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5300 Bonn 2

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TERRORISMUS

27. November 1991

ZUSÄTZLICHE INFORMATIONEN ZUM BOMBENANSCHLAG VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

LIBYEN WEITERHIN FÜR TERRORAKTE
VERANTWORTLICH
Broschüre des US-Außenministeriums

IRANER UND PFLP-GC: DIE ERSTEN
VERDÄCHTIGEN NACH DEM SPRENGSTOFFANSCHLAG VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

LIBYSCHER TERRORISMUS
UND PAN AM-FLUG 103
Kommentar der Stimme Amerikas

DROGEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

MARTINEZ FORDERT EUROPÄER AUF, SICH
DEM DROGENPROBLEM ZU STELLEN
Rede in Brüssel

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�TERRORISMUS
27. November 1991

ZUSATZLICHE INFORMATIONEN ZUM
BOMBENANSCHLAG VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die libysche Regierung war für den Bombenanschlag auf Flug 103 der Pan Am am 21. Dezember 1988
verantwortlich. Die folgende Übersicht des US-Au ßenministeriums erläutert sowohl das Beweismaterial, das der
amerikanischen Anklage gegen zwei libysche Regierungsbeamte zugrundeliegt als auch Hintergrundinformationen, die Verbindungen zwischen den Beschuldigten und ranghohen libyschen Regierungsvertretern aufzeigen.
Zusammenfassung
Schottische Behörden und das amerikanische Justizministerium haben gegen zwei Libyer Anklage wegen
der Ausführung des Bombenanschlags erhoben: gegen
Abd el-Bassit el-Mikrahi, ein ranghohes Mitglied des
libyschen Geheimdienstes sowie gegen Lamin Fuheima, den ehemaligen Leiter des Büros der Libyan Arab
Airlines (LAA) in Malta. Die Beschuldigungen beruhen
auf eindeutigen Beweisen, wonach el-Mikrahi, Fuheima und andere, nicht identifizierte Mitverschwörer die
Bombe in die Maschine der Pan Am einschmuggelten,
indem sie
einen korrekt ausgefüllten Gepäckanhänger der
Air Malta beschafften und anbrachten, mit dessen Hilfe sie die Sicherheitskontrollen für Gepäck umgingen und den Koffer mit dem Sprengsatz in den Zubringerflug für die Pan Am-Maschine in Heathrow und sodann in diese Maschine selbst einschmuggelten;
den Zeitzünder so einstellten, daß der Sprengsatz etwa eine Stunde nach dem planmäßigen
Abflug der Maschine von London-Heathrow
detonieren würde;
ihr Wissen und ihren Zugang aufgrund ihres
Rangs als offizielle Vertreter der Libyan Arab
Airlines benutzten, um die Operation auf dem
Flughafen Luqa von Valletta zu unterstützen.
Damit wären sie in der Lage gewesen, die
Sicherheitskontrollen zu umgehen und sicherzustellen, daß der Koffer mit der Bombe unter
das Gepäck eines Air Malta-Fluges nach Frankfurt gelangte.

AMERIKA DIENST 47

El-Mikrahi, ein hochrangiger Mitarbeiter des libyschen
Nachrichtendienstes, handelte mit Billigung höchster
Stellen der libyschen Regierung. Wir gehen davon
aus, daß Sa'id Raschid - ein führender Planer und
Vollstrecker libyscher terroristischer Aktionen gegen
die Vereinigten Staaten und Dissidenten im vergangenen Jahrzehnt und Mitglied des inneren Kreises der
libyschen Regierung - der hohe Regierungsvertreter
war, der den Anschlag leitete. Eine derart ausgeklügelte und aufwendige Operation mit Personen, die der
libyschen Führung so nahestanden, konnte nur mit
Zustimmung hoher libyscher Regierungsvertreter stattfinden.
Der Fall
Die amerikanische Anklage stützt sich auf nachfolgend zusammengefaßte Beweise, die libysche Regierungsvertreter unmittelbar mit dem Koffer, in dem sich
die Bombe befand, sowie mit dessen Einfügung in das
Gepäcksystem in Verbindung bringen. Die Beweise
sprechen darüber hinaus für eine direkte Verbindung
zwischen el-Mikrahi und der schweizerischen Firma,
die den bei dem Anschlag verwendeten Zeitzünder
herstellte.
Der Koffer. Technischen Untersuchungen zufolge
handelte es sich bei dem Gepäckstück mit der Bombe
um einen Hartschalenkoffer der Marke Samsonite.
Folgende Beweise sprechen für eine direkte Verbindung von el-Mikrahi und Fuheima mit dem Koffer:
El-Mikrahi trifft unter falschem Namen zusammen mit Fuheima aus Libyen kommend am
Abend des 20. Dezember 1988, einen Tag vor
dem Bombenanschlag, in Valletta ein. Fuhei-

Seite 1

�ma, der frühere Leiter des LAA-Büros in Valletta, hatte weiterhin uneingeschränkten Zugang
zum Flughafen. El-Mikrahi und Fuheima führten bei dieser Gelegenheit einen großen, braunen Hartschalenkoff er der Marke Samsonite mit
sich.
Schottische Ermittler fanden heraus, daß Kleidungsstücke in dem Koffer mit dem Sprengsatz
aus einem maltesischen Bekleidungsgeschäft
stammten. Ein Libyer hatte diese Kleidungsstücke einige Wochen vor dem Anschlag, wahrscheinlich am 7. Dezember 1988, erworben.
Ankunftsformulare des Flughafens zeigen, daß
sich el-Mikrahi am 7. Dezember 1988 in Malta
aufhielt.
Im Februar 1991 wurde el-Mikrahi als dem Libyer ähnelnd beschrieben, der die Kleidung
gekauft hatte.
Die Einfügung. Unterlagen des Frankfurter Flughafens vom 21. Dezember zufolge wurde ein unbegleitetes Gepäckstück mit Flug 180 der Air Malta (KM 180)
vom Flughafen Luqa in Valletta nach Frankfurt transportiert und dort in den Zubringerflug für Pan Am 103
umgeladen. Die Beweise deuten darauf hin, daß ein
korrekt ausgefüllter Gepäckanhänger der Air Malta
den Koffer mit dem Sprengsatz zum John F. KennedyFlughafen in New York via Pan Am 103 dirigiert haben
würde. Die folgenden Beweise bringen el-Mikrahi und
Fuheima unmittelbar mit diesem Verfahren in Verbindung:
Fuheimas Terminkalender enthält einen Erinnerungsvermerk für den 15. Dezember 1988, demzufolge Gepäckanhänger der Air Malta abgeholt
werden sollten - eine Verletzung von Bestimmungen des Flughafens und der Fluggesellschaft. Andere Eintragungen deuten darauf hin,
daß Fuheima seinen Auftrag erfüllte.
Gemäß Aufzeichnungen und Aussagen von
Mitarbeitern des Flughafens Luqa wurde das
Gepäck für Flug KM 180 etwa zur selben Zeit
abgefertigt wie ihre Gepäckstücke für einen
Flug der Libyan Arab Airlines (LN 147) nach
Tripolis.
El-Mikrahi - immer noch unter falschem Namen
reisend - ging am Morgen des 21. Dezember
1988 an Bord von LN 147, demselben Morgen,
an dem der Sprengsatz unter das Gepäck von
KM 180 geschmuggelt wurde. El-Mikrahis
Rückflug nach Libyen wurde am selben Schalter
abgefertigt wie KM 180, und die Abfertigungszeiten für beide Flüge überschnitten sich.
Der Zeitzünder. Das Fragment eines zu dem Sprengsatz in Pan Am 103 gehörenden Schaltkreises war Teil
eines hochmodernen Zeitzünders des Typs, den senegalesische Beamte im Besitz zweier im Februar 1988
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festgenommener libyscher Teroristen fanden. Die als
MST-13 gekennzeichneten Zeitzünder wurden von
Meister et Bollier (MEBO), einer schweizerischen
Elektronikfirma mit Sitz in Zürich hergestellt. Die
Zeitzünder des Typs MST-13 sind einmalig. MEBO
war der alleinige Hersteller. Alle produzierten Zeitzünder dieses Typs wurden nach Libyen geliefert.
MEBO lieferte der Libyschen Organisation für Äußere
Sicherheit (ESO, auch bekannt unter dem Namen
Jamahirya Security Organisation - JSO) Ende 1985 20
MST-13 Zeitzünder. Danach wurden keine Geräte
dieses Typs mehr hergestellt. Zwei Elektroingenieure
der ESO bestellten die Zeitzünder und nahmen sie in
Empfang: Izz Eidin Hinschiri, gegenwärtig Minister für
Komunikationswesen und Verkehr, und Sa'id Raschid.
El-Mikrahi ist ein naher Verwandter und alter Weggefährte von Sa'id Raschid. Zu dem Zeitpunkt als
Raschid die Zeitzünder in Empfang nahm, war elMikrahi sein direkter Untergebener.
El-Mikrahi mietete bei MEBO ein Büro und hielt sich im
Dezember 1988 zumindest zweimal kurz in Zürich auf.
Die Verantwortlichkeit der libyschen Regierung
Die Schlußfolgerung, daß die libysche Regierung den
Anschlag auf Pan Am 103 genehmigte, ergibt sich aus
der zentralen und andauernden Rolle Abd el-Bassit elMikrahis in libyschen Geheimdienstoperationen sowie
seiner engen Verbindung mit libyschen Regierungsvertretern, die Libyens Einsatz des Terrorismus als
Instrument staatlicher Politik in den vergangenen Jahren
durchgesetzt und geleitet haben. Die langjährige
Laufbahn dieser Vertreter deutet darauf hin, daß die
libysche Regierung ihre Operationen, Taktiken und
Ziele ständig unterstützt hat.
El-Mikrahis nachrichtendienstliche Aufgaben. Abd
el-Bassit el-Mikrahis tiefe Verstrickung in die sicherheitsempfindlichsten und vordringlichsten Beschaffungsoperationen Libyens zeigt, daß er das volle Vertrauen
der libyschen Führung besaß. Wir gehen davon aus,
daß ihm seine Kontakte und Erfahrung in den Bereichen Zivilluftfahrt, Speditionswesen und Betrieb kleiner Unternehmen auch eine intakte Infrastruktur lieferten, um die Durchführung des Sprengstoffanschlags
auf Pan Am 103 zu unterstützen.
El-Mikrahi ist ein ranghoher Mitarbeiter des Nachrichtendienstes mit engen Verbindungen zum militärischen Beschaffungsapparat Libyens sowie zur ESO.
Im Jahr 1987 wurde er Direktor des Zentrums für
strategische Studien (CSS), einer Einheit, die dem
ESO und dem Ministerium für militärische Beschaffungen durch verschiedene Aktivitäten zuarbeitete, darunter
Beschaffung chemischer Grundstoffe für Chemiewaffen. Ein in Deutschland im Jahr 1988
tätiger Untergebener el-Mikrahis spielte eine

AMERIKA DIENST 47

�wichtige Rolle bei der Beschaffung und Lieferung chemischer Grundstoffe für C-Waffen nach
Libyen. El-Mikrahi wird auch mit einem führenden Manager des libyschen C-Waffenprogramms
in Verbindung gebracht;
Beschaffung von Flugzeugen und Flugzeugteilen für das libysche Militär und die LAA. Badri
Hassan, ein weiterer enger Mitarbeiter el-Mikrahis, gehört zu Libyens führenden Experten zur
Umgehung amerikanischer Embargobestimmungen, die den Verkauf amerikanischer Technologie und Flugzeugteile an Libyen verbieten;
Unterstützung libyscher Bemühungen, lateinamerikanische Terrorgruppen für sich zu gewinnen oder zu fördern. Unter der Führung elMikrahis hat das CSS anderen nach außen
tätigen libyschen Dienststellen geholfen, indem
es Propagandakampagnen beisteuerte, Informationen über die Haltung radikaler Gruppen
sammelte und die nachrichtendienstliche oder
operative Eignung von Arabern bewertete, die in
Zielländern ansässig waren;
Gründung von Reisebüros und anderen Tarnunternehmen, um Reisen sowie die Bewegung
von Gerät und Personal zu erleichtern, eine
Tätigkeit, die unserer Auffassung nach sowohl
die Beschaffungs- als auch Beeinflussungsprogramme des CSS und anderer libyscher Geheimdienstelemente unterstützte.
Zu den hochrangigen Libyern, die eng mit el-Mikrahi
und anderen an diesen Aktivitäten beteiligten Vertretern des CSS zusammenarbeiteten, gehören:
Oberst Rifi Ali el-Scherif, ein hoher libyscher
Offizier, der eine prominente Rolle bei den Beschaffungsbemühungen Libyens spielt. Oberst
el-Scherif, der Mentor und Förderer von Badri
Hassan, hat angeblich die Bemühungen elMikrahis und Badri Hassans zur Beschaffung
amerikanischer Flugzeuge über Benin in den
Jahren 1986 und 1987 unterstützt und die Gründung eines Reisebüros als gemeinsames Unternehmen von CSS/militärischer Beschaffung
in Osteuropa gefördert.
Sa'id Raschid, der im Jahr 1988 den Spezialisten el-Mikrahis in Deutschland für die Beschaffung chemischer Grundstoffe zur C-Waffenproduktion bezahlte und anleitete.
Die terroristischen Aktivitäten von el-Mikrahi
El-Mikrahis Position und Kontakte im libyschen Geheimdienstapparat machen ihn zu einem festen Mitglied im Lager seines Vetters ersten Grades Sa'id
Raschid - einem führenden Planer und Vollstrecker der

AMERIKA DIENST 47

terroristischen Maßnahmen Libyens und mächtigem
Mitglied im inneren Kreis der libyschen Führung. Vor
seinem Amtsantritt als Direktor des CSS zu Beginn
des Jahres 1987 war el-Mikrahi mindestens zwei Jahre
lang ESO-Leiter für Flugsicherheit und dabei unmittelbar Raschid unterstellt, der im Jahr 1986 Operationsleiter der ESO war.
El-Mikrahi führte seine terroristischen Aktivitäten auch
nach seinem Dienstantritt als Leiter des CSS fort. Im
Jahr 1988
traf sich el-Mikrahi in Malta mit einer Gruppe
libyscher Agenten, die eine Reise in den Tschad
zur Durchführung einer nicht bekannten Operation planten. Abdallah Senussi, der neuernannte Operationsleiter der ESO befahl der Gruppe,
die Operation abzubrechen, da sie nicht in der
Lage war, die notwendigen Flugverbindungen
herzustellen. Senussi ist einer von vier Libyern,
gegen die von Frankreich am 30. Oktober 1991
wegen des Bombenanschlags auf den Flug
UTA 772 im September 1989 Anklage erhoben
wurde. Die Maschine war nach dem Abflug aus
Ndjamena explodiert.
traf er sich mit griechischen Waffenhändlem
und interessierte sich dabei für den Ankauf von
1.000 Briefbomben und damit zusammenhängendem Gerät.
Sa'id Raschid und die libyschen
Terroroperationen
Sa'id Raschid hat kontinuierlich libysche Bemühungen
zur Durchführung terroristischer Aktionen gegen
amerikanische Interessen in den frühen achtziger Jahren
geleitet. Raschid genießt seit langem bevorzugten
Zugang zu den höchsten Ebenen der libyschen Regierung und ist an einem breiten Spektrum nachrichtendienstlicher Aktivitäten beteiligt. Er ist ranghohes
Mitglied des Büros der Revolutionskomitees, das die
Ausführung der radikalen Politik der libyschen Regierung im In- und Ausland überwacht.
Raschid stieg zwischen 1980 und 1985 rasch in den
Rängen der ESO und im Apparat der libyschen Revolutionskomitees auf, indem er sich aggressiv für die
Programme der libyschen Regierung zur Ermordung
von Dissidenten sowie die terroristischen und subversiven Aspekte der libyschen Afrikapolitik engagierte.
Ein italienisches Gericht verurteilte Raschid in Abwesenheit zu lebenslanger Haft wegen seiner Führung
eines Teams, das im Juli 1980 einen Exil-Libyer in
einem Mailänder Bahnhof ermordete. Dieser Mord
war einer unter vielen im Rahmen einer Kampagne
gegen Dissidenten, die in ganz Westeuropa stattfand
und von Raschid zumindest bis 1985 geleitet wurde.

Seite 3

�Im Oktober 1980 führte Raschid eine Gruppe
nach Togo, die die Ermordung des Präsidenten
von Tschad, Hissan Habre, plante.
Im Jahr 1983 inhaftierte Libyen widerrechtlich
37 französische Staatsbürger und übte damit
erfolgreichen Druck auf Frankreich zur Freilassung Raschids aus, der in Paris verhaftete
worden war und auf die Auslieferung nach Italien wegen der Mordanklage in Zusammenhang
mit dem Mord in Mailand von 1980 wartete.
Raschid begann Ende 1981, Anschläge speziell gegen
amerikanische Interessen durchzuführen, als er die
operative Gesamtverantwortung für die libyschen
Bemühungen zum Sturz des sudanesischen Regimes
von Dschaf ar Numeiri übernahm, der damals ein enger
Verbündeter der Vereinigten Staaten war. In dieser
Zeit zeichneten Raschid und seine Untergebenen für
Ausbildung, Ausrüstung und Anleitung sudanesischer
Terroristen verantwortlich, die versuchten, Sprengstoffanschläge gegen amerikanische Interessen durchzuführen, wobei sie verschiedentlich getarnte Sprengsätze mit "Decade"-Zeitzündern sowie Semtex-H
benutzten. Decade-Zeitzünder waren in den frühen
achtziger Jahren typisch für libysche und von Libyen
unterstützte Terroristen.
Eine dieser Bomben, die in einer Stange Zigaretten
untergebracht war, wurde beim gescheiterten Sprengstoffanschlag auf einen Pan Am-Flug im Dezember
1983 benutzt. Der Terrorist versuchte damals, ein
unbegleitetes Gepäckstück auf einen Alitalia-Flug von
Istanbul nach Rom einzuchecken. Das Gepäckstück,
das von türkischen Sicherheitskräften aufgrund verstärkter Sicherheitsmaßnahmen entdeckt wurde, war
mit einem Gepäckanhänger ausgestattet, der es auf
einen Pan Am-Flug von Rom nach New York geleitet
hätte, was in etwa dem Verfahren entsprach, das im
Fall von Pan Am 103 erfolgreich angewendet wurde.
Raschid spielte weiterhin eine Schlüsselrolle bei der
libyschen Planung von Anschlägen auf amerikanische
Interessen, nachdem die Spannungen zwischen beiden Ländern Mitte der achtziger Jahre zugenommen
hatten.
Raschids Agenten begannen mit Planungen für
einen Anschlag auf amerikanische Einrichtungen in der Türkei im Jahr 1986, die in dem
gescheiterten Sprengstoffanschlag auf den
amerikanischen Offiziersclub in Ankara Ende
April 1986 gipfelten. Der Offizier des libyschen
Nachrichtendienstes, der die Operation in der
Türkei leitete, benutzte eine Tätigkeit bei der
LAA als Deckmantel.
Raschid beauftragte mehrere Palästinenser,
Anschläge auf amerikanische Einrichtungen in
Deutschland zu verüben, und er leitete den
Sprengstoffanschlag auf die Diskothek La Belle

Seite 4

in Berlin. Dem Sprengsatz von La Belle, der
besonders amerikanische Soldaten und deren
Angehörige töten sollte, fielen drei Personen,
darunter zwei Amerikaner, zum Opfer.
Am Tag nach dem Sprengstoffanschlag auf die
Diskothek La Belle reiste Raschid nach Khartum, wo er die Arbeit mit sudanesischen Oppositionellen weiterführte. Raschid hielt sich am
15. April 1986 in Khartum auf, als ein Mitarbeiter
der amerikanischen Botschaft als Vergeltung
auf den amerikanischen Bombenangriff gegen
Libyen vom selben Tag schwer verletzt wurde.
• Raschid gehörte zu den libyschen Ingenieuren,
die der schweizerischen Firma MEBO die Spezifikationen für den Bau des Zeitzünders lieferten, der bei Pan Am 103 benutzt wurde. Darüber hinaus demonstrierte er vor palästinensischen Rekruten eine von MEBO hergestellte
femgesteuerte Aktentaschenbombe.
Beide im Senegal mit dem MEBO-Zeitzünder
festgenommenen Libyer waren seit Anfang der
achtziger Jahre Raschids Untergebene.
Anfang 1987 beförderte die libysche Regierung Raschid von der ESO zum Leiter der Libyan Electronics
Company, die tief in Technologietransfer und andere
Beschaffungsaktivitäten verstrickt ist. Gleichzeitig
ernannte die libysche Regierung el-Mikrahi zum Leiter
des Zentrums für strategische Studien. Wir gehen
davon aus, daß die beiden Cousins ihre Aktivitäten im
Zuge ihres zunehmenden Engagements für Beschaffungsprogramme weiter koordinierten - wie im Falle
ihrer gemeinsamen Führung von el-Mikrahis Beschaffungsspezialisten für chemische Waffen in Deutschland.
El-Mikrahis andere Vorgesetzte. Als Direktor des
CSS war el-Mikrahi den folgenden prominenten Libyern entweder unterstellt, oder er unterhielt direkte
Kontakte zu ihnen.
ESO-Direktor Ibrahim el-Bischari benutzte das Büro
el-Mikrahis bei der MEBO in Zürich als Adresse und
behauptete, daß el-Mikrahi ihm als Direktor des CSS
unmittelbar unterstellt war. El-Bischari ist gegenwärtig
libyscher Außenminister und hat angeblich weiterhin
seinen Posten beim Nachrichtendienst inne.
Im Herbst 1988 war Abdallah el-Senussi el-Mikrahis
unmittelbarer Vorgesetzter bei der ESO. El-Mikrahi
war ein Terrorist, der beim CSS für Senussi arbeitete.
El-Senussi gehört zu den wichtigsten nachrichtendienstlichen Mitarbeitern der libyschen Regierung. Über
Jahre hinweg genehmigte, leitete und finanzierte er
eine Reihe libyscher Terroraktionen. Die französische
Justiz hat wegen des Sprengstoffanschlags auf UTA
772 vom September 1989 Anklage gegen el-Senussi
erhoben.

AMERIKA DIENST 47

�Nassir Ali Aschur wird sowohl mit el-Mikrahi als auch
den MEBO-Zeitzündern in Verbindung gebracht. Aschur,
der frühere Tests der Zeitzünder beaufsichtigte, mit
denen ihre vollständige Zerstörung bei einer Detonation sichergestellt werden sollte, wurde zwei Tage vor
dem Sprengstoffanschlag auf Pan Am 103 in el-Mikrahis Haus gesehen. Maltesische Einreiseformulare und
eine amerikanische nachrichtendienstliche Quelle
bestätigen außerdem, daß sich Aschur und el-Mikrahi
Anfang Oktober 1988 in Malta trafen und die beiden im
August 1987 gemeinsam von Zürich nach Malta reisten. Aschur ist den Franzosen zufolge der Verschwörung mitschuldig, da er massive libysche Waffenlieferungen - darunter Tonnen von Semtex-H - an die
Provisional Irish Republican Army organisierte.
Abdallah Mahmud Hidschasi ist wahrscheinlich ebenfalls ein wichtiger Kontaktmann el-Mikrahis, obwohl wir
keine konkreten Beweise für eine direkte Verbindung
besitzen. Hidschasi, Raschids langjähriger Förderer,
war bis 1986 Direktor des libyschen Ministeriums für
militärische Beschaffungen. Im Jahr 1988 war er
angeblich führend an der Organisierung libyscher
subversiver Operationen in Westafrika und im Tschad
beteiligt.
Ibrahim Najili, den die Franzosen am 30. Oktober 1991
wegen seiner Beteiligung am Sprengstoff anschlag auf
UTA 772 anklagten, wurde von mehreren Quellen als

*

AMERIKA DIENST 47

*

der ESO-Vertreter in Athen identifiziert, der potentielle
Lieferanten für Waffen und Flugzeugteile mit el-Mikrahi zusammenbrachte. El-Najili wurde Mitte 1989 ESOLeiter für Flugsicherheit. El-Mikrahi hatte dieselbe
Position inne bevor er Direktor des CSS wurde.
Der historische Kontext
Vorhergehend wurden die libyschen Verbindungen zu
Pan Am 103, die beteiligten Personen sowie die zentrale Rolle dieser Personen bei terroristischen und
nachrichtendienstlichen Programmen der libyschen
Regierung beschrieben. Die Verwicklung der libyschen Regierung in den Terrorismus beginnt jedoch
nicht mit der Zerstörung von Pan Am 103 und endet
damit auch nicht. Wir haben ein konsequentes Muster
eines von Libyen geförderten Terrorismus festgestellt,
das auch nach dem blutigen Anschlag auf Pan Am 103
bis heute andauert. Dieses Muster entkräftet jedes
Argument, Pan Am 103 sei eine Einzeloperation
gewesen, die nicht die Zustimmung höchster libyscher
Stellen genossen habe. Eine so wichtige Operation
konnte nicht ohne die Zustimmung der höchsten Ebenen
der libyschen Regierung durchgeführt werden.
Zahlreiche weitere von Libyen geförderte Terroranschläge werden in öffentlich zugänglichen Weißbüchern erläutert, die vom US-Außenministerium Mitte
November 1991, im August 1990, Januar 1989 und
1986 veröffentlicht wurden.
*

*

Seite 5

�TERRORISMUS
27. November 1991

LIBYEN WEITERHIN FÜR TERRORAKTE
VERANTWORTLICH
Broschüre des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) -Nachfolgend veröffentlichen wir die vom US-Außenministerium im November 1991
herausgegebene Broschüre "Libyen weiterhin für Terrorakte verantwortlich".

Einleitung
Dieses Weißbuch soll den Kontext für die Beschuldigungen der amerikanischen und schottischen Behörden gegen libysche Staatsbürger wegen der Bombenexplosion bei Flug 103 der Pan Am im Dezember 1988
liefern. Zu diesem Zweck wird die Haltung der Regierung Gaddafi gegenüber Terrorismus und die libysche
Verantwortung für Terroranschläge dargelegt.
Anhand von Analysen des libyschen Verhaltens über
viele Jahre hinweg, auf der Grundlage der Ermittlungen der Bombenexplosion während Flug 103 der Pan
Am seit 1988, aufgrund der Struktur des libyschen
Regimes und der Beziehungen zwischen führenden
Vertretern dieses Regimes gelangen wir zu der Schlußfolgerung, daß die Bombenexplosion bei Flug 103 der
Pan Am kein Zufall sondern eine von der libyschen
Regierung autorisierte Aktion war. Libyens Unterstützung des Terrorismus begann in den frühesten Tagen
des Gaddafi-Regimes. Bereits 1972 bot der libysche
Revolutionsführer Muammar Gaddafi extremistischen
Bewegungen seine Hilfe an - einschließlich der Provisional Irish Republican Army und der Black PowerBewegung in den Vereinigten Staaten - sowie Unterstützung für alle Gruppen im Nahen Osten, die zu
einem Angriff auf Israel bereit seien. 1973 entsandte
Gaddafi Terroristen nach Italien, um ein israelisches
Flugzeug abzuschießen, und bereits 1975 befahl er
die Ermordung libyscher im Ausland lebender Systemkritiker. Obwohl Dissidenten traditionell kaum - wenn
überhaupt - eine Bedrohung für Gaddafis Herrschaft
darstellten, konzentrierte sich der libysche Revolutionsführer auf deren Beseitigung. Die Ermordungen
fanden Anfang und Mitte der achtziger Jahre statt und
dazu zählten zwei Attentate (eines davon erfolgreich)
auf libysche Studenten in den Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 47

Die libysche Beteiligung an und die Unterstützung von
Terrorakten expandierte Anfang der achtziger Jahre.
Tripolis stellte Pässe für Mitglieder der Abu Nidal
Organisation (ANO) aus, die im Dezember 1985 einen
Anschlag auf einen Ticketschalter der El AI im Wiener
Flughafen verübten. Auch die Bombenexplosion in der
Berliner Diskothek La Belle, bei der im April 1986 drei
Menschen einschließlich zwei amerikanischer Soldaten getötet wurden, geschah mit libyscher Hilfe.
Über Jahre hinweg, selbst als libysche Agenten und
ihre Handlanger Terroranschläge planten und ausführten, suchte Gaddafi regelmäßig die internationale
Besorgnis durch die öffentliche Verurteilung des Terrorismus zu beschwichtigen. 1977 plante Gaddafi
beispielsweise die Ermordung eines amerikanischen
Botschafters, nachdem er gerade Präsident Carter
versichert hatte, er sei um gute Beziehungen zu den
Vereinigten Staaten bestrebt. Darüber hinaus gab
Gaddafi regelmäßig öffentliche Dementis seiner Beteiligung an Terrorakten heraus, während sein Nachrichtenapparat Terroranschläge vorbereitete.
Die libyschen Aktionen waren nicht auf israelische und
westliche Ziele begrenzt. Mitte der achtziger Jahre
unterstützte Libyen Anschläge auf den ägyptischen
Staatspräsidenten Mubarak, den ehemaligen Präsidenten des Sudan, Numeiri, den Präsidenten von Zaire, Mobutu, den ehemaligen tunesischen Präsidenten
Bourguiba und den ehemaligen Präsidenten des Tschad,
Habre. Abgesehen von Terroranschlägen und der
Unterstützung von Terrorakten hat Gaddafi immer
wieder versucht, Regierungen in Afrika, Asien und
Lateinamerika zu unterwandern.

Seite 1

�Die Bilanz der vergangenen fünf Jahre
Der Luftangriff der Vereinigten Staaten auf Libyen
1986 sowie zunehmender internationaler Druck haben
Tripolis' Unterstützung des Terrorismus nicht beendet.
Nach dem Luftangriff begann Gaddafi Scheinfirmen
und andere Organisationen einzusetzen, um die libysche Handschrift zu vertuschen. Darüber hinaus
unternahm Gaddafi besondere Anstrengungen, die
libysche Beteiligung an Terroranschlägen zu verschleiern, um Libyens Wirtschaftsbeziehungen mit seinen
afrikanischen Nachbarn und den führenden europäischen Handelspartnern nicht aufs Spiel zu setzen. Die
Libyer unterstützten unmittelbar nach dem amerikanischen Luftangriff vom April 1986 eine Reihe von
Operationen gegen die Vereinigten Staaten. Tripolis
war verantwortlich für die Schüsse auf einen Mitarbeiter der Amerikanischen Botschaft am 15. April 1986 im
Sudan und für die Schüsse auf einen anderen Botschaftsangehörigen in Sanaa (Nordjemen) am 25.
April 1986. Ferner wurden am 18. April 1986 zwei
Libyer bei dem Versuch festgenommen, einen Anschlag auf den amerikanischen Offiziersclub in Ankara
mit Granaten zu verüben, die sie vom dortigen libyschen Volksbüro erhalten hatten. Die Libyer gestanden, es sei ihnen befohlen worden, der Anschlag
müsse so viele Tote und Verwundete wie möglich zur
Folge haben, insbesondere Frauen und Kinder.
Unseres Erachtens war Libyen verantwortlich für die
Explosion bei Flug 103 der Pan Am am 21. Dezember
1988 über Lockerbie in Schottland, und in frühere
Terroranschläge auf der ganzen Welt verwickelte
hochrangige Regierungsvertreter bereiteten die Operation vor. Gerichtsgutachten zufolge konnte der
Zünder der Bombe nur aus libyschen Beständen stammen, und ein Vertreter der libyschen Fluggesellschaft
Libyan Arab Airlines konnte dank seines Rangs die
Sicherheitskontrollen in Malta umgehen, um die Operation zu unterstützen.
In den vergangenen Jahren hat Libyen palästinensische Terroristen unterstützt und ihnen geholfen, Anschläge gegen israelische und westliche Ziele auszuführen:
Im Mai 1990 versuchten Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) einen Seeangriff auf Israel. Die Operation scheiterte, 4
Terroristen wurden getötet und 12 festgenommen. Libyen bildete die Gruppe aus und stellte
modernes Gerät, Waffen und das Schiff für die
Operation zur Verfügung.

Libyen sieht in Afrika ein attraktives Umfeld für seine
Operationen und ist verantwortlich für mehrere Anschläge dort:
Am 30. Oktober 1991 erließ ein französischer
Richter internationale Haftbefehle, in denen vier
libysche Regierungsvertreter der Beteiligung an
der Bombenexplosion während des UTA-Flugs
772 im September 1989 beschuldigt wurden.
Im März 1990 wurden libysche Diplomaten nach
einer Bombenexplosion im Hilton Hotel in Addis
Abeba - dem offensichtlichen Versuch, den dort
logierenden israelischen Botschafter zu töten ausgewiesen.
Im Februar 1988 wurden zwei bekannte Terroristen in Dakar (Senegal) festgenommen, die
sich im Besitz von Sprengstoff und Waffen
befanden.
Im Oktober 1987 explodierte eine Bombe im
Büro von World Vision, einer privaten Hilfsorganisation, die in Moudou im Tschad tätig ist.
Nach Cotonou (Benin) entsandte libysche Diplomaten unterstützten die Terroristen, die den
Anschlag verübten.
Im März 1987 explodierte eine Bombe im Cafe
"L'Historil" in Dschibuti, wobei 11 Menschen
verletzt und 50 verwundet wurden. Die Libyer
befahlen einer Palästinensergruppe, der Volkskampffront, den Anschlag auszuführen, andenfalls würde ihnen Tripolis' finanzielle Unterstützung entzogen.
Die Libyer unterstützen Terroristengruppen in Europa,
insbesondere die Provisional Irish Republican Army
(PIRA), die Oberst Gaddafi als populäre nationale
Befreiungsbewegung bezeichnet. Mitte der achtziger
Jahre versorgte Libyen die Gruppe mit Waffen. Die
libysche Handschrift wurde im Oktober 1987 offenkundig, als französische Behörden den Frachter "Eksund"
vor der Küste Frankreichs abfingen und 150 Tonnen
für die PIRA bestimmte Waffen und Sprengstoff beschlagnahmten. Libyen hat die PIRA auch finanziell
unterstützt.
Seit April 1986 habe libysche Mörder drei in Griechenland, Italien und Frankreich ansässige libysche Dissidenten und Gaddafi-Gegner ermordet. Tripolis hat
nach wie vor andere im Exil lebende vermeintliche
"Gegner" der libyschen Regierung im Visier.
Derzeitige Unterstützung des Terrorismus

Im Juli 1988 griffen Angehörige der ANO das
griechische Kreuzfahrtschiff 'The City of Porös"
an, wobei neun Menschen getötet und über 100
verletzt wurden. Libyen stellte die bei der
Operation verwendeten Waffen zur Verfügung.

Seite 2

Trotz der Bestebungen der internationalen Staatengemeinschaft ist die libysche Beteiligung an Terrorakten
noch immer umfangreich. Tripolis ist einer der größten
Geldgeber für Terroristen weltweit und gestattet Terrorgruppen weiterhin, in Lagern in Libyen zu operieren.

AMERIKA DIENST 47

�Im Nahen Osten unterstützen die Libyer ein breites
Spektrum von Terrorgruppen:
Die ANO - die über 100 Terroranschläge ausgeführt hat und auf deren Konto seit ihrer Gründung der Tod von über 280 Menschen und
mindestens 650 Verletzte gehen - erhält weiterhin beträchtliche libysche Unterstützung. Die
Gruppe hat ihr Hauptquartier in Tripolis, und
Libyen stellt der ANO Ausbildungseinrichtungen und mehrere Millionen Dollar jährlich zur
Verfügung.
Gaddafi hat für Ahmed Dschebrils Volksfront
zur Befreiung Palästinas - Generalkommando
1990 über 1 Million Dollar bereitgestellt. Die
Gruppe war verantwortlich für Bombenexplosionen in zwei amerikanischen Militärzügen in
Deutschland in den Jahren 1987 und 1988.
Teile der PLF sind weiterhin in Libyen stationiert
und erhalten finanzielle und logistische Unterstützung von der libyschen Regierung. Auf das
Konto der Gruppe geht eine lange Liste von
Terroranschlägen, einschließlich der Entführung
des Kreuzfahrtschiffes "Achille Lauro" im Oktober 1985, die die Ermordung eines an den
Rollstuhl gefesselten amerikanischen Passagiers zur Folge hatte sowie der bereits erwähnte
Anschlag auf einen Strand in Tel Aviv.
Libyen finanziert außerdem Sa'ika und Elemente des palästinensischen Islamischen Heiligen
Kriegs.
Libyen unterstützt gezielt ausgewählte Nichtpalästinensergruppen. Das Hauptkriterium scheint das Ausmaß
zu sein, in dem eine Gruppe ihre Fähigkeit und Bereitschaft zum Angriff auf die Feinde Libyens weltweit
demonstriert, einschließlich amerikanischer und westlicher Ziele.
In Europa unterhält Libyen Beziehungen zur PIRA,
trotz Gaddafis Behauptung Anfang dieses Jahres,
seine Unterstützung für diese Gruppe eingestellt zu
haben. Die Libyer haben Kontakte zu der kurdischen
Separatistengruppe PKK, die zahlreiche Terroranschläge gegen türkische Ziele ausgeführt hat.
Ein Hauptempfänger der libyschen Finanzhilfe in Asien
ist die Kommunistische Partei der Philippinen (CPP)
und ihr militärischer Flügel, die Neue Volksarmee
(NPA), die seit 1987 10 Amerikaner getötet hat. Die
Libyer haben der CPP und der NPA seit 1987 mindestens 7 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.
In Lateinamerika versuchen die Libyer weiterhin,
Gruppen ausfindig zu machen, die zur Ermordung von
Amerikanern bereit sind. Im vergangenen Jahr bezahlte Tripolis der haitianischen Befreiungsorganisation beispielsweise über 20.000 Dollar, um einen
Anschlag auf die Amerikanische Botschaft in Port-au-

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Prince zu verüben. Die Mission der Gruppe scheiterte
jedoch. Libyen hat erfolglos versucht, die Nationale
Befreiungsfront Farabundo Marti in El Salvador zu
rekrutieren, um gegen Geld anitwestliche Anschläge
durchzuführen.
Die Libyer haben femer Kontakte mit anderen Terrorgruppen in der Region unterhalten, einschließlich der
costaricanischen patriotischen Organisation Juan Santa
Maria, der revolutionären Bewegung Tupac Amaru in
Peru sowie der patriotischen Front Manuel Rodriguez
in Chile.
Das Antiimperialistische Zentrum (AIC) - auch unter
dem Namen Mathaba bekannt - wird von der libyschen
Regierung zur Unterstützung des terroristischen Netzes benutzt und spielt daher eine wichtige Rolle in
Gaddafis Terrorismusstrategie. 1982 zur Unterstützung von "Befreiungs- und Revolutionsgruppen" gegründet, hat das AIC eine Reihe von offenkundig
antiwestlichen Konferenzen in Tripolis veranstaltet.
Gleichzeitig hat das AIC den Auftrag, Revolutionäre für
ideologische und militärische Ausbildung in Libyen
auszumachen und zu rekrutieren. Während ihrer
Ausbildung in AlC-Lagern werden bestimmte Personen weiter ausgebildet, etwa im Umgang mit Waffen
und Sprengstoff sowie Indoktrinierung.
Das AIC wird von Mussa Kussa geleitet, einem Vertrauten Gaddafis, der gleichzeitig der Stellvertretende
libysche Außenminister ist. Mit Vertretern in zahlreichen libyschen Botschaften weltweit, betreibt das AIC
unabhängig verdeckte Operationen und verteilt Gelder
an terroristische, Rebellen- und subversive Gruppen.
Ausbildung
Oberst Gaddafi bildet nach wie vor Terroristen und
systemkritische Organisationen aus dem Nahen Osten, Afrika, Asien und Lateinamerika in Lagern in Libyen, auch in Tripolis, aus. Zu den größten Ausbildungslagern zählen:
El Kalah. Ungefähr 100 Kilometer südwestlich
von Tripolis gelegen, ist El Kalah die wichtigste
ANO-Einrichtung in Libyen. Im vergangenen
Jahr hat die ANO das Lager beträchtlich erweitert.
Ausbildungslager7. April. Rund 9 Kilometer von
Tripolis entfernt, werden in dieser Einrichtung
Afrikaner und Lateinamerikaner sowie libysche
Militärs in Terrorismus und Subversion ausgebildet.
Hafenanlage Sidi Bilal. Die Terroristen, die den
Seeangriff gegen Israel vom Mai 1990 verübten,
wurden hier ausgebildet.
Bin Ghaschir. Unmittelbar südlich von Tripolis
geigen, werden in dieser Einrichtung Systemkritiker aus Afrika, Asien und Lateinamerika in
Terror- und Guerillataktiken ausgebildet.
Seite 3

�Ras el Hilal. In dieser Einrichtung wurden
palästinensische Terroristen ausgebildet.
Perspektiven für terroristische Beteiligung
Terrorismus ist ein wichtiges Instrument der libyschen
Außenpolitik. Libyen wird stets Terrorakte zur Durchsetzung seiner Ziele einsetzen, insbesondere wenn
Oberst Gaddafi der Auffassung ist, seine Beteiligung
plausibel dementieren zu können. Gaddafis Einsatz
und Unterstützung von Terroranschlägen als politisches Instrument strafen seine Bemühungen Lügen,
die Welt glauben machen zu wollen, er unterstütze
keine Terrorakte. Die für Terroranschläge verantwortlichen libyschen Regierungsvertreter sind weiterhin in
hochrangigen Ämtern. Im vergangenen Jahr benannte Gaddafi Ibrahim Bischari, den Leiter des libyschen
Nachrichtendienstes und Hauptdrahtzieher bei libyschen Terroranschlägen in den achtziger Jahren zum
libyschen Außenminister.
Gaddafi und Entführungen
Daß Gaddafis Erklärungen nur Worthülsen sind, wird
am besten durch Libyens andauernde Beteiligung an
Entführungen illustriert, obgleich er dies stets weit von
sich weist. 1978 entführten libysche Agenten des
Nachrichtendienstes Imam Mussa Sadr, den geistigen
Führer der libanesischen Schiiten unmittelbar nach
dessen Ankunft in Tripolis. Mussa Sadr starb in der
libyschen Gefangenschaft. Während der achtziger
Jahre dementierte Gaddafi öffentlich die illegale Festsetzung von Geiseln durch Extremistengruppen im
Libanon. Dennoch bezahlte und veranlaßte Libyen im
April 1986 die Ermordung von drei westlichen Geiseln
im Libanon, unter anderem des Amerikaners Peter
Kilburn. Im November 1987 entführte die Abu Nidal
Organisation (ANO) die Jacht "Silco" in internationalen
Gewässern. Die Geiseln - belgische und französische
Staatsbürger - wurden nach und nach freigelassen,
die letzte erst im Januar 1991. Die Jacht wurde auf
Anweisung des libyschen Nachrichtendienstes von
Elementen der ANO entführt und einige der Geiseln
wurden sogar auf libyschem Boden festgehalten.
Vergleich zwischen Gaddafis öffentlichen
Erklärungen zu Terrorismus und den Tatsachen
Behauptung: Libyen "lehnt Terrorakte einschließlich der Ermordung von friedlichen, unschuldigen alten Männern, Frauen oder Kindern weltweit ab, sei es an Bord eines Flugzeugs oder
andernorts". Inlandsdienst Tripolis, 5. September 1986.
Tatsache: Libyen stellte der Abu Nidal Organisation finanzielle und logistische Unterstützung
für die Entführung der Pan Am Maschine auf
dem Flug 073 nach Karatschi in Pakistan zur

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Verfügung, bei der 21 Passagiere getötet und
120 verwundet wurden. 5. September 1986.
Behauptung: Libyen leugnet die Beteiligung der
Provisional Irish Republican Army (PIRA) an
dem Bombenanschlag in Enniskillen (Nordirland), bei dem 11 Menschen starben und 65
verletzt wurden. JANA, 10. November 1987.
Tatsache: Französische Behörden fangen am
31. Oktober 1987 ein Schiff mit 150 Tonnen
Waffen und Sprengstoff ab, das von der libyschen Regierung bereitgestellt wurde und für
die PIRA in Irland bestimmt war. Vier frühere
Schiffsladungen gelangten erfolgreich an ihren
Bestimmungsort.
Behauptung: "Die große Dschamahiriah praktiziert weder Terrorismus, noch unterstützt sie
ihn". Oberst Gaddafi, 11. Februar 1988.
Tatsache: Am 21. Dezember explodierte die
Pan Am Maschine 103 über Schottland. Dabei
wurden 259 Personen an Bord und 11 Einwohner von Lockerbie getötet. Die libysche Beteiligung steht außer Frage.
Behauptung: Libyen "bekräftigt nach wie vor,
daß es Terrorismus öffentlich verurteilt und
ablehnt". JANA, 9. April 1989.
Tatsache: Auf Anweisung hochrangiger Regierungsvertreter in Tripolis verüben libysche
Agenten einen Sabotageakt gegen Flug 772 der
UTA. Die Maschine explodiert über Niger, wobei
alle 171 Menschen an Bord ums Leben kommen. 19. September 1989.
Behauptung: In Bezug auf den PLF-Anschlag
auf Israel erklärt Libyen, es "bestehe keine
Verbindung zwischen Libyen und dieser Operation". JANA, 6. Juni 1990.
Tatsache: Libyen hat den Anschlag der PLF auf
Israel vom 30. Mai 1990 materiell unterstützt,
der von der libyschen Küste aus verübt wurde,
indem es den Beteiligten umfangreiche Ausbildung, militärisches Gerät sowie Navigationsinstrumente zur Verfügung gestellt hat.
Behauptung: Gaddafi erklärt der ägyptischen
Presse im Juni 1991, daß "Abu Nidal überhaupt
nicht operiert. Die Welt hat seit Jahren nichts
mehr von ihm gehört... Abu Nidal ist nicht in
Libyen."
Tatsache: Die ANO hat weiterhin ihr Hauptquartier in Tripolis und von Abu Nidal selbst wei ß
man, daß er sich mit Oberst Gaddafi getroffen
hat. November 1991.

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�Die libysche Benutzung terroristischer
Frontorganisationen
Aufgrund der öffentlichen Bloßstellung der Rolle der
Libyschen Volksbüros im internationalen Terrorismus
zu Beginn der achtziger Jahre hat Libyen in den
vergangenen Jahren einige seiner terroristischen
Unterstützungsoperationen auf andere Institutionen
verlagert. Zu diesen Institutionen gehören die Islamic
Call Society, Studentenorganisationen und Freundschaftsgesellschaften sowie libysche Tarnunternehmen. Durch den Einsatz zahlreicher Organisationen
ist Libyen in der Lage, seine Aktivitäten selbst nach
Enttarnung einer Gruppe fortzusetzen.
Scheinfirmen bieten libyschen Agenten Deckmantel
und Täuschungsmöglichkeiten. Einige dieser Unternehmen wurden wahrscheinlich als legitime Firmen
gegründet und danach durch Erpressung zur Zusammenarbeit mit den libyschen Nachrichtendiensten
gezwungen. Die Scheinfirmen stellen in der Regel
eine Partnerschaft mit einheimischen Bürgern her, um
ihre Tarnung zu verbessern. Die Partner dieser Firmen wissen selten, daß sie es mit libyschen Geheimdienstagenten oder libyschen Geschäftsleuten zu tun
haben, die ihre Befehle von der libyschen Regierung
erhalten.
Zu den libyschen Scheinfirmen, die mit Sicherheit
mittelbar oder unmittelbar an terroristischen Operationen des vergangenen Jahrzehnts beteiligt waren,
gehören Exo-Commerce sowie Sarra oder Sarrah. So
hat zum Beispiel die in Benin ansässige Firma Sarrah
Ende der achtziger Jahre unter dem Deckmantel
"legitimer" Geschäftstätigkeit Waffen und Sprengstoff
für terroristische Aktionen in benachbarte afrikanische
Länder geschmuggelt. Eine weitere Tarnorganisation,
die Germa Shipping and Stevedoring Company mit
Sitz in Griechenland besaß das Schiff Tiny Star, das
am 30. Mai 1990 für einen Angriff der PLF auf Israel
benutzt wurde, der von einem libyschen Hafen ausgegangen war.
Darüber hinaus dienen weitere Unternehmen als
Handlanger des libyschen Nachrichtendienstes. Neutron
International wird von Musbah Warfalli geleitet, einem
Planer libyscher Anschläge auf libysche Dissidenten in
den frühen achtziger Jahren. Die Libyan Arab Foreign
Investment Company (LAFICO) befindet sich vollständig im Besitz des libyschen Staates und wird bisweilen
vom libyschen Nachrichtendienst als Tarnung eingesetzt. Die General Arab African Company ist eine
weitere Handelsfirma, die als Tarnunternehmen des
libyschen Nachrichtendienstes im gesamten Afrika
südlich der Sahara dient.
Selbst libysche Geschäftsleute, die nicht sofort mit
dem libyschen Geheimdienst oder einer Tarnfirma in
Zusammenhang gebracht werden, wurden für Operationen benutzt. So nahm zum Beispiel die Regierung

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des Tschad im Januar 1991 zwei sich als Geschäftsleute ausgebende libysche Agenten fest, die offenbar
versuchten, Sprengstoff nach Ndjamena zu schmuggeln. Wir haben Grund zu der Annahme, daß zahlreiche weitere libysche Geschäftsleute und Unternehmen weltweit Verbindungen zum libyschen Nachrichtendienst unterhalten.
Die im Staatsbesitz befindliche libysche Fluglinie Libyan Arab Airlines (LAA) bietet Passagier- und Frachtdienste nach Europa, Afrika und dem Nahen Osten an.
Obwohl ihre Aktivitäten an sich legitim sind, wurde die
LAA benutzt, um Waffen, Sprengstoff und Terroristen
zu transportieren. Zu den Libyern, die in Zusammenhang mit Waffenlieferungen an die PI RA von 1985 bis
1987 beschuldigt werden, gehört auch ein Mitarbeiter
der LAA. Ein LAA-Flug wurde im August 1986 bei der
Flucht von sechs Terroristen benutzt, die für den
Anschlag auf den britischen Stützpunkt in Akrotiri
(Zypern) am 3. August verantwortlich gemacht werden. Die sechs waren als Mitglieder der Besatzung
getarnt, und der Kapitän der Maschine machte den
Flughafenbehörden gegenüber falsche Angaben über
die Anzahl des Personals, um ihre Anwesenheit zu
vertuschen. Die Fluglinie ist weiterhin in einer guten
Position, um Anschläge zu unterstützen, insbesondere da mindestens 30 Prozent der im Ausland stationierten LAA-Mitarbeiter Agenten des libyschen Nachrichtendienstes sind.
Die von den Libyern zur Propagierung des Islam
geschaffene Islamic Call Society (ICS) wird für legitime
religiöse Zwecke eingesetzt, aber Gaddafi benutzt
daneben den philantropischen Ruf der Organisation,
um sein terroristisches Programm zu fördern. Das
ICS-Büro in Curacao unterstützte Separatisten, die in
Cayenne (Französisch Guayana) im Januar 1987 einen
Bombenanschlag auf ein Regierungsgebäude verübten. Während eines Großteils der achtziger Jahre
benutzte Tripolis das Büro der Call Society in Cotonou
(Benin) zur Rekrutierung und Finanzierung von Terroristen in der Region.
Die Libyer setzen ferner Reisebüros in der ganzen
Welt ein, um Reisen einheimischer Terroristen nach
Libyen zur weiteren Ausbildung zu erleichtern. Das
Reisebüro bucht dabei für gewöhnlich Dissidenten/
Terroristen auf Routen über Drittländer, damit deren
eigentlicher Bestimmungsort - libysche Ausbildungslager für Terroristen - unentdeckt bleibt.
Der UTA-Flug 772
Am 30. Oktober 1991 erließ ein französischer Richter
internationalen Haftbefehl gegen vier libysche Regierungsvertreter wegen ihrer Rolle beim Bombenanschlag auf UTA-Flug 772 im September 1989. Die
Maschine auf dem Flug von Brazzaville (Kongo) nach
Paris über Ndjamena (Tschad) explodierte über der
Wüste im Südwesten von Niger. Dabei wurden alle
171 Passagiere und Besatzungsmitglieder getötet.

Seite 5

�Unter den Passagieren waren sieben Amerikaner,
darunter die Frau des amerikanischen Botschafters im
Tschad. Neben den Haftbefehlen gegen Abdallah
Senussi (ein Verwandter von Gaddafi und stellvertretender Kommandeur der libyschen Nachrichtendienste), Najili Ibrahim (ein Untergebener Senussis), Abd
El-Asragh und Abbas Musbah (ein Vertreter der libyschen Dienste in Brazzaville) erließ der Richter internationale Fahndungsgesuche gegen Mussa Kussa
(Leiter des AIC und Stellvertretender Außenminister)
und Abd El-Salam Sadma. Al-Asragh, der Erste
Sekretär des libyschen Volksbüros in Brazzaville, wird
beschuldigt, den Sprengstoff geliefert und drei Kongolesen rekrutiert zu haben, um eine Kofferbombe in der
Maschine unterzubringen. Zwei dieser drei Personen
sind zur Zeit in Haft - einer in der Volksrepublik Kongo,
der andere in Zaire.
Wie Libyen Terroristen finanziert
Die Libyer benutzen eine Reihe von Mechanismen, um
terroristische Gruppierungen zu finanzieren:
Tripolis verteilt häufig Geld an Terroristen, die
zur Ausbildung im Lande sind. Praktisch alle in
Libyen ausgebildeten aktiven Terroristen erhalten mindestens Reisegeld sowie eine kleine
Summe für persönliche Ausgaben.
Libysche Volksbüros und das AIC werden für
die Weitergabe von Geldern an Terroristen
eingesetzt.
Radikale palästinensische Gruppen erhalten
häufig libysche Mittel über Bankkonten, insbesondere im Nahen Osten.
In seltenen Fällen haben die Libyer Kuriere
eingesetzt, um Geld an terroristische Organisationen zu übermitteln. Die Übergabe findet für
gewöhnlich in einem Drittland statt.
Libysche Ausbildungslager
Libyen bildet seit den frühen siebziger Jahren Palästinenser und andere Terroristen im Land selbst aus.
Neben zwei Haupteinrichtungen in Tripolis und Umgebung haben die Libyer in den vergangenen beiden
Jahrzehnten kleinere, über das gesamte Land verteilte
Ausbildungslager betrieben. In einigen Fällen wurden
Terroristen auf libyschen Militärstützpunkten ausgebildet. So wurden zum Beispiel im Jahr 1988 Mitglieder
der radikalen Palästinensergruppe Volkskampffront
(Populär Struggle Front) auf einem Luftwaffenstützpunkt in der Region Aouzou ausgebildet. Mitglieder
der Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommand sind mit Sicherheit auch in libyschen Militärlagern ausgebildet worden.
Zu den nichtpalästinensischen Gruppierungen, die in
den letzten Jahren in Libyen ausgebildet wurden,
gehören die ecuadorianische Alfaro Vive, CarajoOrganisation, die M-19 aus Kolumbien, die HaitianiSeite 6

sche Befreiungsorganisation, die Patriotische Front
Manuel Rodriguez aus Chile, die Armenische Geheimarmee für die Befreiung Armeniens und die Japanische Rote Armee.
Terroristen aus Asien, Lateinamerika und Afrika begeben sich häufig legal zur Ausbildung nach Libyen,
indem sie sich als Studenten ausgeben. Bisweilen
reisen Bürger aus Staaten der dritten Welt zu ihrer
Meinung nach legalen AusbHdungszwecken nach Libyen,
etwa zur technischen und religiösen Ausbildung. Bei
ihrer Ankunft werden sie dann jedoch am Flughafen
von Soldaten in Empfang genommen, auf einen Lastwagen verfrachtet und zu einem Ausbildungslager für
Terroristen/Dissidenten transportiert. Diejenigen Studenten, die sich libyschen Ouvertüren gegenüber
ablehnend verhalten, werden umgehend des Landes
verwiesen und als unwürdige Studenten gebrandmarkt.
Extremisten reisen auch auf anderen Wegen nach
Libyen. So fuhren etwa im Jahr 1987 Radikale aus
Mauritius nach Tripolis, wo sie angeblich an einer
Jugendkonferenz teilnahmen. Statt dessen begaben
sie sich in ein Ausbildungslager für Terroristen.
Anhang
Libysche Unterstützung des Terrorismus seit dem
15. April 1986
Sommer 1990 - Libyen stellt der Haitianischen Befreiungsorganisation 20.000 Dollar zur Verfügung, um
einen Anschlag auf die Amerikanische Botschaft in
Port-au-Prince zu verüben. Haitianische Vertreter
verhaften zwei der Agenten bevor sie den Anschlag
verüben können.
Mai 1990 - Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsfront versuchen, Israel von See her anzugreifen;
vier werden getötet und 12 gefangengenommen. Die
Libyer sind an allen Teilen der vereitelten Operation
beteiligt und liefern moderne Ausrüstung, Navigationshilfen, Know-how bei der Planung sowie die Waffen,
die beim Angriff benutzt werden.
März 1990 - Eine Bombe explodiert im zweiten Stock
des Hilton Hotels in Addis Abeba (Äthiopien). Die
Detonation ereignet sich etwa 50 Meter von der Suite
des israelischen Botschafters entfernt. Die äthiopische Regierung verweist danach zwei libysche Diplomaten wegen ihrer Verwicklung in die Tat des Landes.
September 1989 - Eine Bombe explodiert auf dem
UTA-Flug 772 über dem Niger. Alle 171 Passagiere
und Besatzungsmitglieder an Bord werden getötet.
Die französische Untersuchung des Vorfalls kommt zu
dem Schluß, daß die Operation von Libyen geplant
und vom libyschen Volksbüro in Brazzaville durchgeführt wurde. Die Franzosen haben internationale
Haftbefehle gegen vier libysche Regierungsvertreter
wegen Beteiligung an dem Anschlag erlassen.

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�April 1989 - Fünf Personen - darunter zwei Amerikaner - werden verletzt und mehrere Fahrzeuge beschädigt, als eine Bombe in der Nähe des Haupteingangs
zum US-Costa Rican Binational Cultural Center in San
Jose (Costa Rica) detoniert. Die Santa Maria Patriotic
Organisation führt diesen Anschlag durch, ihre Mitglieder wurden in Libyen ausgebildet.
Dezember 1988 - Eine Maschine der Pan Am explodiert auf Flug 103 über Schottland. Alle 259 Personen
an Bord, darunter 189 Amerikaner, kommen dabei
ums Leben. Elf Einwohner von Lockerbie werden
getötet.
Juli 1988 - Terroristen der Abu Nidal Organisation
(ANO) greifen das griechische Kreuzfahrtschiff City of
Porös mit Maschinengewehren und Handgranaten an.
Neun Personen werden getötet und nahezu 100 verletzt. Die benutzten Waffen wurden von Libyen geliefert, und die Terroristen waren mit libyschen Pässen
nach Griechenland eingereist.
April 1988 - Von Libyen unterstützte Terroristen sind
am Bombenanschlag auf eine Kommunikationseinrichtung der amerikanischen Luftwaffe bei Humosa
(Spanien) beteiligt.
Februar 1988 - Zwei bekannte libysche Terroristen
werden zusammen mit einem senegalesischen Staatsangehörigen in Dakar (Senegal) wegen Sprengstoffund Waffenbesitz festgenommen.
Dezember 1987 - Ein Sprengsatz detoniert in der
USO-Lounge in Barcelona. Dabei wird ein amerikanischer Marineangehöriger getötet, neun Personen werden
verletzt. Eine fiktive Gruppe bezichtigt sich des Anschlags. Die Untersuchung belastet jedoch Libyen als
Urheber der Operation.
November 1987 - Die ANO entführt die Jacht "Silco" in
internationalen Gewässern des Mittelmeers. Die "Silco" hat acht belgische und französische Staatsbürger
an Bord. Die letzten Geiseln werden am 21. Januar
1991 freigelassen. Der libysche Nachrichtendienst ist
bei der ANO-Aktion federführend.
Oktober 1987 - Der französische Zoll stoppt die "Eksund",
ein französisches Schiff, das 150 Tonnen Waffen und
Sprengstoff für die Provisional Irish Republican Army
an Bord hat. Zur Ladung gehören Boden-Luft-Raketen
sowie der Plastiksprengstoff Semtex. Vier frühere
Ladungen erreichen in den Jahren 1986 und 1985
ungehindert ihren Bestimmungsort.
Oktober 1987 - Eine Bombe explodiert im Büro von
World Vision, einer privaten amerikanischen Wohltätigkeitsorganisation in Moudou (Tschad). Niemand
wird verletzt. Der Sprengsatz wird angeblich von
Terroristen gelegt, die vom libyschen Volksbüro in
Cotonou (Benin) unterstützt wurden.

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Juni 1987 - Zwei Libyer erschießen einen libyschen
Dissidenten in Rom. Die Killer werden verhaftet. Sie
bezeichnen sich selbst als Mitglieder des "libyschen
Revolutionskomitees".
Mai 1987 - Zwei Killer versuchen, einen prominenten
libyschen Dissidenten in Wien zu ermorden. Einer der
Täter verliert bei der Flucht seinen libyschen Paß.
April 1987 - Zwei Araber verwunden einen Stabsfeldwebel der britischen Armee und seinen Begleiter bei
einer Autofahrt nahe Limassol (Zypern) durch Schüsse. Zwei später aufgrund dieser Tat verhaftete Araber
werden als von Libyen unterstützte Terroristen identifiziert.
März 1987 - Eine Bombe explodiert auf der KousseriBrücke, die Kamerun und den Tschad verbindet. Der
Zeitzünder wurde zu früh eingestellt, so daß der Bombenleger, ein Bürger des Tschad, der für die Libyer arbeitete, getötet wurde.
März 1987 - Eine Bombe explodiert im Cafe "L'Historir
in Dschibuti. Dabei werden 11 Personen getötet und
über 50 verletzt. Die von Libyen unterstützte Volkskampffront begeht diesen Anschlag, da Libyen gedroht hat, ihr die finanzielle Unterstützung zu entziehen.
Januar 1987 - Eine Bombe explodiert in einem Regierungsgebäude von Cayenne in Französisch Guayana.
Die von Libyen geleitete Islamic Call Society in Curacao unterstützt Dissidenten aus Guayana bei der
Ausführung dieses Anschlags.
Januar 1987 - Ein libyscher Geschäftsmann und offener Kritiker von Oberst Gaddafi wird von zwei wahrscheinlich libyschen Killern außerhalb Athens erschossen.
September 1987 - Libyen liefert Sprengstoff, der bei
einem Angriff der ANO auf die Neve-Shalom-Synagoge in Istanbul verwendet wird. Dabei kommen 21
Menschen ums Leben.
September 1986- Im Verlauf einer versuchten Entführung von Flug 73 der Pan Am in Karatschi töten
Terroristen der ANO 21 Personen, darunter zwei
Amerikaner. 120 Menschen werden verletzt. Das
libysche Volksbüro in Islamabad unterstützte zumindest einen der Entführer durch Bereitstellung von
Reisedokumenten.
August 1986 - Terroristen greifen den britischen Luftwaffenstützpunkt in Akrotiri (Zypern) mit Mörsern,
raketengetriebenen Granaten und Handfeuerwaffen
an und verwunden dabei zwei britische Staatsbürger.
Die sechs Terroristen entkommen als vermeintliche
Besatzungsmitglieder eines Fluges der Libyan Arab
Airlines. Der Kapitän machte den Flughafenbehörden

Seite 7

�gegenüber falsche Angaben zur Anzahl der Besatzung, um ihre Anwesenheit zu verschleiern. Femer
zeigen Markierungen auf nach dem Anschlag aufgefundenen Mörserteilen, daß die Waffen Teil zweier
getrennter Lieferungen sind, die in den Jahren 1976
und 1977 an Libyen gegangen waren.
Juni 1986 - Ein gegen Oberst Gaddafi eingestellter
libyscher Geschäftsmann wird in Versailles von libyschen Killern erschossen.

April 1986 - Zwei Libyer werden unweit des USOffiziersklubs in Ankara festgenommen, als sie im
Begriff sind, einen Anschlag mit sechs in der Sowjetunion hergestellten Splittergranaten zu begehen, die
sie vom libyschen Volksbüro erhalten haben.
April 1986 - Libyen organisiert den Mord an einer
amerikanischen und zwei britischen Geiseln im Libanon.

April 1986 - Libyen steht mit den Schüssen auf einen
April 1986 - Libyen steht hinter der Erschießung eines amerikanischen Diplomaten in Khartum in Verbindung.
Diplomaten der US-Botschaft in Nordjemen.
* *

Seite 8

* *

AMERIKA DIENST 47

�TERRORISMUS
27. November 1991

IRANER UND PFLP: DIE ERSTEN VERDÄCHTIGEN
NACH DEM SPRENGSTOFFANSCHLAG
VON LOCKERBIE
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die vorherrschende Hypothese im Fröhstadium der
Ermittlungen nach dem Bombenanschlag auf Flug 103
der Pan Am basierte auf Hinweisen, denen zufolge der
Anschlag Ergebnis gemeinsamer Planungen des Korps
der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) und der
Volksfront für die Befreiung Palästinas - Generalkommando (PFLP-GC) war:
Zuverlässige Geheimdienstberichte deuteten
darauf hin, daß die PFLP-GC und Elemente der
iranischen Regierung als Vergeltung für den
versehentlichen Abschuß einer iranischen
Passagiermaschine durch ein US-Kriegsschiff
im Juli 1988 einen Anschlag auf ein amerikanisches Ziel planten.
Am 26. Oktober 1988 verhaftete die deutsche
Polizei eine von Hafis Dalkamoni geführte Zelle
der PFLP-GC. Die Polizei fand in Dalkamonis
Pkw einen Sprengsatz, der gezielt für den Einsatz gegen ein ziviles Flugzeug gebaut worden
war. Dazu gehörte ein mit einem Höhenmesser
verbundener Schalter, der gewährleistete, daß
die Bombe nach Erreichen der normalen Flughöhe detonieren würde und kurzfristige Luftdruckschwankungen während der Sicherheitskontrolle im Flughafen keine vorzeitige Explosion auslösen würden.
Frühzeitige Erkenntnisse bei den Ermittlungen
im Fall von Pan Am 103 deuteten darauf hin,
daß die Bombe ebenso wie im Falle des in
Dalkamonis Auto gefundenen PFLP-GC-Sprengsatzes in einem Kofferradio der Marke Toshiba
untergebracht war und aus weniger als 500
Gramm PETN und RDX bestand - der beiden
Komponenten, die bei SEMTEX-H Verwendung
finden.
Die Ermittler kamen zu dem Schluß, daß sich
der Koffer mit dem Sprengsatz in einem Gepäckcontainer befand, der umgeladenes Ge-

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päck eines Zubringerflugs aus Frankfurt enthielt
- dem Ort, an dem im Oktober 1988 ein Großteil
der Aktivitäten der PFLP-GC konzentriert war.
Mit der Zeit wurde jedoch die erste Theorie, wonach die
PFLP-GC in den Anschlag von Lockerbie verwickelt
war, durch neues Beweismaterial erschüttert. Die
Ermittlungen wurden in folgende Richtungen fortgeführt:
Es wurde herausgefunden, daß sich das in
Dalkamonis Pkw entdeckte Toshiba-Radio mit
der Bombe dem Aussehen nach wesentlich von
dem Radio unterschied, das den technischen
Experten zufolge den Sprengsatz von Pan Am
103 enthielt.
Zusammen mit dem Sprengsatz von Lockerbie
verpackte Kleidungsstücke waren am oder um
den 7. Dezember 1988 in Malta gekauft worden.
Darüber hinaus zeigten Unterlagen des Frankfurter Flughafens, daß der Koffer mit dem Sprengsatz als unbegleitetes Gepäckstück von einem
Flug der Air Malta, der Valletta am Morgen des
Anschlags verlassen hatte, in einen Zubringerflug zu Pan Am 103 umgeladen wurde.
Im Juni 1990 wurde entdeckt, daß der Sprengsatz von Lockerbie im Gegensatz zu den Sprengsätzen der PFLP-GC, die Höhenmesserschalter und relativ primitive Zeitzünder verwendeten, durch einen hochmodernen Zeitzünder
ausgelöst wurde. Ferner fanden wir heraus,
daß der Zeitzünder von Lockerbie im Jahr 1985
nach Libyen geliefert worden war und daß zwei
libysche Terroristen mit einem identischen Zeitzünder im Februar 1988 im Senegal verhaftet
worden waren.
An der Absturzstelle der Pan Am 103 wurden
keinerlei Hinweise darauf gefunden, daß die
Terroristen einen mit einem Höhenmesser verbundenen Schalter benutzten.
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�Zusammspiei verschiedener staatlicher Förderer?

Libyen Anschläge auf Flugzeuge zur gleichen Zeit
plante, zu der die Zelle der PFLP-GC in Deutschland
Heute machen wir die libysche Regierung für den ihre Sprengsätze baute. Tripolis wußte ferner um die
Anschlag von Lockerbie verantwortlich. Wir können Verbindung der PFLP-GC mit dem Iran - und es war
eine umfassendere Verschwörung zwischen Libyen selbst während des iranisch-irakischen Krieges ein
und anderen Regierungen oder terroristischen Organi- enger Verbündeter Teherans.
sationen nicht ausschließen. Die zur Verfügung stehenden Informationen untermauern diesen Schluß Syrien, der wichtigste politische Förderer der PFLPjedoch nicht. Wir gehen davon aus, daß Libyen - die GC und ein weiterer starker Verbündeter des Iran, war
Hauptquelle finanzieller Unterstützung der PFLP-GC zumindest im weiteren Sinne über die Bündnisse und
in den achtziger Jahren - wahrscheinlich von den Operationen der PFLP-GC informiert. Trotz dieser
früheren Plänen Dalkamonis für Bombenanschläge Verbindungen besitzen wir keine Informationen über
gegen Flugzeuge wußte. Die Aktivitäten, die im Herbst eine direkte Zusammenarbeit von Iran, Syrien und
1988 von den Libyern durchgeführt wurden, die unmit- Libyen zur Unterstützung der geplanten Bombenantelbar für den Anschlag von Lockerbie vom Dezember schläge der PFLP-GC auf Flugzeuge oder des liby1988 verantwortlich waren, deuten darauf hin, daß schen Sprengstoffanschlags von Lockerbie.

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AMERIKA DIENST 47

�TERRORISMUS
27. November 1991

LIBYSCHER TERRORISMUS UND PAN AM-FLUG 103
Kommentar der Stimme Amerikas
WASHINGTON -(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen am 15. November 1991 von der Stimme Amerikas
gesendeten Kommentar zur Sicht der US-Regierung.

Nach umfangreichen Ermittlungen sind die Vereinigten Staaten zu dem Schluß gelangt, daß die libysche
Regierung für den Sprengstoffanschlag auf ein amerikanisches Verkehrsflugzeug über Lockerbie (Schottland) verantwortlich ist. Bei der Explosion kamen alle
259 Personen an Bord der Pan Am-Maschine auf dem
Flug 103 sowie 11 Einwohner von Lockerbie ums
Leben.
In dieser Woche haben amerikanische und britische
Behörden Haftbefehle gegen zwei Libyer wegen ihrer
Beteiligung an dem Sprengstoffanschlag erlassen.
Die Anklage gründet sich auf zwingende Beweise, die
Abd el-Bassit Ali el-Mikrahi, einen hochrangigen Agenten des libyschen Geheimdienstes, und Lamem Fuheimah, den ehemaligen Leiter des Büros der Libyan
Airlines in Malta, mit dem Koffer in Verbindung bringen,
der die Bombe enthielt.
Wie der Stellvertrende Sprecher des US-Außenministeriums, Richard Boucher, jedoch betonte, war der
Anschlag keine "Einzeloperation. Eine Operation dieser
Größenordnung, an der Personen aus der unmittelbaren Umgebung der libyschen Führung beteiligt waren,
konnte nur mit Genehmigung hochrangiger libyscher
Regierungsvertreter durchgeführt werden." Boucher
erklärte, die Vereinigten Staaten machten "die libysche Regierung für die Ermordung von 270 Menschen
verantwortlich".
Wie das Au ßenministerium in einem kürzlich veröffentlichten Bericht darlegt, hat Libyen seit der Machtübernahme von Moammar Gaddafi vor 20 Jahren kontinuierlich den internationalen Terrorismus unterstützt.
Bereits 1972 bot Gaddafi extremistischen Bewegun-

gen öffentlich seine Unterstützung an - einschließlich
der Provisional Irish Republican Army und der Black
Power-Bewegung in den Vereinigten Staaten - sowie
Unterstützung aller Gruppen im Nahen Osten, die zu
einem Angriff auf Israel bereit seien. Gaddafi entsandte 1973 Terroristen nach Italien, um ein isrealisches
Verkehrsflugzeug abzuschießen und befahl bereits
1975 die Ermordung im Ausland lebender libyscher
Dissidenten. Anfang der achtziger Jahre nahm die libysche Beteiligung an Terrorakten zu. Tripolis stellte
Pässe für Mitglieder der Abu Nidal Organisation aus,
die im Dezember 1985 einen Anschlag auf einen Flugschalter der israelischen Fluggesellschaft im Wiener
Flughafen verübt hatten. Darüber hinaus unterstützte
Libyen den Sprengstoffanschlag auf die Berliner Diskothek La Belle im April 1986, bei dem drei Menschen,
unter ihnen zwei amerikanische Soldaten, getötet
wurden.
Der Sprecher des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater,
stellte fest, die Vereinigten Staaten "erwägen jetzt
ernsthaft, welche Maßnahmen im Hinblick auf Libyen
zu ergreifen sind". Er fügte hinzu, Präsident Bush "wird
enge Konsultationen mit dem britischen Premierminister John Major und anderen Staats- und Regierungschefs führen, um gemeinsam eine kooperative internationale Reaktion auf diese terroristische Greueltat der
Regierung Gaddafi zu erarbeiten". "Obwohl nichts die
Menschen wieder zum Leben erwecken kann, die bei
dem Sprengstoffanschlag auf die Pan Am-Maschine
ihr Leben lassen mußten", betonte Fitzwater, haben
sich die Vereinigten Staaten verpflichtet, "alles in ihrer
Macht Stehende zu tun, damit Gerechtigkeit waltet und
solche Terrorakte in Zukunft verhindert werden".

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AMERIKA DIENST 47

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�DROGEN
27. November 1991

MARTINEZ FORDERT EUROPÄER AUF,
SICH DEM DROGENPROBLEM ZU STELLEN
Rede in Brüssel
BRÜSSEL - (AD) - Gouverneur Robert Martinez hat im Zuge seiner Bemühungen um verstärkte Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern beim Kampf gegen Drogen erklärt, es sei jetzt an der Zeit, "unser Bündnis
bei der Bekämpfung dieses internationalen Problems zu erweitern". Der Direktor des Amts für nationale
Drogenbekämpfungspolitik verwies in seiner Rede vor dem Rat für die Zusammenarbeit auf dem Gebiet des
Zollwesens (CCC) in Brüssel am 20. November 1991 auf eine Studie des Europaparlaments, derzufolge über
die Hälfte der in Europa verübten Verbrechen mit Drogen in Zusammenhang stehen. Dies sollte, so stellte er
fest, "Motivation genug sein, um Ihre Bemühungen fortzusetzen".
Die abnehmende Nachfrage in den Vereinigten Staaten habe die Drogenhändler bereits dazu veranlaßt, nach
neuen Märkten Ausschau zu halten - "neuen Märkten in Europa, Lateinamerika und Asien. Wie wir... beobachten
konnten, sind große Mengen an Drogen zu Billigpreisen das Rezept für eine Drogenepidemie", erklärte Martinez
in diesem Zusammenhang.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gouverneur Martinez im Wortlaut.
Seit meiner Bestätigung als Drogenbeauftragter Präsident Bushs habe ich eine Reihe von Auslandsreisen
durchgeführt. Meine früheren Reisen, insbesondere
nach Lateinamerika, dienten dazu, die Hilfe meines
Landes zur Eindämmung des Angebots an Drogen zu
erweitern - eines Angebots, von dem heute kein Land
verschont bleibt. Präsident Bush hat ein historisch
einmaliges Verhältnis mit Lateinamerika aufgebaut,
um dieses Ziel zu erreichen. Meine Reise nach
Europa, in deren Rahmen ich mit dieser angesehenen
Gruppe zusammentreffe, gilt jedoch einem anderen
Problemfeld, dem ich mich noch nicht gewidmet habe.
Heute spreche ich zu den Drogenverbraucherländern
als Vertreter des größten Verbraucherlands. Für uns
ist das Problem weniger das Angebot, obwohl Ihr
Gremium natürlich ein Interesse an der Eindämmung
des Angebots sämtlicher Drogen hat. Das Problem
besteht für die meisten unserer Länder darin, aus
unser aller Erfahrungen zu lernen, um unser schädliches Verlangen nach Drogen zu reduzieren.
Ich möchte jedoch ein noch tiefergehendes Problem
ansprechen - letzteres kann jedoch weder von dieser
Konferenz noch von der heutigen Generation politisch
Verantwortlicher gelöst werden. Ich muß dieses Problem aufgrund des besonderen historischen Verhältnisses zwischen unseren Ländern hier in Europa erörtern. Die hier vertretenen Staaten kämpfen nicht um
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eine demokratische Regierungsform - wir sind die
Staaten, in denen die Demokratie blüht und gedeiht.
Unsere Verfassungssysteme, die einst Experimente
waren, sind heute beispielhaft. Wir streben nicht nach
dem Ziel der demokratischen Regierung - wir setzen
den Standard. In Dschungeln und Wüsten überall auf
der Welt kämpfen Männer und Frauen heute für das,
was uns als selbstverständlich gilt. Die Menschen
Osteuropas haben Jahrzehnte gewartet, um einen
Geschmack von der für uns normalen Freiheit zu
bekommen.
Aus diesem Grund erhält meine Reise nach Europa
eine tiefere Bedeutung. Ich kann Ihnen erklären, was
wir Amerikaner aus harten Erfahrungen gelernt haben:
Drogenmißbrauch ist eine unmittelbare und besondere Bedrohung der demokratischen Regierungsform.
Er zerstört den Charakter unserer Bürger. Er führt zu
sozialer Entwurzelung. Er schädigt die Traditionen
des zivilisierten Umgangs miteinander und der Selbstkontrolle, die freien Gesellschaftssystemen Stabilität
verleihen. Er zerreißt Gemeinschaften und Familien.
Er bedeutet enorme Lasten für unser Gesundheitswesen.
So zerstörerisch Drogenmißbrauch für unsere Gesellschaften ist - der Drogenhandel ist eine noch größere
Bedrohung für Länder, die nach demokratischer Regierung streben. Der Drogenhandel bedeutet eine
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�direktere Bedrohung der aufstrebenden Demokratien
in der Welt. Ernte und Produktion von Rauschgift
zerstören viele Morgen fruchtbaren Landes. Drogendollar verzerren und untergraben ihre im Aufbau befindlichen Volkswirtschaften. Demokratien befinden
sich im Belagerungszustand. Die Waffen der Killer
fordern das Leben zahlreicher Richter, Politiker und
Führungskräfte. Und die politisch Verantwortlichen
jener Länder haben reagiert, da sie sich der Tatsache
bewußt wurden, daß die Freiheiten, für die sie so lange
gekämpft hatten, bedroht waren. Die amerikanischen
Beziehungen zu vielen Verbündeten in Drogenproduktionsländem haben sich von Ablehnung zu Zusammenarbeit gewandelt. Wo wir dereinst mit den Fingern
aufeinander zeigten, gehen wir heute Seite an Seite.
Wo wir einst kritisierten, verhandeln wir heute über die
Probleme, denen wir uns gemeinsam stellen müssen.
Wo wir einst zueinander sagten, es waren Ihre Bürger,
die das Drogenproblem geschaffen haben, erklären
wir heute, daß Drogen jedermanns Problem und wir
bereit sind, es gemeinsam zu lösen.
Bei meinem Aufenthalt in Europa, in dessen Rahmen
ich Gedanken zu Strafverfolgung sowie Angebotsreduzierung austauschen möchte, geht es also um mehr
als die Verfeinerung unsere Maßnahmen zur Drogenbekämpfung. Vor dem Hintergrund dieses politischen
Problems lautet die tief ergehende Frage, wie die Völker der Welt mit den Vorzügen der Freiheit umgehen
werden. Wir müssen uns fragen: wie werden wir
zusammenarbeiten - zur Reduzierung von Angebot
und Nachfrage illegaler Drogen -, um die Dauerhaftigkeit dieser Vorzüge sicherzustellen?
Diese Frage bildet den Kern meiner heutigen Botschaft: Drogenmißbrauch und -handel sind eine internationale Bedrohung, der wir uns gemeinsam stellen
müssen, weil das Drogenproblem auf vielfältige Art
und Weise unsere Demokratien gefährdet. Die Geißel
des Kokains, Heroins, Marihuanas und anderer Drogen hat sich von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von
Kontinent zu Kontinent ausgebreitet. Wir alle werden
uns immer stärker bewu ßt, da ß keine Gesellschaft von
dem Elend verschont bleibt, das mit Drogenherstellung und -mißbrauch einhergeht. Ich bin nicht nach
Europa gekommen, um Trübsinn zu verbreiten, künftiges Unheil oder verstärkten Drogenkonsum auf diesem Kontinent vorherzusagen - alle hier Versammelten wissen um diese Gefahren. Aber ich möchte den
CCC darüber informieren, welche Erfahrungen die
Vereinigten Staaten bei der Konfrontation mit dieser
Bedrohung sowie bei der Zusammenarbeit mit anderen Ländern zur Beseitigung des Drogenhandels
gewonnen haben.
Als Präsident Bush sein Amt antrat, waren Drogen in
den Vereinigten Staaten ein kritisches nationales und
internationales Problem. Drogenkonsum führte zu
Blutvergießen auf unseren Straßen, beraubte Mütter
ihrer Söhne und brach die Herzen vieler Familien.

Seite 2

Präsident Bush gelobte, dieser Bedrohung in den
Vereinigten Staaten und im Ausland den Garaus zu
machen.
Wir haben diese Versprechen mit einer umfassenden
Strategie untermauert, die im In- und Ausland Drogenhandel und -konsum auf breiter Front in Angriff nimmt.
Wenn sich die Vereinigten Staaten ausschließlich nur
auf ein Element des Drogenphänomens konzentrieren
würden, wären unsere Bemühungen zum Scheitern
verurteilt. Wie alle Demokratien dies tun sollten,
begannen wir unseren Kampf gegen dieses Problem
im Inland beim einzelnen Bürger. Unsere innenpolitische Strategie ist sowohl weitreichend als auch bemerkenswert einfach - Reduzierung des Drogenkonsums durch Strafverfolgung, Überzeugungsarbeit und
Therapie. Strafverfolgung, Aufklärung und Therapie
stehen in keinem Spannungsverhältnis zueinander,
sie sind einander ergänzende Kräfte, die die Nachfrage nach Drogen reduzieren.
Wir haben uns in den Vereinigten Staaten dem zerstörerischen Verlangen nach Drogen gestellt. Um unsere
Verpflichtung zur Verringerung der Nachfrage nach
Drogen in den Vereinigten Staaten zu erfüllen, haben
wir die Verantwortung - und die Folgen - dem einzelnen
Konsumenten auferlegt. Wenn die Konsumenten die
Botschaft der Vernunft nicht beherzigen, dann müssen
sie um die Folgen wissen. Das Konzept der Rechenschaftspflicht des Konsumenten ist meines Erachtens
im Wesensgehalt einer freien Gesellschaft verankert daß der einzelne Entscheidungsfreiheit haben muß
und für die von ihm getroffene Entscheidung verantwortlich ist.
Wir konzentrieren so viel Aufmerksamkeit auf den
Gelegenheitskonsumenten, weil unserer Ansicht nach
der Gelegenheitskonsument der wichtigste Verbreiter
der Drogenabhängigkeit ist. Gelegenheitskonsumenten sind eine wandelnde Werbung für Drogenmißbrauch, weil sie die Illusion verbreiten, daß sie ihr
Leben unbeeinträchtigt von den schädlichen Folgeerscheinungen des Drogenkonsums weiterführen können. Der Gelegenheitskonsument sichert den Drogenhändlern das Geschäft und erhält den Fluß von
Drogen, Chemikalien und schmutzigem Geld aufrecht,
der sich durch Flughäfen, Bahnhöfe und Depots ergießt. Es sind diese Personen, nicht die mittellosen
Abhängigen auf der Straße, die andere davon überzeugen, daß Drogenkonsum niemandem schadet.
Wir haben die Einführung kreativer Sanktionen befürwortet, um jenen kritischen Augenblick der ersten Entscheidung zu verhindern - der Entscheidung, ob man
Drogen von einem Freund oder Bekannten annimmt
oder nicht. Dazu gehören der Entzug des Führerscheins, Verlust des Arbeitsplatzes sowie Entzug des
Anrechts auf eine Sozialwohnung, um nur einige zu
nennen.

AMERIKA DIENST 47

�Unsere Botschaft an die wichtigsten Gesetzesbrecher
- die Drogenbosse und die Händler auf unseren Straßen - war ebenso direkt: hartes gesetzliches Durchgreifen reduziert Drogenverbrechen, verringert das
Angebot und stört den Markt für Drogen.
Ich bin mir bewußt, daß solche Strenge von einigen als
unnötig repressiv betrachtet wird. Man sollte jedoch
solche Schlußfolgerungen vermeiden, bevor man sich
nicht mit den schrecklichen Folgen des Drogenmißbrauchs beschäftigt hat - Säuglinge, deren kleine
Körper von Drogen entstellt sind, die ineinander verkeilten Waggons eines verunglückten Zugs, der von
einem drogenabhängigen Zugführer gesteuert wurde,
vielversprechende Sportler, die jung sterben - wir
haben gesehen, wie der Konsum von Kokain in den
Vereinigten Staaten zu viele Tragödien dieser Art
verursacht hat.
Wir haben darüber hinaus ein Programm zur Unterbindung des Nachschubs entwickelt, das die Drogenhändler in der Luft, zu Wasser und zu Lande unter
Druck setzen soll. Die Vereinigten Staaten haben der
Versuchung widerstanden, ihre Grenzen abzuriegeln,
da dies weder machbar ist noch im Einklang mit
unserem Erbe als Nation von Einwanderern oder unserer
Verfassungstradition steht. Wenn wir jedoch unsere
Bestrebungen zur Unterbindung des Drogennachschubs
aufgeben würden, hieße dies, wir würden unserer
Verantwortung nicht gerecht, unsere Bürger vor der
ernsthaften Drogengefahr zu schützen.
Der CCC hat die lebenswichtige Aufgabe übernommen, nicht nur Ihre Bürger sondern alle Menschen auf
der Welt zu schützen. Durch Informations- und Gedankenaustausch sowie Koordinierung der Aktivitäten
der Zollfahndung machen Sie all unsere Gesellschaften sicherer. Ich freue mich, daß der CCC die Verabschiedung eines dem "Carrier lnitiative"-Programm
der Vereinigten Staaten entsprechenden Programms
befürwortet hat. Durch die "Carrier Initiative" hat die
amerikanische Zollfahndung enge Arbeitsbeziehungen mit privaten See- und Lufttransportgesellschaften
entwickelt, um den Drogenfluß zu verringern. Bis
heute haben über 1.800 Luft- und Seetransportgesellschaften die Sicherheit an ihren Terminals und an Bord
ihrer Flugzeuge und Schiffe verbessert und arbeiten
mit der amerikanischen Zollfahndung zusammen, um
vermutete Schmuggelversuche auszumachen und
bekanntzugeben. Wir beglückwünschen den CCC für
seine Folgeaktionen zum beim Londoner Wirtschaftsgipfel 1991 verabschiedeten "Carrier Initiative"-Abkommen. Die Tatsache, daß der Privatsektor die
Verantwortung zur eigenständigen Kontrolle übernimmt,
bevor er von den Strafverfolgungsbehörden dazu
angehalten wird, ist eine entscheidende Entwicklung
bei der Drogenbekämpfung.
Neben dem durch unsere aggressive Strafverfolgungskampagne geschaffenen Schutz haben wir eine Aufklärungsoffensive in die Wege geleitet. Programme
AMERIKA DIENST 47

zur Aufklärung und Schärfung des Bewußtseins sind
auf Arme und Reiche, Kinder und Erwachsene, auf die
Vorstädte und Innenstädte ausgedehnt worden. Wir
tragen die Verantwortung, unsere Kinder die harten
Lektionen des Drogenmißbrauchs in den Klassenzimmern zu lehren bevor sie sie in den Hinterhöfen oder
auf einer Polizeiwache lernen. Wenn es unseren
Lehrern, Rektoren und Eltern nicht gelingt, gemeinsam ein drogenfreies Umfeld zu schaffen, dann werden wir zweifelsohne unseren Kindern nicht gerecht.
Glücklicherweise haben heute praktisch alle Schulbezirke in den Vereinigten Staaten Drogen- und Alkoholpräventionsprogramme eingeführt, um im Kindergarten, in Grund- und weiterführenden Schulen die Gefahren von Crack, Kokain und anderen Drogen zu
vermitteln.
Wir wissen auch, daß die große Mehrheit der amerikanischen Drogenkonsumenten erwerbstätig ist. Aus
diesem Grund haben sich Großunternehmen und kleine Firmen dem Kampf gegen Drogen angeschlossen
und führen Drogenbekämpfungsmaßnahmen durch,
um die Beschäftigten vom Drogenkonsum abzuhalten.
Darüber hinaus werden Unterstützungs- und Beratungsprogramme für diejenigen eingeführt, die drogenabhängig sind. Ähnliche Progamme und Maßnahmen sind gesetzlich für alle Arbeitsplätze im Staatsdienst vorgeschrieben.
Seit dem Höhepunkt der Drogenepidemie in den Vereinigten Staaten hat unsere umfassende Strategie
drastische Fortschritte an der Heimatfront erzielt. Die
Drogenhändler sehen, daß wir es ernst meinen. Während
die Zahl der Straftaten 1990 insgesamt praktisch
unverändert blieb, gibt es Anzeichen, daß drogenbezogene Straftaten in unseren größeren Städten ihren
Höhepunkt erreicht haben. In den Vereinigten Staaten
ist weniger Kokain verfügbar. Und wir intensivieren
unseren Kampf gegen die Drogenhändler. Im vergangen Jahr haben die Bundesbehörden allein über 100
Tonnen an Kokain beschlagnahmt.
Diese umfassende Strategie zeitigt Erfolge. Die Hälfte
der Drogenkonsumenten in den Vereinigten Staaten
enthält sich bereits der Drogen und erhält Hilfe. Zwischen 1985 und 1990 fiel der Drogenkonsum der
Amerikaner um 44 Prozent - über 10 Millionen ehemalige Drogenabhängige nehmen keine Drogen mehr. In
nur zwei Jahren, von 1988 bis 1990, verringerte sich
der gelegentliche Kokainkonsum um 29 Prozent,
während der häufige Gebrauch um 23 Prozent abnahm.
Es gibt noch ermutigendere Anzeichen, daß die amerikanischen Jugendlichen die Drogenbotschaft erhalten. Umfragen belegen, daß unter High-School-Absolventen und Erstsemestern die Abneigung größer ist
als je zuvor. In zahlreichen Schulen treten landesweit
amerikanische Kinder drogenfreien Jugendgruppen
bei, die Reisen, Clubs und Sportereignisse organisieren, bei denen die einzige Auflage für die Teilnahme in

Seite 3

�dem Versprechen besteht, keine Drogen zu nehmen.
Dies alles ergibt folgende Tatsache: der Drogenkonsum in den Vereinigten Staaten nimmt ab.
In den Vereinigten Staaten freuen wir uns über diese
Fortschritte, aber wir müssen wachsam bleiben und
weiterhin das Ausmaß und die Entwicklung unseres
Drogenkonsums sowie die Konsequenzen des Drogenmißbrauchs beobachten. Die Erstellung von Daten über die Tendenzen des Drogenkonsums in meinem Land gibt uns die erforderlichen Richtlinien an die
Hand, um kostengünstige Maßnahmen zur Unterbindung des Nachschubs an den Grenzen sowie kreative
Therapie- und Präventionsprogramme in die Wege zu
leiten, um der Drogengefahr zu begegnen. Ohne
solche Informationen werden nationale Mittel und die
Fähigkeit zur Motivierung unserer Bürger vergeudet,
sich mit dem Drogenproblem auseinanderzusetzen.
Unsere umfassende Strategie macht auch auf internationaler Ebene Fortschritte. Während wir uns der
Realität des Nachfrageproblems stellen, haben die
Kokain produzierenden Länder Lateinamerikas mit
amerikanischer Unterstützung begonnen, ihr Angebotsproblem in den Griff zu bekommen. Alte Mißverständnisse haben den Weg zu neuer Zusammenarbeit
und einer starken und zunehmenden Entschlossenheit bereitet, gemeinsam die Drogenhändler zu bekämpfen. Die aggressiven Aktionen der lateinamerikanischen Regierungen geben vielen Drogenhändlern
Anlaß zur Sorge. Zahlreiche internationale Drogenhändler sitzen in Mexiko, Kolumbien, Bolivien und
anderen Teilen der Welt im Gefängnis und warten auf
ihren Prozeß. Chemikalien, Waffen, Flugzeuge, Geld
und andere Instrumente des Drogenhandels wurden in
Rekordmenge beschlagnahmt oder zerstört.
Viele dieser Länder haben Schritte unternommen, den
Anbau von Koka, Marihuana und Mohn einzustellen.
Drogenbeschlagnahmungen sind in Lateinamerika auf
dem Vormarsch. 1987 wurden weniger als 60 Tonnen
Kokain beschlagnahmt, 1990 wurden über 160 Tonnen konfisziert und in diesem Jahr wurde die Gesamtmenge des vergangenen Jahres bereits überschritten.
Überall sind Drogenbeschlagnahmungen auf dem
Vormarsch. Im vergangenen Jahr hat die Drogenfahndung der hier vertretenen Länder 477 Tonnen illegaler
Drogen konfisziert. Weltweit haben aggressive Zollmaßnahmen den Drogenhändlern aller Nationen einen schweren Schlag zugefügt.
Die Drogenbarone von Kolumbien, Bolivien und Peru
- und allmählich weltweit - haben sich als das entpuppt,
was sie wirklich sind: Kriminelle der untersten Kategorie. Sie haben allzu deutlich gezeigt, daß sie auf jede
Taktik zurückgreifen werden, egal wie gewalttätig, mit
jedem Verbündeten kollaborieren werden, egal wie
gemein, und Demokratien unterminieren werden, egal
zu welchem Preis für die guten Menschen in ihren
Ländern. Ich bin mir bewußt, daß den meisten Ihrer
Länder die Gefahr und soziale Unruhe erspart geblie-

Seite 4

ben ist, mit denen sich die Vereinigten Staaten und ihre
Partner in den Andenstaaten konfrontiert sahen, und
viele weltweit das Drogenproblem noch immer als
"amerikanisches" Problem ansehen. Aber die Drogenbanden Ostasiens, die Heroinhändler der Balkanroute
oder die Haschischverkäufer des Nahen Ostens sind
nicht weniger gravierend, nur weil sie nicht ebenso
häufig auf Gewalt zurückgreifen. Im Stillen untergraben sie das Wohlergehen von Familien, Städten, Institutionen und Nationen mit den illegalen Drogen, die sie
liefern.
Die relative Ruhe dieses Kontinenets sollte einen nicht
zu der Annahme verleiten, die Gefahr habe sich abgeschwächt oder unsere Aufgabe sei erledigt. Die jüngste Studie des Europäischen Parlaments, die belegt,
daß über die Hälfte der in Europa begangenen Straftaten drogenbezogen ist, sollte Motivation genug sein,
um Ihre Bemühungen fortzusetzen. Wir sehen bereits
Anzeichen, daß die verringerte Drogennachfrage in
den Vereinigten Staaten die Drogenhändler auf die
Suche nach neuen Märkten schickt - neuen Märkten in
Europa, Lateinamerika und Asien. Wie wir in Ländern
wie Pakistan beobachten konnten - in denen es den
Statistiken zufolge eine halbe Million neuer Heroinsüchtiger pro Jahr gibt - sind gro ße Mengen an Drogen
zu Billigpreisen das Rezept für eine Drogenepidemie.
Während die Welt ungeduldig die Entstehung des
Europäischen Binnenmarkts erwartet, sollten die europäischen Grenzen nicht Hochsaison für Drogenhändler beim Verkauf ihrer illegalen Ware signalisieren.
Wie wir in den Vereinigten Staaten sehen konnten,
schafft ein überwältigendes Drogenangebot soziale
Probleme, deren Behebung riesige Ressourcen und
viele Jahre benötigt.
Dies ist der Grund, warum multilaterale Organisationen wie der CCC so wichtig sind. Aber Kooperation
muß mehr sein, als der Austausch von Informationen,
Ideen und Ressourcen. Kooperation erfordert das
Ausräumen von Mißtrauen und Rivalität sowie bessere Koordination zwischen den Zoll- und anderen Polizei- und Strafverfolgungsbehörden, weil wir alle einen
gemeinsamen Feind haben. Alle Drogenhändler müssen
wissen, daß sie sich mit einer geschlossenen, effektiven und entschlossenen Front konfrontiert sehen.
Händlerringe werden nicht durch willkürliche, unkoordinierte Durchsuchungen auf Flugplätzen oder Häfen
zerschlagen. Aber mit enger Zusammenarbeit und
dem Austausch von Informationen können Sie etwas
bewirken. Wir düfen es internationalen Kriminellen
schlicht und einfach nicht gestatten, frei zu agieren,
während die gesetzestreuen Nationen der Welt daneben stehen und nichts tun.
Während sich die Drogenhändler weltweit auf der
Flucht befinden, haben wir die historische Chance,
dem Drogenhandel ein für allemal das Geschäft zu
versalzen. Es ist jetzt an der Zeit für Ihre Länder, Ihre
Anstrengungen zu verdoppeln, um sicherzustellen,
daß die sozialen Zerstörungen von Drogenmißbrauch
AMERIKA DIENST 47

�und -abhängigkeit nicht das Gefüge Ihrer Länder zunichte
machen. Es ist jetzt Zeit, weiter sowohl auf den
hiesigen als auch auf den von Ihnen zusammen mit
unseren Freunden in Lateinamerika und Asien in die
Wege geleiteten Strafverfolgungs-, Therapieprogrammen und Unterstützungsmaßnahmen aufzubauen. Es
ist jetzt an der Zeit, unser Bündnis bei der Bekämpfung
dieses internationalen Problems zu erweitern. Wir
müssen die Zusammenarbeit in allen Bereichen ausdehnen - nicht nur bei der Zollfahndung oder den
Strafverfolgungsbehörden - so gut sie auch sein mögen.
Wir brauchen einen besseren Austausch von Erfahrung und Know-how bei Präventions- und Therapieprogrammen sowie bei Programmen zur Aufklärung
und Schärfung des Bewußtseins.

*

AMERIKA DIENST 47

*

Mit dem Ende des Eisernen Vorhangs und dem Zerfall
alter Regime ist eine neue Ära in Europa angebrochen.
Diese Ära darf nicht von den sich zusammenziehenden Wolken des Drogenmißbrauchs und der Verzweiflung verdunkelt werden. Jeder gefaßte und bestrafte
Drogenhändler, jedes Kind, das die Gefahren des
Drogenkonsums begreift, jeder Abhängige, der"clean°
und nüchtern wieder in die Gesellschaft eingegliedert
werden kann, wird die Zukunft Ihrer Länder erhellen.
Lassen Sie uns enger zusammenarbeiten, um bessere Drogenbekämpfungsprogramme sowie freie und
dauerhafte Institutionen aufzubauen, damit sich unsere Freunde in Lateinamerika, Südwest- und Südostasien und anderen drogenproduzierenden Ländern mit
uns ungeschmälert durch die Tyrannei der Drogen des
hellen Lichts der Demokratie erfreuen können.
*

*

Seite 5

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                <text>Amerikadienst 27.11.1991</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Zusätzliche Informationen zum Bombenanschlag von Lockerbie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Libyen weiterhin für Terrorakte verantwortlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Broschüre des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Iraner und PFLP-GC: die Ersten Verdächtigen nach dem Sprengstoffanschlag von Lockerbie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Libyscher Terrorismus und Pan Am-Flug 103&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Kommentar der Stimme Amerikas&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Martinez fordert Europäer auf, sich dem Drogenproblem zu stellen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede in Brüssel&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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4. Dezember 1991

US-AUSSENPOLITIK

VEREINIGTE STAATEN MÜSSEN SICH NEUER
WELTLAGE ANPASSEN
Rede des Stellvertretenden
Außenministers Eagleburger

EUROPA

HERAUSFORDERUNGEN FÜR EUROPA NACH
DEM UMBRUCH
Rede von Botschafter Dobbins

KONGRESS

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken
Bildungsfonds

UMWELTSCHUTZ

WACHSENDES UMWELTBEWUSSTSEIN DER
AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFT
von Jay Stuller

AMERIKA HEUTE

ÜBER MORGEN NACHDENKEN
von Paul Sweeney

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�US-AUSSENPOLITIK
4. Dezember 1991

VEREINIGTE STAATEN MÜSSEN SICH NEUER
WELTLAGE ANPASSEN
Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger
WASHINGTON - (AD) - Dem Stellvertretenden US-Außenminister Lawrence Eagleburger zufolge müssen sich
die Vereinigten Staaten heute an "eine andere und zutiefst herausfordernde Welt" anpassen. In einer Rede bei
der Elliott School of International Affairs der George Washington University erklärte Eagleburger am 21.
November 1991 in der amerikanischen Hauptstadt, die Unterscheidung zwischen Außen- und Innenpolitik sei
"zunehmend künstlich". Es sei wichtig, das amerikanische Volk auf die Integration in eine hochkomplizierte und
von scharfem Wettbewerb gekennzeichnete Weltwirtschaft vorzubereiten. Dies, so stellte er fest, "ist heute
unsere wichtigste außenpolitische Herausforderung".
Nachfolgend veröffentlichen wir Eagleburgers Rede im Wortlaut.
Jahrestage sind für gewöhnlich ein Anlaß, um Rückschau zu halten, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und zu feiern. Genau dies tun wir am heutigen
Abend, indem wir nicht nur die Gründung der Elliott
School of International Relations vor 25 Jahren würdigen sondern auch die Beiträge der George Washington University zu internationalen Studien in diesem
Land seit dem Zeitpunkt, als die Vereinigten Staaten
am Ende des vergangenen Jahrhunderts das erste
Mal zur Weltmacht aufstiegen.
Zufällig stehen wir gleichzeitig am Vorabend einiger
wichtiger Jahrestage in der amerikanischen Geschichte, von denen jeder für uns ein Grund ist, eine Bestandsaufnahme dessen vorzunehmen, woher wir kommen und wohin wir in einer Zeit revolutionärer Veränderungen in der ganzen Welt gehen.
In wenigen Monaten würdigen wir den 500. Jahrestag
der Ankunft von Kolumbus in Amerika und die Geburt
einer neuen Welt in dieser Hemisphäre.
In wenigen Wochen begehen wir den 50. Jahrestag
des Angriffs auf Pearl Harbor und der Übernahme
weltweiter Pflichten sowie des Aufstiegs der Vereinigten Staaten zur Supermacht.
Und morgen gedenken wir jenes Freitags im November vor etwas über einem Vierteljahrhundert, als ein
Attentäter der Psyche dieser Nation - die bis zu jenem
Zeitpunkt im Kampf des kalten Kriegs um die Vorherrschaft in der Welt enthusiastisch jeden Preis bezahlte
und jede Last ertrug - einen schweren Schlag versetzte.
AMERIKA DIENST 48

Das Bemerkenswerte beim Verlauf der Zeit besteht
darin, daß er unsere Sichtweise zu Ereignissen verändern kann, deren Bedeutung ehemals felsenfest zu
sein schien. So sprechen wir zum Beispiel nicht mehr
von der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, als ob
jene, die vor ihm an diese Gestade kamen und seit
Jahrtausenden hier lebten, vor seiner Ankunft nicht
existiert hätten.
Heute sind wir uns auch des Leids bewußt, das die
Ankunft der Europäer sowohl für die Ureinwohner
Amerikas als auch für die Afro-Amerikaner bedeutete,
die in Ketten hierher kamen. Und mit dem Näherrükken des 7. Dezember beginnen wir erneut darüber
nachzudenken, welch hohen Preis wir bezahlt und
welche Lasten wir während des Großteils eines halben
Jahrhunderts getragen haben, um nicht nur für uns
selbst den Frieden zu sichern und die Freiheit zu
verteidigen sondern auch für einen Großteil der Welt.
Aber trotz alledem ist unbestreitbar, daß die Eroberung der neuen Welt durch die alte der Menschheit ihre
atemberaubendste Chance verschaffte, um den Fesseln der althergebrachten Sitten, Gebräuche und
Überzeugungen zu entkommen und sich selbst neu zu
definieren. Es ist unleugbar, daß zumindest in diesem
Land unsere Vorväter diese Chance nicht vergeudeten
sondern statt dessen freie politische Institutionen
schufen, die weiterhin dazu beitragen, den amerikanischen Traum heute ebenso zur Realität zu machen wie
zur Zeit der ersten Einwanderer. Es ist ebenfalls
unbestreitbar, daß wir die Freiheit während des ge-

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�samten gefahrvollsten Jahrhunderts der Geschichte
geschützt haben, indem wir vor 50 Jahren die Führungsrolle in der Welt übernahmen.
Es kann für das, was wir als Gemeinwesen und Weltmacht erreicht haben, kein beredteres Zeugnis geben
als die Tatsache, daß unsere ideologischen Gegner
gescheitert sind und die Welt nahezu einmütig hinter
unseren politischen Idealen steht. Gleichwohl hat
unser Erfolg im kalten Krieg die Frage aufgeworfen,
was wir im außenpolitischen Bereich als nächstes tun
sollten. Es steht außer Frage, daß wir die alte Politik
im Licht der neuen und sich verändernden Umstände
überprüfen sollten. In einer Demokratie ist die kritische
Untersuchung dieser Art eine Notwendigkeit. In einem
Wahljahr kann sie auch eine Katastrophe sein. Den
Vereinigten Staaten ist jedoch die Tatsache eigen, daß
jede Generation nicht nur über die Vorzüge dieser oder
jener Politik diskutiert sondern über den existentiellen
Zweck der amerikanischen Außenpolitik selbst. Eine
solche Debatte wäre in den meisten anderen Ländern
undenkbar, in denen die Außenpolitik nationalen Interessen dienen soll, die als zeitlos und unveränderlich
angesehen werden.
In den Vereinigten Staaten neigen wir jedoch seit jeher
zu der Annahme, daß unsere Außenpolitik einem
moralischen Zweck dienen muß, und wir haben eine
sehr düstere Ansicht zu dem vertreten, was wir als den
unmoralischen Kampf um egoistische Vorteile betrachteten, derdie Beziehungen zwischen souveränen
Staaten seit Menschengedenken kennzeichnete.
Bisweilen waren wir versucht, diese verderbte Welt
nach unserem Ebenbild neu zu erschaffen, und manchmal wurden wir gezwungen zu intervenieren, um einen
internationalen Drachen zu töten. Historisch gesehen
bestand unsere Position jedoch darin, uns von der
gefallenen Welt jenseits unserer Gestade so weit wie
möglich fernzuhalten.
Diese Politik des Ausweichens vor den Rivalitäten
zwischen den großen Mächten wurde von einigen
unserer brilliantesten Denker und prominentesten
Persönlichkeiten der frühen Republik als Klugheit
empfohlen. Als es uns jedoch nicht länger möglich
war, Sicherheit in der Isolation zu finden, erachteten
wir es für notwendig, unser Engagement nicht im Sinne
des nationalen Interesses sondern auf der Grundlage
eines moralischen Kreuzzuges zu rechtfertigen, eines
Kreuzzuges, um die Welt im Ersten Weltkrieg sicherer
für die Demokratie zu machen, eines Kreuzzuges
gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg und
eines Kreuzzuges gegen den Kommunismus und
sowjetischen Expansionismus im kalten Krieg.
Aber auch Kreuzzüge nehmen ihren Lauf, und wir
finden uns dann nach Beendigung des Kreuzzuges
ohne eine au ßenpolitische Grundlage wieder. Daraus

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resultierten unsere Rückkehr zum Isolationismus nach
dem Ersten Weltkrieg und die überhastete Demobilisierung unserer Streitkräfte nach der Niederlage der
Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg.
Es könnte durchaus dazu kommen, daß wir uns in den
letzten Jahren dieses Jahrhunderts an der Schwelle
einer Periode befinden, in der ebenfalls keine klaren
Ziele vorhanden sind. Der moralische Kreuzzug gegen den Kommunismus ist vorbei. Nach dem Ende
des kalten Kriegs suchen wir eine neue Grundlage, um
unseren Standort und unser Ziel in der Welt zu bestimmen. Und selbst der missionarische Impuls scheint in
einer Welt, die einer raschen Übernahme unseres
ModeRs und unserer Ideale immer näher kommt, überholt
zu sein.
Vor mehreren Jahren spürte ich bereits, daß diese
existentielle Debatte auf uns zukommen würde, und
ich hielt aus diesem Anlaß eine Rede, in der ich vor der
Gefahr der Selbstzufriedenheit warnte, vor der Gefahr,
daß wir der Versuchung erliegen könnten, das Spiel für
beendet und gewonnen zu erklären und das Spielfeld
zu verlassen. Mein Argument lautete damals, daß wir
von der relativ stabilen aber historisch ungewöhnlichen bipolaren Struktur des kalten Kriegs in eine Ära
eintreten würden, in der Macht und Einfluß unter einer
Vielzahl von Staaten verteilt sind. Dies müsse sich der
Natur der Sache nach als instabile Lage erweisen,
argumentierte ich und fuhr fort, daß auch in den
folgenden Jahren eine weltweite Führungsrolle der
Vereinigten Staaten zur Vermeidung des Chaos erforderlich sein würde. Ich wurde deshalb als Nostalgiker
des kalten Kriegs beschuldigt.
Rückblickend machte ich mich meines Erachtens jedoch ehereines Understatements schuldig. Einerseits
ist heute dank Saddam Hussein, der Ereignisse in
Jugoslawien und andernorts klar, daß die Welt nach
dem kalten Krieg instabiler ist als ich vorhergesehen
hatte und für den internationalen Frieden und die
amerikanischen Interessen echte Gefahren birgt.
Andererseits habe ich nicht vorhergesehen, in welchem Maß die Debatte über Außenpolitik nicht nur von
Selbstgefälligkeit sondern auch von den Auswirkungen der schlechten Wirtschaftslage bestimmt werden
würde.
Trotzdem diskutieren wir heute über den Standort der
Vereinigten Staaten in der Welt nach dem kalten Krieg
zu einer Zeit innenpolitischer Schwierigkeiten und am
Vorabend einer Präsidentschaftswahl. Dies sind sicherlich keine idealen Bedingungen. Die Debatte läuft
Gefahr, ausschließlich von wirtschaftlichen Erwägungen bestimmt zu werden. Darüber hinaus läuft sie
Gefahr, von kurzfristigem politischem Kaikühl beherrscht
zu werden. Demagogie im Hinblick auf Auslandshilfe
und Außenpolitik hat bereits ihr häßliches Gesicht

AMERIKA DIENST 48

�gezeigt. Aber in der Demokratie ist alles erlaubt, und
die Verfechter einer verantwortungsbewußten Außenpolitik für die vor uns liegende instabile Phase werden
Mut beweisen und ihre Argumente dem amerikanischen Volk überzeugend präsentieren müssen.
Was mich angeht, so werde ich nicht einen Augenblick
lang die Tatsache in Frage stellen, daß wir ernste
Probleme im Inland haben, die unsere Ressourcen
und unsere Aufmerksamkeit erfordern. Ich habe keine
Zweifel an der Notwendigkeit sicherzustellen, daß die
Auslandshilfe konkreten amerikanischen Interessen
dient und für diese Hilfe im Licht der veränderten
internationalen Bedingungen neue Prioritäten festzulegen.
Im Gesamthaushalt ist die Auslandshilfe jedoch nur ein
verschwindend geringer Teil, und die Politiker wissen
dies. Die unlängst im Kongreß geäußerte Behauptung, wir könnten unsere innenpolitischen Probleme
lösen, indem wir die Auslandshilfe streichen, ist ein
Trugbild und meines Erachtens ein Beispiel für Demagogik der übelsten Sorte.

Trotz der Gefahr einer zu starken Vereinfachung bin
ich der Auffassung, daß es drei Kriterien der Ära nach
dem kalten Krieg gibt, die die von den Vereinigten
Staaten vertretene Außenpolitik und internationale
Rolle bestimmen sollten. Erstens, die Tatsache einer
zerfallenden und instabilen Weltordnung. Zweitens,
der relative Niedergang der amerikanischen Macht
oder zumindest der Fähigkeit, unseren Weg im Alleingang zu gehen. Und drittens, die Tatsache einer
integrierenden Weltwirtschaft.
Die Realität einer zerfallenden Weltordnung hängt
zunächst mit der Tatsache zusammen, daß die Welt
nicht länger dem Regime von zwei Blocksystemen
unterliegt, die während des gesamten kalten Kriegs
existierten. Noch vor wenigen Jahren wäre Saddam
Hussein beispielsweise durch seinen Herrn und Meister entmutigt und es wäre ihm verboten worden,
einseitige Schritte zu unternehmen, die das Risiko
einer umfassenderen Konfrontation bergen. Diese
Beschränkung besteht nicht mehr. Und auch das
Band, das den Westen zusammenhielt - die Angst vor
der Sowjetunion - existiert nicht mehr.

Andererseits habe ich überhaupt keine Probleme mit
der Behauptung, die Vereinigten Staaten sollten nicht
mehr dieselben finanziellen, politischen und militärischen Lasten der weltweiten Führungsrolle tragen wie
während des kalten Kriegs. Tatsache ist doch, daß wir
Verbündete in Westeuropa und Asien haben, die
beginnen müssen, Verantwortung für die weltweite
Stabilität zu übernehmen, die mit ihrem erheblichen
Wohlstand in Einklang steht.

Die zerfallende Weltordnung spiegelt sich auch in dem
Verlust der Kontrolle einer wachsenden Zahl souveräner Staaten über ihre inneren Angelegenheiten wider.
Dieser Niedergang der Autorität der Zentralmacht, den
wir in Jugoslawien, der Sowjetunion und allen Entwicklungsländern beobachten, ergibt sich aus einer Reihe
von Faktoren wie etwa der Schuldenkrise, der Bevölkerungsexplosion und dem allgemeinen Scheitern der
Kommandowirtschaften sowie der repressiven Regime, mit einer internationalen freien Marktwirtschaft
Ich darf Ihnen versichern, daß ich bei all der Zeit, die ich
Schritt zu halten. Zunehmend resultiert er auch aus
damit verbringe, die Amerikaner dazu zu ermahnen,
der Unfähigkeit unterschiedlicher ethnischer Gruppen,
weiterhin zu tun, was wir in der Welt tun müssen,
Seite an Seite, geschweige denn, unter einem Dach zu
mindestens ebensoviel Zeit darauf verwende, andere
leben.
Länder dazu aufzurufen, mehr zu tun als sie derzeit
leisten. Kurzum, es muß eine neue Verteilung von
Mit anderen Worten, der Status quo befindet sich
Rollen und Pflichten unter den führenden demokrati- weltweit im Belagerungszustand, wir müssen uns jedoch
schen Mächten geben.
vor Augen führen, daß er sich zum ersten Mal im
Atomzeitalter im Belagerungszustand befindet. Wie
Ich möchte jedoch auf die aufflammende Debatte im
sicher ist eine Welt, in der die Sowjetunion mit TausenInland über unsere angemessen Rolle in der Welt
den von Nuklearwaffen in Anarchie oder Bürgerkrieg
zurückkommen. Wir sind gefährlich nahe daran, diese
verfallen könnte? Wie sicher ist eine Welt, in der selbst
Debatte ausschließlich an Ressourcen oder vielmehr
kleine Nationen den Wettlauf mit ihren Nachbarn ander Besorgnis über Ressourcen festzumachen. Und
treten, um Nuklearwaffenfähigkeiten zu erwerben?
dann liegt es nahe, unsere Schlußfolgerungen von der
Wie sicher ist eine Welt, in der Saddam Hussein
Frage der Ressourcen diktieren zu lassen. Meines
Massenvernichtungswaffen anhäufen kann? OffenErachten hieße dies, den Karren vor das Pferd zu
kundig überhaupt nicht.
spannen.
Als erstes sollten wir die Herausforderungen definieren. Was für eine Welt liegt jetzt vor uns? Was sind
unsere nationalen Interessen? Wie lauten die Bedrohungen dieser Interessen? Und was für eine Welt
wollen wir für unsere Kinder? Nur nach Beantwortung
dieser Fragen können wir die Themen Strategie,
Maßnahmen und Ressourcen angehen.

AMERIKA DIENST 48

Das heißt, ein Versuch der Vereinigten Staaten, Sicherheit im Rückzug oder in der Isolation zu finden, ist
heute ebensowenig gültig wie zu dem Zeitpunkt als sie
zum ersten Mal durch sowjetische Interkontinentalrakten angreifbar wurden. Die Quintessenz ist, daß wir
von einer stabilen internationalen Ordnung abhängen
und unseren Beitrag zur Gestaltung einer solchen

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�Ordnung leisten müssen. Es ist gleichfalls eine Tatsache, daß wir im Hinblick auf Arbeitsplätze, Kapital,
Technologie und Know-how von der Weltwirtschaft
abhängen und unseren Teil zur Gewährleistung eines
offenen und stabilen internationalen Handelssystems
beitragen müssen.
Kurzum: Leben und Arbeitsplätze in den Vereinigten
Staaten, unsere Sicherheit und unser Wohlstand hängen
in höherem Maße als je zuvor seit wir eine unabhängige Nation wurden vom Ausland ab. Die Unterscheidung zwischen Innen-und Außenpolitik wird zunehmend künstlich, und wir werden teuer für eine billige
Außenpolitik bezahlen müssen. Wir werden auch
teuer bezahlen müssen, wenn wir in einem multipolaren Zeitalter zu leicht den Gedanken akzeptieren, daß
einzelne Nationen ungeachtet des Gemeinwohls ihren
eigenen Weg gehen. Angesichts der Tatsache, daß
wir nach wie vor der einzige Kandidat für eine internationale Führungsrolle sind, wird unsere Reaktion auf
diese beiden Sirenengesänge entscheidend dazu
beitragen, ob der kalte Krieg einer neuen Weltordnung
oder Instabilität internationalen Ausmaßes den Weg
bereitet.
Meines Erachtens benötigen wir als erstes eine Außenpolitik, die auf den offenkundigen Leistungen der
US-Diplomatie während des kalten Kriegs aufbaut den institutionalisierten Mustern der Zusammenarbeit
zwischen den westlichen Demokratien. Die in Institutionen wie NATO, OECD und GATT verkörperte Zusammenarbeit erwuchs aus der Erkenntnis, daß zum
ersten Mal in der Geschichte alle Nationen des Westens sich als Teil eines gemeinsamen Ganzen sahen,
die ein gemeinsames Schicksal teilten. Wir müssen
jetzt diesen Kreis erweitern, um die vielen neuen
Mitglieder der demokratischen Staatengemeinschaft
aufzunehmen - in Osteuropa, Lateinamerika und
andernorts - und in der Tat die Neigung zu Kompromiß
und Beilegung von Meinungsverscheidenheiten allgemeingültig machen, die sowohl während des kalten
Kriegs als auch heute unabdingbar für die Sicherheit
des Westens war und ist. Ob wir wollen oder nicht - wir
müssen auch bereit sein, solange kontinuierlich internationale Krisen zu bewältigen, wie der Aufbau eines
neuen internationalen Systems oder Gleichgewichts

nach dem kalten Krieg dauert.
Ich frage mich, wie diejenigen, die uns auffordern,
auswärtigen Angelegenheiten den Rücken zu kehren,
auf Saddam Husseins Aggression in einer Region von
großer Bedeutung für unsere Wirtschaft und Sicherheit reagiert hätten. Ich frage mich, ob sie die durch
unseren Sieg gebotene Chance ergriffen hätten, um
Verhandlungen in die Wege zu leiten, die auf lange
Sicht sehr wohl amerikanische Menschenleben retten
könnten. Ich frage mich, ob sie die Notwendigkeit
erkannt hätten, die NATO in einer Periode großer
Instabilität in Europa zusammenzuhalten und das
Augenmerk auf Themen wie die Verbreitung von

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Massenvernichtungswaffen und freien Handel zu lenken, die tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben
und den Lebensunterhalt des amerikanischen Volkes
haben könnten. Ja, all dies sind Themen auf der
außenpolitischen Tagesordnung, aber ich möchte den
sehen, der ihre Relevanz für die innenpolitische Tagensordnung in Frage stellt.
Darüber hinaus benötigen wir einen Außenpolitik, die
sich der Unterstützung eines Kongresses erfreut, der
immer noch an der Tradition der Überparteilichkeit von
Rayburn und Vandenberg, Acheson und Dulles, Truman und Eisenhower festhält - einem Kongreß, der
nicht das Weite sucht, wenn zu Hause alles aus dem
Ruder läuft. Die Außenpolitik des Landes wird zweifelsohne Schwierigkeiten haben, wenn die Führung
sich nur nach der öffentlichen Meinung richtet statt
offen mit dem amerikanischen Volk über die Gefahren
zu reden, mit denen wir uns konfrontiert sehen und die
Verantwortung, die wir in einer instabilen und sich verändernden Welt weiterhin auf uns nehmen müssen.
Femer müssen der Kongre ß und alle Amerikaner - was
das anbetrifft, auch ich - aufhören, beides haben zu
wollen. Wir können nicht einerseits behaupten, unsere
Ressourcen seien begrenzt - was tatsächlich der Fall
ist - während wir andererseits handeln, als könnten wir
auf der Welt unseren Willen noch immer so und in dem
Maße durchsetzen wie vor 20 Jahren.
In diesem Land wird praktisch immer noch automatisch angenommen, wenn wir Gewalt oder irgendeine
Krise im Fernsehen sehen, müßten die Vereinigten
Staaten Abhilfe schaffen. Es herrscht immer noch
automatisch die Neigung, einen ausländischen Schurken zu bestrafen, selbst wenn wir durch unseren
Alleingang nur uns selbst bestrafen würden. Es herrscht
immer noch automatisch die Neigung, einem bevorzugten Land Schutz zu gewähren, selbst seitens derjenigen, die am lautesten von uns verlangen, unsere
Auslandshilfeprogramme zu kürzen.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß unsere Fehlertoleranz in der Außenpolitik geschrumpft ist, und zwar
beträchtlich. Wir werden mehr als in der Vergangenheit für unsere diplomatischen Fehler bezahlen müssen und benötigen deshalb eine Außenpolitik, die
nuancierter ist als bisher. Die amerikanische Diplomatie wird sich auf Realität gründen und viel mehr gegen
die Konsequenzen als de Absichten abgewogen werden
müssen. Und sie wird konkreten amerikanischen
Interessen ebenso wie amerikanischen Idealen dienen
müssen.
Vor allem müssen wir erkennen, daß die Förderung
sowohl unserer Ideale als auch unserer Interessen die
Zusammenarbeit mit anderen Nationen erfordert. Das
ist eine Binsenwahrheit in der Ära nach dem kalten
Krieg. Sie bedarf der Kompromisse und des Engagements in einer Welt, die für gewöhlich nicht im Einklang
mit unseren Idealen steht und die nicht länger attraktiv

AMERIKA DIENST 48

�für unser Sendungsbewußtsein und unseren moralischen Auftrag ist.
Schließlich - und vor allem -werden wir eine Außenpolitik benötigen, die die Unterstützung und das Verständnis des amerikanischen Volkes genießt. Einige
unserer neoisolationistischen Kritiker haben kürzlich
beklagt, daß unser internationalistischer Ansatz seit
dem Zeiten Weltkrieg elitär war und den echten Bedürfnissen der Amerikaner nicht Rechnung trug. Ich
muß ihnen indirekt zustimmen, auch wenn das amerikanische Volk keine Elite braucht, um ihm zu sagen,
was es zu tun habe - selbst wenn es hart auf hart geht,
wie es jüngst am Golf der Fall war.
Meines Erachtens enthält das Argument jedoch ein
Quentchen Wahrheit, daß die öffentliche Unterstützung für eine internationalistische Außenpolitik nicht
automatisch dem Zusammenbruch eines bösen Imperiums folgt. Es liegt für die meisten Amerikaner nicht
auf der Hand, warum wir weiterhin internationale Verpflichtungen auf uns nehmen sollten insbesondere,
wenn die wohlhabenden Demokratien, die so lange
von unserer Größe profitiert haben, noch nicht bereit
sind, ihren gerechten Anteil der Last zu übernehmen.
Und wir könnten psychologisch noch nicht bereit sein
zur Unterstützung einer aktiven Außenpolitik im Namen
so prosaischer Ziele wie internationaler Stabilität und
moralisch neutraler wie nationaler Interessen.
Der Prozeß der amerikanischen Anpassung an eine
andere und zutiefst herausfordernde Welt muß beginnen, und zwar jetzt. Es ist natürlich in gewissem Maße
eine Frage der Erziehung, wenn auch nicht zwangs-

läufig der Erziehung im Hinblick auf unsere Herausforderungen und Verantwortung in der Außenpolitik
schlechthin. Dies war die Art von Erziehung, die wir
während des kalten Kriegs nahezu ausschließlich den
außenpolitischen Eliten und Experten zukommen ließen. Wir haben gute Arbeit geleistet. Nehmen Sie
zum Beispiel die Leistungen der Elliott School, die wir
heute Abend würdigen. Nehmen Sie schließlich unseren historischen Sieg im kalten Krieg selbst.
Es ist vielmehr eine Frage der Vorbereitung des
amerikanischen Volkes auf die Integration in eine
hochentwickelte und von scharfer Konkurrenz geprägte Weltwirtschaft. Das ist heute unsere erste Herausforderung in der Außenpolitik. Wir müssen wettbewerbsfähigerwerden und, um dies zu werden, müssen
wir ein besser ausgebildetes und kosmopolitischeres
Volk werden: ein Volk, das Fremdsprachen lernt und
offen für ausländisches Know-how und Innovationen
ist. Falls uns dies gelingt, werden wir feststellen, daß
wir auch eine Öffentlichkeit ausgebildet haben, die die
kreative internationale Führungsrolle eher versteht
und unterstützt, die wir in der Ära nach dem kalten
Krieg weiterhin spielen müssen.
Die Herausforderung ist da und nicht allzuschwer
auszumachen. Es liegt an Institutionen wie der Elliott
School sicherzustellen, daß diese Herausforderung in
Angriff genommen und bewältigt wird, so daß in 25
Jahren, wenn eine andere Generation zusammenkommt, um 50 Jahre des Fortschritts zu würdigen, sie
dies in einem Amerika tut, das noch immer die größte
Hoffnung der Menschheit ist. Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 48

*

Seite 5

�EUROPA
4. Dezember 1991

HERAUSFORDERUNGEN FÜR EUROPA
NACH DEM UMBRUCH
Rede von Botschafter Dobbins
BRÜSSEL - (AD) - Der amerikanische Vertreter bei den Europäischen Gemeinschaften, Botschafter James
Dobbins, erklärte am 22. November 1991, der erfolgreiche Aufbau neuer euro-atlantischer Strukturen zur
Bewältigung der Herausforderungen des Wandels in Europa "wird die Fähigkeit der westlichen Nationen unter
Beweis stellen, ihre Institutionen an eine sich rasch verändernde Welt anzupassen".
In einer Rede vor der 8. Jahresversammlung des Center for European Policy Study (CEPS) mit dem Thema "Zu
einer Euro-atlantischen Gemeinschaft" erläuterte Dobbins im einzelnen die Anpassungen, die der Westen in den
vergangenen Jahren aufgrund von Ereignissen wie der Befreiung Osteuropas, der Vereinigung Deutschlands
und der Umgestaltung in der Sowjetunion vornehmen mußte.
Dobbins zufolge sollten die atlantischen Partner zum gegenwärtigen Zeitpunkt zusätzlich zu neuen Strukturen
"weiterhin die ihnen zur Verfügung stehenden unterschiedlichen institutionellen Ressourcen - insbesondere
NATO, EG und KSZE - nutzen, um die Entwicklung stabiler demokratischer Institutionen in Mittel- und Osteuropa
sowie der ehemaligen Sowjetunion und ihren Republiken zu fördern und damit die Grundlage für eine echte Euroatlantische Gemeinschaft zu schaffen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Dobbins im Wortlaut.

Wir kommen heute hier zu einer Zeit äußerster Aktivität zusammen, die das Gefüge der europäischen und
atlantischen Beziehungen verändern wird.
Am 22. Oktober vereinbarten die EG und die
EFTA, den Europäischen Binnenmarkt auf 19
Länder und 380 Millionen Menschen auszuweiten.
Am 8. November haben die Staats- und Regierungschefs der NATO alle Nationen des ehemaligen Warschauer Pakts zum Beitritt zu einer
von der NATO geförderten neuen Sicherheitsstruktur eingeladen, die sich "von Wladiwostok
bis Vancouver" erstreckt.
Am 9. November gelang es dem Präsidenten
der Europäischen Gemeinschaft, der Europäischen Kommission und den Vereinigten Staaten bei einem Treffen in Den Haag, die Handelsgespräche der Uruguay-Runde einem frühzeitigen Abschluß näherzubringen.
Vom 9.-10. Dezember werden die Staats- und
Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft in Maastricht zusammenkommen, um die

AMERIKA DIENST 48

Pläne für eine europäische politische und
Währungsunion abzuschließen.
Am 20. Dezember werden die Außenminister
der Sowjetunion und ihrer fünf ehemaligen Verbündeten im NATO-Hauptquartier in Evere am
ersten Treffen des Nordatlantischen Kooperationsrats teilnehmen.
Innerhalb dieses Zeitrahmens beabsichtigen wir eine
europäische Energiecharta zu vervollständigen, und
die EG hofft, die Assoziierungsabkommen mit der
Tschechoslowakei, Polen und Ungarn zu verabschieden.
In nur zwei Monaten können die atlantischen Partner
gemeinsam und im Alleingang so endgültig folgendes
schaffen:
einen Europäischen Wirtschaftsraum,
eine Europäische Währungsunion,
eine Europäische Politische Union,
ein internationales Handelsabkommen,

Seite 1

�eine Europäische Energiecharta und
ein euro-atlantisches Sicherheitsforum.
Der Erfolg dieser Unternehmungen wird die Fähigkeit
der westlichen Nationen unter Beweis stellen, ihre
Institutionen an eine sich rasch verändernde Welt
anzupassen. Konfrontiert mit Turbulenzen im Osten
haben Nordamerika und Westeuropa ihre Tagesordnung fest im Griff. Als Reaktion auf den Zusammenbruch des Kommunismus bietet der Westen neue
institutionelle Strukturen, um die Entwicklung zu
Demokratie und freien Marktwirtschaften in ganz Europa zu unterstützen. Angesichts der Herausforderung
zum Aufbau einer neuen Weltordnung unternehmen
die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner
entschiedene Schritte zur Schaffung einer echten Euroatlantischen Gemeinschaft.
Diese kreativen Impulse zu neuen euro-atlantischen
Strukturen wurden vor nahezu zwei Jahren gegeben.
Ihre erste Phase fand im Jahr 1990 statt, als Reaktion
auf die Befreiung Osteuropas und die Vereinigung
Deutschlands. Die zweite Phase erhielt 1991 Auftrieb
durch das sich immer noch beschleunigende Tempo
der Veränderungen in der Sowjetunion selbst.
So ehrgeizig die bereits in die Wege geleiteten Modifizierungen der europäischen und atlantischen Architektur auch sein mögen, so müssen die atlantischen
Partner auf noch weiterreichende Veränderungen in
der Zukunft vorbereitet sein, während wir auf den
Zusammenbruch des Kommunismus und die Auflösung des sowjetischen Imperiums reagieren, indem
wir den Menschen im Osten neue Strukturen, Institutionen und kooperative Arrangements anbieten, denen sie sich anschließen können.
Phase 1: Die Befreiung Osteuropas und die Vereinigung Deutschlands
Phase 1 der euro-atlantischen institutionellen Anpassung erhielt ihren mächtigsten Impuls durch die Ereignisse am 9. November 1989 in Berlin. Die Mauer fiel
und das deutsche Volk manifestierte seinen Wunsch
nach Vereinigung. Einen Monat später, am 12. Dezember, bot Außenminister Baker in Berlin einen ersten Beitrag zur europäischen Architektur nach dem
kalten Krieg an.
Bei dieser Gelegenheit sprach er von einem neuen
Europa und einem neuen Atlantizismus. Er unterbreitete folgende Vorschläge:
eine wiederbelebte NATO mit neuer politischer
Verantwortung,
eine institutionalisierte KSZE mit neuen Strukturen und Mandaten und
eine geschlossenere Europäische Gemeinschaft
mit stärkeren, offiziellen Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten.
Seite 2

Gleichzeitig war der am meisten beachtete Teil der
Rede, daß Außenminister Baker als vierten Pfeiler
dieses neuen Europas und neuen Atlantizismus' ein
vereinigtes Deutschland ausmachte.
Binnen weniger als einem Jahr wurde diese Vision
verwirklicht. Im Juli 1990 nahmen die Staats- und
Regierungschefs der NATO bei ihrem Londoner Treffen Abstand von neuen Nuklearwaffenstationierungen. Sie erklärten Atomwaffen zum "letzten Ausweg".
Sie luden alle Länder des Warschauer Pakts ein,
Vertreter nach Evere zu entsenden und direkte Beziehungen mit dem Atlantischen Bündnis aufzunehmen.
Am 3. Oktober gelangten die "Zwei-plus-Vier"-Verhandlungen über die Vereinigung Deutschlands zu
ihrem historischen Abschluß.
Am 21. November unterzeichneten die europäischen
Staats- und Regierungschefs in Paris den Vertrag zur
Begrenzung der Konventionellen Streitkräfte in Europa und vereinbarten eine neue institutionelle Grundlage für die KSZE, unter anderem ein Sekretariat, ein
Konfliktverhütungszentrum, ein Büro für freie Wahlen
und eine parlamentarische Versammlung.
Zwei Tage später, am 23. November, gaben die Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft
eine gemeinsame Erklärung heraus. Sie erweiterten
den Rahmen ihrer Zusammenarbeit und vereinbarten,
sechs Treffen auf höchster Ebene pro Jahr abzuhalten
- zwei Gipfel, zwei Treffen der 12 Außenminister der
EG mit dem der Vereinigten Staaten sowie zwei Treffen hochrangiger Mitglieder der Kommission und des
amerikanischen Kabinetts. Ferner kamen sie überein,
diesen dichtgedrängten Terminplan von Kontakten auf
höchster Ebene durch ein erweitertes Gefüge der
Zusammenarbeit auf der Ebene hochrangiger Regierungsvertreter und Experten zu unterstützen.
Phase 2: Umbruch in der Sowjetunion
Kaum waren diese Innovationen der europäischen und
atlantischen Architektur eingeführt, begann sich das
Tempo der Veränderungen im Osten erneut zu beschleunigen. 1990 hatten die atlantischen Partner ihre
Zusammenarbeit für Verhandlungen mit einem befreiten Osteuropa und einem vereinigten Deutschland
verstärkt. Im Jahr 1991 verlagerte sich ihr Augenmerk
auf die Liberalisierung und die sich abzeichnende
Auflösung der Sowjetunion.
Am 18. Juni, durch Zufall wiederum in Berlin, unterbreitete Außenminister Baker weitere amerikanische
Vorschläge für europäische und atlantische Strukturen. Indem er die Evolution in Westeuropa zu supranationalen Autoritätsformen der Auflösung im Osten
gegenüberstellte, argumentierte Baker, die grundlegende Herausforderung der Demokratie bestehe darin, "ethnische Bande auf der Basis gemeinsamer - und
viel stärker noch universeller Werte - zu umfassen und
zu repräsentieren, aber auch zu überwinden". Im

AMERIKA DIENST 48

�Osten wie im Westen mußten neue Strukturen und
Muster multikultureller internationaler und vielleicht
supranationaler Zusammenarbeit geschaffen werden.
Das langfristige Ziel, so gab er zu verstehen, bestehe
in der Schaffung einer "Euro-atlantischen Gemeinschaft", die im Lauf der Zeit die atlantische Partnerschaft freier Völker und demokratischer Regierungen
auf das Gebiet "von Vancouver bis Wladiwostok"
ausdehnen solle.
Um diesem Ziel näherzukommen, schlugen die Vereinigten Staaten eine zusätzliche Erweiterung des NATOMandats zur Zusammenarbeit mit ehemaligen Gegnern sowie neue Funktionen für die KSZE vor, darunter
die Fähigkeit zur Reaktion auf Krisen sowie die Ausdehnung ihrer rüstungskontrollpolitischen Tagesordnung.
Aufbau einer Euro-atlantischen Gemeinschaft: Die
vor uns liegende Aufgabe
Bei seiner Verkündung im vergangenen Juni erschien
dieses Ziel einer Euro-atlantischen Gemeinschaft als
Arbeit für eine ganze Generation. Im August hatte
diese Aufgabe jedoch nach dem gescheiterten Putsch
in der Sowjetunion bereits neue Dringlichkeit gewonnen.
Die gegenwärtig stattfindende zweite russische Revolution könnte wie die erste fehlschlagen. Eine Form der
Diktatur könnte durch eine andere ersetzt werden.
Ethnische Konflikte und nationale Rivalitäten könnten
auf massive Art und Weise die Tragödie wiederholen,
die sich heute in Jugoslawien vollzieht.
Das erste russische Experiment mit der Demokratie
lief unter dem Druck des Weltkriegs aus dem Ruder.
Im Vergleich zu 1917 ist das internationale Klima heute
jedoch wesentlich freundlicher. Mit der richtigen Mischung aus Rat und Tat hat der Westen dieses Mal
eine gute Chance, der zweiten russischen Revolution
dabei zu helfen, sich irgendwo in der Mitte des politischen Spektrums zu stabilisieren.
In ganz Osteuropa haben wir bereits gesehen, daß
sich eine künstlich eingeimpfte Feindschaft, die nicht
aus tiefverwurzeltem historischem Groll entstanden
ist, rasch in herzliche Freundschaft verwandeln kann.
Der Beginn eines solchen Umschwungs ist auch unter
reformorientierten Elementen der sowjetischen Gesellschaft offenkundig. In den kommenden Monaten
könnte der Westen die Chance haben, ein Verhältnis
zur ehemaligen Sowjetunion und ihren Republiken
aufzubauen, das in gewisser Weise mit dem Verhältnis
der Vereinigten Staaten zu Deutschland und Japan
nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar ist - ein
Verhältnis, bei dem auf aufgeklärtem Eigeninteresse
beruhende Großzügigkeit unsererseits dauerhaften
Respekt und Freundschaft seitens der Völker der
ehemaligen Sowjetunion fördert.

AMERIKA DIENST 48

Die dominierende Herausforderung wird für die sowjetische "Außen"-politik der kommenden Monate die
Neugestaltung der Beziehungen mit ihren Republiken
sein. Neben dieser Aufgabe wird das Hauptaugenmerk der nach außen gerichteten Politik des Zentrums
und der meisten Republiken, insbesondere Rußlands,
darauf konzentriert sein, die Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten und Westeuropa zu stärken und
engere Beziehungen mit den verschiedenen westlichen Institutionen, einschließlich von G-7, IWF, IBRD,
OECD, Europarat, EG und NATO, herzustellen. Wir
werden sorgfältig prüfen müssen, wie wir auf diese
Ouvertüren reagieren. Einerseits müssen wir die
Integrität und Effektivität unserer Institutionen bewahren, während wir uns gleichzeitig anschicken, die
aufstrebenden Demokratien im Osten in eine erweiterte euro-atlantische Partnerschaft einzubeziehen.
Die atlantische Partnerschaft beruht auf drei Hauptpfeilern - NATO, KSZE und amerikanisch-europäische
Beziehungen. Jeder dieser drei Pfeiler wird eine
wichtige Rolle bei der Stützung der Reformen im Osten
und Schaffung breiterer Strukturen der Zusammenarbeit spielen müssen.
Die NATO hat - zumindest seit dem Harmel-Bericht zur
Mitte der sechziger Jahre - eine doppelte Mission der
Verteidigung und des Dialogs. Als Reaktion auf den
Zusammenbruch des Kommunismus und die Umgestaltung der Sowjetunion wird das Dialogelement des
NATO-Mandats stark erweitert.
Die Zusammenarbeit im Rahmen der KSZE wird
ebenfalls intensiviert. Der jüngste NATO-Gipf el hat mit
dem Vorschlag, ein Büro zur Entwicklung demokratischer Institutionen zu gründen, soeben einen weiteren
Schritt zur Institutionalisierung dieses paneuropäischen
Prozesses unter kommen.
Der Europäischen Gemeinschaft fällt bei der Entwicklung einer Euro-atlantischen Gemeinschaft eine zentrale Rolle zu. Die Erweiterung der ursprünglichen
Gemeinschaft hat bereits Stabilität, Wohlstand und die
Konsolidierung der Demokratie in Spanien, Portugal
und Griechenland gefördert. Viele erwarten heute von
der EG, ebenfalls die Umgestaltung im Osten zu
bewirken, die sie bereits so erfolgreich an ihrer westlichen und südlichen Peripherie gefördert hat.
Läßt man die Frage der Mitgliedschaft einmal beiseite,
so kann die Europäische Gemeinschaft mehrere wichtige Beiträge zur Integration Mittel- und Osteuropas,
einschließlich der Sowjetunion, in den umfassenderen
internationalen Rahmen leisten. Erstens ist und bleibt
die Gemeinschaft eine unverzichtbare Quelle der
Solidarität unter den Staaten Westeuropas bei der
Bewältigung dieser Aufgaben. Zweitens liefert die
Gemeinschaft, wie ich bereits ausführte, den Völkern
des Ostens ein Modell und eine Quelle anhaltender
Inspiration. Die Geschichte der Europäischen Ge-

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�meinschaft in den vergangenen 40 Jahren ist ein
Paradebeispiel dafür, daß historische Gegensätze und
ethnischer Haß durch geduldigen, mühsamen Aufbau
supranationaler Strukturen überwunden werden können. Drittens kann die Gemeinschaft zusammen mit
den Vereinigten Staaten und anderen den sich entwickelnden Demokratien des Ostens konkrete Hilfe
und, was vielleicht noch wichtiger ist, Zugang zu ihren
Märkten bieten. Die führende Rolle der EG-Kommission beim G-24-Prozeß ist symptomatisch für die
zentrale Rolle der Europäischen Gemeinschaft in diesen Fragen.
Bei der Erörterung der künftigen Entwicklung der
Gemeinschaft sind sich die Amerikaner bewußt, daß
der Erfolg der Europäischen Gemeinschaft in den
vergangenen 40 Jahren ebenso stark aus ihrem moralischen Gehalt wie aus dem Erfolg ihrer Wirtschaftspolitik resultierte. Die Verpflichtung, nationalen Ehrgeiz
einem umfassenderen Ideal - dem Ideal eines vereinten Europas - unterzuordnen, hat die Gemeinschaft
durch alle Krisen geleitet und ihr gestattet, aus jeder
dieser Krisen mit gestärkten Institutionen hervorzugehen. Wenn die Gemeinschaft nun die Frage ihrer
Erweiterung innerhalb eines Kontinents erörtert, der
plötzlich frei von ideologischen Schranken ist, hoffen
wir, daß sie Lösungen finden wird, die diesen grundlegenden und entscheidenden Impuls bewahren.
Gemeinsame Ziele, sich überschneidende Kompetenzen
In den kommenden Monaten werden NATO, KSZE
und EG, deren Kompetenzen sich bisweilen überschneiden, weiterhin ihre Aktivitäten und Beziehungen
nach Osten erweitern. Dies wird vielleicht ein gewisses Maß an Überschneidungen, Konkurrenz und sogar
Verwirrung nach sich ziehen. Zu einer Zeit, da der
Westen jedoch die größtmöglichen Anstrengungen
unternehmen muß, um Beziehungen mit den demokratischen Kräften in der Sowjetunion aufzubauen und
deren Erfolgsaussichten zu stärken, ist es sinnvoll, all
unsere institutionellen Ressourcen einzusetzen und
gleichzeitig einige grundsätzliche Festlegungen im
Hinblick auf institutionelle Mandate und Mitgliedschaft
in den wichtigsten westlichen Organisationen zurückzustellen, bis der Lauf der Ereignisse in der Sowjetunion klarere Konturen gewinnt.
Zum jetzigen Zeitpunkt sollten die atlantischen Partner
deshalb weiterhin die ihnen zur Verfügung stehenden
verschiedenen institutionellen Ressourcen, insbesondere NATO, EG und KSZE, nutzen, um die Entwicklung stabiler demokratischer Institutionen in Mittelund Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion
und ihren Republiken zu fördern und damit die Grundlage für eine echte Euro-atlantische Gemeinschaft zu
schaffen. Wir sollten das Liaisonkonzept der NATO
mit allen unseren ehemaligen Gegnern zu einer wahrhaft kooperativen Sicherheitsbeziehung ausbauen. Die
Intensivierung der europäischen Integration und die

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Öffnung der Märkte der EG sowie der Vereinigten
Staaten für Osteuropa und die Sowjetunion sollten
parallel ablaufen. Vor allem sollten die atlantischen
Partner weiterhin die Reformen und Reformer in der
Sowjetunion unterstützen und sich bemühen, die
Sowjetunion und ihre Republiken in die umfassendere
Euro-atlantische Gemeinschaft zu integrieren sowie
die grundlegenden europäischen und atlantischen
Institutionen in einem Tempo und in eine Richtung neu
zu orientieren, die von dem Tempo und dem Umfang
bestimmt werden, in dem diese Reformen Fuß fassen.
Die Zukunft Osteuropas und besonders die Zukunft
der Sowjetunion können nicht ausschließlich im europäischen oder auch euro-atlantischen Kontext betrachtet werden. Ein Großteil der Sowjetunion liegt in
Asien. Entwicklungen in diesem Land sind für Japan
ebenso wichtig wie für die Vereinigten Staaten oder
Europa. Die Probleme der sowjetischen Wirtschaft
sind einfach zu umfangreich als daß sie nur im regionalen Kontext behandelt werden könnten. Deshalb
liegt es sowohl im amerikanischen als auch im europäischen Interesse, daß internationale Institutionen wie
IWF, Weltbank, OECD und GATT eine zentrale Rolle
bei der Integration der Sowjetunion und ihrer Republiken in die Weltwirtschaft spielen. In diesem Zusammenhang ist ein erfolgreicher Abschluß der UruguayRunde eine besonders wichtige Komponente jeder
Strategie, die darauf ausgerichtet ist, den Erfolg der
Umgestaltung Osteuropas und der Sowjetunion zu
Marktwirtschaften und demokratischen Gesellschaften zu sichern.
Ich habe meine Ausführungen mit der Feststellung
begonnen, daß wir inmitten einer dramatischen Periode des Wandels zusammenkommen. Die potentiellen
Errungenschaften dieses Herbstes - ein Europäischer
Wirtschaftsraum, ein Nordatlantischer Kooperationsrat, ein weltweites Handelsabkommen, eine Europäische Energiecharta, eine Europäische Politische Union
und eine Europäische Währungsunion - werden uns
besser in die Lage versetzen, die im Osten stattfindenden Veränderungen zu bewältigen. Das Tempo des
Wandels beschleunigt sich dort jedoch noch. Unsere
Fähigkeit zur Innovation und Anpassung wird in den
kommenden Monaten weiter auf die Probe gestellt.
Wir werden sowohl auf die kurzfristigen Hilfsanforderungen der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Republiken reagieren müssen als auch auf ihre langfristigen
Bedürfnisse der Eingliederung in eine umfassendere
Gemeinschaft demokratischer Staaten und freier
Marktwirtschaften. Wir müssen dem Bürgerkrieg in
Jugoslawien ein baldiges Ende setzen - dem ersten
Krieg Europas nach 1945. Wir sollten zusammenarbeiten, um eine europäische Verteidigungsidentität zu
fördern und sicherzustellen, daß ihre Entwicklung auch
die lebenswichtige atlantische Verbindung verstärkt.
Aufgrund der Bilanz der vergangenen beiden Jahre
und der in den nächsten Wochen für uns in greifbarer
Nähe liegenden Errungenschaften gehe ich davon
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�aus, daß die atlantischen Partner in der Lage sein
werden, diesen Herausforderungen im Vertrauen auf
unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zum Treffen
* *

AMERIKA DIENST 48

schwieriger Entscheidungen und zur Schaffung einer
echten Euro-atlantischen Gemeinschaft zu begegnen.
*

*

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�KONGRESS

4. Dezember 1991

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken, Bildungsfonds

WASHINGTON - (AD) - Vor den langen Parlamentsferien hat der 102. Kongreß noch eine Reihe von Maßnahmen verabschiedet. In der letzten Woche vor der Pause fanden in beiden Kammern Marathonsitzungen statt.
Zu den getroffenen Entscheidungen gehören die Zustimmung zu einem Hilfspaket, mit dem sowjetische
Abrüstungsmaßnahmen unterstützt werden sollen, die Verabschiedung eines umfassenden Verkehrsgesetzes
sowie die Bereitstellung zusätzlicher Gelder, um in Schwierigkeiten geratene Banken zu retten. Ein besonderer Bildungstreuhandfonds wurde geschaffen, um auf die veränderte Weltlage zu reagieren. Ein Ausschußbericht stellte darüber hinaus fest, daß der irakische Präsident Saddam Hussein schweres Gerät aus dem Irak
verlegt und damit die UN-Sanktionen verletzt.

Plan zur Unterstützung sowjetischer Abrüstungsmaßnahmen verabschiedet

Irak verletzt UN-Verbot durch Verlegung von Gerät
in den Iran

Der Kongreß bewilligte 500 Millionen Dollar - die dem
Verteidigungshaushalt entnommen werden - zur Unterstützung der Sowjetunion beim Abbau ihrer Kernund C-Waffenarsenale. Die Abgeordneten gehen
davon aus, daß der Plan im nationalen Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten liegt, da er dazu
beitragen wird, die Sicherheit sowjetischer Waffen vor
möglichem Mißbrauch zu verbessern, falls es in den
Republiken während des erwarteten harten Winters in
der Sowjetunion zu Unruhen kommen sollte.

Einem Sonderbericht des Auswärtigen Ausschusses
des Senats zufolge verletzt Bagdad mit der Verlegung
von schwerem Gerät in den Iran ein von den Vereinten
Nationen verhängtes Verbot.

Mit dieser Maßnahme werden 400 Millionen Dollar für
die 50prozentige Reduzierung von Moskaus nuklearen Gefechtsköpfen bewilligt -15.000 von 30.000. Die
verbleibenden 100 Millionen werden für Flüge amerikanischer Militärmaschinen zum Transport von Nahrungsmitteln in die sowjetischen Republiken im Rahmen der Soforthilfe für diesen Winter eingesetzt.
Der Kongreß genehmigte die Mittel als Teil eines
Gesetzes, mit dem die Regelungen des historischen
Vertrags über die Verringerung der konventionellen
Streitkräfte in Europa (KSE) umgesetzt werden, der
vom Senat am 25. November 1991 ratifiziert worden
war.

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Ein am 27. November 1991 vom Ausschuß veröffentlichtes Dokument stellte fest, im Nordirak operierende
kurdische Verbände, die in Opposition zu Saddam
Hussein stehen, hätten berichtet, daß "ganze Fabriken" mit verbotenem Gerät über die Grenze gebracht
worden seien. Die Kurden sprachen direkt mit Mitarbeitern des Kongresses, die sich in der Gegend aufhielten.
Diese Mitarbeiter beobachteten selbst Aktivitäten, die
die Behauptungen der Kurden untermauern. Ein führendes Mitglied der amerikanischen Gruppe erklärte:
"Es ist klar, daß der Irak seine Infrastruktur zu Schleuderpreisen in den Iran exportiert." Er habe in einer
Grenzstadt Bulldozer, Kräne, Bagger und Muldenkipper gesehen, die auf ihre Weiterfahrt in den Iran
warteten.
Dem Bericht zufolge kontrollieren kurdische Widerstandskräfte 80 Prozent des kurdischen Gebiets im

Seite 1

�Irak. Mindestens 600.000 Kurden haben jedoch keine
Unterkunft und es steht ihnen ein katastophaler Winter
bevor. Massengräber wurden gefunden und legen den
Schluß nahe, daß 182.000 angeblich vom Regime
1988 in den Süden umgesiedelte Kurden statt dessen
von Saddam Husseins Truppen ermordet wurden,
stellt der Bericht fest.

Den in Schwierigkeiten geratenen Banken werden bei
Anzeichen drohender Zahlungsunfähigkeit striktere
Kontrollen ihrer Aktivitäten auferlegt. Die Bundesaufsichtsbehörde hat die Befugnis, die Aktiendividenden
und die Zinssätze auf Einlagen zu begrenzen sowie
hohe Gehälter und Prämien für leitende Mitarbeiter
und Angestellte zu verbieten.

Der Ausschuß Vorsitzende Claibome Pell drängte auf
äußerst strikte Durchsetzung der UN-Sanktionen gegen
den Irak und forderte begrenzte Militärhilfe für die
Kurden und andere irakische Rebellen, um Saddam
Husseins Regime zu stürzen.

In dem Bestreben, einen weiteren Skandal wie den der
Bank of Credit and Commerce International (BCCI) zu
vermeiden, hat der Kongreß der Bundesnotenbank die
Befugnis zur Prüfung aller ausländischen Bankoperationen in den Vereinigten Staaten erteilt. Die Zentralbank wäre ferner befugt, neue Büros ausländischer
Banken zu schließen und die Eröffnung neuer Büros
zu verbieten.

Verabschiedung eines umfassenden Verkehrsgesetzes
Am 27. November verabschiedete der Kongreß ein
Verkehrsgesetz in Höhe von 151 Milliarden Dollar.
Das Repräsentantenhaus stimmte mit 372 zu 47, der
Senat mit 79 zu 8 Stimmen für die Maßnahme.
Das Gesetz sieht 119,5 Milliarden Dollar für Bau und
Instandhaltung von Straßen und Brücken sowie 31,5
Milliarden Dollar für Bau und Erweiterung des Nahverkehrsnetzes vor. Die Kongreßabgeordneten begrüßten die Maßnahme mit der Begründung, daß damit in
den nächsten vier bis sechs Jahren zwischen 2 und 4
Millionen Arbeitsplätze geschaffen würden. Präsident
Bush hat die Unterzeichnung der Gesetzesvorlage
zugesagt.
Bereitstellung zusätzlicher Mittel zur Unterstützung von Finanzinstitutionen
Der Kongreß stimmte für die Bereitstellung zusätzlicher Mittel zur Unterstützung von Bundesbehörden,
die mit dem Zusammenbruch von Finanzinstitutionen
kämpfen müssen. Die praktisch zahlungsunfähige
Bundeseinlagen-Versicherungsgesellschaft wird damit
zur Aufstockung der Anleihen von 5 Milliarden Dollar
auf 30 Milliarden Dollar in der Lage sein, die sie bei der
öffentlichen Hand aufnimmt. Darüber hinaus kann sie
dann Anleihen in Höhe von bis zu 90 Prozent der
Vermögenswerte aufnehmen, die sie von bankrotten
Institutionen beschlagnahmt hat.
Der Gesamtumfang der durch diese beiden Programm
getätigten Anleihen beläuft sich auf 70 Milliarden Dollar.

*

Seite 2

Genehmigung eines internationalen Bildungsfonds
Die Gesetzgeber haben der Bereitstellung von 150
Millionen Dollar für das umfassendste internationale
Programm im Bereich der Hochschulbildung seit 1950
zugestimmt. Der Fonds dient der Unterstützung eines
internationalen Bildungstreuhandfonds, der Stipendien
für Auslandsstudien, zum Studium von Fremdsprachen sowie Mittel für Universitäten zur Erweiterung
ihrer Fremdsprachen- und Landeskundeprogramme
vorsieht.
Der Fonds beträgt zunächst 35 Millionen pro Jahr. In
den folgenden Jahren erfolgt die Finanzierung durch
Zinsen aus dem verbleibenden Kapital.
Die Mittel kommen aus dem Bildungsbudget. Der
Vorsitzende des Bildungsausschusses des Senats,
David Boren, erklärte, der Fonds spiegele die neue
Realität der Zeit nach dem kalten Krieg wider. "Vier
Jahrzehnte lang sprach die Welt unsere Sprache.
Diese Zeit ist vorüber", so Boren.
"Um wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu sein und unsere diplomatischen und nationalen Sicherheitsinteressen zu schützen, müssen wir international denken",
stellte er fest. "Wenn uns dies nicht gelingt, werden wir
eine entscheidende Bedrohung unserer nationalen
Sicherheit und unserer Fähigkeit ignorieren, eine
Führungsrolle in der Welt zu spielen."

*

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�UMWELTSCHUTZ
4. Dezember 1991

WACHSENDES UMWELTBEWUSSTSEIN DER
AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFT
von Jay Stuller

WASHINGTON - (AD) - Amerikanischen Unternehmen bieten sich zahlreiche Möglichkeiten für verbesserten
Umweltschutz - Zusammenarbeit mit Umweltexperten im US-Kongreß, Aufwendung beträchtlicher Mittel zur
Erfüllung der Auflagen zur Reinhaltung der Luft sowie Recycling und Entwicklung alternativer Energiequellen.
Der Autor ist freiberuflicher Schriftsteller. Der nachfolgende Artikel wurde erstmals in The American Legion
Magazine veröffentlicht. Copyright (c) 1990.

Die Herstellung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen
(FCKW) war ein solides Geschäft mit einem Jahresumsatz von 750 Millionen Dollar für E l . Du Pont de
Nemours &amp; Co., den amerikanischen Chemiegiganten. Wissenschaftliche Untersuchungen gelangten
jedoch zu dem Schluß, daß FCKW die Ozonschicht
der Erde abbauen. Daher gab Du Pont die Einstellung
der Produktion des profitablen Kühl- und Reinigungsmittels bekannt und wendete bis zu 1 Milliarde Dollar
zur Erforschung eines Ersatzstoffes auf.
Werden sie zu Umweltfanatikern? Du Pont gibt freiwillig schätzungsweise 50 Millionen Dollar mehr für
Umweltprojekte aus, als Gesetze und Auflagen fordern.
Räumen die Fanatiker das Feld? Nicht ganz. Anhand
der bei der Reinigung und Verbesserung ihrer Chemiefabriken gesammelten Erfahrungen hat Du Pont eine
Abteilung zur Unterstützung anderer Industriefirmen
eingerichtet, die Probleme mit giftigen Stoffen haben eine Abteilung mit prognostizierten Jahreseinnahmen
in Höhe von rund 1 Milliarde Dollar. Das Unternehmen
geht davon aus, daß die Abteilung und neue umweltfreundliche Produkte bis 1995 Jahresumsätze von bis
zu 8 Milliarden Dollar erzielen werden.
Dem Vorsitzenden von Du Pont, Edgar Woolard Jr.,
zufolge ist der Druck der Umweltschützer "ein zweischneidiges Schwert. Eine Schneide ist Verletzbarkeit, die andere sind Chancen."

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Du Pont ist nur eines von vielen amerikanischen Unternehmen, die Chancen zur Entwicklung eines Umweltbewußtseins ausgemacht haben. Nach nahezu 20
Jahren des Meckerns über Gesetze zur Reinhaltung
von Luft und Wasser, Verzögerungstaktiken bei deren
Erfüllung und gelegentlichem Kampf bis aufs Messer
über diese Gesetze werden Unternehmen mit Köpfchen zunehmend umweltbewu ßt - und es ist eine kluge
Untemehmensentscheidung.
In seinem Buch The Environmental Factor schrieb
der Autor Michael Silverstein: "Um es einmal ganz
unmoralisch zu formulieren: Bisher konnte man gutes
Geld damit verdienen, die Umwelt zu ignorieren oder
zu ihrer Zerstörung beizutragen. In Zukunft wird man
noch besseres Geld damit verdienen, zur Beseitigung
des Mülls beizutragen."
Zu den Rennern der von Börsenmaklern angebotenen
Aktien zählen die von Umweltschutzfirmen. Unternehmen von der herkömmlichen Müllabfuhr bis zu Firmen,
die Abgaskontrollgeräte, Umweltschutztechnologien
und alternative Energiequellen entwickeln, expandieren am schnellsten.
"Umweltbewußte Verbraucher" wählen bereits Produkte oder Markenzeichen, die das umweltfreundlichste Image verbreiten. Um Justizminister Hubert
Humphrey III. aus Minnesota zu zitieren: "Wir beobachten eine grüne Revolution in den Regalen der
amerikanischen Geschäfte."

Seite 1

�An Wall Street vollzieht sich ein Szenenwechsel. Für
berufliche Aufsteiger hei ßt das Schlagwort Umwelt. In
Berufen, die vor 10 Jahren noch nicht existierten,
beschäftigen führende petrochemische Unternehmen
und kleinere Dienstleistungsbetriebe Tausende von
Ingenieuren, Chemikern, Laboranten, Biologen sowie
Spezialisten für die Arbeit im Umweltschutz. Einige
Unternehmen vergeben sogar Prämien und Gehaltserhöhungen zur Belohnung des umweltbewußten
Verhaltens der Geschäftsführung.
In altruistisch anmutender Kooperation arbeiten viele
Großunternehmen mit Umweltexperten auf dem Kapital bei der Erarbeitung noch strengerer Auflagen zusammen. In einem Artikel in National Review stellt
David Brooks in einem Leitartikel jedoch fest: "Ein
Großunternehmen kann Gesetzeshürden überspringen, die kleinere Firmen vom Aufstieg abhalten." Obwohl
damit der Wettbewerb verringert wird, profitiert die
Gesundheit des Planeten dennoch.
Egal aus welchem Blickwinkel man es auch betrachtet
- die Umwelt ist das Thema der neunziger Jahre.
"Umweltbewu ßtsein wird das entscheidende Kriterium
sozialer Reformen und das absolut wichtigste Thema
für die Unternehmen sein", erklärt Gary Miller, ein
Fachmann für Öffentlichkeitsarbeit an der Washington
University in St. Louis (Missouri). Präsident Bush will
das Amt für Umweltschutz (EPA) zu einem Ministerium machen. Und wie der Vorsitzende von Monsanto,
Richard J. Mahoney, bei einem Abendessen der National Wildlife Foundation zu Ehren der Umweltschutzarbeit seines Unternehmens sagte: "Die Fackel des
Umweltschutzes ist - wenn sie auch noch nicht hell
leuchtet - in amerikanischen Unternehmen zumindest
entzündet worden."
Sie wurde teils durch die Spannungen zwischen Auflagen auf Bundes-, Staaten- und Gemeindeebene sowie
die Kosten der - fahrlässig oder routinemäßig verursachten - Umweltverschmutzung gezündet. Strafen
werden in Form von Geldbußen, Gerichtsverfahren
und Reinigungskosten verhängt und es wird öffentlich
Unmut geäußert wie im Fall des durch die Exxon
Valdez verursachten Ölteppichs in Alaska. Bei Fabriken sind die Strafen für die Nichteinhaltung der Grenzwerte inzwischen höher als das durch die Verschmutzung gesparte Geld. Intellekt, Fähigkeiten und Bestrebungen kluger Wissenschaftler, Ingenieure und Führungskräfte konzentrieren sich auf Sparmaßnahmen
und die Umwelt.
Zu viele staatliche Vorschriften waren schon immer ein
Greuel für Unternehmen und viele Bürger. Man kann
jedoch argumentieren, daß Umweltvorschriften in die
Kategorie fallen, die von Ökonomen als "das Gemeinwohl" bezeichnet werden wie ein solides Bildungswesen und eine ausreichende nationale Verteidigung.

Seite 2

Die Öffentlichkeit ist eindeutig zu Ausgaben bereit. Bei
einer von der New York Times und CBS regelmäßig
durchgeführten Meinungsumfrage wird die Frage gestellt,
ob Umweltschutz so wichtig ist, daß die Auflagen nie
zu streng sein können und ob Verbesserungen unabhängig von den Kosten vorgenommen werden sollten.
1981 stimmten nur 45 Prozent zu, während 42 Prozent
dies ablehnten. In jüngster Zeit stimmten nahezu 80
Prozent der Öffentlichkeit zu.
Zahlreiche Umfragen belegen, daß fast alle sich in
gewissem Maße als Umweltschützer betrachten. Es
überrascht daher nicht, daß in den Reihen der amerikanischen Führungskräfte das Umweltbewußtsein
Einzug hält. Generationen, die Ende der sechziger
Jahre erwachsen wurden, als die verheerenden Auswirkungen der Verschmutzung offenkundig wurden,
nehmen jetzt Führungspositionen ein. Anstatt die Industrie von außen zu bekämpfen, ändern sie sie von
innen heraus. "Unternehmen wie unseres erleben
das, was nur als Revolution des Umweltbewußtseins
bezeichnet werden kann", stellt Mahoney fest.
Die Unternehmen geben derzeit schätzungsweise 32
Milliarden Dollar jährlich für die Erfüllung der Auflagen
zur Reinhaltung der Luft aus. Die klugen wenden
jedoch noch mehr auf. "Wenn man einen Betrieb baut,
der die Vorschriften jetzt gerade eben erfüllt, wird man
in Zukunft sehr viel mehr bezahlen müssen", erklärt
Lester Lave, Professor für Öffentlichkeitsarbeit und
Ingenieur an der Wirtschaftsfakultät der CarnegieMellon University in Pittsburgh (Pennsylvania).
Ein Vertreter der Minnesota Mining &amp; Manufacturing
(3M) stimmt dem zu. "Die Bestimmungen drohen uns
zu überschwemmen", so Robert Bringer, Vizepräsident für Umweltschutz und Abgaskontrolle. "Die einzige Art und Weise, damit fertigzuwerden, besteht in
der Reduzierung der Emissionen, die die Auflagen
nach sich ziehen."
Die 3M-Produktion beschichteter Erzeugnisse, etwa
selbstklebender Notizzettel und Videobänder, war früher
mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden. Durch
die Wiederaufbereitung von Lösungsmitteln, die einst
in die Atmosphäre gelangten sowie den Ersatz flüchtiger Lösungsmittel durch solche auf Wasserbasis, hat
die Firma die Notwendigkeit teurer Geräte zur Eindämmung von Umweltbelastungen verringert.
Innovative Unternehmen reduzieren nicht nur die
Emissionsmenge, die in die Atmosphäre abgegeben
wird, sondern auch den Materialanteil, der in Mülldeponien entsorgt wird, deren Gebühren zur Zeit explosionsartig in die Höhe schießen. Diese Praktiken
führen überdies zu einer besseren Nutzung von Ressourcen. So hat zum Beispiel ein unternehmensweites
Projekt der ölfirma Chevron mit dem beziehungsrei-

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�chen Titel "Save Money and Reduce Toxics (SMART)"
den von der Firma verursachten Sondermüll seit 1986
um über 60 Prozent verringert.
Die Beschäftigung mit Sondermüll und selbst mit
gewöhnlichem Müll ist zu einem extrem gewinnträchtigen Geschäft geworden. Waste Management of
North America, das im Jahr 1989 einen Umsatz von 4,5
Milliarden Dollar und einen Gewinn von 562 Millionen
Dollar verzeichnete, bedient als führendes Müllentsorgungsunternehmen der Vereinigten Staaten 7,6 Millionen Haushalte. Obwohl es eine Zielscheibe von
Umweltschützern ist, die Waste Management einer
Reihe von Umweltvergehen beschuldigen, ist das
Unternehmen in aller Stille ebenfalls zur führenden
Recyclingfirma der USA geworden.
Waste Management sammelt in 1,2 Millionen Haushalten Aluminium, Glas, Zeitungen und Kunstoffe.
Dieser Nebenerwerb ist zwar noch nicht in der Gewinnzone, bietet aber gute Wachstumsaussichten. "Der
Enthusiasmus für die Wiederverwertung ist überwältigend. Die Leute haben das Gefühl, daß sie etwas
bewirken können", erklärt der Vorsitzende von Waste
Management, Dean L Buntrock.
Diese Begeisterung und ein wachsender Markt für
wiederverwertetes Material bringen wirtschaftliche
Möglichkeiten hervor. Der Präsident von Hafner Industries in New Haven (Connecticut), Edwin Hafner,
beschäftigt sich seit 20 Jahren mit der Entwicklung und
Finanzierung eines Verfahrens zur Wiederverwertung
von PVC und anderen Kunststoffen. "Ich kann PVC
wiederaufbereiten und dabei eine 10Oprozentig neuwertige Qualität zu lediglich 20 Prozent der Energiekosten erreichen, die bei der Herstellung neuen PVCs
anfallen", erklärt Hafner.
In The Environmental Factor stellt Silverstein fest,
daß etwa 2.500 Hersteller heute umweltorientierte
Erzeugnisse und Geräte produzieren und über 3.000
Firmen Umweltberatung anbieten. An der Wall Street
werden die Aktien von etwa 80 Firmen in diesem
Bereich notiert. Das Umsatzwachstum der größten
Umweltdienstleistungsunternehmen übersteigt 20
Prozent im Jahr, wobei einige Umsatzsprünge von 40
bis 80 Prozent verzeichnen.
Neben Empfehlungen, in Dienstleistungsunternehmen
zu investieren, messen Anlageberater bei der Aktienbewertung auch der Umweltbilanz eines Unternehmens immer größere Bedeutung bei. Eine Firma, die
sich nicht energisch um den Abbau von Umweltbelastungen kümmert, mag zwar heute noch profitabel
sein, bietet jedoch Risiken für den künftigen Ertrag.
Und Verbrauchergruppen können diesen Ertrag kontrollieren. So gibt es heute bereits "grüne" Wertpapier-

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fonds, die ihre Investitionsentscheidungen großenteils
aufgrund der umweltpolitischen und sozialen Praktiken von Unternehmen treffen. Die Franklin Research
&amp; Development Corporation in Boston sowie der Calvert Social Investment Fund in Maryland legen kein
Geld in Firmen an, die eine schlechte Umweltbilanz
aufzuweisen haben.
Die Betonung der Umwelt bereitet auch anderen Unternehmen den Weg, insbesondere im Bereich alternativer Energien. Nach einem Jahrzehnt der Enttäuschungen sind Windkraftwerke - vielleicht die umweltfreundlichste Form der Elektrizitätsgewinnung - heute
gesunde Unternehmen, die Investitionen selbst von
konservativen Firmen der Wall Street anziehen.
Die Windenergie, die Mitte der achtziger Jahre mit dem
Wegfall von Steuervergünstigungen in eine Krise geriet, schafft es heute auch ohne steuerliche Anreize. In
Kalifornien, wo über 90 Prozent der Weltwindenergie
gewonnen werden, hat ein Konsortium aus der Pacific
Gas &amp; Electric Company, U.S. Wind Power und dem

Electrical Power Research Institute ein mit 15 Millionen
Dollar ausgestattetes, auf fünf Jahre ausgelegtes
Programm zur Entwicklung einer neuen Generation
von Windturbinen gestartet. U.S. Wind Power, das
größte Unternehmen seiner Art, beschäftigt 300 Mitarbeiter.
Die Sorge um die Umwelt schafft auch Arbeitsplätze.
So arbeiten etwa 16.000 Mitarbeiter für das amerikanische Umweltbundesamt EPA, während 27.000
Beschäftigte der Bundesstaaten und viele mehr bei
den Kommunen im Umweltbereich tätig sind. Etwa
5.000 Techniker arbeiten seit 1985 an der Reinigung
von Sondermülldeponien. Das Kongreßbüro für die
Bewertung von Technologien (Office of Technology
Assessment) schätzt, daß bis 1995 insgesamt 22.000
benötigt werden. Du Pont beschäftigt etwa 3.000
Mitarbeiter im Bereich Umwelt, deren Gehälter und
Sozialleistungen sich zusammengenommen auf 240
Millionen Dollar belaufen.
Schulen bilden Schüler für den wachsenden Arbeitsmarkt im Umweltbereich aus - in Fähigkeiten, die die
Wirtschaft benötigt und von Neueinstellungen zunehmend auch verlangt. Über 700 Universitäten veranstalten heute Umweltprogramme, und zahlreiche traditionelle Studiengänge zur Ausbildung von Chemikern
und Ingenieuren widmen heute der Umwelt größere
Aufmerksamkeit.
Produkte, die Umweltfreundlichkeit verbreiten, werden vom Verbraucher bevorzugt. In einer Reihe von
Umfragen gaben Verbraucher an, sie seien bereit, für
Verpackungen, die entweder aus wiederverwertetem
Material gewonnen, selbst wiederverwertbar oder biologisch abaubar sind, bis zu 5 Prozent mehr zu zahlen.

Seite 3

�Unter Berücksichtigung dieses Trends hat die Firma
Procter &amp; Gamble damit begonnen, den Kunststoffanteil an ihren Verpackungen zu verringern. So enthalten
zum Beispiel ihre Flaschen mit Crisco Oil weiterhin die
gleiche Menge öl, aber der Kunstoffanteil der Flasche
wurde um 28 Prozent verringert.
Das Unternehmen fördert heute die Herstellung von
Konzentraten - die dem Produkt Vorrang vor der
Verpackung gibt - in sogenannten "Enviropaks". Es
hat eine Linie "multifunktionaler" Produkte entwickelt,
zum Beispiel das Waschmittel Tide mit Bleichmittel, so
daß der Verbraucher ein Paket anstatt zwei kauft.
Darüber hinaus laufen Markttests für eine Reihe von
Reinigungsmitteln und Weichspülem in Kunstofflaschen aus Altmaterial.
Genau dies ist die Art von "grünen" Produkten, die WalMart Stores, der Einzelhandelsgigant mit einem Jahresumsatz von 16 Milliarden Dollar, heute seinen Kunden
empfiehlt. In einem ehrgeizigen Programm fordert der
Konzern seine Lieferanten auf, an ihren Produkten und

*

Seite 4

Verpackungen Umweltverbesserungen vorzunehmen,
die dann von Wal-Mart in den Geschäften besonders
herausgestellt werden.
Umweltschutz ist in den Vereinigten Staaten zu einer
nationalen Leidenschaft geworden. Ein Professor
stellte in diesem Zusammenhang fest: "Unsere Gesellschaft hat einen neuen Konsens gefunden, wonach
Umweltverschmutzung moralisch falsch ist - nicht nur
schädlich oder gefährlich sondern falsch."
Wir müssen uns jedoch auch der Tatsache bewußt
sein, daß Umweltbelastungen ein Nebenprodukt von
Herstellungsprozessen sind, von Erzeugnissen und
Dienstleistungen, die den Amerikanern eine Lebensqualität geliefert haben, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Die Tatsache, daß die amerikanische
Gesellschaft es sich leisten kann, Mittel fürdie Verbesserung der Umweltqualität einzusetzen, ist ein Zeichen nationaler Stärke. Wenn die Wirtschaft in den
neunziger Jahren gesund bleibt, wird die amerikanische Wirtschaft sicherlich eine grüne Wirtschaft sein.

* * *

*

AMERIKA DIENST 48

�AMERIKA

HEUTE
4. Dezember 1991

ÜBER MORGEN NACHDENKEN
von Paul Sweeney
WASHINGTON - (AD) - Gedanken über die Zukunft nehmen in den Vereinigten Staaten zunehmend breiten
Raum ein, und eine wachsende Zahl von Klein- und Großunternehmen wenden sich an professionelle
Futurologen zur Prognose der Trends von morgen.
Paul Sweeney ist freiberuflicher Schriftsteller in Washington. Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig in
American Way, dem Flugmagazin von American Airlines. Copyright (c) 1991, American Airlines.

In New York lesen die Angestellten von Inferential
Focus pro Monat 300 Publikationen, wobei sie ihr
Augenmerk insbesondere auf ominöse Artikel über
anscheindend unzusammenhängende Themen wie
die asiatische Wirtschaft und Rockmusik lenken.
Warum? Weil 52 Kunden der kleinen Unternehmensberatung jährlich über 2 Millionen Dollar für die Beschaffung eines breiten Spektrums an Informationen
zahlen, anhand dessen es die Zukunft der Welt prog nostiziert. Die Unternehmen, die solche Vorhersagen
in Auftrag geben, kommen aus allen Sparten des
Geschäftslebens, von Converse-Sportschuhen bis zu
Fidelity Investments, einer Investmentgesellschaft.
Ihnen gemeinsam ist die Überzeugung, daß diese
Prognosen zu besseren Unternehmensentscheidungen beitragen.
Das Erahnen der Zukunft bevor sie eintritt ist zu einem
florierenden Geschäft geworden. Die Futures Group
in Washington ist beispielsweise eine Untemehmensberatung mit einem Umsatz von 20 Millionen Dollar, die
eine ganze Bandbreite von Experten einsetzt - von
ehemaligen Offizieren des militärischen Nachrichtendienstes bis hin zu Soziologen - und versucht, alles von
Schauplatz und Grausamkeit des nächsten größeren
Kriegs bis zur sich abzeichnenden Bevölkerungsentwicklung in Erfahrung zu bringen. Die Unternehmen
bezahlen für die Zukunftsprognosen der Unternehmensberatung. Der Präsident von The Futures Group,
Robert H. Smith, räumt jedoch ein, "Wir prophezeien
nicht, wir prognostizieren. Prophezeien ist die Domäne der Wahrsager."
Wie auch immer sie ihre Arbeit beschreiben, so sind
die wachsenden Legionen der "Futurologen", wie wir
sie bezeichnen, emsig damit beschäftigt, über morgen
AMERIKA DIENST 48

[

- und darüber hinaus - nachzudenken. Für gewöhnlich
verlassen sich Futurologen auf die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, leistungsfähige Computer, wissenschaftliche Forschungsmethoden, umfangreiche Lektüre und
kreatives Denken. Viele haben sogar ihre Talente in
Studien über Futurologie an Colleges wie der Univer-

sity of Hawaii oder der University of Houston in Texas
vertieft.
"Futurologen betrachten das gesamte Zusammenspiel der Kräfte - sozialer, politischer, technologischer,
wirtschaftlicher und umweltpolitischer", erklärt Thomas Mandel, 44, der Direktor des VALS-Programms
bei SRI International (einem Forschungs- und Beratungsunternehmen in Menk) Park, Kalifornien, mit einem
Jahresumsatz von 300 Millionen Dollar), der sein Examen
in Futurologie abgelegt hat. "Sie geben keine Zukunftsprognosen unter nur einem Aspekt ab", fügt er hinzu.
"Sie erfassen die Trends und Unwägbarkeiten vielmehr durch die Entwicklung alternativer Szenarien."
Darüber hinaus blicken die Futurologen weiter voraus
als je zuvor. "Jeder weiß, was in den nächsten zwei
oder drei Jahren geschehen wird", so Mandel, "aber
die Nachfrage nach langfristiger Forschung steigt.
Professionelle Futurologen prognostizieren die nächsten 10 Jahre und darüber hinaus."
Gedanken über die Zukunft wird zunehmend Aufmerksamkeit und Respekt zuteil. "Insbesondere an der
Seh welle der neunziger Jahre besteht ein wachsendes
Interesse an langfristigen Zukunftsstudien von Regierungen und Organisationen aller Art", erklärt Timothy
H. Willard, geschäftsführender Redakteur von The
Futurist, einer von der World Future Society in Bethesda (Maryland) herausgegebenen Zeitschrift.
Seite 1

�"Es gibt immer mehr Gruppen, die 'Futurologe' in ihrem
Titel führen", so Willard. "Das Interesse wird auch
durch die wachsende Zahl von Ländern belegt, die
Studien zum 'Jahr 2000' erstellen. An die 50 oder 60
Regierungen untersuchen das nächste Jahrhundert.
Selbst Schulverwaltungen, die nie über das nächste
Jahr hinausdachten, fragen: 'Was ist unser Bedarf im
Jahr 2000?'"
Auf die Frage, wieviele Futurologen es tatsächlich
geben könnte, gibt es keine eindeutige Antwort insbesondere, weil keine Einigung darüber besteht,
was einen Futurologen genau ausmacht. Michael
Marien, Redakteur von Future Survey, stellt fest:
"Viele Menschen, die über die Zukunft schreiben oder
nachdenken, bezeichnen sich nicht als 'Futurologen'."
Marions Meinung nach sollte der Titel eines Futurologen "sehr viele Akademiker einbeziehen, die sich
selbst als 'Analysten' bezeichnen sowie Tausende von
Umweltschützern". Mandel von SRI zufolge sind alles
in allem vielleicht 5.000 bis 10.000 Menschen in den
Vereinigten Staaten professionell an Trends, Vorhersagen und möglichen Folgen interessiert. Unter ihnen,
stellt Marien fest, sind viele diametral entgegengesetzter Meinung, was legitim ist und was Torheiten oder
sogar Scharlatanerie ausmacht.
Nimmt man zum Beispiel den Fall von Michael S.
Jenkins, einem Anlageberater und Herausgeber von
Stock Cycles Forecast, einem Börseninformationsdienst. Jenkins gründet seine Prognosen über die
Fluktuationen des Aktienmarkts auf die KondratieffWelle, eine Theorie, derzufolge der Markt von 54 bis 60
Jahre dauernden Zyklen gekennzeichnet ist. Jenkins
sieht in den neunziger Jahren "ein Zeitalter der Liquidation" und drängt die Investoren, ihr Geld in Edelmetallen wie Gold anzulegen.
Jenkins kann auf eindrucksvolle Erfolge verweisen.
Sein Informationsdienst hat beispielsweise den Zusammenbruch des Markts im Oktober 1987 genau
antizipiert. Dennoch erzeugt die Theorie der Kondratieff-Welle vornehmlich Skepsis unter den vielen Futurologen. Jenkins räumt ein, daß "viele über unsere
Arbeit lachen".
Nicht, daß die meisten Futurologen der Geschichte
nicht Tribut zollen würden. Aber nicht viele betrachten
die Vergangenheit als bombensicheren Wegweiser in
die Zukunft. So erklärt Smith von der Futures Group
zum Beispiel: "Die Geschichte ist kein Prophet für die
Zukunft, sie ist lediglich deren Vorläufer. Wenn man
seine Schlüsse ausschließlich aus der Geschichte
zieht, ist es ebenso wahrscheinlich, Recht zu haben
wie Unrecht."
Recht zu haben, war jedoch nicht immer das Ziel der
Zukunftsforscher. Frühe Futuristen wie die Schriftsteller Aldous Huxley (Schöne neue Welt) und George

Seite 2

Orwell (1984) benutzten ihre Gedanken über die Zukunft eher, um ihre Mitbürger zu schockieren und als
politische Aussagen über eine außer Kontrolle geratene Technik. In den letzten beiden Jahrzehnten sind
jedoch Sachbücher zum bevorzugten Genre von Autoren geworden, die sich mit der Zukunft beschäftigen.
Alvin Tofflers Werke Der Zukunftsschock und The
Third Wave sowie Paul Ehrlichs The Population
Bomb erwiesen sich überraschenderweise als Bestseller. In jüngster Zeit ging Ronald Reagans sozialer
und politischer Optimismus mit den von Zuversicht und
Optimismus geprägten Büchern Megatrends und
Megatrends 2000 John Naisbitts einher. Trotz eines
ausgesprochen schwachen Echos seitens der Futuristengemeinde haben sich die Megatrends-Bücher
erstaunlich gut verkauft.
An sich waren wirtschaftliche Entscheidungsträger
bisher im großen und ganzen geneigt, Erörterungen
über die Zukunft in Bausch und Bogen als Unsinn zu
verdammen. Um eine Aufgabe durchzuführen, verlasse man sich lieber auf harte Arbeit, Intuition und
angeborene Erfindungsgabe.
Es deuten sich jedoch bereits Veränderungen an. So
beschäftigte die Werbeagentur J. Walter Thompson
einmal einen Vize-Präsidenten mit dem Titel "Futurologe". Ein weiteres Beispiel ist der Fall des multinationalen ölkonzems Royal Dutch/Shell. In den Annalen
der Wirtschaft gibt es in der Tat nur wenige Unternehmen, die es an Weitblick und Planung in den vergangenen 20 Jahren mit Shell Oil aufnehmen können.
Als der durch den arabisch-israelischen Krieg im Oktober 1973 ausgelöste erste ölschock die ölverbraucherstaaten traf, war Shell das am besten vorbereitete
Unternehmen der ölbranche. Donald N. Michael, ein
Unternehmensberater und Zukunftsforscher aus San
Francisco, verweist darauf, daß Shell bereits "Alternativszenarien" für den Fall von Unruhen im ölreichen
Nahen Osten ausgearbeitet hatte und deshalb "unbeschadet aus dieser Episode hervorging".
Und zu Beginn der achtziger Jahre mit ihrer "Forderung nach Straffung und Umstrukturierung", schrieb
Pierre Wack, ein ehemaliger Strategieplaner für Shell
Oil in der Zeitschrift Harvard Business Review, "war
Shell bereit, weil das Unternehmen diesen Prozeß
bereits frühzeitig eingeleitet hatte. Shell prognostizierte für die achtziger Jahre konsequent ein sehr geringes
Wachstum des Energieverbrauchs."
Aufgrund solcher Erfolge in wichtigen Bereichen der
Wirtschaft hat die Zukunftsforschung an Glaubwürdigkeit gewonnen. Trotzdem sind Unternehmen, die sich
um Vorausschau bemühen, häufig über die Zukunftsaussichten verärgert - insbesondere, nachdem sie
Zehntausende Dollar an Beraterhonoraren gezahlt
haben. M.H. Roboff, Direktor für strategische Planung

AMERIKA DIENST 48

�bei Converse Inc., einem Unternehmen aus der Schuhbranche, findet nicht immer Gefallen an dem, was er
von Inferential Focus zu hören bekommt: "Meistens ist
das, was man uns erzählt, für uns nur schwer zu
akzeptieren", erklärt Roboff.
Trotzdem sei die Bilanz von Inferential Focus so gut,
daß die leitenden Angestellten die Ermahnungen dieser Firma berherzigten. "Ihre Prognose zu Osteuropa
war in berkenswertem Maße korrekt", so Roboff. "Sie
sagten die Veränderungen ein Jahr vor ihren Eintreten
voraus." Darüber hinaus habe Inferential Focus sein
Unternehmen frühzeitig auf negative Entwicklungen
wie etwa den schwindenden Einfluß von Donald Trump
(dem Multimillionär und Stadtentwickler aus New York),
den Niedergang der Fernsehserien Denver-Clan und
Dallas sowie von Gucci-Handtaschen hingewiesen,
was IF als Trendwende zu einer Abkehr von öffentlich
zur Schau getragenem Reichtum interpretierte. Die
amerikanische Gesellschaft wird bodenständigeren
Ansätzen mehr Wert beimessen. Diese Art von Wissen könnte Roboff zufolge bei der Neukonzeption
einer Marketing-Kampagne seines Unternehmens
ausschlaggebend sein.
Es nimmt nicht wunder, daß auch der US-Kongreß
diesen Faden aufgenommen hat. Das Congressional
Clearinghouse on the Future, eine kaum bekannte
Organisation mit Sitz in Washington, wurde im Jahr
1976 geschaffen, um rund 100 Kongreßabgeordnete
und Senatoren über "sich anbahnende Themen" zu
informieren. Es gibt darüber hinaus ein Congressional
Institute for the Future, eine gemeinnützige bildungspolitische Organisation, die mit dem Kongreß sowie
führenden Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft

*

AMERIKA DIENST 48

und regionalen Verwaltungen zusammenarbeitet. Mit
Mitteln der Carnegie-Stiftung untersucht das Institut
die politischen Auswirkungen neuer Technologien.
Obgleich viele von Futurologen entworfene mögliche
Szenarien Furcht einflößen - Atomkrieg, weltweiter
Zusammenbruch der Wirtschaft, rasche Klimaveränderungen durch den Treibhauseffekt -, sehen andere
eine Zukunft, die von solchem Unheil verschont bleibt.
Es gibt sogar Erwartungen, da ß bessere Technologien
den Alterungsprozeß aufhalten und die Gesundheit
verbessern sowie die Lebenserwartung verlängern
werden. Auch Fortschritte bei Robotik und Heimcomputern könnten die Lebensqualität im Alltag enorm
verbessern.
Das Morgen könnte also eine Verbesserung des Heute
bringen. Anstatt über die Unberechenbarkeit des
Menschen zu lamentieren und sich auf Sterndeuter zu
verlassen, so die Futurologen, müssen wir mehr über
die Beschaffenheit des Universums in Erfahrung bringen.
Moderne Zukunftsforscher könnten den Wink des
Römers Cicero aufgenommen haben, der vor 2000
Jahren feststellte: "Von Beginn der Welt an war
bestimmt, daß gewisse Zeichen gewisse Ereignisse
ankündigen sollten." Clarke Burnham, ein Experimentalpsychologe an der University of Texas in Austin, lobt
die ernsthafte Arbeit der Futurologen und stellt fest,
daß sie sowohl die Reichweite als auch den Umfang
des menschlichen Einflusses erweitert. "Mit der
modernen Technologie und dem Wissen dieses Landes sollten wir das Gefühl bekommen, daß wir mehr
Kontrolle über die Zukunft haben als frühere Kulturen."

* * *

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vereinigte Staaten müssen sich neuer Weltlage anpassen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herausforderungen für Europa nach dem Umbruch&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Dobbins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aus der Arbeit des Kongresses&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Sowjethilfe, Irak, Verkehr, Banken, Bildungsfonds&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umweltschutz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wachsendes Umweltbewusstsein der amerikanischen Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jay Stuller&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Amerika Heute&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Über Morgen nachdenken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul Sweeney&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

49

SS O l

America

11. Dezember 1991

'•-...rviCO*:

Oeichmanns Aus 29

5300 Bonn 2

PEARL HARBOR

BUSH ERTEILT ABSAGE AN ISOLATIONISMUS
UND PROTEKTIONISMUS
Rede vor Kriegsveteranen in Pearl Harbor

OSTEUROPA

WETTBEWERB UNVERZICHTBAR FÜR
FORTSCHRITTE IN OSTEUROPA UND
DER SOWJETUNION
Rede von Notenbankchef Greenspan

OSTEUROPAER BEURTEILEN KAPrTALISMUS
ZURÜCKHALTEND
Meinungsumfrage von Times Mirror

JUGOSLAWIEN

USA VERHANGEN SANKTIONEN GEGEN
JUGOSLAWIEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums

UMWELT

REILLY: OECD MUSS ENTWICKLUNGSHILFE
AN UMWELTPROGRAMME KNÜPFEN
Rede des EPA-Leiters vor der OECD

PORTRAT

SKINNER GESCHICKTER KRISENMANAGER
Porträt des neuen Stabschefs im Weißen Haus

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�PEARL

HARBOR
11. Dezember 1991

BUSH ERTEILT ABSAGE AN ISOLATIONISMUS
UND PROTEKTIONISMUS
Rede vor Kriegsveteranen In Pearl Harbor
PEARL HARBOR - (AD) - Präsident Bush hat Japan dazu aufgerufen, gemeinsam mit den Vereinigten Staaten
"an einer von freien Märkten und freien Menschen beherrschten Zukunft" zu arbeiten. Stimmen des
Isolationismus und Protektionismus erteilte der Präsident in diesem Zusammenhang eine Absage.
In einer Rede vor Kriegsveteranen aus Anlaß des 50. Jahrestags des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor in
Hawaii erklärte Bush am 7. Dezember 1991 darüber hinaus, es ist an der Zeit für "die amerikanischen
Handelspartner in Europa und Asien sowie weltweit zu erkennen, daß wirtschaftlicher Isolationismus falsch ist".
"Im nächsten Monat werde ich in Asien mit unseren pazifischen Freunden und Verbündeten über deren Pflicht
sprechen, gemeinsam mit uns die Herausforderungen und Lasten der Führung in der Zeit nach dem kalten Krieg
zu teilen..."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.
Ich möchte die heute hier anwesenden Mitglieder
meines Kabinetts begrüßen, insbesondere Dick Cheney, unseren fähigen Verteidigungsminister, der so
viel für die Streitkräfte getan und eine solch wichtige
Führungsrolle für unsere Nation gespielt hat. Ich
möchte General Powell begrüßen, den Vorsitzenden
der Vereinigten Stabschefs, und die Gelegenheit an
diesem historischen Tag ergreifen, um ihm erneut für
seine begeisternde Führung all der Männer und Frauen zu danken, die in den Streitkräften dienen.
Ich möchte dem Kommandeur der Pazifikflotte, Admiral Larson, meinen Dank aussprechen, und ich möchte
besonders all die hier anwesenden Mitveteranen
begrüßen - vor allem die Überlebenden dieses historischen Tages.
Ich glaube, wenn wir hier durch den Raum gehen
würden, würden wir alle uns erinnern. Ich erinnere
mich noch genau daran, wie ich die Nachricht über
Pearl Harbor erfuhr. Ich war 17 Jahre alt und ging über
den Schulrasen, und meine Gedanken kreisten damals nicht um weltpolitische Ereignisse sondern um
viel schlichtere, prosaischere Dinge, etwa, ob ich in die
Basketball-Mannschaft oder das College aufgenommen würde. Jener Spaziergang über den Campus
bedeutete für mich das Ende der Unschuld. Und als
die Amerikaner die Nachricht erfuhren, waren sie
zunächst vom Schock wie gelähmt, kamen aber ebenso rasch wieder zur Besinnung.
AMERIKA DIENST 49

Wie alle jungen Amerikaner dieser Zeit wurde ich von
den Ereignissen mitgerissen. An jenem Tage beschloß ich, in die Marine einzutreten und Marineflieger
zu werden. An meinem 18. Geburtstag, dem 12. Juni
1942, wurde ich als Matrose zweiter Klasse in der
Marine vereidigt. Und ich war schockiert. Ich war
schockiert bei meiner ersten Begegnung mit Pearl
Harbor im April 1944. Wir liefen mit einer CBL-30 an
Bord des Flugzeugträgers San Jacinto den Hafen an,
und in der Nähe lag immer noch die Utah mit Schlagseite, und Teile der Arizona ragten immer noch aus
dem Wasser. Überall erhoben sich Schiffswracks
über der Wasseroberfläche, als wollten sie uns zur
Mahnung dienen und uns an unsere eigene Sterblichkeit erinnern.
Über 2.000 Männer starben vor einem halben Jahrhundert an diesem Ort innerhalb von Minuten. Viele
mehr ließen am gleichen Tag ihr Leben, als die japanischen Streitkräfte die Philippinen, Guam, Wake Island, Midway, die malayische Halbinsel, Thailand,
Singapur und Hongkong angriffen. An diesem Tag der
Schande warf Pearl Harbor jeden von uns in jenen
Titanenkampf um die Zukunft der Menschheit. Wie nie
zuvor schweißte dieses Ereignis den amerikanischen
Geist zu der zielstrebigen Entschlossenheit zusammen, die nur ein Ergebnis hervorbringen konnte: den
Sieg.

Seite 1

�Churchill wußte es, sobald er die Nachricht erfuhr. Er
hatte die Eroberung Europas durch die Nazis erlebt,
die Bombenangriffe auf London, den Schrecken der UBoote. Als jedoch Amerika angegriffen wurde, erklärte
er, es gebe keinen Zweifel über den Ausgang. Er
wu ßte damals, daß der amerikanische Geist die Sache
der Freiheit nicht verraten würde.
Der Gegner mißverstand unsere Vielfalt, die Vielfalt
dieses Landes als Schwäche. Aber Pearl Harbor
wurde zum Schlachtruf für Männer und Frauen aller
Schichten der Gesellschaft, aller Hautfarben und Religionen, und am Ende machte uns diese Geschlossenheit im Krieg ebenso unbesiegbar wie sie uns heute
im Frieden sicher macht.
Am nächsten Tag verkündete Präsident Roosevelt das
einzige amerikanische Kriegsziel: "Im Vertrauen auf
unsere Streitkräfte, mit der grenzenlosen Entschlossenheit unseres Volkes, werden wir den unvermeidlichen Triumph erringen, so wahr uns Gott helfe." Es
war die Standhaftigkeit des amerikanischen Volkes,
die den Krieg und den darauffolgenden Frieden gewinnen sollte.
Wir triumphierten in beidem, trotz der Tatsache, daß
das amerikanische Volk nicht in den Konflikt hineingezogen werden wollte. Der ungewollte Krieg, so ist er
bezeichnet worden. Ironischerweise versammelten
sich genau zu dem Augenblick, als die ersten Amerikaner hier in Pearl Harbor einen gewaltsamen Tod fanden, Isolationisten in Pittsburgh unter dem Schlagwort
jener Tage, "Amerika zuerst". Die Isolationisten sahen
nicht, da ß die Saat für Pearl Harbor im Jahr 1919 gesät
worden war, als ein siegreiches Amerika beschloß,
wegen des Fehlens eines bedrohlichen Feindes im
Ausland all seine Energie nach innen zu richten.
Dieses isolationistische Selbstverständnis bildete den
Begleitschutz für die Bomber, die vor 50 Jahren unsere
Männer angriffen. Im Jahr 1945 forderte manch einer
erneut die Rückkehr Amerikas zum Isolationismus, als
ob die Abkehr von einer weltweiten Führungsrolle
Voraussetzung für die Bewältigung drängender innenpolitischer Probleme sei. Und sie wurden rüde wachgerüttelt von der brutalen Wirklichkeit des Eisernen
Vorhangs, der sowjetischen Blockade Berlins und der
kommunistischen Invasion Südkoreas.
Heute triumphieren wir zum dritten Mal in diesem
Jahrhundert, dieses Mal am Ende des kalten Kriegs.
Wie in den Jahren 1919 und 1945 stehen wir keinem
Gegner gegenüber, der unsere Sicherheit bedroht.
Aber wir stehen heute hier am Ort einer Tragödie, der
durch Isolationismus ausgelösten Tragödie. Und es ist
dieser Ort, an dem wir lernen und dieses Mal die
Gefahren des Isolationismus von heute und seines
wirtschaftlichen Komplizen, des Protektionismus, vermeiden müssen.

Seite 2

Etwas anderes zu tun, zu glauben, wenn wir uns von
der Welt abwendeten, würden wir unser Schicksal im
Inland verbessern, hieße, die tragischen Lehren des
20. Jahrhunderts zu ignorieren. Tatsache ist, daß
Wachstum und Sicherheit dieses Landes dann am
längsten währten, als wir den politischen und wirtschaftlichen Isolationismus zugunsten von Engagement und Führung verwarfen.
Wir sind eine pazifische Nation. Im kommenden Monat
werde ich in Asien mit unseren pazifischen Freunden
und Verbündeten über deren Pflicht sprechen, gemeinsam mit uns die Herausforderungen und Lasten
der Führung in der Zeit nach dem kalten Krieg zu teilen.
Es ist an der Zeit für die amerikanischen Handelspartner in Europa und Asien sowie weltweit zu erkennen,
daß wirtschaftlicher Isolationismus falsch ist. Vor
allem den politisch Verantwortlichen in Japan möchte
ich sagen, dieser feierliche Anlaß sollte unsere Entschlossenheit bekräftigen, gemeinsam an einer von
freien Menschen und freien Märkten beherrschten
Zukunft zu arbeiten. Daher werde ich mich nach wie
vor gegen Isolationismus und Protektionismus im
In- und Ausland verwahren.
Vor fünfzig Jahren haben wir einen hohen Preis für
Selbstgefälligkeit und übermäßiges Selbstvertrauen
bezahlt. Auch dies ist eine Lektion, die wir niemals
vergessen werden. Denjenigen, die unser Land von
den Küsten Guadalcanals bis zu den Hügeln Koreas,
vom Dschungel Vietnams bis zur Wüste Kuwaits verteidigt haben, sage ich folgende Worte: Wir werden
uns stets erinnern. Wir werden immer vorbereitet sein
- auf Aggression zu reagieren, Schritte zur Aussöhnung zu unternehmen und den Frieden zu sichern.
Wenn wir Rückschau halten, ist Vergangenenheitsbewältigung unabdingbar. Keine Nation kann sich ganz
verstehen oder ihren Platz in der Welt einnehmen,
wenn sie nicht offenen Auges auch auf all die Höhen
und Tiefen der Vergangenheit blickt. Wir in den
Vereinigten Staaten sind uns einer solchen Ungerechtigkeit in unserer Geschichte bewußt. Die Internierung
von Amerikanern japanischer Abstammung war eine
große Ungerechtigkeit, und sie wird sich niemals wiederholen. Heute sollten alle Amerikaner das öffentlich
bekundete tiefe Bedauern des japanischen Ministerpräsidenten Miyazawa über den Angriff auf Pearl Harbor
würdigen. Es war eine denkwürdige und schwierige
Geste, die das Volk der Vereinigten Staaten sehr zu
schätzen wußte.
Die Werte, die wir als Nation hochhalten - Qualität der
Chancen, freie Religionsausübung, Rede- und Versammlungsfreiheit, freie und lebendige Wahlen - werden heute von vielen Nationen geachtet. Unser größter Erfolg im Zweiten Weltkrieg fand nicht auf dem
Schlachtfeld statt, sondern in den Nationen, die wir
einst als Gegner angesehen hatten. Die Ideale von

AMERIKA DIENST 49

�Demokratie und Freiheit haben in einer Welt triumphiert, die einst mit der Erorberung durch Tyrannei und
Despotismus bedroht war.

Vaters steht für die der Vereinigten Staaten: Tue
Deine Pflicht und erziehe die nächste Generation
dazu, ihre zu tun."

Heute, da wir die Evolution der Welt zur Freiheit feiern,
gedenken wir der gefallenen Helden der Demokratie,
der Verteidiger der Freiheit und der Opfer der Diktatur,
die niemals das Licht der Freiheit erblickten. Anfang
dieses Jahres, als ehemalige Gegner mit uns gemeinsam die Aggression am Persischen Golf abwehrten,
bekräftigten wir die Werte, die von den Helden von
Pearl Harbor hochgehalten wurden. Die Freunde, die
ich verloren habe, die wir alle verloren haben, lie ßen ihr
Leben für eine große und edle Sache. Aufgrund ihres
Opfers genießt die Welt heute mehr Freiheit und
Frieden als je zuvor.

Ich verstehe Bills Gefühle. Ich habe mich gefragt, wie
ich mich bei diesem Treffen mit Ihnen - den Veteranen,
den Überlebenden von Pearl Harbor - an diesem
denkwürdigen Tag fühlen würde. Und ich fragte mich,
ob ich diesen abgrundtiefen Haß empfinden würde,
den wir alle vor 50 Jahren dem Feind entgegenbrachten. Ich habe an jenen schändlichen Tag und den
Verlust von Freunden zurückgedacht und mich gefragt, wie meine Reaktion sein würde, wenn ich nach
Pearl Harbor zurückkomme. Wie wird die Reaktion der
anderen alten Veteranen an diesem Ort sein, insbesondere derjenigen, die diesen schrecklichen Tag
überlebten?

Zu Recht sind wir alle heute hier versammelt, und zu
Recht benutzen wir dies als Ausgangspunkt. Wie Sie
wissen, habe ich gerade die Gedenkstätte der USS
Arizona besucht, wo alles begann. Und hinter uns liegt
die USS Missouri, wo alles beendet wurde. Aber die
Missouri war auch ein Anfang.
Kurz danach stattete Kaiser Hirohito General MacArthur einen Besuch ab, der später feststellte, der Kaiser
habe eine führende Rolle bei der geistigen Erneuerung
Japans gespielt. Ihr Treffen machte Geschichte, und
eine vielversprechende Zukunft für ein demokratisches Japan begann Gestalt anzunehmen.
Ich dachte an dieses Treffen mit MacArthur, als ich
1989 an der Beerdigung des Kaisers teilnahm. Ich
habe auch heute morgen daran gedacht, am Nationalfriedhof und dann bei der Arizona-Gedenkstätte. Wenn
man sich sein Leben vor Augen hält und die unternommenen Schritte zurückverfolgt, sind es die Wendepunkte, die entscheidenden Momente, die zählen.
Nach all den Jahren steht Pearl Harbor noch immer als
Teil meines Ichs. Für jeden hier anwesenden Veteranen und in der Tat für alle Amerikaner steht Pearl
Harbor als Teil ihres Selbst.
Vor kurzem erhielt ich einen Brief von dem Sohn eines
Seemanns mit Namen Bill Lew, der Pearl Harbor
überlebt hat und heute hier anwesend ist. Sein Sohn
schreibt aus Tokio, wo er heute lebt, folgende Worte:
"Vor einem halben Jahrhundert drehten sich die Gedanken meines Vaters darum, den Angriff zu überleben und den Krieg zu gewinnen. Er konnte sich keine
Zukunft vorstellen, in der sein Sohn in Japan studieren
und arbeiten würde. Aber er erkannte, daß sich die
Welt verändert hat und die Herausforderungen für
Amerika anders gelagert sind. Die Haltung meines
*

AMERIKA DIENST 49

Ich möchte Ihnen sagen, was ich fühle. Ich hege
keinen Groll gegen Deutschland oder Japan in meinem
Herzen - überhaupt keinen. Und ich hoffe, daß Sie
trotz der erlittenden Verluste keinen in Ihrem Herzen

hegen. Dies ist nicht die Zeit für gegenseitige Schuldzuweisungen. Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, er ist
Geschichte. Wir haben gewonnen. Wir haben den
Totalitarismus vernichtet. Und als dies getan war,
haben wir unseren Gegnern geholfen, die Demokratie
aus der Wiege zu heben.
Wir haben sowohl Europa als auch Asien unsere Hand
gereicht. Wir haben unsere Feinde zu Freunden
gemacht. Wir haben ihre Wunden geheilt und uns
damit selbst geholfen. Die Lektionen des Kriegs
werden zu Recht Bestand haben: Bereitschaft, Stärke, Anstand und Ehre, Mut, Opferbereitschaft, Bereitschaft, für sein Land - Amerika, das Land der Freien
und Mutigen - zu kämpfen und sogar zu sterben.
Wenn ich nur für mich selbst spreche - ich hege keinen
Groll in meinem Herzen. Ich sehe immer noch die
Gesichter der gefallenen Kameraden, und ich bin
sicher, auch Sie sehen noch die Gesichter Ihrer gefallenen Kameraden oder Ihrer Familienmitglieder vor
sich. Aber glauben Sie nicht, daß sie sagen: "Fünfzig
Jahre sind vergangen. Unser Land ist der unumstrittene Führer der freien Welt und wir leben im Frieden."
Glauben Sie nicht, jeder sagt: "Ich bin nicht umsonst
gestorben."
Möge Gott Sie alle schützen, die Opfer gebracht und
gedient haben, und möge Gott seinen gütigen Schutz
über dieses, das großartigste Land auf dieser Erde die Vereinigten Staaten von Amerika - ausbreiten.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * *

*

Seite 3

�OSTEUROPA
11. Dezember 1991

WETTBEWERB UNVERZICHTBAR FÜR FORTSCHRITTE
IN OSTEUROPA UND DER SOWJETUNION
Rede von Notenbankchef Greenspan
WASHINGTON - (AD) - Der Wettbewerbsdruck einer Marktwirtschaft ist unerläßlich, um in der ehemaligen
Sowjetunion und Osteuropa wirtschaftliche Flexibilität und Reformen zu erzielen. "Sicherlich wird der Öffentlichkeit durch eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft auf vielfältige Weise gedient, "erklärte Alan Greenspan,
der Chef der amerikanischen Zentralbank, in einer am 3. Dezember 1991 in Washington gehaltenen Rede.
Darüber hinaus habe die marxistische Ideologie als ehemalige volkswirtschaftliche Grundlage in der Sowjetunion
und Osteuropa Wettbewerb als destruktiven Faktor betrachtet.
"Heute, da die ehemalige Sowjetunion nach Integration in die Weltwirtschaft strebt, ist offensichtlich, daß
zahlreiche Staatsbetriebe überflüssig und nicht wettbewerbsfähig sind", warnte er. "Mit der Zeit werden sie
geschlossen und ersetzt werden müssen. Welche Fabriken sofort und welche nach und nach geschlossen
werden, ist eine schwierige Entscheidung. Zweifellos sollten die Fabriken offenbleiben, deren Ertrag - in
Marktpreisen - höher ist als der Wert des verarbeiteten Materials und der anfallenden Arbeitskosten. Die
Notwendigkeit einer Rendite auf Fabrik und Ausrüstung kann unter diesen Bedingungen außer acht gelassen
werden."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Alan Greenspan im Wortlaut.

Meine Freunde, ich fühle mich geehrt, heute abend
hier sprechen zu dürfen. Ich möchte mich einem
wichtigen Thema widmen: den Wirtschaftsreformen in
der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa.
In einer Welt, die sich so rasch verändert wie die
unsrige, kann man bei gewissen Ereignissen leicht den
Maßstab verlieren. Wir sollten jedoch nicht die Tatsache außer acht lassen, daß wir in den vergangenen
Jahren eine der bemerkenswertesten Entwicklungen
dieses Jahrhunderts erlebt haben: den Zerfall der
kommunistischen Systeme in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa. Obgleich die marxistischen
Systemen immanenten Widersprüche seit langem
bekannt waren und die Enttäuschung ihrer Bevölkerung über ihre sinnlosen Entbehrungen zunehmend
offen zutage trat, war das Tempo dieses Zerfalls noch
vor drei Jahren unvorstellbar.
Während wir uns mit den Menschen in diesem Teil der
Welt über diese dramatische und hoffnungsvolle
Wendung der Ereignisse freuen, müssen wir feststellen, daß sie den leichten Teil bereits hinter sich haben.
Was vor ihnen liegt, ist die außerordentlich schwierige
Aufgabe, gesunde, stabile und faire politische und
Rechtssysteme sowie lebensfähige WirtschaftsunterAMERIKA DIENST 49

nehmen zu schaffen. Darüber hinaus wird ein erfolgreicher Wiederaufbau dieser Volkswirtschaften die
Mobilisierung großer Mengen an Privatkapital und
Know-how erfordern, was wiederum gut durchdachte,
auf dem Vertragsrecht beruhende wirtschaftliche
Rechtssysteme notwendig macht. Das letztere Element wird nur selten erwähnt, ist jedoch unverzichtbar
für den Erfolg der Bemühungen, ein marktwirtschaftliches System einzuführen und die Beteiligung enormer
Mittel des Privatsektors im In- und Ausland zu gewinnen.
Im allgemeinen wird politischer und wirtschaftlicher
Erfolg von folgenden Faktoren abhängen: der Klugheit
der Architekten der neuen Ordnung in diesen Ländern;
der Geduld ihrer Bevölkerungen, die vielleicht derjenigen Hiobs gleichkommen muß; der Bereitschaft von
Menschen in unserem Teil der Welt, Hilfe in zahlreichen verschiedenen Bereichen zu leisten.
Zum jetzigen Zeitpunkt sind die ehemalige Sowjetunion und viele ihrer früheren Verbündeten in Osteuropa
mit extrem schwierigen Zeiten konfrontiert. Produktion und Einkommen schrumpfen, während das zentralisierte Kommandosystem zur Lenkung der Ressourcen zusammengebrochen ist. Ersatz für dieses
Seite 1

�System wird jedoch nur langsam geschaffen. Dies
erfordert nicht nur Marktsignale sondern auch Unternehmen, die auf diese Signale reagieren.
Gleichzeitig steigt der inflationäre Druck, und die
Hyperinflation ist eine echte Bedrohung, da die Regierungen mit steigenden Haushaltsdefiziten zu kämpfen
haben - teilweise zur Deckung der Verluste staatlicher
Unternehmen - und zur Druckerpresse greifen, um
diese Fehlbeträge zu finanzieren. In der Tat scheint
der Zerfall der Sowjetunion einen zerstörerischen
Wettbewerb der Geldproduktion zwischen den Republiken nach sich zu ziehen, der ohne weiteres zu einer
Hyperinflation führen könnte. Dies sind Bedingungen,
die sozialen und politischen Unruhen den Weg bereiten können, die letztlich Hoffnungen und Träume zunichte
machen würden, wenn neue repressive Regime dieses Vakuum ausfüllen. Zweifellos haben wir großes
Interesse an einem positiven Ergebnis.
Das große Potential des Gebiets, das vormals die
Sowjetunion ausmachte, gründet sich hauptsächlich
auf seine ungeheuren Bodenschätze. Seine massiven
Reserven an Erdöl und-gas sowie verschiedenen
Mineralien sind ebenso bekannt wie die riesigen Flächen fruchtbaren Ackerlandes. Überdies besitzt es
große Humanressourcen - insbesondere einen sehr
umfangreichen Kader äußerst fähiger Wissenschaftler
und Ingenieure.
Die Ausstattung mit Ressourcen weist jedoch ein
erhebliches Mißverhältnis auf. Was fehlt, ist die große
Anzahl von Wirtschaftspraktikern, die im Westen dazu
beitragen, den Privatsektor und die Märkte in Gang zu
halten. Das sind die Buchhalter, Rechnungsprüfer,
Marketing-Fachleute, Kreditberater und so weiter, die
das "Fußvolk" einer Marktwirtschaft bilden. Sie sind
diejenigen, die Unternehmen in die Lage versetzen,
kontinuierlich auf die Millionen von Marktsignalen zu
reagieren, die letztlich die Ressourcen in einer dezentralisierten Marktwirtschaft ihrem nützlichsten Zweck
zuführen. Sie liefern die notwendigen Informationen
an die Entscheidungsträger, die nach neuen Wegen
Ausschau halten, um die Produktivität zu verbessern
und die Kosten zu senken, kalkulierte Risiken einzugehen und gesundes Urteilsvermögen bei der Vergabe
von Krediten anzuwenden. Die Aus- und Fortbildung
von Leuten mit solchen Fähigkeiten ist offenkundig
eine Priorität, und wir im Westen haben bei der Ausbildung solcher Fachleute viel zu bieten und müssen
unseren Teil dazu beitragen.
Eine ebensolche Herausforderung wird sicherlich die
Umstrukturierung von Industrien sein. Für den Erfolg
der Marktwirtschaften waren Wettbewerb und - in
gewissem Maß - industrieller Überschuß bedeutende
Elemente. In Marktwirtschaften gibt es traditionell
verschiedene Unternehmen und zahlreiche Fabriken,
die ähnliche oder identische Produkte herstellen sowie
sich überschneidende Transportsysteme. Die Exi-

Seite 2

stenz von Rivalen auf dem Markt führt zu einer konstruktiven Spannung, bei der Anbieter ständig danach
streben, ihre Lage zu verbessern, indem sie der Öffentlichkeit neue und bessere Produkte und Dienstleistungen anbieten, ihre Kosten durch bessere Effizienz
senken und attraktivere Preise und Bedingungen
gewähren.
Infolgedessen hat überdies die Schließung einzelner
Fabriken, die sich aus Streiks oder Betriebsstörungen
ergeben kann, selten gesamtvolkswirtschaftliche
Auswirkungen. Es ist der Wettbewerbsdruck innerhalb einer Marktwirtschaft, der diesen Überschuß und
damit auch Flexibilität hervorbringt. Sicherlich wird der
Öffentlichkeit durch eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft auf vielfältige Weise gedient.
Im Gegensatz dazu betrachtet die marxistische Ideologie, einstmals die Grundlage der Volkswirtschaften
der Sowjetunion und ihrer osteuropäischen Verbündeten, Wettbewerb als zerstörerisch. Demgemäß war
die Produktion durch Staatsmonopole organisiert.
Darüber hinaus setzten die sowjetischen Planer offensichtlich voraus, daß Kostensenkungen automatisch
zum Tragen kämen - das heißt, mit Expansion des
Unternehmens fallen die Stückkosten. Dies verstärkte
ihre Bevorzugung einzelner Produzenten noch.
Die in den westlichen Marktwirtschaften gesammelten
Erfahrungen lassen solch große Rationalisierungsgewinne als äußerst zweifelhaft erscheinen, deuten sie
doch eher darauf hin, daß die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern wahrscheinlich zu Ineffizienz beigetragen hat. In der Tat weisen die Schwierigkeiten insbesondere bei der Leitung großer Unternehmen die
Tendenz auf, sich mit zunehmender Größe des Unternehmens zu multiplizieren. Im Grunde genommen
wird die Fähigkeit, auf veränderte Marktsignale zu
regieren, durch zuviel Bürokratie und Trägheit behindert. Das Aufbrechen zahlreicher Konglomerate im
Westen in den achtziger Jahren hat solcher Ineffizienz
und dem damit einhergehenden Mangel an Flexibilität
Rechnung getragen.
Die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern in zentral
gelenkten Wirtschaftssystemen bedeutete, daß bei
jeder Betriebsstörung in einem einzelnen Produktionsbetrieb das gesamte Wirtschaftssystem mit Anpassungsproblemen zu kämpfen hatte. Tatsächlich ist
wahrscheinlich dieses außergewöhnlich schlecht strukturierte System einer der wichtigsten Gründe dafür,
daß Energie und Kapital in der ehemaligen Sowjetunion so unwirtschaftlich eingesetzt wurden. Diese Ineffizienz wurde anscheinend noch verstärkt, weil Stalin,
der sich über die Möglichkeit der wirtschaftlichen
Unabhängigkeit einzelner Republiken Sorgen machte,
einzelne voneinander abhängige Fabriken so in der
gesamten Sowjetunion verteilte, daß die Abhängigkeit
der Republiken voneinander verstärkt wurde. Denken
Sie nur an die enorme Verschwendung von Energie,

AMERIKA DIENST 49

�Kapital und Arbeitskräften in Zusammenhang mit dem
Transport unfertiger Waren von einem Produktionsabschnitt zum nächsten über weite Strecken.
Die Probleme des Übergangs werden durch die notwendige Umrüstung von militärischer zu ziviler Produktion noch verstärkt. Eine Reihe von Städten in der
Sowjetunion sind nahezu ausschließlich in der Rüstungsproduktion tätig: Dies bedeutet, daß die Kürzung der militärischen Produktion den in diesem Sektor Beschäftigten Schwierigkeiten dabei verursacht, in
der Umgebung einen zivilen Arbeitsplatz zu finden.
Die Konversion von Fabriken ist deshalb ein wesentlich schwierigeres Problem als in den Vereinigten
Staaten, wo andere Beschäftigungsmöglichkeiten in
städtischen Ballungsgebieten vorhanden sind. Überdies könnten sich beträchtliche Umzugs- und Umschulungsprobleme für wissenschaftliches und technisches Personal ergeben, da die erforderliche Zusammensetzung der zivilen Erwerbsbevölkerung wahrscheinlich weniger dem in der militärischen Spitzentechnologie tätigen Personal entspricht. Dies ist besonders unangenehm, weil der militärisch-industrielle
Komplex in der ehemaligen Sowjetunion den Großteil
der führenden Wissenschaftler und Techniker beschäftigt. Diese erstklassigen Fachkräfte sollen marktorientierten Wirtschaftssystemen wichtige Unterstützung
leisten.
Heute, da die ehemalige Sowjetunion nach Integration
in die Weltwirtschaft strebt, ist offensichtlich, daß
zahlreiche Staatsbetriebe überflüssig und nicht wettbewerbsfähig sind. Mit der Zeit werden sie geschlossen und ersetzt werden müssen. Welche Fabriken
sofort und welche nach und nach geschlossen werden,
ist eine schwierige Entscheidung. Zweifellos sollten
die Fabriken offenbleiben, deren Ertrag - in Marktpreisen - höher ist als der Wert des verarbeiteten Materials
und der anfallenden Arbeitskosten. Die Notwendigkeit
einer Rendite auf Fabrik und Ausrüstung kann unter
diesen Bedingungen außer acht gelassen werden.
Diejenigen, die nicht die zur Deckung der Betriebskosten erforderlichen Einnahmen zu Marktpreisen erzielen können, sollten geschlossen werden, es sei denn,
diese Kosten können ziemlich bald gesenkt werden.
Leider besteht noch große Unsicherheit im Hinblick auf
die Umsetzung dieser Grundsätze in dem, was von der
Wirtschaft der ehemaligen Sowjetunion noch übrig ist,
da die Preise nicht den Marktwert widerspiegeln und
Kostensenkungsmaßnahmen äußerst suspekt erscheinen. In diesem Bereich wären erfahrene Kostenfachleute besonders hilfreich und ein System von Marktpreisen für Produktion und Einsatz unerläßlich. Ohne
solche Bedingungen können zahlreiche lebenswichtige Entscheidungen nur aufgrund von Anhaltswerten
gefällt werden, und die Ergebnisse dürften in den
meisten Fällen nicht die optimale Wirkung erreichen.
Aufgrund der wenigen nützlichen Fabriken und Maschinen erscheint es als wahrscheinlich, daß in den
AMERIKA DIENST 49

Frühstadien der Entwicklung einer Marktwirtschaft auf
dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion das Hauptaugenmerk Industrien mit niedrigen Kapitalanforderungen gelten wird - im allgemeinen der mittelständischen Wirtschaft und der Leichtindustrie. Diese werden durch Unternehmen der Spitzentechnologie ergänzt, die sich das große Reservoir von Fachkräften
zunutze machen.
Die vielleicht größte Herausforderung wird die Veränderung kultureller Einstellungen sein, die durch die
nahezu 75jährige Herrschaft des Marxismus hervorgebracht wurden. Obgleich sich zahlreiche sowjetische Politiker von der marxistischen Wirtschaftstheorie abgewandt haben und unter der Bevölkerung nur
noch wenig Unterstützung dafür besteht, wurde die
marxistische Ideologie und deren Ablehnung von
Profiten, Kapitalismus und Wettbewerb einem Großteil der Bevölkerung durch das Bildungssystem eingeimpft. Profit wurde so gleichermaßen zum Synonym
für die Ausbeutung von Arbeitern und Verbrauchern.
Der Kapitalismus wurde als System betrachtet, das
sich auf solche Profite gründet.
Mit diesen Einstellungen geht die fehlende Konzentration auf Chancen für persönlichen Gewinn einher, die
denjenigen vergleichbar sind, mit denen wir aufgewachsen sind und die wir für selbstverständlich halten.
In Amerika hat jedes Kind, das schon einmal an einem
Limonadenstand gearbeitet hat, gelernt, nach Marktchancen Ausschau zu halten. Darüber hinaus hat
dieses Kind die Notwendigkeit erkannt, einen Preis
festzusetzen, der sich nicht zu weit von dem der
örtlichen Konkurrenz absetzt und gleichzeitig die Kosten
deckt. Diese Art von Konzentration auf die Entdekkung von und Suche nach Chancen zur Erfüllung
wirtschaftlicher Bedürfnisse existiert in der Bevölkerung jenes Teils der Welt kaum, den wir als die UdSSR
gekannt haben.
Es wird unmöglich sein, eine erfolgreiche Marktwirtschaft aufzubauen, wenn diese Initiative nicht gefördert wird und, was noch wichtiger ist, wenn es innerhalb des kulturellen Wertesystems keine politisch
bedeutsame, philosophische Unterstützung für eine
solche Organisation der Gesellschaft gibt. Ferner
müssen gewisse Einkommensunterschiede toleriert
werden. Die Bereitschaft muß vorhanden sein, höhere
Einkommen für diejenigen zu akzeptieren, die grö ßere
Anstrengungen unternehmen und höhere Risiken
eingehen.
Auf einer konkreteren Ebene müssen sich die Bemühungen zur Einführung marktwirtschaftlicher Reformen in der ehemaligen Sowjetunion auf den Aufbau
einer soliden gesetzlichen Infrastruktur konzentrieren.
Der Eckpfeiler jeder gut funktionierenden Marktwirtschaft ist das Vertragsrecht. Das Vertragsrecht in
solchen Systemen trägt der Tatsache Rechnung, daß
die Menschen nur ungern Wertgegenstände austauschen, wenn ihnen nicht klar ist, was sie als GegenleiSeite 3

�stung erhalten. Das Verlagsrecht erkennt ferner an,
daß die Parteien in einem Tauschgeschäft vernünftige
Zusicherungen einer solchen Rendite sowie von Regreßansprüchen haben müssen, falls die Gegenpartei
den Vertrag nicht einhält.
Ein System mit einem soliden Vertragsrecht fördert
deshalb die Integrität und das Vertrauen in eine Marktwirtschaft. Wo es Integrität und Vertrauen gibt, sind
die Menschen eher bereit, Verpflichtungen einzugehen, insbesondere solche langfristiger Natur, und sie
benötigen keine hohen Prämien als Ausgleich für
Ungewißheiten bezüglich der Vertragserfüllung. Solches Vertrauen spielt eine Schlüsselrolle bei der
Kanalisierung knapper Mittel zu ihrem nützlichsten
Einsatz sowie bei der Erleichterung von Innovationen.
Die Integrität der Märkte ist besonders wichtig im
Finanzsektor, wo Ressourcen durch den Kapitalbildungsprozeß dirigiert werden, um künftigen wirtschaftlichen Erfordernissen gerecht zu werden und die Produktivität der Erwerbsbevölkerung zu erhöhen. Wenn
die Investoren kein Vertrauen in das Vertragswesen
haben, verlangen sie große Unsicherheitszuschläge,
um das Risiko möglicher Vertragsverletzungen abzudecken, was zu Verzerrungen des Kapitalbildungsprozesses führt. Mit anderen Worten: eine solide, auf
einem fest verankerten Vertragsrecht gegründete
gesetzliche Infrastruktur führt so weit wie möglich zur
Reduzierung von Risiken und damit auch zur Verringerung der effektiven Kapitalkosten, indem sie es den
Kapitalressourcen erlaubt, ihrer bestmöglichen und
vorteilhaftesten Verwendung zugeführt zu werden.
Bei der Erwägung von Reformen für die Wirtschaftssysteme in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa müssen wir der Annahme widerstehen, man benötige dort jetzt vor allem hochentwickelte Finanzsysteme, die mit den unseren vergleichbar sind. Man
benötigt dort kein Füllhorn an Finanzinstrumenten und
Produkten zur Risikoverlagerung, die von den neuesten Datenverarbeitungs- und Telekommunikationstechnologien unterstützt werden. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre man dort besser beraten, sich auf die
Grundlagen zu konzentrieren und mit Reformen des
Banksystems zu beginnen, die effiziente und zuverlässige Zahlungssysteme bereitstellen und eine solide
Kreditbeurteilung in die Systeme einführen, damit knappe
Kreditmittel zur Finanzierung der aussichtsreichsten
Projekte eingesetzt werden können. Dies setzt natürlich die parallele Entwicklung von Marktpreissystemen
voraus, damit - wie ich bereits früher erwähnte - die
produzierten Waren für den Verbraucher mehr Wert
haben als die zu ihrer Herstellung eingesetzten Mittel.
Wenn die mit jenem größeren Wert einhergehende
Rendite tatsächlich höher ist als die Kapitalkosten
haben wir wahrscheinlich ein kreditwürdiges Projekt
vor uns.
Die Einführung eines Marktes für Staats- und Industrieobligationen ist ebenfalls eine Priorität für die

Seite 4

ehemalige Sowjetunion und Osteuropa. Die Entwicklung eines solchen Rentenmarkts kann einen wichtigen Beitrag zur Abschöpfung überschüssiger Liquidität haben, die aufgrund der zur Finanzierung explosionsartig wachsender Haushaltsdefizite übermäßig
erhöhten Geldmenge entstanden ist. Sind diese Defizite erst einmal unter Kontrolle gebracht worden, kann
ein Rentenmarkt die nichtinflationäre Finanzierung
sämtlicher noch verbleibender Defizite der öffentlichen
Hand erleichtern. Darüber hinaus erleichtert ein Binnenmarkt für die Staatsschuld die Einführung einer
gesunden Geldpolitik, indem ein effektives Mittel für
Vermehrung oder Verringerung der Liquidität des
Bankensystems geschaffen wird. Ein Markt für Industrieanleihen ermöglicht es Staatsunternehmen ferner, sich von Zentralbankkrediten abzunabeln und
gleichzeitig den Unternehmensleitungen mehr Marktdisziplin aufzuerlegen. Rentenmärkte können einen
sehr starken disziplinierenden Einfluß auf Unternehmensführungen ausüben, indem sie diese zu soliden
und erfolgversprechenden Strategien anhalten. Dies
geschieht dadurch, daß Unternehmer die Kreditgeber,
die Risikokapital zur Verfügung stellen, davon überzeugen, daß die Unternehmensleitung Produkt- und
Kostenbegrenzungsstrategien verfolgt, die Zinszahlungen sowie die Rückzahlung der Kreditsumme sicherstellen.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben die Ungewißheiten bezüglich vertraglicher Rechte und damit einhergehender Risiken für nahezu alle Investoren prohibitive Wirkung. Es ist schwierig, einen Investor dazu zu
veranlassen, für wenige Jahre, geschweige denn für
20 oder 30 Jahre die für zahlreiche sinnvolle Projekte
erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen, wenn
die Ertragsaussichten ungewiß und die Entschädigungsverfahren im Falle von Zahlungsunfähigkeit
schwammig definiert sind. Wie ich jedoch bereits
feststellte, lassen sich diese prohibftiven Risiken grundlegend verringern. Die umgehende Einführung sorgfältig ausgearbeiteter Vertragsgesetze sowie einer
ergänzenden Aufsichtsstruktur, die gewährleistet, daß
die Spielregeln eingehalten werden, sind für den Erfolg
der Reformbemühungen in diesem Teil der Welt unerläßlich.
Zum Abschluß möchte ich darauf verweisen, daß der
Übergang zu politischer Demokratie und Marktwirtschaften in der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa eine äußerst delikate Aufgabe ist, deren Weg mit
zahlreichen Hindernissen gepflastert ist. Wir im Westen
können uns der Tatsache nicht entziehen, daß wir
großes Interesse an diesem Ergebnis haben und viel
dazu beitragen können, insbesondere im Bereich technischer Hilfe. Dennoch tragen die Entscheidungsträger in den ehemaligen sowjetischen Republiken und
den neuen unabhängigen Nationen Osteuropas die
Hauptlast bei der Entwicklung glaubwürdiger, umfassender Programme für eine rasche Annäherung an ein
Marktsystem, in dem die Ressourcen von Marktsigna-

AMERIKA DIENST 49

�len geleitet werden können. Darüber hinaus müssen
sie ihre Völker eingehend über die Schwierigkeiten
eines solchen Übergangs und die Notwendigkeit informieren, gegebenenfalls die Einstellung zu Wettbewerb, Profit und Eigeninitiative radikal zu verändern.
Die Reformen werden keinen Erfolg haben und der
Rest der Welt wird keinen substantiellen Beitrag leisten , bevor nicht eine glaubwürdige, auf dem Vertragsrecht basierende gesetzliche Infrastruktur eingeführt
* *

AMERIKA DIENST 49

wird. In der Zwischenzeit muß der Eindämmung der
Inflation und der Verhinderung einer Hyperinflation
vordringlich Aufmerksamkeit gewidmet werden. Vieles muß korrekt ablaufen, wenn ihr Ziel - das wir so
eindeutig teilen - verwirklicht werden soll, und zwar auf
eine Art und Weise, die menschliches Leid und die
Risiken für die sozialen und politischen Systeme
möglichst gering hält.

*

*

Seite 5

�OSTEUROPA
11. Dezember 1991

OSTEUROPÄER BEURTEILEN
KAPITALISMUS ZURÜCKHALTEND
Meinungsumfrage von Times Mirror

Nach Jahrzehnten unter einem kommunistischen
Wirtschaftssystem befürworten die Osteuropäer einen
raschen Übergang zum Kapitalismus - jedoch eher
nach dem schwedischen als dem amerikanischen
Modell.
Diese Bevorzugung eines sozialdemokratischen Ansatzes, bei dem der Staat weiterhin eine wichtige Rolle
in der Gesellschaft spielt, gegenüber einer geringeren
staatlichen Präsenz wie in den Vereinigten Staaten ist
eines der wichtigsten Ergebnisse einer umfassenden
Erhebung, die vom zur Los Angeles Times gehörenden Times Mirror Center for the People &amp; the Press
durchgeführt wurde.
Die Untersuchung setzt sich aus 13.000 persönlichen
Gesprächen mit Einwohnern neun europäischer Staaten und drei sowjetischer Republiken sowie 34 in
diesen Ländern durchgeführten Zielgruppendiskussionen und Analysen von Wissenschaftlern und Meinungsforschern zusammen. Die von Ende April bis
Ende Juni veranstalteten Befragungen deckten ein
breites Spektrum sozialer, politischer und wirtschaftlicher Einstellungen bei Ost- und Westeuropäern ab.
Die Fragen zur Wirtschaft zeigten, daß die Befragten
in ganz Osteuropa durchweg den Gedanken einer
freien Marktwirtschaft befürworteten.
Diese Unterstützung war am stärksten in der ehemaligen DDR, wo 86 Prozent einem solchen System
zustimmten, während es von nur 9 Prozent abgelehnt
wurde. In der Tschechoslowakei, Ungarn und Polen
sowie in Litauen - zu diesem Zeitpunkt noch eine
Sowjetrepublik - waren die Mehrheiten ähnlich deutlich.

AMERIKA DIENST 49

Weniger große Mehrheiten befürworteten marktwirtschaftliche Systeme in den Republiken Rußland und
Ukraine - 54 zu 33 in Rußland sowie 53 zu 34 in der
Ukraine.
Bei der Frage, welchen Typ von Volkswirtschaft sie als
bestes Modell für ihre Gesellschaft betrachteten, entschieden sich große Mehrheiten der Befragten für
"sozialdemokratischen Kapitalismus" gegenüber einem strengeren kapitalistischen Ansatz. Tatsächlich
bewegte sich die Unterstützung einer "streng kapitalistischen" Volkswirtschaft zwischen lediglich 23 Prozent in Ungarn und Polen und nur 14 Prozent in der
Tschechoslowakei.
In den sowjetischen Republiken wurden ähnliche
Ergebnisse verzeichnet. In Rußland, der Ukraine und
Litauen war die Unterstützung für einen amerikanisch
geprägten Kapitalismus größer als für das alte kommunistische System - jedoch schwächer als für die
Kategorien "demokratisch-sozialistisch" und "kapitalistisch nach schwedischem Modell".
Ungarn, Bulgaren und Russen - sowie in geringerem
Maß Ukrainer und Litauer - zeigten sich ungeduldig
über das Tempo des Wandels zu einer freien Marktwirtschaft. In Ostdeutschland, der Tschechoslowakei
und Polen hielten sich die Aussagen die Waage zwischen denjenigen, die der Meinung waren, der Wandel
vollziehe sich zu rasch und denjenigen, die das Tempo
für zu langsam hielten. Nur in der Tschechoslowakei
meinte die größte Gruppe, das Tempo sei in etwa
richtig.
Die Untersuchung erbrachte erhebliche Unterschiede
aufgrund von Alter, Bildungsgrad und Geschlecht.

Seite 1

�Ein von Times Mirror erstellter Bericht gab dafür folgende Erklärung: "Wie zu erwarten war, ist Ungeduld
eher bei der Jugend vertreten. Das gleiche gilt für die
Marktwirtschaft. Die Osteuropäer unter 25 stehen
einer freien Marktwirtschaft wesentlich enthusiastischer gegenüber... und möchten sie in ihren Ländern
wesentlich schneller verwirklicht sehen."

und Litauer möchten die Landwirtschaft dem Privatsektor überlassen. Das ist aber auch schon alles",
stellt der Bericht fest.

Weniger leicht zu erklären waren die eindeutigen und
konstanten geschlechtsspezifischen Meinungsunterschiede: "In allen untersuchten Ländern stehen Frauen einer freien Marktwirtschaft wesentlich weniger
aufgeschlossen gegenüber als Männer", berichtet Times
Mirror.

Kleinere aber immer noch erhebliche Mehrheiten befürworten eine exklusive Rolle des Staates im Telekommunikations- und Verkehrswesen. Dabei gibt es
nur eine Ausnahme: die Befragten in der Tschechoslowakei befürworten mit der knappen Mehrheit von 49 zu
43 Prozent die Privatisierung des Verkehrswesens.

Die Ergebnisse sind am deutlichsten im Bereich der
Schwerindustrie. Hier variieren die Mehrheiten für
ausschließliche Staatskontrolle zwischen 86 Prozent
in der Ukraine und 70 Prozent in Ungarn und Polen.
Im Hinblick auf den Bildungsgrad fanden die Mei- Die größte Unterstützung für die Beteiligung des Prinungsforscher heraus, daß Menschen mit zunehmen- vatsektor in der Schwerindustrie wurde in Litauen
dem Bildungsgrad auch eher bereit sind, eine freie verzeichnet - verschwindend geringe acht Prozent der
Befragten.
Marktwirtschaft zu unterstützen.

Der Bericht verweist ferner darauf, daß die in der
Meinungsumfrage zum Ausdruck kommenden Einstellungen zur Privatisierung ein mögliches Hindernis
für den raschen Übergang zu freien Marktwirtschaften
sind.

Das dem Kapitalismus immanente Profitmotiv wurde
von den Befragten mit gemischten Gefühlen beurteilt.
Mehrheiten in der Tschechoslowakei, Polen, Rußland
und Litauen unterstützen ein unbeschränktes Profitpotential, während starke Minderheiten in allen vier Staaten staatlich festgesetzte Grenzen für Gewinne forder"Obgleich die meisten Osteuropäer den Gedanken ten. Eine Mehrheit der befragten Bulgaren wünschte
einer freien Marktwirtschaft unterstützen, haben sie staatliche Obergrenzen, während bei Ungarn und
bezüglich ihrer Ausgestaltung kein Vertrauen in den Ukrainern die Meinung nahezu gleichmäßig geteilt
Privatsektor. Der Staat soll ihrer Meinung nach Schwer- war.
industrie, Verkehrswesen und Telekommunikation
betreiben und eine Rolle in Gesundheits- und Bank- Die meisten Deutschen, Tschechen und Slowaken,
wesen, Landwirtschaft, Herstellung von Konsumgü- Ungarn, Polen und Bulgaren meinten, die Betreiber
tern, Zeitungswesen, Radio und Fernsehen spielen", privater Unternehmen hätten einen guten Einfluß "auf
faßt der Bericht zusammen.
die Entwicklung" in ihren Ländern. Russen, Ukrainer
und Litauer waren der Auffassung, daß Unternehmer,
"Tschechen und Slowaken, Ungarn, Polen und Litauer "die Kooperativen besitzen", einen schlechten Einfluß
neigen eher dazu, Geschäfte und Restaurants dem haben, und sie wurden ebenso negativ gesehen wie
Privatsektor anzuvertrauen. Polen, Russen, Ukrainer Schwarzmarkthändler.

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�JUGOSLAWIEN
11. Dezember 1991
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USA VERHÄNGEN SANKTIONEN
GEGEN JUGOSLAWIEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
Die folgende Übersicht zu den amerikanischen Sanktionen gegen Jugoslawien wurde am 6. Dezember 1991 vom
US-Au ßenministerium veröffentlicht.

Die amerikanischen Sanktionen gegen Jugoslawien

Einleitung
Die am 6. Dezember 1991 verkündeten Maßnahmen
sind mit den von der Europäischen Gemeinschaft
veranlaßten Schritten vergleichbar und dienen dazu,
Druck auf die Parteien in Jugoslawien zum Abschluß
eines echten Waffenstillstands und zur sinnvollen
Beteiligung an einer politischen Regelung im Rahmen
der Haager Konferenz auszuüben.
Diese Sanktionen untersagen nicht den Handel zwischen den Vereinigten Staaten und Jugoslawien. Ein
Handelsembargo würde Importe und Exporte stoppen,
während diese Sanktionen auf die Aussetzung von
Zollvergünstigungen für Importe aus Jugoslawien
begrenzt sind.
Die Sanktionen werden dem jugoslawischen Volk keine Waren vorenthalten und es nicht an der Entfaltung
wirtschaftlicher Aktivitäten hindern. Die eigentliche
Ursache für die dem Volk auferlegten Härten war die
Unfähigkeit der Parteien, eine friedliche Beilegung
ihrer Differenzen anzustreben.

Von Januar bis September 1991 gingen die amerikanischen Exporte im Vergleich zum selben Zeitraum
des Vorjahres um 23 Prozent, und die Importe aus
Jugoslawien um 13 Prozent zurück.
Unsere wichtigsten Exporte sind landwirtschaftliche
Produkte (Mais, Sojabohnen), aber auch Kohle und
Computer haben Bedeutung. Unsere wichtigsten
Importe aus Jugoslawien sind Schuhe, Textilien, Möbel
und Fleisch.
Hilfsprogramme
Jugoslawien fällt unter das SEED-Programm, das
amerikanische Hilfen für Mittel- und Osteuropa vorsieht. Die Sicherheitsbedingungen in dem Land haben
seit Juni die Mehrzahl dieser Programme eingeschränkt
oder unterbrochen; wir waren weiterhin an der Durchführung eines begrenzten Privatisierungsprogramms
beteiligt.
Das Allgemeine Präferenzsystem

Vor dem Konflikt betrug der Handel mit den Vereinigten Staaten fünf Prozent des jugoslawischen Gesamthandelsverkehrs. Europa und die UdSSR sind die
führenden Handelspartner Jugoslawiens.

Dem Allgemeinen Präferenzsystem zufolge gewähren
die Vereinigten Staaten sowie 27 weitere Staaten
Entwicklungsländern bei bestimmten Produkten Abgabenfreiheit. Die Aussetzung dieses Systems bedeutet, daß jugoslawische Exporte in die Vereinigten
Staaten künftig dem Zollsatz nach dem Meistbegünstigungsstatus unterliegen.

Im Jahr 1990 erreichten die amerikanischen Exporte
nach Jugoslawien 565 Millionen Dollar und die Importe
aus Jugoslawien 776 Millionen Dollar.

Im Jahr 1990 hat Jugoslawien im Rahmen des Allgemeinen Präferenzsystems Waren im Wert von 280
Millionen Dollar in die Vereinigten Staaten exportiert.

Handel

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�Die wichtigsten Güter im Rahmen dieses Programms
waren Möbel, Kühlschränke, Aluminiumprodukte,
Autoteile und Sanitärzubehör.
Textillen
Die Textilvisum-Vereinbarung ist eine Methode, nach
der Exportländer ihre Textil- und Bekleidungsexporte
in die Vereinigten Staaten ausweisen und überwachen. Die Nichtanerkennung jugoslawischer Visa
bedeutet, daß Beamte der jugoslawischen Bundesregierung Republiken bei der Vergabe dieser Visa nicht
diskriminieren können.
Wir haben Berichte erhalten, wonach es für Exporteure einiger nichtserbischer Republiken immer schwieriger geworden ist, Textilvisa für ihre Lieferungen zu
erhalten. Die jugoslawischen Textilexporteure werden
nicht länger verpflichtet sein, für Exporte in die Vereinigten Staaten eine Erlaubnis aus Belgrad zu erhalten.

Die Kündigung der Visavereinbarung wird nicht die
Gültigkeit des bilateralen Textilabkommens mit Jugoslawien aufheben, demzufolge zahlreiche Textil- und
Bekleidungswaren Quoten unterliegen. Dieses bilaterale Abkommen gestattet uns darüber hinaus, die
Gefahr künftiger Marktstörungen oder von Bestrebungen zur Umgehung unserer Textilvereinbarungen zu
bewältigen.
Sanktionen
Die Sanktionen betreffen lediglich jugoslawische Exporte in die Vereinigten Staaten, nicht amerikanische
Exporte nach Jugoslawien.
Einigen amerikanischen Importeuren werden durch
die Aufhebung der Vorteile des Allgemeinen Präferenzsystems höhere Kosten entstehen.
Die Verfügungen treten 15 Tage nach ihrer Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft.

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AMERIKA DIENST 49

�UMWELT
11. Dezember 1991

REILLY: OECD MUSS ENTWICKLUNGSHILFE
AN UMWELTPROGRAMME KNÜPFEN
Rede des EPA-Leiters vor der OECD
PARIS - (AD) - Dem Leiter des amerikanischen Bundesumweltamts EPA, William Reilly, zufolge sollten die
Industrienationen ihre Auslandshilfeprogramme auf die Förderung dauerhafter und umweltverträglicher wirtschaftlicher Fortschritte in den Entwicklungsländern zuschneiden. In seiner Rede vor den Ministern für Umwelt
und wirtschaftliche Zusammenarbeit der OECD zeigte Reilly am 2. Dezember 1991 in Paris Wege dafür auf.
Er drängte die Mitgliedstaaten zur Einhaltung der neuen OECD-Richtlinien, die sicherstellen sollen, daß
Entwicklungshilfe stets der Umwelt Rechnung trägt und schlug vor, die Geberländer sollten vermehrt solche
Mittel wie "Schuldenerlaß im Gegenzug zur Erhaltung der Umwelt" zum Schutz von Ressourcen einsetzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir Reillys Rede im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, die Tagung
über "Technologische Zusammenarbeit und Aufbau
von Kapazitäten" eröffnen zu dürfen. Zunächst möchte ich feststellen, daß ich diesem historischen Treffen
der OECD-Minister für Umwelt und wirtschafltiche
Zusammenarbeit erwartungsvoll entgegengesehen
habe. Meines Erachtens bietet sich den hier versammelten Ministern die einmalige Chance, weltweit eine
Führungsrolle bei der Förderung dauerhafter und umweltverträglicher Entwicklung zu übernehmen.
Dauerhafte Entwicklung! Dieser Begriff kann ungeachtet seiner hehren Ziele nicht präsize definiert werden. Der ehemalige Präsident Theodore Roosevelt
erfaßte den Wesensgehalt dauerhafter Entwicklung in
seiner Philosophie des Naturschutzes. Er erklärte:
"Naturschutz bedeutet gleichermaßen Entwicklung und
Schutz. Ich erkenne das Recht und die Pflicht dieser
Generation an, die natürlichen Ressourcen unseres
Landes zu entwickeln und einzusetzen. Sie hat jedoch
nicht das Recht, sie zu verschwenden oder nachfolgende Generationen durch verschwenderischen Einsatz dieser Ressourcen zu berauben." Dauerhafte
Entwicklung ist also Entwicklung, die sich im Einklang
mit dem Ökosystem vollzieht. Die Vereinigten Staaten
wenden zur Zeit 115 Milliarden Dollar - rund 2 Prozent
ihres BSP - für Umweltschutzmaßnahmen auf. Dieser

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Betrag wird sich bis zum Jahr 2000 voraussichtlich auf
3 Prozent ihres BSP erhöhen, allein, um bereits verabschiedete Gesetze in die Praxis umzusetzen.
Technologische Zusammenarbeit und Aufbau von
Kapazitäten - wie die einzelnen Länder ihr Wissen zur
Verwirklichung gemeinsamer umweltpolitischer und
wirtschaftlicher Ziele kombinieren -, diese Themen
bilden das Kernstück jedes Programms zur Förderung
dauerhafter Entwicklung. Für die Entwicklungsländer
ist es am wichtigsten - ganz abgesehen von den
rhetorischen Wortgebilden der Kommuniques - wie sie
selbst ihre Instrumente, ihr Know-how und ihre finanziellen Ressourcen zur Schaffung wirtschaftlichen
Wohlstands einsetzen können, um ihren Völkern eine
bessere Lebensqualität zu verschaffen und die Ökosysteme zu schützen, die die Grundlage für Wirtschaftswachstum bilden.
Die OECD und ihre Mitgliedstaaten haben angesichts
ihrer Ressourcen und Erfahrung die einzigartige Fähigkeit, diese realen internationalen Herausforderungen anzusprechen. Obwohl die OECD-Länder bei
technischer Zusammenarbeit eine entscheidende Rolle
zu spielen haben, sind die Entwicklungsländer selbst
für die Durchführung geeigneter Maßnahmen und
Programme verantwortlich. Dennoch können wir sehr
viel tun.

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�Erstens, indem wir die OECD als Institution nutzen.
Diese Organisation verfügt über umfassendes Wissen
in solchen Bereichen wie saubere Technologien, Vermeidung von Umweltverschmutzung, Kontrolle von
Chemikalien und Abfällen, Biotechnik, Energie, wirtschaftlichen Instrumenten und Umweltindikatoren.
Zweitens kann jeder von uns als Mitglied der OECD in
den Entwicklungländern etwas bewirken, indem er
unsere bilaterale und multilaterale Hilfe besser koordiniert. Wir unterstützen und verwirklichen die neuen
OECD-Richtlinien über Umwelt und Entwicklungshilfe,
die sicherstellen werden, daß Entwicklungshilfe stets
der Umwelt Rechnung trägt. Darüber hinaus können
wir den Einsatz von Umweltaktionsplänen durch die
Entwicklungsländer ermutigen, um Prioritäten zu setzen und den Konsultationsprozeß zwischen diesen
Ländern mit uns und internationalen Organisationen
zu fördern.
Drittens ist die OECD sehr wohl in der Lage, die
Entwicklung marktorientierter Ansätze zu unterstützen, die wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz
verknüpfen. Wie ich beim Treffen der OECD-Minister
für wirtschaftliche Zusammenarbeit im letzten Januar
ausgeführt habe, können wir innovative Finanzierungsmechanismen fördern, wie etwa Schuldenerlaß im
Gegenzug zur Erhaltung der Umwelt und eine Handelspolitik erarbeiten, die Umweltbelangen besser
Rechnung trägt. Präsident Bushs Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in den Länder Amerikas
vernetzt Handel, Schuldenerlaß, Investitionen, wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz - und dies
sind genau die Verbindungen, die man sicherstellen
muß, wenn man in den Volkswirtschaften der Entwicklungsländer praktisch etwas bewirken will. Im Rahmen
der Initiative soll mit den lateinamerikanischen Ländern neu über Schulden bei den Vereinigten Staaten in
Höhe von rund 7 Milliarden Dollar verhandelt werden,
um Geld für die Erhaltung der Umwelt bereitzustellen.
Dank der Initiative könnten mehrere Hundert Millionen
Dollar pro Jahr zur Erhaltung von Wäldern, besserer
Verwaltung von Naturschutzparks sowie dem Schutz
des Ökosystems zur Verfügung gestellt werden.
Die Hauptfunktion der öffentlichen Hand besteht femer

darin, den Entwicklungsländern bei der Schaffung der
Konditionen zu helfen, die Investitionen des Privatsektors in effizientere und sauberere Technologien fördern - beispielsweise durch eine liberale Politik im
Handel und bei Privatinvestitionen, Vergabe und Schutz
der Rechte an Privateigentum, konsequente Rahmenbestimmungen, die Umweltnormen harmonisieren sowie
ergänzende öffentliche Investitionen in Infrastruktur
und Bildung.
Wir können den Privatsektor auch ermutigen, umweltfreundliche Technologien an die Gegebenheiten vor
Ort anzupassen. Im Bundesumweltamt haben wir
festgestellt, daß ein freiwilliges, energiesparendes,
"Green Lights" genanntes Elektrizitätsprogramm bei-

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spielsweise beträchtliche Einsparungen finanzieller Mittel
und Energieressourcen zur Folge hat. Schätzungen
des EPA zufolge könnten die Kosten für elektrisches
Licht halbiert werden, wenn energiesparende Lichtquellen überall dort in den Vereinigten Staaten eingesetzt würden, wo sich dies als profitabel erweist. Dies
würde landesweit zu einer Verringerung des Jahresenergieverbrauchs von 11 Prozent führen. Auf internationaler Ebene hat das US-Amt für internationale Entwicklung eine Initiative für Energiesparmaßnahmen in
die Wege geleitet. Ein Pilotprogramm in Costa Rica
wird als Modell für andere Länder dienen. Das Programm konzentriert sich auf bessere Ausnutzung durch
den Endverbaucher, Energiesparen und erneuerbare
Energiequellen.
Ein weiteres mächtiges Instrument zur Förderung
umweltfreundlicher Technologien ist der freie Informationsfluß. In den Vereinigten Staaten haben unsere
Gesetze über die Freisetzung von Schadstoffen und
das Recht der Gemeinde auf Information darüber die
Art und Weise revolutioniert, in der wir Umweltbelastungen angehen. Während die Unternehmen eigene
Kontrollmessungen durchführen und detaillierte Aufstellungen ihrer gesamten Emissionen an Schadstoffen verfügbar machen, sind viele über das gesamte
Ausmaß ihrer Schadstoffemissionen überrascht. Die
Strategie von 3M "Umweltschutz macht sich bezahlt"
hat dem Unternehmen seit 1975 über 500 Milliarden
Dollar durch veränderte Herstellungsverfahren eingespart, mit denen die Produktion von Abfällen vermieden wurde, die wiederaufbereitet hätten werden müssen. Diese Art von Informationen über die Freisetzung
von Schadstoffen wird zweifelsohne Fortschritte im
Bereich der Umwelt ankurbeln und wirtschaftliche Profite
zeitigen. Bis zum Jahr 2000 werden Luftschadstoffe in
den Vereinigten Staaten gesetzlich um 75 Prozent
reduziert. Freiwillige Verpflichtungen werden bis 1995
zu einem 50prozentigen und bis 1992 zu einem
33prozentigen Abbau der größten Schadstoffquellen
führen. Es ist die Verfügbarkeit genauer Informationen
über die Freisetzung von Schadstoffen - Chemikalie
für Chemikalie und Betrieb für Betrieb - die dieses zu
einem festen und überprüfbaren Engagement macht.
Viertens können wir verstärkt Anstrengungen unternehmen, um den Entwicklungsländern bei der Verbesserung ihrer Fähigkeiten zur Förderung des Wirtschaftwachstums so behilflich zu sein, daß der Schutz
ihrer Umwelt und der Gesundheit ihrer Bevölkerung
gewährleistet ist. Der Aufbau von Kapazitäten ist die
Hauptkomponente des wirtschaftlichen Entwicklungshilfeprogramms der Vereinigten Staaten in Höhe von
gut 5 Milliarden Dollar, und dies gilt auch für die
Zukunft. Wir können die Entwicklung und Verabschiedung besserer Umweltindikatoren unterstützen, die
das Niveau der nationalen Rechenschaftspflicht erhöhen. Wir können diesen Ländern bei der Einführung
von Maßnahmen helfen, die sicherstellen, daß die
Preise den gesamten Kosten der Verwendung von
Ressourcen Rechnung tragen. Wir können lokale
AMERIKA DIENST 49

�nichtstaatliche Organisationen unterstützen, die höchst
wirksam Initiativen an der Basis in die Wege leiten
können. In der Tat fließen insgesamt 25 Prozent des
für Empfängerländer bestimmten Budgets des USAmts für internationale Entwicklung über nichtstaatliche Organisationen, da diese große Erfahrung und
Erfolge bei der Zusammenarbeit vor Ort zur Förderung
umweltfreundlicher Entwicklung aufzuweisen haben.
Bei diesem Ministertreffen - der ersten Vollversammlung der OECD-Minister für Umwelt und wirtschaftliche
Zusammenarbeit - bietet sich uns die Chance zur
Erarbeitung einer Strategie für dauerhafte Entwicklung
bis zum nächsten Jahrhundert - eine Strategie, die die
vordringlichsten Herausforderungen für die Entwicklungsländer anspricht und im Einklang mit diesen
Nationen entwickelt wurde. Damit können wir ein
deutliches Signal setzen, daß wir uns dem Erfolg der
UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in nächsten Juni in Brasilien verschrieben haben.
Zu diesem Zweck sollten wir uns jetzt den wichtigsten

vor uns liegenden Fragen über technologische Zusammenarbeit und den Aufbau von Kapazitäten zuwenden:

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Welche Art von Hilfe seitens der OECD und
ihren Mitgliedstaaten war am wirksamsten? Was
hat wirklich funktioniert?
Welche Art von Hilfe wird jetzt und in Zukunft am
dringendsten benötigt?
Welche Programme können wir unterstützen,
die den gemeinsamen Anliegen der Entwicklungs- und Industrienationen dienen?
Wenn wir diese Fragen offen angehen und uns einig
sind, zur nächsten Phase - Handeln - überzugehen,
dann kann dieses Ministertreffen seinen ursprünglichen Zweck erfüllen, einen Zweck, der realistisch ist
und hier verwirklicht werden kann: Minister zusammenzubringen, die für gewöhnlich nicht zusammengearbeitet haben sowie eine Möglichkeit der Zusammenarbeit zu bieten, die die lebenswichtige Verbindung zwischen Umwelt und Wirtschaft sicherstellt. Am
Ende dieses Tages ist dies die Quintessenz der Entwicklung, die wir alle anstreben - eine Entwicklung, die
die wirtschaftlichen Möglichkeiten aller verbessert und
gleichzeitig die produktiven Ökosysteme erhält, von
denen alle menschlichen Aktivitäten einschließlich der
wirtschaftlichen abhängen.

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�PORTRAT
11. Dezember 1991

SKINNER GESCHICKTER KRISENMANAGER
Porträt des neuen Stabschefs im Weißen Haus
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanische Verkehrsminister Samuel Skinner, der von Präsident Bush am 5.
Dezember 1991 zum Nachfolger von John Sununu als Stabschef des Weißen Hauses ernannt wurde, wird
weithin für seine geschickte Handhabung einer Reihe von schlagzeilenträchtigen Vorfällen gelobt.

Während seiner fast dreijährigen Amtszeit im Kabinett
wurde Skinner - ein langjähriger Vertrauter des Präsidenten - wiederholt gebeten, in Krisenzeiten im Namen
der Regierung Stellungnahmen abzugeben und Schritte in die Wege zu leiten.

Skinner, 53, ist ein ehemaliger Anwalt aus Chicago,
und hat eine Fluglizenz als Pilot. Er begann seine
politische Karriere als Protege des ehemaligen Gouverneurs von Illinois, James Thompson, einem langjährigen Vertrauten und Anhänger des Präsidenten.

Als Vertreter des Präsidenten begutachtete Skinner
die durch die Exxon Valdes in Alaska verursachte
verheerende Ölverschmutzung. Ebenfalls im Namen
des Präsidenten reiste er nach dem Erdbeben in San
Franscisco nach Kalifornien und an die Atlantikküste
im Südosten, um die durch den Hurrikan Hugo angerichteten Verwüstungen in Augenschein zu nehmen.

Bevor er 1989 ins Kabinett Bush berufen wurde, war
Skinner vier Jahre lang Vorsitzender der Northeastern
Illinois Transportation Authority, eine Funktion, die er
neben seiner Anwaltstätigkeit als Seniorpartner einer
Chicagoer Kanzlei ausübte.

Der Minister, dem auch die Bundesluftfahrtbehörde
und die US-Küstenwache unterstehen, spielte eine
führende Rolle beim Kampf gegen den illegalen Drogenhandel und war stets ein starker Verfechter der
internationalen Flugsicherheit.
Angesichts der zahlreichen zu bewältigenden Problembereiche hat Skinner häufig in Femseh- und Zeitungsinterviews Stellung bezogen und sich das Renomme eines der prominentesten und wertvollsten
Mitglieder des Beraterstabes des Präsidenten erworben.
Das Magazin Washingtonian würdigte ihn 1989 und
1990 als herausragendes Kabinettsmitglied, und die
Chicago Tribüne beschrieb in kürzlich als "fähigen
Politiker, der um Konsens bestrebt ist und Köpfe nur im
äußersten Notfall rollen läßt".
Gemeinhin als gemäßigter Pragmatiker eingeschätzt,
hat Skinner zahlreiche Freunde in Washington gewonnen und wird in seiner Funktion als Stabschef erwartungsgemäß sehr viel weniger Kontroversen auslösen
als Sununu.

Der Minister leitete Bushs Wahlkampagne 1988 in den
Vorwahlen und allgemeinen Wahlen in Illinois und war
1980 maßgeblich an dem Vorwahlkampf des Präsidenten in diesem Bundesstaat gegen den ehemaligen
Präsidenten Reagan beteiligt.
Geboren in Springfield (Illinois), machte er seinen
Abschluß als Wirtschaftsprüfer an der University of
Illinois und wurde einer der besten Verkäufer von IBM
in Chicago, bevor er ein Jurastudium an der De Paul
University aufnahm und ins Justizministerium eintrat.
1975 wurde er von Präsdident Ford zum US-Staatsanwalt von Chicago ernannt und im Anschluß daran zum
Leiter der regionalen Verkehrsbehörde der Stadt berufen, bevor der den Posten als Verkehrsminister des
Bundesstaats annahm.
Skinner spielt gern Golf und ist Golfpartner von Präsident Bush und Vizepräsident Quayle. Ferner war er
Gast im Sommerhaus des Präsidenten in Maine.
Skinner und seine Frau Mary - ebenfalls Anwältin haben drei Kinder. Die beiden Söhne sind Rechtsanwälte, die Tochter ist Rundfunkjournalistin.

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AMERIKA DIENST 49

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                <text>&lt;strong&gt;1. Pearl Harbor&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush erteilt Absage an Isolationismus und Protektionismus&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede vor Kriegsveteranen in Pearl Harbor&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wettbewerb unverzichtbar für Fortschritte in Osteuropa und der Sowjetunion&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Notenbankchef Greenspan&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Osteuropäer beurteilen Kapitalismus zurückhaltend&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Meinungsumfrage von Times Mirror&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Jugoslawien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA verhängen Sanktionen gegen Jugoslawien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Reilly: OECD muss Entwicklungshilfe an Umweltprogramme knüpfen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des EPA-Leiters vor der OECD&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Skinner geschickter Krisenmanager&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des neuen Stabschefs im Weißen Haus&lt;/em&gt;</text>
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VON

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USA REGEN WELTKONFERENZ ÜBER SOWJETHILFE AN
Rede von Außenminister Baker in Princeton

CHENEY NENNT TREFFEN DES VERTEIDIGUNGS-PLANUNGSAUSSCHUSSES NÜTZLICH

NATO

Erläuterungen des US-Verteidigungsministers

CIA

GATES ZU ZERFALL DER SOWJETUNION,
VERBREITUNG VON MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN
Rede des CIA-Direktors vor dem Streitkräfteausschuß des Repräsentantenhauses

MENSCHENRECHTE

HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE AMERIKANISCHE MENSCHENRECHTSPOLITIK
von Richard Schifter

DROGEN

THERAPIEPROGRAMME IN GEFANGNISSEN
BIETEN STRAFTÄTERN EINE CHANCE
Programme für Obdachlose ebenfalls
erfolgreich

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1991

Mit dieser letzten Ausgabe des Jahres 1991
wünscht die Redaktion des Amerika Dienst allen
Beziehern ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest
und ein
friedliches und erfolgreiches neues Jahr

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�SOWJETHILFE
18. Dezember 1991

USA REGEN WELTKONFERENZ
ÜBER SOWJETHILFE AN
Rede von Außenminister Baker in Princeton
PRINCETON - (AD) - Außenminister Baker kündigte am 12. Dezember 1991 an, daß die Vereinigten Staaten die
demokratischen Industriestaaten, die ehemaligen Mitgliedstaaten des Ostblocks, die Koalitionsstaaten im
Golfkrieg sowie die internationalen Finanzinstitutionen zu einer Konferenz nach Washington einladen, um
Möglichkeiten zur Unterstützung der Völker der ehemaligen Sowjetunion zu erörtern. Diese Konferenz soll im
Januar stattfinden.
Vor Zuhörern an der Universität Princeton erklärte Baker, Präsident Bush schlage vor, "eine Koordinierungskonferenz zu veranstalten, damit wir unsere Bemühungen und Pflichten besser aufteilen, um dazu beizutragen, die
unmittelbaren und drastisch zunehmenden humanitären Bedürfnisse der Sowjets zu erfüllen".
"Über die unmittelbaren humanitären Bedürfnisse hinaus", sollte die internationale Staatengemeinschaft Baker
zufolge den Sowjets dabei helfen, die militärischen Relikte des kalten Krieges zu zerstören und zu kontrollieren,
eine demokratische "politische Legitimität" aufzubauen und die Kräfte des freien Marktes fest zu verankern, die
"wirtschaftliche Stabilisierung und Erholung stimulieren" werden.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion biete dem Westen eine "historische Chance", dem ehemaligen sowjetischen Imperium beim Aufbau von Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit zu helfen. "Die Geschichte wird
unsere Bemühunyen als Erfolg bewerten, wenn wir den Demokraten helfen, Chancen für eine bessere Zukunft
offenzuhalte'v' o r ' lärte der Außenminister.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Bakers mit dem Titel "Amerika und der Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums: Was zu tun ist" im Wortlaut.

Diese Woche vor 41 Jahren war ich hier in Princeton in
meinem vorletzten Studienjahr und las die großen
Autoren, und William Faulkner erhielt den Nobelpreis
für Literatur. In seiner Nobelpreisrede sagte er, die
Tragödie der Zeit - ja, man könnte sie als Tragödie der
ganzen Generation bezeichnen - sei "eine allgemeine
und universelle physische Angst", und diese Angst sei
so groß, daß sie intellektuelle Probleme ersticke. Um
ihn zu zitieren: "Es gibt nur eine Frage: Wann werde
ich in die Luft gesprengt?"
Für meine Generation stellte Faulkner sicherlich die
richtige Frage. Nach 1945 wurde die amerikanische
Politik von einem strategischen, politischen und moralischen Imperativ beherrscht: den Krieg mit den Sowjets
zu vermeiden und gleichzeitig die Werte und Interessen des Westens zu bewahren.
Lieber tot als rot lautete damals ein Spruch. Tatsächlich aber gab es überhaupt keine Wahl. Während ein
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Atomkrieg uns physisch vernichtet hätte, hätte uns der
Stalinismus geistig zerstört. Alles andere mußte notgedrungen zweitrangig sein.
Um mit diesem Imperativ umzugehen, beschrieb George
Kennan - ein berühmter Sohn dieser Universität, der
heute unter uns weilt - Logik und Konzept der Politik
des Containment. Die sowjetische Macht war für
Kennan ein "flüssiger Strom", der sich unerschütterlich
auf das Ziel zubewegte, "jeden Winkel des Bassins der
Weltpolitik" auszufüllen.
Da er allem, was der Westen verkörperte, diametral
entgegenstand, mußte der Stalinismus aufgehalten
werden. Und dies konnte erreicht werden durch
"geduldiges und gleichzeitig festes und wachsames
Containment". Containment und ein kalter Krieg anstatt Rollback und heißem Krieg könnten Kennan
zufolge funktionieren, weil das sowjetische System der
menschlichen Natur völlig widersprach und deshalb
Seite 1

�langfristig zum Scheitern verurteilt war. Das Ziel - oder
realistischer, die Hoffnung - lautete, daß die Politik des
Containment die sowjetische Macht gegen sich selbst
kehren und ihren Niedergang beschleunigen würde.
Im Lauf der Zeit würde die stalinistische Bedrohung
aufgrund ihrer inneren Widersprüche zusammenbrechen.
Vier Jahrzehnte später läßt sich schlicht feststellen,
daß die Politik des Containment funktioniert hat. Der
von Lenin gegründete und von Stalin aufgebaute Staat
trug in sich die Saat seines eigenen Niedergangs. Und
als der Druck von außen anhielt - und Fenster zum
Westen geöffnet wurden -, brach der sowjetische Staat
im Inneren zusammen.
Die Geschichte hat Faulkners Frage nun beantwortet:
Wir werden nicht durch einen Krieg mit der Sowjetunion in die Luft gesprengt.
Aber, das ist nicht das Ende der Geschichte.
Unsere Politik war niemals ausschließlich darauf ausgerichtet, einen heißen Krieg zu verhindern oder den
Stalinismus im kalten Krieg zu besiegen. Was von
jedem Präsidenten und jedem Kongreß angestrebt
wurde, war eine andere Welt, frei von den Schatten
des Kriegs, von politischer Tyrannei, von wirtschaftlicher Not. Dies waren und sind unsere Ideale, und
diese von einem gesunden Realitätssinn geprägten
Ideale müssen weiterhin unserer Politik den Völkern
gegenüber zugrundeliegen, die im kalten Krieg unsere
Gegner waren, heute jedoch unsere Freundschaft und
Unterstützung suchen.
Infolge des sowjetischen Zusammenbruchs leben wir
in einer neuen Welt. Wir müssen diese Neue Russische Revolution, die mit der Niederschlagung des
Putsches vom August in Gang gesetzt wurde, nutzen,
um Beziehungen zu kultivieren - Beziehungen, die
nicht nur den Vereinigten Staaten sondern der ganzen
Welt zugutekommen können. Denn im Gegensatz zur
bolschewistischen Revolution trägt diese Revolution
des Jahres 1991 in sich die Saat einer besseren
Zukunft, eines dauerhaften Friedens. Sie könnte
sogar die Möglichkeit für ein Gedeihen der Demokratie
an Orten enthalten, die ihr lange Zeit unfreundlich
gesonnen waren.
Niemand, noch nicht einmal diejenigen, die diese
Revolution machen, können das Endergebnis, die
Struktur oder gemeinsamen Gebilde kennen, die von
diesen epochalen Ereignissen definiert werden müssen. Sie werden von den Beteiligten gestaltet, selbst
während ich hier spreche. Sie, nicht wir oder irgendein
anderer Außenstehender, werden das Ergebnis bestimmen.
Ich bin mir sehr wohl der Tatsache bewußt, daß sich
die Ereignisse rasch entwickeln und den Lauf der
Geschichte jede Minute verändern. Wir sprechen ja
immerhin von einer Revolution, die ihrem ureigenen
Seite 2

Charakter nach Neuland erschließen wird. Zweifelsfrei werden Fragen und Probleme entstehen, die heute
noch niemand vorhersehen kann.
Was ich Ihnen also heute anbiete, ist kein detaillierter
Plan. Es handelt sich vielmehr um die Prinzipien und
den Ansatz, die zusammengenommen ein Aktionsprogramm in einer revolutionären, unberechenbaren Situation definieren - eine Situation, in der der Westen
eine wichtige unterstützende Rolle spielen kann.
Wir sind weder die Anführer dieser Revolution noch
unbeteiligte Zuschauer; für ihre Anführer sind wir Modelle,
wir sind Partner für ihren Fortschritt, und wir können
noch auf Jahrzehnte hinaus ihre Nutznießer sein.
Doch die Zeit zum Handeln ist knapp bemessen.
So sehr wir von einem Erfolg dieser Revolution profitieren werden, werden wir dafür bezahlen, wenn sie
scheitert - ebenso, wie wir für den Zusammenbruch der
erfolgversprechenden demokratischen Revolution in
Petrograd im Februar 1917 bezahlten. Das Tempo
des Wandels ist gnadenlos, die Umgestaltung radikal.
Die Geschichte läßt niemandem Zeit zum Atemholen.
Ich möchte Ihnen also heute erläutern, was - für meine
Generation und für künftige Generationen - mit dem
Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums auf dem
Spiel steht. Danach möchte ich Ihnen einige Vorschläge dahingehend machen, was zu tun ist:
Was zu tun ist, damit die Waffen des kalten
Kriegs nicht zu Instrumenten unbeabsichtigter
und unkalkulierbarer Gewalt werden.
Was zu tun ist, um demokratische Werte und
Toleranz in einer Region zu entwickeln, die ihr
eigenes Zeitalter der Aufklärung durchläuft.
Und was zu tun ist, um ein Wirtschaftssystem zu
fördern, in dem sich die Initiative des einzelnen
ihre eigene Belohnung und Hoffnung auf eine
bessere Zukunft in der gesamten ehemaligen
Sowjetunion schafft.
Ich möchte mit einer kurzen Übersicht darüber beginnen, wo wir standen und wo wir uns heute befinden.
Wo wir waren und wo wir heute sind
Vor nahezu drei Jahren erkannte Präsident Bush die
neuen Chancen in den amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen, als er erklärte, es sei an der Zeit, über
die Politik des Containment hinauszugehen. Sein
Auftrag an mich war klar: den Dialog mit den Sowjets
zu vertiefen und auszuloten, ob das Versprechen der
Perestojka und des neuen Denkens eine neue Realität
für anhaltende amerikanisch-sowjetische Zusammenarbeit und international die Grundlage für ein neues
Zeitalter schaffen könnte. Im Herbst 1989 bezeichnete
ich diesen Prozeß als Suche nach Punkten beiderseitigen Vorteils.

AMERIKA DIENST 50

�Rückblickend kann meiner Ansicht nach fairerweise
gesagt werden, daß der Erfolg dieser Suche alle
Erwartungen übertroffen hat. Sie war so erfolgreich,
daß ich bereits ein Jahr später, im Oktober 1990,
erklären konnte, daß die Punkte beiderseitigen Vorteils zu Wegen der Zusammenarbeit geworden seien.
Die Sowjets und wir waren im eigentlichen Sinn bereits
weltweite Partner und nicht mehr Konkurrenten:
Partner bei der Förderung der deutschen Einheit in Frieden und Freiheit.
Partner bei der friedlichen Befreiung Mittel- und
Osteuropas aus dem Würgegriff des Kommunismus.
Partner beim Aushandeln radikaler Verringerungen der konventionellen und atomaren Waffen.
Partner bei der Beendigung regionaler Konflikte
von Mittelamerika bis zum südlichen Afrika und
Kambodscha.
Partner bei der Niederschlagung der irakischen
Aggression und anschließend bei der Förderung des Friedens zwischen Arabern und Israelis.
Partner also bei der Beendigung des kalten
Kriegs - der gefährlichen, aber letztlich notwendigen Konfrontation, die das internationale
Zusammenleben für meine Generation definierte und so sehr verzerrte.
Diese Leistungen waren hauptsächlich durch einen
einzigen Mann möglich geworden: Michail Gorbatschow. Dk ^... y estaltung, mit der wir uns heute
befassen, wäre ohne ihn nicht in Gang gekommen.
Sein Platz in der Geschichte ist sicher, denn er trug
zum friedlichen Ende des kalten Kriegs bei, und dafür
zollt ihm die Welt Dank und Respekt. Dasselbe gilt für
seinen Partner Eduard Schewardnadse. Damit einhergehend wurden durch das neue Denken in der
sowjetischen Außen- und Verteidigungspolitik neue
Realitäten geschaffen. Diese Maßnahmen waren
jedoch selbst nur das Produkt eines parallel laufenden,
potentiell jedoch wesentlich wichtigeren Wandels - der
von ihnen und anderen eingeleiteten Reformen zur
Umgestaltung der Sowjetunion.
Was auch immer die ursprünglichen Absichten von
Perestrojka und Glasnost gewesen sein mögen, Anfang August dieses Jahres war der allmächtige stalinistische Staat in Auflösung begriffen. Eine neue zivile
Gesellschaft trat in der gesamten Sowjetunion auf den
Plan. Die Demokratie löste den Kommunismus ab, die
Macht verschob sich vom Zentrum zu den Republiken,
und die alte zentral gelenkte Wirtschaft befand sich im
Todeskampf.
Da versuchte eine kleine Gruppe halsstarriger Männer
- die Verkörperung der stalinistischen Vergangenheit

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und ihrer Institutionen -, durch die Festsetzung Präsident Gorbatschows und den Aufmarsch von Panzern
die Revolution umzukehren. Aber das russische Volk
und sein mutiger Anführer, Boris Jelzin, überwanden
diese Panzer durch den Willen des Volkes.
Mit ihrem heldenhaften Triumph hat die innenpolitische Revolution in der Sowjetunion innerhalb von drei
Tagen die Geschichte um Jahre nach vorn katapultiert.
Wie Alexander Jakowlew mir an dem Tag erklärte, an
dem der Putsch scheiterte, versuchten die Putschisten
die Revolution abzuwürgen, schafften es jedoch nur,
sie zu beschleunigen. Die Perestrojka, die einst eingeleitet worden war, um den Marxismus-Leninismus zu
humanisieren und wiederzubeleben, endete statt dessen
ironischerweise damit, daß sie seine vernichtende
Niederlage herbeiführte.
Denn der gescheiterte Putsch versetzte nicht nur der
Kommunistischen Partei den Todesstoß. Diese drei
Tage erschütterten die sowjetische Welt in ihren Grundfesten, und in den drei folgenden Monaten barsten
selbst diese Grundfesten. Infolgedessen werden
Landkarte und Politik Eurasiens bis zur Unkenntlichkeit verändert und damit einhergehend auch die Voraussetzungen , die der amerikanischen Politik seit dem
Zweiten Weltkrieg zugrundelagen.
Was auf dem Spiel steht
Der dramatische Zusammenbruch des Kommunismus
in Moskau sowie die Auflösung des sowjetischen
Zentralstaats konfrontieren den Westen mit großen
Chancen ebenso wie mit drohenden Gefahren. Vom
Volk gewählte Politiker regieren heute große und strategisch bedeutende Republiken, darunter Rußland,
die Ukraine und Kasachstan. Sie erwarten von Amerika und dem Westen Führung und Hilfe bei der Einleitung echter, weitreichender politischer und wirtschaftlicher Reformen. Wenn sie Erfolg haben, wird sich die
jahrhundertealte Bedrohung des Westens - zuerst
durch die zaristische Autokratie und danach durch den
sowjetischen Totalitarismus - dauerhaft gewandelt
haben.
Die Chancen sind historisch:
Wir haben die Chance, Rußland, die Ukraine
und andere Republiken fest in der euro-atlantischen Gemeinschaft und im demokratischen
Staatenbund zu verankern.
Wir haben die Chance, die Demokratie in Länder zu tragen, die von ihr nur wenig wissen, eine
Errungenschaft, die Hunderte von Jahren überdauern kann.
Wir haben die Chance, die enormen menschlichen und materiellen Ressourcen dieser riesigen Länder für die Sache der Freiheit einzusetzen anstatt für den Totalitarismus und damit die
Sicherheit, den Wohlstand und die Freiheit

Seite 3

�Amerikas und der Welt ungeheuer zu verbessern.
Doch die Gefahren sind in ihren Dimensionen den
Chancen ebenbürtig:
Wirtschaftlich ist das alte sowjetische System
zusammengebrochen, und die Bedrohungen
für die Reformer vervielfachen sich täglich - von
sozialer Entwurzelung bis zu politischer Zersplitterung und gewaltsamen Nationalitätenkonflikten. Der Wiederaufbau von Volkswirtschaften, die von der zentralen Planung verwüstet
wurden, ist noch schwieriger als ein Wiederaufbau nach den Zerstörungen eines Krieges.
Politisch sind die Gefahren von anhaltender
Anarchie und Chaos offenkundig. Große Imperien verabschieden sich selten in aller Stille.
Niemand kann die Möglichkeit von der Hand
weisen, daß dunkle politische Kräfte in den
Ecken lauem, die Überbleibsel des Stalinismus
oder die Geburt von nationalistischem Extremismus oder sogar Faschismus verkörpern und
bereitstehen, um die Frustrationen eines stolzen aber erschöpften Volks in seiner Stunde der
Verzweiflung auszunutzen.
Strategisch könnten beide Alternativen - Anarchie oder Reaktion - die vitalen Interessen des
Westens bedrohen, wenn sie ein Land erschüttern, das immer noch nahezu 30.000 atomare
Gefechtsköpfe und das mächstigste jemals in
Europa angehäufte Arsenal konventioneller
Waffen beherbergt.
Was zu tun ist
Zusammengenommen bedeuten diese Gefahren für
die Vereinigten Staaten und den Westen einen Aufruf
zum Handeln. Der historische Wendepunkt - der
Zusammenbruch der kommunistischen Macht am
Geburtsort des Bolschewismus - markiert die Herausforderung, die uns von der Geschichte gestellt wurde:
das Ende des sowjetischen Imperiums für Rußland
und die Ukraine, Kasachstan und Weißrußland, Armenien, Kirgisien und andere Gebiete des ehemaligen
sowjetischen Imperiums in einen Neubeginn der
Demokratie und wirtschaftliche Freiheit umzumünzen.
Und dies muß vom Westen getan werden.
Wie wir während des kalten Kriegs ein Bündnis gegen
den Stalinismus organisierten, kann Amerika heute
eine Koalition zur Unterstützung der Freiheit mobilisieren.
Zusammen mit unseren Verbündeten in der NATO,
Japan, Südkorea, den anderen OECD-Staaten, unseren Partnern in der Golf koalition sowie internationalen
Institutionen müssen wir eine Diplomatie des kollektiven Engagements anstreben.

Seite 4

Zusammen mit den neuen Demokratien in der ehemaligen UdSSR können wir dazu beitragen, Wege der
Hoffnung zu eröffnen, damit die Neue Russische
Revolution das Versprechen der nächsten Generation
erfüllen kann.
Wir können nicht allein entscheiden, ob diese neuen
Demokraten erfolgreich sein werden. Ihr Erfolg liegt in
ihren Händen, in den harten Entscheidungen, die sie
zu treffen haben.
Aber die Geschichte wird unsere Bemühungen als
Erfolg bewerten, wenn wir den Demokraten helfen,
Chancen für eine bessere Zukunft offenzuhalten. Dies
sollte ein Hauptziel des Westens sein: dazu beizutragen, ein Klima zu schaffen, das Fortschritte ermöglicht
- ja, zur Förderung eines Prozesses beizutragen,
innerhalb dessen selbst begrenzte Erfolge Hoffnung
schaffen und mit der Zeit die Autorität der Demokraten
aufbauen.
Um den Wert unserer Bemühungen zu vervielfachen,
muß die internationale Koalition ihre Arbeit aufteilen.
Der Trümmerhaufen des Kommunismus ist zu groß,
als daß er von einer Nation allein bewältigt werden
könnte. In einer konzertierten Aktion müssen wir die
speziellen Vorteile nutzen, die jeder von uns zu bieten
hat.
So könnten die Vereinigten Staaten zum Beispiel die
Wissenschaftler in Los Alamos und Livermore einsetzen, die die Waffen des kalten Kriegs konzipierten, um
den Sowjets bei der Zerstörung ihrer Massenvernichtungswaffen zu helfen. Amerika - einschließlich der
Regierungen der Bundesstaaten sowie privater Unternehmen in Alaska, Washington, Oregon und Kalifornien - könnte zusammen mit Japan und Südkorea zur
Entwicklung des an natürlichen Schätzen so reichen
sowjetischen Fernen Ostens beitragen. Die nordischen Länder könnten sich auf die baltischen Staaten
sowie St. Petersburg konzentrieren. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank könnten ihr Engagement in den reformorientierten Republiken und jedem möglichen Zusammenschluß drastisch verstärken, um umfassende Wirtschaftsreformen zu unterstützen.
Um diese Koalition zu konkretisieren, schlägt
der Präsident vor, eine Koordinierungskonferenz zu veranstalten, damit wir unsere Bemühungen und Pflichten besser aufteilen, um dazu
beizutragen, die unmittelbaren und drastisch
zunehmenden humanitären Bedürfnisse der
Sowjets zu erfüllen. Die Vereinigten Staaten
werden die demokratischen Industriestaaten,
die mittel- und osteuropäischen Länder, die
Mitglieder der Golfkriegskoalition und die internationalen Finanzinstitutionen einladen, sich mit
uns Anfang Januar in Washington zu treffen, um
zu erörtern, wie wir die anhaltenden humanitären Bedürfnisse im Lauf des nächsten Jahres
am besten erfüllen können.
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�Diese Konferenz sollte darauf hinarbeiten, den sowjetischen Völkern Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten, um
durch diesen Winter zu kommen und sicherzustellen,
daß wir diesen Winter, Frühling und Sommer gemeinsam die richtigen Maßnahmen ergreifen und für den
nächsten Winter eine bessere Lage gewährleisten.
Unsere Bemühungen sollten sich auf den lebenswichtigen kurzfristigen Bedarf konzentrieren: Nahrungsmittel, Medikamente, Treibstoff, Obdach. In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten ihr ehrgeiziges, vom Präsidenten vor einem Jahr angekündigtes
Hilfsprogramm zur Lieferung von Nahrungsmitteln und
Medikamenten fortsetzen.
Unser kollektives Engagement muß jedoch über die
unmittelbaren humanitären Bedürfnisse herausgehen
und sollte um drei Aufgaben herum organisiert werden:
Am wichtigsten ist erstens, daß wir den Sowjets
helfen, die militärischen Relikte des kalten Kriegs
zu zerstören und zu kontrollieren.
Zweitens müssen wir unseren ehemaligen
Gegnern helfen, beim Aufbau politischer Legitimität nach dem Scheitern des Totalitarismus
demokratische Vorgehensweisen verstehen zu
lernen.
Drittens müssen wir die Kräfte des freien Marktes dabei unterstützen, die wirtschaftliche Stabilisierung und Gesundung in den Ländern der
ehemaligen Sowjetunion anzukurbeln.
Zweifellos lautet für uns eine der verwirrendsten Fragen : wer ist die Autorität oder wer sind die Autoritäten,
mit denen wir f^be'ten können? In einer Revolution, in
der sich die püüiische Gewalt aufgelöst und zersplittert
hat, scheint es unzählige mögliche Gesprächspartner
zu geben. Angesichts solcher Unsicherheit sollte sich
der Westen an den Tatsachen orientieren und diejenigen unterstützen, die unsere Prinzipien und Werte in
die Praxis umsetzen.
Das heißt, daß wir mit den Republiken und allen
Zusammenschlüssen zusammenarbeiten werden, die
sich für verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik,
demokratische politische Praktiken und freie Marktwirtschaften engagieren. Glücklicherweise treten neue
politische Entscheidungsträger auf den Plan, die diesen Grundsätzen verpflichtet sind.
Die drei von mir angeführten Aufgaben verkörpern die
Bereiche, in denen unsere Prinzipien am wichtigsten
sind. Darüber hinaus repräsentieren sie die Pflichten,
die von den Mitgliedern der euro-atlantischen Gemeinschaft bereits übernommen wurden. Indem sie diese
Verpflichtungen akzeptieren, können neue politische
Gebilde der ehemaligen Sowjetunion dem demokratischen Staatenbund beitreten, politische Akzeptanz
gewinnen und unsere wirtschaftliche Unterstützung
rechtfertigen.

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Gewiß zeigen einige - Rußland, die Ukraine, Kasachstan, Armenien und Kirgisien - bereits ihre Absicht, die
Pflichten der demokratischen Staatengemeinschaft
anzunehmen. Sie verstehen, daß ihr Erfolg vor allem
von ihrem Engagement für Demokratie und wirtschaftliche Freiheit abhängt.
Sicherlich zeigen andere Regierungen - zum Beispiel
Georgien - bereits, daß der Kommunismus durch
autoritäre Regierungen abgelöst werden kann - die
deshalb unsere Akzeptanz oder Unterstützung nicht
verdienen.
Lassen Sie mich nun darauf eingehen, wie diese drei
Aufgaben als Aktionsprogramm dienen können.
Verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik
Der kalte Krieg hat Zehntausende von Waffen hinterlassen, die über die gesamte Sowjetunion verstreut
sind, und er schuf darüber hinaus einen massiven
militärisch-industriellen Komplex. Wir müssen Rußland, der Ukraine, Kasachstan, Weißrußland, den
anderen Republiken und jedem Zusammenschluß dabei
helfen, eine verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik zu verfolgen. Dies bedeutet vor allem die Zerstörung und Kontrolle der gefährlichsten Überbleibsel des
kalten Kriegs: der Massenvernichtungswaffen.
Erstens wünschen wir als Ergebnis der Umgestaltung
der Sowjetunion nicht die Bildung neuer Kemwaffenstaaten. Natürlich möchten wir, daß der STARTVertrag ratifiziert und durchgeführt wird. Darüber
hinaus möchten wir jedoch auch, daß die sowjetischen
Atomwaffen der sicheren, verantwortungsbewußten
und verläßlichen Kontrolle einer einzigen, gemeinsamen Autorität unterstehen. Der genaue Charakter
dieser Autorität muß von Rußland, der Ukraine, Kasachstan, Weißrußland und jedem Zusammenschluß
festgelegt werden. Eine einzige Autorität könnte natürlich auf der kollektiven Entscheidungsfindung über
den Einsatz von Kernwaffen basieren. Wir lehnen
jedoch die Entstehung weiterer unabhängiger Kommando- oder Führungsinstitutionen für Kernwaffen ab.
Von den vollständige Unabhängigkeit anstrebenden
Republiken erwarten wir, daß sie als atomwaffenfreie
Staaten den Nichtverbreitungsvertrag einhalten, den
Schutzmaßnahmen der IAEO in vollem Umfang zustimmen und wirksame Exportkontrollen für nuklearfähiges Material und verwandte Technologien durchführen. Solange einer dieser unabhängigen Staaten
Nuklearwaffen auf seinem Territorium stationiert hat,
sollten sich diese Staaten einheitlichen Kommandovereinbarungen anschließen, mit denen die Möglichkeit unabhängiger Kontrolle ausgeschlossen wird. In
diesem Zusammenhang begrüßen wir die Entschlossenheit der Ukraine, ein atomwaffenfreier Staat zu
werden, indem sie alle Nuklearwaffen in ihrem Land
vernichtet sowie die von ihr eingegangene Verpflich-

Seite 5

�tung, sich bis zur Beseitigung dieser Waffen einer
einzigen, einheitlichen Kommandostruktur zu unterstellen.
Auf Anweisung des Präsidenten haben wir
Austauschprogramme zwischen unseren Experten und ihren sowjetischen Kollegen über die
Sicherheit, den Schutz und die Demontage von
Kernwaffen in die Wege geleitet. Dieser Prozeß
hat bereits begonnen, und wir werden ihn in den
kommenden Wochen beschleunigen. Dies ist
nur ein Teil der umfassenderen Bestrebungen
zur Verbesserung der Sicherheit sowjetischer
Nuklearwaffen und der raschen Beseitigung eines
Gro ßteils dieser Waffen in sicherer und umweltverträglicher Art und Weise.
Ich freue mich bekanntgeben zu können, daß
die Administration bereit ist, Mittel aus der vom
Kongreß bewilligten Summe in Höhe von 400
Millionen Dollar für die Zerstörung der sowjetischen Massenvernichtungswaffen bereitzustellen.
Wenn wir während des kalten Kriegs Billionen von
Dollar für Raketen und Bomber zur Zerstörung der
sowjetischen Nuklearwaffen im Kriegsfall aufwenden
konnten, so können wir sicherlich auch in Friedenszeiten Millionen Dollar für die tatsächliche Vernichtung
und Kontrolle eben dieser Nuklearwaffen ausgeben.
Nichts könnte mehr im nationalen Sicherheitsinteresse der Vereinigten Staaten liegen.
Hierbei handelt es sich weder um milde Gaben noch
um Hilfe, sondern vielmehr um eine Investition in die
Zukunft eines jeden Amerikaners. Sicherlich wird die
amerikanische Bevölkerung bereit sein, einen Teil
unseres Verteidigungshaushalts von weniger als zwei
Dollar pro Person für die Zerstörung der auf uns
gerichteten Kernwaffen auszugeben.
Zweitens wollen wir Sorge tragen, daß die Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen und destabilisierenden konventionellen Waffen nicht über die Grenzen
der ehemaligen UdSSR hinausgeht. Obwohl der Alptraum von Orwells 1984 der Vergangenheit angehört,
besteht der Terror von 1994 darin, daß ein Saddam
Hussein oder Muammar Gaddafi den Schwarzmarkt
nutzen wird, um Waffen von auf eigene Faust handelnden Militäreinheiten oder Blaupausen von arbeitslosen
Ingenieuren zu kaufen. Wir wollen sicherstellen, daß
das kreative Talent der sowjetischen Wissenschaftler
und Ingenieure nicht für gefährliche Militärprogramme
in der übrigen Welt genutzt wird. Und wir erwarten, daß
die Republiken und jeder sonstige Zusammenschluß
strikte Exportkontrollmaßnahmen verabschieden und
strenge Mechanismen zur wirksamen Durchsetzung
dieser Maßnahmen einführen.
Die Administration wird ein Expertenteam entsenden, um die politisch Verantwortlichen in

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den Republiken davon zu unterrichten, was die
internationale Staatengemeinschaft in diesem
Bereich erwartet. Wir werden mit anderen Mitgliedern der Gruppe der Anbieter von nuklearfähigem Material, der Australien-Gruppe und dem
Kontrollregime für Raketentechnologie bei der
Veranstaltung von Seminaren und der Bereitstellung von technischem Know-how für die
Republiken und jeden Zusammenschluß zusammenarbeiten. Wir sollten Programme fördern, in deren Rahmen die sowjetischen Wissenschaftler und Ingenieure - nach Möglichkeit
in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen im Westen - ihre Talente für vordringliche globale
Probleme einsetzen können statt für die Schaffung neuer Bedrohungen.
Drittens stellt das "internationale" Wettrüsten zwischen
den ehemaligen Sowjetrepubliken eine potentiell ernste Gefahr für die europäische Sicherheit dar. Wir
beobachten bereits Anzeichen, daß einige der Regierungen in den Republiken - vor allem Aserbaidschan sich für den Krieg mit anderen Republiken bewaffnen.
Diejenigen, die eine so verfehlte und anachronistische
Politik verfolgen, sollten wissen, daß sie weder von
Westen akzeptiert werden noch auf seine Unterstützung zählen können. In diesem Zusammenhang sind
wir durch die Bestrebungen der Ukraine und Ru ßlands
ermutigt, produktive, von Bedrohungen freie Beziehungen zu entwickeln.
Wir erwarten, daß der KSE-Vertrag von den
zuständigen Behörden in die Praxis umgesetzt
wird. Und wir werden die Erweiterung der KSE
1A-Verhandlungen vorschlagen, damit sich seine
Bestimmungen zur Mannschaftsstärke auch auf
die jeweiligen Republiken erstrecken. In der
kommenden Woche werde ich in Brüssel mit
unseren NATO-Partnern erörtern, wie wir diese
Republiken und sonstigen Zusammenschlüsse
einbeziehen können, die eine verantwortungsbewußte Sicherheitspolitik verfolgen sowie
demokratische politische Praktiken und freie
Marktwirtschaften anstreben. Indem wir ihnen
durch die NATO die Hand reichen, können wir
den Republiken politischen Rückhalt bieten und
ihren Wunsch dämpfen, einen destabilisierenden Rüstungswettlauf miteinander aufzunehmen.
Viertens streben wir die Entmilitarisierung der sowjetischen Wirtschaft und den Übergang zu demokratischen Beziehungen zwischen Militär und Zivilbevölkerung, freien Märkten sowie einem Gleichgewicht zwischen sozialen Bedürfnissen und vernünftiger und
verantwortungsvoller Sicherheit an. Zweifelsohne
erwartet niemand die totale Abrüstung, aber es ist eine
Tatsache, daß der stalinistische Staat ein Gebilde der
Rüstungsindustrie war, der sein Volk aus Eigennutz
beraubte. Dieser Komplex wird weiterhin demokrati-

AMERIKA DIENST 50

�sehe Fortschritte und jegliche Hoffnung auf wirtschaftliche Gesundung lähmen, solange er den Großteil der
sowjetischen Ressourcen kontrolliert.
Am kommenden Donnerstag (19. Dezember)
werde ich mit den NATO-Außenministern zusammentreffen, und am Tag danach werden wir
mit unseren Amtskollegen aus dem Osten beim
ersten Treffen des Nordatlatischen Kooperationsrats zusammenkommen. Wir haben den
Vorschlag unterbreitet, daß die NATO eine
Arbeitsgruppe zur Konversion der Rüstungsindustrie gründet, um das gesamte Spektrum der
damit einhergehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen in Angriff
zu nehmen. Dies bedingt, daß wir auf die uns
zur Verfügung stehenden Ressourcen zurückgreifen, einschließlich der Beteiligung multilateraler Organisationen.
Politische Legitimität
Das herausragendste Merkmal des Umfelds nach dem
Putsch war die dramatische Verlagerung der Macht
vom Zentrum zu den Republiken. Die Frage der
Legitimität des sowjetischen Imperiums hat die Form
einer antikommunistischen Revolution angenommen.
Sie erhält jedoch von einer parallel verlaufenden
Revolution mit mindestens ebensolcher Schlagkraft
Auftrieb: einer antiimperialistischen Revolution.
Der Zerfall der Sowjetunion wird durch die Frage der
politischen Legitimität, die Wiedergeburt des Nationalismus und den wirtschaftlichen Zusammenbruch betrieben. Das Erg?hr!'s war die Aushöhlung der Zentralmacht und der Übergang der Macht an die Republiken,
von denen Uta meisten ihre Unabhängigkeit erklärt und
neue Behörden mit neuer Legitimität geschaffen haben. Jetzt müssen sie entscheiden, was diese Unabhängigkeit in der Praxis bedeutet und zwar sowohl für
ihre Völker als auch für die künftigen Beziehungen der
Republiken untereinander.
In diesem Prozeß werden die neuen unabhängigen
Republiken zu der Erkenntnis gelangen, daß auch sie
sich nicht den Problemen der Legitimität und des
Nationalismus entziehen können. Wir hegen die berechtigte Hoffnung, daß die Republiken den demokratischen Kurs einschlagen und eine von Grund auf neue
Legitimität formulieren werden. Aber obwohl sie für die
Behandlung dieser Fragen besser ausgerüstet scheinen als das geschwächte Zentrum, sind auch die
Republiken offenkundig nicht immun gegen die Kräfte
der Zersplitterung. Selbst auf der Ebene der Republiken wird politische Autorität ohne Zustimmung der
Regierten in Frage gestellt. Entsprechend verlangen
die ethnischen Minderheiten in den Republiken die
Berücksichtigung ihrer Rechte.
Wenn die Regierungen in den Republiken nicht reagieren, indem sie ihre Unabhängigkeit durch Demokratie

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und Gleichbehandlung von Minderheiten ergänzen,
werden sie bald dieselben Krisen der Legitimität, des
Zusammenhalts und der Effektivität durchmachen,
wie sie die zentrifugale Neuverteilung der Macht verursacht hat.
Ohne Legitimität wird es niemals Stabilität geben.
Ohne Stabilität wird die westliche Sicherheit niemals
gewährleistet sein. Wie ich festgestellt habe, als ich
am 4. September meine fünf Prinzipien darlegte, heißen wir die neuen politischen Zusammenschlüsse im
Staatenbund demokratischer Nationen willkommen,
die an demokratische Werte glauben und demokratische Praktiken anwenden, Menschenrechte achten,
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten, Grenzen respektieren und Veränderungen nur mit
friedlichen Mitteln und auf der Grundlage von Konsensentscheidungen vornehmen, internationale Verpflichtungen sowie die Bestimmungen und Praktiken der
Schlu ßakte von Helsinki und der Pariser Charta einhalten. Wir werden jedoch diejenigen isolieren, die Stalinimus oder Faschismus mit nationalistischer, liberaler
oder demokratischer Rhetorik bemänteln.
Vor über einem Jahr habe ich einen breitgefächerten
"demokratischen Dialog" mit allen Ebenen der sowjetischen Gesellschaft gefordert. Zu diesem Zweck
haben wir unsere Kontakte und Beziehungen mit den
Republiken und kommunalen Behörden erweitert. Viele
der neuen Politiker wollen unserem Beipiel folgen und
Demokratien und freie Marktwirtschaften aufbauen.
Um ihnen behilflich zu sein, schlagen wir darüber
hinaus folgendes vor:
Mit unseren KSZE-Partnern mögliche Wege zur
Integration dieser Republiken und aller sonstigen Zusammenschlüsse in die KSZE zu erörtern, die unsere fünf Prinzipien anerkennen und
diese verwirklichen.
Unseren KSZE-Botschafter in die Republiken
zu entsenden, um mit ihnen die Umsetzung der
KSZE-Bestimmungen in die Praxis zu besprechen und
das US-Informationsamt zur Erweiterung seiner
Austauschprogramme auf Bundesstaaten- und
Gemeindeebene in den Vereinigten Staaten zu
veranlassen. Einen Großteil dieser Projekte
könnten Ausbildungsprogramme in Öffentlichkeitsarbeit für Regierungs- und Gemeindevertreter der Republiken ausmachen.
Wirtschaftliche Gesundung
Während wir mit den Russen, Ukrainern, Kasachen
und anderen bei der Vernichtung der Waffen und der
Kultivierung der Demokratie zusammenarbeiten, könnte der russische Winter - wie in den Jahren 1812,1917
und 1941 - wiederum den Lauf der Geschichte beeinflussen. Während die Wirtschaft zusammenbricht und

Seite 7

�kein Ende in Sicht ist, verschärft der Beginn der
Kälteperiode die Situation und schafft einen akuten
Mangel an Nahrungsmitteln, Medikamenten und Energie.
Um diesen rasch wachsenden Bedarf zu erfüllen,
haben die Vereinigten Staaten in diesem Jahr bereits
18 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln geliefert - bei
weitem die größte Menge, die ein westliches Land zur
Verfügung gestellt hat. Wir haben in diesem Jahr
Nahrungsmittel- und Getreidekredite in Höhe von 4
Milliarden Dollar gewährt - 2,3 Milliarden davon seit
dem Putsch.
Im Rahmen der Initiative des Präsidenten zur dringendsten medizinischen Versorgung haben wir über
das "Projekt Hoffnung" medizinische Versorgungsgüter im Wert von 20 Millionen Dollar in die Region
transportiert. Wir beabsichtigen, diesen Betrag in den
nächsten 18 Monaten zu verdoppeln. Diese - alle von
amerikanischen Unternehmen und Bürgern gestifteten - Lieferungen haben die Menschen dort erreicht,
wo sie am dringlichsten benötigt werden - im Ural und
der Region des Aralsees in Kasachstan und Usbekistan, in der Ukraine in der Gegend um Tschernobyl, in
Armenien, Moskau und in Kürze in Weißrußland.
Medizinische Versorgungsgüter im Wert von über 8
Millionen Dollar gingen in die baltischen Länder, und
mit dem Tag ihrer Unabhängigkeit hat der Präsident
ein neues und getrenntes Programm für sie in die
Wege geleitet.
Um die Erfüllung humanitärer Bedürfnisse zu
erleichtem, werden wir den vom Landwirtschaftsministerium eingerichteten Fonds in Höhe von
165 Millionen Dollar zur Verfügung stellen oder
aufstocken, um den Mangelan Nahrungsmitteln
in diesem Winter zu beheben, und wir werden
auf die soeben vom Kongreß bewilligten 100
Millionen Dollar zur Bereitstellung humanitärer
Hilfe zurückgreifen.
Ferner haben wir bereits Schritte in die Wege
geleitet, um von Operation Desert Storm übrig gebliebene Nahrungsmittelbestände in die Regionen zu schicken, wo der Bedarf am größten
ist - Armenien, die Industriestädte des Urals,
Moskau und St. Petersburg. Die ersten Lieferungen werden nächste Woche mit amerikanischen C-5-Militärflugzeugen nach St. Petersburg und Moskau transportiert.
Abgesehen von den humanitären Problemen sind wir
uns bewußt, daß zumindest kurzfristig Demokratie
und freien Marktwirschaften auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion wahrscheinlich kein Erfolg beschieden sein wird. Voraussichtlich wird es "Inseln"
von Demokratie und freien Märkten geben, die ein
Bollwerk gegen andere "Inseln" des Chaos, Autoritarismus und sogar Faschismus bilden. In diesem
Umfeld müssen die Demokraten in Rußland, der Ukrai-

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ne, Kasachstan, Armenien und andernorts in der Lage
sein, einen Weg der Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufzuzeigen.
Wir können ihnen bei der Festlegung dieses Wegs
behilflich sein. Denn sie werden sich an uns - Amerika
und die Amerikaner - als Inspiration für die Zukunft,
Quelle des Rats und als Partner bei ihrer Arbeit wenden. Und wir können uns mit unseren Freunden und
Verbündeten engagieren, indem wir mit dem Humankapital beginnen: den Menschen.
Der Westen kann am besten helfen, wenn er Experten
in die Region entsendet und Russen, Ukrainer, Kasachen und andere zur Ausbildung in unsere Länder
einzulädt. Der Präsident hat bereits seine Zustimmung erteilt, Amerikaner in die Region zu entsenden,
um die langfristigen Nahrungsmittelverteilungsprobleme zu lösen. Mehrere US-Firmen haben ihre Führungskräfte zur Verfügung gestellt und werden die
Kosten für dieses Projekt übernehmen.
Obwohl ein Großteil dieser Bestrebungen über den
Privatsektor unter Beteiligung von Organisationen wie
dem Bürgerkorps Demokratie abgewickelt wird, schlägt
die Administration mehrere Schritte zur Aufstockung
der bereits in die Wege geleiteten Bestrebungen des
US-Informationsamts und besseren Berücksichtigung
des "menschlichen" Faktors vor:
Wir werden mit dem Kongreß zusammenarbeiten, um die Programme des Peace Corps auf
mindestens vier Republiken auszuweiten. Ich
möchte bis zum nächsten Winter mindestes 250
Freiwillige des Peace Corps in der Region wissen.
Wir werden das vom Handelsministerium ins
Leben gerufene Ausbildungsprogramm für Geschäftsleute SABIT erweitern, damit im kommenden Jahr 150 sowjetische Praktikanten daran
teilnehmen können.
Wir werden mit zahlreichen Freiwilligen-Organisationen zusammenarbeiten, um Wege zu
sondieren, wie sie ihre Präsenz verbessern
können.
Zweifelsohne muß der Großteil der Verantwortung bei
den Politikern in den Republiken liegen, die bereits die
Kontrolle über die Wirtschaftspolitik und Ressourcen
übernommen haben. Sie müssen die für die wirtschaftliche Gesundung erforderlichen schwierigen
Entscheidungen treffen. Es wäre wirklich eine Tragödie, wenn die stalinistische Autarkie, die die sowjetische Wirtschaft isoliert hat, durch republikanische
Autarkie ersetzt würde, mit der sich die jeweiligen Republiken isolieren und verarmen würden. Wo jedoch
umfassende Reformen stattfinden, werden wir mit den
westlichen Regierungen zusammenarbeiten, um Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem Pri-

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�vatsektor zu bilden, die den Demokraten dabei behilflich sein können, Chancen für eine bessere Zukunft zu
schaffen.

um das Engagement der amerikanischen Wirtschaft bei der Konversion der Rüstungsindustrie zu erleichtern.

Seitens der Administration beabsichtigen wir, als Katalysator dieser Partnerschaft zu wirken. Wir werden mit
der Geschäftswelt zusammenarbeiten, damit amerikanische Unternehmen in Rußland, der Ukraine,
Kasachstan, Armenien und anderen reformwilligen
Republiken tätig werden können. Als Teil dieser
Verpflichtung beabsichtigen wir folgende unverzügliche Schritte zu unternehmen:

Diese bilateralen Bestrebungen müssen jedoch durch
die Arbeit der internationalen Staatengemeinschaft
ergänzt werden. Im Rahmen der Initiative der G-7
erarbeiten wir ein Umschuldungsprogramm, um einen
kontinuierlichen Kapitalfluß zu ermöglichen. Um das
Engagement der internationalen Staatengemeinschaft
bei der Unterstützung von Demokratie und freien
Marktwirtschaften zu fördern, werden IWF und Weltbank beschleunigt solide Wirtschaftspläne für die
Republiken erstellen, die zur Übernahme der von uns
definierten sicherheitspolitischen Verantwortung bereit sind.

Wie von Präsident Bush angekündigt, wird der
Stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger als Koordinator der US-Regierung bei
unseren Hilfsbestrebungen fungieren. Der
Stellvertretende Außenminister genießt das volle
Vertrauen des Präsidenten und hat alle Befugnisse, unsere Hilfsbestrebungen zu leiten.
Wir beabsichtigen, dem Kongreß bei Wiederaufnahme der Sitzungsperiode ein Bewilligungsgesetz zur Bereitstellung von Hilfe und technischer Zusammenarbeit vorzuschlagen. Ein
Hauptziel dieses Gesetzes besteht darin, den
Handel zu fördern, die Geschäftstätigkeit zu
entwickeln und Investitionen amerikanischer
Firmen in Rußland, der Ukraine, Kasachstan
und anderen Republiken anzukurbeln. Darüber
hinaus wird die Administration eine gründliche
Überprüfung der Hemmnisse für die dort tätigen
amerikanischen Fimren vornehmen, um ihnen
die Beteiligung an diesem Projekt zu erleichtem.
Wir werden in Konsultationen mit dem Kongreß
für das kommende Kalenderjahr ein technisches Hilfsprogramm in Höhe von 100 Millionen
Dollar zusammenstellen. Auch hier besteht ein
Hauptziel dieses Programms im Einsatz staatlicher Mittel, um die Investitionen des Privatsektors zu kanalisieren. Diese Gelder kommen
natürlich nicht aus dem nationalen Haushalt
sondern aus Mitteln für die Auslandshilfe.
Angesichts der gravierenden Situation gibt es
keine andere Wahl.
Der Präsident wird die Leiter des Handels- und
Entwicklungsprogramms, der Entwicklungsgesellschaft OPIC und der Eximbank bitten die
Möglichkeit zu prüfen, einen Teil ihrere Bestrebungen auf die Erleichterung der Arbeit amerikanischer Firmen bei der Nahrungsmittelverteilung, der Energiewirtschaft und im Wohnungbau zu konzentrieren. Diese Sektoren werden
wahrscheinlich entscheidend für den Erfolg von
Demokratie und freien Marktwirtschaften sein,
und während wir den Sowjets helfen, würden wir
gleichzeitig auch amerikanische Unternehmen
unterstützen. Der Präsident wird sie ferner
auffordern zu sondieren, was sie tun können,

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Der Abgrund der Geschichte
Ich möchte mit folgenden Anmerkungen schließen:
Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert haben wir einen
Krieg - dieses Mal einen kalten - zwischen Großmächten beendet.
Nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte Präsident Wilson
- ein Präsident, der diese Universität besucht und die
Anregung zu deren Institut für internationale und öffentliche Angelegenheiten gegeben hat - vergeblich
darum, Amerika seine historische Aufgabe bewußt zu
machen. Seine Sache war richtig und gerecht. Und
vor allem diente seine Sache den besten Interessen
dieses Landes. Aber er wurde besiegt, der Isolationismus kehrte zurück und Faschismus und Krieg folgten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg lernten unsere politisch
Verantwortlichen - die Kennans jener Generation - aus
der Niederlage von Wilsons Vision. Den zum Teil
durch den amerikanischen Isolationismus der zwanziger und drei ßiger Jahre verursachten Trümmerhaufen
überblickend, erkannten sie, daß Amerika international engagiert bleiben muß. In überparteilichem Konsens verpflichteten sie sich, den Krieg in einen dauerhaften Frieden zu verwandeln.
Ihre Arbeit ist heute deutlich erkennbar, denn ihr
Vermächtnis hat noch immer Bestand: ein demokratisches Europa und ein demokratisches Japan - beide
wohlhabend und friedliebend. Heute ist ihre Vision
realisiert worden: Wir haben Faulkners Frage umgangen und einen Atomkrieg vermieden. Und wir haben
den Niedergang des Stalinismus erlebt.
Heute, nach dem kalten Krieg, stehen wir erneut am
Abgrund der Geschichte. Wenn wir uns während des
kalten Kriegs wie zwei Skorpione in einer Flasche Aug
in Aug sahen, stehen die westlichen Nationen und die
ehemaligen sowjetischen Republiken heute als ungelenke Kletterer auf einem steilen Berg. Durch ein
gemeinsames Seil gehalten, wird der Fall zu Faschismus oder Anarchie in der ehemaligen Sowjetunion
auch den Westen mit sich herabziehen. Ebenso

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�wichtig ist jedoch, daß starkes und kontinuierliches
Ziehen des Westens ihnen heute helfen kann, Fuß zu
fassen, damit auch sie zu dauerhafter Demokratie und
Freiheit emporklettem können.
Zweifelsohne müssen wir dieses Seil verstärken, nicht
auseinanderreißen.
Von Odessa am Schwarzen Meer bis nach Wladiwostok am Pazifik sind die Menschen müde und hungrig,
desorientiert und verwirrt. Diese Menschen müssen
erkennen können, daß Demokraten und Reformer die
Waren liefern können, daß es Grund zu Hoffnung und
Anzeichen auf ein besseres Leben gibt. Denn sie
werden sich der Tatsache bewußt, daß die Ideen, die
ihr Leben seit 70 Jahren leiteten - die schlecht konzipierten Lehren von Marx, Lenin und Stalin - keine
Ideen, sondern Lügen waren. Diese Menschen, die
mit dieser Lüge gelebt haben, müssen jetzt lernen, was
es heißt, in Freiheit zu leben.
Das wird harte Arbeit werden. Es wird schmerzlich
werden. Und es mag ihnen leicht erscheinen, sich ihrer
Verpflichtung zur Freiheit zu entziehen und sich den
vereinfachten Lösungen eines neuen Demagogen oder
Diktators zuzuwenden. Wenn sie dies tun, werden ihre
Probleme definitiv erneut unsere Sorgen - wie die
Hinwendung der Völker zum Faschismus in den dreißiger Jahren zur Bedrohung unserer Existenz wurde.
Meine Damen und Herrren, für Amerika bedeutet dies,
daß wir uns mit einer einfachen Wahl konfrontiert
sehen: Unseren Ängsten nachzugeben und uns nach
innen zu wenden, die sich uns durch den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums bietenden Chancen zu ignorieren oder dem Ruf der Geschichte zu
folgen und die Führung in eine bessere Zukunft für uns
alle zu übernehmen.
*

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Als Faulkner vor 41 Jahren sprach, gab er nicht der
durch das Gespenst des nuklearen Weltkriegs verursachten lähmenden Furcht nach. Statt dessen argumentierte er, daß das niedrigste aller Dinge Furcht ist,
wir unsere Furcht besiegen müssen, der Mensch nicht
einfach fortbestehe, sondern überlebe.
Ich glaube daran.
Ich glaube, nachdem wir die Hand in Hand gehenden
Ängste eines Atomkriegs und des Stalinismus überlebt
haben, können wir Tyrannei der Art überdauern, die
Reformen und Demokratie bedrohen und auch unserem Leben ein dunkles Kapitel bescheren könnte.
Wir können den beängstigenden Isolationismus überwinden, der uns zu den Fehlern der zwanziger und
dreißiger Jahren zurückzuführen droht.
Wir können politische Lähmung überwinden, um einen
überparteilichen Konsens darüber zu erzielen, was
getan werden muß - und im Inland geeint, können wir
gemeinsam mit unseren Verbündeten eine neue Koalition
bilden.
Eine Koalition der Diplomatie des kollektiven Engagements.
Eine Koalition, um neue Wege der Hoffnung zu schaffen.
Eine Koalition, um das Ende des kalten Kriegs zu
einem Neuanfang für alle Nationen der Welt zu machen.
Das ist das mindeste, was die Geschichte und das
amerikanische Volk von uns erwarten.

* * *

*

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�NATO
18. Dezember 1991

CHENEY NENNT TREFFEN DES VERTEIDIGUNGSPLANUNGSAUSSCHUSSES NÜTZLICH
Erläuterungen des US-Verteidigungsministers

BRÜSSEL - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Niederschrift der Erläuterungen von US-Verteidigungsminister Cheney im Anschlu ß an das Treffen des Verteidigungsplanungsausschusses der NATO in Brüssel am
13. Dezember 1991.

Ich habe die Ausführungen des Generalsekretärs
angehört, und er hat meines Erachtens den Tenor des
Treffens wiedergegeben. Aus unserer Sicht war dieses Treffen des Verteidigungsplanungsausschusses
sehr gut und nützlich. Wir kamen ja in einer Zeit
kontinuierlicher Entwicklungen in der Sicherheit Europas und Nordamerikas zusammen, die ihrem Umfang
nach wahrlich atemberaubend sind. Erst in den vergangenen Tager. haben wir erlebt, wie die Ukraine für
die Unabhäno'nkpit stimmte, ein neuer Staatenbund in
der ehemaligen Sowjetunion entstand, die Europäische Gemeinschaft einen Prozeß zur stärkeren Integration ihrer Mitgliedstaaten vorbereitet, und natürlich
nimmt auch die NATO eine einschneidende Veränderung ihrer Strategie und Streitkräftestruktur vor.
Ich bezweifle nicht, daß sich der Wandel in diesem
Tempo fortsetzen wird. Aus den Gesprächen mit
meinen Amtskollegen in den vergangenen beiden Tagen
entnehme ich, daß im Hinblick auf die NATO zwei
Feststellungen getroffen werden müssen. Erstens
kann das Bündnis durch seine Anpassung an veränderte Sicherheitserfordernisse mit den Weg zu einem
stabileren und demokratischeren Europa weisen.
Zweitens schafft die NATO, indem sie ihre grundsätzliche Mission fortführt, das Vertrauen, das die neuen
Demokratien im Osten benötigen, um Erfolg zu haben
und zu gedeihen.
Vor diesem Treffen habe ich vier Tage lang die Tschechoslowakei und Ungarn besucht, zwei Nationen, in
denen sich erhebliche Veränderungen vollziehen. Sie
gehören zu den begeistertsten Unterstützem der NATO.
Dieselbe Botschaft habe ich vor einem Jahr in Polen
vernommen. Diese Staaten wollen unsere Hilfe, und

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wir können sie bereitstellen. Sie begrüßen die jüngsten Initiativen der NATO, darunter das erweiterte
Liaison-Konzept sowie die Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats, der in wenigen Tagen hier
zusammentreten wird.
Wir haben ein breites Spektrum anderer Themen
erörtert, aber es wäre wohl das Beste, wenn ich nun
Ihre Fragen beantworte.
Frage: Herr Minister, können Sie uns genau erklären,
welche Pläne Sie zum jetzigen Zeitpunkt im Hinblick
auf die Verlegung von Flugzeugen, Schiffen und Truppen zur Unterstützung der Sowjetunion haben - für
humanitäre Hilfe?
Antwort: Nun, ich kann Ihnen allgemein erläutern,
was zur Zeit geschieht. Der Präsident hat im vergangenen Jahr erhebliche Landwirtschaftskredite bewilligt, um verschiedene Arten von Nahrungsmitteln an
die Sowjetunion zu liefern. Wir sind im Rahmen des
soeben vom Kongreß verabschiedeten Gesetzes
ermächtigt, bis zu 100 Millionen Dollar für den Transport humanitärer und anderer Hilfsgüter in die Sowjetunion auszugeben. Ich erwarte, daß dies hauptsächlich in Form von Lufttransporten wichtigen Materials medizinischer Versorgungsgüter etc. - stattfinden wird.
Einige Flüge wurden bereits durchgeführt. In diesem
Fall handelt es sich meistens darum, Elemente der
Luftwaffeeinzusetzen, um zum Beispiel von Privatpersonen gespendetes Material zu transportieren. Der
Präsident hat in dieser Woche bekanntgegeben, daß
der Stellvertretende Außenminister Larry Eagleburger
das gesamte humanitäre Hilfspaket der Vereinigten
Staaten für die Sowjetunion koordinieren wird. In

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�seiner Rede in Princeton hat Außenminister Baker
gestern überdies erklärt, daß die Vereinigten Staaten
in wenigen Wochen eine Konferenz interessierter
Parteien, von Freunden und Verbündeten der Vereinigten Staaten einberufen werden, um weitere Bemühungen zu erörtern, die wir unternehmen könnten und
diese Bemühungen zu koordinieren, um den größtmöglichen Nutzen zu erbringen.
Frage: Herr Minister, sind die Vereinigten Staaten
jetzt bereit, die von Großbritanien unterstützte französische Initiative zu befürworten, um sobald wie möglich
eine Dringlichkeitskonferenz zur Kontrolle der Kernwaffen in Europa und der Sowjetunion zu veranstalten? Und zweitens, falls ja, würden die Vereinigten
Staaten die Einladung von Vertretern der Republiken
anstelle von Vertretern der sowjetischen Zentralmacht
unterstützen?
Antwort: Ich möchte zunächst etwas allgemeines zu
diesem Thema sagen und dann speziell auf Ihre Frage
eingehen. Wir sind der Ansicht, das geeignetste
Forum, um das Thema innerhalb des Bündnisses zu
erörtern, ist die NATO selbst - also innerhalb des
nordatlantischen Bündnisses, in dem wir nukleare
Verantwortung teilen - und daß es nicht nur auf die drei
Atommächte begrenzt sein sollte sondern Konsultationen auf breiterer Grundlage stattfinden sollten. Im
Hinblick auf die Frage, wie man mit dem sich aus dem
Zusammenbruch der Sowjetunion ergebenden Problem umgehen sollte - wer letztlich deren Kernwaffenarsenal kontrollieren wird - haben wir mehrere Schritte unternommen, die auf den 27. Septemberzurückgehen, als Präsident Bush die meines Erachtens kühnsten und revolutionärsten Veränderungen in der Nuklearpolitik der vergangenen 40 Jahre ankündigte.
Innerhalb von fünf Wochen nach dem Scheitern des
Putsches in der Sowjetunion haben wir auf Anweisung
des Präsidenten ein Paket zusammengestellt und
dann verwirklicht, das sich aus folgenden Elementen
zusammensetzt: einseitiger Abzug und Zerstörung
nuklearer Gefechtsfeldwaffen; dieser Prozeß findet
gegenwärtig statt. Einseitiger Abzug aller taktischen
Atomwaffen von allen auf See stationierten Schiffen
und deren Rückführung in die Vereinigten Staaten;
dieser Prozeß vollzieht sich gegenwärtig. Die einseitige Maßnahme, zum ersten Mal seit 1957 die Alarmbereitschaft für unsere Bomberstreitmacht aufzuheben, was bereits geschehen ist. Die einseitige Maßnahme, 45 Prozent der amerikanischen Abschußvorrichtungen für Interkontinentalraketen aus der Alarmbereitschaft herauszunehmen - 452 Raketen des Types
Minuteman II; dies ist bereits geschehen. Der Vorschlag an die Sowjets, die Durchführung von START
II zu beschleunigen. Der Vorschlag an die Sowjets, in
naher Zukunft die Mehrfachgefechtsköpfe von den
landgestützten Streitkräften zu entfernen, ein Vor-

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schlag an die Sowjets, mit ihnen die Führung und
Kontrolle der Kernwaffen sowie die Aufrechterhaltung
von Sicherheit und Schutz dieser Systeme zu erörtern.
Die sowjetische Seite hat positiv auf diese Ankündigung reagiert. Es hat Treffen amerikanischer und
sowjetischer Vertreter in Moskau und Washington
gegeben. Wir sind mit dem Problem des zerfallenden
Zentrums so umgegangen, daß wir darum gebeten
haben, die nuklearen Republiken - also die vier Republiken, auf deren Territorium strategische Kernwaffen
stationiert sind - sollten anwesend sein, wenn wir über
dieses Thema sprechen. An den Gesprächen in
Moskau und Washington in den vergangenen beiden
Monaten haben also neben den Vertretern der Zentrale auch Vertreter der Republiken Rußland, Weißrußland, Ukraine und Kasachstan teilgenommen - der vier
Republiken, in denen strategische Nuklearwaffen stationiert sind. Ich erwarte darüber hinaus, daß dieser
Prozeß andauern wird.
Noch ein letzter Punkt dazu - zwei Punkte, vielmehr.
Dabei beziehe ich mich teilweise auf meinen guten
Freund Sam Nunn, der den Morgenzeitungen zufolge
gesagt haben soll, die Vereinigten Staaten täten nicht
genug in diesem Bereich. Außenminister Baker wird
dieses Wochenende nach Kiew, Moskau und Minsk
reisen, um über eine Reihe von Themen zu sprechen,
aber ganz oben auf seiner Tagesordnung werden
Fragen in Zusammenhang mit diesem Thema der
Kernwaffen stehen. Mein guter Freund Sam Nunn
meinte schließlich, wir sollten rascher vorgehen.
Der Kongreß hat 400 Millionen Dollar bewilligt, um den
Sowjets bei der Zerstörung ihrer Kernwaffen zu helfen.
Natürlich hat er kein Geld bereitgestellt. Er hat uns die
Ausgabeermächtigung erteilt, und es liegt nun an mir
zu entscheiden, wie wir das Geld im Rahmen des
Verteidigungshaushalts aufbringen werden. Dieser
Prozeß findet gegenwärtig statt. Ich habe meine
Mitarbeiter vor meiner Abreise beauftragt, im Verteidigungshaushalt des Jahres 1992 500 Millionen Dollar
-100 Millionen für humanitäre Hilfe, 400 Millionen für
die Zerstörung von Kernwaffen - auszumachen, damit
wir planen können, wie wir diese Mittel gegebenenfalls
in naher Zukunft einsetzen können.
Frage: Präsident Bush hat kürzlich die Beschränkungen für Waffenverkäufe an die drei mitteleuropäischen
Staaten Polen, Ungarn und Tschechoslowakei aufgehoben. Ich frage mich, ob Ihrer Meinung nach die
NATO-Verbündeten in dieser Frage folgen sollten und
ob Sie mir erklären könnten, welche ersten praktischen
Resultate Sie nach dieser Entscheidung erwarten?
Antwort: Wir haben diese Entscheidung getroffen.
Der Präsident hat letzte Woche die Anordnung unterzeichnet, die unseren Vorschriften zufolge Rüstungsverkäufe von Regierung zu Regierung zuläßt. Ich
AMERIKA DIENST 50

�erwarte nicht, daß in naher Zukunft umfangreiche
Lieferungen amerikanischen militärischen Geräts an
Polen, die Tschechoslowakei und Ungarn stattfinden
werden - obgleich dies nun zweifelsohne machbar ist.
Wir haben die juristischen Hindernisse dafür aus dem
Weg geräumt. Diese Entscheidung erhöht gewissermaßen unsere Fähigkeit Dinge zu tun, die nicht möglich sind, wenn sich eine ausländische Regierung
unmittelbar an eine Rüstungsfirma in den Vereinigten
Staaten wendet.
Im Hinblick auf technische Hilfe vom US-Verteidigungsministerium, etwa Ausbildung und so weiter,
ermöglicht sie eine umfassendere Beziehung als in der
Vergangenheit. Ich erwarte, daß es letztlich auch zu
Verkäufen kommen wird. Ich würde einen solchen
Beschluß zunächst als weiteren Schritt zum Aufbau
engerer Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den direkt betroffenen Regierungen in Mitteleuropa betrachten: Polen, Tschechoslowakei und
Ungarn.
Nichts, was wir getan oder entschieden haben, war mit
irgendwelchen Hintergedanken bezüglich dessen
verbunden, was unsere Verbündeten in dieser Hinsicht tun oder lassen sollten. Wir gehen davon aus,
daß es sehr wichtig ist, engere Beziehungen zu denjenigen mittel- und osteuropäischen Staaten aufzubauen, die dies im Sicherheitsbereich wünschen, daß es
eine Reihe von Dingen gibt, die wir als Bündnis tun
können, zum Beispiel durch verbesserte Liaison-Beziehungen, aber auch, um bilateral engere Beziehungen aufzubauen. Wir glauben, daß ihr Erfolg im
Hinblick auf ihre politischen und wirtschaftlichen Reformprogramme in dem Maße verstärkt wird, in dem
wir fähig sir.u, ein engeres sicherheitspolitisches Verhältnis als in der Vergangenheit aufzubauen, als diese
Länder Mitglieder des Warschauer Pakts waren.
Frage: Erwarten Sie vom ersten Treffen des Nordatlantischen Kooperationsrats nächste Woche irgendeine Form der individuellen Vertretung der neuen Republiken oder würden Sie dies gern sehen? Und zusätzlich, betrachten Sie Ihren Einfluß auf die Ereignisse in
der Sowjetunion als begrenzt angesichts der Tatsache, daß man dort - unabhängig von Ihren Erklärungen
- selbst entscheiden kann, was man tun will?
Antwort: Die Frage, wer für die Sowjetunion spricht,
ist zweifellos schwer zu beantworten, weil man sich
dort mitten in einer Revolution befindet. In Zeiten wie
diesen, wenn man sich dort mit grundsätzlichen Fragen über die künftige politische Struktur und die Beziehungen zwischen den Republiken auseinandersetzt
sowie darüber, ob von der Zentrale noch irgend etwas
übrigbleibt, ist es schwierig für uns, von außen zu
beurteilen, wer für dieses sich verändernde und ent-

AMERIKA DIENST 50

wickelnde Gebilde spricht, das einmal die Sowjetunion
war.
Meines Erachtens ist für uns, wie wir dies auch getan
haben, die beste Vorgehensweise, sowohl die Zentrale als auch die Republiken in den Dialog einzubinden.
Deshalb reist Jim (Baker) nächste Woche in die Sowjetunion und besucht dabei nicht nur Moskau sondern auch Kiew und Minsk.
Was den Umgang des Nordatlantischen Kooperationsrats mit der ehemaligen Sowjetunion betrifft, so
hat Generalsekretär Wörner meines Erachtens die
bestmögliche Erklärung gegeben: Herr Schewardnadse wurde als Außenminister der ehemaligen
Sowjetunion dazu eingeladen. Bis heute haben wir
keinen Grund zu der Annahme, daß sonst noch irgend
jemand um eine Einladung bitten könnte, aber es ist
natürlich möglich, daß sie beispielsweise etwas in
dieser Hinsicht tun möchten, wie sie es bei den Gesprächen über Kernwaffen getan haben, also Vertreter
einiger anderer Republiken zu entsenden. Meines
Erachtens lautet die Antwort auf diese Frage, daß wir
nicht genau wissen, wer mit Autorität für alle Republiken sprechen kann und daß wir uns schließlich in einer
Lage befinden werden, in der wir mit jeder Republik
einzeln sprechen müssen, was zunehmend der Fall zu
sein scheint.
Frage: Fühlen Sie sich nicht etwas machtlos angesichts dieser Entwicklung? Daß Sie trotz aller gegenteiliger Behauptungen nur begrenzt tätig werden können?
Antwort: Nein, das trifft nicht zu - Sie müssen
zwischen Einflußbereichen unterscheiden, zwischen
den Dingen, über die wir sprechen. In gewissem Maß
sind in der Sowjetunion Kräfte am Werk, die man kaum
von außen beeinflussen kann, wenn man das ungeheure Ausmaß der dortigen Wirtschaftsprobleme, den
Zusammenbruch der Wirtschaft bedenkt. Selbst die
besten Absichten und unendliche Mittel von außen
werden diesen Prozeß nicht notwendigerweise umkehren, bevor nicht in der Sowjetunion selbst ein
grundlegender Wandel einsetzt. Es ist nicht besonders sinnvoll, zum Beispiel über riesige ausländische
Investitionen zu sprechen, wenn nicht im Innern eine
gewisse rechtliche Struktur besteht, wenn unklar ist,
wem was gehört, wenn es nicht irgendeine stabile
Währung gibt. Es gibt eine Reihe grundlegender
Dinge, die innerhalb der Sowjetunion geschehen müssen,
bevor Hilfe von außen im Hinblick auf Reformen von
großem Nutzen sein kann. Andererseits gibt es wahrscheinlich eine Reihe von Dingen, die wir im humanitären Bereich tun können, etwa die Lieferung medizinischer Versorgungsgüter zur richtigen Zeit zum richtigen Ort. Dies könnte sich im Hinblick auf politische

Seite 3

�Veränderungen und Entwicklungen als äußerst wichtig erweisen. Mit ihnen im militärischen Bereich zusammenzuarbeiten, wie wir es tun, könnte entscheidend sein.
Obgleich wir unsere Fähigkeit zur Beeinflussung der
Ereignisse innerhalb der Sowjetunion nicht überschätzen möchten, müssen wir meines Erachtens anerkennen, daß dies die beste und vielleicht einzige Möglichkeit ist, die wir in unserem Leben je haben werden, um
ihnen dabei zu helfen, in die Richtung voranzuschreiten, in die sie eigenen Bekenntnissen zufolge gehen
möchten. Also in Richtung auf Demokratie und Marktwirtschaften - weg vom Totalitarismus, weg von den
kommunistischen Systemen, die der Bevölkerung der
Sowjetunion in den vergangenen 70 Jahren so viel
Schaden zugefügt haben. Es ist also an uns, nach
Wegen zu suchen, durch die wir etwas Einfluß auf
diesen Prozeß gewinnen können, um die Elemente zu
unterstützen, die die Sowjetunion reformieren und
umgestalten möchten, da letztlich eine umgestaltete
Sowjetunion, eine ehemalige Sowjetunion, Republiken oder wie immer man es bezeichnen möchte, die im
Einklang mit demokratischen Prinzipien und Praktiken
regiert werden, die entmilitarisiert sind und keine
Bedrohung für den Rest der Welt darstellen, für uns
alle von enormem Vorteil sein würden. Und selbst
wenn wir nur ein oder zwei Prozent beeinflussen
können, könnte dies im entscheidenden Moment genug
sein, um das Ergebnis in fünf oder 10 Jahren dramatisch zu verändern.
Ich meine, daß beim Putschversuch vom vergangenen
August die Entscheidung auf Messers Schneide stand.
Daß er auch leicht einen anderen Ausgang hätte
nehmen können, wobei die alte Garde der kommunistischen Hardliner die Oberhand gewonnen hätte und
daß in gewissem Maß die durch Präsident Bush und
andere wichtige Verbündete offen zum Ausdruck
gebrachte Unterstützung Boris Jelzins und der demokratischen Kräfte wichtig war. Sie werden nie sagen
können, daß sie den Ausgang ganz und gar entschieden haben, aber wir müssen jede sich uns bietende
Möglichkeit nutzen, um den Prozeß in die Richtung zu
beeinflussen, die wir wünschen.
Frage: Herr Minister, wie bewerten Sie angesichts
Ihres Besuchs in der Tschechoslowakei und Ungarn
die Sicherheitslage und die damit verbundenen Anliegen? Was können die NATO und die Vereinigten
Staaten tun, um ihre Sicherheit zu verbessern und
gäbe es in diesem Zusammenhang die Möglichkeit,
das Waffenembargo gegen Jugoslawien etwas besser
durchzusetzen? Und noch eine Frage zu den sowjetischen taktischen Kernwaffen: Wie lange würde es
Ihrer Meinung nach dauern, um - wie von der sowjetischen Führung versprochen - alle nuklearen Kurz-

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streckenwaffen zu beseitigen, sowohl ohne Hilfe von
außen als auch mit Ihrer Hilfe?
Antwort: Die Antwort auf den letzten Teil Ihrer Frage
- wie lange wird es dauern, bis die Sowjets ihre
nuklearen Kurzstreckenwaffen beseitigt haben - kennen wir nicht. Ich glaube nicht, daß sie zum jetzigen
Zeitpunkt einen präzisen Zeitplan erstellen können.
Wir befinden uns immer noch in der Gesprächsphase,
in der wir uns um Informationen bemühen. Soweit wir
sagen können, gab es bei den Sowjets keine Praxis
oder Politik der Verschrottung von Kernwaffen. Das
heißt, sie haben ein sehr großes Arsenal angehäuft,
aber wir haben keinerlei Beweise dafür, daß sie viel
Zeit damit verbracht hätten, über das Problem nachzudenken, wie man Kernwaffen beseitigt.
Andererseits entsprach es in den Vereinigten Staaten
der Praxis, alte Systeme zu zerlegen und deren Material vielfach zum Bau neuer einzusetzen. Aber dieselben Einrichtungen, die zum Bau von Kernwaffen dienen, benötigt man auch für deren Demontage. Es ist
meines Erachtens zu früh um zu sagen, welche Fähigkeit sie insgesamt in dieser Hinsicht besitzen, wie
schnell sie ihre Waffen demontieren könnten. Ich
schätze jedoch, daß sich diese Arbeit sicherlich über
eine Reihe von Jahren hinziehen wird.
Im Hinblick auf die Lage in Osteuropa, der Tschechoslowakei und Ungarn möchte ich nicht für andere
Regierungen sprechen, wenn es um deren Sicherheitsbelange geht. Ich möchte Ihnen sagen, welche
Sorgen ich habe, wenn ich mir jenen Teil Europas
betrachte. Ich sehe Regierungen, die aufstrebenden
Demokratien, die mit dem äußerst schwierigen Übergang von den alten, zentral von den Kommunisten
gelenkten Volkswirtschaften zu neuen Marktwirtschaften zu kämpfen haben. Dies sind überaus schwierige
Übergangssituationen, selbst unter den besten Bedingungen. Sie sind in gewissem Maß von ausländischen
Investitionen aus dem Westen abhängig, und diese
wiederum werden vom Vertrauen der Investoren beeinflußt.
Wenn diese Staaten nun ihr Umfeld betrachten, so
leben sie traditionell in einer gefährlichen Umgebung.
Im Süden wütet der sehr tragische Bürgerkrieg in
Jugoslawien, der nicht nur für die jugoslawische Bevölkerung gefährlich ist sondern auch das Gespenst
heraufbeschwört, daß er sich irgendwann über die
Grenzen Jugoslawiens ausdehnen und andere Gebiete, andere Regionen erfassen könnte. Wenn sie nach
Osten blicken, sehen sie die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion und wissen nicht, welches Ergebnis
daraus letztlich entstehen wird. Sie stellen fest, daß
sie einen Großteil ihres Exportmarkts verloren haben,
da sie ja Güter für den sowjetischen Markt produzier-

AMERIKA DIENST 50

�ten und dieser Markt nicht mehr existiert. Sie sind
großenteils von Energielieferungen aus der ehemaligen Sowjetunion abhängig. Zählt man all diese Faktoren zusammen, so ergeben sich sicherlich schwerwiegende Sicherheitsanliegen, so könnte man es jedenfalls beschreiben.
Was wir meines Erachtens als Hilfestellung tun können, ist anzuerkennen, daß sie Teil des Westens sein
möchten, daß sie sich dem Westen anschließen und
nicht getrennt und als separater Block behandelt werden möchten. Sie möchten sicherlich Mitglied der EG
werden und würden letztlich wahrscheinlich auch Mitglied der NATO werden, obwohl sie wissen, daß dies
in absehbarer Zeit keine Option ist.
Sie sind damit befaßt sowohl ihre militärischen Arrangements als auch ihre wirtschaftlichen und politischen
Verhältnisse umgestalten. Sie sind ehemalige Mitglieder des Warschauer Pakts, zwei Drittel der tschechoslowakischen Streitkräfte waren im westlichen Teil der
Tschechoslowakei gegen Deutschland und die NATO
stationiert. Das ist nicht mehr sinnvoll. Sie müssen
ihre Streitkräfteverteilung neu orientieren und ihre
Truppen stärker nach einem Muster stationieren, das
ihnen Sicherheitsvorkehrungen dort gestattet, wo eine
Bedrohung entstehen könnte. Sie müssen diese Streitkräfte modernisieren, sie benötigen Ausbildung für
Offiziere. Wir verdoppeln zum Beispiel unsere Mittel
für die Ausbildung tschechoslowakischer und ungarischer Offiziere in unseren Militärakademien in den
Vereinigten Staaten. Zusammen mit beiden Nationen
bilden wir Arbeitsgruppen, in denen unsere Militärfachleute mit ihren Experten zusammenarbeiten, um ein
Spektrum von Möglichkeiten zur Umstellung ihrer
Streitkräfte t.ji Jiw neue Sicherheitslage zu erörtern,
deren Entwicklung sie in jenem Teil Europas beobachten.
Unser Ansatz besteht also grundsätzlich darin, mit
ihnen auf bilateraler Grundlage zusammenzuarbeiten
sowie darüber hinaus engere Bindungen zwischen der
NATO und diesen Staaten durch den Liaison-Prozeß
zu fördern, und dieses Thema haben wir allgemein im
Rahmen dieses Treffens des Verteidigungsplanungsausschusses erörtert. Man kann meines Erachtens

*

AMERIKA DIENST 50

* *

mit Fug und Recht sagen, daß innerhalb des Bündnisses ein Konsens besteht, demzufolge wir tatsächlich
mehr Hilfe leisten können und dies auch tun wollen.
Frage: Herr Minister, angesichts der Art von Landschaft, die Sie gerade für die osteuropäischen Länder
beschrieben haben und in Anbetracht all der Einschränkungen der Möglichkeiten der NATO, also
Beschränkungen bezüglich von Einsätzen außerhalb
des Bündnisgebiets, wie lange wird da die Begeisterung für die NATO anhalten, die Ihrer Meinung nach in
diesen Ländern herrscht?
Antwort: Nun, meines Erachtens versteht man dort,
daß die NATO seit über 40 Jahren ein enorm erfolgreiches Bündnis ist, das sich nicht nur auf militärische
Erwägungen gründet sondern auch auf die kollektive
Sicherheit von Nationen, die an Freiheit und Demokratie glauben, ebenso wie auch sie an Freiheit und
Demokratie glauben. Und damit würden sie gern
enger verbunden sein. Das geht also über ihre Sicherheitsanliegen hinaus. Darüber hinaus erkennen sie
meines Erachtens, daß die NATO und das, was sie
verkörpert, eine Art Rettungsanker in Europa darstellt
- eine Kraft der Stabilität in einer Zeit, in der diese Art
von Mechanismus sozusagen erforderlich ist, denn sie
leben in einem weniger stabilen Teil Europas und
befinden sich in einer Übergangsphase. Offen gestanden halten sie darüber hinaus die NATO augenscheinlich für den Mechanismus, durch den die Vereinigten
Staaten weiterhin in Fragen der europäischen Sicherheit engagiert bleiben, und sie sind äußerst interessiert
daran, daß sich die Vereinigten Staaten weiterhin aktiv
dafür engagieren, daß sie und die NATO einige dieser
Sicherheitsanliegen behandeln. Aus einer ganzen
Reihe von komplexen Gründen kommen sie meines
Erachtens zu dem Schluß, daß eine starke, lebensfähige NATO mit einer bedeutsamen amerikanischen
Rolle und einer maßgeblichen amerikanischen Präsenz weiterhin in ihrem Interesse liegt. Sie haben mir
gegenüber erklärt, sie wollten als Teil der Atlantischen
Gemeinschaft betrachtet werden - nicht nur als Teil
Europas sondern als Teil der Atlantischen Gemeinschaft, und genau dies entspricht ja dem Wesensgehalt der NATO.

*

*

Seite 5

�CIA
18. Dezember 1991

GATES ZU ZERFALL DER SOWJETUNION,
VERBREITUNG VON MASSENVERNICHTUNGSWAFFEN
Rede des CIA-Direktors vor dem
Streitkräfteausschuß des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD) - Der Zerfall der Sowjetunion und die Anhäufung von Massenvernichtungswaffen in
Ostasien und im Nahen Osten stellen in den kommenden Jahren die schwierigste Herausforderung für die
Vereinigten Staaten dar, erklärte der Direktor des US-Nachrichtendienstes CIA am 10. Dezember 1991 in seiner
Rede vor der verteidigungspolitischen Kommission des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus.
"Nirgendwo ist die Entwicklung der Ereignisse verwirrender, das Tempo des Wandels rascher oder das
Zusammenspiel von Chancen und Gefahren augenfälliger als in der ehemaligen Sowjetunion", stellte Gates fest.
Die meisten sowjetischen Republiken versuchen, "ihren Verteidungshaushalt zu reduzieren, sich den westlichen
Wirtschafts- und Sicherheitsstrukturen anzuschließen und kooperative Beziehungen mit den Vereinigten
Staaten zu schmieden", erklärte Gates und fügte hinzu, "die Situation ist jedoch in gefährlichem Maße instabil."
Obwohl er einräumte, die unmittelbare militärische Bedrohung durch die sowjetischen Republiken sei gering,
verlieh Gates seiner Besorgnis Ausdruck, daß sie nicht in der Lage sein könnten, bei der Reduzierung und
Vernichtung des Großteils der 30.000 in ihrem Besitz befindlichen Nuklearwaffen angemessenen Schutz
aufrechtzuerhalten.
Außerhalb der --^pnaligen Sowjetunion gebe "die sich beschleunigende Verbreitung atomarer, biologischer und
chemischer VWaffen in anderen Ländern der Welt wahrscheinlich größten Anlaß zur Sorge (für die Vereinigten
Staaten)", stellte Gates fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von CIA-Direktor Gates im Wortlaut.

Die schwierigste Aufgabe für uns im Nachrichtendienst besteht darin, die Welt so zu sehen, wie sie ist,
nicht wie wir - und andere - sie gerne sehen würden.
Heute muß selbst der abgeklärteste Realist eine veränderte Welt erkennen - eine Welt, in der zu einem
hohen Preis an Menschenleben und materiellen Gütern der Kommunismus endlich besiegt wurde.
Die alten Grundwahrheiten, die 45 Jahre lang die
nationale Sicherheitspolitik dieses Landes leiteten,
sind in einem historischen Augenblick verschwunden.
Überall ist der Kommunismus tot oder liegt im Sterben,
eine Reihe lange bestehender regionaler Konflikte wird
beigelegt, der kalte Krieg ist beendet, die sowjetische
Kommunistische Partei hat aufgehört zu existieren tödlich verwundet von eigener Hand - und die Kräfte
echter Reformen machen sich endlich in der ehemaligen Sowjetunion bemerkbar.
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Dennoch gibt es wie immer Herausforderungen, Besorgnis und Risiken. In der ehemaligen Sowjetunion
beobachten wir ein bemerkenswertes historisches
Paradoxon. Der Zerfall des sowjetischen und russischen Imperiums ist für Demokratie und wirtschaftliche Umgestaltung vielversprechend. Die Gefahr eines Kriegs in Europa oder eines nuklearen Holocaust
hat sich in solchem Maße verringert, daß sie im
Bewußtsein der Öffentlichkeit bereits in so weiter
Feme liegt wie Pearl Harbor, dessen 50. Jahrestag wir
vor wenigen Tagen begingen. Und doch sieht sich eine
zerfallende Union mit vielfältigen inneren Krisen konfrontiert - dem Zusammenbruch der Zentralregierung,
potentiellen Bürgerkriegen großen Ausmaßes und dem
Zerfall der sozialen Ordnung - während sie immer noch
30.000 Nuklearwaffen besitzt, von denen die schlagkräftigsten nach wie vor auf uns gerichtet sind.

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�Es gibt keinen Präzendezfall für die plötzliche Auflösung eines so riesigen Imperiums von der Größe
Rußlands oder der Sowjetunion. Das Verschwinden
sehr viel kleinerer, viel jüngerer Imperien hat dem
Frieden ein Ende bereitet, die soziale Ordnung gestört
und die internationale Bühne so grundlegend verändert, daß dies erst Jahrzehnte später von Historikern
eingeordnet werden konnte. Die Lehren der Geschichte zwingen uns, sowohl die Gefahren als auch die
Chancen aufzuzeigen, wenn Imperien zugrunde gehen.
Jenseits der Grenzen Rußlands und der aufstrebenden souveränen Republiken liegen andere Herausforderungen für den Frieden, die internationale Ordnung
und damit für uns.
An erster Stelle steht dabei die Verbreitung von
atomaren, chemischen und biologischen Waffen sowie deren Trägersystemen. Über 20
Nationen besitzen oder beschaffen Massenvernichtungswaffen und häufen jeglicher Vernuft
spottend Arsenale solch vernichtender Fähigkeiten an. Arsenale, die sich allzu oft in den
Händen von Größenwahnsinnigen, bewiesenermaßen unmenschlichen Barbaren oder
schwachen, instabilen oder unrechtmäßigen
Regierungen befinden.
Die Aussichten für die Entwicklung von Demokratie und Marktwirtschaften in Osteuropa sind
vielversprechend. Aber ethnische und territoriale Konflikte - durch das stalinistische Regime
lange unterdrückt - sind an die Oberfläche
gedrungen, bedrohen die politische Stabilität
und bergen das Risiko eines Bürgerkriegs.
Während der Wind des Wandels in Ostasien
weht, bestehen kommunistische totalitäre Regime in China, Nordkorea und Vietnam fort.
Trotz beispielloser Chancen für Frieden im Nahen
Osten ist das Potential für einen blutigen Konflikt weiterhin hoch. Während Außenminister
Baker und die Unterhändler daran arbeiten, die
Kriegstreiber an die Kette zu legen, entwickeln
zahlreiche Staaten in der Region fieberhaft
Massenvernichtungswaffen.
Weltweit ist ein ermutigender Trend zu politischem Pluralismus offenkundig, aber die Wurzeln der Demokratie sind zart und anfällig und
könnten leicht durch wirtschaftliche Miseren,
sektiererische Feindseligkeiten oder regionale
Konflikte vernichtet werden.
Die Welt ist klein, pflegte man zu sagen. In Wahrheit
ist die Welt heute noch kleiner. Ereignisse an Orten,
die wir bisher als weit entfernt ansahen, erzwingen
zunehmend unsere Aufmerksamkeit.

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Die Gefahr eine Atomkriegs zwischen Indien
und Pakistan.
Die Realität des Bürgerkriegs in Jugoslawien.
Der Friedensprozeß in Kambodscha und im
Nahen Osten.
Die Notwendigkeit, den Putsch in Haiti umzukehren.
Die Frage, wie man den Schwarzen und Wei ßen
in Südafrika am besten behilflich sein kann,
beim Aufbau eines neuen Landes Zusammenarbeit zu lernen.
Solche Sorgen und Krisen liegen vor unserer Türschwelle - ob es uns gefällt oder nicht.
Die Geschichte ist nicht beendet. Sie war nur eingefroren und schlägt nun mit einer Rachsucht zurück, deren
Gefahr die Amerikaner verkennen. Nach 80 Jahren
der Kriege und Revolutionen sehen wir uns erneut mit
Konflikten über Nationalitäten, Rassen, Grenzen und
Ressourcen einer lange vergangenen Welt konfrontiert, selbst während wir versuchen, die durch den
Zerfall des Kommunismus freigesetzten revolutionären Kräfte zu integrieren und auf sie einzugehen.
Die Ereignisse der vergangenen drei Tage haben
demonstriert: nirgendwo ist die Entwicklung der Ereignisse verwirrender, das Tempo des Wandels rascher,
oder das Zusammenspiel von Chancen und Gefahren
augenfälliger als in der ehemaligen Sowjetunion. Und
nirgendwo ist eine günstige Lösung - das heißt, das
Entstehen stabiler, uns freundlich gesonnener, kompetenter Demokratien in Rußland, der Ukraine und
anderen ehemaligen sowjetischen Republiken - lebenswichtiger für die Interessen der Vereinigten Staaten
und in der Tat der ganzen Welt.
Der selbstmörderische Versuch der alten kommunistischen Garde vom vergangenen August, die Uhr zurückzudrehen, hat prompt den Zusammenbruch der
sowjetischen Regierung und den Zerfall des Landes
zur Folge gehabt.
Die aufstrebenden souveränen Republiken unterscheiden sich in ihrer politischen Gestaltung. Und sie
scheinen daran interessiert zu sein, in irgendeiner
Form zusammenzukommen, um eine sehr lockere
Föderation zu bilden. Aber keine von ihnen hat - weder
einzeln noch kollektiv - den Wunsch oder die Fähigkeit,
eine so große Bedrohung für die amerikanische Sicherheit darzustellen, wie es die Sowjetunion Jahrzehnte lang tat. Tatsächlich versuchen die meisten
Republiken der ehemaligen UdSSR, ihren Verteidungshaushalt zu reduzieren, sich den westlichen Wirtschafts- und Sicherheitsstrukturen anzuschließen und
kooperative Beziehungen mit den Vereinigten Staaten
zu schmieden.

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�Die Situation ist jedoch in gefährlichem Maße instabil.
Alle ehemaligen sowjetischen Republiken sehen sich
mit enormen wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Problemen konfrontiert, die den Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaften schwierig und potentiell
gefährlich machen. Die Wirtschaft befindet sich im
freien Fall ohne Aussichten für eine Umkehrung dieser
Entwicklung. Schwierige Wirtschaftsbedinungen einschließlich eines gravierenden Mangels an Nahrungsmitteln und Brennstoff in einigen Gebieten, des
Zerfalls der Streitkräfte und andauernder ethnischer
Konflikte - werden in diesem Winter die tiefgreifendsten Unruhen in der ehemaligen UdSSR hervorbringen seit die Bolschwiken ihre Macht konsolidierten.
Der russische Präsident Jelzin hat ehrgeizige Pläne
zur Wirtschaftsreform formuliert, aber es bleibt abzuwarten, ob er sie durchführen kann. Marktrefomen
werden mit Inflation und Arbeitslosigkeit einhergehen,
die eine soziale Explosion auslösen könnten und damit
die Stabilität der aufstrebenden demokratischen Regierungen gefährden. Man muß mit der Möglichkeit
rechnen, daß solche Umstände eine Rückkehr zur
autoritären Regierung bewirken - entweder unter der
Führung von Reformern, die verzweifelt versuchen,
Nahrungsmittel für die Bevölkerung zu beschaffen und
eine Explosion abzuwenden, oder von einer f remdenfeindlichen, atavistischen Vision Rußlands geleiteten
Nationalisten.
Insgesamt gesehen geben die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre und insbesondere der letzten drei
Monate auf lange Sicht Anlaß zu berechtigten Hoffnungen und Optimismus über Rußland und die anderen Republiken. Zum ersten Mal seit 1917 steht ihnen
die Zukunf* ,nr. i, und ihre politisch Verantwortlichen
wollen eindeutig die Demokratie stärken und Marktwirtschaften einführen. Kurz- und mittelfristig sind wir
jedoch tief besorgt, daß die vor den meisten dieser
neuen demokratischen Kräfte liegenden wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen sie überwältigen könnten.

Infolgedessen verlieren die sowjetischen Streitkräfte
zur allgemeinen Verwendung an Zusammenhalt. Der
Bereitschaftsstand befindet sich auf dem niedrigsten
Niveau seit Jahrzehnten.
Der Ausbildungsbetrieb wurde erheblich gestört.
Nahrungsmittel und Treibstoff sind knapp.
Wohnungsmangel unterminiert Moral und Disziplin.
Die operativen Stationierungen von Schiffen der
Marine nehmen weiterhin ab. Lebenswichtige
Instandhaltungsmaßnahmen werden aufgeschoben.
Nationalitätenkonflikte nehmen zu, und die
Zuverlässigkeit der Truppen ist zweifelhaft, insbesondere bei Missionen im Inland.
Die bereits niedrige Truppenstärke wird weiter
verringert. Es ist fraglich, ob die Republiken die
zur Aufstockung der bis aufs Skelett reduzierten
Einheiten erfoderlichen Reservestreitkräfte
mobilisieren können. In jedem Fall würden eine
Mobilisierung großen Ausmaßes durch die sich
verschlechternden Transport- und Verteilungssysteme behindert.
Während in der Tat noch ein zentralistisches Führungssystem operiert, beginnt der politische und wirtschaftliche Zerf all das Militär in den Republiken gegenüber loyale oder nur mit ihrer Selbsterhaltung befaßte
Elemente zu zersplittern. Unser wahrscheinlichstes
Szenarium deutet auf den weiteren Zerfall und Zusammenbruch der sowjetischen Streitkräfte hin.

Die Bedrohung durch die sowjetischen konventionellen Streitkräfte nimmt täglich ab. Es ist jedoch unabdingbar, zwischen ihren kurzfristigen Fähigkeiten und
ihrem langfristigen Potential zu unterscheiden.

Offen gesagt, kann ich mir kein realistisches Szenarium vorstellen, in dem im nächsten Jahr von der
ehemaligen UdSSR für die Nachbarstaaten eine größere Bedrohung durch konventionelle Streitkräfte
ausgehen würde. Statt dessen könnte sich - wie selbst
die politisch Verantwortlichen in der Sowjetunion gewarnt
haben - in den nächsten ein bis zwei Jahren sehr viel
eher die Möglichkeit eines Konflikts in oder zwischen
einzelnen neuen Republiken ergeben. Einem solchen
Konflikt würde wahrscheinlich eine Periode vorausgehen, in der Indikatoren - wie zunehmende politische
Unruhen oder unerträgliche wirtschaftliche Entbehrungen - Warnsignale aussenden würden.

Die Fähigkeiten und das Potential der ehemaligen
sowjetischen Streitkräfte hängt von der aktuellen und
zukünftigen Verteidigungspolitik der neuen Regierungen in den Republiken ab. Diese Regierungen scheinen der Beibehaltung - geschweige denn, dem Wiederaufbau - konventioneller Streitkräfte über das für
eine felsenfeste Verteidigungsfähigkeit als erforderlich
erachtete Niveau in einem Umfeld relativ niedrige
Priorität beizumessen, das aus ihrer Sicht geringe
Bedrohungen birgt.

Längerfristige Prognosen sollten nach dem Zusammenbruch dieses riesigen Reichs und inmitten der
daraus resultierenden politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Revolution mit großer Vorsicht gemacht werden.
Aber sowohl wir als auch Sie müssen natürlich über die
nächsten ein bis zwei Jahre hinausblicken. Wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß auf dem
Territorium der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere in Rußland, eine neue konventionelle Bedrohung
entstehen könnte.

Ich möchte mich jetzt den spezifischen Fragen über
militärische Angelegenheiten zuwenden, die anzusprechen Sie mich gebeten haben.

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�Diese Möglichkeit ist gering, wenn die Nachfolgerepubliken ihren heutigen politischen und wirtschaftlichen
Kurs fortsetzen. Dies ist ein Grund, warum wir ihnen
viel Erfolg wünschen. Wenn jedoch die gegenwärtigen
Entbehrungen und Umwälzungen zu autokratischen,
fremdenfeindlichen und aggressiven Regimen führen,
könnten diese gewiß ihre konventionellen Streitkräfte
wieder aufrüsten und erneut eine Bedrohung darstellen. In diesem Fall wäre eine Überfülle von Warnsignalen zu erwarten.
Die entstehende Bedrohung durch sowjetische strategische Atomwaffen ist weiterhin erste Priorität unserer
Nachrichtendienste. In den gesamten achtziger Jahren unternahmen die Sowjets große Anstrengungen
zur Modernisierung und Verbesserung ihrer strategischen Offensiv- und Defensivkräfte. Wir hatten eine
Andauer dieses Trends in den neunziger Jahren vorhergesagt.
Aufgrund der weiteren Verschlechterung der
wirtschaftlichen Lage und der zunehmenden
Kürzung der Militärausgaben in den vergangenen beiden Jahren hielten wir es für wahrscheinlich, daß auch die strategischen Streitkräfte von
Sparmaßnahmen erfaßt würden. Deshalb prognostizierten wir die Stornierung einiger wichtiger Programme.
Trotzdem besaßen wir Beweise, wonach die
Sowjets fünf neue strategische ballistische
Raketen entwickelten, und wir wunderten uns
über ihre Fähigkeit, diese Programme angesichts der sich abzeichnenden Wirtschaftskatar
Strophe voranzutreiben.
Nun, die Lage hat sich verändert. Gorbatschow hat die
Einstellung zweier ICBM-Programme - einer straßengestützten und einer schienengestützten Rakete verkündet, obgleich die Produktion der neuen Interkontinentalraketen SS-18 MOD-5 und der straßengestützten SS-25 noch andauert. Ein Militärsprecher hat
unlängst erklärt, daß in den nächsten fünf Jahren keine
weiteren U-Boote mit Interkontinentalraketen gebaut
werden.
In der Vergangenheit gingen wir davon aus, daß die
Sowjets ihre strategischen Programme wegen ihrer
symbolischen Bedeutung und aufgrund ihres Abschrekkungswerts aufrechterhalten und verteidigen würden.
Es ist jedoch zunehmend schwierig, sich vorzustellen,
wie Rußland oder andere Republiken mit strategischen Kernwaffen in der Lage sein werden, die Modernisierungsbemühungen fortzuführen - oder selbst, warum
sie dies angesichts der rasch abnehmenden Spannungen mit dem Westen überhaupt anstreben sollten.
Deshalb sollten wir nicht überrascht sein, wenn die
meisten oder alle sowjetischen Pläne für die Modernisierung der strategischen Offensivstreitkräfte in absehbarer Zukunft eingestellt werden. Dies ist sicher-

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lich nicht das, was von den Militärs gewünscht wird
sondern spiegelt lediglich die wahrscheinlichen Prioritäten der politischen Entscheidungsträger in den
Republiken sowie die wirtschaftlichen Gegebenheiten
wider.
Wir erwarten, daß - wie von Gorbatschow bereits
angekündigt - die neu entstehenden Nuklearmächte
ihre strategischen Streitkräfte in den neunziger Jahren
unter die von START gezogenen Grenzen reduzieren.
Es ist unwahrscheinlich, daß diese Streitkräfte, ob sie
nun von Rußland oder irgendeinem gemeinsamen
Kommando kontrolliert werden, angesichts der Verschlechterung der operativen Unterstützungsfähigkeiten und der gesamten Infrastruktur auf START-Niveau
gehalten werden können. Zahlreiche führende russische und ukrainische Politiker haben bereits ihren
Wunsch geäußert, die strategischen Streitkräfte zu
verringern, da sie der Meinung sind, sie seien die
Kosten und Mühen nicht wert, um sie auf einem Niveau
beizubehalten, das auch nur annähernd dem von
START zugelassenen entspricht.
Sie könnten jedoch nicht in der Lage sein, diese
Streitkräfte so rasch abzubauen wie sie möchten. Die
Demontage strategischer Waffen ist schwierig und
teuer. Überdies sind die sowjetischen Einrichtungen
dafür sehr begrenzt und nur in Rußland vorhanden.
Selbst wenn letztlich nur ein verringertes Arsenal strategischer Waffen auf dem Territorium der ehemaligen
Sowjetunion übrig bleibt, wäre dies immer noch ausreichend, um die Vereinigten Staaten und andere Länder
zu verwüsten. Solange die Möglichkeit bestehen
bleibt, daß Unruhen in der Region die Entstehung
neuer, gegnerischer Regime fördern könnten, werden
die verbleibenden strategischen Waffen Anlaß zur
Sorge geben.
Ein vordringlicheres Anliegen ist die Möglichkeit, daß
die Sowjets unfähig sein könnten, ausreichende Sicherheitsvorkehrungen bei der Reduzierung und
Demontage eines Großteils ihres Arsenals von 30.000
Kernwaffen zu gewährleisten. Zum jetzigen Zeitpunkt
besitzt die Zentrale ein vom Verteidigungsministerium
und dem Generalstab geleitetes ausgefeiltes und wirksames System zur Kontrolle dieser Waffen. Das
Zentrum löst sich jedoch vor unseren Augen auf.
Diejenigen, die dieses Kontrollsystem konzipierten,
hatten niemals mit einer solchen Entwicklung gerechnet.
Etwa zwei Drittel der sowjetischen Kernwaffen befinden sich in Rußland. Tausende von Waffen verbleiben
jedoch in anderen Republiken. Die meisten scheinen
in gut gesicherten Einrichtungen stationiert zu sein.
Wir sehen jedoch einer Periode der Unsicherheit entgegen, während Rußland und die anderen Republiken
den Besitz dieser Waffen regeln und neue Strukturen
und Verfahren zu ihrer Kontrolle und für ihren Einsatz

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�entwickeln. Ein weiterer ernüchternder Gedanke: keine
der Regierungen dieser neuen Atommächte ist bis
heute durch die von der alten Sowjetunion eingegangenen Verpflichtungen gebunden, obwohl alle behaupten, sie würden diese Abkommen einhalten und
ratifizieren.
Das sowjetische System zur Kontrolle der Kernwaffen
hat sich auf fähige Menschen mit starker Disziplin
gestützt, die solide Verfahren auf Führungs- und Einsatzebene befolgten. Diese Personen sind jedoch
ebenfalls in vieler Hinsicht denselben wirtschaftlichen
Problemen und nationalistischen Bestrebungen wie
ihre zivilen Landsleute ausgesetzt. Selbst robuste
physische Sicherheit und Maßnahmen zur Einsatzkontrolle werden unwirksam, wenn das Wachpersonal
oder seine Offiziere angestiftet oder korrumpiert werden oder einfach verschwinden.
Die meisten Ihrer Fragen betreffen umfassendere
Probleme als die Auswirkungen der Entwicklungen in
der ehemaligen UdSSR. Von diesen umfassenderen
Themen gibt die sich beschleunigende Verbreitung
atomarer, biologischer und chemischer Waffen in
anderen Ländern der ganzen Welt wahrscheinlich
größten Anlaß zur Sorge. Je mehr Länder solche
Waffen besitzen - selbst, wenn sie nur der Abschrekkung dienen -, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit
ihres Einsatzes. Zur Zeit wird das Gebiet der Vereinigten Staaten nur von sowjetischen und chinesischen
Raketen bedroht, und wir erwarten im konventionellen
militärischen Sinn für mindestens ein weiteres Jahrzehnt kein zusätzliches Risiko durch Massenvernichtungswaffen an^oror Länder. Dagegen wächst die
Bedrohung für Europa, den Nahen Osten und Asien.
Die im Ausland stationierten amerikanischen
oder verbündeten Streitkräfte könnten vor Ende
dieses Jahrzehnts verstärkt Bedrohungen durch
luftgestützte Kernwaffen ausgesetzt sein. Einige ungenaue aber einsatzfähige ballistische
Raketen mit nuklearen Gefechtsköpfen werden
in den kommenden Jahren wahrscheinlich von
einer Reihe von Ländern stationiert werden.
Mehrere Staaten besitzen Flugkörper und Raketen, die nukleare Gefechtsköpfe tragen könnten. Wenn eines dieser Länder ein paar nukleare Gefechtsköpfe - etwa von einem abgefallenen sowjetischen Element - beschaffen könnte,
würde es automatisch zur Nuklearmacht.
Die meisten Staaten des Nahen Ostens unterhalten Programme zur Entwicklung chemischer
Waffen, und einige haben bereits Arsenale, die
für den Einsatz gegen Zivilisten oder schlecht
geschützte militärische Ziele in Frage kommen.
Zur Zeit sind ihre Trägersysteme völlig unzureichend, aber im Lauf des nächsten Jahrzehnts

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erwarten wir, daß chemisch bestückte, mobile
Kurzstreckenraketen von Nordafrika bis Südasien weite Verbreitung finden.
China und Nordkorea könnten anderen Staaten
Raketen größerer Reichweite oder die Technologie zu deren Herstellung verkaufen. Die
Beschaffung solcher Raketen durch Länder, die
ABC-Waffen besitzen, würde den gegenwärtig
in diesem Bereich im Nahen Osten und Südasien stattfindenden Rüstungswettlauf noch
erweitem und beschleunigen.
Ich möchte kurz auf die ehemalige Sowjetunion als
Quelle der Verbreitung eingehen. Wie der Rest der
ehemaligen sowjetischen Rüstungsindustrie könnten
Unternehmen, die mit Programmen für Massenvernichtungsmittel und Raketen befaßt und Kürzungen
des Militärhaushalts ausgesetzt sind, versuchen, im
Geschäft zu bleiben, indem sie Gerät, Material und
Dienstleistungen auf dem Weltmarkt anbieten. Der
Devisenhunger könnte Vorrang vor Sorgen über die
Verbreitung von Waffen einnehmen, insbesondere bei
den Führungen von Republiken und Kommunen, die
eine hohe Konzentration von Rüstungsbetrieben und
kaum andere marktfähige Produkte aufweisen.
Zehntausende von Wissenschaftlern, Ingenieuren und
Medizinern emigrieren Jahr für Jahr aus der ehemaligen Sowjetunion. Einige sind Fachleute für Massenvernichtungswaffen und Raketen. Die meisten dieser
Auswanderer werden sich vorzugsweise in Israel oder
im Westen niederlassen, aber einige könnten für ihr
Fachwissen einen besseren Markt in Ländern der
dritten Welt finden, die sich um die Beschaffung oder
Verbesserung ihrer Fähigkeiten bei Massenvernichtungswaffen bemühen.
Die bedeutendsten Streitkräfte der Welt sind neben
den sowjetischen und verbündeten Streitkräften diejenigen Chinas, Indiens und Nordkoreas. Nur China
besitzt die Fähigkeit zum Angriff auf amerikanisches
Territorium, obgleich die Nordkoreaner erhebliche
Fähigkeiten gegen die in Südkorea stationierten
amerikanischen Streitkräfte einsetzen können.
Die Chinesen haben eine kleine Streitmacht nuklear
bestückter ICBMs stationiert, von denen einige auf die
Vereinigten Staaten gerichtet sind. Für die neunziger
Jahre planen sie die Stationierung weiterer strategischer und regionaler Nuklearstreitkräfte. Wir gehen
davon aus, daß die Chinesen die Modernisierung ihrer
Raketenstreitkräfte fortsetzen. Die Raketen kürzerer
Reichweite, angeblich mit konventionellen Gefechtsköpfen ausgerüstet, werden im Ausland angeboten,
um harte Devisen einzunehmen. Neue chinesische
Raketen, darunter eine mobile Interkontinentalrakete,
werden voraussichtlich in den neunziger Jahren stationiert werden.

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�Die technologische Qualität der weltweiten militärischen Bedrohung amerikanischer Interessen wird in
den kommenden Jahren niedriger sein als wir vor dem
Zusammenbruch der Sowjetunion prognostizierten.
Trotzdem werden zahlreiche ausländische Streitkräfte
moderne sowjetische und westliche Waffen beschaffen - die unserer Einschätzung nach zu Schleuderpreisen erhältlich sein werden.
Viele Staaten verkaufen bereits moderne Waffen und
militärische Technologie, und verschiedene Nachfolgestaaten der UdSSR werden sich ihnen wahrscheinlich anschließen. Selbst wenn die Regierungen der
Republiken ihre Arsenale weiterhin scharf kontrollieren, werden sie durch die wirtschaftlichen Bedingungen versucht sein, demjenigen Waffen zu verkaufen,
der die meisten harten Devisen dafür bietet. Unruhen
in der Region werden die Möglichkeit nicht genehmigter Waffentransfers an Gruppen innerhalb und außerhalb der ehemaligen UdSSR weiter verstärken. Darüber hinaus könnten wir die Weitergabe hochmoderner sowjetischer "konventioneller" militärischer Technologie und Ausrüstung erleben, wie etwa von unsichtbarer Laser- oder Wärmebildtechnologie.
Aus diesen und anderen Gründen werden die ausländischen militärischen Fähigkeiten in den kommenden
Jahren erheblich zunehmen, möglicherweise in unvorhergesehener Weise. Das Spektrum der Bedingungen, unter denen diese Fähigkeiten eingesetzt werden
könnten, ist wesentlich breiter als in der Vergangenheit. Damals ging die Hauptbedrohung von der Sowjetunion aus, und wir verstanden sie sehr gut. Eine
unserer größten Herausforderungen in den nächsten
Jahren wird darin bestehen, mit den stark wachsenden
militärischen Fähigkeiten im Ausland Schritt zu halten.
Das Potential für technologische Überraschungen in
der dritten Welt wird größer, während die Beschränkungen für ausländischen Zugang zu militärisch nutzbarer Technologie schrittweise gelockert werden.
Die Aussicht, daß Streitkräfte in großem Umfang gegen
amerikanische Interessen in Europa und anderen Teilen
der Welt, in denen die Sowjetunion stark war, eingesetzt werden, ist durch den Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums erheblich zurückgegangen.
Die neu entstehenden Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind uns - zumindest zum jetzigen Zeitpunkt
- freundlich gesonnen. Die internationale kommunistische Bewegung ist tot. In der ganzen Welt verlieren
linke Aufstandsbewegungen an Kraft, und ehemals

*

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prosowjetische Regierungen sind bemüht, engere
Beziehungen zum Westen herzustellen. Der Kommunismus hält sich nur noch mühsam in einer Handvoll
Länder, die von alternden Führern beherrscht werden,
die sich vornehmlich dem eigenen Machterhalt widmen anstatt der Verbreitung dieser Ideologie im Ausland.
Diese Entwicklungen sind gewiß ermutigend. Sie
scheinen in eine bessere Zukunft zu weisen. Aber wir
sind noch nicht soweit. Wenn Sie in den kommenden
Monaten beraten, sollten Sie bedenken, wie unberechenbar die Zukunft geworden ist. Berücksichtigen
Sie,
wie schnell sich die Ereignisse entwickeln;
die Aussichten von Turbulenzen und Instabilität
im zentral-eurasischen Arsenal, das einmal von
einem Land gebildet wurde;
die problematische Verteilung von nahezu 30.000
Kernwaffen;
die Unbeständigkeit des Nahen Ostens und
Südasiens;
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen;
Programme zur Entwicklung von Kernwaffen in
Ländern, die unseren Prinzipien und Interessen
feindlich gesonnen sind;
die zentrifugalen Kräfte nationalistischer und
ethnischer Zwietracht, die auf mehreren Kontinenten zu Instabilität oder sogar Kriegen zu
führen drohen.
Ich möchte mit diesem Tenor schließen, um dem
Gesichtspunkt Nachdruck zu verleihen, daß der Zusammenbruch des Kommunismus die Chance eines
großen Krieges enorm verringert hat, die Welt aber
Tag für Tag ein spannungsgeladenes Umfeld bleibt und die Spannung steigt. Und ob wir wollen oder nicht
- nahezu alle Staaten betrachten die Vereinigten Staaten - die einzige Supermacht - als wichtigste Kraft für
Frieden und Stabilität.
Damit beende ich meine Ausführungen. Ich bin gerne
bereit, unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf Ihre
Fragen zu antworten.

* * *

*

AMERIKA DIENST 50

�MENSCHENRECHTE
18. Dezember 1991

HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE AMERIKANISCHE
MENSCHENRECHTSPOLITIK
von Richard Schifter
Der Autor ist Leiter der Abteilung Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium.
Der folgende Artikel basiert auf seiner Ansprache bei einer Informationsveranstaltung des Weißen Hauses über
Menschenrechte am 9. Dezember 1991.

Der Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion und Osteuropa, soviel steht heute fest, hat
uns nicht das Ende der Geschichte beschert. Wir
haben kein demokratisches Nirwana erreicht.
Sicherlich wurde der Leninismus als lebensfähige
politische Philosophie verworfen - auf den Müllhaufen
der Geschichte, um Trotzkis berühmte Allegorie zu
benutzen. Als Anachronismus bleiben jedoch nach leninistischem Modell gestaltete Regierungen bestehen, merkv.jic.gerweise allerdings in Kulturen, die
weit von der Welt Wladimir Uljanows entfernt angesiedelt sind. Ohne Beziehung zum Geist unseres Zeitalters versuchen alternde Führer ihre Macht zu erhalten,
zum Nachteil ihrer Bevölkerung und unter Bedingungen, die vielen politischen Gefangenen großes Leid
verursachen.
Die verbleibenden leninistischen Regierungen sind
nicht die einzigen, die sich der harten Unterdrückung
ihrer Bevölkerung schuldig machen. Geheimpolizisten überwachen auch in anderen totalitären Staaten
die Menschen und stehen bereit über jeden herzufallen, der auch nur das leiseste Anzeichen einer abweichenden Meinung von sich gibt. Um die Aufmerksamkeit auf die Praktiken einiger dieser nichtleninistischen
totalitären Regierungen zu lenken, ist das Nobelpreiskomitee den Präzedenzfällen gefolgt, die es selbst
schuf, als es den Preis gegen den Willen Hitler-Deutschlands an Carl von Ossietzky und der Sowjetunion
Breschnews trotzend an Andreij Sacharow verlieh.
Die Preisverleihung an Aung San Suu Kyi, jene mutige
Führerin ihres Volkes, ist nicht nur Ausdruck der Hoffnung auf ein besseres Burma sondern auch ein Tribut
an die Kämpfer für Demokratie und Freiheit in aller
Welt.
AMERIKA DIENST 50

Die verbleibenden totalitären Regime sind nicht nur
Unruheherde auf der Weltkarte der Menschenrechte.
Wir müssen der Zerbrechlichkeit der Demokratie in
den Ländern Rechnung tragen, in denen sie erst in
jüngster Zeit eingeführt wurde und in denen es noch
keine gefestigten Institutionen zum Schutz der Menschenrechte gibt. Aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung, daß die traditionellen Demokratien eine helfende Hand ausstrecken, um humanitäre Hilfe zu leisten und es den neuen Demokratien auf
diese Weise zu gestatten, die Krisen zu überwinden,
die von äußerst mangelhaften Wirtschaftssystemen
hinterlassen wurden und technische Hilfe zu leisten,
um ihnen beim Aufbau demokratischer Institutionen zu
helfen. Als Innenminister der Sowjetunion hat Wadim
Bakatin mir gegenüber erklärt, als er um amerikanischen Rat bei der Dezentralisierung der Polizei bat:
"Wir müssen das Rad nicht noch einmal erfinden."
Wenn wir jedoch Ländern die Hand reichen, die sich
dem demokratischen Lager anschließen, müssen wir
der Versuchung widerstehen, deren Angelegenheiten
bis ins Kleinste zu regeln. Wir müssen konstruktiven
Rat sowie notwendige technische Hilfe anbieten, aber
den demokratischen Prozeß arbeiten lassen. Die
politisch Verantwortlichen der neuen Demokratien
müssen die Interessen ihrer Wähler zum Ausdruck
bringen, nicht die von Stammtischstrategen im Ausland.
Unsere Konzentration auf die Unruheherde und anhaltenden Schwierigkeiten sollte nicht so aufgefaßt werden, als ob wir die großen Errungenschaften für das
Anliegen der Demokratie im vergangenen Jahr herunterspielen wollten. Obgleich die Demokratie in den

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�Republiken der ehemaligen Sowjetunion noch keineswegs sicher etabliert ist und obwohl die noch eintretenden wirtschattlichen Probleme zu einem weiteren
Putschversuch führen können, steht zweifelsfrei fest,
daß die Ereignisse im vergangenen August durchaus
erstaunlich waren. In einem Land mit einer langen
Tradition blinden Gehorsams gegenüber Anordnungen von oben beschlossen zahlreiche einfache Leute,
Soldaten, Polizisten und sogar KGB-Angehörige zu
tun, was sie für das moralisch Richtige hielten und nicht
das, was ihnen zu tun befohlen worden war.
Dafür, daß sie die Bedingungen schufen, die eine
solche Reaktion ermöglichten, müssen wir Michail
Gorbatschow, Alexander Jakowlew und Eduard Schewardnadse Anerkennung zollen, die die Wahrung der
Menschenwürde in den höchsten Ämtern ihres Landes
verankerten und durch ihr Beispiel ihre Landsleute
inspirierten. Anerkennung gebührt ebenso Boris Jelzin, der in der Stunde höchster Gefahr für die Sache
der Menschenwürde aufstand und in der Lage war,
genügend Leute um sich zu versammeln, um den Sieg
davonzutragen.
Seit den drastischen Veränderungen in Europa haben
wir Afrika als demokratisches Neuland erlebt. Die
marxistisch-leninistischen Regierungen auf jenem
Kontinent sind verschwunden, die Apartheid ist auf
dem Rückzug, und eine Reihe autoritärer Herrscher ist
abgetreten. Noch vor einem oder zwei Jahren wurden
Mehrparteiensysteme sowohl von autokratischen
Herrschern als auch jenen Experten, die sich ein
realistisches Verständnis des Kontinents zugutehielten, als untauglich für Afrika oder als eitler Traum
abgelehnt. In einigen afrikanischen Ländern sind sie
heute bereits Wirklichkeit, in anderen werden sie eingeführt, und allgemein werden sie als Modell der Zukunft betrachtet.
In der Vergangenheit wurde in Afrika häufig die Sorge
zum Ausdruck gebracht, Demokratie würde Stammesfehden nach sich ziehen. Dies ist sicherlich ein Risiko.
Aber haben die Diktaturen es denn besser gemacht?
Welche Schlüsse würden wir zum Beispiel aus den
Erfahrungen in Liberia oder dem Sudan ziehen?

*

Seite 2

*

Tatsache ist, daß mit der weltweiten Abschwächung
der ideologischen Konfrontation die Auseinandersetzung zwischen Volksgruppen als Hauptursache von
Menschenrechtsverletzungen sowie politisch motivierten Morden in den Vordergrund getreten sind. Rajiv
Gandhi war lediglich das prominenteste Opfer des
tragischen Kampfes, von dem Sri Lanka in den vergangenen acht Jahren heimgesucht wurde. Serben und
Kroaten bringen einander in einem Bürgerkrieg um,
dessen Ausgang feststeht: beide Seiten werden verlieren. Armenierund Aserbaidschaner befinden sich in
einer ähnlichen Auseinandersetzung. Selbst der
angeblich ideologische Kampf des Leuchtenden Pfads
wird zunehmend dadurch gekennzeichnet, daß sich
die Terroristen stark mit ihren ethnischen Vorfahren
identifizieren.
In der ganzen Welt werden heute Tausende, wenn
nicht Millionen junger Menschen gelehrt - um aus
South Pacific zu zitieren -, "alle Menschen zu hassen,
die von euren Verwandten gehaßt werden". In Anerkennung dieser tragischen Tatsache sollten wir unser
Eintreten für die Menschenrechte nicht auf die Erörterung staatlicher Maßnahmen, der Wahrung von Grundfreiheiten durch staatliche Behörden beschränken.
Wir sollten uns fragen, was wir tun können, um die
einfache Vorstellung zu verbreiten, daß Völker in der
ganzen Welt die Menschenwürde ihrer Nachbarn achten
sollten, unabhängig von Hautfarbe, Sprache oder
Religion.
Dies ist nicht ausschließlich Sache von Regierungen.
Trotz der Probleme, mit denen wir uns zur Zeit konfrontiert sehen, haben wir in unserem Land beträchtliche
Fortschritte bei der Konfliktlösung auf lokaler Ebene
gemacht. Viele unserer Landsleute haben in diesem
Bereich Fähigkeiten erworben. Dies trifft in besonderem Maß auf viele unserer Pfarrer und Priester zu.
Wäre es nicht zweckmäßig, wenn wir unsere Erfahrungen mit dem Problem des Rassenhasses mit denjenigen teilen würden, die noch keine Erfahrung bei der
Konfliktlösung haben? Dies sollten wir zu einem
zusätzlichen Ziel unserer Arbeit im Bereich der Menschenrechte machen.

*

*

AMERIKA DIENST 50

�DROGEN
18. Dezember 1991

THERAPIEPROGRAMME IN GEFÄNGNISSEN
BIETEN STRAFTÄTERN EINE CHANCE
Programme für Obdachlose ebenfalls erfolgreich

WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der dritte einer Serie über Behandlungsmethoden bei
Drogenmi ßbrauch.
Auf der ganzen Welt kommen drogenabhängige Straftäter für gewöhnlich als Drogenabhängige ins Gefängnis und verlassen es als solche - und setzen damit die
Spirale von Drogenmißbrauch und Inhaftierung fort.
Einige speziell entworfene Therapieprogramme geben Strafgefangenen in den Vereinigten Staaten jedoch eine zweite Chance im Leben.
Nationale Studien belegen, daß rund 70 Prozent der
amerikanischen Strafgefangenen erhebliche Probleme mit dem Mißhrauch von Suchtstoffen haben und
Straftaten zur Beschaffung der von ihnen konsumierten Droge öjer unter Alkohol-oder Drogeneinfluß
Gewaltverbrechen begehen. Die meisten Eigentumsdelikte einschließlich Diebstahl, Urkundenfälschung,
Raub und Einbruch sind auf Mißbrauch von Suchtstoffen zurückzuführen.
Jüngsten Erhebungen zufolge wird sechs von sieben
Inhaftierten vor ihrer Entlassung keine Therapie angeboten, und nach ihrer Entlassung verüben zwei Drittel
zur Befriedigung ihrer Sucht mehrere Verbrechen am
Tag.

Bundesmittel für die Drogenbehandlung von Häftlingen für das laufende Haushaltsjahr auf 22 Millionen
Dollar vorgeschlagen.
"Drogenmißbrauch ist eine Störung, für die es wirksame therapeutische Maßnahmen gibt", erklärt Dr. Mitchell Rosenthal, Präsident des Phoenix House, einer
gemeinnützigen Organisation, die sich mit der Behandlung von Suchstoff mißbrauch befaßt. "Die Sache
hat jedoch einen Haken. Drogenabhängige unterziehen sich selten freiwillig einer Behandlung, es sei
denn, sie werden gezwungen oder sehen sich mit
weniger wünschenswerten Alternativen konfrontiert."
Um diese Situation zu nutzen, bieten mehrere Therapieprogramme jetzt Alternativen zur Inhaftierung für
Personen an, die aufgrund von Verbrechen ohne
Gewaltanwendung verurteilt wurden und keine Bedrohung der Gesellschaft darstellen - eine Gruppe, die 61
Prozent der in Staatsgefängnissen Inhaftierten ausmacht.

Angesichts der Tatsache, daß sich in den Vereinigten
Staaten derzeit über eine Million Menschen - doppelt
soviel wie 1980 - hinter Gittern befinden, wird die
Behandlung von Drogenmißbrauch im Gefängnis für
die Strafvollzugsbeamten zunehmend attraktiv.

In Phoenix (Arizona) haben sich Therapeuten beispielsweise mit Strafverfolgungsbeamten bei der Entwicklung eines Rehabilitationsprogramms für erstmals
straffällig gewordene Drogenabhängige zusammengeschlossen. Diesem Programm liegt ein strenges
Bundesgesetz zugrunde, demzufolge der Besitz selbst
kleiner Mengen von Drogen ein Vergehen ist.

Über ein Dutzend Bundesstaaten experimentieren mit
intensiven Therapieprogrammen, die Inhaftierten helfen, ihre Drogenabhängigkeit durch Beratung, Gruppentherapie sowie berufliche Ausbildung und Hilfestellung bei der Arbeitsplatzsuche "loszuwerden". Bundesgefängnisse haben mehrere Pilotprogramme zur
Behandlung von Drogenmißbrauch in die Wege geleitet. Und Präsident Bush hat die Verdoppelung der

Den Straftätern wird jedoch die Möglichkeit zur Teilnahme an einem kommunal betriebenen Drogentherapieprogramm statt der Verurteilung geboten. Wenn
sie das Programm erfolgreich beenden und sich stichprobenartigen Drogentests unterziehen, wird ihre Strafakte gelöscht. Darüber hinaus müssen die Straftäter
je nach ihren Einkommensverhältnissen für ihre Behandlung selbst bezahlen.

AMERIKA DIENST 50

Seite 1

�"Wenn Gerichte den Drogenabhängigen die Option
der Therapie als Alternative zum Gefängnis bieten,
öffnen sie eine Tür, die viele niemals selbst öffnen
würden", stellt Rosenthal fest. "Und obwohl diese
Männer und Frauen unter Zwang die Therapie antreten, ist es eine Tatsache, daß nur wenige Drogenabhängige dies auf andere Art und Weise tun."
Es wurden auch Programme entwickelt, um Therapien
innerhalb der Gefängismauem anzubieten. Das erfolgreichste dieser Programme heißt Stay'n Out und
wurde vor 14 Jahren in einer Justizvollzugsanstalt des
Staates New York ins Leben gerufen.
Einer Langzeitstudie des Nationalen Instituts für Drogenmißbrauch zufolge wurden über 77 Prozent derjenigen, die 9 bis 12 Monate an Stay'n Out teilgenommen hatten, nicht wieder festgenommen und waren
nach ihrer Entlassung über drei Jahre lang drogenfrei.
Dies ist die beste Erfolgsquote des Landes.
Ron Williams, ein ehemaliger Heroinabhängiger und
Strafgefangener, der Stay'n Out gründete, erklärt,
Justizvollzugsbeamte aus den gesamten Vereinigten
Staaten und anderen Ländern pilgerten nach New
York, um mehr über das Programm zu erfahren.
"Dieses Programm ist in anderen Ländern überaus
populär", meint Williams. "Ich hatte Besucher aus
Neuseeland, England, Italien und China. Ich bin selbst
nach Thailand und Malaysia gereist und werde bald
eine Gruppe von Norwegern ausbilden. Das Konzept
findet Nachahmer."
Was Stay'n Out von Therapieprogrammen anderer
Justizvollzugsanstalten unterscheidet, ist die Tatsache, daß es die Teilnehmer von den anderen Häftlingen trennt, sie einem strengen auf dem Prinzip der
"therapeutischen Wohngemeinschaft" basierenden
Reglement unterwirft und die weitere Behandlung und
Betreuung auch nach der Entlassung auf Bewährung
veranlaßt.
Das Programm durchbricht die destruktiven Einstellungen eines Häftlings, indem es diesem eine endlose
Liste niedriger Hausarbeiten überträgt. Bei Erfolg
werden die Arbeitsaufträge anspruchsvoller, aber das
geringste Vergehen führt zur umgehenden Verweigerung von Privilegien. Die Berater sind selbst ehemalige Abhängige und Strafgefangene, die als Vorbild
dienen. Kernstück des Programms ist konfrontationsorientierte Gruppentherapie, mit der Selbstbewußtsein gebildet und Verweigerungshaltungen abgebaut
werden sollen.
"Wenn du hier etwas Negatives tust, konfrontieren wir
dich damit und zeigen dir die Wirkung auf andere
Leute", erklärt ein Berater. Er fügt hinzu, daß Häftlinge
aus der Gefängnismentalität ausbrechen müssen,
wonach "du nirgendwo hingehst, außer zurück auf die
Straße, zurück ins Gefängnis oder ins Grab".
Seite 2

"Der durchschnittliche Häftling darf nicht das Gefühl
bekommen, er habe, weil er seine Strafe abgesessen
hat, seine Schuld an der Gemeinschaft beglichen",
stellt Williams fest. "Wir sagen, daß man eine Strafe
für das Vergehen verbüßt, für das man festgenommen
wurde. Es gibt aber noch zahlreiche andere Vergehen,
wegen der man nicht verhaftet wurde. Das ist eine
Last, die man mit sich herumträgt, und diese Last muß
abgetragen werden... durch Dienst an der Öffentlichkeit."
Der männliche Durchschnittshäftling, der an Stay'n
Out teilnimmt, wurde viermal verurteilt und hat vier
Jahre im Gefängnis verbracht. Etwa vier von fünf
Teilnehmern schließen das Programm mit Erfolg ab.
Im Rahmen des Programms werden zur Zeit 200
Strafgefangene beiderlei Geschlechts in zwei verschiedenen Strafvollzugsanstalten behandelt. Seine
Einrichtungen sollen jedoch erweitert werden, um 200
weitere Strafgefangene aufzunehmen.
Das Programm erfordert neben den 30.000 Dollar, die
New York ohnehin jährlich für die Verpflegung und
Unterbringung eines Strafgefangenen ausgibt, weitere
3.000 Dollar. Fachleuten zufolge würde jeder Häftling,
der nach seiner Entlassung zu Drogenmißbrauch und
Verbrechen zurückkehrt, im Durchschnitt 40 bis 60
Raubdelikte pro Jahr, 70 bis 100 Einbrüche und Tausende von Drogentransaktionen begehen.
Das Amity-Gefängnisprojekt im Pirna County (Arizona) ist eines von wenigen, die von der Bundesregierung ausgewählt wurden, um ein Modellprogramm für
drogen-und alkoholabhängige Strafgefangene zu
entwickeln. Als gemeinnützige therapeutische Gemeinschaft betont Amity die Bedeutung der anhaltenden Betreuung zu Hause nach der Entlassung aus der
Haft. Ehemalige Strafgefangene verbringen bis zu 14
Monaten in einer Nachsorgeeinrichtung, in der sie
lernen, außerhalb der Haftanstalt zu leben, sich von
Drogen fernzuhalten und familiäre Beziehungen wiederaufzubauen.
In einigen Programmen, wie etwa Right Turn, einem
neuen vom kalifornischen Justizvollzugsministerium
finanzierten Therapieprogramm in der Nähe von San
Diego, ist die Teilnahme an einer Gruppentherapie
Pflicht und eine Voraussetzung für die Haftentlassung
auf Bewährung.
Projektleiterin Elaine Abrahams vergleicht die Gruppentherapie für ehemalige Strafgefangene mit einer
Dekompressionskammer. "Das ist wie beim Tiefseetauchen," erklärt sie. "Wenn man zu schnell nach oben
steigt, gibt es einen Knall, man ist an der Oberfläche
und krümmt sich vor Schmerzen. Wir bieten diesen
Leuten einen Ort zur Dekompression. Das schwierigste ist, herauszukommen nicht, hineinzugelangen."

AMERIKA DIENST 50

�Der Leiter des Suchtbehandlungszentrums The Vlllage in Miami, Matthew Gissen, stellt fest, ein staatlich
finanziertes Projekt zur Behandlung von Obdachlosen
in dieser Stadt sei höchst erfolgreich gewesen. Untersuchungen zufolge sind bis zu 40 Prozent der Obdachlosen alkohol- und 15 Prozent drogenabhängig.
"Diejenigen, die von unseren Sozialarbeitern und
Psychologen zur Behandlung an uns verwiesen wurden, waren äußerst erfolgreich", erklärt er. "Das
könnte darauf zurückzuführen sein, daß die Obdach-

losen heute mehr Aussichten haben, hoffnungsvoll in
die Zukunft zu blicken, als vor zehn Jahren."
Eine unlängst in über 100 Städten durchgeführte Untersuchung fand heraus, daß die Obdachlosigkeit in
der Rezession der Jahre 1981 -82 enorm zunahm, als
zahlreiche Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Zu
Beginn des Jahrzehnts gab es weniger als 250.000
Obdachlose, während die Zahl bis zum Jahr 1987 auf
etwa 600.000 angestiegen war, so diese Studie.

* *

AMERIKA DIENST 50

*

Seite 3

�THEMENINDEX
18. Dezember 1991

DER AMERIKA DIENST
2. Halbjahr 1991
Nachstehend eine Liste der Themen, die im Amerika Dienst (2. Halbjahr 1991) erschienen sind. Angegeben
ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

NUMMER DER AUSGABEN

Abrüstung

39

Amerika heute

37, 38, 49

Amerikas Zukunft

33

Außen- und Innenpolitik

43

Außenpolitik

38,40

Biologische Waffen

37

Chemische Waffen

33

CIA

50

Deutsch-amerikanische Beziehungen

43

Deutsch-Amerikanischer Tag

40

Drogen

39, 41, 43, 46, 47, 50

Erwachsenenbildung

45

Europa

48

Exportkontrollen

26

Flüchtlinge

39

AMERIKA DIENST 50

Seite 1

�GATT

29, 40, 44

Gesellschaft

32,36

Golfkrise

31,40

Hispano-Amerika

38

Hochtechnologie in Amerika

35

IWF/Weltbank

42

Innenpolitik

35

Jugoslawien

26, 27, 39, 49

KSE

28,45

KSZE

31,37,40

Kongreß

44,48

Kunst

41

Meinungsbild in Amerika

42

Menschenrechte

37,50

Moskauer Gipfel

30

NATO

29,50

NATO-Gipfel

45

Naher Osten

30

Nahost-Friedenskonferenz

44

Nationale Sicherheit

32

Nationalismus

34

Neue Weltordnung

42

Neuer Oberster Richter

41

Ost-West-Beziehungen

39

Osteuropa

49

Pearl Harbor

49

Portrait

26, 42, 49

Seite 2

AMERIKA DIENST 50

�Raketenabwehr

32

Rüstungskontrolle

42

Sowjetische Militärmacht

41

Sowjethilfe

50

Sowjetunion

33, 34, 35, 36

START

30

Terrorismus

47

US-Außenpolitik

48

US-Streitkräfte

41

USA-Deutschland

36

USA-Europa

45

USA-UdSSR

34

Umwelt

30, 40, 49

Umweltschutz

49

Vereinte Nationen

38, 46

Verteidigung

27

Visum für 'JGA

36

Voice of America

43

Wahlen 1992

46

Wahlen in den USA

45

Weltwirtschaftsgipfel

27, 28, 29

AMERIKA DIENST 50

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Sowjethilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA regen Weltkonferenz über Sowjethilfe an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker in Princeton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Cheney nennt Treffen des Verteidigungs-Planungsausschußes nützlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erläuterungen des US-Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. CIA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gates zu Zerfall der Sowjetunion, Verbreitung von Massenvernichtungswaffen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des CIA-Direktors vor dem Streitkräfteausschuß des Repräsentantenhauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Herausforderungen für die amerikanische Menschenrechtspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Richard Schifter&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Therapieprogramme in Gefängnissen bieten Straftätern eine Chance&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Programme für Obdachlose ebenfalls erfolgreich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Themenindex&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Amerika Dienst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;2. Halbjahr 1991&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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8. Januar 1992
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BUSH: USA ENGAGIEREN SICH
WEITERHIN IM PAZIFIK
Rede des Präsidenten vor dem australischen
Parlament

VERLÄNGERUNG DES "FAST TRACK"
WICHTIGSTE HANDELSMASSNAHME
DES KONGRESSES IM JAHR 1991
Mehrere Gesetzesvorhaben von Präsident
Bush abgelehnt

GATT

VORGESCHLAGENES AGRARABKOMMEN
RUFT KONTROVERSEN HERVOR
Übersicht zum Entwurf des Agrarabkommens
der Uruguay-Runde

PORTRAT

NOMINIERTE HANDELSMINISTERIN IN
VORSTANDSETAGEN ZU HAUSE
Porträt von Barbara Franklin

UMWELT

1991 WICHTIGE UMWELTGESETZE
DES JAHRES 1990 VERABSCHIEDET
Eine Übersicht

DROGEN

AMERIKANISCHE FIRMEN UNTERNEHMEN
SCHRITTE GEGEN DROGENMISSBRAUCH
AM ARBEITSPLATZ
Arbeit als Hilfe gegen Mißbrauch von
Suchtstoffen

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�HANDEL
8.Januar 1992

BUSH: USA ENGAGIEREN SICH
WEITERHIN IM PAZIFIK
Rede des Präsidenten vor dem australischen Parlament
CANBERRA - (AD) - Die massiven Veränderungen auf der Welt werden Präsident Bush zufolge die Rolle und
die Ziele der Vereinigten Staaten als pazifischer Macht nicht untergraben.
Bei einer Parlamentssitzung aller Kammern erklärte Bush am 2. Januar 1992: "Ich kann Ihnen versichern, daß
die Vereinigten Staaten eine angemessene militärische Präsenz aufrechterhalten wollen, um ihre Verbündeten
zu schützen und Bedrohungen für den Frieden abzuwehren."
Beim ersten Aufenthalt auf seiner Reise durch vier Länder des pazifischen Beckens, die der Förderung des USHandels dienen soll, betonte Bush das Interesse aller Seiten an freiem und fairem Handel und insbesondere an
einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde globaler Handelsgespräche.
Er erklärte gegenüber den Parlamentariern, es bestehe kein Grund zu Besorgnis über die Auswirkungen des sich
abzeichnenden Handelsabkommens zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada. "Ich möchte Ihnen
... versichern, daß das Nordamerikanische Freihandelsabkommen kein exklusiver Handelsblock wird. Es wird
innere Hemmnisse abbauen ohne äußere Hindernisse aufzutürmen", erklärte Bush.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen. Herr Präsident,
Herr Premierminister, Herr Oppositionsführer, Mr.
Hewson, Abgeordnete und Senatoren. Es ist mir eine
große Ehre, heute hier anwesend zu sein, und ich bin
außerordentlich dankbar, vor dieser Kammer des
australischen Parlaments sprechen zu dürfen.

und Emotion, die in diesen Kammern zutage tritt, war
ich stets von der Botschaft der Einigkeit beeindruckt,
die Ihre Führer meinem Land vermittelt haben. Auch
nach ihrer Amtszeit oder in der Opposition haben sie
immer die Interessen Australiens über ihr persönliches
Interesse gestellt. Das sagt etwas sehr Positives und
sehr Wichtiges über Ihr großartiges Land aus.

Ich wei ß, da ß die Abgeordneten äu Berste Anstrengungen unternommen haben, diese Sondersitzung anzuDas ist sicherlich ein Grund, warum ein Besucher aus
beraumen. Und ich denke, die Menschen in unserem den Vereinigten Statten einfach verwandtschaftliche
Land wissen dies sehr wohl zu würdigen.
Gefühle für Australien empfinden muß. Unsere jungen
Länder wurden gleichermaßen von Entdeckern, PioBesonders begrüßen und danken möchte ich den nieren und Einwanderern als Horte der Freiheit und
Mitgliedern der australisch-amerikanischen ParlamenMöglichkeit betrachtet. Unsere Kulturen spiegeln eine
tariergruppe, die soviel getan haben, um die Freund- au ßergewöhnliche Vielfalt - von britisch und irisch über
schaft zwischen unseren Ländern zu vertiefen.
italienisch und polnisch bis zu vietnamesisch und
kambodschanisch - wider.
Gestatten Sie mir eine erste Beobachtung. Ihr politisches Klima ist sehr dynamisch. Das ist eigentlich die
In diesem Parlamentsgebäude ist ein Original der
Untertreibung des Jahres. Ich beobachte auch die Magna Charta ausgestellt. Soweit ich weiß, existieren
damit einhergehenden Wirren - und danke Gott für das davon nur noch vier Exemplare. Das US-NationalarSystem der Präsidentschaft bei mir zu Hause. Aber chiv verfügt über eines dieser Originalmanuskripte.
dennoch möchte ich Ihnen diese Beobachtung mitteiIch kann mir kein mächtigeres Symbol unserer gelen. Ich schätze mich glücklich, über die Jahre hinweg meinsamen Verpflichtungen für die Rechte des einzelmehrere Ihrer Mitglieder zu beiden Seiten des Gangs nen, Rechtsstaatlichkeit und eine von Volk gewählte
kennengelernt zu haben. Und trotz all der Intensität
Regierung vorstellen.
AMERIKA DIENST 1

Seite 1

�unserem gemeinsamen Erbe und unseren gemeinsamen Idealen gibt es weitere Ähnlichkeiten zwischen
Amerikanern und Australiern: Jedes unserer Länder
umspannt einen Kontinent, der reich an Agrargütern
und Bodenschätzen ist, daneben gibt es in unseren
beiden Ländern spektakuläre Naturschauspiele. Offen gesagt - unsere Völker denken in großen Dimensionen. Und ihre wichtigsten Ideen sind uns gemeinsam: der Glaube an die Unteilbarkeit der Freiheit des
Menschen und die Bereitschaft zu Kampf und Opfern
für den Frieden und die Sicherheit anderer Länder.
Dieses Jahr feiern wir den 50. Jahrestag der schicksalhaften Schlacht im Korallenmeer. Wir gedenken des
Muts und der Kampfkraft der australischen und amerikanischen Marine. Ihre Tapferkeit hat Australien vor
der Invasion bewahrt und die Flut des Totalitarismus
eingedämmt.
In Korea und Vietnam haben sich Australier und
Amerikaner erneut zusammengeschlossen. Ihre Opfer
waren nicht vergebens. Korea ist eine Demokratie, die
für die marktwirtschaftliche Entwicklung weltweit
Maßstäbe setzt. Das seit langem leidende Kambodscha hegt nunmehr Hoffnungen auf einen dauerhaften
Frieden und freie Wahlen. Sogar Vietnam öffnet sich
der Welt und strebt Verbindungen zu den dynamischen Marktwirtschaften der Region an.
Am Persischen Golf haben wir uns gemeinsam der
Aggression Saddam Husseins widersetzt. Tatsächlich waren die ersten beiden Koalitionspartner bei einer
gemeinsamen Seeübung zur Durchführung der UNResolutionen Australier von der HMAS Darwin und
Amerikaner von der USS Brewerton. Während des
Krieges spielten die gemeinsamen Verteidigungseinrichtungen hier in Australien eine unschätzbare Rolle
bei der Aufdeckung von Abschüssen irakischer ScudRaketen. Heute handelt es sich bei zwei der drei
Marinestreitkräfte bei Operationen zur Durchsetzung
des Embargos gegen den Irak um Australien und die
Vereinigten Staaten.
Aber auch wenn wir uns unsere Kämpfe und Erfolge
vor Augen führen, müssen wir nach vom blicken und
die Gelegenheit zur Gestaltung unseres gemeinsamen Schicksals ins Auge fassen.
Erstens stehen wir gemeinsam vor der Herausforderung wirtschaftlicher Chancen und wirtschaftlichen
Wachstums - der Schaffung von Arbeitsplätzen für die
Menschen in unseren Ländern und ihre Familien.
Zweitens sehen wir uns neuen, aber nicht weniger
aufreibenden Herausforderungen an unsere Sicherheit gegenüber - den Bedrohungen regionaler Konflikte und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Drittens stehen wir vor der aufregenden Aufga-

Seite 2

ben, den bemerkenswerten Aufschwung der Demokratie und Freiheit zu fördern, der in diesen vergangenen Jahren über die Welt hinweggefegt ist. Ein starkes
Amerika spielte für den Triumph freier Märkte und
freier Menschen eine entscheidende Rolle. Ich bin
zuversichtlich, daß die Vereinigten Staaten weiterhin
die Überzeugung und die Fähigkeiten haben werden,
für das Gute einzutreten und daß ein neues Zeitalter
wirtschaftlicher Möglichkeiten auch bessere Chancen
für den Frieden mit sich bringen wird.
Das kommende Zeitalter verpricht den Ländern am
Pazifik beispiellose Chancen für Wirtschaftswachstum. 1990 belief sich der bilaterale Handel der asiatisch-pazifischen Region mit den Vereinigten Staaten
auf insgesamt 300 Milliarden Dollar - eine Summe, die
fast um ein Drittel größer ist als das transatlantische
Handelsvolumen der USA. Diese Region ist der am
schnellsten wachsende Markt der Welt. Und dennoch
gibt es Stimmen zu beiden Seiten des Pazifiks, die
wirtschaftlichen Isolationismus fordern. Obwohl dies
für einige Länder, einschließlich Australien und die
Vereinigten Staaten, schwierige, wirtschaftlich harte
Zeiten sind, wissen wir doch beide, daß Protektionismus unweigerlich in den Ruin führt. Es sollte kein
Zweifel daran bestehen, daß Amerika weiterhin für
offenen Handel und offene Märkte eintreten wird.
Handel bedeutet Arbeitsplätze - gute Arbeitsplätze - im
In- und Ausland. Ich bin sicher, es überrascht Sie
nicht, wenn mein Hauptaugenmerk als Präsident der
Vereinigten Staaten der Förderung von Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen für die Menschen in
unserem Land gilt. Dieses Ziel steht in vollem Einklang
mit Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen für Australier. Sie wissen ebenso gut wie ich, daß offene
Märkte Wachstum hervorbringen und der Welthandel
kein Nullsummenspiel ist.
Sie wissen ebenfalls, daß die Länder, die den Lohn für
ein dynamisches und wachsendes Welthandelssystemteilen, auch die Pflichten teilen müssen. Australien hat eine echte Führungsrolle bei Bestrebungen um
Erfolg in der Uruguay-Runde der GATT-Verhandlungen übernommen. Und Sie haben große Fähigkeiten
und Energie beim Streben nach einem einschneidenden Abbau der handelsverzerrenden Agrarsubventionen bewiesen. Fortschritt in der Landwirtschaft ist
der Schlüssel für den Erfolg der GATT-Gespräche.
Ihre Farmer fühlen nicht allein den Schmerz, den die
hohen Subventionen der Europäischen Gemeinschaft
verursachen - unsere Weizenproduktion ist im vergangenen Jahr um fast 30 Prozent zurückgegangen. Aber
ich bin mirauch der Sorge bewu ßt, die solche Handelsprogramme der Vereinigten Staaten wie dieses Exportförderprogramm (Export Enhancement Program EEP) den australischen Farmern bereiten.

AMERIKA DIENST 1

�Unser EEP-Programm hat ausschließlich ein Ziel - die
Lawine von subventionierten Exportgütern der EG
aufzuhalten. Es ist eine Tatsache, daß die EG über
zehnmal mehr Agrarprodukte subventioniert als wir.
Darüber hinaus versucht unser Programm, die Auswirkungen auf Australien und andere nichtsubventionierende Länder zu minimieren. Obwohl mir der Einsatz
dieser Mittel widerstrebt, werde ich die Interessen der
amerikanischen Landwirte schützen. Und ohne EEP
würde die Europäische Gemeinschaft zusätzliche Märkte
absorbieren und diejenigen verdrängen, die fair konkurrieren - die Landwirte in Ländern wie Australien und
den Vereinigten Staaten.
Wir alle wissen, daß unsere beiden Regierungen die
richtige Antwort gefunden haben - hart an einem
historischen neuen GATT-Abkommen zu arbeiten,
das insbesondere Subventionen für Exporte zurückschraubt. Aus diesem Grund haben sich die Vereinigten Staaten verpflichtet, mit dem neuen Text von
GATT-Direktor Dunkel zu arbeiten. Unseres Erachtens bringt uns sein Entwurf dem endgültigen Abschluß eines Abkommens näher. Obwohl er nicht
perfekt ist, leistet er einen wichtigen Beitrag - und das
internationale Handelssystem ist zu entscheidend, um
diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.
Ich hoffe stark, daß Australien und andere pazifische
Nationen sich uns anschließen, um den Verhandlungen der Uruguay-Runde bei ihrer Wiederaufnahme
Ende dieses Monats weiteren Auftrieb zu verleihen.
Dies ist der beste umfassende Ansatz, den wir unseren

hart arbeitenden Landwirten und Viehzüchtern bieten
können.
Im Einsatz regionaler Organisationen sehen wir femer
eine Möglichkeit zur Erweiterung und Liberalisierung
des Handels weltweit. Wir fühlen uns durch Australiens Führungsrolle bei APEC - der asiatisch-pazifischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit - besonders
ermutigt. Der Erfolg des APEC-Minstertreffens im
November in Seoul steht als Beweis dafür, daß sich
APEC als Wirtschaftsforum im Pazifik herauskristallisiert und rund um das Pazifische Becken zunehmend
einen Gemeinschaftssinn hervorbringt. Nordamerika
- Mexiko, die Vereinigten Staaten und Kanada - sind
Teil dieser Gemeinschaft. Und ich möchte Ihnen allen
auf beiden Seiten dieses Gangs versichern, daß das
Nordamerikanische Freihandelsabkommen kein exklusiver Handelsblock wird. Es wird innere Hemmnisse abbauen ohne externe Hindernisse aufzutürmen.
Unser Wachstum wird zur Stimulierung Ihres Wachstums beitragen, ebenso wie Wachstum in Asien unsere Exporte ankurbelt.
Auch bilateral können wir mehr zur Erweiterung des
Handels tun. Aus diesem Grund schlage ich ein
Rahmenabkommen zu Handel und Investitionen zwischen den Vereinigten Staaten und Australien vor- ein
Weg zur Verstärkung unseres bereits starken wirtAMERIKA DIENST 1

schaftlichen Engagements. Unser Programm besteht
in der Förderung von Exporten und Wachstum durch
den Abbau von Handelshemmnissen - global, regional
oder bilateral.
Angesichts der dramatischen Veränderungen auf der
Welt müssen wir uns zweifelsohne auch an neue
Sicherheitsbedingungen anpassen. Ich möchte Ihnen, meinen Freunden, jedoch ein Versprechen geben: unabhängig von allen möglichen Veränderungen
bei den Verteidigungsausgaben der Vereinigten Staaten oder der Natur der Bedrohungen für den Weltfrieden ist das amerikanisch-australische Bündnis für die
Stabilität in der asiatisch-pazifischen Region unabdingbar.
In Asien wurde eine gewisse Besorgnis über die
amerikanische Verpflichtung zum bevorstehenden
Abzug von Subic Bay auf den Philippinen geäußert.
Ich möchte eines eindeutig klarstellen: Ich selbst habe
in Kriegs- und in Friedenszeiten in Asien gedient. Und
ebenso, wie sich die Zeiten ändern, wird sich unser
Einsatzkonzept ändern, um unterschiedlichen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Unsere Rolle und Aufgabe als pazifische Macht werden jedoch konstant bleiben. Es ist wichtig, daß die Menschen in Australien
dies verstehen: Wir beabsichtigen, unser Engagement unabhängig von den sich verändernden Sicherheitsarrangements unserer Zeit fortzusetzen.
Wir haben heute hier darüber mit dem Premierminister, dem Oppositionsführer und anderen gesprochen
- der kalte Krieg ist beendet. Aber die Bedrohung durch
den Kommunismus, die jahrzehntelang unsere Energien verbrauchte, wurde jetzt durch die von ethnischen
Auseinandersetzungen und regionalen Konflikten
verursachte Instabilität ersetzt. Die Sowjetunion, wie
wir sie kannten, gehört der Geschichte an. Ein neues
Zeitalter ist angebrochen. Aber ebenso wie Australien
haben die Vereinigten Staaten in den vergangenen 50
Jahren drei Kriege in Asien geführt. Wir wissen, daß
unsere Sicherheit untrennbar mit Stabilität im gesamten Pazifik verbunden ist, und wir werden diese Sicherheit und Stabilität nicht aufs Spiel setzen. Ich kann
Ihnen versichern, daß die Vereinigten Staaten eine
angemessene militärische Präsenz aufrechterhalten
wollen, um ihre Verbündeten zu schützen und Bedrohungen für den Frieden abzuwehren.
Vor kurzem konnten wir am Persischen Golf beobachten, daß die gefährliche Kombination schwelender
regionaler Konflikte und Massenvernichtungswaffen
konstant unsere Aufmerksamkeit erfordert. Ich beglückwünsche die australische Führung zur Eindämmung chemischer, biologischer und atomarer Waffen.
Es sind Ihre Kinder und die Kinder auf der ganzen Welt,
die dank solcher Bestrebungen in einer sichereren
Welt aufwachsen werden.

Seite 3

�Australien und die Vereinigten Staaten arbeiten auch
an der Beendigung eines weiteren lange andauernden
und tragischen regionalen Konflikts. Unsere kombinierten Initiativen bei den Vereinten Nationen waren
die entscheidenden Faktoren bei dem Prozeß für
Frieden und freie Wahlen in Kambodscha. Unsere
beiden Länder haben inzwischen offizielle Vertretungen in Phnom Penh eröffnet, um den Friedensprozeß
voranzubringem. Australien leistet durch die Entsendung eines hochrangigen Offiziers einen zusätzlichen
Beitrag, der die UNO-Friedenstruppen in Kambodscha
leiten soll. Ich bin stolz auf unsere gemeinsamen
Bestrebungen, den Alptraum in Kambodscha zu beenden und ein neues Zeitalter der Hoffnung und des
Wiederaufbaus einzuläuten.
Und schließlich manifestieren sich die amerikanischen
und australischen Bestrebungen für die Zukunft in
unserer wachsenden Zusammenarbeit bei solchen
Themen wie Umweltschutz, Erziehungswesen und
sozialen Fragen. Wir können auf das gemeinsame
Vorgehen unserer Regierungen bei der Erhaltung der
tropischen Regenwälder, dem Artenschutz und der
Förderung von Technologien zur Herstellung sauberer
Brennstoffe stolz sein.
Australien spielt femer eine führende Rolle bei der
internationalen Drogenbekämpfung. Ich weiß, ich
spreche für Millionen amerikanischer Eltern, wenn ich
Ihnen für die Bestrebungen zur Bekämpfung des
Drogenmißbrauchs und Drogenhandels danke.
Meines Erachtens werden die nächsten Generationen
von Australiern und Amerikanern sich noch näher
kommen. Ich sehe darin überhaupt keine Bedrohung.
Und ich prognostiziere für die kommenden Jahre eine
kontinuierliche Ausweitung von Reisen und Kulturaustauschprogrammen. Australiens natürliche Schönheit, von der ich bei dieser Reise bedauerlicherweise
sehr wenig gesehen habe, ist in der Tat sensationell
und übt große Anziehungskraft auf amerikanische
Touristen aus. Aber noch mehr ist es der Geist Ihres
Landes, der in unserem Land - in Amerika - und
weltweit so gro ße Bewunderung für Australien hervorruft. Die Beiträge Ihrer Künstler zu Film, Tanz und

tet - ich spreche von unserem Bildungsminister, Lamar
Alexander. Nach achtjähriger Tätigkeit als Gouverneur von Tennessee verbrachte Alexander 1987 ein
halbes Jahr in diesem wunderschönen Land. Und
seitdem er meinem Kabinett als Bildungsminister
angehört, arbeitet Lamar Alexander an revolutionären
Veränderungen zur Verbesserung unserer Schulen.
Auch dies ist Teil unseres Programms, Amerika konkurrenzfähig, stark zu machen und zu seinem Wachstum beizutragen. Minister Alexander fördert innovative Ideen, die er eben hier in Australien in der Praxis
gesehen hat. Beispielsweise den großen Entscheidungsspielraum, den Australier bei der Wahl zwischen
privaten, konfessionellen oder staatlichen Schulen
haben. Wenn wir mit einigen dieser Reformen Erfolg
haben, werden wir Pionieren wie den Australiern für ihr
Beispiel danken.
Natürlich hatten wir seit dem Tag, an dem das amerikanische Schiff Philadelphia als erstes Handelsschiff
1792 im Hafen Jackson von Sydney einlief, immer
brüderliche Bande und den Geist der Freiheit gemein.
Fast ein Jahrhundert später besuchte Mark Twain
Australien und sprach für alle Amerikaner, als er sagte:
"Sie verfügen hier über einen Geist der Unabhängigkeit, der nicht hoch genug gepriesen werden kann."
Vor 50 Jahren bezahlten Australier und Amerikaner im
Korallenmeer einen hohen Preis für die Freiheit, aber
sie bewiesen der Welt, daß die Zukunft den Mutigen
und Tapferen gehört. In der seither vergangenen Zeit
haben wir unsere Freundschaft, unsere wirtschaftliche
Interdependenz und unsere Zusammenarbeit bei der
gemeinsamen Verteidigung vertieft. Und jetzt können
wir deutlicher als je zuvor eine hoffnungsvolle Zukunft
für die Blutsverwandten in Australien und Amerika und
für all diejenigen ausmachen, die diese grundlegenden
Werte teilen, die uns lieb und teuer sind. Wir sind
bereit, als Partner im nächsten Jahrhundert zusammenzuarbeiten, um Freiheit, Kooperation und wirtschaftlichem Fortschritt den Boden zu bereiten.
Für mich war dies eine große Ehre. Für Barbara und
mich war es ein reines Vergnügen, diese kurzen

Musik haben uns den Mund nach mehr und mehr

zweieinhalb Tage mit Ihnen verbringen zu können. Die

Australischem wässrig gemacht. Das amerikanische
Femsehen zeigt Fußballspiele mit australischen Regeln, und viele Amerikaner genießen die Rauhbeinigkeit, die Stürze und den hemmungslosen Schlagabtausch. Wir haben etwas Ähnliches - aber in den
Vereinigten Staaten bezeichnen wir es als Politik.

Gastfreundschaft der Australier ist nicht in Worte zu
fassen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr mich das
berührt. Lassen Sie mich daher einfach nur nochmals
vielen Dank für die außergewöhnliche Ehre sagen, vor
diesem erlesenen Parlament sprechen zu dürfen. Mögen
Ihre Debatten lebhaft, von Freundschaft und Zuneigung geleitet sein, wie sie es gelegentlich sind. Möge
Gott Sie alle schützen.

Ich schreibe es der sauberen australischen Luft zu,
daß jetzt einer der hellsten Köpfe in Washington arbei* *

Seite 4

* *

*

AMERIKA DIENST 1

�HANDEL
8.Januar 1992

VERLÄNGERUNG DES "FAST TRACK"
WICHTIGSTE HANDELSMASSNAHME
DES KONGRESSES IM JAHR 1991
Mehrere Gesetzesvorhaben von Präsident Bush abgelehnt

WASHINGTON - (AD) - Von mehreren im Jahr 1991
vom Kongreß verabschiedeten Handelsgesetzen betraf das wichtigste die Verlängerung der Verhandlungsvollmacht Präsident Bushs im Rahmen des "Fast
Track".
Mit 231 zu 92 Stimmen im Repräsentantenhaus und 59
zu 36 im Senat hat der Kongreß im Mai dem Präsidenten die angestrebte Vollmacht erteilt, um die fünfjährige Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche
abzuschließen und Verhandlungen über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) mit
Mexiko und Kanada aufzunehmen.
Die Abstimmungen in Repräsentantenhaus und Senat
bedeuteten eine Niederlage einer Koalition, die aus
einigen Vert.aiern von Gewerkschaften, Umwelt- und
Verbraucherschutzgruppen bestand und das FastTrack-Mandat ablehnte.
Die Vollmacht im Rahmen des Fast Track zwingt den
Kongreß, ein vereinbartes Handelsabkommen innerhalb eines bestimmten Zeitraums ohne Änderungen
anzunehmen oder abzulehnen. Der Kongreß könnte
demzufolge ein Abkommen im Rahmen der UruguayRunde zwar ablehnen, es jedoch nicht ändern und
damit die amerikanische Regierung zu Neuverhandlungen mit über 100 Ländern zwingen.
Vor der Vertagung des Kongresses im November
wurden von Kongreßmitgliedern jedoch auch mehrere
Handelsgesetze eingebracht, die bei der Bush-Administration auf wenig Gegenliebe stoßen.

Super 301
Der Energie- und Handelsausschuß des Repräsentantenhauses hat per Akklamation mit Zustimmung
aus beiden Parteien einen Gesetzentwurf verabschie-

AMERIKA DIENST 1

det, der die Super-301 -Verfügung des amerikanischen
Handelsgesetzes wiederbelebt; die Maßnahme wurde
bisher weder vom gesamten Repräsentantenhaus noch
vom Senat verabschiedet.
Die in den Jahren 1989 und 1990 gültige Super-301Bestimmung zwang die amerikanische Regierung, eine
Liste von Ländern zu erstellen, mit denen vordringlich
über unfaire Handelspraktiken verhandelt werden solte. Dabei wurden Vergeltungsmaßnahmen für alle ungelösten Streitfälle angedroht.
Obwohl diese Verfügung des Handelsgesetzes von
1988 unmittelbar dazu führte, Handelszugeständnisse
von Japan und Brasilien und indirekt auch von Südkorea und Taiwan zu erzwingen, lehnt die Bush-Administration ihre Wiedereinführung ab.
Vom Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus, Richard
Gephardt, und dem Vorsitzenden des Senatsunterausschusses für Handel, Max Baucus, eingebrachte
Gesetzentwürfe würden Super 301 nicht nur wiederbeleben sondern noch erweitern und dabei hauptsächlich auf Japan und China abzielen.
Gephardts Gesetzentwurf würde vordingliche Berücksichtigung im Rahmen von Super 301 für jedes Land
vorsehen, das mindestens 15 Prozent des US-Handelsdefizits verursacht, einen Zahlungsbilanzüberschuß
aufweist und protektionistische Maßnahmen durchführt.
Es würde den Spielraum des Präsidenten bei Entscheidungen über Vergeltungsmaßnahmen einschränken. Der Präsident könnte einen Alternativplan zur
Öffnung der Märkte dieser Länder vorlegen, aber bei
Ablehnung dieses Plans durch den Kongreß wäre der
Präsident verpflichtet, Vergeltungsmaßnahmen zu
verhängen.

Seite 1

�Der Baucus-Gesetzentwurf unterscheidet sich von
dem Gephardts. Ein Unterschied besteht darin, daß er
dem Senatsausschuß für Finanzen und dem Haushaltsausschuß des Repräsentantenhauses das Recht
einräumen würde, selbständig ordentliche Super-301 Verfahren einzuleiten. Heute können lediglich die
Industrie oder die Administration selbst solche Verfahren initiieren.

Sanktionen bei Einsatz oder Herstellung chemischer und biologischer Waffen, Exportkontrollen

Baucus zufolge sollte die Verlängerung von Super 301
Bestandteil jedes Gesetzes werden, das dem Kongreß
von der Bush-Administration in Zusammenhang mit
Vereinbarungen im Rahmen der Uruguay-Runde oder
NAFTA vorgelegt wird.

Das Gesetz würde beim Einsatz dieser Waffen die
unverzügliche Verhängung von Sanktionen erfordern.
Weitere Sanktionen würden nach drei Monaten folgen,
wenn das betreffende Land keine Abhilfe schafft. Das
Gesetz wurde für Bush durch eine Bestimmung annehmbar, die es dem Präsidenten gestattet, aus Gründen der nationalen Sicherheit von Sanktionen abzusehen.

Meistbegünstigung
Der Kongreß hat mehrere Handelsgesetze verabschiedet, die den Veränderungen auf der Welt Rechnung trugen. Dauerhafter, bedingungsloser Meistbegünstigungsstatus wurde Ungarn, der Tschechoslowakei, Estland, Lettland und Litauen gewährt. Ein mit
Bedingungen verbundener und jährlich zu überprüfender Meistbegünstigungsstatus wie etwa für China wurde
auch der Sowjetunion, Bulgarien und der Mongolei
eingeräumt.
Der Meistbegünstigungsstatus gilt nicht für Republiken, die sich von der Sowjetunion lossagen; diese
müssen getrennte Vereinbarungen mit den Vereinigten Staaten aushandeln.

Nach vierjährigen Bemühungen hat der Kongreß ein
für den Präsidenten akzeptables Gesetz verabschiedet, demzufolge Sanktionen gegen Länder verhängt
werden können, die chemische oder biologische Waffen
einsetzen oder herstellen.

Noch im Kongreß anhängig ist ein Gesetzentwurf zur
Neuauflage des Exportkontrollgesetzes (EAA), das
die Regierung zur Kontrolle der Exporte ermächtigt.
Seit Auslaufen des Gesetzes am 30. September 1990
hat die Bush-Administration diese Befugnis mit einem
anderen Gesetz, dem International Emergency Economic Powers Act (etwa: Gesetz über wirtschaftliche
Vollmachten in internationalen Notsituationen), durchgesetzt.

Repräsentantenhaus und Senat müssen die von ihnen
verabschiedeten EAA-Entwürfe noch miteinander in
Einklang bringen. Beide Entwürfe werden von der
Bush-Administration abgelehnt. Zu den Verfügungen
Der Meistbegünstigungsstatus entspricht den norma- im Entwurf des Repräsentantenhauses, für die Bushlen Handelsbeziehungen zwischen den meisten Staa- Berater ein Veto empfehlen, gehören die Erlaubnis
ten. Importe aus Ländern ohne diesen Status unterlie- zum Export hochmoderner faseroptischer Telekomgen wesentlich höheren Zollsätzen. Die einzigen munikationsausrüstung in die Sowjetunion, die VerLänder, denen der Kongreß bislang diesen Status hängung von Handelssanktionen gegen Länder, die
verweigert hat, sind Afghanistan, Albanien, Kambod- Güter exportieren, die der Verbreitung von Kernwaffen
scha, Kuba, Laos, Nordkorea, Rumänien und Viet- Vorschub leiten, sowie die Lockerung von Exportkonnam.
trollen auf handelsübliche Software mit Verschlüsselungsfähigkeiten.
Der Kongreß hat ferner die Handelsinitiative für die
Andenstaaten des Präsidenten verabschiedet, derzu- Auslandsinvestitionen
folge die meisten Importe aus Bolivien, Kolumbien,
Ecuador und Peru Zollfreiheit genießen.
Im Jahr 1991 hat der Kongreß darüber hinaus Gesetzentwürfe erörtert, die Auslandsinvestitionen in den
Das Repräsentantenhaus hat mit 409 zu 21 Stimmen Vereinigten Staaten regulieren.
ein Gesetz verabschiedet, das China vor der nächsten
Überprüfung des Meistbegünstigungsstatus im näch- Die als Exon-Florio-Zusatz bekannte ausgelaufene
sten Juni zahlreiche Bedingungen im Bereich Men- Bestimmung des Handelsgesetzes von 1988, die es
schenrechte und darüber hinaus auferlegt, aber der dem Präsidenten gestattet, ausländische ÜbernahSenat hat die Schlußabstimmung bis zur nächsten men amerikanischer Unternehmen im Interesse der
Sitzung des Kongresses verschoben. Dem Gesetz, nationalen Sicherheit zu blockieren, wurde auf Dauer
das einen Kompromi ß aus Vorlagen von Repräsentan- verlängert. Einige Demokraten, denen die Durchfühtenhaus und Senat darstellt, droht ein Veto von Präsi- rung von Exon-Florio durch die Bush-Administration
dent Bush.
zu lax erscheint, möchten die Verfügung verschärfen
und haben dabei insbesondere Japan im Auge.
Es ist zweifelhaft, ob der Kongreß ein Bush-Veto mit
der erforderlichen Zweidrittelmehrheit überstimmen Mit der Stärke beider Parteien entsprechenden 25 zu
kann, da der ursprüngliche Entwurf des Senats nur mit 17 Stimmen wurde im Energie- und Handelsausschuß
55 zu 44 Stimmen verabschiedet wurde.
des Repräsentantenhauses ein Gesetzentwurf verab-

Seite 2

AMERIKA DIENST 1

�schiedet, der dem Präsidenten das Recht einräumt,
bereits erfolgte Übernahmen für null und nichtig zu
erklären und die Vollmachten des interministeriellen
Ausschusses zur Überprüfung von Exon-Florio-Fällen
erweitert. Über den von der Bush-Administration
abgelehnten Gesetzentwurf wurde im Repräsentantenhaus und Senat noch nicht abgestimmt.

Das zu dem vom Senat verabschiedeten Bankengesetz gehörende Fair Trade in Financial Services Act
war in dem vom Kongreß letztlich verabschiedeten
abgeschwächten Bankengesetz nicht enthalten. Es ist
weiterhin Bestandteil des vom Senat verabschiedeten
Defense Production Act (etwa: Gesetz über die Rüstungsindustrie); ob es jedoch im Vermittlungsausschuß von Repräsentantenhaus und Senat überleben
wird, ist unklar.

Des weiteren anhängig ist eine Verfügung mit der
Bezeichnung Fair Trade in Financial Services Act
(etwa: Gesetz über fairen Handel mit Finanzdienstlei- Eine weitere, im Jahr 1992 wahrscheinlich erneut zur
stungen). Diese ebenfalls auf Japan abzielende Ver- Vorlage kommende Bestimmung ist das sogenannte
fügung würde die amerikanische Politik der nationalen Mack-Amendment, das Lieferungen von AuslandstöchBehandlung durchbrechen, derzufolge amerikanische tern amerikanischer Unternehmen nach Kuba unterGesetze gleichermaßen auf Unternehmen in amerika- sagt. Der von Senator Connie Mack aus Florida
nischem und ausländischem Besitz angewendet wer- eingebrachte Zusatz wurde ebenfalls mit dem Bankenden.
gesetz vom Senat verabschiedete und später aus dem
endgültigen Bankengesetz gestrichen. Zuvor war er
Statt dessen würde diese Bestimmung die amerikani- Bestandteil des Kompromißgesetzes von Senat und
sche Politik dem Grundsatz der Gegenseitigkeit unter- Repräsentantenhaus zur Auslandshilfe gewesen, das
werfen, so daß Banken und Finanzunternehmen in aus anderen Gründen im Repräsentantenhaus abgeden Vereinigten Staaten, die sich in ausländischem lehnt wurde.
Besitz befinden, dieselbe Behandlung erfahren würden wie amerikanische Banken und Finanzinstituti- Das Mack-Amendment wird von der Bush-Administraonen im Heimatland des entsprechenden ausländi- tion ebenso wie von den Regierungen Kanadas, der
schen Unternehmen.
Schweiz und Großbritanniens abgelehnt, die es als
exterritoriale Einmischung in ihre Angelegenheiten
Diese Bestimmung hat die Bush-Administration ge- betrachten.
spalten, wobei Außenministerium und Büro der USHandelsbeauftragten (USTR) ihr ablehnend und das
Finanzministerium zustimmend gegenüberstehen.

*

AMERIKA DIENST 1

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Seite 3

�GATT
8. Januar 1992

VORGESCHLAGENES AGRARABKOMMEN
RUFT KONTROVERSEN HERVOR
Übersicht zum Entwurf des Agrarabkommens der Uruguay-Runde
WASHINGTON - (AD)- Differenzen über den Bereich Landwirtschaft führten im Dezember 1991 zum zeitweiligen Zusammenbruch der Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche und könnten deren endgültiges
Scheitern im Januar 1992 bewirken.
Vertreter aus den meisten der 108 Teilnehmerstaaten werden am 13. Januar in Genf zusammenkommen, um
auf dem Wege des Konsenses darüber zu entscheiden, ob sie dem im Dezember vom Sekretariat des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT) entworfenen Abkommen nach fünfjährigen Verhandlungen
zustimmen werden.
Zahlreiche Länder lehnen unterschiedliche Teile des Entwurfs ab, die Kritik an dem Abschnitt über Reformen im
Weltagrarhandel ist jedoch besonders vehement.
Die französische Regierung verurteilte die Bestimmungen zur Landwirtschaft Tage bevor sie am 20. Dezember
vom GATT erstmals veröffentlicht wurden. Die Handels- und Landwirtschaftsminister der EG verabschiedeten
umgehend und einstimmig ein Kommunique, das den gesamten Entwurf der Uruguay-Runde aufgrund der
Bestimmungen zur Landwirtschaft verwarf. Tage später lehnten auch die japanischen Kabinettsminister das
Abkommen ab, da es die Öffnung des japanischen Reismarkts für minimalen ausländischen Wettbewerb
erzwingen würde.
Die amerikanische Regierung hat bisher keine Stellungnahme zu dem Entwurf abgegeben, war jedoch die ganze
Zeit ein starte Befürworter von Agrarreformen.
Nachfolgend veröffentlichen wir einige der Hauptkriterien des umstrittenen Vorschlags zu Reformen der
Landwirtschaft aus Abschnitt L des GATT-Entwurfs.
Marktzugang
Tarifierung. Alle nichttarifären Importschranken würden in entsprechende, anhand von eng gezogenen
Richtlinien errechnete Zölle umgewandelt. Zu solchen
Hemmnissen zählen Importquoten, variable Importabgaben, Mindestimportpreise, Importlizenzlisten, von
Staatsbetrieben aufrechterhaltene Schranken sowie
sogenannte freiwillige Vereinbarungen über Auflagen.
Importzölle, einschließlich der sich aus der Tarifierung
ergebenden, würden von 1993 bis 1999 durchschnittlich um 36 Prozent gesenkt, mit einer mindestens
15prozentigen Reduzierung für jedes Produkt. Die
Reduzierungen würden stufenweise erfolgen und in
einem Abkommen festgeschrieben - das heißt, sie
könnten später nicht erhöht werden. Die Reduzierungen würden bei dem bestehenden Zollniveau für durch
ein Abkommen bereits abgedeckte Waren beginnen
und bei dem am 1. September 1986 festgesetzen
Niveau für nicht von einem Abkommen erfaßte Waren.

AMERIKA DIENST 1

Kein Markt dürfte gegen Importe geschlossen werden,
wie es der japanische Reismarkt ist. Der Mindestimportzugang würde im Jahr 1993 bei 3 Prozent des
Inlandsverbrauchs beginnen und 1999 auf 5 Prozent
angehoben.
Inlandssubventionen
Mit einer Reihe von Ausnahmen würden die staatlichen Subventionen von 1993 bis 1999 um 20 Prozent
abgebaut. Die Subventionen erstrecken sich nicht nur
auf die tatsächlichen staatlichen Ausgaben sondern
auch die von der Regierung erzielten Einnahmen. Die
Reduzierungen würden stufenweise von 1986 bis 1988
anhand eng definierter Subventions- oder entsprechender Maßnahmen erfolgen.
Von dem Abkommen abgedeckt wären Subventionen
für Warenpreise, Subventionen auf Vorleistungen,
Zahlungen für Vermarktungskosten und alle anderen
nicht ausdrücklich ausgenommenen direkten Zahlungen.
Seite 1

�Ausgenommen von den Reduzierungen sind Subventionen für ein spezifisches Produkt, die 5 Prozent des
Produktgesamtwerts nicht überschreiten und Subventionen für ganze Sektoren, die 5 Prozent des Produktionswerts dieses Sektors nicht überschreiten.
Ausgenommen ist ferner ein breites Spektrum staatlicher Aktivitäten: Forschung, Schädlings- und Seuchenbekämpfung, Dienstleistungen in den Bereichen
Ausbildung und Beratung, Inspektionen, einige Arten
von Marktförderung, Ausgaben für Infrastruktur, Lagerung von Nahrungsmitteln für Notfälle sowie Nahrungsmittelhilfe für Bedürftige.
Ausgenommen sind darüber hinaus bestimmte direkte
Einkommenszahlungen an Landwirte, die in keiner
Weise mit den Warenpreisen in Zusammenhang stehen - das heißt, abgekoppelt sind. Zu diesen Ausnahmen zählen Zahlungen zur Einkommensversicherung,
Hilfe bei Naturkatastrophen, den Übergang in den
Ruhestand oder die Einarbeitung in andere Tätigkeiten
für Landwirte, die Stillegung von Ackerland, Investitionen für Landwirte, denen keine staatliche Unterstützung zuteil wird, Beiträge zum Umweltschutz sowie
Unterstützung armer Regionen.
Exportsubventionen
Von 1993 bis 1999 würden die Ausgaben für Exportsubventionen um 36 Prozent verringert, während die
Anzahl der subventionierten Waren um 24 Prozent
reduziert würde.
Abgedeckt von dem Abkommen wären Sachleistungen an Exporteure, der Verkauf von Staatsanleihen
unter Marktpreisen, Subventionen auf ein Produkt mit
Steuereinnahmen aus dem Export des Produkts, Subventionen für Be- und Verarbeitung, Subventionen für

Transport im In- und Ausland, Subventionen für ein
Produktkontingent beim Export des Produkts.
Besondere und unterschiedliche Behandlung
Die ärmsten Länder würden von den Reformen ausgenommen.
Andere Entwicklungsländer müßten über einen Zeitraum von 10 Jahren mindestens zwei Drittel der erforderlichen Reformen durchgeführt haben, im Gegensatz zu dem für die anderen Länder geltenden Fünf jahreszeitraum.
Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge, Tier- und
Pflanzenhygiene
Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen müßten sich auf wissenschaftliche Grundsätze stützen - internationale Normen, sofern sie bestehen - und dürfen kein verdecktes
Handelshemmnis darstellen.
Über das internationale Niveau hinausgehende Schutzmaßnahmen müßten wissenschaftlich gerechtfertigt
sein.
Jedes Land müßte Maßnahmen eines anderen Landes akzeptieren, die den eigenen entsprechen und
anderen Ländern Zugang zu seinen Inspektions- und
Erprobungsverfahren gestatten.
Jedes Land müßte andere Länder von Änderungen
seiner Maßnahmen unterrichten.
Die Länder mü ßten diese Bestimmungen unverzüglich
nach Inkrafttreten des Abkommens der Uruguay-Runde
durchsetzen, mit der Ausnahme, daß den Entwicklungsländern zwei zusätzliche Jahre bewilligt werden.

* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 1

�PORTRÄT
8. Januar 1992

NOMINIERTE HANDELSMINISTERIN
IN VORSTANDSETAGEN ZUHAUSE
Porträt von Barbara Franklin
WASHINGTON - (AD) - Der offiziellen Biographie des
Weißen Hauses zufolge ist Barbara Hackman Franklin
"eine äußerst ungewöhnliche Frau".
Indem Präsident Bush die 51jährige, die sich bereits
als Unternehmensdirektorin und Sammlerin von
Wahlkampfspenden ausgezeichnet hatte, als dritte
Frau für einen Kabinettsposten nominierte, hat er der
Karriere der ernannten Nachfolgerin von Handelsminister Robert Mosbacher ein neues besonderes Glanzlicht aufgesetzt.
Im Falle ihrer Bestätigung durch den Senat würde
Franklin nach dem Ausscheiden von Robert Mosbacher - der den Wahlkampf Präsident Bushs leiten wird
- am 15. Januar zusammen mit Arbeitsministerin Lynn
Martin und der l IS-Handelsbeauftragten Carla Hills im
hauptsächlich aus Männern bestehenden Kabinett
vertreten se.n.
Als eine der ersten weiblichen Absolventen der Harvard Business School leitete Franklin seit 1984 ihre
eigene Unternehmensberatungsfirma, Franklin Associates, mit Sitz in der Bundeshauptstadt Washington.
Darüber hinaus ist sie Vorstandsmitglied bei sieben
großen amerikanischen Unternehmen - Aetna Life and
Casualty Company; Armstrong World Industries, Inc.;
Automatic Data Processing, Inc.; Black &amp; Decker
Corporation; Dow Chemical Company; Nordstrom,
Inc. und Westinghouse Electric Corporation. Bei Antritt ihres neuen Amts als Handelsministerin wird sie all
diese Posten aufgeben müssen, die ihr angeblich über
300.000 Dollar im Jahr einbringen.
Franklin ist seit langem mit dem Präsidenten befreundet und hat diesen unterstützt und finanziell gefördert.
Im Jahr 1988 war sie Mitvorsitzende seines Wahlkampffinanzierungskomitees, und unlängst war sie
einer der Organisatoren eines Galadinners zur Finanzierung der Bush-Quayle-Wiederwahlkampagne, bei
dem ein Gedeck 1.000 Dollar kostete.

AMERIKA DIENST 1

Ihren ersten Regierungsposten hatte sie während der
Nixon-Administration inne, als sie zur Leiterin eines
Programms ernannt wurde, das die Einstellung von
Frauen für Führungspositionen im Staatsdienst zum
Ziel hatte. Zwei Jahre später wurde sie von Nixon zum
Mitglied der neugeschaffenen Kommission für Produktsicherheit ernannt.
Sie war zwei Amtsperioden als Vizepräsidentin dieser
Behörde tätig und schied kurz vor Ablauf ihrer sechsjährigen Amtszeit aus dem Staatsdienst aus. Nach
acht Jahren im Dienst der Regierung, so teilte sie der
Zeitung Boston Globe mit, suche sie "eine Möglichkeit der Verjüngung" und wolle ein "besseres Gleichgewicht" in ihrem Leben herstellen.
Neben dem Eintritt in die Welt der Vorstandsetagen
nahm sie eine Stellung als leitende Dozentin an der
Wharton School of Finance der University of Pennsylvania an. Acht Jahre lang leitete sie das Staats- und
wirtschaftswissenschaftliche Programm, das von dieser Fakultät ausgewählten MBA-Kandidaten (Master
of Business Administration) angeboten wurde, um
diese mit der Arbeitsweise der Bundesregierung vertraut zu machen.
Franklin war bereits verschiedentlich innerhalb der
Bush-Administration tätig, so zum Beispiel im Jahr
1989 als stellvertretende US-Delegierte bei den Vereinten Nationen.
Als Mitglied in Bushs Beratergremium für Handelspolitik und -Verhandlungen steht sie bereits in ihrer vierten Amtszeit und engagiert sich dabei besonders im
Arbeitsstab für das Nordamerikanische Freihandelsabkommen.
Angesichts des zunehmenden Stellenwerts von Handelsfragen im Präsidentschaftswahlkampf 1992 betonte Präsident Bush bei der Ankündigung ihrer
Nominierung für den Posten des Handelsministers am
26. Dezember 1991 gerade diesen Aspekt. Franklin

Seite 1

�sei "eine entschlossene Befürworterin von freiem und
fairem Handel gewesen, die sich der Tatsache bewußt
ist, daß amerikanische Arbeitnehmer mit jedem und
überall konkurrieren können, wenn Chancengleichheit
besteht".

Im Jahr 1990 wurde sie von der American Management Association zu einem der 50 einflußreichsten
Unternehmensdirektoren des Landes gewählt.

Sie ist mit Wallace Barnes, dem Vorsitzenden der
Barnes Group, Inc., einem Hersteller und Lieferanten
Die in Lancaster County (Pennsylvania) aufgewachse- von Industrieprodukten in Bristol (Connecticut) verheine Franklin schloß im Jahr 1962 ihr Studium an der ratet. Das Ehepaar hat Wohnsitze in Bristol, der
Pennsylvania State University mit Auszeichnung ab Bundeshauptstadt Washington und Lancaster Counund absolvierte im Jahr 1964 ihr Studium an der ty.
Harvard Business School. Sie war Mitglied des zweiten Abschlußjahrgangs, in dem Frauen überhaupt
vertreten waren.
* * * * *

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AMERIKA DIENST 1

�UMWELT
8. Januar 1992

1991 WICHTIGE UMWELTGESETZE DES
JAHRES 1990 VERABSCHIEDET
Eine Übersicht

WASHINGTON - (AD) - Beim Rückblick auf die umweltpolitischen Leistungen des Jahres 1991 fällt auf,
daß auf nationaler Ebene keine wichtigen Gesetze
verabschiedet wurden, die Verantwortlichen jedoch
Schlüsselbereiche verschiedener Gesetze und internationale Abkommen aus dem Jahr 1990 in die Tat
umzusetzen begannen.

Die EPA hat im Oktober 1991 Vorschriften veröffentlicht, denen zufolge Fabriken die Emission von Schwefeldioxid, der Hauptursache für sauren Regen, bis zum
Jahr 2000 um etwa 9 Millionen Tonnen einschränken
müssen. Emissionen dieser Verbindung würden zu
diesem Zeitpunkt höchstens etwa 9 Millionen Tonnen
betragen.

Wissenschaftler und ihre Regierungen sind 1990
übereingekommen, daß künstliche erzeugte Chemikalien die atmosphärische Ozonschicht, die den
Menschen vor Krebs und die Ernten vor Zerstörung
schützt, schneller auflösen als bisher angenommen.
1990 wurde ein internationales Abkommen unterzeichnet, um das sonrittweise Verbot dieser Chemikalien zu
beschleunigen.

Ein ungewöhnliches Merkmal des Gesetzes über die
Luftreinhaltung besteht darin, daß es Fabriken erhebliche Freiheit in ihren Entscheidungen über den Abbau
zugesteht. Die von der EPA vorgeschlagenen Regeln
würden ein System wiederverkäuflicher Boni schaffen:
Fabriken, die ihre Emissionen stärker als erforderlich
abbauen, erhalten dafür einen Bonus, den sie an nicht
den Richtlinien entsprechenden Fabriken verkaufen
können.

Das führte dazu, daß die US-Umweltschutzbehörde
(EPA) im September 1991 einen Zeitplan aufstellte,
um die Herstellung und Einfuhr von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKWs), Halonen und Tetrachlorkohlenstoff bis zum Jahr 2000 abzubauen.
Diese Chemikalien greifen den Ozon-"Schutzschild"
über den Temperaturzonen der nördlichen und südlichen Hemisphäre an. Wissenschaftler schätzen, daß
seit den sechziger Jahren etwa 10 Prozent der Schutzschicht zerstört worden sind. Das könnte jährlich
weitweit zusätzlich 250.000 Fälle von Hautkrebs bedeuten, zu Schäden im menschlichen Immunsystem
und niedrigeren Ernteerträgen führen.
Die EPA-Vorschriften sollen Anfang des Jahres 1992
in Kraft treten.
Regierung und Kongreß haben 1990 ein 12 Jahre
währendes Patt durchbrochen und ein Gesetz verabschiedet, das Emissionen der sauren Verbindungen,
die sich durch Regen und Schnee auf Wälder und
Seen niederschlagen, um die Hälfte abbaut und die
Umweltverschmutzung durch Autos vemngert.

AMERIKA DIENST 1

Die Regierung hat erheblichen Druck ausgeübt, um
dieses System einzuführen, und Ökonomen sowie
Umweltspezialisten beobachten genau, wie es funktioniert. Die Regierung glaubt, das System sei die
preiswerteste Methode zur Erlangung eines wichtigen
umweltpolitischen Ziels und würde es gern anderswo
anwenden, wenn es sich als funktionsfähig erweist,
wie man hofft.
Bei einerweiteren ungewöhnlichen Entwicklung in der
Abfassung von Vorschriften für das Gesetz zur Luftreinhaltung hat die EPA erreicht, daß sich Industrie
und Umweltexperten zusammengesetzt und im August ein Abkommen über die sauberere Treibstoffverbrennung bei Autos und Lkws erarbeitet haben.
Die dreißig Gruppen, die an den sechsmonatigen
Verhandlungen teilgenommen haben, sind übereingekommen, nicht vor Gericht zu gehen, um die Einführung neuer Treibstoffe Anfang des Jahres 1992 zu
blockieren, wenn sie besondere Emissionsmaßstäbe
erfüllen. Darüber hinaus mü ßte in bestimmten Städten

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�mit besonders starker Umweltverschmutzung bis 1995
saubererer Treibstoff verfügbar sein.

tigen können. Das Programm umfaßt darüber hinaus
den Aufbau eines landesweiten ComputerinformationsNormalerweise führt die EPA zu neuen Vorschriften systems und Meldezentren für ausgelaufenes öl in
Anhörungen durch und veröffentlicht dann Richtlinien, fünf Häfen, in denen die 16 Schiffe stationiert sind.
deren Durchführung oftmals jahrelang durch Prozesse 1991 wurden internationale Verhandlungen über das
von Industrie oder Umweltexperten aufgeschoben wird. vielleicht wichtigste Umweltthema der Welt aufgenommen - die Erwärmung der Erde. US-Umweltexperten
Das Gesetz über die Luftreinhaltung erlegt den Bunund einige westeuropäische Länder drängen die Bushdesstaaten eine große Verantwortung bei der ErarbeiAdministration, Maßnahmen zu verabschieden, um
tung von Plänen zur Bekämpfung der Umweltverdie Emissionen von Kohlendioxid zu reduzieren, das
schmutzung auf. "Die Bundesstaaten müssen ihre
immer dann austritt, wenn fossile Brennstoffe wie
Maßnahmen bei umweltpolitischen Aktivitäten koordiKohle und öl verbrannt werden. Dieses und andere
nieren. Das haben sie bisher nicht getan," erklärt der
Gase steigen in die Atmosphäre und verhindern, daß
Stellvertretende Leiter des Center for Policy Alternadie Wärme von der Erde in die äußere Atmosphäre
tives - einer Forschungseinrichtung in Washington -,
abfließen kann.
Jeffrey Tyrens, in einem Interview.
Ein Wissenschaftlergremium unter der SchirmherrEin weiteres Gesetz von 1990 wird drastische Auswirschaft der Vereinten Nationen gelangte zu dem Schluß,
kungen für nationale und internationale ölfrachter
daß die Treibhausgase" in den vergangenen 100
haben. Ab Februar 1993 werden sie beweisen müsJahren zugenommen haben und zu einem erheblichen
sen, daß sie bei schlechtem Wetter die grö ßten vorherAnstieg der Erdtemperatur führen werden. Sie sind
sehbaren ölkatastrophen beseitigen können. Das
aber nicht sicher, wie dies das Klima bestimmter
Gesetz wurde verabschiedet, nachdem es einem
Regionen beeinflussen wird. Die Bush-Administration
Konsortium von ölfirmen nicht gelungen war, den
hat 1991 argumentiert, daß weitere wissenschaftliche
Ölteppich von über 200.000 Barrel Rohöl aus dem
und wirtschaftliche Forschungen erforderlich sind, bevor
Tanker Exxon Valdez zu beseitigen, der 1989 vor
man Entscheidungen treffen kann, ob die Emissionen
Alaska auf ein Riff gelaufen war. 1993 werden Firmen
von Hauptenergiequellen der modernen Industrie
keine Tanker ohne Pläne und Ausrüstung zur Säubereduziert werden sollen.
rung innerhalb der 320 Kilometer-Zone der USA fahren
lassen dürfen.
Die Verhandlungen sollen 1992 fortgeführt werden,
und alle Teilnehmer haben ihre Hoffnung bekundet,
Eine Vereinigung von Erdölproduzenten und -transdaß man sich bis zum Treffen der UN-Konferenz über
porteuren führte 1991 ein Programm im Umfang von
Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Juni einig
über 400 Millionen Dollar ein, um 16 Schiffe mit Sonsein wird.
derausrüstung zu bauen, die große ölteppiche besei* * * * *

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AMERIKA DIENST 1

�DROGEN
8. Januar 1992

AMERIKANISCHE FIRMEN UNTERNEHMEN SCHRITTE
GEGEN DROGENMISSBRAUCH AM ARBEITSPLATZ
Arbeit als Hilfe gegen Mißbrauch von Suchtstoffen
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der letzte einer Serie über Behandlungsmethoden bei
Drogenmißbrauch.

Die Leiter von Unternehmen in den Vereinigten Staaten haben entschieden, genug ist genug.

frage beim Amt für nationale Drogenkontrollpolitik, Dr.
Herbert Kleber.

Ausgelöst haben ihr Handeln Verluste in Milliardenhöhe durch Fehlzeiten und verringerte Produktivität aufgrund von Suchtstoff mißbrauch. Infolgedessen überprüfen zahlreiche Unternehmen jetzt ihre Bewerber,
unterziehen sie Tests und bieten Therapieprogramme
in dem landesweiten Bestreben zur Beseitigung von
Drogen am Arbeitsplatz an.

Kleber zufolge besteht ein Hauptziel des Amts darin,
"mittelständischen Unternehmen bei der Erarbeitung
von Maßnahmen für einen drogenfreien Arbeitsplatz
behilflich zu sein, die den Drogenkonsumenten vor die
Wahl stellen, entweder den Drogenmißbrauch zu
beenden oder den Arbeitsplatz zu verlieren".

Ein Wirtschaftsmagazin berichtet, daß rund 12 Prozent der amerikaniscnen Erwerbsbevölkerung von Suchtstoffen a b h ä n ^ •z\. Zusammen mit den schätzungsweise 6 Prozent, die unter psychischen Problemen
leiden, können ihre Probleme die Produktivität um 25
Prozent verringern und enorme finanzielle Verluste für
die Organisationen zur Folge haben.
Eine Sicherheitsumfrage unter Fernfahrern von 1988
ergab, daß die Mehrheit das Gefühl hat, mindestens 20
Prozent ihrer Kollegen führen regelmäßig unter dem
Einfluß illegaler Drogen, die vornehmlich zur Bekämpfung von Müdigkeit, Einsamkeit oder Langeweile
genommen werden.
Bestrebungen der Unternehmen zur Behandlung
abhängiger Beschäftigter wurden vordringlicher, nachdem die Exxon Valdez im März 1989 im Prinz William
Sund auf Grund lief, über 38 Millionen Liter Rohöl
ausliefen und schätzungsweise 5.300 Kilometer der
Küste verschmutzten. Nach der Katastrophe wurden
Berichte laut, der Kapitän des Schiffes sei Alkoholiker.
"Entgegen der Annahme, der Durchschnittsdrogenkonsument sei arm und arbeitslos, sind 60 Prozent der
Drogenkonsumenten erwerbstätig und 70 Prozent oder
mehr zählen nicht zu Minderheiten", erklärt derehemalige Stellvertretende Direktor für den Abbau der Nach-

AMERIKA DIENST 1

Studien der Bundesregierung belegen, daß Alkoholund Drogenmißbrauch zusammengenommen die Wirtschaft die schwindelerregende Summe von 177 Milliarden Dollar pro Jahr kosten - über die Hälfte davon
aufgrund von Produktivitätsverlusten. 1987 kostete
der Mißbrauch von Suchtstoffen General Motors beispielsweise 600 Millionen Dollar.
Umfragen zufolge führen mindestens zwei Drittel der
führenden amerikanischen Firmen und 30 Prozent
aller Arbeitgeber Drogentests durch. Vor kurzem hat
der Kongreß ein Gesetz verabschiedet, das Alkoholund Drogentests für alle Arbeitnehmer in Verkehrsbetrieben zwingend vorschreibt, die den Bundeslizenzbestimmungen unterliegen und eine sicherheitsempfindliche Tätigkeit ausüben, einschließlich Piloten von
Fluggesellschaften, Beschäftigten im öffentlichen
Nahverkehr und Fernfahrern.
Ein früheres Gesetz - das Gesetz über den drogenfreien Arbeitsplatz von 1988 - fordert von Arbeitgebern,
die staatliche Aufträge in Höhe von 25.000 Dollar oder
mehr erhalten, die Gewährleistung eines drogenfreien
Arbeitsplatzes. Sie müssen die Arbeitnehmer über die
Gefahren des Drogenmißbrauchs unterrichten und
schriftliche Statuten aushängen, daß mit illegalen
Drogenaktivitäten befaßte Arbeitnehmer bestraft werden.

Seite 1

�Führungskräfte, die sich zunehmend mit Sicherheit,
Gesundheit und Produktivität ihrer Arbeitskräfte auseinandersetzen, intensivieren die Bestrebungen, mehr
über Drogen, ihre schädliche Wirkung in Erfahrung zu
bringen und wie man sie von ihren Unternehmen
fernhält.
Selbst die Arbeitnehmer artikulieren Besorgnis über
Drogen am Arbeitsplatz. Einer 1991 vonGallupfürdas
Institut für einen drogenfreien Arbeitsplatz in Washington, D.C., durchgeführten Umfrage zufolge gaben 82
Prozent der befragten Arbeitnehmer an, sie unterstützen die Maßnahmen des Unternehmens gegen Drogenmißbrauch und begrüßen Disziplinarstrafen bei
Vergehen.
"Erst verliert er die Frau, dann das Auto und vielleicht
sogar das Haus, aber als letztes vertiert er den Arbeitsplatz, weil dies die einzige Form von Selbstachtung ist,
die ein Mensch hat", erklärt Gerald Marini, der Direktor
für Maßnahmen gegen Drogenmißbrauch bei Hoffmann-La Roche Inc. in Nutley (Virginia).
"Ich bin der festen Überzeugung, daß der Arbeitsplatz
als Anker dient," fügt er hinzu. "Wenn Menschen keine
Drogen nehmen, weil sie den Verlust ihres Arbeitsplatzes fürchten, ist das wunderbar, weil sie dieses Verhalten vielleicht auch auf ihr Privatleben übertragen. Das
funktioniert. In den letzten fünf Jahren ist der Drogenmißbrauch um 45 Prozent zurückgegangen."
Marini erklärt, daß Unternehmen, die einen drogenabhängigen Arbeitnehmer früher einfach entlassen hätten, heute alles Erdenkliche tun, um qualifizierte Mitarbeiter zu halten.
"Die Geschäftsleitung ist sich der Tatsache bewußt,
daß wir international nicht voll konkurrenzfähig sind,
wenn wir nicht alle Arbeitnehmer optimal einsetzen.
Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, diese
Menschen zu verlieren. Wir müssen also darauf
hinwirken, daß sie ihr destruktives Verhalten ablegen.
Wir sind dabei zu dem Schluß gekommen, daß die
meisten Menschen sich in Behandlung begeben, wenn
sie wissen - dem Unternehmen liegt wirklich etwas
daran, man interessiert sich dafür und leistet Hilfestellung."
Diese Hilfestellung ist in den meisten Fällen das Programm zur Unterstützung der Mitarbeiter (Employee
Assistance Program - EAP), ein vom Unternehmen
gefördertes Beratungszentrum, das als wichtiges
Bindeglied zwischen Mitarbeitern mit Problemen und
Therapiezentren fungiert, deren Träger entweder die
Gemeinde oder das Unternehmen selbst ist.
Landesweit gibt es über 14.000 EAPs, wobei fast alle
der (nach der Zeitschrift Fortune) 500 wichtigsten
Unternehmen entsprechende Programme durchführen. Für die EAPs arbeiten Psychologen, SozialarbeiSeite 2

ter sowie Experten für Drogen- und Alkoholabhängigkeit, und obwohl die Programme unterschiedliche
Größenordnungen haben und mehr oder weniger in
das Leben der Mitarbeiter eingreifen, folgen sie dem
gleichen Kredo: den Mitarbeiter anzusprechen, der
Probleme hat, die erforderliche Hilfe für ihn zu finden
und ihn so schnell wie möglich wieder an den Arbeitsplatz zurückzubringen.
Einem Artikel der Harvard Business Review zufolge
werden EAPs erfolgreich eingesetzt, um Fehlzeiten zu
reduzieren, die Genesung zu fördern, Rückfälle zu
verhindern und die Produktivität zu verbesssern. Einer
der wichtigsten Hersteller von Papiererzeugnissen,
Kimberley-Clark, hat eine 70prozentige Reduzierung
der Unfälle bei einem Querschnitt der EAP-Teilnehmer
dokumentiert, und Phillips Petroleum kam zu dem
Ergebnis, daß sein EAP über 8 Millionen Dollar pro
Jahr eingebracht hat, weil es weniger Unfälle und
Krankheitstage gab und die Produktivität stieg.
Im September letzten Jahren haben Wissenschaftler
die Ergebnisse der ersten großangelegten Untersuchung über die Effektivität der Behandlung von Arbeitnehmern eines großen städtischen Transportunternehmens veröffentlicht. Die Studie kam zu dem Schluß,
daß 80 Prozent der Arbeitnehmer, die eine ambulante
Therapie abgeschlossen hatten, mindestens ein Jahr
lang drogenfrei blieben.
Die Behandlung umfaßt Einzelgespräche und Gruppentherapie. Ein Abbruch des siebenmonatigen Programms oder erneuter Drogenkonsum nach der Behandlung führten zu einem Verlust des Arbeitsplatzes.
Über die Hälfte der behandelten 1.293 Arbeitnehmer
schlössen das Programm ab und kehrten an ihren
Arbeitsplatz zurück.
Die Methode der Firma IBM beim Umgang mit Drogenkonsum hat Modellcharakter. Zwei unabhängige
Unternehmen übernehmen die vertrauliche Beratung
der Arbeitenehmer. IBM gibt seinen Arbeitnehmern
die Telephonnummer von Beratern dieser Firmen,
wenn sie oder ihre Familienmitglieder Hilfe brauchen.
Gleichzeitig muß sich ein Mitarbeiter, der irrationales
oder unberechenbares Verhalten an den Tag legt,
einem Drogentest unterziehen, wenn der Betriebsarzt
dies empfiehlt. Wenn der Test positiv ausfällt, muß
sich der Mitarbeiter in Behandlung begeben und häufige stichprobenartige Drogentests durchführen lassen, wenn er seinen Arbeitsplatz behalten will.
Mehr und mehr Unternehmen machen das Arbeitsplatzangebot abhängig von einem negativen Drogentest des Bewerbers. Zum Beispiel stellt Amerikas
größte Bank, Citicorp, niemanden ein, dessen Tests
für Amphetamine, Barbiturate, Kokain oder Heroin
positiv sind.

AMERIKA DIENST 1

�Umstrittener als die Überprüfung von Bewerbern sind
Tests bei der Belegschaft. Gewerkschaften stehen
den stichprobenartigen Tests kritisch gegenüber, und
einige ziehen ihre Legalität in Zweifel. Experten zufolge müssen Drogentests Teil eines umfassenden Hilfsprogramms für Arbeitnehmer sein und in einem Umfeld
der Sorge für die Menschen und ihr Recht auf Privatsphäre durchgeführt werden.
Einer Untersuchung des Amts für Arbeitsstatistik von
1989 zufolge haben mittlere und große Unternehmen
ihren Versicherungsschutz für Drogentherapie dra* *

AMERIKA DIENST 1

stisch erhöht. 1988 waren 74 Prozent ihrer Mitarbeiter
versichert, gegenüber 1983 eine Steigerung von 43
Prozent.
Krankenversicherungsschutz für Drogentherapie ist
bei den Angestellten im öffentlichen Dienst weiter
verbreitet als im Privatsektor. Von den 10,3 Millionen
Vollzeitbeschäftigten in den Behörden der Bundesstaaten und Kommunen waren der Untersuchung des
Amts für Arbeitsstatistik zufolge 94 Prozent auf irgendeine Weise für eine stationäre Behandlung bei Drogenmißbrauch versichert.
*

*

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                <text>&lt;strong&gt;1. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: USA engagieren sich weiterhin im Pazifik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor dem australischen Parlament&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verlängerung des "Fast Track" wichtigste Handelsmaßnahme des Kongresses im Jahr 1991 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Mehrere Gesetzesvorhaben von Präsident Bush abgelehnt&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vorgeschlagenes Agrarabkommen ruft Kontroversen hervor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Übersicht zum Entwurf des Agrarabkommens der Uruguay-Runde&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Nominierte Handelsministerin in Vorstandsetagen zu Hause&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Barbara Franklin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;1991 wichtige Umweltgesetze des Jahres 1990 verabschiedet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Firmen unternehmen Schritte gegen Drogenmissbrauch am Arbeitsplatz &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Arbeit als Hilfe gegen Mißbrauch von Suchtstoffen&lt;/em&gt;</text>
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DROGEN

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15. Januar 1992

Bonn

BUSH: FORTSCHRITTE BEI DER
DROGENBEKÄMPFUNG ZU VERZEICHNEN
Rede des Präsidenten vor dem Rat
gegen Drogenmißbrauch

FORTSCHRITTE IM KAMPF
GEGEN DROGEN ERZIELT
Überblick über Maßnahmen im Jahr 1991

MARTIN LUTHER KING

DAS MARTIN-LUTHER-KING-ZENTRUM FÜR
GEWALTFREIEN SOZIALEN WANDEL
von Kathryn Johnson

WAHLEN '92

DREI PHASEN DER
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN
Vorwahlen, Konvente und die
Präsidentschaftswahlkampagne

US-AUSSENPOLITIK

ENTSTEHUNG UND GESTALTUNG DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
von Barbara Beroth

WELTWIRTSCHAFT

EINE STRATEGIE FÜR WELTWEITES
WIRTSCHAFTSWACHSTUM
Eine Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�DROGEN
15. Januar 1992

BUSH; FORTSCHRITTE BEI DER
DROGENBEKÄMPFUNG ZU VERZEICHNEN
Rede des Präsidenten vor dem Rat gegen Drogenmißbrauch
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede bei der Sitzung des Rats gegen Drogenmißbrauch erklärte Präsident Bush
am 10. Januar 1992 in Washington, bei der Drogenbekämpfung seien Fortschritte zu verzeichnen, "es bleibt
jedoch noch viel zu tun".
"Wir sehen Fortschritte", fuhr Bush fort. "Für 1990 überschreiten wir unser Ziel bei der Reduzierung des
allgemeinen Drogenkonsums. Wir hatten eine Abnahme von 10 Prozent zwischen 1988 und 1990 erwartet - und
der Drogenmißbrauch ging noch stärker- um 11 Prozent - zurück."
"Es bleibt jedoch noch viel zu iun", stellte Bush fest und verwies darauf, daß noch immer 12,5 Millionen Amerikaner Drogen konsumieren und 1,9 Millionen Amerikaner zur Zeit Kokain nehmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen des Präsidenten im Wortlaut.

Ich freue mich, nach einer interessanten Reise wieder
hier zu sein. Zehn faszinierende Tage des Redens,
Zuhörens und Lernens im Femen Osten - der harten
Arbeit für Ziele, die wir alle teilen beim Versuch, unsere
Exportmärkte zu erweitern. Wir haben unseren Freunden auch vc"r!chv«rt, daß wir im Pazifik weiterhin
engagiert bleiben. Wie Sie wissen, hegen wir angesichts all der Veränderungen in Osteuropa die Hoffnung, daß die Menschen, die sich einst gehaßt haben,
ehemals Feinde waren, jetzt im Nahen Osten miteinander sprechen. Einige im Pazifischen Raum dachten,
wir hätten unsere Interessen in diesem Teil der Welt
einfach aufgegeben. Ich wollte daher die politisch
Verantwortlichen dort davon überzeugen, daß wir unsere
Sicherheitsbelange in diesem entscheidenen Gebiet
wahrnehmen und in dieser Region engagiert bleiben.
Hierbei handelt es sich im übrigen um unseren größten
Handelspartner.
Ich bin jedoch heute in der Überzeugung hierher
gekommen, daß das von uns Geleistete für das
Wohlergehen unseres Landes unabdingbar ist. Das
wollte ich Ihnen sagen. Unser Land weiß die unerläßliche Arbeit Ihrer gemeindeorientierten Koalition zur
Drogen bekämpf ung zu schätzen, und unser Land ist
jedem einzelnen von Ihnen äußerst dankbar.
Wir alle arbeiten hart, um den Ruch der Drogen von
unserer Landkarte zu verbannen. Unsere Bestrebungen zur Drogenbekämpfung stehen im Bundeshaushalt an oberster Stelle aller innenpolitischen Initiativen.

AMERIKA DIENST 2

Unser Haushaltsvorschlag für 1992 sieht 11,7 Milliarden Dollar zur Drogenbekämpfung vor - eine Aufstokkung von 82 Prozent seit dem Beginn meiner Amtszeit
und eine 11 prozentige Zunahme seit dem vergangenen Jahr. Dies ist einer der höchsten Beträge im
gesamten Haushalt.
Sie und ich kennen die Antwort in unserem Kampf
gegen Drogen - wir sehen Fortschritte. Ich bin nicht
sicher, ob das gesamte Land dies versteht, aber
meines Erachtens können wir Fortschritte verzeichnen. Für 1990 überschreiten wir unser Ziel bei der
Reduzierung des allgemeinen Drogenkonsums. Wir
hatten eine Abnahme von 10 Prozent zwischen 1988
und 1990 erwartet - und der Drogenkonsum ging noch
stärker, ich glaube um 11 Prozent, zurück. Gelegentlicher Kokainkonsum ist seit der Festsetzung unseres
Ziels um 29 Prozent gesunken, und ich glaube, das
Ziel, das wir vor Augen hatten, waren 10 Prozent. Für
1991 belegen die Zahlen, daß wir viele unserer Ziele
noch weiter überschritten haben, insbesondere im
Bereich des Kokainkonsums unter Erwachsenen. Sie
und ich wissen, daß dies ein Problem ist. Es ist
schrecklich, daran zu denken, daß Erwachsene Kokain nehmen. Aber es ist eine Tatsache, und es ist hart
genug. Wir machen jedoch Fortschritte. Wir hatten
gehofft, den Konsum ab 1988 um 30 Prozent zu
reduzieren, und er ist um über 60 Prozent zurückgegangen. Unsere Arbeit bewirkt also Fortschritte. Was
Sie tun, zeigt Wirkung und rettet das Leben von
Kindern.

Seite 1

�Aber wir müssen uns vor Augen führen - es bleibt
jedoch noch viel zu tun. Zur Zeit konsumieren noch
über 12,5 Millionen Amerikaner Drogen - 1,9 davon
Kokain. Der Drogenkonsum unter Erwachsenen ist
zurückgegangen, aber noch über 1,3 Millionen unserer
Kinder nehmen derzeit Drogen.
Wir haben uns ferner der Verschärfung der Drogengesetze verschrieben. Wir verwenden mehr Zeit und
Arbeit auf Drogenbekämpfung als auf jeden anderen
Verbrechensbereich. Aber wir können es nicht alleine
schaffen. Wir benötigen Bundesdrogengesetze, die
auf der Seite der Menschen stehen. Wir brauchen
überparteiliche Bestrebungen, damit die Strafverfolgungsbehörden die Gegenwart und Zukunft unserer
Kinder schützen. Wie ich bereits vor zwei Jahren bei
der Ankündigung der Drogenstrategie sagte, sehen wir
uns bei diesem Drogenproblem mit der schwersten
Herausforderung in Jahrzehnten konfrontiert. Wir
stellen uns dieser Herausforderung nicht als einzelne
sondern als Nation.
Wir haben es immer gesagt - wir können den Drogenkrieg nicht durch Strafverfolgung allein gewinnen. Ich
bin davon überzeugt, daß wir im Bereich der Strafverfolgung mehr tun könnten. Und ich beglückwünsche
diejenigen, die unsere Gesetze durchsetzen. Aber wir
können nicht mit Strafverfolgung allein gewinnen. Wir
benötigen wirksame Therapieprogramme und nationales Vorgehen.
Vor über zwei Jahren haben wir diesen Rat gegen
Drogenmißbrauch gegründet. Amerika hatte außerordentlich großes Glück, diese herausragenden Amerikaner für unser gemeinsames Ziel gewinnen zu können, dieses Land von den durch illegale Drogen verursachten Verwüstungen zu befreien. Ich möchte den
Mitgliedern unseres Rats heute meinen besonderen
Dank aussprechen, die unermüdlich daran arbeiten,
die enormen Kräfte zu mobilisieren, die der Privatsektor im Kampf gegen Drogen aufbringen kann. Blicken
Sie auf den ersten Tisch, blicken Sie um sich, blicken
Sie auf die Namen der Männer und Frauen, die sich
dieser Sache verschrieben haben - und Sie sehen, hier
widmen sich äußerst engagierte, erfolgreiche Menschen der Hilfe für andere.
Darüber hinaus ist jeder der heute hier Anwesenden
ein Soldat in unserem Krieg gegen Drogen. Sie führen
die Bestrebungen unseres Landes auf lokaler Ebene
zum Abbau des Drogenmißbrauchs am Arbeitsplatz,
in den Schulen und in der Nachbarschaft an. Wir
haben ein gutes Programm. Vor nicht allzu langer Zeit
wurde ich von AI Casey und anderen über ihre Arbeit
unterrichtet, und Jim ist nach Camp David gekommen,
um mir über sein Konzept zum drogenfreien Arbeitsplatz zu berichten. Und wir machen Fortschritte. Es
bleibt jedoch noch viel zu tun.
Sie organisieren Ihre Gemeinden zu Koalitionen. Der
Schlüssel zur Gesundung diesei Nation liegt an der

Seite 2

Basis, bei den von mir so bezeichneten "Punkten des
Lichts" - indem Sie dem Nachbarn Ihre Hand reichen.
Und die hier Versammelten sind sicherlich im besten
Sinne Beispiele für die Hilfsbereitschaft von Amerikanern.
Wenn Amerikaner Ihre Geschichten hören, werden sie
sich bewußt, daß es eine Alternative zu Drogen gibt und der Name dieser Alternative lautet Hoffnung. Sie
hören die Geschichte von Leuten wie Brad Gates, dem
Sheriff in Orange County, der sich über von Drogen
verursachte Todesfälle so viele Gedanken machte,
daß er das Programm "Drug Use is Life Abuse" (Drogenkonsum ist Lebensmißbrauch) ins Leben rief.
Zusammen mit Unternehmern initiierte er ein massives Aufklärungsprogramm über Drogen, das sich an
die Jugendlichen seines Bezirks richtete. Und dieses
Programm funktioniert, weil es die Einstellung der
Menschen ändert - es bewirkt einen grundlegenden
Wandel in der Einstellung zu Drogen.
Dasselbe gilt für die Bemühungen Tad Footes. Als er
sah, wie Drogen seine Gemeinde zerstörten, versammelte er führende Unternehmer wie Alvah Chapman
und andere - die engagiertesten und erfolgreichsten,
und sie gründeten The Miami Coalition, eine Gemeindeorganisation auf breiter Grundlage. Sie verschrieb
sich dem Ziel, auf jeden Aspekt des Drogenproblems
einzugehen - und gründete deshalb acht Arbeitsgruppen. Sie überzeugte über ein Drittel aller Unternehmen
Miamis, Maßnahmen für drogenfreie Arbeitsplätze und
damit verbundene Hilfen für die Beschäftigten einzuführen. Ferner haben sie über 1.500 Crack-Häuser
geschlossen. Dies ist wirklich ein Erfolg, und er beruht
einzig und allein auf freiwilligen Anstrengungen.
Der entscheidende Punkt lautet: keine Gemeinde wirklich keine - muß Drogenmißbrauch hinnehmen.
Amerikaner müssen nicht in Furcht leben. Drogen und
zahlreiche andere soziale Probleme können aus jeder
Gemeinde verbannt werden - wenn jede Gemeinde
sich genug dafür engagiert, die Hand auszustrecken
und es zu versuchen.
Den Amerikanern gebührt großes Lob für ihre individuellen und kollektiven Bemühungen. Aber es bleibt
immer noch viel zu tun. Dieser Krieg fordert Opfer. Wir
leben in einem Zeitalter, in dem Jahr für Jahr Zehntausende drogengeschädigter Babies geboren werden.
Dies bedeutet eine echte Tragödie. Wenn Sie eines
dieser Babies in ihren Armen halten, kann Ihnen dies
nur das Herz brechen. Wir leben in einem Zeitalter, in
dem einer von 4.000 amerikanischen Jugendlichen
von eigener Hand oder der eines anderen stirbt, und
allzuoft spielen Drogen eine Rolle - eine grundlegende
Rolle - bei diesen Tragödien. Wir leben in einem
Zeitalter, in dem die Geißel der Drogen den Preis eines
Menschenlebens billig gemacht hat und das moralische Gefüge dieser unserer großen Nation auszuhöhlen droht.

AMERIKA DIENST 2

�Nun, Sie haben Zeichen gesetzt, die sich mit dem
folgenden Text der von Bürgern Albuquerques geschaffenen Anti-Drogen-Plakate zusammenfassen
lassen: "Es ist einfacher, ein Kind aufzubauen als
* *

AMERIKA DIENST 2

einen Erwachsenen zu reparieren." Mit dieser Art
unerschütterlichen Engagements werden wir den Sieg
davontragen. Jeder einzelne von Ihnen kann etwas
bewirken, und Gott möge Sie alle dafür segnen.
* *

Seite 3

�DROGEN
15. Januar 1992

FORTSCHRITTE IM KAMPF GEGEN DROGEN ERZIELT
Überblick über Maßnahmen im Jahr 1991
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, der sich mit den im Jahr 1991 erzielten
Fortschritten bei der Bekämpfung von Drogenhandel und- konsum beschäftigt.
Die beiden wichtigsten amerikanischen Regierungsvertreter zu Drogenfragen betrachten 1991 als ein Jahr
erheblicher Fortschritte bei der Zerschlagung von
Operationen der Kokain-Kartelle sowie der verbesserten regionalen und internationalen Zusammenarbeit.
"Im Lauf des Jahres haben wir unsere kooperativen
Programme mit den drei Andenstaaten im Hinblick auf
Strafverfolgung und wirtschaftliche Aspekte verbessert, und das Ergebnis waren eine stärkere Konzentration dieser Länder auf das Problem, mehr nationaler
Wille, mehr Drogenhändler im Gefängnis, mehr zerstörte Start- und Landebahnen," so Melvyn Levitsky,
Abteilungsleiter für internationale Drogenprobleme im
US-Au ßenministerium.
"In zwei weitr-""* wichtigen Bereichen, der Geldwäsche und Kontrolle chemischer Substanzen, haben wir
ebenfalls internationale Fortschritte erzielt", stellte
Levitsky fest und erklärte, die Europäische Gemeinschaft sowie die Organisation Amerikanischer Staaten
hätten über die Interamerikanische Kontrollkommission gegen Drogenmißbrauch (CICAD) Leitlinien zur
Überwachung von zur Drogenherstellung verwendeten chemischen Substanzen erlassen. Beide Organisationen bereiteten darüber hinaus Vorschriften oder
Modellgesetze gegen Geldwäsche vor.
Dem Direktor des Büros für Nationale Drogenkontrollpolitik (ONDCP), Bob Martinez, zufolge sind die Vereinigten Staaten "außerordentlich erfreut, daß seit dem
ersten Andengipfel (im Februar 1990) die beteiligten
Länder zusammen mit Mexiko ihre Fähigkeit unter
Beweis gestellt haben, Drogenlieferungen ins Ausland
abzufangen und zu unterbinden und damit den KokainKartellen echten Schaden zuzufügen.... Wir haben
eine großartige Zusammenarbeit auf bilateraler Grundlage festgestellt."
Levitsky führte darüber hinaus Ecuador und Venezuela an und verwies dabei auf ein Abkommen zwischen
den Vereinigten Staaten und Venezuela - das erste
seiner Art - zur Identifizierung und Unterbindung von
AMERIKA DIENST 2

Drogenhandel zur See. Infolgedessen kam es in den
Vereinigten Staaten im vergangenen Monat zur zweitgrößten jemals erfolgten Beschlagnahmung von Kokain - nahezu 11 Tonnen, die in auf venezolanischen
Frachtschiffen transportierten Betonpfosten versteckt
waren.
Die amerikanisch-kolumbianische Zusammenarbeit ist
Levitsky zufolge weiterhin sehr eng. Jm Dezember
führten kolumbianische und amerikanische Drogenfahnder in Kolumbien gleichzeitig 32 Razzien gegen
Finanzoperationen des Cali-Kartells durch. Bankkonten in Kolumbien, Großbritannien, Deutschland, Hongkong und den Vereinigten Staaten im Gesamtwert von
über 15 Millionen Dollar wurden eingefroren.
Er verwies femer darauf, "in Bolivien wie in Kolumbien
hätten sich nicht nur Pablo Escobar, sondern auch
andere Drogenhändler entweder gestellt oder sie seien verhaftet worden, mehr denn je sind im Gefängnis,
und einige wurden bei Polizeieinsätzen getötet". Escobar,
der Gründer des Medellinkartells in Kolumbien, wurde
inhaftiert, nachdem er sich im Juni vergangenen Jahres den Behörden gestellt hatte.
Darüber hinaus steht der frühere panamaische Diktator General Manuel Noriega wegen zwölf Vergehen im
Zusammenhang mit Kokainhandel vor Gericht. Noriega wird beschuldigt, das Medellinkartell bei seinem
Drogenhandel und der Geldwäsche in Panama unterstützt und gedeckt zu haben.
Levitsky zufolge gab es 1991 in Kolumbien und Mexiko
bei den Festnahmen einen "drastischen" Anstieg, "und
auch in den Ländern Mittelamerikas, wo in Zusammenarbeit mit uns wichtige Einsätze durchgeführt wurden,
erfolgten mehr Festnahmen".
Insgesamt - so Levitsky - " war es auf der Grundlage
der vorliegenden Zahlen unserer Meinung nach ein
gutes Jahr, aber es bleibt immer noch viel zu tun... Wir
sehen uns mit denselben Problemen konfrontiert, die
die Effektivität lokaler Streitkräfte und Korruption beSeite 1

�treffen ... Die illegale Drogenindustrie ist immer noch
stark, wir haben jedoch gezeigt, daß unser Programm
wirkungsvoll sein kann, wenn wir mit diesen Ländern
zusammenarbeiten."
Er erklärte, die Vereinigten Staaten hätten im Mai ein
bilaterales Abkommen mit Peru unterzeichnet, das
den Rahmen für die Entwicklung eines vielschichtigen
Drogenbekämpfungsprogramms bietet. Darüber hinaus wurden besondere Durchführungsvereinbarungen abgeschlossen, die denen mit Kolumbien und
Bolivien ähneln. Ein Teil der Hilfe für Perus Drogenbekämpfung ist eingefroren, bis der Kongreß davon
ausgehen kann, daß Peru all die damit verbundenen
Bedingungen erfüllt.
Peru sollte 1991 60 Millionen Dollar Wirtschaftshilfe
erhalten- im Rahmen der Strategie für die Andenstaaten der Bush-Administration, einem Fünfjahresplan in
Höhe von 2,2 Milliarden Dollar Hilfe für die Andenstaaten, damit sie den Drogenhandel reduzieren und wirtschaftliche Alternativen zur Kokaproduktion entwickeln können. Einige Gelder sind vom Kongreß freigegeben worden.
Im Rahmen der Strategie für die Andenstaaten hat
Kolumbien 50 Millionen und Bolivien 88 Millionen Dollar erhalten. Die Wirtschaftshilfe zur Drogenbekämpfung beläuft sich 1992 auf 50 Millionen Dollar für
Kolumbien und auf jeweils 100 Millionen Dollar für Peru
und Bolivien. Alle drei Länder erhalten darüber hinaus
Hilfe für die Strafverfolgung und militärische Drogenbekämpfungsprogramme.
Levitsky verwies femer darauf, "wir haben eine bessere Koordinierung mit den Europäern bei Programmen
in den Andenstaaten eingeleitet. Die EG hat ihr
Engagement erhöht, um mit ihnen zusammenzuarbeiten und finanzielle Ressourcen bereitzustellen, und
manche der einzelnen Länder leisten den Andenstaaten mehr Hilfe."
Am 4. Dezember hat Präsident Bush das Gesetz über
Handelspräferenzen gegenüber den Andenstaaten
unterzeichnet, das zollfreie Behandlung für die meisten Produkte aus Bolivien, Ecuador, Kolumbien und
Peru autorisiert. Das Gesetz ergab sich aus einer von
Bush beim Gipfel im Februar 1990 gegenüber den
Präsidenten der Andenstaaten in Cartagena (Kolumbien) eingegangenen Verpflichtung, diesen Ländern
zu helfen, ihre Wirtschaft zu stärken und den KokaAnbauem alternative Verdienstmöglichkeiten zu bieten.
Bush hat eine Einladung der Präsidenten Boliviens,
Kolumbiens, Ecuadors, Perus und Venezuelas angenommen, an einem zweiten Drogengipfel teilzunehmen, der auf die in Cartagena erzielten Ergebnisse
aufbauen würde. Er schlug vor, den Gipfel Anfang
1992 in den Vereinigten Staaten abzuhalten und hat
dazu die fünf Präsidenten und den Präsidenten von
Mexiko eingeladen.
Seite 2

"Alle Länder sind sich der Tatsache bewußt, daß man
mit dem Drogenproblem nicht fertigwerden kann, indem man sich Land für Land vornimmt. Eine bilaterale
Basis ist nicht möglich," erklärt Levitsky. "Nicht nur
diese sechs Länder sind gefordert, sondern internationale Kooperation ist notwendig, an der wir mit den
Europäern und Ländern in der Karibik und in Mittelamerika sehr hart arbeiten."
"Wir müssen das Ausmaß der Zusammenarbeit auf
dem Kontinent immer noch steigern und einen noch
stärkeren regionalen Ansatz verfolgen," fügte er hinzu,
"die Zeichen dafür stehen günstig... Das Problem ist
sehr groß, und deshalb muß der Schlag, den wir der
Drogenindustrie versetzen, in den nächsten Jahren
noch größer sein. Wir hoffen, der Gipfel und andere
Aktivitäten werden dies 1992 noch steigern."
Unter den Themen, die Martinez zufolge bei einem
zweiten Gipfel zur Sprache kommen werden, sind
"neue Herausforderungen - die Herausforderung der
kolumbianischen Drogenhändler, im Heroin-und
Kokainhandel in Europa Fuß zu fassen und das Ausufern (des Drogenhandels) von einem Land zum
anderen." Darüber hinaus wird ihm zufolge die Reduzierung der Nachfrage wichtig sein. "Wir in den Vereinigten Staaten machen weiterhin Fortschritte, indem
wir die Zahl der Drogenkosumenten verringern, aber
die weltweite Nachfrage muß zurückgehen."
Eine neue Untersuchung in amerikanischen Haushalten deutet darauf hin, daß seit Mitte der achtziger Jahre
eine Verlangsamung oder Verflachung des steilen
Rückgangs beim Drogenkonsum stattgefunden hat,
aber Martinez betonte, der Stand sei immer noch um
die Hälfte niedriger als in den Jahren des Spitzenkonsums 1979 bei Marihuana und 1985 bei Kokain, insbesondere unter Jugendlichem im After von 12 bis 17
Jahren.
Der Kokainkonsum in einer Gruppe - bei den über
35jährigen - ist zwischen 1990 und 1991 gestiegen,
obwohl er immer noch weit unter dem Stand von 1985
liegt. Der gegenwärtige Konsum (im letzten Monat)
der untersuchten Gruppe stieg von 0,6 auf 0,8 Prozent,
1985 betrug er 2 Prozent. Die Raten lagen am höchsten bei Männern, Arbeitslosen, Schwarzen, Hispanoamerikanern und Bewohnern großer Städte.
In der Altersgruppe der 12- bis 17jährigen fiel der
Kokainkonsum von 0,6 Prozent auf 0,4 Prozent der
Untersuchten. Der gegenwärtige Konsum aller Drogen nahm von 8,1 Prozent auf 6,8 Prozent ab. 1979,
im Jahr des Höchststandes, betrug der Konsum aller
Drogen 17,6 Prozent.
Darüber hinaus stieg die Zahl der mit Kokain in Zusammenhang stehenden ambulanten Behandlungen, eine
Tendenz, die die steigenden medizinischen Konsequenzen von Langzeitabhängigen widerspiegelt.

AMERIKA DIENST 2

�"Es ist klar, daß die Botschaft zur Aufklärung und
Verhinderung funktioniert" und Jugendliche von Drogenkonsum abhält, erklärt Martinez. "Wir drehen den
Abhängigen den Hahn zu, weil die Jugendlichen auf
die Botschaft reagieren."
Die Gruppe der über 35jährigen hat wohl vor Jahren
begonnen, Drogen zu nehmen, als dies sozial stärker
akzeptiert war. Viele von ihnen sind Martinez zufolge
jetzt abhängig. "Es handelt sich hierbei um Menschen,
die zu einer Zeit jung waren, als es in den Vereinigten
Staaten keine nennenswerten Programme zur Aufklärung und Vermeidung gab", erläuterte Martinez. "Diese
Gruppe müssen wir ansprechen."
Als Teil der Nationalen Drogenbekämpfungsstrategie
hat Martinez zufolge die Bush-Administration den
Kongreß um zusätzliche 99 Millionen Dollar gebeten,
um die Behandlung von bedürftigen Bevölkerungsgruppen finanzieren zu können, der Kongreß hat jedoch nur 9 Millionen Dollar bewilligt.
Der Etat für die Drogenstrategie im Haushaltsjahr 1992
- der alle Drogenbekämpfungsaktivitäten der Bundesregierung sowie Unterstützung für die Programme der
Bundesstaaten und Kommunen umfaßt - beträgt 11,6
Millionen Dollar, gegenüber 1991 ein Anstieg von 11
Prozent und seit Bushs Amtsantritt 1989 eine Steigerung um 82 Prozent.
Rückblick auf 1991
Im Inland hat die Beschlagnahmung von Heroin durch
die amerikanische Drogenbekämpfungsbehörde DEA
gegenüber 1990 um 70 Prozent zugenommen, bei
Kokain ist sie um 19 Prozent und bei Marihuana um 28
Prozent gesunken. Die US-Zollbehörde meldete eine
15prozentige Zunahme der Beschlagnahmung von
Heroin, eine 3prozentige Steigerung bei Kokain und
eine 29prozentige Zunahme bei Marihuana. Die
Küstenwache verzeichnete keine Beschlagnahmung
von Heroin, aber eine 79prozentige Zunahme bei
Kokain, während sie nur ein Drittel des Marihuanas
beschlagnahmt hat, das 1990 gefunden wurde.
*

AMERIKA DIENST 2

Die DEA verzeichnet auch einen Rückgang der Beschlagnahmung von gefährlichen Drogen wie LSD und
PCP, bei der Aufdeckung geheimer Labors zur Herstellung von Amphetaminen und anderen Drogen sowie
der Beschlagnahmung von Geld und Vermögen. Die
Zahl der Verhaftungen blieb mit 22.900 relativ konstant, während die Ausrottung kultivierter Marihuanapflanzen, einschließlich Sinsemilla, um 12 Prozent
zurückging.
Bis Ende des Jahres hatten 53 Länder bindende
Instrumente zur Ratifizierung, zu Beitritt oder Zustimmung zur UN-Konvention über Drogenhandel von 1988
unterbreitet.
Der Londoner Weltwirtschaftsgipfel verabschiedete
die von der Arbeitsgruppe zur Bekämpfung chemischer Stoffe (Chemical Action Task Force - CATF)
empfohlenen Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von Chemikalien zur illegalen Drogenherstellung. Die CATF empfahl, daß 10 zusätzliche Chemikalien in die Kontrollbestimmungen der UN-Konvention über Drogenhandel von 1988 aufgenommen werden sollten. Die UN-Kommission zur Internationalen
Kontrolle von Betäubungsmitteln prüft eine US-Petition, der zufolge diese Chemikalien aufgenommen
werden sollten, und die Europäische Gemeinschaft
überarbeitet ihre Kontrollvorschriften für Chemikalien,
die am 1. Juli vergangenen Jahres in Kraft traten und
die CATF-Empfehlungen berücksichtigen.
Viele Länder haben Schritte zur Bekämpfung der
Geldwäsche unternommen. Paraguay hat zum Beispiel eine Vorschrift erlassen, daß Banken Überweisungen von über 10.000 Dollar melden müssen, und
die Schweiz hat angekündigt, 1992 anonyme Bankkonten abschaffen zu wollen. Kolumbien hat eine
interministerielle Arbeitsgruppe zur Bekämpfung von
Geldwäsche ins Leben gerufen, die von Präsident
Cesar Gaviria angewiesen wurde, Empfehlungen für
die Gesetzgebung auszusprechen.

* * *

*

Seite 3

�MARTIN

LUTHER

KING
15. Januar 1991

DAS MARTIN-LUTHER-KING-ZENTRUM FÜR
GEWALTFREIEN SOZIALEN WANDEL
von Kathryn Johnson
WASHINGTON - (AD) - Am 20. Januar 1992 wird in den Vereinigten Staaten der Geburtstag von Dr. Martin
Luther King Jr. als gesetzlicher Feiertag begangen. Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir den nachstehenden
Artikel, der sich mit Geschichte und Auftrag des Martin-Luther-King-Zentrums für gewaltfreien sozialen Wandel
in Atlanta (Georgia), Geburtsort und Wirkungsstätte von Dr. King, befaßt. Die Autorin ist Mitarbeiterin von Cable
News Network (CNN) in Atlanta (Georgia).

Es ist der Hüter seines Traums.
Dr. Martin Luther King Jr. wurde am 4. April 1968
ermordet, aber "Der Traum" lebt weiter im MartinLuther-King-Zentrum für gewaltfreien sozialen Wandel in Atlanta (Georgia).
Das Zentrum ist ein Gebäudekomplex, dessen Mittelpunkt Kings Grabstätte bildet - ein weißer Marmorsarkophag und eine ewige Flamme, die sich inmitten
eines Wasserbeckens, des "Reflecting Pool" befinden.
Daneben erhebt sich die Ebenezer Baptist Church, in
der King, sein Vater und sein Großvater in ihren
Predigten die Lehren von Menschenwürde und Gewaltlosigkeit verkündeten. Auf der anderen Straßenseite liegen das Martin Luther King Jr. Community
Center sowie das öffentliche Schwimmbad dieses
Stadtviertels. Ein paar Meter die Straße hinauf befindet sich Kings im viktorianischen Stil errichtetes Geburtshaus.
In diesen beiden Häuserblocks entlang der historischen Auburn Avenue kann man auch heute noch die
Wurzeln der Bürgerrechtsbewegung und das geistige
Zentrum des Amerikas des Schwarzen erkennen.
Das im Jahr 1968 gegründete Zentrum ist der Kristallisationspunkt der nationalen Bestrebungen, Kings
Traum und sein Vermächtnisder Gewaltfreiheit lebendig
zu erhalten. Sein Hauptziel ist die Bewahrung und
Förderung von Kings unvollendetem Werk durch Vermittlung, Interpretation, Befürwortung und Förderung
der Gewaltlosigkeit. Durch die unermüdliche Energie
Coretta Scott Kings findet seine Botschaft ein weltweites
Echo.
AMERIKA DIENST 2

Für Millionen schwarzer Amerikaner war Martin Luther
King Jr. der Prophet, der ihrem Kampf für rassische
Gleichberechtigung eine überzeugende Stimme verlieh. Er sprach ihr Leiden aus, rief ihren Schlachtruf für
Menschenwürde, derMann.derfürsie eine machtvolle
neue Waffe - den gewaltfreien Protest - als Taktik im
Kampf gegen die Rassentrennung schuf.
Für Millionen wei ßer Amerikaner gehörte King zu einer
Gruppe führender Persönlichkeiten, die eine Brücke
der Kommunikation zwischen den Rassen aufrechterhielten als um die Mitte der sechziger Jahre in den
Vereinigten Staaten ein Rassenkrieg drohte.
Im Jahr 1964 wurde King für "die konsequente Durchsetzung des Prinzips der Gewaltlosigkeit" der Friedensnobelpreis verliehen. Er erhielt diese Auszeichnung als dritter Schwarzer, 12. Amerikaner und jüngster Preisträger überhaupt in der Geschichte des Friedensnobelpreises.
Das King-Zentrum ist Teil einer nationalen historischen Gedenkstätte und zieht Jahr für Jahr Millionen
Touristen an. Bei ihrem Gang durch das zweistöckige
Geburtshaus Kings, während ihnen Geschichten aus
seiner Kindheit erzählt werden, können die Besucher
und ihre Kinder Andenken an den Kampf für die
Menschenrechte in Amerika sehen, berühren und
fühlen.
Ein Ausstellungssaal, der sich im Verwaltungs- und
Archivgebäude befindet, in dem auch Veranstaltungen
abgehalten werden, enthält die umfassendste Sammlung von Erinnerungsstücken an Kings Wirken über-

Seite 1

�haupt, darunter seine zahlreichen hochkarätigen
Auszeichnungen.

King schrieb diesen Brief im April 1963 an einen
weißen Geistlichen in dieser Stadt Alabamas, der ihn
kritisiert hatte, weil er den Massenprotest gegen die
In großen Glasvitrinen sind viele persönliche Gegen- Rassentrennungspraxis in dieser Stadt anführte. Bei
stände Kings ausgestellt. Er bevorzugte dunkle Anzü- dieser Demonstration war King festgenommen worge, von denen er einen trug, als ihn eine geistig den.
verwirrte Frau in New York zu erstechen versuchte.
Dieser Anzug sowie zahlreiche andere Artikel - ein- Darüber hinaus können Besucher die Unterlagen von
schließlich einer handschriftlich verfaßten Predigt und neun Bürgerrechtsorganisationen einsehen, darunter
des Schlüssels für sein Zimmer im Lorraine Motel in die Southern Christian Leadership Conference u nd der
Memphis (Tennessee), wo er erschossen wurde - Congress of Racial Equality, sowie 5.000 Bände von
gehören zu den Ausstellungsstücken.
Werken und Unterlagen zur afro-amerikanischen
Geschichte.
Mit Photographien und Begleittexten kann der Besucher Kings Leben zurückverfolgen, er kann Filme Die Bibliothek besitzt ferner die seltenen 87bändigen
ansehen, in denen die dramatischen Märsche und "Collected Works of Mahatma Gandhi", die von der
Demonstrationen im Süden während des Kampfs für indischen Regierung gespendet wurden. Hinter einer
Gerechtigkeit und Gleichheit in den sechziger Jahren Eichentür befindet sich ein klimatisierter,
noch einmal lebendig
abgeschlossener
werden. Ferner wird
Raum mit schätauch
an
Kings
zungsweise 500 Dokuenormen
Einfluß
menten und pererinnert, als sich die
sönlichen Stücken des
Turbulenzen
des
ehemaligen Führers
Rassenkonflikts auf
der Bürgerrechtsden Norden der Vereibewegung - darunter
nigten Staaten ausseine Uhr und seine
breiteten. Im EinLesebrille.
gangsbereich steht
eine große Statue mit
Im Zentrum nehmen
dem Titel "Behold". Sie
Studenten aus den
wurde von Patrick
gesamten Vereinigten
Morelli geschaffen, der
Staaten an Workshops
sie als universelle
über Gewaltlosigkeit
Verherrlichung des
teil, um Lösungen für
Lebens und fortdie scheinbar undauernde Ehrung für
lösbaren Probleme
Martin Luther Kings Grabstätte
Mut und Standvon Krieg, Gewalt und
haftigkeit des Menschen betrachtet
Rassenkonflikten zu finden. Das Stipendienprogramm
führt Studenten der besten Colleges und Universitäten
Die King-Bibliothek und das angeschlossene Archiv Amerikas zusammen, die an einemvoll angerechneten
beherbergen die weltweit größte Sammlung von Pri- Seminar über Geschichte, Philosophie und Methodik
märquellen zu King und der amerikanischen Bürger- der gewaltfreien Aktion teilnehmen.
rechtsbewegung, darunter auch den Großteil der perDie Freedom Hall ist eine internationale Konferenzsönlichen Unterlagen Kings.
und Kultureinrichtung mit einem großen Theater- und
Der Leiterder Öffentlichkeitsarbeit des Zentrums, Steve Konferenzsaal sowie einem Geschenkeladen. Das
Klein, bezeichnet es als "die beste Bürgerrechtsbiblio- Treppengeländer stammt von einem Sapeli-Baum aus
thek der Welt". Sie zieht zahlreiche Wissenschaftler, Nigeria. An einer Wand hängt ein Relief aus der
Schriftsteller, Forscher und Studenten aus vielen Republik Sambia mit dem Titel "Freedom and Justice".
Ländern an. Der leitenden Archivarin Diane Ware
zufolge wurde die Bibliothek im Jahr 1990 von nahezu Im Jahr 1968 wurde Kings Leichnam auf einem Eselskarren zum Southview Cemetery überführt. 1970
4.000 Personen aus 30 Ländern besucht.
wurden seine sterblichen Überreste dann in dem weiDer Besucher kann über 1.200 Predigten, Reden und ßen Marmorsarkophag beim Zentrum beigesetzt. Der
Manuskripte sowie 14.000 Briefe und Mitteilungen Sarkophag befindet sich auf einem kreisrunden PoKings in Augenschein nehmen, darunter seinen be- dest inmitten des "Reflecting Pool" von 82,8 Metern
rühmten "Brief aus dem Gefängnis in Birmingham". Länge, der den lebensspendenden Charakter des

Seite 2

AMERIKA DIENST 2

�Wassers symbolisiert. Coretta King zufolge ist der
Platz, an dem ihr Gatte heute ruht, derselbe Ort, an
dem er sich als Kind an Sommernachmittagen häufig
unter einer Eiche niedergelegt hatte.

gen wissenschaftlichen Edition der Reden, Predigten
und Korrespondenz von King und anderen Autoren.
Über 15.000 Forschungsanfragen wurden seit Beginn
des Projekts bearbeitet.

Als King im Jahr 1929 an der Aubum Avenue geboren
wurde, war das Viertel von einer dynamischen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung geprägt. Die
Geschichte der Aubum Avenue begann am Ende des
Bürgerkriegs (1861-65), als Schwarze auf der Suche
nach Freiheit ihre Chance in Atlanta suchten. Da sie
vom gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben der Stadt ausgeschlossen waren, taten sie
sich zusammen und begannen ihr Aufbauwerk.

Als zentrale Quelle für das Studium von Martin Luther
King Jr. und der Bürgerrechtsbewegung enthalten
diese Papiere seiner Witwe zufolge in erheblichem
Umfang noch unveröffentlichtes Material. Das Vorhandensein von Tonband- und Filmaufzeichnungen Mittel, die den meisten Forschern bisher nicht zur
Verfügung standen - trägt ebenfalls zur Einzigartigkeit
des Projekts bei.

Auburn wurde eine unabhängige, autarke schwarze
Gemeinde, die gleichzeitig den Kampf um Gerechtigkeit und Gleichheit innerhalb der Gesellschaft als
Ganzem fortführte. Auf der von einem der frühen
Bürgerrechtler Atlantas auf den Namen "Sweet Auburn" getauften Straße konnten Schwarze stolz erhobenen Hauptes einhergehen. Auburn brachte schwarze Führungspersönlichkeiten hervor, die ihr Leben und
ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. Sie wurden
Geistliche, Pädagogen, Verleger, Freiberufler und
Geschäftsleute. Bereits etabliert waren die großen
Kirchen der Auburn Avenue - Wheat Street Baptist, Big
Bethel und Ebenezer.
King wurde in dieses Viertel hineingeboren. Es war
zwar nicht rassisch gemischt, beherbergte jedoch
Angehörige aller sozialen Schichten.
Kings Geburtshaus wurde soweit möglich in dem
Zustand wiederhe.yestellt, in dem es sich bei Kings
Geburt im Ja'""' 1Q&lt;29 befand. Im Eingangsbereich
hängen mehrere Porträts, darunter eines des Reverend A.D. Williams, Kings Großvater mütterlicherseits.
Eine Treppe führt nach oben zu seinem Gebu rtszimmer,
einemgroßenSchlafzimmermitzweigroßen Fenstern,
stilvoll möbliert mit einem Doppelbett, einer Kommode
sowie einem Frisiertisch mit einem mannshohen Spiegel. In diesem Haus verbrachte King seine ersten 12
Lebensjahre.

Forscher werden in der Lage sein, nicht nur Entwürfe
und vorbereitete Texte sondern auch Reden und Predigten miteinander zu vergleichen, von denen keine
schriftlichen Aufzeichnungen existieren und so tiefere
Einblicke in wichtige Reden Kings zu gewinnen.
Das in Zusammenarbeit mit der kalifornischen Stanford University und unter der Leitung von Dr. Edward
Claybome Carson, Professor für Geschichte an dieser
Universität, durchgeführte Papers Project wurde aus
Mitteln der amerikanischen Nationalstiftung für Geisteswissenschaften, der Nationalen Kommission für
Historische Veröffentlichungen und Aufzeichnungen
sowie der Rockefeller-Stiftung finanziert
Das Zentrum arbeitet femer mit Bildungsinstitutionen
zusammen, um Filme und Dokumentationen zur Verfügung zu stellen, die in Tausenden von Klassenzimmern der gesamten Vereinigten Staaten gezeigt werden. Klein zufolge sind die Programme des Zentrums
heute wesentlich anspruchsvoller - so daß es ein
"lebendiges Laboratorium" für die Lehren der Gewaltlosigkeit darstellt.

Bei einer Führung erfährt der Besucher, daß King als
Junge auf dem Flurderoberen Etagegeme Brettspiele
spielte, daß er sich piekfein kleidete und sich als
kleines Kind häufig im Badezimmer versteckte, wenn
er mit dem Geschirrspülen an der Reihe war.

Das Zentrum entwickelt Aus-und Fortbildungsprogramme, damit Kinder, Jugendliche und Erwachsene
ihren gesellschaftlichen Status verbessern, ein positives Bild von sich selbst gewinnen und gleichzeitig
lernen können, Gewaltfreiheit im Alltagsleben zu praktizieren. Es arbeitet ferner mit Institutionen von Bundes- und Staatsregierungen sowie Gemeindeverwaltungen zusammen, um Strategien zur Verringerung
von Gewalt und Konflikten innerhalb von Familien, in
Schulen, am Arbeitsplatz, in Strafvollzugsanstalten, in
den Streitkräften, in Stadtvierteln und zwischen Nationen zu entwickeln.

Im Jahr 1984 wurde als Teil der anhaltenden Bemühungen zur Bewahrung des historischen Erbes der
Bürgerrechtsbewegung das Martin Luther King Jr.
Papers Project ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt des
Projekts steht die Zusammenstellung einer 12bändi-

Das Gemeindezentrum beherbergt ein Zentrum für
Vorschulerziehung, das Betreuung für Kinder aus
einkommensschwachen Familien bietet. Darüber
hinaus erlernen Eltern und Kinder dort die gewaltfreie
Bewältigung von Alltagsproblemen.

AMERIKA DIENST 2

Seite 3

�Das King-Zentrum wird in den Worten Coretta Kings
"dem Vermächtnis Martins nur dann gerecht, wenn wir
uns weiterhin den Problemen der Gewalt widmen, die
uns heute betreffen... Armut, Krieg und Ungerechtigkeit", und sie fügt hinzu: "Martins Vision existiert auch
heute noch unter uns... und das gleiche gilt für seine
Botschaft der Standhaftigkeit und Liebe."

Die Nationalparkverwaltung plant, weitere Häuser in
dem gleichen Block unter Denkmalschutz zu stellen
und zu restaurieren, in dem King geboren wurde. Die
nationale historische Gedenkstätte umfaßt 67 Wohnund Geschäftshäuser in unterschiedlichem
Erhaltungszustand. Die meisten wurden zwischen
1890 und 1910 erbaut.

Gegenüber von Kings Geburtshaus stehen zum Beispiel zahlreiche bescheidenere Häuser. Diese als
"Shotgun"-Häuser bezeichneten Gebäude wurden um
das Jahr 1905 errichtet. Bei den "Shotgun"-Häusem
sind die einzelnen Räume hintereinander angeordnet,
wobei die Wände in der Mitte Türen aufweisen und
keine Flure existieren. Einer Redensart zufolge konnte
Nach einigem Nachdenken erklärt Frau King heute, man, wenn alle Türen geöffnet waren, ein Gewehr
daß die Welt erhebliche Fortschritte auf dem Weg zu (shotgun) durch die Eingangstüre abfeuern, und die
mehr Freiheit, Menschenrechten und Frieden gemacht Kugel würde am Hinterausgang wieder austreten ohne
habe. Sie glaubt, daß das King-Zentrum mit Program- irgend etwas getroffen zu haben.
men für Gruppen aus Deutschland, den Philippinen,
Griechenland, der Sowjetunion, Nordirland, Südafrika Arbeiter in den "Shotgun"-Häusern, Freiberufler in
und anderen Ländern seinen Teil dazu beigetragen größeren Anwesen - Akademiker, Arbeiter, arm und
reich, gebildet und ungebildet - sie alle wohnten an der
hat.
Auburn Avenue.
"Obwohl der kalte Krieg beendet wurde, haben uns die
Krise am Persischen Golf gemeinsam mit dem Fortbe- Viele sind der Ansicht, daß King in seiner Jugend
stehen der Apartheid und dem Leid am Hörn von Afrika dadurch beeinflußt wurde, daß er miterlebte, wie
daran erinnert, wieviel wir noch tun müssen, bevorwir Menschen verschiedener Herkunft miteinander arbeiDr. Kings Traum von einer Welt ohne Armut, Rassis- teten, lebten und in der Nachbarschaft zusammenarmus und Gewalt verwirklichen können", erklärt Frau beiteten.
King.
King wuchs darüber hinaus in einem religiösen und
Im Jahr 1990 besuchte sie mit mehreren Mitarbeitern gesellschaftlich aktiven Elternhaus auf, das von Mendes Zentrums Südafrika, um an der Gründung eines schen geprägt war, die Leistungen vollbrachten und
King-Luthuli-Zentrums mitzuwirken, die Lehren von sich Ziele setzten.
King zu verbreiten und damit zum Ende der Apartheid
beizutragen. Das Zentrum hat darüber hinaus in den In den zwanziger Jahren führte sein Großvater, der
Vereinigten Staaten umfangreiche Feiern zum Ge- Prediger A.D. Williams, den Boykott einer Zeitung an,
burtstag von Mahatma Gandhi im Oktober 1990 aus- die für ihre zahlreichen negativen Artikel über Schwargerichtet. Coretta King zufolge will es auch einen ze berüchtigt war. In den dreißiger Jahren war sein
sinnvollen Beitrag zu den Olympischen Spielen 1996 in Vater, der Reverend Martin Luther ("Daddy") King Sr.
Anführer einer Kampagne für die gleiche Bezahlung
Atlanta leisten.
schwarzer und weißer Lehrer in Atlanta. In den vierziDas Zentrum spielt ferner eine wichtige Rolle als Teil ger Jahren beteiligte sich King Sr. aktiv an Kampagnen
der nationalen historischen Gedenkstätte und des zur Registrierung schwarzer Wähler.
unter Denkmaschutz gestellten Viertels, das im Jahr
1980 zum Teil des US-Nationalparksystems erklärt Heute führt das Zentrum diesen sozialen Aktivismus
wurde. Der Leiter des Martin Luther King Jr. Historie fort. Darüber hinaus bietet es als Erinnerungsstätte an
Site, Jerry Belson, stellt fest, der Zweck sei die Ehrung King den Gemeinden, Organisationen und EinzelperKings sowie der Schutz und die begleitende Erläute- sonen Hilfe bei der Organisation von Veranstaltungen
rung der Orte gewesen, an denen er geboren wurde, zum Geburtstag von Martin Luther King. Darüber
arbeitete, betete und beigesetzt wurde. Durch den hinaus bildet es das Kernstück von Kings Stadtviertel
Schutz und die Restaurierung wichtiger Gebäude in - einer blühenden Gemeinde, in der Menschen leben,
diesem Bezirk trägt die Nationalparkverwaltung der ihren Alltagsgeschäften nachgehen und sich bei warVereinigten Staaten dazu bei, daß Besucher einen mem Wetter einer Fülle kostenloser kultureller VeranEindruck von den bemerkenswerten Erfolgen der staltungen im Freien, am "Reflecting Pool" erfreuen
Schwarzen in Atlanta zu Beginn des 20. Jahrhunderts können.
gewinnen.

Den ersten Spatenstich für das Zentrum tat Coretta
King am 15. Januar 1975, dem Tag, an dem ihr Mann
46 Jahre alt geworden wäre. Sieben Jahre später
wurde es offiziell eröffnet. Als in vielen unterschiedlichen Bereichen tätige Institution erhielt das Zentrum
staatliche Zuschüsse und privaten Spenden.

Seite 4

AMERIKA DIENST 2

�"Das Zentrum bewegt auch heute noch Herzen und
Geist von Menschen überall", stellt Coretta King fest
und verweist dabei auf die Gästebücher mit Eintragungen von Besuchern aus Brasilien, Japan, Schweden,
Deutschland, Griechenland und vielen anderen Ländern. Über die Besucher sagt sie:

"In dem Maß, in dem das King-Zentrum in diesen
Herzen und Seelen Gnade und Liebe stimulieren kann,
können wir sicherstellen, daß es nicht zum Monument
für Martins Tod sondern zu einem Meilenstein der
Größe und des Lebens wird."

* * * *

AMERIKA DIENST 2

*

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�W A H L E N '92
15. Januar 1992

DREI PHASEN DER PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLEN
Vowahlen, Konvente und die Präsidentschaftswahlkampagne
WASHINGTON - (AD) - Die Präsidentschaftswahlkampagne begann dieses Mal schleppender als sonst,
aber das ändert sich sehr schnell: inzwischen stellen
sich mehr als sechs Kandidaten, Themen werden
debattiert und Programme vorgestellt, und im kommenden Monat werden die ersten offiziellen Schritte in
dem nahezu ein Jahr dauernden Wahlproze ß erfolgen.
Wie alle vier Jahre wird ein dreistufiger Prozeß stattfinden, in dem festgelegt wird, wer die Vereinigten Staaten in den nächsten vier Jahren führen wird.
Stufe eins besteht aus den Vorwahlen oder Parteiversammlungen in den 50 Bundesstaaten und dem District of Columbia, wobei in jeder der wichtigsten
politischen Parteien eine Kandidatenliste vorliegt. Stufe
zwei sind die nationalen Nominierungskonvente der
Demokraten und Republikaner, bei denen jede Partei
ihren Kandidaten offiziell wählt. In der letzten Phase
reisen die nominierten Kandidaten zwei Monate lang
quer durch 'lz.z Land, um Wählerstimmen für die
landesweiten Wahlen am 3. November zu gewinnen.
Nach Ansicht des erfahrenen politischen Beobachters
Thomas Mann von der Brookings Institution handelt es
sich hierbei um "einen sich ständig verändernden
komplexen Prozeß". Mann erläuterte ferner, im Hinblick auf einzelne Kandidaten oder Probleme träten
Fragen auf, die vor einem Monat bei den Wahlen noch
keine Rolle gespielt hätten oder an die niemand gedacht hätte.
Insgesamt wird dies ein Jahr der Reden, Kundgebungen, Medienspektakel, Werbekampagnen, Slogans
und oftmals nicht eingelösten Wahlversprechen. Auf
dem Spiel stehen nicht nur die Präsidentschaft, sondern auch 12 Gouverneursposten der Bundesstaaten,
35 Senatssitze und alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus.
Die Demokraten kontrollieren beide Häuser des Kongresses mit einer großen Mehrheit, und es gibt keinen
Grundzu der Annahme, daß die Republikanerin einem
von beiden die Kontrolle erlangen können, egal wie die
Präsidentschaftswahl ausgeht. In den ersten 165
Jahren der amerikanischen Geschichte hat die eine

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oder andere politische Partei den Kongreß und das
Präsidentenamt nur vierzehn Jahre lang gleichzeitig
innegehabt. Vor 35 Jahren hat sich jedoch die Philosophie der Wähler verändert, und seitdem haben sich
in allen - außer 12 - Jahren Demokraten und Republikaner die Regierung geteilt. Meinungsumfragen zeigen, daß die meisten Wähler jetzt dieses System der
gegenseitigen Kontrolle und geteilten Verantwortung
zwischen den beiden Teilen der Regierung vorziehen.
Die Wahlkampagne beginnt traditionell in Iowa, wo
sich dieses Mal am 10. Februar die Bürger des Staates
in Bezirksversammlungen treffen, um öffentlich einem
Präsidentschaftskandidaten ihre Unterstützung zu
bekunden. In einer komplizierten Berechnung von
Prozentsätzen gewinnen die Kandidaten eine anteilige
Zahl von Delegierten für die Konvente der Bezirke und
Bundesstaaten, die dann ihrerseits bestimmte Delegierte in die nationalen Nominierungskonvente wählen. Die nationale Aufmerksamkeit konzentriert sich
auf die Versammlungen in Iowa als dem ersten Test für
den Pulsschlag der amerikanischen Wähler.
Acht Tage später findet die erste Vorwahl in New
Hampshire statt, und das aufreibende Tempo wird bis
zum 2. Juni anhalten, wenn in Kalifornien und vier
anderen Staaten die Saison der Vorwahlen und Parteiversammlungen endet. Der sogenannte Super Tuesday fällt auf den 10. März, weil dann in 11 Staaten zumeist im Süden - die Vorwahlen stattfinden.
Obwohl Präsident Bushs Kandidatur zur Wiederwahl
bisher noch nicht offiziell bekanntgegeben wurde, hat
er die notwendigen Schritte unternommen, um auf den
Stimmzetteln für die Vorwahlen aufgeführt zu werden,
und seinem Büro zufolge wird die formelle Erklärung in
Kürze folgen. Bush genie ßt nicht den Vorzug, automatisch von der Republikanischen Partei zur Wiederwahl
nominiert zu werden. Er muß um seine erneute
Nominierung kämpfen. Herausforderer sind der konservative Kolumnist und Fernsehkommentator Pat
Buchanan sowie der ehemalige Ku-Klux-Klan-Führer
David Duke. Duke bewirbt sich ohne den Segen der
Republikanischen Partei, die in zahlreichen Staaten
sogar versucht, seinen Namen nicht auf den Stimmzetteln erscheinen zu lassen.

Seite 1

�Bei den Demokraten treten fünf Bewerber an: Der
Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, Senator Tom
Harkin aus Iowa, Senator Bob Kerrey aus Nebraska,
der ehemalige Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown
sowie der frühere Senator Paul Tsongas aus Massachusetts. Alle sind in ihren Heimatstaaten sehr bekannt, haben aber ein geringes nationales Profil.
Mehr Aufmerksamkeit als die Bewerber erregten diejenigen politischen Persönlichkeiten, die ankündigten,
sich nicht um eine Kandidatur zu bemühen. Prominentester Vertreter in diesem Kreis, zu dem auch der
Bürgerrechtler und ehemalige Präsidentschaftskandidat Jesse Jackson gehört, ist der Gouverneur von New
York, Mario Cuomo.
Einer der erklärten Kandidaten, der Gouverneur von
Virginia, Douglas Wilder, hat seine Bewerbung bereits
zurückgezogen und dabei erklärt, er müsse seinem
Staat beim Kampf gegen die Rezession helfen. Mehrere
andere werden erwartungsgemäß im Lauf der Vorwahlkampagne aufgeben, und am Tag der Nominierungskonvente wird wahrscheinlich in jeder Partei ein
Kandidat genügend Stimmen von Delegationen aus
den Bundesstaaten besitzen, um die Nominierung
sicherzuhaben.
Dieses Szenarium kann jedoch die Demokraten nicht
von ihrer Geschichte langwieriger Vorwahlschlachten
befreien. Die führenden Köpfe der Partei sähen es am
liebsten, wenn ein Kandidat schon frühzeitig in Führung ginge und zur Mitte der Vorwahlen bereits die
Nominierung in der Tasche hätte, was diesem Bewerber dann einen fliegenden Start in den Präsidentschaftswahlkampf ermöglichen würde.
Bis zum 17. März wird bereits die Hälfte der Delegierten für die Nominierungskonvente in verschiedenen
Vorwahlen ausgewählt sein. Die Demokratische Partei wendet in jedem Staat ein Verhältniswahlrecht an,
bei dem die Prozentzahl der auf einen bestimmten
Kandidaten festgelegten Delegierten auf dem Anteil
der für ihn abgegebenen Stimmen beruht. Die Republikaner benutzen dagegen das Alles-oder-Nichts-Prinzip, nach dem alle Delegiertenstimmen demjenigen
zufallen, der aus einer Vorwahl als Sieger hervorgeht.
Die Rolle der Konvente - die dieses Mal für die Demokraten Mitte Juli in New York und für die Republikaner
Mitte August in Houston stattfinden - wurde im Lauf der

Zeit immer geringer, da die im Vorwahlkampf erfolgreichen Kandidaten schon im ersten Wahlgang von den
Delegierten aus den Bundesstaaten zum Präsidentschaftskandidaten gewählt wurden. Die Konvente
erschöpfen sich heute vornehmlich in der Verabschiedung der Wahlkampfplattform, der Zustimmung zu
dem von dem nominierten Präsidenschaftskandidaten
ausgewählten Vizepräsidentschaftskandidaten und
dienen darüber hinaus als nationale Bühne für Kandidaten und Programme der jeweiligen Partei.
Das Wochenende zum Tag der Arbeit Anfang September bildet traditionell den Auftakt zum Präsidentschaftswahlkampf der von beiden Parteien nominierten Kandidaten, der von ständigen Reisen in Begleitung eines
großen Pressekorps gekennzeichnet ist. Bisweilen
kreuzen sich dabei ihre Wege, besonders bei der
Teilnahme an einem landesweit übertragenen Streitgespräch im Femsehen, das von einer überparteilichen Organisation veranstaltet wird. Damit erhalten
die Wähler eine Gelegenheit, die Ansichten der Kandidaten zu verschiedenen Themen zu vergleichen.
Die meisten politischen Beobachter gehen davon aus,
daß der Zustand der amerikanischen Wirtschaft, die
sich zur Zeit in einer Rezession befindet, das wichtigste Thema des Wahlkampfs 1992 sein wird. Niemand
kann mit Sicherheit vorhersagen, wie das Bild am
Ende des Wahlkampfs aussehen wird, aber allgemein
wird angenommen, daß es der Amtsinhaber leichter
hat, seine Position zu behaupten, wenn sich die Wirtschaftslage zu diesem Zeitpunkt nicht weiter verschlechtert.
Auf allen Regierungsebenen von der Gemeinde bis zur
Bundesregierung verwenden die Kandidaten viel Zeit
und enorme Geldsummen darauf, um die Stimmen
einer äußerst kleinen Wählergruppe, der sogenannten
"Wechselwähler", zu kämpfen. Der politische Beobachter Harrison Hickman, Inhaber eines eigenen Meinungsforschungsinstituts, meint, daß vor zahlreichen
Wahlen der Vergangenheit 45 Prozent als Wähler der
Repu blikaner und 40 Prozent als Wähler der Demokraten galten. Damit blieben Hickman zufolge 15 Prozent
Unentschlossene übrig, die deshalb die einzig echte
Zielgruppe für die Jagd der Kandidaten nach Stimmen
seien. Diese Jagd wird mit großer Intensität gefüh t,
die schließlich mit der Stimmabgabe am 3. November
ihren Abschluß findet - bis zum nächsten Mal.

* * * * *

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�US-AUSSENPOLITIK
15. Januar 1992

ENTSTEHUNG UND GESTALTUNG DER
AMERIKANISCHEN AUSSENPOLITIK
von Barbara Beroth
In dem nachfolgenden Artikel stellt Barbara Beroth, freie Journalistin in Washington, die an der Gestaltung der
amerikanischen Außenpolitik beteiligten Kräfte und Persönlichkeiten vor.
Ende 1945 lag der Großteil Europas nach sechs
Jahren eines verheerenden Krieges in Schutt und
Asche. Unzählige Wohnhäuser und Fabriken waren
zerstört. Brücken existierten nicht mehr, Straßen und
Schienenwege waren schwer beschädigt. Die Bauern
hatten kaum Saatgut und Dünger, um den Anbau auf
dem verwüsteten Boden wiederaufzunehmen. Selbst
die erzeugten Nahrungsmittel erreichten aufgrund der
zerstörten Verkehrswege nur unter Schwierigkeiten
die städtischen Ballungsgebiete.
Der Zweite Weltkrieg brachte nicht nur für Europa
sondern auch für r"« Zielrichtung der amerikanischen
Außenpolitik erhebliche Veränderungen, war es doch
dieser Krieg gewesen, der die Vereinigten Staaten von
einem nach innen gewandten mit seinen eigenen
Problemen beschäftigten zu einem nach außen, auf
internationale Lösungen und internationale Maßnahmen orientierten Land machte.
An keinem anderen Beispiel kam dies so klar zum
Ausdruck wie beim Marshallplan von 1947. Begründung, Entwicklung und Verwaltung des Plans (der
offiziell als Europäisches Wiederaufbauprogramm
bezeichnet wurde) zeigen, wie Außenpolitik in den
Vereinigten Staaten zustandekommt und welche
Auswirkungen amerikanische Maßnahmen für andere
Staaten haben können.
Am 5. Juni 1947 stand der amerikanische Außenminister George C. Marshall, der im Zweiten Weltkrieg
Stabschef und General des Heeres gewesen war, vor
einem Abschlußjahrgang der Harvard University in
Cambridge (Massachusetts), wo ihm die Ehrendoktorwürde verliehen werden sollte. Er sprach über seine
Hoffnungen und Pläne zum Wiederaufbau Europas.
Nachdem er die immer noch in Europa bestehenden
verzweifelten Bedingungen beschrieben hatte (obwohl bereits durch das Hilfswerk der Vereinten Nationen für den Wiederaufbau ein gewisses Maß an Hilfe
gewährt worden war), erklärte Marshall:
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"Unsere Politik ist nicht gegen irgendein Land
oder eine Doktrin, sondern gegen Hunger, Armut,
Verzweiflung und Chaos gerichtet. Ihr Zweck
sollte es sein, die Weltwirtschaft wiederherzustellen, um das Entstehen politischer und sozialer Verhältnisse zu ermöglichen, unter welchen
freie Institutionen existieren können."
Dies war der Beginn eines neuen Ansatzes in der
Außenpolitik und Auslandshilfe - nicht nur Hunger und
Armut zu bekämpfen, sondern die Systeme an sich,
die sie hervorbrachten.
Marshall stellte darüber hinaus fest: "Es wäre für die
amerikanische Regierung weder passend noch wirksam, einseitig ein Programm zu entwerfen, das bestimmt, wie Europa wirtschaftlich wieder auf die Füße
gestellt werden kann. Das ist die Aufgabe der Europäer selbst."
Und so geschah es dann auch. 18 europäische
Staaten beschlossen, an dem Programm teilzunehmen. Die Sowjetunion und die Länder Osteuropas
waren zur Teilnahme eingeladen, lehnten jedoch ab.
Die Teilnehmer trafen sich am 12. Juli 1947 als Konferenz über europäische wirtschaftliche Kooperation in
Paris. Es war eine Konferenz voller Debatten - wieviel
Verantwortung und welchen Anteil an der Leitung
sollten die Europäer für einen Plan übernehmen, der
von den Vereinigten Staaten finanziert werden würde?
Und wieviel "Führung" sollten die Vereinigten Staaten
haben, und mit welchem Nachdruck sollten sie diese
ausüben, denn es mußte ja letztlich ein Plan erarbeitet
werden, der für den amerikanischen Kongreß als
Kontrollinstanz über die Mittel eines solchen Programms annehmbar war.
Des weiteren wurde darüber debattiert, wieviel Kapital
erforderlich wäre (die Europäer gingen anfänglich von
29,2 Milliarden Dollar für ein Vierjahresprogramm aus,
Seite 1

�was jedoch von den Vereinigten Staaten für zu hoch
gehalten wurde) und welche Rolle das besiegte und
geteilte Deutschland bei den Wiederaufbauplänen
spielen sollte. (Die Vereinigten Staaten brachten
schließlich über 13 Milliarden Dollar für diesen Plan
auf.)
Während die Konferenz in Übersee stattfand, gingen
Präsident Harry S. Truman und seine Administration
an die Arbeit, um den Plan dem amerikanischen Volk
und dem Kongreß näherzubringen, dessen gewählte
Mitglieder in Repräsentantenhaus und Senat sehr
aufmerksam die Stimmung des amerikanischen Wählers
verfolgten.
Der Marshallplan - wie er später genannt wurde - stand
ziemlich im Einklang mit der Linie Trumans und seiner
Administration. Marshall konzipierte seinen Plan,
nachdem er solide Ratschläge von innerhalb und
außerhalb des Außenministeriums eingeholt hatte. Es
war fast schon eine Frage, wer "die Rede" als erster
halten würde.
George F. Kennan, ein Karrierediplomat, der von
Marshall zum Leiter des politischen Planungsstabes
im Außenministerium ernannt worden war, gab seine
Ansicht zu den Elementen eines solchen Plans mit den
Worten wieder, daß "es einen vier- oder fünfjährigen
Gesamtplan geben sollte; es darf kein Stückwerk von
einem Jahr zum anderen stattfinden."
Truman schuf drei Sonderausschüsse, um die Angelegenheit zu untersuchen. Ein Ausschuß beschäftigte
sich mit dem Verhältnis zwischen amerikanischen
Bodenschätzen und europäischem Wiederaufbau, ein
anderer untersuchte die Auswirkungen eines umfangreichen Hilfspakets auf die amerikanische Wirtschaft
und der dritte, den man als den wichtigsten ansah,
erarbeitete eine detaillierte Analyse des europäischen
Bedarfs auf regionaler und Rohstoffbasis, anstatt jedes Land einzeln zu untersuchen. Der von dem
ehemaligen Wirtschaftsminister W. Averell Harriman,
der von 1943 bis 1946 amerikanischer Botschafter in
der Sowjetunion gewesen war, geleitete dritte Ausschuß war eine aus Bankiers, Vertretern von Industrie
und Gewerkschaften, Verwaltungsfachleuten von
Universitäten und einem ehemaligen US-Senator
zusammengesetzte Gruppe.
Aufgrund der Dringlichkeit des Bedarfs bat der Präsident im Dezember 1947 um Nothilfe für Europa im
Winter 1947/48, die vom Kongreß gewährt wurde.
Nach einigen Debatten und mehreren Anhörungen im
Kongreß wurde das Gesetz zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Europa im Jahr 1948 vom Kongreß
verabschiedet. Für das erste Jahr des Programms
wurden 4,3 Milliarden Dollar bewilligt. Das Gesetz trat
am 3. April 1948 in Kraft.
Die nächste Frage bestand darin, wer das Hilfsprogramm aus amerikanischer Sicht verwalten sollte. Der
Seite 2

Kongreß war nicht bestrebt, dem Außenministerium
die Programmaufsicht zu übertragen. Das Außenministerium stimmte in der Annahme zu, daß der zeitaufwendige und detaillierte Charakter des Projekts nicht
mit den anderen Funktionen des Ministeriums vereinbar wäre. Deshalb wurde entschieden, zur Verwaltung
des Programms eine neue autonome Behörde ins
Leben zu rufen. Der Unternehmer Paul G. Hoffman,
Präsident des Automobilkonzems Studebaker, wurde
als deren Leiter berufen. Hoffman war bereits Mitglied
im Ausschu ß Averell Harrimans gewesen, und nun war
Harriman an der Reihe, in Hoffmans Behörde als
Sonderbeauftragter für den Marshallplan in Europa zu
dienen. In der Zwischenzeit hatten die europäischen
Staaten in Paris die Organisation für Europäische
Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEWZ) gegründet.
Hier also war amerikanische Außenpolitik in der Entstehung begriffen. Außenminister George C. Marshall, ein Mitglied im Kabinett des Präsidenten und
verdienter Offizier, stand vor einem Publikum in Harvard, das nicht nur Dozenten und Studenten sondern
auch die Presse umfaßte, um einen Plan zu vermitteln,
der zu seiner Verwirklichung die Führung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, die Zustimmung und
Finanzierung des Kongresses sowie die Aufsicht eines
Unternehmers und zu seiner Unterstützung die Akzeptanz beim amerikanischen Volk erforderte.
Der Marshallplan hatte seine Kritiker: diejenigen, die
gegen ein weiteres Engagement in Europa waren,
insbesondere zu so hohen Kosten für den amerikanischen Steuerzahler, diejenigen, die ihn als zu provokativ für die Sowjetunion erachteten, und diejenigen, die
in ihm nur einen weiteren Versuch zur Öffnung von
Märkten für amerikanische Produkte sahen.
Diese Argumente waren jedoch nichtig angesichts der
vordringlichen Bedürfnisse der Völker Europas und
einer übermächtigen Besorgnis - zu verhindern, daß
Europa erneut in einen Krieg verstrickt wurde. Die
Lektion des Ersten Weltkriegs (1914 -1918) lautete:
ein vernichtender Friedensvertrag, der sehr viele
Ressentiments hervorrief und lähmende Reparationszahlungen von den Besiegten verlangte, die letztlich
wirtschaftliche Depression und den Zweiten Weltkrieg
zur Folge hatten.
Handelsbelange haben stets eine wichtige Rolle in der
amerikanischen Außenpolitik gespielt. Was sich seit
dem Zweiten Weltkrieg verändert hat, ist das Engagement.
Ende des 18. Jahrhunderts, als die Vereinigten Staaten eine unabhängige Nation wurden, wollten sich die
politisch Verantwortlichen in Amerika aus der europäischen Politik und den damit einhergehenden Bündnissen heraushalten. Sie kannten die lange Geschichte
europäischer Konflikte und vertraten die Auffassung,
die Unterstützung des einen oder anderen Landes
würde sie nur in diese Konflikte hineinziehen.

AMERIKA DIENST 2

�Von Präsident George Washington (1789 - 1797),
dessen Devise lautete, "sich von permanenten Bündnissen mit irgendeinem Teil der übrigen Welt fernzuhalten", bis zu Präsident Thomas Jefferson (1801 1809), der von verwickelnden Bündnissen sprach, war
die amerikanische Außenpolitik derart formuliert, solche Konflikte zu vermeiden. Die riesige Distanz zwischen Europa und Nordamerika tat ein übriges.
Während heute der Begriff "Isolationismus" als Politik
des Rückzugs eines Landes aus Bündnissen und Verpflichtungen gegenüber anderen Nationen definiert
wird, bedeutet isoliert, losgelöst oder getrennt zu sein,
und die natürlichen Grenzen der Vereinigten Staaten
und ihrer Nachbarländer spielten eine wichtige Rolle in
außenpolitischen Entscheidungen. Reisen, die heute
Stunden dauern, wurden damals in Wochen, wenn
nicht Monaten gemessen.
Die natürlichen Grenzen des Landes erlaubten den
Vereinigten Staaten eine Entwicklung in relativer Sicherheit und Frieden. Darüberhinaus entwickelte sich
ein optimistischer Zug des amerikanischen Charakters, der solche Sicherheit fördert. Der letzte größere
Krieg auf amerikanischem Boden unter Beteiligung
einer anderen Nation (Großbritannien) war der Krieg
von 1812 - ein in beiden Ländern höchst unpopulärer
Krieg. Er entstand vornehmlich aus dem andauernden
britisch-französischen Konflikt (den Napoleonischen
Kriegen), und war genau die Art von Verwicklung, die
die amerikanischen Politiker zu vermeiden gehofft
hatten. Aber nachdem man sich amerikanischer Schiffe
und Seeleute bemächtigt hatte (die Briten behaupteten, die Seeleute «eion britische Staatsbürger - einige
waren es, andere nicht), und Versuche unternommen
wurden, die &amp;. germanischen Schiffe von französischen
Häfen fernzuhalten, war Krieg unvermeidbar. Am
Ende gab es keine echten Gewinner, obwohl die
Amerikaner das Gefühl hatten, einen Erfolg errungen
zu haben und die Briten sehr großzügigen Friedensbedingungen zustimmten, mit denen praktisch der Status
quo wiederhergestellt wurde.
Andererseits gaben die europäischen Konflikte den
Vereinigten Staaten jedoch die Möglichkeit, ihrTerritorium durch Verträge und Verhandlungen zu erweitern,
einschließlich des direkten Kaufs von Land.
Der Kauf von Louisiana war eine solche Vereinbarung.
1803 befahl Napoleon seinem Außenminister Talleyrand, das gesamte französische Territorium Louisiana
(die westliche Hälfte des Mississippi-Beckens) den
Vereinigten Staaten zu einem Preis von rund 15 Millionen Dollar anzubieten. Was genau verkauft wurde,
war nie klar, aber mit diesem einen Kauf verdoppelten
die Vereinigten Staaten ihr Gebiet.
Das soll nicht hei ßen, daß die amerikanischen Politiker
sämtliche Konfrontationen mit europäischen Mächten
vermieden. Was sie zu umgehen versuchten, waren

AMERIKA DIENST 2

Bündnisse in diesen Konfrontationen. Die Monroedoktrin - noch heute Bestandteil des diplomatischen Vokabulars - ist ein solcher Fall. Bis 1823 hatten eine Reihe
ehemaliger spanischer Kolonien in Lateinamerika ihre
Unabhängigkeit erhalten, bestimmte europäische
Mächte wollten jedoch die spanische Herrschaft wiederhergestellt sehen. Sowohl Großbritannien als auch
die Vereinigten Staaten erhoben Einwände. Die Vereinigten Staaten waren femer über einen möglichen
russischen Vorstoß und die russische Besiedlung im
pazifischen Nordwesten besorgt. Großbritannien schlug
ein gemeinsames Vorgehen zu Lateinamerika vor. Die
Vereinigten Staaten lehnten diesen Vorschlag ab.
Statt dessen legte Präsident James Monroe (1817 1825) seine Doktrin in der traditionellen Jahresansprache des Präsidenten vor dem Kongreß dar, in der er
unter anderem feststellte: "die amerikanischen Kontinente dürfen aufgrund des freien und unabhängigen
Status', den sie errungen haben und bewahren, fortan
nicht mehr als Objekt künftiger Kolonialisierung durch
irgendeine europäische Macht angesehen werden..."
Das war eine kühne Doktrin für eine neue - und noch
immer schwache - Nation. Was zu ihrem Funktionieren beitrug, war die Zustimmung Großbritanniens zu
dieser Politik, und - was noch wichtiger war - die
mächtige britische Marine, die zwischen Europa und
Lateinamerika stand.
Amerika wuchs weiter, gelegentlich zur kurzsichtigen
Belustigung seiner Bürger. 1867 verhandelte Außenminister William Henry Seward mit dem russischen Zar
über den Kauf von 1.524.640 kmz nahezu unbekannten Landes zum Preis von 7,2 Millionen Dollar. Zu
jener Zeit wurde der Kauf als "Sewards Torheit" und
"Sewards Eisfach" verspottet. Es handelte sich um
das Gebiet Alaska.
In dem Maße, in dem Amerikas Wirtschaftsmacht
wuchs, nahm sein internationales Engagement zu.
Der spanisch-amerikanische Krieg von 1898 und der
Erste Weltkrieg waren nur Vorläufer des entscheidensten Engagements - des Zweiten Weltkriegs. Innenpolitische Belange konnten nicht länger getrennt von
der Außenpolitik betrachtet werden. Verteidigungsausgaben, die Kosten der Auslandshilfe, multinationale Unternehmen und Handel, Menschenrechtsfragen all dies bedeutete, daß "Verwicklungen" globalen
Ausmaßes jetzt zur Tagesordnung gehörten.
In seinem 1988 erschienenen Buch Diplomacy and
the American Democracy schreibt der ehemalige
amerikanische Botschafter in Libyen, Indonesien und
auf den Philippinen, David D. Newsom:
"Die Tatsache, daß sich Außenpolitik auf innenpolitische Belange gründet, ist ein Zeichen der Stärke, nicht
der Schwäche. Die Außenpolitik einer Demokratie
kann nicht effektiv sein, wenn sie nicht letztlich Unterstützung im Inland erfährt."

Seite 3

�Obwohl der amerikanische Präsident zweifelsohne die
Führungsrolle übernimmt und den Kurs der heutigen
Au ßenpolitik bestimmt, gibt es enorme Kräfte, die auf
ihn wirken: der Kongreß mit seinen Bewilligungsprivilegien und der Macht seiner Stimmen, die amerikanisehen Wähler, die sowohl die Kongreßabgeordneten
als auch den Präsidenten wählen, und eine freie und
unabhängige Presse.
Letztlich zählen die Resultate. Im Juni 1952, als der
Marshallplan auslief, lag die europäische Industriepro-

duktion 35 Prozent über dem Niveau der Vorkriegszeit
und die Agrarproduktion 10 Prozent darüber. Der
Marshallplan hat funktioniert. Anfangs vornehmlich für
die Beschaffung von Nahrungsmitteln, landwirtschaftlichem Gerät, Düngemitteln und Futter, Maschinen
und Material für den Fertigungsbereich gedacht, wurde der Plan auf Militärhilfe und Bündnisse ausgedeht
(die NATO wurde 1949 gegründet). Heute liegt die
Bedrohung eines Dritten Weltkriegs in weiter Feme
u n d i s t i m Verschwinden begriffen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 2

�WELTWIRTSCHAFT
15. Januar 1992

EINE STRATEGIE FÜR WELTWEITES
WIRTSCHAFTSWACHSTUM
Eine Übersicht des Weißen Hauses
TOKIO - (AD) - Am 8. Januar 1992 haben Präsident Bush und der japanische Premierminister Miyazawa eine
gemeinsame Strategie zur Förderung einer weltweiten wirtschaftlichen Erholung angekündigt. Dazu veröffentlichte das Weiße Haus die folgende Übersicht.
Die Strategie
Die Strategie ist eine wichtige Deklaration der jeweiligen Verpflichtungen, die von den Vereinigten Staaten
und Japan zur Förderung des Wirtschaftswachstums
übernommen werden. Die Strategie trägt der Tatsache Rechnung, daß Wirtschaftswachstum das wichtigste Anliegen der Weltwirtschaft ist, und sie ist deshalb
als kooperative politische Antwort konzipiert, um das
Wachstum der Weltwirtschaft zu stärken. Die Effektivität der Strategie würde durch die Einbeziehung weiterer Länder noch verbessert, und wir haben Gespräche mit den anderen Mitgliedstaaten der G-7 eingeleitet, um deren Ansichten über die Möglichkeit einer
Erweiterung ^mzunolen.
Die wirtschaftlichen Aussichten
Das Wachstum ist in den G-7-Ländern von 2,6% im
Jahr 1990 auf 1,1% im Jahr 1991 zurückgegangen. Im
Jahr 1992 wird eine Erholung auf 2,0% prognostiziert.
Die Inflationsrate in den G-7-Staaten ist im Jahr 1991
von 4,8% im Vorjahr auf 4,4% gefallen. Sie wird im
Jahr 1992 voraussichtlich weiter auf 3,7 Prozent sinken.
Die japanische Regierung prognostiziert für das am 1.
April beginnende Haushaltsjahr 1992 ein Wirtschaftswachstum von 3,5%. Diese Schätzung gründet sich
auf eine erwartete 3,6prozentige Steigerung der Binnennachfrage und einen 0,1prozentigen Rückgang
der Nettoauslandsnachfrage. Die Inflation soll im
gleichen Zeitraum von 2,9% auf 2,3% abnehmen.
Die wichtigsten Elemente der Strategie
Die Strategie trägt den besonderen Verpflichtungen Rechnung, die Japan und die Vereinigten Staaten eingegangen sind, um Maßnahmen
anzustreben, die die Weltwirtschaft und das
Welthandelssystem stärken.
AMERIKA DIENST 2

Die Strategie enthält eine gemeinsame Verpflichtung für Wirtschaftswachstum und die Durchführung kooperativer Maßnahmen im Inland,
um das Wachstum zu fördern.
Die Strategie könnte erweitert werden, um auch
andere Länder einzubeziehen, die zur Unterstützung von Maßnahmen zur Förderung des
Wirtschaftswachstums bereit sind.
Die Strategie beschreibt bestimmte haushaltsund geldpolitische Maßnahmen zur Unterstützung des Wirtschaftswachstums.
Japan wird dem Parlament einen Haushalt vorlegen, mit dem die Binnennachfrage angekurbelt wird, um im Haushaltsjahr 1992 ein
3,5prozentiges Wachstum und eine Verringerung des Außenhandelsüberschusses zu erzielen. Die japanische Regierung wird den Fortschritt dieser Maßnahmen beobachten um zu
gewährleisten, daß die erwarteten Auswirkungen realisiert werden.
Die US-Zentralbank hat die Zinssätze im Lauf
des Jahres 1991 kontinuierlich gesenkt. Die
jüngste Rücknahme des Diskontsatzes der USZentralbank um einen vollen Prozentpunkt hat
diesen wichtigsten Zinssatz auf 3,5 Prozent und
damit den niedrigsten Stand seit 25 Jahren
gesenkt.
Am 30. Dezember 1991 hat die japanische
Zentralbank ihren Diskontsatz um 0,5% auf
4,5% verringert.
(Anmerkung: Das japanische Haushaltsjahr 1992 läuft
vom 1. April 1992 bis zum 31. März 1993, das amerikanische Haushaltsjahr 1993 vom 1. Oktober 1992 bis
zum 30. September 1993.)

Seite 1

�</text>
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22. Januar 1992

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DEUTSCH-AMERIKANISCHE
BEZIEHUNGEN

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN
STAATEN IM ANGESICHT GLOBALER HERAUSFORDERUNGEN IN EINER VERÄNDERTEN WELT
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt
bei der Friedrich-Ebert-Stiftung

WEITERVERBREITUNG

USA: BESORGNIS ÜBER WEITERVERBREITUNG
KONZENTRIERT AUF GUS UND NORDKOREA
CIA-Direktor Gates vor dem Senat

MARTIN LUTHER KING

BUSH WÜRDIGT VERMÄCHTNIS
MARTIN LUTHER KINGS
Proklamation zum gesetzlichen Feiertag

GOLFKRIEG

UNTERNEHMEN WUSTENSTURM EIN JAHR DANACH
von Henry E. Catto

WAHLEN '92

DIE LISTE DER VORWAHLEN UND
WAHLVERSAMMLUNGEN

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�DEUTSCH-AMERIKANISCHE

BEZIEHUNGEN
22. Januar 1992

DEUTSCHLAND UND DIE VEREINIGTEN STAATEN
IM ANGESICHT GLOBALER HERAUSFORDERUNGEN
IN EINER VERÄNDERTEN WELT
Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt
bei der Friedrich-Ebert-Stiftung
BONN - (AD) - In einer Rede bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn hat sich der Botschafter der Vereinigten
Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, am 21. Januar 1992 für eine
aktivere weltpolitische Rolle Deutschlands ausgesprochen. Er verwies darauf, daß die Vereinigten Staaten
Deutschland nach wie vor als "Partner in der Führung" betrachten und äußerte sich befriedigt darüber, daß die
Bundesregierung sich zur Übernahme größerer Verantwortung in der Welt bekannt habe.
Botschafter Kimmitt fuhr dann fort: "In den vergangenen Wochen wurde vor allem von 'ungenannten Quellen'
häufig gesagt und geschrieben, die Amerikaner seien über das deutsche Selbstbewußtsein, das heißt
'assertiveness', besorgt, wenn nicht sogar beunruhigt. Ich möchte hier klar und unmißverständlich feststellen,
daß wir dieses deutsche Selbstbewußtsein im Rahmen kollektiver Aktionen zur Verwirklichung gemeinsamer
Ziele und Vorstellungen begrüßen und schätzen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Botschafters im Wortlaut.

Herr Minister Gerster,
Herr Börner,
Herr Dr. Lübkemeier,
meine Damen und Herren,
vielen Dank für diese freundlichen Einführungsworte.
Ich bin Ihrer Einladung, hier im Rahmen einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zu aktuellen Fragen des deutsch-amerikanischen Verhältnisses Stellung zu nehmen, sehr gerne gefolgt. Gerne deshalb,
weil ich weiß, welche wichtige, ja einzigartige Rolle die
politischen Stiftungen im politischen Leben und in der
politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland
spielen: sei es mit ihrer breit angelegten politischen
und gesellschaftlichen Bildungsarbeit im Geiste der
Demokratie oder in ihrer Funktion als Mittler und
Förderer des internationalen Austausches und - nicht
zu vergessen - im Bereich der Politikberatung und
wissenschaftlichen Forschung. Diese Merkmale zeichnen alle politischen Stiftungen in Deutschland aus,
aber gerade die Friedrich-Ebert-Stiftung als die älteste
deutsche Stiftung dieser Art kann hier natürlich auf
eine besonders lange und erfolgreiche Tradition zurückblicken.
AMERIKA DIENST 3

In den Vereinigten Staaten verfügen wir über Institutionen mit ähnlichen Zielen, die ebenfalls Zuschüsse der
Regierung erhalten. Dazu zählen die vier regionalen
Institute der AFL-CIO, die National Endowment for
Democracy sowie die Stiftungen der Republikanischen
und Demokratischen Partei. Ich hoffe, die sich verändernde Welt wird neue Möglichkeiten der Kommunikation und Kooperation zwischen diesen verwandten
deutschen und amerikanischen Institutionen eröffnen.
Mein Vorgänger, der von mir sehr geschätzte Botschafter Vernon Walters, hat fast auf den Tag genau
vor zwei Jahren hier an dieser Stelle eine Rede zur
deutschen Frage und zur europäischen Sicherheit aus
amerikanischer Sicht gehalten.
Ich erwähne dies deshalb, weil schon an der Themenstellung deutlich wird, mit welch rasanter Geschwindigkeit in den letzten beiden Jahren wahrhaft revolutionäre Veränderungen von welthistorischer Bedeutung
vor unseren staunenden Augen stattgefunden haben.
Das Thema der europäischen Sicherheit stellt sich
heute, nach der Herausbildung demokratisch legiti-

Seite 1

�mierter Regierungen in Mittel- und Osteuropa, nach
der Auflösung des Warschauer Paktes, nach dem
Zerfall der Sowjetunion und nach den Erfahrungen des
Golfkrieges in einem ganz neuen und radikal veränderten Lichte dar.
Die deutsche Frage, das heißt die Wiedererlangung
der staatlichen Einheit Deutschlands, die damals immer
noch auf der internationalen Tagesordnung stand,
aber von einer Lösung noch Jahre entfernt schien, ist
inzwischen bereits Geschichte, wenn auch, zugegebenermaßen, die Vollendung der inneren Einheit noch
viel Geduld und Zeit braucht.
Mein Land ist stolz darauf, daß es Deutschland von
Anfang an bei der Wiedererlangung seiner staatlichen
Einheit in Freiheit tatkräftig und ganz ohne Vorbehalte
unterstützt hat. Wir haben es jedoch dabei nicht
bewenden lassen. Genauso engagiert sind wir dabei,
einen Beitrag dazu zu leisten, daß auch die innere
Einheit Deutschlands in all ihren Aspekten möglichst
bald vollendet werden kann.
100 amerikanische Firmen sind in den fünf neuen
Bundesländern tätig geworden; sie schaffen und erhalten über 20.000 Arbeitsplätze und erzielen ein Investitionsvolumen von 2 Milliarden DM. Ich weiß Produkte
aus dem Osten persönlich zu schätzen. Meine Eltern
haben im Jahr 1947 in Berlin geheiratet, und ich wurde
exakt neun Monate später in den Vereinigten Staaten
geboren. Ich bin also auch "Made in Germany".
Wie ich am 6. Januar in Neubrandenburg bekanntgab,
haben wir die Mittel für das amerikanisch-deutsche
Fulbright-Programm, den Englischunterricht und andere Austauschprogramme trotz unserer Haushaltsengpässe um über eine Million Dollar aufgestockt. Bei
diesem Besuch in Neubrandenburg habe ich auch der
dortigen Regionalbibliothek 16.000 Bücher eines unlängst geschlossenen amerikanischen Militärstützpunkts
in Gelnhausen übergeben. Die Zahl der von West
nach Ost gespendeten Bände ist damit auf über 100.000
gestiegen. Was wäre besser, um Schwerter zu Pflugscharen zu verwandeln, als eine ganze Bevölkerung
mit den kulturellen, akademischen und anderen Charakteristika eines anderen Landes und Volkes in Berührung zu bringen. Unsere Verpflichtung, die U.S.A.
der Bevölkerung der neuen Bundesländer näher zu
bringen, hat auch dazu geführt, unsere Handelspräsenz im Osten zu verdoppeln, ein neues Konsulat und
bald ein Amerika-Haus in Leipzig zu eröffnen, und die
RIAS Kommission in Berlin zu errichten, die es den
Ostdeutschen erlauben wird, die USA zu besuchen
und Einsicht aus erster Hand in die amerikanischen
Medienerfahrungen zu bekommen.
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft
Als Präsident Bush in seiner Mainzer Rede vom Mai
1989 zum ersten Mal von Deutschland als Amerikas
Partner in der Führung sprach, wurde diese Geste hier
wohlwollend aufgenommen. Ich möchte jedoch beSeite 2

zweifeln, ob in dieser Aussage in der Bundesrepublik
damals mehr gesehen wurde als nur ein willkommenes
Zeichen dafür, daß unser bilaterales Verhältnis über
die Jahre einen so hohen Grad der Reife erreicht hat,
daß wir damit zu gegenseitig sich vertrauenden und,
wenigstens vom Grundsatz her, gleichberechtigten
Partnern geworden sind. Wer wollte jedoch bestreiten,
daß dieses deutsch-amerikanische Verhältnis heute,
nach der Wiedererlangung der Einheit Deutschlands
und der Wiedergewinnung seiner vollen Souveränität,
nach den dramatischen internationalen Umwälzungen
der letzten zweieinhalb Jahre entscheidender denn je
ist und eine Bedeutung erlangt hat, die von vielen
damals vielleicht noch nicht erkannt wurde?
Partnerschaft in der Führung bedeutet, daß ein jahrzehntelanges enges und freundschaftliches Verhältnis
eine neue Dimension erlangen muss. Ihre erste
Bewährungsprobe bestand diese Partnerschaft bei
der Behandlung und schließlich bei der Regelung der
äußeren Aspekte der deutschen Vereinigung. Der
Zwei-Plus-Vier Prozeß, der es erst ermöglichte, daß
die Vereinigung der beiden deutschen Staaten so
schnell und scheinbar reibungslos zustande kommen
konnte, entstand aus den engen deutsch-amerikanischen Konsultationen. Ich freue mich, daß als angemessenes und aufregendes Zeichen dieser Partnerschaft, der deutsche Astronaut Ulf Merbold - so Gott
will - morgen gemeinsam mit einer amerikanischen
Besatzung zu einem Flug mit der Raumfähre starten
wird.
Präsident Bush hat in Mainz auch darauf verwiesen,
daß der ständige Begleiter der Führungsrolle die Verantwortung ist. Nach seiner Vereinigung hat Deutschland wegen seiner gewachsenen Größe und seinem
gestiegenen Einfluß international eine höhere Verantwortung zu übernehmen. Mit Genugtuung können wir
feststellen, daß Bundeskanzler Kohl und andere führende deutsche Politiker in mehreren öffentlichen
Erklärungen im letzten Jahr Präsident Bushs Angebot
zur Partnerschaft in der Führung dankbar begrüßt und
sich zu der Übernahme größerer Verantwortung in der
Welt bekannt haben.
In den vergangenen Wochen wurde vor allem von
"ungenannten Quellen" häufig gesagt und geschrieben, die Amerikaner seien über das deutsche Selbstbewußtsein, das heißt "assertiveness", besorgt, wenn
nicht sogar beunruhigt. Ich möchte hier klar und
unmißverständlich feststellen, daß wir dieses deutsche Selbstbewußtsein im Rahmen kollektiver Aktionen zur Verwirklichung gemeinsamer Ziele und Vorstellungen begrüßen und schätzen. Eine Partnerschaft bringt diejenigen mit gemeinsamer Sichtweise
und Orientierung einander näher, die ihre Erfolgschancen durch die Synergie kollektiven Vorgehens verbessern wollen. Ist das Ziel einmal gesteckt, wird von
jedem Partner erwartet - ja gefordert - bei der Verwirklichung dieses Ziels Selbstbewußtsein an den Tag zu
legen. Die Lektion der jüngeren Geschichte lautet, daß
AMERIKA DIENST 3

�uns mit kollektiven Aktionen eher Erfolg beschieden
sein wird als durch nationale Alleingänge. Und mit
wem könnten die Vereinigten Staaten besser gemeinsam vorgehen als mit Deutschland - einem vertrauenswürdigen, verläßlichen Verbündeten, mit dem wir täglich auf der Grundlage von Respekt und Gleichberechtigung agieren, einem Land, das unter aggressiven
nationalen Alleingängen gelitten, sich davon abgewandt und sie durch eine nahezu fünfzigjährige Bilanz
der Konsultationen und des Multilateralismus ersetzt
hat?
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind traditionell stark, und der Ruf nach Partnerschaft ist daher
nur natürlich, weil sie sich auf eine sehr solide Grundlage gemeinsamer Prinzipien und Werte stützen:
Demokratie, freie Marktwirtschaften, Achtung der Rechte
und Freiheit des einzelnen und Rechtsstaatlichkeit
sowie die Bereitschaft, den Bedürftigen eine helfende
Hand zu reichen. Diese gemeinsamen Interessen
waren die Basis für unsere Kooperation in der Nachkriegszeit, in der NATO, beim Wiederaufbau Deutschlands und Europas, im Handel, im Golfkrieg und bei
einer Reihe anderer Fragen.
Wie ich bereits ausgeführt habe, gibt es zwischen uns
eine breite gemeinsame Basis bei sehr vielen Fragen.
Man kann meiner Ansicht nach mit Sicherheit sagen,
daß die Vereinigten Staaten und Deutschland bei ihren
Ansätzen zu internationalen Problemen vielleicht zu
95 Prozent übereinstimmen. Es ist unvermeidlich, daß
wir von Zeit zu Zeit unterschiedliche Meinungen und
Interessen haben. Aber ungeachtet dieser Differenzen - den 5 Prozent der Themen, bei denen wir nicht
übereinstimmen - ist es ein größerer Beweis unserer
guten Beziehungen, daß wir die Notwendigkeit erkennen, auch in diesen Fällen unsere Ansichten auszutauschen und - mit anderen Worten - einander 100prozentig zu konsultieren. Partner können unterschiedlicher Meinung sein, aber die zugrundeliegenden gemeinsamen Werte - Eckpfeiler der Beziehungen stehen niemals in Frage.
Die Übereinstimmung unserer beiden Länder wird
besonders darin sichtbar, daß wir in den Zielen stets
einig waren. Uneinigkeit gab es nur über Mittel und
Wege, diese Ziele zu erreichen - wie zum Beispiel in
jüngster Zeit im Falle Jugoslawien. Wir streben beide
eine friedliche Einigung in Jugoslawien an, auf der
Basis bestimmter Prinzipien, wie sie in der Schlußakte
von Helsinki und anderen Erklärungen, zum Beispiel
der Pariser Charta, niedergelegt sind.
Trotz unserer Differenzen bei der Anerkennung ist es
jetzt an der Zeit, sich in der EG und in den Vereinten
Nationen auf multilaterale Ansätze zu konzentrieren,
die auf eine Lösung des Konflikts hoffen lassen. Am
vordringlichsten ist die Stärkung der Präsenz internationaler Beobachter, um die Elemente in Jugoslawien
zu stärken, die ihre Streitigkeiten ohne weitere Rück-

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griffe auf Gewalt beilegen wollen. Deutschland, die
Vereinigten Staaten und andere Länder müssen alles
in ihrer Macht Stehende tun, um die notwendigen
Bedingungen für die effektive Arbeit der Friedensmissionen in diesem krisengeschüttelten Land zu schaffen.
Die Vereinigung beider deutscher Staaten bedeutet für
uns außerdem, daß es wieder ein ungeteiltes Europa
gibt, und wir haben unsere bilateralen Beziehungen zu
Deutschland immer als einen wesentlichen Bestandteil des europäischen Integrationsprozesses betrachtet. Was die Weiterentwicklung der Europäischen
Gemeinschaft zu einer wirtschaftlichen und politischen
Union mit einer wichtigen Sicherheitskomponente betrifft,
so sind wir uns Deutschlands Rolle als treibender Kraft
bei der Verwirklichung dieses Zieles wohl bewußt und
wissen diese zu würdigen. Die Vereinigten Staaten
unterstützen die Bestrebungen zur Integration Europas genauso vorbehaltlos und energisch wie bereits
vor 35 Jahren und so, wie sie das Ziel der deutschen
Einheit in Freiheit ohne wenn und aber unterstützt
haben. Denn ein erfolgreiches, vereintes Europa hat
positiven Einfluß auf Stabilität, Demokratie und Wohlstand auf der ganzen Welt.
Aber ebenso wie bei der deutschen Vereinigung gewisse Fragen im Rahmen des Zwei-plus-Vier Prozesses in einer alle Seiten zufriedenstellenden Form gelöst werden konnten, gilt es nun, bestimmte Fragen in
Zusammenhang mit der europäischen Integration, wie
es sich unter Freunden gehört, offen zu diskutieren
und einer Lösung zuzuführen. Dies betrifft zum Beispiel die Offenhaltung der EG für den Handel mit
andern Ländern und die Frage, wie die auch von uns
geförderte Schaffung einer europäischen Verteidungsidentität mit der bestehenden NATO-Struktur in Einklang gebracht werden kann.
Dabei müssen wir uns immer vergegenwärtigen, daß
der transatlantische Verbund nichts von seiner Wichtigkeit eingebüßt, sondern im Gegenteil, angesichts
der neuen, nur gemeinsam zu bewältigenden Herausforderungen, noch weiter an Bedeutung gewonnen
hat. Die Vereinigten Staaten sind eine europäische
Macht und haben nicht die Absicht, diese Rolle aufzugeben. Verteidigungsminister Cheney erklärte bei
seinem jüngsten Besuch in Bonn, Amerika würde
erhebliche Streitkräfte in Europa und Deutschland
beibehalten, solange seine Verbündeten dies wünschen. Mit Freude habe ich von praktisch allen offiziellen Vertretern Deutschlands, mit denen ich gesprochen habe, einschließlich der SPD-Führung, starke
Worte der Unterstützung für eine glaubwürdige amerikanische Präsenz vernommen. Aber ein Element der
geteilten Verantwortung, auf das ich bereits verwiesen
habe, ist Deutschlands Pflicht, öffentlich die Gründe
dafür darzulegen, warum eine US-Präsenz immer
noch erforderlich ist.

Seite 3

�Dies trifft nicht nur auf den von mir bereits angesprochenen europäisch-amerikanischen Sicherheitsverbund
im klassischen politisch-militärischen Sinne zu. Wie
wir alle wissen, kann man heutzutage Sicherheit nicht
mehr allein unter diesem Aspekt sehen. Sicherheit in
allen ihren Dimensionen umfaßt auch wirtschaftliche,
ökologische, soziale und kulturelle Gesichtspunkte,
die bei der heutigen Sicherheitsgleichung eine mindestens ebenso große Rolle spielen wie die militärischen.
Gemeinsame Bemühungen in der ehemaligen
Sowjetunion
Wenn wir weiteeWenn wir weiter nach Osten blicken,
stehen wir alle noch unter dem Eindruck der atemberaubenden Entwicklungen, die sich in den letzten
Wochen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion
ereignet haben. Ich weiß, daß dieselben Fragen in
Deutschland sowohl für Politiker als auch für die Öffentlichkeit von großem und unmittelbarem Interesse
sind. Vor ein paar Wochen habe ich zu einer Gruppe
wichtiger Vertreter der Partei gesprochen, der diese
Institution angeschlossen ist, und ich war von dem
starken und intensiven Interesse an den Problemen
der Integration der neuen Demokratien im Osten und
dem Umgang mit der zerfallenden Sowjetunion beeindruckt.
Aus vielen Kommentaren an diesem Tag war herauszuhören, die Vereinigten Staaten täten nicht genug,
um die Probleme in diesem Teil der Welt lösen zu
helfen. Ironischerweise war dies derselbe Tag, an
dem Außenminister Baker in Princeton einen starken
und aktiven Ansatz zu genau diesen Themen darlegte,
auf den ich gleich zurückkommen werde.
Lassen Sie mich deshalb im folgenden einige Zahlen
und Beispiele für die von den USA geleistete wirtschaftliche und humanitäre Hilfe für Osteuropa anführen. Vorausschicken möchte ich, daß ich mir dessen
wohl bewußt bin und es zu würdigen weiß, daß gerade
Ihr Land auf diesem Gebiet bereits enorm viel geleistet
hat und auch weiterhin einen nicht unerheblichen Teil
dieser Verantwortung trägt. Schließlich hat Deutschland klar gemacht, daß es hier schon allein wegen
seiner geographischen Nähe, seiner speziellen Verbundenheit mit den deutschen Volksgruppen im Osten
und auch wegen seiner im Zusammenhang mit dem
Abzug der sowjetischen Streitkräfte übernommenen
Verpflichtungen eine besondere Verantwortung zu tragen
hat.
Die für die Integration der neuen Länder notwendigen
Opfer sind ebenso Teil der Bestrebungen wie die
verschiedenen Formen der Hilfe, die Deutschland und
die Deutschen der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa leisten - von Finanzhilfe bis zu freiwilligen
Nahrungsmittel- und Kleiderspenden. Deutschland
stand an vorderster Front in dem Bestreben, die neuen

Seite 4

Länder Ost- und Mitteleuropas in europäische Foren
wie die Europäische Gemeinschaft und die KSZE
einzuführen und sie enger an die NATO zu binden.
Das jüngste Zeichen dessen war Deutschlands starke
Unterstützung für die Schaffung des Nordatlantischen
Kooperationsrats und seine Initiative, die neuen Republiken der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten in
dieses Gremium einzubeziehen.
Die bilaterale Hilfe der Vereinigten Staaten für Mittelund Osteuropa und für die ehemalige Sowjetunion ist
umfangreich und breit gefächert. Die Nahrungsmittelhilfe für die Sowjetunion und ihre Nachfolgestaaten
hatte im Jahre 1991 einen Umfang von vier Milliarden
Dollar. Größtenteils handelte es sich hier um Warenkreditbürgschaften, aber diese Hilfe schließtauch 165
Millionen Dollar an humanitärer Nahrungsmittelhilfe
ein. 1991 schickten die USA 18 Millionen Tonnen
Lebensmittel in die Sowjetunion - mehr als jedes
andere Land. 72 Prozent unserer Nahrungsmittelhilfe
ist bereits freigegeben und geliefert worden. Hinzu
kamen medizinische Hilfsgüter im Wert von rund 25
Millionen Dollar. Die USA sind ebenfalls ein Teilnehmer am Abkommen über eine zeitweise Aussetzung
der Schuldenrückzahlung und unterstützen die schnelle Mitgliedschaft im Internationalen Währungsfonds
und der Weltbank.
Der Gesamtumfang der bilateral vergebenen Hilfe für
die anderen osteuropäischen Länder lag in den Jahren
1990-91 bei rund zwei Milliarden Dollar. Allein die
Lebensmittelhilfe belief sich in diesem Zeitraum auf
218 Millionen Dollar. Die USA haben einen Beitrag von
200 Millionen Dollar zum polnischen Stabilisierungsfonds geleistet und beteiligen sich außerdem an den
umfangreichen Programmen der Weltbank (neun Milliarden Dollar für Osteuropa über einen Zeitraum von
drei Jahren), des Internationalen Währungsfonds (fünf
Milliarden Dollar 1991) und der Europäischen Bank für
Wiederaufbau und Entwicklung (sieben Milliarden Dollar
über fünf Jahre). Der amerikanische Anteil an Kapitalbeiträgen an diese Institutionen ist der Größte aller
Länder und beträgt 20 Prozent an den Internationalen
Währungsfonds, 18 Prozent an die Weltbank und 10
Prozent an die Europäische Bank für Wiederaufbau
und Entwicklung.
Exportförderung und Entwicklung der Privatwirtschaft
bilden einen Schwerpunkt unseres Hilfsprogramms.
Die Initiative des Präsidenten zur Förderung des Handels
könnte Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei helfen,
ihre Textil-, Käse-, und Stahlexporte in die USA zu
verdreifachen. Für mehrere osteuropäische Länder
gibt es bilaterale Fonds zur Unternehmensförderung,
deren Kapitalausstattung 400 Millionen Dollar übersteigen wird. Allein in polnische und ungarische Privatunternehmen sind bereits über 130 Millionen Dollar
geflossen. Für die CSFR sind 65 Millionen Dollar
vorgesehen, für Bulgarien 50 Millionen.

AMERIKA DIENST 3

�Dies sind einige der größeren Einzelposten unseres
Hilfsprogramms. Neben den staatlichen amerikanischen Hilfsprogrammen laufen auch noch eine Vielzahl privater Initiativen, die die mit öffentlichen Mitteln
geförderten Projekte ergänzen und später oftmals
sogar ersetzen können. Dabei sollte man nicht vergessen, daß die Vereinigten Staaten jahrzehntelang
Hunderte Milliarden von Dollar für die Aufrechterhaltung des Friedens und die Gewährleistung der Sicherheit in Europa ausgegeben haben, was im Endeffekt
eine Grundvoraussetzung für die nach 1989 eingetretene Entwicklung gewesen ist.
Doch wenden wir uns nun der Zukunft zu. Die Aufgabe
ist immens, und die Zeit drängt. Wir haben beide viel
geleistet, aber uns allen bleibt noch wesentlich mehr zu
tun.
Wir im Westen, allen voran unsere beiden Länder,
haben dabei eine ganz besondere Verantwortung
wahrzunehmen. Wie Außenminister Baker in seiner
Rede im letzten Monat in Princeton darlegte, erwächst
aus dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums für den Westen die "historische Aufgabe",
seinen Beitrag dazu zu leisten, daß Demokratie und
wirtschaftliche Freiheit in den Nachfolgestaaten der
Sowjetunion und in den anderen Reformstaaten Osteuropas kräftige Wurzeln schlagen und schließlich
blühen und gedeihen können. Gleichzeitig müssen wir
alles daran setzen, daß sich eine Situation, wie wir sie
in den letzten neun Monaten in Jugoslawien erlebt
haben, nicht wiederholt.

anderer moderner Waffentechnologien über die Grenzen der ehemaligen Sowjetunion hinaus kommt.
Schließlich müssen wir Unterstützung bei der Entmilitarisierung der Wirtschaft und bei der Aufstellung von
Konversionsprogrammen leisten.
Der zweite wichtige Bereich einer koordinierten westlichen Hilfe betrifft den Aufbau stabiler Demokratien
und die Schaffung politischer Legitimität in den Staaten Mittel- und Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion. Bereits im September letzten Jahres hatte
Außenminister Baker fünf Prinzipien definiert, von
denen sich die amerikanische Politik gegenüber diesen Staaten leiten läßt und die nach wie vor gültig sind.
Wir müssen uns dafür einsetzen, daß sie:
das Selbsbestimmungsrecht ihrer Völker achten;
demokratische und rechtsstaatliche Prinzipien
einhalten;
Menschenrechte, einschließlich des Schutzes
von Minderheiten gewährleisten;
bestehende Grenzen achten und ihre Veränderung nur mit friedlichen Mitteln und mit Zustimmung der anderen Seite anstreben;
und schließlich internationale Verpflichtungen
und die Normen des Völkerrechts einhalten, insbesondere die Bestimmungen der Schlußakte
von Helsinki und der Charta von Paris.

Deshalb beginnt morgen in Washington auf Vorschlag
von Präsident Bush eine internationale Konferenz zur
Koordinierung der westlichen Hilfsleistungen für die
Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Bereits im
Vorfeld dieser Konferenz hatte Außenminister Baker
die Hauptpunkte eines solchen Aktionsprogramms
gemeinsamer westlicher Hilfe umrissen, insbesondere
die dringend benötigte humanitäre Soforthilfe zur
Deckung des lebenswichtigen Bedarfs, zum Beispiel
an Nahrungsmitteln und Medikamenten. Wir sind
erfreut, daß Außenminister Genscher die deutsche
Delegation anführen wird.

Wenn das demokratische System in diesen Ländern
dauerhaft verankert werden soll, dann ist es vor allem
wichtig, den Menschen demokratisches Denken und
Handeln nahezubringen, insbesondere bei den Trägern und Repräsentanten staatlicher Gewalt. Ähnlich
wie es hier bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und bei
anderen deutschen politischen Stiftungen spezielle
Austausch- und Ausbildungsprogramme für Angehörige der öffentlichen Verwaltung aus den Ländern Mittelund Osteuropas gibt, hat auch die United States
Information Agency ihre Arbeit auf diesem wichtigen
Gebiet intensiviert und ausgeweitet.

Darüber hinaus nannte er drei vordringliche Aufgaben,
zu deren Bewältigung ein kollektives Aktionsprogramm
des Westens aufgebaut werden sollte:

Der wirtschaftliche Wiederaufbau und die Einführung
marktwirtschaftlicher Strukturen in den Ländern Osteuropas und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion
ist der dritte große Bereich, in dem eine koordinierte
westliche Hilfe von ausschlaggebender Bedeutung ist.
Nach jahrzehntelanger kommunistischer Mißwirtschaft,
die praktisch zu einem Zusammenbruch des gesamten Wirtschaftssystems geführt hat, ist dies wohl das
schwierigste, aber auch dringendste Problem. Es
erfordert eine gewaltige Anstrengung aller Industriestaaten des Westens, dafür zu sorgen, daß in den
betroffenen Ländern das zarte und gerade erst aufkeimende Pflänzchen der Demokratie nicht wieder im
eisigen Wind wirtschaftlicher Widrigkeiten zugrunde
geht.

Erstens geht es darum, daß wir den Nachfolgestaaten
der Sowjetunion helfen, die militärischen Relikte des
kalten Krieges zu zerstören und zu kontrollieren, insbesondere die atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen. Am besten wäre
es, wenn diese Waffen - wie unlängst in Minsk beschlossen - dauerhaft unter einheitlicher, zentraler
Kontrolle bleiben würden. Wir haben ein elementares
Interesse daran, daß die START- und KSE-Verträge
von den betroffenen Republiken möglichst bald ratifiziert und umgesetzt werden. Genauso wichtig ist es,
daß es nicht zu einer Weiterverbreitung atomarer und
AMERIKA DIENST 3

Seite 5

�Denn die Wendung zur Demokratie und Marktwirtschaft in den Ländern des ehemaligen Ostblocks kann
nur dann auf Dauer erfolgreich sein, wenn sie sich von
innen heraus nährt, wenn sie auf Erfolgen aus eigener
Kraft aufbaut. Nur so können sie zu integralen und
vollwertigen Mitgliedern einer euro-atlantischen Gemeinschaft von Staaten werden, die fast die gesamte
nördliche Erdhalbkugel, von Vancouver bis Wladiwostok umspannen und die sich auf die freiheitlichen und
demokratischen Prinzipien der Schlußakte von Helsinki stützen wird. Außenminister Baker hat diese kühne
Vision in seiner Berliner Rede im Juni letzten Jahres
entworfen, und sie ist und bleibt das Leitbild für die
neuen, umwälzenden Entwicklungen in der internationalen Politik am Ende dieses Jahrhunderts bis weit in
das nächste hinein.
Der erste konkrete Schritt auf dem Wege zu dieser
euro-atlantischen Gemeinschaft wurde am Ende des
vergangenen Jahres mit der Schaffung des Nordatlantischen Kooperationsrates getan. Schon wenige
Wochen, nachdem die NATO auf ihrem Gipfel in Rom
das Ziel formuliert hatte, ein stärker institutionalisiertes
Verhältnis der Konsultation und Kooperation in politischen und Sicherheitsfragen zwischen ihren Mitgliedsstaaten und den Staaten Mittel- und Osteuropas zu
entwickeln, konnte das Atlantische Bündnis dieses
Vorhaben in die Tat umsetzen.
An dieser Stelle möchte ich hervorheben, daß gerade
unsere beiden Länder bei der Vorbereitung und Ausarbeitung des sogenannten Liaison-Konzeptes, das dem
Nordatlantischen Kooperationsrat zugrunde liegt, ganz
wesentlich und an führender Stelle beteiligt waren. In
der Tat geht der Kooperationsrat auf eine gemeinsame
Initiative der beiden Außenminister Baker und Genscher vom Oktober letzten Jahres zurück. Hier haben
wir ein gutes Beispiel dafür, wie der von Präsident
Bush geprägte Begriff von der deutsch-amerikanischen Partnerschaft in der Führung erfolgreich in die
Praxis umgesetzt und mit Leben erfüllt werden kann.
Gemeinsame Bemühungen in anderen Teilen der
Welt
Schon in meiner ersten Rede als Botschafter in Deutschland im September vergangenen Jahres habe ich
weitere Bereiche erwähnt, in denen Deutschland und
die Vereinigten Staaten gemeinsame Interessen haben und sich ihnen die Möglichkeit zu einer fruchtbaren
Partnerschaft in der Führung bietet. Dies sind Bereiche, in denen wir unsere diplomatischen, politischen
und wirtschaftlichen Ressourcen zu unserem beiderseitigen Vorteil zusammenlegen können. Insbesondere mit dem Ende der die Nachkriegszeit beherrschenden Ost-West-Konfrontation ist nun für unsere beiden
Länder die Zeit reif, einen neuen, kreativen und umfassenden Kurs in der Weltpolitik in Europa und auch
darüber hinaus abzustecken.
Dazu möchte ich ein paar Beispiele anführen. Mittelamerika ist eine Region, in der diese und andere
Seite 6

deutsche Stiftungen seit langem eine Schlüsselrolle
spielen. Ihre Kontakte zu allen Ebenen und Schichten
dieser Gesellschaften liefern viele Möglichkeiten, um
Ihre Freunde in Gespräche über demokratische und
marktwirtschaftliche Grundsätze einzubeziehen, die
das beste Rezept für die langfristige Stabilität einer
Gesellschaft sind. Mit einer von der UNO vermittelten
Schlichtungslösung in El Salvador und der beginnenden Verankerung der Demokratie in Nicaragua können
wir in bisher einzigartiger Weise moralische und materielle Unterstützung leisten, um den Fortschritt in dieser Region zu fördern.
Deutschland hat beim Eintreten für Menschenrechte in
bestimmten Teilen Afrikas sein erhebliches Gewicht in
die Waagschale geworfen, und seine politischen Stiftungen sind bereits seit langem dort aktiv. In Korea und
Kambodscha bietet die Erfahrung der deutschen
Wiedervereinigung und Aussöhnung eine Hilfe zur
Überwindung der Teilung. Im Nahen Osten werden
Ihre Bindungen und Ihr Einfluß zweifellos zu den Ende
dieses Monats in Moskau beginnenden multilateralen
Gesprächen beitragen. Ob bei EG-Ratssitzungen
oder direkt in den betroffenen Regionen, Ihre Initiative
und Ihr Beispiel können in all diesen Fällen eine
bedeutende Führungsrolle spielen. Aus diesem Grund
betrachte ich den deutsch-amerikanischen Dialog bei
solchen regionalen Konflikten als so wichtig und vielversprechend für die Entwicklung unserer Partnerschaft.
Dasselbe gilt für dringende grenzüberschreitende
Probleme. Dazu gehören der Schutz der Umwelt, die
Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung und
unser gemeinsamer Kampf gegen die Geißel der Drogen.
Dazu zählen ferner die Förderung des freien Handels,
wo im Hinblick auf den erfolgreichen Abschluß der
Uruguay-Runde im Rahmen des GATT für unsere
beiden Länder so viel auf dem Spiel steht.
Ich habe bereits unser gemeinsames Interesse daran
zum Ausdruck gebracht, die Kernwaffen im Osten
unter einer verantwortungsbewußten, zentralen Kontrolle zu belassen und die in den vergangenen Jahren
mit der ehemaligen Sowjetunion so sorgfältig ausgehandelten Abrüstungsmaßnahmen sicherzustellen.
Ebenso stellen jüngste Ereignisse in der gesamten
Welt für uns Herausforderungen für die Nichtverbreitung nuklearer, biologischer und chemischer Waffen
sowie ballistischer Trägersysteme dar. Als technologisch führende Staaten müssen unsere beiden Länder
an vorderster Front der Bemühungen zur Nichtverbreitung stehen, wenn wir die Welt für uns und unsere
Kinder sicherer gestalten möchten.
Dies sind einige Beispiele für unsere Partnerschaft in
der Führung außerhalb des Bündnisgebiets der NATO.
Dieses Konzept basiert teilweise auf der Tatsache,
daß wir den deutschen 'Input' bei diesen Fragen sehr
hoch bewerten. Es liegt aber auch daran, daß wir
wollen, daß Deutschland eine klare und unzweideutige
Vorstellung davon hat, wie wir unsere Interessen defiAMERIKA DIENST 3

�nieren, in der Hoffnung und in der Erwartung, daß die
Bundesrepublik ihren Einfluß geltend machen wird,
damit es zum Aufbau einer stabilen neuen Weltordnung kommen kann.

log" zwischen Europa, Japan und Nordamerika. Sie ist
unentbehrlich sowohl für ein globales wirtschaftliches
Wachstum wie auch für weltweite politische Aktivitäten.

Deutschland sollte die Vereinigten Staaten beim Wort
nehmen. Wir haben die Vereinigung bereits in der
Vergangenheit unterstützt - jetzt unterstützen wir mit
gleicher Kraft eine aktivere weltpolitische Rolle der
Bundesrepublik. Und wir unterstützen eine aktivere
deutsche Rolle nicht, wie einige gemeint haben, nur
aufgrund ihres Scheckbuchs, sondern wegen des breiten
Spektrums von Talenten, die sie für die uns konfrontierenden schwierigen Fragen mitbringt. Ich möchte
hinzufügen, daß wir zusätzlich zu erweiterter Zusammenarbeit bei wirtschafts- und außenpolitischen Fragen ein Deutschland begrüßen würden, das zur Übernahme größerer Verantwortung im Bereich der kollektiven Sicherheit in der Lage ist. Eine solche Entscheidung muß zweifelsohne den deutschen Wählern und
den politisch Verantwortlichen überlassen bleiben. Aus
den jüngsten Bemerkungen schließe ich jedoch, daß
die Debatte über militärische Aktivitäten in bündnisfremdem Gebiet auch innerhalb der SPD vorankommt.

Unsere Vorgänger - und damit meine ich alle Menschen, die in der Nachkriegszeit, gleich ob in öffentlicher Funktion oder auf private Initiative hin, die deutschamerikanischen Beziehungen gefördert haben - diese
Menschen haben in den letzten vierzig Jahren an
dieser Brücke der transatlantischen Partnerschaft gebaut
und sie zu einem beeindruckenden, fast alles überragenden Bauwerk in der Architektur der internationalen
Politik des 20. Jahrhunderts geformt. Genausowenig
- wie ich mir habe sagen lassen - können die Ausbesserungs- und Erhaltungsarbeiten an einem Weltbauwerk wie dem Kölner Dom jemals eingestellt werden,
genausowenig dürfen wir zulassen, daß die Arbeiten
an dieser transatlantischen Brücke jemals zum Erliegen kommen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, daß
diese Brücke einmal unpassierbar wird.

Mit Beginn dieses Jahres hat die Bundesrepublik
Deutschland den Vorsitz der G-7, der Gruppe führender Industriestaaten übernommen, und es wird auch
im kommenden Juli Veranstalter des Gipfels der G-7 in
München sein. Diese Gipfel verleihen der Koordinierung weltweiter wirtschaftlicher und politischer Fragen
eine wichtige neue Dimension. München wird ein
bedeutendes Forum für die deutsche Führungsrolle
werden. Diese Rolle steht auch in Einklang mit Präsident Bushs Forderung nach einem verbesserten "Tria-

*

AMERIKA DIENST 3

Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir vielleicht
hier eine neue Fahrspur bauen und dort eine neue
Strebe einziehen müssen. Jedenfalls bleibt die Weiterentwicklung und Stärkung der transatlantischen
Partnerschaft, und hier insbesondere der deutschamerikanischen Freundschaft, eine immerwährende
Aufgabe. Ich fordere uns alle auf, wo immer im
einzelnen unser Verantwortungsbereich diesseits oder
jenseits des Atlantiks liegen mag, unseren Beitrag zur
Erfüllung dieses weit ins nächste Jahrhundert hineinreichenden Auftrages zu leisten.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

* * *

*

Seite 7

�WEITERVERBREITUNG
22.Januar 1992

USA: BESORGNIS BEI DER WEITERVERBREITUNG
KONZENTRIERT AUF GUS UND NORDKOREA
CIA-Direktor Gates vor dem Senat

WASHINGTON - (AD) - Obwohl die Vereinigten Staaten die internationale Staatengemeinschaft erfolgreich
mobilisiert haben, die Weiterverbreitung von Waffen nach dem Golfkrieg zu bekämpfen, warnt ein wichtiger
Vertreter des US-Nachrichtendienstes vor "einer kontinuierlichen und besorgniserregenden Zunahme der
Weiterverbreitung moderner Waffen".
Der CIA-Direktor Robert Gates erklärte am 15. Januar 1992 im Kongreß, der Zerfall der früheren Sowjetunion
und die aufstrebende neue Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) bedrohe die Stabilität der in Moskau
zentralisierten Führungs- und Kontrolleinrichtungen und könne zu einer Freisetzung von 'Technologien und
Material führen, die bisher streng kontrolliert wurden".
Gates warnte den Senatsausschuß für Regierungsangelegenheiten, "das Potential für technologische Überraschungen in der dritten Welt" steige mit dem Ende des kalten Krieges "da einige internationale Beschränkungen
für den ausländischen Zugang zu Mehrzwecktechnologie gelockert werden".
Der CIA-Direktor verwies auf die große Sorge, mit der die Vereinigten Staaten Nordkoreas Atomwaffenprogramm beobachten. "Pjöngjang besitzt die gesamte zur Entwicklung von Kernwaffen erforderliche Infrastruktur", erklärte er, "vom Uranabbau über die Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen bis zur Plutoniumgewinnung". Die Pir^c Jer Vereinigten Staaten betrifft Gates zufolge nicht nur die koreanische Halbinsel, weil "die
Möglichkeit besteht, daß Pjöngjang mit diesen Waffen und seiner Nukleartechnologie auf den Weltmarkt geht".
Gates erörterte darüber hinaus die Verbreitung chemischer und biologischer Waffen durch den Irak, Iran, Syrien,
Israel, Saudi-Arabien, Ägypten, Libyen, Algerien, Indien, Pakistan und China.
Nachfolgend veröffentlichen wir Gates' Anhörung im Wortlaut.

Wir beobachten eine kontinuierliche und besorgniserregende Zunahme der Weiterverbreitung moderner
Waffen. Heute verfügen mehr als 20 Länder über
nukleare, biologische oder chemische Waffen und ihre
Trägersysteme, sind vermutlich in deren Besitz oder
entwickeln diese Waffen.
Für die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
gibt es verschiedene Gründe. Erstens sind die für
diese Waffen benutzten Technologien freier verfügbar
und von Dritte-Welt-Ländern eher zu beschaffen als je
zuvor. Die Technologie für nukleare und ballistische
Raketen ist, an den Vereinigten Staaten gemessen,
eine Technologie aus den vierziger Jahren. Die Technologie für biologische und chemische Waffen ist noch
älter, und sie ist einfacher und preiswerter zu entwickeln.
AMERIKA DIENST 3

Zweitens handelt es sich bei den meisten dieser Technologien um Mehrzwecktechnologien - das heißt, sie
können auch zu legitimen zivilen Zwecken verwendet
werden. Das macht es schwierig, den Handel mit
ihnen zu beschränken, weil wir die Fähigkeit der Entwicklungsländer, sich weiterzuentwickeln, beschneiden würden. Zum Beispiel ist ein großer Teil der
Technologie für ein ballistisches Raketenprogramm
dieselbe wie für ein Weltraumprogramm. Die chemischen Verbindungen für Nervengase werden auch bei
der Herstellung von Kunststoffen und der Verarbeitung
von Lebensmitteln eingesetzt. Darüber hinaus könnte
eine moderne pharmazeutische Industrie ebenso leicht
Mittel zur biologischen Kriegführung herstellen wie
Impfstoffe und Antibiotika.

Seite 1

�Ein dritter Grund für die Zunahme besteht darin, daß
Einzelpersonen, Firmen und manchmal auch einzelne
Länder, die sich bei ihren legitimen Geschäften scharfer Konkurrenz ausgesetzt sehen, schnelle Gewinne
durch illegalen Absatz machen wollen.

fen, die diese Raketen erwerben, werden das bereits
im Nahen Osten und Südasien stattfindende Wettrüsten noch ausweiten und beschleunigen.

Länder wie der Irak sind nicht länger zufrieden mit
zweitklassiger Technologie, die ihnen von größeren
Mächten überlassen wird. Statt dessen wollen sie
modernste Waffen, die ihnen Prestige ebenso verleihen wie erstklassige Fähigkeiten. Wenn dieser Trend
anhält und Haushaltskürzungen sowie Rüstungskontrollabkommen unsere Fortschritte einschränken,
werden wir zunehmend technisch ausgereifte Waffen
in der dritten Welt sehen, die für die Verteidigungssysteme der Vereinigten Staaten eine Herausforderung
wären.

Die neunziger Jahre sind gerade erst angebrochen,
aber das Problem der Weiterverbreitung hat bereits
eine neue Dimension. Der Zerfall der Sowjetunion
bedroht die Stabilität der in Moskau zentralisierten
Führungs- und Kontrolleinrichtungen und kann zu einer
Freisetzung von Technologien und Material führen, die
bisher streng kontrolliert wurden. Rußland und die
anderen neuen Republiken sehen sich mit vielfältigen
inneren Krisen konfrontiert - dem möglichen Zusammenbruch der Autorität, einer potentiell großen Unruhe unter der Zivilbevölkerung und sich auflösender
sozialer Disziplin - während sie immer noch über
30.000 Nuklearwaffen verfügen, deren mächtigte auf
uns gerichtet sind.

Wenn schließlich manche Länder Massenvernichtungswaffen erwerben, sehen sich ihre Nachbarn gezwungen, aus politischen Gründen, Stolz und wegen der
Abschreckung vergleichbare Fähigkeiten zu entwickeln.
Lassen Sie mich nun die Bedrohung in ihren Einzelheiten darlegen. Nur China und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten verfügen mit ihren Raketen über die
Fähigkeit, direkt das Territorium der Vereinigten Staaten zu erreichen. Wir erwarten kein stärkeres Risiko
für unser Territorium durch die Waffen anderer Länder
- im konventionellen militärischen Sinne - für mindestens zehn weitere Jahre. Dennoch ist die Bedrohung
für Europa, den Nahen Osten und Asien real, und sie
nimmt zu:
Im Ausland stationierte US- oder multinationale Streitkräfte könnten bis zum Ende des Jahrzehnts einer
zunehmenden Bedrohung durch luftgestützte Atomwaffen ausgesetzt sein. Mehrere Länder verfügen
jetzt über Raketen, die nukleare Gefechtsköpfe tragen
können, und andere könnten in den nächsten Jahren
ballistische Raketen mit nuklearen Gefechtsköpfen
stationieren. Wenn irgendeins dieser Länder auch nur
wenige nukleare Gefechtsköpfe erwerben könnte, würde
es bald zu einer nuklearen Bedrohung werden können.
Die meisten der wichtigen Länder im Nahen Osten
verfügen über Programme zur Entwicklung chemischer Waffen, und manche von ihnen haben Arsenale,
die gegen Zivilisten oder schlecht verteidigte militärische Ziele eingesetzt werden könnten. Die meisten
Länder haben ihre Trägersysteme noch nicht für
Massenvernichtungswaffen ausgerüstet, aber in den
nächsten zehn Jahren werden viele Länder - von
Nordafrika bis Südasien - dies tun, wenn dem nicht mit
Hilfe internationaler Bestrebungen Einhalt geboten
werden kann.
China und Nordkorea könnten anderen Ländern Raketen größerer Reichweite und die Technologie zu deren
Herstellung verkaufen. Länder mit besonderen WafSeite 2

Die GUS-Dimension

Moskaus zentralistisches Führungs- und Kontrollsystem für die Nuklearwaffen funktioniert weiterhin, auch
wenn die Kontrolle der konventionellen Streitkräfte
sich in die Republiken verlagert. Der Präsident der
russischen Förderation, Jelzin, übernahm am 1. Weihnachtstag von Präsident Gorbatschow die Kontrolle
der strategischen Nuklearstreitkräfte der GUS. Unter
den gegenwärtigen und absehbaren Umständen glauben wir, daß die Nationalen Kommandobehörden in
der Lage sein werden, ihr nukleares Arsenal weiterhin
effektiv zu kontrollieren. Dennoch war dieses ausgefeilte und zentralistische System so konzipiert, daß es
teilweise auf professionelle Integrität baut. Wenn wir
den Zerfall der Führung und des Militärs beobachten,
müssen wir uns um die zunehmende Unzufriedenheit
unter Angehörigen der Streitkräfte Sorgen machen,
auch denjenigen, die für die Bewachung, den Einsatz
und die Wartung von Nuklearwaffen zuständig sind.
Traditionell verfügten die Sowjets über drei Koffer zur
Kontrolle der Atomwaffen, jeweils einen für den Präsidenten, den Verteidigungsminister und den Generalstabschef. Heute scheinen es nur noch zwei zu sein.
Der vorläufige Oberbefehlshaber der Streitkräfte der
Gemeinschaft (und frühere Verteidigungsminister)
Schaposchnikow erklärte vor zwei Wochen, er und
Präsident Jelzin seien die einzigen mit einem solchen
Koffer. Der dritte befindet sich jetzt in Reserve.
Wir warten immer noch ab, wie Rußland und die
anderen Republiken die Besitzverhältnisse der Atomwaffen ordnen und welche Verfahren sie zu ihrer
Wartung und Kontrolle ausarbeiten. Kasachstan,
Wei ßru Bland und die Ukraine haben erklärt, sie wollten
die auf ihrem Territorium befindlichen Waffen Rußland
zurückgeben, damit sie zerlegt und zerstört werden
können. Sie wollen die Entscheidungen gemeinsam
mit Rußland treffen, aber das Ausmaß, in dem sie die
Entscheidungen beeinflussen können, ist noch nicht

AMERIKA DIENST 3

�klar. Insbesondere wird der Aufbau eines Führungsund Kontrollsystems schwierig sein, das es den politisch Verantwortlichen außerhalb Moskaus gestattet,
an der termingerechten Befehlsausführung teilzuhaben.
Im Hinblick auf die Fähigkeit zur Zerlegung von Nuklearwaffen behaupten Vertreter Rußlands, etwa 1.500
Waffen pro Jahr zerstören zu können. Wir glauben
ihnen schon, daß sie das können, aber es würde über
10 Jahre dauern, wenn sie die 15.000 Waffen zerlegen, die sie zerstören wollen.
Wenn wir uns der Frage der Weiterverbreitung infolge
des Zerfalls der Sojetunion stellen, sehen wir uns mit
einer Reihe von beunruhigenen Möglichkeiten konfrontiert, unter Umständen etwa dem Verkauf von
Material, Waffen oder einer "Abwanderung" von Waffenprogrammen ins Ausland. Als Reaktion darauf gibt
es internationale Bestrebungen unter Führung der
Vereinigten Staaten, aber in Kooperation mit den meisten
Ländern Europas und der GUS, um die Gefahr zu
bannen. Boris Jelzin und die meisten anderen Führer
der Republiken wollen dies ernsthaft verhindern und
haben Maßnahmen angekündigt, um ein solches
Ausbluten zu verhindern.
Wir erwarten Versuche der Rüstungsindustrie der
früheren Sowjetunion, besorgniserregende Mehrzwecktechnologie zu vermarkten, insbesondere für die Nutzung der Kernenergie und für Weltraumraketen. Zum
Beispiel hat sich die Weltraumbehörde Glawkosmos
neu organisiert, um ein gemeinsames russisch-kasachisches Weltraumprogramm zu vermarkten, wozu
Rußland SS-25-Antnebsraketen für Raketenstarts liefert.
Andere LäncL-i -.m ehrgeizigen Waffenentwicklungsprogrammen werden sicherlich die Möglichkeit in
Erwägung ziehen, einige der modernsten Waffentechnologien der Welt und entsprechendes Material zu
Schleuderpreisen zu erwerben.
Uns liegen eine Reihe von Presseberichten vor, denen
zufolge spaltbares Material der Sowjets bereits auf
dem schwarzen Markt angeboten wird. Bis jetzt liegen
uns noch keine Beweise für die Echtheit dieser Geschichten vor. Alles, was wir bisher überprüft haben,
hat sich als falsch herausgestellt. Aufgrund der gro ßen
Nachfrage nach diesem Material, der Schwierigkeit
zur Bestimmung der Herkunft von spaltbarem Material
und der weitverbreiteten Verfügbarkeit kleiner Mengen
Urans und Plutoniums in Forschungseinrichtungen
werden wir erwartungsgemäß noch viel Schwindel
aufdecken. Dadurch wird unsere Arbeit noch schwieriger.
Trotz der Bestimmungen der Gemeinschaft könnten
einige Republiken oder Regionen sich enger an ihre
nicht der GUS beigetretenen Nachbarländer anschließen. Harte Devisen bringender Handel wird voraus-

AMERIKA DIENST 3

sichtlich ermutigt, und Vorbehalte gegen den Handel
mit bestimmten Waffengattungen oder Gerät könnten
schwächer und ganz ausgeräumt werden.
Wir behalten die Abwanderung von Wissenschaftlern
aus den ehemaligen sowjetischen Republiken im Auge.
Die bloße Zahl von mit sowjetischen Waffenprogrammen vertrauten Personen läßt den möglichen Umfang
der Abwanderung erahnen. Unseren Schätzungen
zufolge waren nahezu 1 Million Sowjets auf die eine
oder andere Weise an Nuklearwaffenprogrammen
beteiligt, nur ein- oder zweitausend sind jedoch in der
Lage, Nuklearwaffen zu konstruieren. Und wenige
Tausend verfügen über das Wissen und die Fähigkeiten, biologische Waffen zu entwickeln und herzustellen. Das beunruhigende Problem sind wahrscheinlich
diejenigen, deren Fähigkeiten im zivilen Erwerbsleben
nicht vertreten sind, wie die Konstrukteure von Atomwaffen und Ingenieure, die auf die Waffenausrüstung
mit chemischen und biologischen Wirkstoffen spezialisiert sind. Sie wurden unter dem sowjetischen System gut behandelt und werden Schwierigkeiten haben, jetzt vergleichbare Positionen zu finden.
Die meisten auswanderungswilligen sowjetischen
Wissenschaftler würden es wahrscheinlich vorziehen,
sich im Westen niederzulassen, aber der Westen kann
sie wohl nicht alle aufnehmen. Aufgrund der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion in
den achtizger Jahren verfügen Kuba, Indien, Syrien,
Ägypten und Algerien am ehesten über die Kontakte
und bereits im Lande lebende Wissenschaftler, die den
emigrierenden Sowjets behilflich sein könnten. Voraussichtlich möchten Rußland und die anderen Republiken ab einem gewissen Punkt die Abwanderung von
Talenten aufhalten. Aber die Wissenschaftler müssen
das Land überhaupt nicht verlassen, um Spezifikationen oder ihren Rat an Agenten anderer Länder weiterzugeben.
Ich muß hinzufügen, daß wir auch das Durchsickern
von Informationen über hochmoderne aber weniger
kontrollierte "konventionelle" Militärtechnologie und
Waffensysteme aus den ehemaligen sowjetischen
Republiken beobachten könnten. Zu den Anlaß zur
Sorge gebenden Technologien zählen "getarnte"
Systeme und Systeme zu deren Abwehr, Wärmebildtechnologie und elektronische Kriegführung. Bei den
Waffen könnte es sich um Brennstoff/LuftgemischSysteme, präzisionsgesteuerte Munition und moderne
Torpedos handeln.
In den kommenden Jahren wird unsere größte Herausforderung darin bestehen, die Entwicklung ausländischer militärischer Fähigkeiten zu verfolgen. Das
Potential für technologische Überraschungen in der
dritten Welt wächst, da einige internationale Beschränkungen für den ausländischen Zugang zu Mehrzwecktechnologien gelockert werden.

Seite 3

�Die einzelnen Regionen
Irak
Es besteht kein Zweifel, daß die Operation Wüstensturm den speziellen Waffenproduktionsprogrammen
des Irak beträchtlich geschadet hat. Es wird unterschiedlich lange dauern, bis Bagdad die Herstellung
folgender Waffensysteme wiederaufnehmen kann:
Die Atomwaffenproduktion wird wahrscheinlich am
längsten benötigen. Obwohl das technische Fachwissen noch vorhanden ist, muß ein Großteil der Infrastruktur für die Produktion von spaltbarem Material
wiederaufgebaut werden. Wir gehen bei der erforderlichen Zeit jedoch eher von wenigen als von vielen
Jahren aus.
Auch die Infrastruktur zur Herstellung chemischer
Waffen wurde ernsthaft beschädigt und muß wiederaufgebaut werden. Ein Großteil der schwer zu erwerbenden Produktionsgeräte wurde jedoch verlagert und
versteckt bevor die Bombardierung begann und wäre
für den Wiederaufbau verfügbar. Wenn die UNOSanktionen gelockert würden, könnte der Irak unseres
Erachtens praktisch sofort bescheidene Mengen chemischer Wirkstoffe herstellen, es würde allerdings ein
Jahr oder länger dauern, um die bisherige C-Waffenfähigkeit wiederzuerlangen.
Auch das B-Waffenprogramm wurde beschädigt, das
dafür entscheidende Gerät jedoch ebenfalls während
des Krieges versteckt. Da nur eine geringe Menge an
Gerät benötigt wird, könnten die Iraker B-Waffenmaterial in wenigen Wochen produzieren, sobald die Entscheidung dafür getroffen wird.
Unseres Erachtens ist noch immer eine beachtliche
Anzahl - vielleicht Hunderte - SCUD-Raketen und
Condor-Produktionsgerät vorhanden. Zeit und Kosten
der Wiederbelebeung des Raketenprogramms hängen von dem kontinuierlichen Inspektionsregime und
dann davon ab, wie leicht entscheidendes Gerät aus
dem Ausland erworben werden kann.
Aus unserer Sicht wird der Irak - zumindest solange
Saddam Hussein an der Macht bleibt - weiterhin die
größte Bedrohung bei der Verbreitung darstellen. Der
Kader von für diese Programme ausgebildeten Wissenschaftlern und Ingenieuren wird in der Lage sein,
alle ruhenden Programme unverzüglich wiederzubeleben. Zweifelsohne hofft Saddam Hussein, seine
Kompromißlosigkeit würde die internationale Entscheidung zu Sanktionen überdauern. Glücklicherweise ist
die internationale Entschlossenheit zur Aufrechterhaltung der Sanktionen einschließlich der UNO-Inspektionen weiterhin ungebrochen. Solange dies andauert,
wird Saddam ernsthaft am Wiederaufbau seiner Waffenprogramme gehindert sein.

Seite 4

Sollte die irakische Regierung jemals ernsthaft in
Erwägung ziehen, ihre Fähigkeit zur Produktion von
Massenvernichtungswaffen - wie durch UNO-Resolution 678 vorgeschrieben - aufzugeben, könnte sie für
ihr bisheriges Vorgehen voll und ganz verantwortlich
gemacht werden. Dazu würde eine Bestandsaufnahme des irakischen Nuklearmaterials zählen, femer
eine Beschreibung der Infrastruktur zur Produktion
von Raketen und Gefechtsköpfen, das Eingeständnis,
daß Bagdad in der Tat ein offensives biologischen
Waffenprogramm unterhält einschließlich der Herstellung und Waffenausrüstung mit biologischen Wirkstoffen und vor allem eine genaue Liste der an den
Programmen beteiligten wichtigsten Personen sowie
ausländischen Lieferanten, so daß die Vereinten Nationen die Einstellung verbotener Aktivitäten besser
überwachen können.
Iran
Der Irak ist nicht das einzige Land, das am Golf und im
Nahen Osten Anlaß zur Sorge bereitet. Der Iran hat
übergreifende Bestrebungen zur Entwicklung seiner
Rüstungsindustrie in die Wege geleitet. Diese Bestrebungen umfassen Programme für Massenvernichtungswaffen, nicht nur um sich gegen das mögliche
Wiederauftreten einer Bedrohung mit speziellen Waffen durch den Irak zu wappnen, sondern um die
Vorrangstellung des Iran am Golf und in Südwestasien
zu festigen.
Der Iran kauft nach wie vor auf westlichen Märkten
Nuklear- und Raketentechnologie ein und versucht,
einige der von Teheran in den achtziger Jahren ausgewiesenen technischen Experten zurückzulocken. Der
Iran hat sich jedoch zunehmend an asiatische Quellen
für militärische und technische Hilfe gewandt und hofft,
Kontakte in Kasachstan werden ihm das Anzapfen der
sowjetischen Waffentechnologie gestatten. Teherans
Hauptquelle für spezielle Waffen seit dem iranischirakischen Krieg sind Nordkorea für SCUDs längerer
Reichweite, China für Gefechtsfeldraketen, Marschflugkörper und verwandte Technologien.
China liefert beispielsweise einen Miniaturneutronenquellenreaktor und einen elektromagnetischen Isotopentrenner. Diese Geräte dienen legitimen friedlichen
Zwecken, die öffentlichen Erklärungen des Iran, er sei
im Besitz von Atomwaffen, legen jedoch einen anderen Schluß nahe. Der Iran beansprucht ferner das
Recht auf chemische Waffen angesichts des Einsatzes chemischer Waffen gegen Iran durch den Irak.
Unseres Erachtens hat er diese Option ausgeübt.
Wir haben darüberhinaus Grund zu der Annahme, daß
der Iran mit anderen potentiellen Waffenkonstrukteuren in der Region gemeinsame Vereinbarungen trifft.

AMERIKA DIENST 3

�Syrien
Auch Syrien hat sich an Nordkorea gewandt. Da
Damaskus keine SS-23 von der Sowjetunion erhielt,
beschaffte es eine Rakete mit größerer Reichweite
von Pjöngjang. Ferner wird offensichtlich die Unterstützung Chinas und westlicher Firmen für verbesserte
Fähigkeiten mit C- oder B-Waffengefechtsköpfen
angestrebt. Im nuklearen Bereich verhandelt Damaskus mit China über einen Reaktor.
Israel, Saudi Arabien, Ägypten
Andere Länder in der Region scheinen sich vor kurzem
für die Verstärkung ihrer Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten als Absicherung gegen langfristige
Bedrohungen aus dem Iran und dem wieder erstarkenden Irak entschieden zu haben.
Die Israelis investieren weiterhin in die Entwicklung des Abwehrflugkörpers gegen den taktischen Flugkörper Arrow und erproben ihre ballistischen Raketenstreitmacht.
Die Saudis erweitern ihre CSS-2 Raketenunterstützungseinrichtungen.
Ägypten hat eine Raketenproduktionseinrichtung, die jederzeit den Betrieb aufnehmen könnte.
Libyen
Trotz internationaler Proteste wird das C-Waffenprogramm Libyens in Nordafrika fortgesetzt. Unseren
Schätzungen zufolge hat die Einrichtung in Rabita
einen Bestand von annähernd 100 Tonnen chemischer Wirkstoffe produziert.
Die Libyer haben die Anlage in Rabita gereinigt, vielleicht als Vorbereitung für die lange erwartete Öffnung
der Anlage für die Öffentlichkeit, um ihre angeblich
zivile Produktion von Arzneimitteln unter Beweis zu
stellen. Die Anlage muß jedoch noch umgebaut werden, um die Herstellung chemischer Wirkstoffe auszuschließen.
Selbst wenn Rabita geschlossen wird, beabsichtigen
die Libyer nicht, ihre C-Waffenproduktion aufzugeben.
Einer Reihe von Berichten zufolge bauen die Libyer
eine neue Anlage - von der sie hoffen, sie entgeht der
internationalen Aufmerksamkeit.
Seit einigen Jahren haben die Libyer verstärkte Anstrengungen zum Bau einer B-Waffenanlage unternommen, sind jedoch nicht sehr weit gediehen. Unseres Erachtens benötigen sie Unterstützung von technologisch weiter entwickelten Ländern, um die Einrichtung zu bauen und in Betrieb zu nehmen.

AMERIKA DIENST 3

Anhaltende Bestrebungen, den Libyern den Zugang
zu atomaren und biologischen Waffen sowie der Technologie für deren Trägersysteme zu verweigern, haben zweifelsohne die Weiterentwicklung dieser Programme in großem Umfang vereitelt und Gaddafi
gezwungen, sich weniger weit entwickelter Technologie und weniger vertrauenswürdigen Quellen auf grauen und schwarzen Märkten in den Entwicklungsländern zuzuwenden.
Libyen hat keineswegs sein langfristiges Ziel aufgegeben, seinen militärischen Aktionsradius über den östlichen Mittelmeerraum hinaus auszudehnen. Durch
Rückschläge ist Libyen auf die SCUD-Raketen mit
relativ kurzer Reichweite beschränkt, die sich derzeit in
seinem Besitz befinden. Sowohl Rußland als auch
China haben libysche Kaufanfragen abgelehnt. Tripolis bemüht sich zur Zeit in der ganzen Welt eingehend
um alternative Bezugsquellen, und jüngste Darstellungen Südkoreas deuten darauf hin, daß Nordkorea zum
Verkauf solcher Waffen an Libyen bereit sein könnte.
Algerien
Wie Sie wissen, hat Algerien den Bau eines von China
gelieferten Kernreaktors nahezu vollendet. Sowohl die
Algerier als auch die Chinesen haben uns versichert,
daß der Reaktor nur für friedliche Zwecke eingesetzt
wird. Dennoch machen wir uns aufgrund der Geheimhaltung des ursprünglichen Abkommens und des
Fehlens von Inspektionen Sorgen.
Der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO)
zufolge hat Algerien mit dieser Behörde ein Abkommen über die Sicherheit dieses Reaktors ausgehandelt. Das Leitungsgremium der IAEO wird diese
Vereinbarung bei seinem Treffen im Februar erörtern.
Wir hoffen, daß es eine rasche Inspektion zur Folge
haben und einige unserer Bedenken ausräumen wird.
Indien und Pakistan
In Südasien ist das Wettrüsten zwischen Indien und
Pakistan ein Grund zu starker Besorgnis. Beide Länder unterhalten nicht nur Programme zum Bau von
Kernwaffen und Trägersystemen, sie waren unlängst
auch bestrebt, chemische Waffen zu beschaffen. Diese
Programme sind wegen der ständigen Spannungen
und Konflikte in Kaschmir besonders besorgniserregend.
Wir haben keinen Grund zu der Annahme, daß Indien
oder Pakistan fertig montierte oder stationierte Atombomben besitzen. Solche Waffen könnten jedoch
rasch zusammengebaut werden, und beide Länder
besitzen Kampfflugzeuge, die sich im Krisenfall zu
Trägersystemen umrüsten lassen. Beide haben sich
öffentlich zu gewissen vertrauensbildenden Maßnahmen bereiterklärt, einschließlich des Versprechens,

Seite 5

�die Nukleareinrichtungen des Gegners nicht anzugreifen, und hoffen, daß der anhaltende Dialog Früchte
tragen wird.
Die Vereinigten Staaten lehnen weiterhin Exporte von
Technologie zum Bau von Trägerraketen oder modernen Rechnersystemen an beide Länder durch die
GUS, China oder die MTCR-Partnerab, da eine solche
Technologie mit hoher Wahrscheinlichkeit für ein
Programm zum Bau ballistischer nuklearer Langstrekkenraketen eingesetzt würde.
Nordkorea
Die Programme Nordkoreas bilden die dringlichste
Bedrohung unserer nationalen Sicherheit in Ostasien.
Die Volksrepublik Korea hat erhebliche Investitionen in
seine Streitkräfte vorgenommen und hängt im Hinblick
auf seine Deviseneinnahmen großenteils von Waffenverkäufen ab. Sie hat sowjetische SCUD-Raketen im
Eigenbau hergestellt und an mehrere Staaten des
Nahen Ostens geliefert. Darüber hinaus hat sie ihre
SCUDs modifiziert, ihnen dadurch eine grö ßere Reichweite verliehen als die der irakischen Raketen und
solche Raketen an den Iran und Syrien verkauft.
Pjöngjang steht kurz vor der Verkaufsreife einer wesentlich größeren Rakete mit einer Reichweite von
mindestens 1.000 km - genug, um nach einer Stationierung in Nordkorea Osaka, Wladiwostok oder Schanghai zu erreichen.
Dem Nuklearprogramm des Nordens gilt unsere größte Besorgnis. Pjöngjang besitzt die gesamte zur
Entwicklung von Kernwaffen erforderliche Infrastruktur, vom Uranabbau über die Wiederaufbereitung von
Kernbrennstoffen bis zur Plutoniumgewinnung. Es hat
zwei Kernreaktoren gebaut, deren einziger Zweck die
Produktion von Plutonium ist. Einer dieser Reaktoren
arbeitet bereits seit vier Jahren, der zweite, wesentlich
größere wird dieses Jahr den Betrieb aufnehmen.
Im Dezember haben Nord- und Südkorea ein historisches Abkommen ausgehandelt, das im Prinzip eine
kernwaffenfreie koreanische Halbinsel vorsieht. Jede
Seite hat sich dazu verpflichtet, Kernwaffen nicht "zu
erproben, herzustellen, zu produzieren, beschaffen,
besitzen, lagern, stationieren oder einzusetzen". Beide Seiten haben sich ferner darauf geeinigt, keine
Einrichtung zur Wiederaufarbeitung oder zur Anreicherung von Uran zu besitzen. Die Verifizierung,
einschließlich von Vor-Ort-Inspektionen, muß jedoch
noch ausgearbeitet werden.
Unseres Erachtens kann die Bedeutung - ja, der Wert
- des Nuklearabkommens zwischen Nord- und Südkorea nur aufgrund des Inspektionsregimes bewertet
werden, dem Pjöngjang letztlich zustimmen wird.
Nordkorea war bis vor kurzem bei diesem Thema nicht

Seite 6

gerade entgegenkommend. Es hatte im Dezember
1985 den Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen unterzeichnet und war danach verpflichtet, alle
nuklearen Einrichtungen anzumelden und internationaler Kontrolle zu unterstellen. Aber erst diesen Monat
hat sich Pjöngjang endlich bereiterklärt, bis Februar
eine Kontrollvereinbarung zu unterzeichnen. Wir sind
weiterhin besorgt darüber, wie der Norden seine Pflichten zur Gestattung von IAEO- Inspektionen interpretieren wird. Der Norden hat bisher noch nicht einmal die
Existenz seiner Reaktoren zur Plutoniumgewinnung
und der Wiederaufarbeitungsanlage im Forschungszentrum Jöngbjon zugegeben, geschweige denn diese angemeldet. Er hat konsequent die Fristen für den
Abschluß der einschlägigen Verfahren verstreichen
lassen und für den Beitritt zu dem Abkommen Zusatzbedingungen gestellt.
Unsere Besorgnis über die nuklearen Bestrebungen
des Nordens geht insgesamt weit über die koreanische
Halbinsel hinaus. Wir sind nicht nur über die Konsequenzen für die Stabilität in Nordostasien besorgt,
wenn der Norden Kernwaffen beschafft, sondern
ebenfalls darüber, daß Pjöngjang mit diesen Waffen
und seiner Nukleartechnologie auf den Weltmarkt geht.
China
Als Nachbar Nordkoreas hat China einige wichtige
öffentliche Erklärungen abgegeben, die auf seine Absicht
verweisen, internationale Abkommen zur Verbreitung
von Raketen und Kernwaffen einzuhalten. Beijing
entwickelt gegenwärtig zwei mit Festtreibstoff betriebene ballistische Kurzstreckenraketen - die M-9 und
die M-11 -, die in Reichweite und Nutzlast die Begrenzungen des MTCR (500 Kilogramm und 300 Kilometer) übertreffen. Es hat diese Raketen in der Vergangenheit zum Verkauf angeboten, aber angedeutet,
seine bedingte Verpflichtung zur Einhaltung der MTCRLeitlinien und -Parameter träfe auf beide Raketen zu.
Im vergangenen August verpflichtete sich China zur
Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags, und
der Nationale Volkskongreß ratifizierte dieses Abkommen. China ist heute verpflichtet, von allen Abnehmern für Nuklearkomponenten die Einhaltung der IAEONormen zu verlangen. Diese Entwicklung ist wichtig,
weil China seit langem ein Lieferant von Nukleartechnologie in die dritte Welt ist. Obwohl China behauptete,
all diese Exporte dienten lediglich friedlichen Zwecken,
hat es nicht immer von den Empfängern die Einhaltung
von Kontrollbestimmungen verlangt. Trotz seines
Beitritts zum Nichtverbreitungsvertrag sind wir weiterhin besorgt darüber, daß Beijing behaupten könnte,
bestehende Verträge würden Bestandsschutz genießen und seien deshalb von den lAEO-Kontrollen ausgenommen.

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�Westliche Quellen
Bedauerlicherweise muß ich Ihnen berichten, daß
westliche Unternehmen auch weiterhin sensible Technologie an Länder liefern, die Massenvernichtungswaffen entwickeln. Dieser Handel wird teilweise über
Scheinfirmen oder Drittländer an harmlos klingende
Empfänger abgewickelt. Die meisten Verkaufe betreffen Gerät mit teilweise legitimen Zwecken, die Behauptungen von Lieferanten und Exportkontrollbehörden rechtfertigen, sie hätten nicht wissen können, daß
eine bestimmte Lieferung für ein besonderes Programm zur Waffenentwicklung gedient habe. In allzu
vielen Fällen wußten die Exporteure jedoch sehr gut,
mit wem sie es zu tun hatten. Sie hatten sich vielleicht
sogar um solche Geschäfte bemüht und mit dem
Käufer zusammengearbeitet, um die Exportbestimmungen zu umgehen.
Libyen, der Iran und Indien erhalten zum Beispiel
weiterhin modernes Material wie etwa SpezialStähle,
hochreines Graphit und Verbundwerkstoffe für Raketenmotoren aus westeuropäischen Beständen. Der
Verkauf von Präzisionswerkzeugmaschinen mit möglichen Anwendungsbereichen in der Raketen- und
Nukleartechnik bietet besonderen Anlaß zur Sorge.
Internationale Kontrollbestrebungen
Von der Weiterverbreitungsfront sind gute Nachrichten zu vermelden, die zum großen Teil auf die amerikanische Führung zurückgehen. Seit dem Golfkrieg
und den Enthüllungen über Saddams Programme
haben zahlreiche verantwortungsbewußte Staaten ihre
Exportkontrollgesetze verschärft, die Strafen förderen
Verletzung erhöht und die Durchführungsmaßnahmen
verstärkt. Internationale Organisationen und Abkommen, wie etwa die IAEO und das Regime zur Kontrolle
von Raketentechnologie (MTCR), wurden mit neuem
Leben erfüllt. Die Regierungen mehrerer Schlüsselstaaten haben dem US-Außenministerium versichert,
sie hätten Programme zum Bau von Kernwaffen oder
ballistischen Raketen eingestellt. So hat zum Beispiel
*

AMERIKA DIENST 3

*

Südafrika den Nichtverbreitungsvertrag unterzeichnet, und Argentinien und Brasilien haben Schritte
unternommen, die eine Abkehr von ihren nuklearen
Optionen bedeuten. Südkorea und Taiwan, die eine
Entwicklung von Kernwaffen in der Vergangenheit
erwogen hatten, haben beide dieser Option eine Absage erteilt. Die jüngsten Wiedervereinigungsgespräche
mit Nordkorea haben gezeigt, daß der Süden es mit
seinen Bemühungen zur Erlangung einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel ernst meint.
Israel hat öffentlich angekündigt, es werde sich an die
Leitlinien des MTCR halten und wird israelischen
Presseberichten zufolge nicht mehr mit Südafrika bei
der Entwicklung ballistischer Raketen zusammenarbeiten. Brasilien hat angekündigt, sein Weltraumprogramm sei unter zivile Kontrolle gestellt worden, und
die argentinische Regierung erklärte, sie überprüfe zur
Zeit das unterbrochene Condor-Il-Programm.
Obwohl die Mitgliedstaaten des MTCR und der Australien-Gruppe - des Regimes zur Kontrolle von C- und BWaffentechnologie - neue Mitglieder aufgenommen
und die Spezifikationen für betroffenes Gerät und
Material verfeinert haben, sind den Leistungen, die wir
von multilateralen Kontrollregimen erwarten können,
Grenzen gesetzt. Einige Länder werden einen Beitritt
niemals als in ihrem Interesse liegend empfinden.
Selbst die Mitgliedschaft ist keine Garantie für positives Verhalten. Handels- und andere Anreize, die auf
eine Mitgliedschaft ausgerichtet sind, könnten einige
Staaten zum Beitritt zwingen, auch wenn sie kaum die
Absicht hegen, sich an die Verfügungen zu halten.
Trotz des geschärften Bewußtseins und verstärkten
Interesses daran, etwas zur Lösung des Problems der
Weiterverbreitung zu tun, deuten die größere Verfügbarkeit einschlägiger Materialien und Technologien,
die schwierige Wirtschaftslage in vielen potentiellen
Lieferstaaten sowie anhaltende regionale Animositäten darauf hin, daß sich das Problem weiter verschärfen wird.

*

*

Seite 7

�MARTIN

LUTHER

KING
22. Januar 1992

BUSH WÜRDIGT VERMÄCHTNIS
MARTIN LUTHER KINGS
Proklamation zum gesetzlichen Feiertag
ATLANTA (GEORGIA) - (AD) - Präsident Bush hat am 17. Januar 1992 das Vermächtnis des ermordeten
Bürgerrechtlers Martin Luther King gewürdigt, weil dieser "mutig für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung
eintrat, obgleich seine Botschaft der Harmonie zwischen den Rassen auf hartnäckigen und manchmal sogar
brutalen Widerstand stieß".
King habe gewußt, daß sein "Handeln im Geist der Gewaltlosigkeit das Leiden zur Tugend erheben konnte",
erklärte Bush in einer Proklamation zum landesweiten gesetzlichen Feiertag am 20. Januar 1992.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation des Präsidenten im Wortlaut.

"Ein Mann wird letztlich nicht daran gemessen, welchen Standpunkt er in Zeiten des Wohlergehens und
der Ruhe einnimmt, sondern wie er sich in Zeiten der
Herausforderungen und Kontroversen verhält." Am
63. Geburtstag des Reverend Dr. Martin Luther King,
Jr., ehren wir einen Amerikaner, der mutig für Gerechtigkeit und f^'^berechtigung eintrat, obgleich seine
Botschaft der Harmonie zwischen den Rassen auf
hartnäckigen und manchmal sogar brutalen Widerstand stieß.
Martin Luther King rief uns trotz der grausamen Realität der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten
zu: "Ich habe immer noch einen Traum. Es ist ein
Traum, der tief im amerikanischen Traum verwurzelt
ist. Ich träume davon, daß sich diese Nation eines
Tages erheben und gemäß der wahren Bedeutung
ihres Bekenntnisses leben wird." Er glaubte daran,
daß mit der wahren Erfüllung dieses Bekenntnisses
seine Kinder "eines Tages in einer Nation leben, in der
sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem
Charakter beurteilt werden".
In all seinen Jahren als Führer der Bürgerrechtsbewegung blieb Dr. King der Ethik der Gewaltlosigkeit treu.
Immer wieder appellierte er inständig an seine Zuhörer: "Laßt uns nicht danach streben, unseren Durst
nach Freiheit zu stillen, indem wir vom Kelch der
Bitterkeit und des Hasses trinken. Wir müssen uns
stets auf der hohen Ebene der Würde und Disziplin
bewegen." King wußte, daß viel Geduld, Mut und
Tapferkeit erforderlich waren, um angesichts biswei-

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len bitteren Widerstandes einen friedlichen Kampf zu
führen, aber er wußte auch, daß ein Handeln im Geist
der Gewaltlosigkeit das Leiden zur Tugend erheben
konnte. "Der gewaltfreie Ansatz... verändert zunächst
etwas in den Herzen und Seelen derjenigen, die sich
ihm verschrieben haben", stellte er fest. "Er verleiht
ihnen neue Selbstachtung, er fördert neue Reserven
an Stärke und Courage an den Tag, derer sie sich
überhaupt nicht bewußt waren." Dr. King drängte
seine Zuhörer, sich auf die Kraft der moralischen
Wahrheit zu verlassen.
In Anerkennung der erlösenden Kraft von Liebe und
Opfern strebte King danach, die Bürgerrechtsbewegung im Einklang mit seinen hehren Zielen anzuführen. "Man kann Gutes nicht mit schlechten Mitteln
erreichen", erklärte er, "weil die Mittel die Saat und der
Zweck der Baum sind." Dr. King wollte nicht nur
Gesetze ändern, sondern in den Herzen und Köpfen
des amerikanischen Volkes ein neues Gefühl der
Brüderlichkeit wecken.
Kings Ansatz war mehr als die Ablehnung von Bitterkeit und Gewalt - es war die lautstarke Bekräftigung der
Würde und Möglichkeiten jedes einzelnen. Im Vertrauen auf den Glauben, der ihm seit seiner Kindheit
vermittelt worden war, erklärte er, der Schlüssel zu
"Frieden auf Erden und gutem Willen gegenüber den
Menschen ist die ... Bekräftigung der Heiligkeit jeglichen menschlichen Lebens. Jeder Mensch bedeutet
etwas, weil er ein Kind Gottes ist." Diese Botschaft ist
es wert, heute wiederholt zu werden.

Seite 1

�In den vergangenen Jahrzehnten unternahm unsere
Nation enorme Anstrengungen, um gleiche Chancen
für alle zu gewährleisten. Die Bürgerrechtsgesetze
von 1957 und 1964 sowie das Gesetz über das Wahlrecht von 1965 waren nur der Anfang zahlreicher
entscheidender Fortschritte für die Minderheiten angehörenden Männer und Frauen - Fortschritte, die bis
zum heutigen Tag andauern. Obwohl wir das schmerzliche Vermächtnis der Rassentrennung in diesem Land
überwunden haben, sind wir uns bewu ßt, daß nach wie
vor noch viele Herausforderungen bestehen. Zu einer
Zeit, in der zu viele Menschenleben durch Gewalt in
unseren Städten, Drogenmißbrauch oder durch ungenutztes Potential gefordert werden, zu einer Zeit, in der
zu vielen jungen Amerikanern das Vertrauen in sich
und die Zukunft fehlt, sind wir gut beraten, erneut über
Martin Luther Kings zeitlose Botschaft nachzudenken
- eine Botschaft, die die Bedeutung von Glauben,
Familie, Selbstachtung und Achtung des anderen
hervorhebt.

ablehnte, trug Martin Luther King seinen Zuhörern
folgendes auf: "Laßt uns in diesen entscheidenden
Tagen, diesen Tagen der Herausforderung danach
streben, Amerika zu einer besseren Nation zu machen...'' Indem wir uns an diese Worte und an seinen
Traum für Amerika erinnern, wollen wir diesen Gedenktag zum Anlaß nehmen, unsere Verpflichtungen
gegenüber unseren Familien und Mitmenschen zu
erneuern.
Per Gesetz 98-144 ist der dritte Montag im Januar
jedes Jahres zum gesetzlichen Feiertag erklärt worden.
Aufgrund dessen erkläre ich, George Bush, Präsident
der Vereinigten Staaten von Amerika, kraft der mir von
der Verfassung und dem Gesetz verliehen Autorität
Montag, den 20. Januar 1992 zum Gedenktag für
Martin Luther King, Jr.

Unterzeichnet am 17. Tag des Januar, im Jahre des
Herrn 1992 und im 216. Jahr der Unabhängigkeit der
In seiner letzten öffentlichen Rede, gehalten am Abend Vereinigten Staaten von Amerika.
bevor er Opfer der Gewalt wurde, die er so vehement
* * * *

Seite 2

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�GOLFKRIEG
22. Januar 1992

UNTERNEHMEN WÜSTENSTURM EIN JAHR DANACH
Von Henry E. Catto
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, den der Direktor des US-Informationsamts, Henry E. Catto, zum Jahrestag des Unternehmens Wüstensturm im Golfkrieg geschrieben hat.
Krieg ist niemals etwas, dem Staatsmänner oder Bürger
den Vorzug vor allen anderen Möglichkeiten geben. In
den Monaten nach dem brutalen Einmarsch des Irak in
Kuwait stellte Krieg auch für die amerikanische Regierung die letzte noch verbleibende Möglichkeit dar. In
enger Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen
schöpfte Präsident Bush jede andere Möglichkeit aus,
um die Krise zu einem friedlichen Abschluß zu bringen.
Bedauerlicherweise erwies sich Krieg als notwendig.
Ein Jahr später gibt es Stimmen, die behaupten, daß
der Golfkrieg kein richtiger Sieg gewesen sei, weil in
der Region immer noch zahlreiche Probleme bestehen. Tatsächlich wurde das Hauptziel des Golfkriegs
jedoch erreicht i ^ d er führte zu mehr Verbesserungen, als dies bei Kriegen gemeinhin der Fall ist. Die
Bilanz ist wie folgt:
Nach einem 43tägigen Luftkrieg, der bemerkenswerterweise nur geringe Verluste unter der
Zivilbevölkerung forderte, und nach einer glänzend geplanten und durchgeführten 1OOstündigen Bodenoffensive wurde Kuwait befreit.
Saddam Husseins Machtposition am Persischen
Golf sowie seine Fähigkeit, diese Region zu destabilisieren, wurden drastisch eingeschränkt.
Die Massenvernichtungswaffen des Irak wurden größtenteils zerstört. Vor einem Jahr stand
der Irak kurz davor, die Fähigkeit zur Herstellung einer Atomwaffe einfacher Bauart zu erwerben. Dem ist bis auf weiteres ein Riegel
vorgeschoben.
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
behielten Zugang zu den Ölvorkommen des
Mittleren Ostens. Im Gegensatz dazu hätte der
Irak 20 Prozent der Welterdölreserven kontrolliert, wenn man die Eroberung Kuwaits hinge* *
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nommen hätte, und sogar mehr als die Hälfte,
falls der Irak die Kontrolle über die Vorkommen
in Saudi-Arabien und in dessen schwächeren
Nachbarländern gewonnen hätte.
Indem Amerika von Anfang an mit seinen Verbündeten und anderen Mitgliedern der Vereinten Nationen kooperierte, trug es dazu bei, eine
bislang einzigartige internationale Koalition gegen
Aggression zusammenzubringen.
Derzeit läuft die bislang einzige multinationale
Verhandlungsrunde, an der sowohl Israel als
auch die arabischen Staaten teilnehmen. Es ist
zwar noch zu früh, um sagen zu können, was am
Ende stehen wird, aber in der Geschichte des
Mittleren Ostens wurde eindeutig ein neues
Kapitel aufgeschlagen.
Der britische Militärwissenschaftler und Autor John
Keegan hat vielleicht am besten erklärt, worin der
Haupterfolg des Golfkriegs besteht. Im Londoner
Sunday Telegraph vom 12. Januar schrieb er, daß es
nun so etwas wie eine neue Weltordnung gebe, in
deren Rahmen Aggressoren nicht nur bestraft, sondern auch entwaffnet werden können, solange die Völkergemeinschaft ihre Entschlußkraft wahrt und solange Amerika und seine Verbündeten bereit sind, kraftvoll und umgehend zu handeln. Die meisten Möchtegern-Saddams scheinen dies begriffen zu haben.
Saddam selbst hat es sicherlich begriffen. Sein Größenwahn ist zunichte geworden, und seine Tage sind
gezählt. Nein, der Golfkrieg hat nicht alle Probleme
des Mittleren Ostens gelöst. Er hat jedoch die Lage in
der Region und sogar auf der Welt insgesamt zu unser
aller Nutzen deutlich verbessert - keine schlechte
Leistung, über die sich einige von denen, die gern alles
rückgängig machen würden, Gedanken machen sollten.
* * *
Seite 1

�W A H L E N '92
22. Januar 1992

DIE LISTE DER VORWAHLEN UND
WAHLVERSAMMLUNGEN 1992
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine chronologische Liste der im Wahljahr 1992
anstehenden Wahltermine. In den Bundesstaaten werden zur Auswahl eines Präsidentschaftskandidaten und
der Delegierten für die Nominierungskonvente entweder Vorwahlen (Primary - P) oder Wahlversammlungen
(Caucus - C) veranstaltet. Innerhalb eines Staates können Demokraten (D) und Republikaner (R) entgegengesetzte Systeme verwenden. In vielen Fällen werden die Kongreßvorwahlen (Kong) später abgehalten als die
Termine zur Bestimmung der Präsidentschaftskandidaten.

10. Februar
Iowa (C)
18. Februar
New Hampshire (P)
23. Februar
Maine (C)
25. Februar
South Dakota (P)
3. März

8. März
Nevada (C)
10. März
Delaware (C)
Florida (P)
Hawaii (C)
Louisiana (P)
Massachusetts (P)
Mississippi (P)

Colorado (P)

Missouri (C)

Georgia (P)

Oklahoma (P)

Idaho (D) (C)

Rhode Island (P)

Maryland (P)

Tennessee (P)

Minnesota (D) (C)

Texas (P)

Utah (C)
Washington (C)
5.-19. März
North Dakota (D) (C)
7. März
Arizona (C)
South Carolina (P)

17. März
Illinois (P)
Michigan (P)
24. März
Connecticut (P)
31. März
Vermont (C)

Wyoming (C)

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Seite 1

�9. Juni

2. April

Maine (Kong)

Alaska (C)

North Dakota (R) (P)

7. April
Kansas(P)

South Carolina (Kong)

Minnesota (R) (P)

Virginia (Kong)
21. Juli

New York (P)

Georgia (Kong)

Wisconsin (P)

4. August

11. April

Kansas(Kong)

Virginia (C)

Michigan (Kong)

28. April

6. August

Pennsylvania (P)

Missouri (Kong)

5. Mai

Tennessee (Kong)

District of Columbia (P)

11. August

Indiana (P)

Colorado (Kong)

North Carolina (P)

18. August

Ohio (P)

Wyoming (Kong)

12. Mai
•

25. August

Nebraska (P)

Alaska (Kong)

West Virginia (P)

Oklahoma (Kong)

19. Mai

I.September

Oregon (P)

Florida (Kong)

26. Mai

Nevada(Kong)

Arkansas(P)

8. September

Idaho (R) (P)

Arizona(Kong)

Kentucky (P)

New Hampshire (Kong)

2. Juni
Alabama (P)

Utah (Kong)

Kalifornien (P)

Vermont (Kong)

Iowa (Kong)
Montana (P)
New Jersey (P)

l

Wisconsin (Kong)
12. September
Delaware (Kong)

New Mexico (P)
South Dakota (Kong)

Seite 2

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�15. September
Connecticut (Kong)
Massachusetts (Kong)
Minnesota (Kong)

19. September
Hawaii (Kong)
3. Oktober
Louisiana (Kong)

New York (Kong)
Rhode Island (Kong)
Washington (Kong)

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Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Deutsch-amerikanische Beziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Deutschland und die Vereinigten Staaten im Angesicht globaler Herausforderungen in einer veränderten Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Robert M. Kimmitt bei der Friedrich-Ebert-Stiftung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Weiterverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA: Besorgnis über Weiterverbreitung konzentriert auf GUS und Nordkorea&lt;br /&gt;&lt;em&gt;CIA-Direktor Gates vor dem Senat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Martin Luther King&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush würdigt Vermächtnis Martin Luther Kings&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Proklamation zum gesetzlichen Feiertag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Golfkrieg&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unternehmen Wüstensturm - ein Jahr danach&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Henry E. Catto&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wahlen'92&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die Liste der Vorwahlen und Wahlversammlungen</text>
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29. Januar 1992

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BERICHT ZUR LAGE
DER NATION

BUSH ERLÄUTERT NEUE WELTORDNUNG,
PLÄNE ZUR WIRTSCHAFTLICHEN
ERHOLUNG
Bericht des Präsidenten zur Lage der Nation

GUS-HILFE

BUSH DRÄNGT AUF WELTWEITE HILFE
FÜR EHEMALIGE SOWJETREPUBLIKEN
Rede des Präsidenten bei der GUS-Konferenz
BAKER: WELTWEITE HILFE FÜR EHEMALIGE
SOWJETUNION ERFORDERLICH
Rede des US-Außenministers
bei Koordinierungskonferenz
HILFE DER USA FÜR EHEMALIGE
SOWJETREPUBLIKEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
DIE AMERIKANISCHE HILFE FÜR DIE
EHEMALIGE SOWJETUNION
Eine Übersicht der US-Regierung

LIBYEN

PICKERING: UN-ABSTIMMUNG "KLARES
SIGNAL" AN LIBYEN
Erklärung im UN-Sicherheitsrat

PORTRAT

CARD ALS"MACHER"BEKANNT
Porträt des nominierten Verkehrsministers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�BERICHT ZUR

LAGE

DER

NATION
29. Januar 1992

BUSH ERLÄUTERT NEUE WELTORDNUNG,
PLÄNE ZUR WIRTSCHAFTLICHEN ERHOLUNG
Bericht zur Lage der Nation
WASHINGTON - (AD) - Nach dem Ende des kalten Krieges und "dem Verschwinden des imperialen
Kommunismus" hat Präsident Bush jetzt eine Reihe von Kürzungen bei den amerikanischen Kernwaffen
angekündigt, um zur Erlangung einer friedlichen neuen Weltordnung beizutragen.
In seiner Rede zur Lage der Nation erläuterte der Präsident darüber hinaus kurzfristige Pläne für Steuersenkungen und geplante Ausgaben zur Ankurbelung der Wirtschaft sowie längerfristige Maßnahmen zur Sicherung der
amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit in der Weltwirtschaft.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bushs Rede zur Lage der Nation im Wortlaut.
Herr Vorsitzender, Herr Präsident, ehrenwerte Mitglieder des Kongresses, verehrte Gäste und Mitbürger,
ich möchte heute abend von großen Dingen sprechen,
von großen Veränderungen und den Aussichten, die
sie bieten, sowie von einigen großen Problemen und
darüber, wie wir sie zusammen lösen und unser Land
als unbestrittene Führungsmacht dieses Zeitalters nach
vorne bringen können.
Wir versammeln uns heute abend hier an einem dramatischen und äu ßerst vielversprechenden Zeitpunkt
in unserer Geschichte und der Geschichte der Menschheit.
Denn in den vergangenen zwölf Monaten hat die Welt
Veränderungen nahezu biblischen Ausmaßes erlebt.
Und selbst heute, Monate nach dem gescheiterten
Staatsstreich, der einem gescheiterten System den
Todesstoß versetzte, bin ich mir nicht sicher, ob wir die
Auswirkungen und die Bedeutung des Geschehenen
vollständig erfaßt haben. Aber der Kommunismus ist
in diesem Jahr gestorben.
Obwohl ich mich als Präsident in der bestmöglichen
Ausgangsposition befinde, gab es Zeiten, in denen ich
mich so engagiert der Bewältigung dieses Wandels
und der Führungsrolle bei diesen Veränderungen
gewidmet habe, daß ich nicht immer die Freude zeigte,
die ich in meinem Herzen empfand.
Aber das größte, was in der Welt zeit meines Lebens
- zeit unseres Lebens - geschah, ist dies: Durch die
Gnade Gottes hat Amerika den kalten Krieg gewonnen.
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Ich möchte heute abend über die Veränderungen
sprechen, die in unserem Lande nun stattfinden können, da wir nicht mehr die Opfer bringen müssen, die
wir zu bringen hatten, als wir eine Supermacht zum
erklärten Gegner hatten. Heute können wir uns noch
mehr auf unser Land selbst konzentrieren und uns
anschicken, richtigzustellen, was richtig gestellt werden muß.
Ich werde über diese Dinge sprechen. Aber ich möchte
Ihnen noch etwas mitteilen, was mir in den vergangenen Monaten durch den Sinn ging. Es handelt sich
dabei um eine Art Ehrenappell. Denn der kalte Krieg
ist nicht einfach zu Ende gegangen - er bedeutete
Arbeit.
Und ich denke an all diejenigen, die ihn gewonnen
haben, an Orten wie Korea und Vietnam. Und einige
von ihnen kamen nicht zurück. Damals waren sie
Helden, aber in diesem Jahr wurden sie, was sie
damals noch nicht wissen konnten: Sieger.
Der lange Appell - all die einfachen Soldaten und
Soldatinnen, all diejenigen, die loyal für die Freiheit
kämpften, die zu Boden gingen, den Staub einatmeten
und ihren Teil der Schrecken erlebt haben.
Dies mag leichtfertig klingen - ich meine es aber nicht
so -, aber es bewegt mich tief, wie die Welt sie sah.
Die Welt sah nicht nur ihren besonderen Mut, sondern
auch ihren besonderen Stil - ihre lärmende, optimistische Tapferkeit, ihre Einigkeit auf Leben oder Tod, die
nicht durch Klasse, Rasse oder Religion eingeschränkt
wurde. Was für eine Gruppe haben wir nun schon seit
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�Generationen hervorgebracht - von denen, die "Kilroy
was Here" auf die Mauern deutscher Stalags schrieben bis zu denjenigen, die in der irakischen Wüste
Schilder mit der Aufschrift "I Saw Elvis" hinterließen.
Welch eine Gruppe junger Menschen haben wir in die
Welt entsandt.
Und noch jemand verdient besondere Erwähnung obwohl dies unangebracht erscheinen mag. Ich meine
eine Masse von Menschen, die als Der Amerikanische
Steuerzahler bezeichnet wird. Niemand kommt je auf
den Gedanken, den Menschen zu danken, die die
Rechnungen eines Landes oder die Rechnungen eines Bündnisses bezahlen. Aber seit einem halben
Jahrhundert hat das amerikanische Volk jetzt die Last
getragen und höhere Steuern bezahlt als nötig gewesen wäre, wenn der imperiale Kommunismus nie existiert hätte.

Der kluge Einsatz von Macht brachte viel Gutes zustande. Und viel Gutes kann daraus entstehen: Eine
einstmals in zwei bewaffnete Lager geteilte Welt erkennt heute eine einzige und überragende Macht an:
die Vereinigten Staaten von Amerika.
Und sie tut dies ohne Furcht. Denn die Welt vertraut
unserer Macht - und die Welt hat recht. Sie vertraut auf
unsere Fairneß und Zurückhaltung, sie vertraut uns,
daß wir auf der Seite der Anständigkeit sind. Sie
vertraut uns das zu tun, was richtig ist.

Aber er hat existiert.

Ich benutze diese Worte mit gutem Grund. Wenige
Tage nach Ausbruch des Krieges erhielt ich ein Telegramm von Joanne Speicher, der Frau des ersten im
Golfkrieg getöteten Piloten, Korvettenkapitän Scott
Speicher. Selbst inmitten der Trauer wollte sie mich
wissen lassen, daß sie ihren Kindern eines Tages,
wenn diese alt genug sind, sagen wird: "...ihr Vater zog
in den Krieg, weil es das Richtige war.".

Aber er existiert nicht mehr.

Sie hat den Kern getroffen. Es war das Richtige.

Und dies ist eine Tatsache, der die Welt meines
Erachtens Rechnung tragen sollte: Der amerikanische Steuerzahler hat die Hauptlast getragen und
verdient einen großen Anteil an der Ehre.

Und wir taten es gemeinsam. Es gab hier in dieser
Kammer ehrliche Meinungsverschiedenheiten. Aber
als der Krieg begann, haben Sie die Parteizugehörigkeit zurückgestellt und unsere Truppen unterstützt.

Und deshalb stehen unsere strategischen Bomber
zum ersten Mal seit 35 Jahren am Boden. Sie befinden
sich nicht mehr rund um die Uhr im Alarmzustand.
Morgen werden unsere Kinder zur Schule gehen und
Geschichte studieren oder lernen, wie Pflanzen wachsen. Und sie werden nicht, wie das bei meinen Kindern
noch der Fall war, an Luftschutzübungen teilnehmen,
bei denen sie unter ihre Pulte kriechen und ihre Köpfe
vor einem Atomangriff schützen müssen. Meine Enkel
müssen das nicht tun, und sie werden nicht die Alpträume haben, die Kinder dereinst, in vergangenen Jahrzehnten hatten. Es gibt immer noch Bedrohungen.
Aber die lange, permanente Angst ist vorüber.

Dies ist immer noch eine Zeit, um stolz zu sein - aber
dies ist kein Augenblick zum Prahlen. Denn wir sind
mit Problemen konfrontiert, und wir müssen erneut
zusammenstehen, um sie zu lösen - und unser Land
nicht im Stich lassen.

Vor einem Jahr habe ich an diesem Abend zu einem
Zeitpunkt großer Gefahr zu Ihnen gesprochen. Die
amerikanischen Streitkräfte hatten gerade die Operation Wüstensturm eingeleitet. Und nach vierzig Tagen
am Himmel über der Wüste und vier Tagen am Boden

haben die Männer und Frauen der amerikanischen
Streitkräfte gemeinsam mit unseren Verbündeten die
von mir erklärten und von Ihnen unterstützten Ziele
erreicht: Wir befreiten Kuwait.
Bald danach setzten sich die arabische Welt und Israel
zu ernsthaften und umfassenden Friedensgesprächen
zusammen - zum ersten Mal in der Geschichte. Und
bald darauf, am Weihnachtsfest, kehrten die letzten
amerikanischen Geiseln heim. Unsere Politik wurde
bestätigt.

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Vor zwei Jahren begann ich mit den Planungen zur
Kürzung der Militärausgaben, in denen sich die Veränderungen dieses neuen Zeitalters widerspiegeln. Jetzt
jedoch, in diesem Jahr, kann dieser Prozeß nach dem
Verschwinden des imperialen Kommunismus beschleunigt werden.
Heute abend kann ich Ihnen über dramatische Veränderungen bei unseren strategischen Nuklearstreitkräften berichten. Dies sind Maßnahmen, die wir unabhängig ergreifen - weil sie das Richtige sind.
Nach der Fertigstellung von 20 Flugzeugen, mit deren
Beschaffung wir begonnen haben, werden wir die
weitere Produktion des B-2 Bombers einstellen. Wir
werden das Programm für die kleine Interkontinentalrakete (ICBM) beenden. Wir werden die Produktion
der neuen Gefechtsköpfe für unsere seegestützten
ballistischen Raketen einstellen. Wir werden die Herstellung der Peacekeeper-Rakete stoppen, und wir
werden keine weiteren modernen Marschflugkörper
beschaffen.

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�Ich werde an diesem Wochenende in Camp David mit
Boris Jelzin von der Russischen Föderation zusammentreffen. Ich habe Präsident Jelzin mitgeteilt, daß
ich folgendes tun werde, wenn die Gemeinschaft - die
ehemalige Sowjetunion - alle landgestützten ballistischen Raketen mit Mehrfachgefechtsköpfen beseitigt:
Wir werden alle Peacekeeper-Raketen beseitigen. Wir
werden die Zahl der Gefechtsköpfe auf unseren Minuteman-Raketen auf einen reduzieren und die Zahl der
Gefechtsköpfe auf unseren seegestützten Raketen
um ein Drittel verringern. Ferner werden wir einen
erheblichen Teil unserer strategischen Bomber für
vorrangig konventionelle Einsätze umrüsten.
Präsident Jelzins erste Reaktion war sehr positiv, und
ich erwarte, daß unsere Gespräche in Camp David
fruchtbar sein werden.
Ich möchte sie wissen lassen, daß sich amerikanische
Präsidenten seit einem halben Jahrhundert danach
sehnen, solche Entscheidungen zu treffen und solche
Worte zu sprechen. Aber selbst inmitten des Feierns
müssen wir als Freund auf der Hut sein.

Manche sagen, wir könnten uns nun von der Welt
abwenden, wir hätten keine besondere Rolle, keinen
besonderen Platz.
Aber wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika, die
Führungsmacht des Westens, die zur Führungsmacht
der Welt geworden ist.
Solange ich Präsident bin, werden wir weiterhin unsere
Führungsrolle bei der Unterstützung der Freiheit überall ausfüllen - nicht aus Arroganz und nicht aus Altruismus, sondern um der Sicherheit und des Schutzes
unserer Kinder willen.
Dies ist eine Tatsache: Stärke beim Streben nach
Frieden ist keine Untugend. Isolationismus beim Streben nach Sicherheit ist keine Tugend. Heute bestehen
unsere Probleme im Inland. Nicht alle sind ökonomischer Natur, aber das vordringliche Problem ist unsere
Wirtschaft. Es gibt einige gute Anzeichen: die Inflation, dieser Dieb, ist gering, und die Zinssätze sind
niedrig. Aber die Arbeitslosigkeit liegt zu hoch, einige

Industriebereiche haben Probleme, und das Wachstum ist nicht so, wie es sein sollte.

Denn die Welt ist immer noch ein gefährlicher Ort. Nur
für die Toten sind alle Konflikte beendet. Und obgleich
die Herausforderungen von gestern hinter uns liegen,
entstehen jetzt die von morgen.

Ich möchte Ihnen gleich von Anfang an und aus
tiefstem Herzen versichern: Ich weiß, daß wir harte
Zeiten erleben, aber ich weiß auch noch etwas anderes: Dies wird nicht Bestand haben.

Der Verteidigungsminister hat mir nach Konsultationen mit den Vereinigten Stabschefs diese Kürzungen
empfohlen. Und ich führe sie in vollem Vertrauen
durch. Aber mißverstehen Sie mich nicht:

Meine Freunde in dieser Kammer: Wir können für die
Wirtschaft ebensoviel Mut und ebensoviel Zielstrebigkeit aufbringen wie für Wüstensturm. Und gemeinsam
können wir die harten Zeiten überwinden.

Die von mir genehmigten Kürzungen werden in den
nächsten fünf Jahren 50 Milliarden Dollar einsparen.
Bis zum Jahre 1997 werden wir den Verteidigungshaushalt seit meinem Amtsantritt um 30 Prozent reduziert haben. Dies sind einschneidende Kürzungen,
und Sie sollten meine Entschlossenheit kennen: Bis
hierhin und nicht weiter.

Ich glaube, daß Sie dabei helfen werden. Ein Grund
dafür ist, daß Sie Patrioten sind und das Beste für Ihr
Land wollen. Und ich glaube, daß Sie im Grunde Ihrer
Herzen die Parteipolitik außer acht lassen und die
Aufgabe erfüllen wollen - weil es das Richtige ist.

Weniger zu tun, hie ße, sich dem Fortschritt in den Weg
zu stellen - aber mehr tun, hieße, die Geschichte außer
acht zu lassen.
Wir dürfen nicht wieder zu den Tagen der "hohlen
Armee" zurückkehren. Wir können die Fehler nicht
wiederholen, die wir in diesem Jahrhundert bereits
zweimal gemacht haben, als Waffenstillstand von
Rücksichtslosigkeit gefolgt und die Verteidigung so
sehr geschwächt wurde als ob die Welt auf Dauer
sicher sei.
Ich erinnere Sie heute abend daran, daß ich um Ihre
Unterstützung für die Finanzierung eines Programms
gebeten habe, um unser Land vor einem begrenzten
Angriff mit Kernwaffen zu schützen. Wir brauchen
diesen Schutz, weil zu viele Menschen in zu vielen
Ländern Zugang zu Kernwaffen haben.

AMERIKA DIENST 4

Die Macht Amerikas beruht auf einer bewegenden,
aber einfachen Idee: Daß Menschen große Dinge
vollbringen werden, wenn man ihnen nur die Freiheit
läßt.
Nun, wir werden die Wirtschaft befreien, denn, wenn
dieses Zeitalter der Wunder und erstaunlichen Ereignisse uns irgend etwas gelehrt hat, dann, daß wir,
wenn wir die Welt verändern können, auch Amerika
verändern können.
Wir müssen zu Investitionen ermutigen. Wir müssen
es einfacher machen, zu investieren und neue Produkte, neue Industrien und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Wir müssen Wachstumshindernisse aus dem
Weg räumen - hohe Steuern, zu viele Vorschriften,
Bürokratie und, jawohl, verschwenderische Staatsausgaben.

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�Nichts davon wird im Handumdrehen geschehen aber es wird geschehen. Und die Feuerprobe für einen
Plan besteht nicht darin, ob er als neu oder glänzend
bezeichnet wird. Das amerikanische Volk läßt sich
nicht durch Tricks beeindrucken: es ist in dieser
Hinsicht wesentlich klüger als irgend jemand in diesem
Hause. Die einzige Probe für einen Plan ist folgende:
Ist er solide, und wird er funktionieren?

zurück in unsere Wirtschaft fließen - Geld, das die
Menschen dazu verwenden können, Kleidung, das
College oder ein neues Auto zu bezahlen.
Schließlich werden wir in Zusammenarbeit mit der
Zentralbank weiterhin eine Geldpolitik unterstützen,
die sowohl Zinssätze als auch Inflation niedrig hält.

Wir müssen einen kurzfristigen Plan haben, um unsere
unmittelbaren Erfordernisse zu erfüllen und die Wirtschaft anzukurbeln. Und wir benötigen einen langfristigen Plan, um den Motor in Schwung zu halten und
unseren Platz in der Weltwirtschaft zu gewährleisten.

Dies sind die Dinge, die ich tun kann. Und nun,
Mitglieder des Kongresses, möchte ich Ihnen sagen,
was Sie für Ihr Land tun können. Sie müssen die
anderen Elemente meines Plans verabschieden, um
unsere vordringlichen wirtschaftlichen Erfordernisse
zu erfüllen.

Es gibt gewisse Dinge, die der Präsident ohne den
Kongreß tun kann - und ich werde sie tun.

Jeder weiß, daß Investitionen die Erholung beschleunigen.

Ich habe heute abend wichtige Ministerien und Behörden angewiesen, ein 90tägiges Moratorium für neue
Bundesvorschriften zu erlassen, die das Wachstum
behindern könnten. In diesen 90 Tagen werden wichtige Ministerien und Behörden eine vollständige Überprüfung aller Vorschriften, alter und neuer, vornehmen
- um diejenigen zu stoppen, die das Wachstum behindern und diejenigen zu beschleunigen, die das Wachstum fördern werden.

Ich schlage heute abend eine Änderung beim alternativen Mindeststeuersatz sowie die Schaffung eines
neuen 15prozentigen Steuertreibetrags für Investitionen vor. Damit werden Unternehmen ermutigt, mehr
zu investieren und wieder mehr Arbeitskräfte einzustellen.

Darüber hinaus sage ich den ungezählten hart arbeitenden, pflichtbewußten amerikanischen Arbeitnehmern und Geschäftsleuten, die gezwungen wurden,
ohne benötigte Darlehen auszukommen: Der Engpaß
bei den Bankdarlehen muß beendet werden. Ich
werde meine Verantwortung für solide Vorschriften,
die dem öffentlichen Wohl dienen, nicht vernachlässigen, aber der Overkill durch gesetzliche Vorschriften
muß aufgehalten werden.
Und ich habe die Verantwortlichen in der Regierung
angewiesen, ihn aufzuhalten.
Ich habe Ministerien und Behörden angewiesen,
wachstumsfördernde Ausgaben so schnell wie möglich zu beschleunigen. Damit sollten in den nächsten
sechs Monaten weitere 10 Milliarden Dollar in unsere
Wirtschaft fließen. Und unser neues Verkehrsgesetz
sieht über 150 Milliarden Dollar für Bau- und Instandhaltungsmaßnahmen vor, die für unser Wirtschaftswachstum und unseren Wohlstand lebenswichtig sind.
Das bedeutet Arbeitsplätze im Straßenbau, Brückenbau und Eisenbahnbau.
Ich habe den Finanzminister heute abend angewiesen, die Lohnsteuertabellen zu ändern. Mit dieser
Änderung können Millionen von Amerikanern, von
denen die Regierung mehr Steuern als notwendig
einbehält, nun entscheiden, daß die Regierung von
ihrem Gehalt weniger als vorher abzieht. Ich habe das
Gefühl, eine Reihe von Steuerzahlern wird dieses
Angebot annehmen. Dank dieser Initiative könnten in
den nächsten zwölf Monaten etwa 25 Milliarden Dollar

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Die Bauwirtschaft hat unsere Volkswirtschaft aus nahezu
allen Krisen geführt, die wir jemals hatten. Mit dem
Beginn neuer Bautätigkeit werden Zimmerleute und
Installateure Arbeit haben und Menschen Häuser
erwerben und Hypotheken aufnehmen.
Mein Plan würde die passiven Abschreibungsmöglichkeiten für aktive Bauträger modifizieren. Und er würde
es Pensionskassen ermöglichen, Immobilien zu erwerben.
Denjenigen Amerikanern, die vom Ersterwerb eines
Hauses träumen, sich dies aber eigentlich nicht leisten
können, würde mein Plan gestatten, beim Ersterwerb
eines Hauses straffrei Ersparnisse aus der Rentenkasse abzuheben - und er würde eine Steuergutschrift
von 5.000 Dollar für den Ersterwerb eines Hauses
vorsehen.
Und schließlich appelliert mein Sofortplan an den
Kongreß, allen Eigenheimbesitzern, all denen, die ein
Unternehmen, einen landwirtschaftlichen Betrieb
besitzen oder eine einzelne Investition tätigen, lebenswichtige Hilfe zu gewähren.
Dieses Mal, zu dieser Stunde, kann ich ein Nein als
Antwort nicht akzeptieren: Sie müssen die Kapitalzuwachssteuer für die Menschen dieses Landes senken.
Nie zuvor ist ein Thema von seinen Gegnern mehr zu
demagogischen Zwecken mißbraucht worden. Aber
die Demagogen haben unrecht - und sie wissen es.
Sechzig Prozent der Leute, die von einer niedrigeren
Kapitalzuwachssteuer profitieren, haben Einkommen
von unter 50.000 Dollar. Eine Senkung der Kapitalzuwachssteuer schafft Arbeitsplätze und hilft so gut wie
jedem in unserem Land.

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�Und ich werde denjenigen von Ihnen sagen, die argumentieren: "Oh nein, jemand, dem es gut geht, könnte
davon profitieren", Sie erinnern mich irgendwie an die
Definition des Puritaners, der nachts vor lauter Sorgen
nicht schlafen kann, daß irgendwie irgendjemand irgendwo Spaß hat.
Die Gegner dieser Maßnahme - und diejenigen, die
mehrere der Gesetzentwürfe konzipiert haben, die in
dieser Kammer herumgeistern, mit denen die Reichen
sozusagen gemolken werden - sollten sich eins vor
Augen führen: Wenn sie es auf die Großen abgesehen
haben, treffen sie für gewöhnlich die Kleinen. Und
vielleicht ist es an der Zeit, daß dem ein Ende bereitet
wird.
Mein kurzfristiger Plan lautet folgendermaßen. An
Ihnen, den Mitgliedern des Kongresses, ist es, diese
auf gesunden Menschenverstand gegründeten Vorschläge zu verwirklichenn, die starke Auswirkungen
auf die Wirtschaft haben werden - ohne die Haushaltsvereinbarungen zu verletzen oder die Steuern zu erhöhen.
Während mein Plan verabschiedet wird und seinen
Beitrag leistet, müssen wir uns um diejenigen kümmern, die heute in Schwierigkeiten sind. Ich habe in
meiner Haushaltsvorlage bis zu 4,4 Milliarden Dollar
zur Verlängerung der Arbeitslosenunterstützung vorgesehen. Ich möchte hier und jetzt um die sofortige
Behandlung im Kongreß bitten.
Lassen Sie uns offen sein:
Sie und ich wissen, daß mein Plan zu einem politisch
brisanten Zeitpunkt vorgelegt wird. Sie und ich wissen,
daß alles, was ich vorschlage, von einigen nur unter
parteipolitischen Gesichtspunkten gesehen wird. Ich
möchte Sie jedoch um Verständnis für das bitten, was
mich in meinem tiefsten Inneren bewegt: Mein Ziel
besteht darin, das Wohlergehen unseres Landes zu
verbessern. Ich tue das, was ich für richtig erachte. Ich
schlage das vor, was meines Erachtens helfen wird.
Ich rühme mich, ein weiser Mann zu sein. Ich glaube,
daß Geduld eine Tugend ist, bin mir jedoch bewußt,
daß Politik für einige ein Spiel ist - und manchmal das
Spiel darin besteht, alle Fortschritte aufzuhalten und
dann über den Mangel an Verbesserungen zu lamentieren.
Ich möchte Ihnen jedoch sagen: sehr viel wichtiger als
meine - und Ihre - politische Zukunft ist das Wohlergehen unseres Landes. Die Mitglieder dieser Kammer
sind Praktiker und ich wei ß, daß Sie nichts gegen einen
praktischen Rat einzuwenden haben: Wenn Menschen die Geschicke ihrer Partei vor das öffentliche
Wohlergehen stellen, fordern sie nicht nur für ihr Land
sondern auch für sich selbst eine Niederlage heraus.
Und die haben sie zweifelsohne verdient.

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Ich werde morgen meinen Plan vorlegen. Ich bitte Sie,
ihn bis zum 20. März zu verabschieden. Und ich bitte
das amerikanische Volk, Ihnen zu sagen, daß es bis
zum 20. März Ihr Handeln erwartet.
Ab dem Tag danach heißt es, wenn es sein muß: die
Schlacht ist eröffnet.
Und Sie wissen, wenn Prinzipien auf dem Spiel stehen,
bin ich für einen guten fairen Kampf.
Wie ich bereits gesagt habe, hat mein Plan zwei Teile.
Im zweiten Teil geht es ums Wesentliche. Denn nur ein
sofortiger Aufschwung ist nicht genug - wir benötigen
eine langfristige Verbesserung unserer wirtschaftlichen Position.
Wir alle wissen, daß der Schlüssel zu unserer wirtschaftlichen Zukunft darin liegt sicherzustellen, daß
Amerika weiterhin die wirtschaftliche Führungsmacht
der Welt ist. Es liegt in unseren Händen.
Dies ist mein langfristiger Plan zur Sicherung unserer
Zukunft.
Erstens Handel: Wir werden die Mauern niederreißen,
die den Welthandel behindern. Wir werden überall
offene Märkte schaffen.
Bei unseren wichtigsten Handelsgesprächen werde
ich weiterhin darauf hinarbeiten, Zölle und Subventionen abzubauen, die Amerikas Landwirten und Arbeitern schaden. Und wir werden durch das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und die Initiative zur
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas mehr gute amerikanische Arbeitsplätze auf unserem Kontinent schaffen.
Aber es vollziehen sich Veränderungen und weitere
stehen in Aussicht. Der Arbeitsplatz der Zukunft wird
höher qualifizierte Arbeitnehmer als je zuvor erfordern
- mehr Menschen, die mit Computern umgehen können und eine gute Bildung haben.
Wir müssen im Bildungswesen eine Führungsrolle in
der Welt übernehmen. Wir müssen Amerikas Schulen
revolutionieren.
Meine Strategie Amerika 2000 wird uns helfen, dieses
Ziel zu erreichen. Mein Plan wird den Eltern mehr
Wahlmöglichkeiten, den Lehrern größere Flexibilität
bieten und den Gemeinden helfen, neue amerikanische Schulen zu schaffen.
Dreißig Staaten haben landesweit das Amerika-2000Programm eingeführt. Hunderte von Städten haben
sich dieser Initiative angeschlossen.
Jetzt muß sich auch der Kongreß dieser großen
Bewegung anschließen: Geben Sie Ihre Zustimmung
zu meinen Vorschlägen für neue amerikanische Schulen.

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�Dies war mein zweiter langfristiger Vorschlag. Mein
dritter lautet folgendermaßen:
Wir müssen auf gesunden Menschenverstand gegründete Investitionen tätigen, die uns auf lange Sicht auf
dem Markt konkurrenzfähig machen.
Wir müssen Forschung und Entwicklung ermutigen.
Mein Plan besteht darin, die Steuervergünstigungen
für Forschung und Entwicklung festzuschreiben und
Rekordsummen - über 76 Milliarden Dollar allein in
diesem Jahr - für diejenigen bereitzustellen, die neue
Technologien erforschen.
Viertens müssen wir etwas gegen Verbrechen und
Drogen unternehmen.
Es ist an der Zeit für größere, erneute Investitionen in
den Kampf gegen Gewalt auf der Straße. Sie zehrt an
unserer Stärke und untergräbt das Vertrauen in unsere
Gesellschaft und unsere Zukunft.
Zweifelsohne verdient eine müde Frau auf dem Weg
zur Arbeit morgens um sechs in der Untergrundbahn
das Recht, sicher an ihrem Arbeitsplatz anzukommen.
Es ist sicherlich richtig, daß jeder, der sein Leben
aufgrund von Gewalt ändert - von denjenigen, die
Angst haben, Nachts auszugehen bis zu denjenigen,
die sich fürchten, in den Parks spazierenzugehen, für
die sie bezahlen - all diesen Menschen ist ein Grundrecht verweigert worden.
Es ist an der Zeit, dies zu beheben. Ich bitte den
Kongreß, meine umfassende Gesetzesvorlage zur
Verbrechensbekämpfung zu verabschieden. Sie geht
hart gegen Kriminelle vor und unterstützt die Polizei und schlummert seit Jahren in diesen heiligen Hallen.
Verabschieden Sie meinen Plan. Helfen Sie Ihrem
Land.
Fünftens bitte ich Sie heute abend, unsere Vorlage
zum Wohnungsbau HOPE zu finanzieren - und meinen
Gesetzentwurf zur Schaffung von Wirtschafszonen zu
verabschieden, mit dem Unternehmen in den Innenstädten angesiedelt werden sollen. Wir müssen den
Armen den Stolz geben, der aus Hausbesitz, einem
Arbeitsplatz und der Teilnahme am Geschehen herrührt.
Mein Plan ermutigt den Bau von Immobilien, indem er
die Steueranreize für Hypotheken und Sozialwohnungen verlängert.
Und ich bitte heute abend um Rekordaufwendungen
für das Programm, das den Kindern, die in Armut
geboren werden, zu Wohlstand verhelfen soll: Head
Start.
Punkt sechs - wir müssen unser Gesundheitswesen
reformieren. Denn auch dies ist ausschlaggebend, ob
wir in der Welt konkurrieren können oder nicht.

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Die Kosten des amerikanischen Gesundheitswesens
explodieren. In diesem Jahr werden die Vereinigten
Staaten über 800 Milliarden Dollar für Gesundheitsfürsorge ausgeben. Und diese Summe wird voraussichtlich bis Ende des Jahrzehnts auf 1,6 Billionen ansteigen.
Die Kosten des Gesundheitswesens schlagen sich
nicht nur in Ihrem privaten Budget nieder, sondern
auch im Preis für alles, was wir kaufen oder verkaufen.
Wenn die Krankenversicherung für einen Kollegen am
Fließband Tausende von Dollar kostet, werden die
Kosten auf das Produkt aufgeschlagen, das er herstellt
- und Sie bezahlen die Rechnung.
Wir müssen eine Entscheidung treffen.
Einige geben vor, wir könnten alles haben. Sie nennen
es Spiel oder Zahl - aber dieser teure Ansatz ist
unsicher. Er bedeutet höhere Steuern, weniger Arbeitsplätze und letztlich ein uneingeschränkter staatlicher Kontrolle unterliegendes System.
Es gibt in Wirklichkeit nur zwei Optionen: Wir können
uns für eine Verstaatlichung entscheiden - mit der die
freie Arztwahl des Patienten eingeschränkt und die
Regierung gezwungen wird, die Dienstleistugnen willkürlich zu kürzen. Das Ergebnis sind lange Schlangen
von Patienten, ein indifferentes Leistungsangebot und
eine riesige neue Steuerlast.
Oder wir können unsere private Gesundheitsfürsorge
reformieren - die uns trotz all ihrer Mängel noch immer
die beste Gesundheitsfürsorge der Welt bietet.
Lassen Sie uns auf unsere Stärken aufbauen.
Mein Plan sieht Krankenversicherungen für alle Amerikaner vor - während er gleichzeitig die Idee der freien
Arztwahl erhält und verbessert. Wir machen die Mindestkrankenversicherung für alle einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen erschwinglich, die jetzt
nicht abgedeckt sind. Wir tun dies, indem wir jeder
einkommensschwachen Familie einen Steuernachlaß
für die Krankenversicherung von bis zu 3.750 Dollar
gewähren. Auch der Mittelklasse wird unter die Arme
gegriffen. Und indem wir den Krankenversicherungsmarkt reformieren, stellt mein Plan sicher, daß die
Amerikaner wenigstens eine Mindestkrankenversicherung abschließen können, selbst wenn sie ihren Arbeitsplatz wechseln oder ernsthafte Gesundheitsprobleme haben.
Wir müssen die Kosten unter Kontrolle bringen, die
Qualität und Wahlmöglichkeiten erhalten und die täglichen nagenden Sorgen der Menschen um ihre Krankenversicherung beschwichtigen. Mein Plan, dessen
Einzelheiten ich in Kürze bekanntgeben werde, tut
genau das.
Siebtens müssen wir das Haushaltsdefizit unter Kontrolle bringen.

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�Wir haben jetzt gesetzlich vorgeschriebene Ausgabenobergrenzen - eine Vorschrift, daß wir für die Programme bezahlen, die wir ins Leben rufen.
Einige Kongreßabgeordnete würden diese Vorschrift
jetzt gerne lockern. Aber ich kann - und werde - es
ihnen nicht gestatten.
Meinem Plan zufolge würden alle nichtgebundenen
Ausgabebewilligungen für innenpolitische Programme
eingefroren - das bedeutet, "Im nächsten Jahr nicht
mehr als in diesem Jahr". Die Sozialversicherung ist
davon ausgeklammert, aber ich werde definitiv Obergrenzen für Wachstum und unkontrollierte Ausgaben
festsetzen. Ich werde auch einen Einstellungsstop für
Bundesbedienstete verhängen.
Mit Hilfe des Kongresses werden wir 246 Programme
abschaffen, die staatliche Finanzierung nicht verdienen. Einige von ihnen haben noble Titel, aber keines
von ihnen ist unerläßlich. Wir können jedes einzelne
von ihnen abschaffen.
Wie Sie wissen, ist es an der Zeit, eine "Binsenwahrheit" wiederzuentdecken, die das amerikanische Volk
niemals vergessen hat: Diese Regierung ist zu aufgebläht und gibt zuviel aus.
Ich fordere den Kongreß zur Verabschiedung einer
Maßnahme auf, die dazu beitragen wird, dem jährlichen Ritual ein Ende zu bereiten, den Haushalt mit
Wahlgeschenken aufzufüllen. Jedes Jahr macht sich
die Presse einen riesigen Spaß aus den wildesten
Beispielen - ein Lawrence Welk Museum, ein Forschungsstipendium für belgische Endivien.
Wir alle wissen, wie diese Dinge in den Haushalt
gelangen. Vielleicht benötigen Sie jemanden, der
Ihnen hilft, Nein zu sagen. Ich weiß, wie man Nein
sagt. Und Sie wissen, was ich brauche, damit dieses
Nein Bestand hat. Geben Sie mir das, was 43 Gouverneure haben: Das selektive Veto.
Wir müssen nichtfinanzierten Mandaten der Bundesregierung ein Ende bereiten. Das sind die Vorschriften, die der Kongreß unseren Städten, Gemeinden
und Bundesstaaten auferlegt - ohne das Geld dafür
bereitzustellen. Wenn der Kongreß ein Mandat verabschiedet, soll er gezwungen werden, dafür zu bezahlen und die Kosten mit an anderer Stelle gemachten
Einsparungen ausgleichen. Schließlich erhöht ein
Mandat nur die Last eines anderen - und das bedeutet
höhere Steuern auf Bundesstaaten- und Gemeindeebene.
Punkt acht: Der Kongreß sollte die kühnen Reformpläne durchsetzen, die immer noch seiner Aktionen harren - Bankenreform, Zivilrechtsreform, Strafrechtsreform und meine nationale Energiestrategie.
Und schließlich müssen wir die Familie stärken - denn
es ist die Familie, die den Ausschlag für unsere Zukunft
gibt. Wenn Barbara ein AIDS-infiziertes Baby in den
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Armen hält und Kindern vorliest, sagt sie zu jedem in
diesem Land: "Es ist die Familie, die zählt".
Heute abend gebe ich die Gründung einer neuen
Kommission für Familien in den Städten Amerikas
bekannt. Wie Sie wissen, haben ich neulich Bürgermeister vom Städtebund empfangen, und sie haben
mir etwas Erstaunliches erzählt. Sie erklärten, sie alle
- Republikaner und Demokraten gleichermaßen - seien sich über eines einig: Die Hauptursache der Probleme in den Städten ist die Auflösung der Familie.
Sie haben um die Gründung dieser Kommission gebeten, und es war richtig von ihnen, darum zu bitten, denn
es ist an der Zeit zu entscheiden, was wir tun können,
um die Familien stark und gesund zusammenzuhalten.
Eines können wir sofort tun: Die Kosten für die
Kindererziehung senken. Ich bitte Sie heute abend,
den Kinderfreibetrag um 500 Dollar pro Kind für jede
Familie anzuheben. Für eine Familie mit vier Kindern
bedeutet dies eine Erhöhung auf 2.000 Dollar. Dies ist
ein guter Anfang, ein Schritt in die richtige Richtung,
und es ist das, was wir uns leisten können.
Wir müssen den Familien ermöglichen, die Zinsen für
Darlehen zur Finanzierung des Studiums ihrer Kinder
abzusetzen. Genau darum möchte ich Sie bitten. Und
ich bitte Sie, die Möglichkeit zu schaffen, Ersparnisse
aus der Rentenkasse abzuheben, um Ausgaben für
medizinische Versorgung und Ausbildung zu bezahlen
- und zwar straffrei.
Und ich bitte um mehr. Fragen Sie amerikanische
Eltern, was ihnen in unserem Land nicht gefällt, und die
Chancen stehen gut, daß sie bald auf Sozialhilfe zu
sprechen kommen.
Die Amerikaner sind das großzügigste Volk der Welt.
Aber wir müssen uns die Erkenntnis von Franklin
Roosevelt vor Augen führen, der, als er über das
später als Sozialhilfe bekanntgewordene Programm
sprach, warnte, es dürfe nicht zum "Betäubungsmittel"
und einem "subtilen Zerstörer" des Geistes werden.
Sozialhilfe war nie als Lebensstil gedacht, nie als
Gewohnheit, sie sollte nie wie ein Vermächtnis von
Generation zu Generation weitervererbt werden.
Es ist an der Zeit, die Vorgaben des Wohlfahrtsstaats
zu revidieren und das Sozialwesen zu reformieren.
Die Bundesstaaten beginnen landesweit anhand neuer Vorgaben zu operieren: Wenn gesunde und fähige
Erwachsene staatliche Unterstützung erhalten, tragen
sie eine Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler.
Die Verantwortung, Arbeit, Ausbildung oder Fortbildung anzustreben - die Verantwortung, ihr Leben in
den Griff zu bekommen, die Verantwortung, ihre Familie
zusammenzuhalten, keine unehelichen Kinder in die
Welt zu setzen - und die Verantwortung, Gesetze zu
befolgen.
Seite 7

�Wir werden diese Bewegung unterstützen. Häufig
erfordern staatliche Reformen die Aufhebung bestimmter Bundesgesetze. Ich werde darauf hinarbeiten,
diesen Prozeß zu vereinfachen und für jeden der
Staaten zu beschleunigen, der um unsere Hilfe bittet.
Ich möchte hinzufügen, daß es nicht in unserer Absicht
liegt, Sündenböcke zu suchen oder mit dem Finger auf
andere zu zeigen, während wir diese Änderungen
vornehmen. Wenn Sie die Zeitung lesen oder fernsehen, wissen Sie, daß man in diesen Tagen vermehrt
eine gewisse Bitterkeit, rassistische und antisemitische Bemerkungen vernimmt und ein wachsendes
Gefühl der Teilung verspürt.
Dies entspricht in der Tat nicht unserem Stil. Und es
ist nicht akzeptabel.
Daher habe ich meinen Plan für Amerika. Ich bitte um
große Dinge - aber ich bin in meinem tiefsten Inneren
davon überzeugt, Sie werden das tun, was richtig ist.
Wie Sie wissen, ist es eine Art amerikanischer Tradition, eine gewisse Skepsis gegenüber unseren demokratischen Institutionen an den Tag zu legen. Selbst
ich habe gelegentlich gedacht, der Alterungsprozeß
könnte herausgezögert werden, wenn er seinen Weg
durch den Kongreß machen muß.
Sie werden beraten und erörtern, und das hat seine
Richtigkeit.
Aber, meine Freunde: Das Volk kann nicht warten. Es
benötigt Ihre Hilfe jetzt.

Es machen sich Stimmungen breit. Die Menschen
sind besorgt, man spricht von Niedergang. Jemand
hat sogar gesagt, unsere Arbeiter seien faul und nicht
kreativ.
Und ich dachte, tatsächlich? Sagen Sie das Neil
Amstrong, der als erster den Mond betrat. Sagen Sie
das den Männern und Frauen, die ihn dorthin gebracht
haben. Sagen Sie das dem amerikanischen Farmer,
der sein Land und die Welt ernährt. Sagen Sie das zu
den Männern und Frauen, die an Operation Wüstensturm teilgenommen haben.
Stimmungen kommen und gehen, aber Größe überdauert. Und unsere wird überdauern.
Vielleicht ist es gut, sich einen Augenblick lang an
etwas zu erinnern, das wir im Alltag gerne vergessen:
Wir sind und werden stets die freieste Nation der Welt
sein - die freundlichste Nation der Welt - die stärkste
Nation der Welt - und wir haben uns stets der Lage
gewachsen gezeigt.
Wir werden diese Nation Schritt für Schritt und Tag für
Tag aus den harten Zeiten herausführen, und diejenigen, die uns aufhalten wollen, treten besser zur Seite.
Denn ich sehe harte Zeiten und ich gelobe: Sie werden
nicht von Dauer sein.
Und so schreiten wir voran, gemeinsam, eine aufstrebende Nation, das ehemalige und zukünftige Wunder,
das heute abend noch immer die Hoffnung der Welt ist.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie. Gott schütze unser
geliebtes Land.

* * * *

Seite 8

*

AMERIKA DIENST 4

�GUS-HILFE
29. Januar 1992

BUSH DRÄNGT AUF WELTWEITE HILFE
FÜR EHEMALIGE SOWJETREPUBLIKEN
Rede des Präsidenten bei der GUS-Konferenz
WASHINGTON - (AD) -Präsident Bush hat die internationale Staatengemeinschaft zur Zusammenarbeit
aufgerufen, um den erfolgreichen Übergang zu freien Marktwirtschaften in den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion sicherzustellen.
In seiner Ansprache bei der Eröffnung der zweitägigen Konferenz über Hilfe für die Nachfolgestaaten erklärte
der Präsident am 22. Januar 1992, die Teilnehmer aus 47 Nationen und sieben internationalen Organisationen
sollten sich "zusammenschließen, um diesen Menschen einen Grund zur Hoffnung zu geben".
Bush kündigte an, er werde den Kongreß um weitere 600 Millionen Dollar an Hilfe für Rußland und die
Nachfolgestaaten bitten. Damit würde sich die amerikanische Hilfe auf über 5 Milliarden Dollar belaufen.
Er forderte die Konferenz auf, jetzt zu handeln, um den in allen 12 Nachfolgestaaten offenkundigen Mangel an
Nahrungsmitteln, Medikamenten, Unterkünften und Energie zu beheben.
"Wir sehen uns mit einer internationalen Herausforderung konfrontiert, die Bemühungen und das Engagement
aller Nationen der Welt erfordert", stellte Bush fest. "Und unsere Anwesenheit hier ist ein anschaulicher Beweis,
daß dies eine weltweite Koalition ist und sein muß. Alles andere ist zum Scheitern verurteilt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Zunächst möchte ich feststellen, daß mich der Außenminister für mein Zuspätkommen gerügt hat. Ich finde
allerdings, nicht ich bin zu spät, sondern Sie sind zu
früh hier.
Ich möchte die zahlreichen, heute in diesem Saal
versammelten erlesenen Gäste, unter ihnen Außenminister und hochrangige Regierungsvertreter aus 47
Nationen, von den Vereinten Nationen, führenden
internationalen Finanzinstitutionen und anderen wichtigen internationalen Organisationen, sehr herzlich in
den Vereinigten Staaten und in Washington willkommen heißen.
Wir haben uns hier heute morgen als Partner an einem
historischen Zeitpunkt versammelt, einem Wendepunkt in diesem Jahrhundert und in der modernen
Geschichte, denke ich. Unsere Aufgabe lautet, gemeinsam auf die dramatische Revolution zu reagieren,
die den Untergang des Sowjetkommunismus bewirkt
und an seiner Stelle 12 Nachfolgestaaten hervorgebracht hat, die versuchen, ihren Platz in der Welt zu
finden und damit kämpfen, ihren Menschen Nahrungs-

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mittel, Kleidung und Unterkunft in diesem Winter, im
kommenden Frühjahr und danach zu beschaffen.
Bevor Sie diese Probleme in den nächsten beiden
Tagen im einzelnen erörtern werden, möchte ich kurz
auf die Bedeutung der Ereignisse in der ehemaligen
Sowjetunion für uns in Nordamerika, Europa, im Nahen Osten, in Afrika, Lateinamerika, Asien, am Pazifik
- an allen Orten der Erdkugel - eingehen.
Nahezu 50 Jahre lang, während eines Großteils des
Erwachsenendaseins von praktisch jedem hier in diesem Saal Anwesenden, mußte die Menschheit einen
gefährlichen globalen Konflikt ertragen - den kalten
Krieg. Er teilte Kontinente und Völker und hielt alle
Länder im Würgegriff einer möglichen nuklearen Vernichtung. Die freie Welt erhob sich gegen die durch
den sowjetischen Expansionismus in den Jahrzehnten
nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene Bedrohung.
Wir gaben für diesen großen Kampf Hunderte Milliarden Dollar aus, opferten wertvolle Menschenleben und
nationale Ressourcen.

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�Mit der Revolution in Osteuropa von 1989 und in der
Sowjetunion im Jahr 1991 ist diese tödliche Bedrohung
geschwunden. Und mit der Auflösung der Sowjetunion
vor nur einem Monat stehen wir am Tor zu einer neuen
Welt - einer Welt der Hoffnung auf dauerhaften Frieden
und wachsenden Wohlstand.
Angeführt von ihrem mutigen Präsidenten Boris Jelzin
sind die Reformer in der riesigen Russischen Föderation an die Macht gekommen. Die Ukraine hat ihre
Unabhängigkeit erlangt. Und die Regierung von Präsident Leonid Krawtschuk birgt das Versprechen auf
eine neue politische und wirtschaftliche Ordnung.
In Armenien hat ein ehemaliger politischer Gefangener, Präsident Ter-Petrosjan, außergewöhnliche nationale Anstrengungen zur Umgestaltung des Wirtschaftssystems seines Landes und Befreiung seines
Volkes von politischer Unterdrückung unternommen.
Und in Zentralasien können wir dieselbe Entwicklung
beobachten. Dort führen die Präsidenten Nasarbajew
und Akajew den Kampf um Reformen an. In der
gesamten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten ist ein
neuer Tag angebrochen mit Hoffnung auf eine tiefgreifende Umgestaltung der Lebens-, Arbeits- und Denkweise der Menschen.
Während wir dieses neue Jahr antreten und unseren
Kurs für den Rest dieses Jahrzehnts festsetzen, sollten wir der Herausforderung zum Aufbau und zur
Bewahrung von Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit in der ehemaligen UdSSR ebensolches Engagement entgegenbringen wie dem Sieg im kalten Krieg.
Lassen Sie uns den Menschen in allen Nachfolgestaaten helfen, den Sprung von Kommunismus zu Demokratie, von Kommando- zu freien Marktwirtschaften,
von autoritären Regierungssystemen zu Freiheit zu
bewältigen. Und lassen Sie uns gemeinsam daran
arbeiten, Frieden in dieser Ära nach dem kalten Krieg
zu erlangen.
Wir sollten die Größenordnung dieser Herausforderung und die Schwierigkeiten nicht unterschätzen, die
sich bei der Entwirrung des durch über 70 Jahre der
Planwirtschaft verursachten wirtschaftlichen Chaos
ergeben. Der Erfolg oder Mißerfolg hängt letztlich
gleichermaßen von den Bestrebungen und der Klugheit der Völker in der Ukraine und im Kaukasus in
Zentralasien ab. Es ist an ihnen, den Kampf zu
gewinnen. Aber sie können ihn nicht allein gewinnen.
Diese 12 Nachfolgestaaten benötigen die harte Arbeit,
Kreativität und den guten Willen aller unserer Länder
auf jedem Kontinent.
Aus diesem Grund haben wir uns heute hier versammelt - um sicherzustellen, daß unser Engagement und
unsere Hilfe - gut durchdacht und effizient durchgeführt - der Aufgabe gewachsen sind. Und wir sind

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zusammengekommen, um den Menschen in den
Nachfolgestaaten zu demonstrieren, daß die internationale Staatengemeinschaft um sie besorgt ist und
ihren harten Kampf beim Aufbau neuer Gesellschaften
auf den Ruinen des Kommunismus unterstützt.
Wir wollen uns zusammenschließen, um diesen Menschen einen Grund zur Hoffnung zu geben. Wir wollen
uns heute morgen bei der Bewältigung dieser Aufgabe
der Arbeit in ebenbürtiger Partnerschaft verschreiben.
Erstens müssen wir in diesem Winter, im kommenden
Frühjahr und im gesamten Verlauf des Jahres 1992
entschlossen handeln, um die dringlichsten Bedürfnisse dieser Staaten zu erfüllen - Nahrungsmittel, Medikamente, Energie und Unterkunft. Die jetzt in den 12
Staaten offenkundigen Engpässe werden nicht rasch
behoben sein und auf lange Sicht unser Augenmerk
erfordern.
Zweitens müssen wir uns der Herausforderung stellen,
Wirtschaftswachstum und die Entwicklung neuer
marktwirtschaftlicher Institutionen zu fördern, indem
wir durch kollektive internationale Bestrebungen technische Hilfe bereitstellen. Unsere Arbeit wird entscheidend dazu beitragen, Bank- und Steuersysteme in
den Nachfolgestaaten aufzubauen, um ein gesunderes Umfeld zu schaffen, Rechtsstaatlichkeit und auch
nukleare Sicherheit zu fördern.
Mit anderen Worten, wir müssen diejenigen unterstützen, die für Reformen und Freiheit eintreten. Wir
sollten konkrete Investitionen und erweiterten Handel
stimulieren. Präsident Boris Jelzins mutige Wirtschaftsreformen verdienen unsere Unterstützung ebenso wie
die Bestrebungen in den anderen Staaten zur Einleitung des wirtschaftlichen Wandels.
Unser Erfolg oder Mißerfolg wird von unserer Fähigkeit
abhängen, für diese gemeinsame Sache effektiv zusammenzuarbeiten. Die Herausforderung ist für eine
einzelne Nation oder Staatengruppe allein zu groß.
Wir sehen uns mit einer internationalen Herausforderung konfrontiert, die Bemühungen und das Engagement aller Nationen der Welt erfordert. Und unsere
Anwesenheit hier ist ein anschaulicher Beweis, daß
dies eine weltweite Koalition ist und sein muß. Alles
andere ist zum Scheitern verurteilt.
Wenn wir während dieser beiden Tage und sicherlich
in den kommenden Monaten zusammenkommen, sollten
wir dies konstruktiv im Geist der Partnerschaft tun und
sterile Debatten darüber vermeiden, wer von uns am
meisten oder am wenigsten geleistet hat und wer die
Führungsrolle bei unserer Reaktion auf diese historische Herausforderung übernehmen sollte.
Wir alle haben eine Rolle und eine Verpflichtung zu
erfüllen. Und viele von uns haben bereits konkrete

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�Hilfsmaßnahmen in die Wege geleitet. Die Europäische Gemeinschaft hat einen großen und großzügigen
Anteil der Lasten übernommen. Ihr unverzügliches
Vorgehen über Jahre hinweg humanitäre Unterstützung bereitzustellen, war unerläßlich, und ihr Engagement für ein umfangreiches technisches Hilfsprogramm
ist weitreichend und wird außerordentlich begrüßt.
Deutschland allein hat enorme Verantwortung bei der
Beschaffung von Wohnungen für Militärangehörige
und der Vergabe von Krediten in die ehemalige UdSSR
und jetzt in die Russische Föderation übernommen.
Andere EG-Staaten haben ebenfalls wichtige Beiträge
geleistet. Das Atlantische Bündnis ist zur Bereitstellung seines Wissens bereit, damit die Menschen in der
ehemaligen UdSSR dieselben Werte erlangen können, die das Bündnis seit seiner Gründung gefestigt
haben.
Es ist besonders befriedigend, unsere Freunde aus
Mittel- und Osteuropa als Pioniere der Abschaffung
des Kommunismus und der Hinwendung zur Demokratie heute hier anwesend zu sehen.
Sie sind hier als Symbol des Erfolgs. Und obwohl Sie
sich immer noch Problemen gegenübersehen, begrüßt die Welt Ihre Bereitschaft, anderen zur Freiheit
zu verhelfen.
Die vor uns liegenden Herausforderungen erfordern
nicht nur Anstrengungen von Europa, sondern auch
von anderen Regionen und Ländern. Japan hat einen
bedeutenden Beitrag geleistet, ist Verpflichtungen
eingegangen und wird entscheidend an unseren Bestrebungen beteiligt sein. Und jetzt sollten andere
Nationen im Nahen und Mittleren Osten sowie in
Lateinamerika ihr Know-how und ihre Ressourcen zur
Verfügung stellen, um den Erfolg der Reformen sicherzustellen.
Ich kann Ihnen heute versichern, daß die Vereinigten
Staaten, die so lange den Kampf zur Eindämmung des
Kommunismus angeführt haben, ebenfalls ihren Teil
beitragen werden, damit er auf immer durch Demokratie ersetzt wird. Seit über 40 Jahren haben wir beim
Wiederaufbau und der Verteidigung der freien Welt
eine Führungsrolle übernommen. Und heute , da die
Fackel der Freiheit auch bei unseren ehemaligen
Gegnern leuchtet, sind die Früchte unserer langen
Arbeit endlich sichtbar.
*

AMERIKA DIENST 4

Die Vereinigten Staaten können und werden nicht in
dem Moment versagen, in dem diese neuen Staaten
darum kämpfen, eben die Ideale zu erlangen, zu deren
Förderung und Bewahrung die Vereinigten Staaten
gegründet wurden. Als weiteren amerikanischen Beitrag zu dieser dringenden weltweiten Aufgabe schlage
ich daher vor, daß der Kongreß über 600 Millionen
Dollar für neue technische und humanitäre Hilfsprogramme bewilligt. Zusätzlich zu den bereits angekündigten Hilfsleistungen beläuft sich die amerikanische
Unterstützung damit auf über 5 Milliarden Dollar für
diese Völker in ihrer Zeit der Not.
Abschließend möchte ich nochmals betonen, wie wichtig
es ist, diesen Augenblick zu ergreifen, um einzeln oder
kollektiv eine Chance zu ergreifen, die sich uns im
weiteren Verlauf unseres Lebens vielleicht nie wieder
bietet. Die Aussicht, daß unsere ehemaligen Gegner
unsere Freunde und Partner werden könnten, liegt im
nationalen Interesse aller hier an diesem Tisch vertretenen Länder und auch derjenigen, die heute nicht
anwesend sind.
Indem wir unsere Bestrebungen auf gemeinsame Ziele
ausrichten, bietet sich uns eine Chance, die Welt für
unsere Kinder und nachfolgende Generationen neuzugestalten. Wenn wir diese Chance nicht nutzen,
riskieren wir eine Umkehrung des historischen Sprungs
zur Freiheit, den die Völker Rußlands, der Ukraine, in
Armenien und andernorts in diesen vergangenen
Monaten unternommen haben.
Lassen Sie uns also in den nächsten beiden Tagen
gemeinsam daran arbeiten, unsere nationale und kollektive Sicherheit sowie dauerhaftes weltweites Wirtschaftswachstum zu fördern und das Richtige für die
Menschen zu tun, die nach einem besseren, freien
Leben in diesen neuen unabhängigen Staaten streben.
Ich danke Ihnen allen für Ihre Anwesenheit. Ich weiß,
es ist nicht leicht, diesen langen Weg zu gehen, aber
es ist von entscheidender Bedeutung. Ich danke Ihnen
für diese Gelegenheit, heute zu Ihnen sprechen zu
können. Möge Gott die Völker aller heute hier vertretenen Länder schützen und die Völker der neuen, ums
Überleben kämpfenden unabhängigen Staaten. Wir
haben volles Vertrauen, daß uns Erfolg beschieden
sein wird, wenn wir alle zusammenarbeiten.

* * *

*

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�GUS-HILFE
29. Januar 1992

BAKER: WELTWEITE HILFE FÜR EHEMALIGE
SOWJETUNION ERFORDERLICH
Rede des US-Außenministers bei Koordinierungskonferenz
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge ist eine weltweite koordinierte Reaktion erforderlich, um
die Hilfsmaßnahmen für die Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu erweitern und beschleunigen.
"In den letzten Monaten hat sich das Leben in Rußland und den anderen unabhängigen Staaten in gefährlich
zunehmendem Tempo verschlechtert", erklärte der US-Außenminister am 22. Januar 1992 bei der Eröffnungssitzung der Konferenz zur Koordinierung der Hilfsmaßnahmen für die ehemalige Sowjetunion.
Vor Vertretern von 54 Staaten und internationalen Organisationen verwies Baker darauf, die Probleme seien so
enorm, daß nur eine weltweite Reaktion den 300 Millionen Menschen in den jetzt unabhängigen Staaten helfen
könne, die ein Sechstel des Erdballs umfassen.
Bakers Rede hat folgenden Wortlaut.

Meine Damen und Herren,
heute vor einem Jahr und einer Woche nahm eine
weltweite Koalition eine erfolgreiche Schlacht gegen
nackte Aggression auf. Heute schließen wir uns
zusammen, um eine neue Koalition zu gründen, die
eine neue Schlacht kämpfen muß - eine Schlacht für
ein ebenso ehrenwertes und bedeutendes Anliegen.
Wir kommen heute in diesem Saal zusammen, um
eine Koalition zur Unterstützung von Freiheit und
Demokratie zu bilden, eine Koalition, um Völkern, die
gerade ihre Unabhängigkeit erlangt haben, dabei zu
helfen, eine echte humanitäre Notlage zu überwinden,
eine Koalition, um sie zu unterstützen, während sie
darum bemüht sind, sich von den Ängsten und Schatten ihrer totalitären Vergangenheit zu befreien.
Wenn es sich hier um einen Krieg handelte, würden wir
dies als Operation Provide Hope bezeichnen. Aber
dies ist kein Krieg zur Bekämpfung einer Aggression,
sondern eine friedliche Schlacht zur Unterstützung
von Demokratie und Freiheit. Denn obwohl die Völker
Rußlands und der anderen unabhängigen Staaten
dringend Nahrungsmittel und Treibstoff, Medikamente
und Obdach benötigen, bedürfen sie noch viel mehr
der Hoffnung:
Der Hoffnung, daß sie ein normales Leben mit Brot in
den Regalen und Medikamenten in den Krankenhäusern leben können.
AMERIKA DIENST 4

Der Hoffnung, daß es Auswege aus dieser Notlage
gibt.
Und vor allem der Hoffnung, die aus dem Wissen
darum entsteht, daß die Welt an ihrem Schicksal Anteil
nimmt und zu helfen bereit ist.
Das ist die Botschaft, die von dieser Konferenz ausgesandt werden muß.
Hier in Washington haben sich heute 54 Nationen und
internationale Organisationen zusammengeschlossen
und sich verpflichtet, den Kampf für die Freiheit miteinander zu koordinieren.
Denn wir alle wissen, daß die Völker Rußlands, der
Ukraine, Kasachstans, Armeniens, Weißrußlands,
Kirgisiens und der anderen unabhängigen Staaten um
unsere Hilfe bitten, damit Demokratie und freie Märkte
in ihren Ländern feste Wurzeln schlagen können.
Diese Völker, die gerade erst ihre Freiheit erlangt
haben, wissen, daß die Verantwortung für ihren Erfolg
letztlich bei ihnen selbst liegt. Sie versuchen nicht, sich
der von Präsident Bush so bezeichneten "harten Arbeit
der Freiheit" zu entziehen. Sie möchten auch keine Almosen.
Aber diese Völker wissen, daß wir alle ein Interesse an
ihrem Erfolg haben. Sie wissen, daß wir alle etwas zu
bieten haben. Sie lernen erst jetzt, wie Demokratie und

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�freie Märkte funktionieren. Sie erwarten von uns
Führung, um ihnen zu zeigen, wie unsere demokratischen Werte in ihren Ländern verwirklicht werden
können. Sie möchten sich unsere Jahre, Jahrzehnte
und Jahrhunderte der Erfahrung mit freien Märkten
und Demokratie zunutze machen, damit auch sie ihren
rechtmäßigen Platz in der weltweiten Gemeinschaft
freier Nationen einnehmen können.

kenhäuser ohne Impfstoffe, Aeroflot-Maschinen, die
durch Treibstoffmangel am Boden blieben und Offiziere, die gegen den Wohnungsmangel protestierten.

Denn der Zusammenbruch der Sowjetunion hat überall den Schutt des Kommunismus hinterlassen - und
wir müssen dazu beitragen, die schwere Last des
Kommunismus zu beseitigen, damit die neuen Demokratien eine Chance haben, Fuß zu fassen. Wir
müssen ihnen bei der Bewältigung des Erbes der
Kommandowirtschaften, der übermäßigen Militarisierung und des gesellschaftlichen Niedergangs behilflich
sein. Sie benötigen unseren Beistand in allen Sektoren.

Es handelt sich hier zweifellos um einen weltweiten
Notstand, und dieser wird ein weltweites kollektives
Engagement erfordern, um einen weiteren Niedergang zu verhindern und Bedingungen für den Erfolg
demokratischer und marktwirtschaftlicher Reformen
zu unterstützen.

Im nuklearen Bereich, zum Beispiel, bemühen sich die
Vereinigten Staaten und andere energisch darum, die
Weiterverbreitung von Kernwaffen oder anderer Massenvernichtungswaffen zu verhindern. Präsident Bush
hat ein Expertenteam nach Moskau, Minsk, Kiew und
Alma-Ata entsandt, um zu erörtern, wie die Vereinigten
Staaten die sichere Kontrolle, rasche Entschärfung
und Zerstörung von Kernwaffen unterstützen können.
Dies ist eine Aufgabe, an der wir alle ein großes
Interesse haben und großen Anteil nehmen.
Diese Aufgabe umfaßt auch Vorschläge zur Nutzung
geistigen Potentials - das heißt, Möglichkeiten zur
Zusammenarbeit amerikanischer Wissenschaftler mit
ihren Kollegen in Rußland und andernorts, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, anstatt Waffen
zu entwerfen. Wir hoffen, andere werden ebenfalls zu
diesen Bemühungen beitragen.
Aber der nukleare Bereich ist nur ein Beispiel. Die
Völker der neuen unabhängigen Staaten wünschen
den Rat der Welt über das ganze Spektrum hinweg insbesondere durch praxisorientierte Fachleute, die
ihnen den Weg in eine bessere Zukunft weisen können. Die meisten unter uns tun dies auf die eine oder
andere Weise, und wir müssen unsere Bemühungen
verdoppeln.

Dieser humanitäre Notstand umfaßt Gebiete, die sich
über 11 Zeitzonen erstrecken und die ein Sechstel der
Weltlandmasse ausmachen. Dieser Notstand betrifft
annähernd 300 Millionen Menschen.

Unsere Reaktion muß weltweit sein, weil ein anderer
Ansatz nicht funktionieren wird. Die Probleme der
neuen unabhängigen Staaten sind zu groß, als daß
eine Region oder Nation sie alleine lösen könnte. Die
EG-Kommission und EG-Mitgliedstaaten, insbesondere Deutschland, haben bei der Unterstützung von
Reformen und Hilfsangeboten eine Vorreiterrolle übernommen.
Die Nationen Mittel- und Osteuropas - die selbst mit
dem Aufbau von Demokratie und wirtschaftlicher Freiheit kämpfen - haben sich mit uns zusammen hier
eingefunden, weil sie wissen, daß Demokratie in
Rußland, der Ukraine, Weißrußland, Moldawien und
andernorts auch ihre Demokratien unterstützen wird.
Sie wissen ferner, daß unser Engagement für ihre
Zukunft unerschütterlich ist, und wir beabsichtigen
nicht, unsere Hilfe für sie zu verringern.
Aber dieser Notstand in den neuen unabhängigen
Staaten hat grundlegende Folgen über Europa hinaus,
die für uns alle offenkundig sind. Als weltweiter Notstand hat er weltweite Auswirkungen und erfordert
deshalb weltweite Bemühungen.

Aber während die internationalen Finanzinstitutionen
mit den Russen und anderen zusammenarbeiten, um
glaubwürdige langfristige Reformpläne zu entwickeln,
und während einzelne Staaten politische und wirtschaftliche Reformen durch technische Hilfe unterstützen, muß sich die Welt nun auf die ganz reale Notlage
konzentrieren, mit der die Völker Rußlands und der
anderen unabhängigen Staaten heute konfrontiert sind.

Unsere Reaktion muß kollektiv erfolgen, weil wir unsere Ressourcen so am besten einsetzen können. Wir
müssen unsere Arbeit teilen, um ihren Bedürfnissen
gerecht werden zu können. Durch Zusammenarbeit
können wir die Stärken jedes einzelnen vervielfachen,
um die Soforthilfe, die wir bereitstellen können, besser
zu koordinieren und dadurch zu beschleunigen und zu
erweitern. So wurde im vergangenen Monat zum
Beispiel deutsches Milchpulver mit kanadischen Flugzeugen nach Rußland transportiert. Durch Zusammenarbeit können wir unsere Hilfe dort konzentrieren,
wo sie am nötigsten gebraucht wird und die größten
Vorteile erbringen kann. Auf diese Weise können wir
darüber hinaus die Duplizierung von Bemühungen
vermeiden.

In den letzten Monaten hat sich das Leben in Rußland
und den anderen unabhängigen Staaten in gefährlich
zunehmendem Tempo verschlechtert. Wir haben
Usbeken gesehen, die in blutigen Preisunruhen starben, Russen, die zitternd um Brot anstanden, Kran-

Unsere Reaktion muß die Menschen hier und dort
einbeziehen. Unsere kollektiven Bemühungen müssen an den unschätzbaren Elan und die Erfahrung
unseres Privatsektors und gemeinnütziger Organisationen appellieren. Diejenigen, die unserer Hilfe be-

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AMERIKA DIENST 4

�dürfen, führen eine Revolution von der Basis bis zu den
höchsten Regierungsstellen durch. Wir müssen ihnen
von der Basis bis zu den höchsten Regierungsstellen
helfen. Partnerschaften zwischen öffentlichen und
privaten Organisationen können - wie wir durch Präsident Bushs medizinische Initiative erfahren haben Beiträge mobilisieren und damit den Wert unserer
Bemühungen vervielfachen. Aus diesem Grund haben wir das Bürgerkorps Demokratie gebeten, heute
und morgen eine parallele Konferenz zu veranstalten,
um unsere nichtstaatlichen und gemeinützigen Organisationen neu anzuspornen.
Unsere kollektive Reaktion muß vor allem darauf
abzielen, die Russen und Ukrainer, Kasachen und
Kirgisen, Armenier und Weißrussen sowie all die anderen
zu motivieren, die von mir anfangs erwähnte entscheidende Botschaft der Hoffnung weiterzutragen. Maxim
Gorki schrieb im Jahr 1923 an Herbert Hoover: "Es ist
nicht nur die physische Hilfe, die wertvoll ist, sondern
(auch) der moralische Beistand, der sich an den Verstand der Menschen richtet." Kurzum, wir müssen
zusammen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten
auch moralische Unterstützung leisten.
Wir haben diese Konferenz einberufen, um diese
Bemühungen zu koordinieren, beschleunigen und zu
erweitern. Wir gehen davon aus, daß diese Konferenz
nur ein Schritt auf dem Weg des anhaltenden Engagements zur Unterstützung dieser neuen Staaten ist. Sie
ist nicht darauf angelegt, die Bemühungen anderer in
den Schatten zu stellen oder zu kopieren. Sie soll
diejenigen zusammenführen, die am meisten dazu
befähigt sind, zu diesen Sofortmaßnahmen beizutragen, und die Koordinierung zwischen uns zu verbessern.
Im Lauf dieser Konferenz werden wir neue Ideen dazu
vorlegen, wie wir gemeinsam die kritischen Bedürfnisse erfüllen und durch technische Hilfe eine "Brücke" zu
langfristiger Demokratie und freien Märkten schlagen
können. Wir ermutigen andere, ihrerseits Ideen dazu
vorzuschlagen.
Was für jeden in diesem Saal von entscheidender
Bedeutung sein sollte, ist das, was wir zustande bringen und nicht, wer das Lob dafür erntet. Es steht für
uns zuviel auf dem Spiel, als daß wir irgendeinen
anderen Kurs verfolgen könnten.
Es sind die Ergebnisse, die zählen. Die Lieferung von
Soforthilfe an die Völker in Not kann ihnen Hoffnung für
die Zukunft machen. Sie kann ihnen das Vertrauen in
die demokratischen Entscheidungsträger geben, die
sich auf diesen mutigen Weg begeben haben, um sie
in jene neue Zukunft zu führen. Das ist es, was auf dem
Spiel steht.
*

AMERIKA DIENST 4

Im Hinblick auf den Schwerpunkt der nächsten beiden
Tage sind zwei Ziele von übergeordneter Bedeutung.
Erstens sollten die Arbeitsgruppen "Arbeitspläne"
erstellen. Mit "Plan" meinen wir keinen festen Entwurf
oder ein statisches Dokument. Statt dessen erwarten
wir Arbeitsdokumente, die von den Vorsitzenden der
Arbeitsgruppen und den anderen Teilnehmern als
Leitlinien zum Handeln benutzt werden können.
Zweitens müssen wir geeignete Folgemechanismen
identifizieren. Unabhängig von der möglichen Organisation müssen wir sicherstellen, daß die Koordinierung
auch in naher Zukunft fortgesetzt wird.
Ich möchte meine Ausführungen folgendermaßen
abschließen:
Den Völkern Rußlands und der anderen unabhängigen
Staaten sage ich: Bleibt eurem Kurs treu, denn die
Freiheit funktioniert. Demokratie und wirtschaftliche
Freiheit sind keine Experimente, sondern euer einziger
Weg in eine bessere Zukunft. Die Geschichte appelliert erneut an euer Heldentum, auf daß ihr euch gegen
neue Widrigkeiten wappnet. Durch Zusammenarbeit
untereinander und mit der Welt können Demokratie,
Freiheit und ein besseres Leben euer sein.
Den Völkern Europas und Amerikas, Asiens und des
Persischen Golfs sage ich: Zusammen können wir
erreichen, was wir als einzelne nicht schaffen können.
Dem amerikanischen Volk, Republikanern wie Demokraten, sage ich: Gemeinsam können wir eine Quelle
der Hoffnung sein. Laßtuns den Schlaf des Isolationismus vermeiden, der zu einer Wiederholung der Geschichte zu führen droht.
Laßt uns statt dessen geloben, die Herausforderungen
im In- und Ausland in Angriff zu nehmen.
Wie Martin Luther King, ein großer Amerikaner, dessen Geburtstag wir diese Woche gedenken, einmal
gesagt hat: "Ein Mann wird letztlich nicht daran gemessen, welchen Standpunkt er in Zeiten des Wohlergehens und der Ruhe einnimmt, sondern wie er sich in
Zeiten der Herausforderungen und Kontroversen verhält. Der wahre Nachbar wird seine Stellung, sein
Prestige und sogar sein Leben für das Wohlergehen
anderer aufs Spiel setzen. In gefährlichen Tälern und
auf unsicheren Pfaden wird er einem verletzten und
geschlagenen Bruder zu einem höheren und erhabeneren Leben verhelfen."
Wir alle sind Nachbarn der Völker Rußlands und der
neuen unabhängigen Staaten.
Also laßt uns alle an die Arbeit gehen, denn es ist zu
schaffen.

*

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�GUS-HILFE
29. Januar 1992

HILFE DER USA FÜR EHEMALIGE
SOWJETREPUBLIKEN
Eine Übersicht des US-Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Das US-Außenministerium hat eine detaillierte Aufstellung der humanitären und
technischen Hilfsleistungen veröffentlicht, die von den Vereinigten Staaten für die Nachfolgestaaten der
ehemaligen Sowjetunion bereitgestellt werden.
Die am 23. Januar 1992 herausgegebene Aufstellung umfaßt ein breites Spektrum von Hilfsmaßnahmen, die
sich auf medizinische Versorgung, Nahrungsmittel, Energie, Unterkunft und technische Hilfe erstrecken.
Im medizinischen Bereich beinhaltet die amerikanische Hilfe die Lieferung und Verteilung überschüssiger
medizinischer Güter, großangelegte Impfkampagnen, Bereitstellung von Flugzeugen und Besatzungen zum
Transport der Spenden in die neuen unabhängigen Staaten sowie Bestrebungen zur Förderung von Handel und
Investitionen der Vereinigten Staaten im medizinischen Bereich.
Die Nahrungsmittelhilfe umfa ßt staatliche Unterstützung für Spenden der Privatwirtschaft in Form der benötigten
Lebensmittel, Förderung der Entsendung freiwilliger Helfer aus dem Landwirtschaftsbereich und Hilfe beim
Aufbau von Lagerkapazitäten. Zu den zugesagten Nahrungsmittelspenden zählen auch vom Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Güter im Wert von 44,8 Millionen Dollar.
Im Hinblick auf die Energieversorgung beihalten die Bestrebungen dem Außenministerium zufolge Projekte, die
eine Verbesserung der Beheizung von Wohnhäusern und der Sicherheit von Kohlebergwerken zum Ziel haben.
Zur Bereitstellung von Unterkünften sollen zur Lösung der kurz- und langfristigen Wohnungsprobleme Beraterteams entsandt werden.
Die technische Hilfe umfaßt Programme, die auf die Entwicklung von Demokratie und Marktwirtschaft sowie die
Umstellung der Rüstungsindustrie auf zivile Produktion abzielen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Übersicht des Außenministeriums im Wortlaut.

Medizinische Versorgung
Medizinische Hilfsleistungen des Verteidigungsministeriums
Die US-Regierung wird überschüssige medizinische
Güter (Reservebestände) in die bedürftigen Regionen
liefern und die Verteilung durch freiwillige Privatorganisationen vornehmen.
Das US-Verteidigungsministerium stellt in Oakland (Kalifornien) gelagerte überschüssige
Bestände von Operation Desert Storm zur Verfügung. Hierzu zählen medizinische Güter
(Mullbinden, Spritzen, Katheter etc.), die der
Ladekapazität von 5 Transportflugzeugen vom
Typ C-5 entsprechen.

AMERIKA DIENST 4

Das US-Verteidigungsministerium stellt femer
Bestände der Operation Desert Storm an oralen
Antibiotika (Ciprofloxacin) im Wert von 8,7 Millionen Dollar bereit. Dies entspricht über einer
Million Dosierungen und einer sechsten C-5Ladung. Diese Güter sind in Pirmasens gelagert.
Das US-Verteidigungsministerium hat die Verschiffung von 58 Seecontainern überschüssiger, in Kalifornien gelagerter medizinischer
Verbrauchsgüter in die neuen unabhängigen
Staaten veranlaßt.
Das US-Verteidigungsministerium nimmt eine
weitere Überprüfung seiner Bestände an überschüssigen medizinischen Gütern vor, die für
Soforthilfe eingesetzt werden können.

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�Medizinisches Sofortprogramm
Dieses Programm wird dazu beitragen, den Mangel an
wichtigen Arzneimitteln und medizinischen Gütern zu
beheben, einschließlich Antibiotika für die Behandlung
von Respirations- und anderen ansteckenden Krankheiten, Impfstoffen zur Immunisierung von Kindern
und ältemen Menschen gegen lebensbedrohende
Krankheiten, Medikamenten zur Behandlung cardiovaskularer Krankheiten und unterschiedlicher Arten
von Krebs sowie Einweghandschuhen und -spritzen,
um die Verbreitung von Infektionen zu vermeiden.
Zusammen mit privaten Beiträgen wird dieses
Programm Medikamente und medizinische Güter
für die neuen unabhängigen Staaten im Wert
von 50 Millionen Dollar umfassen.
Über 50.000 Kinder werden im Rahmen dieses
Programms behandelt oder geimpft. Das Programm soll im Sommer 1992 anlaufen.
Medizinische Luftbrücke
Die US-Regierung wird logistische Unterstützung zur
Verfügung stellen (das heißt, Flugzeuge und Besatzungen) für die einer C-5-Ladung entsprechende Lieferung von Medikamenten und medizinischen Gütern,
die den Nachfolgestaaten von den Konferenzteilnehmern gespendet wurden.
Krankenhauspartnerschaften zwischen Nationen
Zusammmen mit anderen Konferenzteilnehmern werden die Vereinigten Staaten die Gründung von "Krankenhauspartnerschaften" mit vergleichbaren Einrichtungen in den neuen unabhängigen Staaten unterstützen, um Hygiene, OP, Klinikverwaltung und Geräte zu
verbessern. Das Ziel der Vereinigten Staaten besteht
in der Errichtung von sieben solcher Kliniken bis Ende
1992.
Kinderklinik. Die erste dieser Partnerschaften
wird zwischen dem Norfolk Medical Center und
der Kinderklinik in Moskau gegründet, um die
Qualität der angebotenen Versorgung bei ansteckenden Kinderkrankheiten und in der
Hämatologie zu verbessern.
Förderung von Handel und Investitionen der USA im
medizinischen Bereich
Die Herstellung und Lieferung von Medikamenten,
Impfstoffen und medizinischen Gütern hat sich dramatisch verschlechtert. Zusammen mit amerikanischen
Unternehmern wird die US-Regierung den neuen
unabhängigen Staaten dabei behilflich sein, den Übergang von der Abhängigkeit von gespendeten Medikamenten und medizinischen Gütern zur Entwicklung
eigener privatisierten Produktionskapazitäten zu vollziehen. Dazu zählen:

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Entsendung amerikanischer Expertenteams aus
der Industrie, um rasche Lösungen für solche
Probleme auszumachen, die die Produktion
begrenzen. Ein Nebeneffekt sind Kauf und
Montage von amerikanischem Gerät sowie die
Schaffung von Märkten für die amerikanische
Pharmaindustrie.
Aktivitäten zur Ermutigung amerikanischer
Unternehmen, einschließlich der Einberufung
von Gesprächsrunden, Handels- und Investitionsmissionen, den Investitionen vorausgehende Dienstleistungen und die Unterstützung der
Beteiligung der Privatwirtschaft am Gesundheitswesen . Dies würde in Zusammenarbeit mit
dem Wirtschaftsministerium, der Entwicklungsgesellschaft OPIC und Handelsentwicklungsprogrammen ausgeführt.
Nahrungsmittel
US-Partnerschaften "Nahrungsmittel für Freiheit"
Die US-Regierung wird Bestebungen der Privatwirtschaft und nichtstaatlicher Organisationen für Nahrungsmittelspenden und kostengünstiges landwirtschaftliches Gerät durch die Bereitstellung von logistischer
Unterstützung, Transportmitteln und Fachwissen fördern. Dazu zählen Spendenangebote für Mehl, Milchprodukte, verarbeitete Nahrungsmittel und andere Güter
von amerikanischen Landwirten, Kirchen, Freiwilligenorganisationen und Unternehmen.
Programme "von Landwirt zu Landwirt"
In den nächsten drei Jahren werden die Vereinigten
Staaten bis zu 2.000 Freiwillige aus der Landwirtschaft
für 30 bis 90 Tage zur Verfügung stellen, um direkt mit
Landwirten in den unabhängigen Staaten bei der Steigerung von landwirtschaftlicher Produktion und Einkommen zusammenzuarbeiten. Dieses Programm
konzentriert sich zunächst auf Armenien, Rußland, die
Ukraine und Kasachstan und wird im kommenden
Frühjahr beginnen.
Kostengünstige Nahrungsmittellagerung
Die US-Regierung wird dazu beitragen, eines der
schwierigsten Probleme der Nahrungsmittel-Produktionskette zu lösen, indem sie die Einrichtung kostengünstiger Lagerungssysteme zur Reduzierung der
Nahrungsmittelverschwendung finanziert.
Zusätzliche Dienstleistungen der USA im Agrarbereich
Die Vereinigten Staaten werden ihr derzeitiges Programm zusätzlicher Dienstleistungen in Armenien auf
Kasachstan und Usbekistan ausdehen, um den Landwirten Grundkenntnisse zu vermitteln, die Nahrungsmittelverteilung und Marktinformationen zu verbessern.

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�Lieferung von Desert-Storm-Beständen

Unterkunft

Das US-Verteidigungsministerium stellt rund 17.280
Tonnen Nahrungsmittel aus den Beständen von Desert Storm zur Verfügung. Dies entspricht Nahrungsmitteln im Wert von 44,8 Millionen Dollar, die 16
Millionen Mahlzeiten ergeben.

Internationales Wohnberatungsprogamm

Diese Bestände können dazu beitragen, die
Nahrungsmittelengpässe in den Industrieregionen am Donbas-Kohlebecken, an der Wolga, im
Ural und in der Region Kuzbas sowie in St.
Petersburg, Moskau, Archangelsk, Murmansk
und Petrosawodsk zu beheben.
165 Millionen Dollar an Nahrungsmittelhilfe
Die Vereinigten Staaten haben bereits ihre Absicht
bekundet, Nahrungsmittelhilfe in Höhe von 165 Millionen Dollar zu spenden. Dieses Geld ist zum Teil
bereits zur Finanzierung folgender Projekte verwandt
worden:
Nahrungsmittellieferungen nachSt.Petersburg.
Die Vereinigten Staaten werden mit Behörden
vor Ort zusammenarbeiten, um in den nächsten
vier Monaten 400 Tonnen Milchpulver nach St.
Petersburg zu liefern.
Nahrungsmittellieferungen an Armenien. Über
die armenisch-amerikanische Kirche wird die
US-Regierung 10.600 Tonnen Butter, Butteröl
und Weizenschrot für Armenien bereitstellen.
Energie
Energiesparprojekt (Wohnungsbeheizung)
Amerikanische Experten werden helfen, die Zentralheizungsanlagen für Wohngebiete zu reparieren, effektiver zu machen und zu demonstrieren, wie Energie
in Industrieanlagen eingespart werden kann.
Dieses Programm konzentriert sich auf Raffinerien, Heizkraftwerke und Energiesparmaßnahmen für Wohngebiete in den neuen unabhängigen Staaten.
Projekt für Sicherheit von Kohlebergwerken
Diese Initiative beinhaltet Unterstützung für ein erweitertes Programm "Partner bei der Wirtschaftsreform",
einer Initiative der amerikanischen Kohleindustrie,
mehrerer amerikanischer Eisenbahnen und des
Gewerkschaftsdachverbandes AFL-CIO. Das "Partner-Programm trägt dazu bei, logistische Engpässe
zu beseitigen und Ausbildung bei Sicherheit im Bergbau bereitzustellen.

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Diese Beratergruppen werden aktiv mit lokalen und
nationalen Regierungsvertretern der neuen unabhängigen Staaten sowie mit Unternehmern zusammenarbeiten, um zur Lösung der kurz- und langfristigen
Wohnungsprobleme beizutragen.
Die Vereinigten Staaten werden ihrerseits internationale Wohnberatungsteams in fünf Provinzstädten und einer Hauptstadt sowie 5 Mann/
Jahre für entsandte Spezialisten zur Verfügung
stellen. Wir erwarten, daß dieses Programm in
Zusammenarbeit mit unseren Konferenzteilnehmern entwickelt wird.
Technische Hilfe
Ausbildungsprogramm "Demokratie in der Praxis"
Die Vereinigten Staaten werden ein Programm in die
Wege leiten, das technische Unterstützung und Ausbildung in politischer Arbeit auf allen Regierungsebenen anbietet.
Das Programm sieht die Ausbildung von neu
gewählten staatlichen, regionalen und lokalen
Regierungsvertretern in den Vereinigten Staaten vor.
Das Programm umfaßt femer ein technisches
Hilfsprogramm, das Städte und Bundesstaaten
in Amerika mit Partnern in den Nachfolgestaaten verbindet.
Diese Initiative erstreckt sich auf mindestens
500 Teilnehmer.
Eurasische Stiftung für Demokratie, freies Unternehmertum und Ausbildung in Führung und Management
Die Vereinigten Staaten werden eine Stiftung gründen,
deren Zweck die Förderung und Stärkung von freier
Marktwirtschaft und Institutionen ist, die sich mit repräsentativer Regierung, wirksamen Rechtssystemen,
Menschenrechten und verantwortungsbewußten Medien
befassen. Besondere Aufmerksamkeit wird der Entwicklung einer tragfähigen Privatwirtschaft durch Bereitstellung technischer Hilfe für Privatisierung und
Managementausbildung gewidmet.
Die Stiftung würde beispielhaft ausgestattet, um
gemeinsam mit amerikanischen Freiwilligen- und
nichtstaatlichen Organisationen unverzügliche,
schnell anlaufende, praxisorientierte Hilfe für
alle Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zur Verfügung zu stellen.

Seite 3

�Demonstrationsprojekte zur Umstellung der Rüstungsindustrie
Die US-Regierung wird vordringlich Konsultationen mit
zivilen und militärischen Behörden vor Ort führen, um
die wichtigsten Demonstrationsprojekte zur Umstellung der Rüstungsindustrie auszumachen, die durchführbar sind und unseren jeweiligen Zielen gerecht
werden.

Dazu zählen neue Aufgaben für Atomwissenschaftler wie Forschung an zivilen Projekten,
die Umrüstung militärischer Stützpunkte in Industriezentren und -parks sowie die Umstellung
der Industrie für zivile Zwecke durch Umstrukturierung, Umschulung und Förderung neuer Investitionen.

* * * * *

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�GUS-HILFE
29. Januar 1992

DIE AMERIKANISCHE HILFE FÜR
DIE EHEMALIGE SOWJETUNION
Eine Übersicht der US-Regierung
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht über die amerikanischen Hilfsmaßnahmen für die neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion, die am 22. Januar 1992 von der
amerikanischen Regierung herausgegeben wurde.
Die amerikanische Hilfe für die ehemalige Sowjetunion
beträgt insgesamt über 5 Milliarden Dollar.
Ankündigung bei der Koordinierungskonferenz
Der Präsident beantragt für die Haushaltsjahre 1992
und 1993 zusätzlich 645 Millionen Dollar für folgende
Zwecke:
einen neuen Sonderfonds für humanitäre/technische Hilfe im Qesamtumfang von 500 Millionen Dollar, um Ressourcen zur Deckung unvorhergesehener humanitärer und besonderer Hilfsmaßnahmen bereitzustellen;
Bewilligung von 85 Millionen Dollar im Rahmen
des Wirtschaftshilfefonds (ESF) für technische
Hilfe;
25 Millionen Dollar für medizinische Hilfe;
20 Millionen Dollar für das Programm P.L.-480
("von Landwirt zu Landwirt"), das Fortbildungsmaßnahmen für private Landwirte und Agraruntemehmen vorsieht;
15 Millionen Dollar für Entwicklungshilfe.
Kreditbürgschaften für Nahrungsmittel (CCC)
Die Vereinigten Staaten haben die Vergabe von 3,75
Milliarden Dollar an CCC-Kreditbürgschaften für den
Ankauf von Nahrungsmitteln durch die ehemalige
Sowjetunion bekanntgegeben. Etwa 3 Milliarden wurden
bereits in Anspruch genommen, um über 19,5 Millionen Tonnen Nahrungsmittel anzukaufen und zu transportieren.
Nahrungsmittelhilfe
Die Vereinigten Staaten haben die Bereitstellung von
Nahrungsmittelhilfe des US-LandwirtschaftsminfsteAMERIKA DIENST 4

riums in Höhe von bis zu 165 Millionen Dollar angekündigt. Darüber hinaus wurden überschüssige Nahrungsmittelvorräte des Verteidigungsministeriums im
Wert von 45 Millionen Dollar auf Spendenbasis zugesagt. Damit erreicht der Gesamtumfang der Nahrungsmittelhilfe 210 Millionen Dollar.
Nukleare Abrüstung
Das Verteidigungsministerium wird 400 Millionen Dollar aus seinem Haushalt 1992 umschichten, um der
ehemaligen Sowjetunion bei der Vernichtung atomarer
und chemischer Waffen zu helfen.
Transport humanitärer Hilfsgüter
Das Verteidigungsministerium wird darüber hinaus
100 Millionen Dollar aus seinem Haushalt 1992 umschichten, um den Transport humanitärer Hilfsgüter zu
finanzieren.
Medizinische Hilfe des AID
Das Amt für internationale Entwicklung (AID) hat im
Jahr 1991 5 Millionen Dollar für medizinische Hilfe
bereitgestellt. Damit wurden private Spenden medizinischer Hilfsgüter für über 25 Millionen Dollar an die
ehemalige Sowjetunion und die baltischen Staaten
gefördert.
Technische Hilfe
Die Vereinigten Staaten haben Pläne zur Bereitstellung von 120 Millionen Dollar an technischer Hilfe für
die ehemalige Sowjetunion bekanntgegeben. Die
Mittel werden Geldern des Wirtschaftshilfefonds und
des Landwirtschaftsministeriums aus den Haushaltsjahren 1991 und 1992 entnommen. Damit wird auf
Maßnahmen zur technischen Zusammenarbeit aufgebaut, die seit 1989 hauptsächlich von amerikanischen
Regierungsbehörden ohne ausdrückliche FinanzieSeite 1

�rungszusagen durchgeführt wurden. Nachfolgend
veröffentlichen wir eine Liste beispielhafter Projekte,
die für die Zukunft geplant sind.

rungen aus erster Hand über die Arbeitsweise des
Privatsektors und die Leitung gewinnorientierter Unternehmen zu vermitteln.

Beispiele technischer Hilfe für die ehemalige
Sowjetunion

Konversion der Rüstungsindustrie

Modellfarmen
Das US-Landwirtschaftsministerium wird landwirtschaftliche Modellbetriebe bei Moskau, Kiew und einer weiteren Großstadt unterstützen, die anfangs von amerikanischen Farmern geleitet und nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden sollen. Diese
Betriebe sollen als Demonstrationsobjekte und Ausbildungseinrichtungen für Landwirte dienen.
Großmärkte
Das amerikanische Landwirtschaftsministerium wird
Experten entsenden, die beim Aufbau privater Großmärkte für Nahrungsmittel behilflich sind, mit denen
das staatliche Verteilungssystem ersetzt werden soll.

Die Vereinigten Staaten werden Projektstudien fördern und Experten bereitstellen, um Ressourcen und
Humankapital von der Rüstungsindustrie zu nichtmilitärischen wirtschaftlichen Sektoren zu verlagern.
Energieversorgung
Die Vereinigten Staaten werden Experten aus dem
Privatsektor sowie preiswertes amerikanisches Material liefern, um städtischen Heizkraftwerken, Elektrizitätswerken und lebenswichtigen Industrien zu helfen,
Bereitstellung und Effizienz von Energielieferungen zu
verbessern. Die Vereinigten Staaten werden femer
ihre Bemühungen fortsetzen, um das Klima für ausländische Investitionen im Energiebereich in der ehemaligen Sowjetunion zu verbessern.
Gesundheitswesen

Management-Berater
Das US-Landwirtschaftsministerium und das AID werden
Freiwillige aus der amerikanischen Wirtschaft in wichtigen Positionen einsetzen, um drei bis sechs Monate
lang als Beraterin Organisationen der Nahrungsmittelwirtschaft und Industrie tätig zu sein. Femer werden
Experten entsandt, die bei der Privatisierung von
Staatsunternehmen mitwirken sollen.
Rechtsberater
Die Vereinigten Staaten werden juristische Berater
entsenden, um bei der Erstellung von Gesetzentwürfen mitzuwirken, die eine rechtliche Grundlage für eine
freie Marktwirtschaft liefern (Privateigentum, Schutz
geistigen Eigentums, Investitionsgesetze, Liegenschaftsrecht, Wettbewerbs- und Kartellgesetzgebung
etc.).
Fortbildungsmaßnahmen

Die Vereinigten Staaten werden amerikanischen
medizinischen Einrichtungen Mittel zur Verfügung stellen,
um Fachwissen mit Einrichtungen des Gesundheitswesens in der ehemaligen Sowjetunion auszutauschen.
Demokratisierung
Private amerikanische Organisationen werden in
Anspruch genommen, um Gerät, Beratung und Anleitung bei Wahlverfahren und der Entwicklung eines
parlamentarischen Systems bereitzustellen.
Rechtsstaatlichkeit
Die Vereinigten Staaten werden Fortbildungsprogramme einrichten, um zur Entwicklung einer unabhängigen Justiz beizutragen und die Überarbeitung von
Straf- und Zivilrecht sowie Verwaltungsverfahren zu
fördern.

Das Wirtschaftsministerium wird Praktikantenstellen
in amerikanischen Unternehmen fördern, um Erfah* * * * *

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AMERIKA DIENST 4

�LIBYEN
29. Januar 1992

PICKERING: UN-ABSTIMMUNG "
KLARES SIGNAL" AN LIBYEN
Erklärung im UN-Sicherheitsrat
NEW YORK - (AD) - Dem amerikanischen UNO-Botschafter Thomas Pickering zufolge hat der Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen mit seiner Resolution vom 21. Januar 1992, wonach Libyen "bei der Auslieferung seiner
Regierungsvertreter ohne wenn und aber zusammenarbeiten" muß, die der Bombenanschläge gegen zwei
Verkehrsmaschinen beschuldigt werden, "das klarste mögliche Signal" gegeben.
In einer Erklärung zu der Resolution im Sicherheitsrat verwies Pickering darauf, diese "stellt klar, daß weder
Libyen noch irgendein anderer Staat versuchen kann, die Unterstützung des internationalen Terrorismus mit
traditionellen Prinzipien des Völkerrechts und staatlicher Praxis zu kaschieren".
In der vom Sicherheitsrat einstimmig verabschiedeten Resolution wird Libyen aufgefordert, unverzüglich,
uneingeschränkt und effektiv mit den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich bei der Aufklärung der
Bombenanschläge gegen Pan Am Flug 103 über Lockerbie sowie Flug UTA 772 über dem Niger zusammenzuarbeiten.
Nachfolgend veröffentlichen wir Pickerings Erklärung im UN-Sicherheitsrat im Wortlaut.

Herr Präsident, mit der Verabschiedung dieser Resolution hat der Rat erneut die wichtige Rolle unter
Beweis gestellt, die er in diesem neuen und hoffnungsvollen Zeitalter der internationalen Beziehungen spielen sollte. Seine Pflichten im Hinblick auf Frieden und
Sicherheit in der Welt nehmen den höchsten Stellenwert ein, und er hat erneut gezeigt, daß er diese
Pflichten äußerst ernst nimmt.
Der Rat war mit der außergewöhnlichen Situation
konfrontiert, daß ein Staat und seine Vertreter in zwei
verabscheuungswürdige Bombenanschläge gegen
Verkehrsflugzeuge verwickelt sind. Dies ist eine Situation, auf die normale Verfahrensweisen nicht angewendet werden können. Die Folgen solchen Verhaltens für Frieden und Sicherheit in der Welt sind eindeutig und unausweichlich.
Die Regierungen Frankreichs, des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten haben diesem Rat
die Ermittlungsberichte vorgelegt, die Vertreter der
libyschen Regierung mit den Bombenanschlägen gegen
Pan Am 103 über Lockerbie und UTA 772 über dem
Niger in Verbindung bringen. 441 völlig unschuldige
Menschen aus 32 Ländern, darunter sieben Mitgliedstaaten dieses Rats, wurden in einem Akt des offenkundigen, kaltblütigen und brutalen Terrorismus ermordet.
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Bei der entscheidenden Frage geht es nicht um irgendwelche unterschiedlichen Meinungen oder Ansätze,
die durch Vermittlungen oder Verhandlungen miteinander versöhnt werden können. Es geht, wie der
Sicherheitsrat erkannt hat, um ein Verhalten, das uns
alle bedroht und eine unmittelbare Gefahr für Frieden
und Sicherheit in der Welt bedeutet. Das Mandat des
Sicherheitsrats verpflichtete diesen, sich seiner Verantwortung in diesem Fall zu stellen. Er darf sich durch
libysche Versuche, diese Angelegenheit des Friedens
und der Sicherheit in der Welt zu einer Frage bilateraler
Meinungsverschiedenheiten umzumünzen, nicht beirren lassen.
Die soeben verabschiedete Resolution reagiert auf
eine besondere Situation, die diesem Rat vorgelegt
wurde. Sie stellt eine konkrete Forderung an Libyen:
daß es ohne wenn und aber bei der Auslieferung seiner
Vertreter, die dieser Bombenanschläge angeklagt oder
mit ihnen in Verbindung gebracht werden, zusammenarbeitet und konkrete Maßnahmen einleitet, wie es
einem gesetzestreuen Staat gebührt. Darüber hinaus
fordert sie den Generalsekretär auf, gemeinsam mit all
den anderen Staaten Libyen zu ermutigen, diese
Resolution vollständig und effektiv zu befolgen. Die
Resolution stellt eindeutig fest, daß der Rat bestrebt
ist, im Einklang mit den Bestimmungen des Völker-

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�rechts die unverzügliche Einleitung eines Gerichtsver- staatliche Verstrickung in den Terrorismus sowie dem
fahrens gegen die Beschuldigten zu gewährleisten. Fehlen einer unabhängigen Justiz in dem beschuldigDie Resolution fordert, daß die Angeklagten ohne ten Staat konfrontiert. Angesichts eines derartigen
Verhaltens mußte der Rat handeln, um Bedrohungen
wenn und aber der Justiz der Länder übergeben werden, die nach dem Völkerrecht für ihre Gerichtsverfah- für Frieden und Sicherheit in der Welt zu bewältigen,
die sich aus äußerst schwerwiegenden terroristischen
ren zuständig sind.
Anschlägen ergeben, und er tat dies mit Festigkeit,
Bis heute hat sich Libyen geweigert, auf diese Forde- Würde, Entschlossenheit und Mut. Die Aktion des
rungen einzugehen, hat versucht, sich seinen Pflichten Rats gibt deshalb das klarste mögliche Signal, daß die
zu entziehen und eine Verzögerungstaktik angewandt. internationale Staatengemeinschaft solches VerhalObgleich die libyschen Versuche, den Charakter des ten nicht tolerieren wird.
Problems vor dem Rat zu verschleiern, auch das
ausdrückliche Zugeständnis beinhalten, daß seine Wir hoffen jetzt, daß Libyen effektiv und rasch reagiert.
Staatsangehörigen andernorts vor Gericht gestellt Die Stimme der internationalen Staatengemeinschaft
werden könnten, wird gleichzeitig krampfhaft versucht, ist in diesem Fall unmißverständlich und entschlossen.
Orte vorzuschlagen oder anzubieten, die den Wert des Der Rat erwartet von Libyen die Einhaltung der soeben
in langen und gründlichen Ermittlungen der Staaten, verabschiedeten Resolution. Das Ausmaß der begandie eine Auslieferung fordern, so akribisch gesammel- genen Verbrechen und die Angriffe auf Frieden und
ten Beweismaterials verringern oder sogar zunichte Sicherheit in der Welt gebieten nichts weniger. Der Rat
machen würden.
wir sorgfältig beobachten, wie Libyen reagiert. Der Rat
wird weiterhin Schritt für Schritt sein Engagement für
Mit der Verabschiedung dieser Resolution hat der Rat Frieden und Sicherheit in der Welt aufrechterhalten. Er
umsichtig und klug auf die einzigartige Situation rea- wird auch in Zukunft sicherstellen, daß seine Stimme
giert, die mit der eindeutigen Aufdeckung staatlich und seine Entscheidungen alles mögliche dazu beitrageförderter terroristischer Anschläge gegen die Zivil- gen werden, um Libyen sowie jeden anderen Staat, der
luftfahrt einhergeht. Der Rat hat unmißverständlich sich in Zukunft zu ebensolchen Handlungen veranlaßt
das Recht aller Staaten bekräftigt, ihre Bürger im fühlen könnte, dazu zu bewegen, solche Aktionen
Einklang mit der Charta zu schützen. Die Resolution heute und in Zukunft einzustellen. Falls weitere
stellt klar, daß weder Libyen noch irgendein anderer
Maßnahmen erforderlich sein sollten - und wir hoffen,
Staat versuchen kann, die Unterstützung des interna- dies ist nicht der Fall -, gehen wir davon aus, daß der
tionalen Terrorismus mit traditionellen Prinzipien des Rat weiterhin bereit ist, seine Pflichten voll und ganz
Völkerrechts und staatlicher Praxis zu kaschieren. Der wahrzunehmen.
Rat war in diesem Fall mit eindeutigen Beweisen für
* * * *

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�PORTRAT
29. Januar 1992

CARD ALS "MACHER" BEKANNT
Porträt des nominierten Verkehrsministers

WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush hat den von
ihm als nächsten Verkehrsminister nominierten Andrew Card als Mann bezeichnet, der im Weißen Haus
als "Macher" bekannt ist.
Card war bisher als Stellvertretender Stabschef im
Weißen Haus tätig. Vorbehaltlich seiner Bestätigung
durch den Senat wird er Nachfolger von Samuel Skinner, der nach dem Rücktritt John Sununus Stabschef
im Weißen Haus wurde.
Als langjähriger Gefolgsmann Bushs war Card an der
erfolglosen Präsidentschaftskampagne Bushs im Jahr
1980 in Massachusetts beteiligt. 1988 war er Wahlkampfleiter Bushs für die Vorwahl in New Hampshire,
die entscheidend zum späteren Sieg Bushs im Präsidentschaftswahlkampf beitrug. Zuvor war Card im
Weißen Haus unter Reagan Leiter des Büros für
zwischenstaatliche Angelegenheiten.
Der 44jährige Card, ein Ingenieur und ehemaliger
Vizepräsident einer Softwarefirma, war von 1974 bis
1983 Abgeordneter im Repräsentantenhaus von
Massachusetts und kandidierte 1982 für das Gouverneursamt in diesem Staat.
Card wurde am 10. Mai 1947 in Brockton (Massachusetts) geboren. An der University of South Carolina
erwarb er ein Bakkalaureat in Ingenieurwesen. Darüber hinaus besuchte er die United States Merchant

Marine Academy sowie die John F. Kennedy School of
Government an der Harvard University.
Im Repräsentantenhaus von Massachusetts war er
sechs Jahre lang Mitglied der republikanischen Fraktionsführung und wurde im Jahr 1982 von der Nationalen Vereinigung Republikanischer Abgeordneter zum
Abgeordneten des Jahres gewählt.
Im September 1983 wurde Card zum persönlichen
Referenten Präsident Reagans für zwischenstaatliche
Angelegenheiten ernannt und arbeitete in dieser Position hauptsächlich mit den Gouverneuren der Bundesstaaten zusammen. 1988 war er unter Präsident
Reagan Leiter des Büros für zwischenstaatliche Angelegenheiten im Wei Ben Haus. In diesem Amt fungierte
er als Verbindungsmann des Präsidenten zu den
Gouverneuren, den gewählten Vertretern in den Bundesstaaten, Abgeordneten, Bürgermeistern und anderen Gemeindevertretern.
Im Wahlkampf 1988 diente Card als wichtiger Berater
für den Wahlkampf Bush/Quayle. Neben seinem
Einsatz als Wahlkampfmanagerfür die Vorwahl in New
Hampshire war er regionaler politischer Direktor und
Verbindungsmann zu den republikanischen Gouverneuren.
Card ist verheiratet und hat drei Kinder.

* * * * *

AMERIKA DIENST 4

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                <text>&lt;strong&gt;1. Bericht zur Lage der Nation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush erläutert neue Weltordnung, Pläne zur wirtschaftlichen Erholung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht des Präsidenten zur Lage der Nation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GUS-Hilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush drängt auf weltweite Hilfe für ehemalige Sowjetrepubliken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten bei der GUS-Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baker: weltweite Hilfe für ehemalige Sowjetunion erforderlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Außenministers bei Koordinierungskonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Hilfe der USA für ehemalige Sowjetrepubliken&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanische Hilfe für die ehemalige Sowjetunion &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht der US-Regierung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Libyen&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Pickering: UN-Abstimmung "klares Signal" an Libyen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung im UN-Sicherheitsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Card als "Macher" bekannt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt des nominierten Verkehrsministers&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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5. Februar 1992

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HAUSHALT

PRÄSIDENT BUSHS HAUSHALT
IM KONTEXT BETRACHTET
Eine Übersicht zur
Haushaltsvorlage 1993

VERTEIDIGUNG

WAFFENMODERNISIERUNG NEUER
SCHWERPUNKT DES PENTAGON
Erklärung des
US-Verteidigungsministeriums

VEREINTE NATIONEN

BUSH: NEUES ZEITALTER FÜR VEREINTE
NATIONEN NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Präsidenten beim
UN-Sicherheitsrat

MENSCHENRECHTE

NEUE DEMOKRATIEN BERECHTIGEN ZU
HOFFNUNG BEI MENSCHENRECHTEN
Bericht des US-Außenministeriums

HANDEL

DOBBINS DRANGT AUF BALDIGE EINIGUNG
ÜBER HANDELSABKOMMEN
Rede des US-Botschafters bei der EG

SOZIALES

WOHLTÄTIGKEIT IN DEN USA: EINE
TRADITION DES GEBENS UND NEHMENS
Überblick über ehrenamtliche
Tätigkeit

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�HAUSHALT

5. Februar 1992

PRÄSIDENT BUSHS HAUSHALT
IM KONTEXT BETRACHTET
Eine Übersicht zur Haushaltsvorlage 1993
WASHINGTON - (AD) - Die kurzfristigen Prognosen bei Staatsverschuldung und Haushaltsdefizit "sind weiterhin
unattraktiv". Dies schreibt der Direktor der Haushaltsbehörde, Richard Darman, in seinem Vorwort zur soeben
veröffentlichten Haushaltsvorlage der Bush-Administration für das am 1. Oktober 1992 beginnende Haushaltsjahr 1993.
Geringere Steuereinnahmen als erwartet, die hauptsächlich auf die Rezession und die anhaltende Konjunkturflaute zurückzuführen sind, die von der Sparkassenkrise verursachten hohen Kosten, ein steigender Schuldendienst in Zusammenhang mit in der Vergangenheit eingegangenen Verpflichtungen sowie der ungebremste
Zuwachs zwingend vorgeschriebener Ausgabenprogramme werden in dem am 30. September 1992 endenden
Haushaltsjahr 1992 nach Schätzungen der Bush-Administration ein Rekorddefizit von 399,4 Milliarden Dollar zur
Folge haben. Im Vergleich zum letztjährigen Rekordbetrag von 268,7 Milliarden Dollar bedeutet dies eine
Zunahme von annähernd 49 Prozent.
Präsident Bushs Vorlage für das am 30. September 1993 endende nächste Haushaltsjahr sieht eine bescheidene Verringerung des Defizits auf 351,9 Milliarden Dollar vor, geht jedoch bis 1997 von weiterhin beträchtlichen
Fehlbeträgen aus - bis zu einem Minimum von annähernd 200 Milliarden Dollar.
Die Vorlagen und Ansätze sind in einem Dokument von über 1.700 Seiten enthalten, das am 29. Januar dem
US-Kongreß zugeleitet und am selben Tag veröffentlicht wurde.
Nachfolgend die wichtigsten Punkte der Haushaltsvorlage 1993:

Gesamthaushalt

Haushaltsjahr

Defizit

Ausgaben: 1.516,7 Milliarden

1986

221,167

Einnahmen: 1.164,8 Milliarden

1987

149,687

1988

155,097

1989

153,378

Defizitabbau

1990

220,396

Der letzte Rekord beim US-Haushaltsdefizit wurde im
Haushaltsjahr 1991 erreicht, in dem das bisherige
Rekorddefizit aus dem Haushaltsjahr 1986 bei weitem
übertroffen wurde. Die jüngsten geschätzten oder
prognostizierten Defizitzahlen betragen in Milliarden
Dollar:

1991

268,728

1992 (geschätzt)

399,400

1993 (Vorschlag)

351,900

Defizit:

351,9 Milliarden

AMERIKA DIENST 5

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�Gesamtausgaben

Frei verfügbare Ausgaben für Inlandsprogramme

Um 41,6 Milliarden Dollar oder 2,8 Prozent höher als
1992.

Der Haushalt 1993 sieht ein Einfrieren der Ausgabeermächtigungen für Inlandsprogramme auf dem
Niveau von 1992 in Höhe von 203,1 Milliarden
Dollar vor. Die Ausgaben werden infolge dieses
Moratoriums auf 224,7 Milliarden Dollar geschätzt.
Insgesamt sieht der Haushaltsansatz für 177 Programme eine Aufstockung um 9,740 Milliarden Dollar
vor, bei 359 Programmen Einsparungen von 552 Millionen, die Streichung von 246 Programmen im Gesamtumfang von 964 Millionen Dollar sowie die Verlagerung von Bundesprogrammen im Gesamtumfang
von 14,6 Milliarden Dollar auf Staats- und Gemeindeebene.

Steuereinnahmen
Um 89,1 Milliarden Dollar oder 8,2 Prozent höher als
1992.
Verteilung der vorgesehenen Ausgaben
im Haushaltsjahr 1993 (Prozent):
Verteidigung

19

Zahlungen an Einzel46
personen (mit Sozialleistungen)
Nettozinsen

14

Zuschüsse an Bundesstaaten
und Gemeinden

12

Einlagensicherung

5

Sonstige

4

Einnahmequellen
Einkommensteuer

44

bei Personen
Sozialversicherung

38

Untemehmenssteuem
Verbrauchssteuern

9
4

Sonstige

5

Verteidigungsausgaben
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der
verringerten militärischen Bedrohung sieht die Administration bis 1997 Einsparungen im Verteidigungshaushalt von 50,4 Milliarden Dollar bei den bewilligten
Mitteln und 27,4 Milliarden bei den Ausgaben vor. Die
Ausgaben des Verteidigungsministeriums würden im
Haushaltsjahr 1993 um 1,6 Prozent auf 273,5 Milliarden Dollar fallen. Die Ausgabeermächtigungen würden um 1,1 Prozent zurückgehen, was inflationsbereinigt im Vergleich zu 1992 einen 7prozentigen Kaufkraftschwund bedeuten würde. Die Verteidigungsaufwendungen als Prozentsatz des amerikanischen Bruttosozialprodukts werden bis zum Haushaltsjahr 1997
voraussichtlich auf 3,4 Prozent sinken, den niedrigsten
Anteil der vergangenen 50 Jahre. Die Verteidigungsausgaben als Prozentsatz der Gesamtausgaben des
Bundes werden im Jahr 1997 auf 16 Prozent sinken,
ebenfalls der niedrigste Stand seit 50 Jahren.

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Zwingend vorgeschriebene Ausgaben
Ohne die Zinszahlungen für die Staatsschulden werden die Ausgaben für zwingend vorgeschriebene
Bundesprogramme wie Gesundheitswesen und landwirtschaftliche Subventionen auf 765,9 Milliarden Dollar
im Haushaltsjahr 1993 veranschlagt. Das jährliche
Wachstum soll in den kommenden fünf Jahren 7,2
Prozent betragen. Der Haushaltsansatz sieht eine
Verringerung zwingend erforderlicher Ausgaben um
68,4 Milliarden Dollar durch eine Obergrenze für den
Zuwachs sowie eine Reduzierung staatlicher Subventionen bei zahlreichen Programmen vor.
Neue Vorschläge
Der neue Haushalt ist besonders auf die Förderung
von Investitionen und die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums ausgelegt. Spezielle Vorschläge, von
denen einige bereits früher gemacht und vom Kongre ß
abgelehnt worden waren, sind:
Verringerte Steuersätze für Kapitalgewinne aus
langfristigen Investitionen.
Eine neue Steuergutschrift von 5.000 Dollar für
Ersterwerber einer Immobilie.
Erhöhte Abschreibungen für Unternehmensausstattung.
Steuerliche Anreize zur Förderung verstärkter
Investitionstätigkeit bei Forschung und Entwicklung im Privatsektor.
Ein um 500 Dollar pro Kind erhöhter Steuerfreibetrag.
Andere Vorschläge umfassen:
Höhere Ausgaben für ausgewählte Bildungsprogramme und Gesundheitsfürsorge, insbesondere in den ersten Lebensjahren.
Zusätzliche Ausgaben für die Eindämmung des
Drogenmißbrauchs, die hauptsächlich Strafverfolgung und Behandlung von Abhängigen betreffen.
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�Höhere Ausgaben für den Umweltschutz, darunter Wiederaufforstung, Beseitigung von Sondermüll, die Klärung von Abwässern an der
amerikanisch-mexikanischen Grenze sowie die
Erforschung der weltweiten Klimaveränderungen.
Eine umfassende Krankenversicherung
Der Präsident wird in den nächsten zwei Wochen
Vorschläge veröffentlichen, mit denen der Krankenversicherungsschutz für Einkommensschwache erweitert werden soll. Dem Programm zufolge sollen
einkommensschwache Familien, die heute keinen
Versicherungsschutz haben, als Beitrag zur Krankenversicherung Steuergutschriften oder Gutscheine in
Höhe von bis zu 3.750 Dollar pro Familie erhalten.
Ausgaben für Raumfahrt und wissenschaftliche
Forschung
Im Haushaltsansatz 1993 sind 15,158 Milliarden Dollar
für die Raumfahrt vorgesehen - ein Zuwachs von 738
Millionen Dollar oder 5 Prozent im Vergleich zum
Haushalt 1992. Die vorgesehenen Erhöhungen umfassen auch Mittel für ein neues Raumfährenabschußsystem, einen 11 prozentigen Zuwachs für die Raumstation Freedom sowie zusätzliche Mittel für die Erforschung von Mond und Mars.
Der Haushalt sieht ferner 76,557 Milliarden Dollar für
Forschung und Entwicklung vor - fünf Prozent mehr als
im Jahr 1992. Zu den vorrangigen Projekten gehören:
ein Anstieg um 148 Millionen Dollar für die Entwicklung
der nächsten Generation von Hochleistungscomputern, ein Zuwachs von 162 Millionen Dollar auf 1,821
Milliarden zur Verbesserung von Synthese, Verarbeitung und Leistungsfähigkeit von Materialien (kleinere
Computerchips, Wolkenkratzer aus elastischem Beton, Leichtflugzeuge), eine Steigerung um 271 Millionen Dollar auf 4,030 Milliarden für Biotechnologie,
insbesondere in Bereichen wie Wiederherstellung und
Schutz der Umwelt, alternative Energien, Gesundheitswesen und landwirtschaftliche Produktion.

Rekordstand von 6,3 Prozent im Jahr 1983 erzielt,
aber ein neuer Rekord wird im gegenwärtigen Haushaltsjahr 1992 erwartet. Von den Haushaltsansätzen
1983 bis 1993 gestaltet sich die Entwicklung folgendermaßen:
Haushaltsjahr

Defizit als Anteil
am BSP

1983

6,3

1984

5,0

1985

5,4

1986

5,3

1987

3,4

1988

3,2

1989

3,0

1990

4,1

1991

4,7

1992 (geschätzt)

6,7

1993 (Vorschlag)

5,5

Amerikanische Staatsausgaben und -einnahmen
in Prozent des BSP
Haushaltsjahr

Ausgaben in
Einnahmen in
Prozent des BSP Prozent des BSP

1989

22,3

19,3

1990

23,2

19,1

1991

23,2

18,5

1992 (geschätzt)

24,8

18.1

1993 (Vorschlag) 24,0

18,4

Das Defizit als Anteil am BSP
Im Zweiten Weltkrieg erreichte das amerikanische
Haushaltsdefizit als Prozentsatz des Bruttosozialprodukts (BSP) bis zu 31,6 Prozent. Nach 1946 wurde der

AMERIKA DIENST 5

Seite 3

�VERTEIDIGUNG
5. Februar 1992

WAFFENMODERNISIERUNG NEUER
SCHWERPUNKT DES PENTAGON
Erklärung des US-Verteidigungsministeriums
WASHINGTON - (AD) - Verteidigungsminister Cheney zufolge hat die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion
"die militärische Bedrohung amerikanischer Interessen verringert und damit die Notwendigkeit der Herstellung
moderner Waffensysteme weniger dringlich gemacht".
In einer am 29. Januar 1992 veröffentlichten Erklärung zum Verteidigungshaushalt 1993, der 267,6 Milliarden
Dollar umfassen soll, zitiert das Pentagon den Minister mit der Äu ßerung, es würden in Zukunft weniger moderne
Waffensysteme hergestellt. Statt dessen werde man sich auf die Modernisierung bestehender Systeme
konzentrieren.
Als ein Beispiel für die Strategie führte Cheney Pläne an, nur 20 B-2-Tarnkappenbomber sowie 640 moderne
Marschflugkörper zu produzieren, anstatt der ursprünglich vorgesehenen 75 Flugzeuge und 1.000 Flugkörper.
Femer würde das Programm für die kleine Midgetman Interkontinentalrakete eingestellt, und das Pentagon
werde auch keine zusätzlichen Gefechtsköpfe des Typs W-88 für die mit ballistischen Trident-Raketen
ausgerüsteten U-Boote benötigen.
Die Erklärung des Pentagon hat folgenden Wortlaut:

Der Haushalt des Präsidenten für das Jahr 1993
fordert einen neuen Ansatz bei der Beschaffung wichtiger Waffensysteme und Streitkräftemodernisierung
durch das Verteidigungsministerium bei gleichzeitiger
Aufrechterhaltung von Streitkräften, die zur Reaktion
auf regionale Einsatzerfordernisse befähigt sind. Das
Programm des Präsidenten für die Haushaltsjahre
1992 bis 1997 sieht darüber hinaus Veränderungen im
strategischen Nuklearprogramm der Vereinigten Staaten vor, die eine Abkehr von einer Beziehung der
nuklearen Konfrontation mit den Republiken der ehemaligen Sowjetunion bedeuten, erklärte Verteidigungsminister Richard Cheney heute.
Die Administration beantragt Ausgabeermächtigungen für das Verteidigungsministerium in Höhe von
267,6 Milliarden Dollarfürdas Haushaltsjahr 1993 - 9,9
Milliarden Dollar weniger als im vom Kongreß verabschiedeten Haushalt 1992 sowie inflationsbereinigtein
Rückgang um real 7 Prozent. Die Kürzungen im
Verteidigungshaushalt gehen über die bereits vorgenommenen erheblichen Streichungen hinaus - sie
erreichen im Vergleich zu 1985 bei den Ausgabeermächtigungen einen realen Rückgang von über einem
Drittel.

AMERIKA DIENST 5

Die Haushaltsvorlage für 1993 reduziert darüber hinaus im Vergleich zu dem im Vorjahr unterbreiteten
Sechsjahresplan den Sechsjahresverteidigungsplan
des Ministeriums für 1992-1997 um 63,8 Milliarden
Dollar. Diese Gesamtsumme umfaßt 50,4 Milliarden
Dollar an Streichungen in Verteidigungsprogrammen
sowie 13,4 Milliarden Dollar für Anpassungen im Rahmen
des Haushaltsabkommens, jeweils auf der Grundlage
der Inflationsrate von 1991. Der Haushalt 1993 sieht
Ausgaben von 272,8 Milliarden Dollar vor - 9,8 Milliarden weniger als im Jahr 1992. Die Ausgaben für die
Haushaltsjahre 1992 bis 1997 würden im Vergleich
zum letztjährigen Verteidigungsplan um 27,4 Milliarden Dollar gekürzt.
"Das Bild der nationalen Sicherheit hat sich für die
Vereinigten Staaten seit dem Vorjahr erheblich verändert. Die Auflösung der ehemaligen Sowjetunion hat
die Bedrohung amerikanischer Interessen verringert
und damit die Notwendigkeit der Herstellung moderner
Waffensysteme weniger dringlich gemacht", erklärte
Cheney. Viele dieser Entwicklungen seien in der von
Präsident Bush im August 1990 angekündigten regionalen Verteidigungsstrategie bereits berücksichtigt,
stellte der Minister fest.

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�"Wir können es uns heute leisten, das Tempo der
Modernisierung unserer Streitkräfte bewußter zu
gestalten. Das Auftreten demokratisch geleiteter
Reformer in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion bietet darüber hinaus eine historische Chance,
weitere Reduzierungen im strategischen Kernwaffenarsenal der Welt vorzunehmen, wie der Präsident
gestern abend in seiner Botschaft zur Lage der Nation
vorschlug", erklärte er.
Verteidigungsminister Cheney teilte mit, er werde deshalb
das Programm für den Tarnkappenbomber B-2 nach
Herstellung der 20. Maschine stoppen, das Programm
für die kleine Interkontinentalrakete Midgetman streichen und die Produktion moderner Marschflugkörper
bei 640 anstatt der ursprünglich vorgesehenen 1.000
einstellen. Allein diese Maßnahmen bei strategischen
Programmen werden bis zum Haushaltsjahr 1997
annähernd 20 Milliarden Dollar einsparen.
Cheney erklärte darüber hinaus, sein Ministerium werde
keine zusätzliche Produktion des schwereren Gefechtskopfes der Marine für dessen U-Boot-gestützte
ballistische Raketen anstreben. Damit werde die
weitere Produktion des Gefechtskopfs vom Typ W-88
für das Unterseeboot Trident hinfällig.
Obgleich es sich hierbei um einseitige Schritte handelt,
hat der Präsident auch Präsident Jelzin aufgefordert,
seine eigenen strategischen Modemisierungsprogramme zu kürzen.
Weitere Kürzungen bei den strategischen Streitkräften
Das Programm des Verteidigungsministeriums für die
Haushaltsjahre 1992 bis 1997 treibt die vom STARTVertrag und der Nuklearinitiative Präsident Bushs vom
September 1991 vorgesehenen tiefen Einschnitte bei
Kernwaffen weiter voran. Das Programm reagiert
ferner auf die zusätzlichen Veränderungen bei den
strategischen Nuklearstreitkräften, die der Präsident
in seiner Ansprache zur Lage der Nation 1992 vorgeschlagen hat.
Im vergangenen September hat der Präsident das
Pentagon angewiesen, auf die schienengestützte
Stationierungsmethode der MX-Rakete, die Kurzstrekkenangriffsrakete SRAM-II sowie die mobile Version
der kleinen Interkontinentalrakete zu verzichten. In
seiner Rede zur Lage der Nation schlug er eine weitere
Reduzierung der amerikanischen strategischen Nuklearstreitkräfte vor, falls Rußland ähnliche Schritte
unternimmt.
Dem jüngsten Vorschlag des Präsidenten zufolge würden
die Vereinigten Staaten ihre MX-Raketen beseitigen,
die Zahl der Gefechtsköpfe auf ihren Minuteman-IllRaketen von drei auf einen verringern, die Zahl der
Gefechtsköpfe der U-Boot-gestützten ballistischen

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Raketen um ein Drittel reduzieren und viele ihrer
strategischen Bomber für vorrangig konventionelle
Zwecke umrüsten. Diese Maßnahmen würden durchgeführt, wenn Rußland all seine landgestützten, mit
Mehrfachgefechtsköpfen ausgerüsteten ballistischen
Raketen beseitigt und seine strategischen Nuklearstreitkräfte auf ein Niveau verringert, das der fehlenden Bedrohung aus dem Westen Rechnung trägt.
Die wachsende Verbreitung von ballistischen Raketen
und Massenvernichtungswaffen verleiht der Finanzierung des Programms des Präsidenten zum weltweiten
Schutz vor begrenzten Schlägen hohe Priorität für
unsere strategischen Programme. Die Finanzierung
der Strategischen Verteidigungsinitiative genießt weiterhin höchste Priorität, und es werden im Haushaltsjahr 1993 Ausgabeermächtigungen von 5,4 Milliarden
Dollar für diesen Zweck beantragt, gegenüber 4,1
Milliarden im Haushaltsjahr 1992.
Tendenzen im Verteidigungshaushalt
Vom Haushaltsjahr 1993 bis zum Haushaltsjahr 1997
werden die Ausgabeermächtigungen des Verteidigungsministeriums real um durchschnittlich 4 Prozent jährlich sinken. Im Haushaltsjahr 1997 wird der kumulative
reale Rückgang bei Ausgabeermächtigungen seit dem
Haushaltsjahr 1985 - dem Jahr mit den höchsten
Verteidigungsausgaben - insgesamt 37 Prozent betragen. Die inflationsbereinigten Ausgabeermächtigungen für das Haushaltsjahr 1997 werden etwa dieselbe
Kaufkraft haben wie der Verteidigungshaushalt von
1960 und nur geringfügig mehr als die Verteidigungshaushalte von 1974 bis 1976, die im Zeichen des
militärischen Abbaus nach Vietnam standen.
Die Verteidigungsausgaben in Prozent des US-Bruttosozialprodukts werden im Haushaltsjahr 1997 voraussichtlich auf 3,4 Prozent fallen, den niedrigsten Stand
seit dem Zweiten Weltkrieg. Im Haushaltsjahr 1997
werden die Verteidigungsausgaben wahrscheinlich auf
16 Prozent aller Bundesausgaben gesunken sein.
Obwohl die Verteidigungsausgaben seit 1985 kontinuierlich abnahmen, sind die Inlandsausgaben ständig
gestiegen - sie wuchsen etwa im selben Maß, wie die
Verteidigungsausgaben zurückgingen. Bis zum Haushaltsjahr 1997 wird der reale Schwund in den Verteidigungsausgaben seit dem Haushaltsjahr 1985 zusammengenommen 26 Prozent erreichen. Zwingend erforderliche Bundesausgaben werden im gleichen Zeitraum real um 33 Prozent zunehmen, undfrei verfügbare Ausgaben werden um etwa 8 Prozent steigen.
Ein neuer Ansatz bei Beschaffungen
Die Auflösung der Sowjetunion hat die militärische
Bedrohung amerikanischer Interessen verringert und
damit die Notwendigkeit der Herstellung moderner
Waffensysteme weniger dringlich gemacht. Das Ver-

AMERIKA DIENST 5

�teidigungsministerium kann sich bei der Entwicklung
und Auswertung neuer Technologien mehr Zeit lassen, bevor Entscheidungen über die Produktion von
Waffen getroffen werden. Bei verstärkter Stützung auf
seine Forschungs- und Entwicklungsbemühungen kann
das Ministerium die technologische Fähigkeit bewahren, umfangreichere Streitkräfte rasch auszurüsten,
falls in der Zukunft größere Bedrohungen amerikanischer Interessen entstehen sollten.
Während das Verteidigungsministerium künftig weniger moderne neue Waffensysteme produzieren läßt,
wird das aggressive Streben nach neuen Technologien unerläßlich sein, um die von den amerikanischen
Streitkräften zur Abschreckung und erfolgreichen
Bewältigung künftiger Konflikte erforderlichen Vorteile
aufrechtzuerhalten. Ein Waffenprogramm wird nur
dann in vollem Umfang zur Produktion gelangen,
nachdem die Notwendigkeit seiner Herstellung eingehend geprüft und die technischen sowie die Herstellungs- und Betriebskosten minimiert wurden. Das
Pentagon wird ferner die Modernisierung bestehender
Waffensysteme unter Berücksichtigung erprobter
Technologien betonen, wenn diese den operativen
Erfordernissen gerecht werden, anstatt neue Waffensysteme zu produzieren.
"Wir möchten auch weiterhin, daß unsere Streitkräfte
die am besten ausgerüsteten der Welt sind. Aber wir
können uns jetzt mehr Zeit lassen, um die Fähigkeiten
neuer Systeme zu verfeinern und die Produktion nur
dann aufzunehmen, wenn wir voll und ganz davon
ausgehen können, daß wir das Erforderliche zu einem
Preis bekommen, den sich der Steuerzahler leisten
kann", erklärte Cheney.
Die neue nationale Sicherheitsstrategie
Mit dem Haushalt 1993 wird die Verwirklichung der
neuen nationalen Sicherheitsstrategie fortgesetzt, mit
der die verteidigungspolitischen Prioritäten der Vereinigten Staaten von der Politik des Containments des
kalten Krieges zu einem neuen Schwerpunkt, der
Reaktion auf regionale Konflikte, verlagert werden.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin die erforderliche Führungskraft bereitstellen, um weltweit Frieden
und Sicherheit zu fördern. Ihre Streitkräfte werden von
der Notwendigkeit gekennzeichnet sein, strategische
Abschreckung und Verteidigung, eine vorgeschobene
Präsenz, Reaktionsfähigkeit und raschen Aufbau in
Krisen bereitzustellen.
Streitkräftestruktur und Personal
Die heutigen militärischen Herausforderungen können
mit wesentlich kleineren aktiven und Reservestreitkräften bewältigt werden. Die Sockelstreitmacht trägt
der sich verändernden Weltordnung, innenpolitischen
Haushaltsbeschränkungen und den Erfordernissen der
neuen nationalen Sicherheitsstrategie Rechnung. Die

AMERIKA DIENST 5

geplanten Reduzierungen bei der Anzahl aktiven,
Reserve- und Zivilpersonals zur Erlangung einer geringeren Sollstärke schreiten rasch voran. Der durch
den Golfkrieg erforderlich gemachte Personalumfang
hat den Beginn des Abbaus verzögert, der aber seither
in beschleunigtem Tempo wiederaufgenommen wurde. Der Personalumfang wird bei den aktiven Streitkräften im Haushaltsjahr 1992 um 138.000 und im
Haushaltsjahr 1993 um 99.000 Mann verringert. Damit
wurde das Tempo im Vergleich zum letztjährigen Plan
gesteigert, der 88.000 im Haushaltsjahr 1992 und
91.000 im Haushaltsjahr 1993 vorsah.
Von ihrem Höchststand nach Vietnam von 2.174.000
im Haushaltsjahr 1987 wird sich die Stärke der aktiven
Einheiten bis zum Haushaltsjahr 1995 auf 1.644.000
verringern - ein Abbau um 530.000 Mann. Bis zum
Haushaltsjahr 1997 wird die Personalstärke auf
1.626.000 sinken - etwa 25 Prozent unter dem Höchststand von 1987, und der Personalumfang der Reserve
wird 20 Prozent unter dem Stand von 1987 liegen.
Die Personalstärke der beim US-Verteidigungsministerium beschäftigten Zivilpersonen wird bis zum
Haushaltsjahr 1997 auf 904.000 abgebaut und liegt
damit rund 20 Prozent unter dem Höchstand nach dem
Vietnamkrieg im Jahr 1987. Dieser vorgesehene
Abbau spiegelt sowohl die Ausdünnung des US-Militärs als auch Verbesserungen in der Verwaltung des
US-Verteidigungsministeriums wider.
Die wichtigsten Programmänderungen
Der Tarnkappenbomber B-2. Selbst in geringerer
Zahl ist der B-2 wesentlicher Bestandteil unserer
Schlüsselfähigkeiten - die in einer Ära erforderlich
bleiben, in der Zeitpunkt und Ort künftiger Bedrohungen nicht verhergesagt werden können. Er wird sein
Potential als strategischer Bomber beibehalten, und
wir werden uns jetzt auf die zur Erweiterung seiner
konventionellen Rolle bei regionalen Krisen erforderlichen Waffengattungen und Entwicklungen konzentrieren. Der Golfkrieg bestätigte den Vorteil einer
Kombination von Präzisionswaffen und Tarntechnologien. Zwanzig B-2-Bomber werden der US-Luftwaffe
die Beibehaltung von zwei Geschwadern einschließlich der Wartung der Maschinen gestatten. Angesichts
der veränderten sowjetischen Bedrohung wird sich die
amerikanische Luftverteidigung wahrscheinlich nicht
mit der hochmodernen Luftverteidigung konfrontiert
sehen, für die der B-2 ausgelegt ist. Die derzeitige
strategische Flotte der Typen B-1B und B-52 kann
umgerüstet werden, um angemessene Fähigkeiten für
strategische nukleare und konventionelle Missionen
sicherzustellen. Die Tarntechnologie ist nach wie vor
ein Hauptvorteil der US-Streitkräfte, und das Verteidigungsministerium wird die eingehende Erforschung
verbesserter Tarntechnologien in die Wege leiten. Bis
zum Jahr 1997 werden durch die B-2-Anpassungen
insgesamt 14,5 Milliarden Dollar eingespart.
Seite 3

�Minuteman-Ill-ICBM. Um die Einstellung der kleinen
Interkontinentalrakete (ICBM) Midgetman zu kompensieren, wird das Verteidigungsministerium ein verbessertes Lenksystem für die Minuteman-Ill-ICBM und
andere Maßnahmen zur Verlängerung ihrer Lebensdauer tinanzieren, wodurch bis zum Jahr 1997 Nettoeinsparungen in Höhe von 1 Milliarde Dollar erzielt
werden.
Unterseeboot Seawolf. Aufgrund der Auflösung der
Sowjetunion brauchen die Vereinigten Staaten die
Arbeit an einer neuen Klasse von Angriffs-U-Booten
nicht fortzusetzen. Entsprechend wird das SeawolfProgramm beendet. Das bestehende SSN-688 Unterseeboot zählt zu den fähigsten der Welt und wird der
Nation auf Jahre hinaus noch gute Dienste leisten.
Das Verteidigungsministerium plant eine kostengünstigere U-Boot-Konstruktion, mit der es auf lange Sicht
Modernisierungen vornehmen und gleichzeitig in den
kommenden Jahren eine angemessene U-Boot-Streitmacht aufrechterhalten kann. Das Verteidigungsministerium wird ferner andere Unterseeboot-Abwehrsysteme weiterentwickeln. Diese Veränderungen im UBoot-Beschaffungsprogramm werden bis 1997 17,5
Milliarden Dollar einsparen.
Hubschrauber Comanche. Da sich die US-Streitkräfte jetzt nicht mehr so sehr auf die sowjetische
Bedrohung sondern regionale Einsatzmöglichkeiten
konzentrieren, können sie durch die bestehende ApacheHubschrauberflotte angemessen unterstützt werden,
die mit dem modernen Feuerleitradarsystem Longbow, OH-58D-Aufklärungs- und leichten Angriffshubschraubern sowie vermehrtem Einsatz unbemannter
Luftfahrzeuge modernisiert werden. Das Verteidigungsministerium wird das Entwicklungsprogramm für
den leichten Hubschrauber Comanche durch Zurückstellung der Produktion umstrukturieren und sich statt
dessen auf den Bau von Prototypen, die Entwicklung
von Avionik, Modernisierung des Motors und Einbeziehung von Longbow konzentrieren. Die Umgestaltung
des Programms wird bis 1998 Einsparungen in Höhe
von 3,4 Milliarden Dollar bewirken.
Luftverteidigungspanzerabwehrsystem. Weil nichtsowjetische Bedrohungen amerikanischer Landstreitkräfte aus der Luft von Anzahl und Fähigkeit her
begrenzt sind, können die US-Streitkräfte mit ihren
bestehenden Abfangjägern und Verteidigungssystemen wie Patriot, Hawk und Stinger eine angemessene
Luftverteidigung aufrechterhalten. Das Verteidigungsministerium stellt daher die Herstellung des Luftverteidigungspanzerabwehrsystems ADATS der US-Armee
ein. Als Ausgleich wird das Verteidigungsministerium
die Entwicklung eines verbesserten Flugzeug-Verfolgungsystems und mehrerer modemer Lenktechnologien in die Wege leiten. Diese Programmänderungen
werden bis 1997 1,7 Milliarden Dollar einsparen.

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Weitere wichtige Programmanpassungen. Die
Haushaltsvorlage sieht außerdem vor, die Finanzierung des Block-Ill-Panzers - der Teil des Modernisierungsprogramms für gepanzerte Systeme der USArmee ist - bis 1997 zurückzustellen, wodurch 400
Millionen Dollar eingespart werden; den Entwurf und
die Herstellung der modernen Luft-Luft-Rakete aufzuschieben, was Einsparungen in Höhe von 500 Millionen Dollar zur Folge hat; die Beschaffung zurückzustellen und nur mit Forschung, Entwicklung, Erprobung und Auswertung für das stationäre Verteilersystem Unterwasser-Überwachungsnetz der US-Marine
fortzufahren und damit 700 Millionen Dollar einzusparen sowie die Beschaffung zu verschieben und Forschung, Entwicklung, Erprobung und Auswertung des
sichtlinienabhängigen
Panzerabwehrprogramms
(LOSAT) der US-Armee zu verlängern.
Diese wichtigsten Programmanpassungen infolge einer
reduzierten Bedrohung und eines neuen Ansatzes zur
Beschaffung wichtiger moderner Waffensysteme werden
bis 1997 insgesamt Nettoeinsparungen in Höhe von
42,1 Milliarden Dollar bewirken. Die Beendigung anderer
in der Haushaltsvorlage für 1993 enthaltener Programme wird bis 1997 weitere 7,3 Milliarden Dollar einsparen.
In den vergangenen zwei Jahren hat Verteidigungsminister Cheney die weitere Produktion von über 100
Waffenprogrammen eingestellt. Dazu zählen der
Apache-Hubschrauber, der Panzer M-1, das Trident
U-Boot, der Bau der F-14D, F-15, F-16, des modernen
taktischen Jägers der Marine, das Tarnkappenflugzeug A-12 und die MX-Rakete.
Annullierungen gestatten zunehmende Finanzierung der Beseitigung von Umweitschäden
Die durch die Einstellung von Programmen gemachten
Einsparungen finden ihren Niederschlag in einem Antrag
auf Annullierungen in Höhe von 7,7 Milliarden Dollar im
Verteidigunghaushalt für 1992. Der Annullierungsvorschlag würde darüber hinaus auch die Finanzierung
von Programmen beenden, die zur Unterstützung der
überarbeiteten Verteidigungsprogramme nicht erforderlich sind. Dazu zählen auch solche, die vom
Verteidigungsministerium und anderen veranschlagt
wurden und ohne Antrag des Verteidigungsministeriums in den dem Kongreß vorgelegten Haushaltsentwurf aufgenommen wurden. Die Zustimmung des
Kongresses zu diesen Annullierungen ist unabdingbar, damit das Verteidigungsministerium gekürzte
Verteidigungsausgaben so effektiv wie möglich nutzen
kann.
Der Antrag auf Annullierung wird nicht nur Ausgaben
für unnötige Programme verhindern, sondern auch die
Ausgabeermächtigung und Ausgaben im Zusammenhang mit dem geplanten Nachtragshaushalt 1992 in

AMERIKA DIENST 5

�Höhe von 1,1 Milliarden Dollar zur Beseitigung von
Umweltschäden und der Einhaltung von Vorschriften
durch das Verteidigungsministerium mehr als ausgleichen. Die zusätzlichen Mittel für 1992 sind erforderlich, damit das Verteidigungsministerium die Behebung der verursachten Umweltschäden auch auf den
zur Schließung bestimmten Stützpunkten beschleunigen und Gesetze und Bestimmungen auf Bundes-,
Staats- und Gemeindeebene uneingeschränkt einhalten kann.
Operation Wüstenschild und Operation Wüstensturm
Der heute vorgelegte Haushaltsentwurf enthält keinerlei Mittel zur Begleichung der zusätzlichen Kosten der
Vereinigten Staaten für die Operationen Wüstenschild
und Wüstensturm in Höhe von 61,1 Milliarden Dollar.
Im Rahmen des Haushaltsdurchführungsgesetzes von
1990 werden die Ausgaben der Vereinigten Staaten
am Persischen Golf als Nothilfefinanzierung behandelt, die dem vom Kongreß und der Administration
festgesetzten Haushaltslimit nicht unterliegen.
Zur Deckung dieser zusätzlichen Kosten haben die
Verbündeten der Vereinigten Staaten einen Beitrag
von 54 Milliarden Dollar zugesagt. Die Vereinigten
Staaten werden einige Typen beschädigter oder zerstörter Geräte nicht ersetzen, die mit 1,2 Milliarden
veranschlagt werden, weil das Verteidigungsministerium über ausreichende Reserven verfügt. Damit
belaufen sich die Nettokosten der Vereinigten Staaten
für den Golfkrieg auf 5,9 Milliarden Dollar.
Von diesem Betrag entfallen 1 Milliarde Dollar auf
Transaktionen im Rahmen des für 1990 bewilligten
Verteidigungshaushalts und weitere 2 Milliarden auf
einen Nachtrag im Jahr 1990. Die langfristigen Personalkosten für diejenigen, die im Golfkrieg gedient haben,
belaufen sich somit auf 2,9 Milliarden Dollar. Diese
Kosten werden in den kommenden Jahren von der
Veteranen-Verwaltung übernommen.
"Der Krieg am Golf hat im Hinblick auf die Zusammenarbeit einen bemerkenswerten Standard gesetzt und
zwar nicht nur auf dem Schlachtfeld. Es ist absolut
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einmalig, daß über vier Fünftel der Kosten der amerikanischen Beteiligung an der Operation von unseren
Verbündeten am Persischen Golf und andernorts
übernommen wurden", stellte Cheney fest.
Im Januar 1992 belief sich der Beitrag der Verbündeten an die Vereinigten Staaten für die Kosten des
Golfkriegs auf 52,5 Milliarden Dollar - 47 Milliarden in
Form von Geld und 5,6 Milliarden als Hilfsleistungen.
Die Zahlungen der Verbündeten werden fortgesetzt
und der Rest wird bis Juli 1992 erwartet.
Wesentliche Punkte des Verteidigungshaushalts
1993
Bereitschaft. Obwohl das amerikanische Militär
abgebaut wird, verpflichtet sich das Verteidigungsministerium, die Aufrechterhaltung einer voll bemannten,
ausgebildeten und ausgerüsteten Streitmacht zu
gewährleisten. Entprechend sieht die Haushaltsvorlage für 1993 die zur Beibehaltung des von den USStreitkräften in den letzten zehn Jahren erzielten hohen
Bereitschaftsgrads erforderliche Ausbildung, Wartung
und anderen Bedarf vor. Aktive Land- und Luftausbildungsoperationen liegen weiterhin bei 800 Meilen pro
Jahr für Kampffahrzeuge und bei 14,5 Flugstunden pro
Monat für Besatzungen taktischer Flugzeuge. Die
Seetage der Marine belaufen sich weiterhin auf 50,5
Tage im Quartal für stationierte Flotten und 29 Tage
pro Quartal für nichtstationierte Flotten. Die Flugstunden für aktive Mannschaften taktischer Flugzeuge
bleiben bei 21 Stunden pro Monat.
Forschung, Entwicklung, Erprobung und Auswertung. Unter Berücksichtigung der Konzentration des
Verteidigungsministeriums auf technologische Forschung zur Anwendung bei Waffensystemen der Zukunft
werden die Mittel für Wissenschaft und Technologie wobei die Forschung nicht an ein bestimmtes Waffenprogramm gebunden ist - von 10,6 Milliarden Dollar im
Haushaltsjahr 1992 auf 12 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr 1993 aufgestockt, was einem realen Zuwachs von 9,1 Prozent entspricht. Bei Forschung,
Entwicklung, Erprobung und Auswertung ist im Haushaltsjahr 1993 ein realer Zuwachs von 1,5 Prozent zu
verzeichnen.
*

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Seite 5

�VEREINTE

NATIONEN
5. Februar 1992

BUSH: NEUES ZEITALTER FÜR
VEREINTE NATIONEN NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede des Präsidenten beim UN-Sicherheitsrat
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Der Zerfall des imperialen Kommunismus und das Ende des kalten Krieges
"läuten bei den Vereinten Nationen ein neues Zeitalter ein", erklärte Präsident Bush am 31. Januar 1992 bei einer
Sondersitzung der Regierungschefs im Weltsicherheitsrat.
Bush erinnerte an die standhafte Haltung des Sicherheitsrats gegenüber der irakischen Aggression in Kuwait und
erklärte, die Zeit sei gekommen, um "neue Schritte nach vorn zu unternehmen, interne Reformen durchzuführen, die Neubelebung zu beschleunigen und die für tatkräftige und effektive Vereinte Nationen erforderlichen
Pflichten zu übernehmen".
Der Präsident verwies ferner darauf, daß die Vereinten Nationen bei dieser Aufgabe auf die volle Unterstützung
der Vereinigten Staaten bauen können.
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede im Wortlaut.

Herr Präsident, ich danke Ihnen für Ihre Schlüsselrolle
bei der Einberufung dieses ersten Gipfels des UNSicherheitsrats.
Ihnen, Herr Generalsekretär, gratulieren wir zu Ihrer
Amtseinführung in dieser Zeit ungeheurer Herausforderungen und Möglichkeiten. Was die Vereinigten
Staaten betrifft, so ist es uns eine große Ehre, bei
diesem epochemachenden Ereignis zu sprechen.
Wir kommen in einem Augenblick des Neuanfangs für
diese Institution und tatsächlich alle Mitgliedstaaten
zusammen. Die längste Zeit ihrer Geschichte waren
die Vereinigten Staaten im Kreuzfeuer des kalten
Kriegs gefangen. Ich denke in diesem Zusammenhang zurück an meine Zeit hier als ständiger Vertreter
in den siebziger Jahren und an die Art und Weise, wie
damals die Polemik das Friedenstiften verdrängte.
Lange bevor ich hier tätig war und lange nach meiner
Zeit waren die Vereinten Nationen nur allzu oft durch
schreckliche ideologische Trennlinien und den Kampf
zur Eindämmung sowjetischer Expansionsbestrebungen gelähmt. Heute hat sich all dies geändert. Der
Zerfall des imperialen Kommunismus und das Ende
des kalten Krieges läuten bei den Vereinten Nationen
ein neues Zeitalter ein.
Erst vor einem Jahr konnte die Welt diese neu gestärkten Vereinten Nationen in Aktion beobachten, als
dieser Rat der Aggression standhaft entgegentrat und
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sich zu den in der Charta der Vereinten Nationen
verankerten hehren Prinzipien bekannte. Jetzt ist es
an der Zeit, neue Schritte nach vorn zu unternehmen,
interne Reformen durchzuführen, die Neubelebung zu
beschleunigen und die für tatkräftige und effektive
Vereinte Nationen erforderlichen Pflichten zu übernehmen
Ich möchte den Mitgliedern dieses Rats und dem
Generalsekretär versichern, daß die Vereinten Nationen bei dieser Aufgabe auf unsere volle Unterstützung
rechnen können.
Anläßlich dieser kurzen Ausführungen werde ich heute
nicht über das von Präsident Borja so vehement vorgetragene wirtschaftliche und soziale Programm sprechen, sondern auf die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, regionale Konflikte und einzelne
destabilisierende Regime eingehen, die sich abzeichnen. Terrorismus, Menschenrechte-all diese Themen
fordern unsere unmittelbare Aufmerksamkeit.
Die Welt bietet uns auch die Herausforderung, positive
Veränderungen zu stabilisieren und zu erhalten. Wir
müssen die dynamische Hinwendung zu Demokratie
und Freiheit - die Demokratisierung, wie sie unser
Generalsekretär Boutros Ghali genannt hat - fördern
und den Kreis von Ländern erweitem, die sich für
Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit engagieren.

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�Das ist eine aufregende Chance für unsere Vereinten
Nationen, die wir nicht verstreichen lassen dürfen.
Gerade jetzt arbeiten die Vereinten Nationen auf der
ganzen Welt Tag und Nacht für die Sache des Friedens. Niemals zuvor in den vier Jahrzehnten ihres
Bestehens haben sich die Blauhelme und die blauen
Barette der Vereinten Nationen so für die Friedensmissionen engagiert, bis hin zur Wegbereitung für freie
Wahlen. Nie zuvor waren die Vereinten Nationen so
bereit und entschlossen, sich der Aufgabe von Friedensmissionen zu stellen, einmal, um heiße Kriege zu
lösen und zum anderen zugunsten zukunftsweisender
Missionen wie Präventivdiplomatie.
Wir müssen ebenso praktisch wie prinzipientreu sei,
wenn wir die Menschen aus schrecklichen Konflikten
befreien wollen. Unserer Meinung nach ist jedes Land
verpflichtet, in den Frieden zu investieren. Wenn
Konflikte gelöst sind und Gewalt nachläßt, können die
Institutionen freier Gesellschaften festen Halt finden.
Und wenn sie das tun, werden sie unsere stärkste
Versicherung gegen Aggression und Tyrannei.
Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit dies sind die Bausteine von Frieden und Freiheit. Und
ihre Einbindung in die Leben von Millionen Menschen
auf der ganzen Welt ist einfach: sie kann den Unterschied zwischen Krieg und Frieden, Heilung und Haß
ausmachen, und wo Furcht und Verzweiflung herrschen, kann sie Hoffnung bedeuten.
Wir blicken auf den Generalsekretär, daß er diesem
Rat seine Empfehlungen für effektive und effiziente
Friedensmissionen und vorbeugende Diplomatie unterbreitet. Wirfreuen uns auf die gemeinsame Erarbeitung dieser Ideen.
Wir sind Zeuge von Veränderungen geworden, die ein
ungeheures Tempo und eine große Bandbreite haben
- all dies in nur wenigen Jahren. Eine bewerkenswerte
Revolution hat die alten Regime von Managua bis
Moskau hinweggefegt. Aber überall werden freie
Regierungen und die sie gestaltenden Institutionen
Zeit brauchen, um zu wachsen und reifen.
Freie Wahlen geben der Demokratie Wurzeln, aber
echte Demokratie bedeutet mehr als nur die Macht der
Mehrheit. Sie bedeutetet eine unwiderrufliche Verpflichtung auf demokratische Prinzipien. Sie bedeutet
gleiche Rechte für Minderheiten. Und vor allem bedeutet sie die Unantastbarkeit auch des einzelnen Menschen gegenüber Übergriffen der Staatsmacht.
Der Wille der Mehrheit darf niemals den Launen der
Mehrheit zum Opfer fallen. Dieses grundlegende
Prinzip ist grenzüberschreitend. Menschenwürde, die
unveräußerlichen Menschenrechte - sie gehören nicht
dem Staat. Sie sind allgemeingültig. In Asien, Afrika,
Europa, den Ländern Amerikas, müssen die Vereinten
Nationen zu denen stehen, die mehr Freiheit und

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Demokratie anstreben. Dies ist meine feste Überzeugung und auch die des amerikanischen Volkes. Und
es ist diese Überzeugung, die dem umfassenden
Prinzip der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte Leben einhaucht.
Unsere veränderte Welt ist eine hoffnungsvollere Welt,
auch wenn nicht diejenigen fehlen, die die Uhr gern in
die dunklen Tage der Bedrohungen und Schikanen
zurückdrehen möchten. Unsere Welt ist immer noch
eine gefährliche Welt mit zu vielen schrecklichen Waffen.
In meiner ersten Rede bei den Vereinten Nationen als
Präsident habe ich die Sowjetunion aufgefordert,
chemische Waffen zu beseitigen und jede Nation
gebeten, uns bei diesem Kreuzzug zu unterstützen Seine Majestät, König Hassan II. von Marokko hat
diesen Punkt heute hier angesprochen. Welch große
Aufgabe für dieses großartige Gremium - zu gewährleisten, daß die Welt diese schrecklichen Waffen nicht
mehr erdulden muß. Lassen Sie uns geloben, dieses
Jahr zu dem Jahr zu machen, in dem sich alle Länder
bereit erklären, diese Geißel zu bannen.
Im Hinblick auf Massenvernichtungswaffen bleibt noch
mehr zu tun. Erst vor drei Tagen habe ich in meinem
Bericht zur Lage der Nation die - weitreichenden
einseitigen - Schritte angekündigt, die wir unternehmen wollen, um unser Atomwaffenarsenal zu verringern. Und diese Schritte betreffen jeden Bereich
unserer strategischen Triade - Land-, See- und Luftstreitkräfte.
Zusätzlich zu diesen einseitigen Schritten sind wir
bereit, bei der gemeinsamen Rüstungskontrolle Fortschritte zu machen. Ich habe Präsident Jelzins konstruktive Kommentare heute hier verzeichnet. Morgen
werden wir bei unserem gemeinsamen Treffen die
Suche nach Gemeinsamkeiten in diesem entscheidenden Punkt fortsetzen. Er hat erst kürzlich mit sehr
ernstzunehmenden Vorschlägen reagiert.
Wir begrü ßen ebenso wie die ganze Welt die Erklärungen mehrerer neuer Staaten, die nach dem Zerfall der
Sowjetunion ihre Unabhängigkeit gewonnen haben,
sie würden dem Nichtverbreitungsvertrag beitreten.
Dennoch müssen wir realistischerweise in dieser Zeit
der Veränderungen wachsam sein.
Die Gefahr der Verbreitung bleibt bestehen. Und
wiederum möchte ich dazu auf die Äußerungen des
französischen Staatspräsidenten Mitterand verweisen,
den Appell, etwas zu unternehmen. Wir müssen
gemeinsam vorgehen, damit von nun an die an diesen
modernen Waffenprogrammen beteiligten Menschen
ihre Energien in friedliche Aufgaben umleiten.
Wir werden gemeinsam mit unseren Verbündeten
mehr tun, um zu gewährleisten, daß gefährliche Materialien und Technologien nicht in die Hände von Terro-

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�listen fallen. Und wir werden gemeinsam mit diesen
neuen Staaten daran arbeiten, in Wort und Tat ein
starkes Engagement für die Standards der Nichtweiterverbreitung sicherzustellen.
Heute ist die Drohung eines weltweiten Atomkrieges
weiter entfernt als zu irgendeinem Zeitpunkt im Atomzeitalter. Der Abbau der Arsenale des kalten Kriegs
wird diese Bedrohung weiter senken. Aber die Gefahr
der Massenvernichtung bleibt allgegenwärtig, insbesondere weil einige Länder weiterhin Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme zu erwerben
suchen.
Unser Triumph im Golf dient den UN-Missionen als
Vorbild. Ihre Sicherheit ist unsere gemeinsame Pflicht.
Heute stellt diese Institution das gesetzlose Regime
Saddam Husseins unter Quarantäne. Mein Land ist
der festen Überzeugung, daß wir Sanktionen beibehalten und folgende Schritte zur Wahrung unserer gemeinsamen Sicherheit unternehmen müssen:
Wir müssen uns weiterhin auf die Fähigkeit des Iraks
konzentrieren, Massenvernichtungswaffen zu bauen
oder beizubehalten. Und wir müssen der Welt - und
was noch wichtiger ist, den Menschen im Irak - erklären, daß keine Normalisierung möglich ist, solange
Saddam Hussein an der Macht bleibt.

Vor zwei Wochen hat dieser Rat einstimmig eine
eindeutige Botschaft an Libyen übermittelt. Heute
möchte ich wiederholen, daß die von diesem Rat
einstimmig verabschiedete Resolution 731 Libyen
auffordert, die Forderungen der drei Staaten dieses
Rats zu erfüllen. Ich möchte diese Sitzung heute
benutzen, um Libyen aufzufordern, auf die Forderung
der Sicherheitsrats der Vereinten Nationen einzugehen.
Vergangenes Jahr haben wir am Golf gemeinsam auf
einen Angriff auf die Souveränität einer Nation reagiert
und ihn als Angriff auf uns alle betrachtet. Wir sollten
es uns zur Aufgabe machen, dieses Prinzip im Verhalten der Länder untereinander zu verwirklichen.
Heute stehen wir an einem anderen Scheideweg.
Vielleicht zum ersten Mal seit jenem hoffnungsvollen
Augenblick in San Francisco können wir unsere Charta
als lebendiges Dokument betrachten. Nach so vielen
Jahren mag sie immer noch in den Kinderschuhen
stecken und eine sorgfältige und aufmerksame Pflege
ihrer Eltern erfordern, aber ich glaube von ganzem
Herzen, daß sie lebendig und gesund ist.
Unsere Aufgabe besteht darin, sie durch verstärktes
Engagement und mehr Zusammenarbeit stark und
widerstandsfähig zu machen, und ich weiß, daß wir
dieser Herausforderung gerecht werden. Die hier
vertretenen Länder haben es ebenso wie die Gemeinschaft der Vereinten Nationen, die hier heute durch
soviele ständige Vertreter repräsentiert wird, in der
Hand, etwas für Frieden und Freiheit zu tun.

Wie bei allen dringenden Themen, die ich heute genannt habe, entstehen Fortschritte durch gemeinsames Handeln, und wir müssen mit diesen gesetzlosen
Regimen resolut verfahren, falls erforderlich mit Sanktionen oder härteren Maßnahmen, um sie zur Einhaltung internationaler Verhaltensmaßregeln zu zwingen. Möge Gott die Vereinten Nationen bei der VerwirkliWir stehen den immer noch anstehenden Gefahren chung ihrer Ziele schützen.
nicht blind gegenüber. Terroristen und die sie unterstützenden Länder müssen wissen, daß sie bei Verletzungen des Völkerrechts ernsthafte Konsequenzen
tragen müssen.
* * * * *

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�MENSCHENRECHTE
5. Februar 1992

NEUE DEMOKRATIEN BERECHTIGEN ZU
HOFFNUNG BEI MENSCHENRECHTEN
Bericht des Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Einem hochrangigen US-Regierungsvertreter für Menschenrechtsfragen zufolge ist "der
weltweite Auftrieb der Demokratie zweifelsohne eine gute Nachricht für die Sache der Menschenrechte".
"Selbst demokratisch gewählte Regierungen können sich ernsthafter Menschenrechtsverletzungen schuldig
machen" warnte er jedoch.
Richard Schifter, Abteilungsleiter im US-Au ßenministerium für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten, stellte in einem am 31. Januar 1992 veröffentlichten Bericht ferner fest, "insbesondere die neuen
Demokratien haben vielleicht noch keinen institutionellen Schutz gegen den willkürlichen Einsatz der Exekutive
- vor allem der Sicherheitskräfte".
1991 war ein Jahr "großer Fortschritte für die Sache der Demokratie und Menschenrechte weltweit", so Schifter. "Die Probleme, mit denen sich die Welt bei der Konsolidierung solcher Fortschritte und der Bewältigung alter
und neuer Bedrohungen grundlegender Freiheiten konfrontiert sieht, dürfen jedoch nicht unterbewertet werden",
fügte er hinzu.
Schifter trifft diese Feststellungen in der Einleitung zum Jahresbericht des Außenministeriums über die Situation
der Menschenrechte auf der Welt. Der vom Kongreß vorgeschriebene Bericht schildert die Menschenrechtspraktiken in allen Nationen, die Hilfe von den Vereinigten Staaten erhalten sowie in allen Mitgliedstaaten der
Vereinten Nationen. International anerkannte Menschenrechtsnormen werden bei der Erstellung des Berichts
angewandt.
Nachfolgend veröffentlichen wir Schifters Einleitung zum Menschenrechtsbericht 1991.

Dieser Bericht wird dem Kongreß und dem Außenministerium gemäß Abschnitt 116(d) und 502(b) des
Gesetzes über Auslandshilfe von 1961 und seiner
Zusatzartikel vorgelegt. Das Gesetz fordert einen
Menschenrechtsbericht über alle Länder, die Hilfe von
den Vereinigten Staaten erhalten sowie über alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. In der Überzeugung, daß diese Informationen dem Kongreß und
anderen Lesern dienlich sein könnten, haben wir auch
Berichte über die wenigen Länder hinzugefügt, die in
keine dieser Kategorien und damit nicht unter die
Vorschriften des Kongresses fallen.
Der Kongreß hat das Gesetz über Auslandshilfe und
die entsprechenden Gesetzesabschnitte geändert, damit
er diese Berichte konsultieren kann, wenn er Hilfsprogramme für bestimmte Länder in Erwägung zieht. Eine
der wesentlichen - vielleicht unbeabsichtigten - Konsequenzen dieser Rechtsvorschriften ist, daß sie Menschenrechtsbelange zum integralen Bestandteil der
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täglichen Berichte und täglichen Entscheidungsfindung des Außenministeriums gemacht haben. Ein für
Menschenrechtsfragen zuständiger Regierungsvertreter in einer Botschaft im Ausland, der einen guten
Jahresbericht über die Menschenrechtslage in dem
Land schreiben möchte, in dem er tätig ist, muß die
Entwicklungen im Bereich der Menschenrechte das
ganze Jahr über sorgfältig und täglich im Auge behalten und beobachten. Infolgedessen wird er über
solche Entwicklungen stets berichten, wenn etwas für
die Menschenrechte Bedeutsames in dem Land geschieht, in das er entsandt wurde. In den vergangenen
13 Jahren wurde das Außenministerium über die auf
der Welt stattfindenden Menschenrechtsverletzungen
entschieden besser informiert und dafür sensibilisiert.
Praktisch im gesamten Verlauf des 20. Jahrhunderts
kam die wichtigste ideologische Herausforderung für
die Sache der Demokratie und Achtung der Menschenrechte aus den zu Beginn dieses Jahrhunderts
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�von Wladimir Lenin niedergelegten Doktrinen und
geschaffenen Bewegungen. Die Schrecken des Zweiten
Weltkriegs, so vernichtend sie für die direkt Betroffenen auch sein mochten, waren im Hinblick auf ihre
Auswirkung in Zeit und Ort begrenzt. Es waren Lenin
und der Kommunismus, die den bei weitem längsten
Schatten geworfen und Jahrzehnt um Jahrzehnt die
Entwicklungen auf der gesamten Welt beeinflußt haben.
Hand in Hand mit der messianischen Prophezeiung
kam der gefürchtete Apparat der Geheimpolizei, dessen Aufgabe es war, alle abweichenden Meinungen zu
unterdrücken und damit alle unter seiner Herrschaft
grundlegender Menschenrechte zu berauben. In diesen Bänden haben wir in den vergangenen vier Jahren
die wesentlichen Veränderungen, die sich in dem von
Lenin geschaffenen Staat und seiner Partei vollzogen
haben sowie die Lockerung der totalitären Herrschaft
unter der Führung von Michail Gorbatschow, chronologisch verzeichnet. Wir müssen jetzt die dramatischen Ereignisse des Jahres 1991 festhalten, die
Lenins sozialem Experiment in eben dem Land den
Todesstoß versetzten, in dem es ins Leben gerufen
wurde.
In diesem Bericht über die Menschenrechtsentwicklungen möchten wir besonders auf die Ereignisse vom
22. August 1991 verweisen, als die Statue von Felix
Dscherschinski von ihrem Podest vor dem KGB-Hauptquartier in Moskau gestürzt wurde. "Der eiserne Felix",
Lenins Chef der Geheimpolizei und Gründer eines den
gesamten Globus umspannenden Netzes von Agenten der brutalen Unterdrückung, der noch am 20.
August versucht hatte, der Sowjetunion seinen Willen
aufzuzwingen, war endlich von seinem Ehrenplatz
entfernt worden. Es war ein symbolischer Akt, aber er
markierte in passender Weise das Ende einer Ära.
Weit von seinem Geburtsort entfernt ist der Leninismus - wenn auch im Absteigen begriffen - immer noch
die Überzeugung, in deren Namen die Menschen
unterdrückt werden. Und es gibt andere weniger
traditionelle Herausforderungen für die Menschenrechte ebenso wie neue Herausforderungen.
Nun, da das albanische Volk sein Land auf den Weg
der Demokratie gebracht hat, verschwinden die Überzeugungen, die von dem europäischen Kontinent
ausgingen und die Stalin Marxismus-Leninismus taufte, im großen und ganzen aus Europa. Als ausländischer Import überleben sie jedoch in China, wo sie das
Leben eines Fünftels der Menschheit kontrollieren
sowie in vier anderen Ländern: Nordkorea, Kuba,
Vietnam und Laos. Die Überzeugung, die diese
Bewegung einst inspirierte, ist längst dahin. Kommunismus ist heute eher ein System für die Ausübung von
Macht durch alternde herrschende Eliten, die - obwohl
zunehmend der Denkweise ihrer Untertanen entrückt
- immer noch die ihnen zur Verfügung stehende Macht
benutzen, um jeden unabhängigen Gedanken zu unterdrücken.

Seite 2

Repressive Regierungen sind jedoch nicht auf die
Länder beschränkt, die immer noch für leninistische
Prinzipien eintreten. Diktaturen, die ihre höchst eigenen oder überhaupt keine Ideologien anbieten, bestehen weiterhin. Burma, dessen gefangengehaltene
populäre Politikerin Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis erhielt, lenkte im Jahr 1991 besondere
Aufmerksamkeit auf sich. Dasselbe tat natürlich auch
die Einmanndiktatur im Irak. Dies sind nur zwei
Beispiele einer Kategorie von Ländern, in denen entweder im Namen einer religiösen und weltlichen Ideologie oder ohne irgendeine ideologische Verpflichtung
jegliche Oppositon gegenüber dem Staat und alle
unabhängigen Institutionen durch eine allgegenwärtige Geheimpolizei oder einen innenpolitischen Apparat
von Spitzeln unterdrückt werden, die dem Bürger
Angst einflößen.
Zwischen den völlig repressiven Diktaturen einerseits
und den Demokratien andererseits besteht eine ganze
Bandbreite autoritärer Regime, die nicht versuchen,
alle Formen sozialer Interaktion in ihren Ländern zu
kontrollieren, sondern die ihre Position und Vorrechte
sorgfältig gegen jede Gruppe verteidigen, die versucht, sie abzulösen. Die Zahl von Regimen dieser Art
ist insbesondere in Afrika im Verschwinden begriffen,
wo Demokratien mit mehreren Parteien und freie Wahlen
in einer wachsenden Zahl von Ländern an die Stelle
der Einmannherrschaft und manipulierter Wahlen
getreten sind. AfrikasüdlichderSaharawar1991 nach
wie vor die Region, in der Demokratie und Achtung der
Menschenrechte neue Fortschritte machen. Sambia,
in dem das lange herrschende Einparteienregime in
einer freien und fairen Wahl vernichtend geschlagen
wurde, ist ein besonders bemerkenswerter Fall.
Obwohl demokratische Prinzipien die Grundlage bilden, auf der ein die Menschenrechte wahrendes Regierungssystem aufgebaut werden kann, garantiert
die bloße Tatsache, daß die Vertreter von Exekutive
und Legislative eines Landes in freien und fairen
Wahlen gewählt werden, nicht notwendigerweise, daß
die Grundfreiheiten und Menschenrechte aller Bürger
voll und ganz geschützt werden. Dies gilt insbesondere in Abwesenheit einer unabhängigen Judikative, die
in der Lage ist, die Rechte der Bürger gegen Aktionen
der Exekutive oder Legislative zu schützen, die zu international anerkannten Menschenrechtsnormen im
Widerspruch stehen.
Der weltweite Auftrieb der Demokratie ist zweifelsohne
eine gute Nachricht für die Sache der Menschenrechte. Wir müssen jedoch berücksichtigen, selbst demokratisch gewählte Regierungen können sich ernsthafter Menschenrechtsverletzungen schuldig machen.
Insbesondere die neuen Demokratien haben vielleicht
noch keinen institutionellen Schutz gegen den willkürlichen Einsatz der Exekutive - vor allem der Siclierheitskräfle. Die alltäglichsten dieser Menschenrechtsverletzungen sind der Einsatz unangemessenen Drucks

AMERIKA DIENST 5 .

�oder sogar der Folterung, um Geständnisse von Personen zu erzwingen, die schwerer Verbrechen verdächtigt werden, insbesondere die des Terrorismus
Angeklagten. Je ernsthafter die terrroristische Bedrohung, desto größer die Anzahl der Zwischenfälle des
Mißbrauchs polizeilicher Macht. (Mißbrauch polizeilicher Macht und Folterung sind natürlich auch unter
autoritärer oder totalitärer Herrschaft an der Tagesordnung).

stischen Diktaturen in vielen Ländern bewirkt, sondern
auch gewalttätige Konflikte und Menschenrechtsverletzungen verursacht, die sich auf den weltweiten Niedergang politischer Ideologie gründen. Gleichzeitig
haben wir bedauerlicherweise vermehrt ernsthafte
bewaffnete Konflikte und Menschenrechtsverletzungen beobachtet, die sich aus ethnischen und religiösen
Differenzen ergeben. Die Schaffung von Mechanismen zur Lösung dieser auf Volkszugehörigkeit oder
Religion gegründeten Differenzen und Bestrebungen
zur Bekämpfung von Intoleranz stehen zweifelsohne
an oberster Stelle der Herausforderungen, mit denen
sich die internationale Staatengemeinschaft jetzt konfrontiert sieht.

In Abwesenheit einer unabhängigen Judikative und
eines fest verankerten demokratischen Bewußtseins
in den neuen Demokratien sind die jüngsten Fortschritte keinesfalls gesichert. Die Gefahr eines Rückfalls in
autoritäre Herrschaft ist am größten, wo die Erwartungen für baldige wirtschaftliche Verbesserungen enttäuscht worden sind. Die Herausforderung für die
etablierten Demokratien der Welt besteht darin, diesen
neuen die Hürde überwinden zu helfen, sich selbst zu
erhalten.

Zusammenfassend läßt sich sagen, 1991 war ein Jahr
großer Forschritte für die Sache der Demokratie und
Menschenrechte weltweit. Die Probleme, mit denen
sich die Welt bei der Konsolidierung solcher Fortschritte und der Bewältigung alter und neuer Bedrohungen
grundlegender Freiheiten konfrontiert sieht, dürfen
jedoch nicht unterbewertet werden.

Der krasse Verlust an Einfluß der kommunistischen
Bewegung weltweit hat nicht nur das Ende der lenini* *

AMERIKA DIENST 5

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�HANDEL
5. Februar 1992

DOBBINS DRÄNGT AUF BALDIGE EINIGUNG
ÜBER HANDELSABKOMMEN
Rede des US-Botschafters bei der EG
BRÜSSEL- (AD) - Es liegt in den Händen der Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft, die
Genfer Verhandlungen über ein neues Welthandelsabkommen zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen,
erklärte der amerikanische Botschafter James F. Dobbins am 27. Januar 1992.
In einer Rede bei dem Seminar über Unternehmenspolitik des Center for European Policy Studies (CEPS)
unterstrich der US-Vertreter bei der Europäischen Gemeinschaft die Notwendigkeit für eine "baldige Einigung"
über ein Welthandelsabkommen.
"Wenn es uns nicht gelingt, ein solches Abkommen zu erlangen", so Dobbins, "könnte der daraus resultierende Druck den Schlüsselbereich der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Westeuropa auszuhöhlen beginnen, auf den sich jede umfassendere Vision der Zusammenarbeit gründet."
Gleichzeitig würde ein erfolgreicher Abschluß der Verhandlungen "den aufstrebenden Demokratien des Ostens
demonstrieren, daß ein globales System freien Handels mit Privilegien und Regeln beim Handel mit Waren,
Dienstleistungen und geistigem Eigentum existiert, dem sie beitreten und von dem alle Sektoren ihrer Wirtschaft
profitieren können", stellte Dobbins fest.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Dobbins im Wortlaut.

Die Auflösung der Sowjetunion bewirkte eine Flut von
Leitartikeln, die das vermeintliche Entstehen einer
unipolaren Welt mit den Vereinigten Staaten als alleiniger Supermacht andeuteten. Viele von denen, die
sich 40 Jahre lang über das Gespenst von Supermachtblöcken Sorgen gemacht haben, scheinen jetzt
den Verlust der mäßigenden Wirkung der Sowjetunion
auf den amerikanischen Einfluß zu bedauern.
Alle Sorgen, daß Amerika in der Welt nach dem kalten
Krieg danach trachten wird, seine globale Verantwortung auszuweiten, scheinen schlecht begründet, wie
selbst die oberflächlichste Betrachtung der innenpolitschen Debatten in den Vereinigten Staaten belegen
sollte. Andererseits wären die Vereinigten Staaten die
ersten, die dem Gedanken zustimmen würden, daß
die Auflösung der Sowjetunion Fortschritte zur europäischen Integration noch zwingender erforderlich macht.
Das herausragende Kriterium der amerikanischen
Diplomatie während des kalten Kriegs war die Suche
nach mächtigen, verläßlichen Partnern. Die amerikanische Reaktion auf jede größere internationale Herausforderung, vom Fall des Eisernen Vorhangs bis zur
irakischen Invasion in Kuwait bestand darin, eine kolAMERIKA DIENST 5

lektive Reaktion der umfassendsten internationalen
Koalition anzustreben, die versammelt werden konnte.
Das Ende des kalten Kriegs und der Zerfall der Sowjetunion haben die amerikanische Entschlossenheit gefestigt, die Kosten, Risiken und Verantwortung für die
Bewahrung einer friedlichen und demokratischen internationalen Ordnung so weit wie möglich zu teilen.
Mit ihrer Zustimmung, der europäischen Gemeinschaft
1989 die Verantwortung zur Organisation der gesamten westlichen Hilfe für Osteuropa zu übertragen, mit
ihrer Unterstützung der EG-Führungsrolle in Jugoslawien, dem Vorschlag einer Beteiligung der EG am
Friedensprozeß im Nahen Osten, mit dem Antrag an
die EG und ihre Mitglieder, den Vorsitz bei vier der fünf
Arbeitsgruppen bei der jüngsten Washingtoner Konferenz über Hilfe für die ehemalige Sowjetunion zu
übernehmen und dem Vorschlag, daß die EG Veranstalter und Gastgeber einer zweiten solchen Konferenz in Europa sein sollte, haben sich die Vereinigten
Staaten wiederholt um Unterstützung und Führung
beim Aufbau einer neuen Weltordnung nach dem
kalten Krieg an die Europäische Gemeinschaft gewandt.

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�Der Gipfel von Maastricht war nicht nur der Höhepunkt
eines intensiven Prozesses europäischer Diplomatie,
sondern auch ein wichtiger Schritt nach vorn im umfassenderen Prozeß des europäischen und atlantischen
Umbruchs, für den sich auch die Vereinigten Staaten
stark engagiert haben. Ich möchte daher meine Ausführungen über die Aussichten für eine gemeinsame
europäische Außen- und Sicherheitspolitik nach
Maastricht in diesen breiteren Kontext stellen.
Erstens möchte ich die sich abzeichnende
amerikanische Haltung gegenüber der Europäischen Gemeinschaft ansprechen.
Zweitens möchte ich die Prioritäten der Gemeinschaft bei der Außen- und Sicherheitspolitik kommentieren.
Und schließlich möchte ich einige Betrachtungen über die längerfristigen Aussichten einer
Europäischen Union anstellen.
Das neue Europa und der neue Atlantizismus
Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Einen
Monat später legte Außenminister Baker in seiner
Rede in Berlin die amerikanische Reaktion auf die in
Europa und der Welt stattfindenden demokratischen
Veränderungen dar.
Bei dieser Gelegenheit sprach Baker von einem neuen
Europa und einem neuen Atlantizismus. Er befürwortete:
Ein in alle westlichen Institutionen voll integriertes vereinigtes Deutschland,
eine erneuerte NATO mit neuer politischer
Verantwortung,
eine institutionalisierte KSZE mit neuen Strukturen und Mandaten sowie
eine geschlossenere europäische Gemeinschaft
mit stärkeren, offizielleren Verbindungen zu den
Vereinigten Staaten.
In weniger als einem Jahr war jeder dieser Vorschläge
verwirklicht worden.
Im Juli 1990 lud die NATO alle Länder des
Warschauer Pakts ein, Vertreter nach Evere zu
entsenden und eine direkte Liaison-Beziehung
zum Atlantischen Bündnis aufzunehmen.
Am 3. Oktober gelangten die "Zwei-plus-Vier"Verhandlungen über die Wiedervereinigung
Deutschlands zu ihrem historischen Abschluß.
Am 21. November schufen die europäischen
und atlantischen Staats- und Regierungschefs
in Paris eine neue institutionelle Grundlage für

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den KSZE-Prozeß einschließlich eines Sekretariats, eines Konfliktverhütungszentrums, eines Büros für freie Wahlen und einer Parlamentarischen Versammlung.
Zwei Tage später, am 23. November, gaben die
Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft eine gemeinsame Erklärung ab. Sie
erweiterten den Umfang ihrer Zusammenarbeit
und leiteten sechs hochrangige Treffen pro Jahr
in die Wege - zwei Gipfel, zwei Treffen der 12
EG- und des amerikanischen Außenministers
sowie zwei Sitzungen wichtiger Mitglieder der
Kommission und des amerikanischen Kabinetts.
Sie vereinbarten ferner, daß dieser einzigartig
dichtgedrängte Zeitplan hochrangiger Kontakte
durch ein erweitertes Netz der Zusammenarbeit
auf der Ebene hochrangiger Regierungsvertreter und Experten unterstützt werden sollte.
Kaum waren die Innovationen in der europäischen und
atlantischen Architektur eingeführt, als das Tempo des
Wandels im Osten weitere Kreativität im Westen stimulierte. 1990 reagierten wir auf die Befreiung Osteuropas und die Wiedervereinigung Deutschlands. 1991
lenkte der Westen sein Augenmerk auf die sich in der
Sowjetunion vollziehende Auflösung.
Am 18. Juni 1991 - durch Zufall wiederum in Berlin entwickelte Außenminister Baker die amerikanische
Vision der europäischen und atlantischen Strukturen
weiter. Indem er die Evolution in Westeuropa zu
supranationalen Autoritätsformen dem Zerfall im Osten gegenüberstellte, argumentierte Baker, die grundlegende Herausforderung bestehe darin, eine "euroatlantische Gemeinschaft" zu schaffen, die mit der Zeit
die Atlantische Partnerschaft auf freie Menschen und
demokratische Regierungen von "Vancouver bis Wladiwostok" ausdehnen würde. Bei der Schaffung dieser
umfassenderen Gemeinschaft sollte die EG eine zentrale
Rolle spielen.
In den seit dem Sommer vergangenen Monaten wurden bereits eine Reihe von Schritten zur Stärkung
westlicher Institutionen und der Integration der aufstrebenden Demokratien des Ostens in umfassendere
kooperative Strukturen unternommen.
Am 22. Oktober vereinbarten EG und EFTA die
Schaffung eines Europäischen Wirtschaftsraums,
mit dem der Europäische Binnenmarkt auf 19
Länder und 380 Millionen Menschen erweitert
würde.
Am 8. November luden die Staats- und Regierungschefs der NATO alle Mitglieder des ehemaligen Warschauer Pakts zur Teilnahme an
einem zur Zeit unter der Schirmherrschaft der
NATO stehenden Sicherheitsforum ein, das sich
"von Vancouver bis Wladiwostok" erstreckt.

AMERIKA DIENST 5

�Vom 9. bis 10. Dezember einigten sich die
Staats- und Regierungschefs der Europäischen
Gemeinschaft in Maastricht auf einen Vertrag
über eine Europäische Politische, Wirtschaftsund Währungsunion.
Am 16. Dezember unterzeichnete die Europäische Gemeinschaft Assoziierungsabkommen
mit Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei
mit der langfristigen Aussicht auf Mitgliedschaft
in der Gemeinschaft.
Am 17. Dezember unterzeichneten die Vereinigten Staaten, die Europäische Gemeinschaft,
die Nationen Osteuropas und die Republiken
der ehemaligen Sowjetunion eine Europäische
Energiecharta.
Am 20. Dezember nahmen Vertreter der Sowjetunion und ihrer fünf ehemaligen Verbündeten im NATO-Hauptquartier in Evere am ersten
Ministertreffen des Nordatlantischen Kooperationsrats teil.
Im vergangenen Herbst riefen die atlantischen Bündnisparter in nur acht Wochen somit durch getrennte
und gemeinsame Bestrebungen folgende Institutionen
ins Leben:
einen Europäischen Wirtschaftsraum,
ein neues Euro-Atlantisches Sicherheitsforum,
eine Europäische Währungsunion und
eine Europäische Politische Union.
Mißerfolg beim GATT
In einer wichtigen Hinsicht ist es den Bündnispartnern
in den letzten Monaten des Jahres 1991 nicht gelungen, ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Infolgedessen fehlt uns immer noch einer der entscheidenden
Bausteine der euro-atlantischen Gemeinschaft. Ich
beziehe mich auf die nichtzustandegekommene Einigung zwischen den Vereinigten Staaten und der EG
über ein neues Welthandelsabkommen im Rahmen
der Uruguay-Runde des GATT.
Dieses Problem dominierte die von Präsident Bush mit
Kommissions-Präsident Delors und Premierminister
Lubbers am 8. November in Den Haag geführten
Gespräche. Auch beim Treffen von Außenminister
Baker mit diesen beiden Politikern und anderen Mitgliedern der EG-Kommission am 20. Dezember in
Brüssel wurde diese Frage wiederholt angeschnitten.
Im November und Dezember vergangenen Jahres
erzielten die Vereinigten Staaten und die EG gemeinsam beachtliche Fortschritte, am Jahresende waren
wir jedoch nach wie vor beim entscheidenden Thema
der Agrarsubventionen uneinig.

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Die Genfer Verhandlungen über ein neues Welthandelsabkommen stehen jetzt an der Schwelle des Erfolgs - oder Mißerfolgs. Es liegt in den Händen der
Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft, diese Gespräche zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Dadurch könnten sie den aufstrebenden Demokratien des Ostens demonstrieren, daß
ein globales System freien Handels mit Privilegien und
Regeln beim Handel mit Waren, Dienstleistungen und
geistigem Eigentum existiert, dem sie beitreten und
von dem alle Sektoren ihrer Wirtschaft profitieren
können.
Im Hinblick auf die derzeitige Situation kommentierte
Wirtschaftsminister Möllemann vor kurzem: "Am
Vorabend des Abschlusses der Uruguay-Runde bieten die Gemeinschaft und ihre Mitgliedstaaten ein
frustrierendes Bild der Widersprüche und ängstlicher
Unentschlossenheit."
Außenpolitische Prioritäten nach Maastricht
Dies ist keine Zeit der Unentschlossenheit. In den
kommenden Jahren wird das Tempo des Wandels im
Osten weiterhin das Tempo institutioneller Innovationen aus dem Westen bestimmen. Der Europäischen
Gemeinschaft wird keine Atempause nach den Strapazen von Maastricht gegönnt, keine Muße, um über
die übernommenen neuen Aufgaben nachzudenken.
Selbst während Europa mit der Verstärkung der zur
Erlangung einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik erforderlichen Instrumente beginnen muß,
müssen die Bedürfnisse der ehemaligen Sowjetunion
angesprochen, ein Ende des Bürgerkriegs in Jugoslawien vermittelt, Frieden im Nahen Osten herbeigeführt
und auf die länger werdende Schlange der Länder
reagiert werden, die den Beitritt zur EG anstreben.
Vergangene Woche wurde die erste Koordinierungskonferenz über Hilfe für die Nachfolgestaaten der
ehemaligen Sowjetunion in Washington abgehalten.
Die Europäische Gemeinschaft und ihre Mitgliedstaaten waren unsere wichtigsten Partner bei der Veranstaltung dieses Treffens und werden bei der Nachfolgekonfernz eine noch zentralere Rolle spielen. Wir
beide sehen das Washingtoner Treffen als Ausgangspunkt für langfristige Bestrebungen an. Wir beabsichtigen, daß die in Washington gegründeten Arbeitsgruppen, von denen vier von der EG und ihren Mitgliedstaaten geleitet werden, dauerhafte Verantwortung für
die Koordinierung der Hilfe in ihren Bereichen übernehmen sollen. Wir haben die Gemeinschaft gebeten,
die zweite von drei Konferenzen zu organisieren und
den Vorsitz zu übernehmen, und die Gemeinschaft hat
ihre Zustimmung gegeben.
Auch die NATO wird bei diesen Bestrebungen eine
positive Rolle zu spielen haben. Seite an Seite haben
die NATO und die Europäische Gemeinschaft vergan-

Seite 3

�gene Woche an der Washingtoner Konferenz über
Hilfe für die ehemalige Sowjetunion teilgenommen.
Beide Organisationen haben herausragende Fähigkeiten beizutragen - die Gemeinschaft bei der Mobilisierung von Unterstützung und die NATO bei der
Organisation der Lieferungen. Die Krise in der ehemaligen Sowjetunion bietet diesen beiden Institutionen,
die bis heute wenig Erfahrung in direkter Kooperation
haben, eine Chance, mit dem Aufbau einer neuen, auf
Zusammenarbeit ausgerichteten Beziehung zu beginnen, einer Beziehung, die auf die Bedürfnisse der Welt
nach dem kalten Krieg und die Entwicklung einer
europäischen Union mit einer gemeinsamen Ausgangsbasis zur Außen-, Sicherheits- und gegebenenfalls
Verteidigungspolitik eingeht.
Die Diplomatie der Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft im Nahen Osten und in Jugoslawien ist durch eine stillschweigende Arbeitsteilung
charakterisiert - die Vereinigten Staaten übernehmen
die Führungsrolle bei der Beilegung des arabischisraelischen Konflikts und die EG bei der Herbeiführung von Frieden in Jugoslawien. Dies ist eine rationelle Arbeitsteilung, die den jeweiligen Mustern von Hilfe
und Handel, historischen Bindungen und lokalen Empfindlichkeiten Rechnung trägt. Während die Bestrebungen Fortschritte machen, muß jeder von uns jedoch im anderen Bereich aktiver werden. Die Vereinigten Staaten werden aufgefordert, ein Friedenstruppe
in Jugoslawien zu unterstützen. Die Europäische Gemeinschaft wird, so hoffen wir, eine herausragendere
Rolle beim Friedensprozeß im Nahen Osten übernehmen, wenn sich dieser über bilaterale Verhandlungen
zwischen den Parteien der Region zu einer umfassenderen Berücksichtigung regionaler wirtschaftlicher,
umweltpolitischer und anderer Fragen ausdehnt.

Osten, Jugoslawien, EG-Beitritt, Hilfe für die Sowjetunion befassen müssen - selbst während sie mit ihrer
eigenen umfangreichen Tagesordnung kämpft, einschließlich der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik,
dem Delors-Il-Haushaltspaket, Verwirklichung des
Binnenmarkts, Erarbeitung und Ratifizierung des
Abkommens von Maastricht.
Nie zuvor hat sich die Gemeinschaft mit einer solch
komplexen und anspruchsvollen Bandbreite von internen und externen Herausforderungen konfrontiert
gesehen. Nie zuvor wurde soviel von ihr erwartet. Für
einen Amerikaner, für den unser Streben nach "einer
perfekteren Union" geschichtsträchtig ist, sieht Europas Weg zu einer"noch engeren Union" in der Tat steil
aus. Einige der Hindernisse haben bekannte Vorläufer
in unserer Vergangenheit - beispielsweise das Gerangel um Macht und Souveränität zwischen der Union
und ihren Mitgliedstaaten. Aber in vieler Hinsicht sind
die Herausforderungen für eine Europäische Union
einzigartig.
Die Sprachenvielfalt ist eine von ihnen. Die Wirksamkeit jeder Außenpolitik hängt nicht nur von dem hinter
ihr stehenden wirtschaftlichen und militärischen Gewicht ab, sondern auch von der Genauigkeit, den
Nuancen und der Entschlossenheit, mit der sie durchgeführt wird. Einfluß in einer zunehmend dynamischen Welt hängt auch von dem Tempo ab, mit dem
die geeigneten Maßnahmen entwickelt, verwirklicht
und geändert werden können. Es liegt im Wesen der
Gemeinschaft begründet, daß sie sich in diesen Bereichen im Nachteil befindet. In dem Maße, in dem die
Erweiterung und nationaler Druck die Zahl der Arbeitssprachen erhöhen, in denen die Gemeinschaft ihre
Außenpolitik entwickeln und durchführen muß, scheint

sich dieser Nachteil zwangsläufig zu potenzieren.
In Maastricht haben die europäischen Staats- und
Regierungschefs die Kommission angewiesen, Vorschläge im Hinblick auf die Frage des EG-Beitritts zu
unterbreiten, die dem Europäischen Rat im kommenden Juni zur Erörterung vorgelegt werden sollen. Die
Liste der Anwärter ist lang und noch nicht abgeschlossen. Die Debatte der Gemeinschaft über die Erweiterung, die in diesem Jahr noch an Hitzigkeit zunehmen
wird, ist eine Diskussion über die zukünftige Gestaltung Europas. Es ist eine Debatte über die Definition
Europas und wer ein Europäer ist. Es ist auch eine
Debatte über die zukünftige Beziehung Europas zu
den Vereinigten Staaten. Wir erhoffen von der Gemeinschaft Antworten, die sowohl die europäische
Einheit als auch die transatlantische Partnerschaft
fördern.
Aussichten einer Europäischen Union in
Außen- und Sicherheitspolitik
In den kommenden Wochen wird die Gemeinschaft
sich mit all diesen vordringlichen Problemen wie Naher

Seite 4

Ein ähnliches Hindernis für eine europäische Union ist
die national geprägte öffentliche Meinung in Europa.
Es ist in der Tat irreführend, von einer europäischen
öffentlichen Meinung zu sprechen. In den meisten
Bereichen - zumindest in der außenpolitischen Arena
- ist die europäische Meinung deutlicher entlang nationaler Grenzen geteilt als nach After, Geschlecht, Schicht,
Einkommen oder politischer Partei. Die enormen nach Nationalität gegliederten - Unterschiede der öffentlichen Reaktionen auf die irakische Invasion in
Kuwait und jüngst auf die Auflösung Jugoslawiens
illustrieren das vielleicht größte einzelne Hindernis bei
der Erarbeitung eines gemeinsamen europäischen
Ansatzes zu solchen Herausforderungen.
Angesichts des Fehlens echter Euro-Medien ist dies
ein Phänomen, das schwer zu ändern sein wird. Der
Erfolg von CNN - oder, was das anbetrifft, MTV - legt
den Schluß nahe, daß es einen Markt für grenzüberschreitende Nachrichten- und Unterhaltungsprogramme gibt. Auch hier kann der nationale Druck es jedoch

AMERIKA DIENST 5

�der Gemeinschaft erschweren, Euro-Programme in
einer oder zwei der wichtigsten Sprachen zu fördern,
was sich kommerziell als die einzig mögliche Option
erweisen könnte.
Die Kontrolle über die Außen- und Sicherheitspolitik
ist eine der grundlegendsten Voraussetzungen für
Souveränität. Es überrascht daher kaum, daß die
Mitgliedstaaten nach wie vor zögern, in diesen Breichen Boden abzutreten. Weit davon entfernt, ihren
Sitz in internationalen Foren aufzugeben, ist die derzeit favorisierte Lösung schlicht und einfach, einen 13.
Sitz hinzuzufügen. In Wirklichkeit bittet die Gemeinschaft vielmehr die Nichtmitglieder statt der Mitglieder,
für die sich abzeichnende Europäische Union Platz am
Tisch zu machen. Eine meiner Aufgaben in den
vergangenen Monaten bestand darin, mit der Komplexität europäischer Institutionen weniger vertrauten
Vertretern meiner Regierung wiederholt zu erläutern,
warum ein Europa auf dem Wege der Vereinigung
größere Vertretung benötigt als wenn es noch immer
geteilt wäre.
Das Streben der Gemeinschaft nach einem 13. Sitz an
jedem Verhandlungstisch nimmt immer noch an Dynamik zu. Wir verstehen die institutionellen Bedürfnisse
Europas. Wir wissen den Beitrag zu schätzen, den die
Kommission selbst in einerwachsenden Zahl internationaler Foren macht. Letztlich wird jedoch die wahre
Meßlatte der europäischen Fortschritte zu einer noch
geschlosseneren Union die Konsolidierung seiner
Vertretung, nicht deren Multiplizierung sein.
Einer von Shakespeares Protagonisten verweist auf
seine Fähigkeit, "Geister aus der wüsten Tiefe" zu
rufen. "Ei ja, das kann ich auch, das kann ein jeder",
ist die skeptische Antwort. "Doch kommen sie, wenn
Ihr nach Ihnen ruft?"
Der wahre Test für eine gemeinsame europäische
Außenpolitik wird nicht in der Fähigkeit bestehen, sich
auf eine gemeinsame Formulierung zu einigen, sondern der Fähigkeit, gemeinsame Ziele zu erlangen. In
ihren frühen Jahren manifestierte sich die Europäische
Politische Zusammenarbeit vornehmlich in öffentlichen Erklärungen, die - welche Befriedigung sie auch
immer im eigenen Land ausgelöst haben mögen hauptsächlich dazu führten, die Regierungen vor den
Kopf zu stoßen, gegen die sie gerichtet waren. Israels
Einstellung gegenüber der Europäischen Gemeinschaft
ist immer noch von den Narben belastet, die dem Land
während dieser Periode manifestartiger Diplomatie
zugefügt wurden.
In den vergangenen Jahren hat die Gemeinschaft
begonnen, ihre Diplomatie mit der Kommission zur
Verfügung gestellten substantielleren Ressourcen zu
untermauern, um die von der Gemeinschaft vereinbarten Ziele zu erreichen. Dies hat Einfluß und Wirkung
der EG-Diplomatie auf Osteuropa, den Nahen Osten
und die ehemalige Sowjetunion maßgeblich verstärkt.
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Die so verwendeten Ressourcen können in Einfluß
umgesetzt werden. Der Einfluß der Gemeinschaft ist
jedoch nicht einfach die Summe der von den Mitgliedstaaten eingebrachten Ressourcen. In dem Maße, in
dem die Mitgliedstaaten tatsächlich Handel und Investitionen in unterschiedlicher, wenn nicht gar konkurrierender Weise tätigen, können sich ihre Bestrebungen negativ statt konstruktiv bei der Kalkulation des
Einflusses der Gemeinschaft insgesamt auswirken.
Der deutsche finanzielle Beitrag zur Sicherstellung des
sowjetischen Truppenabzugs aus Ostdeutschland ist
beispielsweise von entscheidender Bedeutung für die
westliche Sicherheit. Niemand - am wenigsten die
Empfänger - wird jedoch Ressourcen, die so eindeutig
von einem ihrer Mitgliedstaaten für solch einen andersartigen und unterschiedlichen Zweck zur Verfügung
gestellt wurden, den humanitären Hilfsleistungen der
Europäischen Gemeinschaft zuschreiben.
Die Bereitschaft der Gemeinschaft zur Zusammenlegung ihrer Ressourcen und die noch immer wachsende Anziehungskraft ihres Binnenmarkts sichern der
Gemeinschaft zunehmendes diplomatisches Gewicht.
Es liegt in der Natur der Gemeinschaft, daß ihr politischer Prozeß jedoch noch immer im großen und
ganzen ein offener ist. Ihre kollektive Diplomatie ist
daher noch immer nahezu ausschließlich öffentlich.
Man kann sich schwerlich die EG-Außenminister vorstellen, die eine Entscheidung erzielen, zu deren
unverzüglicher Bekanntgabe sie sich nicht gezwungen
fühlen. Vertrauliche Diplomatie bleibt daher im Wesentlichen den Mitgliedstaaten überlassen, die dazu
tendieren, die Ziele der Gemeinschaft abhängig von
nationalen Perspektiven und Prioritäten mit mehr oder
weniger Enthusiasmus zu verfolgen.
Ich erwähne all diese bekannten Hindernisse für eine
Union - Sprachenvielfalt, national orientierte Medien
und öffentliche Meinung sowie die Spannungen zwischen der Autorität der Zentralregierung und den Mitgliedstaaten - nicht, um die Gemeinschaft zu kritisieren
und noch weniger, um die Bedeutung der in Maastricht
errungenen Leistungen herabzuwürdigen. In der Tat
kann man nur anerkennen, wie weit die Gemeinschaft
in Maastricht gekommen ist und wie beeindruckend
ihre Errungenschaften bei der Erarbeitung einer gemeinsamen Politik gegenüber Osteuropa, Jugoslawien und der ehemaligen Sowjetunion waren, wenn
man sich vor Augen führt, wie gro ß die Hindernisse für
eine Europäische Union sind.
Auf längere Sicht könnte die europäische Außen- und
Verteidigungspolitik durch die sehr tiefgreifenden
Bestimmungen des Maastrichter Abkommens zu einer
Währungsunion eher Auftrieb erfahren als durch die
vorsichtigeren Verfügungen, die spezifisch auf die
Entwicklung einer "gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik" abzielen. Kann eine zentrale Währungsbehörde lange existieren, ohne das Entstehen einer
zentralen Wirtschafts- und Finanzbehörde zu bedinSeite 5

�gen? Wenn eine zentrale Gewalt für Wirtschafts- und
Finanzpolitik entsteht, wie lange wird dann die Verantwortung für Außen- und Sicherheitspolitik außerhalb
ihrer Kompetenz bleiben? Die Geschichte enthält
wenige Beispiele, in denen die Behörde für Wirtschaftspolitik lange von der Verantwortung für auswärtige Angelegenheiten getrennt blieb.

Die Verwirklichung dieses Ziels hängt stark von der
Fähigkeit der Gemeinschaft ab, die für sie in Maastricht definierten Ziele zu erlangen. Der Erfolg hängt
auch von der weiteren Ausdehnung der in der gemeinsamen Erklärung der Vereinigten Staaten und der EG
am 1. November 1990 formulierten transatlantischen
Partnerschaft ab.

Die jüngsten Erfahrungen mit der Angleichung der
deutschen Währung legen eine solche Verbindung
nahe. Bundeskanzler Kohl schlug die deutsche
Währungsunion als Abkürzung zur deutschen politischen Union vor. Sicherlich waren sich einige der
Verfechter der Europäischen Währungsunion - unter
denen Bundeskanzler Kohl eine prominente Stellung
einnimmt - der deutschen Erfahrung bewußt. Wir
können daher auf eine ähnliche Synergie zwischen
Währungs- und Politischer Union auf europäischer
Ebene hoffen.

Wir haben begonnen, maßgebliche Fortschritte zu
diesen Zielen zu machen. Im Abkommen zwischen
EG und EFTA über einen Europäischen Wirtschaftsraum, in den Assoziierungsabkommen der EG mit
Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei, mit der
Schaffung des Nordatlantischen Kooperationsrats der
NATO und im Maastrichter Abkommen über eine
Politische, Wirtschafts- und Währungsunion haben
Europa und die Vereinigten Staaten Schritte zu solch
einer neuen europäischen und atlantischen Architektur unternommen. Bei der Washingtoner Konferenz
haben die Atlantische Gemeinschaft und die Europäische Gemeinschaft in der vergangenen Woche begonnen, ihre kollektiven Fähigkeiten in die vordringliche Aufgabe der Unterstützung der ehemaligen Sowjetunion einzubringen.

Zu einer euro-atlantischen Gemeinschaft
Wenn wir die zukünftige Gestalt Europas betrachten,
liegt es auf der Hand, ziemlich grundlegende Fragen
zu stellen. Wie werden sich Institutionen wie die NATO
und die EG entwickeln? Wer sind ihre Mitglieder und
wie lautet ihr Mandat in zehn, zwanzig Jahren? Wird
es eine gemeinsame europäische Währung geben
und wie werden Institutionen wie der IWF und die G-7
infolgedessen angepaßt werden müssen? Wird es
eine gemeinsame europäische Verteidigung geben,
und in welcher Verbindung steht sie zum Engagement
der Vereinigten Staaten und der NATO?
Angesichts des Maßes an Unsicherheit über zukünftige Entwicklungen, insbesondere im Osten, kann niemand diese Fragen mit großer Sicherheit beantworten. Die Vereinigten Staaten haben jedoch versucht,
ihre eigene Vision der europäischen und atlantischen
Beziehungen für das nächste Jahrhundert darzulegen.
Die amerikanische Vision steht meines Erachtens voll
und ganz im Einklang mit dem Ziel einer immer geschlosseneren europäischen Union, das von den europäischen Staats- und Regierungschefs im vergangengen Monat in Maastricht umrissen wurde.
Das langfristige Ziel der Vereinigten Staaten ist der
Aufbau der von Außenminister Baker so bezeichnetenen euro-atlantischen Gemeinschaft. Das Konzept
selbst beinhaltet eine beträchtliche Erweiterung der
größten Errungenschaft Europas und der Vereinigten
Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg - der "Atlantischen Gemeinschaft". Dieser Begriff vermittelt unsere
Hoffnung, daß die Muster der Zusammenarbeit und
das Gefühl gemeinsamer Werte, die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden, im Anschluß an den
kalten Krieg allmählich ganz von "Vancouver bis Wladiwostock" ausgedehnt werden können.

*
Seite 6

Wie ich festgestellt habe, fehlt ein wichtiger Stein
dieses Mosaiks noch. Wir benötigen baldige Einigung
über ein neues Welthandelsabkommen. Wenn es uns
nicht gelingt, ein solches Abkommen zu erlangen,
könnte der daraus resultierende Druck den Schlüsselbereich der Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Westeuropa auszuhöhlen beginnen, auf
den sich jede umfassendere Vision der Zusammenarbeit gründet. Eine GATT-Vereinbarung ist vornehmlich ein Thema für die Vereinigten Staaten und die EG.
Handel, und insbesondere der Agrarhandel, ist der
Bereich, in dem die Kompetenzen der Europäischen
Gemeinschaft am weitesten entwickelt und die Bestrebungen zu einer europäischen Union bereits am weitesten verwirklicht sind. Wenn die Vereinigten Staaten
und Europa hier keine Einigung erzielen können, wo
sich das Engagement unserer gemeinsamen Interessen am deutlichsten manifestiert, wie können wir dann
unsere Bestrebungen zu einer umfassenderen Partnerschaft verwirklichen, von der ebenfalls so viel abhängt.
Europas und Amerikas Bilanz gemeinsamer Leistungen in den letzten beiden Jahren - die Kraft, Flexibilität
und Fähigkeit zu Innovation, die sowohl die Atlantische
als auch die Europäische Gemeinschaft in diesem
Zeitraum unter Beweis gestellt haben - berechtigt zu
Hoffnungen, daß wir gemeinsam dieses Hindernis
überwinden können. Dies ist unabdingbar, wenn Europa
und Amerika Fortschritte zu unseren ehrgeizigen längerfristigen Zielen erlangen wollen: die Schaffung
einer europäischen Union, die Vertiefung der Partnerschaft zwischen der Union und den Vereinigten Staaten sowie die Erweiterung der Atlantischen Gemeinschaft bis zum Pazifik.

*
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�5. Februar 1992

WOHLTÄTIGKEIT IN DEN USA:
EINE TRADITION DES GEBENS UND NEHMENS
Überblick über ehrenamtliche Tätigkeit
WASHINGTON -(AD) - Nirgendwo auf der Welt ist
ehrenamtliche Tätigkeit - das Konzept, eine Sache
oder Organisation durch freiwillige Arbeit zu unterstützen - weiter verbreitet als in den Vereinigten Staaten.
Und nirgendwo ist der Geist der Nächstenliebe offenkundiger als im amerikanischen Volk.
1990, dem letzten statistisch erfaßten Jahr, gaben die
Amerikaner der American Association of Fund Raising
Counsel in New York zufolge über 122 Milliarden Dollar
für Wohltätigkeits- und gemeinnützige Organisationen aus.
Der größte Batzen - über 65 Milliarden Dollar - ging an
Kirchen und religiöse Einrichtungen. 12 Milliarden
wurden für Bildungseinrichtungen gegeben - der Großteil für Colleges und Universitäten. Weitere 11 Milliarden wurden für humanitäre Zwecke und 10 Milliarden
Krankenhäusern und Gesundheitsverbänden gespendet.
83 Prozent dieser Summe kamen von Einzelpersonen.
6,4 Prozent entfielen auf testamentarische Zuwendungen, 5,7 Prozent auf Stiftungen und 4,8 Prozent auf
Unternehmen.
Anderen auf freiwilliger Basis Hilfe zu leisten, ist eine
im dem Pioniergeist verwurzelte amerikanische Tradition, die Nachbarn dazu veranlaßte, sich gegenseitig
beim Überleben in der Neuen Welt zu helfen. Dies ist
das Wesen der Demokratie. Das Konzept ist in vielen
Ländern unbekannt, in denen die Menschen die Auffassung vertreten, jeder sei sich selbst der Nächste.
In Europa verläßt man sich praktisch ausschließlich
auf aus Steuern finanzierte Mittel, die durch den politischen Prozeß verteilt werden.
Die meisten wohltätigen Spenden der Amerikaner
werden direkt für eine spezifische Sache oder Organisation getätigt. Beispielsweise machen Kollekten und
der Zehnte einen Großteil des für religiöse Zwecke
gespendeten Geldes aus. Auch in Einkaufszentren
und auf der Straße spenden manche Leute für Organsiationen wie das Rote Kreuz und die Heilsarmee.
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Sammelaktionen am Arbeitsplatz - im Büro oder Betrieb um eine Spende bitten - ist eine andere weit
verbreitete Methode, in den Vereinigten Staaten Geld
aufzubringen.
Zwei Spendenaktionen - United Way und Combined
Federal Campaign (CFC) - sind in den Vereinigten
Staaten sehr bekannt. Nach Kirchen, Universitäten
und Krankenhäusern bringen sie das meiste Geld für
wohltätige Zwecke auf.
Bei einer einmal pro Jahr durchgeführten Spendenaktion fordern CFC und United Way die Arbeitnehmer
auf, Abzüge von ihrem Lohnstreifen zur Weiterleitung
an einen Wohltätigkeitsverband nach Wahl des Beschäftigten zu gestatten.
Der Hauptunterschied zwischen den beiden Organisationen besteht darin, daß United Way Gelder in der
Privatwirtschaft sammelt, wohingegen CFC sich bei
ihren Spendenaktionen an die Bundesbediensteten
wendet.
Die ältere der beiden Organisationen, United Way,
sammelte 1990 landesweit 3,11 Milliarden Dollar. Aus
ihrer Kampagne des Jahres 1991 fließen immer noch
Mittel, die endgültigen Zahlen werden erst im März zur
Verfügung stehen. CFC, die vom Bundesamt für
Personalverwaltung (Office of Personnel Management
- OPM) kontrolliert wird, sammelte 1990 landesweit
190 Millionen Dollar von Bundesbediensteten.
United Way, die 1988 ihr hundertjähriges Jubiläum
feierte, hat über die Vereinigten Staaten verstreut
2.200 Ortsgruppen, die jeweils eigenständig und unabhängig arbeiten. Im Jahr 1990 halfen Millionen von
United Way angeschlossenen Freiwilligen, Mittel für
über 50 Millionen Menschen aufzubringen.
United Way leitet das gesammelte Geld an Schwesterbehörden, die damit Nahrungsmittel für hungrige Kinder, Beratung für Familien, Kuren bei Krankheiten,
Trost für Sterbende, Unterkunft für Obdachlose und
zahllose andere humanitäte Zwecke finanzieren.

Seite 1

�Auch CFC, Anfang der sechziger Jahre gegründet,
verteilt Mittel für solche Zwecke. Im Gegensatz zu
United Way kann CFC auch Mittel für Bürgerinitiativen
bereitstellen, wie diejenigen, die sich der Beseitigung
von Umweltschäden verschreiben.
1990 sprach CFC 4,7 Millionen Bundesbedienstete im
ganzen Land an, darunter Mitarbeiter in militärischen
Dienststellen und der amerikanischen Bundespost.
Der Leiter der landesweiten Aktivitäten von CFC,
Dennis Matteotti vom OPM, erklärte gegenüber dem
US-Informationsamt, an der Kampagne von 1990 hätten
sich 2,5 Millionen Mitarbeiter beteiligt.
In Washington, wo die meisten Bundesbediensteten
arbeiten, sprach CFC 410.000 Arbeitnehmer an. Über
60 Prozent - etwa 250.000 - stifteten mehr als 30
Millionen der landesweit insgesamt gesammelten 190
Millionen Dollar.
Beide Sammelaktionen für einen guten Zweck, United
Way und CFC, sind eine Symbiose eingegangen. In
den meisten Gemeinden verwaltet United Way die
Kampagne von CFC, weil United Way bereits dort im
Privatsektor etabliert ist.
Die Leiterin von CFC Washington, Kristin J. Oliver, hat
als Mitarbeiterin von United Way in den vergangenen
sieben Jahren für CFC-Kampagnen gearbeitet.
Gemeinsam mit vier anderen Angestellten von United
Way ist sie einem CFC-Vorstand gegenüber verantwortlich.
"Wir führen die Kampagne in Washington als eine Art
Subunternehmer für die Bundesregierung durch", erklärt
sie in einem Interview mit USIA.
United Way wurde 1888 in Denver (Colorado) gegründet, als vier Priester unterschiedlicher Glaubensrichtungen dem Aufruf folgten, sich um die Gesundheit von
Silberminenarbeitern zu kümmern, die sich in der
Gegend angesiedelt hatten. Die Gruppe in Denver
sammelte in jenem Jahr mit der ersten gemeinsamen
Kampagne des Landes 21.000 Dollar.
CFC begann als Reaktion auf eine explosionsartig
zunehmende Zahl von einzelnen Sammelaktionen, bei
denen Bundesbedienstete zu Spenden aufgerufen
wurden. Mit einem 1964 unterzeichneten Präsidialerlaß erhielten Mitarbeiter im öffentlichen Dienst die
Möglichkeit, direkt durch Gehaltsabzug für wohltätige
Zwecke zu spenden.
"Die Bundesbediensteten waren es leid, daß jeden
Monat gesammelt wurde, einen Monat für die Herzstif*

Seite 2

tung, im nächsten für das Rote Kreuz, dann wieder für
andere Zwecke," erklärte Oliver.
"Sie nahmen sich also die gemeinsamen Aktionen von
United Way zum Vorbild, wandten sich an das OPM
und riefen CFC ins Leben. Es geschah nichts anderes,
als daß die Beschäftigten im öffentlichen Dienst sich
sagten: Wir müssen das hier besser organisieren."
"Meiner Ansicht nach ist dies etwas, was Bundesbedienstete stärker überdenken sollten. Es lohnt sich."
Ebenso bemerkenswert ist die Tatsache, daß die
Betriebskosten sowohl bei CFC als auch bei United
Way verglichen mit anderen Sammelaktionen für
wohltätige Zwecke außerordentlich gering sind.
Die Kosten für die Aktion von United Way in Washington lagen bei unter 7 Prozent des gesammelten Betrags. Die Kosten bei CFC betrugen etwa 4 Prozent
der Gesamtsumme.
Sowohl CFC als auch United Way führen jährliche
Revisionen durch, um eine ordentliche Verwaltung der
Finanzen sicherzustellen.
Über 150 Bundesbehörden beteiligten sich 1991 an
den Mitte Dezember beendeten CFC-Aktionen.
Obwohl täglich neue Spenden eingehen, hat die
Sammelaktion von CFC in Washington bereits ihr Ziel
von 32.750.000 Dollar um 2 Millionen Dollar übertroffen. Dabei hat das Marineministerium am meisten
gespendet - 3 Millionen Dollar. Dann folgten die
Bundespost mit 2,3 Millionen Dollar und das Gesundheitsministerium mit 1,8 Millionen Dollar.
Die Spenden werden an die 1.500 beteiligten Wohltätigkeitsorganisationen im Stadtgebiet von Washington
verteilt.
Bemerkenswert ist, daß die Rekordsummen an CFC
zu einer Zeit wirtschaftlicher Rezession sowohl in
Washington als auch im ganzen Land gespendet werden.
"Die meisten Bundesbediensteten haben einen Ehepartner oder einen Nachbarn, der eine schwere Zeit
durchmacht und schätzen sich glücklich, eine Stelle zu
haben. Vielleicht haben sie gedacht: dieses Jahr sind
wir an der Reihe, mal einzuspringen um zu helfen,"
erklärte Oliver.
"In schweren Zeiten sind sich die Menschen der Bedürftigkeitstärker bewußt und scheinen mehr zu spenden."
"Das ist typisch amerikanisch."

* * *

*

AMERIKA DIENST 5

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                <text>Amerikadienst 05.02.1992</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Haushalt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Bushs Haushalt im Kontext betrachtet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht zur Haushaltsvorlage 1993&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Verteidigung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Waffenmodernisierung neuer Schwerpunkt des Pentagon&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des US-Verteidigungsministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Neues Zeitalter für Vereinte Nationen nach dem Kalten Krieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim UN-Sicherheitsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Demokratien berechtigen zu Hoffnung bei Menschenrechten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Dobbins drängt auf baldige Einigung über Handelsabkommen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des US-Botschafters bei der EG&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Soziales&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wohltätigkeit in den USA: eine Tradition des Gebens und Nehmens&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Überblick über ehrenamtliche Tätigkeit&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

'

6

Library Services
Deichmanns Aue 29
5300 Bonn 2

12. Februar 1992

WEHRKUNDETAGUNG

REDE VON VIZEPRÄSIDENT QUAYLE BEI DER
WEHRKUNDETAGUNG IN MÜNCHEN

GUS-HILFE

BAKER: "PROJEKT HOFFNUNG"
INVESTITION IN STABILITÄT
Erklärung am Frankfurter Flughafen

GUS

HUMANITÄRE HILFE DER USA AN DIE
GUS ANGEROLLT
Rede von Außenminister Baker
vor dem Kongreß

UMWELT

USA BEREIT ZUM ENTWURF EINES PLANS
ZUR KONTROLLE VON TREIBHAUSGASEN
Interview mit Robert Reinstein

EINWANDERER

EINWANDERUNGSPOLITIK: OFFEN FÜR
OFFENE GRENZEN
von Stephen Moore

GESUNDHEITSWESEN

NEUE GESETZESVORSCHLÄGE IM
GESUNDHEITSWESEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�WEHRKUNDETAGUNG
12. Februar 1992

REDE VON VIZEPRÄSIDENT QUAYLE
BEI DER WEHRKUNDETAGUNG IN MÜNCHEN
MÜNCHEN - (AD) - Die nachfolgend veröffentlichte Rede, deren vorbereiteten Text wir abdrucken, wurde am
9. Februar 1992 von Vizepräsident Dan Quayle anläßlich der Münchner Wehrkundetagung gehalten.
Ich danke Ihnen allen. Ich freue mich, wiederum an
dieser hervorragenden Konferenz über Sicherheit in
Europa teilzunehmen. Das erste Mal liegt schon über
zehn Jahre zurück. Und für die Akten möchte ich
festhalten - dies ist die überragende Konferenz weniger würde unser unser geschätzter Gastgeber
auch nicht zulassen.
Vergangenes Jahr habe ich Herrn Baron von Kleist die
Auszeichnung für besondere öffentliche Verdienste
verliehen - die höchste zivile Auszeichnung, die das
US- Verteidigungsministerium zu vergeben hat. Ihnen,
Ewald, nochmals meinen Glückwunsch. Seit Jahren
kamen wir hier als Verbündete in einem großen Kampf
zusammen, heute sind wir Partner in einem großen
Sieg. Wir haben den kalten Krieg gewonnen. Europa
hat erneut eine dramatische Umgestaltung erfahren.
Deutschland ist vereinigt, und die Sowjetunion gibt es
nicht mehr. Der Eiserne Vorhang hat sich gehoben, die
dunkle Wolke nuklearer Vernichtung hat sich verzogen. Wir haben viel zu feiern und vielen zu gratulieren:
Diplomaten, Soldaten, Intellektuellen und vor allem
den unterdrückten Völkern, die ihren Traum von Freiheit niemals aufgaben. Sie sind die wahren Sieger des
kalten Kriegs.
Obwohl sich die Bedingungen positiv verändert haben,
trifft dies nicht für den Bedarf an Sicherheit zu. Vielfach
wird die Frage laut, wie das Atlantische Bündnis in die
neue Weltordnung paßt. Für meine Kollegen in diesem Raum, Experten für europäische Sicherheit, ist
die Antwort klar: Die NATO war die erfolgreichste
Allianz in der Geschichte. Aber dieser Erfolg ist keine
Begründung, um getrennte Wege zu gehen, im Gegenteil ist er der Grund, zusammenzustehen. Und,
meine Freunde, meine Botschaft heute lautet, daß die
Mitglieder des Atlantischen Bündnisses einander immer
noch brauchen - und die Welt braucht das Bündnis,
wenn sie einen gerechten Frieden erreichen will. Die
Bedrohungen werden nicht für immer verschwinden sie werden vielmehr in neuer Gestalt wiederauftauchen. Und eine neue Bedrohung wird sich viel leichter
entwickeln als daß sich ein neues Bündnis etabliert.
AMERIKA DIENST 6

Wir haben Faschismus, Nazismus, Kommunismus
und den extremen islamischen Fundamentalismus
erlebt. Wir wissen nicht, wann und wo der nächste
"...ismus" einen gerechten Frieden bedroht. Aber es
wird Bedrohungen und Konflikte geben. Es stimmt
natürlich, daß in den nächsten Jahren die sicherheitspolitischen Probleme, denen sich die NATO stellen
muß, einen größeren politischen Schwerpunkt haben
als je zuvor. Aber es wäre ein Fehler zu denken, daß
alle Probleme von morgen politischer Natur sein werden.
Das wird nicht der Fall sein. Niemand bestreitet die
Tatsache, daß die Welt immer noch ein gefährlicher
Ort ist. Die Aufgabe der NATO ist immer noch grundsätzlich Sicherheit. Tatsächlich können die Hauptfunktionen des Bündnisses immer noch mit den Worten des 25 Jahre alten Harmel-Berichts über die sicherheitspolitische Konzeption des Bündnisses beschrieben werden. Die vordringlichste Pflicht des
Bündnisses besteht dem Bericht zufolge darin, "eine
ausreichende militärische Stärke und politische Solidarität beizubehalten, um gegenüber Aggressionen
abschreckend zu wirken und das Gebiet der Mitgliedstaaten zu verteidigen". Die zweite ist "die weitere
Suche nach Fortschritten in Richtung auf dauerhafte
Beziehungen, mit deren Hilfe die grundliegenden politischen Probleme gelöst werden können". Diese beiden Funktionen sind nach wie vor gültig und entscheidend.
Aber die Art und Weise, wie wir sie erfüllen, hat sich
verändert.
"Ausreichende militärische Stärke" erfordert zum Beispiel nicht mehr acht NATO-Korps an der deutschen
Grenze, um sich gegen doppelt soviele Truppen des
Warschauer Pakts auf der anderen Seite zu verteidigen. Die NATO kann diese konventionellen Streitkräfte erheblich reduzieren und umstrukturieren. Zum
Beispiel werden die US-Streitkräfte in Deutschland
von zwei Korps mit vier Divisionen auf ein Korps mit
zwei Divisionen reduziert. Dementsprechend wird

Seite 1

�auch der Umfang der US-Streitkräfte in Europa abgebaut. In den nächsten Jahren wird der Schwerpunkt
auf flexiblen und sehr mobilen Eingreiftruppen liegen,
die eine große Bandbreite von Eventualfällen abdekken können.
"Auf Aggressionen abschreckend zu wirken", erfordert
nicht länger zahlreiche landgestützte Nuklearwaffen
auf dem europäischen Kontinent. Im Einklang mit
Präsident Bushs Initiative, der die NATO zustimmt,
ziehen wir diese Waffen ab und zerstören sie. Ebenso
nehmen wir einschneidende Reduzierungen bei der
Zahl luftgestützter Nuklearwaffen in Europa vor. Das
historische Vertrauen der NATO auf Nuklearwaffen
wird dem Wortsinn gerecht - es wird ein Teil der
Geschichte. Die nukleare Abschreckung hat funktioniert und bleibt für die NATO-Strategie wichtig. Das
neue strategische NATO-Konzept fordert eine angemessene Mischung nuklearer und konventioneller
Waffen - auf erheblich reduziertem Niveau.
Was die Bewahrung der "politischen Solidarität" angeht, so ist die Aufgabe der NATO angesichts der
politischen und wirtschaftlichen Integration Europas in
mehrfacher Hinsicht sogar noch anspruchsvoller
geworden. Seit Amtsantritt dieser Administration hat
Präsident Bush den gesunden und langwierigen Prozeß der europäischen Integration unterstützt. Er
bekräftigte diese Haltung beim Gipfeltreffen der NATO
in Rom. Es ist jedoch von lebenswichtiger Bedeutung,
daß die Integration auch ein Mittel zur Zusammenarbeit mit Nordamerika darstellt. Darüber hinaus sollte
die Außenpolitik eines integrierten Europas auf dem
Sicherheitsfundament des Atlantischen Bündnisses
aufbauen. Um Präsident Bush zu zitieren: "Wir sehen
keinen Ersatz für das Bündnis als Garanten unserer

Verteidigung und der Sicherheit Europas. "Wir unterstützen die Entwicklung der WEU, weil sie das Bündnis
ergänzen und die europäische Rolle darin stärken
kann... Aber wir betrachten die WEU nicht als europäische Alternative zum Bündnis. Unsere Prämisse
lautet, daß die amerikanische Rolle bei der Verteidigung und den Angelegenheiten Europas durch die
europäische Union nicht überflüssig gemacht wird."
Ich bitte Sie, sich der Tatsache zu erinnern, daß die
Vereinigten Staaten vor einem halben Jahrhundert
dem Isolationismus entsagten ... und eine dauerhafte
Verpflichtung für die Sicherheit und Stabilität Europas
eingingen. Wir taten dies als Ergebnis einer sehr
harten Lektion. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen wir
uns unklugerweise aus Europa zurück. Wir versäumten es nicht nur, Beziehungen auf der Grundlage
gemeinsamer Interessen zu entwickeln, sondern weigerten uns häufig auch noch, solche Interessen zur
Kenntnis zu nehmen. Blinder Isolationismus und verhängnisvoller Protektionismus waren an der Tagesordnung und zogen verheerende Folgen nach sich.
Amerika wird diesen Fehler nicht noch einmal machen.

Seite 2

In diesem Präsidentschaftswahljahr werden Sie Stimmen von links und rechts vernehmen, die sagen "Komm
nach Hause, Amerika". Nun, Europa ist unser Zuhause, und solange wir willkommen sind, werden wir
hierbleiben. Die Vereinigten Staaten verstehen heute
in der Tat die Bedeutung der "politischen Solidarität"
auf der ganzen Welt. Unsere Rolle im Atlantik wird
ergänzt von einem ebenso entscheidenden Bündnis
im Pazifik. Als einzige Nation mit wichtigen Bündnissen in beiden dieser strategisch wichtigen Regionen
sollten die Vereinigten Staaten als Sicherheitsbrücke
zwischen den beiden betrachtet werden.
Ein weiterer Begriff, die "Verteidigung des Gebiets" der
NATO-Mitgliedstaaten, erhält ebenso eine neue Bedeutung. Die sich verändernde Welt birgt neue Quellen der Ungewißheit und Besorgnis - politischer wie
auch militärischer Art - die sich unmittelbar auf unsere
Interessen auswirken. Eine dieser Quellen ist die
Tendenz zu stärkerer nationaler und ethnischer Identität. Dies ist auf vielfältige Art und Weise eine positive
und anregende Entwicklung, denn sie beinhaltet eine
Wiederbelebung uralter Träume und kultureller Identitäten, eine Erneuerung geschätzter Institutionen sowie
eine Wiedergeburt des Glaubens. Doch in einigen
Regionen wird diese Entwicklung vom Wiederauftreten leidenschaftlicher Rivalitäten begleitet. Man braucht
nur nach Armenien oder Aserbeidschan zu blicken
oder auf die Schrecken Jugoslawiens, um die möglichen Gefahren solcher Rivalität zu verstehen. Und
jeder dieser Konflikte kann sich potentiell auf unbeteiligte Länder ausbreiten oder Flüchtüngsstrcme hervorbringen. Dies sollte für uns eins Angelegenheit anhaltender Besorgnis und Erörterungen sein.
Eine weitere entscheidende Frage bei der "Verteidigung des Gebiets" betrifft natürlich die Waffen - wer sie
besitzt, wer sie beschafft, wo sie gelagert werden und
welche Fähigkeiten sie haben. Die Auflösung des
imperialen Kommunismus hat die nukleare Bedrohung
durch eine sowjetische Supermacht beseitigt. In der
ehemaligen Sowjetunion existieren jedoch noch Tausende von Kernwaffen. Dies ist ebenfalls für uns alle
ein drängendes Thema. Diese Waffen müssen einer
verläßlichen zentralen Kontrolle unterstellt werden und
den Händen instabiler oder bedrohlicher Regime entzogen bleiben. Gemeinsam mit unseren Verbündeten
erörtern wir dieses Thema mit den Mitgliedern der
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Ich fühle mich
durch unsere Fortschritte ermutigt. So hat zum Beispiel Präsident Jelzin in Camp David angekündigt, daß
alle taktischen Kernwaffen aus Kasachstan abgezogen wurden, bald vollständig aus Weißrußland und bis
zum 1. Juli 1992 aus der Ukraine abgezogen würden.
Damit verblieben taktische Nuklearwaffen nur noch in
Rußland. Mit Nachdruck begrüßen wir diese Nachricht, und wir fordern die Mitglieder der GUS auf,
ebensolche Fortschritte im Bereich der strategischen
Kernwaffen zu machen.

AMERIKA DIENST 6

�Generell gesprochen beschleunigt sich das Tempo der
Weiterverbreitung in andere Regionen. Diesem Thema wurde kürzlich besondere Aufmerksamkeit gewidmet, als die UN-Sonderkommission beunruhigende
Einzelheiten über den modernen Stand der Fähigkeiten spezieller Waffengattungen des Irak enthüllte.
Während wir hier konferieren, besitzt eine Reihe von
Staaten bereits - nukleare, chemische oder biologische - Massenvernichtungswaffen und deren Trägersysteme oder ist aktiv um deren Entwicklung bestrebt.
Der Irak, Libyen und der Iran sind nur die augenfälligsten Bedrohungen, die der Überwachung bedürfen.
Bis zum Jahr 2000 werden schätzungsweise 15 Nationen der dritten Welt die Fähigkeit zur Produktion
ballistischer Raketen im eigenen Land besitzen. Bis zu
30 Länder verfügen möglicherweise über die Fähigkeit
zur Herstellung chemischer Waffen. Zehn könnten
unter Umständen biologische Waffen stationieren und
acht könnten Nuklearfähigkeiten besitzen. Unser Ziel
muß eine kollektive Aktion zur Begrenzung von Entwicklung und Transfer solch destruktiver Waffen und
deren Trägersystemen sein.
Im vergangen Jahr hat sich die Zahl der dem Nichtverbreitungsvertrag beigetretenen Nationen um fünf erhöht. Frankreich und China haben ihre Absicht zum
Beitritt bekundet, und wir sollten darauf hinarbeiten,
auch die ehemaligen Sowjetrepubliken einzubeziehen. In eben dieser Woche hat Präsident Bush die
Nichtverbreitungsbestrebungen der US-Regierung
zentralisiert und nur einem Koordinator, Robert Gallucci, unterstellt. Mit Blick in die Zukunft ist es meines
Erachtens an der Zeit, bei der Konferenz über die
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags im Jahr
1995 auf eine unbefristete Verlängerung zu drängen.
Darüber hinaus sollten wir die Verbesserung der bestehenden Nichtverbreitungsmaßnahmen anstreben
wie das Raketentechnologie-Kontrollregime MTCR und
neue, wie die von Präsident Bush verabschiedete
Konvention über ein Verbot chemischer Waffen.
Wir müssen uns eine der wichtigsten Lektionen des
Golfkriegs und die in seinem Anschluß erfolgten Enthüllungen vor Augen führen. Das Vertrauen auf Abschreckung durch Androhung von Vergeltung wird
labile Diktatoren oder Terroristen nicht von der Beschaffung und dem möglichen Einsatz dieser modernen Waffentechnologien abhalten. Aus diesem Grund
hat Präsident Bush das Programm der Strategischen
Verteidigungsinitiative SDI geändert, so daß es sich
erneut auf die Gewährleistung von Schutz vor begrenzten Angriffen mit ballistischen Raketen konzentriert, welcher Herkunft sie auch sein mögen. Wie wir
alle wissen, hat die NATO der Rolle der Verteidigung
gegen Raketen in unserer Nichtverbreitungsstrategie
Rechnung getragen. Während die Vereinigten Staaten mit SDI und ihrem Programm zum weltweiten
Schutz gegen begrenzte Schläge (global protection
against limited strikes - GPALS) Fortschritte machen,

sind wir für das Engagement und die Zusammenarbeit
mit unseren Verbündeten offen. Nicht zuletzt aus
geographischen Gründen ist Europa sehr viel wahrscheinlicher einer Bedrohung durch einen Angriff mit
ballistischen Raketen von Ländern wie dem Irak ausgesetzt als die Vereinigten Staaten. Wir haben uns zur
Aushandlung eines neuen Vertragsregimes verpflichtet, das die begrenzte Stationierung von Verteidigungssystemen gestattet. Europa sollte sein Interesse und Engagement für ein ATBM-System verstärken.
Femer begrüßen wir das wachsende Interesse an
Verteidigung in der GUS - insbesondere die von Präsident Jelzin in New York und Camp David unterbreiteten Vorschläge.
Zwei dem Bündnis zugrundeliegende Definitionskonzepte - das "Streben nach stabileren politischen Beziehungen" und die Lösung "grundliegender politischer
Fragen" - beinhalten jetzt die Notwendigkeit, Wege zur
Bewältigung der Sicherheitsanliegen der neuen Demokratien im Osten zu erarbeiten. Die Völker dieser
Nationen erwaten von uns Hilfe - und die Zusicherung,
daß sie nie wieder der Tyrannei unterworfen werden.
Wir sollten und müssen diese Hilfe und Zusicherung
bieten. In Rom haben die NATO-Mitgliedstaaten die
Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats
beschlossen. Der NACC hat sein erstes Treffen der
Außenminister im Dezember abgehalten, und zeitgleich mit dieser Tagung sind das Bündnis und seine
Liaison-Partner mit der Entwicklung eines Programms
befaßt. Der NACC ist eine Erfolgsstory, die jetzt
geschrieben wird. Wir alle müssen sicherstellen, daß
er wirklich das Tor zu einer neuen Sicherheitsbeziehung mit diesen Ländern wird. Schließlich lehrt die
Geschichte, daß die Aussichten für Stabilität, Frieden
und langfristige Sicherheit verbessert sind, wenn
demokratische Institutionen Fuß fassen.
Demokratische Institutionen stehen für mehr Freiheit
und Gleichheit, ihr Kernstück bilden Fair play, Verständnis und Zusammenarbeit. Angesichts aufstrebender demokratischer Werte lauten die Schlagworte
von morgen: Freiheit, Gleichheit, Fair play, Verständnis und Zusammenarbeit.
Und diesen Worten möchte ich das unerläßliche Element der Kommunikation hinzufügen. Die Konstruktion einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa ist
absolut abhängig von einem effektiven, geschlossenen Forum für Konsultationen. Glücklicherweise haben
wir ein solches Forum - auf Prinzipien gegründet, von
Vertrauen getragen und von der Zeit erprobt. Seit über
vierzig Jahren wußten die Bündnispartner, selbst wenn
es Meinungsverschiedenheiten gab, daß ihre Ansichten in einem respektvollen, geordneten Rahmen geäußert werden konnten. In der Welt von gestern hat uns
- und der Sache des Friedens - dieser Rahmen außerordentlich gute Dienste geleistet. Wenn wir unseren
historischen Geist der Zusammenarbeit bewahren,
wird dies auch für die Welt von morgen gelten.
*

AMERIKA DIENST 6

*
Seite 3

�GUS-HILFE
12. Februar 1992

BAKER: "PROJEKT HOFFNUNG"
INVESTITION IN STABILITÄT
Erklärung am Frankfurter Flughafen
FRANKFURT - (AD) - Zum Beginn des "Projekt Hoffnung" hat US-Außenminister Baker am 10. Februar 1992
auf dem Frankfurter Flughafen erklärt, das Vorhaben zur Lieferung dringend benötigter Nahrungsmittel und
medizinischer Hilfsgüter in die Republiken der ehemaligen Sowjetunion sei eine Investition in "weltweite
Sicherheit und Stabilität auf Jahrzehnte hinaus".
"Projekt Hoffnung ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung; es ist eine Partnerschaft für eine bessere Zukunft",
stellte Baker fest und charakterisierte dabei das amerikanische Militär, das sich an den Sonderflügen zur
Lieferung der Hilfsgüter beteiligt, als "Friedensstifter".
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Erklärung im Wortlaut.

Erst vor 18 Tagen haben wir in Washington das
"Projekt Hoffnung" angekündigt - eine helfende Hand
für die neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion. Unser Ziel war nicht nur Hilfe, um eine
steigende Flut menschlicher Not zu bekämpfen, sondern auch die Aussendung einer Botschaft der Hoffnung und Unterstützung in harten Zeiten.

tigte Nahrungsmittel und Medikamente für Waisenhäuser, Altersheime und Schulen transportieren. Sie
werden helfen, die Kranken zu behandeln und die
Hungernden zu verpflegen. Vor allem werden sie den
Menschen der neuen unabhängigen Staaten eine
dramatische Botschaft der Hoffnung überbringen. Diese
Botschaft ist schlicht:

Ich möchte zu Beginn den anderen Mitgliedern der
internationalen Staatengemeinschaft danken, die
beschlossen haben, sich den Bemühungen der Vereinigten Staaten nicht nur hier, sondern auch an anderen
Orten auf der Welt anzuschließen. Noch während ich
hier spreche, steigen weitere Hilfsflüge von Ankara
und Incirlik auf, und wir beglückwünschen die Türkei
für die Bereitstellung dieser entscheidenden "Brücke"
in die neuen unabhängigen Staaten. Auch von Japan
werden Hilfsgüter an Bestimmungsorte im Fernen
Osten Rußlands transportiert. Dies zeigt erneut, daß
die internationale Staatengemeinschaft auf dem Weg
der Arbeitsteilung die dringenden humanitären Bedürfnisse in der ehemaligen Sowjetunion besser erfüllen
kann.

Der kalte Krieg ist beendet, und jetzt ist es an der
Zeit, daß sich alle zum Aufbau eines neuen
Friedens zusammenschließen.

Meine Damen und Herren, wir wissen, daß 54 amerikanische Hilfsflüge nicht alle leeren Regale Rußlands
und Tadschikistans, Armeniens und Turkmeniens füllen können. Wir wissen, daß 54 amerikanische Hilfsflüge nicht alle leeren Apotheken der Ukraine, Usbekistans oder Aserbeidschans mit Medikamenten versorgen können. Aber diese Flüge werden dringend benö-

AMERIKA DIENST 6

Wir blicken auf Sie als Partner, nicht Gegner.
Wir bewundern Ihren Mut beim Aufbau neuer
Gesellschaften auf der Basis freier Märkte und
freier Ideen. Wir wissen, daß dies nicht leicht
sein wird und werden dabei helfen.
Diese Flugzeuge sollen unsere Boten sein und unser
Engagement symbolisieren, die Freiheit in diesen neuen
Ländern zum Blühen zu brigen. In Minsk und Moskau,
Kiew und Eriwan, Bischkek und Alma-Ata werden
unsere Flugzeugbesatzungen keine alten Feinde
sondern neue Freunde finden - Freunde, die unsere
wichtigsten Werte teilen: eine demokratische Regierung, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft. Unsere
Besatzungen werden keine demütigen Nationen vorfinden, die Almosen entgegennehmen wollen, sondern
stolze Völker, die unsere Hilfe bei der Gestaltung ihrer
demokratischen Schicksale verdienen.

Seite 1

�Unsere jungen Menschen, die diese Nahrungs- und
Arzneimittel verteilen, werden entdecken, daß das
Ende des kalten Kriegs ein Sieg nicht nur für Amerika
und seine Verbündeten war: Es war ein Triumph des
menschlichen Geistes überall. Jeder, der Freiheit
schätzt, hat gewonnen, als der Kommunismus verloren hat. Und jeder, der Freiheit schätzt, wird gewinnen,
wenn die Demokratie in den neuen unabhängigen
Staaten erfolgreich ist.

Meine Damen und Herren, ich halte es nur für richtig,
daß sich das US-Militär an diesem Feldzug der Hoffnung beteiligt. Es ist richtig, weil die Männer und
Frauen der US-Streitkräfte sich niemals als Kriegstreiber sondern als Friedensstifter verstanden haben.
Ebenso wie sie den Krieg verhindert haben, können sie
jetzt den neuen Frieden schaffen.
Als Friedensstifter nehmen sie heute am Projekt Hoffnung teil.

Projekt Hoffnung ist keine Wojltätigkeitsveranstaltung.
Als Friedensstifter wünschen wir ihnen: Viel Glück und
Es ist eine Partnerschaft - Partnerschaft für eine
bessere Zukunft. Darüber hinaus ist es eine Investition Gott mit Ihnen!
in die Sicherheit - die Sicherheit des Westens, weltweite Sicherheit und Stabilität auf Jahrzehnte hinaus.
* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 6

�GUS
12. Februar 1992

HUMANITÄRE HILFE DER USA
AN DIE GUS ANGEROLLT
Rede von Außenminister Baker vor dem Kongreß
WASHINGTON - (AD) - Die Bestrebungen der Vereinigten Staaten, den ums Überleben kämpfenden neuen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu helfen, sind in die Wege geleitet worden, erklärte der Au ßenminister am
5. Februar 1992 vor dem Kongreß.
"Projekt Hoffnung" - eine umfassende, kurzfristige Luftbrücke mit Hilfsgütern für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) - läuft in der nächsten Woche an, berichtete Baker vor dem Senatsausschuß für Auswärtige
Beziehungen. Dann werden "Flugzeuge der US-Luftwaffe dringend benötigte Nahrungsmittel und medizinische
Güter in jeden der 12 neuen unabhängigen Staaten fliegen, in dem ein solcher Transport kein Risiko bedeutet."
"Allein in den nächsten drei Monaten", fuhr Baker fort, "werden wir die am meisten Gefährdeten - die Alten, die
Jungen und die Kranken - mit Weizen, Molkereiprodukten, Babynahrung, Speiseöl, Fleisch, Antibiotika und
anderen Medikamenten versorgen."
Die langfristige Herausforderung besteht Baker zufolge darin, diesen Staaten zu helfen, "ihren Platz als friedliche,
demokratische und wohlhabende Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft zu finden... Wie wir diese
Herausforderung angehen, wird...das internationale Geschehen im nächsten Jahrhundert beeinflussen."
Baker erläuterte vor dem Ausschuß den Antrag der Administration zur Bewilligung der Mittel für internationale
Angelegenheiten im Haushaltsjahr 1993.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Außenminister Baker im Wortlaut.
Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, vor diesem
Ausschuß unseren Antrag zur Bewilligung der Mittel
für auswärtige Angelegenheiten im Haushaltsjahr 1993
erläutern zu dürfen. Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich
meine detaillierten schriftlichen Ausführungen ins
Protokoll aufnehmen lassen.
Ein Jahr der Umgestaltung
Herr Vorsitzender, in dieser Woche vor einem Jahr
habe ich diesem Ausschuß unseren Haushaltsentwurf
1992 vorgelegt. In der inzwischen vergangenen Zeit
haben wir ein dramatisches Jahr erlebt, ein Jahr rascher Veränderungen, ein Jahr, das das Ende einer
Ära und die Geburt einer neuen symbolisiert, ein Jahr,
über das unsere Kinder und Enkelkinder in ihren Geschichtsbüchern lesen werden.
Es war das Jahr, in dem eine beispiellose, von
den Vereinigten Staaten angeführte Koalition
die irakische Aggression zunichte machte, die
legitime Regierung Kuwaits wiedereinsetzte und
sicherstellte, daß wir nicht zur Geisel der Ambitionen eines Diktators wurden.

AMERIKA DIENST 6

Es war das Jahr, in dem unsere Investitionen in
den Frieden weltweit Dividenden zu bringen begannen, als ehemalige Gegner in El Salvador,
Kambodscha und Südafrika begannen, Jahrzehnte des Mißtrauens zu überbrücken.
Es war das Jahr, in dem wir sogar im Nahen
Osten - für Jahrzehnte Schauplatz von Kriegen,
Bitterkeit und Haß - Zeuge wurden, wie ehemalige Feinde sich zu Gesprächen zusammensetzten: Nur ein erster Schritt, jedoch ein lebenswichtiger auf dem Weg zum Frieden. Die Vereinigten Staaten können auf ihre Rolle bei diesem historischen Durchbruch stolz sein.
Es war das Jahr, in dem wir die Verhandlungen
über ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen aufgenommen haben - ein Abkommen, das auf lange Sicht den größten Markt der
Welt mit einer Jahresproduktion von 6 Billionen
Dollar und über 360 Millionen Menschen schaffen wird.

Seite 1

�Vor allem jedoch war es das Jahr, in dem der
Stalinismus und die Sowjetunion zusammenbrachen und ein Dutzend neuer Staaten um
ihren Platz in der demokratischen Staatengemeinschaft kämpften. Herr Vorsitzender, beim
Treffen zwischen Präsident Bush und seinem
Amtskollegen Jelzin am vergangenen Wochenende wurde diese Umgestaltung offiziell in der
Erklärung von Camp David festgeschrieben:
Der kalte Krieg ist beendet, und jetzt haben wir
die Chance, einen demokratischen Frieden zu
schmieden, einen dauerhaften, auf gemeinsamen Werten - Demokratie sowie politische und
wirtschaftliche Freiheit - aufgebauten Frieden
Der Triumph dieser Werte in Rußland und den
anderen neuen unabhängigen Staaten wird in
den kommenden Jahrzehnten die sicherste
Grundlage für Frieden bieten - und die stärkste
Garantie unserer nationalen Sicherheit. Es
werden jedoch weitere Herausforderungen auf
uns zukommen.
Herr Vorsitzender, die Welt ist heute ein vielversprechenderer und besserer Ort als noch vor einem Jahr.
Die dramatischen Ereignisse, die wir beobachten und
mitgestaltet haben, berechtigen zu Optimismus. Dieser Optimismus sollte - und darf - uns jedoch nicht
gegenüber den verbleibenden Herausforderungen blind
machen. Diese Herausforderungen sind real. Ich
möchte nur einige nennen:
Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen ist nach wie vor eine tödliche Bedrohung des
internationalen Friedens. Die Enthüllungen über
das moderne Atomwaffenprogramm des Irak
und das Gespenst eines Käufermarktes für
sowjetisches Know-how lehren uns eine deutliche Lektion: Nur durch konstante, koordinierte
Wachsamkeit - die Art von Wachsamkeit, die
uns den Sieg im kalten Krieg beschert hat können wir unsere nationale und internationale
Sicherheit gewährleisten.
Regionale Konflikte wurden beigelegt - aber
nicht überall und nicht gleich schnell. Indien und
Pakistan haben beispielsweise gerade erst den
schwierigen Versöhnungsprozeß begonnen.
Ebenso wie im Nahen Osten wird der Friedensschluß schmerzlich in die Länge gezogen. Den
Frieden in El Salvador, Kambodscha und andernorts zu bewahren, wird teuer. Wir und die
internationale Staatengemeinschaft dürfen bei
unserer Unterstützung für beides nicht wanken.
Die Öffnung von Märkten für amerikanische
Güter und Dienstleistungen stellt uns vor eine
besonders große Herausforderung. Auf bilateraler Ebene müssen wir verhandeln um sicherzustellen, daß bestimmte Auslandsmärkte sich
nicht gegen unsere Güter und Dienstleistungen
abschotten. Regional müssen wir die Antriebs-

Seite 2

kraft zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen erhalten. Und international müssen
wir die Führungsrolle übernehmen, um den Erfolg
der Uruguay-Runde und den Abbau von Handelshemmnissen weltweit zu gewährleisten.
Und, Herr Vorsitzender, wir dürfen die Aufgabe
der Konsolidierung demokratischer Werte nicht
außer acht lassen. Der Sieg der Demokratie
wurde nicht überall errungen, und er ist sicherlich nicht selbstverständlich. In einem Großteil
der Welt stehen repräsentative Regierungen
und Rechtsstaatlichkeit noch immer auf schwachen Füßen oder sind nach wie vor ein femer
Traum. Wir müssen uns vor Augen führen, daß
die Vereinigten Staaten mehr sind als die grö ßte
Demokratie der Welt: Wir sind überall der
Sprecher der demokratischen Staatengemeinschaft. Keine dieser Herausforderungen kann
durch Wunschdenken bewältigt werden, keine
wird verschwinden, wenn wir unsere Augen
schließen. Ich bin jedoch überzeugt, daß wir bei
der Verfolgung unserer Interessen in einer freien, wohlhabenden und friedlichen Welt eine
wirksame Politik erarbeiten können. Dies gilt
insbesondere im Hinblick auf die größte heute
vor uns liegende Herausforderung: Den neuen
Staaten der ehemaligen Sowjetunion dabei zu
helfen, ihren Platz als friedliche, demokratische
und wohlhabende Mitglieder der internationalen
Staatengemeinschaft zu finden. Wie wir diese
Herausforderung angehen, wird meines Erachtens das internationale Geschehen im nächsten
Jahrhundert beeinflussen. Herr Vorsitzender,
ich glaube jedoch, daß wir das Instrument zur
Bewältigung dieser Herausforderung zur Hand
haben - ein Instrument, das unsere bilaterale
Diplomatie verbessert und unseren Einfluß
erweitert. Es ist ein Instrument, das uns geholfen hat, über den Irak zu siegen. Und es ist das
Instrument, das in unserer Außenpolitik einen
noch größeren Stellenwert einnehmen wird, wenn
wir die Politik des Containment hinter uns lassen.
Vom Containment zum kollektiven Engagement
Dieses Instrument ist kollektives Engagement: Nationen ergreifen zur Verfolgung gemeinsamer Interessen
und Lösung gemeinsamer Probleme konzertierte
Maßnahmen. In den vergangenen Wochen habe ich
dieses Konzept bereits auf der ganzen Welt in Aktion
gesehen:
In Prag bin ich mit den anderen 47 Mitgliedern
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zusammengekommen, um ihre
wertvolle Aufgabe als Gewissen eines Kontinents voranzubringen und dazu beizutragen,
Demokratie von Vancouver bis Wladiwostok
aufzubauen.
AMERIKA DIENST 6

�In Moskau traf ich drei Dutzend Minister, während die Nahost-Friedensgespräche eine neue
multilaterale Dimension annahmen, indem sie
die Interessen der internationalen Staatengemeinschaft anerkannten, Frieden in diese krisengeschüttelte Region zu bringen.
In New York kam Präsident Bush mit 14 Staatsund Regierungschefs und Generalsekretär
Boutros Ghali zusammen, um einen neuen Kurs
für den UN-Sicherheitsrat zu entwerfen - ein
Gremium, das als Forum für internationale
Konsensbildung und gemeinsames Vorgehen
jetzt zu voller Reife gelangt und
- vielleicht am außergewöhnlichsten von allem
- in Washington versammelten sich 54 Nationen
und internationale Organisationen zu einer Koordinierungskonferenz, um die Arbeit bei der
Befriedigung der dringenden humanitären Bedürfnisse der ehemaligen Sowjetunion untereinander aufzuteilen.
Eine zweite Koalition
Herr Vorsitzender, diese Konferenz hat eine neue
Koalition hervorgebracht, eine nicht weniger wichtige
Koalition, als diejenige, die Kuwait befreite:
Eine Koalition zur Unterstützung von Demokratie in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion.
Eine Koalition, die den Menschen bei ihrem
Kampf mit dem schmerzlichen Übergang zu
einer Marktwirtschaft hilft.
Eine Koalition zur Bewältigung eines dringenden, sehr menschlichen Notstands. Und - vor
allem eine Koalition, die in harten Zeiten Hoffnung
bietet - Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht
nur für die Menschen in den neuen unabhängigen Staaten sondern auf der ganzen Welt.
Die Erwartungen
Viele derjenigen, die bei der Koordinierungskonferenz
eine helfende Hand ausgestreckt haben, waren einstmals - ebenso wie wir - Gegner der Sowjetunion.
Einige wurden bisher vom Stalinismus beherrscht.
Aber alle waren in der gemeinsamen Wertschätzung
der mit dem Zusammenbruch des Totalitarismus in der
Sowjetunion einhergehenden außerordentlichen Erwartungen geeint. Diese Erwartungen wären noch vor
wenigen Jahren unvorstellbar gewesen:
Die Aussicht, daß an die 300 Millionen Menschen aus einem über 70jährigen Alptraum der
totalitären Herrschaft erwachen und ihr demokratisches Schicksal selbst in die Hand nehmen.

AMERIKA DIENST 6

Die Chance, daß sich die 12 Nachfolgestaaten
von einer siechenden Kommandowirtschaft zu
pulsierenden freien Märkten wandeln.
Und - am wichtigsten vielleicht - die reale Hoffnung, den Alptraum der nuklearen Konfrontation der Welt hinter uns zu lassen.
Gemeinsame Interessen, konzertierte Aktionen,
amerikanische Führungsrolle
Um aus meiner Rede vor der Koordinierungskonferenz
zu zitieren: Globale Probleme erfordern globale Lösungen. Und so war es bei der Konferenz: Nicht nur
die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten sondern Länder aus Osteuropa, dem Fernen Osten, Lateinamerika und dem Persischen Golf
setzten sich zusammen, um Bewertungen zu vergleichen und Aktionspläne zur Befriedigung humanitärer
Bedürfnisse zu schmieden.
Diese Koalition ist ebenso wie die Koalition, die den
Sieg am Golf erlangte, tief im Prinzip der geteilten
Verantwortung verwurzelt. Das heißt nicht, eine
Rechnung zu addieren und dann den Betrag zu teilen.
Es bedeutet die Aufbietung - finanzieller, technischer
und menschlicher - Ressourcen aller interessierten privaten und öffentlichen - Parteien zur Unterstützung
eines gemeinsamen Ziels. Durch Zusammenarbeit
mit den anderen internationalen Protagonisten - insbesondere den Ländern der G-7, der Europäischen
Gemeinschaft und der NATO - können wir gemeinsam
das erreichen, was wir alleine niemals leisten könnten.
Und diese Koalition erfordert ebenso wie diejenige, die
wir während der Golfkrise gebildet haben, daß die
Vereinigten Staaten wiederum Führungskraft demonstrieren. Ebenso wie wir das Bündnis angeführt haben, das den kalten Krieg gewonnen hat, müssen wir
jetzt mit die Koalition zur Erlangung des Friedens
anführen. Was die Vereinigten Staaten anbetrifft, Herr
Vorsitzender - unsere Bestrebungen sind in die Wege
geleitet:
In der vergangenen Woche traf in Minsk ein
"Kontaktteam" mit Vertretern der Nachfolgestaaten zusammen, um die Aktionspläne der
Koordinierungskonferenz zu erörtern und den
Prozeß der internationalen Zusammenarbeit bei
der Bewältigung eines globalen Notstands zu
beschleunigen.
Projekt Hoffnung - eine umfassende, kurzfristige Luftbrücke mit Hilfsgütern an die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) - läuft in
der nächsten Woche an. Flugzeuge der USLuftwaffe werden dringend benötigte Nahrungsmittel und medizinische Güter in jeden der 12
neuen unabhängigen Staaten fliegen, in dem
ein solcher Transport kein Risiko bedeutet.
Allein in den nächsten drei Monaten werden wir
die am meisten Gefährdeten - die Alten, die
Seite 3

�Jungen und die Kranken - mit Weizen, Molkereiprodukten, Babynahrung, Speiseöl, Fleisch,
Antibiotika und anderen Medikamenten versorgen.

müssen wir sicherstellen, daß die neuen Staaten ihr Versprechen einhalten, die Atomwaffen
weiterhin einer zentralen Kontrolle zu unterstellen;

Und wir haben Botschafter Richard Armitage,
einen erprobten Krisenmanager, zum Koordinator der amerikanischen Bemühungen ernannt.
Diese und andere Hilfsleistungen für die neuen
Staaten sind kein Ersatz für durchgreifenden
Reformen in den jeweiligen Ländern. Diese
neuen Staaten müssen ihrer Verpflichtung zu
wirtschaftlichen und politischen Reformen nachkommen. Wir wissen das ebenso wie die Politiker und Völker dieser neuen Staaten. Ich bin
jedoch überzeugt, daß internationale Hilfe bei
der Bewältigung dieses Notstands und der
Herbeiführung von Reformen eine entscheidende Rolle spielen kann.

müssen wir die Zerstörung taktischer Nuklearwaffen weiterführen, wie sie Präsident Bush in
seiner dramatischen Initiative vom 27. September vorgeschlagen hat. Wir helfen den neuen
Staaten, die Zerstörung von Atomwaffen zu
beschleunigen;

Das Risiko
Ich habe bereits von den mit dem Zerfall der Sowjetunion einhergehenden Erwartungen gesprochen. Ich
möchte jetzt offen über die Risiken sprechen. Die
neuen unabhängigen Staaten kämpfen tapfer, um
neue, auf eine repräsentative und rechenschaftspflichtige Regierung gegründete Gesellschaften, Rechtsstaaten und freie Märkte zu schaffen. Sie tun dies
jedoch mit der von über 70 Jahren der politischen und
wirtschaftlichen Mißwirtschaft hinterlassenen Last. Die
Versuchungen ethnischer Konflikte und autoritärer
Herrschaft sind weiterhin groß. Und trotz der dramatischen Fortschritte bei der Rüstungskontrolle sind
noch immer über 30.000 Nuklearwaffen in den Staaten
der ehemaligen Sowjetunion stationiert. Während wir
also bei der Bewältigung des humanitären Notstands
vorankommen, müssen wir den neuen Staaten auch
helfen, die Sicherheit von Nuklearwaffen zu gewährleisten, einen Großteil dieser Waffen zu beseitigen und
Vorsorge gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Technologien zu deren Herstellung
treffen. Im Hinblick darauf habe ich Rußland, die
Ukraine, Kasachstan und Weißrußland besucht, um
mit den neuen Regierungen über die Notwendigkeit zu
sprechen, sich für eine verantwortungsvolle Sicherheitspolitik zu engagieren und diese auch durchführen.
Wir haben den Staatssekretär für internationale Angelegenheiten, Botschafter Bartholomew, im vergangenen Monat zu Gesprächen über Themen wie die
Führungs- und Kontrolleinrichtungen für Atomwaffen,
die Zerstörung von Waffen und Nichtverbreitung im
allgemeinen in die frühere Sowjetunion entsandt.
Darüber hinaus habe ich letzte Woche in Moskau
ebenso produktive Gespräche mit Präsident Jelzin
geführt wie Präsident Bush in Camp David. Daran
werde ich anschließen, wenn ich nächste Woche nach
Moskau reise. Die Zusicherungen, die wir bei diesem
Dialog auf höchster Ebene erhalten haben, waren sehr
positiv, und wir freuen uns auf ihre Fortsetzung. Bei
weiteren Fortschritten

Seite 4

müssen wir erkennen, daß die neuen Staaten
ihr Versprechen einhalten, die START-,KSEund Nichtverbreitungsverträge durchzuführen;
müssen wir den neuen Staaten der früheren
Sowjetunion bei der Erarbeitung effektiver Exportkontrollen helfen. Präsident Jelzins angekündigte Absicht, Gesetze zum Umgang mit
Mehrzwecktechnologie zu verabschieden, ist
dabei sehr willkommen;
müssen wir einzelne Vorschläge für die wissenschaftliche Zusammenarbeit entwickeln, mit dem
Ziel, daß den Wissenschaftlern der Anreiz
genommen wird, ihr Know-how potentiellen
Weiterverbreitern zur Verfügung zu stellen. Wir
werden in Kürze einen hochrangigen Beamten
des Außenministeriums benennen, der diese
Bestrebungen koordinieren soll.
Natürlich müssen auch wir selbst den START-Vertrag
ratifizieren. Herr Vorsitzender, ich kai m diesen letzten
Punkt nicht eingehend genug betonen. START bleibt
entscheidender Bestandteil unserer Beziehungen zu
den neuen Staaten. Erstens erhöht das Verifizierungsregime von START Transparenz und Offenheit
zu einer Zeit turbulenter Veränderungen. Zweitens
schafft START ein rechtsverbindliches Regime, das
Verpflichtungen aufstellt, die es uns leichter machen,
substantielle und stabilisierende Reduzierungen festzuschreiben. Drittens liefert START eine stabile Struktur und ebensolche Grundregeln, im Rahmen derer
weitere Reduzierungen schnell erreicht werden können. Schließlich werden durch START die Ukraine,
Weißrußland und Kasachstan ermutigt, eine nichtnukleare Zukunft anzustreben. Ich möchte hier keinen
Alarm schlagen. Vielmehr bin ich, ebenso wie die
Politiker und Menschen in den neuen Staaten selbst,
voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sie und
uns. Aber ich muß betonen: die Auffassung, die Welt
sei sicher genug, um eine geringfügige Vernachlässigung durch Amerika zu vertragen, ist ganz einfach
falsch. Diese Regierung vertritt die Meinung - und
unser Haushalt geht davon aus -, daß die amerikanische Führungsrolle nach wie vor eine Notwendigkeit kein Luxus - ist.

AMERIKA DIENST 6

�Überblick über unsere Haushaltsvorlage
Herr Vorsitzender, im Haushaltsjahr 1993 fordern wir
22,1 Mrd. Dollar als frei verfügbare Ausgabeermächtigung für internationale Angelegenheiten und 20,6
Milliarden Dollar an Ausgaben. Im Haushaltsjahr 1992
betrug die geforderte oder gewährte Ausgabeermächtigung 22,2 Milliarden Dollar und 20,1 Milliarden Dollar
für Ausgaben. Unser Antrag liegt im Rahmen der
Bestimmungen über die Ausgabeermächtigung und
Ausgaben des Haushaltsgesetzes von 1990. Als
Außenminister bin ich täglich den Herausforderungen
ausgesetzt, denen sich die Vereinigten Staaten auf der
ganzen Welt stellen müssen. Aber ich bin auch ein
Staatsdiener und mir damit meiner Pflicht bewußt, die
Dollars des Steuerzahlers in einer Zeit wirtschaftlicher
Schwierigkeiten hier im Land sparsam einzusetzen.
Der Haushalt spiegelt diese beiden Tatsachen wider.
Es ist ein magerer Haushalt für magere Zeiten. Aber
es ist auch ein flexibler Haushalt, der dem veränderten
internationalen Umfeld Rechnung trägt, in dem wir
leben. Bevor ich einen allgemeineren Überblick gebe,
möchte ich zwei Initiativen hervorheben.
Hilfe für die neuen unabhängigen Staaten
Hilfe für die Staaten der früheren Sowjetunion ist das
Kernstück unserer Haushaltsvorlage. Wir fordern für
die Haushaltsjahre 1992 und 1993 620 Millionen an
neuen Mitteln:
500 Millionen für einen Sonderfonds für besondere humanitäre und technische Hilfe, um vordringlichen humanitären Bedürfnissen und
besonderem Bedarf an Hilfe gerecht zu werden;
100 Millionen für den Wirtschaftshilfefonds zur
Unterstützung demokratischer Reformen, wirtschaftlicher Umstrukturierung und Umwandlung
der Rüstungsindustrie;
10 Millionen Dollar Entwicklungshilfe für die
ärmeren Republiken und
10 Millionen im Rahmen des Projekts PL-480,
"Food for Peace" für ein technisches Hilfsprogramm von Farmern für Farmer.
Zusammen mit den im Rahmen geltender Gesetze
verfügbaren 860 Millionen Dollar und 3,75 Milliarden
an Exportgarantien wird unser Vorschlag den neuen
Staaten dringend benötigte Hilfe in Höhe von über 5
Milliarden Dollar leisten.
Unterstützung internationaler Organisationen und
multilateraler Friedensbestrebungen
Bei den Friedensmissionen beabsichtigen wir ebenso
wie bei unserer Hilfe für die Republiken der früheren
Sowjetunion, unser Geld dort zu verteilen, wo es auch
uns besonders zugute kommt. Wir wollen die neue

AMERIKA DIENST 6

Solidarität der Vereinten Nationen stärken, die sich
erstmals während der Golfkrise zeigte und ihre Schlüsselrolle bei der Entschärfung internationaler Konflikte
unterstützen. Deshalb schlagen wir 350 Millionen
Dollar als Ergänzung zum Haushalt 1992 und 350
Millionen zusätzlich zum Haushalt 1993 vor, um unseren gerechten Anteil an den neuen und erwarteten
Friedensmissionen in Kambodscha, El Salvador, Afrika, dem Nahen Osten und vielleicht Jugoslawien zu
leisten. Wir betrachten diese Mittel als Investitionen in
den Frieden. Darüber hinaus schlagen wir vor, eine
dritte Rate von 115 Millionen der Rückstände zu zahlen, die wir den Vereinten Nationen und anderen
internationalen Organisationen schulden, und wir fordern einen Vorschuß auf die Haushalte 1994 und
1995, um die kontinuierliche Abzahlung der Rückstände sicherzustellen. Darüber hinaus halten wir es auch
für entscheidend, unseren Verpflichtungen im Hinblick
auf die Erhöhung der Beteiligung am IWF nachzukommen. Gemeinsam mit anderen Mitgliedstaaten würden wir damit das Kapital des IWF erhöhen, das
notwendig ist, wenn diese Institution eine führende
Rolle bei der Förderung wirtschaftlicher Umstrukturierung in Rußland und den anderen jetzt unabhängigen
Staaten übernehmen soll.
Auslandshilfe
Auslandshilfe bleibt in den neunziger Jahren ein wichtiges Instrument zur Förderung amerikanischer Interessen. Sie gestattet die rechtzeitige, flexible Unterstützung unseres Interesses an politischem Pluralismus, der Entwicklung freier Marktwirtschaft, Friedenstiftung und starken Bündnissen. Die Auslandshilfe
wird insgesamt im Haushaltsjahr 1993 um 465 Millionen Dollar gesenkt, von 16,3 Milliarden in unserer
Haushaltsvorlage 1992 auf 15,8 Milliarden Dollar.
Herausragende Merkmale unseres Programms bilateraler Hilfe für das Haushaltsjahr 1993 sind:
Ein 11 prozentiger Abbau der Militärhilfe von 4,7
Milliarden auf 4,2 Milliarden Dollar, was die
geringeren internationalen Spannungen widerspiegelt. Israel und Ägypten erhalten etwa 70
Prozent der gesamten Militärhilfe, der Rest geht
an andere Verbündete, darunter Portugal, die
Türkei, Griechenland und die Andenstaaten.
Eine Kürzung um 100 Millionen Dollar bei Wirtschaftshilfefonds von 3,2 Milliarden auf 3,1 Milliarden Dollar. Israel und Ägypten werden etwa
65 Prozent aller Mittel aus diesem Programm
erhalten. Andere wichtige Empfänger sind die
frühere Sowjetunion, El Salvador, Nicaragua
und die Andenstaaten.
Eine Steigerung um 50 Millionen Dollar bei der
Osteuropahilfe von 400 Millionen auf 450 Millionen Dollar, mit dem Schwerpunkt der Stärkung
demokratischer Institutionen und Marktwirtschaft.

Seite 5

�In etwa konstante Wirtschaftshilfe von 2,5 Milliarden Dollar, einschließlich des Entwicklungsfonds für Afrika. Erwartungsgemäß werden wir
70 Ländern Hilfe mit Programmen leisten, die
dauerhaftes breitgefächertes Wirtschaftswachstum betonen.
Ein Sonderfonds für Kapitalprojekte im Umfang
von 100 Millionen Dollar, um den Empfängerländern bei Investitionen in ihre Infrastruktur zu
helfen.
Eine Umweltinitiative für Asien über 25 Millionen
Dollar, um die ernsthaften Umweltprobleme anzugehen, die Asiens Wirtschaftswachstum beeinträchtigen.
1,3 Milliarden Dollar Nahrungsmittelhilfe im
Rahmen des Programms PL-480, mit dem Ziel,
Bedürftigen auf der ganzen Welt zu helfen und
künftige Märkte für US-Agrarprodukte zu erschließen.
286 Millionen Dollar für die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas, um die Schuldenlast gegenüber den Vereinigten Staaten abzubauen, die Länder auf dem
Weg zur wirtschaftlichen Liberalisierung angesammelt haben.
eine Investition in die Zukunft eines schnell
wachsenden Markts für amerikanische Exporte.
Multilaterale Entwicklungsinstitutionen
Für das Haushaltsjahr 1993 fordern wir 1,8 Milliarden
Dollar für multilaterale Entwicklungsorganisationen,
die wirtschaftliche Reformen und Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern fördern. Darin enthalten
sind 100 Millionen Dollar für den von der Interamerikanischen Entwicklungsbank verwalteten Multilateralen
Investitionsfonds EAI. Der Fonds gewährt Ländern
technische Hilfe und finanzielle Unterstützung, die ihre
Investitionsregimes liberalisieren. Darüber hinaus
schlagen wir eine neue vierjährige Auffüllung des
Entwicklungsfonds für Asien vor, mit einer ersten Rate
von 170 Millionen Dollar im Jahr 1993.
Freiwillige Beiträge
Femer fordern wir für das Haushaltsjahr 1993 257
Millionen Dollar für freiwillige Beiträge an internationale Organisationen wie das UN-Entwicklungsprogramm
(124 Millionen Dollar) und den Kinderhilfsfonds der
Vereinten Nationen (60 Millionen Dollar).
Flüchtlingsprogramme
Die Vereinigten Staaten spielen seit langem eine wichtige und entscheidende Rolle beim Umgang mit dem
weltweiten Flüchtlingsproblem - 1991 nirgendwo offensichtlicher als bei unserer unmittelbaren Hilfe für die

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Kurden. Unser Antrag für das Haushaltsjahr 1993
umfaßt 550 Millionen Dollar an Auswanderungs- und
Flüchtlingshilfe und 20 Millionen Dollar zur Aufstokkung des Notfonds für Flüchtlingshilfe. Für unsere
Flüchtlingsprogramme im Ausland beantragen wir 265
Millionen Dollar, um internationale Bestrebungen zu
unterstützen und Flüchtlingen Schutz, Versorgung,
Hilfe bei Umsiedlung und Repatriierung zu gewähren.
Zur Finanzierung unseres Programms für die Einreise
und Umsiedlung von Flüchtlingen beantragen wir 208
Millionen Dollar. Damit werden die Ausgaben für
schätzungsweise 122.000 Flüchtlinge gedeckt, deren
Einreise in die Vereinigten Staaten geplant ist. Schließlich schlagen wir zur Fortführung eines 1973 eingeführten Programms 50 Millionen Dollar für die Umsiedlung von Flüchtlingen in Israel vor.
Drogenbekämpfung
Im Haushaltsjahr 1993 beantragen wir etwa 580 Millionen Dollar für internationale Drogenbekämpfungsprogramme, um dem Fluß illegaler Drogen in die Vereinigten Staaten Einhalt zu gebieten - eine oberste nationale Priorität. Dabei sollen mit 173 Millionen Dollar
Aktivitäten des Amts für Internationale Drogenangelegenheiten finanziert werden, unter anderem polizeiliche Maßnahmen in Lateinameria und Asien und die
Drogenbekämpfung per Flugzeug. 250 Millionen Dollar Hilfe aus dem Wirtschaftsförderungsfonds werden
Kolumbien, Peru und Bolivien dabei unterstützen, ihre
legale Wirtschaft neuzubeleben und Alternativen zum
Koka-Anbau zu schaffen. Programme von FMF, dem
US-Amt für internationale Entwicklung und dem USInformationsamt runden das Paket zur Drogenbekämpfung im Rahmen der Außenpolitik ab.
Investitionen in die Diplomatie
Der Zusammenbruch der Sowjetunion verschafft uns
eine einzigartige Chance, amerikanische Interessen
und Werte weltweit zu fördern. Eine unserer ersten
Prioritäten wird die Eröffnung neuer Botschaften in der
früheren Sowjetunion und die Verstärkung unserer
Präsenz im Baltikum und in Kambodscha sein. Erst im
vergangenen Monat haben wir Botschaften in Kiew,
Minsk, Alma-Ata, Bischkek und Eriwan eröffnet. Wenn
wir diese Chance nutzen wollen, müssen wir auch das
Einwanderungsgesetz von 1990 durchführen, Amerikanern im Ausland konsularische Dienste anbieten,
unsere Beamten ausbilden, neue Sprachen zu sprechen und neue Probleme zu erkennen und unser lange
aufgeschobenes Programm für Instandsetzung, Modernisierung oder Neubau unserer diplomatischen und
konsularischen Vertretungen fortsetzen. Im Haushaltsjahr 1993 beantragen wir 2,1 Milliarden Dollar für
den Betrieb des Au ßenministeriums - eine Steigerung
von 115 Millionen Dollar gegenüber dem laufenden
Jahr. Darüber hinaus fordern wir 600 Millionen Dollar
für unser Bauprogramm im Ausland. Von dieser
Gesamtsumme werden 140 Millionen Dollar in die

AMERIKA DIENST 6

�Fertigstellung moderner und sicherer Gebäude in
Moskau fließen - ein wichtiger Schritt, um dieses noch
ausstehende Problem zu lösen.

zu 500 Freiwillige in die Republiken der früheren
Sowjetunion entsandt, ohne daß unsere Bestrebungen an anderen Orten verringert werden müßten.

Öffentlichkeitsarbeit

Schlußbemerkung

Die amerikanische Öffentlichkeitsarbeit nahm bei der
amerikanischen Politik gegenüber den Revolutionen in
Osteuropa und der früheren Sowjetunion einen hohen
Stellenwert ein. Im Haushaltsjahr 1993 fordern wir 1,1
Milliarden Dollar für das US-Informationsamt, das seine
Aktivitäten in den Ländern der früheren Sowjetunion
und in Kambodscha auszuweiten plant. Ferner streben wir 220 Millionen Dollar für den Internationalen
Rundfunkrat an.

Herr Vorsitzender, nach diesem Parforceritt durch
unseren Haushalt für die Au ßenpolitik möchte ich gern
auf eine Beobachtung zurückkommen, die ich zu Beginn
dieser Ausführungen gemacht habe: Wir sind auf dem
Weg in ein neues Zeitalter. Es ist so neu, daß dafür
noch eine Bezeichnung gefunden werden muß. Wir
erfreuen uns der einmaligen Chance, an der Gestaltung dieser neuen Ära mitzuwirken und sie für künftige
Generationen zu definieren. Wird sie als Zeitalter des
Neoisolationismus bekannt werden? Das Zweite Zeitalter des Protektionismus? Das Zeitalter der Weiterverbreitung? Die Ära schmutziger kleiner Kriege?
Oder wird sie als Zeitalter des Wohlstands, der Demokratie, des langen Friedens in die Geschichte eingehen? Wir haben die Wahl.

Peace Corps
Im Haushaltsjahr 1993 fordern wir 218 Millionen Dollar
für das Peace Corps. Damit werden vordringliche
Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa unterstützt und bis

*

AMERIKA DIENST 6

* * *

*

Seite 7

�UMWELT
12. Februar 1992

USA BEREIT ZUM ENTWURF EINES PLANS ZUR
KONTROLLE VON TREIBHAUSGASEN
Interview mit Robert Reinstein
WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten sind bereit, bis Juni 1993 einen Plan zur Kontrolle von
gasförmigen Emissionen - darunter Kohlendioxid - zu erarbeiten, die durch die Erwärmung der Erde möglicherweise zu den weltweiten Klimaveränderungen beitragen.
In einem Interview mit dem US-Informationsamt erklärte der Referatsleiter für Umweltfragen im US-Außenministerium, Robert Reinstein: "Eine einschneidende Verringerung von Treibhausgasen läßt sich ohne die
Einbeziehung von Kohlendioxid nicht erreichen, da Kohlendioxid einen solch erheblichen Anteil an den
Gesamtemissionen hat."
Reinstein ist der amerikanische Chef Unterhändler beim Zwischenstaatlichen Verhandlungsausschuß (INC) von
Vertretern aus etwa 130 Ländern, die gegenwärtig ein Rahmenabkommen über Grundsätze der Erforschung und
Kontrolle von Treibhausgasen erörtern. Die Unterhändler bemühen sich, bis zur Umweltkonferenz der Vereinten
Nationen in Rio de Janeiro vom 1.-12. Juni 1992 einen solchen Vertrag zu erarbeiten.
Reinstein zufolge könnte der amerikanische Entwurf für einen Plan zur Eindämmung von Treibhausgasen
frühestens ein Jahr nach Unterzeichnung eines internationalen Rahmenabkommens fertig sein. Für gewöhnlich ist bis zur Ratifizierung eines Vertrags, die meistens ein Jahr nach der Unterzeichnung oder noch später
stattfindet, kein Land zum Handeln verpflichtet.
Wissenschaftler haben herausgefunden, daß sich durch die Verbrennung von Kohle und Öl entstehendes
Kohlendioxid und andere Gase in der Atmosphäre konzentrieren und so das Entweichen eines Teils der
Erdwärme in den Weltraum verhindern. Es ist nicht sicher, ob dies schwerwiegende Klimaveränderungen zur
Folge haben wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview mit Reinstein in Auszügen.

Frage: Soviel ich weiß, fand das letzte, das vierte
Treffen des Zwischenstaatlichen Verhandlungsausschusses im Dezember in Genf statt. Wurden bei der
Konvention über Klimaveränderungen Fortschritte
erzielt?

lich, den viele jedoch noch nicht demonstriert haben,
sowie viel Geduld und harte Arbeit. Wir können dies
leisten, aber viele werden im Februar mit der Bereitschaft antreten müssen, auf eine praktische und
machbare Lösung hinzuarbeiten...

Antwort: Nun, die gute Nachricht lautet, daß zahlreiche Länder ziemlich detailliert ihre nationalen Positionen und Interessen dargelegt haben, indem sie entweder eigene Sprachregelungen für bestimmte Verfügungen vorgeschlagen oder gewisse andere Sprachregelungen abgelehnt haben. Die nationalen Positionen einer Reihe von Staaten sind also jetzt wesentlich
deutlicher. Das ist die gute Nachricht.

Einige der unterbreiteten Vorschläge sind jedoch in der
kurzen noch verbleibenden Zeit einfach nicht zu verwirklichen. Sie liegen zu weit außerhalb des allgemeinen Konsenses und sind zu komplex, um in dem zur
Verfügung stehenden engen Zeitrahmen verabschiedet zu werden.

Die schlechte Nachricht ist, daß dieser Text im Ergebnis so viele Klammern enthält, daß er nahezu unlesbar
ist. Um bis April eine Einigung herbeizuführen, ist von
zahlreichen Staaten der politische Wille dazu erforderAMERIKA DIENST 6

Frage: Können Sie mir sagen, wie die amerikanische
Position in den Verhandlungen aussieht? Wurden im
Dezember Veränderungen an der amerikanischen
Position vorgenommen? Ganz konkret, haben die
Vereinigten Staaten erklärt, sie würden die Verpflichtung eingehen, innerhalb von sechs Monaten nach
Seite 1

�Unterzeichnung einer Rahmenkonvention in Rio einen
Zeitplan für die Verringerung von Treibhausgasen
vorzulegen?
Antwort: Ja, das trifft in etwa zu. Unsere Position hat
sich in der Tat nicht grundsätzlich verändert. Sie hat
sich an den ursprünglich entwickelten Leitlinien orientiert, sich aber grundsätzlich nicht verändert, und das
heißt, daß wir grundsätzlich einer Rahmenkonvention
zustimmen sollten.
Innerhalb dieser Rahmenkonvention könnten wir weitergehen als bei den früheren Rahmenkonventionen,
etwa bei der Wiener Konvention zum Schutz der
Ozonschicht, und einen Prozeß der Zusammenarbeit
und Weiterentwicklung nationaler Ansätze zu Klimafragen schaffen.
Diese Art von Ansatz geht über eine reine Rahmenkonvention hinaus. Wir sind der Ansicht, daß diese Art
von Ansatz dem gegenwärtigen Wissensstand und
Verständnis von Klimafragen sowie den technischen
und wirtschaftlichen Aspekten von Reaktionen auf
Klimaveränderungen gerecht wird und die größtmögliche Zahl von Ländern in eine Konvention einbeziehen
würde.
Im Dezember haben wir lediglich darauf verwiesen,
daß wir im Februar des vergangenen Jahres einen
Aktionsplan zu Klimaveränderungen veröffentlicht
hatten, der eine erste Bestandsaufnahme von Maßnahmen umfaßte, die im Hinblick auf das Klima Vorteile bringen könnten.
In Genf habe ich dargelegt, daß wir die Maßnahmen
und Zahlen überprüfen, die in Zusammenhang mit
dem Bericht genannten Schätzungen von Treibhausgasen, um herauszufinden, ob es bei diesen Zahlen
Veränderungen gegeben hat, ob noch andere Maßnahmen, die vor einem Jahr noch nicht einbezogen
wurden, als weitere Schritte zur Bewältigung der Klimaveränderungen hinzugefügt werden könnten.
Wir haben erklärt, daß wir einige Ergebnisse dieser
Überprüfung im Rahmen des Verhandlungsprozesses
mit anderen Ländern teilen würden. Das heißt, wir
würden sie über die vorgesehenen Maßnahmen informieren, die wir kurzfristig zur Unterstützung der allgemeinen Reaktion auf die Klimaveränderungen ergreifen würden.
Zu einer Konvention oder einem Abkommen dieser Art
gehört für gewöhnlich eine Regelung für das Inkrafttreten. Der Vertrag tritt erst in Kraft, nachdem eine
bestimmte Zahl von Ratifizierungen erfolgt ist... Die
Konvention würde voraussichtlich bis zu einem bestimmten Termin nach dem Inkrafttreten die Unterbreitung nationaler Klimaaktionspläne fordern. Die Vorlage dieser nationalen Aktionspläne könnte somit erst
bis 1994 oder 1995 erforderlich werden.

In Genf habe ich darauf verwiesen, daß die Vereinigten
Staaten nach der Unterzeichnung einer solchen Konvention im Juni dieses Jahres die Arbeit an ihrem
nationalen Aktionsplan aufnehmen und einen Entwurf
erwartungsgemäß innerhalb eines Jahres nach Unterzeichnung veröffentlichen würden. Das ist vor dem
Inkrafttreten und natürlich lange vor dem Termin, den
die Konvention für die Unterbreitung eines solchen
Plans fordert.
Frage: Das heißt also, innerhalb eines Jahres nach
Rio?
Antwort: Innerhalb eines Jahres - bis Juni 1993 - wird
es einen Entwurf der Vereinigten Staaten geben, nicht
unbedingt zum Zweck der Zustimmung und Kommentierung durch die Öffentlichkeit, aber sicher zu deren
Information.
Frage: Was sollte ein solcher Plan enthalten? Würde
er das umfassen, was man gemeinhin Ziele und Zeitpläne nennt?
Antwort: Das könnte sein, aber er sollte unserer
Meinung nach keine ausdrücklichen Ziele und Zeitpläne enthalten, an die sich alle Teilnehmer der Konvention halten müßten. In den einzelnen Ländern gibt es
unterschiedliche Situationen, die solch starre Ziele und
Zeitvorgaben insbesondere bei Umweltproblemen
unangemessen erscheinen lassen.
In einigen Bereichen könnten sie angemessen sein.
Zum Beispiel bei Schwefeldioxid und saurem Regen.
Es könnte auch für Fluorchlorkohlenwasserstoffe (die
das Ozon in der Atmosphäie zerstören) zutreffen. Im
Hinblick auf das Klima wünschen wir uns eher, daß
sich einzelne Länder zu Maßnahmen bereiterklären
und die Resultate abschätzen, damit wir die Maßnahmen ingesamt auf internationaler Ebene einschätzen
können.
Projektionen von Ergebnissen hängen notwendigerweise von einer Reihe Faktoren ab, etwa Wirtschaftswachstum, den Weltpreisen und der Entwicklung
einer Vielzahl von Technologien, die heute noch nicht
existieren oder kommerziell genutzt werden. Deshalb
gibt es im Aktionsplan eines jeden Landes natürlich
viele Vorbehalte.
Japan hat zum Beispiel vorgeschlagen, bis zur Jahrtausendwende 40 neue Atomkraftwerke zu bauen.
Das ist ein guter Trick. Man braucht dazu nicht nur
Geld sondern auch die Zustimmung der Öffentlichkeit.
Manchmal sind im Hinblick auf den Standort des neuen
Kraftwerks wichtige politische Fragen zu lösen. Meiner Ansicht nach müßte sich jedes Land mit einem
nationalen Plan verpflichten, sein Bestes zu tun, um
bestimmte Ergebnisse zu erzielen.

•

Seite 2

AMERIKA DIENST 6

�Aber jeder muß sich der Tatsache bewußt sein, daß
die tatsächliche Realisierung bestimmter Lösungen
von einer Reihe wirtschaftlicher und politischer Faktoren abhängt, die nicht von einer kleinen einflußreichen
Gruppe kontrolliert werden.
Frage: Wie Sie wissen, konzentrieren sich viele
Umweltschützer in diesem Land und viele Kongreßabgeordnete auf das, was sie als Notwendigkeit zum
Abbau von Kohlendioxidemissionen betrachten. Würden
Sie prognostizieren, daß im Falle eines Abkommens
der US-Plan innerhalb eines Jahres Bestimmungen
zur Stabilisierung oder Reduzierung von Kohlendioxidemissionen enthalten würde?
Antwort: Wir haben uns nicht entschieden, ein Treibhausgas wie etwa Kohlendioxid hervorzuheben. Es
gibt andere Treibhausgase, die ebenso wichtig sind.
Ozon ist ein sehr wichtiges Treibhausgas. Weiterhin
ist Methan sowohl im Energiesektor als auch im Agrarsektor ein sehr wichtiges Treibhausgas.
Unserer Meinung nach muß unser Ansatz umfassend
sein, alle Treibhausgase einbeziehen und sowohl ihre
Quellen als auch ihre Einsickersteilen (Ozeane, die
Wärme absorbieren) berücksichtigen. Die Haltung der
Vereinigten Staaten dazu hat sich nicht verändert, und
es gibt sehr gute wissenschaftliche und wirtschaftliche
Gründe, warum sie sich nicht verändern sollte. Kohlendioxid ist das am weitesten verbreitete Treibhausgas, das durch Aktivitäten des Menschen entsteht.
Und meiner Meinung nach wird sich jeder von den
Vereinigten Staaten oder einem anderen Land veröffentlichte Plan mit Kohlendioxid beschäftigen. Eine
einschneidende Verringerung von Treibhausgasen läßt
sich ohne die Einbeziehung von Kohlendioxid nicht
erreichen, da Kohlendioxid einen solch erheblichen
Anteil an den Gesamtemissionen hat.
Kohlendioxid muß also unbedingt angesprochen werden, aber unserer Meinung nach als Teil einer umfassenden Reaktion, die nicht andere wichtige Treibhausgase unberücksichtigt läßt.
Frage: Dieses Angebot war im Dezember neu?
Antwort: Wir hatten es bisher noch nicht unterbreitet,
aber es ist in der Tat ganz vernünftig. Wir haben
vorgeschlagen, daß andere Länder ähnliche Verpflichtungen eingehen. Ich habe noch nicht gehört, daß
irgendein anderes Land eine solche Verpflichtung
ausdrücklich eingegangen ist. Auf der anderen Seite
wurden ausdrücklich Zusagen im Hinblick auf Ziele
und Zeitpläne bei Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen gemacht, einige nur bei Kohlendioxid, andere
bei Treibhausgasen insgesamt.
Ich sehe nicht, wie sie die Ziele ohne einen nationalen
Plan oder im Fall der EG einen regionalen Plan mit
besonderen Maßnahmen zur Erlangung der Reduzierungen erreichen wollen. Ziele reduzieren noch keine
Emissionen, Taten reduzieren Emissionen. Ohne eine
AMERIKA DIENST 6

Festlegung der Maßnahmen ist es sehr schwierig zu
erkennen, wie sie die zur Erlangung der Ziele erforderlichen Maßnahmen verwirklichen wollen.
Jetzt hat die EG-Kommission eine Energiesteuer vorgeschlagen, die zum Teil eine Kohlesteuer, zum Teil
tatsächlich eine Energiesteuer ist, die im Falle ihrer
Verabschiedung einen wichtigen Beitrag zur Erlangung der Stabilisierung leisten könnte. Aber ich möchte darauf verweisen, daß die EG tatsächlich eine
solche Steuer noch nicht verabschiedet hat, obwohl
die Umwelt-und Energieminister der EG im Dezember
vereinbarten, die Kommission zu ermächtigen, einen
eingehenden Vorschlag bis zum Frühjahr nächsten
Jahres zu erarbeiten... Die Einzelheiten, wie eine
solche Steuer funktionieren sollte, sind noch nicht
bekannt und werden bis zum Frühjahr auch nicht
bekannt werden. Es bleibt abzuwarten, ob sie verabschiedet werden wird.
Als früherer Energiefachmann kann ich dazu sagen:
Wenn diese Steuer so verabschiedet wird, wie sie von
der Kommission vorgeschlagen wurde - 50 Prozent auf
Kohlendioxid und 50 Prozent andere Energie, wenn sie
mit dem Gegenwert von 3 Dollar pro Barrel Öl im Jahr
1993 beginnt und auf 10 Dollar pro Barrel bis zum Jahr
2000 ansteigt, aber energieintensive Industriezweige
unberücksichtigt läßt und einkommensneutral angelegt ist - wenn sie so verabschiedet wird, würde sie
nicht die Hälfte dessen erzielen, was zur Stabilisierung
erforderlich ist.
Ich erkenne also immernoch nicht, daß diejenigen, die
Ziele vorgeschlagen haben, auch die Maßnahmen zu
deren Verwirklichung bestimmen, außer Japan vielleicht, aber auch abhängig vom Bau der 40 neuen
Atomkraftwerke und unter der Annahme niedrigerer
Wachstumsraten als die Wirtschaft gegenwärtig verzeichnet.
Frage: Könnten Sie bitte die Position der Entwicklungsländer in Genf oder danach umreißen? Gibt es
einen einheitlichen Ansatz?
Antwort: Nein. Die sogenannte Gruppe der 77 oder
G-77 der blockfreien Länder, die sich jetzt auf nahezu
130 Länder plus China beläuft, hat in der Tat keinen
Konsens über die Sprachregelung bezüglich der Verpflichtungen erzielt.
Es bestehen erwartungsgemäß einige signifikante
Unterschiede innerhalb einer solch großen Gruppe
und es gibt ein beträchtliches Gefälle bei der Wirtschaftsentwicklung der G-77. Der Grad der Betroffenheit durch Klimaveränderungen variiert, was zur Gründung des Verbands kleiner Inselstaaten geführt hat,
die eine sehr aggressive Position einnehmen, da sie
über den Anstieg des Meeresspiegels besorgt sind.
Und dann gibt es natürlich die Organisation der erdölausführenden Länder (OPEC), die sich über voreilige Aktionen zur reduzierten Verwendung fossiler BrennSeite 3

�Stoffe - insbesondere ö l - angesichts noch immer nicht
wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse Sorgen macht.
Und dann bestehen natürlich andere unterschiedliche
Interessen und Meinungsverschiedenheiten innerhalb
der Gruppe. Aber es ist ihnen nicht gelungen, einen
Konsens zu einer gemeinsamen Position bezüglich
der Verpflichtungen in Genf zu erzielen.

vernünftige Weise finanziert werden können, wobei wir
so weit wie möglich auf bestehende Institutionen,
Verfahren und Ressourcen zurückgreifen.
Frage: Bedeutet das, den Weg über die Internationale
Umwelteinrichtung der Weltbank zu gehen?
Antwort: Das ist unser bevorzugter multilateraler
Mechanismus. Natürlich gibt es auf bilateraler Ebene
beträchtliche Aktivitäten. Hier ist Geld im Spiel, eine
beachtliche Menge ... rund 100 Millionen Dollar an
Projekten. An die Adresse derjenigen, die sagen, die
Vereinigten Staaten tun nichts, lautet die Botschaaft:
Wir tun ziemlich viel. Und vielleicht sollten wir mehr
über das spechen, was wir tun.

Frage: Herrscht allgemein die Position vor, daß eine
Reduzierung der Treibhausgase beträchtliche zusätzliche Finanzhilfe sowie einen Austausch von Technologie und Know-how benötigt?
Antwort: Ja, all dies wurde erwähnt. Sie haben dies
immer wieder in Bezug auf praktisch jedes internationale Umweltabkommen gesagt. Und sie haben es
natürlich im Hinblick auf das Klima gesagt - sollten
irgendwelche Aktionen oder Verpflichtungen von ihnen gefordert werden, die über diejenigen hinausgehen, die sie in jedem Fall im Gefolge der nationalen
Wirtschaftsentwicklung vorgenommenen hätten, müßten
diese bezahlt werden - die zusätzlichen Kosten hätten
die Industrienationen zu tragen, und jede erforderliche
Technologie mü ßte ihnen bevorzugt und auf nichtkommerzieller Basis übermittelt werden. Wir haben diese
Forderungen nicht akzeptiert.

Frage: Konnten Sie feststellen, daß die amerikanische Position in den Verhandlungen unterstützt wurde? In diesem Land wurden von den Umweltschützern
und sogar von Kongreßabgeordneten wiederholt
Anschuldigungen vorgebracht, die Vereinigten Staaten seien praktisch isoliert bei den Verhandlungen?
Antwort: Ich würde nicht sagen isoliert, und ich
glaube, in dem Maße, in dem die Länder verstanden
haben, was wir sagen, haben eine ganze Reihe ihre
Unterstützung zum Ausdruck gebracht, teils privat,
teils öffentlich.

Frage: Gibt es eine Vorstellung, wie hoch diese
Kosten sein könnten?

Einige haben den Eindruck, wir seien isoliert. Meines
Erachtens ist dies ein falscher Eindruck, aber in dem
Maße, in man nicht verstanden hat, was wir sagen, war
man vielleicht nicht so sehr zur Unterstützung bereit
wie sonst. Wir müssen die offenkundig positive Seite
der von uns eingenommenen Position deutlicher zum
Ausdruck bringen.

Antwort: Das hängt von der Definition ab. Einigen
Berechnungen zufolge - von einem Delegationsmitglied aus einem Entwicklungsland wurden sie als massiv
bezeichnet. Aber aus einer anderen Perspektive - und
abhängig davon, wie man den Nutzen für die Umwelt
berechnet, die wirtschaftliche Vorteile einbezieht und
die durch die Einsparungen auf Dauer erzielte Wirtschaftlichkeit berücksichtigt, erfordern viele diese Dinge
in der Tat keine zusätzlichen Kosten.

Frage: Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, daß
in Rio ein Abkommen erzielt werden kann?
Antwort: Ich möchte mich nicht 100prozentig festlegen, bin aber eher optimistisch als pessimistisch.
Meines Erachtens ist es eindeutig möglich. Wie ich zu
Anfang gesagt habe, wird es politischen Willen, Geduld und harte Arbeit erfordern, aber es ist sicherlich
möglich. Und ich habe Anzeichen gesehen, daß eine
Reihe von Regierungen bereit ist, das Erforderliche zu
tun, um es zuwegezubringen, und so könnte es zweifelsohne Zustandekommen.

Auf der anderen Seite wurde das Argument vorgebracht, daß die Entwicklungsländer sehr viel tun könnten, indem sie einfach einem anderen Entwicklungsmuster beim Energieverbrauch folgen als die Industrienationen in früheren Jahren, als bestimmte Dinge
nicht gemacht wurden und bestimmte Technologien
nicht zur Verfügung standen, und dies ist für die
Entwicklungsländer nicht besonders lästig oder belastend.

Aber auch dies wird davon abhängen, daß einige
Regierungen von ihren teils unrealistischen Erwartungen Abstand nehmen, was in der begrenzten verfügbaren Zeit und beim aktuellen Stand von Wissenschaft
und Wirtschaft erreicht werden kann.

Wir müssen Chancen für kostengünstige oder kostenlose Maßnahmen ausmachen oder ihnen dabei helfen,
dies zu tun und dann darüber hinaus prüfen, ob weitere
Maßnahmen, die zusätzliche Kosten verursachen auf
* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 6

�EINWANDERER
12. Januar 1992

EINWANDERUNGSPOLITIK:
OFFEN FÜR OFFENE GRENZEN
von Stephen Moore
WASHINGTON - (AD) - Die amerikanische Einwanderungspolitik ist seit langem ein kontroverses Thema, der
Konsens scheint jedoch dahin zu gehen, daß eine liberale Einwanderungspolitik der amerikanischen Kultur und
Wirtschaft dient. In dem nachfolgenden Artikel geht der Autor näher darauf ein. Der Artikel darf - mit folgendem
Zusatz versehen - nachgedruckt werden: Nachdruck mit Genehmigung von Business and Society Review,
Frühjahr 1991, Nr. 77. Copyright (c) 1991, Management Reports, Inc., 25-13 Old Kings Highway North, Suite
107, Darien, Connecticut 06820.
Stephen Moore ist zuständig für Einwanderungspolitik am Cato Institute, einer Denkfabrik mit Sitz in Washington.
1961 flüchtete Alfred Sklar aus Kuba in die Vereinigten
Staaten - einer von Tausenden, die dem kommunistischen Regime Castros entflohen. Heute ist Sklar einer
der führenden amerikanischen Unternehmer im Bereich der Hochtechnologie. Als Gründer und Forschungsdirektor bei Phoenix Laser Systems ist Sklar
als führender Kopf bei Pionierprojekten zur Perfektionierung der operativen Lasertechnik anerkannt, mit
der verschiedene Formen der Erblindung geheilt und
letztlich die optische Chirurgie revolutioniert werden
könnte.
Skiars Erfolgsstory in den Vereinigten Staaten ist in der
Tat anregend. Sie ist jedoch keineswegs ungewöhnlich. Er ist nur einer von Hunderttausenden von
Einwanderern, die dazu beitragen, die weltweite Führungsrolle der Vereinigten Staaten in den Hochtechnologiebranchen sicherzustellen. In den achtziger Jahren wendeten sich Tausende von Hochtechnologieunternehmen an die Einwanderer als Quelle von Talent
und Einfallsreichtum - ein Faktor, der vielen zufolge
dazu beigetragen hat, die Wettbewerbsfähigkeit der
Vereinigten Staaten bei der Entwicklung hochmoderner Computer, elektronischer, pharmazeutischer und
medizinischer Technologien aufrechtzuerhalten.
Amerikanische Unternehmer sehen Einwanderer
zunehmend als unabdingbare Quelle für neue Talente
und Ideenreichtum. Das soll nicht heißen, daß die
amerikanische Erfindungsgabe nicht mehr funktioniert, scheinen die amerikanischen Industriebosse zu
sagen. Das Problem ist vielmehr, daß die Nation mehr
davon benötigt.
AMERIKA DIENST 6

Im Oktober 1990 wurden die Rufe der Unternehmer
nach mehr hochqualifizierten Einwanderern zumindest teilweise erhört. Der amerikanische Kongreß
verabschiedete ein historisches Einwanderungsreformgesetz, das in den neunziger Jahren sehr viel mehr
Einwanderern die Tore öffnen wird. Dies war seit rund
25 Jahren die erste Überarbeitung der amerikanischen
Einwanderungsgesetze und insgesamt erst die fünfte.
Die Gesamteinwandererzahl wird ungefähr um 30
Prozent erhöht - auf 800.000 Neuankömmlinge pro
Jahr. Ebenso wichtig ist, daß die Zahl der anhand ihrer
hohen Qualifikation und Ausbildung zugelassenen
Einwanderer pro Jahr von 54.000 auf 140.000 fast
verdreifacht wird. Gleichzeitig bleibt der Eckpfeiler der
amerikanischen Einwanderungspolitik - die Familienzusammenführung - im wesentlichen intakt.
Trotz dieses neuen Gesetzes ist Einwanderung jedoch
nach wie vor eines der umstrittensten nationalen Themen.
Geschäftsinteressen, private Denkfabriken und ethnische Gruppen fordern weiterhin höhere Quoten.
Gleichzeitig ist die breite Öffentlichkeit skeptisch bezüglich der liberalisierten Einwanderungsbestimmungen. Einer jüngsten öffentlichen Meinungsumfrage
zufolge lehnen rund 70 Prozent der Amerikaner höhere Quoten ab.
Das ist natürlich nicht Neues. Die amerikanische
Einstellung gegenüber Ausländern war immer ein
kurioses Paradoxon. Obwohl eine Nation der Einwanderer, hat Amerika die jeweils letzten Neuankömmlinge nie mit offenen Armen empfangen.

Seite 1

�Gefühle gegen Einwanderer werden von einem sich
ausdehnenden Netz laut- und finanzstarker Einheimischer geschürt. Zu der Bewegung zählen führende
Umweltschutz- und Bevölkerungskontrollgruppen, die
Einwanderer als Ursache zunehmenden Drucks auf
die Umwelt betrachten, Gewerkschaftsverteter, die
Einwanderer als Konkurrenten verunglimpfen und sozialkonservative Organisationen, die fürchten, die Einwanderer verwässerten das weiße, europäische Erbe
der Vereinigten Staaten.
Die Dachorganisation dieses Netzes ist die 50.000
Mitgliederzählende Federationfor American Immigration Reform (FAIR). FAIR vertritt folgende Auffassung: "Zahlreiche soziale und ökologische Probleme
entstehen durch unkontrollierte Einwanderung. Sie
rangieren vom Mißbrauch unserer Rohstoffe über höhere
Steuern bis zu einer Überlastung des sozialen Netzes."
Natürlich haben diese Einheimischen in dem Sinne
recht, daß Einwanderer nicht eine ungetrübte Segnung sind. Wenn sie in den Vereinigten Staaten
ankommen, verursachen die Neuankömmlinge der
Gesellschaft durch ihren Schulbesuch, die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens, der Straßen und der
Infrastruktur im allgememeinen häufig Kosten. In
rasch wachsenden Vororten, wo Verkehrsstaus und
Wohnungsmangel akut sind - Los Angeles, Miami und
Seattle beispielsweise - ist die Furcht der Öffentlichkeit
gegenüber ausländischen Neuankömmlingen verständlich. Zahlreiche Amerikaner sind insbesondere besorgt über den beobachteten Widerstand einiger Gruppen von Einwanderern, sich in die amerikanische
Gesellschaft zu integrieren - der sich am offenkundigsten in der Abneigung, Englisch zu lernen, manifestiert.
Dies alles sind berechtigte öffentliche Anliegen. Für
die meisten Amerikaner besteht das wichtigste Problem jedoch darin, ob es sich die Vereinigten Staaten
leisten können, erheblich mehr Einwanderer aufzunehmen. Werden die Vorteile steigender Einwanderung für die Gesellschaft - auf angenommen eine
Million Visa pro Jahr - die Kosten aufwiegen? Dieses
Problem beinhaltet demographische, wirtschaftliche
und kulturelle Erwägungen.
Was den ersten Punkt - Bevölkerungsentwicklung betrifft, so deutet alles darauf hin, daß Amerika weitere
Einwanderer aufnehmen kann. Verglichen mit früheren Zeitabschnitten der amerikanischen Geschichte
ist die Einwanderungsquote heute nicht besonders
hoch. Die neue Obergrenze von 800.000 Einwanderern pro Jahr liegt immer noch etwa 25 Prozent unter
dem Höchststand von einer Millionen jährlich in der
Zeit der großen Völkerwanderungen um die Jahrhundertwende. Als Prozentsatz der amerikanischen
Bevölkerung - eine nützliche Meßlatte für die Fähigkeit

Seite 2

des Landes, Einwanderer in die neue wirtschaftliche
und soziale Infrastruktur zu integrieren - akzeptiert
Amerika drei Einwanderer pro eintausend Einwohner.
Das ist fünfmal weniger als die höchsten Einwanderungsquoten und die Hälfte des geschichtlichen Durchschnitts.
Die meisten als Erwachsene in die Vereinigten Staaten
einreisenden Immigranten streben sofort auf den
Arbeitsmarkt. Können sie aufgenommen werden,
ohne daß viele Amerikaner den Verlust ihres Arbeitsplatzes riskieren? Die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamts der USA bestätigen, daß sie es
können. Der Arbeitsmarkt in Amerika wird in den
neunziger Jahren langsamer wachsen als in vier der
letzten fünf Jahrzehnte. Auf den Arbeitsmärkten besteht
landesweit ein Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.
Die Untersuchungen des Amts zeigen, daß der Arbeitsmarkt in den neunziger Jahren jährlich um genau
ein Prozent wachsen, die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften im technischen Bereich aber um das
Doppelte steigen wird. Das legt den Schluß nahe, daß
die Einwanderer genau zu der Zeit zahlreicher kommen, wo sie auf dem Arbeitsmarkt am meisten benötigt
werden.
Eine wichtige Studie des US-Arbeitsministeriums über
die Auswirkungen der Einwanderung auf den Arbeitsmarkt kommt zu dem Ergebnis, daß kein Beweis die
Annahme stützt, Einwanderer drängten US-Bürger
aus ihren Arbeitsplätzen. "Weder US-Arbeitnehmer,
die ungelernte Tätigkeiten ausüben noch die meisten
Minderheiten angehörenden Arbeitnehmer scheinen
durch Einwanderung beeinträchtigt zu werden", schließt
der 1988 veröffentlichte Bericht. George Borjas von
der University of California in Davis bestätigt diese
Erkenntnis. Borjas erklärt: "Die moderne Ökonometrie kann auch nicht den Funken eines Beweises dafür
erbringen, daß Einwanderer negative Auswirkungen
auf die Löhne und Gehälter sowie die Arbeitsmarktchancen gebürtiger Amerikaner haben.
Einwandererfüllen oftmals auf dem Arbeitsmarkt wichtige Nischen. Eine Prüfung der Berufsgruppenkategorien von im Ausland Geborenen zeigt, daß sie unverhältnismäßig häufig entweder Arbeitsplätze mit sehr
hohen Qualifikationsanforderungen - in Wissenschaft,
Medizin und Technik - innehaben oder auf der untersten Stufe des Dienstleistungsbereichs beschäftigt
sind, wo sie Geschirr spülen, Kinder betreuen oder
Obst und Gemüse pflücken. Manche dieser Tätigkeiten werden so ausschließlich von Einwanderern ausgeübt, daß ganze amerikanische Industriezweige ohne
sie geschrumpft oder ganz verschwunden wären. Das
gilt zum Beispiel für einen Großteil der landwirtschaftlichen Industrie in Kalifornien und im Staat Washington, die Viehzüchter in Idaho und New Mexico, die
Geflügelindustrie in Maryland und den New Yorker
Stadtteil, wo die Textilindustrie ansässig ist. Der

AMERIKA DIENST 6

�Präsident der Gewerkschaft Damenoberbekleidung,
Mazaffar Christie, vertritt die Auffassung, daß dieser
heimische Industriezweig in den vergangenen Jahrzehnten nur durch die ständige Zuwanderung neuer
Einwanderer am Leben erhalten wurde. Dasselbe trifft
einem Bericht der New York Times zufolge für einige
städtische Krankenhäuser in New York zu, die schließen müßten, wenn es keine Einwanderer gäbe, die als
Krankenschwestern oder Sanitäter arbeiteten. Diese
verborgenen Vorteile eingewanderter Arbeitnehmer
werden in der Debatte über Einwanderungspolitik selten erwähnt.

Rats der Wirtschaftsberater des amerikanischen Präsidenten. Dazu gehörten acht Nobelpreisträger, darunter Milton Friedman, Theodore W. Schultz, George
J. Stigler, James Tobin und James M. Buchanan. Der
Untersuchung zufolge sind 80 Prozent dieser international anerkannten Wirtschaftswissenschaftler der
Meinung, daß Einwanderer insgesamt einen "sehr
günstigen Einfluß auf das Wirtschaftswachstum des
Landes in diesem Jahrhundert" ausgeübt haben. Ebenso
waren nahezu zwei Drittel für eine Erhöhung der
Einwanderungsquoten als Weg, um "den Lebensstandard in den Vereinigten Staaten anzuheben".

Es sind nicht nur Beschäftigungen, die mittlere Qualifikationen erfordern, deren Überleben und Rentabilität
von Einwanderern abhängt. Die amerikanische Hochtechnologieindustrie blüht heute zum großen Teil, weil
Amerika immer wieder auf die besten und fähigsten
Köpfe aus der ganzen Welt zurückgreifen kann. Ein
gutes Beispiel dafür ist die erfolgreiche kalifornische
Computerfirma Intel, wo drei Mitglieder der Geschäftsleitung, einschließlich des Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden Andrew S. Grove (aus Ungarn) Einwanderer sind. Viele der bekanntesten Erfindungen bei
Computerchips für Mikroprozessoren wurden in den
siebziger und achtziger Jahren von Einwanderern
gemacht. "Unsere gesamte Industrie basiert auf Erfindungen für die nächste Generation der Computertechnologie," erklärt dazu ein Abteilungsleiter von Intel,
Dick Ward. "Der Motor, der diese Suche antreibt, ist

Die Bewertung kultureller und sozialer Auswirkungen
der Einwanderung für das moderne Amerika läßt sich
nicht einfach anhand von Statistiken und Zahlen vornehmen. Ob sich neue Einwanderer erfolgreich in die
amerikanische Gesellschaft integrieren, hängt zum
großen Teil von der Einstellung des Betrachters ab.
Viele, die in der Nähe von Little Saigon oder rein
hispanisch geprägten Vierteln in Los Angeles leben,
beschweren sich, daß sich diese neuen Amerikaner
nicht "amerikanisieren". Ein Autor spottete, Los Angeles sei zur amerikanischen Version einer Stadt in der
dritten Welt geworden.

Intelligenz. Und hier bei Intel sind es Einwanderer, die

einen großen Teil dieser Intelligenz stellen."
Im Jahr 1988 hat der hochangesehene Nationale
Forschungsrat (National Research Council) die Bedeutung im Ausland geborener Ingenieure für Branchen der amerikanischen Spitzentechnologie untersucht. Dabei ergab sich, daß viele amerikanische
Industriezweige von Wissen und Talent der Einwanderer profitieren. Die Schlußfolgerung des Rats ist es
wert, wiederholt zu werden: "Sehr wichtige positive
Aspekte ergeben sich aus der Anwesenheit im Ausland geborener Ingenieure in unserer Gesellschaft.
Die Vielfalt von geistigem Hintergrund und Erfahrungen, die im Ausland geborene Ingenieure in der Vergangenheit mitgebracht haben, hat erheblich zur technischen Leistungsfähigkeit der Vereinigten Staaten
beigetragen, und es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß neue Einwanderer nicht einen ebensolchen
Beitrag leisten werden."
Die Einwanderung ist eine der wenigen Fragen, bei
denen sich nahezu alle Wirtschaftswissenschaftler
über die positiven öknomischen Auswirkungen einig
sind. Im Jahr 1990 habe ich für das Hudson-Institut
und das amerikanische Einwanderungsinstitut eine
Untersuchung über 38 prominente Wirtschaftswissenschaftler durchgeführt - ehemalige Präsidenten des
amerikanischen Wirtschaftsverbands (American Economic Association) sowie ehemalige Mitglieder des
AMERIKA DIENST 6

Es ist jedoch nichts Neues, daß sich neue Einwanderer
in ethnischen Enklaven ansiedeln. Wellen von deutschen, griechischen, ungarischen, irischen, italienischen, jüdischen und polnischen Einwanderern in
Boston, Chicago, Milwaukee und New York haben
diesen Metropolen einen nachhaltigen ethnischen
Stempel aufgedrückt. Im 19. Jahrhundert weigerten
sich deutsche Einwanderer Englisch zu lernen und
versuchten beharrlich, ihre Sprache zu bewahren, bis
diese schließlich ausstarb. Damals wie heute war die
Klage dieselbe: Die "neuen" Einwanderer weigerten
sich, sich zu assimilieren. Dies wirft eine Frage auf:
Wenn sich die Europäer bei ihren Landsleuten niederließen, sich aber schließlich in die amerikanische
Gesellschaft einfügten, warum sollten wir uns dann
solche Sorgen darüber machen, ob neue asiatische
und hispanische Einwanderer im großen und ganzen
dem gleichen Muster folgen werden?
Amerika ist immer noch der Schmelztiegel, der es
schon vor 50 und 100 Jahren war, obwohl sich die
Geburtsorte der neuen Einwanderer verändert haben.
So ist zum Beispiel die Zahl der Ehen zwischen Angehörigen der verschiedenen ethnischen Gruppen in den
Vereinigten Staaten heute höher als je zuvor. Der
Volkszählung von 1980 zufolge heiraten 30 Prozent
der mexikanischstämmigen Amerikaner außerhalb ihrer
Volksgruppe. Dasselbe gilt für 60 Prozent der "sonstigen Hispanier" und 40 Prozent der Amerikaner chinesischer Herkunft. Die Besorgnis, Englisch werde in
den Vereinigten Staaten zur Zweitsprache und die
Vereinigten Staaten würden zur vielsprachigen Gesellschaft ist unbegründet. Im Jahr 1980 sprachen 98
Prozent der Amerikaner zumindest teilweise Englisch,
Seite 3

�so das amerikanische statistische Bundesamt, ein
höherer Prozentsatz als jemals zuvor in der amerikanischen Geschichte. Nahezu alle Kinder von Einwanderern beherrschen die englische Sprache neben ihrer
Muttersprache.

nehmerischsten Talente aus der ganzen Welt anzuziehen - sei die Formel, mit der Energie und Ehrgeiz der
Nation ständig aufgefrischt werden. Dieser Ansicht
zufolge sind Einwanderer der größte Wettbewerbsvorteil Amerikas in der Welt.

Die amerikanische Einwanderungspolitik scheint an
einem kritischen Punkt angekommen zu sein, während sich die Vereinigten Staaten für das nächste
Jahrhundert rüsten. Es gibt solche, wie etwa den
konservativen Kommentator Pat Buchanan, die vehement das Argument vertreten, die Stärke Amerikas
liege in seiner "euro-amerikanischen" Tradition. Millionen Amerikaner teilen diese Meinung. Zahllose andere jedoch, darunter viele führende Industrievertreter,
beharren darauf, die kulturelle Vielfalt Amerikas - seine
Fähigkeit, die fleißigsten, engagiertesten und unter-

Die Frage, wer diese entscheidende Debatte über die
Zukunft der nationalen Einwanderungspolitik gewinnen wird, steht weiterhin im Raum und bleibt weitgehend unbeantwortet. Wenn die Geschichte uns in
diesem Punkt leiten soll, so wird sich am Ende sicherlich die letztere Ansicht durchsetzen. Es erscheint
unvorstellbar, daß der Wert des Einwanderungsprozesses, der den Vereinigten Staaten seit über zweihundert Jahren zum Vorteil gereicht, heute in Zweifel
gezogen werden und zu Mißtrauen Anlaß geben sollte.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 6

�GESUNDHEITSWESEN
12. Februar 1992

NEUE GESETZESVORSCHLÄGE
IM GESUNDHEITSWESEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
WASHINGTON - (AD) - Zu Präsident Bushs Reformplänen im Gesundheitswesen hat das Weiße Haus die
nachfolgend veröffentlichte Übersicht herausgegeben, die Kernpunkte des Programms enthält.
Verbesserter Zugang zu Krankenversicherung
Übertragbare Gutscheine für die Krankenversicherung oder Steuervergünstigungen sollen eingeführt
werden, damit sich Familien mit bescheidenem oder
sehr geringem Einkommen eine Krankenversicherung
leisten können. Etwa 95 Millionen Amerikaner würden
damit unterstützt. Bei Einführung dieser Maßnahme
würden Familien mit nicht steuerpflichtigem Einkommen, das etwa an der Armutsgrenze liegt, einen Gutschein über bis zu 3.750 Dollar erhalten, was ausreichen würde, um bei der Krankenversicherung eine
Grundversorgung zu bezahlen. Dementsprechend
würden Einzelpersonen 1.250 Dollar und Familien mit
zwei Personen 2.500 Dollar erhalten. Einzelpersonen,
aus zwei Personen bestehende und größere Familien
mit Jahreseinkommen bis jeweils 50.000, 65.000 und
80.000 Dollar könnten den übertragbaren Gutschein
zur Krankenversicherung oder Steuervergünstigungen (auch bis zu 3.750 Dollar pro Familie) in Anspruch
nehmen.
Marktreformen
Grundversorgung. Die Bundesstaaten müßten ein
elementares Kranken versicherungspaket im Wert der
übertragbaren Gutscheine entwickeln. Damit könnten
Familien mit geringerem Einkommen eine ausreichende Krankenversicherung bezahlen.
Versicherungsgarantie. Arbeitnehmer, die ihre Stelle
wechseln, müßten sich nicht mehr um ihre "Kettung an
den Arbeitsplatz" sorgen - sie würden nicht mehr an
einem Arbeitsplatzwechsel gehindert, weil sie den
Verlust ihres Versicherungsschutzes fürchten. Die
Versicherungsträger müßten allen Arbeitgebern Leistungen gewähren, die dies wünschen. Der Versicherungsschutz wäre garantiert, verlängerbar, und bisherige Einschränkungen bei den Konditionen würden
abgeschafft.

AMERIKA DIENST 6

Gebündelte Kaufkraft bei Krankenversicherungsnetzwerken (Health Insurance Networks - HIN). Im
Hinblickauf Krankenversicherung haben kleine Betriebe nicht die vielen Vorteile der Gro ßbetriebe. Gro ßuntemehmen können selbst versichern und damit teure
Leistungsverordnungen und Versicherungssteuem vermeiden. Großunternehmen können Leistungen ebenso wie kleinere Firmen kaufen, aber zu viel niedrigeren
Preisen. Mit HINs - der neuen Art und Weise des
Abschlusses von Versicherungen - könnten kleinere
Firmen eine preiswerte und qualitativ gute Krankenversicherung erwerben. Damit könnten Kleinunternehmen auch preiswertere Versicherungen abschließen, weil die Verwaltungskosten gesenkt und die
durch sie erworbenen Versicherungen von übermäßigen Vorschriften der Bundesstaaten, einengenden
Gesetzen und Versicherungssteuern befreit würden.
Zum ersten Mal wären Gruppen wie der Nationale
Verband unabhängiger Unternehmen, die Vereinigung
von mittelständischen Unternehmen und die US-Handelskammer in der Lage, ihren Mitgliedern landesweit
eine bezahlbare Krankenversicherung zur Verfügung
zu stellen oder sich mit anderen Gruppen zusammenzuschließen, um die Kaufkraft am Markt des Bundesstaats oder des Standorts zu erhöhen.
Finanzierung der Versicherung. In absehbarer Zeit
dürfen die Beiträge für ähnliche, den Firmen eines
Industriezweigs verkaufte Versicherungspolicen um
nicht mehr als 50 Prozent variieren. Eine Anpassung
des Gesundheitsrisikos durch den Versicherungsträger wird stufenweise eingearbeitet, wodurch Unterschiede bei der Beitragsbemessung ausgeglichen
würden und dem Plan Flexibilität im Rahmen eines
neuen Versicherungsmarktes eingeräumt würde, der
von Wettbewerb bei Qualität und Kosten gekennzeichnet ist.

Seite 1

�Kostendämpfung im Gesundheitswesen
Vermeidung von Kunstfehlern. Ein drohender Prozeß wegen ärztlicher Kunstfehler veranlaßt die Ärzte,
Tests vorzuschreiben und Verfahren anzuwenden, mit
denen sie sicherstellen können, daß alles zur bestmöglichen Krankenversorgung unternommen wurde.
Diese defensiven Praktiken sind außerordentlich kostspielig für das System. Zur Behebung dieses Mißstands sieht der Plan des Präsidenten folgende Anreize für die Bundesstaaten vor: 1) Abschaffung der gemeinschaftlichen und Einzelhaftung für nichtwirtschaftliche Schäden, 2) Begrenzung nichtwirtschaftlicher
Schäden, 3) Aufhebung von Bestimmungen, die zweimalige Rekonvaleszenz gestatten, 4) Forderung gestaffelter Vergünstigungen, 5) Erarbeitung von Alternativen vor einem Gerichtsverfahren und 6) Einführung neuer Verfahren zur Verbesserung der Qualität
der Versorgung. In Zusammenarbeit mit Medizinern
entwickelte Normen für das Gesundheitswesen sollten
femer als Mittel zur Behebung von Unsicherheiten des
Arztes bezüglich der Bestrafung bei Kunstfehlem geprüft
werden.
Verbesserung der Verbraucherinformation. Um
Einzelpersonen und Arbeitgebern bei der Beurteilung
der unterschiedlichen Krankenversicherungspolicen
behilflich zu sein, erhalten die Verbraucher Zugang zu
ähnlichen Informationen wie in den "blauen Büchern"
über die durchschnittlichen Kosten der Dienstleistungen und die von Ärzten, Kliniken, Kliniklabors und
anderen Institutionen angebotenen Qualität der Versorgung. Dies trägt zur Kostendämpfung bei, indem
den Verbrauchern Vergleichswerte zur Verfügung gestellt
werden, anhand derer sie eine fundiertere Entscheidung treffen können.
Senkung der Verwaltungskosten. Dem Plan des
Präsidenten zufolge werden die Verwaltungskosten die sich jetzt auf 43 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen
- durch elektronische Verrechnungsstellen für den
Anbieter der Leistungen, elektronisch erstellte Krankenscheine für den Versicherten, vereinfachte Handhabung sowie eine Reform des Versicherungsmarkts
gesenkt.
Änderungen der Gesetze zur Krankenversicherung
und Marktreformen werden die Papierflut reduzieren,
mit der sich jeder versicherte Amerikaner konfrontiert
sieht - und die Milliarden von Dollar kostet. Einheitliche
Erstattungsverfahren und andere Reformen werden
die administrativen Kosten senken. Für Kleinunternehmen machen die Verwaltungskosten bis zu 40
Prozent der abgeschlossenen Versicherung aus. Für
den Versicherungsträger sind Kleinunternehmer kostenintensiv. HINs, in denen sich mehrere Versicherungsnehmer zusammenschließen, würden die Kosten für Verwaltung und Beiträge der Versicherung
reduzieren. Diese Kosten liegen für Großunternehmen gewöhnlich bei unter 10 Prozent. Staatlich zuge-

Seite 2

lassene HINs wären femer für einheitliche Erstattungsverfahren erforderlich - einerweiteren Quelle zur
Senkung der Vewaltungskosten.
Stärkerer Einsatz aufeinander abgestimmter
Versicherungen. 1990 hatten rund40 Millionen Amerikaner aufeinander abgestimmte Krankenversicherungen abgeschlossen - verglichen mit 10 Millionen im
Jahr. 1980. Der Plan des Präsidenten ermutigt die
breitere Nutzung abgestimmter Versicherungen einschließlich bevorzugter Versicherungsträger, unterschiedlicher Versicherungspläne, HMOS, Pflegeversicherung und anderer Formen abgestimmter Vorsorge.
Die Bundesstaaten werden zur Erarbeitung aufeinander abgestimmter Gesundheitsvorsorgesysteme ermutigt und Gesetze verboten, die dem wirksamen
Einsatz dieser Systeme zuwiderlaufen. Überdurchschnittliche staatlich vorgeschriebene Lesitungen - die
die Versicherungskosten aufblähen - werden verboten.
Reformen bei Medicare würden zu verstärkter und
aufeinander abgestimmter Mitgliedschaft in der Krankenversicherung ermutigen und die Anreize für koordinierte Krankenversicherungssysteme zum Vertragsabschluß mit Medicare steigern. Der Plan des Präsidenten würde es darüber hinaus den Anspruchsberechtigten von Gruppenkrankenversicherungen für
Rentner erleichtem, Leistungen aufeinander abgestimmter Gesundheitssysteme in Anspruch zu nehmen.
Verstärkte Flexibilität von Programmen
der Bundesstaaten. Die Bundesstaaten werden ermutigt, ein koordiniertes ieistungsbezogenes Medicaid-Programm zu verwirklichen. Darüber hinaus würden
sie die Flexibilität haben, ihr gesamtes Krankenversicherungssystem umzugestalten.
Die Bundesstaaten könnten entscheiden, die heutige
Finanzierung von Medicaid mit den neuen, durch die
Krankenversicherungsgutscheine gewährten Leistungen zu kombinieren, um eine einheitliche Krankenversicherung für einkommensschwache Einwohner zu
entwickeln.
Durch die neuen, vom Bund gewährten Krankenversicherungsgutscheine wird allen armen Einwohnern ohne
zusätzliche Belastung der Bundesstaaten eine medizinische Grundversorgung garantiert. Damit wird es den
Bundesstaaten ermöglicht, ihre Ressourcen im Gesundheitswesen gezielter für Medicaid und die nichtarme Bevölkerung einzusetzen.
Erweiterung kostengünstiger Dienstleistungen
In unterversorgten Gebieten. Die Innenstädte und
ländlichen Gebiete sind von akuten Engpässen bei der
Zahl der Ärzte und Krankenhäuser gekennzeichnet.
Der vom Präsidenten unterbreitete Haushalt 1993
erweitert die Finanzierung von gemeindeeigenen

AMERIKA DIENST 6

�Gesundheitszentren, mobilen Gesundheitszentren und
des Nationalen Gesundheitsdienstes, um die Gesundheitsvorsorge in diesen Gebieten zu verbessern.
Prävention.
Der vom Präsidenten vorgelegte Haushalt 1993 enthält 26,4 Milliarden Dollar für Vorsorgemaßnahmen,
was einer Steigerung um nahezu 4 Milliarden Dollar
oder 18 Prozent entspricht. Die Mittel für Vorsorgemaßnahmen wurden seit 1989 um über 11 Milliarden
Dollar oder 74 Prozent gesteigert. Der Haushalt 1993
schlägt eine Aufstockung um 18 Prozent bei Schutzimpfungen für Kinder sowie zur Reduzierung der Kindersterblichkeit, um 27 Prozent beim Programm Head
Start und für die frühkindliche Entwicklung, um 24
Prozent für die Vorsorge gegen Brust- und Gebärmutterkrebs sowie um 90 Prozent für die Prävention von
Bleivergiftungen im Kindesalter vor.
Alternative Ansätze
Die beiden alternativen Ansätze zur Reform des
Gesundheitswesens weisen grundlegende strukturelle Schwächen auf:
Das kanadische Modell. In Kanada haben weder
Leistungsanbieter noch Verbraucher einen Anreiz zur
Effizienz. Die Kosten im Gesundheitswesen wachsen
schneller als in den Vereinigten Staaten. Die Patienten
müssen lange Schlangen und Wartezeiten bei Operationen sowie Zugang zu moderner Technologie in Kauf
* *

AMERIKA DIENST 6

nehmen, und hochwertige medizinische Versorgung
ist rationiert. Ein Plan nach kanadischem Muster
würde zwischen 250 und 500 Milliarden Dollar an
neuen Steuern erfordern. Für qualitativ hochwertige
medizinische Versorgung begeben sich viele Kanadier
in die Vereinigten Staaten.
Das "Play-or-Pay"-Modell. Das "Play-or-Pay"-Modell (wonach der Arbeitgeber Beiträge entweder in eine
private oder eine öffentliche Krankenversicherung
einzahlen müßte) würde den Arbeitnehmern schaden,
indem es einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge
haben und zahlreiche Arbeitgeber zwingen würde, zur
Bewältigung der vorgeschriebenen Kosten die Löhne
zu senken. Einer Studie zufolge würde dieses System
kurzfristig zwischen 400.000 und 700.000 und langfristig bis zu 2 Millionen Arbeitsplätze kosten. Das "Playor-Pay"-System ist strukturell unsolide und wird zwangsläufig zu einer nationalen Krankenversicherung degenerieren. Mit seiner Einführung würden 59 Millionen
privat versicherter Amerikaner unter diesen öffentlichen Plan fallen, und die Instabilität des Plans würde
rasch eine allgemeine öffentliche Versicherung erzwingen. "Play-or-Pay" ist eine Steuer für einkommensschwache Arbeitnehmer und würde zum Verlust
von Millionen von Arbeitsplätzen führen. Schließlich
würden jährlich mindestens 37 Milliarden Dollar von
durch den Steuerzahler finanzierten Subventionen
erforderlich, um diesen öffentlichen Plan angemessen
zu finanzieren.

* *

*

Seite 3

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          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Wehrkundetagung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Rede von Vizepräsident Quayle bei der Wehrkundetagung in München&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GUS-Hilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Baker: "Projekt Hoffnung" Investition in Stabilität&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung am Frankfurter Flughafen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Humanitäre Hilfe der USA an die GUS angerollt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker vor dem Kongreß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;USA bereit zum Entwurf eines Plans zur Kontrolle von Treibhausgasen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Robert Reinstein&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Einwanderer&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Einwanderungspolitik: offen für offene Grenzen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stephen Moore&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesundheitswesen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Gesetzesvorschläge im Gesundheitswesen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht des Weißen Hauses&lt;/em&gt;</text>
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