenhäuser und Laboratorien -, um die Kosten im
Gesundheitswesen zu kontrollieren. Diese Kürzungen
sind lediglich ein Notbehelf bis zur Reform des gesamten Gesundheitssystems. Ich möchte das noch einmal
wiederholen, denn das ist mir sehr wichtig und wie ich
weiß auch Ihnen: Dieser Plan sieht keine erneuten
Leistungskürzungen für die bei Medicare Versicherten
vor.
Die einzige Änderung, die wir im Rentenversicherungssystem vornehmen, besteht darin, unsere älteren Mitbürger mit höherem Einkommen, die nicht allein
von der Rente leben, um einen größeren Beitrag zu
bitten. 80 Prozent der Rentenbezieher sind davon
nicht betroffen. Wenn Sie jetzt ihre Renten nicht
versteuern müssen, werden Sie das auch unter diesem neuen Plan nicht tun müssen.
Unser Plan umfaßt eine Energiesteuer als bestes
Mittel, uns neue Einnahmen zur Senkung des Defizits
und für Investitionen in unsere Menschen zu verschaffen. Außerdem reduziert diese Steuer im Gegensatz
zu anderen Steuern die Umweltverschmutzung, verbessert die Energienutzung und vermindert unsere
Abhängigkeit von aus instabilen Regionen der Welt
stammendem Erdöl.

Heute abend muß das amerikanische Volk erfahren,
daß wir Veränderungen brauchen. Aber es wird
wahrscheinlich auch fragen, ob wir die Kraft haben,
diese Veränderungen auch herbeizuführen. Es weiß,
daß sobald wir dieses hohe Haus verlassen haben, die
Interessengruppen mit aller Macht ans Werk gehen
und die von uns angestrebten Veränderungen zu
verhindern trachten. Die Verfechter des "gesunden
Menschenverstands" werden tausend Gründe finden,
warum dies und jenes nicht getan werden kann. Unser
Volk wird dem zusehen und sich fragen, ob etwa doch
alles beim Alten bleibt.
Daher müssen wir die Mauern seiner Skepsis Stein für
Stein abbauen, nicht mit Worten, sondern mit Taten.
Nach so vielen Jahren des Festgefahrenseins und der
Unschlüssigkeit, nach so vielen hoffnungsvollen Anfangen und so wenigen vielversprechenden Ergebnissen werden die Amerikaner ein hartes Urteil fällen,
wenn wir die Stunde nicht nutzen.
Dieser Wirtschaftsplan kann nicht jedem genehm sein.
Wenn man dieses Paket auseinandernimmt, wird jeder etwas finden, das ihn ärgert. Aber insgesamt
genommen, wird es uns allen helfen.

Widerstehen Sie der Versuchung, sich lediglich auf die
Ausgabenkürzung zu konzentrieren, die Ihnen nicht
gefällt oder auf nicht getätigte Investitionen. Niemand
Zusammengenommen kosten diese Maßnahmen eine freut sich über Steuererhöhungen. Aber wir wollen den
amerikanische Familie mit einem Einkommen von Tatsachen ins Auge sehen: 20 Jahre lang sind die
40.000 Dollar pro Jahr weniger als 17 Dollar im Monat. Einkommen nicht gestiegen. Seit Jahren sind die
Aufgrund weiterer von uns vorgeschlagener Program- Schulden explosionsartig angestiegen. Wir können es
me werden Familien mit einem Jahreseinkommen uns nicht länger leisten, die Augen vor der Realität zu
unter 30.000 Dollar praktisch überhaupt keine zusätz- verschließen. Wir müssen mit den Karten spielen, die
lichen Steuern zahlen. Infolge unserer öffentlich be- wir auf der Hand haben.
kundeten Entschlossenheit, das Defizit abzubauen,
sind die Zinssätze seit der Wahl gefallen. Für die Wir können unser Programm nicht einfach auf die
Mittelschicht bedeutet das, daß die erhöhten Energie- Frage hin untersuchen: Was kommt dabei für mich
kosten durch die niedrigeren Zinsen für Hypotheken, heraus? Vielmehr muß die Frage lauten: Was kommt
Verbraucherkredite und Kreditkarten mehr als aus- dabei für uns heraus?
geglichen werden. Das ist eine weise Investition zu
Wenn wir hart arbeiten - und zusammenarbeiten -,
Ihrem Nutzen und zu dem Ihres Landes.
wenn wir uns wieder der Stärkung unserer Familien,
Ich fordere alle Amerikaner auf, sich vor Augen zu der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Neugestalhalten, was es kosten würde, nichts zu ändern, keinen tung der Regierung widmen, können wir die Geschicke
neuen Kurs einzuschlagen. Wenn wir nicht den Mut Amerikas wieder zum Besseren wenden.
haben, unsere Zukunft zu gestalten, anstatt uns etwas
Heute abend bitte ich jeden hier im Kongreß Anwesenvon ihr zu borgen, verurteilen wir uns selbst zu einer
den - und jeden Amerikaner - in sich zu gehen, Hoffjahrelangen, nur von Rezessionen unterbrochenen
nung zu wecken, die Phantasie spielen zu lassen. In
Stagnation, zu langsamem Wachstum von Arbeitsunserer Nation gibt es so viele gute Dinge, so viele
plätzen, keinerlei Einkommenserhöhungen, zu höheChancen, so viel Interessantes. Wenn wir, wie das
rer Verschuldung und größerer Enttäuschung.
führende Länder tun sollten, mutig handeln, werden
Was noch schlimmer ist: Wenn wir nichts ändern, Fortschritt und Wohlstand unser Vermächtnis sein.
wenn wir nicht das Defizit abbauen, die Investitionen Das wird dann Amerikas neuer Kurs sein. Wir wollen
und die Produktivität erhöhen und damit Arbeitsplätze allen Mut zusammennehmen, um die Stunde zu nutschaffen, werden wir unsere Kinder und Kindeskinder zen.
zu weniger Lebensqualität und einem schlechteren
Ich danke Ihnen. Guten Abend. Gott segne Amerika.
Los verurteilen.
* * * * *
Seite 6

Sonderdienst

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�</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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8

24. Februar 1993

° 5300 Bonn 2

KRIEGSVERBRECHEN

STARKE UNTERSTÜTZUNG DER USA FÜR
KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL
Erklärung von UNO-Botschafterin
Albright im Sicherheitsrat

MENSCHENRECHTE

USA FORDERN STÄRKERE UNTERSTÜTZUNG DER UNO FÜR MINDERHEITEN
Rede von Geraldine Ferraro bei
UNO-Menschenrechtskommission
SCHIFTER: RELIGIÖSE INTOLERANZ
NACH WIE VOR SCHWERWIEGENDES
PROBLEM
Erklärung vor UNO-Menschenrechtskommission

TECHNOLOGIE

CLINTON ENTWIRFT TECHNOLOGIEPROGRAMM
Zusammenfassung des Weißen Hauses

HANDEL

KANTOR NENNT WACHSENDES HANDELSDEFIZIT ERNÜCHTERND
Bezeichnet Exporte als "enorm konkurrenzfähig"

FRAUEN

AMERIKANISCHE FRAUEN IN DEN
NEUNZIGER JAHREN: NEUE
PLÄTZE SICHERN
von Denise Hyland

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Fax:0228-33 41 02

�KRIEGSVERBRECHEN
24. Februar 1993

STARKE UNTERSTÜTZUNG DER USA FÜR
KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL
Erklärung von UNO-Botschafterin Albright im Sicherheitsrat
VEREINTE NATION EN - (AD) - Die Einrichtung eines Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien
hat das Prinzip bekräftigt, daß "alle dem Völkerrecht gegenüber verantwortlich sind", erklärte die amerikanische
Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright, am 22. Februar 1993.
In einer Rede vordem UN-Sicherheitsrat verwies Albright nach der einmütigen Verabschiedung einer Resolution
zur Schaffung des Tribunals darauf, es werde "kein Tribunal der Sieger sein. Der einzige Sieger, der sich bei
diesem Vorhaben durchsetzen wird, ist die Wahrheit."
Albright äußerte, Präsident Clinton sowie Außenminister Christopher hätten sich für das Tribunal eingesetzt, um
nicht nur Gerechtigkeit walten zu lassen, sondern auch, um weitere Greueltaten in den ehemaligen Republiken,
besonders in Bosnien, abzuschrecken, von wo weiterhin Berichte über ethnische Säuberungen und andere
Menschenrechtsverletzungen eintreffen.
"Der Minister hat darüber hinaus erklärt, daß es einen weiteren Grund für Sofortmaßnahmen gibt - daß hier ein
umfassenderer Imperativ besteht", erklärte sie. "Die Reaktion der Welt auf die Gewalt im ehemaligen
Jugoslawien ist eine frühzeitige und konkrete Probe, wie wir die Anliegen ethnischer und religiöser Minderheiten
in der Welt nach dem Kalten Krieg behandeln."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Äußerungen Albrights im Wortlaut.

Esgibt heute in dieser Kammer ein Echo. Die Nürnberger Prinzipien sind bekräftigt worden. Wir haben den
von der Gemeinschaft zivilisierter Nationen vor 48
Jahren in San Francisco geschlossenen und lange Zeit
vernachlässigten Pakt bewahrt: die Vereinten Nationen zu schaffen und die Nürnberger Prinzipien zur
Geltung zu bringen. Die Lektion, daß wir alle dem
Völkerrecht gegenüber verantwortlich sind, könnte
endlich fest in unserem kollektiven Gedächtnis verankert worden sein.
Dies wird kein Tribunal der Sieger sein. Der einzige
Sieger, der sich bei diesem Vorhaben durchsetzen
wird, ist die Wahrheit. Und im Gegensatz zur Welt der
vierziger Jahre ist das internationale humanitäre Recht
heute eindrucksvoll kodifiziert, wohlbekannt, allgemein
anerkannt und durchsetzbar. Die Debatten über den
Zustand des Völkerrechts, die die Nürnberger Prozesse so stark behinderten, werden dieses Tribunal nicht
belasten.
Die Vereinigten Staaten unterstützen energisch die
Verabschiedung der heutigen historischen Resolution
durch den Rat, die den ersten Schritt zur Schaffung
AMERIKA DIENST 8

eines Ad-hoc-Tribunals einleitet, um Personen zu
verfolgen, die der Kriegsverbrechen und anderer ernsthafter Verletzungen des internationalen humanitären
Rechts auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien angeklagt werden. Praktisch alle Parteien, die
dieses Problem untersucht haben - darunter die Generalversammlung, die Ko-Vorsitzenden der internationalen Konferenz über das ehemalige Jugoslawien
sowie die von der Resolution 780 des UN-Sicherheitsrats geschaffene Expertenkommission - haben die
Schaffung eines solchen Tribunals gefordert.
Präsident Bill Clinton unterstützt seit langem die Einrichtung eines Kriegsverbrechertribunals bei den Vereinten Nationen, um Gerechtigkeit zu schaffen und
weitere Greueltaten im ehemaligen Jugoslawien abzuschrecken.
Erst vor 12 Tagen hat Außenminister Warren Christopher steBvertretend für den Präsidenten erläutert, warum
die Vereinigten Staaten glauben, daß diese und andere Maßnahmen dringend erforderlich sind. Der Minister erklärte:

Seite 1

�"Wir können den Zoll an Menschenleben nicht
ignorieren. Die 'ethnischen Säuberungen' wurden durch Massenmord, systematische Prügel
sowie die Vergewaltigung von Musliminnen und
anderen, durch Dauerbeschuß auf Unschuldige
in Sarajevo und andernorts, die gewaltsame
Vertreibung ganzer Dörfer, inhumane Behandlung von Gefangenen in Intemierungslagern
sowie die Blockierung von Hilfslieferungen für
Kranke und verhungernde Zivilisten angestrebt.
Greueltaten wurden auch von anderen Parteien
begangen. Unser Gewissen wehrt sich gegen
die Idee, solche Brutalität passiv zu akzeptieren."
Der Außenminister hat darüber hinaus erläutert, daß
es einen weiteren Grund für Sofortmaßnahmen gibt daß hier ein umfassenderer Imperativ besteht. Die
Reaktion der Welt auf die Gewalt im ehemaligen
Jugoslawien ist eine frühzeitige und konkrete Probe,
wie wir die Anliegen ethnischer und religiöser Minderheiten in der Welt nach dem Kalten Krieg behandeln.
Ich zitiere erneut den Außenminister:
"Die Vorgänge im ehemaligen Jugoslawien werfen
die Frage auf, ob ein Staat die Rechte seiner
Minderheiten so behandeln darf, daß er diese
Minderheiten auslöscht, um 'ethnische Reinheit' zu erlangen. Anmaßende Tyrannen und
ängstliche Angehörige von Minderheiten warten
ab, ob 'ethnische Säuberungen' eine Politik
darstellen, die die Welt toleriert. Wenn wir die
Ausbreitung der Freiheit und das Entstehen
friedlicher, multiethnischer Demokratien fördern
wollen, muß unsere Antwort ein eindeutiges
Nein sein."

Die Vereinigten Staaten haben dem Rat, wie in Resolution 771 des Sicherheitsrats vorgesehen, bereits
aktuelle Berichte vorgelegt, die erhärtete Informationen über die im ehemaligen Jugoslawien begangenen
Greueltaten enthalten. Die heutige Maßnahme des
Rats leitet den Prozeß zur Schaffung eines Kriegsverbrechertribunals in die Wege.
Wir sehen der Zusammenarbeit mit dem Generalsekretär gerne entgegen, um unverzüglich die Aufgabe
zu erfüllen, dem Rat Optionen für Statut und Verfahrensregeln eines solchen Tribunals zu unterbreiten.
Nach Erhalt des Berichts des Generalsekretärs werden wir gemeinsam mit den anderen Mitgliedstaaten
im Rat rasch handeln, um ein Tribunal gemäß Kapitel
VII einzurichten. Wir werden ferner in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen alles in unserer Macht
Stehende tun, um zu gewährleisten, daß die Personen, die an diesen ungeheuerlichen, abscheulichen
Verbrechen beteiligt sind, identifiziert und für ihre
Handlungen, die das kollektive Gewissen der Welt so
sehr beleidigen, zur Verantwortung gezogen werden.
Wir sollten uns daran erinnern, daß die Nürnberger
Prinzipien für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen
den Frieden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
1948 von der Generalversammlung verabschiedet
wurden. Durch seine heutige Maßnahme im Rahmen
von Resolution 808 hat der Sicherheitsrat gezeigt, daß
der Wille dieser Organisation verwirklicht werden kann,
selbst wenn es nahezu ein halbes Jahrhundert dauerte, bis die Weisheit unserer frühesten Prinzipien verankert werden konnte. Ich hoffe, es wird kein weiteres
halbes Jahrhundert dauern, um den Frieden und die
Sicherheit zu schaffen, so daß die abscheulichen
Verbrechen, die unseren Vermutungen nach begangen wurden, voll und ganz Phänomene der Vergangenheit sind. Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 8

�MENSCHENRECHTE
24. Februar 1993

USA FORDERN STÄRKERE UNTERSTÜTZUNG
DER UNO FÜR MINDERHEITEN
Rede von Geraldine Ferraro bei UNO-Menschenrechtskommission
GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten drängen die UNO-Menschenrechtskommission, für die unterdrückten
Minderheiten der Welt einzutreten und sich aktiv für die Lösung von Minderheiten betreffenden Konflikten
einzusetzen.
In einer Rede vor der Jahreskonferenz der aus 53 Nationen bestehenden Kommission erklärte die US-Delegierte
Geraldine Ferraro am 16. Februar 1993 in Genf, das Problem der ethnischen und religiösen Konflikte sei "eines
der schwerwiegendsten Menschenrechtsprobleme ... mit denen die Welt heute konfrontiert ist".
Unter Verweis auf die Krise im ehemaligen Jugoslawien als offenkundigstem Beispiel eines von ethnischen und
religiösen Differenzen zerrissenen Landes äußerte Ferraro, "Stammeskriege in Somalia, religiöse und ethnische
Auseinandersetzungen im Sudan und dem Kaukasus, die Gewalt gegen ethnische Vietnamesen in Kambodscha, religiöse Ausschreitungen in Indien sowie ethnische Zusammenstöße in Sri Lanka" seien ebenfalls
Beispiele für destabilisierende Einflüsse auf Ordnung und Frieden in der Welt.
Solche Konflikte, so Ferraro, drohten die jüngsten Fortschritte auf dem Weg zu Freiheit und Demokratie weltweit
zunichte zu machen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Ferraros Erklärung im Wortlaut.

Ich freue mich, heute die Gelegenheit zu haben, vor
diesem hochkarätigen Gremium zu einem Thema
Stellung zu nehmen, das nach Meinung der Vereinigten Staaten eines der schwerwiegendsten Menschenrechtsprobleme darstellt, mit denen die Welt heute
konfrontiert ist - ethnische und religiöse Konflikte.

Trotz des weltweiten Trends zur Freiheit zeigen die
jüngsten Ereignisse in vielen Teilen der Wert, da ß noch
wesentlich mehr getan werden muß, um die Rechte
des einzelnen zu schützen - insbesondere die Rechte
von Frauen und Personen, die nationalen, ethnischen,
religiösen und sprachlichen Minderheiten angehören.

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Welt Zeuge
eines Vorganges geworden, der sich gut als demokratische Renaissance beschreiben läßt-eine Wiedergeburt jener Prinzipien und Werte, die dem einzelnen in
einer Gesellschaft Respekt verschaffen.

Obwohl die Welt derzeit freier als jemals zuvor in ihrer
Geschichte ist, drohen nationale und ethnische Konflikte in vielen Teilen der Welt die Fortschritte der
vergangenen 20 Jahre zunichte zu machen.

Zahlreiche repressive Regime sind seither von Regierungen abgelöst worden, die ein Mandat von den
Menschen haben und die Menschenrechte sowie
Rechtsstaatlichkeit achten. Die Zahl der Demokratien
hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu
verdoppelt. Andere Länder mit autoritären Systemen
befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Liberalisierung.

AMERIKA DIENST 8

Tatsächlich haben wir im Lauf des vergangenen Jahres Beispiele gesehen, bei denen die Differenzen
zwischen ethnischen Gruppen die Bemühungen verschiedener Länder ernsthaft behindert haben, Demokratie und Wohlstand auszubauen.
Jugoslawien ist lediglich das offenkundigste Beispiel
eines von ethnischen und religiösen Differenzen zerrissenen Landes. Stammeskriege in Somalia, religiöse und ethnische Auseinandersetzungen im Sudan

Seite 1

�und dem Kaukasus, die Gewalt gegen ethnische Vietnamesen in Kambodscha, religiöse Ausschreitungen
in Indien sowie ethnische Zusammenstöße in Sri Lanka
und Ruanda sind weitere Beispiele für destabilisierende Einflüsse auf Ordnung und Frieden in der Welt.
Dies sind wirklich nur Beispiele. Die Liste ist ellenlang.
Mein Land ist dem Prinzip verpflichtet, daß alle Menschen mit gleichen und unveräu ßerlichen Rechten und
Grundfreiheiten geboren werden. Als Nation von
Einwanderern haben wir die Armen und die Unterdrückten aus der ganzen Welt aufgenommen. Wir
haben die Vielfalt begrüßt.
Wir verstehen, daß wir eine grundsätzliche Verpflichtung füreinander als Menschen haben - die alle vor
Gott gleich sind.
In der Vielfalt unseres Volkes haben wir eine Stärke
gefunden, die uns als Nation bereichert hat. Unsere
Bürger kommen aus allen Winkeln der Welt, in allen
Größen, Formen und Farben - Schwarze, Muslime,
Braune, Christen, Juden, Hindus, Männer, Frauen,
Zen-Buddhisten, Ungebildete und andere, die zu
zahlreich sind, um alle erwähnt zu werden.
Der Anpassungsprozeß vollzieht sich bei uns nicht
immer reibungslos. Wir sind die ersten, die zugeben,
daß wir nicht perfekt sind, und es ist ein steter Kampf,
Bigotterie, Haß und Ungerechtigkeit auszumerzen.
Die Mauern der Ignoranz fallen nicht leicht.
Arthur Ashe, ein afroamerikanischer Tennisspieler der
Weltklasse, der zu Beginn dieses Monats an Komplikationen der Krankheit AIDS starb, erklärte einst traurigerweise, es sei härter, schwarz zu sein als AIDS zu
haben.
Und ich spreche selbst mit ein wenig Erfahrung über
Diskriminierung als Frau. Obwohl wir die Männer
zahlenmäßig übertreffen, werden wir im allgemeinen
als Minderheit behandelt.
In Ländern, die ethnische Kriegführung erleben - wie in
Bosnien-Herzegowina -, sind es meistens die Frauen,
insbesondere ältere Frauen, und Kinder, die am meisten leiden. Selbst in Ländern, die von Konflikten
weitgehend verschont werden, kämpfen Frauen gegen Klischees und Diskriminierung.
Vielleicht liegt es daran, daß wir und Minderheiten in
den Hallen der Macht unterrepräsentiert sind. Schauen Sie sich nur einmal hier im Saal um. Und gerade die
Tatsache, daß Frauen und Minderheiten unterrepräsentiert sind, macht Ihre Arbeit in dieser Kommission
so äußerst wichtig.
Es ist Ihre Aufgabe, für diejenigen einzutreten, die
keine eigene Stimme haben. Und daß Sie dies tun,
liegt im ureigenen Interesse jedes hier vertretenen
Mitgliedstaates.

Seite 2

Wir befinden uns zur Zeit in einer Weltwirtschaftskrise.
Überdies sind wir in jeder Weltregion mit Umweltproblemen konfrontiert. Um diesen Herausforderungen
gerecht zu werden, benötigen wir die Talente jedes
einzelnen unter uns.
Niemand würde die Meinung vertreten, dies seien
keine harten Zeiten, und die Geschichte belegt, daß
gerade in harten Zeiten die Kräfte der Intoleranz und
des Konservatismus am lautesten auftreten. Jetzt ist
die Zeit, da sie Unzufriedenheit und Furcht ausnutzen.
Harte Zeiten machen es noch lebenswichtiger, daß wir
unsere kostbaren nationalen Ressourcen schätzen und deren vornehmste ist die Vielfalt. Wenn man sich
um die besten Antworten bemüht, um einer Gesellschaft zu Fortschritten zu verhelfen, stehen Diskriminierung und Vorurteile nur im Weg. Der sicherste Weg,
um harte Zeiten noch härter zu machen, besteht darin,
Zwietracht unter uns zu säen und einige Bürger gleicher zu machen als andere.
Der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut schrieb
einst eine Geschichte über eine Gesellschaft, deren
Bürger je nach ihren Stärken absichtlich behindert
wurden.
Je größer ihre natürlichen Talente, desto schlimmer
ihre obligatorische Behinderung. Die schönsten Bürger wurden gezwungen, ihr gutes Aussehen unter
grotesken Masken zu verbergen. Die besten Tänzer
wurden an schwere Gewichte gekettet, um die Anmut
ihrer Bewegungen zu stören, die größten Denker trugen ablenkende Geräuschkulissen mit sich herum, um
Nachdenken unmöglich zu machen.
Genau so etwas tun Vorurteile dem Menschen an.
Diskriminierung hält die Menschen auf ebensolche
Weise zurück wie die schweren Gewichte und dicken
Ketten. Indem wir die Menschen ihrer Talente und
Begabungen berauben, sie am Aufstieg hindern, berauben wir jede unserer Nationen der Größe, die sie
sonst erreichen könnte.
Wenn wir diese Situation wieder verbessern wollen
und die Rechte derer schützen wollen, die einer Minderheit angehören oder aus anderen Gründen diskriminiert werden, liegt schwere Arbeit vor uns.
Die Annahme der Erklärung der Rechte von Angehörigen nationaler, ethnischer, religiöser und sprachlicher Minderheiten durch die UNO-Generalversammlung im Dezember letzten Jahres war ein Schritt in
diese Richtung.
Obwohl hinter dieser Erklärung die besten Absichten
stehen, ist sie nur ein Stück Papier. Die vor uns
liegende Herausforderung besteht darin, sie zum Leben
zu erwecken, darauf hinzuwirken, daß sie mehr wird
als nur Worte in einem bedeutenden UNO-Dokument,
daß sie positive Auswirkungen auf das Leben der

AMERIKA DIENST 8

�Menschen hat. Es stellt sich uns die Frage, wie wir das
erreichen können.
Minderheiten können ihrer Rechte auf zwei verschiedene Arten beraubt werden. Einerseits gibt es Regierungen, die Gesetze erlassen und Maßnahmen ergreifen, die für nicht in der Regierung vertretene Gruppen
von Nachteil sind. Andererseits gibt es Länder, in
denen nicht die Regierung für die Beraubung der
Rechte der Minderheiten verantwortlich ist, sondern
der Ha ß zwischen ethnischen oder religiösen Gruppen
zu Maßnahmen führt, die eine Gruppe von Bürgern
ergreift, um anderen ihre grundlegenden Rechte oder
sogar ihr Leben zu nehmen.
Diese Kommission muß sich mit beiden Phänomenen
befassen. Da uns in jüngster Zeit jedoch besonders
das Problem des Hasses zwischen einzelnen Gruppen
alarmiert hat, möchte ich kurz darauf eingehen.
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß in meinem
Land bedauerlicherweise Konflikte zwischen einzelnen Gruppen stattgefunden haben. Unsere Antwort
auf dieses Phänomen bestand nicht in Schulterzucken
und Resignation in der Annahme, daß wir immer mit
solchen Konflikten konfrontiert werden; vielmehr haben wir versucht, mit dem Problem fertigzuwerden.
Unsere staatlichen Behörden auf nationaler, bundesstaatlicher und lokaler Ebene sowie gemeinnützige
Organisationen haben versucht, Programme über die
Beziehungen zwischen einzelnen Gruppen und zur
Konfliktlösung zu ermutigen.
Eines dieser Organe ist der dem Justizministerium
angehörende Community Relations Service (C.R.S.),
die einzige Behörde ihrer Art, die an der Lösung von
Konflikten und Spannungen in der Gesellschaft arbeitet, die von der spürbaren Diskriminierung von Minderheitengruppen herrühren.
Ich bin der Ansicht, daß die Arbeit dieser Behörde sehr
wohl als Modell fürden Abbau von Konflikten zwischen
einzelnen Ländern dienen könnte. Erlauben Sie mir,
Ihnen ein Beispiel für das Funktionieren des Community Relations Service zu geben.
Vor weniger als einem Jahr brachen in Los Angeles
nach dem Freispruch von vier weißen Polizisten, die
der Mißhandlung eines Afroamerikaners angeklagt
waren, Unruhen aus. Die Unruhen führten zum Verlust
von 53 Menschenleben und nahezu einer Milliarde
Dollar Sachschaden.
Der C.R.S. schickte sofort 14 seiner erfahrendsten
Schlichter nach Los Angeles und hielt während und
nach den Unruhen eine sichtbare Präsenz aufrecht.
Der C.R.S. nimmt in dem Streit nicht Partei. Er bietet
einfach den Menschen und Gemeinden Hilfe bei der
Lösung von Konflikten an, die sie entzweien.
Kurz nach dem Ausbruch der Unruhen in Los Angeles
brachte der C.R.S. Vertreter der Polizei, asiatischer,
AMERIKA DIENST 8

hispanischer und afroamerikanischer Organisationen
zusammen, um diese strittigen Angelegenheiten zu
lösen. Infolgedessen wurde die Kommunikation verbessert und die Ordnung wiederhergestellt.
Im Idealfall finden natürlich Vermittlung und Versöhnung vor Ausbruch des Konflikts statt. Aber die
Vermittlungstechniken, wie die von der C.R.S. bereitgestellten, können Spannung auf jeder Stufe eines
Konflikts abbauen.
Natürlich benötigt man zur Vermittlung in Streitigkeiten
gewisse Fähigkeiten, und Geistliche haben in vielen
Situationen eine wichtige Rolle bei der Zusammenführung verschiedener Gruppen gespielt, die dann miteinander gesprochen haben.
Ich spreche hier aus eigener Erfahrung, die sich auf
mein eigenes Land konzentriert. Ich bin sicher, daß in
anderen Ländern ähnliche Konfliktlösungsfähigkeiten
entwickelt wurden. Uns stellt sich die Frage, ob
Konfliktlösung nicht eine Fähigkeit ist, die weltweit in
Situationen zum Tragen kommen könnte, in denen
Mitglieder verschiedener Gruppen sich feindlich gegenüberstehen und davon überzeugt werden sollten,
miteinander zu sprechen und nach konstruktiven und
für alle angemessenen Lösungen zu suchen.
Wenn die Antwort lautet, daß das die Sache wert ist,
müssen wir uns fragen, wie wir Konfliktlösungsfachleute in Situationen einbringen können, in denen ihre
Fähigkeiten benötigt werden. Im Namen der Delegation aus den Vereinigten Staaten schlage ich vor, daß
es sich hier um einen weiteren Dienst handelt, den ein
angemessen mit Finanzmitteln ausgestattetes Menschenrechtszentrum in Zukunft anbieten könnte. Sein
Beratungsdienst-Programm könnte so gefördert werden, daß gegebenenfalls mit Schlichtungstechniken
oder anderen Formen der freiwilligen Konfliktlösung
vertraute Fachleute zur Verfügung gestellt werden
könnten.
Unter Nutzung der umfassenden Ressourcen der
Vereinten Nationen kann das Beratungsdienst-Programm bei der Entschärfung von Konflikten eine konstruktive Rolle spielen, bevor diese, wie das im ehemaligen Jugoslawien der Fall war, zum Ausbruch von
Gewalt führen.
Wir sind auch der Ansicht, daß das Menschenrechtszentrum in einem entsprechenden Land ohne existierende Ressourcen ein Pilotprojekt zur Konfliktlösung
durchführen könnte.
Abschließend möchte ich sagen, daß Vielfalt das am
weitesten verbreitete Kennzeichen der Menschheit ist.
Obwohl wir verschieden sind, sollten wir miteinander in
Frieden leben. Aber wir müssen zur Erreichung dieses
Ziels erste Schritte unternehmen.
Obwohl er damals vor allem an politische Differenzen
dachte, sind die vor dreißig Jahren von Präsident John

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�F. Kennedy gesprochenen Worte angesichts der von
mir erwähnten Umstände heute ebenso angemessen
wir damals:
"Wir dürfen nicht die Augen vor unseren Meinungsverschiedenheiten verschließen - aber wir sollten unsere

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Aufmerksamkeit auch auf unsere gemeinsamen Interessen und die Möglichkeiten zur Überbrückung unserer Unterschiede konzentrieren. Und wenn wir unsere
Meinungsverschiedenheiten nicht jetzt beenden können, so können wir zumindest dazu beitragen, die Welt
zu einem sicheren Ort für die Vielfalt zu machen."

* * *

*

AMERIKA DIENST 8

�MENSCHENRECHTE
24. Februar 1993

SCHIFTER: RELIGIÖSE INTOLERANZ NACH
WIE VOR SCHWERWIEGENDES PROBLEM
Erklärung vor UNO-Menschenrechtskommission
GENF- (AD) - Religiöse Intoleranz wirft in einigen Teilen der Welt nach wie vor "schwerwiegende Probleme" auf,
erklärte der Leiter der US-Delegation bei der Jahrestagung der UNO-Menschenrechtskommission in Genf am
18. Februar 1993.
Botschafter Schifter verwies darauf, daß das Problem der religiösen Intoleranz insbesondere im Iran, im Sudan,
in Kuba und in China bestehe. So dauere im Iran die Schikanierung von Angehörigen der Bahai-Religion an,
während im Sudan Christen verfolgt würden, in Kuba das staatliche Religionsprogramm die traditionellen
Religionen unterdrücke und in China "Gläubige eingesperrt, gefoltert und diskriminiert" würden.
Schifter erinnerte an Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der mit der Meinungs- und
Gewissensfreiheit für alle Menschen auch die Religionsfreiheit garantiert. "Jede diesbezügliche Einschränkung
läuft dieser Erklärung zuwider und verletzt damit international anerkannte Normen", erklärte er.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Schifters Stellungnahme im Wortlaut.

Vor weniger als fünf Jahren stand ich in einer dieser in diesem Saal einige Jahre zuvor gefordert hatte. Bis
langen Schlangen vor dem Grabmal Lenins auf dem Ende 1988 waren alle Personen, die wegen unerlaubRoten Platz in Moskau. Neben mir stand einer meiner ter Religionsausübung in der Sowjetunion verhaftet
Freunde, ein amerikanischer römisch-katholischer oder in psychiatrische Anstalten eingewiesen worden
Erzbischof. Als wir das verdunkelte Mausoleum betra- waren, freigelassen worden. Und heute wird die
ten, flüsterte er mir zu: "Jede Gesellschaft braucht Religionsfreiheit in Rußland und den meisten der
ehemaligen Republiken der Sowjetunion geachtet.
ihre religiösen Symbole."
Die Geschichte der Sowjetunion hat in der Tat die
Gültigkeit dieser Beobachtung bewiesen. Die Männer, die den bolschewistischen Staatsstreich vom
Oktober 1917 ausgeführt hatten, waren Atheisten
gewesen und hatten versucht, alle Formen der Religion zu unterdrücken. Die Unterdrückung dauerte
jahrzehntelang an, aber schrittweise entwickelte sich
eine neue Staatsreligion, eine Staatsreligion, die später als Personenkult, als Stalinkult bezeichnet wurde.
Nachdem die neuen sowjetischen Führer in der Folge
den Stalinkult verurteilt hatten, bedienten sie sich einer
früheren Ära und ersetzten ihn durch den Leninkult,
den Kult, der durch die Aura um das Grabmal so lebhaft
verdeutlicht wird.

Und es gab eine Zeit, als ich in diesem Saal den Fall
des Paters Popieluszko zur Sprache bringen mußte,
des mutigen polnischen Priesters, der von Angehörigen der Sicherheitspolizei ermordet wurde, die dachten, wenn sie Popieluszko töteten, könnten sie die
Woge der Freiheit aufhalten, zu der auch seine Predigten gehörten. Damals mußte die polnische Delegation
das Unhaltbare verteidigen. Heute ist es das freie
Polen, das hier vertreten ist.

Obwohl wir zurecht die für die Sache der Religionsfreiheit in den letzten Jahren verzeichneten Fortschritte
begrüßen können, müssen wir bedauerlicherweise
auch feststellen, daß die Fortschritte nicht einheitlich
verliefen. Ich erinnere mich an ein Treffen, das ich vor
Zum Zeitpunkt meines Besuchs an Lenins Grab war nicht allzu langer Zeit in einem anderen Teil der Welt
jedoch auch der Leninkult bereits im Niedergang be- hatte. Es war ein Treffen mit einem Geistlichen, der 17
griffen. Die Unterdrückung der Religion hatte abge- Jahre im Gefängnis verbracht hatte. Sein Vergehen
nommen. Einer der Dissidenten, die ich bei meinen bestand darin, daß seine Überzeugungen ihn dazu
Besuchen in Moskau häufig traf, war Pater Gleb Jaku- veranlaßt hatten, einen Glauben anzunehmen und
nin. Er war aus dem Gulag entlassen worden, wie ich sich darin ordinieren zu lassen, der der Universalität
AMERIKA DIENST 8

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�verpflichtet ist und dessen Geltungsbereich internationale Grenzen überschreitet. Zu dem Zeitpunkt, als ich
ihn traf, hatte er die Aspekte seines Glaubens, die ihm
17 Jahre seines Lebens geraubt hatten, aufgegeben.
In seinem Herzen mag er weiterhin tief in diesem
Glauben verwurzelt gewesen sein, aber er konnte ihn
nicht länger so praktizieren, wie er wollte.
An diesem Punkt sollten wir uns daran erinnern, daß
Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte folgendes vorsieht:

haben. Die Wahrung der Religionsfreiheit hat sich
also, wie ich zu Beginn bereits feststellte, in den letzten
Jahren erheblich ausgebreitet.
Andererseits müssen wir mit Bedauern zur Kenntnis
nehmen, daß nach wie vor in diesem Bereich schwerwiegende Probleme bestehen. Ich möchte sie folgendermaßen kategorisieren:
1.

"Jedermann hat das Recht auf Meinungs-,
Gewissens- und Religionsfreiheit; hierin ist das
Recht enthalten, seine Religion oder Überzeugung zu wechseln, ebenso die Freiheit, seine 2.
Religion oder Überzeugung - allein oder zusammen mit anderen - öffentlich oder privat, durch
3.
Lehren, Ausübung, Gottesdienst, Andachtsübungen kundzutun."
Der Begriff, den wir uns einprägen sollten, lautet
"zusammen mit anderen". Er lautet nicht "zusammen
mit anderen Bürgern desselben Landes". Artikel 20
legt darüber hinaus fest: "Jedermann hat das Recht
auf friedliche Vereinigungs- und Gewerkschaftsfreiheit." Wenn sich die in Artikel 18 angesprochene
Gemeinschaft oder die Vereinigung in Artikel 20 über
die Grenzen eines Landes hinaus erstreckt und zum
Beispiel bis Rom reicht, so ist dies von der Allgemeinen
Erklärung gestattet, und jede diesbezügliche Einschränkung läuft dieser Erklärung zuwider und verletzt damit
international anerkannte Normen.

Staatlich angeordnete schwere Unterdrückung
bestimmter Religionen, bisweilen in Verbindung
mit Bemühungen, Anhänger einer Glaubensrichtung zur offiziellen Staatsreligion zu bekehren.
Staatlich angeordnete Beschränkungen der
Ausübung bestimmter Religionen.
Auseinandersetzungen zwischen Religionsgruppen, die zu Blutvergießen und der Zerstörung
von Gotteshäusern oder gewöhnlichem Eigentum führen. Diese Art von Unruhen, so möchte
ich hinzufügen, wird häufig nicht staatlich gefördert.

Im Hinblick auf die erste der drei von mir angeführten
Kategorien stechen einige Länder als diejenigen hervor, die einige der schwerwiegendsten Formen der
Unterdrückung praktizieren. Im Iran sind wir Zeugen
der anhaltenden Schikanierung von Mitgliedern des
Bahai-Glaubens, dem die Regierung die juristische
Anerkennung verweigert. Der Staat untersagt den
Bahais die Ausübung religiöser Aktivitäten, die Wahl
von geistlichen Führern, die Schließung von Ehen, die
In demselben Land, in dem ich den Geistlichen getrof- Glaubenslehre oder Beteiligung an gemeinnützigen
fen hatte, der 17 Jahre im Gefängnis saß, traf ich Organisationen. In Bildungswesen und Erwerbsleben
darüber hinaus mit einer Gruppe führender Vertreter sind sie schwerster Diskriminierung ausgesetzt.
verschiedenster Glaubensrichtungen zusammen. Es Im Fall des Sudans hat Papst Johannes Paul II.
war eine äußerst deprimierende Veranstaltung. Denn unlängst die Aufmerksamkeit auf die Verfolgung der
während ich ihnen zuhörte, erkannte ich, daß sie alle Christen gelenkt. Berichten zufolge wurden Nichtmustrotz ihrer unterschiedlichen religiösen Herkunft eines lime gezwungen, sich zum Islam zu bekennen, um in
gemeinsam hatten: Sie alle hatten Angst. Sie hatten den Genuß von Hilfslieferungen zu kommen. ChristliAngst, die Wahrheit zu sagen, auszudrücken, was sie che Kirchen und Schulen wurden geschlossen. Dem
wirklich dachten. Und ich bin sicher, daß sie gute Strafrechtsgesetz von 1991 zufolge steht für Muslime
Gründe dafür anführen konnten, daß sie nicht offen der Abfall vom Glauben unter Todesstrafe.
sprachen. Indem sie mit ihren Äußerungen vorsichtig
waren, konnten sie wenigstens ihre Befugnis bewah- Wie wir wissen, ist in Kuba die Zeit stehengeblieben.
ren, als religiöse Führer zu fungieren - auch, wenn sie Der Personenkult, der andernorts ausgestorben ist, ist
dies nur innerhab der genehmigten Grenzen tun konnten. dort nach wie vor sehr lebendig und de facto Staatsreligion. In ihrem Programm der Unterdrückung traditioVor sieben Jahren, als ich die Ehre hatte, vor dieser neller Religionen haben Agenten des staatlichen SiKommission zur Unterstützung der Einrichtung des cherheitsdienstes die katholischen Bischöfe empört,
Amts eines Berichterstatters über religiöse Intoleranz indem sie Gottesdienste infiltriert und selbst während
Stellung zu nehmen, widersetzten sich uns fünf Mit- der Messe Verhaftungen vorgenommen haben. Kuba
gliedstaaten dieser Kommission. Einer davon, die verbietet darüber hinaus religiöse Schulen, Priestersesogenannte Deutsche Demokratische Republik, ist für minare, kirchliche Krankenhäuser, die Einhaltung reliimmer verschwunden. Die meisten anderen haben giöser Feiertage und kirchliche Medien oder unterwirft
dramatische Veränderungen durchlebt, die den Status sie strengen Beschränkungen. Diejenigen, die gegen
der Religion in diesen Ländern und anderen, die mit diese Einschränkungen protestieren, wurden bedroht.
ihnen eng verbunden waren, substantiell verändert

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AMERIKA DIENST 8

�Andere Probleme bestehen in einer zweiten Kategorie bringen. Er hat ein solides Fundament gelegt, auf dem
von Ländern, die der freien Ausübung der in Artikel 18 wir alle nun aufbauen können. Mit Blick auf die Zukunft
garantierten Rechte Beschränkungen auferlegen.
sollten wir den Berichterstatter ermächtigen, seine
Zuständigkeit durch Bemühungen zur Problemlösung
In diesen Ländern werden Anhänger von Religionen, zu ergänzen.
die nicht offiziell sanktioniert sind, verschiedenen Formen
der Einschränkung und Belästigung unterworfen. In Situationen, die in die dritte der von mir bereits erwähneinigen Fällen dürfen sie vielleicht nicht öffentlich ten Kategorien fallen, könnten sich für das Engagebeten und sind häufigen Diskriminierungen in bezug ment eines Berichterstatters und des UN-Systems
auf Reisefreiheit, Bildungsmöglichkeiten oder Arbeits- besonders anbieten. Wie wir auch in anderen Gremien
suche ausgesetzt. Ihre Gotteshäuser und Archive zu empfehlen beabsichtigen, empfehlen wir hier, daß
können zerstört wer den und Konvertiten, die zu mißbil- unter Einsatz der bestehenden UN-Ressourcen das
ligten Religionen übergetreten sind, werden schroff Menschenrechtszentrum befähigt wird, unter der Aufbehandelt.
sicht des Berichterstatters Programme zu entwickeln,
um Menschen unterschiedlichen Glaubens zusamSo werden in China Gläubige eingesperrt, gefoltert menzubringen und das gegenseitige Verständnis zu
und diskriminiert, weil sie in Untergrundkirchen beten, fördern.
Bibeln und religiöse Literatur besitzen, Religionsunterricht abhalten oder Bischofskonferenzen, Hauskirchen Ich möchte betonen, daß es Zeiten gibt, in denen es
und andere Vereinigungen bilden, die religiöse Aktivi- notwendig ist, Namen zu nennen und Regierungen
täten ohne staatliche Genehmigung organisieren. Einige bloßzustellen, die in klarer Verletzung der Allgemeinen
chinesische Christen werden in "Umerziehungslagern" Erklärung gehandelt haben. Es gibt andere Zeiten, in
interniert, wo sie wegen ihrer unabhängigen religiösen denen unser Berichterstatter ernste vertrauliche GeAktivitäten Strafen sowie grausame Versuche zur spräche mit Regierungen in der Hoffnung führen kann,
Umformung ihres Gewissens erdulden müssen.
Veränderungen bei restriktiven Praktiken zu bewirken.
Und dann - was am wichtigsten ist - gibt es MöglichkeiUnd dann gibt es die dritte Kategorie, die der sponta- ten für das Menschenrechtszentrum, einer Regierung
nen Gewaltausbrüche zwischen religiösen Gruppen, konkrete Hilfe zur Verfügung zu stellen, die an solcher
die sich nicht auf staatliche Politik gründen, sondern Hilfe ernsthaft interessiert ist, um religiöse Auseinanauf einen Fanatismus, der Anhänger einer Religion dersetzungen zu beenden. In dieser postleninistidazu veranlaßt, Tod und Zerstörung unter den Anhän- schen Ära gibt es für die UNO vielfältige Möglichkeiten,
gern einer anderen Religion anzurichten.
um die Ziele zu erlangen, die die Begründer 1945 im
Sinn hatten, die uns jedoch viele Jahrzehnte lang
Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um Dr. Ribeiro
unseren Dank abzustatten, der als Berichterstatter in entgangen sind. Jetzt ist es an der Zeit, Fortschritte zu
den vergangenen sieben Jahren mühsame Arbeit machen. Und die Religionsfreiheit ist in der Tat eine
geleistet hat, um die Bemühungen der Vereinten Na- Sache, die es wert ist, daß wir dabei Fortschritte
tionen im Bereich der Religionsfreiheit auf den Weg zu erzielen.
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�TECHNOLOGIE
24. Februar 1993

CLINTON ENTWIRFT TECHNOLOGIEPROGRAMM
Zusammenfassung des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat seine neue nationale Technologiepolitik vorgestellt, die ihm zufolge
auf der Erkenntnis basiert, "daß die Regierung eine Schlüsselrolle dabei spielen kann, privaten Unternehmen bei
ihrer Entwicklung und bei Innovationen zu helfen."
Sein neues, am 22. Februar 1993 veröffentlichtes Programm stellt Technologien in den Mittelpunkt, die "für
moderne Unternehmen und eine im Wachstum begriffene Wirtschaft von entscheidender Bedeutung sind,
beispielsweise Information und Kommunikation, flexible Verarbeitung und Umwelttechnologien", während es
sich gleichzeitig der Grundlagenforschung verpflichtet. Auch zielt es auf "eine engere partnerschaftliche
Zusammenarbeit" der Industrie, der Beschäftigten, der Universitäten, der Bundesregierung und der Regierungen
der Bundesstaaten bei der technologischen Entwicklung ab.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Weißen Haus erstellte Zusammenfassung des Programms.

Ein neuer Kurs

der Erkenntnis, daß die Regierung eine Schlüsselrolle
dabei spielen kann, privaten Unternehmen bei ihrer
Entwicklung und bei Innovationen zu helfen.

Technologische Investitionen sind Investitionen in
Amerikas Zukunft: Eine im Wachstum begriffene
Wirtschaft mit besser ausgebildeten und besser be- Wir müssen einen neuen Kurs einschlagen:
zahlten Arbeitnehmern, eine sauberere Umwelt, in der
Die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen
Energieeinsparung die Gewinne erhöht und die VerIndustrie erhöhen und Arbeitsplätze schaffen;
schmutzung senkt, ein stärkerer, konkurrenzfähigerer
Privatsektor, der die führende Rolle der Vereinigten
ein wirtschaftliches Umfeld schaffen, in dem
Staaten auf den wichtigen Weltmärkten erhalten kann,
technologische Innovation blühen und gedeihen
ein Bildungs- und Ausbildungssystem, das jeden Schüler
kann und es neue Ideen für Investitionen gibt;
und Studenten fordert, ein hervorragender Forschungsund Technologiebereich, der sich nicht nur mit unserer
die koordinierte Handhabung von Technologie
nationalen Sicherheit, sondern auch mit unserer Lebensin der gesamten Regierung sicherstellen;
qualität befaßt.
eine engere partnerschaftliche ZusammenarAmerikanische Technologie muß einen neuen Kurs
beit zwischen der Industrie, der Bundesregieeinschlagen, um wirtschaftliche Stärke und Wirtschaftsrung, den Regierungen der Bundesstaaten, den
wachstum zu fördern. Die traditionelle Rolle der BunBeschäftigten und den Universitäten herbeifühdesregierung im Bereich der technologischen Entren;
wicklung beschränkte sich auf die Unterstützung der
den Schwerpunkt unserer nationalen BemüGrundlagenforschung und aufgabenorientierte Forhungen im Technologiebereich auf moderne
schung im Verteidigungsministerium, der NASA und
Unternehmen und eine wachsende Wirtschaft
anderen Behörden. Diese Strategie war für die vorige
legen,
beispielsweise den Informations- und
Generation angemessen, aber sie wird nicht den
Kommunikationsbereich,
flexible Verarbeitung
enormen Herausforderungen der heutigen Zeit geund
Umwelttechnologien
sowie
recht. Wir können uns nicht auf die wahllose Anwendung der Verteidigungstechnologie auf den Privatsekunser Engangement für die Grundlagenforschung
tor beschränken. Wir müssen gezielt auf diese neuen
erneut bekräftigen, die letzlich die Grundlage für
Herausforderungen antworten und uns auf die in unsejede Art von technologischem Fortschritt darrer Reichweite liegenden Chancen konzentrieren in
steift.

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Seite 1

�Für das amerikanische Volk
Am wichtigsten für unseren Erfolg wird unsere Fähigkeit sein, im Leben des amerikanischen Volkes etwas
zu bewirken, unsderTechnologiezu bedienen, um das
Leben unserer Bürger zu verbessern und die Wirtschaftskraft unserer Nation zu erhöhen.
Wir haben einen neuen Kurs eingeschlagen, der von
der Erkenntnis ausgeht, daß die Technologie ein langfristiges Wirtschaftswachstum beleben und erhalten
soll, das hochwertige Arbeitsplätze schafft und unsere
Umwelt schützt.
Wir haben einen neuen Kurs eingeschlagen, um ein
Aus- und Weiterbildungssystem zu schaffen, das die
amerikanischen Arbeitnehmer dazu motiviert, ihre
Fähigkeiten den Anforderungen einer schnellebigen
Wirtschaft anzugleichen, und den Schülern und Studenten den Anreiz dazu gibt, über das Klassenzimmer
oder den Hörsaal hinaus nach Mitteln zu suchen.
Wir haben einen neuen Kurs eingeschlagen, um unsere Fähigkeit, Informationen schnellerund übergrößere
Distanz zu übermitteln, entscheidend zu verbessern,
um unsere Verkehrssysteme, unsere Gesundheitsfürsorge und sogar die Fähigkeit unseres Militärs zu
verbessern, schnell und entschieden auf jede Bedrohung unserer nationalen Sicherheit zu reagieren.

lohnenden Arbeitsplätzen für eine große Zahl
von Arbeitnehmern führen wird;
die Beschleunigung der Entwicklung von Technologien, die die Produktivität erhöhen und gleichzeitig die negativen Folgen der wirtschaftlichen
Aktivität für die örtliche, regionale und globale
Umwelt mildern;
die Verbesserung der Fähigkeiten amerikanischer Arbeitnehmer durch die Erhöhung der
Produktivität und die Erleichterung des Zugangs
zu Aus- und Weiterbildung;
die Reaktion auf die wirklichen Bedürfnisse
amerikanischer Unternehmen, die durch ihre
Bereitschaft dargelegt wird, sich an den Forschungskosten und der Planung der Maßnahmen zu beteiligen;
die Unterstützung der Gemeinschaften oder
Gruppen von Benachteiligten in den Vereinigten
Staaten oder im Ausland, die nicht in den Genuß
von technologiegestütztem Wirtschaftswachstum gekommen sind;
die Erleichterung des Zugangs der Vereinigten
Staaten zu ausländischer Forschung und Technologie, die Verbesserung derZusammenarbeit
bei globalen Problemen oder bei amerikanischen Erfolgen auf technologieverbundenen
ausländischen Märkten.

In der heutigen Zeit ist die Technologie auch für einen
effizienten landwirtschaftlichen Betrieb von Bedeutung, sowie für den Nahrungsmitteleinzelhandel, der
eine Vielzahl von kostenkünstigen, gesunden Nah- Ziele im Bereich der Technologie
rungsmitteln liefert, für die Bauindustrie, die hochwerDie vor uns liegende Herausforderung erfordert, daß
tige, erschwingliche Wohnungen baut, und den Enerwir uns Ziele setzen und uns darauf konzentrieren:
giesektor, derein Gleichgewicht zwischen Energieeinsparung und sauberen, preisgünstigen und wirksamen
Langfristiges Wirtschaftswachstum zur SchafEnergiequellen findet.
fung von Arbeitsplätzen und zum Schutz unserer Umwelt;
Neue Kriterien
eine effektivere Regierung, die stärker auf die
Wir werden unsere Maßstäbe hoch ansetzen und
Bedürfnisse ihrer Bürger reagiert;
einen klaren Blick behalten. Die beste Technologiepolitik setzt die kreativen Energien der Erfinder in der
eine Führungsrolle in der Welt in den Bereichen
gesamten Wirtschaft durch die Schaffung eines MarkGrundlagenforschung, Mathematik und Techtes frei, der Erfindungs- und Unternehmergeist benik.
lohnt. Wir wollen die Entwicklung ziviler Technologien
durch die Anwendung neuer Kriterien beschleunigen: Wir haben die Mittel, Innovationen anzuregen, die
Wirtschaftswachstum herbeiführen und uns bei der
Beschleunigung der Entwicklung von Technolo- Erreichung unserer wichtigen Ziele helfen. Im Vordergien, die für langfristiges Wirtschaftswachstum grund steht eine gesunde Haushaltspolitik, die das
entscheidend sind, jedoch von der Privatwirt- Haushaltsdefizit der Regierung abbaut und die Zinsschaft keine ausreichende Unterstützung erfah- sätze senkt. Aber das reicht nicht immer aus. Wir
ren, entweder weil Erträge erst in ferner Zukunft müssen uns auch folgenden Gebieten widmen:
erzielt werden, oder weil die erforderlichen
Steuervergünstigungen und andere haushaltsGeldmengen nicht von einzelnen Unternehmen
politische Maßnahmen für Forschung und Exaufgebracht werden können;
perimentieren, um ein Innovationen und Investidie Ermutigung eines Musters der Wirtschaftstionen förderliches Umwelt zu schaffen;
entwicklung, das möglicherweise zu sicheren,

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AMERIKA DIENST 8

�unseren Investitionen zu erzielen und um sicherzustellen, daß Steuern, Steuerungs- und andere Maßnahmen unsere Anstrengungen unterstützen und nicht
Steuerungsmaßnahmen, die Anreize für Inno- zunichte machen, ist ein gutes Management von größvationen geben und soziale Ziele wirksam errei- ter Bedeutung.
chen;
Wir nehmen weitreichende Veränderungen vor:
Aus- und Weiterbildungsprogramme, um allen
In Zusammenarbeit mit Vizepräsident Gore wird
Amerikanern ständige Lernmöglichkeiten zu
ein neu gestärktes Büro für Wissenschafts- und
geben;
Technologiepolitik bei der Entwicklung von
Unterstützung privater Forschung und EntwickMaßnahmen in den Bereichen Wissenschaft
lung durch Forschungspartnerschaften und
und Technologie führend sein und sich des
andere Mechanismen, um dort die technologiNationalen Koordinationsrates für Wissenschaft,
sche Entwicklung zu beschleunigen, wo die
Technik und Technologie bedienen, sowie anderer
Marktmechanismen keine ausreichende GegenMittel, um F&amp;E-Programme der Bundesbehörleistung für die Investitionen der Nation geben;
den zu koordinieren.
eine Handelspolitik, die offenen, aber fairen
Handel ermutigt;

Unterstützung für unter Vertrag stehende Forschungs- und Entwicklungszentren und erweiterte Verarbeitungszentren, die kleineren Unternehmen einfachen Zugang zu technischen
Innovationen und Know-how geben können;
Förderung der nationalen Telekommunikationsinfrastruktur und anderer Informationsinfrastruktur, die für die wirtschaftliche Weiterentwicklung
von Bedeutung sind;
Beschaffungsstrategien des Verteidigungsministeriums and anderer Bundesbehörden zur
Unterstützung neuer Märkte für innovative Produkte und Dienstleistungen, die der Erreichung
der nationalen Ziele dienen;
große und anhaltende Unterstützung der Grundlagenforschung, um die Quelle künftiger Innovationen zu schützen;

Der neue Nationale Wirtschaftsrat wird die Einführung der neuen Politik überwachen und ein
Forum für die Koordinierung der Technologiepolitik mit der Steuer-, Handels-, Richtlinien-,
Wirtschaftspolitik und anderen wirtschaftlichen
Sektoren darstellen.
Wir bewegen uns von der traditionellen, aufgabenorientierten F&amp;E hin zu Investitionen, die speziell darauf
ausgerichtet sind, Amerikas industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und Arbeitsplätze zu schaffen.
Bei diesem Prozeß müssen wir besonders darauf
achten, Prioritäten zu setzen. In vielen Fällen wird es
erforderlich sein, von den Partnern aus der Privatwirtschaft eine Kostenbeteiligung zu verlangen. In allen
Fällen wird es für unsere Regierung von entscheidender Bedeutung sein, daß sie mit der Wirtschafts- und
der Arbeitswelt eng zusammenarbeitet.

Unsere Initiative im Bereich der modernen Herstelinternationale Projekte zur Zusammenarbeit in lungstechnologien wird keinen Erfolg haben, wenn uns
Wissenschaft und Technologie, u m den Zugang der Privatsektor nicht darüber informiert, welche techder Vereinigten Staaten zu Forschung und nischen Bereiche am wichtigsten sind.
Technologie im Ausland zu verbessern, zur
Bewältigung globaler Probleme beizutragen und Wir werden eine Überprüfung von Gesetzen und Vordie Grundlage für die Vermarktung amerikani- schriften durchführen, etwa des Gesetzes über den
scher Güter und Dienstleistungen zu schaffen; Bundesberatungsausschuß (Federal Advisory Committee Act) sowie Vorschriften im Hinblick auf InteresForschungs- und Entwicklungsprogramme des senkonflikte, um zu bestimmen, ob zur Stärkung von
Verteidigungsministeriums zur dualen Nutzung Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen Staat
und Industrie Veränderungen erforderlich sind.
anzubieten;
nationale Nutzereinrichtungen, die hochentwikkelte Forschungsgeräte, beispielsweise Synchrotronstrahlung und Neutronenstrahlgeräte einer Vielzahl von Forschungsorganisationen zur
Verfügung stellen.

Wir werden darüber hinaus eng mit dem Kongreß
zusammenarbeiten, um die 'Zweckbestimmung' von
Mitteln für Wissenschaft und Technologie zu verhindern. Prüfung durch Fachleute und leistungsorientierter Wettbewerb sind entscheidend für den Erfolg einer
jeden Wissenschafts- und Technologiepolitik.

Wirtschaftswachstum durch Technologie
Eine Neuorientierung der amerikanischen Wissenschafts- und Technologieprogramme erfordert umfassende Änderungen unserer jetzigen Anstrengungen in
diesem Bereich. Um die größtmöglichen Erträge aus
AMERIKA DIENST 8

Die effektive Leitung der Technologiepolitik erfordert
darüber hinaus eine wirksame Partnerschaft zwischen
der Bundesregierung und den Regierungen der Bundesstaaten. Die Bundesstaaten haben bei vielen
Programmen Pionierarbeit geleistet, um Entwicklung
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�und Marktreife von Technologien zu beschleunigen.
Unsere Bemühungen sollten auf diesen Programmen
aufbauen.

Konzipierung einer nationalen Kommunikationspolrtik arbeitet, die eine rasche Einführung neuer
Kommunikationstechnologien gewährleistet.

Jedes Technologieprogramm des Bundes, auch die seit langem bestehenden, werden regelmäßig im Lichte bereits vorhandener Kriterien bewertet werden, um
zu entscheiden, ob sie Teil eines nationalen Programms bleiben sollten. Wichtige Veränderungen, vor
denen unsere Wirtschaft steht, erfordern eine tiefgehende Überprüfung von Technologieprogrammen. Dies
gilt besonders heute, da wir in unserer Technologie
neue Bemühungen in Angriff nehmen und einen neuen
Schwerpunkt für das Wirtschaftswachstum Amerikas
setzen.

Beschleunigte Investitionen in moderne Herstellungstechnologien, die die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie fördern
und die Fähigkeiten der Arbeitnehmer ausschöpfen, anstatt sie zu verringern.
Wiederherstellung der technologischen Führerschaft und Konkurrenzfähigkeit der amerikanischen Automobilindustrie durch ein bedeutendes neues Programm, um der Industrie zu helfen, entscheidende neue Technologien zu entwickeln, die die umweltbelastenden Gefahren
der Automobilnutzung soweit wie möglich neutralisieren und mit heimischen Treibstoffen betrieben werden können und die Entwicklung
einer neuen Generation von Automobilen fördern.

Der Aufbau der wirtschaftlichen Stärke Amerikas:
Neue Initiativen
Die vor uns liegenden Herausforderungen - von unseren Konkurrenten im Ausland und unseren Bürgern im
Inland - erfordern dramatische Innovationen und kühne Maßnahmen, die nicht nur heute unsere Wirtschaft
wiederbeleben, sondern auch sicherstellen werden,
daß unsere Wirtschaft bis weit in die Zukunft wächst.
Der Aufbau der wirtschaftlichen Stärke Amerikas durch
Technologie erfordert neue Initiativen, die diese Herausforderungen effektiv, effizient und kreativ bewältigen.

Verbesserte Technologie für Aus- und Fortbildung durch Unterstützung der Entwicklung und
Einführung von Computer- und Kommunikationsausrüstung sowie Software, die die Lernproduktivität in gewöhnlicher schulischer Umgebung, einer Vielzahl von Ausbildungseinrichtungen der Wirtschaft sowie zu Hause erhöhen
können.

Die permanente Erweiterung der Steuervergünstigungen für Forschung und Experimente, um die Anreize für Forschungs- und Experimentalarbeit zu erhalten, die für Neuentwicklungen so
unerläßlich sind.

Investitionen in energiesparende Bundesbauten, um verschwenderische Energieausgaben
zu verringern und zur Einführung innovativer,
energiesparender Technologien zu ermutigen.

Investitionen in eine neue nationale Informationsinfrastruktur und die Einsetzung einer Arbeitsgruppe, die mit dem Privatsektor an der
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AMERIKA DIENST 8

�HANDEL
24. Februar 1993

KANTOR NENNT WACHSENDES
HANDELSDEFIZIT ERNÜCHTERND
Bezeichnet Exporte als "enorm konkurrenzfähig"
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Erklärung des US-Handelsbeauftragten Mickey
Kantor vom 18. Februar 1993 zu den neuesten amerikanischen Handelszahlen.
Heute morgen hat das Wirtschaftsministerium bekanntgegeben, daß das Handelsdefizit im Jahr 1992
auf 84,3 Milliarden Dollar gestiegen ist - eine ungeheure Zunahme von 29 Prozent gegenüber dem Defizit
von 1991. Damit ist das Handelsdefizit zum ersten Mal
seit 1987 wieder gewachsen. Die Importe erreichten
im Dezember einen historischen Höchststand.
Diese ernüchternde Nachricht unterstreicht die Dringlichkeit des Wirtschaftsprogramms des Präsidenten.
Sie wirft ein weiteres Schlaglicht auf das von ihm
beschriebene Problem. Solange wir zuwenig investieren, solange wir das Haushaltsdefizit vernachlässigen,
solange wir es versäumen, den natürlichen schöpferischen Elan dieses Landes zu stimulieren, werden wir
weiterhin Handelsdefizite verzeichnen und Amerikaner in Untätigkeit halten.
Die gute Nachricht in diesem düsteren Bild lautet, daß
amerikanische Exporte, wenn man ihnen eine vernünftige Chance läßt, enorm konkurrenzfähig sind. Wo die
Marktöffnung erfolgreich war, haben die Exporte stark
zugenommen. Dies zeigt, daß unser Exportpotential
ein Instrument der wirtschaftlichen Erholung ist, das
nur darauf wartet, eingesetzt zu werden.
Besonders für kleine und mittlere Unternehmen sind
die Aussichten vielversprechend. Gegenwärtig werden 85 Prozent unserer Exporte von nur 15 Prozent
der amerikanischen Firmen verzeichnet. Man stelle
sich das Potential vor, wenn mehr Unternehmen am
Weltmarkt teilhaben können.

und die Steigerung der Effizienz anzukurbeln. Von
besonderer Bedeutung für die Exporte sind erweiterte
Ausbildungsmöglichkeiten für Arbeitnehmer und ein
besseres Bildungswesen. Investitionen in den Menschen bedeuten wettbewerbsfähigere Produkte.
Wettbewerbsfähigere Produkte bedeuten zusätzliche
Exporte, höhere Löhne und zusätzliches Einkommen
für Amerikaner.
Der Verkauf dieser konkurrenzfähigen Produkte im
Ausland erfordert jedoch marktöffnende Maßnahmen,
die durch eine rigorose Anwendung der amerikanischen Handelsgesetze unterstützt werden.
In diesem Zusammenhang bedürfen Japan und China
der besonderen Erwähnung. Die Aushöhlung unserer
Handelsposition gegenüber Japan ist äußerst besorgniserregend. Im Jahr 1992 wurden vier Jahre der
Verbesserungen in der amerikanisch-japanischen
Handelsbilanz zunichte gemacht. Unsere Ausfuhren
nach Japan gingen real zurück, während unsere Importe um 6 Prozent kletterten. Ich weiß, daß dies
teilweise auf die Konjunkturschwäche in Japan zurückzuführen ist. Anstatt sich zur Bekämpfung der Rezession auf Exporte zu stützen, fordere ich die japanische
Regierung auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun,
um die wirtschaftliche Erholung im Inland anzukurbeln
- ebenso, wie wir uns den Problemen hier im Lande
stellen.

Gegenüber China ist die Verschlechterung unserer
Handelsposition noch wesentlich dramatischer: Das
Wachstum der Einfuhren aus China überstieg das
An diesem Punkt setzt das Programm des Präsidenten unserer Ausfuhren nach China im Verhältnis von nahezu
an. Eine Reihe der vom Präsidenten angekündigten 2 z u 1 .
Initiativen wird unsere Wettbewerbsfähigkeit erheblich
steigern. Der Abbau des Defizits wird die Zinssätze Diese Administration beabsichtigt, beide Regierungen
senken und Kapital für produktivere Zwecke freiset- zu drängen, die uns gegenüber eingegangenen Verzen. Die Gewährung von Steuervergünstigungen für pflichtungen zu erfüllen und ihre Märkte für unsere
Investitionen wird dazu beitragen, die Modernisierung Erzeugnisse zu öffnen.
AMERIKA DIENST 8

Seite 1

�Bei einer Ausdehnung des Handels gibt es nur Gewinner. Es ist wieder und wieder bewiesen worden, daß
Länder, die miteinander einen liberalisierten Handel
pflegen, ein stärkeres Wirtschaftswachstum erzielen
*

Seite 2

als diejenigen, die ihre Grenzen verschlossen halten.
Meine Botschaft an alle unsere Handelspartner lautet,
daß wir alle zusammenarbeiten müssen, um Märkte zu
öffnen und das internationale Handelssystem auszubauen.

* * *

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AMERIKA DIENST 8

�FRAUEN
24. Februar 1993

AMERIKANISCHE FRAUEN IN DEN NEUNZIGER
JAHREN: NEUE PLÄTZE SICHERN
von Denise Hyland
Für Frauen fast jeder Berufssparte wurden die Türen auf dem Arbeitsmarkt weit geöffnet, da Frauen in den
neunziger Jahren 45 Prozent der Erwerbsbevölkerung ausmachen, schreibt Denise Hyland in ihrem Überblick
über Frauen in der Gesellschaft. Die Autorin ist freiberufliche Schriftstellerin und lebt in Rochester (New York).

Als die Geschäftsfrau Feiice Schwartz vor 30 Jahren
versuchte, amerikanische Geschäftsleute davon zu
überzeugen, Hausfrauen einzustellen, ging niemand
darauf ein. "In den sechziger Jahren bekam ich nicht
einmal einen Termin beim Assistenten des Assistenten in der Personalabteilung", erinnert sich Schwartz.
"Diese Männer hielten Frauen in der Erwerbsbevölkerung für überflüssig."

Von noch größerer Bedeutung ist, daß die amerikanische Frau im Laufe der letzten 30 Jahre von den
niedrigeren Ebenen der akademischen Berufe und
Unternehmen in Positionen mit Macht und Verantwortung aufgestiegen sind. Dem BLS zufolge waren 1991
40,6 Prozent der Führungskräfte, Manager und Mitglieder der freien Berufe Frauen - verglichen mit 19,8
Prozent im Jahr 1972.

Heute stellen die 53,6 Millionen berufstätiger Frauen in
den Vereinigten Staaten 45 Prozent der Erwerbsbevölkerung (die Berufstätigen und Arbeitssuchenden).
Die Türen stehen jetzt weit offen.

Obwohl nicht alle Bereiche fruchtbaren Boden für
weibliche Füße darstellen - insbesondere die allerhöchsten Positionen in Unternehmen, den freien Berufen und im Management - durchbrechen Frauen weiterhin Hindemisse auf ihrem Weg nach oben.

"Heute hatte ich eine Besprechung mit acht weiblichen
Vorstandsvorsitzenden in Chicago", erklärt Schwartz,
die Begründerin und Präsidentin von Catalyst, einer
gemeinnützigen Bildungs- und Forschungsgruppe mit
Sitz in New York. "Die Zeiten, in denen Frauen
überflüssig waren, gehören der Vergangenheit an.
Frauen sind ein wirklich wichtiger Aktivposten."
In der amerikanischen Gesellschaft des Jahres 1992
ist der "Platz" der Frau nahezu überall dort, wo sie sich
hinbegibt, und sie sucht sich selbst die Rolle aus, die
sie spielt. Kinder, Heim und Herd stehen ihrem Herzen
immer noch nahe, aber ihr Kopf ist in der Lage, sich
auch mit anderen Dingen zu befassen.
Die Befreiungsbewegung der sechziger und siebziger
Jahre zusammen mit der Inflation und einem steigenden Bruttosozialprodukt haben eine nie dagewesene
Zahl von Frauen aus ihrem Heim geholt. 1960 gab es
23 Millionen erwerbstätiger Frauen. 1970 war die Zahl
dem Büro für Arbeitsstatistik des Arbeitsministeriums
(Bureau of Labor Statistics - BLS) zufolge auf 31,5
Millionen gestiegen, 1980 hatte sie sich auf nahezu
45,5 Millionen verdoppelt.

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"Es gibt kein Gebiet mehr, auf dem Frauen nicht tätig
sind. Es gibt keine Spitzenposition mehr..., für die
Frauen nicht in Betracht gezogen werden", stellt Schwartz
fest, die vor kurzem die Vereinigten Staaten bereiste,
um für ihr neuestes Buch Breaking with Tradition:
Women and Work, the New Facts of Life (Der Bruch
mit den Traditionen: Frauen und Arbeit, die neuen
Tatsachen) zu werben.
Ebenso wie die Optionen der amerikanischen Frau
haben sich auch ihre Einflußgebiete vervielfacht.
Praktisch keines der vielversprechenden Berufsfelder
blieb hier unbeeinflußt. Justiz, Bildung- und Ausbildung, die Geschäftswelt, Medizin, die Künste, die
Regierung, die Medien - alle wurden in mehr oder
weniger großem Ausmaß von Frauen verändert.
Managerinnen scheinen auf allen Gebieten ein freundlicheres, sanfteres Arbeitsklima geschaffen zu haben.
"Managerinnen haben oft die ganze Person im Blick
und zeigen bei den Dingen mehr Fingerspitzengefühl,
die von großer Bedeutung sind, beispielsweise die

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�Mitarbeiter zu kennen oder ihnen anerkennend auf den shaw, dem Direktorder Forschungsabteilung des NEA
Rücken zu klopfen", steift Madelyn Jennings, Leiterin zufolge, ist die Repräsentation der Frauen auf allen
der Personalabteilung bei The Gannett Co. Inc. fest.
Gebieten gestiegen.
Gannett gibt 81 Tageszeitungen, einschließlich der
landesweit gelesenen USA Today heraus und besitzt
10 Fernseh- und 15 Radiostationen. Die Anwerbung,
Einstellung und Förderung von Frauen und Minderheiten war seit den achtziger Jahren eine Priorität, als ihr
damals einzigartiges Bonus-Programm die Einstellung von Frauen und Angehörigen von Minderheiten
mit direkten finanziellen Belohnungen verknüpfte. Heute
sind 34 Prozent aller Angestellten und Manager Frauen, verglichen mit 21 Prozent im Jahr 1982.23 Prozent
der Zeitungsredakteure und 30 Prozent ihrer Radiound Femsehdirektoren sind Frauen.
Frauen, die im Besitz wichtiger Informationen sind und
die öffentliche Meinung beeinflussen, haben großen
Einf lu ß auf die Denkweise der Amerikaner. Fragen wie
Kinderbetreuung und Brustkrebs beispielsweise wurde wenig Aufmerksamkeit gezollt, bevor Frauen im
Kommunikationswesen arbeiteten. "Eine vielfältigere
Aufmachung anstelle einer reinen Männerbesetzung
führt zu neuen Einsichten und einem größeren Blickfeld", erklärt Jennings. "Es dient dazu, Informationen
über Frauen und ihre Interessen, Sorgen, Aktivitäten
und Triumphe ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen."
Auch bei den Künsten verbessert sich der Status der
Frau in unterschiedlichen Foren, die es ihnen gestatten, ihren Ansichten Ausdruck zu verleihen. Für die
Filmbrache war 1991 ein hervorragendes Jahr mit
erfolgreichen Produktionen einer Reihe weiblicher
Regisseure, einschließlich Barbra Streisand, Randa
Haines, Lili Fini Zanuck, Martha Collidge und Jodie
Foster. Sogar die mit weniger bekannten Schauspielern besetzten Filme brachten das große Geld: Kathryn Bigelow's aalglatter Bullen-und-Surfer-Thriller Point
Break brachte beim Kartenverkauf 40 Millionen Dollar
ein.

er Künste kommt es heutzutage viel öfter vor, daß Frauen eine lebenslange Karriere verfolgen, anstatt nur zeitweise der arbeitenden
Bevölkerung anzugehören, und die Wahrscheinlichkeit, daß sie dafür ausgebildet sind, ist größer. 1990
beispielsweise legten dem US-Bildungsministerium
zufolge Frauen 532 Prozent der Abschlüsse als Bachelor
of Arts und 52,5 Prozent als Master ab. Das Ministerium prognostiziert, daß in den neunziger Jahren weiterhin mehr Frauen als Männer einen akademischen
Grad erwerben.
In den frühen Jahren beschränkten sich die für Frauen
offenen Gebiete auf die traditionellen Frauenberufe
Krankenschwester, Lehrerin, Haushaltshilfe und Sekretärin.
Im Jahr 1964 verabschiedete der amerikanische Kongreß
einen Zusatzartikel zur Verfassung - Titel VII des
Bürgerrechtsgesetzes - , der einen Meilenstein darstellte und Diskriminierung in der Arbeitswelt, im Bildungsbereich und auf dem Wohnungsmarkt aufgrund
von Geschlecht, Rasse, Religion oder nationaler Herkunft verbot. Ein anderer Teil des Zusatzartikels
erklärte Diskriminierung aufgrund von Schwangerschaft,
Geburt oder im Zusammenhang damit stehenden
medizinischen Umständen für ungesetzlich. Es wurde
die Kommission für berufliche Chancengleichheit (Equal
Employment Opportunity Commission - EEOC) ins
Leben gerufen, die Beschwerden entgegennahm und
den Arbeitgebern Richtlinien gab.

Präsident Lyndon Johnson ging 1965 mit seinem
Präsidialerlaß 11246 mehrere Schritte weiterund setzte "Gleichstellung" als ein Mittel ein, um Bildungs- und
Anstellungsmöglichkeiten für Angehörige von Minderheiten und später auch für Frauen zu verbessern. Von
den Unternehmern wurden Gleichstellungspläne verFrauen hinter der Kamera sind etwas verhältnismäßig langt, und zu ihrer Überwachung wurde das Office of
Neues. Von den 7.332 zwischen 1939 und 1979 in Federal Contract Compliance Programs eingerichtet.
Hollywood gedrehten Spielfilmen standen nur 14 - das Die Lieferanten der amerikanischen Regierung mußsind 0,2 Prozent - unter der Regie einer Frau, so die ten sich hieran halten oder gingen das Risiko ein, ihren
Vereinigung amerikanischer Regisseure, die 1981 einen Kunden zu verlieren.
Lenkungsausschuß für Frauen ins Leben rief. Den
Statistiken der Vereinigung zufolge führen Frauen zur Die Regierung wurde auf jeder Ebene schnell tätig, um
Zeit bei ungefähr fünf Prozent der Hollywoodfilme diesen Auftrag in die Tat umzusetzen. Die Zahl der im
Dienste der amerikanischen Regierung beschäftigten
Regie.
Frauen stieg dem BLS zufolge von 2,9 Millionen im
Die Zahlen des BLS und der Nationalen Stiftung für die Jahr 1964 auf 6,7 Millionen im Jahr 1988 rapide an. Auf
Künste (National Endowment for the Arts - NEA) zur der Ebene der Bundesstaaten erhöhte sie sich von 8,7
Beschäftigung zeigen, daß 34 Prozent aller Schau- auf 25,6 Millionen, auf Gemeindeebene von 9,6 auf
spielerund Regisseure Frauen sind, sowie 31 Prozent 17,4 Millionen. Dieser Anstieg war größer als der in
der Musiker und Komponisten, 89 Prozent der Tänzer, jedem anderen Beschäftigungszweig während dieses
55 der Bildhauer und Maler, 53 der Designer, 54 der Zeitraums, abgesehen vom Einzelhandel. Es ist äußerst
Autoren, 23 der Photographen, 22 der Femseh- und passend, daß dem Arbeitsministerium unter der letzRadiosprecher und 17 der Architekten. Tom Brad- ten Administration eine Frau vorstand - Ministerin Lynn

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�Martin. JanetNorwood, die vor kurzem als Kommissa- Bundesrichter und 8,5 Prozent der Richter an den
rin des BLS ihren Abschied nahm, hatte dieses Amt 13 Gerichten der Bundesstaaten Frauen waren.
Jahre lang innegehabt.
"Das Justizwesen eröffnet Frauen gute Berufschan1989 war die in Puerto Rico geborene Kinderärztin cen, da man sich nicht länger darüber Sorgen machen
Antonia Novello die 89. Frau, die von Präsident Geor- muß, daß man in eine Männerdomäne kommt", so
ge Bush in eine hohe Verwaltungsposition berufen Ticatch. "Auch suchte ich einen Arbeitsplatz, der
wurde. Als Gesundheitsministerin der Vereinigten Flexibilität anstatt starken Druck bot, da ich Kinder
Staaten bestimmte sie dann die nationale Gesund- habe. Diese Bedingungen erfüllte eine Beschäftigung
heitspolitik.
mit Familienrecht in einer kleineren Kanzlei."
In ein Amt gewählt zu werden, hat sich für Frauen als
Herausforderung erwiesen, der sie begegnen, da immer
mehr von ihnen politisches Bewußtsein entwickeln.
Seit den Wahlen vom November 1992 haben 54 Frauen oder 10 Prozent einen Sitz im 535köpfigen USKongreß inne -1975 waren es nur vier Prozent...

Die in früheren Zeiten männliche Bastion der Medizin
wird aufgrund der zunehmenden Zahl der Frauen in
diesem Bereich und der Bemühungen, sie dort zu
behalten, immer flexibler. "Da immer mehr Frauen in
die Medizin drängen, erfolgt eine stärkere Identifizierung und Beschäftigung mit Fragen, die für Frauen
wichtig sind: Arbeit und Familie miteinander zu vereiSechzig Frauen haben landesweit 18 Prozent der nen, Rollenmodelle, Belästigung am Arbeitsplatz und
Wahlämter inne, verglichen mit 10 Prozent im Jahr Mutterschaftsurlaub", erklärt Phyllis Kopriva, Direkto1975. Unter ihnen sind drei Gouverneurinnen - Joan rin der Vereinigung Frauen in medizinischen Berufen,
Finney aus Kansas, Barbara Roberts aus Oregon und die dem Amerikanischen Ärztebund (AMA) angehört.
Ann Richard aus Texas, die alle 1990 neu gewählt
wurden. Zusätzlich haben Frauen 18,4 Prozent der Die Kinderärztin Kari Bovenzi, die 1990 an der mediziSitze in den Legislativen der Bundesstaaten inne, nischen Fakultät in Albany (New York) ihr Staatsexaverglichen mit 8 Prozent im Jahr 1975. 19 der 100 men ablegte, durfte beispielsweise für die Geburt ihrer
größten amerikanischen Städte werden von Bürger- Töchter Elivia im Jahr 1988 und Charlotte im Jahr 1989
meisterinnen regiert, unter ihnen Sharon Pratt Kelly in jeweils 6 Monate Urlaub nehmen. Auch dehnte sie ihr
der Bundeshauptstadt Washington. (Die o.g. Zahlen erstes Jahr als Assistenzärztin auf zwei Jahre aus und
geben den Stand vor den Wahlen vom November 1992 konnte somit Zeit mit ihren beiden Töchtern verbringen
und sich für die Geburt von Elijah im November 1991
wieder. Anm. d. Red.)
ausruhen. Ich plante meinen Urlaub, bevor ich schwanFolge der Verbesserung des Status der amerikani- ger wurde", so die 30jährige Bovenzi. "Mit meinem
schen Frau war eine Woge des Vertrauens. Für Elaine Plan ging ich dann zum Beauftragten für studentische
Ticatch aus Alexandria (Virginia) war es eine Stelle als Angelegenheiten, der keine Schwierigkeiten machte."
Anwaltsgehilfin nach vier Jahren Collegeausbildung,
die ihr die Augen öffnete.
Die Zahl der Ärztinnen vervierfachte sich zwischen
1970 und 1990 von 25.401 auf 104.194. Prognosen
"Ich arbeitete in einem Unternehmen, dessen ge- der vom Amerikanischen Ärztebund geführten Statischäftsführender Gesellschafter eine Frau war, die stik zufolge werden im Jahr 2010 30 Prozent der Ärzte
Familie hatte", erzählte die 35jährige Ticatch, Ehefrau Frauen sein. 1990 betrug diese Zahl noch 17 Prozent.
und Mutter von zwei Söhnen. "Sie war ein gutes
Beispiel. Ich hatte das Gefühl, es wäre mir möglich, Im Bereich des Sports verliert das Geschlecht heute
selbst Rechtsanwältin zu werden."
zunehmend an Bedeutung, da Frauen durch eigenes
Verdienst zu Berühmtheit gelangen. "Mir wurde geZur Zeit ist Ticatch als Sozius in einer Anwaltskanzlei sagt, daß ich sowohl Männer als auch Frauen inspiriein McLean (Virginia) tätig und gehört damit Zahlen des re", erklärte die Eisschnelläuferin Cathy Turner, die bei
BLS zufolge zu den 146.000 Rechtsanwältinnen - den Winterspielen 1992 eine Gold- und eine Silbermeungefähr 22 Prozent - in den Vereinigten Staaten. daille gewann. "Es gibt Männer, die zu mir aufschauen,
Während 1971 nur 5 Prozent der vor Gericht zugelas- weil ich beschloß, etwas zu tun und es dann auch tat."
senen Rechtsanwälte Frauen waren, stieg dieser Turner bekommt viele Angebote, für Sportartikel
Prozentsatz 1987 auf 36, so eine Studie der amerika- Werbung zu machen. "Sie drängen mich, für Männernischen Rechtsanwaltsvereinigung aus dem Jahr 1988. und Frauenschuhe zu werben," erzählt sie. "Und das
sind wirklich richtig feste Trainingsschuhe, nicht kleine
Der Aufstieg weiblicher Rechtsanwälte in einflußreiweiße Laufschühchen" (Jahrzehntelang haben Frauche Stellungen warbedeutend: 1980 beschäftigten 17
en nur Reklame für Frauenprodukte gemacht).
Prozent der Anwaltskanzleien mindestens eine Frau,
1988 hatten bereits 34 Prozent einen weiblichen Part- "Es gibt immer noch ziemlich wenige bekannte weibliner oder Sozius oder beides. In einer ebenfalls 1988 che Sportlerinnen, die Werbung für Männerprodukte
erstellten Studie der amerikanischen Rechtsanwalts- machen", so Kathryn Reith, Pressesprecherin der
vereinigung wurde festgestellt, daß 9 Prozent der Stiftung für Sportlerinnen. Reith beobachtet jedoch,

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�wie diese Situation sich aufgrund größerer Anerkennung und Legitimität der Aktivitäten von Sportlerinnen
ändert.
Basketball, der populärste Collegesport für Frauen,
wird jetzt landesweit im Fernsehen übertragen. 199091 waren Reith zufolge bereits im zehnten Jahr Zuschauerrekorde zu verzeichnen. 96 Prozent der Colleges unterstützen die Programme für Basketballspielerinnen, und 59 Prozent dieser Mannschaften haben
Trainerinnen.
Reith führt das 20 Jahre andauernde Wachstum beim
Frauensport auf die Bundesgesetzgebung Titel IX
zurück, die 1972geschlechtsbedingte Diskriminierung
bei sportlichen Aktivitäten vom Kindergarten bis zum
College verbot. 1978 gingen 2 Millionen Mädchen in
der Schule sportlichen Aktivitäten nach, verglichen mit
294.000 im Jahr 1972.
"Das Wachstum bei den Mannschaftssportarten anstelle der Einzelsportarten, die traditionsgemäß von
Frauen betrieben werden, hat Frauen sicherlich den
Weg in die Wirtschaft geebnet", so Reith. "Männer
haben gute Teamarbeit vor allem auf dem Spielfeld
und in der Mannschaft erlernt."

daran, ob ich es könnte. Ich war immer der Ansicht, ich
könnte etwas, wenn ich es wirklich will."
Mit dem Erscheinen der ersten Bauarbeiterinnen wurde
ein weiteres Klischee abgebaut. 1991 verdienten
88.000 Frauen oder 1,8 Prozent der gesamten Arbeitnehmer in diesem Bereich ihr Geld auf dem Bau. Ihre
Zahl sank 1986 aufgrund eines landesweiten Auftragsrückgangs im Baugewerbe um 11.000, so der Wirtschaftswissenschaftler Howard Hayghe vom BLS.
Für die Elektromeisterin Deborah Geary aus Rochester (New York), Vorarbeiterin eines 4,5 Millionen
Dollar umfassenden Industrieprojekts, könnte ihre Arbeit
gar nicht passender sein. "Vor 20 Jahren war das
wahrscheinlich mehr eine mit körperlicher Arbeit verbundene Tätigkeit", vermutet Geary, eine zierliche
Person von 54 Kilo. "Jetzt bedienen wir uns der
neuesten Geräte, beispielsweise digitale Biegemaschinen zur Formung verzinkter Stahlrohre. Köpfchen
ist stärker gefragt als Muskeln."

Die 34jährige Geary arbeitet seit 1983 in diesem
Bereich. "Es gab viele Unternehmer, die Angehörige
einer Minderheit oder Frauen lediglich anstellen wollten, um eine Quote zu erfüllen", so Geary. "Aber wenn
man etwas von seiner Arbeit versteht, wird man akzepIm Bereich des nationalen Raumfahrtprogramms wurde tiert. Mein Arbeitgeber (Schuler-Haas Electric Corp.
das Klischee, daß es sich hier um eine Männerdomäne mit Sitz in Rochester) hat mir mehr als genug Aufhandelt, seit Ende der siebziger Jahre abgebaut, so stiegschancen gegeben."
Maureen Yagodka, Direktorin des Bundesfrauenprogramms der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbe- Viele Frauen machen sich sebstständig, um ihre Karriere
hörde NASA. Frauen stellen jetzt 30 Prozent der selbst in die Hand nehmen zu können. "Nahezu 32
Angestellten der NASA, verglichen mit 16,7 Prozent im Prozent aller Kleinunternehmen gehören Frauen", stellt
Jahr 1974.
Lindsay Johnson, Direktorin des Büros für Unternehmerinnen der amerikanischen Vereinigung von Klein"In den sechziger Jahren, als die NASA mit ihrer unternehmern (SBA) fest. Man schätzt, daß vor
Anwerbung begann, gab es 13 hochqualifizierte Frau- Beginn der siebziger Jahre Frauen weniger als 5
en, eine davon eine Pilotin, deren Qualifikationen die Prozent der Unternehmen des Landes besaßen.
des Pioniers unter den Astronauten, John Glenn,
überstieg", erinnert sich Yagodka. "Damals wurde 1991 wurde die Herstellerin chirurgischer Linsen Joann
keine dieser Frauen als potentielle Astronautin in Betracht Schulz die erste Frau, die aus der Hand von Präsident
gezogen... Wir waren einfach noch nicht so weit, daß George Bush den hochangesehenen Preis des SBA
wir uns Frauen im Weltraum vorstellen konnten." 1978 "Kleinunternehmer des Jahres" entgegennahm.
jedoch kündigte die NASA die Einstellung von sechs
Kandidatinnen für Weltraumflüge an, unter ihnen Sally Johnson zufolge hat die unternehmerische Tätigkeit
Ride, die 1983 die erste amerikanische Astronautin von Frauen große Auswirkungen auf die Wirtschaft
gehabt. "Allein 1987 belief sich der Gesamtu msatz auf
wurde.
nahezu 500 Milliarden Dollar. Die Gesamtzahl der
Gegenwärtig hat die Raumfahrtbehörde 17 weibliche Unternehmerinnen ist beträchtlich, und das macht es
und 80 männliche Astronauten, die einer Space-Shutt- anderen auch leichter."
le-Mission zugeordnet sind oder dafür ausgebildet
werden, so Evelyn Thames, Chefin für Öffentlichkeits- Anfangs konzentrierten sich die im Besitz von Frauen
befindlichen Unternehmen auf die schlechter bezahlarbeit der Astronauten.
ten Dienstleistungen und den Einzelhandel. In den
Dr. Mae Jemison, 35, war die erste Schwarze, die als achtziger Jahren war in der Bauwirtschaft und der
Missionsspezialistin für das Raumlabor Spacelab J verarbeitenden Industrie ein starkes Wachstum zu
des STS-47 vorgesehen wurde, das im August 1992 verzeichnen. Die Gesamtgewinne in den von Unterstarten sollte. "Schon als Kind interessierte ich mich nehmerinnen geführten Firmen der Baubranche hafür Naturwissenschaften, Weltraumforschung, Astro- ben sich mehr als vervierfacht, von 4,6 Milliarden 1982
nomie und ähnliches", erklärte Jemison kürzlich in auf 20,3 Milliarden 1987, so das SBA. Die Gewinne der
einem Zeitschrifteninterview. "Ich hatte nie Zweifel Unternehmerinnen in der verarbeitenden Industrie haben
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�sich im selben Zeitraum fast versechsfacht, von 5,3 auf Seilschaften (jede engverbundene Gruppe in der
30,9 Milliarden Dollar.
Gesellschaft, die nur Ihresgleichen Beförderungen
oder Begünstigungen zukommen läßt), die eher dazu
"Wenn die jährlichen Einnahmen bedeutend steigen, neigen, Frauen keine Arbeit zu geben", die Hauptfakzieht man oft den Schluß, daß bestehende Unterneh- toren. Dieses Phänomen wurde als "gläserne Wand"
men stärkerwerden und nicht, daß neue Unternehmen bezeichnet, da es den Aufstieg der Frauen verhindert.
aufgemacht oder geschlossen werden", so Johnson,
die für die von Frauen geführten Unternehmen, die Eine Untersuchung der von der Zeitschrift Fortune
traditionell nicht in der Frauendomäne liegen, in den gekürten 500 führenden Unternehmen Amerikas erneunziger Jahren sogar stärkeres Wachstum progno- gab, daß in fünf von 13 möglichen Sektoren die Anzahl
stiziert.
weiblicher Direktoren die Fünfprozentmarke überstieg:
Bekleidung 6,7 Prozent, Computer 5,2 Prozent, PharAuch im Bereich der Strafverfolgung hat sich die neue mazie 8,1 Prozent, Druck- und Verlagswesen 7,1
Strömung bemerkbar gemacht. Neun Prozent aller Prozent, Seife und Kosmetik 16,8 Prozent. Bei den
amerikanischen Polizisten sind jetzt Frauen, in einigen höheren Positionen gibt es nur zwei Bereiche - BekleiStädten liegt die Quote sogar noch höher. In Madison dung 10,1 sowie Druck und Veröffentlichung 5,1 Pro(Wisconsin) liegt der Prozentsatz beispielsweise bei zent -, die diese Rate erreichen. Die Studie von Dr.
25.
Mary Ann Von Glinow von der University of Southern
California zeigt ganz deutlich, daß nur eine geringe
Die ehemalige Polizeichefin aus Houston (Texas) Eli- Zahl von Frauen in die höchsten Positionen eines
zabeth Watson, Mutter von drei Kindern und die erste Unternehmens aufgestiegen sind.
Frau an der Spitze einer großen städtischen Polizeitruppe ist der Ansicht, daß ihr Geschlecht fürbestimm- Bevölkerungsprognosen haben der Wirtschaft jedoch
te Aspekte ihrer Arbeit auf einzigartige Weise qualifi- einen zwingenden Grund für die Frauenförderung
ziert ist. "Die Arbeit im Polizeiwesen heutzutage gegeben: Für das Jahr 2005 wird ein schrumpfender
erfordert ein beträchtliches Maß an Intelligenz, Kom- Nachschub ausgebildeter amerikanischer Männer
munikationstalent, Sensibilität und diplomatischem vorausgesagt.
Geschick", erklärte sie 1992 in einem Interview für eine
Zeitschrift. "Frauen neigen dazu, sich mehr auf geisti- "Wir tun das und werden das auch weiterhin tun
ges denn auf körperliches Können zu verlassen. Von (Frauen aktiv fördern), nicht nur weil es richtig ist,
diesem Standpunkt aus gesehen entspricht die Arbeit sondern weil es für das Geschäft gut ist", erklärte Paul
im Polizeiwesen auf natürliche Weise ihren Fähigkei- Allaire, Verwaltungsrats- und Vorstandsvorsitzender
von Xerox auf einer Konferenz des Frauennetzwerkes
ten."
von Xerox in New York, an der 800 Frauen teilnahmen.
Nicht alle Bereiche bieten jedoch Karrierechancen.
Die höheren akademischen Posten beispielsweise "Wir wollen die Besten werben und brauchen sie auch
sind immer noch den Männern vorbehalten, insbeson- ... und was die Besten sind, hängt nicht mit Rasse oder
dere die traditionell männlichen Sektoren Wissen- Geschlecht oder Religion zusammen. Das war in der
schaft und Technologie.
Vergangenheit wichtig und wird in Zukunft noch wichtiger werden - wenn es insgesamt weniger gute Res"In den letzten 10 bis 15 Jahren gab es keinen bedeu- sourcen geben wird und ein größerer Teil des Arbeitstenden Anstieg bei der Zahl von Frauen, die eine kräftepotentials aus Frauen und Angehörigen von
Professur auf Lebenszeit an einer naturwissenschaft- Minderheiten bestehen wird."
lichen Fakultät innehaben", so Dr. Margrete Klein, die
das Frauenprogramm der Stiftung für Naturwissen- Zur Zeit sind 32 Prozent der Arbeitskräfte bei Xerox
schaft leitet. Sie stellt fest, daß von allen promovierten Frauen, verglichen mit 26,5 Prozent 1972. Auf der
Mitarbeitern in den Bereichen Naturwissenschaft und Ebene der Abteilungsleiter/Direktoren stellen Frauen
Ingenieurwesen an Universitäten 1960 nur 5 Prozent 10 Prozent.
Frauen waren und fügt hinzu, daß die Zahl heute bei 7
Prozent liegt. Im Gegensatz dazu sind heute 49 Feiice Schwartz, Präsidentin von Catalyst, ist der
Prozent dieser Mitarbeiter Männer in unkündbarer Meinung, daß die "gläserne Wand" notwendigerweise
einstürzen wird, da sich Amerika von einer von verarStellung.
beitender Industrie bestimmten Wirtschaft hin zu einer
Es ist nicht so, als ob sich Frauen nicht für die Natur- Informations- und Dienstleistungsgesellschaft hin
wissenschaften interessiert hätten. Ihr Promot'onsan- bewegt.
teil in Naturwissenschaften und im Ingenieurwesen
stieg nämlich von 8 Prozent im Jahr 1966 auf 27,9 "Die Wirtschaftskapitäne unserer Tage sind grundleProzent 1989 enorm an. Vielmehr sind Klein zufolge gend realistisch: Die Kosten der jetzigen Position von
ein Mangel an entsprechenden Positionen und das Frauen sind einfach zu hoch", erklärt sie. "Wir stehen
Klischee von den Naturwissenschaften als reiner kurz vor einem großen Durchbruch - einer zweiten
Männerciomäne sowie das "Weiterbestehen der alten Revolution am Arbeitsplatz - und Männer und Frauen
gleichermaßen werden letztlich die Sieger sein."
AMERIKA DIENST 8

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                <text>&lt;strong&gt;1. Kriegsverbrechen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Starke Unterstützung der USA für Kriegsverbrechertribunal&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von UNO-Botschafterin Albright im Sicherheitsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Menschenrechte&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA fordern stärkere Unterstützung der UNO für Minderheiten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Geraldine Ferraro bei UNO-Menschenrechtskommission&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Schifter: religiöse Intoleranz nach wie vor schwerwiegendes Problem&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung vor UNO-Menschenrechtskommission&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Technologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton entwirft Technologieprogramm&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zusammenfassung des Weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kantor nennt wachsendes Handelsdefizit ernüchternd&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bezeichnet Exporte als "enorm konkurrenzfähig"&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Frauen in den Neunziger Jahren: neue Plätze sichern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Denise Hyland&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>cimcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

£&gt; £&gt;

&lt;?

f

7

3. März 1993

«9»

WIRTSCHAFT

¥

CLINTON ERLÄUTERT SEINE
INTERNATIONALE WIRTSCHAFTSPOLITIK
Rede des Präsidenten
an der American University
REGIERUNGSMITGLIED FORDERT NEUE
PARTNERSCHAFT ZWISCHEN REGIERUNG
UND INDUSTRIE
Aktivere Unterstützung der
Wirtschaft verlangt
MEINUNGSUMFRAGEN BELEGEN STARKE
UNTERSTÜTZUNG FÜR CLINTONS
WIRTSCHAFTSPROGRAMM
Das Meinungsbild in den
Vereinigten Staaten

BOSNIEN

CLINTON KÜNDIGT HUMANITÄRE
FALLSCHIRMABWÜRFE ÜBER
BOSNIEN AN
Der Präsident begrüßt Beteiligung Rußlands
Vereinigte Staaten beginnen
Luftbrücke in Ostbosnien

AUSSENPOLITIK

INNEN- UND AUSSENPOLITISCHE THEMEN
FÜR CLINTON "UNTRENNBAR"
Rede von Außenminister Christopher
vor dem Nordatlantikrat

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228 339 2372
Fax: 0228 33 41 02

�MENSCHENRECHTE

USA FORDERN BERICHTERSTATTER
ZU RASSISMUS UND MEINUNGSFREIHEIT
Erklärung bei Sitzung der
UN-Menschenrechtskommission

AIRBUS

KANTOR FORDERT KONSULTATIONEN
ZU AIRBUS-ABKOMMEN
US-Handelsbeauftragter strebt
Neuverhandlung über
GATT-Flugzeugkodex an

�WIRTSCHAFT
3. März 1993

CLINTON ERLÄUTERT SEINE INTERNATIONALE
WIRTSCHAFTSPOLITIK
Rede des Präsidenten an der American University
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat die internationale Wirtschaftsstrategie seiner Administration
erläutert, die ihm zufolge dazu beitragen wird, der Welt einen neuen Kurs zu geben.
In einer Rede an der American University schlug Clinton am 26. Februar 1993 den folgenden Fünf stufenplan vor:
Konsolidierung der eigenen Wirtschaft durch ein Programm zur Ankurbelung von Investitionen bei
gleichzeitigem Abbau des Defizits im Bundeshaushalt;
Handel als wichtige Priorität der amerikanischen Sicherheit. Dabei begrüßen die Vereinigten Staaten
Waren, Dienstleistungen und Investitionen des Auslands, erwarten jedoch Gleichbehandlung von ihren
Partnern in Übersee;
Ausübung der Führungsrolle unter den großen Finanzmächten, um die Koordinierung zugunsten
weltweiten Wirtschaftswachstums zu verbessern;
Förderung von kontinuierlichem Wirtschaftswachstum in den Entwicklungsländern;
Positive Unterstützung für den Aufbau der Demokratie in Rußland und den anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Präsident Duffey, sehr geehrte Mitglieder des Kuratoriums, verehrte Dozenten und Förderer der American
University, Mitglieder des Kongresses, Mitglieder des
Diplomatischen Korps, Mitbürger und insbesondere
liebe Studenten. Es ist für mich eine große Ehre, heute
anläßlich Ihrer Hundertjahrfeier an dieser großartigen
Schule sein zu können, zu Beginn eines neuen Zeitalters für unsere Nation und unsere Welt, und ich fühle
mich zutiefst geehrt, die Ehrendoktorwürde verliehen
zu bekommen, obwohl ich mich an dem Wort beinahe
schon verschluckt hätte.
Wenn ich Sie anschaue, mit Ihrem jugendlichen Enthusiasmus und Ihrer Hoffnung für die Zukunft, so steigen
in mirheuteviele Erinnerungen hoch. Ich möchte mich
bei Ihnen allen besonders herzlich für den großartigen
Empfang bedanken, den Sie der Person zuteil werden
ließen, der ich mehr verdanke als irgend jemandem
sonst in diesem Publikum: Senator Fulbright.
Als ich kaum 20 Jahre alt war, rief mich der Verwaltungsassistent von Senator Fulbright eines Morgens in
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Arkansas an und fragte mich, ob ich eine Stelle als
Büroangestellter beim Auswärtigen Ausschuß des
Senats haben wolle. Da ich mir die teure Ausbildung
in Georgetown eigentlich nicht leisten konnte, sagte
ich ihm, ich sei interessiert. Und er erwiderte, ich
könne einen Teilzeitjob für 3.500 Dollar Jahresgehalt
oder eine Vollzeitstelle für 5.000 Dollar im Jahr haben.
Ich erklärte, wie wäre es mit zwei Teilzeitstellen?
Er antwortete, ich sei genau die Art von Mathematiker,
die man suche, und ich solle doch bitte kommen. In der
folgenden Woche - praktisch eineinhalb Tage später war ich dort und arbeitete für jemanden, den ich mein
ganzes Leben bewundert hatte, und der Rest ist
Geschichte. Aber Senator Fulbright, der heute 88
Jahre jung ist, hat mich viel über die Bedeutung
unserer Verbindungen zum Rest der Welt gelehrt
sowie darüber, daß wir selbst in unserem kleinen
Binnenstaat Arkansas unauflöslich mit der Zukunft, mit
den Leidenschaften und den Hoffnungen von Menschen auf der ganzen Welt verbunden waren. Und
Seite 1

�dies ist das Thema, über das ich heute zu Ihnen
sprechen möchte.

Definition von nationaler Sicherheit auf den neuesten
Stand zu bringen, sie zu fördern und zu schützen sowie Demokratie und Menschenrechte auf der ganIch möchte mich darüber hinaus besonders bei Ihrem zen Welt zu unterstützen. Heute möchte ich diese
Präsidenten Joe Duffey und seiner wunderbaren Frau Angelegenheiten zwar ansprechen, mich jedoch auf
Anne Wexler bedanken, die seit vielen Jahren meine die wirtschaftliche Führungsrolle konzentrieren, die wir
Freunde sind.
im In- und Ausland ausüben müssen, während sich vor
Als ich als junger Mann an der juristischen Fakultät von unseren Augen die neue Weltwirtschaft entwickelt.
Yale studierte, arbeitete ich für Joe Duffey bei seiner Zweimal zuvor in diesem Jahrhundert waren die VerWahlkampagne fürden Senat. Seine Frau war damals einigten Staaten und andere Großmächte von der
seine Wahlkampfmanagerin. Es gefiel mir, für eine Geschichte aufgerufen, einer vom Krieg heimgesuchFrau zu arbeiten. Ich lernte eine Menge über berufliche ten Welt Führung zu geben. Nach dem Ersten WeltGleichstellung, die ich auch in meinem eigenen Leben krieg verhallte der Ruf ungehört. Großbritannien war
zu verwirklichen bestrebt war. Nun, Joe Duffey ge- zu geschwächt, um die Welt beim Wiederaufbau zu
wann das Rennen um den Einzug in den Senat nicht, führen. Die Vereinigten Staaten waren nicht dazu
und vier Jahre danach kehrte ich nach Arkansas bereit. Die Großmächte wandten sich gemeinsam
zurück und bewarb mich fürden Kongreß, und auch ich nach innen, als eine gewalttätige, totalitäre Macht
verlor den Wahlkampf. Und ich habe über die Ironie entstand. Wir errichteten Handelsschranken. Wir
der Tatsache nachgedacht, daß unsere gescheiterten strebten danach, die Besiegten zu erniedrigen anstatt
Bemühungen, in den Kongreß zu kommen, uns beide sie zu rehabilitieren. Das Ergebnis waren Instabilität
zu Präsidenten gemacht haben.
und Inflation, danach Depression und letztlich der
Zweite Weltkrieg.
Schließlich möchte ich noch sagen, daß ich in meinem
letzten Studienjahr in Georgetown, im Winter, an ei- Nach dem Zweiten Weltkrieg weigerten wir uns, eine
nem ähnlichen Tag wie dem heutigen, eine Verabre- Wiederholung der Geschichte zuzulassen. Unter der
dung mit einer jungen Frau von der American Univer- Führung des großen amerikanischen Präsidenten Harry
sity hatte. Ich hatte nicht mehr daran gedacht, bis ich Truman, eines Mannes aus sehr bescheidenen Verin das Auto einstieg, um hierher zu fahren, aber es hältnissen, aber mit ungewöhnlicher Vorstellungskraft,
schneite wie verrückt an jenem Abend, ebenso wie schlössen wir uns mit anderen westlichen Mächten
heute. Und ich fuhr im Schrittempo von Georgetown zusammen, um die neue Ära umzugestalten. Wir
zur American University mit diesem Kommilitonen, der schufen die NATO, um der Aggression des Kommumeinem Jahrgang angehörte. Und wir nahmen diese nismus entgegenzutreten. Wir bauten die amerikanibeiden wunderbaren Frauen von der American Univer- sche Wirtschaft mit Investitionen wie der Gl Bill und
sity mit.
einem nationalen Autobahnsystem wieder auf. Wir
führten den Marshallplan durch, um vom Krieg verwüWir gingen essen, wir gingen ins Kino, wir brachten sie
stete Nationen im Ausland wiederaufzubauen. In
nach Hause und fuhren dann selbst nach Hause. Die
Japan setzte sich General MacArthurs Vision durch,
Straßen waren sehr glatt, ebenso wie heute. Und als
die zum Aufbau einer massiven Wirtschaft und einer
ich fast zu Hause war, bremste ich ab, und das Auto
bemerkenswerten Demokratie führte. Wir schufen
drehte sich wie ein Kreisel. Es verfehlte diesen masneue Institutionen, um Frieden und Wohlstand zu
siven Pfeiler mit der roten Ampel um gerade fünf
fördern - die Vereinten Nationen, den Internationalen
Zentimeter. Und ich konnte mich nach meiner Rede in
Währungsfonds, die Weltbank, das Allgemeine Zollder vergangenen Woche nicht des Gedankens erund Handelsabkommen und noch andere.
wehren, wie viele Menschen in Amerika froh gewesen
wären, wenn ich diesem Pfeiler vor 25 Jahren ein Diese Maßnahmen halfen uns dabei, vier Jahrzehnte
wenig näher gekommen wäre.
soliden Wirtschaftswachstums und kollektiver Sicherheit einzuleiten. Doch der Kalte Krieg war eine Zeit der
Vordreißig Jahren, im letzten Jahr seines kurzen, aber
Belastungen. Wir wandten Billionen Dollar für ihn auf,
brillanten Lebens, kam John Kennedy an diese Univerviel mehr als wir nach den Vorstellungen vieler unserer
sität, um über die riesengroße Herausforderung jener
führenden Persönlichkeiten hätten ausgeben sollen.
Zeit zu sprechen: das Gebot der Suche nach Frieden
Wir stationierten unsere Töchter und Söhne überall auf
angesichts der nuklearen Konfrontation. Viele Amerider Welt. Wir verloren Zehntausende von ihnen bei der
kaner glauben immer noch, dies sei die beste Rede
Verteidigung der Freiheit und in dem Bestreben, den
gewesen, die er jemals gehalten hatte. Ich komme
Kommunismus einzudämmen.
heute an denselben Ort, um eine Rede darüber zu
halten, was ich als die größte Herausforderung unse- Wir, meine Generation, wuchs auf mit Schulversammrer Zeit betrachte: das Gebot der amerikanischen lungen, bei denen wir etwas darüber lernten, wie wir
Führungsrolle angesichts globaler Veränderungen.
uns beim Ausbruch eines Atomkriegs verhalten sollten.
Wir wurden gelehrt, unter unseren Schulbänken
Im vergangenen Jahr war ich bestrebt, ausführlich
darüber zu sprechen, was wir tun müssen, um unsere zu kauern und zu beten, daß sie uns irgendwie vor der
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AMERIKA DIENST 9

�atomaren Strahlung schützen würden. Wir alle erfuhren, ob wir einen Luftschutzbunker in unserer Nachbarschaft benötigten, zu dem wir rennen könnten, falls
die beiden großen Supermächte Atomwaffen aufeinander niederregnen lassen würden. Und offen gestanden, dieses Schicksal schien Monate, bevor Präsident
Kennedy im Jahr 1963 hierherkam, um seine Rede zu
halten, noch auf schreckliche Weise möglich zu sein.
Heute ist dank seiner Führung und der jedes amerikanischen Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg von
Harry Truman bis George Bush der Kalte Krieg vorüber.
Die Sowjetunion ist zerfallen. Der nukleare Schatten
wird angesichts der START-I- und START-Il-Verträge
sowie anderer, die wir geschlossen haben und weiterer, die wir noch schließen werden, kürzer. Die Demokratie ist überall auf der Welt auf dem Vormarsch. Es
ist ein neuer Tag und ein großer Moment für Amerika.

fünfziger Jahre wiederholen, indem wir uns nach außen
wenden und auch uns selbst bessern? Ich sage, wenn
wir einen neuen Kurs im Inland festlegen, können wir
auch für die Welt als Ganzes einen neuen Kurs herbeiführen.
Der Wandel, dem wir in den neunziger Jahren ausgesetzt sind, ist auf manche Art und Weise schwieriger
als in vergangenen Zeiten, weil er weniger deutlich ist.
Er ist komplexer und in mancher Hinsicht ist der Weg
für die meisten Menschen heute, selbst nach 20 Jahren sinkender relativer Produktivität und eines Jahrzehnts oder mehrderstagnierenden Löhne und größerer Anstrengungen, noch weniger eindeutig.

Die Welt ist zweifelsohne nach wie vor ein gefährlicher
Ort. Ethnischer Haß, religiöser Zwist, die Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen, die flagrante Verleztung von Menschenrechten an viel zuvielen Orten auf
der Welt fordern uns weiterhin auf, ein Gefühl für
Aber überall in Amerika höre ich Menschen, die zentra- nationale Sicherheit zu haben, in der unsere nationale
le Fragen im Hinblick auf unseren Platz und unsere Verteidigung integraler Bestandteil ist. Und die Welt
Aussichten in dieser neuen Welt stellen, zu deren ruft uns weiterhin dazu auf, die Demokratie zu fördern,
Entstehung wir so viel beigetragen haben. Sie fragen: denn obwohl die Demokratie an vielen Orten der Welt
Werden wir und unsere Kinder wirklich gute Arbeits- auf dem Vormarsch ist, wissen Sie und ich, daß sie
plätze, erstklassige Chancen, eine Bildung von Weh- ebenso an vielen Orten zunichte gemacht wurde. Und
klasse, qualitativ hochwertige, bezahlbare medizini- doch stehen wir vor dieser - alles andere übertreffensche Versorgung und sichere Straßen haben? Nach- den - amorphen aber grundlegenden Herausforderung
dem sie die Festungswälle der Freiheit voll und ganz in der Art und Weise, wie die Menschheit ihren Handel
verteidigt haben, möchten sie wissen, ob wir alle an der durchführt.
Fülle der Freiheit teilhaben werden.
Wir können nicht zulassen, daß diese Veränderungen
Einer der jungen Schüler der öffentlichen Schule, den in der Weltwirtschaft uns passiv in eine Zukunft der
Präsident Duffey gerade vorstellte, hatte an einem Unsicherheit und Instabilität tragen. Denn Wandel ist
Kinderprogramm teilgenommen, das ich vergangenen das Gesetz des Lebens. Ob Sie wollen oder nicht, die
Samstag mit Kindern aus ganz Amerika abgehalten Welt wird sich während Ihres Lebens wesentlich rahabe. Wenn man ihre Geschichten hörte, so warfen scher verändern als in meinem.
viele von ihnen beunruhigende Fragen im Hinblick auf
unsere Fähigkeit auf, die Früchte des Amerikanischen Die Geschwindigkeit, mit der sich die schiere Menge
des Wissens auf der Welt innerhalb weniger Jahre
Traums für alle unsere Bürger zu garantieren.
verdoppelt, ist erstaunlich. Und eine entscheidende
Ich glaube, daß wir dies tun können, und ich glaube, wir Frage, die vor uns und besonders vor den jungen
müssen es tun. Denn in einer neuen Weltwirtschaft, Leuten in diesem Publikum liegt, lautet, ob Sie in einer
die sich immer noch von den Nachwirkungen des Welt aufwachsen, in der der Wandel Ihr Freund oder
Kalten Kriegs erholt, ist ein wohlhabendes Amerika Ihr Feind ist.
nicht nur für die Amerikaner gut, wie der britische
Premierminister mir erst vor zwei Tagen ins Gedächt- Wir müssen uns den Veränderungen, die die Welt
nis rief. Es ist absolut unerläßlich für den Wohlstand heute erfaßt haben, im Hinblick darauf stellen, ob sie
die dauerhaften Ziele Amerikas von Frieden und
der übrigen Welt.
Wohlstand, von Demokratie und Menschenwürde erWashington darf nicht länger im Würgegriff des Patts füllen. Und darauf müssen wir im In- und Ausland
gefangen bleiben, regiert von einer überholten Ideolo- hinarbeiten. Es ist wichtig, das monumentale Ausmaß
gie, die besagt, daß man Veränderungen widerstehen, dieses Wandels zu verstehen. Als ich aufwuchs, war
der Status quo erhalten bleiben muß wie König Canu- Wirtschaft zumeist eine lokale Angelegenheit. Die
tus der Flut befahl, sich zurückzuziehen. Wir können meisten Farmen und Unternehmen waren in Händen
dies nicht tun. Und deshalb, meine amerikanischen örtlicher Besitzer, sie nahmen Kredite auf lokaler Ebene
Mitbürger, erkläre ich Ihnen, daß wir zum dritten Mal im auf, stellten ortsansässige Arbeitskräfte ein, versand20. Jahrhundert vor einer historischen Entscheidung ten den Großteil ihrer Erzeugnisse in Nachbargemeinstehen. Werden wir die Fehler der zwanziger oder den oder Bundesstaaten der USA. Dasselbe galt für
dreißiger Jahre wiederholen, uns nach innen zu wen- das Land als Ganzes. Im großen und ganzen hatten
den, oder werden wir die Erfolge der vierziger und wir eine Binnenwirtschaft.

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Seite 3

�Heute jedoch sind wir unauflöslich in das Geflecht der
Weltwirtschaft eingebunden. Ein- und Ausfuhren, die
in meiner Jugend etwa einen von zehn Dollar ausmachten, bringen heute einen von fünf Dollar. Nahezu
drei Viertel der Dinge, die wir in Amerika herstellen,
unterliegen im In- und Ausland der Konkurrenz ausländischer Hersteller und ausländischer Dienstleistungsanbieter. Ob wir es sehen oder nicht, unser Alltagsleben wird überall von den Handelsströmen beeinflußt,
die nationale Grenzen so unerbittlich überschreiten
wie das Wetter.

diesem Raum Anwesenden enden wird. All das bedeutet, daß die besten Investitionen, die wir heute
tätigen können, in der einen Ressource liegen, die
innerhalb unserer eigenen Grenzen fest verwurzelt ist:
In Bildung und Ausbildung, Fähigkeiten, Urteilsvermögen und der Kreativität unseres Volkes.

Dienstleistungen haben einen globaleren Charakter
angenommen. Die Firma, die für ein kleines Unternehmen in Wichita die Buchführung macht, kann auch den
Jungunternehmern in Warschau behilflich sein. Und
derselbe Schnellimbiß, den Sie mit Ihrer Familie besuchen - oder in den ich zumindest gehe - kann ebensogut Familien von Manila bis Moskau als Kunden bedienen und seine Geschäfte global mit Hilfe von Informationstechnologie und Satelliten führen.

Es ist eine Ironie des Schicksals und sogar schmerzlich, daß das Weltdorf, an dessen Errichtung wir so hart
gearbeitet haben, in so großem Maße zur Ursache von
höherer Arbeitslosigkeit und niedrigeren Löhnen geworden ist. Aber das ist nicht erstaunlich. Jahrelang
ist es unseren führenden Politikern nicht gelungen,
Schritte zu unternehmen, um die Weltwirtschaft zum
Vorteil aller Völker zu nutzen. Schritte wie Investitionen in unser Volk und seine Fähigkeiten, Durchsetzung unserer Handelsgesetze, Hilfe für vom Wandel
betroffene Gemeinden - kurz gesagt, das amerikanische Volk an erste Stelle zu setzen, ohne sich von der
Welt und den Menschen jenseits unserer Grenzen
zurückzuziehen.

Aufgrund der Risiken und Chancen, die dieser Weltwirtschaft innewohnen, kann ein Amerikaner ihr nicht
ohne gemischte Gefühle entgegentreten. Bisweilen
wünschen wir sehnsüchtig, daß alles, was wir wirklich
haben wollen, insbesondere die gut bezahlten Dinge,
Kapital hat jetzt ganz offensichtlich einen globalen in Amerika produziert werden könnten. Wir erinnern
Charakter angenommen. Jeden Tag gibt es weltweit uns an einfachere Zeiten, als eine Produktlinie Jahre
einen Kapitalfluß von 3 Billionen Dollar. Wenn ein überdauerte. Wir ärgern uns, wenn wir beobachten
Unternehmen eine neue Fabrik bauen will, kann es müssen, wie Arbeitsplätze und Fabriken nach Übersich an die 24 Stunden täglich geöffneten Finanzmärk- see oder ins Ausland verlagert werden oder die Löhne
te wenden - von London bis Tokio, von New York bis hier im Land fallen, und wir unserer Ansicht nach nichts
Singapur. Die Produkte haben ebenfalls einen globa- dagegen unternehmen können. Wir machen uns
leren Charakter angenommen. Wenn man heutzutage Sorgen über unseren Wohlstand, der so abhängig ist
ein amerikanisches Auto kauft, kann es ein mit in von Ereignissen und Kräften jenseits unserer Küsten.
Taiwan hergestellten Einzelteilen, in Deutschland Könnte es sein, daß die mächtigste Nation der Welt
entworfenes, mit britischer Werbung vermarktetes Auto einen bedeutenden Teil ihrer Souveränität bei dem
sein oder auch eine Kombination anderer Länder in Bemühen aufgegeben hat, das Schicksal der Menschen auf der ganzen Welt zu verbessern?
unterschiedlicher Zusammensetzung.

Am wichtigsten ist: Information hat einen globalen
Charakter angenommen und ist zum König der Weltwirtschaft geworden. In früheren Zeiten wurde Wohlstand in Land, Gold, Erdöl oder in Maschinen gemessen. Heutzutage sind Informationen der Hauptmaßstab für unseren Wohlstand - ihre Qualität, Quantität
und die Geschwindigkeit, mit der wir sie erhalten und
verarbeiten. Mehr als an allem anderen müssen wir
unseren Wohlstand und unser Potential an dem messen, was wir wissen, was wir lernen und was wir damit
anfangen können. Der Wert und das Volumen der
Informationen sind explosionsartig in die Höhe geschnellt, die Halbwertzeit neuer Ideen hat triumphiert.
Vor wenigen Tagen besuchte ich in Silicon Valley ein
renommiertes Unternehmen mit Namen Silicon Graphics, das sich exponentiell vergrößert hat, teilweise
durch die Entwicklung von Computer Software mit
einer Lebensdauer von ein bis anderthalb Jahren, die
von dem Wissen getragen war, daß sie danach veraltet
sein wird, sowie von der ständigen Bereitschaft, ein
neues Produkt als Ersatz anzubieten.
Wir befinden uns in einem konstanten Wettlauf um
Innovationen, der nicht zu Lebzeiten irgendeines in
Seite4

In unserem Zeitalter gilt und muß folgendes gelten:
Offener und konkurrenzfähiger Handel wird uns als
Nation bereichern. Er spornt uns zu Innovationen an.
Er zwingt uns zum Wettbewerb. Er bringt uns mit
neuen Kunden in Kontakt. Er fördert globales Wachstum, ohne das kein reiches Land auf mehr Wohlstand
hoffen kann. Er verhilft unseren Produzenten, die
selbst Abnehmer von Dienstleistungen und Rohmaterialien sind, zu florierenden Unternehmen.
Und so empfehle ich Ihnen angesichts all dieser Zwänge,
das Umgekehrte zu tun: Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen und dürfen uns nicht zurückziehen.
Unsere Exporte sind von besonderer Bedeutung für
uns. Die letzte Rezession warschlimmgenug, aber sie
hätte doppelt so lange gedauert, wenn wir unsere
Produkte nicht an andere Nationen hätten verkaufen
können. Jede Milliarde Dollar aus unseren Exporten
schafft hier nahezu 20.000 Arbeitsplätze und wir ha-

AMERIKA DIENST 9

�ben jetzt in Amerika mehr als sieben Millionen mit
Exporten in Zusammenhang stehende Arbeitsplätze.
Sie beinhalten oft bessere Arbeitsbedingungen und
bessere Bezahlung. Die meisten davon liegen im
Verarbeitungsbereich und im Durchschnitt ist der
Jahreslohn nahezu 3.500 Dollar höher als bei durchschnittlichen amerikanischen Arbeitsplätzen. Das ist
genau die Art von Arbeitsplätzen, die wir für eine neue
Generation von Amerikanern brauchen.
Arbeitsplätze und Wohlstand in Amerika sind für uns
Grund genug, an der Bewältigung der Hauptprobleme
der Weltwirtschaft zu arbeiten. Aber es steht viel mehr
auf dem Spiel, denn dieser neustrukturierte Handel
wird auch den Wohlstand weltweit oder sein Fehlen
gestalten und damit die Aussichten der Menschen auf
der ganzen Welt auf Demokratie, Freiheit und Frieden.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß trotz all unserer
jetzigen Probleme die Vereinigten Staaten immer noch
der stärkste Motor auf der Welt für Wachstum und
Fortschritt sind. Wir sind weiterhin der größte Produzent der Welt und sein größter und offenster Markt.
Andere Nationen, wie Deutschland und Japan, machen große Fortschritte. Sie haben in bestimmten
Bereichen mehr erreicht als wir. Wir sollten sie dafür
respektieren und - wo angemessen - daraus lernen.
Aber wir müssen ihnen ebenfalls sagen, daß auch sie
als Lokomotive für weltweiten Wohlstand wirken müssen.

sammennimmt - 20 der 24 Industrieländer ihre Handelsschranken erhöht. Das ist ein schlagender Beweis
für die schmerzvollen Schwierigkeiten, mit denen man
konfrontiert ist, wenn man eine von hohen Löhnen
gekennzeichnete Volkswirtschaft in einer Weltwirtschaft erhalten will, in der die Produktion mobil ist und
schnell in ein Billiglohnland verlegt werden kann.
Wir müssen uns darauf konzentrieren, wie wir unserem Volk helfen können, sich an diese Veränderungen
anzupassen, in den Vereinigten Staaten hohe Löhne
beizubehalten, ohne daß wiruns selbst in Richtungdes
Protektionismus bewegen, wie dies in den letzten
Jahren so viele Industrienationen getan haben. Durch
diese Handelsschranken werden letzlich den Entwicklungsländern mehr Exporte und Einnahmen verlorengehen, als die Industrienationen an Auslandshilfe
gewähren, und anschließend werden sie dann auch
unseren eigenen Wohlstand untergraben.
Es geht hier nicht nur um unser Einkommen. Ich
erinnere Sie daran: Es geht hier um Kultur und
Stabilität. Handel kann natürlich nicht das Überleben
neuer Demokratien sichern, und wir haben die andauernde Macht ethnischen Hasses und die unglaubliche
Macht ethnischer Spaltung gesehen - selbst unter
gebildeten und angeblich verständnisvollen Völkern -,
Demokratie zu zersplittern und den Nationalstaat zu
verwüsten.

Dennoch bleibt jetzt und für absehbare Zukunft die
Tatsache bestehen, daß die Welt uns als Motor für
weltweites Wachstum und als führende Nation betrachtet.

Wie Philosophen von Thukydides bis Adam Smith
festgestellt haben, laufen die Gewohnheiten des Handels
denen des Krieges zuwider. Ebenso wie Nachbarn,
die sich gegenseitig beim Aufbau ihrer Scheunen
helfen, nicht so schnell zu Brandstiftern werden, werUnsere Führungsrolle ist für die neu entstehenden den Menschen, die gegenseitig ihren Lebensstandard
Demokratien der Wert von besonderer Bedeutung. durch Handel heben, nicht so schnell zu Kriegern.
Um ihre Rechtmäßigkeit zu vergrößern und zu vertie- Wenn wir folglich an die Bande der Demokratie glaufen, eine Mittelschicht und eine bürgerliche Kultur zu ben, müssen wir uns zur Stärkung der Bande des
fördern, müssen sie Zugang zu einer wachsenden Handels entschließen.
Weltwirtschaft haben können. Unsere Sicherheit und
unser Wohlstand werden in den kommenden Jahren in Unsere Nation hat die größten Möglichkeiten, aus der
großem Ausmaß davon beeinflußt werden, wieviele wachsenden Weltwirtschaft Nutzen zu ziehen. Aber
dieser Nationen Demokratien werden und bleiben hierzu müssen wir uns den uns im Weg stehenden
können.
Hindernissen stellen. Viele unserer Handelspartner
halten an unfairen Handelspraktiken fest. Die VertreSie brauchen sich doch nur die Probleme in Somalia ter des Protektionismus in unserem Land und im
und Bosnien anzusehen oder die anderen Krisenge- Ausland fordern neue Handelsschranken. Undifferenbiete auf der Welt. Wenn wir einen Garten der Demo- zierte Maßnahmen haben zuviele unserer Arbeitnehkratie, des Wohlstands und des freien Unternehmer- mer und Gemeinden den rauhen Winden des Handels
tums in jedem Teil dieser Welt errichten könnten, wäre ausgesetzt, ohne ihnen ihren Teil an dem schützenden
sie für die Vereinigten Staaten und für Sie alle ein Wohlstand zukommen zu lassen, den der Handel
sicherer, besserer und wohlhabenderer Ort, an dem ebenfalls mit sich gebracht hat, und ohne ihnen auf
sie Ihre Kinder aufziehen.
irgendeine Art bei der Suche nach neuen Arbeitsweisen zu helfen, so daß sie für ihre Bemühungen am
Wir wollen die Schwierigkeiten dieser Aufgabe nicht
Welthandel belohnt werden.
bagatellisieren. Die Aussichten der Demokratie werden, insbesondere in den Entwicklungsländern, durch Die Zusammenarbeit zwischen den Großmächten für
Handelsschranken und das langsame Wachstum der ein Wachstum der Weltwirtschaft funktioniert heutzuWeltwirtschaft verschlechtert. Obwohl in den letzten tage ganz und gar nicht. Und vor allem haben wir
Jahren 60 Entwicklungsländer ihre Handelsschranken einfach nicht genug getan, um unser Volk vorzubereiabbauten, haben - wenn man ihre Maßnahmen zuAMERIKA DIENST 9

Seite 5

�ten und unsere Ressourcen zu produzieren, damit wir
den Härten der neuen Welt erfolgreich begegnen
können. Wir können all das ändern, wenn wir den
Willen dazu aufbringen. Leonardo da Vinci sagte, Gott
verkaufe alle Dinge zum Preis der Arbeit. Unsere
Arbeit mu ß darin bestehen, diese Veränderung herbeizuführen.
Meines Erachtens gibt es fünf Schritte, die wir unternehmen können und müssen, um innenpolitisch einen
neuen Kurs einzuschlagen und bei der Festlegung
eines neuen Kurses für die Welt zu helfen. Zunächst
einmal müssen wir unsere eigene Wirtschaft in Ordnung bringen. Ich habe eine neue nationale Wittschaftsstrategie entworfen, damit Amerika den neuen
Kurs einschlagen kann, der zur Bewältigung der vor
uns liegenden Herausforderungen notwendig ist. Er
zielt auf etwas ab, das noch von keiner Generation von
Amerikanern gefordert wurde: Die Investitionen in
unsere Produktion zu erhöhen und gleichzeitig unser
Defizit abzubauen.
Wir müssen beides tun. Ein Plan, der lediglich das
Defizit bagatellisiert, ohne in die Dinge zu investieren,
die unsere Produktivität erhöhen, wird uns nicht stärker machen. Ein Plan, in dessen Rahmen lediglich
mehr Geld investiert wird, ohne daß das Defizit abgebaut wird, wird unser gesamtes Wirtschaftsgefüge
derart schwächen, daß selbst gut ausgebildete und
produktive Menschen keinen Erfolg haben können.

Ich denke, für jeden von Ihnen, der an dieser Universität studiert, steht in Zukunft noch viel mehr auf dem
Spiel als für mich. Ich habe aller Wahrscheinlichkeit
nach bereits mehr als die Hälfte meines Lebens hinter
mir und dabei Vorteile genossen, die weit über das
hinausgehen, wovon ich je geträumt oder was ich je
verdient habe, da mein Land funktionierte. Und ich
möchte, daß mein Land auch für Sie funktioniert.
Der von mir vorgelegte Plan ist sicherlich nicht perfekt,
aber er ist ein ehrlicher und mutiger Versuch, die vor
uns liegenden Herausforderungen ehrlich anzugehen,
die Grundlagen unseres Wirtschaftswachstums zu
sichern, unsere Ressourcen zu erweitern sowie das
Vertrauen und die moralische Überzeugungskraft, die
wir benötigen, um bis ins nächste Jahrhundert hinein
eine führende Rolle zu spielen.
Ich bitte Sie alle inständig, alles in Ihrer Macht Stehende zu tun, um die Schuldzuweisungen zu beenden, die
in dieser Stadt zu lange vorherrschend waren, und sie
durch Wettbewerb und Gewinne in der Weltwirtschaft
zu ersetzen.

Zweitens ist jetzt für uns die Zeit gekommen, Handel
zum wichtigsten Element der amerikanischen Sicherheit zu machen. Die Handelsdebatten wurden viel zu
lange von extremistischen Stimmen beherrscht. Die
einen behaupten, die Regierung solle Mauern errichten, um die Unternehmen vor Wettbewerb zu schützen. Die anderen sagen, die Regierung solle nichts
Es ist schwieriger, beides zu tun. Die Herausforderun- gegen die ausländische Konkurrenz unternehmen,
gen sind größer - Ausgaben in anderen Bereichen ungeachtet der Dimension und Art dieses Wettbemüssen weiter gekürzt und Steuern in anderen Berei- werbs, ungeachtet der Konsequenzen in bezug auf
chen weiter erhöht werden. Aber es ist von essentieller Verlust von Arbeitsplätzen, Handelsverzerrungen oder
Bedeutung, daß wir beides tun: Investieren und die verringerte Einkommen.
Schuldenlast verringern, um konkurrenzfähig zu sein.
Die Zukunft des Amerikanischen Traums, das Schick- Keiner dieser beiden Standpunkte berücksichtigt die
sal unserer Volkswirtschaft und eines großen Teils der harte Arbeit, ein offeneres Handelssystem zu schafWeltwirtschaft hängt in der Schwebe und wird davon fen, das es uns und unseren Handelspartnern ermögbestimmt, was in dieser Stadt in den nächsten Mona- licht, zu blühen und zu gedeihen. Keiner geht die
Aufgabe an, unsere Arbeitnehmer in die Lage zu
ten geschieht.
versetzen, im Wettbewerb zu bestehen oder sicherzuDie Stimmen der Trägheit und des Egoismus haben stellen, daß es im Hinblick auf die Auswirkungen des
sich schon erhoben und gesagt: Wir sollten dieses Handels auf unsere Menschen eine gemeinsame
oder jenes nicht tun, oder dieses Detail in dem Plan ist Verantwortung gibt, oder in bezug auf die Garantie
nicht gut. Aber praktisch niemand hat meine ursprüng- eines ständigen Investitionsflusses in die sich abzeichliche Herausforderung angenommen, daß jeder, der nenden Gebiete neuer Technologien, die die hochbespezifische Ideen dazu hat, wie wir mehr einsparen zahlten Arbeitsplätze des 21. Jahrhunderts schaffen
können, diese einfach vorbringen sollte. Ich bin neuen werden.
Ideen gegenüber wirklich aufgeschlossen, wie man
unwichtige Ausgaben kürzen und die tiefgreifenden Unsere Administration erarbeitet jetzt eine umfassenÄnderungen in unserer Regierungsarbeit vornehmen de Handelspolitik, die diesen Herausforderungen gekönnte, die - wie wir alle wissen - notwendig sind. Es rechtwird. Ich möchtedie Prinzipien umreißen, auf die
interessiert mich nicht, ob sie von Republikanern oder sie sich gründet. Es handelt sich nicht um eine Politik
Demokraten vorgebracht werden, ob sie aus unserem der Schuldzuweisung, sondern um eine verantworLand oder dem Ausland stammen. Es interessiert tungsbewußte Politik. Ich werde unseren Handelsmich nicht, wer dafür die Lorbeeren erntet. Aber mir ist partnern sagen, daß wir die Geschäftstätigkeit mit
wichtig, daß wir nicht von unserer Entschlossenheit ihnen zu schätzen wissen, aber niemand sollte etwas
abweichen, einen Plan zu verabschieden, der die ohne Gegenleistung erwarten.
Investitionen erhöht und das Defizit verringert.
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AMERIKA DIENST 9

�Wir werden weiterhin ausländische Produkte und
Dienstleistungen auf unseren Märkten begrüßen, jedoch darauf bestehen, daß unsere Produkte und Dienstleistungen unter den gleichen Bedingungen auf ausländischen Märkten zugelassen werden. Wir begrüßen ausländische Investitionen in unsere Unternehmen in dem Wissen, daß sie mit neuen Ideen und
Kapital einhergehen - neuen Technologien, neuen
Managementtechniken und neuen Chancen, voneinander zu lernen und zu expandieren. So sehr wir diese
Investitionen begrüßen, bestehen wir jedoch darauf,
daß unsere Investoren in anderen Ländern ebenso
willkommen sind.

Wir wissen auch, daß regionale und bilaterale Abkommen Chancen zur Sondierung neuer Handelsbelange
bieten wie etwa das Verhältnis zwischen Handel und
Umweltschutzmaßnahmen oder Arbeitsnormen und
Kartellgesetzen. Sobald diese Abkommen geschlossen sind, können sie als Magnet für andere Länder
wirken, Handelsschranken abzubauen und ihre Handelssysteme zu öffnen.

Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen ist ein
gutes Beispiel. Es begann als Abkommen mit Kanada,
das ich uneingeschränkt unterstützte, und hat jetzt
auch zu einem Pakt mit Mexiko geführt. Das Abkommen hat das Potential zur Schaffung zahlreicher ArWir begrüßen Tochtergesellschaften ausländischer beitsplätze in den Vereinigten Staaten im kommenden
Unternehmen in unserem Land. Wir wissen die Ar- Jahrzehnt, wenn andere daran mitarbeiten sicherzubeitsplätze zu schätzen, die sie schaffen, und die stellen, daß Umwelt, Lebensstandard und ArbeitsbeProdukte und Dienstleistungen, die sie in unser Land dingungen geschützt werden - und wir buchstäblich
bringen. Wir bestehen jedoch schlicht und einfach wissen können, daß wir die Bedingungen für die
darauf, daß sie die gleichen Steuern auf das gleiche Menschen in den Vereinigten Staaten und Mexiko
Einkommen entrichten wie unsere Unternehmen dies verbessern werden. Wir haben ein gerechtfertigtes
Interesse an einem wohlhabenderen, stärkeren Mexitun.
ko, müssen dies jedoch zu für unser Volk guten BedinUnsere Handelspolitik wird Bestandteil eines integrier- gungen verwirklichen.
ten Wirtschaftsprogramms sein, nicht nur etwas, das
wir benutzen, um das Fehlen einer innenpolitischen Femer sollten wir mit Organisationen wie dem asiaTagesordnung zu kompensieren. Wir müssen unsere tisch-pazifischen Forum für wirtschaftliche ZusamHandelsgesetze und Abkommen mit allen uns zur menarbeit die Liberalisierung des Handels über den
Verfügung stehenden Mitteln und der entsprechenden Pazifik hinweg anstreben.
Energie durchsetzen. Unsere Wettbewerbsfähigkeit
wird jedoch durch vieles beeinträchtigt, das nicht nur Ich möchte kurz näher darauf eingehen. Ich bin stolz
auf den Beitrag, den die Vereinigten Staaten zum
durch Vergeltung im Handelsbereich behoben werden
Wohlstand
in Asien und dem Weg zur Demokratie
kann. Besser geschulte und ausgebildete Arbeitskräfgeleistet
haben.
Ich konnte dies in Japan unmittelbar
te, ein niedrigeres Defizit, stabile, niedrige Zinssätze,
nach
dem
Zweiten
Weltkrieg beobachten. Ich wurde
ein reformiertes Gesundheitswesen, Technologien von
bei
Taiwan
Zeuge,
wie ein Land gleichzeitig progressiWeltruf, wiederbelebte Städte: Dies muß das Gerüst
ver
und
weniger
repressiv
wurde. Ich konnte im Falle
unserer Wettbewerbsfähigkeit sein. Unternehmen,
Koreas
beobachten,
wie
ein
Land progressiver und
Arbeitskräfte und auch die Regierung müssen uneroffener
wurde.
Und
wir
leisten
jetzt einen wesentlichen
müdlich ein immer höheres Produktionsniveau anstreBeitrag
zu
der
erstaunlichen
Wiederbelebung
der chiben.
nesischen Wirtschaft, die jetzt Zuwächse von 10 ProZu viele der uns im Welthandel fesselnden Ketten zent pro Jahr verzeichnet, wobei die Vereinigten Staawurden in den Vereinigten Staaten geschmiedet. Unsere ten einen riesigen Prozentsatz dieser Importe kaufen.
Handelspolitik wird auch die andauernden Debatten Und ich sage, ich möchte diese Partnerschaft fortsetvermeiden, ob unsere Bestrebungen multilateral, re- zen, denke jedoch auch, daß wir ein Recht haben,
gional, bilateral oder unilateral sein sollten. Es ist Fortschritte bei Menschenrechten und Demokratie zu
unumstritten, daß jede dieser Bestrebungen gerecht- erwarten und diese Fortschritte unterstützen sollten.
fertigt ist. Zweifelsohne müssen wir die Märkte anderer Nationen öffnen und eindeutige, durchsetzbare Drittens ist es an der Zeit, daß wir unser Bestes leisten,
Regeln festsetzen, wie wir den Handel erweitem kön- eine Führungsrolle unter den größten Finanzmächten
zu übernehmen, um unsere Zusammenarbeit zugunnen.
sten weltweiten Wirtschaftswachstums zu verbessern.
Aus diesem Grund engagiere ich mich für den unver- In einer Zeit, in der Kapital mobil und leicht ersetzbar
züglichen und erfolgreichen Abschluß der Uruguay- ist, können wir es uns schlicht und einfach nicht leisten,
Runde der GATT-Handelsgespräche. Die Runde den anderen führenden demokratischen Industrielänschleppt sich seit viel zu langer Zeit dahin. Sie enthält dern entgegenzuarbeiten. Unsere wichtigsten Partner
jedoch immer noch Potential, wenn andere Nationen müssen härter und enger mit uns zusammenarbeiten,
ihren und wir unseren Beitrag leisten, um die Löhne um die Zinssätze zu senken, Investitionen anzukurund Gehälter sowie den Lebensstandard in den Verei- beln, strukturelle Handelshemmnisse abzubauen und
nigten Staaten beträchtlich anzuheben und dasselbe ein robustes Wirtschaftswachstum wiederherzustellen. Und wir müssen erneut die Institutionen betrachfür die anderen Nationen der Welt zu tun.
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Seite 7

�ten, die wir benutzen, um unseren Kurs in der Weltwirtschaft festzulegen und fragen, ob sie unseren Interessen in dieser neuen Welt dienen, ob wir sie verändern
oder neue schaffen müssen.
Morgen werden Finanzminister Bentsen und Notenbankchef Alan Greenspan mit ihren Kollegen aus der
Gruppe der Sieben zusammenkommen, um diese
Arbeit in Angriff zu nehmen. Ich sehe dem Treffen mit
den Staats- und Regierungschefs der G-7 und den
Vertretern der Europäischen Gemeinschaft beim Gipfel in Tokio im Juli erwartungsvoll entgegen. Ich hoffe
vor allem, daß unser innenpolitisches Wirtschaftspaket bis dahin in großen Teilen vom Kongreß verabschiedet worden ist. Sollte dies der Fall sein, werde ich
meinen Kollegen sagen können, ihr habt uns seit
Jahren erklärt, daß die Vereinigten Staaten ihre Schulden reduzieren und ihr Haus in Ordnung bringen
müssen. Seit Jahren habt ihr uns gesagt, wir müssen
die Investitionen in unsere Ausbildung und Technologie aufstocken, um unsere Produktivität zu verbessern. Dies haben wir getan. Wir haben es für uns und
für euch getan, jetzt müßt ihr in Deutschland, Japan
und den anderen Nationen mit uns zusammenarbeiten, um weltweites Wachstum zu fördern.
Wir müssen mit diesen Nationen zusammenarbeiten.
Keiner von uns kann dies sehr gut. Amerika will seine
Vorrechte nicht aufgeben. Die Japaner wollen ihre
nicht aufgeben. Die Deutschen wollen ihre nicht
aufgeben. In all diesen Nationen gibt es alte und
verwurzelte Traditionen. Die Tatsache bleibt jedoch
bestehen, daß die Welt nicht wachsen kann, wenn sich
die Vereinigten Staaten in einer Rezession befinden,
wir jedoch kaum eine Wiederbelebung bewirken können, wenn wir nicht eine erneute Runde des Wachstums in Europa und Japan auslösen. Wir müssen
versuchen, enger zusammenzuarbeiten.
Viertens müssen wir die kontinuierliche Erweiterung
des Wachstums in den Entwicklungsländern fördern,
nicht nur weil es in unserem Interesse liegt, sondern
weil es auch ihnen helfen wird. Diese Nationen sind
rasch expandierende Märkte für unsere Produkte rund drei Millionen amerikanischer Arbeitsplätze sind
auf Exporte in die Entwicklungsländer zurückzuführen.
Aufgrund der einseitig von Mexiko in den vergangenen
Jahren ergriffenen Maßnahmen hat sich unser Handelsvolumen drastisch erweitert und unser Handelsdefizit wurde abgebaut.
Unsere Fähigkeit zum Schutz der Umwelt und zur
Bekämpfung des illegalen Drogenhandels beruht
ebenfalls in hohem Maße auf den Handelsbeziehungen, die wir mit den Entwicklungsländern erarbeiten.
Wir können noch sehr viel mehr tun, um den Fluß von
Waren und Dienstleistungen zu verbessern. Unsere
Hilfsprogramme müssen die Bevölkerungsexplosion
besser ansprechen, umweltpolitisch verantwortliche,
nachhaltige Entwicklung unterstützen, die Rechen-

Seite 8

schaftspflicht der Regierung fördern - und eine gerechte Verteilung der Früchte des Wachstums unter der
zunehmend unruhigen Weltbevölkerung gewährleisten,
weil immer noch über 1 Milliarde Menschen von kaum
einem Dollar pro Tag leben. Diese Bestrebungen
werden uns Dividenden bei Handel, Freundschaft und
Frieden erbringen.
Den letzten Schritt, den wir unternehmen müssen,
meine amerikanischen Mitbürger, dient der Gewährleistung von Demokratie in Rußland und den anderen
neuen Demokratien der Welt. Die Gefahren, mit denen
sich Rußland und die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken konfrontiert sehen, sind besonders akut und
für unsere Zukunft von großer Bedeutung. Denn die
Kürzungen unserer Verteidigungsausgaben, die langfristig einen wesentlichen Bestandteil unseres innenpolitischen Wirtschaftsprogramms im Inland bilden,
können nur aufrechterhalten werden, solange Rußland und die anderen Atomrepubliken eine abnehmende Gefahr für unsere Sicherheit, die unserer Verbündeten und der Demokratien auf der Welt darstellen.
Am beuruhigendsten ist die heikle Wirtschaftslage
Rußlands. Wenn die von Präsident Jelzin begonnenen Wirtschaftsreformen aufgegeben werden und es
nicht gelingt, die Hyperinflation einzudämmen, wird die
Wert leiden.
Ziehen Sie die Auswirkungen für Europa in Betracht,
wenn Millionen von Russen beschließen, daß sie keine
Alternative haben, als in den Westen zu fliehen, wo die
Löhne und Gehälter fünfzigmal so hoch sind. Erwägen
Sie die Auswirkungen auf die Umwelt, wenn all die
Kernkraftwerke des Typs Tschernobyl dort gezwungenermaßen ohne Ersatzteile betrieben werden, wenn
wir sie eigentlich schrittweise abbauen, schließen und
entsorgen sollten. Wenn wir bereit waren, Billionen
von Dollar zur Bekämpfung des Kommunismus im
Kalten Krieg auszugeben, sollten wir sicherlich zur
Investition eines Bruchteils dieser Summe bereit sein,
um den Erfolg der Demokratie zu unterstützen, wo der
Kommunismus scheiterte.
Zweifelsohne müssen die ehemaligen Sowjetrepubliken und insbesondere Rußland zur Übernahme des
größten Teils der harten Arbeit und hohen Kosten des
Wiederaufbauprozesses bereit sein. Man sollte sich
jedoch vor Augen führen, daß auch der Marshallplan
nur einen Bruchteil der Investitionen im Europa der
Nachkriegszeit finanzierte. Er war ein Magnet, ein
Anfang, eine vertrauensbildende Maßnahme, ein Mittel, um einen Prozeß in die Wege zu leiten, der sich als
Wirtschaftswunder erwies.
Wie Europa damals haben diese Republiken jetzt eine
Quelle von Ressourcen, Talent und Potential. Und mit
gezielter, von Reformfortschritten, Rüstungskontrolle
und Nichtverbreitung abhängiger Hilfe können wir unsere
eigene Sicherheit und unseren künftigen Wohlstand
verbessern, während wir gleichzeitig die Demokratie
erweitern.
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�Diese fünf Schritte bilden einen Aktionsplan für die
Vereinigten Staaten in einer Weltwirtschaft. Als solches stellen sie auch ein Programm für unseren eigenen Wohlstand dar. Einige mögen wünschen, wir
könnten unsere innenpolitischen Bestrebungen ausschließlich durch innenpolitische Maßnahmen verfolgen, wie wir sie in der Vergangenheit verstanden
haben. In dieser Weltwirtschaft gibt es jedoch keine
reine Innenpolitik. Was wir als Weltwirtschaft bezeichnen, ist widerspenstig, ein bockendes Pferd, das häufig
mit seinen Hufen auf beiden Seiten althergebrachter
Grenzen landet und manchmal mit seinem gesamten
Gewicht auf uns. Wenn wir aber ein Pferd ins nächste
Jahrhundert reiten wollen, müssen wir das ganze
Pferd anschirren, nicht nur einen Teil.

Angeles soviele Probleme gab. Los Angeles ist jedoch
ein Land (sie) mit 150 unterschiedlichen ethnischen
Gruppen mit höchst variierendem Bildungsniveau,
Zugang zu Kapital und Einkommen. Es ist ein Wunder,
daß wir so gut miteinander auskommen. Sie müssen
nur Bosnien betrachten, wo die Unterschiede nicht so
groß waren, um zu sehen, wir gut wir trotz all unserer
Schwierigkeiten abgeschnitten haben.

Und halten Sie sich vor Augen, wie unsere Kultur
Technologie und Werte verschmolzen hat. Dies ist ein
ausdrucksstarkes Land, das CNN und MTV hervorgebracht hat. Wir wurden alle für das Informationszeitalter geboren. Dies ist eine Nation des Jazz - Gott sei
dank, um meinetwillen. Sie schuf Bebop und Hiphop
und all die anderen Dinge. Wir sind für die richtige Zeit
Ich weiß, daß es Menschen in diesem Land, in beiden programmiert. Und wir waren stets eine Nation der
politischen Parteien und landesweit gibt, denen zufol- Pioniere. Betrachten Sie die erstaunliche Unterstütge wir diesen Ritt nicht unternehmen sollten, diese zung für die von mir vergangene Woche in einem
Ziele zu ehrgeizig sind, wir uns zurückziehen und uns Wirtschaftsprogramm niedergelegten Herausforderunnur auf die Dinge konzentrieren sollten, die wir im gen, das die engstirnigen Eigeninteressen jedes
Inland zu bewältigen haben. Meines Erachtens wäre Amerikaners beeinträchtigt, wenn man nur einen Teil
das jedoch ein trauriger Fehler und ein großer Verlust. davon herausnimmt und ihn betrachtet.
Denn die neue Welt, auf die wir uns hinbewegen,
begünstigt uns in der Tat. Wir sind aufgrund unserer Und dennoch sind wir wieder hier, bereit, eine neue
Geschichte, Kultur und Disposition besser ausgerü- Herausforderung anzunehmen, bereit, neue Verändestet zu verändern, zu führen und zu gedeihen als jedes rungen anzustreben, weil wir neugierig, rastlos und
andere Volk auf der Wett. Die Erfahrungen der vergan- mutig sind. Dies ergibt sich aus unserem Erbe. Es ist
genen Jahre, in denen wir uns starrköpfig geweigert in den Seelen der Amerikaner verankert. Es ist kein
haben, die für Wettbewerbsfähigkeit und Sieg erfor- Zufall, daß unsere Nation die Grenzen der Demokraderlichen Anpassungen vorzunehmen, sind tatsäch- tie, religiöser Toleranz, rassischer Gerechtigkeit, der
lich atypisch und ungewöhnlich vor dem Hintergrund Gleichheit aller Menschen, des Umweltschutzes, der
Technologie und in der Tat des Kosmos selbst kontinuder Geschichte unserer Nation.
ierlich erweitert hat. Denn es liegt in unserer Natur,
Betrachten Sie unser Einwanderungsland heute und andere einzubeziehen, und dies hat nicht nur uns,
denken Sie an die Welt, die wir anstreben. Sehen Sie sondern auch der ganzen Welt gedient.
sich an, wie vielfältig, multiethnisch und vielsprachig
wir sind - in einer Welt, in der die Fähigkeit zur Nun ist es wieder an der Zeit für uns, gemeinsam
Kommunikation mit Menschen aus aller Welt und anderes einzubeziehen. Die Wirtschaft von morgen.
deren Verständnis entscheidend sein wird. Betrach- Eine bessere Zukunft. Einen neuen Kurs. Für Sie, die
ten Sie unser bürgerliches Verhalten der Toleranz und Studenten der American University, den AmerikaniAchtung. Auch in unseren Augen ist es nicht perfekt. schen Traum sicherzustellen.
Wir waren alle erschüttert, als es letztes Jahr in Los

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�WIRTSCHAFT
3. März 1993

REGIERUNGSMITGLIED FORDERT NEUE
PARTNERSCHAFT ZWISCHEN REGIERUNG
UND INDUSTRIE
Aktivere Unterstützung der Wirtschaft verlangt

WASHINGTON - (AD) - Einem hochrangigen amerikanischen Regierungsvertreter zufolge muß die Bundesregierung eine aktivere Rolle bei der Unterstützung
des Privatsektors einnehmen, um die Entwicklung
neuer Technologien zu beschleunigen und amerikanische Unternehmen konkurrenzfähiger zu machen.
Handelsminister Ronald Brown erklärte vor dem Senatsausschuß für Handel, Wissenschaft und Verkehr
am 24. Februar 1993, die neue Administration sei
entschlossen, in enger Zusammenarbeit mit der
amerikanischen Industrie eine nationale Wirtschaftsstrategie zu entwerfen.
"Wir waren in der Vergangenheit viele Jahre lang
Anhänger der Philosophie, jegliche Diskussion über
eine nationale Wirtschaftsstrategie sei strikt abzulehnen", stellte er fest. "Um aber in dieser immer komplexer werdenden Weltwirtschaft konkurrenzfähig zu sein,
müssen Regierung und Wirtschaft bei uns als Team
eng zusammenarbeiten, wobei der Privatsektor den
Weg weist und unsere Regierung Hilfe leistet.
"Ich möchte sehrdirekt sein", fügte Brown hinzu. "Dies
bedeutet, daß man eine geänderte Ansicht dazu hat,
wie die Rolle der amerikanischen Regierung bei ihrem
Versuch zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen und der Industrie aussieht - ihnen zu mehr Konkurrenzfähigkeit zu verhelfen."

geändert und es müsse eine Abkehr von der "äußerst
oberflächlichen" Partnerschaft der Vergangenheit erfolgen.
"Es muß Kommunikation zwischen dem öffentlichen
und dem privaten Sektor geben", erklärte er. "Wir
müssen ein Gespräch über Partnerschaft, über den
Aufbau einer Beziehung führen, in der die Regierung
zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen und
der Industrie da ist."
Brown zufolge würde die Unterstützung soweit gehen,
daß im Falle eines mit einem ausländischen Unternehmen konkurrierenden amerikanischen Unternehmens
der Handelsminister mit den Wirtschaftskapitänen dieses
anderen Landes zusammenkommen und ein "wirklicher Anwalt" sein würde. "Das wäre ein veränderter
Ansatz und eine solche Veränderung ist meines Erachtens notwendig."
Brown machte diese Äußerungen, nachdem Präsident
Clinton eine neue Wirtschaftsinitiative zur Förderung
einer schnelleren Entwicklung amerikanischer Technologie und zur Unterstützung des Privatsektors bei
der Entwicklung eines nationalen Computernetzwerkes, das Universitäten, Schulen, Bibliotheken und
Gesundheitseinrichtungen einschließt, angekündigt
hatte.

"Dort, wo private Mechanismen versagen, sollte die
Regierung die Mängel des Marktes ausgleichen helfen, so daß amerikanische Unternehmen eine gleichberechtigte Erfolgschance auf dem Weltmarkt haben",
erklärte er.

Brown erklärte vordem Ausschuß, daß Clintons Paket
wirtschaftlicher Anreize einen dramatischen Anstieg
der Mittel für das Fortgeschrittene Technologieprogramm (Advanced Technology Program - ATP) einschließe, des wichtigsten zivilen Programms des
Handelsministeriums zur Unterstützung der von der
Industrie unternommenen Anstrengungen zur Vermarktung wichtiger neuer Technologien in Bereichen
wie Elektronik, moderne Werkstoffe und Biotechnologie.

Brown äußerte, die Bedingungen der Beziehung zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor müßten

Dem Plan der Administration zufolge würden die Mittel
für ATP von jetzt jährlich 68 Millionen Dollar auf 130

Brown zufolge hofft die Administration, eine "außergewöhnliche öffentlich-private Partnerschaft" zu bilden,
die staatliche Hilfe mit der Kraft des Marktes koppele.

AMERIKA DIENST 9

Seite 1

�Millionen im Haushaltsjahr 1994 und bis zu 750 Millionen 1997 aufgestockt.
"Der Grund für das ATP-Programm ist die Bewegung
hin zur Vermarktung", so Brown. "Wir sind sehr an
handfesten Ergebnissen interessiert. Wir interessieren uns nicht für Ideologie. Wir wollen als Nation
konkurrenzfähig werden. Wir interessieren uns für die
Vermarktung, nicht für die Technologie um der Technologie willen."
Brown erklärte, die neue Initiative im Technologiebereich werde den Etat des dem Handelsministerium
unterstehenden Instituts für Normen und Technologie

*

Seite 2

(Institute of Standards and Technology - NIST) von
unter 400 Millionen Dollar auf ungefähr 1,4 Milliarden
Dollar 1997 verdreifachen. Das NIST unterstützt von
der Industrie durchgeführte Projekte zur Entwicklung
von Schlüsseltechnologien inderverarbeitenden Industrie.
Das Programm würde auch - ähnlich dem für Sematech verwendeten Modell - die Unterstützung für
Konsortien erhöhen, ein Programm zur Schaffung von
mehr als 100 Zentren für die Ausweitung der Verarbeitung bis 1997 ins Leben rufen und Basiskapital für die
Entwicklung eines nationalen Computernetzwerkes
bereitstellen.

* * *

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�WIRTSCHAFT
3. März 1993

MEINUNGSUMFRAGEN BELEGEN STARKE UNTERSTÜTZUNG FÜR CLINTONS WIRTSCHAFTSPROGRAMM
Das Meinungsbild in den Vereinigten Staaten

WASHINGTON - (AD) - Meinungsumfragen deuten
auf eine erste überwältigende Zustimmung der Amerikaner zu Präsident Clintons Ruf nach einem harten,
weitreichenden Programm hin, um die Wirtschaftsprobleme des Landes in den Griff zu bekommen - selbst,
wenn es vielen Bürgern an den Geldbeutel geht.
Zwei unmittelbar nach der Ansprache des Präsidenten
vor dem Kongreß am 17. Februar 1993 durchgeführte
Telefonumfragen ermittelten, daß die Zustimmung zu
dem von ihm skizzierten Programm zwischen vier zu
eins und fünf zu eins lag. (Darüber hinaus zeigten sie,
daß rund 70 Prozent der Erwachsenen die Rede
mitverfolgt hatten.)
Eine Gallup-Umfrage für die Zeitung USA Today
ergab, daß 79 Prozent der Befragten das Programm
befürworteten, während 16 Prozent angaben, sie lehnten es ab (der Rest hattekeine Meinung). Eine weitere,
von Washington Post-ABC News durchgeführte
Befragung ergab 74 Prozent für und 18 Prozent gegen
das Programm.
Kurze Zeit später veranstaltete Meinungsumfragen
zeigten eine gewisse Abschwächung des Meinungsbildes, wobei die Unterstützung für den Präsidenten
aber hoch blieb. In einer am 18. und 19. Februar für
das Nachrichtenmagazin Newsweek durchgeführten
Umfrage gaben 59 Prozent der Befragten an, der
Kongreß solle das Clinton-Programm verabschieden,
während 33 Prozent das Gegenteil meinten. Eine für
das Nachrichtenmagazin Time am 18. Februar durch-

geführte Yankelovich-Umfrage ergab 62 Prozent für
das Programm und 27 Prozent dagegen. Einer am 20.
und 21. Februar veranstalteten Umfrage von CBS
News zufolge waren 59 Prozent dafür und 26 Prozent
dagegen.
Die Meinungsumfrage von Washington Post-ABC
News stellte darüber hinaus einige spezielle Fragen zu
den Vorschlägen des Präsidenten und erhielt folgende
Antworten:
Glauben Sie, Sie werden nach Präsident Clintons Plan
aufgefordert, Ihren fairen Beitrag zu leisten oder glauben Sie, Sie sollen eine unfaire Last tragen?
Fairer Anteil

77%

Unfaire Belastung

20%

Meinen Sie, daß die Opfer, die Clinton von den Bürgern
verlangt, notwendig sind?
Ja, notwendig

84%

Nein, nicht notwendig

15%

Denken Sie, daß Clintons Wirtschaftsplan langfristig
für die Zukunft des Landes gut ist oder daß er langfristig für die Zukunft des Landes schlecht ist?
Gut für das Land

75%

Schlecht für das Land

16%

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Seite 1

�BOSNIEN
3. März 1993

CLINTON KÜNDIGT HUMANITÄRE
FALLSCHIRMABWÜRFE ÜBER BOSNIEN AN
Der Präsident begrüßt Beteiligung Rußlands
USA beginnen Luftbrücke in Ostbosnien
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat am 25. Februar 1993 angeordnet, daß amerikanische Flugzeuge humanitäre Hilfsgüter über Bosnien-Herzegowina abwerfen sollen.
Unter Berufung auf den "ungeheuren Zoll" eines Jahres der Kriegführung äußerte der Präsident, die derzeitigen
Fallschirmabwürfe seien als Ergänzung der Hilfstransporte zu Lande und der Luftbrücke nach Sarajevo gedacht
und würden "unabhängig von der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit" der dort lebenden Menschen
durchgeführt. Die Fallschirmabwürfe seien dazu bestimmt, "die unmittelbaren Bedürfnisse isolierter Gebiete zu
decken, die derzeit nicht zu Lande erreichbar sind".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten im Wortlaut.

Der Krieg, der im vergangenen Jahr in Bosnien-Herzegowina wütete, hat einen ungeheuren Zoll gefordert:
Tausende wurden getötet oder inhaftiert, weitere
Tau sende sind durch Hunger und Kälte gefährdet, und
über zwei Millionen wurden aus ihren Häusern vertrieben. Die humanitären Bedürfnisse sind besonders
groß in Ostbosnien, wo einigen Gebieten Grundnahrungsmittel und Medikamente verwehrt wurden.
Angesichts des dringenden humanitären Notstandes
gebe ich heute bekannt, daß die Vereinigten Staaten in
Koordination mit den Vereinten Nationen und dem UNFlüchtlingskommissar humanitäre Fallschirmabwürfe
über Bosnien durchführen werden. Die Fallschirmabwürfe sind eine Erweiterung der gegenwärtigen Luftbrücke nach Sarajevo. Ihr Zweck ist die Ergänzung der
Landkonvois. Dies ist eine vorübergehende Maßnahme mit dem Ziel, die unmittelbaren Bedürfnisse isolier-

ter Gebiete zu decken, die derzeit nicht zu Lande
erreichbar sind. Reguläre Lieferungen über Land sind
das beste Mittel, um zu gewährleisten, daß die langfristigen Bedürfnisse der bosnischen Bevölkerung erfüllt
werden, und die Vereinigten Staaten fordern alle Parteien auf, die sichere Durchfahrt der humanitären
Konvois durch Bosnien zu garantieren.
Die Priorität der Lieferungen per Luft wird unabhängig
von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit entschieden. Diese Abwürfe werden für streng humanitäre
Ziele durchgeführt. Keine Kampfflugzeuge nehmen
an dieser Operation teil. Das Verteidigungsministerium wird mit dem UN-Flüchtlingskommissar zusammenarbeiten, um Zeitpunkt und Orte der Fallschirmabwürfe zu bestimmen.
Ich bedanke mich für die erhebliche internationale
Unterstützung, die dieser Initiative gewährt wird.

* * * *

Clinton begrüßt russische Beteiligung an Abwurfaktion
Der Präsident hat die Entscheidung Rußlands begrüßt, sich an der amerikanischen Fallschirmabwurfaktion zu beteiligen. Rußlands Hilfe "verstärkt erheblich die Bemühungen der Völkergemeinschaft", zu
gewährleisten, daß angemessene Lieferungen humaAMERIKA DIENST 9

*

nitärer Hilfsgüter in Form von Nahrung und Medikamenten "die belagerte Bevölkerung von Bosnien auf
dem Luft- ebenso wie auf dem Landweg erreichen", erklärte Präsident Clinton am 2. März 1993.
Der Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses,
George Stephanopoulos, verwies darauf, Außenminister Christopher habe die Abwurfaktion mit dem russiSeite 1

�sehen Außenminister Kosirew vergangene Woche in
Genf erörtert. Er nehme an, Moskaus Beteiligung sei
ein Ergebnis dieses Gesprächs.

sich unmittelbar an der Hilfsaktion aus der Luft zu
beteiligen. Später wurde von einem ranghohen USVertreter mitgeteilt, die russische Beteiligung werde
sich augenscheinlich auf die Bereitstellung von FlugStephanopoulos verlas eine Erklärung Clintons, in der zeugen und Besatzungen für die Operation beschränes hieß, dieser Schritt "unterstreicht die Bedeutung ken.
enger amerikanisch-russischer Zusammenarbeit bei
der Ablehnung der Brutalität und Unmenschlichkeit, Der Sprecher verwies darauf, die Vereinigten Staaten
die in der Region des ehemaligen Jugoslawien stattfin- hätten in der vergangenen Woche mit anderen Regieden".
rungen erörtert, in welcher Form sie einen Beitrag
leisten könnten. "Es gibt eine Reihe von Ländern und
Clinton erklärte, die russische Beteiligung "stellt die internationalen Organisationen, die bei der AbwurfakVorteile einerstarken Partnerschaft zwischen unseren tion helfen", erklärte Boucher. "So stellt etwa Deutschbeiden Ländern unter Beweis".
land die Basis für Flugzeuge und Nachschub zur Verfügung." Die NATO liefere das luftgestützte FrühwarnWährend eines Fototermins antwortete der Präsident
und Aufklärungssystem (AWACS) zur Unterstützung
auf Fragen von Reportern zur Effektivität der Fallder Einsätze.
schirmabwürfe, er verlasse sich darauf, daß das Militär
den Erfolg der Operation einschätzen werde. Der Vor- "Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Natiositzende der Vereinigten Stabschefs, General Colin nen (UNHCR) koordiniert die Beiträge und hilft uns
Powell, sei "der Ansicht, daß sie ziemlich gut verlaufen dabei, zu entscheiden, welche Gemeinden die Fallsind".
schirmabwürfe am meisten benötigen", erklärte Boucher.
"Wir wissen von mindestens neun Ländern, die
Im US-Außenministerium äußerte Sprecher Richard
Angebote
zur Unterstützung von Operation Provide
Boucher, die Vereinigten Staaten würden sich "eng mit
Promise unterbreitet haben, zumeist in Form von
russischen Vertretern abstimmen, um die Einzelheiten
Nahrungsmitteln und Medikamenten über den Hohen
ihrer Beteiligung auszuarbeiten". Zur Zeit würden die
Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen."
Gespräche über die Luftbrücke über die US-Botschaft
in Moskau durchgeführt.
Er betonte, die Abwürfe würden auf der Grundlage
dessen
durchgeführt, welche Gebiete sie am drinDer Sprecher erklärte, er wolle es den Russen überlasgendsten
benötigten, nicht auf der Grundlage ethnisen, im einzelnen auszuführen, was sie tun wollten,
scher
Zugehörigkeit.
aber er stellte fest, die Ankündigung spreche davon,
* * * *

Vereinigte Staaten beginnen Luftbrücke in Ostbosnien
Am 28. Februar begannen die Vereinigten Staaten mit
dem Abwurf humanitärer Hilfslieferungen über abgelegenen, isolierten Gebieten Ostbosniens.
In der ersten, erfolgreichen Mission warfen drei C-130Transportflugzeuge der US-Luftwaffe 21 Tonnen
Lebensmittel und Medikamente im Schutz der Dunkelheit aus großer Höhe über Bosnien ab. Es wurden Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der bedürftigen
Empfänger der Hilfsmittel sowie der Flugzeugbesatzungen getroffen. Keines des Flugzeuge wurde vom
Boden aus beschossen und alle kehrten sicher von
ihrer Mission zurück.
Der Brigadegeneral der US-Luftwaffe, Donald Loranger, Kommandeur des 435. Taktischen Lufttransportgeschwaders, erklärte am 1. März vor Reportern, die
Luftbrücke solle die Notsituation der in isoGerten Gebieten
lebenden Menschen lindern, die von den Hilfskonvois
am Boden nicht den dringend benötigten Nachschub
erhielten.

Seite 2

*

Bei einer Pressekonferenz auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Rhein-Main in Frankfurt erklärte Loranger,
die Mission sei als Unterstützung für den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR)
gedacht, und die Organisatoren der Hilfslieferungen
hielten die Flüge für den schnellsten Weg, um "die
Alten, Jungen, Hungrigen und Verletzten" zu erreichen. Er stellte fest, die Fallschirmabwürfe würden
gemäß der UNO-Resolution 770 durchgeführt und die
US-Luftwaffe sei bereit, die Mission "so lange wie
erforderlich" weiterzuführen.
Dem General zufolge wurden die Hilfslieferungen
"ungeachtet des ethnischen Hintergrunds oder der
religiösen Überzeugung der dort lebenden Menschen"
über Ostbosnien abgeworfen. Die amerikanischen C130-Herkules fliegen ohne Eskorte von Jagdbombern
in die Region. "Wir wollen keine Konfrontation mit
irgend jemandem in der Region", erklärte er.
Ihm zufolge wurden nur vom Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen erbetene Lebensmittel
und Medikamente mit Fallschirmen über Bosnien
abgeworfen. Unter den Nahrungsmittellieferungen
befinden sich Reis, Mehl und Fertiggerichte aus Armeebeständen.
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�Loranger erklärte, es würden "absolut keine Waffen
und kein militärischer Nachschub irgendeiner Art"
geliefert. Um das sicherzustellen, würden die Lieferungen von Vertretern des Hohen Flüchtlingskommissars der UNO, der UNO-Schutztruppe UNPROFOR
und vier anderen im ehemaligen Jugoslawien befindlichen Gruppen inspiziert. Loranger zufolge sei keine
*

AMERIKA DIENST 9

*

Mühe gescheut worden, um "eine unabhängige Inspektion all dessen zu gewährleisten, was wir abwerfen". Auch wies erdarauf hin, daß ein solcher Überwachungsprozeß wahrscheinlich während der gesamten
Dauer der Luftbrücke "in irgendeiner Form stattfinden"
werde.

*

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�AUSSENPOLITIK
3. März 1993

INNEN- UND AUSSENPOLITISCHE THEMEN
FÜR CLINTON "UNTRENNBAR"
Rede von Außenminister Christopher vor dem Nordatlantikrat
BRÜSSEL - (AD) - Mit der Feststellung, daß "nur ein innenpolitisch starkes Amerika als effektiver Partner im
Ausland handeln kann", betonte Außenminister Christopher, für die Clinton-Administration seien "innen- und
außenpolitische Themen untrennbar".
Bei einer Sondersitzung des Nordatlantikrats der NATO (NAC) am 26. Februar 1993 in Brüssel erläuterte
Christopher die drei Säulen der "totalen Diplomatie" von Präsident Clinton.
"Anhebung des weltweiten Wirtschaftswachstums als vorrangiges außenpolitisches Ziel."
"Modernisierung unserer Streitkräfte und Aktualisierung unserer Sicherheitsvereinbarungen zur Bewältigung neuer Bedrohungen."
"Organisation unserer Außenpolitik zur Förderung der Verbreitung von Demokratie und freien Märkten im
Ausland."
Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Außenministerium freigegebene Rede in wesentlichen Auszügen.
An ihre Stelle sind jedoch neue Gefahren getreten.
Das Vermächtnis des Kommunismus - der wirtschaftliche und politische Bankrott - verhindert die europäische Integration. Ethnische Antagonismen und zerfalDa es sich um unser erstes Treffen handelt, dachte ich, lende N ationen säen Gewalt. Heute gefährden g lobale
ich biete Ihnen einen etwas umfassenderen Überblick Bedrohungen - Waffenverbreitung, Zerstörung der
als dies für gewöhnlich der Fall ist. Neben einigen Umwelt und Bevölkerungsexplosion - auch Europa.
Gedanken über unsere wichtige Arbeit bei der NATO
und in Europa generell, möchte ich Ihnen die Grund- Diese neuen Bedrohungen halten uns die kontinuierlielemente von Präsident Clintons Außenpolitik darle- che Notwendigkeit der NATO als Garant unserer kolgen. Ferner möchte ich über meine Reise in den lektiven Verteidigung vor Augen. Sie unterstreichen
Nahen Osten und mein Treffen mit Außenminister auch die Notwendigkeit, all unsere Institutionen und
Kosirew berichten sowie ein für uns alle vordringliches Maßnahmen zur Bewältigung der Herausforderungen
Thema ansprechen - die Tragödie im ehemaligen Ju- von morgen anzupassen.
goslawien.
Natürlich müssen wir sie verantwortungsbewußt anpassen. Inmitten des Wandels dürfen wir bestimmte
Kreativität und Erneuerung
fundamentale Wahrheiten nicht aus den Augen verlieWir in der Clinton-Administration schätzen uns glück- ren. Wenn dieses turbulente Jahrhundert uns irgend
lich, in einer Zeit beispielloser Veränderungen, Hoff- etwas gelehrt hat, dann, daß unsere Sicherheit unteilnung und Chancen in die Führung berufen worden zu bar ist und unsere Träume und unser Schicksal miteinsein.
ander verknüpft sind. Mit einer konstruktiven transatlantischen Partnerschaft ist uns allen am besten geGestern noch bestimmte die Berliner Mauer die eurodient. Die NATO und ihr Prinzip der politischen Partpäische Landschaft und eine massive sowjetische
nerschaft bietet uns eine starke Grundlage, auf der wir
Bedrohung hing über dem Kontinent.
für ein besseres Morgen aufbauen können.

Es ist mir eine Ehre, vordem Nordatlantikrat sprechen
und Grüße von Präsident Clinton übermitteln zu dürfen.

AMERIKA DIENST 9

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten begrüßen ein starkes und
integriertes Europa. Wir wollen Europa als echten
Partner. Als unseren Partner bei Demokratie. Als
unseren Partner bei Wachstum. Als unseren Partner
bei der Bewahrung des Friedens.
Unsererseits beabsichtigt Präsident Clinton das auszuüben, was unser großer Staatsmann der Nachkriegszeit, Dean Acheson, als "totale Diplomatie"
bezeichnet hat - eine Diplomatie, die innen- und außenpolitische Themen als untrennbar erachtet. Wir
sind uns bewußt, daß nur ein innenpolitisch starkes
Amerika als effektiver Partner im Ausland handeln
kann.
Präsident Clinton hat drei Säulen definiert, auf denen
die totale Diplomatie der Vereinigten Staaten ruhen
muß:
Erstens Anhebung des weltweiten Wirtschaftswachstums als vorrangiges außenpolitisches Ziel.
Zweitens Modernisierung unserer Streitkräfte und
Aktualisierung unserer Sicherheitsvereinbarungen zur
Bewältigung neuer Bedrohungen.

Ein Wachstum der Weltwirtschaft erfordert auch eine
Ausweitung der Exporte und Investitionen sowie Austausch in den Bereichen Technologie, Kultur und Ideen.
Aus diesem Grund hat der Präsident angekündigt, daß
wir eine Ausweitung des Fast-Track-Mandats für einen
Abschluß der Uruguay-Runde anstreben.
Wir sind entschlossen, uns einen fairen und angemessenen Zugang zu den Weltmärkten zu verschaffen.
Wir sind weiterhin entschlossen, protektionistische
Maßnahmen und subventionierten Wettbewerb abzuschaffen, da sie das Wachstum unterminieren. Handelsschranken ziehen weitere Handelsschranken nach
sich, Wohlstand jedoch weiteren Wohlstand. Präsident Clinton hat direkt nach seiner Amtsübernahme in
den Vereinigten Staaten die schwierigen Schritte unternommen, auf die Europa und Japan lange gedrängt
haben. Wir sind der Ansicht, daß jetzt für unsere
Freunde und Verbündeten die Zeit gekommen ist,
ähnlich schwere Entscheidungen zu treffen und die für
einen schnellen und erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde erforderlichen Führungsqualitäten zu
zeigen.
II. Überarbeitung der Sicherheitsarrangements
angesichts neuer Bedrohungen

Drittens Organisation unserer Au ßenpolitik zur Förderung der Verbreitung von Demokratie und freien MärkMehr als vier Jahrzehnte hat dieses Bündnis erfolgten im Ausland.
reich mit politischen Zielen und militärischer Macht
Die Verwirklichung dieserZiele hängt von der Partner- operiert. Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges,
schaft mit unseren Verbündeten und Freunden in bietet die NATO weiterhin Schutz für den Kern der
weltweiten demokratischen Koalition. Sie reicht ruhig
Europa ab.
und zuverlässig den Staaten Mittel- und Osteuropas
I. Förderung des weltweiten Wirtschaftswachs- und der ehemaligen Sowjetunion die Hand.
tums
Amerikas Engagement für die Sicherheit Europas bleibt
In seiner Rede zur Wirtschaftspolitik unterbreitete unvermindert und unerschütterlich bestehen. Die ClinPräsident Clinton einen Plan für die wirtschaftliche ton-Administration wird eine den Anforderungen des
Erneuerung der Vereinigten Staaten. Die Prämisse neuen Sicherheitsumfeldes entsprechende Präsenz
seines Planes ist einfach. Die Vereinigten Staaten amerikanischer Streitkräfte in Europa aufrechterhalmüssen sich mehr auf Investitionen als Konsum kon- ten. Wirwerden mit dem Kongreß zusammenarbeiten,
zentrieren. Wir müssen mutige Schritte zur Förderung um für die Finanzierung des Infrastrukturprogramms
amerikanischer Fähigkeiten und zum Abbau der Defi- der NATO einen angemessenen amerikanischen Beizite unternehmen, damit wir uns einer sichereren Zukunft trag zu leisten.
erfreuen können.
Angesichts der verringerten Bedrohung bauen wir alle
Der Präsident weiß, daß eine gesunde amerikanische unsere Streitkräfte ab. Wir müssen jedoch alle weiterVolkswirtschaft eine wachsende Weltwirtschaft benö- hin eine glaubwürdige, fähige und vertretbare Streittigt. Wir unternehmen Schritte zur Sicherung eines macht aufrechterhalten, die stark genug ist, um als
erneuten weltweiten Wirtschaftswachstums. Der er- Abschreckung zu dienen, und die - falls erforderlich ste Schritt ist der von mir bereits erwähnte innenpoliti- jede Bedrohung unserer lebenswichtigen Interessen
sche Plan des Präsidenten.
niederschlagen kann.
Der zweite Schritt besteht in verstärkter Zusammenarbeit innerhalb der G-7. Eine unserer höchsten Prioritäten liegt darin sicherzustellen, daß der für diesen
Sommer in Tokio anberaumte Wirtschaftsgipfel zu
einer verbesserten makroökonomischen Koordinierung führt. Wir streben erneutes Wachstum in jedem
unserer Länder an.

Seite 2

Die NATO bleibt für die Gewährleistung unserer Sicherheit in einem sich wandelnden strategischen Umfeld
von grundlegender Bedeutung. Dieses Umfeld schließt
die bedeutende Arbeit der Westeuropäischen Union
ein. Ich freue mich, daß Generalsekretär Van Eckelen
heute unter uns weilt. Die NATO muß durch die
Zusammenarbeit mit anderen Gremien ihre Fähigkeit

AMERIKA DIENST 9

�verbessern, die Unruhen ethnischer Konflikte und Nach diesen Anmerkungen möchte ich nun auf meine
aggressiven Nationalismus', die Weiterverbreitung von jüngsten Zusammenkünfte mit führenden arabischen
Atomwaffen sowie politische und wirtschaftliche Insta- und israelischen Politikern und mit Außenminister
bilität zu bewältigen. Dies wäre eine logische Auswei- Kosirew zu sprechen kommen.
tung der traditionellen und weiterhin gültigen kollektiGespräche im Nahen Osten
ven Verteidigungsfunktion des Bündnisses.
Wir Sie wissen, entstand bei den Nahost-Friedensgesprächen in zunehmendem Maße das Gefühl, in eine
Sackgasse geraten zu sein. Präsident Clinton bat
mich, in den Nahen Osten zu reisen, um zu sehen, ob
wir vielleicht den Friedensprozeß neu aktivieren können. Er wolle - so erklärte er - durch meine Entsendung
Es gibt keine bessere Möglichkeit zur Schaffung eines zeigen, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, ein
neuen und sicheren Europas als eine Zusammenar- vollwertiger Partner zu sein -vorausgesetzt, die Parteibeit der NATO mit Soldaten aus Rußland, der Ukraine, en würden zu ernsthaften Verhandlungen an den
Polen, Ungarn und den anderen neuen Demokratien Verhandlungstisch zurückkehren.
zur Bewältigung der drängendsten Sicherheitsprobleme. Wir vertreten die Ansicht, daß die NATO und Meine Reise in dieses Gebiet - die erste in meiner
unsere Kollegen im Osten den Frieden durch gemein- Eigenschaft als Außenminister - symbolisierte unser
same Planung, Ausbildung und Manöver erhalten sollten. Engagement für den Frieden im Nahen Osten und die
Eine derartige Zusammenarbeit kann sicherstellen, Priorität, die wir ihm einräumen. Unsere Bereitschaft,
daß alle friedenssichernden Operationen der Euro- die Qualität unseres Ansatzes zu ändern und eine
päer im Einklang mit den Prinzipien der UNO und der aktivere Rolle als "ehrlicher Makler" zu spielen, ist ein
klarer Beweis für die Ernsthaftigkeit unserer BemüKSZE erfolgen.
hungen.
III. Förderung von Demokratie und Marktwirtschaft
Die Parteien begrüßten diese erneuerte amerikaniDie Förderung von Demokratie und wirtschaftlicher sche Verpflichtung und bekräftigten ihr eigenes EngaFreiheit ist ein strategisches, kein taktisches Element gement für den Friedensprozeß und ihre Beteiligung
der nationalen Sicherheitspolitik Amerikas. Demokra- daran. Alle waren der Überzeugung, daß die partnertie und wirtschaftliche Freiheit sind Werte, die wir schaftliche Rolle der Vereinigten Staaten für weitere
teilen. Wir haben durch die Eindämmung des Kommu- Fortschritte auf dem Weg zum Frieden unerläßlich sei.
nismus bis zu seinem Zusammenbruch die Sicherheit Und viele der Entscheidungsträger, mit denen ich
Europas gewährleistet. Das Fehlen kommunistischer gesprochen habe, erklärten, sie empfänden dies als
Aggression und Unterdrückung reicht jedoch zur Si- historische Chance - eine einmalige Gelegenheit zum
Friedensschluß.
cherung der Zukunft Europas nicht aus.

Wir müssen auch weiterhin Anstrengungen unternehmen, um mit den Staaten des ehemaligen Warschauer
Pakts kooperative Sicherheitsarrangements zu entwickeln. Eine Erhöhung ihrer Sicherheit bedeutet auch
eine Erhöhung unserer Sicherheit.

Europas langfristige Sicherheit erfordert - wie die
Amerikas - eine aktive Unterstützung der Ausbreitung
von Demokratie und Marktwirtschaft unsererseits.
Demokratien neigen nicht dazu, einander zu bekämpfen, sondern eher zum Schutz der Menschenrechte
und zur Sicherung der Gleichberechtigung von Minderheiten. Demokratien sind eher verläßliche Partner
in den Bereichen Diplomatie, Handel, Rüstungsabkommen und Umweltschutz.

Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie mithelfen
können, den Elan weiter zu verstärken, den wir in der
Region in den letzten Tagen hervorgebracht haben.
Gemeinsam können wir dazu beitragen, einen neuen
Tag der Hoffnung im Nahen Osten zu fördern.
Das Treffen mit Außenminister Kosirew

Ich hatte gestern ein gutes erstes Treffen mit Außenminister Kosirew. Er begrüßte meine Zusage, PräsiHier und jetzt sehen wir uns einer zwingenden Heraus- dent Clinton beabsichtige keine Unterbrechung in
forderung gegenüber. Die Staaten Mittel- und Osteu- unseren Beziehungen zu Rußland zuzulassen, und ich
ropas und der ehemaligen Sowjetunion benötigen gehe davon aus, daß wir diesen Punkt durch unsere
unsere Hilfe. Diese Länder versuchen, marktwirt- erste Zusammenkunft mit Bedeutung erfüllt haben.
schaftliche Demokratien aufzubauen. Ihnen zu helfen Die Festlegung eines Termins für ein Gipfeltreffen war
stellt keine Mildtätigkeit dar, sondern ist für unsere eine Priorität dieses Treffens, und wir einigten uns auf
gemeinsame Sicherheit von lebenswichtiger Bedeu- den 4. April, wobei der Ort später festgelegt werden
tung. Wir müssen Reformen politisch unterstützen, soll.
unsere Märkte für ihre Produkte öffnen und unsere
Nachdem ich ihn über meine Reise in den Nahen
Hilfsprogramme so wirksam wie möglich gestalten. Es
Osten informiert hatte, erklärte sich Außenminister
wäre eine große Dummheit, mehrere hundert MilliarKosirew enthusiastisch dazu bereit, sich den Bemüden Dollar für die Überwindung des Kommunismus
hungen anzuschließen, um die Friedensgespräche im
auszugeben, und uns anschließend zu weigern, in das
April auf den Weg zu bringen. Unter anderem verÜberleben der neuen Demokratien zu investieren.
AMERIKA DIENST 9

Seite 3

�sprach er, die Palästinenser und andere zur Unterstützung zu ermutigen. Im Hinblick auf Jugoslawien war er
zuvorkommend, indem er politische Unterstützung für
unsere humanitären Fallschirmabwürfe zusagte. Er
schloß eine russische Beteiligung nicht aus.

Wenn ein tragfähiges Abkommen ausgehandelt werden kann, das alle Parteien akzeptieren und das
praktische Durchsetzungsmechanismen enthält, sind
die Vereinigten Staaten bereit, sich der UNO, der EG,
der NATO und anderen bei dessen Durchführung anzuschließen. Dies umfaßt die mögliche militärische
Wir erörterten das heikle Problem von Minderheiten, Beteiligung der Vereinigten Staaten. Die besonderen
die in Staaten ganz Europas unter schlechter Behand- Fähigkeiten und Kommandostrukturen der NATO
lung zu leiden haben. Ich stimmte ihm zu, es sei können - in Verbindung mit Beiträgen nichtverbündeter
wichtig, daß sich die Vereinigten Staaten und der Staaten - in dieser Hinsicht eine Schlüsselrolle spielen.
Westen für die Rechte von Minderheiten einsetzen,
einschließlich der russischen Minderheiten in den Es obliegt dem Bündnis, jetzt Vorbereitungen zu trefbaltischen Staaten und der ehemaligen Sowjetunion. fen. Wir müssen bereit für den Fall sein, effektiv zu
Wir müssen dies tun, wenn wir einen stabileren und handeln, wenn ein tragfähiges Abkommen von allen
gerechteren Kontinent sowie einen gerechten Frieden kriegführenden Parteien akzeptiert wird.
herbeiführen möchten.
Im Hinblick auf humanitäre Hilfe habe ich am 10.
Ich bekräftigte das Engagement des Präsidenten, Februar erklärt, daß wir Schritte sondierten, um die
Jelzins Programm in einer besonders schweren Zeit zu Lieferung von Hilfsgütern an diejenigen in Bosnien zu
unterstützen. Kosirew unterstrich die Bedeutung, die gewährleisten, die hungern und Medikamente benötiman der Eröffnung von Möglichkeiten für die russische gen. Wie Sie wissen, haben wir gestern angekündigt,
Industrie beimesse, zuverlässige Kunden auf dem daß die Vereinigten Staaten in Koordination mit der
Weltmarkt zu finden. Ich verlieh meinem Verständnis UNO und dem Hohen Flüchtlingskommissar der Verfür dieses Problem Ausdruck, merkte jedoch an, wir einten Nationen Hilfsgüter für die Bedürftigen in Boskönnten wenig mehr tun als eine im Rahmen des nien per Fallschirm abwerfen werden. Wir würden eine
Wettbewerbs liegende Chance zu bieten.
möglichst breite Beteiligung an diesem Vorhaben
begrüßen.
Das ehemalige Jugoslawien
Wir müssen heute offen eine Tatsache eingestehen,
Schließlich möchte ich mich dem Thema zuwenden, die unsere Suche nach Frieden derzeit belastet. Der
das in den letzten Wochen an erster Stelle stand: die Westen hat zu viele Gelegenheiten ausgelassen, um
andauernde Krise in Bosnien und anderen Teilen des dieses Leiden, dieses Blutvergießen und diese Zerstöehemaligen Jugoslawiens. Niemand unter uns nimmt rung zu verhindern oder einzudämmen, als der Kondas Risiko des Engagements in einem Balkankonflikt flikt noch in den Kinderschuhen steckte. Die Lehre, die
auf die leichte Schulter. Aber wir können die Risiken aus dieser Tragödie zu ziehen ist, betrifft die Bedeunicht außer acht lassen, die entstehen, wenn wir ihn tung frühzeitigen und entschlossenen Engagements
weiter wüten lassen und er noch mehr Leben und gegen ethnische Verfolgung und aggressiven NationaLänder verschlingt. Eine ganze neue Generation wird lismus.
von Gewalttaten geschüttelt und zu einem Kreislauf
brutaler Gewalt und blinden Hasses verurteilt.
Die Behandlung von Minderheiten ist ein Thema, das
nach der Anwendung präventiver Diplomatie verlangt.
Dieser Kreislauf muß gebrochen werden.
Anliegen von Minderheiten bestehen nicht nur auf dem
Balkan, sondern in allen Ländern, die unser neuer
Ich weiß Ihre aufmerksamen Reaktionen auf meine
Nordatlantischer Kooperationsrat umfaßt.
Schreiben sehr zu schätzen, in denen ich Präsident
Clintons Sechspunkteplan des Engagements bei den Unsere Sicherheitsinteressen bei der Bewältigung von
Bestrebungen zur Wiederherstellung des Friedens Minderheitenproblemen liegen auf der Hand. Wenn
erläutert habe. Wir haben uns ferner mit Rußland und demokratische Institutionen neu sind, die Erinnerung
anderen beraten. Meine Gespräche mit Außenmini- an historische Ungerechtigkeiten frisch ist und die
ster Kosirew verliefen äußerst positiv.
Menschen durch marktwirtschaftliche Reformen
schmerzhaften Erschütterungen unterworfen sind,
Präsident Clinton ist der Meinung, daß wir zu einer auf
müssen wir alle der Behandlung von Minderheiten
dem Vance-Owen-Plan aufbauenden Regelung kombesondere Aufmerksamkeit schenken. Wir müssen
men müssen, die gerecht, durchführbar und dauerhaft
auf allen Seiten Zurückhaltung und Toleranz fordern.
ist und Bosnien als Staat erhält. Die amerikanische
Wir müssen die Stimme erheben, wenn die MenschenBeteiligung erfolgt mit der Erwartung, daß Europa, das
rechte verletzt werden. Und wir müssen frühzeitige
am unmittelbarsten betroffen ist, eine führende Rolle
und effektive Problemlösungen fördern.
spielen und seine konzertierten Bemühungen verdoppeln wird. Die zusätzliche Einschaltung der Vereinig- Die Clinton-Administration ist bereit, ihren Teil dazu
ten Staaten sollte gewiß niemanden sonst veranlas- beizutragen. Wir erwarten von Ihnen, daß Sie das
sen, in seinen Bemühungen nachzulassen.
Ihrige tun.

Seite 4

AMERIKA DIENST 9

�Gemeinsame Fortschritte

Dieser Tag ist angebrochen. Vor uns liegt harte Arbeit.
Und wir müssen heute handeln, um unser Morgen zu
Die großen Führungspersönlichkeiten der Nachkriegs- sichern. Aber stehen uns die erforderlichen Instruzeit waren ihrer Zeit voraus. Nachdem wir die Ge- mente zur Verfügung? Werden wir sie klug anwenschichte kennen, bewundern wir ihre Weitsicht. Si- den? Am wichtigsten ist: Können wir den politischen
cherlich konnten Acheson, Monnet, Schuman und Willen aufbringen, um unsere Mission zu verwirkliAdenauer nicht wissen, wie positiv die Geschichte ihre chen?
Arbeit beurteilen würde. Sie bemühten sich, über den
Augenblick hinaus zu denken, der drückenden Bedro- Diese Fragen berühren den Kern unserer Arbeit in der
hung entgegenzutreten und die Politik zu entwickeln, NATO. Wir können - wir müssen - sie positiv beantwordie den langfristigen Interessen ihrer Nationen dienen ten. Wir können und müssen gemeinsame Fortschritte
würde. Den Anbruch eines besseren Tages zu be- machen. In diesem Geist freue ich mich, heute mit
schleunigen.
Ihnen zusammenzutreffen.
* * * *

AMERIKA DIENST 9

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Seite 5

�MENSCHENRECHTE
3. März 1993

USA FORDERN BERICHTERSTATTER ZU RASSISMUS
UND MEINUNGSFREIHEIT
Erklärung bei Sitzung der UN-Menschenrechtskommission
GENF - Die Vereinigten Staaten haben die UN-Menschenrechtskommission aufgefordert, einen Sonderberichtterstatter zu ernennen, um die Gewährleistung der Meinungsfreiheit wettweit zu überprüfen. In einer Erklärung
bei der gegenwärtigen Sitzungsperiode der Kommission, der 53 Mitgliedstaaten angehören, verwies Professor
David Weissbrodt auf eine "wichtige Lücke" in diesem Bereich des Schutzes der Menschenrechte.
"Jetzt ist die Zeit gekommen, da die Kommission einen weiteren konkreten Schritt zum Schutz der Rechte von
Journalisten, Schriftstellern, Zeitungen, anderen Medien, Gelehrten, Anhängern politischer Parteien - und tatsächlich jedes Menschen - auf Meinungsfreiheit unternehmen muß", erklärte er.
Neben der Ernennung eines Sonderberichterstatters über Meinungsfreiheit schlug Weissbrodt vor, die Kommission solle ebenfalls die Einführung eines Berichterstatters über Rassismus erwägen.
Weissbrodt gehört als öffentliches Mitglied (nichtstaatlicher Experte) der US-Delegation an. Die diesjährige
Sitzungsperiode soll am 13. März enden.
Nachfolgend veröffentlichen wir David Weissbrodts Erklärung vom 23. Februar 1993 bei der Genfer Menschenrechtskommission im Wortlaut.

Die UN-Menschenrechtskommission sollte versuchen,
einen echten Beitrag zum Schutz der Menschenrechte
von Personen zu leisten, die unter krassen Menschenrechtsverletzungen leiden, sowie für diejenigen, die
Risiken ausgesetzt sind. Die Kommission kann wirklich etwas bewirken, wenn sie im Rahmen von Tagesordnungspunkt 12 die Welt über schwerwiegende
Verletzungen in bestimmten Ländern informiert. Sie
kann ferner hilfreich sein, wenn sie unter Tagesordnungspunkt 21 Beratungsdienste anbietet. Darüber
hinaus kann die Kommission einen bedeutsamen Beitrag
leisten, wenn sie institutionelle Mechanismen schafft,
um wirksame Maßnahmen zu verschiedenen Arten
von Menschenrechtsverletzungen zu ergreifen. Die
thematischen Arbeitsgruppen und Sonderberichterstatter der Kommission haben dazu beigetragen, verschwundene Personen zu finden, willkürliche Hinrichtungen zu verhindern, Folterungen zu stoppen, Probleme der religiösen Intoleranz zu lösen, den Einsatz
von Söldnern zu untersuchen und Kinder zu schützen.
Um die thematischen Verfahren noch effektiver zu
gestalten, sollten die Kommission und die Regierungen den Erkenntnissen und Empfehlungen in den
Themenberichten mehr Aufmerksamkeit widmen.
AMERIKA DIENST 9

Heute möchte ich kurz auf das neueste thematische
Verfahren - die Arbeitsgruppe über willkürliche Inhaftierung - und ein weiteres von der Unterkommission
vorgeschlagenes thematisches Verfahren - die Schaffung des Amts eines Sonderberichterstatters über
Meinungsfreiheit - sprechen.
Bei seiner Sitzung im Jahr 1991 schuf die Kommission
die Arbeitsgruppe über willkürliche Inhaftierung, die
aus fünf Mitgliedern von fünf regionalen Gruppierungen besteht. Die Arbeitsgruppe hat den Auftrag, sich
mit Beschwerden zu befassen, wenn Inhaftierungen
entweder willkürlich oder auf eine andere Weise verhängt wurden, die nicht mit den internationalen Menschenrechtsnormen in Einklang steht, darunter sowohl
administrative Inhaftierung als auch Inhaftierung nach
einer Verurteilung. Beschwerden können von Regierungen, zwischenstaatlichen Organisationen, nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) und Einzelpersonen vorgetragen werden.
Im vergangenen Jahr hat die Arbeitsgruppe ihre ersten
Entscheidungen getroffen und einen äu ßerst sorgfältigen und überlegten Ansatz beim Umgang mit den

Seite 1

�eingereichten Beschwerden gezeigt. Andere thematische Verfahren haben die von ihnen erhaltenen Beschwerden bekanntgemacht. Die Arbeitsgruppe hat
die thematischen Verfahren um einen weiteren und
sehr wichtigen Schritt erweitert. Die Arbeitsgruppe hat
schiedsrichterliche Entscheidungen mit sorgfältigen
Begründungen im Hinblick darauf getroffen, ob in
bestimmten Fällen willkürliche Inhaftierungen vorgenommen wurden.

Abwarten formeller Eingaben zu diesen Fällen zu
erörtern. Die Kommission könnte diese überarbeiteten Verfahren bei ihrer Sitzung im Jahr 1994 berücksichtigen.
Insgesamt sollte die Arbeitsgruppe über willkürliche
Inhaftierung zu ihrer hervorragenden Arbeitsaufnahme beglückwünscht werden. Sie leistet einen echten
Beitrag zum Schutz der Menschenrechte.

Zwei Aspekte der Praktiken und Verfahren der Arbeits- Bei den thematischen Verfahren der Kommission besteht
gruppe könnten nützlicherweise erwähnt werden. jedoch eine echte Lücke. Über mehrere Jahre hinweg
Erstens hat die Arbeitsgruppe vernünftigerweise be- hat die Kommission die Länder aufgefordert, die Unterschlossen, ihre Quellen vertraulich zu behandeln, wenn drückung der im Internationalen Menschenrechtskodie Quellen diese Vertraulichkeit wünschen. Solche dex garantierten Meinungsfreiheit einzustellen. Jetzt
Vertraulichkeit kann erforderlich sein, um die Informa- ist die Zeit gekommen, da die Kommission einen
tionsquelle oder deren Verwandte vor Vergeltungs- weiteren konkreten Schritt zum Schutz der Rechte von
Journalisten, Schriftstellern, Zeitungen, anderen Medien,
maßnahmen zu schützen.
Gelehrten, Anhängern politischer Parteien - und tatZweitens stützt sich die Arbeitsgruppe derzeit bei den sächlich jedes Menschen - auf Meinungsfreiheit unternehmen muß.
von ihr bearbeiteten Fällen auf ihre Informationsquellen. In ihrem Bericht bittet die Arbeitsgruppe Regierungen, zwischenstaatliche Organisationen, NGOs und Abschließend möchte ich sagen, die Kommission sollEinzelpersonen, eine größere Vielfalt von Fällen vor- te auf ihre Arbeit bei der Entwicklung thematischer
zutragen. Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad der Verfahren, insbesondere die jüngste Arbeitsgruppe
Arbeitsgruppe wird die Arbeitsgruppe in der Lage sein, über willkürliche Inhaftierung, stolz sein. Wir haben
auf eine breitere Anzahl von Fällen zu verweisen. In eine klare Demonstration der Nützlichkeit dieser theihren Anfangsjahren ist es fürdie Arbeitsgruppe jedoch matischen Verfahren vor Augen geführt bekommen.
wichtig, durch die Beurteilung von Fällen aus verschie- Es steht fest, daß nun Sonderberichterstatter über
denen Teilen der Welt ihre Unparteilichkeit unter Beweis Rassismus und über Meinungsfreiheit erforderlich sind,
zu stellen. Demnach könnte die Arbeitsgruppe den um die auf der ganzen Welt auftretenden Probleme zu
Wunsch haben, Veränderungen in ihren Verfahren zu behandeln.
erwägen, um sie zu befähigen, wichtige Fälle ohne

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Seite 2

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AMERIKA DIENST 9

�AIRBUS
3. März 1993

KANTOR FORDERT KONSULTATIONEN
ZU AIRBUS-ABKOMMEN
US-Handelsbeauftragter strebt Neuverhandlung
über GATT-Flugzeugkodex an
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Handelsbeauftragte Mickey Kantor hat erklärt, er werde Konsultationen mit der Europäischen Gemeinschaft anstreben, um zu entscheiden, ob sich die europäischen
Regierungen an die im vergangenen Juli unterzeichnete Übereinkunft halten, die eine Begrenzung ihrer
Subventionen für Airbus Industrie vorsieht.

Die Forderung nach Konsultationen erfolgte einen Tag
nachdem zwei Senatoren Gesetzentwürfe eingebracht
hatten, die den amerikanischen Flugzeugbauem helfen würden, mit Airbus zu konkurrieren, indem das
Handelsministerium gezwungen würde, Ermittlungen
gegen Airbus einzuleiten, um gegebenenfalls Ausgleichszölle zu verhängen.

"Die Clinton-Administration mißt der effektiven Funktion und Durchführung dieses Abkommens höchste
Bedeutung bei - wir benötigen Konsultationen, um
beides zu gewährleisten", stellte Kantor in einer am 25.
Februar 1993 veröffentlichten Verlautbarung fest.

Im Rundfunksender National Public Radio erklärte
Kantor am 25. Februar 1993, die Administration habe
noch keine Position zu den Gesetzentwürfen formuliert. Er verwies jedoch darauf, daß es dem gegenwärtigen Flugzeugabkommen USA-EG zufolge der USRegierung nicht möglich ist, Maßnahmen zur Verhängung von Ausgleichzöllen zu treffen.

Airbus Industrie ist das von den Regierungen Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Spaniens
getragene europäische Flugzeugkonsortium. Die nach
jahrelangen Verhandlungen im Juli 1992 erzielte
Übereinkunft untersagt künftige Subventionen für den
Airbus, begrenzt den Anteil staatlicher Beihilfen für
Forschung und Entwicklung im Hinblick auf neue Flugzeuge, begrenzt indirekte Subventionen und fordert
eine verstärkte Offenlegung sämtlicher staatlicher
Subventionen.
Kantor zufolge sollten die Konsultationen, die nach
dem bestehenden Abkommen erforderlich sind, "einen
Informationsaustausch über direkte und indirekte
Subventionen sowie staatliche Kapitalzuflüsse für die
große zivile Flugzeugindustrie, eine Prüfung der im
vergangenen Juli über staatliche Subventionszusagen
vor dem Inkrafttreten des Abkommens gelieferten
Informationen sowie die Aussichten für weitere staatliche Beihilfen zur Entwicklung neuer Flugzeugprogramme" beinhalten.
Die Vereinigten Staaten würden darüber hinaus die
Zusammenarbeit mit der EG bei Neuverhandlungen
über das derzeitige internationale Flugzeugabkommen - den GATT-Flugzeugkodex - anstreben, um
strengere Begrenzungen staatlicher Subventionen sowie
härtere Bedingungen für die Rückzahlung staatlicher
Beihilfen einzuführen.
AMERIKA DIENST 9

Der Sprecher des Weißen Hauses, George Stephanopoulos, teilte vor Reportern im Weißen Haus mit, der
Präsident wolle das im vergangenen Jahr ausgehandelte Abkommen "im Auge behalten", um sicherzustellen, daß es fair angewendet wird.
"Er ist daran interessiert zu gewährleisten, daß das
Abkommen eingehalten wird", erklärte Stephanopoutos über Clinton, "und wir werden es weiterhin beobachten."
"Eines der Ziele des Präsidenten besteht darin, zu
gewährleisten, daß wir keine weiteren Vorgänge der
Art zulassen, wonach unsere Konkurrenten riesige
Subventionen für bestimmte Branchen oder Fluglinien
haben, während wir ungeschützt sind."
Daten der Industrie sagen aus, daß infolge von Kürzungen bei den Rüstungsausgaben und der staatlich
subventionierten Konkurrenz von Airbus in der amerikanischen Flugzeugindustrie vergangenes Jahr 340.000
Arbeitsplätze verlorengingen.
Die amerikanische Industrie behauptet, staatliche
europäische Subventionen für Airbus Industrie in Höhe
von 26 Milliarden Dollar in den vergangenen beiden
Jahrzehnten hätten den amerikanischen Anteil am
Seite 1

�Weltflugzeugmarkt seit 1980 um nahezu ein Drittel
verringert. 1992 entfielen 28 Prozent des Weltflugzeugmarkts und 44 Prozent des US-Markts auf den
Airbus.
In seinen Äußerungen im Rundfunk wies Kantor die
Charakterisierung zurück, die Clinton-Administration
sei in Handelsfragen "härter" als die Bush-Administration.
"Wir werden sicherlich bei der Öffnung von Märkten
und Erweiterung des Handels entschlossen vorgehen,
und wir werden entschieden dafür eintreten, daß die
amerikanischen Arbeitnehmer und amerikanischen
Unternehmen ihren fairen Anteil erhalten'', stellte Kantor
fest. "Wir müssen jetzt Märkte öffnen. Das ist gut für
jeden, und das ist nicht die Politik, die von den Euro*

Seite 2

päern bisher betrieben wurde. Wir hoffen, sie davon zu
überzeugen, daß wir dies in der nächsten Runde der
Uruguay-Gespräche tun sollten."
Kantor zufolge ist die Administration der Überzeugung, sie könne den Kongreß zu einer Verlängerung
der Verhandlungsvollmacht für den Abschluß der
Uruguay-Runde bewegen. Er fügte jedoch hinzu, die
Vereinigten Staaten strebten "ein gutes Abkommen,
nicht nur ein rasches Abkommen, an".
Er erklärte, er werde Ende März in Brüssel und erneut
Mitte April in Washington mit dem EG-Kommissar für
auswärtige Angelegenheiten, Sir Leon Br'rttan, zusammentreffen. Die EG sei sich derzeit über das weitere
Vorgehen in der Uruguay-Runde immer noch uneins.

* * *

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AMERIKA DIENST 9

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                <text>&lt;strong&gt;1. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton erläutert seine internationale Wirtschaftspolitik &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten an der American University&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Regierungsmitglied fordert neue Partnerschaft zwischen Regierung und Industrie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Aktivere Unterstützung der Wirtschaft verlangt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Meinungsumfragen belegen starke Unterstützung für Clintons Wirtschaftsprogramm&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Das Meinungsbild in den Vereinigten Staaten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton kündigt humanitäre Fallschirmabwürfe über Bosnien an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Der Präsident begrüßt Beteiligung Rußlands&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vereinigte Staaten beginnen Luftbrücke in Ostbosnien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Innen- und außenpolitische Themen für Clinton "untrennbar" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher vor dem Nordatlantikrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA fordern Berichterstatter zu Rassismus und Meinungsfreiheit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung bei Sitzung der UN-Menschenrechtskommission&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Airbus&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kantor fordert Konsultationen zu Airbus-Abkommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Handelsbeauftragter strebt Neuverhandlung über GATT-Flugzeugkodex an&lt;/em&gt;</text>
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10. März 1993

10

MENSCHENRECHTE

CLINTON DER SACHE DER DEMOKRATIE
UND MENSCHENRECHTE VERPFLICHTET
Schifter vor UN-Menschenrechtskommission

USA-EUROPA

UNGEWISSHEITEN IN DEN
AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN
BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Dobbins in Bonn

HANDEL

NEUE AMERIKANISCHE
HANDELSPOLITIK FÜR 1993
Kantor drängt auf neue Handelspolitik

VERTEIDIGUNG

WISNER WARNT VOR GEFAHR DER
NUKLEAREN WEITERVERBREITUNG
Rede vor Senatsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Fax:0228-33 41 02

�MENSCHENRECHTE
10. März 1993

CLINTON DER SACHE DER DEMOKRATIE
UND MENSCHENRECHTE VERPFLICHTET
Schifter vor UN-Menschenrechtskommission
GENF - (AD) - Botschafter Richard Schifter hat am 3. März 1993 das Engagement Präsident Clintons "für die
Sache der Demokratie und der Menschenrechte sowie für multilaterales Handeln" unterstrichen.
"Die neue Administration ist zutiefst von den in der Charta der Vereinten Nationen verankerten Idealen überzeugt
und strebt deren Verwirklichung an", erklärte Schifter bei der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission in
Genf.
Der Leiter der amerikanischen Delegation forderte Reformen des UNO-Systems und äußerte, man solle der
Unterstützung von Regierungen, die um Hilfe bei der Lösung von Menschenrechtsproblemen bitten, mehr
Aufmerksamkeit widmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Schifters Rede im Wortlaut.

Wenn wir die Art und Weise untersuchen, in der
Regierungen auf dieses Phänomen reagieren, können
wir feststellen, daß es solche gibt, die Maßnahmen
dagegen ergreifen und damit effektiv reagieren. Dann
gibt es solche, die einfach nicht wissen, wie sie das sie
betreffende Problem behandeln sollen. Und dann gibt
es Regierungen, die das Problem noch verschärfen,
indem sie die dominierende ethnische Gruppe gegen
Personen anderer Volkszugehörigkeit aufhetzen, die
im selben Land leben. Letztere, davon gehe ich aus,
sind durchweg Regierungen, die alle ihre Bürger unterWir haben zu Recht der Erörterung der Greueltaten drücken. Die Geschichte hat bewiesen, daß Regierunbreiten Raum gegeben, die kürzlich im ehemaligen gen, die ihre eigenen Bürger schlecht behandeln,
Jugoslawien begangen wurden. Wie so häufig, neigen diejenigen wahrscheinlich noch härter anfassen, die
wir jedoch dazu, den Medien zu folgen. Sie berichten sie als Fremde betrachten, ob sie in ihrer Mitte leben
über Jugoslawien. Es dauerte eine Weile, bis sie über oder ihre Nachbarn sind.
Somalia berichteten. Afghanistan scheinen sie vergessen zu haben, und Ruanda müssen sie noch Die Vereinigten Staaten haben einen neuen, jungen
entdecken.
und dynamischen Präsidenten, der voll und ganz der
Überzeugung ist, daß Worten auch Taten folgen müssen.
Die Gefahr eines nuklearen Holocaust, das Risiko der Er ist in den letzten Tagen vor das Land getreten, um
Vernichtung der Menschheit, über die einige Mitglied- dem amerikanischen Volk zu erklären, daß wir ernste
staaten in dieser Kommission vor Jahren zu debattie- Probleme haben, deren Lösung harte Arbeit und Opfer
ren bestrebt waren, sind glücklicherweise erheblich verlangt.
abgebaut worden. Anstatt des politischen Kampfes,
der einst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, Im Lauf des Wahlkampfs hat unser Präsident ferner
sehen wir uns heute jedoch in vielen Teilen der Wert mit sein Engagement für die Sache der Demokratie und
Tod, Qualen und Zerstörung konfrontiert, die durch der Menschenrechte sowie für multilaterales Handeln
den Haß zwischen Gruppen ausgelöst werden.
deutlich gemacht. Die neue Administration ist zutiefst

Die ersten Rechte, die in der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte verkündet werden, sind das Recht
auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Wenn
wir die Entwicklungen des vergangenen Jahres im Bereich der Menschenrechte betrachten, müssen wir die
traurige Tatsache erkennen, daß auf ethnischen, religiösen oder sogar Stammesunterschieden beruhende
Konflikte zwischen Gruppen in vielen Teilen der Welt
Millionen von Menschen dieser Grundrechte beraubt
haben.

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�von den in der Charta der Vereinten Nationen verankerten Idealen überzeugt und strebt deren Verwirklichung an.

Europa und Nordamerika Gültigkeit, möchte ich an ein
historisches Beispiel erinnern. Vor ungefähr 700 Jahren
wurden viele der fundamentalen Prinzipien, die wir
jetzt als Menschenrechte bezeichnen, von den BürIm System der Vereinten Nationen, und insbesondere gern dreier nicht weit von hier entfernter Gemeinden
auch in der Menschenrechtskommission der Verein- anerkannt: Uri, Schwyz und Unterwaiden - der Kern
ten Nationen, sind jedoch dringend institutionelle Re- des jetzt als Schweiz bekannten Landes.
formen erforderlich. Es besteht kein Zweifel, daß wir
im Lauf der Jahre Errungenschaften zu verzeichnen Es ist denkbar, daß Mitglieder des Hofes des Heiligen
hatten. Aber gibt es nicht Probleme in dem riesigen Römischen Kaisers damals behaupteten, wenn die
Bereich der Menschenrechte, die von unseren Aktivi- von diesen mutigen Menschen eingeforderten Rechte
täten unberührt blieben? Sollte es nicht eine Heraus- überhaupt irgendwelche Gültigkeit hätten, dann nur in
forderung für uns sein, die weltweiten Menschen- den Schweizer Bergen und nirgendwo sonst, ganz
rechtsprobleme auszumachen, die wir außer acht sicher nicht im restlichen Europa. Und was hätte über
gelassen haben, zu deren Lösung wir jedoch beitragen die Gültigkeit der demokratischen Ideen und Prinzipien
könnten, wenn wir in der Lage wären, sie zu behan- der Menschenrechte im England unter Heinrich VIII., in
deln?
Frankreich unter Ludwig XIV. oder der Sowjetunion
unter Joseph Stalin gesagt werden können?
Manche sagen, verschiedene Kulturen hätten eine
unterschiedliche Sichtweise der Menschenrechte, und Besorgte Gedanken wurden auch über die wechseldie Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vertre- seitige Beziehung zwischen politischer und wirtschaftte lediglich die Sichtweise einer Kultur.
licher Entwicklung geäußert. In vielen Ländern, einschließlich der Vereinigten Staaten, wird die Ansicht
Zweifellos sehen verschiedene Kulturen Menschen- vertreten, daß diese beiden Formen der Entwicklung
rechtsprobleme mit anderen Augen. Aber gibt es nicht Hand in Hand gehen. Es wird jedoch auch manchmal
zahlreiche Lebenserfahrungen, die der ganzen Mensch- die Behauptung aufgestellt, die wirtschaftliche Entheit gemeinsam sind? Trauert die Mutter in Sarajevo, wicklung müsse der politischen vorausgehen.
deren Sohn der Gewalt zwischen den Gruppen zum
Opfer fiel, etwa mehr als die Mutter in Kigali? Kann ein Bewiesen wurde jedoch genau das Gegenteil. Wenn
Einwohner von Bagdad die Folter besser ertragen als es auf diesem Gebiet je einen Reagenzglasversuch
ein Bewohner von, sagen wir, Kopenhagen? Ist ein gab, dann in West- und Ostdeutschland. Ein politisch
Bürger Havannas kulturell besser dafür geschaffen, freies Westdeutschland brachte eine der weltweit
polizeiliche Bespitzelung zu ertragen als ein Bürger stärksten Volkswirtschaften hervor. Ein politisch unMadrids? Ist ein Einwohner von Peking eher bereit, freies Ostdeutschland blieb weit dahinter zurück.
sich wegen freier Meinungsäußerung inhaftieren zu
Mit Blick auf Ostasien finden wir in Nordkorea, einer
lassen als ein Bewohner Londons?
der unterdrückerischsten Diktaturen der Welt, eine an
In der Vergangenheit wurde die von mir gerade aufge- die alptraumartige Vision von George Orwells Buch
worfene Frage, nämlich die der unterschiedlichen "1984" erinnernde Gesellschaft. Heutzutage ist NordHaltungen zu den Menschenrechten, in dieser Kom- korea ein wirtschaftlicher Zwerg. Im Gegensatz dazu
mission im Rahmen der Spaltung zwischen Ost und hat sich die Republik Korea politisch und wirtschaftlich
West erörtert. Nachdem diese Spaltung jedoch ver- entwickelt. Sie ist jetzt eine vollentwickelte Demokraschwunden ist, hatte ich die Gelegenheit, eine der tie, die einen immer weiter steigenden LebensstanPersonen zu treffen, mit denen ich mir einmal in dieser dard genießt.
Kommission Wortgefechte geliefert hatte. Das erste,
was er mir sagte, war: "Sie wußten doch die ganze Wir können auf der ganzen Welt feststellen, daß
Zeit, daß ich nicht ein Wort von dem geglaubt habe, Regierungen, die nicht dem Volk verantwortlich sind
und nicht von einer freien Presse kontrolliert werden,
was ich sagte. War es nicht so?"
eine kontraproduktive Wirtschaftspolitik einführten,
Wir sollten also die künstlichen Argumente beiseite Auslandsgelder verschwendeten, die Taschen ihrer
lassen, die in diesem Zeitalter nach dem Kalten Krieg führenden Politiker mit dem Geld des Volkes füllten
über Nord gegen Süd sowie über christliche Kultur oder unnötigerweise die Ausgaben für militärische
gegen nichtchristliche Kulturen vorgebracht wurden, Zwecke erhöhten.
und uns auf die simple Tatsache einigen, daß wir alle
Mitglieder des menschlichen Geschlechts sind, es Aus dem zuvor Gesagten können wir die Schlu ßfolgeZiele im Bereich der Menschenrechte gibt, die wir alle rung ziehen, daß Wirtschaftshilfe tatsächlich vielerorts
verwirklichen möchten und daß wir uns in unseren zur Ankurbelung der wirtschaftlichen Entwicklung
Bemühungen vereinen sollten, diese Ziele zu errei- benötigt wird. Eine Möglichkeit, die richtige Verwendung der Hilfe sicherzustellen, wäre eine verbesserte
chen.
Kontrolle der Regierung. Es gibt nur wenige Länder,
Diejenigen, die behaupten, die Prinzipien der Allge- denen unter der Führung eines wohlwollenden Alleinmeinen Erklärung der Menschenrechtebesäßennurin herrschers eine wirtschaftliche Entwicklung gelang.
Seite 2

AMERIKA DIENST 10

�Die meisten Alleinherrscher neigen jedoch zu Unberechenbarkeit und Gier und hemmen die Entwicklung.
Die Rechenschaftspflicht einer Regierung ist die beste
Garantie für eine stetige wirtschaftliche Entwicklung.

Außenseiter, insbesondere unter der Schirmherrschaft
der Vereinten Nationen handelnde, vielleicht bessere
Vermittler sind als aus einem von Rivalitäten zwischen
verschiedenen Gruppen geplagten Land stammende
Personen. Darüber hinaus könnten Regierungen
Ich habe bereits zu Beginn meiner Ausführungen eventuell ermutigt werden, Erziehungsprogramme in
darauf hingewiesen, daß es nahezu überall Probleme den Schulen durchzuführen, die der Überwindung von
im Bereich der Menschenrechte gibt, und daß es Haß und Feindseligkeit aufgrund von rassischen, etheinigen Regierungen gelingt, sie zu lösen, daß andere nischen oder religiösen Meinungsverschiedenheiten
sie lösen wollen, ohne dazu in der Lage zu sein, und zwischen einzelnen Gruppen dienen. Auch hier könnwieder andere Regierungen ein integraler Bestandteil te das Menschenrechtszentrum unter Führung der
des Problems sind.
Kommission eine höchst wichtige Rolle spielen.
Diese Kommission und das System der Vereinten
Nationen sollten derzweiten Kategorie mehr Aufmerksamkeit widmen. Diese Regierungen sollten nicht
bestraft werden. Sie brauchen Hilfe. Das UN-System,
das für Programme und Projekte zweifelhaften Wertes
beträchtliche Gelder zur Verfügung stellt, sollte seine
Prioritäten neu setzen und sich darauf konzentrieren,
wie es den Ländern, die solche Hilfe wünschen, bei
ihren Bemühungen um Verbesserung ihrer Menschenrechtsbilanz behilflich sein kann.

Wie ich jedoch schon zuvor festgestellt habe, bedeutet
die Tatsache, daß viele Regierungen, die Unterdrükkung aisoffizielle Politik praktizieren, abgelöst wurden,
nicht, daß dieses Phänomen vom Erdboden verschwunden ist. Folglich muß diese Kommission jenen Regierungen die Botschaft übermitteln, daß die internationale Staatengemeinschaft angesichts dieser Praktiken
große Besorgnis empfindet, aber auch eine Botschaft
der Hoffnung an die Bürgerdieser Länder schicken, die
Opfer der Unterdrückung sind.

Es hat sich immer wieder gezeigt, daß Menschenrechtsprobleme durch politischen Willen und den Einsatz von Mitteln gelöst werden können. In meinem
Heimatland wurde die Praxis, von Inhaftierten ein
Geständnis zu erpressen, allmählich eingestellt, als
sich die Gerichte schlicht und einfach weigerten, derartige Geständnisse anzuerkennen. In Mexiko hat
Präsident Salinas in den letzten Jahren den politischen
Willen gezeigt, die auf den Polizeiwachen im ganzen
Land üblichen Praktiken zu ändern. Die mexikanische
Menschenrechtskommission hat kürzlich unter der
hervorragenden und mutigen Leitung von Richter Jorge
Carpizo, der jüngst zum Justizminister befördert wurde, bei der Durchsetzung des Mandats des Präsidenten enorme Fortschritte gemacht.

Die uns vorliegenden Berichte aus der Feder der
Berichterstatter zu Burma, dem Iran und dem Irak
beschreiben Systeme, die sich voneinander in Einzelheiten unterscheiden, aber alle zu demselben Ergebnis führen - zur Schaffung einer alles durchdringenden
angsterfüllten Atmosphäre in diesen Staaten.

Auch müssen wir anerkennen, daß internationale
Kontroversen jetzt großenteils von intra-nationalen
Disputen ersetzt worden sind. Ebenso wie die Vereinten Nationen sich mit den internationalen Kontroversen befaßt haben, so können und sollten sie sich mit
dem befassen, was zur Zeit der verbreitetste Grund für
Menschenrechtsverletzungen geworden ist: Kontroversen zwischen verschiedenen Gruppen, die zu
Gewalttaten führen. Es gibt viele Situationen, in denen

Abgesehen von den Oppositionsführern wurden auch
ethnische Minderheiten, insbesondere in den Grenzregionen, vom burmesischen Militär verfolgt. Über
270.000 muslimische Flüchtlinge aus dem burmesischen Staat Arakan sind vor Verfolgung, Zwangsarbeit
und Vergewaltigung durch das burmesische Militär
nach Bangladesch geflohen. 1992 retteten sich rund
70.000 Karen und andere Flüchtlinge über die thailändische Grenze. Über 1.000 Nagas suchten in Indien
Zuflucht.

Kein Bürger - mag er noch so genügsam und politisch
desinteressiert sein - kann sich ihr entziehen. Der
große Bruder paßt immer auf, und selbst geringfügige
Abweichungen von festgelegten Verhaltensnormen
können schwer bestraft werden. Einschüchterung,
Verweigerung von Ausbildungs- oder wirtschaftlichen
Chancen, Folterung, langjährige Inhaftierung und sogar
Massen- oder willkürliche Hinrichtungen, Exekutionen
oder Inhaftierung aufgrund erfundener BeschuldigunErfahrungen dieser Art können und sollten mit Ländern gen zählen zu den Maßnahmen, auf die diese Länder
geteilt werden, deren Regierungen keine Anwendung zurückgreifen, um ihr Volk unter Kontrolle zu halten.
der Folter wünschen, es jedoch schwierig finden, sie Wir müssen wiederum die Aufmerksamkeit auf diese
zu verhindern. Wir müssen die Rolle, die das Men- Tatsache lenken und erneut darauf drängen, daß
schenrechtszentrum unter einem angemessenen diese Formen der Unterdrückung beendet werden.
Mandat der Kommission spielen könnte, untersuchen,
um die Länder in die Lage zu versetzen, ihre bei der In Burma befindet sich die Nobelpreisträgerin von
Lösung von Menschenrechtsproblemen gemachten 1991, Aung San Suu Kyi, weiterhin unter Hausarrest.
Erfahrungen mit anderen zu teilen. Mit Blick auf die 1.200 politische Gefangene wurden 1992 inhaftiert.
Zukunft kann dies tatsächlich eines der wichtigsten Schätzungsweise 1.000 politische Gefangene waren
Ziele dieser Kommission sein.
Anfang 1993 noch in Haft.

AMERIKA DIENST 10

Seite 3

�Wie das Dokument des Sonderberichterstatters zu
Kuba belegt, wird das Eintreten für friedlichen politischen Wandel in diesem Land mit Inhaftierung bestraft. Yndamiro Restano, der Leiter der Harmoniebewegung, wurde vergangenes Jahr zu 10jähriger Gefangenschaft verurteilt. Marco Antonio Abad, Jorge
Crespo Diaz und Maria Elena Cruz Varela bezahlen
den Preis für freien künstlerischen Ausdruck mit Jahren im Gefängnis. Sie mußten erleben, wie ihre Arbeit
als "feindliche Propaganda" bezeichnet wurde und
ihnen der Staat Kuba ihre Freiheit nahm.
Der Preis für die Bildung einer Menschenrechtsgruppe
in Kuba ist ein von der Regierung organisierter Mob,
der das Haus umzingelt, die Tür einschlägt und bis zur
Bewußtlosigkeit auf die Bewohner einschlägt. Gustave- Arcos, Aida Valdez, Elizardo Sanchez und andere
respektierte Menschenrechtsverfechter erfuhren dies
vor nur wenigen Wochen am von den Vereinten Nationen ausgerufenen Tag der Menschenrechte am eigenen Leib. Das Dokument des Sonderberichterstatters
nennt Dutzende weiterer, für rein politische Vergehen
inhaftierter Kubaner sowie andere, die ausschließlich
aufgrund ihrer Überzeugung bedroht, belästigt oder
entlassen wurden. Die Existenz des allmächtigen
kubanischen Sicherheitsapparats unterstreicht die Angst
der kubanischen Regierung vor freien und fairen Wahlen,
dem Versammlungsrecht oder sogar dem Besuch
eines Gesandten der UNO.

sende Unschuldiger, einschließlich Kindern, umgebracht wurden. Viele andere wurden verhaftet, ausder
Gegend vertrieben und ermordet.
Kampfhubschrauber beteiligten sich an Angriffen auf
Zivilisten, bis sie durch die Verhängung der Flugverbotszone gemäß Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats daran gehindert wurden. Hunderte politischer
Gefangener wurden im Frühjahr letzten Jahres im AlRadwaniya-Gefängnisinder Nähe von Bagdadgetötet
und zahlreiche andere in irakischen Gefängnissen
gefoltert. Junge Frauen werden manchmal als Form
der Degradierung, oder um sie durch Erpressung zur
Informantentätigkeit zu zwingen, vergewaltigt.

Wir müssen unser Augenmerk auch auf die Situation
im Sudan lenken. Im Sudan finden weiterhin Massenexekutionen, willkürliche Verhaftungen und Folterungen statt, von denen viele in Isolationshaft durchgeführt werden. Im Juli letzten Jahres töteten Regierungstruppen in Kuba Berichten zufolge mehrere Hundert
unbewaffneter Zivilisten und verhafteten weitere Hunderte nach einem Rebellenangriff auf die Stadt. Über
100 der Inhaftierten werden immer noch vermißt. In
der Provinz Nuba wurden 1992 Hunderttausende Zivilisten aus ihren Häusern in verlassene Gebiete im
nördlichen Kordofan vertrieben. Viele starben oder
verschwanden während der Umsiedlung. Hunderttausende wurden von Khartum in unzulängliche Lager
außerhalb der Stadt zwangsumgesiedelt. Berichten
Im Iran exekutiert die Regierung weiterhin politische zufolge dauern die massiven Umsiedlungen ebenso
Gegner und ermordet ihre im Ausland lebenden Geg- wie die mutwilligen Bombenangriffe auf die Zivilbevölner - wie in jüngster Zeit beispielsweise die Ermordung kerung auch 1993 an. Internationalen Hilfsorganisavon vier kurdischen Dissidenten im September 1992 in tionen wird weiterhin der Zugang zu einem Großteil der
Berlin belegt. Ein prominenter Anhänger des Bahais- Bevölkerung verweigert, die verzweifelt der Hilfe bemus, Bahman Samandari, wurde im März 1992 bei darf.
einer Massenexekution hingerichtet.
Obwohl wir die jüngsten Ankündigungen der baldigen
Die Inhaftierten werden systematisch gefoltert und Freilassung mehrerer bekannter politischer Dissidenwillkürliche Brutalität gegenüber Gefangenen ist an ten begrüßen, schmachten noch immer Hunderte der Tagesordnung, wie erzwungenes Ausharren in wenn nicht mehr - in chinesischen Gefängnissen. Wir
verrenkten Stellungen, Verbrennungen mit Zigaretten stellen fest, daß entgegen jüngsten öffentlichen Zugesowie schwere und wiederholte Schläge mit Kabeln ständnissen Chinas nicht alle der an der Demonstraoder anderen Instrumenten auf den Rücken oder die tion auf dem Tiananmen-Platz 1989 beteiligten StuFußsohlen.
dentenführer freigelassen wurden. Studentenführer
Liu Gang ist beispielsweise noch immer in einem
Bahais sehen sich weiterhin willkürlicher Verhaftung Gefangenenlager im Nadosten Chinas inhaftiert. Einem
und Inhaftierung ausgesetzt. Im August 1992 befan- Bericht zufolge wurde während eines Hungerstreiks im
den sich rund 20 Bahais im Gefängnis, während die Jahr 1992 aus Protest gegen die Bedingungen im
Regierung ihre Praxis fortsetzte, jederzeit eine kleine, Gefängnis sein Arm von Gefängniswärtern gebroaber konstante Zahl von Bahais festzunehmen.
chen, die versuchten, ihn zwangszuernähren.
Im Irak stellt die Bilanz endloser Menschenrechtsverletzungen für zivilisierte Menschen einen Affront dar.
Der Irak hat ein uneingeschränktes Embargo, das
auch Nahrungsmittel und Medikamente einschließt,
gegen seine drei nördlichen Provinzen verhängt.
Besonders gravierende Menschenrechtsverletzungen
sind militärische Operationen gegen schiitische zivile
Nichtkombattanten im südlichen Irak, bei denen im
vergangenen Jahr Hunderte, wenn nicht sogar Tau-

Seite 4

Heute werden in China weiterhin politische und religiöse Dissidenten verhaftet, angeklagt und zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die Bedingungen in den chinesischen Strafvollzugsanstalten sind hart und häufig
erniedrigend. Es gibt zahlreiche Berichte von Gefangenen, denen angemessene medizinische Versorgung trotz ernsthafter Gesundheitsprobleme verweigert wird. Grundlegende Menschenrechtsnormen
werden somit weiterhin mißachtet.
AMERIKA DIENST 10

�Indem wir unsere Botschaft diesen tyrannischen
Regierungen übermitteln, senden wir auch all den
unterdrückten Bewohnern dieser Länder eine Botschaft. Unsere Botschaft vermittelt ihnen unsere
Besorgnis. Sie sollte auch eine Botschaft der Hoffnung
sein im Sinne eines Liedes aus einem Nazi-Konzentra* *

AMERIKA DIENST 10

tionslager von vor sechzig Jahren. Eine Strophe des
Liedes "Die Moorsoldaten" lautet folgendermaßen:
"Doch für uns gibt es kein Klagen, ewig kann's nicht
Winter sein, eines Tages werden froh wir sagen:
'Heimat, du bist endlich mein.'"

*

*

Seite 5

�USA - E U R O P A
10. März 1993

UNGEWISSHEITEN IN DEN AMERIKANISCHEUROPÄISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter Dobbins in Bonn
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede mit dem Titel "Ungewißheiten in den amerikanischeuropäischen Beziehungen", die von Botschafter James F. Dobbins am 4. März 1993 vor dem CDUWirtschaftsrat gehalten wurde. Dobbins ist amerikanischer Botschafter bei der EG in Brüssel.

Dies ist eine Zeit erheblicher Ungewißheit in den
transatlantischen Beziehungen, Ungewißheit in dreierlei Hinsicht:

en im Nahen Osten eingeladen, die Friedensverhandlungen wieder aufzunehmen. Er ist mit dem russischen Außenminister zusammengetroffen und hat den
4. April als Datum für einen frühzeitigen russischErstens Ungewißheit in bezug auf die Politik der neuen amerikanischen Gipfel vereinbart. Am 26. Februar
amerikanischen Administration,
hatte Außenminister Christopher sein erstes Treffen
mit dem NATO-Rat.
zweitens Ungewißheit über das Schicksal der neuen
europäischen Union und
Wirtschaftswachstum ist Präsident Clintons wichtigdrittens Ungewißheit über die neue Weltunordnung, in stes Anliegen. Er hat ein aus drei Teilen bestehendes
der sich die Vereinigten Staaten und Europa gemein- Programm zur wirtschaftlichen Erholung präsentiert.
Dieses Clinton-Programm ist nahezu ein Gegenstück
sam befinden.
zur europäischen Strategie für die konjunkturelle Erholung, zu der die EG-Kommission die Mitgliedstaaten
Die Politik der neuen Administration
der Gemeinschaft gedrängt hat.
Ungewißheit über die Absichten der amerikanischen
Administration bilden die neueste, die intensivste und Teil eins des Clinton-Vorschlags ist ein 30-Milliardenaller Voraussicht nach vorübergehendste dieser drei Dollar-Konjunkturprogramm, das 500.000 neue ArQuellen transatlantischer Beunruhigung. Präsident beitsplätze schaffen soll. Im vergangenen Dezember
Clinton hat bereits begonnen, die wichtigsten Linien beschloß der Europäische Rat in Edinburgh das kurzseiner Au ßen-, Sozial- und Wirtschaftspolitik zu formu- fristige Konjunkturprogramm der Gemeinschaft, das in
lieren . Diese Politik bringt Europa und Amerika in einer etwa denselben Umfang hat.
Reihe von Bereichen näher zusammen.
Teil zwei ist ein Investitionsprogramm in Höhe von 160
Trotz ihres Wunsches, sich anfänglich auf die Innen- Milliarden Dollar, das die Modernisierung der amerikapolitik zu konzentrieren, hat die Clinton-Administration nischen Infrastruktur, einschließlich der Infrastruktur
bereits politische Initiativen zu Bosnien, dem Nahen im Informationswesen, zum Ziel hat, um die amerikaOsten und Rußland bekanntgegeben. Ihre erste wich- nische Industrie wettbewerbsfähiger zu machen und
tige Ankündigung galt de facto nicht ihrem Wirtschafts- die amerikanische Erwerbsbevölkerung für hochqualiprogramm für das Inland, sondern einem neuen ame- fizierte, hochwertige Arbeitsplätze im Spitzentechnorikanischen Ansatz für das Jugoslawienproblem, mit logiebereich zu befähigen. Europäische Programme
dem das amerikanische Gewicht bei den diplomati- zur Förderung von Spitzentechnologie und deutsche
schen, humanitären und friedenssichernden Bemü- Systeme der beruflichen Bildung und Lehrlingsausbilhungen zur Beendigung des Konflikts zur Geltung dung wurden ausdrücklich unter den Vorbildern dieser
gebracht wird. Außenminister Christopher hat bereits neuen amerikanischen Programme genannt.
eine Woche im Nahen Osten verbracht und die ParteiAMERIKA DIENST 10

Seite 1

�Teil drei ist ein Paket zum Defizitabbau von 500
Milliarden Dollar. Diese Maßnahme wird das amerikanische Haushaltsdefizit von gegenwärtig 5,5 Prozent
des BSP bis 1997 auf 2,75 Prozent senken.
Europa hat sein eigenes, im Vertrag von Maastricht
enthaltenes makroökonomisches Konvergenzprogramm. Das Ziel des Defizitabbaus in Europa ist dem
Clinton-Vorschlag sehr ähnlich.

dem Weltmarkt Probleme hatten, so argumentierte die
Bush-Administration, diese Hindernisse seien vorwiegend das Ergebnis von Handelsschranken und strukturellen Behinderungen amerikanischer Exporte in
anderen Ländern. Da die grundlegenden Probleme im
Ausland und nicht im Inland bestünden, müsse die
Handelspolitik, nicht die Innenpolitik die Hauptlast der
Wiederherstellung der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit tragen.

Die von Präsident Clinton vorgeschlagenen Maßnahmen auf der steuerlichen und Einnahmeseite werden
es den Vereinigten Staaten bis zum Jahr 1997 sogar
gestatten, alle im Vertrag von Maastricht enthaltenen
ökonomischen Kriterien für die Aufnahme in die Europäische Währungsunion (EWU) zu erfüllen.

Präsident Clinton ist nicht der Ansicht, die amerikanische Wirtschaft sei in guter Verfassung. Er glaubt
deshalb nicht, daß die Handelspolitik allein die amerikanische Konkurrenzfähigkeit wiederherstellen kann.
Er ist der Überzeugung - und die Wahl deutet darauf
hin, daß das amerikanische Volk dieser Meinung
ist -, daß Reformen im Inland der erste Schritt zur WieNatürlich sind die Vereinigten Staaten kein Bewerber
derherstellung unserer Wettbewerbsfähigkeit im Ausfür die Aufnahme in die EWU. Aber die neue amerikaland sind.
nische Administration ist darauf bedacht, innerhalb
des G-7-Rahmens engere Konsultationen und eine "Unsere Wettbewerbsfähigkeit wird durch vieles beeffektivere Koordinierung der makroökonomischen und einträchtigt", erklärte Präsident Clinton vergangenen
Währungspolitik zwischen Europa und den Vereinig- Freitag an der American University, "das nicht nur
ten Staaten herbeizuführen.
durch Vergeltung im Handelsbereich behoben werden
kann. Besser geschulte und ausgebildete ArbeitskräfAuch die amerikanische Sozialpolitik nähert sich der
te, ein niedrigeres Defizit, stabile, niedrige Zinssätze,
europäischen in Bereichen wie Gesundheitswesen,
ein reformiertes Gesundheitswesen, Technologien von
Energie- und Umweltpolitik an. Präsident Clinton ist
Weltruf, wiederbelebte Städte: Dies muß das Gerüst
entschlossen, eine nationale Krankenversicherung
unserer Wettbewerbsfähigkeit sein. Unternehmen,
einzuführen. Auch hier werden europäische Modelle
Arbeitskräfte und auch die Regierung müssen unerangeführt.
müdlich ein immer höheres Produktionsniveau anstreben."
Im vergangenen Juni verständigte sich die EG-Kommission auf eine umfassende Energiesteuer, falls Japan
und Amerika eine vergleichbare Maßnahme einfüh- Dieser innenpolitische Schwerpunkt bedeutet keine
ren. Präsident Clinton hat nun eine amerikanische Abwendung vom internationalen Handel. Ganz im
Energiesteuer vorgeschlagen, die nicht an Bedingun- Gegenteil. Die ganze Stoßrichtung von Clintons Programm zielt auf die Behandlung struktureller Probleme
gen geknüpft ist. Jetzt ist Europa wieder am Zug.
in der amerikanischen Wirtschaft ab, um Amerika
Die neue amerikanische Administration befürwortet besser dazu zu befähigen, seine Produkte und Diensteine aktivere Rolle des Staates beim Schutz der Umwelt. leistungen auf dem Weltmarkt abzusetzen. "WettbeAuch hier nähern sich die amerikanische und europäi- werb, nicht Rückzug" ist das Motto Präsident Clintons.
sche Politik einander an.
Der Erfolg von Präsident Clintons Programm hängt
von einer Zunahme des Welthandels, nicht einer
Handelspolitik: Wettbewerb, nicht Rückzug
Abnahme ab. Für die Clinton-Administration ist interJa, aber wie steht es um die Handelspolitik, werden Sie nationale Wettbewerbsfähigkeit die höchste Meßlatte
fragen, nachdem Sie die Berichte von Konflikten über der Innenpolitik, die Arena, in der Reformen die höchStahl, staatliche Beschaffungen und den Airbus gele- sten Dividenden bringen werden.
sen haben. Auch hier bringt die neue amerikanische
Betonung von Wettbewerbsfähigkeit, Gegenseitigkeit, Während die Clinton-Administration bestrebt ist, Amerika
Industriepolitik und aktiverem staatlichem Engage- wettbewerbsfähiger zu machen, muß sie sich ebenment die amerikanische Wirtschaftsphilosophie stär- falls bemühen, Amerika diesen Wettbewerb zu erlauben. Lassen Sie mich deshalb nacheinander auf die
ker mit europäischen Positionen in Einklang.
drei bereits erwähnten Sektoren eingehen, drei SektoIm Gegensatz zu ihrer Vorgängerin betrachtet die ren, in denen fairer Wettbewerb gegenwärtig verwehrt
neue amerikanische Administration die Handelspolitik wird - Stahl, staatliche Beschaffungen und Zivilflugnicht als Alternative für innenpolitische Reformen, zeuge.
sondern als deren logische Erweiterung.
Stahl
Im großen und ganzen ging die Bush-Administration
davon aus, daß die amerikanische Wirtschaft in guter Von 1982 bis 1992 gelangte europäischer Stahl im
Verfassung sei. Wenn amerikanische Produkte auf Rahmen eines freiwilligen SelbstbeschränkungsabSeite 2

AMERIKA DIENST 10

�kommens in die Vereinigten Staaten. Die Absicht
dieses Abkommens bestand darin, einen ordentlichen
Markt aufrechtzuerhalten, während Europa seine Industrie rationalisieren, die Kapazitäten abbauen und
sich über Regeln zur Kontrolle der Subventionen verständigen könnte. Aber die europäischen Stahlhersteller setzten ihre Subventionen nicht ein, um Kapazitäten abzubauen, sondern um sie in einem schrumpfenden Markt aufrechtzuerhalten. Zehn Jahre später
streben die europäischen Stahlerzeuger bei unverminderten Kapazitäten und ohne Rationalisierung ihrer
Branche eine weitere Runde von Subventionen an,
verlangen sie den Ausschluß von Konkurrenten aus
Osteuropa und beschweren sich, wenn die amerikanische Stahlindustrie denselben Schutz vor westeuropäischen Produkten verlangt.

selbst stärker von Rüstungsaufträgen abhängen als
Boeing. Tatsächlich produziert Boeing noch nicht
einmal Militärflugzeuge. Die amerikanischen Unternehmen, die das tun, McDonell Douglas und Lockheed, haben kontinuierlich Marktanteile verloren, nicht
nur an Airbus, sondern auch an Boeing. Infolgedessen
hat sich das Unternehmen mit der geringsten Abhängigkeit von Rüstungsaufträgen als effizientester Hersteller von Zivilflugzeugen erwiesen.

Das Abkommen zwischen der EG und den USA von
1992 hat vereinbarte Niveaus von Entwicklungs- und
Produktionssubventionen für amerikanische und europäische Zivilflugzeuge festgelegt. Die Entwicklungsbeihilfen werden auf 33 Prozent der Kosten begrenzt.
Produktionssubventionen sind verboten. Das Abkommen sieht darüber hinaus die Rückzahlung aller BeihilDer Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Ru- fen zu vorher vereinbarten Bedingungen vor und erforprecht Vondran, beklagte kürzlich, daß verstaatlichte dert, daß die Vereinigten Staaten über diese BedinStahlunternehmen, die mit Steuergeldern arbeiten, gungen informiert werden. Die Vereinigten Staaten
jahrelang mit großen Verlusten produziert und ihre werden die Einhaltung dieses Abkommens sorgfältig
Kapazitäten sogar noch erweitert haben, während beobachten. Wir möchten sicherstellen, daß vorheriunabhängige Unternehmen verpflichtet waren, den ge Subventionen wie vereinbart zurückgezahlt werGürtel enger zu schnallen. Subventionen und unfaire den. Wir werden femer die Begrenzung neuer SubImporte zerstören Vondran zufolge die Marktmecha- ventionen in den Bereichen Marketing und Exportfinismen. Die Zustimmung der amerikanischen Stahler- nanzierung sowie die Straffung und Erweiterung der
Disziplinen bei Subventionen auf multilateraler Grundzeuger ist ihm gewiß.
lage anstreben.
Vergangene Woche rechtfertigte der französische
Handelsminister neue EG-Beschränkungen für Stah- Staatliche Beschaffungen
limporte aus Osteuropa mit dem Argument, "die Europäische Gemeinschaft könnte Arbeitsplätze in Lothrin- Staatliche Beschaffungen sind ein weiterer Bereich, in
gen nicht opfern, um Arbeiter in Böhmen zu retten". Es dem der Handel zur Zeit weder frei noch fair ist. Am 1.
bedarf kaum der Erwähnung, daß die Arbeiter in Januardieses Jahres setzte die Europäische Gemeinschaft eine Richtlinie in Kraft, die amerikanische AnPittsburgh ähnlich denken.
bieter auf umfassender, europaweiter Ebene diskriminiert. Die Gemeinschaft behauptet, das diskriminieAirbus
rende Instrument seiner neuen Gesetzgebung sei ein
Wenn ein Unterschied zwischen freiem Handel und Verhandlungsinstrument zur Öffnung amerikanischer
fairem Handel besteht, dann liegt dieser Unterschied in Märkte. Wir verstehen diese Überlegung, und wir
den Subventionen. Subventionierter Handel ist nicht führen gleichfalls ähnliche Beschränkungen für amerifair, und unfairer Handel kann nicht frei bleiben. Wir kanische Beschaffungen aus Europa ein, ebenfalls als
sehen dies beim Stahl, und wir sehen dies bei zivilen Faustpfand für Verhandlungen.
Flugzeugen.
Es ist schade, daß wir uns nicht auf eine gegenseitige
In den letzten Wochen haben 28.000 Arbeitnehmer bei Öffnung des amerikanischen und europäischen Markts
Boeing ihren Arbeitsplatz verloren. Diese Arbeitneh- für staatliche Beschaffungen verständigen konnten,
mer waren nicht unzureichend ausgebildet, schlecht ohne auf solche Verhandlungstaktiken zurückzugreimotiviert oder unproduktiv. Aber ihr Unternehmen hat fen. Die amerikanischen Märkte sind bereits offener
Aufträge gegen einen Wettbewerber verloren, der als die Europas, aber wir sind bereit, sie noch weiter zu
staatliche Subventionen in Höhe von 26 Milliarden öffnen. Wir verhandeln mit der EG seit über vier
Dollar erhalten hat. Die Europäer rechtfertigen die Jahren über dieses Thema.
Subventionen für den Airbus dagegen mit dem Argument, auch Boeing erhalte über Rüstungsaufträge Dem gegenwärtigen GATT-Kodex für staatliche Bestaatliche Subventionen. Hätte Amerika aufgrund schaffungen zufolge öffnen die Vereinigten Staaten
seines militärischen Beitrages zur Befreiung Europas staatliche Beschaffungen in Höhe von 16,8 Milliarden
und danach zur Verteidigung Europas während der Dollar für EG-Angebote - frei von irgendwelchen "Buyvergangenen 45 Jahre einen Vorsprung im zivilen American"-Beschränkungen. Die EG öffnet ihrerseits
Flugzeugbau erlangt, so wäre dies doch kaum eine lediglich 7,8 Milliarden Dollar für die Vereinigten Staalegitime Quelle für europäische Beschwerden. Tatsa- ten. Im Rahmen der gegenwärtigen GATT-Regeln
che ist jedoch, daß die wichtigsten Airbus-Partner bieten die Vereinigten Staaten der EG demzufolge

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Seite 3

�doppelt so viel Zugang wie die EG uns im Gegenzug
gestattet.

Während die Clinton-Administration Verhandlungslösungen für jeden dieser seit langem bestehenden
Streitfälle anstrebt, hat sie ihre Absicht bekräftigt, das
Europa beschwert sich über unsere "Buy-American"- Nordamerikanische Freihandelsabkommen zu ratifiRegeln. Diese Verfügungen betreffen lediglich ameri- zieren, die GATT-Vereinbarungen abzuschließen und
kanische Beschaffungen von 20 Milliarden Dollar jähr- zu diesem Zweck vom Kongreß das Fast-Track-Manlich. Die "Buy-European"-Vorschrift der neuen EG- dat anzustreben. Vergangenen Freitag forderte PräsiGesetzgebung dagegen betrifft über 50 Milliarden dent Clinton den "unverzüglichen und erfolgreichen
Dollar jährlich.
Abschluß der Uruguay-Runde". Wie im Fall der Landwirtschaft wird eine Einigung zwischen den USA und
Die neue europäische Gesetzgebung schreibt nicht
der EG überdie anderen noch ausstehenden Themen,
nur die Bevorzugung europäischer Produkte vor. Darüber
darunter Marktzugang, Dienstleistungen, Subventiohinaus gestattet sie europäischen Regierungen, jedes
nen, Dumping und neue institutionelle Arrangements
amerikanische Angebot in seiner Gesamtheit grundlos
erforderlich sein, um dieses Ziel zu erlangen.
und unabhängig davon, wie niedrig der Preis oder wie
qualitativ hochwertig die Produkte auch sein mögen, Die Zukunft der Europäischen Union
abzulehnen. Die amerikanischen Gesetze verlangen
andererseits, daß die amerikanische Regierung euro- Die zweite die amerikanisch-europäischen Beziehunpäische Angebote selbst dort akzeptieren muß, wo gen beeinflussende Ungewißheit ist, wie ich bereits
"Buy American" gelten soll, wenn diese europäischen erwähnte, die Unsicherheit bezüglich der europäiOfferten am preiswertesten sind und das Gefälle be- schen Union.
rücksichtigen.
Wird Maastricht ratifiziert werden? Falls es ratifiziert
Unsere Gespräche mit der EG zur Erweiterung der wird, wird es durchgeführt und in welchem zeitlichen
jeweiligen Beschaffungen haben sich auf zwei Berei- Rahmen? Wenn es durchgeführt wird, welche Art von
che konzentriert - Telekommunikation und schwere europäischer Union wird daraus entstehen?
elektrische Güter.
Es gibt drei unterschiedliche Visionen der europäi1992 errangen ausländische Firmen 54 Prozent des schen Union, die um die Seele Europas konkurrieren.
amerikanischen Marktes für Telefonschalter. Der Eine ist die Vision von einem "Europa der Nationen",
europäische Anteil an diesem amerikanischen Markt von einer sich erweiternden Handelszone, für die der
ist in den letzten fünf Jahren Jahr für Jahr kontinu ierlich Vertrag von Maastricht auf ewige Zeiten das Höchstgewachsen. Andererseits hat Deutschland noch nie maß an Integration verkörpern wird. Ein zweites
einen amerikanischen Schalter gekauft. Dasselbe gilt Modell sieht einen föderalen Kern von westeuropäifür Frankreich, Belgien, Griechenland und Dänemark. schen Staaten mit unabhängiger Verteidigungs- und
Außenpolitik vor. Ein drittes Modell strebt ein Europa
Bei schwerem elektrischem Gerät ist die Lage ähnlich. an, das gleichzeitig vertieft, erweitert und geöffnet wird
EG-Firmen liefern 20 Prozent der Gasturbinen und 30 - die Ausweitung der Mitgliedschaft auf Osteuropa, die
Prozent der Dampfturbinen in Amerika. Kein amerika- Entwicklung zu stärkeren zentralen Strukturen, die
nisches Unternehmen hat jemals eine Dampfturbine in weitere Liberalisierung seiner Außenhandelsbeziehundie Europäische Gemeinschaft verkauft. Der letzte gen sowie die weitere enge Verbindung mit den Vereiamerikanische Verkauf eines Großtransformators nach nigten Staaten in einer Sicherheitspartnerschaft.
Europa fand im Jahr 1983 statt.
Das dritte Modell ist das ehrgeizigste, da es von der EG
Der baldige Abschluß der Uruguay-Runde
verlangt, gleichzeitig ihre Integration zu vertiefen, ihre
Mitgliedschaft zu erweitern und ihre Grenzen weiter zu
Die neue amerikanische Betonung des umfassenden
öffnen. Dieses Modell verlangt auch am meisten von
Aspekts könnte unseren Dialog über den Handel verden Vereinigten Staaten, indem es erfordert, daß wir
schärfen, aber die Argumentation der Administration
uns weiter in Europa engagieren und Verpflichtungen
zugunsten wirtschaftlicher Reformen ist nach außen
eingehen, während wir ständig unsere Interaktionsforgerichtet, nicht nach innen. Sie stützt sich stark auf
men anpassen, um eine sich entwickelnde Reihe von
vergleichende Studien und stellt die amerikanischen
europäischen Institutionen einzubeziehen. Ich perLeistungen denen unserer Konkurrenten gegenüber.
sönlich gehe jedoch davon aus, daß dieses größere,
Ob diese Vergleiche - wie beim deutschen System der
vertiefte, offenere Europa das Modell ist, das am
Lehrlingsausbildung - positiv sind oder negativ, wie im
ehesten mit den langfristigen Interessen der VereinigFalle der Subventionierung des Airbus, die Absicht ist
ten Staaten an europäischer Sicherheit und weltweidieselbe. Dieses Lob und diese Kritik werden zur
tem Wirtschaftswachstum in Einklang steht. Darüber
Unterstützung eines Wirtschaftsprogramms eingesetzt,
hinaus bin ich der Ansicht, daß diese Vorstellung von
das darauf abzielt, Amerika zur Beteiligung an einem
Europa am weitestgehenden dem Wunsch der meioffeneren, interdependenteren, stärker von Wettbesten Europäer in Ost und West entspricht.
werb geprägten internationalen Umfeld zu befähigen.

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AMERIKA DIENST 10

�Dieses letztere Urteil - daß die europäischen Völker ein Sicherheitsherausforderungen abgelöst wurde.
größeres, integrierteres Europa möchten - wird sicherEs ist eine Art Binsenweisheit geworden, daß in dieser
lich auf Einwände stoßen.
neuen Ära nach dem Kalten Krieg die Geoökonomie
Im vergangenen Jahr hat die Öffentlichkeit in verschie- die Geopolitik als dominanten Faktor in den internatiodenen europäischen Ländern erheblich weniger Be- nalen Beziehungen ersetzen wird. Weil die Vereiniggeisterung für die europäische Union an den Tag ten Staaten und Europa wirtschaftliche Konkurrenten
gelegt als die Verfasser des Maastrichter Vertrages sind, erwarten viele, daß Konflikte Kooperation als
erwartet hatten. Über die Ursachen dieses Schwunds Norm in den transatlantischen Beziehungen ablösen
an öffentlicher Unterstützung ist viel spekuliert wor- werden.
den. Ist es das Demokratiedefizit der Gemeinschaft
und mangelnde Transparenz bei der Entscheidungs- Es ist jedoch wahrscheinlich falsch zu erwarten, daß
findung? Ist es die Komplexität des Maastrichter Sicherheit als Schwerpunkt westlicher Anliegen in den
Vertrags und fehlende Ausgewogenheit zwischen seinen Hintergrund tritt. Sicherlich, die sowjetische Bedrowirtschaftlichen und politischen Elementen? Ist Sub- hung ist verschwunden. Aber die nukleare Weiterversidiarität die Antwort? Muß der Vertrag geändert breitung, zunehmender Nationalismus, Rassismus und
werden? Ist eine konstitutionelle Reform der Gemein- Fundamentalismus, die zum anhaltenden Verfall des
Ostens führen, sowie fortdauernde Instabilität südlich
schaft erforderlich?
von Europa werden gewährleisten, daß Sicherheit ein
Wenn diese Diagnosen zutreffen, wenn diese Abhilfen entscheidendes Anliegen des Westens und Sicherunerläßlich sind, dann könnte die Krankheit Europas heitszusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staatödlich sein, denn grundsätzliche Reformen der Ge- ten und Europa ein zentrales Gebot bleiben.
meinschaft können aller Wahrscheinlichkeit nach nur
nach der Wiederherstellung der öffentlichen Unterstüt- Neu ist, daß diese westliche Zusammenarbeit schwieriger zu verwirklichen und in ihrem Ergebnis weniger
zung für die Integration erfolgen, nicht vorher.
erfolgreich sein mag als wir in den vergangenen 40
Glücklicherweise gibt es eine einfachere Erklärung für Jahren erfahren haben. Seit das Bündnis in den
den Rückgang der öffentlichen Unterstützung für Europa fünfziger Jahren seine Politik des Containment und
im vergangenen Jahr. Die richtige Frage lautet hier seine Strategie der Abschreckung entwickelte, besaß
nicht, warum einzelne Europäer zu Euroskeptikern der Westen eine erprobte, erwiesene und gut verstanwurden, sondern warum es heute mehr Euroskeptiker dene Reaktion auf die sowjetische Herausforderung.
gibt als vor 18 Monaten. Sicherlich konnte man die Die Vereinigten Staaten und Europa mögen vielleicht
Antwort auf diese Frage von der Wand in Bill Clintons über Details debattiert haben - über die Stationierung
Wahlkampfzentrale ablesen, an der ein Schild mit von Raketen oder die taktische Doktrin -, aber im
folgender Aufschrift hing: "Es ist die Wirtschaft, Grundsatz waren wir einig. Wir hatten Antworten, und
Dummkopf."
wir wußten, daß sie funktionierten.
Im vergangenen Jahr haben europäische und amerikanische Wähler als Reaktion auf die hartnäckig hohe
Arbeitslosigkeit und niedriges Wachstum der Politik,
den Politikern und dem eingefahrenen Trott eine Absage
erteilt. In den Vereinigten Staaten lehnten sie George
Bush ab. In Europa war ihr Ziel der Vertrag von
Maastricht.

Dies ist nicht länger der Fall.
Jugoslawien ist dafür beispielhaft. Die Vereinigten
Staaten und Europa haben keine unterschiedlichen
Interessen in Jugoslawien. Auch unsere Beurteilung
der dortigen Ereignisse unterscheidet sich nicht. Was
wir gemeinsam haben, ist die Frustration über den
schwer faßbaren Charakter des Problems und die
Unwirksamkeit der von uns bisher ergriffenen Maßnahmen.

Wenn diese Analyse zutreffend ist, dann ist der Rückgang der europäischen öffentlichen Zustimmung zur
Integration zyklisch, und es steht zu erwarten, daß der
Europessimismus wiederum dem Euroenthusiasmus Es könnte noch lange dauern, bis wir wirklich effektive
weichen wird, wenn sich die europäische Wirtschaft Antworten auf die neuen, ebenso akuten aber diffuseren Sicherheitsherausforderungen finden, denen wir
von der derzeitigen Rezession erholt.
heute ausgesetzt sind. Während wir nach Antworten
Die neue Weltunordnung
suchen, könnten unsere Bemühungen zur Zusammenarbeit ebenso häufig Hitze wie Licht erzeugen.
Die dritte Quelle der Ungewißheit, die über den ame- Unsere Sicherheitspartnerschaft wird zwar wichtig
rikanisch-europäischen Beziehungen hängt, ist die bleiben, aber sie könnte aus diesem Grund weniger
Unsicherheit über die neue Weltunordnung, eine Welt Solidarität und weniger Isolierung für die Beziehungen
ohne die Sowjetunion, ohne den Eisernen Vorhang als Ganzes hervorbringen.
und praktisch ohne Kommunismus. Es ist eine Welt,
in der das einigende Element einer einzelnen, gut Vierzig Jahre lang hatte die Wirtschaft auf beiden
verstandenen äußeren Bedrohung durch eine verwir- Seiten des Atlantiks infolge der atlantischen Sicherrende Ansammlung neuer, schlecht verstandener heitspartnerschaft eine Art Freifahrtschein. Europa
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Seite 5

�war in der Lage, sich auf seine ökonomische Integration zu konzentrieren, darauf vertrauend, daß die
NATO nicht nur seine äußeren Grenzen garantierte,
sondern auch verhinderte, daß sicherheitsrelevante
Anliegen eine Quelle von Reibungen zwischen den
westeuropäischen Nationen selbst wurde. Die amerikanische Wirtschaft konnte ebenfalls ihre unternehmerischen und branchenspezifischen Wirtschaftsziele
in der sicheren Gewißheit verfolgen, daß die umfassenderen transatlantischen Beziehungen für sich selbst
sorgen und die politischen Entscheidungsträger infolge des sicherheitspolitischen Imperativs gewährleisten würden, daß kein Hähnchen- oder Spaghettikrieg
außer Kontrolle geriete.

danach, beschleunigt sich die weltweite wirtschaftliche
Interdependenz noch weiter. Es ist unerläßlich, daß
die Fähigkeit für weltweites wirtschaftliches Management damit Schritt hält.
Die Interdependenz hat unter den Ländern Westeuropas ihr höchstes Niveau erreicht. Der Vertrag von
Maastricht und die geplante europäische Währungsunion stellen eine regionale Antwort auf die Notwendigkeit neuer Arrangements dar, um noch enger verflochtene Volkswirtschaften zu leiten. Europa muß an
diesem Weg festhalten, um seinen Binnenmarkt aufrechtzuerhalten und zu einer gestärkten weltweiten
Fähigkeit für den Umgang mit einer offeneren Weltwirtschaft beizutragen.

Fürdie Zukunft können wirdessen weniger sicher sein.
In der Welt nach dem Kalten Krieg wird die Geoökonomie sicherlich einen ebenbürtigen Platz neben der
Geopolitik einnehmen, wenn nicht gar sie ersetzen.
Wirtschaftliche Dispute in den atlantischen Beziehungen werden primär aus wirtschaftlichen Gründen
bewertet und beigelegt werden. Neue Argumente für
transatlantische Solidarität werden deshalb besonders stark auf wirtschaftlichen Gründen beruhen müssen.
Wirtschaftliche Interessengruppen müssen eine Hauptstütze der Atlantischen Gemeinschaft werden und
einen Großteil der Last übernehmen, die lange vom
"militärisch-industriellen Komplex" getragen wurde.

In den kommenden Monaten werden die Vereinigten
Staaten von den anderen führenden Mitgliedern der
G-7 entschlossene, politisch schwierige Schritte zur
Wiederbelebung der Weltwirtschaft erwarten. Nachdem er sein eigenes umfassendes Programm für
Wachstum, Strukturreformen und Defizitabbau vorgelegt und damit die Vereinigten Staaten auf den schwierigen Weg gebracht hat, den Europa und Japan seit
langem fordern, rief Präsident Clinton vergangene
Woche unsere wichtigsten Partner dazu auf, ihren Teil
beizutragen, "um die Zinssätze zu senken, Investitionen anzukurbeln, strukturelle Handelshemmnisse
abzubauen und ein robustes Wirtschaftswachstum
wiederherzustellen".
Diese Aufforderung ist lediglich
Unter diesen Umständen ist es für die amerikanische
der
Anfang
langfristiger
Bemühungen, unsere gemeinWirtschaft wichtig, eine sichtbare Präsenz in Europa
same
Fähigkeit
zum
Umgang
mit der Interdependenz
geltend zu machen und ein aktives Interesse an der
zu
verbessern.
Entwicklung Europas zum Ausdruck zu bringen. Ebenso
wichtig ist es für die europäische Wirtschaft, sich auf
europäischer Ebene zu organisieren, um am transat- Schlußbemerkung
lantischen politischen Dialog teilzunehmen. VerschieBereits jetzt ist klar, daß Präsident Clinton die Sozialdene Initiativen dieser Art werden zur Zeit von der
und Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten auf
Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks betrieben.
einen Kurs bringt, der sie näher an Europa heranführt.
Ich bin sicher, diese Bemühungen werden von den
Unser Handelsdialog wird energisch, bisweilen scharf,
europäischen Regierungen und der amerikanischen
aber beiderseitig produktiv sein, während die Vereinigbegrüßt werden, die den Bedarf eines aktiveren Engaten Staaten danach streben, zu konkurrieren und sich
gements der Wirtschaft zur Unterstützung der transatnicht vom Weltmarkt zurückzuziehen. Europa wird
lantischen Beziehungen erkannt haben.
von amerikanischem Wachstum und vom amerikanischen Erfolg bei der Öffnung von Märkten profitieren.
Der Umgang mit der Interdependenz
Die Interdependenz der Weltwirtschaft wächst. Diese Ungewißheit über die Zukunft der europäischen Union
Interdependenz macht sie produktiver, aber auch wird die transatlantischen Beziehungen etwas länger
verwundbarer. In den dreißiger Jahren brach die beeinflussen. Aber Europa wird amerikanische UnterWeltwirtschaft zusammen, weil die politischen Arran- stützung genießen, während es versucht, seinen Weg
gements für den Umgang mit ihr nicht mit der Zunahme in die Zukunft zu finden. Amerikanisches Wirtschaftsder internationalen Handels- und Investitionstätigkeit wachstum, das zu einem Wirtschaftsaufschwung in
Schritt gehalten hatten. In den vierziger Jahren wurde Europa führt, wird das beste Elixier gegen den derzeidas System von Bretton Woods konzipiert, um diesen tigen Anfall von Europessimismus und die beste GrundMangel zu korrigieren. In den siebziger Jahren began- lage für weitere Fortschritte zur europäischen Union
nen auch diese Arrangements unter dem Gewicht sein.
einer noch komplexeren, interdependenteren Welt zu
Die Bewältigung der Herausforderung einer immer
zerfallen. Das System von Bretton Woods wurde
interdependenteren Wert wird unsere dauerhafteste
modifiziert und durch die Hinzufügung jährlicher WirtHerausforderung darstellen. Die Geoökonomie wird
schaftsgipfel und regelmäßiger Konsultationen der
G-7-Finanzminister ergänzt. Heute, nahezu 20 Jahre bei der Gestaltung der transatlantischen Beziehungen
Seite 6

AMERIKA DIENST 10

�ihren Platz an der Seite der G eopolit ik einnehmen. Die
Regierungen werden ihre Fähigkeit verbessern müssen, mit einer enger verflochtenen Weltwirtschaft
umzugehen. Die Wirtschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks wird sich stärker engagieren müssen, um

diese wichtigsten aller internationalen Beziehungen zu
verstehen, zu ihnen beizutragen und sie aufrechtzuerhalten: die Beziehungen zwischen Europa und Amerika.

* * * *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 7

�H A N D EL
10. März 1993

NEUE AMERIKANISCHE HANDELSPOLITIK FÜR 1993
Kantor drängt auf neue Handelspolitik
WASHINGTON - (AD) - Die handelspolitischen Zielsetzungen der Clinton-Administration für das Jahr 1993
enthalten die gewohnten Themen: Die Uruguay-Runde der Welthandelsgespräche, Liberalisierung des
regionalen und bilateralen Handels, insbesondere mit der Europäischen Gemeinschaft, Japan und China sowie
die Durchsetzung bestehender Handelsabkommen.
Die Administration engagiert sich jedoch auch dafür, im Bereich der Handelspolitik neue Fragen anzusprechen
wie Arbeitsbestimmungen, Umweltschutz, Wettbewerbs- und Technologiepolitik, so der Handelsbericht von
1993 und der Jahresbericht 1992 des Präsidenten der Vereinigten Staaten zum Programm der Handelsabkommen, die am 5. März 1993 veröffentlicht wurden.
Der US-Handelsbeauftragte Mickey Kantor unterstrich in der Einleitung zu dem Bericht die Überzeugung
Clintons, "Wettbewerb, nicht Rückzug" sei erforderlich.
Kantor versprach, den Handel durch "auf Öffnung der Märkte abzielende Maßnahmen, unterstützt von einer
strengen Durchsetzung der amerikanischen Gesetze" zu erweitern.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Teil des Berichts, der die handelspolitische Tagesordnung für 1993 enthält.

Die Handelspolitik der Clinton-Administration ist ein
integraler Bestandteil der gesamten Wirtschaftspolitik
des Präsidenten. Das Fundament dieser Strategie
besteht darin, "den Menschen an die erste Stelle zu
setzen". Ihre Schubkraft umfaßt tiefgreifende Wirtschaftsreformen im Inland und eine Führungsrolle in
der Weltwirtschaft.
Der Präsident wies bereits in seiner Amtsantrittsrede
darauf hin: "Wir müssen mehr in unser Volk, seine
Arbeitsplätze und seine Zukunft investieren und gleichzeitig unsere massive Verschuldung abbauen. Und
wir müssen dies in einer Wert tun, in der wir um jede
Chance konkurrieren müssen."
Eine erfolgreiche Handelspolitik trägt zu unserem wirtschaftlichen Wohlergehen bei, indem die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen angeregt, Löhne und Gehälter erhöht und die internationale Konkurrenzfähigkeit verbessert werden. Andererseits werden Maßnahmen zur Erhöhung der Investitionen im
Produktionsbereich, Verbesserung der Ausbildung der
Arbeitnehmer und Erhöhung des Bildungs-und Ausbildung sstandards uns in der Weltwirtschaft konkurrenzfähiger machen.
Diese Verbindung zwischen Handel und unserer nationalen Wirtschaftsstrategie kann gar nicht genug betont
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werden. Sie bestimmt unsere Prioritäten und die
zeitliche Steuerung unserer Handelspolitik als Ganzes. Wie Präsident Clinton vor der American University bereits erklärt hat: "Unsere Handelspolitik wird
Bestandteil eines integrierten Wirtschaftsprogramms
sein...".
Leider werden wir Zeit brauchen, bis die Synergieeffekte zwischen Handel und wirtschaftlicher Erholung
zum Tragen kommen. Dieses Jahr wird besonders
schwierig werden. Wirtschaftliches Wachstum im
Inland wird unsere Nachfrage nach Gütern aus dem
Ausland erhöhen, während die Rezession, unter der
zurZeit unsere wichtigsten Handelspartner leiden, das
Wachstum amerikanischer Exporte verlangsamen wird.
Der beunruhigende 29prozentige Anstieg des amerikanischen Handelsdefizits im Warenhandel während
des Jahres 1992 ist ein Symptom für dieses Problem.
Positiv ist jedoch, daß die amerikanischen Handelsgewinne im Bereich der Dienstleistungen 1992 um 25
Prozent stiegen. Folglich änderte sich die kombinierte
Bilanz für Waren und Dienstleistungen nur leicht; das
Defizit stieg von 21,8 Milliarden 1991 auf 32,7 Milliarden 1992.
Vor diesem Hintergrund setzen wir die folgenden wichtigen Prioritäten:

Seite 1

�a)

Wir sind bereit, bei der Uruguay-Runde der
Welthandelsgespräche energisch auf Fortschritte zu drängen.

b)

Wir werden große Anstrengungen unternehmen, um die Ziele des Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens zu erreichen, indem
wir die notwendigen Zusatzabkommen mit Mexiko
und Kanada aushandeln.

c)

Wir werden andere bilaterale und regionale Initiativen untersuchen, um eine Ermutigung zu
verstärkten Handelsmöglichkeiten zu geben.
Diese umfassen Bemühungen um Zusammenarbeit mit den Pazifikrandstaaten sowie anderen Staaten der westlichen Hemisphäre. Die
Asiatisch-Pazifische Wirtschaftliche Zusammenarbeit ist besonders vielversprechend.

d)

Wir führten auch ernsthafte substantielle Gespräche
mit unseren wichtigsten Handelspartnern - einschließlich Kanadas und der EG - über die nächsten im
Rahmen des GATT zu unternehmenden Schritte.
Natürlich kann ein Abkommen bei der Uruguay-Runde
nicht so früh geschlossen werden, daß es unter dem
existierenden amerikanischen Gesetz für die sehr
wichtige "Fast-Track"-Behandlung im Kongreß in Frage kommt. Folglich schlägt die Administration eine
Gesetzgebung vor, die das Fast-Track-Mandat erneuern soll.
B.

Abschluß der NAFTA-Vereinbarungen

Das Abkommen über die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) erstreckt sich auf ganz Amerika, es
erweitert und modifiziert das Freihandelsabkommen
zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada aus
dem Jahr 1988. Durch die Aufnahme Mexikos wird die
Nordamerikanische Freihandelszone mehr als 360
Millionen Menschen und eine Jahresproduktion von
mehr als 6 Billionen Dollar umfassen.

Wir werden die bereits bestehenden Handelsvereinbarungen und amerikanischen Handelsgesetze entschlossen durchsetzen, um mehr
Märkte für unsere Exportartikel zu öffnen, beispielsweise bei den staatlichen Beschaffungen,
der Telekommunikation, den Dienstleistungen Ziel von NAFTA ist die Ankurbelung von Handel und
Wachstum in allen drei Ländern, einschließlich der
und der Landwirtschaft.
Vereinigten Staaten. Als solches ist das Abkommen in
e)
Wir werden sicherstellen, daß die neueren Fra- die längerfristigen wirtschaftlichen Ziele der Adminigen im Bereich der Handelspolitik - insbesonde- stration wie besserbezahlte Arbeitsplätze und größere Umweltschutz, Wettbewerbs- und Technolo- res Wohlergehen unserer Arbeitnehmer, Unternehgiepolitik - ein integraler Bestandteil unserer men und Gemeinschaften eng eingebunden. Wir
unterstützen es nur in dem Maße, in dem es diese Ziele
Tagesordnung werden.
unterstützt.
A.
Weitere Fortschritte bei der Uruguay-Runde
des GATT
Das grundlegende NAFTA-Abkommen wurde am 17.
Dezember 1992 von Präsident George Bush, PräsiIm letzten Jahr wurden die Hoffnungen auf einen dent Carlos Salinas de Gortari aus Mexiko und PreAbschluß der Uruguay-Runde der Welthandelsgesprä- mierminister Brian Mulroney aus Kanada unterzeichche wieder einmal zerschlagen. Zu Beginn des Jahres net. Es würde alle Zölle zwischen den Vereinigten
1993 waren besonders im Bereich der Landwirtschaft Staaten und Mexiko stufenweise abbauen, die Mehrund bei den bilateralen Diskussionen zwischen den zahl über einen Zeitraum von 10 Jahren, bei den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemein- sensibelsten Produkten in einer Übergangszeit von bis
schaft Fortschritte zu verzeichnen.
zu 15 Jahren.
Ein erfolgreiches Abkommen zum Abschluß der Uruguay-Runde würde der schleppenden Weltwirtschaft
kurzfristig einen Vertrauensschub geben. Wir schätzen, daß die Produktion weltweit schließlich auf mehr
als 5 Billionen Dollar ansteigen würde - allein in den
Vereinigten Staaten auf mehr als 1 Billion Dollar.

Das NAFTA-Abkommen geht über den Güterhandel
hinaus - es senkt die Handelsschranken im Dienstleistungsbereich (beispielsweise Finanzdienstleistungen,
verstärkte Telekommunikation und Beförderung) und
bei Investitionen. Es befaßt sich auch mit vielen
nationalen Regelungen. Was Mexiko betrifft, verstärkt
Verschiedene komplexe Angelegenheiten verlangen es beispielsweise den Schutz geistigen Eigentums,
jedoch nach einer Lösung. Die Clinton-Administration schafft diskriminierende Regelungen für Lastwagenist bereits bei ihrer internen Überprüfung der Verhand- transporte ab und öffnet den Markt für Beschaffungen
lungen vorwärtsgekommen. Wir konzentrieren uns der mexikanischen Regierung.
auf einige Bestimmungen des Entwurfs der Schlußak- Das Akommen wird, falls es von den Gesetzgebungste und auf die größtenteils noch unvollendete Arbeit im organen derdrei Länder angenommen wird, im Januar
Hinblick auf Marktzugang. Es besteht eine zwingende 1994 in Kraft treten.
Notwendigkeit, einen größeren Marktzugang zu erhalten - das heißt niedrigere Zölle und Abbau nichttarifä- In einer am 4. Oktober vergangenen Jahres gehalterer Handelshemmnisse für Fertigwaren und landwirt- nen Rede und in späteren Äußerungen verlieh Präsischaftliche Erzeugnisse sowie ein größerer Zugang im dent Clinton seiner Unterstützung des grundlegenden
Dienstleistungsbereich.
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AMERIKA DIENST 10

�NAFTA-Abkommens Ausdruck und erklärte, er wolle
es nicht neuverhandeln. Er forderte jedoch die Stärkung einiger amerikanischer Programme - einschließlich der Ausbildung der Arbeitnehmer, der Beseitigung
von Umweltschäden an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, Hilfe für Farmer, größerer Teilnahme
der Öffentlichkeit an den Diskussionen über NAFTA
und der Schließung der Schlupflöcher für ausländische Arbeitnehmer. Präsident Clinton forderte auch
die Aushandlung von Zusatzabkommen zum Schutz
der Umwelt, der Verbesserung der Arbeitsgesetze und
Sicherheit am Arbeitsplatz sowie die Bereitstellung
weiteren Schutzes gegen den überwältigend hohen
Anstieg von Importen. Auf diesen Gebieten suchen wir
nach konkreten und durchsetzbaren Maßnahmen.

Herausforderungen können jedoch hervorgehoben
werden.

Bis jetzt stehen die Zeichen gut. Die Aussicht auf
NAFTA verbessert bereits unsere Möglichkeiten. Der
amerikanische Handel mit Mexiko, der 1990 ein leichtes Defizit zu verzeichnen hatte, erreichte 1992 einen
Überschuß von 5,4 Milliarden Dollar. Die Mexikaner
konsumieren bereits pro Person mehr amerikanische
Waren als die Europäer oder die Japaner, und der
erhöhte Wohlstand in Mexiko wird wohl zu einer noch
größeren Nachfrage nach amerikanischen Gütern und
Dienstleistungen beitragen.

Trotz einiger Fortschritte (beispielsweise einer Reform
des Verteilungssystems) bleibt eine Anzahl von Handelsschranken bestehen. Einige sind ordnungspolitischer, andere struktureller und wieder andere produktspezifischer Natur.

C.

China ist potentiell ein riesiger Markt für amerikanische
Produkte und Dienstleistungen. Um China zur Einführung von Verfahren und Verhaltensweisen zu ermutigen, die mit dem internationalen Handelssystem in

Die Pazifikrandstaaten
Im Unterschied zu anderen Ländern der Welt ist in den
Pazifikrandstaaten ein kräftiges Wachstum zu verzeichnen. Die Clinton-Administration überprüft Wege
zur Stärkung der Beziehungen mit dieser wichtigen
Region auf den Gebieten Handel und Investitionen.
Neben diesen Chancen bestehen auch eine Reihe von
Handelsproblemen, insbesondere mit zwei wichtigen
Staaten:

Japan: Nach unserer eigenen ist die japanische
Wirtschaft die zweitgrößte der Welt, und nach Kanada
In ähnlicherWeise haben wir vorläufige Diskussionen ist Japan unser zweitgrößter Handelspartner. Im
mit kanadischen und mexikanischen Vertretern über letzten Jahr stieg Japans Überschuß beim Handel mit
Zusatzabkommen geführt. Die Verhandlungen wer- den Vereinigten Staaten von 43 Milliarden auf ungeden im März beginnen. Obwohl über den Gang der fähr 49 Milliarden Dollar, was einen jahrelang anhalVerhandlungen keine Prognosen angestellt werden, tenden Rückgang umkehrte. Ungefähr zwei Drittel
hoffen wir, daß sie so schnell wie möglich abgeschlos- unseres Defizits mit Japan bestehen bei Automobilen
sen werden können, damit NAFTA wie vorgesehen im und Autoteilen, gefolgt von Gütern der ElektroinduJanuar 1994 in Kraft gesetzt werden kann.
strie.

Wir sind besorgt über eine Reihe von speziellen Problemen. Dazu gehört, sicherzustellen, daß Japan das
Halbleiterabkommen einhält, seine Politik im Hinblick
auf den Handel mit Automobilen und Autoteilen sowie
seine Bereitschaft, Abkommen zu Supercomputern,
NAFTA wird letzlich mehr Arbeitsplätze in Amerika Computern, wichtigen Projekten und einer Vielzahl
schaffen. Dennoch ist es wahrscheinlich, daß einige anderer Probleme zu verwirklichen. Wir engagieren
amerikanische Arbeitnehmer in einigen Sektoren ihren uns dafür, alle Verhandlungsformen auszuloten - bilaArbeitsplatz verlieren. Präsident Clinton versprach terale oder multilaterale, strukturelle oder produktbeeine Vielzahl von Maßnahmen, um ihnen zu helfen, zogene -, um Handelsprobleme zu lösen.
einschließlich der Unterstützung für besonders anfälChina: China ist nach wie vor ein Schwerpunkt ernster
lige Arbeitnehmer und Gemeinschaften.
Bedenken seitens der Vereinigten Staaten.
Neben seinen wirtschaftlichen Auswirkungen stellt
NAFTA ein Schlüsselelement bei den mutigen, von Die Verhandlungen mit China über Marktzugang wurPräsident Salinas unternommenen Anstrengungen dar, den vergangenen Herbst erfolgreich abgeschlossen.
Mexiko zu öffnen und zu modernisieren. Die Durchset- Es bleiben jedoch noch schwerwiegende Probleme zu
zung von NAFTA wird es Präsident Salinas und ande- lösen. Amerikanische Waren sind weiter mit hohen
ren amerikafreundlichen, die Marktkräfte befürworten- Zöllen, Zulassungserfordernissen und Quoten konden Kräften in Mexiko gestatten, ihre Politik fortzuset- frontiert. Das chinesische System entbehrt nach wie
zen. NAFTA den Rücken zuzukehren würde nicht nur vor der Transparenz bei der Verkündung und Anwendiese Reformen gefährden, sondern auch die Zusam- dung von Gesetzen und Vorschriften. Im Dienstleimenarbeit mit Mexiko in vielen gemeinsamen Pro- stungssektor war die Liberalisierung nur schwach
blembereichen negativ beeinflussen, einschließlich des ausgeprägt, und amerikanische Unternehmen sind
weiterhin rigorosen Beschränkungen unterworfen.
Drogenhandels und der Einwanderungsfrage.
Weitere bilaterale und regionale Initiativen

In den letzten Kapiteln dieses Berichts werden viele
bilaterale und regionale Initiativen angesprochen. Einige

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�Einklang stehen, sind wir führend daran beteiligt, Chinas Mitgliedschaft im GATT zu sichern.

gesetze nachhaltig durchsetzen. AnsorjÄA hltten
die Abkommen und Gesetze kaum eine MjAitung.

Europa

Titel VII des Handelsgesetzes

Europäische Gemeinschaft: Unsere Handelsbeziehungen zur EG sind für die Integrität und Vitalität des
multilateralen Handelssystems von entscheidender
Bedeutung. Wir sind füreinander die größten Handelspartner, wobei der Gesamthandel in beiden Richtungen 214 Milliarden und das amerikanische Defizit im
Jahr 1992 nahezu 8 Milliarden Dollar erreichte. Wir
unterstützen die weitere Integration Europas, aber wir
werden energisch handeln, um unsere Interessen zu
schützen, falls die am 1. Januar 1993 eingeleitete
Verwirklichung des Europäischen Binnenmarkts oder
der Vertrag von Maastricht amerikanische Firmen
diskriminieren oder Schranken gegen amerikanische
Exporte errichten sollte. Während die EG die Bildung
des Europäischen Wirtschaftsraums mit anderen
westeuropäischen Staaten, die Einbeziehung neuer
Mitglieder sowie die Durchführung von Assoziierungsabkommen mit Osteuropa vorantreibt, werden wir
unsere internationalen Abkommen und die amerikanischen Handelsgesetze nutzen, um die Märkte offen zu
halten. Wir werden mit der EG zusammenarbeiten, um
die für den Abschlu ß der Uruguay-Runde erforderliche
Führung zu gewährleisten. Die effektive Verwirklichung des bilateralen Abkommens über die AirbusSubventionen sowie die Aushandlung scharfer multilateraler Disziplinen für die Unterstützung des Flugzeugsektors werden ebenfalls hohe Priorität genießen.

Titel VII des Handelsgesetzes von 1^81 forttert die
Identifizierung anderer Länder, die tmlrtanische
Produkte und Dienstleistungen b«i st*ffcffrn Beschaffungen diskriminieren. In diesem JuÄmmenhang hat die Clinton-Administration schart iufjie neue
Sektorenrichtlinie der Europäischen OÄdpischaft
reagiert. Diese Richtlinie, die im Janulr Jijfeiin Kraft
trat, sieht eine klare Präferenz für A r t g r o A J h in der
Gemeinschaft hergestelltem Gerät U p f l P j n den
Vereinigten Staaten oder andernor^
HfV^*™
Gerät vor und gestattet die Ablehnun$llPffl|iSoten,
deren Nicht-EG-Anteil über 50 Prozent M f l i f L Durch
Verhandlungen und, falls nötig, durch Sanktionen wird
die Administration eine Beendigun| M M I fllkriminierung anstreben.
Dumping und Subventionen
Einige der am häufigsten angewiriÄi Jmerfkanischen Handelsgesetze dienen der Abftjir ausländischer Dumping- und SubventionsprUtijfc. $o wurden in den vergangenen Monaten vöh cAlfltf rnationalen Handelskommission sowie ddm Äiwlsministerium einstweilige Feststellungen gettonen, denen
zufolge die amerikanische Wirtschaft ^schltiigt wurde, weil ausländische Hersteller von unfegVrtim Stahl
ihre Produkte in den Vereinigten Stauen unter Wert
verkauft haben und weil zahlreiche iuSlrWische Hersteller von ihren Regierungen subventioniert wurden.

Osteuropa und die ehemalige Sowjetunion: Die
meisten osteuropäischen Länder machen Fortschritte Diese Verwaltungsverfahren werden gemlß tmerikabei der Umgestaltung ihrer Volkswirtschaften zu markt- nischen Gesetzen durchgeführt. Bis Ü ihrem Aborientierten Systemen. Die Fortschritte in den unab- schlußvergeht eine gewisse Zeit. In der Zwischenzeit
hängigen Republiken der ehemaligen Sowjetunion sind hat sich die Administration, um eine sfnrMrile Disziplin
dagegen begrenzt. Die Vereinigten Staaten werden in diesem Sektor zu erlangen, auch an Vtöiandlungen
die Entwicklung der Demokratie und marktorientierter über ein multilaterales Stahlabkomm^i SPtWlgt.
Systeme durch Verhandlungen unterstützen, die darauf ausgerichtet sind, einen Rahmen für die rasche
Ausweitung von Handel und Investitionen zwischen
den Vereinigten Staaten sowie den Ländern Osteuro- Die in Paragraph 201 des HandelsglM jfcy^n 1974
pas und der ehemaligen Sowjetunion bereitzustellen. (mit Zusätzen) enthaltene Konze*sWj WMtlhmeklausel sieht ein breites Spektrum rrftrttfier AbhilfeAmerika
maßnahmen zugunsten einer heinM | ^ J ^ c h e
vor, wenn verstärkte Importe etn»jfl
m&amp;
Mehrere Staaten dieser Region haben weitreichende Ursache ernster Schädigung Sind m
BWfc
Reformen eingeführt, um ihre Haushaltsdefizite abzu- Schädigung droht. Während der BvB^M ÄNganbauen, die Auslandsschulden zu reduzieren und ihre Administrationen geriet diese BestM
I A GeVolkswirtschaften für den weltweiten Wettbewerb zu setzes in Vergessenheit. Die Clinton R-nhfctrition
öffnen. Präsident Clinton hat erklärt, ein Erfolg von untersucht, ob sie zur verstärkten ArlÄÄJhg" dieses
NAFTA könne weiteren, den Handel erweiternden seit langem existierenden Instrumentseifcutigen sollArrangements mit anderen marktorientierten Ländern te, das im Einklang mit dem GATT 4%W i .
der westlichen Hemisphäre sehr gut den Weg ebnen.
D. Durchsetzung bestehender Handelsabkommen
und amerikanischer Gesetze
Die Clinton-Administration wird unsere bestehenden
Handelsabkommen und die amerikanischen HandelsSeite 4

Paragraph 301 des Handelsgest«|B
Zusätzen) ist ein wichtiges gesetJHfl
das zur Öffnung von Auslandsmarkt»«J

limit
Bnt,
Binn,

�Das Basisabkommen zu NAFTA enthält eine Reihe
von Bestimmungen, um die US-Gesetze über Umwelt
und Gesundheit zu schützen und Unternehmen davon
Die Clinton-Administration zieht die verstärkte Anwen- abzuhalten, auf der Suche nach laxeren Umweltschutzdung von Paragraph 301 unter geeigneten Bedingun- vorschriften von Land zu Land zu ziehen. Präsident
gen in Erwägung, um zur Öffnung weiterer Auslands- Clinton hat jedoch einseitige amerikanische Bemühunmärkte zu ermutigen. Sie wird ferner sicherstellen, gen gefordert, um Umweltschäden im Grenzgebiet zu
daß die bestehenden Vereinbarungen im Rahmen von beseitigen und mehr öffentliche Beteiligung an den
301 uneingeschränkt verwirklicht werden.
Debatten über die Umwelt in Zusammenhang mit
NAFTA zu gewährleisten. Darüber hinaus unterstützt
E. Auftretende Probleme in der Handelspolitik
er ein Ergänzungsabkommen, das gemeinsame
Die amerikanische Handelspolitik findet nicht isoliert Bemühungen zur Beseitigung von Umweltschäden im
von anderen politischen Maßnahmen statt. Wie be- Grenzgebiet behandelt, eine von allen drei Partnern
reits festgestellt, ist sie integraler Bestandteil unserer gebildete Umweltkommission mit erheblichen Vollmachten einrichtet und eine verbesserte nationale
nationalen Wirtschaftsstrategie.
Durchsetzung nationaler Umweltgesetze vorsieht. In
Mehrere "neue" Probleme verdienen stärkere Auf- ähnlicher Weise erfordert der Entwurf des Abkommerksamkeit. Die wichtigsten sind unter anderem mens der Uruguay-Runde, das Augenmerk auch auf
Umweltschutz, Wettbewerbspolitik und Technologie- die umweltpolitische Dimension zu richten, und daspolitik. Andere Themen, die ebenfalls intensiverer selbe gilt auch für die Evolution des GATT selbst.
Beschäftigung bedürfen, sind Arbeitsbestimmungen,
Rechte an geistigem Eigentum und Investitionsfragen. Im Hinblick auf Handels- und Technologiepolitik hat die
Clinton-Administration unlängst eine wichtige neue
Probleme, die mit dem Verhältnis von Handel und Technologieinitiative bekanntgegeben, die eine erhebUmwelt zusammenhängen, werden vordringlich be- liche Verlagerung von aufgabenorientierter Forschung
handelt werden. Wir werden nach Wegen suchen, um und Entwicklung der Bundesregierung zu Investitioden komplementären Charakter von Handels- und nen vorsieht, die der Stärkung der amerikanischen
Umweltanliegen zu stärken sowie Kompensations- industriellen Wettbewerbsfähigkeit und Schaffung von
maßnahmen ausgewogener zu gestalten.
Arbeitsplätzen gelten.

wenn ein anderes Land ein Handelsgesetz verletzt
oder andere unfaire Praktiken anwendet.

* * * * *

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�VERTEIDIGUNG
10. März 1993

WISNER WARNT VOR GEFAHR DER
NUKLEAREN WEITERVERBREITUNG
Rede vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - "Nukleare Weiterverbreitung, verschärft durch die potentielle Gefahr des Verlusts der
uneingeschränkten Kontrolle über die Nuklearwaffen in der ehemaligen Sowjetunion", ist dem designierten
Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium Frank Wisner zufolge "eine der wesentlichen Bedrohungen der
nationalen Sicherheit, mit denen sich die Vereinigten Staaten heute konfrontiert sehen."
Bei seiner Anhörung vor dem Streitkräfteausschu ß des Senats am 4. März 1993 zählte Wisner weitere Gefahren
auf: "regionale, ethnische und religiöse Konflikte, das Risiko der Umkehrung von Reformen in Rußland und den
anderen ehemaligen Sowjetrepubliken".
Wisner erklärte, die "US-Streitkräfte müssen so strukturiert und ausgerüstet sein, daß die Auswirkungen der
Weiterverbreitung auf ein Mindestmaß begrenzt werden, falls unsere Bemühungen zu ihrer Verhinderung
scheitern" und fügte hinzu, die Streitkräfte "müssen jedoch uneingeschränkt in der Lage sein, regionale
Bedrohungen amerikanischer Interessen und Werte zu bewältigen - wenn möglich zusammen mit unseren
Verbündeten, wenn nötig im Alleingang."
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus Wisners vorbereitetem Redetext für den Ausschuß.

Während des Kalten Krieges dominierte die sowjetische Bedrohung die Militärplanung der Vereinigten
Staaten. Sie bestimmte die Höhe unseres Verteidigungsbudgets, die Struktur unserer Streitkräfte und
den Entwurf unseres militärischen Geräts. In einem
Rückblick auf die Zeit nach dem Kalten Krieg sprach
der ehemalige Präsident Bush von einer "neuen Weltordnung". Wie Verteidigungsminister Aspin bemerkte,
war das "neu" von längerer Dauer als die "Ordnung".
Das Sicherheitsumfeld nach dem Kalten Krieg ist
vieldeutig, kompliziert und veränderbar. Die alte Welt
bipolarer Blöcke wurde durch eine neue Welt multipolarer Komplexität ersetzt. Das Verständnis der Unterschiede zwischen alten und neuen Bedrohungen ist
entscheidend für die Veränderungen, die wir zur
Gewährleistung unserer Sicherheit in diesem neuen
Umfeld vornehmen müssen.
Erstens ist nukleare Weiterverbreitung, verschärft durch
die potentielle Gefahr des Verlusts der uneingeschränkten Kontrolle überdie Nuklearwaffen in derehemaligen
Sowjetunion, eine der wesentlichen Bedrohungen der
nationalen Sicherheit, mit denen sich die Vereinigten
Staaten heute konfrontiert sehen. Obwohl sich die
stets geringe Gefahr eines massiven Atomangriffs auf
die Vereinigten Staaten stark verringert hat, ist die
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Gefahr, daß eine, zwei oderzehn Nuklearwaffen sogar
gegen die Vereinigten Staaten eingesetzt werden
könnten, größer. In der Tat muß die Verbreitung aller
Massenvernichtungswaffen - chemischer, biologischer
und ihrer Trägersysteme - an oberster Stelle unserer
Tagesordnung stehen und die politischen oder militärischen Implikationen ihres tatsächlichen oder angedrohten Einsatzes sind äußerst ernst.
Unsere jüngsten Erfahrungen am Persischen Golf
führen uns die Bedeutung vor Augen, die Gefahr
nuklearer und anderer Weiterverbreitung abzuwehren. Niemand bezweifelt, daß die Golfkrise sehr viel
gefährlicher gewesen wäre, hätte Saddam Hussein
Nuklearwaffen besessen. Und seit dem Golfkrieg
haben wir gelernt, wie schwierig es ist, einen verbrecherischen Staat seiner Fähigkeit zur Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme
zu berauben.
Die zweite Gefahr entstammt regionalen, ethnischen
und religiösen Konflikten. Obwohl heute kein Land das
Überleben der Vereinigten Staaten bedroht, hat Saddam Hussein demonstriert, daß regionale Mächte
amerikanische Interessen bedrohen können. Ethnische Nationalisten und sektiererischer Haß schüren

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�auch gewalttätige Konflikte, die den Ruf nach Aktionen Die vierte Gefahr ist wirtschaftlicher Natur. Das wirtaus Gewissensgründen und aufgrund amerikanischer schaftliche Wohlergehen aller Amerikaner ist unerläßWerte laut werden lassen.
lich für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten . Au ßen- und Innenpolitik sind in der heutigen Welt
Die Tragödie im ehemaligen Jugoslawien und die untrennbar. Präsident Clinton hat wiederholt erklärt,
Hilfsbestrebungen in Somalia unterstreichen die Schwie- daß die Vereinigten Staaten keine Führungsrolle in der
rigkeiten der uns konfrontierenden Herausforderung. Welt, zu deren Gestaltung wir so viel beigetragen
Die Vereinigten Staaten müssen gemeinsam mit an- haben, spielen können, wenn wir nicht im Inland stark
deren effektivere Wege sondieren, um das Entstehen sind. Und wenn wir uns von der Welt zurückziehen,
solcher Konflikte zu vermeiden, einschließlich eines wird uns dies im Inland wirtschaftlichen Schaden zufüfrühzeitigen Engagements für friedensbewahrende/ gen. Darüber hinaus würde auch unsere Sicherheit
friedenschaffende und humanitäre Hilfe. Gleichzeitig gefährdet.
müssen wir uns jedoch bewußt sein, daß wir nicht
überall hingehen und jede Last tragen können. Wir Wirkungsvolle und entschlossene Reaktionen auf die
müssen unsere Verbündeten und die Vereinten Natio- folgenden vier Gefahren sind die wichtigste nationale
nen zu größerem Engagement auffordern.
sicherheitspolitische Herausforderung für das neue
Clinton-Team:
Die dritte Gefahr ist das Risiko einer Umkehrung der
Reformen in Rußland und den anderen ehemaligen
Die Bewältigung der Bedrohung durch die WeiSowjetrepubliken. Die Verstärkung des Kurses der
terverbreitung von Massenvernichtungswaffen
politischen und wirtschaftlichen Reformen in der eheerfordert ein wirkungsvolles und vielfältiges
maligen Sowjetunion ist für die amerikanische SicherArsenal von Instrumenten, um die Anreize für
heit unabdingbar. Wie Präsident Clinton ausführte, ist
Weiterverbreiter und potentielle Weiterverbreider Erfolg der Demokratie wichtig für unsere wirtter zu reduzieren und die Anbieter zu zügeln.
schaftliche Zukunft: ... Kürzungen unserer VerteidiDie US-Streitkräfte müssen so strukturiert und
gungsausgaben, die langfristig einen wesentlichen
ausgerüstet sein, daß die Auswirkungen der
Bestandteil unseres innenpolitischen WirtschaftsproWeiterverbreitung auf ein Mindestmaß begrenzt
gramms bilden, können nur aufrechterhalten werden,
werden, falls unsere Bemühungen zu ihrer
solange Rußland und die anderen Atomrepubliken
Verhinderung scheitern.
eine abnehmende Gefahr für unsere Sicherheit, die
Die Präsenz amerikanischer Streitkräfte in
unserer Verbündeten und der Demokratien auf der
Übersee und die amerikanische Beteiligung an
Welt darstellen.
internationalen friedenserhaltenden und friedenschaffenden Arrangements können zur AbschrekVerteidigungsminister Aspin hat betont, daß wir die
kung regionaler Konflikte beitragen. Die ameri"Nachfrage" nach Verteidigungsfähigkeiten und Dolkanischen Streitkräfte müssen jedoch uneingelars für Verteidigungszwecke im Auge behalten müsschränkt in der Lage sein, regionale Bedrohunsen. Er hat das Argument vorgebracht, daß die
gen amerikanischer Interessen und Werte zu
alleinige und wichtigste außenpolitische Variable in
bewältigen - wenn möglich zusammen mit unsebezug auf die "Nachfrage" nach Verteidigung in dem
ren Verbündeten, wenn nötig im Alleingang.
Unterschied zwischen einem Rußland auf Reformkurs
und der Rückkehr zu einem Gegner Rußland besteht.
Unsere Verteidigungsmaßnahmen und -initiativen können dazu beitragen, die Umkehrung der
Die Umkehr der Reformen in Rußland könnte die
Reformen in Rußland und der Ukraine zu verVereinigten Staaten auch ihres neuen Partners bei der
hindern und die Demokratie weltweit zu fördern,
Bewältigung globaler Sicherheitsprobleme berauben.
indem wir beispielsweise dabei helfen, dort neue
Die russische Zusammenarbeit bei der Lösung regioSicherheitsidentitäten zu entwickeln und neue
naler Konflikte, insbesondere am Persischen Golf, und
Prozesse für die zivile Kontrolle über das Militär
jetzt die Bereitschaft Rußlands zur Unterstützung der
zu etablieren. Die Vorstellungskraft der SenatoFallschirmabwürfe über Bosnien, waren eines der
ren Nunn und Lugar sowie anderer Parlamentabemerkenswertesten Kriterien des Anbeginns der Zeit
rier hat diese Initiativen ermöglicht.
nach dem Kalten Krieg. Ein Ende der Reformen
könnte auch den aussichtsreichen Kurs verlangsaDie Bewältigung von Bedrohungen unserer
men, den wir mit Rußland bei der Einflußnahme auf
wirtschaftlichen
Sicherheit stellt eine schwierige
START I und die Ratifizierung von START II sowie bei
Herausforderung
der Verteidigungspolitik dar.
der Verwirklichung des breiten Spektrums der von uns
Ein
Großteil
des
Drucks
zum Abbau der Verteiüber Jahre hinweg ausgehandelten vielversprechendigungsausgaben
entspringt
der Notwendigkeit,
den Rüstungskontrollinitiativen eingeschlagen haben.
Mittel
für
innenpolitische
Investitionen
und den
Wirtschaftsreformen, Rüstungskontrolle, die Stärkung
Defizitabbau
freizusetzen.
Dies
ist
eine
Realität
von Demokratie und Stabilität sind Kernziele für uns in
derZeit
nach
dem
Kalten
Krieg.
Ich
bin
jedoch
der Ukraine, den anderen Staaten der ehemaligen
auch
der
Überzeugung,
daß
wir
mit
unseren
Sowjetunion und auch in Rußland.
Seite 2

AMERIKA DIENST 10

�wichtigsten Verbündeten in Europa und Japan
zusammenarbeiten müssen, um ein neues
"strategisches Geschäft" abzuschließen, das
uns in die Lage versetzt, zur Bewältigung der
neuen militärischen Bedrohungen zusammenzuarbeiten und gleichzeitig in der Weltwirtschaft
zu konkurrieren.
Verteidigungsminister Aspin reorganisiert das Verteidigungsministerium, damit wir uns auf diese neuen
Bedrohungen konzentrieren können. Diese Umgestaltung wird die Organisation des Staatssekretärs für
politische Angelegenheiten unmittelbar betreffen. Wir
beabsichtigen, Dienststellen einzurichten, deren Hauptaufgabe die Reaktion auf diese neuen Bedrohungen
sein wird.

Besetzung dieser Funktionen nominieren. Sie verdienen Ihr Vertrauen, und ich hoffe, Sie werden ihnen Ihre
Unterstützung gewähren, wenn die Nominierungen
Ihrem Ausschuß unterbreitet werden. Wir haben viel
gemeinsam zu tun. Dazu gehören die Verabschiedung eines wichtigen Haushalts sowie START II und
der Vertrag über chemische Waffen, deren Ratifizierung wir anstreben.

Damit komme ich zur zweiten Reihe von Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, nämlich wie wir
trotz des Abbaus der Verteidigungsausgaben eine
effektive militärische Streitmacht aufrechterhaften. Im
Falle meiner Bestätigung bin ich entschlossen, meinen
Teil dazu beizutragen. Ich bin ein Kind des Zweiten
Weltkrieges, ich habe den Krieg zeit meines Lebens
gekannt. Ich habe bereits frühzeitig verstanden, daß
Der Minister plant eine starke Organisation für regiona- wir als freie, wohlhabende Nation nur dann Bestand
le Angelegenheiten, um uns die Reaktion auf regionale haben können, wenn wir sicher sind und die Ordnung
Bedrohungen zu ermöglichen. Er möchte eine Dienst- international aufrechterhaften wird.
stelle mit den Programmen des Ministeriums zur
Bekämpfung der Weiterverbreitung betrauen und sie Wir müssen die außergewöhnliche Qualität unserer
mit unseren Exportkontrollbehörden sowie dem ge- Streitkräfte und den Vorsprung in der Spitzentechnosamten von uns eingerichteten Spektrum an Program- logie bewahren, die im Krieg gegen den Irak unter
men zum Abbau der Bedrohung und zur Nuklearpoli- Beweis gestellt wurden. Bei Operation Wüstensturm
tik koppeln. Die Reaktionen auf Bedrohungen von war die Ausbildung der US-Streitkräfte von entscheiDemokratie und Menschenrechten werden in einer dender Bedeutung. General Schwartzkopf witzelte
neuen, von einem Abteilungsleiter geführten Organi- sogar, daß Ausbildung und Führung unserer Truppen
sation gebündelt, der für Friedenssicherung und selbst dann den Sieg gesichert haben könnten, wenn
humanitäre Angelegenheiten zuständig sein wird. wir die irakischen Waffen und der Irak unsere gehabt
Abteilungsleiter werden darüber hinaus für die Funk- hätten. Wir werden eine abgespeckte Streitkräftetionen Strategie und Ressourcen sowie Planung und struktur haben, aber sie muß einsatzfähig und effektiv
Politik verantwortlich sein, um diesen Organisationen sein.
eine stärkere Führungsrolle zu verleihen und damit
sicherzustellen, daß unser neues Militär tatsächlich Im Golfkrieg haben wir auch den Wert von High-Techvon der neuen Strategie geleitet wird, und um die Waffen kennengelernt. Sie reduzierten die Zahl
langfristige Planung sowie Entwicklung von Maßnah- amerikanischer Verluste und führten ein rascheres
Kriegsende herbei. Die heute vor uns liegende Hermen neu zu beleben.
ausforderung besteht darin, wie unsertechnologischer
Bis auf weiteres werden andere Elemente der politi- Vorsprung und die industrielle Grundlage zur Produkschen Organisation so funktionieren wie bisher, darun- tion der erforderlichen Systeme bewahrt werden könter Sondereinsätze/Konflikte geringer Intensität (SO/ nen, ohne daß wir die hohen Produktionsniveaus des
LIC) und Sicherheitspolitik. Der Verteidigungsminister Kalten Krieges haben.
versteht, wie wichtig Sondereinsatzkommandos und
ähnliche Truppen in unserem neuen Sicherheitsum- Die Ziele, für die amerikanische Militärmacht eingefeld sind. Mit zunehmender Bedeutung von Missionen setzt werden kann, müssen Grenzen haben. Wir
wie Aufbau von Nationen, humanitären Angelegenhei- müssen die Energie unserer Nation auf das für uns
ten, Friedenssicherung und Maßnahmen zur Bekämp- Wichtigste konzentrieren - die Bewahrung des Friefung der Weiterverbreitung wird die potentielle Rolle dens, Förderung von Frieden und Menschenrechten,
solcher Streitkräfte sogar noch wichtiger. Er ist sich Sicherung unserer Bündnisse und Schutz des Handarüber hinaus der Tatsache bewußt, daß die hoch- dels. Die amerikanischen Streitkräfte sollten selektiv
rangige zivile Oberaufsicht über diese besonders fol- eingesetzt werden - vorwiegend in solchen Fällen, in
genreichen militärischen Operationen absolut uner- denen wichtige amerikanische Interessen bedroht und
läßlich ist. Deshalb wird Fragen in Zusammenhang mit militärische Mittel erforderlich sind, um sie zu schütKonflikten geringer Intensität mehr und nicht weniger zen, wo diese Ziele klar definiert sind und wo wir
innerhalb kurzer Zeit einen Unterschied bewirken können.
Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Der Präsident wird ein hervorragendes Team aus
Mitgliedern und Nichtmitgliedern der Regierung zur
* *

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*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton der Sache der Demokratie und Menschenrechte verpflichtet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schifter vor UN-Menschenrechtskommission&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ungewissheiten in den amerikanisch-europäischen Beziehungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Dobbins in Bonn&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue amerikanische Handelspolitik für 1993&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kantor drängt auf neue Handelspolitik&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Verteidigung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wisner warnt vor Gefahr der nuklearen Weiterverbreitung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor Senatsausschuß&lt;/em&gt;</text>
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11

17. März 1993

RUSSLAND

CLINTON STREBT UNTERSTÜTZUNG DER
G-7 FÜR RUSSISCHE REFORMEN AN
Handelsminister Brown: USA engagieren
sich für Rußlandhilfe

AUSSENPOLITIK

CHRISTOPHER SKIZZIERT ZIELE DER
US-AUSSENPOLITIK
Erklärung vor Haushaltsausschuß
des Repräsentantenhauses

TERRORISMUS

STRAFRECHTLICHE VERFOLGUNG DER
FÜR DEN ANSCHLAG AUF DAS WORLD
TRADE CENTER VERANTWORTLICHEN
UNABDINGBAR
Erklärung von Botschafter McNamara

MEDIEN

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN
AMERIKA
von Stephen Bates

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228 339 2372
Fax: 0228 33 41 02

�RUSSLAND
17. März 1993

CLINTON STREBT UNTERSTÜTZUNG DER G-7 FÜR
RUSSISCHE REFORMEN AN
Handelsminister Brown: USA engagieren sich für Rußlandhilfe
WASHINGTON - (AD) - In der Überzeugung, daß die
Hilfe für den Reformprozeß in Rußland nicht bis zum
Weltwirtschaftsgipfel im Juli aufgeschoben werden
kann, hofft Präsident Clinton darauf, die Industriestaaten zu einer verstärkten Kampagne zu bewegen, um
den Übergang Rußlands zur Marktwirtschaft zu beschleunigen.
"Der wichtigste Punkt ist: Ich glaube nicht, daß wir bis
Juli warten können", um hier zu handeln, erklärte
Clinton am 9. März 1993 bei einer gemeinsamen
Pressekonferenz mit dem französischen Präsidenten
Mitterrand im Anschluß an private Gespräche im Weißen
Haus. DieStaats-undRegierungschefsderführenden
Industriestaaten (G-7) werden im Juli in Tokio zusammentreffen.

Mitterrand. "Meines Erachtens ist es sogar notwendig,
weil es Probleme gibt", mit denen Jelzin bei der Entwicklung des Reformprozesses konfrontiert ist.
Bei einem privaten Treffen und einem Arbeitsessen im
Weißen Haus bekräftigten die beiden Präsidenten,
was Clinton als "die lange und bedeutende Freundschaft" zwischen Washington und Paris bezeichnete.

Auf die Herausforderungen fürden Westen im Zeitalter
nach dem Kalten Krieg verweisend, äußerte Clinton,
Washington und Paris müßten sowohl im politischen
als auch im wirtschaftlichen Bereich eng zusammenarbeiten. Darüber hinaus erklärte der Präsident: "Wir
müssen unsere Unterstützung für die schwierige
Umgestaltung zur Demokratie bekräftigen, die heute in
der ehemaligen Sowjetunion sowie in Mittel- und OstMit dem Hinweis, er werde sich nach der Reise des europa stattfindet, unser Interesse an enger Zusamfranzösischen Staatspräsidenten nach Rußland in dieser menarbeit zur Förderung des Friedens im Nahen Osten
Woche erneut mit Mitterrand beraten, stellte Clinton und an anderen Orten der Welt bekräftigen sowie
fest, er werde im Rahmen der G-7 handeln, jedoch Demokratie und Wirtschaftswachstum auf der ganzen
nicht notwendigerweise bei einem formellen Treffen Wert fördern. Heute morgen haben wir einen sehr
dieser Koalition. Der Kommunikationsdirektor des guten Anfang gemacht."
Weißen Hauses, George Stephanopoulos, erklärte
darüber hinaus später, eine baldiges Treffen werde Clinton stellte fest, Mitterrand und er hätten Rußland,
nicht notwendigerweise auf der Ebene der Staats- und Bosnien-Herzegowina sowie Fortschritte auf dem Weg
Regierungschefs stattfinden, sondern Clinton könnte zu einer europäischen Union erörtert und planten
sich dafür entscheiden, die Initiative in Koordination darüber hinaus Gespräche über Handelsfragen, den
mit den Finanz- oder Außenministern zu verfolgen.
Nahen Osten und andere Themen. Unter Berufu ng auf
die "französische Führungsrolle" bei der Lösung von
"Ich werde versuchen, andere zum Handeln zu bewe- Handelsproblemen erklärte Clinton, er sei "äußerst
gen", erklärte Clinton, "ob ein förmliches Treffen der hoffnungsvoll, daß die Vereinigten Staaten und FrankG-7 möglich ist oder nicht." Er werde bis zu seinen reich Partner bei der Neuformulierung unserer geKonsultationen mit Mitterrand nach dem Besuch des meinsamen Interessen und bei der Hinführung der
französischen Präsidenten in Moskau am 16. März G-7 zu koordinierten Maßnahmen zugunsten weltweiabwarten, vielleicht sogar bis zu seinem eigenen Gip- ten Wirtschaftswachstums sein können".
feltreffen mit dem russischen Präsidenten Jelzin in
Vancouver am 3. und 4. April.
Am Vorabend seines Treffens mit Mitterrand war Clinton am 8. März eine Stunde lang mit dem ehemaligen
Mitterrand schloß sich der Aufforderung Clintons zu Präsidenten Nixon zusammengetroffen, der ein fühdringender Hilfe für Jelzin und für den Prozeß der render amerikanischer Befürworter der Hilfe für Rußpolitischen und wirtschaftlichen Reformen an, die mit land geworden ist. Nixon drängt die Vereinigten Staadem russischen Präsidenten identifiziert werden. "Ich ten, ihre Hilfe für Rußland im Rahmen des Freedom
befürworte" ein baldiges Treffen der G-7, erklärte
AMERIKA DIENST 11

Seite 1

�Support Act drastisch zu erhöhen. Der ehemalige
Präsident möchte, daß die westlichen Staaten die rein
ökonomischen Aspekte der Hilfeleistung, wie etwa die
Maßstäbe des Internationalen Währungsfonds, übergehen und Unterstützung selbst dann gewähren, wenn
ein Teil der Gelder verschwendet würde. Er begründet
seine Haltung mit dem Argument, die Hilfe sei gerechtfertigt, weil ein demokratisches Rußland dem Westen
Einsparungen bei den Verteidigungshaushalten gestatte.
Auf Fragen über Berichte, er befürworte ein baldiges
Treffen der G-7 zur Beschleunigung der Hilfe für
Moskau, antwortete Clinton, er denke, ein solches
Treffen "könnte nützlich sein", aber er wisse nicht, ob
"ein Treffen möglich ist".

Clinton erklärte, die Vereinigten Staaten wären daran
interessiert, sich Bemühungen der Vereinten Nationen
zur "Sicherung" eines von den Parteien vereinbarten
Abkommens anzuschließen, und Mitterrand stellte fest,
Frankreich würde die Bereitstellung von Truppen für
solche UNO-Bemühungen in Erwägung ziehen. Unter
Berufung auf seine Gespräche mit Mitterrand erklärte
Clinton, er sei "sehr erfreut... über die Möglichkeiten,
die uns vielleicht zur Verfügung stehen, um bei der
Sicherung eines Friedens in Bosnien zusammenzuarbeiten".
Der Präsident äußerte, Mitterrand und er seien sich
einig, "es würde ein Irrtum sein, wenn Frankreich seine
Truppen erhöht - oder die Vereinigten Staaten Truppen entsenden -, um sich an diesem Konflikt zu beteiligen, daß wir jedoch beide bereit sein sollten, unseren
Beitrag zur Sicherung des Abkommens zu leisten, falls
der Vance-Owen-Prozeß eines hervorbringen sollte".

Clinton verwies darauf, daß Japan seine Bereitschaft
zur Gewährung bedeutender Unterstützung für Moskau von der Lösung des Streits über die Kurilen
abhängig gemacht und "viel in das bevorstehende Handelsminister Brown: USA engagieren sich für
Treffen (den Wirtschaftsgipfel) im Juli gesteckt" habe. Rußlandhilfe
Ohne Treffen auf Gipfelebene, so der Präsident zu
einem Reporter, "gibt es vielleicht einen anderen Weg,
die G-7 in den Versuch einzubeziehen, die Lage in
Rußland zu behandeln. Der wichtige Punkt, den ich
betonen möchte, ist der, daß ich nicht glaube, daß wir
bis Juli warten können, bis die wichtigsten Länder der
Welt, die sich über die Ereignisse in Rußland Sorgen
machen und den politischen und wirtschaftlichen Reformkurs dort beibehalten möchten, Maßnahmen
ergreifen."

Der amerikanische Handelsminister Ron Brown erklärte am 9. März 1993, die Vereinigten Staaten wollten Rußland durch verstärkte staatliche Hilfe bei der
Durchsetzung der Reformen helfen. Auch stellte er in
Aussicht, daß private amerikanische Unternehmen
Milliarden Dollar in die russische Wirtschaft investieren
würden, falls in Rußland die Wirtschaft weiter reformiert wird. "Wir wollen dem zwischen Demokratie und
Unsicherheit schwankenden Rußland unter die Arme
greifen", bemerkte er.

Der Präsident äußerte, ein Grund für die Hilfe an
Moskau sei, daß man eine Ausweitung russischer
Waffenverkäufe in alle Wert verhindern wolle. "Einer
der Gründe, warum es meines Erachtens so wichtig
ist, daß wir uns intensiv bemühen, den Russen die
Mittel zur Wiederherstellung von Wirtschaftswachstum und Chancen sowie zur Bewahrung politischer
Freiheit zu geben, besteht darin, daß sie, wenn ihnen
andere Optionen immer weiter verschlossen werden,
sich mehr und mehr... gezwungen sehen, sich auf ihre
Fähigkeit zum Verkauf von Waffen als einzige Möglichkeit zu stützen, um Devisen zu verdienen", erläuterte er.

Brown sprach auf einer Konferenz, die von der Vereinigung der Investoren in Übersee, dem Fonds für
Demokratie und Entwicklung, der US-Behörde für Internationale Entwicklung und der Russischen Botschaft gefördert wurde.

Clinton stellte fest, er habe Mitterrand erklärt, er sei ebenso wie Mitterrand - nicht bereit, Truppen nach
Bosnien zu entsenden, um den streitenden Fraktionen
dort eine Lösung aufzuzwingen. "Wir lehnen die
Einbeziehung amerikanischer Bodentruppen ab, um
ein Abkommen zu erzwingen oder uns auf irgendeine
andere Weise an dem derzeitigen Konflikt zu beteiligen", so Clinton. Mitterrand verwies später darauf, er
stimme mit der amerikanischen Haltung überein, die
mit seiner eigenen identisch sei. Die 5.000 französischen Soldaten in diesem Gebiet seien lediglich mit
der Verteilung humanitärer Hilfsgüter befaßt.

Seite2

Er betonte, Präsident Clintons Haushaltsgesuch reflektiere sein Engagement für die Unterstützung Rußlands. "Es umfaßt zusätzliche Gelder für Hilfeleistungen an Rußland - 700 Millionen Dollar im kommenden
Jahr verglichen mit 417 Millionen in diesem Jahr",
stellte er fest.
Brown hob im Zusammenhang mit dem Handelsministerium jedoch "die schnelle Ausweitung von Handel
und Investitionen zwischen Ru Bland und den Vereinigten Staaten" hervor. Ihm zufolge deuten die in Amerika
vorliegenden Zahlen darauf hin, daß sich die Investitionen amerikanischer Unternehmen in Rußland derzeit
auf 400 Millionen Dollar belaufen. "Das bedeutet, daß
noch genügend Raum für Wachstum bleibt", stellte er
fest.
Brown antwortete auf entsprechende Fragen, das
Handelsministerium habe "Potential für Investitionen
in Rußland in Höhe von 4 Milliarden Dollar" in Bereichen wie Energieversorgung und Nahrungsmittelindu-

AMERIKA DIENST 11

�strie entdeckt. Ihm zufolge sind jedoch "weitere Reformen erforderlich", damit solche Investitionen in großem Umfang erfolgen können. Zur Sicherung "der in
Rußland benötigten massiven Beteiligung amerikanischer Unternehmen muß die russische Regierung ein
günstiges Investitionsklima schaffen", fügte er hinzu.

und St. Petersburg aus, eröffnet zwei neue Niederlassungen des Foreign Commercial Service und errichtet
zwei amerikanische Geschäftszentren. Zu diesen
Einrichtungen werden russische Geschäftsleute Zugang haben, die Kontakte zu amerikanischen Unternehmen knüpfen wollen."

Brown zufolge werden in Rußland in dieser Hinsicht
große Anstrengungen unternommen. Er wies jedoch
auf die folgenden spezifischen Hindernisse hin:
"Sicherzustellen, daß ausstehende Forderungen amerikanischer Unternehmen beglichen
werden."

Brown zufolge gibt es für amerikanische Unternehmen
ein "Fenster der Gelegenheit", Zugang zu den Sektoren des russischen Marktes zu erhalten, die niemals
zuvor für ausländische Konkurrenz geöffnet wurden,
einschließlich solcher Bereiche wie Konversion der
Rüstungsindustrie, Telekommunikation, Sicherheit von
Kernkraftwerken und Entwicklung von Energieträgern.

"Versprechungen bezüglich einer Steuerbefreiung für Exporte bestimmter Investitionsprojekte
einzuhalten oder die Einführung entsprechender Verfahren, die neue Investitionen nach sich
ziehen."

Auf dem russischen Markt sind "fast die Hälfte der
Kohle-, Erdöl- und Erdgasreserven der Welt" zu finden, so Brown. "Wenn Rußland der Übergang zu einer
Marktwirtschaft gelingt, könnte es die am schnellsten
wachsende Wirtschaft des 21. Jahrhunderts werden".

"Prioritäten für die Nutzung der Bürgschaften
der amerikanischen Export-Import-Bank und Bereitstellung angemessener unumschränkter
Garantien."

Auf die Frage, ob die Jelzin-Regierung auf dem Weg
hin zu Reformen eine Kehrtwendung mache, antwortete Brown: "Nein, ich bin nicht dieser Ansicht. Offensichtlich wird von vielen Seiten Druck ausgeübt".

Schutz der Eigentumsrechte. "Hier ist wahrscheinlich ein neues Gesetz vonnöten", stellte
er fest.

Er kündigte an, er werde Rußland im nächsten Monat
einen Besuch abstatten. Er und der stellvertretende
Premierminister Aleksandr Shokhin werden gemeinsam
den Vorsitz über den russisch-amerikanischen
Unterstützung amerikanischer Investoren bei
Ausschuß
für Wirtschaftsentwicklung übernehmen,
der Überwindung bürokratischer Hürden. "Ein
der
ihm
zufolge
"ein Forum für Diskussionen darüber
hochrangiger Ombudsmann bei der russischen
sein
wird,
wie
man
Hindemisse im Bereich des bilateRegierung könnte eine Hilfe sein", erklärte er.
ralen Handels beseitigen und einen Rahmen für die
Was die Unterstützung der US-Regierung für amerika- Wirtschaft bilden kann."
nische Unternehmen anbelangt, stellte Brown fest,
das Handelsministerium 'baut seine Büros in Moskau
* * * *

AMERIKA DIENST 11

*

Seite 3

�AUSSENPOLITIK
17. März 1993

CHRISTOPHER SKIZZIERT ZIELE DER
US-AUSSENPOLITIK
Erklärung vor Haushaltsausschuß des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD) - In den kommenden Jahren wird die amerikanische Außenpolitik Außenminister
Christopher zufolge in Schlüsselbereichen von nationalem Interesse verankert sein. Dazu gehören die
Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaft sowie die "Modernisierung unserer Streitkräfte für ein neues
Zeitalter".
Die US-Au ßenpolitik wird unter der Clinton-Administration darüber hinaus von der Bedeutung "des Schutzes der
Demokratie als bestem Mittel zur Gewährleistung der nationalen Sicherheit bei gleichzeitiger Erweiterung des
Wirkungsbereichs von Freiheit, Menschenrechten, Wohlstand und Frieden" geleitet sein, erklärte Christopher
am 10. März 1993 vor dem Unterausschuß fürdie Ministerien für Handel, Justiz, Äußeres, fürdie Gerichtsbarkeit
und verwandte Behörden, der dem Haushaltsausschuß des Repräsentantenhauses untersteht.
Christopher forderte die Verabschiedung des Wirtschaftsprogramms des Präsidenten mit dem Hinweis, die
Unterstützung dieser Initiative sei die "wichtigste Einzelmaßnahme", die der Kongreß durchführen könne, um zu
gewährleisten, daß die amerikanische Außenpolitik "wirksam amerikanische Interessen auf der ganzen Welt
fördert".
Die Erklärung Christophers vordem Unterausschuß hat folgenden Wortlaut.

Ich freue mich, meinen ersten offiziellen Termin als
Außenminister im Kongreß vor diesem Unterausschuß
zu haben. Ich bin mir bewußt, wie wichtig Sie für die
Arbeit des Außenministeriums sind. Unsere gemeinsame Herausforderung besteht darin, eine neue Außenpolitik für eine Welt zu konzipieren, die sich grundlegend verändert hat. Heute möchte ich mit Ihnen
erörtern, wie wir unsere Mittel am besten einsetzen
können, um diese außergewöhnliche Herausforderung zu bestehen.
Die Mitglieder dieses Unterausschusses sind auf einzigartige Weise dafür qualifiziert, diese harte Arbeit zu
leisten, nämlich neue Prioritäten festzulegen und den
Einsatz der Mittel des Außenministeriums so zu planen, daß diese Prioritäten verwirklicht werden. Mein
Erscheinen hier signalisiert den Anfang von Beziehungen, die, wie ich hoffe, auf allen Seiten von Offenheit
und Zusammenarbeit geprägt sein werden. Diese
Offenheit und diese Zusammenarbeit werden meines
Erachtcns entscheidend sein, wenn unser Land das
grundverschiedene Spektrum von Herausforderungen
bewältigen soll, das sich uns in der neuen Welt, in der
wir leben, darstellt.

AMERIKA DIENST 11

Wir werden eng zusammenarbeiten, umdie Prioritäten
zu identifizieren und neue Strategien zu formulieren.
Darüber hinaus müssen wir eng zusammenarbeiten,
um unsere Außenpolitik dem amerikanischen Volk
gegenüber zu erläutern und zu rechtfertigen. Wie ich
in meiner Bestätigungsanhörung erklärt habe, können
es sich Außenpolitiker heute nicht mehr leisten, die
Öffentlichkeit zu ignorieren, da eine reale Gefahr besteht,
daß die Öffentlichkeit die Außenpolitik ignoriert. Wir
müssen zusammenarbeiten, um das Interesse zu erläutern, das das amerikanische Volk an einer aktivistischen und internationalistischen Außenpolitik hat. Wir
müssen klar und häufig die Notwendigkeit präventiver
Diplomatie erläutern, der Behandlung von Problemen
bevor sie zu Krisen werden, wir müssen die Priorität
betonen, die wir der Sicherung offenen und fairen
Handels sowie der Erweiterung neuer Märkte beimessen und die Vorteile unterstreichen, die unserem Volk
aus der aktiven Förderung der Demokratie entstehen.
Dazu gehören ein reduzierter Verteidigungshaushalt,
mehr wirtschaftliche Möglichkeiten, eine sauberere
Umwelt und eine sicherere Welt.

Seite 1

�Mit dieser Orientierung gedenke ich das Land zu
bereisen, um unsere außenpolitischen Initiativen zu
erläutern und die Unterstützung des amerikanischen
Volkes anzustreben. Ich werde am 22. dieses Monats
in dieser Mission nach Chicago reisen. Ich hoffe, Sie,
die Mitglieder des Unterausschusses, werden in Ihren
Wahlkreisen und im ganzen Land dasselbe tun.

Präsident Clinton wird sie vollbringen. Obwohl unsere
Administration noch keine zwei Monate alt ist, haben
wir bereits begonnen, unsere Außenpolitik auf einen
neuen Kurs zu bringen, unsere außenpolitischen
Haushalte neu zu orientieren und unsere Institutionen
zu reformieren. Ich möchte Sie heute an meinen
Gedanken zu jedem dieser Bereiche teilhaben lassen.

Kollektiv sollten wir gemeinsam mit dem amerikanischen Volk unsere Außenpolitik, unsere Rolle - die
Rolle Amerikas - in einer sehr neuen Welt definieren.
Wir müssen aufs Neue darüber nachdenken, wie wir
mit neuen Bedrohungen und schwierigen Herausforderungen ebenso wie mit atemberaubenden Chancen
umgehen. Und wir müssen unsere außenpolitischen
Institutionen sorgfältig untersuchen, um sicherzustellen, daß auch sie die Realitäten eines neuen Zeitalters
und nicht die einer vergangenen Ära in Betracht ziehen.

Der neue Kurs unserer Politik

Mit dem Wandel Schritt halten

Die amerikanische Außenpolitik wird in den kommenden Jahren auf den von Präsident Clinton genannten
drei "Säulen" unseres nationalen Interesses ruhen:
der Wiederbelebung unserer Wirtschaft, der Modernisierung unserer Streitkräfte für ein neues Zeitalter und
dem Schutz der Demokratie als bestem Mittel zur
Gewährleistung der nationalen Sicherheit bei gleichzeitiger Erweiterung des Wirkungsbereichs von Freiheit, Menschenrechten, Wohlstand und Frieden.
Unsere Parole muß stets Aktion, nicht Reaktion heißen, rechtzeitige Vorsorge, anstatt kostspieliger Heilung.

Ich kann diesen letzten Punkt nicht genug betonen.
Das Außenministerium in der uns bekannten Form,
das Amt für Internationale Entwicklung, das US-Infor- Ich möchte diese Säulen im einzelnen erläutern:
mationsamt, das Amt für Rüstungskontrolle und AbrüErstens müssen wir die amerikanische Wirtschaft
stung - sie alle sind Werkzeuge des Kalten Krieges.
erneuern. Die wichtigste Einzelmaßnahme, die der
Sie wurden in einem Zeitalter entwickelt, als unsere
Kongreß durchführen kann, um zu gewährleisten, daß
Nation mit einer überwältigenden Herausforderung
die amerikanische Außenpolitik wirksam amerikanikonfrontiert war - der Eindämmung der kommunistische Interessen auf der ganzen Welt fördert, ist die
schen Bedrohung. Mit dem Zusammenbruch der
Verabschiedung des Wirtschaftsprogramms des PräSowjetunion ist diese Bedrohung verschwunden. Die
sidenten - und zwar sobald wie möglich. Wir können im
Politik des Containment hat ihren Zweck erfüllt und
Ausland nicht stark sein, wenn wir nicht im Inland stark
ihren rechtmäßigen Ehrenplatz in der Geschichte einsind. In der Weltwirtschaft nach dem Kalten Krieg gibt
genommen.
es keine reine Innenpolitik. Ich kann Ihnen von meinen
jüngsten
Reisen ins Ausland sagen, daß die "ganze
Und doch spiegeln unsere außenpolitischen InstitutioWelt
zusieht",
während wir unsere wirtschaftliche Lage
nen im großen und ganzen nach wie vor Imperative
in
Angriff
nehmen.
des Kalten Krieges wider. Die Landkarten haben sich
schneller verändert als die Geisteshaltungen. HausPräsident Clintons Wirtschaftsprogramm, das im einhalte und Bürokratien sind weiterhin auf die Realitäten
zelnen in seiner Rede vor dem Kongreß und in seiner
einer vergangenen Welt zugeschnitten. Für unsere
Rede an der American University dargelegt wurde,
Institutionen, einschließlich des Außenministeriums,
fordert amerikanische Unternehmen, Arbeitnehmer
war es auf vielfältige Art und Weise einfacher, mit jener
und Bauern auf, auf den Weltmärkten zu gewinnen,
Welt umzugehen. Nahezu jede Politik oder jedes
unsere Abhängigkeit von ausländischen Kreditgebern
Programm konnte mit dem Hinweis auf den weltweiten
zu reduzieren und unsere ausländischen VerpflichtunKampf gegen den Kommunismus gerechtfertigt wergen zu erfüllen. Wir haben nach wie vor die mächtigste
den. Nun, dieser Kampf ist vorüber, und diese simple
Volkswirtschaft der Welt mit riesigen Produktions-,
Begründung ist eine Angelegenheit der VergangenDienstleistungs- und Agrarsektoren. Wir bilden den
heit.
größten Markt der Welt und sind ihr führender ExporHier wie in anderen Dingen auch hat sich das amerika- teur. Wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden
nische Volk als klug erwiesen. Es weiß, daß unsere Instrumente benutzen - darunter die makroökonomiMaßnahmen angesichts der Tatsachen einer komple- sche Koordinierung der Industriestaaten, das Aushanxen und ungewissen Welt immer wieder aufs neue auf deln eines neuen GATT-Abkommens, die rasche und
den Prüfstand gestellt werden müssen. Es verlangt - erfolgreiche Vollendung des Nordamerikanischen
zu Recht -, daß jeder ausgegebene Dollar seine Inter- Freihandelsabkommens mit parallelen Vereinbarunessen und seine Werte fördert. Es versteht, daß die gen über den Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt
Form unserer außenpolitischen Institutionen mit neu- sowie energische Exportförderungsmaßnahmen -, um
en Funktionen in Einklang stehen muß. Und das Wachstum im Inland zu erzeugen und Schranken
gegen unsere Waren und Dienstleistungen weltweit
amerikanische Volk erwartet Taten.
abzubauen.
Seite 2

AMERIKA DIENST 11

�Zweitens müssen wir unsere Sicherheitsstrukturen
modernisieren, um den Realitäten der Welt nach dem
Kalten Krieg gerecht zu werden. Dies beginnt mit der
Anpassung unserer Streitkräfte an neue und alte
Bedrohungen unserer nationalen Sicherheit. Aber wir
müssen noch weiter gehen. Gemeinsam mit unseren
Partnern müssen wir unsere Bündnisse weiterhin so
gestalten, daß sie neue Aufträge erfüllen können.
Solidere friedenssichernde und sogar friedensschaffende Fähigkeiten sind angesichts des Potentials an
ethnischen Konflikten erforderlich, die unser Gewissen belasten und den internationalen Frieden bedrohen. Nachhaltigere Nichtverbreitungsregime sind
ebenfalls unerläßlich, wenn wir die Entwicklung neuer
und gefährlicher Bedrohungen auf internationaler Ebene
verhindern möchten.
Drittens müssen wir die demokratische Revolution
ermutigen, die einen Großteil der Welt erfaßt hat.
Durch die Förderung von Demokratie und freien Märkten tun wir mehr, als die allgemeingültigen Werte zu
ehren, auf denen unsere Nation gründet. Wir tragen
dazu bei, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand zu
sichern. Demokratien führen keine Kriege gegen ihre
Nachbarn. In Diplomatie, Wirtschaft, Handel, Rüstungskontrollvereinbarungen und beim weltweiten
Umweltschutz sind sie verläßlichere Partner. Wir
sollten keine Illusionen hegen: Demokratie läßt sich
nicht von oben verordnen. Ihrem Charakter nach muß
sie von unten aufgebaut werden. Durch Unterstützung
für den Aufbau demokratischer Institutionen im ehemaligen Sowjetblock und andernorts sollten wir uns
diesen Prozeß zu eigen machen und ihn fördern. Wir
sollten dies durch kollektives Engagement leisten,
indem wir in einer aktiven Partnerschaft mit den anderen großen Demokratien zusammenarbeiten.

einem wirklich konzentrierten Haushalt, der Prioritäten
setzt und dafür die erforderlichen Mittel bereitstellt.
Wie Sie wissen, ist unsere Haushaltsvorlage noch
nicht abgeschlossen. Ich kann deshalb die von uns
beantragten Mittel nicht im einzelnen erörtern. Ich
kann jedoch einige unserer Haushaltsprioritäten herausstellen. Alle sind auf eine oder mehrere der von mir
erwähnten Säulen zugeschnitten: wirtschaftliche
Erneuerung, neue Sicherheitsstrukturen und Förderung der Demokratie. Unsere Prioritäten haben jedoch
auch noch ein weiteres wichtiges Thema gemeinsam:
alle stellen Investitionen in die Zukunft dar.
Unser Haushalt wird die internationale Unterstützung
der amerikanischen Wirtschaft betonen. Das Außenministerium muß eng mit anderen Behörden wie dem
Handelsministerium, EXIM, OPIC, TDP und AID zusammenarbeiten, um eine umfassende und koordinierte Exportstrategie zu konzipieren. Wir müssen
jedoch noch mehr tun: Indem wir die Fähigkeiten des
Ministeriums zur Unterstützung der Wirtschaft ausbauen, müssen wir das Ministerium zu einer "Amerikaabteilung" für amerikanische Unternehmer im Inund Ausland machen und damit die vom Foreign
Commercial Service geleistete wichtige Arbeit ergänzen. Die Dividenden von morgen auf die Investitionen
von heute in die Wirtschaftsförderung sind klar: Wirtschaftswachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen
hier im Inland.

Eine weitere Hauptpriorität gilt der Nichtverbreitung.
Wenn die Gesetzlosigkeit Saddam Husseins die zivilisierte Welt eines gelehrt hat, dann dieses: Massenvernichtungswaffen, insbesondere in Kombination mit
Raketentechnologie, können einen kleinen Tyrannen
zu einer Bedrohung des Weltfriedens u nd der Stabilität
werden lassen. Den neuen Staaten der ehemaligen
Die Neuorientierung unserer Mittel
Sowjetunion bei der Kontrolle von atomaren SubstanHerr Vorsitzender, eine erfolgreiche Außenpolitik kommt zen und dem verantwortlichen Umgang damit behilfnicht aus heiterem Himmel. Sie erfordert Mittel: finan- lich zu sein, ihnen und anderen Staaten bei der Errichtung effektiver Exportkontrollsysteme für Massenverzielle und menschliche Ressourcen.
nichtungswaffen und Trägersysteme zu helfen, die
Wie Sie, bin ich mir voll und ganz der Haushaltseng- internationalen Regime für Anbieter zu stärken, bestepässe bewußt, unter denen wir arbeiten. Unsere hende und neue Rüstungskontrollabkommen für konHaushaltskrise ist real. Dasselbe gilt für Präsident ventionelle und nichtkonventionelle Waffen zu unterClintons Willen, sie in Angriff zu nehmen. Auf auswär- stützen - all das mu ß Teil einer umfassenden Strategie
tige Angelegenheiten entfällt ein sehr kleiner Anteil des zur Eindämmung und tatsächlichen Umkehrung der
Gesamthaushalts. Der Betrieb des Außenministe- Weiterverbreitung sein.
riums nimmt noch weniger in Anspruch. Aber die
Zeiten, in denen wir selbst den winzigsten Posten im Eine weitere Priorität stellen verstärkte multinationale
Bundeshaushalt übersehen konnten, sind vorbei.
friedensschaffende- und friedenserhaltende Maßnahmen dar. Das Ende des Kalten Krieges hat lange Zeit
Der Haushalt für auswärtige Angelegenheiten im unterdrückte ethnische, religiöse und regionale KonHaushaltsjahr 1994, den wir in wenigen Wochen vor- flikte im ehemaligen Ostblock und anderswo entfeslegen werden, wird dieser Realität Rechnung tragen. selt. Es eröffnete jedoch auch neue Möglichkeiten für
Es wird ein harter Haushalt für harte Zeiten sein. Es die internationale Zusammenarbeit. Unsere Aufgabe
wird ein flexibler Haushalt sein, der Einsparungen nicht besteht darin, uns diese Zusammenarbeit zunutze zu
als Härte betrachtet, die durchlitten werden muß, machen, um Konflikte einzudämmen und - was noch
sondern als Aufforderung zu Innovationen. Vor allem wichtiger ist - zu verhindern.
jedoch bedeutet er einen Schritt beim Übergang zu

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�Die sich in Somalia und auf dem Balkan abspielende
Tragödien sind ein grausiges Zeugnis der abwartenden Haltung der internationalen Staatengemeinschaft
- ein Preis, den die Menschen tagaus tagein in Form
von Leid, Entbehrung und Tod zu zahlen haben. Hier
können und müssen internationale friedenserhaltende
Maßnahmen - insbesondere bei den Vereinten Nationen - eine entscheidende Rolle spielen. Die Fähigkeit
zu schnellerem, effektiverem und präventivem Handeln mu ß verbessert werden. Die Vereinigten Staaten
müssen bereit sein, den ihnen zukommenden Beitrag
zu leisten. Millionen Dollar, die in die Erhaltung des
Friedens investiert werden, führen vielleicht später zur
Einsparung Hunderter von Millionen bei Hilfsleistungen. Wir dürfen jedoch nie vergessen, daß die Erhaltung des Friedens nicht nur Dollar einspart - sie rettet
Menschenleben. Und sie verhindert unter Umständen
größere Gefahren, die langfristig sogar eine größere
militärische Intervention erforderlich machen könnten.
Ich weiß, daß dieser Unterausschuß die Finanzierung
friedenserhaltender Maßnahmen unterstützt hat. Ich
freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen um
sicherzustellen, daß wir weiterhin unserer Verantwortung gerecht werden.

schen Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnen. Durch
die Bekämpfung internationaler Geißeln wie Drogenhandel und Terrorismus machen wir Amerika und die
Welt zu einem sichereren Ort. Das sind Investitionen
in den Menschen, die beim Menschen Ergebnisse
zeitigen.
Diese Prioritäten - diese Investitionen - werden bei der
Präsentation unseres Haushalts für 1994 vorherrschend
sein. Einige erfordern vielleicht eine leichte Erhöhung
der Ausstattung mit Finanzmitteln, andere hingegen
nicht. Alle sind jedoch ein Spiegelbild unserer neuen
Ausrichtung, und alle bewegen sich im Rahmen fest
vorgegebener Grenzen.
Institutionelle Reformen

Ebenso wichtig wie die Höhe unserer Ausgaben im
Bereich der Außenpolitik ist die Art und Weise, wie wir
das Geld verwenden. Die Herausforderungen der
neunziger Jahre haben das Außenministerium bereits
mit neuer Flexibilität und Disziplin versehen. Angesichts des Zusammenbruchs des ehemaligen Sowjetimperiums haben wir in nur zwei Jahren 20 neue
Botschaften und Konsulate eröffnet. Angesichts der
haushaltspolitischen Realitäten haben wir in ZusamUnser Haushalt wird auch die Demokratie, insbeson- menarbeit mit dem Kongreß die Schließung anderer
dere in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, Dienststellen begonnen. Wir überprüfen erneut die
fördern. Wenn in der ehemaligen Sowjetunion demo- Personalausstattung des Außenministeriums und
kratische Regierungen und freies Unternehmertum anderer Behörden in alten und neuen Auslandsvertrevorherrschen, wird Amerika nicht nur Partner im Frie- tungen. Das Außenministerium wird jedoch mehr tun
den, sondern auch einen riesigen und schnell wach- müssen, als lediglich die schwierigen Entscheidungen,
senden Markt für amerikanische Güter und Dienstlei- mit denen wir konfrontiert werden, zu akzeptieren. Wir
stungen gewinnen. Sollte dieses kühne Freiheitsexpe- müssen für das Zeitalter nach dem Kalten Krieg eine
riment jedoch scheitern, wären wir wieder mit einem grundlegende Neuorganisation vornehmen.
unsicheren Europa konfrontiert und unsere Verteidigungsausgaben würden wieder steigen. Die Unter- Ich bin davon überzeugt, daß das Außenministerium
stützung der Demokratie in der ehemaligen Sowjetuni- nur auf die zahlreichen Herausforderungen dieses
on und auf der ganzen Welt ist nicht nur das Ausstrek- Zeitalters reagieren kann, wenn wir die Art und Weise
ken einer helfenden Hand. Vielmehr stellt sie eine unseres Umgangs mit schwierigen und komplexen
Investition in die Sicherheit und den Wohlstand Ame- Problemen, die die traditionellen bürokratischen Grenrikas dar, eine Investition in unsere Zukunft. Wie der zen überschreiten, verbessern. Wir müssen durch
Präsident vor einigen Tagen in seiner Rede vor der Kreativität die Wirksamkeit unserer Politik erhöhen
American University festgestellt hat: "Wenn wir bereit und die Verwaltung der vielen von uns durchgeführten
waren, Billionen von Dollar zur Bekämpfung des Programme beschleunigen. Eine starre Bürokratie,
Kommunismus im Kalten Krieg auszugeben, sollten eine veraltete Arbeitsteilung oder ein beschwerlicher
wir sicherlich zur Investition eines Bruchteils dieser Entscheidungsfindungsprozeß sind ein Luxus, den wir
Summe bereit sein, um den Erfolg der Demokratie zu uns nicht leisten können.
unterstützen, wo der Kommunismus scheiterte."
Aus diesem Grund, Herr Vorsitzender, engagiere ich
Unser Etat für das Haushaltsjahr 1994 wird auch einer mich für eine breit angelegte Reform der Organisation
neuen globalen Tagesordnung angepaßt sein. Die und Arbeitsweise des Außenministeriums.
Kontrolle der Bevölkerungsentwicklung und der
Umweltschutz können bei unserer Außenpolitik nicht Der Plan zur Neuorganisation, den ich letzten Monat
zweitrangig sein. Wir unterstützen arme Länder bei angekündigt habe, umfaßt die Ernennung eines Stellihrem Bemühen um umweltverträgliches Wachstum vertretenden Au ßenministers sowie von fünf Staatssedurch die Ermutigung zu verantwortungsvollen Bevöl- kretären zu meinen wichtigsten außenpolitischen
kerungsprogrammen. Durch unser aktives Engage- Beratern. Die Ressorts wurden etwas geändert, um
ment im Kampf gegen die Zerstörung unserer Umwelt den Aufgaben nach dem Kalten Krieg Rechnung zu
können wir die Lebensqualität in armen und reichen tragen. Am wichtigsten ist unser Plan, einen neuen
Ländern gleichermaßen verbessern - und amerikani- Staatssekretär für globale Angelegenheiten einzuset-

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AMERIKA DIENST 11

�zen, der für so unterschiedliche Gebiete wie Menschenrechte, Demokratisierung, Umwelt, Flüchtlingsfragen, Drogenhandel und Terrorismus verantwortlich
sein wird. Die Ernennung von Senator Tim Wirth dessen Leistungen Ihnen allen wohlbekannt sind durch Präsident Clinton zeigt klar die Bedeutung, die
die Administration unserer globalen Tagesordnung
beimißt.

ten sicherzustellen, daß mein Ministerium Amerika in
all seiner Vielfalt widerspiegelt. Kurz gesagt, wir
müssen das Außenministerium neuorganisieren.

Aber das ist noch nicht alles. Ich habe Dr. Wharton
gebeten, die Rolle des Amts für internationale Entwicklung (Agency for International Development - AID) zu
untersuchen und mir bis Ende April Empfehlungen zu
geben. AID muß - ebenso wie das Außenministerium
Unsere Neuorganisation wird auch eine neue Ausrich- - einfach Änderungen vornehmen. Wir freuen uns auf
tung unserer wichtigsten außenpolitischen Initiativen die Zusammenarbeit mit dem Kongreß bei der Ummit sich bringen - am bemerkenswertesten ist die strukturierung unserer Hilfsprogramme, die die neuen
Ernennung eines Sonderbotschafters und Sonderbe- außenpolitischen Prioritäten reflektieren sollen, beiraters für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion. spielsweise die Förderung der Demokratie, die VerPräsident Clinton ernannte Strobe Talbott - einen besserung unserer wirtschaftlichen KonkurrenzfähigVertrauten, Freund und Fachmann auf diesem keit und die Unterstützung des Friedensprozesses.
Gebiet -, um das gesamte Spektrum unserer Bezie- Und wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen
hungen mit dieser lebenswichtigen aber unbeständi- bei der Überarbeitung und Umgestaltung der Rolle des
Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung und des
gen Region zu leiten.
US-Informationsamts im Angesicht der geänderten
Unser Plan zur Neuorganisation wird auch die übertrie- Situation nach dem Kalten Krieg sowie der Rolle der
ben hierarchische Anordnung des Außenministeriums Internationalen Rundfunkbehörde.
abbauen und unseren politischen Prozeß rationalisieren. Wir haben uns das Ziel gesetzt, die Zahl unserer Aufgrund der Notwendigkeit einer wirklich integrierten
Referatsleiter und gleichrangigen Amtsträger um bis Außenpolitik ist nichts Geringeres vonnöten.
zu 40 Prozent zu senken. Wir beabsichtigen, den
Entscheidungsfindungsprozeß möglichst zu straffen. Schlußbemerkung
Unser Ziel ist eine schnellere Entscheidungsfindung,
Bei meiner Vorbereitung dieser Erklärung war ich
eine offenere und vor allem bessere Politik.
erstaunt über die enorme Ähnlichkeit zwischen den
Einige dieser Initiativen habe ich durch entsprechende Herausforderungen, denen sich das AußenministeAnweisungen in die Wege geleitet. Mit anderen wird rium gegenübersieht, und denen, mit denen die gesich der Kongreß befassen müssen. Bei der Durchfüh- samte Nation konfrontiert wird. Die Aufforderung
rung der institutionellen Reformen werden wir Ihren Präsident Clintons, mehr zu investieren, den Menschen an die erste Stelle zu setzen, findet am Sitz des
Rat und die Zusammenarbeit mit Ihnen erbitten.
Außenministeriums ebenso große Resonanz wie im
Institutionelle Reformen sind für ein effektiv arbeiten- ganzen Land. Ich werde mich dafür einsetzen, daß
des Außenministerium von derartiger Bedeutung, daß das Außenministerium auf den Aufruf des Präsidenten
ich den Stellvertretenden Außenminister Wharton - reagiert.
einen Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und
großer Erfahrung - gebeten habe, unsere Bemühun- Dieser Ruf nach Erneuerung ist auf fundamentale und
gen um die Organisation eines Außenministeriums für einzigartige Weise ein amerikanisches Charakteristidas 21. Jahrhundert zu leiten. Neben der Umsetzung kum. Er ist ein Echo unserer Geschichte. 1862, als
unseres derzeitigen Plans zur Neuorganisation habe unsere Nation ihre größte Krise durchlebte, schrieb
ich Dr. Wharton damit beauftragt, die Art und Weise, in Abraham Lincoln: "Da wir mit einem neuen Fall
der wir in der Exekutive den Haushaltsprozeß für konfrontiert werden, müssen wir neu denken und
internationale Angelegenheiten leiten, zu überwachen handeln." Glücklicherweise ist unser Fall heute weniund zu verbessern. Wir müssen einfach eine verbes- ger brenzlig als Lincolns, aber sein Gebot ist heute
serte Einschätzung der politischen Prioritäten und ebenso zwingend wir vor 100 Jahren. Und es gilt für
unsere Außenpolitik genauso wie für unsere InnenpoVerteilung von Geldern vornehmen.
litik.
Auch bat ich das andere bedeutende Mitglied des
neuen Management-Teams des Außenministeriums, Der Kalte Krieg ist vorbei und damit auch die Notwenden designierten Staatssekretär Brian Atwood, sich digkeiten, die Amerikas Rolle in der Welt definierten,
bei seinen Bemühungen auf eine Modernisierung des unsere Politik bestimmten und entschieden, wie wir
Außenministeriums zu konzentrieren. Wir müssen unsere außenpolitischen Einrichtungen organisierten.
über die Finanzierung unserer Aktivitäten klarer Re- Die Zeit ist gekommen, neu zu denken. Die Zeit ist
chenschaft ablegen können. Wir müssen Investitio- gekommen, neu zu handeln. Beides erfordert Weitnen in eine verbesserte Ausbildung unseres Personals sicht. Beides erfordert harte Arbeit. Beides erfordert
tätigen, sowohl im auswärtigen als auch im allgemei- Mut. Und beides erfordert eine wirkliche Partnernen Staatsdienst. Wir müssen unablässig daran arbei- schaft: Eine Partnerschaft zwischen Demokraten und

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�Republikanern, eine Partnerschaft zwischen dem
Kongreß und der Exekutive, und vor allem eine Partnerschaft zwischen dem amerikanischen Volk und
seiner Regierung.

Herr Vorsitzender, was mich betrifft, so beginnt meine
Partnerschaft mit diesem Unterausschuß am heutigen
Tag.

* * * * *

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�TERRORISMUS
17. März 1993

STRAFRECHTLICHE VERFOLGUNG DER FÜR DEN
ANSCHLAG AUF DAS WORLD TRADE CENTER
VERANTWORTLICHEN UNABDINGBAR
Erklärung von Botschafter McNamara
WASHINGTON - (AD) - Sollten die Ermittlungen ergeben, daß eine ausländische Terrorgruppe oder ein
ausländischer Staat in irgendeiner Weise an dem jüngsten Bombenanschlag auf das World Trade Center beteiligt
war, werden die Vereinigten Staaten "nicht ruhen oder sich zufrieden geben, bis die Verantwortlichen der
Gerechtigkeit zugeführt worden sind", stellte Botschafter Thomas McNamara, der Koordinator für die Bekämpfung von Terrorismus im US-Außenministerium, in einer Anhörung vor dem Unterausschuß für internationale
Sicherheit, internationale Organisationen und Menschenrechte des Auswärtigen Ausschusses des Repräsentantenhauses am 12. März 1993 fest und fügte hinzu: "Für den Staat gibt es keine höhere Pflicht als den Schutz
seiner Bürger."
Trotz der bei der Bekämpfu ng der Bedrohung des Terrorismus erzielten Fortschritte, so McNamara, mu ß und wird
unsere Reaktion in "kontinuierlicher Wachsamkeit, Verbesserung unserer Fähigkeiten und vertiefter Zusammenarbeit bestehen, um die Sicherheit der Amerikaner und amerikanischer Interessen weltweit zu gewährleisten."
Obwohl Terroranschläge im Jahr 1992 verglichen mit 1991 um 40 Prozent abgenommen haben, erklärte
McNamara, "sind amerikanische Staatsbürger und deren Eigentum nach wie vor die Hauptziele der Terroristen
auf der ganzen Welt." Nahezu 40 Prozent der 1992 verübten terroristischen Anschläge waren auf amerikanische
Ziele gerichtet, so McNamara.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Erklärung von Botschafter McNamara.

Herr Vorsitzender, verehrte Mitglieder des Ausschusses,

Vereinigten Staaten 1968 mit der Erstellung solcher
Statistiken begannen. Die internationalen Terroranschläge verringerten sich 1992 auf 362, das niedrigste
ich danke Ihnen für diese Gelegenheit, Ihnen die
Niveau seit 17 Jahren. Dies ist eine Abnahme von 40
Ansichten des Außenministeriums zu den Trends beim
Prozent verglichen mit den 1991 verzeichneten 557
internationalen Terrorismus darlegen zu können.
Anschlägen, eine Zahl, die durch eine Serie geringerer
Ich bin Botschafter Thomas E. McNamara und derzeit Zwischenfälle zu Zeiten des Golfkriegs aufgebläht wurde.
als Koordinator der Terrorismusbekämpfung im Au- Wichtiger ist, daß die Zahl der Zwischenfälle 1992 weit
unter den 650 bis 700 Vorfällen pro Jahr Mitte der
ßenministerium tätig.
achtziger Jahre lag.
1992 im Rückblick
Trotz der Abnahme der Gesamtzahl von ZwischenfälIch werde mich im weiteren Verlauf meiner Ausführun- len sind jedoch amerikanische Staatsbürger und deren
gen dem Bombenanschlag auf das World Trade Cen- Eigentum nach wie vor die Hauptziele der Terroristen
ter zuwenden, der uns alle zutiefst beschäftigt. Zu- auf der ganzen Welt. Nahezu 40 Prozent der 1992
nächst möchte ich jedoch einen Überblick über die verübten terroristischen Anschläge waren auf amerikagenerellen Trends des internationalen Terrorismus nische Ziele gerichtet.
geben, die im großen und ganzen positiv sind.
Glücklicherweise war die Zahl der amerikanischen
1992 konnte praktisch die größte Abnahme internatio- Opfer so niedrig wie nie zuvor. 1992 wurden zwei
naler Terroranschläge verzeichnet werden, seit die Amerikaner getötet und einer verletzt, im Gegensatz zu
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Seite 1

�sieben toten und 16 verletzten Amerikanern im Jahr
zuvor.

Unglücklicherweise ist der Terrorismus oft ein Nebenprodukt solcher Konflikte. In Zukunft müssen wir sie
gut überwachen, um auf jedwede terroristische KonseAm 8. Januar 1992 wurde der in den Vereinigten quenz vorbereitet zu sein.
Staaten eingebürgerte Jose Lopez von Mitgliedern der Nationalen Befreiungsarmee in Kolum- In diesem Zusammenhang kann ich darüber berichbien entführt und umgebracht.
ten, daß wir mit verschiedenen Regierungen in der
Region zusammenarbeiten, um der möglichen BedroAm 10. Juni vergangenen Jahres wurde Feld- hung durch den Terrorismus entgegenzuwirken. In
webel Owell Hernandez in Panama getötet, als zahlreichen Staaten wurden die Gesetze und die Sidas von ihm gesteuerte Fahrzeug der US-Ar- cherheitsdienste im Inland demokratisch gestaltet. Viele
mee aus einem vorbeifahrenden Auto mit einem von ihnen arbeiten mit westlichen Regierungen zuAutomatikgewehr beschossen wurde. Ein wei- sammen, einschließlich der der Vereinigten Staaten,
terer in dem Fahrzeug befindlicher amerikani- um ihre Fähigkeiten zur Bekämpfung des Terrorismus
scher Soldat wurde verwundet. Keine Gruppe zu verbessern.
bekannte sich verantwortlich. Dieser Anschlag
fand unmittelbar vor dem Besuch Präsident Eine andere Region, über die wir uns große Sorgen
Bushs in Panama statt.
machen, ist Nordafrika und der Nahe Osten. Es gab
dort ein beunruhigendes erneutes Aufleben neuer,
Der schrecklichste internationale Terroranschlag ge- radikaler Gruppen, die zur Durchsetzung ihrer politischah am 17. März 1992, als eine gewaltige, in einem schen Ziele Zuflucht zu Gewalt nehmen. Solche
Lastwagen versteckte Bombe die Israelische Bot- Gruppen stellen sowohl für nationale Regierungen als
schaft in Buenos Aires zerstörte. Die Explosion mach- auch für die internationale Staatengemeinschaft neue
te die Botschaft dem Erdboden gleich und beschädigte Herausforderungen dar. Viele haben sich extremistieine nahegelegene Kirche, eine Schule und ein Senio- sche islamische Ideologien zu eigen gemacht. Ich
renheim. 29 Personen wurden getötet und 242 ver- möchte das, was für alle offensichtlich sein sollte, ganz
wundet. Die Islamische Heilsfront, ein Deckname für klar ausdrücken: Unser Problem ist nicht der Islam.
die vom Iran geförderte Hisbollah-Gruppe, übernahm Unser Problem sind diejenigen, die zur Erreichung
die Verantwortung für den Anschlag und belegte diese ihrer politischen Ziele Angst und Schrecken verbreiBehauptung mit der Veröffentlichung eines Videoban- ten.
des der Botschaft, das während der Überwachung vor
der Explosion aufgenommen worden war. Dies ist ein Obwohl es in den letzten Jahren weniger terroristische
weiterer Punkt auf der allzulangen Liste krimineller Zwischenfälle gab, bleibt weiterhin eine beträchtliche
direkterodervon Mittelsmännern ausgeübter Machen- Bedrohung bestehen. Wir dürfen in unserer Wachschaften des Iran auf dem Gebiet des Terrorismus.
samkeit nicht nachlassen. Ebenso wie wir den heutigen Bedrohungen begegnen, müssen wir weiterhin
Wie während der vorangegangenen drei Jahre mu ßte wachsam sein, um neu entstehende Gefahren zu
Lateinamerika 1992 mehr internationale Terroranschlä- entdecken und ihnen zu begegnen, bevor sie für die
ge hinnehmen als jede andere Region. Ausländer- nationalen Interessen der Vereinigten Staaten eine
feindliche Übergriffe in dieser Region waren vornehm- größere Gefahr darstellen.
lich gegen amerikanische Ziele gerichtet, obwohl mehr
Israelis und Argentinier infolge des Bombenanschlags Amerikanische Politik
auf die Botschaft ums Leben kamen. Linksgerichteter
Terrorismus nimmt besonders in Europa ab. Ethni- Ich bin davon überzeugt, daß der Hauptgrund für
sche und separatistische Gruppen in Europa, Lateina- dieses allmähliche Nachlassen des Terrorismus in der
merika, Südasien und im Nahen Osten waren jedoch verstärkten internationalen Zusammenarbeit der letzim vergangenen Jahr aktiv und geben weiterhin Anlaß ten Jahre liegt. Die Staaten sind in immer stärkerem
Ausmaß zur Zusammenarbeit bereit und weniger
zur Sorge.
versucht, mit terroristischen Organisationen einen
Handel einzugehen. Die Vereinigten Staaten waren
Die Zukunft
führend in dem Drängen auf eine solche ZusammenDie tiefgreifenden Veränderungen der vergangenen arbeit und bei ihrer Bekämpfung solcher AbmachunJahre in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion gen. Wir haben weiterhin denjenigen Aspekten der
zählen zu den wichtigsten dieses Jahrhunderts. Wie Angelegenheit unsere Aufmerksamkeit gewidmet, die
so häufig, haben Veränderungen - so positiv sie auch für unseren Erfolg entscheidend sind: ein Ende der
sein mögen - oft jedoch unerwünschte Konsequenzen. Unterstützung durch den Staat, eine Stärkung der
Rechtsstaatlichkeit, die Weigerung, Terroristen durch
Das ist hier der Fall. In zahlreichen Gebieten OsteuroKonzessionen zu unterstützen und die Verstärkung
pas und der ehemaligen Sowjetunion sind Gewalt und
der Maßnahmen zur Vereitelung terroristischer Gelange unterdrückte ethnische Konflikte entstanden, die
waltakte.
zu enormem menschlichen Leid führen.

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AMERIKA DIENST 11

�Die Hauptsäule unserer Politik besteht darin, die staatlichen Gönner des Terrorismus zu einer Einstellung
ihrer Unterstützung zu drängen. Staatliche Unterstützung für den Terrorismus findet statt, wenn eine Regierung Waffen, Ausbildung und Ausbildungsstätten,
geheimdienstliche Unterstützung, Gelder, Reisedokumente, Schutz vor Verfolgung und ähnliche Hilfe zur
Verfügung stellt. Dadurch werden die Gefahr und der
tödliche Charakter von internationalen terroristischen
Gruppen erhöht. Im Endeffekt sind Terroristen, die
kein Operationsgebiet und keine Einrichtungen zur
Verfügung haben, den Strafverfolgungsbehörden
ausgeliefert.

genden Resolutionen 731 und 748 des Sicherheitsrates sind das jüngste und bedeutsamste Anzeichen
dieser geänderten Haltung.

Die Resolution 748 des Sicherheitsrates verhängt
Sanktionen, die eine vollkommene Unterbrechung der
Flugverbindungen zu Libyen, das Verbot der Lieferung
von Flugzeugteilen und eine ähnliche Regelung zu
militärischer Ausrüstung, Einzelteilen und Dienstleistungen an Libyen beinhalten sowie die Forderung,
daß die Staaten die Anzahl ihrer nach Libyen entsandten Diplomaten verringern sollten. Diese Sanktionen
sind in nahezu allen Fällen wirksam, und die Vereinigten Staaten gehen schnell gegen mögliche VerletzunWir waren erfolgreich dabei, auf diese Staaten größe- gen vor. Diese Sanktionen bleiben in Kraft, bis Libyen
ren Druck auszuüben - insbesondere auf den Irak und in vollem Umfang den Forderungen des UN-SicherLibyen. Wir haben auch Vorteile aus dem Zusammen- heitsrates nachkommt. Wir beraten mit unseren Verbruch kommunistischer Regime in Osteuropa und der bündeten Großbritannien und Frankreich, wie die
Sowjetunion gezogen. Jüngste Enthüllungen aus den bestehenden Sanktionen am besten verstärkt werden
Akten dieser Regime haben den Beweis für das ge- können, um Libyen zu ihrer Einhaltung zu zwingen.
bracht, was wir schon vor Jahren vermuteten: Einige
dieser Staaten haben den gegen den Westen gerich- Die Bemühungen der Vereinigten Staaten und anderer
Nationen, die Rechtsstaatlichkeit zu stärken und das
teten Terrorismus unterstützt.
Gesetz auf Terroristen anzuwenden, sind ein weiteres
In unserer jüngsten Untersuchung über staatliche Schlüsselelement unserer Politik. Terroristen werden
Unterstützung des Terrorismus bezeichneten wir sechs in zunehmendem Maße identifiziert, aufgespürt, festStaaten - Kuba, Iran, Irak, Libyen, Nordkorea und genommen, vor Gericht gestellt und für ihre VerbreSyrien - als Förderer des Terrorismus. Zwei andere chen bestraft. Die Vereinigten Staaten arbeiteten
Länder - Pakistan und der Sudan - werden weiterhin beispielsweise erfolgreich mit Griechenland bei dem
beobachtet und könnten möglicherweise ebenfalls auf Prozeß gegen Mohammed Rashid zusammen, der
wegen des Bombenanschlags auf eine Maschine der
die Liste gesetzt werden.
Pan Am im Jahr 1982 angeklagt war. Zehn Jahre nach
Keiner dieser den Terrorismus unterstützenden Staa- dem Bombenanschlag wurde Rashid schuldig gesproten hat die terroristische Option vollkommen aufgege- chen und zu einer langen Gefängnisstrafe in Athen
ben, noch den Kontakt zu Terroristen nahestehenden verurteilt.
Gruppen abgebrochen. Das iranische Regime hat seit
seiner Machtübernahme 1979 den staatlichen Terro- Wir stärken die Rechtsstaatlichkeit auch, indem wir bei
rismus praktiziert; gegenwärtig ist es der gefährlichste der Verbesserung des Justizwesens und der StrafverUnterstützerdesTerrorismusund hatweltweite Reich- folgungsbehörden anderer Länder behilflich sind, die
weite. Syrien behält enge Kontakte zu verschiedenen Opfer terroristischer Gewalttaten sein könnten. Durch
Gruppen bei, die im Rahmen des internationalen Ter- die Ausbildung im Rahmen des Antiterrorismusprororismus tätig sind, und erlaubt ihnen, in syrisch kon- gramms des Außenministeriums haben wir die Fähigtrolliertem Gebiet zu üben und in Damaskus Büros zu keit anderer Regierungen, Terroristen zuvorzukomerrichten. Saddam ist mit terroristischen Mitteln gegen men, gegen sie zu ermitteln und sie zu verfolgen,
Regimegegner, UNO-Funktionäre und Mitarbeiter verbessert. 1992 durchliefen 1.125 hochrangige Beamte
westlicher Hilfsorganisationen vorgegangen. Libyen aus 25 Ländern eine solche Ausbildung, wodurch die
gestattet weiterhin Operationen terroristischer Grup- Gesamtzahl derjenigen, die im Rahmen dieses Propen auf seinem Territorium, Kuba und Nordkorea gramms ausgebildet wurden, auf ungefähr 14.000 aus
haben noch nicht alle Verbindungen zu Terroristen 75 Nationen stieg.
abgebrochen.
World Trade Center
Die Regierungen waren in zunehmendem Maße bereit, sich sichtbar gegen den Terrorismus zu erheben Bevor ich die Rolle des Außenministeriums bei den
und - was noch wichtiger ist - bei der Bekämpfung des Ermittlungen zum Anschlag auf das World Trade Center
Terrorismus zu helfen. Dies wurde deutlich während erörtere, möchte ich den Familien der Opfer kondolieder Operation Wüstensturm, als die terroristische In- ren und sie des Engagements von uns allen im State
frastruktur des Irak durch die aggressiven Maßnah- Department versichern, die Schuldigen vor Gericht zu
men zahlreicher Nationen auseinanderbrach. Die bringen. Auch wenn unsere Rolle bei terroristischen
Verurteilung der libyschen Bombenanschläge auf Pan- Anschlägen im Inland begrenzt ist, werde ich kurz
Am-Flug-103 und UTA-Flug-772 durch den UN-Si- darauf eingehen, was wir in solchen Fällen tun, um den
cherheitsrat sowie die Verabschiedung der herausra- Ermittlem zu helfen.
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Seite 3

�Alle Botschaften wurden beauftragt, eingehend über
sämtliche Informationen zu berichten, die sie über den
Bombenanschlag in Erfahrung bringen, damit die
Gemeinsame Arbeitsgruppe Terrorismus in New York
von allen in Übersee zur Verfügung stehenden Informationen oder Ideen profitieren kann. Das Ministerium
beantwortet darüber hinaus besondere Anfragen der
Arbeitsgruppe im Hinblick auf Indizien, die Maßnahmen in Übersee erfordern.

Aufspürung dieser Sprengstoffe zu ermöglichen. Unser
Ziel war die Erarbeitung eines internationalen Abkommens, das die Abschreckung von Terroristen fördern
und zur Verhinderung von Anschlägen mit Plastiksprengstoffen beitragen würde. Ein Ergebnis dieser
Bemühungen ist die Konvention über die Markierung
von Plastiksprengstoffen (Convention on the Marking
of Plastic Explosives for Purposes of Detection), die
1991 in Montreal abgeschlossen und seither von den
Vereinigten Staaten und 45 anderen Ländern unterDas Ministerium hat Erfahrung bei der Aufklärung von zeichnet wurde.
Sprengstoffanschlägen mit Autobomben, und wir informieren die Ermittler vor Ort in New York über unsere Die US-Armee hat die technische Erprobung abgeErkenntnisse. Vertreter des Ministeriums sind an den schlossen, die anfänglich überwiegend aus Mitteln des
Ermittlungen beteiligt, und das Büro für diplomatische Außenministeriums für Forschung und Entwicklung
Sicherheit hat der Arbeitgruppe spezielle Detektoraus- bei der Terrorismusbekämpfung finanziert wurde, um
rüstung zur Verfügung gestellt, die zur Identifizierung zu gewährleisten, daß die erforderlichen Veränderunexplosiver Verbindungen beitragen kann.
gen bei amerikanischen Plastikspreng Stoffen keine
nachteiligen Folgen für Umwelt, Arbeitsschutz oder
Darüber hinaus nehmen die Nachrichtendienste eine nationale Sicherheit nach sich ziehen. Aufgrund dieintensive Bestandsaufnahme bereits gesammelter ser Tests ist die Armee nun bereit, ab Januar 1994
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse vor, um Informa- Plastiksprengstoffe mit dem Markierungsstoff zu protionen auszumachen, die den Ermittlungen potentiell duzieren.
nützen könnten.
Die Regierung wird die Konvention in absehbarer
Herr Vorsitzender, die Ermittlungen stecken noch in Zukunft dem Senat zur Ratifizierung vorlegen. Darüden Kinderschuhen und konzentrieren sich auf die ber hinaus streben wir die Zustimmung des KongresSammlung forensischer Beweismittel. Darüberhinaus ses zu damit in Zusammenhang stehenden Durchfühliegt die Hauptverantwortung für diese Ermittlungen rungsgesetzen an. Wir hoffen, wir können im Hinblick
beim FBI und der New Yorker Polizei, die in der auf die rasche Verabschiedung der DurchführungsgeGemeinsamen Arbeitsgruppe Terrorismus zusammen- setze eng mit Ihnen und dem Ausschuß zusammenararbeiten. Da es sich um ein schwebendes Verfahren beiten.
handelt, kann ich mich nicht weiter dazu äußern oder
spekulieren, ob dieser Bombenanschlag einen Akt des Darüber hinaus wird das Ministerium erneut den Koninternationalen Terrorismus darstellt. Dasselbe gilt im greß um die Verabschiedung von DurchführungsgeHinblick auf die mögliche Rolle verschiedener interna- setzen zu zwei wichtigen Verträgen zur Terrorismustionaler Terroristen.
bekämpfung ersuchen: dem Protokoll zur Verhinderung ungesetzlicher Gewaltakte auf internationalen
Herr Vorsitzender, gleichzeitig möchte ich eindeutig Flughäfen von 1988 (Protocol for the Suppression of
feststellen: Wenn sich ergeben sollte, daß eine aus- Unlawful Acts of Violence at Airports Serving Internaländische terroristische Gruppe oder ein solcher Staat tional Aviation) und der Konvention zur Verhinderung
auf irgendeine Weise am Anschlag auf das World ungesetzlicher Angriffe auf die Sicherheit der SeeTrade Center beteiligt war, werden die Vereinigten schiffahrt von 1988 (Convention for the Suppression of
Staaten nicht ruhen oder sich zufrieden geben, bis die Unlawful Attacks Against the Safety of Maritime NaviVerantwortlichen der Gerechtigkeit zugeführt werden. gation). Diese Verträge haben das Prinzip "verfolgen
Für den Staat gibt es keine höhere Pflicht als den oder ausliefern" auf Angriffe gegen Flughäfen oder
Schutz seiner Bürger. Ich kann Ihnen versichern, daß Seeziele erweitert, um eine Wiederholung solcher
dies der Ansicht des Präsidenten, des Ministers und Akte wie der Anschläge auf die Flughäfen in Rom und
von uns allen im Ministerium entspricht.
Wien im Jahr 1985 und der Entführung des Passagierschiffes Achille Lauro 1986 zu verhindern.
Die nächsten Schritte
Bevor ich meine Ausführungen abschließe, möchte ich Der Senat hat die Verträge 1989 gutgeheißen, aber die
jedoch noch die nächsten Schritte erörtern, für die wir Verabschiedung von Durchführungsgesetzen wurde
verzögert, seit sie in das Allgemeine Gesetz zur Verden Kongreß um Unterstützung bitten.
brechensbekämpfung (Omnibus Crime Bill) aufgeNach der Zerstörung der Pan-Am-Maschine durch nommen wurden. Ich hoffe, Ihr Ausschuß kann zur
einen Plastiksprengsatz im Dezember 1988 verstän- Verabschiedung in diesem Jahr beitragen und uns
digten sich die Vereinigten Staaten und wichtige euro- damit gestatten, unsere internationalen rechtlichen
päische Länder darauf, chemische Markierungsstoffe Verpflichtungen einzuhalten.
zu identifizieren, die beim Herstellungsprozeß in PlaIch möchte noch eine andere Angelegenheit ansprestiksprengstoffe eingearbeitet werden könnten, um die
chen, die meines Erachtens von Belang sein könnte.
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AMERIKA DIENST 11

�Das Außenministerium wird in naher Zukunft einen
Gesetzentwurf sowie die Ankündigung einer Neuorientierung von Programmen im Zuge der Reorganisierung des Ministeriums vorlegen. Einer der Vorschläge
sieht die Zusammenlegung der politischen Büros und
Dienststellen, die derzeit mit Betäubungsmitteln und
Terrorismus befaßt sind, zu einem einzigen Büro vor,
das darüber hinaus Befugnisse in Zusammenhang mit
internationaler Polizeiarbeit und Rechtsangelegenheiten erhalten soll.
Diese Neuorganisation wird einen gewissen, seit langem angestrebten Synergieeffekt bei der Verwaltung
des Ministeriums erzielen. Es ist eine Veränderung,
die ich seit langem befürworte und die in keiner Weise
die Bedeutung der Terrorismusbekämpfung beziehungsweise die Konzentration darauf verringert. Zu
den Funktionen des Abteilungsleiters für Betäubungsmittel, Terrorismus und Verbrechen (NTC) wird die
Rolle des Koordinators für Terrorismusbekämpfung
gehören. Er wird weiterhin durch einen engagierten
und professionellen Mitarbeiterstab hervorragend
unterstützt werden, der einem Stellvertretenden Abtei-

*

AMERIKA DIENST 11

lungsleiter unterstellt und einzig und allein für internationale Terrorismusangelegenheiten zuständig sein
wird.
Das Ministerium wird darüber hinaus das Programm
zur Unterstützung der Terrorismusbekämpfung aus
dem Büro für diplomatische Sicherheit ausgliedern
und in dieses neue Büro integrieren. Diese Veränderung wird dazu beitragen, eine enge Verbindung zwischen unseren politischen Initiativen zur Terrorismusbekämpfung sowie unseren operativen Programmen
zu gewährleisten, mit denen die Fähigkeiten von
Gastgeberländern zur Terrorismusbekämpfung verbessert werden sollen.
Herr Vorsitzender, trotz der Fortschritte und Erfolge
besteht weiterhin eine ernste Bedrohung durch den
Terrorismus, insbesondere den staatlich geförderten.
Unsere Reaktion muß und wird in kontinuierlicher
Wachsamkeit, Verbesserung unserer Fähigkeiten und
vertiefter Zusammenarbeit bestehen, um die Sicherheit der Amerikaner und amerikanischer Interessen
weltweit zu gewährleisten.

* * *

*

Seite 5

�MEDIEN
17. März 1993

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN AMERIKA
von Stephen Bates
Der Verfasser des nachstehenden Beitrags würdigt die 300jährige Tradition des amerikanischen Zeitungswesens und beschreibt einige der Probleme, denen sich die frühe amerikanische Presse ausgesetzt sah, die heute
von der Verfassung geschützt ist. Der Artikel gehört zu einer Serie von Beiträgen über die US-Medien, die wir
künftig in unregelmäßiger Folge veröffentlichen weiden.
Stephen Bates ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim American Enterprise Institute und Autor von If No News,
Send Rumors: Anecdotes of American Journalism.
Der Artikel darf in ungekürzter Form mit folgendem Zusatz nachgedruckt werden: Nachdruck mit Genehmigung
von The American Enterprise. Copyright (c) American Enterprise Institute for Public Policy Research.
Die amerikanische Presse entstand vor dreihundert
Jahren. Publick Occurrences Both Forreign and
Domestick kam am 25. September 1690 in Boston auf
den Markt. Obwohl die Zeitung von Benjamin Harris
nicht mit heutigen zu vergleichen ist - sie wies weder
Schlagzeilen noch Illustrationen auf und umfaßte lediglich drei kurze Seiten von 18 mal 28 Zentimetern gibt es doch eine tiefergehende Kontinuität.

Grund anzunehmen, daß der Vater über seine Beziehung zur Frau des Sohnes gelogen hat". Etwa 250
Jahre später bezeichnete ein Journalismushistoriker
diese Nachricht keusch als "Skandal, (der) den französischen König und seine Schwiegertochter betraf.
Was um 1690 akzeptabel gewesen war, war für die
vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu schlüpfrig
geworden.

Die Nachrichten, über die 1690 berichtet wurde, wären
auch dem Zeitungsleser von 1990 geläufig. Die erste
Nummer von Publick Occurrences enthielt Lokalnachrichten (die Pocken hatten "stark nachgelassen",
aber "Fieber und Schüttelfrost" nahmen zu), einen
Tadel der Regierungspolitik (die indianischen Verbündeten Großbritanniens benahmen sich "auf eine Art
und Weise, die für jeden Engländer zu barbarisch ist"),
einen detaillierten Bericht über einen Selbstmord (ein
Witwer, der seit dem Tod seiner Frau "still und grämlich" gewesen war, wurde "an einem Seil hängend, das
man zum Anbinden von Kälbern benutzt hatte", gefunden) und eine Spur von Gewalt (ein Hauptmann hatte
zwei Indianern "die Gesichter zerschnitten und die
Bäuche aufgeschlitzt"). Auch einige nationale und
internationale Nachrichten erschienen, die ohne Quellenangabe von britischen Zeitungen abgeschrieben
waren - eine Praxis, die einen Londoner Verleger
veranla ßte, Harris als "Plagiator und Pressepiraten" zu
bezeichnen.

Eine andere Zeitung aus der Kolonialzeit wollte ein
solch breites internationales Nachrichtenspektrum
abdecken wie die New York Times von heute. John
Campbells zwei Seiten umfassendes Wochenblatt
Boston News-Letter kündigte an, es wolle alle aus
Europa eingehenden Nachrichten vollständig und in
der Reihenfolge ihres Eingangs abdrucken. Die Nachrichten sprengten schon bald den vorgesehenen
Rahmen, aber Campbell weigerte sich, seinen ehrgeizigen Plan zu modifizieren. Als der News-Letter im
Jahr 1718 den europäischen Nachrichten über ein Jahr
hinterherhinkte, erweiterte Campbell widerwillig den
Umfang der Zeitung, um dies wettzumachen.

Ein Beitrag aus Publick Occurrences würde hervorragend in den National Enquirer passen, ein amerikanisches Massenblatt von heute. Der Sohn des Königs
von Frankreich, so die Zeitung, "hat kürzlich gegen ihn
revoltiert und hat - falls die Berichte zutreffen - allen
AMERIKA DIENST 11

Die Verleger der Kolonialzeit versuchten ebenso hartnäckig wie die Graphiker von USA Today (eine besonders graphikorientierte amerikanische Tageszeitung),
ihre Produkte attraktiv zu gestalten. Die ersten Zeitungen waren teuer (Männer machten sie bisweilen ihrer
Angebeteten zum Geschenk), und einzelne Exemplare wurden von Leser zu Leser weitergegeben. Einige
Verleger waren so aufmerksam, daß sie bei jeder
Ausgabe eine Seite frei ließen, damit der Abonnent
persönliche Nachrichten niederschreiben konnte, bevor
er sie Freunden zusandte.

Seite 1

�Viele der frühen Zeitungen erzielten nie Gewinne. Um mann Benjamin Franklin schrieb, daß nahezu alles
ein Auskommen zu haben, fungierte John Campbell Veröffentlichte "einige und vielleicht zu viele beleidigen
gleichzeitig als Leiter eines Postamts. Dasselbe galt wird", und deshalb machten sich die Herausgeber bald
für den Verleger der Pennsylvania Gazette, Benja- "eine Gleichgültigkeit gegenüber Richtigkeit oder Falschmin Franklin, der gerissen andere Zeitungen von der heit der in ihren Druckerzeugnissen enthaltenen MeiPostverteilung in Philadelphia ausschloß. Benjamin nungen zu eigen". Wo Franklin den Journalisten riet,
Harris betrieb weiterhin ein Kaffeehaus und ein Buch- Kritik zu ignorieren, forderte John Adams, der später
geschäft. Einige Verleger verkauften nebenher Texti- der zweite Präsident der Vereinigten Staaten wurde,
lien.
dazu auf, sie zu genießen. In einem Brief an die
Boston Gazette schrieb Adams, die von den "MachtNahezu alle Verlegerstellten ihre Druckpressen gegen gierigen" gegen die Zeitung vorgebrachten "abgedroBezahlung für religiöse Traktate, Almanachs, Flug- schenen, unverschämten Vorwürfe von Rufmord und
blätter, Geschäftsformulare und Druckschriften zur Volksverhetzung" bedeuteten "für uns um so mehr
Verfügung. Die Auftragsarbeiten konnten zu Konflik- eine Ehre". Die Haltung von Adams lebt fort: Morton
ten führen wenn, was häufig der Fall war, die Regie- Kondracke von The New Republic betrachtet es als
rung der wichtigste Kunde war. Nachdem die Boston eine seiner größten Leistungen, daß er vom Weißen
Gazette im Jahr 1757 religiöse Gefühle verletzt hatte, Haus unter Nixon auf die Liste von Gegnern gesetzt
teilten die "selectmen" (Stadtratsabgeordneten) der wurde.
Stadt ihrem Verleger mit, "wenn Sie weiterhin Dinge
dieser Art abdrucken, dürfen Sie keine weiteren Vortei- Mit Zunahme der Spannungen zwischen Briten und
le mehr von uns erwarten". Der Verleger versprach, Kolonisten lernten die Herausgeber mehrere Lektiovorsichtiger zu sein.
nen, die auch später noch Bestand hatten. Sie entdeckten, daß sie Bedrohungen ihrer Profite, wie das
Aufstieg und Fall des Wettbewerbs
Stempelgesetz, als Bedrohungen von Grundfreiheiten
aller Menschen darstellen konnten. In ihren FußstapDie verwundbarsten Zeitungen waren die, die lokale
fen haben Verleger des zwanzigsten Jahrhunderts
Konkurrenten hatten. 1721 versuchten Freunde, James
bisweilen behauptet, der erste Zusatz zur amerikaniFranklin (Bens älteren Bruder) davon zu überzeugen,
schen Verfassung befreie sie von der Pflicht, Steudaß die Gründung einer Zeitung eine Torheit sei.
er-, Kartell- und Arbeitsgesetze sowie BebauungspläCampbeils Boston News-Letter, so behaupteten sie,
ne einzuhalten. Die Zeitungsverleger der Kolonialzeit
habe den Markt gesättigt - einen ansehnlichen Markt,
erlebten, wie die Auflagen explodierten: Die des
da der News-Letter damals die einzige Zeitung in den
Connecticut Courant erreichte 8.000 im Jahr 1781,
amerikanischen Kolonien war. Franklin ignorierte den
was mehr war als die Auflage der meisten Londoner
Rat, und sein New-England Courant bestand fünf
Zeitungen. Die Herausgeber entdeckten, daß sich
Jahre.
Zeitungen mit schlechten Nachrichten am besten
verkaufen
lassen. Damals wie heute gilt, was der
Mit wachsendem Konkurrenzdruck entstanden HunJournalist
Walter
Lippmann einmal trocken folgenderderte von Zeitungen, und durch Zusammenschlüsse
maßen
formulierte:
"Krieg ist sensationeller als Friekam es zu Namensänderungen und Schließungen.
den."
The American Minerva wurde 1793 in New York
gegründet. Im Jahr 1797 wurde die Zeitung in Commercial Advertiser umbenannt, 1904 in The Globe, Die Pioniere der Presse unterhielten komplexe Bezie1923 in The Sun and The Globe, 1950 in New York hungen zur Regierung. Bezeichnend hierfür ist der Fall
World-Telegram/The Sun und 1966 in World Jour- von Benjamin Harris. Er plante, seine Publick Occurnal Tribüne. 1967 stellte World Journal Tribüne, rences "einmal im Monat (oder häufiger, wenn eine
das eine Fortsetzung von 38 verschiedenen Zeitungen Vielzahl von Ereignissen stattfindet") zu veröffentlidarstellte, das Erscheinen vollständig und ohne Nach- chen. Als die erste Ausgabe erschien, ordnete der
königliche Gouverneur jedoch die dauernde Einstelfolger ein.
lung der Zeitung an, weil Harris die Einholung der
So viele Zeitungen wurden eingestellt oder schlössen erforderlichen Genehmigungen versäumt hatte.
sich mit anderen zusammen, daß heute weniger als 20
Städte konkurrierende Tageszeitungen haben, nach- Harris hatte sich schon früher staatlichen Anordnundem es vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch gen widersetzt. In London war er bereits mehrmals
nahezu 700 gegeben hatte. Die Zeitungsindustrie festgenommen, an den Pranger gestellt und wegen
erzielt Gewinne von 20 Prozent vor Steuern - nahezu Veröffentlichung aufrührerischer Schriften inhaftiert
doppelt soviel wie die amerikanische Fertigungsindu- worden. Wenn er jemals Gedanken gehegt haben
strie -, und einige Zeitungen erreichen sogar 40 Pro- mag, die Einstellungsverfügung für Publick Occurrences zu mißachten, so gab er sie jedoch bald auf.
zent.
Die königlichen Behörden vergaben einen Druckauftrag
an ihn, der wesentlich höhere Gewinne versprach
Die Zeitungen der Kolonialzeit wurden häufig kritisiert,
als
die
Zeitung. Harris' Karriere im amerikanischen
und schon bald fanden die Herausgeber MöglichkeiJournalismus
fand ein abruptes Ende.
ten, die Kritik abzubiegen. Der amerikanische StaatsSeite 2

AMERIKA DIENST 11

�Mit immer selteneren Ausnahmen müssen sich die
Verleger von heute kaum Sorgen über Einstellungsverfügungen machen. Statt dessen sorgen sie sich um
mögliche Beschränkungen der Zigarettenreklame,
Steuern auf den Verkauf von Einzelexemplaren, Begrenzung der Aufstellung von Zeitungsautomaten auf
bestimmte Gebiete, Arbeitsschutzbestimmungen für
die Benutzung von Computermonitoren sowie Gesetze, die den Zeitungen die Benutzung von Altpapier
vorschreiben. Auf nahezu alle diese Bedrohungen
reagieren die Verleger mit der Berufung auf den ersten
Verfassungszusatz und, wenn dies nutzlos ist, mit
Lobbyismus, Einflußnahme und "Arbeit mit der Regierung" - wie der Titel einer Präsentation bei der Messe
der Vereinigung amerikanischer Zeitungsverleger im
Jahr 1990 lautete.
Einige Aspekte des Journalismus der neunziger Jahre
haben keine kolonialen Wurzeln. Der kalifornische
Ventura County Star - Free Press wurde wegen
*

AMERIKA DIENST 11

*

fahrlässiger Verursachung seelischen Leides verklagt,
weil die Zeitung eine falsche Lotterienummer veröffentlicht hatte, die Manuel Hernandez kurze Zeit und
fälschlich zu der Annahme veranlaßte, er habe 11
Millionen Dollar gewonnen. Endlose Marktanalysen
ergeben, daß "Bugs Bunny" bei Lesern zwischen 18
und 49 Jahren die beliebteste Zeichentrickfigur ist,
während 6-17jährige "Garfield" bevorzugen. Und die
kalifornische Zeitung Orange County Register setzte
einen Reporter auf ein Gebiet an, an das Benjamin
Harris noch nicht gedacht hatte: Einkaufszentren.
Die Erstausgabe von Publick Occurrences gab an,
sie werde "die Umstände öffentlicher Angelegenheiten" und "denkwürdige Vorfälle göttlicher Vorsehung"
aufzeichnen. In den Tagen von AIDS ist dies nicht
minder als in den Tagen von Schüttelfrost eine treffende Beschreibung des Auftrags der Presse. Nach 300
Jahren lebt das Vermächtnis der verkürzten Karriere
von Benjamin Harris fort.

*

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton strebt Unterstützung der G-7 für russische Reformen an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Handelsminister Brown: USA engagieren sich für Rußlandhilfe&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Christopher skizziert Ziele der US-Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung vor Haushaltsauschuß des Repräsentantenhauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Strafrechtliche Verfolgung der für den Anschlag auf das World Trade Center Verantwortlichen unabdingbar&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter McNamara&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Medien&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;300 Jahre Zeitungswesen in Amerika &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stephen Bates&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

£0^ 3 &lt; ^
^

24. März 1993

12
, ^

•

RUSSLAND

^

—

CLINTON: USA UNTERSTUTZEN DEMOKRATIE
IN RUSSLAND
Erklärung bei Pressekonferenz
USA WERDEN UNTERSTÜTZUNG FÜR
RUSSLAND VERSTÄRKEN
Rede von Außenminister Christopher

WIRTSCHAFT

SUMMERS: DEMOKRATIE IN RUSSLAND
VORDRINGLICHES ANLIEGEN DER USA
Erklärung vor Finanzausschuß des Senats
DIE WIRTSCHAFTS- UND HANDELSPOLITIK UNTER PRÄSIDENT CLINTON
Rede von Donald B. Kursch,
Gesandter für Wirtschaft

NICHTVERBREITUNG

KAMPF GEGEN WEITERVERBREITUNG VON
ATOMWAFFEN HAT FÜR DAVIS PRIORITÄT
Auszüge aus Anhörung

MEDIEN

DER VIERTE STAND - RECHTE UND
PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Fax:0228-33 41 02

�RUSSLAND
24. März 1993

CLINTON: USA UNTERSTÜTZEN DEMOKRATIE
IN RUSSLAND
Erklärung bei Pressekonferenz
WASHINGTON - (AD) - Demokratische Reformen in Ru ßland sind nach Ansicht von Präsident Clinton die Basis
für eine bessere Zukunft des russischen Volkes sowie für eine "kontinuierliche russisch-amerikanische
Partnerschaft". Die Vereinigten Staaten erwarteten, daß Präsident Jelzin bei diesen Bestrebungen die führende
Rolle spielt.
"Die Vereinigten Staaten unterstützen die historischen Schritte zu demokratischen politischen Reformen in
Rußland", erklärte Clinton bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus am 23. März 1993. "Präsident Jelzin ist
die führende Persönlichkeit in diesem Prozeß. Er ist ein demokratisch gewählter nationaler Entscheidungsträger, tatsächlich ist er der erste demokratisch gewählte Präsident in tausend Jahren russischer Geschichte. Er
genießt die Unterstützung der Vereinigten Staaten, und dasselbe gilt für seine Reformregierung und alle
Reformer in ganz Rußland."
Der Präsident stellte auf die Frage eines Reporters weiterhin fest, letztlich sei es Aufgabe des russischen Volkes,
die gegenwärtigen Probleme "selbst zu lösen, und ich hoffe, es wird die Gelegenheit erhalten, dies in geeigneter
Weise zu tun". Er glaube nicht, "daß wir entscheidend sein können in dem Sinn, daß wir den Lauf der Ereignisse
in Rußland oder - offen gestanden - in den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion bestimmen, an
denen wir ebenfalls ein großes Interesse haben. Ich glaube jedoch nicht, daß wir lediglich Zuschauer sind."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Präsidenten zu Beginn der Pressekonferenz im Wortlaut.

Bevor ich heute Ihre Fragen beantworte, möchte ich
kurz auf einige außen- und innenpolitische Themen
eingehen.
Erstens möchte ich bekräftigen, daß die Vereinigten
Staaten die historischen Schritte zu demokratischen
politischen Reformen in Rußland unterstützen. Präsident Jelzin ist die führende Persönlichkeit in diesem
Prozeß. Er ist ein demokratisch gewählter nationaler
Entscheidungsträger, tatsächlich ist er der erste
demokratisch gewählte Präsident in tausend Jahren
russischer Geschichte. Er genießt die Unterstützung
der Vereinigten Staaten, und dasselbe gilt für seine
Reformregierung und alle Reformer in ganz Rußland.

Wir fühlen uns ermutigt, daß Präsident Jelzin der
Verteidigung der bürgerlichen Freiheiten, der Fortsetzung der Wirtschaftsreformen und der weiteren außenpolitischen Zusammenarbeit für eine friedliche Welt
verpflichtet ist. Rußland ist eine Demokratie - und muß
eine Demokratie bleiben. Demokratische Reformen in
Rußland sind die Basis für eine bessere Zukunft des
russischen Volkes, für eine kontinuierliche russischamerikanische Partnerschaft sowie fürdie Hoffnungen
der gesamten Menschheit auf eine friedlichere und
sicherere Welt.

Die Vereinigten Staaten tragen große Verantwortung
im In- und Ausland. Um dieser Verantwortung gerecht
zu werden, müssen wir nicht nur fortfahren, Reformen
Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Rußland in einer und Wandel im Ausland zu unterstützen, sondern
konstitutionellen und politischen Krise. Präsident Jel- ebenso unsere Wirtschaft hier im Inland wiederzubelezin schlägt vor, das Patt zu beenden, indem das ben. Wir müssen uns grundlegend ändern, wie es
russische Volk am 25. April die Gelegenheit erhält, zu diese Zeiten erfordern.
entscheiden. Das ist in einer Demokratie ein angemessener Schritt. Unser Interesse besteht darin, daß Am 17. Februar habe ich einen Wirtschaftsplan angesich dieser Prozeß friedlich vollzieht.
boten, um diese Art wirtschaftlichen Wandels zu
AMERIKA DIENST 12

Seite 1

�bewirken. Vor fünf Tagen erst hat das Repräsentantenhaus einen Riesenschritt unternommen, um die
Blockadepolitik und das Patt hier in Washington zu
beenden, indem es den Wirtschaftsplan verabschiedete. Und in nur ein oder zwei Tagen wird der Senat
die Gelegenheit haben, unter Beweis zu stellen, daß
auch er den Ruf der Menschen nach Veränderungen
gehört hat. Täuschen Sie sich nicht - auch unser Volk
hat eine Neuorientierung unserer Wirtschaft verlangt:
Abbau des Defizits, Investitionen in unsere Menschen
sowie die Schaffung hochqualifizierter, gutbezahlter
Arbeitsplätze für die arbeitenden Frauen und Männer
sowie für unsere Kinder.

Werten gerecht wird, indem er von Blockade zum
Handeln übergeht, von einer Regierung, die nur Sonderinteressen dient zu einer Regierung, die dem öffentlichen Interesse dient, vom Bezahlen fürdie Fehler
der Vergangenheit und dem Opportunismus der Gegenwart zu Investitionen in die Bedürfnisse der Zukunft.

Die Arbeit hat erst begonnen. Der Vizepräsident leitet
unsere Bemühungen, die Regierung neu zu erfinden.
Durch die Beschneidung von Programmen, die nicht
funktionieren oder deren Arbeit bereits getan ist, werden wir leisten, was die klügsten Unternehmen in
unserem Land bereits getan haben: unsere OperatioUnser Plan reduziert das Defizit im Bundeshaushalt nen straffen, unwirtschaftliche Managementebenen
inzwischen um rund 500 Milliarden Dollar in den näch- beseitigen und die Arbeitnehmer, die an vorderster
sten fünf Jahren. Ebenso wichtig ist überdies, daß er Front stehen, befähigen, die Initiative zu ergreifen und
Wirtschaftswachstum durch Investitionen in die Men- uns auf einen besseren Kurs zu bringen. Wir werden
schen, ihre Qualifikationen, ihre technologische Zu- die Regierung weniger kostspielig und effektiver machen.
kunft, ihre Gesundheit und durch das Angebot neuer Bei unserem Bestreben nach grundlegenden VeränAnreize für die Wirtschaft zur Schaffung von Arbeits- derungen in unserer Wirtschaft, unserem Gesundheitswesen und unseren Schulen werden wir unsere
plätzen hervorbringen wird.
Bürger auffordern, ihren Teil dazu beizutragen.
Indem wir der Wirtschaft dabei helfen, Millionen neuer
Arbeitsplätze zu schaffen, die überwältigende Mehr- Der Wandel, für den das amerikanische Volk gestimmt
heit davon in der Privatwirtschaft, legen wir das Funda- hat, beginnt nun. Wirerleben einen seltenen Moment
ment künftigen Wohlstandes - von Verkehrs- und in der Geschichte Washingtons, in dem die Stimme
Kommunikationsnetzen der Weltklasse bis zu sichere- des Volkes Gehör findet, und eine seltene Gelegenren Straßen und besseren Schulen. Jedes dieser heit, um Aufgaben zu erledigen. Mit dem kontinuierliElemente - Abbau des Defizits, Aufforderung an die chen Engagement unseres Volkes und der UnterstütBesserverdienenden, ihren fairen Anteil zu bezahlen, zung des Kongresses können wir die Veränderungen
Investitionen in die Zukunft und Schaffung von Arbeits- verwirklichen, die das Volk hier im Inland fordert. Wir
plätzen - wird im Paket funktionieren, und der Kongreß können dem Land die besten Jahre geben, die es je
sollte dieses Paket verabschieden.
gehabt hat, und gleichzeitig können die Vereinigten
Staaten weiterhin auf der Seite der Freiheit und DemoEin Arbeitsplatz ist das beste Sozialprogramm, und kratie sowie marktwirtschaftlicher Reformen in aller
ebenso ist eine wachsende Wirtschaft das beste Pro- Welt stehen. Dies sind die Ziele dieser Administration.
gramm zum Defizitabbau. Dieser Plan bringt unser
Land auf einen neuen Kurs, der unseren ältesten

*

Seite 2

* * *

*

AMERIKA DIENST 12

�RUSSLAND
24. März 1993

USA WERDEN UNTERSTÜTZUNG
FÜR RUSSLAND VERSTÄRKEN
Rede von Außenminister Christopher
CHICAGO - (AD) - Au ßenminister Christopher hat am 22. März 1993 erklärt, die Vereinigten Staaten würden ihre
Unterstützung der russischen Demokratie "verstärken und beschleunigen". Er fügte hinzu, "wir sollten dem
russischen Volk nicht eine Hand des Mitleids, sondern eine Hand der Partnerschaft reichen".
Vor dem Chicago Council on Foreign Relations und Vertretern von zwei anderen Vereinigungen bekräftigte
Christopher, die Hilfe für das russische Volk beim Aufbau einer freien Gesellschaft und einer Marktwirtschaft sei
"die größte strategische Herausforderung unserer Zeit".
Christopher zufolge wird die Clinton-Administration in den nächsten Tagen eine umfassende Strategie zur
Unterstützung der Demokratie in Rußland und seinen "Bestrebungen zum Aufbau einer Marktwirtschaft"
vorstellen.
Trotz der Konzentration auf Rußland vernachlässigten die Vereinigten Staaten nicht die anderen neuen unabhängigen Staaten, erklärte er, und stellte fest: "Das Wohlergehen ... aller anderen ehemaligen Republiken ist
für Amerika von höchster Bedeutung."
Christopher äußerte, er unterstütze die Forderung des russischen Präsidenten Jelzin nach einem nationalen
Referendum zur Lösung der Verfassungskrise zwischen dem Präsidenten und dem Parlament und verwies
darauf, Jelzin habe "erneut sein Vertrauen in die einzige Kraft unter Beweis gestellt, die den Erfolg der Reformen
garantieren kann - das russische Volk".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Christopher im Wortlaut.

Es ist mir ein Vergnügen, heute bei Ihnen sein zu
können. Ich freue mich besonders, daß ich vor diesem
Publikum sprechen kann. Außenminister verbringen
so viel Zeit damit, die amerikanische Politik ausländischen Diplomaten zu erläutern, daß sie dazu neigen,
das einzig wirklich zählende Publikum als selbstverständlich zu betrachten: Sie, das amerikanische Volk.
Besonders begrüßen möchte ich die Studenten, die
aus den Wahlkreisen der Kongreßabgeordneten
Reynolds und Rush hierher gekommen sind. Sie
haben ein enormes Interesse an unserer Außenpolitik.
Schließlich sind Sie es, die mit den Folgen unserer
Maßnahmen leben müssen. Deshalb ist es äußerst
wichtig, daß Ihre Stimme gehört wird. Ich bin sehrfroh,
daß Sie heute zu uns kommen konnten.

Volk über die neue Wert, in der wir leben, sowie über
die angemessene Rolle unseres Landes darin aufzunehmen.
Es ist passend, daß ich diesen Prozeß in Chicago
beginne. Ihre Stadt symbolisiert auf vielfältige Weise
Amerika - durch ihre Lage im Herzen unseres Landes
und durch ihren Kampfgeist, ihre breiten Schultern und
ihren gesunden Menschenverstand.
Gleichzeitig jedoch ist Chicago auch in hohem Maße
ein Zentrum der Welt - mit seinen mächtigen Industrien, die Waren in die ganze Welt exportieren, und
mit seinen Warenmärkten, die internationale Investoren in nah und fern verbinden.

Die Bürger von Chicago und alle Amerikaner haben
Meine Reise hierhin ist lediglich die erste von vielen das gute Recht, eine Außenpolitik zu verlangen, die
weiteren, die ich in Groß- und Kleinstädte dieses konkret ihren Interessen dient. Sie möchten eine
Landes unternehmen werde. Meine Mission ist schlicht: Außenpolitik, die eine sicherere Welt, eine Welt größeeinen anhaltenden Dialog mit dem amerikanischen ren Wohlstands und eine Welt mit gesicherten Werten
aufbaut.
AMERIKA DIENST 12

Seite 1

�Genau dies ist die Art von Außenpolitik, mit deren
Durchführung Präsident Clinton mich betraut hat. Im
Außenministerium haben wir Referate, die für die
Politik in praktisch allen Ländern zuständig sind - so
gibt es zum Beispiel ein Chinareferat, ein Rußlandreferat und ein Ägyptenreferat.

Wohlstands. Zweitens die Modernisierung der amerikanischen Streitkräfte. Drittens die Förderung der
Demokratie im Ausland. Die grundsätzliche Prämisse
der Politik ist die Tatsache, daß in der Welt von heute
Außen-und Innenpolitik untrennbarsind. Wenn esuns
nicht gelingt, unsere Stärke im Inland zu bewahren,
können wir im Ausland keine Führungsrolle übernehAls Außenminister ist es mein fester Wille, daß das men. Wenn wir uns jedoch isolationistisch zurückzieAußenministerium auch ein "Amerikareferat" erhält - hen, wird es unmöglich sein, unsere innere Stärke
und ich werde dessen Leiter sein. Meine wichtigste wiederzugewinnen. In einer Welt, die von Rezession,
Aufgabe besteht darin, die lebenswichtigen Interessen gewalttätigen Konflikten und Diktaturen gekennzeichder Bürger der Vereinigten Staaten zu fördern. Heute net ist, kann Amerika nicht gedeihen.
- sowie in den kommenden Wochen und Monaten möchte ich erläutern, wie die Clinton-Administration Es ist kein Zufall, daß Präsident Clinton die Förderung
der wirtschaftlichen Sicherheit Amerikas als erste Säule
dieses Ziel zu verfolgen gedenkt.
unserer neuen Außenpolitik identifiziert hat. Wir sind
Amerika in einer neuen Welt
in ein Zeitalter eingetreten, in dem unsere Wettbewerbsfähigkeit entscheidend für unsere Fähigkeit ist,
Unsere Welt hat sich in den letzten Jahren grundleim Ausland Erfolg zu haben. Als unerläßlichen ersten
gend verändert. Mauern sind zerfallen. Imperien sind
Schritt hat der Präsident ein kühnes Programm vorgezusammengebrochen. Das wichtigste: Der Kalte
legt, um die amerikanische Wirtschaft wieder in OrdKrieg ist vorüber. Die Sowjetunion existiert nicht mehr.
nung zu bringen. Es handelt sich um eine umfassende
Der Sowjetkommunismus ist tot. Dasselbe gilt jedoch Strategie, die darauf abzielt, in die Bedürfnisse unsefür den Bezugspunkt, der unsere Politik 40 Jahre lang res Volkes zu investieren, unsere Defizite abzubauen
leitete. Dieser Bezugspunkt erklärte, warum unsere und den Grundstein für langfristiges Wirtschaftswachsinternationale Führungsrolle so notwendig war, warum tum zu legen.
unsere Verteidigungslasten so groß waren und warum
unsere Hilfe für andere Länder so entscheidend war. Der wichtigste Einzelschritt, den wir unternehmen
können, um unsere Position auf der ganzen Welt zu
Heute sind wir mit einer Welt konfrontiert, die weit stärken, besteht darin, das Wirtschaftsprogramm des
komplexer ist. Es ist eine Welt atemberaubender Präsidenten zu verabschieden - und dies so bald wie
Chancen zum Ausbau von Demokratie und freien möglich zu tun.
Märkten. Aber es ist auch eine Welt ernster neuer
Gefahren. Seit langem schwelende ethnische Konflik- Maßnahmen im Inland allein können jedoch den
te sind ausgebrochen. Massenvernichtungswaffen Wohlstand Amerikas nicht sichern. Heute sind wir
fallen in die Hände gefährlicher Diktatoren, und neue unumkehrbar mit der Weltwirtschaft verflochten. Unser
weltweite Herausforderungen schreien förmlich nach Leben wird ständig von den riesigen Strömen des
Aufmerksamkeit, darunter zum Beispiel die Umwelt, Handels und der Finanzwelt beeinflußt, die unsere
Grenzen überschreiten. Über sieben Millionen AmeriÜberbevölkerung, Drogenhandel und AIDS.
kaner sind heute in Exportbranchen beschäftigt.
Wie die großen politischen Entscheidungsträger der
vergangenen Generation, die der Herausforderung Unsere Fähigkeit, in dieser Weltwirtschaft zu prospedes Kalten Krieges gerecht wurden, brauchen wir eine rieren, hängt von unserer Wettbewerbsfähigkeit ab.
neue Strategie für den Schutz und die Förderung Das heißt, unsere Diplomatie muß dazu eingesetzt
amerikanischer Interessen in diesem neuen Zeitalter. werden, unseren Wirtschaftszielen im Ausland zu dienen:
Wir benötigen eine Strategie zur Beantwortung der Wir müssen gewährleisten, daß die Auslandsmärkte
Fragen, die von den meisten Amerikanern heute ge- amerikanischen Waren und amerikanischen Investistellt werden: Warum müssen wir nach dem Ver- tionen offenstehen. Wir müssen unfairen Wettbewerb
schwinden der sowjetischen Bedrohung in der interna- gegenüber amerikanischen Unternehmen und Arbeittionalen Arena aktiv sein? Warum muß Amerika nehmern bekämpfen. Darüber hinaus müssen wir die
immer noch die Lasten der Führungsrolle tragen? anderen Finanzmächte der Welt dazu drängen, verWenn wir so dringend eine Erneuerung im Inland antwortungsbewußte Maßnahmen zur Förderung des
benötigen, warum sollten wir dann weiterhin Ressour- weltweiten Wirtschaftswachstums durchzuführen.
cen für das Ausland zuweisen?
Die zweite Saule unserer Au ßenpolitik wird die ModerDie drei Säulen: Die Erneuerung der amerikani- nisierung unserer Streitkräfte sein, um neuen und
anhaltenden Bedrohungen zu begegnen. Der Zusamschen Außenpolitik
menbruch der Sowjetunion ermöglicht esuns, unseren
Präsident Clinton hat reagiert, indem er eine amerika- militärischen Komplex erheblich abzubauen. Trotznische Außenpolitik konzipierte, die auf drei Säulen dem muß unsere Macht immer ausreichen, um jeder
beruht. Erstens den Ausbau des amerikanischen Bedrohung unserer lebenswichtigen Interessen entSeite 2

AMERIKA DIENST 12

�gegenzutreten. Wir müssen in der Lage sein, jeden
potentiellen Gegner abzuschrecken und gegebenenfalls zu besiegen.

Ich möchte mich nun der dritten Säuleder Außenpolitik
dieser Administration zuwenden: der Ermutigung der
weltweiten demokratischen Revolution, die unsere Welt
umgestaltet. Indem wir bei der Förderung der DemoAus diesem Grund ergreifen wir Maßnahmen, um kratie mitwirken, tun wir mehr, als unsere wichtigsten
unser Militär agiler, mobiler, flexibler und intelligenter Grundwerte zu ehren. Darüber hinaus tätigen wir eine
zu machen. Wir sind entschlossen, die am besten strategische Investition in die Sicherheit unseres Lanausgerüstete und ausgebildete Truppe der Welt zu des. Die Geschichte lehrt, daß eine Welt mit mehr
haben.
Demokratien eine sicherere Welt ist. Es ist eine Welt,
die mehr zur menschlichen Entwicklung und weniger
Amerika kann kein Weltpolizist sein. Wir können nicht
zur Zerstörung des Menschen beitragen wird. Und es
für die Schlichtung jedes Streits verantwortlich sein
ist eine Welt, die fördern wird, was allen Menschen
oder auf jeden Alarm reagieren. Wir sind unverzichtgemeinsam ist, anstatt dessen, was sie trennt.
bar, aber wir können nicht unterschiedslos tätig werden.
Die Herausforderung unserer Zeit: Hilfe für die
russische Demokratie
Eine aufgeklärte amerikanische Führungsrolle wird
erfordern, daß wir die kollektive Stärke des Westens Diese drei Säulen - Ausbau des amerikanischen
zum Tragen bringen. Ethnische Konflikte - und die von Wohlstands, Modernisierung der amerikanischen Streitihnen hervorgebrachten humanitären Katastrophen - kräfte und Förderung demokratischer Werte - bilden
beleidigen zutiefst unser Gewissen. In vielen Fällen das Kernstück der neuen amerikanischen Diplomatie
stellen sie auch ein schweres Risiko für den internatio- der Clinton-Administration. Ich möchte Ihnen nun
nalen Frieden dar. Darüber hinaus produzieren sie erläutern, wie sie sich zusammenfügen und darüber
Tausende von Flüchtlingen, die die politische und hinaus die Grundlage einer unserer wichtigsten auwirtschaftliche Stabilität einer ganzen Region belasten ßenpolitischen Prioritäten bilden: die Hilfe für das
können.
russische Volk beim Aufbau einer freien Gesellschaft
und einer Marktwirtschaft. Dies ist die größte strategiUnser Gebot lautet deshalb, daß wir die internationa- sche Herausforderung unserer Zeit. Rußland, das
len Mittel entwickeln müssen, um diese Konflikte vor historisch gesehen zu den mächtigsten Ländern gedem Ausbruch einzudämmen und, was noch wichtiger hört, in die Familie friedliebender Nationen einzuglieist, zu verhindern. Hier ist es entscheidend, daß wirdie dern, wird unseren höchsten sicherheitspolitischen,
Vereinten Nationen so einsetzen, wie es ihre Begrün- moralischen und wirtschaftlichen Interessen dienen.
der beabsichtigten. Die Friedenssicherungsfähigkeiten der UNO müssen gestärkt werden, um unverzüg- Für Amerika und die Welt steht enorm viel auf dem
liches präventives Handeln zu ermöglichen. Femer Spiel. Sollten wir Erfolg haben, werden wir die Grundmüssen unsere anderen Instrumente der kollektiven lage für dauerhafte Sicherheit im nächsten JahrhunSicherheit, wie die NATO, angepaßt werden, um die dert gelegt haben. Sollte jedoch in Rußland die AnarVereinten Nationen bei diesen Bemühungen zu unter- chie die Oberhand gewinnen oder das Land wieder
stützen.
dem Despotismus verfallen, müssen wir unter UmEines der aussichtsreichsten Gebiete für präventive ständen einen entsetzlich hohen Preis zahlen. Es
Diplomatie ist der Nahe Osten. Hier hat das Ende des steht nicht weniger auf dem Spiel als die Möglichkeit
Kalten Krieges den Konflikt nicht geschürt. Statt einer erneuten nuklearen Bedrohung, eines erhöhten
dessen hat es neue Chancen zu seiner Beendigung amerikanischen Verteidigungshaushalts, einer sich
geschaffen. Ich bin kürzlich aus der Region zurückge- verbreitenden Instabilität und eines verheerenden
kehrt, wo ich ausführliche Gespräche mit führenden Rückschlags für die weltweite Demokratiebewegung.
Das erfordert die Aufmerksamkeit eines jeden Ameriarabischen und israelischen Politikern geführt habe.
kaners.
Ich bin überzeugt, daß eine historische Chance besteht, Fortschritte auf dem Weg zum Frieden in dieser In den nächsten Tagen und Wochen wird die Clintongepeinigten Region zu erzielen. Es ist unumgänglich, Administration eine umfassende Strategie vorstellen,
daß alle Seiten handeln, um diese Gelegenheit zu um in Rußland die Demokratie und die Bestrebungen
ergreifen und am 20. April in Washington an den zum Aufbau einer Marktwirtschaft zu unterstützen. Es
Verhandlungstisch zurückzukehren. Wenn sie dies ist heute nicht meine Absicht, ein detailliertes Protun, sind die Vereinigten Staaten bereit, als vollwerti- gramm neuer Initiativen anzukündigen. Vielmehr möchte
ger Partnerbei ihren Bemühungen mitzuwirken. Wenn ich einen strategischen Zusammenhang für unseren
sie dies nicht tun, wenn sie diese einzigartige Chance Ansatz herstellen. Ich möchte darlegen, welch enorverstreichen lassen, könnte eine weitere Generation mes Interesse wir daran haben, alles in unserer Macht
im Nahen Osten einem endlosen Kreislauf der Kon- Stehende zu tun, um der Demokratie in Rußland zum
frontation und letztlich des Krieges zum Opfer fallen. Erfolg zu verhelfen.

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�Wenn ich mich hier vorwiegend auf Rußland konzentriere, bedeutet das nicht, daß ich die anderen neuen
Staaten vernachlässige. Das Wohlergehen der Ukraine, Kasachstans, Weißrußlands, Armeniens und aller
anderen ehemaligen Republiken ist für Amerika von
höchster Bedeutung. Wir sind der Entwicklung starker
bilateraler Beziehungen mit jedem dieser Lander nachhaltig verpflichtet. Wir unterstützen ihre Unabhängigkeit und sind bei ihrer vollen Eingliederung in die
Völkergemeinschaft behilflich. Es ist in Wirklichkeit
teilweise aus Sorge um ihr Wohlergehen, daß ich mich
heute auf Ru ßland konzentriere. Tatsache ist, daß die
künftige Sicherheit der Nachbarn Rußlands in großem
Ausmaß vom Erfolg der demokratischen Revolution in
Rußland abhängt.

wieder zu Wohlstand verhalfen. Und wir spielten eine
führende Rolle in einem demokratischen Bündnis, das
den sowjetischen Kommunismus eindämmte und ihm
schließlich den Nährboden entzog.
Heute sehen wir uns zum dritten Mal in diesem Jahrhundert einer historischen Gelegenheit gegenüber,
eine sicherere Welt zu schaffen. Wir müssen unsere
Anstrengungen verdoppeln, um dem russischen Volk
zu helfen, das ein in der Geschichte nie dagewesenes
Unterfangen begonnen hat. Mit viel Mut versucht es,
drei Revolutionen zur gleichen Zeit zu führen. Erstens,
das totalitäre System in eine Demokratie umzuwandeln. Zweitens, eine Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft überzuführen. Drittens, ein Imperium in einen
modernen Nationalstaat zu verwandeln. Wenn das
russische Volk Erfolg hat, werden wir alle Erfolg haben.

Schauen wir doch einmal einen Moment zurück und
halten wir uns die atemberaubenden Vorteile vor Augen,
die das Ende des Kalten Krieges für die Vereinigten Jetzt scheint es, daß bei dem in Rußland stattfindenden Übergang erneut ein Wendepunkt erreicht wurde.
Staaten und die Welt mit sich gebracht hat:
Seit Monaten hat ein Verfassungskonflikt zwischen
Es wurden historische Abkommen geschlos- Präsident Jelzin und dem Parlament die russische
sen, um die Atomwaffenarsenale, die eine Politik lahmgelegt. Diese Krise hat sich jetzt dramaBedrohung für die Existenz unseres Landes tisch zugespitzt. Präsident Jelzin hat einen Volksentscheid gefordert, um aus der verfassungsmäßigen
darstellten, drastisch zu reduzieren.
Sackgasse herauszufinden. Dabei hat er wiederum
Die Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts sein Vertrauen in die einzige Kraft unter Beweis gesind frei von sowjetischer Beherrschung und der stellt, die den Erfolg der Reformen garantieren kann:
Last des Kommunismus.
das russische Volk.
Die Möglichkeit eines auf dem europäischen
Kontinent ausgetragenen Konflikts zwischen den
Supermächten besteht nicht mehr, was es uns
ermöglicht, Tausende unserer Soldaten abzuziehen und unseren Verteidigungsetat zu reduzieren.
Totalitäre Regime auf der ganzen Welt, die die
Unterstützung der Sowjetunion benötigten, sind
isoliert und in der Defensive.

Wir begrüßen die Zusicherung Präsident Jelzins, daß
die bürgerlichen Freiheiten, einschließlich der Meinungs- und Pressefreiheit, in vollem Umfang respektiert werden. Wir begrüßen auch seine entschiedene
Zurückweisung des Imperialismus und der Politik aus
der Zeit des Kalten Krieges. Am wichtigsten ist wohl,
daß Rußland eine Demokratie bleiben muß, die sich
auf eine Marktwirtschaft hinbewegt. Das ist die einzige
Grundlage für eine neue amerikanisch-russische Partnerschaft.

Von Vilnius in den Baltischen Staaten bis nach
Wladiwostok am Pazific öffnen sich langsam
neue Märkte für westliche Unternehmen.

Die Vereinigten Staaten haben Ru ßlands Anstrengungen zum Aufbau einer Demokratie entschieden unterstützt. Unter der Führung Präsident Jelzins wurden
All diese historischen Errungenschaften waren beim Aufbau einer freien Gesellschaft historische
möglich mit einem Rußland, das Reformen Fortschritte gemacht. Wir dringen darauf, daß dieser
durchführt. Ohne ein solches Rußland werden Prozeß sich fortsetzt und daß es dem russischen Volk
gestattet wird, seine eigene Zukunft mit friedlichen und
sie vielleicht nicht aufrechtzuerhalten sein.
demokratischen Mitteln zu gestalten. Auf dieser GrundWir stehen an einem historischen Scheideweg. Er lage können wir Rußland in den vor ihm liegenden
erinnert an den Scheideweg, an dem wir uns 1918 und schwierigen Zeiten unserer vollen Unterstützung ver1945 befanden. Damals wie heute waren wir aufgeru- sichern.
fen, beim Aufbau des Friedens in der Welt die Führungsrolle zu übernehmen. Nach dem Ersten Welt- Die heutige Krise ist teilweise die Folge einer unbekrieg beschlossen wir, uns zurückzuziehen, und die streitbaren Tatsache: Der Aufbau eines neuen Systems praktisch aus dem Nichts fordert seinen Tribut.
Folgen dieser Entscheidung waren katastrophal.
Die Geduld des russischen Volkes erschöpft sich
Nach dem Zweiten Weltkrieg besaßen unsere führen- allmählich, und diese Tatsache wird durch die politiden Politiker die Weisheit, auf den Ruf zu reagieren. sche Pattsituation reflektiert, in der sich Rußland zur
Wir unterstützten die Institutionen, die der freien Welt Zeit befindet.

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AMERIKA DIENST 12

�Dennoch haben Präsident Jelzin und die anderen
Demokraten in Rußland im letzten Jahr ihr Engagement für Reformen unter Beweis gestellt. Eine dramatische Ausbreitung der bürgerlichen Freiheiten war zu
beobachten. Der Militärhaushalt wurde bedeutend
gekürzt. In den meisten Sektoren wurden die Preise
eingefroren, was ein Ende der ehemals allgegenwärtigen Warteschlangen vor Rußlands Geschäften zur
Folge hatte. Auch beim Verkauf Tausender von
Geschäften, Restaurants und anderer kleiner Unternehmen wurden große Fortschritte erzielt. Bei dem
schwierigen Prozeß der Privatisierung großer Unternehmen wurde ein wirklicher Anfang gemacht. Folge
davon war, daß sich die Zahl der in der Privatwirtschaft
Beschäftigten in den letzten zwei Jahren mehr als
verdoppelt hat.

uneingeschränkten Unterstützung der dauerhaften
demokratischen Entwicklung Rußlands versichern. Und
wir werden unser Anliegen vermitteln, daß die derzeitige Situation in Moskau friedlich und im Einklang mit
der Respektierung bürgerlicher Freiheiten gelöst wird.

Bei seinem Treffen mit Präsident Jelzin in Vancouver
im kommenden Monat beabsichtigt Präsident Clinton,
praktische Maßnahmen zu formulieren, die wir zur Unterstützung des russischen Reformprozesses ergreifen werden. Der Präsident erörtert noch die spezifischen Maßnahmen, die er bekanntgeben wird. Der
Grundgedanke ist jedoch, daß wir unsere Unterstützung für die russische Demokratie verstärken und
beschleunigen werden. Dies können wir nicht allein
tun - wir müssen jedoch bereit sein, unseren Teil zu
leisten. In diesem Zusammenhang befürworten wir ein
Am Wochenende hat Präsident Jelzin seine Regierung Treffen Ende April, bei dem die Außen- und Finanzmierneut den Wirtschaftsreformen verpflichtet. Er legte nister der führenden demokratischen Industrienatioklar und entschieden die Schlüsselelemente eines nen ihre gemeinsamen Bestrebungen zur Unterstütsolchen Programms dar: eine Fortsetzung der Priva- zung der Umgestaltung in Rußland koordinieren wertisierung von Unternehmen, Verkauf von Land an die den.
Landwirte, Eindämmung der Inflation und Stabilisierung des Rubels. Wenn dieses Programm in die Tat Wir ich bereits ausgeführt habe, besteht meine Aufgaumgesetzt wird, wird unsere Fähigkeit sowie die unse- be heute nicht darin, der Arbeit der Präsidenten Clinton
rer westlichen Partner und der internationalen Finan- und Jelzin in Vancouver vorzugreifen. Ich möchte
zinstitutionen, Rußland bei seinen Reformen zu hel- jedoch einige philosophische Gedanken zum Thema
der westlichen Hilfe im allgemeinen anführen. Zweifen, erheblich gestärkt.
felsohne muß unsere Hilfe für Rußland besser abgeRu ßlands Reformer erwarten in diesem Moment extre- stimmt und koordiniert werden als bisher. Sie mu ß sich
mer Schwierigkeiten Unterstützung vom Westen. Die auf Bereiche und Gemeinden in Rußland konzentrieVereinigten Staaten haben selbst ein großes Interesse ren, die den größten Einfluß auf den langfristigen
daran, auf diese historische Herausforderung zu rea- Erfolg der Reformen haben. Sie kann sich nicht
gieren. Wir sollten dem russischen Volk nicht eine einfach auf öffentliche Mittel beschränken. Sie muß
Hand des Mitleids, sondern eine Hand der Partner- vielmehr unsere Privatsektoren dazu veranlassen, eine
schaft reichen. Wir müssen eine langfristige westliche führende Rolle bei der Umgestaltung Rußlands durch
Strategie zur Unterstützung der Demokratie verfolgen. Handel, Investitionen und Ausbildung zu übernehmen.
Und unsere Hilfe muß sich an der Basis bemerkbar
In den Vereinigten Staaten können wir nicht eine machen, um das Leiden der russischen Kinder, Arbeiirregeleitete Wahlmöglichkeit zwischen der Entschei- ter und älteren Mitbürger zu mildern.
dung zwischen dem, was zur Wiederbelebung unserer
Wirtschaft zu Hause notwendig ist und dem, was zum Trotz der derzeitigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten
Schutz unserer Interessen im Ausland erforderlich ist, muß man sich vor Augen führen, daß Rußland im
schaffen. Wir müssen an beiden Fronten tätig werden. Grunde ein sehr reiches Land ist. Das russische Volk
Während des langen Kampfes im Kalten Krieg hielten hat ein hohes Ausbildungsniveau. Und die Bodenwir den Amerikanischen Traum für unser Volk am schätze Rußlands sind reichhaltiger als die jedes
Leben. Gleichzeitig brachten wir zur Wahrung unserer anderen Landes der Welt. Rußlands Ölvorkommen
nationalen Sicherheit große Opfer.
sind beispielsweise enorm und können bei sachgemäßer Ausschöpfung wahrscheinlich einen Großteil der
Heute müssen wir uns derselben Herausforderung russischen Wirtschaftsreformen allein finanzieren. Heute
stellen. Um Erfolg zu haben, müssen wir zunächst sind jedoch Tausende veraltender Ölquellen und Pipeunsere Einstellung ändern. Wirmüssen unsvor Augen lines ungenutzt, verfallen und bedürfen dringend entführen, daß unser Beitrag zur Konsolidierung der scheidender Ersatzteile. Wenn Rußland die Mittel zu
Demokratie in Rußland kein Almosen ist, sondern ein ihrer Reparatur aufbringen könnte, wäre das verkaufte
Sicherheitsanliegen höchster Priorität. Er ist für unser Öl eine lukrative Deviseneinnahmequelle, die für entWohlergehen ebenso wichtig wie die Notwendigkeit, scheidende Importe und die Stabilisierung der Demodie feindselige Sowjetunion früherer Zeiten einzudäm- kratie eingesetzt werden könnte.
men.
Ein Bereich der Umgestaltung Rußlands, von dem die
Im Verlauf dieser Woche werden Präsident Clinton und vitalen amerikanischen Interessen direkt betroffen sind,
ich in Washington mit dem russischen Außenminister ist das Bestreben um die Zerlegung der Nuklearwaffen
Kosyrew zusammentreffen. Wir werden ihn unserer
AMERIKA DIENST 12

Seite 5

�der ehemaligen Sowjetunion. Das von den Senatoren
Nunn und Lugar ins Leben gerufene Programm in
Höhe von 800 Millionen Dollar zur Vernichtung dieser
Waffen ist eine direkte Investition in unsere eigene
Sicherheit. Bedauerlicherweise konnte aufgrund von
Engpässen nu r ein geringer Teil dieses Geldes genutzt
werden. Die Verzögerungen wurden teils durch bürokratische Hindemisse in Washington verursacht. Wir
engagieren uns für die Beseitigung dieser Hindemisse. Wir möchten diese Waffen so schnell wie möglich
zerlegt sehen.
Ein weiteres wichtiges Ziel, das wir uns setzten sollten,
ist die Stärkung der Gruppen, die das Bollwerk einer
prosperierenden Demokratie bilden werden. Meinungsumfragen unter der russischen Bevölkerung haben
immer wieder ergeben: Es ist die große Mehrheit der
jüngeren Generation, die die größte Unterstützung für
die Demokratie zum Ausdruck bringt. Sie sind diejenigen, die auf größere wirtschaftliche Freiheit und engere Kontakte zum Westen drängen. Was immer das
Ergebnis der heutigen politischen Unruhen sein wird sie sind die Gruppe, die den Sieg beim erfolgreichen
Übergang Rußlands zur Demokratie davontragen
werden.

zits, Kontrolle des Kapitalflusses, Stabilisierung des
Rubels und Schließung unwirtschaftlicher Fabriken
sind unabdingbar. Dies sind jedoch auch die Schritte,
die menschlich am schmerzhaftesten und politisch am
riskantesten sind. Nochmals - Rußland benötigt unsere Hilfe. Der Westen muß einen Weg finden zu
reagieren. Und die Reaktion darf sich nicht auf große
Versprechungen beschränken, denen kaum Taten
folgen. Wir unterhalten derzeit intensive Konsultationen mit unseren Partnern aus den demokratischen
Industrienationen, um ein gemeinsames Hilfsprogramm
zu erarbeiten.
Hilfe für die russische Demokratie: Ein langfristiges Engagement
Abschließend möchte ich zwei Punkte anmerken.
Erstens dürfen wir uns keinen Illusionen hingeben.
Selbst mit unserer Hilfe ist der vor uns liegende Weg
steinig. Rückschläge sind unvermeidlich. Die Umgestaltung Rußlands erfordert viel harte Arbeit und ihre
Verwirklichung wird wahrscheinlich eine Generation
lang dauern.

Während unseres Treffens wird darum gekämpft, wie
Rußland als Nation definiert wird. Während wir uns
jedoch
auf das heutige Drama konzentrieren, müssen
Durch Austauschprogramme können Tausende junwir
eine
langfristige Perspektive im Auge behalten.
ger Russen den Westen besuchen und sich mit der
Ebenso
wie
es über vier Jahrzehnte dauerte, bis sich
Funktionsweise von Demokratie und freien Märkten
unsere
Wachsamkeit
im Kalten Krieg auszahlte, muß
auseinandersetzen. Russische Studenten, Beamte,
unser
Engagement
fürdie
demokratische Entwicklung
Wissenschaftler und Geschäftsleute hungern nach
Rußlands
von
Dauer
sein.
Unser Engagement für die
solchen Erfahrungen. Nach ihrer Rückkehr können sie
Reformkräfte
muß
langfristig
angelegt sein - ob sie
ihr Wissen auf die russischen Gegebenheiten anwen"out"
oder
"in"
sind,
ob
sie
in
der
Regierungsverantworden. Am wichtigsten ist vielleicht, daß wir langfristig
tung
sind
oder
nicht.
Partner für die Freiheit gewinnen.
Auch die Existenz starker, unabhängiger Medien ist für
eine demokratische Gesellschaft unabdingbar. Obwohl die russische freie Presse in den vergangenen
Jahren enorme Zuwachsraten zu verzeichnen hatte,
besteht immer noch ein echter Bedarf für die berufliche
Ausbildung von Reportern, Redakteuren und Zeitungsverlegern. Hier kann die technische Hilfe des Westens
einen Unterschied bewirken.

So schwierig die Dinge kurzfristig auch sein mögen, wir
sollten Vertrauen haben, daß der von uns eingeschlagene strategische Kurs - die Unterstützung für den
Sieg der Demokratie - der richtige ist.

Natürlich können sich letztlich die russischen Fortschritte zu freier Marktwirtschaft und Demokratie nicht
ohne eine Überholung der Grundregeln der russischen
Wirtschaft vollziehen. Der Abbau des Haushaltsdefi-

In einer Zeit großer innenpolitischer Herausforderungen könnten einige das Argument vorbringen, wir
sollten auf kühne Aktionen auf ausländischem Terrain
verzichten. Bedauerlicherweise wartet die Geschichte

Zweitens sollten wir uns bewußt sein, daß jedes realistische Programm zur Unterstützung der russischen
Demokratie nicht billig sein wird. Es steht jedoch außer
Frage, daß unsere Nation ihren gerechten Anteil an
internationalen
Bestrebungen leisten kann. Wir müsEin weiterer Bereich, der Unterstützung verdient, sind
sen
so
handeln.
Gemeinsam mit dem Präsidenten bin
die Privatisierungbestrebungen Rußlands. Dieser
ich
zur
Zusammenarbeit
mit dem Kongreß entschlosProzeß wurde trotz der jüngsten politischen Probleme
sen,
um
die
Mittel
aufzubringen.
Ich bin zuversichtlich,
in Moskau in vielen Regionen Rußlands fortgesetzt.
daß
die
notwendigen
Ressourcen
erschlossen werden
Die Übergabe von Privateigentum in die Hände des
können,
während
wir
unseren
Verteidigungshaushalt
russischen Volkes ist ein entscheidender Schritt beim
Aufbau einer freien Marktwirtschaft. Er wird dazu umstrukturieren und abbauen. Dies erfordert jedoch
führen, daß Millionen Besitzer von Privatvermögen Überparteilichkeit. Es erfordert Führungskraft und
werden oder ein eigenes Unternehmen gründen - eine Vision. Und am allerwichtigsten ist - es erfordert einen
echte Mittelklasse mit einem mächtigen Anteil an dau- russischen Partner, der weiterhin demokratischen
Werten und Marktreformen verpflichtet ist.
erhaften Reformen.

Seite 6

AMERIKA DIENST 12

�nicht. Abraham Lincoln gab seinen Mitbürgern folgenden Rat: "Wir können uns der Geschichte nicht
entziehen. Trotz unserer Fehler und Schwächen wird
man sich an uns erinnern.'' Heute ruft die Geschichte
unsere Nation erneut auf zu entscheiden, ob wir eine
Führungsrolle übernehmen oder abwarten sollen, ob
wir dieses neue Zeitalter gestalten wollen oder von ihm

gestaltet werden. Wie wird die Geschichte uns erinnern? Ich für meinen Teil bin zuversichtlich, daß wir die
richtige Wahl treffen werden - daß wir kühn und mutig
unsere Nation zu Hause wiederbeleben werden, während
wir weiterhin unsere Interessen und Ideale im Ausland
fördern.

* * * *

AMERIKA DIENST 12

*

Seite 7

�WIRTSCHAFT
24. März 1993

SUMMERS: DEMOKRATIE IN RUSSLAND
VORDRINGLICHES ANLIEGEN DER USA
Erklärung vor dem Finanzausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - Lawrence Summers, der für den Posten des Staatssekretärs für internationale
Angelegenheiten des Finanzministeriums nominiert wurde, geht davon aus, daß seine vordringliche Aufgabe
darin bestehen wird, zu gewährleisten, daß die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende tun, um den
politischen und wirtschaftlichen Übergang in Rußland zu unterstützen.
"Rußland ist einer Hyperinflation gefährlich nahe, und wenn es den politisch Verantwortlichen dort nicht gelingt,
die makroökonomische Disziplin wiederherzustellen, könnte das Land eine ähnliche Entwicklung durchlaufen
wie Deutschland während der Weimarer Republik oder Argentinien unter der Junta", erklärte Summers bei seiner
Anhörung vor dem Finanzausschuß des Senats am 18. März 1993.
Summers skizzierte noch drei weitere entscheidende Bereiche der Politik, die auf seiner Prioritätenliste weit oben
stehen werden. Dies sind
die bessere Koordinierung wirtschaftlicher Maßnahmen unter den führenden Industriestaaten,
der Ausbau amerikanischer Waren- und Dienstleistungsexporte durch die Öffnung ausländischer Märkte
in demselben Maß wie der amerikanische Markt ausländischen Waren und Dienstleistungen offensteht,
Unterstützung für umweltverträgliche und verantwortungsvolle Entwicklung in den Entwicklungsländern.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Summers im Wortlaut.

Ich begrüße die Möglichkeit, mich heute als Präsident
Clintons Kandidat für das Amt des Staatssekretärs für
internationale Angelegenheiten des Finanzministeriums
vor Ihnen äußern zu können.

setzen, die früher für Verteidigungszwecke ausgegeben wurden, freie Wahlen und freie Volkswirtschaften
von Polen bis Peru zu fördern und das ungeheure
Potential der weltweiten wirtschaftlichen Integration zu
realisieren. Die Nationen der Welt haben die Chance,
Im Falle meiner Bestätigung für das Amt des Staatsse- gemeinsam zu wachsen und zu prosperieren - oder zu
kretärs sehe ich meiner Tätigkeit unter Präsident Clin- stagnieren und durch gegenseitige Schuldzuweisunton und Finanzminister Bentsen sowie der Zusam- gen auseinanderzudriften.
menarbeit mit Ihnen und Ihren Kollegen im Kongreß
gerne entgegen, um das wirtschaftliche Wohlergehen Der Staatssekretär für internationale Angelegenheiten
der Vereinigten Staaten zu fördern und zu verteidigen. des Finanzministeriums hat die Aufgabe, dem Präsidenten und dem Minister bei der Konzipierung und
Präsident Clinton hat seine Administration zu einer Durchführung von Maßnahmen in den Bereichen der
Politik des engagierten, aufgeklärten und hartnäcki- internationalen makroökonomischen politischen Koorgen wirtschaftlichen Internationalismus verpflichtet, dinierung, Wechselkurspolitik, Handels- und Investdie im Einklang mit seinem Programm der innenpoliti- mentpolitik, der internationalen Schuldenstrategie sowie
schen Erneuerung voranschreiten soll. Wir leben in der amerikanischen Beteiligung an internationalen
einem Zeitalter zunehmender weltweiter wirtschaftli- Finanzinstitutionen zu helfen. Der Staatssekretär dient
cher Interdependenz, in dem nationale Volkswirtschaf- darüber hinaus als Delegierter für Finanzen bei der
ten wie niemals zuvor miteinander verflochten sowie G-7, dessen Hauptverantwortung die Koordinierung
Innen- und Außenpolitik unauflöslich miteinander ver- der Wirtschaftspolitik mit anderen Industriestaaten ist,
bunden sind. Wir haben die Chance, Milliarden freizuAMERIKA DIENST 12

Seite 1

�sowie als "Sherpa" des Finanzministeriums bei der
Vorbereitung der jährlichen Wirtschaftsgipfel.
Diese Stellung hat viele Aspekte, aber ich möchte
Ihnen heute morgen ... vier entscheidende politische
Bereiche erläutern, die im Falle meiner Bestätigung
auf meiner Tagesordnung ganz oben stehen werden.
Erstens müssen wir die makroökonomische Koordinierung zwischen den Vereinigten Staaten und ihren
G-7-Partnern verbessern. Die amerikanische Wirtschaft wird in den nächsten ein bis zwei Jahren wahrscheinlich weit schneller wachsen als die Volkswirtschaften Europas und Japans. Zwar können wir über
unseren Aufschwung befriedigt sein, aber schleppendes Wachstum im Ausland hat ein geringeres Wachstum der amerikanischen Exporte sowie steigende
Ungleichgewichte im Handel zur Folge.

Lateinamerika und Europa legen. Unsere Finanzinstitutionen sind Neuerer von Weltklasse. Wenn sie die
Chance zum Wettbewerb erhalten, werden sie Erfolg
haben. Ich werde auch versuchen sicherzustellen,
daß amerikanische Unternehmen kein Opfer von
Wechselkursmanipulationen werden. Das Finanzministerium wird darauf bestehen sicherzustellen, daß
nicht nur unsere Märkte für unsere investitionswilligen
ausländischen Freunde offen sind, sondern auch die
ausländischen Märkte für amerikanische Investoren.

Drittens müssen wir alles in unserer Macht Stehende
tun, um den Erfolg der demokratischen und wirtschaftlichen Reformen in Rußland sicherzustellen. Politologen haben aus der Geschichte die folgende wichtige
Lehre gezogen: Demokratien führen nicht miteinander
Krieg. Ein Wirtschaftswissenschaftler würde dieser
wichtigen politischen Maxime eine bedeutende Schlußfolgerung hinzufügen: Demokratien können keine
Minister Bentsen hat die Initiative ergriffen, den Koor- Hyperinflation überleben. Diese beiden miteinander
dinierungsprozeß neu zu beleben - er ist wichtig für die verknüpften Wahrheiten müssen auf jeden Fall in
Wiederherstellung von Wachstum und Beschäftigung Betracht gezogen werden, wenn wir mit dem amerikaweltweit. Das Wirtschaftsprogramm des Präsidenten nischen Interesse an einem Erfolg des in Rußland
hat uns neuen Respekt in der internationalen wirt- stattfindenden Reformprozesses konfrontiert werden.
schaftlichen Arena verschafft. Darüber hinaus wird es Rußland ist einer Hyperinflation gefährlich nahe, und
unsere Position dabei stärken, unsere wichtigsten wenn es den politisch Verantwortlichen dort nicht
Handelspartner zu ermutigen, ähnliche Maßnahmen gelingt, die makroökonomische Disziplin wiederherzuzur Stärkung des Wachstums in ihren Ländern zu stellen, könnte das Land eine ähnliche Entwicklung
ergreifen. Der Minister hat diese Bemühungen in durchlaufen wie Deutschland während der Weimarer
London aufgenommen. Sowohl er als auch der Präsi- Republik oder Argentinien unter der Junta.
dent haben deutlich gemacht, daß sie bis zum Wirtschaftsgipfel in Tokio auf echte Fortschritte hoffen.
Die Clinton-Administration zeigt in Zusammenarbeit
Zweitens müssen wir darauf hinarbeiten, die internationale wirtschaftliche Integration zu fördern und zu
gewährleisten, daß ihre Vorzüge fair zwischen den
Nationen geteilt werden. Es gibt für die wirtschaftliche
Integration keine Alternative. Wie Präsident Clinton an
der American University erklärt hat, ist das Gebot für
die Vereinigten Staaten Konkurrenz - nicht Rückzug.
Das bedeutet, daß wir Exporte fördern müssen, weil
Exporte den Weg zu Wirtschaftswachstum und zur
Schaffung besserer Arbeitsplätze in den Vereinigten
Staaten darstellen. Damit Amerika seine Exporte
ausbauen kann, müssen die Auslandsmärkte offen
sein. Gute Abkommen im Rahmen der UruguayRunde und des NAFTA werden einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit unserer Volkswirtschaft und der
unserer Handelspartner leisten.

mit unseren Verbündeten bereits großes Engagement
bei der Ausarbeitung und Realisierung effektiver Hilfspakete für Rußland und die anderen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion. Das Finanzministerium schlägt
wichtige wirtschaftliche Maßnahmen zur Stabilisierungspolitik, Schuldenfrage, technischen Hilfe und
wirtschaftlichen Umstrukturierung vor. Der Wiederaufbau der russischen Wirtschaft ist seit dem Marshallplan das größte Unternehmen zum Wiederaufbau
einer Wirtschaft. Im Falle meiner Bestätigung werde
ich unter der Leitung von Minister Bentsen mit der
Administration und dem Kongreß zusammenarbeiten,
um sicherzustellen, daß die Vereinigten Staaten alles
in ihrer Macht Stehende tun, um den politischen und
wirtschaftlichen Übergang in Rußland in diesem so
bedeutenden Moment der Geschichte zu unterstützen.

Viertens müssen wir eine umweltverträgliche und
verantwortungsbewußte Entwicklung in den Ländern
der Dritten Welt fördern. Angesichts der Tatsache,
daß eine Milliarde Menschen mit weniger als einem
Dollar pro Tag zu überleben versuchen, ist dies ein
moralischer Imperativ. Es ist jedoch auch ein wirtschaftlicher Imperativ, da die Entwicklungsländer den
am schnellsten wachsenden Absatzmarkt für amerikanische Exportartikel darstellen. Und es ist ein sicherIm Falle meiner Bestätigung werde ich besonderen heitspolitischer Imperativ, da im Wohlstand lebende
Wert auf die Liberalisierung der Finanzmärkte in Asien, Nationen friedfertiger sind.

Der Abschluß von Handelsverträgen ist jedoch nicht
genug. Wo nach wie vor schwerwiegende Schranken
gegen amerikanische Exporte existieren, müssen wir
energisch die bestehenden Handelsgesetze anwenden, um sie zu beseitigen. Die Handelspraktiken der
Staaten, die gegenüber den meisten Regionen der
Welt chronische und steigende Überschüsse aufweisen, geben offenkundig Anlaß zu besonderer Sorge.

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

�Der Finanzminister der Vereinigten Staaten ist der
amerikanische Gouverneur der internationalen Finanzinstitutionen - des IWF, der Weltbank und der regionalen Entwicklungsbanken. Diese Institutionen geben
den Vereinigten Staaten außerordentlich viel Einfluß.
Die Weltbank hat beispielsweise in den letzten vierzig
Jahren den weniger entwickelten Ländern der Welt
mehr als 220 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt,
während der Beitrag der Vereinigten Staaten zur
Weltbank den amerikanischen Steuerzahler im gleichen Zeitraum weniger als 2 Milliarden Dollar gekostet
hat.
Wenn diese Institutionen den Interessen der Vereinigten Staaten in der Dritten Welt dienen sollen, dann
müssen sie viel mehr sein als bloße Finanzinstitutionen. Sie müssen in Wort und Tat den Armen helfen

und die Umwelt schützen. Das Finanzministerium wird
mit den Traditionen brechen, um sicherzustellen, daß
die Vertreter Amerikas bei diesen Institutionen sich
das Fachwissen von Umwelt- und Entwicklungsexperten ebenso wie das der Finanzwelt zunutze machen.
In seiner Begrüßungsrede vor den Mitarbeitern des
Finanzministeriums erklärte Finanzminister Bentsen,
nachdem das Außen- und Verteidigungsministerium
während des Kalten Krieges der Garant für militärische
Sicherheit gewesen seien, müsse jetzt das Finanzministerium der Garant für Amerikas wirtschaftliche Sicherheit in derzeit nach dem Kalten Krieg sein. Es ist
ein großes Privileg und eine Ehre, von Finanzminister
Bentsen gebeten worden zu sein, während dieser
wichtigen Zeit im Finanzministerium mitzuarbeiten,
und vom Präsidenten hierzu nominiert worden zu sein.

* * * * *

AMERIKA DIENST 12

Seite 3

�WIRTSCHAFT
24. März 1993

DIE WIRTSCHAFTS- UND HANDELSPOLITIK
UNTER PRÄSIDENT CLINTON
Rede von Donald B. Kursch, Gesandter für Wirtschaft
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede zur amerikanischen Wirtschafts- und Handelspolitik, die vom Gesandten für Wirtschaft bei der Amerikanischen Botschaft, Donald B. Kursch, am 10. März 1993
vor der Industrie- und Handelskammer Berlin gehalten wurde.

Sehr geehrter Herr Klopsch,
sehr geehrter Herr Schlegel,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Sektoren zu untergraben. Vor allem wünschte sich die
Mehrheit der Wähler eine entschlossene Führung bei
der Lösung der anstehenden Probleme. Zu lange
hatte der Staat sinkenden Produktivitäts- und Wachsvielen Dank für die freundliche Einladung, hier vor der tumsraten, stagnierenden Einkommen der breiten
Industrie- und Handelskammer in Berlin über die Wirt- Schichten und dem hartnäckigen Fortbestand von
schafts- und Handelspolitik der Vereinigten Staaten zu Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung tatenlos zusprechen. In Berlin und in den neuen Bundesländern gesehen.
stehen Sie vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen, die den Aufbau nach mehr als vierzig Jahren Präsident Clintons Wirtschaftsphilosophie und sein
kommunistischer Mißwirtschaft betreffen. In den Programm sind die unmittelbare Reaktion auf diesen
Vereinigten Staaten stehen wir zwar nicht vor einem Stimmungsumschwung in der amerikanischen Bevölwirtschaftlichen Wiederaufbauprozeß, wie es manche kerung. Ich bin vor kurzem aus Washington zurückgepopuläre Niedergangsszenarien nahelegen. Vielmehr kehrt, und ich kann Ihnen sagen, daß der Stimmungssind wir mit der Aufgabe konfrontiert, unsere Volkswirt- wandel beträchtlich ist. Mit Clinton und seinem Team
schaft wettbewerbsfähiger zu gestalten und für langfri- herrscht ein neuer Geist und eine neue Generation in
stige Strukturprobleme Lösungen zu finden. Gelingt der amerikanischen Wirtschaftspolitik. Das vielleicht
uns dies, wird es auch beträchtliche Wachstumsanrei- auffälligste Merkmal der wirtschaftspolitischen Philoze für die Weltwirtschaft geben und den Auf bauprozeß sophie von Präsident Clinton und seinen Beratern ist
in den neuen Ländern und Osteuropa erleichtern. So eine Neubewertung der Rolle des Staates. Im Wahlglaube ich, daß Berlin ein guter Ort ist, um einen Abriß kampf wie bei der Entwicklung seines Regierungsproder Grundzüge der neuen amerikanischen Wirtschafts- grammes hat Präsident Clinton deutlich gemacht, daß
politik zu geben.
der Staat bei der Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme unverzichtbar ist. Das heißt
Die Wähler der Vereinigten Staaten haben am 3. nicht, daß der Staat privates wirtschaftliches Handeln
November mit der Wahl von Bill Clinton für Wandel und das soziale Engagement der Bürger ersetzen soll,
gestimmt. Jeder, der den Wahlkampf in den Vereinig- sondern daß er es ergänzt und durch geeignete
ten Staaten verfolgt hat, wird bemerkt haben, daß die Maßnahmen flankiert. Auch für Präsident Clinton ist
Wähler vor allem mit der Wirtschaftslage unzufrieden der Privatsektor der primäre Wachstumsmotor. Nötig
waren. Die Vereinigten Staaten fanden nur langsam sind öffentliche und private Investitionen in die ökonoaus einer schleichenden Rezession heraus, die wach- mische Zukunft Amerikas, die sowohl dem Humankasenden Haushaltsdefizite machten Sorgen, und lange pital, der Ausbildung, und der öffentlichen Infrastruktur
vernachlässigte Strukturprobleme, vor allem des als auch hochmoderner Ausrüstung und modernen
Gesundheits- und Ausbildungssystems, schienen die umweltfreundlichen Technologien zugute kommen
Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und einzelner müssen.

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�Zu lange hat die amerikanische Politik diesen Bedarf
zugunsten von Konsum übersehen. Das wirtschaftspolitische Programm von Präsident Clinton gibt deshalb den Investitionen eindeutigen Vorrang und baut
auf einer langfristig angelegten Verschiebung vom
Konsum zu Investitionen auf. Amerika wird auf breiter
Front wieder mehr in die Zukunft investieren und damit
die amerikanische Wirtschaft wieder wettbewerbsfähiger machen. Ziel des Programmes von Präsident
Clinton ist die Schaffung der sozialen und binnenwirtschaftlichen Voraussetzungen, um die amerikanische
Volkswirtschaft leistungsfähiger und effizienter zu
machen.

Milliarden aus verschiedenen Ausgabenprogrammen.
Ich glaube, es wird an diesen Zahlen deutlich, daß
Präsident Clinton bereit ist, zur wirtschaftlichen Sanierung Amerikas den Bürgern Belastungen zuzumuten.

Die Einnahmeverbesserungen werden durch eine
Erhöhung des Spitzensteuersatzes von 31 auf 36
Prozent, (einschließlich eines Zuschlages zur Einkommenssteuer für Höchstverdiener), eine Erhöhung der
Körperschaftssteuer von 34 auf 36 Prozent und eine
Energiesteuer, die auf Energiebrenneinheiten beruht
und die für Öl höher sein wird als für andere Energieträge, erzielt. Auch werden die Renten von Beziehern
höherer Einkommen teilweise besteuert. Die Ausgabenkürzungen belaufen sich auf 253 Milliarden Dollar
für die nächsten vier Jahre. Dazu gehören 76 Milliarden aus dem Verteidigungshaushalt, 91 Milliarden von
gesetzlich vorgeschriebenen Sozialausgaben und 54

Der Präsident hat hervorgehoben, daß sein Programm
zur Steigerung öffentlicher und privater Investitionen
langfristig angelegt ist. Die Schaffung von hochqualifizierten Arbeitsplätzen, der Ausbau der Infrastruktur
und der Hochtechnologiebasis, die Erhöhung der nationalen Ersparnis durch Defizitabbau sind nicht Ziele,
die auf einen Streich durch ein Konjunkturprogramm
erreicht werden können. Er ist fest entschloßen, die
Herausforderungen einer Politik des langen Atems
anzunehmen. Gleichzeitig sieht er aber auch die
Notwendigkeit, den Konjunkturaufschwung zu stabilisieren und insbesondere die Schaffung von neuen
Arbeitsplätzen, die nicht ganz so zufriedenstellend wie

Das Haushaltsdefizit von mehr als 330 Milliarden Dollar
in diesem Jahr wird bis 1997 auf 206 Milliarden Dollar
fallen. Damit halbieren wir seinen Anteil am Bruttosozialprodukt von 5,4% auf 2,7%. Wir haben es hier mit
dem größten Defizitreduzierungsprogramm in der
amerikanischen Geschichte zu tun, das bei weitem die
Ausgabenkürzungen des Budgetkompromisses von
1990 übertrifft. Sie sehen, daß wir bereit sind, die
erforderlichen Anstrengungen zu unternehmen, unser
Präsident Clinton hat auch keinen Zweifel daran gelas- Haushaltsdefizit unter Kontrolle zu bringen.
sen, daß wir Haushaltsdefizite, wie wir sie in den
vergangenen 10 Jahren registriert haben, nicht mehr Gleichzeitig müssen wir jedoch auch die Investitionen
in unsere produktive Zukunft erhöhen. Priorität erhallänger tolerieren können. Zu der Strategie der Bevorten
Ausgaben, die langfristig das ökonomische Wachszugung von Investitionen gegenüber dem Konsum
tum
steigern und den Lebensstandard erhöhen. Dazu
gehört auch eine nachhaltige und glaubhafte Bekämpgehören
Ausgaben für die Infrastruktur, für den Ausfung des Haushaltsdefizits. Der Abbau des Defizits
bau
der
Verkehrssysteme,
für eine zivile Technologiewird auf realistischen Annahmen über die Wirtschaftsbasis,
Umweltschutz
und
Energieeinsparungen. In
entwicklung beruhen. Wir werden uns nicht darauf
den
nächsten
vier
Jahren
sind
auch knapp 38 Milliarverlassen, daß wir schmerzlos aus dem Defizit herausden
Dollar
für
Ausbildung
und
Weiterbildung
vorgesewachsen können. Ein realistisches Program zur Defihen,
die
neue
Programme
für
die
Qualifizierung
von
zitreduzierung wird die nationale Ersparnis erhöhen,
Arbeitnehmern
und
eine
Initiative
für
ein
nationales
die dem Privatsektor für Investitionen zur Verfügung
steht, wird die Zinssätze senken und den hohen Anteil Berufsbildungsprogramm für Lehrlinge finanzieren
des Bundeshaushalts reduzieren, der allein für den sollen. Eine umfassende Initiative für die Reform des
Schuldendienst zu veranschlagen ist. Amerika wird Gesundheitswesen ist für Mai angekündigt.
weniger auf ausländischen Kapitalmärkten borgen,
Die neuen wirtschaftspolitischen Programme sollen
um staatlichen und privaten Konsum zu finanzieren.
nicht
den Markt verdrängen, sondern zu einer besseDies wird auch die Risiken der Störung von Finanzren
Kooperation
zwischen Staat und Wirtschaft fühmärkten vermindern.
ren. Der Staat muß einen Rahmen vorgeben, innerhalb dessen sich Wettbewerb und LeistungssteigeDer Präsident hat den amerikanischen Bürgern deutrung vollziehen können. Die neue nationale Wirtlich zu verstehen gegeben, daß sein Wirtschaftsprogramm ihnen Opfer abverlangen wird und sie sich auf schaftsstrategie, die der Präsident entworfen hat,
Belastungen einstellen müssen. Wir müssen die Steuern versucht zwei verschiedene Elemente zu vereinbaren:
erhöhen und staatliche Ausgaben und Leistungen Die Ausgaben für investive Zwecke zu steigern und
kürzen. Angesichts der Höhe des zu erwartenden gleichzeitig das Haushaltsdefizit zu reduzieren. BeiDefizits von über 330 Milliarden Dollar in diesem Jahr des dient dem Zweck, die Wettbewerbsfähigkeit der
amerikanischen Volkswirtschaft und den Lebensstanwerden die zusätzlichen Steuerbelastungen nicht auf
nur wenige Gruppen in der amerikanischen Gesell- dard der amerikanischen Bevölkerung zu steigern.
Diese Doppelstrategie ist eine große Herausfordeschaft beschränkt bleiben können, obwohl die größeren Belastungen, denen aufgebürdet werden, die sie rung, aber nur mit ihr werden wir unser wirtschaftliches
Haus in Ordnung bringen.
leichter tragen können.

Seite 2

AMERIKA DIENST 12

�in früheren Aufschwüngen verläuft, zu stützen. Er hat
deshalb ein Konjunkturankurbelungsprogramm von
30 Milliarden Dollar vorgeschlagen, das kurzfristige
Infrastrukturmaßnahmen, Steuererleichterungen für
Investitionen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für
Jugendliche vorsieht.
Sie mögen nun fragen, was bedeutet diese Wirtschaftsstrategie für uns hier in Europa. Ich glaube, wir
sollten es alle begrüßen, daß die Vereinigten Staaten
beginnen, ihre Hausaufgaben zu machen. Unsere
Partner haben ja schon seit Jahren gefordert, daß wir
dem Abbau der Haushaltsdefizite Vorrang einräumen,
kurz, daß wir unser Haus in Ordnung bringen und in
das Ausbildungswesen und Technologie investieren,
um unsere Produktivität zu erhöhen. Präsident Clintons Programm verspricht, diese Forderung einzulösen. Dies ist ein wesentlicher Beitrag der Vereinigten
Staaten für die Stabilisierung der Weltwirtschaft.
Präsident Clintons Wirtschaftsplan bietet eine realistische Perspektive zur Defizitreduzierung, und dies ist
von eminenter Bedeutung für Amerikas Wirtschaftspartner.
Sie werden nun weiterhin fragen, ob die Hinwendung
zu den binnenwirtschaftlichen Problemen und den
langfristigen Strukturproblemen der amerikanischen
Gesellschaft auch eine Abkehr von der Verantwortung
der Vereinigten Staaten für die Weltwirtschaft bedeutet. Nichts kann weiter von den Realitäten entfernt sein
als die Annahme, die dieser Frage zugrunde liegt. Die
neue Ausrichtung unserer Wirtschaftspolitik zu Hause
heißt nicht, daß wir uns von der Weltwirtschaft abkoppeln wollen. Ganz im Gegenteil, diese Neuausrichtung
ist die Voraussetzung dafür, auch in unserem außenwirtschaftlichen Engagement neue Akzente zu setzen.
Präsident Clinton hat keinen Zweifel daran gelassen,
daß die Vereinigten Staaten voll in die Weltwirtschaft
integriert sind und daß wir Globalisierung und Interdependenz nicht nur akzeptieren, sondern begrüßen.
Amerika wird sich nicht aus dem globalen Wettbewerb
zurückziehen, sondern als vollwertiger Mitspieler im
Wettbewerb der Nationen auftreten.
Wir befinden uns in der dritten wichtigen Entscheidungssitutation dieses Jahrhunderts. In der ersten in
den zwanziger und dreißiger Jahren haben wir uns
zurückgezogen und uns alle hinter Zollschranken
versteckt - mit verheerenden Konsequenzen für die
Welt und für Europa. Nach dem zweiten Weltkrieg
haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen und
für eine kompromi ßlose Außenorientierung optiert und
damit spektakuläre Erfolge im weltweiten Wachstum
des Wohlstands und des Aufbaus leistungsfähiger
freier Volkswirtschaften erzielt.
Wir werden nicht die Fehler aus den zwanziger Jahren
wiederholen, sondern sind entschlossen, an die Erfolge aus der Nachkriegszeit in den 40er und 50er Jahren
anzuknüpfen. Kapital-, Dienstleistungs- und viele
Warenmärkte sind heute global, die amerikanische
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Volkswirtschaft ist stärker als je zuvor mit der Weltwirtschaft verflochten. Importe und Exporte machen einen
immer größeren Prozentsatz unseres Bruttosozialprodukts aus. Im gewissen Sinne sind wir auch exportabhängig geworden. Zwei Drittel unseres Wirtschaftswachstums seit 1988 sind auf den Export zurückzuführen. Unsere Rezession hätte viel länger angedauert,
wären wir nicht auf manchen Märkten so erfolgreich
gewesen. Jede Milliarde Dollar an amerikanischen
Exporten schafft 20.000 gut bezahlte Arbeitsplätze in
den Vereinigten Staaten, wie Präsident Clinton kürzlich in seiner Rede an der American University betont
hat. Eine offene und wettbewerbsbezogene Welthandelsordnung macht uns als Nation reicher, zwingt uns,
unsere Leistungsfähigkeit zu steigern und macht uns
zu besseren Wettbewerbern. Wir haben deshalb kein
Interesse an geschlossenen Märkten, sondern ganz
im Gegenteil an weiterer und effektiver Marktöffnung.
Amerika ist bereit, seinen Beitrag zu einer prosperierenden Weltwirtschaft zu leisten und sein Vorgehen
mit den führenden Industrieländern zu koordinieren.
Aber wir können die Welt nicht alleine auf den Wachstumspfad führen. Präsident Clintons Plan zur Reduzierung des Haushaltsdefizits ist ein Beitrag zu diesem
Ziel. Auch ist in den USA wieder der Konjunkturmotor
angesprungen, und wir können mit sehr ordentlichen
Wachstumsraten aufwarten. Doch unsere Partner
müssen auch ihre Beiträge leisten. In Europa sind
niedrigere Zinssätze vonnöten und in Japan eine Stimulierung der inländischen Nachfrage, wenn wir alle
am gleichen Strang ziehen wollen.
Über den zukünftigen Kurs der amerikanischen Handelspolitik ist Zweifel laut geworden. Natürlich wird die
Administration von Präsident Clinton ihre eigenen
Akzente setzen. Einer dieser Punkte ist die enge
Verzahnung zwischen den binnenwirtschaftlichen Initiativen zur Steigerung unserer Wettbewerbsfähigkeit
und unserer Handelspolitik. Präsident Clintons Programm erkennt gerade an, daß viele der Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten im internationalen Wettbewerb hausgemacht sind und Veränderungen unserer
Strukturen im Innern erforderlich machen. Das ist die
Essenz seines Investitionsprogrammes.
Diese Einsicht ist ein Teil der umfassenden Handelspolitik, die meine Regierung gerade entwickelt. Die
Grundidee wird unverändert die Schaffung eines offenen Welthandelssystems sein, dessen Grundlage offene
Märkte und effektive Markzugangschancen sein müssen.
Das globale Handelssystem, das wir anstreben, muß
den Realtitäten der neunziger Jahre angepaßt sein
und sich nicht an den handelspolitischen Konstellationen der Vergangenheit orientieren. Es muß alle Trittbrettfahrerei vermeiden und ein Regelsystem umfassen, das dem Element von Reziprozität gerade zwischen leistungsfähigen Ländern großes Gewicht beimißt. Kurz, es wird ein System sein müssen, in dem
die Verantwortung nicht einseitig verteilt ist, sondern
von allen getragen wird.
Seite 3

�Wir werden uns in der Zukunft nicht mehr in abstrakten
philosophischen Diskussionen darüber verlieren, welche Ansätze am besten für die amerikanische Handelspolitik sind, seien es multilaterale, regionale, bilaterale oder unilaterale. Entscheidend wird sein, ob
diese Ansätze offene Märkte für Güter und Dienstleistungen schaffen und klare und durchsetzbare Regeln
begründen, die eine Ausweitung des Welthandels erlauben.

Abschluß die beste Voraussetzung für einen Aufschwung der Weltkonjunktur liefert, scheint diesen
Politikern entgangen zu sein. Die Schlußfolgerung
liegt nahe, daß ihnen die wachstumsschaffenden Effekte des freien Welthandels völlig gleichgültig sind
und daß es ihnen vielleicht eher darumgeht, das GATT
zu torpedieren. Was wir zum Abschluß der UruguayRunde brauchen, ist der entschiedene Wille, zu einem
Abschluß zu kommen. Seit drei Jahren schon haben
sich alle Beteiligten der Weltwirtschaftsgipfel für einen
Das heißt, daß wir in der Zukunft weniger geneigt sein Abschluß ausgesprochen, leider aber blockierten hinwerden, Konzessionen zur bloßen Aufrechterhaltung terher immer wieder einige der Teilnehmer eine Einitheoretischer Positionen oder als Ausdruck unseres gung. Auf dem Spiel stehen nicht nur eine kurzfristige
Harmoniestrebens zu machen. Wir wollen unsere Stimulierung der Weltwirtschaft - die wir alle nötig
Märkte offen halten, aber erwarten, daß unsere Han- haben - sondern globale Wachstumchancen von 5
delspartner das Gleiche tun. Wir heißen Auslandsin- Billionen Dollar im nächsten Jahrzehnt.
vestitionen willkommen, aber gehen davon aus, daß
unsere Investoren auf keine Barrieren stoßen. In Auch die Entschlossenheit meiner Regierung, das
vielen Kreisen ist Besorgnis vor einem verstärkten Ende letzten Jahres abgeschlossene Freihandelsabamerikanischen Protektionismus laut geworden. Prä- kommen mit Mexiko und Kanada in die Praxis umzusident Clinton hat protektionistische Stimmen in den setzen, kann nicht als eine Abkehr vom GATT interpreUSA wie im Ausland durchaus wahrgenommen. Aber tiert werden. NAFTAliberalisiert den Handel zwischen
er hat darauf hingewiesen, daß die protektionistischen den Vertragspartnern substantiell und erhöht nicht den
Kräfte in den USA gerade durch Handelsbarrieren und Außenschutz. In Bereichen wie Dienstleistungen,
unfaire Handelspraktiken unserer Handelspartner geistiges Eigentum und Investitionen haben wir sogar
Auftrieb erhalten. Protektionistische Stimmen werden Lösungen gefunden, die über das GATT hinausgehen
am besten durch den Abbau von Handelsschranken und vorbildlichen Charakter haben, der durch die von
und unfairen Maßnahmen zum Schweigen gebracht. Präsident Clinton angestrebten Zusatzabkommen im
Bereich Umwelt- und Arbeitsschutz noch unterstriEbenso ist in der europäischen Öffentlichkeit Zweifel chen wird. Ich glaube, daß NAFTA ein hervorragendes
laut geworden, ob die Vereinigten Staaten noch Inter- Beispiel ist, wie ein weniger entwickeltes Land wie
esse an dem Abschluß der Uruguay-Runde haben. Mexiko Anschluß an die entwickelte industrialisierte
Diese Zweifel sind völlig unbegründet. Präsident Clin- Welt finden kann. Aus diesem Grund sollte es auch
ton hat unzweideutig zu verstehen gegeben, daß er für den Beziehungen der EG zu Osteuropa Anstöße geben.
einen schnellen Abschluß der Uruguay-Runde eintritt NAFTA ist Ausdruck unseres Glaubens, daß Handel
und hat deshalb angekündigt, die Verlängerung des ein wesentlich effektiveres Instrument zur WiederbeleVerhandlungsmandats durch den Kongreß zu errei- bung von Volkswirtschaften ist als Beihilfen.
chen. Er hat aber auch zu verstehen gegeben, daß die
Runde sich viel zu lange hingezogen hat. Dies ist Sie können sich sicher vorstellen, daß auch die jüngste
sicherlich nicht auf amerikanische Verzögerungstaktik Bananenentscheidung der EG nicht gerade das Verzurückzuführen. Ganz im Gegenteil, wir waren im trauen in die europäische Handelspolitik gestärkt hat.
letzten Herbst trotz der Wahlen und - ich darf hinzufü- Hier geht es nicht nur um die Preiserhöhungen, die
gen, auch noch im Januar- fest entschloßen, zu einem gerade deutsche Konsumenten und gerade die in den
Abschluß zu kommen. Aber unsere europäischen neuen Bundesländern verstärkt treffen werden, obPartner haben uns immer wieder hingehalten - wegen wohl diese natürlich auch höchst ärgerlich sind. Hier
bevorstehender Wahlen oder irgendwelcher anderer geht es vielmehr um das Prinzip: daß zur Harmonisieinnenpolitischer Konflikte zwischen den Partnern.
rung des Binnenmarktes das Instrument der Abschottung nach außen gewählt wird, und das bei einem
Nur wenn wir eine solche Argumentation akzeptieren, Produkt, bei dem die EG den eigenen Bedarf nur zu
dann kann man nicht gerade hoffnungsvoll auf die 20% aus eigener Produktion deckt. Mit dieser Enteuropäische Gemeinschaft schauen, denn zu jeder scheidung, die ja auch gravierende entwicklungspolitiZeit stehen irgendwelche Wahlen an. Meine Damen sche Implikationen hat, wird es immer schwerer, den
und Herren, wir haben in der Uruguay-Runde große Eindruck zu verwischen, daß sich die EG in der HanChancen verpaßt, und daraus erklärt sich der Mißmut delspolitik auf den Weg zur Festung Europa begibt.
in den Vereinigten Staaten. Diese Verärgerung ist
keine Abkehr vom GATT. Vielmehr haben wir allen Daß der GATT-Abschluß die europäisch-amerikaniGrund mißtrauisch zu sein, wenn wir Äußerungen von schen Beziehungen so belastet, ist um so bedauerlihochrangiger europäischen Politikern hören, daß das cher, als der europäisch-amerikanische Handel sich
GATT veralte: sei oder daß GATT-Abschlüsse nur bei gut entwickelt und unsere Volkswirtschaften eng verguter Weltkonjunktur möglich seien. Daß ein GATT- flochten sind. In den letzten 10 Jahren haben beide

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AMERIKA DIENST 12

�Seiten Überschüsse und Defizite aufzuweisen gehabt,
was für die Anpasungsf ähigkeit der Handelsströme an
die makroökonomischen Gegebenheiten spricht. Auch
die europäischen Direktinvestitionen in den USA haben erheblich zugenommen. BMW mit seiner Entscheidung, einen Produktionsstandort in den USA zu
eröffnen, ist hier nurdas letzte Beispiel einer Firma, die
die großen Möglichkeiten des offenen und dynamischen Marktes in den USA zu nutzen sucht.

Belgien, Dänemark und Griechenland noch nie amerikanische Anlagen gekauft. Ähnlich verhält es sich im
Turbinenmarkt, wo europäische Firmen einen 20prozentigen beziehungsweise 30prozentigen Anteil am
Gas- und Dampfturbinengeschäft haben. Dagegen
war es amerikanischen Firmen wegen restriktiver
Beschaffungsregeln bisher verwehrt, überhaupt Turbinen in Europa zu verkaufen. Ich möchte auch hier
darauf verweisen, daß dieses Problem nicht erst der
neuen Administration aufgefallen ist, sondern daß
Die wachsende Interdependenz schließt natürlich nicht schon die frühere Handelsbeauftrage Carla Hills eneraus, daß wir einzelne Konfliktpunkte miteinander haben. gisch gegen die Beschaffungsrichtlinie protestiert hat.
Aber es wäre völlig falsch, sie zu überdramatisieren
oder sie als Kehrtwendung in der amerikanischen Ich glaube, daß die europäisch-amerikanischen HanHandelspolitik hochzuspielen. Im Stahlstreit geht es delsbeziehungen weiterhin ihr großes Potential entfalum reguläre Antidumping- und Ausgleichszollverfah- ten werden, das schon heute in der engen Verflechren, wie sie auch die EG kennt. Sie sind kein plötzlicher tung unserer Volkswirtschaften angelegt ist. Die EinEinfall der neuen Regierung, sondern gesetzlich gere- zelkonflikte können diesen Tatbestand nicht überdekgelte Verfahren, die lange Zeit vorher in Gang gesetzt ken. Aber gleichzeitig können wir heute in der Zeit
wurden und nach dem Gesetz abgeschlossen werden nach dem Kalten Krieg keinen Automatismus in der
müssen. Doch der Hintergrund dieser Verfahren ist, Lösung dieser Konflikte mehr annehmen.
daß wir bis 1992 ein freiwilliges Selbstbeschränkungsabkommen hatten, das es den europäischen Ländern In einer Zeit, wo die Geoökonomie zunehmend gleicherlauben sollte, Kapazitäten abzubauen, die Stahlin- berechtigt neben die Geopolitik tritt, spielt das Netz der
dustrie zu rationalisieren und zu einer Übereinkunft Sicherheitspolitik, das den wirtschaftspolitischen Aküber Subventionen zu kommen. Nichts von dem ist teuren die Sicherheit gab, daß einzelne wirtschaftliche
jedoch geschehen. Statt dessen wurden in vielen Konflikte nicht zum Schaden der Gesamtbeziehung
Ländern Europas die Subventionen benutzt, um Kapa- eskalierten, eine immer geringere Rolle. Heute werden handelspolitische Streitigkeiten primär an wirtzitäten zu erweitem oder zu erhalten.
schaftspolitischen Kriterien gemessen, und deshalb
Die Frage der Airbussubventionen berührt ein sehr müssen wir um so größere Anstrengungen unternehsensibles Gebiet. An dem Bau ziviler Flugzeuge men, sie einer Lösung zuzuführen. Nur so läßt sich
hängen in den USA wie in Europa sehr viele gut- eine neue transatlantische Solidarität begründen, deren
bezahlte Arbeitsplätze, und die Industrien wie die Grundlage zunehmend die Wirtschaftsbeziehungen
Märkte auf beiden Kontinenten sind eng verflochten. sein werden, in der beide Seiten die gleiche VerantworEntsprechend dem im letzten Jahr geschlossenen tung für offene Märkte tragen. Für Europa bedeutet
Abkommen hat meine Regierung um Konsultationen dies vor allem die Entwicklung einer uneingeschränknachgesucht. Die Initiativen meiner Regierung bezüg- ten Außenorientierung sowohl nach Westen wie nach
lich der Airbussubventionen haben zum Ziel, auf eine Osten.
Einhaltung der im letzten Jahr geschlossenen Vereinbarung zu drängen. Vor allem geht es uns darum, daß Für die Vereinigten Staaten bedeutet transatlantische
die Zusage eingehalten wird, früher gezahlte Subven- Solidarität aber auch unser fortgesetztes Engagement
tionen zurückzuzahlen, unddaßwirüberdie Rückzah- bei der Stabilisierung der russischen Republik und der
lungsbedingungen informiert werden. Aus diesem Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Präsident Clinton
Grunde hoffen wir auch, daß die Subventionen für hat die ökonomische Stabilisierung dieser Region und
Vermarktung im Ausland und Exportfinanzierung einer Hilfe bei Problemen wie der nuklearen Reaktorsicherheit zu einer seiner Hauptprioritäten erklärt. Er ist sich
strengeren Kontrolle unterworfen werden können.
bewußt, daß diese Länder vor allem ihre eigenen
Was die strittigen Beschaffungsrichtlinien der europäi- Ressourcen mobilisieren müssen, um ihre Volkswirtschen Gemeinschaft betrifft, so geht es uns um eine schaft umzustrukturieren. Aber zielgerichtete Hilfe
reziproke Öffnung der Beschaffungsmärkte, ohne kann wie der Marshallplan nach dem zweiten WeltRückgriff auf diskriminierende Bestimmungen als krieg wichtige Anstöße geben und als vertrauensbilVerhandlungshebel. Wir bedauern deshalb, daß die dende Maßnahme Reformprozesse in Gang setzen,
EG bei der Beschaffungsrichtlinie eine so stark diskri- die sich schließlich selber tragen. Damit investieren
minatorische Lösung mit einem 50prozentigen einhei- wir sowohl in unsere Sicherheit als auch in unseren
mischen Produktanteil vorsieht. Wir wollen mit unse- zukünftigen Wohlstand.
rer Beschwerde vor allem darauf hinweisen, daß schon
jetzt in kritischen Märkten Ungleichgewichte herrschen. Die Schaffung einer neuen transatlantischen SolidariIn der Telekommunikation gingen im letzten Jahr 54% tät ist nicht nur die Aufgabe der staatlichen Instanzen
der Aufträge für Vermittlungsanlagen an ausländische und der Politik. Gerade der Privatsektor, den Sie,
Firmen. In der EG haben Deutschland, Frankreich, meine Damen und Herren, hier überwiegend repräAMERIKA DIENST 12

Seite 5

�sentieren, die Firmen und Verbände, spielen dabei
eine überragende Rolle. Die privatwirtschaftlichen
Akteure sollten sich auf europäischer Ebene enger
zusammenschließen und auf ein größeres Engagement Europas im Welthandelssystem drängen. Dabei
sollte man auch engen Kontakt zum amerikanischen
Privatsektor suchen. Kontakte auf dieser Ebene soll-

* *

Seite 6

ten nicht nur stabilisierend wirken, wenn der handelspolitische Dialog gelegentlich etwas rauher werden
sollte, sondern sie sind bei der Schaffung der neuen
transatlantischen Solidarität unabdingbar. Diese Solidarität werden wir nämlich in einer Welt brauchen, die
immer interdependenter und damit anfälliger wird. Ich
danke Ihnen.

* *

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AMERIKA DIENST 12

�NICHTVERBREITUNG
24. März 1993

KAMPF GEGEN WEITERVERBREITUNG VON
ATOMWAFFEN HAT FÜR DAVIS PRIORITÄT
Auszüge aus Anhörung
WASHINGTON - (AD) - Lynn Davis erklärte, wenn sie als Präsident Clintons Staatssekretärin für internationale Sicherheitsfragen bestätigt werde, würden ihre Prioritäten bei der Eindämmung der Weiterverbreitung
todbringender Waffen liegen.
Bei ihrer Anhörung vordem Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten am 17. März nach ihrer Nominierung erklärte Davis, die Administration habe sie gebeten, "sich darauf vorzubereiten, einen Entwurf für eine
umfassende Nichtverbreitungsstrategie vorzulegen, die auf dem Nichtverbreitungsvertrag aufbaut, auf den
verschiedenen Systemen und Mechanismen, die heute für die Kontrolle von Exporten in Kraft sind, sowie auf
der bereits existierenden Gesetzgebung zur Exportkontrolle."
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge der vorbereiteten Rede von Davis.

Lassen Sie mich kurz die wichtigsten Punkte anführen,
die meines Erachtens die zukünftige internationale
Sicherheitstagesordnung und möglicherweise meinen
Verantwortungsbereich ausmachen werden.

die Leistungen der Bush-Administration bei der Aushandlung von Abkommen über strategische Nuklearwaffen (START I und START II), konventionelle Streitkräfte in Europa (KSZE, Offener Himmel) und Chemiewaffen (Chemiewaffenkonvention) als HinterlassenIn seiner Anhörung vor diesem Ausschuß konzentrier- schaft übernommen hat.
te sich Außenminister Warren Christopher auf die
Leitlinien unserer Au ßenpolitik, von denen eine fordert, Außenminister Christopher hat auf die große Bedeu"eine starke Verteidigung aufrechtzuerhalten, wäh- tung hingewiesen, die er Fortschritten bei der Ratifizierend wir unsere Streitkräfte auf neue und andauernde rung der beiden START-Verträge in der ehemaligen
Herausforderungen im Bereich der Sicherheit vorbe- Sowjetunion und auch hier in den Vereinigten Staaten
beimißt. Diese Verträge werden die strategischen
reiten".
Nuklearwaffen in den Vereinigten Staaten und in Rußland
Diese neuen Herausforderungen erfordern, daß wir entscheidend und gerecht reduzieren. Dem Ziel, die
neue Konzeptionen für Sicherheit und Zusammenar- Kontrolle und den Abbau von Nuklearwaffen in den
beit für eine Welt definieren, in der viele neue Staaten neuen Staaten der ehemaligen Sowjetunion sicherzuund Gruppen die Ziele erreichen wollen, die wir Ame- stellen, wird Priorität eingeräumt. Nunn-Lugar Mittel
rikaner während unserer gesamten Geschichte geför- werden für Programme zum Abbau strategischer
dert haben: Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie Nuklearwaffen, zur Beseitigung nuklearer Materialien,
und kollektive Sicherheit. Die Politik der Clinton- der Errichtung von Zentren für Wissenschaft und
Administration in Somalia und Bosnien enthält die Technologie sowie zur Konversion verwendet.
Elemente für einen künftigen Ansatz: Unterstützung
für die Vereinten Nationen, multilaterale Diplomatie, Als Außenminister Christopher mit mir über meine
um die kriegerischen Parteien zu einer politischen Tätigkeit sprach, konzentrierte er sich auf NichtverLösung zu bringen, alles unterstützt von der Möglich- breitung und die Priorität, die die Clinton-Administrakeit zum Einsatz amerikanischer Streitkräfte. Ziel ist tion der Eindämmung der Weiterverbreitung todbrines, diese Konflikte zu lösen und gleichzeitig deren gender Waffen - atomarer, chemischer, biologischer
Ausbreitung auf andere Gebiete zu verhindern.
und hochentwickelter konventioneller Waffen sowie
ihrer Trägersysteme - einräumt. Er bat mich, eine umJetzt möchte ich nochmals auf die Abrüstungsfrage zu fassende Nichtverbreitungsstrategie zu entwerfen, die
sprechen kommen, bei der die Clinton-Administration auf dem Nichtverbreitungsvertrag aufbaut, auf den
AMERIKA DIENST 12

Seite 1

�verschiedenen Systemen und Mechanismen, die heute
für die Kontrolle von Exporten in Kraft sind, sowie auf
der bereits existierenden Gesetzgebung zur Exportkontrolle.

Sicherheit umzubenennen, um die neuen Prioritäten
der Clinton-Administration im Umgang mit der erhöhten Gefahr der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen widerzuspiegeln.

Ich erinnere an den Erfolg, den die Vereinigten Staaten
in den sechziger Jahren hatten, als die Administration
im Zusammenhang mit dem Nichtverbreitungsvertrag
eng mit diesem Ausschuß zusammenarbeitete. Im
Falle meiner Bestätigung hoffe ich jene Atmosphäre,
jenen Geist wieder neu zu beleben, um so eine Nichtverbreitungsstrategie für das 21. Jahrhundert zu entwerfen.

Im Falle meiner Bestätigung werde ich in meiner
Eigenschaft als eben diese Staatssekretärin in meinem Ressort alle Aspekte der Nichtverbreitungspolitik
behandeln, also der Weiterverbreitung atomarer,
chemischer, biologischer und konventioneller Waffen.
Dies schließt auch unsere Politik zur Kontrolle der
Exporte ein, die zur Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen beitragen oder den amerikanischen
Interessen auf andere Weise schaden, wie die Kontrolle sicherheitsempfindlicher Technologien, die sowohl
für militärische als auch für zivile Zwecke genutzt
werden können. Die Aushandlung und Durchführung
von Rüstungskontrollabkommen - für strategische und
konventionelle Waffen - werden im Bereich meines
Ressorts liegen, ebenso wie Aktivitäten zum Abbau
von Atomwaffen in der ehemaligen Sowjetunion. Das
Büro für militärpolitische Angelegenheiten wird dem
Außenminister durch mich Bericht erstatten. Das Büro
strukturiert zur Zeit seine Tätigkeit neu, um neue
Konzepte und Ansätze in bezug auf die internationale
und regionale Sicherheit in der Zeit nach dem Kalten
Krieg zu definieren. Unterstützung im Bereich der
Sicherheit und Waffentransfer werden weiterhin im
Verantwortungsbereich des Staatssekretärs für internatione Sicherheit liegen.

Zum Abschluß möchte ich noch kurz die Schritte
beschreiben, die Außenminister Christopher im Hinblick auf die Organisation des Außenministeriums
unternimmt, um diese internationalen Sicherheitsherausforderungen anzugehen.
Außenminister Christopher gab letzten Monat seine
Pläne zur Ernennung eines Stellvertretenden Außenministers sowie von fünf Staatssekretären als seine
wichtigsten außenpolitischen Berater bekannt. Die
Ressorts wurden etwas geändert, um den Aufgaben
nach dem Kalten Krieg Rechnung zu tragen.
Außenminister Christopher schlägt tatsächlich - mit
Zustimmung des Kongresses - vor, das Amt des
Staatssekretärs für internationale Sicherheit in das
des Staatssekretärs für Abrüstung und internationale

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AMERIKA DIENST 12

�MEDIEN
24. März 1993

DER VIERTE STAND - RECHTE UND PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook
Die Unabhängigkeit der Presse von der Regierung ist das grundlegendste ethische Dogma des Journalismus
in den Vereinigten Staaten, so der Autor des vorliegenden Artikels. Obwohl eine freie Presse die Regierung
bisweilen in Verlegenheit bringe, sei sie einzig und allein ihren Lesern verantwortlich.
Robert H. Estabrook, ehemaliger Auslandsreporter von The Washington Post, ist Redakteur und Verleger im
Ruhestand von The Lakeville Journal, einer wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung im Nordwesten Connecticuts. 1987 reiste er nach Indien und nahm an dem indisch-amerikanischen Workshop über kleine und
mittelgroße Zeitungen teil.

Der erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung enthält den oft zitierten Satz:" Der Kongreß darf
kein Gesetz erlassen, das ... die Rede- oder Pressefreiheit ...einschränkt." Aus diesem in der Bill of Rights
enthaltenem Gebot leitet sich das ab, was ich als das
vielleicht grundlegendste ethische Dogma des Journalismus in den Vereinigten Staaten betrachte: "Die
Presse ist von der Regierung unabhängig."

Presse ist ihren Lesern - und nur ihnen - verantwortlich.
Sie kann nicht Sklave oder Lakai der Regierung sein.

Unabhängigkeit ist das Herzstück jeder Erklärung über
die ethischen Prinzipien, die das Verhalten der Presse
respektieren. Zeitungsverleger können sich entscheiden, eine bestimmte Partei oder Interessengruppe zu
unterstützen, aber in den Vereinigten Staaten ist eine
steigende Zahl von Zeitschriften und Magazinen unabDie Gründerväter der damals noch in den Kinderschu- hängig von Partei oder Regierung. Das bedeutet nicht,
hen steckenden Nation waren argwöhnisch gegen- daß sie nicht eine bestimmte Partei oder einen beüber der Tendenz der Regierung - selbst wenn sie die stimmten Kandidaten den anderen vorziehen, aber sie
besten Absichten hatte - , bisweilen zum Tyrann zu schulden ihnen keine Loyalität, und ihre Unterstützung
werden. Regierungen setzen sich aus Menschen ist die Praktizierung ihrer Unabhängigkeit. Es handelt
zusammen, und Menschen können Fehler machen sich von Seiten des Verlegers und der Herausgeber
und tun dies auch. Aus diesem Grund stellten sich die um eine freie Entscheidung.
Verfasser des ersten Verfassungszusatzes die Presse, trotz all ihrer Mängel, als eine Art Sozialkritiker vor, Hieraus folgt, daß eine unabhängige Presse diese
der eine gesonderte, von der Regierung getrennte Rolle in Ehren halten sollte, indem sie jeder Art von
Druckausübung widersteht - von Seiten der KommuRolle spielt.
nal- und der Bundesregierung, von Interessengruppen
Journalisten legen bei der Verfolgung nationaler Inter- in der Gemeinde, mächtigen Einzelpersonen und
essen ebensoviel Patriotismus an den Tag wie jeder Werbefachleuten. Das ist ein hehrer Maßstab, und
andere, und nichts in der Bill of Rights deutet darauf bisweilen ist es in einer kleinen Gemeinde schwieriger
hin, daß die Zeitungen und die Regierung nicht gele- als in einer größeren, sich daran zu orientieren. Es
gentlich zusammenarbeiten könnten. Aber es war die mag für eine große und ausreichend mit finanziellen
klare Absicht der Gründerväter, daß die Presse und Mitteln ausgestattete Zeitung relativ leicht sein, das
die Regierung nicht zusammen im Bett liegen sollten. Mißfallen einer Interessengruppe oder von Vertretern
Sie sind natürliche Gegner mit unterschiedlichen aus der Werbebranche zu riskieren; eine kleine ZeiFunktionen und jeder muß die Rolle des anderen tung jedoch, bei der die Unterstützung eines solchen
respektieren. Manchmal kann eine freie Presse für Werbeagenten oder Interessenvertreters direkte Auseine Regierung entschieden ein Ärgernis darstellen wirkung auf die Finanzlage hat, braucht Mut, um
oder sie in Verlegenheit bringen, aber das ist der Preis, diesem Druck zu widerstehen. Einige Zeitungen brinder für die Freiheit gezahlt werden muß. Eine freie gen mehr Mut auf als andere, aber die Respektierung

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�dieses Prinzips ist eine der Pflichten, die die Presse
aufgrund der ihr von der Verfassung zugewiesenen
Sonderrolle hat. Die Weigerung, sich von irgend
jemandem einschüchtern zu lassen, sollte das Kennzeichen des Berufs eines Journalisten sein.
Hieraus leitet sich auch ab, daß eine Zeitung und ihre
Mitarbeiter bei ihren eigenen Aktivitäten ein Beispiel
für Unabhängigkeit geben. Sie sollten nicht nur de
facto, sondern - wie die Briten von der Justiz sagen sichtbar unabhängig sein. Eine Zeitung, die ihre
Freunde mit erfundenen Sensationsgeschichten oder
schmeichlerischen Leitartikeln belohnt, wird binnen
kurzem nicht mehr ernstgenommen. Eine Zeitung,
deren Reporter auch auf der Gehaltsliste von Interessengruppen stehen, die Gratisreisen oder großzügige
Geschenke annehmen, wirkt mit ihrer Kritik an der
Korruption oder anderen unmoralischen Praktiken in
der Regierung nicht glaubwürdig.

auch immer ihr Gewissen zuläßt. Und obwohl Zeitungen unter die Gesetze zu Verrat, Volksverhetzung und
Verleumdung fallen, legen sie doch in großem Umfang
selber fest, welches ihre Pflichten sind. Die innewohnende Idee ist, daß aus dem Zusammenprall der von
der freien Presse präsentierten Meinungen und Ideen
letztlich etwas entsteht, das der Wahrheit nahekommt.
Schon John Milton schrieb in seiner Aeropagitica,
selbst wenn die Winde der Doktrin frei wehen dürften,
so müsse die Wahrheit auf der Erde vorherrschen, und
ihre Kraft dürfe nicht durch Verordnungen und Verbote
angezweifelt werden. Wer hätte - ihm zufolge - je
erlebt, daß bei einer fairen und offenen Gegenüberstellung von Wahrheit und Lüge die Wahrheit den
Kürzeren zog?

Als philosophische Doktrin mag das zwar beeindrukkend sein, aber Sie wissen ebensogut wie ich, daß das
in der Praxis nicht immer so funktioniert. Die Wahrheit
erscheint manchmal nur, wenn jemand sie ausgräbt,
Manchmal versuchen Zeitungen die Entgegennahme und es gibt keine patentierte Version der Wahrheit. In
von Geschenken oder Dienstleistungen zu rechtferti- einer Gemeinschaft, in der nur eine Zeitung überlebt gen. Es wird das Argument angeführt, ein gewissen- und das ist in den Vereinigten Staaten zunehmend der
hafter Reporter werde sich wohl kaum mit einer Einla- Fall - wird der Leser nur dann mit unterschiedlichen
dung zum Essen, einer Eintrittskarte für eine Sportver- Meinungen konfrontiert, wenn die Zeitung beschließt,
anstaltung oder einer Theaterkarte bestechen lassen. sie vorzustellen. Radio und Fernsehen sind nicht
Das ist vielleicht richtig, aber auch der Schein ist von immer ein wirksamer Ersatz.
Bedeutung. Ich kenne eine Zeitung, die jedes Gratisangebot, jedes Reiseangebot und jedes Geschenk mit Das ist jedoch kein so großes Unglück, wie es früher
dem Argument annimmt, daß sie durch die Annahme den Anschein gehabt hätte, da die amerikanischen
jedes Angebots unbestechlich wirke. Ich bin anderer Journalisten in zunehmendem Maße einen Sinn für
Ansicht, und ich habe den Verdacht, daß das auch für professionelles Verhalten entwickeln. Hierzu gehört
einige Zeitungsleser gilt: Zeitungen sollten selbst für die Anerkennung der Bedeutung fairer und ausgewoihre Ausgaben aufkommen.
gener Berichterstattung, in der die dargelegten Ansichten sich von denen des Berichterstatters, der
Ich gebe zu, daß es für die Journalisten in kleinen Zeitung oder eines Regierungsvertreters unterscheiGemeinden manchmal schwierig erscheint, vollkom- den und trotzdem akkurat vorgestellt werden. Tatmen unabhängig zu bleiben. Sie werden gedrängt, sächlich ist einer der besten Beweise für professionelWohltätigkeitsorganisationen, Clubs, geschäftlichen len Journalismus die Fähigkeit, objektiv über jemanVereinigungen oder sogar der Kommunalregierung den oder etwas zu berichten, mit dem der Berichterbeizutreten. Daraus können häufig Interessenkonflik- statter oder die Zeitung überhaupt nicht übereinstimte entstehen. Man kann von Journalisten nicht erwar- men.
ten, daß sie sich wie Mönche von der Gesellschaft
absondern. Aber sie können auch nicht gleichzeitig Es gibt heutzutage in den Vereinigten Staaten kaum
zwei Herren dienen, die unterschiedliche Interessen eine Zeitung, die nicht bewußt ihre eigene Meinung
verfolgen. Ein gewissenhafter Herausgeber oder von einer objektiven Darstellung der Tatsachen trennt.
Reporter wird sich zumindest der Konflikte bewußt und Nachrichten und Analysen werden im Nachrichtenteil
setzt seine beruflichen Pflichten an erste Stelle. Es präsentiert, und ihre Herkunft und Quelle wird mögüberrascht daher nicht, wenn ein unabhängiger Jour- lichst angegeben. Die von der Zeitung vertretene
nalist sehr einsam ist und in der Gemeinde, in der er Meinung wird auf der Seite mit dem Leitartikel dargetätig ist, nur wenige oder keine engen Freunde hat. stellt, auf der auch Beiträge von freien Journalisten
Manchmal sind seine besten Freunde zwangsläufig oder von Mitarbeitern der Zeitung abgedruckt werden
ebenfalls Journalisten. Aber das ist ein Preis, den er können.
für die von ihm gewählte Karriere und HerausfordeAmerikanische Zeitungen sind sich heutzutage ihrer
rung zahlen muß.
Pflicht bewußt, ihre Nachrichtenkolumnen und die
Welche besonderen Pflichten geht die Presse ihrer- Leitartikelseite für jede Überzeugung zu öffnen. Viele
seits als Gegenleistung für den besonderen Schutz Zeitungen erhalten viel mehr Leserbriefe als sie veröfihrer Pressefreiheit ein? Keine explizit formulierten. fentlichen können und müssen deshalb auswählen,
Eine Zeitung genießt das Recht, reißerisch oder par- was sie für eine faire Darstellung halten; sie müssen
teiisch oder unaufrichtig oder bigott zu sein oder was Verleumdungen vermeiden und auf Anstand und
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�Angemessenheit achten. Viele Zeitungen beschäftigen eine Art Ombudsman, dessen Aufgabe darin
besteht, als eine Art Anwalt der Öffentlichkeit Beschwerden zuzuhören, Abhilfe zu schaffen und die
Arbeit der Zeitung zu bewerten. Die meisten Zeitungen erkennen auch ihre Pflicht an, Fehler prompt zu
korrigieren, oftmals in einer in jeder Ausgabe an derselben Stelle abgedruckten Spalte.

einzelnen Journalisten heutzutage angeboten werden. Vor einigen Jahren gewann The Washington
Post, mein ehemaliger Arbeitgeber, den Pulitzer Preis
für ihre Berichterstattung über einen achtjährigen
Drogenabhängigen. Die Recherche durch andere
führte zu dem Eingeständnis der Reporterin, Janet
Cooke, daß sie sich die Geschichte ausgedacht hatte,
um eine Situation zu illustrieren. Sie kündigte, und die
Zeitung gab den Preis in großer Verlegenheit zurück.
Natürlich ist es möglich, daß eine Zeitung die höchsten Ich habe keinen Zweifel daran, daß es noch weitere,
ethischen Maßstäbe anlegt und ihr Ruf dennoch durch nicht aufgedeckte fiktive Geschichten gibt. Und selbst
das Verhalten ihrer Mitarbeiter geschädigt wird. Arro- wenn man keine Tatsachen" erfindet, ist es doch
ganz und Mißachtung der Rechte anderer sind der relativ einfach, sie so zu präsentieren, daß man bei den
sicherste Weg, um das zu erreichen. Zeitungen müssen Preisrichtern großen Eindruck hinterläßt.
sorgfältig ein unerlaubtes Eindringen in das Privatleben derjenigen vermeiden, über die sie berichten. Das Preise sind nicht schlecht, aber die besten sind diejePhoto eines Menschen, der aus einem Gebäude springt nigen, die von Au ßenseitem ohne das Wissen oder die
oder sich in ein Feuer stürzt, mag zwar dramatisch Teilnahme einzelner Journalisten oder Zeitungen versein, aber die Herausgeber sollten lange und einge- liehen werden. Gewissenhafte Journalisten und Zeihend darüber sprechen, ob sie durch seine Veröffent- tungen müssen der Versuchung widerstehen, ihre
lichung die Rechte oder die Würde eines Menschen Geschichte so darzustellen oder zusammenzuschumißachten. Dient die Veröffentlichung einem vertret- stern, daß sie einem Zweck dient, der nicht in direktem
baren Zweck, den die Leser verstehen? Oder wird eine Zusammenhang mit der Nachrichtenübermittlung steht.
Demütigung dazu benutzt, die Neugier anzustacheln?
In meinem eigenen Journalistenkodex gibt es keine
Reporter genießen im Vergleich zu anderen Bürgern weiteren Gebote außer Unabhängigkeit, Nichteinmikeine Sonderrechte. Sie müssen aggressiv nach schung, Objektivität, Fairneß und die Bereitschaft zur
Fakten suchen. Eine der wichtigsten Funktionen der Fehlerkorrektur. Das ist das Erkennen unserer eigefreien Presse besteht in der Tat darin, als Wachhund nen Fehlbarkeit. Journalisten haben von Gott kein
zu dienen. Aber ihre Mitglieder haben keine Entschul- spezielles Mandat erhalten und ein wenig Bescheidendigung für unverschämtes oder unhöfliches Beneh- heit steht uns gut an. Manchmal hat die Wahrheit viele
men. Das Fernsehen hat viele Nachteile, aber es zeigt Facetten. Niemand hat ein Monopol darauf. Selbst bei
den Zuschauern sehr schnell, ob die an einer Presse- der engagierten Suche nach der Wahrheit werden oft
konferenz teilnehmenden Journalisten Arroganz oder Fehler begangen, unter denen eventuell Unschuldige
unnötige Schroffheit an den Tag legen. Einige von leiden müssen. Es ist meines Erachtens eine journaihnen scheinen leider zu Schauspielern geworden zu listische Todsünde, daß wir Journalisten vielfach dazu
sein, die ihre Aufgabe darin sehen, für Neuigkeiten zu neigen, uns selbst zu ernst zu nehmen, und daß wir
sorgen anstatt darüber zu berichten.
eine überzogene Vorstellung von der eigenen Bedeutung haben. Daher hätte ich es gerne, wenn über dem
Abgesehen von ihrem charakteristischen Verhalten Schreibtisch jedes Mitarbeiters der Presse der Ratweisen die Zeitungen auch ein Phänomen auf, das ich schlag hinge, den Oliver Cromwell der Vollversammdie "Preisjagd" nenne - die Schilderung einer Bege- lung der Kirche von Schottland im Jahr 1650 gab: "Ich
benheit entweder durch den Reporter oder aufgrund beschwöre Euch beim Kreuze Gottes, zieht in Beeiner übergeordneten Entscheidung der Zeitungsre- tracht, daß auch Ihr Euch irren könntet."
daktion auf eine Art und Weise, die darauf abzielt,
einen der Preise zu gewinnen, die Zeitungen und

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