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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

18. September 1991

37

KSZE

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG FÜR
SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS
DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die
Menschliche Dimension

MENSCHENRECHTE

VIELE LANDER VERLETZEN IMMER NOCH
MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell

:

BIOLOGISCHE WAFFEN

KONFERENZ KANN REGIME FÜR BIOLOGISCHE
WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman

AMERIKA HEUTE

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�KSZE
18. September 1991

BAKER FORDERT UNTERSTÜTZUNG
FÜR SOWJETISCHE DEMOKRATISIERUNG
Rede des US-Außenministers bei der KSZE
MOSKAU - (AD) - In seiner Rede bei der KSZE in Moskau erklärte US-Außenminister Baker am 11. September
1991, der Westen werde das sowjetische Volk in seinem Bestreben zum Aufbau von Demokratie und freien
Marktwirtschaften unterstützen. Baker erklärte, seine Botschaft an alle Bürger und Politiker der Sowjetunion sei
einfach: "Der Mut, den Sie im August bewiesen haben, muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer
und wirtschaftlicher Freiheit festigen."
Bush forderte die Sowjets auf, fünf Grundprinzipien zu folgen:
die Zukunft der Sowjetunion friedlich und im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahrensweisen
zu gestalten,
bestehende innere und äußere Grenzen zu achten,
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu unterstützen,
Menschenrechte zu achten, auf der Basis von Respekt für den einzelnen und einschließlich der
Gleichbehandlung von Minderheiten,
Wahrung des Völkerrechts und internationaler Verpflichtungen, insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta.
Nachfolgend veröffentlichen wir Außenminister Bakers Rede im Wortlaut.

*
«.

Als ich vor etwa einem Jahr beim KSZE-Treffen in
Kopenhagen sprach, erblickte ich um mich herum das
sich verändernde Gesicht Europas. Am Tisch versammelt waren Vertreter aus einer sich reformierenden
Sowjetunion, aus beiden zwei Monate vor ihrer Vereinigung stehenden Teilen Deutschlands und aus den
neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas.
In den letzten Monaten ist die Umwandlung Europas
ohne Unterlaß fortgeschritten. Die schwierige Aufgabe der Konsolidierung von Demokratie und Einführung
der Marktwirtschaft wird in ganz Mittel- und Osteuropa
zunehmend gelöst. Deutschland ist vereinigt, und
Albanien hat sich geöffnet. Estland, Lettland und
Litauen, die vor fünfzig Jahren gewaltsam ihrer Unabhängigkeit beraubt worden waren, konnten schließlich
ihren rechtmäßigen Platz in unserer Mitte einnehmen.
Aber nicht alle Veränderungen in Europa sind so
friedlich verlaufen. Wir sind nach wie vor tief betrübt
und besorgt über das tragische Blutvergießen in Jugoslawien. Denjenigen, die auf Bedrohung oder Einsatz
von Gewalt bestehen, sagen wir: Dies bringt keine

AMERIKA DIENST 37

Ehre, keine dauerhaften Vorteile, keine Zukunft. Sie
können Wohlstand und Sicherheit für Ihr Volk nicht mit
Gewalt erreichen. Sie können nur einen Sturm von
Elend, Aufruhr und Verlust ernten.
Ich möchte allen Teilnehmern eindeutig erklären - vor
allem der serbischen Führung und der jugoslawischen
Bundesarmee -, daß sie sich mit jedem Einsatz von
Gewalt immer weiter vom neuen Europa isolieren und
die Kosten für ihr Volk über die gegenwärtige ernste
Wirtschaftskrise hinaus erhöhen. Wir bezweifeln, daß
die Völker Jugoslawiens den hohen Preis des politischen und wirtschaftlichen Exils tatsächlich bezahlen
wollen. Gemeinsam mit anderen KSZE-Mitgliedern
bekräftigen wir voll und ganz unsere Unterstützung für
die anhaltenden Bestrebungen der Europäischen
Gemeinschaft, einen echten Waffenstillstand und
politische Schlichtung zu erzielen. Wir fordern alle
Teilnehmer auf, den Abgrund der Gewalt zu verlassen,
in den sie in jüngster Zeit abgestiegen sind und die
Gelegenheit für den Frieden zu ergreifen. Der Rest
Europas bewegt sich in Richtung auf politische und
wirtschaftliche Freiheit.

Seite 1

�Leitlinien für demokratische Maßnahmen
Niemand schreitet energischer voran als die Völker der
Sowjetunion. Für die Völker dieses Landes ist tatsächlich das Zeitalter der Demokratie angebrochen. Und
gemeinsam mit Ihnen freut sich das amerikanische
Volk über diese Entwicklung. Hier in Moskau atmen wir
den warmen Wind der neugewonnenen Freiheiten.
Wir sollten uns jedoch darüber im klaren sein, daß
schwierige Wintermonate vor uns liegen und der Frühling noch fem ist.
Die Menschen in diesem großen Land stehen in den
nächsten Wochen und Monate vor großen Herausforderungen. Aber zum ersten Mal nach Jahrzehnten der
Diktatur und Planwirtschaft weiß jeder einzelne Bürger, da ß er allein alle wichtigen Entscheidungen treffen
muß. Jeder Bürger der Sowjetunion hat jetzt die
einmalige Chance, selbst über sein Schicksal zu bestimmen. Wie die Menschen in diesem Land sich den
kommenden Herausforderungen stellen werden, wird
sicherlich Beweis dafür sein, wie stark ihr Engagement
für demokratische Werte ist. Der Umfang, die Tragweite und die Konsequenzen der von den Bürgern
dieses Landes jetzt getroffenen Entscheidungen sind
in der Tat einmalig. Aber bei ihrer Gestaltung der
Zukunft stehen sie nicht ohne Leitlinien oder ohne
Maßstab für die übernommene Verantwortung da.
In dieser Zeit der Veränderungen in allen Bereichen
des Lebens in der Sowjetunion sollten wir diese Gelegenheit ergreifen, um uns an alle Bürger und Politiker
der Sowjetunion zu wenden. Meine Botschaft ist
einfach: Der Mut, den Sie im August bewiesen haben,
muß anhalten und sich nunmehr in dauerhafter politischer und wirtschaftlicher Freiheit festigen. Bei Ihrer
Arbeit am Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaft
wird Ihnen der Westen zur Seite stehen. Der Weg von
Ihnen ist vorgezeichnet durch dauerhafte Grundsätze
und allgemeine demokratische Prinzipien, die Ihnen
helfen, die Herausforderung der Veränderungen friedlich und rechtmäßig zu bewältigen.
Ich fordere Sie insbesondere auf, sich von fünf Grundprinzipien leiten zu lassen.
Erstens ist es wichtig, daß Sie die Zukunft dieses
Landes friedlich gestalten, im Einklang mit demokratischen Werten und Verfahren sowie den Prinzipien der
Schlußakte von Helsinki. Wenn Ihre Zielsetzung eine
erfolgreiche Demokratie ist, werden Sie genau das tun.
Einschüchterung, Illegalität und Gewalt sind nicht Helfer
der Demokratie sondern Vorboten der Diktatur. Ebenso wie Sie die Panzer niedergezwungen haben, sollten
Sie diesem Übel der Intoleranz ins Auge blicken.
Zweitens fordern wir alle auf, bestehende innere und
äußere Grenzen zu respektieren. Jede Veränderung
der Grenzen sollte nur rechtmäßig mit friedlichen
Mitteln des Konsens und im Einklang mit den Prinzi-

Seite 2

pien dieser Institution vorgenommen werden. Die
jüngst von einigen Republiken getroffenen Vereinbarungen unterstreichen diesen Grundsatz. Die Alternative wäre eine Spirale der Instabilität. Autarkie, Abstecken des Terrains und die Androhung des Einsatzes von Gewalt für territoriale Gewinne können keine
legitimen Elemente der neuen euro-atlantischen
Gemeinschaft sein. Die Geschichte Europas ist nur
allzu voH von Beispielen, wie ein solch unverantwortliches Verhalten auf diesem Kontinent ungeheures Leid
angerichtet hat.
Drittens fordern wir nachdrücklich Unterstützung für
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Wir fördern friedliche Veränderungen lediglich durch ordnungsgemäße
demokratische Verfahren, insbesondere Wahlen. Dr.
Sacharow hat oftmals erklärt: Demokratische Mittel
sind der einzige Weg zur Demokratie. Das KSZE-Büro
für freie Wahlen, von dem wir hoffen, daß es bald ein
Büro für demokratische Institutionen wird, kann bei
diesen Bestrebungen eine konstruktive Rolle spielen.
Viertens fordern wir Sie auf, Menschenrechte zu achten, auf der Basis des Respekts für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten. In einer erfolgreichen pluralistischen Gesellschaft
- und ganz sicher in einem multinationalen System befindet sich jeder Bürger zu einer bestimmten Zeit
oder im Hinblick auf ein bestimmtes Thema einmal in
der Minderheit. Thomas Jefferson hat vor 200 Jahren
bei seinem Amtsantritt folgendes gesagt: Obwohl der
Wille der Mehrheit in allen Fällen zum Tragen kommen
muß, muß dieser Wille um seiner Rechtmäßigkeit
willen vernünftig sein. Die Minderheit besitzt das
gleiche Recht, das Gesetze schützen müssen. Verletzungen wären Unterdrückung. Im Einklang mit in
Kopenhagen und Genf eingegangenen Verpflichtungen müssen Politiker auf allen Regierungsebenen den
Haß gegenüber Rassen und Minderheiten, Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Diskriminierung sowie
die Verfolgung aufgrund von Religion oder Ideologie
ausdrücklich verurteilen.
Fünftens möchten wir Sie auffordern, das Völkerrecht
und internationale Verpflichtungen zu respektieren,
insbesondere die Einhaltung von Bestimmungen der
Schlußakte von Helsinki und der Pariser Charta. Dies
wird Sie am besten auf den Beitritt zum demokratischen Staatenbund vorbereiten. Das Recht der Mitgliedschaft in diesem Staatenbund ist kein Amt, das
mit Macht verbunden oder geographisch bestimmt ist.
Es ist ein Bund von Werten - gemeinsamen Werten.
Die fünf Prinzipien verkörpern diese gemeinsamen
demokratischen Werte. Sie repräsentieren den Weg
in Richtung auf eine neue Zukunft, auf die Vollmitgliedschaft im demokratischen Staatenbund. Deshalb möchte
ich heute hier in Moskau die Forderung wiederholen,
die ich bereits vor einer Woche aufgestellt habe: Ich

AMERIKA DIENST 37

�fordere alle Politiker auf allen Regierungsebenen auf,
ihre Unterstützung für diese fünf Prinzipien zu bekunden. Darüber hinaus fordere ich alle KSZE-Mitglieder
auf, dasselbe zu tun.

Aus diesem Grund erachtet es meine Regierung als
unabdingbar, daß wir die durch dieses Moskauer Treffen
gebotene Möglichkeit einer gründlichen Überprüfung
der Verwirklichung voll und ganz nutzen.

Die KSZE ist nicht durch Panzer geteilt. Statt dessen
verfügen wir über die moralische Autorität, die sich aus
Prinzipien wie diesen ergibt. Wir konnten auf den
Straßen dieser Stadt vor drei Wochen beobachten,
daß Menschen, die mit Prinzipien bewaffnet sind,
Panzer überwinden können.

Insbesondere hoffen wir, daß bei diesem Treffen der
vom mir im Juni in meiner Berliner Rede unterbreitete
Vorschlag verabschiedet wird, das Büro für freie Wahlen
zu einem Büro für demokratische Institutionen zu
erweitern. Darüber hinaus würden wir die Verabschiedung unseres Vorschlags zur Stärkung des Mechanismus der menschlichen Dimension begrüßen, damit die
KSZE Menschenrechtsfragen besser lösen kann, auch
diejenigen, die nationale Minderheiten betreffen. Unser
Ansatz sieht die Schaffung eines Schlichtungsgremiums vor, mit dem der KSZE größere Möglichkeiten
und Flexibilität zur Bewältigung der vordringlichsten
Probleme verliehen wird.

Diese Prinzipien sind nicht nur Leitlinien, sondern auch
Maßstäbe für übernommene Verantwortung. Die
Verfechter dieser Prinzipien sollten wissen, daß sie die
einzig sichere Basisfür unsere Unterstützung und Hilfe
aufbauen - ein gemeinsames Band, das durch dauerhafte Werte gefestigt wird. Diejenigen, die diesen
Prinzipien keine Beachtung schenken, die unverantwortlich die Rechte anderer mit Füßen treten während
sie ihre eigenen Pflichten vernachlässigen, sollten
eines wissen: sie riskieren gute Beziehungen und
Unterstützung von außen, wenn ihr Vorgehen die
Grundregeln unterminiert, auf denen Demokratie und
die KSZE basieren.
Das Moskauer Treffen über die menschliche Dimension
Ich möchte mich nunmehr der Tagesordnung dieses
Treffens zuwenden. Das Treffen in Moskau ist keine
Gelegenheit, sich ständig selbst auf die Schulter zu
klopfen. Diejenigen, die den Staatsstreich erfolgreich
niedergeschlagen haben, wissen nur allzugut, daß
Achtung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und
demokratische Verfahren hier in der Sowjetunion erst
noch vollständig Fuß fassen müssen. Es kann keine
deutlicheren Hinweise geben, wie gut dies verstanden
wird, als die Tatsache, daß eine der ersten Maßnahmen des Außerordentlichen Kongresses der Volksdeputierten die Verabschiedung einer Erklärung über
Menschenrechte und Grundfreiheiten war - die erste
Erklärung dieser Art in der Geschichte der Sowjetunion.
Auch in Mittel- und Osteuropa wird die harte Arbeit an
der Demokratie fortgesetzt. Auch hier besteht die
größte Herausforderung für Bürger und Regierungen
gleichermaßen in der Verwirklichung der KSZE-Verpflichtungen zur menschlichen Dimension.
Seit zwei Jahrhunderten messen wir Amerikaner der
Umsetzung unserer Bill of Rights in die tägliche Praxis
höchste Priorität bei, und wir wissen, daß gute Absichten und hehre Worte auf Pergament - obwohl sie ein
ausgezeichneter Anfang sind - nicht die Demokratie
ausmachen. Demokratie leitet ihre Existenz vom
Bürger ab. Entsprechend ist der KSZE-Prozeß nur so
bedeutsam wie die positiven Auswirkungen, die er auf
das Leben unserer Völker haben kann.

AMERIKA DIENST 37

Im Juni habe ich in Berlin ferner größeres Engagement
der KSZE vorgeschlagen, um die Umstrukturierung
der Rüstungsindustrie voranzubringen und die potentiellen Migrationsprobleme in Europa in den Griff zu
bekommen. Wir sehen einer Erörterung dieser Vorschläge gerne entgegen und hoffen, Fortschritte bei
konkreten Maßnahmen in diesen Bereichen erzielen
zu können.
Wir sind uns bewußt, daß es kein Patentrezept zur
Umsetzung demokratischer Prinzipien in die Praxis
gibt, das für alle Zeiten, Orte, Menschen und unter
allen Umständen gültig ist. Durch die vernünftige und
entschlossene Suche nach Lösungen von Bürgern
und ihren gewählten Vertretern erhalten Demokratien
jedoch Reife und Legitimität in den Augen ihrer Bürger
und der internationalen Staatengemeinschaft.
Helden unserer Zeit
Diese Suche wurde vor drei Wochen ernsthaft begonnen. Es ist eine Suche, bei der wir alle Worte der tiefen
Anerkennung für abwesende Verfechter der Menschenrechte und für diesen Prozeß zum Ausdruck
bringen müssen. In ihrem Poem Wlthout a Hero hat
die große russische Dichterin Anna Aichmatowa die
tiefgreifenden Ereignisse ihrer Zeit nachvollzogen, als
es ihr bestimmt war, Revolution, Bürgerkrieg, Terror
und Invasion zu erleben. Das Gedicht beginnt am
Vorabend des Ersten Weltkriegs, 1913 - dem ersten
Jahr dessen, das Aichmatowa "nicht als den Kalender
sondern das echte 'zwanzigste Jahrhundert'" bezeichnet - ein Jahrhundert des Aufruhrs und menschlicher
Tragödien ungekannten Ausmaßes. Zwangsläufig
endet das Gedicht melancholisch.
Leider lebte Aichmatowa nicht lange genug, um das
Zeitalter der Demokratie in ihrem leiderprobten Heimatland mitzuerleben. Und auch zahllose Millionen
konnten es nicht mehr erleben, für die ihre Gedichte
Zeugnis menschlichen Leidens und der Würde des

Seite 3

�menschlichen Geistes sind. Sie kamen zu spät für die
11 Helsinki-Beobachter, die in sowjetischen Gefangenenlagern oder ausländischem Exil umkamen und vor
ihrem Tod lange Jahre der Verfolgung für die Verteidigung der Menschenrechte erdulden mußten. Es kam
auch für Sacharow und für die drei jungen Männer zu
spät, die erst letzten Monat bei der Verteidigung der
demokratischen Prinzipien der Menschen gegen Panzer
ihr Leben ließen. All diese mutigen Männer und
Frauen haben die Ankunft der Demokratie beschleunigt. Sie sind die wahren Helden unserer Zeit.

Mut und ihren Opfern gerecht wird. Gemeinsam
können wir einen wertvollen Beitrag zur Konsolidierung der Demokratie für die Menschen in der Sowjetunion und ganz Europa leisten. Durch unsere Bestrebungen können wir dazu beitragen, 1991 zum ersten
echten Jahr des 21. Jahrhunderts zu machen - einem
Jahrhundert, das, so hoffen wir, einem neuen Europa,
einem neuen AtJantizismus und einer neuen auf menschliche und demokratische Werte, florierende Marktwirtschaften und friedliche internationale Beziehungen
gegründeten Weltordnung den Weg bereiten wird.

Ich denke, es ist nur angemessen, wenn ich diese
Ausfühlungen heute mit dem Appell abschließe, daß
unsere Arbeit hier in Moskau ihren Hoffnungen, ihrem
* *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 37

�KSZE
18. September 1991

KAMPELMAN: WACHSENDE BESORGNIS DER KSZE
Rede bei der Konferenz über die Menschliche Dimension
MOSKAU - (AD) - Der Leiter der US-Delegation bei der KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension,
Botschafter Max Kampelman, erklärte, "die Veränderungen in Europa haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die (...) Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervorbringen. Sie erinnern uns an die
alten schrecklichen Tage, die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und
Diplomaten in Europa und Nordamerika."
Kampelman würdigte die "kontinuierlichen und erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von Helsinki
während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens", und verwies in seiner Rede beim Moskauer Treffen am 16.
September 1991 auf die neue wachsende Besorgnis der KSZE-Länder.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Kampelmans Rede im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
es ist verständlich, daß unsere Minister - und auch wir
- eine tiefe Befriedigung über die kontinuierlichen und
erfolgreichen Errungenschaften der Schlußakte von
Helsinki während der kurzen 16 Jahre ihres Bestehens
empfinden. Die Worte, die diese Räume in der ersten
Woche unserer Zusammenkünfte erfüllen, haben diesen Leistungen und dem Wendepunkt der Geschichte,
der uns hierher geführt hat, Tribut gezollt. Dieses Land
und diese Stadt verkörpern heute das unermüdliche
Bestreben, die Unterdrückung des Menschen zu beenden und die Stärke, Vitalität und Widerstandskraft
von Demokratie und menschlicher Würde anzuerkennen.
Ich möchte heute nachmittag hier nicht die Worte
wiederholen oder mit den Reden wetteifern, die wir
gehört haben. Ich möchte auch nicht unsere Befriedigung und unser berechtigtes Eigenlob auf die Probe
stellen. Ich möchte vielmehr daran erinnern, daß es
neue und andere Empfindungen und Anliegen gibt, die
erkannt und geäußert werden müssen, wenn wir gegenüber uns selbst, unseren Hoffnungen und unserer
Aufgabe ehrlich sein wollen.
In einem Europa, das heute freier und demokratischer
ist, sind Freiheit und Menschenrechte allgemein als
unerläßlich für die Erlangung von Sicherheit und Stabilität anerkannt. Dennoch erfahren wir Qualen, Unruhen, Mißstimmungen und Teilung - die alle unser
Empfinden von Sicherheit und Stabilität untergraben.
Es ist, als ob unser Staatsgefüge zunehmende Qualen

AMERIKA DIENST 37

erleidet, ebenso wie der menschliche Körper Schmerz
empfindet, wenn er sich entwickelt und älter wird. Das
ist beunruhigend, unbequem und störend.
Die Veränderungen in Europa - vielfach positiv oder
ehrenvoll, oftmals auch destruktiv und bedrohlich haben Gefühle freigesetzt oder wiedererweckt, die
jahrelang künstlich oder rücksichtslos unterdrückt
wurden. Es sind diese destruktiven Gefühle, die uns
heute Anlaß zur Besorgnis geben. Sie bringen Feindschaft, Spannungen, Vorurteile, Haß oder Mord hervor. Sie erinnern uns an die alten schrecklichen Tage,
die wir zu vergessen hofften. Sie verursachen Besorgnis bei den Menschen und Diplomaten in Europa und
Nordamerika.
Die Gewalt in Jugoslawien hat bereits tiefgreifende
und wichtige Auswirkungen auf den KSZE-Prozeß und
die hier stattfindenden Beratungen. Die Politiker in
diesem unglücklichen Land, insbesondere in Serbien,
die für diese Gewalt verantwortlich sind, verursachen
einen Prozeß, der sie und ihre eigennützigen Ziele bald
in einer Art und Weise mitreißen wird, die außerhalb
ihrer Vorstellungskraft liegt. Ich stelle fest, daß Menschen und Diplomaten innerhalb der KSZE zunehmend verärgert und unsere politisch Verantwortlichen
zunehmend frustriert sind, weil sie Zeuge werden, wie
Menschen ihre Nachbarn in einem sinnlosen Ausbruch
von Gewalt mitten in unserereuropäischen Staatengemeinschaft umbringen.
Verantwortungsbewußte Politiker in Europa wollen,
daß es ihren Völkern gut geht und sie die Freiheit der
Seite 1

�Demokratie genießen. Sie wollen die von ihnen regierten Völker die wirtschaftlichen Früchte dessen ernten
lassen, was Menschen infolge der Revolutionen in
Wissenschaft, Kommunikation und Industrie erreicht
haben, die den Menschen ungeheure neue Möglichkeiten für ihre Erfüllung und ihren Wohlstand eröffnet
haben. Die veranwortungsbewußten Politiker von
heute haben hart und kreativ gearbeitet, um eine
europäische Staatengemeinschaft hervorzubringen,
die gewaltlos, integrativ und koordiniert ist und das
Leben der Menschen in ihr produktiv verbessert. Wir
können nicht zulassen, daß der archaische, engstirnige und gewalttätige Nationalismus in Jugoslawien die
jetzt schnell entstehende Ordnung mit ihrem Potential
zur Verwirklichung vieler unserer Hoffnungen bedroht.
Die Erfahrung in Jugoslawien dient als frühes Warnzeichen, daß Gewalt innerhalb der KSZE inakzeptabel ist
und nicht zugelassen oder geduldet werden darf.
Ich bin zuversichtlich, daß dieses Treffen ihre Entschlossenheit zum Ausdruck bringt, Schritte ins 21.
Jahrhundert zu unternehmen und nicht in ein finsteres
Zeitalter zurückzufallen. Wir werden das vorsichtig
tun, ohne auf irgendeine Weise die grundlegenden
Prinzipien der Integrität und des gegenseitigen Respekts zu gefährden oder zu unterminieren, die so
effektiv zu unserer Stärke beigetragen haben. Europa
muß sich energisch und kontinuierlich in Richtung auf
eine internationale Staatengemeinschaft bewegen, in
der unsere Länder und Kulturen ihre gemeinsamen
Werte und Reichtümer, ihre Traditionen und Erfahrungen zu einer Gesellschaft beitragen, in der die Würde
des Menschen betont wird.
Es gibt ein direkt damit zusammenhängendes Anliegen, das die Aufmerksamkeit dieses Gremiums verdient. Das Verschwinden des Kommunismus in diesem Land wird von allen begrüßt. Eine neue Struktur
der Regierung wird geschaffen. Unter enthusiastischer Zustimmung unserer Regierung und der anderen hier versammelten Länder wurde dadurch unsere
Zahl erhöht. Wir sind jetzt nicht mehr 35 sondern 38.
Das bringt uns jedoch auf den Gedanken, daß die Zahl
38 nicht das Ende des Prozesses darstellen könnte.
Was bedeutet das? Würde sich eine KSZE aus 40,45
oder noch mehr Mitgliedern nicht von einer KSZE mit
35 Mitgliedern unterscheiden? Würden weitere Zugänge eine Veränderung im Verhältnis untereinander,
im Ansatz, einem möglichen Sinneswandel und vielleicht beim Engagement bewirken? Wir müssen über
die Auswirkungen solcher potentiellen Herausforderungen ernsthaft nachdenken.
Die Sowjetunion wird ein anderes Land mit einer neuer
politischen Definition. Die konstruktiven und stimulierenden Ansprachen von Präsident Gorbatschow, vom
Präsidenten der russischen Republik Jelzin und Außenminister Pankin, die wir vergangene Woche in
diesem Saal vernommen haben sowie die Zusammensetzung der sowjetischen Delegation haben uns mit

Seite 2

einer gewissen Aufregung erfüllt, weil wir einen echten
und entschlossenen Schritt in Richtung auf Demokratie in diesem großen Land beobachten. Die Menschen
und Regierungen dieses Landes bewegen sich mit
Riesenschritten vorwärts, aber wir müssen erkennen,
daß es sich dabei um Riesenschritte ins Unbekannte
handelt.
Man kann es wohl als tragisch bezeichnen, daß die
Zentralregierung derSowjetunion so rücksichtslos und
brutal war. Die vielen Millionen, die nie die Möglichkeit
hatten, ihre nationalen, ethnischen und religiösen Traditionen und Hoffnungen auszudrücken und zu verwirklichen, fühlten sich dieser Zentralregierung völlig
entfremdet. Bei der ersten Gelegenheit - und diese
Gelegenheit ist jetzt - sind sie nur allzu bestrebt, sich
von dieser Zentralregierung loszusagen und stehen
ihrem veränderten Image skeptisch gegenüber. Das
ist verständlich, aber wenn die Republiken dieses
Landes größere Selbstbestimmung erreichen, werden
sie nicht die Gelegenheit verstreichen lassen, die
lebhaften Farben ihrer eigenen Kulturen zu einem
farbenprächtigen Regenbogen beizutragen, der sich
über das ganze Land erstreckt und den Himmel erhellt.
Die Völker der Sowjetunion haben diese Chance für
eine bessere Zukunft, wenn sie sich von den Fesseln
alter Haßgefühle und engstirniger Bigotterie befreien
können. Dieses Land kann zu "Vereinigten Nationalitäten in Miniatur" werden und der Welt ein Beispiel
geben.
Wir werden durch eine Reihe demokratischer Entwicklungen in den Republiken ermutigt. Das Parlament der
Ukraine hat nach seiner Unabhängigkeitserklärung
alle politischen Gefangenen freigelassen, und seine
Erklärung beinhaltet eine Klausel zum Schutz der
Rechte und Freiheiten aller Völker, die innerhalb der
Grenzen leben, nicht nur der Ukrainer selbst. Die
russische Republik liefert ständig dramatische Beweise ihres Engagements für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und politischen Pluralismus. Wir sind sehr
zuversichtlich, daß sie der Versuchung einer verordneten autoritären Regierung widerstehen kann. Moldawien und Armenien haben die wichtigsten internationalen Menschenrechtsdokumente verabschiedet und
ratifiziert. Darüber hinaus haben eine Reihe von
Republiken parlamentarische Menschenrechtsausschüsse gebildet und bilaterale Abkommen zum Schutz
der Rechte von Minderheiten geschlossen.
Wir dürfen jedoch nicht andere Faktoren außer acht
lassen, die uns Sorge bereiten. Wir können zum
Beispiel nicht glücklich über eine Wahl in Aserbaidschansein, wo der Wahlvorgang nur einen Präsidentschaftskandidaten hervorbringt. Wir lesen, daß Usbekistan repressive Maßnahmen gegen demokratische
Kräfte ergreift. Repression wird gegen politische Aktivisten in Weißrußland eingesetzt. Morde an Osseten
in Georgien sind weiterhin inakzeptable offensichtliche
Verletzungen der KSZE-Bedingungen. Tatsächlich

AMERIKA DIENST 37

�scheinen die unerklärlichen Stellungnahmen des
georgischen Regierungschefs die Kernpunkte der KSZEPrinzipien über ethnische Minderheiten herauszufordern. Die Beschränkungen fundamentaler Freiheiten,
sogar der lokalen Bevölkerung Georgiens steht im
Gegensatz zu all dem, was wir mit der Unterzeichnung
der Pariser Charta zu erreichen hofften.
Zunehmende Gewalt verbunden mit Ausweisungen
und Verfolung von Armeniern in Nagomy-Karabach
haben zu einem Aufschrei von Menschenrechtsgruppen in meinem Land und andernorts geführt. Meine
Regierung steht hinter diesem heftigen Protest. Wir
nehmen die Kommentare des Außenministers von
Aserbaidschan vom sowjetischen Sitz in dieser Versammlung zur Kenntnis, sie rechtfertigen jedoch in
keiner Weise die zunehmende Gewalt. Wir verurteilen
alle Gewalt in der Region und fordern die Parteien auf,
von allen Aktionen abzusehen, die zur Verschärfung
dieser Krise beitragen. Wenn die Parteien Teil von
Europa werden wollen, müssen sie die Streitigkeiten
auf dem Verhandlungswege und nicht durch bewaffnete Gewalt - weder auf lokaler noch auf Ebene der
Zentralregierung - lösen.
Wir sind uns ferner bewu ßt, daß keine der Republiken
ethnisch homogen ist. Wir wissen beispielsweise, daß
rund 30 Millionen Russen außerhalb Rußlands in diesen Republiken leben, und ihre Menschenrechte müssen
respektiert werden. Das Problem der Flüchtlinge im
Inland und ihrer häufig erlittenen Diskriminierung verschärft sich. Wir sind uns bewußt, daß die Tradition
der Menschenrechte in einer Reihe von Republiken
keine tiefen Wurzeln hat. Wir fragen uns daher, ob die
Auswanderungspolitik national gehandhabt oder auch
auf der Ebene der Republiken wirksam wird. Bei der
sowjetischen Auswanderungspolitik konnten entschiedene Verbesserungen beobachtet werden, auch wenn
die neue Gesetzgebung in einigen Bereichen noch
unzulänglich ist. Können wir davon ausgehen, daß die
Republiken diese und andere Prinzipien und Werte
des Helsinki-Prozesses respektieren?
Wir hoffen, daß die neue Landkarte der ehemaligen
Sowjetunion bald fest umrissen sein wird, ich gehe
jedoch davon aus, daß es Zeit erfordern wird, bis die
Linien endgültig gezogen sind. Sobald die Euphorie
der Unabhängigkeit in die richtige Perspektive gerückt
ist, muß diese Energie und Kreativität in eine nüchterne Konfrontation mit wirtschaftlichen und politischen
Realitäten münden. Die neue politische Identität dieses Landes muß in seinem wie auch in unserem
Interesse mit dem übrigen Europa beim Streben nach
wirtschaftlicher Integration und politischer Koordination sowie der Unterstützung unserer gemeinsamen
Werte gleichziehen, wie sie in den historischen Dokumenten der KSZE verankert sind.
Es ist angemessen, daß diese und andere bei diesem
Treffen abgegebene Erklärungen sich auch auf die
Entwicklungen in diesem Land konzentrieren. Das
AMERIKA DIENST 37

Thema wurde uns vom Präsidenten der Sowjetunion in
seiner Eröffnungsansprache vor unseren Delegationen vorgegeben. Unsere offiziellen und inoffiziellen
Diskussionen sind jedoch über diesen Rahmen hinausgegangen. Wir haben eine konstruktive Bestandsaufnahme vorgenommen, wie unsere in Helsinki, Wien
und Kopenhagen eingegangenen und anderen Verpflichtungen zur menschlichen Dimension eingehalten
wurden und blicken jetzt voll Hoffnung in die Zukunft.
Eine Reihe der hier anwesenden Delegationen haben
die beachtlichen Fortschritte zur Demokratie festgestellt und gewürdigt, die Bulgarien in den vergangenen
zwei Jahren erzielt hat. Es gibt zahlreiche Beweise,
daß die bulgarische Regierung entschlossen ist, diesen schwierigen Weg zu einer fest verankerten Demokratie zu Ende zu gehen. Gleichzeitig stimmen wir
denjenigen zu, die mit Besorgnis die neuen verfassungsmäßigen Bestimmungen Bulgariens zur Kenntnis genommen haben, die auf ethnische oder religiöse
Zugehörigkeit gegründete politische Gruppierungen
verbieten. Wir bringen diese Besorgnis zusammen mit
unserer Würdigung der konstruktiven Beiträge der
bulgarischen Delegation zu unserer Debatte zum
Ausdruck. Die nächsten Wahlen in Bulgarien finden
am 13. Oktober statt. Das Land hat immer noch Zeit,
seine KSZE-Verpflichtungen zu erfüllen, und wir sind
erfreut über die vom Leiter der bulgarischen Delegation artikulierten Schritte in diese Richtung.
Den Albanern im Kosovo werden immer noch ihre

Rechte vorenthalten, und wir sind weiterhin empört
über die Gewalt, die ihnen und ihren Rechten angetan
wird. Es gibt keine Rechtfertigung für die Entscheidung Serbiens, mit Gewalt zu herrschen. Damit wird
nur Haß und andauernde Gewalt geschürt. Es ist an
der Zeit für die serbische Führung, menschliche Züge
anzunehmen, damit sie ihr Volk über die Schwelle ins
21. Jahrhundert führen kann.
In zu vielen unserer Mitgliedstaaten beobachten wir
immer noch Antisemitismus und Intoleranz gegenüber
Zigeunern. In einem auf die Pariser Charta gegründeten Europa gibt es keinen Raum für diese empörenden
Demütigungen.
Am Freitag hat die türkische Delegation für uns eine
Bilanz der Bestrebungen ihrer Regierung zur Beendigung der Verletzung von Menschenrechten vorgenommen, die dort stattgefunden haben. Brutalität und
Folterungen durch die Polizei finden immer noch allzu
häufig statt. Diese und ähnliche Vorfälle der Gewalt
durch Aktionen oder Untätigkeit seitens der Regierung
fügen dem Ruf der Türkei in der internationalen Staatengemeinschaft unnötigen Schaden zu. In diesen
Tagen dramatischer Veränderungen und wachsender
Erwartungen hat die Türkei eine Chance, eine internationale Führungsrolle zu übernehmen. Die Vereinigten
Staaten haben in jüngster Ziet selbst Erfahrungen mit
der Brutalität der Polizei gemacht. Aus diesem Grund
waren wir erfreut über die zunehmenden Bestrebun-

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�gen der Türkei, ihre Polizisten zu Seminaren und
anderen Fortbildungsmaßnahmen zu entsenden, damit
die Polizei ihre Verantwortung in einer demokratischen
Gesellschaft lernt. Darüber hinaus würden wir die
Verabschiedung der von der Regierung vorgeschlagenen Gesetzgebung begrüßen, den Zeitraum der Inhaftierung bei einer Festnahme von 15 auf 4 Tage zu
verkürzen und bei der Verhaftung das Recht auf einen
Anwalt zu garantieren. Dies steht im Einklang mit den
Kopenhagener Prinzipien.
Herr Vorsitzender, mit diesen Anliegen und den vor
Ihnen aufgezeigten Perspektiven setzt die amerikanische Delegation große Erwartungen in dieses Mos-

*

Seite 4

*

kauer Treffen. Wir werden alle Bestrebungen unterstützen, unsere gemeinsamen Ziele voranzubringen.
Wir fühlen uns außerordentlich ermutigt durch die
Erklärungen, die während dieser ersten der vier Wochen abgegeben wurden, die wir gemeinsam verbringen werden. Wir werden unsere Vorschläge unterbreiten und die Vorschläge anderer Delegationen gerne
unterstützen. Unser gemeinsames Ziel ist, ein Moskauer Dokument hervorzubringen, das auf seine Weise einen so historischen Beitrag leistet wie Kopenhagen es bei der Herstellung von Sicherheit und Stabilität
in allen Staaten bei Menschenrechten für all unsere
Völker getan hat.

* *

AMERIKA DIENST 37

�MENSCHENRECHTE
18. September 1991

VIELE LÄNDER VERLETZEN IMMER
NOCH MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafter Blackwell
GENF - (AD) - Dem US-Vertreter bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, Botschafter
Kenneth J. Blackwell, zufolge erkennen viele Länder zwar die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte an,
verwirklichen aber nicht ihre Grundsätze und Normen.
Die Welt ist nicht in Länder geteilt, die an Menschenrechte zu glauben vorgeben und in solche, die nicht daran
glauben, sondern "sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten".
Bei der Eröffnungssitzung des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993 geplante Weltkonferenz über Menschenrechte erklärte Blackwell am 10. September 1991, die Grundsätze der Menschenrechtserklärung seien
weithin anerkannt, "aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück". Die Herausforderung für die Konferenz
und in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen bestehe im 21. Jahrhundert darin, "wie die bereits
anerkannten Normen realisiert werden sollen".
Blackwell bekundete seine Hoffnung, daß die Konferenz die Funktionen bestehender Institutionen unterstützen
wird, etwa des Menschenrechtszentrums, "das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe bietet, deren Rechte
täglich verletzt werden".
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Blackwells Rede im Wortlaut.

Gestatten Sie mir, Ihnen zu Ihrer Ernennung als Vorsitzende des ersten Vorbereitungstreffens für die 1993
geplante Weltkonferenz über Menschenrechte zu
gratulieren. Die letzte Weltkonferenz fand 1968 in
Teheran statt. Einer der größten Verfechter der Freiheit in Amerika, Martin Luther King, wurde nur 20 Tage
vor Beginn dieser Konferenz ermordet. Die US-Delegation hatte Schwierigkeiten zu verstehen, wie so ein
Verbrechen insbesondere in einem Land möglich sein
konnte, das sich selbst als Wiege der Freiheit versteht.
Martin Luther Kings Tod hat uns nur allzu deutlich vor
Augen geführt, daß wir stets wachsam sein müssen
und in unserem Kampf zur Förderung der Rechte des
einzelnen - und der Souveränität der Menschheit nicht einen Augenblick die Hände in den Schoß legen
dürfen. Die Weltkonferenz 1993 gibt uns die Gelegenheit, uns erneut auf diese Rechte einzuschwören.

Aber die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist
mehr als eine Inspiration. Ihre Verabschiedung hat
den Blickwinkel der internationalen Staatengemeinschaft zu Menschenrechten verändert. Dank dieser
Erklärung und ihrer Folgevereinbarungen hat der einzelne einen neuen Status in der Welt erhalten, mit
anerkannten unveräußerlichen Rechten, zu deren Schutz
und Förderung sich die internationale Staatengemeinschaft verpflichtet hat. Dieser Aufgabe sollte sich auch
die Weltkonferenz widmen.

Vor etwa 50 Jahren trafen sich Staats- und Regierungschefs zu einer Sitzung unter der UN-Flagge, um
dieselben wichtigen Probleme zu erörtern, denen wir
uns heute gegenübersehen. Ihre Leistungen waren
von großer Tragweite, denn sie erarbeiteten die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihre Arbeit
setzte dauerhafte Maßstäbe für die gesamte internationale Staatengemeinschaft.

Wenn wir den 45. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begehen - und das wird ein
Grund für die Durchführung der Weltkonferenz 1993
sein - sollten wir zunächst anerkennen, daß die Welt
nicht in Länder geteilt ist, die an Menschenrechte zu
glauben vorgeben und in solche, die nicht daran glauben, sondern sie ist in Länder aufgeteilt, die Menschenrechte achten und solche, die sie nicht achten.

AMERIKA DIENST 37

Die Allgemeine Erklärung bietet denjenigen einen
Hoffnungsschimmer, die von ihren Regierungen dauernden systematischen Angriffen ausgesetzt sind. Sie
ist ein Wegweiser für neue Nationen und Inspiration für
alle Völker, die das Joch von Diktatur oder Zwangsherrschaft abschütteln wollen.

Seite 1

�Viele Länder der internationalen Staatengemeinschaft
haben die in der Allgemeinen Erklärung verankerten
Prinzipien und Normen anerkannt. Diese Normen sind
dauerhaft. Aber ihre Verwirklichung bleibt weit dahinter zurück. Die Herausforderung für die Konferenz und
in der Tat für die gesamten Vereinten Nationen besteht
im 21. Jahrhundert darin, wie die bereits anerkannten
Normen realisiert werden sollen.
Glücklicherweise gibt es bereits eine Reihe von Strukturen, die bei der Verwirklichung helfen können: das
Menschenrechtszentrum, die Menschenrechtskommission, den Menschenrechtsausschuß und Sonderberichterstatter für bestimmte Länder und Themen. Sie
bilden das Kernstück bei der Durchführung der Menschenrechte. Wir brauchen keine neuen übergreifenden Mechanismen. Aber wir müssen auf der bestehenden Infrastruktur aufbauen, um die Verwirklichung
von Gerechtigkeit und Menschenrechten zu gewährleisten. Ein wichtiges Ziel der Weltkonferenz sollte
darin bestehen, die Funktionen bestehender Institutionen, etwa des Menschenrechtszentrums, zu unterstützen, das denjenigen ein gewisses Maß an Hilfe
bietet, deren Rechte täglich verletzt werden.
Ich möchte einige Beispiele für konkrete Vorschläge
anführen, die zu einer besseren Verwirklichung der
Menschenrechte führen können:
Der WCHR könnte die Gründung eines Gremiums von UN-Rechtsberatem empfehlen. Das
Gremium sollte bei Verfahren über Menschenrechtsverletzungen sowohl als Beobachter als
auch als Berater fungieren.
Die Konferenz würde untersuchen, wie die
Ausbildungsprogramme des Menschenrechtszentrums über Grundregeln der Menschenrechte für Polizei und Militär gefördert werden können.
Darüber hinaus könnte die Konferenz ein technisches Hilfsprogramm für gesetzgebende Körperschaften unter der Schirmherrschaft des Menschenrechtszentrums ins Leben rufen. Ein
solches Programm würde den vielen aufstrebenden Demokratien der Welt wertvolle Hilfe
leisten.
Eine andere Idee, die gerade von den Vereinten
Nationen erwogen wird, ist die Schaffung eines
Mechanismus zur Reaktion auf Bitten der Mitgliedstaaten um Hilfe bei Wahlen. Freie und
faire Wahlen sind die Grundlage echter Demokratie auf der ganzen Welt. Sie umfassen die
Rechte eines Bürgers, an der Regierung seines
Landes zu partizipieren und sind für die Demokratie überall unabdingbar. Die Förderung von
Wahlverfahren ist zur Erlangung grundlegender
Menschenrechte entscheidend.

Seite 2

Dies sind nur einige Vorschläge für konkrete Programme zur Verwirklichung grundlegender Menschenrechte. Ich bin sicher, andere Delegationen werden ihre
eigenen Vorschläge unterbreiten. Mit Phantasie und
Augenmaß können wir gemeinsam ein Programm
entwerfen, das über Erklärungen hinausgeht und den
Menschen auf der Welt etwas Neues bietet.
AH diese Vorschläge müssen finanziert werden. Deshalb ist es entscheidend, daß ein größerer Prozentsatz
der UN-Ressourcen Programmen zufließt, mit denen
Menschenrechte verwirklicht werden. Das Menschenrechtszentrum verfügt gegenwärtig nicht über die erforderlichen Mittel und Ressourcen, um mit der momentanen Arbeitsbelastung Schritt zu halten. Angesichts der Notwendigkeit, die Verwirklichung der
Menschenrechte zu fördern, sollte die Weltkonferenz
die Umleitung von Mitteln innerhalb der Vereinten
Nationen zugunsten dieser erforderlichen Programme
unterstützen. Die Vereinigten Staaten fördern dieses
Ziel. Aber es soll in vernünftiger Weise durchgesetzt
werden. Der Prozeß der Zuweisung von Mitteln sollte
für alle transparent und offen sein. Noch wichtiger ist
es, daß geringe Mittel für Aktivitäten aufgewendet
werden, die größtmögliche Auswirkungen auf die
Verbesserung der Lebensqualität und der Rechte des
einzelnen haben.

'

Frau Vorsitzende, wir haben bereits einen Plan für eine
erfolgreiche Konferenz. Er wurde mit Resolution 45/
155 der Generalversammlung niedergelegt. Er fordert
erstens eine Überprüfung und Bewertung von Fortschritten und Rückschläge bei den Menschenrechten
seit Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte. Zweitens fordert er die Konferenz
auf, "das Verhältnis zwischen Entwicklung und Gewährung (dieser Rechte) zu prüfen, wie sie in den
Internationalen Statuten über Menschenrechte festgelegt sind". Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, daß Menschenrechte der Schlüssel zur Entwicklung sind. Drittens fordert er Bewertungen, wie die
Durchführung bestehender Menschenrechtsnormen
und die Effektivität von Methoden und Mechanismen
verbessert werden können.
&lt;
Frau Vorsitzende, in einer Erklärung bei der Debatte
der Generalversammlung im Herbst vergangenen Jahres
hat Präsident Bush darauf verwiesen, daß der kalte
Krieg in Berlin zu Grabe getragen worden ist. Angesichts eines neu vereinten und freien Deutschlands
halten wir es für besonders angemessen, daß Berlin
Gastgeber der Weltkonferenz sein wird. Wir danken
der Bundesregierug für ihre Einladung.
Abschließend möchte ich bekräftigen, daß die Weltkonferenz über Schlagworte hinausgehen muß. Mit
der Verwirklichung der Menschenrechte kann jeder
einzelne sein Potential ausschöpfen. Sie sind der
Schlüssel für die Entwicklung des einzelnen. Auf

AMERIKA DIENST 37

'

�nationaler Ebene sind Menschenrechte der Schlüssel
für wichtige wirtschaftliche Entwicklungen und auf
internationaler Ebene die Basis für Frieden und Sicherheit.
Im Juli habe ich am KSZE-Expertentreffen über nationale Minderheiten teilgenommen. Das allgemeine
Engagement für positive, praktikable Lösungen hat

AMERIKA DIENST 37

mich berührt. Bei unseren Vorbereitungen für die
Weltkonferenz über Menschenrechte müssen wir noch
größeres Engagement an den Tag legen. Gemeinsam
müssen wir sicherstellen, daß die Vereinten Nationen
konkrete Maßnahmen ergreifen, um Demokratie, die
Achtung der Menschenrechte und die Entwicklung der
Freiheiten des einzelnen zu fördern, um das hohe
Potential der Menschheit auszuschöpfen.

Seite 3

�CHEMISCHE

WAFFEN
18. September 1991

KONFERENZ KANN REGIME FÜR
BIOLOGISCHE WAFFEN STÄRKEN
Rede von ACDA-Direktor Lehman
GENF - (AD) - Den Vereinigten Staaten zufolge bietet die gegenwärtig in Genf stattfindende dritte Überprüfungskonferenz der Konvention über Biologische und Toxin-Waffen eine wichtige Gelegenheit, "Wege aufzuzeigen,
um die Durchführung des Regimes gegen (solche Waffen) zu fördern".
Der Leiter des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung, Ronald Lehman, erklärte am 10. September 1991
bei der Konferenz, die Vereinigten Staaten seien "zur eingehenden Prüfung bereit, ob und wie das Verbot
biologischer und Toxin-Waffen verifiziert werden kann".
Lehman erläuterte ferner: "Insbesondere planen wir, mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an der
Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die
Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses Anliegen der
Einhaltung erkennt und behandelt."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des ACDA-Direktors im Wortlaut.
Vor zwanzig Jahren haben die Unterhändler hier in
Genf die Konvention über Biologische und ToxinWaffen abgeschlossen. Sie waren - um die Präambel
zu zitieren - entschlossen, "...die Möglichkeit des Einsatzes biologischer Wirkstoffe und Toxine als Waffe
auszuschließen". Die Aufgabe der heute hier Anwesenden besteht darin, die Durchführung der Konvention gemäß Artikel XII zu überprüfen und zu gewährleisten, daß das Ziel der Präambel und die Bestimmungen der Konvention verwirklicht werden. Dies ist eine
große Verantwortung, und die Vereinigten Staaten
nehmen sie sehr ernst.
Bei der Erfüllung dieser Pflicht müssen die Konferenzteilnehmer mit all ihrer Kraft ihre Unterstützung für das
vollständige Verbot von biologischen und Toxin-Waffen bestätigen. Diese schrecklichen Waffen sind eine
Bedrohung für die gesamte Menschheit. Die internationale Staatengemeinschaft kann und darf nicht die
Entwicklung, Herstellung und Lagerung solcher Waffen tolerieren.
Die internationale Staatengemeinschaft hat bestimmte weithin akzeptierte Verhaltensmaßstäbe, die ihr
Funktionieren sicherstellen. Die B-Waffen-Konvention liefert im Hinblick auf biologische und ToxinWaffen den einzig umfassenden internationalen Standard. Darüber hinaus ist sie Sammelpunkt für die
internationale Reaktion auf Verletzungen vereinbarter
Verhaltensmaßregeln durch ein Land.

AMERIKA DIENST 37

Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse
am Bestand der B-Waffen-Konvention. Sie haben
lange vor Abschluß der Konvention einseitig auf biologische und Toxin-Waffen verzichtet. Sie stehen voll
und ganz hinter der Konvention und ihrer effektiven
Durchführung.
Wie jedes Werk des Menschen ist die B-WaffenKonvention nicht perfekt. Eines unserer Ziele bei
dieser Konferenz wird darin bestehen, aktiv praktische
und effektive Maßnahmen zur Durchführung der
Konvention und zum Aufbau des Vertrauens in sie zu
ergreifen. Aber indem die Vereinigten Staaten erforderliche Veränderungen vorschlagen, möchten sie ihr
Vertrauen in die Konvention selbst bekunden. Welche
Mängel sie auch haben mag - die Konvention bleibt das
wichtigste Bollwerk der Welt gegen biologische und
Toxin-Waffen.
Unsere vordringliche Aufgabe ist es, die Durchführung
der Konvention zu fördern, und die US-Delegation ist
bei dieser dritten Überprüfungskonferenz zur eingehenden Prüfung bereit, wie das Verbot biologischer
und Toxin-Waffen effektiver durchgeführt werden kann.
Ein wichtiges Element der B-Waffen-Konvention ist die
Frage der Absicht, denn Aktionen im Zusammenhang
mit biologischen oder Toxin-Waffen sind verboten. Es
ist daher an den Teilnehmerstaaten, zu versichern,
daß sie beim Umgang mit biologischen Stoffen friedliche Absichten verfolgen.
Seite 1

�Wir gehen grundsätzlich davon aus, daß der beste
Ansatz zur Förderung der B-Waffen-Konvention darin
besteht, Vertrauen unter den Beteiligten zu schaffen,
sich an die Bedingungen zu halten und diejenigen, die
die Konvention verletzen, zur Einhaltung zu bewegen.
Die Konvention ist nicht effektiv verifizierbar, und wir
kennen keine Möglichkeit, dies durchzusetzen. Unsere Bestrebungen bei dieser Konferenz gehen also
dahin, Transparenz und Offenheit unter allen Beteiligten zu fördern. Die einzelnen Länder müssen im
Hinblick auf ihren Umgang mit biologischen Wirkstoffen so offen wie möglich sein. Wir beabsichtigen
unsere eigenen Maßnahmen vorzuschlagen, die vorgeschlagenen Maßnahmen anderer zu unterstützen
und Vertrauensbildung zu betonen. Dadurch werden
wir die Durchführung der B-Waffen-Konvention stärken, unser Engagement fürdie Konvention bekräftigen
und den verbindenden Charakter der Konvention nach
dem Völkerrecht betonen.
Wenn wir unser Ziel der besseren Durchführung der BWaffen-Konvention erreichen wollen, müssen wir in
den nächsten Wochen eine Reihe wichtiger Probleme
ansprechen, darunter Verbreitung, Nichteinhaltung,
Mittel der Vertrauensbildung bei der Einhaltung, unzureichende Durchführung bestehender vertrauensbildender Maßnahmen und mangelnde Einhaltung durch
wichtige Länder.
Probleme der Verbreitung
Die Verbreitung biolgischer und Toxin-Waffen ist für
uns alle beängstigend und bedrohlich. Solche Waffen
können durchschlagendere Wirkung haben als die
schlimmsten chemischen Waffen, und viele von ihnen
sind in ihren Auswirkungen höchst unberechenbar.
Unserer Meinung nach arbeiten eine Reihe von Ländern an der Herstellung bereits bekannter und neuer
biologischer Waffen.
Eine Kontrolle der Verbreitung ist schwierig, weil die
Forschung und Entwicklung in diesem Bereich naturgemäß mehreren Zwecken dient. Im Gegensatz zur
Herstellung chemischer Waffen gibt es keine Vorläufer
oder Geräte, die ausschließlich für die Herstellung
biologischer Wirkstoffe für feindliche Zwecke eingesetzt werden können. Dasselbe Material ist zum
Beispiel wichtig für die lebensnotwendige Forschung
zur Kontrolle der Ausbreitung vieler schwerer Krankheiten und für die Herstellung bestimmter Impfstoffe.
Viele Substanzen, die als biologische Waffen eingesetzt werden können, kommen in zahlreichen Ländern
natürlich vor. Tatsächlich kann jedes Land mit einer
bescheiden entwickelten pharmazeutischen Industrie
Material für biologische oder Toxin-Waffen herstellen,
wenn es das will.
Wir müssen sicherstellen, daß eine solche Wahl keine
Option ist. Die Vereinigten Staaten tragen ihren Teil
dazu bei. Im November vergangenen Jahres hat

Seite 2

Präsident Bush einen Präsidialerlaß verabschiedet,
der US-Sanktionen verschärft, um die Verbreitung
mehrerer Massenvernichtungswaffen zu verhindern.
Die im Dezember 1990 ins Leben gerufene Initiative
zur verbesserten Kontrolle der Verbreitung führt diesen Präsidialeria ß teilweise durch. Für den Export von
Mehrzweckgerät, mit dem chemische und biologische
Waffen hergestellt werden können, ist eine Ausfuhrgenehmigung erforderlich. Darüber hinaus hat der Präsident denjenigen US-Bürgern Strafverfolgung angedroht, die wissentlich ausländische chemische und
biologische Waffen oder Raketenprogramme unterstützen. Darauf werde ich später noch zu sprechen
kommen.
Verbreitung ist ein internationales Problem und erfordert eine internationale Lösung. Gleichzeitig stellt uns
die gegenwärtige Lage im Nahen Osten vor einmalige
Gefahren und Chancen. Deshalb konzentriert sich die
Initiative Präsident Bushs vom 29. Mai 1991 zur Eindämmung der Verbreitung nuklearer, chemischer und
biologischer Waffen auf den Nahen Osten als Ausgangspunkt und ergänzt andere Initiativen, zum Beispiel der Premierminister John Major und Takishi
Kaifu.
Ein Teil der Initiative des Präsidenten für den Nahen
Osten konzentriert sich insbesondere auf biologische
Waffen und baut auf unserem gegenwärtigen Ansatz
und unseren internationalen Maßstäben auf. Die
Initiativen des Präsidenten:
fordern die Stärkung der B-Waffen-Konvention
von 1972 durch vollständige Durchführung bestehender Bestimmungen und verbesserte
Mechanismen, und sie
appellieren an die Länder in der Region, vertrauensbildende Maßnahmen für biologische Waffen zu verabschieden.
Diese Initiativen ergänzen die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Fortsetzung des Embargos
vom UN-Sicherheitsrat gegen Waffenlieferungen an
den Irak ebenso wie die Arbeit der UN-Sonderkommission zur Abschaffung der noch bestehenden Fähigkeiten des Irak, nukleare, chemische und biologische
Waffen und ihre Trägersysteme einzusetzen oder
herzustellen.
Die US-Delegation setzt sich für die verbesserte Durchführung der B-Waffen-Konvention so ein, daß die
biotechnologische Industrie oder legitime biologische
Verteidigungsaktivitäten nicht behindert werden. Die
Vereinigten Staaten werden insbesondere vorschlagen, daß die Teilnehmer die Absicht bekunden:
nationale Exportkontrollen für pathogene biologische Organismen und Toxine sowie den Transfer von Mehrzweckgeräten an nichtstaatliche
Parteien und Organisationen zu verhängen.

AMERIKA DIENST 37

�Es ist nicht angemessen, daß die Überprüfungskonferenz eine spezielle Liste kontrollierter Materialien
aushandelt. Wir werden den Teilnehmern jedoch als
Muster die Liste von Organismen und Mehrzweckgeräten zur Verfügung stellen, deren Export in den Vereinigten Staaten beschränkt ist. Darüber hinaus werden die Vereinigten Staaten andere Länder ermutigen,
bei ihrer individuellen Exportkontrollpolitik ähnliche
Maßnahmen zu ergreifen. Es ist unabdingbar, daß die
Länder alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu
gewährleisten, daß sie oder ihre Industrie nicht zur
Verbreitung von B-Waffen beitragen. Ein wichtiger
Schritt in diese Richtung ist die Verabschiedung nationaler Exportkontrollen für pathogene biologische Stoffe, Toxine und Geräte zu ihrer Herstellung.
Probleme der Einhaltung
Leider ist das Problem der Verbreitung von B-Waffen
nicht auf Länder beschränkt, die die Konvention noch
nicht unterzeichnet haben. Unter den Verbreitern von
B-Waffen sind Länder, die internationale Verpflichtungen und Normen über Bord geworfen haben, zu denen
sie sich mit der Unterzeichnung und in manchen Fällen
der Ratifizierung der B-Waffen-Konvention verpflichtet
hatten. Wir dürfen und können unsere Augen nicht vor
den Ländern verschließen, die Inhalt und Ziel der
Konvention nicht einhalten. Wir dürfen und können
keine Argumente akzeptieren, die Nichteinhaltung
beschreiben wollen als den Unterschied im Auge des
Betrachters. Verbreitung ist ein Problem, das uns alle
angeht, zum Teil, weil einige Länder ihren internationalen Verpflichtungen nicht nachgekommen sind.
Wir hatten in jüngster Zeit ein anschauliches Beispiel
für die Bedrohung, die sich durch Nichteinhaltung stellt
und die Bedeutung der umgehenden Behandlung dieses
Themas. Dieses Beispiel liefert der Irak, der eindeutig
über ein Programm für biologische Waffen verfügte,
obwohl er die B-Waffen-Konvention unterzeichnet hat.
Das Dementi des Irak zu seinem B-Waffenprogramm
wurde in denselben Dokumenten übermittelt, aus denen
hervorging, daß der Irak seine Instrumente zur Ratifizierung niedergelegt hat. Niemand weiß genau, wieviele B-Waffen der Irak hergestellt hat oder was er
verbirgt, um diesen tödlichen Weg weiterzuverfolgen.
Natürlich ist ein solches Verhalten inakzeptabel. Der
Irak sollte die volle internationale Ächtung erfahren, die
wir - die anderen Teilnehmer der Konvention, die
unsere Verpflichtungen respektieren - aufbringen
können. Ein Land, das die Konvention nicht einhält,
darf sich nicht dem Druck entziehen können, daß die
internationale Staatengemeinschaft eine solche Mißachtung der Vertragsbestimmungen nicht dulden wird
und Ma ßnahmen zur Behebung der Situation erwartet.
Bei dieser dritten Überprüfungskonferenz betonen die
Vereinigten Staaten die kontinuierliche Bedeutung, die
sie der Einhaltung von Bestimmungen der Konvention
beimessen. In diesem Zusammenhang streben wir

AMERIKA DIENST 37

nach Anerkennung der Probleme der Einhaltung durch
die Überprüfungskonferenz und fordern die beteiligten
Länder auf, alles Erdenkliche zu tun, um sie zu lösen.
Unserer Meinung nach verfügen die Sowjetunion und
andere Länder über umfangreiche aktive Programme
für biologische Waffen und verletzen damit die BWaffen-Konvention. Wir bestehen darauf, daß diejenigen Unterzeichner und Beteiligten, die ihre Verpflichtunge nicht einhalten, "ihr Haus in Ordnung bringen"
und die erforderlichen Schritte zur vollständigen Einhaltung unternehmen. Wir werden die Konferenz
nachdrücklich auffordern, in ihrem Abschlußdokument
diesen Empfindungen Ausdruck zu verleihen.
Vertrauensbildung
Die Vereinigten Staaten vertreten die Auffassung, daß
die B-Waffen-Konvention angesichts kontinuierlicher
wissenschaftlicher und technischer Entwicklungen, die
das bereits erschreckende Problem der Verifizierung
eines umfassenden Verbots für biologische und ToxinWaffen weiter komplizieren, weder durch Zusätze
noch durch eine Umstrukturierung effektiv verifizierbar
gemacht werden kann. Der Schlüssel für den Erfolg
dieser Konvention heißt Vertrauen, und wir werden
Wege aufzeigen, um Transparenz und Offenheit bei
den Beteiligten zu erhöhen. Unser erster Schritt in
diese Richtung wird darin bestehen, diese bereits
vereinbarten vertrauensbildenden Maßnahmen so
funktionsfähig wie möglich zu gestalten. Unsere Strategie unterstützt die internationale Norm gegen biologische und Toxin-Waffen, indem sie:
1.

weiterhin die Aufmerksamkeit auf Verletzungen
der B-Waffen-Konvention und die fehlende internationale Reaktion auf diese Verletzungen
als Bedrohung für die Norm lenkt, und

2.

die Verabschiedung einer Reihe von vertrauensbildenden Maßnahmen befürwortet, um
Transparenz erlaubter Aktivitäten zur biologischen Verteidigung zu fördern und internationale Untersuchungen über vermutete Verletzungen zu unterstützen.

Im Schlußdokument der zweiten Überprüfungskonferenz haben die Parteien verschiedene Maßnahmen
verabschiedet, mit denen sich die Parteien der BWaffen-Konvention zur Durchführung verschiedener
vertrauensbildender Maßnahmen verpflichten. Diese
Schritte führten in die richtige Richtung.
Leider ist die Durchführung der Bestimmungen über
die Angabe von Daten nur freiwillig, und lediglich ein
Viertel der Parteien haben sich beteiligt. Viele liefern
vermutlich keinen Bericht, weil sie keine Einrichtungen
haben, wie sie die vertrauensbildenden Maßnahmen
abdecken. Fehlende Ressourcen in den Außenministerien kleiner Länder mögen auch zur geringen Zahl
der Teilnehmer beitragen. Obwohl die geringe Beteiligung verständlich ist, ist sie nicht akzeptabel.
Seite 3

�Wir müssen es besser machen. Alle Teilnehmer
sollten sich am Datenaustausch beteiligen, auch wenn
einige nur berichten können, daß sie keine Einrichtungen oder Aktivitäten melden können. Wir werden
deshalb vorschlagen, daß die Beteiligten bis zum 15.
April jedes Jahres die spezifischen Informationen
bereitstellen, wie sie der Datenaustausch der B-Waffenkonvention fordert oder einen "Null-Bericht" liefern.
Solche "Null"-Berichte können auch dazu beitragen,
mehr Vertrauen durch größere Offenheit zu schaffen.
Ich fordere insbesondere die kleineren Länder auf, der
Beteiligung größere politische Priorität einzuräumen.
Darüber hinaus werden wir die Beteiligten ermutigen,
bestehende vertrauensbildende Maßnahmen besser
durchzuführen, zu stärken oder auszubauen, um "aktive
Kontakte zwischen Wissenschaftlern zu fördern, die
biologische Forschung in direktem Zusammenhang
mit der Konvention betreiben, einschließlich eines
gemeinsam vereinbarten Austauschs über diese Forschung."
In diesem Sinne möchten wir die Beteiligten ermutigen, der Konvention über solche Austauschprogramme zu berichten.
Eine weitere Maßnahme sieht vor, daß
die Bekanntgabe von Daten Publikationslisten über die
Forschung in den angegebenen Einrichtungen beinhalten sollte.
Um den Datenaustausch entscheidend zu verbessern,
schlagen die Vereinigten Staaten vor, daß:
die Parteien erklären, ob sie über ein Programm der
biologischen Verteidigung verfügen, und wenn das der
Fall ist, detaillierte Informationen über Einrichtungen,
Aktivitäten und Finanzierung liefern.
Solche Informatinoen könnten folgendes umfassen:
eine allgemeine Beschreibung der gegenwärtigen
Hauptforschungsbereiche, den Standort jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung sowie Quelle und Umfang der jährlichen Finanzierung
jeder Forschungseinrichtung für biologische Verteidigung, Entwicklung, Erprobung und Bewertung biologischer oder infektiöser Wirkstoffe oder Toxine. Dies
sollte Teil der jährlichen Bekanntgabe von Daten sein.
Wenn ein Land jedoch über kein Programm zur biologischen Verteidigung verfügt, wäre ein "Null-Bericht"
erforderlich. Damit würde die Offenheit bei Arbeiten im
Zusammenhang mit biologischer Verteidigung gesteigert.
Eine weitere Maßnahme besteht darin, daß:
die Beteiligten der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten melden
und nicht den Teilnehmern der B-Waffen-Konvention,
wie es die vertrauensbildenden Maßnahmen der BWaffenkonvention von 1986 vorsehen.

Seite 4

Diese vertrauensbildenden Maßnahmen sind kaum
eingehalten worden, und eine Meldung an die WHO ein Standardverfahren - wird wahrscheinlich erfolgreicher sein als die Berichterstattung durch den Mechanismus der B-Waffen-Konvention.
Probleme der Verifizierung
Unserer Ansicht nach ist die B-Waffen-Konvention
nicht wirksam verifizierbar. In diesem Zusammenhang
bedeutet dies, daß die Vereinigten Staaten die immanenten Schwierigkeiten der Entdeckung und Verifizierung illegaler Aktivitäten nach der Konvention berücksichtigen. Dennoch waren wir in der Lage, eindeutige
Beweise für Nichteinhaltung zu entdecken. Die Vereinigten Staaten wären daran interessiert, potentielle
Maßnahmen zur Verifizierung der Konvention zu prüfen, aber wir kennen gegenwärtig keinen Weg, um sie
effektiv verifizierbar zu machen. Bis jetzt konnte kein
überzeugender Vorschlag für die Effektivität von Routineoder Verdachtsinspektionen bei Einrichtungen zur
Herstellung biologischer Wirkstoffe unterbreitet werden. Ineffektive Verifizierungsregime und Maßnahmen, die biologischen Verteidigungsprogrammen und
anderen friedlichen biologischen Aktivitäten schaden,
sind nicht akzeptabel. Das gilt auch für Regime, die
einen falschen Eindruck von Vertrauen vermitteln.
Es existieren große technische und praktische Schranken für die Verifizierung. Diese Schwierigkeiten sind
den Methoden zur Herstellung von Mikroorganismen
und Toxinen immanent. Vom technologischen Standpunkt ist die Herstellung solchen Materials für offensive Zwecke extrem schwierig, und in manchen Fällen
ist es vielleicht unmöglich, einen Unterschied zur
Herstellung für friedliche Zwecke festzustellen. Darüber hinaus ist die Forschung für legitime biologische,
medizinische und pharmazeutische Zwecke in vielen
Fällen kaum von der Forschung zu unterscheiden, die
auf die Entwicklung biologischer Waffen abzielt. Es
gibt auch noch nicht im entferntesten eine Technologie, die solche Unterscheidungen vornehmen könnte.
Ein ineffektives Verifizierungsregime bei der B-Waffen-Konvention könnte letztlich Täuschungen erleichtern und sie lohnender machen, indem sie einen falschen Eindruck von Vertrauen schafft. Da die praktischen Probleme der Differenzierung zwischen legitimen und ungesetzlichen Aktivitäten bestehen bleiben
würden, hätte die Entdeckung der Nichteinhaltung
keinen Wert und keine abschreckende Wirkung. Ironischerweise würde ein der B-Waffen-Konvention aufgezwungenes nicht funktionsfähiges Verifizierungsregime das Konzept und den Wert der Verifizierung in
anderen wichtigen Bereichen der Rüstungskontrolle
verringern.
Die Konzentration auf die mangelnden Verifizierungsmaßnahmen in der B-Waffen-Konvention lenkt von
dem grundsätzlichen Wert der Konvention als internationaler Maßstab ab, der das Gewicht der hehren und

AMERIKA DIENST 37

�souveränen Versprechen von 120 Ländern trägt. Wir
alle haben ein vitales Interesse daran, die Konvention
als internationale Norm zu stärken und die Bedeutung
des souveränen Engagements jeder Partei für die
Konvention zu betonen.
Bestrebungen für eine effektive Verifizierung
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir zwar noch
keine entsprechenden Maßnahmen erarbeitet haben,
die Vereinigten Staaten aber dennoch bereit sind, die
Anwendbarkeit einer effektiven Verifizierung der BWaffen-Konvention zu untersuchen. Deshalb wären
wir willens, einen Schritt der Überprüfungskonferenz in
Erwägung zu ziehen, mit dem multilaterale Bestrebungen zur sorgfältigen Untersuchung dieses Problems
unternommen werden sollten.
Zum Beispiel wären wir bereit:
die Parteien zu ermutigen, auf nationaler Ebene
die technische Anwendbarkeit einer effektiven
Verifizierung der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Darüber hinaus sollte die Berichterstattung über die
Ergebnisse dieser Untersuchungen für andere Beteiligte ermutigt werden.
Ferner wären wir bereit:
die Gründung einer multilateralen Ad hoc-Expertengruppe zu unterstützen, um die technische Verwirklichung effektiver Verifizierungsmaßnahmen der B-Waffen-Konvention zu untersuchen.
Solch eine Studie sollte jedoch sorgfältig erarbeitete
Bedingungen erfüllen: spezifische Ziele, begrenzte
Dauer, nur Regierungsvertreter, Berichte auf Konsensbasis und kein Mandat für den Entwurf von Verifizierungsbestimmungen. Natürlich müßte jede Entscheidung über eine künftige Arbeit an Verifizierungsbestimmungen, Inspektionsmaßnahmen oder anderen Verifizierungsproblemen die Ergebnisse solcher
Untersuchungen abwarten.
Konsultation/Durchführungsmaßnahmen
Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
nationale Gesetze verabschieden, die nationale
Strafgesetze einbeziehen, um jede Unterstützung von verbotenen Aktivitäten durch Bürger
eines bestimmten Landes zu verhindern. Ferner sollten Jahresberichte über in dieser Hinsicht getroffene Maßnahmen erstellt werden.
Der Bericht sollte umfassen: welche Gesetze oder
andere rechtliche Maßnahmen verabschiedet und
welche strafrechtlichen Maßnahmen daraufhin ergriffen wurden, welche Anklage erhoben oder Strafverfahren gegen diejenigen eingeleitet wurden, die Gesetze verletzt haben.
AMERIKA DIENST 37

Wir werden vorschlagen, daß die Beteiligten:
sich zu Konsultationen und Kooperation verpflichten, "alle Probleme zu lösen", die sich im
Rahmen der Konvention ergeben und auf Bitten
jedes Beteiligten Behauptungen über den Einsatz von B-Waffen nachgehen.
Die Beteiligten sollten vereinbaren, alle erdenklichen
Anstrengungen zu unternehmen, um die Sorge über
einen angeblichen Bruch von Verpflichtungen zur
Konvention zu behandeln; eine präzise, termingerechte Antwort auf alle Beschwerden geben, die im Rahmen des Konsultationsprozesses oder durch den UNSicherheitsrat über einen angeblichen Bruch der Verpflichtungen gemäß der Konvention vorgebracht werden sowie voll und ganz mit jeder Untersuchung des
UN-Generalsekretärs von biologischen undToxinwaffen gemäß Resolution 45/57C der UN-Generalversammlung kooperieren.
Wir werden die Beteiligten auffordern:
einzeln ihre Absicht zu bekunden, Sanktionen
gegenüber jedem Land zu verhängen, das BWaffen einsetzt und andere angemessene
Maßnahmen für Verletzungen der B-WaffenKonvention in Betracht zu ziehen.
Mögliche Maßnahmen könnten die Einstellung der
wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit
im Bereich der Biologie beinhalten, ferner Handelsbeschränkungen oder Verweigerung von Auslandshilfe.
Mechanismen zur Verbesserung
Es gibt gegenwärtig keinen Mechanismus, um die
Durchführung von vertrauensbildenden Maßnahmen
zwischen den Überprüfungskonferenzen zu überwachen. Ein verbesserter Mechanismus für die Verbreitung der mit dem Datenaustausch gewonnenen Informationen ist dringend notwendig. Berichte werden nur
in der Originalsprache vorgelegt und sind denjenigen,
die diese Informationen wünschen, nicht unmittelbar
zugänglich. Ein Mechanismus zur Verbesserung der
Situation wäre hilfreich. Wir werden deshalb vorschlagen, daß:
die Überprüfungskonferenz einen Mechanismus
ins Leben ruft, der die Durchführung vertrauensbildender Maßnahmen im FünfJahreszeitraum
zwischen den Überprüfungskonferenzen erleichtert.
Ein solcher Mechanismus sollte informell und flexibel
sein. Er könnte möglicherweise funktionieren, indem
er: die Durchführung der vereinbarten verirauensbildenden Maßnahmen erleichtert; Absprachen für Konsultationen trifft, die ein beteiligtes Land wünscht;
obligatorische Treffen der Überprüfungskonferenz
unterstützt; als Schiedsstelle für wissenschaftliche
und technische Informationen im Zusammenhang mit
der B-Waffen-Konvention dient; Informationen der WHO
Seite 5

�Ober ungewöhnliche Ausbrüche von Krankheiten
sammelt, die für die B-Waffen-Konvention relevant
sind und einen Weg bietet, um den Beteiligten Schutz
zu gewähren oder Hilfe zu leisten, wenn sie das für
angemessen halten.
Als Schlußfolgerung sind wir der Ansicht, daß die dritte
Überprüfungskonferenz der B-Waffen-Konvention eine
wichtige Gelegenheit darstellt, zu prüfen, wie gut die
Konvention funktioniert und Wege aufzuzeigen, um
die Durchführung des Regimes gegen biologische und

Toxin-Waffen zu fördern. Wir wollen bei dieser Überprüfungskonferenz eine aktive und konstruktive Rolle
spielen. Wir sind zur eingehenden Prüfung bereit, ob
und wie das Verbot biologischer und Toxin-Waffen
verifiziert werden kann. Insbesondere planen wir,
mögliche Wege aufzuzeigen, um die Beteiligung an
der Konvention zu steigern und Vertrauen durch mehr
Offenheit zu schaffen. Schließlich werden wir weiterhin die Bedeutung betonen, die wir der Einhaltung und
der Überprüfungskonferenz beimessen, die dieses
Anliegen der Einhaltung erkennt und behandelt.
*

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*

AMERIKA DIENST 37

�AMERIKA

HEUTE
18. September 1991

MULTIKULTURELLE ODER PARTIKULARE
GESELLSCHAFT?
von Diane Ravitch
BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Aufsatz erschien erstmals am 24. Oktober 1990 in The Chronicle of Higher Education. Copyright (c) 1990 Diane Ravitch. Alle Rechte vorbehalten.
Die Autorin Diane Ravitch lehrt Geschichte der Erziehung am Teachers College der Columbia University und hat
mehrere Bücher veröffentlicht, darunter The Troubled Crusade: American Education, 1945-1980. Ihr letztes
Buch The American Reader: Words that Moved a Nation ist 1990 bei Harper and Row erschienen.

Die 1988 in Stanford bestehende Kontroverse über
Veränderungen notwendiger Verhaltensweisen in der
westlichen Kultur hat sich zu einer nationalen Debatte
über das Thema multikulturelle Gesellschaft ausgeweitet. Universitäten, Schulbehörden und sogar Kultusministerien untersuchen gegenwärtig Lehrinhalte
auf die Frage, ob die dargebotene Geschichte und
Literatur die unterschiedlichen kulturellen Elemente
unserer Gesellschaft und unserer Welt zutreffend
wiederspiegeln.
Leider bringt die Debatte in Stanford das Thema in ein
schiefes Licht. Verfechter der gegenwärtigen Richtung in der westlichen Kultur wenden sich gegen
diejenigen, die eine Einbeziehung der Arbeiten von
Frauen und Minderheitengruppen befürworten und
vermittelten dadurch den Eindruck, daß die westliche
Kultur die Stimmen der Menschen überhört, die weiblich, schwarz, hispanisch und asiatisch sind. Dieses
Bild ist natürlich lächerlich - wir brauchen uns nur
umzusehen, um zu erkennen, daß all diese Gruppen
sehr wohl Teil der westlichen Kultur sind und ihre
Mitglieder wichtige Beiträge zu deren literarischer und
historischer Tradition leisten.
Die Debatte über eine multikulturelle Gesellschaft folgt
auf eine Generation von geisteswissenschaftlichen
Forschungen, die unser Wissen über die historischen
Erfahrungen von Frauen, Schwarzen und Mitgliedern
anderer Minderheitsgruppen in unterschiedlichen
Gesellschaften bereichert haben. Infolge dieser neuen Erkenntnisse haben unsere Schulen und Bildungsstätten in den letzten Jahren etwas eingeführt, das
Catharine R. Stimpson von der Rutgers University
"kulturelle Demokratie" nennt- die Erkenntnis, daß wir
auf "viele Stimmen" hören müssen, um unsere vergan-

AMERIKA DIENST 37

gene und gegenwärtige Kultur zu verstehen. Lehrer
der Geschichte und Literatur haben entdeckt, daß es
nicht sehr schwierig sondern eher lohnend ist, ihre
Perspektive über die von ihnen selbst in der Schule
gelernte hinaus zu erweitern.
Natürlich sollten Studenten immer noch die westliche
Kultur studieren und etwas über die Entstehung der
Demokratie und das Konzept der Freiheit des einzelnen lernen, die für die Weltgeschichte so entscheidend
sind. Aber sie müssen auch etwas über die Kulturen
in Asien, Afrika und Lateinamerika lernen. Sie alle
repräsentieren komplexe Zivilisationen, umfassen viele
gesellschaftliche Gruppen und unterschiedliche Sprachen.
Wenn Pädagogen jedoch heute über eine multikulturelle Gesellschaft argumentieren, sprechen sie im
allgemeinen nicht vom geordneten Studium anderer
wichtiger Zivilisationen. Sie beziehen sich vielmehr
auf die amerikanische Kultur, die - als unsere eigene
und relativ neue Kultur - anfällig ist für Neuordnungen
und Korrekturen. Aus welchem Blickwinkel soll sie
gelehrt werden? Wer soll einbezogen werden?
Die eigentliche Frage an den Universitäten und Schulen lautet nicht, ob es eine multikulturelle Gesellschaft
gibt, sondern wie sie aussehen soll. Gegenwärtig
konkurrieren bei der Vermittlung der amerikanischen
Kultur zwei Thesen um die Vorherrschaft. Ein Ansatz
spiegelt kulturellen Pluralismus wider und akzeptiert
Vielfalt als Tatsache, der andere betont typische Eigenheiten und fordert Loyalität gegenüber bestimmten
Gruppen. Beiden ist bei ihrer Koexistenz nicht ganz
wohl, weil sie sich ihrem Rang nach nicht unterscheiden. Vielmehr unterscheiden sie sich in Charakter und
Zielen.
Seite 1

�Der pluralistische Ansatz zur amerikanischen Kultur
berücksichtigt, daß die gemeinsame Kultur von der
Interaktion der vielfältigen kulturellen Elemente im
Land gestaltet wird. Er betrachtet amerikanische
Kultur als Schöpfung vieler Gruppen von Einwanderern, Indianern, Afrikanern und ihren Nachkommen.
Amerikanische Musik, Kunst, Literatur, Sprache, Essen,
Kleidung, Sport, Ferien und Gebräuche demonstrieren
die Vermischung unterschiedlicher Kulturen in einem
Land. Es mag paradox klingen, aber die Vereinigten
Staaten haben eine gemeinsame Kultur, die multikulturell ist.
Der partikulare Ansatz zur amerikanischen Kultur ist
am besten in Seminaren für Minderheitenforschung zu
erkennen, deren Ziel darin besteht, durch Vermittlung
von Identifikationsmustern "das Selbstwertgefühl (der
Studenten) zu stärken". Solche Kurse werden geleitet
von der starken Betonung kultureller Traditionen und
grundlegenden Annahmen rassischer und ethnischer
Reinheit. Die Studenten werden ermutigt zu glauben,
daß etwas in ihrem Blut, der Erinnerung ihrer Rasse
oder ihrer kulturellen DNA definiert, wer sie sind und
was sie leisten können. Die Anhänger dieser Theorie
suchen Studenten an das Land ihrer Vorfahren zu
binden, als der Quelle ihrer persönlichen Identität und
authentischen Kultur.
Die Pluralisten fördern eine weitergehende Interpretation der gemeinsamen amerikanischen Kultur, indem
sie erstens davon ausgehen, daß es sich um eine
gemeinsame Kultur handelt und zweitens, daß sie von
vielen verschiedenen Gruppen geschaffen wurde.
Unsere gemeinsame Kultur ist im Grunde eine staatsbürgerliche Kultur auf der Basis unserer Verfassung,
unserer Verpflichtung auf demokratische Werte und
unserer historischen Erfahrung als Nation. Darüber
hinaus setzt uns unsere Heterogenität von den meisten anderen Ländern ab und schafft Ausdrucksformen, die der Rest der Welt als ausgesprochen amerikanisch klassifiziert. Die Pluralisten streben eine echte
Anerkennung der Art und Weise an, wie die zahlreichen Rassen, Volks- und kulturellen Gruppen die
nationale Kultur verwandeln. Sie sagen, tatsächlich
"gehört die amerikanische Kultur uns allen, und wir

schaffen sie mit jeder Generation neu". Das verbindende Element im pluralistischen Ansatz ist die Erkenntnis, daß wir ungeachtet unserer Unterschiede
alle Menschen sind. Das Band, das uns verbindet, ist
die uns gemeinsame Menschlichkeit, die Rasse,
Hautfarbe, ethnische Zugehörigkeit, Sprache und
Religion überwindet.
Die Anhänger der partikularen Theorie haben kein
Interesse an der Ausweitung der amerikanischen Kultur.
Sie leugnen die Existenz einer gemeinsamen Kultur.
Sie appellieren nicht an das gemeinsame Gut, weil ihre
Theorie der Gemeinschaft sich an der Rasse oder
Minderheit orientiert. Sie lehnen jede Vermischung
zwischen den Gruppen ebenso ab wie alle Interaktio-

Seite 2

nen, die streng gezogene Grenzen verwischen. Sie
treten für eine Darstellung der Geschichte ein, in der
jeder entweder ein Nachkomme von Opfern oder
Unterdrückern ist. Damit werden traditionelle Haßgefühle geschürt und von Generation zu Generation
weitergegeben.
Es gibt keine eindeutige Grenze, die Pluralismus von
der Betonung der Eigenheiten trennt. Sie sind so
unterschiedlich wie Säkularismus und Sektierertum.
Der pluralistische Ansatz für die Vermittlung von Kultur
steht insofern im Einklang mit der akademischen Tradition, daß Studenten ihr Fachgebiet kritisch betrachten sollten. Sie lernen ihren Stoff und wissen, daß sie
seine Stärken und Schwächen kritisieren können, ohne
dem Professor zu nahe zu treten. Zum Beispiel
studiert man in einer traditionellen akademischen
Umgebung die konfuzianische Lehre, den Islam oder
Judaistik, indem man etwas über die Geschichte und
Philosophie lernt, nicht indem man ein Anhänger dieser Lehren wird. In ähnlicher Weise gibt es Raum für
besondere Seminare über schwarze Kultur, Feminismus, Homosexuelle und andere kulturelle Bereiche,
solange diese kritisch und nicht als Doktrin vermittelt
werden.
Im Gegensatz dazu hat die Lehre von der Betonung
nationaler Eigenheiten an den weiterführenden Schulen separatistischen Charakter. Bei dieser Art Unterricht lehrt man die Studenten, an die Theorie zu
glauben, in ihren Thesen aufzugehen und sich gegen
Skeptiker zu wappnen. Man lehrt sie zu glauben, nicht
zu zweifeln oder zu kritisieren. In diesem Sinne gleicht
diese Theorie einem religiösen Lehransatz. Die Studenten werden in einem Glauben unterwiesen, und der
Professor erwartet, daß sie dasselbe glauben wie er.
Deshalb kommt die partikulare Lehre einem sektiererischen Ansatz im Unterricht gleich.
An unseren Universitäten von heute sollten Seminare
über die Kultur der Schwarzen, Asiaten und alle anderen Studien spezieller Kulturen nicht nur theoretisch,
sondern praktisch allen Studenten offenstehen. Die
Trennung dieser Seminare von etablierten Fächern
fördert unter Umständen Abspaltungen und ideologischen Extremismus. Nur allzuoft werden Studenten,
die nicht Mitglieder der entsprechenden Minderheiten
sind, durch die Ausrichtung des Professors oder des
Seminars entmutigt, auch wenn diese Kurse laut Lehrplan
allen offenstehen. Die Tendenz, diese Kurse in Enklaven zu verwandeln, verletzt ein wichtiges Ziel der
Hochschulbildung - die Erweiterung des Verständnisses von der Welt. Studenten, die der besprochenen
Gruppe angehören, sollten keinen Sonderstatus erhalten, und von Wissenschaftlern darf nicht erwartet
werden, daß sie sich nur auf die Kultur ihrer Vorfahren
spezialisieren.
Der grundlegende Unterschied zwischen der Theorie
des Pluralismus und der Lehre von den Eigenheiten
besteht darin, daß die erste den Ethnozentrismus aktiv

AMERIKA DIENST 37

�bekämpft und die zweite ihn zielstrebig vermittelt.
Ethnozentrismus ist das Gespenst, das die Welt jahrhundertelang beherrscht hat - es hat Kriege, Ungerechtigkeit und nationale Konflikte hervorgebracht.
Diese Theorie lehrt, daß wir nur Mitgliedern unserer
eigenen Gruppe trauen und sie akzeptieren können.
Sie lehrt, wir müssen in unserer eigenen Kultur aufgehen und uns anderen verschließen. Sie erklärt Mitgliedern einer bestimmten Gruppe, sie hätten mit Menschen nichts gemein, die einer anderen Rasse, Religion oder Kultur angehören. Sie erzeugt Haß und
Mißtrauen.
Ethnozentrismus hat in unseren Schulen und Universitäten keinen Platz. Akademische Institutionen haben eine Verpflichtung, Studenten eine umfassendere
Kultur zu vermitteln als ihre eigene.

Das Ziel von Bildung ist nicht die Reproduktion und
Verschärfung der Vorurteile unserer eigenen Kultur.
Bildung muß Menschen auf das Leben in einer Welt
konkurrierender Ideen und Werte vorbreiten, auf die
Zusammenarbeit mit Menschen, die einen anderen
Hintergrund haben, auf die Infragestellung eigener
Ansichten...
Wahre Anhänger der Gesellschaften waren niemals
zufrieden mit den Ideen und Aktivitäten der Universität.
Sie betrachteten die Universität als Zitadelle des Zweifels,
der Skepsis, des Nonkonformismus, der Unkonventionalität und anderer Denkweisen, als einen Ort, an dem
junge Menschen die Grundsätze ihrer Vorfahren in
Frage zu stellen lernen, einen sicheren Hafen für
diejenigen, die Allgemeingültiges kritisieren.
Und so sollte es bleiben.

*

AMERIKA DIENST 37

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Seite 3

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25. September 1991

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VEfl&amp;JTTE NATIONEN

BUSH: EINMALIGE CHANCE FÜR
WELTWEITE ZUSAMMENARBEIT
Rede des Präsidenten bei der
UN-Generalversammlung

HISPANO-AMERIKA

BUSH: KUBANER WOLLEN IHR SCHICKSAL
SELBST IN DIE HAND NEHMEN
Rede vor Hispano-Amerikanern

AUSSENPOLITIK

EINE NEUE WELTORDNUNG DIE KONSEQUENZEN FÜR DAS BÜNDNIS
Rede von Botschafter Kimmitt

AMERIKA HEUTE

EHRENAMTLICHE ARBEIT IN AMERIKA AUF
DEM VORMARSCH
Zentren mobilisieren die Gemeinden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�VEREINTE

NATIONEN
25. September 1991

BUSH: EINMALIGE CHANCE FÜR
WELTWEITE ZUSAMMENARBEIT
Rede des Präsidenten bei der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) -Am 23. September 1991 erläuterte Präsident Bush die Herausforderungen, die
sich bei der Schaffung von Frieden im Zeitalter nach dem kalten Krieg stellen und erklärte, jetzt bestehe die
historisch einmalige Chance für internationale Zusammenarbeit.
In seiner Rede bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen stellte Bush fest, zum ersten Mal gebe es
"eine reelle Chance", den Anspruch der UN-Charta zu erfüllen, "nachfolgende Generationen vor der Geißel des
Krieges zu bewahren" und "den Glauben an fundamentale Menschenrechte wiederherzustellen".
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede im Wortlaut.

Ich danke Ihnen, Herr Präsident. Herr Generalsekretär, verehrte Delegierte, es ist mir eine Ehre, zur
Eröffnung der 46. Sitzung der Generalversammlung
hier zu sprechen.
Ich möchte zunächst dem ausscheidenden Präsidenten Guido de Marco aus Malta danken und unseren
neuen Präsidenten Samir Shihabi aus Saudi-Arabien
willkommen heißen. Ferner möchte ich insbesondere
Generalsekretär Javier Perez de Cuellar begrüßen,
dem noch etwa drei Monate in seinem Amt bleiben. Ich
dad wohl sagen, daß Generalsekretär Perez de Cuellar sein Amt in einer Zeit einmaliger Umwälzungen und
Unruhen hervorragend ausgefüllt hat. Seit über 10
Jahren hatte dieser Mann des Friedens die Führungsposition inne - ein Mann, den ich, wie vielen von Ihnen,
mit Stolz als meinen Freund bezeichne. Lassen Sie
uns heute also unserem Freund gratulieren und seine
außergewöhnlichen Verdienste für die Vereinten Nationen und die Menschen auf der ganzen Welt würdigen.
Darüber hinaus möchte ich die neuen Mitglieder in
diesem Plenum begrüßen: zwei Delegationen aus
Korea, insbesondere unsere demokratischen Freunde
aus der Republik Korea, die Republiken Estland, Lettland und Litauen sowie die neuen Vertreter von den
Marshall-Inseln und aus Mikronesien.
Vor zwanzig Jahren, als ich hier Ständiger Vertreter
der Vereinigten Staaten war, gab es 132 UN-Mitglieder. Vor nur einer Woche waren 159 Länder Mitglied

AMERIKA DIENST 38

der Vereinten Nationen. Heute sind es 166. Allein die
Anwesenheit dieser neuen Mitglieder bietet uns Grund
zum Feiern.
Meine heutige Rede ist anders als jede bisherige Rede
eines Präsidenten der Vereinigten Staaten. Ich möchte nicht das Thema der Konkurrenz von Supermächten
vertiefen, das die internationale Politik seit 50 Jahren
dominiert hat. Statt dessen möchte ich die Herausforderungen darlegen, die sich uns bei der Schaffung von
Frieden und Wohlstand in einer Welt stellen, die vom
Ende des kalten Kriegs und einem neuen Kapitel der
Geschichte positiv beeinflußt ist.
Der Kommunismus hat die Welt jahrelang gefangengehalten. Er hat alte Streitfälle verlängert und ethnische Rivalitäten, nationalistische Hoffnungen und alte
Vorurteile unterdrückt. Mit seiner Auflösung sind verschüttete Haßgefühle wiederaufgeflammt. Menschen,
denen jahrelang ihre Vergangenheit vorenthalten wurde,
suchen jetzt nach ihrer Identität, oftmals mit friedlichen
und konstruktiven Mitteln, manchmal mit Abspaltun
gen und Blutvergießen.
Diese Neubelebung der Geschichte mündet in ein
neues Zeitalter voller Chancen und Gefahren. Wir
wollen uns zunächst den Chancen zuwenden.
Erstens versetzt das neue Kapitel der Geschichte die
Menschen in die Lage, ihrem natürlichen unternehmerischen Instinkt zu folgen. Der Kommunismus hat
diesen Prozeß eingefroren bis selbst seine Verfechter

Seite 1

�die Schäden nicht mehr ertragen konnten. Jetzt setzen die Bürger auf der ganzen Welt Unternehmertum
vor Neid, persönliche Verantwortung über die Verlokkungen des Staates, Wohlstand vor die Armut der
Planwirtschaft.
Die UN-Charta fördert dieses Abenteuer durch ihr
Gelöbnis, "zur Förderung wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts aller Völker die internationale Maschinerie einzusetzen'. Ich kann mir keinen besseren Weg
zur Verwirklichung dieser Aufgabe vorstellen als den
freien Fluß von Waren und Ideen zu fördern.
Offen gesagt verbreiten sich Ideen und Waren auch
ohne unser Zutun auf der Welt. Die Revolution im
Informationswesen hat die Waffen der erzwungenen
Isolation und Ignoranz zerstört. In vielen Teilen der
Welt hat Technologie die Tyrannei besiegt und bewiesen, daß das Inforamtionszeitalter eine Zeit der Befreiung werden kann, wenn wir die Macht des Staates klug
einschränken und unsere Menschen befreien, damit
sie sich neue Ideen, Erfindungen und Erkenntnisse
zunutze machen können.
In gleicher Weise hat die Welt erfahren, daß freie
Märkte einen Grad an Wohlstand, Wachstum und
Glück schaffen, den Planwirtschaften niemals bieten
können. Auch die wohlwollendsten Schätzungen
kommen zu dem Ergebnis, daß die Volkswirtschaften
der freien Welt in den letzten Jahren doppelt so hohe
Zuwachsraten verzeichneten wie die frühere kommunistische Welt.
Wachstum füllt nicht nur Regale auf, sondern leistet
mehr - es billigt jedem Menschen Gewinn zu - nicht auf
Kosten sondern zum Vorteil anderer. Wohlstand ermutigt
die Menschen, als Nachbarn, nicht als Raubtiere zu
leben.
Wirtschaftswachstum kann auf gleiche Weise die internationalen Beziehungen fördern. Viele der hier
vertretenen Länder sind Mitglieder des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens. Die Uruguay-Runde die jüngsten Handelsgespräche nach dem Krieg lassen die Entwicklungsländer hoffen, von denen viele
gewaltsam geteilt sind - geteilt durch falsche Versprechungen des Totalitarismus.
Hier in diesem Plenum erfahren wir etwas über NordSüd-Probleme. Aber freier und offener Handel, einschlie ßlich des freien Zugangs zu Märkten und Kapital,
bieten den Entwicklungsländern Mittel zur Selbsthilfe
und wirtschaftlicher Würde.
Sollte die Uruguay-Runde scheitern, könnte eine neue
Welle des Protektionismus unsere Hoffnungen auf
eine bessere Zukunft zunichte machen. Die Geschichte lehrt nur allzu deutlich, daß Protektionismus Wohlstand in Ländern zerstören und ihre Beziehungen
vergiften kann. Deshalb fordere ich alle Mitglieder des
GATT auf, ihre Bestrebungen zu verdoppeln, um einen
erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde zu geSeite 2

währleisten. Ich gelobe, daß die Vereinigten Staaten
ihren Teil dazu beitragen werden.
Ich kann dies nicht genug betonen: wirtschaftlicher
Fortschritt wird in der neuen Welt eine entscheidende
Rolle spielen. Er liefert den Boden, auf dem die
Demokratie am besten gedeiht.
Die Menschen überall streben eine Regierung des
Volkes und durch das Volk an. Und sie wollen ihre
unveräußerlichen Rechte auf Freiheit, Wohlstand und
Unverletzlichkeit ihrer Person genießen.
Herausforderungen an die Demokratie sind gescheitert. Letzten Monat erst wollten die Verschwörer in der
Sowjetunion die Kräfte der Freiheit und Reform zum
Entgleisen bringen, aber die Bürger der Sowjetunion
sind ihnen nicht gefolgt. Die meisten Länder dieses
Plenums standen zu den Reformkräften unter Führung
von Michail Gorbatschow und Boris Jelzin und waren
gegen die Anstifter des Staatsstreichs.
Die Herausforderung, die sich dem sowjetischen Volk
jetzt stellt - der Aufbau politischer Systeme auf der
Basis der Freiheit des einzelnen, Rechten von Minderheiten, Demokratie und freien Märkten - spiegelt die
Verantwortung jedes Landes für die Förderung friedlicher, demokratischer Reformen wider. Aber sie belegt
auch die außergewöhnliche Macht des demokratischen Ideals.
Ebenso wie die Demokratie blüht die Chance für einen
dritten historischen Durchbruch: internationale Kooperation. Vor einem Jahr hat die Sowjetunion gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen Ländern
ein winziges Land gegen Aggression verteidigt - und
sich Saddam Hussein widersetzt. Zum ersten Mal
wurde bei einer wichtigen Angelegenheit die Konkurrenz der Supermächte durch internationale Zusammenarbeit ersetzt.
In einer ihrer Sternstunden haben die Vereinten Nationen eine angemessene, prinzipientreue, freiwillige
und mutige Antwort auf Saddam Hussein gefunden.
Sie haben sich gegen einen Geächteten erhoben, der
in Kuwait eingefallen war, viele Länder der Region bedrohte und im Zeitalter nach dem kalten Krieg einen
bedrohlichen Präzedenzfall schaffen wollte.
Die Anstrengungen der Koalition hatten Vorbildcharakter für die Beilegung von Streitigkeiten insgesamt.
Die Mitglieder haben das Ziel gesteckt - die Befreiung
Kuwaits - und mutige, einheitliche Mittel zur Erlangung
dieses Ziels erarbeitet.
Jetzt haben wir zum ersten Mal eine reelle Chance,
den Anspruch der Vereinten Nationen zu erfüllen und
zusammenzuarbeiten, "um nachfolgende Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren, den
Glauben an fundamentale Menschenrechte wiederherzustellen, an die Würde und den Wert des Menschen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau in

AMERIKA DIENST 38

�großen und kleinen Ländern sowie soziale Fortschritte
und besseren Lebensstandard in größerer Freiheit zu
erlangen". Soweit die Worte der Charta.
Wir werden diese Ideale nicht neubeleben, wenn wir
die Herausforderung nicht erkennen, die sich mit diesem neuen Kapitel der Geschichte stellt.
In Europa und Asien sind erneut Nationalitätenkonflikte aufgeflackert, die Grenzen in Frage und das Gefüge
der internationalen Gesellschaft auf die Probe stellen.
Gleichzeitig verfestigen sich auf der ganzen Welt viele
traditionelle Konflikte. Selbst hier kann man Anzeichen dieser Tumulte beobachten. Die Vereinten Nationen haben in den letzten 36 Monaten mehr Friedensmissionen durchgeführt als in den ersten 43 Jahren
ihres Bestehens. Obwohl wir uns jetzt von der Furcht
eines nuklearen Holocausts einigermaßen befreit haben,
sollten uns diese kleineren, schwelenden Konflikte alle
beunruhigen.
Wir müssen uns dieser Herausforderung ehrlich stellen: erstens, indem wir die gegenwärtig stattfindende
friedliche Lösung von Streitigkeiten verfolgen und
zweitens - und vor allem - indem wir das Ausbrechen
anderer Dispute verhindern.
Niemand hier kann versprechen, daß die Grenzen von
heute allzeit so bestehen bleiben. Aber wir müssen die
friedliche, auf dem Verhandlungswege erzielte Beilegung von Grenzstreitigkeiten gewährleisten.
Darüber hinaus müssen wir die Sache der interntionalen Harmonie durch Lösung alter Fehden fördern. Wir
sollten das Gelöbnis der Charta ernst nehmen, "Toleranz zu praktizieren und als gute Nachbarn in Frieden
zu leben".
Die Resolution der UN-Generalversammlung 3379,
die sogenannte "Zionismus ist Rassismus"-Resolution, ist mit diesem Gelöbnis und den Grundprinzipien
der Vereinten Nationen nicht vereinbar. Ich fordere
deshalb, sie außer Kraft zu setzen.
Zionismus ist keine Politik sondern die Idee, die zur
Schaffung einer Heimat für das jüdische Volk und zum
Staat Israel geführt hat. Die Gleichsetzung von Zionismus mit der unverzeihlichen Sünde des Rassismus
heißt, die Geschichte zu verzerren und das schreckliche Schicksal der Juden im Zweiten Weltkrieg und
tatsächlich in der ganzen Geschichte zu vergessen.
Die Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus
bedeutet, Israel selbst zu negieren - ein geachtetes
Mitglied der Vereinten Nationen.
Diese Organisation kann nicht den Anspruch erheben,
Frieden zu wollen und gleichzeitig Israel das Existenzrecht absprechen. Durch die bedingungslose Außerkraftsetzung dieser Resolution werden die Vereinten
Nationen ihre Glaubwürdigkeit verbessern und der
Sache des Friedens dienen.

AMERIKA DIENST 38

Bei unserer Arbeit an den Herausforderungen, die sich
durch das neue Kapitel der Geschichte stellen, müssen wir auch die unveräußerlichen in der Charta veränderten Menschenrechte verteidigen.
Die Regierung hat versagt, wenn ihre Bürger ihre
Meinung nicht frei äu ßern, nicht frei politische Parteien
gründen und ohne Zwang Regierungen wählen, ihre
Religion nicht frei ausüben, ihre Familien nicht in
Frieden gründen können, wenn sie für ihre Arbeit
keinen gerechten Lohn bekommen, kein erfülltes Leben
führen und am Ende ihre Lebens nicht mit Stolz auf ihre
Leistungen und die Fortschritte ihrer Gesellscahft
zurückblicken können.
Politiker, die über Demokratie und Freiheit reden, aber
keine bieten, werden letztlich den Stachel der öffentlichen Mißbilligung und die Macht des Wunsches der
Menschen auf ein Leben in Freiheit zu spüren bekommen.
Manche Länder verweigern ihren Bürgern immer noch

ihre Grundrechte. Zuviele Stimmen rufen noch nach
Freiheit. Zum Beispiel werden die Menschen in Kuba
von einem Diktator unterdrückt, der nichts verstanden
hat, der eine einsame Festung in einer sonst demokratischen Region bildet, einem Mann, der sich nicht einer
Welt angepaßt hat, in der für totalitäre Tyrannei kein
Platz ist. Andernorts ignorieren Despoten die Tatsache, daß der Rest der Welt in ein neues Zeitalter der
Freiheit eingetreten ist.
Das neue Kapitel der Geschichte erlegt uns auch die
Verpflichtung auf, neuen und alten Bedrohungen
gegenüber wachsam zu sein. Wir müssen unsere
Bestrebungen zur Kontrolle der Verbreitung von Kernwaffen ausweiten. Wir müssen daran arbeiten, die
Ausbreitung chemischer und biologischer Waffen und
ihrer Trägersysteme zu verhindern.
Aus diesem Grund habe ich meine Rüstunskontrollinitiative für den Nahen Osten vorgeschlagen, einen
umfassenden Ansatz, um die Ansammlung von Waffen in diesem Teil der Welt, der am meisten zu Gewalt
neigt, aufzuhalten und wenn möglich zu beseitigen.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß Eigeninteresse
einzelne Länder in unterschiedliche Richtungen zerren
wird und vermeintliche Interessenkonflikte manchmal
in Gewalt ausarten werden.
Wir können nie konkret vorhersagen, wo der nächste
Konflikt entstehen wird. Und wir können keinen ewigen
Frieden versprechen - nicht solange Demagogen nach
Hoffnung dürstenden Menschen falsche Versprechungen machen oder Terroristen unsere Bürger als Schachfiguren benutzen und Drogenhändler unsere Menschen zerstören. Infolgedessen müssen wir uns zusammenschließen und Angriffe auf die grundlegende
menschliche Würde abwehren.

Seite 3

�Es ist nicht länger akzeptabel, die Schultern zu zucken
und zu erklären, der Terrorist in einem Land sei der
Freiheitskämpter für ein anderes Land. Wir müssen
das Gesetz über die rohe und feige Praxis der Geiselnohme stellen.
In einer von Veränderungen gekennzeichneten Welt
müssen wir in unseren Grundsätzen so unerschütterlich sein wie in unserer Reaktion flexibel auf sich
wandelnde internationale Bedingungen. Dies gilt heute
insbesondere im Hinblick auf den Irak. Sechs Monate
nach der Verabschiedung der Resolutionen 687 und
008 des UN-Sicherheitsrats baut Saddam Hussein
sein Arsenal an Massenvernichtungswaffen weiterauf
und unterwirft das irakische Volk brutaler Unterdrükkung.
Saddam Husseins Mißachtung der UN-Resolutionen
wurde zuerst bereits im August 1990 demonstriert und
dauert bis zum heutigen Zeitpunkt an. Seine Regierung weigert sich, bedingungslose Hubschrauberinspektionen zu gestatten, und zur Zeit verhindert sie,
daß die UN-Inspektoren inspizierte Anlagen mit Dokumenten über das irakische Nuklearwaffenprogramm
verlassen.
Aus der Sicht der Vereinigten Staaten müssen wir die
UN-Sanktionen solange aufrechterhalten wie Saddam
an der Macht bleibt. Das heißt auch, wir dürfen
keinerlei Kompromisse eingehen, wenn der Irak all
seine Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme zerstören soll. Und wir werden keine Kompromisse machen.
Das soll nicht heißen - und ich möchte dies unmißverständlich klarstellen -, daß wir das irakische Volk
strafen wollen. Ich möchte wiederholen, daß wir
niemals eine Auseinandersetzung mit dem irakischen
Volk hatten, sondern mit dem brutalen Diktator, dessen Arroganz das irakische Volk entehrt. Resolution
706 des UN-Sicherheitsrats hat einen verantwortungsvollen Mechanismus geschaffen, um unschuldigen
irakischen Bürgern humanitäre Hilfe zukommen zu
lassen. Dieser Mechanismus muß greifen.
Wir dürfen unsere unerschütterliche Haltung gegenüber Saddams Aggression nicht aufgeben. Dank
kooperativen Bestrebungen wurde Kuwait befreit, und
sie können jetzt zu einer gerechten Regierung im Irak
führen. Wenn dies geschieht, wird das irakische Volk
einem besseren Leben entgegensehen - mit Freiheit
im Inland und der Freiheit, sich in einer Welt jenseits
seiner Grenzen zu engagieren.
Das neue Kapitel der Geschichte gestattet den Vereinten Nationen auch die Wiederaufnahme ihrer wichtigen Aufgabe, die von mir heute erörterten Werte zu
fördern. Dieses Gremium kann als Instrument dienen,
mit dem die betroffenen Parteien alte Konflikte beile-

*
Seite 4

*

gen können. Ich blicke der Arbeit mit Generalsekretär
Perez de Cuellar und seinem Nachfolger in den kommenden Monaten gerne entgegen, Frieden in so unterschiedlichen und krisengeschüttelten Ländern wie
Afghanistan, Kambodscha, Zypern, El Salvador und
der westlichen Sahara herbeizuführen.
Die Vereinten Nationen können durch ihre internationalen Kreditinstitute und Hilfsorganisationen die Entwicklung zu freien Marktwirtschaften fördern. Sie
sollten jedoch keine bestimmten Regierungsformen
für die jeweiligen Nationen vorschreiben. Sie können
und sollten die Werte fördern, auf denen diese Organisation gegründet wurde. Gemeinsam sollten wir
darauf bestehen, daß die unsere Zustimmung anstrebenden Nationen die Normen menschlicher Würde
erfüllen.
Wo die Institutionen der Freiheit zur Untätigkeit verdammt waren, können die Vereinten Nationen sie neu
beleben. Diese Institutionen spielen eine entscheidende Rolle bei unserem Streben nach einer neuen Weltordnung - einer Ordnung, in der keine Nation einen
Fingerbreit von ihrer Souveränität abweicht, einer
Ordnung, die von Rechtsstaatlichkeit statt vom Rückgriff auf Gewalt, von der gemeinsamen Beilegung von
Konflikten statt von Anarchie und Blutvergießen sowie
dem unerschütterlichen Glauben an Menschenrechte
gekennzeichnet ist.
Vielleicht fragen Sie sich, welche Rolle die Vereinigten
Staaten in der von mir beschriebenen neuen Weltordnung spielen. Ich darf Ihnen versichern, daß die
Vereinigten Staaten keine Absicht hegen, eine Pax
americana anzustreben. Wir werden uns jedoch nach
wie vor engagieren. Wir werden uns nicht zurückziehen und in Isolationismus verfallen. Wir werden Freundschaft und Führung anbieten. Kurz gesagt, wir streben
eine auf geteilter Verantwortung und gemeinsamen
Bestrebungen gegründete Pax universalis an.
Allen hier Anwesenden möchte ich versichern, daß wir
die Chance haben, unseren Söhnen und Töchtern die
Sünden und Fehler der Vergangenheit zu ersparen.
Wir können eine befriedigendere Zukunft aufbauen als
die Welt je zuvor erlebt hat. Die vor uns liegende
Zukunft ist Undefiniert - voller Versprechungen und
Gefahren. Wir können die Welt wählen, die wir wollen:
eine von den Feuern des Krieges lodernde und den
Launen von Zwang und Zufall unterworfene oder eine
durch Nachdenken und Entscheidungen friedlicher
gestaltete Welt. Nehmen Sie diese Herausforderung
ernst. Regen Sie künftige Generationen dazu an, Sie
zu würdigen und Ihr Andenken mit den Worten zu
ehren: Auf den Trümmern der Konflikte haben diese
tapferen Männer und Frauen ein Zeitalter von Frieden
und Verständnis aufgebaut. Sie haben eine neue
Weltordnung ins Leben gerufen - eine Ordnung, die es
wert ist, auf Jahrhunderte erhalten zu werden.
*

*
AMERIKA DIENST 38

�HISPANO-AMERIKA
25. September 1991

BUSH: KUBANER WOLLEN IHR SCHICKSAL
SELBST IN DIE HAND NEHMEN
Rede vor Hispano-Amerikanern
Chicago - (AD) - In einer Ansprache vor der 12. Jahresversammlung der Hispanischen Handelskammer in
Chicago prognostizierte Präsident Bush am 20. September 1991, der Tag werde kommen - eher als Castro "zu
glauben wagt - an dem das kubanische Volk sein Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen und dem westlichen
Staatenbund freier Nationen beitreten wird".
Ein Kuba auf dem Weg zu Freiheit und Demokratie wird allen demonstrieren, daß wir in ein neues Zeitalter der
Freiheit und Chancen eingetreten sind, erklärte Bush. Der Präsident betonte ferner die entscheidende
Bedeutung der Zustimmung des Kongresses zur Verlängerung des Fast-Track-Mandats für Handelsgespräche.
Ausgerüstet mit diesem mächtigen Instument, so Bush, "handeln wir ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen aus. Wenn wir diese Vereinbarung getroffen haben, werden wir eine Freihandelszone schaffen, die
vom Yukon bis Yukatan reicht - einen Markt mit 360 Millionen Verbrauchern und einer derzeitigen Jahresproduktion von 6 Billionen Dollar".
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen
Ländern Amerikas tragen "einer wichtigen Lektion unseres Zeitalters Rechnung: Protektionismus und staatliche
Kontrolle bringen nur Armut, Rückständigkeit und Verweigerung der Freiheit hervor".
Nachfolgend veröffentlichen wir Präsident Bushs Rede im Wortlaut.

Vor 500 Jahren überquerten die Menschen den großen Ozean und schufen Hispano-Amerika. Seit jenen
Tagen haben wir die Konglomeration europäischer
und amerikanischer Völker auf diesem riesigen Kontinent nie als neues Territorium, neue Kolonie oder neue
Siedlung bezeichnet. Wir nannten es die Neue Welt.
Hispano-Amerika entstand aus Risikobereitschaft und
Romantik. Sein Wachstum wurde aus unterschiedlichen Kräften genährt: transozeanischem Handel, der
Wanderung und Vermischung von Völkern sowie der
großen Aufgabe der Entdeckung und Entwicklung.
Am 20. September - an eben diesem Tag - setzten
Magellan und seine Gefährten die Segel in Spanien,
um den Globus zu umsegeln. Im nächsten Monat
begehen wir den 500. Jahrestag der wagemutigen
Reise von Kolumbus.
Wir dürfen diese Leistungen nicht als etwas Altmodisches oder Unwichtiges abtun. Die Grenzen schließen sich nicht, wenn Menschen in der Wildnis siedeln
oder wenn sie Städte, Fabriken und Schulen bauen.
Moderne Zivilisationen sehen sich mit mutigen, aber
schwierigen Abenteuern konfrontiert: den Abenteuern
der Familiengründung, Kindererziehung, dem Wissen,
AMERIKA DIENST 38

daß wir unsere Welt besser machen müssen, unabhängig davon, wie schwierig oder bequem die Umstände sind. Im täglichen Leben aller Länder Amerikas, bei
unserer Aufgabe der Entdeckung und Entwicklung,
war 1492 erst gestern.
Dies trifft insbesondere auf den Handel zu. Bereits vor
Jahrhunderten haben Reisende die Handelsrouten
Amerikas aufgezeichnet, aber wir haben erst jetzt
begonnen, ihr gesamtes Potential auszuschöpfen.
Das Thema Ihrer Konferenz steht im Einklang mit
dieser Geisteshaltung: "Neue Partnerschaften ins
Leben rufen". Die über 400.000 im Besitz von Hispano-Amerikanern befindlichen Firmen in Amerika schaffen neue Arbeitsplätze und bringen neuen Wohlstand
hervor. Im Jahr 1987 pumpten diese Unternehmen
fast 25 Milliarden Dollar in unsere Wirtschaft und
schufen eine halbe Million Arbeitsplätze.
Sie glauben an sich, Ihre Fähigkeiten, Ihre Entschlußkraft, Ihre Qualitäten. Durch diesen Glauben an sich
haben Sie der Administration geholfen, die Zustimmung des Kongresses zur Verlängerung des FastTrack-Mandats für Handelsgespräche einzuholen.
Seite 1

�Ausgerüstet mit diesem mächtigen Instrument handeln wir ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen aus. Wenn wir diese Vereinbarung getroffen
haben, werden wir eine Freihandelszone schaffen, die
vom Yukon bis Yukatan reicht - einen Markt mit 360
Millionen Verbrauchern und einer derzeitigen Jahresproduktion von 6 Billionen Dollar.
Wenn wir dieses Freihandelsabkommen besiegeln,
werden die Firmen von Hispano-Amerikanern in den
Vereinigten Staaten in den Genuß großer natürlicher
Vorteile kommen. Familienbande, Sprache und Kultur, die an sich schon in Ehren gehalten werden,
erhalten als Geschäftskapital eine neue Größenordnung.
Durch Ihren Glauben an sich selbst haben Sie auch
unsere Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in
allen Ländern Amerikas unterstützt, die darauf abzielt,
Investitionen und Zusammenarbeit von der Hudson
Bay bis zur Magellanstraße zu erweitern.
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und
die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen
Ländern Amerikas tragen einer wichtigen Lektion unseres
Zeitalters Rechnung: Protektionismus und staatliche
Kontrolle bringen nur Armut, Rückständigkeit und
Verweigerung der Freiheit hervor.
Nehmen Sie beispielsweise den Fall Mexiko. Seit
1986, als Mexiko dem GATT beitrat und seine Zollsätze von 100 auf etwas über 10 Prozent senkte, haben
sich die amerikanischen Exporte nach Mexiko mehr
als verdoppelt. Der Export von Autos und Ersatzteilen
hat sich vervierfacht. Die Exporte von Eisen und Stahl,
die sich vor vier Jahren auf ein Defizit von 12 Millionen
Dollar beliefen, erzielen jetzt einen Überschuß von 300
Millionen Dollar. Durch diesen Anstieg der Exporte
wurden in den Vereinigten Staaten fast 300.000 Arbeitsplätze geschaffen. Jede zusätzliche Milliarde an
Exporten hat beinahe 20.000 amerikanische Arbeitsplätze zur Folge.
Diese Reformen haben jedoch auch Mexiko geholfen
- eine klassische Situation, in der es nur Gewinner gibt.
Der Vorsitzende des mexikanischen Gewerkschaftsbundes, Fidel Velazquez Sanchez, hat erkannt, daß
vermehrter Handel neue Arbeitsplätze und neue Industriezweige in Mexiko schaffen wird und unterstützt
das Handelsabkommen uneingeschränkt.
Was für Hispano-Amerika gut ist, wird auch für die
Vereinigten Staaten von Nutzen sein. Mit offenem
Handel werden die amerikanischen Firmen bis zum
Jahr 2000 dank einer dynamischen Volkswirtschaft mit
100 Millionen mexikanischen Verbrauchern solide
Geschäfte machen.
Südlich von Mexiko scheinen die Aussichten genauso
aufregend zu sein. Wir fördern bereits Pläne zum
Abbau des Defizits, zur Ankurbelung von Investitionen
und Ausweitung des Handels. Wir haben jetzt RahSeite 2

menvereinbarungen zur Liberalisierung des Handels
unterzeichnet, an denen 28 Länder auf dem Kontinent
beteiligt sind. Aber wir benötigen Ihre Hilfe. Der
Kongreß hat uns immer noch keine Befugnis zur
Finanzierung des Schuldenabbaus und zur Beteiligung am Multilateralen Investitionsfonds erteilt, mit
dem Investitionen stimuliert und stabile Demokratien
in unserer Hemisphäre aufgebaut werden sollen. Die
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern Amerikas (Enterprise for the Americas) ist kein Schlagwort.
Damit sollen Demokratie und Freiheit in den friedlichen
Ländern südlich des Rio Grande gefördert werden,
und sie wird den amerikanischen Exporten zugute
kommen.
Unsere Bestrebungen zum Ausbau amerikanischer
Exporte werden weiteren Auftrieb erhalten, wenn mein
Freund Jose Martinez Leiter des US-Programms für
Handel und Entwicklung wird.
Sicherlich wird ein weiteres Ereignis uns allen demonstrieren, daß wir tatsächlich in ein neues Zeitalter von
Freiheit und Chancen eingetreten sind. Ich spreche
vom Weg Kubas in Freiheit und Demokratie.
Heute vernehmen wir das Bersten und Bröckeln in
Castros Diktatur. Der Tag wird kommen - eher als
Castro zu glauben wagt - an dem das kubanische Volk
sein Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen und
dem westlichen Staatenbund freier Nationen beitreten
wird.
Wenn unser Kontinent eine Völkergemeinschaft werden soll, müssen wir mehr tun als wirtschaftliche und
politische Schranken aufzuheben. Unsere Regierung
fördert auch den Austausch im Bildungswesen und im
kulturellen Bereich zwischen unserem Land und unseren Nachbarn in der Hemisphäre. Wie im Handel
werden die Hispano-Amerikaner bei diesem Projekt
die natürliche Führungsrolle übernehmen.
Uns eint mehr als nur die Geographie. Aufgrund
gemeinsamer kultureller Wurzeln können wir für unseren Kontinent und uns selbst ein gemeinsames Schicksal anstreben.
Ich möchte in diesem Zusammenhang der Hispanischen Handelskammer für ihre Unterstützung der
Strategie im Bildungswesen "America 2000" danken.
Ich danke Ihnen für Ihre Initiative, unsere Kinder vom
Kindergartenalter an Wirtschaft und Unternehmertum
zu lehren.
Ebenso wie unsere Vorschläge zur Wirtschaft beginnt
auch "America 2000" mit einem Glaubensbekenntnis:
Wir glauben, daß Eltern sich um ihre Kinder und deren
Erziehung sorgen. Sie können Schulen finden, in
denen ihren Kindern geholfen wird, ihr Potential auszuschöpfen. Wir wollen die Wahlmöglichkeiten von
Eltern erweitern, damit Eltern beim wichtigen Thema
Bildung eine ebenso große Auswahl haben wie beim
Kauf von Erdnußbutter.
AMERIKA DIENST 38

�Wenn wir das Beste aus uns machen wollen, müssen
wir Wettbewerb zulassen und zeigen, was in uns
steckt.
Mit "America 2000" können hispano-amerikanische
Gemeinschaften auf ihre natürlichen Stärken und Werte
zurückgreifen. Mit diesem Programm können Eltern,
Lehrer, Kirchenvertreter und Geschäftsleute das Bildungswesen in Amerika neu erfinden helfen.
Zur Förderung dieses Ziels habe ich die Mitgliedschaft
von Hispano-Amerikanern in der Beratungskommission des Präsidenten über hervorragende Leistungen
angekündigt. Der Leiter von Ameritech International,
Andres Bande aus Chicago, wird den Vorsitz führen,
und seine Arbeit wird eine wichtige Rolle spielen, damit
"America 2000" eine Revolution im Bildungswesen
freisetzen kann.
Ich möchte mit einigen Worten zu einem Konzept
schließen, das wir bereits erörtert haben: Entwicklung.
In der internationalen Wirtschaft ist das natürlich ein

Standardbegriff. Wir neigen dazu, den Begriff Entwicklungsland als Euphemismus für Armut zu verwenden - für ein Land, dem es an materiellem oder
finanziellem Wohlstand mangelt.
Wenn wir den Begriff Entwicklung in diesem Sinne
verwenden, vergessen wir seine tiefere Bedeutung.
*

AMERIKA DIENST 38

*

Entwickeln sich die Vereinigten Staaten nicht auch
immer noch? Trotz all unseres gegenwärtigen Wohlstands - können wir es uns leisten, statisch zu werden
oder zu stagnieren? Wenn wir unseren Kindern kein
moralisches und intellektuelles Erbe hinterlassen, wie
es unsere Eltern uns mitgegeben haben, sind wir dann
ein entwickeltes Land?
Ich muß dabei an die Erforscher unseres Kontinents
vor fünfhundert Jahren denken. Einge von ihnen
waren klug - andere dumm. Wir erinnern uns an die
vergebliche Mühe, Cibola - die sagenhaften sieben
Städte des Goldes - zu finden. Die Abenteurer von
damals haben nicht nur an der falschen Stelle, sondern
auch nach dem falschen Schatz gesucht. Der Schatz
sind damals und heute die Menschen - das menschliche Potential -, ihr Intellekt, ihre Kraft und ihre Seele.
Diese kapitalen Reservoirs haben die Zivilisation aufgebaut.
Unsere Arbeit ist niemals zu Ende. Das ist der Schlüssel zu den aufregenden Erfahrungen des Lebens. In
diesen hoffnungsvollen Zeiten, da wir wirtschaftliche
Schranken abbauen und uns von ideologischen Eingrenzungen befreien, müssen wir unseren eigenen
Söhnen und Töchtern nach wie vor die Werte - und
damit die Grundlagen - einer guten Gesellschaft vermitteln. Gemeinsam wird uns das gelingen.

*

*

Seite 3

�AUSSENPOLITIK
25. September 1991

EINE NEUE WELTORDNUNG DIE KONSEQUENZEN FÜR DAS BÜNDNIS
Rede von Botschafter Kimmitt
KNOKKE - (AD) - In seiner Rede anlä ßlich der 7. Jahreskonferenz der Leiter der Institute für Strategische Studien
in Knokke-Heist (Belgien) erklärte Botschafter Robert Kimmitt am 18. September 1991, in Augenblicken
historischer Umwälzungen sei es "von besonderer Bedeutung, sich auf Grundprinzipien zu besinnen und dann
auf ihnen aufzubauen, um kreative Strategien zu erarbeiten, die der Gegenwart angemessen sind und an die
Zukunft angepaßt werden". Der Botschafter verwies in diesem Zusammenhang auf Präsident Bushs neue
Weltordnung und ihre vier Prinzipien: friedliche Beilegung von Streitigkeiten, Solidarität gegen Aggression,
reduzierte und kontrollierte Arsenale sowie gerechte Behandlung aller Völker.
In seiner Rede ging Botschafter Kimmitt insbesondere auf die Auswirkungen der neuen Weltordnung auf die
NATO und ganz Europa sowie die Sowjetunion ein - mit Außenminister Bakers Worten: die Euro-Atlantische
Gemeinschaft. Dabei werden "Sicherheit, Stabilität und Frieden in Europa weiterhin vom amerikanischen
Engagement in Europa und der Geschlossenheit des Nordatlantischen Bündnisses abhängen". Kimmitt
bekundete Zuversicht, "daß wir uns trotz der realen Herausforderungen in den Vereinigten Staaten weiterhin
stark in Europa und im Bündnis engagieren werden" und "der Beitrag der NATO zu Frieden und Freiheit eine
zentrale Rolle spielen wird, wenn die Euro-Atlantische Gemeinschaft ihre bedeutende Position in der sich
abzeichnenden neuen Weltordnung einnimmt".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Kimmitt im Wortlaut.

Vielen Dank für diese freundliche Einführung. Ich
freue mich, meine erste Rede "out-of-area" in meiner
neuen Funktion als amerikanischer Botschafter in
Deutschland vor diesem erlesenen Publikum halten zu
dürfen.
Ich habe Botschafter Tafts Einladung zu dieser Veranstaltung bereits im Frühjahr angenommen, als ich noch
Staatssekretär für politische Angelegenheiten im USAußenministerium war. Zu jener Zeit waren wir alle
Zeuge zweier Jahre tiefgreifender Veränderungen
geworden, zuerst in Europa und dann am Golf. Seitdem hat das Tempo dieser wirklich historischen Veränderungen unvermindert angehalten. Wer hätte gedacht, daß in dieser Zeit die Sowjetunion die Feuerprobe der Demokratie bestehen würde? Wer hätte ferner
gedacht, daß die NATO nach ihrem außergewöhnlich
erfolgreichen Gipfel des vergangenen Jahres in London beim diesjährigen Gipfel in Rom dem Europa und
der Welt von heute und morgen erst recht ihre Lebensfähigkeit und anhaltende Bedeutung beweisen würde?

AMERIKA DIENST 38

Angesichts dieser und anderer sich abzeichnender
Veränderungen freue ich mich insbesondere, gemeinsam mit Ihnen an einer so aktuellen Konferenz über
das Atlantische Bündnis und die neue Weltordnung
teilzunehmen. In diesem Augenblick solch historischer Umwälzungen ist es von besonderer Bedeutung, sich auf Grundprinzipien zu besinnen und dann
auf ihnen aufzubauen, um kreative Strategien zu erarbeiten, die der Gegenwart angemessen sind und an
die Zukunft angepaßt werden.
Eine neue Weltordnung - die Definition des Konzepts
Seit Präsident Bush den Begriff der neuen Weltordnung im Herbst 1990 verwendet hat, ist darüber viel
gesagt und geschrieben worden. Ihre Konferenz wird
als eine der ersten das Konzept in seinen Einzelheiten
und im Kontext der besonderen Belange des Atlantischen Bündnisses erforschen. Dabei kann ich das
Thema heute abend genausowenig ausschöpfen wie
Ihnen das in den nächsten Tagen gelingen wird. Ich

Seite 1

�hoffe vielmehr, einen Hintergrund für Ihre Veranstaltung liefern zu können, die hoffentlich die erste vieler
solcher Gespräche in Foren wie diesem sein wird.
In einer Rede Anfang des Jahres hat Präsident Bush
die neue Weltordnung und ihre vier Prinzipien definiert:
friedliche Beilegung von Streitigkeiten, Solidarität gegen
Aggression, reduzierte und kontrollierte Arsenale sowie
gerechte Behandlung aller Völker. Er hat verdeutlicht,
daß das Ende des kalten Kriegs uns kein Zeitalter
ewigen Friedens beschert hat - wie die Golfkrise und
die gegenwärtige Situation in Jugoslawien so anschaulich gezeigt hoben.
Obwohl wir das Streben nach einer neuen Weltordnung als Möglichkeit ansehen, die Gefahr von Unordnung einzudämmen, betrachten wir die neue Weltordnung nicht als Pax americana oder Euphemismus für
die Vereinigten Staaten als Weltpolizist. Vielmehr
handelt es sich dabei um eine gemeinsame Bestrebung, durch kollektives Handeln der internationalen
Staatengemeinschaft Aggression abzuschrecken und
ihr gegebenenfalls zu widerstehen. Sie bietet eine
Möolichkeit zur Umgestaltung des internationalen
Systems auf der Basis unserer gemeinsamen Werte
und Ideale und zur Lösung von Problemen, die wir
aufgrund der Dominanz unserer Ost-West-Probleme
in den vergangenen 40 Jahren relativ vernachlässigt
haben. Die neue Weltordnung ist ganz einfach kollektives Handeln mit dem Ziel, gemeinsame Werte zu
fördern und zu schützen.
Diese Aussage sollte uns bekannt vorkommen. Sie
verkörpert die Prinzipien, die 1945 in San Francisco
der Charta der Vereinten Nationen und 1949 in Washington dem Nordatlantikvertrag zugrunde lagen. Die
Weisheit der "Gründerväter" beim letztgenannten
Ereignis zeigt sich in unseren gemeinsamen Erfolgen,
einschlie ßlich des Sieges am Golf und den über vierzig
Jahren Frieden in Europa. Dennoch zeigt die Lage, der
wir uns heute in Europa und andernorts gegenübersehen, daß wir zwar immer noch auf diese Prinzipien
bauen können, uns aber nicht auf ihnen ausruhen
dürfen. Sie müssen die Grundlage für unsere künftige
Handlungsweise sein und nicht nur Tribut an vergangene Erfolge.
Politisch sieht die neue Weltordnung die Verbreitung
der pluralistischen Demokratie vor, den Untergang
totalitärer - rechter und linker - Regime, Engagement
für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit sowie
Zusammenarbeit bei grenzüberschreitenden Herausforderungen. In wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht
beinhaltet die neue Weltordnung Hilfe für die aufstrebenden Demokratien in Osteuropa, Lateinamerika,
Asien, im Nahen Osten und Afrika, damit sie auf der
Basis einer Partnerschaft zwischen Regierung und
Unternehmen ihre Volkswirtschaften wiederaufbauen
können. Unsere Ziele lauten nichtinflationäres Wachstum sowie ein stärkeres und offeneres Welthandelssystem.

Seite 2

Ost-West-Zusammenarbei; und weltweite Fortschritte
Obwohl einige Kommentatoren die neue Weltordnung
als rhetorischen Kunstgriff bezeichnet haben, beweist
die Bilanz der Fortschritte in den letzten zehn Jahren
das Gegenteil. Zu diesem Fortschritt haben konstruktive Ost-West-Beziehungen erheblich beigetragen.
In der Sowjetunion hat Präsident Gorbatschows Politik
von Glasnost und Perestrojka grundlegende Veränderungen bewirkt und die Entstehung einer neuen sowjetischen Außenpolitik ermöglicht. Im Westen haben die
Verbündeten die sich ihnen mit der Öffnung öer Berliner Mauer bietende Gelegenheit ergriffen, die Vereinigung Deutschlands zu unterstützen und die Teilung
Europas aufzuheben. In einer Reihe von zehn amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffen und 34 Treffen auf
Ministerebene seit 1995 haben die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion Verefnbarwgen geschmiedet
und echte Fortschritte bei Rüsflungskonttaltfe Menschenrechten und Auswanderung, im Eüdungswesen
sowie in Wissenschaft und Kultur erzielt.
Die engere Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion hat bei der Lösung
regionaler Konflikte besondere Früchte getragen.
Während des grö ßten Teils der Nachkriegszeit wurden
Spannungen an Brennpunkten auf de- ganzen Welt
durch die Konfrontation zwischen Ost und West verschärft. Die neue sowjetische Führung in den achtziger Jahren hat es uns gestattet, von der Konkurrenz
zur Kooperation zu gelangen. Die Praxis engerer
amerikanisch-sowjetischer Konsultationen hat Erfolgen in Mittelamerika, Fortschritten in Afghanistan und
Kambodscha und einem echten Durchbruch in Angola
den Weg bereitet. Die in diesen Fällen entwickelte
Atmosphäre des Vertrauens war die Grundlage für die
unverzügliche Verurteilung des irakischen Angriffs auf
Kuwait durch die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion, die wiederum eine einmalige multinationale
Reaktion der Vereinten Nationen bewirkt hat.
Präsident Gorbatschow hat kürzlich seine Bereitschaft
zur sofortigen Aufnahme von Gesprächen über den
Abzug sowjetischer Truppen aus Kuba bekundet.
Gespräche zwischen Außenminister Baker und seinem sowjetischen Amtskollegen Pankin haben letzte
Woche die wichtige amerikanisch-sowjetische Erklärung zu Afghanistan hervorgebracht. Darüber hinaus
läßt uns die amerikanische, europäische und sowjetische Unterstützung für eine Nahost-Friedenskonferenz jetzt auf positive Bewegung in dem längsten und
hartnäckigsten aller regionalen Konflikte hoffen.
Die Zusammenarbeit zwischen Ost und West hat
ferner die Möglichkeit einer größeren Rolle der Vereinten Nationen eröffnet. Während der Golfkrise konnten
wir aufgrund der Tatsache, daß der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen nicht mehr durch ideologische

AMERIKA DIENST 38

�Konfrontationen blockiert war, die UNO im Sinne ihrer
Gründer einsetzen - als Eckpfeiler internationaler Sicherheit.
Neugestaltung der europäischen Ordnung
Obwohl die Prinzipien der neuen Weltordnung per
definitionem weltweit anwendbar sind, möchte ich im
einzelnen ihre Auswirkungen auf die NATO und ganz
Europa sowie die Sowjetunion erörtern - mit Au ßenminister Bakers Worten: die Euro-Atlantische Gemeinschaft.
Sicherheit, Stabilität und Frieden in Europa werden
weiterhin vom amerikanischen Engagement in Europa
und der Geschlossenhei des Nordatlantischen Bündnisses abhängen. Ebenso wie die NATO den Schild
bot, hinter dem nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen die Gesundung der Wirtschaft und der Wiederaufbau herbeigeführt werden konnten, fördert sie jetzt ein
Klima für Frieden und Stabilität auf dem gesamten
Kontinent.
Die NATO bleibt der Eckpfeiler künftiger Sicherheitsvereinbarungen in Europa und ein vitales Forum für
den politischen Ost-West-Dialog. Sie ist das verläßlichste Gegengewicht zu einer möglicherweise vom
Osten her auftretenden Bedrohung und gegen Risiken, die zunehmend von anderen Richtungen ausgehen werden.
Es ist von grundlegender Bedeutung, daß die Revolution in der UdSSR weiterhin demokratisch und friedlich
verläuft. Daher freue ich mich, daß an dieser Konferenz auch Vertreter aus Moskau teilnehmen. So sehr
uns das Scheitern des Staatsstreichs und die sich
abzeichnenden Chancen auch ermutigt haben, können wir es uns doch nicht leisten, die potentiellen
Probleme dieser historischen Umstrukturierung zu
bagatellisieren. Wir alle müssen wachsam bleiben und
gewährleisten, daß den Hardlinern der Zugang zu den
Schalthebeln der Macht sowie die Kontrolle über Europas immer noch größte Militärmacht verwehrt bleibt.
Es ist daher entscheidend, daß die NATO ihre wichtige
Aufgabe der Verankerung Nordamerikas an die Sicherheit Europas fortführt. Amerikas Schicksal und
seine Interessen sind mit denen Europas verbunden.
Um Präsident Bush zu zitieren:
"In dem Umfang, wie unsere Verbündeten und wir die
NATO einer sich verändernden Welt anpassen, werden sich Umfang und Zusammensetzung unserer
Streitkräfte verändern, um neuen und weniger bedrohlichen Umständen gerecht zu werden. Aber wir werden in Europa bleiben, um neue Gefahren abzuschrekken, treibende Kraft der Stabilität zu sein und ganz
Europa - Ost und West - zu versichern, daß das
europäische Gleichgewicht weiterhin gewährleistet ist."
Die neue europäische Sicherheitsarchitektur umfaßt
neben der NATO die KSZE, die Europäische Gemeinschaft, die Westeuropäische Union, den Europarat
AMERIKA DIENST 38

und angeschlossene Organisationen. Die KSZE muß
eine Rolle bei der Aufrechterhaltung der Stabilität und
beim Krisenmanagement spielen und unter anderem
gemeinsame Ziele für Europa vom Atlantik bis zum
Ural definieren. Als Organisation kann sie keine militärische Sicherheit gewährleisten, aber ein wichtiges
Forum bieten für politische Aussöhnung, ein System
der Offenheit und Transparenz im militärischen Bereich sowie einen umfassenden Rahmen für den Aufbau einer Euro-Atlantischen Gemeinschaft. Mit der
historischen Pariser Charta der KSZE wurde ein Grundstein für die Entwicklung einer neuen Ordnung in
Europa gelegt.
Die Europäische Gemeinschaft ist dazu bestimmt,
sowohl in Europa als auch andernorts eine wichtige
Rolle in der neuen Weltordnung zu spielen. Die
Vereinigten Staaten unterstützen wie bisher die Bestrebungen der EG, die Integration auf dem Weg zu
einer politischen und wirtschaftlichen Union in Europa
voranzubringen, die auch eine sicherheitspolitische
Dimension hat. Außenminister Baker bekräftigte sein
Engagement in der gemeinsamen Erklärung mit Bundesaußenminister Genscher vom 10. Mai 1991: "Die
Vereinigten Staaten sind bereit, Maßnahmen zu unterstützen, die nach Auffassung der europäischen Verbündeten erforderlich sind, um eine gemeinsame
europäische Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik geltend zu machen." Bundesaußenminister
Genscher fügte hinzu, "eine europäische Sicherheitsund Verteidigungsidentität sollte zu der Errichtung
eines europäischen Pfeilers innerhalb des Bündnisses
führen". Wir hoffen, daß der NATO-Gipfel in Rom und
der EG-Gipfel in Maastricht die Entwicklung eines
europäischen Pfeilers im Bündnis als weiteren Schritt
zu einer europäischen Union unterstützen werden, die
als verantwortliche Kraft Strukturen kontinentaler, transatlantischer und globaler Interdependenz stärken wird.
Sicherheit darf jedoch nicht ausschließlich militärisch
definiert werden. Ebensosehr müssen die politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Elemente der Sicherheitsgleichung anerkannt und verstärkt werden.
In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere
unsere Erwartung bekunden, daß die Gemeinschaft in
den kommenden Monaten konstruktive Schritte in
Richtung auf den erfolgreichen Abschlu ß der UruguayRunde des GATT unternehmen wird. Ich kann mir nur
wenige Dinge vorstellen, die unsere Bestrebungen zur
Neubelebung der Weltwirtschaft und damit zur verbesserten weltweiten Sicherheit mehr stören würden als
ein Scheitern dieser Verhandlungen.
Die Entwicklung einerStruktur der Gemeinschaft sollte
ihre Fähigkeit zu effektiven auswärtigen Beziehungen
und Pflichten stärken. Eine der größten außenpolitischen Herausforderungen der EG besteht darin, sich
gemeinsam mit den anderen Verbündeten Osteuropa
gegenüber zu öffnen, wo ihr politischer und wirtschaftlicher Erfolg bereits als Magnet gewirkt und die wirtschaftlichen Grundlagen für einen erfolgreichen ÜberSeite 3

�gang zu Demokratie und freier Marktwirtschaft gelegt
hat. Ich freue mich daher besonders über die Anwesenheit von Vertretern aus Osteuropa bei dieser
Konferenz.
Die Vereinigten Staaten haben eminentes Interesse
an der festen Integration der osteuropäischen Länder
in die euro-atlantische Architektur. Wir möchten, daß
diese Nationen bei der Gestaltung des neuen Europas
unsere Partner sind. Die Sicherheit Europas verlangt,
daß der ehemalige Eiserne Vorhang nicht durch eine
neue Trennwand zwischen reich und arm ersetzt wird.
Präsident Bush hat den ost- und mitteleuropäischen
Nationen, die den langsamen, schmerzlichen, aber
fundamental wichtigen Übergang zu Marktwirtschaften vollziehen, Hilfe zur Erleichterung des "Übergangs
von Armut zu Wohlstand" versprochen.
Ein neues Programm für das Bündnis
Den Kampf der Sowjetunion mit dem Übergang von
einer Revolutionsmacht zu einem krisengeschüttelten
Staat, der westliche Werte und Prinzipien anstrebt,
haben wir erstaunt beobachtet und ermutigt mit maßgeblicher Unterstützung darauf reagiert. Obwohl dies
von einigen Kritikern für unmöglich gehalten wurde,
hat die NATO beachtliche Flexibilität bei ihrer Anpassung an die Metamorphose ihres Gegners bewiesen
und ihren Ansatz angesichts des drastisch veränderten europäischen Sicherheitsumfelds korrigiert.
Die Londoner Gipfelerklärung der NATO vom
Juli 1990 hat die Aufgabe der NATO von der
reinen Verteidigung gegen die Bedrohung aus
dem Osten in die Erarbeitung einer kooperativen Sicherheitsstruktur für den gesamten Kontinent umgewandelt.
Die Au ßenminister Baker und Genscher vereinbarten in ihrer Washingtoner Erklärung vom 10.
Mai, daß Stabilität in Europa über die militärische Verteidigung hinausgeht und politische,
wirtschaftliche, soziale und ökologische Dimensionen der Sicherheit umfaßt.
Die Verteidigungsminister des Bündnisses einigten sich Ende Mai auf einen neuen Ansatz
zur Abschreckung von Aggression und Behandlung von Notfällen. Statt der geographisch begründeten gestaffelten Verteidigung ("layer cake"
defense) entwickeln wir eine Gegenkonzentrationsstrategie, die zeitlich abgestuft ist - mit
unverzüglicher Reaktion, schnellen Eingreiftruppen, aktiven und Reservestreitkräften. Die Effektivität hochmobiler Eingreiftruppen wird vom
Erfolg des Bündnisses abhängen, die nationalen Kontingente fest zu integrieren.
Im Juni 1991 einigten sich die Außenminister
der NATO auf eine Reihe sicherheitspolitischer
Kernfunktionen des Bündnisses. Sie kamen
überein, daß die Erarbeitung einer europäischen
Seite 4

Sicherheitsidentität das Bündnis stärken würde
und regten einen noch markanteren europäischen Beitrag zur westlichen Sicherheitspoiitik
an. Ich möchte aus dem Kommunique des
Nordatlantikrats vom 7. Juni 1991 zitieren: "Die
Entwicklung einer europäischen Sicherheitsidentität und Rolle der Verteidigung, reflektiert in
der Stärkung des europäischen Pfeilers im
Bündnis", wird nicht nur den Interessen der
europäischen Staaten dienen sondern zur Stärkung der atlantischen Solidarität beitragen.
Wir beobachten bereits positive Ergebnisse der Anpassung des Bündnisses an seine neuen Herausforderungen: das erweiterte Programm der Ost-WestPolitik, Veränderungen der Verteidigungsstrategie,
Erarbeitung neuer Rüstungskontrollpositionen, Bestrebungen zum Aufbau von Partnerschaften mit den
Ländern Ost- und Mitteleuropas sowie der Sowjetunion, Initiativen zur Intensiverung der Ost-West-Kontakte unter Sicherheitsexperten, militärischen Behörden,
Parlamentariern, Führungskräften sowie Wissenschaftlern und Umweltexperten. Ihre Konferenz ist ein
anschauliches Beispeil für diese Serie von Initiativen.

y

'

Diese Kontakte zielen darauf ab, die neuen Länder des
Ostens einschließlich der Sowjetunion und der Republiken in die neue Architektur einzubeziehen. Allen
wird zunehmend deutlich, daß das Ziel der NATO
Sicherheit für ganz Europa ist. Außenminister Baker
erklärte im Juni vergangenen Jahres in Berlin: Wir
müssen beginnen, die transatlantische Gemeinschaft
auf Mittel- und Osteuropa und die Sowjetunion auszudehnen ... Unser Ziel ist ein ungeteiltes und freies
Europa sowie eine Euro-Atlantische Gemeinschaft,
die nach Osten von Vancouver bis Wladiwostok reicht."
Neuen Herausforderungen begegnen
Die Erfolge der NATO haben sie nicht vor der Notwendigkeit bewahrt, sich neuen Fragen und Herausforderungen zu stellen:
Die Krise in Jugoslawien und der Staatsstreich
in der UdSSR sind neue Anzeichen, daß sich die
sicherheitspolitischen Probleme in Europa zunehmend um interne Kämpfe und nationalistische Bestrebungen und weniger um rein internationale Dispute drehen werden. Am heutigen
Abend denken wir an die Tragödie in Jugoslawien, während sich die EG- und WEU-Au ßenminister auf das morgige Treffen zu diesem
Konflikt vorbereiten. Die Vereinigten Staaten
unterstützen die von Lord Carrington dargelegten Bestrebungen unserer europäischen Verbündeten, einen Waffenstillstand herbeizuführen und eine politische Lösung des Konflikts zu
fördern. Da solche Initiativen die Sicherheitsinteressen aller NATO-Verbündeten betreffen, ist
es unabdingbar, die Kommunikationswege zwischen NATO, WEU, EG, KSZE und ihren Mit-

AMERIKA DIENST 38

^

i

�gliedern offen zu halten. Dies ist von noch
größerer Bedeutung, wenn die Entsendung von
Streitkräften - selbst zur Bewahrung des Friedens - in Erwägung gezogen wird.
Die NATO selbst war Schauplatz häufiger Konsultationen, sowohl über Jugoslawien als auch die Sowjetunion. Dennoch wurde vielfach angeregt, daß das sich
Bündnis in Zukunft aktiver bei politisch-miltärischen
Krisen engagieren muß. Zumindest sollte die NATO
sich beraten, wie die Stabilität in einer Zeit verbessert
werden kann, die Historiker mehr an 1914 als vielleicht
1938 erinnert.
Wie bereits erwähnt, sind unsere europäischen
Verbündeten mit der Entscheidungsfindung
befaßt, wie sie eine größere Rolle bei der Festlegung der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik übernehmen können. Wir
müssen offen und sorgfältig erörtern, wie ein
europäischer Pfeiler entwickelt werden kann,
ohne einen Verbündeten an den Rand zu drängen und ohne eine neue Atmosphäre der Blockbildung herbeizuführen, die einen wirksamen
Dialog in der NATO verhindern würde.
In diesem Zusammenhang haben die Vereinigten Staaten die WEU offen in der Überzeugung
unterstützt, daß sie die europäische Verteidigungszusammenarbeit verbessern, als Brücke
von der EG zur NATO und Ergänzung der
NATO beim Krisenmanagement und der Koordinierung von Bestrebungen außerhalb des
NATO-Bündnisgebiets dienen kann.
Wie in der auf Initiative von Außenminister
Genscher zustande gekommenen Transatlantischen Erklärung vorgeschlagen, haben die
Vereinigten Staaten und die EG begonnen, den
Konsultationsprozeß zu verbessern. Angesichts
der wachsenden internationalen Verantwortung
der EG muß dieses institutionelle Bindeglied
weiter verstärkt werden, wenn wir unsere gemeinsamen wirtschafts- und außenpolitischen
Zielsetzungen erreichen wollen.
Der sowjetische Staatsstreich und die osteuropäische Besorgnis über ein "Sicherheitsvakuum"
in der neuen europäischen Situation haben die
Aufmerksamkeit auf die Beziehung des Bündnisses zu den neuen demokratischen Staaten
Ost- und Mitteleuropas gelenkt. Wir müssen
überlegen, ob wir über unsere auf Verbindungen gegründeten Beziehungen hinausgehen
sollten. Dieses Thema muß sorgfältig erwogen
und auf einen wesentlichen Gedankengang
geprüft werden: wie sollen wir das Bündnis der
Zukunft stärken, da es versucht, Stabilität in
einer Zeit historischen Wandels zu fördern?
Selbst während wir diese Frage überlegen, sollten
die Verbündeten weiterhin praktische Hilfe an

AMERIKA DIENST 38

Mittel- und Osteuropa leisten: durch den Bau
von Straßen und anderen Verkehrswegen zwischen Ost und West, Hilfe beim unmittelbaren
Energiebedarf und langfristiger Energieversorgung, durch Unterstützung beim Aufbau einer
modernen Kommunikationsinfrastruktur, Bereitstellung von Know-how für Finanzwesen, Beseitigung der Umweltverschmutzung, Bildung und
Fortbildung.
Die Verbreitung atomarer, chemischer, biologischer und ballistischer Raketen stellt eine wachsende Bedrohung der amerikanischen und europäischen Sicherheit dar. Angesichts dessen
sollte sich die NATO - zusammen mit anderen
Institutionen - an der Suche nach einer Begrenzung dieser Gefahren beteiligen. Die jetzt in der
NATO gebildete 14 Nationen umfassende
Rüstungshandelsgruppe könnte beispielsweise
eine Überprüfung der Probleme vornehmen,
angefangen bei Exporten konventioneller Waffen, um sicherzustellen, daß die Besorgnis über
die Verbreitung dieser Waffen in Entscheidungen über neue Bestrebungen zur Rüstungskontrolle einfließt und um die Koordinierung mit
anderen Institutionen vorzunehmen.
Im Bereich der Rüstungskontrolle hat die NATO
ferner die Aufgabe, die Veränderungen in der
UdSSR bei der Verwirklichung des Abkommens
über die Begrenzung konventioneller Streitkräfte in Europa zu berücksichtigen. Darüber hinaus müssen wir einen gemeinsamen Ansatz zu
zukünftigen konventionellen und nuklearen
Aufgaben entwickeln.
Dies gilt insbesondere im Hinblick auf Kurzstreckensysteme. Die Vereinigten Staaten
reduzieren ihren Nuklearwaffenbestand in Europa, und wie Verteidigungsminister Cheney
unlängst andeutete, sind wir zu weiteren Reduzierungen bereit. Bis zum bevorstehenden
Gipfeltreffen in Rom führen wir Konsultationen
zu diesem Thema. Die Beibehaltung einer
nuklearen Abschreckungsoption ist jedoch ein
unverzichtbarer Aspekt der NATO-Strategie,
und die nukleare Verantwortung muß entsprechend geteilt werden.
Ein letzter Bereich, den ich erwähnen möchte,
ist die Rolle der NATO bei Problemen au ßerhalb
des Vertragsgebiets, die eine lange Geschichte
hat. Bedrohungen der Sicherheit des NATOTerritoriums konzentrieren sich nicht länger auf
die Front Europa Mitte. Als Teil ihrer Anpassung
an diese neuen Gegebenheiten sollte die NATO
ihre Konsultationen über Spannungen außerhalb Europas intensivieren und Nichtmitgliedstaaten der NATO in ihre Erörterungen einbeziehen. Die Verbündeten teilen das Interesse
an der Begrenzung internationaler Krisen, ihrer

Seite 5

�Bewältigung und der Abschreckung von Eskalation sowie gegebenenfalls der Bekämpfung von
Aggression. Ich argumentiere nicht für ein
Engagement der NATO bei solchen Konflikten,
aber einzelne Verbündete werden Teilnehmer
an solchen Operationen sein, und die NATOInfrastruktur könnte eine Machtprojektion erleichtern , wie sie es am Golf so erfolgreich getan
hat. Auch die WEU hat unter Beweis gestellt,
daß sie bei der Koordinierung von Operationen
in bündnisfremdem Gebiet zwischen europäischen Staaten eine nützliche Rolle spielen kann.
In diesem Zusammenhang möchte ich den derzeitigen
Besuch von Generalsekretär Wörner in Japan erwähnen - der erste Besuch dieser Art eines hochrangigen
NATO-Vertreters. Während wir eine Euro-Atlantische
Gemeinschaft erwägen, die sich ostwärts von Vancouver nach Wladiwostok erstreckt und Vorschläge zur
Erörterung eines weltweiten Verbots von in Europa
und darüber hinaus stationierten Systemen unterbreitet werden, müssen wir die Ansichten dieser anderen
Regionen - insbesondere Asiens - berücksichtigen.
Die Perspektive
Wenn wir Bilanz der internationalen Entwicklungen in
den vergangenen Jahren ziehen, gelangen wir heute
abend zu einer sehr positiven Einschätzung, obwohl
zweifelsohne noch Herausforderungen bestehen. Die
seit Jahrzehnten durch rigide ideologische Regime
unterdrückten Völker Osteuropas haben ihr Joch
abgeworfen und sind auf dem Weg zu freien und
demokratischen Gesellschaften. Das kommunistische Organisationsmodell für Gesellschaft, Regierung
und Wirtschaft ist gescheitert, und eine neue Ära der
Ost-West-Kooperation zeichnet sich ab.
Die Entwicklungen in der Sowjetunion seit 1985 haben
eine große Rolle in diesem historischen Prozeß gespielt. Die Fortschritte erfolgten nicht ohne Rückschlä*

Seite 6

ge und Verzögerungen - in jüngster Zeit mit einem
Putschversuch. Es ist noch zu früh, Kurs und Haltung
der zukünftigen sowjetischen Außenpolitik zu umreißen. Wir wissen nicht genau, wie weit die Dezentralisierung in der Sowjetunion gehen wird, und die Beschäftigung mit internen Problemen könnte den Blick
für internationale Themen trüben. Das Scheitern des
Staatsstreichs hat eindeutig den Tagen des sowjetischen Abenteurertums ein Ende bereitet.
Unsere Leistungen der vergangenen Jahre sind eine
wahre Quelle der Hoffnung: der Fall der Berliner
Mauer, die dreißig Jahre lang als Symbol für die brutale
und künstliche Teilung Europas stand, kollektives
Vorgehen zur Niederschlagung der irakischen Aggression und der Trend zu Demokratie und freien Marktwirtschaften in allen Teilen der Welt.
Diese Leistungen wären ohne die politische Solidarität
und das Gefühl militärischer Sicherheit schlicht und
einfach nicht möglich gewesen, das die NATO in den
vergangenen 42 Jahren vermittelt hat. Zu einer Zeit, in
der wir zu Recht die NATO-Strategie überprüfen,
müssen wir auch die Beständigkeit, Geschlossenheit
und Zuverläßligkeit bewahren, die uns dieses Bündnis
gegeben hat.
Die Vereinigten Staaten - eine mit Überflu ß gesegnete
Nation - tragen die Verantwortung, anderen zu helfen,
dasselbe zu erreichen. Ich bin zuversichtlich, daß wir
uns trotz der realen Herausforderungen in den Vereinigten Staaten weiterhin stark in Europa und im Bündnis engagieren werden.
Und ich bin ebenso zuversichtlich, daß der Beitrag der
NATO zu Frieden und Freiheit eine zentrale Rolle
spielen wird, wenn die Euro-Atlantische Gemeinschaft
ihre bedeutende Position in der sich abzeichnenden
neuen Weltordnung einnimmt. Ich danke Ihnen. Alles
Gute für einen erfolgreichen Verlauf dieser wichtigen
Konferenz.

* * *

*

AMERIKA DIENST 38

�AMERIKA

HEUTE
25. September 1991

EHRENAMTLICHE ARBEIT IN AMERIKA
AUF DEM VORMARSCH
Zentren mobilisieren die Gemeinden

WASHINGTON - (AD) - In Amerika ist es üblich,
ehrenamtliche Arbeit zu leisten, um einem Nachbarn,
einem Freund oder sogar einem Fremden in Not zu
helfen.

ländlichen Gebieten. Viele Organisationen, die zur
Verbesserung der Lebensqualität von Familien beitragen und Nachbarschaftshilfe leisten - das Rote Kreuz,
die Pfadfinder - bestehen aus Freiwilligen."

Einer Untersuchung von Gallup zufolge scheinen
Amerikaner der ehrenamtlichen Tätigkeit nie müde zu
werden. Von 1988-90 hat die Zahl der Erwachsenen,
die freiwillig den weniger vom Schicksal Begünstigten
helfen, um 23 Prozent zugenommen.

Trotz unserer schnellebigen Zeit und der Familien mit
Doppelverdienern finden die Menschen Gallaghan
zufolge Zeit, sich gegenseitig zu helfen - manchmal
auch die ganze Familie. "Die Organisatoren ehrenamtlicher Programme verfügen über sehr gute Führungseigenschaften und sind sich der Tatsache bewußt, daß diese freiwillige Tätigkeit in einem akzeptablen Zeitrahmen geleistet werden sollte", so Gallaghan. "Freiwillige Arbeit kann in gemeinnützigen Organisationen von ungelernten Tätigkeiten bis zu Führungsaufgaben reichen - aber die Organisatoren können diese Arbeit in kleine Teilbereiche zerlegen."

Seit 1990 engagierten sich in Amerika 98,4 Millionen
Erwachsene - 54 Prozent der erwachsenen Bevölkerung - freiwillig in ihren Gemeinden. 1988 waren es
noch 80 Millionen, die angaben, ehrenamtlich zu arbeiten, um anderen zu helfen oder eine gute Sache zu
unterstützen. Der Untersuchung zufolge engagieren
sich insbesondere Jugendliche und Menschen mittleren Alters des Mittelstands sowie schwarze Amerikaner für ehrenamtliche Aufgaben.
Das Verhältnis der Geschlechter ist bei ehrenamtlichen Tätigkeiten etwa gleich. Über die Hälfte der
freiwilligen Helfer üben eine Vollzeitbeschäftigung außer
Haus aus und widmen sich etwa vier Stunden in der
Woche einer selbst gewählten Aufgabe.
Warum arbeiten Bürger ehrenamtlich? Die Leiterin der
Programme beim National Volunteer Center, einer
Organisation mit Sitz in Washington, erklärt, ehrenamtliche Hilfe sei "seit der Kolonialisierung Bestandteil
amerikanischer Geschichte und Kultur. Wir waren
immer eine Nation von einzelnen, die sich zu gemeinnützigen Tätigkeiten zusammenschlössen, zuerst in
den kleinen Städten, dann auf größerer Ebene. Die
meisten der Feuerwehren im Land arbeiten mit Freiwilligen besonders ausgeprägt ist diese Tradition in
AMERIKA DIENST 38

"Amerikaner lieben das Gefühl, persönlich etwas
bewirken zu können," erklärt Gallaghan. "Als Nation
begann unsere Geschichte damit, daß wir uns von
England losgesagt haben. Wir sind traditionell ein Volk
mit der Erfahrung, daß wir das Kommando und die
Verantwortung übernehmen sowie auf lokaler Ebene
oder in unseren Gemeinden Dinge zum Besseren
verändern können, ohne auf den Staat warten zu
müssen.
Den traditionellen ehrenamtlichen Helfer - die nicht
arbeitende Ehefrau mit viel Zeit - "gibt es praktisch
nicht mehr," erklärt Vicki Clark von National Volunteer.
"Der neue ehreamtliche Helfer kann Mann oder Frau
sein, Teenager oder Angehöriger einer Minderheit."
Clark verwies ferner auf jüngste ehrenamtliche Programme in verschiedenen Teilen des Landes, "Habitat
for Humanity", eine Organisation, die Häuser für Arme
Seite 1

�baut oder renoviert, "Shareable Wearables", im Rahmen dessen Arbeitnehmer eines Unternehmens die
Verteilung von Schulkleidung an Kinder organisieren,
Programme wie "Parent Aides", um jungen Eltern zu
helten, die Kurz davor stehen, ihre Kinder zu mißhandeln sowie Helfer für mißhandelte Frauen, die in Frauenhäusern leben."
Andere erfolgreiche Programme sind etwa "Meals on
Wheels", bei dem Freiwillige älteren Menschen heiße
Mahlzeiten liefern, 'Telephone Reassurance", wo ältere Menschen angerufen werden und "Baby Buddies"
für alleinerziehende Mütter. Andere ehrenamtliche
Helfer besuchen Krankenhäuser und Sterbekliniken,
um den Kranken und Sterbenden zu helfen.
"Freiwillige Helfer decken in der Tat fast jeden Aspekt
der Dienstleistungen am Menschen ab", erklärt Gallaghan, "sei es Krankenversorgung, Telephonseelsorge, Hilfe bei Vergewaltigung - all diese Dienste werden
von bezahlten und unbezahlten Arbeitskräften personell unterstützt oder geleitet".
Der Bedarf an Freiwilligen steigt Clark zufolge in Amerika,
weil traditionell kleine Gemeinden größeren weichen
und Familien kleiner werden. Da heutzutage Eltern
und Großeltern selten zusammenleben, verfügt der
einzelne in seinem späteren Leben über weniger hilfroinho Familienbande.
Clark erklärt ferner, viele Freiwillige sind Menschen,
die selbst von ehrenamtlichen Helfern Unterstützung
erfahren haben und nunmehr anderen helfen wollen.
Andere Helfer wollen in neuen Gemeinden Freunde
oder gleichgesinnte Gruppen finden, die sich für spezielle soziale Reformen engagieren. "Für junge Menschen bietet eine freiwillige Tätigkeit die Möglichkeit,
etwas über Berufswege zu lernen und ein Netz von
professionellen Kontakten zu knüpfen."
"Freiwillioe Tätigkeit kann das Gefühl der Befriedigung, etwas geleistet zu haben und Teil einer Gemeinschaft zu sein, vermitteln," erklärt Gallaghan. "Es
macht Spaß, weil man mit seiner Arbeit tatsächlich
etwas bewirkt."
Seit über zwanzig Jahren leistet Gallaghan zufolge
The National Volunteer Center technische Hilfe und
liefpti Informationen für ein Netz von (jetzt) etwa 400
autonomen Zentren im ganzen Land. Diese Zentren

versuchen ehrenamtliche Tätigkeiten in einer Gemeinde zu koordinieren. Organisationen freiwilliger Helfer
können - so Clark - groß sein, wie die Ortsgruppen der
Pfadfinder oder "so klein, daß sie von Schulen oder
Kirchen gebildet werden".
"Das Gute an ehrenamtlicher Arbeit ist, da ß sie auf die
Bedürfnisse der einzelnen Gemeinde eingeht," fügt
Clark hinzu. Die Organisationen des National Volunteer Center streben Verbindungen zwischen den 400
Zentren und lokalen "Geschäftsleuten, Kirchenvertretern und Stadtvätern an - all den Menschen, die
zusammenkommen sollten, damit freiwillige Arbeit
Gewicht erhält." Die Zentren finanzieren sich durch
eine Mischung von karitativen Stiftungen, einzelnen
Spenden, Mitgliedsbeiträgen sowie Zuschüssen der
Kommunen und der Bundesregierung.
Der frühere Gouverneur von Michigan und Vorsitzende von National Volunteer, George Romney, konstatiert, daß lokale Zentren und koordinierte Bestrebungen für ehrenamtliche Tätigkeit in den letzten 25
Jahren stark zugenommen haben. "Viele Institutionen
in diesem Land könnten ohne Freiwillige nicht funktionieren," erklärt Romney.
Richard F. Schubert, dem Präsidenten der Stiftung
"Points of Light", zufolge helfen die ehrenamtlichen
Helfer von heute Probleme zu bekämpfen wie "Drogenmißbrauch, Schwangerschaften von Minderjährigen, Hunger, Obdachlosigkeit, Mißbrauch von Erwachsenen und Kindern, Analphabetismus - wir müssen uns auf Probleme konzentrieren, von denen jeder
weiß, daß sie uns wirklich bewegen." Romney erklärt,
seine nationale Organisation hoffe - aufgrund der
Kombination mit 'Points of Light' - zu einer nationalen
"Anlaufstelle für lokale Zentren und Gemeindevertreter zu werden, welche Arten freiwilliger Tätigkeiten für
Gemeinden im ganzen Land effektiv sind".
Ehrenamtliche Helfer mögen nicht alle sozialen Probleme lösen, aber diejenigen, die das oftmals tun,
entwickeln ein starkes Engagement, um ihren Gemeinden zu helfen. "Die effektivste Methode der
Problemlösung auf Erden ist in den meisten Fällen die
Bereitschaft der Menschen, sich zusammenzuschließen, um das zu tun was getan werden muß," stellt
Romney fest.

* *

Seile 2

*

AMERIKA DIENST 38

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amcrikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^sft*
2. Oktober 1991

ABRÜSTUNG

PRÄSIDENT BUSHS RUSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
Amerikanische Pressestimmen

JUGOSLAWIEN

SERBIEN UND BUNDESARMEE
FÜR KAMPFHANDLUNGEN
IN JUGOSLAWIEN VERANTWORTLICH
Rede des Außenministers
vor dem UN-Sicherheitsrat

FLÜCHTLINGE

USA HOFFEN AUF REPATRIIERUNG
DER FLÜCHTLINGE
Rede des Stellvertretenden Außenministers

OST-WEST-BEZIEHUNGEN

OST-WEST-BEZIEHUNGEN IN EINER ZEIT
DES WANDELS - DER AMERIKANISCHE
BLICKWINKEL
Ansprache des Gesandten George F. Ward

DROGEN

FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG
VON DROGENABHÄNGIGEN IN DEN USA
Erfolge in den Therapiezentren

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�ABRÜSTUNG
2. Oktober 1991

PRÄSIDENT BUSHS RÜSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Die von Präsident Bush am 27. September 1991 angekündigte Rüstungskontrollinitiative wurde in amerikanischen Zeitungen eingehend kommentiert. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche
Auszüge aus Leitartikeln.

The New York Times, 29.9.1991

The Washington Post, 29.9.1991

Zum ersten Mal seit zwei Generationen sind gestern
die B-52 zurück in ihre Hangars gerollt, und die Welt
hat erleichtert aufgeatmet.

Zweifelsohne wird es nach der ersten Euphorie über
die Rede des Präsidenten zu Rüstungsreduzierungen
Kontroversen zwischen denjenigen geben, die sich
Sorgen machen, er sei zu weit gegangen, und denjenigen, die sagen werden, es sei ein bescheidenes
Unterfangen - eine Mogelpackung. Es ist jedoch eine
Tatsache, daß Bushs am Freitag abend vergangener
Woche angekündigte Initiative, die den weitreichenden, unverzüglichen Abbau von Nuklearwaffen, Maßnahmen zur Entschärfung militärischer Spannungen
sowie das Versprechen zur Aushandlung weiterer
einschneidende Reduzierungen von Nuklearwaffen
beinhaltet, gleichermaßen spektakulär und opportun
war. Eine amerikanische Regierung hat sich der
Herausforderung eines historisch entscheidenden
Augenblicks mit einer entsprechend umfassenden und
ideenreichen Antwort gestellt...

Diese rund um die Uhr in "ständiger Alarmbereitschaft"
stehenden atomaren Bomber waren seit langem der
unleugbare, dröhnende Beweis für das nukleare Vernichtungspotential. In seiner bemerkenswerten Initiative zum Abbau der Nuklearwaffen hat Präsident Bush
jetzt die Alarmbereitschaft für diese Flugzeuge aufgehoben, die massive Reduzierung des atomaren Arsenals der Vereinigten Staaten in die Wege geleitet und
der sowjetischen Regierung zu einem günstigen Zeitpunkt den Anreiz geboten, gleichzuziehen.
Unabhängig davon waren Bushs Vorschläge unvermeidbar und wurden durch das Ende des kalten Kriegs,
Ungeduld im Kongreß sowie Besorgnis über den Zerfall der Sowjetunion ausgelöst. Dennoch hat der
Präsident das Unabdingbare zu einem Riesenschritt
zurück vom Abgrund gewandelt, indem er die Vorschläge unverzüglich zu einem Paket bündelte...
Der begrüßenswerteste Schritt des Bush-Plans liegt
jedoch in der Erkenntnis, daß der beste Weg zur
Kontrolle der sowjetischen Nuklearwaffen in ihrer
Abschaffung liegt. Er muß sich noch vollständig verinnerlichen, daß er sowjetische Reduzierungen nur
herbeiführen kann, wenn er das Gleiche zu tun bereit
ist.

AMERIKA DIENST 39

Los Angeles Times, 28.9.1991
Jedes künftige Geschichtsbuch über internationale
Beziehungen wird wahrscheinlich als unvollständig
betrachtet werden ohne einen bewundernden Hinweis
auf Präsident Bushs entscheidende Rede zur Verteidigung vom vergangenen Freitag. Tatsächlich erklärt
dieser republikanische Präsident - der von seiner
Partei so eindeutig mit gewaltigen Verteidigungsausgaben und der Außenpolitik eines Falken identifiziert
wird - daß ein Erfolg verbucht werden kann. Der kalte
Krieg ist zwar vorbei, aber auch dem Krieg der Nuklearwaffen muß ein Riegel vorgeschoben werden.

Seite 1

�Der erste greifbare Beweis, daß ein neues Kapitel in
der Weltpolitik geschrieben wurde, erfolgte zweifellos
am 31. Juli, als Moskau seine letzten Vorbehalte
schweren Herzens aufgab und den Vertrag über die
Verringerung strategischer Rüstungen (START) unterzeichnete. Nachdem sie sich 40 Jahre lang Auge in
Auge gegenüber gestanden hatten, bis an die Zähne
bewaffnet und bereit, jeden Moment loszuschlagen,
erkennen beide Seiten jetzt, wie sehr sich ihr Verhältnis in nur zwei Jahren gewandelt hat und zwinkern sich
zum ersten Mal lächelnd zu.
Aber in der Rede vom Freitag abend wurde vorgeschlagen, sogar darüber hinaus zu gehen. Es war ein
einseitiges Zwinkern. Bush schlug eine grundlegende
Reduzierung der Bedrohung eines nuklearen Holocaust und eine grundsätzliche Neuorientierung des
US-Verteidigungskonzepts vor...
Das hätte man von einem Republikaner niemals erwartet. Aber jetzt hat er es getan. Ob es für die
Republikanische Partei gut war, ist eine Frage, die
nächstes Jahr beantwortet werden wird. Aber ob es
gut für die Welt ist - die Frage kann man heute
beantworten.
Es ist in der Tat eine gute Sache.
The Boston Globe, 29.9.1991
Die von Präsident Bush am Freitag angekündigten
Entscheidungen über die Reduzierung von Waffen
spiegeln bahnbrechende Fortschritte in seinem Denken darüber wider, wie Amerika in der Welt nach dem
kalten Krieg sicherer gemacht werden kann. Er verdient Beifall und Ermutigung. Dennoch muß er noch
einen langen Weg zurücklegen, um mit den Ereignissen Schritt zu halten, sei es in der Sowjetunion oder in
der US-Wirtschaft...
Bush verdient großes Lob dafür, daß er die Bedeutung
einseitiger Schritte verstanden hat, die jede Seite aus
eigenen Gründen unternehmen kann. Die Rückschläge beim Schachern über Rüstungskontrolle sind seit
langem offensichtlich. Wenn die Verträge unterzeichnet werden, sind sie manchmal bereits überholt, im
Falle des START-Vertrags werden die Arsenale nach
Durchführung der "Reduzierungen" größer bleiben als
zu Beginn der Verhandlungen.
* *

Seite 2

The Baltimore Sun, 30.9.1991
Präsident Bushs kühner einseitiger Schritt zur Beseitigung oder Reduzierung empfindlicher Atomwaffensysteme, die anachronistisch oder sogar kontraproduktiv geworden sind, ist ein weiterer Beweis dafür,
daß er bei der klugen Wahrung amerikanischer Sicherheitsinteressen sein Bestes gibt. Staatskunst ist immer
ein Rennen, bei dem man mit der Realität Schritt halten
muß, und in diesem Fall ist Bushs Zeitplan exemplarisch...
Am meisten beeindruckt jedoch bei Bushs Leistung die
Kühnheit, mit der er auf die bahnbrechenden Veränderungen in der Welt reagiert. Mehr als jeder andere
Präsident seit Harry Truman ist er sensibel für die
Anliegen der Verbündeten, noch stärker als Präsident
Truman ist er sensibel für die Zwänge, von denen die
Politik in weniger freundlich gesinnten Ländern geleitet
wird. Bush vereinigt diese Faktoren in einer Politik, die
amerikanischen Interessen dient, indem sie die Welt
zu einem sichereren Ort macht und sichert sich damit
einen herausragenden Platz in der Geschichte.
The Wall Street Journal, 30.9.1991
Es ist angemessen, daß Präsident Bushs erste Initiative nach dem Niedergang des Sowjetkommunismus
eine Reduzierung der nuklearen Arsenale ist. Die
Lehre, die sich die beobachtende Welt merken sollte,
lautet nicht, daß Rüstungkontrolle erfolgreich war,
sondern daß Containment funktioniert hat...
Tatsächlich hat Bushs einseitige Entscheidung, das
amerikanische Inventar taktischer Nuklearwaffen
abzubauen, deutlich bewiesen, daß Rüstungskontrolllabkommen ein unwichtiges Ablenkungsmanöver sind...
Zweifellos ist 1991 ein zukunftsträchtiges Jahr in der
Geschichte, Ein Großteil der Welt wendet sich vom
Totalitarismus zur Demokratie und verläßt den Weg
des totalen Kriegs offensiver Nuklearwaffen zugunsten von Verteidigungssystemen. Die Zukunft kann
noch vielversprechender sein, so lange wir uns vor
Augen halten, warum wir bis jetzt Erfolg hatten.

* *

*

AMERIKA DIENST 39

�JUGOSLAWIEN
2. Oktober 1991

SERBIEN UND BUNDESARMEE FÜR
KAMPFHANDLUNGEN IN JUGOSLAWIEN
VERANTWORTLICH
Rede des Außenministers vor dem UN-Sicherheitsrat
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Mit der Feststellung, daß die Krise in Jugoslawien "sich zu einem Krieg
ausgeweitet hat", warnte Außenminister Baker am 25. September 1991, daß "die Anhänger der Gewalt damit
nur ihren Ausschluß aus dem neuen Europa besiegeln".
In einer Rede anläßlich der Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats erklärte Baker, die serbische Regierung und
die jugoslawische Bundesarmee trügen besondere und zunehmende Verantwortung für das Blutvergießen und
die Gewalt, die den Vielvölkerstaat heimgesucht hätten und "eine direkte Bedrohung für Frieden und Sicherheit
auf der ganzen Welt" darstellen.
"Die jugoslawische Bundesarmee fungiert offenkundig nicht als unparteiischer Garant eines Waffenstillstands
in Kroatien", stellte Baker fest. "Im Gegenteil - die Armee hat die lokalen serbischen Streitkräfte aktiv bei der
Verletzung des Waffenstillstands unterstützt, der den Tod von Bürgern zur Folge hatte, die sie laut Verfassung
schützen muß."
Baker zufolge unterstützen die Vereinigten Staaten "vorbehaltlos" eine Resolution des UN-Sicherheitsrats, mit
der die Parteien unverzüglich zur friedlichen Beilegung ihrer Streitigkeiten aufgefordert werden. Die Resolution
bringt ferner die uneingeschränkte Unterstützung für die Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft und die
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zum Ausdruck, einen Waffenstillstand und Dialog
zwischen den kriegführenden Parteien in Jugoslawien herbeizuführen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenminister Baker vor dem Sicherheitsrat.

Wir sind heute hier zusammengekommen, weil die
Krise in Jugoslawien sich zu einem Krieg ausgeweitet
hat. Dieser gewalttätige Konflikt bedroht alle Völker
Jugoslawiens mit verheerenden wirtschaftlichen und
sozialen Folgen, der fundamentalen Verletzung grundlegender Menschenrechte und Freiheiten und vor allem massivem Blutvergießen und Verlust an Menschenleben.

Zahlreiche Parteien in Jugoslawien haben zu der
Tragödie beigetragen, die dieses Land heimsucht.
Wovor wir im Juni und in den vorausgegangenen
Monaten gewarnt hatten, ist Wirklichkeit geworden.
Einseitige Handlungen auch der Republiken haben die
Optionen für friedliche Verhandlungen zunichte gemacht und die Lösung der tragischen Situation in
Jugoslawien schwieriger und komplizierter gestaltet.

Wir alle sind besorgt über die gefährlichen Auswirkungen auf die Nachbarländer Jugoslawiens, die sich mit
Flüchtlingsströmen, Energieengpässen und der Gefahreiner Ausweitung der Kampfhandlungen konfrontiert sehen. Es ist die Gefahr der Eskalation, die dies
zu einer Angelegenheit von vordringlicher Bedeutung
für den Sicherheitsrat macht.

Da bereits sehr viel Blut vergossen wurde, ist es an der
Zeit, daß alle Parteien sich für die friedliche Lösung
ihrer Streitigkeiten engagieren. Alle Parteien - insbesondere die Serben und Kroaten - müssen die Kampfhandlungen einstellen. Der Waffenstillstand muß als
erster Schritt zur Gestaltung einer anderen Zukunft
eingehalten werden.

AMERIKA DIENST 39

Seite 1

�Die serbische Regierung und die jugoslawische Bundesarmee tragen besondere und zunehmende Verantwortung für die düstere Zukunft, die die Völker
Jugoslawiens erwartet, wenn sie dem Blutvergießen
nicht Einhalt gebieten und den jetzt eingeschlagenen
gewalttätigen Kurs revidieren.
Die jugoslawische Bundesarmee fungiert offenkundig
nicht als unparteiischer Garant eines Waffenstillstands
in Kroatien. Im Gegenteil - die Armee hat die lokalen
serbischen Streitkräfte aktiv bei der Verletzung des
Waffenstillstands unterstützt, der den Tod von Bürgern zur Folge hatte, die sie laut Verfassung schützen
muß. Das Militär ist in einer Weise vorgegangen, die
nur als eindeutige militärische Intervention gegen
Kroatien bezeichnet werden kann, während es die
Autorität der jugoslawischen Regierungsinstitutionen
nicht mehr akzeptiert, die versuchten, es unter Kontrolle zu bringen.
Es ist ebenso eindeutig, daß die serbische Führung
den Einsatz von Gewalt in Kroatien durch militante
Serben und das jugoslawische Militär aktiv unterstützt
und ermutigt.
Das offenkundige Ziel der Hand in Hand arbeitenden
serbischen Führung und des jugoslawischen Militärs
lautet, ein "kleines Jugoslawien" oder "Großserbien"
zu schaffen, das Slowenien und einen Rest Kroatiens
ausschließen würde. Diese neue Einheit würde sich
auf die Art der Unterdrückung gründen, die serbische
Behörden seit Jahren im Kosovo ausüben. Diese
Einheit würde auch auf dem Einsatz von Gewalt basieren - der in Kroatien tagtäglich beobachtet werden
kann und sich in Bosnien-Herzegowina abzeichnet um die Kontrolle über Territorien außerhalb Serbiens
zu erlangen.
Die Aggression in Jugoslawien stellt deshalb eine
direkte Bedrohung für Frieden und Sicherheit auf der
ganzen Welt dar.
Femer ist Aggression zur Festlegung der künftigen
inneren Grenzen Jugoslawiens oder Serbiens eine
fundamentale Herausforderung für die Werte und Prinzipien der Schlußakte von Helsinki, der Pariser Charta
und der Charta der Vereinten Nationen.
Wir verstehen die Anliegen aller Völker Jugoslawiens,
auch die Sorge der Serben in Serbien und andernorts
über ihre Zukunft im Falle einer Auflösung Jugoslawiens.
Die Vereinigten Staaten können und werden jedoch
keine Unterdrückung und keinen Einsatz von Gewalt
im Namen dieser Anliegen dulden. Wenn wir das
täten, würde damit genau das untermininiert, was wir
in der KSZE mit unserer Arbeit der vergangenen 16
Jahre erreichen wollten.

Seite 2

Aus diesem Grunde unterstützen de Vereinigten Staaten
die in der heutigen Resolution zitierte Erklärung der
KSZE-Mitglieder vom 3. September, keine gewaltsam
erzielten territorialen Gewinne oder Veränderungen
innerhalb Jugoslawiens zu akzeptieren.
Seit Sonntag (22. September) herrscht zwischen dem
jugoslawischen Militär und Kroatien ein vorläufiger
Waffenstillstand. Gegenwärtig werden Gespräche
über die weitere Durchführung des von Serbien, Kroatien und dem Militär unterzeichneten Waffenstillstandsabkommens vom 17. September geführt. Die Friedenskonferenz in Den Haag unter Vorsitz von Lord
Carrington nimmt morgen ihre Verhandlungen wieder
auf.
Wir fordern alle Parteien auf, diese Gelegenheit zu
ergreifen, einen echten Waffenstillstand auszuhandeln und ein auf dem Verhandlungswege erzieltes
Abkommen über die Zukunft Jugoslawiens auszuarbeiten.
Femer müssen wir gemeinsam der Ausbreitung dieses Kreislaufs der Gewalt auf eine weitere jugoslawische Republik vorbeugen. Es besteht kein Zweifel,
daß das Schicksal von Bosnien-Herzegowina ebenfalls am seidenen Faden hängt. Die serbische Führung und die jugoslawische Bundesarmee haben es in
der Hand, die gewalttätigen Provokationen und die
unrechtmäßige Besetzung dieser Republik unverzüglich zu beenden.
Die Vereinigten Staaten, die Europäische Gemeinschaft und die gesamte KSZE haben den Völkern
Jugoslawiens eine eindeutige Botschaft übermittelt:
Zur Lösung politischer Differenzen oder Veränderung
äußerer und innerer Grenzen in Jugoslawien ist der
Einsatz von Gewalt keineswegs akzeptabel. Diejenigen, die in Jugoslawien auf Gewalt zurückgreifen,
einschließlich der serbischen und kroatischen Freischärler, werden über sich und die Völker Jugoslawiens nichts als Unglück bringen. Die Aggressoren
isolieren sich nur selbst stärker von der internationalen
Staatengemeinschaft, indem sie die Gewalt fortsetzen. Wenn sie ihren gegenwärtigen Kurs weiter verfolgen, werden die Anhänger der Gewalt damit nur ihren
Ausschluß aus dem neuen Europa besiegeln.
Wir bezweifeln, daß die Völker Jugoslawiens tatsächlich den hohen Preis dieses Krieges bezahlen wollen.
Die damit einhergehende soziale und wirtschaftliche
Unterdrückung sowie die politische und wirtschaftliche
Isolation sind ein Preis, den unserer Meinung nach
kein vernünftiger Menschen zu zahlen bereit wäre.
Wir würdigen und unterstützen die Bestrebungen der
Europäischen Gemeinschaft und ihrer Mitgliedstaaten
sowie die Arbeit der KSZE, einen Waffenstillstand
herbeizuführen, Beobachter zu entsenden, eine Kon-

AMERIKA DIENST 39

�ferenz einzuberufen und eine Schiedskommission für
die friedliche Lösung alier Streitigkeiten einzurichten.
Wir werden weiterhin die regionalen Arrangements der
EG und KSZE in diesem Sinne unterstützen.
Darüber hinaus begrüßen wir die Unterstützung dieser
Resolution für das internationale Waffenembargo, das
die Vereinigten Staaten am 3. Juli dieses Jahres
vorgeschlagen haben. Gleichzeitig unterstützen wir
die Aufforderung der Resolution an den UN-Generalsekretär, die Situation in Jugoslawien durch die Vermittlungsdienste dieser Organisation und mit Hilfe der
Institutionen in der Region zu beeinflussen.
Den Völkern Jugoslawiens steht noch ein anderer Weg
offen. Sie können durch einen Prozeß des friedlichen
Dialogs ihre legitimen Hoffnungen und Anliegen sowie
*

AMERIKA DIENST 39

*

die Interessen aller nationalen Gruppen in jeder Republik ansprechen und in Einklang bringen. Im Endeffekt
müssen sie das tun.
Die heutige Resolution unterstreicht und bekräftigt die
den Völkern Jugoslawiens von der KSZE und ihren
Mitgliedern übermittelte Botschaft. Sie bekundet die
volle Unterstützung des UN-Sicherheitsrats für die
Bestrebungen der KSZE und der Europäischen Gemeinschaft, um den Völkern Jugoslawiens auf ihrem
Weg zum Frieden zu helfen.
Wir unterstützen sie uneingeschränkt. Und wir hoffen,
die Völker Jugoslawiens werden ihr Beachtung schenken und sich aus dem Krieg zurückziehen, mit dem
jetzt in ihrem ganzen Land Blut vergossen wird.

*

*

Seite 3

�FLÜCHTLINGE
2. Oktober 1991

USA HOFFEN AUF REPATRIIERUNG
DER FLÜCHTLINGE
Rede des Stellvertretenden Außenministers
WASHINGTON - (AD) - In einer Anhörung vor dem Unterausschuß des Senats für Einwanderung und
Flüchtlingsfragen stellte der Stellvertretende Außenminister Lawrence S. Eagleburger am 24. September 1991
fest, auch wenn die Ära des Sowjetkommunismus vorüber sein mag, wird das Flüchtlings- und Migrationsphänomen weiterbestehen, und fügte hinzu: "Wir hoffen, daß die internationale Staatengemeinschaft ihre
Ressourcen zur Repatriierung einer großen Zahl von Flüchtlingen auf der Welt aufwendet. Während in den
letzten vierzig Jahren die Zahl der Flüchtlinge auf der ganzen Welt ununterbrochen gestiegen ist, besteht unser
Ziel für die neunziger Jahre darin, diese Zahl drastisch zu senken."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, heute vor diesem Ausschu ß über
die Aufnahme von Flüchtlingen in die Vereinigten
Staaten im Haushaltsjahr 1992 berichten zu dürfen.
Botschafter Laf ontant-Mankarious und ich werden den
offiziellen Vorschlag des Präsidenten über die Aufnahme von bis zu 144.000 Flüchtlingen im Haushaltsjahr
1992 erläutern. Soweit ich weiß, hat der Ausschuß
auch einen Bericht erhalten, der die im Statut niedergelegten Einzelheiten enthält.
Flüchtlinge in der Welt von heute
Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich einige
Minuten darauf verwenden, unsere Flüchtlingspolitik
in den umfassenderen Kontext der amerikanischen
Außenpolitik und aktueller Entwicklungen in der Weltpolitik zu stellen.
Meines Erachtens sind wir in eine Periode historischen
Umbruchs in unseren auswärtigen Beziehungen eingetreten. Die Ära des kalten Kriegs ist zu Ende,
Demokratie verbreitet sich nicht nur in Osteuropa und
der Sowjetunion sondern auf der ganzen Welt. Unsere
Vision der neuen Weltordnung beinhaltet die Hoffnung, daß humane Lösungen fürdas Leid der Millionen
von Flüchtlingen in der Welt von heute gefunden
werden.
Das Symbol der Zuflucht ist eines der herausragendsten in der Ära des kalten Kriegs. Ebenso wie man
sagen könnte, daß die Berliner Mauer als drastischstes Symbol für die Ost-West-Konfrontation in Europa
stand, waren es die einzelnen Menschen, die versuch-

AMERIKA DIENST 39

ten, über die Grenze in die Freiheit zu gelangen, die so
offenkundig die durch das kommunistische System
verursachte menschliche Tragödie darstellte. Wo
diese autoritäre Ideologie in die dritte Welt exportiert
wurde - in Afrika, Kuba, Mittelamerika und Asien - war
das Ergebnis Konflikt, Verfolgung und der massive
Strom von Menschen, die versuchten, ihr Leben zu
retten und in die Freiheit zu entfliehen. Während der
Nachkriegszeit zählten diese Menschen - die Flüchtlinge der Welt - Millionen.
Mit dem Zerfall des Sowjetkommunismus sind wir jetzt
in eine Zeit weltweiter Konfliktlösung eingetreten. Im
vergangenen Jahr konnten Fortschritte in Angola und
Äthiopien sowie die äußerst begrüßenswerte politische Einigung in Afrika beobachtet werden. Vor zwei
Wochen gaben Außenminister Baker und Präsident
Gorbatschow eine Erklärung ab, von der wir hoffen,
daß sie der erste Schritt zur Konfliktlösung in Afghanistan sein wird. Die kambodschanischen Parteien
haben sich in jüngster Zeit sehr viel stärker dem Plan
einer umfassenden politischen Schlichtung angenähert. Auf unserem Kontinent steht heute nur noch
Kuba außerhalb der Gruppe demokratisch gewählter
Regierungen. Obwohl aus einem anderen historischen Kontext entstanden, ist das Leid der Palästinenser ein zentrales Anliegen der US-Außenpolitik, während wir eine Nahost-Friedenskonferenz anstreben.
Obwohl diese Entwicklungen uns optimistisch in die
Zukunft blicken lassen, sind wir uns auch bewußt, daß
der Lösungsprozeß althergebrachter Konfliktsituatio-

Seite 1

�nen weder schnell noch leicht sein wird. Jede Situation
ist unterschiedlich und komplex. Erstens muß Einvernehmen über die Einstellung der Feindseligkeiten
bestehen. Alle Parteien müssen sich für die friedliche
Verteilung von Macht engagieren. Es muß Pläne für
freie Wahlen und die Institutionen der Demokratie
geben. Und es muß gut organisierte Programme für
die sichere Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen in ihre Heimat geben.
Obwohl wir das Ziel der Konfliktlösung und Repatriierung von Flüchtlingen umreißen können, hat das vergangene Jahr gezeigt, daß wir die potentiellen Strömungen und Konflikte nicht vorhersagen können, da
die Relikte des kalten Kriegs und kommunistischer
Unterdrückung entfernt wurden. Die Kämpfe in Jugoslawien sind ein verheerendes Beispiel für die immanente Gefahr in dieser Zeit der Instabilität. Mit äußerster Aufmerksamkeit beobachten wir die Erarbeitung
von Maßnahmen zu Menschenrechten und der Behandlung von Minderheiten in allen Gebieten der
ehemaligen Sowjetunion. Auch ethnische und politische Konflikte, die überhaupt nichts mit dem Umfeld
des kalten Kriegs zu tun haben, bedrohen die Stabilität
- wie wir es in Liberia beobachten konnten. Allein
dieser Konflikt bewirkte einen Flüchtlingstrom von
zusätzlichen 600.000 Menschen in den vergangenen
zwei Jahren.
Weltweite Hilfe
Der Zweck dieser Konsultationen besteht darin, die
Zahl der Flüchtlinge festzustellen, die im Haushaltsjahr 1992 in die Vereinigten Staaten umgesiedelt werden
sollen. Umsiedlung ist ein Hauptelement unseres
Schutzes für Flüchtlinge, und wir stehen in dieser
Hinsicht an erster Stelle in der Welt. Umsiedlung ist
jedoch nicht nur ein Kernstück unserer Reaktion auf
die Flüchtlingssituation. Die überwiegende Mehrheit
der Flüchtlinge auf der Welt wartet auf die Chance,
nach Hause zurückzukehren und nicht ihr Heimatland
für immer aufzugeben. Vordringlich müssen die Grundbedürfnisse befriedigt werden: Nahrungsmittel, Wasser, Gesundheitsfürsorge und Ausbildung der Kinder.
Langfristig ist die Behebung von Konflikten oder Unterdrückung erforderlich, aufgrund derer sich die Menschen zur Flucht gezwungen sahen.
Das Hilfspaket unseres Flüchtlingsprogramms ist daher
von großer Bedeutung. Ich freue mich, sagen zu
können, daß wir dank der Unterstützung und Zusammenarbeit mit dem Kongreß unsere Ressourcen zur
Befriedigung dieser Grundbedürfnisse ständig erhöhen konnten, selbst während wir die Kosten unseres
Aufnahmeprogramms durch verschiedene Kürzungsmaßnahmen reduziert haben. Im Haushaltsjahr 1991
wurde unser Flüchtlingshilfebudget gegenüber dem
Haushaltsjahr 1990 um 90 Millionen Dollar aufgestockt
einschließlich der Mittelentnahme aus dem Nothilfefonds für Flüchtlinge und Migration des Präsidenten.
Für das Haushaltsjahr 1992 erwarten wir einen weiter-

Seite 2

en Anstieg, insbesondere bei grundlegenden Förderprogrammen und der Repatriierung von Flüchtlingen in
ihre jeweiligen Heimatländer. Die jüngste Geschichte
hat uns zweifelsohne gelehrt, daß Kriege, Aggression
und Verfolgung weiterhin neue Flüchtlingsströme zur
Folge haben werden, und wir müssen vorbereitet sein,
ihnen bei der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse zu
helfen.
Als ich vor einem Jahr vor diesem Ausschuß das
Flüchtlingsprogramm des Präsidenten für das Haushaltsjahr 1991 erörtert habe, drehten sich unsere
Gedanken vor allem um die irakische Invasion Kuwaits. Damals war es unmöglich vorherzusagen, was
die nächsten Monate bringen und wie sich dieser
Konflikt in Flüchtlingsströmen und dem Bedarf an
humanitärer Hilfe manifestieren würde. In den ersten
zehn Wochen dieses Konflikts flohen über 1 Million
Menschen unterschiedlichster Nationalitäten aus dem
Irak und Kuwait. Wirklich außerordentliche internationale Bestrebungen wurden in die Wege geleitet, um
das physische Wohlergehen dieser Menschen zu
gewährleisten und die Repatriierung in ihre Heimatländer zu veranlassen. Dies war jedoch nicht das Ende.
Einen Monat nach Beendigung des Krieges entflohen
im März fast 2 Millionen Iraker - Kurden, Schiiten,
Turkmenen, Assyrer und andere Minderheiten - binnen Wochen der Unterdrückung Saddam Husseins.
Sowohl die reinen Zahlen als auch der komprimierte
Zeitrahmen dieser massiven Bewegung verblüfften
die Welt.
Nur das beispiellose Vorgehen Präsident Bushs, dem
Verteidigungsministerium die Befugnis für entscheidende Hilfmaßnahmen, Nachschub und Transport zu
erteilen, verhinderte die Katastrophe. Das amerikanische Militär und unsere Koalitionspartner haben diese
humanitären Hilfsleistungen brilliant durchgeführt, bis
die Gesamtkoordination dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen übergeben werden
konnte. Ich sollte jedoch hinzufügen, daß die Gesamtausgaben der Vereinigten Staaten für die irakische
Flüchtlingskrise über 600 Millionen Dollar betragen
können.
Aufgrund dieser Erfahrungen erarbeiten wir Wege,
damit die Vereinigten Staaten auf solche Situationen
besser reagieren können und einseitige Aktionen nicht
erforderlich werden. Wir erwarten, daß zu diesem
Thema mehrere Vorschläge in der UN-Generalversammlung erörtert werden. Wir werden uns daran
aktiv beteiligen, damit die konstruktivsten Vorschläge
im Rahmen des UN-Reformprogramms verabschiedet
und durchgeführt werden.
Auswanderung aus der Sowjetunion
Jüngste Entwicklungen in der Sowjetunion, insbesondere im Hinblick auf Auswanderung, hatten direkte
Auswirkungen auf das von uns hier erörterte USAufnahmeprogramm für Flüchtlinge.
AMERIKA DIENST 39

�Im Mai dieses Jahres hat der Oberste Sowjet eine
weitreichende Auswanderungsgesetzgebung verabschiedet, die erwartungsgemäß mit neuen weniger
belastenden Ausreiseverfahren verbunden ist. Wir
werden die Durchführung dieser Gesetzgebung auf
der Ebene der Union und der Republiken kontinuierlich
beobachten. Uns liegen in letzter Zeit einige beunruhigende Berichte vor, daß lokale Auswanderungsbehörden wieder auf die vor der Durchführung des neuen
Gesetzes herrschenden restriktiven Praktiken zurückgreifen. Unsere Botschaft in Moskau geht diesen
Berichten nach. Wenn sich solche Tendenzen verstärken, während die Republiken von der Zentralregierung
mehr Verantwortung für Auswanderung übernehmen,
schadet dies den Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Republiken, die solche restriktiven Verfahren
anwenden. Bei seinem jüngsten Besuch in Moskau
hat Außenminister Baker die Haltung der Vereinigten
Staaten verdeutlicht, daß die Menschenrechtsnormen
der KSZE auf der Ebene der Republiken und der Union
Anwendung finden, ungeachtet der von den Völkern
der Sowjetunion vereinbarten endgültigen Struktur der
Union.
Die dramatischen Ereignisse in der UdSSR seit dem
Putschversuch haben die Auswanderungen in die
Vereinigten Staaten nicht behindert. Tatsächlich ist
die Zahl der aus der Sowjetunion in die Vereinigten
Staaten kommenden Flüchtlinge in den letzten Wochen kontinuierlich gestiegen.
Im Hinblick auf die Auswanderung in die Vereinigten
Staaten wollen wir im Haushaltsjahr 1992 den Überhang angehen, der sich im Haushaltsjahr 1991 vor der
Verabschiedung der sowjetischen Auswanderungsgesetze gebildet hat. Viele Personen mit einer Genehmigung der amerikanischen Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization
Service - INS) konnten nicht ausreisen, weil sie von der
Sowjetunion keine Genemigung zum Verlassen des
Landes erhalten hatten. Wir hoffen, daß die Durchführung der neuen sowjetischen Gesetze dieses Problem
lösen wird. Der stetige Anstieg der Zahl von Personen,
die seit dem 1. Juli ausgereist ist, macht uns Mut. Dem
Vorschlag des Präsidenten zufolge soll der sowjetische Überhang aus dem Haushaltsjahr 1991 den
50.000 Genehmigungen hinzugefügt werden, die der
Präsident in seiner Haushaltsvorlage für nächstes
Jahr eingeplant hatte. Ich freue mich, Ihnen mitteilen
zu können, daß in den vergangenen Wochen viel mehr
sowjetische Flüchtlinge in die Vereinigten Staaten
eingereist sind als erwartet. Wir werden den im
Vorschlag des Präsidenten bisher auf 13.000 Personen geschätzten Überhang des Jahres 1991 auf 11.000
Personen abbauen. Aufgrund der bisherigen Maßnahmen der Bewilligungsausschüsse sind wir optimistisch,
daß die notwendigen Mittel verfügbar sind.

AMERIKA DIENST 39

Die Zulassung von Flüchtlingen aus Vietnam
Neben den Auswirkungen der Entwicklungen in der
Sowjetunion auf die Aufnahmeprogramme für Flüchtlinge möchte ich dem Ausschuß auch über die Situation in Südostsien berichten. Da Vietnam leider immer
noch ein kommunistisches Regime hat, verlassen
Tausende von Menschen das Land, weil sie aufgrund
ihrer Vergangenheit oder gegenwärtig verfolgt werden.
Über zwei Jahre sind vergangen, seit ich unsere Delegation bei der Genfer Konferenz geleitet habe, bei der
über 50 Länder eine Vereinbarung getroffen haben den umfassenden Aktionsplan (Comprehensive Plan
of Action - CPA) -,um die zahlreichen Probleme der
Asylsuchenden aus Vietnam in Südostasien zu lösen.
CPA hat größtenteils bemerkenswert gut funktioniert.
Die Zahl neuer Bootsflüchtlinge ist nur noch ein Bruchteil dessen, was sie vor einem Jahr betrug, ausgenommen in Hongkong. In den meisten Ländern wird
weiterhin Asyl gewährt, und die Verfahren werden
verbessert. Dennoch bereitet uns die unnachgiebige
Haltung Malaysias Sorgen, und wir sind ferner beunruhigt über die schleppenden Fortschritte bei der Behandlung alleinstehender Minderjähriger.
Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor gegen eine
Zwangsrückführung nach Vietnam. Wir glauben fest
daran, daß man sich besser darauf konzentrieren
sollte, die Zahl der freiwilligen Rückkehrer zu erhöhen,
wofür es in den letzten Monaten hoffnungsvolle Anzeichen gab. Die freiwillige Rückkehr ist problematisch,
weil die Betroffenen kein Angebot mehr zur Umsiedlung erhalten.
Die Umsiedlung von Personen, die als Flüchtlinge
anerkannt sind, ist nach wie vor eine der wichtigsten
Aufgaben des CPA. Für die Vereinigten Staaten
repräsentiert der Vorschlag von 50.000 Genehmigungen im Haushaltsjahr 1992 ihr Engagement für den
dauerhaften Erfolg des CPA und für die Umsiedlung
von Amerikanern asiatischer Abstammung sowie
ehemaligen Insassen von Umerziehungslagern in
Vietnam durch das Programm der ordentlichen Ausreise.
Im vergangenen Jahr konnten die Vereinigten Staaten
durch Zusammenarbeit der INS und des Außenministeriums die Zahl der Personen, die jeden Monat im
Rahmen des Programms der ordentlichen Ausreise
befragt werden, auf 10.000 steigern. Infolgedessen
hoffen wir, bis Mitte des Jahres 1992 alle Befragungen
von Personen amerikanisch-asiatischer Abstammung
durchgeführt und bis Ende des Jahres 1992 den
Rückstand an ausgestellten Visa in Vietnam aufgeholt
zu haben. Zur Zeit wird monatlich etwa 2 000 ehemaligen Insassen aus Umerziehungslagern die Einreise

Seite 3

�in die Vereinigten Staaten genehmigt. Unserer Meinung nach zeugt diese drastische Zuwachsrate von
unserem Engagement, diese Menschen aus humanitären Gründen in die Vereinigten Staaten umzusiedeln. Gleichzeitig hoffen wir auf das Verständnis von
Personen, die eine heimliche Ausreise mit dem Schiff
erwägen, daß wir das Programm der ordentlichen
Ausreise als sicherste Methode und Kernpunkt der
US-Maßnahmen für Flüchtlinge aus Vietnam betrachten.

Menschenrechte und Volksgruppen reduzieren. Die
Vereinigten Staaten werde jede Gelegenheit ergreifen, um an der Lösung von Konflikten und friedlichen
politischen Regelungen auf der ganzen Welt zu arbeiten. Wir hoffen, daß die internationale Staatengemeinschaft ihre Ressourcen zur Repatriierung einer großen
Zahl von Flüchtlingen auf der Welt aufwendet. Während in den letzten vierzig Jahren die Zahl der Flüchtlinge auf der ganzen Welt ununterbrochen gestiegen
ist, besteht unser Ziel für die neunziger Jahre darin,
diese Zahl drastisch zu senken.

Andere Regionen der Welt
In anderen Teilen der Welt - Afrika, dem Nahen Osten,
Lateinamerika und Osteuropa - führen die Vereinigten
Staaten den lokalen Bedürfnissen angemessene
Umsiedlungsprogramme durch. Darüber hinaus arbeiten wir mit dem Hohen Flüchtlingskommissar der
Vereinten Nationen zusammen, um einen Mechanismus einzurichten, mit dessen Hilfe unsere Aufnahmeprogramme bessere Möglichkeiten der Umsiedlung
von Risiko- oder anderen vordringlichen Fällen schaffen können. Einzelheiten über unsere Aufnahmequoten für diese Regionen finden sich in dem der Kommission vorgelegten Bericht.
Schlußbemerkung
Es ist schwierig, die Lehren zusammenzufassen, die
wir im letzten Jahr aus der Flüchtlingsproblematik
gezogen haben. Der Zusammenbruch des totalitären
Kommunismus in der UdSSR ist eindeutig ein Grund
für Optimismus. Die Vereinigten Staaten suchen ihre
bestehenden Verbindungen und Kontakte zu den
Baltenstaaten und den Sowjetrepubliken auszubauen,
aber wir werden keinesfalls unser Engagement für

*

Seite 4

*

Es gibt jedoch nach wie vor Herausforderungen.
Kommunistische Regime in Vietnam und Kuba werden
weiterhin Flüchtlinge produzieren. Der Irak, Liberia,
das Hörn von Afrika und jetzt Jugoslawien demonstrieren nur allzu deutlich das Potential für regionale Konflikte und Instabilität. Darüber hinaus werden die
neunziger Jahre neben den Flüchtlingsströmen, die
vor Verfolgung und Konfliktsituationen fliehen, auch
die Industrienationen mit beunruhigenden politischen
und rechtlichen Fragen konfrontieren, wenn sie die
große Zahl von Asylsuchenden und anderen internationalen Flüchtlingen bewältigen wollen. Es wird Aufgabe der Vereinigten Staaten sein, sich - gemeinsam
mit unseren Verbündeten und Freunden und auch mit
den Herkunftsländern - zu engagieren, um auf weltweiter Ebene Lösungen für diese Probleme zu finden.
Auch wenn das Zeitalter des Kommunismus in der Sowjetunion zu Ende sein könnte, wird das Phänomen
der Flüchtlinge und Auswanderer nicht verschwinden.
In absehbarer Zukunft werden die Vereinigten Staaten
weiterhin die humanitäre Führungsrolle übernehmen,
die im Zeitalter des kalten Kriegs so eindeutig belegt
hat, worum es in der freien Welt geht.

*

*

AMERIKA DIENST 39

�OST-WEST-BEZIEHUNGEN
2. Oktober 1991

OST-WEST-BEZIEHUNGEN IN EINER ZEIT DES
WANDELS - DER AMERIKANISCHE BLICKWINKEL
Ansprache des Gesandten George F. Ward
KOBLENZ - (AD) - In seiner Rede bei der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Koblenz verwies der Gesandte
George F. Ward am 25. September 1991 auf die bemerkenswerten Leistungen in den amerikanisch-sowjetischen
Beziehungen seit der Vereinigung beider deutscher Staaten.
Ward erläuterte femer den amerikanischen Ansatz zu den Ost-West-Beziehungen und seine drei Hauptziele. Er
erklärte: "Wir wollen die Entwicklung demokratischer, pluralistischer Institutionen und Verfahren fördern, die auf
Menschenrechten und der Freiheit des einzelnen basieren. Wir wollen bei der Umgestaltung in Marktwirtschaften helfen, die einen starken Privatsektor haben und in die Weltwirtschaft integriert sind. Darüber hinaus wollen
wir die Lebensqualität in Mittel- und Osteuropa verbessern, während diese Länder politische Reformen und eine
wirtschaftliche Umstrukturierung durchführen."
Dennoch ist Ward zufolge erkennbar, daß noch viele Probleme gelöst werden müssen - "von wirtschaftlicher
Unterentwicklung bis zu Feindseligkeiten zwischen benachbarten Volksgruppen." Er erklärte ferner, es habe
niemals eine vielversprechendere Zeit größerer Hoffnung gegeben als heute in Europa, "da der Traum, der 1975
die Schlußakte von Helsinki hervorgebracht hat, sich zu erfüllen scheint. Die Vereinigten Staaten leisten ihren
Beitrag, um eine integrierte, demokratisch orientierte, wirtschaftlich produktive und wohlhabende transatlantische Gemeinschaft zu schaffen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Gesandten im Wortlaut.

In wenigen Tagen wird Deutschland den ersten Jahrestag der Vereinigung feiern. Im Rückblick auf diese
historische Leistung vergißt man leicht, wie wenige
von uns erwartet hatten, daß dies so rasch und reibungslos erreicht werden konnte. Ich sage wenige,
weil unser ehemaliger Botschafter, Vernon Walters,
bereits bevor Tausende von Ostdeutschen die ungarische Grenze in die Freiheit überquerten, prognostizierte, daß Deutschland bald wieder ungeteilt sein
würde. Aufgrund des unerschütterlichen Vertrauens
der Vereinigten Staaten, daß die Vereinigung eines
Tages kommen würde und müßte, war Washington
jedenfalls mit einem Plan zur Unterstützung von Bundeskanzler Kohls Bestrebungen vorbereitet.
Wenn wir die verwirrende Abfolge von Ereignissen in
Osteuropa und natürlich insbesondere der Sowjetunion betrachten, hat sich die Lage heute nicht geändert.
Da sich die Völker Osteuropas unverzüglich für den
demokratischen Weg entschieden haben und die
Bestrebungen der Sowjetunion zur Reform von innen

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heraus durch den gescheiterten Staatsstreich beschleunigt wurden, könnte das Tempo der Ereignisse erneut
unsere Erwartungen überflügeln. Dank der unerschütterlichen Überzeugung der Vereinigten Staaten, daß
die internen Funktionsstörungen und Widersprüche
des sowjetischen Systems eines Tages sein Ende
bewirken würden, konnten wir jedoch rechtzeitig, hilfreich und angemessen auf die jüngsten Ereignisse
reagieren.
Der Trend hatte sich tatsächlich sehr viel früher abgezeichnet. Die dramatischen, tragischen Vorfälle im
Jahr 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei
und 1981 in Polen haben bewiesen, daß nur Gewalt
das sowjetische Imperium zusammenhalten konnte.
Anfang der achtziger Jahre wandten sich zahlreiche
Nationen in Afrika und Lateinamerika zugunsten von
Marktwirtschaften und politischen Reformen vom
"sozialistischen" Modell ab. Diese Tendenz hat das
Versagen der Systeme unterstrichen, an denen die
UdSSR festgehalten hatte.

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�Lassen Sie uns Rückschau auf die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in
der jüngsten Vergangenheit halten. Als Präsident
Gorbatschow eindeutig erklärte, er sei an Reformen im
Inland und erweiterter Zusammenarbeit mit dem Westen
interessiert, ermöglichte er - wie Präsident Bush kürzlich bemerkte - "eine ganz neue Ära der Zusammenarbeit". Seit 1985 haben wir gehandelt - häufig zusammen mit Deutschland und anderen unserer engsten
Verbündeten - um die Früchte der neuen "Entspannung" in einer Weise zu ernten, die nicht nur Europa
sondern der ganzen Welt Stabilität und Frieden brachte.
Zu den bemerkenswerten Leistungen in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen seit jener Zeit zählen:
Acht Gipfeltreffen und eine sehr viel größere
Zahl von Gesprächen auf Ministerebene, die
Fortschritte an vielen Fronten von Rüstungskontrolle über Menschenrechte bis zu regionaler Außenpolitik ermöglichten.
*

Die Unterzeichnung von vier wichtigen Rüstungskontrollabkommen - dem Abkommen über Mittelstreckenraketen (INF) von 1987, mit dem
eine gesamte Klasse von Raketen abgeschafft
wurde; der Vereinbarung von 1990 zur Reduzierung der Chemiewaffenbestände; einem weiteren Abkommen im Jahr 1990 über den Abbau der
konventionellen Streitkräfte in Europa (KSE)
und des Vertrags über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) im Jahr 1991.

*

Über ein Dutzend Austausch-und Kooperationsvereinbarungen in den Bereichen darstellende Künste, Bildung, Forschung, Weltraum,
Fischereiwesen, Seenotrettung sowie Bekämpfung des Drogenhandels.

*

Femer wurden zwei vertrauensbildende Abkommen über militärische Aktivitäten unterzeichnet
- eines im Jahr 1987 über die Verringerung des
nuklearen Risikos und das andere über gefährliche militärische Aktivitäten im Jahr 1969.
In vielen Teilen der Welt hat die neue Kooperationsbereitschaft der Sowjetunion bei regionalen Themen beachtliche Fortschritte ermöglicht.
Die sowjetische Zusammenarbeit war beispielsweise für den Waffenstillstand in Angola unabdingbar. Die erfolgreiche internationale Koalition, die Saddam Husseins unrechtmäßige
Besetzung Kuwaits beendete, hing in hohem
Maße von der neuen sowjetischen Haltung ab.
Und das sowjetische Engagement für eine NahostFriedenskonferenz steigert unsere Hoffnungen
auf Fortschritte bei diesem schwelenden beunruhigenden Problem.

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Der Staatsstreich vom 19. August und sein Scheitern
haben eindeutig veränderte Gegebenheiten geschaffen. Präsident Bushs frühzeitiger Ruf nach der Wiedereinsetzung Gorbatschows verdeutlicht zum einen
die Überzeugung, daß wir ein "Zurückdrehen" der
Fortschritte in der Sowjetunion nicht zulassen dürfen
und zum anderen das Vertrauen in eine erneute Vereinigung der Reformkräfte. Und genau das ist geschehen. Die endgültige Brüchigkeit des sowjetischen
Systems wurde durch den Widerstand des Volkes
wirksam demonstriert, das den Putsch vereitelte. Das
Tempo, mit dem die Demokratie Wurzeln in einem Volk
schlug, das sie bisher kaum in der Praxis erlebt hatte,
war eine wunderbare Illustration der Macht des demokratischen Ideals.
Unter den bedeutenden Auswirkungen war die Beschleunigung des Bruchs mit dem alten System. Der
Staatsstreich war der Todesstoß und hat die Kommunistische Partei, die alte Garde des Militärs, den KGB
und andere der letzten Spuren von Legitimität beraubt,
die Reformen unterdrückt oder zu verzögern versucht
hatten. Dennoch ließ er Präsident Gorbatschow nicht
genügend freie Hand, um seine Vision der Reformen
fortzusetzen. Statt dessen erweiterte der Staatsstreich die Rolle der einzelnen Republiken und ihrer
demokratisch gewählten Regierungen bei der Bestimmung des zukünftigen Kurses, den sie und ihr Volk
einschlagen werden.
Gleichzeitig hat die neue unstrukturierte und sich rasch
verändernde Situation in der Sowjetunion herkömmliche Verantwortungsbereiche verwischt, wenn nicht
sogar vollständig aufgehoben. In der Sowjetunion ist
es heute schwierig, jemanden zu finden, der bereit und
in der Lage ist, die Verantwortung für eine außenpolitische Entscheidung zu übernehmen und zuversichtlich über die Zukunft zu sprechen. Die Verwirrung wirft
zwangsläufig einige Fragen auf. Wie können wir
sicherstellen, daß die Errungenschaften der vergangenen sechs Jahre - die bereits aufgezählten für den
Frieden in der atlantischen Gemeinschaft entscheidenden Abkommen und das Zwei-plus-Vier-Abkommen, das die deutsche Einheit festschrieb - dauerhaft
sind und von der Zentralregierung respektiert werden,
was für eine Form sie auch annimmt? Wie rasch
werden die sowjetischen Versprechen, Militärhilfe an
die Regierung von Afghanistan einzustellen und sowjetische Truppen aus Kuba abzuziehen, eingelöst?
Mit wem müssen wir verhandeln, wenn wir Themen
wie Handel und Investitionen erörtern? Wie wirkt sich
die Lage auf unsere Sicherheit aus? Und vor allem wer ist verantwortlich, und bei wem liegt die Autorität?
Alle westlichen Länder sind jetzt mit diesen Fragen der
Beziehungen zwischen der Zentralregierung und den
Republiken befaßt. Zweifelsohne hängt viel von den
Antworten ab. Wir in den Vereinigten Staaten erachten
es als unabdingbar, daß eine zentrale Struktur aufrechterhalten wird, um die sicherheitspolitischen und

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�wirtschaftlichen Beziehungen mit der übrigen Welt zu
koordinieren. Gleichzeitig können wir nicht umhin, mit
dem legitimen Streben der Völker in der Sowjetunion
nach Selbstbestimmung zu sympathisieren.
In der Tat scheint der Staatsstreich zu einer Situation
geführt zu haben, in der Veränderungen nicht länger
von oben nach unten aufgezwungen werden, sondern
sich vielmehr von den Interessen der Regionen und
Republiken nach oben entwickeln. Wie Au ßenminister
Baker vor zwei Monaten in Berlin bemerkte, sind
Evolution und Devolution keine Alternativen sondern
ergänzen sich und sind interdependent. Die neue
Situation erhöht tatsächlich die Chancen für die stabile
Entwicklung demokratischer Strukturen und Wirtschaftsreformen, weil bei dem Prozeß viele Stimmen hörbar
werden und sich bemerkbar machen. Amerikaner und
Deutsche mit ihren leicht unterschiedlichen föderativen Strukturen fühlen sich mit diesem Arrangement
wohl und sollten dadurch ermutigt werden. Selbst in
Europa insgesamt hat sich der Trend zur Entscheidungsfindung auf untere Ebenen verlagert, oder es gilt
- wie es in Brüssel heißt - das Prinzip der Subsidiarität.
Meines Erachtens haben wir in den Vereinigten Staaten das "Menetekel an der Wand" gesehen und sind
auf diese Situation relativ gut vorbreitet. Seit einiger
Zeit hat sich die amerikanische Politik auf die Fortsetzung unserer Unterstützung von Präsident Gorbatschows Reformbemühungen konzentriert, und gleichzeitig haben wir Kontakte zu den neuen Politikern in
den Regionen und Republiken aufgenommen, die
wiederum aufgrund dieser Reformen im Amt sind.
Erneut gleichzeitig Evolution und Devolution. Unser
Ansatz ist nach dem Staatsstreich ebenso gültig wie
davor.
Präsident Bush hat erkannt, daß die Wahl zwischen
Unterstützung für Gorbatschow und Unterstützung der
Politiker in den Republiken eine falsche Wahl ist. Statt
dessen haben die Vereinigten Staaten versucht, Politiker zu unterstützen, die Demokratie, Freiheit und ein
freies Wirtschaftssystem anstreben, wo immer sie in
der Sowjetunion auch sein mögen. Wir unterstützen
nach wie vor die Regierung Präsident Gorbatschows,
der schließlich sehr viel erreicht hat. Wir haben jedoch
auch unseren Wunsch zum Ausdruck gebracht, gute
Beziehungen zu den Republiken zu unterhalten.
Bezeichnend für diesen Ansatz sind der Besuch von
Präsident Jelzin in den Vereinigten Staaten, Präsident
Bushs Besuch in der Ukraine Anfang August und
Außenminister Bakers kurzer Aufenthalt in Alma Ata
sowie eine große Bandbreite von Kontakten in Moskau, Leningrad und den baltischen Republiken.
Die Vereinigten Staaten haben auf die dramatischen
Veränderungen in der Sowjetunion mit Programmen
reagiert, die darauf abzielen, sowohl die unmittelbaren
als auch die langfristigen Herausforderungen anzusprechen, mit denen sich das Land konfrontiert sieht.
Im Bereich der Nahrungsmittelbeschaffung und -VerAMERIKA DIENST 39

teilung wurden beispielsweise Kreditbürgschaften in
Höhe von 2,5 Milliarden Dollar für den Kauf von amerikanischen Agrarprodukten zur Verfügung gestellt.
Ein gemeinsamer amerikanisch-sowjetischer Vorschlag
zur Verbesserung der Nahrungsmittel verteilung wurde
unterbreitet. Diese Bestrebungen konzentrieren sich
auf die Einführung von Marktanreizen, um die Produktion anzukurbeln und die Verteilungssysteme zu verbessern. Zwei hochrangige amerikanische Delegationen werden in diesem Monat in die Sowjetunion
reisen, um den Nahrungsmittelimportbedarf der Sowjetunion für den bevorstehenden Winter zu ermitteln.
Ein medizinisches Hilfsprogramm für die Sowjetunion
wurde ins Leben gerufen. Bei dem Programm handelt
es sich um ein von öffentlichen Stellen und privaten
Trägern in die Wege geleitetes Projekt von einjähriger
Dauer, mit dem der Sowjetunion geholfen werden soll,
akute, unmittelbare Engpässe bei Arzneimitteln und
grundlegender medizinischer Versorgung zu bewältigen. Seit Februar haben die Vereinigten Staaten über
8 Millionen Dollar an medizinischen Hilfsgütern in die
Ukraine, das Gebiet des Aralsees bei Kasachstan und
Usbekistan sowie die unabhängigen Baltenrepubliken
transportiert. Wir haben Finanzhilfe in Höhe von 5
Millionen Dollar zur Deckung der Verwaltungskosten
dieses Programms bereitgestellt.
Präsident Bush hat die Bedeutung eines Handelsabkommens mit der Sowjetunion immer wieder unterstrichen. Seine Verabschiedung wird den Meistbegünstigungsstatus für die Sowjetunion zur Folge haben.
Dank dieser Klausel werden sowjetische Waren mit
den niedrigsten amerikanischen Zollsätzen belegt was einen entscheidenden Schritt zur Schaffung eines
amerikanischen Markts für sowjetische Waren bedeutet.
Im Juli wurde ein Protokoll über technische wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion vereinbart. Das Protokoll
betont marktwirtschaftliche Konzepte und die Entwicklung gemeinsamer Projekte mit reformorientierten
Institutionen der Zentralregierung, Republiken und
Kommunen einschließlich des aufstrebenden Privatsektors und nichtstaatlicher Organisationen. Vorbehaltlich der Zustimmung durch den Kongreß werden
der Sowjetunion im am 30. September 1992 endenden
Haushaltsjahr 15 - 20 Millionen Dollar an technischer
Hilfe gewährt.
Die Vereinigten Staaten sind bereit, der Sowjetunion
bei der Reform ihres Energiesektors und der Aufstokkung ihrer Öl- und Erdgasproduktion behilflich zu sein.
Im Juli fand in Moskau eine Konferenz statt, die sich
auf die Haupthindernisse für Investitionen im sowjetischen Öl- und Erdgassektor konzentrierte. Die Vereinigten Staaten waren mit über 20 Führungskräften aus
ölfirmen und Erdgasuntemehmen mit Einblick in die
sowjetische Produktion vertreten.

Seite 3

�Die Vereinigten Staaten haben vorgeschlagen, sachkundige Regierungsvertreter und Experten aus der
Privatwirtschaft in die Sowjetunion zu entsenden, um
bei der Umleitung von Ressourcen aus der Rüstungsindustrie für zivile Zwecke behilflich zu sein sowie
Hilfsmaßnahmen für durch die Kürzung der Verteidigungsausgaben betroffene Gemeinden zu erarbeiten.
Darüber hinaus werden sowjetische Vertreter der
Rüstungsindustrie von staatlichen und privaten Institutionen in die Vereinigten Staaten eingeladen. Zwei
solcher Gruppen waren bereits im Juli in den Vereinigten Staaten.
Beim Treffen der G-7 in London haben wir eine besondere Assoziierung der Sowjetunion mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank unterstützt.
Der Präsident fördert darüber hinaus die mögliche
Vollmitgliedschaft im IWF, womit Beschränkungen auf
staatliche Kredite und Kreditbürgschaften für US-Exporte
in die UdSSR aufgehoben und Bestrebungen beschleunigt würden, zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion Verträge über Investitionen und
Steuern sowie die Vollmitgliedschaft im GATT auszuhandeln, sobald die Sowjetunion erforderliche Reformen durchgeführt hat.
Die Notwendigkeit für Hilfe an die Sowjetunion wird
vielfach diskutiert. Wir bezweifeln nicht den ungeheuren Bedarf - er ist überall offenkundig. Dennoch
vertreten wir die Ansicht, daß die Sowjets der Obrigkeit
klare Linien ziehen und deutliches Engagement für
einen spezifischen Wirtschaftsplan bekunden müssen. Ohne diese Basis wird es nahezu unmöglich sein,
irgendeine Form von Finanzhilfe effektiv zu gewähren.
Andernorts gewonnene Erfahrungen haben gelehrt,
daß Hilfe, die ohne klar definierte Zielsetzungen und
innenpolitischen Konsens der Empfänger über die
Prioritäten gewährt wird, wahrscheinlich verschwendet ist, oder - noch schlimmer - die Probleme und
Ungleichgewichte in der Wirtschaft verschärft.
Bei seinen jüngsten Gesprächen in der Sowjetunion
hat Außenminister Baker den Politikern dort fünf Prinzipien dargelegt, die unser Konzept für die politischen
Veränderungen in der Sowjetunion leiten werden. Als
Ansatzpunkt für meine Ausführungen zur amerikanischen Politik verdienen sie es meiner Meinung nach,
hier wiederholt zu werden. Sie lauten:
Erstens müssen die Völker der Sowjetunion die Zukunft ihres Landes selbst bestimmen, und zwar friedlich und im Einklang mit demokratischen Werten und
Verfahrensweisen sowie den Grundsätzen der Schlußakte von Helsinki.
Zweitens sind bestehende innere und äußere Grenzen
zu achten, wobei Veränderungen nur mit friedlichen,
durch Konsens erzielten Mitteln im Einklang mit den
KSZE-Prinzipien erfolgen dürfen.

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Drittens müssen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
unterstützt werden, und Veränderungen dürfen nur
durch ordnungsgemäße, demokratische Verfahren,
insbesondere Wahlen, bewirkt werden.
Viertens wird die Achtung der Menschenrechte gefordert, auf der Basis von Respekt für den einzelnen und
einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten.
Fünftens sind das Völkerrecht und internationale Verpflichtungen zu wahren, insbesondere die Einhaltung
von Bestimmungen der Schlußakte von Helsinki und
der Pariser Charta.
Dies scheint der geeignete Augenblick, um sich Mittelund Osteuropa zuzuwenden, weil die starke Betonung dieser fünf Punkte durch den Außenminister bei
der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa die Verbindung zwischen unseren Ansätzen
gegenüber der Sowjetunion und den Demokratien
Mittel- und Osteuropas herstellt, die sich in anderer
Hinsicht oftmals unterscheiden. In beiden Fällen ist
das übergreifende Konzept die Integration dieser Länder
in die transatlantische Staatengemeinschaft. Diese
Werte werden überzeugend in den Schlüsseldokumenten der KSZE dargelegt, zuletzt in der Pariser
Charta. Welches bessere Forum gäbe es also für
diesen Prozeß als die KSZE, die seit ihrer Gründung
auf dem Konzept der Allgemeingültigkeit basiert?
Der gemeinsam am 10. September in Moskau unternommene Schritt - die Begrüßung der baltischen Staaten in der KSZE - verkörpert dieses Konzept der
Allgemeingültigkeit in konkreter Form, indem es die
neuesten osteuropäischen Länder in das Forum einführt.
Estland, Lettland und Litauen werden in der ganzen
Welt als Sonderfälle anerkannt. Die Vereinigten Staaten haben ebenso wie Deutschland niemals die gewaltsame Eingliederung dieser Länder in die Sowjetunion gebilligt. Jedes dieser Länder war in den letzten
fünfzig Jahren in Washington vertreten, und ihre Fahnen standen all die Jahre neben denen der anderen
unabhängigen Länder der Welt in der Eingangshalle
unseres Außenministeriums.
Wir haben uns gefreut, am 2. September die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen bekanntgeben zu können, auf der Grundlage von Präsident
Gorbatschows Erklärung, mit der er das Recht der
Baltenstaaten auf Freiheit anerkannt hat. Ich möchte
hinzufügen, Gorbatschow wußte unserer Meinung nach
zu schätzen, daß wir bis zu diesem Schritt - der von uns
ermutigt wurde - gewartet haben. Ich kann Ihnen
versichern, daß die Regierungschefs des Baltikums
unsere Zurückhaltung in dieser Hinsicht voll und ganz
verstehen. Wie ich ausgeführt habe, sind diese drei
Länder bereits Nutznießer einiger Hilfsprogramme,

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�etwa von Arzneimittellieferungen und medizinischen
Versorgungsgütern. Wir haben aus unserem Haushalt
1991 Hilfe in Höhe von 14 Millionen Dollar für Estland,
Lettland und Litauen zur Verfügung gestellt. Darüber
hinaus haben wir eine vom Unterabteilungsleiter im
Außenministerium, Curtis Kamman, geführte Delegation entsandt, um den künftigen Bedarf an Hilfe zu
ermitteln und Pläne für die Eröffnung diplomatischer
Vertretungen dort zu erarbeiten.
Bei unserer Haltung gegenüber den baltischen Staaten werden wir natürlich auf dem Rahmen aufbauen,
den wir bereits für andere neue Demokratien Mittelund Osteuropas abgesteckt haben. Obwohl unsere
Politik und unsere Ziele für Mittel- und Osteuropa den
von uns für die Sowjetunion postulierten ähneln, unterscheidet sich die Situation in der Region qualitativ.
Erstens haben diese Länder viel eher als die Sowjets
den Reformkurs eingeschlagen. Zweitens verfügen
sie über eine Tradition demokratischer Regierungen
und Unabhängigkeit, auf der sie aufbauen können.
Drittens erfolgte ihr Engagement für demokratische
Regierungen, Menschenrechte und Marktwirtschaft in
den meisten Fällen entschieden und schnell (obwohl
es offensichtlich Ausnahmen wie in Rumänien gibt, wo
uns die Menschenrechte immer noch Sorge bereiten).
Viertens haben die Vereinigten Staaten seit der Zeit
vor 1948 traditionell gute Beziehungen mit vielen dieser Länder gepflegt. Infolgedessen haben sich unsere
Bande mit ihnen viel rascher entwickelt.
Unser Ansatz konzentriert sich auf drei Hauptziele.
Wir wollen die Entwicklung demokratischer, pluralistischer Institutionen und Verfahren fördern, die auf
Menschenrechten und der Freiheit des einzelnen
basieren. Wir wollen bei der Umgestaltung in Marktwirtschaften helfen, die einen starken Privatsektor
haben und in die Weltwirtschaft integriert sind. Darüber hinaus wollen wir die Lebensqualität in Mittel- und
Osteuropa verbessern, während diese Länder politische Reformen und eine wirtschaftliche Umstrukturierung durchführen. Bei der Entwicklung von Programmen zur Erlangung dieser Ziele streben wir danach,
Flexibilität zu bewahren, um auf besondere Bedürfnisse und Entwicklungen in jedem Land einzugehen.
Ein weiterer Beweis für die Langfristigkeit unserer
Planung sind die Bestrebungen der Vereinigten Staaten, den neuen Ländern Osteuropas zu helfen. 1989
hat Präsident Bush die Einführung derG-24 gefordert,
und wir waren die ersten, die die Finanzierung eines
polnischen Stabilisierungsfonds unterstützt haben. Die
amerikanische Hilfe wird fast ausschließlich in Form
von Zuschüssen gewährt, so daß die Regierungen
Mittel- und Osteuropas den größten Teil nicht zurückzahlen müssen. Trotz ihrer angespannten Haushaltslage haben die Vereinigten Staaten erhebliche Beiträge für die wirtschaftliche Umgestaltung der Region
geleistet und darüber hinaus eine Vielzahl von bildungspolitischen Programmen eingeführt.

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Unsere Unterstützung für Demokratie und Pluralismus
zeigt sich in vielfältiger Weise. Wir haben die Wahlen
in Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien beobachtet.
Die Vereinigten Staaten passen eine große Bandbreite
von Programmen den Bedürfnissen einzelner Länder
an, um Know-how oder Unterstützung für die Entwicklung freier Gewerkschaften und Reformen in der
Regierung zu bieten, ferner für den Entwurf von Verfassungen und Gesetzen, die Einführung einer unabhängigen Gerichtsbarkeit, freier Medien sowie der
Reform des Bildungswesens. Wir haben mit Hilfe des
Peace Corps Polen, Ungarn, der CSFR und Bulgarien
Schulbücher geliefert und Englischunterricht eingeführt.
Zur Förderung von Wirtschaftsreformen haben wir 200
Millionen Dollar für die Gründung eines Stabilisierungsfonds für Polen und fast 20 Prozent der Mittel für
IWF- und Weltbankprogramme in der Region bereitgestellt. Wir waren Gründungsmitglied der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, mit
einem Beitrag von 70 Millionen Dollar im ersten Jahr.
Im Privatsektor führen wir in Polen, Ungarn, der CSFR
und Bulgarien bilaterale Unternehmensfonds ein. In
der gesamten Region bieten wir Programme zur Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums
an, femer technische Hilfe zur Privatisierung von Staatsunternehmen und zum Aufbau mittelständischer Betriebe. Wir arbeiten an der Ausbildung von Führungskräften und anderen Bildungsprogrammen.
Bei Handel und Investitionen waren wir um die Normalisierung der Beziehungen zu Osteuropa bestrebt. Wir
haben mit Polen, der CSFR, Ungarn und Bulgarien
Handels- und Wirtschaftsabkommen geschlossen. Vor
den gegenwärtigen Unruhen wurde mit Jugoslawien in
dieser Hinsicht verhandelt. Wir haben Polen, Ungarn,
Jugoslawien und der CSFR den Meistbegünstigungsstatus gewährt und hoffen, daß Bulgarien bald die
rechtlichen Voraussetzungen dafür erfüllt. Die USEximbank und die Entwicklungsgesellschaft OPIC sind
in der Region aktiv. Schließlich verfolgen wir eine
Reihe wichtiger Programme im Bereich der Umwelt.
Humanitäre Hilfe ist die Hauptkomponente der kurzfristigen Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität. Dazu zählen medizinische Hilfsgüter, Grippeimpfungen, spezielle Hilfe für rumänische Kinder und
umfangreiche Nahrungsmittelhilfe für bestimmte Länder.
Die Hilfe der Vereinigten Staaten für Albanien - ein
Land, zu dem wir erst kürzlich Beziehungen aufgenommen haben - konzentriert sich auf Nahrungsmittelhilfe und Entwicklung der Landwirtschaft, Einführung
einer Marktwirtschaft und den Aufbau demokratischer
Institutionen. Anderen wichtigen Bereichen wie Bildungs- und Gesundheitswesen, Arbeit und Umwelt
gilt ebenfalls unsere Aufmerksamkeit. Die Termine für
unsere Hilfe werden sich ergeben, wenn die Bedürfnisse Albaniens klarer werden, die albanische Regierung

Seite 5

�ihre Bereitschaft bekundet und die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt. Um nur einige Zahlen zu nennen:
Seit 1989 beläuft sich die US-Hilfe an Mittel-und
Osteuropa auf 2,1 Milliarden Dollar (einschließlich
etwa 600 Millionen Dollar Schuldenerlaß).
Jugoslawien ist ein weiterer Sonderfall und ähnelt eher
der Sowjetunion, da das Land seinen Kurs für die
Zukunft noch nicht festgelegt hat. Ebenso wie in der
Sowjetunion warten wir ab, wie sich die Situation
entwickelt, bevor wir etwas unternehmen. In Jugoslawien beobachten wir jedoch einen Kreislauf von Gewalt
und Blutvergießen.
Zur Lösung politischer Differenzen oder Veränderungen der Grenzen ist Gewalt im Europa von heute nicht
akzeptabel. Wir haben alle Konfliktparteien aufgefordert, den Einsatz von Gewalt aufzugeben und die
KSZE-Prinzipien als Basis zur Gestaltung neuer politischer Beziehungen zu akzeptieren. Darüber hinaus
unterstützen die Vereinigten Staaten kontinuierliche
europäische Bestrebungen, eine friedliche Lösung
herbeizuführen, die das Land vor einem andauernden
Bürgerkrieg retten kann.
Leider spiegelt der enttäuschende Fall Jugoslawien
die Gefahren wieder, die in vielen Teilen Osteuropas
und der Sowjetunion lauern, weil traditionelle Feindschaften zwischen Volksgruppen in vielen Teilen des
Landes, von Nagorny-Karabach bis zum Kosovo,
aufflackern könnten. Der Schutz der Rechte nationaler Minderheiten ist eines der wichtigsten Probleme,

die wir im Umgang mit jedem Land in dieser Region
und auch bei den Unabhängigkeits- oder Autonomiebestrebungen der Sowjetrepubliken oder ihrer Teile
beachten müssen.
Glücklicherweise bietet die KSZE einen geeigneten
Rahmen für die friedliche Beilegung solcher Konflikte.
Trotz bestehender Spannungen konnte Gewalt zwischen Volksgruppen bisher, außer in Jugoslawien,
vermieden werden.
Wenn wir von Bonn aus den Blick ostwärts nach
Wladiwostok richten, erkennen wir, daß noch viele
Probleme gelöst werden müssen - von wirtschaftlicher
Unterentwicklung bis zu Feindseligkeiten zwischen
benachbarten Volksgruppen. Dennoch gab es niemals eine vielversprechendere Zeit größerer Hoffnung
als heute in Europa, da der Traum, der 1975 die
Schlußakte von Helsinki hervorgebracht hat, sich zu
erfüllen scheint. Die Vereinigten Staaten leisten ihren
Beitrag, um eine integrierte, demokratisch orientierte,
wirtschaftlich produktive und wohlhabende transatlantische Gemeinschaft zu schaffen. Wenn ich mir den
amerikanischen Ansatz zu Osteuropa und der Sowjetunion im einzelnen vor Augen führe, staune ich ebenso wie Sie wahrscheinlich - über die starken
Parallelen zwischen unserem Ansatz und dem Ansatz
Deutschlands. Der Erfolg bei der Verwirklichung unserer
gemeinsamen Ziele in Mittel- und Osteuropa sowie der
Sowjetunion wird eine entscheidende Probe für unsere
Partnerschaft in der Führung sein. Ich bin zuversichtlich, daß wir Erfolg haben werden.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

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�DROGEN
2. Oktober 1991

FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENABHÄNGIGEN IN DEN USA
Erfolge in den Therapiezentren

MONTREAL - (AD) - Vertreter der US-Regierung berichten von großen Fortschritten bei der Behandlung
von Drogenabhängigen durch Therapieprogramme auf
der Grundlage strenger Regeln, persönlicher Opfer
und Sanktionen für Fehlverhalten.
Der Leiter des Büros des Präsidenten für nationale
Drogenpolitik, Robert Martinez, erklärte bei einer vom
23. bis 27. September 1991 in Montreal stattfindenden
internationalen Konferenz von Drogenexperten, die
Behandlung von Drogenabhängigen funktioniere am
besten im Verbund mit Strafmaßnahmen, nicht unabhängig davon.
"Wir dürfen der Öffentlichkeit nicht den Eindruck vermitteln, Suchttherapie sei mit Straf maßnahmen nicht
in Einklang zu bringen und die Behandlung sei irgendwie 'mitfühlend', während Strafen 'hart' seien. In
Wirklichkeit ist eine erfolgreiche Suchtbehandlung
anspruchsvoll, schwierig sowie physisch und emotional aufreibend", erklärte er.
Bei der 14. Weltkonferenz von Therapiezentren erläuterte Martinez, in den Vereinigten Staaten sei es zum
größten Teil einer Kette von Therapiezentren zu verdanken, daß die Zahl der Alkohol- und Drogenabhängigen drastisch gesunken sei - von 23 Millionen im Jahr
1985 auf unter 13 Millionen im Jahr 1990.
"Ich bin von der Art und Weise beeindruckt, in der diese
Therapieform strenge Werte lehrt, wie sie für eine
Heilung von der Drogensucht von entscheidender
Bedeutung sind," erklärte Martinez.
In einem - oftmals öffentlich und privat finanzierten Therapieprogramm sind Drogenabhängige zeitweise
in Familien, nicht als Patienten in einer Institution

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untergebracht. Die Teilnehmer leben in einer fürsorglichen, aberfordernden Familiensituation, in der es vor
allem darum geht, Verantwortung für sein eigenes
Leben zu tragen und es zu verbessern. Die Behandlung kann je nach Programm zwischen sechs Monaten
und zwei Jahren dauern.
Martinez verwies insbesondere auf ein - von einem
Verwaltungsbezirk des Staats Arizona finanziertes Therapieprogramm in Phoenix, bei dem nicht vorbestrafte Drogenabhängige die Möglichkeit erhalten, statt
einer Strafverfolgung an dem Programm teilzunehmen. Das Program basiert auf einem sehr strengen
Gesetz des Bundesstaats, das bereits den Besitz sehr
kleiner Mengen von Drogen zum Straftatbestand erklärt. Die Teilnehmer müssen für ihre Behandlung mit
einem bestimmten Anteil ihres Einkommens aufkommen.
Der Direktor des National Institute on Drug Abuse
(NIDA), Charles Schuster, gab am 24. September
1991 die Vergabe von Fördermitteln für die Dauer von
5 Jahren zur Gründung des ersten Forschungszentrums für Behandlungserfolge bei den Programmen
der Therapiezentren in den Vereinigten Staaten bekannt.
Der Schwerpunkt des Zentrums, das seinen Sitz in
New York haben wird, liegt bei der Ausbildung von
Forschern und Ärzten sowie dem Aufbau einer Datenbank für die Forschung der Therapiezentren. Zunächst wird das Zentrum die Behandlungsverfahren
und -erfolge bei Erwachsenen, Häftlingen und psychisch kranken Medikamentenabhängigen erforschen.
Die Finanzierung des Zentrums beläuft sich im ersten
Jahr auf 1 Million Dollar.

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�Schuster zufolge soll das Zentrum, das er als wichtige
Errungenschaft für NIDA und die therapeutischen
Bestrebungen auf Gemeindeebene bezeichnet, als
nationale und internationale Anlaufstelle für laufende
Forschungsvorhaben dienen.
Jüngste Studien belegen, so Schuster, daß über 90
Prozent derjenigen, die sich einer Behandlung in einem Therapiezentrum unterzogen haben, nach der
Behandlung drogenfrei blieben.
Obwohl beachtliche Anstrengungen gegen gelegentlichen Drogenmißbrauch unternommen wurden, erklärt
Martinez, gibt es immer noch einen hohen Prozentsatz
von Abhängigen oder Konsumenten harten Drogen.
Seinen Schätzungen zufolge sind in den Vereinigten
Staaten über 5,7 Millionen Menschen von einer illegalen Droge abhängig.

Bush zufolge wurde auch die Finanzierung zweier
probeweiser Entziehungskurkliniken vorgeschlagen.
Das bedeutet, daß bis zu acht unterschiedliche Leistungsträger an einem Ort nahezu 10.000 Patienten
betreuen können. Diese Einrichtungen konzentrieren
sich auf die Bereiche der Bevölkerung mit dem höchsten Risiko, vor allem Erwachsene, Minderheiten,
Schwangere sowie weibliche Abhängige und deren
Kinder.
Schuster berichtet, daß die Forscher zwischen 1985
und 1990 einen drastischen Rückgang von 44 Prozent
bei Amerikanern im Alter von 12 Jahren und darüber
beobachteten, die illegale Drogen einnahmen.

"Dies berechtigt zu Hoffnungen, daß unsere Bestrebungen, über Drogenkonsum zu informieren, ihm den
Reiz zu nehmen und vom Gebrauch abzuschrecken,
Auswirkungen auf die öffentliche Meinung haben",
Zur Bewältigung des Problems der Konsumenten harter erklärt Schuster. "Unsere spezifische Forschung zu
Drogen hat Präsident Bush vom Kongre ß für das am 1. Vorsorge- und Behandlungsstrategien beginnt wirkOktober beginnende Haushaltsjahr 1992 1,7 Milliar- lich effektive Modelle hervorzubringen, auf die Kampaden Dollar zur Behandlung von Drogenabhängigen gnen gegründet werden können", fügte er hinzu.
gefordert, einschließlich 100 Millionen zur Aufstokkung der Behandlungsprogramme in Gebieten mit
dem größten Anteil von Drogenabhängigen.
* * * * *

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                <text>&lt;strong&gt;1. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Bushs Rüstungskontrollinitiative&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Jugoslawien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Serbien und Bundesarmee für Kampfhandlungen in Jugoslawien verantwortlich &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Außenministers vor dem UN-Sicherheitsrat&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Flüchtlinge&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA hoffen auf Repratiierung der Flüchtlinge&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Ost-West-Beziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ost-West-Beziehungen in einer Zeit des Wandels - der amerikanische Blickwinkel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Gesandten George F. Ward&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Fortschritte bei der Behandlung von Drogenabhängigen in den USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erfolge in den Therapiezentren&lt;/em&gt;</text>
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cimerikci
dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

9. Oktober 1991

*?

DEUTSCH-AMERIKANISCHER
TAG

PRÄSIDENT BUSHS PROKLAMATION ZUM
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN TAG 1991

AUSSENPOLITIK

EAGLEBURGER: FREIHANDELSORDNUNG
ERSTE PRIORITÄT DER USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers
vor Unternehmern

GATT

UNTERHÄNDLER ARBEITEN AM
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
von Louis Murphy

KSZE

USA MIT MOSKAUER KSZE-TREFFEN
ÄUSSERST ZUFRIEDEN
Eine Erklärung des Außenministeriums

GOLFKRISE

KALTER KRIEG UND GOLFKRIEG DIE AUSWIRKUNGEN AUF DEN NAHEN OSTEN
von Richard Haass

UMWELT

DAS UMWELTPROGRAMM DER
BUSH-ADMINISTRATION
Eine Übersicht zum Umweltschutz

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�DEUTSCH-AMERIKANISCHER

TAG
9. Oktober 1991

PRÄSIDENT BUSHS PROKLAMATION ZUM
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN TAG 1991
WASHINGTON - (AD) - Präsident Bush lobte anläßlich des 3. Oktober 1991, des ersten Tages der deutschen
Einheit nach der Wiedervereinigung, die Ostdeutschen für ihren Mut zur Überwindung einer tyrannischen
Ideologie.
Bei der Unterzeichnung der Proklamation zum Deutsch-Amerikanischen Tag begrüßte Bush insbesondere die
Vertreter aus der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik.
Dem Präsidenten saß im Roosevelt-Saal Bundesaußenminister Genscher zur Seite, als er erklärte, er wolle
"ganz besonders unsere 17 Millionen neuen deutschen Freunde aus den östlichen Bundesländern, der
ehemaligen DDR, würdigen. Wir bewundern Ihren Mut, mit dem sie die Fesseln einer schrecklichen Ideologie
abgeschüttelt und sich Ihren Brüdern im Westen angeschlossen haben, um ein neues ungeteiltes und freies
Deutschland aufzubauen."
Bush bezeichnete die Ostdeutschen als "wichtige neue Mitglieder unserer transatlantischen Gemeinschaft und
Teil des besonderen Bandes zwischen Deutschen und Amerikanern. Amerikaner und Ostdeutsche waren seit
über zwei Generationen voneinander getrennt... Deshalb begrüße ich Sie, die Besucher aus dem Osten,
besonders herzlich."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Proklamation des Präsidenten zum "Deutsch-Amerikanischen Tag" am 6.
Oktober 1991 und am 6. Oktober 1992.

Als sich die deutschen Siedler am 6. Oktober 1693 in
der Nähe von Philadelphia niederließen, legten sie
damit den Grundstein für die vielen Bande zwischen
den Vereinigten Staaten und Deutschland. Seitdem
haben Generationen deutscher Einwanderer und ihre
Nachkommen hervorragende Beiträge zur amerikanischen Geschichte und Kultur geleistet. Dennoch sind
die Bande, die wir heute feiern, nicht nur rein verwandtschaftlich, sondern basieren auch auf gemeinsamen
Werten und Hoffnungen. In der Tat beseelt dieselbe
Freiheitsliebe, die die ersten deutschen Einwanderer
zu diesen Ufern geführt hat, immer noch die amerikanisch-deutschen Beziehungen.
Seit über 40 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg
standen die Vereinigten Staaten zu ihren Freunden in
der Bundesrepublik Deutschland, um diesem Land
Freiheit und Sicherheit garantieren zu helfen und unsere
gemeinsamen Interessen zu fördern. Dennoch hegten
wir gemeinsam die Hoffnung, daß eines Tages alle
Deutschen die Segnungen der Freiheit in einem vereinigten, demokratischen und souveränen Deutschland
genießen könnten. Die dramatische Öffnung der
AMERIKA DIENST 40

Berliner Mauer im November 1989 und die offizielle
Vereinigung Deutschlands knapp ein Jahr später haben
die Verwirklichung dieses Ziels belegt. Heute sehen
die Vereinigten Staaten der Fortsetzung der Freundschaft entgegen, die unsere beiden Völker so lange
genossen haben. Aktiver Handel und enge politische
Zusammenarbeit im Kontext des Atlantischen Bündnisses zählen zu den wichtigsten Dimensionen dieser
Beziehungen. Dennoch messen wir auch unseren
verschiedenen Kontakten "von Mensch zu Mensch"
und Austauschprogrammen große Bedeutung bei.
Deshalb haben wir zur Förderung des Austauscht von
Informationen und Ideen mit den fünf neuen Bundesländern - die allzu lange durch ihr kommunistisches
Regime isoliert wurden - gemeinsam mit der Bundesregierung die RIAS-Stiftung gegründet. Die Stiftung
wird gemeinsame Radio- und Fernsehprogramme
fördern und darüber hinaus Ausbildungs- und andere
Programme für Studenten, Rundfunkjournalisten und
andere Medienvertreter anbieten. Ferner haben die
Vereinigten Staaten in diesem Jahr ein neues Generalkonsulat in Leipzig eröffnet und damit die Bande zwischen unseren beiden Völkern noch enger geknüpft.
Seite 1

�Mit dem neuen vereinigten Deutschland verbindet die
Vereinigten Staaten Freundschaft aber auch eine
Partnerschaft in der Führungsrolle. Nach der brutalen
Invasion irakischer Streitkräfte in Kuwait am 2. August
1990 hat sich Deutschland der internationalen Koalition angeschlossen, die die Aggression verurteilt und
sich für eine Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkei*
entschieden hat. Darüber hinaus symbolisiert Deutschland heute nicht nur ein neues ungeteiltes und freies
Europa, sondern steht auch bei den Bestrebungen zur
Verwirklichung dieses Ziels an vorderster Front.
Gemeinsam mit den Vereinigten Staaten und anderen
westlichen Nationen gewährt Deutschland den aufstrebenen Demokratien Mittel- und Osteuropas seine
Unterstützung durch Investitionen, Ausbildungsprogramme und technische Hilfe.
Im Einklang mit seiner verbesserten Position als Kraft
für Frieden und Stabilität in der Weltpolitik wird Deutschland Gastgeber des nächsten Gipfels der sieben führenden Industrieländer der Welt sein. Die Vereinigten
Staaten sehen diesem Treffen im Juli 1992 in München

*

Seite 2

entgegen und begrüßen die zahlreichen Chancen, die
sich in den deutsch-amerikanischen Beziehungen bieten.
Mit der gemeinsamen Entschließung 151 des Senats
hat der Kongreß den 6. Oktober 1991 und den 6.
Oktober 1992 zum "Deutsch-Amerikanischen Tag"
erklärt und den Präsidenten ermächtigt und ersucht,
zur Würdigung dieser Tage eine Proklamation zu
erlassen.
Aufgrund dessen erkläre ich, George Bush, Präsident
der Vereinigten Staaten von Amerika, hiermit den 6.
Oktober 1991 und den 6. Oktober 1992 zu DeutschAmerikanischen Tagen. Ich bitte die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, diese Tage mit angemessenen Feiern und Veranstaltungen zu begehen.
Unterzeichnet am 3. Tag des Oktober, im Jahre des
Herrn 1991 und im 216. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika.
(Unterzeichnet) George Bush

* * *

*

AMERIKA DIENST 40

�AUSSENPOLITIK
9. Oktober 1991

EAGLEBURGER: FREIHANDELSORDNUNG
ERSTE PRIORITÄT DER USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers vor Unternehmern
WASHINGTON -(AD) - Die Aufrechterhaltung der internationalen Freihandelsordnung sollte erste Priorität der
Vereinigten Staaten in derAußenpolitiksein, erklärte der Stellvertretende Außenminister Lawrence Eagleburger
in einer Rede vor amerikanischen Unternehmern am 3. Oktober 1991 und unterstrich das sicherheitspolitische
und wirtschaftliche Interesse der Vereinigten Staaten am Erfolg des "derzeit in Osteuropa und der Sowjetunion
stattfindenden Experiments zu Demokratie und freien Marktwirtschaften".
Darüber hinaus "verfolgen wir die Vision einer Freihandelszone auf dem Kontinent, mit der amerikanische
Exporte angekurbelt und die Demokratie für Jahrzehnte in der (westlichen) Hemisphäre gestärkt werden könnte".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers bei dem von der Zeitschrift
Business Week veranstalteten Symposium.

Der Zusammenbruch der internationalen Nachkriegsordnung hat in jüngster Zeit in diesem Land eine
heftige Debatte über die amerikanische Außenpolitik
und Zielsetzung der Vereinigten Staaten in einer stark
veränderten und sich verändernden Welt ausgelöst. In
einer Demokratie wie der unseren ist eine solche
Debatte fruchtbar und notwendig. Mit ihrer Hilfe können wir herkömmliche Maßnahmen im Hinblick auf ihre
Relevanz unter neuen Bedingungen überprüfen - mit
den Worten Abraham Lincolns können wir dank ihr
"neu denken".
Diese Debatte hat gerade erst begonnen und wird
wahrscheinlich keinen Konsens hervorbringen bis eine
neue internationale Ordnung Gestalt angenommen
hat - ein anscheined vages Ziel, zumindest für die
absehbare Zukunft. Es gibt jedoch einen Aspekt
dieser Debatte, den ich beunruhigend finde und heute
im Hinblick auf seine besondere Relevanz mit dieser
hier unter der Schirmherrschaft von Business Week
versammelten Gruppe von Führungskräften erörtern
möchte.
Ich beziehe mich auf die These, daß die Elemente, die
den Erfolg der Vereinigten Staaten im kalten Krieg
bewirkten, eine Verantwortung in einer von diametral
entgegengesetzten Herausforderungen gekennzeichneten Welt nach den kalten Krieg sind. Mit anderen
Worten, es wird das Argument vorgebracht, unser
militärischer und diplomatischer Heldenmut seien
bestenfalls irrelevant und schlimmstenfalls ein HandiAMERIKA DIENST 40

cap für uns in der bevorstehenden Auseinandersetzung über neue Probleme und Herausforderungen von denen die meisten wirtschaftlicher Art sein werden. Infolgedessen sehen wir uns gezwungen, unsere
Verteidigungsausgaben drastisch zu kürzen und unser Engagement in Übersee einzuschränken, um uns
für den vor uns liegenden gnadenlosen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf zu wappnen.
Zur Zeit wird dieses Argument zumindest in seiner
extremsten Form vorwiegend vom Rande des politischen Spektrums vorgebracht. Es ist jedoch einigermaßen offenkundig, daß es innerhalb des Staates
insgesamt fruchtbaren Boden gibt, auf dem solche
Gefühle gedeihen können. Es ist eine Tatsache, daß
das amerikanische Volk den wohlbegründeten Wunsch
nach Bewältigung unserer Herausforderungen im Inland hegt sowie zur Übernahme eines größeren und
faireren Anteils der internationalen Verantwortung durch
unsere Verbündeten. Es besteht die Gefahr, daß
diese berechtigten Sorgen genutzt werden können,
um die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Art der
amerikanischen Führungsrolle zu untergraben, die
nach wie vor wichtig ist - selbst im Hinblick auf die
engste Definition unserer nationalen Interessen.
Ich beabsichtige nicht, die Verdienste bestimmter
außenpolitischer Programme oder Verpflichtungen zu
erörtern, und als der für den Etat des US-Außenministeriums Verantwortliche gestehe ich als erster ein,
daß wir angesichts sich verändernder Realitäten und
Seite 1

�knapper Ressourcen vor allem Prioritäten setzen
müssen. Ich räume jedoch ein, daß sich die Vereinigten Staaten international finanziell grundsätzlich nicht
übernommen haben und unsere Probleme im Inland
nicht aus unserem Engagement in Übersee herrühren
oder aus der aktiven Außenpolitik, die wir in den
vergangenen 45 Jahren betrieben haben. Im Gegenteil, meines Erachtens hängt unser nationales Wohlergehen einschließlich einer gesunden Volkswirtschaft
von einer stabilen internationalen Ordnung ab - einer
Ordnung, die nicht existieren wird, wenn wir sie nicht
gestalten und die Führungsrolle übernehmen.
Daher möchte ich heute die These vorbringen, daß
das, was wir getan haben, um den kalten Krieg zu
gewinnen, in der Tat für die Herausforderungen äußerst relevant ist, mit denen wir uns im In- und Ausland
konfrontiert sehen und wir den Sirenengesang derjenigen ignorieren müssen, die uns drängen, "heimzukommen" und die Last der internationalen Führungsrolle
abzuwerfen, die uns im kommenden Dezember vor 50
Jahren aufgebürdet wurde. Ich vermute oder hoffe
zumindest, daß ich hier in diesem Saal zu den Konvertierten predige, von denen zahlreiche an vorderster
Front darum kämpfen, die Vereinigten Staaten bei
dem harten Konkurrenzkampf auf den Weltmärkten
wettbewerbsfähig zu haften. Die Öffentlichkeit als
Ganzes muß jedoch davon überzeugt werden, daß wir
- da wir den kalten Krieg gewonnen haben - jetzt ein
Disengagement vermeiden und statt dessen bereit
sein müssen, uns mit der Konfusion und Instabilität
auseinanderzusetzen, die unweigerlich auf diesen Sieg
folgen werden.
Ein kluger Mann hat einmal gesagt, diejenigen, die
nicht aus der Geschichte lernen, sind zu ihrer Wiederholung verdammt. Wir müssen uns nur vor Augen
führen, wie erschreckend die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts war - vielleicht der tragischste Fünfzigjahreszeitraum in den Annalen der Geschichte - und
wie das amerikanische Disengagement zu den Desastem jener Zeit beigetragen hat. Wir müssen uns auch
vor Augen führen, daß das amerikanische Engagement und die Führungsrolle den kalten Krieg bewirkt
haben, der einer Ära der Stabilität und des Wohlstands
für uns und unsere westlichen Partner folgte.
Die Geschichte konfrontiert uns also mit zwei diametral entgegengesetzten Ansätzen der amerikanischen
Außenpolitik in diesem Jahrhundert mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen. Es ist offenkundig, daß wir
beim Eintritt in ein neues Zeitalter unseren Ansatz
überdenken und die erforderlichen Änderungen vornehmen müssen, um neuen Herausforderungen zu
begegnen. Wenn wir jedoch nicht wollen, daß die Zeit
nach dem kalten Krieg der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts ähnelt - was sie bereits in einiger Hinsicht tut
- dann müssen wir das ausmachen, was wir während
des kalten Kriegs richtig gemacht haben und lange und
intensiv überlegen bevor wir diese Politik über Bord

Seite 2

werfen. Kurzum: wir müssen besondere Vorsicht
walten lassen, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten.
Die Geschichte unserer Leistungen im kalten Krieg
begründet sich aus dem Scheitern der europäischen
und amerikanischen Diplomatie, den Sieg im Ersten
Weltkrieg in einen stabilen und dauerhaften Frieden
umzuwandeln. Wir traten in diesen Konflikt ein, um
eine imperiale Macht davon abzuhalten, den europäischen Kontinent unter ihre Kontrolle zu bringen. Aber
nachdem wir dieses Ziel mit der militärischen Niederlage des Kaiser-Deutschlands erreicht hatten, gelang
es uns aufgrund unserer mangelnden Bereitschaft, die
der Weltmacht - zu der wir geworden waren - entsprechende Verantwortung zu übernehmen nicht, es zu
sichern. Das Ergebnis war ein Wiederaufleben der
deutschen Bedrohung der europäischen Ordnung und
ein zweiter weltweiter Flächenbrand, in den wir unweigerlich hineingezogen wurden.
So lehrreich diese Lektion war, erlagen wir gegen Ende
des Zweiten Weltkriegs beinahe ein zweites Mal der
Versuchung des Disengagements. Angesichts der
Roten Armee vor den Toren und eines Westeuropas in
Ruinen wurde jedoch deutlich, daß wir entweder selbst
eine neue internationale Ordnung schmieden müßten
oder es überhaupt keine internationale Ordnung geben würde. Aus diesem Grund beschlossen wir zum
ersten Mal in unserer Geschichte, Risiken einzugehen, Verpflichtungen zu übernehmen und Opfer im
Namen von und in Verbindung mit anderen Nationen
zu bringen. Kurz gesagt, wir bildeten ein eng verflochtenes Bündnis und knüpften unser Schicksal auf einer
mehr oder weniger permanenten Basis an das weit
entfernter Völker.
Das war praktisch eine Revolutionierung der amerikanischen Außenpolitik und stand in vollständigem
Gegensatz zu unseren Traditionen sowie unseren
tiefverwurzelten Neigungen als Volk. Die Architekten
dieser Revolution waren von Vision und Mut geleitete
Männer - Harry Truman, George Marshall, Dwight
Eisenhower, Dean Acheson, Arthur Vandenberg und
andere Republikaner und Demokraten -, und sie brachten eine ganz neue Welt hervor, in der souveräne
Nationen ihre Wirtschaftspolitik koordinieren und zugunsten einer gemeinsamen Verteidigung zusammenarbeiten würden. Darüber hinaus verankerten sie
dieses neue Gefüge der internationalen Zusammenarbeit institutionell, indem sie multilaterale Gremien wie
IWF, Weltbank, OECD und die NATO schufen.
Meines Erachtens ist es unvorstellbar, daß die demokratischen Bewegungen in Osteuropa und der Sowjetunion entstanden wären, wenn nicht aufgrund des
Vermächtnisses dieser Pioniere. Bei der Konfrontation zwischen einem totalitären Koloß mit scheinbar
unbegrenzten militärischen Ressourcen und einem
Bündnis parlamentarischer Demokratien hielt die gegen

AMERIKA DIENST 40

�die sowjetische Expansion gezogene Linie 45 Jahre
stand. Aut unserer Seite dieser Linie konsolidierten die
Westeuropäer hinter dem Schild der NATO und gestärkt durch den Marshallplan ihre demokratischen
Institutionen, integrierten ihre Volkswirtschaften und
erlangten phänomenales Wachstum und Wohlstand.
Diejenigen hinter dem Eisernen Vorhang ließen sich in
der Zwischenzeit durch den Erfolg der Westeuropäer
und ihre Unbeirrbarkeit gegen sowjetische Einschüchterung und Aggression inspirieren. Auf lange Sicht
konnte das totalitäre System das Beispiel von Freiheit
und Wohlstand vor seiner Türschwelle einfach nicht
ignorieren. Unfähig, dieses Beispiel auszuradieren,
verkümmerte das System und ging an seinen eigenen
inneren Widersprüchen zugrunde.
Während wir heute über unseren Sieg im kalten Krieg
nachsinnen, ist es ernüchternd, sich vor Augen zu
führen, daß wir schon früher so waren. In der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts haben wir zweimal große
Opfer gebracht, um einen Feind zu bekämpfen, der
unsere demokratischen Freunde zu überwältigen und
eine Hegemonie in Europa zu schaffen drohte - nur um
diese Siege in Friedenszeiten entweder zunichte
gemacht oder bedroht zu sehen. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus sind wir heute erneut mit der
Versuchung konfrontiert, uns aus internationalen
Angelegenheiten zurückzuziehen und Nabelschau zu
betreiben.
Man kann die vor uns liegende Wahl aus zweierlei
Blickwinkeln betrachten. Für mich ist es unumstößlich,
daß wir den grundlegenden Ansatz bewahren sollten,
der uns während des kalten Kriegs nicht nur Sieg
sondern Frieden und Wohlstand beschert hat. Für
andere bedeutet das Ende des kalten Kriegs ipso
facto, daß eine neue Ära einen neuen Ansatz verlangt.
Wie zuvor in diesem Jahrhundert muß bei der Lösung
unseres Dilemmas zwischen Engagement oder Rückzug ein weiter Weg zurückgelegt werden, um die
Gestalt der vor uns liegenden Welt zum Guten oder
Schlechten zu bestimmen. Wir sind einfach zu groß,
als daß es anders sein könnte. In der Zwischenzeit ist
die Welt nach dem kalten Krieg nicht sicher, welche
von zwei höchst unterschiedlichen Richtungen sie
einschlagen soll. Einerseits könnte sie den Weg
Osteuropas und der Sowjetunion in den vergangenen
45 Jahren gehen, wo Unterdrückung den Haß zwischen Volksgruppen und Nationalitätenkonflikte nicht
mildem konnte, die jetzt an die Oberfläche kommen.
Dort könnte die Geschichte zu einem Vergeltungsschlag ausholen, die Konsolidierung der Demokratie
bedrohen und auf neue Unruhen nach dem kalten
Krieg hindeuten.
Auf der anderen Seite steht das Beispiel dessen, was
die westlichen Nationen seit dem Zweiten Weltkrieg
geleistet haben. In diesem kurzen Zeitraum wurden
alte Feindseligkeiten begraben, Muster der Zusammenarbeit institutionell verankert und Armeen unter
AMERIKA DIENST 40

einem einheitlichen Kommando integriert statt gegeneinander aufgestellt. Dort wurde die Geschichte überwunden und ein Modell geschaffen, das den Weg zur
möglichen Gestaltung der neuen Weltordnung weist.
Wir müssen also versuchen, auf diesem Modell aufzubauen, indem wir weiterhin unser Schicksal an das
unserer demokratischen Partner knüpfen. Wir müssen die Institutionen stärken, die multilaterale Kooperation gefördert und gleichzeitig die demokratische
Runde auf unsere ehemaligen Feinde im Osten erweitert haben. Genauso haben wir nach dem Zweiten
Weltkrieg Feinde zu Verbündeten gemacht.
Wir solten uns keinen Illusionen darüber hingeben,
daß eine Aufrechterhaltung - von einer Erweiterung
gar nicht zu reden - des Vermächtnisses der Zusammenarbeit nach dem Krieg leicht ist. Eine solche Kooperation sucht in der Geschichte ihresgleichen und
wurde durch Umstände ermöglicht, die selbst einmalig
waren und nicht mehr existieren - die rigide bipolare
Logik des Systems im kalten Krieg. Vorbei ist der
Kreuzzug gegen den Kommunismus, der Amerika bei
seinen internationalen Aufgaben vereinte und die Außenpolitik oftmals zu einer einfachen Wahl zwischen
Gut und Böse werden ließ. Vorbei ist auch eine
sowjetische Bedrohung in einem Ausmaß, das die
westlichen Demokratien zwingt, Konzessionen zu
machen und sich ständig auf die Interessen anderer
einzustellen.
Und dennoch, wenn wir nicht den Willen aufbieten, aus
der Geschichte zu lernen, könnten wir einmal mehr
Opfer der Geschichte werden. Tatsache ist, daß wir es
mit einer zerfallenden Welt zu tun haben. Der Untergang der Struktur des kalten Kriegs hat sich in einen
Verlust der Kontrolle souveräner Staaten über ihre
inneren Angelegenheiten und des internationalen
Systems über die Behandlung seiner Mitglieder verwandelt. Die multipolare Welt, in die wir zurückkehren,
ist eine Welt, in der einzelne Länder versucht sind,
ihren eigenen Weg zu gehen und kaum Rücksicht auf
das Gemeinwohl oder die internationale Ordnung zu
nehmen. Saddam Hussein mit seinen hemmungslosen Ambitionen und seinen Massenvernichtungswaffen hat uns einen Eindruck davon vermittelt, wie die
Welt aussehen könnte.
Diejenigen, die ein Disengagement Amerikas predigen, haben nicht viel über unser Verhalten in einer
zerfallenden Welt zu sagen, außer der Behauptung,
was außerhalb unserer Grenzen vorgeht, habe für uns
kaum Bedeutung. Tatsächlich können wir uns unmöglich von einer Unmenge internationaler Probleme oder
ihren Konsequenzen abschirmen - von Schulden,
Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Drogenhandel bis zu Terrorismus und Verbreitung von Waffen. Vielleicht am wichtigsten ist, daß wir uns nicht vom
sich schnell integrierenden Weltmarkt isolieren können, von dem wir im Hinblick auf Arbeitsplätze, Technologie, Rohstoffe und Kapital zunehmend abhängen.

Seite 3

�Deshalb sollte die Aufrechterhaltung des freien Welthandels außenpolitisch höchste Priorität haben. Unsere
Wirtschaft hängt ebenso davon ab wie Frieden und
Wohlstand in einer Welt, die unter Umständen stark an
die dreißiger Jahre erinnern könnte, wenn wir ein
Abgleiten in den Protektionismus nicht vermeiden.
Kurzum: die Vereinigten Staaten benötigen eine
Außenpolitik, die eine stabile, aber keineswegs statische internationale Ordnung fördert. Wir sind zum
Beispiel stark interessiert am Erfolg des Experiments
mit freien Märkten und Demokratie in Osteuropa und
der Sowjetunion, das in politischer, sicherheitspolitischer und letztlich auch in wirtschaftlicher Hinsicht
gemessen werden kann. In ähnlicher Weise verfolgen
wir das Konzept einer Freihandelszone auf dem Kontinent, die amerikanische Exporte beleben und in den
nächsten Jahrzehnten Demokratie auf dem gesamten
Kontinent stärken könnte.
Letztlich bricht also das Argument "Amerika zuerst"
zusammen - es dient nicht nationalen amerikanischen
Interessen, weil es sie zu eng definiert. Wir sind
eindeutig Teil einer Welt, die es sich nicht leisten kann,
ohne die von den Vereinigten Staaten in den letzten 50
Jahren ausgeübte Führungsrolle zu bestehen. Wir
sind nach wie vor der einzige Kandidat mit der Klugkeit,
der Erfahrung und dem weltweiten Einfluß, wie sie für
diese Arbeit erforderlich sind. Sogar unsere unmittelbarsten Interessen werden leiden, wenn wir nicht
unseren Beitrag leisten, um die Kräfte der Anarchie auf
der Welt unter Kontrolle zu halten.

*

Seite 4

*

In diesem Sinne trifft es zu, daß unsere Fähigkeit zur
Ausübung einer weltweiten Führungsrolle Ordnung in
unserem wirtschaftlichen Haus erfordert. Es ist ferner
unvermeidlich, daß wir von dem hohen Stand unseres
auswärtigen Engagements und unserer Ausgaben im
kalten Krieg herunterkommen und auf unsere wohlhabenden Freunde und Verbündeten blicken, auf daß sie
ihren gerechten Anteil an den internationalen Verpflichtungen übernehmen. Wir haben das nach dem
Zweiten Weltkrieg getan - jetzt müssen sie das tun.
Wir sollten uns jedoch daran gewöhnen, auch mit
ihnen die Entscheidungsfindung über eine Vielzahl von
Fragen zu teilen, bei denen unsere Ansichten nicht
unbedingt übereinstimmen. Es ist ganz einfach eine
Tatsache in der Zeit nach dem kalten Krieg, daß die
Durchsetzung unserer Meinung Konzessionen und
Einsatz erfordert. Wenn Saddam Hussein den Weg
der weltweiten Anarchie gewiesen hat, so hat George
Bush die einzige Alternative aufgezeigt: eine Welt, in
der die Vereinigten Staaten als führende Kraft und als
Katalysator internationaler Kooperation und kollektiven Handels fungieren.
Wir treten zweifellos in eine neue und andere Welt ein.
Die alten schlechten Tage des potentiellen nuklearen
Holocaust liegen hoffentlich für immer hinter uns. Aber
Armut, Hunger, Konkurrenz um Märkte, zügellosen
Nationalismus und Instabilität gibt es immer noch.
Wenn das 21. Jahrhundert eine Zeit der Hoffnung und
keine Wiederholung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein soll, dann nur, weil die Vereinigten Staaten
bereit waren, den Weg dorthin zu ebnen.

*

*

AMERIKA DIENST 40

�GATT
9. Oktober 1991

UNTERHÄNDLER ARBEITEN AM
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
von Louis Murphy
WASHINGTON - (AD) - Der Autor ist Leiter der Abteilung multilaterale Angelegenheiten im Handelsministerium.
Der nachfolgend veröffentliche Artikel erschien erstmals am 23. September 1991 in der Publikation des
Ministeriums, Business America.

Die Vorteile, die sich aus einem erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde von Verhandlungen des
Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT)
ergeben, sind kaum zu überschätzen. Präsident Bush
hat zum Beispiel die Uruguay-Runde mit ihren 108
Teilnehmerländern als Motor bezeichnet, "der die
amerikanische und die Weltwirtschaft ins 21. Jahrhundert steuern kann" und als "Initiative für den stärksten
Wettbewerb". Die Vereinigten Staaten waren eine
treibende Kraft, um die Länder an den Verhandlungstisch zu bringen, und für die Bush-Regierung hat die
Runde nach wie vor höchste Priorität in der Handelspolitik. Das überrascht nicht: schätzungsweise könnte
ein erfolgreicher Abschluß der Uruguay-Runde in einem Zeitraum von 10 Jahren nach Abschluß dieser
Runde eine Gesamtzunahme der US-Produktion von
mehr als 1 Billion Dollar zur Folge haben.
Die Uruguay-Runde ist die jüngste in einer Reihe von
acht Verhandlungsrunden über die Liberalisierung des
Handels, die seit der Einführung des GATT im Jahr
1947 abgehalten wurden. Diese im September 1986
in Puntadel Este (Uruguay) aufgenommene Runde ist
bis heute die bei weitem ehrgeizigste und komplexeste
- die Zahl der Teilnehmer und der verhandelten Themen ist größer als je zuvor.
In den fünf Jahren seit Beginn der Uruguay-Runde
haben sich die Zielsetzungen der Vereinigten Staaten
nicht verändert. Wir streben nach wie vor ein umfassendes Paket von Vereinbarungen an, darunter:
niedrigere tarifäre und nichttarifäre Hemmnisse
für Fertigwaren und andere Güter,

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effektive Regeln über die Beilegung von Streitfällen, Subventionen, Antidumping, Normen, Zahlungsbilanz, Importlizenzen, Importschutz und
das Funktionieren des GATT-Systems (FOGS),
Regeln zum Schutz geistigen Eigentums amerikanischer Unternehmer (die Verhandlungsgruppe über handelsbezogene Aspekte des Rechts
auf geistiges Eigentum - TRIPs),
Regeln für den Handel mit Dienstleistungen,
weniger Beschränkungen für US-Investoren, im
Ausland zu operieren (Verhandlungsgruppe über
handelsbezogene Investitionsmaßnahmen TRIMs),
eine grundlegende Reform des Handels mit
Agrarerzeugnissen, die zu fairerem Wettbewerb
und offeneren Märkten führt und
volle Beteiligung der Entwicklungsländer am
Welthandelssystem.
Von den hier beschriebenen Verhandlungsbereichen
werden drei - Dienstleistungen, TRIMs und TRIPs - als
"neue Themen" bezeichnet. Darüber hinaus ist diese
Runde die erste, die Verhandlungen über eine weitreichende Liberalisierung des Agrarhandels umfaßt. Wir
haben Bestrebungen zur Einbeziehung dieser vier
Bereiche in die Tagesordnung der Uruguay-Runde voll
und ganz unterstützt. Ihre Bedeutung für die Weltwirtschaft ist unbestreitbar. 1989 wurde geschätzt, daß
allein diese vier Bereiche mehr als ein Drittel des
gesamten Welthandels oder über 1,5 Billionen Dollar
ausmachten.

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�Wie sieht der Zeitplan für den Abschluß der Runde en und den Welthandel anzukurbeln. Dennoch muß
dieser Motor mit dem politischen Willen aller Teilnehaus?
mer betrieben werden. Die Vereinigten Staaten tun
Seit Wiederaufnahme der Verhandlungen im Februar alles in ihrer Macht Stehende, um zu gewährleisten,
1991 nach ihrer Unterbrechung beim Brüsseler Mini- daß die Uruguay-Runde in ein umfassendes und
stertreffen haben sich die Teilnehmer auf die Lösung substantielles Paket von Abkommen mündet. Jetzt ist
so vieler technischer Fragen wie möglich konzentriert es an unseren Verhandlungspartnern, dasselbe Maß
und damit die schwierigste der politischen Fragen auf an Zielstrebigkeit zu beweisen.
den Herbst dieses Jahres verschoben, wo sie von den
Unterhändlern geprüft werden soll. In jüngster Zeit hat Im folgenden werden kurze Abrisse der Entwicklungen
der Generaldirektor des GATT, Arthur Dunkel, gefor- in jeder Verhandlungsgruppe seit Wiederaufnahme
dert, die Verhandlungen sollten beschleunigt werden der Verhandlungen im Februar dieses Jahres dargeund die Teilnehmer dürften nicht länger Unterschei- legt. Ferner werden Probleme beschrieben, die in
dungen zwischen "technischen" und 'politischen" Fragen jedem Bereich noch gelöst werden müssen. Darüber
machen. Er erklärte, bei der Runde sei das Stadium hinaus legen wir einen Bericht über ein jüngstes Seminar
gekommen, da eine Entscheidung ("Dealmaking") des Handelsministeriums und des Büros der USgetroffen werden müsse, und die Teilnehmer sollten Handelsbeauftragten vor, um Vertreter der Bundesbereit sein, "hart zu verhandeln und die Verknüpfun- staaten und Kommunen über potentielle Entwicklungen zu informieren, die für sie bei den Verhandlungen
gen zwischen den Problemen positiv zu nutzen".
über staatliche Beschaffung und Dienstleistungen reDie Vereinigten Staaten sind bereit, bei der Fortset- levant sind.
zung der Verhandlungen in diesem Monat auf schnelle
Fortschritte hinzuarbeiten. Beim jüngsten Weltwirt- Marktzugang
schaftsgipfel in London hat Präsident Bush gemeinsam mit anderen Staats- und Regierungschefs sein Diese Kategorie umfaßt die Verhandlungen über tariEngagement für einen substantiellen und umfassen- färe und nichttarifäre Maßnahmen und - für die Entden Abschluß der Uruguay-Runde bekräftigt und vor- wicklungsländer - Textilien und Landwirtschaft. Die
geschlagen, alle Mitglieder des GATT sollten sich den Verhandlungsgruppen über tropische und RohstoffAbschluß der Runde im Jahr 1991 zum Ziel setzen. produkte sind Teil dieser Verhandlungen.
Dennoch sind die Vereinigten Staaten realistisch über
den Arbeitsumfang, bevor das letzte Paket von Verein- Im Frühjahr und Sommer wurden die Verhandlungen
barungen zur Uruguay-Runde Gestalt annehmen kann, über Marktzugang vor allem in einer Reihe von bilateinsbesondere in wichtigen Verhandlungsbereichen wie ralen und plurilateralen Treffen der Teilnehmer geführt. Darüber hinaus fanden multilaterale Treffen zur
Landwirtschaft.
Überprüfung bilateraler und plurilateraler Fortschritte
statt.
Die Vereinigten Staten konzentrieren sich nach
Landwirtschaft wird auch als Dreh- und Angelpunkt
wie
vor
auf Vorschläge zum Abbau von Zöllen auf der
der Runde bezeichnet. Die Zustimmung der IndustrieBasis
der
Gegenseitigkeit ("Zero/Zero") in 10 Sektoländer, Landwirtschaft zu verhandeln, war einer der
ren:
Fischereiwesen,
Baumaterial, medizinische Hilfswichtigsten Faktoren, um die Entwicklungsländer an
güter,
Elektronik,
nichteisenhaltige
Metalle, Holz, Papier,
den Verhandlungstisch zu bringen und bestimmt ihre
Stahl,
Arzneimittel
und
Bier.
Die
meisten wichtigen
Unterstützung für mehrere Elemente im industriellen
Teilnehmer
haben
sich
bereits
verpflichtet,
ihre Zölle
Paket. Die Vereinigten Staaten haben sich uneingeauf
Arzneimittel
und
Stahl
auf
Null
zu
senken.
Denschränkt für die Verhandlungen über Landwirtschaft
noch
hat
die
Europäische
Gemeinschaft
die
meisten
engagiert. Dennoch ist nicht klar, ob sich einige
unserer Handelspartner, insbesondere die Europä- anderen Sektoren noch nicht unterstützt, und Japan ist
ische Gemeinschaft, bei der Runde ernsthaft für die nicht zu Verhandlungen über Fischereiwesen und Holz
Verhandlungen über grundlegende Reformen in der bereit.
Landwirtschaft einsetzen.

Bei den bilateralen Verhandlungen engagieren sich die
Vereinigten
Staaten in technischen Diskussionen mit
Verständlicherweise sind die Vereinigten Staaten ebenso
über
30
Handelspartnern,
um substantiellen Verhandwie andere Verhandlungsteilnehmer nicht bereit, bei
lungen
im
Herbst
den
Weg
zu bereiten. Dennoch wird
dem Abkommen Inhalte zugunsten von Geschwindigder
Erfolg
ebenso
wie
bei
den
"Zero/Zero"-Vorschläkeit zu opfern. Unserer Meinung nach wird ein neuer
gen
in
den
meisten
unserer
bilateralen
Verhandlungen
Termin festgesetzt, sobald es in allen Berichen ernstvon
Fortschritten
bei
Verhandlungen
mit
unseren größhafte Verhandlungen gibt, einschließlich Landwirtschaft,
ten
Handelspartnern
abhängen:
der
Europäischen
Dienstleistungen und Marktzugang. Diese Bereiche
waren Gegenstand umfangreicher Arbeit auf techni- Gemeinschaft und Japan. Im Sommer haben die
Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinscher Ebene in Genf.
schaft Forderungslisten und erste Reaktionen auf diese
Präsident Bush hat erklärt, die Uruguay-Runde könne Interessen ausgetauscht. Dieser Austausch wird den
als Motor fungieren, um Handelsschranken abzubau- Grundstein für Fortschritte im Herbst legen. Im HinSeite 2

AMERIKA DIENST 40

�blick auf Japan drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf Zollsenkungen unter die gegenwärtig in
Japan geltende Sätze sowie auf erhebliche Senkungen der Zölle auf verarbeitete Agrarerzeugnisse. Im
Fall der Entwicklungsländer müssen bestimmte Probleme bei den Agrarverhandlungen gelöst werden,
bevor größere Fortschritte beim Marktzugang erzielt
werden können. Bei den nichttarifären Maßnahmen
drängen die Vereinigten Staaten weiterhin auf begrenzte Verpflichtungen zur Liberalisierung bestimmter
länderspezifischer Maßnahmen.
Textilien
Im Sommer ist die Arbeit in der Verhandlungsgruppe
Textilien zur Definition der Produkte in einem Abkommen über Textilien und Bekleidung fortgeführt worden.
Mögliche Methoden der Beurteilung einer Liberalisierung von Quoten und ein US-Vorschlag für die Durchsetzung von Quoten (Nichtumgehung) wurden ebenfalls erörtert. Der vom Vorsitzenden der Gruppe
vorbereitete Text, der auch beim Brüsseler Ministertreffen im Dezember vergangenen Jahres als Diskussionsbasis diente, bleibt Ausgangspunkt künftiger
Verhandlungen.
Die wichtigste Entwicklung bei Textilien in den letzten
Wochen war die ohne Revision erfolgte Verlängerung
des Multifaserabkommens (MFA). Das Abkommen,
das am 31. Juli 1991 auslaufen sollte, wurde bis Ende
1992 um 17 Monate verlängert. Die Verlängerung war
notwendig, um Berechenbarkeit und Stabilität im Textilund Bekleidungshandel zu gewährleisten, bis die
Endergebnisse der Uruguay-Runde durchgeführt werden
können.
Landwirtschaft
Seit Wiederaufnahme der Konsultationen über Landwirtschaft im März in Genf sind technische Fortschritte
erzielt und wichtige Themen in jedem der drei Schlüsselbereiche neu definiert worden - Unterstützung im
Inland, Exportsubventionen und Marktzugang. Dennoch gibt es immer noch technische Probleme in
jedem Bereich, und über den Grad und den Zeitrahmen von Verpflichtungen zur Reduzierung sind keine
Vereinbarungen getroffen worden.
Im Hinblick auf die Unterstützung im Inland sind generell Fortschritte über die Definition einer Reihe von
Maßnahmen erzielt worden, die von den Verpflichtungen zur Reduzierung ausgenommen werden sollen.
Differenzen bestehen weiterhin über die Definition des
Instruments für Verpflichtungen zur Reduzierung "inländischer Unterstützung". Beim Marktzugang gab es
Fortschritte bei der Methode zur Umwandlung nichttarifärer Maßnahmen (non-tarif measures - NTMs) in
Zölle, eine Politik, die von den Vereinigten Staaten
befürwortet wird. Dennoch haben nicht alle Teilnehmerzugestimmt, ihre NTMs in Zölle umzuwandeln. Im
Bereich Exportsubventionen gab es Fortschritte bei

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der Identifizierung von Maßnahmen, die in ein Abkommen umgesetzt werden sollen. Differenzen über die
Definition bleiben bestehen, und eine Übereinstimmung, wie diese Programme zu reduzieren sind, muß
noch erzielt werden.
Die nächsten Konsultationen über Landwirtschaft sind
für Mitte September geplant. Die Teilnehmer müssen
die Instrumente definieren, mit denen in den drei
ungelösten Schlüsselbereichen die Unterstützung in
der Landwirtschaft bewertet und reduziert werden
kann. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, werden
Fortschritte bei den Verhandlungen über Landwirtschaft von der Bereitschaft der Europäischen Gemeinschaft abhängen, in allen Bereichen ernsthaft zu verhandeln.
GATT-Institutionen
Die Verhandlungsgruppe Institutionen hat die früheren
Verhandlungsgruppen überdie Beilegung von Streitigkeiten und die Funktionsweise des GATT-Systems
(FOGS) abgelöst. Diese Gruppe wird auch die Verantwortung für den Entwurf der die Ergebnisse der Runde
umfassenden letztlichen Instrumente tragen. Sie kann
möglicherweise auch eine neue Organisationsstruktur
entwerfen, die nach der Runde ausgearbeitet werden
soll.
Die Funktionsweise des GATT (FOGS). Ein wichtiges Ziel bei den Verhandlungen über FOGS besteht
darin, die Position des GATT zu verbessern und GATTPrinzipien bei der Entwicklung einer Welthandelspolitik durch alle GATT-Mitglieder zu stärken. Infolge des
bei der Zwischenbilanz der Runde erzielten Abkommens haben die Teilnehmer einen Überprüfungsmechanismus für eine substantielle neue Handelspolitik
vereinbart, mit dem das GATT die Handelspolitik einzelner Länder überwachen kann. Darüber hinaus
wurde vereinbart, durch eine stärkere Beteiligung der
Minister an den GATT-Aktivitäten die institutionelle
Effektivität zu verbessern. Ferner will man den Beitrag
zur Weltwirtschaftspolitik steigern, auch durch engere
Verbindungen zwischen dem GATT und den internationalen Finanzinstitutionen.
Bei GATT-Konsultationen über FOGS haben sich die
Teilnehmer geeinigt, Gespräche über die Schlußakte
(mit der die bei der Runde ausgehandelten Vereinbarungen in das GATT aufgenommen werden) zu verschieben. Das Problem der Einheitlichkeit (Handel,
Geldpolitik und Haushalt) in der Wirtschaftspolitik wird
ebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt aufgegriffen.
Beilegung von Streitfällen. Als Ergebnis der Zwischenbilanz der Uruguay-Runde wurden am 1. Mai
1989 wichtige Interimzusätze zum Prozeß der Beilegung von Streitfällen verabschiedet, die bis zum Abschluß der Runde gelten sollen. Dann wird eine
Entscheidung fallen, ob sie permanent verabschiedet
werden sollen. Diese Zusätze korrigieren viele verfah-

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�renstechnische Schwachstellen im Prozeß der Beilegung von Streitfällen, beseitigen Möglichkeiten zur
Verzögerung der Einrichtung eines Ausschusses oder
der Verfahren nach dessen Gründung.

Dennoch scheinen die weniger entwickelten Länder
das Thema der Zahlungsbilanzreform eher als politisches Anliegen denn als kritisches Element des Verhandlungspakets der Uruguay-Runde anzusehen.

Trotz dieser Verbesserungen wird der Prozeß zur
Beilegung von Streitfällen immer nuch von der Möglichkeitderunterliegenden Partei behindert, die Verabschiedung von Ausschußberichten durch das Fehlen
effektiver Verfahren zu blockieren, mit denen sichergestellt werden soll, daß die Ausschußergebnisse
unverzüglich durchgeführt werden sowie die Fähigkeit
der Verliererpartei, die Forderung der Gewinner zu
blockieren, sich bei Nichteinhaltung zu rächen. Die
Vereinigten Staaten streben darüber hinaus eine Vereinbarung über enge Zeitrahmen für den Prozeß der
Beilegung von Streitigkeiten an, die im Einklang mit
dem in Paragraph 301 des erweiterten Handelsgesetzes von 1974 erlaubten Zeitrahmen stehen. Diese und
andere Probleme werden von den Unterhändlern für
die Beilegung von Streitfällen aufgegriffen, wenn die
Gruppe Ende September wieder zusammentritt.

Die Vereinigten Staaten führten die jüngsten Entwicklungen bei Artikel XVIII b als Beweis dafür an, daß sich
bei der Zahlungsbilanzreform Chancen abzeichnen.
Die Vereinigten Staaten stellten fest, daß eine Reihe
von Ländern bei der Bewältigung der Zahlungsbilanzprobleme bereit ist, einen neuen Kurs einzuschlagen - einen politischen Kurs, der Liberalisierung des
Handels und wirtschaftliche Effizienz betont. (Brasilien, Argentinien und Peru haben kürzlich die Anwendung
des Zahlungsbilanzausgleichs aufgehoben, mit dem
handelsverzerrendende Praktiken gerechtfertigt wurden).

Bei den jüngsten Diskussionen über die Reform der
Zahlungsbilanz zeigten die Vertreter der Entwicklungsländer, die sich bisher der Verhandlung dieses Themas vehement widersetzt hatten, größere Flexibilität.

ausstehende Thema, das bei dem angestrebten neuen Subventionsabkommen gelöst werden muß. Es
gibt jedoch noch andere Probleme, die ebenfalls angesprochen werden müssen bevor die Verhandlungen

Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen. Die
Vereinigten Staaten waren einer der vehementesten
Verfechter der Stärkung des GATT-Abkommens über
Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen. Enttäuscht
vom begrenzten Erfolg des Subventionskodex der
Tokioter Runde zur Begrenzung von Subventionen
G ATT-Regeln und TRIMs
strebten die amerikanischen Unterhändler eine neue
Die Konsultativgruppe über GATT-Regeln umfaßt Subventionsvereinbarung an, die 1. multilaterale
Subventionen und Ausgleichsmaßnahmen, Import- Subventionsregeln und -disziplinen insbesondere bei
schutz, GATT-Artikel, Normen, Antidumping, Importli- "Binnensubventionen" klären und stärken, 2. den
zenzen, staatliche Beschaffung und Zollbewertung. Schlichtungsmechanismus vereinfachen, 3. EntwickFerner behandelt diese Konsultativgruppe zwei Pro- lungsländer in den Rahmen der Subventionsverpflichbleme im Zusammenhang mit multilateralen Verhand- tungen voll einbeziehen und 4. die Wirksamkeit natiolungen über Marktzugang, Inspektionen vor dem Trans- naler Hilfsmaßnahmen bei Ausgleichszöllen aufrechtport und Herkunftsbezeichnungen. Seit kurzem wer- erhalten würde. Obwohl diese Ziele von einigen andeden auch TRIMs von dieser Gruppe abgedeckt.
ren Ländern geteilt wurden (einige Ziele zwar mehr als
andere) waren viele unserer Handelspartner praktisch
Die Länder haben die Verhandlungstexte ad referen- ausschließlich an Verhandlungsregeln interessiert, die
dum akzeptiert (die Unterhändler haben einen Text bestimmte Subventionen gegen Ausgleichszölle oder
vereinbart, der vor dem endgültigen Abschluß der GATT-Maßnahmen immunisieren würden.
Uruguay-Runde nicht erneut verhandelt wird) für Inspektionen vordem Transport, Herkunftsbezeichnun- Dieses breite Interessenspektrum spiegelt sich in dem
gen, Importlizenzen, Zollbewertungen und staatliche zum Ministertreffen in Brüssel weitergeleiteten VerBeschaffung (Zulassung weiterer Länder) sowie GATT- handlungstext wider, obwohl er insgesamt nur von
Artikel (über staatlichen Handel, Neuverhandlung von sehr wenigen Ländern verabschiedet und von den
Zollkonzessionen und die Festschreibung anderer Zölle wichtigsten Verhandlungspartnern als unausgewogen
und Abgaben im Zollsystem). Weiterhin gibt es folgen- bezeichnet wurde. Anhand des beim Ministertreffen in
de Entwicklungen:
Montreal im Dezember 1988 vereinbarten "Ampelprinzips" definiert er drei Kategorien von Subventionen:
GATT-Artikel. Das wichtigste von dieser Verhanverbotene Subventionen, zulässige aber einklagbare
dlungsgruppe erörterte Thema ist die Reform der ZahSubventionen sowie zulässige, nicht einklagbare
lungsbilanz-Bestimmungen des GATT. Die VereSubventionen. Beim Brüsseler Ministertreffen warder
inigten Staaten streben eine Änderung der ZahlungbiHauptstreitpunkt ein angemessenes "Gleichgewicht"
lanz-Bestimmungen an, so daß andere Länder (insbezwischen entweder formal oder tatsächlich verbotesondere die weniger entwickelten) präzisere, konnen und nicht einklagbaren Subventionen, unabhänstruktivere Regeln zu Verfügung haben u nd sich für die
gig davon, ob die nicht einklagbaren Subventionen
am wenigsten handelsverzerrenden Maßnahmen entgegenteilige Wirkung auf den Handel hätten.
scheiden können, wenn sie die Anwendung dieser Verfügungen in Zukunft für notwendig erachten.
Diese Frage des "Gleichgewichts" ist das wichtigste

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�erfolgreich abgeschlossen werden können. Diese
Themen beziehen sich auf eher technische Fragen,
etwa wie bestimmte Subventionen ausgemacht und
bewertet oder wie Entwicklungsländer und Länder "im
Übergang zu Marktwirtschaften" behandelt werden.
Obwohl seit dem vergangenen Winter nicht sehr viel
mehr als organisatorische Aktivitäten und Bestandsaufnahmen stattgefunden haben, werden die Unterhändler erwartungsgemäß diese substantielleren
Themen im Laufe dieses Monats erneut behandeln.
Antidumping. Der aktuelle GATT-Kodex zu Antidumpingpraktiken wurde während der Tokioter Runde
ausgehandelt, und die Vereinigten Staaten waren in
den vergangenen zehn Jahren mit seiner Anwendung
im großen und ganzen zufrieden. Daher sind wir nicht
für eine radikale Überarbeitung dieser Vereinbarung
obwohl die amerikanischen Unterhändler bestimmte
Bereiche ausgemacht haben, in denen Verbesserungen der Regeln wünschenswert wären. Die Vereinigten Staaten haben insbesondere die Verhandlung von
Regeln befürwortet, die größere Transparenz und
Verfahrensschutz für die Antidumpingsysteme aller
Länder gewährleisten würden sowie Regeln zur Bewältigung des Problems der Umgehung von Antidumpingmaßnahmen. Eine Reihe anderer Länder würde
statt dessen die erneute Aushandlung der Grundlagen
des Kodex bevorzugen, mit der präzise und detaillierte
Regeln zur Abschaffung praktisch der gesamten
administrativen Befugnis der Prüfungsbehördern aufgestellt würden. Obwohl wir nicht gegen größere
Klarheit bei einzelnen Bestimmungen des Kodex sind,
lehnen wir Bestrebungen zur Abschaffung der herkömmlichen Antidumpingmethoden und zur Schwächung von Maßnahmen gegen Antidumping ab.
Infolge dieser tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten konnten sich die Unterhändler nicht auf einen
einzigen Text - nicht einmal als Verhandlungsgrundlage - einigen. Dennoch besteht im großen und ganzen
Konsens zwischen den Teilnehmern bezüglich der
verfügbaren Optionen zur Behandlung der ausstehenden Themen falls ein Abkommen über das wahre
Ausmaß und die Art des neuen Kodex erzielt wird.
Bisher ist noch unklar, ob die Befürworter radikaler
Veränderungen jetzt bereit sind, ein bescheideneres
Paket zu akzeptieren, das für alle betroffenen Länder
annehmbar wäre.
Staatlicher Beschaffungskodex. Die Unterzeichner
des GATT-Beschaffungskodex arbeiten an der Erweiterung der Regeln und Verfahren des Kodex auf vom
Staat betriebene Einrichtungen, Beschaffung von
Dienstleistungen sowie nachgeordnete Regierungsstellen. Zur Zeit werden die Bestimmungen des Kodex, mit denen die nicht differenzierende Vergabe von
Regierungsverträgen gewährleistet wird, nur auf die
Beschaffung für Waren im Wert von über 172.000

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Dollar durch bestimmte Regierungsinstitutionen angewendet. Die Unterhändler hoffen, auch die Regeln und
Verfahrensweisen zu verbessern, die auf die gesamte
Beschaffung zutreffen, einschließlich der Einrichtung
eines nationalen Systems, um Einspruch gegen Ausschreibungen zu erheben, mit dem Beschwerden gegen
bestimmte Beschaffungen unverzüglich und wirksam
ausgeräumt und die Einschränkungen für vom Kodex
abgedeckte Beschaffungen gelockert werden.
Ein Hauptstreitpunkt bei den Verhandlungen bezieht
sich auf den Kodex für Anlagen, insbesondere Telekommunikationsnetze. Die amerikanischen Hersteller
warten sehr gespannt auf die Öffnung der EG-Märkte
für staatliche Elektrizitäts- und Telekommunikationsanlagen, die bisher "nationale Vorreiter" bei ihren
Entscheidungen über Beschaffungen bevorzugt haben.
Normenkodex. Am 18. Oktober 1990 wurde ein
Textentwurf vereinbart, der das Abkommen der Tokioter Runde über technische Handelshemmnisse (den
"Normenkodex") überarbeitet. Dieser Textentwurf
beinhaltet einige wichtige amerikanische Zielsetzungen, einschließlich erweiterter Disziplinen für Konformitäts-Beurteilungsverfahren, Abdeckung von Verarbeitungs- und Produktionsmethoden, Abdeckung nichtstaatlicher regionaler Normenentwicklung sowie verbesserte Transparenz. Seit der Wiederaufnahme der
Verhandlungen im Februar haben die Vereinigten
Staaten mehrere ausstehende Themen mit den wichtigsten Delegationen bei einer Reihe bilateraler und
multilateraler Treffen erörtert, unter anderem: die
Verpflichtung der Bundesregierung, die Einhaltung
von Bestimmungen des Kodex durch die Bundesstaaten und Kommunen sowie des Vorschriftenkodex bei
der Entwicklung freiwilliger Normen sicherzustellen.
TRIMs. Bei ihren Bestrebungen, die staatliche Anwendung handelsbezogener Investitionsmaßnahmen
in die GATT-Disziplin einzubeziehen, stoßen die Vereinigten Staaten weiterhin auf den Widerstand der
Entwicklungsländer gegen eine Disziplin für TRIMs
und insbesondere auf die Ablehnung des Verbots
solcher Maßnahmen durch die Entwicklungsländer.
Hardlinerunterden Entwicklungsländern verhinderten
die Vorlage eines Texts des Vorsitzenden beim Ministertreffen in Brüssel, der das Verbot enthielt. Obwohl
die TRIMs-Gruppe im Augenblick keinen Text vorliegen hat, sind die TRIM-Unterhändler in diesem Frühjahr und Sommer mehrfach zur Erörterung der Tagesordnung zusammengekommen. Das Treffen im Juli
bewirkte keine offizielle Änderung in der Position der
Länder, brachte jedoch eine Erklärung zum uneingeschränkten Engagement fürdas von der Europäischen
Gemeinschaft vorgelegte Thema hervor. Die TRIMsGruppe wird in diesem Monat erneut zusammentreffen.

Seite 5

�TRIPs
Die TRIPs-Unterhändler befassen sich mit den unangemessenen internationalen Normen für den Schutz
von solchen Eigentumsrechten wie Patenten, Warenzeichen, Urheberrechten, Handelsgeheimnissen, Design
von Halbleiterchips sowie der Verwirklichung dieser
Normen. Die Unterhändler streben ferner die Erarbeitung eines wirksamen Schlichtungsmechanismus bei
Meinungsverschiedenheiten an, mit dem Probleme
beim Recht an geistigem Eigentum angesprochen
werden sollen, da derzeit kein effektiver, international
anwendbarer Mechanismus existiert. Bis heute haben
die Verhandlungen einen Text hervorgebracht, der
mehrere Optionen zu ausstehenden Fragen enthält.

laysia bis zu entwickelten Märkten wie Japan und der
Europäischen Gemeinschaft. Diese Angebote unterscheiden sich im Umfang. Amerikanische Regierungsvertreter haben bilaterale Konsultationen mit rund
40 Ländern geführt, um die Vorlage von Angeboten zu
ermutigen, die bereits unterbreiteten zu klären und auf
den Abbau von Handelshemmnissen zu drängen.
Die Vereinigten Staaten haben ihr erstes Angebot im
November 1990 vorgelegt. Die amerikanische Regierung überarbeitet dieses Angebot derzeit zur Vorlage
im Herbst dieses Jahres.

Im Juni 1990 haben die Vereinigten Staaten andere
Länder über rund 28 spezifische Hemmnisse informiert, die den Export amerikanischer Dienstleistungen
behindern.
Die Vereinigten Staaten sind zur Zeit mit
Seit Wiederaufnahme der Uruguay-Runde in diesem
einer
Überprüfung
dieser Liste von HandelshemmnisFrühjahr haben zwei Treffen der TRIPs-Verhandlungssen
befaßt.
Diese
überarbeitete
Liste sollte um den 20.
gruppe stattgefunden. Alle Teilnehmer stimmten überein,
September
vorgelegt
werden,
ein
Termin, auf den wir
daß die TRIPs-Gruppe bei technischen Fragen so
uns
mit
unseren
Handelspartnern
für die Vorlage von
große Fortschritte wie derzeit möglich gemacht hat.
Anträgen
zum
Abbau
von
Handelshemmnissen
für
Die Teilnehmer der TRIPs-Gruppe waren sich einig,
Dienstleistungen
auf
den
jeweiligen
Märkten
verständaß die wichtigsten Probleme nicht gelöst werden
können, bis die Verhandlungen in anderen Bereichen digt hatten. Amerikanische Regierungsvertreter er- insbesondere Landwirtschaft - weiter vorankommen. warten die Aufnahme noch intensiverer bilateraler
Verhandlungen nach Erhalt dieser Anträge im Hinblick
Die TRIPs-Gruppe konnte nach wie vor bei mehreren auf den Austausch von Konzessionen, um Hemmniswichtigen Themen keine Einigung erzielen, beispiels- se für bestimmte Sektoren anzusprechen.
weise, ob die Patentnormen alle Technologien - so
etwa Arzneimittel - schützen und welche Disziplinen Auch beim Text für ein Dienstleistungs-Rahmenabfür die obligatorische Patentlizenzvergabe angewandt kommen wurden Fortschritte erzielt. Bei mehreren
werden, ob Aufzeichnungsrechte (die Rechte von Themen zeichnet sich ein Konsens ab, wie etwa bei
Herstellern von Tonaufzeichnungen, Sendern und der Auslegung des Prinzips der "nationalen BehandDarstellern) von dem Abkommen und die Art der lung", den Verfahren zur Abdeckung bestimmter SekBestimmungen bei der Bezeichnung des Herkunfts- toren sowie einigen Teilen getrennter Anhänge, die
landes (Behandlung geographischer Bezeichnungen) sich mit Mobilität der Arbeitskräfte und finanziellen
abgedeckt werden. Diese Themen werden jedoch von Dienstleistungen befassen.
der TRIPs-Gruppe als politischer Natur angesehen
und müssen oberhalb der Verhandlungsebene gelöst Im Herbst werden die Unterhändler versuchen, die
werden. Das nächste Treffen der TRIPs-Verhand- verbleibenden Differenzen bei bestimmten Rahmenverfügungen einzugrenzen, die nicht verabschiedet
lungsgruppe war für Mitte September anberaumt.
werden konnten. Dazu zählen Fragen wie etwa, ob der
Ausschluß vom Meistbegünstigungsstatus zeitlich
Dienstleistungen
begrenzt werden kann, die Wirksamkeit von ZahlungsNach der Wiederaufnahme der Gespräche im Februar bilanz-Schutzmaßnahmen, Verpflichtungen im Zusamdieses Jahres unterstrich die Verhandlungsgruppe menhang mit Technologietransfer sowie der internaDienstleistungen die Notwendigkeit zur Liberalisierung tionale Zahlungsverkehr.
bestimmter ausländischer Handelshemmnisse als
grundlegendes Element zur Erlangung eines Dienst- Seminar über Beschaffung und Dienstleistungen
leistungs-Abkommens. Ein wesentliches Ziel der für die US-Unterhändler
Vereinigten Staaten bestand darin, die Länder zu
drängen, ein "Angebot" der Sektoren zu unterbreiten, Ende Juli nahmen Regierungsvertreter aus den Bundie sie in dem vorgesehenen Dienstleistungs-Rahmen- desstaaten und Gemeinden an einem vom Handelsmiabkommen abdecken werden. Die Vereinigten Staaten nisterium und der US-Handelsbeauftragten (USTR)
streben die Abdeckung in kommerziell entscheiden- veranstalteten Seminar in Washington, D.C., über
den Bereichen wie Finanz- und Versicherungswesen, staatliche Beschaffung und Dienstleistungen teil - zwei
freiberufliche Dienstleistungen, Telekommunikation, Bereiche, die in der Uruguay-Runde verhandelt werden und direkten Einfluß auf die Regierungen der
audio-visuelle und gewerbliche Dienstleistungen an.
Bundesstaaten und Gemeinden haben. Dieses SemiBis heute wurden Angebote von 35 Ländern vorgelegt, nar bot den amerikanischen Unterhändlern Gelegenvon weniger entwickelten Ländern wie Chile und Ma- heit, die Vertreter der Bundesstaaten und Gemeinden

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AMERIKA DIENST 40

�über den Stand der Verhandlungen zu informieren. in, mit dem Angebot der Europäischen Gemeinschaft
Auch die amerikanischen Unterhändler profitierten enorm gleichzuziehen, alle regionalen Beschaffungsbehörvon den Informationen der Teilnehmer.
den einzubeziehen.
Im Hinblick auf Dienstleistungen haben die Vereinigten
Staaten die Regierungen der Bundesstaaten und
Gemeinden gebeten, ihnen bei der Vorlage des überarbeiteten Angebots behilflich zu sein. Das Washingtoner Seminar wurde abgehalten, um den Bundesstaaten eine Chance zu geben, die amerikanische
Handelsdelegation über Bestimmungen der Bundesstaaten zu Dienstleistungen für das überarbeitete
Angebot zu beraten. Die amerikanischen Unterhändler rechnen mit einer umfassenden Antwort auf diese
Fragen, um sicherzustellen, daß sich die Interessen
der Bundesstaaten genau in der amerikanischen Verhandlungsposition niederschlagen.

Bei dem Washingtoner Seminar wurden die Vertreter
aus den Bundesstaaten und Gemeinden über den
Stand der Genfer Verhandlungen und die Vorteile
unterrichtet, die sich für die Bundesstaaten und
Gemeinden ergeben werden, wenn sie der Anwendung
des Kodex zustimmen. Mehrere prominente amerikanische Geschäftsleute - etwa von General Electric
und AT&amp;T - unterstützten die amerikanischen Unterhändler bei der Befürwortung der Anwendung des
Kodex. Gouverneur Tommy Thompson aus Wisconsin kündigte seine Absicht an, die Anwendung des
Kodex auf die Beschaffungspraktiken in seinem Bundesstaat zu betreiben.

Im Hinblick auf staatliche Beschaffungen beabsichtigen die amerikanischen Unterhändler, die staatlichen
und lokalen staatlichen Beschaffungsstellen einzubeziehen, die sich freiwillig dazu bereiterklärt haben. Die
Vereinigten Staaten haben die staatlichen und lokalen
Regierungen gebeten, den Kodex entsprechend dem
Geltungsbereich des Kodex für die amerikanische
Bundesregierung auf ihre Beschaffungsverträge anzuwenden. Die amerikanische Strategie besteht dar-

Bei der knapp einen Monat später anberaumten Jahresversammlung der National Govemor's Association
gaben die amerikanischen Gouverneure ihre Übereinstimmung bekannt, auf die Anwendung des Kodex in
allen Staaten hinzuarbeiten. Sie stellten fest, daß
verbesserter Zugang zu europäischen Märkten ebenso wie die Möglichkeit zur Senkung ihrer Haushaltstitel
die Abschaffung zuwiderlaufender Gesetze - "Buy
America" und "Buy State" - zugunsten offener Märkte
im Ausland rechtfertigen.

*

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�KSZE
9. Oktober 1991

USA MIT MOSKAUER KSZE-TREFFEN
ÄUSSERST ZUFRIEDEN
Eine Erklärung des Außenministeriums
WASHINGTON - (AD) - Das Außenministerium erklärte am 4. Oktober 1991, die Vereinigten Staaten seien
"äußerst zufrieden" mit den Ergebnissen der Moskauer KSZE-Konferenz über die Menschliche Dimension und
die "kooperative Atmosphäre, in der sie stattgefunden hat".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung des Stellvertretenden Sprechers Richard Boucher.

Das am 10. September 1991 begonnene Moskauer
Treffen der KSZE-Konferenz über die Menschliche
Dimension wurde am Freitag nachmittag, den 4. Oktober 1991 beendet. Wir sind äußerst zufrieden mit den
Ergebnissen der Zusammenkunft und der kooperativen Atmosphäre, in der sie stattgefunden hat.
Das Moskauer Treffen ist ein weiterer Schritt zur
Bereicherung des KSZE-Prozesses, ein Ziel, das
Au ßenminister Baker in seiner diesjährigen Rede beim
Aspen-Insitut in Berlin gesteckt hat. Der Aufruf des
Außenministers, dem Mechanismus der menschlichen
Dimension Delegationen als fünften Schritt hinzuzufügen, ist durch die Einführung eines Verfahrens der
"guten Dienste" erfüllt worden, mit dem die Lösung von
Menschenrechtsproblemen erleichtert werden soll.
Der Leiter der US-Delegation, Botschafter Max Kampelman, seine Mitarbeiter und die Delegationen der
anderen Teilnehmerländer haben hart gearbeitet, um
ein Schlußdokument zu erarbeiten, das die ernsthafte
Verpflichtung der KSZE-Länder für die Achtung der
Menschenrechte widerspiegelt.

Zusätzlich zum Verfahren der "guten Dienste" stärkt
das Schlußdokument den KSZE-Mechanismus der
menschlichen Dimension, indem es das Engagement
der KSZE-Teilnehmer für eine große Bandbreite von
Menschen-, Bürger- und politischen Rechten fördert,
einschließlich der Rechte der Frauen auf Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Förderung der Rolle
nichtstaatlicher Organisationen (NGOs).
Darüber hinaus erkennt das Schlußdokument zum
ersten Mal ausdrücklich an, daß besondere KSZEVerpflichtungen im weiten Feld der Menschenrechte
und Grundfreiheiten Probleme von legitimem internationalen Interesse und nicht ausschließlich den inneren Angelegenheiten eines Landes zuzurechnen sind.
Das Treffen, in dessen Rahmen die Baltenstaaten der
KSZE beitraten, unterstützte ferner die Erweiterung
des Büros für freie Wahlen, damit es in den Teilnehmerländern demokratische Institutionen stärken kann.
Dieser ursprünglich von Außenminister Baker in Berlin
unterbreitete Vorschlag wird bei den kommenden KSZETreffen erörtert werden, auch beim Expertentreffen
über Demokratische Institutionen, das vom 4. bis 15.
November in Oslo stattfindet.

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*

Seite 1

�GOLFKRISE
9. Oktober 1991

KALTER KRIEG UND GOLFKRIEG DIE AUSWIRKUNGEN AUF DEN NAHEN OSTEN
von Richard Haass
Der Autor ist Sonderberater des Präsidenten und Leiter der Abteilung Naher Osten und Südasien im Nationalen Sicherheitsrat. Der nachfolgende Artikel "Das Ende des kalten Kriegs und des Golfkriegs: Konsequenzen
für den Nahen Osten und den Golf" ist einer kürzlich beim Washingtoner Institut für Nahostpolitik gehaltenen
Rede entnommen.

1991 war das Jahr der Beendigung zweier Kriege. Der
erste, bekannt als "kalter Krieg", aber auch als "friedliche Koexistenz" und "Entspannung", begann (abhängig von Ihrer Geschichtsschreibung) entweder vor 75
Jahren und endete (wiederum abhängig von Ihrer

Geschichtsschreibung) 1990 oder 1991. Der zweite
Konflikt, der Golfkrieg, begann am 2. August 1990 und
wurde mit der vernichtenden Niederlage des Irak und
der darauffolgenden Befreiung Kuwaits beendet.
Den Vereinigten Staaten war in diesen beiden äußerst
unterschiedlichen Konflikten aus ähnlichen gelagerten
Gründen Erfolg beschieden. Zum Teil, weil wir bei der
Wahl unserer Gegner Glück hatten. Die Sowjetunion
litt unter systemimmanenter Schwäche, war Opfer
ihrer politischen und wirtschaftlichen Ideologie. Der
Irak litt unter eher persönlichen Einbrüchen, in diesem
Fall Saddam Husseins ungezügeltem Ehrgeiz und
autokratischem Führungsstil.
Unsere Leistungen sprechen jedoch auch für unsere
Bestrebungen. Die Sowjetunion und Saddam Hussein
gleichermaßen hätten die Konsequenzen ihrer Fehler
verhindern oder zumindest verzögern können, wenn
sie nicht auf eine entschlossene und geschlossene
Opposition gestoßen wären. Ich meine die Stärke des
Westens und die diplomatische und militärische Führungsrolle der Vereinigten Staaten.
Die sich uns hier und jetzt stellende Frage ist die der
Konsequenz - oder besser Konsequenzen - dieser
beiden Hand in Hand gehenden Entwicklungen für die
Region. Unter "Region" verstehe ich das geographische Gebiet, das sich von Marrakesch nach Bangladesch erstreckt- Nordafrika, die Levante, den Golf und
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Südasien - aber insbesondere den Nahen Osten und
den Golf. Ich habe mich auf diese Unterregionen nicht
nur konzentriert, weil die südasiatischen Länder weitgehend mit ihren eigenen Belangen befaßt und die
nordafrikanischen geographisch getrennt sind sondern auch, weil Technologie, Politik und Bevölkerungsstruktur die Geschicke des Golfs und des Nahen
Ostens zunehmend verflechten.
Zunächst sollte man den Blick auf die Sowjetunion und
den Irak richten. Die Sowjetunion wird voraussichtlich
durch die internen Probleme politischer und wirtschaftlicher Reformen sowie das Verhältnis zwischen der
Zentralregierung und der Peripherie abgelenkt, wenn
nicht sogar vollständig absorbiert. Auch der Irak wird
sich weiterhin mit regionalen und ethnischen Herausforderungen konfrontiert sehen. Aber anders als die
Politiker der Sowjetunion, die auf maßgebliche politische und wirtschaftliche Unterstützung des Auslands
zählen können, sehen sich die derzeitigen Machthaber
im Irak einer Zukunft unnachgiebiger politischer Isolation und wirtschaftlicher Sanktionen inmitten einer
Gesellschaft gegenüber, die sich von der Zerstörung
des Kriegs zu erholen versucht.
Daher wird aus unterschiedlichen Gründen keines der
beiden Länder in der Lage sein, soviel Einfluß auf die
oder in der Region auszuüben wie zuvor. Im Falle der
Sowjetunion bin ich nicht sicher, ob dies wirklich gut ist.
Obwohl die Sowjets seit Jahrzehnten allzu oft durch
die Bewaffnung des einen oder anderen Satellitenstaats, einzelner Gruppierungen oder Vereitelung der
amerikanischen Diplomatie zu regionalen Spannungen beitrugen, hat die Sowjetunion in den vergangenen Jahren und Monaten eine zunehmend konstruktiSeite 1

�ve Rolle gespielt. Jeder, der dies bezweifelt, muß sich
nur eine vor dem Hintergrund politischer und militärischer Unterstützung der Sowjetunion für den Irak
abgewickelte Golfkrise oder einen Friedensprozeß
vorstellen, der in jeder Hinsicht mit Moskaus Machenschaften zu kämpfen gehabt hätte.
Eine geschmälerte sowjetische Rolle hat jedoch einen
negativen Aspekt. Selbst auf der Höhe des amerikanisch-sowjetischen geopolitischen Wettkampfs konnte man normalerweise darauf zählen, daß der Kreml
die Rivalität unter Vasallen nicht bis zu dem Punkt
ausarten lassen würde, an dem direkte amerikanischsowjetische Konfrontation möglich wurde. Es ist in der
Tat eine plausible Annahme, daß der irakische Aggressionskrieg gegen Kuwait zum Teil aufgrund der
irakischen Einschätzung geführt wurde, die Sowjetunion sei zu schwach und abgelenkt, um irgendetwas
anderes zu unternehmen als Zurückhaltung zu üben.
Dies ist die Art "internationaler Deregulierung", von der
ich vor fast 18 Monaten bei einer anderen Washingtoner Sitzung gesprochen habe, in dem Fall über die
möglichen Konsequenzen der Beendigung des kalten
Kriegs. Bedauerlicherweise ist dies eine der wenigen
von mir gemachten Vorhersagen, die sich erfüllt haben.
Im Falle Iraks besteht sehr viel weniger Grund, seine
entschieden beeinträchtigte Fähigkeit zu bedauern,
Einfluß auf das Schicksal der Golfregion und des
Nahen Ostens auszübern. Obwohl die irakische
Fähigkeit, militärische Gewalt einigermaßen wirksam
einzusetzen, nicht immer unwillkommen war - man
muß nur einige Jahre zurückdenken, als der Westen
Bagdad bei der Verteidigung gegen den Iran zur Seite
stand, zu der Zeit die gefährlichere regionale Möchtegern-Hegemonialmacht -, ist die relative Entmachtung
des von Saddam Hussein geführten Irak eine überwältigend positive Entwicklung. Alle Staaten der Region,
und alle Staaten, die ein Interesse an der Region
haben, können ihren Geschäften in dem Wissen nachgehen, daß der bis vor kurzem am wahrscheinlichsten
ihr Wohlergehen bedrohende regionale Akteur dazu
jetzt sehr viel weniger in der Lage ist.
Diese Veränderungen sind nicht notwendigerweise

von Dauer. Wir müssen abwarten, was sich aus der
bisherigen Sowjetunion ergibt. Mit der Zeit können
eine oder mehrere der Republiken oder ein wiedergeschaffenes Ganzes erneut zu einer wichtigen Kraft in
der Region werden, die die Dinge zum Guten oder
Schlechten wendet. Und der Irak - insbesondere ein
Irak unter einer anderen Führung - der dazu bereit ist,
in Frieden mit seinem eigenen Volk und seinen Nachbarn zu leben, kann sich aus der selbstverursachten
Isolierung befreien und wiederum eine zentrale Rolle
am Golf und im Nahen Osten spielen. Im Augenblick
sind jedoch die vom Ausland - vor allem den Vereinigten Staaten, aber auch der Europäischen Gemeinschaft und anderen - beeinflußten regionalen Staaten
der Schlüssel für die Zukunft dieser Region.
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Wenige Konflikte enden, wenn überhaupt, mit automatischen oder unvermeidbaren Konsequenzen. Der
kalte Krieg und der Golfkrieg bilden keine Ausnahme.
Das Ende jedes dieser beiden Kriege könnte im Rückblick als historischer Wendepunkt angesehen werden,
als Markierungslinie, die gefährlichen Wettkampf von
konstruktivem Einvernehmen trennt. Oder das Ende
eines der beiden Konflikte könnte nicht so sehr als
Wendepunkt oder sogar das Ende eines Krieges gesehen
werden, sondern einfach als Beendigung eines Kampfes, der wiederum den Weg für neue Auseinandersetzungen bereitet hat. Kurz gesagt, Kriege und ihre
Nachwirkungen bieten Chancen für Veränderungen Ordnung oder Unruhe können die Folge sein. Was im
aktuellen Kontext geschehen wird, hängt größtenteils
davon ab, wie gut wir und die Staaten in der Region die
vor uns liegenden Herausforderungen meistern. Ich
möchte daher die wichtigsten Herausforderungen im
Nahen Osten und am Persischen Golf sowie das
umreißen, was zu tun bleibt, wenn wir all das Geleistete in etwas Dauerhaftes und Nützliches umsetzen
wollen.
Erstens ist die Erkenntnis wichtig, daß der Irak weder
entwaffnet noch gewandelt ist. Er stellt nach wie vor
eine akute und potentielle Bedrohung für seine Nachbarn dar. Infolgedessen müssen wir den Druck auf den
Irak solange aufrechterhalten, wie er nicht alle entsprechenden Resolutionen des UN-Sicherheitsrats - insbesondere Resolution 687 - und alle Aspekte des
Waffenstillstands vollständig einhält und solange er
seiner derzeitigen Führung untersteht. Diplomatische
und wirtschafltiche Sanktionen können mit der Zeit
gleichermaßen die immer noch bestehende Fähigkeit
des Irak zur Kriegführung schwächen und das irakische Volk davon überzeugen, daß seine Zukunft nur
dann vielversprechend sein kann, wenn sich ein Führungswechsel vollzieht. Darüber hinaus vertreten wir
die Auffassung, daß eine neue, pluralistischere politische Ordnung für den Irak möglich ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind wir uns jedoch bewußt, daß Frieden in der Region und für das irakische Volk unmöglich
ist, solange Saddam Hussein an der Macht bleibt. Wir
sind nach wie vor der Ansicht, daß Saddam in nicht
wiedergutzumachender Weise diskreditiert ist. Infolgedessen bleiben alle möglichen Sanktionen solange
in Kraft bis er abgetreten ist. Die Iraker werden nicht
an den sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen
Vereinbarungen für die Region nach der Krise beteiligt,
bis ein Regimewechsel stattgefunden hat. Wenn dies
geschieht, sind wir bereit, die Sanktionen aufzuheben
und eine Lockerung der Reparationszahlungen in
Erwägung zu ziehen, während wir die Rückkehr des
Irak ins normale internationale Leben erleichtern.
Zweitens müssen wir weiterhin tragfähige Verteidigungsarrangements verwirklichen, die Abschreckung
leisten können und gegebenenfalls neue Bedrohungen der Stabilität am Golf verteidigen, obwohl die
irakische Niederlage die Notwendigkeit einer Containment-Strategie drastisch verringert. Die UNO-BeobAMERIKA DIENST 40

�achterdelegation befindet sich bereits an der irakischkuwaitischen Grenze. Die Konsultationen über eine
bescheidene arabische Friedesstreitmacht, die in Kuwait
stationiert würde, dauern an. Wir haben mit der
kuwaitischen Regierung ein Abkommen über Zugang
und einsatznahe Bereitstellung paraphiert. Es muß
jedoch noch mehr getan werden. Die Umrisse des von
uns Angestrebten zeichnen sich ab: erweiterte Marinepräsenz der Vereinigten Staaten, regelmäßigere
Übungen, Ausbildung und Planung der amerikanischen Eingreiftruppen, einsatznahe Bereitstellung von
Gerät, besserer Luft- und schneller Seetransport sowie
verbesserte Zusammenarbeit mit den Staaten in der
Region. Wir sind nicht an Stützpunkten oder der
permanenten Stationierung amerikanischer Landstreitkräfte in der Region interessiert. Wir beabsichtigen die
Entwicklung eines Ansatzes, der Sicherheitserfordernisse erfüllt ohne politischen Druck zu schaffen, der
eben die Stabilität bedrohen könnte, die wir fördern
wollen.
Der dritte Aspekt dessen, was wir am Golf leisten,
betrifft den Bereich der Rüstungskontrolle. Wir haben
soeben einen erschreckenden Eindruck von der
möglichen Zukunft einer Region gewonnen, in der
Kriege nicht auf Schlachtfelder, Soldaten und konventionelle Munition beschränkt sind. Es handelt sich
vielmehr um eine Zukunft, in der Städte zu Schlachtfeldern und Zivilisten zu Kämpfern werden, in der Massenvernichtungswaffen auf ballistischen Raketen die
bekannte, aber ebenso todbringende Welt von Infanterie und Panzern ergänzen. Wir können nicht einfach
die Hände in den Schoß legen und dieses Phänomen
beobachten. Wir müssen versuchen, es zu beseitigen
oder zumindest daran zu arbeiten.
Das tun wir. Wir haben eine umfassende Rüstungskontrollinitiative vorgeschlagen, die potentielle Lieferanten und Empfänger gleichermaßen einbezieht und
mit deren Hilfe die Verbreitung destabilisierender
konventioneller und nichtkonventioneller Waffen sowie deren Trägersysteme eingedämmt und möglicherweise zurückgeschraubt werden kann. Wir haben
Übereinstimmung zwischen den fünf führenden Exporteuren konventioneller Waffen in die Region sichergestellt, damit sie über Waffenlieferungen konsultieren
und Leitlinien erarbeiten, um in Zukunft destabilisierende Rüstungsexporte in die Region zu begrenzen.
Ferner besteht Grund zu Optimismus, daß wir die
Verbreitung von Technologie zur Verbesserung nichtkonventioneller Waffen eindämmen können. Gleichzeitig wünschen wir uns multilaterale Verhandlungen
über Rüstungskontrolle und regionale Sicherheit als
Teil des Friedensprozesses. Realistischerweise können Fortschritte in diesem Bereich erst nach politischer Versöhnung erfolgen - danach könnte die Chance für Fortschritte bei der Förderung vertrauensbildender Maßnahmen bestehen, wodurch die Möglichkeit
einer Fehleinschätzung oder eines versehentlichen
Krieges gemindert würde. Wir engagieren uns, um

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jeden möglichen Weg zu erforschen, der die Verbreitung ballistischer Raketen aufhalten oder noch besser
rückgängig machen könnte.
Viertens tun wir alles in unserer Macht Stehende, um
dem Friedensprozeß im Nahen Osten Auftrieb zu
verleihen. Unser Ziel ist die Einberufung einer Konferenz, die direkte Verhandlungen zwischen Israel, den
arabischen Ländern und den Palästinensern einleitet.
Dabei würde Israel zum ersten Mal seinen arabischen
Nachbarn gegenübersitzen. Die Prinzipien, von denen
sich unsere Bestrebungen leiten lassen, sind bereits
bekannt - wir streben einen umfassenden Frieden an,
auf der Basis der Resolutionen 242 und 338 des UNSicherheitsrats. Wir streben einen echten Frieden an,
der Israel einbezieht und ihm wirklich Sicherheit garantiert. Gleichzeitig bemühen wir uns um einen gerechten Frieden, der den Palästinensern ihre legitimen
politischen Rechte sichert und eine Lösung für die
Probleme bezüglich Land, Wasser und Sicherheit findet, die in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
dieses Landes eine zentrale Rolle spielen. Wir unternehmen diese Anstrengungen nicht mit einem Plan
oderder Fähigkeit des Friedensstifters sondern mit der
Entschlossenheit, ein Katalysator für den Frieden zu
sein und denjenigen zu helfen, die sich tatsächlich
selbst helfen wollen.
Unserer Meinung nach haben wir eine gute Chance,
das zu tun. Die Vereinigten Staaten besitzen eine
hohe Glaubwürdigkeit in der Region. Der Konflikt am
Golf war nicht nurfür den Irak eine Niederlage, sondern
auch für die Kräfte des Radikalismus in der arabischen
Welt. Das Ende des kalten Kriegs hat ein Signal
gesetzt, daß die Sowjetunion nicht länger eine Alternative zur Kooperation mit dem Westen und der übrigen
internationalen Staatengemeinschaft bietet. Mehr
arabische Länder als jemals zuvor sind bereit, Israels
Existenz zu akzeptieren und sich an direkten Verhandlungen zu beteiligen. Die Bereitschaft wichtiger arabischer Staaten, den wirtschaftlichen Boykott gegenüber Israel aufzuheben, wenn Israel die Besiedlung
aufgibt, ist ein weiteres Beispiel für diesen Wandel.
Und auch in Israel finden Veränderungen statt, weil der
Golfkrieg demonstriert hat, daß Territorium in einem
Zeitalter nichtkonventioneller Waffen nicht unbedingt
Sicherheit bietet. Ob diese neue Haltung genug Material für erfolgreiche Friedensbemühungen bietet, bleibt
abzuwarten - klar ist jedoch, daß potentielle Friedensstifter wie wir mehr Arbeit haben als zu irgendeinem
Zeitpunkt der jüngsten Vergangenheit.
Im Libanon haben die Taif-Vereinbarungen erhebliche
Fortschritte bewirkt. Eine rechtmäßige Regierung ist
jetzt funktionsfähig und gewinnt an Autorität. Mehrere
Milizen sind entwaffnet worden, und in Beirut und
andernorts ist wieder das normale Leben eingegekehrt. Natürlich muß noch viel getan werden, bevor
der Libanon tatsächlich souverän und von allen nichtlibanesischen Truppen befreit ist. Auch der Libanon

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�steht auf der Tagesordnung der Friedenskonferenz,
an deren Einberufung wir so hart arbeiten.
Fünftens sind wir uns bewußt, daß Stabilität in dieser
oder einer anderen Region der Welt nicht nur durch die
Beziehungen einzelner Länder untereinander erzielt
werden kann. Auch die Bedingungen in diesen Ländern sind wichtig. Wir versuchen, größere Achtung der
Menschenrechte, bessere Vorkehrungen für substantielle politische Beteiligung sowie höhere Wirtschaftsproduktivität und Zusammenarbeit zugunsten von Entwicklung zu fördern. Fortschritte in diese Richtung beobachten wir in Kuwait. Die für Oktober 1992 geplanten Wahlen werden das parlamentarische Leben wiederherstellen und Kuwait zum führenden Verfechter
der politischen Mitbestimmung am Golf machen.
Allgemeiner gesprochen gibt es keinen Grund für die
Völker und Länder im Nahen Osten und am Persischen Golf, nicht an den intellektuellen, politischen und
wirtschaftlichen Strömungen unserer Zeit teilzuhaben
- Strömungen, die das Leben der Menschen auf der
ganzen Welt verbessert haben. Übermäßige staatliche Kontrolle der politischen Arena oder des Markts
sind in Mißkredit geraten. Ich möchte in diesem
Zusammenhang zu etwas Bescheidenheit mahnen.
Bei der Förderung solcher Veränderungen sollten wir
uns bewußt sein, daß wir den sozialen Vertrag für
Gesellschaften und Kulturen mit langen und eigenständigen Traditionen nicht schreiben und erst recht
nicht diktieren können.
Sechstens berücksichtigt unser Ansatz für eine Ordnung an Golf humanitäre Fragen und spricht sie auch
an. Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle
übernommen, indem sie andere ermutigen, notwendige Hilfe für die vielen Flüchtlinge zu leisten, die Saddam Husseins Gewalt und Unterdrückung zu entfliehen suchen. Von Anfang an wollten wir diese dringenden Bedürfnisse der Menschen stillen, ohne militärisch
in die inneren Konflikte des Iraks verwickelt zu werden.
Damit würden wir dann endgültig zu einer Zeit zum
Weltpolizisten, in der es in der Welt oder hier im Inland
keinen Konsens gibt, der uns eine solche Rolle zubilligt
- und keine Garantie, daß wir selbst mit einer solchen
Zustimmung erfolgreich wären.
Siebtens werden wir weiterhin Terrorismus bekämpfen und an der Freilassung der Geiseln arbeiten. Wir
sind ermutigt durch das Ausbleiben von Terrorakten,
die die Golfkrise ausgelöst haben, ferner ermutigen
uns Signale, daß die Geiselnehmer bereit sein könn-

ten, ihr zynisches und inhumanes Tun aufzugeben.
Wenn der Iran also bereit ist, all seinen Einfluß gegen
Geiselnahmen geltend zu machen und den Einsatz
von Gewalt auf der ganzen Linie aufzugeben, sind wir
bereit, unsere Politik Teheran gegenüber zu überprüfen. Irans Verhalten im Golfkrieg und seitdem gibt uns
Grund zu Optimismus, aber wir müssen eine eindeutige Chance für eine Verhaltensänderung wahrnehmen, bevor wir reagieren.
Dies sind also die wichtigsten Herausforderungen, die
vor uns liegen. Lassen Sie mich mit zwei Punkten
schließen. Man mag das Argument vorbringen, diese
Herausforderungen seien so groß, daß sie keine Veränderung zum Besseren bewirken. Das trifft nicht zu.
Die Geschichte ist in dem Teil der Welt, in dem unsere
Geschichte begonnen hat, keinesfalls zu Ende. Aber
die Bewältigung dieser Herausforderungen aufgrund
von Erfolgen - so schwierig sie auch sein mögen - ist
eindeutig dem vorzuziehen, was aus dem Versagen
entstanden wäre, die irakische Aggression abzuwehren. Wir haben in der ersten Phase des Zeitalters nach
dem kalten Krieg ein gutes Stück auf dem Weg zur
Errichtung eines neuen, konstruktiven Gefüges in der
Weltpolitik zurückgelegt. Eine Akzeptanz der irakischen Invasion und Annexion Kuwaits hätte nicht nur
in der Region ernste, negative Konsequenzen gezeitigt. Andere potentielle Aggressoren hätten daraus die
Lehre gezogen, daß sich Aggression auszahlt, mögliche Opfer hätten gesehen, daß Beschwichtigungspolitik der einzige Weg ist. Statt dessen haben wir einen
nützlichen Präzedenzfall für Beschränkung und Kooperation in einer Region geschaffen, die für Gewalt
und Konflikt bekannt ist.
Abschließend möchte ich darauf verweisen, daß die
Vereinigten Staaten mehr als irgendeine andere außenstehende Partei dazu beitragen können, diese
verbleibenden Herausforderungen zu lösen. Die Vereinigten Staaten können einen einzigartigen Beitrag
leisten: als Mittler bei den Streitigkeiten in der Region,
als Vorbild und als motivierende Kraft für politische und
wirtschaftliche Entwicklungen. Aber wir können das
nicht allein leisten, so sehr wir uns auch bemühen.
Letztlich sind es die Menschen und vor allem die
Politiker im Nahen Osten und am Golf, die den Löwenanteil des Einflusses auf ihre Zukunft tragen werden.
Sie sind es, die bestimmen werden, ob die mit der
erfolgreichen Beendigung des kalten Kriegs und des
Golfkriegs geschaffenen Möglichkeiten ausgeschöpft
oder vertan werden.

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AMERIKA DIENST 40

�UMWELT
9. Oktober 1991

DAS UMWELTPROGRAMM
DER BUSH-ADMINISTRATION
Eine Übersicht zum Umweltschutz
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Rat für Umweltqualität am 7. Oktober 1991
herausgegebene Übersicht.

Präsident Bush hat zum Schutz der Umwelt folgende Schritte in die Wege geleitet:
Luftreinheit. Die umfassendsten und marktorientiertesten Gesetze zur Reinhaltung der Luft vorgeschlagen und unterzeichnet, mit denen die Schwefeldioxidemissionen um 50 Prozent reduziert, die Luft in städtischen Ballungsgebieten verbessert, Schadstoffemissionen um 90 Prozent verringert sowie die Ozonschicht weltweit durch das vollständige Verbot von
FCKW bis zum Jahr 2000 geschützt werden sollen.

dent hat Programme zum Schutz des Fischereiwesens, verbesserte Erholungsmöglichkeiten für Camper, Wanderer, Bootsfahrer und Sportler, zum Schutz
von Feuchtgebieten und Vogelflugbahnen sowie zum
Schutz gefährderter Spezies geschaffen.
Durchführung.
In zwei Jahren 40 Prozent der
Bußgelder aller vom Umweltschutzamt (Environmental Protection Agency - EPA) zeit seines Bestehens
gewonnenen Zivilverfahren eingenommen.
Ein neues Strafmaß bei Umweltvergehen verhängt.

Vereinbarungen zwischen Industrieunternehmen und
Umweltschutzorganisationen gefördert, um saubere
Brennstoffe und verbesserte Sicht im Grand Canyon
Nationalpark zur Bedingung zu machen.
Küstenschutz. Bis über das Jahr 2000 hinaus ein
Moratorium für die Off-shore-ÖI- und Erdgasförderung für 99 Prozent der kalifornischen Küste und alle
Küsten von Washington, Oregon, Süd-Florida und
Neuengland angekündigt.
Maßgeblich an Abkommen über das Verbot der Entsorgung von Klärschlamm im Meer bis 1992 mitgewirkt
und ein Pilotprogramm zum Aufspüren medizinischer
Abfälle ins Leben gerufen.
America The Beautiful. Eine langfristige Kampagne
zur Erweiterung und Verbesserung des Bestands an
Nationalparks, Wäldern, bedrohten Arten und Erholungsgebieten in den Vereinigten Staaten in die Wege
geleitet.
Seit ihrem Amtsantritt hat die Bush-Administration den
Etat für amerikanische Parks, Wälder und öffentliches
Land um 750 Millionen Dollar aufgestockt. Der PräsiAMERIKA DIENST 40

Die Rate der Beseitigung von Sondermülldeponien
verdreifacht. Die Arbeitskosten wurden von den Verursachern getragen und im Rahmen des Superfondsprogramms durchgesetzt.
Beispiellose Prozesse zum Schutz der Everglades,
Chesapeake Bay, der Great Lakes und der Ozonschicht weltweit geführt.
Schutz der Ozonschicht. Ein 1990 in London erzieltes internationales Abkommen unterzeichnet, mit dem
das vollständige Verbot aller die Ozonschicht der Erde
zerstörenden Substanzen gefordert wird.
Gesetze verabschiedet, um den amerikanischen Zeitplan für das Verbot unterden internationalen Fristen zu
halten und ein Bußgeld für die Produktion von FCKW
in den Vereinigten Staaten zu verhängen, mit dem die
Vereinigten Staaten dem Plan weit voraus sind.
Weltweite Klimaveränderungen. Einen weltweiten
Vertrag über Klimaveränderungen gefordert, der von
den führenden Nationen der Welt im Juni 1992 bei der
UNO-Konferenz in Brasilien unterzeichnet werden soll.
Seite 1

�Eine nationale Energiestrategie vorgeschlagen, die falls verwirklicht - die amerikanischen Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 auf oder unter dem
1987 festgesetzten Niveau ohne Einbußen beim Wirtschaftswachstum festschreibt.
Den damit in Zusammenhang stehenden Forschungsetat um das 5fache auf rund 1 Milliarde im Haushaltsjahr 1991 aufgestockt und für das Haushaltsjahr 1992
1,2 Milliarden vorgeschlagen.
Pflanzen von Bäumen. Ein ehrgeiziges Wiederaufforstungsprogramm vorgeschlagen, um landesweit in
Amerika 1 Milliarde Bäume zu pflanzen. Dank dieses
Programms werden die Kohlendioxidemissionen in
unserer Luft absorbiert und die Trinkwasser- und Luftqualität verbessert.
Darüber hinaus hat der Präsident den Vorschlag für
eine weltweite Forstkonvention unterbreitet, um die
Wälder der Welt zu schützen.
Ölpest. Ein Gesetz und ein internationales Protokoll
zur Verbesserung der Gesetze über den Öltransport
vorgeschlagen und unterzeichnet. Das neue Gesetz
forciert einen doppelt verstärkten Schiffsrumpf bei neuen
Tankern, verbessert die Reaktionsfähigkeit entlang
unserer Küsten sowie die Haftbarkeit der Verursacher.
Gesetz über landwirtschaftliche Betriebe. Hat das
umweltpolitisch progressivste Gesetz über landwirtschaftliche Betriebe von 1990 unterzeichnet. Es umfaßt
Schutz von Feuchtgebieten, Wiederaufforstung, Einsatz von Pestiziden sowie die Trinkwasserqualität. Mit
dem Gesetz werden die Agrarsubventionen gekürzt
und ein "Feuchtgebietreservat" von bis zu 400.000 ha
geschaffen.
Kabinettsbeschluß zu EPA. Einen Gesetzentwurf
zur Gründung eines US-Umweltministeriums vorgelegt.
Schutz der Antarktis. Ein Gesetz und eine internationale Vereinbarung über die Verbesserung des Umweltschutzes und das Verbot unbegrenzten Abbaus
und der Verarbeitung von Mineralien in der Antarktis
unterzeichnet.
Feuchtgebiete. Die Mittel für Forschung, Schutz und
Verbesserung der Feuchtgebiete von 295 Millionen
Dollar im Jahr 1989 auf 480 Millionen Dollar 1991
aufgestockt. Darüber hinaus hat der Präsident eine
weitere Anhebung von 48 Prozent (auf 710 Millionen
Dollar) für das Haushaltsjahr 1992 vorgeschlagen.
Den Kauf von Land in die Wege geleitet, um den
amerikanisch-kanadischen Waterfowl Management Plan

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zu verwirklichen und den Everglades Nationalpark um
42.400 ha zu erweitem.
Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern
Amerikas. Neue Schritte beim Schuldenerlaß im
Austausch für Umweltmaßnahmen und die Gründung
von Umweltfonds vorgeschlagen, um langfristige
Umweltschutzmaßnahmen in Lateinamerika und der
Karibik zu fördern.
Marktorientierte Lösungen. Wirtschaftliche Anreize
eingeführt, um die Emmission von Schwefeldioxid und
ozonzerstörenden Substanzen sowie Schadstoffen
einzudämmen.
Das Projekt "Green Lights" ins Leben gerufen, um die
Umwelt durch innovative und freiwillige Initiativen des
Privatsektors zu schützen.
Artenschutz. Den Schutz der Arten auf staatlichem
Land verbessert und eine Strategie zum Schutz der
Vielfalt heimischer Arten dargelegt.
Eine Führungsrolle beim internationalen Verbot des
Handels mit afrikanischem Elfenbein übernommen.
Darüber hinaus überredete er andere Länder, die
Einfuhr des Schildpatts von Meeresschildkröten zu
verbieten und stand bei Bestrebungen zum Verbot von
Treibnetzfischerei zum Schutz der Meeressäugetiere
an vorderster Front.
Bildungswesen. AMERICA 2000, das Programm
des Präsidenten für die Reform des Bildungswesens,
enthält Bestimmungen zur Verbesserung der Umwelterziehung in allen Schulstufen. Andere Maßnahmen,
einschließlich der Verabschiedung von Gesetzen und
Einführung interministerieller Aktivitäten, zielen auf die
Verbesserung des Bewußtseins auf College-Ebene.
Entwicklung von Länderhilfe. Leistete Polen und
dem osteuropäischen Umweltzentrum in Budapest
(Ungarn) Hilfe.
Leitete Bestrebungen ein, um gemeinsame amerikanisch-mexikanische Umwelt- und Wirtschaftsprogramme zu erweitern und zu koordinieren.
Green Fund. Bewilligte dem Umweltbüro der Weltbank, dem sogenannten "Green Fund", 150 Millionen
Dollar, um Entwicklungsländern zu helfen, weltweite
Umweltprobleme zu lösen, wie etwa die Zerstörung
der Ozonschicht und weltweite Klimaveränderungen.
Verabschiedete Gesetze zur Förderung der Beurteilung von Auswirkungen auf die Umwelt durch multilaterale Entwicklungsbanken.

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AMERIKA DIENST 40

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                <text>Amerikadienst 09.10.1991</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Deutsch-amerikanischer Tag&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Präsident Bushs Proklamation zum deutsch-amerikanischen Tag 1991&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eagleburger: Freihandelsordnung erste Priorität der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers vor Unternehmern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unterhändler arbeiten am Abschluss der Uruguay-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Louis Murphy&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. KSZE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA mit Moskauer KSZE-Treffen äußerst zufrieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Erklärung des Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Kalter Krieg und Golfkrieg - die Auswirkungen auf den Nahen Osten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Richard Haass&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das Umweltprogramm der Bush-Administration&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eine Übersicht zum Umweltschutz&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
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16. Oktober 1991

41

NEUER OBERSTER RICHTER

SENAT BESTÄTIGT THOMAS MIT 52 ZU 48
STIMMEN ALS OBERSTEN RICHTER
Anhörung über die Vorwürfe sexueller
Belästigung ergebnislos

DIE SOWJETISCHE
MILITÄRMACHT

STREITKRÄFTE IM UMBRUCH: 1991
Vorwort des Verteidigungsministers
zum Pentagon-Bericht

US-STREITKRAFTE

"VORNEPRÄSENZ" ALS KERNSTÜCK
DER US-STREITKRÄFTESTRUKTUR
Rede von General Powell vor der Vereinigung
der Atlantischen Gesellschaften

DROGEN

DROGENMISSBRAUCH UND DER
EINFLUSS VON THERAPIEZENTREN
Die Behandlung verschiedener
Bevölkerungsgruppen

KUNST

CIRCA 1492: ART IN THE
AGE OF EXPLORATION
Ausstellung in der National Gallery
of Art in Washington

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NEUER

OBERSTER

RICHTER
16. Oktober 1991

SENAT BESTÄTIGT THOMAS MIT 52 ZU
48 STIMMEN ALS OBERSTEN RICHTER
Anhörung über die Vorwürfe sexueller Belästigung ergebnislos

WASHINGTON - (AD) - Nach wochenlangen Debatten
über seine Rechtsauffassungen und seinen Charakter
hat der Senat Richter Clarence Thomas in seinem Amt
im Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten
bestätigt.
Der Senat stimmte am 15. Oktober 1991 mit 52 zu 48
Stimmen für Thomas, wobei sich 11 Demokraten den
41 von 43 Republikanern im Senat anschlössen, um
Präsident Bushs Kandidaten - einen konservativen 43
Jahre alten schwarzen Richter am Berufungsgericht zum Richter am Obersten Gerichtshof zu machen, der
dem ausscheidenden Thurgood Marshall nachfolgt.
Präsident Bush, der sich in dem ganzen turbulenten
Prozeß nachdrücklich für Thomas ausgesprochen hatte,
veröffentlichte eine Erklärung, mit der er seine Freude
über die Entscheidung des Senats bekundete. "Das
Land und das Gericht profitieren davon, einen Mann
mit Prinzipien zu haben, der den Problemen und
Möglichkeiten aller Amerikaner sensibel gegenübersteht," erklärte der Präsident.
Die Endabstimmung folgte auf drei Tage spannende
und oft spektakuläre Anhörungen vor einem rasch
einberufenen Rechtsausschuß des Senats zu in letzter Minute bekanntgewordenen Anschuldigungen,
Thomas habe eine frühere Mitarbeiterin sexuell belästigt.
Der gesamte Senat war bereit, am 8. Oktober nach
umfangreichen Anhörungen über Thomas Qualifikationen für das Oberste Gericht abzustimmen, in denen
Thomas im allgemeinen die Bestrebungen mancher
Senatoren abwehren konnte, seine Meinung zu Abtreibung und anderen möglichen Probleme des Obersten
Gerichtshofs in Zweifel zu ziehen.
Aber am Vorabend dieser Abstimmung erhielten die
Medien ein vertrauliches Protokoll des FBI über Beschuldigungen von Anita Hill, einer Juraprofessorin der
AMERIKA DIENST 41

University of Oklahoma, die vor zehn Jahren bei zwei
Bundesbehörden für Thomas gearbeitet hatte, er habe
ihr ungebührliche Aufmerksamkeit geschenkt, sie
wiederholt um Verabredungen gebeten, mit seiner
sexuellen Potenz geprahlt und ihr Szenen aus pornographischen Filmen geschildert.
Der Ausschuß hatte Kenntnis von Hills' Vorwürfen,
bevor er Thomas Nominierung an den Senat zum
Beschluß durch Fraktionszwang mit einer Stimmengleichheit von 7 zu 7 weiterleitete.
Die Veröffentlichung der Anschuldigungen - offensichtlich von einem der Senatoren des Ausschusses
oder einem ihrer Mitarbeiter durchgesickert - führte zu
einer Welle der Entrüstung von Frauen- und anderen
Gruppen, die sich beschwerten, das Gremium habe
das ernste Problem der sexuellen Belästigung ignoriert.
Dies führte zur Verschiebung der Abstimmung um eine
Wophe, wobei der Ausschuß weitere Anhörungen
anordnete, um der Sache auf den Grund zu gehen.
Bei den landesweit ausgestrahlten Anhörungen, die
am Freitag, den 11. Oktober wiederaufgenommen
wurden, trug Hill noch mehr und detailliertere Anschuldigungen vor, die von Thomas vehement und kategorisch geleugnet wurden, und er beschwerte sich, gedrängt
zu werden, etwas Nichtexistentes zu beweisen. In den
Anhörungen wurden sexuelle Begriffe ausgesprochen,
die niemals zuvor in einem Senatsverfahren zu hören
waren, es kam zu den heftigsten Debatten zwischen
Republikanern und Demokraten, an die man sich
erinnern kann.
In langen Befragungen warf Hill am 11. Oktober Thomas vor, er habe sich - oftmals hinter verschlossenen
Türen und niemals vor Zeugen - ungebührlich verhalten, als sie für ihn beim Bildungsministerium und bei
der Gleichstellungsbehörde (Equal Employment OpSeite 1

�portunity Commission - EEOC) gearbeitet habe. Sie
erklärte, seine Bemerkungen seien die unausgesprochene Aufforderung gewesen, "Sex mit ihm zu haben".

Senatoren - konfrontiert mit zwei diametral entgegengesetzten Aussagen zweier beeindruckender, wortgewandter Zeugen - gegenübersahen.

Thomas Befürworter im Ausschuß versuchten ihre
Anschuldigungen als unglaubwürdig zurückzuweisen.
Sie fragten wiederholt, warum sie nicht damals gegen
Thomas vorgegangen sei, warum sie ihm zur EEOC
gefolgt sei, als er die Stelle wechselte, warum sie ihn
nach Aufgabe ihrer Stelle mehrmals und anscheinend
in freundlicher Absicht angerufen und warum sie 10
Jahre gewartet habe, um das Thema der angeblichen
Belästigung öffentlich zur Sprache zu bringen.

Der derzeitige Senatspräsident und frühere Mehrheitsführer, Demokrat Robert Byrd, ergriff das Wort mit
der Feststellung, nach Ansicht praktisch aller Fernsehübertragungen habe er seine Meinung geändert und
werde jetzt gegen Thomas stimmen.

In einer emotional geführten Anhörung am 11. und 12.
Oktober wies Thomas Hills' Beschuldigungen als
"Unsinn" zurück und erklärte: "Ich kann mich an nichts
erinnern, was ich Anita Hill gesagt oder getan habe,
das als sexuelle Belästigung mißverstanden werden
könnte". Er gab zu, ihre Anhörung nicht verfolgt zu
haben.
Thomas, wie Hill schwarz, argumentierte, die Versuche zur Vereitelung seiner Nominierung gründeten
sich auf rassistische Vorbehalte, und das Verfahren,
dem er sich unterziehen müsse, sei eine "hochmoderne Form der Lynchjustiz an vermessenen Schwarzen".
Während einer Marathonsitzung am 13. Oktober gaben
ein kalifornischer Richter, ein amerikanischer Universitätsprofessor für Rechtswissenschaften und zwei
andere Juristen, die Anita Hill kannten, zu Protokoll, sie
hätte ihnen Anfang und Mitte der achtziger Jahre
mehrmals anvertraut, sexuell belästigt zu werden.
Diese Anhörung befaßte sich mit den Vermutungen
von Thomas' Befürwortern, Hill habe diese Behauptungen in Absprache mit ungenannten "Interessengruppen" erst jetzt mit der Absicht fabriziert, die Bestätigung des Konservativen Thomas zu verhindern.
Dieser Anhörung folgten jedoch über ein Dutzend
Zeugen, die Aussagen über Thomas' Integrität machten. Unter ihnen waren viele Frauen, die früher für ihn
gearbeitet hatten und aussagten, er sei in ihrer Gegenwart stets höflich und zuvorkommend gewesen, 'ind
sexuelle Belästigung sei nicht mit seinem Wesen in
Einklang zu bringen.
Bei einer der Endabstimmung vorausgegangenen
eintägigen Debatte im Senat wurden am 15. Oktober
eine Reihe häufig recht eloquenter Reden gehalten,
die die verwirrende Situation beleuchteten, der sich die

"Ich glaube Anita Hill", stellte er fest.
Byrd fuhr fort, er sei erstaunt und enttäuscht über
Thomas' offenkundige Weigerung gewesen, den
Aussagen seiner Anklägerin Gehör zu schenken. Dies
stelle Thomas' juristische Kompentenz und seine
Fähigkeit als Richter in Frage, erklärte er.
Im Hinblick auf das Argument, "im Zweifel für den
Angeklagten", bestand Byrd darauf, daß ein solcher in
einem Gerichtsverfahren zulässiger Ansatz in einer
gesetzmäßigen Anhörung zur Bestätigung für den
Obersten Gerichtshof unangebracht sei. Hier, so
Byrd, sollte jeder Zweifel zugunsten des Gerichts und
der Nation, nicht des Kandidaten, ausgeräumt werden.
Senator Alan Dixon, einer der Thomas unterstützenden Demokraten, erklärte jedoch, Thomas "stehe das
Recht der angenommenen Unschuld" zu. Da die
Anhörung vor dem Ausschuß nicht das Gegenteil
bewiesen habe, "können Professor Hills Anschuldigungen nicht dazu verwendet werden, eine Abstimmung gegen Richter Thomas zu rechtfertigen" und
seine Entscheidung werde sich auf eher traditionelle
Themen stützen, stellte Dixon fest.
Republikanische Befürworter wie die AusschußmitgliederOrrin Hatch und Alan Simpson insistierten, Hills
Aussalgen seien schlicht und einfach nicht glaubwürdig
gewesen und Thomas sei aufgrund der vorliegenden
Tatsachen der Bestätigung würdig.
Der Vorsitzende des Rechtsausschusses, Joseph Biden,
der) die Anhörung leitete, erklärte, er werde gegen
Thomas stimmen, weil er die Ansichten des Richters
"zu Themen, die Konsequenzen für die Zukunft dieser
Nation haben" inakzeptabel fände. Indem er seine
Besorgnis darüber zum Ausdruck brachte, daß das
Ergebnis als Entscheidung zugunsten der Glaubwürdigkeit des Richters gegenüber Hills gesehen würde,
erklärte Biden, "Wir stimmen über die Zukunft der
Nation, nicht über den Charakter dieses Mannes ab."

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 41

�DIE

SOWJETISCHE

MILITÄRMACHT
16. Oktober 1991

STREITKRÄFTE IM UMBRUCH: 1991
Vorwort des Verteidigungsministers zum Pentagon-Bericht
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentichen wir das Vorwort von Verteidigungsminister Cheney zum
diesjährigen Bericht des Pentagons über die sowjetische Militärmacht mit dem Titel "Streitkräfte im Umbruch".

Wir werden stets die Bilder vom 19. bis 21. August
1991 vor Augen haben - den russischen Präsidenten
Jelzin auf einem Panzer in den ersten Stunden des sowjetischen Staatsstreichs, als er dem Putsch den
Kampf ansagte, Tausende von Moskauer Bürgern, die
Menschenketten gegen Panzer bildeten, die das russische Parlament zu überrollen drohten und den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow bei seiner Rückkehr nach Moskau nach dem gescheiterten Putsch.
Vor allem aber werden wir uns an den Triumph der
Demokratie über die Anstifter des Staatsstreichs, den
Sturz des Lenin-Denkmals und die Straßen voller
Menschen erinnern, die die Aussicht auf Selbstbestimmung feierten. Diese Bilder spiegelten die Ereignisse
wider, deren Zeuge die Welt in Prag, Ostberlin und
anderen osteuropäischen Städten in den Jahren 1989
und 1990 geworden war - die Ablehnung des Kommunismus und der Erfolg derjenigen, die Freiheit anstrebten.
Man kann sich schwerlich des Gefühls der Euphorie
über diese Ereignisse und den Zusammenbruch der
repressiven Institutionen erwehren, die das sowjetische Leben über 70 Jahre lang beherrscht haben.
Heute bieten sich zahlreiche Gelegenheiten für demokratisches Wachstum in der ehemaligen Sowjetunion.
Obwohl der Putsch gescheitert ist, bleiben jedoch noch
viele grundlegende politische, nationale und wirtschaftliche Probleme bestehen. Diese außerordentlich
komplexe Gesellschaft lebt in über 11 Zeitzonen,
umfaßt über 100 verschiedene Volksgruppen und hat
eine Bevölkerung von 275 Millionen. Sie hat lange
unter einem inkompetenten politischen System gelitten und die Härten und Verzerrungen einer Planwirtschaft erduldet. Weder die Wirtschaftsreformen zur
Umwandlung dieser Gesellschaft in eine freie Marktwirtschaft noch die politischen Reformen zur Schaffung effektiver Institutionen mit Rechenschaftspflicht
gegenüber den Menschen werden sich über Nacht
vollziehen.
AMERIKA DIENST 41

Nach den bemerkenswerten Ereignissen Mitte August
und der andauernden Unberechenbarkeit jedes Aspekts
des Lebens in Rußland und den anderen Republiken
haben wir uns entschlossen, in diesem Jahr Die
sowjetische Militärmacht nicht zu veröffentlichen. In
dieser Publikation wurden die Tendenzen im sowjetischen Militär sowie der politische und wirtschaftliche
Kontext, in dem die sowjetischen Streitkräfte operierten, im einzelnen dargelegt . Aufgrund des sehr
unsicheren Charakters so vieler Belange mit direktem
Einfluß auf militärische und nationale Sicherheitsfragen haben wir absichtlich eine Reihe von Themen nicht
erörtert, die in der Ausgabe 1991 von Die sowjetische
Militärmacht enthalten gewesen wären.
Statt dessen konzentriert sich Streitkräfte im Umbruch auf die nüchternen Fakten über die Streitkräfte
dieses Landes. Es ist eine Momentaufnahme der im
August 1991 demonstrierten Fähigkeiten, mit neuesten Informationen über die Zeit nach dem Staatsstreich, soweit wir diese beibringen konnten. Unseres
Erachtens liefert der Bericht so viele Informationen wie
möglich, die zweifelsohne Thema politischer Debatten
werden. Dieses Detail kann für amerikanische und
sowjetische Bürger wie auch für die interessierten
Leser weltweit gleichermaßen von Bedeutung sein.
Aus diesem Grund haben wir Beobachtungen darüber
angestellt, wie die Zentralbehörden der Sowjetunion
und die Republiken den Grundstock für die Neugestaltung militärischer Verantwortung nach dem Scheitern
des Staatsstreichs legen.
Die Bedeutung einer solchen Publikation wurde mir
während meines ersten offiziellen Besuchs als Verteidigungsminister in der Sowjetunion im Oktober 1990
bewußt. Ich traf mit den beiden Ausschüssen des
Obersten Sowjet zusammen, die sich mit Verteidigung
und internationalen Angelegenheiten befassen. Die
Sitzung selbst war beispiellos. Nachdem ich eine

Seite 1

�kurze Erklärung abgegeben hatte, führten wir eine
lebhafte Diskussion über das breite Spektrum militärischer und sicherheitspolitischer Themen. Ich war
angesichts der bisherigen Geschichte amerikanischsowjetischer Beziehungen über die Aufrichtigkeit und
Freimütigkeit dieser Diskussion überrascht. Ich war
noch überraschter, als ein Ausschußmitglied aufstand,
um ein Argument vorzubringen und zu dessen Bekräftigung ein Dokument hochhielt - die Ausgabe 1990 von
Die sowjetische Militärmacht. Ein anderes Ausschußmitglied erzählte mir, dieser Bericht sei die einzig verläßliche Quelle über militärische Beschaffung
und die Verteidigungsausgaben in seinem Land. Die
Ausschußmitglieder waren besonders wißbegierig über
die Investitionen ihrer Regierung in Nuklearwaffen - ein
Bereich, der in diesem Bericht behandelt wird.
Das sowjetische Imperium wurde durch Eroberung
geschaffen und durch den Zwang der Kommunistischen Partei, des KGB und des Militärs zusammengehalten. Seit dem gescheiterten Staatsstreich befindet
sich jede dieser Institutionen in einem bemerkenswerten Auflösungsprozeß. Eine - die Kommunistische
Partei - wurde ihrer Macht enthoben oder zumindest
weitestgehend eingeschränkt. Es sollte uns daher
nicht überraschen, daß die Union selbst geschwächt
und ihre Zukunft zweifelhaft ist. Selbst der Name des
Landes wird sich wahrscheinlich ändern.
Was während dieser Übergangsphase in der sowjetischen Geschichte geschieht, wird tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Politik haben. Dies
ist eine Zeit großer Unsicherheit für die Sowjetunion
und den Westen. Die ehemalige UdSSR ist nach wie
vor eine Atommacht inmitten einer Revolution - eine
Situation, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.
Der Fortbestand enormer militärischer Fähigkeiten in
einem Staat, der sich in den Geburtswehen einer
Revolution und dem damit einhergehenden Potential
für Gewalt und Chaos - befindet, stellt eine neue Art der
Sicherheitsbedrohung für die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten dar. Der Einsatz von Gewalt zur
Beilegung seit langem schwelender ethnischer, territorialer und wirtschaftlicher Konflikte ist bereits in einigen
Republiken offenkundig. Wenn sich solche Koniiikte
ausbreiten sollten, Massen von Flüchtlingen die Grenzen überqueren oder die Konfrontationen die Bedrohung oder den Einsatz von Massenvernichtungswaffen beinhalten würde, könnten regionale Konflikte leicht
zu einer weltweiten Krise eskalieren.
Der wahrscheinlich einzige Punkt, über den Einigung
besteht, ist, daß wir einfach nicht wissen, was die
Zukunft für die ehemalige Sowjetunion bereithält. Es
gibt jedoch fünf grundlegende Fragen bezüglich der
Art der Krise, die die ehemalige Sowjetunion durchmacht. Die Beantwortung jeder dieser Fragen wird das
Maß bestimmen, in dem die ehemalige Sowjetunion in
Zukunft als ernsthafte Sicherheitsbedrohung angesehen werden muß.

Seite 2

Die ersten Frage betrifft die Union selbst. Präsident
Gorbatschow und andere unternehmen drastische
Schritte zur Rettung der Union, und einige Politiker in
den Republiken arbeiten hart, um einen "gemeinsamen Wirtschaftsraum" zu schaffen. Es sind jedoch
auch mächtige soziale und politische Kräfte am Werk,
die ehemalige Sowjetunion auseinanderzureißen.
Die drei von Stalin als Teil eines Handels mit Hitler
annektierten Baltenstaaten haben ihre Unabhängigkeit wiedererlangt, und die anderen Republiken haben
Souveränitäts- oder Unabhängigkeitserklärungen verabschiedet. Einige bauen neue Streitkräfte auf. Die
Spannungen zwischen den Republiken nehmen zu,
und im Transkaukasus, in Moldawien und Zentralasien
bekämpfen sich einzelne Volksgruppen. Ob diese
Pressionen in Gewalt ausarten und welche Auswirkungen diese Gewalt auf das Tempo der Reformen in der
ehemaligen Sowjetunion - und die Sicherheit ihrer
Nachbarn - haben werden, ist allgemein Anlaß zur
Sorge.
Das zweite Problem betrifft politische Macht und Autorität. Seit einiger Zeit sind die Kanäle der Autorität
zwischen der Zentralregierung und den Republiken
und in den Republiken geschwächt oder ernsthaft
gestört. Die Behörden der Exekutive auf allen Ebenen
sehen sich jetzt vor ernsthaften Schwierigkeiten, ihre
Entscheidungen durchzusetzen. Lokale Ratsversammlungen benötigen Zeit, um Erfahrung und Autorität zu
gewinnen, politische Leitlinien zu entwerfen oder
Regierungsstellen anzuweisen, die ihnen nominell
unterstehen, und die Bürger selbst müssen die Bedingungen der politischen und wirtschaftlichen Macht
festlegen. Die alltäglichen Verfahren einer demokratischen Regierung in einer großen vielfältigen Nation
müssen noch gelernt werden und brauchen Zeit, um in
der früheren Sowjetunion zu reifen.
Das dritte Problem betrifft die Wirtschaftskrise, in der
sich die Sowjetunion befindet. Offiziellen sowjetischen
Statistiken zufolge ist das Bruttosozialprodukt in der
ersten Hälfte dieses Jahres in der Sowjetunion um 10
Prozent gefallen, wobei sich der Rückgang noch beschleunigen könnte. Nachschub an Lebensmitteln
und Brennstoffen für diesen Winter gibt Anlaß zur
Sorge, und eine Hyperinflation liegt nach wie vor im
Bereich des Möglichen. Darüber hinaus könnte sogar
die beste langfristige Wirtschaftspolitik kurzfristig soziale
Unruhen und Verschiebungen in der Wirtschaft verschärfen, bevor sie Vorteile bringt.
Viertens steht die Frage der Bereitstellung von Mitteln
für das sowjetische Militär im Raum. Seit einiger Zeit
wird ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen dem
ausdrücklichen Reformprogramm des Kreml und den
anhaltend hohen Ausgaben für den Militäretat und die
Rüstungsindustrie beobachtet. Einerseits hat die
Sowjetunion den politischen Charakter ihrer Gesellschaft und Außenpolitik mit Glasnost und Perestrojka

AMERIKA DIENST 41

�verändert. Präsident Gorbatschow hat beispiellose
politische Reformen eingeführt und in Bereichen der
Weltpolitik kooperiert, in denen es jahrelang nur Spannungen und Mißtrauen gegeben hatte. In den letzten
Jahren haben die Sowjets mit sich rapide verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen gekämpft, und
es gab vielfältige Bestrebungen, um den wirtschaftlichen Niedergang unter Kontrolle zu bekommen.

Wirtschaft, Reduzierungen der Streitkräfte und Außenpolitik. Angesichts der ungewissen politischen
Situation, der angespannten Wirtschaftslage und des
Mangels an demokratischen Traditionen in der sowjetischen Gesellschaft gelangen sowjetische und westliche Beobachter zu der Überzeugung, das Risiko des
Rückfalls in alte autoritäre Strukturen bestehe weiterhin.

Andererseits hat die ehemalige Sowjetunion trotz politischer Reformen und einer starken wirtschaftlichen
Rezession weiterhin ungeheure Summen für ihr Waffenarsenal ausgegeben und die Produktion in der
Rüstungsindustrie auf einem Niveau weitergeführt,
das alle möglichen Verteidigungserfordernisse bei
weitem überstieg. Die Frage wurde laut: Warum gibt
ein Land in außergewöhnlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und kurz vor dem Bankrott 15 bis 17 Prozent
- einigen sowjetischen Ökonomen zufolge sogar 33
Prozent - seines Bruttosozialprodukts für Rüstung
aus? Wir hoffen, insbesondere angesichts des gescheiterten Staatsstreichs, daß die Führung in Rußland und den anderen Republiken diese Frage mit
drastischen Kürzungen im Militärhaushalt beantworten wird.

Wir hegen ähnliche Hoffnungen für die ehemalige
Sowjetunion wie die Reformer. Obwohl das Verhältnis
der Republiken untereinander von den Menschen selbst
entschieden werden muß, ist es wichtig, daß jeder
Zusammenschluß freiwillig ist und sich auf demokratische Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft gründet. Wir fordern die Achtung der Menschenrechte auf der Basis des Respekts für den einzelnen einschließlich der Gleichbehandlung von Minderheiten und fordern die Einhaltung internationaler
Gesetze und Verpflichtungen. Wir wünschen uns eine
Entmilitarisierung der Wirtschaft und Gesellschaft, die
Umwandlung der enormen Rüstungsindustrie in eine
zivile Produktion, die Umleitung von Mitteln zum Wohl
der Bevölkerung und Beiträge zu weltweiter Stabilität.

Schließlich stellt sich noch die Frage nach dem Charakter der zukünftigen sowjetischen Außenpolitik. Die
Sowjetunion hat sich von der doktrinären internationalen Politik der Vergangenheit abgewandt und spielt
jetzt in der Weltpolitik eine konstruktivere Rolle. Am
bemerkenswertesten war die Rolle des Kreml während
der demokratischen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa, als die sowjetischen Streitkräfte keinen Versuch unternahmen, die Hinwendung zur Unabhängigkeit von Moskau aus zu behindern. Nach der irakischen Invasion in Kuwait haben die Sowjets internationale Bestrebungen zur Vertreibung der irakischen
Streitkräfte aus Kuwait unterstützt. Sowjetische Diplomaten haben an dem Vertrag über Konventionelle
Streitkräfte in Europa (KSE) und auch am Vertrag über
die Verringerung strategischer Rüstungen (START)
mitgearbeitet. Nach dem Putsch hat die sowjetische
Regierung versprochen, ihre militärische Präsenz in
Kuba zu verringern, und sie will ebenso wie wir aufhören, den streitenden Parteien in Afghanistan todbringende Waffen zu liefern.
Natürlich wirft die neue Machtverteilung in der früheren
Sowjetunion Fragen über die künftige Außenpolitik
auf. Die Vereinigten Staaten haben sowjetische Erklärungen begrüßt, ihre Rüstungskontrollabkommen und
anderen internationalen Verpflichtungen einhalten zu
wollen.
Der gescheiterte Putsch vom 19. - 21. August war
eindeutig ein Sieg für die demokratischen Reformer in
der gesamten Sowjetunion. Obwohl es neue Hoffnung
auf einen Übergang zur Selbstregierung und Marktwirtschaft gibt, bleiben noch Fragen offen über die
Union, die politische Autorität, Wiederbelebung der

AMERIKA DIENST 41

Wir können viel tun, um diesem Land in Not zu helfen.
Wir müssen jedoch Gewißheit haben, daß unser Handeln
im Einklang mit unserer eigenen Sicherheit und unseren langfristigen Zielen steht. Bei aller Unsicherheit
und Unberechenbarkeit der politischen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion ist eines klar:
unsere eigene Sicherheit wird am besten gewährleistet durch eine objektive Bewertung der weltweiten
Herausforderungen, die sich uns stellen, ungeachtet
ihres Ursprungs.
Aus diesen Gründen müssen wir kritisch beobachten,
wie sich die politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Revolutionen in der ehemaligen Sowjetunion auf ihre
militärischen Fähigkeiten auswirken. Die sowjetische
Politik im Hinblick auf diese Fähigkeiten, wie Rüstungsausgaben und -produktion, Streitkräfteniveaus,
das Tempo der Modernisierung und Stationierung sind
echte Indikatoren für militärische Reformen in der
ehemaligen Sowjetunion.
Die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion befinden sich an einem Scheideweg der Geschichte. Wenn
die gegenwärtige Krise zu Repression, Anarchie oder
Bürgerkrieg führt, werden die ehemalige Sowjetunion
und die Welt sich mit zunehmenden Gefahren konfrontiert sehen. Wenn die frühere Sowjetunion diese
Gefahren jedoch vermeidet, weiterhin einen demokratischen Weg beschreitet und eine Politik verfolgt, die
zu friedlicheren Beziehungen und reduzierten militärischen Fähigkeiten führt, sind die Zukunftsaussichten
vielversprechend. Die erfolgreiche Einführung eines
demokratischen politischen Systems und freier Marktwirtschaft werden eine bessere Chance für die Sicherheit beider Seiten mit erheblich verminderten Streitkräfteniveaus bieten.

Seite 3

�US-STREITKRAFTE
16. Oktober 1991

"VORNEPRÄSENZ" ALS KERNSTÜCK
DER US-STREITKRÄFTESTRUKTUR
Rede von General Powell bei der
Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften
WASHINGTON - (AD) - Dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Colin Powell, zufolge wird
"Vornepräsenz" - die dauerhafte Stationierung amerikanischer Streitkräfte - in Europa, den Mittelmeeranrainerstaaten, Südwestasien sowie im Pazifik ein Schlüsselelement der neuen amerikanischen Streitkräftestruktur
sein.
"Die in Europa vorne stationierten Streitkräfte werden entschieden reduziert. In den kommenden Jahren werden
sie von rund 300.000 auf 150.000 Mann abgebaut", erklärte Powell. "Wir dürfen jedoch nicht nur paramilitärische
Streitkräfte haben. Wir müssen eine echte Streitmacht unterhalten, die von unseren Freunden in Europa und
denjenigen auf der anderen Seite des Atlantiks, die uns vielleicht Böses wünschen, als solche angesehen wird",
fuhr Powell fort.
Bei der 37. Generalversammlung der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften (ATA) stellte der General am
9. Oktober 1991 fest, die amerikanischen Streitkräfte in Europa würden "besser in die verbündeten Streitkräfte
integriert", bestünden aus "einem in multinationale Korps eingegliederten Korps mit zwei Divisionen statt zwei
nationalen Korps mit vier Divisionen".
"Obwohl wir das der NATO zur Verfügung stehende Mix nuklearer Gefechtsfeldwaffen erheblich verändern,
werden wir sie nicht vollständig abschaffen. Das entscheidende nukleare Bindeglied bleibt in Form von
Mehrzweckkampfflugzeugen bestehen", führte Powell aus.
Im Hinblick auf Südwestasien stellte er fest: "Unsere Vornepräsenz wird etwas umfangreicher sein als bisher
und wird eine praktisch die ganze Zeit stationierte Trägerkampftruppe sowie eine amphibische Bereitschaftsgruppe umfassen. Gleichzeitig wird die Zahl der amerikanischen Truppen in Südkorea, Japan und auf den
Philippinen reduziert."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von General Powell in wesentlichen Auszügen.

Ein Schlüsselelement (der neuen amerikanischen
Militärstrategie) ist Vornepräsenz - die Sicherstellung
unserer vorne stationierten Streitkräfte im Atlantik,
beiderseits des Atlantiks, in Europa, im Mittelmeer und
in Südwestasien.

In Südwestasien wird unsere Vornepräsenz jedoch
etwas umfangreicher sein als in der Vergangenheit
und eine praktisch die ganze Zeit stationierte Trägerkampftruppe sowie eine amphibische Bereitschaftsgruppe umfassen.

Zweifelsohne werden die in Europa vorne stationierten
Elemente drastisch reduziert - und besser in die verbündeten Streitkräfte integriert - als die Streitmacht,
die den Frieden in unserer Generation bewahrt hat: ein
in multinationale Korps eingegliedertes Korps mit zwei
Divisionen statt zwei nationalen Korps mit vier Divisionen. Weniger als vier taktische Jagdgeschwader statt
mehr als acht.

Unsere Streitkräftestruktur und unsere Strategie sehen auch die Fähigkeit zur Machtentfaltung und Verstärkung beiderseits des Atlantiks vor, sollte dies in
Krisenzeiten erforderlich werden, und wir haben in
unserer Strategie und Streitkräftestruktur die Fähigkeit
bewahrt, die Streitkräfte gegebenenfalls bei Fehleinschätzungen unsererseits oder für den Fall neu zu
formieren, daß die Welt sich doch nicht als so friedlich
entpuppt wie wir dachten.

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�Diese Streitkräfte, die wirfür unsere atlantischen Interessen in unsere Struktur integrieren, müssen sehr
flexibel sein. Sie müssen bereit sein, in Konflikten
geringer Intensität zu kämpfen.
Operation Provide Comfort - unser zusammen mit den
Streitkräften Ihrer Länder in der Türkei und im Nordirak
durchgeführtes humanitäres Hilfsprogramm - ist ein
gutes Beispiel für transatlantische Bedürfnisse geringer Intensität.
Unsere Atlantischen Streitkräfte müssen auch bereit
sein, in mit modernsten Waffen ausgetragenen Konflikten mittlerer oder hoher Intensität zu kämpfen, mit
denen wir uns konfrontiert sehen könnten. Die Gefechte, die wir in der kuwaitischen und irakischen
Wüste, in der Luft und im Golf geführt haben, waren
Gefechte hoher Intensität, die modernste Technologie
erforderten.
Wir haben im Grunde einen europäischen Krieg in der
Wüste geführt, und das einzige, was fehlte, waren
Berge, Nebel und viele Bäume.
Daher müssen unsere Atlantischen Streitkräfte über
schwere Streitkräfte verfügen und Gefechte hoher
Intensität in der Luft, zu Lande, auf dem Wasser und
am Strand führen können. Sie werden wichtige aktive
Komponenten sowie den Großteil unsere Reservestreitkräfte umfassen.
Sie müssen ferner strategisch beweglich sein sowie
schnell und in großem Umfang von einem Gebiet des
Atlantiks zum anderen und wieder zurück verlegt werden
können.
Wir haben darüber hinaus vitale Interessen in anderen
Gebieten der Welt, wenn auch nicht so unmittelbar
durch die Ereignisse in der Sowjetunion betroffene wie
Europa. Ich denke, der Pazifik steht hier an erster
Stelle.
Seit über 40 Jahren haben unser Engagement und
unsere Präsenz im und am Pazifik uns sowie unseren
Freunden und Verbündeten in der Region einen Schutzschild geboten. Unsere Freunde haben auf unsere
Vornepräsenz im Pazifik als Kreisel gezählt, der in der
Region das Gleichgewicht herstellt und die Richtung
weist.
Die Strategie unseres Präsidenten konzentriert sich
daher zu Recht weiterhin auch auf unsere Interessen
jenseits des Pazifiks.
Unsere damit einhergehende Militärstrategie für den
Pazifik wird sich auf Vornepräsenz aber mit reduzierten Zahlen konzentrieren. Wie Sie wissen, werden wir
in Korea und Japan und natürlich auf den Philippinen
Stützpunkte schließen.
Unsere Streitkräftestruktur für den Pazifik war immer
bescheiden - ein sparsamer Einsatz der Kräfte und
Mittel auf dem Gefechtsfeld. Dies wird auch in Zukunft
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so bleiben, mit Betonung auf leichten Streitkräften,
Seestreitkräften, Militärhilfe sowie Übungen mit unseren Freunden in der Region.
Andere Bedürfnisse diktieren auch die Art der von uns
benötigten übergreifenden Streitkräftestruktur. In den
24 Monaten meiner Amtszeit als Vorsitzender waren
die anderen Stabschefs und ich mit einer Vielzahl von
Krisen und unvorhergesehenen Ereignissen konfrontiert. Panama und die Philippinen, Liberia und Somalia, El Salvador und dem Drogenkrieg. Wüstenschild,
Wüstensturm, Provide Comfort-im Nordirak und Sea
Angel in Bangladesch.
Für diese Art von Bedingungen und für die Bewältigung
der Situationen in anderen Regionen der Welt, die
nicht in das atlantische und pazifische Gefüge passen,
benötigen wir eine Ansammlung von Streitkräften, die
wir als Eventualfallkräfte bezeichnen: eine aus allen
Teilstreitkräften zusammengesetzte Streitmacht, die
rasch in jede Region der Welt, wo sie benötigt wird,
verlegt werden kann, ein Gefechtsfeld über den Atlantik oder Pazifik hinweg verstärken oder sich au ßerhalb
dieser Gefechtsfelder engagieren kann - häufig zusammen mit unseren Verbündeten.
Und schließlich werden wir weiterhin ausreichende
strategische Streitkräfte benötigen - Nuklearstreitkräfte. Wir sind verpflichtet, sie auf dem neuesten Stand
und effektiv zu halten.
Präsident Bush hat in Konsultationen mit anderen
Staats- und Regierungschefs eine spektakuläre Initiative in die Wege geleitet, um Umfang und Gestaltung
des nuklearen Arsenals der Vereinigten Staaten - und
wie es jetzt aussieht auch der Sowjetunion - zu verändern. Dies ist die größte Veränderung bei der Dislozierung amerikanischer Nuklearwaffen seit ihrer Integration in unsere Streitkräfte.
Diese Initiative macht die Welt bereits zu einem sichereren Ort. Präsident Bush hat uns alle auf eine neue
moralische Ebene gehoben. Wir und die Sowjetunion
steigen jetzt von der thermonuklearen Leiter herab.
Ich werde an diesem Wochenende in Wien mit meinem
sowjetischen Amtskollegen Lobow zusammentreffen,
um diese atemberaubenden neuen Entwicklungen zu
erörtern.
Diese Entwicklungen können jedoch nicht per se über
die Tatsache hinwegtäuschen, daß die Sowjetunion
nach wie vor die einzige Nation auf der Welt mit der
Fähigkeit zur Vernichtung der westlichen Zivilisation
mit thermonuklearen Waffen binnen einer halben Stunde
ist.
Deshalb müssen unsere strategischen Streitkräfte sowohl in der herkömmlichen strategischen Triade von
Systemen als auch unseren Verteidigungsprogrammen mit ballistischen Raketen - weiterhin tragfähig und
glaubwürdig sein.

AMERIKA DIENST 41

�Ich sollte hinzufügen, obwohl wir das der NATO zur
Verfügung stehende Mix nuklearer Gefechtsfeldwaffen erheblich verändern, werden wir sie nicht vollständig abschaffen. Das entscheidende nukleare Bindeglied bleibt in Form von Mehrzweckkampfflugzeugen
bestehen.
Diese vier konzeptionellen Streitkräftepakete - Atlantische Streitkräfte, Pazifische Streitkräfte, Eventualfallkräfte und Strategische Streitkräfte - bilden die Grundlage für die Größenordnung und Gliederung unserer
militärischen Kräfteverteilung. Das Ergebnis ist die
Basisstreitmacht - das Minimum an Streitkräften, das
zur Bewältigung der ständigen Bedürfnisse in einer
sich verändernden Welt benötigt wird.
Diese vier Streitkräftepakete müssen auch von soliden
und reagierenden militärischen Transport- und Weltraumfähigkeiten sowie kontinuierlichen Forschungsund Entwicklungsprogrammen unterstützt werden und
der Verpflichtung zur Neuformierung der Streitkräfte,
*

AMERIKA DIENST 41

falls sich unsere Prognosen für eine vielversprechendere Zukunft als falsch erweisen sollten.
Sie wird weiterhin eine echte, keine Scheinstreitmacht
sein. Eine Streitmacht, die, wenn sie zur Ausübung
einer militärischen Mission aufgefordert wird, keinen
Zweifel an ihrer Fähigkeit läßt, dies zu tun. Wie Sie
sehen, haben wir die Basisstreitmacht darüber hinaus
auf unsere regionalen Interessen zugeschnitten.
Wir reduzieren unsere Streitkräfteniveaus in einer Art
und Weise, die nicht länger auf einen Weltkrieg mit der
Sowjetunion ausgerichtet ist. Im Falle eines Weltkriegs - sollte er je nochmals wahrscheinlich werden müßten wir unsere Streitkräfte neu formieren.
Aus unserer Sicht haben wir die richtige Kombination
von Streitkräften geschaffen, um jegliche Aggression
abschrecken, unseren Erfordernissen der Vornepräsenz gerecht werden, auf jede Krise reagieren und
gegebenenfalls zusätzliche Streitkräfte neu formieren
zu können.

* * *

*

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�DROGEN
16. Oktober 1991

DROGENMISSBRAUCH UND DER
EINFLUSS VON THERAPIEZENTREN
Die Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der erste in einer Serie über die Behandlung von
Drogenabhängigen in den USA.

Mit neun Jahren fing Louis Marsit an, seinem Vater
Bierflaschen zu entwenden. Dann folgten wiederholte
Episoden von Drogenmißbrauch, er geriet mit dem
Gesetz in Konflikt und unternahm Selbstmordversuche. Mit 18 verlie ß er die Schule, und acht Jahre später
saß er im Gefängnis. Bei seiner Verhandlung bat er
den Richter, ihn in ein Therapiezentrum für Drogenabhängige in Maryland - "Second Genesis" - einzuweisen.
Ein Jahr später ist Louis nicht mehr drogenabhängig
und aktives Mitglied seiner Gemeinde. Louis bekundete kürzlich bei der Eröffnungsfeier eines neues Therapiezentrums seine feste Überzeugung: "Wenn es
'Second Genesis' nicht gegeben hätte, wäre ich heute
nicht hier. Ich wäre tot."
Louis ergreifende Geschichte steht für viele Millionen
ehemals Drogen- und Alkoholabhängiger, die einem
der Tausenden in den letzten zehn Jahren in den
Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt entstandenen Therapiezentren ihre Rehabilitation verdanken.
Dies war auch die Botschaft, die viele Sprecher den
3.000 Teilnehmern der 14. Weltkonferenz der Therapiezentren kürzlich in Montreal zu vermitteln suchten.
Ihnen zufolge hat die Idee der Therapiezentren dort
Erfolg, wo andere Bestrebungen im Kampf gegen
Drogen versagt haben.
In den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Konsumenten illegaler Drogen drastisch gesunken, von 23 Millionen im Jahr 1985 auf unter 13 Millionen 1990. Der
Mißbrauch der am meisten verbreiteten illegalen Droge Kokain ist in der Risikogruppe der 18- bis 25jährigen
um 45 Prozent gesunken. Jüngste Untersuchungen
weisen auf eine geringe Zahl neuer Konsumenten von
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"Crack" hin, der populären Form des Kokains, die
gebraucht wird. Der Konsum von Marihuana ist seit
1973 auf dem niedrigsten Stand.
Allein in den Vereinigten Staaten gibt es etwa 700
therapeutische Einrichtungen, die quer durch alle
Bevölkerungsschichten und alle Altersgruppen Behandlungen durchführen. Es gibt spezielle Programme für Schulkinder und Jugendliche, Häftlinge, Fabrikarbeiter, Schwangere und Mütter mit Kindern. Darüber hinaus gibt es Fürsorgeprogramme für Senioren
und Obdachlose. Die Behandlung kann von drei
Monaten bis zu drei Jahren dauern.
Der Leiter des Büros des Präsidenten für nationale
Drogenpolitik, Robert Martinez, erklärte den Konferenzteilnehmern, die Therapiezentren vermittelten die
Art von klaren, hilfreichen Werten, die größtenteils
zum Rückgang des Drogenmißbrauchs führen.
"Nahezu alle der erfolgreichen Programme basieren
auf dem Ethos der persönlichen Verantwortung, dem
Einhalten strenger Regeln, persönlichen Opfern und
Sanktionen für Fehlverhalten", erklärte er. "Tatsächlich gibt es wahrscheinlich mehr Gemeinsamkeiten als
Unterschiede zwischen effektiven Strafmaßnahmen
und einer effektiven Behandlung."
Die Therapiezentren bieten ein sehr streng geregeltes
drogenfreies Umfeld, das im Rahmen des Entzugs
Sanktionen und Strafen verhängen, aber auch Privilegien zubilligen kann. Mitglieder des Zentrums sind Teil
einer "Familiengruppe", nicht Patienten wie in anderen
Institutionen. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der
Organisation der Gemeinschaft und sind positive
Vorbilder für andere.

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�Der Vizepräsident des Daytop Village in New York,
David Deitch, erklärte, das Modell der Therapiezentren gehe davon aus, daß Drogenabhängigkeit ein
Problem der Person insgesamt ist und soziale, moralische, psychologische, erzieherische und familiäre
Probleme gelöst werden müssen. Ob die Behandlung
nach der Schule, ambulant oder als langfristige Wohngemeinschaft stattfindet - das Konzept bleibt dasselbe.
"Das Konzept geht von der Idee aus, daß neue Verhaltensweisen unter allen Umständen möglich sind", erklärte
Deitch, "und wir betrachten das Leben in einem Zentrum als Weg zu diesen Veränderungen".
Daytop ist das größte gemeinnützige Therapiezentrum der Welt, in dem über 3.000 Menschen aller
Altersstufen behandelt werden. Es bietet eine Vielzahl
von Programme an, um den pädagogischen, emotionalen und psychologischen Bedürfnissen der Teilnehmer gerecht zu werden. Darüber hinaus gibt es viele
andere:
Das Arete Center in Saginaw (Michigan) behandelt
Personen, die nach dem Bundesgesetz für Straftaten
(keine Gewaltverbrechen) verurteilt wurden und nach
ihrer Inhaftierung wieder resozialisiert werden sollen.
Die Bewohner des Zentrums erhalten die Möglichkeit
zu arbeiten und zahlen für einen Teil ihres Aufenthalts.
Das Apple Center in Hauppauge (New York) bietet
hochgradig Drogenabhängigen und psychisch kranken Süchtigen eine langfristige Behandlung im Zentrum. Femer kümmert es sich um obdachlose Drogenabhängige.
Das Westeare Center in Las Vegas (Nevada) bietet
Ausreißern und obdachlosen Jugendlichen Hilfe bei
Konflikten sowie Obdach und hilft jungen Menschen,
die aufgrund von Alkohol- oder Drogenmißbrauch in
Not geraten sind.
Das Amity Center in Tucson (Arizona) führt Programme durch, bei denen Schwangeren im Rahmen ihrer
Drogentherapie pädagogische Fähigkeiten vermittelt
werden. Bei diesem Pilotprogramm können Kleinkinder nach der Geburt bei ihren Müttern bleiben, weil
Untersuchungen belegen, daß sich viele Mütter überhaupt nicht in Behandlung begeben oder diese abbrechen, wenn ihre Kinder bei Verwandten oder Pflegefamilien untergebracht werden.
Den Konferenzteilnehmern zufolge gewinnt die Methode der Therapiezentren auf der ganzen Welt immer
mehr Anhänger. Von den Gemeinden eingerichtete
Zentren in anderen Ländern wenden sowohl traditionelle als auch experimentelle Behandlungsmethoden
an, zum Beispiel helfen Rekonvaleszenten anderen,
von ihrer Sucht loszukommen, und es werden Psychologen eingesetzt. Einige Therapiezentren in Süditalien
werden von der Kirche unterhalten.

Seite 2

Der Leiter des Nationalen Instituts für Drogenmißbrauch (National Institute on Drug Abuse - NIDA),
Charles Schuster, erklärte den Konferenzteilnehmern,
die Effektivität der Behandlung Drogenabhängiger lasse
sich in zahlreichen Studien bis in die siebziger Jahre
zurückverfolgen. Ihm zufolge kamen die Untersuchungen zu dem Ergebnis, daß über 90 Prozent derjenigen, die eine Behandlung abschließen, danach
drogenfrei blieben. Eine Verbesserung wurde auch bei
denjenigen erkannt, die ihre Behandlung nicht abschlössen, aber lange Zeit an Programmen teilnahmen.
Regierungsvertreter erklärten, die Bundesausgaben
für Therapiezentren hätten sich nahezu verdoppelt
und seien von 870 Millionen Dollar im Haushaltsjahr
1989 auf über 1,6 Milliarden Dollar im Haushaltsjahr
1992 gestiegen.
Der Präsident der Therapiezentren in Amerika, Daniel
Heit, erläuterte, die Abbruchrate sei in den ersten
Behandlungsmonaten immer am größten, aber sogar
dieser Trend kehre sich um. Er erklärte, das von ihm
geleitete Zentrum zur Behandlung von Jugendlichen in
Pennsylvania und Virginia habe seine Durchhaltequote in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht.
Deitch zufolge sind sich sogar diejenigen, die eine
Therapie frühzeitig abbrechen, der Option bewußt,
daß sie etwas zur Überwindung ihrer Abhängigkeit tun
können und sind beim weiteren Drogenkonsum zurückhaltender. Experten schätzen, daß es in den
Vereinigten Staaten immer noch über 5,7 Millionen
Drogenabhängige gibt.
"Obwohl wir immer noch einen bedauerlicherweise
großen Kern von chronischen Drogenkonsumenten
haben, die einer Behandlung bedürfen, beobachten
wir eine Verlangsamung der Ausbreitung des Drogenmißbrauchs gegenüber den späten siebziger und frühen achtziger Jahren," erklärte Deitch. "Das ist ein
wichtiger Punkt. Die Behandlung funktioniert, und das
hat sich auf diesem Wege gezeigt."
Der Präsident des Rats für Alkohol- und Drogenpolitik
in Kalifornien, Andrew Mecca, erklärte, einer der wichtigsten Faktoren hinter dem Erfolg der Therapiezentren sei ihre Fähigkeit, das Selbstwertgefühl des einzelnen wieder zu wecken.
"Das Selbstwertgefühl wird in einem Umfeld gestärkt,
dem sich jemand zugehörig fühlt, das ihm ein Gefühl
von Bedeutung verleiht, ihn für seine Leistungen belohnt und seine Kompetenz anerkennt," erklärte Mecca.
"Geheilte Drogenabhängige sind tatsächlich mit dem
klassischen Helden zu vergleichen, derfortging, um zu
erobern und mit neuen Einsichten und Weisheiten
zurückkehrte, die er an andere weitergab, damit sie

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�nicht dasselbe durchmachen mu ßten," fuhr er fort. "Je
mehr wir meiner Ansicht nach in den Grundsatz der
Therapiezentren investieren, daß gewöhnliche Menschen gemeinsam ungewöhnliche Dinge tun können...
ist dies wirklich der beste Hoffnungsschimmer, den wir
an die nächste Generation weitergeben können."
Der Leiter der Abteilung Therapieverbesserung im
Büro für Alkohol, Drogenmißbrauch und psychisch
Kranke, Dr. Benny Primm, berichtete, daß eine steigende Zahl von Therapiezentren vielen Drogenabhängigen entweder eine psychiatrische Betreuung anbieten oder die Notwendigkeit dafür erkennen. Ihm
zufolge belegen Untersuchungen, daß bei der Hälfte
der Personen mit einem Abhängigkeitsproblem eine
psychische Krankheit diagnostiziert wurde und 28
Prozent von ihnen an Depressionen leiden oder manisch-depressiv sind.
Primm erläuterte ferner Forschungsergebnisse, denen zufolge der Konsum illegaler Drogen bei vielen
dieser Menschen eine Selbstbehandlung ist, weil sie
mit ihrem Alltag nicht zurechtkommen, die oftmals von
Armut und Hoffnungslosigkeit geprägt ist.
"Diese Menschen haben vielfach keinen Zugang zu
guter psychologischer Beratung und stolpern infolgedessen über ein Mittel, das Ihren Schmerz lindert,"
erklärte Primm. "Wenn wir die Notwendigkeit des
Einsatzes von Psychiatern bereits in einem frühen
Behandlungsstadium erkennen, können wir möglicherweise das Bild der Abhängigkeit in der Gesellschaft
verändern."
Der Stellvertretende Direktor für Nachfragereduzierung im Büro für nationale Drogenkontrollpolitik, Dr.
Herbert Kleber, erklärte, der Gelegenheitskonsument
von Drogen sei der Schlüssel zum Drogenproblem.
"Der Konsument harter Drogen ist nicht das klassische
Beispiel," konstatiert Kleber. "Niemand möchte der
stolpernde Betrunkene, der psychotische Kokainkonsument oder ausgebrannte Heroinabhängige sein. Als
Beispiel dient derjenige, der Drogen konsumieren und
sich in einen Rausch versetzen kann, dabei aber
seinen Arbeitsplatz, seine Familie, Gesundheit und
sein Eigentum behält."

Kleber zufolge kann diesem Irrtum nur abgeholfen
werden, indem Experten die Gefahren des Drogenmißbrauchs in wissenschaftlichen Forschungen aufzeigen, Pädagogen die Informationen und - noch wichtiger - das Beispiel der "unglücklichen prominenten
Vorbilder" vermitteln, deren Leben durch den Drogenkonsum beeinträchtigt worden ist. Kleber erläuterte,
die Berichterstattung über den plötzlichen Tod des
Basketballstars der Maryland University, Len Bias,
infolge einer Überdosis Kokain im Jahr 1986 sei ein Katalysator für Bestrebungen zur Aufklärung der Öffentlichkeit gewesen.
Kleber erklärte ferner, ein weiterer Irrtum bestehe in
der Annahme, die meisten Drogenabhängigen seien
arm und arbeitslos. Ihm zufolge stehen 68 Prozent in
einem Beschäftigungsverhältnis und über 70 Prozent
gehören Mehrheitsgruppen - nicht etwa Minderheiten
-an.
"Obwohl die sozial und wirtschaftlich Benachteiligten
unter den Abhängigen überrepräsentiert sind, stellen
sie nicht die Mehrheit der Abhängigen", erklärte Kleber.
Redner bei der Konferenz berichteten, jüngsten Untersuchungen zufolge sei einer von fünf Arbeitnehmern
zwischen 18 und 25 Jahren in den Vereinigten Staaten
abhängig. Der US-Handelskammer zufolge kostet
Drogenabhängigkeit die Arbeitgeber jährlich über 60
Milliarden Dollar, Alkoholabhängigkeit noch mehr.
Eine 1988 von Gallup durchgeführte Untersuchung
erbrachte, daß 28 Prozent der größten US-Unternehmen jetzt Drogentests durchführen, um den Mißbrauch
einzuschränken und Arbeitsunfälle zu verringern. Zwei
Drittel dieser Unternehmen bieten ihren Arbeitnehmern Therapien an. NIDA hat in diesem Jahr ein
Programm ins Leben gerufen, damit kleinere Firmen
ebenso wie viele Großunternehmen drogenfreie Arbeitsplätze schaffen können.
"Wir versuchen, einen drogenfreien Arbeitsplatz zu
schaffen, an dem Unternehmen die Politik bestimmen,
Mitarbeiter und Vorgesetzte informieren und angemessene Drogentests durchführen", erklärte Kleber.
"Für den Gelegenheitskonsumenten ist die Botschaft
klar - wenn Du abhängig bist, werden wir Dir helfen,
wenn Du weiterhin Drogen konsumierst, gehörst Du

nicht mehr an diesen Arbeitsplatz."
*

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�KUNST
16. Oktober 1991

CIRCA 1492: ART IN THE AGE OF EXPLORATION
*

Ausstellung in der National Gallery of Art In Washington

WASHINGTON - (AD) - Dem Kustos der National
Gallery, J. Carter Brown, zufolge ist die Welt das
Thema der Ausstellung Circa 1492: Art in the Age of
Exploration, die vom 12. Oktober 1991 bis zum 12.
Januar 1992 in der National Gallery of Art in Washington gezeigt wird.
Die Ausstellung ist Teil der Feierlichkeiten zum 500.
Jahrestag der Entdeckungen von Christoph Kolumbus. Brown erklärte gegenüber Mitarbeitern des USInformationsamts am 30. September 1991 in Washington: "Mit dem 500. Jahrestag der Reise von
Christoph Kolumbus bietet sich uns eine einzigartige
Gelegenheit, über einen Meilenstein in der Geschichte
der Menschheit nachzudenken, der ungeachtet seiner
Interpretation als Scheideweg in der Weltgeschichte
angesehen werden muß.
Brown erläuterte femer die Zielsetzung von Circa
1492, aus dem beständigen Blickwinkel von Kunst und
kulturellen Errungenschaften das von uns etwas vage
als "Zeitalter der Entdeckungen" bezeichnete Jahrhundert zu beurteilen, seine Bedeutung in der Vergangenheit und auch für die Gegenwart im Hinblick auf das
herannahende Jahr 2000.
"Unser Glaube an die Zeitlosigkeit und Bedeutung
dieses Themas hat sein Gegenstück in der Gro ßzügigkeit und enthusiastischen Unterstützung gefunden, die
wir von unseren Kollegen sowie von Regierungen und
Leihgebern aus der ganzen Welt erfahren haben,"
erklärte Brown.
Die Ausstellung ist Brown zufolge die umfangreichste
in der 50jährigen Geschichte der National Gallery. Sie
umfaßt etwa 600 Exponate, von denen einige zum
ersten Mal in den Vereinigten Staaten gezeigt werden.
Brown verwies ferner darauf, daß die Ausstellung nur
in der National Gallery zu sehen sein wird. "Es ist sehr
schwierig, 600 Exponate zu transportieren, und wir
sind allen Ländern, die sich an der Ausstellung beteiligen, außerordentlich dankbar."
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Brown zufolge stellen die Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und dekorativen Objekte, Landkarten und
wissenschaftlichen Instrumente der Circa 1492 die
künstlerischen Leistungen der wichtigsten Zivilisationen in Europa, Afrika, Asien und Amerika dar.
Folgende Länder stellten der National Gallery Leihgaben zur Verfügung: Belgien, Chile, China, Costa Rica,
Dänemark, Deutschland, Dominikanische Republik,
Frankreich, Großbritannien, Hongkong, Indien, Irland,
Israel, Italien, Japan, Kanada, Kolumbien, Korea Mexiko,
die Niederlande, Nigeria, Österreich, Peru, Polen,
Portugal, Puerto Rico, Saudi-Arabien, Spanien, Schweden, Schweiz, Taiwan, Türkei und die Vereinigten
Staaten.
Leonardo da Vincis Bildnis "Dame mit Hermelin" aus
dem Czartoryski-Museum in Krakau und seine "Studien zu den Proportionen des menschlichen Körpers
nach Vitruv" aus der Galleria dell'Accademia in Venedig sind Brown zufolge erstmals in den Vereinigten
Staaten zu sehen.
Brown erläuterte, das Bildnis "Dame mit Hermelin" sei
eines der drei erhaltenen weiblichen Porträts, die
Leonardo mit ziemlicher Sicherheit zugeschrieben
werden. Die anderen sind die Mona Lisaim Louvre und
das Bildnis der Ginevra de'Benci, das mit Mitteln des
Ailsa Mellon Bruce Fonds 1967 von der National
Gallery of Art erworben wurde.
Brown verwies darauf, daß die Ausstellung nach drei
Hauptthemen gegliedert ist: "Europe and the Mediterranean World", "Toward Cathay", and "The Americas".
"Europe and the Mediterranean World" bietet einen
Überblick über die Erkenntnisse und Spekulationen im
mittelalterlichen Europa über den Osten und erforscht
die wichtigsten politischen Mächte im Mittelmeerraum
zu Kolumbus' Zeiten - Portugal, Spanien, die Königreiche im westlichen Afrika, die Stadtstaaten Italiens und
die islamischen Imperien - sowie die wesentlichen
intellektuellen und geistlichen Strömungen jener Zeit.

Seite 1

�Die Ausstellung umfaßt eine Auswahl der schönsten
erhaltenen wissenschaftlichen Instrumente aus dem
15. Jahrhundert sowie Landkarten über sich aufgrund
der Forschungsreisen wandelnde Darstellungen der
Welt.
Dieser Bereich befaßt sich mit den Entwicklungen
während der Renaissance bei der Wiedergabe der
Perspektive und der Darstellung des menschlichen
Körpers. Sie schließt mit Werken von Leonardo da
Vinci und Albrecht Dürer ab, den typischsten Vertretern von Kunst und Wissenschaft der Renaissance,
deren weitreichende Interessen die gesamte Bandbreite des Strebens nach Wissen jener Zeit verkörpern, erläuterte Brown.
Der Bereich "Toward Cathay" bietet eine Übersicht
über die Zivilisationen Ostasiens im späten 15. Jahrhundert. In der Welt des Jahres 1492 zählten die
Kulturen des Fernen Ostens zu den ältesten, wohlhabendsten und technologisch am weitesten entwickelten der Welt.
"Toward Cathay" umfaßt Gemälde, Skulpturen, Kalligraphien und dekorative Kunstwerke aus Japan, Korea, China und Indien. Von besonderem Interesse ist
Brown zufolge der neue Stil monochromer Gemälde,
der in China, Korea und Japan in dieser Periode gängig
war.
Das abschließende Element der Ausstellung, 'The
Americas" bietet einen Überblick über die Zivilisationen auf dem nord- und südamerikanischen Kontinent
vor der Ankunft der Europäer.
*

Seite 2

*

Insgesamt liegt die Betonung auf der Rolle, die Kunstwerke in unserem Verständnis der Kulturen gespielt
haben, die sie hervorbrachten, erklärte Brown. Die
Azteken werden als Schöpfer eines komplexen kosmologischen Systems dargestellt, das sich auf alle
Aspekte ihres Lebens erstreckte und sich in den ausgestellten Exponaten widerspiegelt, so Brown. Diese
reichen von monumentalen Skulpturen bis zu wertvollen Handschriftenrollen, die Aufzeichnungen über religiöse Erkenntnisse enthielten.
'The Americas" zeigt femer Exponate geometrischer
Stoffmuster der Inkas, beeindruckende Skulpturen der
Woodlands-Indianer aus Nordamerika sowie brillianten, von den Tupinamba in Brasilien gefertigten farbigen Federschmuck. Dieser Bereich schließt mit einer
umfangreichen Auswahl von mit großer Kunstfertigkeit
hergestellten Goldobjekten aus Kolumbien und Costa
Rica.
Die Ausstellung erstreckt sich auf rund 2.700 m2 im
Ostflügel der National Gallery of Art. Die 30 Ausstellungsräume wurde speziell konzipiert, um die in der
Ausstellung gezeigten Kulturen besonders hervorzuheben und sie durch Graphiken und Texte zu ergänzen.
Brown zufolge wurde von der National Geographie
Society eine Sonderreihe von Karten für die Ausstellung und den 672 Seiten umfassenden Ausstellungskatalog entworfen. Der Katalog wird von der Yale
University Press in Zusammenarbeit mit der National
Gallery of Art herausgegeben.

* *

'

AMERIKA DIENST 41

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Neuer Oberster Richter&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Senat bestätigt Thomas mit 52 zu 48 Stimmen als Obersten Richter &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung über die Vorwürfe sexueller Belästigung ergebnislos&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Die sowjetische Militärmacht&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Streitkräfte im Umbruch: 1991 &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vorwort des Verteidigungsministers zum Pentagon-Bericht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. US-Streitkräfte&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;"Vornepräsenz" als Kernstück der US-Streitkräftestruktur&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von General Powell vor der Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Drogenmissbrauch und der Einfluss von Therapiezentren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die Behandlung verschiedener Bevölkerungsgruppen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Kunst&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Circa 1492: Art in the Age of Exploration&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ausstellung in der National Gallery of Art in Washington&lt;/em&gt;</text>
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42

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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

23. Oktober 1991

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n 7HEUE

WELTORDNUNG

NEUE WELTORDNUNG ERFORDERT
NEUES PROGRAMM
Rede von Staatssekretär Bartholomew

¥
RÜSTUNGSKONTROLLE

USA DRANGEN AUF WELTWEITES
ENGAGEMENT BEI RÜSTUNGSKONTROLLE
Rede von ACDA-Direktor Lehman
vor UNO-Ausschuß

IWF/WELTBANK

BRADY FORDERT REFORM
VON IWF UND WELTBANK
Rede des Finanzministers vor IWF
und Weltbank

PORTRAT

BUSH NOMINIERT VERWALTUNGSJURISTEN
FÜR DAS AMT DES JUSTIZMINISTERS
Porträt von William Barr

DAS MEINUNGSBILD
IN AMERIKA

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung,
Entwicklungshilfe, Wirtschaft

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NEUE

WELTORDNUNG
23. Oktober 1991

NEUE WELTORDNUNG ERFORDERT
NEUES PROGRAMM
Rede von Staatssekretär Bartholomew
WASHINGTON - (AD) - Der für internationale Sicherheitsfragen zuständige Staatssekretär im US-Außenministerium, Reginald Bartholomew, hat am 17. Oktober 1991 bei einer Konferenz der Georgetown University mit
dem Titel "Die Vereinigten Staaten, Europa und die Strukturen einer neuen Weltordnung" folgende Rede
gehalten (es gilt das gesprochene Wort):

Ich möchte einige Überlegungen zu dem meiner Meinung nach zentralen Thema dieser Konferenz anstellen: Wie sollte das Programm der transatlantischen
Staatengemeinschaft in der neuen Weltordnung aussehen, die sich uns heute eröffnet?
Der Zusammenbruch des Kommunismus', die dramatischen gegenwärtigen Veränderungen im Gefüge der
Sowjetunion, die Wiedergewinnung der Souveränität
durch die Staaten Mittel- und Osteuropas, die beschleunigte Entwicklung zur europäischen Einheit diese Ereignisse, die sich gerade in den vergangenen
beiden Jahren vollzogen haben, haben das bisherige
Programm, die alte Ordnung, schlicht ausgelöscht.
Der einst alles dominierende Imperativ der Eindämmung des ständigen sowjetischen militärischen und
politischen Drucks im Herzen Europas wird unser
Programm nicht länger beherrschen.
Die Weltordnung, die über mehr als 45 Jahre hinweg
von der Konfrontation zwischen zwei ideologisch
gegensätzlichen Systemen und Supermächten definiert wurde, ist nun auf Dauer überwunden.
Nichts könnte dies deutlicher unterstreichen als der
außergewöhnliche Meinungsaustausch zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, der durch
Präsident Bushs Initiative ausgelöst wurde und an dem
ich in Washington und Moskau unmittelbar teilnehmen
durfte.
Das neue Programm und die neue Ordnung
Welche Aufgaben sind heute von der transatlantischen Staatengemeinschaft zu bewältigen? Welches
sollten unsere internationalen Prioritäten sein? Was
für eine neue Weltordnung sollten wir anstreben?
AMERIKA DIENST 42

Dies waren Fragen, mit denen die Staats- und Regierungschefs des atlantischen Bündnisses bei ihrem
Londoner Gipfel im Juli 1990 konfrontiert waren und
mit denen sie sich bei ihrem im nächsten Monat in Rom
anstehenden Gipfel erneut auseinandersetzen müssen.
Wir können die Antwort auf diese Fragen folgendermaßen umreißen: Mit dem Verschwinden der unmittelbaren Bedrohung und der bipolaren Welt müssen wir
unsere Energien nun auf die harte und komplizierte
Arbeit des Auf baus der soliden Fundamente dauerhafter Sicherheit und der positiven Weltordnung konzentrieren, in der wir leben möchten.
Zunächst müssen wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um zur Entwicklung demokratischer
politischer Systeme und freier Volkswirtschaften mit
stabilen Beziehungen untereinander beizutragen. Dies
gilt für die ganze Welt, aber in besonderer Weise für
den menschlich und strategisch so bedeutenden Raum,
der sich östlich der Oder erstreckt.
Dies ist der einzige Weg, mit dem wir sicherstellen
können, daß der gegenwärtige radikale Umbruch unsere
beiderseitige Sicherheit und unseren Wohlstand konsolidiert anstatt neue Bedrohungen hervorzubringen.
Mit anderen Worten: Dies muß von dieser Generation
an das beherrschende und leitende Element unseres
Programms sein.
Jedoch können wir uns auf dieses große politische
Unterfangen nur dann konzentrieren, wenn wir weiterhin die militärische Macht und Organisation aufrechterhalten, die uns Vertrauen in unsere eigene Sicherheit verleihen.

Seite 1

�Das Vertrauen, daß niemand attraktive oder auch nur
mögliche militärische Optionen gegen uns und unsere
Interessen erkennen kann - aus welchem Bereich
auch immer.
Das Vertrauen, daß wir auf jegliche Gewaltanwendung
erfolgreich reagieren können und weiden.
Das Vertrauen, daß die Organisation unserer Verteidigung weiterhin kollektiv und nicht in Konkurrenz zu
einander erfolgen wird.
Wie Außenminister Baker festgestellt hat, ist unser
Ziel der Aufbau einer echten euro-atlantischen Gemeinschaft - von Vancouver bis Wladiwostok -, die auf
gemeinsamen Werten, Demokratie, Menschenrechten sowie freien und offenen Märkten beruht.
Die Säulen dieser Gemeinschaft werden von drei
lebenswichtigen Institutionen gebildet: NATO, EG und
KSZE.
Jede dieser Institutionen unterliegt Veränderungen:
der Annahme neuer und der Neudefinierung alter
Rollen.
Jede leistet ihren einzigartigen Beitrag zur größeren
Gemeinschaft. Ohne diese Institutionen könnte die
neue euro-atlantische Gemeinschaft nicht aufgebaut
werden.
Es gibt keinen festen Plan dafür, wie sich diese Organisationen in die neue Gemeinschaft, die wir heute
aufbauen, einfügen werden. Es wird zu Überlagerungen, zu Verwirrung und sogar zu Spannungen kommen.
Wenn wir jedoch an unseren gemeinsamen Werten,
unseren gemeinsamen Zielen und unserem Engagement zum Aufbau einer besseren Welt festhalten, ist
unser Erfolg gesichert.
Die atlantischen Beziehungen
Das atlantische Bündnis war aus vielen Gründen erfolgreich. Ein wesentlicher Grund für unseren Erfolg
war der zwischen uns bestehende grundsätzliche
Einklang von Idealen und Zielen. Die Partnerschaft
hätte niemals aufrechterhalten werden oder gedeihen
können, wenn sie nicht mehr gewesen wäre als lediglich ein militärisches Bündnis.
Seinem wahren Charakter nach ist das atlantische
Bündnis seit jeher ebenso ein philosophisches, kulturelles und soziales Bindeglied wie ein formelles militärisches Bündnis. Unser gemeinsames Engagement selbst in seinen militärischen Bereichen und Formen ging stets über die rituellen Zusagen militärischer
Unterstützung hinaus, wie sie die Bündnisse der Vergangenheit kennzeichneten.
Insbesondere im Atomzeitalter, in dem Verteidigung
das Überleben einer Zivilisation sichert, ist die transat-

Seite 2

lantische Verbindung so tiefgreifend, daß sie die Grundlagen unserer inneren wie auch unserer internationalen Identität beeinflußt.
Aber heute gilt die alte Ordnung nicht mehr. Am
Horizont deutet sich eine neue Ordnung an. Trotz
unserer Stärken ist ein automatischer Erfolg unserer
Vision der Zukunft nicht gesichert. Die uns konfrontierenden Herausforderungen sind sogar noch komplizierter als diejenigen, die wir gerade erst bewältigt
haben. Die Einheit wird besonders dann in Frage
gestellt, wenn das Gefühl für die äußere Bedrohung
abgenommen hat.
Ich möchte deshalb eine ganz wichtige Botschaft
unterstreichen: Eine neue und bessere Ordnung kann
nicht erreicht werden, wenn die beiden großen Quellen
demokratischer Stärke - Europa und Nordamerika nicht weiterhin in einer transatlantischen Gemeinschaft
mit einem gemeinsamen Programm vereint bleiben.
Wir wissen bereits, wie schwierig es sein wird, Demokratie und Stabilität in Mittel- und Osteuropa zu festigen und ihre Entwicklunmg in der Sowjetunion zu
fördern.
Nur durch engste Kooperation können wir letztlich den
Erfolg unserer gemeinsamen Sache gewährleisten.
Es gibt hier Arbeit für alle Europäer und transatlantischen Institutionen, und die NATO hat sich der Aufgabe mehr als gewachsen gezeigt.
Ihr ideenreiches Programm mit ihren früheren Gegnern - den ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten - ist
ein überwältigender Erfolg. Diese Länder sind dafür
sehr empfänglich, - sie haben den Kontakt gesucht und die NATO hat sich dies zunutze gemacht, um
westliche Ideen von Demokratie und Sicherheit dort
verankern zu helfen, wo sie am dringendsten benötigt
werden.
Dies ist eine der bemerkenswertesten Entwicklungen
- die Tatsache, daß sich alle Länder im Osten angesichts ihrer veränderten Regierungen nicht nach innen, sondern nach außen zum Westen - einschließlich
der NATO - wenden.
Tatsächlich betrachten die Länder Mittel- und Osteuropas sowie die Sowjetunion die NATO als wichtiges
Element der Sicherheit und Stabilität auf dem Kontinent, an dem sie teilhaben wollen.
Die zugrundeliegenden Stärken der transatlantischen
Partnerschaft und die vor uns liegende große politische Aufgabe sollten die Sorgen derjenigen zerstreuen, die angesichts einer Reduzierung der militärischen
Bedrohung fürchten, die NATO habe keine Existenzberechtigung mehr. Aber im militärischen Bereich ist
die durch unser Bündnis ermöglichte integrierte Struktur eine besondere Garantie für Stabilität und Frieden.

�Bei der jetzt in Europa entstehenden verworrenen
Situation kann die NATO die Sicherheit und das Vertrauen einer demokratisch verwurzelten, integrierten
militärischen Macht und Struktur bieten, die die von mir
bereits dargelegte Rolle übernehmen kann.
Die NATO kann die Energien Westeuropas und Nordamerikas bündeln, um eine Militär- und Sicherheitsstruktur zu entwerfen, die sich an bestimmten Werten
orientiert.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Bündnis zwei
Gipfel mit Meilensteincharakter abgehalten, und nächsten Monat wird ein dritter Gipfel stattfinden, auf dem
es sich und die neue Welt, mit der es sich konfrontiert
sieht, neu gestalten wird.
Bei ihrem Gipfel 1989 in Brüssel hat die NATO die
Initiative ergriffen und die ungeheure Konzentration
konventioneller Streitkräfte in Europa abgebaut. Ferner hat sie ein politisches Programm vorgestellt, um
die Teilung des Kontinents zu beenden.
Bei ihrem Londoner Gipfel 1990 hat die NATO eine
Reihe umfangreicher Initiativen in die Wege geleitet,
um auf die gegenwärtig stattfindenden demokratischen Revolutionen im Osten zu reagieren und sie
gestalten zu helfen. Deshalb hat die NATO einen
Prozeß zur eigenen Umgestaltung eingeleitet:
das von mir bereits erwähnte Programm der
NATO mit der Sowjetunion und Osteuropa,
eine Reihe von Initiativen zur Stärkung der
KSZE,
die Aufnahme der Arbeit zur Neugestaltung der
militärischen Organisation und Kommandostruktur der NATO und
die Einleitung der grundlegenden Überprüfung
der NATO-Strategie und Doktrin.

Unsere eigenen Interessen und die Art und Weise ihrer
Verflechtung mit der Weltwirtschaft und der Technologiewirtschaft zeigen uns, daß wir uns nicht grundsätzlich oder radikal nach innen kehren dürfen.
Wir sind uns - ebenso wie auch andere - bewußt, daß
die Rolle und der Beitrag der Vereinigten Staaten
weder in Europa oder der Welt vollständig verwirklicht
noch hier politisch gerechtfertigt werden können, wenn
die Vereinigten Staaten "im Abseits stehen" oder
unerreichbar sind. Und das meine ich nicht nur im
politischen sondern auch im militärischen Sinne.
Das soll nicht heißen, daß die amerikanische Rolle in
Europa und der Welt unveränderlich ist oder daß sie
sich nicht an die jetzt von uns zu schaffende ganz
andere Ordnung anpassen sollte.
Natürlich wird die amerikanische Militärpräsenz in Europa
viel geringer sein obwohl unsere konventionellen Streitkräfte ein wichtiger Faktor im neuen Gleichgewicht
bleiben und unsere nuklearen Streitkräfte nach wie vor
die Basis für westliche Sicherheit darstellen werden.
Darüber hinaus sind wir bereit, auch unsere politische
Rolle zu verändern.
Die meiste Zeit in der Ära nach dem kalten Krieg haben
die Vereinigten Staaten eine führende Rolle im Atlantischen Bündnis gespielt - und einen entscheidenden
Anteil am politischen Willen, der erforderlichen Energie und den militärischen Ressourcen aufgebracht.
Dies wurde nicht willkürlich von Amerikanern oder
Europäern geleistet. Es war eine Reaktion auf die
massive und unmittelbare sowjetische Bedrohung,
eine Reflektion des relativen Gleichgewichts zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa im Hinblick auf
den Willen und die Fähigkeit zu handeln und ein
Produkt der einzigartigen Rolle Amerikas als nuklearem Garant.

Im nächsten Monat wird ein Gro ßteil dieser Arbeit beim
Gipfeltreffen in Rom vollendet und neue Aufgaben
verteilt werden. Die im laufenden Monat herausgegebene Gemeinsame Erklärung der Außenminister Baker
und Genscher bietet verschiedene Ideen über den
einzuschlagenden Weg an.

Aber das heutige Programm und die von uns angestrebte neue Ordnung zusammen mit neuen Impulsen
für die europäische Identität bereiten den Weg für eine
größere europäische Rolle bei den uns alle angehenden Entscheidungen für Sicherheit und Verteidigung.

Eins möchte ich dazu nachdrücklich feststellen: die
Vereinigten Staaten werden ein voll und ganz engagiertes Mitglied der transatlantischen Gemeinschaft
und des Atlantischen Bündnisses bleiben. Sie werden
femer eine europäische Macht und eine Weltmacht
bleiben.

Meiner Ansicht nach ist die Hinwendung zu einer
europäischen Union ebenso grundlegend wichtig ganz bestimmt für viele Europäer in Ost und West - wie
die turbulenten Veränderungen in den Ost-West-Beziehungen.

Meiner Ansicht nach weiß das amerikanische Volk,
daß wir nicht einfach nach Hause gehen können, weil
weder wir noch die Welt so sind wie vor fünfzig Jahren.

Seit 1945 haben Politiker zu beiden Seiten des Atlantiks geglaubt, die europäische Identität lasse sich am
besten durch Konzentration auf praktische Aufgaben
wiederherstellen.

AMERIKA DIENST 42

Europas neue Identität und Einheit

Seite 3

�Wenn ein Amerikaner das sagen darf: dieser Prozeß
hat hervorragend funktioniert. In jeder Phase ihrer
institutionellen Entwicklung hat die Europäische
Gemeinschaft die Entwicklung der europäischen Identität ein Stück vorangebracht.
Mit der Verwirklichnug des Gemeinsamen Markts 1993
und Fortschritten im Hinblick auf eine Wirtschafts- und
Währungsunion wird die nächste Aufgabe darin bestehen, die Institutionen des gemeinsamen politischen
Willens zu stärken. Dies wird wahrscheinlich die
schwierigste Aufgabe sein.
Europas Vision über seine Rolle im 21. Jahrhundert
muß noch vervollständigt werden. Sogar die Definition
des gegenwärtigen Europas muß noch erarbeitet
werden. Soll es weiterhin nur in den geographischen
Grenzen der europäischen Halbinsel bestehen? Oder
sprechen wir lediglich von einer geringfügig erweiterten EG? Oder möchte Europa seine Führungsrolle in
der euro-atlantischen Gemeinschaft erweitern, wie sie
Außenminister Baker beschrieben hat?
Dies sind grundlegende Fragen, auf die ich keine
spezifische Antwort geben kann und sollte. Ich bin mir
jedoch einer Sache gewiß. Europa kann nicht gedeihen, wenn es seinen Blickwinkel auf den eigenen
Kontinent begrenzt: Wenn die Amerikaner nicht nach
Hause zurückkehren können, kann es auch Europa
nicht. Es scheint ebenso sicher, daß Europa nicht auf
das Territorium der jetzigen EG begrenzt werden darf.
Das Engagement der EG für die Staaten Mittel- und
Osteuropas - und darüber hinaus - kann den wichtigsten Kontakt dieser Staaten zu westlichen Werten und
Institutionen bieten.
Diese täglichen Kontakte mit den aufstrebenden
Demokratien können vielleicht mehr dazu beitragen
diese Länder in demokratische, wohlhabende und
stabile Gesellschaften umzugestalten als alle anderen
politischen, wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen
Verbindungen, die der Westen zu bieten hat.
Ich möchte einen Punkt eindeutig klarstellen. Die
Vereinigten Staaten verstehen, wie schwierig es war,
den Prozeß der europäischen Identität voranzubringen. Wir stimmen überein, daß die Entwicklung weiterer Intitutionen, die aus einem zur Teilung der Souveränität bereiten Kern von Staaten entsteht, das beste
Erfolgsrezept ist. Ohne die heutigen Schlagzeilen
oder irgendwelche anderen spezifischen Vorschläge
ansprechen zu wollen, unterstützen wir den Wunsch
dieser Kernstaaten uneingeschränkt, jetzt die Definition einer gemeinsamen Politik in den Bereichen Sicherheit und Verteidigung in Angriff zu nehmen.
Wir alle können von der neuen Stärke und Energie
profitieren, die hoffentlich die Folge sein werden.
Wir hoffen auf Fortschritte bei der Entwicklung einer
europäischen Sicherheitsidentität beim EG-Gipfeltref-

Seite 4

fen im Dezember in Maastricht. Zusammen mit dem
NATO-Gipfeltreffen sehen wir dies als Teil eines großen historischen Prozesses.
Natürlich - und ich sage natürlich, weil dies meines
Erachtens im großen und ganzen auf beiden Seiten
des Atlantiks verstanden wird - kann eine eindeutige
europäische Identität einschließlich der politischen
und organisatorischen Strukturen einer solchen Identität nur erfolgreich aufgebaut werden, wenn sie von
der Welt ausgent, wie sie sich seit 1945 entwickelt hat.
Es ist eine Welt, in der der Begriff "europäische Kultur"
in Nordamerika so aktiv verstanden wird wie in Europa.
Es ist eine Welt, in der die Berechnungen der wirtschaftlichen und militärischen Sicherheit nicht länger
in getrennten europäischen und amerikanischen Kategorien definiert werden können. Es ist die Welt einer
transatlantischen Gemeinschaft, die in den vergangenen 45 Jahren aufgebaut wurde.
Ich möchte hier auf die tiefgreifenden Auswirkungen
verweisen, die die Uruguay-Runde auf die zukünftigen
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
Europa haben kann.
Der Erfolg der Uruguay-Runde wird an sich schon die
beste Garantie dafür sein, daß die Vereinigten Staaten
und Europa sich weiterhin des erforderlichen Wohlstands zur Verwirklichung unserer umfassenderen
politischen Ziele erfreuen.
Dies wird in den Vereinigten Staaten jedoch nicht nur
als reine Handelsangelegenheit angesehen. Es wird
uns etwas wichtiges über die Offenheit Europas gegenüber der Welt vermitteln und darüber, wie die
europäischen Mechanismen der Einigung funktionieren - heute im Bereich der Wirtschaft und morgen bei
Außen- und Sicherheitspoltitk.
Der vor uns liegende Weg und die umfassenderen
europäischen Strukturen
Während wir mit Befriedigung auf die tiefgreifenden
positiven Veränderungen der vergangenen zwei Jahre
zurückblicken, führt der vor uns liegende Weg bereits
zu jahrhundertealten wiederaufflammenden Rivalitäten - am dramatischsten in Jugoslawien aber auch in
anderen Regionen. Nationale und religiöse Volksgruppen, deren Wünsche seit Generationen unterdrückt
wurden, finden es schwer verständlich, warum sie
nicht die Früchte der Selbstbestimmung genießen
können, die der Westen so lautstark für sich in Anspruch nimmt.
Selbst während militärisches Gerät drastisch reduziert
wird, macht sich im östlichen Teil Europas Verwirrung
über Ziel und Zweck der nationalen Verteidigung breit.
Begriffe wie "Sicherheitsvakuum" enthüllen die echte
Besorgnis über die Fähigkeit der neuen demokratischen Gesellschaften, sich gegen mögliche Feindseligkeiten von innen oder außen zu schützen.

AMERIKA DIENST 42

�Während meines jüngsten Besucchs in Moskau im
Anschluß an die Initiative des Präsidenten zu Nuklearwaffen wurde ich mit zahlreichen dieser Ängste konfrontiert. Bei einem Treffen fand ich mich in Gegenwart
der Vertreter aus vier Republiken, die alle Nuklearwaffen auf ihrem Territorium stationiert haben. Bei späteren Gesprächen stellten wir fest, da ß diese Republiken
ihre "Souveränität" ernst nehmen.
Daher wird der Prozeß der "europäischen Sicherheit"
in Zukunft eine noch tiefgreifendere politische Anstrengung bedeuten. Jede neue und bessere Weltordnung
muß zuallererst diese neuen Visionen der nationalen
Identität und Souveränität in eine Struktur integrieren,
die Diversifizerung gestattet und gleichzeitig die Mittel
zur Bewältigung von Spannungen bereitstellt.

Wir können jedoch die uns zur Verfügung stehenden
Instrumente nutzen, um die Dinge in die richtige Richtung zu lenken. Ich habe stets von der wichtigen Rolle
von NATO und EG gesprochen. Diese beiden Kernorganisationen werden von der KSZE umrahmt.
Die KSZE hat eine andere Funktion als NATO und EG.
Während die beiden erstgenannten Organisationen
von gemeinsamen Zielen und Interessen ausgehen,
besteht die Aufgabe der KSZE darin, eine solche
Harmonie zwischen Nationen herzustellen, die sich bis
vor kurzem noch im Konflikt befanden. Daher bieten
NATO und EG durch ihren bloßen Charakter Sicherheit, indem sie gemeinsame Ziele bündeln. Die KSZE
wiederum versucht, Sicherheit zu schaffen, indem sie
so viele Gemeinsamkeiten wie möglich hervorbringt.

Das wird nicht leicht sein. Die tragischen Ereignisse in
Jugoslawien sind ein dramatischer Beweis dafür. In
den vergangenen Jahren haben Experten an den
Verfahren für Krisenmanagement und Konfliktlösung
gearbeitet. Sie konzentrieren sich vornehmlich auf die
KSZE in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen.

Zu dem neuen Europa kann die KSZE durch zwei
Aspekte beitragen, die sonst nirgends geboten werden:

In den kommenden Jahren wird sich unser Engagement für den langfristigen Prozeß des Aufbaus demokratischer Institutionen wahrscheinlich wiederholt mit
solchem Wiederaufflackern von Konflikten konfrontiert
sehen. Traditionelle Konzepte wie Souveränität und
Selbstbestimmung werden im Licht der neuen Gegebenheiten geprüft und überprüft werden.

Und sie stellt die Spielregeln auf. Die Schlußakte legt
in der Tat eine Art von Straßenkarte für demokratische
Entwicklung in Europa fest. Wenn sich die Nationen an
diese Straßenkarte halten, sind die Erfolgsaussichten
enorm verbessert.

Die wichtigste Tatsache, die man sich vor Augen
führen muß, ist, daß es keine einfache Lösung gibt. Es
wird den westlichen Nationen nicht möglich sein, Freundschaften mit Menschen zu schließen, die ein tiefes
Gefühl des Konflikts untereinander empfinden. Wir
werden das perfekte System für Krisenmanagement
nicht erfinden.

Sie ist wirklich universal. Sie bietet den Rahmen für
Zusammenarbeit zwischen Nationen mit höchst unterschiedlichem Hintergrund und Zielen.

Ich möchte diese Ausführungen mit zwei Bemerkungen abschließen. Die Vereinigten Staaten sind der
Auffassung, daß in dieser ersten Phase des Aufbaus
einer Weltordnung nach dem kalten Krieg ein Mosaik
politischer, wirtschaftlicher und organisatorischer
Bestrebungen erforderlich sein wird, um den vor uns
liegenden Herausforderungen zu begegnen. Es gibt
keine allgemeingültige Antwort. Keine Institution kann
allein alle Bedürfnisse erfüllen.

* *

AMERIKA DIENST 42

*

Seite 5

�RÜSTUNGSKONTROLLE
23. Oktober 1991

USA DRÄNGEN AUF WELTWEITES
ENGAGEMENT BEI RÜSTUNGSKONTROLLE
Rede von ACDA-Direktor Lehman vor UNO-Ausschuß
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Dem Direktor des amerikanischen Rüstungskontroll- und Abrüstungsamts
(ACDA), Ronald Lehman, zufolge werden die Vereinigten Staaten sich weiterhin für die Verwirklichung der
Rüstungskontrolle engagieren, auch wenn die Verantwortung nicht ausschließlich bei ihnen liegt.
"Das künftige Rüstungskontrollprogramm erfordert, daß sich die Staaten in anderen Regionen der Welt insbesondere in Gebieten, in denen aufgrund von Unruhen und Konflikten Gewalt und Chaos drohen - in Wort
und Tat engagieren", erklärte Lehman am 15. Oktober 1991 in einer Rede beim Ersten Ausschuß der UNGeneralversammlung, dem Forum der Vereinten Nationen, in dem Themen wie internationale Sicherheit und
Rüstungskontrolle erörtert werden.
Lehman fügte hinzu, die internationale Staatengemeinschaft beginne zu verstehen, daß Sicherheitskonzepte,
"wenn sie wirklich Bedeutung haben sollen, weitreichender sein müssen und nicht nur die Anzahl der Waffen in
nationalen Arsenalen erfassen dürfen". Sie müssen "wirtschaftliches Wohlergehen, Lebensqualität, Menschenrechte und Freiheiten" einbeziehen, stellte Lehman in seinen Ausführungen fest, die eine Bilanz der derzeitigen
und zukünftigen Rüstungskontrollstrategie der Vereinigten Staaten zogen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von ACDA-Direktor Lehman im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, erneut vor
diesem erlauchten Gremium sprechen zu dürfen und
ihnen die Ansichten meiner Regierung zu den wichtigen Themen darzulegen, mit denen sich dieser Ausschuß konfrontiert sieht. Als Forum der Vereinten
Nationen zur Erörterung von Themen wie internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle ist der Erste
Ausschuß wesentlicher Bestandteil weltweiter Bestrebungen für dauerhaften Frieden und Stabilität. Wir
sind hier zusammengekommen, um Bilanz über die
Fortschritte dieser Arbeit zu ziehen und herauszufinden, wie wir die Sache des Friedens weiter voranbringen können.
In diesem Zusammenhang möchte ich die neuesten
Mitglieder der Vereinten Nationen begrüßen. In diesen
Pionierzeiten sind neue Impulse beim Aufzeigen des
zukünftigen Kurses von Rüstungskontrolle und Abrüstung außerordentlich wichtig. Im Namen der amerikanischen Regierung möchte ich Sie alle aufrichtig
willkommen heißen.
Vor dem Hintergrund eines sich radikal verändernden
internationalen Szenariums wurde vielfach die Frage
aufgeworfen, ob es eine dauerhafte Rolle für Rü-

AMERIKA DIENST 41

stungskontrolle und Abrüstung gibt. Mit der Unterzeichnung des Vertrags über die Verringerung strategischer Rüstungen (START) Anfang August und der
Abkehr der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen
von der Konfrontation des kalten Kriegs wurden in der
Tat Vermutungen laut, daß Rüstungskontrolle ihren
Zweck erfüllt habe und der Rüstungskontrollprozeß
beendet sei. Diese Prognosen waren absolut falsch.
Der Putschversuch in Moskau und die darauf folgenden dramatischen Veränderungen in der Sowjetunion,
die Ereignisse im Irak nach dem Golfkrieg sowie die
andauernde Gewalt in anderen Regionen der Welt
führen uns allen vor Augen, daß Rüstungskontrolle
das entscheidende Element von Außenpolitik und
internationaler Sicherheit bleiben muß.
Während wir das Umfeld der Rüstungskontrolle sondieren, müssen wir uns jedoch bewußt sein, daß wir
uns an einem Scheideweg befinden, an dem Schnittpunkt, an dem das Alte auf das Neue trifft. Herkömmliche Aspekte der Rüstungskontrollandschaft bleiben
bestehen, aber neue Elemente sind hinzugekommen.
Unsere vordringlichsten Rüstungskontrollaufgaben
konzentrieren sich immer weniger auf die traditionellen
Fragen des militärischen Gleichgewichts zwischen
Ost und West sondern vielmehr auf die Probleme von

Seite 1

�Instabilität und Gewalt, die nur wenig oder überhaupt
nicht ideologisch gefärbt sind, die an unerwarteten
Orten und in ungeahnter Weise aufbrechen und unser
aller Frieden und Wohlergehen bedrohen. Diese
Bedrohung wird noch durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersysteme
verschärft. Dies ist eine Gefahr, die aufkeimende
Bestrebungen zu Demokratie und Freiheit weltweit im
Keim zu ersticken droht, die als Symbol für das Ende
des kalten Kriegs standen.
An diesem Scheideweg befinden wir uns an einem
besonders guten Ausgangspunkt, um das Terrain der
Rüstungskontrolle zu sondieren. Gestatten Sie mir,
eine Bilanz der amerikanischen Sichtweise vorzunehmen, wo wir bei Rüstungskontrolle stehen und welchen Kurs wir in Zukunft einschlagen müssen.
Wenn wir das derzeitige Terrain sondieren und über
den Horizont blicken, müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß Entscheidungen der Vergangenheit
unseren heutigen Standort bestimmt haben, ebenso
wie die Entscheidungen an diesem Wendepunkt unseren Weg für die Zukunft definieren werden.
Während der Spannungen des kalten Kriegs wurde
das Fundament für unser aktuelles Programm gelegt.
Während jener Tage der Unsicherheit gewährten die
Vereinigten Staaten ihren Verbündeten Schutz und
verfochten die Sache der Freiheit weltweit. Zusammmen mit ihren Verbündeten beharrten die Vereinigten
Staaten darauf, daß der Schlüssel zu weltweiter Stabilität der Auf recherhaltung einer wachsamen Verteidigung in Kombination mit der Bereitschaft beruhte,
potentielle Gegner in einen Prozeß einzubeziehen, der
- wenn er unsere Differenzen nicht löste - einen stabilen Rahmen zu ihrer Bewältigung aushandelte. Rüstungskontrolle war eine entscheidende Komponente
dieses Rahmens. Die Vereinigten Staaten forderten
jedoch auch, daß sich die Verhandlungen auf solide
Konzepte und Prinzipien gründeten, die bedeutsame
Abkommen hervorbrachten, nicht rhetorische Gesten,
die nichts zur Festigung der Stabilität beitrugen. Die
Konzepte und Prinzipien - wirksame Verifizierung,
gerechte Ergebnisse sowie strikte Einhaltung der
Vertragsbestimmungen - sind für die vor uns liegenden
wichtigen Rüstungskontrollbestrebungen weiterhin
entscheidend.
Obwohl die Tage des kalten Kriegs in der Tat häufig
düster waren, zeitigten sie jedoch auch Erfolge. Vor
dem Ende des kalten Kriegs traten die Vereinigten
Staaten über einem Dutzend wichtiger Rüstungskontrollabkommen bei, die sowohl die amerikanische als
auch die internationale Sicherheit verbesserten.
Diese Entwicklungen waren ein wesentlicher Beitrag
zu den positiven Veränderungen, die wir in jüngster
Vergangenheit beobachten konnten und boten eine
entscheidende Grundlage für die Architektur der neuen Weltordnung. Die Vereinigten Staaten sind stolz

Seite 2

auf ihre Bilanz der Rüstungskontrolle und überzeugt,
daß ihre Bestrebungen entscheidend dazu beigetragen haben, die Welt von der Möglichkeit einer atomaren Konfrontation in das heutige Zeitalter zu führen, in
dem die Aussichten für Frieden so vielversprechend
sind.
Es ist eine Binsenwahrheit, daß die Vergangenheit nur
ein Prolog der Zukunft ist. Unsere Arbeit ist nicht
getan, und ich möchte unsere aktuellen Rüstungskontrollpobleme erörtern sowie unsere Bestrebungen zu
deren Bewältigung zusammenfassen.
Strategische Nuklearwaffen
Bei den herkömmlichen Aspekten der Rüstungskontrolle besteht die erste Priorität der Vereinigten Staaten darin zu gewährleisten, daß die Errungenschaften
der START-Vertrags nicht verloren gehen. Der STARTVertrag zielt darauf ab, einschneidende stabilisierende
Verringerungen der strategischen Offensivwaffen der
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion zu bewirken.
Der Vertrag enthält gleiche Obergrenzen und konzentriert sich auf die Begrenzung der destabilisierendsten
Waffen - das heißt, ballistischer Raketen. Einer der
wesentlichsten Beiträge von START zur Stabilität sind
die Zählregeln. Diese Regeln beinhalten striktere
Obergrenzen für Gefechtsköpfe auf ballistischen
Raketen, die schnell fliegen und im Gegensatz zu den
langsameren Bombern, die zurückgerufen werden
können, zur Abwehr eines Erstschlags gut geeignet
sind. Der START-Vertrag begrenzt ferner ballistische
Raketen durch zahlenmäßige Obergrenzen, insbesondere die 50prozenfjge Reduzierung schwerer ICBMs
der Sowjetunion - der destabilisierendsten strategischen Nuklearwaffen; das Verbot der Aufstockung der
Zahl von Gefechtsköpfen pro Rakete; eine Obergrenze für das Wurf gewicht insgesamt sowie eine Begrenzung der Erhöhung der Wurfgewichte.
Der START-Vertrag trägt darüber hinaus der Tatsache
Rechnung, daß in den letzten Jahren eine Revolution
im Hinblick auf Verifizierung und Rüstungskontrollabkommen stattgefunden hat. Die Verifizierungsmaßnahmen des Vertrags, die einen umfassenden Datenaustausch, gemeinsame Maßnahmen und Vor-OrtInspektionen einschließlich Überwachung von Umfeld
sowie Ein- und Ausgängen der Montageeinrichtungen
und peinlich genaue Vor-Ort-Inspektionen vorsehen,
sind ein wesentlicher Beitrag zur Überwachung durch
die nationalen technischen Mittel der Verifizierung.
Diese Maßnahmen sind heute anerkannte Prinzipien
der internationalen Rüstungsreduzierungen. Im Rahmen von START wurden sie erweitert. Sogar während
der Verhandlungsphase hat START neues Terrain
erschlossen. Bei der Erarbeitung von Verfahren zu
Vor-Ort-Inspektionen bei Wiedereintrittsflugkörpern
wurde probeweise Inspektoren beider Seiten gestattet, die Steuer- und Kontrolleinheit des Wiedereintrittsflugkörpers der wichtigsten ICBMs der jeweils
anderen Seite zu prüfen. Der Vertrag sieht eine Reihe

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�solcher Inspektionen vor, um sicherzustellen, daß
stationierte Raketen nicht mit einer größeren Anzahl
von Gefechtsköpfen als erlaubt bestückt werden. Ein
weiterer Aspekt sind Notifizierungen über Zentren zur
Verringerung des nuklearen Risikos. Im Rahmen von
START sollen sie um das 20fache derjenigen aufgestockt werden, die gemäß dem INF-Vertrag gefordert
werden.
Die Vereinigten Staaten beabsichtigen die Ratifizierung des START-Vertrags und gehen davon aus, daß
die Sowjetunion dasselbe tun wird. Unseres Erachtens liegt es im Interesse beider Parteien, die wichtigsten Reduzierungen und Verifizierungsverpflichtungen von START festzuschreiben. Trotz des Umbruchs
in ihrem Land hat die Sowjetunion die Absicht bekundet, ihren Rüstungskontrollverpflichtungen gerecht zu
werden. Die Verwirklichung von START wird die
Transparenz des Militärs und der Rüstungsindustrie in
der Sowjetunion erhöhen und darüber hinaus wirtschaftliche Ziele bei der Umrüstung von militärischem
Gerät ergänzen. Dies sind die Hauptziele der sowjetischen Reformer. Der START-Vertrag bietet ferner
eine solide Basis für Folgebestrebungen.
Am 27. September 1991 hat Präsident Bush seine
dramatische Initiative angekündigt, die das gesamte
Spektrum der amerikanischen Nuklearwaffen betrifft.
Er entschied, diese Initiative in die Wege zu leiten, um
Umfang und Art der nuklearen Stationierungen der
Vereinigten Staaten weltweit zu reduzieren, die Stabilität zu verbessern und die jüngsten tiefgreifenden
Veränderungen in der Sowjetunion zu nutzen.
Die Initiative des Präsidenten umfaßt folgende Maßnahmen:
Abzug und Zerstörung aller atomaren Artilleriegranaten sowie aller atomaren Gefechtsköpfe
für ballistische Raketen kurzer Reichweite,
Abzug aller taktischen Nuklearwaffen und atomaren Marschflugkörper auf Schiffen und Angriffs-U-Booten sowie der Nuklearwaffen auf
unseren landgestützen Marineflugzeugen. Das
bedeutet die Beseitigung aller nuklearen Marschflugkörper von amerikanischen Schiffen und
Unterseebooten sowie der Atombomben an Bord
von Flugzeugträgern,
Aufhebung des Alarmzustands für alle strategischen Bomber und deren gelagerte Waffen,
die unverzügliche Aufhebung der Alarmbereitschaft für alle ICBMs, die gemäß START deaktiviert werden sollen sowie ihre beschleunigte
Beseitigung, sobald START ratifiziert ist,
Einstellung des schienengestützten Peacekeeper-ICBM-Systems sowie der mobilen Komponenten der kleinen ICBMs,

AMERIKA DIENST 41

Einstellung der Angriffsraketen kurzer Reichweite und
Schaffung eines neuen amerikanischen strategischen Kommandos mit dem Ziel, die Führung
und Kontrolle aller strategischen Nuklearstreitkräfte zu verbessern.
Der Präsident hat die Sowjetunion aufgefordert, entsprechende Schritte zu unternehmen. Darüber hinaus
hat er vorgeschlagen, daß die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion so bald wie möglich Abkommen zur
Beseitigung aller landgestützten ICBMs mit Mehrfachgefechtsköpfen anstreben - den zweifelsohne destabisierendsten Systemen. Der Präsident hat die Sowjetunion ferner aufgefordert, ebenfalls konkrete Schritte
zu unternehmen, um die begrenzte Stationierung nichtnuklearer Verteidigungssysteme zum Schutz gegen
begrenzte Angriffe ballistischer Raketen gleich welcher Herkunft zu gestatten.
Die Vereinigten Staaten waren über die rasche und
positive Reaktion der sowjetischen Führung auf diesen
Vorschlag erfreut. Obwohl nicht alle Entscheidungen
und Ideen Präsident Gorbatschows unseren entsprechen, gibt es sehr viel gemeinsames Terrain, da sowohl
die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion
entschieden haben, Schritte zur weiteren einschneidenden Reduzierung der Zahl und Art von Nuklearwaffen in beiden Arsenalen zu unternehmen. Wir haben
zu diesen Entscheidungen und Vorschlägen bereits
Gespräche in Moskau geführt und hoffen, daß der
Prozeß beschleunigt fortgesetzt wird. Das Ergebnis
der Initiative des Präsidenten sollte nicht weniger
dramatisch sein als die Veränderungen auf der Welt,
auf die er reagiert.
Für die Welt ist es jetzt offenkundig, daß die beiden
führenden Nuklearmächte begonnen haben, nach rund
40 Jahren die thermonukleare Leiter herabzusteigen.
Dies ist wirklich ein historischer Wendepunkt.
Konventionelle Streitkräfte in Europa
Das zweite wichtige Merkmal der gegenwärtigen
Rüstungskontrollandschaft ist der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa. Der KSE-Vertrag ist
ein Meilenstein in der Geschichte von Bestrebungen
der Vereinigten Staaten und der NATO zum Aufbau
eines sichereren und stabileren Europas.
Dieser Vertrag stellt ein Gleichgewicht konventioneller
Streitkräfte in Europa auf niedrigeren Niveaus her und
beseitigt die Fähigkeit für Überraschungsangriffe oder
raumgreifende Offensiven mit konventionellen Waffen
auf einem europäischen Kriegsschauplatz. Der Vertrag wird die Belastung durch Waffen in Europa drastisch reduzieren und damit eine wichtige Ursache der
Instabilität in Europa beseitigen helfen. Er enthält
weitreichende Verifizierungsbestimmungen und institutionalisiert Transparenz und Offenheit. Kurzum: der

Seite 3

�KSE-Vertrag wird in einer Zeit der Unsicherheit und
des Wandels in Europa ein Fundament der Stabilität
und Berechenbarkeit legen und infolgedessen eine
feste Basis für zukünftige Kooperation sein.
Ost-West-Rüstungskontrolle ist ein wichtiges Ziel der
Vereinigten Staaten, weil es notwendig ist, sich der
Bedrohung durch Spannungen zu stellen, an denen
Länder mit Atomwaffenarsenalen oder konventionellen Streitkräften in Europa beteiligt sein könnten. Das
Kriegsrisiko in Europa ist gering, aber die Auswirkungen eines Krieges wären katastrophal. Die Vereinigten Staaten sind jedoch zunehmend besorgt über
Bedrohungen, Instabilitäten und gefährliche Fähigkeiten in anderen Teilen der Welt, wo das Kriegsrisiko
höher ist und die Gefahr der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen steigt. Zu diesen gefährdeten
Regionen zählen der Nahe Osten, die Halbinsel Korea
und der südasiatische Subkontinent. Aus dem KSEVertrag resultierende Stabilisierungsmaßnahmen und
die verschiedenen Vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen der Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa lassen sich nicht unbedingt auf andere Regionen übertragen. Sie können
jedoch als Quelle der Inspiration und Erfahrung für
angemessene Arrangements außerhalb Europas dienen. Wir verdoppeln unsere Bestrebungen, um einen
solchen Ansatz zum Abbau regionaler Spannungen zu
fördern.
Bestrebungen zur Nichtverbreitung
Darüber hinaus steht die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihrenTrägersystemen auf unserer Tagesordnung zur Rüstungskontrolle ganz oben.
Jüngste Entdeckungen der UNO-Teams bei der Inspektion von Einrichtungen zur Herstellung nuklearer,
chemischer und biologischer Waffen sowie ballistischer Raketen im Irak können niemanden gleichgültig
über die Herausforderung lassen, die sich uns mit der
Notwendigkeit zur Eindämmung der Verbreitung dieser gefährlichen und destabilisierenden Waffen stellt.
Die Bestrebungen der Vereinigten Staaten zur Drosselung der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen haben eine lange Geschichte, die mit dem BaiuchPlan von 1946 ihren Anfang nimmt. Diese Bestrebungen umfassen den Schwellenvertrag, die Konvention
über biologische Waffen, die Einrichtung des Kontrollregimes für Raketentechnologie, die Australien-Gruppe und die laufenden Genfer Verhandlungen über ein
weltweites Verbot chemischer Waffen.
Heute verfolgen die Vereinigten Staaten bei der Nichtverbreitung eine vielschichtige Strategie: erstens werden
bestehende Regime zur Nichtverbreitung gefördert,
indem wir multinationale Nichtverbreitungsregime
einhalten und ihnen beitreten. Zweitens leiten wir neue
Initiativen ein, wie die Begrenzung konventioneller
Waffen und den Austausch von Informationen, wobei
wir uns angemessener Ansätze in der Rüstungskon-

Seite 4

trolle bedienen, die den Anreiz zum Erwerb von Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme reduzieren.
Die Vereinigten Staaten legen seit langem großen
Wert darauf, die Verbreitung von Nuklearwaffen zu
verhindern. Wir engagieren uns für die bessere Durchführung des Schwellenvertrags (Non-Proliferation Treaty
- NPT) und bemühen uns um seine unbegrenzte
Verlängerung bei der NPT-Konferenz 1995, deren
Vorbereitungen 1993 beginnen sollten. Besonders
ermutigt uns der Beitritt von vier afrikanischen Ländern
;,i diesem Jahr - Südafrika, Tansania, Sambia und
Zimbabwe. Femer haben kürzlich Frankreich und
China - beides Atommächte - ihre Absicht bekundet,
dem Vertrag beizutreten. Darüber hinaus freuen wir
uns, daß Litauen am 23. September 1991 Vertragspartei wurde. Wir sehen der Teilnahme neuer Parteien am
Nichtverbreitungsregime und dem baldigen Beitritt der
noch unschlüssigen Parteien entgegen. Wir engagieren uns auch für die Förderung der Internationalen
Atomenergie-Organisation und ihrer wichtigen Sicherungssysteme.
Unsere Bestrebungen, die Verbreitung von destabilisierenden Raketen zu verhindern, konzentrieren sich
auf das Kontrollregime zur Raketentechnologie (Missile Technology Control Regime - MTCR). Die Kooperation unter den 17 Mitgliedstaaten des MTCR ist
unabdingbar, um eine Reihe besorgniserregender
Raketenprojekte in instabilen Regionen aufzuhalten
oder zu Fall zu bringen. Wichtige Prioritäten von
MTCR werden weiterhin darin bestehen, Lieferanten
(Nichtmitglieder) von der Vermeidung von Technologieexporten, die die Kontrolle des Regimes zur Nichtverbreitung unterminieren und von einer Mitgliedschaft
zu überzeugen.
In der US-Außenpolitik hat ein weltweites Verbot
chemischer Waffen - meines Erachtens der beste Weg
zur Kontrolle solcher Waffen - weiterhin hohe Priorität.
Als vordringliche Angelegenheit fordern die Vereinigten Staaten alle Länder auf, gemeinsam mit ihnen am
baldigen Abschluß der Verhandlungen über das weltweite Verbot chemischer Waffen und der Einhaltung
der Konvention über biologische- und Toxinwaffen zu
arbeiten. Dennoch stellen die Verbreitung chemischer
Waffen und der Einsatz solcher Waffen eine unmittelbare Bedrohung der Sicherheit dar und erschweren
das Ziel eines weltweiten Verbots. Deshalb bemühen
wir uns weiterhin um den Abschlu ß der Verhandlungen
über ein Verbot und unternehmen nach wie vor einseitige und gemeinsame Maßnahmen zur Förderung
dieser Verhandlungen und Verhinderung der Verbreitung und des Einsatzes chemischer Waffen.
Im Rahmen unserer erweiterten Initiative zur Kontrolle
der Verbreitung sind nunmehr Exportlizenzen für
Chemiefabriken und ihre Planung, Geräte zur Herstellung chemischer und biologischer Waffen sowie für 50
Vorläufer chemischer Waffen erforderlich. Ferner

AMERIKA DIENST 41

�haben wir die Kontrolle und die Verantwortung für
Geräte und Technologietransfers in Fällen verschärft,
bei denen ein Exporteur davon Kenntnis hat oder von
der US-Regierung darüber informiert wurde, daß ein
bestimmter Export zur Planung, Entwicklung oder
Herstellung von Raketen sowie chemischen oder biologischen Waffen bestimmt ist. Darüber hinaus werden nach dem Gesetz der Vereinigten Staaten amerikanische Staatsbürger bestraft, die wissentlich ausländische Programme zur Herstellung von Raketen
und chemischen oder biologischen Waffen unterstützen.
Auf multilateraler Ebene beteiligen sich die Vereinigten
Staaten aktiv an internationalen Bestrebungen zur
Eindämmung der Verbreitung chemischer Waffen. Die
Vereinigten Staaten konsultieren informell mit 20
westlichen Ländern über Wege und Mittel zur Bewältigung der Verbreitung und des Einsatzes chemischer
Waffen. Diese informelle Gruppe unter dem Vorsitz
Australiens wurde 1984 ins Leben gerufen als Reaktion auf den Einsatz chemischer Waffen im Krieg
zwischen Iran und Irak. In jüngster Zeit sind Mitglieder
der Gruppe übereingekommen, ihre nationalen Kontrolle zu erweitem, damit sie auch Geräte zur Herstellung chemischer Waffen einbezieht.
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß wir uns weiterhin für den baldigen Abschluß einer C-Waffen-Konvention als dem besten Mittel zur Bewältigung der
Verbreitung chemischer Waffen engagieren. Dieses
Engagement wurde durch Präsident Bushs Erklärung
im Mai dieses Jahres über weitere Schritte zur Beschleunigung der Genfer Verhandlungen bekräftigt.
Insbesondere hat der Präsident angekündigt, daß die
Vereinigten Staaten unmittelbar nach Inkrafttreten der
C-Waffen-Konvention dem Einsatz von C-Waffen formell, einschließlich von Vergeltungsschlägen mit CWaffen gegen irgendein Land, unter allen Umständen
entsagen würden. Darüber hinaus verpflichten sich
die Vereinigten Staaten zur Zerstörung ihrer C-Waffen-Arsenale innerhalb von zehn Jahren nach Inkrafttreten der Konvention.
Femer haben wir unsere Bereitschaft zum Austausch
von Technologie bekundet, um die sichere Zerstörung
von C-Waffenarsenalen auf der ganzen Welt zu gewährleisten. Gemeinsam mit anderen Ländern haben
die Vereinigten Staaten in diesem Sommer in Genf
einen praktischen Vorschlag für Vedachtsinspektionen vorgelegt, einem Schlüsselelement bei C-Waffen,
mit dem der Abschlu ß der Konvention in unserer Macht
steht. Wirfordern die Abrüstungskonferenz auf, die CWaffen-Konvention bis Ende Mai 1992 abzuschließen
und bitten alle anderen Länder, Mitglied zu werden.
Die dritte Überprüfungskonferenz der Konvention über
biologische und Toxinwaffen wurde kürzlich in Genf
abgeschlossen. Aus dem Blickwinkel meiner Regierung war die Konferenz ein Erfolg. Das von der
Überprüfungskonferenz verabschiedete Paket vertrauAMERIKA DIENST 41

ensbildender Maßnahmen wird Transparenz, Offenheit und damit das Vertrauen in die Konvention erheblich steigern, und wir fordern alle Parteien auf, an der
Durchführung dieser vertrauensbildenden Maßnahmen mitzuwirken. Zu anderen wichtigen Vereinbarungen zählten verbesserte Verfahrensweisen für Konsultation und Kooperation zur Abschreckung von Vertragsverletzungen. Ferner wurde bei der Konferenz
entschieden, eine Ad-hoc-Expertengruppe solle zusätzlich zu vereinbarten Maßnahmen - die wissenschaftlichen und technischen Aspekte potentieller
Verifizierungsmaßnahmen untersuchen. Die Teilnehmern bekräftigten darüber hinaus erneut die Bedeutung der Einhaltung aller mit der Konvention eingegangener Verpflichtungen. All diese Maßnahmen spiegeln die Erkenntnis der internationalen Staatengemeinschaft wider, biologische Waffen seien keine
abstrakte, sondern eine sehr reale Bedrohung, und die
internationale Staatengemeinschaft müsse etwas
dagegen tun.
Erfahrungen im Irak und Im Nahen Osten
Die Erfahrung der Welt mit dem Irak im vergangenen
Jahr betont die Gefahr der Verbreitung und unterstreicht die Bedrohung, der wir uns alle stellen müssen, um sie zu verhindern. Die Resolutionen des UNSicherheitsrats 687, 707 und 715 liefern das weitreichendste Regime zur Beseitigung und Verifizierung
von Waffensystemen, das jemals entwickelt wurde.
Sie verfügen nicht nur ein Waffenembargo für den Irak
sondern auch ein aggressives Inspektionsregime, das
von den Vereinten Nationen und der IAEO zur Beseitigung chemischerund biologischer Waffen, bestimmter Raketen und jetzt vom Irak enthüllter Atomwaffenprogramme durchgeführt wird. Darüber hinaus richtet
es ein langfristiges Überwachungsprogramm ein, um
den Irak an der Aufrüstung seiner konventionellen
Waffen zu hindern. Die Welt ist abhängig von der
demonstrativen Entschlossenheit der Vereinten Nationen, um ein hartnäckiges Außenseiterregime davon
abzuhalten, andere mit Massenvernichtungswaffen zu
bedrohen. Wir müssen uns jedoch darüber im klaren
sein, daß die gegenwärtigen Ereignisse im Irak die
Konsequenz der gescheiterten Aggression sind. Es
handelt sich dabei nicht um freiwillige Rüstungskontrolle.
Auf der anderen Seite umfaßt das von mir bereits
vorgestellte Rüstungskontrollprogramm Herausforderungen und neue Möglichkeiten im gesamten Nahen
Osten. Um effektiv zu sein, müssen Rüstungskontrollarrangements auf militärische Risiken in einer von
Krieg zerrütteten Region eingehen, wo sogar die ersten kleinen Schritte schwierig und komplex sind. Ein
wichtiges erstes Ziel werden grundsätzliche vertrauensbildende Maßnahmen sein. Ebenso wie solche
Rüstungskontrollmaßnahmen zum Abbau der Spannungen zwischen Ost und West beigetragen haben,
können sie auch dem Friedensprozeß im Nahen Osten
helfen. Rüstungskontrolle kann einen vollständigen
Seite 5

�Friedensprozeß natürlich nicht ersetzen, aber sie bietet Möglichkeiten für den Dialog und ein schrittweises
Mittel, um Absichten zu testen. Auch die Länder weit
außerhalb der Regio nmüssen eine nützliche Rolle
spielen.
Vor diesem Hintergrund hat Präsident Bush im Mai
eine Rüstungskontrollinitiative für diese Region vorgelegt. Im Rahmen dieser Initiative wollen die fünf
Länder, die vielleicht 85 Prozent aller konventionellen
Waffen in den Nahen Osten liefern, Richtlinien für
Waffenlieferungen in die Region erarbeiten. Schließlich stellen wir uns ein umfassendes Regime vor, das
Verantwortung bei den Lieferungen und effektive
Exportkontrollen betont. Zum Umgang mit der nuklearen Gefahr in der Region hat der Präsident vorgeschlagen, daß die Länder des Nahen Ostens als ersten
Schritt ein verifizierbares Verbot zur Herstellung in
Waffen einsetzbaren angereichertem Uran oder gespaltenem Plutomium erlassen. Alle Einrichtungen
zur Herstellung nuklearer Waffen in der Region müßten sich an die Vorschriften der IAEO halten. Schließlich hat Präsident Bush vorgeschlagen, die Beschaffung, Herstellung und Erprobung von Boden-BodenRaketen von Ländern des Nahen Ostens einzufrieren.
Femer möchten die Vereinigten Staaten, daß diese
Raketen und alle Massenvernichtungswaffen in der
Region vollständig beseitigt werden.
Die Vereinten Nationen befinden sich in der ausgezeichneten Lage, die Realisierung dieser Ziele zu
fördern. Ihr Einfluß war niemals größer, sie waren der
Verwirklichung ihrer Ziele niemals näher.
Die Vereinten Nationen können eine wichtige Rolle bei
der Förderung einer zunehmend dynamischen Rolle
der Rüstungskontrolle bei der Verhinderung und Begrenzung von Konflikten spielen. Ein großer Teil der
anstehenden Arbeit betrifft Aufklärung. Mit ihren internationalen Mitgliedern und ihrer neugewonnenen Vitalität sind die Vereinten Nationen in einer guten Position, um krisengeschüttelte Länder von der Notwendigkeit zu überzeugen, Ungleichgewichte bei Waffen
zu verhindern und Auswüchse zu regulieren, bevor sie
tatsächlich Instablität hervorrufen. Ebenso wie die
Vereinten Nationen die Welt von den Pocken befreit
haben, sollten sie dazu beitragen, die Geißel chemischer und biologischer Waffen und die Bedrohung
unverantwortlicher Aufrüstung auszurotten.
Herr Vorsitzender, meine Behörde - das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung - feiert ihr 30jähriges
Bestehen, und deshalb blicken die Vereinigten Staaten zurück auf die Rolle, die Rüstungskontrolle und
Abrüstung bei der Entwicklung der nationalen Sicherheitspolitik der Vereinigten Staaten und bei den Bestrebungen zur Förderung internationaler Sicherheit
gespielt haben.

*

Seite 6

*

Welchen Erfolg wir auch gehabt haben mögen - die
Verdienste müssen mit anderen geteilt werden. Ebenso wie die Vereinigten Staaten haben viele Länder durch die Führungskraft ihrer Regierungen und die
öffentlichen Debatten ihrer Bürger- Rüstungskontrolle
zu einem zentralen Punkt nationaler Strategie und
nationaler Ziele gemacht. Unser Engagement für den
Erfolg dieser Bestrebungen ist eng mit unserem Glauben verbunden, daß Demokratie, Frieden und Stabilität Hand in Hand gehen.
Auch wenn wir Zeuge der Beilegung alter Feindschaften zwischen Ost und West werden, beobachten wir,
wie diese von - einigen neuen, anderen tief verwurzelten - Feindseligkeiten in anderen Teilen der Welt
abgelöst werden. Zur gleichen Zeit, da einmalige
Chancen zum Aufbau des Friedens in Europa am
Horizont erkennbar sind, nehmen wir die dunklen
Schatten regionaler und ethnischer Konflikte wahr.
An diesen Ereignissen beunruhigt die Tatsache, daß
einige der vehementsten Befürworter der Rüstungskontrolle - solange sie auf die großen Mächte beschränkt ist - oftmals am meisten zögern, sich für
substantielle Rüstungskontrollbestrebungen in ihrer
eigenen Region zu engagieren. Diese Verfechter der
Reduzierung von Waffen anderer messen mit zweierlei Maß, weil sie keinen Sinn darin sehen, ihre eigenen
Waffen zu reduzieren.
Das Rüstungskontrollprogramm der Zukunft ist bereits
geschrieben. Es verspricht sich von dem der Vergangenheit zu unterscheiden. Es ist zunehmend klar, daß
diejenigen, die sich am stärksten am bisherigen Rüstungskontrollprogramm beteiligt haben, die neue
Tagesordnung nicht allein tragen können. Was die
Vereinigten Staaten betrifft, werden wir weiterhin zu
den Puristen der Rüstungskontrolle zählen, aber die
Verantwortung liegt nicht allein bei uns. Das künftige
Rüstungskontrollprogramm erfordert, daß sich die
Staaten in anderen Regionen der Welt - insbesondere
in Gebieten, in denen aufgrund von Unruhen und
Konflikte Gewalt und Chaos drohen - in Wort und Tat
engagieren.
Die internationale Staatengemeinschaft beginnt zu
begreifen, daß Sicherheitskonzepte, wenn sie wirklich
Bedeutung haben sollen, weitreichender sein müssen
und nicht nur die Anzahl der Waffen in nationalen
Arsenalen erfassen dürfen. Darüber hinaus müssen
sie wirtschaftliches Wohlergehen, Lebensqualität,
Menschenrechte und Freiheiten umfassen.
Der Zug verläßt den Bahnhof. Sein Ziel ist mehr
Freiheit, stabile Demokratie, wirtschaftlicher Wohlstand, gemeinsame Sicherheit und ein gerechter Frieden. Immer mehr Länder springen auf, um diese
aufregende Reise zu unternehmen, die unsere Phantasie stark beflügelt. Wir hoffen inständig, daß niemand zurückbleiben muß. Wir haben unsere Wahl
getroffen - jetzt müssen andere ihre Wahl treffen.
* *
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�IWF/WELTBANK
23. Oktober 1991

BRADY FORDERT REFORM VON IWF UND WELTBANK
Rede des Finanzministers vor IWF und Weltbank
BANGKOK - (AD) - Dem amerikanischen Finanzminister Nicholas Brady zufolge erfordern die Entwicklungen
in Osteuropa und der Sowjetunion eine Änderung der Organisation des Internationalen Währungsfonds (IWF)
und der Weltbank.
Diese Institutionen müssen "eine Partnerschaft mit dem Privatsektor entwickeln", um den aufstrebenden
Demokratien zu helfen, die Basis für Marktwirtschaften zu schaffen, erklärte Brady am 15. Oktober 1991 in seinen
Ausführungen bei der Jahresversammlung von IWF und Weltbank.
Er forderte die Weltbank zur Änderung ihrer Statuten auf, um direkte Kreditvergaben an den Privatsektor zu
ermöglichen.
Brady stellte fest, IWF und Weltbank müßten über einen längeren Zeitraum hinweg Experten in die Region
entsenden, um grundlegende Kenntnisse über die Führung von Privatunternehmen und den Aufbau einer
funktionsfähigen Rechtsgrundlage für diese Unternehmen zu vermitteln.
"Diese Unterstützung kann nicht gewährt werden, wenn man nur mit den Zentralregierungen verhandelt", erklärte Brady. "Die Mitarbeiter von IWF und Weltbank werden die Vertreter des Privatsektors und der Kommunen
beraten und ausbilden müssen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Finanzminister Brady im Wortlaut.

Zunächst möchte ich den Dank unserer Delegation für
die Gastfreundschaft unserer thailändischen Gastgeber zum Ausdruck bringen. Hier in Bangkok wird uns
die wirtschaftliche Dynamik Asiens und die zunehmende Bedeutung der Region für unsere wirtschaftliche
Zukunft vor Augen geführt.
Ich möchte die neuesten Mitglieder von IWF und
Weltbank willkommen heißen: Albanien und die
Mongolei. Ferner begrüße ich die Gäste aus dem
Baltikum und der Sowjetunion.
Wir kommen an einem Wendepunkt der Geschichte
zusammen. Marktorientierte Systeme, die bessere
Wirtschaftsleistung und höhere Lebenstandards bewirken, verbreiten sich zunehmend. Länder in allen
Regionen der Welt - jetzt auch die Sowjetunion ändern ihren Kurs. Wir entdecken Chancen, die uns
bisher verwehrt waren: internationale wirtschaftliche
Integration, Kooperation und Wohlstand.
Diese Entwicklungen konfrontieren die internationalen
Finanzinstitutionen mit einer beispiellosen Herausforderung. Zwangsläufig werden diese Institutionen in
entscheidendem Maße für Erfolg oder Mißerfolg der
Bestrebungen zur Integration ehemaliger KommandoAMERIKA DIENST 42

und Planwirtschaften in das internationale Marktsystem verantwortlich gemacht. Ob Sie wollen oder nicht
- dies ist die Realität.
Die Schwierigkeiten dieser Umgestaltung sollten nicht
unterbewertet werden. Es gibt keine erprobten Patentrezepte für den Übergang von einem zentral gelenkten
Kommandosystem zu einer erfolgreichen Marktwirtschaft. Es liegt jedoch auf der Hand, daß dieser
Übergang ein tiefgreifender, allumfassender Prozeß
ist. Jeder Bereich der Wirtschaftsaktivität und -politik
ist betroffen.
Diese Realität wirft eine wichtige Frage auf. Sind wir
dieser Aufgabe gewachsen? Um sich dieser Herausforderung zu stellen, müssen die internationalen Finanzinstitutionen zur Anpassung bereit sein. Sie müssen
ihre Einstellungen ändern, ihre Zielsetzungen erweitem und ihre Hilfsmöglichkeiten verbessern. Und sie
müssen diesen Prozeß unverzüglich in Angriff nehmen.
Vor kurzem haben IWF und Weltbank ihre Fähigkeit
zur Flexibilität bei der Reaktion auf bestimmten Bedarf
unter Beweis gestellt. Während des Golfkonflikts und
im Anschluß daran haben sie rasch gehandelt, um
Seite 1

�Ressourcen für die am schwersten betroffenen Länder
bereitzustellen. Der IWF hat unverzüglich Ressourcen
über die Fazilität zur kompensierenden Finanzierung
von Exporterlösausfällen (Compensatory and Contingency Financing Facility - CCFF) ausgezahlt, um den
Ländern zu helfen, die Kosten der irakischen Aggression zu bewältigen. Die Weilbank erweiterte ihre
Kreditvergabeprogramme und beschleunigte die Auszahlungen, um die sektorale Anpassung und die
Umsiedlung von Flüchtlingen zu unterstützen.

Die Aufgaben lauten folgendermaßen:
1.

Die Einstellung gegenüber der Schaffung von
Wohlstand muß geändert werden, um die Dynamik des Privatsektors freizusetzen. Frjeie Unternehmen und freies Unternehmertum heißt,
daß Unternehmen und Unternehmer ungehindert den Erfolg anstreben können. Staatliche
Anordnungen sind kein Ersatz für Privatinitiative.

In Osteuropa waren IWF und Weltbank Vorreiter bei
Bestrebungen zur Förderung von freien Marktwirtschaften und Demokratie. Mit der Unterstützung von
IWF und Weltbank führen diese Länder Reform- und
Stabilisierungsprogramme durch. Die finanziellen
Verpflichtungen des IWF für Bulgarien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und Rumänien beliefen sich
im Jahr 1991 auf insgesamt 8 Milliarden Dollar. Die
Verpflichtungen der Weltbank für Osteuropa betrugen
im Haushaltsjahr 1991 über 2,6 Milliarden Dollar.

2.

Die Länder benötigen Hilfe beim Aufbau grundlegender privater und staatlicher Wirtschaftsinstitutionen, wie etwa der Entwicklung von Kapitalmärkten sowie Bank- und Rücklagensystemen.

3.

Sie benötigen grundlegende Ausbildung bei der
Führung profitabler Unternehmen, die auch die
besonderen Berufszweige der Kalkulation, Vertragsverhandlungen, des Vertriebs und Marketings einbeziehen.

4.

Sie benötigen praktischen Rat bei der Verwaltung eines soliden Finanzsystems: Richtlinien
zur Festsetzung und zum Einzug der Steuern,
einen Haushaltsmechanismus für die öffentliche Hand, Zollämter an den Grenzen und eine
Datenbank.

5.

Und schließlich benötigen sie Unterstützung
beim Aufbau einer funktionsfähigen Rechtsgrundlage für Privatuntemehmen einschließlich
eines durchführbaren Vertragssystems.

IWF und Weltbank haben eine besondere Assoziierung mit der Sowjetunion geschaffen, um diesem Land
zu helfen, die drängenden Probleme der tiefgreifenden
Reform zu bewältigen. Wir begrüßen diese besondere Assoziierung und hoffen, es wird keine Mühe gescheut, in den vor uns liegenden Tagen hart zu arbeiten. Auch wir sind davon überzeugt, daß der Status
der besonderen Assoziierung den Weg zur Vollmitgliedschaft in beiden Institutionen ebnen wird.
In der Sowjetunion und Osteuropa sehen wir uns mit
der radikalsten Wirtschaftsreform der Nachkriegszeit
konfrontiert. Die Suche nach neuen Werten hat ihren
Preis. Diese Länder haben eine bewußte Entscheidung für eine rasche Umstellung von einem politischen
und wirtschaftlichen System auf ein anderes getroffen.
Sie schreiben im wahrsten Sinne des Wortes alle
Regeln neu. Mein Besuch in der Sowjetunion im
vergangenen Monat erinnerte mich an die Kolonialzeit
in Amerika: ein neuer Anfang und eine neue Regierungsform. Vor über 200 Jahren begannen die Vereinigten Staaten mit dem Aufbau stabiler Institutionen ein Prozeß, der Jahre bis zu seiner Vervollständigung
bedurfte. Dennoch versucht die Sowjetunion, eine
ähnliche Aufgabe in nur wenigen Monaten zu bewältigen.
Den internationalen Finanzinstitutionen wird bei der
Förderung dieses Übergangs eine besondere Rolle
zukommen. Bei der Definition dieser Rolle müssen wir
den Bedürfnissen der Länder im Umbruch Rechnung
tragen. Es steht au ßer Frage, daß ein Teil des Bedarfs
durch den traditionellen Ansatz von IWF und Weltbank
abgedeckt wird: Beratung bei der Formulierung umfassender wirtschaftspolitischer Programme sowie
Finanzhilfe zur Förderung dieser Programme. Sie
benötigen jedoch auch grundlegende Hilfsleistungen,
die weit über die gewöhnlichen Anpassungsprogramme hinausgehen.

Seite 2

Dies sind die Grundpfeiler einer erfolgreichen Marktwirtschaft. Wirwerden dieser Aufgabe nur gewachsen
sein, wenn Weltbank und IWF auf diesen institutionellen Rahmen aufbauen und makroökonomische Reformen einführen. Um dies zu verwirklichen, müssen die
Bretton Woods-Institutionen eine Partnerschaft mit
dem Privatsektor entwickeln, um ihr Know-how beim
Aufbau solider Grundlagen für Marktwirtschaften in
diesen Ländern zum Tragen zu bringen.
Um Unterstützung in all diesen Bereichen zu gewähren, müssen IWF und Weltbank neue Betriebsformen
entwickeln. Kurze Besuche von Delegationen zur
Aushandlung von Anpassungsprogrammen mit den
Zentralregierungen sind nicht genug.
IWF und Weltbank werden in ihren Programmen dem
Humankapital sehr viel größere Aufmerksamkeit widmen müssen. Sie werden Experten für einen längeren
Zeitraum ins Land entsenden müssen. Sie werden auf
Vertreter der Regierung, Unternehmen, Banken, Justiz und Universitäten zurückgreifen müssen.
IWF und Weltbank werden ferner ihre Kontakte im
Land auf alle Regierungsebenen ausweiten müssen.
Diese Unterstützung kann nicht gewährt werden, wenn
man nur mit den Zentralregierungen verhandelt. Die

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�Mitarbeiter von IWF und Weltbank werden die Vertreter des Privatsektors und der Kommunen beraten und
ausbilden müssen.
Zu Recht wurde die Frage aufgeworfen, ob diese
Konzentration auf die osteuropäischen Länder und die
Sowjetunion zu einer Kürzung der Ressourcen für die
traditionellen Nutznießer führen wird. Sowohl die
Weltbank als auch der IWF haben eine gute Kapitaldecke, und ich sehe keinen Grund, warum es irgendeine Verringerung des Kapitalflusses geben sollte. Die
Ressourcen werden entsprechend unserer Aufgaben
verteilt.
Andere haben die Frage gestellt, ob aufgrund der
vermehrten Aufmerksamkeit für die Probleme der
Sowjetunion und Osteuropas die den herkömmlichen
Nutznießern von IWF und Weltbank zur Verfügung
gestellte technische Hilfe gekürzt wird. Legitime bisherige Prioritäten sollten nicht betroffen sein. Darüber
hinaus sollte der Beitrag zur internationalen Stabilität
den großen wie den kleinen Ländern diesen Preis wert
sein.
In anderen Regionen der Welt werden IWF und Weltbank ihrer Verantwortung gerecht, indem sie eine
entscheidende Rolle beim Erfolg der internationalen
Schuldenstrategie spielten. Im Rahmen dieser Strategie haben IWF und Weltbank Marktreformen ermutigt
und den unterschiedlichen wirtschaftlichen Gegebenheiten in mehreren Schuldnerländem angepaßte Pakete
mit den Geschäftsbanken ausgehandelt. Mexiko,
Chile und Venezuela erfreuen sich jetzt wieder des
Zugangs zu internationalen Kapitalmärkten, neuen
Investitionen und Rückkehr des Fluchtkapitals. Noch
vor kurzem steckten sie bis zum Hals in Schulden.
Als Ergänzung zu den Vorteilen des Pakets zum
Schuldenabbau mit den Geschäftsbanken im Rahmen
der Schuldenstrategie für bei den Geschäftsbanken
hochverschuldete Länder sieht Präsident Bushs Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in allen Ländern
Amerikas für in Frage kommende Länder in Lateinamerika und der Karibik einen Abbau der Schulden
seitens der US-Regierung vor. Chile, Jamaica und
Bolivien wurden im Rahmen dieses Programm bereits
erste Vorteile verschafft. Die Interamerikanische
Entwicklungsbank (Inter-American Development Bank
- IDB) hat ein neues Kreditvergabeprogramm für den
Investitionssektor in die Wege geleitet, um Reformen
bei Investitionen in Entwicklungsländern zu fördern.
Die Vereinigten Staaten haben darüber hinaus einen
Multilateralen Investmentfonds vorgeschlagen, um den
Volkswirtschaften in der Region bei der Anpassung an
den internationalen Wettbewerb behilflich zu sein. Die
Vereinigten Staaten und Japan beabsichtigen, jeweils
500 Millionen Dollar für den Fonds bereitzustellen. Wir
erwarten, daß sich auch andere Länder in absehbarer
Zukunft an diesen Bestrebungen beteiligen werden.

AMERIKA DIENST 42

In den ärmsten Ländern einschließlich Afrikas südlich
der Sahara stellen IWF und Weltbank konzessionäre
Ressourcen zur Verfügung, um anhaltendes Wachstum zu fördern und die Armut zu lindern. Einige dieser
Länder haben das Blatt gewendet. Ihr Beispiel bestätigt, daß marktorientierte Reformen in allen Phasen
der Entwicklung möglich und nützlich sind. Die Vereinigten Staaten haben ihrerseits im vergangenen Jahr
konzessionäre Schulden dieser Länder in Höhe von
2,3 Milliarden Dollar erlassen. Darüber hinaus unterstützen wir die Erweiterung der Liste der für die Erweiterte Strukturanpassungsfazilität (Enhanced Structural Adjustment Facility - ESAF) in Frage kommenden
Länder, um die Kapazitäten des Fonds zur Unterstützung von Ländern mit niedrigen Einkommen aufzustocken.
IWF und Weltbank müssen für ihr Umweltengagement
beglückwünscht werden. Ich stimme mit den Ausführungen von Ministerpräsident Anand heute morgen
überein, daß wir uns alle um unsert- und zukünftiger
Generationen willen für die Umwelt engagieren müssen. Darüberhinaus muß der Linderung der Armut und
der Rolle der Frau in den Entwicklungsländern vermehrte Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Wir
müssen kontinuierliche Fortschritte an diesen Fronten
sicherstellen.
Es ist an der Zeit für IWF und Weltbank, ihre Unterstützung des Privatsektors zu verstärken. Die Weltbank
prüft, welche Veränderungen bei den vereinbarten
Artikeln vorgenommen werden müssen, um direkte
Kreditvergaben an den Privatsektor vornehmen zu
können. Wenn die Länder den Besitz von Unternehmen an den Privatsektor übergeben, werden einzelne
Firmen im Prozeß der Privatisierung Ressourcen von
der Weltbank benötigen. Die Rolle der Weltbank bei
der Unterstützung der Wirtschaftsentwicklung steht
auf dem Spiel. Aus diesem Grund freuen wir uns, die
Kapitalaufstockung der Internationalen Finanz-Corporation (IFC) in Höhe von 1 Milliarde Dollar sowie damit
einhergehende Maßnahmen für den Privatsektor unterstützen zu können.
Der zunehmende finanzielle Bedarf in den Schuldnerländern, Osteuropa und den ärmsten Ländern bedingt,
daß den internationalen Finanzinstitutionen umfangreiche Ressourcen zur Verfügung stehen. Aus diesem
Grund unterstützen die Vereinigten Staaten die Quotenerhöhung des IWF zur Erfüllung seiner finanziellen
Verpflichtungen uneingeschränkt.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich nochmals betonen, daß die
internationalen Finanzinstitutionen jetzt Programme
für die wirtschaftliche Umgestaltung und das letztliche
Ziel eines einheitlichen internationalen Wirtschaftssystems durchführen müssen. Die Aktivitäten von IWF

Seite 3

�und Weltbank müssen angepaßt und erweitert werden, während dieses beispiellose weltweite Wirtschaftspotential in greifbare Nähe rückt. Wir müssen die sich
durch die praktisch vollständige Mitgliedschaft in diesen Institutionen und die Verabschiedung marktorientierter Prinzipien bietenden Chancen nutzen. Die
Führungsrolle von IWF und Weltbank kann die gemeinsame Wirtschaftsphilosophie in gerneinsamen
Wohlstand umsetzen.
*

Seite 4

*

Selten in der Geschichte der Menscheit war die internationale Staatengemeinschaft mit einer solchen
Gelegenheit konfrontiert wie wir heute. Mit Phantasie,
Entschlossenheit, mit Vision und Mut steht es meines
Erachtens in unserer Macht, diesen Augenblick zu
nutzen und diese Vision des Wohlstands und der
Harmonie, von dem ich gesprochen habe, Realität
werden zu lassen. Ich glaube, wir sind dieser Aufgabe
gewachsen.

*

*

AMERIKA DIENST 42

�PORTRAT
23. Oktober 1991

BUSH NOMINIERT VERWALTUNGSJURISTEN
FÜR DAS AMT DES JUSTIZMINISTERS
Porträt von William Barr
WASHINGTON - (AD) - Der Kandidat des Präsidenten für das Amt des nächsten Justizministers der Vereinigten Staaten ist ein Verwaltungsjurist, der in seiner Laufbahn eher Umgang mit rechtlichen und administrativen
Fragen hatte als mit Politik.
Bei der Ankündigung von Barrs Nominierung am 16.
Oktober 1991 erklärte Bush, er habe eine Person
ausgewählt, die "durch und durch professionell, darüber hinaus Verfechter der Rechte des einzelnen ist und
sich der Bekämpfung von Verbrechen verschrieben
hat."
Der 41jährige Barr würde Richard Thornburgh als
Leiter des Justizministeriums ablösen. Für dieses Amt
muß er mehrheitlich durch den Senat bestätigt werden.
Barr wuchs in New York City auf, wo er 1973 einen
Magister an der Columbia University erwarb. Er zog
nach Washington und besuchte die juristische Fakultät
der George Washington University in Abendseminaren. Nach seinem Examen arbeitete Barr als Jurist
beim US-Nachrichtendienst CIA. 1978 ließ er sich als
Anwalt nieder.
Barr trat 1982 der Reagan-Regierung bei, wo er im Rat
für Innenpolitik im Weißen Haus als Jurist tätig war.
1989 wechselte erzurBush-Regierung, wurde Staatssekretär im Justizministerium und damit verantwortlich
für das Büro für Rechtsberatung, das dem Weißen
Haus und den Exekutivbehörden des Präsidenten
Rechtshilfe leistet.
1990 wurde Barr Stellvertretender Justizminister und
damit zweiter Mann im Justizministerium. Die Mitarbeiter des Ministeriums lobten seine Gesprächsbereitschaft über Angelegenheiten des Ministeriums. Als
Thornburgh im August vergangenen Jahres zurücktrat, um in Pennsylvania für einen Sitz im Senat zu
kandidieren, wurde Barr automatisch amtierender
Justizminister.
*
AMERIKA DIENST 42

Nur drei Tage nach seinem Amtsantritt gab es im
Talladega-Bundesgefängnis in Alabama eine Revolte
kubanischer Gefangener, die zehn Geiseln nahmen,
um ihre Abschiebung nach Kuba zu verhindern. Barr
traf eine schwierige Entscheidung und wies Rettungseinheiten des FBI an, das Gefängnis mit High-PowerWaffen und Spezialgranaten zu stürmen, wobei die
Opfer zeitweise kampfunfähig gemacht, aber nicht
verletzt wurden. Die Geiseln konnten unverletzt befreit
und die Gefangenen erneut festgesetzt werden, ohne
daß ein Schuß fiel.
Barr vertritt eine andere Meinung als wichtige Kongreßabgeordnete über ein Gesetz von 1989, das ihm
zufolge US-Behörden befugt, Verdächtige im Ausland
für in den Vereinigten Staatem begangene Straftaten
zu verhaften - ohne Zustimmung der ausländischen
Regierung. Barr ist der Auffassung, dieses Recht
beinhalte die Strafverfolgung für Verbrechen gegen
die Vereinigten Staaten außerhalb der gerichtlichen
Zuständigkeit der Vereinigten Staaten.
Barr schrieb einen Kommentar zu diesem Thema, den
der Rechtsausschuß des Senats im Sommer vergangenen Jahres prüfen wollte. Die Regierung verweigerte die Freigabe des Dokuments. Eine Verfassungskrise konnte vermieden werden, weil der Ausschuß später
Teile des Dokuments einsehen konnte.
Der Ausschußvorsitzende Joseph Biden - ein Demokrat - erklärte, die Anhörungen für Barrs Bestätigung
würden trotz dieser Meinungsverschiedenheiten "fair
und gründlich" geführt.

* * *

*

Seite 1

�DAS

MEINUNGSBILD

IN

AMERIKA
23. Oktober 1991

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung, Entwicklungshilfe, Wirtschaft
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Themen und Probleme, die Amerikaner im Augenblick
beschäftigen und ihre Meinung, wie sie sich in jüngsten Umfragen darstellt. Die Umfragen wurden vom Roper
Center for Public Opinion an der University of Connecticut durchgeführt.

Starke Unterstützung für Bushs Abrüstungsinitiative

Die 59% Befürworter wurden nach ihrer Meinung für
den Fall gefragt, daß die Sowjetunion nicht gleichzieht.

Eine große Mehrheit der Amerikaner begrüßt Präsident Bushs Initiative zum Abzug land- und seegestützter Nuklearwarfen kurzer Reichweite aus Europa
und Asien, aber nur, wenn die Sowjetunion gleichzieht.
Eine überwältigende Mehrheit befürwortet die Beseitigung aller Nuklearwaffen, wobei die meisten dies nicht
als realistische Möglichkeit betrachten. CBS und die
New York Times erhielten auf ihre vom 5. bis 7.
Oktober 1991 durchgeführte persönliche Befragung
von 1.280 Wahlberechtigten in den Vereinigten Staaten folgende Antworten:

Ich stimme zu

32%

Ich stimme nicht zu

63

Stimmen Sie dem Abzug von Nuklearwaffen
kurzer Reichweite aus Europa und Asien zu?
Ich stimme zu

59%

Ich stimme nicht zu

35

Weiß nicht/Keine Angabe

6

Weiß nicht/Keine Angabe

5

Befürworten Sie die weltweite Zerstörung von
Nuklearwaffen?
Ja

87%

Nein

11

Weiß nicht/Keine Angabe

2

Ist die Zerstörung von Nuklearwaffen eine
realistische Möglichkeit?
Realistische Möglichkeit

25%

Nicht realistisch

70

Weiß nicht/Keine Angabe

5

Die 35% der Befragten, die sich negativ geäußert
hatten, wurden nach ihrer Meinung für den Fall befragt,
daß die Sowjetunion gleichzieht.

Würde die Sowjetunion eine neue Vereinbarung
zur Begrenzung von Nuklearwaffen ernstnehmen?

Ich stimme zu

69%

Ja

50%

Ich stimme nicht zu

25

Nein

35

Wei ß nicht/Keine Angabe

15

Weiß nicht/Keine Angabe

AMERIKA DIENST 42

6

Seite 1

�Zu hohe Verteidigungsausgaben? Zu viel
Entwicklungshilfe?
Die Amerikaner sind im Hinblick auf ihre Meinung, ob
die Vereinigten Staaten zuviel Geld oder genau die
richtige Summe für nationale Verteidigung und militärische Zwecke ausgeben, in zwei nahezu gleiche
Lager gespalten. Sie sind generell für eine Kürzung
der Entwicklungshilfe, auf die Frage nach bestimmten
Empfängerländern erhält jedoch Osteuropa stärkere
Unterstützung als der Nahe Osten. Die folgenden
Antworten wurden bei einer landesweit vom 20. bis 24.
September 1991 bei 1.510 Wahlberechtigten durchgeführten telephonischen Befragung von NBC News und
dem Wall Street Journal gesammelt.
Verteidigung und Militärausgaben
Zu gering

10%

Zu hoch

42

Richtiger Betrag

41

Für Ägypten
Notwendig

37%

Nicht notwendig

47

Unsicher

16

Besorgnis der Amerikaner über ihre Wirtschaft
Dieselbe Umfrage von NBC News und dem Wall Street
Journal stellte die Frage nach der Wirtschaftslage in
den Vereinigten Staaten. Drei Viertel der Befragten
erklärten, ihrer Meinung nach befinde sich das Land in
einer Rezession, und dieser Gruppe wurden einige
zusätzliche Fragen gestellt.
Befinden sich die Vereinigten Staaten in einer
Rezession?
Ja

75%

Nein

18

Unsicher
Unsicher

7

7
Ist die Rezession schwach oder gravierend?

Eine verminderte sowjetische Bedrohung bedeutete
eine 50%ige Kürzung der Verteidigungsausgaben bis
zum Jahr 2000.
Richtig

41%

Falsch

50

Unsicher

9

Kürzung der Entwicklungshilfe
Ich bin dafür

69%

Ich bin dagegen

24

Ich bin unsicher

7

Hilfe für die Sowjetunion
Notwendig

58%

Nicht notwendig

32

Unsicher

10

Für Polen

Schwach

59%

Gravierend

32

Dazwischen

7

Unsicher

2

Ist der Höhepunkt der Rezession überwunden?
Höhepunkt überwunden

43

Das Schlimmste kommt noch

49

Unsicher

8

Wie lange wird die Rezession dauern?
Unter 3 Monaten

1%

3 bis 6 Monate

10

6 Monate bis 1 Jahr

34

Über ein Jahr

47

Unsicher

8

Notwendig

55%

Nicht notwendig

29

Leistet die Bush-Regierung genug zur Bekämpfung
der Rezession?

Unsicher

16

Leistet genug

29%

Leistet nicht genug

59

Unsicher

12

Für Israel
Notwendig

44%

Nicht notwendig

46

Unsicher

10

Seite 2

AMERIKA DIENST 42

�Leistet der Kongreß genug zur Bekämpfung der
Rezession?

Das US-Handelsdefizit
Alle gleich wichtig

8
10

Leistet genug

16%

Leistet nicht genug

71

Unsicher

13

Allen wurde folgende Frage gestellt: Hat sich die
nationale Wirtschaftslage im vergangenen Jahr verbessert, verschlechtert, oder ist sie in etwa gleich
geblieben?

Leistet genug

32%

Verbessert

Leistet nicht genug

44

Verschlechtert

57

Unsicher

24

Gleich geblieben

33

Unsicher

Die Bundesbank?

Alle Teilnehmer wurden gefragt: Was ist das wichtigste Problem in der Wirtschaft, mit dem sich das Land
konfrontiert sieht?

Unsicher

3

8%

2

Inflation

10%

Alle wurden befragt: Wird sie sich im kommenden Jahr
verbessern, verschlechtern oder in etwa gleich
bleiben?

Arbeitslosigkeit

37

Verbessern

32%

Verschlechtem

24

Gleich bleiben

39

Zinsen
Das Haushaltsdefizit

Steuern der Bundesregierung

3
23

6

Unsicher

5

* * * * *

AMERIKA DIENST 42

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. Neue Weltordnung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue Weltordnung erfordert neues Programm&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Staatssekretär Bartholomew&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Rüstungskontrolle&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA drängen auf weltweites Engagement bei Rüstungskontrolle&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von ACDA-Direktor Lehman vor UNO-Ausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. IWF/Weltbank&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Brady fordert Reform von IWF und Weltbank&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Finanzministers vor IWF und Weltbank&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Bush nominiert Verwaltungsjuristen für das Amt des Justizministers&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von William Barr&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Das Meinungsbild in Amerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die öffentliche Meinung in Amerika&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Umfragen zu Nuklearwaffen, Verteidigung, Entwicklungshilfe, Wirtschaft&lt;/em&gt;</text>
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amen ha
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

*&lt;Ä &gt;£»

30. Oktober 1991

AUSSEN- UND INNENPOLITIK

BUSH VERSPRICHT US-UNTERSTUTZUNG FÜR
FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
Pressekonferenz des Präsidenten

DEUTSCH-AMERIKANISCHE
BEZIEHUNGEN

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN - DIE MENSCHLICHE DIMENSION
Rede von Botschafter Kimmitt in Berlin

DROGEN

UNKONVENTIONELLE PROGRAMME ZEITIGEN
FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENMISSBRAUCH
Die bekanntesten Therapien

VOICE OF AMERICA

DIE KÜNFTIGE ROLLE DER VOICE OF AMERICA
Rede von VOA-Direktor Chase Untermeyer

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�A U S S E N - UND

INNENPOLITIK
30. Oktober 1991

BUSH VERSPRICHT US-UNTERSTÜTZUNG
FÜR FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
Pressekonferenz des Präsidenten
WASHINGTON -(AD) - Präsident Bush versprach am 25. Oktober 1991, die Vereinigten Staaten "können und
werden ein engagierter und aktiver Partner beim Streben nach Frieden sein".
Dennoch können die Vereinigten Staaten "nicht Frieden im Nahen Osten schließen - das können nur die Parteien
selbst," erklärte der Präsident anläßlich einer Pressekonferenz in Washington, bei der er auch auf die
bevorstehende Nahost-Friedenskonferenz in Madrid einging.
Bush wird zur Eröffnung der Konferenz eine Rede halten und am 29. Oktober mit dem sowjetischen Präsidenten
Gorbatschow zusammentreffen. "Ich bin bereit, (beim Treffen mit Gorbatschow) Kernwaffen zu erörtern, ich bin
bereit, über ihre und unsere Wirtschaft ebenso zu sprechen wie über alles, was ihn interessiert", erklärte Bush.
Der Präsident nahm darüber hinaus zur nationalen Wirtschaftslage und anderen innenpolitischen Themen
Stellung und erklärte, mit den Mehrheitsführern der Republikaner und Demokraten im Senat sei Übereinstimmung über ein Bürgerrechtsgesetz erzielt worden, "auf das alle Amerikaner stolz sein können".
Bush kündigte an, sich Bestrebungen zur Revision der im vergangnen Jahr zwischen dem Kongreß und der
Regierung ausgearbeiteten Haushaltsvereinbarung widersetzen zu wollen, denn die Vereinbarung sei "die
einzige Obergrenze, die uns bei exzessiven Ausgaben des Kongresses zur Verfügung steht".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Pressekonferenz von Präsident Bush in wesentlichen Auszügen.

Bush: Ich möchte eine kurze Erklärung abgeben und
werde dann gern auf Ihre Fragen eingehen.
Nach außerordentlich eingehenden Debatten und
Verhandlungen haben wir mit den Führungen der Republikaner und Demokraten im Senat ein Bürgerrechtsgesetz vereinbart, auf das alle Amerikaner stolz
sein können. Es nimmt keine Zuflucht zu Quotenregelungen und fördert die Sache der Gleichberechtigung
am Arbeitsplatz. Sowohl der Kongreß als auch die Regierung können dem amerikanischen Volk dieses Gesetz
als neue Maßnahme gegen Diskriminierung und für
Chancengleichkeit präsentieren.
Diese Vereinbarung wurde vergangene Nacht in Maralhonverhandlungen erzielt, bei denen Senator John
Danforth aus Missouri die Führung übernahm, unterstützt von Senator Dole und anderen Abgeordneten
beider Parteien. Das war eine stolze Leistung für den
Kongreß und die Regierung. Jetzt können wir gemeinsam voranschreiten und in diesem Land Fortschritte
bei den Bürgerrechten erzielen.

AMERIKA DIENST 43

Ich erinnere mich, vor über anderthalb Jahren mit
Justizminister Thornburgh im Rosengarten gestanden
und mich den Bürgerechtlern des Landes gegenüber
unverrückbar verpflichtet zu haben, ein Bürgerrechtsgesetz ohne Quotenregelung anzustreben, das ich
unterzeichnen könne. Unter der Voraussetzung, daß
es keine Veränderungen mehr in dem Gesetz gibt, wie
es letzte Nacht verabschiedet wurde, verfügen wir jetzt
über ein solches Gesetz. Mein Versprechen wird
gehalten, und ich werde dieses Gesetz mit Begeisterung unterzeichnen.
Ein anderes Thema ist die Nahost-Friedenskonferenz.
Ich möchte auf die historische Bedeutung dieser Zusammenkunft hinweisen. Seit Jahrzehnten ist der
Nahe Osten Sinnbild für gefährliche und tragische
Konflikte. Zwischen den Menschen dieser Region gibt
es immer noch erhebliche Differenzen. Aber ich
möchte auf das staatsmännische Geschick aller Teilnehmer an der Friedenskonferenz verweisen.

Seite 1

�Wenn man sich zusammensetzt, fängt man an, sich zu
verstehen. Natürlich kennen wir nicht das Ergebnis,
Es wird Geduld und Entschlossenheit erfordern. Die
Vereinigten Staaten können nicht Frieden im Nahen
Osten schließen - das können nur die Parteien selbst.
Aber wir können und werden ein engagierter und
aktiver Partner beim Streben nach Frieden sein.
Außenminister Baker hat Geduld und Beharrlichkeit
bewiesen, und er hat unermüdlich und diszipliniert mit
der Sowjetunion und allen Parteien in der Region
zusammengearbeitet, um diese Konferenz und die
Hoffnung auf Frieden wahr werden zu lassen. Dafür
schulden wir ihm großen Dank.
Ich begebe mich auch nach Madrid, um Präsident
Gorbatschow zu treffen, und ich weiß, daß Präsident
Gorbatschow ebenso wie ich die Hoffnungen der ganzen
Welt auf diese neuen Chancen für Frieden richten
möchte.
Frage: Zur Innenpolitik. Die amerikanische Wirtschaft
bereitet immer mehr Menschen Anlaß zur Sorge.
Millionen sind arbeitslos, und täglich werden neue
Statistiken über eine potentielle Rezession vorgelegt.
Sind die Anzeichen nicht deutlich, daß etwas getan
werden muß? Was würden Sie den Amerikanern
sagen, worin Ihre Hilfe besteht?
Antwort: Ich möchte die Mutmaßungen über eine
weitere Rezession nicht vertiefen. Danach ist mir
nicht. Die Wirtschaft war schwerfällig. Sie war nicht
halb so gut, wie ich oder das amerikanische Volk sie
gern gesehen hätte. Was ich tun möchte? Ich hätte es
gern gesehen, daß der Kongreß die von mir bereits
1989 und auch später für das Wachstum vorgeschlagenen Maßnahmen ergreift. Wir benötigen eine Stimulation des Wirtschaftswachstums.
Meiner Ansicht nach ist nunmehr jeder mit der Tatsache vertraut, daß eine Senkung der Kapitalertragsteuer das Wachstum ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen
und Chancen bereiten würde. Wir werden hingegen
angegriffen, hierbei handele es sich um eine Steuererleichterung für die Reichen. Ich möchte dem Kongreß
vorschlagen, es zu versuchen: ich werde auf der politischen Seite die Schuld auf mich nehmen, wenn ich
nur die Hälfte der Anerkennung bekomme, wenn es
der Wirtschaft zum Vorteil gereicht.
Darüber hinaus haben wir ein Programm, das verbesserte Forschung und Entwicklung umfaßt, wir haben
ein Gesetz über die Reform des Bankwesens, das im
Kreditwesen sicher stimulierend wirken würde - es sitzt
im Kapitol fest. Wir haben ein Programm über steuerbegünstige Sparanlagen für die private Altersvorsorge
vorgelegt. Wir haben ein Verkehrsgesetz, das Arbeitsplätze schafft. Wir setzen uns für Industrieförderungsgebiete ein.

Seite 2

Hier ist also ein gutes 6-Punkte-Programm für das
Wachstum, und der Kongreß weigert sich, auch nur
das geringste dafür zu tun. Und ich glaube nicht, daß
es einen Menschen im ganzen Land gibt, der daran
zweifelt, daß wir für diese Dinge eintreten.
Wir werden sehen, wohin uns unser Weg führt. Aber
ich mache mir Sorgen, wenn Menschen in Not sind,
macht man sich natürlich Sorgen. Ich wünsche mir ein
aus laufenden Erträgen bezahltes Paket der Arbeitslosenunterstützung, das nicht zum Defizit beiträgt und
nicht nachfolgende Generationen mit einem höheren
Defizit der Bundesregierung belastet. Es soll innerhalb
der Haushaltsvorlage funktionieren. Das habe ich
vorgeschlagen. Ich hoffe, der Kongreß wird einmütig
sein und mir ein solches Paket vorlegen.
Frage: Einige Republikaner im Kongreß haben ihre
Bereitschaft bekundet, den Steuerermäßigungen für
die Mittelschicht zuzustimmen, wie sie die Demokraten vorgeschlagen haben. Wären Sie bereit, hier zuzustimmen?
Antwort: Ich wäre sehr enthusiastisch über eine
Steuerermäßigung für alle Amerikaner, aber das kann
nicht innerhalb der Haushaltsvorlage geleistet werden.
Aber es muß erreicht werden, und wenn es etwas
Neues dazu geben soll, dann dies. Man sollte sich
überlegen, wie es in die Haushaltsvorlage zu integrieren ist.
Ich möchte vor allem folgendes betonen: Reduzierung
der Kapitalertragsteuer, Forschung und Entwicklung,
Reform des Bankwesens, Vergünstigungen für Spareinlagen zum Zweck der Altersversorgung, Verkehrsgesetz, Industrieförderungszonen - all die Dinge, auf
die ich bereits verwiesen habe. Aber ich bin nicht völlig
gegen alles, was ich hier höre. Aber sie sollten unser
Wachstumspaket in Betracht ziehen. Damit würde ich
beginnen. Wenn sich noch weitere Vorteile ergeben auch gut. Aber wir sollten nicht die Haushaltsvorlage
angreifen und dann sagen, das Defizit der Bundesregierung spielt keine Rolle. Es spielt eine Rolle. Das tun
Defizite immer.
Frage: Ministerpräsident Schamir wird die israelische
Delegation nach Madrid leiten. Erst gestern erklärte
er, keine territorialen Konzessionen an die arabischen
Staaten machen und die israelische Siedlungspolitik
nicht einfrieren zu wollen. Kann es in Madrid und
darüber hinaus Fortschritte geben, wenn er diesen
Standpunkt vertritt?
Antwort: Ich wußte, daß jemand solche Fragen
stellen würde - detaillierte Fragen nach der Position der
Konferenzteilnehmer. Das ist höchst verständlich. Ich
werde darauf nicht antworten. Was ich nicht möchte,
ist diesen Prozeß unabsichtlich zu komplizieren. Die
Parteien sollten sich wie geplant zusammensetzen

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�und darüber diskutieren - eine Priorität nach der anderen. Es ist nicht an den Vereinigten Staaten, dies zu
tun.
Zu 242 und 338 ist unsere Haltung bekannt. Ebenso
bekannt sind unsere Positionen zu einer Reihe von
anderen Themen, die möglicherweise dort erörtert
werden. Aber wir versuchen, als Katalysator zu fungieren, Menschen zusammenzubringen und sie Meinungsverschiedenheiten diskutieren zu lassen. Es tut mir
also leid, daß ich diese Frage nicht definitiv beantworten werde und auch keine anderen über besonders
strittige Themen zwischen den Parteien. Wir versuchen nicht, eine Einigung zu erzwingen. Wir versuchen, Menschen zusammenzuführen, damit sie Einigung erzielen können.
Frage: Werden Sie denn die Standpunkte der Vereinigten Staaten erläutern, wenn Sie die Konferenz
eröffnen?
Antwort: Ich glaube nicht, daß wir dies an dem Punkt
tun müssen. Die Positionen der Vereinigten Staaten
sind eindeutig. Aber das ist nicht der Punkt. Wir halten
keine Konferenz über US-Politik ab sondern führen
eine Konferenz durch, bei der wir Menschen zusammenbringen, um Jahre alte Konflikte beizulegen.
Frage: Werden Sie Schamir treffen?
Antwort: Das werde ich ganz sicher. Ich werde auch
mit anderen Delegationsleitern zusammentreffen und
Präsident Gorbatschow sehen. Ich hoffe ferner den
spanischen Ministerpräsidenten und den König zu
treffen. Ich weiß nicht, wieviele bilaterale Treffen ich
genau haben werde. Das steht noch nicht fest. Aber
ich sehe dem mit Interesse entgegen.
Frage: Das Bürgerrechtsgesetz begrenzt Schadenersatzansprüche in Fällen der Diskriminierung aufgrund
des Geschlechts, nicht aber bei Rassendiskriminierung. Zum ersten Mal werden damit finanzielle Schäden für Diskriminierung aufgrund des Geschlechts
beziffert. Wie aber rechtfertigen Sie dies gegenüber
Frauen, die es als Zeichen verstehen könnten, Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts würden einfach nicht so ernst genommen wie Rassendiskriminierung?
Antwort: Ich würde versuchen, diese Befürchtungen
zu zerstreuen und erklären, die Hauptsache sei ein
Bürgerrechtsgestz, das gegen sexuelle Belästigung
und Diskriminierung am Arbeitsplatz vorgeht. Genauso würde ich darauf antworten. Dies ist das erste ...
Frage: Warum sollte es ein Unterschied sein?
Antwort: Das ist das erste Mal in der Geschichte. Ich
muß Sie daher an die Juristen verweisen.
Frage: Zurück zu den Thomas-Anhörungen. Angesichts der Macht seiner ungeschminkten Aussagen bei
den 11 stündigen Anhörungen, von denen viele Leute
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glauben, sie hätten seine Nominierung gerettet, frage
ich mich, ob Sie Kandidaten in die Hände von Trainern
aus dem Weißen Haus geben wollen, die offensichtlich
alle Ecken und Kanten von ihren Positionen abschleifen und sie abhalten wollen, etwas Kontroverses zu
sagen.
Antwort: Diese Frage habe ich bereits gehört. Erst
am Samstag. Ich denke, Sie leisten den Kandidaten
einen Bärendienst, wenn sie von Trainern des Weißen
Hauses sprechen, die jeden auf Kurs brigen. Eine
Person, die sich dem Prozeß der Bestätigung unterziehen muß, begrüßt Beratung. Aber wenn man andeuten will, der Kandidat tut das, was die Berater wollen,
ist das meiner Ansicht nach falsch.
Ich denke, mit der Fragestellung erweist man Richter
Thomas einen schlechten Dienst, der seinen Kurs
verfolgt hat. Natürlich haben ihm einige Leute geholfen, es gab bestimmte Fragen, bei denen sie vorausgesagt haben, sie würden wahrscheinlich gestellt.
Aber ich denke, man wird ihm nicht gerecht, wenn man
glaubt, die Trainer geben die Antworten vor. Es gibt bei
diesen Anhörungen zur Bestätigung ein Muster, wem
welche Frage gestellt wird oder nicht. Meiner Ansicht
nach wurde er zum einen oder anderen Thema mehr
befragt als sein Vorgänger.
Frage: Herr Präsident, Thomas hat selbst vor Abgabe
seiner Erklärung am Freitag gesagt, er sei nicht das
Produkt - seine eigenen Worte - irgendwelcherTrainer.
Er hat doch erkannt, daß Berater bei seinen Anhörungen eine Rolle gespielt haben?
Antwort: Ich sage nicht, daß es niemanden gab, der
ihm geholfen hat. Irgendwie gefällt mir das Wort
Trainer nicht - wie bei Preisboxem: geh hin und schlag
ihn nieder. Darum geht es doch wohl nicht. Vielleicht
verstehe ich Ihre Frage falsch.
Frage: Sprechen wir hier nicht über Leute, die normalerweise Lobbyisten für private Interessen sind, die
verständlicherweise gute Beziehungen zum Kongreß
unterhalten müssen und deren Beteiligung bei einer
solchen Situation einem Interessenkonflikt gleichkommt,
weil sie niemanden verärgern wollen, auch nicht den
Kandidaten?
Antwort: Wenn Sie damit andeuten wollen, daß ein
Kandidat - in diesem Fall Richter Thomas - Prinzipien
aufgeben würde, weil einer seiner Helfer den Kongreß
nicht verärgern will, muß ich das zurückweisen. Ich
denke nicht, daß diese Anschuldigung seinem intellektuellen Niveau entspricht.
Frage: Colin Powell scheint zu glauben, das Pentagon
könne mit der Hälfte der 75 B-2 Tarnkappenbomber
leben, die Sie vorgeschlagen haben. Wenn das der
Fall ist, wie werden Sie verhindern, daß Gegner des
Programms die niedrigere Zahl noch weiter verringern?

Seite 3

�Antwort: Wir haben ein Programm. Wir werden
weiterhin eine große Bandbreite von Verteidigungsangelegenheiten erörtern. Ich möchte mich nicht zu einer
angeblichen Position einer wichtigen Person äußern
und sie damit vergleichen, wie jemand anders in der
Regierung darüber denkt.
Frage: Es klingt, als wäre ihre Position zu der Zahl 75
nicht rigide.
Antwort: Das würde ich nicht sagen. Uns liegt ein
Vorschlag vor, und wir werden sehen, wo wir damit
landen.

stellen? Viele Leute würden das gern sehen. Es gibt
eine Menge Probleme in diesem Land, von denen
einige mehr Geld erfordern würden. Es gibt aber auch
die Pflicht, übermäßigen Ausgaben entgegenzutreten.
Und hier kommt die Haushaltsvereinbarung ins Spiel.
Frage: In Washington hat man sich diese Woche mit
Vorschlägen für Steuersenkungen gewissermaßen
überboten, was durch einige Ihrer Treffen mit den
Republikanern ausgelöst wurde. Ist dieser Wettkampf
nun beendet? Konnten Sie ihn beenden? Und meine
zweite Frage lautet: Wenn die Haushaltsvereinbarung
nicht durch irgendwelche Steuersenkungen zu Fall
gebracht werden kann, wird sie dann nicht ausgehöhlt?

Frage: Als Sie die Haushaltsvorlage mit dem Kongreß
unterzeichnet haben, befand sich die Wirtschaft nicht
in einer Rezession, die Sowjetunion hatte keinen
Zusammenbruch erlebt, und deshalb hatten Sie keine
Kürzung der nuklearen Arsenale des Landes vorgeschlagen. Es gab noch keine Schätzungen, daß die
Vereinigten Staaten mit viel kleineren Streitkräften
leben könnten. Warum wird angesichts all dessen die
Haushaltsvorlage nicht überarbeitet, auch angesichts
der Tatsache, daß das Haushaltsdefizit sowieso höher
ist als es die Vorlage fordert.

Antwort: Ich glaube nicht, daß wir diese Konkurrenz
beenden können. Es ist meines Erachtens verständlich, wenn Menschen sich Sorgen machen - schlechte
Wirtschaftszahlen treten von Zeit zu Zeit auf, obwohl
sie dieses Mal eher gemischt sind, mit einigen ziemlich
guten darunter. Ich bin besorgt. Aber ich sage diesen
Leuten nicht, daß sie keine Vorschläge machen sollen.
Ich werde mich jedoch nicht an einem Wettstreit dieser
Art beteiligen.

Antwort: Ich werde sie nicht überarbeiten, weil sie die
einzige Obergrenze ist, die uns bei exzessiven Ausgaben des Kongresses zur Verfügung steht. Sie ist die
einzige Garantie für den Steuerzahler, daß seine Interessen in gewissem Maße berücksichtigt werden.

Es gibt einige gute Vorschläge. Einige werden aus rein
politischen Erwägungen kritisiert, meines Erachtens
auf ziemlich unfaire Weise; Dinge, die die Wirtschaft
schon vor langer Zeit angekurbelt hätten. Und ich mu ß
die sechs Punkte nicht noch einmal wiederholen...

Wenn Sie so überarbeitet wird, daß diese Beschränkungen aufgehoben sind, werden den Ausgaben Tür
und Tor geöffnet. Das haben wir bereits bei einigen
Gesetzen beobachtet - die Arbeitslosenhilfe ist ein
gutes Beispiel aus jüngster Zeit. Machen Sie sich
keine Sorgen über Haushaltsdefizite, über die Menschen, die Steuern zahlen, geben Sie einfach mehr
aus. Es tut mir leid, aber ich möchte die Haushaltsvorlage nicht freigeben, weil ich die Ausgabenbeschränkungen für hilfreich halte.

Ich bin jedoch nach wie vor der Meinung, daß diese
Schritte Arbeitsplätze schaffen und die Gründung neuer
Unternehmen fördern würden. Der Kongreß möchte
einen anderen Ansatz wählen. Man hat sich dort aber
noch nicht verständigt, und ich werde das weitere
Vorgehen beobachten. Ich werde dabei berücksichtigen, ob sie das Haushaltsabkommen zu Fall bringen
oder nicht und dann eine Entscheidung treffen, an
deren Ende möglicherweise eine neue Kombination
dessen stehen kann, was ich für das Beste halte.
Vielleicht sollte ich das tun.

Es gibt ein paar Dinge, die sie durchbrochen haben.
Ich denke dabei an die Probleme der Banken, von
denen manche außergewöhnlich waren. Aber wenn
wir diese Vorlage umgestalten, werden Sie sich einer
Flut von Ausgabenprogrammen gegenübersehen. Und
das schränkt uns bei der Erstellung unseres Haushalts
ebenso ein wie den Kongreß bei seinen Ausgaben.
Deshalb werde ich sie nicht überarbeiten.
Frage: Stellt es kein Problem dar, so eingeschränkt zu
sein, wenn man mit neuen Problemen wie etwa der
anhaltenden Arbeitslosigkeit fertigwerden muß?
Antwort: Ja, das ist ein Problem. Aber es hilft uns, ein
altes Problem zu behandeln, das uns schon seit Jahren am Herzen liegt - die Beschränkung des Defizits im
Bundeshaushalt. Aber das trifft sicher zu. Welcher
Präsident würde nicht gerne die Taschen voller Geld
haben, um für jede gute Sache Mittel zur Verfügung zu

Seite 4

Frage: Solange der Preis für eine Verringerung der
Kapitalertragssteuer aus der Perspektive der Demokraten in einer Erhöhung der Steuersätze oder in einer
Begrenzung der Sätze besteht, wird sie aus Ihrer
Perspektive wohl nicht zustande kommen?
Antwort: Ich habe eine Senkung der Kapitalertragssteuer ohne Erhöhung der Einkommensteuern vorgeschlagen, und ich mag diese Idee. Ich möchte mich
nicht erneut in eine Diskussion über Steuererhöhungen verwickeln lassen, und meines Erachtens möchte
auch das amerikanische Volk keine Steuererhöhungen, unabhängig davon, ob es sich um niedrige, mittlere oder höhere Einkommen handelt.
Es besteht in diesem Land deutliches Unbehagen im
Hinblick auf höhere Steuern. Viele Menschen denken,
wir sollten uns besser um die Kontrolle der Ausgaben
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�kümmern. Das ist einer der Gründe, warum ich nicht
möchte, daß der Kongreß die Haushaltsvereinbarung
zerstört. Wir werden also dabei bleiben. Alles, was ich
vorschlage, hat echtes Wachstum zum Ziel.
Frage: Es wurden Berichte veröffentlicht, wonach Sie
persönlich die Kampagne genehmigt haben, mit der
republikanische Senatoren Anita Hill diskreditieren
wollten. Marlin sagte, das treffe nicht zu. Ob dies
zutrifft oder nicht...
Antwort: Es trifft nicht zu. Ich möchte Sie bereits hier
unterbrechen - es trifft nicht zu. Fahren Sie fort.
Frage: Haben Sie die republikanische Taktik gutgeheißen? Undfalls nicht, warum haben Sie sie als Mann
an der Spitze der Republikanischen Partei und Präsident der Vereinigten Staaten nicht aufgehalten?
Antwort: Von welcher Taktik sprechen Sie bitte?
Frage: Nun, es gab zahlreiche Kritiker der republikanischen Senatoren, die eine Kampagne anführten, um
Anita Hills Aussage zu diskreditieren.
Antwort: Ich gehöre nicht dazu. Ihre Aussage hat
beim amerikanischen Volk, das mit überwältigender
Mehrheit Clarence Thomas unterstützte - übrigens
ganz am Ende ebenso wie vorher -, gewisse Fragen
aufgeworfen. Meines Erachtens ist es angemessen,
diese Aussage zu untersuchen.
Frage: Hatten Sie irgendwelche Probleme mit der Art

von Fragen, die gestellt wurden oder versteckten
Andeutungen, daß es noch andere Dinge gab, die sie
nicht...
Antwort: Ich hatte Probleme mit der ganzen Sache.
Ich habe gestern eine Rede über meine Probleme
gehalten, die meines Erachtens mit den Problemen
identisch sind, die das amerikanische Volk in bezug auf
den ganzen Prozeß hatte, denn diese plastischen nicht
jugendfreien Anschuldigungen hätten unabhängig davon,
ob sie nun zutrafen oder nicht, hinter verschlossenen
Türen vorgebracht werden müssen. Ich bin der Meinung, das amerikanische Volk hat ein Recht auf Information, aber auch das Recht zu delegieren. Und
meines Erachtens hatte Joe Biden zu Beginn der
ganzen Anhörung recht als er vorschlug, Zeugen könnten
unter Ausschluß der Öffentlichkeit befragt werden. So
hätte ich mir eine Lösung dieser Frage vorgestellt.
Und in diesem Fall ginge es weder dem amerikanischen Volk noch Clarence Thomas oder Anita Hill
schlechter. Allen Beteiligten würde es vielmehr besser
gehen.
Frage: Dürfte ich fragen, ob sie Ihrer Meinung nach
fair behandelt wurde?
Antwort: Ich möchte Senator Biden nicht beschuldigen, kein faires Hearing veranstaltet zu haben. Ich
habe bereits ganz am Anfang erklärt, daß er meines
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Erachtens gute Arbeit geleistet hat. Also versuchen
Sie bitte nicht, mich in eine Diskussion darüber zu
verwickeln, was fair war und was nicht. Einige Leute
waren von den Ergebnissen enttäuscht. Sie könnten
denken, es sei nicht fair zugegangen. Ich war über die
Ergebnisse erfreut, weil ich der Meinung bin, daß sich
das Vertrauen des amerikanischen Volkes in diesen
Richter als korrekt erwiesen hat.
Frage: Obgleich Sie glauben, daß Anita Hill im Gegensatz zu Ihrem Kandidaten nicht die Wahrheit sagte,
machen Sie, Herr Bush, sich keine Sorgen darüber,
daß drei Frauen, die über die sogenannte "gläserne
Wand" aussagen sollten...
Antwort: Nein, ich mache mir darüber keine Sorgen.
Frage: Obwohl sie geäußert haben, die Behandlung
von Anita Hill habe sie davon überzeugt, nicht an die
Öffentlichkeit zu gehen und ihre Arbeitgeber öffentlich
zu kritisieren?
Antwort: Schauen Sie, es gibt eine Menge Leute auf
allen Seiten, die ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck
bringen. Ich meine, das Land ist froh, die Angelegenheit abgeschlossen zu haben. Meines Erachtens hat
sie sich angesichts des Endresultats in befriedigender
Weise gelöst - Clarence Thomas ist Mitglied des
Obersten Bundesgerichts. Ich war persönlich besonders beeindruckt von seinen Ausführungen darüber,
wie es ihm und seiner Familie aufgrund dieser Ereignisse ergangen ist. Wenn die Frage also lautet: hätte
man die Anhörung verlängern sollen, damit drei weitere Personen aussagen können, so bin ich nicht
dieser Meinung.
Frage: Nein, dabei handelte es sich um eine andere
Anhörung, bei der drei Frauen sich weigerten, über
einen anderen Bereich der Diskriminierung am Arbeitsplatz auszusagen und angaben, das, was sie als
die öffentliche Vorführung Anita Hills betrachteten
spiegele wider, was sie selbst zu erwarten hätten,
wenn sie...
Antwort: Entschuldigen Sie, ich habe Sie mi ßverstanden. Ja, darüber bin ich besorgt. Ich mache mir
Sorgen, daß gute Leute, die andernfalls eine positive
Einstellung zur Regierung hätten, nicht in den Staatsdienst eintreten könten, weil sie selbst nicht auf diese
Weise durch die Mangel gedreht werden möchten. Ja,
ich mache mir sehr große Sorgen darüber.
Frage: Entschuldigen Sie, Herr Bush. Hier handelte
es sich um Frauen, die bereits im Staatsdienst tätig
waren und angaben, daß sie vor der Aussage von
Anita Hill Opfer von Diskriminierung am Arbeitsplatz
gewesen seien, weil sie Frauen sind. Nach ihrer [Hills]
Aussage und ihrer Behandlung durch den Rechtsausschuß des Senats weigerten sie sich aus Furcht vor
einer solchen Behandlung, öffentlich auszusagen,
obwohl ihre Behauptungen fundiert sein könnten, was

Seite 5

�Ihrer Meinung nach bei Anita Hill nicht der Fall war. Ich
frage Sie nun, ob Sie sich Sorgen über eine abschrekkende Wirkung...
Antwort: Ich habe das nicht behauptet - Sie legen mir
Worte in den Mund. Ich habe so etwas nicht behauptet. Aber machen Sie bitte weiter.
Frage: Machen Sie sich Sorgen über eine mögliche
abschreckende Wirkung?
Antwort: Ja, das habe ich gerade gesagt. Ja, ich
mache mir Sorgen über eine abschreckende Wirkung.
Je mehr eine solche offene, überfrachtete Debatte
stattfindet, in der der Charakter von Menschen auf der
einen oder anderen Seite das Ziel von Angriffen ist,
desto mehr Sorgen mache ich mir. Ich habe dies in
meiner gestrigen Rede angesprochen und einige
Vorschläge dazu gemacht. Und einer dieser Vorschläge läuft darauf hinaus, daß es mehr Geheimsitzungen
des Senats geben sollte, wenn es dazu kommt oder
wenn es um persönliche Anliegen von Menschen geht.
Ja, darüber mache ich mir Sorgen.
Frage: Sie haben in Louisiana den Wahlkampf von
Buddy Roemer unterstützt. Wie lautet Ihre politische
Analyse des Klimas, das eine solche Anzahl von
Wählerstimmen für einen ehemaligen Führer des Ku
Klux Klan und Sympathisanten der Nazis, David Duke,
hervorgebracht hat, der behauptet, ein Republikaner
zu sein?
Antwort: Ich habe mich nicht eingehend genug mit
den dortigen Themen beschäftigt, um zu wissen, warum
Menschen für ihn gestimmt haben. Ich möchte klarmachen, daß ich David Duke aufgrund des Rassismus
und seiner jüngsten Äußerungen, die angesichts ihrer
Bigotterie und allem anderen besorgniserregend sind,
auf keinen Fall unterstützen könnte.
Nachdem ich dies gesagt habe, kann ich Ihnen leider
im Hinblick auf die anderen Fragen, die offensichtlich
zahlreiche normale, ehrliche und anständige Wähler
dort unten beeinflußt haben, nichts Genaues sagen.
Aber es besteht Unzufriedenheit bei zahlreichen Wählern,
und vielleicht hat er da einen Nerv getroffen.
Wenn dies nun so verstanden werden sollte, daß es für
die Wähler wegen des Rassismus oder der Bigotterie
attraktiv war, so möchte ich dies energisch zurückweisen.
Frage: Würde Ihre Ablehnung so weit gehen, daß Sie
den Bürgern von Louisiana raten würden, für seinen
Gegenkandidaten zu stimmen oder vielleicht einen
anderen Namen auf den Stimmzettel zu schreiben?
Antwort: Ich habe bereits Buddy Roemer unterstützt,
und ich wei ß nicht, wie die Regeln dort aussehen, aber
ich bin sehr unglücklich darüber, daß der Gouverneur
dort nicht wiedergewählt wurde oder in die Stichwahl
kam. Ich bin sehr unglücklich darüber, denn ich bin

Seite 6

immer noch der Meinung, daß er ein vernünftiger
Mann, ein zukunftsorientierter und guter Mann ist.
Aber ich werde mich hier nicht einmischen, außer mit
der Feststellung, daß wir David Duke aus den angeführten Gründen niemals auf irgendeine Weise unterstützen können. Versuchen Sie also nicht, mich in die
Stichwahl in diesem Staat zu verwickeln. Ich werde
mich da nicht hineinziehen lassen.
Frage: Werden Sie bei dem Treffen mit Präsident
Gorbatschow in Madrid in der Lage sein, einige seiner
Vorschläge im Hinblick auf Kernwaffen mit eigenen
Vorschlägen zu beantworten?
Antwort: Nein.
Frage: Wenn nicht, worüber werden Sie dann reden?
Antwort: Nun, Ende offen. Das Hauptthema ist eine
Friedenskonferenz für den Nahen Osten. Aber ich bin
sicher, wir werden über bilaterale Fragen sprechen,
und ich werde zu Gesprächen über Kernwaffen bereit
sein. Ich bin bereit, über ihre und unsere Wirtschaft zu
sprechen. Ich bin bereit, über alles zu diskutieren, was
ihn interessiert. Wir führen immer sehr umfassende
Gespräche, und ich freue mich wirklich sehrauf diesen
Teil.
Aber der Grund, aus dem ich so schnell geantwortet
habe, besteht darin, daß ich nicht den Eindruck hinterlassen möchte, wir würden ein neues Vier-PunkteProgramm oder ein Sechs-Punkte-Programm vorlegen , um auf seine positive Antwort auf unsere Initiative
zu reagieren.
Frage: Einige Leute meinen, für Frauen laute der
Tenor der Anhörungen Anita Hill/Clarence Thomas:
Bemühen Sie sich nicht, über sexuelle Belästigung zu
sprechen, denn es wird Ihnen ja doch niemand glau
ben. Ist dies Ihrer Meinung nach der Tenor oder
würden Sie den amerikanischen Frauen sagen, daß
sie sich zu Wort melden sollten?
Antwort: Ich sage, sie sollten sich zu Wort melden.
Aber dies sollte in einem Klima geschehen, daß Menschen nicht in einem solchen Verfahren zerstört werden. Und aus diesem Grund erkläre ich, wir sollten es
hinter verschlossenen Türen tun oder Verfahren durchführen, in denen keine vertraulichen Informationen
weitergegeben werden, wie dies bei Anita Hill der Fai!
war, als jemand nach außen ging und dies heimtükkisch weitergab und sie in ein öffentliches Debakel
hineingezogen wurde, das sie von Anfang an vermeiden wollte.
Ja, ich mache mir Sorgen darüber und über ihre
Gefühle sowie all das, was damit zusammenhing. Ich
habe Vorschläge zur Abhilfe unterbreitet, einschließlich der Art und Weise des Umgangs mit FBI-Akten.
Wenn also Menschen nicht an die Öffentlichkeit gehen
können, weil sie befürchten, ihr Ruf könnte geschädigt
und in den Schmutz gezogen werden, so bin ich

AMERIKA DIENST 43

�darüber besorgt. Und aus diesem Grund habe ich
gestern einige Vorschläge gemacht, die meines Erachtens zur Bewältigung des Problems beitragen
werden. Ob sie es lösen können, weiß ich nicht. Und
ich wiederhole: das gilt nicht nur für Frauen, die sich
in einem Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu Wort melden oder um Anita Hill zu unterstützen, es gilt für Personen, die sonst in den Staatsdienst
eintreten würden, sich aber nicht mit Enthüllungen
dieser Art konfrontiert sehen möchten, die ihren Charakter in Zweifel ziehen.
Ich weiß nicht, wie wir das Problem völlig lösen können. Aber ich habe einige Vorschläge gemacht, die
meines Erachtens dazu beitragen werden.
Frage: Aber warum solten Frauen heute darüber
besorgt sein, daß ihr Ruf geschädigt wird, wenn sie
Beschuldigungen erheben, da die meisten Anhörungen wegen sexueller Belästigung nicht im Fernsehen
übertragen werden?
Antwort: Warum sollte ein Kandidat für ein Amt nicht
besorgt sein, daß sein Charakter mit Füßen getreten
wird wie bei Richter Thomas? Sie stellen es auf eine
Grundlage. Sie stellen es auf die feministische Grundlage. Ja, ich bin darüber besorgt. Und ich habe
Vorschläge gemacht, was man unternehmen könnte.
Ich mache mir ebenfalls über die Basis des öffentlichen
Dienstes Sorgen, und in diesem Fall war ich sehr über
den Rufmord an Clarence Thomas besorgt. Es gibt
einen Weg, um solche Fragen zu behandeln. Man
delegiert nachrichtendienstliche Fragen; warum kann

*

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*

man - und ohne daß jeder das Recht hat, jedes Detail
zu erfahren - in diesen Anhörungen das Urteil über
diese Fragen nicht auf die Senatoren hinter verschlossenen Türen delegieren? Und warum können wir den
Prozeß nicht erleichtern, indem wir uns so gut wir
können vor der heimtückischen Weitergabe vertraulicher Informationen schützen, die Personen in der
Minute schädigt, in der sie stattfindet? Ich habe also
meine Vorschläge dazu gemacht, und ich bin in der Tat
besorgt.
Aber ich möchte hier nicht mit einem negativen Schlußakkord enden. Ich möchte zum Schluß mitteilen, wie
erfreut ich über die Abstimmung über das Bürgerrechtsgesetz bin. Wie Sie wissen, haben einige Leute
gesagt, der Präsident will vielleicht gar kein Bürgerrechtsgesetz, er möchte irgendein Problem - meine
politischen Gegner behaupten dies immer wieder. Die
Tatsache, daß wir jetzt ein gutes, solides und vernünftiges Bürgerrechtsgesetz haben, ist meines Erachtens
gut für das amerikanische Volk. Es reicht meiner
Meinung nach über Parteipolitik hinaus.
Ich möchte Bob Dole und Jack Danforth auf unserer
Seite und andere auf der demokratischen Seite beglückwünschen, die bereit waren, konstruktiv zu arbeiten - mit allen Höhen und Tiefen, Behauptungen und
Gegenbehauptungen. Aber heute haben wir ein gutes
Bürgerrechtsgesetz. Ich möchte daher den Senat
auffordern, es umgehend und ohne Veränderungen zu
verabschieden. Ich möchte das Repräsentantenhaus

bitten, ihm zuzustimmen. Laßt uns etwas Gutes und
Richtiges im Bereich der Bürgerrechte für das amerikanische Volk tun.

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�DEUTSCH-AMERIKANISCHE

BEZIEHUNGEN
30. Oktober 1991

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN DIE MENSCHLICHE DIMENSION
Rede von Botschafter Kimmitt in Berlin
BERLIN - (AD) - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Robert M. Kimmitt, hat am
24. Oktober 1991 beim Aspen-Institut in Berlin eine Rede zum Thema "Die deutsch-amerikanischen Beziehungen - die menschliche Dimension" gehalten, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Ich freue mich über diese Gelegenheit, so kurz nach
meiner Ankunft in Deutschland heute abend beim
Aspen-Institut in Berlin sein zu können. Ich möchte
Ihnen das Bedauern meines Freundes Henry Catto,
dem Direktor des US-Informationsamts, überbringen,
der bei diesem Anlaß nicht anwesend sein kann.
Botschafter Catto mußte seine geplante Reise nach
Deutschland absagen, hofft aber, den Besuch so bald
wie möglich im neuen Jahr nachzuholen.
Da ich erst kürzlich gebeten wurde, für Henry Catto
einzuspringen, hatte ich nicht genug Zeit, um diese
Rede auf Deutsch vorzubereiten, wie ich es normalerweise tue. Ich werde also heute abend Englisch
sprechen, freue mich aber bereits auf einen Vortrag in
Deutsch bei meinem nächsten Besuch. Ich werde
nach meinen Ausführungen auch gern Fragen beantworten, um, nachdem ich Ihnen meine Ansichten
vorgetragen habe, Ihre Meinung kennenzulernen.
Ich fühle mich nicht nur wegen der hervorragenden
Persönlichkeiten, die vor mir hier gesprochen haben,
geehrt, in diesem besonderen Forum sprechen zu
dürfen, sondern auch wegen der wichtigen Arbeit, die
Sie im Bereich der deutsch-amerikanischen Beziehungen leisten. Seit der Gründung des Aspen-Instituts
Berlin im Jahr 1974 als privater, gemeinnütziger und
überparteilicher Institution haben Sie in einem freien
und schöpferischen Umfeld zahllose Seminare zu
einigen der drängendsten - und schwierigsten - aktuellen Fragen veranstaltet. Das Aspen-Institut ist zu
einem brillianten Beispiel jener Affinität geworden, die
der große Gelehrte und Staatsmann Adolf von Harnack vor langer Zeit mit folgenden Worten diagnostizierte: "Unter den zivilisierten Ländern der Welt ist
Amerika für uns räumlich das entfernteste, geistig

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jedoch das nächste, mit der größten Affinität." Durch
die Förderung des geistigen Dialogs zwischen Deutschland und Amerika haben Sie die Stärke der uns
verbindenden transatlantischen Brücke in Herz und
Verstand aufrechterhalten.
Insbesondere Ihre öffentliche Vortragsreihe zum
Andenken an Hans Wallenberg muß hier lobend erwähnt
werden. Wallenbergs Saga - ein Wort, das ich mit
voller Absicht verwende, denn das Wörterbuch definiert "Saga" als eine Geschichte heldenhafter Leistungen - ist eine spezifisch deutsch-amerikanische Geschichte, die den Historikern und der Nachkriegsgeneration bekannt ist und an nachfolgende Generationen
überliefert werden muß. Im dunklen Zeitalter des
kalten Kriegs leistete er mit Hilfe des Journalismus auf
beiden Seiten des Atlantiks wichtige Beiträge zum
Kampf für Freiheit und Menschenrechte. Sein Name
und das, wofür er stand, dürfen nicht vergessen
werden.
Als Außenminister Baker im Juni dieses Jahres beim
Aspen-Institut sprach, erklärte er, Berlin nehme einen
ganz besonderen Platz im Herzen der Amerikaner ein.
Er charakterisierte Ihre Stadt als Ort, an dem Deutsche
und Amerikaner "gelitten, geteilt und für die Freiheit
gestritten" haben. Für Millionen Amerikaner bedeutet
Berlin in der Tat Symbol und Feuerprobe eines halben
Jahrhunderts der Geschichte.
Für meine Familie sind Berlin und seine Umgebung mit
besonderen Erinnerungen verbunden. Meine Eltern
trafen sich in Berlin und heirateten hier im März 1947,
und ich wurde neun Monate später in dfen Vereinigten
Staaten geboren - ich habe mich also stets im Geist als
Berliner betrachtet. In meiner Jugend sprachen meine

Seite 1

�Eltern oft von ihrer Verlobungszeit und dem Beginn
ihrer Ehe in Berlin, Potsdam und an anderen Plätzen
der Stadt in den Jahren 1946 und 1947 und zeigten uns
Photos aus dieser Zeit. Sie können sich also vorstellen, wie stolz ich sein werde, wenn ich sie zu ihrem 45.
Hochzeitstag im nächsten März zu einem Wiedersehen mit Berlin - und natürlich auch mit Potsdam und
jedem anderen Ort, den sie in den neuen Bundesländern besuchen möchten - begrüßen kann.
Ferner bin ich erfreut und stolz darauf, daß sich unter
den Zuhörern des heutigen Abends mein engster
deutscher Freund, Peter Weisbach, befindet, der ebenfalls im Jahr 1947 geborene - Sohn der besten
deutschen Freundin meiner Mutter. Peter und ich
kennen uns seit Jahrzehnten, aber erst jetzt können
wir so viel Zeit miteinander verbringen, wie wir uns
gewünscht haben.
Aber selbst die Amerikaner, die nicht diese familiären
Bindungen an Berlin besitzen, teilen eine persönliche
Beziehung zu dieser Stadt und ihren Bürgern, die von
Jahrzehnten unvergeßlicher Bilder geprägt ist:
Im Jahr 1945 machten uns die Bilder eines
zerbombten Berlins die schrecklichen Kosten
des Krieges sowie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit klar, um eine solche Tragödie in
Zukunft zu verhindern.
Im Jahr 1948 verließen die Sowjets in einer
Erklärung des kalten Kriegs den Alliierten Kontrollrat und blockierten Berlin. Die Vereinigten
Staaten und ihre Alliierten reagierten mit der
Berliner Luftbrücke, deren Andenken durch das
Luftbrückendenkmal, das ich heute in Tempelhof besucht habe, unsterblich gemacht wurde.
Manch einer vergißt jedoch, daß es ein ähnliches Denkmal auf dem Luftwaffenstützpunkt
Rhein-Main in Frankfurt gibt, von dem aus viele
Flüge der Jahre 1948 und 1949 ausgingen. Ich
habe dieses Denkmal am Dienstag dieser Woche
besucht, als ich die Ehre hatte, Jesse Turner
nach seiner Entlassung aus der Geiselhaft im
Nahen Osten in Deutschland zu begrüßen. Wie
passend, daß Jesse Turners Luftbrücke in die
Freiheit - wie bei anderen amerikanischen Geiseln vor ihm - über das Symbol einer früheren
Luftbrücke führte, das ebenso beredtes Zeugnis vom unstillbaren Verlangen der Menschheit
nach Freiheit ablegt.
Im Jahr 1953 veranstalteten die Berliner den
ersten Volksaufstand gegen die sowjetische
Tyrannei in Osteuropa. Es war eine Ehre für
mich, heute erneut über die Straße des 17. Juni
zum Brandenburger Tor zu gehen, in dessen
unmittelbarer Nähe sich das Grundstück befindet, auf dem ehedem unsere Botschaft stand.

Seite 2

Im Jahr 1961 wurde mit der Berliner Mauer das
letzte Schlupfloch aus dem Gefangenenlager
der Nationen verschlossen, zu dem Osteuropa
geworden war. Meine Familie lebte von 1960
bis 1964 in Deutschland, als mein Vater noch
beim Heer war, und ich hatte das Glück, Berlin
vor dem Mauerbau zu besuchen. Ich kann mich
deshalb noch lebhaft daran erinnern, wo ich am
13. August 1961 war und was ich an jenem Tag
tat, ebenso wie ich mich noch genau an den Tag
der Ermordung Präsident Kennedys, den 22.
November 1963 erinnere: Zwei Daten, die für
Amerikaner und Deutsche mit großer Trauer
verbunden sind.
Im Jahr 1971 kristallisierte sich im Viermächteabkommen über Berlin das schreckliche Dilemma der Entspannungspolitik - daß die Zusammenarbeit zwischen Ost und West von der
dauerhaften Teilung dieses Kontinents ausging.
Und dann, im Jahr 1989, fand - wiederum in
Berlin - das wichtigste Ereignis aller Zeiten gewiß das dramatischste Ereignis der Nachkriegszeit - statt: am 9. November wurde die
Mauer zum Tor. Die Berliner feierten das größte
und vielleicht emotionalste Familienfest der
Geschichte. Und wir alle, die wir in Amerika
diese Szenen sahen, die uns per Satellit ins
Haus gebracht wurden, fühlten erneut: Wir sind
alle Berliner.
Ja, mehr als jede andere Stadt der Welt wird Berlin in
den Vereinigten Staaten mit dem Kampf für Freiheit
und Widerstand gegen Unterdrückung identifiziert.
Das westliche Bündnis half der Stadt über ihre schweren Zeiten hinweg, aber nichts hätte ohne den Geist
und die Entschlossenheit der Stadt und ihrer Bürger
erreicht werden können.
Außenminister Baker stellte fest, daß es in Berlin war,
wo Deutsche und Amerikaner die transatlantische
Gemeinschaft schufen, und er verlieh unserer Überzeugung Ausdruck, daß wir sie von Berlin aus erweitem müssen. Er ging detailliert darauf ein, wie die
NATO, die Europäische Gemeinschaft, die KSZE und
andere etablierte und bewährte Organisationen als
Grundsteine einer euro-atlantischen Gemeinschaft von
Vancouver im Westen bis Wladiwostok im Osten dienen können und sollten.
Er sprach femer von der euro-atlantischen Gemeinschaft als einer "Wertegemeinschaft". Das ist es,
worüber ich heute abend mit Ihnen diskutieren möchte:
Die Bedeutung der menschlichen Dimension der
deutsch-amerikanischen Beziehungen für die atlantische Wertegemeinschaft und darüber, was wir in den
Vereinigten Staaten tun, um diese Dimension auf die
neuen Bundesländer auszudehnen.

AMERIKA DIENST 43

�Über vier Jahrzehnte lang waren die Energien des
westlichen Bündnisses darauf konzentriert, die Bedrohung der freien Welt durch die Kräfte des Kommunismus einzudämmen. Dieser Kampf ist vorbei. Die
Deutsche Demokratische Republik ist von der Landkarte verschwunden und wurde durch ein freies und
vereintes Deutschland ersetzt. Und die Amerikaner einschließlich des Durchschnittsamerikaners im ganzen Land, der sich kaum einmal außenpolitischen
Themen widmet - sind stolz auf Ihre Leistung und die
umgehende Unterstützung, die unsere Regierung von
Beginn an dem Prozeß der Vereinigung zuteil werden
ließ, einschließlich der sehr aktiven Rolle, die wir beim
Zwei-plus-Vier-Prozeß spielten.
Im Berlin von heute ist die Mauer, die einst einen
Kontinent - eine Welt - teilte, zu Staub zerfallen, zu
Souvenirs geworden. Die noch stehenden Teile werden künftigen Generationen als wichtige Erinnerung
an jenes dunkle Zeitalter dienen. Im Mai wurde der
Warschauer Pakt Teil der Geschichte, und dies geschah nicht mit militärischen Fanfaren sondern seine
Auflösung wurde auf den hinteren Seiten der wichtigsten Tageszeitungen der Welt berichtet.
Aber nur wenige Monate nach diesen historischen
Ereignissen erkennen wir auch, daß uns das Ende des
kalten Kriegs nicht in ein Zeitalter des ewigen Friedens
geführt hat. Mit dem Zurückweichen der Ost-WestKonfrontation wird die euro-atlantische Partnerschaft
vor neue Herausforderungen gestellt.
Es ist daher angebracht, sich den Grundsatz vor
Augen zu führen, daß erfolgreiche Institutionen wie die
NATO und ihre wichtige transatlantische Verbindung
für Frieden und Stabilität in der Zukunft ebenso unerläßlich sind wie in der Vergangenheit.
Die im Gründungsvertrag niedergelegte und in der
Londoner Erklärung bekräftigte Hauptfunktion der NATO
besteht in der Bewahrung von Frieden und Sicherheit
für all ihre Mitglieder sowie der Schaffung einer "auf die
gemeinsame Werte von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit'' gegründeten gerechten
und friedlichen Ordnung in Europa. Zur Bewerkstelligung dieser Aufgabe ist eine der Kernfunktionen der
NATO - wie in der Erklärung der Ministertagung des
Nordatlantikrats vom Juni dieses Jahres formuliert als ein 'Iransatlantisches Forum für Konsultationen
unter den Verbündeten über Fragen, die ihre vitalen
Interessen einschließlich möglicher Entwicklungen
berühren, die Risiken für die Sicherheit der Bündnismitglieder mit sich bringen, und als Forum für sachgerechte Koordinierung ihrer Bemühungen in Bereichen,
die sie gemeinsam angehen", zu dienen.
In den vergangenen zwei Jahren hat das Bündnis zwei
epochemachende Gipfeltreffen abgehalten, und im
kommenden Monat wird ein weiterer Gipfel zur Umgestaltung der NATO in Rom stattfinden, um die vor ihr
liegenden Herausforderungen der neuen Welt zu

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bewältigen. Die jüngste gemeinsame Erklärung der
Außenminister Baker und Genscherformuliertkonkrete Gedanken über die weiteren Schritte in diesem
kontinuierlichen Prozeß, insbesondere im Hinblick auf
die Einbeziehung der Staaten Ost- und Mitteleuropas.
Der KSZE-Prozeß ist die Institution, die bereits alle
Nationen Europas und Nordamerikas auf der Grundlage der gemeinsamen Verpflichtung zu Menschenrechten und demokratischen Prinzipien zusammenführt.
Wir alle stellen jedoch fest, daß es leichter ist, die
Prinzipien der Demokratie hochzuhalten als funktionsfähige demokratische Regierungen aufzubauen.
Demokratie bedeutet in der Tat sehr viel mehr als den
einmaligen Sturz eines tyrannischen Regimes, einen
gescheiterten Putschversuch oder selbst eine erste
freie Wahl. Zur Aufrechterhaltung der Bewegung zur
Demokratie müssen wir die demokratischen Institutionen dort stärken, wo sie bereits bestehen und zu ihrem
Aufbau beitragen, wo sie noch nicht existieren.
Die Vereinigten Staaten und die Mitgliedstaaten der
EG sehen sich darüber hinaus mit der Herausforderung konfrontiert, einen erfolgreichen Übergang der
Planwirtschaften in Osteuropa und der Sowjetunion
zum Weltmarkt zu unterstützen. Wir haben bei der
Mobilisierung der wirtschaftlichen und finanziellen
Unterstützung dieser Länder bei ihrem Kampf um die
Entwicklung von Marktwirtschaften eng mit der Bundesregierung und der Europäischen Gemeinschaft
zusammengearbeitet. Osteuropa und die Sowjetunion benötigen jedoch Handelschancen ebensosehr wie
Hilfe. Präsident Bush hat zusätzliche Handelsvergünstigungen für Mittel- und Osteuropa gefordert. Wir
erwarten den Abschluß der EG-Assoziierungsabkommen zur Bereitstellung dieser Hilfe, wie auch den
erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde in diesem
Jahr.
Es gibt keine Straßenkarte oder ein Patentrezept, wie
NATO, EG, WEU, KSZE und andere Organisationen
in die neue Gemeinschaft passen werden, die wir
aufbauen. Zwangsläufig wird es beim Aufzeigen dieses neuen Kurses zu gewissen Überlappungen und zu
gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten kommen.
Ein Faktor, der uns allen als verläßlicher Kompaß
dienen wird, ist die Erkenntnis, daß der Hauptgrund für
unseren erfolgreichen Zusammenschluß in der NATO
über diese vielen Jahre hinweg die grundlegende
Übereinstimmung von Idealen und Zielsetzungen
zwischen uns war. Diese Partnerschaft hätte niemals
aufrechterhalten werden können und wäre nicht gediehen, wenn sie nicht sehr viel mehr als ein militärisches
Bündnis wäre.
Auch die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind
und waren ihrem bloßen Charakter nach eine philosophische, kulturelle und soziale Verbindung sowie eine
offizielle Beziehung zwischen militärischen Verbündeten. Unsere gegenseitige Verpflichtung - selbst in

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�militärischer Hinsicht - ist stets über das rituelle Versprechen der militärischen Unterstützung hinausgegangen, das Bündnisse in der Vergangenheit charakterisierte.

Wie können wir das bewirken? Als Antwort auf diese
Frage möchte ich Ihnen die Worte eines visionären
Amerikaners übermitteln, der noch lebt, diese Worte
jedoch vor über 40 Jahren gesprochen hat:

Die alte Ordnung gehört der Vergangenheit an. Eine
neue Ordnung zeichnet sich ab. Viele Jahre lang
waren die deutsch-amerikanischen Beziehungen von
ihren politischen und militärischen Dimensionen beherrscht. In Zukunft werden die wirtschaftlichen,
ökologischen und soziokulturellen Dimensionen dieser Beziehung vorherrschen. Bundeskanzler Kohl hat
auf die Notwendigkeit verwiesen, eine - wie er es
bezeichnet - neue Fahrbahn auf der transatlantischen
Brücke zu bauen, die diese neuen Dimensionen zur
Schaffung einer noch solideren Grundlage unserer
Bande betont.

"Die Macht, Nationen in Völker und Ideologien in
menschliche Bestrebungen zu verwandeln, ist
vielleicht die größte Macht des Schüler- und
Studentenaustauschs. Er wird nicht mit Sicherheit Zuneigung zwischen Völkern schaffen, und
dies gehört auch nicht zu seinen grundlegenden
Zielen. Es reicht völlig aus, wenn er zum Gefühl
eines gemeinsamen Menschseins, einem
emotionalen Bewußtsein beiträgt, daß andere
Länder nicht von furchteinflößenden Doktrinen
bewohnt werden sondern von einzelnen Menschen - Menschen mit derselben Fähigkeit zu
Freude und Leid, Grausamkeit und Güte wie die
Menschen, mit denen zusammen wir in unseren
Heimatländern aufgewachsen sind."

Während wir um das Verständnis und die Reaktion auf
sich rasch verändernde Gegebenheiten ringen, dürfen
wir jedoch nicht die Grundlage unserer erfolgreichen
Partnerschaft außer acht lassen - das klare Verständnis für und die Zustimmung zu den grundlegenden
Werten, Prinzipien und Zielen des anderen. Diese
gemeinsame Sichtweise gestattet uns mit noch größerer Zielstrebigkeit und Konsequenz zusammen die
Bewältigung der Herausforderungen von heute ebenso anzugehen, wie wir dies in der Vergangenheit getan
haben.
Eine wichtige gegenwärtig stattfindende Veränderung
fällt nicht unmittelbar ins Auge, hat jedoch besondere
Auswirkungen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Noch vor wenigen Jahren wurde die politische und intellektuelle Szene in unseren beiden Ländern von denjenigen dominiert, die lebhafte persönliche Erinnerungen an den Krieg und die unmittelbare
Nachkriegszeit hatten. Hier und in den Vereinigten
Staaten sind jedoch neue Generationen herangewachsen, für die die vorherrschenden Bilder im Hinblick auf
die deutsch-amerikanischen Beziehungen nicht der
Wiederaufbau der späten vierziger Jahre oder die
enge Zusammenarbeit der fünfziger und frühen sechziger Jahre sind, sondern vielmehr die Spannungen
Ende der sechziger, in den siebziger und achtziger
Jahren. Aus diesem Grund ist verbessertes Verständnis der Gesellschaft des anderen unter jüngeren
Deutschen und insbesondere Amerikanern ein unerläßliches Element für enge Bande zwischen unseren
beiden Ländern, während sich die Welt weiterhin im
Wandel befindet und unsere Beziehung weiter reift.
Als Eltern, Lehrer und Politiker tragen wir die Verantwortung und stehen vor der Herausforderung, auf
beiden Seiten des Atlantiks sicherzustellen, daß die
gemeinsamen demokratischen Werte, die uns so lange miteinander verbunden haben, von denjenigen
verstanden und gewürdigt werden, die in unsere
Fußstapfen treten.

Seite 4

Dieser Amerikaner war Senator J. William Fulbright,
dessen in diesen Worten zum Ausdruck gebrachte
Vision das Austauschprogramm zur Folge hatte, das
seinen Namen trägt. Dank dieses Programms konnten rund 25.000 Deutsche und Amerikaner aus erster
Hand diese verbindenden gemeinsamen Werte studieren und erfahren, von denen ich gesprochen habe.
Seine Worte haben jedoch einen sehr viel größeren
Anwendungsbereich und umfassen das gesamte
Spektrum persönlicher Kontakte, die das Verständnis
vertiefen und die deutsch-amerikanischen Beziehungen bereichern.
Auch Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher teilen diese Überzeugung, und unter ihrer Schirmherrschaft wurden die Austauschprogramme mit den
Vereinigten Staaten in den letzten zehn Jahren erweitert. Im Rahmen des parlamentarischen PatenschaftsProgramms Deutscher Bundestag/Kongreß USA
können beispielsweise bis zu 400 Jugendliche aus
dem jeweiligen Land ein Jahr bei Gastfamilien verbringen und die Schule im Partnerland besuchen. Die
Auswirkungen dieses Programms zeichnen sich bereits ab, da zahlreiche ehemalige Teilnehmer sich jetzt
für Fulbright- und andere Stipendien bewerben, um ihr
Verständnis des anderen Landes zu vertiefen.
Es besteht kein Zweifel, daß das Fulbright-Programm,
das Bundestag-Kongreß-Patenschafts-Programm, der
deutsche Akademische Austauschdienst, das deutschamerikanische Partnerschaftsprogramm und andere
staatlich geförderte Bestrebungen für die Kommunikation zwischen unseren beiden Ländern unabdingbar
sind. Und dennoch repräsentieren diese offiziellen
Programme nur einen kleinen Prozentsatz all der
persönlichen Kontakte. Infolge von Privatinitiativen
und Kreativität des einzelnen wurde sehr viel mehr
bewirkt. Private Jugendaustauschorganisationen -

AMERIKA DIENST 43

�American Field Service International, Youth for Undertanding, Sister Cities, die Carl-Duisberg-Gesellschaft
und andere - leisten zusammengenommen mehr als
jede Regierung.
Aut Universitätsebene werden selbst die umfassenden Programme der Fulbright-Kommission und des
Deutschen Akademischen Austauschdienstes von der
Zahl derjenigen in den Schatten gestellt, die privat im
Ausland studieren. Anhand der jüngsten Statistiken
der Konsularabteilung der Botschaft sind in diesem
Jahr bisher rund 25.000 Deutsche im Rahmen von
Austauschprogrammen oder Universitätsstudien in die
Vereinigten Staaten gereist. Zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten bestehen über 230
offizielle Verbindungen, und diese Zahl nimmt beständig zu.
Im folgenden möchte ich erläutern, was wir leisten, um
den Herausforderungen und Möglichkeiten gerecht zu
werden, die die Vereinigung Deutschlands mit sich
gebracht hat.
Wie Sie in Berlin nur allzugut wissen, ist der Bedarf, ja
der Durst nach Wissen über die amerikanische Gesellschaft in den neuen Bundesländern am größten bei
den Bürgern aller Altersstufen der ehemaligen DDR.
Vieles von dem, was sie wissen, wurde ihnen von der
kommunistischen Propagandamaschinerie vermittelt,
die jeden Bereich ihres Lebens kontrollierte. Die
Vereinigten Staaten wurden abwechselnd als aggressive, kriegstreiberische Nation mit der Absicht dargestellt, den Warschauer Pakt anzugreifen oder als
exzentrisches Volk, das in der Scheinwelt von Fernsehfilmen lebt.
Am Abend des 9. November 1989 hatten wir dann
plötzlich unmittelbaren Zugang zu 17 Millionen Deutschen, mit denen wir Amerikaner nur sehr beschränkten Kontakt pflegen durften. Unser Kontakt mit den
jungen Menschen in Ostdeutschland - früher ein Häuflein
linientreuer Personen - weitete sich zu einer Flut aus.
Praktisch über Nacht sahen wir uns mit vierzig Jahren
angestautem Bedarf an Kontakt mit den Vereinigten
Staaten konfrontiert.
Tausende junger Menschen strömten in die Bibliothek
unserer Botschaft in Ostberlin ebenso wie in die Amerika
Häuser in Westberlin und Westdeutschland, um erstmals den Geschmack der ehemals verbotenen Früchte - Informationen über die Vereinigten Staaten - zu
kosten.
Dieser Geschmack regte den Appetit auf mehr an mehr Bücher, mehrZeitschriften, mehr Unterrichtsmaterial für Englisch, mehr Austauschprogramme, mehr
Informationen über ein Studium in den Vereinigten
Staaten - kurzum: mehr von allem.
Ebenso ergreifende Geschichten gibt es von Deutschen der älteren Generation zu erzählen. Sie brachten Bücher über die Vereinigten Staaten zurück, die sie
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1961 vor dem Mauerbau aus der Amerika HausBibliothek in Berlin geliehen und in den 28 Jahren des
darauffolgenden Freiheitsentzugs gehegt und gepflegt
hatten. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen,
daß unser renoviertes und erweitertes Amerika Haus
hier in Berlin, das ich heute besucht habe, morgen
seine große Wiedereröffnung feiert.
Der Bedarf in den neuen Bundesländern ist ungeheuer, und die Erwartungen einer Bevölkerung, der ein
Kontakt zum Westen lange vorenthalten war, sind
hoch. Wir in der Botschaft haben schnell gehandelt,
um die Ostdeutschen einzubeziehen und fördern
amerikanische Investitionen und Interessen in der
Region.
Ab September dieses Jahres sind über hundert
US-Unternehmen in den neuen Bundesländern
tätig, oftmals durch ihre bekannten deutschen
Tochterfirmen. Allein fünf dieser Unternehmen
haben über 2 Milliarden DM investiert und über
10.000 Arbeitsplätze geschaffen oder erhalten.
Zu den wichtigsten US-Privatinvestoren mit
Ambitionen in den neuen Ländern zählen General Motors/Opel mit 1 Milliarde DM und 2.000
geplanten Arbeitsplätzen und Coca Cola mit
660 Millionen DM und 1.500 neuen Arbeitsplätzen.
Andere amerikanische Unternehmen, die in die
Region ziehen, sind IBM, ESSO, Philip Morris,

Burger King, McDonalds und Woolworth, das
allein in diesem Jahr 50 neue Filialen eröffnen
will.
Im Hinblick auf die Kulturarbeit und persönliche Kontakte haben Programme im Osten bei uns eindeutig
Vorrang. Wir werden die Bürger der ehemaligen
Bundesrepublik nicht vernachlässigen, aberwirerkennen im Osten einen einmaligen Bedarf und einmalige
Chancen.
Wir haben in Leipzig ein Generalkonsulat eröffnet, und bald wird es dort auch ein vollständig
ausgestattetes Amerika Haus geben.
Wir erweitern unsere Seminarprogramme über
Englischunterricht und Amerikanistik in den fünf
neuen Ländern und haben zu diesem Zweck
unser Personal in Berlin aufgestockt.
Das Fulbright-Programm ist auf die neuen Länder erweitert worden und bringt traditionsreiche
Universitäten erneut in Kontakt mit den Intellektuellen meines Landes.
Unser Programm für junge Führungskräfte, im
Rahmen dessen viele von Ihnen erstmals Kontakt mit den Vereinigten Staaten hatten, wird
ausgebaut. Allein in diesem Programm konnten
etwa 17.000 jungen Akademikern Erfahrungen

Seite 5

�aus erster Hand in den Vereinigten Staaten
vermittelt werden. Seit der Vereinigung Deutschlands haben über 50 Deutsche aus den neuen
Bundesländern von diesem Programm profitiert.

Nach den Bedingungen des Zwei-plus-VierAbkommens sind militärische Aktivitäten der
Vereinigten Staaten in den neuen Bundesländern nicht gestattet. Persönliche Kontakte sind
jedoch erlaubt, und eine Reihe von US-Militärorchestern wurde zu Veranstaltungen in die fünf
neuen Länder eingeladen, soeben erst am 3.
Oktober zur offiziellen Feier des Tags der deutschen Einheit in Schwerin.

Im Rahmen einer neuen erst in dieser Woche
begründeten Initiative unserer beiden Regierungen reisen Gruppen junger Akademiker aus
den neuen Bundesländern in die Vereinigten
Staaten, um Kontakte mit ihren Kollegen in
verschiedenen amerikanischen Städten zu
knüpfen. Ich hatte das Vergnügen, vergangene
Woche mit der ersten Gruppe - fünfzehn jungen
Journalisten aus dem Osten - anläßlich ihres
Einführungskurses zusammenzutreffen. Meiner Ansicht nach ist dieses Programm ein ausgezeichneter erster Schritt auf der langen Reise, die wir antreten müssen, wenn wir unser
Wissen über uns und unsere Wertschätzung
füreinander steigern wollen.
Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush haben
kürzlich die Gründung der RIAS-Stiftung bekanntgegeben, die sich der Kontaktpflege zwischen Medienorganisationen und ihren Mitarbeitern in den fünf neuen Ländern und deren
amerikanischen Kollegen widmen wird. Dies ist
unserer Ansicht nach eine Reaktion auf die sich
verändernden Bedürfnisse des Publikums, das
RIAS im Zeitalter des kalten Kriegs so gut
versorgt hat.
Ich habe bereits darauf verwiesen, daß das
Patenschaftsprogramm von US-Kongreß und
Bundestag auf die fünf neuen Länder erweitert
worden ist. Die ersten jungen Deutschen aus
diesen Ländern leben jetzt bei amerikanischen
Familien und gehen in den Vereinigten Staaten
zur Schule,
Wir haben einige unserer Stützpunkte in Westdeutschland geschlossen und die renommierten Bibliotheken dieser Stützpunkte ostdeutschen Institutionen zur Verfügung gestellt. Seit
Einführung dieses Programms sind über 50.000
Bücher übergeben worden. Ich kann mir keinen
besseren Weg vorstellen, Schwerter zu Pflugscharen zu machen, als einem ganzen Volk die
Werte der westlichen Zivilisation in gedruckter
Form zu stiften.
*

Seite 6

*

Ein konkretes Beispiel dafür, daß Menschen
zusammenarbeiten, wo es zählt, ist die jüngste
Ankündigung der Zusammenarbeit zwischen
dem Verband der deutsch-amerikanischen Clubs
und dem Kommando der US-Army, Europe, um
das sehr erfolgreiche Freundschaftsprogramm
"Kontakt" durch Städtepartnerschaften auf die
neuen Länder zu erweitern. Die ersten dieser
Partnerschaften zwischen Leipzig und Frankfurt am Main, Erfurt und Mainz, KindelbrückSömmerda und Baumholder - wo meine Familie
von 1962 bis 1964 lebte und mein jüngster
Bruder gegenwärtig stationiert ist - werden
nächsten Monat begründet.
Wenn man von Berlin den Blick ostwärts nach Wladiwostok richtet, besteht kein Zweifel, daß noch viele
Herausforderungen bewältigt werden müssen. Aber
es gibt auch unbegrenzte Möglichkeiten, und die neue
euro-atlantische "Wertegemeinschaft" nimmt jetzt
Gestalt an. Das ist heute möglich, weil Menschen wie
Hans Wallenberg und viele andere sich in den dunkelsten Stunden des kalten Kriegs für Freiheit eingesetzt
haben. Dank dieser Menschen haben wir jetzt die
Chance, eine bessere Zukunft für unsere Kinder und
deren Kinder aufzubauen.
Wenn wir in unserem Streben nach einer besseren
Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen wir uns weiterhin für die demokratischen Werte engagieren, für die
Hans Wallenberg gekämpft hat und dank derer die
transatlantische Brücke in diesen vielen Jahren solide
geblieben ist. Die von uns angestrebte vielversprechendere Zukunft hängt davon ab, daß wir unseren
Kindern und deren Kindern alle Möglichkeiten bieten,
um diese Brücke - in beide Richtungen und viele, viele
Male - zu überqueren.
Ich danke Ihnen.

*

*

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�DROGEN
30. Oktober 1991

UNKONVENTIONELLE PROGRAMME ZEITIGEN
FORTSCHRITTE BEI DER BEHANDLUNG VON
DROGENMISSBRAUCH
Die bekanntesten Therapien
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel ist der zweite einer Serie über Behandlungmethoden bei
Drogenmißbrauch.

Die Patienten sitzen 45 Minuten lang gemütlich in
einem großen Raum mit drei oder vier kurzen, dünnen
Nadeln in der Haut unter jedem Ohr. Einige scheinen
zu meditieren. Die Frauen haben häufig ein Baby auf
dem Schoß. Das einfache, als Akupunktur bekannte
Verfahren ist eine von mehreren Strategien, die zur
Bekämpfung von Drogenabhängigkeit in den Vereinigten Staaten angewendet werden.
Andere erfolgreiche Prgramme umfassen die freiwilligen wöchentlichen Zusammenkünfte der Narcotics
Anonymous (NA), die das Bewußtsein und die persönliche Verantwortung ebenso einbeziehen wie den neuen
Ansatz, Medikamente zur Behandlung von Funktionsstörungen des Gehirns einzusetzen.
Akupunktur, eine im Fernen Osten seit Jahrhunderten
zur Schmerzbehandlung benutzte Technik, ist zu einer
kostengünstigen Behandlungsmethode bei Drogenabhängigkeit geworden, die das Interesse von Vertretern
der Gesundheitsbehörden weltweit weckt. Die Ärzte
am Lincoln Hospital in New York City haben unter
Anwendung von Akupunktur seit 1974 Heroin-und
Kokainmißbrauch behandelt.
Das Lincoln-Programm, das Akupunktur mit Beratung
und Treffen der NA kombiniert, wurde von 70 Kliniken
in den Vereinigten Staaten und weitere 25 in Europa,
Lateinamerika und Asien übernommen. Ein Vorteil der
Akupunktur ist die Tatsache, daß sie bei vielen Patienten ambulant und preiswert eingesetzt werden kann rund 21 Dollar pro Konsultation.
Das Verfahren wird während der ersten 10 Tage
täglich und in den darauffolgenden rund drei Monaten
weniger häufig angewandt.

AMERIKA DIENST 43

Obwohl immer noch nicht genau bekannt ist, wie
Akupunktur funktioniert, können Forschungen zufolge
die an bestimmten Punkten des Körpers gesetzten
Nadeln Endorphine - körpereigene Schmerzstiller freisetzen.
"Akupunktur hilt den Menschen, sich besser zu entspannen", stellt der Leiter des Lincoln-Programms, Dr.
Michael Smith, fest. "Sie verringert die Sucht- und
Entzugserscheinungen. Patienten erklären, sie fühlten sich weniger ängstlich und könnten klarer denken.
Die erste Behandlung wirkt bereits nach wenigen
Minuten."
In der Lincoln-Klinik werden täglich 300 Patienten
behandelt. Die New Yorker Gerichte weisen jährlich
etwa 1.000 Personen in diese Klinik ein. Smith erklärt,
die auf der Basis mindestens drei Monate drogenfreier
Urintests gemessene Erfolgsquote der Klinik liege bei
65 Prozent der Abhängigen, die vom Gericht eingewiesen werden. Bisher gibt es zur Akupunktur noch keine
Ergebnisse aus vergleichenden Langzeituntersuchungen, gegenwärtig wird jedoch eine solche Studie vom
Nationalen Institut für Drogenmißbrauch erstellt.
Ein weiteres Therapieprogramm mit durchschlagenden Wachstumsraten ist Narcotics Anonymus. Die
Organisation, die keine Mitgliedskartei führt, ist von
unter 200 eingetragenen Gruppen vor zehn Jahren
heute auf über 20.000 Gruppen in mehr als 55 Ländern
gewachsen. Die Organisation ist in den meisten
Ländern Europas, Amerikas, in Indien und Australien
gut eingeführt. In einer Reihe von Ländern in Ostasien
und dem Nahen Osten werden neue Gruppen gegründet.

Seite 1

�Deren Mitglieder müssen zugeben, daß sie im Hinblick
auf ihre Abhängigkeit machtlos sind und die Existenz
einer "höheren Macht" anerkennen. Das 12-PunkteProgramm der Organisation ermutigt Mitglieder, vollständige Abstinenz zu üben, bei den von ihnen Geschädigten etwas wiedergutzumachen und mit anderen heilungswilligen Drogenabhängigen zusammenzuarbeiten.
"Der Abhängige erreicht einen Punkt der Hoff nungslosigkeit - einen Verlust von Vertrauen, Engagement und
Gleichgewicht," erklärt der Koordinator der Öffentlichkeitsarbeit der in Van Nuys (Kalifornien) ansässigen
NA, Carl Prescott.
"Der Prozeß der 12 Schritte bringt den Abhängigen
zurück an den Punkt, wo er nach etwas sucht, an das
er glauben kann," so Prescott. "Dem Abhängigen wird
schmerzlich bewußt, daß er seinen Drogenkonsum
nicht mehr kontrollieren konnte. Das Konzept besteht
darin, offen zu sein für eine Kraft außerhalb der eigenen Person, die eine Veränderung bewirken kann."
Prescott fügte hinzu, hinter diesem Leitsatz stehe
keine bestimmte Lehre. NA ist nicht religiös motiviert
und ermutigt jedes Mitglied zum eigenen Verständnis
dieses spirituellen Erwachens. Der Erfolg des Programms basiert darauf, daß es therapeutisch wertvoll
ist, wenn ein Abhängiger dem anderen hilft.
Prescott berichtet, daß über 50 Prozent der gegenwärtigen Mitglieder weniger als ein Jahr und die anderen
Mitglieder zwischen einem und fünf Jahren drogenfrei
geblieben sind. Im Gegensatz zu vielen anderen
Programmen kann bei NA jeder teilnehmen, weil keine
festen Gebühren oder Mitgliedsbeiträge erhoben werden.
Experten berichten, daß über 50 Länder die todbringende Ausbreitung der Drogenabhängigkeit durch
langfristige stationäre Behandlung einzudämmen
suchen, bei der sich Abhängige gegenseitig helfen,
durch das Zusammenleben in einem drogenfreien
Umfeld, das harte körperliche Arbeit, Beratung und
Kommunikation betont, ihre Gewohnheiten zu durchbrechen. Diese Therapien können zwischen einigen
Monaten und drei Jahren dauern.
Das älteste und größte gemeinnützige Therapieprogramm der Welt, DaytopVillage, legt besonderen Wert
auf medizinische Behandlung, Rechtsberatung, Familientherapien. Berufsausbildung und Studium und ein
Wiedereinstiegsprogramm, das Patienten die Wiedereingliederung in die Gesellschaft ermöglicht, in der sie
als arbeitende Mitglieder einen produktiven Beitrag
ieisten. Untersuchungen deuten darauf hin, daß etwa
90 Prozent derjenigen, die das Daytop-Programm
beenden, nach fünf Jahren noch drogenfrei sind.

Seite 2

Eine weitere immer populärere Form der Suchtbehandlung sind die einmonatigen stationären Rehabilitationsprogramme. Bei diesen Programmen geht
Abstinenz mit intensiver, auf den einzelnen zugeschnittener Beratung und Gruppentherapie einher.
Die Bedeutung regelmäßiger Teilnahme an Selbsthilfegruppen wie Narcotics Anonymous nach der Entlassung wird betont. Das 30tägige Programm wurde
zuerst von Hazelden erprobt, einer gemeinnützigen
Klinik in Minneapolis, die sich seit langem der Behandlung von Alkoholikern und Drogenabhängigen widmet.
Einer Umfrage aus dem Jahr 1987 unter 260 in Hazelden behandelten Personen zufolge gaben 56 Prozent
an, daß sie ein Jahr nach der Entlassung keinen
Alkohol und 80 Prozent, daß sie keine anderen Drogen
zu sich genommen hätten.
Ein weiterer Ansatz bei der Bekämpfung des Drogenmißbrauchs leitet sich aus der Entdeckung her, daß
einige Drogenabhängige unter Funktionsstörungen des
Gehirns leiden, die sie anfällig für Depressionen,
Angstzustände und Nervosität machen. Für diesen
Personenkreis wird die Sucht zu einer Art von Selbstbehandlung, in der Drogen die Funktionsstörungen
korrigieren und Erleichterung verschaffen.
So produziert zum Beispiel Kokain einen Schub von
Dopamin, einem natürlich im Gehirn vorkommenden
Stoff, der Gefühle der Euphorie und Heiterkeit auslöst.
Einige depressive Personen mit zu wenig Dopamin
fühlen sich besser, wenn Kokain die Menge dieser
Substanz erhöht.
Forscher experimentieren mit Arzneimitteln, die die
Folgeerscheinungen des Drogenmißbrauchs blockieren, die Sucht bei Abhängigen verringern und Entzugs
erscheinungen mildern oder ganz beseitigen. Eines
dieser Mittel ist das Antidepressivum Desipramin, von
dem Wissenschaftler herausgefunden haben, daß es
das Dopaminsystem nach dem Konsum von Kokain
wieder auf den normalen Stand bringen kann sowie die
Suchtsymptome und Rückfälle reduziert, die mit Drogenmißbrauch einhergehen.
"Wir führen gegenwärtig zur Behandlung der Kokainabhängigkeit mit drei oder vier Medikamenten Untersuchungsreihen am Menschen durch und erproben
Dutzende weitere in Tierversuchen", erklärt Charles
Schuster, der Leiter des amerikanischen Nationalen
Instituts für Drogenmißbrauch. "Diese Medikamente
sind jedoch keine Heilverfahren. Indem sie die Folgeerscheinungen der mißbrauchten Drogen blokkieren, gestatten sie es dem einzelnen, an therapeutischen Maßnahmen teilzunehmen und seine Verhaltensweise so zu ändern, wie es für ein drogenfreies
Leben erforderlich ist."

AMERIKA DIENST 43

�Das seit über einem Jahrzehnt bei der Behandlung von
Heroinsüchtigen eingesetzte Methadon ist eines der
wenigen zur Zeit von der amerikanischen Nahrungsund Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Medikamente für die Behandlung Drogenabhängiger. Von
den Forschern wird betont, daß sich Methadon als

äußerst wirksam bei der Verringerung des Heroinkonsums und der damit einhergehenden Kriminalität
erwiesen hat, wenn die Verabreichung mit regelmäßiger Beratung, Familientherapie und psychiatrischer
Behandlung einhergeht.

*

AMERIKA DIENST 43

*

Seite 3

�VOICE

OF

AMERICA
30. Oktober 1991

DIE KÜNFTIGE ROLLE DER VOICE OF AMERICA
Rede von VOA-Direktor Chase Untermeyer
WASHINGTON - (AD) - Dem Direktor der Voice of America, Chase Untermeyer, zufolge braucht die Welt auch
nach dem Ende des kalten Kriegs eine starke Stimme der Freiheit, wie sie in den weltweiten Sendungen des von
ihm geleiteten Rundfunksenders zum Ausdruck kommt.
Anläßlich einer vom US-Informationsamt in Washington veranstalteten Konferenz mit dem Titel "Toward a
Postcommunist World" ging Untermeyer am 23. Oktober 1991 auf die künftige Rolle der Voice of America nach
dem Niedergang des Kommunismus ein. Dabei stellte er fest, "VOA ist niemals als eine Art verbaler NATO
gedacht gewesen... Bei ihrer Gründung vor 50 Jahren bestand ihr ursprünglicher Zweck... darin, objektiv über
die Welt zu berichten und die Geschichte Amerikas zu erzählen - und wenn jemand dann den Schluß ziehen
wollte, daß unser System und Lebensstil... vorzuziehen seien, so war dies die richtige Schlußfolgerung."
Nachfolgende veröffentlichen wir die Rede Untermeyers im Wortlaut.
Der Untergang des Kommunismus in der Sowjetunion,
Osteuropa und andernorts ist in jüngster Zeit viel

ihrer humanitären Version als Mittel, um den Armen
der Welt zu helfen oder in ihrer abstoßenderen Form

gefeiert worden, und das durchaus zu Recht, denn wir

als Ausdruck von Neid oder Rache.

haben viel zu feiern (selbst wenn wir durch den perlenden Champagner hindurch die Millionen Chinesen,
Kubaner, Vietnamesen und anderen sehen, die sich
nicht freuen).
Wenn es eine Party gegeben hat, so ist es nun an der
Zeit, das Licht auszudrehen und nach oben zu gehen,
um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Und
während wir die Treppe emporsteigen, werden wir an
das berühmte Gedicht von Hughes Mearns erinnert, in
dem er sagt:
"As I was going up the stair,
"I met a man who wasn't there.
"He wasn't there again today.
"I wish, I wish he'd stay away."
Der kleine Mann mag nicht Karl oder Friedrich oder
Wladimir heißen, weil es nicht mehr schick ist, sich als
Marxisten oder Leninisten zu bezeichnen (obwohl
Maoisten immer noch in Ländern wie Peru und den
Philippinen ihrem tödlichen Handwerk nachgehen).
Aber wir kennen diesen kleinen Mann: Es ist derselbe
Geist, der Karl Marx an seinem Schreibtisch im Britischen Museum erfaßte und der in der ganzen Geschichte der Menschheit immer wieder aufgetaucht ist
und immer wieder auftreten wird - die Forderung nach
Umverteilung der Güter durch den Staat - entweder in
AMERIKA DIENST 43

Das Zehnte Gebot gilt seit 3500 Jahren, und trotzdem
begehrt die Menschheit nach wie vor den Besitz des
Nachbarn, der dadurch noch attraktiver wird, daß
jemand anders dafür gearbeitet hat. Vielleicht war es
diese Erkenntnis über die Gezeiten der Geschichte
und dieses Element der menschlichen Natur, die Lenin
zu folgender Feststellung veranlaßte:
Die Revolution vollzieht sich nie geradlinig, mit
einer kontinuierlichen Entwicklung. Statt dessen ist sie wie eine Kette, die aus Ausfällen und
Rückzügen, Angriffen und Ruhepausen besteht,
in denen sich die revolutionären Kräfte stärken
und auf den Endsieg vorbereiten können.
Kurzum: Was wir gefeiert haben, war der Zusammenbruch der Regime - den vergänglichsten Instrumenten
des Menschen. Andere andauernde Gefahren sind
noch nicht ausgeräumt und können sehr leicht unsere
Party verderben.
Die Mauer mag gefallen sein, aber die Mauern von
Haß, Neid und Mißtrauen stehen immer noch fest und
unzerstört, um Nationen zu trennen. Die kommunistischen Herrscher mögen geächtet sein, aber die Verfechter von Habgier, Ambitionen und Grausamkeit
sind immer noch mit all ihren Privilegien an der Macht
und leicht in der Lage, ihr eigenes Volk zu unterdrükken oder Aggression gegen ihre Nachbarn auszuüben.

Seite 1

�Ihre Flaggen tragen vielleicht nicht mehr Hammer und
Sichel (oder Hakenkreuze), aber sie können noch
immer Chaos auslösen, wo immer sie wehen.
Als Beweis für rasche Veränderungen auf der Welt
sollten wir uns die Situation im letzten glücklichen Jahr
- 1929 - vor Augen führen. Es war das Zeitalter
wachsender internationaler Zusammenarbeit, der
Abrüstung - eine Zeit, in der ernsthaft unterzeichnete
große Verträge zur Ächtung des Kriegs ein Mittel zur
Beilegung von Konflikten waren. Der größte Konflikt
über die Rückzahlung von Kriegsschulden war gelöst,
der ungefähr so heftig wie eine Diskussion über ausstehende Mitgliedsbeiträge in einem Herrenclub geführt wurde.
1929 war das Jahr, in dem der Außenminister, der
große Henry L. Stimson, die sogenannte Black Chamber - den Entschlüsselungsraum - des US-Außenministeriums schloß, weil, wie er erklärte, "Gentlemen die
Post des anderen nicht lesen". Stimson war kein
naiver Mann. Er unternahm diesen Schritt, weil (mit
den Worten seines autorisierten Biographen, McGeorge Bundy), "Die Welt guten Willens dauerhaften Frieden anstrebte, und alle Nationen sich an dieser Bestrebung beteiligten."
Wie Bundy feststellte, unterschieden sich die ersten
zwei Jahre von Stimson Amtszeit von den zweiten "wie
Tag und Nacht". Bis zum Jahr 1931 waren "drei
schreckliche Tatsachen" aufgetreten, um dieses friedfertige Weltreich zu verändern.
Um nochmals Bundy zu zitieren:
"Erstens stürzte der wachsende Sturm weltweiter
Depression das Finanzsystem der Nachkriegszeit wie
ein mutwilliges Kind eine Reihe von Zinnsoldaten
umwirft - indem es den Kleinsten im hintersten Glied
umschmeißt.
Zweitens, in einem durch Leiden ausgelösten Ausbruch und indem sie Stärke aus dem offensichtlichen
Scheitern einer friedliche Führung ableiteten, wagten
die Militärs in Japan das Abenteuer der Aggression
(indem sie die Mandschurei eroberten).
Drittens - und von allem am schlimmsten - wurde bald
klar, die Stimmung in den Vereinigten Staaten war
derart, daß (die Vereinigten Staaten) nur noch die
gravierendsten Auswirkungen der wirtschaftlichen
Katastrophe und militärischen Aggression abschwächen konnten."
Es liegt mir fern, anzudeuten, 1991 sei 1929 - einen
Republikaner lie ße der Gedanke erschauern - sondern
ich möchte beweisen, wie schnell sich die Gegebenheiten auf der Welt ändern können. In der Tat können
sie sich aufgrund der enormen Kommunikationsfortschritte heute sehr viel schneller ändern als vor 60
Jahren.

Seite 2

Dies bringt uns zur Rolle internationaler Rundfunkübertragungen in einer solchen Welt. Amerikanische
und britische Sendeanstalten - Voice of America,
Radio Free Europe, Radio Liberty und die BBC können zu Recht stolz auf ihre Rolle bei der Förderung
und Verbreitung der triumphalen demokratischen
Veränderungen in Osteuropa, der Sowjetunion und
andernorts sein. Vaclav Havels Bekenntnis, daß die
VOA-Sendungen ihm im Gefängnis Hoffnung machten, sind bereits Legende. Michail Gorbatschows
Erklärung, er habe sich auf VOA, BBC sowie Radio
Free Europe und Radio Liberty verlassen, um zu
erfahren, was während seiner erzwungenen Rekonvaleszenz auf der Krim im vergangenen August auf der
Welt vor sich ging, und Boris Jelzins dringende Anweisung an die demokratischen Kräfte in Rußland, über
USIA und insbesondere VOA unter seinem Volk die
Nachricht zu verbreiten, daß die Panzer sein Weißes
Haus umstellten, belegen diese Tatsache.
Die Frage, die mir häufig gestellt wird, lautet: "Welche
Rolle kommt der Voice of America jetzt zu, da der
Kommunismus tot ist oder im Sterben liegt?" Ich
antworte, VOA sei niemals als eine Art verbaler NATO
gedacht gewesen, um sich dem Kommunismus zu
widersetzen oder die UdSSR abzulehnen. Ihr ursprünglicher Zweck, als sie im kommenden Februar
vor 50 Jahren in den schlimmsten Tagen des Zweiten
Weltkriegs gegründet wurde, bestand darin, objektiv
über die Welt zu berichten und die Geschichte Amerikas zu erzählen - und wenn jemand den Schlu ß ziehen
wollte, daß unser System und Lebensstil dem in der
Sowjetunion oder China vorzuziehen seien, nun, so
war dies die richtige Schlußfolgerung.
Vielleicht verwechseln meine Fragesteller VOA mit
Radio Free Europe und Radio Liberty. Auch sie
werden voll und ganz von der US-Regierung finanziert,
sind jedoch von USIA unabhängig und sogenannte
Ersatzsender mit dem Ziel, als tschechische, polnische oder ukrainische Radiosender zu fungieren statt
der nationalen Sender. Der Unterschied wurde folgendermaßen definiert: Wenn VOA "wir" sagt, bedeutet
dies, wir Amerikaner, wenn Radio Free Europe und
Radio Liberty "wir" sagen, meinen sie, wir Ungarn,
Usbeken, wir Rumänen usw.
Die Mission der Radiosender wurde erfolgreich durchgeführt, und der Tag, an dem sie erfolgreich abgeschlossen werden kann, ist in Sicht. Aber noch nicht
ganz: die Führungen der aufstrebenden Demokratien
in Osteuropa, vor allem Polen, der Tschechoslowakei
und Ungarn haben die Vereinigten Staaten (eigentlich
die US-Haushaltsbehörde) gebeten, weiterhin in ihren
Ländern zu senden, bis sie die Zeit finden, selbst lokale
Radiosender und einen Stab unabhängiger Journalisten zu bilden.

AMERIKA DIENST 43

�Ein weiteres berühmtes Paar von Ersatzsendern unter
der Ägide von USIA sind Radio und TV Marti, die
natürlich nur nach Kuba senden. Radio Marti ist bei
einem Hörerpublikum von fast 80 Prozent auf der
ganzen Insel außerordentlich beliebt. TV Marti verfügt
nicht über dieselben Möglichkeiten, weil es nur vor
Tagesanbruch zweieinhalb Stunden täglich sendet.
Aber sein Programm wird immer besser im Hinblick auf
zuverlässige Nachrichten und Informationen für diejenigen, die bereit sind, aufzustehen und ihnen zuzuhören und die sie trotz der von Castro veranlaßten
Störungen hören können.
Es gibt noch einen Vorschlag für eine andere Art
Ersatzradiosender, etwa ein Radio Free China oder
ein Radio Free Asia. Eine sehr große Koalition im
Kongreß ist dafür, die Regierung verhält sich dazu
offiziell neutral, hat aber der Zusammenarbeit mit einer
Kommission zugestimmt, um dieses spezielle Problem zu sondieren.
Unserer Ansicht nach ist bei VOA keine bürokratische
Schlacht um Einf lu ßgebiete im Gange, weil es unserer
Ansicht nach nicht vor allem darum geht, was die eine
oder andere Behörde in Washington denkt, sondern ob
der Hörer in Schanghai, Pjöngjang oder Hue mehr von
einem neuen Sender oder einer stärkeren Voice of
America profitiert. In der Zwischenzeit sendet VOA
über 21 Stunden täglich nach China - in Mandarin,
Kantonesisch, Tibetanisch und Englisch. Ich möchte
hinzufügen, daß lediglich die englische Übertragung
nicht gestört wird.
In der ehemals kommunistischen Welt Osteuropas
und anderer Länder hat VOA nach wie vor die Aufgabe,
an grundlegenden Instruktionen zum Aufbau der
Demokratie und den Mechanismen der Marktwirtschaft
mitzuwirken. Sogar die rudimentärsten Dinge, wie
man eine Besprechung durchführt, einen Kredit beantragt, was in den Federalist Papers steht, werden von
unseren Hörern in Osteuropa und der Sowjetunion
begeistert verfolgt.

*

AMERIKA DIENST 43

*

Zu dem Argument, daß es sich bei VOA nicht um ein
Werkzeug des kalten Kriegs handelt, gibt es zwei
Beispiele aus jüngster Zeit, die nichts mit Ost-WestPolitik oder Ideologie zu tun haben, aber die dringende
Notwendigkeit internationaler Rundfunkübertragungen
illustrieren. Das erste betrifft Haiti, wo eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt wurde und bis heute
die einzig verläßlichen Meldungen und Informationen,
die das haitanische Volk in seiner eigenen Sprache
hören kann, aus den Vereinigten Staaten, von der
Voice of America kommen.
Das zweite Beispiel ist Burma, wo erst letzte Woche
Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis erhielt. Die
Meldung von ihrem Erfolg und der Hoffnung auf eine
demokratische Zukunft, die dies für das burmesische
Volk beinhaltet, wurde von den beiden internationalen
Radiosendem in Burmesisch, der Voice of America
und der BBC übertragen. Am Tag, als ihr der Preis
verliehen wurde, kommentierte das Wall Street Journal, es sei nicht sicher, daß Aung San Suu Kyi die
Berichte gehört habe, weil sie seit zwei Jahren von der
Außenwelt abgeschnitten sei. "Aber sicher ist, daß die
40 Millionen Bürger Burmas durch die Voice of America und die BBC von der Auszeichnung wissen und sich
darüber freuen. Jedes Signal, daß die Welt vom
Leiden in Burma weiß, kann nur diejenigen ermutigen,
die es beenden wollen."
Auch wenn der Kommunismus so tot ist wie eine
Moskauer Telephonleitung, werden die Voice of America
und alle internationalen Rundfunksender eine wichtige
Rolle spielen. So lange Menschen andere unterdrükken, muß es freie laute Stimmen geben, die von
weither die Informationen verbreiten und - noch wichtiger - Hoffnung vermitteln. Archibald MacLeish hat
dazu einmal bemerkt: "Es gibt immer Leute, die
erklären, die Freiheit der Gedanken und der Menschen
sei nur ein Traum, und sie haben recht. Es ist der
amerikanische Traum."

*

*

Seite 3

�</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Außen- und Innenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush verspricht US-Unterstützung für Frieden im Nahen Osten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Deutsch-amerikanische Beziehungen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die deutsch-amerikanischen Beziehungen - die menschliche Dimension&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Kimmitt in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Drogen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unkonventionelle Programme zeitigen Fortschritte bei der Behandlung von Drogenmissbrauch &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Die bekanntesten Therapien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Voice of America&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die künftige Rolle der Voice of America&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von VOA-Direktor Chase Untermeyer&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

6. November 1991

44

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DENSKONFERENZ BUSH: FRIEDEN IM NAHEN OSTEN "MUSS KEIN
TRAUM BLEIBEN"
Rede des Präsidenten bei der Madrider Konferenz

GATT

HILLS OPTIMISTISCH IM HINBLICK AUF
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
Rede bei der OAS

BAUCUS SCHLAGT GATTUMWELTGESPRÄCHE VOR
Rede des Vorsitzenden im Senatsunterausschuß
für Handel

KONGRESS

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Vermittlungsausschuß schließt Arbeit am
Verteidigungshaushalt ab

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 0300
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHOST-FRIEDENSKONFERENZ
6. November 1991

BUSH: FRIEDEN IM NAHEN OSTEN
"MUSS KEIN TRAUM BLEIBEN''
Rede des Präsidenten bei der Madrider Konferenz
MADRID - (AD) - In seiner Rede zur Eröffnung der Madrider Nahost-Friedenskonferenz erklärte Präsident Bush
am 30. Oktober 1991, Frieden im Nahen Osten "muß kein Traum bleiben".
Dem Präsidenten zufolge ist "der ägyptisch-israelische Friedensvertrag ein greifbarer Beweis, daß ehemalige
Gegner Frieden schließen und bewahren können". Darüber hinaus respektieren die Parteien in der Region
"Abkommen nicht nur auf der Sinaihalbinsel sondern auch auf den Golanhöhen".
"Was wir anstreben, ist ein naher Osten, in dem Ressourcen nicht länger ausschlie ßlich für Rüstungen verwendet
werden", betonte Bush. "Einen Nahen Osten, in dem junge Menschen nicht länger ihr Leben dem Kampf widmen
und allzuoft dabei lassen müssen. Einen Nahen Osten, der nicht länger in den Fängen von Furcht und Terror
ist. Einen Nahen Osten, in dem jedermann ein normales Leben führen kann."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.

Herr Ministerpräsident Gonzalez, Präsident Gorbatschow, Exzellenzen. Ich möchte zunächst der spanischen Regierung meinen Dank aussprechen, als
Gastgeber dieser historischen Zusammenkunft zu
wirken. Das spanische Volk und seine politisch Verantwortlichen haben in kürzester Zeit diesen glanzvollen Rahmen geschaffen. Wir hoffen, daß diese Madrider Konferenz für den Anfang eines neuen Kapitels der
Geschichte des Nahen Ostens stehen wird.
Darüber hinaus möchte ich gleich zu Beginn meine
Freude über die Anwesenheit von Präsident Gorbatschow zum Ausdruck bringen, der Mitveranstalter
dieser Konferenz ist. In einer Zeit enormer Herausforderungen in seinem eigenen Land haben Präsident
Gorbatschow und seine Führungsmannschaft die
Absicht bekundet, die Sowjetunion als Kraft positiven
Wandels im Nahen Osten einzubringen. Dies ist ein
deutliches Signal für alle, die nach Frieden streben.
Wir sind nach Madrid in einer Mission der Hoffnung
gekommen - die Arbeit an der gerechten, dauerhaften
und umfassenden Beilegung des Konflikts im Nahen
Osten aufzunehmen. Wir sind hierher gekommen, um
Frieden für einen Teil der Welt zu schaffen, der in der
langen Geschichte der Menschheit viel zuviel Haß,
Schmerz und Krieg erfahren mußte. Ich kann mir kein
wertvolleres - oder notwendigeres - Unterfangen vorstellen.

AMERIKA DIENST 44

Unsere Zielsetzung muß klar und eindeutig sein. Es
geht nicht nur darum, den Kriegszustand im Nahen
Osten zu beenden und durch eine Waffenruhe zu
ersetzen. Das ist nicht genug und wäre nicht von
Dauer. Vielmehr streben wir Frieden, echten Frieden
an. Und unter echtem Frieden verstehe ich Verträge.
Sicherheit. Diplomatische Beziehungen. Wirtschaftsbeziehungen. Handel. Investitionen. Kulturaustausch.
Selbst Tourismus. Was wir anstreben, ist ein Naher
Osten, in dem Ressourcen nicht länger ausschließlich
für Rüstungen verwendet werden. Einen Nahen Osten,
in dem junge Menschen nicht länger ihr Leben dem
Kampf widmen und allzuoft dabei lassen müssen.
Einen Nahen Osten, der nicht länger in den Fängen
von Furcht und Terror ist. Einen Nahen Osten, in dem
jederman ein normales Leben führen kann.
Niemand darf die Grö ßenordnung dieser Herausforderung verkennen. Der Kampf, den wir beenden wollen,
hat eine lange und schmerzliche Geschichte. Jedes
verlorene Leben - jede Greueltat und jeder Gewaltakt
- ist tief in die Herzen und die Geschichte des Volkes
in dieser Region eingegraben. Ihre Geschichte wiegt
schwer gegen die Hoffnung. Und dennoch muß die
Geschichte nicht zwangsläufig den Menschen beherrschen.

Seite 1

�Ich erwarte, daß einige sagen werden, ich wolle das
Unmögliche. Aber erinnern Sie sich. Wer hätte im Jahr
1945 gedacht, daß Frankreich und Deutschland nahezu ein Jahrhundert lang erbitterte Rivalen - nach
dem Zweiten Weltkrieg Verbündete würden? Und wer
hätte noch vor zwei Jahren den Fall der Berliner Mauer
vorhergesagt? Und wer hätte Anfang der sechziger
Jahre geglaubt, der kalte Krieg würde zu einem friedliche Ende kommen und durch Zusammenarbeit ersetzt - anschaulich belegt durch die Tatsache, daß die
Vereinigten Staaten und die Sowjetunion heute hier
anwesend sind - nicht als Rivalen, sondern als Partner,
wie Ministerpräsident Gonzalez ausgeführt hat.
Nein, Frieden im Nahen Osten muß kein Traum bleiben. Frieden ist möglich. Der ägyptisch-israelische
Friedensvertrag ist ein greifbarer Beweis, daß ehemalige Gegner Frieden schaffen und bewahren können.
Und darüber hinaus respektieren die Parteien in der
Region Abkommen nicht nur auf der Sinaihalbinsel
sondern auch auf den Golanhöhen.
Die Tatsache, daß wir alle heute hier zum ersten Mal
versammelt sind, belegt eine neues Potential für Frieden. Jeder von uns hat durch die Zusammenkunft hier
in Madrid einen entscheidenden Schritt zu echtem
Frieden unternommen. All die Formulierungen auf
dem Papier, all die hehren Erklärungen der Welt werden keinen Frieden bewirken, wenn es keinen praktischen Mechanismus für Fortschritt gibt.
Frieden wird nur infolge von direkten Verhandlungen,
Kompromiß, Geben und Nehmen möglich sein. Frieden kann nicht von außen von den Vereinigten Staaten
oder irgend jemand aufgezwungen werden. Während
wir weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun
werden, um den Parteien bei der Überwindung der
Hindernisse behilflich zu sein, muß Frieden von innen
heraus entstehen.
Wir sind als Realisten nach Madrid gekommen. Wir
erwarten nicht, daß Frieden in einem Tag, einer Woche,
einem Monat oder selbst einem Jahr ausgehandelt
werden kann. Er wird und sollte Zeit erfordern - Zeit,
damit die Parteien, die solange Krieg geführt haben,
lernen, miteinander zu sprechen und einander zuzuhören. Zeit, um die Wunden zu heilen und Vertrauen
aufzubauen. Bei diesem Streben darf die Zeit nicht
dem Fortschritt im Wege stehen.
Was wir uns vorstellen, ist ein Prozeß direkter Verhandlungen, die auf zwei Ebenen geführt werden,
einmal zwischen Israel und den arabischen Staaten
und zum anderen zwischen Israel und den Palästinensern. Die Verhandlungen sollten auf der Grundlage
der Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats
geführt werden.
Die wirkliche Arbeit wird nicht bei dieser Plenarsitzung
sondern in direkten bilateralen Verhandlungen geleistet werden. Diese Konferenz kann den Teilnehmern

Seite 2

keine Lösung aufzwingen oder ein Veto gegen Vereinbarungen einlegen. Ebenso wichtig ist, daß die Konferenz nur mit Zustimmung jedes einzelnen Teilnehmers wiedereinberufen werden kann. Der Fortschritt
liegt in den Händen der Parteien, die mit den Folgen
leben müssen.
Schon bald nach Aufnahme der bilateralen Gespräche
werden die Parteien ebenfalls zusammentreffen, um
multilaterale Verhandlungen zu organisieren. Diese
werden sich auf die Fragen konzentrieren, die nationale Grenzen überschreiten und die gesamte Region
betreffen: Rüstungskontrolle, Wasser, Flüchtlingsprobleme, wirtschaftliche Entwicklung. Fortschritte in
diesen Foren sind nicht als Ersatz dessen gedacht,
was in den bilateralen Gesprächen entschieden werden muß. Im Gegenteil, Fortschritte bei den multilateralen Fragen können zu einer Atmosphäre beitragen,
in der seit langem bestehende bilaterale Streitfragen
leichter gelöst werden können.
Für Israel und die Palästinenser gibt es bereits einen
Rahmen für diplomatische Bemühungen. Die Verhandlungen werden in Phasen stattfinden und mit
Gesprächen über Interimslösungen für eine Selbstregierung beginnen. Wir sind bestrebt, ein Abkommen
innerhalb eines Jahres zu erlangen. Nach Erzielung
dieses Abkommens wird diese Interimsregelung zur
Selbstregierung fünf Jahre gültig sein. Vom dritten
Jahr an werden Verhandlungen über den dauerhaften
Status stattfinden. Niemand kann genau vorhersagen,
wie das Endergebnis aussehen wird. Unserer Meinung nach muß etwas entwickelt werden, das für
Israel, die Palästinenser und Jordanien akzeptabel ist,
das den Palästinensern eine sinnvolle Gestaltung ihres eigenen Lebens und Schicksals ermöglicht und
gleichzeitig die Akzeptanz und Sicherheit Israels
gewährleistet.
Wir alle können verstehen, daß sowohl Israel als auch
die Palästinenser über Kompromisse besorgt sind,
daß sie sich Sorgen machen, selbst beim unbedeutendsten Punkt Kompromisse zu schließen, weil sie
fürchten, einen Präzedenzfall für die wirklich wichtigen
Fragen zu schaffen. Niemand sollte jedoch einen
Kompromiß bei Interimsregelungen vermeiden, und
zwar aus einem einfachen Grund: nichts, was heute
beschlossen wird, wird die Verhandlungen über den
dauerhaften Status präjudizieren. Im Gegenteil, diese
Folgeverhandlungen werden aufgrund ihrer eigenen
Verdienste bewertet werden.
Frieden kann nicht allein von Kompromissen abhängen. Echter Frieden - dauerhafter Frieden - muß auf
Sicherheit für alle Staaten und Völker, einschließlich
Israels, gegründet sein. Zu lange hat das israelische
Volk in Furcht gelebt, umgeben von einer arabischen
Welt, die es nicht akzeptierte. Heute ist für die arabische Welt der ideale Moment gekommen, um zu
zeigen, daß sich Einstellungen verändert haben, daß

AMERIKA DIENST 44

�die arabische Welt bereit ist, mit Israel in Frieden zu
leben und Zugeständnisse an Israels begründete Sicherheitsbedürfnisse zu machen.
Wir wissen, daß Frieden auch auf Fairneß gegründet
sein muß. Ohne Fairneß wird es keine Legitimität
geben - keine Stabilität. Dies gilt besonders für die
Palästinenser, von denen viele vor allem anderen
Unruhen und Frustration erfahren haben. Israel hat
heute die Gelegenheit zu zeigen, daß es bereit ist, ein
neues Verhältnis mit seinen palästinensischen Nachbarn einzugehen, das auf gegenseitiger Achtung und
Zusammenarbeit beruht.
Im gesamten Nahen Osten streben wir eine stabile und
dauerhafte Lösung an. Wir haben nicht definiert, was
dies bedeutet. Ich mache diese meine Ausführungen
in der Tat ohne Landkarte, die anzeigt, wo die Grenzen
letzlich gezogen werden sollen. Trotzdem gehen wir
davon aus, daß ein territorialer Kompromiß für den
Frieden unumgänglich ist. Grenzen sollten die Qualität
von militärischen und politischen Regelungen widerspiegeln. Die Vereinigten Staaten sind bereit, alles zu
akzeptieren, was die Parteien selbst akzeptabel finden. Wie ich am 6. März erklärt habe, streben wir eine
Lösung an, die die doppelte Probe auf Fairneß und
Sicherheit besteht.
Ich weiß - und ich nehme an, wir alle wissen -, daß
diese Verhandlungen nicht einfach sein werden. Ich
weiß auch, daß diese Verhandlungen nicht reibungslos verlaufen werden. Es wird Meinungsverschiedenheiten und Kritik, Rückschläge und - wer weiß - möglicherweise Unterbrechungen geben. Verhandlungen
und Kompromisse sind immer schmerzhaft. Der Erfolg
wird uns versagt bleiben, wenn wir uns nur auf das
konzentrieren, was aufgegeben werden muß.
Wir müssen unsere Vision dessen definieren, was
echter Frieden bringen würde. Frieden bedeutet doch
schließlich nicht nur die Vermeidung von Krieg und den
Kosten, sich darauf vorzubereiten. Der Nahe Osten ist
mit großen Ressourcen gesegnet: physischen, finanziellen und vor allem menschlichen. Neue Möglichkeiten befinden sich in greifbarer Nähe - wenn wir nur das
Vorstellungsvermögen besitzen, sie zu ergreifen.
Um Erfolg zu haben, müssen wir uns vor Augen führen,
daß Frieden im Interesse aller Parteien liegt - und Krieg
für niemand einen absoluten Vorteil bringt. Die Alternative zum Frieden im Nahen Osten ist eine Zukunft
der Gewalt, Verschwendung und Tragik. Jeder künftige Krieg beinhaltet die Gefahr des Einsatzes von
Massenvernichtungswaffen. Wie wir im Golfkrieg gelernt
haben, ermöglichen moderne Waffenarsenale Angriffe auf städtische Ballungszentren - um das Leben
unschuldiger Männer, Frauen und Kinder zu bedrohen, Straßen, Schulen und Kinderspielplätze der Städte in Schlachtfelder zu verwandeln.

AMERIKA DIENST 44

Heute können wir beschließen, einen anderen Weg in
die Zukunft einzuschlagen - Konflikte zu vermeiden.
Ich fordere alle Parteien auf, einseitige Maßnahmen,
sei es in Wort oder Tat, zu vermeiden, die Vergeltung
nach sich ziehen oder - noch schlimmer - diesen
Prozeß selbst beeinträchtigen oder bedrohen würden.
Ich appelliere an alle Parteien, Maßnahmen in Betracht zu ziehen, die gegenseitiges Vertrauen fördern
- Schritte, die ein ernsthaftes Engagement für eine
Aussöhnung signalisieren.
Ich möchte etwas zur Rolle der Vereinigten Staaten
von Amerika sagen. Wir haben eine aktive Rolle dabei
gespielt, diese Konferenz zu ermöglichen. Sowohl der
Außenminister, Jim Baker, als auch ich werden eine
aktive Rolle dabei spielen, dem Prozeß zum Erfolg zu
verhelfen. Zu diesem Zweck haben wir Israel, Syrien,
Jordanien, dem Libanon und den Palästinensern schriftliche Zusicherungen gegeben. Im Geist der Offenheit
und Ehrlichkeit werden wir alle Parteien über die
Zusicherungen informieren, die wir den anderen gegeben haben. Wir sind bereit, Garantien zu geben,
Technik und Unterstützung zu liefern, wenn der Frieden dies erfordert. Wir werden ferner unsere Freunde
und Verbündeten in Europa und Asien auffordern, sich
uns bei der Bereitstellung von Ressourcen anzuschließen, damit Frieden und Wohlstand Hand in Hand
gehen.
Außenstehende können helfen, aber letztlich obliegt
es den Völkern und Regierungen des Nahen Ostens,
die Zukunft des Nahen Ostens zu gestalten. Es ist ihre
Chance und ihre Pflicht, alles in ihrer Macht Stehende
zu tun, um diese Versammlung zu nutzen, diese
historische Versammlung und alles, was sie symbolisiert und verspricht.
Niemand sollte annehmen, daß die vor uns liegende
Chance zum Friedensschluß bestehen bleibt, wenn
wir es versäumen, diesen Moment zu nutzen. Ironischerweise ist diese Gelegenheit aus dem Krieg geboren - der Zerstörung vergangener Kriege, der Furcht
vor künftigen Kriegen. Die Zeit ist gekommen, um dem
Krieg ein Ende zu bereiten - die Zeit ist gekommen, um
den Frieden zu wählen.
Stellvertretend für das amerikanische Volk möchte ich
bekräftigen, daß die Vereinigten Staaten bereit sind,
die Suche nach Frieden zu erleichtern, als Katalysator
zu wirken, wie wir dies in der Vergangenheit und bis vor
Kurzem getan haben. Wir streben nur ein Ziel an, und
das tun wir nicht für uns selbst, sondern für die Völker
der Region und besonders die Kinder: daß diese und
künftige Generationen im Nahen Osten die Bedeutung
und Segnungen des Friedens erfahren.
Wir haben zu viele Generationen von Kindern gesehen, deren gequälte Augen nur Furcht widerspiegeln zu viele Beerdigungen von Brüdern und Schwestern,

Seite 3

�Müttern und Vätern, die zu früh starben - zu viel Haß,
zu wenig Liebe. Und wenn wir nicht den Mut aufbringen können, für uns selbst die Vergangenheit hinter
uns zu lassen, so laßt uns beschließen, es für unsere
Kinder zu tun.

Möge Gott das Werk dieser Konferenz segnen und
leiten, und möge diese Konferenz uns auf den Weg des
Friedens führen,

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 44

�GATT
6. November 1991

HILLS OPTIMISTISCH IM HINBLICK AUF
ABSCHLUSS DER URUGUAY-RUNDE
Rede bei der OAS
WASHINGTON - (AD) - Die US-Handelsbeauftragte Carla Hills hat in einer Rede bei der Konferenz der
Handelsminister der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) am 29. Oktober 1991 in Washington erklärt,
sie sei in bezug auf den erfolgreichen Abschluß der nun schon fünf Jahre andauernden Uruguay-Runde
multilateraler Handelsgespräche seit langem nicht mehr so optimistisch gewesen.
Wir veröffentlichen die Rede von Hills, die darüber hinaus auf das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA) zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada sowie die Initiative zur Förderung der
Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas (EAI) einging, nachfolgend im Wortlaut.

Einleitung
Bei einer Feierstunde im Rosengarten des Weißen
Hauses anläßlich des ersten Jahrestages der EAI
bekräftigte Präsident Bush im vergangenen Juni sein
Engagement zum "Aufbau einer soliden Grundlage für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Wohlstand" auf
dem Kontinent. "Freier Handel", erklärte der Präsident, "muß unsere gesamte Hemisphäre erfassen."
Die Organisation Amerikanischer Staaten war bei diesem
entscheidenden Unterfangen ein zuverlässiger Verbündeter und Befürworter.
Wenn wir umfassenden und dauerhaften Wohlstand
erlangen wollen, müssen wir uns bemühen, die Wohlstand schaffende Macht offener Märkte über die Grenzen unserer Hemisphäre hinaus auszudehnen. Wir
müssen zusammenarbeiten um sicherzustellen, daß
unsere Güter und Dienstleistungen in der ganzen Welt
frei bewegt werden können. Der Weg, um dies zu
ermöglichen, ist die Schaffung eines wirklich offenen
und pulsierenden Welthandelssystems.
Die amerikanische Handelspolitik
Aus diesem Grund ist die Handelspolitik von Präsident
Bush darauf ausgerichtet, jede Chance zu ergreifen
und jedes Forum zu nutzen, um die Weltmärkte für
Unternehmer aller Länder zu öffnen.

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Um diese Politik zu verwirklichen, bemühen wir uns
energisch,
die Verhandlungen über den Welthandel im
Rahmen der Uruguay-Runde erfolgreich abzuschließen;
mit Mexiko und Kanada Verhandlungen über ein
Nordamerikanisches Freihandelsabkommen zu
führen;
die Initiative des Präsidenten zur Förderung der
Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas mit
dem Endziel einer Freihandelszone in der gesamten Hemisphäre zu verwirklichen.
Die Uruguay-Runde
Zweifelsohne sind die Welthandelsgespräche im
Rahmen der Uruguay-Runde für alle Nationen heute
das wichtigste Verhandlungsforum zum Handel. Die
108 am Verhandlungstisch vertretenen Staaten repräsentieren über 90 Prozent des Welthandels.
Die Nationen Amerikas verstehen die Bedeutung der
Uruguay-Runde und des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT). Costa Rica, El Salvador und
Venezuela sind in den vergangenen zwei Jahren dem
GATT beigetreten. Guatemala wird seinen Beitritt in
wenigen Monaten vollzogen haben. Honduras wird mit
dem Beitrittsprozeß beginnen, und Panama hat gerade die Aufnahme beantragt.

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�Der Grund dafür, daß Sie alle Teil des GATT werden
möchten, ist einfach. Eine multilaterale Liberalisierung
des Handels hat eine größere Durchschlagskraft als
regionale Handelsvereinbarungen (selbst bilaterale
Freihandelsabkommen). Sowohl das Nordamerikanische Freihandelsabkommen als auch die EAI bieten
den Teilnehmern wichtige Vorteile, aber jedes ist letztlich durch die Größe der beteiligten Märkie begrenzt
Es ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit: 108 Nationen,
die 90 Prozent des Welthandels vertreten, können
zusammengenommen mehr erreichen, um Märkte zu
öffnen, den Handel auszuweiten und Wohlstand hervorzubringen als 3 oder 30 Länder.
Die Uruguay-Runde ist die weitreichendste jemals
veranstaltete Runde weltweiter Handelsgespräche.
Eine Verringerung traditioneller Marktzugangshemmnisse - tarifäre und nichttarifäre Maßnahmen wie etwa
Quoten - um ein Drittel durch die Runde könnte die
Weltproduktion im nächsten Jahrzehnt um 5 Billionen
Dollar erhöhen.
Die Vereinigten Staaten und andere Regierungen
Amerikas müssen nicht nur zusammenarbeiten, um
diesen wirtschaftlichen Impuls zu verwirklichen, sondern auch, um folgende Entwicklungen sicherzustellen:
Öffnung neuer und Ausweitung bestehender
Märkte;
Abbau handelsverzerrender Agrarsubventionen;
neue Rechte an geistigem Eigentum;
Öffnung der Dienstleistungsmärkte;

länger hinziehen. Die Regierungen müssen heute
entscheiden, ob sie ein Abkommen schließen wollen
oder nicht.
Generaldirektor Dunkel hat einen kühnen Plan in Angriff
genommen, um diese Entscheidung zu erzwingen und
die Verhandlungen zu beschleunigen. Er beabsichtigt,
bis Mitte November ein umfassendes Abkommen
vorzulegen. Er hat die Vorsitzenden der wichtigsten
Verhandlungsgruppen aufgefordert, umgehend zusammenzutreten. Dunkel hat erklärt, er werde Lösungen
für die noch ausstehenden Probleme vorschlagen,
wenn sie keine Übereinkunft erzielen können.
Wir können Substanz nicht durch Geschwindigkeit
ersetzen. Wir benötigen ein umfassendes Paket von
Vereinbarungen, das für Unternehmer weltweit ein
breites Spektrum von Möglichkeiten schafft. Die Vereinigten Staaten brennen darauf, mit den Handelspartnern zusammenzuarbeiten, um diese entscheidenden
Verhandlungen zu einem erfolgreichen Ergebnis zu
führen.
Der Dunkel-Plan könnte die erforderliche Antriebskraft
liefern, um der Runde zum Gelingen zu verhelfen. Vor
zwei Wochen hat Wirtschaftsminister Möllemann den
EG-Handelsministern beim Treffen in Den Haag berichtet, daß Deutschland seine Position geändert hat
und jetzt bereit ist, eine Reduzierung der Agrarsubventionen auszuhandeln. Die EG-Handelsminister treffen
am kommenden Sonntag und die Außenminister am
Montag erneut zusammen.
Dies ist der Augenblick, in dem die Mitglieder der
Organisation Amerikanischer Staaten zusammenarbeiten können, um alles in ihrer Macht Stehende zu
tun, die Gespräche zu einem erfolgreichen Abschluß

Förderung arbeitsplatzschaffender Investitionen.
Die enthusiastische Unterstützung der Regierungen
Amerikas - einzeln sowie durch Organisationen wie die
OAS - für ein umfassendes Abkommen der UruguayRunde könnte entscheidend dazu beitragen, die von
uns allen angestrebten wachstumsfördernden Handelsreformen zu verwirklichen.
Liegt ein Abkommen in greifbarer Nähe?
Es besteht kein Zweifel: die Vorteile einer erfolgreichen Uruguay-Runde könnten enorm sein. Nahezu
ein Jahr nach dem Patt von Brüssel stellt jeder die
Frage "Wird es ein Abkommen der Uruguay-Runde
geben?"
Ich bin lange nicht mehr so hoffnungsvoll gewesen wie
heute.
Der Generaldirektor des GATT, Arthur Dunkel, hat
unlängst die Delegationsleiter in Genf zusammengerufen, um eine eindeutige Botschaft zu übermitteln: die
Verhandlungen der Uruguay-Runde dürfen sich nicht

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zu bringen.
Es ist fünf Minuten vor zwölf, was die Uruguay-Runde
anbetrifft. Die Vereinigten Staaten haben ein vollständiges Verhandlungsteam nach Genf entsandt, das zu
Fortschritten bereit ist. Ich fordere alle heute hier
anwesenden Regierungen auf, hochrangige Experten
aus ihren Hauptstädten nach Genf zu entsenden. Die
Zeit ist knapp, und wir müssen Erfolg haben.
Während wir am erfolgreichen Abschluß der Runde
arbeiten, müssen wir uns auch mit der Öffnung von
Märkten befassen, wo immer dies weltweit möglich ist.
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
Ich bin gestern aus Zacatecas in Mexiko zurückgekehrt, wo ich zum dritten Mal mit meinen Amtskollegen
aus Mexiko und Kanada zusammengetroffen bin, um
die Verhandlungen über ein Nordamerikanisches
Freihandelsabkommen fortzusetzen. Gemeinsam
könnten wir einen Markt mit 360 Millionen Verbrauchern und Produzenten und einer Jahresproduktion im
Wert von 6 Billionen Dollar schaffen.

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�Die Vorteile eines Nordamerikanischen Freihandelsabkommens sind jedoch nicht auf die drei Teilnehmerländer begrenzt. Jedesmal, wenn "der Kuchen wächst",
gibt es mehr für alle.

Als ersten Schritt der EAI haben die Vereinigten Staaten in der Zwischenzeit Rahmenabkommen mit praktisch allen Ländern Mittelamerikas sowie den meisten
Ländern Lateinamerikas und der Karibik geschlossen.

Mexikos dynamisches Wachstum wird vermehrte
Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen schaffen, die Sie, seine Nachbarn auf dem Kontinent, am
besten liefern können. Sie kennen den Geschmack,
Bedarf und die Wünsche der Mexikaner. Sie werden
einen natürlichen Vorteil beim Verkauf an ein reicheres
Mexiko haben.

Diese Abkommen sehen eine Reihe fester Handels und
Investitionsprinzipien, die Verpflichtung zu regelmäßigen Konsultationen sowie eine vorläufige Tagesordnung der Konsultationen vor.

Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen wird
als Vorreiter für den besseren Schutz von Patenten,
Urheberrechten und anderem geistigem Eigentum
dienen und Märkte für Anbieter von Dienstleistungen
sowie Investoren öffnen. Parallele Gespräche werden
Normen für die Rechte von Arbeitnehmern und den
Umweltschutz festsetzen. Dies sind nicht nur Vorteile
für die Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada. Auch
andere Länder in der Region werden von unseren
Erfahrungen und unserem Beispiel profitieren.
Die Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in
den Ländern Amerikas (EAI)
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen kann
als Wegweiser bei unserem gemeinsamen Unterfangen zur Schaffung einer Freihandelszone auf dem
gesamten Kontinent dienen - einem langfristigen Ziel
der Initiative des Präsidenten zur Förderung der Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas. Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen hat Modellcharakter für künftige Abkommen.
Die notwendigen technischen und politischen Grundlagen für weitere Freihandelsabkommen benötigen
Vorbereitungszeit. Es dauerte vier Jahre von der
Aushandlung eines Rahmenabkommens zwischen den
Vereinigten Staaten und Mexiko bis zur Aufnahme der
Gespräche über ein Freihandelsabkommen.
Der amerikanische Kongreß wird die positiven Ergebnisse des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens
sehen wollen, bevor er der Administration die Befugnis
erteilt, neue Freihandelsabkommen mit anderen Handelspartnern in der Region in die Wege zu leiten.
Die Mitglieder des Kongresses werden wissen wollen,
ob die an einem Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten interessierten Länder ihr Engagement
für offene Märkte unter Beweis gestellt haben. Die
Bereitschaft des Kongresses zur Aufnahme solcher
Verhandlungen wird davon abhängen, ob die Länder
verbesserten Zugang zu ihren Märkten haben, und
zwar nicht nur für Waren sondern auch für die Anbieter
von Dienstleistungen und Investoren, und ob sie dem
Weltstandard entsprechenden Schutz an geistigem
Eigentum anbieten können.

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In unseren wildesten Träumen hätten wir niemals
erwartet, daß so viel in so kurzer Zeit nach Ankündigung der EAI erreicht werden würde.
Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und ihren Nachbarländern in Lateinamerika unmöglich gewesen. Diese Rahmenabkommen belegen die außerordentliche Übereinstimmung unserer Philosophien
und Zielsetzungen. In ganz Lateinamerika herrscht ein
kühner, neuer Geist der Freiheit und freier Märkte.
Brücken bauen
Es wurde jedoch die Besorgnis geäußert, daß die
regionalen Bestrebungen der Vereinigten Staaten zur
Öffnung von Märkten eine Abkehr von unserer Unterstützung des multilateralen Handelssystems signalisieren, das uns seit über 40 Jahren so gut gedient hat.
Nichts könnte jedoch weniger der Wahrheit entsprechen. Unser Ziel besteht im Abbau von Handelsschranken, wo immer und wann immer möglich, und
wir hegen keinerlei Intention, einen nach innen gerichteten Handelsblock zu schaffen oder zu unterstützen.
Bestrebungen zum Abbau regionaler Handelshemmnisse beeinträchtigen nur dann das Gefüge des Welthandelssystems, wenn sie neue Schranken für die
übrige Welt zur Folge haben. Im Gegenteil - unsere
regionalen Bestrebungen in Mexiko, Lateinamerika
und Asien sollen unsere weltweiten Bestrebungen zur
Öffnung von Märkten und Erweiterung des Handels
verstärken.
In der Tat lehnen wir den Aufbau protektionistischer
Handelsblöcke in allen Teilen der Welt ab und warnen
davor. Wir versuchen, die Liberalisierung des Handels
überall voranzutreiben.
Schlußbemerkung
Mit der Uruguay-Runde, dem Nordamerikanischen
Freihandelsabkommen und der Initiative zur Förderung der Privatwirtschaft in den Ländern Amerikas
haben wir einzigartige Chancen, Präsident Bushs Vision
einer von einem dynamischen Welthandelssystem
getriebenen neuen Weltordnung zu verwirklichen.
Unseres Erachtens werden diese Initiativen zur Marktöffnung zusammengenommen alle Länder Amerikas
an die Schwelle einer neuen, wechselseitig vorteilhaf-

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�ten Wirtschafts- und Handelsbeziehung mit unseren
weltweiten Handelspartnern führen.
In seiner Rede vor den Vereinten Nationen erklärte
Präsident Bush im vergangenen Monat: "Wachstum
füllt nicht nur Regale auf, sondern leistet mehr - es
billigt jedem Menschen Gewinn zu - nicht auf Kosten

sondern zum Vorteil anderer. Wohlstand ermutigt die
Menschen, als Nachbarn, nicht als Raubtiere zu leben."
Das ist unser Ziel. Gemeinsam können wir es verwirklichen.

* * * * *

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�GATT
6. November 1991

BAUCUS SCHLÄGT GATT-UMWELTGESPRÄCHE VOR
Rede des Vorsitzenden im Senatsunterausschuß für Handel
WASHINGTON - (AD) - Einem einflußreichen US-Senator zufolge soll das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen auch den Bereich Umwelt umfassen.
Der Vorsitzende des Unterausschusses für Handel, Max Baucus, schlug dem Institut für Weltwirtschaft am 30.
Oktober 1991 vor, die GATT-Mitglieder könnten nach dem Vorbild des Subventionskodex einen Umweltkodex
aushandeln.
Der neue Kodex sollte einzelnen Ländern die Verhängung von Handelssanktionen für Importe anderer Länder
gestatten, die international vereinbarte Normen verletzen sowie eine Schlichtungsstelle ähnlich der nach dem
Subventionskodex eingerichteten schaffen, erklärte Baucus.
Ihm zufolge würde die Annahme des Vorschlags demonstrieren, daß das GATT Umweltschutz als ebenso
wichtiges Ziel der Handelspolitik betrachtet wie nationale Sicherheit oder Naturschutz, US-Firmen "die gleiche
Ausgangsbasis" verschafft, damit sie höhere Umweltschutzmaßstäbe als ausländische Konkurrenten erfüllen
können und einzelne Länder zur Verabschiedung einer zuverlässigen Umweltpolitik ermutigt.
Nachfolgend veröfentlichen wir Baucus' Rede im Wortlaut.

Die Welt steht in den nächsten zehn Jahren vor zwei
großen Herausforderungen: erstens dem Schutz der
Umwelt und zweitens der Schaffung eines freieren
Welthandelssystems.
Aber diese Herausforderungen stehen nicht für sich
allein. Die Verknüpfung zwischen der Umwelt und der
Handelspolitik ist in den letzten Monaten sehr deutlich
geworden.
Handelspolitik ist ein weltvolles Instrument zur Stimulierung eines Umweltbewußtseins im Ausland. Aber
Handelssanktionen können - insbesondere in den
Entwicklungsländern - Ressentiments gegen die Vereinigten Staaten hervorrufen und ernsthafte Streitigkeiten im Handel entfachen.
Eine der zentralen Herausforderungen, die sich uns
bei den bevorstehenden Gesprächen über den Welthandel stellt, ist die Verabschiedung umweltbewußter
Handelsabkommen - Abkommen zum Schutz der
Umwelt, die gleichzeitig die Handelsinteressen der
Vereinigten Staaten schützen.
Die Einbeziehung von Umweltthemen in Handelsvergespräche ist nur der letzte Schritt in einer natürlichen
Folge. Angesichts der zunehmenden Verflechtung der
Volkswirtschaften der Welt müssen auch die Handelsgespräche erweitert werden.
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Ursprünglich haben sich die Handelsgespräche nur
auf Zölle konzentriert. Aber uns ist nach und nach
bewußt geworden, daß nichttarifäre Hemmnisse - wie
Quoten und Einfuhrgenehmigungen - ebenso wichtig
sind. Später haben wir erkannt, daß andere Themen
wie Subventionen und Preispolitik ebenso angesprochen werden müssen, um die gleiche Ausgangsbasis
für alle zu gewährleisten.
Wir haben jetzt begonnen, noch weitere Themen wie
den Schutz geistigen Eigentums und Antitrustmaßnahmen bei den Handelsgesprächen zu erörtern. Die
Einbeziehung dieser neuen Themen hat zur weltweiten Öffnung der Märkte und Erweiterung des Handels
beigetragen.
Jetzt ist es an der Zeit, den Umweltschutz der länger
werdenden Liste von Themen hinzuzufügen, die bei
den Handelsgesprächen erörtert werden müssen.
Sollte sich ein Land nicht zur Einführung angemessener Umweltschutzbestimmungen entscheiden, verringert es die Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit in diesem
Land zu Lasten der Umwelt. Zusätzlich zur Belastung
der Umwelt verschafft dies einen relativen Vorteil
gegenüber Nationen, die die Umwelt schützen. Dieser
Vorteil kann in Handelsprofite umgesetzt werden und
zusätzliche Investitionen anziehen.

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�Die Handelspolitik ist einer der wenigen Hebel, die die
Vereinigten Staaten ansetzen können, um andere
Nationen zum Schutz der Umwelt zu veranlassen. Es
wird großer Druck zur Verhängung von Handelssanktionen ausgeübt, um die Ziele des Umweltschutzes
durchzusetzen.
Angesichts dieses Trends können Umweltfragen nicht
länger von Handelsthemen getrennt werden.
Nach gro ßem Druck seitens des Kongresses steht das
Thema Umwelt jetzt definitiv auf der Tagesordnung
der Gespräche über eine Freihandelszone zwischen
den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada. Und ich
bin ziemlich zuversichtlich, daß der Kongreß kein
Nordamerikanisches Freihandelsabkommen verabschieden wird, das weder in dem Handelsabkommen
noch in einer parallelen Vereinbarung strenge und
durchsetzbare Umweltschutzbestimmungen enthält.
Die Logik, die uns zur Einbeziehung der Umweltthemen in diese Verhandlungen veranlaßt hat, gilt jedoch
auch weltweit.
Es ist an der Zeit, das Handelspaket der Welt - das
Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) - zu
erweitern, um Umweltbelange anzusprechen. Im
Optimalfall könnte ein internationales Abkommen
ausgehandelt werden, um angemessene Umweltnormen weltweit festzusetzen. Ein solches Abkommen
liegt wahrscheinlich noch in weiter Ferne. In der
Zwischenzeit sollte meines Erachtens ein GATTUmweltkodex entsprechend dem aktuellen Subventionskodex ausgehandelt werden.
Zahlreiche Details eines solchen Kodex müssen den
Verhandlungen vorbehalten bleiben, sollten jedoch
folgenden Hauptelemente umfassen;
Jeder Nation sollte gestattet werden, ihre eigenen Umweltschutznormen festzulegen.
Jeder Nation sollte erlaubt werden, den Import
von Waren zu verbieten oder anderweitig einzuschränken, die unter Verletzung international
anerkannter Normen hergestellt wurden, wie
beispielsweise mit Treibnetzen gefangener
Thunfisch, und Handelssanktionen zu verhängen, um internationale Umweltschutzabkommen durchzusetzen.
Wenn importierte Produkte oder das zur Herstellung dieser Produkte verwendete Verfahren
nicht den Umweltnormen des Importlandes
entsprechen, kann das importierte Produkt mit
Zöllen belegt werden, vorausgesetzt zwei Kriterien sind erfüllt:
Erstens müssen die verwendeten Umweltschutznormen eine solide wissenschaftliche Grundlage haben.

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Zweitens müssen dieselben Normen für die
gesamte Inlandsproduktion gelten.
Die Höhe der Ausgleichszölle sollte ausreichen,
um jeglichen wirtschaftlichen Vorteil auszugleichen, der sich ergibt, wenn ein Produkt unter
weniger strengen Umweltschutzauflagen hergestellt wird.
Ein GATT-Schlichtungsgremium vergleichbar
dem nach dem Subventionskodex gebildeten
Gremium sollte Streitfälle in bezug auf die Durchführung des Umweltkodex regeln.
Ein solcher Kodex hätte drei bedeutende Vorteile.
Erstens würde der Kodex ein offenkundiges Defizit des
GATT korrigieren, wie es erst unlängst in der Entscheidung eines Schlichtungsausschusses im mexikanischen Thunfischfall zum Ausdruck kam. In diesem Fall
entschied der Schlichtungsausschu ß, daß die von den
Vereinigten Staaten auf Thunfischimporte aus Mexiko
verhängten Beschränkungen aufgrund der Tatsache,
daß mexikanische Fischer weiterhin Delphine abschlachten, das GATT verletzten. Der Beschluß des Ausschusses mag die bestehenden Regeln des GATT
exakt widerspiegeln. Dies ist jedoch ein Argument für
die Änderung des GATT und nicht für die Beendigung
der Bemühungen zum Schutz der Delphine.
Wir können nicht zulassen, daß das GATT zu einem
Schutzschild für die Staaten wird, die international
anerkannte Normen für den Umweltschutz unterlaufen. Das GATT muß den Umweltschutz ebenso als
legitimes Ziel der Handelspolitik anerkennen wie nationale Sicherheit und Naturschutz.
Zweitens wäre er hilfreich, um eine gleiche Ausgangsbasis für amerikanische Unternehmen zu schaffen, die
gezwungen sind, schärfere Umweltauflagen zu erfüllen als ihre ausländischen Konkurrenten. Der Umweltschutz würde nicht mehr unbedingt negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer
Unternehmen haben.
Schließlich würde der Kodex die Nationen dazu ermutigen, eine gesunde Umweltschutzpolitik einzuführen.
Ein Großteil der aus lockeren Umweltschutzbestimmungen resultierenden wirtschaftlichen Vorteile würde verschwinden. Darüber hinaus würde der Anreiz,
Zölle zu vermeiden, die Staaten dazu veranlassen,
bessere Umweltschutzvorschriften einzuführen.
Der neue von mir beschriebene GATT-Kodex würde
eine sinnvolle Norm schaffen, mit deren Hilfe Staaten
legitime umweltpolitische Ziele verfolgen könnten, ohne
mit ihren Verpflichtungen im Rahmen des GATT in
Konflikt zu geraten. Natürlich muß ein solcher Kodex
sorgfältig ausgearbeitet werden, damit sich legitime
Umweltschutzmaßnahmen von verstecktem Protektionismus unterscheiden lassen.

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�Zweifelsohne steckt das Konzept eines Umweltkodex der nächsten Runde von GATT-Verhandlungen wernoch in einem sehrfrühen Entwicklungsstadium. Es ist den - einer Runde, die hoffentlich wegen ihrer Konzennoch nicht ausreichend verfeinert worden, um in die tration auf die Umwelt als Grüne Runde bekannt
Uruguay-Runde von GATT-Verhandlungen Eingang werden wird,
zu finden. Er sollte statt dessen ein zentrales Thema
* * * * *

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�KONGRESS
6. November 1991

AUS DER ARBEIT DES KONGRESSES
Vermittlungsausschuß schließt Arbeit am Verteidigungshaushalt ab
Die Mitglieder des Vermittlungsausschusses von
Repräsentantenhaus und Senat haben im großen und
ganzen die Arbeit am Verteidigungshaushalt in Höhe
von 291 Milliarden Dollar abgeschlossen, der die
Ausgaben für strategische Verteidigung erhöht, Finanzhilfe für die Sowjetunion bewilligt und das Programm zum Bau des umstrittenen Tarnkappenbombers B-2 kürzt.
Der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses des
Senats, Sam Nunn, erklärte am 1. November 1991, die
Leitlinien des Berichts lieferten einen "Fahrplan" für die
Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) und definierten, was "im Hinblick auf ein wirksames, begrenztes Verteidigungssystem getan werden sollte, um Schutz
gegen versehentliche (Raketen)-Abschüsse und gegen Bedrohungen aus der dritten Welt zu gewähren,
wie sie in Zukunft auftreten könnten".
Der Bericht, der jetzt vom Repräsentantenhaus und
Senat verabschiedet werden muß, sieht die höchsten
jemals bewilligten Ausgaben für strategische Verteidigungssysteme vor (4,15 Milliarden Dollar) und genehmigt darüber hinaus die Entwicklung eines ersten
amerikanischen ABM-Systems (ABM = Raketenabwehr), das im Jahr 1996 stationiert werden soll (die
Sowjets besitzen ein solches System bereits). Während der erste Standort (mit 100 bodengestützten
Abwehrraketen) dem ABM-Vertrag von 1972 zufolge
gestattet ist, wäre dies bei zusätzlichen Standorten,
wie sie im Rahmen des GPALS-Programms (GPALS
= Globaler Schutz gegen begrenzte Schläge) erforderlich sind, nicht der Fall. Deshalb unterstützten die
Mitglieder des Vermittlungsausschusses unverzügliche Gespräche mit der Sowjetunion, um den Vertrag
dahingehend abzuändern, daß zusätzliche ABM-Standorte zulässig sind.
Senator John Warner, der zusammen mit Nunn am 1.
November an einer Pressekonferenz zum Thema
Verteidigungshaushalt teilnahm, stellte fest, die Gespräche mit den Sowjets würden sich auf die Erweiterung amerikanischer Rechte zur Stationierung zusätzlicher ABM-Verteidigungssysteme konzentrieren, um
"eine hochwirksame Verteidigung gegen begrenzte
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Schläge mit ballistischen Raketen zu gewährleisten".
Die Mittel für SDI würden "die künftige Sicherheit
unseres Landes, die Unversehrtheit unserer Streitkräfte in Übersee sowie unserer Freunde und Verbündeten" sicherstellen, fügte er hinzu.
In Zusammenarbeit mit dem Vorsitzendes des Streitkräfteausschusses des Repräsentantenhauses, Les
Aspin, schlug Nunn eine überraschende, in letzter
Minute vorgestellte amerikanisch-sowjetische Kooperationsinitiative in Höhe von 1 Milliarde Dollar vor. Ein
Teil dieses Vorschlags würde die Benutzung amerikanischer Militärmaschinen zum Transport von Nahrungsmitteln und Medikamenten in die Sowjetunion bei
Notlagen gestatten, wie sie im strengen Winter erwartet werden.
Darüber hinaus werden Mittel für Austausch- und
Umschulungsprogramme bewilligt, um den Sowjets
beim "Abbau ihrer Streitkräfte" zu helfen. Diese
Maßnahme muß in Zusammenhang mit einer möglichen Verbreitung von Massenvernichtungswaffen
gesehen werden, erklärte er, da Länder der dritten
Welt versuchen könnten, arbeitslose sowjetische Ingenieure und Wissenschaftler anzuwerben.
Senator Trent Lott kritisierte diese Hilfsregelung für die
Sowjetunion, indem er bei einer getrennt veranstalteten Pressekonferenz erklärte, es würde angesichts der
hilfsbedürftigen Menschen in den Vereinigten Staaten
ein falsches Signal gegeben. Senator Robert Smith
fügte hinzu, ein solcher Plan sei in Anbetracht der
Rezession in den Vereinigten Staaten "empörend".
Warner zufolge wurden die Bestrebungen zur Abschaffung des Tarnkappenbombers B-2 "erfolgreich
abgewendet". Nunn beschrieb das Programm als
"lebendig, aber nicht ganz gesund". Bisher wurden 15
B-2 genehmigt, die Bush-Administration möchte jedoch insgesamt 75 dieser Flugzeuge beschaffen.
Obwohl der Bericht des Vermittlungsausschusses die
vier von der Administration in der Haushalts vorläge für
1992 beantragten B-2 nicht bewilligt, stellt er 1,8
Milliarden Dollar zur Erhaltung der Produktionsanla-

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�gen für das Flugzeug bereit. Darüber hinaus wird 1
Milliarde Dollar zum Kauf eines sechzehnten B-2 zur
Verfügung gestellt, wenn das Flugzeug erwiesenermaßen alle technischen Voraussetzungen erfüllt. Warner
erklärte, ihm sei von Verteidigungsminister Cheney
am 1. November 1991 versichert worden, Präsident
Bush würde gegen den Kompromißvorschlag zum
Verteidigungshaushalt 1992 wegen der im Zusammenhang mit dem B-2 ergriffenen Maßnahmen nicht
sein Veto einlegen.
Die Mitglieder von Senat und Repräsentantenhaus
einigten sich ferner auf den Kauf weiterer 48 F-16Kampfflugzeuge zu einem Gesamtpreis von 1.073
Milliarden Dollar. Der erfolgreiche Einsatz des F-117
Stealth-Kampfflugzeugs am Persischen Golf ermutigte die Gesetzgeber, den Kauf zusätzlicher vier Flugzeuge zu einem Gesamtpreis von 560 Millionen Dollar
zu bewilligen. Darüber hinaus stimmten sie der Finanzierung von 4 weiteren C-17-Transportflugzeugen für
1,6 Milliarden Dollar zu.

*

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Der Bericht des Vermittlungsausschusses sieht im
kommenden Haushaltsjahr 548 Millionen Dollar für die
Midgetman-Interkontinentalrakete (ICBM) vor. Im
Einklang mit der Initiative des Präsidenten zur Reduzierung der Nuklearwaffen wurden für die schienengestützte MX-Peacekeeper-Rakete keine weiteren Mittel
bereitgestellt.
Die Bewilligung sieht 552,6 Millionen Dollar für Minenräummaßnahmen der Marine vor, einschließlich 361,1
Million für die drei Minensuchschiffe der Küstenwache
sowie 129 Millionen Dollar für Minensuchhubschrauber.
Zwischen 1991 und 1995 werden die US-Streikräfteniveaus um 25 Prozent reduziert.
Frauen sind nicht länger automatisch vom Einsatz in
Kampfflugzeugen ausgeschlossen. Statt dessen erteilt der Kongreß dem Präsidenten die Befugnis, eine
15köpfige Kommission zur Prüfung der Verwendung
von Frauen im Militär zu benennen und fordert ihn auf,
dem Kongreß bis zum 15. November 1992 seine
Empfehlungen vorzulegen.

* * *

*

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                <text>&lt;strong&gt;1. Nahost-Friedenskonferenz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Frieden im Nahen Osten "muss kein Traum bleiben" &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten bei der Madrider Konferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. GATT&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hills optimistisch im Hinblick auf Abschluss der Uruguay-Runde&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede bei der OAS&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Baucus schlägt GATT-Umweltgespräche vor&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Vorsitzenden im Senatsunterausschuß für Handel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Kongress&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Aus der Arbeit des Kongresses&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Vermittlungsausschuß schließt Arbeit am Verteidigungshaushalt ab&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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45

5300 Bonn 2

13. November 1991

USA-EUROPA

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag

NATO-GIPFEL

BUSH: NATO-STREITKRAFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom

KSE

KSE-VERTRAG EIN MEILENSTEIN DER
SICHERHEITSVERHANDLUNGEN
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß

WAHLEN IN DEN USA

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen

ERWACHSENENBILDUNG

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA - E U R O P A
13. November 1991

BUSH: WESTEN MUSS LETZTES KAPITEL
DES KALTEN KRIEGS SCHREIBEN
Rede des Präsidenten in Den Haag
DEN HAAG - (AD) - Präsident Bush hat am 9. November 1991 bei einem vom niederländischen Ministerpräsidenten Ruud Lubbers gegebenen Mittagessen in Den Haag erklärt, die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft müßten den Staaten Mittel- und Osteuropas helfen, um die von ihnen errungenen Freiheiten zu
sichern, die dazu beitragen werden, "das letzte Kapitel des kalten Kriegs zu schreiben".
Dabei warnte Bush vor "kurzsichtigen" Isolationisten in den Vereinigten Staaten sowie vor der Gefahr, daß die
"Verbündeten des kalten Kriegs die wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte Krieger, die sich in
Wirtschaftskrieger verwandeln".
Unfaire Handelsschranken zwischen den Nationen würden zu "wirtschaftlichem Ruin" führen und die Staaten in
eine Rivalität treiben, wie sie während der Großen Depression geherrscht habe. "Als Präsident ist es Teil meiner
Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum und Chancen sicherzustellen. In
einer Weltwirtschaft bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Bushs in Den Haag im Wortlaut.

Herr Ministerpräsident, Präsident Dolors, Außenminister van den Broek, verehrte Gäste,

unfreien Nationen Osteuropas die ersten Anzeichen
des Wandels.

ich möchte Ihnen allen danken. Mein Dank gilt insbesondere Ihrer Majestät, der Königin, für die außergewöhnlich warmherzige, aufrichtige Gastfreundschaft,
die uns heute hier entgegengebracht wurde und die
Barbara und ich auch in der Vergangenheit als ihre
Gäste genie ßen durften. Es ist mir eine Freude, wieder
einmal hier sein zu können.

In der Steinkirche von Leiden sprach ich von dem
neuen Geist, der auf diesem Kontinent lebendig, von
der neuen Welt, die in greifbarer Nähe sei. Und heute,
da wir uns in diesem historischen Rittersaal versammelt haben, ist Europa umgewandelt. Eine neue Welt
erstreckt sich vor uns, eine Welt, die vom Versprechen
der Freiheit belebt wird.

Ich freue mich, mit Ihnen am Ende dieser ersten
Zusammenkunft von politisch Verantwortlichen der
Vereinigten Staaten und der EG auf europäischem
Boden zusammenzutreffen. Daß dies auf niederländischem Boden geschieht, macht diesen Moment noch
bedeutsamer, denn nirgends ist das moralische Rückgrat unserer Atlantischen Gemeinschaft stärker.

Erst vor zwei Jahren fegte die Revolution jenes kalte
und düstere Symbol der europäischen Teilung hinweg,
und die Mauer wurde in Trümmer gelegt. Aber die
Geschichte läßt wenig Zeit zum Feiern.

Ich habe meinen ersten Besuch in Den Haag als
Präsident vor zwei Jahren am Vorabend der Revolution von 1989 gemacht. Zu jenem Zeitpunkt standen
wir in einem Konflikt verhaftet, dem bewaffneten und
unbehaglichen Frieden, den wir als kalten Krieg bezeichneten. Und doch bemerkte die Welt sogar in den

AMERIKA DIENST 45

Mit dem Wandel kommen neue Herausforderungen,
neue Herausforderungen für alte Verbündete, die einen
gemeinsamen Kurs in dem Frieden festlegen müssen,
der dem kalten Krieg folgt. Neue Herausforderungen
für alte Gegner-hier in Europa, die gewährleisten, daß
die Staaten des Ostens von ihren westlichen Nachbarn
Hilfe bei der Sicherung ihrer schwer errungenen Freiheiten erwarten können.

Seite 1

�Wenn wir uns der Zukunft stellen, dürfen wir die
Irrtümer der Vergangenheit nicht wiederholen. Auf
meiner Seite des Atlantiks haben einige das Ende des
kalten Kriegs mit einem Chor des "Komm nach Hause,
Amerika" begrüßt.
Für sie bedeutete der Zusammenbruch des Kommunismus, daß das Engagement der Vereinigten Staaten
in Europa beendet war. Nichts könnte kurzsichtiger
sein - für Europa, für die Vereinigten Staaten und für
die Welt.
Wir müssen die schwer erkämpften Lektionen dieses
Jahrhunderts beherzigen, wenn wir die neuen Chancen im nächsten ergreifen wollen.
Wir sollten künftigen Historikern darüber hinaus keinen
Grund liefern, um 1991 als Wiederholung von 1919 zu
betrachten, ein Zeitalter des naiven Isolationismus, in
dem die großen Demokratien der Welt entzweit und
verwirrt waren, Europa zwischen Siegern und Besiegten geteilt und blind gegenüber unerwarteten Gefahren war. Dieses erste Zeitalter der Naivität machte die
Schrecken Hitlers, gefolgt von dem lang anhaltenden
kalten Krieg erst möglich. Ich denke, wir sind uns einig,
daß die Welt für diesen ersten Flirt mit der Verblendung
teuer bezahlt hat. Der Krieg kostete Millionen Menschenleben. Unschuldige Generationen verloren den
Traum der Freiheit.
Die Frage, der wir uns heute ausgesetzt sehen, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Frage, die
unsere Vorfahren im Jahr 1919 zu lösen hatten. In
unserem Falle wußten wir, wie man den kalten Krieg
führt. Aber wissen wir, wie man den Frieden gestaltet?
Wir müssen mit der Einsicht beginnen, daß die NATO
nicht nur ein militärisches Gebilde ist, das sich zusammenschloß, um einer gemeinsamen Bedrohung entgegenzutreten. Wir müssen erkennen, daß unser
Atlantisches Bündnis in der instabilen Welt von heute
ebenso lebenswichtig ist wie vor Jahren, als Europa
durch Stalins Armee bedroht wurde.
Von Anbeginn war unser Bündnis und ist auch heute
noch eine Allianz freier Nationen, Demokratien und
durch den Lauf der Geschichte und das gemeinsame
Erbe verbundener Länder. Wie wir seit einem halben
Jahrhundert beobachten konnten, sind Europa und
Amerika heute Partner im Frieden. Heute sind wir
auch Partner im Wohlstand mit starken Handelsverbindungen, die unsere Völker bereichern, neue Möglichkeiten eröffnen und Wachstum fördern.
Es besteht kein Zweifel, daß sich die NATO verändern
wird. In Rom haben wir die Art und Weise verändert,
in der das Bündnis die gemeinsame Verteidigung
gewährleistet, wie wir mit unseren ehemaligen Gegnern und mit uns selbst umgehen. Unsere neue
Verteidigungsdoktrin wird sicherstellen, daß jeder
Verbündete vor jeder Bedrohung sicher ist - Sicherheit,
die durch hochmobile, multinationale, einschneidend

Seite 2

im Umfang reduzierte aber in ihrer menschlichen und
technologischen Qualität unübertroffene Streitkräfte
glaubwürdig wird.
Unser neues NATO-Liaisonprogramm für die jüngsten
Demokratien Europas - Polen und Ungarn, die Tschechoslowakei und andere - wird ihnen helfen, ihren
Militärapparat von einer Waffe des Staates zu einem
Garant freier Menschen umzugestalten. Und schließlich wird die Förderung einer europäischen Verteidigungsidentität durch das Bündnis - der lange angestrebte "europäische Pfeiler" - unseren europäischen
Verbündeten mehr Verantwortung beim Schutz gemeinsamer vitaler Interessen, hochgehaltener Ideale
und Rechtsstaatlichkeit übertragen.
Mein Land und die Nationen dieses Kontinents schmieden eine neue atlantische Partnerschaft. Blicken Sie
auf die Zeit vor vierzig Jahren zurück, die Tage der
Berlinblockade und des Marshallplans. Praktisch ganz
Europa lag in Ruinen, die Hälfte seiner Völker in Ketten
gefangen. Und heute steht Westeuropa als Modell für
das, was Demokratie, freie Märkte und Zusammenarbeit bieten können. Über 300 Millionen Menschen, die
insgesamt ein Fünftel der Wirtschaftsproduktion der
Welt ausmachen, Nationen, die unter den führenden
und am besten ausgebildeten der Welt stehen.
Diese Ära des Wohlstands der Nachkriegszeit hat
Europa für größere Verantwortung vorbereitet. Wir
werden heute Zeuge eines neuen Europas in Aktion das gemeinsam mit uns den Bürgern Mittel- und Osteuropas hilft, ihre Systeme, Gesellschaften und ihr
Leben umzugestalten. Im Nahen Osten ist die Europäische Gemeinschaft unser Partner im Streben nach
Frieden. Wir sehen das neue Europa bei der Arbeit in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft, beim Streben
nach Beendigung des Kriegs in Jugoslawien mit ungewissen Aussichten.
Wir begrüßen das Entstehen des neuen Europas auf
dem Weg der Europäischen Gemeinschaft zu einem
Binnenmarkt und einer politischen Union, im Wiederaufleben der Westeuropäischen Union, in den neuen
Abkommen der EG mit der EFTA. Die Wiederbelebung der Atlantischen Allianz und der Aufbau einer
Europäischen Union gehen Hand in Hand. Beide
können zu einem sicheren, wohlhabenden Europa und
einer humanen Weltordnung beitragen. Eine kontinuierliche Rolle Amerikas in Europa kann Integration
erleichtern und damit Stabilität fördern. Ein vertrauensvolleres und geschlosseneres Europa wird unseres Erachtens wünschen, daß die Vereinigten Staaten
voll und ganz engagiert bleiben.
Aus diesem Grund hoffen wir auf dauerhafte Fortschritte beim bevorstehenden EG-Gipfel in Maastricht,
weil die Vereinigten Staaten in der Beschleunigung der
Einheit Europas eine natürliche Entwicklung zu unserem gemeinsamen Ziel sehen: einen Staatenbund
freier Nationen, die im Einklang arbeiten, eine neue

AMERIKA DIENST 45

�Welt, in der mehr und mehr Nationen in den sich
erweiternden Kreis der Freiheit eintreten.
In den kommenden Monaten und Jahren wird dieser
Staatenbund gefordert sein, gleichzeitig geduldig und
standhaft, resolut und handlungsbereit zu sein. Aber
zuerst müssen wir das Schlußkapitel des kalten Kriegs
schreiben. Wir müssen den Nationen des Ostens bei
der Sicherung der Freiheiten helfen, die sie errungen
haben. In Mittel- und Osteuropa hat sich die Euphorie
von 1989 gelegt. Diese Länder kämpfen jetzt mit dem
Aufbau funktionierender freier Märkte aus den Ruinen
des sozialistischen Systems und der Wiederbelebung
des für eine demokratische Gesellschaft unabdingbaren Gefühls von Vertrauen.
Diese Nationen bedürfen unserer Hilfe. Sie benötigen
Zugang zu westlichen Märkten, finanzielle und technische Unterstützung zur Erleichterung des Übergangs.
40 lange Jahre haben die gefangengehaltenen Nationen des Ostens auf den Westen für ein Zeichen der
Hoffnung geblickt und es ist jetzt an der Zeit, diesen
neuen Demokratien zu sagen: "Wir werden Euch
helfen." Nach einer solchen kalten und andauernden
Isolierung ist es darüber hinaus für uns an der Zeit,
ihnen ein warmes Willkommen in diesem Bund der
Freiheit zu entbieten.
Und dennoch sehen einige in dem Triumph der Freiheit
eine bittere Ernte während die dringliche Arbeit des
Aufbaus von Demokratien und Marktreformen voranschreitet. Aus ihrer Sicht hat der Zusammenbruch des
Kommunismus eine Büchse der Pandora alter ethnischer Haßgefühle, Ressentiments und selbst der
Rachsucht geöffnet. Einige fürchten, die neuen Freiheiten der Demokratie würden nicht verwendet, um
neues Vertrauen aufzubauen sondern alte Rechnungen zu begleichen. Ganz Europa blickt der Gefahr
eines alten Feindes ins Auge, einem von Haß geschürtem und höheren Zielen unberührtem Nationalismus.
Niemand braucht gesunden Nationalstolz zu fürchten,
die eindeutigen und prägenden Traditionen, die lebende Geschichte, die Völkern und Nationen das Gefühl
der Identität, der Prinzipien und des Zwecks vermitteln. Wir müssen uns jedoch gegen einen Nationalismus der düstersten Sorte wappnen, der auf alte, starre
Vorurteile aufbaut, Menschen Intoleranz, Mißtrauen
und sogar Rassismus und Antisemitismus lehrt, der
Nation gegen Nation, Bürger gegen Bürger aufhetzt.
Für diese alten Animositäten darf es in dem neuen
Europa keinen Platz geben.
Die Antwort besteht nicht darin, die dunklen Impulse,
die Nationen zerstören, zu unterdrücken sondern sie
zu überwinden und einen Geist demokratischer Toleranz und friedlicher Veränderungen zu kultivieren, ein
Konzept der Mehrheitsregierung, die Rechte von
Minderheiten respektiert. Demokratie ist nicht die
Ursache der Kämpfe in Osteuropa und der Sowjetunion sondern deren Lösung. Westeuropa liefert das

AMERIKA DIENST 45

Beispiel, daß der Geist der Demokratie im Zeitraum
von etwas mehr als einer Generation Jahrhunderte der
Rivalitäten, Kriege und nationaler Fehden überwinden
kann.
In Jugoslawien beobachten wir, wie der stolze Begriff
Nationalismus ein Land in einem blutigen Bürgerkrieg
spalten kann. Amerika unterstützt - voll und ganz - die
Bestrebungen der Europäischen Gemeinschaft, diesem Konflikt ein Ende zu bereiten.
Wir würdigen Lord Carrington für seine unermüdlichen
Bestrebungen und fordern alle Parteien auf, der Gewalt
Einhalt zu gebieten und ein unverzügliches Ende des
Leidens mit friedlichen Mitteln anzustreben. Wir sind
bereit, gemeinsam mit der EG diejenigen in Jugoslawien zur Verantwortung zu ziehen, die diese Verbrechen begehen und deren engstirnigen Ambitionen
diese Agonie fortbestehen lassen.
Zweitens müssen wir die Gelegenheiten noch weiter
im Osten ergreifen, um die demokratische Umgestaltung in der Sowjetunion und ihren Republiken zu
fördern. Darauf hat Ministerpräsident Lubbers hingewiesen. Der vereitelte Staatsstreich im August hat die
Entschlossenheit der Reformer erhöht, demokratische
Veränderungen zu institutionalisieren und echte marktwirtschaftliche Reformen einzuführen.
Wir im Westen müssen darauf reagieren, indem wir
humanitäre Hilfe anbieten, unsere Märkte für Waren
aus jeder Republik öffnen, Investitionen fördern sowie
wirtschaftliche Beratung und Know-how anbieten. Meiner
Ansicht nach wollen die Völker in diesem ganzen
weiten Land Veränderungen. Aber keine schnelle
Lösung kann ihnen Leiden und Not ersparen, da sie
sich von über 70 Jahren der Mißwirtschaft befreien.
Ein harter Winter und harte Zeiten liegen vor uns.
Verzweifelte Zeiten bringen Demagogen hervor. Amerika
und Europa haben ein gemeinsames Interesse am
Erfolg der Reformen in der Sowjetunion, und wir müssen
gemeinsam handeln, um die Kräfte der Freiheit,
Demokratie und freien Unternehmertums in dieser
geplagten Region zu fördern.
Schließlich müssen wir uns gegen die Gefahr wappnen, daß die alten Verbündeten des kalten Kriegs die
wirtschaftlichen Gegner von morgen werden - kalte
Krieger, die sich in Wirtschaftskrieger verwandeln.
Offen gesagt gibt es zu beiden Seiten des Atlantiks
Anzeichen dafür, daß dies geschehen könnte. Schrille
Stimmen auf beiden Seiten befürworten Protektionismus als Weg zu Wohlstand.
Meiner Ansicht nach führt dieser Weg in den wirtschaftlichen Ruin und ist das Rezept, um uns in die Art
von Armut nach sich ziehenden Rivalitäten zu stürzen,
die unsere Wirtschaft während der Großen Depression heimgesucht haben.

Seite 3

�Als Präsident ist es Teil meiner Verantwortung gegenüber dem amerikanischen Volk, Wirtschaftswachstum
und Chancen sicherzustellen. In einer Weltwirtschaft
bedeutet dies, auf freiem und fairem Handel zu bestehen.

Aus diesem Grunde freue ich mich, heute berichten zu
könen, daß die Vereinigten Staaten und die EG in den
letzten Tagen Fortschritte erzielt und gelobt haben,
keine Mühen zu scheuen, um die noch ausstehenden
ebenso wichtigen Probleme zu lösen.

In Nordamerika wie in Europa sind große Fortschritte
beim Abbau von Handelsschranken erziolt worden,
aber dieser Fortschritt bedeutet wenig, wenn sich die
Welt in streitbare Handelsblöcke spaltet. Das Prinzip
des freien Handels muß in der Uruguay-Runde eine
Feuerprobe bestehen. Ein positives Ergebnis, das das
GATT-System bestätigt und erweitert, wird beweisen,
daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Gemeinschaft als wirtschaftliche Zugpferde in der
Welt zuversichtlich sind, entschlossen in ein neues
Zeitalter freien und offenen Handels eintreten zu können sowie Arbeitsplätze und Chancen zu beiden Seiten des Atlantiks zu schaffen.

Hilfe für die aufstrebenden Demokratien Osteuropas,
Förderung demoraktischer Reformen in der Sowjetunion und auch in ihren Republiken, Förderung freieren Welthandels -jede dieser Herausforderungen stellt
eine Feuerprobe dar. Jede birgt eine Chance, unsere
Bindungen über den Atlantik hinweg zu stärken, unseren Staatenbund freier Nationen allen zu öffnen, die
Freiheit lieben und Frieden anstreben.

*

Seite 4

Ich danke Ihnen. Gott schütze die Niederlande und die
freien Völker Europas.

*

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�NATO-GIPFEL
13. November 1991

BUSH: NATO-STREITKRÄFTE SOLLTEN
"SCHLAGKRÄFTIG, AGIL, UNERREICHT" SEIN
Rede des Präsidenten beim NATO-Glpfel in Rom
ROM - (AD) - Trotz einer geringeren sowjetischen Bedrohung sollte die NATO Truppen stationieren, die
"schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres Personals und ihrer Technologie" sind. Dies erklärte
Präsident Bush am 7. November 1991 beim Gipfeltreffen der NATO in Rom.
In seiner Ansprache versicherte der Präsident seinen Partnern, daß die Vereinigten Staaten "ihre Pflichten, ihre
Interessen und ihren Platz in Europa nicht aufgeben" werden. Er bekräftigte, daß Washington im Bündnis
niemals "ein Übergewicht angestrebt" habe und fügte hinzu: "Wir versuchen gewi ß nicht, es aufrechtzuerhalten."
Bush stellte fest, das an Osteuropa ausgesprochene "Liaison"-Angebot - darunter eine Einladung an Vertreter
aus Osteuropa, dem Baltikum und der Sowjetunion zur Teilnahme am Treffen des Nordatlantikrats in Brüssel
am 20. Dezember - "ist nicht das beste sondern das mindeste, was wir tun können. Wir müssen die ausgestreckte
Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen
wurde."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bush im Wortlaut.
Der Rat tritt zum zweiten Mal an einem historischen
Wendepunkt zusammen. Der erste war der Tag, an
dem das Bündnis geboren wurde. Damals war die
Welt geteilt. Die eine Hälfte wurde unterdrückt, die
andere war voller Furcht. Dean Acheson erklärte
damals, unsere Aufgabe bestehe darin, eine halbfreie
Welt zu schaffen.

In Nordamerika, in Westeuropa und sogar im Osten
wird das Bündnis zu Recht als Kern europäischer - und
sogar weltweiter - Stabilität angesehen. Als seinen
Sachwaltern obliegt es uns, dem Bündnis eine Richtung zu geben und seine herausragenden Stärken für
edle Ziele einzusetzen. Um dies zu tun, müssen wir
Antworten auf vier definierende Fragen geben:

Meine Freunde, wir haben mehr getan, als die Freiheit
der halben Welt zu bewahren. Wir haben dazu beigetragen, eine neue Welt zu schaffen. Heute müssen wir
uns mit den Kräften des Wandels auseinandersetzen,
die durch unseren Erfolg freigesetzt wurden - Kräfte,
die mächtig, aufregend, ungewohnt und voller Gefahren und Chancen sind. Die Herausforderungen dieser
Welt sind ebenso beängstigend wie Stalins Armee vor
vierzig Jahren bedrohlich war.

Erstens: Wie können wir in dieser unsicheren
Welt sicher sein, daß jeder Verbündete gegen
jede Art von Bedrohung geschützt ist?

Wie damals ist dies eine Zeit der Entscheidung für das
Bündnis. Wir sollten klug entscheiden, denn wir tragen
eine furchteinflößende und unentrinnbare Verantwortung nicht nur für die Menschen sondern auch für die
Zukunft. Um klug zu entscheiden, müssen wir freimütig sprechen. Ich werde nicht von Brücken, Säulen
oder Eckpfeilern sprechen. Wir sind nicht als Ingenieure sondern als politisch Verantwortliche und Treuhänder der Demokratie hier anwesend.

Und letztens: Wie sollen wir uns auf dem Weg
Europas zu einer Union verhalten?

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Zweitens: Wie sollen wir die Anträge der neuen
Demokratien Europas auf Beitritt zur NATO beantworten?
Drittens: Wie sollen wir auf den Zerfall der
sowjetischen Macht reagieren?

Wir müssen diese Fragen jetzt beantworten, und zwar
richtig.
Gespräche über Militärstrategie sind gelegentlich
ungemütlich für Politiker, die sich als Männer des
Friedens rühmen. Unsere erste Verantwortung be-

Seite 1

�steht jedoch darin, jeden Zweifel darüber auszuräumen, daß unsere Völker, ihr Zuhause und ihre vitalen
Interessen sicher sind. Die Geschichte lehrt uns, daß
angemessene militärische Stärke eine Voraussetzung
für politisches Vertrauen und die Verwirklichung der
Zusammenarbeit ist.
Heute sollten wir eine grundlegend neue strategische
Doktrin verabschieden. Unsere Streitkräfte werden
schlagkräftig, agil und unerreicht in der Qualität ihres
Personals und ihrer Technologie sein. Keine Ecke des
Bündnisgebiets wird ungeschützt sein. Und wir werden - lassen Sie mich dies eindeutig klarstellen - eine
glaubwürdige aber drastisch reduzierte nukleare Abschreckung aufrechterhalten. Wer daher je eine
Aggression gegen einen Bündnispartner in Erwägung
zieht, wird sich mit der Macht eines vereinten Bündnisses mit einer ganzen Bandbreite von Optionen konfrontiert sehen. Ohne Zweifel hat der Abzug sowjetischer Truppen aus dem Herzen Europas generell
unsere Sicherheit erhöht. Dies ist jedoch noch immer
eine gefährliche Welt, und der oberste Grundsatz
dieses Bündnisses hat noch immer Gültigkeit: Eine
Bedrohung gegen einen Verbündeten ist eine Bedrohung gegen alle.
Im Osten wollen die unfreiwilligen Verbündeten unseres ehemaligen Gegners jetzt unsere Verbündeten
werden. Ihr Wunsch sollte uns weder überraschen
noch alarmieren. Ich gestehe ein, daß das vorgeschlagene "Liaison"-Programm nicht das beste sondern das
mindeste ist, was wir tun können. Wir müssen die
ausgestreckte Hand der Völker festhalten, deren Freiheit schließlich durch ihren Mut und unsere Entschlossenheit errungen wurde.
Wenn wir hier an diesem Tisch über Instabilität in der
Sowjetunion besorgt sind, sollten wir überlegen, wie
die Welt unseren europäischen Mitbürgern erscheinen
muß, die am Rande leben. Rufen Sie sich die Zeit ins
Gedächtnis, als wir am Rande lebten. Vor vierzig
Jahren lauteten die Namen Ernest Bevin, Robert
Schuman, Paul Henri Spaak. Heute heißen sie Lech
Walsa, Vaclav Havel, Josef Anfall.
Die Sicherheit für diese Nationen besteht niciü in
neuen juristischen Konstruktionen sondern in der
Unterstützung der Umgestaltung ihrer Länder. Es ist
unsere Pflicht - und liegt in unserem Interesse - ihnen
zu helfen, ihren Militärapparat von einer Waffe des
Staats zu einem Garant eines freien Volkes umzugestalten. Das "Liaison"-Programm wird eine unerläßliche Rolle in einer sehr viel umfassenderen Strategie
spielen und all unsere Institutionen einbeziehen. Wir
können diese Nationen nicht in unserer Wertegemeinschaft willkommen heißen und sie auf Armlänge von
unseren Angelegenheiten entfernt halten. Vierzig
Jahre lang haben wir gesagt, wir hören sie, obwohl ihre
Stimmen durch Tyrannei zum Schweigen gebracht
wurden. Können wir uns nun, da diese Stimmen frei
sind, taub stellen?
Seite 2

Wir und die Europäer im Osten von uns sind den
Entwicklungen, die sich noch weiter östlich vollziehen,
verhaftet - dem Raum, der einstmals das Refugium
einer Macht war, die unsere Interessen und Werte
bedrohte - eine Macht, deren Armeen mehr als einmal
durch Europa marschiert sind. Obwohl wir nicht ausschließen können, daß trotz all unserer Wünsche und
Bestrebungen eines Tages erneut eine Bedrohung in
diesem Raum entstehen wird, können wir in absehbarer Zukunft andere mächtige revolutionäre Kräfte am
Werk beobachten:
einen mutigen Kampf zur Schaffung einer rechtmäßigen Regierung und
den raschen Zerfall der Autorität dessen, was
einstmals ein immens mächtiger Zentralsstaat
gewesen ist.
Männer mit Grundsätzen - Gorbatschow, Jelzin, Nasarbajew und andere - versuchen, durch diesen gefährlichen Übergang zu manövrieren, und sie verdienen unser Verständnis und unsere Unterstützung.
Europa und Amerika können auf diese Situation nicht
getrennt reagieren. Wir müssen unsere Einschätzungen teilen, unsere Strategien abstimmen und gemeinsam handeln. Das Bündnis war seit seiner Gründung
bei der Erarbeitung einer gemeinsamen Politik gegenüber der UdSSR unverzichtbar, und das gilt auch
heute noch. Aus diesem Grund haben wir eine Intensivierung der Konsultationen im Nordatlantikrat vorgeschlagen. Wir sollten uns in diesem Augenblick über
unsere Prinzipien im klaren sein und das Bündnis
benutzen, um sie in der Praxis umzusetzen.
Damit komme ich zur vierten Frage: Wie gehen wir
miteinander um? Lassen Sie mich dazu die amerikanische Meinung darlegen.
Erstens werden - und können - die Vereinigten Staaten
ihre Pflichten, ihre Interessen und ihren Platz in Europa
nicht aufgeben. Wir haben eine der schmerzlichsten
Lektionen dieses blutigen Jahrhunderts gelernt.
Zweitens wird behauptet, die Vereinigten Staaten wollten
im Bündnis Anhänger, aber was wir wollen, sind Partner. Das Bündnis ist keine amerikanische Initiative
oder ein Instrument amerikanischer Macht. Wir haben
niemals ein Übergewicht angestrebt, und wir versuchen gewiß nicht, es aufrechtzuerhalten. Wir nehmen
auch kein Monopol für Ideen zum Bündnis in Anspruch. Wenn wir das täten, säße niemand von uns
heute hier, weil die Idee des Washingtoner Vertrags
aus Europa kam.
Drittens waren, sind und werden de Vereinigten Staatenein bereitwilliger Befürworter des Ziels und Prozesses europäischer Integration sein. Die starke amerikanische Unterstützung erstreckt sich auf die Aussicht
einer politischen Union ebenso wie auf das Ziel einer
Verteidigungsidentität.

AMERIKA DIENST 45

�•
*

Viertens wird - was uns betrifft und soweit wir das
beurteilen können - selbst die Verwirklichung einer
europäischen Union die Notwendigkeit für die NATO
nicht verringern. Wir sehen nicht, wie es einen Ersatz
für das Bündnis als Garant unserer Verteidigung und
der Sicherheit Europas geben könnte. Wir unterstützen die Entwicklung der WEU, weil sie das Bündnis
ergänzen und die Rolle Europas in ihm stärken kann.
Sie kann Europa und Nordamerika helfen, sich gemeinsam den Bedrohungen für wichtige Interessen
außerhalb Europas zu stellen. Aber wir betrachten die
WEU nicht als europäische Alternative für das Bündnis. Wir gehen davon aus, daß die amerikanische
Rolle bei der Verteidigung und den europäischen
Angelegenheiten durch eine europäische Union nicht
überflüssig wird.
Und schließlich können zu einer Zeit, da unsere Gesellschaften nach einer Friedensdividende verlangen,
redundante Fähigkeiten nur auf Kosten der bereits
bestehenden aufgebaut werden. Wenn wir uns aufein-

ander verlassen können - und ich zweifle nicht daran,
daß wir dies können - sollte unsere Interdependenz ein
für alle Male befriedigend und redundante Fähigkeiten
unnötig sein.
Mit diesem Gedanken möchte ich schließen. Das
Bündnis war erfolgreicher als irgendjemand von uns zu
träumen gewagt hätte. Es war geplant, unsere Freiheit
zu verteidigen, aber tatsächlich hat es über Totalitarismus triumphiert. Was wir aufgebaut haben, ist kein
militärischer Pakt sondern eine Gemeinschaft der Werte
und des Vertrauens - einmalig in der Geschichte,
dauerhaft und unabdingbar für die neue Ordnung. Es
gibt keine Wegweiser für die neue Welt, keine Möglichkeit zu wissen, was das neue Jahr - ganz zu schweigen
vom nächsten Jahrhundert - bringen wird. Aber unsere
Fähigkeit, die Zukunft zu bewältigen - sie tatsächlich zu
gestalten - wird unverhältnismäßig größer sein, wenn
wir morgen bei der Abreise ein erneuertes Bündnis
geschaffen haben.

* * * * *

AMERIKA DIENST 45

Seite 3

�KSE
13. November 1991

KSE-Vertrag ein Meilenstein der
Sicherheitsverhandlungen
Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß
WASHINGTON - (AD) - Der Staatssekretär für internationale Sicherheitsfragen im US-Außenministerium,
Reginald Bartholomew, hielt am 4. November 1991 eine Rede vor dem Streitkräfteausschuß des Senats, die wir
nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Außenminister Baker hat Ihnen in seinem Brief vom
12. Oktober 1991 dargelegt, daß die Regierung sich
weiterhin voll und ganz für die baldige Ratifizierung und
vollständige Durchführung des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa einsetzt. Die Präsidenten Bush und Gorbatschow haben dies vergangene
Woche bei ihrer Zusammenkunft in Madrid bekräftigt
und die Notwendigkeit rascher Fortschritte bei der
Ratifizierung betont.
Der KSE-Vertrag ist ein Meilenstein in der Geschichte
der Sicherheitsverhandlungen. Nach seinen Bestimmungen werden die konventionellen Streitkräfte in
Europa auf ihren niedrigsten Stand der letzten fast
fünfzig Jahre reduziert. Die Reduzierungen sind für die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten von ungeheurem Vorteil. Darüber hinaus wird das Gerät dieser
Streitkräfte dauerhaft begrenzt, weil überschüssiges
Gerät zerstört wird und strenge Regeln für die Konzentration und Bewegung der Streitkräfte gelten. Diese
Bestimmungen sind extrem wichtig, weil sie einen
international sanktionierten Schutzwall gegen Willkürpolitik oder militärische Übergriffe bieten.
Diese Bestimmungen werden ferner durch ein strenges Verifizierungs- und Inspektionsregime untermauert. Durch ein verknüpftes System des Informationsaustauschs, Vor-Ort-Inspektionen, Verifizierung der
Zerstörung oder Umwandlung von Gerät und Verdachtsinspektionen zusammen mit nationalen nachrichtendienstlichen Mitteln haben wir großes Vertrauen, daß der KSE-Vertrag effektiv verifzierbar ist. Durch
die KSE-Bedingungen für den Datenaustausch werden wir auch erheblich besseren Zugang zu Informationen über konventionelle Streitkräfte in Europa haben.

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Angesichts der in Europa stattfindenden bahnbrechenden Ereignisse wird der Wert dieses Vertrags
immer offenkundiger. Veränderung und Umgestaltung werden in absehbarer Zukunft die Regel sein. Der
KSE-Vertrag wird ein Regime liefern, dem zufolge ein
Land über seine Maßnahmen gemäß dem Völkerrecht
Rechenschaft ablegen muß. Die Sicherheit durch
niedrigere Niveaus beim Gerät und eine berechenbare, international anerkannte konventionelle Sicherheitsstruktur wird letztlich Stablität in Europa fördern.
Unsere europäischen Verbündeten, die Signatarstaaten Ost- und Mitteleuropas und die neuen Sowjetrepubliken sind sich dieser Vorteile lebhaft bewußt. Sie
haben uns gedrängt, schnell zu handeln, um den
Vertrag in Kraft zu setzen, damit sie in einer Atmosphäre geringerer Spannungen planen und handeln können. Die vollständige Durchführung des KSE-Vertrags
wird dazu beitragen, in dieser Zeit des politischen
Wandels Rivalitäten oder einer neuen Aufrüstung
zuvorzukommen.
Die Auswirkungen der Lage in Jugoslawien sind niemandem entgangen und haben die Dringlichkeit noch
verstärkt, mit der die Verwirklichung des KSE-Vertrags
betrachtet wird. Unsere europäischen Partner sind mit
uns der Meinung, daß KSE ein hervorragendes Modell
für verantwortliche und vorteilhafte multilaterale Interaktion bietet. Die erfolgreichen Verhandlungen vom
vergangenen Herbst zwischen den sechs früheren
Mitgliedstaaten des Warschauer Pakts über ihre Bestände und Kontingente war ein anschauliches Beispiel dafür, wie effektiv die Mechanismen des KSEVertrags für Gespräche und Entscheidungsfindung
sein können.

Seite 1

�Darüber hinaus wird zunehmend ersichtlich, daß der
KSE-Vertrag selbst ein flexibles Instrument ist, das
sogar die epochalen Veränderungen in der Sowjetunion bewältigen kann, die wir unlängst beobachtet haben. Er wurde in einer Zeit der Ungewi ßheit ausgehandelt und ist darauf zugeschnitten, neue politische
Entwicklungen eher als wahrscheinlich anzusehen
anstatt sich dagegen zu stemmen. Theoretisch befinden wir uns deshalb in einer hervorragenden Ausgangsposition, um mit der Ratifizierung und Verwirklichung des Vertrags in seiner vorliegenden Form fortzufahren.
Ein gutes Beispiel für die Anpasungsfähigkeit des im
KSE-Vertrag festgelegten Regimes bietet die vor
wenigen Wochen in Wien erzielte Vereinbarung über
den Status der sowjetischen Streitkräfte im Baltikum.
Die Vertragsparteien einigten sich auf eine rechtsverbindliche Erklärung, derzufolge das sowjetische Gerät
im Baltikum allen Bestimmungen des Vertrags unterliegt, daß darüber als Teil der sowjetischen Bestände
Informationen geliefert werden und sie auf die sowjetische Verpflichtung zur Reduzierung angerechnet
werden. Darüber hinaus wird festgelegt, daß die
baltischen Staaten uneingeschränkte Souveränität
genießen und die Inspektionen auf ihren Territorien
nur mit ihrer Zustimmung stattfinden können. Die
Vereinbarung wurde relativ komplikationslos durch die
Gemeinsame Konsultativgruppe erzielt, ein Gremium,
in dem alle Unterzeichnerstaaten des Vertrags vertreten sind. Die Inspektion der sowjetischen Streitkräfte
im Baltikum wird durch gegenwärtig im Entwicklungsstadium befindliche getrennte Nebenvereinbarungen
mit diesen Regierungen geregelt.
Die Schaffung der Gemeinsamen Konsultativgruppe
ist an sich schon einer der vielen Vorteile des Vertrags,
und diese wird weiterhin einen wirksamen Mechanismus für die Behandlung von Fragen und Problemen
bieten, die im Hinblick auf die Durchführung der Vertragsbestimmungen auftreten könnten. Nach Prüfung
einer großen Bandbreite möglicher Ergebnisse ist die
Administration jedoch zu dem Schluß gekommen, daß
höchstwahrscheinlich lediglich technische Fragen etwa die Fortschreibung der Namen der Vertragsparteien - als Ergebnis der jüngsten Entwicklungen in der
Sowjetunion erforderlich würden. Durchführungsbedingungen - wie die Neubestimmung sowjetischer
Ausrüstungsansprüche, falls sich aus dem Territorium
der UdSSR neue Staater. bilueii und diese dann beschließen, dem Vertrag beizutreten - wären von den
bestehenden Vertragsbestimmungen gedeckt.
Um die Integrität des Vertragsregimes aufrechtzuerhalten, wäre es für all die Republiken, die bedeutende
Mengen von vertraglich erfaßtem Gerät behalten,
sicherlich notwendig, dem KSE-Vertrag beizutreten.
Glücklicherweise sind die Erklärungen russischer,
ukrainischer, sowjetischer und anderer offizieller Vertreter im Hinblick auf die Erfüllung der KSE-Bestim-

Seite 2

mungen ermutigend. Wir werden weiterhin mit ihnen
zusammenarbeiten, um die Tragfähigkeit des Vertrags zu gewährleisten.
Die Regelungen des KSE-Vertrags liefern mehrere
wirksame Möglichkeiten, um solche Situationen in den
Griff zu bekommen. Die bereits erwähnte Gemeinsame Konsultativgruppe ist eine entscheidende, da sie
einen Mechanismus für die Anpassung des Vertrags
liefert, ohne den beschwerlichen Prozeß der Änderung
des Vertrags erforderlich zu machen.
Die Tatsache, daß Entscheidungen über nationale
Zuwendungen auch außerhalb der Vertragsstruktur
getroffen werden, gestattet die erforderlichen Anpassungen aufgrund von Veränderungen der politischen
oder militärischen Situation sowie die Erweiterung
oder Reduzierung der Zahl von Vertragsparteien,
wiederum ohne Rückgriff auf Vertragszusätze. Die
Bestimmung zur Einberufung außerordentlicher Sitzungen bietet noch ein weiteres Mittel zur Schlichtung
von Streitfällen oder zur Feinabstimmung des Vertrags
ohne ihn neu verhandeln zu müssen.
Wir sind der festen Überzeugung, da ß die Ratifizierung
zügig erfolgen sollte. Es besteht kein Zweifel, daß der
KSE-Vertrag von großem Vorteil für die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten ist. Seine zahlreichen
Vorteile werden jedoch nicht vor seiner Ratifizierung
und Durchführung verwirklicht werden. Es ist angebracht, jetzt Schritte zu unternehmen, unsere Führungsrolle in diesem Prozeß fortzusetzen, die Vorteile
des KSE-Vertrags festzuschreiben und uns weiterhin
für ein wirklich ungeteiltes, freies - und sicheres Europa zu engagieren.
Die Ratifizierung und Durchsetzung des KSE-Vertrags

ist ein Schlüsselelement zur Sicherstellung einiger der
wichtigsten außenpolitischen Zielsetzungen der Vereinigten Staaten. Wir würden es begrüßen, wenn Europa noch geschlossener und stabiler würde. Wir möchten ein berechenbares Muster militärischer Arrangements, damit die sicherheitspolitischen Angelegenheiten zuversichtlich gehandhabt sowie Aufmerksamkeit
und Energie auf die Entwicklung von Demokratie und
freien Marktwirtschaften konzentriert werden können.
Wir möchten nach wie vor genau die Art von multilateraler Kooperation und Planung fördern, die von der
KSE so anschaulich verkörpert wird. Dieser Vertrag
wurde häufig - zu Recht - als der Eckpfeiler der neuen
europäischen Sicherheitsstruktur bezeichnet. Wir
müssen diesen Eckpfeiler jedoch richtig plazieren,
wenn wir darauf aufbauen wollen. Dies können wir
nicht, solange der KSE-Vertrag nicht ratifiziert und
durchgesetzt ist.
Drei Nationen - die Tschechische und Slowakische
Föderative Republik, Ungarn und Bulgarien - haben
den Vertrag bereits ratifiziert. Einige andere Nationen
sind damit befaßt. Eine Reihe von Signatarstaaten,
einschließlich der Sowjetunion, haben sich zur Ratifi-

AMERIKA DIENST 45

�zierung vordem 19. November 1991 verpflichtet, wenn
die vorläufige Anwendung von bestimmten Bereichen
des Vertrags die Erweiterung erforderlich machen
würde. Die Entschlossenheit und das Tempo, mit dem
die Vereinigten Staaten die Ratifizierung angehen,
werden maßgebliche Auswirkungen auf den von anderen Hauptstädten eingeschlagenen Kurs haben. Ebenso
wie wir während des gesamten Verhandlungsprozesses die Führungsrolle übernommen haben, werden
alle anderen Teilnehmer bei der Ratifizierung und
Durchsetzung des Vertrags auf uns blicken. Ein

*

AMERIKA DIENST 45

*

Zögern unsererseits könnte die zahlreichen Vorteile
des KSE-Vertrags aufs Spiel setzen, ebenso wie eindeutiges Vorgehen zweifelsohne die Ratifizerungsbestrebungen andernorts und das Inkrafttreten des Vertrags beschleunigen würde.
Herr Vorsitzender,
ich fordere Sie und Ihre Kollegen auf, so bald wie
möglich Ihre Zustimmung zur Ratifizerung des KSEVertrags zu geben.

*

*

Seite 3

�WAHLEN

IN DEN

USA
13. November 1991

DIE WAHLEN VOM 5. NOVEMBER 1991
Amerikanische Pressestimmen
WASHINGTON - (AD) - Die Wahlen in den Vereinigten Staaten vom 5. November 1991 wurden in einer Reihe
amerikanischer Zeitungen eingehend kommentiert. Nachfolgend veröffentlichen wir wesentliche Auszüge aus
Leitartikeln.

Kolumnist Robin Toner von der New York Times
Das Weiße Haus hat den Alarmknopf gedrückt. Die
Demokraten haben in einigen Bundesstaaten frohlockt, in anderen getrauert und landesweit bekundeten
die Wähler, daß sie schlechter Laune sind und die
Amtsinhaber sie nur auf eigene Gefahr hin ignorieren
sollten.
Beide Parteien versuchten heute, gute Miene zu einem
gemischten Ergebnis zu machen, aber es gab jede
Menge Vorhersagen und Alarmsignale angesichts der
siechenden Wirtschaft und der öffentlichen Meinung,
die sich vehement mit Gesundheitswesen, Rassenfragen und Steuern befaßt, während sich die Nation auf
dem Weg zu den Präsidentschaftswahlen des Jahres
1992 befindet.
Präsident Bush, der noch vor wenigen Wochen unbestritten die Wiederwahl anzusteuern schien, entdeckte
diese Woche, daß die politische Landschaft mit Minenfeldern versetzt ist. Der überraschende Sieg der
Demokraten bei den Senatswahlen in Pennsylvania
und die unsichere Reaktion des Weißen Hauses darauf - die Absage der Auslandsreise am Wahltag und
das Dementi, dies stehe mit den Wahlergebnissen in
Zusammenhang - setzten ein eindeutiges Signal für
die Republikaner, daß ihr politisches Vorgehen überarbeitet und ihre Botschaft umgeschrieben werden muß...
Pennsylvania könnte eine weitere Auswirkung auf die
Kampagne des nächsten Jahres haben: Einige
Demokraten erklären, dies könnte Gouverneur Mario
M. Cuomo aus New York anspornen, ins Rennen zu
gehen, und dies wäre ein weiteres schmerzliches
Anzeichen der Verletzbarkeit der Republikaner.
Die Bedeutung von Pennsylvania wurde noch unterstrichen durch die Reaktion des Weißen Hauses darauf. Mit Eintreffen der Ergebnisse gab das Weiße
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Haus bekannt, daß Präsident Bush eine für Ende des
Monats geplante Reise in den Fernen Osten absagen
werde. Demokraten, die Präsident Bushs Reisepläne
schadenfroh zum Symbol für seine Vernachlässigung
der innenpolitischen Tagesordnung zu machen versuchen, konnten kaum an sich halten. Sie verteilten die
ganze Woche T-Shirts mit der Auf schritt "George Bush
ist nach Rom gereist und alles, was ich bekommen
habe, ist diese lausige Rezession"...
Für Präsident Bush mu ßte die Wahl bestätigen, wieviel
seine politische Mannschaft seit dem Wahlkampf 1988
verloren hatte, als er sich auf James Baker, heute
Außenminister und Lee Atwater, der Anfang dieses
Jahres an einem Gehirntumor verstarb, verlassen
konnte.
Aber die Repubklikaner faßten Mut aufgrund ihrer
Siege andernorts. Vor einem Jahr, als die Bundesstaaten mit Haushaltsengpässen und all den schweren
Entscheidungen zu kämpfen hatten, die sie erforderlich machen, bestraften die Wähler zahlreiche ihrer
Gouverneure bei der Stimmabgabe. In diesem Jahr
scheinen sie den Trend fortzusetzen, indem der
Demokrat Maybus in Mississippi den Sieg davontrug
und sie ihrem Unmut über die Regierung in Virginia und
New Jersey Luft machten, wo die Republikaner große
Stimmvorteile zu verzeichnen hatten.
Kolumnist David Broder von der Washington Post
Abgesehen von der Niederlage seines ehemaligen
Kabinettmitglieds DickThomburgh bei den Schlagzeilen machenden Senatswahlen in Pennsylvania enthalten die Wahlen von 1991 zwei weitere Warnungen für
Präsident Bush. Und auch für die Demokraten leuchteten einige Warnsignale auf, wenn sie sie in ihrem
Jubel nicht übersehen.
Seite 1

�Angefangen bei Bush ist das deutlichste Signal des
Tages, daß eine kränkelnde Wirtschaft, die Mittelklassewähler über ihre Zukunft besorgt macht, politischen
Ärger für die Politiker birgt, die sich dafür verantwortlich fühlen sollten. Und diese Bedrohung ist noch
größer, wenn der Politiker an seinem Mangel an Grundüberzeugungen Verrat begeht...
Mit Ambitionen für ein nationales Amt in einer Partei,
die nach rechts abdriftet, wurde Thornburgh wiederholt zum Apologeten einer Politik, die er nicht vertrat.
Als er zum ersten Mann der Bestrebungen der Administration wurde, die Bürgerrechte als "Quotenregelung" zu brandmarken und verfassungsmäßigen Schutz
für willkürliche Suche und Ansprüche aufzugeben,
konnte man den Mann, der er einstmals gewesen war,
kaum noch erkennen.
Dasselbe Schicksal könnte George Bush ereilen. Trotz
all der Prinzipien, die er in der Außenpolitik erkennen
ließ, scheint auch er ohne feste eigene Überzeugungen in der Innen- und Wirtschaftspolitik. Als Skeptiker
bezüglich der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik
als er erstmals für die Präsidentschaft kandidierte
schluckte er lange Zeit seine Zweifel und gab dann
seine Haltung gegenüber Steuerhöhungen auf, um im
Jahr 1990 einen Haushalt verabschieden zu können.
Die ganze Zeit war er unschlüssig bei Themen wie
Abtreibung, Umweltgesetzen und einer Reihe von
Fragen wie Arbeitsmarkt und Bildung, die echte Anliegen der Wähler sind. Von Nachteil ist, daß er nicht das
Gefühl vermittelt, wirklich zu wissen, wie er nicht nur
die andauernde Rezession in Griff bekommen will,
sondern das, was die Wähler eindeutig als den langfristigen Niedergang der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit ansehen.
Aber bevor die Demokraten frohlocken, sollten sie sich
besser eine andere Botschaft der Wahlergebnisse
vom Dienstag (5. November) zu Herzen nehmen. In
einer rückläufigen Wirtschaft sind Steuerhöhungen
tödlich, und es herrscht wenig Toleranz gegenüber
reinen Umverteilungsmaßnahmen wie sie Gouverneur
Jim Florio (Demokrat) aus New Jersey mit seiner
Reform der Schulfinanzierung versuchte.
Auch Sozialausgaben sind ein unpopuläres Thema in
Zeiten wie diesen, und wie der Wahlkampf der Gouverneure in Mississippi erneut demonstrierte, haben die
Demokraten noch keine wirksame Antwort auf die
rassistisch verbrämten Botschaften der republikanischen Rechten gegen Sozialhilfe gefunden.
Boston Globe
Was Dick Thornburghs Niederlage im Kampf um den
Sitz im Senat für Demokraten so aufregend machte,
war ihre Eindeutigkeit. Bei den Wählern bestand keine
Verwirrung darüber, worum es bei dieser Wahl ging um eine Präsidentschaft, die für die destruktiven
Auswirkungen der Rezession auf Amerikas Familien
blind ist und nicht begreift, wie anfällig sie für den
Seite 2

Verlust von Arbeitsplätzen und den finanziellen Ruin
aufgrund von Krankheiten sind.
Sogar Präsident Bush hat die Botschaft begriffen klipp und klar. Trotz der Dementis, daß er von der
Niederlage in Pennsylvania überrascht war, beeilt sich
Bush, sich erneut als Präsident darzustellen, der sich
angemessen um die nachlassende amerikanische
Wirtschaft kümmert.
Der Demokrat und Oppositionelle Harris Wofford, ein
polternder und blasser 65jähriger Demokrat ohne
hervorstechende Eigenschaften, begann die Kampagne als höchst unwahrscheinlicher politischer Held. Er
war nicht einmal die erste Wahl der Demokraten
seines Bundesstaates.
Aber Wofford hatte Großes vor - er wollte den Amerikanern mit mittlerem Einkommen die Illusionen über
eine Regierung rauben, die ihre wirtschaftliche Not
ignoriert. Und Wofford hat ganz richtig bemerkt, daß
die angestaute Frustration der Wähler darin zum
Ausdruck kam, daß die Regierung zum Thema Gesundheitswesen nichts Hilfreiches getan hat.
Acel Moore vom Philadelphia Inquirer
Es ist schon von Bedeutung, daß Thornburgh als
Verfechter der Reagan-Bush-Linie mit mehr als 10
Prozent gegen den Außenseiter Wofford verloren hat.
Woffords Sieg ist eine Botschaft an das Weiße Haus,
daß die Menschen sich über das Fehlen einer Innenpolitik ärgern und sich Sorgen über den wirtschaftlichen Niedergang machen, mit dem wir uns alle konfrontiert sehen.
Wofford hatte eine brilliante Kampagne, die offensichtlich viele Menschen ansprach, Republikaner und
Demokraten gleichermaßen.
In mehreren Zeitungen erschienener Artikel des
Kolumnisten Mark Shields
Noch vor Ende der Stimmenauszählung spiegelten
sich die Ergebnisse in der Erklärung des Weißen
Hauses wider, der Präsident werde eine zweiwöchige
Reise in den Orient absagen und zugunsten der Innenpolitik auf Auslandsreisen verzichten.
Aber es liegen keine schlüssigen Beweise dafür vor,
daß die nationale Führung der Demokraten die Bedeutung des Wunders von Harris Wofford begriffen hat.
Es ist ganz einfach: Wofford hat das angesprochen,
worüber die Menschen täglich reden. Wofford hat
nicht als liberaler Demokrat kandidiert, er hat als
demokratischer Mittelklassepopulist gewonnen.
Kolumnist Tom Wicker von der New York Times
Der Umschwung in Pennsylvannia hat dje Demokraten
mindestens zwei Lektionen gelehrt. Eine lautet, daß
sie im nächsten Jahr"das Programm festlegen", wie es
Wofford bereits getan hat, als er das Gesundheits-

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�wesen und wirtschaftliche Erholung zu vordringlichen
Themen erklärte. Die andere, damit zusammenhängende Lektion lautet, der demokratische Präsidentschaftskandidat sollte Bush bei diesen und anderen
populären Fragen anzugreifen suchen und ihm nicht
gestatten, ihn in die Defensive zu drängen.
Es war zu beobachten, daß Woffords Kampagne in
den letzten Wochen an Dynamik gewonnen hat, und
damit war sein Sieg nicht das überraschendste Wahlergebnis von 1991. Dieser Titel fällt der Ablehnung
einer radikalen Maßnahme im Staat Washington zu,
die Amtszeiten der Parlamentarier in den Bundesstaaten und der Bundesregierung zu begrenzen. Bei einer
Verabschiedung der Beschränkungen hätten diese
rückwirkend gegolten, so daß alle Kongreßabgeordneten des Staates 1994 hätten abtreten müssen.
Umfragen vor den Wahlen haben gezeigt, daß 60
Prozent der Wähler in Washington für eine Begrenzung der Amtszeiten sind, aber nach einer starken
Kampagne der Opposition unter Leitung des Sprechers Tom Foley und anderer wurde dieser Vorschlag
mit 54 zu 46 Prozent abgeschmettert. Dieser entscheidende Rückschlag scheint das zu bändigen, was eine
steigende politische Flut zu sein schien, die in etwa 17
Staaten im nächsten Jahr Maßnahmen zur Begrenzung der Amtszeit nach sich gezogen hätte. In Oklahoma, Kalifornien, Colorado und einigen Stadtverwaltungen gilt für Amtszeiten bereits eine gewisse Beschränkung.
Gegner der Beschränkung von Amtszeiten argumentieren in Washington und andernorts, dieser drastische Schritt würde der Exekutive (auf nationaler Ebene und in den Bundesstaaten) Macht übertragen, gute
Abgeordnete durch schlechte ersetzen und die Freiheit der Wähler beschneiden, Amtsinhaber wiederzuwählen. Es heißt, die Bewegung repräsentiere im
Grunde die Absicht der Republikaner, die Vorherrschaft der Demokraten im Kongreß und in Parlamenten der Bundesstaaten zu brechen.
&gt;

*

Das Ergebnis in Washington deutet auch auf etwas
hin, das weniger oft erwähnt wird - die Begrenzung von
Amtszeiten würde die Macht im Kongreß von den
kleinen Bundesstaaten auf die großen übertragen. Ein
kleiner Bundesstaat übt oftmals Macht aus, weil einer
seiner Abgeordneten im Repräsentantenhaus lange
im Amt ist und Vorsitzender eines Ausschusses wird.
Das wäre bei einer Begrenzung von Amtszeiten nicht
möglich, weil die Macht im Kongreß allein von der Zahl
der Abgeordneten großer Staaten abhinge.
Philadelphia Inquirer
Während die Wähler im Staat Washington eine Initiative ablehnten, mit der die Amtszeiten der Abgeordneten dort begrenzt worden wären, haben die Wähler in
New Jersey bewiesen, daß es immer noch möglich ist,
die Amtszeiten auf altmodische Weise zu begrenzen indem man die Falschen rauswirft.
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Die Wähler haben dem Gouverneur Florio ihre Meinung zu verstehen gegeben, indem sie Dutzende von
langjährigen demokratischen Abgeordneten hinauswarfen, die für seine 2,8 Milliarden-Erhöhung der Einkommens- und Umsatzsteuer gestimmt hatten. Sie
scheinen zwei Dinge vermittelt zu haben - sie mögen
Florios Anmaßung nicht, und sie wollen keine höheren
Steuern.
Jetzt kommt der schwierige Teil.
Die Republikaner, von denen viele versprochen hatten, die Erhöhung der Umsatz- und Einkommenssteuer rückgängig zu machen, werden ihre Chance bekommen, das zu tun, weil sie über allen Vetos standhaltende Mehrheiten im Parlament und im Senat verfügen.
Kolumnist Robert Turner vom Boston Globe
Das trifftigste Argument zugunsten genereller Amtszeitbegrenzungen - daß die Amtsinhaber zu stark sind,
um Herausforderern eine vernünftige Chance einzuräumen - wurde von den Wählern untergraben, die den
einzigen Senator abwählten, der sich zur Wiederwahl
stellte, nämlich Ray Maybus aus Mississippi. Das
gleiche traf auf andere Amtsträger zu, vom Oberbürgermeister Houstons bis zu 20 Bürgermeistern und
Ersten Stadtverordneten in Connecticut und vier Bürgermeistern in Massachusetts.
Wall Street Journal
Im Fall Mississippis ist der gewählte Gouverneur Kirk
Fordice ein republikanischer Geschäftsmann, der seinen Wahlkampf mit Themen führte, die von Bush
abgelehnt oder ignoriert wurden. Dazu gehören eine
Reform der Sozialhilfe, Quoten für Minderheiten und
Amtszeitbegrenzungen. Der Sieg von Fordice zeigt,
daß diese Fragen legitim und immer noch durchschlagend sind, wenn man sie von Gestalten wie David
Duke, dem Scharlatan aus Louisiana trennt. Wir
waren beglückt, als Bush gestern Duke ablehnte, aber
sein jüngster "Kompromiß" zu den Bürgerrechten hat
Duke einen Spielraum gelassen, um vernünftig zu
erscheinen.
Hinter all diesen Resultaten steht eine Öffentlichkeit,
die mit dem Status quo des politischen Patts unzufrieden ist. Der Kongreß ist ebenso sehr ein potentielles
politisches Opfer wie Bush selbst: Der Sprecher des
Repräsentantenhauses, Tom Foley, errang einen
persönlichen Sieg, als er dazu beitrug, das Referendum über eine Amtszeitbegrenzung im Bundesstaat
Washington abzuweisen, aber dazu mußte er Amtsinhaber aus anderen Bundesstaaten (Kalifornien) kritisieren. Diese Stimmung unter den Wählern bietet all
den Politikern beider Parteien Vorteile, die Ideen zur
Verbesserung der Wirtschaftslage sowie Reform und
Abbau staatlicher Tätigkeit vorlegen. .

Seite 3

�Washington Post
Die Wähler leisteten in den Wahlen vom Dienstag
Außergewöhnliches, von der Niederlage DickThornburghs und der Abwahl anderer favorisierter Amtsinhaber bis zu der Entscheidung im District of Columbia
(Bundeshauptstadt Washington), die Hersteller halbautomatischer Waffen für die mit diesen Waffen angerichteten Verwüstungen schadenersatzpflichtig zu
machen. Selbst wenn ihre ungewöhnlicheren Initiativen scheiterten, haben sie doch ein nachdrückliches
Ausrufezeichen gesetzt.
Im Bundesstaat Washington zum Beispiel, wo die
einschneidende Initiative zur Begrenzung der Amtszeiten glücklicherweise abgelehnt wurde, erhielt die
Verliererseite sehr viele Stimmen. Die Meinungsumfragen, in denen die Initiative favorisiert wurde, zeigten
in den letzten Wochen ein Abbröckeln der enormen
Mehrheit für die Begrenzung. Mehrere Faktoren haben
angeblich zu diesem Ergebnis beigetragen, darunter
die Ankündigungen einiger prominenter Politiker, sie
würden sich nicht zur Wiederwahl stellen, was den
Vorschlag aus den Sphären der Abstraktion auf den
Boden der Realität zurückholte. Eine weitere möglicherweise wichtige Tatsache war das Argument, daß
der Staat Washington im Hinblick auf die Vertretung
seiner Interessen im Kongreß sozusagen eine mehr
oder weniger einseitige Abrüstung betreiben würde.
Dieser Theorie zufolge würden andere Bundesstaaten
weiterhin ihre altgedienten Amtsinhaber als Ausschußvorsitzende und erfahrene Repräsentanten haben, um
die Rosinen aus dem Kuchen herauszupicken, bevor
die Novizen aus dem "reformierten" Staat Washington
zum Zuge kämen. Was auch immer der Grund für das
Scheitern der Initiative gewesen sein mag:

es ist

bemerkenswert, wie viele Stimmen sie erhielt. Nahezu
die Hälfte derjenigen, die in einer Wahl mit außergewöhnlich hoher Beteiligung abstimmten, sprachen sich
für die Amtszeitbegrenzung aus. Der Vorschlag wurde
eindeutig abgelehnt, aber trotzdem wurde eine Botschaft der Unzufriendenheit vermittelt.
New York Times
Vielleicht hört Bush jetzt endlich, was die Meinungsumfragen schon seit Wochen andeuten: Wie bewundernswert seine Leistungen im Ausland auch sein
mögen, scheint er doch den Problemen im Inland
*

Seite 4

ausgesprochen teilnahmslos gegenüberzustehen. Dies
ist wahrscheinlich die wichtigste Botschaft, die von den
Wählern am Dienstag ausgesandt wurden. Es wäre
gut für ihn, wenn er sie sich zu Herzen nähme.
Baltimore Sun
Der Präsident hat Glück. Er hat ein ganzes Jahr Zeit,
um etwas im Hinblick auf die Wirtschaft, das Gesundheitswesen und andere innenpolitische Fragen zu
unternehmen. Tut er dies nicht, riskiert er, der dritte
Amtsinhaber unter den letzten vier Präsidenten zu
werden, der abgewählt wurde. Es wird mehr als die
Absage von Auslandsreisen und die gerade abgegebenen Erklärungen erforderlich sein, er kümmere sich
um die Innenpolitik, um sich selbst zu retten. Die
Amerikaner wollen eindeutig Taten und Ergebnisse
sehen.
Christian Science Monitor
Zweifellos wird Bush innenpolitischen Themen mehr
Aufmerksamkeit widmen müssen. Er hat bereits eine
Reise nach Asien abgesagt. Er kann nicht erklären,
der Wirtschaft gehe es gut, wenn dies nicht zutrifft.
Bushs Rezept für die Wirtschaft - die Amerikaner
sollten zur Tat schreiten und ein neues Haus und ein
Auto kaufen - scheint direkt aus der Eisenhower-Ära zu
stammen. Mehr Führungskraft bei den schwierigen
Problemen von Rasse, Verbrechen, Bildung, Umwelt,
Gesundheitswesen und Kinderbetreuung ist vonnöten. Dies sind die Fragen, bei denen er die Ärmel
aufkrempeln muß.
Im Vergleich dazu können Telefongespräche mit ausländischen Staats- und Regierungschefs, Reisen in
weit entfernte Gegenden der Welt sowie Tischreden

für Diplomaten der Öffentlichkeit als Elitebeschäftigung wichtigtuerischer Internationalisten erscheinen,
die den Alltagsproblemen des Durchschnittsbürgers
entrückt sind.
Trotzdem läuft die Frage Außenpolitik oder Innenpolitik Gefahr, Opfer einer Demagogik zu werden, die sich
Ignoranz und Isolationismus zunutze macht. Die
Außenpolitik ist wichtig. Die Welt ist heute ein zerbrechliches Gefüge. Bedeutende strukturelle Veränderungen vollziehen sich in Europa, Afrika und Asien.
Die Ergebnisse sind noch nicht abzusehen. Die verbleibende Supermacht hat erhebliche Pflichten.

*

AMERIKA DIENST 45

�ERWACHSENENBILDUNG
13. November 1991

DAS NEUE GESICHT AMERIKANISCHER
UNIVERSITÄTEN
von Carol B. Aslanian
Der nachfolgende Artikel erschien erstmalig im Mai 1991 in USA TODAY. Copyright (c) 1991, the Society for
the Advancement of Education.
Die Autorin ist Leiterin des Büros für Erwachsenenbildung, The College Board, New York. Der Artikel wurde unter
Mitarbeit von Natalie Green verfaßt.

Für die achtziger Jahre wurde angesichts der kontinuierlich sinkenden Zahl von High School-Absolventen
pro Jahr generell eine Abnahme von College-Immatrikulationen vorhergesagt. Trotz aller Spekulationen
nahm die Zahl jedoch zu und als sie ihren Höhepunkt
erreicht zu haben schien, stieg sie noch weiter.
In den siebziger Jahren verdoppelten sich die CollegeImmatrikulationen nahezu von rund 8 Millionen auf ungefähr 12 Millionen. Abwohl in den achtziger Jahren 25
Prozent weniger Studenten ihren Abschluß an der
High School machten, stieg die Zahl der CollegeImmatrikulationen von 12 Millionen auf 13,5 Millionen
- was einem Gesamtzuwachs von 12,5 Prozent ent
spricht.
Einzelne Colleges ziehen mehr Schüler aus den oberen High-School-Klassen an als andere und verleiben
sich so den größeren Anteil eines kleineren Marktes
ein. Obwohl dies eine vernünftige Erklärung ist, trägt
sie der landesweiten Zunahme an Immatrikulationen
nicht Rechnung. Nicht jedes College kann seinen
Anteil bei einer abnehmenden Schülerzahl aufrechterhalten oder vergrößern.
Tatsache ist, daß der Markt nicht kleiner wird, trotz der
unleugbar kontinuierlichen Abnahme der Anzahl von
High School Seniors, die jedes Jahr ihren Abschluß
machen. Er wird vielmehr größer. Wir führen dies auf
die Erwachsenen zurück - per definitionem die ab
25jährigen - die in größerer Zahl als je zuvor Colleges
besuchen.
In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich der Anteil
erwachsener Studenten ständig erhöht, von rund 30
Prozent im Jahr 1970 auf 40 Prozent 1980 und 45
Prozent im Jahr 1987 (anhand der jüngsten vorliege-

nen Statistiken). Das bedeutet, auf jeden CollegeStudenten unter 25 kommt ein älterer Student.
Eine Studie des College Board gelangte zu dem Schluß,
daß sich jeder 25. Amerikaner über 25 Jahre für ein
Seminar oder ein Studienzielprogramm am College
einschreibt - was über 6 Millionen erwachsene Studenten jährlich zur Folge hat. (Diese Zahlen stehen nur für
Erwachsene, die einen akademischen Abschluß anstreben. Fügt man die Zahl derjenigen hinzu, die das
College als Gasthörer oder zu Fortbildungszwecken
besuchen, beläuft sich die Zahl auf mindestens 12
Millionen). Die Annahme, nur 18- bis 24jährige aus
Mittelklassefamilien strebten weiterführende Bildung
an, ist fast ebenso falsch wie die Überzeugung, die
amerikanische Durchschnittsfamilie bestünde aus Vater
(Ernährer), Mutter (Hausfrau) und 2,3 Kindern. Die
Studie des College Board erstellte Statistiken über die
Studenten über 25, die im vergangenen Jahr ans
College zurückgekehrt waren, um einen akademischen Abschluß zu erwerben. Die Daten ergaben
unterschiedliche Muster:
Als Erwachsene studieren mehr Frauen als
Männer. Frauen leisten später im Leben, was
einige Männer in jüngeren Jahren tun konnten.
Dies ist auf eine unterschiedliche Lebensplanung zurückzuführen. Unseres Erachtens werden
die Frauen jedoch wahrscheinlich den Vorsprung
der Männer wettmachen, so daß sie im Alter von
50 Jahren beide auf dieselbe Anzahl von Studienjahren zurückblicken können. Da die Zahl
der Frauen derjenigen der Männer entspricht,
die sich nach dem High School-Abschluß am
College einschreiben und da mehr Frauen als
Männer im Erwachsenenalter das College be-

Seite 1

�suchen, werden Frauen darüber hinaus mehr
Jahre am College verbringen als Männer und
damit den Trend der vergangenen Jahre umkehren.
Im Hinblick auf rassische und ethnische Zusammensetzung dominieren die Weißen den Markt
für Erwachsenenbildung - rund 90 Prozent der
Immatrikulationen entfallen auf sie. Dem Bericht zufolge "schreiben sich junge Schwarze
und Hispanier unmittelbar nach der High School
nicht im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil
am College ein; und im Verhältnis zu ihrem
Anteil an der Bevölkerung noch weniger erwachsene Schwarze und Hispanier. Im Gegensatz zu weiblichen Erwachsenen gehen schwarze und hispanische Erwachsene nicht aufs
College, wenn sie dies in jüngeren Jahren nicht
getan haben."
Der Anteil von Erwachsenen am College nimmt
mit zunehmendem Alter ab. Im Alter gibt es
weniger Lebensphasen, die Lernen erfordern.
Im Leben älterer Erwachsener finden weniger
Veränderungen statt. Der Druck, neues Wissen
zu erwerben, um mit Ereignissen Schritt zu
halten, nimmt entsprechend ab. Beispielsweise
finden weniger Veränderungen im Berufsleben
oder am Arbeitsplatz statt. Da der Großteil der
Erwachsenenbildung arbeitsbezogen ist, bedeuten weniger Wechesl des Arbeitsplatzes weniger Studien.
Eine überwältigende Mehrheit (85 Prozent) der
erwachsenen Studenten arbeitet, die meisten
von ihnen ganztags an ihrem Arbeitsplatz oder
zu Hause. Die meisten Erwachsenen sind sehr
beschäftigt und jonglieren zwischen Arbeit, Familie
und Studium.
Einige andere für erwachsene Studenten typische
Kriterien sind überraschender. Nachfolgend einige
Vorurteile über ihr Studium und die Tatsachen, die sie
widerlegen:
Vorurteil: Sie studieren nur abends. Tatsache: 50
Prozent aller erwachsenen Studenten belegen Kurse
vor 17.00 Uhr, vorwiegend in den Morgenstunden.
Vorurteil: Sie nehmen ihr Studium nicht ernst. Tatsache: Genau 60 Prozent wollen einen akademischen
Abschluß erwerben. Vier von fünf Erwachsenen, die
einen Abschluß machen, erwerben ihn in einem vielversprechenden Berufszweig.
Vorurteil: Sie haben nicht viel Zeit zum Studium.
Tatsache: 25 Prozent aller erwachsenen Studenten
sind Vollzeitstudenten.
Andere Muster bei der Untersuchung von erwachsenen Studenten und solchen im normalen Studienalter
helfen zu erklären, warum sich junge und ältere Studenten an den Universitäten mit jedem Jahr eher
Seite 2

ähneln als unterscheiden. Bei Teilzeitstudenten denken wir gemeinhin an ältere Studenten. Dennoch
beobachten wir ein Teilzeitstudium zunehmend bei
jüngeren Studenten, die auf eine Art und Weise lernen,
die man im allgemeinen mit Erwachsenen verbindet.
Jüngere Studenten besuchen das College zeitweise
abends oder am Wochenende, auch mehrere Colleges. Sie setzen ihr Studium für ein Semester oder ein
Jahr aus, schreiben sich als Gasthörer ein, belegen
berufsbildende Kurse, fahren täglich zur Universität
statt in den Wohnheimen zu leben, leisten Teilzeitarbeit, sind verheiratet oder leben zusammen, besitzen
Autos und ziehen Kinder groß.
Ein weiteres klares und zunehmendes Verhaltensmuster - viel weniger augenfällig als das erste, aber in
gewisser Weise genauso wichtig - ist das Vollzeitstudium älterer Studenten, vor allem tagsüber. Wie ist
das zu erklären? Die Antwort ist so schwierig wie das
Muster klar ist. Es gibt Hypothesen, wer diese Erwachsenen sein mögen, die ebenso wie junge Studenten
studieren. Es sind zum Beispiel geschiedene Frauen
mit genug finanzieller Unterstützung, um sich ein Vollzeitstudium leisten zu können, verheiratete Frauen,
die ab 4 Uhr nachmittags zu Hause bei ihren kleinen
Kindern sein wollen oder verheiratete Frauen mit
erwachsenen Kindern, deren Collegegebühren bezahlt sind und die dieses Geld jetzt für sich selbst
ausgeben können. Es können Personen sein - Männer
oder Frauen - die ihre Arbeitsplätze verloren (oder sie
gekündigt) haben und wieder ein Vollzeitstudium aufnehmen, um etwas Neues zu lernen.
Zum Schluß noch ein Blick auf das Universitätsstudium (nach dem B.A.). Die Mehrzahl der graduierten
Studenten (55 %) sind 30 Jahre oder älter. Man kann
deshalb davon ausgehen, daß alle Universitäten in den
Vereinigten Staaten Institutionen der Erwachsenenbildung sind. Wenn alle Studenten über 25 morgen ihr
Studium abbrechen würden, müßte fast jede Universität in Amerika schließen. Die wenigen, die noch
geöffnet wären, würden über die Hälfte ihrer Studenten
verlieren.
Eine Möglichkeit, um die Gegenwart oder die Zukunft
zu verstehen, besteht darin, die Vergangenheit zu
untersuchen. Zurück zu den zwanziger Jahren dieses
Jahrhunderts. Die meisten Leute besuchten keine
High School - nur etwa 25 %, 75 % gingen nach der
achten Klasse ab. 1940 gingen bereits 70 % zur High
School. Die Veränderung reichte aus, um den Charakter der weiterführenden Schulbildung in Amerika in nur
20 Jahren zu verändern.
Was trieb diese jungen Menschen in die High School?
Die primäre Ursache war die Große Depression -1922
gab es für 15jährige viel zu tun, 1932 nicht. Wenn
Amerikaner ihre Arbeitsplätze verlorengingen sie zur
Schule. Als es Ende der dreißiger Jahre wieder
Arbeitsplätze für junge Menschen gab, hatten sie sich
verändert. Sie erforderten mehr Fähigkeiten, was
AMERIKA DIENST 45

�bedeutete, daß dazu mehr Schulbildung erforderlich
war.
In den neunziger Jahren erkennen wir dasselbe Muster, aber dieses Mal in den Colleges statt in den High
Schools. Dabei gibt es viele Parallelen. Die achtziger
Jahre in Amerika lassen sich mit den dreißiger Jahren
vergleichen. Viele Arbeitsplätze verschwanden - einige für junge Leute, aber mehr noch für Erwachsene.
Die neuen Jobs erfordern mehr Schulbildung. Viel
mehr junge Leute und Erwachsene entscheiden sich
für das College - manche Erwachsene zum ersten Mal,
andere kehren zum zweiten oder dritten Mal zurück.
Die Arbeitgeber haben ihre Anforderungen an Bildung
und Ausbildung aus drei Gründen erhöht: die neuen
Arbeitsplätze waren komplexer und erforderten mehr
Fähigkeiten. Die Bewerber für diese Arbeitsplätze
verfügten bereits über mehr Bildung, und deshalb
waren die an sie gestellten Erwartungen noch höher.
1920 stammten die High-School-Absolventen - gemessen an ihren intellektuellen Fähigkeiten - aus den
oberen 20 % der Bevölkerung, und diese verfügten
vielleicht auch über die nötige Energie und das nötige
Engagement. In den neunziger Jahren stammt ein
Absolvent des Colleges nach vierjährigem Studium
nicht unbedingt aus diesen obersten 20 Prozent der
Bevölkerung. Heute muß ein Arbeitgeber schon einen
College-Absolventen einstellen, wenn er das Äquivalent von einem High-School-Absolventen des Jahres
1920 haben will.
Der Arbeitsmarkt verändert sich, und das wird auch für
den Rest des Jahrhunderts gelten. Der Verlust von
Arbeitsplätzen, deren Veränderung und die Schaffung
neuer Arbeitsplätze sind für Erwachsene die primären
Auslöser, um wieder ein College zu besuchen. Nationale Untersuchungen zeigen, daß 85 Prozent aller
über 25jährigen studieren, weil sich ihr Leben im
Umbruch befindet. Sie müssen neue Fähigkeiten
lernen und neues Wissen erwerben, um mit den Veränderungen in ihrem Berufsleben Schritt zu halten.
Erwachsene sprechen über das Lernen, wenn sie
ihren ersten Arbeitsplatz finden, befördert werden oder
auf einem Arbeitsplatz etwas leisten wollen, auf den
sie bereits befördert wurden oder wenn sie nach dem
Verlust eines Arbeitsplatzes einen anderen Berufsweg
einschlagen wollen. Kein anderer Bereich des Lebens
- Familie, Gesundheit oder Freizeit - scheint so turbulent zu sein oder soviel Lernen zu erfordern wie ein
Wechsel des Berufswegs. Infolgedessen besuchen
manche Erwachsene zum ersten Mal ein College.
30 % dieser Erwachsenen verfügen über keinen HighSchool-Abschluß, und etwa 50 % haben sich nicht
unmittelbar nach der High School für das College
entschieden. Manche erwachsenen Studenten kehren zurück, um das zu vollenden, was sie früher einmal
begonnen haben. Jüngsten Berichten des nationalen
Verbandes unabhängiger Colleges und Universitäten
zufolge erwerben lediglich 15 % der Studenten ihren

Abschluß in vier Jahren. Dies basiert auf den Ergebnissen einer nationalen Untersuchung von High-SchoolAbsolventen, die am College ein vierjähriges Vollzeitstudium aufnehmen. Manche Erwachsene kehren
regelmäßig zurück, um auf dem laufenden zu bleiben.
Nahezu ein Drittel aller Rückkehrer besitzen bereits
den Abschluß eines Colleges. Dieses Bild erklärt die
Erwachsenenbildung in den siebziger und achtziger
Jahren. Was wird die Zukunft bringen?
Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert
Veränderungen in der beruflichen Laufbahn haben den
Entschluß Erwachsener zur Aufnahme eines CollegeStudiums entscheidend beeinflußt. Dies wird sich
beim Eintritt in das 21. Jahrhundert verstärkt fortsetzen und immer mehr Erwachsene dazu bewegen,
mehrmals in ihrem Leben ein College oder eine Universität zu besuchen. Dies hat folgende Gründe:
In den neunziger Jahren und darüber hinaus
wird es mehr Arbeitsplätze als Arbeitnehmer
geben. Die Dienstleistungsindustrie wird nahezu alle neuen Berufe und den Löwenanteil des
neuen Wohlstands hervorbringen. Diese Arbeitsplätze werden zusätzliche Fähigkeiten erfordern. Es werden nur sehr wenige für Personnen geschaffen werden, die weder lesen noch
Anweisungen folgen oder rechnen können.
Da die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge älter werden und die Vertreter der geburtenschwachen Jahrgänge ins Berufsleben eintreten, wird sich das Durchschnittsalter der
Erwerbsbevölkerung von heute 36 auf 39 im
Jahr 2000 erhöhen. Die Anzahl junger Arbeitnehmer zwischen 16 und 24 Jahren wird sich um
nahezu 2 Millionen oder 8 Prozent verringern.
Ältere Arbeitnehmer werden über die neuesten
Entwicklungen in ihrem Berufszweig auf dem
laufenden gehalten werden müssen, sie werden
Anreize zur Verlängerung ihres Erwerbslebens
oder Ausbildung für völlig neue Berufe benötigen.
Noch mehr Frauen werden ins Erwerbsleben
eintreten. Über 60 Prozent der neuen Erwerbstätigen werden Frauen sein. Im Jahr 2000
werden 60 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter erwerbstätig sein. Frauen werden
kontinuierlich für den Einstieg oder Neueinstieg
ins Berufsleben aus- und weitergebildet werden
müssen, da sie versuchen, Erwerbstätigkeit und
Familie zu meistern.
Angehörige von Minderheiten werden einen
größeren Anteil der Berufsanfänger ausmachen.
Bis zum Jahr 2000 werden bis zu 30 Prozent der
neuen Erwerbstätigen Nichtweiße sein - eine
Verdoppelung ihres gegenwärtigen Anteils. Da
zahlreiche Arbeitnehmer aus Minderheiten heute

Seite 3

�noch nicht bereit sind, werden Colleges und
Arbeitgeber bei Einstellung, Aus- und Fortbildung dieser Arbeitskräfte enger zusammenarbeiten müssen.
Einwanderer werden den größten Anteil am
Wachstum der ErwerbsbevölKerung seit dem
Ersten Weltkrieg darstellen. Selbst mit den
neuen Gesetzen werden bis zum Ende des
Jahrhunderts Jahr für Jahr 600.000 legale und
illegale Einwanderer ins Land kommen. Diese
Menschen werden zunächst Alphabetisierung
und die Ausbildung in grundlegenden Fähigkeiten benötigen, um Arbeitsplätze zu bekommen,
die auf ihre Talente angewiesen sind.
Im Gegensatz zu allen bisherigen Zeitaltem wird das
21. Jahrhundert hohe Anforderungen an unser Humankapital stellen, da wir in einen Zeitraum rascher
sozialer, technologischer und ökonomischer Schwankungen eintreten. Das soll nicht heißen, das 20.
Jahrhundert habe stagniert - ganz im Gegenteil. Die
vergangenen Jahrzehnte waren aufgrund von Veränderungen in Arbeit, Familienleben, Wirtschaft, Rolle
von Minderheiten und Frauen sowie Demographie
turbulent. Es ist zu erwarten, daß sich solche Umbrüche im nächsten Jahrhundert noch rascher vollziehen
werden. Mit gesellschaftlichen Veränderungen Schritt
zu halten, wird viel Energie und ungewöhnlichen Einfallsreichtum seitens der meisten Amerikaner erfordern.

Frühere Forschungsarbeiten zur Erwachsenenbildung
haben festgestellt, daß die Periode rascher sozialer
Veränderungen mit einem entsprechenden Anstieg in
der Erwachsenenbildung einherging. Veränderungen
der Lebensumstände stellen eine Herausforderung
dar und zwingen den Menschen, sich weiterzuentwikkeln und anzupassen, um den Anforderungen neuer
Rollen gerecht zu werden. Dies ist das Umfeld, das die
große Beteiligung Erwachsener an Bildungsprogrammen und den Anstieg dieser Beteiligung in den Jahrzehnten des ausgehenden 20. Jahrhunderts erklärt,
und es wird ferner ihre anhaltend große Beteiligung an
Bildungsprogrammen in den kommenden Jahren erklären.
Das Weiße Haus hat in den von ihm vorgelegten
"nationalen Bildungszielen" folgendes erklärt: "Heute
ist ein neuer Standard für eine gebildete Bevölkerung
erforderlich, der dem nächsten Jahrhundert angemessen ist. Unsere Bevölkerung muß ebenso kenntnisreich, gut ausgebildet, kompetent und erfinderisch
sein wie die jedes anderen Landes. Alle unsere
Bürger, nicht nur einige wenige, müssen in der Lage
sein, ihren Lebensunterhalt mit dem Kopf zu sichern,
sich an Veränderungen ihres Umfelds anzupassen
und die Welt um sie herum zu verstehen. Sie müssen
die Verantwortung und Pflichten von Bürgern verstehen und akzeptieren. Sie müssen während ihres
gesamten Lebens kontinuierlich lernen und neue
Fähigkeiten erwerben. Wir müssen erkennen, daß
Bildung eine lebenslange Bestrebung ist, nicht nur ein
Unterfangen für unsere Kinder."

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 45

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: Westen muss letztes Kapitel des Kalten Krieges schreiben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in Den Haag&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO-Gipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Bush: NATO-Streitkräfte sollten "schlagkräftig, agil, unerreicht" sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten beim NATO-Gipfel in Rom&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. KSE&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;KSE-Vertrag ein Meilenstein der Sicherheitsverhandlungen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bartholomew vor dem Streitkräfteausschuß&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Wahlen in den USA&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Wahlen vom 5. November 1991&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Amerikanische Pressestimmen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Erwachsenenbildung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Das neue Gesicht amerikanischer Universitäten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Carol B. Aslanian&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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20. November 1991

53&lt;

VEREINTE NATIONEN

PICKERING SIEHT NEUE ART VON
WELTKONFLIKTEN VORAUS
Rede über die Rolle der Vereinten Nationen

WAHLEN 1992

INITIATIVEN: GUTE DEMOKRATIE ODER
SCHLECHTE GESETZGEBUNG?
von Kenneth Jost

DROGEN

MARTINEZ DRÄNGT EUROPA ZU KAMPAGNE
GEGEN DROGENMISSBRAUCH
Verabschiedung europaweiter
Kontrollen gefordert

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�VEREINTE

NATIONEN
20. November 1991

PICKERING SIEHT NEUE ART VON
WELTKONFLIKTEN VORAUS
Rede über die Rolle der Vereinten Nationen
WASHINGTON - (AD) - Botschafter Thomas Pickering zufolge sehen sich die Vereinten Nationen nach dem
Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums mit neuen politischen und diplomatischen Herausforderungen
konfrontiert. "Nirgendwo sind die Veränderungen augenfälliger und von unmittelbarerer Konsequenz für die
amerikanischen Interessen" als im Bereich der internationalen Sicherheit, so Pickering.
In einer Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte Pickering am 13. November 1991, die
Vereinten Nationen - und die internationale Staatengemeinschaft - müßten lernen, lokal begrenzte aber dennoch
todbringende Konflikte wie den derzeit in Jugoslawien wütenden in den Griff zu bekommen.
"Wie der Nahe Osten und Jugoslawien täglich demonstrieren, wird die regionale Stabilität nach dem kalten Krieg
... vornehmlich durch im großen und ganzen engstirnige Anliegen ethnischer, religiöser, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art geprägt", fügte Pickering hinzu. "Dies mag eine gewisse Sehnsucht nach der Eindeutigkeit
der irakischen Bedrohung wachrufen, die möglicherweise nicht das beste Beispiel für die vor uns liegenden
ungeordneten Herausforderungen ist", so Pickering.
Pickering zufolge müßten die Vereinten Nationen die Funktionen stärken, die regionale Konflikte schlichten und
verhindern helfen, selbst wenn dies die Androhung des Einsatzes internationaler Streitkräfte bedeute.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Pickering im Wortlaut.
Das Ende des kalten Kriegs hat Auswirkungen auf alle
Aktivitäten. Nirgendwo sind die Veränderungen augenfälliger und von unmittelbarerer Konsequenz für
die amerikanischen Interessen als im Hinblick auf die
Rolle der Vereinten Nationen im Bereich der internationalen Sicherheit. Aus diesem Grund werde ich einen
Großteil meiner Ausführungen der künftigen Rolle der
Vereinten Nationen bei Frieden und Sicherheit widmen. Ich werde jedoch versuchen, diese Gedanken in
einen breiteren Kontext zu stellen, der die bedeutende
Rolle des Völkerrechts und die sich abzeichnenden
staatlichen Verhaltensnormen berücksichtigt.
Beim Entwurf eines neuen Ansatzes zur sicherheitspolitischen Rolle der Vereinten Nationen arbeiten wir in
einem extrem vagen Umfeld. Die vordringlichen Sicherheitsbelange der kommenden Jahre sind weiterhin unbekannt. Darüber hinaus können wir nicht davon
ausgehen, daß die Vereinten Nationen und insbesondere der Sicherheitsrat den gleichen Rahmen wie in
der Vergangenenheit bieten werden. Die Vereinten
Nationen sind eine Organisation von Mitgliedstaaten.
Ändern sie sich, so verändern sich auch die Vereinten
Nationen. Offenkundigster Beweis dafür sind die
Auswirkungen der gegenwärtigen Auflösung der Union
AMERIKA DIENST 46

der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die geringsten
Veränderungen in Struktur und Zusammensetzung
des Sicherheitsrats werden zweifelsohne den Kurs
beeinflussen, den er den Vereinten Nationen vorgibt.
Mit dieser Warnung möchte ich einige Gedanken über
die Zukunft der Vereinten Nationen bei der Bewahrung
des internationalen Friedens und der Sicherheit darlegen.
Aus internationaler Sicht wurde durch das Ende des
kalten Kriegs das internationale politische System
seines bisherigen zentralen und dominierenden Prinzips beraubt - dem Ost-West-Konflikt. In einer Rede
vom vergangenen April legte Präsident Bush seine
Vision einer neuen Ordnung in folgenden Worten dar:
"Die neue Weltordnung bedeutet nicht, auf unsere
nationale Souveränität zu verzichten oder unsere Interessen preiszugeben. Sie bezeichnet vielmehr eine
Verantwortung, die durch unsere Erfolge auferlegt ist.
Sie bezieht sich auf neue Wege der Zusammenarbeit
mit anderen Nationen, um Aggression abzuschrecken
und Stabilität zu erlangen, um Wohlstand und vor
allem Frieden zu schaffen. Sie erwächst aus der
Hoffnung auf eine Welt, die auf einem von kleinen und
Seite 1

�großen Nationen geteilten Engagement für eine Reihe
von Prinzipien gründet, die unsere Beziehungen untermauern - friedliche Beilegung von Konflikten, Solidarität gegen Aggression, reduzierte und kontrollierte
Waffenarsenale und gerechte Behandlung aller Völker."
Was sind die sicherheitspolitischen Auswirkungen des
Übergangs von der Ära des kalten Kriegs zu der von
Präsident Bush beschriebenen neuen Ordnung?
Betrachtet man die amerikanischen Sicherheitsinteressen nach dem kalten Krieg aus dem Blickwinkel der
Vereinten Nationen, so besteht ein Weg, um diesen
Blickwinkel zu beschreiben darin, zwei durch eine
relativ durchlässige Grenze getrennte nebeneinanderliegende Kreise auszumachen. In den ersten Kreis
stellt man die wichtigsten Sicherheitsinteressen der
Vereinigten Staaten:
Schutz vor direktem Angriff,
Schutz der amerikanischen Staatsbürger im
Ausland,
Hilfe und Unterstützung für die Verbündeten,
Aufrechterhaltung unbehinderter internationaler Kommunikationswege und des Handels,
Gewährleistung des Zugangs zu unerläßlichen
Ressourcen,
Abgrenzung grundlegender Interessen von den
Auswirkungen ausländischer Kriege - wie etwa
die Tankereskorten gegen Ende des iranischirakischen Kriegs und so weiter.
In den zweiten Kreis stellt man die umfassenden Ziele,
Werte und Grundsätze, die die Substanz der von
Präsident Bushs Vision heraufbeschworenen bürgerlichen internationalen Gesellschaft ausmachen, wenn
er von einer neuen Ordnung oder einer "Pax Universalis" spricht. Sie umfaßt Rechtsstaatlichkeit, Abkehr
von Aggression und die friedliche Beilegung von Konflikten, Wahrung der Souveränität, Verteidigung der
Menschenrechte, Rüstungskontrolle, Eindämmung der
Verbreitung von Nuklearwaffen und generell einen

disziplinierten, kooperativen Ansatz zur gemeinsamen
Sicherheit. Heute möchte ich die Rolle der Vereinten
Nationen bei der Stärkung und Durchsetzung dieser
Prinzipien erkunden.
Ich möchte zunächst einige Gedanken darüber darlegen, wie die Rolle des UN-Sicherheitsrats erweitert
werden könnte. Diese Gedanken passen in die traditionelle Sicht der Zwangsmaßnahmen der Vereinten
Nationen - das heißt, Intervention in Konflikte zwischen Staaten. Als nächstes möchte ich etwas weitergehende Betrachtungen darüber anstellen, wie die
Vereinten Nationen eine konstruktive Rolle bei der
Schaffung der im zweiten Kreis beschriebenen bürgerlichen internationalen Gesellschaft spielen können.
Eine wesentliche Herausforderung besteht darin, die
Seite 2

Kluft zwischen den Rechten von Staaten (Souveränität) und den Rechten von Völkern zu schließen - eine
in diesen Tagen abnehmender internationaler jedoch
andauernder Konflikte zwischen Völkern innerhalb
nationaler Grenzen zunehmend relevante Frage.
Einleitend möchte ich feststellen, daß die zentrale
Rolle des UN-Sicherheitsrats bei der Erarbeitung und
Legitimierung der Reaktion auf die irakische Aggression Erwartungen und damit politischen Druck nach
einer vergleichbaren Rolle des Rats bei anderen Krisen geweckt hat. Erwartungen, daß die Vereinten
Nationen unverzüglich auf Haiti, in Jugoslawien und
Liberia eingreifen sollten, belegen dieses Argument.
Abgesehen von den Erwartungen ist das triftigere
Argument, daß die Charta niemals den Sicherheitsrat
als einziges oder ausschließliches Gericht erster Instanz angesehen hat. Artikel 52 und Kapitel VIII der
Charta verfügen in der Tat ausdrücklich regionale
Bestrebungen zur Beilegung oder Behebung von
Bedrohungen des Friedens und der Sicherheit bevor
die Vereinten Nationen um Beistand angerufen werden. Und das ist gut so. Aus gemeinsamen regionalen, politischen und kulturellen Interessen erwachsenes konstruktives Engagement einer regionalen Gruppe schafft möglicherweise einen breiteren Handlungsspielraum.
Dennoch wird die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit zweifelsohne Krisen mit sich bringen, die trotz der
besten Absichten der regionalen Akteure weder regional begrenzt noch vollständig gelöst werden können.
Zu diesem Zeitpunkt kann man sich als notwendigen
und legitimen nächsten Schritt an den Sicherheitsrat
wenden. Der Rat kann darüber hinaus gegebenenfalls
auf regionalen Bestrebungen aufbauen, indem er beispielsweise ein regionales Handelsembargo institutionell verankert.
Mit Ausnahme des Koreakriegs und der irakisch-kuwaitischen Krise ist das Thema der von den Vereinten
Nationen genehmigten Zwangsmaßnahmen ein ungeschriebenes Buch. Die Arbeit an der Verfassung des
Textes wird durch die Tatsache erschwert, daß die
Bedrohungen, die wir bewältigen müssen, schlecht in
jede vorstellbare auf die Vereinten Nationen gegründete Struktur passen. Und genausowenig werden die
Vereinten Nationen - unabhängig von ihrer Verstärkung - leicht mit den möglicherweise umfassenderen
Sicherheitsaufgaben der Zukunft fertigwerden. Wir
sollten daher von den Vereinten Nationen erwarten,
daß sie bestenfalls einen Teil der Lösung bieten können. Wie groß dieser Teil ist, wird von ihrer Fähigkeit
abhängen, zwei Schlüsselelemente für jeden neuen
sicherheitspolitischen Ansatz zu entwickeln: Legitimität und Flexibilität.
Zunächst müssen wir uns vor Augen fütlren, was unter
"Legitimität" bei Intervention durch Gewalt zu verstehen ist. Für uns und unsere Verbündeten kam die
Verfügung von Resolution 678, "alle erforderlichen
AMERIKA DIENST 46

�Mittel" zur Gewährleistung des unverzüglichen und
bedingungslosen Abzugs des Irak aus Kuwait einzusetzen, einer idealen Formulierung nahe. Sie erteilte
den Vereinten Nationen die Befugnis zum Einsatz von
Gewalt ohne unnötige Einschränkungen von Art und
Umfang, die bei der erfolgreichen Durchführung von
Operationen wichtige militärische und politische Erwägungen sind. Es war offenkundig impliziert, daß die
Koalition die Verwirklichung des Ziels eines Abzugs
aus Kuwait anstreben würde; die uneingeschränkte
Einhaltung des Kriegsvölkerrechts und der Einsatz
konventioneller Waffen waren Teil des Mandats.
Es überraschte nicht, daß diese unbegrenzten Attribute zahlreiche andere UN-Mitglieder beunruhigten. Selbst
der Generalsekretär hat festgestellt, obwohl der Krieg
gegen den Irak "durch den Sicherheitsrat legitimiert
wurde", sei er "nicht ein Sieg der Vereinten Nationen
gewesen", da dieser sich nur aus "Feindseligkeiten
unter der Kontrolle und Weisung der Vereinten Nationen" hätte ergeben können. Man muß Perez de
Cuellars Ansicht nicht teilen, um seiner Argumentation
folgen zu können: die ehernste legale Rechtfertigung
könnte uns nicht das Legitimität genannte vergänglichere politische Gut erkaufen.
Obwohl die Aktionen der Verbündeten im Irak sich
praktisch uneingeschränkter internationaler Unterstützung erfreuten, besteht die Gefahr, daß eine solche
Genehmigung für einige Länder zum Einsatz von
Gewalt im Namen des Rats Kritiker zu der Argumentation veranlaßt, das Vorgehen sei ein Projekt einiger
weniger Regierungen, die für die internationale Staatengemeinschaft nicht repräsentativ seien. Für militärische Aktionen in der Größenordnung von Desert
Storm scheint es keine klare Antwort auf dieses Problem zu geben, weil jedes nennenswerte Ausmaß von
Weisungen und Kontrolle von Kampfhandlungen durch
die Vereinten Nationen lähmende Beschränkungen
auferlegen würde. Dennoch könnte sich der durch die
Erfahrungen mit dem Irak geförderte Zusammenhalt
im Rat auf andere Bereiche übertragen. Wenn sich
dies als richtig erweist, kann Druck ausgeübt werden,
die Rolle des Sicherheitsrats bei künftigen Maßnahmen für den Frieden zu verbessern. Dies sollte in
Betracht gezogen werden.
Eine Möglichkeit, die die Charta dafür bietet, ist durch
Aushandeln von Vereinbarungen gemäß Artikel 43
zwischen dem Sicherheitrat und von ihm ausgewählten Ländern. Absatz 1 des Artikels 43 fordert die Mitgliedstaaten auf:
"...beizutragen, daß sie nach Maßgabe eines oder
mehrerer Sonderabkommen dem Sicherheitsrat auf
sein Ersuchen Streitkräfte zur Verfügung stellen, Beistand leisten und Erleichterungen einschließlich des
Durchmarschrechts gewähren, soweit dies zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlich ist".

AMERIKA DIENST 46

Eine wichtige Frage zu Artikel 43 lautet, ob und welche
Art von Vereinbarungen im Hinblick auf das Kommando er vorsieht. Meiner Ansicht nach schlie ßen die Vereinbarungen nach Artikel 43 einen großen militärischen Spielraum seiner Unterzeichner nicht aus, wenn
solche Vereinbarungen in Anspruch genommen werden. In diesem Sinne könnte die Vereinbarung weniger ein Mittel zur direkten Kontrolle des Rats sein als
Ausdruck seiner allgemeinen Fähigkeit, Entscheidungen und damit ein Instrument der Abschreckung durchzusetzen.
Eine Delegierung von Operationen wird in der UNCharta ausdrücklich antizipiert, vor allem in den Artikeln 48 und 53. Artikel 48 ermächtigt den Sicherheitsrat zu bestimmen, welche Mitglieder "zur Wahrung des
Weltfriedens und der internationalen Sicherheit"
Maßnahmen ergreifen sollen. Artikel 53 gestattet dem
Rat, sich zur Durchführung von Zwangsmaßnahmen
unter seiner Autorität "regionaler" Abmachungen oder
Einrichtungen zu bedienen.
Ungeachtet der Legalität der delegierten Operationen
sollten wir uns jetzt die Möglichkeit vor Augen führen,
daß sich der Rat nicht so völlig der Führung und
Kontrolle enthalten wird wie in Resolution 678. Wie Sie
wissen, bietet Kapitel VII, insbesondere die Artikel 42,
46 und 47, das Instrument zur direkten Beteiligung des
Rats an Planung, Einsatz und Führung.
Jede Bewegung in diese Richtung wird Sorgen unter
den Bereitstellern von Truppen aufwerfen. Kapitel VII
mit seiner besonderen Betonung der Rolle des Generalstabsausschusses ist besonders problematisch: kein
Land, dessen Truppen sich an Feindseligkeiten beteiligen, wird deren Bewegungen von einer Gruppe bestimmen lassen, dessen Mitglied es nicht ist oder
dessen Mitglieder nicht unbedingt ebenfalls Truppen
bereitgestellt haben. Große oder überlegene Beitragsleistende wollen unter Umständen eine ähnliche
Rolle bei Führung und Kontrolle.
Es mag tatsächlich Möglichkeiten zur teilweisen Anwendung der Artikel 42 und 47 geben, wenn man ihm
gleichzeitig die Schärfe nimmt. Es erscheint angebracht, dies insbesondere im Kontext kleiner Konflikte
oder solcher geringerer Intensität zu erforschen. In
dieser Hinsicht möchten wir unter Umständen auch
Arrangements prüfen, denen zufolge Friedenstruppen
regelmäßig oder persönlich dem Rat selbst oder einer
seiner Untergruppen Bericht erstatten. Eine solche
konsultative Verbindung könnte ein hilfreiches Instrument für die Erhaltung des Konsenses sein, ohne die
Führungsbeziehungen zu verändern.
Eine der Fragen, die unsere Sicherheitsgemeinschaft
erwägen muß, ist die Frage der Integration von Führung und Einsatz der Truppen, mit deren Hilfe unter
Umständen eine Entscheidung des Sicherheitsrats
verwirklicht wird. Dies erfordert einen Kompromiß
zwischen der Notwendigkeit, eine Überidentifizierung

Seite 3

�mit einigen Ländern zu vermeiden und dem Bedarf an
einer Einheit von Führung, schneller Stationierung,
koordinierten Bewegungen und so weiter. Bevor wir
das Ausmaß der gemeinsamen Aktionen wie bei Desert
Storm überschreiten, müssen wir gute Antworten auf
viele ungeprüfte militärische und politische Fragen
über die Kriegführung der Koalition stellen.
Bisher habe ich vor allem das Vorgehen der Vereinten
Nationen in Fällen des bereits offenen Konflikts erörtert, aber ein anderer sehr wichtiger Bereich gesteigerter UN-Aktivitäten ist die Vermeidung von Konflikten.
Im Kommunique des Londoner Gipfels vom Sommer
dieses Jahres haben sich die Staats- und Regierungschefs der G-7 verpflichtet, die Grundlage für eine
präventive Diplomatie der Vereinten Nationen zu unterstützen. Dieses Thema hat der Präsident in seiner
Rede vor der Generalversammlung im September
aufgegriffen. Um diese Ziel zu verwirklichen, muß die
Institution eine schnellere Gangart einschlagen. Folgende Schritte wurden vorgeschlagen:
Informeller Informationsaustausch zwischen uns
und anderen Mitgliedstaaten, um den Generalsekretär vollständig über bestehende oder potentielle Situationen auf dem laufenden zu halten, die zu internationalen Spannungen führen
könnten (dies findet gegenwärtig im Rahmen
der Resolution 687 mit dem Inspektionsprogramm für Massenvernichtungswaffen im Irak
statt). Der Generalsekretär benötigt einen kleinen, ausgewählten Mitarbeiterstab, der mit ihm
und den Mitgliedstaaten an diesem Thema
zusammenarbeitet.
Kontrahenten oder potentielle Kontrahenten
müssen den Generalsekretär und durch ihn den
Sicherheitsrat über alle relevanten Tatsachen
informieren.
Unterstützung des verbesserten Einsatzes von
besonderen Repräsentanten bei Vermittlungsdiensten und stillen diplomatischen Missionen,
um Fragen zu lösen, die zu Konflikten führen
können.
Einsatz einzelner Ländern oder kleiner Ländergruppen, die an der Lösung eines bestimmten
Problems interessiert sind und auf diplomatischem Wege zur Lösung solcher Konflikte beitragen sollen.
Schließlich sollen der Generalsekretär und der
Rat aufgefordert werden, den Einsatz von UNTruppen als Mittel der Konfliktvermeidung zu
erwägen, bevor es zu Feindseligkeiten kommt,
etwa durch die Stationierung an den Grenzen
eines bedrohten Landes. Dies könnte sowohl
Elemente traditioneller Friedenserhaltung als
auch der Durchsetzung des Friedens enthalten.

Seite 4

Es wird ferner besonderer Erwägung und Arrangements bedürfen, um es erfolgreich durchzuführen.
Zum Thema Wahrung des Friedes befinden wir uns in
einer Wachstumsphase. Die Vereinten Nationen haben
in den vergangenen drei Jahren mehr Missionen durchgeführt als in den vergangenen 43. Umfang und
Bandbreite der Funktionen haben ebenfalls zugenommen. Es ist an der Zeit, die Organisationsstruktur der
UN-Friedensplanung und -Verwaltung zu stärken, um
mit der größeren Arbeitsbelastung Schritt zu halten.
Darüber hinaus ist es an der Zeit, die Finanzierung der
Friedenswahrung auf eine stabilere langfristigere Basis
zu stellen, die ihrer Bedeutung für die internationale und unsere eigene - Sicherheit Rechnung trägt. In den
Vereinigten Staaten könnte es sich als nützlich erweisen, im Rahmen des Haushalts des Verteidigungsministeriums die Einrichtung eines Titels für den Frieden
zu erwägen, weil Ausgaben für den Frieden eindeutig
dem Ziel der Sicherheit dienen.
Ich möchte mich nunmehr Frieden und Sicherheit in
einem breiteren Kontext zuwenden. Die meisten Konflikte
heute sind Konflikte innerhalb einzelner Länder, nicht
unter ihnen. In der Zeit nach Desert Storm lohnt es,
sich daran zu erinnern, daß Bedrohungen für die
regionale Stabilität nicht primär durch Fehlkalkulationen großer Staaten mit expansionistischen Bestrebungen entstehen. Wie der Nahe Osten und Jugoslawien täglich demonstrieren, wird die regionale Stabilität nach dem kalten Krieg - ebenso wie vor ihm vornehmlich durch im großen und ganzen engstirnige
Anliegen ethnischer, religiöser, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art geprägt. Dies mag eine gewisse
Sehnsucht nach der Eindeutigkeit der irakischen
Bedrohung wachrufen, die möglicherweise nicht das
beste Beispiel für die vor uns liegenden ungeordneten
Herausforderungen ist.
Ein tägliches Dilemma für den Sicherheitsrat in diesem
Zusammenhang ist, daß Rechtsstaatlichkeit und Ordnung sich nach dem kalten Krieg gut ergänzen, aber
nicht gleich sind. Das Völkerrecht hat wenig Positives
über die Verpflichtungen anderer Staaten im Falle von
Staatsstreichen, Anarchie oder Blutvergießen innerhalb der Grenzen des Nachbarn zu sagen. Tatsächlich
würde die Rechtsstaatlichkeit einen Staat zulassen obwohl die Vorstellung unangenehm ist -, der von
außerordentlich zerstörerischen, aber völig legalen,
inneren Konflikten erschüttert ist. (Die Erklärung von
Santiago der OAS über die Unannehmbarkeit eines
Regierungswechsels durch einen Staatsstreich stellt
einen wichtigen Schritt nach vorn dar, der jetzt in Haiti
auf die Probe gestellt wird).
Diesem Dilemma wird nicht durch die Tatsache abgeholfen, daß das Gewohnheitsrecht einzelner Länder
und die unter ihnen vereinbarten Konventionen und

AMERIKA DIENST 46

�Verträge widersprüchliche Forderungen zulassen.
Nirgendwo ist dies augenfälliger als wenn die internationale Staatengemeinschaft gezwungen ist, zwischen
den Rechten von Staaten und den Rechten von Völkern zu entscheiden.
Wie Sie wissen, gestattet Resolution 678 des UNSicherheitsrats Maßnahmen zur Durchführung von
Artikel 2, dem Verbot der UN-Charta des Einsatzes
von Gewalt gegen einen anderen Staat. Wie Sie
ebenfalls wissen, kam Resolution 688 zu dem Schluß,
daß die Verfolgung irakischer Kurden eine Gefahr für
den Weltfrieden und die internationale Sicherheit darstell, eine Erkenntnis, daß nach Ansicht der Mehrheit
ein anderes Prinzip desselben Artikels (Absatz 7) aufhebt, der die Einmischung in innere Angelegenheiten
von Mitgliedstaaten verbietet.
Die Tatsache, daß Resolution 688 trotz der humanitären Frage wie auch der Möglichkeit einer Ausbreitung
auf andere Länder nur durch zähe Verhandlungen
erreicht wurde sowie der spätere Widerstand gegen
sehr einschneidende Resolutionen zu Jugoslawien
und Haiti bedeuten meiner Ansicht nach zweierlei.
Erstens muß noch manches getan werden, bevor der
Sicherheitsrat in der Lage ist, regelmäßig als weltweiter Krisenmanager zu fungieren, da noch kein eindeutiger und berechenbarer Konsens darüber besteht, wie
und in welchem Ausmaß er mit Bedrohungen der
internationalen Sicherheit umgehen soll, die sich aus
innenpolitischen Vorgängen in einzelnen Staaten ergeben. Zweitens müssen wir der UNO-Charta zufolge
offen für alternative regionale und auch unilaterale
Instrumente sein, um die vom Präsidenten erörterten
Programme für "Ordnung" sowie "Recht und Gerechtigkeit" zu verwirklichen.
In gewissem Sinne führt uns diese Art von Einstellung
gegenüber der Sicherheit zurück zu den ersten Prinzipien. Ein Teil der vor uns liegenden "Arbeit" ist mit der
identisch, die unsere Mitgliedschaft in den Vereinten
Nationen und anderen internationalen Institutionen
seit jeher erfordert hat. Es ist die mühselige Aufgabe,
eine internationale Gesellschaft gemeinsamer Werte
aufzubauen, um die geregelte Welt zu informieren und
beleben, in der wir alle leben möchten und deren
Schaffung wir deshalb anstreben sollten.
Während der Zusammenbruch des Kommunismus
den wichtigsten weltweiten Konflikt zwischen unterschiedlichen Werten beseitigt hat, hatte er bei anderen
nationalistischen, auf Stammesgegensätzen beruhenden oder religiösen, wirtschaftlichen und ethnischen
Konflikten, die bereits länger existieren und den wirtschaftlichen Gegensatz zwischen Nord und Süd erneut zu verschärfen drohen, genau das Gegenteil zur
Folge. Aus diesem Grund ist eine baldige Ausweitung
des Völkerrechts oder der Praxis des Sicherheitsrats
auf gesicherte äußere Garantien für Minderheitenrechte, demokratisch gewählte Regierungen oder von

AMERIKA DIENST 46

Bürgerkriegen heimgesuchte hungernde Menschen
unwahrscheinlich. Eine bedeutende Zahl der Ratsmitglieder betrachtet solche Prinzipien nicht als ordnungsfördernd sondern als Aushöhlung von Ordnung - oder
zumindest als subversiv für eine Ordnung, die auf
festgefügten Doktrinen staatlicher Souveränität und
Nichteinmischung beruht.
Das heißt jedoch nicht, daß wir jeglichem Fortschritt
von vornherein entsagen. Im Gegenteil, für ein rasch
entstehendes weltweites Sicherheitssystem liegt meines Erachtens die Antwort auf dieses Problem in einer
Kombination aus Pragmatismus und Phantasie. Wann
immer möglich, würde ein solcher Ansatz die Arbeit
innerhalb der etablierten Organe der Vereinten Nationen fordern, um die Lücke zwischen "Ordnung" und
Recht zu überbrücken. Wenn jedoch dieser Weg
verschlossen ist, bedeutet ein pragmatischer Ansatz,
über die Vereinten Nationen hinauszugehen - und
trotzdem im Rahmen der UNO-Charta zu bleiben -, um
andere Foren oder Instrumente einzusetzen. Schließlich müssen wir parallel zu diesem pragmatischen
Ansatz, der häufig von überraschenden Ereignissen
diktiert werden wird, die Phantasie besitzen, neue
Möglichkeiten für eine geradlinige Anwendung des
Völkerrechts zu erschließen.
Der Fall der Kurden und Resolution 688 sind ein gutes
Beispiel für den ersten Ansatz. Der Resolution zufolge
stellte die Lage eine Bedrohung für die internationale
Sicherheit und den Weltfrieden dar. Sie forderte
darüber hinaus die Mitgliedstaaten auf, die humanitären Bemühungen des Generalsekretärs zu unterstützen. Diese beiden Elemente sowie die Tatsache, daß
der Irak bereits den Zwangsbestimmungen von Kapitel
VII unterworfen war, reichten aus, um für die Koalition
eine rechtliche Grundlage zur Bereitstellung von Hilfe
und Unterstützung für die Kurden zu schaffen. Dieser
Spielraum wurde von denjenigen ständigen und anderen Ratsmitgliedem nicht beanstandet, die für gewöhnlich dazu neigen, aus Gründen der Nichteinmischung einen direkteren Ansatz abzulehnen.
Die zweite Reaktion auf die Einschränkungen, denen
die formellen Organe der Vereinten Nationen unterliegen, besteht im Verständnis, wann es notwendig sein
könnte, sie zu umgehen. Weder die Ausübung unserer
Rechte nach Artikel 51 noch vorsichtiges Engagement
zur Unterstützung unserer außenpolitischen Grundsätze verpflichten uns, stets nur mit ausdrücklicher
Genehmigung der Vereinten Nationen zu handeln.
Zwar mag dies vorzuziehen sein, aber man kann sich
unschwer Bedingungen vorstellen, unter denen die
rasche Entwicklung der Bedrohung zusammen mit der
Unfähigkeit oder Nichtbereitschaft des Sicherheitsrats
zur Entscheidungsfindung für eine regionale oder unter gewissen Umständen - einseitige Reaktion im
Einklang mit der Charta sprechen.
Ein dritter Ansatz besteht darin, jede Möglichkeit zu

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�nutzen, um die Lücke zwischen den schwerwiegenden
Anforderungen einer gerechten und geordneten Welt
und den begrenzten Mitteln des Völkerrechts in seiner
heutigen Form auszufüllen. Ich bin nicht der Überzeugung, daß dies bedeutet, wie müßten uns nun in eine
neue Runde von Verhandlungen über das Völkerrecht
stürzen. Im Gegenteil, meines Erachtens besteht
unsere wichtigste Aufgabe darin, die uns heute zur
Verfügung stehende rechtliche Struktur besser und
umfassender zu nutzen.
Der Menschenrechtspfeiler dieser Struktur ist hier ein
nützliches Beispiel, da es meines Erachtens drei
Schlüsselbereiche gibt, in denen die Stärkung dieses
Pfeilers jetzt oder in absehbarer Zeit möglich ist:
Normen, Beobachtung und Durchsetzung. Ich möchte
auf jeden dieser Bereiche kurz eingehen.
Auf der normativen Ebene fand die weltweite Hinwendung zur Demokratie bei der diesjährigen Generaldebatte starken Wiederhall in den Reden zahlreicher
Vertreter von Entwicklungsländern. In einigen Bereichen wird die Rhetorik durch Taten unterstützt. Dies
verschafft den Vereinten Nationen eine bessere Ausgangslage für ein aggressiveres Streben nach internationalen Maßnahmen und Verfahrensweisen zum Schutz
der traditionellen Menschenrechte des einzelnen (dazu
gehören die Rechte religiöser, ethnischer, nationaler
und kultureller Minderheiten) sowie der bisweilen so
bezeichneten Grundfreiheiten, darunter die Rechte
des einzelnen auf demokratische Teilhabe an der
Regierung. Beide Gruppen von Rechten werden von
zwei UNO-Instrumenten ausdrücklich bekräftigt. Dies
sind die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte
und der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte. Angesichts der großen Zahl von Unterzeichnerstaaten des Pakts sowie der Bedeutung seiner demokratischen und pluralistischen Schutzbestimmungen für so viele Länder, die heute von inneren
Veränderungen erschüttert werden, würde eine baldige Ratifizierung durch den Senat sein Ansehen weiter
stärken.
Humanitäre Normen würden ferner von aggressiverer
Unterstützung profitieren. Ich beziehe hierin die Bestimmung gegen Folter ein, die Bestandteil einer weiteren vom Senat noch zu ratifizierenden Konvention ist
sowie solch grundlegende moralische Pflichten wie die
Nichteinmischung bei der Lieferung von Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütem für Völker in Not. Obwohl
letzteres weder in der Erklärung noch im Pakt enthalten ist, liegt es eindeutig im Sinne dieser Dokumente.
Der durchgreifende Wandel, der die Wahrung von
Demokratie und Menschenrechten unter den Mitgliedstaaten der UNO erhöht hat, eröffnet neue Möglichkeiten für die Stärkung der Überwachung von Menschen-

rechten und sogar für die Untersuchung von Optionen
zu ihrer Durchsetzung. In der ersten Kategorie besteht
ein ehrenwertes, wenn auch in weiter Ferne liegendes
Modell für die Vereinten Nationen darin, sich den
Mechanismus der Menschlichen Dimension zu eigen
zu machen, eine bemerkenswerte neue Leistung der
Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa. Der KSZE-Mechanismus ist eine Abfolge von
Schritten, mit denen KSZE-Mitgliedstaaten ein anderes Mitgliedsland für vermutete Verletzungen zur
Rechenschaft ziehen können. Für die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen wären zwei
wichtige Schritte in diese Richtung die Stärkung und
Ausweitung des Systems der Berichterstatter für einzelne Länder sowie die Straffung des heutigen langwierigen und komplizierten Mechanismus zur Prüfung
gesammelter Einzelbeschwerden.
Wenn wir die Menschenrechte ernst nehmen, müssen
wir es letztlich auch mit der Durchsetzung ernst meinen. Die Vereinigten Staaten haben traditionell eine
Vielzahl bilateraler und multilateraler Mittel eingesetzt,
um die starke Ablehnung von Menschenrechtsverletzungen zum Ausdruck zu bringen. Aktionen der UNO
haben im allgemeinen keine große Rolle gespielt.
Veränderungen könnten jedoch heute möglich sein.
Ein relativ bescheidener Schritt nach vorn würde durch
die Bestimmung über Dringlichkeitssitzungen der
Menschenrechtskommission erzielt, um besonders
wichtige und drängende Probleme zu erörtern. Weiter
in der Zukunft, aber trotzdem der Untersuchung wert,
liegt die Möglichkeit, Sanktionen gegen massive
Menschenrechtsverletzer einzusetzen. Mit der Verabschiedung von Resolution 688 hat der Sicherheitsrat
bereits zu verstehen gegeben, daß auf einer bestimmten Ebene Menschenrechtsverletzungen eine echte
Bedrohung für Frieden und Sicherheit schaffen können, die Aufmerksamkeit seitens des Sicherheitsrats
erforderlich macht.
Von Zeit zu Zeit benutzen Autoren in Zusammenhang
mit bemerkenswerten historischen Entwicklungen den
Begriff "annus mirabilis" oder "wunderbares Jahr", um
ihrer Verblüffung Ausdruck zu verleihen. Dies sind in
der Tat erstaunliche Zeiten. Vom sicherheitspolitischen Standpunkt aus sind sie jedoch keineswegs
wunderbar. Es besteht kein Mangel an Zielen, für die
Menschen zu töten oder sterben bereit sind. Auch
werden wir heute nicht all die klassischen Instrumente
beiseite legen, mit denen wir unsere Interessen verfolgen oder verteidigen. Dasselbe gilt für andere. Ich
möchte jedoch behaupten, daß die Fähigkeit der Vereinten Nationen, gemeinsamen Sicherheitsanliegen
zu dienen, niemals größer, beziehungsweise konstruktivem Denken oder Einfluß gegenüber niemals
aufgeschlossenen war.

*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 46

�W A H L E N 1992
20. November 1992

INITIATIVEN: GUTE DEMOKRATIE ODER
SCHLECHTE GESETZGEBUNG?
von Kenneth Jost
BONN - (AD) - Die Kritiker von Initiativen verweisen auf eine Verwirrung an den Urnen, zu große Macht der
Geldgeber und Polarisierung. Die Befürworter erklären sie zur besten Kontrollmöglichkeit der Regierung. Der
Autor stellt Vor- und Nachteile des Prozesses der Initiativen vor, mit dem Wähler über Gesetzesvorlagen direkt
abstimmen können.
Die Veröffentlichung dieses Artikels erfolgt mit Genehmigung von Editorlal Research Reports. Copyright (c)
1990, Congressional Quarterly, Inc.
Kritiker des Initiativverfahrens in den Vereinigten Staaten weisen darauf hin, es funktioniere nicht im beabsichtigten Sinne. An den Urnen herrscht Verwirrung,
Geldgeber mit Eigeninteressen manipulieren die Wähler,
und mit der Kunst des Kompromisses wird kurzer
Prozeß gemacht. Befürworter gestehen Probleme,
erklären aber, im allgemeinen biete das System der
Basisdemokratie den Bürgern eine ausgezeichnete
Gelegenheit zur Kontrolle einer mächtigen Regierung.
Beide Seiten sprechen über Reformen, aber die Reformen selbst bringen unter Umständen neue Schwierigkeiten mit sich.
In 23 Staaten und dem District of Columbia dürfen
Wähler direkt an der Wahlurne über Gesetzesvorlagen
abstimmen. Zahlreiche Initiativen erreichten 1990 die
Urnen der Bundesstaaten - eine Fortsetzung der Tendenz
der achtziger Jahre. Dieses Jahrzehnt verzeichnete mit Ausnahme der dreißiger Jahre der Depression den höchsten Einsatz der Initiativen, seit sie von den
progressiven Bewegungen und ihren beiden direkten
demokratischen Verwandten - dem Referendem und
der Abberufung - Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts institutionalisiert wurden.
Die Progressiven wollten den Wählern mit der Initiative
ein direktes Mitspracherecht an den Gesetzen geben
und Eigeninteressen sowie nicht den Bedürfnissen
entsprechende Gesetzen ausschalten. Heute schütteln jedoch viele Wähler den Kopf, wenn sie versuchen, bei einer einzigen Abstimmung die Einzelheiten
jedes Themas zu verarbeiten. Dahersind den Kritikern
zufolge die Ergebnisse oftmals nicht von sorgfältigem
Abwägen bestimmt sondern von den Botschaften der
Medien, die bestenfalls stark vereinfacht und schlimmstenfalls ganz einfach irreführend sind: Vertreter
AMERIKA DIENST 46

besonderer Interessen haben gelernt, wie man das
System zähmt und es sich selbst zunutze macht. Der
Prozeß der Initiativen hat im Laufe der Zeit eine Flut
von politischen Beratern und Organisationen hervorgebracht, die Petitionen einreichen, eine veritable
Industrie, die allein bei der Wahl im November 1988 26
Millionen Dollar eingenommen hat.
Die Erfahrungen in Kalifornien mit der starken Zunahme von Abstimmungen über Einzelfragen, hohen Kosten
für Kampagnen und raffinierten Medienstrategien waren
ein schlagkräftiges Argument für Gesetzgeber, die in
den 27 Staaten, die keine Initiativen zulassen, den
Status quo erhalten wollen. Aber in den Staaten, die
diese Form der Basisdemokratie gestatten, hat sich
das progressive Vermächtnis als widerstandsfähig
gegenüber Veränderungen erwiesen. Die öffentliche
Befürwortung des Prozesses der Initiativen ist - in
Kalifornien und im ganzen Land - nach wie vor stark
und bietet eine politische Schranke für alle Angriffe auf
den Prozeß.
Die Kritik scheint dort, wo sie auftritt, davon abzuhängen, welchen Ochsen man bei den Hörnern nimmt.
Kaliforniens Liberale jubelten Anfang der siebziger
Jahre, als ihnen das Initiativverfahren gestattete, im
Rahmen der Kampagne eine Finanzreform zu verabschieden, mit der die Küste des Bundesstaats geschützt und Kernkraftwerke fast verhindert werden
konnten. Aber 1978 machte sich bei den Liberalen
Ernüchterung breit, als der Steuergegner Howard Jarvis
die Verabschiedung von Antrag 13 gewann - eine
Senkung der Grundsteuer - was dann ähnliche Initiativen in einem halben Dutzend anderer Staaten inspirierte.

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�Mit der Zeit scheint sich die ideologische Bilanz jedoch
auszugleichen, jedenfalls David Schmidt zufolge, dessen
Buch Citizen Lawmakers: The Bailot Initiative
Revolution den Prozeß der Initiativen stark unterstützt. Schmidts Berechnungen zufolge brachten
Liberale, Umweltschützer oder linksgerichtete Gruppen von 1977 bis 1986 96 Initiativen in den Bundesstaaten ein und erlangten Zustimmung für 43 - 45
Prozent. Konservativ ausgerichtete Gruppen legten
91 Initiativen zur Abstimmung vor, wovon 41 -oder 45
Prozent - verabschiedet wurden.
Schmidt wird in seinen Ansichten von dem Konservativen Patrick McGuigan unterstützt, der als Redakteur
des von der Free Congress Foundation
herrausgegebenen Family, Law and Democracy Report die Initiativen in den achtziger Jahren beobachtet
hat. "Die Mechanismen der Basisdemokraatie", so
McGuigan, "sind ideologisch neutral und eignen sich
uneingeschränkt für die Beeinflussung und Nutzung
aller - oder durch alle."
Wenn die allgemeine Annahme, die Initiative sei ideologisch entweder konservativ oder liberal eingefärbt,
der eingehenden Überprüfung der Tatsachen nicht
standhält, dann auch nicht andere Behauptungen von
Befürwortern oder Gegnern, die ihren Standpunkt in
der anhaltenden Debatte über Basisdemokratie untermauern.
Befürworter erklären zum Beispiel, Initiativen und
Volksabstimmungen erhöhten die Wählerbeteiligung,
indem sie die öffentliche Debatte über bestimmte
Themen stimulieren und der Öffentlichkeit eine direkte
Rolle bei ihrer Entscheidung zuweisen. Aber der
Politologe Thomas E. Cronin vom Colorado College,
im allgemeinen ein Befürworter des Einsatzes der
Initiativen, gibt in seiner jüngsten Untersuchung Direct
Democracy zu, alle Tatsachen sprächen dafür, daß
die Wählerbeteiligung im allgemeinen bei der Abstimmung über bestimmte Themen niedriger ist als bei
einer Abstimmung über Kandidaten bei derselben Wahl.
Andererseits zeigen auch die Argumente der Gegner
Schwächen. Zum Beispiel bezeichnen sie die Initiative
als zu oft benutzte Taktik, ihrer Meinung nach ist es zu
leicht, Maßnahmen in einen Wahlgang einzubringen,
so daß die Wähler zu bereitwillig den einmal eingebrachten Maßnahmen zustimmen. Die Gegner weisen jedoch darauf hin, daß der Prozeß der Initiativen
sogar bei sehr häufigem Einsatz insgesamt ein relativ
seltenes rechtliches Mittel ist, die meisten Bestrebungen zur Vorlage von Initiativen bei der Wahl scheitern
und Wähler etwa die Hälfte oder mehr der zur Wahl
stehenden Initiativen ablehnen.
In den letzten Jahren haben die Gegner einen neuen
- angesichts der Geschichte der Basisdemokratie
paradoxen - Kritikpunkt vorgebracht. Ihnen zufolge
dominieren Eigeninteressen den Prozeß der Initiativen, weil sie ihre hohen finanziellen Mittel einsetzen,
um Medienkampagnen zu starten, die einer populären
Seite 2

Idee bis zum Wahltag den Garaus machen können.
Beispiele dazu liefern zwei erfolglose Initiativen in
Kalifornien, die dem Juraprofessor Daniel Lowenstein
von der University of California at Los Angeles (UCLA)
zufolge durch "einseitige Ausgaben" von Gegnern aus
der Industrie geprägt wurden: eine Anti-RaucherMaßnahme von 1978 und die 'Tax Big Oil"-Kampagne
1980. Befürworter der Initiativen verweisen jedoch auf
zwei aktuellere Beispiele aus Kalifornien - den Erfolg
einer Tabaksteuermaßnahme im Jahr 1986 und die
Verabschiedung von Antrag 103, der Senkung der
Kraftfahrzeugversicherung 1988 - als Beweis dafür,
daß Initiativen wohlfinanzierten Kampagnen der Industrie Widerstand entgegensetzen können und manchmal die einzige Möglichkeit bieten, starre Lobbys der
Industrie zu besiegen.
Diese nüchternen Debatten finden vor dem Hintergrund einer anhaltenden Spaltung über den Einsatz
der Initiativen statt, einer Spaltung über die Teilnahme
oder Nichtteilnahme zwischen denjenigen, die Zugang
zur konventionellen Rechtsprechung und denjenigen,
die keinen haben - ungeachtet der politischen Ideologie. Der liberale Schmidt und der konservative McGuigan können zum Beispiel beide den Prozeß der Initiativen unterstützen. Für Schmidt sind die Initiativen
"eine seltene und wertvolle Blume der Demokratie", ein
System, das weder von rechts, links oder von Eigeninteressen kontrolliert wird sondern von den Menschen."
Für McGuigan zeigen Maßnahmen wie der Antrag 13
- die Steuerreform -, wie die Initiative "der Mehrheit hart
arbeitender, engagierter steuerzahlender Bürger"
Hoffnung gibt, wie sie mehr von ihrem Geld behalten
können, während Initiativen über soziale Belange den
Bürgern gestatten, traditionelle Werte zu bekräftigen,
die von der politischen Elite allzuoft ignoriert werden.
Für viele Gesetzgeber, etablierte Lobbyisten und manche
Politologen hat dieser angebliche Vorteil der initiative
eine beunruhigende Kehrseite. Sie erkennen einen
immanenten Trend zu Polarisierung, Konfrontation
und alarmierendem Protest, eine Abwendung von
Kompromiß, Verständigung und fein abgestimmter
Ausarbeitung der Gesetze.
"Es ist eine schlechte Art, Gesetze zu schreiben", so
der Professor für Politologie an der Brigham Young
University in Provo (Utah), David Magelby, dessen
Buch von 1984 Direct Legislation die umfassendste
Studie zur Basisdemokratie aus einem skeptischen
Blickwinkel ist. John Knox, ein ehemaliger Abgeordneter aus Kalifornien, der versuchte, das Verfahren der
Gesetzesinitiativen im Bundesstaat einzuschränken,
stimmt dem zu. "Meines Erachtens sind die meisten
Institutionen auf der rechten und linken Seite des
politischen Spektrum bedroht", erklärte er 1984 in
einem Interview, als er einen erneuten und letztlich
erfolglosen Versuch zur Überarbeitung des Verfahrens der Gesetzesinitiativen in Kalifornien unternahm.
"Es ist wie ein Schuß, der nach hinten losgehen kann.
Jede Gruppe kann angegriffen werden, von der ameAMERIKA DIENST 46

�rikanischen Bürgerrechtsbewegung bis zur Ölindustrie. Es ist einfach keine gute Art und Weise, Gesetze
zu verfassen."
Für Befürworter der Basisdemokratie sind jedoch die
Initiative und das Referendum unabdingbare Sicherheitsventile für nichtrepräsentative und indifferente
gesetzgebende Körperschaften. Sie vertreten die
Auffassung, Basisdemokratie biete ein Gegenmittel
für das sich aus der Dominanz des politischen Prozesses durch organisierte Interessengruppen ergebende
Gefühl der Machtlosigkeit und Entfremdung der Wähler. "In einem Zeitalter, in dem politisches Handeln
zunehmend durch Finanzierungskampagnen großen
Stils und 30 Sekunden dauernde Fernsehwerbung
beherrscht wird,", schreibt Schmidt, "sind Kampagnen
für Gesetzesinitiativen ein Bereich der Politik, in dem
die Vorstöße des Normalbürgers noch etwas verändern können."
Für Bürgerinitiativen bietet die Initiative das, was gelegentlich als einzig gangbarer Weg zur Überwindung
starrer Opposition durch Interessengruppen und die
vorherrschenden politischen Kräfte erscheint.
Kritiker der Initiative wissen für gewöhnlich einige ihrer
vermeintlichen Vorteile zu würdigen und nehmen davon
Abstand, die Abschaffung des Verfahrens zu fordern.
Ihnen zufolge übertreiben die Befürworter jedoch seine Vorteile, und in einem umfassenderen Kontext
bringen sie das Argument vor, das System sei grundsätzlich sowohl in der Theorie als auch in der Praxis
schlechter als die repräsentative Demokratie.
"Wir haben vor 200 Jahren die Entscheidung getroffen,
welche Art der Regierung wir wollen", erklärt Alan
Karcher, ein ehemaliger Anführer der Demokraten im
Parlament von New Jersey, der in diesem Bundesstaat den Kampf, gegen die Einführung der Initiative
im Jahr 1986 erfolgreich führte. "Wir wollten nicht dem
Modell der Französischen Revolution folgen. Wir
wollten eine strukturierte, institutionell verankerte repräsentative Demokratie, in der der Wille des Volkes
durch Vertreter kanalisiert wurde."
Ein Vorteil des Gesetzgebungsverfahrens, argumentieren die Kritiker der Wahlurnen-Demokratie, ist die
größere Menge der dem Gesetzgeber zur Verfügung
stehenden Informationen. "Wir wählen Abgeordnete
und Senatoren als unsere Vertreter weil wir als Einzelpersonen keinen Einblick in die Themen nehmen können,
die Gesetze erfordern", stellte Robert T. Hall, der
geschäftsführende Direktor der Bürgerrechtsgruppe
"Common Cause" in West Virgina zur Begründung
seiner Ablehnung der Gesetzesinitiative in seinem
Bundesstaat fest.
Gegner der Initiative erklären jedoch, das Gesetzgebungsverfahren habe einen größeren Vorteil als nur
die Bereitstellung von mehr Information. Bei einer
Initiative können die Wähler nur Ja oder Nein ankreuzen. Bei der Gesetzgebung können und müssen
AMERIKA DIENST 46

Kompromisse zwischen konkurrierenden Interessen
erarbeitet werden. Institutionen können Kompromisse
erfordern, nicht nur um bessere Gesetze zu machen,
argumentieren die Gegner der Initiative, sie können
auch Minderheiten schützen. Julian Eule, Juraprofessor an der UCLA, verweist darauf, daß die Begründer
der amerikanischen Verfassung aus Mißtrauen gegenüber der Herrschaft des Volkes ein System der
gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung von Kongreß und Regierung als Schutz vor
einer überwältigenden Mehrheit geschaffen haben.
Zwei der wichtigsten Strukturelemente der Verfasser ein Zweikammernsystem und das Veto der Exekutive
- sind im Verfahren der Gesetzesinitiativen nicht enthalten, und Eule zufolge wurde das dritte - richterliche
Nachprüfung - sowohl von den Gerichten der Bundesstaaten als auch den Bundesgerichten bei der rechtlichen Infragesstellung von Initiativen zu vorsichtig
ausgeübt.
Weit von der Förderung von Kompromissen entfernt,

hat das Verfahren der Gesetzesintitiativen in der entscheidenden Entwurfsphase eine eingebaute Tendenz zur Polarisierung. Die organisatorische Notwendigkeit der Sammlung von Unterschriften und Aufbringung von Mitteln bedingt ehrgeizige Vorschläge, die
leicht übermittelt werden können und verlockend sind,
wie die Steuerbegrenzungen in der Gesetzesvorlage 2
von Massachusetts oder die 20prozentige Senkung
der Kraftfahrzeugversicherung in Vorlage 103 des
Bundesstaates Kalifornien.
Wie Magelby feststellt, hegen darüber hinaus Interessengruppen, die nur ein Thema vertreten "häufig den
Wunsch, eine 'eindeutige' Abstimmung zu ihrem Statut oder Verfassungszusatz zu erhalten. Diese Gruppen, und häufig auch ihre Gegner, sind nicht so besorgt
über die Auswirkungen auf den Regierungsprozeß wie
darüber, ihren Willen zu dem Thema durchzusetzen."
Trotz der Kritik und der gescheiterten Erwartungen im
Hinblick auf das Verfahren der Gesetzesinitiativen
belegen öffentliche Meinungsumfragen, daß sich die
Basisdemokratie national breiter Unterstützung durch
die Öffentlichkeit erfreut, sogar in Bundesstaaten wie
Kalifornien, wo sie häufig Kontroversen auslöst. Eine
von Cambridge Survey Research 1977 durchgeführte
Umfrage ergab, daß 57 Prozent eine Verfassungsänderung zugunsten einer nationalen Gesetzesinitiative
befürworten und nur 25 Prozent dagegen sind. Eine
1987 für Thomas Cronins Buch bei Gallup in Auftrag
gegebene Untersuchung kam zu dem Schluß, daß
zwei Drittel der 1.009 befragten Personen die Auffassung vertraten, die Wähler sollten zu einigen staatlichen und kommunalen Gesetzen direkt abstimmen
können. Eine von "Common Cause" und dem Institut
für Politik und Staatsrecht der University of Southern
California durchgeführte Umfrage belegte im Jahr 1985,
daß 71 Prozent der Befragten gegen die Abschaffung
des Initiativensystems waren.

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�Aufgrund der breiten öffentlichen Unterstützung hat
sich die Basisdemokratie als außerordentlich dauerhaft in den Staaten erwiesen, in denen sie in die Praxis
umgesetzt wurde. Kein Staat hat die Initiative je
aufgegeben, nachdem sie einmal verabschiedet war,
und Bestrebungen zur Verschärfung der Verfahren
scheitern häufig angesichts des triftigen Arguments,
man nehme dem Volk sein Recht zur Selbstregierung.
"Einige Gesetzgeber fürchten, eine Stimme gegen die
Änderung des Verfahrens der Gesetzesinitiativen würde
als Abstimmung gegen das Verfahren an sich angesehen", erklärt Margaret Herman, Rechtsberaterin der
kalifornischen Liga weiblicher Wähler, die in den vergangenen 5 Jahren erfolglos ein Gesetz zur Reform
der Initiative durchzusetzen versuchte.
Magelby verweist hingegen auf die Erkenntnisse einiger Meinungsumfragen, die gemischte Gefühle der
Öffentlichkeit bezüglich der Anwendung der Initiative
belegen. Als die Gesetzgeber von New Jersey beispielsweise Ende der siebziger Jahre ein Gesetz zur
Schaffung einer Initiative erwogen, kam eine vom
Eagleton Institute of Politics an der Rutgers University
zu dem Schluß, daß 57 Prozent der Befragten keine
Meinung dazu hatten, ob die Initiative eine gute Idee
sei.
Laut Magelby war noch wichtiger, daß der Meinungsumfrage zufolge ungefähr zwei Drittel der Befragten
einigen der wichtigsten von den Kritikern der Basisdemokratie vorgebrachten Argumente zustimmten: Die
Aufgabe der Gesetzgebung sollte den gewählten
Vertretern überlassen bleiben, viele Wähler seien nicht
in der Lage, eine fundierte Wahlentscheidung zu treffen, zahlreiche Themen seien zu kompliziert für eine.
einfache Abstimmung mit Ja oder Nein, und besondere Interessen würden durch das Initiatiwerfahren an
Macht gewinnen, indem mehr Geld ausgegeben würde. In ähnlichem Tenor stellt Magelby fest, von dem
kalifornischen Meinungsforscher Mervin Field durchgeführte Untersuchungen belegten, daß zwei Drittel
der Befragten der Überzeugung waren, gewählte
Vertreter seien besser als die Wähler zur Entscheidung außerordentlich schwieriger technischer oder
rechtspolitischer Fragen geeignet.
Zweifel über die Entstehung der Initiative veranlassen
viele Studenten und Beobachter des Verfahrens zum
Ruf nach Reformen. Trotz ihrer unterschiedlichen
Perspektive haben beispielsweise sowohl Magelby als
auch Cronin Listen von Vorschlägen, die ihres Erachtens das Initiativverfahren verbessern würden. In
Kalifornien haben sich "Common Cause" und die Liga
der weiblichen Wähler zusammengeschlossen, um
Reformvorschläge für die Initiative zu unterstützen,
und Zeitungskolumnisten und Verfasser von Leitartikeln befürworten dieses Ziel regelmäßig in Wahlkampfzeiten.

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Einige Reformen können nur als Kesselflickerei bezeichnet werden: zum Beispiel Verschärfung der
Unterzeichungsverfahren, um die Zahl der Initiativen
zu verringern oder Begrenzung der Wahlthemen auf
allgemeine Wahlen, bei denen die Wahlbeteiligung
normalerweise höher ist und wahrscheinlich weniger
verzerrt wird als bei den Vorwahlen. Aber alle vorgeschlagenen Reformen - selbst diese - fordern Kritik
heraus.
Andere Reformvorschläge haben zum Ziel, dem Einfluß entgegenzuwirken, den besondere Interessen
über das Initiatiwerfahren erlangt haben. Die Zunahme bezahlter Unterschriftensammler hat einige Bundesstaaten einschließlich Colorado veranlaßt, ihren
Einsatz zu verbieten.
Im Jahr 1988 brachte das Oberste Bundesgericht
jedoch ein Gesetz des Staates Colorado als verfassungswidrig zu Fall. Lowenstein von UCLA war Mitverfasser einer unlängst veröffentlichten Untersuchung,
die jene Entscheidung scharf kritisierte und einen
Altemativvorschlag unterbreitete, demzufolge von
Freiwilligen gesammelte Unterschriften einen erheblichen Bonus erhalten sollten. Er gibt jedoch zu, daß
dieser Vorschlag den Abgeordneten nur schwer
schmackhaft gemacht werden kann, da er als "zu
trickreich" erscheint.
Ein zweiter Weg, um den Einfluß von Sonderinteressen auf Abstimmungen über Einzelanliegen durch
Beitrags- oder Ausgabenbegrenzung zu verringern,
könnte ebenfalls an Verfassungsgrundsätzen scheitern.
Ohne Beitrags- oder Ausgabenbegrenzung bestünde
eine alternative Methode zur Verringerung der Auswirkungen einseitiger Ausgaben bei solchen Abstimmungen darin, öffentliche Gelder für solche Kampagnen
zur Verfügung zu stellen. Der Politologe Austin Ranney von der University of California in Berkeley ist der
Meinung, die Abwesenheit von klaren Parteilinien, die
für gewöhnlich dem Wähler Orientierung geb9n, akzentuiere die Bedeutung, die der ausreichenden Informierung des Wählers bei Abstimmungen über Einzelfragen von beiden Seiten zukomme. Unter Berufung
auf dieses Argument unterstützt Cronin den von Ranney ins Spiel gebrachten Gedanken, bei einer solchen
Kampagne einer Seite begrenzte öffentliche Unterstützung - einen Grundstock - zukommen zu lassen,
wenn die andere Seite mehr als einen festgesetzten
Betrag aufbringt.
Eine weitere Kategorie vorgeschlagener Reformen
konzentriert sich auf strukturelle Veränderungen beim
Initiatiwerfahren. Diese Vorschläge sind nicht darauf
ausgerichtet, den Zugang zur Abstimmung zu begrenzen oder Ungleichgewichte zu beheben sondern da-

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�rauf, bei der Vorbereitung einer Initiative für die Abstimmung einen Diskussionsprozeß zu fördern oder
vorzuschreiben.
Was auch immer die Argumente für die Überarbeitung
des Initiativprozesses sein mögen, die politischen
Hindernisse für die Verabschiedung solcher Veränderungen bleiben bestehen. Und genau dies könnte ein
Grund für den offenkundigen Anstieg von Klagen - vor
der Verabschiedung und in einigen Fällen auch schon
vor der Abstimmung - gegen Initiativen im vergangenen Jahrzehnt sein.
In gewissem Sinne ist die Debatte über Initiativen
juristisch und politisch in eine Sackgasse geraten.
Kritiker des Prozesses sind politisch nicht stark genug,
um ihn zu beschneiden, aber seine Befürworter haben
keine Erfolge verzeichnet, seit sich Wyoming und
Florida im Jahr 1968 den Reihen der Staaten angeschlossen haben, die Initiativen vorsehen. In den
vergangenen zwei Jahrzehnten haben mindestens 20
Staaten ohne die Möglichkeit der Initiative Gesetze in
Erwägung gezogen, um Sonderabstimmungen zuzulassen, aber politische Trägheit, Opposition in den
Parteien und Mangel an Interesse der Öffentlichkeit
zusammengenommen haben diesen Vorschlägen den
Garaus gemacht. Wähler in zwei Staaten haben vom
Parlament unterbreitete Vorschläge zur Einführung
der Initiative nur knapp abgewiesen: In Minnesota im
Jahr 1980 und Rhode Island im Jahr 1986.
Die Möglichkeit der nationalen Initiative liegt in noch
weiterer Ferne. Das Thema wurde bei Anhörungen
des Kongresses im Jahr 1977 zur Sprache gebracht,
aber Gesetzentwürfe dazu haben keine Fortschritte
gemacht.
Aus einem relativ desinteressierten Blickwinkel konstatiert Cronin, daß der Initiativprozeß funktioniert hat
- und er hat "auf Staats- und Gemeindeebene besser
funktioniert als die meisten sich bewu ßt sind". Aber wo
die Befürworter der Basisdemokratie den Vorteil erkennen, daß neue Teilnehmer in das politische System
einbezogen werden, sehen die Kritiker eine Abzweigung politischer Energien und Ressourcen von bevorzugten politischen Prozessen. Was Praktiker des
Initiativprozesses als Instrument für politische Durchbrüche und Volksherrschaft betrachten, wird von den
Kritikern als verselbständigter Impuls für Mehrheitshysterie und Gesetzgebung angesehen, die sich nicht
um Einzelheiten schert. Einzelinitiativen sorgen femer
noch Jahre nach ihrer Annahme oder Verwerfung für
hitzige Debatten.
Selbst die schärfsten Kritiker der Initiative würden sich
jedoch dem Schluß Cronins nicht verschließen, wonach die Mechanismen der Basisdemokratje 'Von Dauer
sind", und zumindest einige Befürworter würden seiner
Forderung nach zusätzlichen Sicherungen bei diesem
Prozeß applaudieren. Bei eingehender Prüfung weist
die Initiative zwar schwerwiegende Mängel auf, aber

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das gleiche gilt für das Gesetzgebungsverfahren und
konventionelle Wahlen. Möglicherweise lassen sich
einige dieser Mängel beheben, aber ob mit oder ohne
Mängel, wo die Initiative zugelassen ist, stellt sie eine
Grundtatsache des amerikanischen politischen Lebens
dar, die von gewählten Vertretern, Interessengruppen
und Wählern insgesamt nicht außer acht gelassen
werden kann.
Die Terminologie der Basisdemokratie
Direct Initiative (Direkte Initiative) - Verfügungen
oder Verfassungsänderungen werden durch Petition
vorgeschlagen und mit einer ausreichenden Zahl von
Unterschriften dem Wähler unmittelbar zur Zustimmung oder Ablehnung vorgelegt. Die Legislative spielt
dabei keine Rolle.
Indirect Initiative (Indirekte Initiative) - Verfügungen
werden durch Petition vorgeschlagen, dann jedoch
dem Parlament unterbreitet. Falls das Parlament nach
einer bestimmten Frist die Verfügung nicht verabschiedet oder so verändert hat, daß sie für deren
Verfechter nicht mehr annehmbar ist, können diese
weitere Unterschriften sammeln und den ursprünglichen Vorschlag dem Wähler zur- Abstimmung vorlegen.
In 23 Staaten sowie dem District of Columbia (Territorium der Bundeshauptstadt Washington) sind die direkte oder indirekte Initiative zulässig.
Populär Referendum (Volksbegehren) - Wähler können
Unterschriften sammeln, um zu fordern, daß bestimmte von der Legislative verabschiedete Gesetze allen
Wählern zur Abstimmung vorgelegt werden. Dieses
Volksbegehren ist in 25 Staaten sowie dem District of
Columbia zulässig.
Für gewöhnlich gelangen einzelne Gesetzesvorhaben
nicht durch Volksbegehren zur allgemeinen Abstimmung. Statt dessen werden sie durch Beschluß der
Legislative dem Volk zur Abstimmung vorgelegt.
Zahlreiche Verpflichtungsgesetze (einen Bundesstaat
oder Gemeinden betreffend) sowie Veränderungen
von ursprünglich durch Initiativen eingeführten Verfügungen erfordern die Zustimmung der Wähler. Alle
Staaten außer Delaware erfordern die Zustimmung
der Wähler zu Verfassungsänderungen.
Recall (Abberufung) - Wähler können Unterschriften
sammeln, um einen Amtsträger abzulösen oder zu
entlassen, für gewöhnlich in einer Sonderabstimmung.
Petitionen für eine Abberufung erfordern normalerweise mehr Unterschriften als eine Initiative oder ein
Volksbegehren.
Gesetze zur Abberufung von Staatsvertretern bestehen in 15 Staaten und dem District of Columbia,
während 36 Staaten die Abberufung von Gemeindevertretern gestatten. Das Verfahren wird auf Staatsebene äußerst selten angewendet.

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�DROGEN
20. November 1991

MARTINEZ DRÄNGT EUROPA ZU KAMPAGNE
GEGEN DROGENMISSBRAUCH
Verabschiedung europaweiter Kontrollen gefordert
LONDON - (AD) - Obwohl Drogenbekämpfungsmaßnahmen nicht immer populär sind, forciert der Drogenbeauftragte der US-Regierung, Bob Martinez, die westeuropäischen Staats- und Regierungschefs zum Handeln
auf, bevor diese Länder sich mit einer ausgewachsenen Drogenepidemie konfrontiert sehen.
"Wir wollen es den Drogenhändlern schwer machen,
ihre Profite zu behalten. Dies bedeutet Kontrollen bei
Geldwäsche und die Beschlagnahmung von Vermögen", erklärte Martinez in einem Interview, während er
im Auftrag des Präsidenten vom 15. bis 26. November
1991 eine Reise in sechs europäische Länder antrat.
Auch die Vereinigten Staaten drängen auf europaweite Kontrollen beim Verkauf von Chemikalien, die zur
Herstellung von Kokain und Heroin verwendet werden
können, auf Präventionsprogramme gegen Drogenmißbrauch, zunehmende Bestrebungen zur Unterbindung des Nachschubs sowie Unterstützung bei der
Bereitstellung alternativer Wirtschaftsprogramme in
Drogenerzeugerländern, fügte Martinez hinau.
Er räumte ein, daß einige Drogenbekämpfungsinitiativen wie die Bekanntgabe von Geldtransfers und chemische Kontrollen politisch nicht immer populär sind.
Martinez verwies jedoch darauf, daß die öffentliche
Unterstützung für Strafverfolgungsmaßnahmen und
Präventionsinintiativen während seiner Amtszeit als
Bürgermeister von Tampa (Florida) und in den achtziger Jahren als Gouverneur von Florida mit Verschärfung des Drogenproblems drastisch anstieg.
Sein Interesse an diesem Problem wurde 1979 geweckt, als er als neu gewählter Bürgermeister von
Tampa 10- bis 12jährige Kinder auf den Straßen in der
Nähe öffentlicher Wohnsiedlungen mit brandneuen
Mopeds herumlungern sah.
"Die Polizei erzählte mir, die Drogenhändler heuerten
diese Kinder an", so Martinez. Die Kinder bekamen
Mopeds und rund 50 Dollar am Tag, um nach neuen
Opfern Ausschau zu halten, "und wenn sie es nicht
richtig machten, nahmen ihnen die Drogenhändler die
Mopeds weg."

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Bedauerlicherweise stieg der Drogenkonsum Martinez zufolge drastisch an, aber die Öffentlichkeit interessierte sich kaum für das Problem oder verschloß die
Augen davor.
Als Martinez 1987 Gouverneur wurde, begann sich
das Verhalten zu ändern, "aber bis dahin hatte der
Drogenkonsum in Florida epidemische Ausmaße erreicht."
Martinez leitete ein breites Spektrum von Drogenbekämpfungsprogrammen ein wie den Einsatz der Nationalgarde in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen
Zoll bei der Inspektion von Containerladungen, Aufstockung der Zahl von Polizeibeamten, Labors und
Zellen sowie die Bereitstellung staatlicher Mittel zum
Abbau der Nachfrage in Schulen und am Arbeitsplatz.
"Wir haben erkannt, daß es ungeachtet der Nationalität oder politischen Lage einen Zeitraum des Verleugnens gibt, den jeder durchläuft," erklärte Martinez und
bezog sich damit auf das Leugnen des Drogenproblems.
"Ich verstehe, daß man in der Politik viele Dinge tun
kann, bevor man ein Krisenstadium erreicht...," fügte
er hinzu. "Aber das mindeste, was wir meiner Ansicht
nach tun können, ist, unsere Erfahrungen zu vermitteln."
Martinez wird in Großbritannien, Deutschland, Belgien, Frankreich, Italien und Spanien mit Regierungsvertretern, Geschäftsleuten, Drogenexperten und
Polizeibeamten zusammentreffen.
Er verwies darauf, daß bereits viel getan wird, einschließlich der Hilfe für die Andenstaaten Bolivien,
Kolumbien und Peru. "Einigen von ihnen wollen wir

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�danken", erklärte er. "Manche dieser Länder haben "Ich habe Berichte gesehen, denen zufolge Crack jetzt
bereits Geld investiert, und ihre Beamten reisen in die Einzug in einigen Städten Europas hält, wo die Drogenkonsumenten und -händler bisher nicht darauf
Regionen, um sich dort ein Bild zu verschaffen."
vorbereitet waren. Jetzt sind sie gewappnet," erklärt
Martinez betonte jedoch, "es gibt ungeheure Bestre- Martinez.
bungen der Kokain-Kartelle zum Vertrieb ihres Produkts in Europa ... Sie sind sehr klug, finanziell gut In den siebziger Jahren haben Martinez zufolge die
ausgestattet, und sie setzen die beste Technologie Menschen in den Vereinigten Staaten nicht auf die
ein. Ich bin nicht sicher, ob es manche westlichen Warnungen der Polizei gehört, Drogenhandel und
Länder mit ihnen aufnehmen können."
Gewalt würden zunehmen. "Meiner Meinung nach ist
dies ein Grund, warum Drogen in den Vereinigten
Für die Vereinigten Staaten "ist der Umgang mit den Staaten so gut Fuß fassen konnten, und heute müssen
kolumbianischen Kartellen schwierig genug", erklärte wir so viel Geld und Mühe zur Eindämmung des
er, "auch mit den 11,7 Milliarden Dollar, die ausgege- Drogenkonsums investieren."
ben werden" um ihren illegalen Handel zu durchkreuzen.
"Wenn der Import von Kokain nach Europa nur die
Frage einiger Jahre war", fügte er hinzu, "und wenn
Diese Zahl fordert Präsident Bush für die Drogenbe- man die Zahlen betrachtet, steigen sie eher als daß sie
kämpfung im Haushaltsjahr 1992. Der Antrag wurde fallen, dann kann es noch einige Jahre dauern, bis sich
vom Amt für nationale Drogenbekämpfungspolitik - die vollen Auswirkungen dort zeigen."
das Martinez leitet - in Zusammenarbeit mit anderen
Bundesbehörden erarbeitet.
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