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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

18. September 1991

37

KSZE

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG FÜR
SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS
DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die
Menschliche Dimension

MENSCHENRECHTE

VIELE LANDER VERLETZEN IMMER NOCH
MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell

:

BIOLOGISCHE WAFFEN

KONFERENZ KANN REGIME FÜR BIOLOGISCHE
WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman

AMERIKA HEUTE

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch

Um Übersendung von
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wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�KSZE
18. September 1991

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG
FÜR SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE
MOSKAU - (AD) - In seiner Rede bei der KSZE in Moskau erklärte US-Außenminister Baker am 11. September
1991, der Westen werde das sowjetische Volk in seinem Bestreben zum Aufbau von Demokratie und freien
Marktwirtschaften unterstützen. Baker erklärte, seine Botschaft an alle Bürger und Politiker der Sowjetunion sei
einfach: "Der Mut, den Sie im August bewiesen haben, muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer
und wirtschaftlicher Freiheit festigen."
Bush forderte die Sowjets auf, fünf Grundprinzipien zu folgen:
die Zukunft der Sowjetunion friedlich und im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahrensweisen
zu gestalten,
bestehende innere und äußere Grenzen zu achten,
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen,
Menschenrechte zu achten, auf der Basis von Respekt für den einzelnen und einschließlich der
Gleichbehandlung von Minderheiten,
Wahrung des Völkerrechts und internationaler Verpflichtungen, insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta.
Nachfolgend veröffentlichen wir Außenminister Bakers Rede im Wortlaut.

*
«.

Als ich vor etwa einem Jahr beim KSZE-Treffen in
Kopenhagen sprach, erblickte ich um mich herum das
sich verändernde Gesicht Europas. Am Tisch versammelt waren Vertreter aus einer sich reformierenden
Sowjetunion, aus beiden zwei Monate vor ihrer Vereinigung stehenden Teilen Deutschlands und aus den
neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas.
In den letzten Monaten ist die Umwandlung Europas
ohne Unterlaß fortgeschritten. Die schwierige Aufgabe der Konsolidierung von Demokratie und Einführung
der Marktwirtschaft wird in ganz Mittel- und Osteuropa
zunehmend gelöst. Deutschland ist vereinigt, und
Albanien hat sich geöffnet. Estland, Lettland und
Litauen, die vor fünfzig Jahren gewaltsam ihrer Unabhängigkeit beraubt worden waren, konnten schließlich
ihren rechtmäßigen Platz in unserer Mitte einnehmen.
Aber nicht alle Veränderungen in Europa sind so
friedlich verlaufen. Wir sind nach wie vor tief betrübt
und besorgt über das tragische Blutvergießen in Jugoslawien. Denjenigen, die auf Bedrohung oder Einsatz
von Gewalt bestehen, sagen wir: Dies bringt keine

AMERIKA DIENST 37

Ehre, keine dauerhaften Vorteile, keine Zukunft. Sie
können Wohlstand und Sicherheit für Ihr Volk nicht mit
Gewalt erreichen. Sie können nur einen Sturm von
Elend, Aufruhr und Verlust ernten.
Ich möchte allen Teilnehmern eindeutig erklären - vor
allem der serbischen Führung und der jugoslawischen
Bundesarmee -, daß sie sich mit jedem Einsatz von
Gewalt immer weiter vom neuen Europa isolieren und
die Kosten für ihr Volk über die gegenwärtige ernste
Wirtschaftskrise hinaus erhöhen. Wir bezweifeln, daß
die Völker Jugoslawiens den hohen Preis des politischen und wirtschaftlichen Exils tatsächlich bezahlen
wollen. Gemeinsam mit anderen KSZE-Mitgliedern
bekräftigen wir voll und ganz unsere Unterstützung für
die anhaltenden Bestrebungen der Europäischen
Gemeinschaft, einen echten Waffenstillstand und
politische Schlichtung zu erzielen. Wir fordern alle
Teilnehmer auf, den Abgrund der Gewalt zu verlassen,
in den sie in jüngster Zeit abgestiegen sind und die
Gelegenheit für den Frieden zu ergreifen. Der Rest
Europas bewegt sich in Richtung auf politische und
wirtschaftliche Freiheit.

Seite 1

�Leitlinien für demokratische Maßnahmen
Niemand schreitet energischer voran als die Völker der
Sowjetunion. Für die Völker dieses Landes ist tatsächlich das Zeitalter der Demokratie angebrochen. Und
gemeinsam mit Ihnen freut sich das amerikanische
Volk über diese Entwicklung. Hier in Moskau atmen wir
den warmen Wind der neugewonnenen Freiheiten.
Wir sollten uns jedoch darüber im klaren sein, daß
schwierige Wintermonate vor uns liegen und der Frühling noch fem ist.
Die Menschen in diesem großen Land stehen in den
nächsten Wochen und Monate vor großen Herausforderungen. Aber zum ersten Mal nach Jahrzehnten der
Diktatur und Planwirtschaft weiß jeder einzelne Bürger, da ß er allein alle wichtigen Entscheidungen treffen
muß. Jeder Bürger der Sowjetunion hat jetzt die
einmalige Chance, selbst über sein Schicksal zu bestimmen. Wie die Menschen in diesem Land sich den
kommenden Herausforderungen stellen werden, wird
sicherlich Beweis dafür sein, wie stark ihr Engagement
für demokratische Werte ist. Der Umfang, die Tragweite und die Konsequenzen der von den Bürgern
dieses Landes jetzt getroffenen Entscheidungen sind
in der Tat einmalig. Aber bei ihrer Gestaltung der
Zukunft stehen sie nicht ohne Leitlinien oder ohne
Maßstab für die übernommene Verantwortung da.
In dieser Zeit der Veränderungen in allen Bereichen
des Lebens in der Sowjetunion sollten wir diese Gelegenheit ergreifen, um uns an alle Bürger und Politiker
der Sowjetunion zu wenden. Meine Botschaft ist
einfach: Der Mut, den Sie im August bewiesen haben,
muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer und wirtschaftlicher Freiheit festigen. Bei Ihrer
Arbeit am Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaft
wird Ihnen der Westen zur Seite stehen. Der Weg von
Ihnen ist vorgezeichnet durch dauerhafte Grundsätze
und allgemeine demokratische Prinzipien, die Ihnen
helfen, die Herausforderung der Veränderungen friedlich und rechtmäßig zu bewältigen.
Ich fordere Sie insbesondere auf, sich von fünf Grundprinzipien leiten zu lassen.
Erstens ist es wichtig, daß Sie die Zukunft dieses
Landes friedlich gestalten, im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahren sowie den Prinzipien der
Schlußakte von Helsinki. Wenn Ihre Zielsetzung eine
erfolgreiche Demokratie ist, werden Sie genau das tun.
Einschüchterung, Illegalität und Gewalt sind nicht Helfer
der Demokratie sondern Vorboten der Diktatur. Ebenso wie Sie die Panzer niedergezwungen haben, sollten
Sie diesem Übel der Intoleranz ins Auge blicken.
Zweitens fordern wir alle auf, bestehende innere und
äußere Grenzen zu respektieren. Jede Veränderung
der Grenzen sollte nur rechtmäßig mit friedlichen
Mitteln des Konsens und im Einklang mit den Prinzi-

Seite 2

pien dieser Institution vorgenommen werden. Die
jüngst von einigen Republiken getroffenen Vereinbarungen unterstreichen diesen Grundsatz. Die Alternative wäre eine Spirale der Instabilität. Autarkie, Abstecken des Terrains und die Androhung des Einsatzes von Gewalt für territoriale Gewinne können keine
legitimen Elemente der neuen euro-atlantischen
Gemeinschaft sein. Die Geschichte Europas ist nur
allzu voH von Beispielen, wie ein solch unverantwortliches Verhalten auf diesem Kontinent ungeheures Leid
angerichtet hat.
Drittens fordern wir nachdrücklich Unterstützung für
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wir fördern friedliche Veränderungen lediglich durch ordnungsgemäße
demokratische Verfahren, insbesondere Wahlen. Dr.
Sacharow hat oftmals erklärt: Demokratische Mittel
sind der einzige Weg zur Demokratie. Das KSZE-Büro
für freie Wahlen, von dem wir hoffen, daß es bald ein
Büro für demokratische Institutionen wird, kann bei
diesen Bestrebungen eine konstruktive Rolle spielen.
Viertens fordern wir Sie auf, Menschenrechte zu achten, auf der Basis des Respekts für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten. In einer erfolgreichen pluralistischen Gesellschaft
- und ganz sicher in einem multinationalen System befindet sich jeder Bürger zu einer bestimmten Zeit
oder im Hinblick auf ein bestimmtes Thema einmal in
der Minderheit. Thomas Jefferson hat vor 200 Jahren
bei seinem Amtsantritt folgendes gesagt: Obwohl der
Wille der Mehrheit in allen Fällen zum Tragen kommen
muß, muß dieser Wille um seiner Rechtmäßigkeit
willen vernünftig sein. Die Minderheit besitzt das
gleiche Recht, das Gesetze schützen müssen. Verletzungen wären Unterdrückung. Im Einklang mit in
Kopenhagen und Genf eingegangenen Verpflichtungen müssen Politiker auf allen Regierungsebenen den
Haß gegenüber Rassen und Minderheiten, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung sowie
die Verfolgung aufgrund von Religion oder Ideologie
ausdrücklich verurteilen.
Fünftens möchten wir Sie auffordern, das Völkerrecht
und internationale Verpflichtungen zu respektieren,
insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der
Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta. Dies
wird Sie am besten auf den Beitritt zum demokratischen Staatenbund vorbereiten. Das Recht der Mitgliedschaft in diesem Staatenbund ist kein Amt, das
mit Macht verbunden oder geographisch bestimmt ist.
Es ist ein Bund von Werten - gemeinsamen Werten.
Die fünf Prinzipien verkörpern diese gemeinsamen
demokratischen Werte. Sie repräsentieren den Weg
in Richtung auf eine neue Zukunft, auf die Vollmitgliedschaft im demokratischen Staatenbund. Deshalb möchte
ich heute hier in Moskau die Forderung wiederholen,
die ich bereits vor einer Woche aufgestellt habe: Ich

AMERIKA DIENST 37

�fordere alle Politiker auf allen Regierungsebenen auf,
ihre Unterstützung für diese fünf Prinzipien zu bekunden. Darüber hinaus fordere ich alle KSZE-Mitglieder
auf, dasselbe zu tun.

Aus diesem Grund erachtet es meine Regierung als
unabdingbar, daß wir die durch dieses Moskauer Treffen
gebotene Möglichkeit einer gründlichen Überprüfung
der Verwirklichung voll und ganz nutzen.

Die KSZE ist nicht durch Panzer geteilt. Statt dessen
verfügen wir über die moralische Autorität, die sich aus
Prinzipien wie diesen ergibt. Wir konnten auf den
Straßen dieser Stadt vor drei Wochen beobachten,
daß Menschen, die mit Prinzipien bewaffnet sind,
Panzer überwinden können.

Insbesondere hoffen wir, daß bei diesem Treffen der
vom mir im Juni in meiner Berliner Rede unterbreitete
Vorschlag verabschiedet wird, das Büro für freie Wahlen
zu einem Büro für demokratische Institutionen zu
erweitern. Darüber hinaus würden wir die Verabschiedung unseres Vorschlags zur Stärkung des Mechanismus der menschlichen Dimension begrüßen, damit die
KSZE Menschenrechtsfragen besser lösen kann, auch
diejenigen, die nationale Minderheiten betreffen. Unser
Ansatz sieht die Schaffung eines Schlichtungsgremiums vor, mit dem der KSZE größere Möglichkeiten
und Flexibilität zur Bewältigung der vordringlichsten
Probleme verliehen wird.

Diese Prinzipien sind nicht nur Leitlinien, sondern auch
Maßstäbe für übernommene Verantwortung. Die
Verfechter dieser Prinzipien sollten wissen, daß sie die
einzig sichere Basisfür unsere Unterstützung und Hilfe
aufbauen - ein gemeinsames Band, das durch dauerhafte Werte gefestigt wird. Diejenigen, die diesen
Prinzipien keine Beachtung schenken, die unverantwortlich die Rechte anderer mit Füßen treten während
sie ihre eigenen Pflichten vernachlässigen, sollten
eines wissen: sie riskieren gute Beziehungen und
Unterstützung von außen, wenn ihr Vorgehen die
Grundregeln unterminiert, auf denen Demokratie und
die KSZE basieren.
Das Moskauer Treffen über die menschliche Dimension
Ich möchte mich nunmehr der Tagesordnung dieses
Treffens zuwenden. Das Treffen in Moskau ist keine
Gelegenheit, sich ständig selbst auf die Schulter zu
klopfen. Diejenigen, die den Staatsstreich erfolgreich
niedergeschlagen haben, wissen nur allzugut, daß
Achtung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und
demokratische Verfahren hier in der Sowjetunion erst
noch vollständig Fuß fassen müssen. Es kann keine
deutlicheren Hinweise geben, wie gut dies verstanden
wird, als die Tatsache, daß eine der ersten Maßnahmen des Außerordentlichen Kongresses der Volksdeputierten die Verabschiedung einer Erklärung über
Menschenrechte und Grundfreiheiten war - die erste
Erklärung dieser Art in der Geschichte der Sowjetunion.
Auch in Mittel- und Osteuropa wird die harte Arbeit an
der Demokratie fortgesetzt. Auch hier besteht die
größte Herausforderung für Bürger und Regierungen
gleichermaßen in der Verwirklichung der KSZE-Verpflichtungen zur menschlichen Dimension.
Seit zwei Jahrhunderten messen wir Amerikaner der
Umsetzung unserer Bill of Rights in die tägliche Praxis
höchste Priorität bei, und wir wissen, daß gute Absichten und hehre Worte auf Pergament - obwohl sie ein
ausgezeichneter Anfang sind - nicht die Demokratie
ausmachen. Demokratie leitet ihre Existenz vom
Bürger ab. Entsprechend ist der KSZE-Prozeß nur so
bedeutsam wie die positiven Auswirkungen, die er auf
das Leben unserer Völker haben kann.

AMERIKA DIENST 37

Im Juni habe ich in Berlin ferner größeres Engagement
der KSZE vorgeschlagen, um die Umstrukturierung
der Rüstungsindustrie voranzubringen und die potentiellen Migrationsprobleme in Europa in den Griff zu
bekommen. Wir sehen einer Erörterung dieser Vorschläge gerne entgegen und hoffen, Fortschritte bei
konkreten Maßnahmen in diesen Bereichen erzielen
zu können.
Wir sind uns bewußt, daß es kein Patentrezept zur
Umsetzung demokratischer Prinzipien in die Praxis
gibt, das für alle Zeiten, Orte, Menschen und unter
allen Umständen gültig ist. Durch die vernünftige und
entschlossene Suche nach Lösungen von Bürgern
und ihren gewählten Vertretern erhalten Demokratien
jedoch Reife und Legitimität in den Augen ihrer Bürger
und der internationalen Staatengemeinschaft.
Helden unserer Zeit
Diese Suche wurde vor drei Wochen ernsthaft begonnen. Es ist eine Suche, bei der wir alle Worte der tiefen
Anerkennung für abwesende Verfechter der Menschenrechte und für diesen Prozeß zum Ausdruck
bringen müssen. In ihrem Poem Wlthout a Hero hat
die große russische Dichterin Anna Aichmatowa die
tiefgreifenden Ereignisse ihrer Zeit nachvollzogen, als
es ihr bestimmt war, Revolution, Bürgerkrieg, Terror
und Invasion zu erleben. Das Gedicht beginnt am
Vorabend des Ersten Weltkriegs, 1913 - dem ersten
Jahr dessen, das Aichmatowa "nicht als den Kalender
sondern das echte 'zwanzigste Jahrhundert'" bezeichnet - ein Jahrhundert des Aufruhrs und menschlicher
Tragödien ungekannten Ausmaßes. Zwangsläufig
endet das Gedicht melancholisch.
Leider lebte Aichmatowa nicht lange genug, um das
Zeitalter der Demokratie in ihrem leiderprobten Heimatland mitzuerleben. Und auch zahllose Millionen
konnten es nicht mehr erleben, für die ihre Gedichte
Zeugnis menschlichen Leidens und der Würde des

Seite 3

�menschlichen Geistes sind. Sie kamen zu spät für die
11 Helsinki-Beobachter, die in sowjetischen Gefangenenlagern oder ausländischem Exil umkamen und vor
ihrem Tod lange Jahre der Verfolgung für die Verteidigung der Menschenrechte erdulden mußten. Es kam
auch für Sacharow und für die drei jungen Männer zu
spät, die erst letzten Monat bei der Verteidigung der
demokratischen Prinzipien der Menschen gegen Panzer
ihr Leben ließen. All diese mutigen Männer und
Frauen haben die Ankunft der Demokratie beschleunigt. Sie sind die wahren Helden unserer Zeit.

Mut und ihren Opfern gerecht wird. Gemeinsam
können wir einen wertvollen Beitrag zur Konsolidierung der Demokratie für die Menschen in der Sowjetunion und ganz Europa leisten. Durch unsere Bestrebungen können wir dazu beitragen, 1991 zum ersten
echten Jahr des 21. Jahrhunderts zu machen - einem
Jahrhundert, das, so hoffen wir, einem neuen Europa,
einem neuen AtJantizismus und einer neuen auf menschliche und demokratische Werte, florierende Marktwirtschaften und friedliche internationale Beziehungen
gegründeten Weltordnung den Weg bereiten wird.

Ich denke, es ist nur angemessen, wenn ich diese
Ausfühlungen heute mit dem Appell abschließe, daß
unsere Arbeit hier in Moskau ihren Hoffnungen, ihrem
* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 37

�KSZE
18. September 1991

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die Menschliche Dimension
MOSKAU - (AD) - Der Leiter der US-Delegation bei der KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension,
Botschafter Max Kampelman, erklärte, "die Veränderungen in Europa haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die (...) Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervorbringen. Sie erinnern uns an die
alten schrecklichen Tage, die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und
Diplomaten in Europa und Nordamerika."
Kampelman würdigte die "kontinuierlichen und erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von Helsinki
während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens", und verwies in seiner Rede beim Moskauer Treffen am 16.
September 1991 auf die neue wachsende Besorgnis der KSZE-Länder.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Kampelmans Rede im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
es ist verständlich, daß unsere Minister - und auch wir
- eine tiefe Befriedigung über die kontinuierlichen und
erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von
Helsinki während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens
empfinden. Die Worte, die diese Räume in der ersten
Woche unserer Zusammenkünfte erfüllen, haben diesen Leistungen und dem Wendepunkt der Geschichte,
der uns hierher geführt hat, Tribut gezollt. Dieses Land
und diese Stadt verkörpern heute das unermüdliche
Bestreben, die Unterdrückung des Menschen zu beenden und die Stärke, Vitalität und Widerstandskraft
von Demokratie und menschlicher Würde anzuerkennen.
Ich möchte heute nachmittag hier nicht die Worte
wiederholen oder mit den Reden wetteifern, die wir
gehört haben. Ich möchte auch nicht unsere Befriedigung und unser berechtigtes Eigenlob auf die Probe
stellen. Ich möchte vielmehr daran erinnern, daß es
neue und andere Empfindungen und Anliegen gibt, die
erkannt und geäußert werden müssen, wenn wir gegenüber uns selbst, unseren Hoffnungen und unserer
Aufgabe ehrlich sein wollen.
In einem Europa, das heute freier und demokratischer
ist, sind Freiheit und Menschenrechte allgemein als
unerläßlich für die Erlangung von Sicherheit und Stabilität anerkannt. Dennoch erfahren wir Qualen, Unruhen, Mißstimmungen und Teilung - die alle unser
Empfinden von Sicherheit und Stabilität untergraben.
Es ist, als ob unser Staatsgefüge zunehmende Qualen

AMERIKA DIENST 37

erleidet, ebenso wie der menschliche Körper Schmerz
empfindet, wenn er sich entwickelt und älter wird. Das
ist beunruhigend, unbequem und störend.
Die Veränderungen in Europa - vielfach positiv oder
ehrenvoll, oftmals auch destruktiv und bedrohlich haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die
jahrelang künstlich oder rücksichtslos unterdrückt
wurden. Es sind diese destruktiven Gefühle, die uns
heute Anlaß zur Besorgnis geben. Sie bringen Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervor. Sie erinnern uns an die alten schrecklichen Tage,
die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und Diplomaten in Europa und
Nordamerika.
Die Gewalt in Jugoslawien hat bereits tiefgreifende
und wichtige Auswirkungen auf den KSZE-Prozeß und
die hier stattfindenden Beratungen. Die Politiker in
diesem unglücklichen Land, insbesondere in Serbien,
die für diese Gewalt verantwortlich sind, verursachen
einen Prozeß, der sie und ihre eigennützigen Ziele bald
in einer Art und Weise mitreißen wird, die außerhalb
ihrer Vorstellungskraft liegt. Ich stelle fest, daß Menschen und Diplomaten innerhalb der KSZE zunehmend verärgert und unsere politisch Verantwortlichen
zunehmend frustriert sind, weil sie Zeuge werden, wie
Menschen ihre Nachbarn in einem sinnlosen Ausbruch
von Gewalt mitten in unserereuropäischen Staatengemeinschaft umbringen.
Verantwortungsbewußte Politiker in Europa wollen,
daß es ihren Völkern gut geht und sie die Freiheit der
Seite 1

�Demokratie genießen. Sie wollen die von ihnen regierten Völker die wirtschaftlichen Früchte dessen ernten
lassen, was Menschen infolge der Revolutionen in
Wissenschaft, Kommunikation und Industrie erreicht
haben, die den Menschen ungeheure neue Möglichkeiten für ihre Erfüllung und ihren Wohlstand eröffnet
haben. Die veranwortungsbewußten Politiker von
heute haben hart und kreativ gearbeitet, um eine
europäische Staatengemeinschaft hervorzubringen,
die gewaltlos, integrativ und koordiniert ist und das
Leben der Menschen in ihr produktiv verbessert. Wir
können nicht zulassen, daß der archaische, engstirnige und gewalttätige Nationalismus in Jugoslawien die
jetzt schnell entstehende Ordnung mit ihrem Potential
zur Verwirklichung vieler unserer Hoffnungen bedroht.
Die Erfahrung in Jugoslawien dient als frühes Warnzeichen, daß Gewalt innerhalb der KSZE inakzeptabel ist
und nicht zugelassen oder geduldet werden darf.
Ich bin zuversichtlich, daß dieses Treffen ihre Entschlossenheit zum Ausdruck bringt, Schritte ins 21.
Jahrhundert zu unternehmen und nicht in ein finsteres
Zeitalter zurückzufallen. Wir werden das vorsichtig
tun, ohne auf irgendeine Weise die grundlegenden
Prinzipien der Integrität und des gegenseitigen Respekts zu gefährden oder zu unterminieren, die so
effektiv zu unserer Stärke beigetragen haben. Europa
muß sich energisch und kontinuierlich in Richtung auf
eine internationale Staatengemeinschaft bewegen, in
der unsere Länder und Kulturen ihre gemeinsamen
Werte und Reichtümer, ihre Traditionen und Erfahrungen zu einer Gesellschaft beitragen, in der die Würde
des Menschen betont wird.
Es gibt ein direkt damit zusammenhängendes Anliegen, das die Aufmerksamkeit dieses Gremiums verdient. Das Verschwinden des Kommunismus in diesem Land wird von allen begrüßt. Eine neue Struktur
der Regierung wird geschaffen. Unter enthusiastischer Zustimmung unserer Regierung und der anderen hier versammelten Länder wurde dadurch unsere
Zahl erhöht. Wir sind jetzt nicht mehr 35 sondern 38.
Das bringt uns jedoch auf den Gedanken, daß die Zahl
38 nicht das Ende des Prozesses darstellen könnte.
Was bedeutet das? Würde sich eine KSZE aus 40,45
oder noch mehr Mitgliedern nicht von einer KSZE mit
35 Mitgliedern unterscheiden? Würden weitere Zugänge eine Veränderung im Verhältnis untereinander,
im Ansatz, einem möglichen Sinneswandel und vielleicht beim Engagement bewirken? Wir müssen über
die Auswirkungen solcher potentiellen Herausforderungen ernsthaft nachdenken.
Die Sowjetunion wird ein anderes Land mit einer neuer
politischen Definition. Die konstruktiven und stimulierenden Ansprachen von Präsident Gorbatschow, vom
Präsidenten der russischen Republik Jelzin und Außenminister Pankin, die wir vergangene Woche in
diesem Saal vernommen haben sowie die Zusammensetzung der sowjetischen Delegation haben uns mit

Seite 2

einer gewissen Aufregung erfüllt, weil wir einen echten
und entschlossenen Schritt in Richtung auf Demokratie in diesem großen Land beobachten. Die Menschen
und Regierungen dieses Landes bewegen sich mit
Riesenschritten vorwärts, aber wir müssen erkennen,
daß es sich dabei um Riesenschritte ins Unbekannte
handelt.
Man kann es wohl als tragisch bezeichnen, daß die
Zentralregierung derSowjetunion so rücksichtslos und
brutal war. Die vielen Millionen, die nie die Möglichkeit
hatten, ihre nationalen, ethnischen und religiösen Traditionen und Hoffnungen auszudrücken und zu verwirklichen, fühlten sich dieser Zentralregierung völlig
entfremdet. Bei der ersten Gelegenheit - und diese
Gelegenheit ist jetzt - sind sie nur allzu bestrebt, sich
von dieser Zentralregierung loszusagen und stehen
ihrem veränderten Image skeptisch gegenüber. Das
ist verständlich, aber wenn die Republiken dieses
Landes größere Selbstbestimmung erreichen, werden
sie nicht die Gelegenheit verstreichen lassen, die
lebhaften Farben ihrer eigenen Kulturen zu einem
farbenprächtigen Regenbogen beizutragen, der sich
über das ganze Land erstreckt und den Himmel erhellt.
Die Völker der Sowjetunion haben diese Chance für
eine bessere Zukunft, wenn sie sich von den Fesseln
alter Haßgefühle und engstirniger Bigotterie befreien
können. Dieses Land kann zu "Vereinigten Nationalitäten in Miniatur" werden und der Welt ein Beispiel
geben.
Wir werden durch eine Reihe demokratischer Entwicklungen in den Republiken ermutigt. Das Parlament der
Ukraine hat nach seiner Unabhängigkeitserklärung
alle politischen Gefangenen freigelassen, und seine
Erklärung beinhaltet eine Klausel zum Schutz der
Rechte und Freiheiten aller Völker, die innerhalb der
Grenzen leben, nicht nur der Ukrainer selbst. Die
russische Republik liefert ständig dramatische Beweise ihres Engagements für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und politischen Pluralismus. Wir sind sehr
zuversichtlich, daß sie der Versuchung einer verordneten autoritären Regierung widerstehen kann. Moldawien und Armenien haben die wichtigsten internationalen Menschenrechtsdokumente verabschiedet und
ratifiziert. Darüber hinaus haben eine Reihe von
Republiken parlamentarische Menschenrechtsausschüsse gebildet und bilaterale Abkommen zum Schutz
der Rechte von Minderheiten geschlossen.
Wir dürfen jedoch nicht andere Faktoren außer acht
lassen, die uns Sorge bereiten. Wir können zum
Beispiel nicht glücklich über eine Wahl in Aserbaidschansein, wo der Wahlvorgang nur einen Präsidentschaftskandidaten hervorbringt. Wir lesen, daß Usbekistan repressive Maßnahmen gegen demokratische
Kräfte ergreift. Repression wird gegen politische Aktivisten in Weißrußland eingesetzt. Morde an Osseten
in Georgien sind weiterhin inakzeptable offensichtliche
Verletzungen der KSZE-Bedingungen. Tatsächlich

AMERIKA DIENST 37

�scheinen die unerklärlichen Stellungnahmen des
georgischen Regierungschefs die Kernpunkte der KSZEPrinzipien über ethnische Minderheiten herauszufordern. Die Beschränkungen fundamentaler Freiheiten,
sogar der lokalen Bevölkerung Georgiens steht im
Gegensatz zu all dem, was wir mit der Unterzeichnung
der Pariser Charta zu erreichen hofften.
Zunehmende Gewalt verbunden mit Ausweisungen
und Verfolung von Armeniern in Nagomy-Karabach
haben zu einem Aufschrei von Menschenrechtsgruppen in meinem Land und andernorts geführt. Meine
Regierung steht hinter diesem heftigen Protest. Wir
nehmen die Kommentare des Außenministers von
Aserbaidschan vom sowjetischen Sitz in dieser Versammlung zur Kenntnis, sie rechtfertigen jedoch in
keiner Weise die zunehmende Gewalt. Wir verurteilen
alle Gewalt in der Region und fordern die Parteien auf,
von allen Aktionen abzusehen, die zur Verschärfung
dieser Krise beitragen. Wenn die Parteien Teil von
Europa werden wollen, müssen sie die Streitigkeiten
auf dem Verhandlungswege und nicht durch bewaffnete Gewalt - weder auf lokaler noch auf Ebene der
Zentralregierung - lösen.
Wir sind uns ferner bewu ßt, daß keine der Republiken
ethnisch homogen ist. Wir wissen beispielsweise, daß
rund 30 Millionen Russen außerhalb Rußlands in diesen Republiken leben, und ihre Menschenrechte müssen
respektiert werden. Das Problem der Flüchtlinge im
Inland und ihrer häufig erlittenen Diskriminierung verschärft sich. Wir sind uns bewußt, daß die Tradition
der Menschenrechte in einer Reihe von Republiken
keine tiefen Wurzeln hat. Wir fragen uns daher, ob die
Auswanderungspolitik national gehandhabt oder auch
auf der Ebene der Republiken wirksam wird. Bei der
sowjetischen Auswanderungspolitik konnten entschiedene Verbesserungen beobachtet werden, auch wenn
die neue Gesetzgebung in einigen Bereichen noch
unzulänglich ist. Können wir davon ausgehen, daß die
Republiken diese und andere Prinzipien und Werte
des Helsinki-Prozesses respektieren?
Wir hoffen, daß die neue Landkarte der ehemaligen
Sowjetunion bald fest umrissen sein wird, ich gehe
jedoch davon aus, daß es Zeit erfordern wird, bis die
Linien endgültig gezogen sind. Sobald die Euphorie
der Unabhängigkeit in die richtige Perspektive gerückt
ist, muß diese Energie und Kreativität in eine nüchterne Konfrontation mit wirtschaftlichen und politischen
Realitäten münden. Die neue politische Identität dieses Landes muß in seinem wie auch in unserem
Interesse mit dem übrigen Europa beim Streben nach
wirtschaftlicher Integration und politischer Koordination sowie der Unterstützung unserer gemeinsamen
Werte gleichziehen, wie sie in den historischen Dokumenten der KSZE verankert sind.
Es ist angemessen, daß diese und andere bei diesem
Treffen abgegebene Erklärungen sich auch auf die
Entwicklungen in diesem Land konzentrieren. Das
AMERIKA DIENST 37

Thema wurde uns vom Präsidenten der Sowjetunion in
seiner Eröffnungsansprache vor unseren Delegationen vorgegeben. Unsere offiziellen und inoffiziellen
Diskussionen sind jedoch über diesen Rahmen hinausgegangen. Wir haben eine konstruktive Bestandsaufnahme vorgenommen, wie unsere in Helsinki, Wien
und Kopenhagen eingegangenen und anderen Verpflichtungen zur menschlichen Dimension eingehalten
wurden und blicken jetzt voll Hoffnung in die Zukunft.
Eine Reihe der hier anwesenden Delegationen haben
die beachtlichen Fortschritte zur Demokratie festgestellt und gewürdigt, die Bulgarien in den vergangenen
zwei Jahren erzielt hat. Es gibt zahlreiche Beweise,
daß die bulgarische Regierung entschlossen ist, diesen schwierigen Weg zu einer fest verankerten Demokratie zu Ende zu gehen. Gleichzeitig stimmen wir
denjenigen zu, die mit Besorgnis die neuen verfassungsmäßigen Bestimmungen Bulgariens zur Kenntnis genommen haben, die auf ethnische oder religiöse
Zugehörigkeit gegründete politische Gruppierungen
verbieten. Wir bringen diese Besorgnis zusammen mit
unserer Würdigung der konstruktiven Beiträge der
bulgarischen Delegation zu unserer Debatte zum
Ausdruck. Die nächsten Wahlen in Bulgarien finden
am 13. Oktober statt. Das Land hat immer noch Zeit,
seine KSZE-Verpflichtungen zu erfüllen, und wir sind
erfreut über die vom Leiter der bulgarischen Delegation artikulierten Schritte in diese Richtung.
Den Albanern im Kosovo werden immer noch ihre

Rechte vorenthalten, und wir sind weiterhin empört
über die Gewalt, die ihnen und ihren Rechten angetan
wird. Es gibt keine Rechtfertigung für die Entscheidung Serbiens, mit Gewalt zu herrschen. Damit wird
nur Haß und andauernde Gewalt geschürt. Es ist an
der Zeit für die serbische Führung, menschliche Züge
anzunehmen, damit sie ihr Volk über die Schwelle ins
21. Jahrhundert führen kann.
In zu vielen unserer Mitgliedstaaten beobachten wir
immer noch Antisemitismus und Intoleranz gegenüber
Zigeunern. In einem auf die Pariser Charta gegründeten Europa gibt es keinen Raum für diese empörenden
Demütigungen.
Am Freitag hat die türkische Delegation für uns eine
Bilanz der Bestrebungen ihrer Regierung zur Beendigung der Verletzung von Menschenrechten vorgenommen, die dort stattgefunden haben. Brutalität und
Folterungen durch die Polizei finden immer noch allzu
häufig statt. Diese und ähnliche Vorfälle der Gewalt
durch Aktionen oder Untätigkeit seitens der Regierung
fügen dem Ruf der Türkei in der internationalen Staatengemeinschaft unnötigen Schaden zu. In diesen
Tagen dramatischer Veränderungen und wachsender
Erwartungen hat die Türkei eine Chance, eine internationale Führungsrolle zu übernehmen. Die Vereinigten
Staaten haben in jüngster Ziet selbst Erfahrungen mit
der Brutalität der Polizei gemacht. Aus diesem Grund
waren wir erfreut über die zunehmenden Bestrebun-

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�gen der Türkei, ihre Polizisten zu Seminaren und
anderen Fortbildungsmaßnahmen zu entsenden, damit
die Polizei ihre Verantwortung in einer demokratischen
Gesellschaft lernt. Darüber hinaus würden wir die
Verabschiedung der von der Regierung vorgeschlagenen Gesetzgebung begrüßen, den Zeitraum der Inhaftierung bei einer Festnahme von 15 auf 4 Tage zu
verkürzen und bei der Verhaftung das Recht auf einen
Anwalt zu garantieren. Dies steht im Einklang mit den
Kopenhagener Prinzipien.
Herr Vorsitzender, mit diesen Anliegen und den vor
Ihnen aufgezeigten Perspektiven setzt die amerikanische Delegation große Erwartungen in dieses Mos-

*

Seite 4

*

kauer Treffen. Wir werden alle Bestrebungen unterstützen, unsere gemeinsamen Ziele voranzubringen.
Wir fühlen uns außerordentlich ermutigt durch die
Erklärungen, die während dieser ersten der vier Wochen abgegeben wurden, die wir gemeinsam verbringen werden. Wir werden unsere Vorschläge unterbreiten und die Vorschläge anderer Delegationen gerne
unterstützen. Unser gemeinsames Ziel ist, ein Moskauer Dokument hervorzubringen, das auf seine Weise einen so historischen Beitrag leistet wie Kopenhagen es bei der Herstellung von Sicherheit und Stabilität
in allen Staaten bei Menschenrechten für all unsere
Völker getan hat.

* *

AMERIKA DIENST 37

�MENSCHENRECHTE
18. September 1991

VIELE LÄNDER VERLETZEN IMMER
NOCH MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell
GENF - (AD) - Dem US-Vertreter bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, Botschafter
Kenneth J. Blackwell, zufolge erkennen viele Länder zwar die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte an,
verwirklichen aber nicht ihre Grundsätze und Normen.
Die Welt ist nicht in Länder geteilt, die an Menschenrechte zu glauben vorgeben und in solche, die nicht daran
glauben, sondern "sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten".
Bei der Eröffnungssitzung des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993 geplante Weltkonferenz über Menschenrechte erklärte Blackwell am 10. September 1991, die Grundsätze der Menschenrechtserklärung seien
weithin anerkannt, "aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück". Die Herausforderung für die Konferenz
und in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen bestehe im 21. Jahrhundert darin, "wie die bereits
anerkannten Normen realisiert werden sollen".
Blackwell bekundete seine Hoffnung, daß die Konferenz die Funktionen bestehender Institutionen unterstützen
wird, etwa des Menschenrechtszentrums, "das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe bietet, deren Rechte
täglich verletzt werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Blackwells Rede im Wortlaut.

Gestatten Sie mir, Ihnen zu Ihrer Ernennung als Vorsitzende des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993
geplante Weltkonferenz über Menschenrechte zu
gratulieren. Die letzte Weltkonferenz fand 1968 in
Teheran statt. Einer der größten Verfechter der Freiheit in Amerika, Martin Luther King, wurde nur 20 Tage
vor Beginn dieser Konferenz ermordet. Die US-Delegation hatte Schwierigkeiten zu verstehen, wie so ein
Verbrechen insbesondere in einem Land möglich sein
konnte, das sich selbst als Wiege der Freiheit versteht.
Martin Luther Kings Tod hat uns nur allzu deutlich vor
Augen geführt, daß wir stets wachsam sein müssen
und in unserem Kampf zur Förderung der Rechte des
einzelnen - und der Souveränität der Menschheit nicht einen Augenblick die Hände in den Schoß legen
dürfen. Die Weltkonferenz 1993 gibt uns die Gelegenheit, uns erneut auf diese Rechte einzuschwören.

Aber die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist
mehr als eine Inspiration. Ihre Verabschiedung hat
den Blickwinkel der internationalen Staatengemeinschaft zu Menschenrechten verändert. Dank dieser
Erklärung und ihrer Folgevereinbarungen hat der einzelne einen neuen Status in der Welt erhalten, mit
anerkannten unveräußerlichen Rechten, zu deren Schutz
und Förderung sich die internationale Staatengemeinschaft verpflichtet hat. Dieser Aufgabe sollte sich auch
die Weltkonferenz widmen.

Vor etwa 50 Jahren trafen sich Staats- und Regierungschefs zu einer Sitzung unter der UN-Flagge, um
dieselben wichtigen Probleme zu erörtern, denen wir
uns heute gegenübersehen. Ihre Leistungen waren
von großer Tragweite, denn sie erarbeiteten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihre Arbeit
setzte dauerhafte Maßstäbe für die gesamte internationale Staatengemeinschaft.

Wenn wir den 45. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begehen - und das wird ein
Grund für die Durchführung der Weltkonferenz 1993
sein - sollten wir zunächst anerkennen, daß die Welt
nicht in Länder geteilt ist, die an Menschenrechte zu
glauben vorgeben und in solche, die nicht daran glauben, sondern sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten.

AMERIKA DIENST 37

Die Allgemeine Erklärung bietet denjenigen einen
Hoffnungsschimmer, die von ihren Regierungen dauernden systematischen Angriffen ausgesetzt sind. Sie
ist ein Wegweiser für neue Nationen und Inspiration für
alle Völker, die das Joch von Diktatur oder Zwangsherrschaft abschütteln wollen.

Seite 1

�Viele Länder der internationalen Staatengemeinschaft
haben die in der Allgemeinen Erklärung verankerten
Prinzipien und Normen anerkannt. Diese Normen sind
dauerhaft. Aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück. Die Herausforderung für die Konferenz und
in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen besteht
im 21. Jahrhundert darin, wie die bereits anerkannten
Normen realisiert werden sollen.
Glücklicherweise gibt es bereits eine Reihe von Strukturen, die bei der Verwirklichung helfen können: das
Menschenrechtszentrum, die Menschenrechtskommission, den Menschenrechtsausschuß und Sonderberichterstatter für bestimmte Länder und Themen. Sie
bilden das Kernstück bei der Durchführung der Menschenrechte. Wir brauchen keine neuen übergreifenden Mechanismen. Aber wir müssen auf der bestehenden Infrastruktur aufbauen, um die Verwirklichung
von Gerechtigkeit und Menschenrechten zu gewährleisten. Ein wichtiges Ziel der Weltkonferenz sollte
darin bestehen, die Funktionen bestehender Institutionen, etwa des Menschenrechtszentrums, zu unterstützen, das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe
bietet, deren Rechte täglich verletzt werden.
Ich möchte einige Beispiele für konkrete Vorschläge
anführen, die zu einer besseren Verwirklichung der
Menschenrechte führen können:
Der WCHR könnte die Gründung eines Gremiums von UN-Rechtsberatem empfehlen. Das
Gremium sollte bei Verfahren über Menschenrechtsverletzungen sowohl als Beobachter als
auch als Berater fungieren.
Die Konferenz würde untersuchen, wie die
Ausbildungsprogramme des Menschenrechtszentrums über Grundregeln der Menschenrechte für Polizei und Militär gefördert werden können.
Darüber hinaus könnte die Konferenz ein technisches Hilfsprogramm für gesetzgebende Körperschaften unter der Schirmherrschaft des Menschenrechtszentrums ins Leben rufen. Ein
solches Programm würde den vielen aufstrebenden Demokratien der Welt wertvolle Hilfe
leisten.
Eine andere Idee, die gerade von den Vereinten
Nationen erwogen wird, ist die Schaffung eines
Mechanismus zur Reaktion auf Bitten der Mitgliedstaaten um Hilfe bei Wahlen. Freie und
faire Wahlen sind die Grundlage echter Demokratie auf der ganzen Welt. Sie umfassen die
Rechte eines Bürgers, an der Regierung seines
Landes zu partizipieren und sind für die Demokratie überall unabdingbar. Die Förderung von
Wahlverfahren ist zur Erlangung grundlegender
Menschenrechte entscheidend.

Seite 2

Dies sind nur einige Vorschläge für konkrete Programme zur Verwirklichung grundlegender Menschenrechte. Ich bin sicher, andere Delegationen werden ihre
eigenen Vorschläge unterbreiten. Mit Phantasie und
Augenmaß können wir gemeinsam ein Programm
entwerfen, das über Erklärungen hinausgeht und den
Menschen auf der Welt etwas Neues bietet.
AH diese Vorschläge müssen finanziert werden. Deshalb ist es entscheidend, daß ein größerer Prozentsatz
der UN-Ressourcen Programmen zufließt, mit denen
Menschenrechte verwirklicht werden. Das Menschenrechtszentrum verfügt gegenwärtig nicht über die erforderlichen Mittel und Ressourcen, um mit der momentanen Arbeitsbelastung Schritt zu halten. Angesichts der Notwendigkeit, die Verwirklichung der
Menschenrechte zu fördern, sollte die Weltkonferenz
die Umleitung von Mitteln innerhalb der Vereinten
Nationen zugunsten dieser erforderlichen Programme
unterstützen. Die Vereinigten Staaten fördern dieses
Ziel. Aber es soll in vernünftiger Weise durchgesetzt
werden. Der Prozeß der Zuweisung von Mitteln sollte
für alle transparent und offen sein. Noch wichtiger ist
es, daß geringe Mittel für Aktivitäten aufgewendet
werden, die größtmögliche Auswirkungen auf die
Verbesserung der Lebensqualität und der Rechte des
einzelnen haben.

'

Frau Vorsitzende, wir haben bereits einen Plan für eine
erfolgreiche Konferenz. Er wurde mit Resolution 45/
155 der Generalversammlung niedergelegt. Er fordert
erstens eine Überprüfung und Bewertung von Fortschritten und Rückschläge bei den Menschenrechten
seit Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte. Zweitens fordert er die Konferenz
auf, "das Verhältnis zwischen Entwicklung und Gewährung (dieser Rechte) zu prüfen, wie sie in den
Internationalen Statuten über Menschenrechte festgelegt sind". Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, daß Menschenrechte der Schlüssel zur Entwicklung sind. Drittens fordert er Bewertungen, wie die
Durchführung bestehender Menschenrechtsnormen
und die Effektivität von Methoden und Mechanismen
verbessert werden können.
&lt;
Frau Vorsitzende, in einer Erklärung bei der Debatte
der Generalversammlung im Herbst vergangenen Jahres
hat Präsident Bush darauf verwiesen, daß der kalte
Krieg in Berlin zu Grabe getragen worden ist. Angesichts eines neu vereinten und freien Deutschlands
halten wir es für besonders angemessen, daß Berlin
Gastgeber der Weltkonferenz sein wird. Wir danken
der Bundesregierug für ihre Einladung.
Abschließend möchte ich bekräftigen, daß die Weltkonferenz über Schlagworte hinausgehen muß. Mit
der Verwirklichung der Menschenrechte kann jeder
einzelne sein Potential ausschöpfen. Sie sind der
Schlüssel für die Entwicklung des einzelnen. Auf

AMERIKA DIENST 37

'

�nationaler Ebene sind Menschenrechte der Schlüssel
für wichtige wirtschaftliche Entwicklungen und auf
internationaler Ebene die Basis für Frieden und Sicherheit.
Im Juli habe ich am KSZE-Expertentreffen über nationale Minderheiten teilgenommen. Das allgemeine
Engagement für positive, praktikable Lösungen hat

AMERIKA DIENST 37

mich berührt. Bei unseren Vorbereitungen für die
Weltkonferenz über Menschenrechte müssen wir noch
größeres Engagement an den Tag legen. Gemeinsam
müssen wir sicherstellen, daß die Vereinten Nationen
konkrete Maßnahmen ergreifen, um Demokratie, die
Achtung der Menschenrechte und die Entwicklung der
Freiheiten des einzelnen zu fördern, um das hohe
Potential der Menschheit auszuschöpfen.

Seite 3

�CHEMISCHE

WAFFEN
18. September 1991

KONFERENZ KANN REGIME FÜR
BIOLOGISCHE WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman
GENF - (AD) - Den Vereinigten Staaten zufolge bietet die gegenwärtig in Genf stattfindende dritte Überprüfungskonferenz der Konvention über Biologische und Toxin-Waffen eine wichtige Gelegenheit, "Wege aufzuzeigen,
um die Durchführung des Regimes gegen (solche Waffen) zu fördern".
Der Leiter des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung, Ronald Lehman, erklärte am 10. September 1991
bei der Konferenz, die Vereinigten Staaten seien "zur eingehenden Prüfung bereit, ob und wie das Verbot
biologischer und Toxin-Waffen verifiziert werden kann".
Lehman erläuterte ferner: "Insbesondere planen wir, mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an der
Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die
Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses Anliegen der
Einhaltung erkennt und behandelt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des ACDA-Direktors im Wortlaut.
Vor zwanzig Jahren haben die Unterhändler hier in
Genf die Konvention über Biologische und ToxinWaffen abgeschlossen. Sie waren - um die Präambel
zu zitieren - entschlossen, "...die Möglichkeit des Einsatzes biologischer Wirkstoffe und Toxine als Waffe
auszuschließen". Die Aufgabe der heute hier Anwesenden besteht darin, die Durchführung der Konvention gemäß Artikel XII zu überprüfen und zu gewährleisten, daß das Ziel der Präambel und die Bestimmungen der Konvention verwirklicht werden. Dies ist eine
große Verantwortung, und die Vereinigten Staaten
nehmen sie sehr ernst.
Bei der Erfüllung dieser Pflicht müssen die Konferenzteilnehmer mit all ihrer Kraft ihre Unterstützung für das
vollständige Verbot von biologischen und Toxin-Waffen bestätigen. Diese schrecklichen Waffen sind eine
Bedrohung für die gesamte Menschheit. Die internationale Staatengemeinschaft kann und darf nicht die
Entwicklung, Herstellung und Lagerung solcher Waffen tolerieren.
Die internationale Staatengemeinschaft hat bestimmte weithin akzeptierte Verhaltensmaßstäbe, die ihr
Funktionieren sicherstellen. Die B-Waffen-Konvention liefert im Hinblick auf biologische und ToxinWaffen den einzig umfassenden internationalen Standard. Darüber hinaus ist sie Sammelpunkt für die
internationale Reaktion auf Verletzungen vereinbarter
Verhaltensmaßregeln durch ein Land.

AMERIKA DIENST 37

Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse
am Bestand der B-Waffen-Konvention. Sie haben
lange vor Abschluß der Konvention einseitig auf biologische und Toxin-Waffen verzichtet. Sie stehen voll
und ganz hinter der Konvention und ihrer effektiven
Durchführung.
Wie jedes Werk des Menschen ist die B-WaffenKonvention nicht perfekt. Eines unserer Ziele bei
dieser Konferenz wird darin bestehen, aktiv praktische
und effektive Maßnahmen zur Durchführung der
Konvention und zum Aufbau des Vertrauens in sie zu
ergreifen. Aber indem die Vereinigten Staaten erforderliche Veränderungen vorschlagen, möchten sie ihr
Vertrauen in die Konvention selbst bekunden. Welche
Mängel sie auch haben mag - die Konvention bleibt das
wichtigste Bollwerk der Welt gegen biologische und
Toxin-Waffen.
Unsere vordringliche Aufgabe ist es, die Durchführung
der Konvention zu fördern, und die US-Delegation ist
bei dieser dritten Überprüfungskonferenz zur eingehenden Prüfung bereit, wie das Verbot biologischer
und Toxin-Waffen effektiver durchgeführt werden kann.
Ein wichtiges Element der B-Waffen-Konvention ist die
Frage der Absicht, denn Aktionen im Zusammenhang
mit biologischen oder Toxin-Waffen sind verboten. Es
ist daher an den Teilnehmerstaaten, zu versichern,
daß sie beim Umgang mit biologischen Stoffen friedliche Absichten verfolgen.
Seite 1

�Wir gehen grundsätzlich davon aus, daß der beste
Ansatz zur Förderung der B-Waffen-Konvention darin
besteht, Vertrauen unter den Beteiligten zu schaffen,
sich an die Bedingungen zu halten und diejenigen, die
die Konvention verletzen, zur Einhaltung zu bewegen.
Die Konvention ist nicht effektiv verifizierbar, und wir
kennen keine Möglichkeit, dies durchzusetzen. Unsere Bestrebungen bei dieser Konferenz gehen also
dahin, Transparenz und Offenheit unter allen Beteiligten zu fördern. Die einzelnen Länder müssen im
Hinblick auf ihren Umgang mit biologischen Wirkstoffen so offen wie möglich sein. Wir beabsichtigen
unsere eigenen Maßnahmen vorzuschlagen, die vorgeschlagenen Maßnahmen anderer zu unterstützen
und Vertrauensbildung zu betonen. Dadurch werden
wir die Durchführung der B-Waffen-Konvention stärken, unser Engagement fürdie Konvention bekräftigen
und den verbindenden Charakter der Konvention nach
dem Völkerrecht betonen.
Wenn wir unser Ziel der besseren Durchführung der BWaffen-Konvention erreichen wollen, müssen wir in
den nächsten Wochen eine Reihe wichtiger Probleme
ansprechen, darunter Verbreitung, Nichteinhaltung,
Mittel der Vertrauensbildung bei der Einhaltung, unzureichende Durchführung bestehender vertrauensbildender Maßnahmen und mangelnde Einhaltung durch
wichtige Länder.
Probleme der Verbreitung
Die Verbreitung biolgischer und Toxin-Waffen ist für
uns alle beängstigend und bedrohlich. Solche Waffen
können durchschlagendere Wirkung haben als die
schlimmsten chemischen Waffen, und viele von ihnen
sind in ihren Auswirkungen höchst unberechenbar.
Unserer Meinung nach arbeiten eine Reihe von Ländern an der Herstellung bereits bekannter und neuer
biologischer Waffen.
Eine Kontrolle der Verbreitung ist schwierig, weil die
Forschung und Entwicklung in diesem Bereich naturgemäß mehreren Zwecken dient. Im Gegensatz zur
Herstellung chemischer Waffen gibt es keine Vorläufer
oder Geräte, die ausschließlich für die Herstellung
biologischer Wirkstoffe für feindliche Zwecke eingesetzt werden können. Dasselbe Material ist zum
Beispiel wichtig für die lebensnotwendige Forschung
zur Kontrolle der Ausbreitung vieler schwerer Krankheiten und für die Herstellung bestimmter Impfstoffe.
Viele Substanzen, die als biologische Waffen eingesetzt werden können, kommen in zahlreichen Ländern
natürlich vor. Tatsächlich kann jedes Land mit einer
bescheiden entwickelten pharmazeutischen Industrie
Material für biologische oder Toxin-Waffen herstellen,
wenn es das will.
Wir müssen sicherstellen, daß eine solche Wahl keine
Option ist. Die Vereinigten Staaten tragen ihren Teil
dazu bei. Im November vergangenen Jahres hat

Seite 2

Präsident Bush einen Präsidialerlaß verabschiedet,
der US-Sanktionen verschärft, um die Verbreitung
mehrerer Massenvernichtungswaffen zu verhindern.
Die im Dezember 1990 ins Leben gerufene Initiative
zur verbesserten Kontrolle der Verbreitung führt diesen Präsidialeria ß teilweise durch. Für den Export von
Mehrzweckgerät, mit dem chemische und biologische
Waffen hergestellt werden können, ist eine Ausfuhrgenehmigung erforderlich. Darüber hinaus hat der Präsident denjenigen US-Bürgern Strafverfolgung angedroht, die wissentlich ausländische chemische und
biologische Waffen oder Raketenprogramme unterstützen. Darauf werde ich später noch zu sprechen
kommen.
Verbreitung ist ein internationales Problem und erfordert eine internationale Lösung. Gleichzeitig stellt uns
die gegenwärtige Lage im Nahen Osten vor einmalige
Gefahren und Chancen. Deshalb konzentriert sich die
Initiative Präsident Bushs vom 29. Mai 1991 zur Eindämmung der Verbreitung nuklearer, chemischer und
biologischer Waffen auf den Nahen Osten als Ausgangspunkt und ergänzt andere Initiativen, zum Beispiel der Premierminister John Major und Takishi
Kaifu.
Ein Teil der Initiative des Präsidenten für den Nahen
Osten konzentriert sich insbesondere auf biologische
Waffen und baut auf unserem gegenwärtigen Ansatz
und unseren internationalen Maßstäben auf. Die
Initiativen des Präsidenten:
fordern die Stärkung der B-Waffen-Konvention
von 1972 durch vollständige Durchführung bestehender Bestimmungen und verbesserte
Mechanismen, und sie
appellieren an die Länder in der Region, vertrauensbildende Maßnahmen für biologische Waffen zu verabschieden.
Diese Initiativen ergänzen die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Fortsetzung des Embargos
vom UN-Sicherheitsrat gegen Waffenlieferungen an
den Irak ebenso wie die Arbeit der UN-Sonderkommission zur Abschaffung der noch bestehenden Fähigkeiten des Irak, nukleare, chemische und biologische
Waffen und ihre Trägersysteme einzusetzen oder
herzustellen.
Die US-Delegation setzt sich für die verbesserte Durchführung der B-Waffen-Konvention so ein, daß die
biotechnologische Industrie oder legitime biologische
Verteidigungsaktivitäten nicht behindert werden. Die
Vereinigten Staaten werden insbesondere vorschlagen, daß die Teilnehmer die Absicht bekunden:
nationale Exportkontrollen für pathogene biologische Organismen und Toxine sowie den Transfer von Mehrzweckgeräten an nichtstaatliche
Parteien und Organisationen zu verhängen.

AMERIKA DIENST 37

�Es ist nicht angemessen, daß die Überprüfungskonferenz eine spezielle Liste kontrollierter Materialien
aushandelt. Wir werden den Teilnehmern jedoch als
Muster die Liste von Organismen und Mehrzweckgeräten zur Verfügung stellen, deren Export in den Vereinigten Staaten beschränkt ist. Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten andere Länder ermutigen,
bei ihrer individuellen Exportkontrollpolitik ähnliche
Maßnahmen zu ergreifen. Es ist unabdingbar, daß die
Länder alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu
gewährleisten, daß sie oder ihre Industrie nicht zur
Verbreitung von B-Waffen beitragen. Ein wichtiger
Schritt in diese Richtung ist die Verabschiedung nationaler Exportkontrollen für pathogene biologische Stoffe, Toxine und Geräte zu ihrer Herstellung.
Probleme der Einhaltung
Leider ist das Problem der Verbreitung von B-Waffen
nicht auf Länder beschränkt, die die Konvention noch
nicht unterzeichnet haben. Unter den Verbreitern von
B-Waffen sind Länder, die internationale Verpflichtungen und Normen über Bord geworfen haben, zu denen
sie sich mit der Unterzeichnung und in manchen Fällen
der Ratifizierung der B-Waffen-Konvention verpflichtet
hatten. Wir dürfen und können unsere Augen nicht vor
den Ländern verschließen, die Inhalt und Ziel der
Konvention nicht einhalten. Wir dürfen und können
keine Argumente akzeptieren, die Nichteinhaltung
beschreiben wollen als den Unterschied im Auge des
Betrachters. Verbreitung ist ein Problem, das uns alle
angeht, zum Teil, weil einige Länder ihren internationalen Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.
Wir hatten in jüngster Zeit ein anschauliches Beispiel
für die Bedrohung, die sich durch Nichteinhaltung stellt
und die Bedeutung der umgehenden Behandlung dieses
Themas. Dieses Beispiel liefert der Irak, der eindeutig
über ein Programm für biologische Waffen verfügte,
obwohl er die B-Waffen-Konvention unterzeichnet hat.
Das Dementi des Irak zu seinem B-Waffenprogramm
wurde in denselben Dokumenten übermittelt, aus denen
hervorging, daß der Irak seine Instrumente zur Ratifizierung niedergelegt hat. Niemand weiß genau, wieviele B-Waffen der Irak hergestellt hat oder was er
verbirgt, um diesen tödlichen Weg weiterzuverfolgen.
Natürlich ist ein solches Verhalten inakzeptabel. Der
Irak sollte die volle internationale Ächtung erfahren, die
wir - die anderen Teilnehmer der Konvention, die
unsere Verpflichtungen respektieren - aufbringen
können. Ein Land, das die Konvention nicht einhält,
darf sich nicht dem Druck entziehen können, daß die
internationale Staatengemeinschaft eine solche Mißachtung der Vertragsbestimmungen nicht dulden wird
und Ma ßnahmen zur Behebung der Situation erwartet.
Bei dieser dritten Überprüfungskonferenz betonen die
Vereinigten Staaten die kontinuierliche Bedeutung, die
sie der Einhaltung von Bestimmungen der Konvention
beimessen. In diesem Zusammenhang streben wir

AMERIKA DIENST 37

nach Anerkennung der Probleme der Einhaltung durch
die Überprüfungskonferenz und fordern die beteiligten
Länder auf, alles Erdenkliche zu tun, um sie zu lösen.
Unserer Meinung nach verfügen die Sowjetunion und
andere Länder über umfangreiche aktive Programme
für biologische Waffen und verletzen damit die BWaffen-Konvention. Wir bestehen darauf, daß diejenigen Unterzeichner und Beteiligten, die ihre Verpflichtunge nicht einhalten, "ihr Haus in Ordnung bringen"
und die erforderlichen Schritte zur vollständigen Einhaltung unternehmen. Wir werden die Konferenz
nachdrücklich auffordern, in ihrem Abschlußdokument
diesen Empfindungen Ausdruck zu verleihen.
Vertrauensbildung
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
die B-Waffen-Konvention angesichts kontinuierlicher
wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen, die
das bereits erschreckende Problem der Verifizierung
eines umfassenden Verbots für biologische und ToxinWaffen weiter komplizieren, weder durch Zusätze
noch durch eine Umstrukturierung effektiv verifizierbar
gemacht werden kann. Der Schlüssel für den Erfolg
dieser Konvention heißt Vertrauen, und wir werden
Wege aufzeigen, um Transparenz und Offenheit bei
den Beteiligten zu erhöhen. Unser erster Schritt in
diese Richtung wird darin bestehen, diese bereits
vereinbarten vertrauensbildenden Maßnahmen so
funktionsfähig wie möglich zu gestalten. Unsere Strategie unterstützt die internationale Norm gegen biologische und Toxin-Waffen, indem sie:
1.

weiterhin die Aufmerksamkeit auf Verletzungen
der B-Waffen-Konvention und die fehlende internationale Reaktion auf diese Verletzungen
als Bedrohung für die Norm lenkt, und

2.

die Verabschiedung einer Reihe von vertrauensbildenden Maßnahmen befürwortet, um
Transparenz erlaubter Aktivitäten zur biologischen Verteidigung zu fördern und internationale Untersuchungen über vermutete Verletzungen zu unterstützen.

Im Schlußdokument der zweiten Überprüfungskonferenz haben die Parteien verschiedene Maßnahmen
verabschiedet, mit denen sich die Parteien der BWaffen-Konvention zur Durchführung verschiedener
vertrauensbildender Maßnahmen verpflichten. Diese
Schritte führten in die richtige Richtung.
Leider ist die Durchführung der Bestimmungen über
die Angabe von Daten nur freiwillig, und lediglich ein
Viertel der Parteien haben sich beteiligt. Viele liefern
vermutlich keinen Bericht, weil sie keine Einrichtungen
haben, wie sie die vertrauensbildenden Maßnahmen
abdecken. Fehlende Ressourcen in den Außenministerien kleiner Länder mögen auch zur geringen Zahl
der Teilnehmer beitragen. Obwohl die geringe Beteiligung verständlich ist, ist sie nicht akzeptabel.
Seite 3

�Wir müssen es besser machen. Alle Teilnehmer
sollten sich am Datenaustausch beteiligen, auch wenn
einige nur berichten können, daß sie keine Einrichtungen oder Aktivitäten melden können. Wir werden
deshalb vorschlagen, daß die Beteiligten bis zum 15.
April jedes Jahres die spezifischen Informationen
bereitstellen, wie sie der Datenaustausch der B-Waffenkonvention fordert oder einen "Null-Bericht" liefern.
Solche "Null"-Berichte können auch dazu beitragen,
mehr Vertrauen durch größere Offenheit zu schaffen.
Ich fordere insbesondere die kleineren Länder auf, der
Beteiligung größere politische Priorität einzuräumen.
Darüber hinaus werden wir die Beteiligten ermutigen,
bestehende vertrauensbildende Maßnahmen besser
durchzuführen, zu stärken oder auszubauen, um "aktive
Kontakte zwischen Wissenschaftlern zu fördern, die
biologische Forschung in direktem Zusammenhang
mit der Konvention betreiben, einschließlich eines
gemeinsam vereinbarten Austauschs über diese Forschung."
In diesem Sinne möchten wir die Beteiligten ermutigen, der Konvention über solche Austauschprogramme zu berichten.
Eine weitere Maßnahme sieht vor, daß
die Bekanntgabe von Daten Publikationslisten über die
Forschung in den angegebenen Einrichtungen beinhalten sollte.
Um den Datenaustausch entscheidend zu verbessern,
schlagen die Vereinigten Staaten vor, daß:
die Parteien erklären, ob sie über ein Programm der
biologischen Verteidigung verfügen, und wenn das der
Fall ist, detaillierte Informationen über Einrichtungen,
Aktivitäten und Finanzierung liefern.
Solche Informatinoen könnten folgendes umfassen:
eine allgemeine Beschreibung der gegenwärtigen
Hauptforschungsbereiche, den Standort jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung sowie Quelle und Umfang der jährlichen Finanzierung
jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung, Entwicklung, Erprobung und Bewertung biologischer oder infektiöser Wirkstoffe oder Toxine. Dies
sollte Teil der jährlichen Bekanntgabe von Daten sein.
Wenn ein Land jedoch über kein Programm zur biologischen Verteidigung verfügt, wäre ein "Null-Bericht"
erforderlich. Damit würde die Offenheit bei Arbeiten im
Zusammenhang mit biologischer Verteidigung gesteigert.
Eine weitere Maßnahme besteht darin, daß:
die Beteiligten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten melden
und nicht den Teilnehmern der B-Waffen-Konvention,
wie es die vertrauensbildenden Maßnahmen der BWaffenkonvention von 1986 vorsehen.

Seite 4

Diese vertrauensbildenden Maßnahmen sind kaum
eingehalten worden, und eine Meldung an die WHO ein Standardverfahren - wird wahrscheinlich erfolgreicher sein als die Berichterstattung durch den Mechanismus der B-Waffen-Konvention.
Probleme der Verifizierung
Unserer Ansicht nach ist die B-Waffen-Konvention
nicht wirksam verifizierbar. In diesem Zusammenhang
bedeutet dies, daß die Vereinigten Staaten die immanenten Schwierigkeiten der Entdeckung und Verifizierung illegaler Aktivitäten nach der Konvention berücksichtigen. Dennoch waren wir in der Lage, eindeutige
Beweise für Nichteinhaltung zu entdecken. Die Vereinigten Staaten wären daran interessiert, potentielle
Maßnahmen zur Verifizierung der Konvention zu prüfen, aber wir kennen gegenwärtig keinen Weg, um sie
effektiv verifizierbar zu machen. Bis jetzt konnte kein
überzeugender Vorschlag für die Effektivität von Routineoder Verdachtsinspektionen bei Einrichtungen zur
Herstellung biologischer Wirkstoffe unterbreitet werden. Ineffektive Verifizierungsregime und Maßnahmen, die biologischen Verteidigungsprogrammen und
anderen friedlichen biologischen Aktivitäten schaden,
sind nicht akzeptabel. Das gilt auch für Regime, die
einen falschen Eindruck von Vertrauen vermitteln.
Es existieren große technische und praktische Schranken für die Verifizierung. Diese Schwierigkeiten sind
den Methoden zur Herstellung von Mikroorganismen
und Toxinen immanent. Vom technologischen Standpunkt ist die Herstellung solchen Materials für offensive Zwecke extrem schwierig, und in manchen Fällen
ist es vielleicht unmöglich, einen Unterschied zur
Herstellung für friedliche Zwecke festzustellen. Darüber hinaus ist die Forschung für legitime biologische,
medizinische und pharmazeutische Zwecke in vielen
Fällen kaum von der Forschung zu unterscheiden, die
auf die Entwicklung biologischer Waffen abzielt. Es
gibt auch noch nicht im entferntesten eine Technologie, die solche Unterscheidungen vornehmen könnte.
Ein ineffektives Verifizierungsregime bei der B-Waffen-Konvention könnte letztlich Täuschungen erleichtern und sie lohnender machen, indem sie einen falschen Eindruck von Vertrauen schafft. Da die praktischen Probleme der Differenzierung zwischen legitimen und ungesetzlichen Aktivitäten bestehen bleiben
würden, hätte die Entdeckung der Nichteinhaltung
keinen Wert und keine abschreckende Wirkung. Ironischerweise würde ein der B-Waffen-Konvention aufgezwungenes nicht funktionsfähiges Verifizierungsregime das Konzept und den Wert der Verifizierung in
anderen wichtigen Bereichen der Rüstungskontrolle
verringern.
Die Konzentration auf die mangelnden Verifizierungsmaßnahmen in der B-Waffen-Konvention lenkt von
dem grundsätzlichen Wert der Konvention als internationaler Maßstab ab, der das Gewicht der hehren und

AMERIKA DIENST 37

�souveränen Versprechen von 120 Ländern trägt. Wir
alle haben ein vitales Interesse daran, die Konvention
als internationale Norm zu stärken und die Bedeutung
des souveränen Engagements jeder Partei für die
Konvention zu betonen.
Bestrebungen für eine effektive Verifizierung
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir zwar noch
keine entsprechenden Maßnahmen erarbeitet haben,
die Vereinigten Staaten aber dennoch bereit sind, die
Anwendbarkeit einer effektiven Verifizierung der BWaffen-Konvention zu untersuchen. Deshalb wären
wir willens, einen Schritt der Überprüfungskonferenz in
Erwägung zu ziehen, mit dem multilaterale Bestrebungen zur sorgfältigen Untersuchung dieses Problems
unternommen werden sollten.
Zum Beispiel wären wir bereit:
die Parteien zu ermutigen, auf nationaler Ebene
die technische Anwendbarkeit einer effektiven
Verifizierung der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Darüber hinaus sollte die Berichterstattung über die
Ergebnisse dieser Untersuchungen für andere Beteiligte ermutigt werden.
Ferner wären wir bereit:
die Gründung einer multilateralen Ad hoc-Expertengruppe zu unterstützen, um die technische Verwirklichung effektiver Verifizierungsmaßnahmen der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Solch eine Studie sollte jedoch sorgfältig erarbeitete
Bedingungen erfüllen: spezifische Ziele, begrenzte
Dauer, nur Regierungsvertreter, Berichte auf Konsensbasis und kein Mandat für den Entwurf von Verifizierungsbestimmungen. Natürlich müßte jede Entscheidung über eine künftige Arbeit an Verifizierungsbestimmungen, Inspektionsmaßnahmen oder anderen Verifizierungsproblemen die Ergebnisse solcher
Untersuchungen abwarten.
Konsultation/Durchführungsmaßnahmen
Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
nationale Gesetze verabschieden, die nationale
Strafgesetze einbeziehen, um jede Unterstützung von verbotenen Aktivitäten durch Bürger
eines bestimmten Landes zu verhindern. Ferner sollten Jahresberichte über in dieser Hinsicht getroffene Maßnahmen erstellt werden.
Der Bericht sollte umfassen: welche Gesetze oder
andere rechtliche Maßnahmen verabschiedet und
welche strafrechtlichen Maßnahmen daraufhin ergriffen wurden, welche Anklage erhoben oder Strafverfahren gegen diejenigen eingeleitet wurden, die Gesetze verletzt haben.
AMERIKA DIENST 37

Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
sich zu Konsultationen und Kooperation verpflichten, "alle Probleme zu lösen", die sich im
Rahmen der Konvention ergeben und auf Bitten
jedes Beteiligten Behauptungen über den Einsatz von B-Waffen nachgehen.
Die Beteiligten sollten vereinbaren, alle erdenklichen
Anstrengungen zu unternehmen, um die Sorge über
einen angeblichen Bruch von Verpflichtungen zur
Konvention zu behandeln; eine präzise, termingerechte Antwort auf alle Beschwerden geben, die im Rahmen des Konsultationsprozesses oder durch den UNSicherheitsrat über einen angeblichen Bruch der Verpflichtungen gemäß der Konvention vorgebracht werden sowie voll und ganz mit jeder Untersuchung des
UN-Generalsekretärs von biologischen undToxinwaffen gemäß Resolution 45/57C der UN-Generalversammlung kooperieren.
Wir werden die Beteiligten auffordern:
einzeln ihre Absicht zu bekunden, Sanktionen
gegenüber jedem Land zu verhängen, das BWaffen einsetzt und andere angemessene
Maßnahmen für Verletzungen der B-WaffenKonvention in Betracht zu ziehen.
Mögliche Maßnahmen könnten die Einstellung der
wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit
im Bereich der Biologie beinhalten, ferner Handelsbeschränkungen oder Verweigerung von Auslandshilfe.
Mechanismen zur Verbesserung
Es gibt gegenwärtig keinen Mechanismus, um die
Durchführung von vertrauensbildenden Maßnahmen
zwischen den Überprüfungskonferenzen zu überwachen. Ein verbesserter Mechanismus für die Verbreitung der mit dem Datenaustausch gewonnenen Informationen ist dringend notwendig. Berichte werden nur
in der Originalsprache vorgelegt und sind denjenigen,
die diese Informationen wünschen, nicht unmittelbar
zugänglich. Ein Mechanismus zur Verbesserung der
Situation wäre hilfreich. Wir werden deshalb vorschlagen, daß:
die Überprüfungskonferenz einen Mechanismus
ins Leben ruft, der die Durchführung vertrauensbildender Maßnahmen im FünfJahreszeitraum
zwischen den Überprüfungskonferenzen erleichtert.
Ein solcher Mechanismus sollte informell und flexibel
sein. Er könnte möglicherweise funktionieren, indem
er: die Durchführung der vereinbarten verirauensbildenden Maßnahmen erleichtert; Absprachen für Konsultationen trifft, die ein beteiligtes Land wünscht;
obligatorische Treffen der Überprüfungskonferenz
unterstützt; als Schiedsstelle für wissenschaftliche
und technische Informationen im Zusammenhang mit
der B-Waffen-Konvention dient; Informationen der WHO
Seite 5

�Ober ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten
sammelt, die für die B-Waffen-Konvention relevant
sind und einen Weg bietet, um den Beteiligten Schutz
zu gewähren oder Hilfe zu leisten, wenn sie das für
angemessen halten.
Als Schlußfolgerung sind wir der Ansicht, daß die dritte
Überprüfungskonferenz der B-Waffen-Konvention eine
wichtige Gelegenheit darstellt, zu prüfen, wie gut die
Konvention funktioniert und Wege aufzuzeigen, um
die Durchführung des Regimes gegen biologische und

Toxin-Waffen zu fördern. Wir wollen bei dieser Überprüfungskonferenz eine aktive und konstruktive Rolle
spielen. Wir sind zur eingehenden Prüfung bereit, ob
und wie das Verbot biologischer und Toxin-Waffen
verifiziert werden kann. Insbesondere planen wir,
mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an
der Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr
Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und
der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses
Anliegen der Einhaltung erkennt und behandelt.
*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 37

�AMERIKA

HEUTE
18. September 1991

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch
BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Aufsatz erschien erstmals am 24. Oktober 1990 in The Chronicle of Higher Education. Copyright (c) 1990 Diane Ravitch. Alle Rechte vorbehalten.
Die Autorin Diane Ravitch lehrt Geschichte der Erziehung am Teachers College der Columbia University und hat
mehrere Bücher veröffentlicht, darunter The Troubled Crusade: American Education, 1945-1980. Ihr letztes
Buch The American Reader: Words that Moved a Nation ist 1990 bei Harper and Row erschienen.

Die 1988 in Stanford bestehende Kontroverse über
Veränderungen notwendiger Verhaltensweisen in der
westlichen Kultur hat sich zu einer nationalen Debatte
über das Thema multikulturelle Gesellschaft ausgeweitet. Universitäten, Schulbehörden und sogar Kultusministerien untersuchen gegenwärtig Lehrinhalte
auf die Frage, ob die dargebotene Geschichte und
Literatur die unterschiedlichen kulturellen Elemente
unserer Gesellschaft und unserer Welt zutreffend
wiederspiegeln.
Leider bringt die Debatte in Stanford das Thema in ein
schiefes Licht. Verfechter der gegenwärtigen Richtung in der westlichen Kultur wenden sich gegen
diejenigen, die eine Einbeziehung der Arbeiten von
Frauen und Minderheitengruppen befürworten und
vermittelten dadurch den Eindruck, daß die westliche
Kultur die Stimmen der Menschen überhört, die weiblich, schwarz, hispanisch und asiatisch sind. Dieses
Bild ist natürlich lächerlich - wir brauchen uns nur
umzusehen, um zu erkennen, daß all diese Gruppen
sehr wohl Teil der westlichen Kultur sind und ihre
Mitglieder wichtige Beiträge zu deren literarischer und
historischer Tradition leisten.
Die Debatte über eine multikulturelle Gesellschaft folgt
auf eine Generation von geisteswissenschaftlichen
Forschungen, die unser Wissen über die historischen
Erfahrungen von Frauen, Schwarzen und Mitgliedern
anderer Minderheitsgruppen in unterschiedlichen
Gesellschaften bereichert haben. Infolge dieser neuen Erkenntnisse haben unsere Schulen und Bildungsstätten in den letzten Jahren etwas eingeführt, das
Catharine R. Stimpson von der Rutgers University
"kulturelle Demokratie" nennt- die Erkenntnis, daß wir
auf "viele Stimmen" hören müssen, um unsere vergan-

AMERIKA DIENST 37

gene und gegenwärtige Kultur zu verstehen. Lehrer
der Geschichte und Literatur haben entdeckt, daß es
nicht sehr schwierig sondern eher lohnend ist, ihre
Perspektive über die von ihnen selbst in der Schule
gelernte hinaus zu erweitern.
Natürlich sollten Studenten immer noch die westliche
Kultur studieren und etwas über die Entstehung der
Demokratie und das Konzept der Freiheit des einzelnen lernen, die für die Weltgeschichte so entscheidend
sind. Aber sie müssen auch etwas über die Kulturen
in Asien, Afrika und Lateinamerika lernen. Sie alle
repräsentieren komplexe Zivilisationen, umfassen viele
gesellschaftliche Gruppen und unterschiedliche Sprachen.
Wenn Pädagogen jedoch heute über eine multikulturelle Gesellschaft argumentieren, sprechen sie im
allgemeinen nicht vom geordneten Studium anderer
wichtiger Zivilisationen. Sie beziehen sich vielmehr
auf die amerikanische Kultur, die - als unsere eigene
und relativ neue Kultur - anfällig ist für Neuordnungen
und Korrekturen. Aus welchem Blickwinkel soll sie
gelehrt werden? Wer soll einbezogen werden?
Die eigentliche Frage an den Universitäten und Schulen lautet nicht, ob es eine multikulturelle Gesellschaft
gibt, sondern wie sie aussehen soll. Gegenwärtig
konkurrieren bei der Vermittlung der amerikanischen
Kultur zwei Thesen um die Vorherrschaft. Ein Ansatz
spiegelt kulturellen Pluralismus wider und akzeptiert
Vielfalt als Tatsache, der andere betont typische Eigenheiten und fordert Loyalität gegenüber bestimmten
Gruppen. Beiden ist bei ihrer Koexistenz nicht ganz
wohl, weil sie sich ihrem Rang nach nicht unterscheiden. Vielmehr unterscheiden sie sich in Charakter und
Zielen.
Seite 1

�Der pluralistische Ansatz zur amerikanischen Kultur
berücksichtigt, daß die gemeinsame Kultur von der
Interaktion der vielfältigen kulturellen Elemente im
Land gestaltet wird. Er betrachtet amerikanische
Kultur als Schöpfung vieler Gruppen von Einwanderern, Indianern, Afrikanern und ihren Nachkommen.
Amerikanische Musik, Kunst, Literatur, Sprache, Essen,
Kleidung, Sport, Ferien und Gebräuche demonstrieren
die Vermischung unterschiedlicher Kulturen in einem
Land. Es mag paradox klingen, aber die Vereinigten
Staaten haben eine gemeinsame Kultur, die multikulturell ist.
Der partikulare Ansatz zur amerikanischen Kultur ist
am besten in Seminaren für Minderheitenforschung zu
erkennen, deren Ziel darin besteht, durch Vermittlung
von Identifikationsmustern "das Selbstwertgefühl (der
Studenten) zu stärken". Solche Kurse werden geleitet
von der starken Betonung kultureller Traditionen und
grundlegenden Annahmen rassischer und ethnischer
Reinheit. Die Studenten werden ermutigt zu glauben,
daß etwas in ihrem Blut, der Erinnerung ihrer Rasse
oder ihrer kulturellen DNA definiert, wer sie sind und
was sie leisten können. Die Anhänger dieser Theorie
suchen Studenten an das Land ihrer Vorfahren zu
binden, als der Quelle ihrer persönlichen Identität und
authentischen Kultur.
Die Pluralisten fördern eine weitergehende Interpretation der gemeinsamen amerikanischen Kultur, indem
sie erstens davon ausgehen, daß es sich um eine
gemeinsame Kultur handelt und zweitens, daß sie von
vielen verschiedenen Gruppen geschaffen wurde.
Unsere gemeinsame Kultur ist im Grunde eine staatsbürgerliche Kultur auf der Basis unserer Verfassung,
unserer Verpflichtung auf demokratische Werte und
unserer historischen Erfahrung als Nation. Darüber
hinaus setzt uns unsere Heterogenität von den meisten anderen Ländern ab und schafft Ausdrucksformen, die der Rest der Welt als ausgesprochen amerikanisch klassifiziert. Die Pluralisten streben eine echte
Anerkennung der Art und Weise an, wie die zahlreichen Rassen, Volks- und kulturellen Gruppen die
nationale Kultur verwandeln. Sie sagen, tatsächlich
"gehört die amerikanische Kultur uns allen, und wir

schaffen sie mit jeder Generation neu". Das verbindende Element im pluralistischen Ansatz ist die Erkenntnis, daß wir ungeachtet unserer Unterschiede
alle Menschen sind. Das Band, das uns verbindet, ist
die uns gemeinsame Menschlichkeit, die Rasse,
Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, Sprache und
Religion überwindet.
Die Anhänger der partikularen Theorie haben kein
Interesse an der Ausweitung der amerikanischen Kultur.
Sie leugnen die Existenz einer gemeinsamen Kultur.
Sie appellieren nicht an das gemeinsame Gut, weil ihre
Theorie der Gemeinschaft sich an der Rasse oder
Minderheit orientiert. Sie lehnen jede Vermischung
zwischen den Gruppen ebenso ab wie alle Interaktio-

Seite 2

nen, die streng gezogene Grenzen verwischen. Sie
treten für eine Darstellung der Geschichte ein, in der
jeder entweder ein Nachkomme von Opfern oder
Unterdrückern ist. Damit werden traditionelle Haßgefühle geschürt und von Generation zu Generation
weitergegeben.
Es gibt keine eindeutige Grenze, die Pluralismus von
der Betonung der Eigenheiten trennt. Sie sind so
unterschiedlich wie Säkularismus und Sektierertum.
Der pluralistische Ansatz für die Vermittlung von Kultur
steht insofern im Einklang mit der akademischen Tradition, daß Studenten ihr Fachgebiet kritisch betrachten sollten. Sie lernen ihren Stoff und wissen, daß sie
seine Stärken und Schwächen kritisieren können, ohne
dem Professor zu nahe zu treten. Zum Beispiel
studiert man in einer traditionellen akademischen
Umgebung die konfuzianische Lehre, den Islam oder
Judaistik, indem man etwas über die Geschichte und
Philosophie lernt, nicht indem man ein Anhänger dieser Lehren wird. In ähnlicher Weise gibt es Raum für
besondere Seminare über schwarze Kultur, Feminismus, Homosexuelle und andere kulturelle Bereiche,
solange diese kritisch und nicht als Doktrin vermittelt
werden.
Im Gegensatz dazu hat die Lehre von der Betonung
nationaler Eigenheiten an den weiterführenden Schulen separatistischen Charakter. Bei dieser Art Unterricht lehrt man die Studenten, an die Theorie zu
glauben, in ihren Thesen aufzugehen und sich gegen
Skeptiker zu wappnen. Man lehrt sie zu glauben, nicht
zu zweifeln oder zu kritisieren. In diesem Sinne gleicht
diese Theorie einem religiösen Lehransatz. Die Studenten werden in einem Glauben unterwiesen, und der
Professor erwartet, daß sie dasselbe glauben wie er.
Deshalb kommt die partikulare Lehre einem sektiererischen Ansatz im Unterricht gleich.
An unseren Universitäten von heute sollten Seminare
über die Kultur der Schwarzen, Asiaten und alle anderen Studien spezieller Kulturen nicht nur theoretisch,
sondern praktisch allen Studenten offenstehen. Die
Trennung dieser Seminare von etablierten Fächern
fördert unter Umständen Abspaltungen und ideologischen Extremismus. Nur allzuoft werden Studenten,
die nicht Mitglieder der entsprechenden Minderheiten
sind, durch die Ausrichtung des Professors oder des
Seminars entmutigt, auch wenn diese Kurse laut Lehrplan
allen offenstehen. Die Tendenz, diese Kurse in Enklaven zu verwandeln, verletzt ein wichtiges Ziel der
Hochschulbildung - die Erweiterung des Verständnisses von der Welt. Studenten, die der besprochenen
Gruppe angehören, sollten keinen Sonderstatus erhalten, und von Wissenschaftlern darf nicht erwartet
werden, daß sie sich nur auf die Kultur ihrer Vorfahren
spezialisieren.
Der grundlegende Unterschied zwischen der Theorie
des Pluralismus und der Lehre von den Eigenheiten
besteht darin, daß die erste den Ethnozentrismus aktiv

AMERIKA DIENST 37

�bekämpft und die zweite ihn zielstrebig vermittelt.
Ethnozentrismus ist das Gespenst, das die Welt jahrhundertelang beherrscht hat - es hat Kriege, Ungerechtigkeit und nationale Konflikte hervorgebracht.
Diese Theorie lehrt, daß wir nur Mitgliedern unserer
eigenen Gruppe trauen und sie akzeptieren können.
Sie lehrt, wir müssen in unserer eigenen Kultur aufgehen und uns anderen verschließen. Sie erklärt Mitgliedern einer bestimmten Gruppe, sie hätten mit Menschen nichts gemein, die einer anderen Rasse, Religion oder Kultur angehören. Sie erzeugt Haß und
Mißtrauen.
Ethnozentrismus hat in unseren Schulen und Universitäten keinen Platz. Akademische Institutionen haben eine Verpflichtung, Studenten eine umfassendere
Kultur zu vermitteln als ihre eigene.

Das Ziel von Bildung ist nicht die Reproduktion und
Verschärfung der Vorurteile unserer eigenen Kultur.
Bildung muß Menschen auf das Leben in einer Welt
konkurrierender Ideen und Werte vorbreiten, auf die
Zusammenarbeit mit Menschen, die einen anderen
Hintergrund haben, auf die Infragestellung eigener
Ansichten...
Wahre Anhänger der Gesellschaften waren niemals
zufrieden mit den Ideen und Aktivitäten der Universität.
Sie betrachteten die Universität als Zitadelle des Zweifels,
der Skepsis, des Nonkonformismus, der Unkonventionalität und anderer Denkweisen, als einen Ort, an dem
junge Menschen die Grundsätze ihrer Vorfahren in
Frage zu stellen lernen, einen sicheren Hafen für
diejenigen, die Allgemeingültiges kritisieren.
Und so sollte es bleiben.

*

AMERIKA DIENST 37

* * *

*

Seite 3

�</text>
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                    <text>Herausgeber. U.S. Information Service&#13;
Embassy of the United States of America&#13;
&#13;
&#13;
&#13;
18. September 1996&#13;
&#13;
18&#13;
&#13;
CTBT&#13;
&#13;
UN-GENERALVERSAMMLUNG BILLIGT&#13;
VERTRAG ÜBER EIN UMFASSENDES&#13;
ATOMTESTVERBOT&#13;
Erklärung von Präsident Clinton&#13;
&#13;
USA-DEUTSCHLAND&#13;
&#13;
REDE DER HOFFNUNG&#13;
US-Außenminister James F. Byrnes&#13;
am 6. September 1946&#13;
&#13;
EINE NEUE ATLANTISCHE GEMEINSCHAFT&#13;
FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT&#13;
Außenminister Christopher zum 50. Jahrestag&#13;
der "Rede der Hoffnung"&#13;
&#13;
USA-KUBA&#13;
&#13;
USA STREBEN MULTILATERALE&#13;
ZUSAMMENARBEIT ZUR FÖRDERUNG&#13;
VON DEMOKRATIE IN KUBA AN&#13;
Erklärung von Botschafter Stuart E. Eizenstat&#13;
&#13;
BOSNIEN&#13;
&#13;
WAHLEN SIND ERSTER SCHRITT&#13;
BEIM WIEDERAUFBAU&#13;
Rede von Abteilungsleiter John Kornblum&#13;
&#13;
FRAUEN&#13;
&#13;
DAS JAHR NACH DER PEKINGER&#13;
WELTFRAUENKONFERENZ - EINE&#13;
BESTANDSAUFNAHME&#13;
Rede von Gesundheitsministerin Donna Shalala&#13;
&#13;
Informationen über die Politik der US-Regierung und&#13;
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können&#13;
auf der Home Page von USIS-Deutschland&#13;
im World Wide Web des Internet unter&#13;
http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
abgerufen werden.&#13;
Um Übersendung von&#13;
Belegexemplaren&#13;
wird gebeten&#13;
&#13;
Deichmanns Aue 29&#13;
D 53170 Bonn&#13;
Tel.: 0228-339 2372&#13;
&#13;
Fax: 0228-333 138&#13;
e-mail: bbsbonn@usia.gov&#13;
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html&#13;
&#13;
�CTBT&#13;
&#13;
18. September 1996&#13;
&#13;
UN-Generalversammlung billigt Vertrag&#13;
über ein umfassendes Atomtestverbot&#13;
Erklärung von Präsident Clinton&#13;
&#13;
KANSAS CITY - (AD) - Präsident Clinton zufolge bringt der Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot&#13;
(Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) die Welt der Erfüllung des jahrzehntealten Traums näher, "daß&#13;
nirgends auf der Erde Nuklearwaffen gezündet werden".&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der vom Präsidenten am 10. September 1996 nach der Billigung&#13;
des Vertrags durch die UN-Generalversammlung abgegebenen Erklärung.&#13;
&#13;
Heute stimmte die UN-Generalversammlung in New&#13;
York mit überwältigender Mehrheit für die Annahme&#13;
des Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot&#13;
und seine Auslegung zur Unterzeichnung Ende dieses&#13;
Monats. Es wird mir eine Ehre sein, diesen historischen Vertrag im Namen des amerikanischen Volkes&#13;
zu unterzeichnen.&#13;
Mit unserer Unterschrift sowie der Rußlands, Chinas,&#13;
Frankreichs, Großbritanniens und der großen Mehrheit&#13;
der Nationen auf der ganzen Welt wird umgehend eine&#13;
internationale Sperre gegen Atomtests errichtet.&#13;
Mit diesem Vertrag stehen wir kurz vor der Erfüllung&#13;
des jahrzehntealten Traums, daß nirgends auf der&#13;
Erde Nuklearwaffen gezündet werden.&#13;
Dieser Traum amerikanischer Politiker geht auf die&#13;
Präsidenten Eisenhower und Kennedy zurück. Sie&#13;
setzten sich lange im In- und Ausland für eine sicherere Welt ein. Durch das dauerhafte Verbot sämtlicher&#13;
Nukleartests wird der Vertrag alle Nationen an der&#13;
Verbesserung ihrer existierenden Nuklearwaffenarsenale hindern, die Entwicklung moderner Nuklearwaffen beenden und zur Verhinderung ihrer Ausbreitung beitragen.&#13;
Wir unternehmen den nächsten entscheidenden&#13;
Schritt, um die dunkle Wolke nuklearer Angst zu&#13;
beseitigen, die seit 50 Jahren über der Welt hängt. In&#13;
den vergangenen vier Jahren haben wir den Nichtverbreitungsvertrag dauerhaft verlängert, unter den&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
beiden START-Verträgen existierende Nukleararsenale dramatisch verringert, die Ukraine, Belarus und&#13;
Kasachstan zum Verzicht auf die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium&#13;
verbliebenen Nuklearwaffen überredet und das&#13;
gefährliche Nuklearprogramm Nordkoreas eingefroren.&#13;
Und heute sind keine russischen Raketen mehr auf&#13;
unsere Städte und Bürger gerichtet.&#13;
Seit vier Jahrzehnten arbeiten visionäre Staatsmänner&#13;
wie der indische Ministerpräsident Nehru unermüdlich&#13;
daran, den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot in die Realität umzusetzen. Vor kurzem haben&#13;
der britische Premierminister John Major, Frankreichs&#13;
Staatspräsident Jacques Chirac, der russische&#13;
Präsident Boris Jelzin und der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin die mutige Entscheidung getroffen,&#13;
die Atomtestprogramme ihrer Länder einzustellen. Ich&#13;
möchte ihnen, dem australischen Außenminister&#13;
Downer sowie dem Vorsitzenden des CTBT-Verhandlungsausschusses und Botschafter der Niederlande,&#13;
Jaap Ramaker, für die von ihnen geleistete Arbeit&#13;
danken.&#13;
Ferner möchte ich im Namen meines Landes unserem&#13;
Botschafter bei der Abrüstungskonferenz, Stephen&#13;
Ledogar, sowie der gesamten US-Delegation meinen&#13;
Dank aussprechen. Sie haben in den letzten drei&#13;
Jahren sehr hart gearbeitet, um diesen glücklichen Tag&#13;
zu ermöglichen. Ich bin stolz, daß die von den Vereinigten Staaten übernommene Führungsrolle entscheidend zu diesem Erfolg beigetragen hat.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Die Vereinigten Staaten und die Nationen der Welt&#13;
haben gemeinsam einen weiteren riesigen Schritt&#13;
unternommen, um unsere Welt sicherer zu machen. In&#13;
&#13;
diesem Geiste fordere ich alle Nationen auf, das&#13;
Abkommen zu unterzeichnen,&#13;
Ich danke Ihnen.&#13;
&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�USA-DEUTSCHLAND&#13;
18. September 1996&#13;
&#13;
Rede der Hoffnung&#13;
US-Außenminister James F. Byrnes am 6. September 1946&#13;
&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die "Rede der Hoffnung" des damaligen US-Außenministers James F. Byrnes, die&#13;
eine historische Wende der amerikanischen Außenpolitik gegenüber dem besetzten Deutschland darstellte, aus&#13;
Anlaß ihres 50. Jahrestages im Wortlaut. "&#13;
Einführung&#13;
Der Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, General Lucius D. Clay (1897 - 1978) drängte&#13;
Byrnes, seine Rede in Stuttgart zu halten. Byrnes wollte ursprünglich in Paris sprechen, wo der Rat der&#13;
Außenminister (CFM) der alliierten Mächte von April bis Juni 1946 tagte. Außenminister Byrnes, der sowjetische&#13;
Außenminister Wjatscheslaw M. Molotow (1890 -1986), der britische Außenminister Ernest Bevin (1881 - 1951)&#13;
und der französische Außenminister Georges Bidault (1899 -1983) nahmen daran teil.&#13;
Molotow hatte auf der Pariser Konferenz am 10. Juli 1946 ein vereintes Deutschland angeboten. Die Rede von&#13;
Byrnes wurde - seitens der USA - als eine Antwort auf diesen Vorschlag Molotows für notwendig erachtet.&#13;
Byrnes erteilte General Clay den Auftrag, den Entwurf einer Konzeption für die US-Politik in Deutschland&#13;
abzufassen. General Clays Entwurf wurde auf den 19. Juli 1946 datiert und bildete die Grundlage von Byrnes&#13;
"Rede der Hoffnung".&#13;
General Clay amtierte seit 1945 als Stellvertreter des US-Oberkommandierenden für Europa und Deutschland,&#13;
General Dwight D. Eisenhower. Er folgte dessen Nachfolger General Joseph McNarney zwischen 1947 und 1949&#13;
als US-Oberkommandierender in Europa und Militärgouverneur in der amerikanischen Besatzungszone&#13;
Deutschlands nach und betätigte sich als Mitinitiator und Organisator der Luftbrücke während der Berliner&#13;
Blockade. 1961/62 fungierte er als persönlicher Beauftragter Präsident Kennedys in der Berlin-Frage.&#13;
&#13;
Ich bin nach Deutschland gekommen, um mich an Ort&#13;
und Stelle über die mit dem Wiederaufbau Deutschlands verbundenen Probleme zu orientieren und die&#13;
Ansichten der Regierung der Vereinigten Staaten über&#13;
einige der vor uns liegenden Probleme mit unseren&#13;
Vertretern in Deutschland zu besprechen. Wir Amerikaner haben diesen Problemen beträchtliche Zeit und&#13;
Aufmerksamkeit gewidmet, weil von ihrer erfolgreichen&#13;
Lösung nicht nur das künftige Wohlergehen Deutschlands, sondern auch das Europas abhängt.&#13;
Wir haben wohl oder übel lernen müssen, daß wir alle&#13;
in einer Welt leben, von der wir uns nicht isolieren&#13;
können 2I: Wir haben gelernt, daß Frieden und Wohl-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
ergehen unteilbar sind und daß Frieden und Wohlergehen in unserem Land nicht auf Kosten des&#13;
Friedens und Wohlergehens eines anderen Volkes&#13;
erkauft werden können.&#13;
Ich hoffe, daß das deutsche Volk nie wieder den Fehler&#13;
machen wird, zu glauben, daß das amerikanische&#13;
Volk, gerade weil es den Frieden liebt, in der Hoffnung&#13;
auf Frieden abseits stehen wird, wenn irgendeine&#13;
Nation Gewalt anwendet oder mit Gewalt droht, um die&#13;
Herrschaft über andere Völker oder Regierungen zu&#13;
erlangen.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Im Jahre 1917 wurden die Vereinigten Staaten zur&#13;
Teilnahme am Ersten Weltkrieg gezwungen. Nach&#13;
diesem Krieg weigerten wir uns, dem Völkerbund&#13;
beizutreten.31 Wir glaubten, uns den europäischen&#13;
Kriegen fernhalten zu können, und verloren das&#13;
Interesse an europäischen Angelegenheiten. Dies&#13;
schützte uns aber nicht davor, zum Eintritt in den&#13;
Zweiten Weltkrieg gezwungen zu werden. Wir wollen&#13;
jenen Fehler nicht wiederholen. Wir sind entschlossen,&#13;
uns weiter für die Angelegenheiten Europas und der&#13;
Welt zu interessieren. Wir haben zur Organisation der&#13;
Vereinten Nationen beigetragen" und glauben, daß&#13;
dadurch Angreifernationen davon abgehalten werden,&#13;
Kriege anzufangen. Weil wir das glauben, wollen wir&#13;
die Vereinten Nationen mit unserer ganzen Macht und&#13;
allen unseren Hilfsquellen unterstützen.&#13;
Das amerikanische Volk will den Frieden. Es hat schon&#13;
seit langem nicht mehr von einem strengen oder&#13;
milden Frieden für Deutschland gesprochen.&#13;
Darauf kam es auch niemals wirklich an. Was wir&#13;
wollen, ist ein dauerhafter Friede. Wir werden uns&#13;
gegen zu harte und von Rachsucht diktierte Maßnahmen wenden, die einem wirklichen Frieden im&#13;
Wege stehen. Wir werden uns zu milden Maßnahmen&#13;
widersetzen, welche zum Bruch des Friedens einladen.&#13;
Als die Vereinigten Staaten in Potsdam 5| der Entwaffnung und Entmilitarisierung Deutschlands zustimmten&#13;
und als sie vorschlugen, dafür zu sorgen, daß&#13;
Deutschland für die Dauer einer Generation entwaffnet&#13;
und entmilitarisiert bleibt, waren sie sich der auf ihnen&#13;
und ihren Hauptverbündeten ruhenden Verantwortung&#13;
für die Aufrechterhaltung und gesetzmäßige Durchführung des Friedens wohl bewußt.&#13;
Die Befreiung vom Militarismus wird dem deutschen&#13;
Volke Gelegenheit geben, seine großen Kräfte und&#13;
Fähigkeiten den Werken des Friedens zuzuwenden.6)&#13;
Es braucht sie nur zu ergreifen. Sie gibt ihm die&#13;
Gelegenheit, sich der Achtung und Freundschaft&#13;
friedliebender Völker würdig zu erweisen und eines&#13;
Tages einen ehrenvollen Platz unter den Mitgliedern&#13;
der Vereinten Nationen einzunehmen.&#13;
Es liegt weder im Interesse des deutschen Volkes,&#13;
noch im Interesse des Weltfriedens, daß Deutschland&#13;
eine Schachfigur oder ein Teilnehmer in einem&#13;
militärischen Machtkampf zwischen dem Osten und&#13;
dem Westen wird. Zweimal in einer Generation haben&#13;
der deutsche Militarismus und der Nazismus die&#13;
Gebiete von Deutschlands Nachbarn verwüstet. Es ist&#13;
nur recht und billig, daß Deutschland sein Teil dazu&#13;
beitragen soll, diese Verwüstungen wiedergutzumachen. Die meisten Opfer der Naziaggression waren vor&#13;
dem Krieg weniger begütert als Deutschland. Deutschland darf nicht erwarten, daß diese Opfer ohne fremde&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Hilfe die Hauptkosten dieser Naziüberfälle tragen&#13;
sollen.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind daher bereit, die in den&#13;
Potsdamer Beschlüssen über die Entmilitarisierung&#13;
und die Reparationen niedergelegten Grundsätze in&#13;
vollem Umfange durchzuführen.7| Wenn Deutschland&#13;
jedoch nicht in der in den Potsdamer Beschlüssen&#13;
vorgesehenen und geforderten Weise als wirtschaftliche Einheit verwaltet wird, müßten an dem von der&#13;
Alliierten Kontrollkommission 8) genehmigten Industrieniveau Änderungen vorgenommen werden.&#13;
Die Grundlage der Potsdamer Beschlüsse war, daß im&#13;
Rahmen eines kombinierten Entmilitarisierungs- und&#13;
Reparationsprogramms Deutschlands Kriegspotential&#13;
durch Ausschaltung und Demontage seiner Kriegsindustrie und durch Verminderung und Beseitigung&#13;
schwerindustrieller Anlagen herabgesetzt werden&#13;
sollte. Es war vorgesehen, dies soweit durchzuführen,&#13;
daß Deutschland ein Industriepotential belassen&#13;
bliebe, welches ihm die Aufrechterhaltung eines&#13;
durchschnittlichen europäischen Lebensstandards&#13;
ohne die Hilfe anderer Länder ermöglicht.&#13;
Die auf diese Weise zu entfernenden Fabriken sollten&#13;
als Reparationen an die Alliierten abgeliefert werden.&#13;
Die aus der russischen Zone zu entfernenden Fabriken sollten der Sowjetunion und Polen zufallen,&#13;
während die aus den westlichen Zonen zu entfernenden Fabriken teilweise der Sowjetunion, in der Hauptsache jedoch den westlichen Alliierten zufallen sollten.&#13;
Ferner wurde eine Aufteilung des deutschen Vermögens im Ausland unter den Alliierten vorgesehen.&#13;
Nach langen Verhandlungen einigten sich die Alliierten&#13;
über den Stand, auf den die hauptsächlichsten deutschen Industrien zwecks Durchführung der Potsdamer&#13;
Beschlüsse herabgesetzt werden sollten. Auf diesen&#13;
Stand einigte man sich in der Annahme, daß Deutschlands einheimische Hilfsquellen für eine auf gerechter&#13;
Grundlage erfolgende Verteilung an alle Deutschen in&#13;
Deutschland zur Verfügung stehen sollten, und daß die&#13;
für den Verbrauch in Deutschland nicht benötigten&#13;
Erzeugnisse der Ausfuhr zur Verfügung stehen sollten,&#13;
um damit die erforderliche Einfuhr zu bezahlen.&#13;
Bei Festsetzung des zulässigen Standes der Industrie&#13;
wurden keinerlei Reparationsleistungen aus der&#13;
laufenden Produktion vorgesehen. Aus der laufenden&#13;
Produktion erfolgende Reparationsleistungen würden&#13;
mit dem nach den Potsdamer Beschlüssen festgesetzten Stand der Industrie völlig unvereinbar sein. Offensichtlich hätte ein höherer Stand der Industrie festgesetzt werden müssen, wenn Reparationen aus der&#13;
laufenden Produktion beabsichtigt gewesen wären.&#13;
Der Stand der Industrie, wie er festgesetzt worden ist,&#13;
reicht nur aus, das deutsche Volk in die Lage zu&#13;
versetzen, sich selbst zu versorgen und einen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, der den durchschnitt-&#13;
&#13;
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&#13;
�liehen Lebensverhältnissen in Europa annähernd&#13;
gleichkommt. Dieser Grundsatz bedeutet erhebliche&#13;
Härten für das deutsche Volk, aber er verlangt von ihm&#13;
lediglich, die Härten zu teilen, die der Angriff der Nazis&#13;
dem Durchschnittseuropäer auferlegt hat.&#13;
Dem deutschen Volk wurde jedoch nicht die Möglichkeit genommen, sein Los im Lauf der Jahre durch&#13;
harte Arbeit zu verbessern. Eine industrielle Entwicklung und industrieller Fortschritt wurden ihm nicht&#13;
verweigert. Gleich den Völkern anderer verwüsteter&#13;
Länder sollte das deutsche Volk den Wiederanfang mit&#13;
einer Friedenswirtschaft machen, die nicht imstande&#13;
ist, ihm mehr als den durchschnittlichen europäischen&#13;
Lebensstandard zu gewähren. Dabei sollte ihm nicht&#13;
das Recht verwehrt bleiben, mögliche, auf Grund&#13;
harter Arbeit und einfacher Lebensweise erworbene&#13;
Ersparnisse für den Aufbau einer Industrie zu verwenden, die friedlichen Zwecken dient.&#13;
Dieses war der Grundsatz der Reparationen, wie&#13;
Präsident Truman ihm in Potsdam zugestimmt hat. Die&#13;
Vereinigten Staaten werden nicht ihre Zustimmung&#13;
geben, daß Deutschland größere Reparationen leisten&#13;
muß als in den Potsdamer Beschlüssen vorgesehen&#13;
wurde.&#13;
Die Durchführung der Potsdamer Beschlüsse ist&#13;
jedoch dadurch behindert worden, daß der Alliierte&#13;
Kontrollrat nicht die notwendigen Maßnahmen getroffen hat, um es der deutschen Wirtschaft zu ermöglichen, als Wirtschaftseinheit zu arbeiten. Die notwendigen deutschen Zentralverwaltungskörper sind nicht&#13;
geschaffen worden, obgleich die Potsdamer Beschlüsse sie ausdrücklich verlangten.&#13;
Die gerechte Verteilung der lebenswichtigen Güter&#13;
zwischen den einzelnen Zonen mit dem Ziel, eine&#13;
ausgeglichene Wirtschaft in ganz Deutschland herbeizuführen und den Einfuhrbedarf zu verringern, ist nicht&#13;
in die Wege geleitet worden, obgleich die Potsdamer&#13;
Beschlüsse auch dies ausdrücklich verlangten. Die&#13;
Vorbereitung einer ausgeglichenen Wirtschaft in ganz&#13;
Deutschland zur Beschaffung der für die Bezahlung&#13;
genehmigter Einfuhr erforderlichen Mittel ist nicht&#13;
erfolgt, obgleich auch dies die Potsdamer Beschlüsse&#13;
ausdrücklich verlangen.&#13;
Die Vereinigten Staaten sind der festen Überzeugung,&#13;
daß Deutschland als Wirtschaftseinheit verwaltet&#13;
werden muß, und daß die Zonenschranken, soweit sie&#13;
das Wirtschaftsleben und die wirtschaftliche Betätigung in Deutschland betreffen, vollständig fallen&#13;
müssen.&#13;
Die jetzigen Verhältnisse in Deutschland machen es&#13;
unmöglich, den Stand der industriellen Erzeugung zu&#13;
erreichen, auf den sich die Besatzungsmächte als&#13;
absolutes Mindestmaß einer deutschen Friedenswirtschaft geeinigt hatten. Es ist klar, daß wir, wenn die&#13;
&#13;
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&#13;
Industrie auf den vereinbarten Stand gebracht werden&#13;
soll, nicht weiterhin den freien Austausch von Waren,&#13;
Personen und Ideen innerhalb Deutschlands einschränken können. Die Schranken zwischen den vier&#13;
Zonen Deutschlands sind weit schwieriger zu überwinden, als die zwischen normalen unabhängigen&#13;
Staaten. Die Zeit ist gekommen, wo die Zonengrenzen&#13;
nur als Kennzeichnung der Gebiete angesehen&#13;
werden sollten, die aus Sicherheitsgründen von den&#13;
Streitkräften der Besatzungsmächte besetzt gehalten&#13;
werden, und nicht als eine Kennzeichnung für in sich&#13;
abgeschlossene wirtschaftliche oder politische Einheiten.&#13;
Das war der Gang der Entwicklung, wie er in den&#13;
Potsdamer Beschlüssen vorgesehen war, und das ist&#13;
auch der Gang der Entwicklung, den die amerikanische Regierung mit ihrer ganzen Autorität verfolgen&#13;
wird. Sie hat offiziell ihre Absicht ausgedrückt, die&#13;
Wirtschaft ihrer eigenen Zone mit einer oder mit allen&#13;
anderen zu vereinigen, die hierzu bereit sind.&#13;
Bis jetzt hat sich nur die britische Regierung bereit&#13;
erklärt, mit ihrer Zone daran teilzunehmen. Wir begrüßen diese Zusammenarbeit aufs wärmste. Selbstverständlich soll diese Vereinigungspolitik nicht jene&#13;
Regierungen ausschließen, die heute noch nicht zum&#13;
Beitritt bereit sind. Die Vereinigung steht ihnen zu jeder&#13;
Zeit frei. 9|&#13;
Wir treten für die wirtschaftliche Vereinigung Deutschlands ein. Wenn eine völlige Vereinigung nicht erreicht&#13;
werden kann, werden wir alles tun, was in unseren&#13;
Kräften steht, um eine größtmögliche Vereinigung zu&#13;
sichern.&#13;
So wichtig auch die wirtschaftliche Vereinigung für die&#13;
Gesundung Deutschlands und Europas ist, so muß&#13;
das deutsche Volk doch einsehen, daß der Hauptgrund seiner Leiden und Entbehrungen der Krieg ist,&#13;
den die Nazidiktatur über die Welt gebracht hat. Aber&#13;
gerade, weil Leiden und Entbehrungen in Deutschland&#13;
unvermeidlich sind, lehnt die amerikanische Regierung&#13;
die Verantwortung für ein unnötiges Anwachsen der&#13;
deutschen Not ab, die dadurch verursacht wird, daß es&#13;
dem Alliierten Kontrollrat nicht gelingt, sich darüber zu&#13;
einigen, dem deutschen Volk Gelegenheit zu geben,&#13;
einige seiner dringenden wirtschaftlichen Probleme&#13;
selbst zu lösen: In vielen lebenswichtigen Fragen wird&#13;
Deutschland weder vom Kontrollrat regiert, noch&#13;
gestattet ihm dieser, sich selbst zu regieren.&#13;
Für einen erfolgreichen Wiederaufbau Deutschlands&#13;
ist eine gemeinsame Finanzpolitik wesentlich. Eine&#13;
unkontrollierbare Inflation, begleitet von einer wirtschaftlichen Lähmung, ist fast mit Sicherheit zu&#13;
erwarten, wenn keine gemeinsame Finanzpolitik zur&#13;
Steuerung der Inflation besteht. Ein Programm drastischer Haushaltsreformen ist dringend erforderlich, um&#13;
den Währungsumlauf und die Geldforderungen&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�zurückzuschrauben, die Schuldenlast zu revidieren&#13;
und Deutschlands Finanzen auf eine gesunde Grundlage zu stellen.&#13;
Die Vereinigten Staaten haben große Anstrengungen&#13;
gemacht, um ein solches Programm zu verwirklichen,&#13;
wenn aber eine verheerende Inflation verhindert&#13;
werden soll, müssen völlig aufeinander abgestimmte&#13;
Maßnahmen beschlossen und in allen Zonen einheitlich angewandt werden. Um ein Programm dieser&#13;
Art wirksam durchzuführen, ist eine zentrale Finanzbehörde offensichtlich notwendig.&#13;
Es ist auch notwendig, daß ein Verkehrs-,&#13;
Nachrichten- und Postwesen in ganz Deutschland&#13;
ohne Rücksicht auf Zonenschranken eingeführt wird.&#13;
Der sich auf ganz Deutschland erstreckende Aufbau&#13;
dieser öffentlichen Einrichtungen war in den Potsdamer Beschlüssen beabsichtigt. Zwölf Monate sind&#13;
vergangen, und nichts ist geschehen.&#13;
Deutschland benötigt die ganzen Nahrungsmittel, die&#13;
es erzeugen kann. Vor dem Kriege konnte es nicht&#13;
genug Nahrungsmittel für seine Bevölkerung erzeugen. Das Gebiet Deutschlands ist verkleinert worden.&#13;
Die Bevölkerung Schlesiens zum Beispiel ist in ein&#13;
verkleinertes Deutschland zurückgedrängt worden.&#13;
Besatzungsarmeen und Zwangsverschleppte erhöhen&#13;
den Bedarf, während der Mangel an landwirtschaftlichen Maschinen und Düngemitteln die Versorgungsmöglichkeit herabsetzt.10' Um die größtmögliche&#13;
Erzeugung und die zweckmäßigste Verwendung und&#13;
Verteilung der Nahrungsmittel, die erzeugt werden&#13;
können, sicherzustellen, müßte eine zentrale Verwaltungsstelle für Landwirtschaft geschaffen werden&#13;
und unverzüglich mit der Arbeit beginnen.&#13;
Ebenso ist die Schaffung einer zentralen deutschen&#13;
Verwaltungsstelle für Industrie und Außenhandel&#13;
dringend notwendig. Deutschland muß bereit sein,&#13;
seine Kohle und seinen Stahl mit den befreiten Ländern Europas zu teilen, die von diesen Lieferungen&#13;
abhängig sind. Deutschland muß andererseits in die&#13;
Lage versetzt werden, seine Fähigkeiten und Kräfte&#13;
der Steigerung seiner industriellen Produktion dienstbar zu machen und für die zweckmäßigste Verwendung seiner Rohstoffe Sorge tragen zu können.&#13;
Deutschland muß die Möglichkeit haben, Waren&#13;
auszuführen, um dadurch so viel einführen zu können,&#13;
daß es sich wirtschaftlich selbst erhalten kann.&#13;
Deutschland ist ein Teil Europas. Die Gesundung in&#13;
Europa und besonders in den Nachbarstaaten&#13;
Deutschlands wird nur langsam voranschreiten, wenn&#13;
Deutschland mit seinen großen Bodenschätzen an&#13;
Eisen und Kohle in ein Armenhaus verwandelt wird.&#13;
Nachdem die rücksichtslose Nazidiktatur zur bedingungslosen Kapitulation'" gezwungen worden war, gab&#13;
es keine deutsche Regierung, mit der die Alliierten&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
hätten verhandeln können. Die Alliierten mußten&#13;
vorübergehend die Aufgaben des zertrümmerten&#13;
deutschen Staates übernehmen, da sich die Nazidiktatur jeder wahren Rechenschaft dem deutschen Volke&#13;
gegenüber enthoben hatte. Die Alliierten konnten die&#13;
Führer und Günstlinge des Nazismus nicht in Schlüsselstellungen belassen, in denen sie ihren Einfluß&#13;
wieder geltend gemacht hätten. Sie mußten gehen.&#13;
Es war jedoch niemals die Absicht der amerikanischen&#13;
Regierung, dem deutschen Volk das Recht zu versagen, seine eigenen inneren Angelegenheiten wahrzunehmen, sobald es in der Lage sein würde, dies auf&#13;
demokratische Art und unter aufrichtiger Achtung der&#13;
Menschenrechte und grundsätzlichen Freiheiten zu&#13;
tun.&#13;
Die nur wenige Monate nach der Kapitulation gefaßten&#13;
Potsdamer Beschlüsse verpflichteten die Besatzungsmächte, die örtliche Selbstverwaltung wiederherzustellen und die Grundsätze einer gewählten Volksvertretung in den Verwaltungen der Bezirke, Provinzen&#13;
und Länder einzuführen, und zwar so bald wie es mit&#13;
der militärischen Sicherheit und den Zwecken der&#13;
militärischen Besetzung vereinbar ist.&#13;
Der Hauptzweck der militärischen Besetzung war und&#13;
ist, Deutschland zu entmilitarisieren und entnazifizieren, nicht aber den Bestrebungen des deutschen&#13;
Volkes hinsichtlich einer Wiederaufnahme seiner&#13;
Friedenswirtschaft künstliche Schranken zu setzen.&#13;
Die Nazikriegsverbrecher sollten für die Leiden, die sie&#13;
über die Welt gebracht haben, bestraft werden.12) Die&#13;
in den Potsdamer Beschlüssen enthaltenen Grundsätze für die Reparationen und die industrielle Abrüstung&#13;
sollten durchgeführt werden. Die Ziele der Besetzung&#13;
sahen jedoch weder eine lang anhaltende ausländische Diktatur über die deutsche Friedenswirtschaft&#13;
noch eine lang anhaltende ausländische Diktatur über&#13;
Deutschlands innerpolitisches Leben vor. Die Potsdamer Beschlüsse verpflichteten die Besatzungsmächte ausdrücklich, den Aufbau einer politischen&#13;
Demokratie von Grund auf zu beginnen.&#13;
Die Potsdamer Beschlüsse sahen nicht vor, daß&#13;
Deutschland niemals eine zentrale Regierung haben&#13;
sollte. Sie bestimmten lediglich, daß es einstweilen&#13;
noch keine zentrale deutsche Regierung geben sollte.&#13;
Dies war nur so zu verstehen, daß keine deutsche&#13;
Regierung gebildet werden sollte, ehe eine gewisse&#13;
Form von Demokratie in Deutschland Wurzel gefaßt&#13;
und sich ein örtliches Verantwortungsbewußtsein&#13;
entwickelt hätte.&#13;
Die Potsdamer Beschlüsse bestimmten in weiser&#13;
Voraussicht, daß die Verwaltung der deutschen&#13;
Angelegenheiten auf eine Dezentralisierung der&#13;
politischen Struktur und auf die Entwicklung örtlichen&#13;
Verantwortungsbewußtseins gerichtet sein sollte. Dies&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�sollte nicht die Weiterentwicklung zu einer zentralen&#13;
Regierung verhindern, welche die erforderlichen&#13;
Machtbefugnisse besitzt, um Angelegenheiten zu&#13;
behandeln, die einheitlich für ganz Deutschland&#13;
geregelt werden müssen. Dagegen bestand die&#13;
Absicht, die Bildung einer stark zentralen Regierung zu&#13;
verhindern, welche das deutsche Volk beherrschen&#13;
würde, ohne seinem demokratischen Willen zu&#13;
entsprechen.&#13;
Die amerikanische Regierung steht auf dem Standpunkt, daß jetzt dem deutschen Volk innerhalb ganz&#13;
Deutschlands die Hauptverantwortung für die Behandlung seiner eigenen Angelegenheit bei geeigneten Sicherungen übertragen werden sollte.&#13;
Seit dem Ende der Feindseligkeiten ist mehr als ein&#13;
Jahr vergangen. Die Millionen deutscher Menschen&#13;
sollten nicht gezwungen werden, in Ungewißheit über&#13;
ihr Schicksal zu leben. Die amerikanische Regierung&#13;
ist der Ansicht, daß die Alliierten dem deutschen Volk&#13;
unverzüglich die wesentlichen Friedensbedingungen&#13;
klarmachen sollten, deren Annahme und Befolgung sie&#13;
vom deutschen Volk erwarten. Wir sind der Ansicht,&#13;
daß dem deutschen Volk Erlaubnis und Unterstützung&#13;
gewährt werden sollten, die notwendigen Vorbereitungen für eine demokratische deutsche Regierung zu&#13;
treffen, die in der Lage ist, diese Bedingungen anzunehmen und zu befolgen.&#13;
Die denkenden Menschen der Welt werden von jetzt&#13;
ab die Tätigkeit der Alliierten in Deutschland nicht nach&#13;
ihren Versprechungen, sondern nach ihren Leistungen&#13;
beurteilen. Die amerikanische Regierung hat die für die&#13;
Entnazifizierung und Entmilitarisierung Deutschlands&#13;
erforderlichen Maßnahmen unterstützt und wird dies&#13;
weiterhin tun. Sie glaubt jedoch nicht, daß große Heere&#13;
ausländischer Soldaten oder ausländischer Bürokraten, wie gut ihre Ansichten und Disziplin auch sein&#13;
mögen, auf Dauer die zuverlässigsten Beschützer der&#13;
Demokratie eines anderen Landes sind.&#13;
Alles, was die alliierten Regierungen tun können und&#13;
tun sollten, ist Richtlinien festzusetzen, nach denen&#13;
sich die deutsche Demokratie selbst regieren kann.&#13;
Die Zahl der alliierten Besatzungskräfte sollte so&#13;
beschränkt werden, daß sie genügt, um die Befolgung&#13;
dieser Richtlinien zu sichern.&#13;
Die Frage für uns ist, welche Kräfte notwendig sind,&#13;
um die Sicherheit zu schaffen, daß Deutschland nicht&#13;
wieder wie nach dem Ersten Weltkrieg aufrüstet. Unser&#13;
Vorschlag, einen Vertrag mit den Großmächten zu&#13;
schließen, um ihn für 25 oder sogar 40 Jahre beizubehalten, hätte eine kleinere Besatzungsarmee&#13;
möglich gemacht. Zu seiner Durchführung könnten wir&#13;
uns besser auf ausgebildete Überwachungsbeamte als&#13;
auf die Infanterie verlassen. Wenn zum Beispiel eine&#13;
Automobilfabrik den Vertrag verletzt und ihre Anlagen&#13;
auf die Herstellung von Kriegsmaterial umstellt, würden&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
die Uberwachungsbeamten dies dem Alliierten Kontrollrat melden und dieser würde die deutsche Regierung auffordern, die Herstellung zu unterbinden und&#13;
den Schuldigen zu bestrafen. Leistet die deutsche&#13;
Regierung der Aufforderung nicht Folge, würden die&#13;
alliierten Nationen Schritte unternehmen, die Befolgung durch die deutsche Regierung zu erzwingen.&#13;
Unser Vorschlag für dieses Abkommen wurde nicht&#13;
angenommen.'31 Sicherungsstreitkräfte werden unglücklicherweise wahrscheinlich noch lange Zeit in&#13;
Deutschland bleiben müssen. Man darf mich nicht&#13;
mißverstehen. Wir wollen uns unseren Verpflichtungen&#13;
nicht entziehen. Wir ziehen uns nicht zurück. Wir&#13;
bleiben hier und werden unseren Anteil an der Last auf&#13;
uns nehmen. Solange die Anwesenheit von Besatzungskräften in Deutschland notwendig ist, wird die&#13;
Armee der Vereinigten Staaten einen Teil dieser&#13;
Besatzungsmacht bilden.'"&#13;
Die Vereinigten Staaten treten für die baldige Bildung&#13;
einer vorläufigen deutschen Regierung ein. Fortschritte&#13;
bei der Entwicklung der örtlichen Selbstverwaltung und&#13;
der Landesselbstverwaltungen sind in der amerikanischen Zone Deutschlands erzielt worden, und die&#13;
amerikanische Regierung glaubt, daß ein ähnlicher&#13;
Fortschritt in allen Zonen möglich ist.&#13;
Die amerikanische Regierung steht auf dem Standpunkt, daß die vorläufige Regierung nicht von anderen&#13;
Regierungen ausgesucht werden soll, sondern daß sie&#13;
aus einem deutschen Nationalrat bestehen soll, der&#13;
sich aus den nach demokratischen Prinzipien verantwortlichen Ministerpräsidenten oder anderen leitenden&#13;
Beamten der verschiedenen Länder zusammensetzt,&#13;
die in jeder der vier Zonen gebildet worden sind.&#13;
Unter Vorbehalt der Befugnisse des Alliierten Kontrollrats soll der deutsche Nationalrat für die sachgemäße&#13;
Erfüllung der Aufgaben der zentralen Verwaltungsbehörden verantwortlich sein, die ihrerseits angemessene Machtbefugnisse besitzen sollen, um die Verwaltung Deutschlands als eine Einheit, wie sie in den&#13;
Potsdamer Beschlüssen geplant war, zu sichern.&#13;
Der deutsche Nationalrat sollte auch mit der Vorbereitung des Entwurfes einer Bundesverfassung für&#13;
Deutschland beauftragt werden, die unter anderem&#13;
den demokratischen Charakter des neuen Deutschlands, die Menschenrechte und die grundsätzlichen&#13;
Freiheiten aller seiner Einwohner sichern soll. Nach&#13;
grundsätzlicher Genehmigung durch den Alliierten&#13;
Kontrollrat wäre die vorgeschlagene Verfassung einer&#13;
gewählten Versammlung zur endgültigen Formulierung&#13;
vorzulegen und sodann dem deutschen Volk zur&#13;
Ratifizierung zu unterbreiten.&#13;
Während wir darauf bestehen werden, daß Deutschland die Grundsätze des Friedens, der gutnachbarlichen Beziehungen und der Menschlichkeit befolgt,&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�wollen wir nicht, daß es der Vasall irgendeiner Macht&#13;
oder irgendwelcher Mächte wird oder unter einer inoder ausländischen Diktatur lebt. Das amerikanische&#13;
Volk hofft, ein friedliches und demokratisches Deutschland zu sehen, das seine Freiheit und Unabhängigkeit&#13;
erlangt und behält.&#13;
Nun ist es auch Zeit, die Grenzen des neuen Deutschlands festzusetzen. Österreich ist bereits als freies und&#13;
unabhängiges Land anerkannt worden.151 Seine&#13;
zeitweilige und erzwungene Vereinigung mit Deutschland war für beide Länder kein glücklicher Zustand,&#13;
und die Vereinigten Staaten sind überzeugt, daß es im&#13;
Interesse beider Länder und des Friedens für Europa&#13;
liegt, wenn jedes seinen eigenen Weg geht.&#13;
In Potsdam wurden, vorbehaltlich einer endgültigen&#13;
Entscheidung durch die Friedenskonferenz, bestimmte&#13;
Gebiete, die einen Teil Deutschlands bildeten, vorläufig&#13;
der Sowjetunion und Polen zugewiesen. Damals&#13;
waren diese Gebiete von der Sowjetarmee und von&#13;
der polnischen Armee besetzt. Es wurde uns gesagt,&#13;
daß die Deutschen aus diesen Gebieten in großer Zahl&#13;
flüchteten und daß es im Hinblick auf die durch den&#13;
Krieg hervorgerufenen Gefühle tatsächlich schwierig&#13;
sein würde, das wirtschaftliche Leben dieser Gebiete&#13;
wieder in Gang zu bringen, wenn diese nicht als&#13;
integrale Bestandteile der Sowjetunion beziehungsweise Polens verwaltet würden.&#13;
Die Staatsoberhäupter erklärten sich damit einverstanden, bei den Friedensregelungen den Vorschlag&#13;
der Sowjetregierung hinsichtlich der endgültigen&#13;
Übertragung der Stadt Königsberg und des anliegenden Gebietes an die Sowjetunion zu unterstützen.&#13;
Sofern die sowjetische Regierung ihre Auffassung&#13;
diesbezüglich nicht ändert, werden wir an diesem&#13;
Abkommen festhalten.&#13;
Was Schlesien und andere ostdeutsche Gebiete&#13;
anbetrifft, so fand die zu Verwaltungszwecken erfolgte&#13;
Übergabe dieses Gebietes durch Rußland an Polen&#13;
vor der Potsdamer Zusammenkunft statt. Die Staatsoberhäupter stimmten zu, daß Schlesien und andere&#13;
ostdeutsche Gebiete bis zur endgültigen Festlegung&#13;
der polnischen Westgrenze durch den polnischen&#13;
Staat verwaltet und zu diesem Zwecke nicht als Teil&#13;
der russischen Besatzungszone in Deutschland&#13;
angesehen werden sollten. Wie aus dem Protokoll der&#13;
Potsdamer Konferenz hervorgeht, einigten sich die&#13;
Staatsoberhäupter jedoch nicht dahingehend, die&#13;
Abtretung eines bestimmten Gebietes zu unterstützen.&#13;
Rußland und Polen haben schwer durch Hitlers&#13;
einfallende Armeen gelitten. Durch das Abkommen von&#13;
Jalta hat Polen an Rußland das Gebiet östlich der&#13;
Curzon-Linie'61 abgetreten. Polen hat dafür eine&#13;
Revision seiner nördlichen und westlichen Grenzen&#13;
verlangt. Die Vereinigten Staaten werden eine Revision dieser Grenzen zugunsten Polens unterstützen.&#13;
&#13;
Seite 6&#13;
&#13;
Der Umfang des an Polen abzutretenden Gebietes&#13;
kann jedoch erst entschieden werden, wenn das&#13;
endgültige Abkommen darüber getroffen ist.&#13;
Die Vereinigten Staaten finden, daß sie Frankreich, in&#13;
welches Deutschland innerhalb von 70 Jahren dreimal&#13;
eingefallen ist, seinen Anspruch auf das Saargebiet,,?l&#13;
dessen Wirtschaft mit Frankreich eng verbunden ist,&#13;
nicht verweigern können. Natürlich müßte Frankreich,&#13;
wenn ihm das Saargebiet eingegliedert wird, seine&#13;
Reparationsansprüche an Deutschland entsprechend&#13;
ändern.&#13;
Von diesen Veränderungen abgesehen, werden die&#13;
Vereinigten Staaten keine Eingriffe in unbestritten&#13;
deutsches Gebiet oder eine Aufteilung Deutschlands,&#13;
die nicht dem echten Willen der Bevölkerung entspricht, unterstützen.&#13;
Soweit den Vereinigten Staaten bekannt ist, wünscht&#13;
die Bevölkerung des Ruhrgebiets und des Rheinlandes, mit dem übrigen Deutschland vereinigt zu&#13;
bleiben, und die Vereinigten Staaten werden sich&#13;
diesem Wunsch nicht widersetzen.""&#13;
Obgleich die Ruhrbevölkerung dem Nazieinfluß als&#13;
letzte erlegen war, ist es eine Tatsache, daß die Nazis&#13;
ohne alle Hilfsmittel des Ruhrgebietes niemals hätten&#13;
die Welt bedrohen können. Nie wieder dürfen diese&#13;
Hilfsmittel für Zerstörungszwecke benutzt werden. Sie&#13;
müssen für den Wiederaufbau eines freien und&#13;
friedlichen Deutschlands und eines freien und friedlichen Europas Verwendung finden. Die Vereinigten&#13;
Staaten werden für solche Kontrollmaßnahmen für&#13;
ganz Deutschland, einschließlich des Ruhrgebietes&#13;
und des Rheinlandes, eintreten, die aus Sicherheitsgründen erforderlich sind. Sie werden helfen, diese&#13;
Maßnahmen durchzusetzen. Sie werden jedoch nicht&#13;
für solche Maßnahmen eintreten, die Ruhrgebiet und&#13;
Rheinland - unmittelbar oder mittelbar - einer politischen Beherrschung oder politischen Manipulation&#13;
seitens ausländischer Mächte unterwerfen.&#13;
Das deutsche Volk empfindet heute die verheerenden&#13;
Folgen des Krieges, den Hitler und seine Günstlinge&#13;
über die Welt gebracht haben. Andere Völker bekamen&#13;
diese verheerenden Folgen lange vor dem deutschen&#13;
Volk zu spüren. Das deutsche Volk muß einsehen, daß&#13;
es Hitler und seine Günstlinge waren, die unschuldige&#13;
Männer, Frauen und Kinder quälten und ausrotteten&#13;
und die versuchten, mit den deutschen Waffen die&#13;
Welt zu beherrschen und zu erniedrigen. Es waren die&#13;
gesammelten zornentbrannten Kräfte der Menschheit,&#13;
die sich den Weg nach Deutschland hinein erkämpfen&#13;
mußten, um der Welt die Hoffnung auf Freiheit und&#13;
Frieden zu geben.&#13;
Das amerikanische Volk, das für die Freiheit gekämpft&#13;
hat, hat nicht den Wunsch, das deutsche Volk zu&#13;
versklaven. Die Freiheit, an welche die Amerikaner&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�glauben und für die sie kämpfen, ist eine Freiheit, an&#13;
der alle teilhaben sollen, die gewillt sind, die Freiheit&#13;
anderer zu achten.&#13;
Die Vereinigten Staaten haben fast alle in ihrem Lande&#13;
befindlichen Kriegsgefangenen nach Deutschland&#13;
zurückgeschickt. Wir unternehmen unverzüglich&#13;
Schritte, um die in anderen Teilen der Welt in unserer&#13;
Hand befindlichen deutschen Kriegsgefangenen&#13;
baldigst zurückzusenden.&#13;
Die Vereinigten Staaten können Deutschland die&#13;
Leiden nicht abnehmen, die ihm der von seinen&#13;
Führern angefangene Krieg zugefügt hat. Aber die&#13;
Vereinigten Staaten haben nicht den Wunsch, diese&#13;
Leiden zu vermehren oder dem deutschen Volk die&#13;
Gelegenheit zu verweigern, sich aus diesen Nöten&#13;
herauszuarbeiten, solange es menschliche Freiheit&#13;
achtet und vom Wege des Friedens nicht abweicht.&#13;
Das amerikanische Volk wünscht, dem deutschen Volk&#13;
die Regierung Deutschlands zurückzugeben. Das&#13;
amerikanische Volk will dem deutschen Volk helfen,&#13;
seinen Weg zurückzufinden zu einem ehrenvollen&#13;
Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der&#13;
Welt.&#13;
&#13;
" - Quellen:&#13;
Als amerikanische Fassung gilt der vom State Department veröffentlichte Text.&#13;
Vgl.: Byrnes Papers in the library of Clemson University, South Carolina;&#13;
"James F. Byrnes and The Origins of the Cold War";&#13;
ed. by Kendrick A. Clements&#13;
Deutsche Fassungen:&#13;
Stuttgarter Zeitung, 7. September 1946;&#13;
Europa-Archiv, Dezember 1946;&#13;
Diese Rede wurde in Deutschland unter der populären&#13;
Bezeichnung "Rede der Hoffnung" bekannt.&#13;
Vgl. die Textpassagen (unten S. 1) "ich hoffe, daß das&#13;
deutsche Volk"; S. 6 "das amerikanische Volk hofft"&#13;
und S. 6 "der Welt die Hoffnung auf Freiheit und&#13;
Frieden geben".&#13;
21&#13;
&#13;
Nach dem Ersten Weltkrieg praktizierten die USA&#13;
eine Politik der Isolation, indem sie sich aus der&#13;
europäischen Nachkriegspolitik weitgehend zurückzogen.&#13;
31&#13;
&#13;
Der Völkerbund (1920 - 1946) wurde auf Vorschlag&#13;
des US-Präsidenten Thomas Woodrow Wilson&#13;
gegründet. Die USA traten dem Völkerbund jedoch&#13;
nicht bei.&#13;
41&#13;
&#13;
Die UNO war - auf die Initiative des US-Präsidenten&#13;
Franklin D. Roosevelt hin - am 26. Juni 1945 in San&#13;
Francisco gegründet worden mit dem Ziel, nach dem&#13;
Scheitern des Völkerbundes und der Katastrophe des&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
Zweiten Weltkrieges, international Frieden und Sicherheit zu garantieren. Am 24. Oktober 1945 trat die&#13;
Charta der Vereinten Nationen (am "Tag der Vereinten&#13;
Nationen") in Kraft.&#13;
51&#13;
&#13;
Die Potsdamer Konferenz dauerte vom 17. Juli bis 2.&#13;
August 1945: Die drei Kriegsverbündeten (US-Präsident Harry S. Truman (1884 - 1972), UdSSR-Premier&#13;
Josef W. Stalin (1879 - 1953), UK-Premierminister&#13;
Winston L Churchill (1874 - 1965), nach den britischen&#13;
Wahlen von Clement R. Attlee (1883 - 1967) abgelöst)&#13;
einigten sich auf Vier-Mächte-Besatzungszonen (der&#13;
USA, des UK, der UdSSR und Frankreichs) für&#13;
Nachkriegsdeutschland sowie auf eine umfassende&#13;
Neuordnung der deutschen Wirtschaft und der deutschen Verwaltungseinrichtungen.&#13;
61&#13;
&#13;
Ein Beispiel für diese Politik war das am 5. 3. 1946&#13;
erlassene "Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus in der US-Zone", in: "Gesetz der&#13;
Militärregierung und des Kontrollrats", 1/1, 7 (III).&#13;
7)&#13;
&#13;
Die bereits in Jalta vereinbarten Reparationszahlungen Deutschlands wurden im Potsdamer Abkommen näher modifiziert. In diesem Punkt hatten sich&#13;
Unterschiede zwischen den USA auf der einen Seite&#13;
und Frankreich und der Sowjetunion auf der anderen&#13;
Seite entwickelt. Die Sowjetunion und Frankreich&#13;
versuchten 1946 wiederholt, die Reparationszahlungen zu ihren Gunsten zu ändern.&#13;
8&#13;
&#13;
» Der am 5. Juni 1945 gebildete "Alliierte Kontrollrat",&#13;
dem am 8. August 1945 gebildeten obersten Regierungsorgan der Besatzungsmächte für Deutschland&#13;
(Frankreich, Großbritannien, UdSSR, USA), etablierte&#13;
sich am 30. August 1945 in Berlin.&#13;
&#13;
91&#13;
&#13;
Der Zusammenschluß der amerikanischen und&#13;
britischen Besatzungszone zum "Vereinigten Wirtschaftsgebiet", der sogenannten "Bizone", erfolgte am&#13;
1. Januar 1947. Durch den Beitritt der französischen&#13;
Besatzungszone zur Bizone am 8. April 1949 entstand&#13;
die "Trizone", welche nun die drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands umfaßte.&#13;
'0| Die sowjetischen und französischen Truppen lebten&#13;
aus ihrer jeweiligen Zone, weil ihr eigener dürftiger&#13;
Nachschub nicht ausreichte. Die Sowjets rechtfertigten&#13;
dies als eine Art von Reparationen, aber sie waren&#13;
auch selber in einer akuten Notsituation und konnten&#13;
keine Armee im Ausland unterhalten. Die Franzosen&#13;
nannten ähnliche Gründe, um große Materialmengen&#13;
aus ihrer Zone wegzuschaffen und ihre Besatzungsarmee einschließlich ihrer Angehörigen in Deutschland&#13;
zu versorgen.&#13;
"' Die Forderung zur bedingungslosen Kapitulation&#13;
des Deutschen Reiches wurde erstmals auf der&#13;
Konferenz von Casablanca (14. - 26. 1. 1943) erho-&#13;
&#13;
Seite 7&#13;
&#13;
�ben, danach auf den Konferenzen von Teheran (28.&#13;
11. - 1. 12. 1943) und Jalta (4. - 11. 2. 1945) bestätigt.&#13;
'?l Zum Zeitpunkt der Byrnes-Rede beriet das Internationale Militärtribunal (IMT) in Nürnberg im Prozeß&#13;
gegen die Hauptkriegsverbrecher die Urteile.&#13;
,3&#13;
&#13;
&gt; Byrnes meinte damit das Scheitern seines Vorschlags für einen "Treaty for Disarmament and Demilitarization of Germany" während der Pariser Außenministerkonferenz im April 1946. Die Vorstellung von&#13;
Byrnes wurde von den Sowjets abgelehnt, in der&#13;
Hoffnung, ein längeres Engagement der USA zu&#13;
verhindern.&#13;
Vgl. Hermann Graml, Die Alliierten und die Teilung&#13;
Deutschlands, Konflikte und Entscheidungen 1941 1948, 1985, S. 150-158.&#13;
141&#13;
&#13;
General Clay hielt diese Textpassage für die wichtigste Feststellung der Rede.&#13;
,S|&#13;
&#13;
Nach der Vier-Mächte-Besatzungsherrschaft vom&#13;
April 1945 bis zum Januar 1946 wurde Österreich am&#13;
7. Januar 1946 eine eigene Republik innerhalb seiner&#13;
Grenzen von 1937 (sog. Zweite Republik Österreich).&#13;
Österreich blieb jedoch bis zum Abschluß des Staatsvertrags vom 15. Mai 1955 in vier Besatzungszonen&#13;
eingeteilt mit seiner ebenfalls in Sektoren aufgeteilten&#13;
Hauptstadt Wien. Die österreichische Neutralität wurde&#13;
im Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 festgeschrieben.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 8&#13;
&#13;
,6)&#13;
&#13;
Hier wird auf die Konferenz von Jalta vom 4. - 11.&#13;
Februar 1945 Bezug genommen: Die polnische&#13;
Westgrenze sollte in einem späteren Friedensvertrag&#13;
festgelegt werden, die Curzon-Linie setzte Stalin in&#13;
Jalta als polnische Ostgrenze durch. Sie wurde&#13;
erstmals im Dezember 1919 als polnische Grenze zur&#13;
Sowjetunion nach dem Ersten Weltkrieg vom britischen Außenminister Lord George N. Curzon (1859 1925) vorgeschlagen und von Polen nicht akzeptiert.&#13;
Nach dem polnisch-sowjetischen Krieg erfolgte die&#13;
tatsächliche Grenzziehung auf der Friedenskonferenz&#13;
von Riga am 18. März 1921; sie verlief wesentlich&#13;
weiter ostwärts. Die "Curzon-Linie" diente dann auch&#13;
der neuen polnisch-sowjetischen Grenze, die durch&#13;
den Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 festgelegt&#13;
wurde, zur Orientierung.&#13;
'" Die "Saar-Frage" wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst durch einen Sonderstatus des Saarlandes (wirtschaftlicher Anschluß an Frankreich)&#13;
geregelt.&#13;
1,1&#13;
&#13;
Diese Bemerkung richtete sich primär an Frankreich, dessen Politik beabsichtigte, die linksrheinischen&#13;
Gebiete von Deutschland abzutrennen und das&#13;
Ruhrgebiet zu internationalisieren.&#13;
(Die Fußnoten wurden von einer Historikerkommission&#13;
erarbeitet.)&#13;
&#13;
* • *&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�USA-DEUTSCHLAND&#13;
18. September 1996&#13;
&#13;
Eine neue atlantische Gemeinschaft&#13;
für das 21. Jahrhundert&#13;
Außenminister Christopher zum 50. Jahrestag der "Rede der Hoffnung"&#13;
&#13;
STUTTGART - (AD) - Außenminister Christopher hielt am 6. September 1996 bei einem Festakt im&#13;
Württembergischen Staatstheater aus Anlaß des 50. Jahrestages der "Rede der Hoffnung" nachfolgende&#13;
Grundsatzrede. Wir veröffentlichen den vorbereiteten Text der Rede.&#13;
&#13;
Herr Ministerpräsident, Herr Außenminister, Herr&#13;
Bürgermeister, General Jamerson, Gouverneur&#13;
James, Herr Kongreßabgeordneter, meine Damen und&#13;
Herren,&#13;
bevor ich beginne, möchte ich ein besonderes Wort&#13;
der Anerkennung für meinen Amtskollegen Klaus&#13;
Kinkel aussprechen, der sich in hohem Maße für die&#13;
deutsch-amerikanischen Beziehungen eingesetzt hat,&#13;
der während meiner dreieinhalbjährigen Amtszeit als&#13;
Außenminister mein enger Freund und Vertrauter&#13;
gewesen ist, und der mich heute nach Stuttgart&#13;
eingeladen hat. Ich bin gekommen, um gemeinsam&#13;
mit Ihnen der "Rede der Hoffnung" zu gedenken, die&#13;
mein Vorgänger, Außenminister James Byrnes, heute&#13;
vor 50 Jahren hier in Stuttgart hielt. Ich bin gekommen, um an das halbe Jahrhundert der Fortschritte zu&#13;
erinnern, die wir gemeinsam seit dieser Rede erzielt&#13;
haben und zu erörtern, wie wir im nächsten Jahrhundert eine prosperierende Partnerschaft gewährleisten können.&#13;
Es wird niemanden überraschen, daß man Außenminister Byrnes - wie den meisten von uns - bei der&#13;
Vorbereitung seiner Rede behilflich war. Sein wichtigster Berater war John Kenneth Galbraith, der berühmte&#13;
Ökonom, Autor und Botschafter in Indien. Als ich&#13;
Professor Galbraith vor einigen Tagen anrief, um mit&#13;
ihm Erinnerungen an die Byrnes-Rede auszutauschen,&#13;
meinte er mit einem Lächeln in der Stimme: "Ich habe&#13;
niemals mit größerer-Zustirnmung einer—Rede gelauscht."&#13;
Natürlich hörte ganz Europa aufmerksam zu, denn die&#13;
Zukunft des Kontinents stand auf Messers Schneide.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
Die Vereinigten Staaten hatten sich mit ihren Verbündeten zusammengetan, um den Krieg zu gewinnen,&#13;
weil sie wußten, daß Amerika nicht frei sein konnte,&#13;
wenn Europa es nicht war. Aber im Jahr 1946 hatten&#13;
wir den Sieg noch nicht davongetragen. Die ersten&#13;
amerikanischen Care-Pakete kamen zwar im August&#13;
jenes Jahres hier an, aber ein deutscher Reporter, der&#13;
mit Außenminister Byrnes nach Stuttgart reiste, blickte&#13;
aus seinem Zugfenster und beschrieb "zahllose&#13;
Frauen mit zerschlissenen Rucksäcken ... einige&#13;
wenige Männer, die sich in der Dämmerung nach&#13;
Hause schleppten", ein Zuhause, in dem "die Kinder&#13;
keine Schuhe haben, die Tochter keinen Mantel, das&#13;
Haus weder Fensterscheiben noch Brennstoff im&#13;
Keller hat. Und der Winter kommt." Unterdessen&#13;
brachte die Befreiung im Osten nicht die Freiheit,&#13;
sondern neue kommunistische Tyrannei, die Familien,&#13;
Nationen und die Welt trennen sollte.&#13;
Außenminister Byrnes Rede wurde bekannt als "Rede&#13;
der Hoffnung", weil sie Amerika fest an die Seite derer&#13;
stellte, die an eine bessere Zukunft für Deutschland&#13;
und Europa glaubten. Die von ihm in der Rede&#13;
formulierten Prinzipien legten das Fundament für&#13;
unsere erfolgreiche Partnerschaft der Nachkriegszeit.&#13;
Sie schufen die Basis für das, was zu einer überparteilichen amerikanischen Strategie wurde, symbolisiert&#13;
durch die Anwesenheit des republikanischen Senators&#13;
Arthur Vandenberg bei der Rede von Außenminister&#13;
Byrnes. Diese Prinzipien gestalten unseren Ansatz zu&#13;
Europa bis-auf den heutigen Tag.&#13;
Erstens versprach Byrnes, daß die Vereinigten Staaten&#13;
eine politische und militärische Macht in Europa&#13;
bleiben würden. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten wir&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�uns aus den europäischen Angelegenheiten zurückgezogen und einen schrecklichen Preis dafür bezahlt.&#13;
"Wir wollen jenen Fehler nicht wiederholen", erklärte&#13;
Byrnes. "Wir bleiben hier."&#13;
Zweitens bekräftigte Byrnes, daß unsere Unterstützung für die Demokratie der Schlüssel zu dauerhaftem&#13;
Frieden in Deutschland und Europa ist. "Das amerikanische Volk wünscht, dem deutschen Volk die Regierung Deutschlands zurückzugeben", äußerte er. Wir&#13;
waren zuversichtlich, daß ein demokratisches&#13;
Deutschland unser Partner werden könnte.&#13;
Schließlich brachte Byrnes das Engagement der&#13;
Vereinigten Staaten für die politische und wirtschaftliche Einheit Deutschlands zum Ausdruck. Die Vereinigten Staaten vertraten die Auffassung, daß&#13;
Deutschland vereinigt, demokratisch und frei sein&#13;
müßte, wenn Europa als Ganzes Stabilität und Integration erlangen sollte.&#13;
Byrnes weitblickender Ansatz ebnete den Weg für&#13;
George Marshall, Konrad Adenauer, Jean Monnet und&#13;
die bemerkenswerte Generation, die die Erholung&#13;
Europas anführte und uns 50 Jahre Frieden und&#13;
Wohlstand bescherte. Dank ihnen erkannten wir das&#13;
Versprechen der "Rede der Hoffnung". Amerika&#13;
behielt sein Engagement und seine Streitkräfte in&#13;
Europa bei. Das deutsche Volk wählte Freiheit und&#13;
erreichte die Vereinigung. Und gemeinsam behielten&#13;
wir Kurs im Kalten Krieg. Heute ist der Checkpoint&#13;
Charlie nur noch ein Museum für Touristen. Vor dem&#13;
NATO-Hauptquartier, wo wir einst die Verteidigung von&#13;
Berlin und Stuttgart gegen einen sowjetischen Angriff&#13;
planten, wehen heute die Flaggen von 43 europäischen Nationen, einschließlich der russischen.&#13;
Im vergangenen halben Jahrhundert haben die&#13;
Vereinigten Staaten und Deutschland Beziehungen&#13;
aufgebaut, die tiefer als die Bande sind, die ausschließlich von Soldaten und Diplomaten geknüpft&#13;
werden. Wir haben eine kulturelle und intellektuelle&#13;
Partnerschaft, die so ausgezeichnet durch das&#13;
Fulbright-Programm, die Goethe-Institute, den German&#13;
Marshall Fund und viele andere Institutionen repräsentiert wird. Wir haben eine wirtschaftliche&#13;
Partnerschaft: Amerika ist der größte ausländische&#13;
Investor in Deutschland und der Hauptnutznießer&#13;
deutscher Investitionen im Ausland. Wir haben auch&#13;
eine umweltpolitische Partnerschaft: Gemeinsam&#13;
kämpfen wir um die Beseitigung von Altlasten in&#13;
Ostdeutschland, gegen sauren Regen in Wisconsin&#13;
und die Entwaldung in Brasilien.&#13;
Vor 50 Jahren erklärte Außenminister Byrnes, Amerika&#13;
will "dem deutschen Volk helfen, seinen Weg zurückzufinden zu einem ehrenvollen Platz unter den freien&#13;
und friedliebenden Nationen der Welt".&#13;
Unsere&#13;
gemeinsamen Leistungen sind atemberaubend. Heute&#13;
stehen diese Stadt und das sie umgebende Land für&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
das Europa, das uns allen vertraut ist: Ein Ort, an dem&#13;
Demokratie, Wohlstand und Frieden eine Selbstverständlichkeit geworden sind. Deutschland ist das&#13;
vereinigte Herzstück eines zunehmend vereinten&#13;
Kontinents. Und dieser Kontinent blickt jetzt auf&#13;
Deutschland als Symbol und Katalysator für die&#13;
Integration, die er anstrebt.&#13;
Trotz all unserer Fortschritte haben wir jedoch in&#13;
Europa noch Herausforderungen zu bewältigen. Das&#13;
Ende des Kalten Krieges hat kein Ende der bewaffneten Konflikte auf diesem Kontinent mit sich gebracht.&#13;
Und obwohl die durch den Kalten Krieg in Europa&#13;
herbeigeführte Spaltung verblaßt, ist sie noch nicht&#13;
vollständig überwunden. Diese Spaltung ist immer&#13;
noch sichtbar in der wirtschaftlichen Kluft zwischen Ost&#13;
und West. Sie zeigt sich an der Umweltverschmutzung, die Menschenleben von der Ukraine bis nach&#13;
Schlesien verkürzt. Vor allem ist sie greifbar in dem&#13;
Wunsch nach größerer Sicherheit der Bürger vom&#13;
Baltikum bis zum Schwarzen Meer, über eine Region&#13;
hinweg, in der die beiden großen Kriege unseres&#13;
Jahrhunderts und der Kalte Krieg begannen.&#13;
In wenigen Jahren bricht ein neues Jahrhundert an.&#13;
Ich möchte Ihnen die Vision vermitteln, die Präsident&#13;
Clinton und ich für die Vereinigten Staaten und Europa&#13;
im Jahr 2000 haben. Es ist die Vision einer neuen&#13;
atlantischen Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft wird&#13;
auf den von unseren Vorgängern geschaffenen&#13;
Institutionen aufbauen, aber sie wird die künstlichen&#13;
Grenzen Europas der Zeit des Kalten Krieges überschreiten. Sie wird Nordamerika eine tiefere Partnerschaft mit einem umfassenderen, integrierteren Europa&#13;
auf diesem Kontinent und der ganzen Welt bescheren.&#13;
Sie schreibt die von Außenminister Byrnes niedergelegten Prinzipien fort.&#13;
Während das nächste Jahrhundert in dieser neuen&#13;
atlantischen Gemeinschaft anbricht, werden unsere&#13;
gemeinsamen Anstrengungen uns das Vertrauen&#13;
gegeben haben, daß die demokratischen Bestrebungen von 1989 Bestand haben, Vertrauen, daß Kriege&#13;
wie der in Bosnien verhindert werden können, und&#13;
Vertrauen, daß jede neue Demokratie - groß und klein&#13;
- ihren rechtmäßigen Platz in Europa einnehmen kann.&#13;
In dieser neuen atlantischen Gemeinschaft werden die&#13;
Vereinigten Staaten in Partnerschaft mit unseren&#13;
Freunden und Verbündeten - und einer effektiveren&#13;
Europäischen Union, die neue Mitglieder aufnimmt vollständig in Europa engagiert sein. In dieser Gemeinschaft wird die NATO weiterhin der zentrale&#13;
Pfeiler unseres Sicherheitsengagements sein. Es wird&#13;
eine neue NATO sein, angepaßt an die Bewältigung&#13;
sich abzeichnender Herausforderungen, mit der&#13;
uneingeschränkten Beteiligung aller unserer derzeitigen Mitglieder und mehrerer neuer aus dem&#13;
Osten. Die Partnerschaft für den Frieden der NATO&#13;
und die OSZE werden uns die Instrumente zur Verhinderung von Konflikten an die Hand geben und die&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�Freiheit für alle Bürger unserer Gemeinschaft sicherstellen. In unserer Vision für diese Gemeinschaft wird&#13;
ein demokratisches Rußland unser vollwertiger Partner&#13;
sein. Unsere Volkswirtschaften werden zunehmend&#13;
integriert sein und florieren. Europa und Amerika&#13;
werden gemeinsam gegen die globalen Bedrohungen&#13;
vorgehen, die wir nur zusammen überwinden können.&#13;
Das ist die Art von Vision, die unserer Partnerschaft&#13;
Stärke und unserem Volk Hoffnung in den dunkelsten,&#13;
gefährlichsten Tagen unseres Jahrhunderts gegeben&#13;
hat. Vor zehn Jahren war sie noch ein Traum. In zehn&#13;
Jahren könnte die Chance vertan sein. Aber ich&#13;
glaube, wir können sie ergreifen, wenn wir in den&#13;
letzten Jahren dieses Jahrhunderts gemeinsam vier&#13;
Herausforderungen meistern.&#13;
Die erste Herausforderung besteht im Aufbau eines&#13;
sicheren und integrierten Europas, um die veralteten&#13;
Grenzen des Kalten Krieges für immer auszuradieren.&#13;
Die neuen Demokratien Zentraleuropas und der neuen&#13;
unabhängigen Staaten wollen unsere Partner sein. Es&#13;
liegt in unserem Interesse, ihnen bei der Übernahme&#13;
unserer gemeinsamen Pflichten behilflich zu sein. Es&#13;
liegt in unserem Interesse, sie in die gleichen Wertestrukturen und Institutionen einzubeziehen, die&#13;
Westeuropa die Überwindung seines Erbes von&#13;
Konflikten und Teilung ermöglichten. Es liegt sicherlich&#13;
im Interesse Deutschlands, mit uns und unseren&#13;
anderen Verbündeten bei dieser Aufgabe zusammenzuarbeiten, denn damit kann Deutschlands östliche&#13;
Grenze zu dem gemacht werden, was seine westliche&#13;
seit langem ist: Ein Tor, nicht eine Schranke.&#13;
Beim NATO-Gipfeltreffen im Januar 1994 schlugen&#13;
Präsident Clinton und unsere Verbündeten eine&#13;
umfassende Strategie für die europäische Sicherheit&#13;
vor. Präsident Clinton vertritt die Auffassung, daß ein&#13;
weiterer Gipfel zur vollständigen Umsetzung dieser&#13;
Strategie erforderlich ist. Ich erwarte, daß unsere&#13;
Staats- und Regierungschefs im Frühjahr oder Frühsommer 1997 zusammentreffen. Ihr Ziel sollte sein,&#13;
den internen Reformen der NATO zuzustimmen,&#13;
Erweiterungsverhandlungen in die Wege zu leiten und&#13;
die Partnerschaft der NATO mit Rußland und anderen&#13;
europäischen Staaten zu vertiefen.&#13;
Der Zweck der NATO-Reform besteht in der Gewährleistung, daß die NATO neue Herausforderungen in&#13;
einem Europa bewältigen kann, in dem keine Macht&#13;
eine Bedrohung für eine andere darstellt. In diesem&#13;
Jahr haben meine Amtskollegen und ich ein historisches Programm für den Aufbau einer neuen NATO&#13;
vereinbart. Es wird dem Bündnis die Übernahme einer&#13;
prominenteren und kompetenteren europäischen Rolle&#13;
gestatten und den besonderen europäischen Funktionen der Westeuropäischen Union Substanz verleihen.&#13;
Es wird die Fähigkeit der NATO verbessern, auf&#13;
Notfälle zu reagieren und es unseren Partnern in&#13;
Zentraleuropa und den neuen unabhängigen Staaten&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
erleichtern, uns zur Seite zu stehen, wenn wir es tun.&#13;
Unser oberstes Ziel ist eine neue NATO, in der alle&#13;
unsere Verbündeten, einschließlich Frankreich und&#13;
Spanien, Vollmitglieder sind.&#13;
Auch die NATO-Erweiterung verläuft planmäßig und&#13;
wird stattfinden. Im Augenblick befindet sich die NATO&#13;
in einem intensiven Dialog mit den interessierten&#13;
Ländern um herauszufinden, was sie und die NATO&#13;
als Vorbereitung für ihren Beitritt tun müssen. Auf der&#13;
Grundlage dieser Diskussionen sollten wir beim Gipfel&#13;
von 1997 mehrere Partner zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen einladen. Wenn die ersten neuen&#13;
Mitglieder durch die offene Tür der NATO treten, wird&#13;
sie für alle diejenigen offen bleiben, die unter Beweis&#13;
stellen, daß sie willens und bereit zur Übernahme der&#13;
Pflichten der Mitgliedschaft sind. Die NATO sollte in&#13;
eine neue Phase ihres intensivierten Dialogs mit&#13;
denjenigen eintreten, die eine Mitgliedschaft anstreben, nachdem die ersten Kandidaten zum Beitritt&#13;
eingeladen wurden.&#13;
Die Erweiterung wird sicherstellen, daß die Vorteile der&#13;
NATO nicht an der Linie halt machen, die ihre Bedeutung mit dem Fall der Berliner Mauer verlor. Die von&#13;
unseren Partnern als Vorbereitung auf die Mitgliedschaft unternommenen Schritte - Stärkung der Demokratie und Bildung von Vertrauen mit ihren Nachbarn haben Zentraleuropa bereits größere Stabilität verliehen als es in diesem Jahrhundert erlebt hat. In der Tat&#13;
war kein Bündnis effektiver bei der Verhinderung von&#13;
Konflikten als die NATO. Aus diesem Grund haben wir&#13;
sie geschaffen. Aus diesem Grund wollen unsere&#13;
Partner ihr beitreten. Aus diesem Grund ist die NATO&#13;
das Kernstück unserer europäischen Strategie.&#13;
Natürlich verdienen alle neuen Demokratien Europas unabhängig davon, ob sie der NATO früher, später&#13;
oder überhaupt nicht beitreten - gleiche Chancen, zur&#13;
Gestaltung der Zukunft Europas beizutragen. Aus&#13;
diesem Grund müssen wir den Geltungsbereich der&#13;
Partnerschaft für den Frieden ausdehnen.&#13;
Dank der Partnerschaft für den Frieden können wir&#13;
jetzt die ersten wirklich europaweiten militärischen&#13;
Koalitionen bilden, in denen Soldaten aus Rußland und&#13;
Amerika, Polen und der Ukraine, Deutschland und&#13;
Litauen Seite an Seite üben und jederzeit zum Schutz&#13;
unserer Sicherheit bereit sind. Zu diesem Zweck&#13;
sollten wir das Mandat der Partnerschaft über ihre&#13;
derzeitige Mission hinaus erweitern. Wir sollten&#13;
unsere Partner in die Planung und Durchführung der&#13;
NATO-Missionen einbeziehen. Wir sollten ihnen ein&#13;
größeres Sagen bei der Gründung eines Atlantischen&#13;
Partnerschaftsrats einräumen. Auf diese Weise bietet&#13;
uns die NATO die Grundlage zur Schaffung unserer&#13;
neuen atlantischen Gemeinschaft - in der ganz&#13;
Europa und Nordamerika beim Aufbau dauerhafter&#13;
Sicherheit zusammenarbeiten, und die Erfolg hat, wo&#13;
alle bisherigen Bestrebungen scheiterten.&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in&#13;
Europa ist unerläßlich für diese sich abzeichnende&#13;
neue Gemeinschaft. Das ist klar ersichtlich aus ihren&#13;
wichtigen und mutigen Missionen in Bosnien, Tschetschenien und im Baltikum. Die Grundsätze von&#13;
Helsinki - Respektierung einer offenen Gesellschaft&#13;
und der Rechtsstaatlichkeit - waren der Wegweiser für&#13;
alles, was wir im letzten Jahrzehnt geleistet haben und&#13;
gestalten unsere Vision für die Zukunft. Beim OSZEGipfeltreffen im Dezember in Lissabon sollten wir auf&#13;
diesen Prinzipien aufbauen, um unsere Sicherheitszusammenarbeit im nächsten Jahrhundert zu definieren. In Lissabon sollten unsere Staats- und&#13;
Regierungschefs praktische Schritte unternehmen, wie&#13;
die Aufnahme von Verhandlungen zur Anpassung des&#13;
KSE-Vertrags an das neue Sicherheitsumfeld Europas.&#13;
Engere politische Zusammenarbeit in der Europäischen Union sowie ihre bevorstehende Erweiterung&#13;
werden zu Sicherheit und Wohlstand der neuen&#13;
atlantischen Gemeinschaft beitragen und die Partnerschaft zwischen Europa und den Vereinigten Staaten&#13;
festigen. Präsident Clinton ist ein entschiedener&#13;
Befürworter verstärkter europäischer Integration und&#13;
hat erneut die von Präsident John F. Kennedy eingegangene Verpflichtung bekräftigt.&#13;
Ein entscheidendes Ziel der neuen atlantischen&#13;
Gemeinschaft ist die Integration der Ukraine in Europa.&#13;
Die Ukraine hat Marktwirtschaft und Demokratie&#13;
eingeführt und auf Nuklearwaffen verzichtet. Sie strebt&#13;
enge Beziehungen zu Rußland und Zentraleuropa&#13;
sowie eine enge Partnerschaft mit westlichen Nationen&#13;
und Institutionen an. Wir wollen der Ukraine bei der&#13;
Konsolidierung ihrer Unabhängigkeit durch die Überwindung ihrer ernsthaften Wirtschaftsprobleme, durch&#13;
Zugang zu wichtigen Märkten und die Entwicklung&#13;
engerer Beziehungen zur NATO helfen.&#13;
Die von mir dargelegte Vision kann nur erfolgreich&#13;
sein, wenn wir die entscheidende Rolle Rußlands in&#13;
der neuen atlantischen Gemeinschaft anerkennen.&#13;
Während eines Großteils dieses Jahrhunderts haben&#13;
Angst, Tyrannei und Selbstisolation Rußland vom&#13;
europäischen Mainstream getrennt. Jetzt fassen&#13;
jedoch die neuen Muster von Vertrauen und Zusammenarbeit Fuß. Das russische Volk baut auf der&#13;
Grundlage der Ideale von Demokratie und freier&#13;
Marktwirtschaft eine neue Gesellschaft auf. Obwohl&#13;
sein Kampf noch lange nicht beendet ist, wie die seit&#13;
20 Monaten andauernden Angriffe auf Tschetschenien&#13;
demonstrieren, hat das russische Volk eine Rückkehr&#13;
zur Vergangenheit abgelehnt und unser Vertrauen in&#13;
die Demokratie bestätigt - dieselbe Art von Vertrauen,&#13;
dem Außenminister Byrnes hier vor 50 Jahren Ausdruck verlieh. Jetzt kann sich ein integriertes, demokratisches Rußland am Aufbau eines integrierten,&#13;
demokratischen Europas beteiligen.&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Heute möchte ich dem russischen Volk folgendes&#13;
mitteilen: Wir begrüßen Sie als unsere vollwertigen&#13;
Partner beim Aufbau eines neuen Europas, das frei&#13;
von Tyrannei, Teilung und Krieg ist. Wir wollen&#13;
zusammen mit Ihnen daran arbeiten, Rußland in die&#13;
Familie marktwirtschaftlicher Demokratien aufzunehmen. Wir wollen, daß Sie Interesse an den Institutionen europäischer Sicherheit und wirtschaftlicher&#13;
Zusammenarbeit entwickeln und eine Rolle darin&#13;
übernehmen. Aus diesem Grund streben wir grundlegend neue Beziehungen zwischen Rußland und der&#13;
neuen NATO an. Solche Beziehungen sind möglich.&#13;
Sie sind für uns alle wichtig. Und wir sind entschlossen, sie zu knüpfen.&#13;
Die Zusammenarbeit der NATO mit Rußland sollte in&#13;
einer offiziellen Charta ihren Ausdruck finden. Diese&#13;
Charta sollte dauerhafte Vereinbarungen über Konsultationen und gemeinsame Aktionen zwischen Rußland&#13;
und dem Bündnis enthalten.&#13;
Die NATO und Rußland benötigen eine Charta, weil&#13;
wir ein gemeinsames Interesse an der Verhinderung&#13;
bewaffneter Konflikte haben. Wie werden gleichermaßen bedroht durch Proliferation, Nuklearschmuggel&#13;
und das Schreckgespenst von Katastrophen wie&#13;
Tschernobyl. Die Charta sollte uns einen dauerhaften&#13;
Mechanismus für Krisenmanagement an die Hand&#13;
geben, damit wir beim Auftreten dieser Herausforderungen umgehend zusammen darauf reagieren&#13;
können. Unsere Truppen sollten zusammen für&#13;
gemeinsame Operationen üben.&#13;
Das Potential&#13;
unserer Partnerschaft zeigt sich bereits in Bosnien, wo&#13;
unsere Truppen gemeinsame Lasten tragen und&#13;
gemeinsame Leistungen erbringen. Wir wollen den&#13;
nächsten logischen Schritt unternehmen.&#13;
Unsere Bestrebungen in Bosnien demonstrieren&#13;
sowohl die Chancen als auch die Dringlichkeit des&#13;
Aufbaus einer neuen atlantischen Gemeinschaft.&#13;
Bosnien steht heute in vieler Hinsicht dort, wo Europa&#13;
1946 stand. Die Grünflächen seiner Städte wurden zu&#13;
Friedhöfen. Seine Kinder haben Terror und Hunger&#13;
kennengelernt und die destruktive Macht des Hasses&#13;
gesehen. Das Land steht aber auch an der Schwelle&#13;
zu einer besseren Zukunft. Der Krieg ist vorüber und&#13;
der vor ihm liegende Weg klar: Er ist abhängig von&#13;
Demokratie, Gerechtigkeit und Integration. Vergangenen Monat war ich in Sarajevo und sah dort die&#13;
Fortschritte, die gemacht wurden, seit das Daytoner&#13;
Abkommen den Weg zum Frieden geebnet hat.&#13;
Deutschlands Diplomatie, seine Wirtschaftshilfe sowie&#13;
sein militärischer Beitrag sind hierbei allesamt von&#13;
entscheidender Bedeutung.&#13;
Bereits in einer Woche werden Wahlen abgehalten,&#13;
damit die Institutionen eines geeinten bosnischen&#13;
Staates gegründet werden können. Jede politische&#13;
Partei in Bosnien unterstützt diese Wahlen. Das&#13;
bosnische Volk möchte wieder seine Stimme zurück-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�erhalten, die der Krieg ihm verweigerte. Unsere&#13;
Aufgabe besteht darin, ihm bei der Wahrnehmung&#13;
dieses Rechts unter angemessenen Bedingungen zu&#13;
helfen. Durch die Verschiebung der Kommunalwahlen&#13;
hat die OSZE bereits ein deutliches Signal gesendet,&#13;
daß grundlegende Normen erfüllt werden müssen. Wir&#13;
müssen Vertrauen in die Macht der demokratischen&#13;
Entscheidung in Bosnien haben. Wir müssen uns&#13;
auch vor Augen halten, daß Wahlen nur ein erster&#13;
Schritt sind. Wir müssen langfristig zusammenarbeiten, damit die führenden Politiker Bosniens ihren&#13;
Verpflichtungen nachkommen und wir allen Nationen&#13;
des ehemaligen Jugoslawien helfen können, sich&#13;
wieder an Europa anzuschließen.&#13;
Unsere zweite Herausforderung beim Aufbau der&#13;
neuen atlantischen Gemeinschaft besteht in der&#13;
Förderung von Wohlstand unserer Nationen und&#13;
seiner globalen Ausweitung. Die Vereinigten Staaten&#13;
und Europa haben die umfassendsten Wirtschaftsbeziehungen der Welt aufgebaut. Sie erhalten 14&#13;
Millionen Arbeitsplätze auf beiden Seiten des Atlantiks.&#13;
Wir müssen uns auf einen freien und offenen transatlantischen Markt zubewegen, wie ihn die Vereinigten&#13;
Staaten und die Europäische Union letzten Dezember&#13;
anvisierten. Während die Schranken fallen und sich&#13;
die Dynamik erhöht, scheint immer mehr möglich. Wir&#13;
haben bereits ein Stadium erreicht, in dem wir die&#13;
echte Integration der Volkswirtschaften Europas und&#13;
Nordamerikas realistisch erörtern können. Wir können&#13;
jetzt praktische Schritte unternehmen, beispielsweise&#13;
den Abbau von beschränkenden Vorschriften, um&#13;
visionärere Ziele zu erlangen.&#13;
Unsere Vision für offenen Handel und Investitionen in&#13;
der neuen atlantischen Gemeinschaft muß ebenso&#13;
umfassend sein wie unsere Vision dieser Gemeinschaft selbst. Mit anderen Worten: Sie muß sich auf&#13;
Zentraleuropa und die neuen unabhängigen Staaten,&#13;
einschließlich Rußlands, erstrecken. Präsident Jelzin&#13;
hat beispielsweise der Öffnung Rußlands für ausländische Investitionen Priorität eingeräumt, und Präsident Clinton engagiert sich persönlich für die Erlangung dieses Ziels. Wir unterstützen entschieden&#13;
den Eintritt Rußlands in die WTO zu angemessenen&#13;
wirtschaftlichen Bedingungen. Wir sind uns bewußt,&#13;
daß in den neuen Demokratien Europas Stabilität von&#13;
Wohlstand abhängt - und von unserer Bereitschaft zur&#13;
Öffnung westlicher Märkte.&#13;
Das ist ein Grund dafür, daß wir ein umfassendes&#13;
Programm für die Erweiterung der Europäischen Union&#13;
unterstützen. Die Aussicht auf eine Mitgliedschaft in&#13;
der EU wird zur Durchführung demokratischer und&#13;
marktwirtschaftlicher Reformen in Zentral- und Osteuropa beitragen. Sie stellt die Weichen für einen&#13;
echten europäischen Binnenmarkt. Dabei sollten&#13;
rasche Fortschritte gemacht werden.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
Gemeinsam tragen wir auch die Verantwortung&#13;
sicherzustellen, daß das internationale Wirtschaftssystem und seine Institutionen für das 21. Jahrhundert&#13;
gerüstet sind. Wir haben bereits gemeinsam an der&#13;
Reform des IWF und der Weltbank gearbeitet. Wir&#13;
schlössen die Uruguay-Runde ab und gründeten die&#13;
Welthandelsorganisation. Beim ersten Ministertreffen&#13;
der WTO kommenden Dezember in Singapur sollten&#13;
wir auf den Abschluß der unerledigten Themen der&#13;
Uruguay-Runde drängen, insbesondere bei den&#13;
Dienstleistungen, und damit beginnen, die Prioritäten&#13;
für das nächste Jahrhundert zu setzen. Ferner&#13;
müssen wir das unsrige tun um zu gewährleisten, daß&#13;
die ärmsten Nationen der Welt von offenen Märkten&#13;
profitieren.&#13;
Unsere neue atlantische Gemeinschaft wir nur sicher&#13;
sein, wenn wir gemeinsam am Umgang mit grenzüberschreitenden Bedrohungen arbeiten - Bedrohungen&#13;
wie Terrorismus, Weiterverbreitung von Nuklearwaffen, Verbrechen, Drogen, Krankheiten und Umweltzerstörung. Die Gefahren, die diese Bedrohungen für&#13;
unsere Sicherheit und unser Wohlergehen darstellen,&#13;
sind ebenso groß wie alle, mit denen wir während des&#13;
Kalten Krieges konfrontiert waren. Ihre Bewältigung&#13;
stellt unsere dritte Herausforderung dar, von der ich&#13;
heute zwei Elemente erörtern möchte: Terrorismus&#13;
und Umwelt.&#13;
Wir müssen gemeinsam dem Terrorismus die Stirn&#13;
bieten, wo immer er auftritt. Von den Nachtlokalen in&#13;
Berlin zu den Metrostationen in Paris, von den Bürgersteigen Londons zu den Bürotürmen in New York&#13;
haben gesetzlose Verbrecher unsere Bürger zu&#13;
Zielscheiben und unsere öffentlichen Plätze zu&#13;
Jagdgründen gemacht.&#13;
Präsident Clinton hat versprochen, internationale&#13;
Bestrebungen zur Bekämpfung dieses gemeinsamen&#13;
Feindes anzuführen. Die vom Präsidenten bei der UNGeneralversammlung im vergangenen Jahr vorgestellte Strategie zur Terrorismusbekämpfung war ein&#13;
deutliches Zeichen unserer Entschlossenheit. Die vor&#13;
zwei Monaten von den G-7-Staaten und Rußland in&#13;
Paris angenommenen 25 spezifischen Maßnahmen&#13;
sind ein Entwurf dafür, wie man Terroristen das&#13;
Handwerk legen und sie hinter Gitter bringen kann.&#13;
Ich fordere alle Nationen dazu auf, sie so schnell wie&#13;
möglich umzusetzen.&#13;
Die Zusammenarbeit gegen dem Terrorismus Vorschub leistende Staaten ist ein Gebot, keine Option.&#13;
Sie ist ein Anliegen, für das sich alle Nationen einsetzen sollten. Unser auf Prinzipien gegründetes&#13;
Engagement für freien Handel verpflichtet uns nicht,&#13;
Geschäfte mit aggressiven Tyranneien wir Iran und&#13;
Libyen abzuschließen. Wir müssen unsere Kräfte&#13;
bündeln, um durch wirksame multilaterale Maßnahmen&#13;
diesen verbrecherischen Regimen die Mittel zu&#13;
verweigern, nach denen sie streben.&#13;
&#13;
Seite 5&#13;
&#13;
�Auch der Irak unterstützt den Terrorismus, und wie wir&#13;
gesehen haben, stellt er eine dauerhafte Bedrohung&#13;
des Friedens im Nahen Osten dar. Ich möchte&#13;
Bundeskanzler Kohl, Außenminister Kinkel und&#13;
Deutschland meinen aufrichtigen Dank aussprechen,&#13;
daß sie Präsident Clintons entschlossene Reaktion auf&#13;
Saddam Husseins erneute Aggression unterstützt&#13;
haben.&#13;
Bedrohungen der Umwelt respektieren ebenfalls keine&#13;
Grenzen. Sie schaden unseren Volkswirtschaften und&#13;
der Gesundheit unserer Bürger. Aus diesem Grund&#13;
haben Präsident Clinton und ich Umweltfragen zu&#13;
einem wesentlichen Bestandteil der amerikanischen&#13;
Außenpolitik gemacht.&#13;
Hier in Europa besteht unsere dringlichste umweltpolitische Herausforderung darin, die verheerenden&#13;
Auswirkungen jahrzehntelanger kommunistischer&#13;
Mißwirtschaft zu beseitigen. Von den verlassenen&#13;
Dörfern im Umkreis von Tschernobyl über die abgeholzten Wälder Sibiriens bis zu den riesigen verrosteten Fabriken in Zentraleuropa gehört Umweltzerstörung zu den verheerendsten Altlasten, mit denen&#13;
Europas neue Demokratien konfrontiert werden.&#13;
Weltweit können wir durch Zusammenarbeit 1997 zum&#13;
wichtigsten Jahr für die globale Umwelt seit dem Gipfel&#13;
von Rio machen. Wir können die Führung bei der&#13;
Erlangung realistischer, rechtlich bindender Verpflichtungen zur Verringerung der Emission von&#13;
Treibhausgasen übernehmen. Wir können uns auf&#13;
eine verantwortliche Verwaltung der Wälder der Erde&#13;
einigen - einer Ressource, der das deutsche und das&#13;
amerikanische Volk immer hohen Wert beigemessen&#13;
haben.&#13;
Alle heute von mir vorgeschlagenen Schritte erfordern&#13;
eine engere Zusammenarbeit unserer Regierungen.&#13;
Aber die Stärke unserer Beziehungen hängt letztlich&#13;
von den Banden zwischen unseren Menschen ab.&#13;
Das ist die vierte Herausforderung, die ich erörtern&#13;
möchte.&#13;
Nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten Deutschland&#13;
und die Vereinigten Staaten Pionierarbeit bei kulturellen und akademischen Austauschprogrammen, die für&#13;
Amerikaner und Europäer heute so wichtig sind.&#13;
Aufgrund unserer Partnerschaft im Kalten Krieg haben&#13;
Millionen Amerikaner in Deutschland und Europa&#13;
gelebt und gearbeitet, und wir können praktisch davon&#13;
ausgehen, daß die Menschen sich gut kennenlernten.&#13;
Aber jetzt nach dem Ende des Kalten Krieges müssen&#13;
wir neue Bande knüpfen. Wir müssen auf den Banden&#13;
aufbauen, die täglich von unseren Unternehmen,&#13;
Universitäten, Parlamentariern und nichtstaatlichen&#13;
Organisationen geschmiedet werden.&#13;
&#13;
Seite 6&#13;
&#13;
Im November werden die Vereinigten Staaten und die&#13;
Europäische Union in Washington eine Konferenz zur&#13;
Stärkung transatlantischer&#13;
Austauschprogramme&#13;
veranstalten. Ich möchte einen besonderen Vorschlag&#13;
unterbreiten. Wir wollen eine Hoffnungsgemeinschaft&#13;
-eine Fellowship of Hope - gründen: Einen Austausch&#13;
zwischen den für auswärtige Angelegenheiten zuständigen Behörden der Vereinigten Staaten, der EU und&#13;
ihrer Mitgliedstaaten, damit unsere jungen Führungspersönlichkeiten zusammen arbeiten und voneinander&#13;
lernen können. Auch der Privatsektor kann mehr tun.&#13;
Derzeit sind 500.000 Amerikaner bei deutschen&#13;
Unternehmen beschäftigt, und 600.000 Deutsche&#13;
arbeiten für amerikanische Firmen. Wir wollen alle&#13;
unsere Unternehmen dazu ermutigen, dem Beispiel zu&#13;
folgen, das einige Unternehmen bereits durch die&#13;
Ausweitung von Austauschprogrammen für ihre&#13;
Beschäftigten gesetzt haben.&#13;
Ich bin zuversichtlich, daß unsere Völker und unsere&#13;
Regierungen gleichermaßen die Partnerschaft vertiefen können, deren wir uns schon lange erfreuen.&#13;
Schließlich sind die dieser Partnerschaft zugrundeliegenden Prinzipien, denen Außenminister Byrnes&#13;
Ausdruck verlieh, dauerhaft. Im Westen hielten sie&#13;
dem Trauma des Zweiten Weltkriegs stand. Im Osten&#13;
überdauerten sie die Säuberungsaktionen und Propaganda der kommunistischen Herrschaft. Im letzten&#13;
Jahrzehnt ermutigten sie uns zur Zusammenarbeit bei&#13;
der Vereinigung Deutschlands, der Beendigung des&#13;
Krieges in Bosnien, der Unterstützung von Reformen&#13;
in Rußland sowie der Errichtung des offensten Welthandelssystems der Geschichte.&#13;
All dies begann hier, inmitten der Trümmer und&#13;
Verzweiflung des Jahres 1946. Und wenn wir heute&#13;
von großer Hoffnung beflügelt sind, liegt das an dem,&#13;
was Deutschland mit seinen Partnern seit damals&#13;
erreicht hat. Aufgrund des von uns gemeinsam&#13;
Geleisteten kann mein Land einer zukünftigen Partnerschaft mit einen neuen Deutschland und einen neuen&#13;
Europa erwartungsvoll entgegensehen - einem&#13;
Europa, in dem Grenzen einen statt zu trennen; einem&#13;
Europa, dessen Horizonte weiter als seine Grenzen&#13;
sind.&#13;
Wir haben mit Ihnen für den Aufbau dieses neuen&#13;
Europas gekämpft. Und jetzt möchte ich ebenso wie&#13;
mein Vorgänger es vor 50 Jahren tat im Namen&#13;
Amerikas sagen: Wir bleiben hier. Wir können die von&#13;
mir umrissenen Herausforderungen bewältigen. Wir&#13;
können eine freie, geeinte und wohlhabende atlantische Gemeinschaft gründen. Und wenn wir das tun,&#13;
werden Menschen auf der ganzen Welt von dem von&#13;
Europa und Amerika gegebenen Beispiel inspiriert,&#13;
ebenso wie wir von dem Beispiel Deutschlands&#13;
inspiriert wurden.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�USA-KUBA&#13;
18. September 1996&#13;
&#13;
USA streben multilaterale Zusammenarbeit&#13;
zur Förderung von Demokratie in Kuba an&#13;
Erklärung von Botschafter Stuart E. Eizenstat&#13;
&#13;
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Stuart E. Eizenstat, dem Sondergesandten von Präsident&#13;
Clinton und Außenminister Christopher für die Förderung von Demokratie in Kuba, im Rahmen seiner&#13;
Europareise am 11. September 1996 in Bonn abgegebene Erklärung.&#13;
&#13;
Ich freue mich sehr, wieder in Deutschland zu sein, um&#13;
mit hochrangigen Vertretern der Bundesregierung, der&#13;
Wirtschaft sowie von nichtstaatlichen Organisationen&#13;
zusammenzutreffen. Ich wollte Deutschland zu einem&#13;
frühen Zeitpunkt in diesem Prozeß besuchen, um die&#13;
Ansichten unserer engsten Verbündeten darüber zu&#13;
hören, wie wir zur Erlangung unseres obersten Ziels der Förderung von Demokratie in Kuba - am besten&#13;
vorgehen.&#13;
Der Schlüssel zur Erreichung dieses Ziels besteht in&#13;
der Ausarbeitung eines effektiven multilateralen&#13;
Ansatzes auf der Grundlage gemeinsamer Interessen&#13;
und gemeinsamer Anliegen. Präsident Clinton ist&#13;
diesen Bestrebungen entschlossen verpflichtet, und&#13;
meine Ernennung zum Sondergesandten reflektiert&#13;
und unterstreicht dieses Engagement. Die heutigen&#13;
Treffen in Deutschland lassen mich hoffen, daß eine&#13;
gemeinsame Basis gefunden werden kann und wir&#13;
trotz unserer Differenzen parallel und unabhängig an&#13;
der Beschleunigung eines friedlichen Übergangs zur&#13;
Demokratie in Kuba arbeiten können.&#13;
Die Zusammenarbeit zur Förderung der Demokratie in&#13;
Kuba würde doppelten Nutzen bringen. Sie würde&#13;
dem seit langer Zeit unterdrückten kubanischen Volk&#13;
Hoffnung geben und den Anbruch des Tages beschleunigen, an dem Freiheit zur Realität geworden ist.&#13;
Und gleichzeitig würde sie zum Abbau von durch das&#13;
LIBERTAD-Gesetz hervorgerufenen Spannungen mit&#13;
unseren Verbündeten beitragen.&#13;
Wir sind uns bewußt, daß unsere Freunde und Verbündeten, einschließlich Deutschlands, wegen be-&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
stimmter Aspekte des Helms-Burton-Gesetzes äußerst&#13;
besorgt sind. Wir haben über diese Differenzen&#13;
gesprochen. Wir waren uns jedoch auch darüber&#13;
einig, daß wir Wege zur Förderung der Demokratie in&#13;
Kuba erörtern sollten - eine vom LIBERTAD-Gesetz&#13;
unabhängige Tagesordnung - denn das kubanische&#13;
Volk verdient unsere Hilfe.&#13;
Die Nationen der westlichen Hemisphäre, wie&#13;
Deutschland und seine Partner in Europa, haben sich&#13;
gemeinsam der Demokratie verpflichtet, denn sie ist&#13;
das einzige Regierungssystem, das einen angemessenen Schutz von Menschenrechten und Menschenwürde bieten kann. Kuba ist die einzige nichtdemokratische Nation auf dem amerikanischen Kontinent. Das&#13;
kubanische System stellt keine Alternative dar - es ist&#13;
ein unterdrückerischer Anachronismus. Ebenso wie&#13;
die Vereinigten Staaten, Deutschland und Europa zur&#13;
Förderung von Freiheit und Demokratie in der Sowjetunion und dem ehemaligen Ostblock, in Südafrika,&#13;
Mittelamerika und auf der ganzen Welt zusammengearbeitet haben, können und müssen wir das jetzt in&#13;
Kuba tun.&#13;
Heute habe ich freundschaftliche, konstruktive und&#13;
offene Gespräche mit Wirtschaftsminister Günter&#13;
Rexrodt sowie weiteren Regierungsmitgliedern,&#13;
Wirtschaftsvertretern und Angehörigen nichtstaatlicher&#13;
Organisationen geführt. Wir haben einen wichtigen&#13;
Dialog über diese Angelegenheit eingeleitet, der in den&#13;
kommenden Monaten fortgeführt wird. Die Bundesregierung wird einige unserer Ideen überprüfen, und&#13;
wir hoffen, daß sie auch ihren eigenen Input und Ideen&#13;
dazu unterbreiten wird, wie wir unsere gemeinsamen&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Ziele erreichen können.&#13;
Die Vereinigten Staaten streben multilaterale Zusammenarbeit an, die zu konkreten und spezifischen&#13;
Maßnahmen zur Förderung von Demokratie in Kuba&#13;
führt. Diese Bestrebungen sollten Regierungen, NGOs&#13;
und den Privatsektor einschließen. Wir wollen Fortschritte auf den folgenden Gebieten, jedoch nicht&#13;
darauf beschränkt, erzielen:&#13;
1.&#13;
&#13;
Förderung staatlicher Unterstützung für die&#13;
Demokratisierung in Kuba.&#13;
&#13;
2.&#13;
&#13;
Hilfe für unabhängige NGOs und verstärkte&#13;
Unterstützung für den unabhängigen Sektor.&#13;
&#13;
3.&#13;
&#13;
Ermutigung von Zusammenarbeit zwischen&#13;
nichtstaatlichen Organisationen zur Stärkung&#13;
des unabhängigen Sektors.&#13;
&#13;
4.&#13;
&#13;
Ich reise heute abend nach London ab, nachdem ich&#13;
gestern in Madrid war. Ich werde in nächster Zeit wohl&#13;
noch öfter nach Europa reisen. Ich sehe weiteren&#13;
Gesprächen mit der Europäischen Union, ihren&#13;
Mitgliedstaaten sowie anderen Partnern der Vereinigten Staaten in den kommenden Monaten erwartungsvoll entgegen.&#13;
Ich verlasse Deutschland voller Hoffnung und Optimismus, daß unsere gemeinsamen Ziele und gemeinsamen Werte einen Geist der Zusammenarbeit&#13;
schaffen werden, während wir uns gemeinsam für die&#13;
Förderung von Demokratie in Kuba einsetzen.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Entwicklung einer Reihe wirtschaftlicher&#13;
Prinzipien, damit Auslandsinvestitionen in&#13;
Kuba den Wohlstand und die Freiheiten der&#13;
Arbeitnehmer in Kuba erhöhen und nicht&#13;
einfach nur die kubanische Regierung stärken.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�BOSNIEN&#13;
18. September 1996&#13;
&#13;
Wahlen sind erster Schritt beim Wiederaufbau&#13;
Rede von Abteilungsleiter John Kornblum&#13;
&#13;
WASHINGTON - (AD) - Die für den 14. September 1996 anberaumten Wahlen in Bosnien werden ein&#13;
wesentlicher erster Schritt für den Wiederaufbau des Landes sein, teilte der Abteilungsleiter für europäische und&#13;
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, John Kornblum, dem Unterausschuß für europäische&#13;
Angelegenheiten des Senatsausschusses für auswärtige Angelegenheiten am 10. September mit. Nachfolgend&#13;
veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von John Kornblum.&#13;
&#13;
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen für die Gelegenheit, zu diesem Ausschuß zu sprechen und die&#13;
derzeitige Situation in Bosnien sowie unsere Arbeit auf&#13;
dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens zu erörtern.&#13;
Wie Sie wissen, waren die Vereinigten Staaten führend&#13;
bei den Bestrebungen, dem jahrelangen blutigen&#13;
Konflikt in Bosnien ein Ende zu setzen. Die zum&#13;
Daytoner Abkommen führenden Friedensgespräche&#13;
waren nur das sichtbarste Beispiel für diese Führungsrolle. Sowohl vor als auch nach Dayton waren wir fest&#13;
entschlossen, bei der Schaffung eines gerechten und&#13;
dauerhaften Friedens in Bosnien und im gesamten&#13;
ehemaligen Jugoslawien Hilfe zu leisten.&#13;
Aus diesem Grund sind 16.000 amerikanische Männer&#13;
und Frauen als Teil der NATO-Friedenstruppe in&#13;
Bosnien. Aus diesem Grund sind Tausende amerikanischer Zivilisten führend bei den Bestrebungen zur&#13;
Veranstaltung demokratischer Wahlen, Mitwirkung bei&#13;
der Rückkehr der Flüchtlinge, Gründung offener&#13;
Medien, Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit&#13;
und Untersuchung von Kriegsverbrechen. Und aus&#13;
diesem Grund haben wir einen so großzügigen Beitrag&#13;
zu den internationalen Bestrebungen zum Wiederaufbau der zerstörten bosnischen Infrastruktur geleistet.&#13;
Obwohl wir zu Recht stolz auf die von den Vereinigten&#13;
Staaten übernommene Schlüsselrolle bei der Schaffung des Friedens in Bosnien sind, haben wir nicht nur&#13;
aus altruistischen Motiven so viel investiert. Unser&#13;
Engagement auf dem Balkan ist das Ergebnis einer&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
nüchternen Analyse unserer nationalen Interessen und&#13;
Prioritäten.&#13;
Der Zusammenbruch des ehemaligen Jugoslawiens,&#13;
der zum Konflikt auf dem Balkan führte, stellte eine&#13;
beträchtliche Bedrohung der europäischen Stabilität&#13;
und somit unserer eigenen Sicherheit dar. Wären die&#13;
Kämpfe über die Grenzen des ehemaligen Jugoslawiens hinausgegangen, hätten leicht unsere NATOVerbündeten sowie andere Länder in der Region&#13;
einbezogen werden können. Hätten wir auf dem&#13;
Balkan nicht entschlossen gehandelt, hätte das der&#13;
Glaubwürdigkeit des Bündnisses - dem Grundstein&#13;
unserer nationalen Sicherheit - großen Schaden&#13;
zufügen können.&#13;
Zusätzlich hätte das Virus von Intoleranz und ethnischem Haß, von dem das ehemalige Jugoslawien&#13;
befallen ist, leicht auf die noch auf tönernen Füßen&#13;
stehenden Demokratien Zentral- und Osteuropas&#13;
übergreifen können.&#13;
Schließlich ist das unerschütterliche Engagement für&#13;
Menschenrechte seit langem die wichtigste Säule der&#13;
amerikanischen Außenpolitik.&#13;
Tatsächlich unterscheidet uns dieses Engagement von anderen und&#13;
erhöht unsere Glaubwürdigkeit auf der ganzen Welt,&#13;
insbesondere in Zentral- und Osteuropa. Die ungeheuerlichen Verletzungen von Menschenrechten&#13;
und die verzweifelte humanitäre Situation in Bosnien&#13;
während des Krieges waren unerträglich und erforderten zum Erhalt dieser Glaubwürdigkeit, daß wir&#13;
handelten.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Ich freue mich, berichten zu können, daß heute die&#13;
Vereinigten Staaten unvergleichliches Ansehen und&#13;
Einfluß in ganz Europa und der übrigen Welt genießen&#13;
- großenteils aufgrund der von uns übernommenen&#13;
Führungsrolle bei der Befriedung des Balkans. Die&#13;
durch unsere führende Rolle im Dayton-Prozeß&#13;
gewonnene Erfahrung zeigt eindeutig, daß nur Amerika über die militärische, diplomatische und wirtschaftliche Macht verfügt, die zur Bildung eines&#13;
Konsenses über scheinbar unlösbare Probleme wie&#13;
Bosnien erforderlich ist.&#13;
Europa und damit die Vereinigten Staaten sind aufgrund unserer Bestrebungen in Dayton zweifelsohne&#13;
sicherer geworden. Obwohl einige unser Engagement&#13;
für und in Europa in Frage stellten, besteht heute kein&#13;
Zweifel daran, daß die Vereinigten Staaten die herausragende europäische Macht sind und die Saat dieser&#13;
Position ernten.&#13;
Als ich Außenminister Christopher letzte Woche auf&#13;
seiner Europareise begleitete, sah ich aus erster Hand,&#13;
welch starke Position die Vereinigten Staaten auf dem&#13;
gesamten Kontinent einnehmen. Unsere langjährigen&#13;
Verbündeten wollen mit uns bei einer Vielzahl von&#13;
Fragen zur Erneuerung und Stärkung der transatlantischen Partnerschaft zusammenarbeiten. Die&#13;
neuentstehenden Demokratien Zentraleuropas, die ein&#13;
halbes Jahrhundert kommunistischer Herrschaft hinter&#13;
sich gelassen haben, erkennen die Vorteile der&#13;
Partnerschaft mit Amerika und sind jetzt weniger&#13;
versucht, für die sie konfrontierenden Probleme&#13;
extreme Lösungen zu suchen.&#13;
In ähnlicher Weise ist die NATO, deren Zukunft von&#13;
einigen vor nur einem Jahr noch in Frage gestellt&#13;
wurde, heute zweifelsohne die mächtigste und wirkungsvollste Militärorganisation der Welt.&#13;
Das heißt nicht, daß es keine Probleme gegeben hätte.&#13;
Angesichts der in vier Tagen stattfindenden Wahlen in&#13;
Bosnien kämpfen wir weiterhin mit den Dämonen, die&#13;
Bosnien in den letzten Jahren quälten. Mißtrauen,&#13;
Intoleranz und Gewalt, die wuchsen, während eine&#13;
Generation Bosnier zugrunde ging, werden nicht mit&#13;
der Unterzeichnung eines Dokuments oder der&#13;
Abgabe einer Erklärung verschwinden. Die Auswirkungen dieser Dämonen werden jedesmal deutlich,&#13;
wenn wir eine Zeitung in die Hand nehmen. Sie&#13;
werden nicht über Nacht verschwinden, aber das&#13;
bosnische Volk muß mit unserer Hilfe die Arbeit des&#13;
Wiederaufbaus seiner einst lebensprühenden Gesellschaft fortsetzen. Wahlen sind der erste Schritt in&#13;
diesem Wiederaufbauprozeß.&#13;
Diese Wahlen werden nicht perfekt sein. Es wird&#13;
Probleme geben, darunter auch gravierende. Es&#13;
könnten Menschen gewählt werden, die unsere&#13;
Verpflichtung zu den Idealen von Dayton nicht vollkommen teilen. Einige Wähler werden vielleicht&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
eingeschüchtert, es könnte Betrügereien sowie&#13;
organisatorische oder logistische Schwierigkeiten&#13;
geben.&#13;
Das sollte niemanden überraschen.&#13;
Schließlich&#13;
organisieren Bob Frowick und sein herausragendes&#13;
OSZE-Team die komplexesten Wahlen der Geschichte. Nationale, Kreis- und Kantonalwahlen werden in&#13;
einem Land abgehalten, das vom erbittertsten europäischen Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg zerrüttet&#13;
wurde.&#13;
Manche erklärten, diese Probleme seien so groß, daß&#13;
wir gar keine Wahlen abhalten sollten. Bosnien sei&#13;
noch nicht bereit für die Demokratie. Diese Menschen&#13;
haben nicht die Stimme des bosnischen Volkes gehört.&#13;
Bei einer jüngsten Umfrage des US-Informationsamts&#13;
(USIA) erklärten 90 Prozent der Bosnier aller ethnischen Gruppen, sie wollten Wahlen, da diese ein&#13;
wesentlicher Bestandteil des Wiederaufbauprozesses&#13;
und eine notwendige Vorbedingung für demokratisches Leben seien.&#13;
Es wird also Probleme geben. Aber nachdem ich mit&#13;
Vertretern des bosnischen Volkes zu Gesprächen&#13;
zusammengetroffen und im letzten halben Jahr 14 Mal&#13;
in die Region gereist bin, die Unterzeichner des&#13;
Daytoner Abkommens während desselben Zeitraums&#13;
mehr als 20 Mal getroffen und mit eigenen Augen die&#13;
laufenden Vorbereitungen gesehen habe, bin ich&#13;
zuversichtlich, daß diese Wahlen - so unvollkommen&#13;
sie auch sein mögen - den Willen des bosnischen&#13;
Volkes widerspiegeln werden.&#13;
Man muß auch daran denken, daß der 14. September&#13;
den ersten vorsichtigen Schritt Bosniens zu einer&#13;
demokratischen Gesellschaft nach jahrzehntelanger&#13;
kommunistischer Herrschaft und jahrelangem Krieg&#13;
darstellen wird. Dieser Prozeß wird sich fortsetzen&#13;
und weiterentwickeln, während gewählte Vertreter&#13;
zusammen mit der Bildung und Führung einer gemeinsamen Regierung beginnen. Das war der Kern ihrer in&#13;
Dayton eingegangenen Verpflichtung - ein einheitlicher&#13;
Staat mit einer einheitlichen Regierung. Danach&#13;
müssen sich diese Vertreter in zwei Jahren zur&#13;
Wiederwahl stellen.&#13;
Der amerikanische Beitrag zu den Wahlen ist beeindruckend. Mehr als 175 Amerikaner sind derzeit in&#13;
Bosnien, wo sie als Wahlbeobachter und Inspektoren&#13;
eingesetzt werden. 66 Amerikaner nehmen an der&#13;
OSZE-Mission in Bosnien teil. Die NATO-Friedenstruppe unter ihrem amerikanischen Befehlshaber hat&#13;
außerordentliche Arbeit geleistet, um ein sicheres&#13;
Umfeld für Wahlen zu schaffen. Die Mitarbeiter der&#13;
US-Botschaft, die in den schlimmsten Zeiten des&#13;
Konflikts buchstäblich im Büro übernachteten, setzen&#13;
ihre unermüdliche Arbeit fort, um die für die Veranstaltung dieser Wahlen notwendige diplomatische&#13;
Arbeit zu erledigen.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�Ich habe eine Reihe potentieller Herausforderungen für&#13;
den Wahlprozeß aufgeführt. Eine nicht von mir&#13;
erwähnte betrifft die Beteiligung von angeklagten&#13;
Kriegsverbrechern. Ich habe sie nicht erwähnt, weil&#13;
sie eine Möglichkeit darstellt, die wir keinesfalls&#13;
akzeptieren. Solche Individuen dürfen im Wahlprozeß&#13;
keine Rolle spielen. Zu diesem Zweck forderten und&#13;
erhielten wir die Zustimmung von Radovan Karadzic,&#13;
sich aus dem politischen Leben zurückzuziehen. Er&#13;
hat sich großenteils an dieses Abkommen gehalten,&#13;
und wir erwarten nicht, daß er eine Bedrohung des&#13;
Wahlprozesses darstellen wird.&#13;
Vor diesem Hintergrund versichere ich Ihnen jedoch,&#13;
daß wir uns damit nicht zufrieden geben. Das Friedensabkommen ist klar - Angeklagte dürfen keine&#13;
Minute Ruhe haben, bis sie auf die vom Kriegsverbrechertribunal gegen sie erhobenen Vorwürfe reagiert&#13;
haben. Die Vereinigten Staaten haben für die Errichtung des Tribunals gekämpft, wir waren sein&#13;
stärkster Befürworter, und wir werden bei dieser Frage&#13;
keine Nichtbefolgung tolerieren. Karadzic und Mladic&#13;
müssen gehen.&#13;
In unserem Eifer zur Bewältigung der wichtigen&#13;
Probleme, mit denen wir täglich in Bosnien konfrontiert&#13;
werden, lassen wir allzu oft das Gesamtbild außer Acht&#13;
und übersehen die erzielten wirklichen Erfolge.&#13;
Bosnien ist heute ein ganz anderer und viel hoffnungsvollerer Ort als noch vor einem Jahr.&#13;
Vor einem Jahr hatte die amerikanische Friedensinitiative, die in Dayton gipfelte, gerade erst begonnen.&#13;
Die internationale Gemeinschaft stand noch unter dem&#13;
Eindruck der Plünderung Srebrenicas und der mörderischen Bombenanschläge auf unschuldige Zivilisten auf&#13;
dem Zentralmarkt von Sarajevo. Kriegsflugzeuge der&#13;
NATO beteiligten sich an der komplexesten Kampfoperation des Bündnisses in dem Bestreben, die&#13;
Beseitigung schwerer Waffen aus Sarajevo sicherzustellen.&#13;
Und wir mußten noch den Verlust unserer lieben&#13;
Freunde und Kollegen Bob Frasure, Joe Kruzel und&#13;
Nelson Drew bewältigen, die bei ihrer Suche nach dem&#13;
Frieden in Bosnien ums Leben kamen.&#13;
Heute herrscht in Bosnien jedoch Frieden. Ungeachtet&#13;
der anderen Implementierungsprobleme, ungeachtet&#13;
der Herausforderungen, die bisweilen auftauchen,&#13;
dürfen wir eine entscheidende Tatsache nie vergessen: In Bosnien herrscht Frieden.&#13;
Die Kinder Sarajevos können in den Stadtparks&#13;
spielen, ohne auf das Pfeifen der Kugeln eines Scharfschützen horchen zu müssen. Paare können die&#13;
Straßen der Altstadt ohne Angst vor Mörsergranaten&#13;
entlangschlendern.&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
Geschäfte wurden eröffnet, im Exil Lebende kehren&#13;
zurück, Sarajevo ist wieder zum Leben erwacht. Erst&#13;
letzten Monat konnte Außenminister Christopher sich&#13;
selbst ein Bild von den erzielten Fortschritten machen,&#13;
als ihm auf den Straßen der Stadt ein begeisterter&#13;
Empfang bereitet wurde. Die brutale Belagerung&#13;
Sarajevos wird bereits Geschichte.&#13;
Im ganzen Land wurden Soldaten demobilisiert und&#13;
arbeiten am Wiederaufbau ihrer zerrütteten Gemeinden. Die internationale Staatengemeinschaft hat&#13;
den mühsamen Prozeß des Wiederaufbaus der&#13;
zerstörten bosnischen Infrastruktur begonnen. Diese&#13;
Bestrebungen werden dem ganzen bosnischen Volk&#13;
die Vorteile des Friedens zeigen und eine Rückkehr&#13;
zum Blutvergießen unmöglich machen. Die Vereinigten Staaten werden hierzu einen Beitrag von fast&#13;
600 Millionen Dollar leisten, und der Präsident hat&#13;
seinen Sondergesandten, Richard Sklar, nach Sarajevo gesandt, um unsere Arbeit zu koordinieren.&#13;
Im militärischen Bereich wurden die schweren Waffen,&#13;
die während des Konflikts mit solch tödlicher Kraft&#13;
eingesetzt wurden, unter strenger Überwachung der&#13;
NATO eingelagert. Munitionslager, die das Friedensabkommen verletzen, wurden zerstört oder beschlagnahmt. Der Prozeß der Räumung Tausender von über&#13;
das ganze Land verteilten Minen hat begonnen.&#13;
Ferner gelang uns der Abschluß der komplexen und&#13;
umstrittenen Verhandlungen über ein Rüstungskontrollabkommen zwischen Bosnien, Kroatien, Serbien&#13;
und Montenegro sowie den bosnischen Serben.&#13;
Dieses bedeutende Abkommen, dessen Abschluß&#13;
viele für unmöglich gehalten hatten, wird nicht nur&#13;
Waffen, sondern auch Spannungen abbauen. Vor nur&#13;
zwei Wochen inspizierten Vertreter der bosnischen&#13;
Serben Militärgelände in der Föderation, was noch vor&#13;
kurzer Zeit undenkbar gewesen wäre.&#13;
Obwohl&#13;
beträchtliche Probleme bei der Einhaltung des Abkommens bestehen bleiben, haben wir bereits die&#13;
Fähigkeit der Parteien zur Kriegführung verringert und&#13;
eine Rückkehr zum Blutvergießen weitaus schwieriger&#13;
gemacht.&#13;
Die internationale Einsatztruppe der Polizei ist an Ort&#13;
und Stelle und hilft mit ihren Ausbildungs- und Überwachungsprogrammen bei der Wiedereinführung von&#13;
Rechtsstaatlichkeit im gesamten Land. Die Rückkehr&#13;
der Flüchtlinge, eine emotionsgeladene und schwierige&#13;
Frage, ist langsam in Gang gekommen, und es gibt&#13;
einen regelmäßigen Transitverkehr zwischen der&#13;
Föderation und der Republika Srpska.&#13;
Die bosnische Föderation hat große Fortschritte&#13;
gemacht. Die Föderation wurde hier in Washington ins&#13;
Leben gerufen, und ich habe ihrem Erfolg oberste&#13;
Priorität eingeräumt. Durch das Föderationsforum&#13;
haben wir monatliche, hochrangige Konsultationen ins&#13;
Leben gerufen. Das Forum hat eine Reihe bemer-&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�kenswerter Abkommen hervorgebracht, die die&#13;
Föderation gestärkt und zu einer lebensfähigen Säule&#13;
des Daytoner Prozesses gemacht haben.&#13;
Der&#13;
bosnisch-kroatische Ministaat Herceg-Bosna wurde&#13;
per Gesetz aufgelöst. Muslimische und kroatische&#13;
Militärs werden zusammengelegt. Die muslimische&#13;
und die kroatische Polizei werden in eine einzige&#13;
Einsatztruppe integriert. Die Zollsysteme werden&#13;
vereinheitlicht.&#13;
Die Annahme des Förderationsverteidigungsgesetzes,&#13;
das ein einheitliches Militär der Föderation vorsieht,&#13;
half den Weg für die Einleitung unseres Ausbildungsund Ausrüstungsprogramms zu ebnen. Jim Pardew&#13;
wird mit ihnen erörtern, daß dieses Programm, das die&#13;
Vereinigten Staaten koordinieren, gewährleistet, daß&#13;
beim Abzug der IFOR in Bosnien ein militärisches&#13;
Gleichgewicht herrscht. Dies ist ein weiterer Schritt,&#13;
den wir unternehmen um sicherzustellen, daß ein&#13;
erneuter Konflikt beider Seiten undenkbar erscheint.&#13;
Ich möchte noch etwas zur IFOR-Friedenstruppe und&#13;
unseren in Bosnien stationierten Truppen sagen.&#13;
Meine Kollegen vom Verteidigungsministerium werden&#13;
ausführlicher über die IFOR-Mission sprechen. Ich&#13;
möchte nur meinem Stolz auf die von unseren jungen&#13;
Männern und Frauen in Bosnien geleistete Arbeit&#13;
Ausdruck verleihen. Die IFOR spielt eine entscheidende Rolle bei der Gewährleistung der Einhaltung des&#13;
Daytoner Abkommens. Es ist nicht übertrieben zu&#13;
sagen, daß der Frieden ohne sie unmöglich wäre.&#13;
Abschließend kann gesagt werden, daß der lange,&#13;
schwierige Prozeß, Bosnien wieder zusammenzufügen, begonnen hat. Die für dieses Wochenende&#13;
anberaumten Wahlen werden ein Meilenstein in&#13;
diesem Prozeß sein. In vier Tagen werden - hauptsächlich als Ergebnis amerikanischer Bestrebungen Bosnier aller ethnischen Gruppen das grundlegendste&#13;
Recht eines freien Volkes ausüben - den Urnengang.&#13;
Und wenn auch die einzelnen, täglichen Entwicklungen&#13;
nicht immer so sein mögen, wie wir es erhofft haben,&#13;
bin ich doch zuversichtlich, daß wir die Grundlage für&#13;
einen dauerhaften Frieden in Bosnien schaffen.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
Natürlich werden Erfolg oder Scheitern des Daytoner&#13;
Prozesses letztlich von den Parteien selbst abhängen.&#13;
Wenn sie den Frieden wollen und das Daytoner&#13;
Abkommen vollständig umsetzen, wird es Frieden&#13;
geben. Aufgrund meiner umfassenden und ständigen&#13;
Kontakte zu den Parteien setze ich Vertrauen in ihre&#13;
Entschlossenheit, das Daytoner Abkommen funktionieren zu lassen.&#13;
Ich bin aus mehreren Gründen davon überzeugt, daß&#13;
wir in Bosnien Erfolg haben werden. Der erste und&#13;
wichtigste ist die Tatsache, daß die Menschen in&#13;
Bosnien wirklich kriegsmüde sind. Sie haben die&#13;
Zerstörung ihres Landes, den Tod geliebter Menschen,&#13;
das Absinken ihres Lebensstandards miterlebt.&#13;
Während die Vorteile des Friedens immer offensichtlicher werden, erscheint eine Rückkehr zum Krieg&#13;
immer undenkbarer.&#13;
Der Frieden wird in Bosnien die Oberhand gewinnen,&#13;
weil er sinnvoll ist. Der Daytoner Prozeß stellt den&#13;
einzigen Weg dar, auf dem diese geschlagenen und&#13;
gebrochenen Menschen ihre Gemeinden wiederaufbauen, ihre Kinder versorgen und ein normales Leben&#13;
führen können. In wirtschaftlicher Hinsicht können die&#13;
einzelnen Gebietskörperschaften Bosniens nicht ohneeinander überleben. Ungeachtet der derzeitigen&#13;
Rhetorik bin ich davon überzeugt, daß die Führer der&#13;
ethnischen Volksgruppen in Bosnien das wissen.&#13;
Letztlich werden wir erfolgreich sein, weil die Vereinigten Staaten involviert sind. Vor Dayton unterstrich&#13;
jede einzelne Partei die Bedeutung des Engagements&#13;
und der Führungsrolle der Vereinigten Staaten. Sie&#13;
machten deutlich, daß die Präsenz und Unterstützung&#13;
Amerikas ihnen das Zutrauen gab, die schwere&#13;
Entscheidung für den Frieden zu treffen. Die amerikanische Führungsrolle hat die Parteien so weit gebracht&#13;
und ist erforderlich, um die Arbeit der Schaffung eines&#13;
dauerhaften Friedens zu beenden. Wie ich bereits&#13;
erwähnte, können nur die Parteien einen dauerhaften&#13;
Frieden sichern, aber wir spielen ebenfalls eine&#13;
entscheidende Rolle.&#13;
&#13;
*&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�FRAUEN&#13;
18. September 1996&#13;
&#13;
Das Jahr nach der Pekinger Weltfrauenkonferenz eine Bestandsaufnahme&#13;
Rede von Gesundheitsministerin Donna Shalala&#13;
&#13;
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Ein Jahr nach der 4. Weltfrauenkonferenz nahm Gesundheitsministerin Donna&#13;
Shalala, die ein hochrangiges Mitglied der US-Delegation in Peking gewesen war, im Rahmen einer&#13;
Sondersitzung bei den Vereinten Nationen eine Bestandsaufnahme des vergangenen Jahres vor und lenkte die&#13;
internationale Aufmerksamkeit erneut auf Frauenfragen und die bei der Weltfrauenkonferenz eingegangen&#13;
Verpflichtungen.&#13;
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede der Ministerin vom 9. September 1996.&#13;
&#13;
Als ich das letzte Mal hier in diesem herrlichen Saal&#13;
war, hielt ich eine Rede vor der UN-Generalversammlung im Jahr 1994, dem internationalen Jahr der&#13;
Familie. An jenem Tag machten wir deutlich, daß ein&#13;
Land nur stark sein kann, wenn seine Familien stark&#13;
sind, und Familien nur stark sind, wenn Frauen stark&#13;
sind.&#13;
Das war die Botschaft der 4. Weltfrauenkonferenz in&#13;
Peking. Und das ist der Grund, aus dem wir heute alle&#13;
hier sind. Mir fällt kein angemesseneres Thema für&#13;
diesen schönen Saal, für diese außergewöhnliche&#13;
Organisation ein.&#13;
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Vereinten&#13;
Nationen gegründet, um eine chaotische Welt zu&#13;
ordnen und einer in Aufruhr befindlichen Welt Frieden&#13;
zu bringen. Für Präsident Roosevelt und Eleanor&#13;
Roosevelt verkörperte die UNO einen Traum - einen&#13;
Traum, in dem die Nationen durch Zusammenhalt&#13;
stärker werden können, einen Traum, der hier seit&#13;
mehr als 50 Jahren gelebt wird.&#13;
Seit über 50 Jahren ist das hier der Ort, an dem&#13;
Nationen über geographische und rassische, religiöse&#13;
und kulturelle Grenzen hinweg unsere menschliche&#13;
Vielfalt würdigen und unsere gemeinsamen Ziele&#13;
anstreben. Dies ist der Ort, an dem wir Sanktionen&#13;
gegen Südafrika verhängten, um gegen die Ketten der&#13;
Apartheit zu protestieren. Dies ist der Ort, an dem wir&#13;
den Kriegsflüchtlingen aus Afghanistan und der&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
ganzen Welt Schutz anboten. Dies ist der Ort, an dem&#13;
wir neue Wege zur Ausrottung von Pocken, zur&#13;
Bekämpfung des Hungers in Somalia und der Ausbreitung von Krankheiten in Zaire beschritten.&#13;
Und dies ist der Ort, an dem wir hier und heute den&#13;
Geist der Konferenz von Peking Wiederaufleben lassen&#13;
- und uns erneut zur Verbesserung des Lebens von&#13;
Frauen und Familien auf der ganzen Welt verpflichten.&#13;
Ich werde nie vergessen, was für ein Gefühl es war, in&#13;
Stärke und Solidarität mit den 40.000 Frauen und&#13;
Männern verbunden zu sein, die vergangenes Jahr in&#13;
Peking zusammenkamen - und von denen viele heute&#13;
hier anwesend sind. Wir waren Landwirte und Fabrikarbeiter, wir waren Wissenschaftler und Sozialarbeiter,&#13;
wir waren Eltern und Regierungsvertreter.&#13;
Aber wir waren geeint durch eine Überzeugung, der&#13;
First Lady Hillary Rodham Clinton so beredt Ausdruck&#13;
verlieh, als sie vor der Konferenz und der Welt erklärte:&#13;
"Menschenrechte sind Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte." Das Thema durchzog&#13;
die gesamte Konferenz und schuf die Grundlage für&#13;
unser Aktionsprogramm.&#13;
Achten Sie genau auf diese Worte: Ein Aktionsprogramm. Kein Programm für Gemeinplätze oder&#13;
Rhetorik. Kein Programm, um einen Ausschuß zu&#13;
gründen oder eine Studie in Auftrag zu geben. Ein&#13;
Aktionsprogramm. Und ein Mandat für Ergebnisse.&#13;
&#13;
Seite 1&#13;
&#13;
�Warum? Weil allzu viele Frauen und ihre Familien&#13;
immer noch an vermeidbaren Krankheiten sterben.&#13;
Allzu viele Frauen und ihre Kinder werden immer noch&#13;
mit dem Terror und den Tränen häuslicher Gewalt&#13;
konfrontiert. Und allzu vielen Frauen wird immer noch&#13;
der Zugang zu Bildung, richtiger Ernährung, reproduktiver Gesundheit und wirtschaftlicher Sicherheit&#13;
verwehrt.&#13;
Wir fuhren nach Peking, um diese globalen Herausforderungen schlaglichtartig zu beleuchten. Und jede&#13;
Nation brachte das Versprechen mit nach Hause, sie&#13;
anzugehen. In den Vereinigten Staaten machen wir&#13;
unter der Führung Präsident Clintons gute Fortschritte&#13;
bei der Erfüllung dieses Versprechens.&#13;
Am Vorabend der Konferenz gab der Präsident die&#13;
Gründung eines behördenübergreifenden Rates für&#13;
Frauen bekannt, dem ich Vorsitze. Vergangenes Jahr&#13;
haben die Mitglieder des Rates jedes Bundesministerium und jede Behörde eingehend geprüft, um neue und bessere Wege - zu finden, Frauen und Kindern zu&#13;
helfen.&#13;
Aber wir haben uns nicht nur auf Untersuchungen&#13;
beschränkt, sondern auch andere einbezogen - wir&#13;
arbeiten mit nichtstaatlichen Organisationen (NGOs)&#13;
und anderen Partnern zusammen, die gestern die Saat&#13;
für Peking säten und stehen ihnen bei ihrer weiteren&#13;
Arbeit zur Seite.&#13;
Am 28. September veranstalten die Vereinigten&#13;
Staaten eine Satellitenkonferenz, um mit Frauen aus&#13;
dem ganzen Land über den seit Peking zurückgelegten Weg zu sprechen und zu überlegen, welche Berge&#13;
wir noch erklimmen müssen. Ich bin stolz darauf&#13;
sagen zu können, daß wir aufgrund der von Ihnen&#13;
übernommenen Führungsrolle eine gute Geschichte&#13;
erzählen können - eine Geschichte der Fortschritte.&#13;
Allein in unserem Ministerium machen wir Fortschritte,&#13;
indem wir darauf bestehen, daß Frauen an jedem&#13;
klinischen Forschungsprojekt teilnehmen. Wir machen&#13;
Fortschritte, indem wir unser Engagement für die&#13;
Erforschung, Behandlung und Verhütung von Brustkrebs dramatisch erhöhen. Wir machen Fortschritte&#13;
dabei sicherzustellen, daß alle Frauen Zugang zu&#13;
guter reproduktiver Gesundheitsfürsorge und umfassender reproduktiver Freiheit haben. Wir machen&#13;
Fortschritte mit neuen Bestrebungen in Höhe von 100&#13;
Millionen Dollar zur Entwicklung eines Mikrobizids für&#13;
Frauen - damit Frauen überall sich und ihre Familien&#13;
vor der Geißel von HIV und AIDS schützen können.&#13;
Und wir machen Fortschritte, indem wir unseren&#13;
jungen Mädchen beibringen, "Nein" zu Tabak, Drogen&#13;
und vorehelichem Geschlechtsverkehr und "Ja" zu&#13;
ihrer Gesundheit, ihrer Bildung und ihrer Zukunft zu&#13;
sagen. Das ist Fortschritt. Und er findet sich überall in&#13;
unserer Administration.&#13;
&#13;
Seite 2&#13;
&#13;
Es den Frauen zu erleichtern, ein eigenes Heim zu&#13;
haben und sich ein Stück vom Amerikanischen Traum&#13;
zu leisten - das ist Fortschritt. Die Einrichtung einer&#13;
gebührenfreien telefonischen Hotline, die Opfer&#13;
häuslicher Gewalt in ganz Amerika zu jeder Tagesund Nachtzeit in Anspruch nehmen können - das ist&#13;
Fortschritt.&#13;
Große und kleine Unternehmen zur&#13;
Verbesserung der Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen für amerikanische Frauen aufzufordern das ist Fortschritt.&#13;
Die Gewährleistung, daß Mädchen immer die Chance&#13;
erhalten, Mathematik und Naturwissenschaften zu&#13;
lernen und das in einem von sexueller Belästigung&#13;
freien Umfeld zu tun - das ist Fortschritt. Und Frauen&#13;
auf der ganzen Welt zu helfen, die Vorteile der Beteiligung am politischen Leben, von Rechtsschutz und&#13;
Bildungschancen kennenzulernen - das ist Fortschritt.&#13;
Ich möchte auf diesen Punkt näher eingehen.&#13;
Wir wissen, daß Frauen und Familien in den Vereinigten Staaten nur sicher sein werden, wenn sie&#13;
überall auf der Welt sicher sind. Und wir sehen unsere&#13;
Rolle als internationaler Partner darin, die Gesundheit&#13;
und Sicherheit unserer globalen Gemeinschaft zu&#13;
gewährleisten sowie gleichermaßen im Ausmerzen&#13;
von den Menschen befallenden Viren und Gewalt&#13;
gegen den Menschen, wann immer und wo immer sie&#13;
auftreten.&#13;
Manchmal ist es schwer, diese Themen in Angriff zu&#13;
nehmen. Manchmal ist es unpopulär. Aber es ist&#13;
immer richtig, es zu tun.&#13;
Aus diesem Grund standen wir mit Worten und Taten&#13;
an der Seite unserer Brüder und Schwestern auf der&#13;
ganzen Welt, um die schwierigen Themen anzusprechen und eindeutig klarzustellen, daß alle Frauen die&#13;
erforderlichen Instrumente haben müssen, um ihre&#13;
reproduktive Gesundheit zu bewahren und ihr reproduktives Schicksal zu kontrollieren.&#13;
Ob es unseren Töchtern hier oder andernorts auf der&#13;
Welt angetan wird - wir verurteilen die Grausamkeit&#13;
und absolute Unmenschlichkeit genitaler Verstümmelung und werden dies auch in Zukunft tun.&#13;
Wir haben klargemacht, daß Vergewaltigung als Waffe&#13;
des Krieges ein Verbrechen gegen die gesamte&#13;
Menschheit ist. Und wir haben erklärt, daß wir alles in&#13;
unserer Macht Stehende tun werden, um diejenigen zu&#13;
stoppen, die es wagen, Frauen und Kinder in die&#13;
Prostitution zu verkaufen. Das ist Gewalt. Das ist&#13;
Ausbeutung. Das ist eine Greueltat. Und es muß ein&#13;
Ende haben.&#13;
Aber es gibt noch etwas, das wir alle tun müssen.&#13;
Jeden Tag werden in den Gemeinden im In- und&#13;
Ausland diese Frauen und Familien betreffenden&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�Probleme diskutiert. Die Einzelheiten werden ausgearbeitet. Das Geschäft wird abgeschlossen. Und die&#13;
Entscheidungen werden unterzeichnet, mit dem Siegel&#13;
versehen und abgeschickt. Aber allzu häufig fehlt&#13;
etwas außerordentlich Wichtiges - die Stimme der&#13;
Frauen. In Peking haben wir es deutlich gesagt: Das&#13;
muß sich ändern.&#13;
In den Vereinigten Staaten machen Frauen 52 Prozent&#13;
der Bevölkerung aus - sie sind kein "spezielles Interesse" - sie sind 52 Prozent der Bevölkerung.&#13;
Wenn Entscheidungen über unsere Gesundheit,&#13;
unsere Familien, unsere Gemeinden und unsere&#13;
Länder getroffen werden, müssen wir am Tisch sitzen.&#13;
Es geht nicht darum, daß Frauen besser oder klüger&#13;
sind als Männer. Es geht darum, daß wir eine einzigartige Stimme haben, die gehört, für jede Entscheidung&#13;
gewertet und in sie eingearbeitet werden muß, die&#13;
unsere Familien und unsere Nationen betrifft.&#13;
Wir waren so erfolgreich, daß wir manchmal scherzen,&#13;
wir befänden uns endlich in dem Zeitalter, in dem ein&#13;
politisches Thema in einem Bundesministerium von&#13;
einer Analystin vorgebracht werden kann, über eine&#13;
Kabinettsministerin und eine politische Beraterin im&#13;
Weißen Haus weitergeleitet wird und auf den Schreibtisch des Präsidenten für seine Zustimmung gelangt.&#13;
Dieser Quantensprung hätte ohne die Führungskraft&#13;
und das Engagement dieses Präsidenten und dieser&#13;
First Lady nicht stattfinden können.&#13;
Und er hat sich sicherlich nicht über Nacht vollzogen.&#13;
Eine Frau auf ein hochrangiges politisches Amt&#13;
vorzubereiten, dauert Jahrzehnte.&#13;
Es erfordert&#13;
Jahrzehnte der Zusammenarbeit zwischen Frauen und&#13;
Männern, Jahrzehnte der Unterrichtung junger Mädchen, daß sie etwas anstreben und die Tür zu Chancen aufstoßen können - von der Grundschule bis zur&#13;
juristischen Fakultät und vom Praktikum als Jugendlicher bis zu Partnerschaften zwischen Senioren.&#13;
Der Frauensport ist so.&#13;
Im vergangenen Monat sah die Welt voll Ehrfurcht zu,&#13;
wie die weiblichen Olympioniken Atlanta - und die Welt&#13;
- im Sturm eroberten. Aber Champions wie Amy Van&#13;
Dyken, Gail Devers und Shannon McMillan fielen ihre&#13;
Goldmedaillen nicht einfach in den Schoß. Sie hatten&#13;
Jahre des Engagements, der familiären Zuwendung,&#13;
Talent, Charakter und natürlich Titel IX zur Seite.&#13;
Der vor über 20 Jahren verabschiedete Titel IX hatte&#13;
ein einfaches Ziel: Sicherzustellen, daß die für den&#13;
Schulsport zur Verfügung gestellten Ressourcen&#13;
gerecht zwischen Männern und Frauen verteilt werden. Fairneß: Nicht mehr und nicht weniger. Dieser&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
schlichte Akt der Gerechtigkeit öffnete das Schleusentor der Chancen für Frauen im Sport. Zwei Jahrzehnte&#13;
später sehen wir die Ergebnisse - nicht nur bei der&#13;
Olympiade, sondern auf Baseballfeldern und Fußballplätzen und den Sportplätzen in ganz Amerika.&#13;
Wir müssen sicherstellen, daß die Frauen in diesem&#13;
Land - und in jedem Land - dieselben Chancen zur&#13;
Erfüllung ihrer Träume haben, was immer diese&#13;
Träume sein mögen.&#13;
Wenn ich zu einer Gruppe junger Frauen spreche,&#13;
möchte ich sie stets daran erinnern, daß sie die erste&#13;
Generation sind, die das werden kann, was sie werden&#13;
möchte - in jeder Hinsicht. Nicht nur Ärztinnen und&#13;
Rechtsanwältinnen. Nicht nur Mütter und Astronautinnen. Nicht nur Geschäftsführerinnen und Kabinettsministerinnen. Sondern Präsidentinnen und Ministerpräsidentinnen.&#13;
Ich glaube, daß es möglich ist.&#13;
Wir müssen sicherstellen, daß jedes junge Mädchen&#13;
glaubt, es ist möglich. Wenn es will und wenn es&#13;
dafür zu arbeiten bereit ist, werden wir ihm alle Chancen geben, dieses Ziel zu erreichen.&#13;
Vor einem Jahr war ich auf dem Weg, um die Rede der&#13;
First Lady Hillary Rodham Clinton vor den nichtstaatlichen Organisationen in Hairou zu hören - eine&#13;
Rede, die sich als einer der Höhepunkte der Konferenz&#13;
erweisen sollte. Aber ich habe sie beinahe verpaßt.&#13;
Ich stand völlig durchnäßt im strömenden Regen, und&#13;
die chinesischen Wachleute waren entschlossen, uns&#13;
aus dem Auditorium fernzuhalten.&#13;
Ich glaube nicht, daß sie mit einem Wisconsin Badger&#13;
rechneten. Ich habe genug siegreiche Fußballspiele&#13;
von Wisconsin gesehen um zu wissen, wie man&#13;
effektiv abblockt. Als sie uns stießen, stießen wir&#13;
zurück. Und wir kamen rein.&#13;
Die Frauenbewegung hat sehr viel größere Hindernisse überwunden. Und das werden wir wieder tun.&#13;
Aber nur, wenn wir uns alle die Hände reichen - von&#13;
Regierungsbehörden bis zu nichtstaatlichen Organisationen und von der Unternehmensleitung bis zu den&#13;
Gemeindevertretern. Nur wenn wir trotz der Rückschläge und trotz der Hindernisse nach vorne drängen.&#13;
Und nur, wenn wir die Männer einbeziehen, insbesondere die jungen Männer, denn unser Kampf&#13;
kann - und sollte - nicht ohne sie gewonnen werden.&#13;
Und weil unsere Themen keine Frauenthemen sind.&#13;
Es sind Familienthemen. Es sind globale Herausforderungen, und wir müssen sie gemeinsam bewältigen.&#13;
Das müssen wir nicht nur um der Frauen willen tun,&#13;
sondern um jeder Person auf dieser Erde willen - für&#13;
&#13;
Seite 3&#13;
&#13;
�jedes Kind, das eine Mutter hat, für jeden Mann, der&#13;
eine Tochter hat, für jede Familie, für jede Nation. Und&#13;
für unsere gemeinsame Zukunft.&#13;
* * * * *&#13;
&#13;
Seite 4&#13;
&#13;
AMERIKA DIENST 18&#13;
&#13;
�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. CTBT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;UN-Generalversammlung billigt Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Präsident Clinton&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Rede der Hoffnung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;US-Außenminister James F. Bymes am 6. September 1946&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eine neue atlantische Gemeinschaft für das 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Außenminister Christopher zum 50. Jahrestag der "Rede der Hoffnung"&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Kuba&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA streben multilaterale Zusammenarbeit zur Förderung von Demokratie in Kuba an&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafter Stuart E. Eizenstat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Wahlen sind erster Schritt beim Wiederaufbau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Abteilungsleiter John Kornblum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Jahr nach der Pekinger Weltfrauenkonferenz - eine Bestandsaufnahme &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Gesundheitsministerin Donna Shalala&lt;/em&gt;</text>
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Dokumentation

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42

18. Oktober 1972

Inhalt

INFORMATION:

USA warnen vor Kontrolle von Satellitensendungen
-Bush äußert Bedenken gegen sowjetischen VorschlagAmerikanisch-sowjetisches Umweltabkommen bringt die Völker einander
näher
Von Hubert G. Collins

HINTERGRUNDMATERIAL:
Fortschritte im Kampf gegen den internationalen Rauschgifthandel
Von Ron Moxness
Die amerikanischen Einwanderungsgesetze
-Faire Behandlung aller ethnischen GruppenVon Ed Scherr
Mehr Schwarze an amerikanischen Colleges
-Neuer Bericht des Amerikanischen Rates für ErziehungVon Howard W. Young
Das Absinken der Geburtenrate in den USA und seine Folgen
Von Mary Sherwood

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

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42/1972

USA WARNEN VOR KONTROLLE VON SATELLITENSENDUNGEN

-Bush äußert Bedenken gegen sowjetischen Vorschlag-

VEREINTE NATIONEN, New York --(AD)-- Die Vereinigten Staaten haben ernsthafte
Bedenken gegen einen sowjetischen Vorschlag geäußert, der eine Kontrolle von
Satellitensendungen vorsieht. Moskau wünscht eine internationale Konvention,
die es jedem Land verbieten würde, Fernsehsendungen über Satelliten für den
Direkt empfang durch Bewohner anderer Länder zuzulassen, wenn die Regierung
des Empfängerlandes die Genehmigung hierzu nicht erteilt hat.
Vor dem Politischen Ausschuß der Vollversammlung der Vereinten Nationen
unterstrich der amerikanische Chefdelegierte George Bush dieser Tage, daß der
sowjetische Vorschlag ein fundamentales Prinzip verletzen würde, dem die USA
sowie andere demokratische Länder größte Bedeutung beimessen: den Glauben
an den freien Austausch von Informationen und Gedanken. Dieses Prinzip bilde
eine entscheidende Grundlage für den Fortbestand demokratischer Institutionen.
Der direkte Heimempfang von Satelliten-Fernsehsendungen ist zwar im Augenblick noch nicht möglich und dürfte es auch in den nächsten Jahren noch nicht

-l-

�nicht sein, doch nahm die Sowjetunion die diesjährige Vollversammlung der Vereinten Nationen zum Anlaß, ihren Vorschlag zu unterbreiten und derartige Kontrollen zu fordern.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten gibt es gegenwärtig keine "adäquate
Grundlage" für die Ausarbeitung endgültiger internationaler Abmachungen in bezug
auf Satelliten-Fernsehsendungen. Bush sagte, bevor die Weltorganisation Grundregeln für den Fluß von Informationen festlege, sollte sie einige Fragen untersuchen, die diesem ganzen Komplex zugrundelägen.
"Dazu gehört die Frage", so sagte der amerikanische Chefdelegierte wörtlich,
"ob eine Beschränkung der Freiheit des Ausdrucks mit den fundamentalen Prinzipien
der Menschenrechtserklärung in Übereinstimmung gebracht werden kann. Wir müssen
uns auch fragen, was für internationale Abmachungen erreicht werden können, die
nicht den freien Fluß von Gedanken und Informationen gefährden und die gleichzeitig doch eine angemessene Respektierung nationaler, kultureller, ethnischer
und religiöser Gefühle gewährleistet. Und wir müssen angesichts der Fakten der
sich weiterentwickelnden Technologie prüfen, wie bei den ständig wachsenden Übermittlungsmöglichkeiten unter Nutzung der modernsten verfügbaren Mittel den Interessen aller Länder, der Industrienationen wie der Entwicklungsländer, am besten
gedient wird. Dies sind nur einige der komplexen und wichtigen Fragen, die einer
überaus sorgfältigen Überlegung bedürfen."
Die Vereinigten Staaten,so sagte Bush weiter, würden ein neues technologisches Mittel begrüßen, durch das die amerikanische Bevölkerung andere Kulturen
und Gesellschaftsformen besser kennenlernen könnte. Die Beschreibungen der Erde
aus der Sicht der Astronauten beispielsweise zeige für alle Nationen die Notwendigkeit auf, so viele Informationen wie nur möglich zu erhalten.

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42/1972

AMERIKANISCH-SOWJETISCHES UMWELTABKOMMEN BRINGT DIE VOLKER
EINANDER NÄHER
Von Hubert G.Collins
WASHINGTON --(AD)-- Der Hauptwert des amerikanisch-sowjetischen Uraweltabkommens
liegt in seiner völkerverbindenden Wirkung, und es spielt keine entscheidende
Rolle, welches Land dabei einen größeren materiellen Vorteil erzielt. Mit dieser
Erkenntnis kehrte der Vorsitzende des amerikanischen Beirates für Umwelthygiene,
Dr. Russell E. Train, kürzlich von einer längeren Informationsreise durch die
Sowjetunion zurück.
Dr. Train, der sich in Umweltfragen einen internationalen Namen gemacht
hat, hat auf seiner fast 17000 km langen Reise durch die UdSSR mit über 100
sowjetischen Experten Umweltfragen - angefangen vom Winterbau bei Dauerfrost
bis zur Luft-und Wasserverschmutzung in städtischen Ballungsgebieten - gesprochen.
Am 21. September haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion ein
Durchführungsabkommen zu dem Allgemeinen Umweltabkommen geschlossen, das Präsident Nixon und der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets, N.V.Podgorny,
am 23. Mai unterzeichnet hatten. Im Rahmen des Durchführungsabkommens sind über
30 spezielle amerikanisch-sowjetische Gemeinschaftsprojekte des Umweltschutzes
vorgesehen.
Auf

-1-

�Auf einer Pressekonferenz am 13. Oktober nach seiner Rückkehr aus der
UdSSR (am 5. Oktober) zeigte sich Dr, Train beeindruckt von der Gastfreundschaft
und der positiven Einstellung, die er in der Sowjetunion vorgefunden habe.
Die USA, so sagte er, seien der UdSSR in der Umwelttechnologie sicherlich
voraus, und die sowjetische Seite werde fraglos die größeren Vorteile haben.
Er habe jedoch in der UdSSR immer wieder darauf hingewiesen, daß die von der
amerikanischen Privatindustrie produzierte Technologie jedermann zur Verfügung
stehe. Das Entscheidende sei jedoch die Stärkung der Beziehungen zwischen beiden
Völkern, da das Abkommen nicht nur Wissenschaftler und Verwaltungsleute einander nahe bringe, sondern auch Institutionen in beiden Ländern.
Podgorny, so berichtete Dr. Train, habe ferner darauf hingewiesen, daß
die Frage des Umweltschutzes nicht nur für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen, sondern auch und gerade für die internationale Zusammenarbeit von
Bedeutung sei.
Die Gemeinschaftsprojekte auf dem Gebiet des Umweltschutzes würden sicherlich positive Auswirkungen auf das allgemeine politische Klima haben.
Nach Schätzungen von Dr. Train werden im Zuge der amerikanisch-sowjetischen
Projekte in neun Arbeitsgruppen auf vier Tagungen mindestens tausend Personen
routinemäßig zusammentreffen und zusammenarbeiten.
Dr. Train vertrat aufgrund seiner Reise die Überzeugung, daß die Vereinigten Staaten beispielsweise auf dem Gebiet der Kontrolle der Luft-und Wasserverschmutzung voraus seien. Dies

habe er vor allem am Baikalsee feststellen

können, wo ein großes Zellulosewerk ernste Probleme für Luft und Wasser mit
sich bringe. Auch was die Festsetzung von Normen fpr die Reinheit von Luft
und Wasser angehe, sei die Sowjetunion noch zurück.

Ferner

�Ferner berichtete Dr. Train, daß ein Besuch bei dem sowjetischen Permafrost-Institut in Jakutsk - dem einzigen Institut dieser Art in der Welt - ebenfalls keine wesentlichen neuen Erkenntnisse gebracht habe. Die USA selbst hätten
angesichts der geplanten Pipeline durch Alaska umfassende Forschungen auf dem
Gebiet des Bauens unter Dauerfrost betrieben. Amerikanische Ölfirmen hätten jedoch bereits viel von den sowjetischen Erfahrungen beim Bau von Pipelines unter
Dauerfrostbedingungen profitiert.
Die Sowjetunion, so betonte der Vorsitzende des amerikanischen Beirates für
Umwelthygiene abschließend, wolle das Problem des Umweltschutzes im großen nationalen Rahmen angehen. Nach seiner Überzeugung werde das neue Abkommen den
Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und der ganzen Welt zum Vorteil gereichen.

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42/1972

FORTSCHRITTE IM KAMPF GEGEN DEN INTERNATIONALEN RAUSCHGIFTHANDEL

Von Ron Moxness

WASHINGTON --(AD)-- Fast täglich liest man Meldungen über erfolgreiche Schläge
der Polizei gegen Rauschgifthändler, die Präsident Nixon erst kürzlich
Schleichhändler des Todes, genannt h,ato Wie gefährlich dieser Kampf ist,läßt
sich daraus erkennen, daß erst dieser Tage ein Beamter des amerikanischen Bundeskriminalamtes FBI seinen Einsatz in New York mit dem Leben bezahlen mußte
und ein weiterer Beamter schwer verletzt wurde. Auch in der Türkei wurden kürzlich durch eine überraschende Aktion der Polizei große Mengen an Heroin sichergestellt .
Ein Beispiel der verstärkten internationalen Zusammenarbeit zur Bekämpfung
vor allem der sogenannten harten Drogen nannte kürzlich der Direktor des amerikanischen Büros für die Bekämpfung von Rauschgift und gefährlichen Drogen (BNDD),
John E. Ingersoll. Auf einer Tagung der Internationalen Vereinigung der in der
Rauschgiftbekämpfung tätigen Rechtsvollzugsbeamten in New Orleans, Louisiana,
am 12. Oktober gab Ingersoll bekannt, daß sich die Zusammenarbeit auf diesem
Gebiet mit lateinamerikanischen Ländern verzehnfacht hat. Vor allem in Brasilien,

"1-

�Brasilien, Argentinien, Peru und Chile habe

die Rauschgiftbekämpfung große

Fortschritte gemacht.
Nach dem Bericht Ingersolls wurden vor kurzem allein in Buenos Aires
45 Kilogramm Heroin beschlagnahmt und 30 Mitglieder eines internationalen Rauschgiftringes verhaftet. Einige Tage zuvor konnte die venezolanische Polizei in Zusammenarbeit mit BNDQ-Agenten 16 Kilogramm Heroin sicherstellen und eine Organisation von Rauschgifthändlern in Caracas und Miami zerschlagen.
Die wachsenden Erfolge der internationalen Zusammenarbeit, so betonte
Ingersoll in seiner Ansprache, seien der Beweis dafür, daß es in dem Kampf gegen
den illegalen Rauschgifthandel keine "Kapitualation" gebe. "Wir führen", so
sagte er, "einen weltweiten Krieg gegen Rauschgift und gefährliche Drogen in
Zusammenarbeit mit fast allen Ländern der Erde, und wir werden diesen Krieg
weiterführen."
Ingersoll gab zahlreiche weitere Beispiele dieses erfolgreichen Einsatzes.
So haben Ende September philippinische Beamte in Zusammenarbeit mit BNDD-Agenten
in Manila über 21 Kilogramm Heroin sichergestellt, die im Endverkauf einen Wert
von fast neun Millionen Dollar hatten. In drei getrennten Aktionen wurde ein
Heroin-Ring zerschlagen, der monatlich rund acht Kilogramm reines Heroin herstellte.
Die Hauptsorge, so betonte Ingersoll, bereite Südostasien. Man habe zwar
eine gute Zusammenarbeit mit den Regierungen von Thailand und Laos erreicht,
jedoch sei eine wirksame Kontrolle des Mohnanbaus im sogenannten "goldenen
Dreieck" - wo die Grenzen von Laos, Thailand und Burma zusammenkommen - bisher
noch nicht möglich. Von den schätzungsweise 700 Tonnen Opium, die im goldenen
Dreieck illegal produziert werden, gelangen nach Ansicht von Ingersoll etwa
200 Tonnen auf die Märkte in Malaysia, den Philippen und Hongkong, während
etwa 100 Tqnnen dem internationalen Markt zufließen. Immerhin hat die thailändi-

-2-

�thailändische Regierung in diesem Jahr

bereits 26 Tonnen Opium vernichtet,

das beschlagnahmt worden war.
Ingersoll konnte auch über Fortschritte in der Organisation der Rauschgiftbekämpfung berichten. Seine Behörde, das BNDD, verfügte im Jahre 1968 über ein
Gesamtpersonal von weniger als 900 Mann, darunter weniger als 600 Agenten, mit
einem Budget von rund 14 Millionen Dollar. Heute, so hob Ingersoll hervor, verfuge er über fast 3 000 Bedienstete, darunter fast 1 600 Agenten, und einen
Haushalt von 74 Millionen Dollar. Großer Nachdruck werde auf die wissenschaftliche und technologische Ausbildung und Ausrüstung der Beamten gelegt.
Wie Ingersoll ausführte, haben nationale Anstrengungen und internationale
Zusammenarbeit zu guten Ergebnissen geführt. In den ersten beiden Monaten des
laufenden Haushaltsjahres seien allein auf dem amerikanischen illegalen Markt
23,8 Kilogramm Heroin und 21,6 Kilogramm Kokain sichergestellt worden. Im
gleichen Zeitraum konnten ausländische Behörden in Zusammenarbeit mit BNDDAgenten 706 Kilogramm Heroin und ähnliche Derivate beschlagnahmen. Im Haushaltsjahr 1971/72 nahmen BNDD^Agenten 4 579 Festnahmen vor und unterstützten
andere Polizeistellen in In-und Ausland bei weiteren 3 092 Festnahmen. Die
amerikanische Zollbehörde nahm im gleichen Zeitraum 7 86o Personen wegen
Rauschgiftbesitz fest und beschlagnahmte 286 Kilogramm Heroin und verwandte Derivate sowie 170 Kilogramm Kokain.
IngersQll wies darauf hin, daß die Tätigkeit von BNDD-Agenten im Ausland
vervielfacht worden sei, und das zahle sich aus. Auch das Abkommen mit der Türkei,
die sich verpflichtete, keinen Mohn mehr anzubauen, werde sicherlich positive
Auswirkungen haben. Früher seien zwischen 50 und 150 Tonnen Rohopium allein aus
der Türkei in den illegalen Rauschgifthandel geflossen. Ein Großteil dieses im
wesentlichen für die Vereinigten Staaten bestimmten Opiums sei in Frankreich

�Frankreich verarbeitet worden. Die französischen Behörden machten jedoch nachdrückliche Anstrengungen, um dagegen einzuschreiten. In diesem Jahr seien allein
auf einem Fischdampfer eine halbe Tonne Heroin sichergestellt und auf französischem Boden fünf Laboratorien ausgehoben worden.
Dies alles, so betonte der BNDD-Direktor, sei ein klarer Beweis für die
immer erfolgreichere internationale Zusammenarbeit.

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42/1972

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DIE AMERIKANISCHEN EINWANDERUNGSGESETZE
-Faire Behandlung aller ethnischen GruppenVon Ed Scherr

WASHINGTON --(AD)-- Über die Möglichkeiten der Einwanderung nach den Vereinigten Staaten von Amerika herrschen auch heute noch viele Unklarheiten, und bei
manchem mögen noch die Bilder von Ellis Island - der längst geschlossenen
Einwanderungsstation im New Yorker Hafen - lebendig sein. Die im Jahre 1965
unterzeichneten Einwanderungsgesetze haben jedoch die Verhältnisse grundlegend
gewandelt. Heute ist eine gerechte Verteilung der Einwanderungsbewilligungen
auf fast alle Länder der Erde sichergestellt.
Nach den früheren Bestimmungen gab es nationale Quoten, durch die Einwanderer aus Nord-und Westeuropa begünstigt wurden. Heute werden die Quoten nach
Hemisphären verteilt, wodurch die geographische Streuung breiter und gerechter
geworden ist. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes von 1965 hat die Zahl der
Einwanderer aus Asien sowie aus Süd-und Osteuropa um ein Vielfaches zugenommen,
während die Zahl der Einwanderer aus Nord-und Westeuropa stark zurückging.
Bis zur Wende des 19. Jahrhunderts kamen die Menschen aus fast allen Ländern der Erde - vor allem aber aus Nord-und Westeuropa - in praktisch unbe-

-1-

�unbegrenzter Zahl nach den USA. Mit der raschen Industrialisierung Anfang des
20. Jahrhunderts stieg auch die Zahl der Einwanderer aus Süd-und Osteuropa. In
den zwanziger Jahren setzten die Vereinigten Staaten dann mit einer Reihe von
Gesetzen der Einwanderung Grenzen. Auf der Basis einer Volkszählung, durch die
Anteile der ethnischen Gruppen festgestellt wurden, wurden jetzt länderweise
Quoten aufgestellt, wobei die sogenannten "alten Herkunftsländer" in Nord-und
Westeuropa begünstigt wurden.
Ein neues Gesetz im Jahre 1952 bevorzugte weiterhin die Länder Nord-und
Westeuropas, die etwa 80 Prozent der Quotenzahlen erhielten. Bei all diesen Gesetzen war die Einwanderung aus der westlichen Hemisphäre keinerlei Beschränkungen unterworfen.
Im Rahmen des Gesetzes von 1952 erhielten drei europäische Länder - Großbritannien, Irland und Deutschland - allein 70 Prozent des Quotenanteils für
Einwanderer aus Europa, Asien und Afrika. Während Großbritannien

jährlich

40 000 bis 50 000 Visen ungenutzt ließ, betrug die Quote für Italien 5 600,
während über 200 000 Einwanderungsanträge vorlagen.
Nach dem neuen Gesetz vom 3. Oktober 1965 wurden die Länderquoten abgeschafft und mit 170 000 lediglich eine Jahreshöchstgrenze für die Einwanderung
aus der östlichen Hemisphäre (Europa, Asien, Afrika^ festgelegt, wobei kein Land
jährlich mehr als 20 000 Visen bekommen kann. Auch die Einwanderung aus der westlichen Hemisphäre wurde begrenzt. Seit 1. Juli 1968 ist die Höchstzahl der jährlichen Visen für die amerikanischen Länder auf insgesamt 120 000 festgelegt, wobei jedoch keine Begrenzung für die einzelnen Länder vorgenommen wird.
Mit der Abschaffung der Länderquoten hat sich die ethnische Zusammensetzung
der Einwanderer radikal verändert. So nahmen die USA im Haushaltsjahr 1970/71
(das am 30. Juni 1971 zu Ende ging) 103 461 Asiaten auf, verglichen mit

-2-

�mit 20 683 im Haushaltsjahr 1964/65. Die Zahl der Einwanderer aus Süd-und Osteuropa betrug in den gleichen Zeiträumen 70 444 gegenüber 40 106.
Während 1964/65 Kanada mit 40 013, Großbritannien mit 29 747 und Italien
mit 10 344 Einwanderern an der Spitze der Herkunftsländer lagen, waren es
1970/1 die Philippinen mit 28 471, Italien mit 22 137 und Kuba mit 21 611.
Auch die berufliche Qualifikation der Einwanderer hat sich geändert.
Während Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem ungelernte Arbeitskräfte in die
USA kamen, haben heute mindestens 40 Prozent eine Berufsausbildung; bei den Einwanderern aus Asien sind sogar rund 60 Prozent technisch oder beruflich qualifiziert. Auch nach dem Geschlecht ist eine Verschiebung eingetreten. Kamen früher
hauptsächlich ledige junge Männer, sind heute etwa die Hälfte der Einwanderer
Frauen - nicht solche, die ihren Männern folgen.
Auch in dem Gesetz von 1965 wird die Tradition fortgesetzt, Angehörigen
von amerikanischen Staatsbürgern den Vorrang bei der Einwanderung zu geben. Ehefrauen und Kinder (ledig und unter 21 Jahren) von bereits in den USA lebenden
Bürgern konnten schon früher ohne zahlenmäßige Beschränkung in die Vereinigten
Staaten einwandern. Im Gesetz von 1965 wurden sogar noch die Eltern von erwachsenen amerikanischen Bürgern in den bevorzugten Personenkreis aufgenommen.
Die Familienzusammenführung hat bei der jährlichen Quote von 170 000 für
die östliche Hemisphäre Vorrang und zwar nach folgendem Prozentsatz:
74 Prozent für (1.) unverheiratete Söhne und Töchter von amerikanischen
Staatsbürgern, (2.) Ehefrauen und unverheiratete Kinder von Ausländern, die ständiges Wohnrecht haben, (4.) verheiratete Söhne und Töchter von amerikanischen
Staatsbürgern, (5.) Brüder und Schwestern amerikanischer Staatsbürger;

10

-3-

�10 Prozent für (3.) Akademiker und Personen mit außerordentlichen Fähigkeiten auf den Gebieten von Wissenschaft und Kunst (wozu auch Buchhaltung, Architektur, Maschinenbau, Krankenpflege, Pharmazie usw. gezählt werden;
10 Prozent für (6.) gelernte und ungelernte Arbeitskräfte, für die nach
Bescheinigung des Arbeitsministers ein Mangel besteht (dazu gehören Piloten,
Juweliere, Tischler, Modeschöpfer, Schreibmaschinenmechaniker usw.)»
6 Prozent für (7.) Flüchtlinge.
Alle Visen, die nicht unter diesen bevorzugten Kategorien ausgenutzt werden, stehen sonstigen Bewerbern zur Verfügung, die die Einwanderungsbestimmungen
erfüllen.
Interessant wäre noch anzumerken, daß die Zahl der Einwanderer aus
Deutschland von 1964/65 mit 24 045 bis 1970/71 mit 7 519 um 68,7 Prozent abgei

nommen hat.

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42/1972

MEHR SCHWARZE AN AMERIKANISCHEN COLLEGES
-Neuer Bericht des Amerikanischen Rates für ErziehungVon Howard W. Young

WASHINGTON --(AD)-- Erziehung und Ausbildung der schwarzen Bevölkerung in den
USA zeigen stetige Fortschritte. Dies geht aus neuesten Angaben des Statistischen Bundesamtes der USA sowie aus einer jetzt veröffentlichten Untersuchung
des Amerikanischen Rates für Erziehung (ACE) hervor.
Während die Zahl der jungen Amerikaner, die von einer weiterführenden
Schule auf ein College überwechseln, in den letzten Jahren ganz allgemein
ständig gestiegen ist, war die Zuwachsrate von Schwarzen fast fünfmal so groß
wie bei weißen Schülern. Im Studienjahr 1971/72 schrieben sich insgesamt 8,1
Millionen Studierende an 2 543 amerikanischen Colleges und Universitäten ein,
was einer Zunahme um 33 Prozent während der letzten fünf Jahre entspricht. Der
Zuwachs der schwarzen Studenten - auf 680 000 - betrug jedoch während des gleichen Zeitraumes 141 Prozent. Wenn auch der Prozentsatz der schwarzen Studenten
noch hinter der Zahl der jungen Amerikaner in ihrer Gesamtheit zurückbleibt,
so ist doch immerhin ein weiterer Teil der Lücke geschlossen worden.
Die

-1-

�Die meisten schwarzen Studenten sind an nicht nur für Neger vorgesehenen
Institutionen eingeschrieben. Sie machen 6,3 Prozent der amerikanischen CollegeStudenten aus. Diese Ziffer ist zwar niedrig in bezug auf die Gesamtzahl der
Schwarzen in der amerikanischen Bevölkerung (12 Prozent), doch spiegelt auch diese Zahl einen nicht unbeträchtlichen Fortschritt wider.
Mit den besseren und größeren Ausbildungsmöglichkeiten für Schwarze hat sich
auch ihre sozial-wirtschaftliche Position verbessert. Dies wird aus einer Untersuchung des Amerikanischen Rates für Erziehung deutlich, der 1918 ins Leben gerufen wurde, um das Erziehungswesen in den Vereinigten Staaten zu fördern. In
dem Bericht, der den Titel trägt: "Die schwarzen Erstsemester - Charakteristika
und neueste Tendenzen" wird darauf hingewiesen, daß sich der sozial-wirtschaftliche Status der Studienanfänger verglichen mit der Ausbildung, dem Beruf und
dem Einkommen ihrer Eltern zwar leicht verbessert hat, daß jedoch weiterhin
gewisse Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Studenten bestehen.

So ist

der schwarze Student durchweg älter als sein weißer Kommilitone, ärmer, und sein
Vater hat eine weniger gute Ausbildung. Fast 50 Prozent der Väter der schwarzen
Studenten hat eine weiterführende Schule nicht beendet, während weniger als 25
Prozent der Väter der weißen Studienanfänger die Schule vor dem Abschluß verlassen haben. Ferner kommen etwa dreimal so viele Schwarze wie Weiße aus Familien
mit relativ geringen Einkommen, wenn sich auch der wirtschaftliche Status der
schwarzen Familien ständig verbessert. Die schwarzen Studenten sind auch in größerem Maße auf Stipendien und Zuschüsse angewiesen als ihre weißen Kommilitonen.
Mehr als 50 Prozent der Schwarzen beziehen ihre Mittel aus solchen Quellen, während 56 Prozent der weißen Studierenden angeben, daß sie in erster Linie von
ihren Eltern unterstützt werden. Die Studenten des Erstsemesters sind meistens
18 Jahre alt, doch ist ein höherer Prozentsatz von Schwarzen als von Weißen älter
als 18 Jahre.
Schwarze

�Schwarze Studenten sind dem Bericht zufolge durchweg weniger militant als
ihre weißen Kommilitonen.

Obwohl

nahezu die m f t e

der schwarzen

Studenten

(46,5 Prozent) sich als "liberal» oder »weit links stehend» bezeichnet gegenüber
37,5 Prozent der weißen Studienanfänger, neigen die Weißen eher dazu, an Demonstrationen für die Geburtenkontrolle, die Legalisierung von Marihuana und die Abschaffung des Benotungssystems an den Colleges teilzunehmen.
Sowohl schwarze als auch weiße Studienanfänger ließen dem Bericht nach ein
abnehmendes Interesse an dem Besuch von Gottesdiensten sowie von Museen und
Kunstgalerien erkennen. Aber beide Gruppen zeigten ein starkes Interesse daran,
anderen zu helfen und als Lebensziel ein besonderes Fachwissen auf Spezialgebieten zu erlangen. Zwei von drei Schwarzen erklärten, sie würden bei den diesjährigen Präsidentschaftswahlen ihre Stimme abgeben, während bei den Weißen drei

von

vxer d.ese Absicht erklärten. Im Hinblick auf die Kontrolle der Umweltverschmutzung
sowie den Verbraucherschutz war das Interesse auf beiden Seiten etwa gleich.
Die Untersuchungsergebnisse des Rates für Erziehung bestätigten im großen
und ganzen die Feststellungen eines zu Anfang dieses Jahres veröffentlichten Berichtes des National Scholarship Service, einer im Jahre 1946 gegründeten gemeinnützigen Organisation, deren Ziel es ist, Negern bei der Erlangung einer CollegeAusbildung zu helfen.

-H-f++

-3-

�amerika dienst
I
United
53

States

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Hintergrundmaterial

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42/1972

DAS ABSINKEN DER GEBURTENRATE IN DEN USA UND SEINE FOLGEN

Von Mary Sherwood

WASHINGTON --(AD)-- Die rasche Bevölkerungszunahme in den Vereinigten Staaten

scheint nach den jüngsten vom Bundesamt für Statistik herausgegebenen Berichten über die Geburtenziffern ihrem Ende entgegenzugehen.
Noch vor fünf Jahren rechnete man mit einem Anwachsen der amerikanischen
Bevölkerung, die damals rund 200 Millionen zählte, auf rund 300 Millionen bis
zum Jahre 2000.

Nach den heutigen Schätzungen wird man bis zum Jahre 2000 mit

30 bis 40 Millionen weniger Geburten rechnen müssen als ursprünglich angenommen.
Es besteht damit sogar die Möglichkeit, daß die Bevölkerungszunahme bei weiter
anhaltender geringer Geburtenzahl den Nullpunkt erreicht - wenn man von der Zahl
der in das Land strömenden Einwanderer einmal absieht.
Eine vom Bundesamt für Statistik im Juni 1972 bei amerikanischen Frauen der
Altersgruppen zwischen 18 bis 24 Jahren durchgeführte umfrage ergab, daß 70 Prozent der Befragten im Höchstfalle zwei Kinder haben wollen. Noch ein Jahr zuvor
hatten nur 64 Prozent der Frauen dieser Altersgruppe erklärt, daß sie nicht

-1-

�nicht mehr als zwei Kinder haben wollten, und im Jahre 1964 lag die Zahl sogar
bei nur 44 Prozent. Die Durchschnittszahl der in dieser Altersgruppe erwarteten
Geburten fiel in fünf Jahren um über 2o Prozent und zwar von 2,9 im Jahre 1967
auf 2,3 im Jahre 1972.
Alle Voraussagen über den Bevölkerungszuwachs werden immer nur im besten
Falle einen wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeitsgrad beanspruchen können,da
sie weitgehend von Veränderungen in der Grundeinstellung der Menschen zur
Existenz abhängig sind. Dennoch sieht das Bundesamt für Statistik die Resultate
seiner jüngsten Erhebungen als "sehr bedeutsam" an. Bei einer ähnlichen im
Jahre 1960 durchgeführten Umfrage hatte sich bei den Frauen dieser Altersgruppe
ergeben, daß sie im Durchschnitt 3,1 Kinder haben wollten. Die Durchschnittszahl der tatsächlich geborenen Kinder liegt mit 2,9 Geburten um 0,2 unter dem
erwarteten Durchschnitt. Zieht man diese 0,2

von der als Durchschnitt

errechneten Zahl bei den in diesem Jahr befragten amerikanischen Frauen ab,
so käme man auf 2,1 Geburten und damit auf eine Zahl, die den Bevölkerungszuwachs auf den Punkt Null brächte, wenn sie in den nächsten siebzig Jahren beibehalten wird.
Was bedeutet diese Statistik über die Zahl der zu erwartenden Geburten
nun für die Vereinigten Staaten? Als erste Auswirkung zeigt sich heute schon,
daß die Entbindungsstationen in den Krankenhäusern weniger überfüllt sind und
die Zahl der Schulanfänger in den Volksschulen etwas zurückgeht.
In einer Veröffentlichung der Weltbank, die sich ganz allgemein mit den
möglichen Auswirkungen eines geringeren Bevölkerungszuwachses befaßt, heißt
es: "Der sicherste, unmittelbarste und greifbarste Vorteil der Verlangsamung
der Bevölkerungszunahme ist das Anwachsen des pro Kopf-Einkommens. Die Probleme
der Arbeitslosigkeit und der Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen
werden durch einen Rückgang in der Geburtenzahl entschärft."
Ben

-2-

�Ben Wattenberg schreibt in einem in der amerikanischen Zeitschrift "World"
am 8. August 1972 veröffentlichten Artikel über die in den Vereinigten Staaten
sich mehr und mehr durchsetzende Form der kleineren Familie, daß "wir damit
rechnen können, daß die jungen Familien gesünder als heute sein werden - das
heißt, daß sie in der Lage sein werden, mehr Geld für ihre Wünsche als für ihre
direkten Bedürfnisse auszugeben."

Eine kleinere Familie, so fährt Wattenberg

fort, brauche auch nur eine kleinere Wohnung,und außerdem könne die Mutter einer
kleineren Familie leichter eine Beschäftigung finden - was wiederum zur Gründung
kleinerer Familien ermutigen werde.
Außerdem, so betont Wattenberg, werde sich das Verhältnis von "Steuerverzehrern" zu "Steuerzahlern" günstig verändern, da beispielsweise eine wachsende
Zahl von Schulkindern eine immer größere Zahl von Schulen und Lehrern brauche
und damit "Steuerverzehrer" sei.

•H-H-f

-3-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Information&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA warnen vor Kontrolle von Satellitensendungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Bush äußert Bedenken gegen sowjetischen Vorschlag -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanisch-sowjetisches Umweltabkommen bringt die Völker einander näher&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Hubert G. Collins&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte im Kampf gegen den internationalen Rauschgifthandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Ron Moxness&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die amerikanischen Einwanderungsgesetze&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Faire Behandlung aller ethnsichen Gruppen -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Ed Scherr&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Mehr Schwarze an amerikanischen Colleges&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Neuer Bericht des Amerikanischen Rates für Erziehung -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Howard W. Young&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das Absinken der Geburtenrate in den USA und seine Folgen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Mary Sherwood&lt;/em&gt;</text>
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                    <text>18. Oktober 1978

25

INHALT

DOKUMENTATION
Ansprache Präsident Carters zur Eröffnung der ägyptisch-israelischen
Verhandlungen in Washington
WIRTSCHAFT
Der Rahmen für die neue Exportpolitik der USA
- Von Unterstaatssekretär C. Fred Bergsten Die USA müssen mehr exportieren
- Von John J. Harter
HINTERGRUNDMATERIAL
Warnke gibt Leitung von SALT-Verhandlungen und ACDA auf
- Von unserem Korrespondenten Hugh 0. Muir Zwanzig Jahre US-Raumfahrtbehörde NASA
- Raumfahrt ohne Sensationen - Anwendungsbezogene Zukunftsprojekte WISSENSCHAFT UND TECHNIK
Hawaii nutzt vulkanische Wärmeenergie

Um Übersendung von
BckgcKcmplorcn wird
gebeten

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�1

Dokumentation

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

18. Oktober 1978

25

ANSPRACHE PRÄSIDENT CARTERS ZUR ERÖFFNUNG DER ÄGYPTISCH-ISRAELISCHEN
VERHANDLUNGEN IN WASHINGTON

WASHINGTON - (AD) - Präsident Jimmy Carter hat am 12. Oktober 1978 die
Friedensverhandlungen zwischen Ägypten und Israel, an denen unter anderem der
israelische Außenminister Moshe Dayan und der ägyptische Verteidigungsminister Kamal Hassan Ali teilnehmen, in einer feierlichen Zeremonie im Weißen
Haus eröffnet. Seine Eröffnungsansprache hat folgenden Wortlaut:
Meine Herren Minister, Herr Vizepräsident, Herr Außenminister, Freunde:
Seit 2000 Jahren haben die Menschen im Nahen Osten "Frieden, Frieden"
gerufen, wenn es dort keinen gab. Dieser von Unruhe heimgesuchte Boden hat
schwer unter der Last des Krieges gelitten. Aber vor nicht ganz einem Monat
haben Präsident Sadat von Ägypten und Ministerpräsident Begin die Chance
für einen echten Frieden herbeigeführt. In ihren Verhandlungen in Camp David
haben sie die Klugheit und den Mut gezeigt, die notwendig waren, um einen
Friedensrahmen im Nahen Osten zu schaffen.
Ein jeder, der wie sie davon träumt, die Spaltung und Verbitterung im
Nahen Osten zu beenden, wird sich mir anschließen, wenn ich ihre Vertreter

Postfach 20 0 3 0 0
D 5 3 0 0 Bonn 2

Tel: 0 2 2 2 1 - 8 9 3 2 4 0
Telex:08-85432

�Vertreter hier in Washington willkommen heiße, da sie ihre nächsten entscheidend wichtigen Schritte tun,um aus dem Rahmenabkommen ein dauerhaftes
Gebäude des Friedens zu machen.
Niemand, der um die Geschichte unserer eigenen Generation oder der dieses
Jahrhunderts, ja der vergangenen 20 und noch weiter zruückliegender Jahrhunderte weiß, kann sich der historischen Bedeutung dieses Ereignisses entziehen - des Augenblicks, in dem Ägypter und Israelis zusammenkommen, um
mit der Aushandlung der Bedingungen eines Vertrages zu beginnen, der in
praktischer und konkreter Weise Friedensbeziehungen zwischen ihnen festlegen
wi rd.
Unsere heutige Zusammenkunft gibt uns einen Maßstab für das, was erreicht wurde und das, was noch zu tun bleibt, um Frieden und Würde zu einer
Realität für alle Völker im Nahen Osten werden zu lassen.

Sicherlich haben

wir nicht alle Probleme gelöst, noch alle Risiken beseitigt.

Wir haben je-

doch Prinzipien und Verfahrensweisen für eine Lösung der vor uns liegenden
Verhandlungen geschaffen.
Erneut fordern wir Jordanien, die Bewohner des Westufers und des GazaStreifens und andere, die bereit sind, diese Chance zu ergreifen, auf, sich
uns in unseren Friedensbemühungen anzuschließen.
Die Alternative wäre der Fortbestand einer sinn- und ziellosen, gefährlichen Feindschaft und möglicherweise sogar ein weiterer Krieg.
Die Gespräche, die heute beginnen, befassen sich in erster Linie mit dem
Teil des Rahmenwerks von Camp David, der sich auf den Frieden zwischen Ägypten
und Israel bezieht, um die spezifischen Bedingungen festzulegen, unter denen
Ägypten die volle Ausübung seiner Autorität und Souveränität über den Sinai
übernehmen wird, gemäß denen die Sicherheit zwischen den beiden Staaten, den
beiden Völkern, gewährleistet wird und gemäß denen die beiden Länder als
friedliche Nachbarn zusammenleben und zusammenarbeiten werden.
Dieser

�Dieser Frieden zwischen diesen beiden großen Nationen muß die Grundlage
und der erste Schritt hin zu dem umfassenderen und noch größeren und noch
wichtigeren Ergebnis sein, das wir alle erstreben - eine umfassende und dauerhafte Friedensregelung zwischen Israel und all seinen Nachbarn.

Ein Friedens-

vertrag zwischen Ägypten und Israel sollte ergänzt werden durch Fortschritte
in der Erfüllung der Bedingungen des allgemeinen Rahmenabkommens von Camp
David, soweit es sich mit dem Westufer und dem Gaza-Streifen und einer gerechten Lösung der Palästinenserfrage in all ihren Aspekten befaßt.
In den Tagen nach Camp David wurden - wie wir gesehen haben - schwierige, aber wichtige Entscheidungen sowohl in Ägypten wie in Israel gefällt.
Entscheidungen, die den entschlossenen Einsatz der Führer, der Regierungen
und der Völker für diese große Anstrengung unter Beweis stellten, Entscheidungen, die ihre Bereitschaft und ihre Fähigkeit erweisen, die bestehende
Verpflichtung zum Frieden zu einer baldigen Realität werden zu lassen.
In seiner mitreißenden Zukunftsvision hat Präsident Sadat die Entschlossenheit seiner Nation zum Frieden noch klarer werden lassen, zu einem Frieden
nicht nur für die Ägypter, sondern für alle die in den jüngsten Konflikt verwickelt oder von ihm betroffen sind, zu einem Frieden, der die Antwort auf
ihr Verlangen nach einem Ende all des Blutvergießens und all der Zerstörung
gibt und der die legitimen Rechte all jener sichert, die gelitten haben oder
in Zukunft durch einen nie endenden Krieg leiden könnten.
In diesen Tagen hat Ministerpräsident Begin erneut seinen Mut und seine
staatsmännische Kunst unter Beweis gestellt und seine Entschlossenheit beim
Treffen sehr schwieriger Entscheidungen, die für den Frieden notwendig sind
und gefällt werden müssen.
Ich bin mir bewußt, wie hart und schwierig es für ihn gewesen ist, einige dieser Entscheidungen zu treffen und für die Mitglieder seiner Regierung
sich ihm darin anzuschließen.

Sie gehen ans Herz jedes israelischen Bürgers.

Die Entscheidungen der Knesset bestätigen, was wir in diesem Land immer ge-

- 3-

�gewußt und geglaubt haben, daß es Israels größter Wunsch ist, in Frieden
und gutnachbarlichen Beziehungen mit allen Ländern um Israel herum zu leben.
Die Vereinigten Staaten haben sich rückhaltlos verpflichtet, diesen Prozeß so lange durchzuhalten, bis jede Partei im arabisch-israelischen Konflikt
mit allen anderen in Frieden lebt.

Hier geht es zutiefst auch um unsere

eigenen nationalen Interessen.
Die Frage von Krieg oder Frieden im Nahen Osten berührt das Wohlergehen
eines jeden Amerikanern.

Aber darüber hinaus spricht der Generationen alte

Kreislauf von Tragödie und Leiden das moralische Gewissen der Amerikaner und
unser tiefes und ständiges Anliegen der Menschenrechte und der Verwirklichung
der menschlichen Möglichkeiten überall auf der Erde an.
Wir werden mit allen beteiligten Parteien Hand in Hand arbeiten, bis
die Arbeit getan und der Frieden gesichert ist.
Minister Moshe Dayan, Minister Kamal Hassan Ali, Minister Ezer Weizman,
Minister Boutros Ghali: das ägyptische Volk und das israelische Volk und die
Menschen überall auf der Erde sind jetzt auf Sie angewiesen. Unsere Unterstützung steht Ihnen zur Verfügung.
Mein persönliches Engagement ist Ihnen gewiß.
unsere Gebete begleiten Sie.
Ich danke Ihnen sehr.

+ + + + +

Unsere Hoffnungen und

�I

Wirt/chaft

I

International Communication Agency
Embassy of the United States of America

18. Oktober 1978

25

DER RAHMEN FÜR DIE NEUE EXPORTPOLITIK DER USA
- Von Unterstaatssekretär C.Fred Bergsten -

Der Unterstaatssekretär für Internationale
Angelegenheiten im amerikanischen Finanzministerium, Dr. C.Fred Bergsten, gehörte
der Arbeitsgruppe an, die die neue Exportförderungspolitik Präsident Carters entwickelt hat. In dem nachfolgenden Artikel,
der die Ausführungen Dr. Bergsten zu dieser neuen Politik vor einem Kongreßausschuß
am 29. September zusammenfaßt, versucht der
Autor den Rahmen und den Hintergrund des
neuen Programms aufzuzeigen.

Präsident Carter hat am 26. September 1978 eine neue Exportpolitik der
Vereinigten Staaten verkündet, und zwar aus zwei Gründen.
Erstens, eine größere Exportleitung ist ein integraler Bestandteil unserer
Gesamtanstanstrengungen zur Stärkung und Stabilisierung des Dollar auf den
ausländischen Devisenmärkten. Der Präsident hat persönlich und wiederholt seine
Besorgnis über den Dollar zum Ausdruck gebracht - nicht zuletzt vor der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank am 25. September. Eine

Postfach 20 03 00
D5300 Bonn 2

Tel: 02221-89 3240
Telex:08-85432

�Eine der Hauptursachen für die Schwäche des Dollar ist das große und wachsende Defizit in unserer Handelsbilanz und auf den laufenden Konten.

Der

konstruktivste Weg zum Abbau dieser Defizite ist eine Ausweitung der amerikanischen Exporte.
Dabei ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß die jüngsten Trends in der
Handelsbilanz und die weiteren Aussichten ermutigend sind.

In jedem der

letzten drei Quartale ist das Handelsdefizit gegenüber dem vorigen Quartal
um 500 Millionen Dollar zurückgegangen: von 3,1 Milliarden Dollar im Zeitraum
Dezember 1977 bis Februar 1978 auf 2,6 Milliarden Dollar im Zeitraum März
bis Mai 1978 und auf 2,1 Milliarden Dollar im Zeitraum Juni bis August 1978.
Im kommenden Jahr dürfte das laufende Defizit aufgrund des stärkeren
Wachstums im Ausland, des etwas langsameren Wachstums in den USA und der erhöhten Preiswettbewerbsfähigkeit amerikanischer Güter weiter zurückgehen.
Wir sind der Auffassung, daß der Rückgang des Defizits im Jahre 1979 etwa 30
bis 40 Prozent betragen könnte.

Andere Beobachter - wie etwa der Internationale

Währungsfonds, die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Morgan Guarantee and Trust Company - rechnen sogar mit
einem noch stärkeren Abbau des Defizits zwischen 50 und 67 Prozent.
Auf jeden Fall müssen die Vereinigten Staaten neue Exportinitiativen
ergreifen. Wir müssen sicherstellen, daß die jetzigen Trends auch anhalten.
Wir brauchen einen Fortschritt selbst über die optimistischsten Voraussagen
hinaus. Und wir müssen begreifen, daß - was immer das Ergebnis kurzfristig
sein mag - die amerikanische Exportleistung aus langfristigen Gründen wesentlich steigen muß.
Und das ist der zweite wesentliche Grund für unsere neue Exportpolitik.
Die Außenwirtschaftsposition der Vereinigten Staaten erfährt eine langfristige,
strukturelle Veränderung. Die starke Zunahme unserer Abhängigkeit von eingeführtem öl und - in geringerem Umfang - anderen Produkten bedeutet, daß der
Anteil der Importe an unserem Bruttosozialprodukt stark zugenommen hat. Des-

�Deshalb muß ein entsprechender Anstieg des Anteils der Exporte an unserem
Bruttosozialprodukt stattfinden - wo ein einziger Prozentpunkt heute über
20 Milliarden Dollar bedeutet, genug also, um unser

laufendes Defizit selbst

bei dem diesjährigen Rekordstand völlig abzubauen.
Das Handelsdefizit war seit langem abzusehen. Die Korrektur wird nicht
von heute auf morgen möglich sein. Aber was wir von den Devisenmärkten und
von unseren Handelspartnern deutlich zu hören bekommen ist, daß wir kraftvoll
und entschieden handeln müssen, um diese Korrektur vorzunehmen. Das neue Exportförderungsprogramm ist ein wichtiger Teil der Antwort der Regierung auf
diese Herausforderung.
Die Vereinigten Staaten hatten es einfach nie nötig gehabt, sich so um
die Exporte zu kümmern, wie andere Länder, Die meisten amerikanischen Hersteller waren damit zufrieden, den gewaltigen amerikanischen Binnenmarkt zu
beliefern,und haben sich niemals wirklich auf Exporte konzentriert. Unsere
wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit von der übrigen Welt zwingt uns heute
einfach dazu, uns mehr auf Exporte einzustellen - ebenso wie wir lernen müssen, mit der Energie sparsamer umzugehea und ebenso wie einige unserer wichtigen Handelspartner, vor allem Japan, sich mehr auf Importe einstellen müssen.
Die von Präsident Carter am 26. September verkündeten Maßnahmen bieten keine
rasche Lösung - aus dem einfachen Grunde, daß sie langfristige, strukturelle
Probleme ansprechen.
In den letzten zwei Jahrzehnten sind die amerikanischen Exporte nur halb
so rasch gewachsen wie die anderer Industrieländer. Im Jahre 1972 kamen die
Vereinigten Staaten mit 19,2 Prozent auf einen Tiefpunkt ihres Anteils am
Weltexport; 1975 war ein leichter Anstieg auf 21,2 Prozent zu verzeichnen und
seither ist unser Exportanteil wieder auf 18,9 Prozent zurückgegangen.
Im Gegensatz dazu ist es unseren Konkurrenten gelungen, eine reale
Wachstumsrate ihrer Exporte - selbst unter Ausschluß ihrer Exporte nach den
USA - von fast 4 Prozent jährlich seit 1974 zu erreichen, und das trotz einer

- 3 -

�einer weltweiten Verlangsamung des Wirtschaftswachstums.
Für diese Entwicklungen gibt es mehrere Gründe:

Unsere wichtigsten

Märkte, wie Kanada und Lateinamerika, hatten ein langsameres Wachstum als
die wichtigsten Märkte einiger unserer Hauptkonkurrenten.

Unterschiedliche

Wachstumsraten haben unserer Handelsbilanz rund 10 bis 15 Milliarden Dollar
gekostet.

Die wesentliche Aufwertung des Dollar im Jahre 1975 -

zu einer

Zeit, da unsere Inflationsrate höher lag als die anderer Länder - hat unsere
preisliche Wettbewerbsfähigkeit in der jüngeren Vergangenheit geschwächt;
das hat unserer Handelsbilanz etwa 5 bis 10 Milliarden Dollar gekostet.
Eine Reihe fortgeschrittener Entwicklungsländer, vor allem in Ostasien,
hat allen Industrieländern einen bedeutenden Marktanteil abgenommen.

Und

die Veränderung der Wechselkurse Ende 1977 und Anfang 1978 sind verzerrende
kurzfristige Handelsanteile, die sich wertmäßig ebenfalls in Dollar ausdrücken.

Aber unsere nationale Gleichgültigkeit gegenüber Exporten - sowohl

auf dem privaten Sektor wie in der amerikanischen Regierung - hat ohne Frage
ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt.

Eine solche Indifferenz können wir

uns heute einfach nicht mehr leisten.
Eine höhere Exportleistung der Vereinigten Staaten würde das Wachstum
unserer Wirtschaft anregen und Arbeitsplätze schaffen. Höhere Exporte würden dazu beitragen, den Wertverfall des Dollar aufzuhalten und damit die Inflation zu bekämpfen. Aber eine Steigerung der Exporte stellt eine große
Herausforderung an Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Regierung dar. Sie erfordert,
daß wir unsere Aufmerksamkeit auf viele Faktoren richten - einschließlich
Produktivität, preisliche Wettbewerbsfähigkeit, industrielle Innovation und
Initiative und wirtschaftspolitische Maßnahmen der Regierung.
Ein bestimmender Faktor für:die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit im
Ausland ist die Produktivität unserer Volkswirtschaft. Produktivität hängt
weitgehend von Neuinvestitionen ab. In den letzten fünf Jahren hat das Produktivkapital pro Arbeiter praktisch auf dem gleichen Stand stagniert, was

- 4 -

�was zu einem scharfen Absinken des Wachstums der Produktivität geführt hat.
Die in diesem Jahr von der Regierung dem Kongreß zugeleiteten Steuerempfehlungen sollen die Kapitalbildung und die nationale Produktivität anregen.
Ein weiterer bestimmender Faktor für die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit im Ausland ist die Inflationsrate.

Eine zu hohe Inflation in den USA

- vor allem im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland und zu Japan - hat
unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit ausgehöhlt.

Das Anti-Inflations-

programm des Präsidenten wird aus einem breit angelegten Fächer von Maßnahmen
zur Senkung der Inflationsrate bestehen.

In dem Maße, in dem diese Maßnahmen

greifen, wird sich unsere Handelsposition verbessern.
Die Vereinigten Staaten haben sich seit langem eines verhältnismäßigen
Vorteils bei hochtechnologischen Exporten erfreut. Um diesen Vorteil weiterhin sicherzustellen,haben wir eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die die öffentlichen und privaten Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen untersuchen
soll. Dabei soll vor allem geprüft werden, inwieweit die Forschungstätigkeit
durch amtliche Vorschriften und Bestimmungen behindert wird.
Wir ergreifen auch wichtige internationale Initiativen, um die Exportleistung der USA zu verbessern. Von anderen Ländern eingeführte Handelsbeschränkungen wirken sich negativ auf unsere Exportchancen aus. Zollschranken,
vor allem aber nicht-zollursächliche Handelsschranken verringern unsere Fähigkeit, neue Auslandsmärkte zu erobern und bestehende auszuweiten. Wir
haben uns bei den Miltilateralen HandelsVerhandlungen in Genf nachdrücklich
um einen Abbau dieser Handelsschranken bemüht. Der bisherige Fortschritt
in Genf ist ermutigend.
Ausländische Regierungen haben ihre Kreditgarantien und Subventionen
für ihre eigenen Exporteure verstärkt, was gelegentlich zu Lasten amerikanischer Exporteure geht.

Wir haben dieses Problem auf dreifache Weise auf-

gegriffen: Erstens, wir haben eine internationale Vereinbarung ausgehandelt,
die Richtlinien für die Regierungsfinanzierung von Exporten aufstellt. Zwei-

- 5 --

�Zweitens, in den Multilateralen Handelsverhandlungen verhandeln wir über
einen internationalen Kodex zur Einschränkung von Regierungssubventionen
für Exporte - um unfaire Konkurrenz auszuschalten.

Drittens, wenn die

Konkurrenz einer ausländischen Regierung bei der Exportfinanzierung nicht
eingeschränkt werden kann, dann werden wir entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen.
Verordnungen der amerikanischen Regierung selbst hatten ebenfalls eine
negative Auswirkung auf die Exportleistung.

Um verschiedenartige außen-

politische Ziele zu erreichen hat die amerikanische Regierung den Verkauf
bestimmter Waren an bestimmte Länder untersagt.

Diese Maßnahmen haben nicht

nur zu einer direkten Senkung des Absatzes geführt, sondern sie haben auch
einen negativen Einfluß auf den Absatz anderer, frei verkäuflicher Waren.
Die Vereinigten Staaten geraten in den Geruch, ein unzuverlässiger
Lieferant zu sein.

Der ausländische Käufer könnte sich zum Einkauf anderswo

entschließen, aus Angst, eines Tages von der Belieferung abgeschnitten zu
werden.

Die neue Exportpolitik sucht den negativen Einfluß solcher poli-

tischer Maßnahmen auf die Exporte auf die wenigen Fälle zu beschränken,
in denen lebenswichtige nationale Interessen auf dem Spiele stehen.
All diese Bemühungen sind wichtige Elemente unseres Versuches die Exporte zu steigern. Aber sie genügen für sich allein noch nicht. Dem Export
muß größerer Vorrang eingeräumt werden.
Im politischen EntScheidungsprozeß der Vereinigten Staaten werden die
Belange des Exports häufig anderen nationalen Zielsetzungen untergeordnet.
Auch die Unternehmer räumen dem Export nur zu oft eine unzureichende Priorität ein. Zu viele Unternehmen sind der Meinung, es sei nicht der Mühe
wert, zu exportieren.
Veränderungen in der Weltwirtschaft während des letzten Jahres haben
zu einem grundlegenden Wandel der Verhältnisse geführt.

- 6 -

Die amerikanische

�amerikanische Geschäftswelt muß sich dieser veränderten Bedingungen bewußt
werden.
Erstens, das Absinken des Wertes des Dollar im Verhältnis zu den Währungen einiger unserer wichtigen Handelspartner hat die preisliche Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Waren augenfällig erhöht.

Amerikanische Her-

steller, die noch vor einem Jahr nicht konkurrieren konnten, könnten jetzt
eine echte Wettbewerbschance haben.

Dies gilt vor allem in der Bundesre-

publik Deutschland und in Japan, aber auch gegenüber den Erzeugnissen dieser
Länder auf Drittmärkten.
Zweitens, die Lohnkluft zwischen amerikanischen Arbeitern und Arbeitern
in anderen Ländern beginnt sich zu schließen. Es ist für viele Erzeugnisse
nicht mehr billiger, sie im Ausland herstellen zu lassen und sie dann in
die Vereinigten Staaten zu importieren, In Japan sind die Löhne von 53
Prozent der amerikanischen Löhne im Jahre 1977 auf 72 Prozent im August 1978
gestiegen. Die Löhne in der Bundesrepublik Deutschland liegen in einigen
Industriezweigen heute schon auf der gleichen Höhe oder sogar über den amerikanischen Löhnen. Das ist ein wichtiger Faktor, den amerikanische und
ausländische Unternehmen in Rechnung stellen, wenn sie sich überlegen, ein
neues Werk in den Vereinigten Staaten oder anderswo zu errichten.
Drittens, was wir tun ist richtig.

Rund 100 amerikanische Firmen haben

wesentliche Anteile am Weltmarkt erobert. Der Anteil der Exporte an unserem
Bruttosozialprodukt ist in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen - von
4,1 Prozent im Jahre 1971 auf 6,4 Prozent im Jahre 1977. Aber dieser Anteil muß noch weiter steigen. Jeder Prozentpunkt wird weitere 20 Milliarden Dollar an Exporten bringen - wie schon gesagt, genug, um unser derzeitiges laufendes Defizit zu beseitigen.
Unser Zahlungsbilanzdefizit der laufenden Konten ist ohne Frage zu hoch.
Die jüngsten Wechselkursänderungen haben eine gewisse Entlastung gebracht,
aber es sind weitere öffentliche und private Maßnahmen notwendig.

- 7 -

Diese

�Diese Maßnahmen müssen direkt auf unsere Handelsprobleme ausgerichtet sein
- seien es die ülimporte, die zu hohe Inflation in den Vereinigten Staaten
oder das unzureichende Wachstum der Exporte.

Die neue Exportförderungspo-

litik ist ein entscheidend wichtiges Element dieser Gesamtstrategie.

+ + + + +

�I

Hfl
•1
I 3

Wirt/chcift
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

18. Oktober 1978

25

DIE USA MÜSSEN MEHR EXPORTIEREN
Von John J. Harter

WASHINGTON - (AD) - Die Vereinigten Staaten müssen stärker exportorientiert werden, um das Defizit in der Zahiungs- und Handelsbilanz aufzufangen.

Diese Auffassung vertrat der Unterstaatssekretär für Industrie

und Handel im amerikanischen Handelsministerium,

Frank A. Weil, in einem

Exklusivinterview mit dem Korrespondenten des US-Amtes für Internationale
Kommunikation (USICA), John J. Harter.
"Der frühere hohe Stand unserer Einfuhren hat unsere Mittel nicht so
sehr belastet", so erklärte Weil, "aber die Situation hat sich seit 1973
mit dem starken Anstieg der Kosten für Importöl verändert. Diese und andere Veränderungen in der Weltwirtschaft erfordern einige tiefe Änderungen
in der Haltung von uns allen. Früher wurde von den Unternehmern und der
Regierung in den Vereinigten Staaten den Exporten eine niedrige Priorität
eingeräumt. Das muß geändert werden."
Weil äußerte sich zuversichtlich, daß das amerikanische Handelsdefizit im Jahre 1979 bedeutend niedriger als in den beiden vorangegangenen
Jahren sein werde. Nach seiner Ansicht wird das beschleunigte Wirtschaftswachstum in den anderen größeren Industriestaaten die Nachfrage nach ame-

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Telex:08-85432

�amerikanischen Handelsgütern steigern.

Diese Tendenz werde durch den wach-

senden Preisvorteil verstärkt, den die amerikanischen Erzeugnisse auf den
ausländischen Märkten aufgrund der jüngsten Wechselkursveränderungen und der
neuen von Präsident Carter am 26. September angekündigten amerikanischen Exportförderungsmaßnahmen geni eßen.
Die Vereinigten Staaten, so versicherte Weil, dürften in ihren Anstrengungen nicht nachlassen.

"Dies war die fünfte Ankündigung von Exportförde-

rungsmaßnahmen durch einen amerikanischen Präsidenten seit 1953 und die vier
vorigen verliefen nach etwa einem Jahr im Sande."

Bei den früheren Anstren-

gungen, so fügte Weil hinzu, habe sich das finanzielle Klima nach etwa einem
Jahr verändert und die Notwendigkeit für handelspolitische Maßnahmen sei mehr
oder weniger geschwunden.

Im Gegensatz zu heute seien jedoch damals die

Zahlungsbilanzprobleme der Vereinigten Staaten durch einen übermäßigen Kapitalabfluß gegenüber dem Kapitalzustrom entstanden, der zum Teil durch einen
Handelsüberschuß finanziert worden sei. Zum Unterschied dazu existiere heute ein Handelsbilanzproblem, das durch einen hohen Überhang der Importe an
Gütern und Dienstleistungen gegenüber den Exporten gekennzeichnet werde.
In der Vergangenheit hätten die Vereinigten Staaten irrtümlicherweise
versucht, eine Handels- oder Exportlösung für ein Problem zu finden, das
im Grunde ein finanzielles Problem war. Dieses Mal, so betonte Weil, "darf
der Wille zur Fortsetzung dieser Anstrengung nicht nachlassen, denn dieses
Mal haben wir ein echtes Handelsdefizit, das eine Lösung durch Handel erfordert - und ein Problem, mit dem wir noch eine ganze Reihe von Jahren
zu kämpfen haben werden, gleichgültig, was wir tun."
Die jetzt notwendige Exportanstrengung müsse lange mit vollen Segeln
fahren und müsse echte Wurzeln schlagen.
"Im übrigen", so fuhr Weil fort, "ist das Handelsdefizit einer der
Hauptfaktoren, die zur Inflation beitragen, denn so wie der Kurs des Dollar
sinkt - das ist eines der Ergebnisse - so steigen die Preise für landwirt-

- 2 -

�landwirtschaftliche Erzeugnisse, was den Wettbewerbsdruck von den amerikanischen Erzeugnissen nimmt.

Es ist also so, um ein anderes Beispiel zu

nehmen, daß nicht nur die japanischen Autos teurer werden, sondern alle
Autos".
Weil vertrat die feste Überzeugung, daß das Exportförderungsprogramm,
wenn es durchgehalten werde, eine Änderung bringen könne.
"Sicherlich werden wir durch das Exportförderungsprogramm nur die Marge
verändern", so räumt Weil ein, "aber wir brauchen die Marge gar nicht so
sehr verändern, um ein ganz anderes Bild zu bekommen. Wenn die Vereinigten
Staaten beispielsweise zwischen 1974 und 1977 ihren Anteil an den Weltmärkten aufrechterhalten hätten - wenn wir die gleiche Wachstumsrate der Exporte
erlebt hätten wie die übrige Welt - dann hätten wir 1977 rund 14 Milliarden
Dollar mehr Exporte gehabt als wir tatsächlich hatten."
Die Vereinigten Staaten haben nach Auffassung Weils ihren Anteil an den
Weltmärkten hauptsächlich deshalb eingebüßt, "weil die übrige Welt, getrieben von der Notwendigkeit, für ihre ölimporte zu bezahlen, aggressiv nach
Exportmärkten gesucht hat."
Das neue Exportförderungsprogramm werde jenen Sektoren der amerikanischen
Wirtschaft neue Anstöße geben, die normalerweise nicht an Exporte denken,
weil sie damit beschäftigt sind, den gewaltigen amerikanischen Binnenmarkt
zu bedienen. "Wenn wir die kleineren Unternehmen nicht auf den Geschmack
bringen und es ihnen leichter machen, ins Ausland zu exportieren, dann werden
sie es erst gar nicht versuchen."
Zu dem neuen Exportförderungsprogramm, das Präsident Carter am 26. September 1978 verkündete, gehört ein Computer-gespeichertes Informationssystem, das kleineren und mittleren Unternehmen Informationen über Absatzmöglichkeiten im Ausland zugänglich macht.

Das Amt zur Förderung kleinerer

Unternehmen (Small Business Administration) wird ferner zusätzliche Mittel

- 3 -

�Mittel bereitstellen - bis zu 100 Millionen Dollar - um Kleinunternehmen
Anlaufkredite für den Einstieg in ausländische Märkte zu gewähren. Ein
wichtiger Punkt ist auch die Ausweitung der Kredittätigkeit der US-ExportImport-Bank.

"Wenn man zusammennimmt, was eine ganze Reihe von Firmen tun kann", so
betonte Weil abschließend, "und wenn jede Firma nur ihre Exporte um ein paar
tausend Dollar erhöht - dann wird sich das auf einige Milliarden Dollar an
neuen Exporten belaufen."

+ + + + +

- 4 -

�1

a

I

IKJInternational Communication Agency
Embassy of the United States of America
18. Oktober 1978

25

WARNKE GIBT LEITUNG VON SALT-VERHANDLUNGEN UND ACDA AUF
- Von unserem Korrespondenten Hugh 0. Muir -

WASHINGTON - (AD) - Der Chef der amerikanischen Delegation bei den
Verhandlungen mit der Sowjetunion über ein Abkommen zur Begrenzung der strategischen Rüstungen (SALT), Botschafter Paul Warnke, wird von seinem Posten
zurücktreten, nachdem er an einer weiteren Runde von SALT-Verhandlungen, die
am 21. oder 22. Oktober auf hoher Ebene in Moskau beginnen soll, teilgenommen
hat.
Für den Rücktritt Warnkes als ChefUnterhändler und als Direktor des
Amtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA) gab das Weiße Haus in einer
Erklärung vom 10. Oktober "persönliche Gründe" an. Präsident Carter habe
das Rücktrittsgesuch angenommen, so heißt es weiter in der Bekanntgabe, und
hervorgehoben, daß Warnke durch sein Wirken die Sicherheit der Vereinigten
Staaten gestärkt und einen wesentlichen Beitrag zum Weltfrieden geleistet
habe.
In der Erklärung des Weißen Hauses wird mitgeteilt, daß Warnke zusammen
mit dem amerikanischen Außenminister Vance nach Moskau zu den zwei- bis dreitägigen SALT-Verhandlungen mit hohen sowjetischen Vertretern reisen werde
und "kurz danach seinen Posten verlassen wird."
Gegenüber

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�Gegenüber Journalisten, die ihn am gleichen Tag in Washington interviewten, antwortete Warnke auf die Frage, ob er glaube, daß bei den bevorstehenden Verhandlungen in Moskau ein endgültiges Abkommen Zustandekommen
werde, das wäre möglich, aber es sei durchaus nicht sicher.

Jedenfalls

hoffe man, daß die SALT-Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluß gelangen werden.
In einer Fernsehpressekonferenz am 10. Oktober wies Präsident Carter
nochmals darauf hin, daß Botschafter Warnke den Posten des Chefs der amerikanischen Delegation bei den SALT-Verhandlungen und das Amt des Direktors
des US-Amtes für Rüstungskontrolle und Abrüstung im März 1977 mit dem Vorbehalt übernommen habe, daß "er sie nur für einen begrenzten Zeitraum ausüben könne."
Damals, so sagte Carter, habe man geglaubt, noch im Jahre 1977 zu einem
SALT-Abkommen zu gelangen, das sich an das SALT-I-Interimsabkommen anschließen
sollte, das am 3. Oktober 1977 auslief.
Warnke habe die Verhandlungen dann weiter geführt, so sagte Carter,
doch vor einigen Monaten ihm (Carter) gegenüber erklärt, er würde aus persönlichen Gründen gerne seinen Posten niederlegen. Er habe ihn dann dazu bewogen, im Amt zu bleiben.
Carter, der abschließend bestätigte, daß Warnke nunmehr nach den Verhandlungen in Moskau zurücktreten werde, gab sein Bedauern darüber mit den
Worten Ausdruck: "Ich wünschte, er bliebe. Er ist ein sehr guter Mann."
Warnke hatte die Doppelaufgabe als ACDA-Direktor und Leiter der amerikanischen SALT-Delegation übernommen, nachdem es im Kongreß wegen seiner Ernennung einige Kontroversen gegeben hatte.
Verschiedene Senatoren hatten sich der Ernennung wegen seiner angeblich
zu "liberalen Neigungen" widersetzt.

Konservative Kreise waren der Ansicht,

- 2 -

�Ansicht, daß er den Sowjets bei den Verhandlungen um ein neues SALT-Abkommen
zu große Zugeständnisse machen würde.

Das Abstimmungsergebnis von 58 zu 40,

mit dem der Senat ihn bestätigte, wurde als Zeichen für die Stärke der gegen
ihn gerichteten Stimmen gewertet.
Warnke nahm in seinen Äußerungen gegenüber den Journalisten auf dieses
Verhältnis Bezug und erklärte mit Nachdruck, daß es keinerlei Druck irgendwelcher Art gegeben habe, der ihn zu seinem Rücktritt bewog.

Sein Entschluß

sei gänzlich aus eigenem Antrieb gekommen.
Er habe gewiß nicht die Absicht»mit seinem Rücktritt sozusagen in der
Versenkung zu verschwinden, so führte Warnke weiter aus, vielmehr werde er
sich mit aller Kraft für den Vertrag einsetzen und ihn bei jenen, die über
ihn zu entscheiden haben, vertreten.
über die Frage, wer diese Entscheidung fällen wird, hat Präsident Carter
noch nicht endgültig entschieden.

Auf seiner Pressekonferenz deutete er

allerdings an, daß es wahrscheinlich der Senat und nicht der Kongreß als Ganzes sein werde.
Auf die direkte Frage, ob er das zu erwartende SALT-II-Dokument dem
Kongreß als Vertrag vorlegen werde, für den nur eine Zwei drittel-Zustimmung
durch den Senat erforderlich wäre, oder als ein Exekutiv-Abkommen, das der
Billigung durch eine Mehrheit sowohl des Senats wie des Repräsentantenhauses
bedürfte, erklärte der Präsident: "Ich habe noch nicht entschieden, wie ich
das Abkommen oder den Vertrag dem Kongreß vorlegen werde. Ich glaube es
wird davon abhängen, wann es zum Abschluß kommt. Vorziehen würde ich es jedoch, es als einen Vertrag vorzulegen."
über einen Nachfolger für Botschafter Warnke ist noch nichts bekannt.
In Kreisen der Administration wurde geäußert, daß man mit der Nominierung
eines neuen Direktors für das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung warten
wolle, bis der Ratifizierungsprozeß von SALT-II abgeschlossen sei, um eine
- 3 -

�eine sich überschneidende oder vorzeitige Debatte der SALT-Probleme zu vermeiden.

In der Zwischenzeit dürfte der Stellvertreter Warnkes, Spurgeon

Keeney, die Leitung des ACDA übernehmen und dem amerikanischen Verteidigungsminister,Harold Brown, die führende Rolle bei den Bemühungen der Administration zufallen, die Unterstützung des Kongresses für die Ratifizierung der aus
den SALT-II-Verhandlungen erwachsenen Ergebnisse zu gewinnen.
Wenn es gegen Ende dieses Monats in Moskau zu einem entscheidenden Durchbruch kommt, dann besteht nach Ansicht amtlicher Kreise in Washington die
Möglichkeit, daß noch vor Ende dieses Jahres ein Carter-Breschnew-Gipfeltreffen stattfinden und der SALT-II-Vertrag dem Kongreß Anfang 1979 vorgelegt wird.
Warnke, dessen "Mut und Sachverstand" mitgeholfen haben, ein neues SALTAbkommen in greifbare Nähe zu bringen und der, wie es in der Erklärung des
Weißen Hauses weiter heißt, auch auf vielen anderen Gebieten der Rüstungskontrolle solide Fortschritte erzielen konnte, tritt wieder als Partner in
ein großes Washingtoner Anwaltsbüro ein.
Wie er abschließend vor der Presse betonte, tue er das "einzig und allein
aus persönlichen Gründen."

Er bedaure diese Notwendigkeit, habe aber wirk-

lich keine andere Wahl.

+ + + + +

- 4 -

�18. Oktober 1978

25

ZWANZIG JAHRE US-RAUMFAHRTBEHÖRDE NASA
Raumfahrt ohne Sensationen - Anwendungsbezogene Zukunftsprojekte

WASHINGTON - (AD) - Anläßlich des 20. Jahrestages der Gründung der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde (NASA) am 1. Oktober 1978 besuchte
Präsident Jimmy Carter das John F. Kennedy-Raumfahrtzentrum in Kap Canaveral
(Florida), Vor ca. 5000 NASA-Mitarbeitern umriß der Präsident künftige Zielsetzungen des amerikanischen Raumfahrtprogramms. In zunehmendem Maße werden
direkte Ergebnisse von Raumfahrtaktivitäten und Nebenprodukte der Raumfahrttechnik in den Alltag integriert - kaum jemand frage mehr danach, wie sie
zustande kamen. Bei den amerikanischen Zukunftsprojekten stehe der praktische
Nutzen im Vordergrund, was jedoch nicht heiße, daß die weitere Erforschung
unseres Planetensystems, der Sonne und des Universums vernachlässigt würden.
Für die achtziger Jahre sind gerade auf diesen Gebieten von den USA neue,
wichtige Missionen geplant.
In der Politik spielen Satelliten bereits eine bestimmende Rolle. Wie
Präsident Carter erklärte, leisten fotografische Aufklärungssatelliten "einen
unermeßlichen Beitrag zur Sicherheit aller Nationen". Sie seien ein bedeutsamer Stabilisierungsfaktor z.B. in Fragen im Zusammenhang mit der Überwachung
von Vereinbarungen über die Rüstungskontrolle geworden. Jody Powell, der

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�der Sprecher des Weißen Hauses, wies gegenüber Journalisten darauf hin,
daß mittels der dabei angewandten Technik die Vereinigten Staaten in der
Lage seien, die Einhaltung der Bedingungen eines solchen Abkommens zu verifizieren, "ohne auf den guten Willen der anderen Partei angewiesen zu
sein",

Inspektionen an Ort und Stelle zuzulassen.

In seiner Ansprache erinnerte Präsident Carter an die gewaltige Gemeinschaftsleistung der amerikanischen Nation, ohne die der Erfolg der letzten 20 Jahre nicht denkbar gewesen sei.

Tausende von Wissenschaftlern,

Ingenieuren, Facharbeitern und Experten hätten unmittelbare Beiträge geleistet.

Alles in allem wurden bisher etwa 100 Milliarden Dollar investiert.

Der Start des sowjetischen Sputnik I vor 21 Jahren habe den Anstrengungen
der USA einen unerhörten Auftrieb gegeben.

"Wir haben die Herausforderung

angenommen und sind in der Tat noch ein gutes Stück weitergegangen.

Als

Amerikaner können wir stolz auf unsere Leistungen und darauf sein, was sie
nicht nur unserem eigenen Land, sondern der ganzen Welt gebracht haben",
so sagte Carter.
Man spreche oft von Fortschritt. Aber in dem gesamten Erfahrungsbereich von Wissenschaft und Technik gebe es nichts, was mit den riesigen
Schritten vergleichbar wäre, die in den nur zwei Jahrzehnten des Raumfahrtzeitalters gemacht worden sind. "Menschen wurden auf die Reise um die Erde
und zum Mond geschickt. Wir haben Maschinen in Umlaufbahnen um Erde, Mond,
Sonne und den Planeten Mars gebracht. Wir haben gelernt, im Weltraum zu
manövrieren, Raumschiffe im Weltraum aneinanderzukoppeln, und uns sogar frei
im Weltraum zu bewegen. An Bord des SKYLAB lernten wir, über viele Wochen
im gewichtslosen Zustand zu leben und zu arbeiten. Mit wissenschaftlichen
unbemannten Satelliten begannen wir, die inneren und äußeren Planeten unseres Sonnensystems zu erforschen. Zwei VIKING-Sonden senden seit mehr als
zwei Jahren wertvolle wissenschaftliche Daten von der Marsoberfläche.
PIONIER 10 flog am Jupiter vorbei und befindet sich jetzt auf dem Weg in den
interstellaren Raum - das erste Produkt von Menschenhand, das unser Sonnensystem verläßt. Seine Flugzeit könnte einen längeren Zeitraum umfassen, als

- 2 -

�als es möglicherweise der Lebensdauer der Zivilisation entspricht, die ihn
auf den Weg schickte.

Seinen Zielort kennen wir nicht.

Aber wie das gesamte

Unternehmen und die Anstrengungen um die Erforschung des Weltraums ist er ein
Symbol für menschliche Neugier, menschliche Erfindungsgabe und den so menschlichen Wunsch, mit anderen vernunftbegabten Lebewesen in Verbindung zu treten ."
Zwar sei das APOLLO-Projekt mit dem Ziel, Menschen zum Mond und wieder
sicher zurück zur Erde zu bringen, auch eine Sache des nationalen Prestiges
gewesen, erklärte der Präsident. "Aber dabei machten wir eine interessante
Erfahrung. Wir blickten mit den Augen der Astronauten und ihren Kameras
zurück zur Erde, die über dem fremdartigen Mondhorizont im pechschwarzen
Himmel schwebte. Wir sahen unsere Welt als kleine, zerbrechliche Kugel im
Wechselspiel ihrer Farben - aber wir sahen unseren Planeten ohne nationale
Grenzen ... Von allem, was wir durch die Erforschung des Weltraums gelernt
haben, war nichts so wichtig wie die Erkenntnis, daß diese unsere Welt eine
Wesenseinheit bildet."
Die erste große Ära der Raumfahrt sei vorüber, erklärte der Präsident,
aber die Zukunft werde nicht minder wichtige Entwicklungen bringen. Das
Herzstück der "zweiten Generation" von Raumfluggeräten, der wiederverwendbare Raumtransporter, ermöglicht mit 32 Tonnen Nutzlast regelmäßige Routineflüge mit den verschiedensten Aufgabenstellungen, was auch unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität attraktiv sein werde. Regierungen, Astronauten, Institute und die Industrie anderer Länder sind an dem Projekt direkt beteiligt. Die Raumfahrt-Investitionen begännen sich in zunehmendem Maße bezahlt
zu machen.
Wie Präsident Carter weiter berichtete, werden Nachrichtensatelliten
weiterentwickelt und noch leistungsfähiger gemacht, die bereits zuverlässige
und billige Nachrichtenverbindungen weltweit und Sofort ermöglichen.
Sie haben abgelegene Gebiete aus der Isolation geholt.
Wetterbeobachtungssatel1i ten

- 3 -

�Wetterbeobachtungssatelliten haben schon Milliarden Dollar einsparen
helfen und durch frühzeitige Warnung vor Wirbel stürmen und Überschwemmungen
Tausenden von Menschen das Leben gerettet.

Sie sollen ebenso weiterentwickelt

und noch verbessert werden wie die amerikanischen Satelliten zur Fernerkundung der Erde.

Die "Dienste" dieser Raumfahrtgeräte nehmen auch zahlreiche

andere Länder in Anspruch.

Auf diese Weise werden Untersuchungen auf den Ge-

bieten Geologie und Lagerstättenforschung, Ökologie, Land- und Forstwirtschaft, Kartographie, Raumordnung, Wasserwirtschaft, Erforschung und Überwachung der Meere wie z.B. hinsichtlich der Gefahren durch Eisberge oder großflächige Verschmutzung, ferner im Interesse der Bodennutzung, des Verkehrswesens oder der richtigen Standortwahl für neue Industriebetriebe wesentlich
erleichtert.
Raumfahrttechnische Großprojekte wie industrielle Fabrikation, oder die
Montage riesiger Konstruktionen im Weltraum, die als Solarkraftwerke arbeiten, den erzeugten Strom in eine andere Energieform umsetzen, welche zur Erde übertragen und hier wieder in Strom zurückverwandelt werden kann, sollten
nach Ansicht Präsident Carters zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht forciert
werden.

"Meines Erachtens ist es zu früh, auf solchen Gebieten schon natio-

nale Verpflichtungen einzugehen.

Aber wir werden die dafür erforderliche

Technologie weiterentwickeln und die jetzt notwendigen Schritte unternehmen,
um uns die Möglichkeiten für die Zukunft offenzuhalten."
Die wissenschaftlichen Projekte für die achtziger Jahre werden die
direkte Erkundung des Sonnensystems mit automatischen Geräten fortsetzen.
Mars und Venus, Jupiter und seine Monde, Saturn mit seinen Monden und Ringen
sowie Kometen und Asteroide werden Beobachtungsprojekte sein. Zu den neuen
Aufgaben gehören auch Untersuchungen der Sonne aus einer neuen Perspektive
- ein amerikanischer Forschungssatellit, an dessen Ausrüstung Wissenschaftlergruppen des Auslandes beteiligt sind, wird in eine Flugbahn gebracht,
die ihn über die Pol gebiete der Sonne führt.
blieb dem Menschen bisher verwehrt.

Der Blick in diese Regionen
Der

- 4 -

�Der Start des 10 Tonnen schweren Weltraumteleskops im Jahre 1983, das
die Erde in 480 km Höhe umkreisen soll, dürfte der astronomischen Forschung
einen großen Auftrieb geben.

"Vermutlich können die damit gewonnenen Er-

kenntnisse", so Präsident Carter, "uns in unserem Verstehen der tatsächlichen
Natur von Materie, Energie und Zeit in einer Weise voranbringen, die wir uns
heute noch gar nicht vorzustellen vermögen."
Die nächste Generation amerikanischer Raumfluggeräte werde auch Art
und Größenordnungen der amerikanischen Interessen und Bedürfnisse als die
einer lebendigen, verantwortlichen und freien Gesellschaft widerspiegeln,
erklärte der Präsident. "Diese Raumfahrtaktivitäten werden nicht für sich,
sondern an all dem gemessen, was die Bedürfnisse unseres Landes ausmacht.
Wir werden andere Länder ermutigen, sich an der Arbeit und an den daraus
zu gewinnenden Vorteilen zu beteiligen. Die führende Rolle der Vereinigten
Staaten in der Raumfahrt werden wir nicht aufgeben."

- 5 -

�I

Wi//en/chaft
und Technik
International Communication Agency
Embassy of the United States of America

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�Da die Hawaiische Inselkette durch vulkanische Eruptionen entstand, vermuten
die Wissenschaftler noch mehr solcher "Heißwasserboiler" im Untergrund.
Das z.Zt. gebaute Versuchskraftwerk soll 1980 in Betrieb genommen werden.
Später hofft man größere Generatoren (für zunächst 23 Megawatt, später 500
Megawatt Stromleistung) installieren zu können und außerdem Unternehmen, die
in der Tiefsee Manganknollen fördern, dafür zu interessieren, in der Nähe des
Geothermalkraftwerks Verarbeitungsbetriebe zu errichten.
Das Kilauea-Projekt ist eines von fünf amerikanischen Erdwärmekraftwerken,
die zur Zeit mit staatlicher Förderung errichtet werden und sich in verschiedenen Aufbaustadien befinden.

Zusammen mit der Privatwirtschaft entwickelte

das amerikanische Energieministerium neben Hawaii die Projekte Imperial Valley
(Kalifornien), Roosevelt Hot Springs und Raft River (beide Bundesstaat Utah)
und Valles Caldera (Neu-Mexiko).

"Wir hoffen", so Arthur Follett von der Ab-

teilung Geothemische Energie des Energieministeriums, "bis 1985 in den Vereinigten Staaten 3000 bis 4000 Megawatt Strom aus Erdwärme erzeugen zu können."
Damit könnte der Elektrizitätsbedarf von drei bis vier Millionen Menschen gedeckt werden.
An jedem Standort sind allerdings andere technische Probleme zu lösen.
Während es sich am Kilauea um verhältnismäßig "sauberes" Heißwasser handelt,
enthalten die meisten Thermalquellen Beimengungen von Schwefel, Salzen und
anderen korrodierenden Substanzen in unterschiedlichen Konzentrationen. Sie
müssen weitgehend entfernt werden, um Schäden an den Maschinen und an der Umwelt zu verhindern. Wissenschaftler und Ingenieure des amerikanischen Energieministeriums arbeiten beispielsweise z.Zt. an der Entwicklung effektiverer Verfahren zur Abscheidung von Schwefelwasserstoff aus dem Thermalwasser der
kalifornischen Wärmekraftwerke.
Im Gegensatz zu Hawaii müssen die meisten arideren Anlagen mit "kühlerem"
Wasser arbeiten.

Es kommt mit nur etwa 150 Grad Celsius aus der Erde, so daß

wirksamere Systeme für die Umwandlung von Wärme- in elektrische Energie gefun-

- 2 -

�gefunden werden müssen, um die Quelle optimal zu nutzen.

Inzwischen hat

das amerikanische Energieministerium auch umfangreichere Projekte in Zusammenarbeit mit interessierten Stellen in Italien, Frankreich, der Bundesrepublik
Deutschland, Island, Japan, Neuseeland und El Salvador in Angriff genommen.

+ + + + +

3 -

�</text>
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                <text>Amerikadienst 18.10.1978</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ansprache Präsident Carters zur Eröffnung der ägyptisch-israelischen Verhandlungen in Washington&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Rahmen für die neue Exportpolitik der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von Unterstaatssekretär C. Fred Bergsten -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die USA müssen mehr exportieren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von John J. Harter -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warnke gibt Leitung von SALT-Verhandlungen und ACDA auf&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Von unserem Korrespondenten Hugh O. Muir -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Zwanzig Jahre US-Raumfahrtbehörde USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Raumfahrt ohne Sensationen - Anwendungsbezogene Zukunftsprojekte -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wissenschaft und Technik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hawaii nutzt vulkanische Wärmeenergie</text>
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                    <text>AMERIKA DIENST
^7

et

38

1 8 . O k t o b e r 1989

I N H A L T

DOKUMENTATION
Die NATO und die deutsch-amerikanische Partnerschaft
- Rede des Gesandten George F. Ward Baker sieht Rute Aussichten für verbesserte amerikanisch-sow.jetische
BeziehunRen
- Rede vor der Foreign Policy Association -

HINTERGRUND
Programme für die Armen in Amerika
- Zweiter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen -

* * * * *

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�AMERIKA DIENST
Dokumentation
38

18. Oktober 1989

DIE NATO UND DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHE PARTNERSCHAFT
VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT
- Rede des Gesandten George F. Ward BONN - (AD) - Dem Gesandten der amerikanischen Botschaft in Bonn, George F.
Ward, zufolge ist die deutsch-amerikanische Partnerschaft ein "grundlegender
und unverzichtbarer Teil der Erfolgsgeschichte der NATO". Vor der Deutschen
Atlantischen Gesellschaft erklärte Ward am 17. Oktober 1989, gerade in der
heutigen Zeit mit ihren vielen Veränderungen sei es noch wichtiger, daß Deutsche und Amerikaner enger als je zuvor zusammenarbeiten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Gesandten im Wortlaut (es gilt
das gesprochene Wort).

Ich freue mich, heute abend als Vertreter von Botschafter Walters hier
anwesend sein zu dürfen. Botschafter
Walters bedauert sehr, nicht selbst
zu Ihnen sprechen zu können. Er wurde kurzfristig nach Washington gerufen. Ich weiß, wie sehr er sich darauf gefreut hatte, diesem besonderen
Zuhörerkreis seine Gedanken über die
Leistungen der NATO und die deutschamerikanische Partnerschaft innerhalb
der NATO mitteilen zu können.
Ich sage ganz bewußt "dieser besondere Zuhörerkreis", weil die Deutsche
Atlantische Gesellschaft seit langem
die Bedeutung der NATO erkannt hat.
Gegründet in der frühen Nachkriegszeit von Männern mit Weitblick und
Überzeugung - wie Sie, Herr Dr. Jaeger - , hat diese Organisation eine

United States Information Service
Embassy of the United States of America

lange,
verdienstvolle
Geschichte.
Die Deutsche Atlantische Gesellschaft
und andere derartige Organisationen
haben über die Jahre hinweg eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der
öffentlichen Unterstützung für die
NATO gespielt. Deutsche und Amerikaner, Bürger anderer westeuropäischer
Staaten - und selbst die Europäer in
Budapest, Warschau, Prag und Ostberlin
haben Grund, für Ihren Beitrag
zur Sache des Friedens und der Freiheit zutiefst dankbar zu sein. Ich
danke Ihnen für Ihre Bemühungen.

Die Leistungen der NATO
Wir alle haben Grund, auf die Geschichte der NATO stolz zu sein.
Bisweilen kommt es mir so vor, als

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�würden wir diesen Stolz nicht genug
zeigen, die Geschichte der NATO nicht
häufig genug erzählen. Besonders die
jüngere Generation sollte diese Geschichte jedoch kennen. Diejenigen,
die historische Entwicklungen der
Nachkriegszeit,
einschließlich
der
sich gegenwärtig in der Sowjetunion
und Osteuropa vollziehenden dramatischen Veränderungen, verstehen wollen, müssen sie kennen.
Es ist eine aufregende Geschichte,
voll menschlicher Tragik und heroischer Leistungen. Sie begann vor 40
Jahren inmitten des Chaos und der
Verwüstung, die der Zweite Weltkrieg
hinterlassen hatte. Ihre Hauptakteure waren Männer, die selbst in jenen
dunklen Stunden genügend Weitblick
besaßen, um eine neue Ordnung für Europa zu planen, die Friedet! und Wohlstand hervorbringen konnte.
Außer
diesem Weitblick bedurfte es auch des
Mutes. Niemand als die Begründer der
NATO wußte besser, welche Schwierigkeiten
noch
zu
meistern
waren.
Trotzdem taten sie den historischen
Schritt und unterzeichneten im Jahr
1949 den Nordatlantikvertrag.
Die Geschichte der NATO hat mehrere
Kapitel, von denen jedes für sich
schon bedeutend ist.
Die jüngsten
Ereignisse
ein außerordentlich erfolgreicher NATO-Gipfel 1989 sowie
die Vorlage unserer umfassenden Vorschläge zur konventionellen Rüstungskontrolle - sind vielversprechend.
Aber heute abend, in diesem Jubiläumsjahr, möchte ich zunächst die früheren Kapitel der Geschichte der NATO
und die Lehren daraus erörtern.
Das wichtigste dieser Anfangskapitel
war der Beitritt der Bundesrepublik
Deutschland zur NATO im Jahr 1955.
Auch in diesem Teil der Geschichte
waren die Helden Männer von Weitblick
und Mut, die diejenigen überzeugen
konnten, die noch allzusehr der Vergangenheit verhaftet waren, daß ein
neues Deutschland entstanden war, bereit, die Rechte und Pflichten der
Mitgliedschaft im Bündnis wahrzunehmen.

Ein weiteres bedeutendes Kapitel war
die Verabschiedung
des Harmel-Berichts im Jahr 1967. Harmels Konzeption eines zweigleisigen Ansatzes für
die Auseinandersetzung mit dem Warschauer Pakt - eine starke Verteidigung, die mit der Bereitschaft zum
Dialog gekoppelt war - ist, wie alle
guten Ideen, erstaunlich einfach und
außerordentlich wirkungsvoll.
Tatsächlich hat sie mehr als jeder andere Einzelfaktor zur Entfaltung der
Ost-West-Beziehungen und zu den positiven Entwicklungen beigetragen, die
gegenwärtig in Osteuropa stattfinden.
Ich möchte es noch auf andere Weise
formulieren.
Die Verankerung der
Harme1-Doktrin in der NATO-Strategie
war Ausdruck des übergeordneten Rahmens und der Leitlinien für die Entwicklung eines konstruktiveren Verhältnisses zwischen Ost und West.
Die Harmel-Doktrin gestattete uns,
einen geraden Kurs zu steuern - nicht
nur in Zeiten der Entspannung, sondern auch in Zeiten verstärkter Spannungen.
Mit ihrer zuversichtlichen
und festen Haltung und beispielhaften
Entschlossenheit konnte die NATO diese übergeordneten ersten Schritte koordinieren, die im Jahr 19 75 in der
Schlußakte von Helsinki mündeten einem weiteren wichtigen Baustein in
der Architektur, an der sich die
Ost-West-Beziehungen orientiert haben.
Nach wie vor spielt die NATO im Prozeß der Sicherheits- und Vertrauensbildung, der in Helsinki seinen Ausgangspunkt hatte, eine führende Rolle. Das Bündnis hat bei der Formulierung der Politik des Westens sowie
bei der Harmonisierung der Positionen
der westlichen Staaten auf jedem der
KSZE- Folgetreffen sowie bei vielen
Expertentreffen im Rahmen des KSZEProzesses eine Schlüsselrolle gespielt - bei einem breiten Spektrum
von Themen, darunter Umweltfragen,
Wissenschaft, Menschenrechte, friedliche Beilegung von Streitigkeiten,
Kultur und Informationsfreiheit. Die
Rolle der NATO war sogar noch entscheidender bei all den KSZE-Treffen,

�auf denen Sicherheitsfragen behandelt
wurden, der KVAE in Stockholm sowie
den beiden Gesprächsrunden, die gegenwärtig in Wien stattfinden (die
KSE sowie die Fortsetzung der Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen) .
Diese Errungenschaften eines Bündnisses, das an der Harme 1-Doktrin festhielt, trugen in Gestalt des von Präsident Reagan und dem sowjetischen
Staats- und Parteichef Gorbatschow im
Dezember 1987 unterzeichneten INFVertrags erneut Früchte. Obwobl dieser Vertrag nur eine Waffenkategorie
erfaßt, ist er ein Dokument von historischer Tragweite, weil mit ihm
ein Durchbruch erzielt wurde und weil
er die Grundlage weiterer Verhandlungen und Abkommen zwischen Ost und
West bildet. Er hat die Bedrohung
der von der Sowjetunion stationierten
SS 20-Raketen beseitigt, und als Ergebnis wurde die Sicherheit aller,
einschließlich der Sowjetunion, verbessert. Wir hoffen, dieses Abkommen
wird andere hervorbringen, die zu verifizierbaren Reduzierungen der strategischen Atomwaffen und konventionellen Streitkräfte in Europa führen.
All diese Meilensteine - Helsinki,
der KSZE- Prozeß und der INF-Vertrag sind Beweise für die aktive und lebendige Umsetzung der Harme1-Konzeption einer mit militärischer Stärke
gekoppelten Bereitschaft zum politischen Dialog seitens der NATO. Ich
möchte betonen, daß ein starkes,
glaubwürdiges militärisches Einsatzkonzept des Westens ein unverzichtbares Element dieses zweigleisigen Ansatzes war und ist. Unsere militärische Strategie ist defensiv und auf
die Abschreckung eines Krieges ausgerichtet. Gleichzeitig hat sich die
NATO jedoch auch umfassend und effektiv am politischen Dialog über Europa
und seine Zukunft beteiligt.
Die heute in der Sowjetunion und Osteuropa
stattfindenden
dramatischen
Veränderungen sind Teil dieses Dialogs und unmittelbar mit der Geschichte der NATO verbunden.
Nach

vierzig Jahren des "kalten Krieges"
und einer grausamen und widernatürlichen Teilung Europas hat sich die Sowjetunion mit ernsten Absichten an
den Verhandlungstisch gesetzt.
Zumindest einige Barrieren zwischen Ost
und West werden abgebaut. In Polen
wurde ein Nichtkommunist in ein hohes
Amt berufen. In Ungarn werden politische und wirtschaftliche Reformen
in erstaunlichem Tempo verwirklicht.
Der Druck auf die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik zur
Einleitung
politischer
und
wirtschaftlicher
Reformen
verstärkt
sich.
Die Demonstrationen auf den
Straßen Leipzigs zeigen, daß auch
dort die Unzufriedenheit mit dem Regime ein noch vor wenigen Monaten unvorstellbares Ausmaß angenommen hat.
Tausende von DDR-Bürgern, darunter
viele Familien, haben sich entschlossen, alles zurückzulassen - Wohnung,
Arbeitsplatz, Freunde - in der Hoffnung, im Westen ein neues Leben zu
beginnen.
Durch diese Ereignisse wird bekräftigt, daß die Idee der Freiheit - und
die auf dieser Idee der Freiheit gegründeten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen des
Westens - eine starke, geradezu magnetische Anziehungskraft auf die Menschen im Osten ausübt. Unsere gegenseitige Unterstützung und unser starkes Bündnis bilden die Grundlage für
ein freies Europa und für diesen
Druck auf Reformen im Osten.
Zur
Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nach dem Krieg gegründet, hat
die NATO den Frieden und den Wohlstand hervorgebracht, die sich ihre
Gründer erhofft hatten. Hinter dem
Schild der NATO hatte Westeuropa die
Freiheit, seine demokratischen Institutionen und seine freien Marktwirtschaften zu entwickeln. Sie unterstützt unsere blühenden freien Marktwirtschaften und den hohen Lebensstandard, den wir heute genießen.
Sie garantiert die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens,
die von den Vorteilen des westlichen
Lebensstils künden.

- 3-

�Wenn wir die vierzig Jahre vor der
Gründung der NATO mit den vierzig
Jahren danach vergleichen, dann können wir nur noch mehr über das staunen, was die NATO erreicht hat. Insbesondere die Bundesrepublik Deutschland hat diese Periode des Friedens
und der Stabilität genutzt, um ihre
Wirtschaft wiederaufzubauen und ihr
demokratisches
Regierungssystem
zu
schaffen, indem sie sich fest in der
westlichen Staatengemeinschaft verankert hat. Das Ansehen der NATO wird
durch die Tatsache noch erhöht, daß
sie alle diese Dinge als demokratisches Bündnis gleichgesinnter und
ebenbürtiger Partner erreicht hat.
Kurzum: Unser Bündnis ist ein historisch einzigartiges Phänomen.
Natürlich entwickelt sich die Geschichte der NATO weiter. Ihre Arbeit ist noch lange nicht beendet.
Ich bin mir vollkommen der Bedeutung
der gegenwärtig in der Sowjetunion
stattfindenden Veränderungen bewußt.
Wer wäre dies nicht? Selbstverständlich können wir Gorbatschows Maßnahmen nur von Herzen begrüßen, aber es
wäre töricht, davon auszugehen, daß
seine Veränderungen von Dauer sind
und deshalb in unserer Wachsamkeit
nachzulassen. Selbst die besten Absichten können sich über Nacht ändern, wie die Ereignisse in China unlängst so eindringlich bewiesen haben. Eine einseitig geschwächte Verteidigung läßt sich jedoch nicht an
einem Tag wiederherstellen.
Obwohl Moskau (aus gutem Grund) eine
neue Bereitschaft zu Verhandlungen
über Rüstungskontrollabkommen an den
Tag legt, stellen die sowjetischen
Streitkräfte nach wie vor eine Bedrohung dar. Tatsächlich nimmt die Qualität der sowjetischen Rüstung stetig
zu. Erst kürzlich haben die Sowjets
neue Panzer und Kampfflugzeuge mit
stark verbesserten Fähigkeiten in der
DDR eingeführt.
Wir alle wünschen
eine weitreichende Umgestaltung der
militärischen Lage in Europa. Aber
solange die Sowjets nicht auf ihre
massive Überlegenheit bei den konventionellen
Streitkräften
verzichten

und der Wandel im Osten nicht unumkehrbar geworden ist, müssen wir unseren sicherheitspolitischen Konsens
und
eine moderne NATO-Streitmacht
aufrechterhalten.
Auch wenn kurzsichtige und oberflächlichen Denker
etwas anderes behaupten:
Es gibt
keinen Konflikt zwischen dem Streben
nach Rüstungskontrolle und der Aufrechterhaltung einer starken Verteidigung.

Die
deutsch-amerikanische
schaft innerhalb der NATO

Partner-

Ich habe bisher über die NATO gesprochen und ihre Entstehung und Leistungen in allgemeiner Weise Revue passieren lassen.
Ich möchte jedoch
ebenfalls auf einen grundlegenden und
unverzichtbaren Teil der Erfolgsgeschichte der NATO eingehen - die
deutsch-amerikanische Partnerschaft.
Ebenso, wie sich das atlantischen
Bündnis entfaltete und an Stärke zunahm, galt dies auch für die deutschamerikanische Partnerschaft innerhalb
dieses
Bündnisses.
Dies
geschah
teilweise aufgrund der erstaunlichen
Leistungen des deutschen Volkes nach
dem Krieg. Vor dem Hintergrund der
traumatischen Erfahrungen jener Zeit
entwickelte sich eine demokratische
und
wohlhabende
Bundesrepublik
Deutschland zu einem wichtigen Bestandteil der internationalen Szene.
Die Bundesrepublik spielt eine führende Rolle in den Entscheidungsgremien der NATO und der Europäischen
Gemeinschaft. Sie hat mit ihrer Beteiligung in den Vereinten Nationen
begonnen, mehr weltpolitische Verantwortung zu übernehmen. Sie ist eine
der bedeutendsten Wirtschaftsmächte.
Wer Augen hat, zu sehen, weiß, daß
die Bundesrepublik Deutschland in eine neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten ist.
Auch die Vereinigten Staaten treten
in eine neue Phase ein. Aus historischer Sicht befürworten die Vereinigten Staaten nach einer Ära der Vorherrschaft in der frühen Nachkriegs-

�zeit einen Kurs der Normalisierung
und Rückkehr zu einer ausgewogeneren
MachtVerteilung mit Europa.
Solche
Anpassungen sind Teil des "neuen Realismus" der von Präsident Bush vertretenen Außenpolitik. Dieser "neue
Realismus" trägt der wachsenden politischen und wirtschaftlichen Stärke
Westeuropas und den sich neu eröffnenden wertvollen Bereichen der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa Rechnung.
Aus
Präsident Bushs Sicht berücksichtigt
dieser "neue Realismus" auch die Tatsache, daß die NATO und ihre Erfolge
uns diese neuen Herausforderungen bewältigen lassen. Die in der NATO erprobte Art der Zusammenarbeit kann
und muß auf andere Gremien und andere
Probleme übertragen werden.
Im Zuge dieser Entwicklung werden die
Partner der Vereinigten Staaten naturgemäß mehr Verantwortung für die
Förderung demokratischer Werte und
den Schutz freier Märkte in Europa
und andernorts übernehmen. Wie die
Vereinigten Staaten Europa nach dem
Krieg beim Wiederaufbau zur Seite
standen, so ist es heute an Europa,
mehr Verantwortung für positive Veränderungen in Europa und weltweit zu
tragen. Unabhängig davon, ob man die
Betonung auf das Ende des kalten
Krieges oder den Anfang eines neuen
multipolaren Zeitalters in den internationalen Beziehungen legt - starke
Führung und intensive Arbeit sind
zweifelsohne erforderlich, um sicherzustellen, daß die aktuellen Entwicklungen mehr
att weniger Sicherheit
und Freiheit auf der Welt hervorbringen.
In einer solchen Zeit voller
Herausforderungen ist es unabdingbar,
daß Deutsche und Amerikaner enger als
je zuvor zusammenarbeiten, um diese
momentanen Veränderungen zu verstehen
und effektiv darauf zu reagieren.
Bedauerlicherweise gibt es hier wie
dort Auguren des Weltuntergangs, die
nur die negativen Aspekte der sich in
der NATO und den deutsch-amerikanischen Beziehungen vollziehenden Veränderungen sehen. Ohne Zweifel haben
wir Meinungsverschiedenheiten.
Das

ist nur natürlich. Wir sind zwei unabhängige und souveräne Nationen mit
spezifischen nationalen Interessen,
und wir sind Demokratien, die eine
freimütige und offene Erörterung dieser Interessen fördern. Unsere gemeinsamen demokratischen Werte und
Institutionen machen es uns in der
Tat leichter, Kompromisse zu erarbeiten und die Verantwortung den Erfordernissen gemäß zu verteilen. Natürlich müssen wir unsere Kommunikationswege offen und unseren Dialog
frei von Vereinfachungen und Klischees halten. Deutsche und Amerikaner müssen heute mehr denn je sorgfältig zuhören, was der andere zu sagen hat.
Ich möchte mich jetzt einzelnen Bereichen zuwenden, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verdienen. Auf
beiden Seiten des Atlantiks gibt es
Mißverständnisse bezüglich der amerikanischen Truppenpräsenz in der Bundesrepublik.
Die
amerikanischen
Truppen sind in der Bundesrepublik
stationiert, um ihren Teil zur friedensbewahrenden Rolle der NATO beizutragen. Es ist eine große Streitmacht mit 200 000 Soldaten und ihren
Familienangehörigen - die größte der
sechs hier stationierten militärischen Einheiten. Mit dieser enormen
Truppenpräsenz müssen wir sorgsam umgehen.
Während sich die Bedrohung
der sowjetischen Militärmacht nach
Meinung
der Öffentlichkeit offensichtlich verringert, scheint das Zusammenleben mit ausländischen Armeen
und Luftstreitkräften, die auf und
über deutschem Gebiet üben müssen,
mehr Spannungen zu verursachen.
Wir vernehmen daher vermehrt Beschwerden über die Aktivitäten amerikanischer Streitkräfte in der Bundesrepublik und Behauptungen, die alliierten Streitkräfte würden die deutsche Souveränität nicht respektieren. Infolgedessen führen Bürger Zivilprozesse und die immer genauere
Überwachung militärischer Bauvorhaben
und Stationierungen durch die Bundesregierung führt zu Verzögerungen bei
der Stationierung der Streitkräfte

- 5 -

�und verursacht zusätzliche Kosten.
Ist dieser Prozeß der Anpassung und
des Wandels rundweg zu verurteilen?
Nein - wenn wir gleichberechtigte
Partnerschaft ernst nehmen. Wir sind
uns der Notwendigkeit bewußt, die
komplexen Beziehungen zwischen zivilen und militärischen US-Einrichtungen hier in der Bundesrepublik sorgfältig im Auge zu behalten.
Verständlicherweise besteht die erste
Priorität in der Aufrechterhaltung
der Fähigkeiten unserer Streitkräfte,
ihre Rolle innerhalb der NATO zu erfüllen. Das bedeutet, daß sie weiterhin üben, fliegen - tief fliegen und ihre Systeme erproben müssen.
Wenn wir nicht effektiv üben können,
können wir nicht wirksam kämpfen oder
wirksam abschrecken. Diese Realitäten stehen in direktem Zusammenhang
mit dem Harme 1-Konzept, daß für politischen Dialog eine starke Verteidigung unabdingbar ist.
Andere Bereiche der Beziehungen zwischen
amerikanischen
Streitkräften
und Bundesbürgern betreffen nicht direkt die Bereitschaft der Streitkräfte. In diesen Bereichen sind wir natürlich bereit, Schritte zum vollständigen Abbau von Aktivitäten zu
unternehmen, die einer gleichberechtigten Partnerschaft als nicht angemessen
angesehen
werden
könnten.
Auch die Sorge der Deutschen um die
Umwelt nehmen wir ernst. Die US-Armee hat in den vergangenen fünf Jahren über 800 Millionen D-Mark für Umweltschutzprojekte ausgegeben.
Wie
Sie sicherlich wissen, haben wir die
Reforger-Übung im vergangenen Jahr
verschoben und künftige ReforgerÜbungen so modifiziert, daß jetzt die
Mannschaftsarbeit und weniger die
Fahrzeuge im Feld im Vordergrund stehen.
Zweifelsohne haben wir unterschiedliche Blickwinkel. Eine Familie, die
ihren Urlaub im Hunsrück verbringt,
hat eine andere Meinung zum Lärm der
Düsenjäger als der Luftwaffenkommandeur, der für die Kampffähigkeit sei-

nes Geschwaders verantwortlich ist.
Wir können jedoch dankbar sein, daß
40 Jahre enger Zusammenarbeit Vertrauen und Freundschaft hervorgebracht haben. In einer Zeit des Wandels und der Anpassungen können wir
unsere Meinungsverschiedenheiten in
diesem Sinne überwinden.
Mit anhaltender Bereitschaft zu Kompromissen in Bereichen, in denen wir
nicht voll und ganz einer Meinung
sind, werden die deutsch-amerikanischen Beziehungen meines Erachtens
aus dieser Zeit der Herausforderung
enger und dauerhafter denn je hervorgehen. Von dieser Entwicklung hängt
in der Tat sehr viel ab. Die Zeiten
erfordern starke, gemeinsame Führung,
harte Arbeit und den politischen Willen beider Länder. Der kreative Einfluß der deutsch-amerikanischen Partnerschaft auf das Europa der Nachkriegszeit ist noch nicht erschöpft.
Die gemeinsame deutsch-amerikanische
Führung muß auch über Europa hinaus
eine Rolle bei der Förderung unserer
gemeinsamen demokratischen Werte und
der Verbesserung der Lebensqualität
aller Bürger der Welt spielen.

Gemeinsame Führungsrolle in Europa
Die deutsch-amerikanische Führungsrolle bei der Zusammenarbeit mit anderen Verbündeten muß auch bei der
Überwindung der Teilung Europas eine
entscheidende Rolle spielen.
Zwei
wichtige Prozesse sind bereits im
Gange: die wirtschaftliche Integration der westeuropäischen Länder zu
einem Binnenmarkt und die Hinwendung
zu eher westlichen Werten und freien
Märkten in Osteuropa. Die Vereinigten Staten begrüßen diese beiden Entwicklungen und arbeiten eng mit ihren
Verbündeten zusammen, um diese Entwicklung zu fördern.
Nirgendwo besteht heute wohl größerer
Bedarf an gemeinsamem Handeln des Westens und effektiver deutsch-amerikanische Partnerschaft als bei einer
Reaktion auf Reformen und Veränderungen in Osteuropa. Wir im Westen se-

�hen uns jetzt bei der Formulierung
unserer Antwort auf den Ruf nach Hilfe und Unterstützung aus Polen und
Ungarn mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert. Im Bereich der
Wirtschaft müssen wir den Reformpolitikern eine Atempause gönnen, damit
sie die Entwicklung und Verwirklichung von Reformen einleiten können,
während wir gleichzeitig in unserem
Drängen auf Reformen nicht nachlassen
dürfen.
Im politischen Bereich besteht die vor uns liegende Herausforderung darin, zum Aufbau demokratischer Institutionen beizutragen, ohne
Instabilität
und/oder
Intervention
auszulösen.
Als Reaktion auf diese Herausforderungen haben die Vereinigten Staaten
in den vergangenen Monaten eine Reihe
bilateraler Maßnahmen zur Unterstützung Polens und Ungarns angekündigt,
die unter anderem folgendes vorsehen: die zollfreie Einfuhr der meisten polnischen und ungarischen Exporte in die Vereinigten Staaten; die
Schaffung besonderer "Unternehmensfonds" zur Förderung von Investitionen auf dem Privatsektor; über 100
Millionen Dollar Nahrungsmittelhilfe
für Polen sowie 20 Millionen Dollar
zur Finanzierung von Umweltschutzproj ekten.
Gleichzeitig hat Präsident Bush - wie
bereits beim Pariser Weltwirtschaftsgipfel im Juli - eindeutig klargestellt, daß kein Land im Westen die
Last der Unterstützung alleine tragen
kann, und alle westlichen Länder sich
die Verantwortung zur Unterstützung
von Reformen in Osteuropa teilen
sollten. Dies gilt insbesondere für
Hilfe an Polen und Ungarn bei der Bewältigung ihrer Schuldenprobleme. Um
eine gemeinsame Reaktion auf das
Schuldenproblem Polens zu fördern,
hat Präsident Bush zu Beginn dieses
Monats die Bereitschaft der Vereinigten Staaten verkündet, 200 Millionen
Dollar zum Stabilisierungsfonds des
Westens für Polen in Höhe von einer
Milliarde Dollar beizutragen.
Wir
ermutigen die Bundesrepublik und unsere anderen westlichen Partner, die

Reformbestrebungen in Polen mit uns
gemeinsam zu unterstützen.
Natürlich bergen die in Osteuropa
wahrzunehmenden dramatischen Veränderungen gewisse Risiken - zum einen,
weil die Veränderungen sich nicht
einheitlich vollziehen und zum anderen, weil wir nicht wissen, welches
Ausmaß an Veränderungen die Sowjetunion tolerieren kann oder wird. In
dieser Phase der Unsicherheit müssen
wir fortsetzen, was sich bereits als
richtig erwiesen hat - eine glaubwürdige
Abschreckung
aufrechterhalten
und gleichzeitig weiterhin Rüstungskontrolle betreiben. Darüber hinaus
müssen wir zusammenarbeiten, um zu
gewährleisten, daß sich die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Osteuropa parallel vollziehen.
Alles andere hätte destabilisierende Wirkung.

Gemeinsame Führungsrolle bei regionalen und internationalen Fragen
Der Abbau von Spannungen zwischen Ost
und West sowie positive Entwicklungen
in der Rüstungskontrolle - die einen
Wert an sich darstellen - haben einen zusätzlichen Vorteil. Sie geben
der Gemeinschaft demokratischer und
friedliebender Staaten die Freiheit,
ihre Aufmerksamkeit anderen schwierigen Problemen zuzuwenden, die nicht
vor nationalen Grenzen haltmachen und
Sicherheit und Wohlergehen aller Menschen auf der Welt bedrohen.
Ich
spreche hier von Umweltschäden, Drogenhandel, Terrorismus und der Weiterverbreitung
nuklearer, biologischer und chemischer Waffen. Jedes
dieser Probleme hat allein für sich
betrachtet beträchtliche Auswirkungen, alle zusammen sind überwältigend . Aber wenn es uns - in Hamletscher Unentschlossenheit - nicht gelingt, "uns gegen eine See von Plagen
zu waffnen", werden nachfolgende Generationen mehr leiden müssen als wir.
Internationale Institutionen wie die
Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Vereinten Nationen

�verfügen über ein umfangreiches Potential zur Lösung dieser Probleme.
Und mit Genugtuung können wir - Sie
und ich - beobachten, wie sich dieses
Potential in jüngster Zeit entwickelt
hat. Die westlichen Demokratien mit
ihrem Reichtum an Ressourcen und ihren technologischen Fähigkeiten tragen jedoch eine besondere Verantwortung.
Die Bundesrepublik und die
Vereinigten Staaten haben durch ihre
Zusammenarbeit bereits in all diesen
Bereichen
große
Fortschritte
erzielt. Zum Beispiel konnten sie internationale Kreditgeber davon überzeugen, bei ihren Entscheidungen über
Projektgebundene Kredite ökologische
Implikationen zu berücksichtigen.
Das ist nur ein Beispiel für die enge
Zusammenarbeit unserer beiden Länder
im Bereich des Umweltschutzes. Bevor
sich das übrige Europa auch nur im
entferntesten für Umweltschutz interessierte, waren die Bundesrepublik
und die Vereinigten Staaten Wortführer bei Verhandlungen über ein internationales Abkommen zur Beschränkung
der Nutzung und Herstellung von
Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW),
die das Ozon in der Atmosphäre zerstören. Das im September 1987 unterzeichnete Protokoll von Montreal gilt
inzwischen als wichtigstes internationales
Umweltschutzabkommen.
In
den oberen Schichten der Atmosphäre
zerstören FCKW nicht nur die Ozonschicht, die uns vor den krebserregenden
ultravioletten
Strahlen
schützt, sondern tragen auch zum
Treibhauseffekt bei.
Damit komme ich zu einer anderen,
vielleicht noch gefährlicheren Bedrohung: Erwärmung des Erdklimas durch
die fortschreitende Ansammlung von
Kohlendioxid, FCKW, Methan und anderen industriell erzeugten Gasen. Offensichtlich muß die Wissenschaft uns
helfen. Meine Regierung hat das Forschungsprogramm für Veränderungen auf
der Erde (Global Change Research Program) ins Leben gerufen, und Präsident Bush hat dafür in diesem Haushaltsjahr 200 Millionen Dollar vorgesehen. Wir werden in diesem Rahmen

andere Länder wie die Bundesrepublik
zur Zusammenarbeit auffordern.
Präsident Bush und Bundeskanzler Kohl
haben bei ihren privaten Unterredungen anläßlich des Weltwirtschaftsgipfels im vergangenen Juli in Paris die
Umweltschutzproblematik eingehend erörtert. Der Leiter des Umweltschutzamts, William Reilly, wird am 7. und
8. November nach Bonn kommen. Dabei
wird die Zusammenarbeit zwischen den
Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik und insbesondere die Führungsrolle beider Staaten bei den internationalen Bestrebungen zum Umgang mit
den Klima Veränderungen auf der Erde
ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung sein.
Ein weiterer Bereich, in dem die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik eine gemeinsame Führungsrolle
übernehmen,
ist
Wissenschaft
und
Technologie, wobei sie sowohl den
Fortschritt fördern als auch der Verbreitung strategisch wichtiger destabilisierender
Technologien
Einhalt
gebieten wollen.
Den meisten Vergleichen zufolge nehmen die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik in
der Grundlagenforschung den ersten
und zweiten Platz ein. Es überrascht
daher nicht, daß bundesdeutsche Wissenschaftler in jedem der letzten
vier Jahre Nobelpreise gewonnen haben. Hiermit gratuliere ich dem Bonner Professor Wolfgang Paul als diesjährigem Nobelpreisträger für Physik.
Die Geschichte der - zumeist nicht
staatlich geförderten - Zusammenarbeit zwischen deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern ist lang und
ruhmreich. Auf einigen Gebieten wie
Weltraum, Umwelt und Medizin findet
die Zusammenarbeit im Rahmen interministerieller Abkommen
statt.
Die
Bundesrepublik ist unser wichtigster
Partner im Weltraum.
Sie ist das
führende Land Europas bei der Internationalen Weltraumstation, des größten jemals durchgeführten gemeinsamen
Projekts der Spitzentechnologie. In
zwei Jahren wird ein Raumtransporter
der NASA eine deutsche Weltraumsta-

�tion in eine Umlaufbahn bringen. Auf
bilateraler Ebene arbeiten wir auch
in Bereichen, die Grundbedürfnisse
des Menschen betreffen, wie etwa das
Verständnis der Ursachen des Waldsterbens, die erfolgreiche Bekämpfung
von Krebs und AIDS. Auf dieser Kooperation sollten wir aufbauen uad
auch in der Forschung über weltweite
Veränderungen und Drogenmißbrauch zus ammena rbe i ten.
Die Technologie hat natürlich auch
Schattenseiten.
Mit Geräten, Substanzen und Know-how, die zur Herstellung von Kernkraft, Erforschung
des Weltraums und Düngemittelherstellung eingesetzt werden können,
kann man auch Kernwaffen, ballistische Raketen und Mittel zur chemischen Kriegführung herstellen. Ebenso wie die Vereinigten Staaten ist
die Bundesrepublik ein Mitglied des
Vertrags zur Nichtweiterverbreitung
von Nuklearwaffen und Gründungsmitglied des im April 1987 eingeführten
Systems zur Kontrolle von Raketentechnik, dem sich sieben Länder angeschlossen haben. Dennoch verfügt die
Bundesrepublik ebenso wie die Vereinigten Staaten in der Hochtechnologie
über eine moderne industrielle Basis
und wird damit zum Ziel potentieller
Weiterverbreiter. Das erfordert kontinuierliche
Aufmerksamkeit
in
freien, offenen Gesellschaften wie
unseren keine leichte Aufgabe. Dennoch begrüßen wir die von der Bundesrepublik im vergangenen Jahr unternommenen Bemühungen zur Stärkung der
Exportkontroile.
Was chemische Waffen betrifft, so
sind wir zuversichtlich, daß das
jüngste amerikanisch-sowjetische Abkommen, demzufolge konkrete Schritte
zur Beseitigung der Arsenale unternommen werden sollen, den Weg zu einem internationalen Vertrag über ein
Verbot dieser Waffen ebnen wird.
Gleichzeitig erwarten wir die kontinuierliche deutsch-amerikanische Zusammenarbeit zur Kontrolle von Technologien, die zur Herstellung biologischer, chemischer und nuklearer

Waffen und ihrer Trägersysteme eingesetzt werden können.
Der Abbau der sich mit Terrorismus
und Drogenhandel für das Wohlergehen
der Weltbürger stellenden Bedrohungen
ist ein weiteres gemeinsames Ziel.
Unsere Länder arbeiten zusammen an
der Verhinderung der Waffenverkäufe
an bekannte terroristische Vereinigungen. In sehr enger Zusammenarbeit
zwischen unserer Polizei und unseren
Nachrichtendiensten haben wir den
Spren&amp;stoffanschlag von Lockerbie untersucht. Gemeinsam ist es uns auch
gelungen, dem Flugzeugentführer Mohammed Hammadi den Prozeß zu machen.
Das internationale Drogenproblem hat
ein Ausmaß angenommen, angesichts
dessen Präsident Bush den für den
Schmuggel großer Mengen todbringender
Drogen in die Vereinigten Staaten und
andere Länder, auch in Westeuropa,
verantwortlichen Drogenkartellen den
Krieg
erklärt hat.
Bundeskanzler
Kohls Einführung einer entsprechenden
Strategie auf EG-Ebene ist ein anschauliches Beispiel deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit in diesem Bereich, das die volle Zustimmung des
Präsidenten findet.

Gemeinsame
Wirtschaft

Führungsrolle

in

der

Die westlichen Demokratien müssen
darüber hinaus eine besondere Verantwortung für die Entwicklungsländer
übernehmen, ihnen beim Aufbau ihrer
Wirtschaft und Verbesserung des Lebensstandards helfen, ohne daß diese
gezwungen wären, sich totalitären Systemen zu unterwerfen. Die Menschen
der armen Länder haben ein Recht für
ausreichende Nahrung für ihre Familien, und sie haben ein Recht auf freie
Wahl,
Religions- und
Versammlungsfreiheit sowie darauf, abweichende
Meinungen äußern zu dürfen. Mit dem
Einsatz für Freiheit und Menschenrechte
können
die
Bundesrepublik
Deutschland und die Vereinigten Staaten gemeinsam viel leisten, um den
9 -

�ärmeren Ländern bei der Suche nach
Auswegen aus diesem Dilemma zu helfen.
Wir können ferner gemeinsam an der
humanitären Lösung des vordringlichen
Flüchtlingsproblems arbeiten. Gegenwärtig sind weltweit etwa 14 Millionen Menschen auf der Flucht vor politischer Verfolgung oder den verheerenden Auswirkungen von Kriegen. Es
obliegt uns als mächtigen und wohlhabenden Demokratien, friedliche Lösungen für regionale Konflikte zu fördern und dauerhafte Lösungen für Probleme wie Armut und Unterentwicklung
zu finden, durch die ganze Volksgruppen gezwungen werden, ihre Heimat
aufzugeben, um für sich und ihre Kinder ein menschenwürdiges Leben zu
finden.
Eine Möglichkeit, die sich der Bundesrepublik und den Vereinigten Staaten bietet, um den Entwicklungsländern zu einem besseren Lebensstandard
zu verhelfen, ist die Zusammenarbeit
unter Gewährleistung freier und offener Weltmärkte. Wir dürfen nicht
übersehen, daß die Länder, die am
meisten unter Protektionismus leiden,
nicht zu den westlichen Handelspartnern, sondern zu den Entwicklungsländern zählen. Mit der neugewonnenen
Erkenntnis, daß sozialistische Systeme nicht in der Lage waren, den versprochenen Wohlstand hervorzubringen,
muß der Westen Wirtschaftsreformen in
den Entwicklungsländern unterstützen
und sicherstellen, daß diese Länder
nicht durch westliche Wirtschaftsoder
Strukturpolitik
benachteiligt
werden.
Darüber hinaus müssen wir
der starken protektionistischen Tendenz in unseren Ländern tatkräftig
Widerstand leisten. Es ist insbesondere Aufgabe der Bundesrepublik, hier
ihre Führungsrolle unter Beweis zu
stellen. Nach dem Krieg haben offene
Märkte Ihrem Land beim wirtschaftlichen Wiederaufbau geholfen.
Heute
ist die Bundesrepublik das führende
Exportland der Welt.

Zusammenfassung
Die Bundesrepublik und die Vereinigten Staaten haben allen Grund, mit
Stolz auf vierzig Jahre enger Zusammenarbeit und Freundschaft zurückzublicken.
Gemeinsam haben wir die
wichtige Aufgabe übernommen, nach dem
Chaos und der Massenvernichtung des
Zweiten Weltkriegs ein demokratisches
und wohlhabendes Europa zu gestalten. Wir haben dem sowjetischen Expansionismus und Militarismus eine
eindeutige Absage erteilt und die Sowjetunion wieder an den Verhandlungstisch zurückgeführt. Wir haben denen, die unter totalitärer Herrschaft
leben, das Versprechen eines neuen demokratischen und freien - Europas
gegeben. Unser Erfolg steht für dieses neue Kapitel des Europas der
Nachkriegszeit, das wir nunmehr zu
schreiben beginnen.
Es bleibt uns jedoch keine Zeit, uns
auf den Lorbeeren auszuruhen. In den
Bereichen Rüstungskontrolle, europäische
Integration, Menschenrechte,
Nord-Süd-Dialog
und
Umweltschutz
bleibt für uns - als Partner in einer
Führungsrolle - noch viel zu tun.
Wir haben viel zu bieten - die Kreativität und Dynamik zweier Völker.
Seite an Seite, im stolzen Bewußtsein
ihrer bisherigen Leistungen und geleitet von demokratischen Werten können sich die Bundesrepublik und die
Vereinigten Staaten ihren gemeinsamen
Aufgaben voller Hoffnung und Entschlossenheit stellen.

* * * * *

10 -

�AMERIKA DIENST
Dokumentation

'VON**

18. Oktober 1989

38

BAKER SIEHT GUTE AUSSICHTEN FÜR VERBESSERTE
AMERIKANISCH-SOWJETISCHE BEZIEHUNGEN
- Rede vor der Foreign Policy Association -

NEW YORK - (AD) - Außenminister Baker zufolge sind die Aussichten für eine
dauerhafte Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen besser als
je zuvor. In einer Rede vor der Foreign Policy Association erklärte Baker am
16. Oktober 1989 in New York, die beiden Supermächte hätten jetzt die Möglichkeit "die Höhen und Tiefen des kalten Krieges zu überwinden" und ein Verhältnis anzustreben, das "sicherer und beständiger" ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut (es
gilt das gesprochene Wort).
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
befanden sich die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion in einem permanenten Kampf, einem Kräftemessen von
Supermächten, aber auch einem Wettstreit von Werten und Visionen. Kein
Verhältnis war jemals schwieriger,
aber letzten Endes auch vielversprechender. Schwierig, weil die traditionelle sowjetische Ideologie die
gleichen Begriffe verwendete wie wir
Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit -, in
der Praxis jedoch die damit verbundenen Werte verweigerte. Vielversprechend, weil wir beide im Atomzeitalter durch die zwingende Notwendigkeit
der Verhinderung einer Katastrophe
nicht umhin können, nach gemeinsamen
Interessen zu suchen.

United States Information Service
Embassy of the United States of America

Wir befinden uns in einer vielversprechenden Zeit.
Die Beziehungen
zur Sowjetunion haben sich seit 1985
erheblich verbessert, als Michail
Gorbatschow seine Politik der Perestrojka initiierte - einer durchgreifenden Umgestaltung der sowjetischen
Gesellschaft, einschließlich der sowjetischen Außen- und Verteidigungspolitik. Die jetzige Administration
hat auf dem in der Ära Reagan erreichten aufgebaut, um den verbesserten amerikanisch-sowjetischen Beziehungen Dauerhaftigkeit zu verleihen.
Präsident Bush hat erklärt:
"Wir
werden uns gemeinsam darum bemühen,
die Politik des Containment gegenüber
der Sowjetunion zu überwinden..."
Heute haben wir im Verhältnis zur So-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�wjetunion eine historische Gelegenheit.
Wir haben die Chance, die
Nachkriegszeit mit den Höhen und Tiefen des kalten Krieges zu überwinden. Wir können die Politik des Containment überwinden, um den Wandel zu
besseren Beziehungen zwischen den Supermächten sicherer und beständiger
zu gestalten. Unsere Aufgabe besteht
darin, dauerhafte Elemente von beiderseitigem Vorteil zu finden, die
den Interessen der Vereinigten Staaten wie auch der Sowjetunion dienen.
Es gibt zwei Gründe für unsere Meinung, daß die Aussichten für eine
dauerhafte Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen besser
als je zuvor sind. Erstens haben wir
im Westen durch unsere Stärke, Einigkeit und Treue zu unseren Werten bewiesen, daß Demokratie und freie
Marktwirtschaften funktionieren und
einander vorteilhaft ergänzen. Zweitens ist die diametral entgegengesetzte Sichtweise der Sowjetunion bei
dem Versuch gescheitert, Wohlstand
oder eine attraktive Gesellschaftsordnung zu schaffen. Auf eine einfache Formel gebracht:
Die Freiheit
funktioniert, der Kommunismus nicht.
Infolge des Scheiterns ihres Systems
haben die Sowjets unter der Führung
von Michail Gorbatschow einen als Perestrojka bezeichneten Prozeß der Reform und des Neuaufbaus eingeleitet.
Und es ist dieser Prozeß, der - im
Verein mit unseren eigenen Leistungen
gute Aussichten für die Zukunft
bietet.
Der Präsident und auch ich haben erklärt, daß wir der Politik der Perestrojka - einschließlich der Umgestaltung
der
amerikanisch-sowjetischen Beziehungen - Erfolg wünschen.
Wir sind zu diesem Schluß nicht etwa
deshalb gekommen, weil wir es als unsere Aufgabe betrachten, die sowjetische Gesellschaft zu reformieren oder
einen bestimmten sowjetischen Politiker an der Macht zu halten - beides
ist uns unmöglich -, sondern weil Perestrojka eine sowjetische Handlungsweise verspricht, die eher in unserem

Interesse liegt. Es ist unsere Aufgabe, kreativ nach möglichen Elementen beiderseitigen Vorteils zu suchen
- und da könnte es dank Perestrojka
viele Möglichkeiten geben. Letztlich
müssen wir jedoch trotz der Sondierung des "neuen Denkens" in der Sowjetunion bereit sein, unsere vitalen
Interessen zu schützen, komme was da
wolle.
Wir müssen einen Verteidigungshaushalt aufrechterhalten, der
mit unseren Sicherheitsbedürfnissen
im Einklang steht, und wir müssen
wachsam sein und Moskau zu einem kooperativen Verhalten über die gesamte
Bandbreite unserer Beziehungen drängen.
Ich möchte im folgenden etwas detaillierter auf unsere Politik eingehen insbesondere darauf, wie wir Perestrojka einschätzen, warum wir ihren
Erfolg wünschen und was wir tun, um
diese Elemente von beiderseitigem
Vorteil zu finden, die sowohl den
amerikanischen Interessen als auch
der Perestrojka selbst dienlich sein
werden.

Perestrojka und
nenpolitik

die sowjetische In-

Meines Erachtens ist es wichtig, zunächst auf die Ursprünge der Perestrojka einzugehen. Zuallererst ist
sie eine sowjetische Reaktion auf eine sich rasch verändernde Welt, in
der sich die Sowjets selbst wirtschaftlich, technologisch, politisch
und militärisch zunehmendem Konkurrenzdruck ausgesetzt sehen. Die Verfechter der Perestrojka betrachten
ihr Land als reich an natürlichen
Rohstoffen und menschlichem Talent,
aber erdrückt von einem Vermächtnis
der Stagnation - einem System, das
unfähig zur Erzeugung des wirtschaftlichem Fortschritts und der politischen Legitimation ist, auf die der
sowjetische Bürger ein Anrecht hat.
Wie Staats- und Parteichef Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse
mir gegenüber erklärt haben, geht die
Ursache dieses Problems weit über die
Frage materieller Werte hinaus. Sie

�ist tief in der Psychologie der sowjetischen
Gesellschaft
verwurzelt
und wird durch gleichermaßen stagnierende politische und rechtliche
Systeme noch verstärkt.

den Widerstand gestoßen sind.
Bis
heute sind Gorbatschow und seine Mitstreiter willens gewesen, auf Reformen zu setzen und ihre Einsätze gegebenenfalls noch zu verdoppeln.

Aus diesem Grund erfordert es die Logik der Perestrojka, daß die Sowjets
ihre Probleme selbst in einer umfassenden,
organischen
Weise
lösen.
Nicht nur das Wirtschaftssystem, sondern auch das politische und rechtliche System muß reformiert werden.
Perestrojka unterscheidet sich deshalb von früheren, gescheiterten Versuchen einer Reformierung des von Lenin gegründeten und von Stalin erbauten Staats. Wachstumsfördernde Produktionsfaktoren wie die Verlagerung
von der Landwirtschaft zur Industrie
oder billige Rohstoffquellen sind
nicht mehr vorhanden, um die Wirtschaft aus dem Stand hochzufahren.

Die Perestrojka könnte einen Wendepunkt erreicht haben, an dem die Einsätze nochmals verdoppelt werden müssen. Wahrscheinlich lassen sich weder die Knappheit an Konsumgütern
noch die Produktivität ohne den Anreiz einer stabilen Währung, freier
und konkurrenzfähiger Märkte, Privateigentum und realistischer Preise erhöhen.
Verschiedene
Elemente der
marxistisch-leninistischen
Ideologie
wie die dominierende, exklusive Rolle
der Kommunistischen Partei scheinen
mit dem für die Lösung von Moskaus
Problemen notwendigen dezentralisierten politischen und wirtschaftlichen
System nicht vereinbar zu sein. Neue
politische Arrangements werden erforderlich sein, um den Anliegen und
Forderungen der ethnischen Minderheiten und Republiken innerhalb der Sowjetunion gerecht zu werden.

Auch können die sowjetischen Probleme
nicht von außen, etwa durch großzügige westliche Kredite gelöst werden eine Politik, die sich in der "Ära
der Stagnation" unter Breschnew als
Fehlschlag erwiesen hat.
Präsident
Gorbatschow hat diesen Punkt in seiner Neujahrsansprache 1988 klar zum
Ausdruck gebracht, als er erklärte:
"Genossen, wir dürfen nicht denken,
daß jemand anderes unsere Probleme
für uns lösen wird, daß sich alles um
uns herum wie von Zauberhand verändern wird, wenn am Neujahrsabend die
Uhr Mitternacht schlägt. Nein. Wir
müssen die Zukunft selbst schaffen,
zur Umstrukturierung mit unseren eigenen Taten beitragen..." Ed Hewett,
ein westlicher Experte zur sowjetischen
Wirtschaft, meint:
"...so
stark westliche Gefühle im Hinblick
auf das mögliche Ergebnis dieser Reformbemühungen auch sein mögen, die
politisch Verantwortlichen im Westen
müssen erkennen, daß ihr 'Einfluß'
auf diesen Prozeß nur bescheiden sein
kann."
Der selbstbewußte und radikale Charakter der Perestrojka in der Innenpolitik ist noch entscheidender geworden, da die Reformen auf wachsen-

Schließlich sprengt der organische
Charakter der Perestrojka den Rahmen
einer ausschließlich innenpolitischen
Reform.
Gorbatschow hat wiederholt
auf die Verbindung zwischen innenpolitischen Reformen und dem neuen Denken in der Außenpolitik verwiesen.
Noch vor wenigen Monaten erklärte er,
es bestehe "eine untrennbare Verbindung zwischen der neuen Außenpolitik
und der Perestrojka im Inland".
Und da treten wir auf den Plan. So
faszinierend der innenpolitische Wandel in der Sowjetunion sein mag, so
sind wir doch hauptsächlich davon betroffen, wie sich die Sowjetunion ge
genüber dem Rest der Welt verhält.
Auch hier verspricht die Perestrojka
radikale Reformen.

Die Perestrojka in der sowjetischen
Außen- und Verteidigungspolitik
Vergleichen

Sie die sowjetische Au-

�ßenpoiitik, mit der wir es in der
Vergangenheit zu tun hatten, mit der
heutigen. Unter Breschnew erstreckte
sich der hauptsächlich durch bewaffnete Vasallen ausgeübte sowjetische
Einfluß über die ganze Welt. Hand in
Hand mit diesen Abenteuern rüsteten
die Sowjets umfassend militärisch
auf, was von dem ehemaligen Verteidigungsminister Harold Brown treffend
beschrieben wurde, als er erklärte:
"Wenn wir rüsten, rüsten sie auch;
wenn wir aufhören, rüsten sie weiter."
Doch trotz des Ausbaus ihrer Streitkräfte und ihrer Anstrengungen zur
Schaffung von Brückenköpfen auf der
ganzen Welt haben die Sowjets weder
größere Sicherheit noch dauerhaften
Erfolg errungen.
Gerade die von der heutigen Führung
gelernten Lektionen der siebziger
Jahre scheinen dem rosarot gefärbten
Bild der Breschnew-Ära grundsätzlich
zu widersprechen.
Gorbatschow und
seine "neuen Denker" sprechen von den
folgenden Lektionen:
Die Aufrüstung unter Breschnew
schuf mehr Unsicherheit als Sicherheit.
Sowjetische Maßnahmen
wie etwa die Stationierung der
SS 20 provozierten Reaktionen des
Westens, die zu einem für Moskau
ungünstigeren Kräftegleichgewicht
führten.
Die
Aufrüstung
ruinierte
die
Wirtschaft. Die den Militärs in
allen Bereichen eingeräumte Vorrangstellung mußte abgebaut werden.
Sicherheit ließ sich nicht einseitig erzielen, sondern nur auf
multilateraler Ebene.
Militärische und politische Gewinne in der dritten Welt waren
kostspielig und die oberflächlichen Erfolge zumeist flüchtiger
Natur.
Regionale Konflikte könnten eskalieren und zu unerwünschten Kon-

frontationen
führen.
Mögliche
Vorteile waren die solchen Situationen
innewohnenden
Risiken
nicht wert.
Dies sind die Lektionen, die die Sowjets ihren eigenen Angaben zufolge
aus Breschnews Fehlschlägen gelernt
haben, theoretische Lektionen, die
das neue Denken und die Perestrojka
geformt haben.
Obwohl sie ihre Lektionen in der
Theorie gelernt haben, wurden sie bis
heute bei weitem nicht alle in die
Praxis umgesetzt.
In der Verteidigungspolitik und Rüstungskontrolle haben die Sowjets
mehr Verständnis für die Notwendigkeit gezeigt, die beiderseitige Sicherheit zu fördern. Sowohl bei den
Gesprächen über konventionelle als
auch nukleare Rüstungskontrolle haben
die Sowjets ihre Haltung geändert, um
der traditionellen westlichen Position zur Verhinderung eines Kriegs
und zur Verbesserung der Sicherheit
entgegenzukommen.
Präsident Gorbatschow hat Kürzungen im sowjetischen
Verteidigungshaushalt
versprochen.
Er hat versprochen, Schwerter zu
Pflugscharen zu machen, indem er Panzer zu Traktoren umrüsten läßt. In
diesem Bereich warten wir noch auf
konkrete Ergebnisse.
Im Hinblick auf die regionalen Konflikte ist das Bild sehr uneinheitlich. Die Sowjets sind aus Afghanistan abgezogen. Sie haben eine Lösung in Angola gefördert. Insgesamt
jedoch scheint Moskau bei den regionalen Konflikten weniger als in der
Rüstungskontrolle bereit zu sein,
schwierige Entscheidungen zu treffen. Wir haben einen starken Anstieg
sowjetischer Waffenlieferungen an Afghanistan
und
Äthiopien
festge
stellt. In Kambodscha sind die sowjetischen Lieferungen in diesem Jahr
nach dem heutigen Stand schon doppelt
so hoch wie im gesamten Jahr 1988.
Weiterhin werden Ostblockwaffen nach
Nicaragua geliefert. Diese störenden
Handlungen, diese scheinbare Präfe4 -

�renz für militärische Lösungen, mögen
kurzfristig ja geeignet sein, um einen Najibulla, einen Hun Sen oder einen Mengistu an der Macht zu halten.
Langfristig können diese Konflikte
nur durch politische Lösungen auf der
Grundlage der nationalen Aussöhnung
beigelegt werden. Das ist die wahre
Lehre der siebziger Jahre.

neuem Denken und alten Gewohnheiten
auseinandersetzen müssen. In der Rüstungskontrolle hat der Kreml einige
schwierige politische Entscheidungen
getroffen und in manchen Bereichen
den Weg gemeinsamen Fortschritts gewählt. Jetzt müssen wir auch das sowjetische Konzept mitgestalten, damit
Moskau den Weg für Fortschritte in
regionalen Konflikten wählt.

Perestrojka
Politik

Im Zuge unserer Suche nach Übereinstimmung dürfen wir nicht einem falschen Optimismus nachgeben, daß Perestrojka in der sowjetischen Außenpolitik ausreichend berücksichtigt worden ist und wir uns darauf verlassen
können, daß das neue Denken unsere
Interessen berücksichtigt.

und

die

amerikanische

Wie erklärt sich dieses uneinheitliche Bild? Einige Analytiker argumentieren mit dem Hinweis auf Enttäuschungen in der Vergangenheit, daß
die Sowjets sich lediglich in einer
"peredysha" befinden - einer Atempause, bis der Leninismus stark genug
ist, um erneut dem Kapitalismus den
Kampf anzusagen.
Andere verweisen
mit Blick auf die Zukunft darauf, daß
Anhänger des neuen Denkens so in ihren innenpolitischen Überlegungen gefangen sind, daß das alte Denken in
manchen Bereichen der Außenpolitik
immer noch die Oberhand hat.
Für mich deutet das aber noch auf etwas anderes hin.
Ich sehe eine Parallele zwischen dem
Kurs der Perestrojka in der Sowjetunion und dem neuen Denken in der sowjetischen Außenpolitik.
Innenpolitisch versuchte Gorbatschow die Umsetzung von Theorie in Praxis, und
sein Programm hat sich verändert und
an Kontur gewonnen. Und ebenso wie
die Sowjets sich jetzt innenpolitischen Dilemmas aussetzen, die um des
Friedens willen gelöst werden müssen,
sollten sie jetzt ihre Außenpolitik
verändern.
Innenpolitisch können wir nur wenig
Einfluß darauf nehmen, wie die Sowjets ihr Dilemma lösen. Aber in der
Außen- und Verteidigungspolitik können wir mit Hilfe einer vorsichtigen
Suche nach beiderseits vorteilhaften
Elementen das Konzept mitgestalten
und verändern, so daß sich die Sowjets mit der Diskrepanz zwischen

Es wäre ein ebenso gravierender Fehler, die Möglichkeit außer acht zu
lassen, daß Perestrojka viel weiter
gehen könnte und sich stattdessen auf
eine verdächtige Position des Disengagements zurückziehen mit dem Ergebnis, daß die Perestojka mit ihren
Versprechungen nie auf die Probe gestellt würde.
Jeder dieser beiden Ansätze würde die
vor uns liegenden enormen Möglichkeiten opfern.
Unsere Aufgabe liegt darin, dem Stre
ben nach Vorteilen für beide Seiten
Vorschub zu leisten. Wenn wir auf
Zustimmung der Sowjets stoßen, ist
dies umso besser für uns beide. Wenn
wir auf Widerstand stoßen, sollten
wir erkennen, daß wir unsere Anstrengungen verdoppeln müssen, so daß Moskau das neue Denken nicht nur predigt, sondern auch praktiziert. Wenn
wir realistisch handeln und Moskau am
Streben nach beiderseitigem Vorteil
beteiligen, können wir die Gelegenheit ergreifen, die sich mit Gorbatschow Revolution bietet. Durch Unbe
weglichkeitnwürden wir nichts gewinnen und diese Möglichkeit zur Revolutionierung der Ost-West-Beziehungen
verspielen.
Tatsächlich hat sich unsere Suche
nach dem Vorteil für beide Seiten auf
5 -

�die Lösung politischer Konflikte sowohl in Europa als auch in der Dritten Welt konzentriert, ferner auf eine Minderung des Kriegsrisikos mit
Hilfe der Rüstungskontrolle und auf
die Förderung innenpolitischer Veränderungen in der Sowjetunion. Fortschritte in diesen Bereichen werden
sowohl sowjetischen als auch amerikanischen Interessen im weitesten Sinne
dienen, weil Spannungen abgebaut und
Ressourcen für die Arbeit am Frieden
freigesetzt werden.

Ein ungeteiltes und freies Europa
Unser erstes Streben nach beiderseitigem Vorteil muß den wichtigsten und
entscheidensten Kernpunkt des kalten
Krieges berücksichtigen - die 'Teilung
Europas.
Präsident Bush hat unser
Ziel eines ungeteilten freien Europas
formuliert, und unsere NATO-Verbündeten haben sich auf ein umfassendes
Programm geeinigt, um dieses Ziel zu
erreichen. Ein Teil dieses Programms
besteht in einem beschleunigten Zeitplan für ein Abkommen über die Reduzierung konventioneller Streitkräfte
in Europa, mit dem bestehende Asymmetrien abgebaut und das Risiko eines
Übrrasehungsangriffs vermindert werden würde. Ein solches Abkommen würde nicht nur eine sicherere Abschrekkung bedeuten, sondern auch eine größere militärische Offenheit hervorbringen, die zu Vertrauen auf beiden
Seiten führt und die Möglichkeiten
für Mißverständnisse und Fehleinschätzungen verringert.
Noch größere Bedeutung kommt der Tatsache zu, daß ein Abkommen über konventionelle Streitkräfte in Europa
(KSE) die sicherheitspolitische Landkarte Europas neu gestalten und der
sowjetischen militärischen Einschüchterung nicht nur Westeuropas sondern
auch
Osteuropas
Einhalt
gebieten
könnte. Die sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Osteuropa müßten auf
weniger als die Hälfte der Niveaus
reduzieren, über das sie noch zu Beginn des Jahres verfügten.

KSE würde auch der Perestrojka in der
Sowjetunion Vorschub leisten. Moskau
kann bei den konventionellen Streitkräften Milliarden einsparen, wenn es
einem KSE-Abkommen zustimmt.
Wenn Gorbatschow wirklich für Butter
statt Kanonen ist, dann sind die
KSE-Verhandlungen der sicherste Weg
zu umfangreichen Einsparungen.
Darüber hinaus würde ein Abkommen der
Welt eindeutig beweisen, daß Ost und
West das politische und militärische
Vermächtnis des kalten Krieges überwinden können.
Ein ungeteiltes und freies Europa bedeutet jedoch mehr als Rüstungskontrolle oder Abrüstung. Das Abkommen
von Helsinki sieht gemeinsame Maßnahmen zur Bewahrung der Menschenrechte
in Europa vor.
Die Sowjetunion und wir stehen vor
der Herausforderung, die Veränderungen in den Ländern hinter dem rostenden Eisernen Vorhang in den Griff zu
bekommen. Da sie alle den gleichen
unangemessenen stalinistischen Vorbildern folgten, waren sie in unterschiedlichem Maße von den gleichen
Krankheiten betroffen, die in der Sowjetunion Perestrojka erzwungen haben.
Diese Länder können jedoch
nicht alle gleich behandelt werden.
Einige - vor allem Ungarn und Polen haben eine mutige Abkehr vom traditionellen wirtschaftlichen und sogar
vom politischen System vollzogen.
In der DDR unternehmen die Bürger
selbst mutige Schritte. Wie ich bereits letzte Woche gesagt habe, ist
es für Glasnost und Perestrojka in
der DDR an der Zeit. Der Status quo
ist für die Bürger dieses Landes
ebenso inakzeptabel wie für die Völker Polens und Ungarns. Den Bürgern
der DDR kann in ihrem Land nicht immer und ewig das bessere Leben vorenthalten werden, das sie jetzt mit
ihrer Flucht in den Westen suchen.
Natürlich haben die Vereinigten Staaten und unsere NATO-Partner die deut6 -

�sehe Aussöhnung seit langem unterstützt. Das legitime Recht der Deutschen muß ihnen irgendwann zugestanden werden. Aber ich möchte eindeutig feststellen - Aussöhnung durch
Selbstbestimmung kann nur in Frieden
und Freiheit erzielt werden.
Die
Normalisierung muß auf der Grundlage
westlicher Werte mit dem Endergebnis
erfolgen, ein in die Gemeinschaft demokratischer
europäischer
Nationen
integriertes Volk zu sein.
Wir haben unsere Ansicht klar und
deutlich zum Ausdruck gebracht, daß
Europa niemals ungeteilt und frei
sein
kann,
wenn
die
sogenannte
Breschnew-Doktrin, die militärische
Intervention der Sowjetunion in die
verbündeten Länder des Warschauer
Pakts rechtfertigt, weiterhin ein
Prinzip der sowjetischen Außenpolitik
ist. Ohne ausdrückliche Abkehr von
dieser
Doktrin
haben
Staats- und
Parteichef Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse erklärt, daß der
Einsatz von Macht zur Bestimmung des
politischen Systems anderer Länder
unzulässig ist. Ihnen zufolge soll
jeder Staat seinen eigenen Kurs wählen können. Ich würde diese Formulierung nur dahingehend modifizieren,
daß das Volk eines jeden Staates in
der Lage sein sollte, seinen eigenen
Kurs zu wählen.
In Polen konnten wir die Wahl eines
nichtkommunistischen
Ministerpräsidenten zum Vorsitzenden einer Koalition mit der kommunistischen Partei
beobachten, während dieses Land einen
Weg aus den Folgen des verheerenden
wirtschaftlichen
Mismanagements
sucht. Es ist eine beachtliche Entwicklung, die zu Hoffnungen berechtigt. Dem Volk voll verantwortliche
politische
Institutionen
sind die
einzige Garantie
für langfristige
Stabilität. Wir hoffen, andere Länder der Region folgen diesem Modell
des Wandels.
Wir versuchen, Reformen zu ermutigen,
damit diese Länder erneut ihren angestammten Platz als unabhängige Nationen erhalten und an der Erlangung ge-

sellschaftlicher und wirtschaftlicher
Fortschritte in einem europäischen
Kontext arbeiten können. Ebenso wie
bei Perestrojka in der Sowjetunion
müssen die grundlegenden Entscheidungen von diesen Ländern selbst getroffen werden. Von diesen Entscheidungen ausgehend können wir und unsere
Verbündeten in Westeuropa in drei
Phasen Hilfe anbieten.
Kurzfristig
können wir vor allem Nahrungsmittelhilfe bieten, mit der die unmittelbare Krise gemildert werden kann.
Durch den IWF und andere multilaterale Finanzinstitutionen können wir
mittelfristig eine Kombination von
Stabilisierung der Währung, Strukturreformen und wirksamer Schuldentilgung anbieten.
Langfristig können
wir die Schaffung eines Privatsektors
und Konditionen ermutigen und anregen, die einen Anreiz für Privatkapitalinvestitionen
zum
Wiederaufbau
dieser Volkswirtschaften bieten.
All dies wird nicht leicht sein.
Nach Jahren wiederholter Fehler ist
unser Vorrat erschöpft. Daher dürfen
wir die Fehler der siebziger Jahre
nicht erneut begehen. Unsere Hilfe
muß Hand in Hand mit wirksamen Reformen der Länder selbst und unterstützt
von der internationalen Staatengemeinschaft gezielt erfolgen.
Aus
diesem Grund hat der Präsident nach
seinem Besuch in Polen und Ungarn in
diesem Sommer um die Zusammenarbeit
mit unseren europäischen Verbündeten
bei der Erarbeitung eines solchen
Programms gebeten und eine entsprechende Zusage erhalten. Dieses Programm nimmt jetzt in Zusammenarbeit
mit unseren Partnern im Westen Gestalt an.
Die Vereinigten Staaten
müssen weiterhin der Katalysator bei
seiner Verwirklichung sein.
Eine letzte Bemerkung zum politischen
Wandel in Osteuropa. Wie ich bereits
festgestellt habe, befürworten wir
Fortschritte, die diesen Ländern ihr
Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit zugestehen. Präsident Bush hat
eindeutig klargestellt, daß wir die
Hinwendung zu Freiheit nicht ausnutzen werden, um die Sicherheit der So-

- 7-

�wjetunion zu beeinträchtigen.
Niemand - ich wiederhole - niemand profitiert davon, wenn der gesamte Trend
zu nützlichen wirtschaftlichen und
politischen Veränderungen in Gewalt
erstickt.
Aber alle werden profitieren, wenn
die Reformen in Osteuropa Erfolg haben.
Die Völker Osteuropas werden
profitieren, wenn die Fesseln des
Stalinismus gelockert werden.
Die
Westeuropäer profitieren, wenn ihr
Kontinent
erneut
ungeteilt
sein
wird. Gorbatschow und die Reformpolitiker werden profitieren, wenn das
Beispiel der Macht von Reformen in
Osteuropa Schule macht. Und wir werden profitieren, wenn wir den kalten
Krieg hinter uns lassen.

Beilegung regionaler Konflikte
Ein zweiter wichtiger Bereich beiderseitiger Vorteile betrifft regionale
Konflikte.
Jeder dieser Konflikte
birgt in gewissem Maße das Potential,
zum Schauplatz von Rivalitäten und
Spannungen zwischen den Supermächten
zu werden. Mit der Verbreitung von
Raketen und chemischen Waffen in diesen instabilen Regionen werden Konflikte in der Dritten Welt gefährlicher.
Regionale Konflikte werden
voraussichtlich schwieriger zu begrenzen sein, sich wahrscheinlich auf
mehr Länder ausweiten und anfälliger
für Eskalation sein.
Weder die Vereinigten Staaten noch
die Sowjetunion inmitten von Perestrojka haben ein Interesse daran, in
solche Konflikte hineingezogen zu
werden.
Wie Staats- und Parteichef
Gorbatschow vor kurzem sagte: "Vielleicht mehr denn je brauchen wir heute günstige Bedingungen im Ausland,
damit wir die revolutionäre und umfassende Aufgabe der Erneuerung der
sowjetischen Gesellschaft bewältigen
können." Die Beilegung von Konflikten in Mittelamerika, Afghanistan,
Kambodscha und Afrika würde den Sowjets sicherlich die Milliarden sparen, die sie jedes Jahr zur Unter-

stützung der Vasallenstaaten ausgeben. Dies ist ein Bereich, in dem
sich die Sowjets selbst helfen können. Und wir haben eindeutig klargestellt, daß wir bereitwillige Partner
sind - Partner, die der Tatsache
Rechnung tragen, daß die Beilegung
und Entschärfung regionaler Spannungen die Gefahren verringern kann, denen wir uns alle ausgesetzt sehen.
Reduzierung des Kriegsrisikos
Rüstungskontrolle ist der dritte Bereich, in dem wir gemeinsam mit Moskau Übereinstimmung anstreben.
Bei
unseren Bemühungen können wir mit den
Sowjets
zusammenarbeiten,
um
das
Kriegsrisiko zu mindern und die Kosten der Kriegsverhinderung zu senken.
Unsere Rüstungskontrollbestrebungen konzentrieren sich auf eine
Risikominderung, indem sie die Anreize für einen Überraschungsangriff
senken, nicht jedoch auf die Rüstungsreduzierungen selbst.
Deshalb
haben wir uns bei KSE auf Waffen wie
Panzer, Artillerie und Schützenpanzer
konzentriert, die für den Beginn und
die Durchführung einer Invasion am
besten geeignet sind.
Bei START
richten wir unser besonderes Augenmerk auf die Reduzierung der für einen Erstschlag am besten geeigneten
Waffen - wie die sowjetische SS-18 und fördern diejenigen, die stabilisierender und für einen Erstschlag
weniger geeignet sind, wie zum Beispiel Bomber. Wir sind von unserer
Forderung des Verbots mobiler Raketen
abgerückt, weil mobile Raketen bei
wirksamer Verifizierung die Überlebensfähigkeit verbessern und die Stabilität erhöhen.
Darüber hinaus versuchen wir, größere
Offenheit zwischen Ost und West zu
fördern, um Klarheit über Absichten
und Fähigkeiten zu gewinnen und Fehleinschätzungen abzubauen. In diesem
Sinne hat der Präsident seine Initiative der Offenen Himmel verkündet,
die von den Sowjets positiv aufgenommen wurde.

�Bei der Verfolgung dieser Rüstungskontrollziele hat diese Administration von ihren Vorgängern zu lernen
versucht. Wir sind am Ball geblieben
und arbeiten an Verträgen, die unser
Senat ratifizieren kann und die die
neuen amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in der Sicherheitspolitik
verifizierbar festklopfen. Diese Betonung auf realistischen verifizierbaren Abkommen lag unseren im Rahmen
von START vorgeschlagenen Maßnahmen
für
Verifizierung
und
Stabilität
ebenso zugrunde wie unserem Datenaustausch über chemische Waffen mit den
Sowjets - beiden Punkten haben die
Sowjets in Wyoming zugestimmt.
Wir haben ferner realistische Maßnahmen zur Aufnahme der amerikanisch-sowjetischen Zusammenarbeit getroffen,
um wachsenden Bedrohungen nicht nur
für die Ost-West-Beziehungen, sondern
auch für die internationale Sicherheit zu begegnen. Die vom Präsidenten bei den Vereinten Nationen verkündete
Initiative über chemische
Waffen wird zu schnelleren und drastischen Reduzierungen sowjetischer
und amerikanischer Arsenale führen.
Die Förderung von Perestrojka in der
Innenpolitik
Obwohl unser Schwerpunkt auf Elementen der Übereinstimmung in den drei
Bereichen Europa, regionale Konflikte
und Rüstungskontrolle liegt, richten
wir unser Augenmerk auch auf einen
vierten Bereich: Stärkung von Glasnost und Demokratisierung. Mit unseren Gesprächen stimulieren wir aktiv
den Aufbau pluralistischer Institutionen und Praktiken in der Sowjetunion. Unserer Ansicht nach ist die
Betonung der Rechtsstaatlichkeit in
den Schriften der Reformer ein positiver Schritt. Wir ermutigen die Sowjets, den Schutz des Individuums in
ihre Rechtsprechung und deren Anwendung aufzunehmen, wie sie es in der
Schlußakte von Helsinki zugesagt haben. Wir hoffen, mit unserem länderübergreifenden Dialog auch, die Sowjets an der Lösung internationaler

Probleme - insbesondere Umwelt - zu
beteiligen, wo sowjetisches Verhalten
nicht internationalen Maßstäben entspricht. Außenminister Schewardnadse
hat in Wyoming großes Interesse an
diesen länderübergreifenden Problemen
wie etwa der Erwärmung des Erdklimas
bekundet, und meiner Ansicht nach
kann amerikanisch-sowjetische Kooperation wirkungsvolleren internationalen Maßnahmen den Weg ebnen.
Schließlich haben wir einen fünften
Bereich der Übereinstimmung ausgemacht. Dieser letzte Bereich bezieht
sich auf die innenpolitischen Aspekte
der Perestrojka. Wir sind bereit, in
bestimmten
Bereichen
sowjetischer
Wirtschaftsreformen technische Hilfestellung zu leisten. Die Sowjets bewegen sich in unsicheren Gewässern,
experimentieren mit Märkten, wettbewerbsfähigen Unternehmen und realistischer Preisgestaltung, was wir
als
selbstverständlich
betrachten.
In Wyoming haben Außenminister Schewardnadse und ich intensive Gespräche
über den Charakter von Maßnahmen ge
führt, die eine Preisreform und damit
die Konvertierbarkeit des Rubels ermöglichen würden.
Die sowjetische
Führungsspitze zeigt eindeutig Interesse an unseren Ideen über ihre
Wirtschaftsreformen, und wir werden
unsere Gespräche über diese Themen
fortsetzen.
Diese Bereiche schaffen eine fruchtbare Grundlage, auf der sich Bereiche
der Übereinstimmung erschließen. Perestrojka bedeutet schließlich für
die Sowjetunion neue Möglichkeiten in
Politik, Wirtschaft und Rechtsprechung - neue Normen, wenn Sie so wollen.
Wir tun keiner Seite etwas Gutes,
wenn wir unsere eigenen Maßstäbe lokkern und dabei glauben, der Reform
Vorschub zu leisten.
Aus diesem
Grund haben wir den Sowjets geraten,
ihre Veränderungen beim Ausreiseverfahren zu kodifizieren, so daß wir
Jackson-Vanik wie versprochen aufheben können.
Deshalb betrachen wir
Diskussionen über eine sowjetische

- 9-

�Mitgliedschaft im GATT oder anderen
Finanzinstitutionen
als
verfrüht.
Unser Ansatz zum Handel, der seine
Grundlage in unseren Erfahrungen mit
der Sowjetunion und anderen Ländern
hat, muß eine privatwirtschaftliche
Basis nahen. Ein für beide Seiten
vorteilhafter Warenhandel mit nichtstrategischen Gütern ist der beste
Weg zur Förderung der sowjetischen
Beteiligung an der Weltwirtschaft.
Zusammenfassung
Ich möchte an dieser Stelle zusammenfassen. Wir wünschen Perestrojka den
innen- und außenpolitischen Erfolg,
weil wir die Auffassung vertreten,
daß sie eine weniger aggressive Sowjetunion hervorbringen wird, die
keine Gewalt mehr anwendet und der
Demokratie weniger feindlich gegenübersteht. Eine Perestrojka, die nur
einen effizienteren und fähigeren Sowjetstaat hervorbringt, wäre in der
Tat ein ungemein starker und gefährlicher Konkurrent.
Aber ich denke nicht, daß Perestrojka
erfolgreich sein kann, ohne daß sie
Maßnahmen wie freie Marktwirtschaft,
Redefreiheit
sowie
Institutionen
fördert, die dem Bürger gegenüber rechenschaftspflichtig sind.
Und das
bedeutet eine demokratischere Gesellschaft, die Menschenrechte und Gesetze respektiert und Grundlage eines
konstruktiveren, weniger gefährlichen
sowjetischen Verhaltens im Ausland
sein könnte; eine Gesellschaft, die
keine Untertanen produziert, sondern
Bürger, die am politischen Prozeß
teilnehmen und eine Gesellschaft, in
der Bürger die Handlungsweise ibrer
Regierung in Innen- und Außenpolitik
mitbestimmen können. In solch einer
Sowjetunion werden die Menschen und
die Regierung den Äußerungen von Außenminister Schewardnadse zustimmen,
"eine Außenpolitik, die nicht offen
und erklärbar ist und nicht die Zustimmung des Volkes findet, ist unmöglich". Eine solche Regierung wird
innenpol. i tische Fortschritte als Er-

folge verbuchen können, nicht jedoch
eine Erweiterung ihrer Außenpolitik.
Aus diesem Grund verdient eine vorsichtige Politik der Suche nach gemeinsamen Vorteilen für die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion unsere ernsthaften und eingehenden Bemühungen. Das ist der beste Weg, um
herauszufinden, ob das Versprechen
der Perestrojka in der Außenpolitik
erfüllt werden kann.
Ich möchte diese Betrachtungen über
Perestrojka und amerikanische Außenpolitik mit der Bekräftigung meiner
Überzeugung schließen, daß wir eine
in der Geschichte einmalige Gelegenheit haben, die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen dauerhaft zu verbessern.
Diese Gelegenheit wurde
durch Aktivitäten beider Seiten hervorgebracht. Und wie Präsident Bush
erklärte: "Unsere Hoffnung zielt auf
echten Frieden ab, einen Frieden mit
Optimismus auf beiden Seiten, keinen
Frieden der bewaffneten Lager."
Worin besteht diese Hoffnung, dieser
gemeinsame Optimismus wirklich? In
einer Schließung gefährlichen Kluft
zwischen Ost und West, von der die
Weltpolitik nach dem Krieg entstellt
war. Es könnte neue amerikanisch-sowjetische Beziehungen geben, die Konkurrenzkampf wenn möglich durch einen
kreativen und kooperativen Ansatz bei
internationalen Problemen ersetzen.
Neue Beziehungen werden nicht durch
Rhetorik oder fromme Wünsche hervorgebracht, sondern durch die Realität
eines Europas, das ungeteilt und frei
ist und seinen inneren Frieden gefunden hat. Neue Beziehungen, im Rahmen
derer die Realität regionaler Konflikte schließlich gelöst wird, so
daß das Versprechen der Entwicklungen
einglöst werden kann. Neue Beziehungen, die einen dauerhaften Rüstungskontrollprozeß
hervorbringen,
der
mehr Sicherheit durch höhere Stabilität und größere Offenheit zu einem
geringeren Preis schafft. Und neue
Beziehungen, die vor allem zur Verwirklichung der Menschenrechte füh-

�ren, die Geburtsrecht
Menschheit sind.

der

gesamten

Eine solche Welt streben wir an.

* * * * *

- 11 i

*

�AMERIKA DIENST
Hintergrundmaterial

4

VON

18. Oktober 1989

38

PROGRAMME FÜR DIE ARMEN IN AMERIKA
- Zweiter von fünf Artikeln über das amerikanische Sozialwesen -

WASHINGTON
(AD) - Mit Hilfe der
als Teil des Sozialversicherungsgesetzes von 1935 eingeführten Sozialprogramme soll verhindert werden, daß
Amerikaner

unter

die

Armutsgrenze

fallen, indem sie für einen Teil des
durch Ruhestanr , Berufsunfähigkeit,
Tod oder Arbeitslosigkeit entfallenden Einkommens aufkommen.
Dennoch basieren diese Programme in
der Regel auf der Dauer der Berufstätigkeit und decken diejenigen Amerikaner, deren Jahreseinkommen unter
der staatlich festgelegten Armutsgrenze liegt, nicht angemessen ab.
Für deren Bedürfnisse sorgen eine
Reihe anderer Programme. Sie werden
von den Regierungen des Bundes, der
Staaten und Gemeinden und vielfach

United States Information Service
Embassy of the United States of America

auch mit privaten Spenden gefördert.
In den Vereinigten Staaten wird die
Armutsgrenze in der Regel definiert,
indem der Preis errechnet wird, zu
dem die tägliche Versorgung von Alleinstehenden und Familien mit den
preiswertesten und dabei ernährungsphysiologisch
besten
Lebensmitteln
sichergestellt werden kann.
Diese
Kosten werden mit drei multipliziert
- angesichts der Tatsache, daß Amerikaner durchschnittlich ein Drittel
ihres Einkommens
für Lebensmittel
ausgeben - und zu Beginn jedes Kalenderjahres inflationsbereinigt.
Im Jahr 1989 liegt die Armutsgrenze
für Alleinstehende bei 5 980 Dollar,
für eine zweiköpfige Familie bei
8 020 Dollar, für einen Dreipersonen-

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.: 0228-339 2035
Telex: 8-85432

�haushält bei 10 060 Dollar und für
eine Familie mit zwei Kindern bei
12 100 Dollar.

Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern
Die Hilfe für Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern (Aid to Families with Dependent Children
AFDC) - allgemein als "Weifare" bezeichnet - ist das umfangreichste und
kostenträchtigste zum Teil aus Mitteln der Bundesregierung finanzierten
Programme. Es handelt sich hierbei
um ein Vermögensabhängiges Programm,
das bedürftigen Familien helfen soll,
in denen ein Elternteil verstorben
ist, die Familie verlassen hat, behindert ist oder - in rund der Hälfte
aller Staaten - seinen Arbeitsplatz
verloren hat.
Die Staaten führen die Programme nach
den
Maßgaben
der
Bundesregierung
durch.
Die Kosten werden anteilig
von der Bundesregierung, den Staaten
und Gemeinden aufgebracht. Dabei beträgt der Anteil der Bundesregierung
an den Gesamtkosten für AFDC mindestens 50 Prozent. Er kann sich jedoch auf bis zu 83 Prozent belaufen,
da die weniger vermögenden Staaten
einen höheren Prozentsatz an Mitteln
der Bundesregierung erhalten.
Der Anspruch auf nach diesem Programm
vergebenen Mitteln ist in den einzelnen Staaten ebenso unterschiedlich
wie der Umfang der Leistungen. Nach
den Gesetzen der Bundesregierung muß
jeder Staat auf der Grundlage des
Mindestbedarfs
an
Lebensmitteln,
Kleidung und Unterkunft den "Grundbedarf" einer Familie ermitteln. Dieser Bedarf weicht aufgrund der unterschiedlichen Lebenshaltungskosten der
einzelnen Staaten (die zum Beispiel
in Alaska besonders hoch sind) stark
voneinander ab.
Tatsächlich reicht
der von den Staaten sehr niedrig berechnete Bedarf nicht aus, um alle
Grundbedürfnisse zu decken, und deshalb kann eine Familie Leistungen aus
dem AFDC in Anspruch nehmen, wenn ihr

Bruttoeinkommen niedriger ist als 185
Prozent des Grundbedarfs. Damit kann
ein Teil des Familieneinkommens aufgefangen und etwa die für Fahrtkosten
und Kinderbetreuung anfallende Ausgaben berücksichtigt werden. Der Anspruch auf Mittel der Bundesregierung
endet für gewöhnlich mit dem 18. Lebensjahr des jüngsten Kindes.
Den Gesetzen der Bundesregierung zufolge müssen bestimmte arbeitsfähige
Empfänger von Familienhilfe - etwa
minderjährige Mütter mit Kindern über
3 Jahren - sich um einen Arbeitsplatz, Teilnahme am Schulunterricht
oder einen Ausbildungsplatz im Rahmen
einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme bemühen .
Die monatlich unter AFDC gewährten
Leistungen betragen 1989 für eine
dreiköpfige Familie zwischen 118 Dollar in Alabama und 809 Dollar in
Alaska; der Landesdurchschnitt liegt
bei 306 Dollar. Dennoch können die
Empfänger zusätzliche Sozialleistungen ihrer Bundesstaaten in Anspruch
nehmen. Über 80 Prozent aller betroffenen Familien erhalten darüber
hinaus Lebensmittelmarken, mit denen
sie
Nahrungsmittel
zu
ermäßigten
Preisen kaufen können. Bei den Lebensmittelmarken liegt der Höchstbetrag zwischen 354 Dollar in Alabama
und 1 009 Dollar in Alaska, was einen
nationalen Durchschnitt von 570 Dollar ergibt.
Ferner erhalten die Empfänger dieser
AFDC-Leistungen automatisch kostenlose medizinische Versorgung unter dem
MEDICAID-Programm und unter Umständen
Wohnungsbeihilfe von der Bundesregierung oder dem jeweiligen Staat.
Im Jahr 1988 erhielten 11 Millionen
Empfänger AFDC Leistungen in Höhe von
17 Milliarden Dollar, Lebensmittelmarken, medizinische Versorgung und
Wohnungsbeihilfe nicht eingerechnet.
Von dieser Gesamtsumme stellte die
Bundesregierung 9,3 Milliarden Dollar
zur Verfügung, Staaten und Gemeinden
übernahmen den Rest.

�Zuschüsse für Einkommensschwache
Zuschüsse für Einkommensschwache
(Supplemental Security Income - SSI)
ist ein vermögensabhängiges Programm,
das mit dem Sozialversicherungsgesetz
von 1935 eingeführt wurde. Im Rahmen
des Programms werden Kindern und älteren
Menschen,
Behinderten
oder
Blinden, die über sehr begrenzte finanzielle Mittel oder ein geringes
Einkommen verfügen, festgesetzte monatliche Beträge gezahlt.
Die bar
ausgezahlten Leistungen werden aus
den Einnahmen der Bundesregierung,
nicht aus einem besonderen Treuhandfonds finanziert.
Für das Jahr 1989 beträgt die inflationsbereinigte
monatliche
Durchschnittsleistung 368 Dollar für einen
Anspruchsberechtigten, der über kein
anderes Einkommen verfügt und 553
Dollar für einen Zweipersonenhaushalt
ohne weiteres Einkommen.
Die medizinischen Voraussetzungen, um
SSI-Leistungen für Berufsunfähigkeit
zu erhalten, sind die gleichen wie
für Leistungen aus der Berufsunfähigkeitskasse
der
Sozialversicherung.
Im Rahmen von SSI werden keine Nachweise über Beru jtätigkeit verlangt,
aber es gibt Grenzen für Vermögenswerte - sie betragen 2 000 für einen
Alleinstehenden und 3 000 Dollar für
eine zweiköpfiee Familie, wenn der
Wert des bewol.iten eigenen Hauses unberücksichtigt bleibt. Wenn das Monatseinkommen des Betroffenen über
dem durchschnittlich gezahlten Betrag
liegt, kann er keine Leistungen in
Anspruch nehmen, wenn sein Monatseinkommen unter dem Durchschnittsbetrag
liegt, fallen die SSI-Leistungen entsprechend aus. Wenn zum Beispiel der
durchschnittlich gezahlte Betrag monatlich 368 Dollar beträgt, würde der
Empfänger eines Einkommens von monatlich 200 Dollar Leistungen im Umfang
von 168 Dollar erhalten.
Jeder, der aufgrund von Behinderung
oder Blindheit SSI beantragt, kann
darüber hinaus von dem Bundesstaat,
in dem er wohnt, zusätzliche Zuschüs-

se oder soziale Dienstleistungen in
Anspruch nehmen, einschließlich Beratung, Gesundheitsfürsorge, Lebensmittelmarken,
Facharbeiterausbildung,
Beschaffung von Arbeitsplätzen und
anderen Programmen - wie Haushaltshilfe oder Essen auf Rädern und Begleitdienste - mit denen er sich ein
Stück Unabhängikeit bewahren soll.
Im Jahr 1988 erhielten ca. 4,5 Millionen Personen SSI-Leistungen des
Bundes in Höhe von 11,4 Milliarden
Dollar und die Staaten stellten zusätzliche Dienstleistungen und Bargeldzulagen im Wert von rund 3,3 Milliarden Dollar bereit.

Nahrungsmittelhilfe
Das von der Bundesregierung finanzierte und von den staatlichen und
kommunalen Wohlfahrtsbehörden verwaltete Programm für Lebensmittelmarken
ist bei weitem das größte amerikanische Programm, mit dem den Einkommensschwachen Nahrungsmittelhilfe ge
währt wird. Lebensmittelmarken sind
dafür gedacht, die Kaufkraft für Nahrungsmittel berechtigter einkommensschwacher Haushalte aufzustocken, damit die ausgewogene, preisgünstige
tägliche
Ernährung
gewährleistet
ist. Die an diesem Programm Beteiligten müssen mindestens 30 Prozent
ihres monatlichen Einkommens für Lebensmitte Ikäufe aufwenden.
Die von den staatlichen und kommunalen Wohlfahrtsbehörden an die Einkommensschwachen verteilten Lebensmittelmarken werden von Gemüsehändlern
und Lebensmittelläden angenommen und
später bar von der amerikanischen
Bundesbank zurückerstattet.
Die Leistungen aus dem Programm stehen nahezu allen Haushalten zur Verfügung, denen der Staat ein begrenztes Monatseinkommen oder sonstigen
Finanzmangel bescheinigt, solange die
arbeitslosen Erwachsenen zwischen 18
und 60 Jahren zustimmen, sich als arbeitssuchend eintragen zu lassen und
an Beschäftigungs- und Ausbildungs3 -

�Programmen teilzunehmen, die darauf
abzielen, ihre Grundausbildung zu
verbessern.
Familienmitglieder, die
für kleine Kinder sorgen müssen, sind
von dieser Bedingung ausgenommen.
Um für die maximalen Leistungen des
Nahrungsmittelhilfsprogramms in Frage
zu kommen, dürfen Haushalte mit einem
älteren oder behinderten Mitglied
nicht über anrechenbare Ressourcen
(wie Girokonten oder Aktien und Wertpapiere) verfügen, die über 2 000
Dollar (ausgenommen den Wert ihres
Hauses) liegen und ihr monatliches
Bruttogehalt darf 130 Prozent (im
Jahr 1989 inflationsbereinigt rund
1 310 Dollar pro Monat für eine vierköpfige Familie) oder alternativ ihr
Nettoeinkommen 100 Prozent der vom
Staat festgelegten Armutsgrenze nicht
überschreiten (im Jahr 1989 1 010
Dollar monatlich für eine vierköpfige
Familie).
Für Haushalte mit einem
älteren oder behinderten Familienmitglied gilt nur die Bestimmung bezüglich des Nettoeinkommens und sie dürfen Guthaben von bis zu 3 000 Dollar
haben. Bei Personen, deren monatliches Hinkommen über diesen Höchstgrenzen liegt, werden die Leistungen
jeweils um 30 Cents pro Dollar des
anrechenbaren Einkommens gekürzt.
Empfänger der beiden größten finanziellen Sozilahilfeprogramme des Bundes und der Einzelstaaten - AFDC und
SSI - kommen ohne Berücksichtigung
ihrer Einnahmen oder Guthaben automatisch für Lebensmittelmarken in Frage.
Jüngsten Studien zufolge sind 50,8
Prozent aller Empfänger von Lebensmittelmarken Kinder und 8,4 Prozent
ältere Menschen über 60. Rund 4 Prozent der Empfänger sind ganztags beschäftigt und 21 Prozent der Haushalte verfügen über ein Einkommen aus
Erwerbstätigkeit.
Im Jahr 1988 betrugen die maximalen
Zuwendungen bei Lebensmittelmarken in
den meisten amerikanischen Einzelstaaten für eine vierköpfige Familie
300 Dollar und in Hawaii bis zu 457
Dollar monatlich.

Im Mai 1989 erhielten rund 18,8 Millionen Personen Lebensmittelmarken im
Wert von 1,065 Milliarden Dollar,
einschließlich Verwaltungs- und Verteilungskosten.
Auf das Jahr umgerechnet sind das über 20 Milliarden
Dollar.
Im Jahr 1988 betrugen die
Zuschüsse im Monatsdurchschnitt 50
Dollar pro Person und 130 Dollar pro
Haushalt.
Zwei weitere Nahrungsmittelprogramme
- die nationalen Schulspeisungsprogramme, die jeweils Frühstück oder
Mittagessen bereitstellen - bieten
den beteiligten
öffentlichten und
privaten Schulen sowie gemeinnützigen
Institutionen in Wohngebieten, die
Kinder verpflegen, Unterstützung in
Form von Geld und Nahrungsmitteln.
Jedes dieser Programme verfügt über
ein dreigliedriges Vergütungssystem,
das Kinder aus Haushalten mit Einkommen, die bei oder unter 130 Prozent
der Armutsgrenze liegen (im Jahr 1989
15 730 Dollar pro Jahr für eine vierköpfige Familie), zu freien Mahlzeiten berechtigt, Kindern aus Haushalten mit Einkommen zwischen 130 und
185 Prozent der Armutsgrenze (22 385
Dollar pro Jahr für eine vierköpfige
Familie) Mahlzeiten zu einem ermäßigten Preis anbietet und Kindern aus
Haushalten über 185 Prozent der Arrautgrenze einen kleinen Zuschuß zu
den Mahlzeiten gewährt.
Kinder aus Familien, die für AFDC in
Frage kommen, sind automatisch zu
kostenloser Schulspeisung berechtigt
und ca. 49,2 Prozent aller AFDC-Haushalte erhielten im Jahr 1988 Mahlzeiten kostenlos oder zu einem ermäßigten Preis.
Im Mai 1989 stellten 91 500 beteiligte Schulen kostenlose oder ermäßigte
Mittagessen im Wert von 372,5 Millionen Dollar für 23,5 Millionen Kinder
bereit.
Im gleichen Monat boten
40 800 Schulen 3,8 Millionen Kindern
kostenloses oder ermäßigtes Frühstück
im Wert von 60,2 Millionen Dollar an.
Andere,

von

der

Bundesregierung

im

�Mai 1989 unterstützte zusätzliche
Nahrungsmittelprogramme umfassen:
-

nahrhafte Mahlzeiten und "Imbisse" in Höhe von 63,1 Millionen
Dollar im Rahmen des Kinderfürsorge-Lebensmittelprogramms , einschließlich 43,5 Millionen Mahlzeiten, die
in gemeinnützigen
Kindertagesstätten außerhalb der
Wohngebiete und Unterkünften serviert wurden und 37,4 Millionen
in einkommensschwachen Familien;
angereichertes Essen im Wert von
124,6 Millionen Dollar an 4,2
Millionen Menschen im Rahmen des
besonderen
Nahrungsmittelprogramms für Frauen, Säuglinge und
Kinder;
Zuschüsse an die Bundesstaaten in
Höhe von 162,6 Millionen Dollar
im Rahmen des Nahrungsmittelüberschußprogramms
für
Säuglinge,
Kinder, Wöchnerinnen und stillende Mütter sowie ältere Menschen
in einkommensschwachen Familien;
Lebensmittelpakete im Wert von
4,8 Millionen Dollar an rund
140 100 Amerikaner indianischer
Herkunft, die in oder in der Nähe
von Reservaten leben;

-

25,5 Millionen Dollar an Lebensmitteln für andere bedürftige,
einschließlich armer und arbeitsloser Amerikaner.

Wohnung s we s en
Der Großteil der Wohnungsprogramme
des Bundes zielt heute auf Menschen
der untersten Einkommensschichten ab,
denen weniger als 50 Prozent des
mittleren Einkommens in ihrem geographischen Gebiet zur Verfügung stehen
sowie auf Personen, deren verfügbares
Haushaltseinkommen zwischen 50 und 80
Prozent des mittleren Einkoromens in
ihrem Gebiet beträgt.
Einkommensschwache Haushalte sind jedoch nicht
automatisch zum Bezug Bundeshilfen

berechtigt. Die Zahl der in Frage
kommenden Haushalte ist durch den Umfang der jährlich vom Kongreß für
diese Programme bewilligten Mittel
begrenzt.
Die beiden wichtigsten Bundesprogramme sind heute Wohngeld und Zuschüsse
zu Hypothekenzinsen, die vom Wohnungsbauministerium sowie der Wohnungsverwaltung
für Landwirte des
Landwirtschaftsministeriums
vergeben
werden.
Mit diesen Programmen können Wohnungsbauvorhaben unterstützt werden,
bei denen der private Hauseigentümer
Steuervergünstigungen erhält, wenn er
im Gegenzug eine bestimmte Anzahl von
Wohnungen für einkommensschwache Mieter reserviert.
Eine weitere Möglichkeit ist die Ausgabe von Berechtigungsscheinen, mit denen sich einkommensschwache Mieter auf dem freien
Wohnungsmarkt eine geeignete Wohnung
suchen können.
Mit den Wohngeldprogrammen wird die
vom Mieter zu zahlende Miete im allgemeinen auf einen bestimmten Prozentsatz - gegenwärtig 30 Prozent seines
Gesamteinkommens
begrenzt.
Dabei zahlt die Bundesregierung die
Differenz zwischen dieser Summe und
einer bestimmten Vergleichsmiete auf
dem freien Wohnungsmarkt. Durch diese Programme kann jedoch auch die
Höchstmiete begrenzt werden, die ein
Vermieter
verlangen kann.
Ferner
können die Zahlungen mit einer Formel
berechnet werden, die sich an den dem
Hausbesitzer gewährten Zinssubventionen orientiert.
Bei projektbezogenen Programmen können durch Bundessubventionen die Ka
pitalbaukosten abgedeckt, zinsgünstige Finanzierungen für den Bauherrn
bereitgestellt werden oder beides zusammen. Einige Programme subventionieren ferner die nach Fertigstellung
des Objekts anfallenden Betriebskosten.
Im

- 5 -

Jahr

1988

wurden

4,3

Millionen

�Wohnungen im Rahmen von Programmen
des Wohnungsbauministeriums sowie 1,2
Millionen weitere im Rahmen von Wohnungsbauprogrammen für den ländlichen
Raum subventioniert.
Insgesamt beliefen sich diese Subventionen auf 15
Milliarden Dollar.
Der Bevölkerungsstatistik des Jahres
1987 zufolge erhielten 29 Prozent der
einkommensschwachen Mieter - und 18
Prozent
aller
einkommensschwachen
Haushalte - in diesem Jahr Hilfe
durch Wohnungsprogramme. Dagegen erhielten 71 Prozent aller einkommensschwachen Haushalte mit schulpflichtigen Kindern kostenlose oder teilweise subventionierte Schulspeisung,
42 Prozent erhielten Leistungen aus
dem Medicaid-Programm und 40 Prozent
Lebensmittelmarken.

Hilfen für Obdachlose
Besondere Aufmerksamkeit wird denjenigen Amerikanern gewidmet, die zeitweilig
ohne ausreichende Nahrung,
Kleidung und Unterkunft sind.
So
ernst deren Lage jedoch sein mag:
Die Zahl der Obdachlosen macht weniger als zwei Prozent der 35 Millionen
Armen in den Vereinigten Staaten aus,
deren Gesamteinkommen unter der von
der Bundesregierung festgesetzten Armutsgrenze liegt.
Aufgrund einer im Jahr 1987 durchgeführten Studie über 1 700 Obdachlose
in
20
amerikanischen
Großstädten
schätzt das überparteiliche Urban Institute die Zahl der Obdachlosen auf
560 000 bis 680 000 Personen.
Ein im Jahr 1988 von der Beratergruppe für interministerielle Beziehungen
(Advisory Commission on Intergovernmental Relations) erstellter Bericht
geht davon aus, daß etwa ein Drittel
der Obdachlosen Familien mit Kindern,
ein Drittel geistig behindert und ein
Drittel alkohol- oder drogenabhängig
sind. Innerhalb dieser Hauptkategorien gibt es Personen, die arbeitslos
oder unterbeschäftigt sind (die Arbeitsplätze mit eingeschränkten Ver-

dienstmöglichkeiten
haben),
Haushaltsvorstände, die Kinderbetreuungsmöglichkeiten benötigen, Militärveteranen, auf Bewährung freigelassene
Strafgefangene, Wanderarbeiter, Opfer
häuslicher Gewalt, jugendliche Ausreißer sowie Nichtseßhafte, um nur
einige zu nennen.
Die Bedürfnisse einiger dieser Personen können durch die Bereitstellung
von preisgünstigem Wohnraum befriedigt werden. Für andere jedoch ist
eine Wohnung allein nicht ausreichend.
Eine Kombination aus Unterkünften auf Zeit, richtiger Ernährung, sozialen Diensten, ärztlicher
Versorgung, psychologischer Beratung,
kommunaler Selbsthilfe und Institutionalisierung sind häufig nötig, um
den vielen Facetten des Problems der
Obdachlosigkeit gerecht zu werden.
Die meisten Bundeshilfen für die Unterbringung
Obdachloser werden im
Rahmen des Gesetzes aus dem Jahr 198 7
bereitgestellt, das Ubergangsbeihilfen auf Zeit durch Bereitstellung von
angekauften oder sanierten Wohnungen
auf Dauer für Behinderte, Wohngeld
für Ein-Zimmer-Einheiten wie "Fürsorge"-Hotels und Motels sowie den Bundesstaaten für Bau oder Anmietung von
Notunterkünften
gewährte
Zuschüsse
vorsieht.
Im Jahr 1988 bewilligte
der Kongreß 350 Millionen Dollar für
diese Programme.
Andere Hilfen für Obdachlose werden
hauptsächlich in Form von Geldzuwendungen oder öffentlichen Dienstleistungen vergeben - darunter Notunterkünfte, die Verpflegung, Betten und
Kleidung bereitstellen sowie Suppenküchen, die warmes Essen anbieten.
Selbstverständlich stehen den Obdachlosen all diese Dienstleistungen kostenlos zur Verfügung.
Ferner stellen die Regierungen von
Bund und Einzelstaaten den Obdachlosen über eine Reihe weiterer Programme erhebliche finanzielle Unterstützung bereit, darunter etwa Hilfe für
Familien mit unterhaltsberechtigten
Kindern, Lebensmittelmarken, Bereit-

�Stellung
von
landwirtschaftlichen
Überschüssen sowie durch an die Staaten zur freien Verfügung vergebene
Bundeszuschüsse für allgemeine Unterstützung im Rahmen der Sozialhilfe.
Jedoch erhalten nur 26 Prozent der
Träger von Dienstleistungen für Obdachlose staatliche Hilfen. Die meisten sind karitative Organisationen,
die ihre Tätigkeit aus Spenden von
Privatpersonen, Unternehmen, Stiftungen und kirchlichen Gruppen bestreiten.
Von den geschätzten 104,34 7 Milliarden Dollar, die im Jahr 1988 in den
Vereinigten Staaten für mildtätige
Zwecke gespendet wurden, wurden etwa
20 Milliarden Dollar für Gesundheits- und Pflegedienste verwendet ein Großteil davon für Eitikommensschwache und Obdachlose.

* * * * *
- 7-

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Die Wissenschaft notiert&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;35 Millionen Grad - aber noch zu wenig&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue Experimente in den USA auf dem Gebiet der kontrollierten Kernfusion&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Fluoreszenz-Detektor für atmosphärische Überwachung von Kernexplosionen&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;110 Millionen Wörter in einem Monat&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die Gefahren großer Höhen&lt;br /&gt;Stress-Situationen bei Piloten&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die Welt der Frau&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vierzig Jahre US-Amt für Frauenfragen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Dreiundzwanzig Millionen berufstätige Frauen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Strömungen im Jazz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Künstler in Polen und Russland gefeiert</text>
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                    <text>amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

Tel:

Information

G o d e s b e r g l ,

8 9 - 3 2 4 0

Service

Postfach

Telex:

300

Information
und
Dokumentation

08-85432

Nummer

18. November 1975

Inhalt
DOKUMENTATION:
Moynihan-Erklärung zur Anti-Zionismusresolution der UN
-Wortlaut-

WIRTSCHAFT:
Ford-Administration will gemäßigtes und kontinuierliches Wirtschaftswachstum
Von Thomas Eichler
Kissinger fordert Verhaltenskodex für übernationale Unternehmen
Von Robert R. Cohoes
US-Landwirtschaftsminister Butz fordert Ausweitung der Nahrungsmittelerzeugung
-Auszüqe aus einem Interview mit den USIA-Korrespondenten Eichler und
Harter -

HINTERGRUNDMATERIAL:
Donald H. Rumsfeld - der neue amerikanische Verteidigungsminister
Elliot L. Richardson - der neue Handelsminister der USA
George Bush - der neue Direktor der CIA

Um Übersendung von Belegexemplaren wird gebeten.

�amerika dienst
United
53

States

Bonn-Bad

Tel:

8 9 - 3 2 4 0

Information

G o d e s b e r g l ,

Service

Dokumentation

Postfach 300

T e I e x : 08 - 8 54 3 2

23/1975

MOYNIHAN-ERKLÄRUNG ZUR ANTI-ZIONISMUSRESOLUTION DER UN
-WortlautVEREINTE NATIONEN, NEW YORK — ( A D ) — Der amerikanische Chefdelegierte bei
den Vereinten Nationen, Botschafter Daniel P. Moynihan, gab in der Nacht
zum 11. November vor der Vollversammlung folgende Erklärung zu der den
Zionismus mit Rassismus gleichsetzenden Resolution ab:
Die Vereinigten Staaten erklären hiermit vor der Vollversammlung der
Vereinten Nationen und vor der Welt, daß SI'P diesen infamen Akt nicht anerkennen, sich nicht an ihn halten und ihn niemals hinnehmen werden.
Es ist kaum drei Wochen her, da appellierte der US-Vertreter im Sozialausschuß in mcßvoilen und wohlüberlegten Worten an die Vereinten Nationen, diesen Schritt nicht zu tun, und bezeichnete ihn als "obszön". Jetzt
ist er schon mehr als das, denn die Verstohlenheit, die dem ersten Auftauchen
dieser Obszönität das Gepräge gab, ist durch schamlose Offenheit ersetzt
worden.
Man wird reichlich Zeit haben, den Schaden in Augenschein zu nehmen,
den diese Aktion den Vereinten Nationen zugefügt hat und noch zufügen wird.
Historiker werden dies für uns tun, und es genügt im Augenblick, eine unheilverkündende Tatsache festzuhalten. Ein großes Übel ist auf die Welt
losgelassen worden. Dem Scheusal Antisemitismus - wie es der diesjährige
Empfänger des Friedensnobelpreises, Andrej Sacharow, dieser Tage in Moskau

�Moskau bezeichnete,

ist der Ans+rich internationaler Anerkennung verliehen

worden. Am heutigen Tag hat die

Vollversammlung den Mördern von sechs

Millionen europäischen Juden eine symbolische Amnestie - und mehr als das gewährt. Das ist an sich schon schlimm genug, aber noch viel verhängnisvoller ist die sich uns aufdrängende Erkenntnis - die Erkenntnis, daß dies
nie hätte geschehen können, wenn es keine Vollversammlung gäbe.
Dieser Tag wird wegen seiner Schändlichkeit in Erinnerung bleiben. Denjenigen aber, die das verhindern wollten, obliegt es nun, ihre Gedanken auszudrücken, so daß Historiker wissen werden, daß wir hier kämpften, daß unsere
Zahl - diesmal - nicht klein war und daß wir zwar verloren, aber uns in unserem Kampf voll bewußt waren, was eigentlich verloren gehen würde.
Kein sich mit diesem Geschehen befassender Historiker und auch niemand,
der daran direkt beteiligt war, soll annehmen, daß wir nur als Regierungen,
als Staatskanzleien, diesen Kampf austrugen und noch dazu bloß über eine
Frage, an der unseren Nationen nicht besonders gelegen wäre. Andere werden
für ihre Nationen sprechen; ich spreche für meine.
In unserer ganzen Nachkriegsgeschichte hat es keine andere Frage gegeben, die eine derartige Obereinstimmung der Meinungen in Amerika auslöste
wie diese. Der Präsident der Vereinigten Staaten führte von Anfang an eine
deutliche Sprache: Dazu darf es nicht kommen! Der Kongreß der Vereinigten
Staaten hat in einer im Senat einstimmig angenommenen und im Repräsentantenhaus von 436 der 437 Abgeordneten eingebrachten Resolution seine totale
Opposition zum Ausdruck gebracht. Sofort nach den amerikaniscnen Juden
selbst verurteilte die amerikanische Gewerkschaftsbewegung dieses infame
Unterfangen. Danach haben die großen privaten Institutionen des amerikanischen Lebens eine um die andere ihren Bannstrahl gegen dieses Übel gerichtet; insbesondere haben dies die christlichen Kirchen getan. Eingedenk der
Tatsache, daß die Vereinten Nationen im Kampf gegen Scheußlichkeiten gegründet wurden, wie sie nun wieder begangen werden - die Kriegsallianz der Vereinten Nationen geht auf das Jahr 1942 zurück - hat die Amerikanische Liga

- 2 -

�Liga für die Vereinten Nationen zum erstenmal in ihrer Geschichte direkt

an

die 141 anderen Delegationen in New York appelliert, sich dieser entsetzlichen Aktion zu enthalten.
Die Behauptung, die nun von der Vollversammlung der Vereinten Nationen
sanktioniert werden soll, lautet: "Der Zionismus ist eine Form des Rassismus
und der rassischen Diskriminierung". Das ist eine Lüge. Da es sich aber um
eine von den Vereinten Nationen jetzt zur Wahrheit hochstilisierten Lüge handelt, müssen die Tatsachen noch einmal dargelegt werden.
Erstens einmal muß darauf verwiesen werden, daß die Vereinten Nationen
den Zionismus zum Rassismus erklärt haben, ohne je den Begriff Rasissmus definiert zu haben. "Zuerst das Urteil, dann der Spruch der Geschworenen", wie
die Herzkönigin sagte. Dis ist aber nicht "Alice im Wunderland", sondern eine
reale Welt, auf der Torheit und Käuflichkeit reale Folgen nach sich ziehen.
Noch am Freitag hatte der Präsident der Vollversammlung nicht nur vor den
Schwierigkeiten gewarnt, die es nach der Annahme dieser Resolution geben würde, sondern auch vor ihrer fundamentalen Verantwortungslosigkeit, denn, so
betonte er, die Mitglieder hätten ganz verschiedene Vorstellungen von dem,
was sie zu verurteilen im Begriff seien. "Es will mir scheinen", so sagte er,
und es gereicht ihm zu ewigem Ruhm, daß er dies bereits zu einer Zeit sagte,
als noch nichts geschehen war, "es will mir scheinen, daß, ehe ein Forum wie
dieses einen Beschluß annimmt, man sich ganz im klaren sein sollte, was man
eigentlich billigt oder verurteilt, und dazu braucht man mehr Zeit".
Ich möchte nicht mißverstanden werden: die Vereinten Nationen haben tatsächlich bei mehreren Gelegenheiten den Begriff der rassischen Diskriminierung
definiert. Diese Definitionen sind zwar unpräzise, aber in ihrem Sinne immerhin erkennbar gewesen. Es ist der Begriff "Rassismus" - die unvergleichlich
schwerere Anschuldigung - der noch nie näher erläutert worden ist. Der Begriff ist erst vor kurzem in Dokumenten der UN-Vollversammlung aufgetaucht.
Die einzige Gelegenheit, bei der nach unserem Wissen die Bedeutung dieses Begriffes erörtert wurde, war die 1 644. Sitzung des Dritten Ausschusses am

- 3 -

�am 16. Dezember 1968, und zwar im Zusammenhang mit dem Bericht des Generalsekretärs zum Thema der Internationalen Konvention über die Ausmerzung aller
Formen rassischer Diskriminierung. Bei dieser Gelegenheit - ich möchte ei"&gt;en
Eindruck der intellektuellen Akkuratesse vermitteln, mit der man an diese Materie heranging - bei dieser Gelegenheit also wurde die Frage angeschnitten,
ob der Begriff "Rassismus" oder der Begriff "Nazismus" in einer Reihe von
Präambelartikein zuerst erwähnt werden sollte. Der ehrenwerte Delegierte Tunesiens argumentierte, daß "Rassismus" an p~ster Stelle stehen sollte, denn
"der Nazismus war ja nur eine Form des Rassismus". Dem widersprach der nicht
weniger ehrenwerte Delegierte der Sowjetunion, denn "der Nazismus enthielt
die wesentlichen Elemente des Rassismus und sollte daher zuerst erwähnt werden". Das hieße, daß der Rassismus lediglich eine Form des Nazismus sei.
Die Diskussion schleppte sich müde zu einem ergebnislosen Ende. Und
wir haben jetzt nichts, an das wir uns halten könnten, denn sogar diese einzige Erörterung des Begriffs "Rassismus" beschränkte sich auf Wortstellungen
in einleitenden Absätzen, wogegen die eigentliche Be^ utung d i e n r Wörter
überhaupt nicht zur Sprache kam. Nichtsdestoweniger kann ich

nicht umhin,

die durch uns geschaffene Lage im Lichte der sowjetischen Erklärung bei jener
noch nicht allzulang zurückliegenden Gelegenheit zu betrachten. Wenn, wie
der ehrenwerte Delegierte sagte, Rassismus eine Form des Nazismus sei, und
wenn, wie es nun in dieser Diskussion heißt, der Zionismus eine Form des
Rassismus sei, dann sind wir Schritt für Schritt bei jenem Punkt angelangt,
an dem wir und die Vereinten Nationen feierlich erklären, daß der Zionismus
eine Form des Nazismus sei.
Was kann man da noch über eine Institution sagen, in der so etwas möglich ist?
Womit wir es hier zu tun haben, ist eine Lüge - eine politische Lüge von
einer Art, die dem 20. Jahrhundert wohl bekannt ist und die in all den Annalen der Unwahrheit und des Exzesses kaum je übertroffen wurde. Es ist eine
Lüge, daß der Zionismus eine Form des Rassismus ist. Die überwältigend deutliche Wahrheit ist vielmehr, daß er es nicht ist.
Das
- 4 -

�Das Wort "Racism" (Rassismus) ist eine Schöpfung der englischen Sprache
und dazu noch relativ junr. Beispielsweise findet man es nicht einmal noch
im Oxford English Dictionary. Der Ausdruck leitet sich her von verhältnismäßig jungen Lehren - die alle mitsammen diskreditiert sind - über die
menschliche Bevölkerung der Welt, und zwar mit der Aussage, daß es unter
klar unterscheidbaren Gruppen signifikante biologische Unterschiede gibt
und daß diese Unterschiede unterschiedliche Stufen des Menschseins bewirken,
Der Rassismus ist nach der Definition in Webster's Third New International
Dictionary "die Annahme, daß ... Anlagen und Fähigkeiten durch die biologische Rasse bestimmt werden und daß sich Rassen entschieden voneinander unterscheiden". Dazu kommt noch der "Glaube an die naturgegebene Überlegenheit
einer bestimmten Rasse und an ihr Recht zur Herrschaft über andere".
Die Bedeutung ist also klar. Es ist ebenso klar, daß diese Annahme und
dieser Glaube der politischen und religiösen Bewegung, die unter dem Namen
Zionismus bekannt ist, seit eh und je völlig fremd waren. Als eine in engerem
Sinne politische Bewegung geht der Zionismus nur auf das Jahr 1897 zurück,
obwohl in einem völlig legitimen Sinne seine Ursprünge uralt sind. Beispielsweise haben viele Zweige des Christentums seit jeher daran geglaubt,
daß Israel vom Standpunkt der biblischen Propheten aus eines Tages wiedergeboren würde. Die moderne zionistische Bewegung entstand jedoch in Europa
vor dem Hintergrund eines allgemeinen Erwachens nationalen Bewußtseins und
nationaler Aspirationen, das nach 1848 die meisten Völker Mittel-und Osteuropas ergriff und sich mit der Zeit über ganz Afrika und Asien ausbreitete.
Sie war für die Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft eine jüdische
Ausprägung dessen, was man heute als eine nationale Pefreiungsbewegung bezeichnet. Wahrscheinlich war eine Mehrheit jener Personen, die aktive Zionisten wurden und nach Palästina auswandern wollten, innerhalb der Grenzen
des zaristischen Rußland geboren; und es war nur natürlich für Sowjetaußenminister Andrej Gromyko, 1948 in der 299. Sitzung des Sicherheitsrates das
Vorgehen von Israels Nachbarn zu beklagen, nämlich "Truppen in Palästina
einmarschieren und militärische Operationen durchführen zr lasser " - in
Gromykos eigenen Worten - "mit dem Ziel, die nationale Befreiungsbewegung

- 5 -

�Befreiungsbewegung

in Palästina zu unterdrücken".

Es war das außergewöhnliche Charakteristikum - und wenn ich nicht irre,
sogar das einzige Charakteristikum - dieser nationalen Befreiungsbewegung,
daß sie im Gegensatz zu den vorangegangenen, gleichzeitigen und späteren
Bewegungen die Zugehörigkeit zu ihr nicht nach den Kriterien der Geburt,
sondern nach den Kriterien des Glaubens definierte. Das heißt, sie war
nicht eine Bewegung der Iren zur Befreiung Irlands oder der Polen zur Befreiung Polens, nicht eine Bewegung der Algerier zur Befreiung Algeriens oder der
Inder zur Befreiung Indiens. Sie war nicht eine Bewegung von Menschen, die
durch die historische Zugehörigkeit zu einer genetischen Gruppe jener Art miteinander verbunden sind, die es uns beispielsweise gestattet, vielleicht unpräzise aber nicht unsinnig von einem chinesischen Volk zu sprechen, noch war
sie von unterschiedlichen Gruppen getragen, die auf dem gleichen Territorium
zusammen wohnen, was es uns ohne größere Vergewaltigung der Wahrheit gestattet, von einem amerikanischen Volk zu sprechen. Ganz im Gegenteil, die
Zionisten definierten sich selbst nur als Juden und betrachteter jedermann
als einen Juden, der "on einer jüdischen Mutter geboren wurde oder der - und
das ist der absolut entscheidende Punkt - zum Judentum konvertierte. Das
heißt, nach der Formulierung der internationalen Konvention über die Ausmerzung aller Arten von rassischer Diskriminierung, die von der 20. Vollversammlung angenommen wurde, jedermann - ohne Rücksicht auf "Rasse, Farbe, Abstammung, nationale oder völkische Herkunft".
Der Staat Israel, letztlich eine Schöpfung der zionistischen Bewegung,
fällt nicht zuletzt deshalb so sehr aus dem Rahmen des üblichen als durch
die breite Auffächerung der "rassischen Gruppen", aus denen sichseine Bürgerschaft zusammensetzt. Es gibt schwarze Juden, braune Juden, weiße Juden,
Juden aus dem Orient und Juden aus dem Westen. Von den meisten könnte man
sagen, daß sie "geborene" Juden sind, ebenso wie die meisten Presbyterianer
und die meisten Hindus in ihren Glauben "hineingeboren" sind; aber es gibt
auch viele Juden, die Konvertiten sind. Mit einer Folgerichtigkeit in der
Substanz, die unzweideutig die Wichtigkeit dieser Frage für jene religiöse
und politische Kultur bezeugt, haben die israelischen Gerichte den Standpunkt

�Standpunkt vertreten, daß ein Jude, der zu einer anderen Religionsgemeinschaft übertritt, aufhört, JuHe zu sein. Mittlerweile gibt es in der Bevölkerung Israels auch eine große Anzahl von NichtJuden, darunter Araber islamischen und christlichen Bekenntnisses, sowie Christen anderer nationaler
Herkunft. Viele davon sind Staatsbürger Israels; und jene, die es noch
nicht sind, können durch Rechtsverfahren sehr ähnlich jenen, wie sie in
einem typischen Land Westeuropas angewandt werden, die Staatsbürgerschaft erwerben.
Ich möchte recht verstanden werden, daß ich hier ein Argument vorbringe, und nur dieses eine Argument, nämlich, ddß der Zionismus, wass immer
er auch sonst sein möge, keine "Form von Rassismus" ist und sein kann. Nach
den Gesetzen der Logik könnte der Staat Israel vielerlei sein oder auch zu
vielerlei werden - theoretisch sogar zu manch Unerfreulichem —aber er könnte weder rassisch sein noch rassistisch werden, wenn er nicht gleichzeitig
aufhörte, zionistisch zu sein.
Der Gedanke, daß die Juden eine "Rasse" sind, wurde ja auch nicht von
den Juden erfunden, sondern von jenen, die die Juden haßten; die Vorstellung
von den Juden als einer Rasse wurde von Antisemiten des 19. Jahrhunderts wie
Houston Stewart Chamberlain und

Edouard Drumont erfunden, die erkannten,

daß in einem immer weltlicher werdenden Zeitalter, das heißt, in einem Zeitalter, in dem immer weniger Unterschiede zwischen den Menschen gemacht wurden, die alten religiösen Begründungen für den Antisemitismus an Kraft verloren. Neue Rechtfertigungen waren notwendig, um die Juden auszuschließen
und zu verfolgen, und so wurde das neue Denkmodell von den Juden als einer
Rasse - und weniger als einer Religionsgemeinschaft - geboren. Es war von
Anbeginn an eine verabscheuungswürdige Vorstellung, und kein zivilisierter
Mensch wollte sich damit anfreunden. Sich vorzustellen, daß dieser Gedanke
nun von den Vereinten Nationen befürwortet wird, gibt gleichzeitig eine Vorstellung davon, wohin die Zivilisation heute gekommen ist.
Echte

- 7 -

�Echte Sorge um die Zivilisation und die Werte der Zivilisation, die für
die gesamte Menschheit ein kostbares Gut sind oder jedenfalls sein sollten,
rüttelt uns in diesem Augenblick zu solcher Leidenschaftlichkeit auf. Nicht
nur die Ehre und die Legitimität des Staates Israel stehen hier auf dem
Spiel - obwohl ein Infragestellen

der Legitimität eines Mitgliedsstaates

stets alle Mitglieder der Vereinten Nationen auf den Plan rufen sollte. Es
geht um eine noch wichtigere Frage, nämlich um die Integrität jener Gesamtheit moralischer und rechtlicher Normen, die wir als Menschenrechte kennen.
Die schreckliche Lüge, die hier heute erzählt wurde, wird schreckliche
Folgen haben. Nicht nur wird man bald sagen - ja, man sagt es bereits - daß
die Vereinten Nationen ein Ort sind, wo Lügen erzählt werden. Ein weitaus
ernsterer und vielleicht nicht wiedergutzumachender Schaden wird der Sache der
Menschenrechte zugefügt werden. Der Schaden wird zunächst dadurch entstehen,
daß derBegriff des Rassismus seiner eigentlichen abscheulichen Bedeutung entkleidet wird, die er heute doch noch hat. Wie sollen die Menschen in der Welt
über Rassismus und die Notwendigkeit seiner Bekämpfung denken, wenn ihnen erzählt wird, es sei dies ein so weitgespannter Begriff, daß er auch die jüdische nationale Befreiungsbewegung beinhaltet?
In dem Maße, in dem diese Lüge weitere Verbreitung findet,wird sie auf
eine zweite Weise Schaden verursachen. Viele Mitglieder der Vereinten Nationen verdanken ihre Unabhängigkeit zu keinem geringen Teil dem Vordringen der
Idee der Menschenrechte über Landesgrenzen hinweg und ihrem Einfluß auf die
alten Kolonialmächte. Wir nähern uns jetzt einer Zeit, da diese Unabhängigkeit
neuerlich in Gefahr zu kommen droht. Neue Kräfte werden auftauchen - einige
zeigen sich bereits jetzt - neue Propheten und Despoten, die ihre Taten mit
genau solchen Wortverdrehungen rechtfertigen werden, wie wir sie hier heute
sanktioniert haben. Heute haben wir den Begriff "Rassismus" seines Inhaltes
entblößt. Morgen werden Ausdrücke wie "national' Selbstbestimmung" und
"nationale Ehre" ebenso verdreht werden, um dem Zweck der Eroberung und Ausbeutung zu dienen. Und wenn diese Ansprüche einmal rhoben werden - und dazu ist es bereits gekommen - dann sind es die kleinen Staaten, deren

- 8 -

�deren Unantastbarkeit darunter leiden wird. Und wie werden die kleinen Staaten
der Welt sich verteidigen, welche Motive werden andere dazu bewegen, sie zu
verteidigen und zu schützen, wenn die Sprache der Menschenrechte, die einzige,
durch die die Kleinen verteidigt werden können, unglaubwürdig und kraftlos
geworden ist?
Es gibt diese Gefahr, und dann noch eine letzte, die ernsteste Gefahr.
Sie liegt darin, daß der Schaden, den wir der Idee der Menschenrechte und der
Sprache der Menschenrechte zufügen, sehr wohl nicht wieder gutzumachen sein
könnte. Die Idee der Menschenrechte, wie wir sie heute kennen, hat nicht seit
jeher in den menschlichen Beziehungen bestanden, sondern ist zu einer ganz bestimmten Zeit und unter ganz bestimmten Umständen in der Welt aufgetaucht.
Sie kam auf, als europäische Philosophen des 17. Jahrhunderts die These aufstellten, daß der Mensch ein Wesen sei, dessen Existenz nicht von der des
Staates abhänge, daß er sich einer politischen Gemeinschaft nur dann anzuschließen brauche, wenn er durch diese Bindung nicht mehr verliere als gewinne. Von dieser sehr spezifischen politischen Philosophie leitete sich die
Idee der politischen Rechte ab, von Ansprüchen, die der Einzelne zu Recht an
den Staat stellen konnte; weil der Einzelne so vom Staat getrennt gesehen wurde, konnte er legitime Forderungen an ihn richten.
Dies war die Philosophie, der die Idee nationaler und internationaler
Rechte entsprang. Aber der Großteil der Welt bekennt sich hejte nicht zu dieser
Philosophie. Der Großteil der Welt glaubt an neuere Formen politischen Denkens,
an Philosophien, die den Einzelnen nicht als vom Staat losgelöst betrachten und
nicht diesem übergeordnet anerkennen, an Philosophien also, die der Idee der
Menschenrechte keine Berechtigung geben, und Philosophien, die keine Worte
kennen, um deren Wert zu erläutern. Wenn wir die Worte zerstören, die uns in
vergangenen Jahrhunderten gegeben wurden, dann werden uns die Worte fehlen, um
sie zu ersetzen, denn die heutige Philosophie hat keine solchen Worte.
Aber

- 9 -

�Aber unter uns sind auch jene, die diesen älteren Worten - die für einen
großen Teil der Welt noch so neu sind - nicht abgeschworen haben, nicht jetzt
nicht hier, nirgends, niemals.
Die Vereinigten Staaten erklären, daß sie diesen infamen Akt nicht anerkennen, sich nicht an ihn halten und ihn niemals hinnehmen werden.

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23/1975

FORD-ADMINISTRATION WTLL GEMÄSSIGTE:- UND KONTINUIERLICHES WIRTSCHAFTSWACHSTUM
Von Thomas Eichler

WASHINGTON --(AD)-- Es dürfte wohl kaum noch zu bestreiten sein, daß die
wirtschaftliche Rezession in den Vereinigten Staaten im zweiten Quartal
dieses Jahres die Talsohle durchschnritten hat und die amerikanische Wirtschaft sich nunmehr wieder in einer Aufschwungsphase befindet. Die entscheidende Frage, die heute gestellt werden muß, lautet jedoch, handelt es sich
hier um einen langfristigen Aufwärtstrend, der zumindest einige Jahre anhalten wird, oder wird die Kurve bereits bald wieder nach unten gerichtet sein.
Daß der vor einem Jahr einsetzende scharfe Rückgang der Wirtschaftstätigkeit zum Stillstand gekommen war, haben die jetzt veröffentlichten stastistischen Zahlen für das dritte Quartal 1975 bewiesen. Danach ist das
Bruttosozialprodukt in den Monaten Juli bis September mit einer Jahresrate
von 11 ,&lt;_ Prozent gestiegen, nachdem die Jahresrate in dem vorangegangenen
Quartal lediglich um 1,9 Prozent zugenommen hatte und in den davor liegenden
fünf Quartalen jeweils rückläufig gewesen war. Bei der Bekanntgabe der neuen
Zahlen hatte der Unterstaatssekretär im US-landelsministerium, James Pate,
allerdings angedeutet, daß für dar. letzte Quartal 1975 mit einer etwas geringeren Zuwachsrate zu rechnen sei, so daß sich die Zunahme der Jahres-

- 1 -

�1
Jahresrate des Bruttosozialproduktes im zweiten Halbjahr 1975 auf etwa
8 Prozent stellen werde. Nach den Worten Pate's würde dies bedeuten, daß
sich die Wiedererholung nach der jüngsten Rezession - verglichen mit früheren Wiedererholungsperioden - in einem normalen Tempo vollzieht.
Die Inflationsrate in den USA stellte sich nach den Angaben des US-Handelsministeriums im 3. Quartal 1975 auf 7,2 Prozent gegenüber 5,4 Prozent
im vorangegangenen Quartal und 12,7 Prozent im 3. ^uartal 1974 (alle Zahlen auf Jahresbasis) und wird sich nach Ansicht

von Pate bis Ende 1976

bei 5,6 Prozent eingependelt haben, wobei auch in der Zwischenzeit nur mit
einem mäßigen Preisauftrieb zu rechnen sei.
Aber auch von Seiten der amerikanischen Bundesbank (Federal Reserve
Board) ist bestätigt worden, daß der Wiedererholungsprozeß in der Wirtschaft
eingesetzt hat. Nach dem neuesten Bericht der Bank ist die industrielle Produktion in den USA im September um 1,9 Prozent gestiegen. Dies war die
höchste monatliche Zunahme seit elf Jahren und damit hat die industrielle
Produktion in den USA im fünften aufeinander folgenden Monat eine Zunahme
zu verzeichnen gehabt.
Die Arbeitslosenrate lag nach den Angaben des US-Handelsministeriums
im September mit 8,3 Prozent um sechs Zehntel Punkte unter ihrem im 2. Quartal - in der Talsohle der Rezession - erreichten Höchststand. Und obwohl
die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten immer noch viel zu hoch ist,
hat die Beschäftigtenzahl in diesem Jahr bisher zugenommen.
Die Vertreter der Ansicht, daß die Aufwärtsentwicklung der Wirtschaft
über die ^hreswende hinaus andauern wird, verweisen auf die Tatsache, daß
die Layerbestände der Unternehmen in diesem Jahr stark abgebaut worden sind
und ihre Aufstockung auf eine normale Höhe eine Steigerung der Produktion
voraussetzt. Aber auch die Investitionen der Wirtschaft bleiben, trotz der
überall noch vorhandenen unausgelasteten Kapaziäten, konstant.
Dagegen besteht in der Frage, wie die Wirtschaftsentwicklung in den
nächsten zwei oder drei Jahren verlaufen wird, weit weniger Übereinstimmung.
- 2 -

�Übereinstimmung. Genaue wirtschaftliche Voraussagen über einen Zeitraum von
mehr als sechs Monaten zu geben, ist schon immer schwer gewesen, da derartige Prognosen zwangsläufig eine Vielzahl von Unsicherheitsfaktoren einschließen müssen. Zum Beispiel miß jede Voraussage über die wirtschaftliche
Entwicklung im zweiten Halbjahr 1976 auch die Währungs-und Haushaltspolitik
der Regierung in Rechnung stellen, und diese könnte sich ändern.
Trotz all dieser Schwierigkeiten gibt es aber genügend Aussagen zur
künftiger, wirtschaftlichen Entwicklung. Das Budgetamt des Kongresses erklärt
in einem im September veröffentlichten Bericht, daß die Wirtschaftsindikatoren auf eine rasche Ausweitung der Produktion im Herbst und Winter hindeuten. Dies könnte jedoch leicht zu einem erneuten Inflationsstoß - genährt
von höheren Lebensmittel- und Energiekosten - führen und dieso Preiserhöhungen könnten zusammen mit einer härteren Währungspolitik das.Tempo der
Wiedererholung nach ihrer ersten Aufschwungphase verlangsamen oder ersticken.
Zudem sei die letzte Rezession so stark gewesen, daß die Arbeitslosigkeit
noch auf Jahre hinaus relativ hoch bleiben werde.
Die denkratische Mehrheit in dem gemeinsamen Wirtschaftsausschuß des
Kongresses betont in einer kürzlichen Stellungnahme zur wirtschaftlichen
Lage, wenn die Wirtschaftspolitik der gegenwärtigen Administration fortgesetzt werde, dann bestehe wenig Aussicht, daß sich die nachhaltige Wiedererholung der letzter Monate auch 1976 fortsetzen wird. Vielmehr deuteten
Anzeichen darauf hin, daß eine neue Rezession Ende 1976 oder Anfang 1977
einsetzen könnte.
Und einer der führenden Wirtschaftsexperten der Chase Manhattan
Bank erklärte vor kurzem, daß die Vereinigten Staaten nach einer nachhaltigen wirtschaftlichen Wiedererholung im kommenden Jahr 1977 in eine neue
Rezession hineinschlittern würden, die noch ernster als die letzte sein
werde. Als Begründung hierfür führte er an, daß sich der Wirtschaftsaufschwung jetzt seiner Ansicht nach in erster Linie auf erhöhte Verbraucherausgaben und nicht auf verstärkte Investitionen in neue Produktionskapazitäten stützen werde und daß die Währungs-und Haushaltspolitik kurzfristig

- 3 -

�kurzfristig stimulierend, aber dann im Jahre 1977 wachstumshemmend wirken
werde.
Trotzdem scheint unter den führenden Wirtschaftlern in den USA die
Auffassung vorzuherrschen, daß die wirtschaftliche Wiedererholung bei einer
richtigen Mischung der Wirtschaftspolitik auch über das nächste Jahr hinaus
anhalten werde. Viele von ihnen sind ferner der Ansicht, daß sich der Wirtschaftsaufschwung ganz allmählich und stetig vollziehen und es wenigstens
zwei oder drei Jahre dauern wird, bis die amerikanische Wirtschaft sich ihre
starke Position wieder zurückerobert haben wird.
Die Debatten über die Wirtschaftspolitik konzentrieren sich natürlich
auf solche Fragen wie die angemessene Höhe der Regierungsausgaben, die
Steuerpolitik und die richtige Wachstumsrate der Geldmenge. Zahlreiche demokratische Kongreßmitglieder fordern eine schnellstmögliche Belebung der
Wirtschaftstätigkeit und einen schnellstmöglichen Abbau der Arbeitslosigkeit. Sie möchten eine raschere Ausweitung der Geldversorgung und zeigen
sich hinsichtlich der hohen Haushaltsdefizite der öffentlichen Hano weitaus
toleranter, sofern solche Defizite zur Beschleunigung der wirtschaftlichen
Wiedererholung notwendig sind..
Die verantwortlichen Männer der Ford-Administration hingegen warnen,
daß in der gegenwärtigen Situation sehr vorsichtig vorgegangen werden muß,
um eine neue Inflationsrunde zu vermeiden. Sie argumentieren, daß Maßnahmen
zur Beschleunigung des Wirtschaftsaufschwungs letztlich die Arbeitnehmer auf
lange Sicht benachteiligen würden, da solche Maßnahmen leicht in eine neue
Inflation führen könnten, die sich wiederum zu einer erneuten Rezession ausweiten könnte.
Anfang Oktober hat Präsident Ford vorgeschlagen, daß die temporäre
Senkung der Einkommenssteuer in diesem Jahr weiter beibehalten werden soll
und daß im nächsten Jahr darüber hinaus noch weitergehende, erhebliche
Steuersenkungen vorgenommen werden sollen. Allerdings hat der Präsident seinen Vorschlag mit der Forderung verknüpft, d*P der Kongreß für das am
1. Oktober 1976 beginnende Haushaltsjahr 197//Höchstgrenze der Regierungs-

- 4 -

�(

Regierungsausgaben von 395 Milliarden Dollar beschließen soll. Auf diese Weise ließ sich eine Kürzung bei einigen geplanten Ausgabenprogrammen erzwingen,
wodurch ein Gegengewicht gegen die inflationäre Wirkung der Steuersenkungen
geschaffen würde. Und der Präsident hat bereits angekündigt, daß er gegen
jede Steuersenkung ein Veto einlegen wird, sofern der Kongreß nicht
gleichzeitig auch die von ihm geforderte Höchstgrenze für die Regierungsausgaben beschließt.
Was die Währungspolitik anbetrifft, so hat Notenbankpräsident Arthur
Burns wiederholt erklärt, er beabsichtige, die Ausweitung der Geldversorgung
in einem gemäßigten Rahmen von etwa 5 bis 7 1/2 Prozent zu halten. Kritiker
an dieser politik von Burns argumentieren, daß die amerikanische Wirtschaft
immer noch zu viele ungenutzte Kapazitäten aufweise und noch weit stärkere
Auftriebshilfen absorbieren könne, bevor mit einem wesentlichen Anziehen der
Preise gerechnet werden muß. Auch wenn Bruttosozialprodukt und industrielle
Produktion jetzt wieder stiegen, so lägen beide doch immer noch beträchtlich
unter dem vor zwei Jahren erreichten Höchststand.
Unterstützung erhalten diese Kritiker von einer Studie, die Michael Levy
im Auftrage des Conference Board, einem der großen amerikanischen Wirtschaftsverbände, ausgearbeitet hat. Levy gelangt darin zu dem Schluß, daß eine
Korrelation nicht zwischen Inflationsrate und Geldmengenwachstum, sondern
vielmehr zwischen Inflationsrate und verschiedenen anderen Faktoren besteht.
Wenn die Geldmenge bis Mitte 1976 um 10 Prozent ausgeweitet wird, dann werde
die Inflationsrate niedriger sein, als bei einer Ausweitung der Geldmenge um
lediglich 5 Prozent. Als Grund führt Levy an, daß bei relativ konstanten
Löhnen in so einer kurzen Zeitspanne ein schnelleres Wirtschaftswachstum zu
einem größeren Produktivitätszuwachs führen werde.
Hier handelt es sich allerdings nui um eine Studie und eine große Zahl
von Wirtschaftsexperten in den USA ist der Auffassung, daß angesichts der
akuten Gefahr eines Wiederauflebens der Inflation besonderes Augenmerk darauf
gerichtet werden müsse, ein solches Wiederaufleben zu verhindern, selbst
wenn die Wiedererholung der Wirtschaft sich dann langsamer vollziehen und die
Arbeitslosenrate noch auf geraume Zeit hinaus hoch bleiben sollte.

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23/1975

KISSINGER FORDERT VERHALTENSKODEX FÜR ÜBERNATIONALE UNTERNEHMEN
Von Robert R. Cohoes

WASHINGTON --(AD) -- Nach Ansicht der amerikanischen Regierung ist jetzt
die Zeit reif, daß die Vereinten Nationen bei ihrer Suche nach gerechten Lösungen für die komplexen Fragen, denen sich die reichen wie auch die armen
Länder gegenübersehen, einen gerechten Verhaltenskodex für übernationale Unternehmen schaffen.
Bereits in seiner Rede vor der 7. Sondersitzung der UN-Vollversammlung
der Vereinten Nationen, die von dem amerikanischen UN-Chefdelegierten,
Botschafter Daniel P. ** rn'han, verlesen worden war, hatte Außenminister
Kissinger betont:"Wenn die Völkergemeinschaft der Welt sich zur wirtschaftlichen Entwicklung bekennt, dann kann sie es sich nicht leisten, übernationale Unternehmen zu Objekten der wirtschaftlichen Kriegführung zu machen.
Die Fähigkeit der internationalen Völkergemeinschaft, diese Frage konstruktiv zu lösen, wird ein wichtiger Test sein, ob die Suche nach Lösungen oder
ein Zusammenprallen der Ideologien für unsere wirtschaftliche Zukunft maßgebend sein werden".
Gleichzeitig hatte Kissinger betont, daß private wie auch in staatlichem Besitz befindliche übernationale Unternehmen verpflichtet sind, sich
dem örtlichen Recht zu beugen und sich ungesetzlicher Einmischungen in
innenpolitische Angelegenheiten der Gastländer zu enthalten. Nach Ansicht
der Vereinigten Staaten sind gerechte Lösungen für alle diese Fragen sowohl

- 1 -

�sowohl erreichbar als auch notwendig.
Bereits während des vergangenen Jahres hatte der amerikanische Außenministe; immer n'eder darauf hingewiesen, daß es in einer Zeit der Entspannung und der Verhandlungen sinnlos ist, wenn Länder sich an überholte Rhetoriken und veraltete Ideologien des 19. Jahrhunderts klammern. Die übernationalen Unternehmen waren oftmals Zielscheibe

ideologischer Verteufelungen

oder Opfer des Mißbrauchs ihrer eigenen Macnt, was in manchen Fällen dem
ideologischen Zerrbild zu entsprechen schien. Die Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung erfordern jedoch Lösungen und nicht Schlagworte. Nach den
Worten von Außenminister Kissinger ist "wirtschaftliche Entwicklung ein Prozeß des Wachstums, der Beschleunigung, der größeren Produktivität, des
höheren Lebensstandards und der sozialen Veränderungen, der den Einsatz von
Kapital, Technologie und unternehmerischem Können in großem Umfang erfordert".
•

Die unausweichliche Folgerung hieraus ist, daß ein bedeutender Teil der
für das wirtschaftliche Wachstum benötigten Technologie und des erforderlichen Kapitals aus dem riesigen Reservoir privater Resourcen kommen muß. Ein
wesentlicher Teil dieser Lücke kann durch multinationale oder übernationale
Unternehmen ausgefüllt werden. Daher ist es jetzt auch an der Zeit, daß ein
internationaler Konsens über die Prinzipien erreicht wird, die die nützliche Tätigkeit der übernationalen Unternehmen leiten sollen.
Wie Außenminister Kissinger hervorgehoben hat, wird eine wirtschaftliche Entwicklung über private Stellen nur erfolgen, wenn Bedingungen bestehen,
die attrakti sind oder solche Vorhaben zulassen. So sind die Vereinigten
Staaten bereit, den berechtigten Anliegen von Regierungen zu entsprechen,
in deren Territorien übernationale Unternehmen tätig sind. Wörtlich sagte
der Außenminister: "Wir bekräftigen, daß die Unternehmen in voller Übereinstimmung mit der Souveränität der Gastregierung handeln und ihre öffentliche
Politik voll berücksichtigen müssen. Die Länder sind berechtigt, die Tätigkeiten übernationaler Unternehmen innerhalb ihrer Grenzen zu regeln. Aber
Länder, die die Vorteile dieser Unternehmen für sich wollen, sollten auch Bedingungen schaffen, die attraktiv sind und zur Fortsetzung ihrer produktiven

�produktiven Tatigkei: beitragen".
Nach Ansicht Kissingers sollten die international anerkannten Prinzipien, die eine nutzbringende Tätigkeit der übernationalen Unternehmen leiten
müssen, folgende Punkte beinhalten:
-- Regierungen und Unternehmen müssen beide die vertraglichen Verpflichtungen, die sie freiwillig eingegangen sind, respektieren.
-- Kontrakte sollten offen, fair und mit voller Kenntnis ihrer Auswirkungen ausgehandelt werden.
-- Die von den übernationaler. Unternehmen aufgestellten Prinzipien sollten, soweit relevant, in gleicher Weise für die einheimischen Unternehmen
gelten.
-- Die Normen sollten nicht nur für die in Privatbesitz befindlichen
Gesellschaften gelten, sondern genau sc für staatliche und gemischte übernationale Unternehmen, die für die Weltwirtschaft immer mehr an Bedeutung gewinnen.
Ein Abkommen über solche Prinzipien würde zu einer Verbesserung des internationalen Handelsklimas, einer Steigerung des Investitionsflusses sowie
einer Ausweitung der wirtschaftlichen Transaktionen führen, Destruktive und
politisch explosive Streitigkeiten über Investitionen, die das Klima für
große Aufträge und Investitionen vergiften, werden weniger häufig auftreten,
wenn eine bessere Gewähr gegeben ist, daß frei ausgehandelte Kontrakte eingehalten werden.
Eine Darlegung der Prinzipien ist aber nicht das einzige oder unbedingt
zureichende Mittel, um einen großen Teil der Probleme zc lösen, vor denen die
nationalen Unternehmen stehen; vielmehr müssen noch andere Wege entwickelt
werden. Außenminister Kissinger hat hier eine Harmonisierung der Steuerabkommen als besonders nützlich empfohlen, soweit hiervon übernationale Unternehmen betroffen werden. Dadurch sollen Doppelbesteuerung vermieden und die
steuerlichen Aspekte von Auslandsinvestitionen durchsichtiger gemacht werden
Steuerliche Erwägungen sind wichtige Faktoren bei Investitionsentsche'dungen
und die Schaffung eines stabileren steuerlichen Klimas durch ein erweitertes

�erweitertes Netz von Steuerabkommen könnte eine wesentliche, positive Wirkung auf den Investitionsfluß haben.
Daneben sollte aber auch das Internationale Center der Weltbank zur
Beilegung von Investitionsstreitigkeiten und die Möglichkeit einer Schlichtung durch Drittländer vermehrt in Anspruch genommen werden, wenn sich, wozu es oft ganz zwangsläufig kommt, wichtige Streitfragen zwischen transnationalen Gesellschaften und Gastländern ergeben. Dieses Center ist in seine..
Möglichkeiten flexibel und kann sowohl den Weg der Schlichtung ?1s auch der
Aussöhnung beschreiten. Über 70 Länder - über zwei Drittel von ihnen zählen
zur Dritten Welt - sind offiziell mit diesem Center assoziiert, aber nur wenige haben bisher von seinen Möglichkeiten Gebrauch gemacht.
Andere Vorschläge zur Förderung eines verstärkten Flusses von privatem
Investitionskapital in die Entwicklungsländer, für die sich der amerikanische Außenminister eingesetzt hat, sind:
— Gesetze gegen restriktive Geschäftspraktiken bei der Festsetzung von
Preisen oder der Zurückhaltung von Versorgungsgütern sollten ausgearbeitet,
zwischen den einzelnen Ländern abgestimmt und dann in Kraft gesetzt werden.
-- Die Versicherung für ausländische private Investoren sollte erweitert werden und künftig eine finanzielle Beteiligung der Entwicklungsländer
einschließen.
-- Bilaterale Konsultationen zwischen den Regierungen, um Investitionsstreitigkeiten zu lokalisieren und beizulegen, noch bevor sie zu störenden
Faktoren in den politischen Beziehungen werden, sollten vermehrt und eingehender erfolgen.

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23/1975

US-LANDWIRTSCHAFTSMINISTER BUTZ FORDERT AUSWEITUNG DER NAHRUNGSMITTELERZEUGUNG
-Auszüge aus einem Interview mit den USIA-Korrespondenten Eichler
und HarterWASHINGTOf; --(AD)-- Das Problem Nummer eins für die Welt in den nächsten
25 Jahren ist die Frage, wie kann die Nahrungsmittelerzeugung so gesteigert
werden, daß angesichts der gegenwärtigen Bevölkerungsexplosion eine ausreichende Ernährung für alle Menschen sichergestellt ist. In einem Interview
mit den USIA-Korrespondenten Thomas Eichler und John J. Harter, das wir
auszugsweise wiedergeben, hat der amerikanische Landwirtschaftsminister
Earl Butz zu diesem Problem Stellung genommen:
Frage: Die Vereinigten Staaten haben kürzlich mit der Sowjetunion ein langfristiges Abkommen über den Verkauf von Getreide abgeschlossen. Es geht dabei um beträchtliche Getreidemengen. Wie wird sich dieses Abkommen auf die
Belieferung anderer Kunden der Vereinigten Staaten mit Getreide sowie auf
den Getreidepreis auswirken?
Antwort: Unseres Erachtens wird das langfristige Getreideabkommen mit den
Sowjets eine stabilisierende

Wirkung auf die Preise haben. Einer der Haupt-

gründe, warum die Getreidepreise in den letzten Jahren nicht stabil blieben, waren die unterschiedlichen Mengen, die von den Sowjets angekauft wurden und die von Jahr zu Jahr starken Schwankungen unterlagen. In einem Jahr
sind sie starke Abnehmer und im nächsten Jahr haben sie eine gute Ernte und
kaufen nur wenig zu. Der Nettoeffekt des langfristigen Getreideabkommens mrt

- 1 -

�.

mit den Sowjets ist ein Ausgleich dieser Schwankungen, denn sie verpflichten
sich, jährlich wenigstens 6 Millionen metrische Tonnen Mais und Weizen abzunehmen, auch in Jahren mit einer guten Ernte in ier Sowjetunion. Darüber
hinaus können sie ohne vorheriqe Konsultationen weitere ? Mi'11;',"Qn Tonnen
Mais und Weizen kaufer.. Erst bei weiterem Bedarf sollten Konsultationen stattfinden. Ich meine, dies wird eine stabilisierende Wirkung auf die Preise
haben.
1

Weitere Käufe der Sowjets noch in diesem Jahr sind meines Erachtens
bereits vom Markt vorweggenommen worden und werden somit keinerlei Auswirkungen mehr auf die Rohstoffpreise in den Vereinigten Staaten oder auf dem
Weltmarkt haben.
Frage: Die Vereinigten Staaten haben über eine Reihe von Jahre ihre Absatzmärkte für Agrarprodukte im Ausland aufgebaut und zahlreiche Länder in allen
Teilen der Welt sind jetzt in ihrer Nahrungsmittel Versorgung in

eine Teil -

abhängigkeit von den Vereinigten Staaten geraten. Die Vereinigten Staaten
haben jedoch dreimal in den letzten drei Jahren aus Sorge über eventuelle
Verknappungen bei der Versorgung des eigenen Marktes einen Teil ihrer Agrarexporte vorübergehend eingeschränkt. Werden die Vereinigten Staaten künftig
ein zuverlässiger Lieferant auf den Agrarmärkten sein?
Antwort: Meines Erachtens sind die Vereinigten Staaten immer ein zuverlässiger Lieferant auf den Agrarmärkten gewesen. Es ist richtig, daß wir vor
drei Jahren ein temporäres Embargo für die Ausfuhr von Sojabohnen hatten und
einige Exporte zeitweise eingeschränkt haben. Trotzdem haben wir jedoch in
dem Jahr - also vor drei Jahren - mehr Sojabohnen exportiert als irgend ein
anderes Land auf der Welt und mehr als je zuvor in unserer Geschichte. Wir
erhielten zum Beispiel zahlreiche Klagen aus Japan, weil wir die Ausfuhr proteinhaltiger Nahrungsmittel gekürzt hatten. Trotzdem waren unsere Sojabohnenexporte nac Japan in diesem Jahre höher als in jedem der vorangegangenen
Jahre. Wir haben mit dazu beigetragen, das durch Verknappungen bei anderen
proteinhaltigen Nahrungsmitteln entstandene Defizit abzudecken. Ich erwähne

- 2 -

.

�erwähne hier zum Beispiel den Rückgang der Fischfänge vor der Küste von
Peru.
Vor einem Jahr haben wir die Lieferungen an die Sowjets abgebrochen, als
sie plötzlich auf dem Markt erschienen und mehr kauften, als unseres Erachtens bei unserer geringeren Maisernte tragbar war. Wir haben dies damals vor
allem getan, um auch eine ausreichende Belieferung unserer anderen Stammkunden sicherzustellen. Das gleiche trifft für dieses Jahr zu. Die einzigen Beschränkungen unseres Exportes in diesem Jahr betrafen Ausfuhrungen nach der
Sowjetunion und nach Polen. Diese Beschränkungen wurden aufgehoben, nachdem
wir festgestellt hatten, daß wir über genügend hohe Vorräte verfügten. Ich
möchte in diesem Zusammenhang betonen, daß beide Länder vor der Einführung
der Beschränkungen bereits wesentlich mehr gekauft hatten als in normalen
Jahren und wir die Auslieferung nicht einfach unterbunden haben. Wir haben
nur vorübergehend eine Pause eingelegt, um für 1975 eine ausreichende Versorgung des amerikanischen Marktes sicherzustellen. Die Vorräte haben sich als
ausreichend erwiesen und jetzt verkaufen wir wieder ganz normal an jeden. Die
Sowjetunion hat zum Beispiel erst in den letzten Tagen wieder ganz erhebliche Maiskäufe getätigt.
Frage: Wie werden sich Ihres Erachtens die amerikanischen Farmer künftig
verhalten, um den langfristigen Nahrungsmittel bedarf der Welt zu decken?
Glauben Sie, daß ihnen eine ständige Rolle dabei zufallen wird, anderen Ländern über ihre Verknappungen hinwegzuhelfen?
Antwort: Der amerikanische Farmer stand bei der Weltnahrungsmittelerzeugung
stets mit an vorderster Stelle. Wir sind bei weitem der größte Lieferant
der Welt bei kommerziellen Nahrungsmittelexporten. Aber bei Getreide

sind

wir keineswegs der größte Erzeuger, denn hier werden wir zum Beispiel von
China übertroffen.
China hat eine Bevölkerung von 800 Millionen Menschen, wir nur 213
Millionen, und seine Getreideernte liegt noch über der unsrigen. Aber China
hat keine Möglichkeit, sein Getreide auszuführen. Wir kennen mit einem Ex-

- 3 -

�1
f

I

Export von rund zwei Dritteln unserer Weizenernte, der Hälfte unserer Sojabohnenernte, einem Viertel unserer Futtergetreideernte und einem beträchtlichen Anteil bei anderen Nahrungsmitteln und Fasern rechnen. Ich glaube,
dies liegt daran, daß uns der Herrgott riesige Landflächen im Mittelwesten
Amerikas gab. Mit dem Gebiet, das zwischen den Allegheny-Bergen im Osten,
den Rocky Mountains im Westen, der kanadischen Grenze im Norden und den
Hochflächen von Texas im Süden liegt, besitzen wir die größte geschlossene
Anbaufläche der Welt mit fruchtbarem Boden, einem guten Wachstumsklima, ausreichenden Niederschlägen, die für eine maschinelle Bestellung geeignet ist,
weitgehend technisierte

Farmen und eine gute Infrastruktur aufweist. Es

gibt kein gleichwertige, Gebiet auf der Erde mit einer so hohen Produktivität. Somit werden die Vereinigten Staaten stets ein Haupterzeuger von Nahrungsmitteln und Fasern, insbesondere aber von Getreide sein mit bedeutenden, den
Bedarf des Landes übersteigenden Überschüssen, die für die Versorgung der
übrigen Welt zur Verfügung stehen.
FRAGE: Gibt es einen Interessenkonflikt zwischen der Notwendigkeit, Absatzmärkte für die amerikanische Agrarerzeugung zu finden, und den Plänen, den
Entwicklungsländern bei der Ernährung ihrer Bevölkerung zu helfen?
Antwort: Kurzfristig vielleicht, denn die Welt braucht mehr Getreide. Das
Problem ist, wer dafür zahlt. Langfristig ist das nicht der Fall. Das Problem
Nummer eins, dem sich die Welt in den nächsten 25 Jahren

gegenübersieht, ist,

wie kann die Nahrungsmittelerzeugung so gesteigert werden, daß angesichts
der explodierenden Weltbevölkerung der Nahrungsmittel bedarf gedeckt werden
kann? Im Augenblick zählt die Weltbevölkerung rund 3,8 Milliarden Menschen.
Im Jahre 2 000 - und das ist bereits in einer Generation - werden wir etwa
7 Milliarden Menschen auf der Erde haben, 80 Prozent mehr als heute. Daher ist
das wirkliche Problem, vor dem wir stehen - ich halte dies in jeder Beziehung
für das Problem Nummer eins -, wie innerhalb dieser Zeitspanne von knapp
einer Generation die Nahrungsmittelerzeugung verdoppelt werden kann. Wie werden wir es schaffen, in der nächsten Generation doppelt so viel Menschen zu
ernähren wie heute. Dies ist eine Herausforderung für uns, überall auf der

- 4 -

�der Welt die Nahrungsmittelerzeugung zu steigern. Die Welt muß sich selbst
ernähren. Und das bedeutet, daß wir Maßnahmen zur Steigerung der Agrarerzeugung gerade in den Teilen der Welt ergreifen müssen, wo eine solche
Steigerung notwendig ist.
Frage: Wie stellen Sie sich die künftige Rolle der Nahrungsmittelhilfe vor?
Antwort: Die Vereinigten Staaten haben eine feste Zusaqe gegeben, daß sie
es nicht zulassen werden, daß es in irgend einem Teil der Welt zu einer Hungersnot kommt. Ich betrachte dies als eine moralische und politische Zusage, die die Vereinigten Staaten gegeben haben. Sie geht bis auf die Zeit
kurz nach dem zweiten Weltkrieg zurück. In den letzten 20 Jahren haben die
Vereinigten Staaten für Lebensmittelhilfe in allen Teilen der Welt über
25 Milliarden Dollar ausgegeben. Wir sind in dieser Beziehung in der Tat die
großzügigste Nation der Welt, aber manchmal sind wir doch kritisiert worden,
weil wir nicht noch großzügiger waren. Meines Erachtens wird es weiterhin
unsere Aufgabe sein, solche Hilfe zu gewähren, doch glaube ich, sollten die
Lasten vermehrt von den übrigen Überschußländern mitgetragen werden. Einige schalten sich jetzt ein, aber ir'^ht in dem Maße, wie sie es sollten. Auf
der anderen Seite helfen natürlid die kommerziellen Agrarexporte der USA
ebenfalls mit,den Nahrungsmittel bedarf der Welt zu decken. Ich meine, wir
sollten es stets als unser Ziel betrachten, den Handel und nicht die Hilfe
auszuweiten.
Wir sollten uns darüber klar sein, daß ein Bedarf an Hilfe immer nur
kurzfristig sein sollte - bei Überschwemmungen, Dürre oder anderen Katastrophen. Das langfristige Ziel muß Handel, nicht Hilfe sein. Das ist der
beste Weg, um die Welt zum Wohlstand und damit auch zum Frieden zu führen.

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23/1975

DONALD H. RUMSFELD - DER NEUE AMERIKANISCHE VERTEIDIGUNGSMINISTER

WASHINGTON --(AD)-- Der dreiundvierzigjährige Donald Henry Rumsfeld - von
Präsident Ford zum neuen amerikanischen Verteidigungsminister nominiert hat bei der reibungslosen Übernahme der Regierungsgeschäfte durch Präsident
Ford - nach dem Rücktritt Präsident Nixons - eine führende Rolle gespielt.
Rumsfeld wurde im Sommer 1974, als sich im Verlauf der Prozesse im
7

usammenhang mit der Watergate-Affäre eine Regierungskrise abzuzeichnen

begann, von seinem Posten als Ständiger Vertreter der USA im Nordatlantikrat in Brüssel nach Washington berufen. Er spielte eine maßgebliche Rolle
innerhalb der Beratergruppe, die Präsident Ford bei der Übernahme des Pr^'sidentenamtes unterstützte. Nach der Vereidigung Fords am 9, August 1974 kehrte Rumsfeld wieder auf seinen Posten bei der NATO in Brüssel zurück.
Einen Monat später wurde er dann wieder nach Washington berufen - diesmal endgültig. Präsident Ford ernannte ihn zu seinem Stabschef, eine Position, die ihn in engste Beziehung zu dem Präsidenten brachte. Er wurde damit
der verantwortliche Mann für die tägliche Weitergabe und Ausführung der Anweisungen des Präsidenten und der Chef des rund 500 Personen zählenden
Stabes des Weißen Hauses.
Damit hat Präsident Ford nunmehr einen engvertrauten und bewährten
Kampfgefährten als neuen Verteidigungsminister, der ihm gegenüber seine
Loyalität bereits mehrfach unter Beweis gestellt hat.
Die
- 1 -

�t
Die Verbindung zwischen den beiden Männern reicht bis Anfang der sechziger Jahre zurück, als sie beide Mitglieder des amerikanischen Repräsentantenhauses waren. Rumsfeid war 1962 von einem Distrikt in Illinois nahe bei
Chicago ins Repräsentantenhaus gewählt worden. Zu jener Zeit war Ford im Repräsentantenhaus als Vertreter eines Distriktes von Michigan.
Im Jahre 1965 unternahm Rumsfeld zusammen mit einer Reihe anderer jüngerer Kongreßmitglieder den erfolgreichen Versuch, Gerald Ford in die durch
den Tod von Charles Hai leck frei gewordene Führungsposition der Republikaner
im Repräsentantenhaus zu bringen. Seither bestand zwischen beiden Männern
ein

nges Vertrauensverhältnis.
Rumsfeld, der am 9. Juli 1932 in Chicago geboren wurde, war in seiner

Studentenzeit ein begeisterter Ringer, der es in diesem Sport zu Meisterschaften brachte. Im Jahre 1954 beendete er seine Studien an der PrincetonUniversität in New Jersey und diente anschließend drei Jahre bei der amerikanischen Marine als Pilot von Düsenflugzeugen.
Im Jahre 1958 kam er als Sekretär und Berater des Abgeordneten David
Dennison ms Ohio nach Washington. Im folgenden Jahr arbeitete er in einer
ähnlichen Stellung bei dem Abgeordneten Robert P. Griffin aus Michigan.
Im Jahre 1960 kehrte er als Mitarbeiter einer Investment-Bank zurück
nach Illinois. Zwei Jahre später wurde er als Vertreter eines Distriktes im
Norden von Chicago in den Kongreß gewählt.
Auf Drängen Präsident Nixons gab Rumsfeld 1969, zu Beginn der ersten
Amtszeit Nixons, seinen Sitz im Kongreß auf und wurde vom Präsidenten zum
Leiter des Amtes zur Sicherung des wirtschaftlichen Fortkommens (OED) ernannt.
Diese"Behörde, der die Aufgabe gestellt war, die Armut in Amerika zu
bekämpfen, mangelte es nach Nixons Ansicht wegen allzu bürokratischer Einstellung an Erfolgen, und Rumsfeld sollte eine gründliche Reorganisation
vornehmen.
NacWdem
- 2 -

�Nachdem er diese Aufgabe zur Zufriedenheit des Präsidenten erledigt
hatte, ernannte ihn Nixon im Dezember 1970 zu seinem persönlichen Berater,
eine Position, die ihm Kabinettsrang gab. Er war damit einer der ranghöchsten
Mitglieder des Stabes des Weißen Hauses.
Im Jahre darauf wurde Rumsfeld mit der Einführung der Preiskontrollen
zur Stabilisierung der Wirtschaft zum Direktor des Rates für Lebenshaltungskosten ernannt, einer Organisation, die auf Kabinettsebene stand und für die
antiinflationären Wirtschaftsprogramme verantwortlich war. Diese Stellung
behielt Rumsfeld bis zum Dezember 1972, als er zum amerikanischen Vertreter
bei der NATO ernannt wurde.
Von seiner Studentenzeit an steht Rumsfeld in dem Ruf, ein Mann von
hoher Intelligenz und Bestimmtheit zu sein. Seine langjährigen Erfahrungen
im öffentlichen Dienst und in der Administration haben ihn zu einem hervorragenden Verwaltungsfachmann gemacht. Er war einer der hochgestellten Mitarbeiter Nixons, die aus dem Watergate-Skandal ohne jeden Makel hervorgingen.
Während seiner Tätigkeit als Chef des Stabes des Weißen Hauses hat sich
Rumsfeld den Ruf erworben, ein kühler Pragmatiker zu sein.
Rumsfeld ist verheiratet und hat drei Kinder.

XXX

- 3 -

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23/1975

ELLIOT L. RICHARDSON - DER NEUE HANDELSMINISTER DER USA

WASHINGTON --(AD)-- Die Nominierung von Elliot Lee Richardson zum neuen
Handelsminister der Vereinigten Staaten rückt einen Mann in den Vordergrund,
der bereits drei Kabinettsposten innehatte und bereits unter Präsident
Eisenhower hohe Funktionen ausübte. Im Jahre 1969 berief ihn Präsident Nixon
zum Minister für das Gesundheits-, Erziehungs-und Sozialwesen, 1973 übernahm
er den Posten des Verteidigungsministers und dann des Justizministers.
In seiner letzteren Funktion wurde er am 20. Oktober 1973 zum Helden
der Liberalen in den Vereinigten Staaten, als er eher sein Amt zur Verfügung
stellte, als den Anweisungen seines Präsidenten zu folgen und den WatergateSonderstaatsanwalt Archibald Cox zu entlassen.
Bis zu einer Berufung zum Handelsminister vertrat Richardson sein Land
als Botschafter in London.
Richardson, geboren am 20. Juli 1920 in Boston, Massachusetts, hat an
der Harvard-Universität studiert und dort 1941 den Grad eines Bachelor of
Arts und 1947 den eines Bachelor of Laws erworben. Im Kriege diente er als
Oberleutnant bei der US-Armee und nahm u.a. an der Landung der alliierten
Truppen in der Normandie teil. Nach einer dreijährigen Assistententätigkeit
an einem Bundesberufungsgericht bei Richter Learned Hand und am Obersten

- 1 -

�Obersten Bundesgericht bei Oberrichter Felix Frankfurter praktizierte er,
seit 1949 Mitarbeiter einer angesehenen Anwaltskanzlei in Boston und seit
1950 zu den Gerichten von Massachusetts zugelassen, bis 1956 als Anwalt. Zwischendurch war Richardson 1952 an der Harvard-Universität als Lektor und Chefredakteur der juristischen Fachzeitschrift "Harvard Law Review" und 1953 bis
1954 als Referent des republikanischen Senators Leverett Saltonstall tätig.
Im Jahre 1957 berief ihn Präsident Eisenhower als Unterstaatssekretär
für Gesetzgebungsfragen in das Gesundheits-, Erziehungs-und Sozialministerium.
Zwei Jahre später übernahm Richardson das Amt des Anklagevertreters der Bundesgerichtsbarkeit in seinem Heimatstaat. 1961 fungierte er kurze Zeit als
Sonderreferent im Justizministerium und wurde noch im gleichen Jahr Teilhaber
seiner alten Bostoner Anwaltskanzlei. Von 1965 bis 1969 war er erst stellvertretender Gouverneur und später Justizminister von Massachusetts, bis ihn
Präsident Nixon kurz nach seinem Amtsantritt als Staatssekretär und Ministerstell Vertreter ins Außenministerium berief.
Elliot Lee Richardson ist verheiratet und hat zwei Söhne und eine
Tochter.

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23/1975

GEORGE BUSH - DER NEUE DIREKTOR DES CIA

WASHINGTON - - ( A D ) — George W. Bush, 51 Jahre alt, ein die Gesellschaft liebender amerikanischer ölmillionär von athletischer Konstitution, ist von
Präsident Ford zum neuen Leiter der Central Intelligence Agency (Zentralamt
für Nachrichten und Abwehr) -CIA - ausersehen worden.
Bush begann seine politische Karriere vor neun Jahren, als er als Abgeordneter von Texas in den amerikanischen Kongreß gewählt wurde. Er wurde
später Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, Vorsitzender der Republikanischen Partei unr' leitete seit September 1974 das Verbindungsbüro
der USA in Peking.
Bush selbst bezeichnet sich als "Politiker und Pragmatiker". Ich habe
gelernt, wie wenig sinnvoll es ist, jemanden von vorneherein abzustempeln",
erklärte Bush einmal in einem Gespräch. "Im Grunde habe ich nichts dagegen,
aber eine solche Klassifizierung bedeutet doch für jeden etwas ganz anderes
und kann niemals objektiv sein". Das gilt auch für den ihm aufgeprägten
Stempel des erfolgreichen Managers und Unternehmers aus dem amerikanischen
Süden. Man darf dabei nicht übersehen, daß er aus Neu-England stammt und in
dessen konservativem Klima aufgewachsen ist.
George

- 1 -

�George W. Bush wurde am 12. Juni 1924 in Massachusetts als Sohn von
Prescott Bush geboren, der nach erfolgreicher Karriere als Bankier in den
amerikanischen Senat gewählt wurde.
Unmittelbar nachdem er die Phillips Academy - ein Privatcollecp in
Massachusetts - absolviert hatte, meldete sich Bush während des Zweiten 'teltkrieges zur amerikanischen Marine. Ein Jahr später, im Alter von 19 Jahren,
wurde er zum Offizier befördert und nahm als Pilot auf einem amerikanischen
Flugzeugträger an den Kriegseinsätzen im Pazifik teil. Er wurde abgeschossen,
konnte sich aber mit dem Fallschirm aus der Maschine retter und wurde von
einem amerikanischen U-Boot aus dem Pazifik geborgen. Für seinen Einsatz wurde
er mit dem "Distinguished Flying Cross" ausgezeichnet.
Mit Kriegsende schied Bush aus der Marine aus und ging an die Yale-Universität, an der er ein wirtschaftswissenschaftliches Studium im Jahre 1948
mit dem Grad eines Bachelor of Arts beendete.
Statt nun aber in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und an die Wallstreet zu gehen, zog Bush mit seiner Frau nach Odessa in Texas und arbeitete
hier als Vertreter einer Gesellschaft für ölbohrgeräte. Nach fünf Jahren harter Arbeit, in denen er "das Geschäft von Grund auf lernte", konnte er die
ersten größeren finanziellen Erfolge verbuchen. Im Jahre 1953 gründete er die
ZAPATA-Erdölgesellschaft, eine Kontraktfirma für Ölbohrungen, und ein Jahr
spät r die ZAPATA-off shore Company, die sich auf Ölbohrungen im Golf von
Mexiko spezialisierte. Unter seiner Leitung wuchs das Unternehmen zu einem
Multihiillionen-Dollar-Konzern, der Zweigunternehmen in Lateinamerika, der
Karibik, dem Nahen Osten, Australien und Westeuropa unterhielt.
Im Jahre 1959 verlagerte Bush den Sitz seiner Firma nach Houston in
Texas und hier entschloß er sich zu aktiver Beteiligung an der Politik. Er
trat dem Kreisverband der Republikanischen Partei bei und wurde 1963 zu
seinem Vorsitzenden gewählt. Sein im folgenden Jahr unternommener erster
Versuch, einen Sitz im US-Senat zu gewinnen, scheiterte.
Im

�Im Jahre 1966 bewarb sich Bush dann aber um einen Sitz im Repräsentantenhaus, wurde gewählt und zwei Jahre darauf wiedergewählt. Ehe er sein Amt
als Kongreßabgeordneter antrat, verkaufte Bush seine Anteile an dem ölkonzern,
blieb aber stets ein leidenschaftlicher Verteidiger der Ölindustrie. Obwohl
selbst Millionär, befürwortete er nachdrücklich ein Gesetz, das von den Abgeordneten die Offenlegung ihrer persönlichen Finanzverhältnisse forderte..
Er, der "konservative Republikaner aus dem Süden" stimmte für die Bürgerrechtsgesetze und suchte bei den farbigen Wählern Unterstützung dafür zu gewinnen.
Auf Wunsch Präsident Nixons gab Bush im Jahre 1970 seinen Sitz im Repräsentantenhaus auf und bewarb sich erneut um einen Senatssitz. Auch diese
Wahl verlor er und wurde darauf von Nixon zum Ständigen Vertreter der USA
bei den Vereinten Nationen ernannt, ein Posten, der ihm Kabinettsrang gab.
Bush bezeichnete sich auf seinem neuen Posten als "konstruktiven Kritiker" der Vereinten Nationen, der bestrebt sei, mit aller Energie darauf
hinzuwirken, daß die Weltorganisation ihre Aufgabenbereiche auf sozialem
und wirtschaftlichem Gebiet weiter ausdehne und aktiviere, den weltwei^n
Kampf gegen die Umweltverschmutzung koordiniere und die ihr zufallende
entscheidende Rolle im Zeitalter der Weltraumerkundung bewußt übernehme.
Im Dezember 1972 wurde Bush dann plötzlich durch Präsident Nixon von
seinem UN-Posten abberufen und mit einer völlig anderen Rolle betraut. Er
übernahm den Posten des Nationalen Vorsitzenden der Republikanischen Partei.
Es war die Zeit, als der Watergate-Skandal immer mehr an die Öffentlichkeit
drang.
Wie Bush später erklärte, habe er seinen neuen Posten als "außerordentlich schwierig und hart" empfunden. Seine Aufgabe war es nun, das Vertrauen der amerikanischen Öffentlichkeit in die Republikanische Partei nach
all dem Wirbel von Watergate wieder herzustellen. In dieser Zeit begannen
sich enge Beziehungen zwischen ihm und dem damaligen Vizepräsidenten
Gerald Ford zu entwickeln.
Als
- 3 -

�Als Ford Präsident der Vereinigten Staaten wurde, war Bush unter denen,
die für das frei gewordene Amt des Vizepräsidenten in Erwägung gezogen wurden.
Die Wahl fiel jedoch dann auf einen anderen.
Stattdessen ernannte ihn Präsident Ford am 4. September 1974 zum Leiter
des amerikanischen Verbindungsbüros in Peking.

Bush nahm seine Frau, seine

vier Söhne (damals im Alter von 17 bis 27 Jahren) und seine 14jährige Tochter mit nach China. Sein Ziel war es, das Bild von Amerika als einem Land mit
einer elitären Gesellschaft zu korrigieren. Typisch für den unkonventionellen, zwanglosen Stil, mit dem er sein neues Amt wahrnahm, war sein Erscheinen
auf einem offiziellen Emfpang, zu dem er mit dem Fahrrad ankam, statt in
der Diplomatenlimousine vorzufahren. An Stelle von formellen Dinnerparties
und Empängen unterhielt er seine Gäste mit Filmen aus alter Zeit be', Fruchtsäften und Popcorn.
Nun hat ihn Präsident Ford wieder nach Washington zurückberufen, um die
Leitung des CIA zu übernehmen, zu einer Zeit, da diese Einrichtung im eigenen
Lande heftiger Kritik wegen der Praktiken im Ausland

und wegen der Bespitze-

lungen von Bürgern im eigenen Lande ausgesetzt worden ist. Man erwartet, daß
sich Bush mit seiner Energie und seinem bei allen bisherigen schwierigen Fällen bewährten Enthusiasmus diesem schweren Amt als gewachsen erweisen wird.

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                <text>&lt;strong&gt;1. Dokumentation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Moynihan-Erklärung zur Anti-Zionismusresolution der UN&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Wortlaut -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ford-Administration will gemäßigtes und kontinuierliches Wirtschaftswachstum&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Thomas Eichler&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;US-Landwirtschaftsminister Butz fordert Ausweitung der Nahrungsmittelerzeugung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;- Auszüge aus einem Interview mit den USIA-Korrespondenten Eichler und Harter -&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrundmaterial&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Donald H. Rumsfeld - der neue amerikanische Verteidigungsminister&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Elliot L. Richardson - der neue Handelsminister der USA&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;George Bush - der neue Direktor der CIA</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

18. November 1992

46
^

CLINTON-KONGRESS

CLINTON UND KONGRESS VERSPRECHEN
RASCHE MASSNAHMEN FÜR WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG
Führende Politiker sprechen von
neuem Geist der Zusammenarbeit

UMWELT

GLOBALE UMWELTFRAGEN VORRANGIG
IN CLINTONS PLAN
Gravierende Unterschiede
zur Bush-Administration

US-AUSSENPOLITIK

CLINTON DEFINIERT AUSSENPOLITISCHE
PRIORITÄTEN
Rüstungskontrolle, Nahost,
Wirtschaftswachstum
DER PRIMAT DER WIRTSCHAFT
von C. Fred Bergsten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�CLINTON - KONGRESS
18. November 1992

CLINTON UND KONGRESS VERSPRECHEN RASCHE
MASSNAHMEN FÜR WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG
Führende Politiker sprechen von neuem Geist der Zusammenarbeit
WASHINGTON - (AD) - Der gewählte Präsident Clinton und die demokratische Führung des Kongresses
haben enge Zusammenarbeit zugesagt, um die schwache amerikanische Konjunktur wieder auf Kurs zu
bringen.

engagierten sich gemeinsam für "unsere Priorität Nr. 1
- die Schaffung von Arbeitsplätzen, Anhebung der
Einkommen, den Aufschwung unserer Wirtschaft und
die langfristige Wettbewerbsstärke der amerikanischen
Wirtschaft."

Bei einer ungewöhnlichen gemeinsamen Pressekonferenz in Little Rock skizzierten sie am 16. November
1992 Pläne, um sich nach dem Amtsantritt der neuen
Administration im Januar rasch den verflochtenen
Problemen zu widmen, die von der Schaffung von
Arbeitsplätzen über den Defizitabbau bis zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen reichen.

"Wir werden zusammenarbeiten, um die Kosten im
Gesundheitswesen unter Kontrolle zu bringen und
allen Bürgern eine medizinische Grundversorgung zu
garantieren", erklärte Clinton. "Wir werden zusammenarbeiten, um dieses Defizit verantwortungsbewußt und diszipliniert abzubauen."

Während des Wahlkampfs versprochene Schritte zur
Verbesserung der Steuergerechtigkeit durch die Verlagerung der Belastungen von Bürgern mit mittlerem
Einkommen auf die Wohlhabenden werden Clinton
zufolge ebenfalls Teil dieses Pakets sein.
Die Unterrichtung der Öffentlichkeit folgte einem längeren Arbeitsessen am vorausgegangenen Abend,
bei dem der gewählte Präsident gemeinsam mit dem
gewählten Vizepräsidenten Gore als Gastgeber für
den Sprecher des Repräsentantenhauses, Thomas
Foley, den Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion im Senat,
George Mitchell und den Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus, Richard Gephardt,
auftrat.
Clinton erklärte, dieses Treffen sei nach Jahren häufig
von Streit gekennzeichneter Beziehungen zwischen
einem republikanischen Präsidenten und einem demokratischen Kongreß ein Vorzeichen für "eine neue
Ära der Zusammenarbeit und des Handelns in unserer
Bundeshauptstadt".
"Ich möchte keine Fortsetzung des Kalten Krieges
zwischen dem Kongreß und dem Weißen Haus", erklärte Clinton. "Die Pennsylvania Avenue (die Straße
zwischen dem Capitol und dem Weißem Haus) wird
wieder in beiden Richtungen befahrbar sein."
Unter Hinweis auf "eine neue Ethik geteilter Verantwortung" stellte er fest, er und die Kongreßführung
AMERIKA DIENST 46

Sprecher Foley teilte den Reportern mit, die Führung
des Repräsentantenhauses werde, um unverzügliche
Maßnahmen zur Verwirklichung des Programms des
neuen Präsidenten vorzubereiten, die Kammer
rascher konstituieren "als jemals in der jüngeren Geschichte". Dies werde es dem Parlament gestatten,
Clintons vorrangige Gesetzesvorhaben zu behandeln,
sobald dieser am 20. Januar 1993 in sein Amt eingeführt werde "oder sogar schon kurz davor". Die neue
103. Legislaturperiode des Kongresses beginnt am 5.
Januar.
Auf die Frage eines Reporters bekräftigte Clinton, er
wolle zwar rasch handeln, fühle sich jedoch nicht
verpflichtet, Ziele zu definieren, die während der ersten
100 Tage seiner Administration verabschiedet werden
müßten. Diese Formulierung bezog sich auf die Präsidentschaft Franklin Roosevelts, der einen Großteil
seines New Deal zur Bekämpfung der Großen Depression in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit durchsetzte.
Obwohl viele seiner Vorschläge frühzeitig vorgelegt
werden, könne er nicht mit Sicherheit sagen, welche in
100 Tagen verabschiedet und welche nicht verabschiedet werden", erklärte Clinton. "Ich habe kein
Programm, das sagt, in 100 Tagen werden wir dies tun
und in 200 Tagen jenes. Ich werde nur so hart arbeiten
wie ich kann und so viel so rasch verwirklichen wie ich
kann."

Seite 1

�Auf die Frage, ob er von einigen jüngeren günstigen
Wirtschaftsberichten dazu veranlaßt worden sei, das
von ihm angestrebte Programm zur konjunkturellen
Erholung zu reduzieren, stellte Clinton fest, er habe
"nichts gesehen, was mich bisher davon überzeugt
hat, daß wir weniger tun sollten als ich während des&lt;
Wahlkampfs empfohlen habe".
Der gewählte Präsident erklärte, er sehe noch keine
Beweise für eine langfristige Stärkung der Produktionsbasis oder einen bedeutenden Anstieg des Vertrauens der Verbraucher. Die rasche Verwirklichung
von Wahlkampfversprechen "würde das Vertrauen der
Verbraucher dramatisch steigern". Dazu würde auch
beitragen zu demonstrieren, daß "wir ernsthaft einen
aggressiven Versuch anstreben, um den amerikanischen Produktionssektor im Einklang mit unseren
Verpflichtungen zum Ausbau des Handels wiederzubeleben".
Clinton betonte die Verflechtung der wirtschaftlichen
Probleme und argumentierte, eine integrierte Lösung
sei erforderlich.

fahren vorbehaltlich der mehrheitlichen Überstimmung
durch den Kongreß genehmigen würde, sei "zumindest ein guter Ausgangspunkt für eine Diskussion".
Die allgmeine Kompromißbereitschaft und das gemeinsame Engagement von Clinton und den Fraktionsführern im Kongreß wurde durch Kommentare
des Vorsitzenden der Mehrheitsfraktion im Repräsentantenhaus Gephardt unterstrichen. "Die Botschaft
dieser Zusammenkunft ist eindeutig und klar. Die PattSituation ist behoben, und Kooperation und Teamwork
haben begonnen", stellte er fest.
Im Hinblick auf die Außenpolitik erinnerte Clinton die
Journalisten daran, daß Präsident Bush noch bis zum
20. Januar 1993 im Amt ist. Er bekräftigte, daß er jede
Entscheidung von Bush unterstützen werde, den Stabschef des Weißen Hauses James Baker erneut in den
Nahen Osten zur weiteren Förderung des Friedensprozesses zu entsenden. Diese Entscheidung, so
unterstrich er, sei das Privileg des Präsidenten.

Der gewählte Präsident stellte fest, abgesehen von
militärischer Intervention biete sich eine Reihe von
"Ich glaube nicht, daß man das Defizit senken kann, Optionen bei den Bestrebungen zur Beendigung der
ohne das Wirtschaftswachstum wiederherzustellen", menschlichen Tragödie im ehemaligen Jugoslawien
erklärte er, "... und ich glaube nicht, daß man das an. "Ich möchte keine dieser Optionen ausschließen",
Wachstum wiederherstellen oder das Defizit reduzie- so Clinton. "Ich möchte diese Optionen zur Verfügung
ren kann, wenn man die Kosten im Gesundheitswesen haben."
nicht unter Kontrolle bringt." Die gesundheitspolitische
Komponente und die enormen Kosten in Verbindung Clinton deutet an, die endgültige Anerkennung der
mit der Krise der Spar- und Darlehensbanken sind "die Regierung von Vietnam durch die Vereinigten Staaten
wichtigsten außer Kontrolle geratenen Elemente" im hänge von der vollständigen Aufklärung des Schicksals der Amerikaner durch diese Regierung ab, die
Haushalt, stellte Clinton fest.
immer noch als Kriegsgefangene und Vermißte wähZum Thema Steuern erklärte Clinton, er sei weiterhin rend des Vietnamkriegs geführt würden.
der Ansicht 'Vir sollten aufgrund der Rückläufigkeit
des derzeitigen Steuersystems einige Erleichterungen "Meines Erachtens wird das amerikanische Volk
unweigerlich auf den umfassendsten und in gutem
gewähren".
Glauben unternommenen Bestrebungen bestehen, um
"Wenn wir dafür eine Lösung finden können, würde ich vor der Anerkennung eine weitestgehende Offenlegern einen Plan vorlegen, der im Einklang mit dem gung des Schicksals der Kriegsgefangenen und Versteht, was ich während des Wahlkampfs empfohlen mißten zu erhalten. Dies ist stets meine Position
habe, ein gewisses Maß an Steuergerechtigkeit zu gewesen, und ich beabsichtige nicht, sie zu ändern",
gewähren, auf dem wir einen langfristigen Plan zum stellte er fest.
Abbau des Haushaltsdefizits aufbauen können", erklärte er. Die Entwicklung eines gerechteren Steuer- Clinton wurden eine Reihe von Fragen zu seinem im
systems werde das amerikanische Volk "wesentlich Wahlkampf gegebenen Versprechen gestellt, das Verbot
eher dazu veranlassen, das Argument zu akzeptieren, für Homosexuelle zum Dienst im amerikanischen Milidaß wir alle Opfer bringen und langfristig Beiträge tär aufzuheben. Clinton erwiderte, er habe keinen
Zeitplan zur Verwirklichung seiner Absicht erstellt,
leisten müssen".
einen Präsidialerlaß entsprechenden Inhalts zu verClinton und die Parlamentarier verwiesen darauf, man künden und wolle zunächst Konsultationen mit Vertrehabe Fortschritte bei einem Thema erzielt, das seit tern des Militärs zu diesem Thema aufnehmen.
langem zwischen dem Kongreß und der Exekutive
umstritten ist: der Vorschlag, dem Präsidenten das Clinton fügte hinzu, er erwarte die Einführung eines
Recht einzuräumen, durch die Anwendung eines "sehr strengen Verhaltenskodex" in Zusammenhang
"selektiven Vetos" bestimmte vom Kongreß verab- mit der Aufhebung des Verbots für Homosexuelle und
die unverzügliche Entlassung aus dem Militärdienst
schiedete Ausgaben abzulehnen.
oder andere entsprechenden Sanktionen für diejeniEr erklärte, ein von Foley bei dem Abendessen unter- gen, die ihn nicht einhalten.
breiteter Kompromißvorschlag, der ein solches VerSeite 2

AMERIKA DIENST 46

�Auf die Frage, ob seine Meinungsverschiedenheiten
mit dem Vorsitzenden des Streitkräfteausschusses
des Senats, Senator Sam Nunn, Nunn als möglichen

Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers
ausschließen würden, erwiderte der gewählte Präsident, dies sei nicht der Fall.

* * * *

AMERIKA DIENST 46

*

Seite 3

�UMWELT
18. November 1992

GLOBALE UMWELTFRAGEN VORRANGIG
IN CLINTONS PLAN
Gravierende Unterschiede zur Bush-Administration
WASHINGTON - (AD) - Während seines Wahlkampfs
hat der inzwischen gewählte Präsident Bill Clinton
einen U mweltplan mit vier Zielen u mrissen, von denen
eines in "der internationalen Führungsrolle für eine
gesundere globale Umwelt" besteht.
Nach seiner Entscheidung für Senator AI Gore Jr. als
Vizepräsidentschaftskandidaten - einen Protagonisten
für Umweltfragen im Kongreß, derüberdie Notwendigkeit umfassender neuer globaler Programme geschrieben hat - war es nicht überraschend, daß Clinton
seinen Umweltvorschlägen einen prominenten Platz in
internationalen Belangen eingeräumt hat.
Ferner überraschte es nicht, daß sich seine Positionen
in mehreren Bereichen deutlich von denen Präsident
Bushs unterscheiden.
Der vielleicht gravierendste Unterschied besteht in
Clintons Unterstützung zur Stabilisierung der Emissionen von Treibhausgasen, die zur Erderwärmung führen und tiefgreifende Klimaveränderungen bewirken
können. Ebenso wie Westeuropa und Japan setzte er
sich für einen Vertrag ein, der die Emissionen von
Kohlendioxid - dem wichtigsten Treibhausgas - bis
zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990 begrenzt.
"Diese Nation sollte ihre Position als die verbleibende
Supermacht und größter Erzeuger von C0 2 (Kohlendioxid) der Welt nutzen, um die Führungsrolle bei der
Verringerung von Emissionen zu übernehmen", stellte
er in einer Erklärung fest, mit der ihm und Präsident
Bush während des Wahlkampfs von der League of
Conservation Voters gestellte Fragen beantwortet
wurden. Die League ist der politische Arm von 20
Umweltorganisationen. Sie unterstützte während der
Wahlkampagne keinen Kandidaten, ihre Vertreter
sprachen sich jedoch eindeutig für Clinton aus. Einige
ihrer Unterorganisationen unterstützten ihn offiziell.
Die Vereinigten Staaten waren das einzige Industrieland, das bindende Verpflichtungen zur Stabilisierung
der Emissionen von Kohlendioxid in einem Vertrag
über die Erderwärmung ablehnten. Die Oppostion der

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Bush-Adminstration führte zur Unterzeichnung eines
Vertrags im Juni, der indirekt ein freiwilliges Stabilisierungsziel setzt.
Bei der Beanwortung einer anderen Frage ging Clinton
jedoch noch weiter und forderte Kohlendioxidreduzierungen unter die Niveaus von 1990. Er bekräftigte, er
werde "20- bis 30prozentige Verringerungen ernsthaft
in Erwägung ziehen".
Deutschland, Dänemark, Australien und Neuseeland
sind der League zufolge die Verpflichtung zu solchen
Reduzierungen bis zum Jahr 2005 eingegangen.
Vertreter der Bush-Administration haben das Argument vorgebracht, die Wissenschaftler seien nicht
sicher, bis zu welchem Grad und wann eine Erwärmung in bestimmten Regionen erfolgen würde. Die
Ungewißheit rechtfertige die Verweigerung von Maßnahmen, die zu einer Störung der Volkswirtschaften
führen würden, so die Argumentation der Administration.
Kohlendioxid wird bei der Verbrennung von solchen
fossilen Brennstoffen wie Kohle und Öl freigesetzt.
Vertretern der Administration zufolge würden Begrenzungen des Einsatzes dieser Brennstoffe den Betrieb
von Autos, Lastwagen, Fabriken und Elektrizitätswerken betreffen, die den Motor einer Industriewirtschaft
darstellen.
Ebenso wie Gore in einem wenige Monate vor den
Novemberwahlen veröffentlichten Buch argumentierte auch Clinton, eine wärmere Erde könne das Überleben des Menschen bedrohen. "Der potentielle Schaden für den Nahrungsmittelkorb der Wert wäre extrem
nachteilig für die Vereinigten Staaten und verheerend
für die Entwicklungsländer", stellte Clinton fest.
Der gewählte Präsident schlägt eine Reduzierung durch
energiesparendere Autos, Lastwagen und Gebäude,
Förderung von Wiederaufforstungsprogrammen - weil
auch Bäume Kohlendioxid absorbieren - und Steuerändeurungen vor, um vom Einsatz von fossilen Brenn-

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�Stoffen zu entmutigen und zur Verwendung erneuerbarer Energien wie Solarenergie zu ermutigen.
Steueranreize sollten für Investitionen in Technologie
für erneuerbare Energien entwickelt werden, erklärte
Clinton. "Wir müssen weniger auf importiertes öl
zurückgreifen und mehr auf billiges und reichlich vorhandenes Erdgas sowie auf Forschung und Entwicklung erneuerbarer Energieressourcen'', stellte er fest.

Das ist nicht genau das, wofür Umweltschützer gekämpft haben. Sie unterstützten Gesetze, die vom
Kongreß abgelehnt wurden, vor allem aufgrund der
Oppostion von Präsident Bush, die bis zum Jahr 2001
die Norm von 5,2 Litern für bestimmte Automobilhersteller gesetzlich vorgeschrieben hätten.

Weniger Verschmutzung könnte auch erreicht werden, wenn die amerikanischen Fabriken und Bürogebäude so energiesparend gemacht würden wie diejeFerner sollte auch die Besteuerung von Kohlendioxid- nigen in Europa, fuhr Clinton in Beantwortung des
emissionen sondiert werden, solange die industrielle Fragenkatalogs der League fort.
Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten nicht
beeinträchtigt wird und die Verbraucher nicht höhere Ebenfalls im Gegensatz zur Bush-Administration stellBenutzergebühren zahlen müßten, fügte er hinzu.
te Clinton als Antwort auf eine weitere Frage der
League fest, er unterstütze die Wiederaufnahme der
Eine weitere in Erwägung zu ziehende Option sei die Beitragszahlungen an den Bevölkerungsfonds der
Schaffung eines Bonus- und Tauschsystems für Koh- Vereinten Nationen. Er werde ferner die Weiterleitung
lendioxidemissionen, so Clinton. Für Unternehmen amerikanischer Hilfsmittel an die geplante internatiowürden Emissionsnormen festgelegt und diejenigen, nale Elternföderation gestatten.
die Emissionen unter die Normen reduzieren oder
einen Ausgleich schaffen, würden einen Bonus erhal- "Einzelpersonen und Familien sollten das Recht, die
ten. Ein solcher Bonus könnte mit anderen Unterneh- Informationen und Mittel haben, um sich für oder
men getauscht werden, die ihre Normen nicht erfüllen gegen Kinder zu entscheiden", so Clinton.
oder mit Firmen, die neue Anlagen bauen.
Er würde jedoch Ländern wie China weiterhin finanzielDie Bush-Administration hat ein dem von Clinton vor- le Unterstützung verweigern, die "Programme erzwungeschlagenen Tauschsystem vergleichbares einge- genen Schwangerschaftsabbruchs" unterhalten.
führt, jedoch nur für Schwefeldioxidemissionen, einen
Ihm zufolge werde er internationale Bestrebungen zur
Hauptbestandteil des sauren Regens.
Bereitstellung von Kontrazeptiva für diejenigen förClintons Vorschlag zu Enegieverbrauchsnormen für dern, die dies wünschen. Er verweigerte jedoch eine
Autos und Lastwagen stand ebenfalls in eindeutigem genaue Angabe des Betrags, den er für diese Zwecke
zur Verfügung stellen würde.
Gegensatz zu Präsident Bushs Position.
In Beantwortung einer von der League gestellten Frage erklärte Clinton, er unterstütze Gesetze, mit denen
die Hersteller gezwungen würden, energiesparendere
Autos zu produzieren, die die gegenwärtige Norm von
8,6 Litern pro 100 Kilometer unterschreiten. Ihm
zufolge sollte das "Ziel" von 5,2 Litern pro 100 Kilometer "in nationalen Gesetzen verankert" werden.

"Die Bevölkerungsexplosion stellt die größte Bedrohung des Ökosystems und der Lebensqualität der
Erde dar. Große Anstrenungen sind jetzt zur Kontrolle
des Bevölkerungswachstums erforderlich oder wir
können davon ausgehen, daß das Bevölkerungsniveau der Welt zwei- oder dreimal so hoch werden wird
wie die derzeitigen 5,2 Milliarden", stellte Clinton fest.

* * * * *

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�US-AUSSENPOLITIK
18. November 1992

CLINTON DEFINIERT AUSSENPOLITISCHE PRIORITÄTEN
Rüstungskontrolle, Nahost, Wirtschaftswachstum
WASHINGTON - (AD) - Der gewählte Präsident Bill Clinton hat am 12. November 1992 die wichtigsten
außenpolitischen Prioritäten für seine ersten 100 Tage im Weißen Haus definiert. Er erklärte, er suche einen
Außenminister, der sich der Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu "Kontinuität" und "Veränderungen" bewußt
sei.
Zunächst veröffentlichen wirdie Erklärung, die der gewählter Präsident Bill Clinton zu Beginn seiner Pressekonferenz abgab, im Wortlaut:
Ich habe bereits - vor allem in den vergangenen drei
Tagen - mehrere Stunden mit Senator Gore, Warren
Christopher und anderen zusammengearbeitet, um
die potentiellen Kabinettsmitglieder zu erörtern. Ich
habe mit Senator Gore und anderen Mitarbeitern enorm
viel Zeit auf die Diskussion dessen verwandt, was wir
von diesen Ressorts erwarten. Meines Erachtens
standen die gewählten Präsidenten in der Vergangenheit zu häufig unter Zeitdruck, die Kabinettsposten zu
besetzen, bevor sie entschieden, ob diese Ministerien
Ich weiß, daß einige von Ihnen an den Ernennungen einen anderen Kurs als bisher verfolgen sollten und
auf Kabinettsebene interessiert sind, muß Ihnen je- ohne vielleicht in Betracht zu ziehen, ob diese Resdoch sagen, daß ich heute nichts bekanntgeben kann. sorts dies in Einklang bringen können.
Ich möchte Sie jedoch wissen lassen, was ich beabsichtige und I hnen einige der Kriterien erläutern, die ich Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel dafür nennen.
für die Besetzung dieser Positionen aufgestellt habe.
Ich habe zumindest in meinen Geschichtsbüchern
An oberster Stelle steht das uneingeschränkte Enga- gelesen, daß einigen Kabinettsmitgliedern ein höherer
gement der Kandidaten für den öffentlichen Dienst. Rang als anderen eingeräumt wird. Ich weiß nicht, wo
Morgen werde ich einen Verhaltenskodex für Regie- sie die Ministerien für Handel und Energie in dieser
rungsvertreter bei diesem Übergang veröffentlichen, Hinsicht einordnen würden, aber aufgrund der von mir
und in den nächsten Tagen werden wir einen Sittenko- dargelegten Wirtschaftspolitik und der Dinge, die wir
dex formulieren, dessen Befolgung die für die Clinton- meiner Ansicht nach vollbringen müssen, um die WirtGore-Administration Designierten zustimmen müssen, schaftslage dieses Landes zu ändern, sind dies äußerst wichtige Ernennungen. Wie die Amtsinhaber die
um in einem hohen Regierungsamt tätig zu sein.
Aufgaben dieser Ministerien erfüllen, wird den Erfolg
Darüber hinaus habe ich dem amerikanischen Volk oder das Scheitern der wirtschaftlichen Bestrebungen
versprochen, daß mein Kabinett mehr von Amerika dieser Administration ebenso bestimmen wie das von
widerspiegeln wird als das der bisherigen Administra- den anderen Hauptakteuren in der Wirtschaft Volltionen . Wie ich bereits gesagt habe, kann und mu ß die brachte.
große Vielfalt dieser Nation eine Quelle der Stärke
sein, während wir die vor uns liegenden Herausforde- Daher habe ich geraume Zeit mit der Prüfung potentielrungen in Angriff nehmen.
ler Namen verbracht. Ich beabsichtige, sehr viel mehr
Zeit damit zu verbringen. Ich bin hier persönlich

"Ich möchte bekanntgeben, daß der Übergangsprozeß termingerecht verläuft. Die von uns heute veröffentlichten Ernennungen werden der Übergangsphase in L'rttle Rock und Washington Dynamik verleihen.
Sie stehen für mein Engagement, die qualifiziertesten
und unterschiedlichsten Männer und Frauen mit umfassender Erfahrung zu versammeln, von denen einige im Wahlkampf aktiv waren, andere erst jetzt auf
unserem Weg in die Regierung zu uns stoßen.

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�außerordentlich engagiert und denke, wir werden die
Ernennungen zum richtigen Zeitpunkt und in der geeigneten Form vornehmen.

Clinton skizzierte seine Kriterien für die Auswahl eines
Außenministers mit den Worten, er suche jemanden,
"der sich unserer Verpflichtungen zu Kontinuität und
Wandel bewußt ist und auch, daß die Pfeiler unserer
nationalen Sicherheits- und Außenpolitik grundsätzlich aus einer anderen - aber weiterhin sehr starken Verteidigung bestehen sollten".

Ferner möchte ich feststellen, daß Senator Gore und
ich die während des Wahlkampfs entstandene Partnerschaft fortgesetzt haben. Er hat heute den ganzen
Tag mit mir zusammengearbeitet, und dies ist vielleicht einmalig, abergutfürdieses Land. Ich denke, es Clinton unterstrich ferner die Bedeutung "eines Engawird uns bei unserem weiteren Weg stärken und gements für weltweites Wachstum und die wirtschafthelfen.
liche Regeneration" in den Vereinigten Staaten sowie
der Erfüllung der amerikanischen Pflicht als einziger
Ich habe noch ein anderes Versprechen gemacht, das verbleibender Supermacht auf der Welt, Demokratie
ich heute bekräftigen möchte - daß ich beabsichtige, und Freiheit zu unterstützen und die Verbreitung von
über die Parteigrenzen hinweg Beamte zusammenzu- Massenvernichtungswaffen einzudämmen.
bringen, die uns dabei behilflich sein sollen, unsere
Nation in den kommenden vier Jahren zu leiten. Wenn "Ich möchte jemanden, der dies in meinen Augen
wir unsere Ziele erfüllen wollen, die Wirtschaft wieder- versteht und diese Fragen den Menschen in der ganzubeleben und eine neue Weltordnung für die Verei- zen Welt vermitteln kann, die sich mit ihnen auseinannigten Staaten in der Zeit nach dem Kalten Krieg zu dersetzen", erklärte der gewählte Präsident.
entwerfen, müssen wir einen Großteil unserer bisherigen Vorurteile über Bord werfen. Und ich habe vor, Mit dem Hinweis, dieselben Eigenschaften erwarte er
mich umzusehen und bin bereits dabei, mich vehe- von seinem künftigen nationalen Sicherheitsberater
ment nicht nur unter Menschen verschiedener rassi- stellte Clinton fest, seines Erachtens hätten die Berascher und ethnischer Herkunft und Männern und Frau- ter Präsident Bushs "in diesem Bereich sehr gute
en, sondern auch unter Menschen mit unterschiedli- Teamarbeit geleistet. Und das möchte ich auch. Es ist
chem politischen Hintergrund umzusehen, die unser für mich äußerst wichtig, einen nationalen Sicherheitsgemeinsames Ziel der Wiederherstellung des Wirt- berater, einen Verteidigungsminister und einen Ausschaftswachstums, Schaffung von Arbeitsplätzen sowie senminister auszuwählen, die bei dieser TagesordEinkommensverbesserungen und Stärke für dieses nung zusammenarbeiten können."
Land teilen".
Clinton versprach ferner, die Innenpolitik zu seiner
In der ersten Pressekonferenz nach seiner Wahl zum ersten Priorität zu erheben und rasch SteuervergünstiPräsidenten stellte Clinton fest, seine außenpoliti- gungen und Ausgabenprogramme vorzuschlagen, die
schen Prioritäten umfaßten "die Verabschiedung ei- zur Schaffung von Arbeitsplätzen führen.
nes auf mehrere Jahre angelegten Plans für den Der gewählte Präsident verwies darauf, seine VorVerteidigungshaushalt, der die Verteidigung dieses schläge in den ersten 100 Tagen würden sowohl ein
Landes als stärkste der Welt erhält und die Notwendig- "kurzfristiges Wirtschaftsprogramm" als auch ein länkeit des Abbaus berücksichtigt".
gerfristiges Engagement zur Erhöhung der amerikaniDen Reportern erklärte Clinton in Little Rock (Arkansas), er wolle "unsere andauernden Bemühungen zur
Reduzierung von Kernwaffen mit Rußland und anderen Atommächten" fortsetzen und sich nachdrücklich
darum bemühen, der "Verbreitung von nuklearen,
biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen" Einhalt zu gebieten.

schen Produktivität und Reduzierung des Haushaltsdefizits umfassen.
Zu seinen ersten Gesetzesvorhaben wird eine Steuergutschrift für Investitionen gehören, "um dem Privatsektor Anreize zur Investition in neue Anlagen und
Ausrüstung zu geben und um seine Kapazität für
Einstellungen zu erhöhen".

Der Gouverneur von Arkansas betonte ferner, er wolle Clinton verwies auf die Studie einer unabhängigen
"den Nahost-Friedensprozeß auf Kurs halten" und Beratungsfirma, derzufolge die Steuergutschrift für
alles in seiner Macht Stehende tun, "um zu gewährlei- Investitionen allein im Jahr 1993 500.000 Arbeitsplätze
sten, daß es keinen Bruch der Kontinuität gibt".
in der Privatwirtschaft schaffen wird.
Er führte die Notwendigkeit an, "das weltweite Wirt- Ein zweiter Vorschlag zielt auf die Beschleunigung von
schaftswachstum im Hinblick auf die Lösung ausste- Investitionen in die Infrastruktur des Landes ab, etwa
hender Probleme mit Mexiko zu stärken, die ausste- in das Verkehrswesen.
henden Probleme in Europa hoffentlich zu lösen und
eine auf Zusammenarbeit mit den anderen Wirtschafts- Clintons Plan hat die Besorgnis ausgelöst, die zusätzmächten gegründete Strategie zu betreiben, um das lichen Investitionsausgaben würden das bereits hohe
Weltwirtschaftswachstum zu fördern".
Haushaltsdefizit weiter steigern. Der gewählte Präsi-

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�dent hielt dem entgegen, ein "diszipliniertes" Wirtschaftsprogramm, das eine "stufenweise" Reduzierung des Defizits umfasse, werde einen wesentlichen
Anstieg bei den Infrastrukturinvestitionen ermöglichen
und gleichzeitig "den Märkten im In- und Ausland ein
eindeutiges Signal (senden), daß wir dieses Defizit
abbauen werden".
"Ich gehe davon aus, daß wir diesen Haushart nicht
ausgleichen können, wenn wir nicht mehr Wachstum
bekommen als wir derzeit haben", fügte er hinzu.
Clinton warnte, für die Wirtschaftsprobleme des Landes gebe es keine kurzfristigen Lösungen. "Ich erwarte, da ß der Schwerpunkt auf diesen Wirtschaftsproblemen bleibt", erklärte er. "Meines Erachtens versteht
das amerikanische Volk, daß es sich hierum langfristige Probleme handelt und es keine Wunder über Nacht
geben wird."
Zu Clintons weiteren wichtigen kurzfristigen Prioritäten
zählen ein Plan zur Bewältigung der Kostenexplosion
im Gesundheitswesen, ein Plan für politische Reformen und ein Programm für einen nationalen sozialen
Dienst, der es Studenten gestatten wird, beim Staat
einen Kredit zur Finanzierung des Studiums aufzunehmen und als Gegenleistung den Gemeinden für ein bis
zwei Jahre in Bereichen wie Bildung, Polizei und
Gesundheitswesen zur Verfügung zu stehen.
Er werde ein "Wirtschaftsteam von Weltklasseformat"
zusammenstellen, das ihm bei seinen wirtschaftlichen
Vorhaben behilflich sein solle, erklärte Clinton. Darüber hinaus stellte der gewährte Präsident fest, er werde
den fortdauernden erheblichen Finanzproblemen der
Spar- und Darlehensbanken und dem Zustand des
Bankensystems besondere Aufmerksamkeit schenken.

Bei der Skizzierung der künftigen Politik seiner Administration auf der koreanischen Halbinsel verlieh Clinton der Hoffnung Ausdruck, daß "das koreanische Volk
eines Tages in einer demokratischen und freien Gesellschaft wiedervereinigt sein wird". Darüber hinaus
hoffe er, daß die Vereinigten Staaten "weiterhin eine
Kraft für die Sicherheit Südkoreas sein können" und
Nordkorea keinen Erfolg bei der Entwicklung einer
"realen nuklearen Fähigkeit" haben werde.
Auf die Frage, wie rasch er Maßnahmen zur Erfüllung
seines Versprechens ergreifen werde, Homosexuellen den Militärdienst zu gestatten, erklärte Clinton: "Ich
werdedazu Maßnahmen ergreifen... Ichbemühemich
dabei, dies auf eine Art und Weise zu tun, die für das
Management der gesamten nationalen Sicherheit und
die militärischen Interessen des Landes am geeignetsten ist."
"Was ich tun möchte", stellte Clinton fest, "ist, eine
geeignete Antwort zu finden, die sich eindeutig auf die
Tatsache konzentriert, daß wir Menschen haben, die
homosexuell sind und unserem Land hervorragend
gedient haben... Das Thema sollte 'Führung' heißen hat irgend jemand irgend etwas getan, das ihn disqualifizieren würde? ... Was ich in geeigneter Weise und
unverzüglich zu tun gedenke, ist, eine Gruppe von
Leuten zusammenzustellen, die mich beraten sollen,
wie wir dies am besten tun können. Aber ich werde
meine Position dazu nicht ändern."
Auf die Frage, ob er mit der Art und Weise zufrieden
sei, in der Präsident Bush mit den Nachforschungen
des US-Außenministeriums während des Wahlkampfs
in bezug auf sein (Clintons) Vorleben umgegangen ist,
erklärte der gewählte Präsident, er sei froh, daß Elizabeth Tamposi, die Abteilungsleiterin im US-Außenministerium, die mit der Untersuchung von Clintons Reisepaßunterlagen vor dem Wahltag in Verbindung
gebracht wird, "ihre Stellung etwa sechs Wochen
vorzeitig verlassen mußte. Ich war der Ansicht, daß
dies eine geeignete Maßnahme war."

Auf die Frage nach der derzeitigen amerikanischen
Politik gegenüber haitianischen Flüchtlingen erklärte
Clinton, er werde diese Politik als Präsident ändern
und bekräftigte seine Ansicht, daß Bootsflüchtlinge
aus Haiti nicht zurückgeschickt werden sollten, bevor Tamposi wurde am 10. November entlassen, nachsie Gelegenheit zu einer Anhörung bekommen hätten. dem bekanntgeworden war, daß Vertreter ihrer Dienst"Meines Erachtens besteht ein legitimer Unterschied stelle auch die Reisepaßunterlagen des unabhängizwischen politischen und Wirtschaftsflüchtlingen", stellte gen Präsidentschaftskandidaten Ross Perot wieder
er fest. "Aber wir sollten ein Verfahren haben, in hervorgeholt hatten.
dessen Rahmen diese Haitianer eine Chance erhal- "Sollte ich jemanden dabei erwischen, daß er während
ten, ihren Fall vorzutragen. Meines Erachtens war es meiner Präsidentschaft das Außenministerium auf diese
ein Fehler ... sie unter den Umständen nach Haiti Weise benutzt, werden Sie nicht bis nach dem Wahltag
zurückzuschicken, die im vergangenen Jahr vorherrsch- darauf warten müssen, daß er geht", unterstrich Clinten. Ich werde dieses Verfahren deshalb modifizie- ton. "Ich möchte mit Ihnen nicht über die Ereignisse
ren."
der Vergangenheit sprechen. Die Wahl ist vorbei... Ich
Clinton ging nicht näher darauf ein, wie dies getan möchte Sie nur wissen lassen, daß das Außenministewerden solle, sondern erklärte: "Ich kann Ihnen sagen, rium dieses Landes nicht mit Bill Clintons Politik sein
Spiel treiben wird, und wenn ich irgend jemanden dabei
daß ich die Politik ändern werde."
erwische, werde ich ihn am nächsten Tag feuern."
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�US-AUSSENPOLITIK
18. November 1992

DER PRIMAT DER WIRTSCHAFT
von C. Fred Bergsten
Kernstück jeder effektiven amerikanischen Außenpolitik muß dem Autor zufolge eine substantielle Verbesserung der Leistungsfähigkeit und internationalen Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft sein. Der
Verfasser untersucht die beherrschenden Fragen in der internationalen Wirtschaft und weist auf den
möglicherweise zu erwartenden politischen Kurs hin.
C. Fred Bergsten ist Direktor des Institute for International Economics und Vorsitzender des vom Kongreß ins
Leben gerufenen Competitiveness Policy Council. Von 1977-81 war er Leiter der Abteilung für internationale Angelegenheiten im US-Finanzministerium und von 1969-71 hochrangiger Mitarbeiter des Nationalen
Sicherheitsrats. Zu seinen 19 Büchern zählt America in the World Economy: A Strategy for the 1990s
(1988).
Nachdruck mit folgendem Zusatz gestattet: Copyright (c) 1992 Carnegie Endowment for International Peace.
Nachdruck mit Genehmigung der Zeitschrift Foreign Policy, Sommer 1992.
Die amerikanische Außenpolitik ist von Ungewißheit
gekennzeichnet. Mit dem Zusammenbruch des
Kommunismus und dem Zerfall der Sowjetunion sind
die Grundsätze, die das Verhalten in der Vergangenheit prägten, verschwunden oder rasch im Schwinden
begriffen. Ein Ersatz ist noch nicht gefunden und
vereinbart worden. Entscheidungen über einzelne
Probleme werden ad hoc und ohne Kontext getroffen.
In den vergangenen 50 Jahren wurden die internationalen Beziehungen im allgemeinen und die amerikanischen auswärtigen Interessen im besonderen von vier
Grundkonzepten definiert:
Das erste war die Dominanz von Sicherheitsfragen. Militärische Fähigkeit bildete das zentrale
Element für das internationale Engagement der
Vereinigten Staaten. Die meisten weltweiten
Wirtschaftsinitiativen der Vereinigten Staaten,
insbesondere diejenigen, mit denen versucht
werden sollte, in den frühen Nachkriegsjahren
systematische Strukturen zu schaffen, wurden
primär durch Sicherheitsanliegen motiviert.

Drittens enthielt die bipolare Rivalität eine wichtige ideologische Dimension. Amerika setzte
sich für Demokratie und Kapitalismus ein. Die
UdSSR verkörperte totalitäre Politik und Kommandowirtschaft unter dem Banner des Kommunismus.
Viertens schuf jede Supermacht ein Bündnissystem zur Unterstützung ihrer Ziele. Die Vereinigten Staaten gingen auf ehemalige Gegner
zu, um die NATO und den amerikanisch-japanischen Sicherheitsvertrag zu erarbeiten, und sie
bauten multilaterale Organisationen auf, um
ihre Ziele zu fördern. Die UdSSR schuf den
Warschauer Pakt. Jede Supermacht war bestrebt, so viele Länder wie möglich an ihren
Block zu binden. Die universellen Organisationen, die beide Gruppen umfaßten - insbesondere die Vereinten Nationen-.traten auf der Stelle,
da die Hauptgegner Aktionen blockierten, die
ihrem jeweiligen Rivalen nützen konnten.

Mit dem Ende des Kalten Krieges müssen die politischen Entscheidungsträger in den Vereinigten StaaDas zweite elementare Konzept war die Bipola- ten die Richtlinien, von denen die Weltpolitik künftig
rität. Die Weltordnung (oder -Unordnung) ba- geleitet wird, neu bewerten und diese Parameter mit
sierte auf der Existenz von zwei militärischen den amerikanischen Interessen verknüpfen. Die ausSupermächten und deren Beziehungen zu ein- wärtigen Herausforderungen von heute werden der
ander. Das internationale Umfeld wurde weitge- amerikanischen Öffentlichkeit verdeutlicht und auf eine
hend von dem Kampf zwischen den Vereinigten Art und Weise bewältigt werden müssen, die breite
Staaten und der Sowjetunion definiert.

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�Unterstützung hervorbringt. Dabei wäre es vernünftig,
erneut ein zentrales Thema zu artikulieren, das bereitwillig aufgenommen und akzeptiert wird.

Die amerikanische Außenpolitik wird auch von einem
äußeren Umfeld geformt werden, das sich stark in
Richtung Wirtschaft verschoben hat. Selbst während
des Kalten Krieges setzten die meisten Staaten wirtTraditionelle sicherheitspolitische Fragen wie Nicht- schaftliche Anliegen auf ihrer au ßenpolitischen Tagesverbreitung und regionale Konflikte werden sicherlich ordnung ganz oder fast an die erste Stelle. Japan
ihre Bedeutung beibehalten. Aggressive Länder wer- entschied sich dafür, die meisten Entwicklungsländer
den abgeschreckt und gegebenenfalls abgewehrt wurden aufgrund der Umstände ebenfalls dazu gewerden müssen. Darüber hinaus werden die Vereinig- zwungen. Die europäischen Verbündeten Amerikas
ten Staaten - wie beim gegenwärtig stattfindenden und einige wenige Länder wie Südkorea und Taiwan,
Übergang in Osteuropa und der ehemaligen Sowjet- die mit einzigartigen Bedrohungen ihrer Sicherheit
union - ihre elementaren Werte wie Demokratie und konfrontiert waren, konzentrierten erhebliche Mittel
Menschenrechte in der ganzen Welt verbreiten wollen. auf die militärische Einsatzbereitschaft, betonten wirtSolche "neuen globalen Probleme" wie Umwelt,
schaftliche Anliegen jedoch wesentlich stärker als die
Wanderungsbewegungen und Flüchtlingsströme,
Vereinigten Staaten.
Bevölkerungswachstum, Waffentransfer und Drogenhandel gewinnen ständig an Bedeutung. Die anhalten- Mit der Beseitigung der Hauptbedrohung für den
de und sogar verstärkte Unterstützung der Entwick- Weltfrieden wird sich der Vorrang, den die meisten
lung ärmerer Länder muß ebenfalls auf der Tagesord- Länder wirtschaftlichen Fragen einräumen, erheblich
nung stehen.
verstärken. Diese Tendenz wird - zumindest in den
nächsten Jahren - durch die weltweite KonjunkturDie zentrale Aufgabe bei der Entwicklung einer neuen schwäche noch verschärft werden, während die Vereiamerikanischen Außenpolitik besteht darin, Prioritä- nigten Staaten mit ihren tiefgreifenden Strukturprobleten zu setzen und zentrale Themen auszuwählen. men kämpfen, die westeuropäischen Staaten ihre
Diese Entscheidungen müssen sich aus den nationa- Inflationsraten und Haushaltsdefizite reduzieren, um
len Interessen der Vereinigten Staaten herleiten, die sich für die Wirtschafts- und Währungsunion zu qualisich stark auf den wirtschaftlichen Bereich verlagert fizieren und sich Japan an Arbeitskräftemangel und
haben. Der Anteil des Handels an der amerikanischen das Zerplatzen seiner finanziellen Luftblase anpaßt.
Wirtschaft ist seit 1960 um das Zweieinhalbfache Das Ergebnis wird ein noch stärkerer Wettbewerb um
gestiegen. Aus- und Einfuhren von Waren und Dienst- Märkteund Investitionen auf der ganzen Welt sein. Die
leistungen erreichen nahezu ein Viertel des gesamten Aussichten auf eine weltweite Verknappung von SparBruttoinlandsprodukts. Die Vereinigten Staaten sind einlagen würde - falls es erneut zu stärkerem Wirtheute ebenso wie die Europäische Gemeinschaft (EG) schaftswachstum käme - den Kampf um Kapital verfeals Gruppe und Japan stark vom Handel abhängig. Als stigen und sogar noch verschärfen. Wenn die Urugrößter Schuldner der Welt und Land mit anhaltend guay-Runde des Allgemeinen Zoll- und Handelsabhohen Außenhandelsdefiziten bauen die Vereinigten kommens (GATT) fehlschlagen sollte, was hauptsächStaaten darüber hinaus auf beträchtliche Kapitalzu- lich aufgrund der mangelnden europäischen Bereitflüsse aus dem Ausland.
schaft zur Reform der Agrarpolitik der Fall wäre, würde
sich der europäisch-amerikanische Handelskonflikt zu
Überdies ist die amerikanische Wirtschaft inzwischen den bereits bestehenden japanisch-amerikanischen
erheblich von exportgestütztem Wachstum abhängig: Spannungen gesellen. Damit würde ein ZweifrontenDie jährliche Handelsbilanz hat sich seit 1987 real um krieg im Handel drohen, der die Vorrangstellung der
über 120 Milliarden Dollar verbessert. Sie hat 1990 die Wirtschaft noch schärfer akzentuieren würde.
Hälfte des US-Wirtschaftswachstums hervorgebracht
und 1991 die Rezession um die Hälfte vermindert. Die Selbst die bereits angeführten "nichtökonomischen"
von den achtziger Jahren übernommenen massiven Fragen sind von wesentlichen wirtschaftlichen InhalHaushaltsdefizite schließen einen bedeutenden Ein- ten geprägt. Konflikte am Persischen Golf, der instasatz der Steuerpolitik zur Ankurbelung der Konjunktur bilsten aller Regionen, konzentrieren sich häufig auf
aus. Der erforderliche Defizitabbau wird die Wirtschaft Erdöl. Das Wachstum in der Dritten Welt ist für den
tatsächlich für einige Zeit belasten. Die Brüchigkeit Absatz amerikanischer Exporte ebenso wichtig wie für
des Finanzsystems und der Überhang privater Schul- humanitäre Impulse. Die Bevölkerungsexplosion wird
den begrenzen die Auswirkungen einer lockereren letztlich nur durch raschere wirtschaftliche EntwickGeldpolitik, wie die magere Reaktion auf die wiederhol- lung eingedämmt werden können. Es wird klar, daß
ten und beträchtlichen Zinssenkungen durch die Bun- die Schädigung der Umwelt große wirtschaftliche Kosten
desnotenbank verdeutlicht. Die Vereinigten Staaten verursachen kann. Waffenlieferungen werden mindetreten also in ein Jahrzehnt ein, in dem die normaler- stens ebensosehr von wirtschaftlichen wie von sicherweise für die Förderung der Inlandsnachfrage zur heitspolitischen Interessen motiviert. Die außenpolitiVerfügung stehenden politischen Werkzeuge nicht sche Tagesordnung der Zukunft kehrt wiederholt zur
vorhanden sind, und sie werden sich bis weit in die Wirtschaft zurück.
neunziger Jahre auf ausländische Märkte stützen
müssen.
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AMERIKA DIENST 46

�Der Primat wirtschaftlicher über sicherheitspolitischen
Fragen wird einen zweiten grundlegenden Wandel
herbeiführen: Drei ungefähr gleich starke wirtschaftliche Supermächte (Tripolarität) werden zwei ungefähr
gleich starke militärische Supermächte (Bipolarität) im
Zentrum des Weltgeschehens ablösen. Die Europäische Gemeinschaft hat bereits eine größere Volkswirtschaft als die Vereinigten Staaten und wird im Hinblick
auf Weltwirtschaftsfragen zunehmend als einheitliche
Kraft auftreten. Japan ist bereits das größte Gläubigerland der Welt und bei zahlreichen Technologien
führend. Seine Volkswirtschaft wird in absoluten Dollarzahlen zu Beginn des nächsten Jahrzehnts ebenso
stark sein wie die der Vereinigten Staaten (wenn sie
gegenüberden 2-2,5 Prozent Wachstum der Vereinigten Staaten jährlich um 4 Prozent wächst und der
Wechselkurs des Yen zum Dollar auf 100:1 steigt). Die
Vereinigten Staaten, Japan und die EG hängen etwa
gleich stark von internationalem Handel und Kapitalströmen ab - niemand könnte also einen Handelskrieg
in der Annahme führen oder begrüßen, daß andere
mehr verlieren würden. Zwischen den drei großen
Wirtschaftsräumen herrscht bereits in den wichtigsten
Kriterien, die den globalen Status bestimmen, ein
Gleichstand.

osteuropäischen Mitgliedstaaten des ehemaligen
Warschauer Pakts unterzeichnen bereits Assoziierungsabkommen mit der EG und werden vermutlich
innerhalb eines Jahrzehnts Mitglieder werden. Die
baltischen Staaten und mehrere andere Republiken,
die aus der Asche der Sowjetunion emporgestiegen
sind, streben ähnliche Arrangements an. Rußland
selbst könnte sich in absehbarer Zukunft mit Westeuropa assoziieren. Die NATO erarbeitet bereits neue
Modelle der Zusammenarbeit mit den ehemaligen
Gegnern.

In Asien würde die Einführung des von Malaysia vorgeschlagenen Ostasiatischen Wirtschaftsausschusses
die erste moderne panasiatische Gruppierung darstellen. Sie könnte frühere Gegner - insbesondere China,
möglicherweise aber auch Vietnam und Nordkorea einbeziehen, ebenso wie Rußland in die europäischen
Abkommen eingebunden werden könnte. Ähnliche
Muster werden aufgrund der jüngsten explosionsartigen Zunahme subregionaler Pakte in Lateinamerika,
wie etwa der gemeinsame Markt (Mercosur) in Südamerika und der wiederbelebte Andenpakt erkennbar.
Diese lateinamerikanischen Bemühungen werden teilweise von dem Wunsch motiviert, sich für spätere
Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten über eine
Drittens wird die ideologische Konfrontation des Kalten Erweiterung der Nordamerikanischen FreihandelszoKrieges zwischen Kapitalismus und Kommunismus ne (North American Free Trade Area - NAFTA) zu
wahrscheinlich vom Wettbewerb zwischen alternati- einer Freihandelszone für die westliche Hemisphäre
ven Versionen der Marktwirtschaft abgelöst werden. zu qualifizieren, beziehungsweise die Position für dieIn der japanischen "nichtkapitalistischen Marktwirt- se Verhandlungen zu stärken.
schaft" verfolgen die Unternehmen die Interessen der
Angestellten, Lieferanten und Gemeinden stärker als All diese Veränderungen sind äußerst wünschensdie der Aktionäre und haben deshalb Leitungssyste- wert. Selbst Handelskriege sind weit weniger bedrohme, die sich von denen amerikanischer Firmen we- lich als ein nuklearer Holocaust. Die Konkurrenz
sentlich unterscheiden. Klar ist, daß Japan die Pro- zwischen Demokratien mit Marktwirtschaften ist der
duktion im Gegensatz zum Verbrauch erheblich höher Konfrontation mit einem unversöhnlichen ideologischen
einschätzt als die Vereinigten Staaten. Der Staat spielt Gegner, dessen Ziel die Weltherrschaft ist, bei weitem
beim japanischen Modell sicherlich eine wesentlich vorzuziehen. Der Wandel in der Szenerie stellt einen
stärkere Rolle als beim angelsächsischen. Westliche historischen Triumph der Vereinigten Staaten und
Beobachter untersuchen das japanische und andere ihrer Verbündeten dar.
asiatische Modelle sehr aufmerksam, um herauszufinAber die Welt geht nun zu neuen Herausforderungen,
den, was man daraus zur Verbesserung der Wirtzu neuen Machtkonfigurationen und sogar zu neuen
schaftsleistung des Westens lernen könnte.
Bedrohungen über. Es gibt keine Zeit, um sich in den
Die Sozialleistungssysteme des kontinentalen Euro- Erfolgen der jüngsten Vergangenheit zu sonnen. Die
pas bieten eine weitere Alternative zum amerikani- Vereinigten Staaten müssen die neuen Realitäten
schen Modell. Der Staat spielt bei der Leitung wenn verstehen und darauf reagieren, wenn sie ihre nationanicht sogar Verdrängung privater Aktivität eine we- len Interessen effektiv verfolgen und eine neue, gesentlich stärkere Rolle. Banken haben erheblich mehr schlossene Außenpolitik gestalten wollen.
Einfluß auf die Unternehmensleitung, insbesondere in
Amerikanische Aufgaben, amerikanische DilemDeutschland.
mas
Der vierte mögliche Wandel betrifft die Bündnisarran- Die amerikanische Außenpolitik muß in diesem neuen
gements. Das Regime bilateraler und multilateraler Zeitalter drei Hauptziele verwirklichen, von denen jedes
Gruppierungen aus der Zeit des Kalten Krieges, das für die Vereinigten Staaten ein großes Dilemma darauf die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion aus- stellt. Am wichtigsten werden Bestrebungen zur Vergerichtet war und sich bis nach Vietnam oder Kuba wirklichung amerikanischer Wirtschaftsziele sein. Es
erstreckte, weicht sehr verschiedenen und in einigen ist unmöglich, sich ein wohlhabendes Amerika oder ein
Fällen natürlicheren regionalen Gruppierungen. Die Amerika, das die Führungsrolle in der Welt auf rechter-

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�hält, ohne eine Außenpolitik vorzustellen, die die wirtschaftlichen Interessen des Landes effektiv unterstützt.

ben, weil für die Schwäche der Binnenwirtschaft zunehmend äußere Faktoren sowie das Scheitern der
eigenen Unterhändler verantwortlich gemacht werden. Ebenso, wie die Gewerkschaften in den sechziDie Wirtschaftsziele der Vereinigten Staaten konzen- ger und siebziger Jahren die liberale Handelskoalition
trieren sich darauf, durch die Erlangung und Bewah- verließen, als sie zu dem Schluß kamen, freier Handel
rung offener Märkte für internationalen Handel und liege nicht länger in ihrem Interesse, werden die UnterInvestitionen den Lebensstandard des Durchschnitts- nehmer und andere Gruppen, die das weltweite Engaamerikanersund die Konkurrenzfähigkeit der amerika- gement der Vereinigten Staaten unterstützt haben,
nischen Wirtschaft anzuheben. Trotz seiner Größe eine zunehmend ambivalente Haltung einnehmen kann der amerikanische Markt nicht vollständig wett- oder sogar die Seiten wechseln -, wenn Washington
bewerbsfähig und effizient sein, wenn seine Unterneh- nicht nachdrücklich genug für ihre finanziellen Interesmen und Arbeitskräfte nicht durch die Verfügbarkeit sen eintritt. Die neue amerikanische Außenpolitik wird
ausländischer Produkte und Dienstleistungen ständig sowohl ein starkes wirtschaftliches Fundament im
Impulse erhalten. Darüber hinaus können amerikani- Inland als auch erfolgreiche Wirtschaftsinitiativen im
sche Unternehmen und Arbeitnehmer ohne Zugang zu Ausland benötigen.
wichtigen Auslandsmärkten auch nicht ihr vollständiges Potential entfalten, da die Weltwirtschaft viermal Eine zweite kritische Aufgabe der amerikanischen
so groß ist wie ihre eigene. Wegen ihrer Auswirkungen Politik wird darin bestehen, reibungslose Beziehungen
auf die US-Handelsbilanz, die Wettbewerbsposition zwischen den wirtschaftlichen Supermächten aufrechteinzelner amerikanischer Industriezweige und die zuerhalten, ebenso wie sie früher bestrebt war, die
binnenwirtschaftlichen Maßnahmen der Handelspoli- Spannungen mit derSowjetunionzu begrenzen. Dafür
tik müssen die innere und die äußere Liberalisierung gibt es sowohl positive als auch negative Gründe.
Hand in Hand gehen - da die faire Behandlung ameri- Positiv ist, daß alle Länder (zumindest zusammengekanischer Exporte durch andere unerläßlich ist, um es nommen) von einem offenen Welthandel und Investiden Vereinigten Staaten zu ermöglichen, ihren eige- tionsklima Vorteile haben. Daher erfordert ein Maxinen Markt offenzuhalten.
mum an Wohlstand für die Menschen auf der ganzen
Welt, einschließlich der Amerikaner, eine gezielte
Die Wiederherstellung der Wettbewerbsstärke Ameri- Zusammenarbeit zwischen den großen Industrienatiokas ist darüber hinaus entscheidend für den globalen nen. Jetzt können sie anstelle des verlustbringenden
Status des Landes. Japan konnte während des Kalten Sicherheitsspiels aus dem Zeitalter des Kalten Krieges
Krieges als "wirtschaftlicher Gigant und politischer dem gewinnbringenden Spiel der Weltwirtschaft PrioZwerg" beschrieben werden, aber die Vereinigten rität einräumen.
Staaten müssen in den kommenden Jahren verhindern, daß für sie der umgekehrte Fall eintritt. Von Gleichzeitig dürfen die unvermeidbaren Kontroversen
Bundeskanzler Helmut Kohl wird berichtet, er habe über Wirtschaftsfragen und anderes nicht in schädlierklärt, "wir wissen, wer die Medaillen bei den Olympi- che Konflikte unter relativ Gleichgestellten ausarten schen Spielen der Wirtschaft im Jahr 2000 gewinnen die Vereinigten Staaten könnten hierbei zu den Verliewird, aber wir wissen nicht, welche Länder Gold, Silber rern gehören. Darüber hinaus ist es gar nicht so
und Bronze nach Hause bringen werden". Die unein- undenkbar, daß Spannungen zwischen den Wirtschaftsgeschränkte amerikanische Beteiligung an den ele- giganten zu größeren Konflikten ausarten könnten. Es
mentaren globalen Entscheidungen, wenn nicht sogar gibt viele historische Beispiele für das Scheitern interdie amerikanische Fähigkeit, weiterhin eine Führungs- nationaler Systeme dabei, dem Status und den legitirolle auszufüllen, steht auf dem Spiel - wie es die Briten men Bestrebungen aufsteigender Mächte Rechnung
dieses Jahrhundert bereits in den Jahrzehnten ihres zu tragen.
Niedergangs erfahren mußten.
Außerdem ist es, wie schon Flora Lewis, Kolumnistin
Aber ebenso, wie das Interesse der Vereinigten Staa- der New York Times in ihrer Abhandlung in der
ten an der Verwirklichung ihrer Wirtschaftsziele enorm Ausgabe von Foreign Policy vom Winter 1991/92
zugenommen hat, ist die Fähigkeit des Landes, dies zu scharfsinnig feststellte "ein einzigartiges Phänomen
tun, aufgrund des Aufstiegs der neuen wirtschaftlichen (dieses) Zeitalters, daß die wirtschaftliche und die
Supermächte und anderer äußerst wettbewerbsfähi- militärische Macht nicht in denselben Händen liegen" ger Länder (wie der asiatischen Schwellenländer) jäh ganz im Gegensatz zu früheren Zeiten in der Geschichte. In der Frühjahrsausgabe 1992 von Foreign
gesunken.
Policy stellte Yoichi Funabashi, Kolumnist von Asahi
Dies ist das erste Dilemma, vor dem die US-Außenpo- Shimbun, fest, daß die Kontroversen zwischen den
litik heute steht: Die Vereinigten Staaten werden in Vereinigten Staaten und Japan sich bereits jenseits
internationalen Wirtschaftsverhandlungen zunehmend wirtschaftlicher Fragen auf politischer Ebene abspielals Fordernder auftreten, jedoch weniger in der Lage ten. Ein übereilter miitärischer Rückzug der Vereinigsein, ihre Ziele zu erreichen. Dies wird es in der Folge ten Staaten aus Europa und Asien könnte sogar andeextrem erschweren, eine aktive Außenpolitik zu betrei- re Wirtschaftsmächte dazu bringen, mehr Geld für ihr
Se'rte 4

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�Militär auszugeben und das Risiko zukünftiger Konfrontationen weiter zu erhöhen.
Natürlich sind Kontroversen über Wirtschaftsfragen
zwischen Europa, Japan und den Vereinigten Staaten
nichts Neues. Ihr Charakter und vielleicht auch ihre
Bedeutung werden jetzt jedoch ganz anders beschaffen sein. Der Beginn eines Mächtegleichgewichts
zwischen den dreien bedeutet, daß Washington nicht
länger aufgrund seiner überlegenen Wirtschaftsmacht
das Sagen hat. Aber weder Japan noch Westeuropa
können die Vereinigten Staaten als methodisch vorgehenden Schiedsrichter wirtschaftlicher Streitigkeiten
ersetzen, und die drei haben weder gemeinsam gehandelt, um das zu tun, noch diese Befugnis einer der
internationalen Organisationen übertragen. Folglich
gibt es keinen verläßlichen Mechanismus für die friedliche Beilegung von Streitigkeiten zwischen den Wirtschaftsmächten.
Noch wichtiger ist, daß, wie ich schon in der Ausgabe
vom Sommer 1990 von Foreign Affairs voraussagte,
die führenden Politiker Amerikas, Europasund Japans
nicht länger, wie es während des Kalten Krieges der
Fall war, gezwungen sind, dem Erhalt ihrer Allianzen
übergroße Bedeutung einzuräumen und folglich Konflikte über Wirtschaftsfragen und anderes zu unterdrücken. Ohne die Sicherheitsfrage, die sie aneinander bindet, können wesentlich schneller ernste Antagonismen zwischen den Wirtschaftsmächten entstehen. Eswäre wirklich eine IroniederGeschichte, wenn
sich die marxistische Prophezeiung eines unvermeidlichen Konfliktes zwischen den kapitalistischen Nationen als Ergebnis des Zusammenbruchs des marxistischen politischen Systems bewahrheiten würde.
Trotzdem muß die Eindämmung der Gefahr eines
Konfliktes zwischen den Wirtschaftsmächten die Eindämmung eines militärischen Risikos aus der Zeit des
Kalten Krieges als primäre Aufgabe der amerikanischen Außenpolitik ersetzen.
Es gibt natürlich eine immanente Spannung zwischen
der Verteid igung der amerikanischen Wirtschaftsinteressen und der Pflege guter Beziehungen zwischen
den Wirtschaftsgiganten. Eine aggressive Verfolgung
ihrer nationalen Wirtschaftsinteressen wird die Vereinigten Staaten oft zum Gegner der EG oder Japans
oder manchmal beider machen und somit die Beziehungen zwischen den dreien in Gefahr bringen. Das ist
das zweite Dilemma, dem sich eine auf Wirtschaftsfragen konzentrierte amerikanische Außenpolitik gegenübersieht.
Ein drittes wichtiges Ziel der amerikanischen Außenpolitik in der Zeit nach dem Kalten Krieg wird die
Förderung kollektiver Sicherheitsvorkehrungen sein.
Die Vereinten Nationen stellten im Golfkrieg einen
Rahmen für die Allianz gegen den Irak zur Verfügung
und die UNO (sowie einige regionale Organisationen)
wird immer wieder mit schwierigen und kostspieligen
Missionen zur regionalen Friedenssicherung betraut.
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Vereinbarungen zur kollektiven Sicherheit werden wahrscheinlich im Mittelpunkt der Sicherheitspolitik der
Vereinigten Staaten stehen.
Wie schon während des Golfkrieges wird sich die Welt
wahrscheinlich weiterhin auf die militärische Stärke
Amerikas stützen wollen, wenn regionale Instabilität
eine bewaffnete Antwort erfordert. Die Vereinigten
Staaten müssen jedoch weiterhin darauf drängen, daß
auch andere Länder ihre Streitkräfte einsetzen und
daß die anderen Wirtschaftsmächte neben den direkt
betroffenen Ländern, die sich das leisten können,
einen Großteil der Rechnungen bezahlen.
"Kollektive Führung''während des Golfkrieges bedeutete, daß die Vereinigten Staaten die Führung übernahmen und das Geld einsammelten - die Einnahmen
überstiegen ihre marginalen militärischen Kosten, und
die Vereinigten Staaten erzielten aus dem Konflikt
einen wirtschaftlichen Gewinn. Infolgedessen wurde
in einigen Hauptstädten, vor allem in Tokio und Bonn,
ein neuralgischer Punkt berührt. In Zukunft wird die
Aufteilung der Lasten und der damit verbundenen
Pflichten organisiert werden müssen, um in allen beteiligten Ländern die politische Unterstützung zu gewährleisten.
Aber die unvollständige Überlappung zwischen den
führenden Ländern im Bereich von Wirtschaft und
Sicherheit machen dies sehr schwierig. Eine erweiterte Rolle der UNO in Sicherheitsfragen verleiht den
Mitgliedern des Sicherheitsrates - China, Frankreich,
Rußland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten
- entscheidende Befugnisse. Die größten Geldgeber
werden jedoch Japan und die EG (wobei Deutschland
eine Schlüsselrolle spielt) sein, und man kann von
ihnen Geld wohl nur erwarten, wenn ihre Ansichten in
Entscheidungen zu Sicherheitsfragen ihren Niederschlag finden. Das dritte Dilemma der amerikanischen
Außenpolitik besteht darin, wie bei diesem ungleichen
Einfluß auf Sicherheits- und Wirtschaftsfragen ein
Ausgleich geschaffen werden kann.
Beim Entwurf einer neuen Außenpolitik werden die
Vereinigten Staaten folglich drei verwandte Ziele ansteuern und drei Dilemmas überwinden müssen. Sie
werden ihre eigenen Wirtschaftsinteressen trotz einer
starken Verringerung ihrer relativen Wirtschaftsmacht
fördern müssen. Sie müssen freundschaftliche Beziehungen zwischen den wirtschaftlichen Supermächten
pflegen und mit ihnen zusammenarbeiten, um eine
offene, global orientierte Weltwirtschaftsordnung zu
schaffen, während sie ihre enger gefaßten Wirtschaftsinteressen im Inland verfolgen. Und sie werden neue
Systeme kollektiver Sicherheit benötigen, die von den
Beiträgen verschiedener Ländergruppierungen in den
Bereichen Politik und Wirtschaft abhängen.
Solche Ziele standen bisher nicht an der Spitze der
Tagesordnung in Washington - oder auch nur in ihrer
Nähe. Einige dieser Ziele sind in der Vergangenheit

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�mit einer Begründung verfolgt worden, die im Kampf
des Kalten Krieges wurzelt. Jetzt ist zweifellos ein
neuer Ansatz vonnöten.

eigenen Weg - ohne die Vereinigten Staaten - zu
gehen. Ende der siebziger Jahre schuf die EG das
Europäische Währungssystem vor allem, um der aufgrund der durch die Orientierung am Dollar geschaffeEine neue Außenpolitik
nen Instabilität zu entgehen. In jüngster Zeit trug die
scheinbare Unfähigkeit der Vereinigten Staaten, den
Eine Politik, die den Wirtschaftsinteressen der VereiIWF und die Weltbank zu unterstützen, zum Wunsch
nigten Staaten dient und neue Wirtschafts- und Sicherder Europäer nach einer alternativen Organisation bei
heitssysteme schafft, hätte fünf Hauptbestandteile:
- der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung
-, bei der sie eine vorherrschende Rolle
Die grundlegende Reform der Institutionen im
spielen
und
die sie zur Unterstützung der WirtschaftsInland, um die Wettbewerbsfähigkeit der amerireformen
in
Osteuropa
und der früheren Sowjetunion
kanischen Wirtschaft, auch im Welthandel und
nutzen
können.
Japans
stillschweigende Billigung des
im Finanzsektor, zu verbessern.
von Malaysia vorgeschlagenen Ostasiatischen WirtDie schrittweise Truppenreduzierung der Verei- schaftsausschusses, der die Vereinigten Staaten
nigten Staaten zur Minimierung der Aufrüstungs- ausschließt, steht zweifelsohne in Zusammenhang mit
japanischen Zweifeln über die zukünftige Stärke und
anreize für die neuen Wirtschaftsmächte.
Politik der Vereinigten Staaten.
Die Pflege enger bilateraler Beziehungen mit
den wichtigsten Wirtschaftsmächten, allen vor- Umden erforderlichen wirtschaftlichen Aufschwung zu
an Westeuropa und Japan, aber auch Saudi erlangen, wird man auf drei Ebenen handeln müssen,
Arabien und anderen, die für die Weltwirtschaft wie es kürzlich in dem ersten Jahresbericht des
von Bedeutung sind.
Competitiveness Policy Council an den Präsidenten
und den Kongreß beschrieben wurde, einer überparDie Verabschiedung einer Reihe von Initiativen, teilichen nationalen Kommission, deren zwölf vom
mit denen die Vereinigten Staaten, ein sich ver- Präsidenten, dem Senat und vom Repräsentanteneinendes Europa und Japan (die Gruppe der haus ernannte Mitglieder aus Vertretern von WirtDrei oder G-3) erneut eine offene, auf gemein- schaft, Gewerkschaften, Regierung und der Öffentsamen Rechten und Pflichten basierende Welt- lichkeit bestehen. Bedeutsame Veränderungen in der
wirtschaft schaffen würden.
makroökonomischen Politik werden notwendig sein,
um
die Spar- und Investitionsraten des Landes zu
Die Institutionalisierung eines Systems kollektierhöhen,
die für die Steigerung des nationalen Produkver Sicherheit, hauptsächlich durch die Vereintivitätszuwachses
entscheidend sind, der zur Zeit jedoch
ten Nationen, das politische, militärische, wirtder
bei
weitem
niedrigste aller Industrieländer ist.
schaftliche und finanzielle Vereinbarungen
Daher
muß
das
Haushaltsdefizit
durch eine sorgfältig
umfassen würde.
geplante Kombination von Kürzungen im VerteidiDas Kernstück jeder wirksamen amerikanischen gungshaushalt und bei gesetzlich festgelegten AusgaAu ßenpolitik mu ß eine substantielle Verbesserung der ben sowie durch die Spartätigkeit fördernde SteuererLeistung und internationalen Wettbewerbsfähigkeit der höhungen in einen Überschuß umgewandelt werden.
amerikanischen Wirtschaft bilden. Ganz oder teilwei- Auch werden wohl grundlegende Änderungen im Steuse aufgrund ihrer verschlechterten Wirtschaftslage ersystem nötig sein, um Anreize zu größererSpar- und
sind die Vereinigten Staaten gefährlich nahe daran, bei Investitionstätigkeit zu geben. (Die Vereinigten Staaeiner wachsenden Zahl globaler Fragen keine ernst- ten sind bereits das größte Schuldnerland der Welt und
hafte Rolle mehr spielen zu können, ganz zu schwei- es wäre unsicher und unklug, zur Finanzierung der
gen von einer führenden Rolle. Beispiele hierfür sind Innpolitik weiterhin Anleihen im Ausland aufzunehdie Unterstützung von Wirtschaftsreformen und De- men.)
mokratie in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, die Energiepolitik und das damit einhergehende Strukturreformen sind zur Stärkung der amerikaniProblem der Erderwärmung und sogar die Aktivitäten schen Bildungs- und beruflichen Ausbildungssysteme,
ihrer "eigenen" internationalen Finanzinstitutionen zur Reduzierung der Kosten im Gesundheitswesen
(Internationaler Währungsfonds und Weltbank). Wich- sowie zur Verbesserung der Unternehmenskontrolle
tiger noch ist, daß die Unterstützung im Inland für eine und Kommerzialisierung von Technologie notwendig.
aktive Außenpolitik schwinden wird, wenn die Wirt- Durchdachte sektorspezifische innenpolitische Maßschaftslage trotz großen internationalen Engagements nahmen können der Entwicklung von Schlüsselindustrien förderlich sein, wie es in der Vergangenheit im
weiterhin so schlecht bleibt.
Hinblick auf die Landwirtschaft, die zivile LuftfahrtinduEine weitere Erosion der wirtschaftlichen Position strie und zahlreiche andere im Zusammenhang mit der
Amerikas wird bei anderen wichtigen Ländern zuneh- Verteidigung stehende Produkte der Fall war. Eine
mende Erbitterung und sogar Verachtung hervorrufen. umfassende, diese drei Elemente beinhaltende WettDieser beunruhigende Trend wird sie ermutigen, ihren bewerbsstrategie, einschließlich staatlicher Hilfe für

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�diejenigen, die unter dem Prozeß der erforderlichen
Anpassung leiden, kann eine Alternative zu Protektionismus oder einer gelenkten Handelspolitik bieten, die
die amerikanische Konkurrenzfähigkeit eher untergraben würden, anstatt sie zu fördern. Solch eine Strategie würde nicht nur die wirtschaftliche Stärke Amerikas
wiederherstellen, sondern könnte auch eine offene
Weltwirtschaft aufrechterhalten helfen und das Dilemma lösen, gleichzeitig die amerikanischen Wirtschaftsinteressen verfolgen und Konflikte mit anderen wirtschaftlichen Supermächten begrenzen zu wollen. Die
Strategie ist sowohl aufgrund außenpolitischer Überlegungen als auch aus "rein wirtschaftlichen" Gründen
erforderlich.
Das zweite Element einer neuen Außenpolitik besteht
darin, das Tempo und die Verteilung des amerikanischen Truppenabbaus zu mäßigen. Erneute militärische Aufrüstung in Europa und insbesondere Japan
würde beträchtliche Unsicherheit hervorrufen, aber es
gibt wenige Beispiele in der Geschichte, daß Wirtschaftsmächte die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit scheuten. Diejenigen, bei denen das der Fall
war, - wie heute beispielsweise Kuwait und Saudi
Arabien - mußten häufig Hilfe von außen in Anspruch
nehmen. Deutschland und Japan haben sich während
der Nachkriegszeit nur aufgrund ihrer einzigartigen
historischen Umstände auf andere verlassen.
Die Vereinigten Staaten werden eine Zeitlang einen
"relativen Vorteil" bei der Gewährung von militärischem Schutz sowohl atomarer als auch konventioneller Art für andere Länder haben. Es ist wohl kaum
irrational von den Vereinigten Staaten, nachdem sie
Billionen von Dollar investiert haben, einen solchen
Vorteil zu schaffen und ihre Mittel so einzusetzen, daß
ihren wirtschaftlichen und den für ihre weitere Sicherheit wichtigen Zielen gedient ist. Die beste Art und
Weise, das zu tun, ist die Beibehaltung einer angemessenen Militärpräsenz im Übersee und einer angemessenen allgemeinen Verteidigungsfähigkeit, um die neuen
Supermächte von Aktionen abzuhalten, die zu Reibungen führen könnten. Glücklicherweise wollen die
meisten Europäer und Asiaten, einschließlich der wirtschaftlichen Supermächte, daß die amerikanischen
Streitkräfte in ihrem Land bleiben. Es ist auch kostengünstiger, die amerikanischen Truppen im Ausland zu
stationieren, anstatt zu Hause, vor allem in Japan, wo
die japanische Regierung den Großteil der Kosten
trägt.

ren Einsatz entweder alleine oder zusammen mit anderen
treffen, wobei sie zweifellos das Vetorecht behalten
würden.
Es zeichnet sich wiederum ein schwieriger Handel ab.
Beim Verteidigungshaushalt sind große Einschnitte
notwendig, um das Haushaltsdefizit in einen Überschuß umzuwandeln. Die Freisetzung von hochqualifiziertem Humankapital und Finanzmitteln wird zur
Wiederherstellung der wirtschaftlichen Stärke der
Vereinigten Staaten beitragen. Amerikas Wirtschaftsund umfassendere Sicherheitsinteressen würden jedoch durch übermäßige Kürzungen gefährdet, und
daher müssen die Maßnahmen ein sorgfältiges Gleichgewicht bewirken.
Das dritte Element der außenpolitischen Strategie der
Vereinigten Staaten sollte die Pflege enger bilateraler
Beziehungen zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten
sein. Die Beziehungen zu Japan dürfen sich nicht
soweit verschlechtem, daß man sich einhellig aus dem
Dollargeschäft zurückzieht, was sowohl die Inflation
als auch die Zinssätze in den Vereinigten Staaten in die
Höhe schnellen ließe und Technologien der Spitzenklasse den Zugang zum amerikanischen Markt verwehren würde. Die Beziehungen zu Saudi Arabien
müssen Washingtons Fähigkeit erhalten, auf dieses
Land zur Sicherung angemessener ölvorräte zu vernünftigen Preisen zurückgreifen zu können.
Es sollte relativ einfach sein, solche Beziehungen
aufrechtzuerhalten, denn weder Japan noch Saudi
Arabien haben andere Freunde in der Welt, an die sie
sich wenden können. Diejenigen im Land, die gegen
Japan eingestellt sind und die Araber ablehnen, sprechen sich gegen solche Beziehungen aus, aber für
eine auf die Wirtschaft konzentrierte Außenpolitik sind
sie entscheidend. Der von den Vereinigten Staaten
gewährte militärische Schutz dieser Staaten gegen
Bedrohungen der Sicherheit wäre ein essentieller
Bestandteil dieses Handels.

Mit Europa, das wirkliche Alternativen zu engen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten hat, ist das Problem viel komplizierter. Europa räumt seinen Nachbarn im Osten bereits Vorrang ein und leitet Initiativen
zur Erweiterung seiner Bindungen zu Asien in die
Wege, wodurch die seichteste Stelle der tripolaren
Beziehung vertieft werden soll. Zumindest ist es
unumgänglich, daß die Vereinigten Staaten Europa
und Asien nicht ermutigen, sich gegen sie zu verDie Tatsache, daß die Vereinigten Staaten in militäri- schwören, was aufgrund einer ganzen Reihe von
scher Hinsicht die Führungsrolle innehaben und ihre Ereignissen geschehen könnte: eine deutliche EntVerbündeten um Beteiligung an den Kosten bitten, scheidung für Protektionismus im Kongreß, eine weimacht sie ebensowenig zu den "Söldnern des 21. tere Aushöhlung der amerikanischen Wirtschaft und
Jahrhunderts" wie ihr Drängen darauf, daß andere den insbesondere die Auffassung, daß dieses Land "nie
Golfkrieg finanzieren sollten. Die Vereinigten Staaten sein Haus in Ordnung bringen wird", oder ein überwürden ihre eigenen nationalen Interessen verfolgen, stürzter Abzug der amerikanischen Truppen aus dem
indem sie Truppen im Ausland stationieren. Sie wür- Ausland. Eine jede dieser Entwicklungen würde natürden weiterhin alle wichtigen Entscheidungen über ih- lich den Einfluß der Vereinigten Staaten auf entscheidende zukünftige Probleme weiter schwächen.
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�Die größte Herausforderung für eine neue amerikanische Außenpolitik ist die Notwendigkeit, im Bereich
von Wirtschaft und Sicherheit Systeme kollektiver
Führung aufzubauen. Dies ist für künftige amerikanische Interessen von entscheidender Bedeutung, da
die Vereinigten Staaten nicht länger eine beherrschende Position haben, die amerikanische Öffentlichkeit
nicht mehr alles im Alleingang tun will und daraus die
Notwendigkeit entsteht, sowohl die Kosten als auch
die Pflichten zu teilen. Die Schaffung und Aufrechterhaltung solcher Systeme wird Jahre geduldigen Anspornens seitens Vereinigten Staaten und die Bereitschaft der anderen wichtigen Länder erfordern, die
neuen Regime einzuführen und eine gleichberechtigte
Rolle bei ihrer Handhabung zu akzeptieren.

weitere Option bestünde in der Globalisierung fester,
jedoch anpassungsfähiger Wechselkurse wie den vom
Europäischen Währungssystem seit Ende der siebziger Jahre verabschiedeten.

Am Anfang der wirtschaftlichen Bestrebungen muß
eine politische Erklärung stehen, die dem neuen internationalen Umfeld Rechnung trägt und die Schaffung
einer kollektiven Führungsstruktur zum Ziel hat. Eine
solche Erklärung würde feststellen, daß der Kalte
Krieg unter anderem die erneute Überprüfung der
Wirtschaftsinstitutionen fordert, die während der Periode der militärischen Konfrontation und amerikanischen Hegemonie gegründet worden waren. Sie
würde berücksichtigen, daß die bestehende Wirtschaftsordnung seit einiger Zeit im Zerfall begriffen ist, wie wir
anhand der internationalen Währungsinstabilität seit
dem Zusammenbruch der festen Wechselkurse von
1971 - 73 und der Aushöhlung der internationalen
Handelspolitik im vergangenen Jahrzehnt beobachten
konnten, als 20 der 24 Länder in der Organisation für
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sich
praktisch in Richtung auf gelenkten Handel zubewegten. Sie würde die Ansicht verwerfen, daß "internationale Zusammenarbeit die Verfolgung innenpolitischer
Ziele" gefährdet, mit der Feststellung, das erstere
helfe nahezu immer dem letzteren, ausgenommen
kurzfristig.

Die verantwortlichen Minister könnten den Prozeß in
die Wege leiten, indem sie die Uruguay-Runde - wenn
sie immer noch unbeendet ist - zu einem raschen,
weitreichenden und erfolgreichen Abschluß bringen.
Der Agrarhandel müßte mit zusätzlichen Konzessionen der EG und Japans liberalisiert werden. Ebenso
würde der Textilhandel Konzessionen seitens der
Vereinigten Staaten und Europa verlangen. Der Handel
mit Dienstleistungen müßte mit Konzessionen von den
Vereinigten Staaten und Japan liberalisiert werden,
wobei keiner der wichtigen Sektoren ausgenommen
werden dürfte. Die Entwicklungsländer müßten das
Recht auf geistiges Eigentum anerkennen und der
Marktzugang für Waren und Dienstleistungen müßte
überall verbessert werden.

Die Eindämmung der Konfliktrisiken unter den wirtschaftlichen Supermächten muß an die Stelle der
Eindämmung des militärischen Risikos des Kalten
Krieges als Hauptzweck der amerikanischen Außenpolitik treten.
Die Staats- und Regierungschefs könnten dann ihre
Regierungsvertreter anweisen, anhand der neuen
Regeln und institutionellen Arrangements die Arbeit
aufzunehmen. Beispielweise würden die Finanzminister mit der Schaffung stabilerer Währungsvereinbarungen beauftragt, die anhaltendes weltweites Wachstum untermauern und die enormen Handelsungleichgewichte verhindern würden, die - wie Mitte der achtziger Jahre und jetzt mit einem erneut schnell zunehmenden Gesamtüberschuß der Japaner - schwerwiegende wirtschaftliche Verwerfungen bewirken und
Anreize für Protektionismus bieten. Ein mögliches
Arrangement wären Zielzonen für die stärksten Währungen, die sich auf die von der G-7 im Jahr 1987
verabschiedeten Referenzbereiche gründen. Eine
Seite 8

Im Handelsbereich sollte das Ziel der Vereinigten
Staaten in der Wiederbelebung eines offenen und
global orientierten internationalen Systems bestehen.
Eine eindeutige Präferenz für ein solches Regime
anstatt regionaler Blöcke sollte zum Ausdruck kommen. Regionale Arrangements wie EG und NAFTA
sollten nur gefördert werden, wenn sie die standardisierten GATT-Kriterien der Nichtdiskriminierung erfüllen und Ergänzungen statt Alternativen zu einem global orientierten System darstellen.

Die Uruguay-Runde - so ehrgeizig sie zu sein scheint
- wird jedoch zahlreiche Fragen ungelöst lassen, von
denen die Welthandelspolitik geplagt ist. Die Minister
sollten deshalb unverzüglich die neue Tagesordnung
in Angriff nehmen und damit dem für gewöhnlich
stattfindenden Rückfall in Protektionismus im Anschluß
an die Runde vorbauen. Zu diesen Themen zählen
das Junktim zwischen Handel und Umweltpolitik,
Harmonisierung oder zumindest eine gewisse Annäherung des nationalen Wettbewerbs- und Steuerpolitik, Vereinbarungen über ausländische Direktinvestitionen und vielleicht neue Normen für die Einwanderung. Über Geld und Handel hinaus könnte die neue
Führung ferner die Erarbeitung kollektiver Ansätze
zum andauernden Energieproblem der Welt, zu
Umweltproblemen (insbesondere Erderwärmung) und
zum Waffenhandel anstreben.
In all diesen Bereichen würde die G-3 (oder im Augenblick die G-7) als inoffizieller Lenkungsausschuß operieren, um positive Reaktionen zu kanalisieren. Sie
würde weder neue Institutionen schaffen noch Entscheidungen für die bestehenden Organisationen diktieren. Sie würde andere wichtige Länder konsultieren, deren Ansichten in ihre eigenen Pläne zur Erlangung eines globalen Konsenses integrieren und versuchen, die neuen Ansätze in den globalen Institutionen
durchzuführen.

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�Die G-3 würde jedoch der Tatsache Rechnung tragen,
daß ihre Mitglieder - die Vereinigten Staaten, Japan
und eine erweiterte EG - rund zwei Drittel der Weltproduktion ausmachen. Sie muß schlicht und einfach die
Hauptverantwortung für das Funktionieren des Systems übernehmen, um sowohl den wirtschaftlichen
Fortschritt der Welt zu fördern als auch ihre Mitglieder
vor dem Auseinanderdriften zu bewahren. Sie könnte
gegebenenfalls im Verlauf des Prozesses Absprachen
in Problembereichen treffen, wie sie dies so erfolgreich
beim Bonner Gipfel von 1978 getan hat. Weil "die
Mäuse zertrampelt werden, wenn Elefanten kämpfen",
wären die kleineren und Entwicklungsländer die Hauptnutznießer, wenn eine effektive G-3-Führung eine
offenere und wohlhabendere Weltwirtschaft hervorbringen könnte.
Die hier vorgeschlagenen neuen Systemarrangements
werden den Vereinigten Staaten die beste Chance zur
Lösung des Dilemmas zwischen Verfolgung ihrer eng
defininierten Wirtschaftsinteressen und Verhinderung
eines konstanten Konflikts und eventuell drastischer
Verschlechterung der Beziehungen mit den anderen
wirtschaftlichen Supermächten einräumen. Es wird
immer gewisse Spannungen zwischen wichtigen
Handels- und Finanzpartnern geben, aber solche
Spannungen können endemisch werden, wenn es
sektorspezifischen Konflikten gestattet wird, die Wirtschaftsbeziehungen zu dominieren und sie nur auf
einer Ad-hoc-Basis behandelt werden. Dieses Muster
zeichnet sich zwischen Japan und den Vereinigten
Staaten ab - wofür Präsident Bushs Reise nach Tokio
im Januar 1992 und ihre Folgen symptomatisch sind nach ihrer anfänglich gesunden Konzentration auf
makroökonomische Themen in den Jahren 1985 bis
1987 und strukturelle Hemmnisse von 1989 - 90. Nur
die neuen Systemmechanismen, die Konflikte in von
ausgehandelten Regeln geleitete Verfahren kanalisieren, können Wirtschaftsprobleme lösen und gleichzeitig Schuldzuweisungen und die Suche nach einem
Sündenbock verhindern. Die japanisch-amerikanischen Beziehungen müssen insbesondere kooperative Systemverwaltung hervorheben, um sowohl die
sektorspezifischen Konflikte des Landes in den richtigen Kontext zu bringen und Techniken zu deren Lösung mit weniger Schärfe anzubieten. Die Vereinigten
Staaten haben die Welt in kluger Weise bei der Gründung multilateraler Institutionen für die erste Nachkriegszeit geführt. Unter den heutigen schwierigen
Umständen müssen sie wiederum die Führungsrolle
übernehmen - dieses Mal mit der Erarbeitung kollektiver Führungstechniken zur Wiederbelebung der Institutionen, um ihre eigene Hegemonie zu ersetzen.

diese untereinander und sind daher in der besten
Position, die neuen internationalen Arrangements zu
befürworten und durchzusetzen, die ihre Interessen
schützen. Es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten, so bald wie möglich neue Regime bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung ihrer einzigartigen Position zu
scharfen. Der Positivsaldo des Ergebnisses sollte die
anderen entscheidenden Länder ebenfalls dazu veranlassen.
Das abschließende Element der amerikanischen
Außenpolitik sollte eine Initiative zur kollektiven Sicherheit sein, bei der gemeinsame Aktionen - sei es die
Durchführung einer erforderlichen Intervention oder
die Abschreckung von Weiterverbreitung und regionalen Konflikten - das Kernstück bilden. Auch hier sollten
die bestehenden Institutionen das zentrale Instrument
sein: die UNO und in gewissem Maße regionale
Organisationen. Eine institutionelle Erneuerung würde jedoch benötigt, um die wirtschaftlichen Supermächte in den inoffiziellen Lenkungsausschuß einzubeziehen, der die Führung übernehmen würde. Wie
von dem Politologen Joseph Nye und seinen Kollegen
in ihrem Bericht an die Trilaterale Kommission vom Juli
1991 vorgeschlagen, ist der vielversprechendste Ansatz
die Schaffung einer politischen "P-7" einschließlich
Japans und Deutschlands (bis die EG bei Sicherheitsfragen gemeinsam handeln kann) zusammen mit den
fünf derzeitigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats
(der "P-5"), die Konsultationen führen, bevor offizielle
kollektive Sicherheitsentscheidungen getroffen würden. Eine weniger formelle Variante - die bereits bei
der Lage in Kambodscha durch eine "P-10" Anwendung gefunden hat - ist die Gründung von Ad-hocKonsultativgruppen für jede Krise, denen stets die
wirtschaftlichen Supermächte angehören. Ein solches
Regime würde unabhängig von der genauen Technik
das Gefälle zwischen den Ländern beheben, das jetzt
Sicherheits- und Wirtschaftsfragen dominiert.

Es ist von entscheidender Bedeutung festzustellen,
daß nur die Vereinigten Staaten und Japan anfänglich
Teilnehmer der Wirtschafts- und sicherheitspolitischen
Lenkungsgruppen wären. Die EG kann noch bis auf
weiteres nicht als eine Einheit bei Sicherheitsfragen
fungieren. Obwohl Japan an den inoffiziellen P-7Konsultationen über Sicherheit beteiligt würde, ist es
nicht Ständiges Mitglied des Sicherheitsrats. Daher
wären die Vereinigten Staaten das einzige Mitglied
aller Komponenten des Prozesses und würden eine
einzigartige Rolle als "Lenker der Lenker" übernehmen. Davon würde ihr Status als einzige Supermacht
- sowohl in militärischer als auch wirtschaftlicher Hinsicht - profitieren. Darüber hinaus würden die Vereinigten
Staaten in die Lage versetzt, wirtschafts- und
Dank solcher Reformen werden die Vereinigten Staasicherheitspolitische
Themen in ihren bilateralen Beten ferner am besten zur Lösung des Dilemmas in der
ziehungen
zu
Japan
und den wichtigsten europäiLage sein, ihre nationalen Wirtschaftsziele trotz der
schen
Ländern
miteinander
zu verknüpfen und damit
Abnahme ihrer relativen Wirtschaftsmacht zu erlanihren
relativen
Vorteil
über
die
beiden Hemisphären
gen. Die Vereinigten Staaten haben sehr viel engere
hinweg
zu
maximieren.
Beziehungen mit Europa und Japan unterhalten als

AMERIKA DIENST 46

Seite 9

�Alternative Wege

Sollte sich die Welt in feindliche Blöcke aufteilen,
würden die Vereinigten Staaten versuchen, ebenso
Angesichts des Vorrangs von Wirtschaftsproblemen Arrangements für das Pazifische Becken zu entwickund der zunehmenden Dominanz der drei wirtschaftli- eln wie ihre Initiativen zur westlichen Hemisphäre zu
chen Supermächte werden globale Wirtschafts- (und verfolgen, indem sie auf die WirtschaftskooperationsSicherheits-) arrangements voraussichtlich einen von gruppe für Asien und den Pazifik aufbauen. Solche
zwei Wegen einschlagen. Der erste besteht in kollek- Bestrebungen könnten jedoch rasch durch die gleiche
tiver Führung durch die führenden Mächte, die inoffi- Rivalität mit Japan vereitelt werden, die die G-3-Koozielle Lenkungsausschüsse im bestehenden interna- peration in erster Linie verhinderte und zu einem
tionalen Rahmen - wie hier vorgeschlagen - leiten, um weiteren Dilemma führte: entweder einem Scheitern
ein kollektives Sicherheitsregime zu schaffen und eine der gesamten Kooperationsbestrebungen im Pazifioffene Weltwirtschaft wiederzubeleben. Der andere schen Becken oder einer Version, die Japan auszuWeg führt zu regionalen Blöcken, die zunehmend schließen versuchen und damit die gefährlichen natiorestriktiv und exklusiv würden. Solche Blöcke würden nalistischen Reaktionen in diesem Land verstärken
sich zu Anfang in einer wirtschaftlichen Hemisphäre würde.
hauptsächlich als Reaktion auf Mängel des globalen
Wirtschaftssystems entwickeln, die Geschichte belegt Die Devolution der Weltwirtschaft in feindliche Blöcke
jedoch, daß sie leicht in politische und sogar militäri- wäre für die Vereinigten Staaten außerordentlich rissche Bereiche ausufern können. Diese Tendenzen kant, und die amerikanische Au ßenpolitik sollte alles in
könnten durch einen verfrühten Rückzug der Vereinig- ihrer Macht Stehende tun, um dies zu verhindern.
ten Staaten aus ihrer globalen Sicherheitsrolle be- Gemeinsame Initiativen zur Organisation kollektiver
schleunigt werden - eine nur zu plausible Aussicht Sicherheit (durch die P-7) und globale Wirtschaftsarangesichts der innenpolitischen Wirtschaftsbedürfnis- rangements (durch die G-3) sind weit besser. Regiose der Vereinigten Staaten und der Unsensibilität nale Arrangements würden immer noch gebildet, aber
anderer Länder - wie der in der Uruguay-Runde vertre- diskriminierender und feindlicher Wettbewerb könnte
tenen - gegenüber dem Junktim zwischen Wirtschafts- verhindert werden, da ihre Beziehungen durch wirksaund militärischen Problemen in der amerikanischen me globale Vereinbarungen geregelt sind. In der Tat
Innenpolitik.
sollte eine neue kollektive Führung auf globaler Ebene
die Wert sicher für einen konstruktiven Regionalismus
Eine Welt der Blöcke würde fundamentalen amerikani- machen.
schen Interessen zuwiderlaufen. Europa und Japan
sind mit Abstand die größten Volkswirtschaften der Wenn die Vereinigten Staaten ihre WettbewerbsfähigWelt außerhalb der Vereinigten Staaten, und jede keit wiederherstellen, indem sie die innenpolitischen
gravierende Auflösung der Bindungen mit ihnen würde Reformen am Kern der vorgeschlagenen Strategie
die amerikanischen Bestrebungen zur raschen Expan- durchführen, würden jene kollektiven Arrangements
sion von Exporten und Anziehung ausländischer Inve- die vehemente Verfolgung der Wirtschaftsinteressen
stitionen nachhaltig lähmen.
der Vereinigten Staaten trotz ihres relativen wirtschaftlichen Niedergangs erleichtern. Auf internationaler
Darüber hinaus wäre der "natürliche Block" der Verei- Ebene würden die Arrangements ein neues Bindeglied
nigten Staaten die westliche Hemisphäre. Japan schaffen, um die Verbündeten zusammenzuhalten
würde Asien dominieren und die EG die Vorherrschaft und dem Risiko neuer Wirtschaftskonflikte vorzugreiin Osteuropa, einschließlich eines Großteils der ehe- fen, die zu noch größerer Feindseligkeit führen könnmaligen UdSSR und des Nahen Ostens, übernehmen. ten. Sie würden ferner ein wirksames SicherheitsregiObwohl Lateinamerika eindeutig auf dem Weg der me zur Verfügung stellen, das neue Saddam Husseins
Erholung ist, während ein Land nach dem anderen abschrecken oder einschränken sollte.
beginnt, sich der Früchte der schmerzhaften Reformbestrebungen der achtziger Jahre zu erfreuen, befin- Solch eine ehrgeizige "neue Weltordnung" wird nur
det sich jeder Staat in der Region noch in einem relativ entstehen, wenn die Vereinigten Staaten ihre Außenfrühen Stadium der Modernisierung und ist ein Netto- politik diesem Ziel widmen. Die Verabschiedung dieschuldner. Eine Wirtschaftsgruppierung in der westli- ser Strategie wird ein schwieriges psychologisches
chen Hemisphäre - wie von Bush in seiner Initiative zur Umdenken der Amerikaner erfordern: Sie werden
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Ame- schmerzliche, umfassende Anstrengungen zur Wierikas vorgeschlagen - könnte der gesamten Region bei derherstellung ihrer Wettbewerbsfähigkeit unternehder Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit behilf- men und gleichzeitig eine kollegialere Rolle beim glolich sein, würde jedoch die globale Position der Verei- balen Management akzeptieren müssen. Die große
nigten Staaten kaum stärken, wenn dynamischere wirtschaftliche Interdependenz des Landes wird es
Bereiche den anderen Supermächten überlassen ihm jedoch nicht gestatten, sich aus der Welt zurückwürden.
zuziehen, trotz der Bitten einiger weniger, die lauten:

Seite 10

AMERIKA DIENST 46

�"Komm nach Hause, Amerika". Die einzige echte
Alternative ist ein verzweifelter Versuch zur Aufrechterhaltung der Hegemonie. Der im März 1992 durchgesickerte strategische Plan des Pentagon zieht diesen
Kurs in Erwägung, und die Politik der amtierenden
Bush-Administration scheint ihn zu verfolgen: Den
Versuch, den Großteil der Entscheidungsgewalt zu
behalten - zumindest bei Sicherheitsfragen - während
man andere auffordert, die Rechnung zu begleichen.
Objektive globale und innenpolitische Gegebenheiten
werden einen solchen Kurs jedoch schlicht und einfach
nicht gestatten. Neue kollektive Arrangements auf der
Grundlage der Wiederbelebung der amerikanischen
Binnenwirtschaft bieten die einzig konstruktive Möglichkeit.
Die Verlagerung zu Tripolarität hat sich auf der wirtschaftlichen Bühne bereits vollzogen, wo die EG und
Japan eindeutig ein Veto gegen amerikanische Initiativen einlegen können. Doch selbst in den dortigen
Volkswirtschaften hat noch keine Verlagerung zu
positiver kollektiver Führung stattgefunden. Ein deutlicher Indikator ist das kontinuierliche Scheitern der
Uruguay-Runde, ein weiterer die Fehlschläge der G-7,
eine mögliche weltweite Rezession abzuwenden sowie
das erneute Auftreten von Handelsungleichgewichten,
insbesondere der japanische Überschuß.
Dennoch ist die G-7 (oder deren Vorläufer) auf regelmäßiger Basis sieben Jahre und auf unregelmäßiger
fast zwei Jahrzehnte lang zusammengekommen. Sie
hatte spektakuläre Erfolge zu verzeichnen wie das
Bonner Gipfelpaket von 1978 und das Plaza-Abkommen von 1985 sowie Perioden anhaltender Fortschritte wie bei den festen Wechselkursen in den sechziger
Jahren und dem Schuldenproblem der Dritten Welt.
Die beiden vorherigen multilateralen Handelsabkommen, die Kennedy-Runde der sechziger und die Tokioter Runde der siebziger Jahre wurden vornehmlich von
den Vereinigten Staaten und Europa ausgearbeitet.
Es besteht also Grund zu der Hoffnung, daß kollektive
wirtschaftliche Führung erzielt werden kann, wenn die
Vereinigten Staaten andere überzeugen können, daß
sie bereit sind, sowohl den Entscheidungsprozeß als
auch die Kosten zu teilen.
Die uneinheitliche Bilanz von G-7, Internationalem
Währungsfonds (IWF) und GATT deckt jedoch die
Schwächen der derzeitigen Institutionen auf. Die G-7
hat kein institutionelles Gedächtnis. Bei der Eindämmung der enormen Währungsschwankungen und
Handelsungleichgewichte Anfang der achtziger Jahre
*

AMERIKA DIENST 46

*

erwies sie sich als völlig unfähig. Sie hat sich über
Gebühr auf Befürworter wie James Baker, Kiichi Miyazawa und Gerhard Stoltenberg verlassen, die gemeinsam die Plaza- und Louvre-Wechselkursstrategien in
den achtziger Jahren duchführten. Der IWF bietet den
erforderlichen institutionellen Rahmen, aber die G-7
hat sich für eine drastische Beschneidung seiner
Kompetenzen entschieden, statt ihn zur Verfolgung
der entscheidenden Fragen der Weltwirtschaft zu
benutzen. Dem GATT ist es nicht gelungen, zentrale
Themen des Welthandels - Landwirtschaft, Dienstleistungen und geistiges Eigentum - in seine Domäne zu
ziehen. Nach jeder Verhandlungsrunde verfällt es in
Untätigkeit und gestattet neue protektionistische Aktivitäten wie im gesamten Verlauf der achtziger Jahre.
Sehr viel systematischere Arrangements werden zur
Erlangung positiverund berechenbarer Ergebnisse erforderlich sein.
Kollektive Sicherheitszusammenarbeit ist ein alter
Gedanke - jedoch einer, mit dem die Vereinigten
Staaten und andere wenig Erfahrung haben. Er wurde
erst mit dem Ende des Kalten Krieges möglich, und
bisher war der Golfkrieg sein wichtigster Test. Glücklicherweise werden Sicherheitsarrangements per se
weniger häufig erprobt als Wirtschaftsarrangements.
Bestrebungen zum Aufbau einer globalen Sicherheitsstruktur könnten rechtzeitig Früchte tragen, um die
nächste größere Krise zu bewältigen.
Die hier vorgeschlagene Strategie reagiert auf die
Hauptinteressen der Vereinigten Staaten in einer Welt
nach dem Kalten Krieg, in der Wirtschaftsfragen Vorrang vor Sicherheitsanliegen eingenommen haben,
die letzteren jedoch nach wie vor wichtig sind und
ebenfalls angesprochen werden müssen. Sie trägt der
Tatsache Rechnung, daß die Vereinigten Staaten wie
alle Länder in einer außerordentlich interdependenten
Weh pluralistischer Machtverhältnisse leben, in der sie
bereits einen Großteil der echten Souveränität über
ihre eigenen Angelegenheiten verloren haben. Sie
konzentriert sich auf Beziehungen zwischen den drei
wirtschaftlichen Supermächten. Sie geht davon aus,
daß Wettbewerb in der neuen Welt zwischen unterschiedlichen marktorientierten Wirtschaftsmodellen
stattfindet, statt antithetischer Ideologien mit einer
stark militärischen Komponente. Es ist eine Strategie,
die sowohl die zentralen internationalen Bedürfnisse
der Vereinigten Staaten in der Ära nach dem Kalten
Krieg erfüllen als auch die Grundlage für Frieden und
Wohlstand auf der Welt bis weit ins 21. Jahrhundert
legen könnte.
* *

Seite 11

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Clinton-Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton und Kongress versprechen rasche Maßnahmen für Wirtschaftsaufschwung&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Führende Politiker sprechen von neuem Geist der Zusammenarbeit&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globale Umweltfragen vorrangig in Clintons Plan&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Gravierende Unterschiede zur Bush-Administration&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton definiert außenpolitische Prioritäten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rüstungskontrolle, Nahost, Wirtschaftswachstum&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Primat der Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von C. Fred Bergsten&lt;/em&gt;</text>
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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

23

18. November 1998

IRAK

IRAK ZU KOOPERATION MIT DEN
UN-WAFFENINSPEKTOREN BEREIT
Erklärung von Präsident Clinton

AUSSENPOLITIK

DIE BEDEUTUNG DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE FÜR DIE WELT
Rede von Außenministerin Albright

USA-EUROPA

EINE MENSCHLICHE DIMENSION FÜR DIE
TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter John C. Kornblum

WIRTSCHAFT

DER HANDEL MIT EMISSIONSZERTIFIKATEN
IST GUT FÜR DIE WELTWIRTSCHAFT UND DIE
UMWELT
von Carol Browner und Stuart Eizenstat

LANDWIRTSCHAFT

WIEDERAUFNAHME DER MULTILATERALEN
AGRARVERHANDLUNGEN
Rede von Botschafter Scher

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�IRAK

18. November 1998

Irak zu Kooperation mit den
UN-Waffeninspektoren bereit
Erklärung von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Clinton zum Einlenken des
Irak im Konflikt mit den Vereinten Nationen vom 15. November 1998.

Gestern Nacht hat der Irak zugestimmt, die Forderungen der internationalen Gemeinschaft nach uneingeschränkter'Zusammenarbeit mit den Waffeninspektoren der Vereinten Nationen zu erfüllen. Der Irak
verpflichtete sich zu bedingungsloser Einhaltung. Das
Land hob seine Entscheidungen vom August und
Oktober auf, die Zusammenarbeit mit den Inspektoren
einzustellen. Der Irak zog abzulehnende Bedingungen zurück. Mit anderen Worten: Der Irak akzeptierte
seine Verpflichtung, die Wiederaufnahme aller
Aktivitäten der Waffeninspektoren, der UNSCOM und
der IAEO im Einklang mit den entsprechenden
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats zuzulassen.
Zusammen mit Großbritannien und mit der Unterstützung unserer Freunde und Verbündeten auf der
ganzen Welt waren die Vereinigten Staaten zu
militärischen Aktionen bereit, wenn der Irak seinen
Kurs nicht umgekehrt hätte. Unsere Bereitschaft zu
einem Angriff brachte zusammen mit dem überwältigenden Gewicht der Weltmeinung das von uns
gewünschte Ergebnis hervor: Saddam Hussein kehrt
seinen Kurs um und läßt die Inspektoren ihre Arbeit
ohne Einschränkungen oder Bedingungen wieder
aufnehmen.
Wie ich bereits seit Beginn dieser Krise gesagt habe,
ist die Rückkehr der Inspektoren, wenn sie ungehindert arbeiten können, das beste Ergebnis, weil sie das
effektivste Instrument sind und bleiben, Versuche des
Irak zum Wiederaufbau seiner Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme aufzudecken, zu
vereiteln und zu verhindern.

AMERIKA DIENST 23

Ich möchte mich klar ausdrücken: Der Irak hat eingelenkt, aber das ist nicht genug - jetzt muß der Irak
seine Verpflichtungen erfüllen. Der Irak hat sich zu
bedingungsloser Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit den Waffeninspektoren verpflichtet. Was
heißt das?
Erstens muß der Irak alle von der UNSCOM
und der IAEO aufgeworfenen ausstehenden
Fragen lösen.
Zweitens muß er den Inspektoren ungehinderten Zugang für die Inspektion und Überwachung aller Einrichtungen ihrer Wahl gewähren, ohne Restriktionen oder Einschränkungen im Einklang mit der Regierungsvereinbarung, die der Irak selbst im Februar mit
Generalsekretär Annan unterzeichnet hat.
Drittens muß er alle wichtigen Dokumente
übergeben.
Viertens muß er alle Resolutionen im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen
akzeptieren.
Fünftens dürfen wir nicht in die Unabhängigkeit oder Fachkenntnis der Waffeninspektoren
eingreifen.
Gestern Abend habe ich mit UN-Generalsekretär Kofi
Annan nochmals abgeklärt, daß er diese Ansicht zu
den Verpflichtungen des Irak teilt. Durch die Verursachung dieser Krise hat sich der Irak von der
Weltmeinung und der in der Region herrschenden

Seite 1

�Meinung selbst mehr isoliert als zu jedem anderen
Zeitpunkt seit dem Golfkrieg. Der UN-Sicherheitsrat
stimmte mit 15 zu 0 dafür, von Saddam Hussein eine
Abkehr von seinem Kurs zu verlangen. Acht arabische Nationen - Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, fünf
weitere Golfstaaten - warnten Saddam, daß der Irak
die alleinige Verantwortung für die Konsequenzen der
Herausforderung der Vereinten Nationen trägt. Die
Welt sprach mit einer Stimme: Der Irak muß ein für
allemal akzeptieren, daß der einzige Weg die vollständige Erfüllung seiner Verpflichtungen gegenüber
der Welt ist. Bis das geschieht, bleiben wir wachsam,
werden den Druck aufrechterhalten und einsatzbereit
bleiben.
Diese Krise zeigt auch - bedauerlicherweise zum
wiederholten Male - daß Saddam Hussein ein Hindernis für das Wohlergehen seines Volkes und eine
Bedrohung für den Frieden in der Region und die
Sicherheit auf der Welt bleibt. Wir werden die Bedrohung, die er darstellt, weiterhin eindämmen, indem wir
uns für die Beseitigung der irakischen Fähigkeiten zur
Beschaffung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen im Rahmen der UNSCOM einsetzen, die
Sanktionen der Flugverbotszone durchsetzen und
energisch auf jegliche Provokationen des Irak reagieren. Langfristig führt jedoch der beste Weg zur
Bewältigung dieser Bedrohung über eine Regierung in
Bagdad - eine neue Regierung, die sich der Vertretung und Achtung ihres Volkes verpflichtet anstatt
dieses zu unterdrücken und die sich für den Frieden in
der Region engagiert.

*

Seite 2

Im vergangenen Jahr haben wir unser Engagement für
die Kräfte des Wandels im Irak verstärkt, die beiden
größten kurdischen Oppositionsgruppen versöhnt und
mit der Ausstrahlung von Radio Free Iraq im ganzen
Land begonnen. Wir werden diese Bestrebungen
verstärken, mit dem Kongreß an der Durchsetzung
des kürzlich verabschiedeten Gesetzes zur Befreiung
des Irak (Iraq Liberation Act) zusammenarbeiten und
unsere politische Unterstützung verstärken um
sicherzustellen, daß der Opposition ein Mitspracherecht bei die Bestrebungen des irakischen Volkes
betreffenden Fragen verliehen wird.
Ich möchte nochmals betonen: Wir wollen eine
irakische Regierung, die ihr Volk vertritt und achtet,
anstatt es zu unterdrücken, und die sich dazu verpflichtet, in Frieden mit ihren Nachbarn zu leben.
Dafür werden wir uns einsetzen.
Im zu Ende gehenden Jahrhundert hat Amerika oft
einen Unterschied zwischen Tyrannei und Freiheit,
zwischen Kasten und Gemeinschaft, zwischen Angst
und Hoffnung bewirkt. In diesem Fall kann Amerika wie schon so oft in der Vergangenheit - aufgrund
unseres Patriotismus und der Professionalität unseres
Militärs einen Unterschied bewirken. Erneut fördern
seine Stärke, Einsatzbereitschaft und Fähigkeiten die
amerikanischen Interessen in der Sache des Weltfriedens. Wir müssen wachsam, stark und einsatzbereit bleiben - hier und überall dort, wo unsere
Interessen und Werte auf dem Spiel stehen. Dank
unseres Militärs werden wir dazu in der Lage sein.

* * *

*

AMERIKA DIENST 23

�AUSSEN POLITIK

18. November 1998

Die Bedeutung der amerikanischen
Führungsrolle für die Welt
Rede von Außenministerin Albright

VANCOUVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Madeleine K. Albright
beim 10. jährlichen Vortrag zum Gedenken an den ehemaligen Außenminister George C. Marshall in Vancouver,
Washington, vom 30. Oktober 1998.

Es ist eine große Ehre, an einer der meines Erachtens
herausragendsten Vortragsreihen in den Vereinigten
Staaten teilnehmen zu dürfen.
Vor sieben Jahren wurde dieser Vortrag von Colin
Powell gehalten, der sagte, von allen militärischen
Führungspersönlichkeiten
der
amerikanischen
Geschichte sei General George Marshall allen
anderen weit überlegen gewesen.
Es ist eine erstaunliche Aussage über die Person, die
wir in dieser Vortragsreihe ehren, daß ich, als ich
Außenministerin wurde, als erstes ein Bild des
größten Diplomaten in der amerikanischen Geschichte, des ehemaligen Außenministers George Marshall,
in meinem Büro aufgehängt habe.
Winston Churchill nannte Marshall "einen großartigen
Amerikaner, aber mehr als das". Denn aufgrund
seiner Vision und Entscheidungsfähigkeit trug Marshall dazu bei, einen ganzen Kontinent aus den
Ruinen zu erheben.
In den vergangenen Jahren scheinen wir den 50.
Jahrestag von praktisch allem - vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gründung der Vereinten
Nationen - gefeiert zu haben.
Heute denke ich an einen anderen Jahrestag. Denn
es war im Jahr 1948, als der Kongreß den berühmten
Plan genehmigte, der George Marshalls Namen trägt.
Dieser Plan war der Rettungsanker in Form von
Milliarden Dollars an Unterstützung und technischer
Hilfe für ein vom Krieg zerstörtes Europa.

AMERIKA DIENST 23

Durch die Bereitstellung dieses Rettungsankers half
Amerika, den Westen Europas um demokratische
Prinzipien herum zu einigen, dämmte kommunistische
Übergriffe ein und säte die Saat einer transatlantischen Partnerschaft, deren Früchte wir immer noch
ernten.
Ebenso bedeutend war der Ausdruck der amerikanischen Führungsrolle, die der Marshallplan übermittelte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs harte
sich Amerika aus der Welt zurückgezogen, Verantwortung gescheut und Risiken vermieden. Andere
taten dasselbe.
Die Folge waren ungehinderte
Aggression in Asien und schreckliche Greueltaten im
Herzen Europas.
Nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs und dem
grausamen Horror des Holocaust war es nicht genug
zu sagen, daß der Feind besiegt war - daß das,
wogegen wir gekämpft hatten, gescheitert war.
Marshalls Generation war entschlossen, einen
dauerhaften Frieden zu schaffen. Und die Botschaft,
die diese Generation vom Weißen Haus, von beiden
Parteien auf dem Capitol Hill und von den Millionen
Amerikanern übermittelte, die für die Hilfslieferungen
spendeten, lautete, daß sich Amerika dieses Mal nicht
nach innen wenden würde; dieses Mal würde Amerika
die Führungsrolle übernehmen.
Heute, nahezu ein Jahrzehnt nach dem Ende des
Kalten Krieges, ist es nicht genug für uns zu sagen,
daß der Kommunismus gescheitert ist. Auch wir
müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen,

Seite 1

�Verantwortung für die Zukunft akzeptieren und die
Führungsrolle übernehmen.
Weil wir uns keiner rivalisierenden Supermacht
gegenübersehen, ist unsere Aufgabe eine andere als
zur Zeit Marshalls. Aber auch wenn sie weniger
dramatisch erscheinen mag, ist sie doch nicht weniger
wichtig. Denn die Entscheidungen, die wir treffen,
werden darüber bestimmen, ob die Welt das neue
Jahrhundert damit beginnt, in Krisen und Konflikten
auseinanderzubrechen oder ob sie um grundlegende
Prinzipien der politischen und wirtschaftlicher Freiheit,
Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu Frieden
zusammenkommt.

Im vergangenen Jahr hat die NATO die Tschechische
Republik, Polen und Ungarn zur Aufnahme in das
Bündnis für Freiheit eingeladen, das die Völker dieser
Länder im Geiste schon immer angenommen hatten.
Und über den Kontinent hinweg sind Truppen, deren
Gewehre einst gegeneinander gerichtet waren, jetzt
Seite an Seite beim Aufbau von Frieden in Bosnien
und der Planung der Sicherheit von Europas Zukunft
stationiert.
In Asien und am Pazifik sehen wir trotz der derzeitigen
Finanzprobleme eine Region von immenser Dynamik
und Optimismus.

Wenn wir klug und stark genug sind, werden unsere
Bürger von einer Weltwirtschaft profitieren, die ihren
Halt wiedergewonnen und breitgefächertes Wachstum
wiederaufgenommen hat. Wr werden es sicherer und
fruchtbarer finden, im Ausland zu studieren, Handel zu
treiben, zu reisen und zu investieren. Und unsere
Streitkräfte werden weniger häufig aufgerufen sein,
auf drängende und tödliche Bedrohungen zu reagieren.

Um Sicherheit aufzubauen, haben wir unsere militärische Zusammenarbeit mit unserem engen
Verbündeten Japan erweitert. Wir haben Nordkorea
aufgefordert, seine gefährliche und selbst auferlegte
Isolation zu beenden. Und wir sind in einem strategischen Dialog mit China engagiert, der auf die Erweiterung der Zusammenarbeit auf Bereichen abzielt,
in denen wir übereinstimmen, und Fortschritten bei
anderen wie Menschenrechten und Handel, in denen
wir nicht übereinstimmen.

In einer solchen Welt werden sich mehr Menschen in
mehr Nationen ihres Interesses an der Einhaltung
internationaler Regeln bewußt und achten darauf, daß
auch andere das tun. Die Nationen werden eher
zusammenarbeiten, um auf neue Gefahren zu reagieren, Konflikte zu verhindern und globale Probleme zu
lösen. Es wird einen wachsenden und von hohen
Grundsätzen geleiteten Konsens darüber geben, was
im Handel fair und unfair und was bei Menschenrechten richtig und falsch ist.

In Afrika haben Armut und Unordnung Millionen vom
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist
ein an menschlichen und natürlichen Ressourcen
reicher Kontinent. Seine besten Politiker sind sich der
Notwendigkeit bewußt, die verheerenden bürgerlichen
und grenzüberschreitenden Konflikte zu beenden, die
wirtschaftliche und soziale Fortschritte lähmen. Sie
sind sich auch der Notwendigkeit bewußt, Reformen
durchzuführen, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen behilflich sind, Fuß zu fassen.

Das Meiste, das wir in unserer Zeit erhoffen können,
ist, eine solide Grundlage für eine solche Welt zu
schaffen. Das ist jedoch eine schwere Aufgabe. Und
sie zu erfüllen, erfordert, daß wir als Regierungen wie
auch als Menschen einige harte Prüfungen bestehen.

Wie Präsident Clintons Besuch in der Region Anfang
dieses Jahres zeigt, fühlen wir uns verpflichtet, all
denen in Afrika zu helfen, die an menschliche Freiheit
glauben und bereit sind, das Erforderliche zu tun, um
sich selbst zu helfen.

Erstens und mehr allgemein gesprochen müssen wir
die Beziehungen stärken, die den Kern des internationalen Systems ausmachen, während wir gleichzeitig den Nationen behilflich sind, die schwach,
krisengeschüttelt oder im Übergang zu größerer Beteiligung sind.

In unserer Hemisphäre sind wir durch den gesamtamerikanischen Gipfel eine Verpflichtung zur Verteidigung der Demokratie, Erweiterung wirtschaftlicher
Verbindungen, Bekämpfung des Drogenhandels und
der Bewahrung des Friedens von Patagonien bis zur
Prudhoe Bay eingegangen. Es ist ermutigend, daß
der neue kolumbianische Präsident Pastrana, mit dem
Präsident Clinton und ich Anfang dieser Woche
zusammengekommen sind, entschlossen zu sein
scheint, sein seit langem von Krisen geschütteltes
Land in eine neue Ära von Stabilität und Rechtsstaatlichkeit zu führen.

Das ist die Aufgabe, die die tägliche Diplomatie der
Vereinigten Staaten dominiert.
In Europa streben wir beispielsweise die Verwirklichung der von Außenminister Marshall verkündeten
Vision an, die der Kalte Krieg jedoch verhinderte: Die
Vision eines ungeteilten und freien Europas, vereint,
wie Präsident Clinton erklärte, "nicht durch Waffengewalt, sondern die Möglichkeiten des Friedens".

Seite 2

Die Stärkung der Bande, die das internationale
System zusammenhalten, ist eine andauernde
Herausforderung. Eine zweite - neue und drängende -

AMERIKA DIENST 23

�Herausforderung ist die Reaktion auf die globale
Finanzkrise.

Korruption und der Einleitung schwieriger Wirtschaftsreformen reagiert haben.

In den vergangenen 25 Jahren hat die im Marshallplan
verkörperte Vision von erweitertem Handel und freien
Märkten dazu beigetragen, Wohlstand nicht nur in
Europa, sondern auf der ganzen Welt zu verbreiten.
Millionen von Menschen haben den Sprung aus der
Armut geschafft. Selbst angesichts der derzeitigen
Krise sind die Pro-Kopf-Einkommen in Korea und
Thailand 60 Prozent höher als vor einem Jahrzehnt.

Wenn wir nach vorne blicken, wissen wir, daß die
Gesundheit der globalen Wrtschaft von der Bewahrung und Erweiterung der Verpflichtung zu offenem
Handel, offenen Märkten und offenen Büchern
abhängt. Aber wir wissen auch, daß es Probleme
gibt, die Märkte allein nicht lösen können.

Das ist eine Lektion, die wir in unserem eigenen Land
gelernt haben, als wir Gesetze zur Gewährleistung der
n Integrität unserer Finanzsysteme verabschiedet und
Diese Maßnahmen haben hier im amerikanischen
Programme geschaffen haben, dank derer unsere
Nordwesten besonderes hohe Dividenden erbracht,
Bürger mit wirtschaftlichen Härten fertigwerden
wo die Wirtschaft vorwiegend im Export getätigt wird
können.
und der Boom im Handel mit Asien in allen Bereichen
von Computern über Versand bis zur Landwirtschaft
gute Arbeitsplätze geschaffen hat.
Die erforderlichen Veränderungen, um die globale
Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen, werden nicht
über Nacht stattfinden. Die am direktesten betroffeJetzt werden diese Maßnahmen jedoch auf die Probe
nen Volkswirtschaften müssen weiterhin die Medizin
gestellt. Die finanzielle Vertrauenskrise hat sich von
nehmen, die zu ihrer Gesundung beitragt. Unsere
Südostasien auf Ostasien und Rußland ausgeweitet
Verbündeten in Europa und Asien müssen das Ihre
und gefährdet jetzt die Volkswirtschaften in unserer
zur Wiederherstellung des Wachstums tun.
eigenen Hemisphäre.
Es besteht weiterhin das
Risiko, daß die Politiker einiger Nationen in Panik
geraten und auf den falschen Gott des ProtektioUnd unsere internationalen Finanzinstitutionen
nismus oder das unmögliche Ziel der Isolation in der
müssen mehr tun, um den Ländern bei der Bewältiglobalen Wirtschaft von heute zurückgreifen.
gung der durch die derzeitige Krise entstandenen
sozialen Härten behilflich zu sein und bessere Strategien zur Vermeidung künftiger Krisen entwickeln.
Die Administration ist entschlossen, den Zug des
Wohlstands wieder auf Kurs zu bringen.
Eine dritte große Herausforderung für das internaAus diesem Grund hat Präsident Clinton einen kühnen tionale System stellt sich durch den Konkurrenzkampf
Plan für die Wiederherstellung von Wachstum und die verschiedener Nationen und Völker um Land, Ressourcen und Macht.
Vermeidung einer weiteren Ausbreitung der finanziellen Vertrauenskrise dargelegt.
Diese Herausforderung ist so alt wie die Geschichte
selbst, aber im Verlauf der Jahre und mit dem weiteWir unternehmen alles in unserer Macht Stehende,
ren Technologiefortschritt wird sie immer drängender.
um amerikanischen Firmen zu helfen, in Asien
Heute sind moderne Waffen leichter verfügbar,
konkurrenzfähig zu bleiben.
todbringender, mobiler und weniger teuer als je zuvor.
Der Kongreß hat unseren Anteil der Mittel für den
Unsere Aufgabe besteht darin, alles zu tun, um einen
Internationalen Währungsfonds genehmigt.
solchen Konkurrenzkampf einzudämmen und zu
kanalisieren, damit Differenzen friedlich und unter
Der unabhängige Zentralbankrat hat die Zinssätze
Respektierung der legitimen Rechte aller gelöst
zweimal gesenkt.
werden können.
Und Japan unternimmt endlich die erforderlichen
Um dies zu tun, müssen wir den Menschen in krisenSchritte, um seine riesige Volkswirtschaft in die
geschüttelten Regionen helfen, ihre Hoffnungen auf
richtige Richtung zu lenken.
die Zukunft über die bitteren Erinnerungen der
Vergangenheit, Versöhnung über Rache zu stellen
Die beste Nachricht wäre jedoch, wenn der Schock
und alte Schlachtfelder in ein gemeinsames Terrain
über diese Krise in eine Verpflichtung zu solideren
gegenseitiger Sicherheit und des Strebens nach
und transparenteren Finanzpraktiken auf der ganzen
einem besseren Leben zu verwandeln.
Welt münden würde. Es ist ermutigend, daß einige
der am schlimmsten betroffenen Länder - insbesondere Thailand, Korea und Brasilien - mit einer stärkeren
Die Amerikaner können stolz sein, daß unser Land auf
Verpflichtung zu Demokratie, Bekämpfung der
der ganzen Welt Seite an Seite mit den Friedensstiftern gegen die Bombenleger steht; das Abkommen

AMERIKA DIENST 23

Seite 3

�vom Karfreitag in Nordirland unterstützt; versucht, den
Konflikt in Zentralafrika zu lösen; mit unseren Partnern
auf die Implementierung des Abkommens von Dayton
in Bosnien hinarbeitet; und - wie wir es in den vergangenen beiden Wochen dramatisch erlebt haben - die
Überwindung der Hindernisse für einen gerechten und
dauerhaften Frieden im Nahen Osten anstrebt.
Die in der letzten Woche von den Israelis und den
Palästinensern unterzeichnete Vereinbarung bekräftigt, daß Verhandlungen wirken. Sie demonstriert,
daß Israelis und Palästinenser unabhängig von ihren
Meinungsverschiedenheiten eine Alternative zu
andauernden Konflikten finden wollen und sich
bewußt sind, daß ein tragfähiger Verhandlungsprozeß
sie dorthin bringen kann.
Das Abkommen hat greifbare Vorteile für beide
Seiten.
Die palästinensische Zuständigkeit für
Gebiete im Westjordanland wird beträchtlich erhöht,
und es werden neue wirtschaftliche Chancen geschaffen. Israel wird von dem palästinensischen Engagement profitieren, einzigartige, systematische und
gezielte Bestrebungen zur Bekämpfung und Niederschlagung des Terrors zu unternehmen.
Es bleiben noch enorme Hindernisse bestehen, aber
durch die Schaffung von Bedingungen für die Einleitung von Verhandlungen über den endgültigen
Status erhalten beide Seiten die Chance, über die
Fragen zu sprechen, die einen echten israelischpalästinensischen Frieden definieren und herstellen
werden.
Die in Wye erzielten Vereinbarungen sind ein weiterer
Beweis dafür, daß der Friedensprozeß unverwüstlich
ist und schwere Rückschläge verkraften kann. Aber
er hat noch einen langen Weg vor sich. Letzte Woche
trafen führende israelische und palästinensische
Politiker die für ein Abkommen erforderlichen harten
Entscheidungen.
Jetzt müssen sie die harten
Entscheiungen treffen, die für die Umsetzung dieses
Abkommens und die Vorbereitung weiterer Fortschritte erforderlich sind.
Unsere Bestrebungen zur Schaffung von Frieden im
Nahen Osten und andernorts sind keine internationale
Sozialarbeit, wie manche behaupten.
Sie sind klug von Amerika, weil es uns besser geht,
wenn keine regionalen Konflikte entstehen, die unsere
Freunde bedrohen, wirtschaftliche Härten verursachen
und Flüchtlingsströme hervorbringen. Und es ist auch
richtig von Amerika, anderen bei der Vermeidung von
unnötigem Blutvergießen zu helfen und die Menschen
in die Lage zu versetzen, das zu genießen, was
Präsident Clinton als das stille Wunder eines normalen Lebens bezeichnet hat.

Seite 4

Eine vierte uns konfrontierende Herausforderung ist
die Notwendigkeit, Bedrohungen durch Regierungen
und Splittergruppen abzuwehren, die internationale
Standards von Gesetz und Menschenrechten verachten.
Unsere wichtigsten Bestrebungen hier bestehen darin,
die Ausbreitung von Nuklearwaffen und Giftgas zu
verhindern.
Manche weisen auf die südasiatischen Nukleartests
Anfang dieses Jahres und die Verbreitung von
Raketentechnologien hin und behaupten, Rüstungskontrolle sei zwecklos. Sie vertreten die Ansicht, weil
manchmal gegen Rüstungskontrollregeln verstoßen
werde, sollten wir eine Welt ohne solche Regeln
akzeptieren. Das ist gefährlicher Unsinn.
Zweifelsohne verlangt die Sicherheit der Amerikaner
mehr als Verträge.
Wir brauchen die beste Verteidigung, die wir entwikkeln, die besten Nachrichtendienste, die wir aufbauen
und die beste Eventualfallplanung, die wir vorbereiten
können. Wir benötigen aber auch den besten rechtlichen Rahmen für die Aufdeckung und Verringerung
dieser Bedrohungen und die Diskreditierung derjenigen, die sie entstehen lassen. Dadurch können wir
die Zahl der Waffen, mit denen wir möglicherweise
eines Tages konfrontiert sind, und die Wahrscheinlichkeit verringern, daß die tödlichsten Waffen in die
falschen Hände fallen.
Beispielsweise werden wir sicherer, wenn wir weiterhin mit Rußland am Abbau von Nuklearwaffenarsenalen und der Verhinderung des Schmuggels mit
Nuklearmaterial
zusammenarbeiten.
Wir sind
entschlossen zu verhindern, daß Nuklearwaffen
"herrenlos" werden.
Wir werden sicherer, wenn durch unsere Diplomatie
das gefährliche nordkoreanische Nuklearwaffenprogramm für immer eingestellt werden kann und wir
dieses Land überzeugen können, seine skrupellose
Entwicklung und den Verkauf von Raketentechnologie
zu beenden.
Wir werden sicherer, wenn wir der Konvention über
biologische Waffen durch ihre Umsetzung Biß verleihen und bei der Frage der Verteidigung mit ballistischen Raketen einen soliden überparteilichen
Ansatz entwickeln können.
Und wir werden sicherer, wenn wir den Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot (CTB-Vertrag) in
Kraft setzen können. Sein Ziel besteht im Verbot von
Tests jeglicher Größenordnung mit nuklearen Explosivstoffen für jeden Zweck, an jedem Ort und zu

AMERIKA DIENST 23

�jeder Zeit. Der Zukunft könnte kein größeres Geschenk gemacht werden.
Zum Schutz unserer Sicherheit müssen wir auch den
Kampf gegen den internationalen Terrorismus führen
und gewinnen.
Wie die Bombenanschläge auf die amerikanischen
Botschaften in Afrika auf so tragische Weise zeigten,
haben mit guten Finanzmitteln ausgerüstete führende
Terroristen wie Osama bin Laden geschworen,
Amerikaner auf der ganzen Welt zu töten. Ihr Ziel
besteht darin, unser Land dazu zu veranlassen, seine
Freunde, Verbündeten und Pflichten im Stich zu
lassen. Dazu kann ich nur sagen, daß die Nation,
deren Besten die Flagge bei Iwo Jima hißten und am
Omaha Beach in die Hölle gingen, sich nicht einschüchtern läßt.
Unsere Flagge wird weiterhin dort wehen, wo wir
Interessen zu verteidigen haben. Der Präsident hat
Mittel angefordert, um unser Volk besser schützen zu
können, und diese wurden vom Kongreß auch
bewilligt. Wir werden den Kampf gegen den Terrorismus an allen Fronten auf allen Kontinenten mit allen
Mitteln Tag für Tag führen.
Im Kosovo ist infolge der Unterdrückung durch den
serbischen Präsidenten Milosevic eine weitere
Bedrohung der internationalen Stabilität entstanden.
In den letzten Tagen hat die Androhung von Gewalt
durch die NATO, falls sich dies zur Beendigung der
serbischen Greueltaten als erforderlich erweisen sollte, zum Rückzug der Truppen geführt und den durch
die Gewalt vertriebenen Zivilisten gestattet, die
Rückkehr in ihre Dörfer zu beginnen. Internationale
Beobachterwerden unterstützt durch NATO-Überflüge
sicherstellen, daß Präsident Milosevic die eingegangenen Versprechen erfüllt.
In der Zwischenzeit drängen wir die Parteien, eine
politische Lösung zu finden, die die Krise beenden
und den Menschen im Kosovo eine demokratische
Selbstverwaltung bringen würde.
Fünftens und letztens sehen wir uns mit der Herausforderung konfrontiert, weltweit Fortschritte zu Demokratie und der Achtung von Menschenrechten zu
unterstützen.
Manche klammern sich an das falsche Gefühl der
Ordnung, das entsteht, wenn politisch Andersdenkende unterdrückt werden und jeder seinen Platz kennt.
Sie führen die alten Klischees an und sagen: "Nun, die
Freiheit mag an einigen Orten funktionieren, aber die
Menschen in dem oder jenem Land sind noch nicht
bereit; sie wollen die Freiheit nicht wirklich, und sie
brauchen sie auch nicht wirklich."

AMERIKA DIENST 23

Das ist offen gesagt Unfug.
Keine Gesellschaft kann ihr Potential erreichen, wenn
ihre Menschen nicht frei ihre Politiker wählen, ihre
Gedanken veröffentlichen, ihren Gott anbeten und die
Verwirklichung ihrer Träume anstreben können.
Diese Lektion haben wir in diesem Jahrhundert immer
wieder gelernt - von Südafrika bis Südkorea und von
Zentraleuropa bis Zentralamerika. Es ist eine Lektion,
die hoffentlich jetzt in Kambodscha, Indonesien und
Nigeria Anwendung findet. In jedem Land haben die
neuen führenden Politiker eine historische Chance,
ihre Nation in den Schoß demokratischer Nationen
einzuführen. Wenn das ihre Entscheidung ist, werden
die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende
tun, um ihnen zu helfen.
Ferner müssen wir bereit sein, uns für Menschenrechte sowie Religions- und politische Freiheit auszusprechen, ob sie in einem kleinen Land wie Burma oder
einem großen wie China bedroht werden. Und wenn
man uns sagt, wir sollten uns um unsere eigenen
Angelegenheiten kümmern, müssen wir antworten,
daß Menschenrechte unsere eigene Angelegenheit
sind, weil - wie Martin Luther King einst sagte "Ungerechtigkeit, wo immer sie geschieht, überall eine
Bedrohung für die Gerechtigkeit darstellt".
Wir müssen auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf der ganzen Welt anstreben. Ich
nehme an, wenn Sie eine Bluse oder ein Hemd
kaufen, wollen Sie - ebenso wie ich - wissen, ob sie
nicht von Menschen hergestellt wurden, die minderjährig oder Zwang ausgesetzt sind, im Gefängnis
sitzen oder denen das Grundrecht auf Zusammenschluß verweigert wird.
Wir Amerikaner können und werden keine Weltwirtschaft akzeptieren, die den niedrigsten Bieter ohne
Rücksicht auf Maßstäbe belohnt. Wir wollen eine
Zukunft, in der Gewinne aus Schweiß und Inspiration
stammen, nicht aus Ausbeutung.
Wir müssen auch alles in unserer Macht Stehende
tun, um den Status der Frau zu fördern, denn kein
Land kann stark und frei werden, dem die Begabungen der Hälfte seiner Bevölkerung vorenthalten
werden.
In den letzten Jahren haben wir enorme Fortschritte
gemacht. Aber auch heute werden immer noch
weltweit entsetzliche Verbrechen gegen Frauen
begangen. Dazu zählen häusliche Gewalt, Mitgiftmorde, Verstümmelung und erzwungene Prostitution.
Manche behaupten, das alles sei kulturell bedingt und
man könne nichts dagegen tun. Ich sage, es ist
kriminell und wir sind verpflichtet, dem Einhalt zu
gebieten.
Seite 5

�Last but not least müssen die Vereinigten Staaten
weiterhin eine weltweite Führungsrolle bei ihrer
Unterstützung des Internationalen Kriegsverbrechertribunals übernehmen, weil wir der Ansicht sind, daß
die des Völkermords und ethnischer Verbrechen
Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden sollten
und diejenigen, die Vergewaltigung als weitere Taktik
des Krieges betrachten, für ihre Verbrechen zahlen
müssen.
Vor einigen Jahrzehnten schrieb Walter Lippman
inmitten der Spannungen des Kalten Krieges über die
Realitäten seiner Zeit mit Worten, die uns als Warnung dienen mögen.
Trotz aller Gefahren und Sorgen, die sie mit sich
bringt,... könnte sich die Sowjetunion als Segen
erweisen, so Lippmann. Denn wenn unser Einfluß
unbestritten wäre, würden wir uns zweifelsohne
allmählich verschlechtern.
W r würden unsere
großartigen Energien verlieren, weil wir sie nicht
brauchen, und wir würden unseren Mut verlieren, weil
alles so bequem ist. Wir würden den Niedergang
erleben, der in so vielen Gesellschaften zu beobachten war, wenn sie dachten, es sei keine großartige
Arbeit mehr zu leisten. Dann wurde es Nacht um sie,
sie schliefen ein und fingen an zu sterben.
Obwohl Lippman während seiner Laufbahn oft Recht
hatte, bin ich überzeugt, daß er in diesem Punkt
Unrecht hatte.
Denn fast während meines ganzen Lebens hat
Amerika im internationalen System eine führende
Rolle gespielt. Und heute ist dieser Einfluß der
amerikanischen Führungsrolle von den Straßen Sara-

*

Seite 6

jevos bis zu den Dörfern im Nahen Osten, von den
Klassenzimmern Zentralamerikas bis zu den Gerichtssälen Den Haags spürbarer denn je.
Das ist nicht das Ergebnis irgendeiner außenpolitischen Theorie. Es ist ein Spiegelbild des amerikanischen Charakters.
Wir Amerikaner haben einen enormen Vorteil gegenüber vielen anderen Ländern, weil wir wissen, wer wir
sind und was wir glauben. Wir haben ein Ziel. Und
ebenso wie der Glaube des Farmers, daß die Saat
und der Regen das Getreide wachsen lassen, ist es
unser Glaube, daß wir Erfolg haben werden, wenn wir
unseren Prinzipien treu bleiben.
Wir wollen diesem Glauben Ehre erweisen. Während
wir unseren Weg durch eine Ära starker Turbulenzen
und neuer Gefahren suchen, wollen wir der Versuchung von Selbstgefälligkeit widerstehen und statt
dessen dem Beispiel folgen, das uns Außenminister
und General George C. Marshall gegeben hat.
Wir wollen Macher sein. Und indem wir dem Erbe
unserer Vergangenheit gerecht werden, wollen wir
gemeinsam das Versprechen unserer Zukunft erfüllen
- und frei und respektiert, wohlhabend und in Frieden
in das neue Jahrhundert eintreten.
Heute sichere ich Ihnen zu, für diese Aufgabe mein
Bestes zu geben, und bitte Sie respektvoll um Ihre
Unterstützung.
Und ich danke Ihnen nochmals für die Gelegenheit,
heute Nachmittag hier bei Ihnen zu sein.

*

AMERIKA DIENST 23

�USA-EUROPA

18. November 1998

Eine menschliche Dimension
für die transatlantischen Beziehungen
Rede von Botschafter John C. Kornblum

STUTTGART - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinig ten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. November 1998 in Stuttgart beim
Transatlantik-Forum gehalten hat.

Vielen Dank für die Einladung, diese Vortragsreihe zu
eröffnen. Es ist mir eine Ehre, der Erste in einer neuen
Tradition der Atlantik-Brücke zu sein.
Diese Veranstaltung heute Abend ist in vieler Hinsicht
ein Symbol unserer Zeit. Ich halte hier eine Rede als
Vertreter einer Regierung unter der Schirmherrschaft
einer Privatorganisation - der Atlantik-Brücke. Wir sind
eine internationale Versammlung. Und wir werden
sehr großzügig von der Bosch GmbH, insbesondere dem Vorsitzenden ihres Aufsichtsrats, Dr.
Marcus Bierich, unterstützt. Vor allem möchte ich den
Mitgliedern und Freunden der Atlantik-Brücke meinen
Dank aussprechen, die so viel unternehmen, um
unsere Gemeinschaft gesund zu erhalten.

nischen Antworten auf aktuelle Fragen vorzulegen.
Aber die Dinge ändern sich so schnell, daß man nie
sicher sein kann, ob meine Empfehlungen noch
gelten, wenn wir zu Hause ankommen.
Aus diesem Grund möchte ich heute Abend einen
umfassenderen Ansatz wählen. Ich möchte über
einige der interessanten neuen Charakteristika des
Zeitalters sprechen, in das wir eingetreten sind.
Insbesondere möchte ich die menschliche Dimension
internationaler Angelegenheiten in den kommenden
Jahrzehnten ansprechen.

Ein neues Zeitalter

Zuerst eine Definition. Was meinen wir mit menschlicher Dimension? Ich habe keine einfache Kategorie.
Sie beinhaltet natürlich die Menschenrechte. Wir
müssen auch dem internationalen humanitären
Gesetz zunehmende Aufmerksamkeit widmen - wie
der Einzelne von seiner Regierung in Zeiten des
Friedens und in Zeiten des Konflikts behandelt wird.
Meine Definition der menschlichen Dimension konzentriert sich jedoch auch auf den demokratischen
Konsens und die Außenpolitik.

Wie Sie wissen, haben sich in letzter Zeit weltweit
viele interessante Dinge ereignet. Das globale Finanzsystem ist in eine Zeit der Instabilität eingetreten. Es
gibt ständige Konflikte auf dem Balkan. Rußland steht
kurz vor dem Bankrott. Im Nahen Osten gibt es neue
Hoffnung für den Frieden. Und ich habe gehört, daß
Deutschland eine neue Regierung hat.

Mit anderen Worten: Wie stellen wir sicher, daß
internationales Verhalten denselben demokratischen
Erwägungen unterworfen ist wie die Innenpolitik? Und
noch wichtiger ist: Wie stellen wir sicher, daß unsere
Bürger sich eine informierte Meinung über die zahlreichen verwirrenden Themen bilden können, mit denen
sie tagtäglich konfrontiert werden?

Angesichts all dieser Neuigkeiten ist die Versuchung
groß, Ihnen eine Liste der bevorzugten amerika-

In der Vergangenheit wäre die Antwort einfach
gewesen. Diplomaten und Politiker hätten einen

Diese Elemente - ein von einer Nichtregierungsorganisation und der Industrie mit der Beteiligung der
Regierung unterstützter internationaler Dialog werden zunehmend zum Rezept für Erfolg in unserer
transatlantischen Welt.

AMERIKA DIENST 23

Seite 1

�politischen Ansatz entwickelt - beispielsweise bei
Rüstungskontrolle oder Handelspolitik. Sie hätten ihn
der Öffentlichkeit vorgelegt, um Unterstützung zu
erhalten. Und sie hatten ihn umgesetzt - egal was
geschehen wäre. Heute wird es immer schwieriger für
die Nationen, ohne Intervention ihrer Gesellschaften
am Anfang anstatt am Ende des Prozesses miteinander umzugehen. Die Außenpolitik hat den Elfenbeinturm verlassen.
Einige Beispiele:
Seit dem Ende des Kalten Krieges wird die
Welt mit zahlreichen Konflikten belastet.
Europa wird diese Belastung nicht erspart.
Wie gehen wir mit solchen blutigen Konflikten
um, insbesondere wenn sie innerhalb eines
Landes stattfinden? Namen wie Bosnien,
Kosovo, Ruanda oder Osttimor definieren
schnell die Größenordnung des Problems.
Das Informationszeitalter bringt zahllose neue
Chancen für den Austausch von Nachrichten,
die Geschäftstätigkeit und die Verbreitung von
Ideen hervor. Wie sollten wir mit Problemen
wie Regulierung, Besteuerung und Sicherheit
umgehen? Wer - wenn überhaupt - sollte die
neuen Instrumente wie das Internet kontrollieren?
Wissenschaft und Technologie tragen neue
Früchte. Die Biotechnologie, Telekommunikation und Genforschung verändern unser
Leben. Wer entscheidet, ob Tiere geklont
werden oder ob gentechnisch veränderte
Pflanzen dazu dienen sollen, die hungernden
Menschen auf der Welt zu ernähren?
Die Bevölkerung der westlichen Welt lebt
länger und wird immer älter. Renten- und
Gesundheitssysteme sehen sich dramatischen neuen Belastungen gegenüber. Einwanderung ist zu einem immer wichtigeren
Faktor im Leben aller Länder geworden.
Welche Auswirkungen hat das?
Jede dieser Fragen hat Auswirkungen, die über
nationale Grenzen hinausgehen. Sie werden durch die
Tatsache verbunden, daß Regierungen nur über
begrenzte Fähigkeiten zu ihrer Beeinflussung verfügen. Die klassische Diplomatie und militärische
Verteidigung sind nicht die entscheidenden Faktoren.
Wenn wir über die Beziehungen zwischen Völkern
sprechen, befassen wir uns zunehmend mit Fragen
von entscheidender sozialer und technologischer
Bedeutung. Wir sprechen über Kultur und die Hoffnungen und Ängste von Generationen. Der Entscheidungsprozeß muß an der Basis beginnen.

Seite 2

Diplomatie und Verteidigung sind immer noch wichtige
Instrumente. Aber offizielle Verträge und Bündnisse
definieren nicht länger die für unsere Gesellschaften
wichtigsten Fragen. Gruppen aus dem Privatsektor
und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden
für die Beziehungen zwischen den Völkern immer
wichtiger. Die für die Bewältigung dieser Fragen
erforderlichen Begabungen sind nicht mehr nur in der
Regierung zu finden. Und vor allem kann die Definition
der Probleme nicht länger den Planungsstäben von
Regierungen überlassen werden. Die Grundbedürfnisse unserer Bevölkerungen sind zunehmend
Gegenstand der Beziehungen zwischen Nationen und
Völkern. Das meine ich, wenn ich über die menschliche Dimension der transatlantischen Beziehungen
spreche.
Diese Betrachtungsweise ist vielleicht besonders
amerikanisch. Es gibt viele Menschen in Europa, auch
in Deutschland, die diese These vielleicht nicht so
teilen würden. Beispielsweise ist ein gemeinsames
Vorgehen der Europäer oft von Konsens in den
Ausschüssen der EU abhängig. Wir führen eine
interessante Debatte über den Atlantik hinweg, wie
man gerade die Sicherheit und den Wohlstand
unserer Gesellschaften unter diesen neuen Bedingungen gewährleistet. Die Europäer scheinen immer noch
größeres Gewicht auf die Rolle der Regierung und
den formalen Konsens anstatt einen pragmatischen,
lösungsorientierten Ansatz zu legen.
Über dieses Thema muß ein ständiger Dialog gepflegt
werden. Aus diesem Grund möchte ich die heutige
Veranstaltung dazu nutzen, einen persönlichen
Beitrag zu unseren Bestrebungen zur Definition eines
neuen Rahmens für unsere gegenseitigen Beziehungen zu machen. Wenn wir die von mir eben erwähnten
Probleme erfolgreich angehen wollen, müssen wir
Verständnis für die Beziehungen zwischen sogenannten internationalen Fragen und den grundlegenden
menschlichen Interessen unserer Völker wecken.
Die Ermutigung der Beteiligung der Öffentlichkeit
Langfristig wird "Außenpolitik" im traditionellen Sinne
nicht mehr die Unterstützung unserer Bevölkerungen
und Parlamente genießen, wenn sie nicht relevanter
für deren Anliegen wird. Außenministerin Albright
unterstrich diese Tatsache bei ihrem Amtsantritt. Sie
bezeichnete die Beteiligung der Öffentlichkeit an der
Außenpolitik als eines ihrer obersten Ziele.
Das gilt insbesondere für die transatlantischen
Beziehungen. Während der Kalte Krieg immer mehr
Geschichte wird, mache ich mir Sorgen über die
fortgesetzte Konzentration unserer Diskussionen auf
Fragen der Vergangenheit. Wir sprechen immer noch
über den Aufbau von Verständnis zwischen offiziellen
Institutionen zu einer Zeit, in der die Gesellschaften

AMERIKA DIENST 23

�schon viel weiter sind. Wir sprechen über den Erhalt
von Kontakten zwischen Europa und Amerika, als ob
wir eine Wahl hätten. Wir debattieren weiterhin über
verschiedene Ansätze gegenüber Drittländern in der
Diplomatensprache des 19. Jahrhunderts, anstatt die
Auswirkungen dieser Entscheidungen auf unsere
Völker zu prüfen. Wir bauen weiterhin diplomatische
Strukturen, die genau die Menschen ausschließen, die
drängende Problem angehen könnten.
Das heißt nicht, daß Dialog nicht wesentlich wäre.
Tatsächlich ist er noch wichtiger als vor zehn Jahren.
Das heißt auch nicht, daß es keine Unterschiede in
Bezug auf Geschichte, Größe und Bewußtsein von
Nationen und Völkern gibt. Aber die Linien, die diese
Unterschiede markieren, verlaufen nur sehr selten
durch den Atlantik hindurch. Die Unterschiede im
Ansatz der europäischen Nationen sind genauso groß
wie die zwischen Amerika und Europa. Mit anderen
Worten: Wir haben die sogenannten "auswärtigen
Beziehungen" bereits hinter uns gelassen. Wir sind
auf eine Art "atlantische Innenpolitik" übergegangen,
bei der spezifische soziale und wirtschaftliche Fragen
oft offizielle Grenzen und nationale Politik überschreiten.
Privatinitiativen sind jetzt der Motor der Beziehungen
zwischen einzelnen Völkern. Sie halten die atlantische
Gemeinschaft zusammen. Das heißt, die freie Bahn
der Kräfte und Ideen. Das heißt auch, eine Mischung
aus Regierungs- und Privatinitiativen. Diese neue
Synthese bietet die einzige Möglichkeit, zukünftigen
Entwicklungen gerecht zu werden.
Das gilt nicht nur für das Ende des Kalten Krieges,
sondern auch für die geradezu revolutionären Entwicklungen in Wirtschaft und Technologie, die weltweiten Kapitaltransfers, vielerlei moderne Einflüsse,
die explosionsartige Entwicklung der Kommunikation
und natürlich die rasche Unabhängigkeit so vieler
neuer Staaten und den Beitritt von zahlreichen
Staaten, Regionen und Völkern mit unterschiedlichen
Interessen und Zielen zur internationalen Staatengemeinschaft. Wir erleben die weltweite Öffnung.
Hier in Stuttgart sehen wir Beispiele der Art und
Weise, in der man in Zukunft die Dinge tun wird.
Amerikanische Firmen wie IBM und Hewlett Packard
sind Teil eines riesigen und wachsenden Spektrums
von Firmen mit eher globaler als regionaler Orientierung. Daimler-Chrysler ist ein Symbol einer neuen
Ära. Der Holzbrinck-Verlag demonstriert, daß kulturelle Differenzen kein Hindernis für globale Reichweite
sind.
Wir beobachten zunehmend, wie industrielle und
wirtschaftliche Inhalte an die Stelle der Politik treten.
Beispielsweise debattieren Politiker zwar über die
Identität Deutschlands nach dem Ende des Kalten

AMERIKA DIENST 23

Krieges, der Privatsektor befaßt sich jedoch zunehmend auf eine Weise mit Vertrauen und Verantwortung, die wir alle bewundern sollten.
Die Atlantik-Brücke hat letzten Monat ein ausgezeichnetes Beispiel für diese neue Art von Dialog gegeben.
Sie unterstützte eine Reise von Regierungsmitgliedern, Vertretern der Wirtschaft und des Bundestags in die Gebiete der Vereinigten Staaten, die für
deutsche Investitionen am wichtigsten sind. Sie
befaßten sich auf der Grundlage gemeinsamer
Interessen mit gemeinsamen Belangen. Das ist
atlantische Innenpolitik von ihrer besten Seite.
Öffentlich-private Partnerschaften rufen bei den
Menschen ein Gefühl des empowerment hervor. Sie
bewirken das Gefühl, man sei nicht nur ein passiver
Empfänger der Außen- oder Sicherheitspolitik ode rein
Objekt der internationalen Politik, sondern vielmehr
Teil dieses Prozesses, Politik zu machen. Und für die
Zukunft Europas kann ich nicht oft genug und stark
genug unterstreichen, wie wichtig dieses Gefühl von
empowerment sein wird.
Die jüngere Geschichte unterstreicht das. Wenn man
wie ich einige Jahre in Bosnien war, sieht man leider,
wie stark und wie zerstörend das Gefühl sein kann,
ein Opfer zu sein. Victimization nennen wir das auf
Englisch. Dieses Gefühl, daß man machtlos ist, daß
man seine eigene Zukunft nicht bestimmen kann, ist
leider im Moment eines der stärksten Gefühle in
gewissen Teilen der Welt.
Wenn wir in Zukunft eine stabile Gemeinschaft über
den Atlantik und auch über Europa hinweg aufbauen
wollen, dann müssen wir dieses Gefühl von empowerment ausweiten. Nicht nur Amerika oder Deutschland
oder England oder Frankreich sollten das Gefühl
verantwortlicher Beteiligung bekommen. Auch Menschen, Einzelpersonen in Teilen der Welt wie dem
Balkan oder dem Kaukasus oder Zentralasien können
ihre derzeitigen Konflikte lösen, wenn sie daran
glauben, daß sie ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen und konstruktiv etwas an ihrer Zukunft tun
können.
Das mag abstrakt klingen, aber dieses Verantwortungsgefühl ist mit uns umgebenden greifbaren
Dingen verbunden. Die wiederholten Forderungen
nach einer "gleichberechtigteren" atlantischen Partnerschaft zeigen, daß dieses Problem auch unter engen
Verbündeten existiert.
Hier in Deutschland passen sich die Vereinigten
Staaten an diese neue Situation an. Wir sprechen
selten über den Aufbau "guter Beziehungen" zu
Deutschland. Sie existieren bereits. Mißverständnisse
entstehen, wenn "Freundschaft" keine Ergebnisse zu
zeitigen scheint.

Seite 3

�Unser Ziel ist die Aufstellung einer gemeinsamen
Agenda, bei der sich jede Seite für den Schutz der
gemeinsamen Interessen verantwortlich fühlt. Unsere
Botschaft wird neu strukturiert, unsere Methoden
werden modernisiert.

Kommunikationszentren zu prüfen. Sie können Ihre
Kräfte bündeln, um Regierungen zu ermutigen,
bestimmte Themen schneller zu bearbeiten oder ihnen
überhaupt erst einmal Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Aufbau einer neuen Friedensdisziplin

Vor allem unternehmen wir Bestrebungen zur Entwicklung gemeinsamer Visionen und gegenseitiger
Lösungen. Eine Institution, die in den letzten 50
Jahren eine sehr wichtige, nicht zu unterschätzende
Rolle gespielt hat, sind die Amerika Häuser. Amerikanische Kulturzentren haben für die Entwicklung im
Nachkriegsdeutschland eine maßgebliche Rolle
gespielt. Aber in der modernen Zeit ist es nicht mehr
sinnvoll, daß Amerika Häuser über die amerikanische
Kultur informieren. Es ist nicht mehr notwendig, einem
vom Krieg zerrütteten Deutschland modernes Leben
und Demokratie beizubringen.
Was wir brauchen, sind Kommunikationszentren, in
denen Deutschland und Amerika Begegnungen
organisieren können. Kommunikationszentren, in
denen neue Ideen ausprobiert werden und Deutsche
und Amerikaner das Gefühl haben, daß sie etwas
Gemeinsames aufbauen. Das ist der Nutzen der
Zusammenkunft heute Abend. Das Byrnes Center in
Stuttgart war eines der ersten Beispiele für dieses
neue Modell. Amerika
Häuser werden in
deutsch-amerikanische Zentren umorganisiert.
Ich brauche nicht zu verhehlen, daß das natürlich
bedeutet, daß es nicht mehr so viele direkte amerikanische Regierungsgelder geben wird. Wir werden
sehen, ob diese Institutionen auf der Basis von
Privatinitiativen eine neue Rolle finden oder nicht.
Amerikaner sind der Auffassung, daß die bloße
Tatsache des Beitrags zu einer solchen Institution ein
Gefühl der Identität mit ihr aufbaut. Ich freue
mich, sagen zu können, daß dem Erfolg in Stuttgart
ähnliche positive Erfahrungen in München und
Hamburg gefolgt sind. Ich möchte alle hier Anwesenden auffordern, sich an der Arbeit dieser neuen
Institutionen zu beteiligen.
Initiativen wie das Transatlantik-Forum heute Abend
sind ein perfektes Beispiel für diese neue Art von
Dialog. Sie tragen dazu bei, eine Grundlage für das
Engagement von Einzelpersonen für die wichtigsten
transatlantischen Themen zu schaffen. Und wenn der
Privatsektor und Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten, passiert zweierlei: Menschen setzen
sich persönlich für die Ergebnisse ein. Im Verlauf des
Prozesses engagieren sie sich effektiv für den Aufbau
einer bestimmten Art von Gesellschaft, sei es innerhalb ihrer Länder oder untereinander.
Dieser Punkt verdient besondere Beachtung. Er bietet
eine Gelegenheit, die Chancen für Privatinitiativen und

Seite 4

Die Beteiligung an einem solchen Dialog unterstützt
eines der wichtigsten Ziele dieses neuen Zeitalters. Es
ist die Erweiterung der Wertegemeinschaft, die die
transatlantische Welt das letzte halbe Jahrhundert
zusammengehalten hat. Auf lange Sicht ist die
Entwicklung dieser Art von empowerment der einzige
Weg, um die Grundlage für einen dauerhaften Weltfrieden zu schaffen.
Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist der
Irak. Wir erleben einen sich wiederholenden Konflikt
mit einem Land, das moderne demokratische Werte
nicht akzeptieren möchte. Der Irak besitzt die Fähigkeit, Teile des Nahen Ostens bis hin zur Türkei oder
sogar Griechenland mit chemischen und biologischen
Waffen zu bedrohen. Anfang dieses Jahres gab es
eine Konfrontation, und es gab in der westlichen Welt
auch eine sehr heftige Diskussion, ob so genannte
diplomatische Mittel die einzig verfügbaren waren.
Die Vereinigten Staaten sprachen sich für eine
Kombination diplomatischer und militärischer Mittel
aus. Wir haben beträchtliche militärische Anstrengungen dafür unternommen. Bedauerlicherweise schienen viele unserer Verbündeten über den möglichen
Einsatz von Gewalt besorgter zu sein als über die
durch die Krise entstandene Gefahr. Unsere Bestrebungen, Frieden herbeizuführen, wurden durch unsere
Unfähigkeit geschwächt, unsere Ziele klar zu definieren.
Vor allem in so komplexen Krisen wie dieser ist es für
den normalen Bürger wichtig, in der Lage zu sein,
Vorgänge zu verstehen und sich eine Meinung zu
bilden. Wenn wir unsere Bestrebungen nicht mit
mündigen Bürgern durchführen, die ein Gefühl für
Werte haben, werden unsere Maßnahmen auf bloße
Bemühungen zur Vermeidung von Konflikten reduziert.
Um erfolgreich mit einem Saddam Hussein oder
einem Slobodan Milosevic umzugehen, müssen wir
wissen, wer wir sind und für was wir eintreten. Werte
sind kompliziert und häufig schwer zu definieren. Nur
mit konstanter Überprüfung durch demokratische
Völker und den Dialog unter ihnen können wir uns
über den vor uns liegenden Weg sicher sein.
Aber während wir die uns zur Verfügung stehenden
Mittel erwägen, sind wir mit einer Dichotomie konfrontiert. Einerseits haben unsere Nationen mehr
Chancen zum Aufbau dieser demokratischen Verfas-

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�sung für die Welt - eines demokratischen Friedens als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Andererseits scheint es, daß die neuen zahlreichen
Herausforderungen oft nicht zu bewältigen und
manchmal sogar nicht zu definieren sind.
Die Bedeutung von Versammlungen wie dieser wird
noch offensichtlicher, wenn man die Vielfalt der uns
konfrontierenden Fragen hört:
Wie gehen wir mit Konflikten oder den humanitären Konsequenzen von Krieg und Konfrontation um?
Welche Rolle haben die Konzepte von nationaler Souveränität oder militärischer Sicherheit, wenn nationale Grenzen immer
mehr an Bedeutung verlieren?
Wie legitim ist die Verteidigung der nationalen
Kultur oder Religion als Ursache für militärische Aktionen? Was sind die neuen Methoden für den Umgang mit internationalen
Konflikten?
Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges
müssen wir mit der Definition der Standards beginnen,
die uns bei der Suche nach Antworten auf diese
Fragen behilflich sein können. Wenn es uns mit dem
Aufbau einer demokratischen Basis für Frieden auf
der Welt ernst ist, müssen wir sicherstellen, daß die
Prinzipien der Demokratie gut verstanden werden. Wir
müssen Leitlinien definieren, die einem mündigen
internationalen Bürger behilflich sind, ebenso wie
unsere Gesetze und Verfassungen uns bei informierten Entscheidungen zur Unterstützung der Demokratie
im Inland behilflich sind.
Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Herausforderungen. W r sind am Beginn einer neuen Friedensdisziplin, die die Instrumente der traditionellen
Diplomatie mit Standards von Demokratie und freien
Marktwirtschaften kombiniert.
Eine solche Schlußfolgerung mag unrealistisch
klingen. Humanitäre Anliegen wurden gewöhnlich in
den Bereich der Gesundheitsfürsorge oder Katastrophenhilfe verwiesen. Aber seit einiger Zeit ändern sich
die Einstellungen. Vor 25 Jahren, als die Schlußakte
von Helsinki unterzeichnet wurde, weigerten sich viele
Länder, Menschenrechte als legitimes Thema der
internationalen Beziehungen anzuerkennen.
Jetzt steht die Frage der Werte häufig im Zentrum
unserer Sicherheitspolitik. Das ist eine sachliche,
realistische
Art,
Sicherheitsherausforderungen
anzugehen. Wie können wir beispielsweise ohne eine
Reihe von Standards entscheiden, wie wir auf eine
Krise wie die im Kosovo reagieren sollen? Serbische

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Militäraktionen sind zur Verteidigung der nationalen
Souveränität, der Menschen- und kulturellen Rechte
der serbischen Einwohner gerechtfertigt. Unsere
Werte sagen uns, daß Ziele, die durch Gewalt erlangt
werden müssen, den Test unserer Menschenrechte
nicht bestehen.
Das ist nicht nur eine abstrakte Erwägung. Erinnern
Sie sich an die Debatte, ob der Einsatz von Gewalt
durch die NATO auch ohne ein UN-Mandat rechtmäßig ist. Wenn einige Länder ein solches Mandat
verweigern möchten, müssen wir entscheiden,
welches der moralische Kurs ist, zuzulassen, daß
rechtliche Strategien uns blockieren, oder unsere
Stärke und Einheit zur Vermeidung einer humanitären
Tragödie zu nutzen? Letztlich hat die NATO die
richtige Entscheidung getroffen, aber die Debatte wird
andauern. Ich bin sicher, am Ende gelangen wir zu
der Schlußfolgerung, daß Freiheit nicht teilbar ist.
Eine Agenda für die Zukunft
Das Verständnis der neuen Dynamik der atlantischen
und internationalen Beziehungen ist nur der erste
Schritt. Die Analyse der Veränderungen muß in eine
Agenda für Aktionen umgesetzt werden. Herkömmliche Arten, Geschäfte zu tätigen, müssen sorgfältig
auf ihre Bedeutung für neue Betrachtungsweisen
überprüft werden. Vor allem wird es wichtig sein zu
entscheiden, welche Faktoren für die Zukunft wirklich
von Bedeutung sind.
Was die deutsch-amerikanischen Beziehungen
anbetrifft, müssen wir hart arbeiten, um neue Mittel zur
Definition der Gesundheit unserer Partnerschaft zu
finden. Häufig sind wir noch immer mit Konzepten der
Vergangenheit belastet. Die Deutschen fragen, ob die
Vereinigten Staaten Deutschland und Europa noch als
wichtig erachten, oder ob unser Interesse jetzt Asien
gilt.
Die Amerikaner wiederum fragen sich, ob Deutschland
die Vergangenheit ablegt und dem Einfluß gerecht
wird, den es gewonnen hat.
Jedes dieser Beispiele wirft die falsche Frage auf. Seit
langem fragen wir uns nicht mehr, ob wir füreinander
Bedeutung haben oder nicht. Unsere Interessen sind
so eng miteinander verbunden, daß wir nie daran
zweifeln, ob wir Teil der gleichen Gemeinschaft sind.
In den kommenden Jahren werden wir den Wert
unserer Gemeinschaft durch ihre Ergebnisse beweisen. Insbesondere durch ihre Fähigkeit, die durch
den demokratischen Prozeß definierten Bedürfnisse
unserer Bürger zu erfüllen. Das sind wiederum die
humanitären Anliegen der Außenpolitik. Ebenso wie
die großen Konfrontationen des 20. Jahrhunderts
Geschichte geworden sind, wird die Stärke der

Seite 5

�atlantischen Partnerschaft durch ihre Erfolge bei der
Bewältigung der Herausforderungen für den Frieden
und das Wohlergehen unserer Bürger bestimmt.

Charakter haben wie die Gesundheitsfürsorge,
berufliche Ausbildung oder die Rentenreform. Sie
beinhaltet aber auch Themen wie die globale Erwärmung, Telekommunikation, und sogar den Eisenbahnverkehr.

Und ebenso wird die so häufig auf beiden Seiten des
Atlantiks gestellte Frage der sogenannten "gleichberechtigten Partnerschaft" durch Taten bestimmt, nicht
durch Worte. Noch so viele Erklärungen werden kein
gemeinsames Verantwortungsgefühl hervorbringen,
wenn wir nicht bei der Bewältigung von Herausforderungen wie den durch das neue Informationszeitalter, die Biotechnologie oder die Krise im Kosovo
entstandenen Erfolg haben.

Die herkömmlich Art, Geschäfte zu erledigen, wäre,
offizielle Regierungspositionen in die Form diplomatischer Demarchen zu kleiden. Aber in vielen Fällen gibt
es keine offiziellen Positionen. Statt dessen besteht
die große Notwendigkeit auf beiden Seiten des
Atlantiks, zu verstehen und zu verdauen. Dabei
spielen unsere umgestalteten Informationszentren
eine Rolle. Die New Traditions-Konferenz und das
daraus hervorgegangene New Traditions Network in
Berlin sind von zentraler Bedeutung für unsere
Bestrebungen.

Wir müssen unsere Fähigkeit für den Umgang miteinander auf der Grundlage eines offenen Gebens und
Nehmens verbessern, das unsere Diskussionen im
Inland charakterisiert. Die Annahme eines solchen
offenen Dialogs macht das Wesen der atlantischen
Innenpolitik aus.

Mit anderen Worten ist unser Ziel nicht der Aufbau
transatlantischer Beziehungen, sondern die Verbesserung unserer Mittel, Geschäfte in dem bestehenden Rahmen zu tätigen. Wenn wir uns auf die Arbeit
statt auf die Strukturen konzentrieren, können wir nicht
scheitern. Die Menschen für einen gemeinsamen
Zweck zusammenzubringen, ist die wirkliche Substanz einer menschlichen Dimension für die transatlantischen Beziehungen.

Aber während sich unser Dialog verbessert, müssen
wir auch lernen, seinen Inhalt zu erweitern. Die USMission in Deutschland versucht, dies durch die
Definition einer Tagesordnung wichtiger Themen
zu tun, mit denen wir uns gemeinsam befassen
können. Dazu zählen Themen, die traditionell internen

* *

Seite 6

*

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�WIRTSCHAFT

18. November 1998

Der Handel mit Emissionszertifikaten ist gut
für die Weltwirtschaft und die Umwelt
von Carol Browner und Stuart Eizenstat

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel der Leiterin des US-Umweltschutzamts, Carol Browner, und
des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium, Stuart Eizenstat. Der Artikel erschien erstmals in The Financial Times, London Edition, vom
28. Oktober 1998. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Financial Times.

Am 2. November 1998 werden sich die Vertragsparteien des im Dezember vergangenen Jahres in
Kyoto erzielten Abkommens über den globalen
Klimawandel in Buenos Aires versammeln, um die
harte Arbeit aufzunehmen, die leeren Stellen in
diesem historischen Abkommen zu füllen. Aber eine
Kontroverse über die Umsetzung der im vergangenen
Jahr ausgehandelten entscheidenden marktgestützten
Bestimmungen droht, die kontinuierlichen Fortschritte
zu stören, die jedermanns Ziel sein sollten.
Das Protokoll von Kyoto setzt ehrgeizige Ziele für
Industrienationen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen fest, die der Ansicht zahlreicher
Wissenschaftler zufolge höhere Temperaturen
verursachen und die Klimamuster der Welt stören.
Der Erhalt eines stabilen und freundlichen Klimas
erfordert eine nachhaltige Verpflichtung zur allmählichen Verringerung der Emissionen. Aus diesem
Grund ist es so wichtig, sich gleich von Anfang an
darauf zu konzentrieren, wie die Länder mit möglichst
geringen Kosten ihre Ziele erreichen können.

sionszertifikaten erlaubt. Ohne diese Flexibilität wäre
es einfach nicht möglich gewesen, so ehrgeizige Ziele
wie die von uns in Kyoto vereinbarten aufzunehmen.
Bedauerlicherweise lehnen viele Länder und Organisationen, die sich am leidenschaftlichsten für die
Lösung des Klimaproblems einsetzen, unserer Ansicht
nach fälschlicherweise ein System handelbarer
Emissionszertifikate ab oder sind entschlossen, ihm
kontraproduktive Restriktionen aufzuerlegen. Wenn
diese Sichtweise Erfolg hat, werden sich die Kosten
für den Schutz unserer Umwelt dramatisch erhöhen
und die Fähigkeit vieler Länder gefährden, Fortschritte
mit dem Protokoll zu erzielen.

Der Emissionshandel ist der Schlüssel zu starken
Emissionszielen, weil er die umfassendsten Treibhausgasreduzierungen für jeden verfügbaren Dollar,
jede Mark, jedes Pfund, jeden Franc oder Yen ermöglicht. In dem Programm der Vereinigten Staaten
für den Handel mit Zertifikaten für sauren Regen muß
jeder Verursacher ein Zertifikat für jede Tonne Schwefeldioxid haben, die er ausstößt. Für einige VerDiese Verbindung zwischen Umweltzielen und ursacher sind die Kosten der Verringerung einer
Tonne von Emissionen sehr viel höher als für andere.
kostengünstiger Umsetzung war für den Erfolg der
Verhandlungen von Kyoto von entscheidender
Diejenigen, die den billigsten Weg zur Verringerung
Bedeutung. In dem Protokoll vereinbarten die Parder Emissionen finden, werden sichtbar belohnt, weil
teien, daß die Länder ihre Ziele durch eine Kombinasie jedes Zertifikat, das sie nicht benötigen, an andere
tion von nationalen und internationalen Aktionen
verkaufen können, die sich mit höheren Kosten
erreichen können, darunter den "Handel mit Emiskonfrontiert sehen.
sionszertifikaten". Das ist ein Marktmechanismus, der
kostengünstige Reduzierungen fördert, indem er den
Die Ergebnisse sprechen für sich. In den Vereinigten
Ländern oder Unternehmen den Handel mit EmisStaaten werden die sauren Regen verursachenden

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Seite 1

�Emissionen vorzeitig zu 50 Prozent der erwarteten
Kosten verringert und machen die Luft für Millionen
von Amerikanern sauberer.
Wirtschaftswissenschaftler jeglicher Couleur stimmen zu, daß die
Kosten der Verringerung von Treibhausgasemissionen
für alle Länder - nicht nur die Vereinigten Staaten - mit
einem effizienten System handelbarer Emissionszertifikate drastisch niedriger sein werden. Allein
innerhalb der Europäischen Union sind Analysten des
europäischen Privatsektors zufolge Messungen zur
Kontrolle der Treibhausgase in manchen Ländern bis
zu sechsmal teurer als in anderen. Diese Kostenunterschiede sind noch größer, wenn man sich alle
Industrienationen betrachtet, und sogar noch größer
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Der
Handel bietet gute Anreize, indem er dort Reduzierungen ermutigt, wo sie mit den niedrigsten Kosten erzielt
werden können.
Natürlich ist der Handel mit Emissionszertifikaten kein
Ersatz für eine aggressive nationale Verpflichtung zur
Kontrolle von Treibhausgasen. Er stellt lediglich ein
Instrument für die Erfüllung einer solchen Verpflichtung dar. Die Vereinigten Staaten haben seit 1993 ein Jahr nachdem sie den ursprünglichen Vertrag über
Klimawandel unterzeichneten - nahezu 50 Programme
zur Reduzierung ihrer Emissionen und Verbesserung ihrer Energieeffizienz in die Wege geleitet. Im
Oktober vergangenen Jahres schlug Präsident Bill
Clinton maßgebliche weitere Schritte vor, darunter 6,3
Milliarden Dollar an Steueranreizen über 5 Jahre
sowie Forschungs- und Entwicklungsprogramme zur
Verringerung der Kohlendioxidemissionen durch
erhöhte Energieeffizienz und erneuerbare Energien
und zur Reduzierung der anderen Treibhausgase. In
der kürzlich beendeten Haushaltsdebatte garantierte
der Präsident eine 25-prozentige Aufstockung der
Investitionen in den Klimawandel gegenüber dem
letzten Jahr.
Die Vereinigten Staaten planen auch eine Umstrukturierung ihrer Elektroindustrie, um Marktanreize für
erneuerbare Energien und erhöhte Energieeffizienz zu
bieten. Vorgesehen sind ferner Konsultationen mit der
Industrie zur Entwicklung von Plänen für einzelne
Branchen zur Verringerung ihrer Emissionen, ein
aggressiver Plan zur Verbesserung der Energienutzung und -beschaffung durch die Bundesregierung
und schließlich nach der Ratifizierung des Protokolls
von Kyoto durch die Vereinigten Staaten ein Programm für den Handel mit Emissionszertifikaten auf
der Grundlage unserer Erfahrungen mit saurem
Regen.

*

Seite 2

*

Wir sind uns bewußt, daß viele Menschen sich fragen,
wie der Handel mit Emissionszertifikaten international
funktionieren könnte. Manche machen sich Sorgen
über die Schwächen nationaler und internationaler
Institutionen bei der Messung von Emissionen und der
Gewährleistung der Einhaltung der Bestimmungen.
Aus diesem Grund haben sich die Vereinigten Staaten
zum Aufbau eines internationalen Handelssystems
von höchster Integrität mit starken Anreizen zur
Einhaltung verpflichtet.
Tatsächlich arbeiten die
Vereinigten Staaten bereits mit mehreren Industrieund Entwicklungsländern zusammen, um deren
Fähigkeiten zur Messung von Emissionen und zur
Teilnahme an einem Emissionshandelssystem mit
hohen Standards zu verbessern.
Andere haben sich für Obergrenzen ausgesprochen,
wie viele der in Kyoto vereinbarten Ziele eine Nation
durch den internationalen Handel mit Emissionszertifikaten erreichen darf. Diese Idee hat große
Mängel. Beschränkungen des Handels würden die
administrativen Kosten stark erhöhen, wären schwierig umzusetzen und würden es allgemein viel teuerer
machen, den Klimawandel zu bekämpfen.
Tatsächlich wären die negativen Auswirkungen in
Europa noch größer als in den Vereinigten Staaten:
Die derzeit von einigen Regierungen vorgeschlagenen
Beschränkungen könnten den Preis für erlaubte
Kohlendioxidemissionen in den Vereinigten Staaten
verdoppeln und in der EU sogar verdreifachen - ohne
irgendwelche Verringerungen bei den weltweiten
Treibhausgasemissionen über die in Kyoto gesteckten
Ziele hinaus zu erreichen. Eine Beschränkung des
Handels mit Emissionszertifikaten wird dazu führen,
daß jegliche Emissionsverringerung mehr kostet. Es
ist wenig sinnvoll, Ressourcen in Zeiten unsicherer
Wachstumsaussichten in der Weltwirtschaft zu
verschwenden oder das Potential des Emissionshandels für die Ankurbelung von Investitionen und
Innovationen sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen
zu beschränken.
Wir schulden es zukünftigen Generationen, sie vor
den schädlichen Auswirkungen des Klimawandels zu
schützen. Aus diesem Grund baut Buenos Aires auf
dem in Kyoto Erreichten auf. Der beste Weg zum
Schutz der Umwelt besteht darin, die richtigen wirtschaftlichen Anreize zu geben und dadurch möglichst
schnell einen möglichst einschneidenden Abbau zu
möglichst geringen Kosten zu erzielen. W r wollen
zusammenarbeiten, das Richtige tun und uns um
Umwelt und Weltwirtschaft gleichermaßen kümmern.

*

*

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�LANDWIRTSCHAFT

18. November 1998

Wiederaufnahme der multilateralen
Agrarverhandlungen
Rede von Botschafter Scher

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Sonderbotschafter für
Landwirtschaft, Peter L. Scher, am 29. Oktober 1998 vor dem Bundesverband des deutschen Groß- und
Außenhandels gehalten hat.

Ich möchte die amerikanische Perspektive zur
Wiederaufnahme der multilateralen Agrarverhandlungen, die im nächsten Jahr erfolgt, und zu den
Bestrebungen Europas zur Reform seiner Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) - besser bekannt als
Agenda 2000 - darlegen. Das sind äußerst wichtige
Themen, insbesondere für Deutschland, dessen
bevorstehende EU-Präsidentschaft absolut entscheidend sein wird. Das erfolgreiche Ergebnis jeder
einzelnen dieser Bestrebungen hängt vom Erfolg der
jeweils anderen ab. Es ist sehr schwierig, sich ein
positives Ergebnis der Verhandlungsrunde 1999
vorzustellen ohne den Erfolg der Agenda 2000 und
vice versa.
Ich möchte mit einem Argument beginnen, das viele
schwer anzunehmen finden. Das Argument lautet,
daß die Landwirte in Europa und in den Vereinigten
Staaten gleichermaßen Interesse an weiteren Handelsreformen als Ergebnis der Verhandlungen im Jahr
1999 und an substantiellen Reformen der GAP im
Rahmen der Agenda 2000 haben.
Die Landwirte in den Vereinigten Staaten und in
Europa produzieren für etablierte Binnenmärkte mit
wenig Wachstumspotential.
Unsere jeweiligen
Bevölkerungen machen nur einen kleinen Teil der
Verbraucher weltweit aus. Beispielsweise leben 96
Prozent der Verbraucher weltweit außerhalb der
Vereinigten Staaten. Obwohl der Prozentsatz für
Verbraucher außerhalb der EU etwas geringer ist,
bleibt die Tatsache bestehen, daß über 90 Prozent der
landwirtschaftliche Produkte kaufenden Verbraucher

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für die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
ausländische Verbraucher sind.
Die Welt wächst immer noch und nimmt jedes Jahr um
weitere 100 Millionen Menschen zu, und die Macht der
aufsteigenden Mittelschichten, Verbraucher mit
höheren Einkommen und den Mitteln zur Verlagerung
ihrer Konsummuster sind zur entscheidenden Triebkraft für die Märkte geworden.
In Indien wird es beispielsweise bis zum Jahr 2005
115 Millionen neue Angehörige der Mittelschicht
geben. In China, der wahrscheinlich am schnellsten
wachsenden Volkwirtschaft der Welt, wird es bis zum
Jahr 2005 196 Millionen neue Angehörige der Mittelschicht geben. Diese Verbraucher sind Kunden und
verkörpern einen boomenden potentiellen Markt für
Agrarprodukte.
Als der Kongreß vor zwei Jahren das bahnbrechende
Gesetz über Freiheit für die Landwirtschaft verabschiedete, trugen die Abgeordneten der Tatsache
Rechnung, daß die traditionelle amerikanische
Landwirtschaftspolitik einer Bindung staatlicher
Unterstützung an die Produktion und die Einführung
einer unbefristeten Verpflichtung zu staatlicher
Unterstützung die Märkte verzerrte. In der Debatte
über die Agenda 2000 sehe ich Parallelen - insbesondere im Kontext der Erweiterung der Europäischen Union um die osteuropäischen Länder - die
viele Politiker in Europa zwingen, die Notwendigkeit,
wenn nicht sogar die Unvermeidbarkeit substantieller
marktorientierter Reformen der GAP in Frage zu
stellen.

Seite 1

�I

Der Schlüssel zur Wiederherstellung der Einkommen in der Landwirtschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks sind nicht Handelshemmnisse und andere
handelsverzerrende Maßnahmen, die versuchen, die
Kosten landwirtschaftlicher Subventionen auf andere
Länder zu verlagern, sondern Zusammenarbeit, um
Zugang zu ausländischen Märkten zu erlangen.
Vorteile für die amerikanische Landwirtschaft
durch die globale Wirtschaft
Ich möchte an dieser Stelle kurz hervorheben, daß die
Forderungen der Vereinigten Staaten nach einer GAPReform und weiteren Agrarhandelsreformen nicht ein
Washingtoner Phänomen sind, sondern die grundlegende Erkenntnis der Bedeutung von Handel unter
amerikanischen Landwirten widerspiegeln.
Ich
komme regelmäßig mit amerikanischen Landwirten großer und kleiner Betriebe - zusammen, die ziemlich
hartnäckig Informationen über die von uns bei der
Öffnung ausländischer Märkte erzielten Erfolge haben
möchten.
Das ist der Fall, weil es keinen anderen Sektor der
amerikanischen Wrtschaft gibt, in dem die Verbindung
zwischen Handel und Wohlstand klarer ist als in der
Landwirtschaft. Die amerikanischen Landwirte und
Viehzüchter sind doppelt so abhängig vom Außenhandel wie die amerikanische Volkswirtschaft insgesamt, wobei die Exporte schätzungsweise 30
Prozent der Bruttoeinnahmen in Bargeld ausmachen.
Insgesamt ist jeder dritte Hektar der amerikanischen
landwirtschaftlichen Betriebe dem Export vorbehalten.
Nothilfe für die amerikanischen Landwirte
Ich weiß, daß viele von Ihnen an diesem Punkt
denken, Amerika sei nur an Marktreformen interessiert, wenn die Preise und Exporte hoch sind.
Wenn die Preise oder Exporte nachgeben, würden die
Vereinigten Staaten schnell dem Gesetz über Freiheit
für die Landwirtschaft den Rücken kehren und wieder
auf Subventionen zurückgreifen.
Ich muß ganz
entschieden sagen, daß das schlicht und einfach nicht
wahr ist.
Die Genehmigung von 6 Milliarden Dollar durch den
Kongreß als Nothilfe für die amerikanische Landwirtschaft stellt keinen Rückzug von den marktorientierten
Reformen des Gesetzes über Freiheit für die Landwirtschaft dar. Vielmehr reagieren die Administration und
der Kongreß von Fall zu Fall auf einen drastischen
Rückgang der landwirtschaftlichen Einkommen durch
verringerte Exporte aufgrund der asiatischen Finanzkrise und einer Reihe von Naturkatastrophen im
Inland. Die Hilfe steht voll und ganz im Einklang mit
unseren Verpflichtungen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) und wird die internationalen
Märkte nicht verzerren. Ich möchte Ihnen kurz ei-

Seite 2

ne Übersicht über die Komponenten des Hilfspakets
geben:
Ein ganzes Drittel des Hilfspakets (2,4 Milliarden Dollar) werden die Landwirte für Ernteverluste aufgrund von Katastrophen im Jahr
1998 und den vorherigen Jahren entschädigen.
Den Landwirten wird einmalig eine 50-prozentige Aufstockung der jährlichen Zahlungen im
Rahmen des Gesetzes über Freiheit für die
Landwirtschaft (3,1 Milliarden Dollar) zugesagt. Die Erhöhung der Zahlungen soll den
Landwirten beim Ausgleich der durch außergewöhnliche Konjunkturabschwünge wie in
Asien verursachten Exportverluste behilflich
sein.
Das Maßnahmenpaket sieht Nothilfefuttermittel (200 Millionen Dollar) für Viehzüchter
vor, die 1998 ihre Futterbestände aufgrund
von Katastrophen verloren haben.
Die Maßnahme sieht eine Reihe von Steuererleichterungen für Landwirte vor (im Wert
von 1 Milliarde Dollar).
Folgendes sieht das Hilfspaket nicht vor: Es stellt
keine Mittel für Exportsubventionen oder andere
handelsverzerrende Maßnahmen bereit. Die gesetzlich vorgeschriebenen Obergrenzen bei Vermarktungskrediten bleiben unverändert. Die Hilfe ist nicht
unbegrenzt. Diese Maßnahme reagiert auf akute
Schwierigkeiten der amerikanischen Produzenten, und
die Kosten werden vollständig von den Vereinigten
Staaten getragen. Sie hebt die Marktorientierung des
Gesetzes über Freiheit für die Landwirtschaft nicht
auf.
Das Gebot weiterer Handelsreformen
Obwohl die Uruguay-Runde ein bahnbrechendes
Abkommen für die Landwirtschaft war - es wurde
mehr getan, um den Agrarhandel zu liberalisieren und
die Landwirtschaft in das System einzubinden als in
allen vorherigen Runden zusammengenommen müssen wir uns bewußt machen, daß die Landwirtschaft noch viel tun muß, um ihre Reformen abzuschließen und vollständig in das Welthandelssystem integriert zu werden. Die Vereinigten Staaten
beabsichtigen, aktiv an der Gestaltung der Agenda
sowie am Umfang, Inhalt und Zeitplan der neuen
Agrarverhandlungen im nächsten Jahr durch die
WTO-Mitglieder mitzuwirken.
Während wir auf die Wederaufnahme dieser Verhandlungen warten, besteht unsere Herausforderung darin,
auf den Marktöffnungserfolgen der Uruguay-Runde

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�•

«

aufzubauen und ein Welthandelssystem zu schaffen,
das zur globalen Nahrungsmittelversorgung beiträgt.
Zu unseren Zielen zählen größerer Marktzugang,
Abbau und Abschaffung handelsverzerrender Subventionen, weitere Reformen bei inländischen Stützpreisen, Bereitstellung von Disziplinen für Staatshandelsunternehmen und die Nutzung der Vorteile
neuer Technologien durch die globalen Produzenten
und Verbraucher.
Exportwettbewerb. Exportsubventionen sind in den
WTO-Vorschritten für keine Industrie mit Ausnahme
der Landwirtschaft erlaubt.
Ihr Einsatz bewirkt
Handelsverzerrungen, und sie sind symptomatisch für
ein Ungleichgewicht in der Agrarpolitik eines Landes,
das innenpolitisch behoben werden muß. Die Kosten
innenpolitischer Entscheidungen sollten von dem Land
getragen werden, das sie trifft und nicht seinen
Handelspartnern durch Exportsubventionen aufgehalst
werden. Wir sollten uns bei den Verhandlungen 1999
auf die Definition von Exportsubventionen und die
Aufstellung eines Zeitplans für ihre schrittweise
Abschaffung konzentrieren. Exportsubventionen sind
in der Landwirtschaft ebenso abzulehnen wie in allen
anderen Industriezweigen, und es gibt keinen offensichtlichen Grund, sie beizubehalten.
Marktzugang. Beim Marktzugang müssen wir noch
sehr viel tun. Die Uruguay-Runde hat die Zölle zu
hoch festgesetzt.
Der durchschnittliche Zoll für
nichtlandwirtschaftliche

Die Weichen für echte Reformen sind gestellt. Öffnen
Sie die Märkte weiter und senken Sie bis zum Ende
der Übergangsperiode alle Zölle auf ein ausgehandeltes Minimum. Da die Zölle auf landwirtschaftliche Produkte 10 Mal so hoch sind wie auf nichtlandwirtschaftliche Produkte, benötigen wir eindeutig
umfassende Zollsenkungen, und die höchsten Zölle
müssen am meisten gesenkt werden.

i

Heimische Unterstützung. Die Vereinigten Staaten
unterstützen uneingeschränkt das Recht jeder Nation
auf Bestimmung des Ausmaßes landwirtschaftlicher
Förderung, das ihr angemessen erscheint. Wir
bestehen jedoch darauf, daß eine politische EntScheidung zur Stützung der Landwirtschaft nicht auf
politischen Instrumenten basieren sollte, die die
Kosten dieser Unterstützung auf andere Länder
abwälzen. In dieser Hinsicht ist es unerläßlich, daß
die 1999 beginnenden Verhandlungen zu einer
Trennung heimischer Unterstützung von heimischer
Produktion führen.

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Staatshandelsunternehmen können den Handel
verzerren und operieren oft im Geheimen. Das
Agrarhandelssystem hat durch WTO-Disziplinen bei
Staatshandelsunternehmen viel zu gewinnen, weil
diese einigen Ländern gestatten, Exporte auf der
Grundlage von Offenmarkttransaktionen zu unterbieten und Importe zu beschränken. W r wollen auf
unseren laufenden Bestrebungen in der WTO-Arbeitsgruppe für Staatshandelsunternehmen aufbauen,
damit wir auf diesem Gebiet aggressiv Fortschritte
machen können, wenn die Verhandlungen beginnen.
Die Biotechnologie beinhaltet für die Verbraucher und
Hersteller von Nahrungsmitteln und für die Umwelt
enorme Versprechen. Angesichts der Zunahme der
Weltbevölkerung um jährlich zwei Prozent sind jedes
Jahr 80 Millionen Menschen zusätzlich zu ernähren.
Schätzungen zufolge wird sich die weltweite Nachfrage nach Nahrungsmitteln innerhalb der nächsten 50
Jahre verdreifachen. Im Jahr 2030 werden in Asien
4,5 Milliarden Menschen leben, und der durchschnittliche tägliche Verbrauch an tierischem Eiweiß wird
sich nahezu vervierfachen und 60 Gramm betragen.
Die wachsende Mittelschicht in Lateinamerika und
anderen Ländern verlangt hochwertigere Kost.

Produkte liegt jetzt bei 4

Prozent, während der durchschnittliche Zoll für
landwirtschaftliche Produkte bei über 40 Prozent liegt
und die Zölle für einige Produkte 300 Prozent übersteigen.

i

Neue Themen. Obwohl die Uruguay-Runde wirksame Disziplinen in traditionellen Problembereichen
eingeführt hat, haben sich solche Disziplinen auf
einigen neuen Gebieten noch nicht durchgesetzt:

Wir müssen uns heute darauf vorbereiten, die Nachfrage von morgen nach Lebensmitteln zu befriedigen.
Die Biotechnologie kann uns dabei helfen, auf dem
gesamten Globus eine tragfähige Landwirtschaft bis
weit ins nächste Jahrhundert sicherzustellen.
Ich möchte mich zu zwei Punkten ganz deutlich
ausdrücken: Erstens respektieren wir das Recht jedes
Landes auf hohe Standards für Lebensmittelsicherheit. Auch wir nehmen dieses Recht für uns in
Anspruch, um die Sicherheit amerikanischer Lebensmittel zu gewährleisten. W r sind bereit, uns an
Normen für die Nahrungsmittelsicherheit zu halten, die
transparent sind, auf wissenschaftlichen Prinzipien
gründen und einen klaren und rechtzeitigen Genehmigungsprozeß für Biotechnologieprodukte vorsehen.
Zweitens haben wissenschaftliche Erkenntnisse und
Tests in den Vereinigten Staaten, der EU, Japan und
anderen Ländern gezeigt, daß Produkte, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten oder daraus
hergestellt wurden, sicher und gesund sind.
Wir sind uns bewußt, daß die Sorge der Öffentlichkeit
über die Nahrungsmittelsicherheit den Genehmigungsprozeß für Biotechnologieprodukte innerhalb der
EU überschattet. Diese Sorge wird noch durch den
Mangel an einem etablierten institutionellen Über-

Seite 3

�prüfungsprozeß auf EU-Ebene verstärkt, der eine
bessere Grundlage für öffentliche Sicherheit und das
Vertrauen in die Sicherheit dieser Produkte bieten
könnte. Dennoch müssen solide wissenschaftliche
Erkenntnisse die Richtlinie für die Gewährleistung von
Nahrungsmittelsicherheit bieten.
Es gibt hierzu
einfach keine Alternative.
Darüber hinaus müssen wir zusammenarbeiten um
sicherzustellen, daß die potentiellen Vorteile neuer
Technologien nicht im Labyrinth restriktiver und
überflüssiger Bestimmungen verloren gehen. Im
Gegenteil: Wenn wir die Vorteile der Biotechnologie
nicht nutzen, gehen wir das Risiko ein, daß sich das
unverhältnismäßig auf die ärmsten Nationen der Welt
auswirkt.
Die Debatte über die EU-Agrarreform ist entscheidend für die Verhandlungen 1999
Obwohl viele Beobachter in den Vereinigten Staaten
und weltweit die für 1999 anberaumten Verhandlungen als größte Chance für echte Reformen betrachten, könnte eine weitere Handelsliberalisierung
großenteils vom Ergebnis der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU abhängen.
Obwohl die GAP eine wichtige, definierende I nstitution
der frühen europäischen Integration war, ist sie immer
sehr teuer gewesen und bleibt es auch.
Die
MacSharry-Reformen waren ein Anfang, aber neue
Herausforderungen machen die Kosten einer veralteten Agrarpolitik noch offensichtlicher. Abgesehen
von den wohl bekannten Kosten für Steuerzahler und
Verbraucher zahlt eine vierköpfige Durchschnittsfamilie in Europa Schätzungen der OECD zufolge
jährlich 1.500 Dollar mehr für Lebensmittel, weil durch
die GAP die Preise künstlich hoch gehalten werden.
Man könnte sagen, daß diese Kosten nur Europa
etwas angehen und die Zukunft der GAP eine ausschließlich europäische Angelegenheit ist. Aber das
ist einfach nicht wahr. Die GAP überträgt von Natur
aus und durch ihre Funktionsweise ihre Kosten auf
das Welthandelssystem sowie die landwirtschaftlichen
Produzenten und Exporteure auf der ganzen Welt,
indem sie den Welthandel verzerrt.
Agrarexportnationen, viele von ihnen Entwicklungsländer, sehen sich der doppelten Frustration gegenüber, nicht auf den teuren europäischen Markt
exportieren zu können, während die von der EU
subventionierten Exporte die Preise weltweit drücken.
Am Vorabend der für 1999 anberaumten Verhandlungen sieht sich Europa überzeugenden Argumenten
von vielen Seiten für echte Reformen der GAP
gegenüber - Reformen, die mutig genug sein müssen,
um die EU-Landwirtschaft marktorientiert zu gestalten.

Seite 4

Heute zwingen Prognosen eines wachsenden Getreidebergs, von der WTO verhängte Beschränkungen
heimischer Stützungen und Exportsubventionen sowie
die drohenden Kosten des Beitritts der Agrarländer
Osteuropas zu weiteren Reformen. Zahlreiche interne
Studien der EU-Kommission fordern Reformen.
Obwohl die Agenda 2000 einige positive Schritte
unternimmt, indem sie auf größere wirtschaftliche
Effizienz abzielt, warne ich vor kleinen, zaghaften
Schritten. Produzenten, Verbraucher und Händler von
Agrarprodukten können nur profitieren, wenn Entscheidungen als Reaktion auf Signale des Marktes
und nicht auf das Diktat staatlicher Programme
getroffen werden. In dieser Hinsicht sind noch
entschiedenere Schritte zur Trennung staatlicher
Stützungsmaßnahmen von spezifischen Produktionsund Anbauflächenerfordemissen notwendig. Eine
echte Marktorientierung verlangt mutige neue Schritte
zur Abschaffung von Preisstützungen, Produktionsund Exportsubventionen sowie allen im Zusammenhang mit der Produktion stehenden Einkommensstützungen.
Schlußbemerkung
Ebenso wie die amerikanische Zusammenarbeit mit
Europa bei Sicherheitsfragen in der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg die Grundlage für den Frieden
schuf, stellen die Handelsbeziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU die Verankerung für
das internationale Handelssystem seit der Einführung
des GATT 1948 dar. In den 50 Jahren seit der
Gründung des GATT war die Welt Zeuge unglaublicher Vorteile durch sukzessive, kooperative Bestrebungen zur Liberalisierung des multilateralen Handels.
Das Agrarabkommen der Uruguay-Runde wurde erst
möglich, nachdem die Vereinigten Staaten und die EU
gemeinsam ein Abkommen über die Parameter der
Agrarreform erzielt hatten.
Die Agrarhandelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union sind
mehr als ein hoch entwickeltes ökonomisches Unterfangen. Sie befassen sich mit der Führungsrolle der
weltweit größten Agrarproduzenten und -händler.
Eine Führungsrolle, die die Weltmärkte öffnet. Eine
Führungsrolle, die die Institutionen des Welthandelssystems respektiert und unterstützt. Eine Führungsrolle, die weltweite Nahrungsmittelsicherheit gewährleistet und den Hunger auf der Welt bekämpft. Eine
Führungsrolle, die die öffentliche Gesundheit durch
eine Lebensmittelversorgung auf der Grundlage
wissenschaftlicher Prinzipien schützt, die transparent
sind und einheitlich durchgesetzt werden.
Eine
Führungsrolle, die aufklärt, anstatt die Ängste der
Öffentlichkeit zu schüren.

AMERIKA DIENST 23

�Während wir uns auf das nächste Jahrhundert
vorbereiten, wird eine marktorientierte europäische
Agrarpolitik uns gestatten, gemeinsam die steigende
Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu befriedigen und

den Produzenten in den Vereinigten Staaten und
Europa erlauben, fair miteinander zu konkurrieren.
Das wäre eine gute Nachricht für das Welthandelssystem.

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AMERIKA DIENST 23

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                <text>&lt;strong&gt;1. Aus der medizinischen Forschung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fetalentwicklung und angeborene Krankheiten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Massenuntersuchungen in den USA zur Klärung der Ursachen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die Welt der Frau&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Immer mehr Frauen in verantwortlichen Regierungsstellen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue statistische Erhebungen über Frauenarbeit im Öffentlichen Dienst der USA&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Von Kunst und Künstlern&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kontroversen um Wrights letztes Bauwerk&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ein Gang durch die erste Ausstellung moderner Kunst im Solomon-Guggenheim-Museum, New York&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Von Norman Smith&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Liste der Feiertage - Gedenktage - Jahrestage 2960&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Anhang&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eisenhower: Frieden oder Vernichtung liegen in unserer Hand&amp;nbsp;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Wortlaut der Rede des Präsidenten in Neu-Delhi vom 10. Dezember 1959&lt;/em&gt;</text>
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