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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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53Öi0

0

1. Mai 1990

o^

USA - DEUTSCHLAND

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN
BEZIEHUNGEN UND DIE NEUEN
BUNDESLÄNDER
Rede von Botschafter Walters

OSTEUROPA

ANHÖRUNG IM KONGRESS ÜBER HILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede von Botschafter Barry

HINTERGRUND

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

IKE UND DIE SOGENANNTEN
GREUELTATEN
von Stephen E. Ambrose

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�U S A - DEUTSCHLAND
1. Mail991

DIE DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
UND DIE NEUEN BUNDESLÄNDER
Rede von Botschafter Walters
DRESDEN - (AD) - Bei einer Ansprache vor der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland am 25. April
1991 in Dresden verlieh Botschafter Walters seiner Überzeugung Ausdruck, "daß die neuen Bundesländer bald
Anschluß an das wirtschaftliche Niveau der früheren Bundesrepublik finden werden". Die Überwindung der
Teilung Deutschlands und Europas sei stets ein vorrangiges Ziel amerikanischer Außenpolitik der vergangenen
Jahrzehnte gewesen, und konsequenterweise hätten die Vereinigten Staaten die Vereinigung der beiden
deutschen Staaten vorbehaltlos unterstützt. "Wir sind glücklich, daß wir dieses Ziel erreicht haben", so der
Botschafter.
Um die Zusammenarbeit mit den neuen Bürgern der Bundesrepublik Deutschland zu erleichtern, habe die
Amerikanische Botschaft eine Art Arbeitsprogramm erstellt. Dazu zählten verschiedenartige Programme zur
Förderung des Austauschs von Schülern, jungen politischen Führungskräften, Journalisten und Vertretern des
kulturellen Lebens.
Botschafter Walters zufolge besteht eine "unserer Hauptaufgaben darin, amerikanischen Firmen ihre unternehmerische Tätigkeit in Ostdeutschland zu erleichtern." Darüber hinaus liege der amerikanischen Regierung viel
daran, ihre "Beziehungen zu den neuen Bundesländern genauso fruchtbar zu gestalten wie unser langjähriges
Verhältnis zu den Ländern der früheren Bundesrepublik." Der Botschafter unterstrich, auch die Vereinigten
Staaten seien an einem schnellen wirtschaftliche Aufschwung in der ehemaligen DDR interessiert und verlieh
seiner Hoffnung Ausdruck, daß "die Probleme, die wohl bei einer Umstrukturierung von solch historischem
Ausmaß nicht ausbleiben, bald der Vergangenenheit angehören."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von Botschafter Walters im Wortlaut (es gilt das gesprochene
Wort).

Sehr geehrter Herr Präsident,
Herr Minister,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
sollte noch jemand einen Beweis dafür benötigen, wie
sehr sich die Welt in den letzten zwei Jahren verändert
hat, dann müßte die Tatsache, daß die diesjährige
Jahresversammlung der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland in Dresden stattfindet, eigentlich
ausreichen. Vor zwei Jahren noch war Dresden eine
Stadt jenseits des Eisernen Vorhangs, in einem Staat,
von dessen Politik und Wirtschaft die meisten Bürger
hier genug hatten. Vor anderthalb Jahren haben die
Menschen in dieser Stadt, in Leipzig und andernorts
unter schwierigsten und gefährlichsten Umständen
Freiheit und Demokratie erkämpft. Heute ist Dresden
AMERIKA DIENST 17

wieder die Hauptstadt des Freistaates Sachsen in
einem vereinten Deutschland. Dresden ist wieder eine
Kulturmetropole in einem ungeteilten Europa, in dem
politische und wirtschaftliche Kooperation an die Stelle
der Konfrontation des kalten Krieges getreten ist.
Der Warschauer Pakt hat vor wenigen Wochen aufgehört zu existieren, und die Welt nahm kaum mehr Notiz
davon. Ein Ereignis, das vor zwei Jahren noch unvorstellbar war, fand in der Washington Post nur noch auf
Seite 16 Beachtung. Es ist unglaublich viel geschehen
und erreicht worden. Freiheit und Demokratie in einem
Teil derWelt, der über vierzig Jahrelang unter kommunistischen Diktaturen litt, sind für viele heute schon zu
einer Selbstverständlichkeit geworden.
Dieser Teil Deutschlands genießt nun alle politischen
und wirtschaftlichen Freiheiten, wie sie im Westen
Seite 1

�schon lange bestehen. Allerdings wissen wir alle um
die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Umstellung einer kommunistischen Planwirtschaft auf ein
marktwirtschaftliches System. Hohe Investitionen
müssen getätigt werden, um Arbeit und Wohlstand zu
schaffen. Ich verstehe die Ungeduld vieler Menschen
in den neuen Bundesländern- wenn sie heute ihre
wirtschaftliche Lage mit dem Wohlstand im westlichen
Teil Deutschlands vergleichen.

nen, und wir möchten gerne mit den Menschen dieses
Landesteils zusammenarbeiten und Gedanken austauschen. Ich glaube, daß dies auch im Interesse der
amerikanischen Unternehmen ist, die hier investieren
oder neue Absatzmärkte erschließen.

Nach einem Jahr frustrierender Verzögerungen wird
demnächst unser Generakonsulat in Leipzig zum ersten
Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder seine Tore
öffnen. In einer Zeit des haushaltspolitisch begründeAber ich habe Deutschland noch in ganz anderer ten Abbaus diplomatischer Vertretungen in anderen
Erinnerung. Ich habe bei meinem Aufenthalt in den Teilen der Welt ist die Einrichtung einer neuen Dienstwestlichen Zonen im Jahre 1948 völlig zerbombte stelle ein Signal unserer Solidarität mit den Menschen
Städte gesehen. Angesichts der Verwüstung hatte ich in der ehemaligen DDR und unseres Respekts für ihre
damals nicht geglaubt, daß Deutschland noch zu meinen Entschlossenheit, frei zu sein und die Früchte der
Lebzeiten wiederaufgebaut werden könnte. Heute Freiheit zu genießen.
zählen diese Städte zu den wohlhabensten WirtschaftsZusammen mit dem Generalkonsulat eröffnen wir in
regionen dieser Welt.
Leipzig ein Amerika Haus. Wie unsere Amerika HäuAuch in diesem Teil Deutschlands haben die Men- ser im westlichen Teil Deutschlands wird dieses Haus
schen in Anbetracht der Unzulänglichkeit der kommu- eine umfassende Bibliothek mit amerikanischen Bünistischen Wirtschaft Erstaunliches geleistet. Es gab chern und Zeitschriften haben, und seine Programme
nur einen Unterschied: die Bürger in den heutigen werden als Fenster zu zeitgenössischen kulturellen
westlichen Bundesländern konnten sich in einem frei- und sonstigen Ereignissen in den Vereinigten Staaten
en Wirtschaftssystem entfalten; die Wirtschaftstätig- dienen.
keit in derfrüheren DDR wurde von staatlicher Planung
Wir haben bereits damit begonnen, auf die Schulen in
gehemmt und behindert.
den neuen Bundesländern zuzugehen. Bereits kurz
Ich bin überzeugt, daß die neuen Bundesländer bald nach der Vereinigung haben wir Programme zur LehAnschluß an das wirtschaftliche Niveau der früheren rerfortbildung in allen neuen Bundesländern veranstalBundesrepublik finden werden. Es wäre wünschens- tet. Jahrzehntelang wurden Lehrkräfte und ihre Stuwert, dieser Prozeß ginge schneller. Aber was die denten nur mit Propaganda und Fehlinformationen
soziale Marktwirtschaft nach dem Krieg im Westen zu gefüttert. Die Nachfrage nach Informationen über die
leisten vermocht hat, wird sie in dieser Zeit in diesem Vereinigten Staaten ist riesig, und wir tun unser Bestes, ihr nachzukommen.
Landesteil schon allemal vermögen.
Die Vereinigten Staaten haben die Vereinigung der
beiden deutschen Staaten vorbehaltlos unterstützt.
Die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas war ein vorrangiges Ziel amerikanischer Au ßenpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Wir sind glücklich,
daß wir gemeinsam dieses Ziel erreicht haben.

Seit langem unterhalten wir ein Programm, um junge
deutsche politische Führungskräfte, Journalisten und
Vertreter des kulturellen Lebens in die Vereinigten
Staaten einzuladen, damit sie unser Land kennenlernen und mit ihren amerikanischen Kollegen zusammentreffen können. Dieses Programm ist auf die
neuen Bundesländer ausgeweitet worden. In diesem
Die Vereinigten Staaten und die Bundesrepublik Deutsch- Jahr erwarten wir mindestens 50 junge Führungskräfte
land sind durch eine gemeinsame Verteidigungsalli- zu einmonatigen Besuchen in den Vereinigten Staaanz und durch eine Vielzahl von Kontakten auf allen ten. Im nächsten Jahr werden es hoffentlich noch
möglichen Ebenen verbunden. Über Jahrzehnte hin- mehr sein.
weg hatten Amerikaner und Deutsche aus West-Berlin
und den westlichen Bundesländern die Möglichkeit, Das Fulbright-Programm erfreut sich weltweit eines
einander zu begegnen und sich kennenzulernen. Mauer beispiellosen Rufs für den akademischen Austausch.
und Stacheldraht hatten in der Vergangenheit verhin- Die Programme der deutsch-amerikanischen Fulbrightdert, daß Sachsen und Thüringer, Mecklenburger und Kommission haben das Leben und die Studien TauBrandenburger uns kennenlernen konnten - und wir sender deutscher und amerikanischer Wissenschaftsie. Au ßerdem hat die kommunistische Propaganda in ler in den vergangenen vierzig Jahren bereichert.
der DDR vier Jahrzehnte lang ein verzerrtes Bild von Heute konzentriert sich die Aufmerksamkeit der
Amerika verbreitet.
Kommission auf die neuen Bundesländer, da sich
Universitäten mit langer Tradition erneut als Zentren
Die amerikanische Botschaft in Bonn hat deshalb eine für Forschung und Lehre in einer Atmosphäre akadeArt Arbeitsprogramm erstellt, um den neuen Bürgern mischer Freiheit herausbilden.
der Bundesrepublik Deutschland die Hand zur Freundschaft und Zusammenarbeit zu reichen. Sie sollen die Im Jahr 1983riefender Deutsche Bundestag und der
Möglichkeit haben, uns und unser Land kennenzuler- amerikanische Kongreß ein Progamm ins Leben, um
Seite 2

AMERIKA DIENST 17

�jungen Deutschen und Amerikanern einen einjährigen
Aufenthält mit Unterbringung bei Gastfamilien, Schulbesuchen und dem Aufbau dauerhafter Freundschaften im jeweils anderen Land zu ermöglichen. Im
nächsten Schuljahr soll das Programm auch Schülern
aus den neuen Bundesländern diese Möglichkeit einräumen. Gleichzeitig werderj. amerikanische Studenten bei Gastfamilien in den neuen Bundesländern
untergebracht.
Einige der militärischen Stützpunkte, die wir in Deutschland schließen, verfügen über ausgezeichnete Bibliotheken. Der US-Informationsdienst hat Vorkehrungen
getroffen, um diese Bibliotheken Universitäten und
anderen Institutionen in den neuen Bundesländern zu
übergeben. In der ersten Juniwoche wird die erste
dieser Sammlungen mit 25.000 Bänden aus der Bibliothek der US-Luftwaffe in Westdeutschland an die
Sächsische Landesbibliothek in Dresden gehen.
Die Außenhandelsabteilung der amerikanischen Botschaft berät amerikanische Unternehmen bei Investitionen in den neuen Bundesländern. Die Mitarbeiter
dieser Abteilung sind vor Ort mit Rat und Tat behilflich,
machen aber auch Unternehmen in den Vereinigten
Staaten auf spezifische Investitionsmöglichkeiten
aufmerksam. Sie helfen interessierten Unternehmen
dabei, die richtigen Kontakte mit der Treuhandanstalt,
den Länderregierungen, den Kommunalbehörden und
ostdeutschen Firmen zu knüpfen. Darüber hinaus
bemühen wir uns um ein Abkommen, mit dem das
Programm zur Versicherung von Investitionen im
Ausland amerikanischen Firmen zugänglich gemacht
wird, die in der früheren DDR investieren wollen. Wir
erwarten, daß diese Versicherungen der Overseas
Private Investment Corporation (OPIC) in unmittelbarer Zukunft verfügbar werden.
Wir sehen eine unserer Hauptaufgaben darin, amerikanischen Firmen ihre unternehmerische Tätigkeit in
Ostdeutschland zu erleichtern. Unser Schwerpunkt
liegt dabei auf der Förderung amerikanischer Ausfuhren. In diesem Rahmen ergeben sich Tausende von
Geschäftskontakten. Ich freue mich, Ihnen mitteilen
zu können, daß die Zahl der Mitarbeiter unserer Handelsabteilung in Berlin erhöht wird. Auch wird bald ein
Vertreter des amerikanischen Handelsministeriums in
Leipzig seinen Dienst antreten. Wir haben bereits
Geschäftspartner bei "Trade Days" in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammengeführt, und
ähnliche Ereignisse werden kommenden Monat im
Norden stattfinden. Wir planen Seminare über USExportkontrollen sowie eine Reihe von Vorträgen, um
US-Umwelttechnologie in Osteuropa einzuführen.
Wir nutzen aktiv die Handelsmessen, um Kontakte
zwischen ostdeutschen und amerikanischen Geschäftsleuten zu knüpfen. Wir arbeiten mit der Berliner
Messegesellschaft zusammen, um eine stärkere
amerikanische Beteiligung an Messen im Osten zu
erzielen und freuen uns auf die Zusammenarbeit mit
AMERIKA DIENST 17

Berlin, Leipzig und anderen Städten bei der Entwicklung neuer Konzepte für Messen.
Darüber hinaus arbeiten wir mit deutschen Umweltexperten bei Fragen der Beseitigung von Altlasten in der
früheren DDR zusammen. Durch unsere eigenen
Umweltprogramme haben die Vereinigten Staaten große
Erfahrung bei der Aufbereitung von verseuchtem Land
und Grundwasser gewonnen. Darüber hinaus sind wir
an einer Zusammenarbeit zur Verbesserung der Luft
im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Polen und der
Tschechoslowakei interessiert. Ferner wollen wir
Austauschprogramme mit Umweltwissenschaftlern aus
den neuen Bundesländern fördern.
Der amerikanischen Regierung liegt viel daran, unsere
Beziehungen zu den neuen Bundesländern genauso
fruchtbar zu gestalten wie unser langjähriges Verhältnis zu den Ländern in der früheren Bundesrepublik.
Wir sind auch an einem schnellen wirtschaftlichen
Aufschwung in der ehemaligen DDR interessiert. Die
anderen früheren kommunistischen Staaten Mittelund Osteuropas sehen in der ehemaligen DDR sozusagen einen Vorreiter im Hinblick auf die Umstrukturierung ihrer Wirtschaft. Sie alle wissen, daß es sehr
schwierig ist, das Erbe von vierzig Jahren Planwirtschaft wegzuräumen und eine funktionierende Marktwirtschaft einzuführen. Gelingt dies in den neuen
deutschen Bundesländern, so können auch die Nachbarländer im Osten und Südosten Hoffnung und Zuversicht schöpfen.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten lassen Resignation und Unruhe in den mittel- und osteuropäischen
Reformstaaten aufkommen. Es ist in unser aller
Interesse, die Demokratie im Osten und Südosten
Europas zu festigen. Ebensogilt eszu verhindern, daß
ein krasses Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West
diesen Kontinent erneut teilt. Sie wissen, große Unterschiede im Lebensstandard und mangelnde wirtschaftliche Perspektiven im internationalen Vergleich sind
potentielle Ursachen für innere wie äußere Spannungen.
Aber Sie wissen, die Regierungen allein können diesen gewaltigen wirtschaftlichen Strukturwandel nicht
allein bewerkstelligen. In erster Linie schaffen private
Investitionen Arbeitsplätze und Wohlstand. Die Bundesregierung unternimmt große Anstrengungen zum
Neuaufbau dieses Landesteiles. Aber es besteht im
wesentlichen Übereinstimmung, daß der Schlüssel zu
einer modernen, zukunftsorientierten Wirtschaft bei
den privaten Investoren liegt.
Die Bundesregierung und die Regierungen der neuen
Länder und ihre Institutionen haben wiederholt um
ausländische Investoren in der ehemaligen DDR
geworben. Wir tragen unseren Teil dazu bei, damit in
den Vereinigten Staaten bekannt wird, welche wirtschaftlichen Chancen sich für amerikanische Firmen
hier bieten. Einige von Ihnen werden möglicherweise

Seite 3

�bereits in den neuen Bundesländern sehr aktiv sein.
Ich war gestern in Erfurt bei der Eröffnung einer Filiale
einer amerikanischen Einzelhandelskette. Im benachbarten Eisenach wird der größte amerikanische Automobilhersteller hohe Investitionen tätigen.

Platz auf einem Ihrer Messestände. Laden Sie den
Neuling zur Teilnahme an einer der Messen ein. Helfen Sie ihnen, und Sie werden wahrscheinlich selbst
einen Nutzen davon haben.

Weisen Sie Ihre Partner in den Vereinigten Staaten auf
die Bedeutung der deutschen Messen hin. Ich habe
einige dieser Messen besucht und habe gesehen, wie
Geschäfte zustande kommen und abgeschlossen
werden. Sie wissen, eine deutsche Messe ist nicht mit
amerikanischen Ausstellungen vergleichbar, mit denen die meisten unserer Firmen vertraut sind. Viele
amerikanische Unternehmer erschauem bei dem
Gedanken an eine zusätzliche Ausstellung und nehmen einfach an, daß meistens sowieso nur wenig
dabei herauskommt. Sie glauben, daß es sich bei den
Allerdings erfuhren wir auch von Fällen, in denen Ausstellungen lediglich um eine andere Form von
amerikanischen Unternehmen nicht die gleichen Werbung handelt. Es wäre wichtig, daß Sie erfahren,
Chancen bei Geschäftsvorhaben wie deutschen Fir- daß man auf einer Messe mit Käufern aus aller Welt in
men eingeräumt wurden. Amerika ist grundsätzlich an Kontakt kommt und dabei beträchtliche Verkäufe getäeinem wirtschaftlichen Engagement in den neuen tigt werden können.
Bundesländern interessiert. Aber es wäre letzlich
schädlich für beide Seiten, wenn bei der Vergabe von Die Ergebnisse der CeBIT '91 werden zur Zeit immer
Aufträgen oder bei unternehmerischen Vorhaben nicht noch ausgewertet. Aber im letzten Jahr wurden in den
verschiedenen US-Pavillons, die ungefähr 400 kleineder beste Anbieter zum Zuge käme.
re und mittlere Firmen beherbergten, Verträge abgeLassen Sie mich zum Schluß noch Werbung in eigener schlossen, die zwischen einer halben und dreiviertel
Sache machen. Die amerikanische Regierung unter- Milliarde US-Dollar einbrachten! In dieser Zahl sind
nimmt große Anstrengungen, faire Wettbewerbsbe- natürlich die Verkäufe unserer größten Firmen nicht
dingung und offene Märkte weltweit zu schaffen. Seit enthalten. Die meisten dieser Firmen waren über ihre
Jahren bemühen wir uns darum bei der Uruguay- deutschen Töchter registriert und werden deshalb
Runde des GATT. Unser Ziel ist es, Handelsbarrieren auch als deutsche Firmen in den Statistiken geführt.
abzubauen und allen Anbietern gleiche Chancen auf Wir haben Käufer aus aller Herren Länder an den USinternationalen Märkten einzuräumen.
Ständen gesehen. Helfen Sie uns, den amerikanischen Firmen klarzumachen, daß der Verkauf auf
Meiner Regierung liegt auch viel daran, amerikanische einer deutschen Messe nicht auf Deutschland beExporteure mit Rat und Tat zu unterstützen. Es geht grenzt ist.
um die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen
ebenso wie um die Verbesserung unserer Handelsbi- Als Vertreter amerikanischer Unternehmen in Deutschlanz. Unser Foreign Commercial Service hilft amerika- land sind Sie in der Position, Chancen für amerikaninischen Exporteuren auf ausländischen Märkten, ver- sche Produkte auf diesem Markt frühzeitig zu erkenmittelt Geschäftskontakte, macht sie mit den Eigenhei- nen. Geben Sie Ihr Wissen über Märkte, Käufer und
ten des Importlandes vertraut und vieles mehr. In Vertriebsmöglichkeiten an Ihre Partnerfirmen in den
unserer Botschaft ist es die Aufgabe meines Kollegen USA weiter. Ich glaube, erweiterte und verbesserte
Jack Bligh, der heute abend hier anwesend ist, US- Geschäftsbeziehungen zwischen den Vereinigten
Firmen bei der Anbahnung und Abwicklung von Ge- Staaten und Deutschland sind für uns alle ein Gewinn.
schäften behilflich zu sein. Aber Jack Bligh und seine
Mitarbeiter können nicht alle potentiellen Exporteure in Meine Damen und Herren, es ist für mich wirklich ein
den Vereinigten Staaten auf ihre Chancen und Mög- großer Tag, als Botschafter der Vereinigten Staaten
lichkeiten in Deutschland aufmerksam machen. Des- von Amerika im vereinten Deutschland zu Ihnen heute
halb wende ich mich an Sie.
in Dresden sprechen zu können. Ich spreche hier auch
als Ehrenpräsident der Amerikanischen HandelskamSie kennen wahrscheinlich alle eine kleine Firma in den mer in Deutschland. Es ist ein zentrales Anliegen
Vereinigten Staaten, die noch nicht hier auf dem Markt amerikanischer Außenpolitik, unsere Beziehungen zu
ist, die aber über ein vermarktungsfähiges Produkt Deutschland auf allen Ebenen zu festigen und zu
verfügt. Diese Firma mag zu klein sein, um über erweitern. Die Amerikanische Handelskammer in
Überseemärkte informiert zu sein. Vielleicht könnten Deutschland leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.
Sie den Kontakt zu einem ausländischen Händler oder Dafür danke ich Ihnen. Vielen Dank.
Importeur herstellen. Oder vielleicht haben Sie noch
Die vielen Anfragen interessierter amerikanischer Firmen bei unserer Botschaft in"Bonn lassen schließen,
daß sich die Zahl der Investitionen in der Zukunft
sicherlich beträchtlich erhöhen wird. Aber nicht nur
amerikanische Investoren klagen über Schwierigkeiten bei der Verwirklichung von Vorhaben. Wir hoffen,
daß diese Probleme, die wohl bei einer Umstrukturierung von solch historischem Ausmaß nicht ausbleiben,
bald der Vergangenheit angehören.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 17

�OSTEU ROPA
1. Mai 1991

ANHÖRUNG IM KONGRESS ÜBER HILFE
FÜR OSTEUROPA
Rede von Botschafter Barry
WASHINGTON - (AD) - Hochrangige Regierungsbeamte forderten den Kongreß am 24. April 1991 zur
Verabschiedung von Gesetzen auf, denen zufolge im Haushaltsjahr 1992 Hilfe für Osteuropa im Umfang von 470
Millionen Dollar bewilligt werden kann. Sie argumentierten, eine Steigerung gegenüber dem laufenden
Haushaltsjahr sei entscheidend, damit die Länder in der Region ihren Vormarsch zu Demokratie und freier
Marktwirtschaft weiterführen können.
Bei einer Anhörung vor dem Unterausschuß für Europa des Auswärtigen Ausschusses im Senat erklärte der
Sonderberater des stellvertretenden Außenministers für Osteuropahilfe, Botschafter Robert Barry, die Mittel
könnten in drei Hauptbereichen eingesetzt werden: für demokratische Initiativen, Förderung von Wirtschaftsreformen und Verbesserung der Lebensqualität.
Barry bezeichnete die Einführung von Demokratie und freier Marktwirtschaft in Mittel- und Osteuropa als
"strategische Priorität" der Regierung. "Im Laufe des letzten Jahres hat unsere Hilfe den Ländern der Region
in unterschiedlichem Umfang zu Fortschritten zu diesem Ziel verholten," erklärte Barry.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Barrys Rede im Wortlaut.

In meiner heutigen Rede möchte ich die allgemeine
strategische Richtung unseres Hilfsprogramms für Mittelund Osteuropa beschreiben. Welche Prioritäten haben
wir, und wie setzen wir sie? Wie verändern sie sich mit
der Zeit? Welche unvorhergesehenen Probleme haben
sich ergeben, und wie versuchen wir damit fertigzuwerden? Wie ergänzen US-Programme die anderer
Spender? Welche Rolle spielt der Privatsektor? Welche
Merkmale charakterisieren die Programme für Osteuropa, und wie funktionieren diese "Experimente"? Ich
spreche hierfür den Stellvertretenden Außenminister
Lawrence Eagleburger, der für die gesamte Koordination der US-Hilfe - sei sie durch das Bewilligungsgesetz
über Auslandshilfe oder anderweitig finanziert - in der
Region verantwortlich ist.
Zuerst möchte ich darauf eingehen, wie Herr Eagleburger und die stellvertretenden Koordinatoren - der
Vorsitzende des Rats der Wirtschaftsberater, Boskin,
und der Stellvertretende Finanzminister John Robson
ihre Rolle gegenüber dem Amt für Internationale Entwicklung (AID) abstecken. Als ihr hochrangiger Förderer würde ich die Rolle des Koordinators als Garanten
AMERIKA DIENST 17

dafür beschreiben, daß AID-Programme, Handelsfragen, wirtschafts- und sicherheitspolitische Themen sich
wechselseitig ergänzen und zusammenwirken und die
Koordinierung mit anderen Geberländern und multilateralen Institutionen wie dem IWF, der IBWE, EBWE
und der EG-Kommission stattfindet. Viele der wichtigsten US-Beiträge zur Osteuropahiife sind das Ergebnis des Koordinierungsprozesses - die Gründung des
Stabilisierungsfonds für Polen, der Unternehmensfonds für Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei,
neuer OECD-Programme und die Lasten Verteilung.
Ziele und Prioritäten der Vereinigten Staaten
Die Ziele der US-Hilfe sind konstant, und aufgrund der
von den Ländern in der Region erzielten Fortschritte
haben sie Anspruch auf diese Hilfe. Ähnliche Kriterien
legen die 24 Geberländer an, die ihre Hilfe durch den
Mechanismus der G-24 unter dem Vorsitz der Kommission der Europäischen Gemeinschaften in Brüssel
koordinieren. Wir sind bestrebt um
demokratische, pluralistische Gesellschaften auf
der Grundlage der Rechtsstaatlichkeit und
Seite 1

�Achtung von Menschenrechten und Freiheiten
des einzelnen,
die Einführung freier Marktwirtschaften mit starken Privatsektoren,
die Wiedereingliederung dieser Länder in die
wirtschaftliche und politische Struktur des
Westens, wie es ihrer Geschichte und ihren
Werten nach sein sollte sowie an der Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen zu den
Vereinigten Staaten.
Aufgrund dieser Kriterien konzentrierten sich unsere
Länderprioritäten zunächst auf Polen und Ungarn, die
auf dem Weg wirtschaftlicher und politischer Reformen am weitesten fortgeschritten waren. Im Jahr 1990
wurde auch die Tschechoslowakei auf die Prioritätenliste gesetzt. 1991 rechtfertigt das von Präsident
Schelew in Bulgarien in die Wege geleitete mutige
Reformprogramm unsere zunehmende Unterstützung,
insbesondere da die bulgarischen Erfolge eine stabilisierende Wirkung auf dem Balkan haben könnten.
Darüber hinaus gewähren wir Jugoslawien weiterhin
begrenzte Hilfe, mit besonderer Betonung der Unterstützung demokratischer Institutionen und der Ausbildung in den für eine freie Marktwirtschaft erforderlichen Qualifikationen und an Rumänien unter besonderer Berücksichtigung humanitärer Hilfe und des Aufbaus der Demokratie.
Zweckorientierte Prioritäten
Die Art der von uns entwickelten Hilfsprogramme ist
auf diese Ziele zugeschnitten. In jedem dieser zwekkorientierten Bereiche haben wir eine Vielzahl von Programmen entwickelt, bei denen die Vereinigten Staaten unseres Erachtens einen vergleichsweisen Vorteil
vor anderen potentiellen Gebern haben. Daher haben
wir mit den Ländern in der Region einen umfassenen
Dialog geführt, um ihre Prioritäten festzustellen und in
die Praxis zu umzusetzen. Gleichzeitig können der
Koordinierungsmechanismus der G-24 in Brüssel und
der zunehmend wichtige Dialog zwischen den Gebern
in jedem Land gewährleisten, daß unsere Programme
die der anderen Geber ergänzen.
Im Rahmen dieses Prozesses versuchen wir zur Zeit,
diegrößten Hindemisse für politische und Wirtschaftsreformen herauszufinden, damit wir unsere Prioritäten
anpassen und gegebenenfalls neue Mittel bereitstellen können. Ich möchte Ihnen jetzt kurz erläutern, wo
unserer Meinung nach gegenwärtig die Hauptproblembereiche liegen, auf die sich unsere Aufmerksamkeit konzentrieren sollte.
Hindernisse für Reformen
Erstens verschärft sich das Problem der politischen
Instabilität in einigen Ländern der Region. Wir hatten
erwartet, daß die Wirtschaftsprobleme der Übergangs-

Seite 2

phase eine Herausforderung für die aufstrebenden
Institutionen der neuen Demokratien darstellen würden, aber die Bürde wurde durch den Golf krieg und
den Zusammenbruch des Handels mit der Sowjetunion noch schwerer. Die durch Nationalitätenkonflikte
verursachten Unruhen waren größer und andauernder
als wir gehofft hatten.
Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssen wir
besondere Betonung auf den Aufbau der Demokratie
und Programme zur Verbesserung der Lebensqualität
legen. Von der Unterstützung der Tschechoslowakei
bei der Erarbeitung einer Verfassung, in derdie Rechte
des einzelnen geschützt werden, bis zur Verbesserung der Gesundheitsfürsorge in Bulgarien kann unser
Engagement einen Unterschied bewirken.
Zweitens stellte die Kluft zwischen makro- und mikroökonomischen Reformen ein größeres Problem dar
als wir vor einem Jahr erwartet hatten. Das im Jahr
1990 von Polen durchgeführte mutige Stabilisierungprogramm produzierte nicht die gewünschte Reaktion
der Angebotsseite, weil die Privatisierung hinterherhinkte und die Staatsbetriebe vom Markt und den
Wettbewerbskräften abgeschnitten waren. Polen hat
jetzt ein umfassendes Dreijahresprogramm verabschiedet, und wir drängen alle Länder der Region, das
Tempo der Privatisierung und die Schaffung wirklich
wettbewerbsfähiger Marktbedingungen zu beschleunigen. Wie Sie ausgeführt haben, werden Erfolg oder
Scheitern des polnischen Programms von den anderen Ländern in der Region, insbesondere der UdSSR
genau beobachtet.
Zur Unterstützung mikroökonomischer Reformen stehen den Vereinigten Staaten eine Reihe von Instrumenten zur Verfügung, die wir verstärkt anwenden
werden. Unsere Unternehmensfonds stimulieren den
Privatsektor in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei. Die polnisch-amerikanischen und ungarischamerikanischen Fonds haben bereits 26 Millionen
Dollar ausgeschüttet und können 90 Millionen oder
mehr Dollar bereitstellen, wenn die von ihnen ausgearbeiteten Projekte Erfolge zeitigen. Wir beschleunigen
die Ausbildung von Führungskräften in Wirtschaft und
Bankwesen und die Unterstützung des Privatisierungsprozesses in Industrie und Landwirtschaft. Wir sind bei
der Erarbeitung von Gesetzen behilflich, die Wettbewerbsfähigkeit zu einer Realität werden lassen und bei
der Bereitstellung finanzieller Vermittler, die den Privatisierungsprozeß unterstützen werden. Im Hinblick auf
die Ressourcen der US-Regierung liegt hierin unsere
größte Verpflichtung für die Haushaltjahre 1992 und
1991. Gleichzeitig müssen wir unsere Aktivitäten auf
andere wichtige Geber konzentrieren - insbesondere
die Internationale Bankfür Wiederaufbau und Entwicklung IBWE und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung EBWE - um die Engpässe beim
Wachstum des Privatsektors zu beheben.

AMERIKA DIENST 17

�Drittens erweitert sich die Handelskluft, und die Investitionsströme aus dem Westen waren entmutigend.
Der Zusammenbruch des Handels mit der UdSSR
vollzog sich rascher als prognostiziert, und zusammen
mit dem Verlust der ehemaligen DDR als Markt hat
dies eine umfassende Neuorientierung des Handels
erforderlich gemacht. Gleichzeitig waren amerikanische und westliche Investoren vorsichtiger als wir
gedacht hätten. Bis zum Vorabend von Präsident
Walesas Besuch in den Vereinigten Staaten hatten
amerikanische Firmen nur 30 Millionen Dollar in Polen
investiert.
Die Verbesserung des Klimas für Handel und Investitionen ist unsere wichtigste neue Priorität für den Rest
des Jahres 1991. Der Schuldenabbau Polens sollte
einen entscheidenden Beitrag dazu leisten. Infolge
der von den Vereinigten Staaten in die Wege geleiteten
Initiative sind Kreditinstitutionen wie die Export Import
Bank in Polen wieder aktiv. Die während des Walesa
Besuchs angekündigte Amerikanische Unternehmensinitiative und die Initiativie zur Erweiterung des Handels sollten ferner dazu dienen, das Klima für amerikanischen Handel und Investitionen in der gesamten
Region zu verbessern. Die anderen müssen ihren Teil
dazu beitragen. Die Länder Mittel- und Osteuropas
müssen weitere Schritte unternehmen, um ihre gegenseitigen Handelsschranken abzubauen und insbesondere das Klima für westliche Investoren attraktiver zu
machen, um das Privatkapital anzuziehen, das auf
lange Sicht sehr viel mehr für ihre Volkswirtschaften
leisten wird als jegliche westliche Regierungshilfe.
Unsere europäischen Verbündeten müssen verbesserten Marktzugang für Exporte aus der Region schaffen. Vor einem Jahr haben wir alle gesagt, erweiterter
Handel und Investitionen wären die Triebfeder für
Wachstum und Reformen in Mittel- und Osteuropa.
Dies müssen wir im Jahr 1991 in die Tat umsetzen.
Im Haushalt 1992 beantragte Mittel
Aufgrund der obengenannten Prioritäten hat die
Administration 470 Millionen Dollar für die Unterstützung Osteuropas beantragt, was im Vergleich zum
Haushaltsjahr 1991 einen erheblichen Zuwachs darstellt. Davon sind 70 Millionen Dollar für die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung vorgesehen. Die restlichen 400 Millionen Dollar verteilen
sich folgendermaßen:
29 Millionen für die Entwicklung demokratischer
Institutionen,
305 Millionen für die Förderung wirtschaftlicher
Umstrukturierungsmaßnahmen,
61 Millionen für Projekte zur Verbesserung der
Lebensqualität und
5 Millionen für Rechnungsprüfung, Auswertung
und Programmunterstützung.

AMERIKA DIENST 17

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, würden die
von uns im Haushaltsjahr 1992 beantragten 400 Millionen Dollar etwa folgendermaßen eingesetzt:
190 Millionen für Projekte im Rahmen des
Gesetzes zur Unterstützung der Osteuropäischen Demokratien (SEEDI), davon 164 Millionen für die Unternehmensfonds.
55 Millionen für andere Programme, die nicht
von AID, sondern von anderen Behörden durchgeführt werden (USIA, EPA, Energie-, ArbeitsWirtschafts- oder Justizministerium und so
weiter).
60 Millionen für die Fortschreibung einiger wichtiger im Jahr 1991 aufgenommener Projekte,
wie etwa die Ausbildung von Führungskräften
oder Privatisierung.
Die restlichen Mittel würden im großen und ganzen für
kleinere Projekte (unter 10 Millionen Dollar) ausgegeben, die von 1991 übernommen werden, oder sie
würden für die Erweiterung von Großprojekten verwendet, die sich bereits als erfolgreich erwiesen haben. Wir möchten die uns vom Kongreß gewährte
Flexibilität nutzen, um Programme aufzustocken, die
bereits erfolgreich zu sein scheinen, oder um die
Verluste bei nicht funktionierenden Experimenten zu
verringern. Wir haben im laufenden Jahr bereits die
Mittel für zwei Programme verdoppelt, bei denen ein
qualitativ gutes Ergebnis mit gleichzeitigem Interesse
seitens der Empfängerstaaten einherging. Aus denselben Gründen haben wir andere Programme beschnitten.
Aufbau von Länderprogrammen
Neben unseren übergreifenden regionalen Prioritäten
passen wir unsere Programme den Bedürfnissen der
einzelnen Länder an und stimmen uns mit anderen
Gebern ab, die sich mit denselben Problemen auseinandersetzen. Dies erfordert einen anhaltenden Dialog
mit dem jeweiligen Empfängerland, den wichtigsten
bilateralen und multilateralen Gebern und zwischen
den etwa 20 an den Hilfsmaßnahmen beteiligten USRegierungsbehörden. In jedem Land der Region
bemühen wir uns, ein amerikanisches Hilfsprogramm
zusammenzustellen, das sichtbar, zielgerichtet und
leicht zu verwalten ist. Gleichzeitig muß der Umfang
dieses Programms den Grad an Fortschritten widerspiegeln, die von dem entsprechenden Land unter
Berücksichtigung der von unseren Verbündeten und
uns gesetzten Kriterien gemacht werden.
Für Staaten, die auf dem Weg zu demokratischen
Reformen hinterherhinken, haben wir nur sehr wenige
Programme eingeleitet. So führen wir etwa in Rumänien sechs begrenzte Programme durch: humanitäre
Hilfe (darunter Unterstützung rumänischer Kinder),
Nahrungsmittelhilfe, Hilfe bei der Familienplanung,
Unterstützung von unabhängigen Medien und RechtsSeite 3

�Staatlichkeit, Ausbildung von Führungskräften sowie
Notprogramme zur Verbesserung der Energieversorgung. Dagegen führen wir in Polen zwei Dutzend
Programme durch. Aber auch hier möchten wir uns auf
wenige Schlüsselbereiche konzentrieren, in denen
umfangreichere Mittel bereitgestellt werden können,
um neuen Prioritäten gerecht zu werden. Unterstützung für den Privatisierungsprozeß und die Ausweitung von Handel und Investitionstätigkeit sind zwei
dieser zweckgebundenen Schwerpunkte für Polen.
Landwirtschaft und der Agrarindustrie gilt unser Hauptaugenmerk in Bulgarien. In Ungarn betrachten wir die
Reform des Bankwesens als vordringliche Aufgabe,
zu deren Lösung amerikanische Hilfe beitragen kann.
Ein zweiter Weg zur Verstärkung des Synergieeffekts
unserer Hilfe besteht darin, sich auf kleinere Programme in einer einzelnen Stadt oder Region zu konzentrieren. Krakau ist zum Schwerpunkt amerikanischer
Programme in Polen geworden, dasselbe gilt für den
Landkreis Baranya in Ungarn. Das Peace Corps, das
Arbeitsministerium, das Amt für Umweltschutz, das
Energieministerium und andere an der amerikanischen
Hilfe beteiligten Behörden können mehr leisten, indem
sich ihre Programme an einem einzelnen Ort wechselseitig verstärken, anstatt daß ihre Prioritäten getrennt
voneinander verfolgt werden.

Schlußfolgerung
Zum Abschluß möchte ich Sie bitten, nicht an die
gewaltigen Hindernisse für wirtschaftliche und politische Reformen zu denken, sondern an die im vergangenen Jahr erzielten bemerkenswerten Fortschritte.
Wer hätte im Jahr 1988 erwartet, daß Lech Walesa die
Vereinigten Staaten als Präsident eines demokratischen Polens besuchen würde, um über den Zeitplan
für den vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen
aus seinem Land zu sprechen? Wer hätte erwartet,
daß Bulgarien bei politischen und wirtschaftlichen
Reformen an vorderster Front stehen würde? Wer
hätte demokratische Wahlen in Albanien erwartet, so
mangelhaft sie auch gewesen sein mögen? Und vor
allem, wer hätte die Entwicklung eines machtvollen
Konsenses in der ganzen Region erwartet, daß ein
rascher, umfassenden Übergang zu demokratischer
Herrschaft und Marktwirtschaft die einzige Lösung für
die Probleme der Region darstellt? Die Unterstützung
dieses Übergangs ist für diese Administration ebenso
eine strategische Priorität wie vor zwei Jahren, als die
Bilder der Revolution unsere Vorstellungskraft so sehr
beflügelten.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 17

�HINTERGRUND
1. Mai 1991

IKE UND DIE SOGENANNTEN GREUELTATEN
von Stephen E. Ambrose
Der folgende Artikel von Stephen E. Ambrose, dem Direktor des Eisenhower Center an der University of New
Orleans, ist am 24. Februar 1991 unter dem Titel "Ike and the Disappearing Atrocities" in The New York Times
Book Review erschienen. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der New York Times Company, Copyright
(c)1991.

Selten hat die Veröffentlichung einer historischen
Monographie zu einem Thema - der Behandlung von
Kriegsgefangenen -, das normalerweise nur für wenige Spezialisten von Interesse ist, solches Aufsehen
oder so viel Ärger erregt, wie James Bacques Werk
"Der geplante Tod". Das im Jahr 1989 in Kanada
veröffentlichte Buch wurde zum Gegenstand einer
Titelstory des populären kanadischen Magazins Saturday Night, eines Dokumentarfilms der BBC sowie
zweier Dokumentationen im deutschen Fernsehen
und eines angekündigten Dokumentarfilms der Canadian Broadcasting Corporation. (Auf dem Umschlag
der kanadischen Ausgabe, so möchte ich gleich betonen, ist ein Zitat von mir abgedruckt, das aus dem
Zusammenhang gerissen und ohne meine Zustimmung verwendet wurde.) Das Buch wurde im amerikanischen Fernsehen, im Magazin Time und zahlreichen anderen Medien besprochen. Seine deutsche
Ausgabe wurde sofort zum Bestseller. Die britische
Ausgabe zog Buchbesprechungen in The Times Literary Supplement und in anderen Zeitschriften nach
sich. Der kalifornische Verlag Prima Publishing plant
des Buch im Mai zu veröffentlichen, was auch in den
Vereinigten Staaten Öl ins Feuer gießen könnte.
Der Grund für die traurige Berühmtheit ist die Schlußfolgerung des Autors, daß General Dwight D. Eisenhower als Chef der amerikanischen Besatzungstruppen
im Deutschland des Jahres 1945 eine erschreckende
Zahl deutscher Kriegsgefangener mit voller Absicht
dem Hungertod preisgab. Bacque behauptet: "Die
Zahl der Opfer liegt zweifellos bei mehr als 800 000,
heinahe mit Sicherheit bei mehr als 900 000 und
durchaus wahrscheinlich bei mehr als einer Million.
Die Ursachen ihres Todes wurden wissentlich ge-

AMERIKA DIENST 17

schaffen von Armee-Offizieren, die über genügend
Lebensmittel und andere Hilfsmittel verfügten, um die
Gefangenen am Leben zu erhalten."
Bacque zufolge benutzte Eisenhower eine einfache
Methode: er änderte Bezeichnung der Gefangenen
von Prisoners of War (POW), die nach der Genfer
Konvention Anspruch auf dieselben Rationen wie die
amerikanischen Gls hatten, in Disarmed Enemy Forces (DEF), was ihm gestattete, sie auf Hungerrationen
zu setzen. Bacque stellt fest, den DEF seien außerdem Medikamente und Obdach verweigert worden.
Sie seien zu Hunderttausenden gestorben. Diese
Todesfälle seien in den Armeeunterlagen vertuscht
worden, indem man sie in Tabellen, in denen wöchentlich die Gesamtzahl der Gefangenen, der aus Gefangenschaft Entlassenen und so weiter erfaßt wurde, als
"sonstige Verluste" ausgewiesen habe.
Bacque ist über seine Aufdeckung dieses scheußlichen Verbrechens so empört, daß er in einem Interview mit einer Nachrichtenagentur mit den Worten
zitiert wird, die Amerikaner "sollten alle Standbilder
von Eisenhower abbauen, alle Photos von ihm von der
Wand nehmen und so gut sie können sein Andenken
aus der amerikanischen Geschichte tilgen, au ßer dem
Satz 'Hier gab es einen Mann, der grauenhafte Dinge
getan hat, derer wir uns schämen'". Daraus ergeben
sich zwangsläufig Fragen. Wenn es eine Million Tote
gab, wo sind deren Leichen? Besaß Eisenhower solch
ungeheure Macht, daß erden massenweisen Hungertod anordnen und als Geheimnins bewahren konnte?
War das zweifellos vorhandene Leid in den Lagern,
insbesondere in den Durchgangslagern am Rhein, das
Ergebnis Eisenhowerscher Politik oder Resultat der

Seite 1

�chaotischen Zustände, die im Frühjahr und Sommer
des Jahres 1945 in Europa herrschten?
Bacque, ein kanadischer Romanautor ohne Erfahrung
in historischer Forschung oder Geschichtsschreibung,
stellt in der Einleitung seines Buches fest: "Zweifellos
werden viele Gelehrte Fehler in diesem Buch finden;
es sind ausschließlich meine. Ich begrüße ihre Kritik
und ihre künftigen Forschungen, die dazu beitragen
mögen, die Wahrheit für uns wiederherzustellen nach
einer langen Nacht der Lügen." Im vergangenen
Dezember lud das Eisenhower Center an der University of New Orleans einige führende Experten dieser
Epoche ein, um die Behauptungen zu untersuchen.
Die Teilnehmer an der Konferenz, mich eingeschlossen, planen, die Beiträge in Buchform zu veröffentlichen.
(Anm. d. Red.: An der Konferenz nahmen neben
Professor Ambrose teil:
Thomas Barker von der State University of New
York (Albany), Spezialist für mitteleuropäische
Militärgeschichte;
Guenter Bischof vom Eisenhower Center, Spezialist für Österreich während der Besatzungszeit;
Neil Cameron, Produzent der BBC-Dokumentation zu "Der geplante Tod";
Albert Cowdrey vom Center of Military History
des US-Heeresministeriums;
Alex Frohn vom Deutschen Historischen Institut;
Rüdiger Overmans vom Militärgeschichtlichen
Forschungsamt im Freiburg;
Professor Rolf Steininger von der Universität
Innsbruck, Autor einer zweibändigen Geschichte der Besatzungszeit in Deutschland;
James Tent von der University of AlabamaBirmingham, Autor von "Mission on the Rhine";
Brian Villa von der Universität Ottawa, Autor von
"Unauthorized Action: Mountbatten and the
Dieppe Raid.")
Unsere erste Schlußfolgerung war, daß Bacque eine
wichtige historische Entdeckung gemacht hatte. In der
Tat waren im Frühjahr und Sommer des Jahres 1945
Mißhandlungen an deutschen Gefangenen weitverbreitet. Männer wurden geschlagen, bekamen kein
Trinkwasser, sie wurden gezwungen, in offenen Lagern ohne ein Dach über dem Kopf, mit unzureichenden Nahrungsmittelrationen und ungenügender medizinischer Versorgung zu leben. Ihre Post wurde ihnen
vorenthalten. In einigen Fällen bereiteten Gefangene
eine "Suppe" aus Wasser und Gras, um ihren Hunger

Seite 2

zu stillen. Männer starben einen sinnlosen und unentschuldbaren Tod. Damit muß man sich auseinandersetzen, und Bacque gebührt das Verdienst, daß er uns
dazu gezwungen hat.
Unsere zweite Schlußfolgerung bestand darin, daß
Wissenschaftler, wenn sie die notwendigen Forschungen betreiben, Bacques Buch mehr als wertlos finden
werden. Es ist in seinen grundlegendsten Aspekten
mit ernsten - nein, spektakulären - Mängeln behaftet.
Bacque mißbraucht Dokumente. Er mißdeutet Dokumente. Er ignoriert gegenteilige Sachverhalte. Seine
statistischen Methoden sind hoffnungslos ungenau.
Er unternimmt keinen Versuch, die von ihm zusammengetragenen Beweise in Bezug zur Gesamtsituation zu setzen. Er unternimmt keinen Versuch, vergleichbare Zusammenhänge zu prüfen. Er legt seiner
Hauptquelle Worte in den Mund. Er ignoriert eine
allgemein zugängliche und absolut kritische Quelle,
die sich maßgeblich mit seiner zentralen Anschuldigung beschäftigt, und - infolge dieser und anderer
Mängel - kommt er zu Schlußfolgerungen und Beschuldigungen, die erwiesenermaßen absurd sind.
Abgesehen von ihrer Einschätzung der Bacqueschen
Behauptungen brachte die Konferenz in Zusammenhang mit dem Buch selbst jedoch eine umfassendere
Frage zur Sprache: Wie soll ein Leser, der kein
Experte ist, über ein Buch urteilen, das neue, überraschende und in der Tat empörende Behauptungen
aufstellt? Ohne das Wissen oder die Zeit zur Aufklärung des Sachverhalts, wie soll er wissen, ob ein Autor
"nach einer Langen Nacht der Lügen" endlich die
Wahrheit aufgedeckt hat, oder ob er eine unvorsichtige
Öffentlichkeit schlicht in die Irre führt?
Im Hinblick auf Bacques Behauptungen ist die zwingendste Frage die nach Eisenhowers Motiv: warum
um alles in der Welt würde Ike so etwas tun? Bacque
antwortet, daß Eisenhower die Deutschen haßte. Es
ist unbedingt zutreffend, daß Eisenhowers Zorn über
die Deutschen im Frühjahr 1945 groß war. Er hat nie
versucht, diese Gefühle zu verheimlichen. So schrieb
er in seinem 1948 veröffentlichten Buch "Crusade in
Europe": "Mit jedem Monat, den der Konflikt andauerte, wurden meine persönlichen Gefühle gegenüber
den Deutschen bitterer." Er teilt mit, daß er tausende
von Kondolenzschreiben an Witwen und Mütter seiner
gefallenen Soldaten unterzeichnete und schrieb: "Ich
kenne kein wirksameres Mittel, einen unauslöschlichen Haß auf diejenigen zu entwickeln, die für einen
Aggressionskrieg verantwortlich sind, als die Pflicht,
den dadurch Beraubten sein Beileid auszusprechen."
Die Entdeckung der Konzentrationslager trug zu diesem Gefühl noch bei.
Eisenhower war ein begeisterter Befürworter der Entnazifizierung, aber nicht, weil er die Deutschen haßte
oder an eine Kollektivschuld glaubte. Im Gegenteil, er
glaubte, daß es Deutsche gab, die sich für die Demokratie einsetzten und es Sache der Besatzungsmacht

AMERIKA DIENST 17

�sei, sie zu finden und ihnen Verantwortung zu übertragen. In einer in Frankfurt gehaltenen Rede erklärte er
1945:" Erfolg oder Fehlschlag dieser Besatzung werden am Charakter der Deutschen in 50 Jahren gemessen werden. Der Beweis wird erbracht sein, wenn sie
beginnen, ihre Demokratie selbst zu gestalten, und mit
der Zeit werden wir den Deutschen die Chance geben,
das zu tun." Das klingt nicht nach einem Mann, der zur
gleichen Zeit den Hungertod einer Million junger Deutscher anordnete.
Bacque mißversteht Eisenhowers Haltung und sein
Vorgehen bei der Besatzung völlig. Für jede politische
Entscheidung schiebt er Eisenhower die volle Verantwortung zu, erkennt aber niemals an, daß dieser
Vorgesetzte hatte, von denen er politische Direktiven
und Anordnungen entgegennahm - insbesondere den
Stabschef des Heeres, die im Namen und mit Genehmigung der britischen, sowjetischen und amerikanischen Regierungen handelnde European Advisory
Commission, die Vereinigten Stabschefs, das Gremium der Vereinigten Stabschefs aus Amerika und der
britischen Stabschefs (Combined Chiefs of Statt) sowie
die amerikanischen und britischen Regierungschefs.
Der Bericht von Brian Villa von der Universität Ottawa
bei der Konferenz in New Orleans über den diplomatischen Hintergrund weist darauf hin, die Politik von
Eisenhowers Vorgesetzten habe darin bestanden, den
Deutschen die Tatsache ihrer Niederlage bewußt zu
machen, die letztere selbst zu verantworten hätten und
sie auf jeden Fall "hart anzupacken". Entnazifizierung
war ein Element dieser Politik. Sie zeigte sich ferner
darin, daß deutsche Gefangene nicht mehr zu essen
bekamen als die deutsche Zivilbevölkerung, die Zivilisten der befreiten Länder oder die Displaced Persons
(DPs).
Eine zentrale Behauptung in Bacques Anklage lautet,
es habe 1945 in Europa keine Lebensmittelknappheit
gegeben. Er verweist dabei auf volle Lebensmittellager in Deutschland. Er erklärt, dem Roten Kreuz
hätten Nahrungsmittel zur Verfügung gestanden. Als
erdrückendsten Beweis führt er an, daß ein Zug, den
das Rote Kreuz in Genf mit Lebensmittelpaketen für
deutsche Gefangene beladen hatte, zur Rückkehr
gezwungen wurde.
Das ist schockierend - es gab Lebensmittel, die Männer hatten Hunger, und die amerikanischen Offizieren
schickten den Zug zurück nach Genf. Aber das hatte
einen Grund: die Regierungen der Alliierten hatten
verfügt, daß die Lebensmittelpakete des Roten Kreuzes für die Displaced Persons bestimmt sein sollten,
von denen es in Deutschland über zwei Millionen gab,
und Eisenhower hatte zu dieser Politik eindeutige
Befehle erhalten. Also bekamen die DPs diese Lebensmittelpakete. Es entzieht sich jeglicher Vorstellungskraft, in einer Welt voller Hunger Prioritäten bei den
Lebensmitteln setzen zu müssen, aber es mußte sein,
und wer hätte die Entscheidung anfechten können?

AMERIKA DIENST 17

In seinem Konferenzbericht über die Lebensmittelsituation in Deutschland erklärte James Tent von der
University of Alabama in Birmingham, es stehe außer
Zweifel, daß es ernste Engpässe gegeben habe.
Dennoch waren Tent zufolge Lebensmittel eingelagert, die nicht an Gefangene - deren tägliche Ration sie
nur knapp vor dem Verhungern bewahrte - verteilt
wurden. Auch dies ist haarsträubend, bis man sich den
Grund vor Augen führt. Die Regierungen der Alliierten
fürchteten im Winter 1945-46 eine Hungersnot und
horteten deshalb Lebensmittel. Sogar mit ihren Reserven kamen sie kaum durch den Winter, und es dauerte
drei Jahre, bis die Lebensmittelknappheit in Europa
überwunden war.
Bacques Mythos war Eisenhowers Alptraum. Keine
Lebensmittelknappheit? Eisenhower schrieb im Februar 1945 an den Stabschef George C. Marshall: "Ich
bin sehr besorgt über die Situation bei den Lebensmitteln ... Wir verfügen auf dem Kontinent über keine
Reserven für die Versorgung der Zivilbevölkerung."
Und dazu existiert auch ein Schreiben von Eisenhower
an die Combined Chiefs of Statt vom 25. April 1945:
"Wenn nicht unverzüglich Schritte eingeleitet werden,
um in jedem erdenklichen Umfang Lebensmittelvorräte anzulegen, mit denen die minimalen Bedürfnisse
der deutschen Bevölkerung gedeckt werden können,
wird es im kommenden Winter unausweichlich zu
allgemeinem Chaos, Hungertod und Krankheiten
kommen."
Diese - und viele, viele ähnliche Botschaften - wurden
vor der Kapitulation geschickt. Nach der ersten Maiwoche erwiesen sich alle Berechnungen Eisenhowers,
wieviele Menschen im besetzten Deutschland verpflegt werden müßten, als jämmerlich unzureichend.
Er hatte die Situation aus zwei Gründen erheblich
unterschätzt. Erstens überstieg die Zahl der sich den
westlichen Alliierten ergebenden deutschen Soldaten
bei weitem alle Erwartungen (über fünf Millionen statt
der erwarteten drei Millionen), weil deutsche Soldaten
auf der Flucht vor den Russen im Sturm die Elbe
überquerten. Dasselbe galt für deutsche Zivilisten insgesamt 13 Millionen flohen von Ost nach West, und
damit war Eisenhower für sie verantwortlich. Zweitens
war die Zahl der befreiten Zwangsarbeiter viel höher um zwei Millionen - als erwartet. Kurz, Eisenhower sah
sich Engpässen gegenüber, noch bevor er erfuhr, daß
in Deutschland über 17 Millionen Menschen mehr zu
verpflegen waren als er erwartet hatte.
Keine Lebensmittelknappheit? Dazu der Bericht des
Militärgouverneurs für Deutschland im Juli 1945: "Die
Lebensmittelsituation in ganz Westdeutschland ist
vielleicht das gravierenste Problem der Besatzung.
Der durchschnittliche Lebensmittelverbrauch in den
Westzonen liegt ein Drittel unter dem allgemeingültigen Existenzminimum." Der Bericht vom September
erklärt: "Es sind keine Lebensmittel hiesiger Prove-

Seite 3

�nienz verfügbar, um die gegenwärtig bewilligte Tagesration für den Normalverbraucher von 1.550 Kalorien
abzudecken."
Bacque erklärt, die Gefangenen hätten 1.550 Kalorien
pro Tag erhalten, und er behauptet, eine solche Ration
bedeute den langsamen Hungertod. Er hat offensichtlich nie berücksichtigt, was die Zivilbevölkerung in
Deutschland oder den befreiten Ländern bekam. 1945
erhielt die Zivilbevölkerung in Paris 1.550 Kalorien.
Etwas mehr gab es in Großbritannien, wo die Lebensmittel immernoch rationiert waren. Viel weniger gab es
in Rußland, wo ebenfalls die Lebensmittel rationiert
waren. Wie gesagt, lag die offizielle Ration für die
Zivilbevölkerung in Deutschland bei 1.550 Kalorien,
was aber nicht die Regel war. Im Sommer 1945 fiel in
Wien die offzielle Ration mitunter auf 500 Kalorien.
Es gibt so etwas wie den gesunden Menschenverstand. Jeden, der im Sommer 1945 in Europa war,
hätte die Aussage verblüfft, es gebe keine Lebensmittelmittelknappheit.
Bacque zufolge hat Eisenhower persönlich, heimlich
und böswillig den Status der deutschen Soldaten, die
sich ergeben hatten, von Kriegsgefangenen in Disarmed Enemy Forces geändert. Tatsächlich war die
Änderung der Bezeichnung politisch motiviert. Die
Entscheidung wurde aber nicht von Eisenhower, sondern von seinen Vorgesetzten getroffen, insbesondere
von der European Advisory Commission. Es wurde
auch kein Versuch einer Geheimhaltung unternommen. Alle Beteiligten handelten mit Genehmigung der
britischen, russischen und amerikanischen Regierungen und sprachen die Gründe dieser Statusänderung
freimütig aus.
Was geschehen ist.liegt auf der Hand: Die Alliierten
konnten es sich nicht leisten, die Millionen deutscher
Gefangener genauso zu verpflegen wie ihre eigenen
Truppen, wie es die Genfer Konvention erfordert.
Auch wenn die Lebensmittel verfügbar gewesen wären, hätten die Allierten die deutschen Gefangenen
nicht besser versorgt äs die Zivilbevölkerung in Deutschland, ganz zu schweigen von den Zivilisten der befreiten Länder Westeuropas und auch ganz zu schweigen
von den Displaced Persons. Aber die Vereinigten
Staaten und andere Allieirte hatten die Genfer Konvention unterzeichnet, die gleichbedeutend mit einem
Vertrag ist. Sie wollten sie nicht verletzen und schafften daher die neue Bezeichnung Dlsarmed Enemy
Forces. Die Befehle an die Kommandeure waren
eindeutig: Versorgt die DEFs nicht besser als die
deutsche Zivilbevölkerung.
Bei einer anderen Schlußfolgerung kommt Bacque mit
Hilfe eines Rechenexempels - das bei jedem, derseine
Statistiken und Methoden nachzuvollziehen versucht
hat, Verwirrung stiftet - zu der sensationellen Zahl von
einer Million Toten. Aufgrund eines Tippfehlers beging
er jedoch einen Irrtum. Er sah die Zahl von 70.000

Seite 4

Gefangenen in einem medizinischen Bericht des Heeres
und berechnete dann die Gesamtzahl aller verstorbenen Gefangenen in amerikanischer Hand nach dieser
Zahl und nach den ebenfalls in diesem Bericht genannten 21.000 Toten. Das heißt, er gelangte zu einer
seiner grundlegendsten Schlußfolgerungen, einer
30prozentigen Sterblichkeitsrate in allen Lagern, indem er die 70.000 Gefangenen durch die 21.000 Toten
teilte. Allerdings hätte die Zahl von 70.000 eigentlich
das Zehnfache betragen müssen. Alle anderen Zahlen in dem Dokument weisen eindeutig darauf hin, daß
die korrekte Zahl der Gefangenen 700.000 betrug.
Damit läge der Anteil der Toten nicht bei 30, sondern
nur bei 3 Prozent.
Dem Bericht von Albert Cowdrey vom Center of Military History des US-Heeresministeriums zufolge lag die
Sterblichkeitsrate der deutschen Gefangenen tatsächlich bei 1 Prozent.
Die von Major Rüdiger Overmans vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg (der den letzten
Band der offiziellen deutschen Kriegsgeschichte schreibt)
voll und ganz unterstützte Schlußfolgerung von Cowdrey lautet, daß die Gesamtzahl der Todesfälle deutscher Gefangener in amerikanischem Gewahrsam
nicht mehr als 56.000 betragen haben kann.
Und schlie ßlich gibt es noch die Spalte in den Wochenberichten des Kommandeurs der Militärpolizei der USArmee mit dem Titel "Sonstige Verluste". Ihr entnimmt
Bacque seine "fehlende Million".
Was waren "sonstige Verluste"? Bacque interviewte
Philip S. Lauben, einen Oberst der US-Armee im
Ruhestand, der im Jahr 1945 Angehöriger der Abteilung für Deutsche Angelegenheiten in Eisenhowers
Hauptquartier war. Er schreibt, Oberst Lauben habe
ihm gesagt, "sonstige Verluste" bedeuten "Todesfälle
und Fälle von Flucht".
"Wie viele Fälle von Flucht?", fragte Bacque.
"Sehr, sehr wenige", erwiederte Oberst Lauben. Bacque
stellte fest, die Fälle von Flucht hätten weniger als 0,1
Prozent ausgemacht, ohne zu erklären, wie er zu
dieser Zahl gelangte.
Neil Cameron, der Produzent einer BBC-Dokumentation über "Sonstige Verluste" stellte bei der Konferenz
fest, er habe das Tonband des Interviews von Bacque
erhalten. Cameron gewann den Eindruck, daß Bacque einen alten Mann dazu gebracht hatte, Worten
zuzustimmen, die Bacque verwendete und ihm dann in
den Mund legte. Cameron machte ein Fernsehinterview mit Oberst Lauben. Darin erklärte Lauben, er sei
von Bacque getäuscht worden und habe sich in der
Bedeutung des Begriffs "sonstige Verluste" geirrt.
David Hawkins von CNN wollte ein Interview mit Oberst
Lauben machen. Oberst Lauben lehnte jedoch ab und
erklärte in einem Brief: "Ich will keine Schwierigkeiten

AMERIKA DIENST 17

�Kurzum: Bacque irrt sich bei jeder entscheidenden
Behauptung und praktisch bei allen weniger entscheidenden. Eisenhower war kein Hitler, er leitete keine
Todescamps, deutsche Gefangene starben nicht zu
Hunderttausenden, im Jahr 1945 gab es eine ernsthafte Lebensmittelknappheit, es lag kein dunkles Geheimnis über dem Bestimmungsort der Disarmed
Enemy Forces oder über der Spalte "sonstige Verluste". Bacques "fehlende Million" waren alte Männer
und junge Burschen des Volkssturms.

machen. Aber ich bin 91 Jahre alt, blind und mein
Gedächtnis hat in einem Maße nachgelassen, daß es
ziemlich unzuverlässig ist. Darüberhinaus befinde ich
mich in regelmäßiger ärztlicher Behandlung. Während
meines Gesprächs mit Bacque habe ich ihn des öfteren daran erinnert, daß sich mein Gedächtnis in den
rund vierzig Jahren seit 1945 extrem verschlechtert
hat.
Bacque hat mir Zahlen vorgelesen... Mir schien, nach
Abzug der Verlegungen und Entlassungen blieb nichts
übrig als Todesfälle und Fälle von Flucht, um die
Gesamtzahl zu erklären - das heißt, den Begriff "sonstige Verluste". Ich habe mich geirrt."

Dennoch bringt Bacque ein unwiderlegbares Argument vor: einige amerikanische Gls und ihre Offiziere
waren fähig, sich fast so brutal wie die Nazis aufzuführen. Wir hatten kein Monopol für Tugend. Er hat uns
aufgefordert, die Fragen wieder auf den Tisch zu
legen, die erforderliche Forschung zu betreiben, und
die volle Wahrheit aufzudecken. Für diesen Beitrag
gebührt ihm Dank. Im Hinblick darauf, wie er seine
Erkenntnisse jedoch präsentierte, möchte ich nochmals Albert Cowdrey zitieren: "Zweifelsohne hat der
Autor Grund zur Zufriedenheit mit seiner Leistung. Er
hat keinen Ruf als Historiker zu verlieren, und "Der
geplante Tod" kann nur sein Renommee als Romanschriftsteller verbessern."

Bacques einziger Zeuge für die Behauptung, "sonstige Verluste" seien eine Bezeichnung zur Vertuschung
der Todesfälle gewesen, hat also zweimal widerrufen,
was er Bacque zufolge gesagt haben soll.
Was waren dann "sonstige Verluste"? In vielen Fällen
waren es Verlegungen von einer Zone in eine andere
- etwas, das aus vielerlei Gründen, keiner davon
böswillig, regelmäßig erfolgte und stets genau in
Fußnoten der Wochenberichte vermerkt wurde.
Die größte Zahl "sonstiger Verluste" wird jedoch im
Bericht des Militärgouverneurs vom August 1945 aufgedeckt. (Diese Monatsberichte befinden sich in der
Eisenhower Bilbliothek in Abilene, Kansas, im Staatsarchiv in Washington und an anderen Orten. Sie sind
die Hauptquelle für alle Aspekte der Besatzung, bis hin
zu dem Mangel an Nahrungsmitteln und den Gefangenen. Sie werden von Bacque nicht zitiert, und es gibt
keine Anzeichen, daß er sie geprüft hat). Der Bericht
vom August führt die Zahl der von den amerikanischen
Streitkräften entlassenen und der zu Zwangsarbeit zu
den britischen und französischen Streitkräften verlegten
Disarmed Enemy Forces auf.

Schließlich kommen wir zum größten Problem. Es
bedurfte einer Konferenz von Fachleuten, um Bacques Behauptungen zu widerlegen. Einzelne Wissenschaftler haben gezögert, es mit ihm aufzunehmen,
denn das hätte bedeutet, seine Forschungen nachzuprüfen - in Wirklichkeit, sein Buch neu zu schreiben.
Statt dessen haben viele von ihnen in ihren Rezensionen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und
Kanada erklärt, sie könnten nicht glauben, daß Bacques Aussagen über Eisenhower der Wahrheit entsprechen, aber sie können das Gegenteil nicht beweisen. Bacque hat das Rüstzeug eines Wissenschaftlers - es ist beeindruckend genug, um selbst Wissenschaftler hinters Licht zu führen.

Der Bericht fährt fort: "Eine weitere Gruppe von
663.576 Personen wird als "sonstige Verluste" geführt, die vor allen aus Mitgliedern des Volkssturms
besteht, die ohne offizielle Entlassungspapiere freigelassen wurde.

Was kann der Leser als Laie unter solchen Umständen
tun? Ich schlage vor, er verläßt sich auf seinen
gesunden Menschenverstand. Stellen Sie die auf der
Hand liegenden Fragen, als wenn Sie sich mit der
These, der Holocaust habe nie stattgefunden, auseinandersetzen müßten. Wenn die Antworten nicht eindeutig sind, wurden die Behauptungen nicht bewiesen.
In Bacques Fall lauten zwei dieser Fragen: Wo sind die
Leichen? und, Deckt sich dieses Buch mit unserem
Bild von Eisenhowers Charakter, wie wir ihn aus zahllosen anderen Quellen kennen? In Fällen wie diesem
sind es häufig die naheliegenden Fragen, die uns der
Wahrheit am nächsten bringen.

Man braucht nicht viel Phantasie, um zu verstehen,
was hier geschehen ist. Zum Volkssturm gehörten
ältere Männer (bis zu 60 Jahre alt, vor allem Veteranen
des Ersten Weltkriegs) und junge Burschen unter 16
oder gelegentlich noch jünger. Die amerikanischen
Wachposten und Lagerverwalter sagten den alten
Männern, sie sollten nach Hause zurückkehren und
sich um ihre Enkelkinder kümmern, den Jungen, wieder zur Schule zu gehen. Zusammen mit den Verlegungen in andere Zonen, die Bacque ignoriert, stehen
diese Menschen für die "fehlende Million".

* *

AMERIKA DIENST 17

*

Seite 5

�</text>
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                <text>Amerikadienst 01.05.1990</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die deutsch-amerikanischen Beziehungen und die neuen Bundesländer&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Walters&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Anhörung im Kongress über Hilfe für Osteuropa &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter Barry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Hintergrund&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ike und die sogenannten Greueltaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Stephen E. Ambrose&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
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8. Mai 1991

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GOLFKRISE

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse
vom 16. bis 30. April 1991

TERRORISMUS

STAATLICHE UNTERSTÜTZUNG IMMER
NOCH WICHTIGE TRIEBFEDER
FÜR TERRORISMUS
Auszüge aus dem Terrorismus-Bericht
des US-Außenministeriums

PARTEIEN IN AMERIKA

REPUBLIKANER UND DEMOKRATEN
IN DEN NEUNZIGER JAHREN
von Everett Carll Ladd

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�GOLFKRISE
8. Mai 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom 16. bis 30. April 1991
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend führen wir die Chronologie der Ereignisse am Golf für den Zeitraum vom
16. bis 30. April 1991 fort.

16. April

18. April

Präsident Bush erklärt, er habe die US-Streitkräfte
angewiesen, unverzüglich mit der Errichtung mehrerer
Lager im Norden des Irak zu beginnen, um im Rahmen
einer neuen Initiative der Vereinigten Staaten den
kurdischen Flüchtlingen Hilfe zu leisten. Die erweiterte
Hilfe sei von humanitären Überlegungen geleitet, erklärt Bush nach Konsultationen mit dem britischen
Premierminister Major, dem französischen Präsidenten Mitterand, dem türkischen Präsidenten özal,
Bundeskanzler Kohl und UNO-Generalsekretär Perez
de Cuellar.

Gemäß Resolution 687 des UNO-Sicherheitsrats zur
Beendigung des Krieges übermittelt der Irak UNOVertretern Informationen über seine chemischen und
biologischen Waffen mit Reichweiten über 150 Kilometern. Die Resolution fordert femer die Zerstörung
solcher Waffen. Eine Sondereinheit der Vereinten
Nationen wird die Zerstörung der chemischen und
biologischen Waffen überwachen und Vor-Ort-Inspektionen im Irak durchführen.

17. April
Die Vereinten Nationen organisieren eine umfangreiche Friedenstruppe zur Überwachung der entmilitarisierten Zone zwischen dem Irak und Kuwait und entsenden im Rahmen der irakisch-kuwaitischen UNOBeobachtermission (UNIKOM) bewaffnetes und unbewaffnetes militärisches Personal.
Der leitende militärische Beobachter der Einheit,
Generalmajor Günther G. Greindl aus Österreich,
befehligt eine Gruppe von 1.440 Mitgliedern aus 36
Ländern: Argentinien, Bangladesh, Chile, China,
Dänemark, Großbritannien, Fidschi, Finnland, Frankreich, Ghana, Griechenland, Indien, Indonesien, Irland, Italien, Kanada, Kenia, Malaysia, Nepal, Nigeria,
Norwegen, Österreich, Pakistan, Polen, Rumänien,
Senegal, Singapur, Sowjetunion, Schweden, Schweiz,
Thailand, Türkei, Ungarn, Uruguay, den Vereinigten
Staaten und Venezuela.

AMERIKA DIENST 18

In Wien legen irakische Regierungsvertreter gemäß
Resolution 687 des UNO-Sicherheitsrats der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) Informationen über ihre atomaren Arsenale offen.
Die Vereinten Nationen und irakische Regierungsvertreter unterzeichnen in Bagdad eine 21 Punkte umfassende Regierungsvereinbarung, mit der die Vereinten
Nationen und private Organisationen wie das Rote
Kreuz und der Rote Halbmond den Kurden und anderen irakischen Flüchtlingen im nördlichen und südlichen Teil des Landes bis Ende 1991 helfen können.
Die Vereinbarung wurde unterzeichnt vom irakischen
Außenminster Ahmed Hussein und Prinz Sadruddin
Aga Khan, dem Koordinator des Generalsekretärs für
das humanitäre UNO-Programm für Irak, Kuwait und
die irakisch-iranischen und irakisch-türkischen Grenzgebiete.

Seite 1

�21. April
Der Befehlshaber der US-Streitkräfte am Persischen
Golf, General Norman Schwarzkopf, beendet seine
Mission in Saudi-Arabien und verlegt das Hauptquartier von USCENTCOM wieder nach Florida. Er bekundet seine Befriedigung, daß die Streitkräfte ihre Mission der Befreiung Kuwaits beendet haben, zeigt sich
aber auch enttäuscht darüber, daß Saddam Hussein
im Irak immer noch an der Macht ist. Schwarzkopf lobt
Generalleutnant Khalid Bin Sultan Bin Abdul Asis aus
Saudi-Arabien, der die vereinigten arabischen Truppen befehligt hat und verleiht ihm die militärische
Auszeichnung der Vereinigten Staaten "Legion of Merit".
22. April
Im Norden des Irak beginnen multinationale Streitkräfte in der Nähe von Sachu mit dem Aufbau von 20 bis
25 Zeltstädten, um etwa 950.000 irakischen Flüchtlingen zu helfen. Amerikanische, französische, britische,
kanadische und italienische Militärflugzeuge liefern
über 460 Tonnen humanitäre Hilfsgüter und steigern
damit den Umfang der insgesamt seit dem 7. April
gelieferten Güter auf etwa 4.165 Tonnen.
UNO-Generalsekretär Perez de Cuellar verkündet die
Ernennung von Botschafter Rolf Ekeus aus Schweden
zum Vorsitzenden des U NO-Sonderausschusses zur
Überwachung und Verifizierung der Zerstörung irakischer Waffen, wie sie in der Resolution 687 des UNOSicherheitsrats gefordert wird. De Cuellar ernennt Dr.
Robert Gallucci aus den Vereinigten Staaten zum
Stellvertretenden Vorsitzenden dieses Ausschusses,
der seinen Sitz im UNO-Hauptquartier in New York
haben wird.
23. April
Einem Sprecher des Weißen Hauses zufolge haben
sich Belgien, Deutschland, Italien, Kanada, Neuseeland und die Niederlande an den internationalen Hilfsmaßnahmen für irakische Flüchtlinge beteiligt. Die
Vereinigten Staaten ermutigten andere Länder, militärische Einheiten zu den Aktivitäten im Rahmen der
"Operation Provide Comfort" beizusteuern.
Die Vereinigten Staaten haben 63 Millionen Dollar für
diese Maßnahmen zur Verfügung gestellt. Andere
wichtige Geber sind die Europäische Gemeinschaft,
Deutschland, Großbritannien und Japan.
24. April
Amerikanische Truppen übergeben in einer Zeremonie, die den Beginn der Stationierung von UNIKOMEinheiten symbolisiert, einen Posten in der entmilitarisierten Zone im Südirak an Beobachter der Vereinten
Nationen. Die Beobachterund Infanterieeinheiten der
Vereinten Nationen werden Patrouillen in der entmilitarisierten Pufferzone zwischen Irak und Kuwait durchführen. Die Stationierung des ersten Kontingents der

Seite 2

UN-Beobachter leitet einen Prozeß ein, der etwa zwei
Wochen andauern soll und an dessen Ende die letzten
Koalitionstruppen die entmilitarisierte Zone verlassen
haben werden.
Amerikanische Regierungsvertreter teilen dem Kongreß mit, die Vereinigten Staaten planten keine Verurteilung des irakischen Präsidenten in Abwesenheit
wegen Kriegsverbrechen und würden keine militärische Gewalt einsetzen, um den irakischen Führer in
Gewahrsam zu nehmen.
25. April
Der japanische Premierminister Toshiki Kaifu kündigt
an, Japan werde in der ersten japanischen Militäroperation in Übersee seit dem Zweiten Weltkrieg Minenräumboote in den Persischen Golf entsenden.

*•

Irakische Diplomaten bei den Vereinten Nationen
erklären, Bagdad werde im Einklang mit den Vorstellungen der Koalitionsstreitkräfte den Rückzug der irakischen Truppen aus Sachu akzeptieren.
26. April
UN-Generalsekretär Perez de Cuellar erklärt, die
Vereinten Nationen würden die von den Vereinigten
Staaten und ihren westlichen Verbündeten eingerichteten Flüchtlingslager im Nordirak "so bald wie möglich" übernehmen.
Der Stellvertretende UN-Generalsekretär, Jean Claude Aime und UN-Abteilungsleiter Marrack Goulding
reisen nach Genf, um die Einzelheiten der Übergabe
mit dem Koordinator der UN-Flüchtlingshilfe, Prinz
Sadruddin Aga Khan und dem Hohen Flüchtlingskommissar auszuarbeiten.
29. April
Präsident Bush stellt fest, solange Saddam Hussein
an der Macht s e i , werde es keinen normalen Handel
mit dem Irak geben und "was die Vereinigten Staaten
anbelangt keine Hilfe, bis sie auf zahlreichen Gebieten
Fortschritte machen", die mit der Einhaltung der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats in Zusammenhang
stehen.
Amerikanischen Regierungsvertretem zufolge hat der
Irak der Internationalen Atomenergie-Organisation
(IAEO) in einem neuen Schreiben an diese UNOBehörde in Wien weitere Informationen über die irakischen Vorräte an spaltbarem Material geliefert. Diese
Zusatzinformationen waren eine Reaktion auf Beschwerden, denen zufolge der Irak nicht genug getan
habe, um die UN-Bedingungen über die Preisgabe
seiner nuklearen, chemischen und biologischen Einrichtungen und Bestände zu erfüllen. Der Sprecher
des Weißen Hauses, Marlin Fitzwater, stellt fest,
Washington warte auf die Entscheidung der IAEO im
Hinblick darauf, ob der Irak die Bestimmungen der
Resolution 687 des UN-Sicherheitsrats erfüllt habe.
AMERIKA DIENST 18

^

�30. April

Williams zufolge haben 20 Nationen die Operation
Provide Comfort unterstützt oder Unterstützung zugeDer Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Pete sagt, und Vertreter der Vereinten Nationen, des InterWilliams, erklärt, da ß mehr als 12. 000 Angehörige der nationalen Komitees vom Roten Kreuz und anderer
multinationalen Koalitionsstreitkräfte aus den Verei- privaten Organisationen haben das Gebiet besucht
nigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Deutsch- und sind mit Vertretern der gemeinsamen Hilfstruppe
land, den Niederlanden, Spanien, Kanada und der zusammengetroffen.
Türkei den irakischen Flüchtlingen Hilfe leisteten.
* *

AMERIKA DIENST 18

* *

Seite 3

�TERRORISMUS
8. Mai 1991

STAATLICHE UNTERSTÜTZUNG IMMER NOCH
WICHTIGE TRIEBFEDER FÜR TERRORISMUS
Auszüge aus dem Terrorismus-Bericht des US-Außenministeriums
WASHINGTON -(AD) - In seinem am 30. April 1991 veröffentlichten Bericht erklärt das US-Außenministerium,
staatliche Unterstützung bleibe einer der wichtigsten Faktoren bei der Förderung des internationalen Terrorismus. Diesem neuesten Jahresbericht zufolge betrachten die Vereinigten Staaten Kuba, Irak, Iran, Libyen,
Nordkorea und Syrien als Staaten, die Terrorismus fördern.
Die Volksrepublik Jemen wurde 1990 von dieser Liste gestrichen, nachdem sich das Land mit seinem Nachbarn
zur Republik Jemen zusammengeschlossen hatte. Der Irak wurde neu in die Liste aufgenommen, weil er 1990
erneut terroristische Vereinigungen unterstützte.
Der Bericht trägt den Titel: "Patterns of Global Terrorism: 1990". Das US-Außenministerium ist gesetzlich
verpflichtet, den Kongreß jedes Jahr über Entwicklungen im internationalen Terrorismus zu informieren.
Die nachfolgend veröffentlichten Auszüge sind den Kapiteln "Yearin Review" und "State-sponsored Terrorism"
entnommen.

Das Jahr 1990 gehörte zu den wenigen Jahren der
jüngsten Vergangenheit, in denen es keine "spektakulären" Terroranschläge mit zahlreichen toten oder
verletzten Opfern gab. Trotzdem haben einige wichtige Entwicklungen im Terrorismus stattgefunden. Unter
anderem stieg die Bedrohung durch den internationalen Terrorimus, weil sich der Irak erneut mit terroristischen Vereinigungen auf der ganzen Welt verbündete.
Die vielleicht wichtigste Entwicklung fand imTusammenhang mit der irakischen Invasion in Kuwait am 2.
August statt. Eine Reihe von Palästinensergruppen unter ihnen die Palästinensische Befreiungsfront
(Palestine Liberation Front - PLF), der Palästinensische Islamische Dschihad (Palestinian Islamic JihadPIJ), die Volksfront für die Befreiung Palästinas (Populär Front for the Liberation of Palestine - PFLP) und das
Generalkommando der Volksfront für die Befreiung
Palästinas (Populär Front for the Liberation of Palestine-General Command - PFLP-GC) - sagten Saddam
Hussein ihre Unterstützung zu, und die meisten drohten für den Kriegsfall Terroranschläge gegen Ziele im
Westen, in Israel und gemäßigten arabischen Ländern
an. Obwohl bis Ende des Jahres keine Anschläge
stattgefunden hatten, bleibt die Bedrohung bestehen.
Eine weitere wichtige Entwicklung war der fehlgeschlagene Angriff der PLF auf israelische Strände am
30. Mai 1990. Die PLF ist Mitglied der Palästinensi-

AMERIKA DIENST 18

schen Befreiungsorganisation (PLO) und hat sich
demzufolge ebenso wie diese der "Ablehnung" des
Terrorimus verschrieben. Nach der Weigerung der
PLO, diesen Anschlag zu verurteilen, haben die Vereinigten Staaten ihren Dialog mit der PLO beendet, bis
die PLO demonstriert, daß sie sich an die im Dezember
1988 vereinbarten Bedingungen hält.
Diese beiden Ereignisse betonen die anhaltende
Bedeutung der Staaten, die Terrorismus unterstützen
und Terroranschlägen Vorschub leisten. Der Anschlag der PLF auf Israel wurde von Libyen aus
geplant und ausgeführt. Im Jahr 1990 wurde der Irak,
der einer steigenden Zahl von terroristischen Verbündeten Hilfe leistet, wieder in die Liste der US-Regierung aufgenommen, in der Staaten, die Terrorimus
fördern, verzeichnet sind. Die anderen Länder auf
dieser Liste-Kuba, Iran, Libyen, Nordkorea und Syrien
- helfen Terroristen in unterschiedlichem Maße: als
Zufluchtsort, durch die Bereitstellung von Reisedokumenten, Waffen, Ausbildung und technischem Knowhow.
Lateinamerika erwies sich 1990 als das Land mit den
häufigsten Terroranschlägen gegen US-Interessen.
Die meisten dieser Anschläge fanden in Chile, Peru
und Kolumbien statt. Lateinamerikanische radikale
oder Guerillagruppen mit terroristischem Anspruch
griffen eher einheimische als ausländische Ziele an.

Seite 1

�Trotz der hohen Zahl von internationalen Terroranschlägen hatte die zunehmende politische Gewalt auf
nationaler Ebene noch größere Auswirkungen auf die
Region.
In Asien nahm der internationale Terrorismus 1990
erheblich zu, insbesondere aufgrund steigender Aktivitäten der kommunistischen Neuen Volksarmee (New
People's Army - NPA) auf den Philippinen. Gleichzeitig erfuhr der Terrorismus in Südasien einen erheblichen Aufschwung, insbesondere in Pakistan, wo der
afghanische Geheimdienst für eine Flut von Terroranschlägen verantwortlich war.
Es gab im Jahr 1990 aber auch positive Entwicklungen
im Hinblick auf den Terrorismus. Acht im Nahen Osten
festgehaltene westliche Geiseln - unter ihnen die
Amerikaner Robert Polhill und Frank Reed - wurden
freigelassen. Darüber hinaus wurden 1990 im Libanon
keine westlichen Ausländer als Geiseln genommen.
Eine weitere positive Entwicklung war der starke
Rückgang des Terrorismus im Nahen Osten und ein
vermindertes "Überschwappen" des Terrorismus aus
dem Nahen Osten in andere Regionen.
Der Übergang zur Demokratie in Osteuropa brachte
Veränderungen bei den Einstellungen der Länder
Osteuropas zum Terrorismus mit sich. Die neuen
osteuropäischen Regierungen waren bestrebt, die
Unterstützung offenzulegen, die frühere Regime den
Terroristen gewährt hatten, etwa die von der DDR
gewährte Zuflucht für Terroristen der Rote Armee
Fraktion und tschechoslowakischen Lieferungen des
Plastiksprengstoffs Semtex. Von offizieller Seite finden Terroristen keine Unterstützung oder Zuflucht
mehr in den aufstrebenden Demokratien Osteuropas.
Die Tendenz zur multilateralen Zusammenarbeit bei
der Terrorismusbekämpfung setzte sich im Laufe des
Jahres fort. Nach grö ßeren Terroranschlägen wie den
Anschlägen auf Pan Am-Flug 103 und UTA-Flug 772
wiesen die Vereinten Nationen die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (International Civil Aviation
Organization - ICAO) an, eine Methode zu entwickeln,
um Plastiksprengstoff so zu "kennzeichnen", daß er
vor der Explosion entdeckt werden kann. Mitglieder
der ICAO leisteten harte Arbeit für eine Konvention,
derzufolge alle Hersteller ihren Plastiksprengstoffen
Chemikalien zusetzen müssen, mit deren Hilfe sie
besser entdeckt werden können. Anfang des Jahres
1991 wurde die Konvention zur Kennzeichnung von
Plastiksprengstoffen zum Zweck der Entdeckung unterzeichnet.
Der Trend früherer Jahre wurde 1990 mit einer Reihe
wichtiger Prozesse gegen Terroristen fortgesetzt, und
Regierungen zogen zunehmend Terroristen zur Rechenschaft.

Seite 2

Staatlich geförderter Terrorismus
Die staatliche Unterstützung des Terrorimus bleibt
einer der wichtigsten Faktoren bei der Förderung des
internationalen Terrorimus. Eine Reihe von Regierungen gewähren Terroristen Zuflucht und stellen Reisedokumente, Waffen, Ausbildung und technisches Knowhow bereit. Viele Regierungen unterstützen nicht nur
terroristische Vereinigungen, sondern nutzen Terrorismus als Mittel ihrer Innen- und Außenpolitik. Andere Regierungen, die keine direkten Förderer terroristischer Vereinigungen sind, unterstützen die Fähigkeiten solcher Gruppen, indem sie ihnen ungehinderte
Durchreise gewähren, die Führung von Geschäften
gestatten und ihnen die Rekrutierung neuer Mitglieder
oder andere Aktivitäten erlauben. Jede Art staatlicher
Terrorismusförderung macht Strafverfolgungsbestrebungen zur Terrorimusbekämpfung wesentlich schwieriger. Deshalb konzentrieren sich die Vereinigten
Staaten und ihre Verbündeten bei der Terrorimusbekämpfung darauf, den Preis für diejenigen Regierungen zu erhöhen, die Terrorimus unterstützen, tolerieren und ausüben.
Die Vereinigten Staten setzen gegenwärtig Kuba, Iran,
Irak, Libyen, Nordkorea und Syrien auf ihre Liste der
Länder, die Terrorismus fördern. Diese Liste wird
gemäß Paragraph 6 (j) des Exportgesetzes von 1979
geführt. Diese und andere US-Gesetze verfügen
Handels- und andere Beschränkungen für Länder, die
vom Außenminister der anhaltenden Unterstützung
von Terrorakten bezichtigt werden. Diese Liste wird
jährlich dem Kongreß vorgelegt, dabei können jederzeit neue Länder aufgenommen oder gestrichen werden, wenn die Umstände dies erfordern. Die Volksrepublik Jemen wurde 1990 von der Liste gestrichen,
nachdem sie sich mit ihrem Nachbarn im Norden zur
Republik Jemen vereinigt hatte. Der Irak wurde neu
auf die Liste gesetzt, weil er 1990 terroristischen
Vereinigungen erneut Hilfe geleistet hat.
Die internationalen Bestrebungen zur Abschaffung
des staatlich geförderten Terrorimus haben bemerkenswerte Ergebnisse hervorgebracht. Die internationale öffentliche Meinung und die Zusammenarbeit
gleichgesinnter Länder haben großen Druck auf Regierungen ausgeübt, ihr Verhalten zu ändern oder
zumindest zu versuchen, ihre Beteiligung am Terrorismus zu verschleiern. Dies wird deutlich in der Zahl von
Terroranschlägen, die Regierungen zugeschrieben
werden, die auf der US-Liste von Förderern des Terrorimus stehen. Die Gesamtzahl ist von 176 im Jahr
1988 auf 58 im Jahr 1989 und schließlich auf 54 im Jahr
1990 gesunken. Obwohl diese Zahlen ermutigend
sind, sollte festgehalten werden, daß die Ermittlungen
in bezug auf die Terroranschläge auf Pan Am 103 im
Dezember 1988 und UTA 772 im September 1989
noch andauern und eine Beteiligung von Regierungen
enthüllen könnten, die Terrorismus fördern.

AMERIKA DIENST 18

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t

Tatsächlich zeigte sich die anhaltende Gefahr durch
Länder, die Terrorismus fördern, 1990 in zwei Entwicklungen. Erstens wurde der vom Meer ausgeführte
Anschlag der PLF auf überfüllte israelische Strände
durch die Hilfe der libyschen Regierung bei Ausbildung, Unterhaltung und Transport der PLF-Terroristen
ermöglicht. Obwohl die Operation ohne Verluste unter
der Zivilbevölkerung zerschlagen werden konnte, führte
der Anschlag zu erhöhten Spannungen in der Region
und zur Unterbrechung des Dialogs zwischen den
Vereinigten Staaten und der PLO. Wenn der Anschlag
erfolgreich ausgeführt worden wäre, hätte er unter
Umständen zu zahlreichen Todesopfern an den öffentlichen Stränden von Tel Aviv geführt. Zweitens wurde
die Welt nach der irakischen Invasion in Kuwait Zeuge,
wie der Irak eine eindrucksvolle Bandbreite von terroristischen Vereinigungen um sich versammelte, um
die internationale Koalition gegen die Invasion einzuschüchtern.

nutznießern des geheimen Unterstützungsnetzes in
Kuba. Havanna war der Ursprungsort der meisten
Waffen, die FMLN-Kämpfer bei Revolten und Terroranschlägen in El Salvador benutzten. Auch andere
mittelamerikanische Gruppen, besonders in Honduras
und Guatemala, haben Hilfe aus Kuba erhalten. In
Südamerika waren die linksextremen Gruppen in Chile
Hauptnutznießer kubanischer Unterstützung, aber die
Hilfe ist seit Chiles friedlichem Übergang zu einer
Zivilregierung im März 1990 möglicherweise zurückgegangen.

Libyens Beteiligung am Terrorimus im Jahr 1990 ging
über die Unterstützung für den Anschlag auf Israel am
30. Mai hinaus. Tripolis gewährte der bekannten
Gruppe Abu Nidal (Abu Nidal Organization - ANO)
Zuflucht und Hilfe, finanzierte andere radikale Palästinensergruppen wie die PFLP-GC und unterstützte
terroristische Vereinigungen in anderen Ländern Afrikas, in Lateinamerika und Asien.

Iran

Der Iran nutzte und unterstützte den Terrorimus auch
im Jahr 1990, bedrohte und ermordete iranische Dissidenten im Ausland, griff saudiarabische Beamte und
Interessen an, unterstützte weiterhin Geiselnehmer
von Amerikanern und anderen westlichen Ausländern
im Libanon und unterstützte radikale Palästinensergruppen wie die PIJ und die PFLP-GC. Syrien gewährte libanesischen, palästinensischen, türkischen, japanischen und iranischen Terroristen weiterhin Zuflucht
und Unterstützung und bezeichnete alle Anschläge auf
Israel und die besetzten Gebiete als rechtmäßige
Bestrebungen zur "nationalen Befreiung". Nordkorea
beherbergt weiterhin einige Terroristen der Japanischen Roten Armee (Japanese Red Army - JRA) und
unterstützt die Neue Volksarmee auf den Philippinen.
Kuba beliefert und unterstützt Gruppen, die Terroranschläge unter anderem in El Salvador, Kolumbien,
Peru, Honduras und Chile verüben.
Kuba

Einige Rebellenorganisationen haben Büros und Mitglieder in Havanna stationiert. Oftmals werden verwundete Rebellen in kubanischen Krankenhäusern
behandelt. Mit dem Niedergang der prokubanischen
Regierungen in Panama und Nicaragua hat Kubas
Unterstützung für radikale Gruppen noch an Bedeutung gewonnen.

Der Iran setzte seine weitreichende Unterstützung für
den Terrorismus 1990 fort, obwohl die Zahl der vom
iranischen Staat geförderten Terroranschläge 1990
auf 10 gesunken ist -1989 waren es 24.
Der Iran hat häufig seine Nachrichtendienste eingesetzt, um terroristische Anschläge zu erleichtern und
auszuführen, insbesondere gegen iranische Dissidenten. Geheimdienstoffiziere in den Botschaften haben
die Diplomatenpost benutzt, um Waffen und Gelder an
terroristische Gruppen weiterzuleiten. Der Iran hat
seine Verbindungen zu moslemischen Extremisten in
der ganzen Welt ausgebaut und ihnen häufig Rat und
finanzielle Unterstützung gewährt. Die iranische Unterstützung des Terrorismus im vergangenen Jahr läßt
sich anhand folgender Beispiele belegen:
Wiederholung des Aufrufs zur Ermordung von
Salman Rushdie, dem Autor des Romans Die
satanischen Verse.
Die Ermordung von vier iranischen Dissidenten
- in Pakistan, der Schweiz, Schweden und Frankreich.
Unterstützung von Anschlägen radikaler Schiiten auf saudiarabische Interessen, darunter die
Ermordung von drei saudischen Diplomaten,
als Vergeltung für die Hinrichtung von Personen, die im Rahmen der Pilgerfahrt nach Mekka
Bombenanschläge verübt hatten.

Kuba dient nach wie vor als Hafen für regionale Revolutionäre und stellt radikalen subversiven Terrorgruppen militärische Ausbildung, Waffen, Geld und Knowhow zur Verfügung. Die Insel ist heute ein wichtiges
Ausbildungszentrum und Durchgangsland für lateinamerikanische Untergrundkämpfer und internationale
Gruppen.

Umfassende Unterstützung für die Hisbollah,
die PFLP-GC, die PIJ und andere Gruppen, einschließlich Bereitstellung von Waffen, Geld und
Ausbildung.

Die Nationale Befreiungsfront Farabundo Marti (Farabundo Marti National Liberation Front - FMLN) aus El
Salvador gehörte in den letzten Jahren zu den Haupt-

Vom Iran unterstützte schiitische Gruppen haben
wahrscheinlich die Kontrolle über westliche Geiseln im
Libanon, und die meisten Beobachter gehen davon

AMERIKA DIENST 18

Seite 3

�aus, daß der Schlüssel zu ihrer Freilassung im Iran
liegt. Sämtliche amerikanischen Geiseln befinden sich
wahrscheinlich in der Gewalt einer dieser Gruppen,
der Hisbollah. Der iranische Präsident, Ali Akbar
Haschemi Rafsandschani, dessen innenpolitische Stärke
im Jahr 1990 gewachsen ist, soll einen pragmatischen
Ansatz in der Außenpolitik und verbesserte Beziehungen zum Westen befürworten, was eine Lösung des
Geiselproblems erfordern würde. So schrieb etwa die
Tageszeitung The Tehran Times, von der man annimmt, daß sie Rafsandschanis Ansichten wiedergibt,
in einem Leitartikel vom 22. Februar, die Geiseln
sollten ohne Vorbedingungen freigelassen werden.
Zwei Monate später wurden die amerikanischen Geiseln Robert Polhill und Frank Reed auf freien Fuß
gesetzt. Einige Hardliner im Iran und innerhalb der
Hisbollah reagierten darauf mit Kritik. Sie fragten, ob
der Iran oder die Geiselnehmer durch ihre Handlungsweise vom Westen irgendwelche Vorteile in Form
einer Geste des guten Willens erhalten hätten. Im Jahr
1990 wurden keine weiteren Geiseln freigelassen, und
Presseberichten zufolge strebte der Iran Belohnungen
an, bevor es zu weiterer Bewegung in der Geiselfrage
kommen könne.
Wichtige Personen der Terrorszene, darunter Ahmed
Dschebril von der PFLP-GC sowie verschiedene prominente Mitglieder der Hisbollah, besuchten häufig
den Iran. Der Iran war Gastgeber einer Weltkonferenz
über Palästina, die im Dezember in Teheran stattfand.
Damit versuchte das Land, seinen Einfluß in islamischen Angelegenheiten allgemein und auf die Palästinenser im besonderen zu stärken. Die Führer verschiedener radikaler palästinensischer und libanesischer Gruppen, darunter Salka, Hamas, Hisbollah und
der Palästinensische Islamische Dschihad nahmen
daran teil.
Irak
Irak wurde aufgrund seiner verstärkten Kontakte mit
und Unterstützung von terroristischen Gruppen im
September 1990 wieder auf die Liste der Staaten
gesetzt, die den Terrorismus unterstützen. Nach der
Bildung einer internationalen Koalition gegen die Invasion in Kuwait gaben irakische Regierungsvertreter
öffentliche Erklärungen ab, in denen der Terrorismus
als legitime Taktik bezeichnet wurde.
Nach der Invasion in Kuwait am 2. August 1990 nahm
die Regierung des Irak systematisch Bürger der Vereinigten Staaten und zahlreicher anderer Nationen gefangen. Dies geschah sowohl in Kuwait als auch im
Irak und dauerte mehrere Monate an. Viele der
Geiseln wurden an strategisch wichtige Orte im Irak
verschleppt, darunter Rüstungsfabriken, militärische
Forschungseinrichtungen und wichtige militärische
Stützpunkte.

tion 664 verlangte der UN-Sicherheitsrat dfe Freilassung dieser Geiseln durch den Irak.
Saddam Hussein setzte die Geiseln schließlich wieder
auf freien Fu ß, wobei Frauen und Kinder zuerst freigelassen wurden. Bis Dezember 1990 waren alle westlichen Geiseln frei, aber viele Kuwaiter blieben in
Gefangenschaft.
Eine Geiselnahme in dem vom Irak begangenen Ausmaß
ist einzigartig in der jüngeren Geschichte. Saddam
Husseins Vorgehensweise stellte einen zynischen und
sinnlosen Versuch dar, ausländische Staatsbürger
und ihre Regierungen zu terrorisieren und die internationale Entschlossenheit zu schwächen, sich der
Besetzung und Annexion Kuwaits entgegenzustellen.
Im Jahr 1990, insbesondere nach dem 2. August,
berichtete die Presse über zunehmende Reisen von
Terroristen nach Bagdad, womit sich eine intensivere
Beziehung zwischen diesen Gruppen und dem Irak
andeutete. Schon vor der Invasion Kuwaits bot der
Irak einen sicheren Hafen, Ausbildung und andere
Unterstützung für palästinensische Gruppen mit terroristischem Hintergrund. Unter diesen Gruppen sind
die Arabische Befreiungsfront (ALF) und die PLF von
Abu Abbas, die für die Entführung der Achille Lauro im
Jahr 1985 und den terroristischen Anschlag auf israelische Strände im Mai verantwortlich sind. Auch die
ANO solle ihre Präsenz im Irak in der ersten Hälfte des
Jahres 1990 erneuert haben. Abu Ibrahim, Führer der
inzwischen nicht mehr existierenden terroristischen
Organisation 15. Mai und bekannt für seine Fähigkeiten als Bombenkonstrukteur, soll ebenfalls seinen Sitz
nach Bagdad verlegt haben.
Mit dem Ende des iranisch-irakischen Kriegs verringerte der Irak seine Unterstützung für anti-iranische
Dissidentengruppen, einschließlich der Mujahedin-eKhalq (MEK). Weiterhin wird über eine verstärkte
irakische Unterstützung der Kurdischen Arbeiterpartei
(PKK) in der Türkei spekuliert. Diese geht Hand in
Hand mit der Verschlechterung der türkisch-irakischen
Beziehungen wegen der türkischen Einhaltung der
UNO-Sanktionen nach dem irakischen Einmarsch in
Kuwait und Auseinandersetzungen über Wasserrechte.
Führende irakische Regierungsvertreter, darunter der
ehemalige Außenminister Tarik Asis, gaben öffentliche Erklärungen ab, in denen der Terrorismus als
legitime irakische Reaktion gerechtfertigt wurde, falls
es zu Feindseligkeiten zwischen dem Irak und der
multinationalen Streitmacht am Golf kommen sollte.
Berichten zufolge plante der Irak die Durchführung
dieser Ankündigungen. So sollen irakische Regierungsvertreter sowie Bagdads palästinensische Stellvertreter verschiedene Ziele in der Koalition ausspioniert haben.

Die Massengeiselnahme wurde von der internationalen Staatengemeinschaft verurteilt, und in der Resolu-

Seite 4

AMERIKA DIENST 18

�Libyen
Libyen hat im Jahr 1990 durch die Unterstützung des
fehlgeschlagenen Anschlags der Palästinensischen
Befreiungsfront auf israelische Badegäste erneut seine anhaltende Förderung des Terrorismus unter Beweis
gestellt. Tripolis half der PLF bei Planung, Ausbildung,
Nachschub und Durchführung dieser Seeoperation.

«

Seit 1986 hat sich der libysche Staatschef Muammar
Gaddafi öffentlich von der Unterstützung terroristischer Gruppen distanziert. Er stellte seiner terroristischen Klientel jedoch weiterhin Finanzmittel, Ausbildung und andere Unterstützung zur Verfügung. Gaddafis
Behauptungen, er habe gewisse terroristische Gruppen - die PLF, ANO und PFLP-GC - des Landes
verwiesen, konnten bis zum Ende des Jahres 1990
nicht erhärtet werden. Libyen nahm darüber hinaus im
Jahr 1990 die finanzielle Unterstützung der PFLP-GC
und möglicherweise auch anderer palästinensischer
Terrorgruppen wieder auf.
Libyen unterstützt auch weiterhin terroristische Vereinigungen und Untergrundkämpfer in der ganzen Welt.
Auf den Philippinen hat Libyen die NPA unterstützt, die
im Jahr 1990 terroristische Anschläge auf Amerikaner
verübte, denen fünf Personen zum Opfer fielen. Vertreter Costa Ricas gehen davon aus, daß alle 15
Mitglieder der Santamaria Patriotic Organization (OPS),
die im Februar in Costa Rica aufgrund von Granatenanschlägen auf amerikanische Einrichtungen verhaftetwurden, in Libyen ausgebildet wurden. Die Gruppe,
die am 27. Juli bei einem Putschversuch, dem mehrere
Menschen zum Opfer fielen, das Parlament von Trinidad und Tobago angriff, wurde unter anderem von
Libyen ausgebildet und finanziert.
Im April wies Äthiopien zwei libysche Diplomaten aus,
weil sie angeblich an einem Bombenanschlag auf das
Hilton Hotel in Addis Abeba am 30. März beteiligt
gewesen waren.

«

'

Im ganzen Jahr 1990 tauchten neue Hinweise auf die
libysche Verstrickung in frühere Akte des Terrorismus
auf. Deutschen Presseberichten zufolge entdeckten
deutsche Stellen in den Akten des ehemaligen DDRStaatssicherheitsdienstes Beweise dafür, daß Libyen
für den Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle in
West-Berlin im Jahr 1986 verantwortlich war.
Auch die Ermittlungen in bezug auf den Bombenanschlag vom September 1989 auf Flug 772 der französischen UTA - bei dem 170 Menschen, darunter 7
Amerikaner, ums Leben kamen - weisen Presseberichten zufolge darauf hin, daß die Bombe mit libyscher
Diplomatenpost in den Kongo geschmuggelt wurde
und von einem libyschen Botschaftsvertreter in Brazzaville an drei in Libyen ausgebildete kongolesische
Terroristen weitergegeben wurde. In afrikanischen
und französischen Presseberichten wird festgestellt,
daß sowohl im Kongo als auch in Zaire Verdächtige

AMERIKA DIENST 18

festgehalten werden, die Libyen mit dem Bombenanschlag in Verbindung bringen.
Auch ein Großteil der Verantwortung für den Bombenanschlag auf Flug 103 der Pan Am vom Dezember
1988 geht laut Presseberichten von Ende 1990 zu
Lasten der Libyer. So schrieb die amerikanische,
britische und französische Presse, die Ermittler hätten
entdeckt, daß der damals verwendete Zünder mit dem
identisch sei, den zwei im Februar 1988 in Dakar
(Senegal) festgenommene libysche Agenten bei sich
trugen. Die offiziellen Ermittlungen dauerten in beiden
Fällen bis Ende 1990 an.
Nordkorea
Seit Mitglieder des nordkoreanischen Geheimdienstes
im Jahr 1987 eine Bombe an Bord eines südkoreanischen Verkehrsflugzeuges schmuggelten, sind keine
weiteren von diesem Land unterstützten Terrorakte
bekanntgeworden. Nordkorea bietet jedoch weiterhin
einer kleinen Gruppe von Mitgliedern der Japanischen
Roten Armee (JRA) Schutz, die im Jahr 1970 ein

japanisches Verkehrsflugzeug nach Nordkorea entführt hatten. Nordkorea hat der New People's Army
auf den Philippinen Unterstützung gewährt. Es hat
sich nicht vom Terrorismus distanziert.
Syrien
Seit 1987 gibt es keinerlei unmittelbare Beweise für die
Beteiligung der syrischen Regierung an terroristischen
Anschlägen außerhalb des Libanon, obwohl Syrien
weiterhin Gruppen, die internationale terroristische
Aktionen durchführen, Unterstützung und Unterschlupf
bietet.
Syrien hat Fortschritte dabei erzielt, sich von der
Unterstützung einiger terroristischer Gruppen zu lösen. Syrien hat darüber hinaus mit dem Iran und
anderen zusammengearbeitet, um die Freilassung
westlicher Geiseln zu erreichen, die von terroristischen Gruppen im Libanon festgehalten wurden. Dazu
gehörte auch die Freilassung der amerikanischen Geiseln
Polhill und Reed im Frühjahr 1990. Die staatlich
kontrollierten Medien haben die Abu-Nidal-Organisation als terroristisch bezeichnet, aber die syrische
Regierung versäumte es, in den syrisch kontrollierten
Gebieten des Libanon konkrete Maßnahmen gegen
die ANO durchzuführen.
Gleichzeitig unterstützt Syrien öffentlich das Recht der
Palästinenser auf bewaffneten Kampf für ihre Unabhängigkeit. Präsident Assad hat palästinensische
Angriffe auf Israel und die besetzten Gebiete öffentlich
verteidigt und unterstützt. Syrien stellt weiterhin politische und materielle Unterstützung für palästinensische Gruppen zur Verfügung, die ihr Hauptquartier in
Damaskus haben und in der Vergangenheit terroristische Anschläge verübten, insbesondere die PFLPGC, deren Propagandasender al Quds in Syrien steht.
Darüber hinaus beherbergt sie die Abu-Musa-Gruppe,
Seite 5

�die Volkskampffront (PSF), die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) und die Demokratische Front
für die Befreiung Palästinas (DFLP). Der Führer der
PFLP hat öffentlich erklärt, er werde Anschläge auf
amerikanische Ziele und andere Gegner des Irak
durchführen, falls es zum militärischen Konflikt am
Golf käme. Bis zum Jahresende wurden keine Anschläge dieser Art verübt.

sehen Islamischen Dschihad, die die Verantwortung
für das Massaker an neun israelischen Touristen in
Ägypten übernommen hat. Die Erklärung des PU
wurde vom Rundfunksender der PFLP-GC in Südsyrien ausgestrahlt.

Im Jahr 1990 und insbesondere seit dem irakischen
Einmarsch in Kuwait hat Syrien versucht, seine öffentlichen Verbindungen zu terroristischen Aktivitäten und
Die Vereinigten Staaten haben der syrischen Regie- Gruppen im internationalen Bereich abzuschwächen,
rung gegenüber - sowohl öffentlich als auch vertraulich augenscheinlich in dem Versuch, sein Ansehen im
- weiterhin ihre ernste Besorgnis über die von Syrien Westen zu verbessern. Syrische Reglerungsvertreter
unterstützten terroristischen Gruppierungen zum haben erklärt, das Land engagiere sich für die AufspüAusdruck gebracht. Die syrische Regierung hat einige rung und Bestrafung von Personen im syrischen
positive Schritte unternommen, insbesondere seit Beginn Hoheitsbereich, die terroristischer Anschläge beschulder Golfkrise im August 1990, um die in Syrien behei- digt werden, falls Beweise für ihre Verbrechen vorgemateten terroristischen Gruppen zu zügeln. Sie hat legt werden können. Sie haben darüber hinaus wiejedoch keine Maßnahmen ergriffen, um diese Grup- derholt, daß jede Organisation, die an terroristischen
Verbrechen beteiligt ist, die Folgen zu tragen hat.
pen aufzulösen oder aus Syrien auszuweisen.
Nach dem Besuch von Außenminister Baker in Syrien
Syrien hat keine Schritte unternommen, um die Prä- im September hat der syrische Außenminister Schasenz anderer terroristischer Organisationen abzubau- raa öffentlich erklärt, Syrien verurteile alle Formen des
en oder zu beseitigen, wie etwa der Kurdischen Arbei- Terrorismus, einschließlich von Flugzeugentführunterpartei (PKK), der Armenischen Geheimarmee für gen und Geiselnahmen. Syrien unterscheidet jedoch
die Befreiung Armeniens (ASALA) und der Japani- weiterhin zwischen dem "legitimen Kampf gegen die
schen Roten Armee. Einige dieser Gruppen unterhal- Besatzungstruppen" und Akten des Terrorismus - ein
ten Lager im libanesischen Bekaa-Tal, das von syri- grundlegender Unterschied zwischen amerikanischen
schen Truppen kontrolliert wird. Syrien toleriert ferner und syrischen Nachrichten.
die Präsenz einer Splittergruppe des Palästinensi-

*

Seite 6

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AMERIKA DIENST 18

•

�PARTEIEN

IN

AMERIKA
8. Mai 1991

REPUBLIKANER UND DEMOKRATEN
IN DEN NEUNZIGER JAHREN
von Everett Carll Ladd

BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Artikel ist im Januar 1991 in der Zeitschrift American Studies
Newsletter erschienen. Der Autor ist Leiter des Roper Institute in Storrs (Connecticut).

Nach jeder wichtigen Wahl in den Vereinigten Staaten
sind Politiker und Insider bestrebt, die Bedeutung des
Ergebnisses zu analysieren. Welche Implikationen
haben die Ergebnisse für die nächste Runde nationaler
Wahlen und ganz allgemein für die Zukunft der Partei?
Die vorherrschende Meinung über die Wahl vom 7.
November 1989 - bei der die Demokraten die Bürgermeisterwahl in New York und die Gouverneurswahlen
in Virginia knapp gewannen und beim Rennen um den
Posten des Gouverneurs von New Jersey gut abschnitten - läßt zwei Schlußfolgerungen zu. Erstens,
daß nach der Reagan-Ära die Demokraten ihren Vorsprung bei den Wahlen wiedergewonnen haben und
zweitens, daß der Widerstand der Republikaner gegen
flexiblere Abtreibungsgesetze sich als politisches
Eigentor erwiesen hat.
Das erste Argument entbehrt jeder Grundlage. Noch
schlimmer ist, daß es die Aufmerksamkeit von dem
Merkmal ablenkt, das den gegenwärtigen Wettbewerb
der politischen Parteien in den Vereinigten Staaten
von dem früherer Zeiten unterscheidet: Wahlergebnisse in den Bundesstaaten und Kommunen weichen
in ihrem Muster stark und kontinuierlich von den landesweiten Wahlen ab, bei denen die Präsidentschaft
im Vordergrund steht. Normalerweise wäre man gut
beraten, den drei Wahlen im November 1989 nicht
allzuviel Bedeutung beizumessen, weil sie als Beispiel
zu unerheblich sind, um etwas über nationale Tendenzen zu verraten, aber die Ergebnisse spiegeln tatsächlich eingefahrene Muster wider.
Ein Jahr zuvor hatten die Republikaner die Präsidentschaft mit Leichtigkeit gewonnen - ihr fünfter Sieg in
den letzten sechs Rennen. In diesem Zeitraum hatten
sie bei den Wählern gegenüber den Demokraten einen
AMERIKA DIENST 18

Vorsprung von 10 Prozentpunkten - 53 Prozent zu 43
Prozent. Diese Spanne ist so groß, daß sie ihresgleichen nur einmal in der amerikanischen Geschichte bei den Wahlen von 1932 - findet (als der Demokrat
Franklin D. Roosevelt 57 Prozent der Wählerstimmen
auf sich vereinigte und damit vor dem Republikaner
Herbert Hoover lag, der 39 Prozent errang). Aber in
der ganzen Zeit hielten die Demokraten ihre Mehrheit
in den Parlamenten der Bundesstaaten und im Kongreß. Nach der Wahl von 1988 führten sie gegenüber
den Republikanern im Senat mit 55 zu 45, im Repräsentantenhaus mit 260 zu 175, bei den Gouverneuren
mit 28 zu 22 und bei den Sitzen in den gesetzgebenden
Körperschaften der Bundesstaaten mit 4.477 zu 2.925.
Wenn die Ergebnisse von 1989 irgendeine besondere
Bedeutung haben, dann die, daß sich die Tradition
geteilter Parteikontrolle in die neunziger Jahre fortsetzt. Warum ist das so?
Bei dem Versuch zu erklären, warum die gegenwärtige
Wählerschaft etwas tut, was amerikanische Wähler
bisher nicht getan haben - unterschiedliche Stimmabgabe bei nationalen und regionalen Wahlen -muß man
zu der Schlu ßfolgerung gelangen, daß die Wähler uns
damit etwas sagen wollen. Ich nenne ihre Reaktion
nach James Madison (US-Präsident von 1809-17),
dem großen Verfechter der geteilten Regierung "kognitiven Madisonismus". Diese Interpretation geht
von der Tatsache aus, daß sich Amerikaner mit einer
politischen Philosophie und begleitenden Institutionen - die einer sich wechselseitig kontrollierenden
Regierungsbefugnis große Bedeutung beimessen und
als Instrument zur Wahrung der Freiheit des einzelnen
dienen - in geringerem Umfang als andere Demokratien durch ein republikanisches Weißes Haus und
einen demokratischen Kongreß beunruhigt fühlen.
Seite 1

�Niemals vor diesen letzten 25 Jahren hat Amerika
erlebt, daß die Parteien sich die Kontrolle über nationale exekutive und legislative Institutionen geteilt haben,
aber ihre ganze Geschichte hatte sie für die zugrundeliegende Idee der geteilten Regierung vorbereitet.

Vorteil, weil sie nach zwei ungewöhnlichen republikanischen Debakeln in den Jahren 1964 und 1974 das
moderne Zeitalter mit mehr Amtsträgern begonnen
haben, die damit einhergehende Vorteile des Amtes in
Anspruch nehmen konnten.

Erhalten die Lehren der Geschichte jetzt eine neue
Perspektive? Sind Amerikaner jetzt empfänglicher für
eine gesteigerte Form geteilter Macht - eine republikanische nationale Exekutive mit einer demokratischen
Vormachtstellung im Kongreß und den Parlamenten
der Bundesstaaten - um neue Perspektiven auszudrücken? Natürlich erklärt die Öffentlichkeit, durch
eine geteilte Parteienkontrolle nicht im mindesten beunruhigt zu sein. Zum Beispiel wurde in einer vom 23.
bis 26. Oktober 1988 von NBC News und dem Wall
Street Journal durchgeführten Untersuchung gefragt:
"Glauben Sie, daß es generell besser ist, wenn dieselbe politische Partei sowohl den Kongreß kontrolliert als
auch den Präsidenten stellt, oder sind Sie der Meinung, es sei besser, wenn unterschiedliche politische
Parteien den Kongreß kontrollieren und den Präsidenten stellen?" Nur 32 Prozent sprachen sich für die
Kontrolle einer Partei aus, während 54 Prozent geteilte
Macht befürworteten. Andere Umfragen haben diese
Tendenz bestätigt.

Die Bindung an eine politische Partei ist das eine Mittel,
diese Dynamik außer Kraft zu setzen. Das heißt, ein
Wähler weiß vielleicht nicht sehr viel über das Wahlergebnis eines Amtsinhabers und stimmt dennoch zugunsten eines weniger bekannten Herausforderers
gegen ihn, weil der Wähler die Partei des Gegners
bevorzugt - und das ist genau das, was historisch
gesehen geschah. Im Verlauf des letzten Vierteljahrhunderts, in dem die Amtsinhaber größere Wahlressourcen als je zuvor aufgebracht haben, hat sich der
Anteil der Wähler mit starken Parteibindungen jäh
verringert. Die Wähler von heute, die über eine bessere Ausbildung verfügen und ihre politischen Informationen im großen und ganzen den Massenmedien entnehmen, gehen sehr viel weniger mit dem Kurs ihrer
Partei konform als ihre Vorgänger dies taten.

Untersuchungen der öffentlichen Meinung in den
Vereinigten Staaten zeigen eine Öffentlichkeit, die
wichtigen politischen Themen höchst ambivalent
gegenübersteht. Insbesondere befürworten Amerikaner ein hohes Maß an staatlichem Schutz und staatlichen Dienstleistungen, kritisieren aber gleichzeitig die
Regierung als zu groß, zu aufgebläht und zu belehrend. Sie erwarten wiedersprüchliche Dinge vom
modernen Staat und sehen, daß Demokraten und
Republikaner zur Rolle der Regierung ganz unterschiedliche Auffassungen haben. Wäre es denn
überraschend, wenn eine Art kognitiver Madisonismus
in modernem Gewand in Erscheinung treten würde?
Nach dem Motto: wir wollen die Ansichten der beiden
Parteien zur angemessenen Rolle der Regierungen
noch spannender gestalten. 1989 ist der republikanische Präsident George Bush fest im Weißen Haus
etabliert und erfreut sich großer Zustimmung, deshalb
wollen wir bei den Gourverneurswahlen in New Jersey
und Virginia eine etwas andere Botschaft aussenden.
Zusätzliche Faktoren als nur der kognitive Madisonismus wirken natürlich jetzt und produzieren geteilte
Wahlergebnisse. Bei den Wahlen 1989 spielten sie
keine große Rolle, aber bei den Wahlen für die gesetzgebenden Körperschaften in den letzten 25 Jahren
haben Amtsvorteile eine gro ße und zunehmende Rolle
gespielt. In vielen Parlamenten der Bundesstaaten
und im Kongreß hatten Amtsinhaber im Hinblick auf
das Personal und die Kampagne einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihren Herausforderern - sie
verfügten über entschieden mehr Mittel zur Eigenwerbung. Damit haben die Demokraten einen klaren

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Die Faktoren, die das Wahlverhalten bei Kongreßund Präsidentschaftswahlen beeinflussen, unterscheiden sich grundlegend. Der Politologe S.M. Lipset
argumentiert fogendermaßen:
"Der Kongreß ist der Ort, an dem (Gruppen-)
Konflikte ausgefochten werden. Die Mitglieder
leisten Dienste, fungieren als Ombudsmann
und vertreten Interessen. Sie erheben eher im
kleinen als im großen Rahmen Einspruch. Und
die Demokraten mit ihren Verbindungen zu den
Massen und die Interessen der Öffentlichkeit
vertretenden Lobbyisten sind besser in der Lage,
diese Aufgaben zu erfüllen."
•
Andererseits "kommt den Republikanern auf
nationaler Ebene die Tatsache zugute, daß der
Präsident als ein gewählter Monarch angesehen wird, als Symbol ebenso wie als Führungskraft für das gesamte Land, die im Idealfall über
kleinmütigen Interessenkonflikten steht und sich
vor allem für moralische Werte in der Innensowie die Außen- und Verteidigungspolitik
engagiert. Das Amt ist immanent an Nationalismus gebunden. Demokratische Liberale stehen
vor diesem Hintergrund schwach da. Reagan
und Bush scheinen stark."
Die Meinungen der Analysten gehen auseinander,
inwieweit die öffentliche Meinungsbildung den Republikanern ihren derzeitigen nationalen Vorteil verschafft
hat. Ich kann drei Komponenten ausmachen. Die eine
ergibt sich aus dem enormen realen Wachstum der
Regierung in den sechziger und siebziger Jahren. Als
Reaktion auf diesen Zuwachs wurde das Vorgehen der
Regierung zunehmend als Problem, nicht nur als
Problemlösung gesehen. "Die Regierung verursacht

AMERIKA DIENST 18

�j

Inflation" war ein Teil dessen. "Die Regierung erhebt
zu hohe Steuern" ist heute geläufiger. Für die meisten
Bürger nahm die tatsächliche Steuerlast nach den
fünfziger Jahren drastisch zu.

gehalten. Weiße Südstaatler aus den ländlichen
Gebieten und die Arbeiterklasse des Nordens waren
bezüglich stärkerer staatlicher Eingriffe in den Markt
einer Meinung.

Der zweite Problembereich bezieht sich auf die Außen- und Verteidigungspolitik. Heutzutage vergißt
man leicht, daß zu Zeiten des New Deal [der Innenpolitik von Präsident Franklin D. Roosevelt (1933-34), die
die Erholung der amerikanischen Wirtschaft von der
großen Wirtschaftskrise zum Ziel hatte] die Demokraten die Partei mit der dogmatischeren Außenpolitik
waren. In einigen republikanischen Kreisen machte
sogar der Vorwurf die Runde, die Vereinigten Staaten
"führen Kriege", wenn die Demokraten an der Regierung sind. Zweifelsohne erhielten die Vereinigten
Staaten in den dreißiger und vierziger Jahren von den
Demokraten eine Art au ßenpolitischen Nationalismus,
der intellektuell dem "neuen Nationalismus" entsprach,
den die Partei bei Wirtschaftsbelangen im Inland verfolgte - in beiden Fällen unter der Führung von Franklin
D. Roosevelts republikanischem Vetter Theodore.
Politiker der Demokratischen Partei insistierten, daß
den Vereinigten Staaten große Verantwortung bei der
Förderung spezifischer nationaler Interessen und der
Sache der Demokratie durch das Einbringen amerikanischer Macht in das Weltgeschehen zukäme.

Keine der beiden Gruppen hatte "liberale" Ansichten
zu Themen wie Rassenzugehörigkeit, Patriotismus,
Todesstrafe oder Abtreibung. Sobald diese Themen
politisch in den Vordergrund treten wie in den sechziger Jahren sahen und sehen sich die Demokraten mit
einem nahezu unlösbaren Problem konfrontiert. Wenn
sie eine liberale Haltung zu diesen Themen einnahmen, stießen sie die weißen Südstaatler und einen Teil
der weißen Arbeiterklasse vor den Kopf. Wenn sie
konservative Ansichten vertraten, riskierten sie, die
gebildeten Liberalen zu verlieren, die ihren Wahlkampf
führten und das Geld aufbrachten. Demokratische
Kongreßkandidaten können diesem Problem häufig
ausweichen, da die meisten Wahlbezirke für Kongre ßwahlen relativ homogen sind. Diese Strategie wirkt bei
Wahlen in den Bundesstaaten nicht so gut, vor allem,
wenn der Bundesstaat sozial vielschichtig ist. Bei
landesweiten Wahlen scheint sie überhaupt nicht zu
funktionieren.

Wesentliche Teile der Demokratischen Partei hätten
diesen Ansatz der New Deal-Ära in jedem Fall modifiziert, aber aufgrund des Vietnamkriegs wurde die
Neubewertung beschleunigt und verschärft. Den
Republikanern wurde damit die enorme Chance gegeben, sich als die in Fragen der Außenpolitik realistischer denkende und als die Partei zu etablieren, die
eher zur Aufrechterhaltung einer starken nationalen
Verteidigung und zum Widerstand gegen die kommunistische Expansion bereit ist.
Einige Demokraten vertreten die Auffassung, daß ihr
jüngster Nachteil bei außen- und verteidigungspolitischen Fragen jetzt durch die Entwicklungen in der
UdSSR und Osteuropa abgebaut wird.

i

Aber solche Betrachtungen scheinen eher Hoffnungen
der Demokraten als politische Realität zu sein. Die
Tatsache bleibt bestehen, daß ein republikanischer
und nicht ein demokratischer Präsident zu einem Zeitpunkt auf der Bühne ist, zu dem der Kommunismus
ideologisch das Handtuch geworfen zu haben scheint.
Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, daß sich
die bisherigen Probleme der Demokraten in dem neuen
politischen Umfeld der neunziger Jahre verringern
werden - aber im Augenblick ist das reine Spekulation.
Der dritte Problemkreis, der die Demokraten national
vor eine Herausforderung gestellt hat, umfaßt ein
vielschichtiges Spektrum sozialer Fragen. Christopher Jancks Beobachtungen zufolge wurde die New
Deal-Koalition durch Wirtschaftsinteressen zusammen-

AMERIKA DIENST 18

Viele Analysten sehen jedoch jetzt in der scharfen
Abtreibungskontroverse eine größere Chance für die
Demokraten. Der Politologe William Schneider argumentiert, daß "die Frage des Schwangerschaftsabbruchs einen Pfahl mitten durch die Reagan-Koalition
treiben könnte." Der Grund:
"Religiöse Konservative und wohlhabende
Vorstädter sind die beiden Kemwählerschaften
der Republikanischen Partei. Kein Thema kann
diese beiden Gruppen mehr entzweien als Abtreibung."
In Wirklichkeit war das Tema Schwangerschaftsabbruch für beide Parteien seit über zehn Jahren äußerst schwierig - seit der Zeit, als sich die Amerikaner
der praktischen politischen Konsequenzen einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes aus dem Jahr
1973 bewußt wurden, die ein flexibles Recht auf Abtreibung einräumte. Dies ist darauf zurückzuführen,
daß die große Mehrheit der Öffentlichkeit sich weder
im Lager der Befürworter noch der Abtreibungsgegner
wohlfühlt. Die Lobby ist stark polarisiert und vertritt
zunehmend die Auffassung, daß es zu diesem Thema
keinen Mittelweg geben kann. Für viele Amerikaner ist
der Mittelweg jedoch ein weites Feld - und dort wollen
sie stehen.
Ein Teil der von zahlreichen Amerikanern der "breiten
Mitte" vertretenen Auffassung ist, daß bei Abtreibung
wie bei so vielen anderen Fragen der Gedanke der
Entscheidung des einzelnen gro ßen Respekt verdient.
Wenn Meinungsforscher beispielsweise die Frage
stellen: "Sollte einer Frau der Schwangerschaftsabbruch gestattet werden, wenn sie dies wünscht und ihr

Seite 3

�Arzt zustimmt?", antwortet die große Mehrheit kontinuierlich mit Ja. Der andere Teil argumentiert jedoch,
Abtreibungen würden zu häufig und zu sorglos durchgeführt und daher sei größere Kontrolle vonnöten.

"liberalisiert". Gleichzeitig möchten Demokraten, die
selbst Gegner der Abtreibung sind oder aus Wahlkreisen kommen, in denen die Gegner sehr stark sind, daß
die Partei ihre Einstellung konservativer gestaltet.

Die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Einstellungen werden von einer Reihe von Untersuchungen
eindeutig aufgezeigt - dazu gehören auch zwei im März
und September 1989 durchgeführte Meinungsumfragen, bei denen jeweils ein umfassendes Spektrum von
Fragen gestellt wurde. Diesen Untersuchungen zufolge lehnt eine große Mehrheit einen Verfassungszusatz ab, der Schwangerschaftsabbrüche kategorisch
verbieten würde. Eine Frau könnte demnach einen
legalen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen,
wenn die Schwangerschaft die Folge von Vergewaltigung oder Inzest ist oder wenn das Kind mit hoher
Wahrscheinlichkeit an einer Erbkrankheit leiden würde. Nahezu einhellig würden die Amerikaner einen
Schwangerschaftsabbruch befürworten, um das Leben der Mutter zu retten.

Eine Mehrheit aller Amerikaner befürwortet tatsächlich
die Wahlfreiheit des einzelnen und gleichzeitig mit
Nachdruck den Schutz des ungeborenen Lebens. Sie
erwarten von beiden Parteien, daß sie beide Positionen respektieren. Wird eine Partei dabei mehr Erfolg
haben als die andere?

Obwohl die Mutter die Freiheit haben sollte, in einigen
Fällen über den Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden, sollte ihre Wahlfreiheit jedoch nicht uneingeschränkt bestehen. Große Mehrheiten der Bevölkerung würden Abtreibung in den Fällen für illegal erklären, in denen ein Schwangerschaftsabbruch deshalb
gewünscht wird, weil die Geburt eines Kindes die Frau
zwingen würde, ihre berufliche Karriere zu unterbrechen, weil der Vater nicht bereit ist, bei der Kinderbetreuung mitzuhelfen oder weil die Schwangerschaft
eine übermäßige emotionale Belastung darstellen würde.
Nahezu einhellig lehnen die Amerikaner Abtreibung
als Mittel der Geburtenkontrolle ab. Die Analyse von
Erhebungsdaten zur öffentlichen Meinung zeigt sowohl unter Republikanern als auch unter Demokraten
ein breites Meinungsspektrum zum Schwangerschaftsabbruch. Es wurde häufig in den Vordergrund gestellt,
daß es unter den Republikanern einen starken Block
für die Wahlfreiheit beim Schwangerschaftsabbruch
gibt - vielleicht ein Fünftel aller Anhänger der Republikanischen Partei. Man sollte jedoch nicht außer acht
lassen, daß bei den Demokraten die Gegner der
Abtreibung einen noch größeren Prozentsatz ausmachen - meiner Analyse zufolge etwa ein Viertel. Dies
ist ein starker Hinweis darauf, daß beide Parteien bei
ihren traditionellen Wählern Zuspruch einbüßen könnten, wenn die Frage des Schwangerschaftsabbruchs
bei Wahlen größeres Gewicht erhielte.
Verständlicherweise machen sich deshalb auch einige
Vertreter beider Parteien Sorgen über die Auswirkungen des Themas auf das Wählerverhalten. Republikanische Befürworter der Wahlfreiheit beim Schwangerschaftsabbruch, wie etwa die Kongreßabgeordneten
Lynn Martin aus Illinois und Claudine Schneider aus
Rhode Island möchten, daß ihre Partei ihre Haltung

Seite 4

Zu Beginn der neunziger Jahre haben beide großen
politischen Parteien ihre Hochburgen. Wie bereits
festgestellt, haben die Republikaner institutionell gesehen das nationale Stimmverhalten dominiert, in dessen
Mittelpunkt die Wahl des Präsidenten steht. Gleichzeitig haben die Demokraten bei Wahlen in den Bundesstaaten und Gemeinden ihre Mehrheit ständig ausgebaut. Im Hinblick auf ihre Grundsätze profitieren die
Republikaner wie bereits seit über zehn Jahren weiterhin von dem Glauben, daß der Zuwachs an staatlichem Einfluß zurückgedrängt werden muß, während
die Demokraten durch die weiterhin große Nachfrage
nach öffentlichen Dienstleistungen gestärkt werden.
Moralische Fragen wie die Abtreibung sind Herausforderungen für beide Parteien.
Insgesamt gesehen, haben jedoch die Republikaner
die politische Schlacht der achtziger Jahre gewonnen.
Am Ende des Jahrzehnts hatten sie bei Wähleridentifikation gleichgezogen und bei anderen Faktoren einen Vorsprung erzielt.
Alle wichtigen nationalen Meinungsumfragen weisen
im Lauf des Jahrzehnts beeindruckende Bewegungen
auf: Die Nettoverschiebung zu den Republikanern
betrug bei der Identifikation 15 bis 20 Prozentpunkte in
den Umfragen. Die Ergebnisse schwanken - sie
spiegeln damit sowohl die ihnen eigene Ungenauigkeit
als auch den Fluß der politischen Ereignisse wider -,
aber ein eindeutiger, sich kontinuierlich verstärkender
Trend ist offenkundig.
Jüngste Arbeiten der Politikwissenschaftler Helmut
Norpoth und Michael Kagay liefern dramatische Beweise für den Erfolg der Republikaner bei jungen
Menschen. Norpoth und Kagay kombinierten die
zahlreichen jährlich von CBS und New York Times
durchgeführten Umfragen und erhielten dadurch einen
noch umfassenderen, verläßlicheren Querschnitt. Sie
fanden heraus, daß sich im Jahr 1980 54 Prozent der
18-29jährigen als Anhänger der Demokraten bezeichneten, 33 Prozent als Anhänger der Republikaner-ein
Nettovorsprung der Demokraten von 21 Prozent. Im
ersten Quartal des Jahres 1989 bezeichneten sich
jedoch 52 Prozent der 18-29jährigen als Republikaner
und 38 Prozent als Demokraten - ein 14prozentiger
Vorsprung der Republikaner. Die von Jahr zu Jahr

AMERIKA DIENST 18

�gesammelten Daten machen deutlich, daß dieser
gewaltige Generationen Umbruch die Folge kontinuierlich angesammelter Erfahrungen und keine Reaktion
auf eine plötzlich eintretende Reihe von Ereignissen
war.

i

•

Anderen Maßstäben für die Lage der Parteien zufolge
haben die Republikaner sogar noch größere Fortschritte erzielt. In einer Gallup-Umfrage vom Juli 1989
bezeichneten 51 Prozent der Befragten die Republikaner als die Partei, die eher in der Lage sei, "den
Wohlstand des Landes zu erhalten", während nur 30
Prozent dasselbe von den Demokraten behaupteten.
Bei der jungen Generation war der republikanische
Vorsprung noch größer: 63 Prozent der 18-29jährigen
hielt die Partei für wirtschaftlich kompetenter, während
nur 23 Prozent die Demokraten auswählte. Dagegen
betrug bei den über 50jährigen der Vorsprung der
Republikaner lediglich 43 zu 32 Prozent.

*

AMERIKA DIENST 18

*

Noch wichtiger ist Norpoth und Kagay zufolge die
Tatsache, daß in früheren Zeitabschnitten, als die
Republikaner im Aufwind zu sein schienen, nichts dem
gegenwärtigen Trend bei den Jungwählern vergleichbares geschah. So haben zwar die Republikaner ihr
Ansehen bei denjenigen, die in der Ära Eisenhower
(1953-61) politisch mündig wurden, etwas gesteigert,
jedoch bei weitem nicht in dem Maß, wie dies bei den
Jungwählern der achtziger Jahre der Fall war.
Welches ist die sich daraus ergebende politische
Botschaft? Sicherlich nicht, daß republikanische
Zuwächse im nächsten Jahrzehnt zwangsläufig oder
Siege der Partei bei künftigen Wahlen vorherbestimmt
sind. Die Bilanz der achtziger Jahre endete jedoch mit
dem Ergebnis, daß die Republikanische Partei ihre
Basis gestärkt und bis auf ein Niveau angehoben hat,
wie es sie seit Beginn der Großen Depression der
dreißiger Jahre nicht mehr gegeben hatte.

*

*

Seite 5

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                <text>&lt;span style="vertical-align: inherit;"&gt;&lt;span style="vertical-align: inherit;"&gt;Herausgeben US Information &lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;&lt;span style="vertical-align: inherit;"&gt;&lt;span style="vertical-align: inherit;"&gt;Service Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Golfkrise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Ereignisse vom 16. bis 30. April 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Terrorismus&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Staatliche Unterstützung immer noch wichtige Triebfeder für Terrorismus &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus dem Terrorismus-Bericht des US-Außenministeriums&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Parteien in Amerika&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Republikaner und Demokraten in den Neunziger Jahren&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Everett Carll Ladd&lt;/em&gt;</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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1

15. Mai 1991

CHEMISCHE WAFFEN

PRÄSIDENT BUSHS INITIATIVE ZU
CHEMISCHEN WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

NEUE WELTORDNUNG

USA WEITERHIN ENGAGIERT FÜR
NEUE WELTORDUNG
Rede von Robert Gates

INSTITUTIONEN IN AMERIKA

AMERIKAS EINZIGARTIGES
OBERSTES BUNDESGERICHT
von Barrett McGurn

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�CHEMISCHE

WAFFEN
15. Mai 1991

PRÄSIDENT BUSHS INITIATIVE ZU
CHEMISCHEN WAFFEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Die nachfolgende Übersicht über Präsident Bushs Initiative zu chemischen Waffen
wurde am 13. Mai 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht

Mit der Feststellung, daß der jüngste Konflikt am
Persischen Golf erneut das Gespenst des Einsatzes
chemischer Waffen gegen unschuldige Menschen
heraufbeschworen habe, gab der Präsident eine Reihe
neuer Maßnahmen im Rahmen seines langfristigen
Ziels bekannt, diese Waffen des Terrors für immer von
der Welt zu verbannen. Präsident Bush bekräftigte
seine Überzeugung, die beste Hoffnung zur Verwirklichung dieses Ziels sei die Konvention über chemische
Waffen (CWC) - ein multilateraler Vertrag, der Herstellung, Besitz, Transfer und Einsatz chemischer Waffen
vollständig verbieten würde -, die im Rahmen der
Genfer Abrüstungskonferenz (CD) ausgehandelt wird.
Vorrangiges Ziel dieser Initiative ist, die Aussichten für
einen baldigen Abschlu ß dieser Konvention zu verbessern, das Engagement der Vereinigten Staaten unter
Beweis zu stellen, so bald wie möglich ein wirksames
Verbot chemischer Waffen zu erzielen und anderen
Nationen einen Anreiz zu bieten, sich ebenfalls diesem
wichtigen Ziel zu verschreiben. Aus diesem Grund
erklärte der Präsident, daß die amerikanische Delegation bei der Genfer Abrüstungskonferenz mit Wiederaufnahme der Gespräche am 14. Mai 1991 folgende
Maßnahmen ergreifen wird:
1. Die Vereinigten Staaten fordern die Lösung aller
wesentlichen noch ausstehenden Fragen zu C-Waffen
bei der Genfer Abrüstungskonferenz bis Ende 1991
sowie den Abschlu ß einer Konvention über chemische
Waffen binnen 12 Monaten.

AMERIKA DIENST 19

2. Um diese Ziele zu verwirklichen und sicherzustellen, daß keine Zeit verschwendet und keine Chance
vertan wird, um die Verhandlungen bald zu einem
erfolgreichen Abschluß zu bringen, werden die Vereinigten Staaten den Vorschlag unterbreiten, daß mit
Beginn der Mai-Sitzungsperiode ein C-Waffen Adhoc-Ausschuß der Genfer Abrüstungskonferenz ständig in Genf tagen soll. Die Vereinigten Staaten sind
bereit, ihren Botschafter am Verhandlungstisch zu
belassen und ihre Delegation zur Unterstützung dieses Zeitplans entsprechend zu verstärken.
3. Die Vereinigten Staaten werden formell ihre Absicht
bekunden, erster Unterzeichner des Vertrags über
chemische Waffen zu sein und werden alle anderen
Staaten öffentlich auffordern, ebenfalls Erstunterzeichner des Vertrags zu werden sowie ihre C-Waffenbestände offenzulegen.
4. Die Vereinigten Staaten werden ihre Position aufgeben, daß Staaten das Recht zu einem C-WaffenVergeltungsschlag haben, solange sie über C-Waffenbestände verfügen, wenn C-Waffen zuerst gegen sie
eingesetzt werden. Die Vereinigten Staaten werden
offiziell dem Einsatz chemischer Waffen aus jedwedem Grund abschwören, einschließlich der gleichartigen Vergeltung mit chemischen Waffen gegen jeden
Staat. Diese Klausel wird mit Inkrafttreten der CWC
wirksam. Darüber hinaus werden die Vereinigten
Staaten eine Klausel vorschlagen, damit die CWC den
Einsatz von C-Waffen aus jedem erdenklichen Grund
verbietet.

Seite 1

�5. Die Vereinigten Staten werden von ihrer Position
abrücken, daß es ihnen gestattet werden müßte, 2
Prozent ihres C-Waffenbestands (500 Tonnen) beizubehalten, bis alle C-waffenfähigen Staaten dem Vertrag beigetreten sind. Die Vereinigten Staaten werden
sich bedingungslos der Zerstörung ihres gesamten CWaffenbestands und ehemaliger Produktionseinrichtungen binnen 10 Jahren nach Inkrafttreten der CWC
verschreiben. Sie werden alle Staaten auffordern,
dem amerikanischen Vorbild zu folgen und mit der
Vernichtung ihrer C-Waffenbestände und Produktionseinrichtungen so bald wie möglich zu beginnen. Sie
werden Klauseln für die Konvention über chemische
Waffen vorschlagen, die für alle Vertragsparteien die
bedingungslose Zerstörung ihrer C-Waffenbestände
und Produktionseinrichtungen vorschreiben, sobald
die CWC in Kraft tritt. Diese Beseitigung muß binnen
10 Jahren nach diesem Datum abgeschlossen sein.

7. Die Vereinigten Staaten werden anderen Staaten
umfassendes Informationsmaterial über die amerikanischen Exportkontrollen für alle chemiewaffenrelevanten Materialien und Technologien ihre unsere zu
deren Durchsetzung getroffenen gesetzlichen Maßnahmen liefern. Sie werden alle Staaten auffordern,
ähnliche Kontrollen einzuführen und damit die Kontrolle der Verbreitung chemischer Waffen zu verbessern,
während sie ein vollständiges und offizielles Verbot
anstreben.

8. Neben den bedeutenden unmittelbaren Vorteilen,
die allen Parteien durch ein vollständiges Verbot chemischer Waffen zuteil werden, sollten die Staaten, die
sich der Konvention anschließen und diese stärken,
greifbare Vorteile daraus ziehen. Andererseits sollten
genau definierte Strafen gegen die Staaten verhängt
werden, die durch ihren Nichtbeitritt eindeutig demonstrieren, daß sie ein solches Verbot nicht unterstützen.
6. Die Vereinigten Staaten werden anderen Staaten Aus diesem Grund werden die Vereinigten Staaten für
praktische und wirksame Hilfe zur Verfügung stellen, die Konvention über chemische Waffen Bestimmunum zur raschen, sicheren und umweltverträglichen gen vorschlagen, die es den Vertragsparteien untersaZerstörung von Chemiewaffen beizutragen, wo immer gen, zur Herstellung von Chemiewaffen verwendbares
Material an solche Staaten zu liefern, die der Konvendiese vorgefunden werden.
tion nicht innerhalb eines angemessenen Zeitraums
Dazu gehören folgende Maßnahmen:
nach deren Inkrafttreten beigetreten sind.
Schaffung einer aus Vertretern der amerikanischen Regierung und Privatindustrie zusammengesetzten Expertengruppe, die Vorschläge
entwickeln soll, wie die Vereinigten Staaten
anderen Ländern bei der Zerstörung chemischer Waffen mit Rat und Tat zur Seite stehen
können.

9. Die Vereinigten Staaten werden ihre Position bekräftigen, derzufolge Sanktionen gegen die Staaten
verhängt werden sollten, die die Konvention über
chemische Waffen verletzen sowie besonders einschneidende Sanktionen gegen solche Staaten, die
den Einsatz chemischer Waffen vorbereiten. Die
Vereinigten Staaten erklären, daß sie Verletzungen
der Konvention über chemische Waffen, insbesondere
Bereitstellung technischer Hilfe bei der Zerstödie Vorbereitung des Einsatzes chemischer Waffen,
rung (etwa Besuche bei amerikanischen Zerstöals äu ßerst schweren Bruch des Völkerrechts betrachrungseinrichtungen, Pläne und technische Beten und daß sie in solchen Fällen alle geeigneten
ratung) für solche Staaten, auf deren HoheitsSanktionen verhängen werden.
gebiet sich chemische Waffen befinden.
Der Vorschlag zur Schaffung einer Arbeitsgrup- 10. Die Vereinigten Staaten werden ihr Engagement
pe zur Zerstörung chemischer Waffen im Rah- für ein solides und offenes Verifikationsregime bekräfmen der Genfer Abrüstungskonferenz sowie tigen. Sie werden zusätzliche konkrete Vorschläge
unterbreiten, um das zentrale Problem der Inspektion
das Angebot, zu diesem Zweck amerikanische
verdächtiger Einrichtungen zu behandeln. Sie werden
Experten zu delegieren.
die Genfer Abrüstungskonferenz auffordern, sich die
Position der Vereinigten Staaten zu Ad-hoc-Inspektionen solcher Einrichtungen zu eigen zu machen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 19

�NEUE

WELTORDNUNG
15. M a i l 991

USA WEITERHIN ENGAGIERT FÜR
NEUE WELTORDNUNG
Rede von Robert Gates
VANCOUVER - (AD) - Mit dem Hinweis auf die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten keinen Niedergang erleben
und heute die einzige wirkliche Supermacht sind, hat der stellvertretende nationale Sicherheitsberater Robert
Gates die Notwendigkeit bekräftigt, sein Land müsse sich weiterhin weltweit engagieren und der Versuchung
eines Rückzugs aus der Weltpolitik widerstehen.
In einer Rede vor dem Verband Amerikanischer Zeitungsverleger (American Newspaper Publisher's Association) erklärte Gates, "sicherlich sind weder Isolationismus noch nationale Alleingänge die Antwort" für eine
Nation, die im vergangenen Jahr Waren im Wert von über 637 Milliarden Dollar exportiert hat.
Gates erläuterte die amerikanische Vision der Neuen Weltordnung und der Probleme, die es zu lösen gelte.
Insbesondere betonte er in diesem Zusammenhang den Aufbau der Demokratie in Osteuropa und der
Sowjetunion. Ferner behandelte er die amerikanische Politik gegenüber Irak und die Nachkriegssituation am
Persischen Golf.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Gates im Wortlaut.

Lord Salisbury hat vor vielen Jahren einmal gesagt:
"Keine Lehre scheint von der Lebenserfahrung so sehr
bestätigt zu werden wie die, daß man Experten niemals trauen sollte. Glaubt man den Ärzten, so ist
nichts gesund. Glaubt man den Theologen, so ist
nichts unschuldig. Glaubt man den Soldaten, so ist
nichts sicher." Dem möchteich hinzufügen: Glaubte
man vielen Kommentatoren, Analysten und Gelehrten
der letzten Jahre, so ist die Zukunft vom Niedergang
der Vereinigten Staaten gekennzeichnet - einer ungeliebten Führung und schwindendem Einfluß, einer
undisziplinierten und phantasielosen Politik ohne Vision und einer Wirtschaft, deren Wettbewerbsfähigkeit
ständig nachläßt.
In einer Atmosphäre solch kritischen Pessimismus'
besteht ein Bedürfnis innezuhalten, einen neuen Standpunkt einzunehmen und darüber nachzudenken, wie
außergewöhnlich doch die Zeiten sind, in denen wir
leben und warum so viele Experten und Beobachter es
versäumt haben, Umfang und Macht der sich vollziehenden Veränderungen vorherzusehen (oder später
zu erkennen) - oder die amerikanische Rolle bei diesen
Veränderungen zu würdigen.

AMERIKA DIENST 19

Wieviele haben vor neun Monaten geglaubt,
daß Kuwait vor Ende des Winters befreit würde
und sich unsere Truppen im Frühjahr auf dem
Heimweg befänden?
Wer hat vor einem Jahr die Vereinigung Deutschlands innerhalb der NATO mit sowjetischer
Duldung vorhergesehen?
Wieviele Beobachter haben vor zwei Jahren
den vollständigen Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, den Abzug der sowjetischen Truppen, den Fall der Berliner Mauer
und die Auflösung des Warschauer Pakts vorhergesehen (der der Washington Post lediglich einen Artikel auf Seite 16 wert war)?
Wer hat vor zwei Jahren den Abbau grundlegender Elemente der Apartheid in Südafrika vorhergesagt?
Wer hätte vor vier Jahren darauf gewettet, daß
sowjetische Truppen aus Afghanistan, vietnamesische Truppen aus Kambodscha, kubanische Truppen aus Angola abgezogen würden,

Seite 1

�Noriega aus Panama vertrieben und freie Wahlen
in Nicaragua abgehalten - und von der Opposition gewonnen würden?
Vor 10 Jahren lebten 10 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas in demokratischen Staaten. Wer hätte vorhergesagt, daß heute 90
Prozent demokratisch regiert werden?
Was wir am Ende des Jahrtausends erleben, ist eine
neue Dämmerung der Freiheit für lang unterdrückte
Völker - eine neue Dämmerung am Ende des Jahrhunderts, das trotz seines materiellen und technischen
Fortschritts vielleicht das am meisten durch Gewalt,
Krieg und Unterdrückung verdunkelte in der Geschichte war.
Heute, nahezu am Ende des Jahrhunderts sind die
alten Imperien und die neuen totalitären "ismen" tot
oder im Absterben begriffen. In der ganzen Welt ist die
alte Weltordnung entweder zusammengebrochen, oder
sie liegt in den letzten Zügen. Die Ereignisse haben die
Experten in Regierung, Universitäten und Medien
erschlagen. Ihre vorsichtigen, konventionellen Prognosen und pessimistischen Vorhersagen wurden von
der ungeheuren Macht mutiger Völker zunichte gemacht, die frei sein wollten; von despotischen Regierungen, deren wirtschaftlicher, politischer und moralischer Bankrott allzu häufig nicht erkannt oder ignoriert
wurde; von den vereinten Demokratien, deren Standhaftigkeit, vertrauensvolle Unterstützung und Führungskraft über Jahrzehnte hinweg diese dramatischen
Veränderungen möglich machten.
Neue Ansätze für eine neue Welt
Heute müssen wir die Welt und unsere Rolle darin mit
neuen Augen betrachten. Im Gegensatz zur Vorliebe
einiger auf der Linken und auf der Rechten, die Lasten
der internationalen Führung an andere weiterzugeben,
ist eine Rückkehr zum Isolationismus nicht möglich nicht für ein Land, das im vergangenen Jahr Waren im
Wert von über 673 Milliarden Dollar exportierte und
dessen Kultur und politischer Einfluß so weitverbreitet
sind. Trotzdem müssen wir uns auch der Tatsache
bewußt sein, daß die Art und Weise unserer Reaktion
auf unseren alleinigen Supermachtstatus und unsere
Übermacht vielen Ländern Sorge bereitet, und zwar
sowohl den mit uns befreundeten als auch den uns
weniger freundlich gesonnenen. Sicherlich sind weder
Isolationismus noch nationale Alleingänge die Antwort. Wir haben keine Wahl als uns weiterhin zu
engagieren, aber wir müssen aufs Neue überlegen,
wie wir uns engagieren und die Führungsrolle ausüben.
Die uns durch die gegenwärtig in der ganzen Welt
stattfindenden Veränderungen gegebenen Chancen
zu ergreifen, stellt uns vor eine zweifache Herausforderung: erstens, aufbauend auf unseren Erfahrungen
am Golf die Schaffung eines dauerhaften internationalen Engagements zur friedlichen Beilegung von StreitSeite 2

fällen und Solidarität gegen Aggression. Zweitens, die
Ermutigung und Unterstützung der Staaten, die gerade ihre Freiheit gewonnen haben, bei der Stärkung
ihrer Demokratie und dem Wiederaufbau ihrer Volkswirtschaften und Gesellschaften.
Bereits zweimal in diesem Jahrhundert haben amerikanische Präsidenten nach Weltkriegen die Bemühungen angeführt, einen internationalen Mechanismus für
den kollektiven Widerstand gegen Aggression ins Leben
zu rufen - zuerst Präsident Wilson und der Völkerbund,
später dann Präsident Roosevelt und die Vereinten
Nationen. Doch erst heute, am Ende des kalten
Krieges hat am Persischen Golf zum ersten Mal ein
internationales Gremium - die Vereinten Nationen - die
von ihren Begründern vorgesehene Rolle gespielt Organisierung und Sanktionierung kollektiven Widerstands gegen einen Aggressor. Das Potential der
UNO, diese Rolle auch weiterhin auszufüllen und die
neue Bereitschaft zahlreicher Staaten, Geld und militärische Einheiten dafür zur Verfügung zu stellen, sind
die Grundsteine eines neuen Zeitalters der internationalen Sicherheit - einer neuen Weltordnung, die durch
den wachsenden Konsens gekennzeichnet ist, daß
Gewalt nicht angewendet werden darf, um Streitfälle
zu regeln und bei einem Bruch dieses Konsenses die
Lasten und Verantwortlichkeiten von vielen Nationen
geteilt werden.
Die Neue Weltordnung ist weder eine Pax Americana
noch ein Euphemismus für die Vereinigten Staaten als
Weltpolizist. Sie ist einfach ein Versuch, Aggression
abzuschrecken und ihr gegebenenfalls durch kollektive und freiwillige Maßnahmen der internationalen
Staatengemeinschaft entgegenzutreten.
Wirtschaftliche Probleme bedrohen in vielen Ländern
Bestrebungen zu Aufbau und Förderung der Demokratie. Ungeachtet der vielfältigen Ursachen dieser
Probleme - der wirtschaftlichen Hinterlassenschaften
des Kommunismus oder der Konsequenzen massiver
Verschuldung - muß die Initiative und Opferbereitschaft aus dem Land selbst und von seiner Bevölkerungkommen. Aberwirund andere können und sollten
helfen, und wir müssen - im Bewußtsein, daß eine
Wirtschaftskrise die Demokratie unterminieren kann kreativ und aggressiv sein, wenn wir neue Instrumente
amerikanischer Außenpolitik entwerfen.
Ein solches Instrument besteht in der Förderung einer
erweiterten Partnerschaft zwischen Privatsektor und
Regierung. Die Grundbedürfnisse vieler neuer Demokratien sind wirtschaftlicher Art- Investitionen, Märkte,
technische Beratung und Know-how. Wir müssen
neue Mechanismen finden, um private Führungskraft
und Initiative partnerschaftlich mit den aufstrebenden
Demokratien zu fördern.
Unsere Hilfsprogramme sollten darauf abzielen, das
Wachstum eines Privatsektors in den Empfängerländem zu fördern und sie auf eigene Füße zu stellen.
Unsere traditionelle Förderung des freien Handels
AMERIKA DIENST 19

�kann für ihr Wirtschaftswachstum ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Indem wir ihnen Zugang zu den
Weltmärkten verschaffen, können wir den Handel und
die Investitionen fördern, von denen unwirtschaftlicher
Erfolg abhängt. Kurzum, unsere Regierung muß erkennen, daß den neuen Demokratien in vielen Fällen
unser - von der Regierung geförderter und gestärkter
- Privatsektor besser helfen kann als traditionelle
Programme.
Die Gestaltung der Zukunft: Historische Chancen
Wir befinden uns in einer Zeit der Entscheidung. Dank
der zwei Generationen dauernden Bemühungen von
Demokratien und dank jüngster Ereignisse ist die
Zukunft offen und bietet eine reale Möglichkeit zur
Stärkung von Weltfrieden und Stabilität und zur Verbreitung von Freiheit und wirtschaftlicher Vitalität oder
die gleichermaßen reale Möglichkeit des Rückschritts
- zurück zu Spannungen, heißen und kalten Kriegen,
autoritärer Regierung und Entbehrung. Wir haben
historisch einmalige Chancen, die nicht verschenkt
werden dürfen. Ich möchte lediglich drei davon ansprechen: Osteuropa, die Sowjetunion und den Nahen
Osten.
Osteuropas langer totalitärer Alptraum ist vorbei. Wir
sehen jetzt ein Mittel- und Osteuropa, das nichtkommunistisch ist und dessen sowjetische Truppen nach
Hause zurückgekehrt sind. Wir müssen den Osteuropäern auf eine Weise helfen, die ihre langfristigen
Aussichten auf einen erfolgreichen Übergang zu einer
stabilen demokratischen Regierung und zu Marktwirtschaft verbessert.
Es besteht kein Zweifel, daß die neuen Demokratien in
Osteuropa sich gravierenden wirtschaftlichen Problemen gegenübersehen. Trotz dieser Herausforderungen sollten wir über die Zukunft Osteuropas und sein
reiches menschliches Potential optimistisch sein. Die
Unterstützung und Führungsrolle der Vereinigten Staaten
wurden früh sichtbar. Im April 1989 bot der Präsident
Hilfe für echte Fortschritte bei politischen und wirtschaftlichen Reformen in Osteuropa an. Er übernahm
beim Weltwirtschaftsgipfel in Paris im Sommer 1989
die Führung bei der Mobilisierung internationaler Unterstützung für Polen und Ungarn, eine Maßnahme,
die allein im ersten Jahr zu Zusagen an diese Länder
im Umfang von 14 Milliarden Dollar führte. Darüber
hinaus bewilligte das Gesetz zur Förderung der Demokratie in Osteuropa nahezu eine weitere Milliarde
Dollar zur Förderung von politischem Pluralismus und
wirtschaftlichem Wiederaufbau. Ferner gab es andere
wichtige Initiativen wie die Unternehmensfonds für
Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei, mit dem
Ziel einer echten Lösung für Osteuropa - ausländische
Investitionen, Aufbau von Privatunternehmen und
Öffnung unserer Märkte für ihre Waren.

AMERIKA DIENST 19

Das Leben ist heute in Osteuropa sehr hart. Nur Mut
und Entschlossenheit sind im Überfluß vorhanden.
Der Westen darf diese Menschen nicht im Stich lasen.
In der Zwischenzeit bleibt die Aufmerksamkeit der
Welt auf die Sowjetunion gerichtet, wo die kommunistische Herrschaft zerfällt und politische Dynamik ebenso freisetzt wie gesellschaftliche Spannungen und
wirtschaftlichen Druck, die einerseits die Sowjetunion
zu Pluralismus und wirtschaftlicher Vernunft führen
und andererseits erhebliche Instabilität, Repression
und vielleicht noch größere Härten und Bürgerkrieg mit
sich bringen können.
Die Reformen in der Sowjetunion müssen vier Hindernisse überwinden:
Erstens haben sich die politischen Veränderungen wesentlich schneller vollzogen als die wirtschaftlichen Reformen, und die Wirtschaft ist in
einer ausweglosen Lage. Infolgedessen können die Menschen jetzt ihre Beschwerden leichter zum Ausdruck bringen, aber zu einer Zeit, da
die Regierung über keine Mittel verfügt, um auf
sie einzugehen. Damit sind erhebliche Schwierigkeiten vorprogrammiert.
Zweitens dauert das Nationalitätenproblem in
beunruhigender Weise an, als Vermächtnis eines
mannigfaltigen Reiches, das durch jahrhundertelange Eroberungen zustande kam. Dieses
Vermächtnis zeigt sich in unterschiedlicher Weise:

in alten Feindschaften zwischen Minderheiten,
dem Kampf der Minderheiten gegen das Zentrum und dem Kampf der Millionen von Russen
in nichtrussischen Gebieten für ihren Schutz
und die Sicherung ihres weiteren politischen
Einflusses.
Drittens wurde das alte System aufgelöst und
zerstört, bevor ein neues geschaffen wurde, das
Ordnung und die Bedingungen für Reformen
und Wachstum in der Wirtschaft schafft. Das
Ergebnis waren Aufruhr, Verbrechen, eine zusammenbrechende Wirtschaft, Versorgungsengpässe und ein allgemeines Gefühl sozialer
Hoffnungslosigkeit.
Viertens und letztens ist die russische Geschichte selbst eine große Last. Die Reformer müssen
nicht nur 70 Jahre kommunistischer Geschichte, sondern tausend Jahre russischer Geschichte bewältigen, eine Geschichte, die niemals eine
andere Regierungsform gekannt hat als Diktatur und niemals ein anderes Wirtschaftsleben
als das staatlich kontrollierte und dominierte.
Der Schwerpunkt unseres Ansatzes für die Sowjetunion hat sich von der Eindämmung eines Feindes zu
konstruktiver weltweiter Zusammenarbeit, Unterstüt-

Seite 3

�zung demokratischer Tendenzen und verzweifelt
benötigter Wirtschaftsreformen in der UdSSR verlagert. Wir sind uns der Realität voll und ganz bewußt sowohl im Hinblick auf die fortgesetzte große Militärmacht der Sowjetunion und die zeitweise Unvermeidbarkeit von Gegensätzen als auch im Hinblick auf den
langen Weg der Reformen und Veränderungen, den
die Menschen in der Sowjetunion noch gehen müssen.
Dies ist ein Ansatz, der uns Ausdauer und Beharrlichkeit abfordert.
Wir haben es nach wie vor mit dem sowjetischen
Politiker an der Spitze zu tun, der diese Veränderungen freigesetzt und sich in Europa, am Persischen Golf
und zum gro ßen Teil auch in Angola, Kambodscha und
in der Rüstungskontrolle als konstruktiver Partner
erwiesen hat. Gleichzeitig müssen wir unsere Kontakte mit demokratischen Reformern in den Republiken
und Kommunen ausbauen, um sicherzustellen, daß
die sowjetische Gesellschaft unsere Unterstützung
der Reformpolitik wahrnimmt. Aber unser Ansatz bei
allen Problemen in der Sowjetunion muß auf der
unerschütterlichen Botschaft basieren, daß die einzige
Zukunft der Sowjetunion in dem Weg zu Demokratie
und weitreichenden wirtschaftlichen Reformen besteht.
Ob sich die Sowjetunion tatsächlich auf friedlichem
Wege in eine politisch pluralistische, marktorientierte
Gesellschaft mit internationaler Verantwortung entwickelnkann, bleibt offen. Dies ist eine historische Zeit
der Entscheidung für die Sowjetunion. Wird ihr - wie
wir hoffen - der Aufbruch in eine andere, bessere
Zukunft gelingen oder wird sie in eine bewährte aber
unglückliche Vergangenheit zurückfallen? Im Augenblick und wahrscheinlich noch in den kommenden
Jahren müssen wir auf beide Eventualitäten gefaßt
sein.
Der Persische Golf und der Nahe Osten sind eine
weitere Herausforderung. Am Golf versuchen wir
sicherzustellen, daß wir nie wieder mit einer solchen
Herausforderung konfrontiert werden wie am 2. August. Es wurden Sanktionen verhängt, damit der Irak
seine Nachbarn nicht bedrohen kann. Gleichzeitig
bauen wir zusammen mit unseren Freunden neue
Verteidigungsarrangements auf, die weiter zur Stabilität der Region beitragen. Wie Sie wissen, stellen die
Vereinigten Staaten darüber hinaus beträchtliche Mittel zur Milderung des massiven menschlichen Elends
bereit, das auf Saddam Husseins Unterdrückung seines eigenen Volkes zurückzuführen ist.
Unsere Politik gegenüber Saddam Hussein und dem
Irak ist, solange er an der Macht bleibt, entschlossen
und unerschütterlich:
Die Vereinigten Staaten und die internationale
Staatengemeinschaft unterstützen nach wie vor
die Souveränität und territoriale Integrität des
Irak, wünschen jedoch eine neue irakische
Führung, die auf die Bedürfnisse des irakischen

Seite 4

Volkes eingeht und bereit ist, in Frieden mit
seinen Nachbarn zu leben. Eine neue politische
Führung sollte durch Verhandlungen zwischen
den Irakern und nicht durch Gewalt herbeigeführt werden.
Aufgrund der Invasion und Besetzung Kuwaits
sowie der brutalen Unterdrückung seines eigenen Volkes hat sich Saddam Hussein in nicht
wiedergutzumachender Weise diskreditiert. Seine
Führung wird niemals von der internationalen
Staatengemeinschaft akzeptiert werden, und
deshalb werden die Iraker den Preis dafür bezahlen, solange er an der Macht ist.
Alle nur möglichen Sanktionen werden aufrechterhalten, bis er aufgibt. Eine Lockerung der
Sanktionen wird nur in Erwägung gezogen, wenn
eine neue Regierung eingesetzt ist.
Die Zeit arbeitet gegen den Irak, solange Saddam Hussein an der Macht festhält. Der Irak ist
nichts anderes als der Staat eines Parias, solange er im Amt ist. Die Iraker werden nicht an den
nach der Krise abgehaltenen wirtschaftlichen
und sicherheitspolitischen Gesprächen teilnehmen, bis ein Regierungswechsel stattgefunden
hat.
Wir hatten und haben keine Probleme mit dem
irakischen Volk, sondern mit seiner Führung
und vor allem mit Saddam Hussein. Er ist nach
wie vor das Problem.
Im Nahen Osten hoffen wir, daß sich nach dem Krieg
neue Chancen für Frieden ergeben werden. Der
gefährlichste Gegner Israels ist besiegt worden. Unseres
Erachtens sind die arabischen Mitglieder der Koalition
bereit, mit Israel in Frieden zu leben. Und es wurde
krass demonstriert, daß in modernen Zeiten Städte zu
militärischen Grenzgebieten gemacht werden und
Zivilisten sich an der Frontlinie finden können. Die
Herausforderung besteht darin, diese Erkenntnis in
Diplomatie umzusetzen.
Niemand sollte an unserer Fähigkeit zweifeln, unseren
Freunden zu helfen - sei es in Zeiten des Krieges oder
Friedens. Außenminister Baker hat in den vergangenen zwei Monaten drei anstrengende Reisen in die
Region unternommen, um eine regionale Friedenskonferenz herbeizuführen, bei der direkte Verhandlungen zwischen den einzelnen Parteien in die Wege
geleitet werden könnten. Wir müssen alte Tabus
brechen und die Ursachen an der Wurzel angehen, die
Israelis und Palästinenser und Israel von den arabischen Staaten trennen.
Die uns leitenden Prinzipien sind kein Geheimnis: Wir
streben einen umfassenden Frieden an, der auf die
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats und
das Prinzip Land für Frieden gegründet ist. Wir wollen
einen wahren Frieden für alle Staaten in der Region
AMERIKA DIENST 19

�einschließlich Israels. Aber als Gegenleistung müssen wir bereit sein, den legitimen politischen Rechten
des palästinensischen Volkes gerecht zu werden und
eine Lösung für die Fragen bezüglich Land, Wasser
und Sicherheit finden, die für die Zukunft der Region
von so zentraler Bedeutung sind.

Das 20. Jahrhundert geht seinem Ende entgegen,
beherrscht von zwei Weltkriegen, zahllosen anderen
Konflikten, mehr Leiden als Worte zu beschreiben
vermögen und einem langen und feindseligen kalten
Krieg, der die Menschheit selbst als Geisel gefangenhielt. Wie befinden uns an der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert, einem neuen Jahrtausend, hoffen
auf einen klareren und ruhigeren Himmel und darauf,
daß wir auf den Ruinen großer despotischer Imperien
und diskreditierter Ideologien jetzt ein neues Zeitalter
des Friedens aufbauen und weitere Fortschritte der
Freiheit sicherstellen können. Dies könnte in greifbare
Nähe rücken, wenn wir vertrauensvoll und mutig sind,
unseren internationalen Verpflichtungen nachkommen
und unerschütterlich in unserer Führungsrolle sind. Es
ist eine Rolle, die von der Welt begrü ßt wird und die wir
- wie uns die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts lehrt - nicht aufgeben dürfen.

Es gibt kein Patentrezept "Made in America" für den
Frieden - nur Verhandlungen können ihn herbeiführen.
Wir wissen, daß allen Kompromisse abverlangt werden. Wir sind nicht naiv - die Bitterkeit und das Erbe
von Haß und Gewalt sind uns bestens bekannt. Wir
lassen uns jedoch nicht von Schwierigkeiten abschrekken. Wir sind entschlossen, voranzugehen - wie
schwierig der Weg auch sein mag. Amerikanische
Bestrebungen können den Nahostkonflikt nicht lösen nur die Völker und Regierungen des Nahen Ostens
können das - aber ein Engagement der Vereinigten
Staaten kann als Triebfeder und notwendiger Katalysator wirken. Es ist höchste Zeit zusammenzukommen, zu sprechen und um der Sache des Friedens
willen dieselben Risiken einzugehen wie für den Krieg.
Schlußbemerkung:
Wunschdenken

Entschlossenheit,

Und damit ende ich, wo ich angefangen habe - bei den
von den Revolutionen unserer Zeit verwirrten Experten und Insidern. Zu viele haben den Anschluß verpaßt, weil sie die Auswirkungen der amerikanischen
Führungsrolle, Macht, des vertrauenswürdigen Engagements, nationalen Willens und demokratischen
Vorbilds vom Persischen Golf über ein vereinigtes
Deutschland bis zu Osteuropa und Lateinamerika
unterschätzten.

nicht

Noch vor einem Jahr waren Theorien des Niedergangs
und kritischer Pessimismus in Washington sehr in
Mode. Heute sind sie vielleicht etwas weniger aktuell,
aber deshalb noch lange nicht verschwunden. Dennoch stellt heute niemand die Realität nur einer Supermacht und ihrer Führungsrolle in Frage. Bei all den
herkömmlichen Mitteln nationaler Macht - wirtschaftlich, militärisch, kulturell, politisch und selbst philosophisch - haben wir keine Herausforderer.

Vielleicht haben sie auch den Anschluß verpaßt, weil
sie den menschlichen Geist unterschätzten. Um Churchill
zu zitieren: "Fachwissen, so unerläßlich es auch sein
mag, ist kein Ersatz für einen großzügigen und umfassenden Ausblick auf die Geschichte der Menschheit
mit all ihrer Traurigkeit aber - vor allem - mit ihrer
untilgbaren Hoffnung." Was zu viele Experten (und
andere) anscheinend übersehen haben, hat Dostojewski als "das Feuer im Geiste des Menschen" bezeichnet - das Feuer der Freiheit. Es ist zweifelsohne
ein großes Wunder, daß dieses Feuer an so vielen
Orten nach Generationen der Unterdrückung noch
immer so hell leuchtet und so viele Menschen noch
immer glauben, daß die Amerikaner die Fackel tragen,
die dieses Feuer entflammt. Wir können und dürfen sie
nicht enttäuschen.

Was wir haben - um Joseph Nye von der Universität
Harvard zu zitieren - sind Herausforderungen. Bildung, Produktivität und handwerkliches Können,
Haushaltsvorschriften und die Bereitschaft, den Preis
der weltweiten Führungsrolle zu bezahlen: kontinuierliches, vertrauenswürdiges Engagement und Führung,
Aufrechterhaltung eines starken und fähigen Militärs,
Unterstützung der neuen Demokratien.

Ich danke Ihnen.

*

AMERIKA DIENST 19

*

*

Seite 5

�INSTITUTIONEN

IN

AMERIKA
15. Mal 1991

AMERIKAS EINZIGARTIGES
OBERSTES BUNDESGERICHT
von Barrett McGurn
BONN - (AD) - Vor etwa 200 Jahren - genau am 1. Februar 1790 - kam das Oberste Bundesgericht der Vereinigten
Staaten zu seiner ersten Sitzung zusammen. Der nachfolgend veröffentlichte Artikel erschien erstmals im
September 1990 in der Zeitschrift American Studles Newsletter. Er beschreibt die dritte "Gewalt" in der
Regierung und ihre Funktion in der amerikanischen Gesellschaft. Der Autor Barrett McGurn war von 1973 bis
1982 Pressesprecher des Obersten Bundesgerichts. Er ist darüber hinaus Verfasser mehrerer politischer
Bücher.

Ein dramatischer Augenblick in der zweihundertjährigen Geschichte des Obersten Bundesgerichts der
Vereinigten Staaten war in den siebziger Jahren erreicht, als die neun Richter den aufsehenerregenden
Fall "Die Vereinigten Staaten von Amerika gegen
Richard M. Nixon, Präsident der Vereinigten Staaten"
zu verhandeln hatten.
Für die Journalisten war das eine Sternstunde der
Berichterstattung, und die Richter übertrugen mir die
Verantwortung, das Pressekorps zu betreuen. In
Washington gibt es 3.000 hauptamtlich akkreditierte
Journalisten, dazu Reporter aus den meisten Ländern
der Welt. Alle 3.000 schienen entschlossen, sich in
den kleinen Gerichtssaal zu zwängen, um der Verhandlung des Falls beizuwohnen. Dafür Journalisten
nur 19 Plätze vorgesehen waren, gab es ein Problem.
Den Verhandlungen des Obersten Bundesgerichtes von denen die erste am 1. Februar 1790 stattfand - liegt
die Idee zugrunde, daß die Verfahren eine öffentliche
Angelegenheit sind und auch der letzte Bürger zumindest Gelegenheit haben sollte, die Richter in ihren
schwarzen Roben auf ihren hohen Richterbänken zu
sehen, wenn sie Fälle verhandeln, die noch viele
Generationen nach uns betreffen können. Deshalb
sind mehrere Dutzend der 300 Plätze im Gerichtssaal
bei jeder Verhandlungen für die Öffentlichkeit reserviert.

AMERIKA DIENST 19

Mein erster Gedanke war zu empfehlen, daß die
Presse alle Plätze im Gerichtssaal einnehmen sollte,
auch die für die Öffentlichkeit reservierten. Die Richter
legten Einspruch ein. Ich erhielt jedoch die Genehmigung, zusätzlich 80 Stühle aufzustellen, womit ich nun
für das potentielle Publikum von 3.000 Journalisten
100 Plätze hatte. Während der dreitägigen Verhandlung mußten sich fünf Journalisten einen Platz teilen,
und es wurde jeweils nur ein Platz an jedes Medium
(Zeitungen, Nachrichtenagenturen, Radio- und Fernsehstationen sowie Zeitschriften) vergeben, und so
kam ich mit relativ wenigen Protesten durch die hektischen Tage.
Die paar Dutzend Plätze für die Öffentlichkeit waren
ebenfalls immer besetzt. Mitglieder der 60 Mann
starken Polizeitruppe des Bundesgerichts hatten damit
zu tun, eine Gruppe nach der anderen hereinzuführen,
damit sie wechselweise drei Minuten lang einen Blick
auf die Verhandlung erhaschen konnten. Dasselbe
Verfahren wird bei jeder Verhandlung des Obersten
Bundesgerichts durchgeführt, aber dieses Mal nahm
die lange Warteschlange fast kein Ende. Einige hatten
die ganze Nacht gewartet, um einen schnellen Blick
auf Wirklichkeit werdende Geschichte werfen zu können.
Wie alle Verhandlungen des Obersten Bundesgerichts
endete auch diese ohne eine unmittelbare Entschei-

Seite 1

�düng. Die Richter zogen sich hinter die schweren
Vorhänge im rückwärtigen Gerichtssaal in einen separaten Raum zurück. Dort erörterten sie das weitere
Vorgehen. Wie gewöhnlich waren sie allein. Keiner
ihrer 300 Mitarbeiter war bei ihnen. An den Wänden
standen in Hunderten von Bänden die Entscheidungen, die 100 Richter seit Ende des 18. Jahrhunderts
gefällt haben. Wie immer ergriff der Vorsitzende
Oberste Bundesrichter, damals Warren E. Burger, das
Wort. Auf dem Spiel stand die Präsidentschaft von
Richard Nixon. Kein anderer Präsident war der Amtsenthebung jemals so nahe.
Zur Debatte stand ein technisches Problem. Kongreßabgeordnete sprachen von einer möglichen Anklageerhebung gegen den Präsidenten wegen Behinderung der Justiz in einem Fall von Politik und Diebstahl
und verlangten, Tonbänder von Gesprächen des Präsidenten im Weißen Haus zu hören. Der Präsident
hatte dies abgelehnt. Mitarbeiter des Präsidenten
wurden im Zusammenhang mit demselben Fall angeklagt. Sie baten um eine Freigabe der Bänder des
Präsidenten, weil sie sich damit Hilfe bei ihrer eigenen
Verteidigung gegen die Anklage erhofften. Die Richter
hatten die Frage zu prüfen, ob der Präsident gezwungen werden sollte, die möglicherweise belastenden
Aufzeichnungen zu übergeben.
Der Vorsitzende Oberste Bundesrichter arbeitete
wochenlang von morgens früh bis abends spät und traf
schließlich eine Entscheidung auf der Basis dessen,
was sein großer Vorgänger im 19. Jahrhundert, John
Marshall, in einem ähnlichen Konflikt um einen Präsidenten getan hatte. Bei diesem frühen Fall ging es um
Thomas Jefferson, den ehrenwerten Verfasser der
amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Aaron Burr,
einer der wichtigsten Politiker seiner Zeit, war des
Landesverrats angeklagt. Jefferson versicherte Marshall, ihm lägen Beweise für Burrs Schuld vor.
"Zeigen Sie uns die Beweise," forderte Marshall.
"Nur Auszüge," antwortete Jefferson. Andere Teile
des Dokuments sollten nicht enthüllt werden.
"Alle Beweise oder keinen," forderte Marshall. Wenn
jemand unter Anklage steht, kann er in Wahrnehmung
des Rechts auf Selbstverteidigung die Vorlage aller
Beweise verlangen, die für seinen Fall hilfreich sind.
Kein Bürger, nicht einmal der Präsident, kann sich
dieser Bürgerpflicht der Kooperation entziehen. Jefferson blieb hart und und Burr kam frei.
Nixon mußte seine Bänder herausgeben. Es wurde
einstimmig abgestimmt. Innerhalb weniger Tage trat
Nixon von seinem Amt zurück.
Kein anderes Gericht der Welt hat die Macht des
Obersten Bundesgerichts des Vereinigten Staaten,
auch wenn das Gericht über keine Armee zur Durchsetzung seiner Entscheidungen verfügt. Die Macht
des Gerichts wird allgemein akzeptiert, auf der GrundSeite 2

läge der Vereinbarung, mit der das Land nach dem
Revolutionskrieg im 18. Jahrhundert gegründet wurde.
Die Gründerväter wollten ein System der gegenseitigen Kontrolle und geteilten Verantwortung schaffen,
das der Regierung ausreichend Macht zugesteht, aber
sie trotzdem teilt, um die Art der Tyrannei zu vermeiden, gegen die sie rebelliert hatten.
Mit diesem Gedanken wurde die Regierung dreigeteilt:
Der Kongreß soll die Gesetze schreiben, die Exekutive
sie durchführen, und eine separate Judikative unter
dem Vorsitz des Obersten Bundesgerichts sollte die
Aufsicht haben.
Um den Menschen gerecht zu werden und gleichzeitig
angesichts wechselnder Moden Kontinuität zu sichern,
verfügten die Gründerväter, daß Mitglieder des Unterhauses der Legislative, die Kongreßabgeordneten oder
Volksvertreter, sich alle zwei Jahre zur Wahl stellen
sollten, der Präsident sollte vier Jahre im Amt bleiben,
die Senatoren (im Oberhaus der Legislative) sollten
alle sechs Jahre wiedergewählt werden, und die Bundesrichter als Bewahrer der Kontinuität sollten solange
dienen, wie sie "gutes Verhalten" an den Tag legen.
Damit wurde den Obersten Bundesrichtern als den
einzigen Mitgliedern der Regierung eine lebenslange
Amtszeit zugebilligt.
Die grundlegende Vereinbarung zwischen den erfolgreichen Revolutionären des 18. Jahrhunderts war die
Verfassung der Vereinigten Staaten, ein knapp formuliertes Dokument mit einer starken Bill of Rights zum
Schutz der Freiheiten des einzelnen.
Die neue Nation war erst einige Jahre alt, als es zu
Debatten kam, wie die knappe Sprache der Verfassung zu interpretieren sei. John Marshall, der kühne
Gegner von Präsident Jefferson, legte den Fall ein für
allemal bei. Er erklärte, in Zweifelsfällen sollte der
Oberste Gerichtshof sagen, was die Verfassung bestimmt. Das Wort Marshalls galt und hat seitdem das
Leben der Nation bestimmt.
Jedes Jahr werden dem Obersten Gerichtshof 5.000
Fälle vorlegt. Das bedeutet, an einem Arbeitstag
müßte in 90 Minuten ein Fall verhandelt werden. Die
erste Aufgabe der Richter besteht also darin, aus
dieser Vielzahl etwa 150 Fälle herauszugreifen, über
die "aufgrund der ihnen innenwohnenden Umstände"
entschieden werden soll, um Präzedenzfälle zu schaffen, die Tausenden anderer Richter und den Hunderttausenden Anwälten im Land als Entscheidungsgrundlage dienen.
Jeder Oberste Richter hat das Recht auf die Hilfe von
vier Mitarbeitern, jungen Männern und Frauen, die
unter den absolut besten Universitätsabsolventen
ausgewählt werden. Die meisten Richter bitten diese
brillianten jungen Mitarbeiter, die eingehenden Fälle zu
prüfen und wichtige Fragen im Hinblick auf die Bundesgesetzgebung zu finden, die für die anderen Gerichtssäle des Landes entschieden werden sollten. Das ist
AMERIKA DIENST 19

�eine große Verantwortung, und ein Oberster Richter,
der 83jährige William Brennan, hat den Ruf, die enorme Papierflut, die 5.000 Fälle mit sich bringen, selbst
zu lesen.
Einer Schätzung zufolge wendet ein Oberster Richter
etwa ein Sechstel seiner Zeit für die erste Phase, die
Auswahl der zu verhandelnden Fälle, auf.
Die Sitzungsperiode - der Zeitraum, in dem die Obersten Bundesrichter Fälle verhandeln und beraten dauert neun Monate jährlich. An drei Tagen im Monat
versammeln sich die Richter in ihrem Konferenzzimmer, um darüber abzustimmen, welche Fälle zur Verhandlung kommen. Bei dieser Abstimmung kann auch
eine Minorität gewinnen. Sprechen sich mindestens
vier Richter dafür aus, über einen Fall zu verhandeln,
so wird er als einer von jährlich 150 Fällen zur Verhandlung zugelassen.
Neunzehn von 20 Fällen werden ohne Verfahren
abgewiesen. In diesen Fällen bleibt die Entscheidung
der Vorinstanz bestehen, die aber keinen landesweit
gültigen Präzedenzfall darstellt. Dahinter steht die
Haltung, daß dem Grundsatz, demzufolge jedem
Prozeßführer sein "Tag vor Gericht" zusteht, dadurch
Genüge getan wurde, daß bereits mindestens zwei
Vorinstanzen über den abschlägig beschiedenen Fall
verhandelt haben.
Die Tätigkeit als Oberster Bundesrichter verlangt ein
besonderes Temperament. Vor einigen Jahrzehnten
gab es einmal einen Richter, der mehr als gewissenhaft war und an den sich noch manch ein heutiger
Mitarbeiter des Obersten Bundesgerichts erinnert. Dank
seines großen Erfahrungsschatzes konnte er bei jeder
Frage zumindest zwei Seiten erkennen. Jede Entscheidung stürzte ihn in Gewissenskonflikte. Häufig
besteht im Gericht ein Patt von vier zu vier Stimmen,
so daß die Stimme eines einzelnen Richters einen
bindenden, landesweit gültigen Präzedenzfall schaffen kann. Von der Not getrieben, fällte dieser Richter
zwar letztlich seine Entscheidung und stimmte ab,
beschäftigte sich wenig später jedoch erneut mit den
Gegenargumenten und kam zu dem Schluß, er habe
sich geirrt. Der Richter verlie ß schlie ßlich das Oberste
Bundesgericht mit einem Nervenzusammenbruch.
Gerichtsbeobachter - und davon gibt es unter amerikanischen Juristen eine ganze Menge - zerbrechen sich
häufig den Kopf über die Motive des einzelnen Richters. Ein Richter unterhielt sich einmal mit mir über
diese Frage. Er erklärte:
"Ich bin sicher, daß einige meiner alten Freunde von
meinem Stimmverhalten enttäuscht sind. Und sicherlich ist es so, daß ich anders abstimmen würde, wenn
ich Mitglied im Kongreß wäre. Aber ich bin nicht
Mitglied im Kongreß. Ich bin nicht dafür zuständig, die
Gesetze abzufassen. Meine Tätigkeit besteht darin,
die von Kongreßabgeordneten geschriebenen Gesetze anzuwenden."
AMERIKA DIENST 19

Er und die anderen Richter prüfen die eingehenden
Fälle, untersuchen die anzuwendenden Gesetze und
vergleichen dann diese Gesetze mit dem Wortlaut der
Verfassung. Wenn die Gesetze die verfassungsmäßige Überprüfung bestehen, werden sie angewandt, und
der Fall wird entschieden.
Entscheiden ist das Schlüsselwort, wie mir ein anderer
Richter einmal erklärte. Jemand muß entscheiden,
und in den Vereinigten Staaten ist diese Person häufig
der Oberste Bundesrichter. Das Gericht orientiert sich
gerne an Präzedenzfällen. Es folgt der Doktrin des
stare decisis, d.h. bereits getroffene Entscheidungen
aufrechtzuerhalten. Bisweilen hat das Gericht jedoch
- wenn auch widerstrebend und trotz der verwirrenden
Folgen für nachgeordnete Gerichtsinstanzen - von ihm
selbst gesprochene Urteile wieder rückgängig gemacht.
Der ehemalige Vorsitzende Oberste Bundesrichter
Burger drückte es einmal folgendermaßen aus: "Wir
Richter sind unfehlbar! Denn wir sitzen hier im Gericht.
Wir sind jedoch nicht hier im Gericht, weil wir unfehlbar
sind!"
Ein häufig beim Gericht diskutiertes Thema ist die
Frage, ob die Richter überarbeitet sind. Verlangt man
nicht zuviel von Menschen aus Fleisch und Blut, so
gesetzeskundig sie auch sein mögen? Burger und der
verstorbene William O. Douglas vertraten dazu unterschiedliche Ansichten. Der ehemalige Vorsitzende
Oberste Bundesrichter erinnerte sich daran, daß die
Obersten Bundesrichter, als das Oberste Bundesgericht gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch seinen
Sitz im Wall-Street-Viertel von New York hatte, Fälle
von der ersten Instanz bis zum Ende verhandelten.
Damit aber waren die ursprünglich fünf Obersten
Bundesrichter eindeutig überlastet, und deshalb wurde das Oberste Bundesgericht erweitert. Eine neue
gerichtliche Instanz wurde eingeführt, die Bundesbezirksgerichte (Federal District Courts). Letztere führten die ersten und häufig endgültigen Verfahren durch.
Eine Zeitlang reichte dies aus, aber am Ende des 19.
Jahrhunderts war eine neue Instanz erforderlich geworden, die Bundesberufungsgerichte (Federal Courts
of Appeal). Vielleicht war es sogar an der Zeit, noch
eine weitere Instanz zwischen den Berufungsgerichten und dem Obersten Bundesgericht zu schaffen.
Dieser neue Gerichtshof könnte die eingereichten
5.000 neuen Fälle durchforsten, etwa 500 davon an
das Oberste Bundesgericht weiterleiten und vielleicht
100 bis 200 selbst "aufgrund der besonderen Umstände" entscheiden und damit Präzedenzfälle schaffen.
Viele Juristen sind sich darin einig, daß mehr als 150
Präzedenzfälle schaffende Urteile notwendig sind, um
den juristischen Interessen des Landes gerecht zu
werden.
Einer Lösung für die Probleme des Obersten Bundesgerichts widersetzte sich Burger jedoch: der Erweiterun des Gerichts, zum Beispiel auf 15 Oberste Bundesrichter. Es war bereits äußerst schwierig, fünf
Seite 3

�Richter zu einer gemeinsamen Meinung zu bewegen.
Es wäre noch wesentlich schwieriger, acht Übereinstimmungen herzustellen. Das Oberste Bundesgericht kennt keine verschiedenen Senate. Alle neun
Richter stimmen über jeden Fall ab.

jemandem zusammen gedient, den ich nicht leiden
konnte."

Der überhebliche William O. Douglas vertrat eine
abweichende Auffassung. Als Mann mit blitzschneller
Urteilsgabe und einer tiefverwurzelten Leidenschaft
für die Sache des "kleinen Mannes" war er der Meinung, die Arbeit des Gerichts ließe sich in der Hälfte
der Zeit bewältigen, die von anderen Richtern für
notwendig erachtet wurde. Um sein Argument zu
untermauern, daß jedes Jahr viel Zeit übrigbleibt,
schrieb er über 30 Bücher.

"Aber", drängte der Reporter, "meinen Sie nicht auch,
daß jeder Präsident die Richter aussucht, die seinem
eigenen Bild entsprechen?" Mit anderen Worten:
würde ein Nixon nicht auch Nixons auswählen, und wie
könnte ein Liberaler wie Douglas das gutheißen?

Wenn einige Beobachter darüber erstaunt waren, daß
der "Nixon-Gerichtshof" Warren Burgers beim Tonbandfall einstimmig gegen Präsident Nixon votierte,
so lag dies nur daran, daß sie eine Binsenweisheit im
Hinblick auf das Oberste Bundesgericht vergessen
hatten: Der Präsident ernennt die Richter, nach seiner
Ernennung ist der Richter jedoch auf sich allein gestellt
und trägt niemandes Farben.
Dies wurde mir in den siebziger Jahren verdeutlicht, als
Richter Douglas mit über 34 Jahren den Rekord für die
längste Amtszeit beim Obersten Bundesgericht brach.
Das Oberste Bundesgericht veranstaltet keine Pressekonferenzen, aber ich diskutierte mit Richter Douglas darüber, daß wir in einem solch historischen
Augenblick eine Ausnahme machen sollten. Er stimmte widerstrebend zu, und acht Fernsehteams versammelten sich in unseren Marmorhallen. Ich warnte den
Richter davor, daß Journalisten ihn wahrscheinlich
dazu bringen wollten, seine neuen konservativen, von
Nixon ernannten Kollegen anzugreifen. Ich war der
Meinung, daß solch öffentlich zur Schau getragene
Uneinigkeit im Zentrum des Justizwesens nur nachteilig sein konnte. Der Richter versicherte mir, daß er
solchen Rates nicht bedürfe.
"Ich bin schon länger hier tätig als Sie", versicherte er
mir.
Welche

Meinungsverschiedenheiten

auch

"Ja", erwiderte der Richter. "Jeder Präsident versucht, das zu tun. Und wäre ich Präsident, würde ich
das auch versuchen. Aber wie Sie wissen, liegen die
Fragen, mit denen sich ein Präsident beschäftigt, für
uns als Nation bereits in der Vergangenheit. Die
Fragen, die ein neuer Richter zu behandeln hat, liegen
vor uns in der Zukunft, und ein Präsident kann diese
ebenso wenig wie wir alle vorhersehen!"
Was der Richter damit ausdrückte, entsprach sicherlich der Wirklichkeit. Auch wenn sie es noch so sehr
versuchen, können Präsidenten das künftige Stimmverhalten der von ihnen ernannten Richter nicht vorhersagen. So ernannte der konservative Dwight Eisenhower William Brennan, der konsequent die Sache
der Liberalen unterstützte. Dagegen war der einzige
von dem Liberalen John Kennedy ernannte Oberste
Bundesrichter, Byron White, ein Mann der Mitte, der
häufig der konservativen Mehrheit half.
Zwischen den Richtern besteht ein Altersunterschied
von einem Vierteljahrhundert, wobei die einzige Frau,
Sandra Day O'Connor, mit 59 Jahren zu den jüngsten
zählt und mehrere, darunter der einzige Schwarze,
bereits das Alter von achtzig überschritten haben oder
kurz davor stehen. Darin liegt eines der ungelösten
Probleme des Obersten Bundesgerichts. Indem sie
eine praktisch lebenslange Amtszeit der Bundesrichter vorsahen, um damit den Zufällen von Modeerscheinungen vorzubeugen, versäumten es die Gründerväter, eine Regelung für ein angemessenes Pensionierungsalter zu treffen. Jeder Richter entscheidet selbst,
wann er sich von diesem aufreibenden aber faszinierenden Lebenswerk zurückziehen möchte.

immer

bestehen werden - und davon gibt es eine Menge,
wenn die acht Männer und eine Frau sich mit den
schwierigsten nationalen Fragen auseinandersetzen so besteht doch eine Ergebenheit für die Institution
selbst, die alle Obersten Bundesrichter vereint. Kein
Mitglied des Gerichts würde sie vorsätzlich beschädigen.
Als die historisch einmalige Pressekonferenz begann,
stellte einer der Journalisten die erwartete Frage:
"Was halten Sie von der gegenwärtigen Zusammensetzung des Gerichtshofs?"
"Ich diene seit 34 Jahren", erwiderte Richter Douglas
kühl. "Und in all den Jahren habe ich niemals mit

Seite 4

Politische Meinungsverschiedenheiten seien eine Sache.
Menschlicher Respekt und Freundschaft eine andere.

Der Kongreß hat Anreize bereitgestellt, um alte Richter
zum Rücktritt zu veranlassen. Jeder Richter, der
mindestens 10 Jahre an einem Bundesgericht gedient
und das 70. Lebensjahr vollendet hat, kann bei vollem
Gehalt auf Lebenszeit in den Ruhestand treten und
behält gleichzeitig bei Gericht ein Büro mit einer Sekretärin, einem Sachbearbeiter und einem Boten. Darüber hinaus kann der pensionierte Richter auf seinen
Wunsch von Zeit zu Zeit bei einem Bundesberufungsgericht Dienst tun. Nur wenige Richter nehmen dieses
Angebot an. Richter Oliver Wendell Holmes, eine der
hervorstechendsten Persönlichkeiten des Obersten
Bundesgerichts in diesem Jahrhundert, tat auch noch
mit über 90 Jahren seinen Dienst.

AMERIKA DIENST 19

�Das nach einem erfolgreichen nationalen Befreiungskrieg im 18. Jahrhundert geschaffene Oberste Bundesgericht tritt in das dritte Jahrhundert seines Beste-

*

hens ein. Dieses Herzstück des amerikanischen
Rechtssystems ist dabei immer noch äußerst lebendig
und erfreut sich bester Gesundheit.

* * *

*

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AMERIKA DIENST 19

Seite 5

�</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States ot America

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22. Mai 1991

20
•w;
CHEMISCHE WAFFEN

ZUR VERWIRKLICHUNG EINES VERBOTS
CHEMISCHER WAFFEN
Botschafter Ledogar vor der Genfer
Abrüstungskonferenz

OSTEUROPA

MITTEL- UND OSTEUROPA:
EIN JAHR DANACH
Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger

UMWELT

LEITER DES US-UMWELTSCHUTZ AMTES
FORDERT ZUSAMMENSPIEL VON UMWELTUND WIRTSCHAFTSPOLITIK
Anhörung vor Senatsausschuß

GOLFKRISE

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom
1. bis 15. Mai 1991

EINWANDERUNG

AMERIKANER ASIATISCHER ABSTAMMUNG
IN DER AMERIKANISCHEN GESELLSCHAFT
von Paul Malamud, USIA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�CHEMISCHE

WAFFEN
22. Mai 1991

VEREINIGTE STAATEN UNTERSTREICHEN
ENGAGEMENT ZUR VERWIRKLICHUNG DES
VERBOTS CHEMISCHER WAFFEN
Botschafter Ledogar vor der Genfer Abrüstungskonferenz
WASHINGTON - (AD) - Der Chefunterhändler der Vereinigten Staaten bei der Genfer Abrüstungskonferenz
(CD), Botschafter Stephen Ledogar, hat dieses Gremium am 16. Mai 1991 aufgefordert, umgehend den
Vorschlag Präsident Bushs für ein weltweites Verbot chemischer Waffen zu erörtern.
"Angesichts der Dringlichkeit einer Befreiung der Welt von diesen Waffen des Terrors können wir es uns nicht
leisten, unsere Verhandlungen rein routinemäßig fortzuführen", erklärte der Botschafter in einer Rede vor
diesem wichtigsten Weltforum für multilaterale Abrüstungsverhandlungen.
Ledogar räumte ein, daß die Fertigstellung einer Konvention innerhalb von 12 Monaten "erhebliche Anstrengungen" erfordern werde, forderte die anderen Teilnehmerstaaten aber auf "in ihrer Haltung flexibel zu sein" und
"dasselbe Engagement" zur Verwirklichung eines Verbots chemischer Waffen an den Tag zu legen wie die
Vereinigten Staaten.
Ledogar erinnerte daran, daß der amerikanische Vorschlag die Lösung aller ausstehenden Probleme bis Ende
1991 und die ständige Tagung des Ad-hoc-Ausschusses der CD zu chemischen Waffen bis zur Vollendung einer
Konvention im nächsten Jahr vorsieht.
Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Ledogars Erklärung im Wortlaut.

Zu Beginn des zweiten Teils unserer Sitzungsperiode
im Jahr 1991 habe ich das große Vergnügen, Ihnen
eine Botschaft des Präsidenten der Vereinigten Staaten an die Abrüstungskonferenz vorzulesen. Diese
Botschaft hat folgenden Wortlaut:
"Der jüngste Konflikt am Persischen Golf hat erneut
das Schreckgespenst des Einsatzes chemischer Waffen
gegen unschuldige Menschen heraufbeschworen. Dies
unterstreicht die Dringlichkeit einer Befreiung der Welt
von diesen Waffen des Terrors. Ich gehe davon aus,
daß die beste Hoffnung auf eine Beseitigung der
Geißel chemischer Waffen in einem vollständigen
Verbot besteht, das Bestandteil der von dieser Konferenz auszuhandelnden Konvention über chemische
Waffen ist. Die Vereinigten Staaten engagieren sich
für einen unverzüglichen, erfolgreichen Abschluß dieser Konvention und ihre wirksame Durchführung. Zu
diesem Zweck habe ich eine Reihe von Maßnahmen
angekündigt, die von den Vereinigten Staaten ergriffen
werden, um die Verhandlungen zu beschleunigen und

AMERIKA DIENST 20

Botschafter Ledogar angewiesen, meine Entscheidung in dieser Sitzungsperiode umzusetzen. Ich hoffe, diese Initiative wird auch andere Nationen dazu
anspornen, sich selbst ebenso für die entscheidenden
Ziele der Konvention zu engagieren und fordere alle
Nationen auf, sich uns bei der möglichst baldigen
Erlangung eines effektiven Verbots chemischer Waffen anzuschließen. Insbesondere rufe ich die Teilnehmer dieser Konferenz dazu auf, für diese Zielsetzung
alles in ihrer Macht Stehende zu tun und sich dafür
einzusetzen, alle noch anstehenden Probleme bis
Ende 1991 zu lösen und die Konvention über chemische Waffen innerhalb von 12 Monaten fertigzustellen.
Um diesen Zeitplan einzuhalten, bitte ich darum, daß
der Ad-hoc-Ausschuß zu chemischen Waffen in Genf
ständig tagt. Ich wünsche Ihnen allen einen raschen
Erfolg."
Präsident Bushs Botschaft enthält den Ansatz, den die
Vereinigten Staaten bei der Vollendung unserer Arbeit
an einem Verbot chemischer Waffen zu verfolgen

Seite 1

�gedenken. Der Präsident geht seit langem davon aus,
daß die beste Hoffnung auf einen Abbau chemischer
Waffen in ihrem völligen Verbot besteht, über das wir
gegenwärtig in diesem Forum verhandeln. Angesichts
der Dringlichkeit einer Befreiung der Welt von diesen
Waffen des Terrors können wir es uns nicht leisten,
unsere Verhandlungen rein routinemäßig fortzuführen.
Zu Beginn dieser Woche hat der Präsident angekündigt, daß die Vereinigten Staaten bereit sind, eine
Reihe innovativer Maßnahmen zu ergreifen, um die
Aussichten auf den erfolgreichen Abschluß einer
Konvention über chemische Waffen zu verbessern.
Erlauben Sie mir, diese Schritte nun zu erläutern.
Um der Arbeit der CD ein Gefühl von der Dringlichkeit
des Problems zu vermitteln, schlagen die Vereinigten
Staaten die Erstellung eines Zeitrahmens für die Lösung aller noch zur Verhandlung anstehenden Probleme bis Ende 1991 und die Fertigstellung der Konvention innerhalb von 12 Monaten vor.
Um zur Verwirklichung dieser Ziele beizutragen, schlagen die Vereinigten Staaten vor, daß der Ad-hocAusschuß zu chemischen Waffen von heute bis zur
Fertigstellung der Konvention ständig tagt. Die Verhandlungen würden also während der vorgesehenen
Sitzungspausen im Juli und im Herbst andauern. Damit
würde sichergestellt, da ß keine Zeit verloren und keine
Chance vergeudet wird. Unserem Vorschlag gemäß
sind die Vereinigten Staaten bereit, mich und meine
Delegation in Genf zu belassen und die Delegation
gegebenenfalls zu verstärken, um diesem Zeitplan
gerecht zu werden. Wir rufen andere Staaten dazu
auf, dasselbe Engagement an den Tag zu legen.
Um den Abschluß eines Verbots chemischer Waffen
innerhalb eines Jahres auf den Weg zu bringen, haben
die Vereinigten Staaten entschieden, Maßnahmen zur
Lösung zweier wichtiger Probleme zu ergreifen, die
unsere Verhandlungen behindert haben.
Mit diesen Maßnahmen hoffen wir aufzuzeigen, daß
der einzige Weg zum Abschluß eines Vertrags über
eine flexible Haltung führt. Wir fordern andere auf,
ebenfalls Flexibilität zu demonstrieren. Die Vereinigten Staaten werden insbesondere nicht mehr auf ihrem
Recht auf Vergeltung mit chemischen Waffen bestehen. Die Vereinigten Staaten werden unmittelbarnach
Inkrafttreten der Konvention dem Einsatz chemischer
Waffen aus jedwedem Grund und gleichartiger Vergeltung gegen alle Länder abschwören. Darüber hinaus
werden wir eine Bestimmung für die Konvention vorschlagen, die den Einsatz chemischer Waffen unter
allen Umständen verbietet.
Ferner werden die Vereinigten Staaten ihren Standpunkt aufgeben, daß wir und einige andere Länder
zwei Prozent unseres C-Waffenarsenals behalten dürfen,
bis alle Länder, die chemische Waffen besitzen, der
Konvention beigetreten sind. Die Vereinigten Staaten
Seite 2

werden sich bedingungslos für die innerhalb von zehn
Jahren nach Inkrafttreten der Konvention erfolgende
Zerstörung all ihrer Chemiewaffenarsenale und früheren Produktionsstätten einsetzen. Wir fordern alle
Länder auf, ihre C-Waffenarsenale offenzulegen und
sich uns anzuschließen, indem sie ihre Arsenale und
Produktionsstätten zerstören. Wir werden Bestimmungen für die Konvention vorschlagen, die von allen
Parteien bedingungslose Zerstörung ihrer C-Waffenarsenale und Produktionsstätten nach Inkrafttreten
der Konvention und die Beendigung der Zerstörung
innerhalb von zehn Jahren verlangen.
Verifizierung ist einer der wichtigsten' ungelösten
Schlüsselbereiche der Konvention. Obwohl bei der
Entwicklung des Verifizierungssystems für die Konvention erhebliche Fortschritte erzielt wurden, bleiben
noch wichtige Fragen bestehen. Die Vereinigten Staaten bekräftigen ihr Engagement für ein starkes und
direktes Verifizierungsregime. Wir werden bald zusätzlich konkrete Vorschläge unterbreiten, um die
zentrale Frage von Ad-hoc-lnspektionen zu kfären.
Wir werden die Abrüstungskonferenz auffordern, sich
unserer Position anzuschließen.
Eine weitere ungelöste Frage ist, wie man die für ein
effektives Verbot entscheidende Beteiligung erzielt.
Wir sind natürlich der Meinung, daß ein vollständiges
Verbot chemischer Waffen erhebliche Fortschritte für
alle Parteien mit sich bringen wird. Wir sind femer der
Ansicht, daß es greifbare Vorteile für diejenigen Länder geben sollte, die der Konvention beitreten - und
bestimmte Strafen für diejenigen, die es nicht tun.
Deshalb werden die Vereinigten Staaten Bestimmungen für die Konvention vorschlagen, die den Parteien
den Handel mit Material zur Herstellung chemischer
Waffen mit solchen Ländern untersagen, die nicht
innerhalb eines absehbaren Zeitraums nach Inkrafttreten beitreten.
Nach der Konvention werden viele Länder ihre chemischen Waffen zerstören müssen. Dies ist eine sehr
komplexe und technisch anspruchsvolle Aufgabe. Um
die weltweite Beseitigung von C-Waffen zu erleichtern,
werden die Vereinigten Staaten anderen Ländern
praktische und effektive Hilfe leisten und sich an der
schnellen, sicheren und umweltschonenden Zerstörung chemischer Waffen beteiligen, wo immer diese
auch sein mögen. Wir gründen eine Arbeitsgruppe aus
Vertretern der US-Regierung und der Privatwirtschaft,
um Vorschläge zu entwickeln, wie die Vereinigten
Staaten einzelne Ländern bei der Zerstörung chemischer Waffen beraten und ihnen helfen können. Wir
werden Parteien technische Hilfe bei der Zerstörung
leisten, die chemische Waffen auf ihrem Territorium
stationiert haben. Dazu zählen etwa Besuche unserer
Zerstörungseinrichtungen, Pläne und technische Beratung. Als Forum für praktische Zusammenarbeit
schlagen wir die Einrichtung einer technischen Arbeitsgruppe unter der Ägide der Abrüstungskonferenz
vor.
AMERIKA DIENST 20

�Die Vereinigten Staaten bekräftigen ihre Position, daß
es Sanktionen gegenüber Staaten geben sollte, die die
Konvention verletzen sowie besonders strenge Sanktionen gegen jedes Land, das erstmals chemische
Waffen einsetzt. Die Vereinigten Staaten erklären,
Verletzungen der Konvention, insbesondere den Ersteinsatz chemischer Waffen, als extrem gravierenden
Bruch des Völkerrechts zu betrachten und in diesem
Fall angemessene Sanktionen zu verhängen.

Bis zum vollständigen Verbot sind die Vereinigten
Staaten der Meinung, es sei wichtig, die Weiterverbreitung chemischer Waffen zu verhindern. Deshalb sind
die Vereinigten Staaten bereit, allen anderen Verhandlungspartnern umfassende Informationen über unsere
Exportkontrollen für Material und Technologie zur
Herstellung chemischer Waffen - und über unsere
nationalen Gesetze zu deren Durchführung - zur Verfügung zu stellen.

Durch den Verhandlungsprozeß leisten die Teilnehmer der Abrüstungskonferenz alles in ihrer Macht
Stehende, um zu gewährleisten, daß die C-Waffenkonvention den Anliegen und Interessen aller Teilnehmer entgegenkommt. Oftmals sind Kompromisse
erforderlich, um dies zu leisten. Wir vertreten daherdie
Meinung, daß es Pflicht der an den Verhandlungen
teilnehmenden Länder ist, den erarbeiteten Text zu
unterstützen. Die Vereinigten Staaten erklären formell
ihre Absicht, von Anfang an Partei der C-Waffenkonvention zu werden. Wir fordern alle Länder auf,

Wir empfehlen allen anderen Ländern, ähnliche Kontrollen durchzuführen und wollen deshalb bis zur
Ausarbeitung eines vollständigen und formellen Verbots die Weiterverbreitung von C-Waffen einschränken.

öffentlich zu erklären, daß auch sie von Anfang an

beitreten wollen. Darüber hinaus fordern wir alle
Länder auf, ihre C-Waffenarsenale offenzulegen und
unmittelbar nach Inkrafttreten der Konvention dem
Einsatz von C-Waffen aus jedwedem Grund abzuschwören.

AMERIKA DIENST 20

Der Abschluß der Konvention im nächsten Jahr wird
uns allen große Anstrengungen, großen Einsatz und
viel Flexibilität abverlangen. Der Status quo wird nicht
ausreichen. Vielmehr müssen wir alle zusammenarbeiten, wenn wir unser gemeinsames Ziel eines weltweiten Verbots zur Herstellung, Lagerung und dem
Einsatz chemischer Waffen erreichen wollen. Um
allgemeine Einhaltung zu erzielen, sind die Vereinigten
Staaten bereit, alles Erdenkliche zu tun, um eine CWaffenkonvention Wirklichkeit werden zu lassen. Wir
fordern andere auf, in ihren Positionen Flexibilität zu
demonstrieren und dasselbe Engagement für unsere
gemeinsamen Ziele zu zeigen.

Seite 3

�OSTEUROPA
22. Mal 1991

Mittel- und Osteuropa: Ein Jahr danach
Rede des Stellvertretenden US-Außenministers Eagleburger

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden US-Außenministers
Lawrence S. Eagleburger bei der Jahreskonferenz der US-Export-Import Bank (EXIM-Bank) am 16. Mai 1991.

Im März 1990 hielt ich bei der letztjährigen Jahreskonferenz der EXIM-Bank zu einer Zeit eine Rede über
Osteuropa, da in dieser Region gerade wahrhaft revolutionäre Veränderungen stattgefunden hatten. Verständlicherweise herrschte damals eine starke Euphorie über den plötzlichen Fall des Eisernen Verhangs
und den Triumph der Freiheit in ganz Mittel- und
Osteuropa. An einem Ende des Spektrums stand die
widersinnige Behauptung, die Geschichte sei zuende
gegangen und am anderen die selbstzufriedene Annahme, die Umgestaltung Osteuropas zu Demokratie
und freier Marktwirtschaft bedeute, daß wir uns nicht
mehr in dem Maße mit Entwicklungen in der Region
auseinandersetzen müßten, wie wirdas in den vergangenen 50 Jahren getan haben.
Nüchternere Beobachter waren sich natürlich bewußt,
wie ungewöhnlich und schwierig die Aufgaben sein
würden, denen sich unsere Freunde in Osteuropa
stellen müßten und wie wichtig ihr Erfolg für amerikanische Interessen ist, aber das Drama ihres Kampfes
war nicht mehr dazu angetan, Schlagzeilen in den
Zeitungen zu machen, insbesondere da man sich mit
den Tagesgeschäften demokratischer Wahlen und der
Gestaltung von Wirtschaftspolitik beschäftigte, was
wir alle nur zu gut kennen. Und in der Zwischenzeit
brauten sich die Ereignisse am Persischen Golf zusammen und lenkten unsere Aufmerksamkeit in eine
andere Richtung.
Wenn es einen Punkt gibt, auf den ich heute noch
einmal hinweisen möchte, dann ist es die strategische
Bedeutung, die Mittel- und Osteuropa in der amerikanischen Außenpoltik in absehbarer Zukunft weiterhin
einnehmen werden. Tatsächlich bin ich der Meinung,

AMERIKA DIENST 20

wir sollten die Revolutionen, die in Osteuropa und
durch den Golfkrieg stattgefunden haben, dahingehend werten, daß beide ein neues Zeitalter in den
internationalen Beziehungen eingeläutet haben, das
wir in Ermangelung einer besseren Bezeichnung das
Zeitalter nach dem kalten Krieg nennen. Diese Ära
wird von zwei Merkmalen gekennzeichnet: erstens
vom weltweiten Übergang von Kommandowirtschaften in freie Marktwirtschaften - eine Bewegung, deren
Ergebnis das Schicksal der ebenfalls stattfindenden
weltweiten Hinwendung zu Demokratie mitbestimmen
wird. Und zweitens-wie wir bei der irakischen Invasion
Kuwaits beobachten konnten - von einer viel größeren
Labilität in den internationalen Beziehungen, da die
historisch ungewöhnliche und vom kalten Krieg auferlegte Disziplin schwindet.
Diese beiden Merkmale eines neuen Zeitalters treten
heute in Mittel- und Osteuropa zutage, wo der Kampf
zur Etablierung von Demokratie und Marktwirtschaft
parallel zur schwindenden Sicherheitsordnung des
kalten Krieges erfolgt ist. Unser Ziel muß eindeutig
darin bestehen, die erfolgreiche Integration der früheren kommunistischen Länder in umfassendere europäische Strukturen zu erlangen und westliche Zusammenarbeit anzuregen, die Frieden und Wohlstand
zwischen solchen Ländern gefördert hat, die sich in
diesem Jahrtausend zumeist gewohnheitsmäßig an
die Gurgel wollten. Niemand wei ß, was ein Fehlschlag
bedeuten würde. Wir wissen jedoch, daß die Natur
kein Vakuum kennt, und da Mittel- und Osteuropa in
der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts schwach und
instabil waren, prallten die großen Mächte zweimal
aufeinander. Wir müssen also Erfolg haben.

Seite 1

�Das vergangene Jahr: Ergebnisse und Hindernisse
Soviel zu dem, was auf dem Spiel steht. Ich möchte
heute die Fortschritte und Probleme beschreiben, denen
unsere europäischen Freunde im vergangenen Jahr
bei ihren Reformbestrebungen begegnet sind und auf
das eingehen, was die Vereinigten Staaten an Hilfe
leisten.
Wichtige Erfolge wurden vor allem im Bereich der
Sicherheitspolitik erzielt, das demokratische Engagement ist in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und
sogar in Bulgarien unwiderruflich, es wird in Parlamenten, einer freien Presse und rechtlichen Schutzmaßnahmen für die Freiheit des einzelnen und Menschenrechte institutionalisiert. In der Zwischenzeit werden
sowjetische Truppen in diesem Jahr vollständig aus
Ungarn und der Tschechoslowakei abgezogen, und
ein Zeitplan für ihren Abzug aus Polen wird gegenwärtig ausgehandelt. Das vielleicht greifbarste Zeichen
der Veränderung war die einhellige und kostenträchtige Zusammenarbeit mit der internationalen Koalition
gegen Saddam Hussein.
Man muß jedoch kein Raketenspezialist sein, um zu
verstehen, daß die Region wirtschaftlich am Boden
liegt und die noch schwachen demokratischen Institutionen in der nächsten Zeit harte Proben bestehen
müssen. Das letzte Jahr hat eine um sich greifende
Rezession mit sich gebracht, ein Vermächtnis der
veralteten und maroden wirtschaftlichen Infrastruktur,
die die Kommunisten hinterlassen haben und in gewissem Maße ein Ergebnis der Reformbestrebungen zur
Wiederherstellung der wirtschaftlichen Stabilität. Es
gab eine Reihe unvorhergesehener Erschütterungen:
der Ausfall irakischen und kuwaitischen Öls, der Zusammenbruch des Handels mit der Sowjetunion, die
sowjetische Entscheidung, ihre Waren in harter Währung bezahlen zu lassen und der Verlust des ostdeutschen Marktes.
Glücklicherweise haben diese Ereignisse nicht grundsätzlich das Engagement der Regierungen in der
Region erschüttert, den Übergang zu Marktwirtschaften zu steuern, und sie haben auch nicht ihre Bereitschaftaufheben können, die schmerzlichen Reformen
durchzuführen, um ihr Ziel zu erreichen.
Polen setzt weiterhin den Maßstab bei Reformen. Sein
solides Stabilisierungsprogramm des letzten Jahres erheblich unterstützt von den Vereinigten Staaten und
ihren westlichen Partnern - hat die Inflation erfolgreich
begrenzt, die Zinssätze verringert und den Zloty konvertierbar gemacht. Es ist wichtig, daß damit auch die
Industrieproduktion gefallen und die Zahl der Arbeitslosen gestiegen ist. Aber die Arbeitslosenquote reicht
noch nicht an westeuropäisches Niveau heran, und
zum ersten Mal seit Menschengedenken sind die
Regale in den Geschäften voll und die Warteschlangen verschwunden.

Seite 2

Polens Nachbarn haben in unterschiedlichem Maße
größere Vorsicht bei der Durchführung von Reformen
demonstriert. Dennoch haben sowohl Ungarn als
auch die Tschechoslowakei jetzt Pläne für die makroökonomische Stabilisierung und im Hinblick auf die
kommenden Jahre für die Beseitigung der Verzerrungen durch staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Bulgarien befindet sich nach der Wahl eines Mehrparteienparlaments im Juni auf dem Weg zu wirtschaftlichen
Reformen.
Offen gesagt, mußten wir in den vergangenen beiden
Jahren zwei Arten von Hindernissen für grundlegende
Reformen in Mittel- und Osteuropa überwinden. Das
erste war die langsame Bewegung von makro- zu
mikroökonomischen Reformen, das heißt, von der
makroökonomischen Stabilisierung zur tatsächlichen
Umwandlung der Kommandowirtschaften in Marktwirtschaften. Das zweite war die Entstehung potentiell
gefährlicher politischer Phänomene, die zusammen
mit den aufstrebenden demokratischen Institutionen in
der Region existieren.
Tatsache ist, daß die Geschichte wenige Beispiele von
Versuchen kennt, eine Volkswirtschaft zu privatisieren, die vollständig vom Staat gelenkt wurde. Es gibt
keine Präzedenzfälle und damit auch keine Richtlinien.
Sie werden sich daran erinnern, daß wir im letzten Jahr
Vorschläge für eine massive Stützungsaktion der osteuropäischen Volkswirtschaften im Stil des Marshallplans von 1947 abgelehnt haben. Es wird immer
wieder vergessen, daß in Westeuropa nach dem Zweiten
Weltkrieg bereits eine Marktwirtschaft existierte, die
das erforderliche Kapital aufnehmen konnte, um der
Nation auf die Füße zu verhelfen. Das trifft auf Mittelund Osteuropa heute ganz einfach nicht zu.
Statt dessen besteht der erste Auftrag für die Wirtschaft in der Region nach der makroökonomischen
Stabilisierung in der schrittweisen Schaffung einer
marktwirtschaftlichen Infrastrukur. Dies war ein umstrittener und verwirrender Prozeß. Grundsatzfragen
müssen entschieden werden: wem gehört das ehemalige Staatseigentum? Wem sollten Staatsbetriebe
verkauft werden? Wie sollte die Entschädigung für
diejenigen aussehen, deren Eigentum von den Kommunisten konfisziert wurde? Welche Industrien sollten
gerettet und welche den Realitäten der Weltmärkte
geopfert werden?
Zur Liste von zur Entscheidung anstehenden Fragen
müssen eine Reihe von zu erwerbenden Fähigkeiten
kommen: Fähigkeiten der Arbeitnehmer, der Führungskräfte, Fähigkeiten in Information und Finanzwesen, um nur einige zu nennen.
Und schließlich muß die Infrastruktur einer modernen
und international wettbewerbsfähigen Wirtschaft geschaffen werden - im Bankwesen, im Informationssektor, bei Transport und Verkehr, im Wohnungsbau und
in anderen Sektoren.

AMERIKA DIENST 20

�Es ist daher nicht überraschend, daß zum Beispiel in
Polen, wo die makroökonomische Stabilisierung am
weitreichendsten war, die erwünschte angebotsorientierte Reaktion nur schleppend erfolgt ist. Die Privatisierung hat sich verzögert, und Staatsbetriebe sind
vom Markt und den Kräften des Wettbewerbs isoliert.
Darüber hinaus können wir die wichtigen psychologischen Hindernisse für mikroökonomische Reformen
nicht außer acht lassen, die aus der kommunistischen
Herrschaft resultieren, das Anklammern an die Sicherheit des Arbeitsplatzes und ganz einfach die Angst vor
Veränderungen und dem Unbekannten schlechthin.
Neue US-Strategie für wirtschaftliche Reformen
Ich möchte Ihnen versichern, daß die Regierung eine
Lehre aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre
gezogen und ihre Prioritäten im Hinblick auf Hilfe
entsprechend verlagert hat. Das heißt nicht, wir geben
die makroökonomische Unterstützung auf - denken
Sie nur an die von den Vereinigten Staaten angeregte
Initiative im Pariser Club, die Einigung über einen
außergewöhnlichen Schuldenerlaß für Polen hervorgebracht hat. Aber unserer Ansicht nach besteht in
Mittel- und Osteuropa heute größerer Bedarf an mikroökonomischen Reformen, insbesondere die Notwendigkeit zur Stimulierung von Aktivitäten des Privatsektors. Und wir glauben, die beste Möglichkeit,
diesem Bedarf gerecht zu werden, besteht in der
Verbesserung des Handels, besserem Zugang zu
westlichen Märkten und stärkerem Investitionsfluß
aus dem Westen. Demgemäß wird unser neuer Ansatz die folgenden drei Komponenten umfassen:
Erstens ein Schwerpunkt auf technischer Hilfe - Ausbildung für Banker und Führungskräfte, Hilfe bei der
Erarbeitung von Steuer-, Arbeits- und Wirtschaftsgesetzen, mit denen Wettbewerb in die Tat umgesetzt
werden kann, Hilfe von Finanzmittlern, die beim Privatisierungsprozeß helfen, Hilfe bei der Umstrukturierung von Unternehmen und Beseitigung des Würgegriffs der Bürokratien über wirtschaftliche Aktivitäten.
Zusammen mit den Unternehmensfonds für Polen,
Ungarn und die Tschechoslowakei wird die technische
Hilfe in den nächsten Jahren die meisten US-Mittel
erhalten.
Zweitens muß der Handel mit dem Westen ausgebaut
werden - zu einer Zeit, da der Osteuropahandel mit der
UdSSR und Ostdeutschland zusammengebrochen ist,
sind westliche Märkte wichtiger als westliche Hilfe.
Wenn sie nicht ihre Exporte erhöhen, werden die
neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas mehr durch
das Ausbluten des Handels verlieren als sie möglicherweise durch die Transfusion westlicher Hilfe gewinnen
könnten. Deshalb haben die Vereinigten Staaten eine
Initiative zur Verbesserung des Handels ins Leben
gerufen, die folgende Punkte umfaßt:

AMERIKA DIENST 20

eine erhebliche Erweiterung von Zollfreiheitsprivilegien für Mittel- und Osteuropa im Rahmen
des Allgemeinen Präferenzsystems;
technische Unterstützung in Zusammenhang
mit den US-Handelsgesetzen und -Vorschriften, um Informationshemmnisse für den Handel
überwinden zu helfen;
Entwicklung eines Programms, mit dessen Hilfe
das Wirtschaftsministerium Kontakte zwischen
Unternehmen, und zwar vorwiegend kleinen
und mittleren Firmen, in ähnlich gelagerten
Wirtschaftsregionen der Vereinigten Staaten und
Unternehmen in Mittel- und Osteuropa herstellen wird.
Wir sollten diese Maßnahmen nicht allein ergreifen.
Die Europäische Gemeinschaft, die den größten Markt
für Mittel- und Osteuropa darstellt, sollte - und hat in
der Tat die Pflicht - ebenfalls verstärkt ihren Markt
öffnen, und wir ermutigen sie, dies im Rahmen ihrer
Assoziierungsabkommen zu tun. Wir betonen jedoch,
daß diese Abkommen mit den GATT-Regeln für alle
Bereiche des Handels, einschließlich der Landwirtschaft, in Einklang stehen sollten.
Unsere dritte und letzte Priorität ist der Ausbau der
Produktivkraft der Region und damit des Handels
durch verstärkte Direktinvestitionen in den mittel- und
osteuropäischen Volkswirtschaften. Offengesagt sind
wir von dieser Form der Unterstützung bis jetzt enttäuscht. So hat zum Beispiel Präsident Walesa während seines Besuchs in Washington erklärt, die amerikanischen Privatinvestitionen hätten bisher lediglich
30 Millionen Dollar erreicht.
Das Kernstück dieser Bemühungen bildet unsere kürzlich
eingeleitete Initiative zur Entwicklung des Privatsektors, die das Wachstum amerikanischer Investitionen
in der Region fördern, die Beteiligung amerikanischer
Firmen an der Entwicklung der Infrastruktur verstärken
und das Engagement kleiner und mittlerer amerikanischer Unternehmen im bilateralen Handel ausbauen
soll. Es handelt sich dabei um ein auf zwei Jahre
angelegtes Programm im Umfang von 45 Millionen
Dollar, das vom Amt für internationale Entwicklung
(AID), dem Wirtschaftsministerium, der Entwicklungsgesellschaft OPIC und dem US-Handels- und Entwicklungsprogramm gemeinsam mit dem Privatsektor
durchgeführt wird. Das Hauptaugenmerk gilt dabei
fünf von den mittel- und osteuropäischen Ländern
identifizierten Schlüsselbereichen, die darüber hinaus
amerikanischen Unternehmen einzigartige Perspektiven bieten: 1. Landwirtschaft und Agrarindustrie, 2.
Energiewesen, 3. Umwelt, 4. Telekommunikation und
5. Wohnungsbau. Die Initiative beinhaltet unter anderem folgende Elemente:

Seite 3

�Ein amerikanisches Wirtschaftszentrum in
Warschau, das in Zusammenarbeit mit dem Privatsektor gegen Entgeld Büroräume und technische Business-Dienstleistungen anbietet.
Amerikanische Firmenkonsortien in Osteuropa,
um kleine und mittlere amerikanische Unternehmen zu unterstützen, die sich auf dem osteuropäischen Markt engagieren möchten. Amerikanischen Handels- und Wirtschaftsvereinigungen,
die sich in der Region niederlassen möchten,
werden Beihilfen gewährt.
Eine Kapitalentwicklungsinitiative des AID, mit
der osteuropäische Regierungen und Privatfirmen bei der Planung von Infrastrukturprojekten
in einer Art und Weise unterstützt werden, die
dem Engagement amerikanischer Unternehmen
Vorschub leistet.
Wir ersuchen den Gesetzgeber um die Vollmacht, das Eigenkapital-Investitionspilotprogramm der OPIC auf Osteuropa zu erweitern,
damit die OPIC selbst Direktinvestitionen in
aussichtsreichen Gemeinschaftsunternehmen
tätigen kann.
Wir sind uns voll und ganz der Tatsache bewußt, daß
die wichtigsten Hindernisse für Direktinvestitionen in
den Ländern dieser Region selbst zu finden sind. Sie
müssen zusätzliche Schritte ergreifen, um die Hemmnisse für den Handel miteinander abzubauen und
Veränderungen von Gesetzen, politischen Maßnahmen und Institutionen zu bewirken, damit die private
Wirtschaftstätigkeit wirklich gedeihen kann. Insbesondere müssen spezielle Schranken gegen ausländische Investitionen beseitigt werden, etwa die Begrenzung ausländischen Grundbesitzes, Obergrenzen für
ausländische Kapitalanteile sowie rückwirkende Haftung für ökologische Altlasten. Ich möchte dem noch
hinzufügen, daß diese Hemmnisse auch die Entwicklung heimischer Unternehmen behindern, da ausländisches Kapital Technologie und Managementkenntnisse ins Land bringen und zur Umstrukturierung der
Industrie auf eine Art und Weise beitragen können, die
diese Volkswirtschaften nicht mit Schulden belastet.
Die Zukunft der Demokratie in der Region
Ich habe bereits früher festgestellt, daß wir im vergangenen Jahr mit einer zweiten Herausforderung in Gestalt
einiger beunruhigender politischer Tendenzen konfrontiert wurden. Dazu zählte insbesondere das Aufkommen von Nationalitätenstreit innerhalb verschiedener mittel- und osteuropäischer Länder und, in geringerem Maße, nationalistischer Spannungen zwischen diesen Ländern. Während nach dem Zweiten
Weltkrieg die traditionellen Feindschaften Westeuropas offen behandelt und von solchen Faktoren wie
wirtschaftlichem Wohlstand, gemeinsamen demokratischen Institutionen und dem Aufbau einer paneuro-

Seite 4

päischen Identität abgebaut wurden, wurden solche
Strömungen im Osten lediglich durch die kommunistische Herrschaft unterdrückt. Es hätte also eigentlich
niemanden überraschen sollen, wenn diese nach den
Revolutionen von 1989 plötzlich erneut zum Ausbruch
kamen.
Ethnische Animositäten sind nicht das einzige negative Vermächtnis des totalitären Zeitalters. Der Kommunismus gewöhnte seine Untertanen an die Politik
des Absolutismus - einen Glauben an magische Formeln und alles umfassende Pläne und die Tendenz,
Gegner als Feinde zu betrachten und alles schwarz/
weiß zu sehen.
Die Konfrontation mit diesem Vermächtnis muß uns
meines Erachtens zu der nüchternen Schlußfolgerung
veranlassen, daß der Übergang von der Makro- zur
Mikroebene bei den Reformen in der politischen Sphäre ebenso hohe Anforderungen stellen könnte wie dies
im ökonomischen Bereich der Fall ist. Die institutionelle Struktur der Demokratie entwickelt sich, aber die
Verhaltensmuster und die tägliche Praxis der Demokratie - die Tugenden der Geduld, Toleranz und des
Respekts der Vielfalt - müssen im Lauf der Zeit angeeignet werden.
Leider sind diese Tugenden nicht langfristig sondern
bereits heute vonnöten. Tatsache ist, daß die nahezu
allgegenwärtige Erwartungshaltung, derzufolge Demokratie die rasche Erlangung des westlichen Lebensstandards bedeutet, zwangsläufig zu einer Kollision
mit der harten Wirklichkeit der Anpassung an die
Reformen und des Übergangs zur Marktwirtschaft
führen muß. Es besteht deshalb die Gefahr, daß die
Desillusionierung Ungeduld über das bedächtige Tempo
und das unerläßliche Geben und Nehmen der Demokratie hervorrufen und damit zu neuen Arten der Instabilität führen könnte.
Der Beitrag des Westens
Eines, was wir im Westen nicht tun sollten, ist, über
unsere osteuropäischen Freunde zu richten oder zu
versuchen, die Entscheidungen zu diktieren, die diese
alleine treffen müssen. Wir sollten uns schließlich
unserer eigenen historischen Erfahrungen erinnern,
daß die Demokratie schon unter den günstigsten
Umständen die wahrscheinlich anspruchsvollste Regierungsform ist.
Es gibt jedoch gewisse Dinge, die der Westen, insbesondere wir in den Vereinigten Staaten, tun kann, um
dazu beizutragen, daß der sich vollziehende schwierige wirtschaftliche Übergang weder die zerbrechlichen
neuen demokratischen Institutionen noch den Frieden
in der Region insgesamt destabilisiert.
Erstens müssen wir weiterhin Beratung und technische Hilfe beim Aufbau demokratischer Institutionen
bereitstellen. Unsere Freunde in der Region erklären
uns, daß solche Hilfe bis heute absolut entscheidend
AMERIKA DIENST 20

�für die bisher erzielten Erfolge war - die veranstalteten
Wahlen, neuen Verfassungen und so weiter. In Zukunft müssen wir uns auf die Stärkung der Demokratie
an der Basis konzentrieren, insbesondere auf die
Institutionen auf lokaler Ebene sowie diejenigen Gremien, die eine gesunde pluralistische Gesellschaft
schützen und vermitteln - zum Beispiel Gewerkschaften, Presseorgane und Rechtspflege. Unser Ziel muß
sein, zur Schaffung eines Systems beizutragen, in
dem von der obersten bis zur untersten Ebene Debatten und Opposition konstruktiv und demokratisch
kanalisiert werden, ein System, das die unvermeidlichen Erschütterungen der Zukunft abfedern kann.
Zweitens müssen wir sicherstellen, daß der durch das
Ende des kalten Krieges veränderte Gesamtrahmen
der europäischen Sicherheit selbst jeder von Mittelund Osteuropa ausgehenden politischen Erschütterung standhalten kann. Letztlich bedeutet dies konkret
die Schaffung einer neuen europäischen politischen,
wirtschaftlichen und Sicherheitsarchitektur. Darüber
hinaus müssen wir versuchen, die Mittel- und Osteuropäer davon zu überzeugen, daß die Beibehaltung
des demokratischen Kurses die conditio sine qua non
für den Beitritt zur Familie westlicher Nationen darstellt. Die Antwort besteht nicht darin, sie nur wegen
ihrer Investitionsregelungen oder ethnischen Auseinandersetzungen zu belehren. Sie müssen selbst erkennen, daß es zu den politischen und wirtschaftlichen
Freiheiten des Westens keine Alternative gibt, wenn
ihr Ziel die Erlangung westlichen Wohlstands und
gefestigter Freiheiten ist. Daneben müssen sie auch
lernen, das durchaus legitime Recht auf ethnische
Selbstbestimmung und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit mit den Geboten der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung in einem Europa in Einklang zu
bringen, das auf rasche Integration und nicht auf
Zersplitterung ausgerichtet ist.
Schließlich müssen wir die psychologische Dynamik
beeinflussen, die heute in Mittel- und Osteuropa am
Werk ist, um sicherzustellen, daß die Euphorie von
Zuversicht und nicht von Verzweiflung abgelöst wird.
Wir können dies tun, indem wir unsere Freunde davon
überzeugen, daß es Licht am Ende des Tunnels gibt

und wir mit ihnen gemeinsam durch diesen Tunnel
gehen, bis sie vollständige Mitglieder der westlichen
Staatengemeinschaft geworden sind.
Dies kann jedoch nicht nur das Werk der westlichen
Regierungen allein sein. Die Nagelprobe unseres
Engagements für Demokratie und freies Unternehmertum in Mittel- und Osteuropa könnte die Bereitschaft unseres Privatsektors sein, sich an diesem
großen Experiment zu beteiligen und damit der Region
zu helfen, die menschlichen Qualifikationen und das
Kapital zu erwerben, die dringend benötigt werden.
Ich bin mir voll und ganz im klaren darüber, daß dies für
die amerikanische Wirtschaft keine Sache der Menschenfreundlichkeit ist. Ich habe mich bei der Beschreibung der Hindernisse für Wandel und Reformen
nicht zurückgehalten, die wir im vergangenen Jahr
angetroffen haben. Trotzdem bin ich ohne zu zögern
bereit, meinen Appell an Sie zu erneuern, in der Region
zu investieren. Ich bin davon überzeugt, daß der
Ertrag, obwohl nicht schnell erreichbar, so doch groß
sein wird.
Ja, der Status von Privateigentum ist immer noch
unklar - aber er wird geklärt werden. Ja, die Investitionsbestimmungen werden nicht allen unseren Erwartungen gerecht - aber dies wird schon bald der Fall
sein. Ja, das Tempo der Privatisierung war langsam aber es gibt einfach keine Alternative zu ihrer weiteren
Vorwärtsentwicklung.
Tatsache ist, daß Mittel- und Osteuropa Erfolg haben
werden, und diese Überlegung sollte bei ihren Investitionsentscheidungen zentralen Stellenwert einnehmen.
Und wenn ich von Erfolg spreche, so meine ich damit
auch, daß sich die Region im Lauf der Zeit sicherlich
dem historischen Prozeß der wirtschaftlichen Integration anschließen wird, der sich gegenwärtig in Westeuropa vollzieht - einem Prozeß, von dem ausgeschlossen zu sein sich die amerikanische Wirtschaft nicht
leisten kann. Mittel- und Osteuropa können gewinnträchtige Tore in das Europa von morgen sein - aber
nur, wenn die amerikanische Wirtschaft bereit ist, die
Risiken in Kauf zu nehmen und sich mit den Hindernissen auseinanderzusetzen, die heute in der Region
bestehen.

*

AMERIKA DIENST 20

*

Seite 5

�UMWELT
22. Mai 1991

LEITER DES US-UMWELTSCHUTZAMTS FORDERT
ZUSAMMENSPIEL VON UMWELTUND WIRTSCHAFTSPOLITIK
Anhörung vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Dem Leiter des US-Umweltschutzamts (EPA), William K. Reilly, zufolge sind "Wirtschaft
und Umwelt zwei Bestandteile eines zerbrechlichen Ganzen und interdependent."
In einer Rede vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats erklärte Reilly am 15. Mai 1991: "Wir müssen unserer
Verantwortung in beiden Bereichen gerecht werden, um sicherzustellen, daß das ökologische System, von dem
alle Aktivitäten des Menschen - einschließlich der Wirtschaftstätigkeit - abhängen, zukünftigen Generationen
erhalten bleibt."
Reilly erörterte vor dem Senatsausschuß die Vorbereitungen der Vereinigten Staaten zur Teilnahme an der für
nächstes Jahr anberaumten Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED). Ziel
dieser Konferenz ist, die weltweite Beeinträchtigung des ökologischen Systems aufzuhalten. Die Zusammenkunft wird im Juni 1992 in Rio de Janeiro stattfinden, dem 20. Jahrestag der Stockholmer Umweltkonferenz von
1972.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Leiters des EPA im Wortlaut.

Ich begrüße diese Gelegenheit, heute mit Ihnen die
Rolle des Umweltschutzamts bei den Vorbereitungen
der Vereinigten Staaten für die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung im Jahr
1992 erörtern zu können. Wir teilen die vom USAußenministerium geäußerte Einschätzung dieser
Konferenz.
Wie unsere Kollegen in der Exekutive vertreten wir die
Auffassung, daß die UNCED eine einmalige Chance
für die internationale Staatengemeinschaft bietet, einen Konsens zu den wirksamsten Ansätzen bei der
Bewältigung der vordringlichsten umweit- und entwicklungspolitischen Probleme auf internationaler,
regionaler, nationaler und lokaler Ebene zu erarbeiten.

wird und uns veranlaßt, eine auf das Zusammenwirken
von Umwelt- und Wirtschaftspolitik ausgerichtete kollektive Partnerschaft zu schmieden.
Im Februar 1990 erklärte Präsident Bush vor der
Zwischenstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (IPCC): "Ich bin derfesten Überzeugung, daß wir
alles in unserer Macht Stehende zur Förderung weltweiter Zusammenarbeit, für Umweltschutz und Wirtschaftswachstum, intelligente Verwaltung unserer
natürlichen Ressourcen und wirksame Nutzung unserer industriellen Kapazität sowie dauerhafte und
umweltverträgliche Entwicklung - auf der ganzen Welt
- tun müssen."
Ziele und Rolle des EPA bei der UNCED

Der chinesische Philosoph Lao Tse hat einmal gesagt,
eine tausend Meilen lange Reise beginne mit einem
einzigen Schritt. Die Stockholmer Konferenz von 1972
hat Umweltthemen auf die internationale und nationale
Tagesordnung zahlreicher Länder gesetzt. Wir hoffen,
daß die Konferenz von 1992 einen Schritt weiter gehen

AMERIKA DIENST 20

Das EPA sieht seine Rolle bei den Vorbereitungen für
die UNCED darin, den Vereinigten Staaten mit Ideen,
Rat und umfassendem Fachwissen zu den bei der
Konferenz angesprochenen Themen zur Seite zu stehen.
Das EPA verfügt über 20jährige Erfahrungen bei

Seite 1

�Bewertung und Abbau von Risiken, Techniken zur
Verhinderung der Umweltverschmutzung sowie umweltverträgliche technologische Zusammenarbeit, die
von den Vereinigten Staaten bei der Integration von
Umweltschutzmaßnahmen in die Wirtschaftsplanung
und den Entscheidungsfindungsprozeß genutzt werden können.
Das EPA erwartet, daß die UNCED ein - derzeit
Programm 21 genanntes - Aktionsprogramm hervorbringt, das Empfehlungen für bestimmte Programme
und Umweltmedien zur Durchführung auf lokaler,
nationaler und internationaler Ebene enthält. Obwohl
das EPA an praktisch allen Themen der UNCED
interessiert ist, übernehmen wir die Führungsrolle bei
der Abfassung von Positionspapieren zu sieben Bereichen: toxische Chemikalien, Verschmutzung der Meere,
technologische Zusammenarbeit, Sondermüll, Trinkwasserqualität, Umwelterziehung und Austausch von
Informationen. Darüber hinaus spielen wir in zwei
weiteren Bereichen eine führende Rolle, und zwar
Forstwesen und Reform der Vereinten Nationen. Ich
möchte kurz einige unserer Interessensgebiete umreißen:
Toxische Chemikalien
Das EPA unterstützt die laufende Arbeit einer Reihe
internationaler Institutionen zu Pestiziden und toxischen Chemikalien. Wir begrüßen die Bestrebungen
der UNCED zur Verbesserung der Zusammenarbeit
zwischen diesen Gruppen, insbesondere, den Mitgliedstaaten bei der Entwicklung der erforderlichen
menschlichen Ressourcen und technischen Infrastruktur behilflich zu sein, um chemische Risiken wirksam in
den Griff zu bekommen. Das EPA hat mehrere spezifische Initiativen erarbeitet, deren Verabschiedung bei
der UNCED es begrüßen würde:
Internationale Bestrebungen technischer Experten in die Wege zu leiten, um eine Risikoanalyse von Umweltproblemen mit Chemikalien zu
entwickeln, die sich beim Festsetzen der Prioritäten in den Vereinten Nationen und anderen Institutionen als nützlich erweisen würde.
Verständigung auf eine Reihe unverbindlicher
"Prinzipien zur Kommunikation von Risiken."
Verständigung auf Richtlinien für einen neuen
internationalen Verhaltenskodex bei industriellen Chemikalien. In diesem Zusammenhang
würde dem Umweltprogramm der Vereinten
Nationen (UNEP) empfohlen, einen unverbindlichen Kodex international vereinbarter Grundsätze für den industriellen Einsatz chemischer
Stoffe aufzustellen, einschließlich Prüfung,
Handhabung, technischen und gesetzlichen
Erfordernissen, Kennzeichnung, Verpackung und
Informationsaustausch.

Seite 2

Erarbeitung eines Rahmens für die Entwicklung
einer Bestandsaufnahme der Emissionen toxischer Chemikalien in den Mitgliedstaaten ähnlich dem US-Jahresbericht über Emissionen
toxischer Chemikalien.
Meeresverschmutzung
Amerikanische Regierungsbehörden, vertreten durch
das US-Außenministerium, EPA und NOAA (National
Oceanic and Atmospheric Administration), haben sich
auf ein umfassendes Paket von Initiativen verständigt,
die bei der UNCED in Genf zur Diskussion gestellt
werden sollen. Dieses Paket beinhaltet Fragen wie
etwa die Küstenverschmutzung, Überwachung, Sammlung und Austausch von Daten und Informationen,
Aus- und Fortbildung sowie die wirksame Durchsetzung nationaler und internationaler Vorschriften und
Nonnen. Andere Länder haben erhebliches Interesse
an der Entwicklung einer weltweiten Initiative zur Verhinderung und Kontrolle binnenländischer Quellen der
Meeresverschmutzung gezeigt. Die Vereinigten Staaten erwägen eine Reihe von Initiativen, die potentiell
zur Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit und Kontrolle binnenländischer Verschmutzungsquellen beitragen können.
Technologische Zusammenarbeit und Finanzierung
Fragen der technischen und finanziellen Unterstützung genießen bei der UNCED vorrangige Bedeutung.
Das EPA geht davon aus, daß technologische Zusammenarbeit, und zwar sowohl der Transfer von umweltverträglichen Technologien und Know-how als auch
finanzielle Beihilfen zur Unterstützung dieses Transfers wichtige Elemente bei den internationalen Bemühungen zum Schutz der Umwelt sind. Das EPA ist
aktiv in ein breites Spektrum von Maßnahmen zum
Technologietransfer eingeschaltet, darunter die Entwicklung einer Clearingstelle für Umwelttechnologie
(ENVIROTECH), Entwicklung besonderer Technischer
Informationsprogramme (TIP), Einrichtung regionaler
Umweltzentren sowie technische Zusammenarbeit mit
China, Indien und Mexiko.
Das EPA war befriedigt über die jüngsten Studien des
Büros für Technologiebewertung und der Nationalen
Akademie der Wissenschaften, die zu dem Ergebnis
kamen, daß zahlreiche preisgünstige Technologien
bereits zur Bewältigung der weltweiten Klimaveränderung zur Verfügung stehen. Auf der Grundlage dieser
und anderer Studien gehen wir davon aus, daß Hindernisse bei der technologischen Zusammenarbeit überwunden werden können. Die Entwicklung der Globalen Umweltfazilität (GEF) und anderer finanzpolitischer Mechanismen liefern die erforderliche finanziel le
Unterstützung zur Förderung des Technologietransfers.

AMERIKA DIENST 20

�Die UNCED macht Fortschritte bei der Entwicklung
einer Reihe von Prinzipien zum Technologietransfer.
Zusammen mit anderen US-Regierungsbehörden
bemühen wir uns darum, zur Vorlage bei der UNCED
detaillierte Vorschläge zur technologischen Zusammenarbeit zu entwickeln. Darüber hinaus werden USRegierungsbehörden sorgfältig den vom UNCEDSekretariat erarbeiteten Bericht über technologische
Zusammenarbeit analysieren, um die technologischen
Bedürfnisse der Entwicklungsländer zu verstehen und
diese Ergebnisse mit der bestehenden bilateral und
multilateral gewährten technischen und finanziellen
Hilfe in Einklang zu bringen.
Die UNCED sollte in der Lage sein, gemeinsame
Ansätze zur technologischen Zusammenarbeit in
bestimmten Problembereichen zu entwickeln. Unterschiedliche Ansätze zur technologischen Zusammenarbeit könnten in jedem der sieben Problembereiche
entwickelt werden (Atmosphäre, Forstwesen, Artenschutz, Abfallentsorgung, toxische Chemikalien,
Süßwasser und Meere), die folgende Maßnahmen
zum Inhalt hätten: 1. Bereitstellung einer besonderen
Technologie oder speziellen Know-hows; 2. die Finanzierung dieser Bemühungen aufgrund bestehender
bilateraler oder multilateraler Programme wie etwa der
Globalen Umweltfazilität, des Multilateralen Fonds im
Rahmen des Montrealer Protokolls, der normalen
Geschäftstätigkeit der Weltbank, der Hilfen von AID/
EPA und anderer Programme sowie 3. das notwendige Fortschreibungs- und Unterhaltsprogramm.
Sondermüll
Die Vereinigten Staaten setzen sich vorbehaltlos für
die internationale Zusammenarbeit bei Methoden der
Abfallvermeidung durch saubere Technologien und
Rückgewinnung als Erweiterung ihres nationalen
Programms zur Verhinderung von Umweltverschmutzung ein. Wir gehen davon aus, daß die bei weitem
wichtigste Aufgabe der UNCED im Hinblick auf die
Abfallproblematik die vollständige Anwendung des
Baseler Übereinkommens über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und
ihrer Entsorgung ist. Zu diesen Bemühungen werden
die Inkraftsetzung der Konvention sowie Zusammenkünfte der Vertragsparteien gehören, um Kriterien für
internationale Transporte zu entwickeln.
Trinkwasserqualität
Die Vereinigten Staaten haben der UNCED empfohlen, die internationale Staatengemeinschaft solle in
diesem Bereich eine geschlossenere Strategie und
intensivierte Zusammenarbeit ins Leben rufen, um
nicht vorhergesehenen unerwünschten Tendenzen in
den neunziger Jahren entgegenzutreten. Darüber
hinaus betonen wir, daß sich die Länder um die Verhinderung von Wasserverschmutzung als dauerhaftes
Entwicklungsziel bemühen sollten.

AMERIKA DIENST 20

Umwelterziehung
Obwohl dieses Thema noch in den Foren der UNCED
behandelt werden muß, unterstützen die Vereinigten
Staaten einen intensivierten und organisierteren internationalen Ansatz zur internationalen Zusammenarbeit bei der Umwelterziehung. Wir gehen davon aus,
daß die UNCED das Potential für folgende Maßnahmen besitzt: 1. Hilfe beim Bau von "Brücken" zwischen nördlichen und südlichen Ländern sowie zwischen südlichen Ländern unter sich; Schaffung kostengünstigerer internationaler Maßnahmen zum Wohle
vieler Industriestaaten und aller Entwicklungsländer
sowie 3. bedeutende Beiträge zu den nationalen und
internationalen Bemühungen, um das Interesse der
Entwicklungsländer am Umweltschutz wiederzubeleben und gleichzeitig dauerhafte entwicklungspolitische Ziele zu verwirklichen.
Informationsaustausch
Die Vereinigten Staaten hoffen, beim Treffen des
Vorbereitungsausschusses im August Empfehlungen
zu diesem Thema vorlegen zu können. Den Vereinigten Staaten zufolge soll eine internationale Politik zum
Informationsaustausch über Themen wie Berechnung,
Genehmigung, urheberrechtlicher Schutz, öffentlicher
Zugang, Austausch von Statistiken und Normen erarbeitet werden. Wir würden die Ausweitung des Informationszentrums (INFOTERRA) begrüßen, um unmittelbaren Zugang zu Informationen und Statistiken
zu gewährleisten. Darüber hinaus sind wir der Meinung, daß sein Frühwamsystem ausgebaut werden
sollte, damit Umweltprobleme früher erkannt werden.
Ferner sollte eine Initiative für regionale Partnerschaften zum Zweck des Informationsaustauschs ins Leben
gerufen werden.
Das EPA spielt auch eine wichtige Rolle bei der politischen Konzeption in den Bereichen Forstwirtschaft
und UN-Reformen. Unser Interesse gilt vor allem
folgenden Punkten:
Forstwirtschaft
Das zweite umfassende Treffen des Vorbereitungsausschusses zeigte breite Unterstützung für ein mögliches eigenständiges weltweites Abkommen zum Schutz
des Waldes. Dennoch sind wenige Länder der Auffassung, daß bis 1992 ein rechtsverbindliches Abkommen oder sogar ein Rahmenabkommen zustande
kommt. Die meisten Länder befürworten bis 1992 und
als ersten Schritt zu einer Konvention die Erarbeitung
einer unverbindlichen Grundsatzerklärung.
UN-Reform
Das EPA hat an der Erarbeitung von Empfehlungen
über konzeptionelle Reformen des UNEP für das USAußenministerium mitgearbeitet. Die Vereinigten
Staaten unterstützen das UNEP und seine regionalen

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�Büros. Wir werden weiterhin mit dem Außenministerium an der Entwicklung der amerikanischen Sicht zu
UN-Reformen für die UNCED zusammenarbeiten.
Pläne des EPA zur Vorbereitung der UNCED
Das EPA hat im Rahmen seiner Sonderabteilung für
die UNCED Arbeitsgruppen gebildet, die Themen
ansprechen sollen, bei denen wir die Führungsrolle
übernehmen oder für die wir innerhalb der US-Regierung eintreten sollen. Die Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit folgenden Themen: Trinkwasserqualität,
toxische Chemikalien, Sondermüll, Technologietransfer, Berücksichtigung des Nationaleinkommens, Informationen über Umweltschutz und Bewußtseinsschärfung zum Umweltschutz.

Koordinierung durch andere multilaterale Foren
Wir arbeiten ebenfalls durch andere multilaterale Foren zusammen, wie etwa die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD),
die Regionalen Wirtschaftskommissionen der Vereinten Nationen und die technischen und speziellen UNOOrganisationen, um die Arbeit der UNCED zu unterstützen. Zusammen mit dem Leiter von AID werde ich
die US-Regierung beim Gemeinsamen Treffen der
OECD-Minister für Entwicklung und Umwelt Im Dezember 1991 in Paris vertreten. Bei diesem Treffen
werden die Minister
Aufzeichnungen über UNCED-Vorbereitungen
austauschen,

Beteiligung der EPA an der Erstellung des Länderberichts

Bestrebungen in ihren jeweiligen Ländern erörtern, mit denen Umweltverschmutzung verhindert und der Einsatz natürlicher Ressourcen auf
ein erträgliches Maß reduziert werden soll, um
anderen Ländern ein Beispiel zu geben Und

Das EPA bereitet drei Kapitel des Länderberichts vor
- Wichtige Fragen zu Umwelt und Naturschutz, Umweltkatastrophen und Bewußtseinsschärfung für die
Umwelt - bei denen der Rat über Umweltqualität (Council
on Environmental Quality - CEQ) die Federführung
hat.

Wege besprechen, wie weltweite Umweltprobleme zu lösen sind, etwa durch Förderung der
Umweltschutzinstitutionen in Entwicklungsländern sowie in Mittel- und Osteuropa und mit
diesen Ländern zusammenarbeiten, um umweltverträglichere Technologien zu verbreiten,
zusätzliche Mittel zum Umweltschutz bereitzustellen und unsere Umwelt-, Entwicklungshilfe,
Handels- und Wirtschaftspolitik einheitlicher zu
gestalten.

EPAs Hilfe für das UNCED-Sekretariat
Die EPA-Abteilung für die Verwaltung der Informationsquellen steht mit dem UNCED-Sekretariat in
Verbindung, um zu bestimmen, welche Rolle das EPA
bei der Bereitstellung von Informationen an Entwicklungsländer oder das UNCED-Sekretariat spielen soll.
EPA hat zwei Anfragen des UNCED-Sekretariats bereits
zugestimmt. Zum einen wollen sie unser bereits
funktionierendes INFOTERRA-Netzwerk nutzen, um
auf Anfrage Informationen an Entwicklungsländer zu
liefern, damit diese ihre Länderberichte erstellen können. Zum anderen soll den EPA-Zweigstellen Material
über die UNCED zur Verfügung gestellt werden, damit
sie die amerikanische Öffentlichkeit über die Konferenz informieren können. Das EPA hat allen EPABüros in der Zentrale und in den regionalen Büros an
ECONET angeschlossen, um den termingerechten
Zugang zu Informationen über die UNCED zu erleichtern. ECONET ist das Informationsnetz des UNCEDSekretariats, mit dessen Hilfe Nichtregierungsorganisationen und Regierungen Zugang zu UNCED-Dokumenten und neueste Informationen über die Arbeit des
Vorbereitungsausschusses erhalten.

Die Minister werden ferner erwägen, wie die Zusammenarbeit bei der Integration unserer Entwicklungsund Umweltpolitik nach 1992 aussehen soll.
Zuletzt möchte ich die Dringlichkeit betonen, mit der
wir uns der UNCED widmen sollten. Die Konferenz
1992 findet in dreizehn Monaten statt. Meiner Meinung
nach bietet die Konferenz der internationalen Staatengemeinschaft eine einzigartige Gelegenheit, die Entscheidungsfindung in den Bereichen Umwelt und
Wirtschaft zu vereinheitlichen. Die Bestrebungen der
Vereinigten Staaten werden von entscheidender
Bedeutung sein, wenn es um die Formulierung von
Ergebnissen der Konferenz zum Schutz unserer Umwelt
geht. Wir sollten bereit sein, diese einzigartige Chance
zu nutzen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 20

�GOLFKRISE
22. Mai 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom 1. bis 15. Mai 1991
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend führen wir die Chronologie der Ereignisse am Golf für den Zeitraum vom
1. bis 15. Mai 1991 fort.

2. Mai

vorgesehene UN-Zivilpolizeitruppe zu prüfen, die Gebiete
im Norden Iraks und in anderen Gegenden mit hohem
Flüchtlingsaufkommen absichern sollen.

Dem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Bob
Hall, zufolge haben 347.000 amerikanische Soldaten
oder 65 Prozent der zur Operation Wüstensturm entsandten Truppen die Golfregion verlassen. Von den
193.000 noch am Kriegsschauplatz befindlichen Soldaten sind 4.000 amerikanische in der entmilitarisierten Zone und weitere 800 im al-Rafa-Camp stationiert.
Hall erklärt, die Meeresblockade zur Durchsetzung
des UN-Handelsembargos bleibe in Kraft.

Das US-Außenministerium gibt bekannt, daß Algerien
in den Vereinigten Staaten die Interessen des Irak
wahrnehmen wird. Der Irak hatte die Beziehungen zu
den Vereinigten Staaten Anfang dieses Jahres abgebrochen.

3. Mai

9. Mal

Dem amerikanischen Stellvertretenden Ständigen
Vertreter bei den Vereinten Nationen, Botschafter
Alexander Watson, zufolge erwägen die Vereinigten
Staaten nicht, irakische Vermögenswerte freizugeben
oder der irakischen Bitte zu entsprechen, ö l zur Bezahlung von Nahrungsmitteln zu verkaufen. "Zu diesem Zeitpunkt ziehen die Vereinigten Staaten die
Freigabe (irakischer) Vermögenswerte überhaupt nicht
in Betracht", so Watson.

Der Kongreß billigt die Bereitstellung von 572 Millionen
Dollar, um den Opfern des irakischen Bürgerkriegs zu
helfen. Das Repräsentantenhaus stimmt mit 383 zu 25
Stimmen für den Transfer bereits bewilligter Mittel von
Konten für Auslandshilfe und Verteidigungsaktivitäten
auf Sonderkonten, die für Katastrophenhilfe an Personen errichtet wurden, die vor Saddam Husseins Armee
geflohen waren, als er die Aufstände im Anschluß an
den Golfkrieg niederschlug. Der Senat folgte dem
Repräsentantenhaus einstimmig.

6. Mai
Die Vereinigten Staaten möchten, daß die Vereinten
Nationen "so bald wie möglich" die Verantwortung für
die kurdischen Flüchtlingslager übernehmen, erklärt
der amerikanische Botschafter Thomas Pickering. Das
Ziel sei, die Kurden zur Rückkehr in ihre Heimat zu
bewegen "und ihnen, so schnell dies verwirklicht werden kann, das Gefühl von Sicherheit und Hoffnung
unter dem Schutz der Vereinten Nationen zu vermitteln". Pickering fügt hinzu, er habe Generalsekretär
Perez de Cuellar gebeten, die Einzelheiten für eine

AMERIKA DIENST 20

7. Mai

Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, Bob
Hall, erklärt, die Koalitionsstreitmacht habe 13.140
Tonnen an Nahrungsmitteln und anderen Hilfslieferungen für kurdische Flüchtlinge bereitgestellt. An dem
Unternehmen beteiligen sich 18.229 Mann der multinationalen Streitmacht einschließlich 10.314 US-Soldaten. Australien, das als letztes Land der Sondereinsatztruppe zur Unterstützung der Kurden beigetreten
ist, entsendet fünf der 70 vorgesehenen Personen, die
ärztliche Hilfe leisten und an der Wasseraufbereitung
arbeiten sollen. Andere Länder haben folgendes

Seite 1

�Personal entsandt: Deutschland 219, Frankreich 1.335, wortung für das erste Zeltdorf in Sachu als ersten
Großbritannien 4.110, Italien 604, Kanada 79, die Schritt der allmählichen Übergabe der HilfsoperatioNiederlande 1.017 und Spanien 536.
nen im nördlichen Irak an zivile internationale Hilfsorganisationen unter der Schirmherrschaft des Hohen
Einem Sprecher des US-Verteidigungsministeriums Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen
zufolge wird das Abfangen oder Umleiten von Schiffen (UNHCR).
mit für Irak bestimmten Lieferungen fortgesetzt. Vor
Einstellung der Feindseligkeiten am Golf belief sich die 15. Mai
Zahl der abgefangenen Schiffe auf insgesamt 7.645.
Seitdem wurden 1.847 abgefangen, davon 660 seit Ein 34köpfiges Team der Internationalen Atomenergieagentur beginnt gemäß der Bedingungen des Wafdem Waffenstillstand.
fenstillstands, die die Zerstörung nuklearer, chemiDas US-Verteidigungsministerium erklärt, 71 Prozent scher und biologischer Waffen fordern, mit der Inspekder zur Operation Wüstensturm entsandten Truppen tion der irakischen Anlagen zur Herstellung von Atomseien abgezogen worden. Dem Sprecher des Vertei- waffen.
digungsministeriums, Bob Hall, zufolge bleiben 156.000
am Kriegsschauplatz, um die Verlegung von verbliebe- Irakischen Berichten zufolge sollen gemäß einer vornen Truppen und Gerät zu Stützpunkten in den Verei- läufigen Übereinkunft die alliierten Truppen im Norden
nigten Staaten vorzubereiten oder die noch am Golf des Irak angeblich durch 500 leicht bewaffnete UNPolizisten ersetzt werden, um die kurdischen Gebiete
befindlichen Truppen zu schützen.
zu schützen. Im Rahmen der Übereinkunft würden
etwa 3.300 Soldaten abgezogen, die zur Zeit die
14. Mai
"Schutzzone" kontrollieren.
Der Sondergesandte des UN-Generalsekretärs, Prinz
Sadruddin Aga Khan, übernimmt offiziell die Verant-

* *

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AMERIKA DIENST 20

�EINWANDERUNG
22. Mai 1991

AMERIKANER ASIATISCHER ABSTAMMUNG IN DER
AMERIKANISCHEN GESELLSCHAFT
von Paul Malamud, USIA
"Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Vereinigten Staaten
ist die Tatsache, daß sie vollständig von Einwanderern
bevölkert werden. Selbst die Indianer kamen ursprünglich
aus Asien. In der gesamten Geschichte dieser Nation hat es
Einwanderungswellen aus Europa, Afrika und - in jüngster Zeit aus Asien gegeben. Jede brachte ihr eigenes Erbe mit, und
diese Verknüpfung unterschiedlicher kultureller Abstammungen
unterstreicht die Dynamik dieses Landes."
T.O. Lee, Nobelpreisträger für Physik

"Nennen Sie mich Tu", sagt der vietnamesische Kellner, der mir im Cafe Dalat Delikatessen wie thit kho
nuoc dua (karamelisiertes Schweinefleisch in Kokosmilch) und bo xao chua ngot (Rindfleisch süß-sauer)
serviert. Die Unterhaltung mit seinen Gästen scheint
ihm Spaß zu machen.
Während er redet, herrscht ein ständiges Kommen
und Gehen von Arbeitern und Geschäftsleuten aus
den nahegelegenen Bürogebäuden. Es ist Mittagszeit. Seine Schwester, eine würdevoll blickende Dame,
kümmert sich um die Bar.
Das Cafe Dalat liegt in Arlington (Virginia) in einem
Viertel, das heute als "Little Saigon" bekannt ist.
Nguyen Van Ly Jewelry and Watch Repair, Mekong
Center Oriental Food and Gifts, der Pacific Oriental
Department Store, Grocery and Restaurant befinden
sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Wände des
Cafe Dalat sind mit Reproduktionen orientalischer
Kalligraphien und Aquarellen vietnamesischer Dorfszenen geschmückt.
"Es war schwer, als wir im Jahr 1975 hier ankamen",
sagt Tu. "Alles war neu - Sprache, Arbeit, Sitten und
Gebräuche, Traditionen, besonders die Traditionen.
Amerikaner und Asiaten sind grundverschieden. Aber
AMERIKA DIENST 20

ich hatte Glück - meine Schwester war bereits hier.
Und da ich in Saigon bei einer Fluggesellschaft gearbeitet hatte, konnte ich bereits etwas Englisch. Ich
habe mich angepaßt. Meine Freunde haben sich
angepaßt."
"Noch schwerer ist es für einige der später gekommenen Flüchtlinge. Sie haben Kommunikationsprobleme. Nicht alle sprechen Englisch", meint er.
Tu erklärt, wenn sich die politische Lage in Vietnam
ändere, würden die alten Vietnamesen nach Hause
zurückkehren wollen - "aber nicht die jüngeren".
"Meine Schwester hat sechs Kinder - fünf Töchter und
einen Sohn. Eines legte sein Examen an der University of Virginia ab, eines an der Howard University, ein
anderes Kind studiert Zahnmedizin, eines an der George
Mason University, eines an der Johns Hopkins Universität in Baltimore und eines an der Georgetown University. Natürlich werden sie ihr Leben lang hierbleiben."
Mi Cha Lee, eine junge Koreanerin Ende zwanzig,
besitzt eine Reinigung in einem Viertel mit eintönigen
Regierungsgebäuden in der Bundeshauptstadt Washington. Sie begrüßt viele ihrer Kunden, zumeist
Regierungsbeamte, mit Namen.
Seite 1

�"In Korea wollte ich Modedesignerin werden", erklärt
sie. "Aber als ich hierherkam, stellte ich fest, daß mein
Englisch nicht gut genug war, um einer solch hochwertigen kreativen Tätigkeit nachzugehen."
"Ich besuche Sommerkurse in Englisch an der University of Virginia, und vielleicht kann ich eines Tages
wieder Kleider entwerfen."
Wie Tu so meint auch sie, daß der Anfang schwierig
war, obwohl ihr Vater, der in Korea ein Uhrengeschäft
besaß, kein armer Mann war. "Als ich dieses Geschäft
einrichtete, arbeitete ich normalerweise bis spät in die
Nacht. Einmal mußte ich sogar bis fünf Uhr morgens
bleiben. Aber heute kann ich es mir leisten, Mitarbeiter
einzustellen und muß deshalb nicht mehr so lange im
Geschäft bleiben."
Mein gesellschaftliches Leben hat stark gelitten", sagt
sie kichernd. "Ich mußte zu hart arbeiten. Aber für
mich persönlich war es das wert." Obwohl zwei ihrer
Schwestern nicht glücklich sind und vielleicht nach
Südkorea zurückkehren werden, möchte Mi Cha bleiben. "Ich mag dieses Land. Es ist frei - man kann hier
frei seine Meinung äußern. Vielleicht gibt es sogar
zuviel Freiheit - nicht genug Rücksicht darauf, was die
Eltern und die Gemeinschaft möchten. Aber es ist frei.
Ich bin glücklich", sagt sie.
"Wenn ich eines Tages Kinder habe, will ich, daß sie
mehr Möglichkeiten haben als ich sie hatte. Ich
möchte, daß sie tun können, was sie wollen. Ich weiß,
daß sie anders denken werden als ich, aber sie werden
auch mehr Wahlmöglichkeiten haben."
Sowohl das ruhige vietnamesische Restaurant als
auch die geschäftige koreanische Reinigung zählen zu
den vielen Anzeichen für die erhebliche und sich rasch
verstärkende asiatische Präsenz in den Vereinigten
Staaten, eine Präsenz, die in allen Lebensbereichen
zunehmend spürbar wird.
Auf den Straßen und in den Schulen gibt es immer
mehr asiatische Gesichter. Die Zahl asiatischer Geschäfte und Restaurants hat sich rapide vermehrt. In
vielen Großstädten ist es kein Problem, indische
Lebensmittel zu kaufen, in Hongkong oder Bombay
produzierte asiatische Videokassetten auszuleihen oder
Dienstleistungen wie Akupunktur in Anspruch zu nehmen.
Zwei neue Zeitschriften, AsiAm und Rice, sind auf die
jungen Leser unter den Amerikanern asiatischer Abstammung ausgerichtet, und asiatische Gesichter sind
in der Kunstszene und im Fernsehen immmer häufiger
zu sehen. Das berühmte Denkmal für Veteranen des
Vietnamkriegs wurde von Maya Lin entworfen. David
Henry Hwang ist der erste erfolgreiche amerikanische
Dramatiker asiatischer Abstammung, dessen Hit "M.
Butterfly" am Broadway aufgeführt wurde. Connie
Chung ist eine landesweit bekannte Nachrichtenmoderatorin beim Fernsehsender NBC.
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Im Jahr 1986 belief sich die Zahl der in den Vereinigten
Staaten lebenden Asiaten auf schätzungsweise 3,2
Millionen oder rund 1,5 Prozent der amerikanischen
Bevölkerung. Diese Zahl wird sich bis Anfang des
nächsten Jahrhunderts voraussichtlich verdoppeln. Und
eine im Jahr 1980 durchgeführte Volkszählung ergab,
daß die Mehrzahl der Amerikaner asiatischer Abstammung im Ausland geboren war und gerade erst anfing,
ihren Platz in der amerikanischen Gesellschaft zu
erobern.
In Kalifornien - wo 36 Prozent von ihnen leben -, haben
die Amerikaner asiatischer Abstammung bereits gesellschaftlichen und politischen Einfluß. Die meisten
anderen Amerikaner asiatischer Herkunft leben in
Hawaii oder Illinois, New York und Texas. Es sind
vorwiegend Chinesen, Filipinos und Japaner, aber
auch Koreaner und Einwanderer aus dem indischen
Subkontinent und Südostasien.
Die Asiaten stellen natürlich keine homogene Gruppe
dar, und das Ausmaß ihrer Integration in die amerikanische Gesellschaft sowie ihr gesellschaftlicher und
wirtschaftlicher Erfolg innerhalb dieser Gesellschaft
variiert. Amerikanern chinesischer, koreanischer,
japanischer und indischer Abstammung - von denen
viele einer gebildeten Schicht angehören - ist es am
besten ergangen. Abhängig von der jeweiligen statistischen Quelle sind Amerikaner philippinischer Herkunft
genauso oder etwas weniger erfolgreich. Die jüngsten
Einwanderer aus Vietnam, Laos und Kambodscha
sehen sich aufgrund der Tatsache, daß sie eher politische Flüchtlinge als freiwillige Einwanderer sind, mit
größeren Schwieirgkerten konfrontiert und leiden unter
dem Trauma des Krieges.
Den meisten Asiaten erleichtert jedoch ihre konfuzianische Lehre - die der amerikanischen protestantischen Geisteshaltung harter Arbeit und enger Familienbande entspricht - und vor allem ihr Streben nach
Bildung die Integration in die amerikanische Gesellschaft. Eine jüngste Studie des US-Bildungsministeriums belegt, daß die High School-Schüler asiatischer
Abstammung einen höchst anspruchsvollen Lehrplan
bewältigen.
Obwohl einige Vertreter der Amerikaner asiatischer
Abstammung auf Anzeichen von Ressentiments gegen den Strom asiatischer Einwanderer in einigen
Gegenden verweisen, werden die Asiaten im großen
und ganzen gut aufgenommen. Eine von der amerikanischen Bügerrechtskommission im Jahr 1988 in Auftrag gegebene Studie, die sich vorwiegend auf die
Volkszählung von 1980 stützt, ergab, daß die Einkommen asiatischer Familien im großen und ganzen nicht
durch Diskriminierung am Arbeitsplatz beeinträchtigt
waren.
Als Gruppe genommen entspricht das Einkommen
amerikanischer Familien asiatischer Abstammung dem
in den Vereinigten Staaten geborener weißer Amerika-

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�neroder ist zum Teil aufgrund derTatsache höher, daß
mehr Familienangehörige arbeiten. Eine kürzlich in
Chicago durchgeführte Studie ergab, daß rund 39
Prozent der Asiaten in dieser Stadt in Führungspositionen oder akademischen Berufen arbeiten. Zahlreiche andere sind hart arbeitende Unternehmer und
kleine Geschäftsleute. Insbesondere Amerikaner koreanischer Abstammung haben sich durch den Aufbau
kleiner Geschäfte - Gemüseläden, Reinigungen, Parf ümerien - teilweise in ärmlichen Gegenden der Innenstadt, die von anderen Einzelhändlern vernachlässigt
werden, Ansehen verschafft.
"Es gibt viele sichtbare Erfolgsstories von Amerikanern asiatischer Abstammung", erklärt Michael Woo,
der erste in den Stadtrat von Los Angeles gewählte
Amerikaner aus Asien.
"Viele asiatische Studenten studieren an erstklassigen Schulen und Universitäten. Menschen wie ich
erobern jetzt die Domäne des öffentlichen Dienstes,
und meine Schwester ist Journalistin bei der Los
Angeles Times. Viele Schranken sind gefallen", so
Woo.
In einigen Teilen des Landes, räumt Woo ein, "ist eine
ablehnende Haltung gegen neue Einwanderer aus
Indochina, Taiwan, Hongkong, dem indischen Subkontinent zu beobachten. Dies ist Teil eines Ressentiments gegen die wirtschaftliche Konkurrenz der Japaner
- eine Tendenz, alle Asiaten in einen Topf zu werfen.
Es gab vereinzelt Fälle von Gewalttätigkeiten oder
Vandalismus, aber häufiger werden Asiaten stillschweigend für Probleme in der Gemeinde verantwortlich
gemacht."
Man assoziiert Asiaten nicht mehr automatisch mit
dem Stereotyp des hart arbeitenden Mathematikers,
Wissenschaftlers und kleinen Geschäftsmanns, stellt
Woo fest. "Obwohl sich noch immer zahlreiche Asiaten an technischen oder medizinischen Hochschulen
bewerben, gehen viele in andere Berufe, in Bereiche
wie Journalismus oder Politik, werden Jurist oder üben
Tätigkeiten in Unternehmen aus, die nichts mit Buchhaltung oder Technik zu tun haben", erklärt er.
"Jetzt werden mehr asiatische Richter berufen oder in
Ämter gewählt. Eine wachsende Zahl Amerikaner
asiatischer Abstammung, insbesondere Frauen, gehen zu Rundfunk- oder Fernsehsendern", so Woo.
"Ich denke, die Veränderung ist immens," erklärt Woo
weiter. "Als mein Vater in dieses Land kam, um an der
UCLA (University of California at Los Angeles) zu
studieren, war es für einen Chinesen sehr schwer,
anderswo zu leben als in Los Angeles' Chinatown.
"Es war unvorstellbar, daß irgendjemand chinesischer
Abstammung eines Tages einen größtenteils weißen
Bezirk vertreten könnte, wie das bei mir der Fall ist.
Mein Vater hat diese Veränderungen noch zu seinen
Lebzeiten erfahren," konstatiert Woo.
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"Meine Mutter wuchs in einer ländlichen Gemeinde im
Norden Kaliforniens auf, wo es eine große chinesische
Kolonie gab, deren Mitglieder hauptsächlich Bauern
oder kleine Einzelhändler waren. Auch sie hat viele
Veränderungen mitgemacht. Meine Generation lebt in
dem Bewußtsein, daß uns die Welt offener steht als
unseren Eltern," erklärt Woo.
Ihre sehr erfolgreiche Anpassung bringt für die Amerikaner asiatischer Herkunft auch Belastungen mit sich.
"Ich bin ein Mensch ohne ethnische Zugehörigkeit",
erklärt Woo. "Obwohl ich der erste Asiate bin, der in
den Stadtrat von Los Angeles gewählt wurde, stellen in
meinem Wahlkreis Asiaten nur etwa fünf Prozent der
Bevölkerung. Es ist meine Pflicht, auf die Probleme
der Asiaten einzugehen, weil ich eine exponierte Figur
dieser Gruppe bin, gleichzeitig muß ich aber einen
Weg finden, das zu tun, ohne die restlichen 95 Prozent
meiner Wähler zu verärgern, denen die Probleme der
Asiaten egal sind und die vielmehr die Meinung vertreten, ich sollte meine Zeit für ihre Probleme aufwenden.
Mit diesem grundsätzlichen Dilemma muß ich fertigwerden."
Woo denkt, "der Anpassungsprozeß ist unvermeidlich. Unsicher ist, in welchem Maße die nachfolgende
Generation von Amerikanern asiatischer Abstammung
ein Gefühl ethnischer Zugehörigkeit behält".
"Ich sprach Chinesisch, bis ich in die Schule kam. Ich
spreche es nicht mehr gut. Ich verstehe nur ein
bißchen davon. Dennoch versuchen einige Vertreter
meiner Generation, ihre Wurzeln neu zu entdecken.
Meine Frau wurde in diesem Land geboren und wuchs
auf, ohne Chinesisch zu lernen, aber sie ging nach
Hongkong, um ihr eigenes kulturelles Erbe zu entdekken," erklärt Woo.
Auf die Frage, welchen besonderen Beitrag Amerikaner asiatischer Abstammung zur Kultur Amerikas leisten, führt Woo aus, "Asiaten denken nicht, daß die
USA Anfang und Ende der Weltgeschichte bestimmen. Das kann angesichts der zunehmenden Verflechtung der Wirtschaft und der Kulturen auf der Welt
eine wichtige Erkenntnis sein."
"Asiaten können auch konfuzianische Lehren beitragen: Respekt für die älteren Mitbürger, Respekt vor
der Bedeutung von Bildung und Wissenschaft im allgemeinen," erklärt Woo.
"In Städten wie etwa Los Angeles, New York, San
Francisco trägt die asiatische Kultur in erheblichem
Maße zu der Weitläufigkeit der Städte bei, in denen wir
leben - wenn wir an Restaurants, Paraden, Zeitungen
und Feiern denken", führt Woo aus.
Nicht alle in Amerika lebenden Asiaten gehören der
Mittelschicht an. Bei der jüngsten Flüchtlingswelle aus
Indochina - vielen Boat People - kamen Bauern oder
Stammesangehörige, die sich nur schwer an das
moderne Leben anpassen können.
Seite 3

�Einem Zeitungsbericht zufolge sind die "zuletzt angekommenen Indochina-Flüchtlinge eher arm, arbeitslos
oder Sozialhilfeempfänger als irgendeine andere Volksgruppe in Amerika".

keiten in einer Gesellschaft, in der eher Kreativität als
Disziplin belohnt wird.

Trotzdem scheinen diese Probleme nachrangig im
Vergleich zu dem, was Asiaten den Vereinigten StaaManche leiden an Depressionen und der Auflösung ten zu bieten haben. "Nie zuvor in der amerikanischen
ihrer Familien - aber Beobachtern zufolge zeigen auch Geschichte gab es soviele talentierte Einwanderer, die
Kinder aus diesen Gruppen in der Regel sehr gute in so kurzer Zeit Mittelschichtstatus erreicht haben,"
Schulleistungen, und viele von ihnen werden ihre erklärt Robert Oxnam, der Präsident der Asia Society,
wirtschaftliche Situation in der nächsten Generation einer gemeinnützigen Kulturorganisation in New York.
erheblich verbessern.
"Weil bei den Amerikanern asiatischer Abstammung
Es gibt noch andere Probleme. Wie frühere Einwan- soviele der fähigsten Köpfe eine hochqualifizierte wisderergruppen haben auch die Asiaten ihre eigenen senschaftliche Ausbildung erhalten", erklärt Edward
Spielarten des organisierten Verbrechens mitgebracht. Wagner, Leiter des Instituts für Koreastudien an der
Chinesische, japanische und vietnamesische Verbre- Universität Harvard, "denke ich, man kann ganz erchersyndikate sind für die US-Polizeibehörden eine hebliche Beiträge von ihnen erwarten".
harte Nuß, einmal aufgrund der Sprachbarriere und
zum anderen wegen ihrer extremen Disziplin, ihres "Ganz allgemein betrachtet, handelt es sich hierbei um
Zusammenhalts und ihrer Gewalttätigkeit. Die Behör- eine ziemlich neue und ganz andere Art von Amerikaden halten es nur noch für eine Frage der Zeit, bis diese nern, deren Erfolgsgeschichte anderen Minderheiten
Gruppen einige Geschäfte der traditionellen amerika- als Inspiration dienen sollte, daß dies möglich ist. Sie
könnten es eher und schneller schaffen, die immer
nischen Verbrechersyndikate übernehmen.
noch bestehenden Schranken einzureißen, wenn sie
Obwohl konfuzianische Lehre und amerikanische in die Sitzungssäle amerikanischer Banken oder Unprotestantische Arbeitsmoral einiges gemeinsam haben, ternehmen vorstoßen," erklärt Wagner.
stoßen Asiaten manchmal auf Anpassungsschwierig-

Seite 4

AMERIKA DIENST 20

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                <text>&lt;strong&gt;1. Chemische Waffen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zum Verwirklichung eines Verbots chemischer Waffen&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Botschafter Ledogar vor der Genfer Abrüstungskonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Osteuropa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Mittel- und Osteuropa: ein Jahr danach&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers Eagleburger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Leiter des US-Umweltschutzamtes fordert Zusammenspiel von Umwelt- und Wirtschaftspolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Anhörung vor Senatsausschuß&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Golfkrise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Ereignisse vom 1. bis 15. Mai 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Einwanderung&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Amerikaner asiatischer Abstammung in der amerikanischen Gesellschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Paul Malamud, USIA&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States ot America

Deichmanns

Aue »

5300 Bonn 2
21

29. Mai 1991

NAHER OSTEN

BAKER: NAHOSTKONFERENZ "MITTEL
ZUM ZWECK"
Erklärung vor Kongreßausschuß

NATO

GOLFKRIEG UNTERSTRICH
SICHERHEITSKONZEPT DER NATO
Rede von Botschafter Taft

CHEMISCHE WAFFTEN

BUSHS CHEMIEWAFFENINITIATIVE
BESCHLEUNIGT GENFER GESPRÄCHE
ACDA-Director Lehman vor Senatsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHER

OSTEN
29. Mai 1991

BAKER: NAHOSTKONFERENZ "MITTEL ZUM ZWECK"
Erklärung vor Kongreßausschuß
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker geht davon aus, daß die von den Vereinigten Staaten angestrebte
Nahostkonferenz dazu beitragen würde, das Endziel direkter Verhandlungen zwischen Israel und seinen
arabischen und palästinensischen Nachbarn zu erreichen.
"Sie ist schlicht ein Mittel zum Zweck", erklärte Baker am 22. Mai 1991 vor einem Ausschuß des Kongresses,
"ein Instrument in unseren Bemühungen, die Parteien dazu zu bewegen, sich zusammenzusetzen, um ihre
Meinungsverschiedenheiten zu sichten und anachronistische Tabus zu durchbrechen."
"Seit Beginn dieser Administration", erinnerte sich der Außenminister, "haben wir deutlich gemacht, daß unser
Ziel darin besteht, Israel und Palästinenser aus den besetzten Gebieten zu Verhandlungen zu bewegen." Baker
betonte, daß solche Gespräche "den einzigen Weg zur Erlangung von Fortschritten überhaupt bieten, und wir
würden keinen Vorschlag akzeptieren, der irgendeiner Partei Anlaß geben würde zu glauben, sie könne
Verhandlungen vermeiden oder durch andere von der Notwendigkeit zu verhandeln entbunden werden."
In einer vorbereiteten Erklärung vor dem Unterausschuß des Repräsentantenhauses für die Bewilligung von
Haushaltsmitteln für Auslandsoperationen (House of Representatives Appropriations Subcommittee on Foreign
Operations) erörterte Baker darüber hinaus die folgenden Punkte:
Solange Saddam Hussein an der Macht bleibt, werden die Vereinigten Staaten weder ihre Beziehungen
zum Irak normalisieren noch einer Aufhebung der UNO-Sanktionen gegen den Irak zustimmen.
Das sogenannte "neue Denken" in der Sowjetunion ist weiterhin Leitlinie für das sowjetische Verhalten
bei zahlreichen Aspekten der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen. Baker erwähnte in diesem Zusammenhang die sowjetische Hilfsbereitschaft im Nahen Osten, Angola, Mittelamerika und Kambodscha.
Das von den USA angestrebte Nordamerikanische Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada
"verspricht allen drei Ländern bedeutende wirtschaftliche Vorteile" und wird Exporten, Arbeitsplätzen und
Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten auf dem Weltmarkt zugute kommen.
Baker zufolge wird die bilaterale Militär- und Wirtschaftshilfe in den neunziger Jahren ein unerläßliches
Instrument zur Förderung amerikanischer Interessen bleiben. Für das Haushaltsjahr 1992 beantragten
die Vereinigten Staaten deshalb
6,2 Milliarden Dollar für den Nahen Osten und Südasien, vornehmlich zur Förderung von Frieden und
Stabilität in Israel und Ägypten;
702 Millionen Dollar für Ostasien und den Pazifik, hauptsächlich für die Philippinen;
1,6 Milliarden Dollar für Europa, primär für die Türkei und Griechenland;
2,1 Milliarden Dollar für Lateinamerika und die Karibik, wovon der Löwenanteil zur Unterstützung der
Betäubungsmittelinitiative der Andenstaaten (Andean Narcotics Initiative) und der aufstrebenden Demokratien Mittelamerikas bestimmt ist.
1 Milliarde Dollar für Afrika zur Förderung eines Wirtschaftswachstums auf breiter Basis.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Erklärung des Außenministers, die sich mit dem Nahen Osten,
Irak, der Sowjetunion und dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen beschäftigen.

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�Ich möchte Ihnen heute über meine jüngsten Reisen in
den Nahen Osten berichten und in meinen Ausführungen hauptsächlich zum Friedensprozeß im Nahen
Osten und der Lage im Irak Stellung nehmen. Ferner
möchte ich kurz auf die Sowjetunion und das Nordamerikanische Freihandelsabkommen eingehen.
Der Friedensprozeß
Ich möchte zunächst den Friedensprozeß erörtern.
In den vergangenen zwei Monaten haben wir uns
intensiv darum bemüht, einen Weg für eine umfassende Regelung durch direkte Verhandlungen zwischen
Israel, den arabischen Staaten und den Palästinensern zu finden. Von Beginn an habe ich mir keine
Illusionen über die damit zusammenhängenden Herausforderungen und Schwierigkeiten gemacht. Ich
hatte jedoch auch ein starkes Gefühl dafür, daß der
Golfkrieg vielleicht neue Möglichkeiten für einen Friedensschluß in der Region geboten hat und die Vereinigten Staaten eine einzigartige Verpflichtung haben,
dabei zu helfen, diese auszuloten. Zwar wäre es
traurig, wenn wir zu dem Ergebnis kämen, daß alte
Hindernisse stärker sind als die neuen Möglichkeiten,
es wäre noch trauriger, wenn die Vereinigten Staaten
versäumten, einer Chance für den Frieden energisch
nachzugehen. Solche Chancen ergeben sich im Nahen
Osten nicht so häufig.
Die irakische Invasion Kuwaits führte eine historische
internationale Koalition zusammen. Die Vereinigten
Staaten, die Sowjetunion, Europäer, Araber und andere schlössen sich zusammen, um die irakische Aggression zunichte zu machen. Die Vereinten Nationen
spielten die Rolle, die ihnen ihre Gründer zugedacht
hatten, und durch ihre Zurückhaltung angesichts der
irakischen Provokation wurde Israel zum stillen Teilhaber am Erfolg der Koalition. Das Endresultat war eine
vernichtende Niederlage für Saddam Hussein und den
von ihm vertretenen Weg der Gewalt und Einschüchterung - und neue Hoffnung für den alternativen Weg
von Diplomatie und Verhandlungen.
Um die Gunst der Stunde zu nutzen und die Spielregeln für einen arabisch-israelischen Friedensschluß
zu verändern, war es unseres Erachtens wichtig, uns
in einem Prozeß zu engagieren, der die Tabus eines
direkten Dialogs durchbrechen würde. Wenn der
Impuls für einen Friedensschluß ein anderer war, so
mußten wir die Hindernisse für direkte Treffen zwischen Israelis, Arabern und Palästinenser überwinden. Wir mußten der Tatsache Geltung verschaffen,
daß Dialog und Diplomatie - nicht Gewalt und Verweigerung - Grundlage für die Politik in der Region sein
könnten.
Der Krieg erinnerte auf grausame Weise an die Gefahren eines Konflikts in einem Zeitalter eskalierenden
militärischen Wettlaufs. Er erinnerte daran, daß der
Streit zwischen Israelis und Palästinensern weiterhin

Seite 2

den Kern des arabisch-israelischen Problems bildet aber auch der zwischenstaatlichen Dimension mußte
Rechnung getragen werden. Er gab aber auch Anlaß
zu Hoffnung, indem er daran erinnerte, daß Israel und
die arabischen Staaten bisweilen eine gemeinsame
Grundlage entdecken können - eine gemeinsame
Grundlage, die Spielraum verschaffen könnte, um
einen israelisch-palästinensischen Ausgleich zu ermutigen.
Unsere Nachkriegsaufgabe bestand also darin, die
neuen und aussichtsreichen Elemente nach der Krise
mit den dauerhaften Prinzipien der arabisch-israelischen Diplomatie in Einklang zu bringen. Dies war der
Zweck meiner ersten drei Reisen in die Region nach
dem Krieg. Das Ergebnis war ein Konsens der Parteien zu den folgenden fünf Kernpunkten:
Erstens die allgemeine Übereinstimmung, daß
Ziel des Prozesses eine umfassende Regelung
. durch direkte Verhandlungen auf Grundlage der
Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats ist.
Zweitens breite Übereinstimmung, daß der
Verhandlungsprozeß gleichzeitig auf zwei Ebenen ablaufen sollte, darunter direkte Verhandlungen zwischen Israel und arabischen Staaten
sowie zwischen Israel und Palästinensern aus
den besetzte Gebieten.
Drittens der Konsens, daß die Verhandlungen
zwischen Israel und den Palästinensern in Stufen ablaufen sollten, wobei den Verhandlungen
über den dauerhaften Status der besetzten
Gebiete Gespräche über eine Interims-Selbstregierung vorausgehen würden.
Viertens die Übereinstimmung, daß die Palästinenser in diesem Prozeß durch Führer aus den
besetzten Gebieten vertreten werden, die den
Prozeß auf diesen beiden Ebenen und einen
stufenweisen Ansatz zu den Verhandlungen
akzeptieren und sich verpflichten, mit Israel in
Frieden zu leben.
Fünftens die allgemeine Akzeptanz, daß eine
von den Vereinten Nationen und der Sowjetunion mitgetragene Konferenz die alten Tabus im
Hinblick auf öffentliche Kontakte zwischen den
Parteien durchbrechen würde und Sprungbrett
für direkte Verhandlungen zwischen den Parteien sein sollte.
Dies sind keine unbedeutenden Bereiche der Übereinstimmung, und sie liefern gewiß eine Grundlage für
Fortschritte. Aber sie müssen noch in einen praktischen Prozeß umgesetzt werden, und das war der
Zweck meiner jüngsten Reise in diese Region. Ich
möchte Ihnen einen Eindruck von den Schlüsselfragen
geben, die wir noch zu lösen versuchen.

AMERIKA DIENST 21

�Der erste Problembereich umfaßt die Modalitäten der
Friedenskonferenz.
Es hat zu dieser Frage zahlreiche Mißverständnisse
gegeben, und ich möchte Ihnen deshalb darlegen,
welche Absichten wir verfolgen. Unser Ziel ist die
Einleitung direkter Verhandlungen. Das ist der wesentliche Inhalt unserer Bemühungen. Wir gehen
davon aus, daß dies am besten durch eine Friedenskonferenz geleistet werden kann, die zu direkten Verhandlungen zwischen Israel und seinen arabischen
und palästinensischen Nachbarn sowie multilateralen
Verhandlungen über Themen wie Rüstungskontrolle
und regionale Sicherheit, Umwelt und Wasser führt.
Eines möchte ich eindeutig klarstellen: Wir fassen
keine internationale Konferenz ins Auge, bei der das
Plenum die Macht oder Autorität besitzt, die Durchsetzung seiner Meinung zu erzwingen, und wir erwägen
auch keinen Mechanismus, der irgendwie in die Verhandlungen eingreifen würde. Wie ich meinen Gesprächspartnern in der Region erklärt habe, ist die
Konferenz in der Tat kein Forum für Verhandlungen.
Sie ist schlicht ein Mittel zum Zweck, ein Instrument in
unseren Bemühungen, die Parteien dazu zu bewegen,
sich zusammenzusetzen, um ihre Meinungsverschiedenheiten zu sichten und anachronistische Tabus zu
durchbrechen.
Diese Konferenz würde gemeinsam von den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion getragen. Israel,
Ägypten, Syrien, der Libanon, Jordanien und Palästinenser aus den besetzten Gebieten würden daran
teilnehmen. Wie Sie wissen, hat der Golf-Kooperationsrat (GCC) bereits einen sehr wichtigen Schritt
getan und sich bereiterklärt, seinen Generalsekretär
als Beobachter zu entsenden. Darüber hinaus haben
alle Mitgliedstaaten des GCC - die sechs Golfstaaten
- angekündigt, sie würden an den direkten Verhandlungen über multilaterale Fragen teilnehmen.
Daneben sind wir der Ansicht, daß die Europäische
Gemeinschaft eine konstruktive Rolle bei der Unterstützung dieses Prozesses, insbesondere bei der
schwierigen Arbeit der wirtschaftlichen Entwicklung
spielen könnte, die einem Verhandlungsfrieden folgen
würde. Der EG sollte eine Teilnahme an der Konferenz
ermöglicht werden. Ebenso sollten die Vereinten
Nationen eine Rolle spielen. Es sollte eine für alle
Parteien annehmbare Formel gefunden werden, die
niemanden benachteiligt und das neugewonnene
Potential der Vereinten Nationen in einer Art und
Weise kanalisiert, die der Förderung von Frieden und
Aussöhnung in der Region dienlich sein kann. Der
genaue Charakter der Beteiligung von EG und UNO
muß noch definiert werden. Eine weitere offene Frage
ist die Fähigkeit der Konferenz, erneut zusammenzutreten. Die Vereinigten Staaten gehen davon aus, daß
diese Möglichkeit bestehen sollte, wenn alle Parteien
dies wünschen, um Berichte der bilateralen und multilateralen Verhandlungsgruppen anzuhören.

AMERIKA DIENST 21

Wichtig ist, daß all dies die direkten Verhandlungen in
keiner Weise beeinträchtigen wird. Direkte Verhandlungen bieten den einzigen Weg zur Erlangung von
Fortschritten, und wir würden keinen Vorschlag akzeptieren, der irgendeiner Partei Anlaß geben würde zu
glauben, sie könne Verhandlungen vermeiden oder
durch andere von der Notwendigkeit zu verhandeln
entbunden werden.
Der andere Problembereich betrifft die Frage der palästinensischen Vertretung bei den Verhandlungen.
Seit Beginn dieser Administration haben wir deutlich
gemacht, daß unser Ziel darin besteht, Israel und
Palästinenser aus den besetzten Gebieten zu Verhandlungen zu bewegen. Selbstverständlich müssen
die Palästinenser ihre Vertreter wählen, aber wir gehen davon aus - und viele andere Parteien stimmen
dem zu -, daß eine gemeinsame jordanisch-palästinensische Delegation ein nützliches Instrument sein
könnte, um die Konferenz zu verwirklichen und all die
Fragen zu behandeln, die bei solchen Verhandlungen
auftreten könnten.
Der Zweck meiner jüngsten Reise in die Region bestand also darin, diese Fragen weiterhin mit den Parteien zu sondieren und zu entscheiden, wo Konsens
besteht und welche Bereiche weiterer Arbeit bedürfen.
Insgesamt kam ich zu dem Schluß, daß bei Schlüsselelementen unseres Ansatzes mehr Übereinstimmungen als Gegensätze bestehen. Und ich fand die
Bereitschaft vor, weiterhin nach Wegen zur Lösung
der noch ausstehenden Problembereiche zu suchen.
Auch mit dem sowjetischen Außenminister Bessmertnych habe ich in der Sowjetunion und in Kairo außerordentlich fruchtbare Gespräche geführt. Die Sowjets
haben unseren Ansatz uneingeschränkt unterstützt.
Die Tatsache, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten bezüglich des Vorgehens beim Friedensprozeß Übereinstimmung erzielt haben, schafft neue
Gegebenheiten - mit verbesserten Chancen, diesen
Prozeß in die Wege zu leiten.
Dennoch befinden wir uns offensichtlich nicht an dem
Punkt, an dem ich gerne wäre. Es gibt Meinungsverschiedenheiten - insbesondere zwischen Israel und
Syrien - über die Modalitäten der Konferenz, die Rolle
der Vereinten Nationen und die Frage, ob die Konferenz mehrmals zusammentreten soll. Ich möchte nicht
den Anschein erwecken, als seien diese Fragen leicht
oder schnell zu lösen.
Wir werden es jedoch so lange versuchen, wie wir der
Überzeugung sind, daß alle Parteien in gutem Glauben handeln und sich ernsthaft um die Beilegung der
Meinungsverschiedenheiten bemühen. Der Präsident
und ich haben unsere nächsten Schritte erörtert, und
wir sind der Meinung, wir sollten weiter versuchen, die
Kluft zu überwinden und Verhandlungen anzustreben.

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�Abschließend möchte ich erwähnen, daß die Parteien
in der Region meines Erachtens die echte Chance zu
schätzen wissen, einen Prozeß in die Wege zu leiten.
Wir haben einen praktikablen Weg zu Verhandlungen
aufgezeigt, der es Israel, den arabischen Staaten und
den Palästinensern gestatten würde, diese Chance zu
ergreifen und tatsächlich um der Sache des Friedens
willen mit der Vergangenheit zu brechen. Sie darf nicht
vergeudet werden - aber sie wird sich uns nicht immer
bieten.
Abzuwarten bleibt, ob die Parteien bereit sind, diese
Chance zu nutzen. Die Vereinigten Staaten sind bereit
und willens, sie bei diesem Versuch zu unterstützen.
Aber wir können den politischen Willen zum Handeln
nicht erzwingen, wenn er in der Region nicht vorhanden ist.
Irak
Ich möchte jetzt auf die Lage im Irak eingehen.
Nachdem seine Aggression gegen Kuwait vereitelt
wurde, richtete Saddam Hussein nach dem Golfkrieg
seinen Terror gegen sein eigenes Volk und vertrieb
Hunderttausende Iraker aus ihrer Heimat in fremde
Länder. Wie die Vereinten Nationen in Resolution 688
feststellten, schuf dies eine neue Bedrohung für den
internationalen Frieden und die Sicherheit. Für alle
von uns heißt das Problem nicht mehr nur Kuwait.
Ich möchte heute gemeinsam mit Ihnen eine Prüfung
der drei Punkte umfassenden Strategie vornehmen,
die wir und unsere Verbündeten bei der Bewältigung
dieser schrecklichen Situation verfolgt haben. Erstens
haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um
das unmittelbare Leid der irakischen Flüchtlinge zu
mildern. Zweitens versuchen wir, weitere Terrorakte
zu verhindern, indem wir im Irak sichere Bedingungen
schaffen, damit die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren und in Sicherheit leben können. Drittens werden wir Saddam Hussein so lange isolieren wie er an
der Macht ist. Ich möchte jetzt auf diese Aspekte
unserer Strategie im einzelnen eingehen.

am Dienstag verabschiedete Maßnahme und hoffen,
der Kongreß wird unverzüglich zu unserem zusätzlichen Antrag auf Flüchtlingshilfe Stellung nehmen.
Infolge unserer Bemühungen hat sich die Lage erheblich verbessert. Die Sterblichkeitsrate unter den Flüchtlingen ist beträchtlich gesunken, und mehr als die
Hälfte der Flüchtlinge sind in die Täler gekommen.
Dies reicht jedoch nur aus, um die dringendsten Bedürfnisse der Flüchtlinge zu befriedigen. Wir müssen
auch eine größere Tragödie verhindern: eine Situation, in der Saddam Hussein seinen Terror erneut
ausüben könnte.
Dieser zweite Aspekt unserer Strategie erfordert eine
gemeinsame Haltung der internationalen Staatengemeinschaft, um den Zugang zu den betroffenen Regionen in ganz Irak in vollständigem Einklang mit Resolution 688 des UN-Sicherheitsrats zu gewährleisten, die
Achtung der humanitären und politischen Rechte des
irakischen Volkes fordert.
Saddam Husseins brutale Unterdrückung seines eigenen Volkes führt uns erneut vor Augen, daß man ihm
nicht trauen kann. Wir sind nach wie vor besorgt, daß
Saddam - wenn sich die Bedingungen ändern - die
systematische Ausrottung von Regimekritikern und
unschuldigen irakischen Bürgern wiederaufnehmen
würde. Die internationale Staatengemeinschaft tut
heute nicht alles in ihrer Macht Stehende, um diesen
armen unschuldigen Menschen zu helfen, damit sie
morgen von Saddam Hussein abgeschlachtet werden
können.
Aus diesem Grund haben wir den Irak davor gewarnt,
die im Irak in die Wege geleiteten Hilfsmaßnahmen zu
behindern. Deshalb haben wir im Einklang mit Resolution 699 die Vereinten Nationen aufgefordert, unverzüglich Personal bereitzustellen, um die Sicherheit der
nach Irak zurückkehrenden Flüchtlinge zu gewährleisten. Die Vereinigten Staaten beabsichtigen nicht, ihre
Streitkräfte länger als absolut notwendig im Norden
des Irak zu belassen. Wir hoffen auf ihre baldige
Ablösung durch eine wirksame internationale Präsenz.

Der erste zielt auf das unmittelbare Problem ab: das
Leben der Flüchtlinge zu retten, indem wir Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente, Decken und Unterkunft
zur Verfügung stellen. Dank der Operation Provide
Comfort konnten wir die Lieferungen aus der Luft
abwerfen oder mit Lastwagen zu den Flüchtlingen in
den Bergen im nördlichen Irak und Süden der Türkei
bringen, haben Flüchtlingslager im Irak und der Türkei
aufgebaut und Gebiete im Norden des Irak gesichert,
so daß sie wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

Wir sind der festen Überzeugung, daß eine Art - wie
auch immer organisierter - internationaler Präsenz die
jetzt von den US- und Koalitionsstreitkräften wahrgenommene Aufgabe übernehmen muß. Wirhoffen, daß
diese internationale Präsenz als Wachhund der internationalen Staatengemeinschaft dienen wird, um
Saddam Hussein von einer Wiederholung seiner jüngsten Greueltaten abzuhalten.

Der Präsident hat sich mit den Staats- und Regierungschefs derführenden Industrienationen und unseren Koalitionspartnern in der arabischen Welt in Verbindung gesetzt und sie aufgefordert, den einzelnen
UN-Appellen durch großzügige Hilfszusagen nachzukommen. Wir begrüßen die vom Konferenzausschuß

Wir hoffen ferner, daß der Irak in Zukunft wieder in die
internationale Staatengemeinschaft aufgenommen
werden kann. Der Irak hat eine au ßerordentlich talentierte, kreative und vielfältige Bevölkerung. Meines
Erachtens ist ein neuer politischer Konsens im Irak
möglich, in dem die pluralistische Zusammensetzung

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AMERIKA DIENST 21

�seiner Bevölkerung und seine reichen historischen
und kulturellen Traditionen ihren Niederschlag finden.
Ein solcher Konsens muß durch Verhandlungen mit
allen Irakern und nicht durch Gewalt hervorgebracht
werden.
Wir respektieren die Souveränität und territoriale Integrität des Irak und wünschen keine Zersplitterung des
Staates. Wir haben wiederholt erklärt, daß wir uns
nicht im Streit mit dem irakischen Volk befinden. Und
unsere Worte werden durch Taten unterstützt. Während unsere Soldaten sich der Flüchtlinge annahmen
und ihnen Nahrung gaben, haben Saddams Soldaten
sie angegriffen und beschossen.
Daher kann ich ohne jeden Zweifel sagen: Saddam
Hussein selbst ist das alleinige und größte Hindernis
für eine hoffnungsvolle Zukunft des irakischen Volkes
- sei es im Hinblick auf seine Entwicklung als Gesellschaft oder seine Integration in die internationale Staatengemeinschaft. Wenn wir ihm freie Hand lassen,
seine brutale Diktatur und Militärmaschinerie wiederaufzubauen, wissen wir, daß Saddam Hussein wieder
sein eigenes Land terrorisieren und seine Nachbarn
bedrohen wird. Ohne konstante internationale Überwachung und Druck auf Saddam wird diese irakische
Regierung weiterhin eine Gefahr für Frieden und Sicherheit im Nahen Osten darstellen.
Aus diesem Grund können wir, solange Saddam Hussein an der Macht bleibt, nur einen offiziellen Waffenstillstand aber keinen echten Frieden mit der irakischen Regierung haben.
Lassen Sie mich diesen dritten Aspekt unserer Strategie eindeutig klarstellen:
Saddam Hussein ist ein Paria, dessen Vorgehen ihn
außerhalb der zivilisierten internationalen Gesellschaft
stellt. Aus diesem Grund werden wir gemeinsam mit
anderen daran arbeiten, Saddams Regime weiterhin
zu isolieren.
Das bedeutet, daß wir unsere Beziehungen zum Irak
solange nicht normalisieren werden, wie Saddam
Hussein an der Macht ist.
Das bedeutet, die UNO-Sanktionen werden solange
aufrechterhalten, wie Saddam Hussein an der Macht
ist.
Und es bedeutet, daß die Iraker nicht an den sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Vereinbarungen
nach der Krise teilnehmen werden, bis ein Wechsel
des Regimes stattgefunden hat.
Mit einer neuen Regierung werden sich jedoch neue
Möglichkeiten für den Irak zur Wiederaufnahme in die
internationale Staatengemeinschaft ergeben. Mit einer
neuen Regierung könnten wir sehr wohl die meisten
Sanktionen mit Ausnahme derjenigen aufheben, die
das Militärpotential des Irak begrenzen. Und in diesem
neuen Irak muß Toleranz an die Stelle von Terror
AMERIKA DIENST 21

treten, und die Furcht, die das irakische Volk solange
im Griff hatte, muß der friedlichen Verwirklichung des
enormen Potentials der irakischen Bevölkerung und
ihres Heimatlands Platz machen.
Sowjetunion
Ich möchte jetzt drei Anmerkungen zu unseren Beziehungen mit der Sowjetunion machen.
Erstens vertreten der Präsident und ich die Auffassung, es sollte hervorgehoben werden, daß das sowjetische Verhalten in zahlreichen Aspekten unserer
Beziehungen weiterhin vom neuen Denken in der
Sowjetunion geleitet ist. Im Nahen Osten hat Außenminister Bessmertnych unschätzbare Hilfe bei der
Wiederbelebung des Friedensprozesses geleistet. Auch
bei dem historischen Abkommen, das den Bürgerkrieg
in Angola beenden wird, war die sowjetische Zusammenarbeit entscheidend - ein Abkommen, das auch
ich nächste Woche in Lissabon unterzeichnen werde.
Darüber hinaus waren die Sowjets auch in anderen
Regionen sehr hilfreich - vor allem in Mittelamerika und
Kambodscha.
Im Bereich der Rüstungskontrolle hoffen wir, unsere
Meinungsverschiedenheiten beim KSE-Vertrag beilegen, ihn zur Ratifizierung vorbereiten sowie die STARTVerhandlungen und die Vorbereitungen für das Gipfeltreffen in Moskau voranbringen zu können.
Zweitens bietet das sogenannte "Eins-plus-NeunAbkommen" zwischen Präsident Gorbatschow und
den baltischen Republiken vom 23.April 1991 die
Möglichkeit für eine Hinwendung zu neuen politischen
Vereinbarungen in der Sowjetunion. Wenn Gorbatschow und die Neun dieses Abkommen in der beabsichtigten Weise einhalten - durch einen für die gesamte Union geltenden Vertrag und eine neue Verfassung
- wäre dies ein entscheidender Schritt zur Schaffung
einer neuen politischen Legitimität in der Sowjetunion.
Zusammen mit den derzeit stattfindenden Gesprächen zwischen Moskau und dem Baltikum eröffnen
diese Schritte neue Möglichkeiten zur Aussöhnung,
um anstelle der politischen Polarisierung zu treten, von
der die sowjetische Politik seit vergangenen September gekennzeichnet war.
Darüber hinaus begrü ßen wir die Verabschiedung des
neuen Auswanderungsgesetzes. Nahezu zwei Jahrzehnte lang haben wir das Recht auf Auswanderung
zum Kernstück der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen gemacht. Wir erachten die Verabschiedung
des neuen Gesetzes als wichtigen Schritt im sowjetischen Reformprozeß und bei der Erfüllung der KSZEVerpflichtungen durch die Sowjetunion.
Unsererseits werden wir die Kontakte mit allen Ebenen
und Schichten der sowjetischen Gesellschaft erweitern - von Reformwilligen über Demokraten zu Traditionalisten und dem Militär. Dies wird nicht nur unser
Verständnis der sowjetischen Gesellschaft vertiefen,
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�sondern uns - mittels eines sogenannten "demokratischen Dialogs" - gestatten, politischen Pluralismus
und wirtschaftliche Freiheit sowie den Erfolg der sowjetischen Reformen zu fördern. Und wie der Präsident und ich bis heute reichlich deutlich gemacht
haben, liegen Kontinuität und Erfolg der sowjetischen
Reformen im Interesse aller.
Drittens haben die sowjetischen Wirtschaftsreformen
selbst angesichts der zögernden Schritte zur politischen Anpassung noch einen weiten Weg vor sich.
Wir und praktisch jeder andere Beobachter sind überzeugt, daß Ministerpräsident Pawlows Antikrisenprogramm nicht funktionieren wird. Unseres Erachtens
muß die sowjetische Führung dringend tiefgreifende
marktwirtschaftliche Reformen vornehmen.

NAFTA und "Fast Track"
Ich möchte meine Ausführungen mit einigen Bemerkungen zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) und "Fast Track" abschließen. Wir
streben ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada an, weil wir der Überzeugung sind, daß ein solches Abkommen wesentliche
wirtschaftliche Vorteile für alle drei Länder verspricht.
Seit der Präsident im vergangenen Juni seinen Wunsch
nach einem Freihandelsabkommen mit Mexiko bekanntgab, haben wir intensive Konsultationen mit dem
Kongreß und Privatsektor geführt.

Herr Vorsitzender, meines Erachtens steht hier sehr
viel auf dem Spiel - sowohl im Hinblick auf die Außenund Wirtschaftspolitik als auch unsere wachsende
Ohne die Verpflichtung zu grundlegenden Reformen Zusammenarbeit mit Mexiko bei entscheidenden reerwarten wir, daß die sowjetische Wirtschaft weiterhin gionalen und grenzüberschreitenden Fragen. Darüber
dem Niedergang geweiht ist - und das liegt in nieman- hinaus werden amerikanische Exporte, Arbeitsplätze
des Interesse. Wir prüfen nach wie vor unterschiedli- und internationale Wettbewerbsfähigkeit gefördert. Um
che Wege, wie wir der sowjetischen Wirtschaftsreform internationale Märkte zu eröffnen und die Handelskobehilflich sein können, aber der Nutzen unserer Bemü- operation auf dem Kontinent zu verbessern, ist es
hungen hängt immer noch vor allem von den Entschei- unabdingbar, daß der Kongreß das "Fast-track"-Mandat
dungen ab, die von den Sowjets selbst getroffen verlängert. Ohne diesen Schritt wird unsere Fühwerden.
rungsposition in Au ßenpolititk und Wirtschaft ernsthaft
gefährdet.

*

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* * *

*

AMERIKA DIENST 21

�NATO
29. Mai 1991

GOLFKRIEG UNTERSTRICH SICHERHEITSKONZEPT
DER NATO
Rede von Botschafter Taft
DEN HAAG - (AD) - Der jüngste Golfkrieg hat nicht nur den Wert des Konzepts der NATO für die europäische
Sicherheit bewiesen, "er hat uns jetzt, da alte Bedrohungen durch neue Herausforderungen ersetzt werden,
einige wichtige Lehren über den Umgang mit Veränderungen vermittelt," erklärte Botschafter William H. Taft am
23. Mai 1991.
Der Ständige US-Vertreter beim Nordatlantikrat erklärte bei einer internationalen Konferenz über "Parlamentarische Demokratie und Internationale Sicherheitspolitik" in Den Haag, der Golfkrieg habe gezeigt, daß die NATO
als unschätzbares Forum für politische Konsultationen dient,
entscheidende logistische Unterstützung und gemeinsame operative Verfahren bietet und
Angriffe auf Mitgliedstaaten abschreckt.
Taft

erklärte ferner, folgende Lehren seien aus dem Golfkrieg gezogen worden:
der Wunsch nach strafferer Entscheidungsfindung unter den europäischen Ländern, um auf Krisen an der
Peripherie der NATO zu reagieren und
die Notwendigkeit einer integrierten europäischen Streitmacht zur Stationierung in bündnisfremden
Gebieten, die gegebenenfalls US-Streitkräfte unterstützen soll. Diese Streitkräfte sollten zur Vorbereitung
aller Truppenteile regelmäßig Manöver und Übungen mit anderen NATO-Streitkräften durchführen.

Nachfolgend veröffentlichen wir Botschafter Tafts Rede im Wortlaut:

Die europäische Sicherheit - Lehren aus dem Golfkrieg
I. Einleitung
Sie haben das Thema europäische Sicherheit zwei
Jahre lang erörtert. Ich bin beeindruckt von all dem,
was ich heute über dieses äußerst wichtige Thema
gehört habe. Offensichtlich sind erhebliche Bestrebungen aufgewendet worden, um die Beziehungen
der verschiedenen Institutionen zurechtzurücken, die
zur europäischen Sicherheit und Stabilität in den
kommenden Jahren beitragen können. Es kann keine
wichtigere Aufgabe für all unsere Länder geben als die
Beibehaltung der gemeinsamen Basis, die wir in den
vergangenen vierzig Jahren aufgebaut haben. Aber
wir müssen unsere Partnerschaft auch den dramatiAMERIKA DIENST

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schen Veränderungen anpassen, die uns vor neue
Aufgaben gestellt haben. Dabei ist die Anpassung an
die Veränderungen in Osteuropa und die Sowjetunion,
um aus unseren früheren Gegnern Partner zu machen, nur ein Teil der Arbeit. Ein anderer ist die
Entwicklung einer grö ßeren Rolle für die europäischen
Länder innerhalb des Atlantischen Bündnisses, da die
Europäische Gemeinschaft Schritte zu einer politischen Union und einer gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik unternimmt. Wir müssen beides zur
gleichen Zeit leisten, und dazu dient die Überprüfung
der NATO-Strategie. Eine weitere Herausforderung
stellt sich uns, weil wir eine harmonische Zusammenarbeit gewährleisten müssen, um neue Bedrohungen,
die sich fem von europäischen oder nordamerikanischen Grenzen ergeben, abzuwenden.

Seite 1

�Dieser letzte Punkt war manchmal innerhalb unseres
Bündnisses umstritten. Verpflichtungen in den Washingtoner Verträgen erstrecken sich nicht auf sogenannte bündnisfremde Probleme. Aber uns allen ist
klar, daß in einem Zeitalter zunehmender wechselseitiger Abhängigkeiten westliche Interessen durch weltweite Entwicklungen in Mitleidenschaft gezogen werden können. Eine wichtige Aufgabe für die Zukunft
wird ein pragmatisches Vorgehen sein, um unsere
Zusammenarbeit so weitläufig wie möglich zu gestalten.
Ich schlage nicht die formelle Ausdehnung der NATO
auf andere Gebiete vor. Ich würde vielmehr gern die
Frage der europäischen Sicherheit aus einem bestirnten Blickwinkel betrachten - durch das Prisma der
jüngsten Ereignisse am Persischen Golf. Was hat uns
der Golfkrieg über unsere europäische Sicherheitspolitik und deren Strukturen gelehrt?
Trotz der Tatsache, daß der Krieg an der Peripherie
der NATO stattgefunden hat, gibt es starke und wie ich
denke, wichtige Implikationen für die NATO. Es gibt
verschiedene Lehren, die ich gern ziehen würde - über
die NATO selbst und über die verschiedenen sich
entwickelnden Sicherheitsinstitutionen in Europa.
Es wäre nachläsig, wenn ich nicht bereits zu Beginn
auf die erheblichen Beiträge unserer Gastgeber - der
Regierung und des Volkes der Niederlande - zum
Golfkrieg eingehen würde.
Die Unterstützung der Niederlande zu den Bestrebungen der Koalition, den irakischen Abzug aus Kuwait zu
erzwingen, kam früh und großzügig. Holland hat
unmittelbar nach der Invasion finanzielle Sanktionen
verhängt und sofort zwei Fregatten in die Region
entsandt. Diese Unterstützung wurde mit PatriotRaketen für die Türkei und Israel fortgeführt, und heute
leistet das Land umfangreiche humanitäre Hilfe für die
kurdischen Flüchtlinge. Diese kühnen Schritte wurden
von fast allen politischen Parteien in Holland unterstützt. In der WEU, der EG, der NATO und in der UNO
haben die Holländer starke und kontinuierliche Unterstützung geleistet, um die Unabhängigkeit Kuwaits
wiederherzustellen.

II. Der Golfkrieg
Ich möchte kurz auf die Abfolge der Ereignisse im
Golfkonflikt eingehen, bevor ich daraus Lehren für die
europäische Sicherheit ziehe.
Saddam Hussein ist am 2. August in Kuwait eingefallen und hat damit den zweiten irakischen Aggressionskrieg in zehn Jahren begonnen. Innerhalb weniger
Stunden haben Regierungen auf der ganzen Welt die
Invasion verurteilt. Wirtschaftssanktionen wurden
verhängt, erst von einzelnen Ländern und dann von
der EG und der UNO. Innerhalb einer Woche hatten
die Vereinigten Staaten, Großbritannien und eine Reihe
arabischer Länder den Entschluß gefaßt, Streitkräfte
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in der Region zu stationieren, um den Irak von weiteren
Aggressionen abzuhalten und Wirtschaftssanktionen
verhängt. Die NATO-Minister kamen am 10. August
zusammen und leisteten den angekündigten nationalen Maßnahmen politische Unterstützung. Wichtig ist
in diesem Zusammenhang, daß sie übereinkamen,
zusätzliche nationale Truppenkontingente zu entsenden und die Vereinigten Staaten bei ihren Stationierungen zu unterstützen. Schließlich warnten die Minister
den Irak, das Bündnis sei der territorialen Integrität der
Türkei verpflichtet, die sich mutig denjenigen angeschlossen hatte, die die Invasion Kuwaits verurteilt und
Wirtschaftssanktionen verhängt hatten.
In den folgenden fünf Monaten kam es zu einer erheblichen Streitkräftekonzentration in der Region. Fast
eine dreiviertel Millionen Männer und Frauen wurden
von der Koalition stationiert. Die Vereinigten Staaten
hatten daran einen Anteil von etwa 70 Prozent. Diese
Stationierung, die von US- und europäischen Stützpunkten ausging, wurde durch die NATO-Infrastruktur
gestützt. Ohne die Unterstützung der Verbündeten
hätte sie nicht stattfinden können. Die europäischen
Verbündeten stellten 10 Prozent aller Streitkräfte in
der Region, die Briten hatten daran den größten Anteil.
Im Dezember bedrohte der Irak in seinen Erklärungen
die Türkei. Die Reaktion des Bündnisses bestand in
der Stationierung einer Gruppe aus deutschen, belgischen und italienischen Flugzeugen in der Türkei, im
Einklang mit bestehenden NATO-Plänen. Darüber
hinaus wurden zusätzliche Luftverteidigungsraketen
einschließlich der holländischen Patriot stationiert. Wir
haben unseren Einsatz für unseren Verbündeten erneut bekräftigt. Saddams Streitkräfte haben die Türkei
nicht angegriffen.
Am 16. Januar begann die Luftoffensive der Koalition.
46 Tage später war Kuwait befreit. Dabei haben die
Ausbildung, das Gerät und die Moral der Koalitionsstreitkräfte eine entscheidende Rolle gespielt, ihre
Führer haben Weitsicht, flexible Planung und klare
Kommando- und Kommunikationsstrukturen demonstriert. Das Ergebnis stand nie in Zweifel, obwohl das
Verhältnis der Verluste des Feindes zu denen der
Koalition und der schnelle Sieg die meisten Erwartungen überstiegen.
III. Lehren für die NATO
Diese Ereignisse ziehen verschiedene Lehren nach
sich. Zunächst möchte ich fünf Lehren für die NATO
ziehen.
Erstens hat sich die NATO für ihre Mitgliedstaaten bei
dieser Situation als unschätzbares Forum für Konsultationen und Vereinbarungen erwiesen.
Seit dem 2. August und im Laufe des gesamten
Krieges haben Botschafter, Außen- und Verteidigungsminister sowie Hunderte von Militärs und Zivilisten
Einschätzungen der Lage, Optionen, nachrichtendienstAMERIKA DIENST 21

�liches Material und Pläne ausgetauscht. Diese Konsultationen waren Grundlage der nationalen und multinationalen Reaktionen, die wiederum die Arbeit im
Krieg gefördert haben. Diese Treffen in der NATO
haben gewährleistet, daß sich alle Verbündeten - nicht
nur die größten Mächte - aktiv an der Debatte über
anstehende Probleme beteiligen konnten. Ich kenne
kein anderes Forum, in dem so enge politische und
militärische Zusammenarbeit zwischen allen Verbündeten so gut ausgeführt werden könnte. Tatsächlich
ist dies ein Beweis des alten Spruchs: Wenn die NATO
noch nicht existiert hätte, hätten wir sie erfinden müssen.
Die fünfzehn Mitgliederdes ständig tagenden Verteidigungsplanungs-Ausschusses kamen regelmäßig
zusammen und trafen schwierige Entscheidungen wie
etwa im Januar die erstmalige Stationierung der mobilen
ACE-Einheit in der Türkei und mehrere Maßnahmen
zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft und Wachsamkeit.
Ständige und detaillierte militärische Konsultationen
der NATO führten zu der außergewöhnlichen bilaterlaen und bündnisweiten Unterstützung im Hinblick auf
die Bereitstellung von Logistik und Stützpunkten für die
Streitkräfte auf dem Weg zu Golf. Dazu zählten
Transport, Landerechte, Auftanken, Landtransport,
Hafenanlagen, Munitionslieferungen zwischen den
Verbündeten, Flugsicherheit, Ersatzteile, Fachwissen
zur Beseitigung von Umweltschäden und medizinische Versorgung.
Ohne die militärische Unterstützung der NATO-Verbündeten am Golf und die logistische Unterstützung
der Bündnispartner in Europa hätten die Vereinigten
Staaten und die Golf koalition nicht leisten können, was
sie erreicht haben. Der Konsultativmechanismus der
NATO, der zur Bewahrung der europäischen Sicherheit konzipiert wurde, hat sich auch in dieser Krise
außerhalb des Bündnisgebiets als tragfähig erwiesen.
Zweitens war trotz der Nichtbeteiligung des militärischen Kommandos der NATO am Golf dessen Einfluß
dort spürbar. Die militärische Koalition, die sich ausbildungsmäßig auf einen massiven Krieg in Europa vorbereitet hatte, setzte ihre Ausbildung am Golf ein.
Landstreitkräfte aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich kämpften zusammen unter
einem gemeinsamen Kommando.
Luftstreitkräfte aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Italien kämpften effektiv unter einem gemeinsamen Kommando. Marinestreitkräfte aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Kanada, Dänemark, Griechenland, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Portugal und Spanien operierten wirkungsvoll unter gemeinsamem Kommando, wobei die WEU eine koordinierende Rolle spielte.

AMERIKA DIENST

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Es war jedoch kein Zufall, daß diese Streitkräfte so gut
miteinander harmonierten. Auch konnte dies nicht
hastig organisiert werden. Jahre gemeinsamer Ausbildung, Ausrüstung, Manöver und der Entwicklung
gemeinsamer Standards und Verfahren in der NATO
haben in Friedenszeiten die effizienten und koordinierten militärischen Operationen am Golf ermöglicht.
Einige behaupten heute, daß die scheinbar ad hoc
zusammengestellte Golfkoalition ein Beweis dafür sei,
daß formelle militärische Strukturen zur Reaktion auf
Sicherheitsbedrohungen nicht notwendig seien. Wir
benötigen keine auf Dauer angelegten Strukturen und
Verfahren, so argumentieren sie, da wir diese von
heute auf morgen ins Leben rufen können. Darüber
hinaus können wir uns stets auf die Vereinigten Staaten mit ihrem hochintegrierten militärischen Kommando verlassen, wenn die Lage schwierig wird. Diese Art
des Denkens ist am häufigsten in gewissen Kreisen in
Frankreich anzutreffen, das natürlich nicht formell an
der integrierten Militärstruktur der NATO teilhat, läßt
sich aber auch andernorts finden.
Ich wei ß nicht, ob diejenigen, die den dauerhaften Wert
der integrierten militärischen Organisation der NATO
abtun, die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen kennen, die in Stroh-, Holz- und Steinhäusern
lebten. Wenn sie sie kennen, dann sicherlich die
Version, in der die Bewohner, nachdem der Wolf die
Häuser aus Stroh und Holz weggeblasen hat in das
Steinhaus entfliehen und gerettet, anstatt aufgefressen werden. Selbst bei dieser abgemilderten Version,
in der alles ein gutes Ende findet, bedürfte es einer
besonderen Art der Unlogik, um daraus die Moral
abzuleiten, daß das Steinhaus, weil es groß und
flexibel genug war, um zusätzliche Bewohner aufzunehmen, ebenso gut auch aus Stroh hätte gebaut sein
können.
Die integrierte militärische Struktur ist das Steinhaus
des Bündnisses. Wir müssen es im voraus bauen und
unterhalten, wenn wir seine politischen und militärischen Vorzüge genießen möchten. Eine wichtige
Lehre des Golfkriegs ist, daß selbst ohne Einschaltung
der NATO an sich die Erfahrung der Kooperation ein
unerläßliches Element für unseren Erfolg bei der
Zusammenarbeit außerhalb des Vertragsgebiets der
NATO ist. Das Steinhaus - die integrierte Struktur der
NATO - hat uns am Golf gute Dienste geleistet und
neue Bewohner aufgenommen, weil es bereits existierte.
Drittens gründet sich die Verteidigungsstrategie der
NATO für Europa seit langem auf Abschreckung.
Abschreckung ist unseres Erachtens das Produkt aus
zwei Komponenten: militärischer Fähigkeit und des
Willens, sie notfalls gegen einen Aggressor einzusetzen. Militärische Fähigkeit ist ohne den Willen zu
deren Einsatz kein Abschreckungsmittel. Dasselbe
gilt für einen starken Willen ohne militärische Fähigkeit.
Seite 3

�Saddam wurde am 2. August 1990 nicht abgeschreckt.
Kuwait hatte vielleicht den Willen zum Widerstand,
aber nicht die Fähigkeit. Nachdem jedoch sowohl der
Wille als auch die Fähigkeit unter Beweis gestellt
waren, wurde Saddam von einem Angriff auf SaudiArabien abgeschreckt.
Artikel V des NATO-Vertrags sowie die Stationierung
der luftgestützten Mobilen Einsatzstreitmacht (ACE)
bekräftigten diese Abschreckung, und Saddam hat es
nie gewagt, die Türkei anzugreifen. Für die Türkei
ebenso wie für andere Mitgliedstaaten dieses starken
und völlig unzweideutigen Bündnisses hat die NATO
funktioniert.
Offene Bündnisse als Ausdruck politischen Willens,
der von militärischen Fähigkeiten unterstrichen wird,
können Aggressionen abschrecken und tun dies auch.
Wir sollten uns dessen erinnern.
Es gibt jedoch noch eine vierte Lehre, die wir zusammen mit der im Hinblick auf Abschreckung beherzigen
müssen: Obwohl wie im Falle der Türkei der Wille und
militärische Fähigkeiten bisweilen Aggression abschrekken, gilt dies in anderen Fällen, wie etwa bei den ScudAngriffen Saddams auf Israel, nicht. Deshalb benötigen wir Verteidigungssysteme, nicht nur ein Offensivpotential. Im Falle Israels ließ sich Saddam von der
Aussicht auf Vergeltung ganz und gar nicht abschrekken, sondern dies war genau das, was er wollte - Israel
in diesen Krieg zu verwickeln, um die Koalition zu
sprengen. Verteidigungssysteme - in diesem Fall die
Patriot-Raketen - wurden benötigt, um Israel zu schützen. Wenn wir die Lehren aus diesem Krieg ziehen,
sollten wir alle nach Abschreckung und Verteidigung
Ausschau halten.
Eine letzte Lehre aus diesem Krieg für die NATO
bezieht sich auf unsere Waffenbeschaffungsprogramme. Wir haben uns zu Recht auf den Ankauf der
modernsten Waffen für unsere Streitkräfte konzentriert, und wir sollten dies weiterhin tun. Diese Waffen
haben ihre Wirksamkeit gegen den Feind bewiesen
und das Leben unserer Soldaten gerettet. Angesichts
der Kosten müssen wir diese Waffen selbstverständlich mit Sorgfalt ankaufen. Gemeinsame ForschungsEntwicklungs- und Produktionsprogramme sollten
eingesetzt werden, um die Kosten durch Teilung zwischen den Verbündeten zu reduzieren.
IV. Gezogene Lehren: Europäische Institutionen
Der Golfkrieg hat uns auch einige Lehren über die
europäischen Sicherheitsinstitutionen vermittelt.
Erstens politisch: Seit letzten August wurde seitens
der Europäer Unzufriedenheit über die Mechanismen
laut, derer sich Europa bei seiner Reaktion auf die
Ereignisse am Golf bediente. Es überrascht nicht, daß
sich die Debatte über die europäische Außen- und
Sicherheitspolitik beschleunigt hat und mehrere konkretere Vorschläge sowohl bei der zwischenstaatliSeite 4

chen Konferenz zur politischen Union als auch bei der
Westeuropäischen Union hervorbrachte.
Europa sollte in der Tat zu einer gemeinsamen Außenund Sicherheitspolitik finden, da es damit in die Lage
versetzt würde, eine effektivere Rolle bei der Aufrechterhaltung der Weltsicherheit zu spielen. Damit betone
ich übrigens ziemlich offen die Vorteile für die Welt
insgesamt. Allzu häufig wird eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik primär als Unterstützung der europäischen Position und Lösung für
Europas innere Probleme betrachtet. Man sollte sich
daran erinnern, daß die Europäische Gemeinschaft in
jüngster Zeit in guter Verfassung war, bevor diese
Bemühungen eingeleitet wurden. Die 40jährige Geschichte der Gemeinschaft ist selbst ohne die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die zur Zeit
entwickelte politische Union eine Geschichte von Sicherheit und Wohlstand. Nicht Europa hat stark unter
dem Fehlen einer gemeinsamen Au ßenpolitik gelitten,
sondern der Rest der Welt. Die übrige Welt braucht ein
stärkeres und vereinteres Europa, um zur Lösung
vieler uns bedrängender weltweiter Probleme beizutragen. Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die
Vereinigten Staaten die Entwicklung eines solchen
vereinten, verantwortungsbewußten und nach außen
gerichteten Europas in allen Bereichen begrüßen würden.
Wir haben darüber hinaus einige militärische Lektionen gelernt: Aus verschiedenen Gründen hat die
NATO als Institution keine unmittelbare Rolle am Golf
gespielt, sondern nur bei der Verteidigung der Türkei.
Dies wird wahrscheinlich auch in Zukunft der Fall sein.
Wenn die NATO nicht außerhalb Europas zum Einsatz
kommen soll, dann müssen die Europäer die politische
und militärische Fähigkeit entwickeln, ihre Interessen
außerhalb des Bündnisgebiets auf andere Weise zu
verteidigen.
Aber die WEU repräsentiert nicht ganz Europa. Tatsächlich betraf die größte militärische Herausforderung Europas während der Golfkrise einen europäischen Verbündeten - die Türkei -, der weder zur WEU
noch zur EG gehört. Im Hinblick auf den zukünftigen
europäischen Beitrag zur Sicherheit des Westens wird
es wichtig sein, sich daran zu erinnern, daß zu Europa
zahlreiche Länder gehören, die nicht Mitglied dieser
Organisationen sind. Es wird wichtig sein, wesentliche
Verbündete nicht im Namen der institutionellen Entwicklung von unseren sicherheitspolitischen Beratungen auszuschließen. Die Aufgabe der Verteidigung ist
zu wichtig, um dies zuzulassen.
Wenn die europäischen Staaten ihre eigenen Strukturen verfolgen, sollte eine der am Golf gelernten Lektionen im Gedächtnis haften bleiben: der große militärische Nutzen eines einheitlichen Kommandos, miteinander harmonierender Ausrüstung, gemeinsamer
Ausbildung, gemeinsamer Kommunikationssysteme
und gemeinsamer operativer Verfahren. Bei der Entwicklung einer europäischen Streitmacht sollte den

AMERIKA DIENST 21

�Mechanismen zur Sicherstellung dieser gemeinsamen Punkte das gebührende Augenmerk geschenkt
werden. Diese Arrangements sollten Integration und
Effektivität des atlantischen Bündnisses stärken, das
auch deshalb auf sie angewiesen ist, um die Sicherheit
Europas selbst zu gewährleisten.

einen Angriff auf Mitgliedstaaten abschreckt.
Zu den neuen Lehren, die wir aus dem Krieg gezogen
haben, gehörten
die Erwünschtheit einer strafferen Entscheidungsfindung zwischen den europäischen Staaten,
um auf Krisen an der Peripherie des NATOGebiets zu reagieren und

Dies könnte für Europa und die Vereinigten Staaten
der beste Weg sein, um die militärische Unterstützung
bei künftigen Eventualfällen außerhalb des NATOGebiets ebenso zu koordinieren, wie dies vier Jahrzehnte lang innerhalb des NATO-Gebiets getan wurde.
V. Zusammenfassung
Insgesamt hat der Golf krieg nicht nur die Gültigkeit des
Ansatzes der NATO zur europäischen Sicherheit
bewiesen, sondern er hat uns ferner einige Lehren zur
Bewältigung des Wandels vermittelt, da alte Bedrohungen neuen Herausforderungen weichen.
Der Krieg hat gezeigt, daß die NATO
als unschätzbares Forum politischer Konsultationen dient,
entscheidende logistische Unterstützung und
gemeinsame operative Verfahren liefert und

*

AMERIKA DIENST 21

*

die Notwendigkeit einer integrierten europäischen Streitmacht für mögliche Einsätze au ßerhalb des Bündnisgebiets an der Seite amerikanischer Streitkräfte.
Sicherlich obliegt es den Europäern, die Institutionen
zu diskutieren und entwickeln, über die eine europäische Sicherheitsidentität zum Ausdruck kommt. Bei
diesem Unterfangen werden Sie unsere starke Unterstützung haben - soweit die NATO prinzipiell Ort der
Konsultation und Forum zur Entscheidungsfindung für
Maßnahmen bleibt, die die Sicherheit und Verteidigungsverpflichtungen ihrer Mitglieder gemäß dem
Nordatlantikvertrag betreffen.
Auf diese Weise kann die europäische Sicherheit, in
der Tat die transatlantische und Weltsicherheit, bis ins
21. Jahrhundert hinein gesichert werden.

*

*

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�CHEMISCHE

WAFFEN
29. Mai 1991

BUSHS CHEMIEWAFFENINITIATIVE BESCHLEUNIGT
GENFER GESPRÄCHE
ACDA-Direktor Lehman vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - Dem Leiter des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (ACDA), Ronald Lehman,
zufolge werden die neuen Vorschläge von Präsident Bush "die Verhandlungen über ein multilaterales Verbot
chemischer Waffen beschleunigen, die zur Zeit im Rahmen der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) stattfinden".
Vor dem Auswärtigen Ausschuß des Senats bezeichnete Lehman am 22. Mai 1991 die Verwirklichung "eines
effektiven, weltweiten Verbots chemischer Waffen so bald wie möglich" als das Ziel des Präsidenten.
Im Hinblick auf die bilateralen amerikanisch-sowjetischen Gespräche über chemische Waffen stellte Lehman
fest: "Ein multilaterales Chemiewaffenverbot kann nicht verwirklicht werden, wenn die Vereinigten Staaten und
die Sowjetunion nicht eng zusammenarbeiten." Darüber hinaus erklärte er, die amerikanische Regierung werde
das im vergangenen Juni unterzeichnete amerikanisch-sowjetische Protokoll nicht dem Kongreß zur Zustimmung vorlegen "bis wir davon überzeugt sind, daß die Sowjetunion die Schwierigkeiten mit ihrem Programm zur
Zerstörung chemischer Waffen gelöst hat".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Stellungnahme Lehmans vor dem Auswärtigen Senatsausschuß im
Wortlaut.

Ich begrüße diese Gelegenheit, heute vor diesem
Ausschuß die Bemühungen der Vereinigten Staaten
für die Beseitigung der Bedrohung chemischer Kriegführung darzulegen. Ich freue mich, feststellen zu
können, daß dies ein gemeinsames Ziel der Regierung
und des Kongresses ist.
Am 13. Mai 1991 verkündete Präsident Bush eine
Reihe neuer Maßnahmen, die von den Vereinigten
Staaten ergriffen werden, um die Verhandlungen über
ein multilaterales Verbot chemischer Waffen zu beschleunigen, die zur Zeit im Rahmen der Genfer Abrüstungskonferenz (CD) stattfinden. Sein Ziel ist die
Verwirklichung eines effektiven, weltweiten Verbots
chemischer Waffen so bald wie möglich. Um dieses
Zieles willen hat der Präsident gefordert, die Konvention innerhalb von zwölf Monaten zu vollenden und die
Konferenz ohne Unterbrechung tagen zu lassen, um
dies zu erreichen.
Um das Engagement der Vereinigten Staaten für das
Verbot chemischer Waffen zu unterstreichen und dazu
beizutragen, keinem Land einen Vorwand zum Erwerb
oder zur Beibehaltung chemischer Waffen zu liefern,

AMERIKA DIENST 21

werden die Vereinigten Staaten mit Inkrafttreten der
Konvention formell dem Einsatz chemischer Waffen
aus jedwedem Grund, einschließlich Vergeltung, gegen
irgendeinen Staat entsagen. Wir werden vorschlagen,
daß sich alle anderen Staaten dem anschließen.
Daneben werden sich die Vereinigten Staaten bedingungslos zur Zerstörung ihrer gesamten Chemiewaffenarsenale innerhalb von zehn Jahren nach Inkrafttreten verpflichten und vorschlagen, daß alle anderen
Staaten dasselbe tun. Wir werden anderen Staaten
technische Hilfe zur Verfügung stellen, um ihnen zu
ermöglichen, dies effizient und sicher zu bewerkstelligen.
Um denjenigen Staaten, die der Konvention beitreten,
greifbare Vorteile zu bieten und diejenigen, die nicht zu
ihrer Unterstützung bereit sind, einschneidenden Strafen zu unterwerfen, schlagen die Vereinigten Staaten
vor, daß sich alle Parteien der Konvention verpflichten,
den Staaten, die sich der Konvention nicht innerhalb
eines angemessenen Zeitraums nach Inkrafttreten
anschließen, keinerlei Material zu liefern, das für die
Herstellung chemischer Waffen verwendet werden
könnte. Die Vereinigten Staaten bekräftigen ihre Hal-

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�tung, daß gegen Staaten, die die Konvention über
chemische Waffen verletzen, Sanktionen verhängt
werden sollten und daß sie selbst als Reaktion gegen
Verletzungen der Konvention, insbesondere den Einsatz chemischer Waffen, Sanktionen verhängen werden. Die Vereinigten Staaten werden darüber hinaus
neue Verifizierungsmaßnahmen für die Inspektion von
Orten vorschlagen, an denen die Herstellung oder
Lagerung chemischer Waffen vermutet wird.
Die neue Initiative des Präsidenten ist ein weiterer
Beweis seiner anhaltend energischen persönlichen
Bemühungen zur Erlangung eines multilateralen Abkommens, das chemische Waffen verbietet. Als Vizepräsident legte er im Jahr 1984 vor der Genfer Abrüstungskonferenz den Entwurf einer Konvention über
chemische Waffen vor, der die Führungsrolle der
Vereinigten Staaten in diesen Verhandlungen begründete. Gemeinsam mit den darauf folgenden amerikanischen Vorschlägen bildete dieser Vertragsentwurf
den Schwerpunkt der Gespräche. Er findet in dem
gegenwärtig umlaufenden Vertragsentwurf, der in Genf
weiter ausgearbeitet wird, seinen Niederschlag.
In den nächsten Monaten gedenken wir weiterhin eine
führende Rolle bei der Erstellung tragfähiger Lösungen der noch ausstehenden Probleme in den Verhandlungen zu spielen. Wir erwarten, daß andere ebenfalls
ihre Bereitschaft zeigen, um die Meinungsverschiedenheiten zu überwinden, mit denen sich die Verhandlungsführer in der Vergangenheit plagen mußten.
Die Einigung über Verifizierung bleibt ein zentraler
Streitpunkt, insbesondere die Übereinkunft zu den
Vorschriften für die Untersuchung vermuteter Vertragsverletzungen. Eine Reihe von Ansätzen für Adhoc-Inspektionen wurden bereits erörtert. Die Gespräche konzentrierten sich auf einen geregelten Zugang
zu vermuteten Standorten. Da es abweichende Ansichten über den Grad des Zugangs gab, waren wir
bestrebt, die Notwendigkeit des Zugangs zur Verifizierung mit der Notwendigkeit des Schutzes sicherheitsempfindlicher nationaler Maßnahmen in Einklang zu
bringen, die nicht mit chemischen Waffen zusammenhängen. Wir engagieren uns weiterhin für ein fundiertes Verifikationsregime, und wir haben uns energisch
dafür eingesetzt, ein befriedigendes Gleichgewicht
zwischen Zugang und Schutz nationaler Sicherheitsinteressen herzustellen.
Unsere bilateralen Gespräche mit der Sowjetunion
sind wichtiger Bestandteil der amerikanischen Bemühungen zur Erlangung eines multilateralen Abkommens über das Verbot chemischer Waffen. Mit diesen
Gesprächen sollen die multilateralen Verhandlungen
über ein Verbot chemischer Waffen gefördert, nicht
ersetzt werden. Ich gehe vielmehr davon aus, daß ein
multilaterales Chemiewaffenverbot nicht verwirklicht
werden kann, wenn die Vereinigten Staaten und die
Sowjetunion nicht eng zusammenarbeiten. Wie Sie
wissen, ist der Leiter der sowjetischen Delegation bei

Seite 2

der Genfer Abrüstungskonferenz, Botschafter Sergej
Batsanow, dieses Jahr auch Vorsitzender des multilateralen Verhandlungsausschusses. Es gibt dieses
Jahr also noch mehr Gründe, eng mit der sowjetischen
Delegation zusammenzuarbeiten. Wir haben ihn unserer
Unterstützung und Zusammenarbeit im Hinblick auf
die angestrebte rasche Vollendung einer Konvention
versichert, die wirksam sein und die Sicherheit der
Vereinigten Staaten und anderer Parteien verbessern
wird.
Wir arbeiten mit der Sowjetunion bei einer Reihe von
Problemen zusammen.
Im September 1989 haben die Vereinigten Staaten
und die Sowjetunion eine Regierungsvereinbarung
unterzeichnet, um mehrOffenheit über die Fähigkeiten
zur Herstellung chemischer Waffen beider Seiten zu
erzielen und praktische Erfahrungen zu gewinnen, mit
denen die Durchführung eines multilateralen Verbots
erleichtert werden kann. Im Rahmen dieser Vereinbarung haben beide Seiten allgemeine Informationen
über ihre C-Waffenarsenale und Produktionsstätten
ausgetauscht und sich gegenseitig Besuche in wichtigen Fabriken und Militäreinrichtungen abgestattet. Zu
einem späteren Zeitpunkt werden beide Seiten detaillierte Informationen über ihre Arsenale austauschen
und Inspektionen in bekannten und bisher unbekannten Eirichtungen durchführen. Ich sollte darauf hinweisen, daß die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten
sich gegenseitig im Zeitraum vor und nach der Unterzeichnung der multilateralen C-Waffenkonvention eine
Reihe von 10 Ad hoc-Inspektionen genehmigt haben.
Dabei wurde der Ratifizierungsprozeß beider Länder
berücksichtigt und auf mögliche Anliegen eingegangen.
Im Juni 1990 haben die Präsidenten Bush und Gorbatschow ein bilaterales Abkommen unterzeichnet, das
einen wichtigen Schritt in Richtung auf ein Verbot
chemischer Waffen darstellt. Beide Seiten fordern die
Einstellung der Produktion chemischer Waffen und
den Beginn der Vernichtung von Arsenalen. Sie kamen
überein, diese beiden Schlüsselbedingungen des
multilateralen Verbots noch vor seinem Inkrafttreten
durchzuführen.
Seit letzten Sommer arbeiten beide Seiten an detaillierten Verfahrensweisen zur Durchführung des bilateralen Abkommens vom Juni 1990. Die Sowjetunion
hatte Schwierigkeiten bei der Entwicklung eines zustimmungsfähigen Programms zur Vernichtung.
Deshalb konnte sie ihren Unterhändlern nicht die erforderlichen Instruktionen erteilen, mit denen wir das
Protokoll hätten abschließen können.
Die Schwierigkeiten beim sowjetischen C-WaffenVernichtungsprogramm haben ernste Besorgnis über
die Fähigkeit der Sowjetunion aufkommen lassen,
gemäß dem bilateralen Abkommen bis zum 31. Dezember 1992 mit der Vernichtung zu beginnen. Wir

AMERIKA DIENST 21

�haben klargestellt, daß wir uns nicht mit symbolischen
Handlungen begnügen werden - die Bestrebungen zur
Vernichtung müssen ernsthaft eingeleitet werden.
Darüber hinaus haben wir unsere Bereitschaft dokumentiert, unsere Erfahrung und unser Know-how zur
Verfügung zu stellen.
Unseres Wissen nach hat Präsident Gorbatschow die
zuständigen Ministerien angewiesen, einen überarbeiteten Vernichtungsplan zu erarbeiten, der die Einlassungen des Obersten Sowjet ebenso berücksichtigt
wie die praktischen Schwierigkeiten, die sich ergeben
haben. Der Plan soll im Mai abgeschlossen und dem
Obersten Sowjet im Juni vorgelegt werden. Der Inhalt
des überarbeiteten Programms ist uns noch nicht
bekannt.
Die Verzögerung bei der Fertigstellung des Protokolls
für das Abkommen vom Juni 1990 hat natürlich die
Unterbreitung des Abkommens im Kongre ß für dessen
Zustimmung verzögert. Zu diesem Zeitpunkt kann ich
nicht vorhersagen, wann wir dazu in der Lage sein
werden. Ich möchte Ihnen versichern, daß wir das
Abkommen nicht unterbreiten werden, bis wir sicher
sein können, daß die Sowjetunion die Schwierigkeiten
mit ihrem C-Waffen-Vernichtungsprogramm gelöst hat
und es guten Grund zu der Annahme gibt, daß die
Bestimmungen des Abkommens von beiden Seiten
erfüllt werden können. Das bilaterale Abkommen hat
jedoch eine wichtige Rolle gespielt, indem es der
Sowjetunion die Notwendigkeit vor Augen geführt hat,
im Hinblick auf ein für die multilaterale C-Waffenkonvention erforderliches Vernichtungsprogramm schnell
zu handeln.
Das Abkommen von Juni 1990 verpflichtet beide Seiten, versuchsweise Ad hoc-Inspektionen durchzuführen. Obwohl die Arbeit am Protokoll Priorität hatte,

*

AMERIKA DIENST 21

*

haben beide Seiten fruchtbare Vorgespräche über
Modalitäten zur Ausführung dieser versuchsweisen
Ad hoc-Inspektionen geführt. Solche Modalitäten
müssen natürlich auf einem gemeinsamen Ansatz für
Ad hoc-Inspektionen basieren. Ich erwarte, daß sich
die Arbeit an einem gemeinsamen Ansatz im Hinblick
auf die baldmöglichste Vervollständigung der Modalitäten während der nächsten bilateralen Runde intensivieren wird. Selbstredend ist die Lösung von Differenzen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten
Staaten über Ad hoc-lnspektionen auch entscheidend
für Fortschritte bei den multilateralen Verhandlungen.
Zum Schluß möchte ich das Engagement der Regierung bekräftigen, sobald wie möglich ein umfassendes, weltweites Verbot chemischer Waffen zu erzielen. Wir sehen der engen Zusammenarbeit mit dem
Kongreß entgegen, um dieses wichtige Ziel zu erreichen.
Die mit der jüngsten Initiative des Präsidenten vorgelegten Vorschläge sollen die Sackgasse bei wichtigen
Fragen überwinden und einzelnen Ländern Anreize
schaffen, der Konvention beizutreten. Wir versuchen,
die Dringlichkeit zu betonen, indem wir einen Termin
für die Endfassung der Konvention setzen und anhaltende Verhandlungen fordern.
Allein können wir keine Konvention erreichen. Wir sind
nur einer der 39 offiziellen Verhandlungspartner. Der
Abschluß der Konvention wird die Zusammenarbeit
und den Einsatz der Beobachterländer bei der Abrüstungskonferenz und anderer Länder fordern. Auf sie
schauen wir, damit sie uns in einer letzten Anstrengung zum Abschluß der Konvention unterstützen und
damit gewährleisten helfen, daß künftige Generationen nicht mit dem Gespenst der chemischen Kriegführung leben müssen.

*

*

Seite 3

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U.S. Information Service
Embassy of the United States ot America

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5. Juni 1991

22

NAHER OSTEN

DIE RUSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
FÜR DEN NAHEN OSTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses

KSE

BUSH WÜRDIGT
AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
ÜBEREINKUNFT BEI KSE
Rede des Präsidenten in West Point

BILDUNGSWESEN

IM VERGLEICH: WEITERFUHRENDE
SCHULEN IN EUROPA UND AMERIKA
von Edward M. White und Rüdiger Ahrens

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�NAHER

OSTEN
5. Juni 1991

DIE RÜSTUNGSKONTROLLINITIATIVE
FÜR DEN NAHEN OSTEN
Eine Übersicht des Weißen Hauses
Die folgende Übersicht zu den Initiativen Präsident Bushs für die Rüstungskontrolle im Nahen Osten wurde am
29. Mai 1991 vom Weißen Haus veröffentlicht.

Um das in seiner Rede vor beiden Häusern des Kongresses am 6. März 1991 gegebene Versprechen
einzulösen, hat der Präsident heute eine Reihe von
Vorschlägen verkündet, mit denen der Verbreitung
nuklearer, chemischer und biologischer Waffen sowie
der dazugehörigen Trägersysteme im Nahen Osten
Einhalt geboten werden soll. Diese Vorschläge zielen

darüber hinaus auf die Eindämmung des destabilisierenden konventionellen Rüstungswettlaufs in der Region
ab.
Die Vorschläge würden den gesamten Nahen Osten,
insbesondere Irak, Iran, Libyen, Syrien, Ägypten, Libanon, Israel, Jordanien, Saudi-Arabien sowiedie Maghreb-Staaten und die Mitglieder des Golf-Kooperationsrates umfassen. In ihnen finden unsere Konsultationen mit Verbündeten, Regierungen in der Region und
wichtigen Lieferanten von Waffen und Technologie
ihren Niederschlag.
Die Unterstützung von Waffenexporteuren und -Importeuren wird für den Erfolg der Initiative unerläßlich
sein. Da die Weiterverbreitung ein weltweites Problem
ist, muß dafür eine weltweit gültige Lösung gefunden
werden. Gleichzeitig bietet die gegenwärtige Lage im
Nahen Osten einmalige Gefahren und Chancen. Aus
diesem Grund konzentriert sich der Vorschlag des
Präsidenten auf den Nahen Osten als Ausgangspunkt.
Er ergänzt darüber hinaus andere Initiativen, insbesondere die von den Premierministem John Major und
Brian Mulroney eingeleiteten. Der Vorschlag umfaßt
folgende Elemente:
Zurückhaltung der Lieferstaaten
Die Initiative fordert die wichtigsten fünf Lieferstaaten
für konventionelle Waffen auf, sich in naher Zukunft
AMERIKA DIENST 22

auf hoher Ebene zu treffen, um über die Erstellung von
Richtlinien zur Eindämmung destabilisierender Lieferungen von konventionellen Waffen sowie Massenvernichtungswaffen und ihrer Technologie zu sprechen.
Frankreich hat sich bereiterklärt, das erste Treffen
dieser Art zu veranstalten. (Großbritannien, Frankreich, die Sowjetunion, China und die Vereinigten
Staaten waren im vergangenen Jahrzehnt die Hauptlieferanten konventioneller Waffen für den Nahen Osten.)
Gleichzeitig werden diese Richtlinien es den Staaten in
der Region gestatten, die von ihnen berechtigterweise
zur Abschreckung und Verteidigung gegen militärische Aggression benötigten konventionellen Fähigkeiten zu erwerben.
Diese Gespräche werden erweitert, um auch andere
Lieferanten einzuschließen und damit eine Zusammenarbeit auf möglichst breiter Basis herzustellen.
Das im Juli 1991 stattfindende Londoner Gipfeltreffen
der G-7 wird eine frühzeitige Gelegenheit bieten, andere
Regierungen in diesen Prozeß einzubinden.
Um diese Regelungen zu verwirklichen, würden sich
die Lieferanten zu folgenden Maßnahmen verpflichten:
1. Achtung eines allgemeinen Verhaltenskodex
für verantwortungsbewu ßte Waffenlieferungen.
2. Vermeidung destabilisierender Lieferungen.
3. Aufstellung effektiver eigener Exportkontrollen zu Endverbleib von Waffen oder anderen gelieferten Ausrüstungskomponenten.
Die Richtlinien werden einen Mechanismus für Konsultationen zwischen den Lieferanten umfassen. Letztere würden
Seite 1

�weiterhin die mögliche Schaffung einer atomwaffenfreien Zone in der Region zu unterstützen.

1. Einander im voraus über gewisse Waffenverkäufe informieren.
2. Regelmäßig zusammentreffen, um über
Waffenlieferungen zu beraten.

Chemische Waffen

3. Einander ad hoc konsultieren, wenn ein Lieferant der Meinung ist, die Richtlinien würden
nicht beachtet.

Der Vorschlag wird auf der jüngsten Initiative des
Präsidenten aufbauen, baldmöglichst eine weltweite
C-Waffenkonvention abzuschließen.

4. Untereinander Jahresberichte über Waffenlieferungen austauschen.

Die Initiative fordert alle Länder in der Region
auf, sich dafür einzusetzen, daß sie sofort der
Konvention beitreten.

Raketen

Angesichts der Vorgeschichte des Besitzes und
der Nutzung chemischer Waffen in der Region
fordert die Initiative die Länder dort auf, vertrauensbildende Maßnahmen zu verhängen, indem
sie sich für die Durchführung angemessener
Bestimmungen der C-Waffenkonvention noch
vor Unterzeichnung einsetzt.

Die Initiative schlägt ein Einfrieren der Beschaffung,
Produktion und Erprobung von Boden-Boden-Raketen durch die Staaten der Region vor. Endziel sollte
dabei die Beseitigung solcher Raketen aus ihren Arsenalen sein.
Lieferanten würden darüber hinaus Bestrebungen zur
Koordinierung von Exportlizenzen für Maschinen,
Technologie und Dienstleistungen verstärken, mit denen
Boden-Boden-Raketen hergestellt werden könnten.
Exportlizenzen würden nur für die Nutzung zu friedlichen Zwecken erteilt.

Biologische Waffen
Ebenso wie der Ansatz zur Kontrolle von C-Waffen
bauen auch diese Vorschläge auf einem bestehenden
weltweiten Ansatz auf. Die Initiative würde
eine Stärkung der Konvention über biologische
Waffen (BWC) von 1972 fordern, und zwar
durch vollständige Durchführung bestehender
BWC-Bestimmungen und einen verbesserten
Mechanismus zum Informationsaustausch. Diese
Maßnahmen werden bei der Fünf-Jahres-Folgekonferenz der Konvention im September
dieses Jahres angesprochen werden.

Nuklearwaffen
Die Initiative baut auf bestehenden Institutionen auf
und konzentriert sich auf Aktivitäten, die direkt mit der
Fähigkeit zur Herstellung von Nuklearwaffen zu tun
haben. Die Initiative würde:
Staaten in der Region auffordern, ein verifizierbares Verbot für Herstellung und Erwerb von
spaltbarem Material (angereichertem Uran oder
geschiedenem Plutonium) zur Herstellung von
Waffen zu erlassen,
unseren Aufruf an alle Länder in der Region
wiederholen, die das noch nicht getan haben,
dem Nichtverbreitungsvertrag beizutreten,
unseren Aufruf wiederholen, alle Atomkraftwerke in der Region den Sicherheitsbestimmungen
der Internationalen Atomenergie-Organisation
(IAEO) zu unterwerfen, und

Länder in der Region auffordern, vertrauensbildende Maßnahmen über biologische Waffen zu
verabschieden.
Diese Initiative vervollständigt unsere kontinuierliche
Unterstützung für die Fortsetzung des Embargos vom
UN-Sicherheitsrat über Waffenlieferungen an den Irak
ebenso wie die Bestrebungen der UN-Sonderkommission zur Beseitigung der noch bestehenden Fähigkeiten des Irak zum Einsatz oder zur Herstellung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen und ihrer
Trägerraketen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 22

�KSE
5. Juni 1991

BUSH WÜRDIGT AMERIKANISCH-SOWJETISCHE
ÜBEREINKUNFT BEI KSE
Rede des Präsidenten in West Point
WEST POINT (NEW YORK) - (AD) - Präsident Bush zufolge hat die amerikanisch-sowjetische Übereinkunft zu
Fragen der konventionellen Abrüstung in Europa (KSE) den Weg "für einen wichtigen Schritt zu einem Gipfel der
Supermächte freigemacht". Dies sei wichtig für den Weltfrieden, erklärte der Präsident am 1. Juni 1991 in einer
Ansprache bei der US-Militärakademie in West Point.
Dabei beglückwünschte der Präsident die Außenminister Baker und Bessmertnych für ihren Beitrag zur Lösung
bilateraler Meinungsverschiedenheiten bei ihren Gesprächen über den KSE-Vertrag in Lissabon.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in West Point in wesentlichen Auszügen.

Bevor ich mich nun an den Abschlußjahrgang wende,
möchte ich eine Ankündigung machen, die für Sie alle
hier und für alle Menschen auf der Welt von Interesse
ist. Vor wenigen Stunden haben die Vereinigten
Staaten und die Sowjetunion ihre Meinungsverschiedenheiten im Hinblick auf den KSE-Vertrag beigelegt
und damit den Weg für einen wichtigen Schritt zu
einem Gipfel der Supermächte freigemacht. Ich beglückwünsche unseren Außenminister, den Außenminister der Sowjetunion und alle Beteiligten. Dies ist
wichtig für den Weltfrieden, und ich freue mich, diese
Ankündigung gerade hier in West Point machen zu
können.
Wie Sie wissen, treffen wir an diesem Morgen nicht als
Mitglieder gegnerischer Mannschaften zusammen,
sondern als ein Volk, das Amerikaner genannt wird.
Amerikaner, die wissen, daß - wie das Ehrenmal in
Pearl Harbor oder die Kapelle an der Luftwaffenakademie, deren Silhouette zum Himmel strebt - dieser
Boden hier in West Point unsere tiefsten Werte und
Prinzipien verkörpert.
Schauen Sie sich um - die majestätische Kapelle der
Kadetten, die vier Statuen in der Messe, auf einem
Boden, der von Generationen militärischer Helden
geehrt wurde. Militärisch und kulturell, moralisch und
geistig ist West Point stets eine Metapher für den
amerikanischen Charakter gewesen.
Der amerikanische Charakter hat Generationen von
Einwanderern inspiriert, die Wildnis zurückzudrängen,
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Siedlungen zu gründen und die Unabhängigkeit zu
sichern. Eine Generation hat die Union bewahrt. Eine
andere kämpfte "den Krieg, der alle Kriege beenden
sollte". Die Generation Ihrer Eltern und Großeltern
zeigte, daß der Eiserne Vorhang die Werte und Hoffnungen sowie das Beispiel Amerikas nicht aufhalten
konnte.
Heute möchte ich über den amerikanischen Charakter
sprechen sowie darüber, wie wir unser Land zur größten Nation der Welt machen. Dieser Charakter umfaßt
viele Elemente, von denen das wichtigste unsere
Treue zur Freiheit ist. Die Liebe zur Freiheit treibt
unseren nationalen Herzschlag. Und hier möchte ich
einfügen, daß dieser Herzschlag regelmäßig geht und
nicht flimmert. Ein zentraler Grundsatz dieser Treue die Religionsfreiheit - schafft einen besonderen Platz
für Werte, Moral, Überzeugungen und Anliegen, die
größer sind als wir.
Unser Charakter sprüht vor Selbstsicherheit und Kreativität - zwei Qualitäten, die uns von den Zeichenbrettern von heute zu den Startrampen von morgen bringen. In der Tat stammen bis heute die einzigen
Fußspuren auf dem Mond von Amerikanern, und die
einzige Flagge dort ist das Sternenbanner.
Schließlich definieren wir unseren Charakter durch
den Dienst, den wir an anderen tun, indem wir Verantwortung für das Wohlergehen unserer Heimat, unserer
Familien und Gemeinden übernehmen. Wir müssen

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�denen dienen, für die der amerikanische Traum immer
noch als unmöglicher Traum erscheint.
Sie in West Point haben dem Rest der Nation ein
Beispiel gegeben. Hier messen die Menschen einander im Hinblick auf Verdienste, Herz und Willen - nicht
an Glauben, Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft.
Schauen Sie nach links oder nach rechts, was sehen
Sie dort? Menschen, die durch Rasse oder Religion
getrenntsind? Nein. Sie sehen Ihre Freunde-und Ihre
Zukunft. Unsere Streitkräfte haben gezeigt, was
Amerikaner leisten können, wenn sie selbst nicht als
wei ß, schwarz, rot oder braun betrachten, sondern als
ein für ein gemeinsames Ziel vereintes Volk- indem sie
einander unterstützen, einander beistehen und sich
auf einander verlassen - und damit ihre Aufgabe erledigen.
Vor über drei Jahrzehnten hat die Bürgerrechtsbewegung eine Nation umgestaltet, indem sie an diesen
amerikanischen Charakter appellierte. Sie forderte die
Menschen auf, für ein gemeinsames Anliegen gegen
das Böse einander die Hand zu reichen, um eine
Gesellschaft aufzubauen, die auf allgemeinem Anstand und gegenseitigem Respekt gegründet ist. Martin
Luther King träumte von einem Amerika, in dem eines
Tages unsere Kinder - ich zitiere - "nicht nach ihrer
Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt
werden". In der Armee, ebenso wie hier in West Point,
ist jener Tag eingetreten.
Wie der Vorsitzende Oberste Bundesrichter Earl Warren
in der Begründung des Urteils im Fall Brown gegen die
Schulbehörde schrieb: "Der Weg zum Fortschritt für
die Opfer vergangener Diskriminierung besteht in gleicher
und hervorragender Ausbildung." In den Jahren, seit
die Armee zu einer Streitmacht von Freiwilligen wurde,
hat sie gleiche und hervorragende Ausbildung geboten. Als Ergebnis besitzen wir das bestausgebildete
Militär unserer Geschichte. Der Prozentsatz der
Angehörigen von Minderheiten in unseren Streitkräften hat sich nahezu verdoppelt - ebenso wie die Zahl
der Unteroffiziere, die Minderheiten angehören. Die
Zahl der Offiziere aus Minderheiten hat sich fast verdreifacht.
Sie mögen sich daran erinnern, daß zu Beginn des
Golfkriegs - denken Sie zurück - einige sich darüber
beschwerten, wir hätten zuviele Angehörige von Minderheiten in den Streitkräften. Meine Ablehnung dieser Meinung könnte nicht größer sein. Das Militär ist
der größte Arbeitgeber überhaupt, bei dem absolute
Chancengleichheit herrscht. Und wie Ihr hervorragender Vorsitzender Colin Powell damals erklärte, gibt es
nichts, dessen wir uns schämen müßten. In West
Point, und gerade in West Point gibt es vieles, auf das
wir stolz sein können.
Zu Ihrem Jahrgang gehört der tausendste schwarze
Absolvent dieser Institution, ein großer Führer, wie

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jeder, der diesen Ort kennengelernt hat, weiß und ein
großartiger Athlet. Die tausendste Absolventin, ebenso eine umfassende Führungspersönlichkeit und eine
gute Soldatin. Zu Ihrem Jahrgang zählt darüber hinaus
der erste Absolvent aus dem Volk der Hmong in Laos.
Und doch rekrutieren die Armee und West Point keine
Angehörigen von Minderheiten. Sie rekrutieren Soldaten - die besten Söhne und Töchter, die unser Land
überhaupt haben kann.
Die Aufgabe unsere Landes, die Aufgabe Amerikas,
besteht also darin, auf nationaler Ebene zu erreichen,
was wir heute in West Point feierlich würdigen. Wir
müssen uns nicht als Farben oder Zahlen, sondern als
Amerikaner, als Träger geheiligter Werte betrachten.
Um dieses Ziel zu verwirklichen, müssen wir das
rassisch begründete Mißtrauen beseitigen, das unser
nationales Wohlergehen ebenso bedroht wie Gewalt,
Drogen oder Armut. Wir alle haben Bilder von Gewalttätigkeit zwischen den Rassen gesehen - lebhafte
Bilder von Feuer und Zerstörung, von Blaulicht und
Gummiknüppeln. Aber wir haben auch geringfügige
Episoden des Mißtrauens erlebt - kleine, häßliche
Beispiele, etwa von Menschen, die die Straßenseite
wechselten, um jemandem mit anderer Hautfarbe aus
dem Weg zu gehen, oder Menschen, die sich im
Fahrstuhl ängstlich in eine Ecke drängen. Das Verhalten, Fremden aufgrund ihrer Rasse oder Nationalität
zu mißtrauen. Die Gewohnheit, herablassende oder
entwürdigende Klischees zu verwenden.
Wir sollten uns nichts vormachen. Leider gibt es in
unserem großartigen Land immer noch Rassismus
und Bigotterie. Aber niemand sollte daran zweifeln,
daß dieser Präsident und diese Regierung Diskriminierung überall bekämpfen, wo wir sie antreffen. Denn
Vorurteile und Haß haben in diesem Land keinen Platz
Punkt. Die wahre Frage, die sich uns stellt, lautet nicht,
ob wir diese Übel bekämpfen, sondern wie.
Ob schwarz oder weiß, die großen führenden Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung der fünfziger
und sechziger Jahre wandten sich gegen Intoleranz
und verlangten Chancengleichheit und Gleichheit vor
dem Gesetz. Die Pflicht des Staates besteht darin,
Chancen zu fördern und nicht umzuverteilen, damit
alle eine faire Chance erhalten, ihre Träume zu verwirklichen.
Heute sprechen manche nicht von Chancen, sondern
von der Umverteilung von Rechten. Sie möchten eine
Gruppe gegen die andere ausspielen, die Menschen
ermutigen, einander als Konkurrenten zu betrachten,
nicht als Kollegen. Das ist nicht der Weg, um hier in
den Vereinigten Staaten Gerechtigkeit und Gleichheit
herzustellen. Wir müssen einen einheitlicheren, moralischen und großzügigeren Ansatz wählen.
Ich habe vor langer Zeit gelernt, daß, wenn man etwas
getan haben möchte, man jemandem einen Grund
geben muß, um es zu tun. Treiben Sie sie nicht in die

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�Defensive, schüchtern Sie sie nicht ein - appellieren
Sie an die guten Seiten ihrer Charakters.
Meines Erachtens ist dies das Konzept, das Gleichstellungsprogrammen zugrundeliegt. Für mich bedeutet echte Gleichstellungspolitik eine Bürgerpflicht - gut
gemeinte Bemühungen, um dem einzelnen aufgrund
seiner Verdienste eine Chance zu geben - die Hand
auszustrecken und wirklich gleiche Chancen für diejenigen zu bieten, die zurückgelassen wurden, die ausgeschlossen wurden.
Einige sind der Meinung, die Gleichstellung sollte
einen magischen Würfel von Arbeitsplatzgarantien
enthalten. Und ich bin der Ansicht, daß sie die Menschen aller Rassen dazu inspirieren sollte, positive
Werte und eine positive Einstellung zu sich selbst zu
nähren - ein positives Leben.
Und deshalb engagiert sich unsere Administration für
die Probleme benachteiligter Amerikaner. Mit unserer
Strategie America 2000 haben wir eine Revolution im
Bildungswesen gefordert. Wir haben den öffentlichen
Wohnungsbau mit einem Programm zu reformieren
versucht, das wir H.O.P.E. nennen. Damit soll Eigentum geschaffen werden. Und wir haben Gewerbegebiete gefordert, um Samen des Wachstums zwischen
die Ruinen der verfallenden Städte und schäbigen
ländlichen Gebiete zu säen. Darüber hinaus haben wir
strenge Gesetze zur Verbrechensbekämpfung eingebracht, weil kein Amerikaner frei sein kann, wenn ihn
die Furcht vor Verbrechen gefangenhält. Femer haben
wir Chancenverbesserung innerhalb von Gemeinden
verfochten, um die Macht von der schwerfälligen Hand
des Staates in die Hände derer zu legen, die den
Haushalt führen und die Familie ernähren. Gott segne
die Stärke der amerikanischen Familie. Wir müssen
mehr tun, um sie zu fördern.
Diese Politik gibt dem Volk die Macht zurück und bringt
uns unserem Ziel der Chancengleichheit ein Stück
näher. Sie gewährleistet nicht allen den Erfolg - das
kann sie nicht leisten.
In diesem Sinne sollten Sie unser Paket der Bürgerrechte betrachten. Das Bürgerrechtsgesetz S-1991
unserer Regierung würde die Berücksichtigung von
Faktoren wie Rasse oder Geschlecht bei Bewerbungen für Arbeitsplätze verbieten. Es wird sicherstellen,
daß der Kongreß sich an dieselben Regeln hält, die er
für andere verfügt. Und es wird Arbeitgeber nicht
zwingen, zwischen Quoten oder dem Risiko kostenträchtiger Prozesse zu entscheiden.
Ich weiß, daß es noch ein anderes sogenanntes Bürgerrechtsgesetz gibt, aber hierbei handelt es sich um
ein Quotengesetz, egal wie seine Verfasser es verbrämen mögen. Es fördert Streitigkeiten, keine Zusammenarbeit. Und dies ist nicht der Weg, um in unserem
Land Harmonie zu fördern.

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Wir sollten also die PolitikderTeilung abschütteln. Wir
sollten eine Gesellschaft aufbauen, in der die Menschen sich gegenseitig respektieren, zusammen nicht gegeneinander - arbeiten und bestrebt sind, dem
amerikanischen Charakter Glanz zu verleihen.
Morgen wird unser Gesundheitsminister, mein Kollege
in unserem Kabinett, Dr. Lou Sullivan, an der High
School seiner Heimatstadt Blakely in Georgia sprechen. Ungewöhnlich daran ist, daß dieser heute
bekannte Doktor in seiner Jugend diese Schule nicht
besuchen konnte, weil sie keine schwarzen Kinder
zuließ. Er hat die Last der Vorurteile abgeschüttelt, um
ein eloquenter Verfechter guter Bildung und gesunder
Werte zu werden. Lou hat vergeben, aber er und wir
dürfen nicht die schrecklichen Dinge vergessen, die
Rassismus und Vorurteile einem Land antun können.
Hier in West Point haben Sie das Wesentliche des
amerikanischen Charakters bewiesen - Chancen auf
der Grundlage von Leistungen. Lassen Sie uns eine
Generation aufbauen, in der das "Wir" und nicht das
"Ich" regiert, indem wir die Ideale dieser Schule in
unser Land und die ganze Welt tragen.
Wie Sie wissen, sind viele Soldaten, die bei den
Operationen Wüstenschild und Wüstensturm Großes
geleistet haben, zu "Punkten des Lichts" in ihrem Land
geworden. Sie sind in ihre Gemeinden zurückgekehrt
und haben junge Menschen aufgefordert, es ihnen
gleichzutun und hart zu arbeiten, die Schule zu beenden und keine Drogen zu nehmen.
Und so wollen wir all jenen danken, die die Botschaft in
den Schulen und Gemeinden unseres Landes verbreitet haben. Wir wollen geloben, noch mehr zu tun. Ich
möchte Sie alle - die Sie jetzt in Ihren Gemeinden
respektiert werden - ermutigen, auch "Punkte des
Lichts" zu werden. Besuchen Sie eine Schule, ein
Freizeitzentrum oder ein Gotteshaus und erzählen Sie
von Ihrem Leben und Ihren Erfahrungen. Ich fordere
Gemeinden auf, diese hervorragenden Männer und
Frauen in die Schulen und andere Foren einzuladen.
Sie als Mitglied des Jahrgangs 1991 können zeigen,
daß die Geschichte vom barmherzigen Samariter mehr
ist als lediglich ein Lehrinhalt - sie ist Bestandteil des
amerikanischen Charakters.
Der Absolvent von West Point, Douglas MacArthur,
hat einmal gesagt: "Der Soldat betet mehr als alle
anderen Menschen um den Frieden, denn er muß
leiden und die tiefsten Wunden und Narben des Krieges
ertragen." Amerikas hervorragendes Militär hat den
Frieden auf der Welt sichern geholfen. Jetzt stehen wir
vor der Herausforderung, die Wunden und Narben in
unserem Land zu heilen. Unsere ausgestreckte Hand
soll Harmonie und Brüderlichkeit bringen, nicht Zwietracht und Mißtrauen.

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�Lassen Sie uns also die wahre Größe Amerikas ehren Möge Gott die Abschlußklasse von 1991 segnen, da
- die Würde des einzelnen. Sie hier in West Point Sie ihren Dienstfür dasgrößteLandderWeltantreten.
übernehmen die Führungsrolle.
Und Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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�HOCHSCHULWESEN
5. Juni 1991

IM VERGLEICH: WEITERFÜHRENDE SCHULEN IN
EUROPA UND AMERIKA
von Edward M. White und Rüdiger Ahrens
BONN - (AD) - Der nachfolgend veröffentlichte Artikel ist der Zeitschrift Change entnommen und erschien
erstmalig in der Ausgabe September/Oktober 1989. Die Zeitschrift wird von Heldref Publications, 4000
Albemarle St. N.W., Washington D.C. herausgegeben. Der Nachdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung
der Helen Dwight Reid Educational Foundation.
Edward M. White ist Professor für Anglistik an der California State University (San Bernardino), Professor
Rüdiger Ahrens lehrt Anglistik an der Universität Würzburg.

Oftmals können wir uns besser im Vergleich als isoliert
beurteilen. Jüngste Untersuchungen mit alarmierenden Ergebnissen über die weiterführende Bildung in
Amerika sollten Versuche in anderen Ländern eingehender betrachten, mit den Problemen umzugehen,
die sie so sehr beklagen. Im internationalen Vergleich
zeigen amerikanische Universitäten trotz ihrer offensichtlichen Probleme eindeutig Stärken, die dort leicht
übersehen werden.

.

•

Wenn wir die Versuche amerikanischer und europäischer Universitäten zur Lösung zentraler Probleme
des Bildungswesens miteinander vergleichen, scheint
die kreative Gelassenheit der amerikanischen Lösungen eindeutig den Sieg davonzutragen. Nehmen wir
zum Beispiel die beiden Bereiche Massenbildung und
Allgemeinbildung. Obwohl dies keinesfalls die einzigen wichtigen Probleme im Bildungswesen sind, denen wir uns widmen müssen, sind sie doch von zentraler Bedeutung und lassen aufschluPreiche Vergleiche
zu.
Massenbildung
In der Regel besuchen sechs von zehn Schulabgängern in Amerika weiterführende Schulen. Ein vielfältiges System von Institutionen - öffentliche und private,
selektive und allen offenstehende, berufsbildende,
akademische oder allgemeine - ist entstanden, um
große Studentenzahlen aufzunehmen. Natürlich stehen sie nicht allen offen, da finanzielle Barrieren und
schulische Voraussetzungen vielen - insbesondere

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Minderheiten - echte Steine in den Weg legen. Aber so
unvollkommen es auch sein mag, so werden die vielfältigen Möglichkeiten für Schüler der meisten Altersgruppen und fast aller Ausbildungsgänge doch in der
ganzen Welt beneidet.
In Europa hat die Nachfrage nach Bildung für alle in
den letzten Jahren drastisch zugenommen. Infolgedessen haben die meisten Länder große Studentenzahlen an die bestehenden Universitäten zugelassen,
ohne die Struktur dieser Institutionen zu verändern.
Im Hinblick auf die Perspektive gibt es in den meisten
westlichen Ländern einen Ausleseprozeß, bei dem
Schüler bereits im Alter von 10 oder 12 Jahren selektiert werden. Nur ein kleiner Prozentsatz darf eine
weiterführende Schule besuchen (das Gymnasium in
Deutschland, das lycee in Frankreich und die grammarschool in England), die Schüler auf die Zulassung
zur Universität vorbereitet. Dieser Auswahlproze ß hat
seinen Ursprung im 19. Jahrhundert, als eine dominante Bürgerschicht ihre Vormachtstellung in der Klassengesellschaft sichern wollte. Noch 1960 besuchten
in der Bundesrepublik nur 5 Prozent eines Jahrgangs
die Universität. Hierbei handelte es sich um die
wenigen Glücklichen, die harte Jahre bis zum hochgeachteten Abitur überstanden hatten. Heute hat sich
dieser Prozentsatz mit 28 Prozent verfünffacht, was in
Zahlen für die Bundesrepublik eine Steigerung von
300.000 auf 1,3 Millionen Studenten - bei einer Bevölkerung von 60 Millionen - bedeutet. In den letzten
zwanzig Jahren hat in Italien und Frankreich ein ähn-

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�licher Aufschwung stattgefunden, während Großbritannien aufgrund des traditionellen Auswahlverfahrens seine Schülerzahl auf "nur" 600.000 gehalten hat.
Welche Art Institution besucht diese neue Flut von
Studenten nun? In der Regel ist sie alt und historisch
nicht auf die Bedürfnisse der Studenten zugeschnitten, sondern auf die Vorrechte der Professoren. Der
europäische Professor ist im wesentlichen Staatsbediensteter, nicht Angestellter seiner Institution wie sein
amerikanischer Kollege. Dies gestattet es ihm, seine
Studenten als lästige Pflicht zu betrachten, die ihn
potentiell von seinem Hauptwerk, der Forschung, abhält.
Eine ähnlich gelagerte Situation ist natürlich an amerikanischen Forschungseinrichtungen nicht unbekannt,
aber der amerikanische Professor ist in mancher Hinsicht von der "Kundschaft" abhängig und fühlt sich
verpflichtet, den Studenten seinen Stoff in leicht verdaulichen Portionen zu vermitteln. Der Student in
Amerika kann sich auf eine gut gegliederte Studienordnung verlassen, die in Seminaren vermittelt wird, deren Material und Lernziele vorab zugänglich sind. Der
Student in Europa kann sich auf wenig verlassen, weil
Professoren die Freiheit genießen, zu lehren, was und
wie sie wollen.
Der europäische Professor profitiert von dem traditionellen und (seit Humboldts Reform von 1810) verbindlichen System der Einheit von Forschung und Lehre.
In der Praxis unterstützt dieses Prinzip die vorrangige
Verantwortung der Professoren - nicht gegenüber den
Studenten sondern gegenüber dem Staat als Erben
der Privilegien der Herrscher des 18. Jahrhunderts, die
"ihre" Universitäten in "ihren" Hoheitsgebieten gründeten.
Die Grundstruktur ist in Europa trotz der Tatsache
erhalten geblieben, daß sie für eine kleine Elite konzipiert war, die allein lernen konnte und ihre Professoren
nicht weiter stören mußte. Unter den neuen - sehr
neuen - demokratischen Bedingungen haben die europäischen Länder eine Politik ohne Zulassungsbeschränkungen mit Studentenfluten, die jetzt die kaum noch
aufnahmefähigen Universitäten zu überschwemmen
drohen. Universitäten wie Padua (gegründet 1222),
Paris (1257) oder Würzburg (1402), die genau so viele
immatrikulierte Studenten haben wie zwei Universitäten im Staat Ohio, sind nichts Ungewöhnliches. Wenn
jeder an dieser Universität immatrikulierte Student selbst wenn ein Viertel dieser Studenten gleichzeitig zu Vorlesungen erscheinen würde, gäbe es Chaos. Es
wäre einfach kein Platz da.
Aber niemand glaubt ernsthaft an eine solche Situation, da Vorlesungen in der Regel für das Examen
eines europäischen Studenten kaum keine Rolle spielen. Was zählt, sind bestandene Prüfungen, und viele
Studenten unterbrechen nicht ihre Examensvorbereitungen (ihre Reisen oder andere Aktivitäten), um
Vorlesungen an der Universität zu besuchen.

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Europäische Studenten werden in jeder Hinsicht "allein" gelassen. Sie sollen unabhängig arbeiten. Sie
leben nur selten in Wohnheimen, sondern meist in
"Buden" in der Stadt, getrennt von Familie und Elternhaus. Im günstigsten Fall beteiligen sie sich in irgendeiner Form am Gemeinschaftsleben durch Mitgliedschaft in Verbindungen oder anderen sozialen Gruppen. An europäischen Universitäten gibt es keinerlei
ständige Leistungskontrolle. Das gesellschaftliche
Leben an europäischen Universitäten ist gegenüber
den mannigfaltigen, amerikanischen Studenten offenstehenden Möglichkeiten eher bescheiden zu nennen.
Wenn er Glück hat, wird der europäische Student
seine Examensarbeit unter der Aufsicht eines engagierten Professors schreiben. Aber nur wenige haben
dieses Glück. Aus diesem Grund ist die Quote der
Studienabbrecher an europäischen Universitäten sehr
hoch.
Die Einbettung einer Massenbildung in eine Struktur,
die für eine Elite ausgelegt war, hat zur Vorspiegelung
einer Offenheit geführt, die in der Praxis jedoch relativ
wenigen zu einer Ausbildung verhilft. Sicherlich, die
Chance existiert, aber es bestehen noch nicht einmal
rudimentäre Unterstützungssysteme. Diejenigen, die
dabei durch ihre Universitätsabschlüsse gewinnen,
sind zweifellos gut ausgebildet und auf das Leben
vorbereitet, da sie sich großenteils aus eigener Kraft
weitergebildet haben. Für den Rest jedoch versagt
dieses System zumeist. Ihre Länder waren einfach
nicht bereit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was
erforderlich ist, um das Versprechen der Massenbildung zu verwirklichen.
Allgemeinbildung
Obwohl es unmöglich ist, den amerikanischen Ansatz
zur Vermittlung von Allgemeinbildung zusammenzufassen, können wir mit Sicherheit feststellen, daß das
amerikanische weiterführende Bildungssystem praktisch uneingeschränkt von der Prämisse ausgeht, daß
Allgemeinbildung in den Verantwortungsbereich der
Universitäten fällt. In den Vereinigten Staaten wird
über die Inhalte der Allgemeinbildung und darüber
diskutiert, wie man mehr hochkarätige Gelehrte dazu
bringen könnte, an diesem wichtigen Unterfangen
mitzuwirken. Wir erwarten von der High School keinen
wesentlichen Beitrag zur Allgemeinbildung. Tatsächlich schätzen sich die meisten von uns glücklich, wenn
unsere Erstsemester Lesen, Schreiben und Trigonometrie beherrschen. Wir erwarten also im allgemeinen, daß unsere Studenten im Laufe ihrer weiterführenden Ausbildung etwa die Hälfte ihrer Studienzeit
auf Nebenfächer verwenden, häufig auf Kurse, die
dazu dienen, ihre schulische Bildung zu erweitern.
Europäische Universitäten gehen von einer anderen
Prämisse aus, nämlich, daß die Vermittlung von Allgemeinbildung nicht ihre Aufgabe sei. Natürlich nehmen
die Studenten dort ihr Studium zwei Jahre später auf,

AMERIKA DIENST 22

�nachdem sie ihre Allgemeinbildung an einem lycee
oder Gymnasium erworben haben sollen. Das Reifezeugnis, das ihnen die Aufnahme eines Universitätsstudiums gestattet, bestätigt, daß der Student seine
allgemeine Ausbildung abgeschlossen und mit Erfolg
eine Reihe von Prüfungen vor strengen Lehrern abgelegt hat. Die Universität kann deshalb mit der weiterführenden Ausbildung fortfahren und sich dabei in der
Erwartung wiegen, daß ihre Studenten dem "Kinderkram" entwachsen sind.
,

&gt;

Europäische Studenten nehmen ihr Studium mit 19
oder 20 Jahren auf, nachdem sie sich durch die
Fallstricke des baccalaureat, des Abiturs oder der ALevels gekämpft und - bei vielen Männern - ihren
Wehrdienst abgeleistet haben. Sie sollen sich nicht mit
neuen Fächern beschäftigen oder der Allgemeinbildung widmen, sondern sich über ihren künftigen Beruf
im klaren sein und die einschlägige Ausbildung anstreben. Ihre geistige Reife wird einer ersten Prüfung
unterworfen, wenn sie die Entscheidung zwischen
verschiedenen Studiengängen treffen. Diese Wahl ist
sehr spezialisiert und meist unwiderruflich. Die Immatrikulation entscheidet über ihr künftiges Leben, denn
ein Sinneswandel oder Entschlußlosigkeit bedeuten
wichtigen Zeitverlust. Es gibt an europäischen Universitäten keine Möglichkeit, ohne Festlegung des Hauptfachs zu studieren oder Wahlfächer außerhalb des
gewählten Studienganges zu belegen.
Natürlich haben die wirklich reifen Studenten den
Vorteil, daß sie ihr spezialisiertes Studium - Jura,
Medizin, Naturwissenschaften oder Philologie - unverzüglich aufnehmen können ohne bis zum Hauptstudium warten zu müssen. Unglücklicherweise kann die
Bürde der "Reife" jedoch ebenso häufig auf schwachen Schultern lasten.

t

Das einzige Überbleibsel des mittelalterlichen Konzepts einer jedermann offenstehenden Allgemeinbildung sind universitäre Vorlesungen für die allgemeine
Öffentlichkeit, das Studium Universale. Das Hauptaugenmerk gilt jedoch der Ausbildung von Spezialisten, und diese Konzentration hat es der europäischen
Universität gestattet, für ihre besten Studenten, interessierte und begabte Adepten, die sich um herausragende Dozenten scharen, "klein" zu bleiben.

&gt;
Studenten, die sich über ihre Berufsziele im unklaren
sind, die daran interessiert sind, Wahlfächer neben
ihren Spezialgebieten zu wählen oder eine fachüber-

*

AMERIKA DIENST 22

greifende intellektuelle Neugier besitzen, sind an europäischen Universitäten in einer schwierigen Position.
Man findet solche Studenten überall in Europa. Sie
bilden sich in den Straßencafes und hervorragenden
Buchläden, die selbst in kleinen Städten anzutreffen
sind. Bisweilen besuchen sie sogar die Universität, an
der sie pro forma eingeschrieben sind und legen ein
paar Prüfungen ab. Aber die Universitäten sind für
Spezialisten konzipiert.
Natürlich würden die meisten amerikanischen Universitäten gerade ohne solche Studenten eingehen. Für
uns ist die Universität ein allgemeines geistiges Zentrum - in vielen Teilen des Landes weit und breit das
einzige. Das Engagement der Universität für die
Allgemeinbildung bedeutet ein Engagement für den
ganzen Menschen (daher auch die außerplanmäßigen
und sportlichen Programme, die zahlreichen europäischen Professoren nur ein müdes Lächeln entlocken)
und für eine Zukunft, in der die Spezialisten wahrscheinlich zu der Erkenntnis gelangen, daß ihre Fachkenntnisse weniger zählen als ihre allgemeine Fähigkeit, zu lernen und sich anzupassen. Bei uns setzt die
Spezialisierung im europäischen Sinne erst im Hauptstudium nach dem College oder in Doktorandenprogrammen ein. Doch trotz - oder gerade wegen - dieser
verzögerten Spezialisierung erscheint uns die amerikanische Sichtweise als der demokratischen politischen Theorie weit angemessener als die europäische.
Niemand sollte die bildungsmäßige Qualität des europäischen Systems unterschätzen. Diejenigen, die zur
Hochschulreife gelangen, besitzen eine hochentwikkelte Fähigkeit, akademische Fragen zu verstehen
und darüber zu schreiben. Diejenigen, die sich an der
Universität durchsetzen und das anspruchsvolle Hauptstudium erreichen, sind in der Tat eine Elite - hochgebildet und daran gewöhnt, strengen Kriterien zu genügen. Dieses System besitzt eine Klarheit und Begrenztheit, die vielen in der Verwaltung des amerikanischen Bildungswesens Tätigen als wünschenswert
erscheinen muß, die von dem hin und her einer sich in
alle Richtungen auf einmal entwickelnden plumpen
Institution erschöpft sind.
Aber selbst wenn wir uns unserem nationalen Zeitvertreib widmen, uns wegen unserer Fehler selbst zu
schelten, besteht nach einem Blick über den Atlantik
Grund zur Befriedigung.

* * *

*

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�</text>
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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23

NATO

12. Juni 1991

NATO UND GIPFELTREFFEN BEIM
TREFFEN DES NORDATLANTIKRATS
ERÖRTERT
Pressekonferenz von
Außenminister Baker

NATO BESITZT SCHLUSSELFUNKTION FÜR
EINIGUNG EUROPAS
Außenminister Baker bei der
NATO-Au ßenministerkonferenz

GOLFKRISE

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse
vom 16. bis 31. Mai 1991

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL

HILLS FORDERT AKTIONSPLAN
BIS ZUM 31. JULI 1991
Rede der US-Handelsbeauftragten
beim OECD-Ministertreffen

USA-EUROPA

DIE POLITISCHEN BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN DEN USA UND EUROPA
von Robert E. Hunter

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�NATO
12. Juni 1991

NATO UND GIPFELTREFFEN BEIM TREFFEN DES
NORDATLANTIKRATS ERÖRTERT
Pressekonferenz von Außenminister Baker
KOPENHAGEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die nach Abschluß des Ministertreffens beim Nordatlantikrat von Außenminister Baker am 7. Juni 1991 in Kopenhagen abgehaltene Pressekonferenz.

Außenminister Baker: Meine Damen und Herren, ich
möchte eine kurze Erklärung abgeben und werde danach gern auf Ihre Fragen eingehen.
Zunächst möchte ich Außenminister Ellemann-Jengen und unseren dänischen Gastgebern für ihre großzügige Gastfreundschaft hier in Kopenhagen danken.
Vergangene Woche haben die Verteidigungsminister
der NATO erhebliche Fortschritte gemacht, um die
militärische Anpassung der NATO voranzutreiben.
Unsere Arbeit hier vervollständigt und fördert diese Bestrebungen, indem sie - jetzt, da nach London Rom
bevorsteht - substantielle Fortschritte bei der politischen Anpassungsfähigkeit der NATO erzielt.
Erstens hat sich das Bündnis auf die wichtigsten Sicherheitsfunktionen geeinigt, die seine Arbeit beim
Aufbau eines neuen Europas und eines neuen Atlantizismus leiten. Sie repräsentieren unsere Vereinbarung über die Ziele, den Charakter und die grundsätzlichen Aufgaben der NATO in Zukunft. Diese wichtigsten Funktionen zeigen, daß wir das Versprechen der
Londoner Erklärung vom Juli letzten Jahres einlösen
und die NATO neuen Realitäten anpassen. Wir ändern unsere militärische Strategie. Wir betonen die
politische Rolle der NATO als ein Bündnis gemeinsamer Werte.

stäbe von diesem Bündnis angenommen worden sind.
Wir sind der Ansicht, daß diese Prinzipien den Sowjets
und den Menschen in Mittel- und Osteuropa verdeutlichen, wie ernst es der NATO damit ist, früheren
Gegnern ihre Hand auszustrecken, um eine Atmosphäre des Vertrauens und der Zusammenarbeit in
ganz Europa aufzubauen.
Viertens hatten wir bei der Frage der Förderung sowjetischer Reformen einen sehr fruchtbaren Gedankenaustausch. In meiner veröffentlichten Einlassung habe
ich betont, daß unserer Meinung nach die Perestrojka
eine Möglichkeit für "neues Denken" in vielen Bereichen bietet - natürlich in der Außen-, aber auch in der
Verteidigungspolitik, der Wirtschaft, der Politik allgemein und in den Beziehungen zwischen der Führung
und den Republiken. Wir haben diese Revolution
begonnen und glauben, daß Präsident Gorbatschow
bei der Perestrojka "den Kurs halten wird", wie er in
Oslo erklärt hat.
Aber er hat in Oslo auch darauf verwiesen, daß "die
Perestrojka jetzt in ihre dramatischste Phase eingetreten ist". Jetzt ist es wichtiger als jemals zuvor, daß die
sowjetische Führung die Gelegenheit ergreift, um mit
Traditionen zu brechen, die sich als nicht durchführbar
erwiesen haben.

Zweitens haben wir unsere Arbeit an vielen Fronten
verbessert, auch beim Verhältnis der sich entwickelnden europäischen Sicherheitsdentität zur NATO sowie
bei den Beziehungen der NATO zur KSZE.

Bei diesem Unternehmen müssen die Sowjets natürlich sich selbst helfen, aber auch wir im Westen können
und werden helfen. Die Vereinigten Staaten werden
mit ihren Verbündeten zusammenarbeiten, um genau
das zu tun.

Drittens freue ich mich, daß viele Initiativen im Hinblick
auf die von Bundesaußenminister Genscher und mir
vorgeschlagenen Beziehungen der NATO-Verbindungs-

Insgesamt hatten wir im Nordatlantikrat ein außerordentlich produktives Treffen. Wir haben dabei das
Versprechen der Londoner Erklärung eingelöst und

AMERIKA DIENST 23

Seite 1

�sehen im Herbst einem Gipfeltreffen in Rom entgegen. wir die politische Dimension des NATO-Bündnisses
Jetzt möchte ich gern Ihre Fragen beantworten.
erweitern wollten. Schließlich ist es nicht nur ein
Sicherheits- und Verteidigungsbündnis, sondern auch
Frage: Herr Außenminister, die Ost-West-Erklärung ein politisches Bündnis, und dies erklärt den Wunsch
spricht von Übergriffen und sichert Ost- und Mitteleu- der NATO-Mitglieder nach politischen Auseinanderropa zu, sie würden vor diesen Übergriffen abge- setzungen, auch wenn solche Gespräche Fragen
schirmt und geschützt. Dennoch bieten Sie der So- behandeln, die bündnisfremde Gebiete betreffen.
wjetunion ein neues freundschaftliches Verhältnis an.
Wer ist also der potentielle Aggressor, oder woran Frage: Sind Sie nach diesem Treffen zufrieden mit
denkt die NATO, wenn sie die Möglichkeit eines Über- den Entwicklungen in der europäischen Gemeinschaft,
griffs in Erwägung zieht? An einen Übergriff im Inland und würden die Vereinigten Staaten die Schaffung
oder an Übergriffe von außen?
einer unabhängigen Sicherheits- und Verteidigungsidentität akzeptieren?
Antwort: Ich denke, Generalsekretär Wörner hat
Ihnen den Abschnitt vorgelesen. Er richtet sich nicht Antwort: Was immer auch geschieht - solange es sich
gegen irgendein Land. Er spiegelt vielmehr die Tatsa- im Einklang mit den bei diesem Treffen getroffenen
che wider, daß die Sicherheit Europas unteilbar ist und Vereinbarungen befindet, sind wir zufrieden. Sie müssen
alle KSZE-Staaten einbezieht - Abschnitt drei spricht bedenken, daß elf von zwölf Mitgliedern der Europäiausdrücklich von der Einbeziehung aller KSZE-Staa- schen Gemeinschaft hier mit am Tisch gesessen haben.
ten, zu denen natürlich auch die Sowjetunion zählt. Die
hier verwendeten Formulierungen ähneln den Worten, Ich möchte Ihr Augenmerk auf das Papier über wichdie in der Pariser KSZE-Charta verwendet wurden. tige Funktionen lenken. Sie werden sehen, daß dieses
Und abgesehen davon wird uns hier eine Lektion in Papier zusammen mit dem Kommunique die von uns
Geschichte erteilt. Wir haben in diesem Jahrhundert vorgetragenen Prinzipien umfaßt, die befolgt werden
zwei heiße und einen kalten Krieg geführt. Der Ge- sollen, wenn wir das Streben Europas nach einer
rechtigkeit halber muß man erwähnen, daß alle in gemeinsamen europäischen Sicherheits- und VerteiOsteuropa anfingen. Daher ist es nur allzu verständ- digungspolitik unterstützen. Dieses Streben unterstütlich, daß wir darüber sprechen wollen, wie wichtig es zen wir in der Tat. Wir wollen ganz einfach sicherstelist, Instabilität zu vermeiden und den Gefahren der len, daß es im Einklang mit dem Bündnis steht und ihm
mangelnden Berechenbarkeit vorzubeugen. Aber Sie keinen Abbruch tut. Sie werden bei dem Papier über
sollten den Abschnitt ganz lesen, nicht nur in Teilsät- wichtige Funktionen sehen, daß es Hinweise darauf
gibt, wie wichtig die Erhaltung einer integrierten militäzen.
rischen Struktur ist.
Frage: Wieviel Zeit bleibt noch, bis die sowjetische
Es wird auf die Tatsache hingewiesen, das wichtigste
Wirtschaft vollständig außer Kontrolle gerät?
Forum für Konsultationen über Angelegenheiten im
Antwort: Ich glaube, Sie können nicht davon ausge- Zusammenhang mit dem Vertrag solle das Bündnis
hen, daß dies zwangsläufig passiert. Dennnoch haben sein, und Sie werden Hinweise erkennen, daß in
die Sowjets selbst sehr offen und ehrlich zugegeben, diesem Bündnis Vereinbarungen oder Entscheidundaß sie schwerwiegende wirtschaftliche Probleme gen getroffen werden sollten. Die Antwort auf Ihre
überwinden müssen. Meiner Meinung nach ist es Frage lautet also Ja.
wichtig, dieses Thema zu erörtern und nach möglichen
Lösungen zu suchen. Wir alle verstehen, daß dies eine Frage: Gesetzt den Fall, daß die als Motor für die
unglaublich schwierige Aufgabe ist, die sie lösen müssen. europäische Identität vorgeschlagene WesteuropäiSie versuchen eine Wirtschaft, die 70 Jahre lang einem sche Union in einigen Jahren in der Europäischen
bestimmten Schema gefolgt ist, in ein vollkommen Gemeinschaft aufgeht, wie es einige Regierungen
entgegengesetztes Modell umzuwandeln, und das wird vorgeschlagen haben. Stünde dies im Einklang mit
nicht einfach sein, insbesondere angesichts der Tatsa- den von Ihnen soeben beschriebenen Grundsätzen?
che, daß es gleichzeitig mit der Umwandlung eines 70
Antwort: Ich kann Ihre Frage im Augenblick nicht
Jahre bestehenden politischen Systems erfolgen muß.
beantworten, da sie erstens hypothetisch ist und ich
Frage: Herr Außenminister, kann die Spannung zweitens nicht weiß, was Sie unter "dann aufgegan(unverständlich), öffnetsichdie NATOjetzt für andere gen" verstehen. Ich möchte nur sagen, daß die von
uns im vergangenen Dezember und erneut bei einem
Aktivitäten in bündnisfremden Gebieten?
regulären Treffen zwischen den Vereinigten Staaten
Antwort: Nein, sie öffnet sich nicht für Aktivitäten in und den Zwölf formulierten Prinzipien in diesen Dokubündnisfremden Gebieten, aber Sie müssen meiner menten enthalten und wir alle äußerst zufrieden sind.
Ansicht nach zwischen den sicherheitspolitischen und Wir sind sehr erfreut über diese au ßergewöhnlich gute
militärischen Verpflichtungen und Funktionen des Zusammenarbeit und das Fehlen jeglicher MeinungsBündnisses und seiner politischen Dimension differen- verschiedenheiten, wenn Sie so wollen, während diezieren. Beim Londoner Gipfel haben wir erklärt, daß ses Ministertreffens.

Seite 2

AMERIKA DIENST 23

�Offen gestanden liegt das Stadium der Fragen, die
man in der Vergangenheit hätte stellen können, hinter
uns. Und entsprechend unserem ersten Prinzip werden wir - die Vereinigten Staaten - nach wie vor die
Vereinbarungen unterstützen, die unsere europäischen
Verbündeten zur Formulierung der gemeinsamen
europäischen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik für
notwendig erachten.
Frage: Welche Fragen hätten gestellt werden können,
die jetzt hinter uns liegen?
*

A

Antwort: Ich werde hier nicht auf Fragen eingehen,
die man zu von uns bereits gelösten Themen hätte
aufwerfen können. Ich weiß, daß es mehr Spaß
macht, über Meinungsverschiedenheiten statt Übereinstimmung zu berichten, aber wir haben hier ein
ziemlich hohes Maß an Übereinstimmung erzielt, und
ich hoffe, Sie werden darüber berichten.
Frage: Herr Außenminister, was können Sie zum
gegenwärtigen Zeitpunkt über die Art Ihrer für heute im
Lauf des Tages anberaumten Gespräche mit Außenminister Bessmertnych sagen? Haben Sie jetzt spezifische Vorschläge zu solchen Themen wie etwa Geheimhaltung von Daten und Herunterfahren der Bestände, die Sie voraussichtlich mit ihm erörtern werden? Und hegen Sie jetzt größere Hoffnung, daß der
START-Vertrag nächste Woche unterschriftsreif sein
wird?
Antwort: Ich möchte die letzte Frage lieber beantworten, nachdem ich heute nachmittag in Genf die Gelegenheit zu einem Treffen mit dem sowjetischen Außenminister gehabt habe. Wie ich jedoch bereits
gestern gesagt habe, lagen die Gespräche über stragische Waffen praktisch auf Eis, bis wir die ausstehenden Probleme und Fragen bezüglich des Vertrags über
Konventionelle Streitkräfte lösen konnten. Unseres
Erachtens haben wir sie zufriedenstellend so gelöst,
daß die Glaubwürdigkeit des Vertrags gewahrt und die
von den einzelnen Staats- und Regierungschefs vereinbarten Obergrenzen eingehalten werden. Es ist
daher an der Zeit, unsere Gespräche über den STARTVertrag zu intensivieren. Dies kann nicht ohne Anweisung von den Hauptstädten an die Unterhändler erfolgen. Es steht also zu erwarten, daß wir Anweisungen
und Vorschläge bezüglich der ausstehenden Themen
erhalten. Sonst wäre ein Treffen mit dem sowjetischen
Außenminister aus meiner Sicht wenig nützlich.
Frage: Herr Außenminister, ist für Sie ein STARTVertrag denkbar, bei dem noch verbleibende Fragen
nach der Unterschrift gelöst werden, wie es bei einigen
bisherigen Verträgen der Fall war?
Antwort: Es wäre möglich - Sie sollten jedoch, wenn
Sie dies hören, nicht schlußfolgern, daß wir die bisher
als ausstehende Fragen erörterten Themen dadurch
lösen, indem wir sie schlicht und einfach auf die
Folgeverhandlungen verschieben. Das ist nicht unse-

AMERIKA DIENST 23

re Absicht. Während ich hier sitze, kann ich Ihnen nicht
versprechen, daß es nicht einige Probleme geben
wird, die erst in Folgeverhandlungn beigelegt werden.
Es ist in der Vergangenheit geschehen und ich vermute, es kann wieder geschehen - wir beabsichtigen es
jedoch nicht.
Frage: Können Sie uns sagen, ob Sie an einen
bestimmten Termin für den möglichen Abzug amerikanischer Streitkräfte aus dem Irak denken? Werden Sie
heute nachmittag mit Außenminister Bessmertnych
das nächste Gipfeltreffen der Supermächte erörtern,
und können Sie uns ein mögliches Datum dafür nennen?
Antwort: Natürlich werden wir über die Möglichkeit
eines Gipfeltreffens zwischen den Präsidenten Bush
und Gorbatschow sprechen. Beide haben ihre Bereitschaft zu einem Gipfeltreffen zum Ausdruck gebracht.
Man hatte gehofft, es würde in der ersten Jahreshälfte
stattfinden. Wir haben vor kurzem gesagt, dieser
Zeitrahmen sei schwer einzuhalten. Darüber hinaus
haben beide Präsidenten den Wunsch geäußert, bei
einem solchen Gipfel das START-Abkommen vorliegen zu haben. Ich erwarte daher nicht, daß wir über
bestimmte Termine sprechen werden - hoffen Sie nicht
auf die Bekanntgabe eines Datums nach dem Treffen
heute abend. Wir werden über einen Zeitrahmen
sprechen.
Im Hinblick auf Ihre erste Frage zu Irak gibt es kein
festgelegtes Datum. Wir haben erklärt - der Präsident
hat dies eindeutig klargestellt-, daß unsere Streitkräfte
zum frühestmöglichen Termin im Einklang mit der
Erfüllung der Mission, zu der sie entsandt wurden und
im Einklang mit unserem Wunsch abgezogen werden,
Sicherheit und Stabilität für die Bevölkerung im nördlichen Teil des Irak zu gewährleisten und wir Garantien
gegen ihre weitere Verfolgung erhalten.
Frage: Herr Außenminister, kann ein Land des Warschauer Pakts davon ausgehen, von der NATO im
Falle eines Angriffs von irgendeiner Seite verteidigt zu
werden?
Antwort: Das ist eine viel zu hypothetische und
umfassende Frage, als daß ich sie beantworten könnte. Ich haben Ihnen bereits gesagt, worauf sich der
Absatz, auf den Sie sich konzentrieren, meines Erachtens bezieht und was er bedeutet, aber wir haben hier
nichts unternommen, das den Anwendungsbereich
des Nordatlantikvertrags erweitem würde und was
bisher bündnisfremdes Gebiet war, wird, soweit es die
militärischen und sicherheitspolitischen Aspekte dieses Bündnisses betrifft, bündnisfremdes Gebiet bleiben.
Frage: Herr Außenminister, einer der Gründe, warum
sich die Unterzeichnung des START-Vertrags verzögert hat, bestand nicht nur darin, daß Sie die Arbeit an
KSE verschoben haben. Es gab auch Meinungsver-

Seite 3

�schiedenheiten - Ambivalenzen - innerhalb der Administration bezüglich bestimmter Aspekte des Vertrags.

Antwort: Sagten Sie die Rechnung, die er vorlegen
wird?

Antwort: Nein, das ist nicht der Grund, warum sich die
Unterschrift verzögert hat. Wir haben ihn absichtlich
wegen der Probleme beim Vertrag über Konventionelle Streitkräfte bis Ende des Jahres auf Eis gelegt. Das
soll nicht heißen, daß es keine unterschiedlichen
Ansichten im Hinblick auf einige Themen bei den
Verhandlungen über strategische Waffen gibt - ebenso wie bei allen Verhandlungen. Aber es ist uns bisher
immer gelungen, sie zufriedenstellend zu lösen und
beizulegen und diejenigen, die noch ausstehen, sind
meines Erachtens nicht von großer Bedeutung und
werden bis zum Ende der Verhandlungsrunde ebenfalls zufriedenstellend gelöst werden.

Frage: Nun, die Bitte um Unterstützung.

Antwort: Wir wissen nicht, wie sie im einzelnen lauten
wird, und deshalb müssen wir abwarten und es herausfinden. Ich möchte nur sagen, wir müssen uns meines
Erachtens vor Augen führen, daß es sich bei Perstrojka ungeachtet der spezifischen vorgebrachten Vorschläge, über die spekuliert wurde, um eine tiefgreifende politische und wirtschaftliche Reform handelt. Ich
habe dies bereits bei der Beantwortung einer früheren
Frage erwähnt. Diese fundamentalen Veränderungen
werden nicht über Nacht stattfinden. Und während die
Sowjets an dieser Entwicklung arbeiten, sollten wir im
Westen ihnen bei dem schrittweisen Übergang behilfDies ist nicht der wahre Grund, warum er auf Eis gelegt lich sein. Ich denke hierbei an ernsthafte, echte und
wurde. Der wahre Grund ist, daß wir nicht bereit wirksame Bestrebungen zu ihrer Unterstützung. Es
waren, am Vertrag über strategische Waffen ange- liegt stark im Interesse des Westens - Ich glaube, wir
sichts der Meinungsverschiedenheiten weiterzuarbei- haben das bereits zum Ausdruck gebracht und zwar
ten, die wir mit der Sowjetunion beim Vertrag über schon lange bevor viele andere dies gesagt haben -,
Konventionelle Streitkräfte hatten.
daß Perstrojka und den Reformbestrebungen in der
Sowjetunion Erfolg beschieden ist. Aus diesem Grund
Frage: Herr Baker, wie werden Sie die enorme Kluft ist es unsere Pflicht, Hilfe zu leisten. Und wie ich
zwischen der Rechnung überbrücken, mit der Präsi- bereits angedeutet habe, sind wir bereit, dies zu tun.
dent Gorbatschow nach London kommen wird und der
Vorsicht, mit der Ihr Land und die anderen westlichen
G-7 das Thema der Unterstützung für die Sowjetunion
angehen.

*

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* * *

*

AMERIKA DIENST 23

�NATO
12. Juni 1991

NATO BESITZT SCHLÜSSELFUNKTION
FÜR EINIGUNG EUROPAS
Außenminister Baker bei der NATO-Außenministerkonferenz
KOPENHAGEN - (AD) -Außenminister Baker zufolge muß die NATO "eine Schlüsselfunktion bei der Schaffung
eines Europas und einer transatlantischen Gemeinschaft übernehmen, die auch die Sowjetunion einbezieht und
die wirklich ungeteilt und frei ist".
In einer Rede beim Außenministertreffen der NATO in Kopenhagen betonte Baker am 6. Juni 1991 die Notwendigkeit, die Verbindungen zur Sowjetunion zu verstärken. "Verbindungen sind ein Weg, um den sowjetischen
Verteidigungssektor in den Abbau von Mi ßtrauen und Furcht einzubinden und gegenseitige Zusammenarbeit zu
fördern."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Bakers in Auszügen.

Als wir im vergangenen Dezember zusammentrafen,
wurden unsere Gespräche von der Gefahr eines Krieges
gegen den Irak überschattet. Bevor ich mit meinen
Ausführungen beginne, möchte ich sagen, daß wir
meines Erachtens stolz auf die Entschlossenheit sein
können, die wir alle bewiesen haben, als wir uns zur
Niederwerfung der Aggression Saddam Husseins zusammenschlössen.

Kurzum: die Krise am Golf hat unserem Bündnis
gezeigt, wie neue Realitäten bewältigt und neue Herausforderungen erfolgreich gemeistert werden können. Ich möchte heute auf vier Fragen eingehen, an
deren Lösung wir im Rahmen des Anpassungsprozesses der NATO in den kommenden Monaten arbeiten
müssen.
Umstrukturierung des Bündnisses

Das Bündnis spielte eine lebenswichtige Rolle bei der
Operation Wüstensturm, und es leistet dasselbe bei
der Bewältigung der humanitären Herausforderungen,
die sich danach ergaben. Die NATO hat dazu beigetragen, die politische Einheit des Westens herzustellen, die so ausschlaggebend für die Sicherung dieses
entscheidenden Sieges des Völkerrechts war. Der
Wert unserer andauernden Investitionen in gemeinsame Ausbildung, Logistik und Infrastruktur spiegelte
sich in der Art und Weise wider, in der unsere Streitkräfte beim Transport der Truppen zum Golf und der
Durchführung des Feldzugs zusammenarbeiteten. Wir
können uns in Zukunft auf den Erfahrungsschatz des
Golfkriegs stützen - insbesondere auf die völlig neue
Realität, daß "nichttraditionelle" Herausforderungen
die vitalen Interessen des Bündnisses und seiner
Mitglieder unmittelbar bedrohen können. Dies war am
deutlichsten im Hinblick auf die potentielle militärische
Bedrohung für die Türkei der Fall, aber es galt auch für
andere.

AMERIKA DIENST 23

Ich möchte mit der Überarbeitung der Strategie beginnen.
Beim Londoner Gipfeltreffen haben unsere Staatsund Regierungschefs grundlegende Veränderungen
im Bündnis gefordert - Anpassungen, die dem Umbruch in der Sowjetunion, den neuen Demokratien in
Mittel- und Osteuropa und den politischen Strukturen
Westeuropas gerecht werden. Der Appell des Gipfels
bestand darin, unsere transatlantische Partnerschaft
zu stärken, um die entstehenden Herausforderungen
- politisch, wirtschaftlich und militärisch - der Welt nach
dem kalten Krieg zu bewältigen.
Die Überprüfung der NATO-Strategie ist ein äußerst
wichtiger Mechanismus für die Anpassung des Bündnisses. Wir begrüßen die bereits erzielten Fortschritte
und erwarten, daß rechtzeitig zu dem für November in
Rom geplanten Gipfeltreffen ein Endergebnis vorliegt.

Seite 1

�Seit dem Londoner Gipfel haben wir mit Erfolg die
unerläßlichen Sicherheitsfunktionen definiert, die das
Bündnis im neuen Europa weiterhin erfüllen muß. Wir
haben bedeutende Fortschritte bei der Erarbeitung
einer neuen militärischen Strategie der NATO erzielt,
die die wichtigen Rollen der NATO im Frieden, in
Krisenzeiten und gegebenenfalls im Krieg umreißt.

liehst gering zu haiten, ermutigen wir die europäischen
Verbündeten, ihre Diskussionen über ihre gemeinsame Verteidigungspolitik allen europäischen Mitgliedern der NATO zu öffnen.

Im Vorgriff auf diese neue Strategie haben sich die
Verteidigungsminister der NATO vergangene Woche
auf neue Streitkräftestrukturen geeinigt - und damit die
Verpflichtung des Londoner Gipfels erfüllt, die Streitkräfte der NATO flexibler, mobiler und multinationaler
zu gestalten. Darüber hinaus erleben wir eine Stärkung des europäischen Pfeilers des Bündnisses durch
die Entwicklung einer europäischen Sicherheitsidentität.

Parallel zu diesen Bemühungen sind unsere Staatsund Regierungschefs in London übereingekommen,
daß das Bündnis auf die Veränderungen in Mittel- und
Osteuropa und in der Sowjetunion reagieren muß,
indem es sich formelleren Kontakten mit den ehemaligen Gegnern öffnet. Das Londoner Mandat hat
seinen konkreten Ausdruck in der Einrichtung diplomatischer Verbindungsmissionen mit diesen Ländern
gefunden.

Diese Veränderungen werden das Bündnis erneuem und es auf Jahrzehnte hinaus anpassen.

Unser Ziel ist es, der Sowjetunion und den aufstrebenden Demokratien Mittel- und Osteuropas die Hand zu
reichen - das echte Verständnis der NATO für ihre
legitimen Sicherheitsinteressen, die Umstrukturierung
ihrer Volkswirtschaften im Sinne von Marktprinzipien
und das Wachsen von Freiheit und Demokratie zu
demonstrieren. Als Ergänzung zu unseren Aktivitäten
in anderen Foren, insbesondere der KSZE, werden die
Verbindungsstäbe der NATO dazu beitragen, das
Geflecht von Bindungen aufzubauen, das die Sowjetunion sowie Mittel- und Osteuropa enger mit dem
Westen verbinden wird.

In diesem umfassenderen Zusammenhang unterstützen die Vereinigten Staaten voll und ganz das Konzept
der europäischen Integration, wie sie es immer getan
haben. Wir stehen bereit, die Arrangements zu unterstützen, die Sie, unsere europäischen Verbündeten,
für notwendig halten, um eine neue europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität zum Ausdruck
zu bringen - Arrangements, die das Bündnis stärken
können und müssen. In unseren Gesprächen hier, und
im Rahmen der zwischenstaatlichen Kommission muß
Transparenz herrschen, unsere Schlußfolgerungen
müssen einander ergänzen.
Das grundlegende Prinzip, das unsere Bemühungen
in jedem dieser Foren leiten sollte, ist, daß die Sicherheit Europas untrennbar mit der Sicherheit der Vereinigten Staaten und Kanadas verbunden ist. Der
Golfkrieg ist lediglich der jüngste Beweis, wie eng
unsere Sicherheitsbedürfnisse miteinander verknüpft
sind. In diesem Jahrhundert wurde dies durch zwei
heiße und einen kalten Krieg bewiesen.
Aus diesen Gründen leuchtet es uns ein, daß eines
unserer Hauptziele darin bestehen muß .sicherzustellen, daß die NATO der wichtigste Ort für unsere
Konsultationen und das Forum für Übereinkünfte zu
allen politischen Maßnahmen ist, die Auswirkungen
auf die Sicherheits- und Verteidigungsverpflichtungen
ihrer Mitglieder gemäß dem Nordatlantikvertrag haben.
Natürlich müssen wir eine wirksam integrierte Militärstruktur beibehalten. Ebenso leuchtet es ein, daß jede
potentielle neue Struktur die des Bündnisses ergänzen
und nicht mit ihnen konkurieren muß.
Wir begrüßen die Bereitschaft der europäischen Verbündeten, die Fähigkeit Europas zum Schutz vitaler
Interessen und Aufrechterhaltung der Herrschaft des
Gesetzes über Europa hinaus zu verbesserrn. Um das
Potential für Gegensätze innerhalb der NATO mögSeite 2

Die diplomatischen Verbindungen der NATO Leitlinien

Dies ist eine historische Aufgabe, die voll und ganz mit
der grundlegenden Mission des Bündnisses in Einklang steht.
Ich möchte hier fünf Prinzipien anbieten, die künftige
Verbindungsbemühungen leiten können.
Erstens sollten unsere Verbindungsbemühungen vertrauensbildend wirken, indemsie unseren ehemaligen Gegnern ein besseres Verständnis von Charakter, Politik und Funktion der
NATO sowie der politischen Werte liefern, die
bei ihrer Gründung Pate standen.
Zweitens sollten die Verbindungsstäbe ein
besseres Verständnis der Sicherheitsanliegen

und -maßnahmen der beteiligten Staaten fördern.
Drittens sollten diese Bemühungen in solchen
Bereichen besonders energisch verfolgt werden, in denen die NATO und ihre Mitglieder
technische Spezialkenntnisse zur Lösung
gemeinsamer Probleme besitzen.
Viertens sollten wir flexibel sein, um auf auftretende Bedürfnisse reagieren zu können.
Fünftens sollten die Verbindungsaktivitäten der
NATO die Maßnahmen der EG, der KSZE, des
Europarats, der OECD und der WEU ergänzen.

AMERIKA DIENST23

�Diese Prinzipien untermauern viele der Initiativen, die
Hans-Dietrich Genscher und ich bei seinem jüngsten
Besuch in Washington vorgelegt haben.
Einfach gesagt, zielen unsere Initiativen darauf ab, den
Osteuropäern und den Sowjets einen Eindruck von der
Substanz unserer Vorstellungen zu vermitteln. Wir
möchten ihnen zeigen, daß wir es mit unseren Verbindungsmissionen ernst meinen. Insbesondere können
wir meines Erachtens Präsident Gorbatschow und den
Reformkurs in der Sowjetunion unterstützen, wenn wir
auch einigen Traditionalisten die Hand reichen, um
ihnen dabei zu helfen, den Übergang zu einer demokratischen, marktorientierten Gesellschaft zu vollziehen.

Instrument machen, mit dem die Sicherheitsanliegen
der KSZE-Länder und insbesondere die Anliegen der
Länder Osteuropas und die Interessen der Sowjetunion berücksichtigt werden.
Wir betrachten den Prozeß politischer Konsultationen
bei der KSZE als Schlüsselelement einer neuen KSZE.
Unsere Treffen in Berlin werden eine Nagelprobe für
diesen Prozeß sein. Die Vereinigten Staaten werden
ihre Bereitschaft dokumentieren, einen angemessen
strukturierten Mechanismus zu vereinbaren, mit dem
offizielle Treffen der KSZE in Notfällen anberaumt
werden können.

Ich möchte nun auf die KSZE eingehen.

Darüber hinaus schlage ich vor, daß wir die Möglichkeit
untersuchen, die ein Untersuchungsausschuß in der
KSZE leisten und wie er unter Umständen ihre Rolle
bei der friedlichen Beilegung von Konflikten stärken
kann.

Seit sechzehn Jahren fördert die KSZE demokratische
Werte in Europa. In der KSZE wie in anderen Gremien
müssen wir die Sowjetunion und die neuen Demokratien Osteuropas fester in einem sicheren und stabilen
Umfeld verankern.

Ich denke, wir sind uns über das Ziel einer Nutzung des
Berliner KSZE-Ministertreffens einig. Dort sollte mit 34
Stimmen Einigung über die Verfahrensweisen für
Sicherheitsverhandlungen nach Helsinki erzielt werden.

Für den Westen stand die KSZE stets für die Wahrung
der fundamentalen Menschenrechte, für Offenheit und
Freiheiten, die unsere Länder als Gemeinschaft vereinen. Dieses Konzept muß unsere Haltung zur KSZE
weiterhin leiten.

Obwohl dieser Prozeß wichtig ist, sollte er uns nicht
vom Grundsätzlichen ablenken.

Die Vorbereitung von Berlin

Daneben müssen wir zeigen, daß die KSZE nicht nur
Katalysator des Wandels ist, sondern daß sie sich
selbst verändern kann, um die Forderungen eines sich
weiterentwickelnden Europas widerzuspiegeln. Die
von uns beim Pariser Gipfel geschaffenen Institutionen der KSZE haben auf diese Forderungen reagiert.
Das Büro für freie Wahlen in Warschau und das
Sekretariat der KSZE in Prag stärken die Fähigkeit der
KSZE, die Demokratie zu fördern und den besonderen
Erfordernissen einer erweiterten Koordinierung auf
politischer Ebene unter den Signatarstaaten gerecht
zu werden.
Wir wollen den Aufgabenbereich des Zentrums für
Konfliktverhütung ausbauen. Dazu zählen: eine Vereinbarung, um den Mechanismus zur friedlichen Beilegung von Konflikten von La Valletta in diesem Zentrum
zu verankern, ein beschleunigter Zeitplan für Treffen
des Konsultativausschusses dieses Zentrums, die
Vereinbarung über ein weiteres Seminar über Militärdoktrinen und eine Vereinbarung zur Überprüfung der
Kommunikationsmittel des Zentrums und ihrer Nutzung als "heißer Draht" bei Notfällen.
Jeder dieser Punkte ist ein eigenständiger Schritt.
Aber zusammengenommen können sie mit der Zeit
aus dem Zentrum für Konfliktverhütung ein wichtiges

AMERIKA DIENST 23

Wir müssen unsere Ziele für neue Sicherheitsverhandlungen in Europa präziser definieren. Wir müssen
einen Ansatz für konventionelle Rüstungskontrolle in
Europa entwickeln, mit dem wir das neue Sicherheitsprogramm nach der Durchführung des KSE-Vertrags,
den Abzug sowjetischer Truppen aus Osteuropa und
den Abschluß der Überprüfung der NATO-Strategie
behandeln können.
Um diese Debatte anzufachen, möchte ich vorschlagen, daß sich die Sicherheitsgespräche nach Helsinki
auf die folgenden Aufgaben konzentrieren:
Verbesserung der Offenheit und des Verständnisses über militärische Aktivitäten in Europa
durch Ausweitung regelmäßiger Dialoge über
Streitkräfte, Streitkräfteplanungen, Verteidigungshaushalte und Militärdoktrin.
Förderung von Stabilität und Sicherheit in Europa durch Entwicklung von Mechanismen zur
Konfliktverhütung und deren Lösung. Dazu
zählen Maßnahmen, denen zwar alle KSZEStaaten zustimmen, von denen aber unter
Umständen nicht alle Mitglieder betroffen sind.
Entwicklung von Maßnahmen zur Verbesserung der Transparenz und Vorhersehbarkeit militärischer Aktivitäten mit besonderer Aufmerksamkeit auf der Neugestaltung und Durchhaltefähigkeit der Streitkräfte in Europa und

Seite 3

�Stärkere Beteiligung an bestehenden Regimen
zur Nichtverbreitung durch Kooperation bei der
Entwicklung nationaler Maßnahmen, um Geschäfte mit konventionellen Waffen zu beschränken und dadurch die Verbreitung chemischer
und biologischer Waffen und der Raketentechnologie einzudämmen und die Umwandlung der
Rüstungsindustrie zu unterstützen.
Ein solcher Ansatz stünde im Einklang mit unserer
Arbeit an anderen Fronten der Rüstungskontrolle. In
diesem Zusammenhang möchte ich auf die von uns
bereits geleistete intensive Arbeit hinweisen, um den
START-Vertrag zum Abschluß zu bringen und einem
Gipfel in Moskau den Weg zu bereiten. Ferner möchte
ich auf das persönliche Engagement des Präsidenten
für unsere Nichtverbreitungsinitiative im Nahen Osten
verweisen - ein Aktionsplan, der unserer Meinung
nach auch die Sicherheit der Länder außerhalb des
Nahen Ostens verbessern wird.
Die Unterstützung der Reformen in der Sowjetunion
Jetzt möchte ich mich einer heute zentralen Frage
zuwenden - der Revolution in der Sowjetunion und der
Reaktion des Westens.
Ich beginne mit zwei deutlichen Trends, die wir im
vergangenen Jahr - wenn nicht seit längerer Zeit - in
der Sowjetunion beobachten konnten.
Erstens haben wir einen Zusammenbruch der alten
Quellen der Legitimität beobachtet. Politisch zeigte
sich dieser Zusammenbruch in dem Krieg der Gesetze
zwischen der Führung und den Republiken. Er zeigte
sich ebenfalls in der Zerstörung der kommunistischen
Partei als dem einzigen Machtzentrum in der politischen Kultur der Sowjetunion. Wirtschaftlich wurde
die Legitimität des Systems zerschlagen, als die alte
Kommandowirtschaft zerstört wurde, ohne daß sie
von neuen Gesetzen einer aufstrebenden Marktwirtschaft gefolgt worden wäre. Zusammengenommen
haben die politischen Probleme der Abspaltungen und
die wirtschaftlichen Probleme des Gefangenseins
zwischen Kommando- und Marktwirtschaft die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Führung in Moskau
unterhöhlt. Die Führung mußte erkennen, daß ihre
außergewöhnliche Rolle bei der Zerstörung des alten
Systems ihr nicht automatisch eine politische Legitimation im neuen System übertrug.
Der zweite Trend hat sich aus diesem Zusammenbruch traditioneller Strukturen ergeben: wir wurden
Zeuge eines neuen Pluralismus und vielleicht einer
neuen Legitimation in der Sowjetunion. An der Basis
gibt es erstmals politische und wirtschaftliche Reformen trotz der widersprüchlichen Signale von oben.
Dieser Pluralismus, in manchen Fällen eine Zersplitterung, tritt nicht nur in der nationalen Politik oder in den
Republiken sondern in vielen sozialen Gruppen auf.

Seite 4

Zum Beispiel sind die Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes keineswegs einer Meinung, sondern
dort gibt es sowohl traditionelle als auch reformistische
Elemente.
Im letzten Winter kam es zu einem Zusammenstoß
zwischen diesen beiden widersprüchlichen Trends.
Traditionalistische und dirigistisch orientierte Auffassungen erhielten im vergangenen Herbst und im Frühjahr Auftrieb. Aber die traditionalistischen Lösungen
für die Probleme der Legitimität scheiterten. Das
politische Durchgreifen im Baltikum und die Versuche
zur Einschüchterung der politischen Opposition in
Moskau brachten nur noch mehr Menschen auf die
Straße und unterhöhlten die Legitimation der Führung
noch weiter.
Eine Wirtschaft, der Umtausch von Banknoten per
Dekret und Angriffe auf angebliche Komplotte ausländischer Banken haben es nicht geschafft, das Abgleiten der Wirtschaft zu verhindern. Entsprechend schwand
der Einfluß der nationalen Führung.
Der Bergarbeiterstreik war möglicherweise die größte
Herausforderung für die Legitimation des Regimes,
denn er war sowohl politisch als auch wirtschaftlich
eine Herausforderung für Moskau und ein offener
Angriff auf die Legitimation der Führung. Paradoxerweise markierte er den Anfang eines Wendepunkts in
der sowjetischen Politik.
Denn die Atmosphäre des Bergarbeiterstreiks brachte
am 23. April die Vereinbarung "Eins plus Neun" hervor
- möglicherweise der erste Schritt zur Lösung des
Problems zwischen dem Zentrum und den Republiken. Das Abkommen selbst enthält die nächsten
Schritte - einen neuen Unionsvertrag, eine neue Verfassung und dann Wahlen, die - wenn sie durchgeführt
werden - möglicherweise eine neue politische Legitimität in der Sowjetunion schaffen können.
Aber dies wäre immer noch lediglich eine Rechtsordnung. Sie mü ßte durch eine Struktur von Organisationen vervollständigt werden, ähnlich dem Abkommen
zwischen der Führung und den Republiken über Haushalte und Entscheidungsbefugnis zum Beispiel bei
Eigentumsfragen.
Damit müssen auch politische Reformen einhergehen.
Und auch diese sind mitreißend. Zum Beispiel werden
neue marktwirtschaftliche Programme von Leuten wie
Jawlinsky erwogen. Der Erfolg dieser reformorientierten Politik hängt vollständig von der kontinuierlichen
politischen Wiederannäherung innerhalb der Sowjetunion ab. Und natürlich werden der Erfolg von Perestrojka und Präsident Gorbatschows davon abhängen,
ob sich diese neuen Tendenzen der letzten sechs
Wochen durchsetzen können.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich verpflichtet, sie zu
unterstützen.

AMERIKA DIENST23

�Niemand kann in die Zukunft schauen und uns den
Erfolg sichern. Aber wir vertreten die Auffassung, daß
es sich bei der Sowjetunion um ein Land handelt, das
reich an Bodenschätzen und talentierten Menschen
ist, ein Land, das sich selbst in eine demokratische und
wohlhabende Gesellschaft verwandeln könnte.
Um dieses Potential zu nutzen, müssen die Sowjets
etwas unternehmen, um eine echte Marktwirtschaft
mit Privateigentum, Anreizen, allgemeingültigen Gesetzen über Handel und Wettbewerb, ein gesundes
Währungssystem und reelle Preisen zu schaffen.
Um im In- und Ausland einen angemessenen politischen Kontext zu schaffen, sollten die Sowjets ihre
Bestrebungen fortsetzen, einen Staat auf der Basis
von Rechtstaatlichkeit aufzubauen und freie und faire
Wahlen anstreben.
Moskau muß auf friedlichem Wege, durch Dialog und
Verhandlungen dem Wunsch der Baltenstaaten gerecht werden und einen Unionsvertrag abschließen,
dem zufolge die Republiken die von ihnen angestrebte
Autonomie erhalten.
Moskau sollte seine positive Orientierung in der Außenpolitik beibehalten und die deutlichsten Relikte des
Zeitalters der Stagnation beseitigen, indem es Regimen die Unterstützung aufkündigt, die im Inland Zuflucht zu Repressalien nehmen und im Ausland Subversion betreiben.
Darüber hinaus müssen die Sowjets ihre Bemühungen
zur Umwandlung ihrer Verteidigung beschleunigen
und sich dazu verpflichten, einmal ihren Verteidigungshaushalt offenzulegen und zum anderen den Anteil
ihres BSP für Verteidigungsausgaben erheblich zu
senken. Die Sowjets müssen den Willen entwickeln,

*

AMERIKA DIENST 23

einer neuen Zukunft den Weg zu bereiten - sie müssen
zur Selbsthilfe greifen.
Wenn sie das tun, werden wir sie unterstützen. Wir
können als Katalysator für politische und wirtschaftliche Reformen dienen. Tatsächlich entwickeln wir ein
Paket von Hilfsmaßnahmen, von dem wir hoffen, es
mit Ihnen und anderen koordinieren zu können. Aber
ich glaube nicht im Ernst daran, daß wir Reformen in
der Sowjetunion mit einem Schlag auf den Weg bringen können. Wir müssen uns bewußt sein, daß diese
Veränderungen Arbeit für lange Zeit bedeuten. Bei
unserer täglichen Arbeit wird der Prozeß - mit seinem
gro ßen Ziel - eher Schritt für Schritt erfolgen, aber das
ist ein realistischer und durchführbarer Ansatz.
Darüber hinaus müssen wir diese neue, pluralistische
sowjetische Gesellschaft dafür gewinnen, Reformen
zu unterstützen, wo immer sie sich ankündigen. Deshalb
müssen wir die Beziehungen verbessern. Zusammenarbeit ist ein Weg, wie wir den sowjetischen Militärund Verteidigungssektor einbinden können, um Mißtrauen und Angst abzubauen und die Zusammenarbeit
auf beiden Seiten zu fördern.
Wir sind uns der schwierigen Wahl bewu ßt, vor der die
Sowjetunion steht. Darüber hinaus sind wir uns bewußt, wie schwer sich der Übergang zur Marktwirtschaft gestalten wird. Aber wir werden nicht untätig
zusehen, wie die Sowjets mit diesen Fragen politischer
und wirtschaftlicher Legitimität fertigwerden. Perestrojka könnte die wichtigste Revolution dieses Jahrhunderts sein. Für uns alle steht hier viel auf dem
Spiel. Und die NATO muß eine Schlüsselfunktion bei
der Schaffung eines Europas und einer transatlantischen Gemeinschaft übernehmen, die auch die Sowjetunion einbezieht und die wirklich ungeteilt und frei
ist.

* * *

*

Seite 5

�GOLFKRISE
12. Juni 1991

DIE GOLFKRISE
Chronologie der Ereignisse vom 16. bis 31. Mai 1991
Nachfolgend veröffentlichen wir die letzte Chronologie zu den Ereignissen am Golf.

17. Mai
Der Irak stimmt einem rigorosen System von UNInspektionen seiner militärischen und wissenschaftlichen Einrichtungen zu. Diese sollen von einer internationalen Kommission durchgeführt werden, die beauftragt wird, die gefährlichsten Waffen des Iraks zu
lokalisieren und zu zerstören. Die Durchführungsbestimmungen, denen der Irak zugestimmt hat, werden
für künftige Inspektionsteams einen Präzedenzfall
schaffen.
Der Schwede Rolf Ekeus als Leiter der vom Sicherheitsrat zur Überwachung der Zerstörung irakischer
Waffen eingesetzten Kommission erklärt, Bagdad habe
alle seine Forderungen angenommen und damit die
fortgesetzte Arbeit seiner Kommission gestattet. Durch
eine Aussetzung der Inspektionen hätte sich der Irak
einer Verletzung der Resolution 678 des Sicherheitsrats schuldig gemacht, in der die Bedingungen der
Alliierten für eine Aufhebung der Wirtschaftssanktionen enthalten sind und die Bagdad im Gegenzug für
einen Waffenstillstand im Golfkrieg akzeptiert hatte.
21. Mai
Botschafter Thomas Pickering fordert den Irak auf,
"die allgemeinen Normen zivilisierten Verhaltens einzuhalten und jedem seiner Bürger die volle Achtung
der Menschenrechte und Grundfreiheiten zu garantieren", insbesondere der kurdischen Minderheit.
In einer Rede vor dem Wirtschafts- und Sozialrat der
Vereinten Nationen (ECOSOC) erklärt Pickering, die
irakische Unterdrückung der Kurden beweise die
Verachtung der irakischen Regierung für die Appelle
der internationalen Staatengemeinschaft zur Beendigung willkürlicher Verhaftungen und Exekutionen von

AMERIKA DIENST 23

politischen und religiösen Regimegegnern und vollen
Einhaltung der Menschenrechte aller Bürger.
Die von den Vereinten Nationen und anderen gewährte Interimshilfe für die Kurden sei keine Lösung, erklärt
Pickering.
22. Mai
Der Kongreß verabschiedet ein Gesetz, das 571 Millionen Dollar an Hilfe für Flüchtlinge im Irak und seinem
Grenzgebiet vorsieht.
Nach seiner Unterzeichnung durch den Präsidenten
würden im Rahmen dieses Gesetzes 320,5 Millionen
Dollar aus dem Regionalen Verteidigungsfonds für
den Persischen Golf überwiesen, um die Ausgaben
des Verteidigungsministeriums zu decken. Die amerikanischen Streitkräfte haben nach der Niederlage der
irakischen Armee gegen die Koalitionsstreitkräfte Hilfe
für Menschen bereitgestellt, die durch Saddam Husseins Truppen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Das Gesetz sieht darüber hinaus die Bereitstellung
von 16 Millionen Dollar für militärische Hilfsorganisationen vor. Ferner werden 67 Millionen Dollar an
internationaler Katastrophenhilfe, 75 Millionen Dollar
an Migrations- und Flüchtlingshilfe, 68 Millionen für
den amerikanischen Flüchtlings- und Migrationshilfefonds sowie 25,5 Millionen Dollar für die internationalen Maßnahmen zur Friedensbewahrung in und um
den Irak bewilligt.
24. Mai
Aufgrund eines Abkommens mit der irakischen Regierung treffen alliierte Truppen in Begleitung eines irakischen Generals in Dahuk ein, um die Grundversorgung wiederherzustellen und etwa 200.000 Flüchtlin-

Seite 1

�ge zur Heimkehr zu ermutigen. Ferner sollen sie mit
der Beseitigung von Minen und Blindgängern beginnen, Stromversorgungs- und Sanitäreinrichtungen
wiederherstellen und "Aufnahmezentren" für heimkehrende kurdische Flüchtlinge aufbauen.
UN-Vertreter in Dahuk erklären, daß von den ehemaligen 250.000 bis 270.000 Einwohnern Dahuks etwa
45.000 zurückgekehrt seien, darunter 12.000 allein in
den letzten drei Tagen.

29. Mai
Vor einer Abschlußklasse der US Air Force Academy
in Colorado Springs schlägt Präsident Bush einen
Abbau von Massenvernichtungswaffen sowie eine
Verringerung der konventionellen Rüstungen im Nahen Osten vor.

Die amerikanische Rüstungskontrollinitiative fordert
alle Staaten, die Waffen an Länder des Nahen Ostens
liefern, dazu auf, Richtlinien für Lieferanten zu erarbeiten. Der Präsident fordert das sofortige Einfrieren
28. Mai
sowie ein späteres Verbot der Boden-Boden-Raketen
Dem Sprecherdes Verteidigungsministeriums, Robert in der Region. Darüber hinaus verlangt er ein Verbot
Hall, zufolge haben insgesamt464.000 amerikanische der Herstellung von Material für Kernwaffen, wie etwa
Soldaten, die an der Operation Wüstensturm teilnah- angereichertem Uran oder geschiedenem Plutonium.
men, inzwischen die Region am Persischen Golf verlassen. 76.000 Soldaten, 14 Prozent der ursprünglich Bush erklärt, er werde sich für die Verwirklichung
entsandten Streitmacht, sind noch in diesem Gebiet dieser Ziele einsetzen, gleichzeitig aber "das legitime
stationiert. Etwa die Hälfte der verbleibenden Truppen Recht jedes Staats auf Selbstverteidigung unterstütsind Reservisten.
zen".

* * * * *

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AMERIKA DIENST 23

�WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
12. Juni 1991

HILLS FORDERT AKTIONSPLAN BIS ZUM 31. JUL11991
Rede der US-Handelsbeauftragten beim OECD-Ministertreffen
PARIS - (AD) - Die US-Handelsbeauftragte Carla Hills hat die Unterhändler bei den Handelsgesprächen
aufgefordert, sich bis zum 31. Juli 1991 auf einen Aktionsplan zu einigen, um Versprechen für den Abbau von
handelsverzerrenden Subventionen einzulösen.
Beim jährlichen OECD-Ministertreffen am 4. Juni erklärte sie, die Teilnehmer der Uruguay-Runde multilateraler Handelsgespräche sollten ebenfalls bis zum 31. Juli übereinkommen, bilaterale Verhandlungen über Dienstleistungen und Marktzugang zu beschleunigen.
"Wir brauchen keinen Termin, der unzureichende Ergebnisse hervorbringt wir brauchen vielmehr angemessene Ergebnisse, die einen Termin zulassen," betonte Hills.
Als ersten in einer Reihe von Beiträgen zum bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel veröffentlichen wir nachfolgend Botschafter Hills' Rede im Wortlaut.

Wie können wir die Uruguay-Runde erfolgreich zum
Abschluß bringen?
Manche haben den Schluß gezogen, wir sollten als
Ergebnis von Brüssel unsere Erwartungen herunterschrauben. Aber Brüssel hat uns gelehrt, daß ein
Minimalpaket in der Uruguay-Runde nicht möglich ist:
die Entwicklungsländer werden der Öffnung ihrer Märkte
für Waren und Dienstleistungen der OECD-Länder nur
zustimmen, wenn es in den Bereichen Landwirtschaft
und Textilien zu akzeptablen Vereinbarungen kommt.
Eine ähnlich wichtige Lektion haben wir in der jüngsten
Debatte um die Verlängerung unseres Fast-trackVerhandlungsmandatsgelernt: Kongreßabgeordnete
werden ein Paket der Uruguay-Runde nur akzeptieren,
wenn es die Weltmärkte für alle Betroffenen in erheblichem Maße öffnet: Landwirte, Industriebetriebe,
Dienstleistungsuntemehmen und Investoren.
Wenn wir die Runde also erfolgreich abschließen
wollen, müssen wir uns heute auf einen Aktionsplan
einigen, um in jedem wichtigen Verhandlungsbereich
den größtmöglichen Zugang zu erlangen.
In der Landwirtschaft bleiben die Öffnung der Märkte
und der Abbau von Subventionen der Schlüssel für den
Erfolg der Runde. Wir müssen nicht nur die Gespräche
an sich vorantreiben, sondern auf der politischen Ebene
Grundsatzentscheidungen treffen.

AMERIKA DIENST 23

Beim Marktzugang wird die Verringerung und der
Abbau von Hemmnissen in Schlüsselbereichen der
Industrie dem gesamten Paket der Uruguay-Runde
Unterstützung sichern. Für uns bedeutet das, wir
müssen substantielle Forschritte bei der Initiative erzielen, mit der in Schlüsselsektoren Zölle auf der Basis
der Gegenseitigkeit ("zero for zero") abgeschafft werden.
Dies wird den Handel fördern und den OECD-Mitgliedern jährlich Milliarden Dollar an Zollabgaben einsparen. Die OECD-Länder müssen dabei die Führungsrolle übernehmen und ein umfassendes Paket schnüren, das im Sinne ihrer Geschäftsinteressen liegt und
die Beteiligung der Entwicklungsländer gewährleistet.
Bei den Dienstleistungen ist ein besserer Zugang
entscheidend, wenn wir die Unterstützung unserer
Dienstleistungsunternehmen erhalten wollen. Gegenwärtig finden 31 bilaterale Verhandlungen zwischen
den Vereinigten Staaten und anderen Ländern statt,
um die Märkte für Dienstleistungen zu öffnen, aber
unter diesen 31 Ländern finden keine Verhandlungen
statt. Wenn wir die Märkte für Dienstleistungen weltweit öffnen wollen, muß die OECD energisch und
unverzüglich Verhandlungen mitsovielen Ländern wie
möglich aufnehmen.
Im Bereich der staatlichen Beschaffung müssen wir
die ungeheuren Märkte öffnen, die durch staatliche
Monopole abgeschottet sind, insbesondere in den
Bereichen Telekommunikation und Stromversorgung.
Seite 1

�Darüber hinaus waren wir zu Beginn der UruguayRunde bestrebt, das Niveau beim internationalen Schutz
geistigen Eigentums für die Ideen und Produkte unserer Erfinder zu heben. Heute sind jedoch einige
Teilnehmer bereit, geringe Schutzmaßstäbe in Kauf zu
nehmen, nur um ein Abkommen zu erzielen. Wir sind
gegen diesen Ansatz. Ein GATT-Abkommen über
handelsbezogenes geistiges Eigentum (TRIPs) ist nur
von Wert, wenn es Weltklassestandard garantiert und
von allen Ländern befolgt wird. Die OECD-Länder
müssen die Führung übernehmen, um ein solches
Ergebnis zu gewährleisten.
Daraus folgt, daß ein Minimalpaket bei der UruguayRunde nicht geeignet ist. Aber die Vereinbarung eines
Abkommens zu einem umfassenden Paket erfordert
jetzt sowohl im politischen als auch im technischen
Bereich große Anstrengungen. Wenn wir auf den
erfolgreichen Abschluß der Uruguay-Runde hoffen,
müssen wir uns auf einen Aktionsplan mit Bezugsgrößen in wichtigen Bereichen einigen. Bis zum 31. Juli
sollten wir die folgenden Schritte vereinbart haben:
In der Landwirtschaft müssen wir uns auf Mechanismen einigen, um die Versprechen in je-

dem der drei Verhandlungsbereiche, zum Umfang jährlicher Reduzierungen, dem Zeitraum
des Beginns der Reduzierungen und einem
Text über Gesundheit und Sicherheit einzulösen.
Bei den Dienstleistungen müssen wir uns auf
mehr Engangement bei bilateralen Gesprächen
über Zugang verständigen und ein Rahmenwerk vereinbaren.
Beim Marktzugang müssen wir vereinbaren,
unsere bilateralen und multilateralen Verhandlungen zu beschleunigen, die Fragen der Zollhöchstsätze und der Aufhebung von Zöllen auf
der Basis der Gegenseitigkeit sowie einen multilateralen Text über Stahl auszuhandeln, der
eine Zero-Zollkomponente enthält.
Dies sind Schlüsselbereiche, in denen wir das Tempo
der Verhandlungen beschleunigen müssen, aber auf
der ganzen Linie besteht Handlungsbedarf. Wir brauchen keinen Termin, der unzureichende Ergebnisse
hervorbringt wir brauchen vielmehr angemessene
Ergebnisse, die einen Termin zulassen.

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Seite 2

*

AMERIKA DIENST 23

�USA

-

EUROPA
12. Juni 1991

DIE POLITISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN
DEN USA UND EUROPA
von Robert E. Hunter
WASHINGTON (AD) - Der Autor ist Vizepräsident der Abteilung regionale Programme und leitet die Unterabteilung Europastudien beim Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington.

Seit über 40 Jahren sind die Vereinigten Staaten
aktiver Verfechter der europäischen Bewegung, aus
der die Europäische Gemeinschaft hervorgegangen
ist. Heute stellen sich jedoch neue Fragen über die
Zukunft dieser einzigartigen transatlatnischen Beziehungen. Diese Fragen erlangen zum gegenwärtigen
Zeitpunkt besondere Bedeutung, da der kalte Krieg
beendet ist und Institutionen für die gemeinsame Sicherheit des Westens zunehmend unwichtiger werden.
Die meisten Analysen zur Europäischen Gemeinschaft
und ihren Beziehungen zu den Vereinigten Staaten
konzentrieren sich auf den Bereich der Wirtschaft.
Dieser Schwerpunkt gewinnt aus zwei Gründen mehr
Nachdruck: durch die Einheitliche Europäische Akte
und den Aufstieg der Geoökonomie. Die erstere
verspricht, die EG in einen echten Binnenmarkt zu
verwandeln, in dem Waren, Dienstleistungen, Kapital
und Arbeitskraft frei zirkulieren. Damit wird die Gemeinschaft sowohl ein besserer Konkurrent in der
Wirtschaft als auch ein Partner der Vereinigten Staaten. Die letztere Entwicklung - der Aufstieg der Geoökonomie - ist weniger offensichtlich und ohne genaue
Definition. Trotzdem ist sie zwingend, da der kalte
Krieg und die Beschäftigung mit einer Konfrontation
durch die Sowjetunion einer größeren Rolle der Wirtschaft Platz gemacht hat, um die Weltpolitik und damit
die transatlantischen Beziehungen zu gestalten.
Beide Phänomene - die Einheitliche Europäische Akte
und Geoökonomie - werden im Hinblick darauf erörtert,
welche wirtschaftlichen Auswirkungen sie auf die
Beziehungen zwischen der EG und den Vereinigten
Staaten haben. Weniger bewußt sind einige der
wichtigen politischen Entwicklungen in den BeziehunAMERIKA DIENST 23

gen zwischen diesen beiden wirtschaftlichen Riesen.
Dennoch werden sie für die Bestimmung der Zukunft
der transatlantischen Beziehungen genauso wichtig
sein.
Die Geschichte zuerst. Ebenso wie ihre europäischen
Partner hatten die Vereinigten Staaten politische Gründe für die Unterstützung der Bestrebungen, die zur
Schaffung der Europäischen Gemeinschaft führten.
Auf dem Kontinent war die ursprüngliche Triebfeder für
die Montanunion, die Europäische Gemeinschaft und
Euratom größtenteils der Wunsch, einen Krieg zwischen Deutschland und seinen Nachbarn fortan auszuschließen. Man wollte die Kluft beseitigen, die
zwischen 1870 und 1945 zu drei Kriegen in Europa
geführt hatte. Die europäische Integration im Bereich
der Wirtschaft war ein funktionales Mittel für dieses
politische Ziel, indem sie Schritt für Schritt die souveränen Rechte jedes Mitgliedstaates im Rahmen eines
größeren Vorhabens unterdrückt. Der Erfolg dieser
Maßnahme läßt sich mit der relativen Leichtigkeit vergleichen, mit der sich die Länder Westeuropas an die
deutsche Einheit angepaßt haben.
Die Vereinigten Staaten hatten ein ähnliches Motiv für
die Unterstützung der europäischen Integration, haben
aber den Wert des wirtschaftlichen Fortschritts betont,
mit dessen Hilfe europäische Gesellschaften den
Übergriffen der Sowjetunion widerstehen und sich an
der westlichen Sicherheit beteiligen sollten.
Dennoch bestand immer ein grundlegendes Problem
im Hinblick auf die jeweiligen Motive der Europäer und
Amerikaner für die Unterstützung der europäischen
Integration und der Gemeinschaft. Eine Reihe von USRegierungen hat die Idee eines starken Westeuropas
Seite 1

�auch verbal unterstützt, das - um einen bekannten
Satz zu zitieren - damit zu einem zweiten "Eckpfeiler"
innerhalb der NATO werden könnte. In Washington
bestand jedoch auch der Wunsch, eine Führungsrolle
im Bündnis und erheblichen Einfluß auf seine Entwicklung und seine Maßnahmen beizubehalten. Deshalb
haben die Vereinigten Staaten in der Praxis nicht
immer Schritte in Richtung auf die europäische Einheit
unterstützt, auch wenn sie das Konzept theoretisch
billigten. Dieser Konflikt zwischen Theorie und Praxis
beschränkte sich nicht nur auf die Wirtschaft - wäre
eine starke, einheitlichere EG nicht auch ein stärkerer
Konkurrent? -, er hat auch die transatlantischen politischen Beziehungen beeinflußt.
Über all die Jahre lieferte die Europäische Politische
Zusammenarbeit (EPZ), die Bestrebung der Gemeinschaft um eine gemeinsame Außenpolitik, das anschaulichste Beispiel für dieses Problem der Motive.
Theoretisch haben die Vereinigten Staaten diesem
Mechanismus zugestimmt. Man war mit den Leistungen der EPZ zur Koordinierung der Ansichten von
Mitgliedstaaten für die KSZE-Folgekonferenzen zufrieden. Aber die Vereinigten Staaten waren weniger
zufrieden mit verschiedenen EPZ-Erklärungen über
arabisch-israelische Friedensbestrebungen, wo die
Vereinigten Staaten als au ßenstehender Unterhändler
große Verantwortung übernehmen mußten. Bei einer
Gelegenheit, der Erklärung der Staats- und Regierungschefs der EG 1980 in Venedig, waren die Vereinigten Staaten ziemlich unzufrieden mit dem, was sie
als europäische Einmischung in Verhandlungen über
die West Bank und den Gazastreifen betrachteten, die
sich damals an einem kritischen Punkt befanden.
Im allgemeinen war den Vereinigten Staaten die von
ihnen wahrgenommene übertriebene Geheimniskrämerei der europäischen Länder bei ihrer Arbeit in der
EPZ egal. Natürlich war ein Motiv der EPZ die Entwicklung einer gemeinsamen Außenpolitik unter den Ländern der Gemeinschaft, die sich von der Außenpolitik
der Vereinigten Staaten unterscheiden würde. Die
EPZ würde die europäische Integration fördern und
darüber hinaus symbolisieren, daß die Europäische
Gemeinschaft unabhängig von der NATO eine eigene
Organisation ist.
Diese unterschiedlichen Ansichten über den Prozeß
der Europäischen Politischen Zusammenarbeit wurden teilweise mit der Verabschiedung des sogenannten Troika-Prinzips gelöst: Es sollte Gespräche mit
den Vereinigten Staaten über Fragen innerhalb der
Kompetenz der EPZ geben, aber nur mit anerkannten
Politikern der Gemeinschaft. Damit waren der gegenwärtige Präsident des Europarats sowie seine unmittelbaren Vorgänger oder Nachfolger gemeint.
Das Ende des kalten Krieges hat all die Fragen einer
europäischen Außenpolitik und der politischen Beziehungen der Europäischen Gemeinschaft zu den Vereinigten Staaten wieder in den Vordergrund treten lasSeite 2

sen. Natürlich erfüllt die NATO weiterhin ihre Aufgabe
als wichtige Sicherheitsinstitution des Westens. Diese
Rolle ist soeben durch die Erklärung bekräftigt worden,
daß die NATO einen multinationalen Schnellen Eingreifverband gründen will und US-Streitkräfte weiterhin auf dem Kontinent stationiert sind.
Ein Gesichtspunkt der Nachkriegszeit ist für die transatlantischen Beziehungen von besonderer Bedeutung.
Die beherrschenden Themen von Diskussionen und
Debatten über den Atlantik hinweg - und diese werden
in Zukunft auch die politischen Beziehungen gestalten
- werden nicht die Sicherheit sondern die Wirtschaft
betreffen. Aus diesem Grund wird es für die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Partner nicht ausreichen, enge Bindungen sowie aktive und regelmäßige Konsultationen zu politischen Fragen innerhalb der
NATO zu haben. Es müssen darüber hinaus grundlegende, direkte institutionelle Beziehungen zwischen
den Vereinigten Staaten und der Europäischen Gemeinschaft entwickelt werden. Andernfalls werden
beide Seiten Gefahr laufen, aneinander vorbeizureden, einander mißzuverstehen und vielleicht sogar
Interessenkonflikten zu unterliegen, die sich aus Fehlurteilen im Hinblick auf das Zentrum politischer und
institutioneller Macht auf dem Kontinent ergeben. Mit
anderen Worten: das militärische Gewicht der Vereinigten Staaten auf dem Kontinent wird abnehmen.
Deshalb werden sie politischen Einfluß dadurch geltend machen müssen, daß sie stärker mit der Europäischen Gemeinschaft und ihren Institutionen zusammenarbeiten, anstatt sich hauptsächlich auf die NATO
zu stützen.
Vor diesem Hintergrund war es logisch, daß die Vereinigten Staaten und die Europäische Gemeinschaft
den Wert einer formellen institutionellen Basis ihrer
Beziehungen erkannten. Dies sollte mit der Erklärung
über die Beziehungen zwischen EG und Vereinigten
Staaten erreicht werden, die beim Pariser Gipfel am
20. November 1990 verabschiedet wurde. Diese
Erklärung umreißt die gemeinsamen Interessen und
Ziele, enthält einige allgemeine Prinzipien der Beziehungen zwischen USA und EG, betont die Notwendigkeit wirtschaftlicher, bildungspolitischer, wissenschaftlicher und kultureller Zusammenarbeit, trägt einigen
weitgespannten gemeinsamen Interessen wie Bekämpfung des Terrorismus und Verhinderung der Verbreitung von Kernwaffen Rechnung und definiert einen
institutionellen Rahmen für die Beziehungen.
Trotzdem haben nur wenige auf beiden Seiten des
Atlantiks das Dokument gelesen, und bisher hat es
nahezu keine Auswirkungen gehabt. Dies läßt sich
teilweise darauf zurückführen, daß die Erklärung wenig
Neues enthält. Selbst der institutionelle Rahmen ist
auf verschiedene Treffen und Konsultationen zwischen den Vereinigten Staaten und Vertretern der EG
begrenzt, von denen die meisten bereits früher existierten. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß die
Erklärung keinerlei gegenseitige Verpflichtungen im
AMERIKA DIENST 23

�Hinblick auf die Substanz der transatlantischen Beziehungen enthält, außer in sehr allgemeinen und ungenauen Formulierungen. Das Dokument beinhaltet
darüber hinaus nur wenig, was für die Beziehungen
zwischen USA und EG richtungweisend sein könnte.

,

i

Die relative Schwäche der Erklärung zu den Beziehungen zwischen USA und EG läßt sich darüber hinaus
mit dem ehernen Gesetz der Institutionen erklären:
Sie können nur dann funktionieren, wenn sie einen
echten Bedarf erfüllen. Sowohl die NATO als auch die
EG werden diesem Kriterium gerecht - besonders
letztere, da sie sich mit der Zeit fortentwickelt hat,
indem sie überarbeitet wurde, wann immer sich neue
Möglichkeiten der Integration ergaben. Unter diesem
Gesichtspunkt befinden sich die Beziehungen zwischen EG und Vereinigten Staaten immer noch in
einem Übergangsstadium und entziehen sich deshalb
Bemühungen, sie auf einen formellen Verfahrensrahmen zu reduzieren. Im Zeitalter nach dem kalten Krieg
muß noch mehrZeit vergehen, bis die politisch Verantwortlichen auf beiden Seiten des Atlantiks die neuen
Imperative einer besser definierten und institutionalisierten Beziehung über den Atlantik hinweg deutlicher
erkennen können. Darüber hinaus haben sich die
Vereinigten Staaten noch nicht damit abgefunden, daß
sich ihr politischer Einfluß im militärischen Bereich
verringert hat. Es wird noch nicht akzeptiert, daß die
Europäische Gemeinschaft mit der Zeit ihr wichtigster
Partner in Europa werden muß.
Dieser Prozeß einer Anpassung des Charakters der
amerikanischen Beziehungen mit den europäischen
Partnern kommt heute sehr lebendig in der Debatte
über die europäische Sicherheit zum Ausdruck. Die
Vereinigten Staaten gehen weiterhin vom Primat der
NATO als westlicher Sicherheitsinstitution aus. Einige
amerikanische Vertreter sind sogar der Ansicht, sie
solle exklusiv diese Rolle spielen. In Westeuropa
besteht hingegen erhebliche Unterstützung für andere
Ideen, sei es als Ergänzung zur NATO oder in Form
von Alternativen. Im Hinblick auf Sicherheitsfragen,
die auf den westlichen Teil des Kontinents begrenzt
sind, geht ein Gedanke davon aus, die Entwicklung
einer europäischen außen- und verteidigungspolitischen Identität voranzutreiben. Dabei gehen konkrete
Vorschläge aus den Diskussionen der Zwischenstaatlichen Konferenz II hervor, deren Arbeit dieses Jahr
abgeschlossen werden soll. Eine weitere wichtige
Idee besteht darin, die Westeuropäische Union (WEU),

*

AMERIKA DIENST 23

* *

zu der neun von zwölf EG-Staaten gehören, als stillschweigende Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft zu benutzen, um die Sicherheit im Westen des
Kontinents zu organisieren.
Gegenwärtig lehnen die Vereinigten Staaten jedoch
beide Vorschläge deshalb ab, weil sie die Rolle der
NATO reduzieren würden. Das amerikanische Argument wird meistens in Hinweise auf Effizienz, Wirksamkeit, Glaubwürdigkeit und die Forderung gekleidet, die Unterstützung der amerikanischen Bevölkerung für eine amerikanische Truppenpräsenz in Europa zu erhalten. Es besteht aber daneben auch die
Besorgnis, daß etwa eine gestärkte WEU den amerikanischen Einfluß bei den Partnern verringern könnte.
Dies wird jedoch so oder so geschehen, insbesondere
da sich die wichtigsten, die Verbündeten betreffenden
Fragen vom Bereich der Ost-West-Sicherheit zur
Wirtschaft verlagern. Diese Abnahme des amerikanischen Einflusses wird sich noch beschleunigen, wenn
die Vereinigten Staaten weiterhin nur eine bescheidene Rolle in dem Bereich spielen, der von den Westeuropäern als primäre "Sicherheits"-Frage betrachtet
wird: der Notwendigkeit, den osteuropäischen Staaten beim Aufbau neuer Demokratien und der Entwicklung von Marktwirtschaften zu helfen.
Es wäre für die Amerikaner wesentlich besser, wenn
sie die Idee paralleler Strukturen unterstützen würden
- die NATO und irgendeine westeuropäische Sicherheitsinstitution. Wenn sich die Sowjetunion weiterhin
strategisch aus Europa zurückzieht und die EG an
Stärke und Geschlossenheit zunimmt, könnte die
europäische Sicherheitsinstitution - die WEU oder ein
Gebilde, das direkter in die EG integriert ist - natürlich
an Bedeutung gewinnen und gleichzeitig Vebindungen
zu den Vereinigten Staaten beibehalten.
Obwohl dies gegenwärtig eine heikle Frage ist, nimmt
sie sich doch im Vergleich zu den Krisen, die im
Atlantischen Bündnis während des kalten Kriegs auftraten, ziemlich geringfügig aus. Es gibt kaum Zweifel
daran, daß bei gutem Willen und geistiger Flexibilität
auf beiden Seiten des Atlantiks ein relativ glatter
Übergang zu einem Zeitalter möglich ist, in dem die
transatlantischen Beziehungen nicht von der NATO,
sondern von Bindungen - formeller und informeller
Natur - zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Gemeinschaft bestimmt werden.

*

*

Seite 3

�</text>
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                <text>Amerikadienst 12.06.1991</text>
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                <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;NATO und Gipfeltreffen beim Treffen des Nordatlantikrats erörtert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz von Außenminister Baker&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;NATO besitzt Schlüsselfunktion für Einigung Europas&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Außenminister Baker bei der NATO-Außenministerkonferenz&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Golfkrise&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Golfkrise&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Chronologie der Ereignisse vom 16. bis 31. Mai 1991&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Weltwirtschaftsgipfel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Hills fordert Aktionsplan bis zum 31. Juli 1991&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der US-Handelsbeauftragten beim OECD-Ministertreffen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. USA-Europa&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die politischen Beziehungen zwischen den USA und Europa&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert E. Hunter&lt;/em&gt;</text>
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amcrika
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U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
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24

19. Juni 1991

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USA-EUROPA

DIE EURO-ATLANTISCHE ARCHITEKTUR:
VON WEST BIS OST
Rede von Außenminister Baker
in Berlin

SOWJETUNION

USA UNTERSTUTZEN SOWJETISCHE
REFORMEN POLITISCH UND
WIRTSCHAFTLICH
Baker vor Unterausschuß des Senats

NACH DEM GOLFKRIEG

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN
NACH DEM GOLFKRIEG
von Jeffrey Alderman

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN
NACH DEM GOLFKRIEG
Interview mit Richard Wirthlin
AMERIKANISCHE POLITIK NACH DEM
GOLFKRIEG: DIE SICHT DER
DEMOKRATEN
Interview mit Geoffrey Garin

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-339 2372
Telex: 8-85432

�USA - E U R O P A
19. Juni 1991

DIE EURO-ATLANTISCHE ARCHITEKTUR:
VON WEST BIS OST
Rede von Außenminister Baker in Berlin
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Au ßenminister Baker beim Aspen-Institut in Berlin
vom 18. Juni 1991 im Wortlaut.

Ich freue mich, wieder in Berlin zu sein. Bei meinem
Besuch im Jahr 1989 war die Mauer gerade zu einem
Tor geworden. Als ich im Jahr 1990 zurückkehrte,
nahm ich an den Verhandlungen zur Überwindung der
Teilung dieser Stadt, dieser Nation, dieses Kontinents
teil. Und heute, im Jahr 1991, habe ich die Ehre, an
einem Treffen in der Hauptstadt des vereinigten Deutschlands teilzunehmen.

stützung, um dauerhafte Demokratien hervorzubringen. Die Perestrojka bedarf unserer Ermutigung, um
weiter in Richtung auf eine freie Gesellschaft und freie
Märkte voranzuschreiten.

So bedeutend diese Fortschritte auch waren: An diesem Ort haben wir noch etwas anderes von dauerhafter Lebensfähigkeit geschaffen. Für Amerikaner ist
Berlin weit mehr als eine Stadt. Berlin ist Geburtsort
eines besonders engen Verhältnisses zwischen Deutschen und Amerikanern. Hier an diesem Ort haben
Deutsche und Amerikaner, die einstmals Gegner waren,
einander beigestanden. An diesem Ort haben wir
gelitten, geteilt und für die Freiheit gestritten.

Präsident Bush hat in Prag über einen "neuen Staatenbund der Freiheit... beruhend auf gemeinsamen Prinzipien ... die unsere gemeinsamen Werte verkörpern"
gesprochen.

Hier begründeten wir die transatlantische Gemeinschaft. Und von hier aus müssen wir sie weiter
ausbauen.
Als ich im Dezember 1989 in Berlin sprach, legte ich
unsere Gedanken über die Architektur eines neuen
Europas und eines neuen Atlantizismus dar. Im Hinblick auf diese Architektur für die Zeit nach dem kalten
Krieg haben wir bemerkenswerte Fortschritte erzielt.
Doch unsere Vision muß darüber hinausgehen.
Wir müssen beginnen, die transatlantische Gemeinschaft auf Mittel- und Osteuropa und die Sowjetunion
auszudehnen. Dies sind noch unvollständige Teile
unserer Architektur. Die Revolutionen der Freiheit in
Mittel- und Osteuropa erfordern unsere weitere Unter-

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Unser Ziel ist ein ungeteiltes und freies Europa sowie
eine Euro-Atlantische Gemeinschaft, die von Vancouver bis Wladiwostok reicht.

Hier, in den östlichen Ländern Deutschlands, beginnen wir, diese umfassendere Euro-Atlantische Gemeinschaft aufzubauen.
Das Engagement der Vereinigten Staaten für die
Vereinigung Deutschlands endete nicht mit der Ratifizierung des Zwei-plus-Vier-Vertrags. Aus diesem
Grund wollte ich heute selbst einigen Menschen in
Ostdeutschland zuhören und ihre Heimat mit eigenen
Augen sehen. Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten ein umfassendes Programm eingeleitet,
um allen Deutschen die Hand zu reichen.
Ich zweifle nicht daran, daß dieser Teil Deutschlands
in nicht allzu ferner Zukunft eines der wirtschaftlichen
Zugpferde Europas sein wird. An diesem Tag, so
glaube ich, werden Amerikaner und Deutsche gemeinsam an diesem Werk beteiligt sein.
Wir können uns jedoch nicht mit der Integration des
ganzen Deutschlands begnügen.

Seite 1

�Die Atlantische Gemeinschaft: Eine Wertegemeinschaft

Auflösung und Evolution des europäischen Nationalstaats

Für mich verkörpert das transatlantische Verhältnis
bestimmte allgemeingültige Ideale der Aufklärung. Diese
Werte gründen sich auf das Konzept der politischen
Rechte und wirtschaftlichen Freiheiten des einzelnen,
die in den europäischen Ideen des 17. und 18. Jahrhunderts wurzeln und zum ersten Mal in der neuen
amerikanischen Nation auf fruchtbaren Boden fielen.

Das vielleicht augenfälligste Phänomen in ganz Europa ist heute die Hand in Hand gehende Auflösung und
Evolution des Nationalstaats. Obwohl der Nationalstaat bei weitem die wichtigste politische Einheit bleibt,
wird seine politische Rolle zunehmend von supranationalen und subnationalen Einheiten ersetzt. Mit anderen Worten: Einige Funktionen des Nationalstaats
werden "nach oben" delegiert und andere "nach unten".

Obwohl diese Werte ursprünglich mit Westeuropa und
den Vereinigten Staaten in Verbindung gebracht wurden, überschreiten sie nationale Grenzen. Diese
Ideale stehen in krassem Gegensatz zu einigen im
ausgehenden 19. Jahrhundert vertretenen Auffassungen über die wahren Qualitäten von Gesellschaften
und Völkern auf der Grundlage von Geschichte und
Erbgut, die angeblich ihren höchsten Ausdruck im
Staat finden konnten.
Es mag eine Ironie sein, daß der engstirnige europäische Nationalismus des 19. Jahrhunderts einer völlig
anderen, rationalistischen und universalistischen Ideologie weichen sollte, die ebenfalls nationale Grenzen
mißachtete: dem Marxismus. In der Sowjetunion
vermischten die Bolschewiki diese Ideologie mit einer
slawophilen Bewegung, die selbst eine Reaktion auf
angeblich fremde westliche Werte darstellte. Stalin
zwang halb Europa diese Ideologie auf. Heute sind
ihre Mißerfolge und ihr Zerstörungswerk jedermann
offensichtlich.
Als die Fesseln dieser gescheiterten Ideologie beseitigt oder zerschnitten waren-in Mittel- und Osteuropa,
der Sowjetunion selbst und in anderen Teilen der Welt
-, kehrten die alten Nationalismen und Animositäten
des 19. Jahrhunderts zurück. Diese Kräfte überschatten die neuen Demokratien, insbesondere diejenigen,
die danach trachten, in Vielvölkerstaaten Wurzeln zu
schlagen. Sie bringen Besorgnis über politische, wirtschaftliche und militärische Sicherheit zum Vorschein.
Sie riskieren neue Spaltungen in Europa.
Wir müssen diesen Völkern, die neue Werte wiederentdecken, auf denen sie pluralistische, demokratische und marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaften aufbauen können, eine Inspiration oder sogar ein
Ziel anbieten. Wir müssen ihren Platz in der neuen
Architektur definieren.
Unsere Architektur muß das seit langem bestehende,
im Harmel-Bericht von 1967 niedergelegte Ziel der
NATO - die Schaffung "einer gerechten und dauerhaften Friedensordnung in Europa" - verwirklichen. Um
dies zu leisten, müssen unsere Strukturen euro-atlantische politische und wirtschaftliche Werte sowie die
Ideale der Aufklärung fördern. Sie müssen die Komponenten eines ungeteilten und freien Europas festlegen.
Darüber hinaus müssen wir zeigen, wie die Integration
die neuen, aus alten Feindschaften herrührenden
Gefahren bewältigen kann.
Seite 2

In Westeuropa war dieser evolutionäre Prozeß eindrucksvoll. In den vergangenen vierzig Jahren haben
die Westeuropäer immer mehr Funktionen von der
nationalen auf die supranationale Ebene verlagert. Die
Europäische Gemeinschaft hat die historisch intensivste und umfassendste freiwillige Evolution der Regierungsgewalt über die nationale Ebene hinaus verwirklicht. Das Atlantische Bündnis hat seinerseits die
vielleicht grundlegendste zwischenstaatliche Zusammenarbeit zustande gebracht, denn es ist die NATO,
der Europäer wie Nordamerikaner nicht nur ihren
Wohlstand, sondern ihre persönliche und nationale
Existenz anvertraut haben.
In Westeuropa wurde die Evolution von der Auflösung
der Macht von Staats- und Gemeindeverwaltungen
zugunsten bisweilen grenzüberschreitender Regtonen
und des Privatsektors begleitet.
Dagegen ist die Auflösung staatlicher Macht in Mittelund Osteuropa ein wesentlich augenfälligeres Phänomen. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus
trat die Volkszugehörigkeit erneut als mächtige politische Kraft auf, die neue Trennungslinien zwischen
Ländern und - was noch akuter ist - innerhalb von
Vielvölkerstaaten aufzuwerfen droht.
Aber sogar im Osten findet gleichzeitig ein Prozeß der
Evolution statt. Wir erleben die Anfänge eines Europas der Regionen, die einander sehr gut überschneiden können. Die Zusammenarbeit zwischen Polen,
Ungarn und der Tschechoslowakei, die Pentagonale
sowie die Sondierungen im Hinblick auf eine Zusammenarbeit der Ostseestaaten sowie der Länder am
Schwarzen Meer sind Beispiele frühzeitiger Bemühungen. Auch das Neun-plus-Eins-Abkommen in der
Sowjetunion ist ein erster Schritt, um die Legitimität
des multinationalen Staats auf der Grundlage des
freiwilligen Zusammenschlusses der einzelnen Teile
wiederherzustellen. Ferner ist das Interesse dieser
Staaten an einem Beitritt zu westlichem Institutionen
wie IWF, EG und OECD ebenfalls ein Beweis dieser
evolutionären Tendenz.
Evolution und Auflösung sind keine Alternativen sondern einander ergänzende und in der Tat von einander
abhängige Entwicklungen. Der Aufbau einer EuroAtlantischen Gemeinschaft kann nur dann auf demo-

AMERIKA DIENST 24

�kratischer Grundlage verwirklicht werden, wenn die
Basis an diesem Prozeß beteiligt wird. Aus diesem
Grund haben sich die Architekten des vereinten Europas das Prinzip der "Subsidiarität", in etwa vergleichbar mit dem amerikanischen "Federalism" - also der
Abtretung von Verantwortung auf die unterste Stufe
der Regierung, die in der Lage ist, diese Verantwortung
effektiv auszufüllen - zu eigen gemacht. Andererseits
wird der Prozeß der Auflösung von Macht im Osten zu
Zersplitterung und Konflikten führen und letztlich die
Demokratie bedrohen, wenn sie nicht mit der freiwilligen Delegierung von Macht auf nationale und sogar
supranationale Ebenen einhergeht - in solch grundsätzlichen Bereichen wie Verteidigung, Handel, Währung und Schutz grundlegender Menschenrechte,
insbesondere der von Minderheiten.
Die Vereinigten Staaten sind eine Nation der Ideen,
nicht der Abstammung, Herkunft oder Konfessionen.
Die Amerikaner wissen, daß viele Ebenen der Regierung effektiv koexistieren und kooperieren können und
deshalb der Aufbau einer starken Nation aus der
Vielfalt heraus möglich ist. In der gesamten EuroAtlantischen Gemeinschaft und tatsächlich auf der
ganzen Welt muß die grundlegende Aufgabe der
Demokratie ethnische Bande auf der Basis gemeinsamer - und viel stärker noch universeller Werte - umfassen und repräsentieren, aber auch überwinden.
Die Integration Westeuropas innerhalb der EG und der
NATO hat in der Tat all die alten territorialen Streitigkeiten, Gebietsansprüche und Minderheitenprobleme unter
den und innerhalb der Mitgliedstaaten überwunden.
Mit der euro-atlantischen Integration ist es wirklich
unvorstellbar geworden, daß regionale Streitigkeiten
eine Quelle ernsthafter Konflikte zwischen diesen
Ländern werden könnten. Die Anreize für eine Zusammenarbeit in diesem multi- und supranationalen Rahmen sind im Vergleich zu den noch verbleibenden
strittigen Bereichen unvergleichlich hoch. Wenn wir
vergleichbare Maßgaben für Frieden und Stabilität in
ganz Europa erreichen wollen, sollten vergleichbare
Strukturen eingeführt werden, um unter diesen Ländern eine Interdependenz zu gestalten und zu entwickeln.
Insgesamt müssen in Ost und West die Prozesse der
Entwicklung und Auflösung in einem konstruktiven
Gleichgewicht gehalten werden. Nur wenn in beide
Richtungen ausgewogene Fortschritte erzielt werden,
kann der einzelne eine Stimme bei der Führung einer
noch stärker voneinander abhängigen Welt bekommen.
Ich möchte mich nun den wesentlichen Strukturen
dieser Architektur zuwenden - NATO, EG und KSZE.
Ich möchte untersuchen, wie sie sich seit Dezember
1989 entwickelt haben und erörtern, wie sie zu einer
euro-atlantischen Architektur beitragen können, die
sich von Nordamerika über Europa bis zur Sowjetunion erstreckt.

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Die neuen Aufgaben der NATO
Bis jetzt hat die Anpassungsfähigkeit der NATO ihre
Lebensfähigkeit bewiesen. Sie ist in der Tat sowohl ein
solider Eckpfeiler als auch Initiator kooperativer Strukturen für ein ungeteiltes und freies Europa.
Zuerst hat unsere Erklärung vom Londoner Gipfel der
friedlichen Vereinigung eines demokratischen Deutschlands den Weg bereitet.
Dann hat unsere gemeinsame Entschlossenheit bei
den KSE-Verhandlungen zu einem bahnbrechenden
Abkommen geführt, das die militärische Landkarte
Europas neu gestalten wird. In den vergangenen zwei
Wochen haben die Au ßenminister des Bündnisses die
wichtigsten Sicherheitsfunktionen der NATO im neuen
Europa vereinbart. Wir sind übereingekommen, daß
dieses Bündnis eine der unabdingbaren Grundlagen
für ein stabiles Sicherheitsumfeld in Europa liefert. Es
dient als transatlantisches Forum für Konsultationen
und Zusammenarbeit der Verbündeten in Bereichen,
die allen ein Anliegen sind. Es leistet Abschreckung
und Verteidigung gegen jede Bedrohung durch eine
Aggression gegen das Territorium eines jeden Mitgliedstaats. Und es erhält das strategische Gleichgewicht innerhalb Europas.
Darüber hinaus haben wir vereinbart, daß die Entwicklung einer europäischen Sicherheitsidentität das Bündnis weiter stärken und seine Fähigkeiten zur Erfüllung
dieser Aufgaben in Zukunft verbessern würde. Gleichzeitig würde es eine noch herausragendere Rolle
Europas in diesem Prozeß fördern. Die Vereinigten
Staaten fordern, daß unsere europäischen Verbündeten bei der Entwicklung dieser Identiät unterstützt
werden und wir mit ihnen zusammenarbeiten, um die
Kooperation zwischen europäischen und atlantischen
Institutionen im Bereich der Verteidigung und Sicherheit zu fördern.
Das neue Programm des Bündnisses, insbesondere
seine politische Rolle, zeigt sich auch in unseren
Plänen zum Aufbau von Partnerschaften mit Ländern
Mittel- und Osteuropas und der Sowjetunion. Wir
haben Initiativen vorgeschlagen, mit denen Kontakte
unter hochrangigen Sicherheitsbeamten, Militärbehörden, Parlamentariern, Führungskräften, Wissenschaftlern und Umweltexperten intensiviert werden sollen.
Die neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas engagieren sich bereits für unsere gemeinsamen Werte jetzt müssen wir uns auf die praktische Seite der
Beziehungen konzentrieren, um sie zu fördern und zu
sichern.
Diese Kontakte des Bündnisses sind auch so angelegt, da ß sie die Sowjetunion in die neue Architektur mit
einbeziehen. Wenn Reformen in einer zunehmend
pluralistischen Sowjetunion Erfolg haben sollen, müssen wir Kontakte zum sowjetischen militärisch-industriellen Komplex und zu Reformern knüpfen. Wir
Seite 3

�wollen sie über die NATO-Strategie, ihre Doktrin und
ihren defensiven Charakter informieren. Sie können
unter Umständen von unseren Erfahrungen mit Beziehungen zwischen zivilem und militärischem Bereich
profitieren. Darüber hinaus wollen wir Bestrebungen
unterstützen, Rüstungsindustrien in zivile Produktionsstätten umzuwandeln, zum Wohle der dort beschäftigten Männer und Frauen.
Die Europäische Gemeinschaft - Kontinuierliche
Integration und Unterstützung für ein Programm
im Osten
Aufgrund der erfolgreichen Integration der Europäischen Gemeinschaft können ihre Mitgliedstaaten von
der gemeinsamen Politik profitieren, ihre unterschiedlichen nationalen Attribute beibehalten und die Autorität Kommunalregierungen übertragen, die dem Volk
näherstehen. Die Gemeinschaft befindet sich gegenwärtig mitten in zwei regierungsübergreifenden Konferenzen, die ihre politische und wirtschaftliche Integration vertiefen wird. 1989 habe ich bereits in Berlin
erklärt, daß dieses Ziel in den Vereinigten Staaten
schon von Marshall und Acheson unterstützt wurde.
Und wir unterstützen es auch heute.
Natürlich tun wir das in der Erwartung, daß eine
europäische Union einen Platz als verantwortungsbewu ßter Führer einnehmen wird, der zur Stärkung einer
Struktur globaler und kontinentaler Interdependenz
beiträgt. Unser Staatenbund der Freiheit muß sich
weiter ausbreiten - nach Japan und Asien, Lateinamerika und Afrika.
Es ist dieser globale Kontext, der dem energischen
Einsatz der EG für eine erfolgreiche Uruguay-Runde
hohen Stellenwert verschafft. Leider gibt die Agrarpolitik der EG Anlaß zur Besorgnis. Obwohl wir die
wichtige Rolle anerkennen, die die Gemeinsame Agrarpolitik für die Integration Europas spielt, hoffen wir, die
Europäer erkennen jetzt, daß deren Fortsetzung in
ihrer gegenwärtigen Form den Entwicklungsländern
und dem GATT-System Schaden zufügt. Es wäre
tragisch, wenn die Gemeinschaft genau in dem Jahr,
in dem bei der europäischen Integration neue Wege
beschritten wurden, das Signal einer isolierten Stellung in der Welt aussenden würde.
Die Stärke der Euro-Atlantischen Gemeinschaft hängt
von der Zusammenarbeit in der Gemeinschaft und
davon ab, daß die Vereinigten Staaten mit der europäischen Integration und der Entwicklung von Institutionen Schritt halten. Unsere im letzten Jahr abgeschlossene US-EG-Erklärung ist das Zeichen für einen ersten Schritt auf diesem Weg. Unter Luxemburgs
starker Führung haben sich unsere Kontakte mit dem
Ratspräsidenten und der Troika schnell und fruchtbar
entwickelt. In ähnlicher Weise knüpfen wir neue
Kontakte mit der Kommission in Bereichen wie Energie, Wettbewerbspolitik und Privatsphäre.

Seite 4

Ich hege die Hoffnung, daß die Gemeinschaft mit den
Entscheidungen für ihre eigene Zukunft weiterhin die
Möglichkeiten für eine effektive Interaktion mit den
Vereinigten Staaten und anderen in Form einer Partnerschaft in der Welt entwickeln wird. Die erfolgreiche
Schaffung einer geschlossenen internen Struktur für
die Gemeinschaft sollte auch ihre Fähigkeit zu effektiven auswärtigen Beziehungen und Verpflichtungen
stärken.
In naher Zukunft besteht die vielleicht größte Herausforderung für die EG in ihrer Hinwendung zum Osten.
Der politische und wirtschaftliche Erfolg der EG war
bereits ein Magnet, der die Länder Osteuropas zu
Demokratie und Marktwirtschaft gezogen hat.
Die Kommission hat diese Bitte durch ihre Koordination bei der Arbeit der Gruppe der 24 für die neuen
marktwirtschaftlich orientierten Demokratien Mittel- und
Osteuropas ergänzt. Wir hoffen, daß dies der erste
von vielen Schritten ist, mit denen die wirtschaftlichen
Hindernisse für diese Länder in Europa ausgeräumt
werden. Die Absicht der Gemeinschaft zur Aushandlung erweiterter Beitrittsverträge im Einklang mit dem
GATT ist eine weitere Phase.
Es leuchtet ein, daß die neuen marktorientierten
Demokratien keine ausländischen Investitionen anziehen, keine Privatisierung vornehmen oder wettbewerbsfähige Unternehmen zur Schaffung neuer Arbeitsplätze gründen können, wenn sie nicht die Möglichkeit des fairen Wettbewerbs um Märkte haben.
Ich bin optimistisch, daß die Europäische Gemeinschaft diese Herausforderung der Ausweitung der
Euro-Atlantischen Gemeinschaft nach Osten annimmt.
Durch Vorbild, Fördermaßnahmen, Beitritte, Verbindungen zu anderen regionalen Gruppen oder sogar wenn die Europäer dies eines Tages entscheiden durch weitere Integration, kann die EG diesen marktwirtschaftlich orientierten Demokratien eine Heimat in
unserer größeren Gemeinschaft gemeinsamer Werte
bieten.
Die KSZE: Ein umfassender Rahmen für den
Aufbau einer Euro-Atlantischen Gemeinschaft
Die in Helsinki ins Leben gerufene KSZE bleibt die
Gruppe, die alle Länder Europas und Nordamerikas
auf der Basis eines gemeinsamen Engagements für
Menschenrechte und demokratische Grundsätze vereint. Diese Rechte und Prinzipien bilden das Fundament für eine Euro-Atlantische Gemeinschaft, die sich
bereits von Berlin nach Osten erstreckt.
Wir müssen eine praktische Erfolgsbilanz für die KSZE
schaffen, mit einander ergänzenden Fähigkeiten in
allen drei Körben und damit den Reformprozeß unterstützen, mit dessen Hilfe die KSZE eine echte Wertegemeinschaft werden kann.

AMERIKA DIENST 24

�Morgen werden sich die Außenminister der KSZE zum
ersten Mal als Ministerrat treffen, wie er in der Charta
von Paris eingeführt wurde. Ich hoffe, daß meine
Kollegen und ich in den nächsten zwei Tagen in der
Lage sein werden, weitere Schritte zu unternehmen,
um die KSZE gemäß den von Außenminister Genscher und mir im Mai unterbreiteten Vorschlägen zu
bereichern. Wir sollten ein Verfahren einführen, um
Notstandssitzungen von KSZE-Vertretern unterhalb
der Minister abzuhalten. Wir können das Konfiktverhütungszentrum fördern. Und ich hoffe, wir können
darüber hinaus Verfahren entwickeln, mit denen Minister die Einführung von Untersuchungskommissionen
anordnen können.
Wir müssen auch andere Ideen in Erwägung ziehen.
Außenminister Bessmertnych hat einen Vorschlag für
eine ständige KSZE-Menschenrechtskommission unterbreitet. Dies verdient ernsthafte Beachtung. Es
könnte durch die Hinzufügung von Untersuchungskommissionen als fünftem Schritt im Mechanismus
der Menschlichen Dimension ergänzt werden.
Ich schlage vor, wir erwägen die Einberufung eines
KSZE-Sondertreffens zur Unterstützung der freien
Medien. Wir könnten auch das Mandat des Büros für
Freie Wahlen auf ein Büro Demokratischer Institutionen erweitem, so daß der Wahltag nur einer von 364
Tagen im Jahr ist, an denen Freiheit gilt.
Im wirtschaftlichen Bereich schlage ich die Schaffung
neuer KSZE-Handelskammern in den Ländern auf
dem Weg zur Marktwirtschaft vor, um die Interessen
der Privatindustrie zu organisieren und artikulieren.
Darüber hinaus könnten wir ein Seminar über die
sozialen und finanziellen Auswirkungen der Umrüstung von militärischem Gerät und Haushaltsengpässe veranstalten.
Die KSZE ist auch das geeignete Forum, um die
Probleme der Migration in Europa anzusprechen. Auf
einem Expertentreffen könnten humanitäre Prinzipien
zur Bewältigung der massiven Immigration und Flüchtlingsströme in den KSZE-Ländern sowie kooperative
Vereinbarungen zur Ursachenforschung solcher Völkerwanderungen entwickelt werden.
Mit anderen Worten, aus meiner Sicht wird die KSZE
eine Tagesordnung erarbeiten, die dem Gedankenaustausch und der Zusammenarbeit bei Problemen
von gemeinsamem Interesse förderlich ist. Dies ist die
Voraussetzung für bessere Integration.
Darüber hinaus ist es von Bedeutung, die KSZE als
Rahmen und nicht als zentralistisches Gremium für
das euro-atlantische Programm zu sehen. Wenn wir
die euro-atlantische Architektur nach Osten ausdehnen, müssen wir bei der Anwendung vielfältiger Methoden und Institutionen - einschließlich NATO, EG, OECD,
Europarat und anderen - kreativ vorgehen, um die
gemeinsamen Belange anzusprechen.

AMERIKA DIENST 24

Zum Beispiel das Thema Sicherheit. Wir haben in der
Tat Vereinbarungen für die gemeinsame Sicherheit
entwickelt, um den Bedürfnissen der aufstrebenden
Demokratien Rechnung zu tragen und eine reformierte
Sowjetunion einzubeziehen.
Erstens wird die KSE zur Schaffung der sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen beitragen,
die Konflikte entschärfen könnten. Die KSZE wird
ferner Warnsysteme für potentielle Gefahren, Mechanismen für deren Abschwächung sowie Wege zur
Einbeziehung anderer bei ihrer Lösung erarbeiten. Auf
diese Weise würde die Struktur dazu beitragen, die
Bedingungen und die Neigung zu Eskalation zu verhindern, die Europa im August 1914 charakterisierten.
Zweitens könnte die NATO eine ergänzende Rolle
spielen. Ein starkes Verteidigungsbündnis gestattet
niedrigere Streitkräfteniveaus und bietet die Grundlage für Stabilität in ganz Europa. Die von der NATO
verfolgten Rüstungskontrollprogramme werden diese
Sicherheit erhöhen. Die Verbindungsstäbe der NATO
werden die friedlichen Absichten des Bündnisses
übermitteln, Beziehungen zwischen zivilen und militärischen Einrichtungen fördern und zu einem Klima
beitragen, das Einschüchterung und Aggression nicht
zuläßt.
Drittens schaffen die integrierenden Institutionen der
Euro-Atlantischen Gemeinschaft wie EG, Europarat
und OECD ein Netz politischer und wirtschaftlicher
Unterstützung. Diese Unterstützung wird die neuen
Marktwirtschaften im Inland stärken und einer möglichen Bedrohung signalisieren, daß diese Nationen
Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die Interesse
an ihrem Erfolg haben.
Schließlich ist es auch unabdingbar, die zukünftige
sicherheitspolitische Tagesordnung in Europa zu erarbeiten, um den sich wandelnden Herausforderungen
Rechnung zu tragen, einschließlich der besonderen
Bedürfnisse des Ostens. Es ist an der Zeit, neue Ziele
zu setzen, die über das Konzept des Gleichgewichts
hinausgehen, und damit zu beginnen, die Grundlage
für wirklich kooperative Sicherheit zu schaffen. Zu
diesem Zweck schlage ich eine dreistufige Tagesordnung für zukünftige KSZE-Aktivitäten bei der Rüstungskontrolle und im Sicherheitsbereich vor.
Erstens müssen wir Offenheit und Transparenz bei
unseren militärischen Angelegenheiten institutionell
verankern. Wir sollten unsere Bestrebungen zur Erlangung eines Vertrags über Offene Himmel verstärken und einen regelmäßigen Dialog über Streitkräfte,
Etats, Verteidigungspläne und Doktrinen in die Wege
leiten.
Um die mögliche Umstrukturierung der Streitkräfte in
der Region vom Atlantik bis zum Ural anzusprechen,
sollten wir Maßnahmen in Erwägung ziehen, die frühzeitige und eindeutige Anzeichen für Umgestaltungs-

Seite 5

�bestrebungen liefern - nicht nur, um Überraschungen
zu vermeiden, sondern auch, um solche Ansätze zu
vereiteln.
Der zweite Teil unserer Tagesordnung befaßt sich mit
Konfliktverhütung. Meilensteine wie der KSE-Vertrag
und das VSBM-Abkommen werden die Bedrohung
eines massiven Kriegs mit kurzer Vorwarnzeit in Europa vollständig beseitigen. Wir müssen jedoch auch
geringfügigere lokale Probleme im KSZE-Gebiet ansprechen, die möglicherweise zu Konflikten zwischen
den KSZE-Mitgliedstaaten führen könnten.
Dies könnte neue Maßnahmen zur Bewältigung einiger sicherheitspolitischer Sorgen bestimmter Regionen umfassen. Es könnte neue Maßnahmen zur
Lösung der Probleme auf dem Balkan oder anderen
Gebieten beinhalten, in denen die Stabilität auf dem
Spiel stehen könnte. Einige dieser Maßnahmen könnten den Rüstungskontroll- und vertrauensbildenden
Maßnahmen entsprechen. Sie könnten auch einen
umfassenderen politischen Ansatz beinhalten, wie etwa
den unmittelbar betroffenen Nationen auf deren Bitte
die Untersuchungs-, Schlichtungs- und friedensbewahrenden Fähigkeiten der KSZE zur Verfügung zu
stellen.
Der dritte Punkt ist der Angriff auf die Weiterverbreitung: Beendigung der Verbreitung chemischer, biologischer und atomarer Waffen - und ihrer Trägerraketen
- sowie Zusammenarbeit bei der Entwicklung nationaler Maßnahmen, um Zurückhaltung beim Verkauf
konventioneller Waffen zu üben. Präsident Bush hat
zu konzentrierten weltweiten Bestrebungen zur Bewältigung dieser Herausforderung aufgerufen. Wir in
der KSZE können dazu beitragen, indem wir eine
Partnerschaft der Verantwortung und Zurückhaltung
aufbauen.
Die KSZE-Mitgliedstaaten zählen zu den wichtigsten
Rüstungslieferanten der Welt. Im Gefolge der OstWest-Konfrontation sind einige KSZE-Volkswirtschaften stark vom Export von Rüstungsgütern abhängig
geworden. Dies ist ein Problem, das wir gemeinsam
angehen müssen, um innovative Ansätze zum Problem der Umrüstung der Verteidigungsindustrie zu
erarbeiten.
Mit dem KSE-Vertrag und den in KSEIA ausgehandelten Erklärungen zum Abbau der Personalstärken, KSZE
- einschließlich dieser neuen Tagesordnung für Rüstungskontrolle -, der dauerhaften Tragfähigkeit der
NATO - einschließlich ihrer Verbindungsstäbe -, der
EG und anderen europäischen Institutionen zusammengenommen, schaffen wir die Grundlage für kooperative Sicherheit in Europa.

Seite 6

Ausweitung der transatlantischen Gemeinschaft
auf die Sowjetunion
Unsere größte Herausforderung wird darin bestehen,
die transatlantische Gemeinschaft auf die Sowjetunion
auszuweiten. Während die neue Architektur dieses
Ziel praktisch verwirklichen kann, wird sie, solange die
Sowjetunion außenpolitisch zögert, unvollständig bleiben.
Perestrojka bietet eine Chance für "neues Denken" in
zahlreichen Bereichen - nicht nur der Außenpolitik, in
der wir gemeinsam viel erreicht haben, sondern auch
der Verteidigungspolitik, Wirtschaft, Demokratisierung,
den Beziehungen zwischen zentraler Führung und den
Republiken sowie Menschenrechten.
Die Revolution der Perestrojka hat einen neuen Pluralismusfreigesetzt. Die alten politischen und wirtschaftlichen Strukturen sind zusammengebrochen. Und es
kostet Zeit, auf dem Willen des Volkes neue aufzubauen.
Die Wahlen in Rußland und anderen Gebieten sind ein
guter Anfang. Wir müssen die unterschiedlichen
Gruppen - Reformer und Traditionalisten - unter Berücksichtigung der Tatsache einbeziehen, daß sich
Koalitionen bilden, auseinanderbrechen und neu bilden werden. Die Umgestaltung der Sowjetunion wird
unweigerlich ihre Höhen und Tiefen haben.
Es sollte jedoch unser kontinuierliches Ziel sein, die
von innen kommenden Bestrebungen in der Sowjetunion zu bekräftigen und sogar zu verstärken. Perestrojka ist ein von der Erkenntnis geleitetes sowjetisches Konzept und Ziel, daß der Wandel unabdingbar
ist, um Stagnation und Verschlechterung aufzuheben.
Es liegt im Interesse der sowjetischen Völker, echte
Marktwirtschaft, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
zu verwirklichen. Es liegt in unserem Interesse, sie zu
unterstützen.
In den vergangenen Wochen habe ich von dem politischen, wirtschaftlichen, ethnischen, außen- und verteidigungspolitischen Konzept gesprochen, das es der
Sowjetunion gestatten könnte, die Hoffnungen der
Perestrojka zu erfüllen.

Heute habe ich eine Reihe von Wegen angesprochen,
mit denen die NATO, EG, KSZE und andere euroatlantische Strukturen als Modell für die innenpolitische Reform der Sowjetunion und internationale Zusammenarbeit dienen können.
Ich bin mir jedoch auch der Tatsache bewußt, daß die
Vereinigten Staaten aus historischen Gründen eine
besondere Rolle bei der Unterstützung dieses Umge-

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�staltungsprozesses in der Sowjetunion spielen müssen. Während die Sowjets den Willen zur Selbsthilfe
demonstrieren und Präsident Gorbatschows Aufruf in
Oslo, bei Perestrojka und neuem Denken "auf Kurs zu
bleiben", folgen, können und sollten wir ihnen Schritt
für Schritt zur Seite stehen.

Ich hoffe, Präsident Gorbatschow unternimmt nun
neue Bestrebungen zu ernsthaften marktwirtschaftlichen Reformen, die uns gestatten, Perestrojka - ein
sowjetisches Programm mit sowjetischen Zielen voranzubringen. Die Tür zur Euro-Atlantischen Gemeinschaft steht offen. Aber nur die Sowjets können
die Entscheidung treffen, die Schwelle zu übertreten.

Vergangene Woche habe ich vor dem amerikanischen
Senat erklärt: "Wir sind dabei, ein Paket unterstützen- Die euro-atlantische Perspektive
der Maßnahmen zu entwickeln, die wir mit anderen
Vor fünfzig Jahren wäre es undenkbar gewesen, daß
westlichen Ländern koordinieren möchten."
ein amerikanischer Außenminister in Berlin vor DeutNatürlich steht es dem Präsidenten zu, das vollständi- schen und Amerikanern über die Werte der Euroge Paket bekanntzugeben. Wie wir in den vergange- Atlantischen Gemeinschaft spricht. Vor allem, daß er
nen Wochen jedoch ausgeführt haben, könnten einzel- Gedanken über die Sicherstellung dieser Werte in den
ne Bestandteile eine besondere Verbindung mit IWF neuen marktwirtschaftlichen Demokratien Mittel- und
und Weltbank enthalten, um zur Erarbeitung und Osteuropas umreißen würde, sie auf die in den GeDurchführung ernsthafter Wirtschaftsreformen beizu- burtswehen der Reform liegende Sowjetunion ausdehtragen, ein Projekt zwischen öffentlichem und Privat- nen und diese Werte weltweit propagieren würde.
sektor zu entwickeln, um die Hindernisse für Privatin- Unsere Vorgänger haben jedoch das Unmögliche
vestitionen bei der Energieentwicklung zu beseitigen, möglich gemacht. Nun ist es an unserer Generation,
mit denen Devisen ins Land kommen und das ein davon zu profitieren und dann den Geist der AufkläBeispiel für den erfolgreichen Betrieb dieses Sektors rung aufrechtzuerhalten. Um dies zu verwirklichen,
mit Eigentums- und Vertragsrechten liefert; gemein- müssen wir Idealisten und Realisten sein, ein Ziel
same Bestrebungen zur Belebung des Nahrungsmit- setzen und dann unsere erfolgreiche, funktionstüchtitelvertriebssektors, um baldige Verbesserungen für ge transatlantische Architektur anpassen, um den
die Konsumenten durch die Schaffung von Marktinitia- neuen Herausforderungen der Ära nach dem kalten
tiven herbeizuführen; die Umrüstung des Verteidi- Krieg zu begegnen.
gungssektors zu unterstützen, technische Zusammenarbeit zu verbessern, einschließlich Ausbildung im Es ist äußerst angemessen, daß wir diesen Kurs in
wirtschaftlichen Bereich, offeneren Handel sowie Berlin - der Stadt der Freiheit - entwerfen.
zusätzliche 1,5 Milliarden an Kreditbürgschaften, die
der Präsident vergangene Woche für den Kauf von
Getreide bewilligt hat.

*

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*

Seite 7

�SOWJETUNION
19. Juni 1991

USA UNTERSTÜTZEN SOWJETISCHE REFORMEN
POLITISCH UND WIRTSCHAFTLICH
Baker vor Unterausschuß des Senats
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker zufolge "fühlen sich die Vereinigten Staaten nach wie vor
verpflichtet, den Erfolg der wirtschaftlichen und politischen Reformen in der Sowjetunion zu fördern".
"Niemand kann die Zukunft vorhersagen und uns den Erfolg der sowjetischen Reformen garantieren. Unseres
Erachtens ist die Sowjetunion jedoch ein ... Land, das sich zu einer demokratischen und wohlhabenden
Gesellschaft wandeln könnte", erklärte Baker vor dem Unterausschuß des Senats zur Bewilligung der Mittel für
das Handels-, Justiz- und Außenministerium sowie die Gerichte am 12. Juni 1991.
"Wenn die Sowjets sich selbst zu einer neuen Zukunft verhelfen", so Baker, "werden wir ihnen behilflich sein.
Wir sind dabei, ein Paket unterstützender Maßnahmen zu entwickeln, die wir mit anderen westlichen Ländern
koordinieren möchten."
Baker fügte hinzu, er werde bald erneut mit Außenminister Bessmertnych zusammentreffen, um dem Abschluß
des START-Vertrags (den Gesprächen über den Abbau strategischer Rüstungen) "weiteren Auftrieb zu
verleihen". In der vergangenen Woche hatte in Genf ein Treffen zwischen Baker und Bessmertnych
stattgefunden.
Nachfolgend veröffentlichen wir Bakers Eröffnungsansprache in Auszügen.

Es ist mir eine Ehre, diesem Unterausschuß die Vorschläge des Au ßenministeriums für das Haushaltsjahr
1992 unterbreiten zu dürfen. Ich möchte diesem
Unterausschuß meinen Dank für die Bereitstellung
zusätzlicher Mittel für das Außenministerium aussprechen. Es war unabdingbar, sowohl die durch die
Golfkrise entstandenen Kosten abzudecken als auch
die äußerst schwierigen Auswirkungen der Haushaltsengpässe zu überwinden. Wie Sie wissen, Herr Vorsitzender, sind wir für die Bemühungen dieses Unterausschusses dankbar, die Bereitstellung angemessener Mittel zu gewährleisten, um die Interessen der Vereinigten Staaten im Ausland zu vertreten. Mit Ihrer
Erlaubnis bitte ich, meine schriftlichen Ausführungen
ins Protokoll aufzunehmen. Zunächst möchte ich
einige kurze Anmerkungen zu meiner jüngsten Reise
nach Kopenhagen und Genf machen.
Erstens kamen die Außenminister der NATO vergangene Woche in Kopenhagen zusammen, um den
politischen Anpassungsprozeß der NATO voranzubringen, da nun nach dem Londoner Gipfel vom Juli
vergangenen Jahres im November das Gipfeltreffen in

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Rom bevorsteht. In Kopenhagen einigte sich das
Bündnis auf wesentliche Sicherheitsfunktionen, die
seine Arbeit beim Aufbau eines neuen Europas und
eines neuen Atlantizismus' leiten werden. Sie stehen
für unsere Übereinstimmung zu Zweck, Charakter und
grundlegenden Aufgaben der NATO in der Zukunft.
Kurzum, wir erfüllen die Versprechungen der Londoner Erklärung vom vergangenen Juli: die NATO an
neue Realitäten anzupassen, unsere militärische Strategie zu ändern und die politische Rolle der NATO als
Bündnis gemeinsamer Werte zu unterstreichen.
Zweitens haben wir unsere Arbeit in Kopenhagen an
zahlreichen anderen Fronten vorangebracht, einschließlich dem Verhältnis der entstehenden europäischen
Sicherheitsidentität zur NATO. Während wir die Erörterung einer europäischen Sicherheitsidentität in Europa begrüßen, haben wir Fortschritte erzielt, damit
eine solche Sicherheitsidentität die NATO ergänzen
und nicht mit ihr konkurrieren wird.
Darüber hinaus haben wir drittens Fortschritte dabei
gemacht, die Beziehungen des Bündnisses zu unseren ehemaligen Gegnern im Osten zu verbessern.

Seite 1

�Unsere Gespräche über die KSZE werden meines
Erachtens ein produktives KSZE-Ministertreffen nächste Woche in Berlin und ein ungeteiltes und freies
Europa fördern.
Es war mir eine Ehre, daß zahlreiche der von Außenminister Genscher und mir vorgeschlagenen Initiativen bezüglich der NATO-Verbindungsstäbe vom
Bündnis angenommen wurden. Unseres Erachtens
werden die von uns bekanntgegebenen Prinzipien den
Sowjets und den Mittel- und Osteuropäern eindeutig
klarmachen, daß die NATO es ernst damit meint,
unseren ehemaligen Gegnern die Hand zu reichen, um
ein Klima des Vertrauens und der Zusammenarbeit in
ganz Europa aufzubauen.
Darüber hinaus sind wir über die Erklärung des Bündnisses zu Mittel- und Osteuropa sehr erfreut. Während diese neuen Demokratien ihren schwierigen
Übergang zu politischer und wirtschaftlicher Freiheit
fortsetzen, hoffen wir, auch diese Erklärung führt ihnen
vor Augen, daß wir im Westen sie weiterhin unterstützen werden.
Viertens hatte ich bei meinem Treffen mit Außenminister Bessmertnych in Genf einen ausführlichen Gedankenaustausch über die noch ausstehenden Themen bei START. Wir kamen überein, daß die verbleibenden Fragen trotz ihrer Schwierigkeit durch harte
Arbeit beider Seiten gelöst werden können. Wir haben
Experten nach Genf entsandt, um die Arbeit an den
eher technischen Problemen zu beschleunigen, und
es ist wahrscheinlich, daß Außenminister Bessmertnych und ich bald erneut zusammentreffen, um dem
Abschluß eines Vertrags weiteren Auftrieb zu verleihen.
Fünftens, bezüglich der Unterstützung des sowjetischen Reformprozesses habe ich meinen Kollegen in
Kopenhagen - ebenso wie kürzlich mehreren sowjetischen Regierungsvertretern - erklärt, daß aus unserer
Sicht Perestrojka in vielen Bereichen eine Chance für
"neues Denken" bietet. Perestrojka birgt die Chance
für neues Denken nicht nur in der Außen- sondern
auch in der Verteidigungspolitik, der Wirtschaft, Innenpolitik und den Beziehungen der Führung zu den
Republiken. Nachdem er diese Revolution in die Wege
geleitet hat, hoffen wir, daß Präsident Gorbatschow wie er in Oslo erklärt hat - bei der Perestrojka "den Kurs
halten" wird.
Er hat in Oslo jedoch auch erklärt, daß die "Perestrojka
jetzt in ihre dramatischste Phase eingetreten ist".
Heute ist es mehr als je zuvor entscheidend, daß die
sowjetische Führung die Gelegenheit ergreift, um mit
den Traditionen zu brechen, die sich als funktionsuntüchtig erwiesen haben. Sie dürfen diese Chance zu
einem Umbruch nicht verpassen.
Die Vereinigten Staaten fühlen sich nach wie vor
verpflichtet, den Erfolg der wirtschaftlichen und politischen Reformen in der Sowjetunion zu fördern.

Seite 2

Niemand kann die Zukunft vorhersagen und uns den
Erfolg der sowjetischen Reformen garantieren. Unseres Erachtens ist die Sowjetunion jedoch ein mit Rohstoffen und talentierten Menschen gesegnetes Land,
das sich zu einer demokratischen und wohlhabenden
Gesellschaft wandeln könnte.
Der Impuls zur Umgestaltung der Sowjetunion ist von
den Sowjets ausgegangen. Die Perestrojka ist hausgemacht. Sie wurde von der Erkenntnis geleitet, daß
Wandel in der Sowjetunion zur Abwendung von Verschlechterung und Niedergang unabdingbar ist. In
dieser Hinsicht bezieht sich die Perestrojka - wie
Präsident Gorbatschow ausreichend klargestellt hat auf sehr viel mehr als die Wirtschaft. Sie ist eine
tiefgreifende Revolution - in der Politik, den Beziehungen der Führung zu den Republiken, der Außen- und
Verteidigungspolitik. In diesen Bereichen sollte die
Perestrojka ebenso wie in der Wirtschaft auf dem Weg
grö ßtmöglicher politischer und wirtschaftlicher Freiheit
und internationaler Kooperation fortschreiten.
Um also die sowjetischen Ziele zu erreichen, die
Hoffnungen der Perestrojka zu verwirklichen und das
reiche Potential der Sowjetunion anzuzapfen, liegt es
im sowjetischen Interesse, sich eine echte Marktwirtschaft mit Privateigentum, Anreizen, Gesetzen über
Verträge, Wettbewerb, einer gesunden Währung und
realen Preisen zu eigen zu machen. Es liegt im
sowjetischen Interesse, die Bemühungen zum Aufbau
eines Staates fortzusetzen, der sich auf Rechtsstaatlichkeit gründet und auf freie und faire Wahlen zusteuert. Es liegt im sowjetischen Interesse, durch Dialog
und Verhandlungen den Bestrebungen der baltischen
Staaten auf friedlichem Wege entgegenzukommen
und einen Unionsvertrag zu vollenden, der den Republiken die von ihnen gewünschte Autonomie gewährt.
Es liegt im sowjetischen Interesse, die positive außenpolitische Orientierung fortzusetzen und gleichzeitig
die augenfälligsten Relikte des Zeitalters der Stagnation zu beseitigen, indem die Unterstützung für solche
Regime beendet wird, die sich innenpolitisch der Unterdrückung und außenpolitisch der Subversion verschrieben haben. Und es liegt im sowjetischen Interesse, die Bemühungen zur Umrüstung von Militärgerät
zu beschleunigen und sich gleichzeitig sowohl zur

Offenlegung des Verteidigungshaushalts als auch zur
erheblichen Reduzierung des Anteils der Verteidigungsausgaben am BSP zu verpflichten.
Kurzum: Die Fortsetzung der Perestrojka liegt vor
allem im Interesse der Völker der Sowjetunion. Deshalb müssen die Sowjets selbst den Willen aufbringen,
den Weg zu einer neuen Zukunft zu öffnen. Und sie
müssen beginnen, sich selbst zu helfen.
Wenn sie dies tun, werden wir sie dabei unterstützen.
Wir können als Katalysator für politische und wirtschaftliche Reformen dienen. Wir sind dabei, ein
Paket unterstützender Maßnahmen zu entwickeln,
das wir mit anderen westlichen Regierungen koordinieren möchten.
AMERIKA DIENST 24

�Wir müssen jedoch berücksichtigen, daß diese Veränderungen nur langfristig wirksam werden. In der
Tagespolitik werden unsere Bemühungen höchstwahrscheinlich einen stufenweisen Prozeß hervorbringen mit einem großen Ziel, aber stets mit einem realistischen und praktikablen Ansatz.
Wir wissen um die schwierigen Entscheidungen, die
von den Sowjets zu treffen sind. Vor allem sind wir uns
der Tatsache bewußt, wie schwierig es sein wird, eine
echte Marktwirtschaft einzuführen. Wir haben jedoch
unsererseits nicht vor, untätig zuzuschauen, wenn die
Sowjets diese Fragen politischer und ökonomischer
Legitimität in den Griff bekommen. Die Perestrojka
könnte die wichtigste Revolution dieses Jahrhunderts
werden. Wir alle haben ein grundlegendes Interesse
an ihrem Ergebnis.
In dieser Hinsicht, Herr Vorsitzender, möchte ich betonen, wie wichtig es ist, daß wir das Problem mit unserer
Botschaft in Moskau lösen. Das Feuer hat die schwierige Lage erheblich verschärft. Wir stehen schlicht und
einfach an einem Punkt, an dem es für unsere Leute in
Moskau äußerst schwierig ist, dem von ihnen heute zu
erfüllenden Auftrag gerecht zu werden, ganz zu schweigen von der zusätzlichen Arbeitsbelastung, die wahrscheinlich dann entstehen wird, wenn die Sowjets die
Reformen fortsetzen. Mit der Ernennung eines neuen
Botschafters ist es an der Zeit, dieses Problem zu
lösen und der Botschaft der Vereinigten Staaten in
Moskau den angemessenen Stellenwert für die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen in unserer Außenpolitik einzuräumen.
Die Administration würde jeden der von Senat und
Repräsentantenhaus verabschiedeten Ansätze "abreißen und neu bauen" oder "Aufstockung" umgehend verwirklichen. Entscheidend ist jedoch,
daß der Kongreß einen Weg findet, um eine Einigung
zwischen Repräsentantenhaus und Senat zu erzielen.
Die Pattsituation bei diesem Problem steht unseren
nationalen Interessen diametral entgegen.
Bevor ich auf Ihre Fragen eingehe, Herr Vorsitzender,
möchte ich noch kurz den Meistbegünstigungsstatus
für China erörtern. Ich möchte dabei eine einfache
Feststellung treffen: wenn wir irgend etwas aus den
vergangenen zwei Jahren gelernt haben, dann dies,
daß ein amerikanisches Engagement für die Förderung demokratischer Werte unerläßlich ist. Wir stimmen natürlich zu, daß China in den Bereichen Menschenrechte, Nichtverbreitung und Handel Verbesserungen durchführen muß - und wir werden die bestehenden Gesetze im Hinblick auf diese Bereiche peinlich genau anwenden. Der Versuch, eine Regierung
durch den Abbruch von Beziehungen mit der Bevölkerung zu isolieren, stellt jedoch eine kontraproduktive
Politik dar, und genau dies würde von chinaspezifischen Bedingungen für den Meistbegünstigungsstatus erreicht werden. Der Meistbegünstigungsstatus ist
ein grundlegendes Element, um die chinesische Gesellschaft weiterhin für den Westen offen zu halten und

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seine Beibehaltung ist der sicherste Weg, um wirtschaftliche Reformen und letztlich das Wachsen
demokratischer Werte in dieser Gesellschaft zu fördern.
Der Haushaltsantrag
Um unserem gesamten Haushaltsantrag für internationale Angelegenheiten im Haushaltsjahr 1992 einen
Rahmen zu geben, möchte ich fünf weitgefaßte politische Ziele ansprechen, die sich auf die von mir im
vergangenen Jahr vor dem Kongreß erörterten fünf
außenpolitischen Herausforderungen gründen.
Erstens die Förderung und Konsolidierung demokratischer Werte, einschließlich freier und fairer Wahlen
und Achtung der Menschenrechte. Wie der Präsident
in seinem Bericht zur Lage der Nation ausführte, war
dieses amerikanische Grundprinzip seit über zwei
Jahrhunderten ein Symbol für die Völker der Welt.
Zweitens die Förderung der freien Marktwirtschaft und
Stärkung der amerikanischen Konkurrenzfähigkeit.
Dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung ist untrennbar
mit dem Streben nach gesunden, wachstumsorientierten Maßnahmen verbunden. Zusammen können beide Elemente die amerikanischen Wirtschaftsinteressen im Ausland fördern.
Drittens die Förderung des Friedens durch Hilfe bei der
Entschärfung regionaler Konflikte, Stärkung der Sicherheit unserer regionalen Partner und Streben nach
Rüstungskontrolle sowie Bemühungen um die Nichtverbreitung.
Viertens der Schutz gegen grenzüberschreitende
Bedrohungen, insbesondere für die Umwelt und durch
Drogen und Terrorismus.
Schließlich die Erfüllung dringender humanitärer Bedürfnisse durch rechtzeitige Entwicklungs-, Nahrungsmittel, Katastrophen- und Flüchtlingshilfe.
Herr Vorsitzender, in Zusammenarbeit mit Ihnen im
Kongreß und unseren Partnern in der Welt streben wir
zur Förderung dieses weltweiten Programms die Nutzung der folgenden fünf Hauptmechanismen an:
Erstens flexiblere und integrierte Behörden für bilaterale Hilfe. In dem von uns kürzlich im Kongreß
eingebrachten Bewilligungsgesetz streben wir eine
flexiblere Struktur für die Verwaltung der Auslandshilfemittel sowie eine bessere Fähigkeit an, Mittel sowohl
innerhalb wie zwischen verschiedenen Einzeletats
umzuschichten, um dringende, unerwartete Bedürfnisse zu erfüllen.
Zweitens die kreativere Anwendung multilateraler
Mechanismen zur Förderung unserer Ziele durch die
internationalen Finanzinstitutionen und die Vereinten
Nationen, deren Mittel in den Verantwortungsbereich
dieses Unterausschusses fallen.
Die Vereinten Nationen haben in der Golfkrise eine
historische Rolle gespielt, die der Vision ihrer Begründer nahekommt. Die 14 Resolutionen des SicherheitsSeite 3

�rats, mit denen die Grundlage für die Beendigung der
Krise geschaffen wurde, verkörpern die Einheit der
internationalen Staatengemeinschaft gegen die Aggression des Irak und verankerten das Prinzip der
kollektiven Sicherheit als Eckstein des Zeitalters nach
dem kalten Krieg.
Gleichzeitig koordinieren die humanitären UN-Organisationen zusammen mit dem Internationalen Komitee
vom Roten Kreuz und der Internationalen Organisation für Migration umfassende internationale Bestrebungen, um den Tausenden von Flüchtlingen zu helfen, die die irakische Aggression hervorgebracht hat.
Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse an
der Stärkung dieser neubelebten Vereinten Nationen
als einem vollwertigen Partner beim Aufbau einer Welt
nach dem kalten Krieg, in der Frieden, Stabilität und
Wohlstand vorherrschen. In der Tat spielt unser
Antrag bei diesem Unterausschuß eine wichtige Rolle
bei der Verwirklichung dieser Zielsetzung: wir streben
die vollständige Finanzierung aller gegenwärtigen UNAktivitäten an und wollen, daß der Plan des Präsidenten zur Zahlung unserer Rückstände finanziert wird.
Drittens prognostizieren wir größeres Vertrauen auf
kreative Teilung der Verantwortung, wenn wir unsere
Partnerschaften weltweit, insbesondere mit der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedern sowie
mit Japan stärken. Viele Kongreßabgeordnete sind
sich darüber im klaren, daß unsere eigene angespannte Haushaltslage solche Bestrebungen noch wichtiger
werden läßt, um ein gemeinsames Programm mit
Partnern voranzutreiben, die unsere Werte und Interessen teilen.
Keine Maßnahme dokumentiert die kollektive Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft zur Verteidigung des Friedens so anschaulich wie unsere
erfolgreichen Maßnahmen zur Sicherung weltweiter
Unterstützung für die Operationen Wüstenschild und
Wüstensturm und für die Frontstaaten, deren Volkswirtschaften durch die Aggression Saddam Hussein
Rückschläge erlitten haben. Eine starke Führung der
Vereinigten Staaten und gemeinsame Werte und Interessen waren unabdingbar, um die umfassende
weltweite Reaktion zu katalysieren, wie wir sie erfahren haben.
Viertens halten wir den kreativeren Einsatz von Handels- und Investitionsmaßnahmen als Mittel zur Förderung amerikanischer Interessen am Weltwirtschaftswachstum und zur Verbesserung unserer eigenen
wirtschaftlichen Stärke für möglich.
Schließlich sind wir herausgefordert, zur Förderung
unserer Ziele eine aktivere Diplomatie zu verfolgen,
und ich bitte um Ihre Unterstützung für einen Haushalt
des Außenministeriums, der Ressourcen und Flexibilität bietet, um der gro ßen Bandbreite vor uns liegender
diplomatischer Herausforderungen gerecht zu werden.

Seite 4

Meiner Ansicht nach kommt die Golf krise zeitlich sehr
gelegen, um an die Rolle des Außenministeriums an
den "Frontlinien", beim Schutz amerikanischer Bürger
und der Verteidigung amerikanischer Interessen zu
erinnern. Im In- und Ausland haben unsere Mitarbeiter - Diplomaten und Beamte - wertvolle Beiträge
geleistet, um die Politik des Präsidenten durchzuführen. Dazu einige Beispiele:
Die Mitarbeiter unserer Botschaft in Kuwait haben in
den ersten Monaten der irakischen Besetzung dem
kuwaitischen Volk ein Zeichen gesetzt, daß wir die
Vereinnahmung ihres Landes durch einen machthungrigen Nachbarn nicht dulden würden.
Die effektive Führungskraft in Washington, New York
und in unseren ausländischen Vertretungen hat zur
Mobilisierung der internationalen Unterstützung für die
diplomatische Isolierung des Irak und damit zur erfolgreichen Neubelebung der UN-Prinzipien beigetragen.
Unsere Vertretungen im Nahen Osten - viele mit
reduziertem Personal - haben professionell auf die
außergewöhnliche Flut offizieller Besuche vor, während und nach dem Krieg reagiert.
Wie Sie wissen, Herr Vorsitzender, ist die Förderung
von US-Interessen im Ausland eine zunehmend kostspielige Pflicht, umso mehr durch die Anforderungen
an das Außenministerium, seine Arbeit zu erweitern,
um neue politische und wirtschaftlichen Chancen auf
der ganzen Welt ergreifen zu können. Wechselkursschwankungen, höhere Inflationsraten im Ausland und
die kontinuierliche Notwendigkeit zur Verbesserung
der Sicherheit unserer Vertretungen und unserer Mitarbeiter im Ausland tragen noch zur weiteren Verschärfung des Problems bei. Heute sehen wir uns
einer potentiellen und beunruhigenden Schwächung
unserer Infrastruktur bei den auswärtigen Angelegenheiten gegenüber, und dies zu einer Zeit, da wir
aufgefordert sind, uns außergewöhnlichen neuen
Herausforderungen zu stellen.
Internationale Organisationen
Der Präsident hat die Dringlichkeit der Wiederherstellung finanzieller Lebensfähigkeit der Vereinten Nationen und anderer internationaler Organisationen betont. Nach mehrjährigen Bestrebungen des Kongresses und der Regierung freuen wir uns, eine greifbare
Bewegung bei den Reformen des Haushalts und der
Verwaltung innerhalb der Vereinten Nationen und ihren Unterorganisationen feststellen zu können. Niemand, der die Reaktion des UN-Sicherheitsrats auf die
jüngsten Ereignisse am Persischen Golf beobachtet
hat, könnte die Bedeutung eines amerikanischen Interesses an finanziell gesunden Vereinten Nationen
leugnen.
Wir setzen uns für die vollständige Finanzierung der
amerikanischen Beiträge im Rahmen bestehender
Gesetze ein, und wir wollen unsere Rückstände aus

AMERIKA DIENST 24

�den vergangenen Jahren in den nächsten vier Jahren
abzahlen. Wir danken für die vollständige Finanzierung im Haushaltsjahr 1991, die erste Mittel für den
notwendigen Prozeß der Abzahlung von Rückständen
beinhaltete. Für das Haushaltsjahr 1992 fordern wir
die Ausgabeermächtigung für 750 Millionen Dollar, um
unsere gegenwärtigen Beiträge an internationale
Organisationen zahlen zu können, plus 371 Millionen
Dollar zur Abzahlung der Rückstände, die in den
kommenden vier Jahren gezahlt werden sollen. Für
Maßnahmen zur weltweiten Friedenssicherung fordern wir 69 Millionen Dollar, um unsere finanziellen
Verpflichtungen voll und ganz erfüllen zu können, plus
132 Millionen Dollar für Rückstände, die ebenfalls
innerhalb von vier Jahren gezahlt werden sollen.
Von diesen drei Initiativen abgesehen, werden unsere
wichtigsten Programme Minimalanforderungen gerecht.

Öffentlichkeitsarbeit
Öffentlichkeitsarbeit wird eines unserer wichtigsten
Instrumente sein, wenn wir die weltweite Hinwendung
zu Demokratie und politischem Pluralismus fördern
wollen. Für die wertvolle Arbeit des US-Informationsamtes und die Behörde für den Internationalen Rundfunk beantragen wir aus dem Haushalt für 1992 1,3
Milliarden Dollar, eine geringfügige Erhöhung gegenüber dem Vorjahr. In diesem Rahmen werden neue
Schwerpunkte bei Informations- und Kulturprogrammen in Osteuropa, der Sowjetunion und der islamischen Welt liegen.
Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen nochmals für diese
Gelegenheit, unseren Finanzierungsvorschlag für das
Außenministerium im Haushaltsjahr 1992 hier erläutern zu dürfen. Wirfreuen uns auf die Zusammenarbeit
mit Ihnen, um zu gewährleisten, daß wir weiterhin über
angemessene Mittel zur Förderung amerikanischer
Interessen im Ausland verfügen.

* *

AMERIKA DIENST 24

*

Seite 5

�NACH

DEM

GOLFKRIEG
19. Juni 1991

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN NACH DEM
GOLFKRIEG
von Jeffrey Alderman
Der folgende Beitrag von Jeffrey Alderman, dem Leiter der Abteilung Meinungsumfragen bei ABC News, ist Teil
einer Serie von mehreren Artikeln. Sie behandeln George Bushs Position als Präsident und die Stärke der beiden
großen Parteien an dieser Wegscheide nach Beendigung des Krieges gegen den Irak und vor der hei ßen Phase
der Wahlkämpfe des Jahres 1992. Der Beitrag ist zuerst in der Ausgabe Mai/Juni 1991 von The Public
Perspective erschienen, einem zweimonatlich erscheinenden Magazin, das vom Roper Center for Public
Opinion Research an der University of Connecticut herausgegeben wird. Nachdruck und Übersetzung mit
Genehmigung.

Hätten die Wahlen des Jahres 1992 im März dieses
Jahres stattgefunden, dann hätte Präsident Bush einen Erdrutschsieg davongetragen, dessen Schwungkraft gro ß genug gewesen wäre, um den Senat zurückzuerobern und die demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus deutlich zu schmälern.
Der Grund: Der Krieg hat Bush zu einem der populärsten Präsidenten der neueren Geschichte gemacht.
Seine Zustimmungsquote lag Anfang März höher als
die aller Präsidenten seit Franklin D. Roosevelt. Obwohl
sie inzwischen etwas zurückgegangen ist, bleibt das
Ansehen des Präsidenten außergewöhnlich hoch. Bushs
Popularität hat zudem auf die Republikanische Partei
abgefärbt, die heute zumindest ebenso viele Anhänger
zählt wie die Demokraten. Jüngste Umfragen von
ABC/Washington Post deuten an, daß die Wahlen des
Jahres 1992 sogar einen bedeutenden politischen
Umbruch herbeiführen könnten, wenn Bush und die
Republikaner es schaffen, ihre Gewinne in den nächsten 18 Monaten zu konservieren und in dieser Zeit
glaubwürdige Kandidaten für den Kongreß aufzustellen.
Zum Glück für die Demokraten bedeuten eineinhalb
Jahre in der Politik eine Ewigkeit. Die Rezession,
andere Punkte auf der innenpolitischen Tagesordnung
sowie der Amtsbonus der heutigen Senatoren und
Abgeordneten könnten ihnen noch einen Umschwung
bringen. Die gegenwärtigen Zahlen liegen jedoch für
die Republikaner sehr hoch, und wenn sich die Demokraten lediglich auf zufällige Ereignisse und den Amtsbonus verlassen, um ihre politischen Kastanien aus
AMERIKA DIENST 24

dem Feuer zu holen, könnten sie am 3. November
1992 wesentlich mehr verlieren als die Präsidentschaft.
Sie haben es nicht nur mit einem populären Präsidenten zu tun. Ihnen steht vielmehr ein populärer Präsident gegenüber, dessen Zustimmungsrate einen Trend
zu seiner Partei beschleunigen könnte, der im großen
und ganzen zumindest seit der ersten Amtszeit Ronald
Reagans stetig zugenommen hat. Zur Zeit sehen sich
die Demokraten mit einer Öffentlichkeit konfrontiert,
die nicht nur einen populären republikanischen Präsidenten wiederwählen möchte, sondern auch noch
erwägt, ihm einen republikanischeren Kongreß zur
Seite zu stellen. Und sie erwägt dies sogar mitten in
einer Rezession, in der die Republikaner das Weiße
Haus kontrollieren. Man stelle sich ihre Präferenzen
erst vor, wenn wirtschaftlich bessere Zeiten anbrechen!
Parteienloyalität
Über die durch den Kriegsenthusiasmus begründeten
Beurteilungen des Präsidenten hinaus sehen die Zahlen
für die Republikaner seit langem sehr viel vielversprechender aus. Im Hinblick auf die Partei Präferenz gibt
es in der Tat ebensoviele Republikaner wie Demokraten. Bei einer vom 1. bis 4. März durchgeführten
Umfrage zur Bevorzugung der jeweiligen Partei gaben
31 Prozent der Erwachsenen die Demokraten und 31
Prozent die Republikaner an. Als die 37 Prozent, die
den Begriff "unabhängig" bevorzugten, gefragt wurden, zu welcher Partei sie neigen, wählten 15 Prozent
Seite 1

�die Demokraten, wohingegen sich 17 Prozent für die
Republikaner entschieden. Diese starke Tendenz zu
den Republikanern ist nur zum Teil ein Phänomen des
außerordentlich positiven Abschneidens des Präsidenten bei den Umfragen. Selbst ohne solch hohe
Prozentzahlen zugunsten des Präsidenten hat sich
der durchschnittliche Punktvortefl der Demokraten bei
der Parteiidentifizierung gegenüber den Republikanern in den vergangenen 12 Jahren ständig verringert
- von über 20 Punkten Ende der siebziger Jahre auf
nahezu einen Gleichstand heute. Bevor der Abstieg
begann, konnten die Demokraten bei der Identifizierung mit der Partei praktisch 50 Jahre lang einen
Vorsprung von 15 bis 20 Punkten verzeichnen. Diese
Verlagerung in der Bevölkerung fand ihren Niederschlag bei der Parteiidentifizierung der Wähler in jeder
seit den achtziger Jahren nach Verlassen des Wahllokals durchgeführten Umfrage. Es war weder ein
kontinuierlicher noch jäher Abstieg für die Demokraten. Er war jedoch beachtlich genug, um den Punkt zu
erreichen, an dem die Demokraten nicht länger den
Anspruch erheben können, die Mehrheitspartei zu
sein. Obwohl die Republikaner ihren Anteil bei der
Parteizugehörigkeit in den vergangenen 12 Jahren um
rund 10 Prozentpunkte verbessern konnten, können
auch sie nicht die Mehrheit beanspruchen. Eine von
ABC im Frühjahr durchgeführte Meinungsumfrage
belegte, daß die Zuwächse der Republikaner bei der
Identifizierung zusammen mit Bushs Popularität wieder etwas abnahmen.

Die Demokraten verfügen nur in einem Teil des Landes
- dem Osten, der 20 Prozent des Landes ausmacht über eine knappe Mehrheit. Und der Volkszählung von
1990 zufolge verliert diese Region Wählerstimmen.
Die Republikaner hingegen können 52 Prozent im
Westen auf sich vereinigen -19 Prozent des Landes.
Auch im Mittelwesten, wo 24 Prozent der Bevölkerung
leben, haben sie einen Vorsprung von 49 zu 39 gegenüber den Demokraten.

Liberale

15

Die Demographie von heute

61 Jahre oder älter

12

Die Zahlen im Hinblick auf Identifizierung mit der Partei
in einer politisch detaillierteren Umfrage vom März
zeigen, daß der Großteil der die Demokratische Partei
unterstützenden Gruppen älter, ärmer und weniger
gebildet ist als die meisten Amerikaner. Betrachtet
man die "Neigung" bei der Parteiidentifizerung - einschließlich derjenigen, die sich zunächst als unabhängig bezeichnen, bei einer Folgefrage jedoch angeben,
sie tendierten entweder zu den Demokraten oder Republikanern, so setzt sich die Liste von Gruppen, bei
denen die Mehrheit die Demokraten bevorzugen, folgendermaßen zusammen: Schwarze, Liberale, ältere
Mitbürger, High School-Abbrecher, Gewerkschaftsmitglieder, die Armen und Katholiken. Im Gegensatz
dazu befinden sich auf der Liste zugunsten der Republikaner Weiße, Konservative, Jugendliche, Collegeabsolventen, die Mittelklasse, die Reichen und weiße
Protestanten.

Keine High School-Ausbildung

13

Gewerkschaftsmitglieder

10

Auf den ersten Blick enthalten beide Listen keine
großen Überraschungen. Einige Berechnungen im
Hinblick auf die Auswirkungen des Wahlverhaltens
ergeben jedoch, daß die republikanische Liste entschieden mächtiger istt und zwar, weil die Republikaner mehr große Gruppen als die Demokraten für sieh
gewinnen. Zum Beispiel: 75 Prozent der Schwarzen
bevorzugen die Demokraten, wohingegen nur 51 Prozent

Seite 2

der Weißen für die Republikaner sind. Aber diese
schwarzen Demokraten entsprechen nur 8 Prozent
der Gesamtbevölkerung, während die weißen Republikaner 41 Prozent ausmachen. Tabelle 1 zeigt die
stärksten Gruppen und ihren Anteil an der Bevölkerung. Mit anderen Worten: Die größeren demographischen Gruppen tendieren zu den Republikanern und
die kleineren zu den Demokraten.
Regionale Stärke

Tabelle 1
Gruppen, bei denen sich die absolute Mehrheit (einschließlich Tendenzen) als republikanisch oder demokratisch identifizieren und Anteil an der Bevölkerung
Demokraten
Schwarze

Einkommen unter 12.000 Dollar
Katholiken

8

Prozent

9
15

Tabelle 2
Republikaner
Weiße

41

Konservative

22

18-30 Jahre

14

Collegeabsolventen

21

Mittelschicht

23

Prozent

Einkommen
über 50.000 Dollar

12

Weiße Protestanten

28

Im Süden (wo 37 Prozent der Bevölkerung leben)
haben beide Parteien den gleichen Zulauf - 47 Prozent
bekennen sich zu den Demokraten und 47 Prozent zu

AMERIKA DIENST 24

�den Republikanern. Wenn eine Zahl jemals belegt hat,
daß die alte demokratische Präsidentschaftskoalition
von Nord und Süd tot und begraben ist, dann diese.
Der immense Vorsprung, den die Demokraten im
Laufe der Geschichte im Süden innehatten, existiert
nicht mehr.
Die katholischen Wähler
Einer der wichtigsten Gründe, warum die Demokraten
immer noch einen Vorsprung im Osten haben, besteht
darin, daß weiße Katholiken sich nach wie vor - zum
Teil aufgrund ihrer Familientradition - als Demokraten
betrachten. Aber die Katholiken fühlen sich seit langem bei den Präsidentschaftswahlen zu den Republikanern hingezogen und könnten Ihnen auch im Repräsentantenhaus eine Chance geben.
Die vom 1. bis 4. März von ABC News und der
Washington Post durchgeführte Umfrage zeigte, daß
eine klare Mehrheit aller Katholiken immer noch den
Mitgliedsausweis der Demokraten vorziehen, aber
gespalten waren, welche Partei die Probleme des
Landes oder die Wirtschaft besser in den Griff bekommen kann. Gegenwärtig erklären 70 Prozent aller
Katholiken, sie würden Bush zum Präsidenten wählen.
Noch wichtiger ist vielleicht die Tatsasche, daß sie im
Hinblick auf ihre Wahlentscheidung für das Repräsentantenhaus 1992 in zwei gleich große Lager gespalten
sind. Das bedeutet, die Katholiken als größte und
treueste Wählergruppe der Demokraten - die 3 von 10
Wählern stellt - denken daran, schon an der Basis
abzuspringen.
Andere starke Gruppen bei den Demokraten planen,
1992 Demokraten in das Repräsentantenhaus zu
wählen, aber wie die Übersicht der Wähler bei der
Präsidentschaftswahl 1988 zeigt, stehen sie damit
ziemlich allein da (siehe Tabelle 2). Befragt zu ihrer
Entscheidung bei der Präsidentschaftswahl 1992, stimmen alle Stammwähler der Demokraten - auch die
Schwarzen - für Bush.
Die Stärken der Demokraten
Die Demokraten sind gegenwärtig eine demoralisierte
Gruppe, aber nicht ohne Hoffnung, gegenüber der
"Grand Old Party" wieder an Boden zu gewinnen, und
diese Hoffnung erfordert keine anhaltende, einschnei-

*

AMERIKA DIENST 24

*

dende Rezession (obwohl sie helfen würde). Bei der
Parteidentifizierung liegen Demokraten und Republikaner gleichauf, diese Zahlen variieren jedoch je nach
den Umständen kräftig. Es ist noch zu früh, um zu
erkennen, ob sich die jüngsten Zugewinne der Republikaner als dauerhaft erweisen werden. Und es ist
ganz sicher noch zu früh, um die Verluste der Demokraten im Repräsentantenhaus und Senat oder für
1992 einen Wahlsieg von Präsident Bush vorherzusagen.
Die Öffentlichkeit hat keine klare Vorstellung, wohin
Bush die Nation innenpolitisch führen wird. Nur 22
Prozent aller Amerikaner behaupten, sie wüßten genau, wohin er das Land in den kommenden zwei
Jahren lenken will. 37 Prozent haben "ungefähr eine
Vorstellung" und 40 Prozent "kaum eine Vorstellung".
Vielleicht können die Demokraten der Öffentlichkeit
eine bessere Idee davon vermitteln, wohin das Land
ihrer Meinung nach geführt werden sollte. Es gibt
zahlreiche innenpolitische Probleme au ßer der Rezession, bei denen sie die Regierung herausfordern könnten. Die Öffentlichkeit glaubt, bei einer Reihe von
Themen würden nicht genug Fortschritte erzielt - von
Drogen und Verbrechen bis zu Bildung und Umwelt.
Die Demokratische Partei hat die "Grand Old Party"
erfolgreich als Partei der Reichen und sich selbst als
die Partei der Armen dargestellt. Natürlich sind es die
Menschen in der Mitte, die über die meisten Stimmen
verfügen, aber ein etwas größerer Anteil der Bevölkerung hält die Demokraten für bessere Vertreter der
Mittelschicht als die Republikaner (44 zu 37 Prozent).
Auf die Frage, welche Partei am besten in der Lage sei,
"etwas für die Mittelschicht zu tun", liegen die Demokraten mit 48 zu 34 Prozent der Stimmen klar vorn.
Das ist eine Basis, auf der neue Wähler gewonnen
werden können.
Zum Nachteil gereicht den Demokraten, daß Wähler,
die sich der Mittelschicht zuordnen, bei den Wahlen für
das Repräsentantenhaus mit 54 zu 35 Prozent für die
Republikaner und mit 72 zu 16 Prozent für Bush
stimmen wollen. Wenn die Demokraten weiterhin
zulassen, daß der Präsident und seine Partei das
innenpolitische Programm bestimmen, dann könnte
dies das Ergebnis der nächsten Wahlen werden.

*

*

Seite 3

�NACH

DEM

GOLFKRIEG
19. Juni 1991

DER PRÄSIDENT UND DIE PARTEIEN
NACH DEM GOLFKRIEG
Interview mit Richard Wirthlin
Das folgende Interview mit dem Vorsitzenden der Wirthlin Group und Republikaner Richard Wirthlin ist Teil einer
Serie von mehreren Artikeln über George Bushs Position als Präsident und die Stärke der beiden großen Parteien
an diesem Wendepunkt nach Beendigung des Krieges gegen den Irak und vor der hei ßen Phase der Wahikämpf e
des Jahres 1992.
Der Beitrag ist erstmals unter dem Titel "The Bush Presidency and the Political Parties after the Gulf War" in der
Ausgabe Mai/Juni 1991 der Zeitschrift The Public Perspective erschienen, die alle zwei Monate vom Roper
Center for Public Opinion Research an der University of Connecticut herausgegeben wird. Der Nachdruck erfolgt
mit freundlicher Genehmigung dieser Institution.

Erfolgreiche Kriege treiben die Bewertung des Präsidenten höher als alle anderen Ereignisse. Das gilt
insbesondere, wenn die Öffentlichkeit einen Krieg für
notwendig und erfolgreich erachtet. Solche Kriege
müssen heute 1. gegen einen Feind ausgefochten
werden, der eindeutig internationale Normen und
Maßstäbe verletzt hat, 2. gegen einen Schurken in
Person gekämpft werden - eine Rolle, die Saddam
Hussein sehr gut ausfüllen kann und 3. in einer eindeutigen Lösung des Konflitks münden. All dies wirkte sich
im Golfkonflikt zum Vorteil von Präsident Bush aus.
Die Leiden der Kurden nach dem Krieg haben das
Ansehen von Präsident Bush bei den Amerikanern
nicht geschmälert. Dennoch ist es ziemlich bemerkenswert, daß er so gut bewertet wird, insbesondere,
daß ihm in unserer nationalen Untersuchung vom
März 1991, als die Zustimmung für ihn 82 Prozent
betrug, ganze 56 Prozent der Befragten ihre einhellige
Unterstützung für sein Vorgehen aussprachen. Das ist
tatsächlich eine sehr große Zahl.
Frage: Wie verhalten sich die 56 Prozent der Befürworter zu den besten Ergebnissen für Ronald Reagan?
Antwort: Zwei von Reagans besten Ergebnissen
zeigten sich in unseren Untersuchungen im November
1985 mit 75 Prozent und im April 1986 mit ebenfalls 75
Prozent. Ich erinnere mich, daß unmittelbar nach dem
Genfer Gipfeltreffen bei unseren Folgeuntersuchungen noch eine höhere Zahl erreicht wurde. Zu diesem

AMERIKA DIENST 24

Zeitpunkt waren jedoch nur 40 bis 42 Prozent starke
Befürworter. Damit ist Bush mit seinen 56 Prozent
ungewöhnlich stark. Die Frage lautet jedoch nach wie
vor: "Wie fest ist Bushs gegenwärtige Position?"
Bewertungen von 70 Prozent und mehr sind "stratosphärisch" - es ist auch für eine populären Präsidenten
schwierig, in dieser Höhe noch Sauerstoff zu atmen.
Wenn der Präsident als wichtiger Motor positiver Veränderungen betrachtet wird, wenn er Veränderungen
auf eine Weise zu kontrollieren scheint, die mit den
Erwartungen und Werten der Amerikaner im Einklang
steht, dann gehen seine Bewertungen steil nach oben.
Aber wie alle Sterblichen bewirken Präsidenten nicht
nur positive Veränderungen: manchmal fallen sie
selbst Veränderungen zum Opfer. Wenn Sie sich zum
Beispiel Roosevelts Beliebtheit Mitte der vierziger Jahre
vor Augen führen, so verlor er zwischen Mai und
September 18 Prozent auf seiner Beliebtheitsskala.
Obwohl während des Krieges nicht viele Meinungsumfragen veröffentlicht wurden, sank seine Beliebtheit
von Anfang bis Ende des Jahres 1942 um 15 bis 16
Prozentpunkte. Ein anderer beliebter Präsident, Dwight
Eisenhower, unterlag Ereignissen, die er nicht kontrollieren konnte. Seine Beliebtheitsrate lag Ende des
Jahres 1956 bei ewa 78 Prozent. Dann wurde er in den
Kampf um den Haushalt verwickelt, schickte Truppen
nach Little Rock und sein Stern sank - seine Beliebtheitsskala erholte sich nicht, bis er Marineinfanteristen
in den Libanon entsandte. Sie sank wiederum Ende
des Jahres 1959 und Anfang des Jahres 1960, nach
Seite 1

�dem Zwischenfall mit der U-2 und der Absage einer
Japanreise. Von allen Präsidenten seit Roosevelt sind
Eisenhowers Beurteilungen möglicherweise die stabilsten - dennoch sank seine Beliebtheit von Ende des
Jahres 1959 bis Mitte 1960 von 75 auf 50 Prozent.
Dies zeigt, daß kein Präsident seine Beliebtheit als
"sichere Bank" verbuchen kann.
Ich muß jedoch sagen, daß gegenwärtig alles sehr gut
für George Bush aussieht. Erstes ist es unwahrscheilich, daß er noch einmal als schwach oder - umgangssprachlich - als "Niete" dargestellt wird. Diesen Vorwurf hat er ein für allemal begraben. Ein anderer
Faktor zu seinen Gunsten ist die Verlagerung in der
Identifizierung mit der Partei zugunsten der Republikaner. Als ich im Frühjahr des Jahres 1980 die Strategie
für die Reagan-Kampagne entwarf, bezeichneten sich
51 Prozent aller Amerikaner als Demokraten und nur
28 Prozent als Republikaner. In den Jahren unter
Reagan sank dieser Vorsprung der Demokraten erheblich bis auf eine einstellige Zahl. Dieser Trend hält
an: unsere Untersuchung vom Januar 1991 zeigte
einen 3prozentigen Vorsprung der Republikaner, und
andere Untersuchungen zeigen einen Gleichstand der
Parteien. Wir sollten jedoch den Übergang ins nächste
Jahr genau beobachten und abwarten, ob die Republikaner ihre gegenwärtige Position beibehalten können.
Wenn die Republikaner in einem Jahr auch nur einen
geringen Vorsprung von ewa 3 oder 4 Prozent haben,
wird dieser geringfügige Vorsprung bei der Parteiidentifizierung George Bush einen starken politischen Puffer
liefern, über den er 1989 noch nicht verfügte und den
Ronald Reagan 1980 ganz sicher nicht hatte.
Eine weitere positive Komponente von Bushs heutiger
Stellung ist die Wahrscheinlichkeit, daß uns keine
einschneidende Rezession bevorsteht. Obwohl das
Vertrauen der Verbraucher nicht immer ein zuverlässiges Instrument ist, um die künftige Wirtschaftslage
vorherzusagen, ist es in Zusammenhang mit anderen
Maßnahmen kein schlechter Indikator. Wir haben
gerade eine beispiellose Zunahme des Verbrauchervertrauens festgestellt. Das gleiche kommt meines
Erachtens auch in den Zahlen von Conference Board
und Michigan Survey Research Center zum Ausdruck.
Und die Entwicklung der verfügbaren Realeinkommen
von November dieses Jahres bis Oktober des nächsten Jahres wird schließlich der wichtigste Indikator für
die Wiederwahlchancen des Präsidenten sein. Zur
Zeit scheint es, als ob es um die Wirtschaft bis Ende
des Jahres besser bestellt sein wird.
Einen letzten Faktor, den ich als für Präsident George
Bush günstiges Element anführen möchte, ist das
Fehlen starker demokratischer Herausforderer. Von
allen politischen Vorteilen, die Bush in den vergangenen zwei bis drei Monaten errungen hat, würde ich
diesen ziemlich weit oben ansiedeln. Die Demokraten
müssen bald einen Herausforderer für Bush finden,
jemanden, der ihre Sache eloquent verfechten und
natürlich damit beginnen kann, die organisatorischen
Seite 2

Voraussetzungen für einen Präsidentschaftswahlkampf
zu schaffen. Obwohl sie alle gute Leute sein mögen,
stellt von den Demokraten, die heute aktiv die Nominierung anstreben, keiner für den Präsidenten eine
ernsthafte Herausforderung dar.
Trotzdem besitzen die Demokraten bei einigen politischen Fragen Vorteile. Meines Erachtens muß Präsident Bush zur Zeit in der Innenpolitik mit Vorsicht zu
Werke gehen. Ich glaube nicht, daß er davon ungestraft Abstand nehmen kann. Ich war erfreut, als er
kürzlich eine starke Haltung zu Bildungsfragen einnahm. Wenn sich jedoch die Wirtschaft erholt, wird es
für die Demokraten sehr schwierig, bei irgendeinem
Problem den Hebel anzusetzen.
Frage: Noch eine Frage zu Bush persönlich. Über
seine Präsidentschaft wurde schon unzählige Male
gesagt, er genieße zwar gute Zustimmungszahlen,
aber seine Popularität sei "eine Meile breit und einen
Inch tief". Sie sind darauf eingegangen, indem Sie
feststellten, daß heute ein sehr hoher Anteil erklärt, sie
seien sehr zufrieden mit seiner Amtsführung. Trotzdem besteht immer noch der Eindruck, Reagan habe
eine "Armee" hinter sich gehabt, die Bush fehle. Wie
erscheint diese Beurteilung in Ihren Augen?
Antwort: Gezeiten und Abfolge politischer Veränderungen stellen sich heute anders dar als zu Reagans
Zeiten. Grundsätzlich trifft meines Erachtens die
Einschätzung zu, derzufolge er keine "politische Armee"
in dem Sinne hinter sich hat, daß es wesentlich mehr
"wahre Gläubige" gab, die für Reagan durchs Feuer
gegangen wären - er besaß diese Art von Armee. Sein
Wahlkampf war ein Kreuzzug. Es bestand das Gefühl,
einen echten historischen Einschnitt zu bewirken, das
die Reihen konservativer Republikaner in den Jahren
1979,1980 und 1981 ergriffen hatte. Und es gab in der
Tat eine wichtige Änderung der politischen Tagesordnung. Solche Augenblicke der politischen Geschichte
rufen eine Art ungeteilter Begeisterung für einen nationalen politischen Führer hervor. Das gleiche haben wir
mit Franklin D. Roosevelt erlebt.
Dagegen bleibt die internationale und innenpolitische
Tagesordnung bei Bush im wesentlichen dieselbe wie
bei Reagan. Es findet kein tiefgreifender historischer
Wandel statt. Während dies bedeutet, daß Bush keine
Armee gläubiger Anhänger besitzt wie Reagan, heißt
es jedoch auch, daß eine solche Armee in Wahrheit
überhaupt nicht benötigt wird für das, was Präsident
Bush vielleicht leisten möchte. Auf vielfältige Art und
Weise verfolgt er das gleiche Programm wie sein
Vorgänger, vielleicht mit weicherer, sanfterer Hand.
Was Bush natürlich braucht, ist eine starke öffentliche
Zustimmung, auf der er bauen kann, um von ihm
verfolgte gesetzgeberische Ziele zu verwirklichen. Die
öffentliche Zustimmung zu Bushs Amtsführung ist
zweifellos immer stabiler geworden. Sie hat sich
infolge der vergangenen drei bis vier Monate positiver
entwickelt.

AMERIKA DIENST 24

�Ob sich dies in bedeutende Zuwächse für die Republikaner bei den Kongreß- und Gouverneurswahlen des
Jahres 1992 ummünzen läßt, ist eine offene Frage.
Hätten Sie mich vor sechs Monaten nach den Chancen
für erhebliche Gewinne der Republikaner in Repräsentantenhaus und Senat im nächsten Jahr gefragt, so
hätte ich sie als mager eingeschätzt - obwohl ich zu
jener Zeit davon ausging, daß Bushs Position stark
war. Heute besteht meiner Meinung nach die Möglichkeit, daß wir bei der Stellung der Parteien in beiden
Häusern im Jahr 1992 zum ersten Mal seit längerer
Zeit einen größeren Wandel erleben. Warum? Aufgrund eines erheblichen Wandels in der Parteiidentifikation. Die Entwicklung von einem 23-Punkte-Rückstand zu einem Vorsprung von sechs oder sieben
Punkten ist eine Verschiebung, die Sie und ich wahrscheinlich nur einmal in unserem Leben beobachten
können.
Natürlich lautet die wichtigste Frage, ob dieser Vorsprung gehalten werden kann. Die von uns geleistete
Arbeit weist eindeutig darauf hin, daß die Parteiidentifikation nicht so stabil ist, wie dies früher der Fall war
oder zumindest angenommen wurde. Sie ist mehr
oder weniger im Flu ß. Wenn die Republikaner jedoch
mit einem Vorsprung von beispielsweise 6 Punkten in
die Wahlen vom Herbst 1992 gehen sollten, dann
kämen damit eine Menge demokratischer Sitze in
Reichweite, die vor vier Monaten niemand als wackelig
eingestuft hätte.

&gt;

Dies bringt uns direkt zur Frage der Neuorientierung.
Meines Erachtens gab es eine "gezielte" Neuorientierung - gezielt in dem Sinne, daß sie eindeutig in eine
Richtung ging und nicht stagniert. Sie ist weder
eingebettet noch stabil. Neuorientierung bedeutet für
micht erstens eine grundlegende Änderung des innenpolitischen Programms - die 1979 und 1980 tatsächlich
stattfand. Zweitens bedarf es eines charismatischen
Führers um sicherzustellen, daß viele dieser tagespolitischen Änderungen ihren Niederschlag in der Gesetzgebung des Landes finden - das ist Ronald Reagan gelungen. Drittens fordert es eine umfassende
Verlagerung der Parteiidentifizierung - die wir beobachten konnten. Die vierte Komponente einer dauerhaften Neuorientierung hat jedoch noch nicht stattgefunden und wird meines Erachtens auch in absehbarer
Zukunft nicht verwirklicht werden. Um den ersten drei
Komponenten Dauerhaftigkeit zu verleihen, müssen
sie durch Umstrukturierung der Gesetzgebung der
Bundesstaaten institutionell verankert werden. Die
Partei, die die Gesetzgebung der Staaten kontrolliert,
hat die Macht, die Zusammensetzung jedes Wahlbezirks zu bestimmen und kontrolliert dadurch den wichtigsten politischen Hebel. Obwohl die Republikaner
weiterhin in anderen Bereichen Vorteile erlangen
könnten, setzt ihre Unfähigkeit, die Vorherrschaft der
Demokraten in den gesetzgebebenden Körperschaften zu beenden, ihren anderen parteibedingten Zuwächsen Grenzen.

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Frage: Wenn Sie die Zuwächse der Republikaner bei
der Parteiidentifikation betrachten - sie dominieren die
Präsidentschaftswahlen, während die Demokraten die
Gesetzgebung des Landes und der Bundesstaaten
kontrollieren - wie lautet ihre wichtigste Interpretation?
In welchem Maße reflektiert diese Spaltung die ambivalenten Gefühle der Öffentlichkeit bezüglich des richtigen Kurses der öffentlichen Politik - die Bevölkerung
mag die Republikaner in einer Weise und die Demokraten in anderer und splittet daher ihre Stimmen, um
divergierende Ziele zu erreichen? Oder umgekehrt,
steht eine geteilte Regierung statt dessen nur für die
Trennung der Gesetzgebung von Partei und Politik was Vorteile bei der Amtsführung zur Folge haben
könnte? Wünscht die Öffentlichkeit tatsächlich eine
republikanische Präsidentschaft zusammen mit einem
demokratisch dominierten Kongreß, oder handelt es
sich hierbei nur um das unbeabsichtigte Nebenprodukt
anderer Faktoren?
Antwort: Meines Erachtens besteht der Hauptgrund
für die parteiliche Spaltung zwischen Legislative und
Präsidentschaftsebene vornehmlich in der Macht von
Amtsinhabem in Kongreß und Legislative. Amtsinhaber können unter Beweis stellen, daß sie ihren Wahlbezirken in dieser oder jener Weise dienen, und dies
hat sie vor ansonsten sehr viel häufigeren politischen
Veränderungen geschützt. Darüber hinaus haben wir
festgestellt, daß die Amerikaner mit der geteilten
Regierung von heute ganz zufrieden sind - dem einzigartigen Ausdruck der Gewaltenteilung. Anfang der
achtziger Jahre versuchten die Republikaner die Frage auszuloten, ob Präsident Reagan mehr vollbringen
könnte, wenn er ein republikanisches Repräsentantenhaus und einen republikanischen Senat hinter sich
hätte. Sie stellten fest, daß ihre Argumentation auf
taube Ohren stieß. Viele der Befragten gaben an,
dieses Argument zähle nicht viel, da sie die Meinung
vertraten, es sei "eine gute Sache", daß die Demokraten den Kongreß kontrollierten und die Republikaner
das Weiße Haus. Praktisch gesehen glaube ich jedoch nicht, daß viele Amerikaner derlei Erwägungen
anstellen und zu dem Schluß gelangen, wir benötigten
ein Gleichgewicht, deshalb ihre Erststimme den Republikanern geben aber gleichzeitig einen demokratischen Kongreß wählen. Die Wahl eines Kongreßabgeordneten ist eine sehr viel pragmatischere Angelegenheit - wen kennt man, und was sind die Belange des
Wahlkreises?
Frage: Aber selbst angesichts dieser Vorteile im
Amtsbereich und den Wahlkreisthemen, die die gesetzgeberische Position der Demokraten gestärkt haben,
gibt es doch genug Anzeichen für Präsident Bushs
Status einerseits und den Zulauf bei der Parteiidentifizierung der Republikaner andererseits, um zu der
Schlußfolgerung zu gelangen, daß es Aussichten für
eine beachtliche Verlagerung der Parteienzusammensetzung des Kongresses im Jahr 1992 geben wird?

Seite 3

�Antwort: Das ist richtig. Und ich würde mich sehr viel
wohler fühlen, wenn die Republikaner in einem Jahr
immer noch einen Vorsprung bei der Parteiidentifizierung hätten. Nach dem Wahlkampf von 1988 haben
wir eine Analyse vorgenommen, welche Faktoren das
Wahlverhalten bei einer Vielzahl von Ämtern einschließlieh der Präsidentschaft bestimmen. Obwohl nicht die
einzige und in mancher Hinsicht auch nicht die bedeutendste Variable, "erklärt" die Parteienloyalität, warum

bestimmte Kandidaten gewählt werden. Die Herausforderung für die Republikanische Partei besteht darin,
einen Vorsprung bei der Parteiidentifizierung insbesondere bei den Jungwählern zu bewirken. Eine hohe
Wahlbeteiligung wird der Partei eindeutig helfen. Vor
nicht allzu langer Zeit hofften die Republikaner auf
Regen, Schnee und Graupelschauer am Wahltag im
November. Heute sollten sie sich warmes Wetter und
Sonnenschein wünschen.

* * * *

*
V

Seite 4

AMERIKA DIENST 24

�NACH

DEM

GOLFKRIEG
19. Juni 1991

AMERIKANISCHE POLITIK NACH DEM GOLFKRIEG:
DIE SICHT DER DEMOKRATEN
Interview mit Geoffrey Garin
WASHINGTON - (AD) - Das folgende Interview mit dem Präsidenten der Garin-Hart Strategie Research Group
und Demokraten Geoffrey Garin ist Teil einer Serie von mehreren Artikeln über George Bushs Position als
Präsident und die Stärke der beiden großen Parteien an diesem Wendepunkt nach Beendigung des Krieges
gegen den Irak und vor der heißen Phase der Wahlkämpfe des Jahres 1992.
Der Beitrag ist erstmals unter dem Titel "The Bush Presidency and the Political Parties after the Gulf War" in der
Ausgabe Mai/Juni 1991 der Zeitschrift The Public Perspective erschienen, die alle zwei Monate vom Roper
Center for Public Opinion Research an der University of Connecticut herausgegeben wird. Der Nachdruck erfolgt
mit freundlicher Genehmigung dieser Institution.

Die Bewältigung der Golfkrise hat George Bush und
seiner politischen Position eindeutig zum Vorteil gereicht. Ich hege jedoch ernsthafte Zweifel bezüglich
der Nachhaltigkeit und Tiefe dieser Veränderung. In
mehreren von mir in den Bundesstaaten durchgeführten Meinungsumfragen, in denen im Jahr 1992 Senatswahlen stattfinden werden, stellte ich die Frage
nach der Wiederwahl von Präsident Bush und der
amtierenden demokratischen Senatoren. Die Frage
bezüglich des Präsidenten lautete folgendermaßen:
"George Bush wird sich als republikanischer Kandidat
der Wiederwahl als Präsident stellen. Würden Sie
definitiv für Bush stimmen, wahrscheinlich für Bush
stimmen, wahrscheinlich oder definitiv für den Demokraten stimmen?" Wie ich bereits sagte, stellen wir die
Parallelfrage bezüglich der amtierenden demokratischen Senatoren - zumindest einem, von dem die
Republikaner behaupten würden, er habe eine knappe
Stimmenmehrheit. In allen Fällen lag Bush genau oder
gerade unter 50 Prozent und - was noch wichtiger ist
- hinter den amtierenden Senatoren, einschließlich der
umstrittenen. Während also George Bush von den
Wählern hoher persönlicher Respekt gezollt wird, ist
die Tiefe der politischen Loyalität ihm gegenüber noch
nicht ausgelotet.
Frage: Würden sich die typischen von Ihnen erwähnten Antworten in der Größenordnung von 48 Prozent
für die Wiederwahl von Bush, 35 Prozent für den
Demokraten bewegen?

AMERIKA DIENST 24

Antwort: "Der Demokrat" läge immer noch beträchtlich hinter Bush - wahrscheinlich eher am oberen Ende
der 20 Prozentmarke, mit einer großen Gruppe Unentschiedener. Aber ich wiederhole - ich hätte eine
entschieden höhere Zahl für den Präsidenten erwartet.
Und im Hinblick auf seine Zustimmungsrate stellten wir
fest, daß sie selbst auf dem Höhepunkt seiner Popularität zu gleichen Teilen zwischen denen gespalten ist,
die uneingeschränkt zustimmen und denjenigen, die
seinen Leistungen nur in Maßen zustimmen. Er hat
einen Sockel von der Mitte der 30- bis zum oberen
Ende der 40 Prozentmarke unter denjenigen, die entschiedene Bush-Anhänger sind, darüber hinaus ist
alles eher schwammig. Ein weiterer entscheidender
Maßstab ergibt sich aus einer gerade von mir fertiggestellten nationalen Umfrage, bei der drei Viertel der
Wähler angaben, sie seien unzufrieden über die wirtschaftlichen Gegebenheiten. Auf die Frage nach der
Bewertung der Leistung des Präsidenten bei Wirtschaftsproblemen waren die Angaben zu gleichen
Teilen in Zustimmung und Ablehnung gespalten. Dies
alles ergibt etwas weniger als den Status eines Superhelden.
Frage: Ist die Wirtschaft für die Wahlen von 1992
Bushs Achillesferse?
Antwort: Sie ist ein wirklich schwacher Punkt - und
zwar über die herkömmlichen Statistiken zur Gesamtwirtschaftsleistung hinaus. Aus politischer Sicht heißt
das eine ungewöhnliche Rezession, bei der die ArSeite 1

�beitslosigkeit keinen Anlaß zur Sorge bereitet. Die
Menschen sind vielmehr besorgt über die steigenden
Preise der Grundbedürfnisse, sei es Gesundheitsfürsorge, Wohnung, weiterführende Bildung und so weiter. Selbst wenn sich die Arbeitslosenzahlen verbessern, fühlen sich die Menschen noch weit bis in das
politische Jahr 1992 unter Druck. Innerhalb der Mittelschicht herrscht die Ansicht vor, daß Präsident Bush
an ihren Wirtschaftsproblemen nicht besonders interessiert ist, geschweige denn, eine Patentlösung bereitthält.
Frage: Vergleichen Sie ihre Zahlen zur Wiederwahl
mit den Vorentscheidungen der Meinungsumfragen.
Zum Beispiel belegt die von NBC News und dem Wall
Street Journal vom 15. bis 19. März durchgeführte
Umfrage, 67 Prozent würden Bush wählen, nur 22
Prozent Mario Cuomo. Finden Sie diese Ergebnisse
irreführend?
Antwort: In der Tat. Sie deuten überhaupt nicht
darauf hin, wie es 1992 aussehen wird. Wenn unter
Umständen potentielle demokratische Kandidaten diese
Zahlen ernst nehmen und infolgedessen nicht kandidieren, wird es ihnen noch leid tun.
Frage: Gegenwärtig werden vielfach die Verpflichtungen der Demokraten im Hinblick auf die Präsidentschaft 1992 erörtert. Wie beurteilen Sie die Vorzüge
der Partei beispielsweise nach Ihren Untersuchungen?
Antwort: Der wichtigste Vorteil liegt im wirtschaftlichen Bereich, wo die Demokraten viel mehr als Partei
der Mittelschicht betrachtet werden als die Republikaner. Angesichts der dynamischen politischen Entwicklung der Jahre 1991 und 1992 ist dies von entscheidender Bedeutung. Unter den Vertretern der Mittelschicht
herrscht ein starkes Gefühl wirtschaftlicher Zerrüttung
und Frustration. 1990 habe ich an einer Reihe von
Kampagnen für Senat und Repräsentantenhaus mitgearbeitet, die wir aus mancherlei Gründen nicht hätten gewinnen können. Aber wo wir nahe daran waren
und in manchen Fällen sogar gewonnen haben, war
genau dieses Gefühl im Hinblick auf die Wirtschaft
dafür verantwortlich. Der neue Kongreßabgeordnete
aus Indiana, Tim Roemer, ist ein gutes Beispiel für
jemanden, der dieses Thema sehr gut eingesetzt hat.
Harvey Sloane aus Kentucky, der wider Erwarten 48
Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, hat
vor allem ein so gutes Ergebnis erzielt, weil diese
wirtschaftlichen Frustrationen so stark waren und die
Demokraten vornehmlich als Partei der Mittelschicht
betrachtet wurden. Darüber hinaus haben die Demokraten auch bei vielen anstehenden Themen, etwa
Gesundheitsfürsorge und Arbeitsplätzen einen erheblichen Vorteil.
Frage: Bei allgemeinen Erhebungen zu Fragen, welche Partei mehr für Leute wie Sie tut, welche für die
Mittelschicht besser ist, liegen die Demokraten vorn.

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Andererseits werden auf die Frage, welche Partei die
Interessen der Reichen am besten vertritt, eher die
Republikaner genannt. Und dennoch, wenn wir die
Präsidentschaftswahlen über den langen Zeitraum
seit 1968 betrachten, waren die Republikaner die
Gewinner. Natürlich berücksichtigen die Leute bei der
Wahl des Präsidenten viele Dinge, aber wenn die
Demokraten als Partei der einfachen Leute betrachtet
werden, warum bringen sie dann nicht mehr einfache
Leute dazu, sie zu wählen?
Antwort: Nun, auch die Partei der gewöhnlichen
Menschen braucht außergewöhnliche Kandidaten. 1980
und 1984 waren die Entscheidungen der Wähler in
ihrem zeitlichen Kontext logisch, auch wenn ich nicht
damit übereinstimme. Die Menschen waren mit den
Zuständen 1980 enorm unzufrieden und stimmten für
Veränderungen. Bis 1984 wurden sie zufriedener und
glaubten, das Land habe sich positiv verändert - der
neuerliche Einsatz für Reagan ergibt in diesem Zusammenhang Sinn. Aber 1988 habe ich von Anfang an
geglaubt, daß die Demokraten gewinnen könnten, und
heute glaube ich, daß die Demokraten aufgrund der
von mir beschriebenen wirtschaftlichen Probleme die
Wahl hätten gewinnen sollen. Die Geschichte von
1988 handelt nicht vom Fehlschlag dieser wirtschaftlichen Fragen, sondern vom Fehlschlag einer bestimmten Kampagne der Demokraten, die dazu hätte beitragen sollen, daß der Wähler mit seinem Kandidaten
zufrieden ist und die sich die Gelegenheit zunutze
macht. Michael Dukakis wollte 1988 nicht der Kandidat des wirtschaftlichen Untergangs sein und ging bis
zum Ende der Kampagne kaum auf wirtschaftliche
Schwierigkeiten ein. Die Demokraten können es sich
wirklich nicht leisten, diesen Fehler 1992 zu wiederholen.
Frage: Soeben haben Sie gesagt, wenn ein Demokrat
die Vorentscheidungen betrachtet, Bush vorn sieht
und deshalb nicht kandidiert, mache er einen Fehler.
Wenn Sie sich im Land umschauen, scheuen dann
Demokraten die Kandidatur für den Kongreß unmittelbar nach dem Golfkrieg?
Antwort: Nein. Es ist blanke Ironie, daß wir vier
Monate vor dem offiziellen Beginn der Wahlen 1992
bereits eine erfolgreichere Kandidatur für den Senat
hatten als bei der gesamten Kampagne 1990. Bei den
Rennen um die demokratische Herausforderung konnten wir kein einziges Mitglied des Repräsentantenhauses davon überzeugen, einen republikanischen Senator herauszufordern. Es war das erste Mal seit den
Tagen des New Deal, wo es keinen einzigen demokratischen Gouverneur oder Kongreßabgeordneten gab,
der für den Senat kandidierte. Jetzt scheint es, daß
Richard Stallings in Idaho - einem sehr konservativen
Staat - gegen Steve Symms antreten wird. In Oregon
werden Les AuCoin oder Peter DeFazio Bob Packwood herausfordern. Es ist wahrscheinlich, daß in
Kansas Dan Glickman gegen Bob Dole und in New

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�York Bon Mrazek gegen AI D'Amato antreten wird. Es
sieht also so aus, daß die Demokraten jetzt eher bereit
sind, Druck auszuüben als vor zwei Jahren. Das
spiegelt die Tatsache wider, daß diese Demokraten
zuHause eher von den von mir beschriebenen wirtschaftlichen und sozialen Problemen hören als vom
Krieg. Die Wähler sagen ganz klar, daß sie sich im
Hinblick auf unsere Wirtschaftspolitik in Washington
eine Veränderung wünschen, die den Bedürfnissen
der Mittelschicht stärker entgegenkommt.
Frage: Wenn man die Bandbreite der Umfrageergebnisse zur Parteiindentifizierung von 1980 bis heute
betrachtet, weichen die Umfrageinstitute zwar in den
von ihnen gelieferten Meinungsbildem stark ab und die
Zahlen variieren erheblich, aber dennoch sind die
Republikaner allen Meinungsforschungsinstituten zufolge im letzten Teil dieses Zeitraums - von 1989 bis
1991 - stärker als im ersten Teil.
Antwort: Das stimmt wohl.
Frage: Warum, was hat diese bescheidene Neuorientierung bewirkt?
Antwort: "Bescheiden" haben Sie gesagt. Ich würde
wahrscheinlich eher "vorübergehend" sagen. Die
jüngsten Zahlen sind vorwiegend eine Reaktion auf
den Krieg. In den vergangenen Monaten wurden
relativ wenige positive Artikel über die Demokraten
geschrieben. Eine weitere Binsenwahrheit der amerikanischen Politik ist, daß nichts so erfolgreich ist wie
der Erfolg. Die Republikaner hatten in jüngster Zeit
eine solche Phase und haben davon profitiert, aber das
Pendel wird auch wieder zur anderen Seite ausschlagen. Seit einigen Jahren sind die Zahlen zur Parteiidentifikation nicht von Dauerhaftigkeit geprägt. Ihre
Betonung ist zur Torheit geworden, weil für viele
Menschen eine ausdrückliche Identifikation mit einer
Partei sehr oberflächlich ist, eine Reaktion auf bestimmte Ereignisse. Wenn ich am Ende eines Fragebogens einer Umfrage zu Wirtschaftsthemen die Frage nach der Parteiidentifikation stelle, werde ich eine
höhere Zahl für die Demokraten erhalten. Wenn es bei
der Umfrage hauptsächlich um Außenpolitik geht, dann
- welche Überraschung - werde ich einen höheren
Anteil für die Republikaner feststellen. Der Wähler
investiert nicht viel, wenn er eine Präferenz für eine
bestimmte Partei verkündet. Für die Analysten hat die
Frage nach der Parteiidentifikation immer noch den
gleichen Stellenwert wie die Frage nach Alter oder
Geschlecht der Interviewpartner. Genau dies trifft
überhaupt nicht zu. Sie liegt analytisch viel näher an
der Frage: "Was halten Sie von der gegenwärtigen
Entwicklung im Land?" Das ist ein sehr flüssiger
Prozeß. Natürlich war dies nicht immer so. Früher

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bedeutete eine Partei den Leuten wesentlich mehr als
heute.
Frage: Die ganze Idee der Parteiidentifikation so wie
Gallup sie in seinen Umfragen in den dreißiger Jahren
einführte und wie zahlreiche Wissenschaftler sie verwendet haben, sollte also heute ad acta gelegt werden?
Antwort: Sie ist sicherlich viel weniger bedeutsam.
Die Erfahrung lehrt uns, daß es selbst in den meisten
von Demokraten beherrschten Staaten genug Leute
gibt, die geistig so offen sind, daß sie auch einen
Republikaner wählen würden. Und selbst im republikanischsten und konservativsten Staat gibt es genug
Menschen, die auch einem Demokraten ihre Stimme
geben würden.
Frage: Wenn wir 100 der politisch informiertesten
Personen privat über das voraussichtliche Ergebnis
der Wahlen von 1992 befragen würden, so würde eine
ziemlich große Mehrheit sagen, sie erwarteten einen
Sieg der Demokraten in beiden Häusern des Kongresses und der Republikaner im Weißen Haus. Ob dies
im Jahr 1992 wirklich geschehen wird, bleibt abzuwarten, aber diese Spaltung der Macht besteht bereits
lange Zeit. Was würden Sie bei der Erklärung dieses
Phänomens betonen ? Spiegelt sich darin eine bewu fite Wahl wider?
Antwort: Obwohl der Wähler seiner Frustration über
das Patt in Washington Ausdruck verleiht, die aus
einer solchen Spaltung in Washington hervorgeht,
findet er die Idee gut, daß Exekutive und Legislative
von verschiedenen Parteien kontrolliert werden. Der
Wähler von heute macht sich mehr Sorgen über Exzesse der Regierung als über deren Unzulänglichkeiten. Dieses Gefühl schlug besonders während der
Reagan-Administration Wurzeln. Die Wähler waren
bei innenpolitischen Fragen häufig nicht mit Reagan
einverstanden und begrüßten die Tatsache außerordentlich, daß die Demokraten dawaren, um Exzessen
Einhalt zu gebieten. Sie waren jedoch mit einem
Gro ßteil von Reagans Au ßenpolitik sehr zufrieden und
freuten sich, daß er die Demokraten auch bei einigen
Steuer- und Ausgabenfragen bremsen konnte. Grundsätzlich ist es also der Fall, daß der Wähler sich mit
einer gespaltenen Regierung wohl fühlt. Gegenwärtig
jedoch gilt der Druck in einer gespaltenen Regierung
weniger den Demokraten, weil sie George Bush blokkieren würden - was sie ja eindeutig nicht tun -, sondern
George Bush, weil er die Verwirklichung von Maßnahmen behindert, die auf der innenpolitischen sozialen
Tagesordnung stehen. Der Druck liegt mehr auf dem
Präsidenten als auf dem Kongreß.

* * *

*

Seite 3

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                <text>&lt;strong&gt;1. USA-Europa&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Euro-atlantische Architektur: von West bis Ost &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Baker in Berlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Sowjetunion&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA unterstützen sowjetische Reformen politisch und wirtschaftlich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Baker vor Unterausschuß des Senats&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Nach dem Golfkrieg&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Präsident und die Parteien nach dem Golfkrieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jeffrey Alderman&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Der Präsident und die Parteien nach dem Golfkrieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Richard Wirthlin&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerikanische Politik nach dem Golfkrieg: die Sicht der Demokraten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Interview mit Geoffrey Garin&lt;/em&gt;</text>
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dienet

U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

26. Juni 1991

25
-

KSZE

PUNKTE ZUM WIRTSCHAFTLICHEN
ÜBERGANG
Außenminister Baker bei der KSZE

WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL

WIRTSCHAFTSEXPERTEN EINIG ÜBER
NOTWENDIGKEIT DURCHGREIFENDER
SOWJETISCHER REFORMEN
Hintergrundartikel zum
Weltwirtschaftsgipfel in London

UMWELT

REILLY: OSTEUROPAS UMWELTPROBLEME
ÄUSSERST DRINGLICH
Rede des Leiters des US-Umweltamts in Prag

DAS MEINUNGSBILD
IN AMERIKA

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfrage zur Wirtschaft und Politik
des Präsidenten

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1991

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�KSZE
26. Juni 1991

PUNKTE ZUM WIRTSCHAFTLICHEN ÜBERGANG
Außenminister Baker bei der KSZE
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Außenminister Baker beim Ministertreffen der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) am 19. Juni 1991 in wesentlichen
Auszügen.

Bei unseren Bestrebungen zur Schaffung eines ungeteilten und freien Europas muß die KSZE auch die
wirtschaftlichen Bedürfnisse eines neuen Europas
ansprechen und wirtschaftlichen Wohlstand auf den
gesamten Kontinent ausweiten und vertiefen. Dies ist
unabdingbar für den Aufbau dauerhafter demokratischer Institutionen - ein Ziel, dem wir uns alle beim
Pariser Gipfeltreffen verschrieben haben.
Die Verwirklichung dieses Ziels erfordert nicht zwangsläufig die Schaffung neuer Institutionen oder Mechanismen durch die KSZE. Wir sollten vielmehr versuchen, eine starke Partnerschaft mit den Institutionen
zu schmieden, die Kompetenz im wirtschaftlichen Bereich
haben. EG, OECD, Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), Weltbank, IWF und
andere könnten dazu beitragen, den Herausforderungen des wirtschaftlichen Übergangs in Mittel- und
Osteuropa und der Sowjetunion zu begegnen.
Zusätzlich zur Gewährleistung der engen Zusammenarbeit zwischen KSZE und multilateralen Institutionen
zur Erfüllung der Bedürfnisse unserer Mitgliedstaaten
muß jeder von uns individuell prüfen, wie er zu einem
erfolgreichen wirtschaftlichen Übergang in Mittel- und
Osteuropa beitragen kann. Ich mache drei Bereiche
aus, in denen individuelle Beiträge geleistet werden
können.
Erstens müssen wir unsere Märkte für freien Handel
öffnen. Die wirtschaftliche Umgestaltung Mittel- und
Osteuropas sowie der Sowjetunion macht den Zugang
dieser Länder zu regionalen und globalen Märkten
erforderlich. In diesem Zusammenhang ist der erfolgreiche Abschluß der Uruguay-Runde der wichtigste
Einzelschritt, den wir unternehmen können. Wenn wir
AMERIKA DIENST 25

uns zunächst auf die Lösung einiger Kernbereiche
konzentrieren - Landwirtschaft, Dienstleistungen, staatliche Beschaffung, geistiges Eigentum und Marktzugang - können wir einen Durchbruch erzielen, der zu
einem umfassenden Abkommen führen wird.
Zusätzlich zum baldigen Abschluß der Urugay-Runde
müssen wir daran arbeiten, bestimmte Schranken für
Exporte aus Mittel- und Osteuropa abzubauen. Makroökonomische Stabilisierung ist nicht genug. Wir
müssen auch die mikroökonomische Basis für Wohlstand schaffen. Denn es ist schlicht und einfach eine
Tatsache, daß die neuen marktwirtschaftlich orientierten Demokratien nicht in der Lage sein werden, ausländische Investitionen anzuziehen, zu privatisieren oder
wettbewerbsfähige Unternehmen aufzubauen, die
Arbeitsplätze schaffen - wenn ihnen nicht gestattet
wird, fair um Märkte zu konkurrieren.
Als Teil dessen ist es unabdingbar, daß wir unsere
Märkte für die Güter öffnen, bei denen die reformwilligen Volkswirtschaften am wettbewerbsfähigsten sind.
Zugang zu 90 Prozent unserer Märkte ist von begrenztem Wert, wenn die verbleibenden 10 Prozent sich auf
die Industrien erstrecken, in denen Mittel- und Osteuropäer eine vergleichsweise bessere Ausgangsstellung haben. Das bedeutet insbesondere, daß wir uns
mit Restriktionen bei Stahl, Textilien und Agrarprodukten befassen müssen.
Die Vereinigten Staaten haben sich ihrerseits verpflichtet, den Marktzugang für die Mittel- und Osteuropäer zu verbessern. Die von Präsident Bush am 20.
März 1991 bekanntgegebene Initiative zur Aufstokkung des Handels legt fünf Bereiche fest, in denen wir
Fortschritte zur Verbesserung des Marktzugangs
Seite 1

�machen können. Eine Gruppe hochrangiger amerikanischer Regierungsvertreter hat vor kurzem die Region besucht, um Gespräche über Handelsschranken
zu führen und wird Schritte empfehlen, die von den
Vereinigten Staaten zur Öffnung ihrer Märkte unternommen werden können.
Zweitens können die jeweiligen KSZE-Mitgliedstaaten
angemessene direkte finanzielle Unterstützung an die
Länder der Region leisten, um deren wirtschaftlichen
Übergang zu beschleunigen. Wir müssen weiterhin
der Einführung handelsverzerrender gebundener
Unterstützungkredite widerstehen, die in die Hinwendung zu freien und offenen Märkten in der Region
eingreifen könnten. Statt dessen sollte die finanzielle
Unterstützung die Entwicklung eines stabilen, wettbewerbsfähigen Privatsektors fördern.
Ein dritter Bereich für individuelle Beiträge ist die
Verdoppelung der Bestrebungen zur Bereitstellung
technischer Hilfe für alle Sektoren dieser Volkswirtschaften. Wir haben viel zu bieten - von der Weitergabe von Know-how in Landwirtschaft und Industrie über
Ausbildung von Führungskräften und Rechnungsprüfern bis zur Unterstützung der Parlamente und Regierungsbehörden bei der Neufassung von Gesetzen und
Bestimmungen zur Erleichterung des Wachstums neuer
Privatunternehmen. Sowohl bilateral als multilateral einschließlich zukünftiger KSZE-Expertentreffen - sollten
wir unsere Bestrebungen darauf konzentrieren, die
Hilfe auf die bedürftigsten und am meisten betroffenen
Bereiche auszurichten.
Aus diesem Grund habe ich ein Seminar über die
sozialen und finanziellen Auswirkungen der Umrüstung der Verteidigungsindustrie und Haushaltsengpässe vorgeschlagen. Wenn die Volkswirtschaften
Mittel- und Osteuropas und der Sowjetunion sich
umgestalten wollen, müssen sie die für die Rüstungs-

industrie bestimmten enormen Ressourcen für zivile
Zwecke aufwenden. Bei diesem Unterfangen können
wir im Westen technische Hilfe und Rat zur Verfügung
stellen.
Darüber hinaus könnten wir die Schaffung von Handelskammern für die reformwilligen Volkswirtschaften
im Osten in Erwägung ziehen, um zur Förderung von
Investitionen, Handel und Privatuntemehmen beizutragen, die für die Umgestaltung und dauerhaftes
Wachstum erforderlich sind. Dies wird das Gewicht
des Privatsektors in den neuen Demokratien stärken
und Netze für Wirtschaftswachstum schaffen.
Durch all diese Maßnahmen können wir zur der elementaren Aufgabe beitragen, das Gefüge wirtschaftlicher Zusammenarbeit über alle KSZE-Mitgliedstaaten
hinweg zu verbessern. Unsere Bestrebungen können
jedoch nur eine unterstützende Rolle bei dem stattfindenden Übergang spielen. Selbsthilfe bleibt die unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Reformen.
Echte Veränderungen müssen aus dem politischen
und wirtschaftlichen System Mittel- und Osteuropas
und der Sowjetunion selbst kommen, vom Abbau der
Hemmnisse für die Wirtschaftstätigkeit, der Entwicklung und Kodifizierung eines Rahmens für Privatunternehmen und von der Durchführung solider makoökonomischer Maßnahmen, die für das Wirtschaftswachstum unerläßlich sind.
All dies sind wichtige Bereiche, die von der KSZE
angesprochen werden müssen, während wir versuchen, auf der Bonner Konferenz des vergangenen
Jahres aufzubauen, die einen Meilenstein in der Geschichte darstellte. Als Gemeinschaft haben wir die
Verantwortung gegenüber der Sowjetunion und den
Ländern Mittel- und Osteuropas, zur Verwirklichung
des wirtschaftlichen Übergangs in diesen Ländern
beizutragen.

* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 25

�WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL
26. Juni 1991

WIRTSCHAFTSEXPERTEN EINIG ÜBER
NOTWENDIGKEIT DURCHGREIFENDER
SOWJETISCHER REFORMEN
Hintergrundartikel zum Weltwirtschaftsgipfel in London

Während Wirtschaftswissenschaftler und Regierungen über das Ausmaß der zur Unterstützung der
Sowjetunion beim Übergang zur Marktwirtschaft benötigten Hilfe unterschiedlicher Meinung sind, herrscht
wesentlich größere Einigkeit im Hinblick auf die Art der
wirtschaftlichen und institutionellen Reformen, die
durchgeführt werden müssen, bevor diese Hilfe bereitgestellt wird.
Mehrere Gremien führender amerikanischer Experten
für die Volkswirtschaften Osteuropas und der Sowjetunion haben dem Kongreß am 19. Juni 1991 mitgeteilt,
daß die sowjetische Wirtschaft ohne rasche Verwirklichung umfassender Reformen Gefahr läuft, zusammenzubrechen.
"Wenn die Sowjetunion auf dem gegenwärtigen Weg
halbherziger Wirtschaftsreformen weitermacht, dann
wird der Abschwung von heute zum freien Fall von
morgen werden", so der Wirtschaftswissenschaftler
Graham Allison von der Harvard University vor einem
Unterausschuß des Senats. "Der wirtschaftliche
Zusammenbruch wird nicht nur den gegenwärtigen
Prozeß demokratischer Reformen aushöhlen, sondern er wird wahrscheinlich auch zur Auflösung der
Sowjetunion - möglicherweise mit Gewalt - führen."
Neben Allison nahmen Professor Jeffey Sachs von der
Harvard University und der frühere Chef-Volkswirt der
Weltbank und heutige Professor am Massachusetts
Institute of Technology, Stanley Fischer, Stellung. Die
drei gehören zu den wichtigsten Architekten des sogenannten "Grand Bargain", eines an der Harvard University entwickelten Plans zur Unterstützung der Reformen in der Sowjetunion.

AMERIKA DIENST 25

Bei der Anhörung erläuterte Allison diesen Plan, der
massive Hilfe des Westens fordert, um eine vierstufige
Wirtschaftsreform in der Sowjetunion zu fördern.
Die erste, in diesem Jahr durchzuführende Stufe erfordert die Privatisierung von Kleinuntemehmen, Liberalisierung der Preise, Konvertierbarkeit des Rubel,
Beseitigung von Beschränkungen für private Wirtschaftstätigkeit, Liberalisierung der Bestimmungen für
ausländische Investitionen, Reduzierung von Industriesubventionen, eine Landreform und ein Einfrieren
neuer Sozialausgaben.
Im Jahr 1992 sollte die Sowjetunion der HarvardGruppe zufolge ihr Haushalsdefizit abbauen und insbesondere die Ausgaben für Subventionen, Auslandshilfe und das Militär reduzieren. Die meisten Preiskontrollen sollten beseitigt, eine unabhängige Zentralbank
geschaffen und die Privatisierung von Kleinindustrien
beschleunigt werden. Darüber hinaus sollte ein Nahrungsmittelhilfeprogramm eingeführt werden, um denen
zu helfen, die am meisten von der Freigabe der Preise
betroffen sind.
Die im Jahr 1993 beginnende dritte Stufe sieht die
Privatisierung von Großunternehmen, eine anhaltende Landreform, die Durchführung von Infrastrukturprojekten - insbesondere im Transport- und Kommunikationsbereich - und die Beibehaltung streng makroökonomischer Kontrollen vor.
In der letzten Phase von 1994 bis 1997 würde die
Privatisierung von Großbetrieben sowie von Wohnungseigentum, Steuerreform, Liberalisierung des
Arbeitsmarkts sowie die Expansion internationaler
Privatinvestitionen intensiviert.

Seite 1

�In einer Erklärung vor dem Senat hatte US-Außenminister Baker einige Tage zuvor erklärt, die Industriestaaten des Westens "können als Katalysator politischer und wirtschaftlicher Reformen" in der Sowjetunion wirken. Baker fuhr fort: "Wir sind dabei, ein Paket
unterstützender Maßnahmen zu entwickeln, die wir mit
anderen westlichen Ländern koordinieren möchten."
Vizepräsident Quayle und andere Sprecher der Administration haben jedoch erhebliche Zweifel daran zum
Ausdruck gebracht, daß die im Harvard-Plan vorgesehenen massiven Summen an Hilfsgeldern bewilligt
werden.
In einer Rede in Berlin weigerte sich Baker am 18. Juni,
Einzelheiten des von den Vereinigten Staaten erwogenen Pakets bekanntzugeben.
"Wie wir in den vergangenen Wochen jedoch ausgeführt haben", stellte Baker fest, "könnte das Paket
eine besondere Verbindung mit IWF und Weltbank
enthalten, um zur Erarbeitung und Durchführung ernsthafter Wirtschaftsreformen beizutragen. Ferner könnte ein Projekt zwischen öffentlichem und Privatsektor
entwickelt werden, um die Hindernisse für Privatinvestitionen bei der Energieentwicklung zu beseitigen, mit
denen Devisen ins Land kommen und das ein Beispiel
für den erfolgreichen Betrieb dieses Sektors mit Eigentums- und Vertragsrechten liefert.
Gemeinsame
Bestrebungen zur Belebung des Nahrungsmittelvertriebssektors könnten durch die Schaffung von Marktinitiativen baldige Verbesserungen für die Konsumenten herbeiführen. Darüber hinaus könnte die Umrüstung des Verteidigungssektors unterstützt und technische Zusammenarbeit verbessert werden, einschließlich Ausbildung im wirtschaftlichen Bereich. Offenerer
Handel sowie zusätzliche 1,5 Milliarden an Kreditbürgschaften, die der Präsident vergangene Woche für den
Kauf von Getreide bewilligt hat, sind weitere Elemente
des Pakets".
Dieses Paket von Maßnahmen wurde von Sachs als
unzureichend kritisiert.
Sachs erklärte, zur Unterstützung der sowjetischen
Hinwendung zu einer Marktwirtschaft seien große
Summen - mindestens 3 Milliarden Dollar jährlich von

den Vereinigten Staaten und noch wesentlich mehr
von anderen Ländern und internationalen Institutionen
- erforderlich.
"Kleine Reformschritte ergeben keine große Reform,
sie führen vielmehr ins Chaos", stellte Sachs fest. Und
seiner Meinung nach können kleine Summen nur
kleine Reformen unterstützen.
Sachs ging in seiner Stellungnahme davon aus, daß
kleine Summen eher kontraproduktiv sein könnten. Es
seien die Erzkonservativen in der Sowjetunion, die nur
gerinfügige Hilfsgelder anstrebten, weil sie wüßten,

Seite 2

daß große Hilfssummen zu Wirtschaftsbedingungen
führen, die eine fundamentale Veränderung im Hinblick auf Privateigentum erforderten.
Fischer fügte hinzu, daß der langsame Reformansatz
- Ausgleich des Haushalts und langsame Öffnung der
Waren- und Arbeitsmärkte über drei bis fünf Jahre
hinweg - in einer Marktwirtschaft, in der sich Besitz und
Produktion weitgehend in Privathand befinden, schlüssig sei, für die Sowjetunion jedoch einen fehlerhaften
Ansatz bedeute.
"Jeder Versuch, zu Beginn für makroökonmische
Ordnung zu sorgen und gleichzeitig die fundamentalen
mikroökonomischen Reformen" - etwa Steuer- und
Preisreformen sowie Liberalisierung des Handels "hinauszuschieben, würde das Produktivsystem zum
Scheitern bringen", erklärte Fischer.
Der Vorsitzende des Unterausschusses, Joseph Biden, stellte fest, es gebe zwar "praktisch einen Konsens" im Kongreß, die technische Hilfe für die Sowjetunion zu unterstützen, aber er hafte es für nahezu
unwahrscheinlich, daß der Kongreß der Bewilligung
großer Summen zustimme, bevor das Land seine
Eigentumsgesetze und die Behandlung von Privatunternehmen reformiert, die Staatsmonopole aufgelöst,
die Preise freigegeben und die Konvertibilität des
Rubels hergestellt habe.
Der ehemalige Abteilungsleiter im US-Außenministerium und heutige stellvertretende Vorsitzende der
Investmentfirma Goldman Sachs International, Robert
Hormats, erklärte, der Londoner Weltwirtschaftsgipfel
von 15.-17. Juli biete den politisch Verantwortlichen
der wichtigsten Industrieländer eine gute Gelegenheit,
um Einigung über die bestmögliche Unterstützung der
Sowjetunion zu erzielen.
"Das Londoner Gipfeltreffen sollte keine Runde für
Zusagen sein", meint Hormats. "Es sollte vielmehr für
die führenden Politiker des Westens ein Forum sein,
um mit Gorbatschow Fragen in bezug auf seine politischen Ziele, das Ausmaß der in den wichtigsten
Machtzentren und Institutionen der UdSSR vorhandenen politischen Unterstützung für kühne Reformen,
seine und seines Landes Fähigkeit zurechten Verwirklichung der Reformen und die Schritte zu erörtern, die
er zu ergreifen gedenkt, um die aus der sowjetischen
Unterstützung Kubas und den hohen sowjetischen
Verteidigungsausgaben resultierende Verschwendung
von Ressourcen in den Griff zu bekommen."
Hormats warnte die Gipfelteilnehmer, sich von ihrem
bevorstehenden Treffen mit Gorbatschow - am 17. Juli
unmittelbar im Anschluß an den Londoner Gipfel - so
stark ablenken zu lassen, daß sie das zentrale Thema
des Gipfels aus den Augen verlieren, nämlich die
Verbesserung des Welthandelssystems durch den
erfolgreichen Abschluß der Welthandelsgespräche im
Rahmen der Uruguay-Runde.

AMERIKA DIENST 25

�Marshall Goldman, Mitdirektor des Russian Research
Center der Harvard University, bewertete die von
"Grand Bargain" geforderten Reformen wesentlich
zurückhaltender als die anderen an der Anhörung
teilnehmenden Wirtschaftswissenschaftler.
Goldman zufolge kann die Sowjetunion den Umfang
der von der Harvard-Gruppe geforderten Hilfsgelder
nicht verwerten. Die Hilfe solle zunächst dafür eingesetzt werden, landwirtschaftliche Familienbetriebe mit

*

AMERIKA DIENST 25

*

Kleintraktoren, Lieferwagen, Lagermöglichkeiten und
Kleingeräten zur Nahrungsmittelverarbeitung auszustatten.
"Auf diese Weise könnte es der Sowjetunion gelingen,
eine Wiederkehr des letztjährigen Skandals zu verhindern, als Kollektive und Staatsfarmen sowie das staatliche Verteilungssystem trotz einer Rekordernte nicht
in der Lage waren, die Moskauer Geschäfte mit Brot zu
beliefern", stellte Goldman fest.

*

*

Seite 3

�UMWELT
26. Juni 1991

REILLY: OSTEUROPAS UMWELTPROBLEME
ÄUSSERST DRINGLICH
Rede des Leiters des US-Umweltamts in Prag
PRAG - (AD) - Osteuropa darf mit der Beseitigung seiner ungeheuren Umweltschäden nicht bis zur völligen
Gesundung seiner Volkswirtschaften warten. Dieses Fazit zog der Leiter des US-Umweltamts (EPA), William
Reilly, am 21. Juni 1991 in einer Rede bei der Prager Konferenz über die Umwelt in Europa.
"Die Größenordnung dieser Sanierungsmaßnahmen ist einzigartig", erklärte Reilly. Die begrenzten Mittel
Osteuropas erforderten "schwierige Entscheidungen", wobei die Beseitigung weniger bedrohlicher Schäden
bisweilen zugunsten wirklich schwerwiegender Altlasten aufgeschoben werden müsse.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen Reillys im Wortlaut.

Die elegante Pracht des Schlosses Dobris und die
schöne tschechische Landschaft verleihen unserer
Zusammenkunft Würde und erinnern uns, daß Schönheit, Kunst und Schutz der Natur in dieser Kultur fest
verankert sind. Sie weisen auf das gestalterische
Potential menschlichen Strebens zugunsten der Umwelt
hin und geben uns selbst dann Hoffnung und Vertrauen, während wir uns der schlimmen umweltpolitischen
Hinterlassenschaft der jüngsten Geschichte in dieser
Region zuwenden. Wenn ich zu den sich auftürmenden Wolken hinaufschaue, die die Decke über mir
schmücken, könnte ich einen Moment lang die Schwefelwolken vergessen, die schwer über den städtischen
und industriellen Zentren Mitteleuropas hängen und
dieser Zusammenkunft eine besondere Dringlichkeit
verleihen.
Als Amerikaner betrachte ich es als besonderen Vorzug, zu dieser Konferenz über die Umwelt in Europa
eingeladen zu sein. Ein großer Franzose hat Amerika
einmal als "die Tochter Europas" bezeichnet. Wir
Amerikaner erkennen, daß wir mit den Europäern eine
gemeinsame Kultur und - global betrachtet - eine
gemeinsame Umwelt teilen. Darüber hinaus erkennen
wir zunehmend gleichartige wirtschaftliche Interessen
an harmonischen und miteinander vereinbaren Umweltbestimmungen für Maßnahmen, die sich auf Handel
und Investitionen auswirken. Ferner gibt es bei uns
eine lange Tradition der Kontakte und Freundschaft
mit dem Volk der Tschechischen und Slowakischen
AMERIKA DIENST 25

Föderativen Republik sowie größte Bewunderung für
die von Ihnen kürzlich errungene Freiheit. Ich erinnere
an den tiefen Respekt und Goodwill, die unser Kongreß und das amerikanische Volk Präsident Vaclav
Havel bei seinem Besuch in den Vereinigten Staaten
vor etwas über einem Jahr entgegenbrachten, als er so
bewegend von "einer weltweiten Revolution des
menschlichen Bewußtseins" sprach, die eine Überwindung engstirniger Interessen in Aussicht stelle.
Ich erinnere mich auch an Präsident Havels wunderbare Antwort auf die Frage, wie ein Dramatiker und
andere Nicht-Politiker erwarten könnten, die Regierungsgeschäfte zu führen. Er erwiderte, er und seine
Minister hätten einen Vorteil, den nur wenige Kabinette
für sich in Anspruch nehmen könnten und der ihnen bei
der Bewältigung des schwierigen Koordinierungsproblems dienlich sei: Sie hätten endlose Stunden in der
erzwungenen Intimität gemeinsamer Gefängniszellen
verbracht. (Wenn Regierungsvertreter vor ihrem Eintritt in die Regierung Gefängniszellen teilen, ist dies
sicherlich weit produktiver als wenn Regierungsvertreter nach ihrer Amtszeit Gefängniszellen teilen, eine
Verfahrensweise, die uns in den Vereinigten Staaten
geläufiger ist.)
Präsident Havel hat darüber hinaus im Hinblick auf die
Umwelt gesagt, daß "wir immer noch dem destruktiven
Glauben anhängen, der Mensch sei die Krone der
Schöpfung und nicht ein Teil davon und daß deshalb
Seite 1

�alles erlaubt sei.... Wir zerstören weiterhin den Planeten, der uns anvertraut wurde und seine Umwelt."
Es ist angemessen, daß wir uns in Mitteleuropa versammelt haben, um eine für die Zukunft der Menschheit so entscheidende Frage zu erörtern. Hier sind wir
alle mit der Hinterlassenschaft der vergangenen 45
Jahre konfrontiert. Wir erkennen diese Hinterlassenschaft in den säureentstellten, gesichtslosen Statuen
Krakaus. Wir erkennen sie im schwefelhaltigen Himmel über Ostrau. Wir erkennen sie in den verseuchten
Wassern von Donau, Weichsel und Oder. Wir sehen
das Werk der Zerstörung, verursacht von einem System, das die Menschen ihrer Eigenverantwortung
entfremdete und die rücksichtlose Mißachtung der
Umwelt förderte. Heute wie niemals zuvor erkennen
wir das lebenswichtige Bindeglied zwischen einer
prosperierenden Wirtschaft und einer gesunden Umwelt.
Dies ist die Hinterlassenschaft. Dies ist die Vergangenheit. Die Zeit fließt wie die großen Ströme nach
vorn. Heute ist es mehr als je zuvor an der Zeit, die
Dinge in Ordnung zu bringen. Es ist Zeit für Zusammenarbeit und Partnerschaft, Zeit für den Übergang zu
neuen Verhaltensweisen. Wir in den Vereinigten Staaten
reichen unsere Hand zu diesem Unterfangen.
Zuerst kommt der gewaltige Prozeß der Altlastenbeseitigung nach Jahren der Vernachlässigung. Die
Größenordnung dieser Sanierungsmaßnahmen ist
einzigartig. Sie müssen sich von Beginn an in ihren
Zielen auf die schwerwiegendsten Risiken für die
menschliche Gesundheit und die Umwelt konzentrieren. Wir müssen neue, angemessene und preisgünstige Technologien in Erwägung ziehen. Um angesichts
begrenzter Mittel schwierige Entscheidungen zu treffen, wobei die Beseitigung weniger bedrohlicher Schäden bisweilen zugunsten wirklich schwerwiegender
Altlasten aufgeschoben werden müssen. Die Umwelt
kann jedenfalls nicht warten bis die Volkswirtschaft
vollständig wiederhergestellt ist: es ist diese Art zu
denken, die Osteuropa umweltpolitisch ins Unglück
gestürzt hat.
In den vergangenen Jahren sind wir in den Vereinigten
Staaten zunehmend vom Erfolg der Risikobewertung
und Wirtschaftsanalyse als Instrumente zur Beeinflussung von Management- und Geschäftsprioritäten
überzeugt worden. Mit Risikobewertung meine ich den
vernünftigen Einsatz aller zur Verfügung stehenden
Informationen über die Auswirkungen von Schadstoffen auf die menschliche Gesundheit und das Ökosystem. Sie trägt dazu bei, die sporadisch auftretenden
alarmierenden Ereignisse in einen Zusammenhang zu
stellen, die eine Grundlage für die Unterscheidung
zwischen den schwerwiegendsten Problemen und
solchen liefern, die weniger einschneidend sind, zwischen gebrochenen Knochen und einfachen Beulen
und Hautabschürfungen.

Seite 2

Zweitens müssen Länder am Scheideweg der Einführung eines freien Markts mit neuen Verpflichtungen für
die Umwelt eindeutige Signale setzen und der Industrie die richtigen Anreize schaffen. Ich empfehle die
Einführung von Vorbeugemaßnahmen zum Umweltschutz. Die Industrie in den Vereinigten Staaten lernt,
daß eine Verhinderung der Umweltverschmutzung
noch vor ihrem Auftreten - durch Einführung neuer
Technologien und Prozesse, Wiederverwendung und
Aufbereitung von Chemikalien und gefährlichen Stoffen, zum Beispiel durch das Ersetzen von Lösungsmitteln auf Ölbasis durch solche auf Wasserbasis - nicht
nur der Umwelt nützt, weil man Material spart, sondern
oftmals auch Geld spart, weil man die potentielle
Haftung reduziert und Vorschriften vermeidet. In der
Regierung müssen wir folgende Tendenz unterstützen: wir müssen zuverlässige Maßstäbe setzen, die
Verpflichtungen der Industrie darlegen und gegebenenfalls mit Hilfe des Markts Anreize für den Umweltschutz bieten.
Unser Gesetz zur Luftreinhaltung von 1990 auf der
Basis von Präsident Bushs Vorschlag gewährt Industrieunternehmen bis zu sechs Jahren Befreiung von
neuen Luftreinhaltungsvorschriften, wenn sie sich
bereiterklären, ihre Schadstoffemissionen freiwillig um
90 Prozent zu reduzieren. Das Gesetz sieht darüber
hinaus ein neues System vor, im Rahmen dessen
Schwefeldioxidemissionen dauerhaft 50 Prozent unter
den gegenwärtigen Stand gebracht werden sollen. Die
in den Vereinigten Staaten wirksamen Marktmechanismen sind unter Umständen nicht auf die Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas anwendbar. Dennoch glaube ich, daß wirtschaftliche Instrumente und
Analysen für die Entwicklung einer gesunden Umweltpolitik unabdingbar sind.
Denjenigen, die davon überzeugt sind, wir hätten im
Hinblick auf die Umwelt keine Fortschritte erzielt, kann
ich sagen, daß die Vereinigten Staaten im Rahmen
ihres früheren Gesetzes zur Luftreinhaltung die Emission von Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid um 30
Prozent, den Partikelausstoß um 64 Prozent und bleihaltige Emissionen um 97 Prozent verringert hat. Im
gleichen Zeitraum stieg das Bruttosozialprodukt in den
Vereinigten Staaten um 60 Prozent. Das Wirtschaftswachstum hat Fortschritte im Umweltschutz ermöglicht und sie finanziert. Das daraus entstandene
Wachstum hat die Natur besser erhalten und geschützt. Es ist dieser Fortschritt sowohl in der Wirtschaft als auch beim Umweltschutz, der uns auf unsere Fähigkeit zur Verwirklichung neuer und ehrgeiziger
Ziele vertrauen läßt. Diejenigen, die noch ehrgeizigere
umweltpolitische Ziele verfechten, täten gut daran,
sich die bisherigen Fortschritte vor Augen zu führen,
auch wenn wie in unserem Fall noch nicht genug getan
worden ist. Die Menschen, die aufgefordert werden,
mehr für den Umweltschutz zu zahlen, müssen daran
erinnert werden, daß mit den bisher für die Umwelt
gezahlten Steuern tatsächlich Gutes geleistet wurde.

AMERIKA DIENST 25

�Drittens fordere ich die neuen Demokratien dieser
Region auf, die Bedeutung des freien Informationsflusses zu erkennen. In den Vereinigten Staaten sehen die
Gesetze eine jährliche Liste der Schadstoffemissionen
vor, und unsere Gesetze über die Rechenschaftspflicht gegenüber Gemeinden fordern, daßjede Fabrik
die zulässigen Emissionen von etwa 200 Schadstoffen
mißt und veröffentlicht. In jedem Jahr berichtet die
Lokalpresse ausführlich über die Schadstoffemissionen der Fabriken am Ort. Anwohner der Fabriken,
Arbeiter, Aktionäre - alle werden von der Berichterstattung aufgerüttelt. Ein Geschäftsführer einer großen
Chemiefabrik erklärte mir, daß er keine Ahnung von
den Werten hatte, die seine Firma durch den Schornstein schickt, bevor er die Liste der Schadstoffemissionen seiner Firma sah. Dieses Gesetz sieht zwar keine
Strafen vor, hat aber trotzdem das Verhalten der
Unternehmen positiv beeinflußt und dazu geführt, daß
die Fabriken ihre Schadstoffemissionen drastisch unter
das von den Reinhaltungsgesetzen gesetzte Niveau
reduzieren. Diese Art von Informationen fördert Fortschritte und stimuliert Volkswirtschaften. Im November dieses Jahres wird das EPA in Zusammenarbeit
mit der OECD eine internationale Konferenz in Wien
über "Informationen zur Schadstoffemission" organisieren. Ich hoffe, daß Vertreter Ihrer Ministerien und
Organisaitonen daran teilnehmen können.
Viertens ergibt sich noch ein anderer Vorteil aus dem
ungehinderten Informationsfluß, der Fortschritte auf
den Weg bringt. Private, nichtstaatliche Organisationen haben besseren Zugang zu Informationen über
das Verhalten der Industrie zur Umwelt und werden
Fragen zur Gesundheit des Menschen und zum
Umweltschutz in die Öffentlichtkeit tragen. Damit
erlangen sie einen hohen politischen Stellenwert. Diese
Offenheit, diese Vitalität für private Gruppen ist für
umweltpolitische Reformen und Fortschritte unabdingbar, auch wenn, wie hier, die Regierung viele Leiter
nichtstaatlicher Umweltgruppen umfaßt.
Schließlich können Fortschritte im Hinblick auf die
Umwelt nur durch Kooperation, durch regionale und
sogar globale Beteiligung und Partnerschaft, erzielt
werden. Dennoch fürchte ich trotz unserer guten
Absichten und unseres Enthusiasmus - oder vielleicht
gerade deswegen -, daß wir doppelte Arbeit leisten und
infolgedessen Ressourcen verschwendet haben. Wenn
sie zusammenarbeiten, müssen die Regierungen Ostund Westeuropas, Japans, Kanadas und der Vereinigten Staaten eine Strategie für kurzfristige Hilfe
vereinbaren, die sich unsere Informationen, unsere
Ressourcen und den Wunsch nach Verbesserung der
Umweltqualität in dieser Region zunutze macht.
Ich möchte mich nunmehr einem schwierigen Punkt
zuwenden. Umweltschutz erfordert eine ungeheure
Bandbreite analytischer Instrumente, ist aber nicht
allein eine technische Angelegenheit. Rentabilität und
Risikoanalysen sind zwar sehr wichtig, aber es gibt

AMERIKA DIENST 25

noch etwas Grundsätzlicheres: eine ethische Verpflichtung zur Wiederherstellung und Konservierung
der Ordnung in der Natur. Die Revolutionen in der
tschechischen und slowakischen Republik - und auch
in den anderen Ländern Mitteleuropas - sind nicht
allein politischen oder wirtschaftlichen Erwägungen
entsprungen. Die Legitimität dieser Revolutionen basiert
auf Werten wie der Würde des Menschen und seiner
unantastbaren Privatsphäre und Freiheit, seinem
Verhältnis zu Religion, Arbeit, Lohn und Eigentum. Wir
dringen hier in den Bereich der Moral vor, einer Moral,
die Politik beeinflußt und über der Wirtschaft steht.
Eines der ersten Anliegen einer moralischen Ordnung
muß es sein, Verhaltensmaßregeln aufzustellen und
hochzuhalten, die das Überleben und die Verwirklichung der Spezies fördern. Das zwingt uns, das
Mißverhältnis zwischen Natur und Mensch zu erkennen und zu korrigieren, nicht nur im diskreditierten
kommunistischen System, sondern auch - wenn auch
in geringerem Maße - in unseren eigenen Systemen.
Schließlich müssen wir die Notwendigkeit erkennen,
sowohl die Effizienz als auch die Qualität unserer
Bestrebungen zur Förderung regionaler Zusammenarbeit bei der Umwelt zu verbessern. Dieses Ziel stand
hinter Präsident Bushs Vorschlag zur Einrichtung eines Regionalen Umweltzentrums für Mittel- und Osteuropa. Zusammen mit vielen von Ihnen hier habe ich
an der Eröffnung im September vergangenen Jahres
teilgenommen. In weniger als einem Jahr ist das
Zentrum zu einem Treffpunkt von Umweltgruppen in
ganz Mitteleuropa geworden. Es unterstützt wichtige
Arbeit bei der Informationsbeschaffung und Verteilung, Aufbau von Institutionen, Ernstfallbereitschaft,
Erziehung zum Umweltschutz, zur Gesundheit der
Umwelt, Energieausnutzung, Vorbeugung und den
Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Umwelt. Noch
wichtiger ist, daß das Zentrum neue Verbindungen
herstellt und bestehende Brücken zwischen Regierungen, Unternehmen und Umweltschutzgruppen ausbaut.
Ein Beispiel eines praktischen Ansatzes regionaler
Zusammenarbeit - und ein mögliches Zukunftsmodell
- ist der jüngste Abschluß einer gemeinsamen Umweltstudie mit der Tschechoslowakei. Diese Studie erforderte die aktive Beteiligung der Europäischen Gemeinschaft, von Vertretern der Regierung und der Republiken in der Tschechoslowakei, der Weltbank und der
US-Regierung und deren enge Zusammenarbeit.
Die gemeinsame Studie hat die bestehenden Bedrohungen für die Umwelt in allen Bereichen analysiert Luft, Wasser, Boden und Grundwasser und kurz- und
langfristige umweltpolitische, wirtschaftliche und sektorale Maßnahmen zur Förderung des Umweltschutzes empfohlen. Die Studie hat wichtige Bedrohungen
für die Umwelt erforscht und einen Aktionsplan entworfen, in dem eine große Bandbreite von Projekten für
das Gastgeberland in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern beschrieben werden.
Seite 3

�Die Studie ist ein effektives, innovatives Modell der
Kooperation, mit dessen Hilfe Ressourcen besser den
umweltpolitischen Prioritäten zugeordnet werden
können. Tatsächlich freue ich mich berichten zu
können, daß sich Anfang des Monats Vertreter von
Organisationen, die an der ersten Studie beteiligt
waren, in Sofia trafen, um die erste Phase ähnlich
kooperativer Bestrebungen mit der Regierung Bulgariens durchzuführen.

nicht vor Grenzen halt." Ohne die Vergangenheit
vergessen zu wollen, sollten wir in die Zukunft blicken,
um für noch ungeborene Generationen diesen Planeten zu schützen, den wir verwalten, der so abhängig
wie nie vor diesem Jahrhundert von der Pflege des
Menschen ist, eben weil die Menschheit weiterhin von
der Gesundheit der Natur abhängt, die alles Leben
erhält.
Ich danke Ihnen.

Präsident Bush hat erklärt: "Unser gemeinsames
Erbe ist die Erde, und das Schicksal der Erde macht

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 25

�DAS

MEINUNGSBILD

IN

AMERIKA
26. Juni 1991

DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN AMERIKA
Umfrage zur Wirtschaft und Politik des Präsidenten
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ergebnisse einiger vom Roper Center for Public Opinion an
der University of Connecticut durchgeführten Meinungsumfragen.

Unsicherheit über wirtschaftliche Perspektiven
Obwohl viele Experten der Meinung sind, die gegenwärtige Rezession in den Vereinigten Staaten habe
ihren Tiefstand erreicht, belegen zwei jüngste landesweite Meinungsumfragen - eine von ABC News mit der
Washington Post durchgeführt, die andere von CBS
News und der New York Times -, daß die Amerikaner
im allgemeinen nicht besonders optimistisch in die
Zukunft blicken.
Auf die Frage von ABC/Post: "Würden Sie die gegenwärtige Wirtschaftslage als ausgezeichnet, gut, nicht
so gut oder schlecht bezeichnen?" antwortete ein
repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung (alle
Angaben in Prozent):
Ausgezeichnet

1

Gut

22

Nicht so gut

47

Schlecht

30

Weiß nicht/keine Angabe
* = unter 0,5 Prozent
Auf dieselbe Frage, aber mit anderen Antwortmöglichkeiten, erhielt CBS/Times das folgende Ergebnis:
Sehr gut

1

Ziemlich gut

41

Ziemlich schlecht

40

Sehr schlecht

17

Weiß nicht/Keine Angabe

1

AMERIKA DIENST 25

Auf die Frage, ob sich die Wirtschaftslage bessern,
verschlechtern oder ob sie unverändert bleiben würde,
wurden bei einer Meinungsumfrage folgende Antworten gegeben:
Wird besser

20

Wird schlechter

44

Bleibt unverändert

35

Weiß nicht/Keine Angabe

1

Bei einer anderen Umfrage lauteten die Antworten:
Besser

23

Schlechter

29

Unverändert

47

Weiß nicht/Keine Angabe

1

Die Frage, "Wer ist Ihrer Meinung nach für die Wirtschaftslage eher verantwortlich - Bush, die Demokraten im Kongreß oder die Republikaner im Kongreß?"
wurde von den Befragten folgendermaßen beantwortet:
Bush

20

Demokraten im Kongreß

24

Republikaner im Kongreß

23

Keiner

3

Alle zusammen

21

Weiß nicht/Keine Angabe

9

Zweifel über den Kongreß wurde noch bei einer anderen Frage laut: "Sind Sie mit der Art und Weise, wie der

Seite 1

�Kongreß die Wirtschaft lenkt, einverstanden oder nicht
einverstanden?" Die Antworten:
Einverstanden
Nicht einverstanden
Weiß nicht/Keine Angabe
Darüber hinaus zeigten sich die Befragten pessimistisch über den Zustand der US-Regierung. Auf die
Frage: "Wie würden Sie die finanzielle Lage der
Bundesregierung beschreiben - ausgezeichnet, gut,
weniger gut oder schlecht?" wurde folgendermaßen
geantwortet:
Ausgezeichnet
Gut

2

16

Unzufriedenheit mit der Wirtschaft und den Finanzen
der Regierung haben unter Umständen eine der zur
Politik des Präsidenten gesteJIte Frage beeinflu ßt. Die
Befragten wurden aufgefordert, im Hinblick auf die
Präsidentschaftswahl 1992 zu überlegen, ob sie Präsident Bush oder einem potentiellen demokratischen
Kandidaten ihre Stimme geben würden.
George Bush

54

Dem Demokraten

29

Keinem von beiden

4

Weiß nicht/Keine Angabe

13

Schlecht

36

Eine andere Frage zur Politik bat die Befragten, ihre
Eindrücke der 11 potentiellen demokratischen Kandidaten für die Präsidentschftswahl 1992 wiederzugeben. Hier die Ergebnisse:

Weiß nicht/Keine Angabe

2

Douglas Wilder, Gouverneur von Virginia

Weniger gut

Diejenigen, die die finanzielle Lage der Bundesregierung als weniger gut oder schlecht bezeichnet hatten,
wurden gefragt, wer ihrer Meiung nach dafür verantwortlich sei. Hier die Antworten:

Gut

14

Nicht gut

5

Weiß nicht

81

Bush

16

Demokraten im Kongreß

25

Gut

8

Republikaner im Kongreß

22

Nicht gut

6

Keiner

3

Weiß nicht

Alle

26

Weiß nicht/Keine Angabe

8

Diejenigen, die die finanzielle Lage der Bundesregierung als ausgezeichnet oder gut eingestuft hatten,
lobten dafür:
Bush

42

Demokraten im Kongreß

15

Republikaner im Kongreß

20

Keinen
Alle

12

Weiß nicht

11

Demokraten

Paul Tsongas, Politiker aus Massachusetts

86

Jay Rockefeller, Senator aus West Virginia
Gut

35

Nicht gut

14

Weiß nicht

51

Sam Nunn, Senator aus Georgia
Gut

29

Nicht gut

M

Weiß nicht

60

1

In einer der Meinungsumfragen wurde gefragt: "Welcher Partei - Demokraten oder Republikanern - trauen
Sie es eher zu, die wichtigsten Probleme des Landes
in den nächsten Jahren zu lösen?" Die Antworten
lauteten:
37

Republikaner

Bob Kerrey, Senator aus Nebraska
Gut

11

Nicht gut

5

Weiß nicht

§4

Edward Kennedy, Senator aus Massachusetts
Gut

37

Nicht gut

48

Weiß nicht

15

Jesse Jackson, schwarzer Politiker

Keinem von beiden

5
10

Gut

47

Weiß nicht/Keine Angabe

6

Nicht gut

40

Weiß nicht

13

Beiden gleich

Seite 2

Unsicherheit über Namen in der Politik

AMERIKA DIENST 25

�Mario Cuomo, Gouverneur von New York

Albert Gore, Senator aus Tennessee
Gut

29

Gut

28

Nicht gut

9

Nicht gut

21

Weiß nicht

62

Weiß nicht

51

Richard Gephardt, Senator aus Missouri

Lloyd Bentsen, Senator aus Texas

Gut

32

Gut

31

Nicht gut

14

Nicht gut

17

Weiß nicht

54

Weiß nicht

52

*

AMERIKA DIENST 25

* * *

*

Seite 3

�THEMENINDEX
26. Juni 1991

DER AMERIKA DIENST
I.Halbjahr 1991
Nachstehend eine Liste der Themen, die im Amerika Dienst (1. Halbjahr 1991) erschienen sind. Angegeben
ist jeweils die Nummer der Ausgabe, in der das betreffende Thema behandelt wird.

THEMA

NUMMER DER AUSGABEN

Abrüstung

11

Airbus

7

Amerika heute

13

Amerikanisch-Sowjetische Beziehungen

9

Auslandshilfe

9

Baltikum

4

Bericht zur Lage der Nation

4

Bildungswesen

16,22

Chemieexporte

10

Chemische Waffen

19,20,21

Deutsch-Amerikanische Beziehungen

8

Einwanderung

20

Europa/NATO

6

GATT

13

Golfkrieg

5,6,7,8,9,10

Golfkrise

1,2,3,4, 12, 14,16, 18,20,23

Golfkrise/KSZE

4

Handel

12

Haushalt

5

Hintergrund

17

AMERIKA DIENST 36

Seite 1

�Institutionen in Amerika
KSE

12,22

KSZE

2S

Meinungsbild in Amerika

25

Menschenrechte

9

NATO

21,23

Nach dem Golfkrieg

24

Naher Osten

10,11,14,15,21,22

Neue Weltordnung

15, t 9

Neuer Landwirtschaftsminister

10

Nichtverbreitung

15

Osteuropa

17,20

Osteuropahilfe

11

Parteien in Amerika

18

Sowjetunion

24

Stipendien

16

Terrorismus

18

US-Regierungssystem

16

US-Entwicklungshilfe

1

USA-Deutschland

17

USA-Europa

23,24

Umwelt

8, 20, 25

Weltwirtschaftsgipfel

23,25

Wirtschaft

1,4,7,9,15

Seite 2

AMERIKA DIENST 36

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          <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
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*

3. Juli 1991
*

JUGOSLAWIEN

BAKER FORDERT EINHEIT UND MEHR
AUTONOMIE IN JUGOSLAWIEN
Rede des US-Außenministers

PORTRAIT

BUSH ERNENNT SCHWARZEN KONSERVATIVEN ZU MARSHALLS NACHFOLGER
Portrait von Clarence Thomas

EXPORTKONTROLLEN

EXPORTKONTROLLEN UND HANDEL
IN DEN NEUNZIGER JAHREN
Von Botschafter Allan Wendt

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Postfach 20 03 00
D 5300 Bonn 2

Tel.:0228-3392372
Telex: 8-85432

�JUGOSLAWIEN
3. Juli 1991

BAKER FORDERT EINHEIT UND MEHR
AUTONOMIE IN JUGOSLAWIEN
Rede des US-Außenministers
WASHINGTON - (AD) - Außenminister Baker hat am 26. Juni 1991 dazu aufgerufen, die Krise in Jugoslawien
durch Dialog und Verhandlungen statt durch Gewalt beizulegen. In einer Rede bei der Gannett Foundation, einer
Institution, die sich der Förderung der Pressefreiheit verschrieben hat, bekräftigte er, die Vereinigten Staaten
unterstützten die Einheit Jugoslawiens und stellte gleichzeitig fest: "Wir können mehr Autonomie und
Souveränität der Republiken - mit anderen Worten eine neue Grundlage der Einheit in Jugoslawien befürworten..."
Baker erklärte, die Vereinigten Staaten, die Europäische Gemeinschaft, die anderen Mitglieder der Konferenz
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sowie die internationale Staatengemeinschaft untersuchten zur
Zeit, "welche Maßnahmen wir jetzt ergreifen sollten, um in Jugoslawien den Dialog zu fördern und größere
Gewalt zu vermeiden".
Der Außenminister erörterte in seiner Rede ferner das KSZE-Außenministertreffen in Berlin, die Lage im Irak,
den freien Handel und die Sowjetunion.
Wir veröffentlichen die Rede Bakers nachfolgend im Wortlaut.

Ich freue mich besonders, heute abend mit Ihnen
gemeinsam für die grundlegenden Bürgerrechte, wie
sie in unserem ersten Verfassungszusatz enthalten
sind, in Mittel- und Osteuropa und der Sowjetunion
eintreten zu können. Denn es sind diese Grundrechte,
die das neue, demokratische Europa untermauern
müssen, dessen Aufbau wir alle anstreben.
Bei meiner Reise nach Berlin, Belgrad und Tirana
erhielt ich in der vergangenen Woche einen lebendigen Eindruck der Chancen und Risiken des neuen
Europas. Ich kehrte mit der erneuerten Überzeugung
zurück, daß die Werte und Interessen Amerikas den
Atlantik überbrücken. Unser Schicksal bleibt untrennbar mit einem Europa verknüpft, das ungeteilt und frei,
stabil und sicher, wohlhabend und offen für den freien
Fluß von Informationen ist.
Beim Außenministertreffen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Berlin haben wir
zusammen mit den anderen Signatarstaaten dieses
gemeinsame Ziel bekräftigt. Darüber hinaus haben wir
eine gemeinsame Erklärung im Hinblick auf die Lage in
Jugoslawien verabschiedet, in der die einhellige UnterAMERIKA DIENST 26

stützung der Menschenrechte, Demokratie und territorialen Unversehrtheit Jugoslawiens unter Beweis gestellt
wurde. Meine anschließenden Gespräche in Belgrad
mit verantwortlichen Politikern der Bundesregierung
und der Republiken ergaben Punkte der Übereinstimmung. Aber auch wenn man die schwülstige Rhetorik
berücksichtigt, stellte ich eine gewisse Realitätsferne,
eine Unfähigkeit seitens mancher führender Politiker
der Republiken fest, die gefährlichen Konsequenzen
ihrer Handlungsweise zu verstehen.
Ich reiste nach Jugoslawien wegen unserer großen
Sorgen über die dortige Lage und unseres starken
Wunschs, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um
ein Unglück abzuwenden. Aber unsere Sorgen wurden nicht zerstreut, und die Wahrscheinlichkeit zunehmender Gewalt und wachsenden Blutvergießens und
Zerfalls wird größer. Es handelt sich um das sprichwörtliche Pulverfaß, und die Lage verschlechtert sich
weiter, während ich hier spreche.
Wir werden weiterhin die politisch Verantwortlichen
der Bundesregierung und der Republiken eindringlich
auf die Bedeutung des politischen Dialogs und einer
Seite 1

�Lösung auf dem Verhandlungsweg hinweisen. Aber
ich wäre nicht offen, wenn ich nicht auch erkennen
würde, daß die Ereignisse in Jugoslawien eine Eigendynamik entwickelt haben, die in den gestrigen Unabhängigkeitserklärungen Kroatiens und Sloweniens und
den heutigen Ereignissen zum Ausdruck kommt.
Ich möchte an der amerikanischen Haltung keinen
Zweifel aufkommen lassen: Wir unterstützen die
Anwendung der KSZE-Prinzipien und kooperative
Bemühungen zur friedlichen Beilegung politischer
Streitigkeiten. Wir werden einseitige Maßnahmen
nicht belohnen, die einen Dialog oder die Möglichkeiten einer Verhandlungslösung zunichte machen, und
wir werden Einschüchterung oder den Einsatz von
Gewalt energisch ablehnen. Die Vereinigten Staaten
anerkennen und unterstützen weiterhin die territoriale
Unversehrtheit Jugoslawiens, einschließlich der Grenzen seiner einzelnen Republiken. Gleichzeitig können
wir mehr Autonomie und Souveränität der Republiken
- mit anderen Worten eine neue Grundlage der Einheit
in Jugoslawien - befürworten, jedoch nur mit friedlichen Mitteln wie Verhandlungen und Dialog. Wir
werden weiterhin Demokratie, marktorientierte Reformen und die Wahrung der Menschenrechte jedes
Bürgers in Jugoslawien fördern. Gemeinsam mit den
Staaten der Europäischen Gemeinschaft und anderen
Mitgliedern der KSZE und der internationalen Staatengemeinschaft untersuchen wir gegenwärtig, welche
Maßnahmen wir jetzt ergreifen sollten, um in Jugoslawien den Dialog zu fördern und größere Gewalt zu
vermeiden.
Sicherlich kann niemand in Jugoslawien - und niemand
in Europa - es sich leisten, die tragischen Fehler der
Vergangenheit zu wiederholen.
Dies gilt umso mehr, wenn die Zukunft so vielversprechend sein kann, wenn die Freiheit weltweit auf dem
Vormarsch ist - und wenn demokratische Prinzipien so
umfassend aufgenommen werden wie nie zuvor. Diese
neue Realität wurde für mich lebendig, als ich am
vergangenen Samstag Albanien besuchte.
Als ich auf jenem überfüllten Platz in Tirana in die
Gesichter der nach Freiheit schreienden Menschen
sah, erlebte ich einen verfrühten 4. Juli. Dieser spontane Ausbruch echter Zuwendung und Unterstützung
für unsere Delegation war sehr bewegend und erfüllte
mich mit tiefem Stolz, Amerikaner zu sein. Unser Land
und unser Beispiel von Freiheit sind deutliche Symbole
der Hoffnung für das albanische Volk, das über einen
solch langen Zeitraum hinweg nichts zu hoffen hatte.
Diese Menschen waren nach über fünfzig Jahren der
Unterdrückung, Isolation und Unfähigkeit, ihre Meinung zu äußern, völlig von der Freiheit berauscht. Es
war fast so, als ob ein seit langem untätiger Vulkan
ausgebrochen sei. Die Menschen schrien von den
Dächern das Wort "Freiheit" - Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit. Mit anderen Worten:
sie nahmen freudig gerade diejenigen Menschenrech-

Seite 2

te und Grundrechte auf, die von Ihrer Stiftung seit
langem hier in unserem Land verteidigt wurden und für
die Sie heute auch im Ausland eintreten.
Und übrigens - ich möchte Sie zur Umbenennung
dieser Stiftung in Freiheitsforum beglückwünschen.
Denn genau das ist es, was wir benötigen - eine
Plattform für die Grundrechte, wie sie im ersten Zusatz
unserer Verfassung enthalten sind, die stark genug ist,
freie Gesellschaften weltweit zu unterstützen.
Im Februar 1990 habe ich in einer Rede in Prag die
Notwendigkeit betont, die freie Presse als Mittel zur
Sicherung neugewonnener Freiheit in Ost- und Mitteleuropa und der Sowjetunion zu fördern. Heute bleibt
die Stärkung der unabhängigen Medien für uns nicht
nur ein wichtiger Faktor, sondern eine vordringliche
Angelegenheit für alle, die sich wünschen, daß die
Demokratie Fuß faßt.
In Prag habe ich Thomas Jefferson zur politischen
Philosophie einer freien Presse zitiert. In meinen
darauffolgenden Gesprächen mit den demokratisch
orientierten Politikern der Regierung und der Opposition in ganz Mittel- und Osteuropa und der Sowjetunion habe ich nie gehört, daß irgendjemand mit den
allgemeinen Prinzipien freier Medien nicht übereingestimmt hätte. Ich habe jedoch vernommen, wie unbedingt notwendig unsere Hilfe ist, um diese Prinzipien so
schnell wie möglich in die Tat umzusetzen.
In Bulgarien und Rumänien haben mir die Oppositionspolitiker von ihrem verzweifelten Bedarf an Zeitungspapier berichtet. Mir wurde erklärt, daß heute allein in
Rumänien über zweitausend Zeitungen existieren, und
sie benötigen dringend Material wie etwa Zeitungspapier. In Albanien hatte die demokratische Opposition
bei den Wahlen Erfolg, sah sich jedoch mit dem
Problem konfrontiert, ihre Botschaft in das Land zu
tragen, weil die Zentralregierung die Ressourcen
kontrolliert.
Um die Vordringlichkeit dieses Bedarfs zu illustrieren,
möchte ich das Beispiel eines erfolgreichen Verlegers
anführen, der ein Zeitgenosse von Thomas Jefferson
war. Er kümmerte sich weniger um die Theorie der
Grundrechte als um die Praxis. Erst spät in seinem

Leben kam er in Berührung mit dem Aufbau der
Demokratie und Diplomatie. Ben Franklin hielt nicht
viel von Menschen, die "viel reden, aber wenig leisten". Er ist ein gutes Vorbild für uns, weil er immer
Taten vor Worte stellte.
Ich fordere Sie also auf, Ihre Energie und Ihr Geld für
das einzusetzen, was ich hier erkläre. Finanzieren Sie
konkrete Programme, mit denen unabhängige Journalisten einen guten Start haben. Ich denke, wir sind uns
alle einig, daß jetzt - da Länder im Frühstadium der
Ausarbeitung neuer Verfassungen sind, Rechtsordnungen aufarbeiten und bürgerliche Gesellschaften
aufbauen - die Zeit gekommen ist, wo es darauf
ankommt. Langfristig kann eine freie Presse nur in
AMERIKA DIENST 26

�einem demokratischen und marktwirtschaftlich orientierten Umfeld überleben. Der Schlüssel ist, daß wir
uns dort engagieren und unabhängige Stimmen unterstützen, bis sie sich selbst helfen können. Andernfalls
könnte unsere Hilfe zu spät kommen.
Es ist bereits viel gute und hilfreiche Arbeit zur Dekkung bestimmten Bedarfs geleistet worden: von Gannett,
dem US-Informationsamt, dem Internationalen Rundfunkrat, dem National Endowment for Democracy,
dem Internationalen Medienfonds, derSoros Stiftung,
der New York Times Stiftung, den Mittel- und Osteuropäern und Sowjets selbst und auch von vielen anderen. Jetzt ist die Zeit gekommmen, um praktische
Arbeit zu leisten.
Natürlich haben wir Amerikaner kein Monopol an Erfahrungen, und wir können nicht unsere eigenen Lösungen einfach übertragen. Zweifellos funktionieren
private Medien bei uns und auch bei anderen gut.
Wenn wir jedoch den Mittel- und Osteuropäern und
den Sowjets beim Aufbau unabhängiger Medien helfen, sollten wir uns nicht allzu sehr damit beschäftigen,
ob das Modell der Unabhängigkeit BBC, PBS, NBC
oder C-Span heißt - vorausgesetzt, Unabhängigkeit
heißt Freiheit von der Regierung oder von politischer
Kontrolle und politischem Einfluß.
Wir erkennen, daß Gruppen wie das Freiheitsforum
keine Fonds mit US-Regierungsstellen vermischen
wollen, obwohl sie unabhängig arbeiten. Aber wir
denken, daß kreative Möglichkeiten für parallele Arbeit
existieren. Wenn Sie also Möglichkeiten der Hilfe
erwägen, dann fordere ich Sie auf, den Bestrebungen
Priorität einzuräumen, die baldige und konkrete Ergebnisse in vier Schlüsselbereichen hervorbringen können.
Erstens: Ressourcen. Vielversprechende unabhängige Projekte werden ausschließlich mit ganz geringen
Mitteln und lokaler Initiative durchgeführt. Sie können
die Mittel bereitstellen, sie zu einer Zeit am Leben zu
erhalten, da der Übergang von Plan- zu Marktwirtschaften Maschinen und Material - wie Zeitungspapier, Computer, Satellitenschüsseln, Faxmaschinen
und Desktop-Publishing- schwer zugänglich undteuer
macht.
Zweitens: Investitionen: Sie können westliche Investitionen ermutigen, die der örtlichen Presse bei ihrem
Aufbau hilft. Sie können darüber hinaus Investitionen
fördern, um bestehende Medien zu privatisieren.

*

AMERIKA DIENST 26

Drittens: Fragen, der Kontrolle, Pressegesetze und
des Zugangs. Sie können dazu beitragen, die staatliche Kontrolle der Medien abzubauen. Die Einführung
eines angemessenen rechtlichen Rahmens ist eine
Möglichkeit zur Lösung des Problems. Ein weiteres
besteht darin, den unabhängigen Medien Zugangsrechte zu verschaffen, wo Frequenzen oder knappes
Material wie Zeitungspapier aus politischen Gründen
von offizieller Seite vorenthalten werden. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die Unterstützung des Internationalen Medienfonds für SOTI, die rumänische Gesellschaft zur Schaffung einer unabhängigen Fernsehgesellschaft, mit seiner schwierigen Kampagne für den
Zugang zu den Frequenzen.
Viertens und letztens: Ausbildung. Ein unabhängiger
ungarischer Journalist hat es richtig formuliert: "Wir
müssen lernen, daß Fakten wichtiger sind als Ideologien ... Wir müssen lernen, die Wahrheit unter all den
Lügen und der Korruption auszugraben, lernen, andere Meinungen zu tolerieren und verstehen, daß Konkurrenten nicht unbedingt Feinde sind."
Ich kann nicht genug die konkreten Beiträge betonen,
die wir in den vier von mir gerade beschriebenen
Hauptbereichen machen können. Auch wenn es die
Anlagen zur Störung von Rundfunk und Fernsehen,
Zensurgesetze und die Berliner Mauer selbst nicht
mehr gibt, bleiben noch viele ernsthafte Schranken für
den freien Informationsfluß: autoritäre Methoden,
verkrustete alte Strukturen, isolationistische und intolerante Einstellungen.
Die Überwindung dieser Schranken wird das erfordern, was Präsident Bush als "harte Arbeit der Freiheit" bezeichnet hat. Aber wir dürfen uns oder die
Menschen in Mittel- und Osteuropa und der Sowjetunion nicht täuschen: der Aufbau der Demokratie ist eine
schwierige Aufgabe. Er hat in den Vereinigten Staaten
und Westeuropa Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte
gedauert. Die Straße der Freiheit ist oftmals eine
unwegsame - auch die Menschen in Mittel- und Osteuropa und der Sowjetunion müssen das wissen.
Aber sie müssen auch wissen, daß wir sie in ihrem
Streben nach Freiheit unterstützen. Wir können ihren
Erfolg nicht garantieren. Das können nur sie selbst.
Aber wir können ihnen eine helfende Hand reichen,
wenn sie die neue Grenze - die Grenze namens
Freiheit - überschreiten.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�PORTRAIT
3. Juli 1991

BUSH ERNENNT SCHWARZEN KONSERVATIVEN
ZU MARSHALLS NACHFOLGER
Portrait von Clarence Thomas

WASHINGTON - (AD) - Als der schwarze Konservative Clarence Thomas Anfang 1990 bestätigt wurde, um
einen von drei freien Posten im 12 Mitglieder umfassenden amerikanischen Berufungsgericht des District
of Columbia zu übernehmen, lag auf der Hand, daß er
abgesehen von seinem Sitz im einflußreichen Berufungsausschuß als Kandidat für die Nachfolge von
Thurgood Marshall - dem einzigen Schwarzen im
Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten - in die
engere Wahl gezogen würde, sollte Marshall seinen
Abschied nehmen.

jedoch davon Abstand und seine Nominierung wurde
vom Rechtsausschuß mit nur einer Gegenstimme
genehmigt.

Nach Marshalls Ankündigung seines Rücktritts am
Ende der Gerichtssitzung vergangene Woche, wenn
sein Nachfolger vom Senat bestätigt ist, hat Präsident
Bush jetzt den 42jährigen Thomas für dieses Amt
benannt.

Einer seiner stärksten Befürworter, der republikanische Senator Orrin Hatch, stellte während der Anhörung fest, Thomas' für einen schwarzen Regierungsvertreter ungewöhnliche Positionen hätten ihn in eine
"unbequeme und schwierige" Lage manövriert, in der
er häufig von anderen schwarzen Politikern angegriffen würde.

Vorbehaltlich der Bestätigung durch den Senat wäre
Thomas, der in der Reagan-Administration sieben
Jahre lang Vorsitzender des Ausschusses für Chancengleicheheit am Arbeitsplatz war, nach Marshall der
einzige Schwarze, der je dem obersten Gericht der
Vereinigten Staaten gedient hat.
Der Kandidat, der für seine freimütig bekannte konservative Einstellung und insbesondere seinen Widerstand gegen Gleichstellungsprogramme einschließlich Quotenregelungen und Zeitplänen zur Unterstützung der Minderheiten vielleicht am besten bekannt
ist, hat von einigen Bürgerrechtsgruppen und Interessenvertretungen der Minderheiten Kritik geerntet.
Die Leiter von Organisationen wie dem Nationalen
Verband für die Förderung von Farbigen (National
Association for the Advancement of Colored People NAACP), die mit der Begründung, er gehe lasch bei der
Durchsetzung von Gesetzen gegen Diskriminierung
vor, Einwände gegen seine Qualifikation für das Distrikt-Berufungsgericht vorbringen wollten, nahmen

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Während der Anhörung versicherte Thomas den
Ausschußmitgliedern, die Verwirklichung der Gesetze
werde nicht durch seine persönlichen Überzeugungen
beeinträchtigt. "Meines Erachtens steht es einem
Richter nie zu", erklärteer, "seine eigenen Intentionen
vor die Intention der Gesetzgebung zu stellen. Selbst
wenn meine eigene Meinung beträchtlich abwich, habe
ich dem Gesetz Vorrang eingeräumt."

"Das ist eine Wahl zwischen Prinzip und Popularität,"
erklärte Thomas dem Ausschuß.
"Ich bestehe nachdrücklich darauf," schrieb Thomas
1987 an das Wall Street Journal, "daß die Verfassung
farbenblind ausgelegt wird. Demnach ziehe ich schwarze Selbsthilfe einer Quotenregelung und anderen
rassenspezifischen rechtlichen Kunstgriffen vor, die
das eigentliche Problem nur verschärfen."
Der Kandidat für den Obersten Gerichtshof wurde von
seinen Großeltern im ländlichen Süden in der Nähe
von Savannah, in der Stadt Pinpoint (Georgia) in Armut
aufgezogen. Sein Vater M.C. Thomas verließ seine
junge Frau, als Thomas zwei Jahre alt war. Bis zu
seinem sechsten Lebensjahr lebte er mit seiner Mutter, ihrer Tante und ihrem Onkel sowie zwei Geschwistern in einem Haus ohne fließendes Wasser und
einem Holzofen zum Heizen.

Seite 1

�Seine Mutter arbeitete als Dienstmädchen und in einer
nahegelegenen Konservenfabrik. 1955 wurden Thomas und sein jüngerer Bruder nach Savannah geschickt, um bei den Großeltern zu leben.

Als Student an der Yale Law School heiratete er seine
erste Frau, mit der er einen heute 18jährigen Sohn hat.
1983 wurde er geschieden und heiratete 1987 seine
jetzige Frau Virginia Lamp.

Zu seiner Kindheit sagt Thomas, daß Lebensmittel
knapp waren und Schuhe nur zur Schule getragen
wurden. Einem Journalisten gegenüber erklärte er:
"Man hat wirklich keine Ahnung, was Hunger ist, wenn
man nicht in der Vorstellung gelebt hat, nie genug zu
essen zu haben."

Nach seinem Juraexamen arbeitete Thomas für den
damaligen Justizminister von Missouri und heutigen
republikanischen Senator John Danforth. 1977 wurde
er Anwalt für Monsanto, eine Chemiefabrik in St. Louis.
Drei Jahre später zog er nach Washington, um als
Rechtsberater für Danforth zu arbeiten, der zu dieser
Zeit bereits Senator war.

Obwohl Thomas' Großvater kaum lesen und schreiben konnte, zwang er die beiden Jungen, regelmäßig
zur Schule zu gehen. In ihrer Freizeit halfen sie ihm,
Öl und Eis auszuliefern.

1981 trat Thomas ins Erziehungsministerium ein, wo
er Leiter der Abteilung Bürgerrechte wurde. Ein Jahr
später - Thomas war 33 - wurde er als Vorsitzender
des Ausschusses für Chancengleichheit am ArbeitsThomas kam zum ersten Mal mit der Welt der Wei ßen
platz bestätigt.
in Kontakt, als er 1964 das St. John Vianny Seminary
in Savannah besuchte. Sein erstes Jahr im College Sein gegenwärtiger Arbeitgeber, das Berufungsgeverbrachte er im Immaculate Conception Seminary in richt des District of Columbia, wird allgemein als zweitMissouri, dann wechselte er an das Holy Cross College höchstes Gericht nach dem Obersten Gericht betrachin Worcester, Massachusetts, wo er 1971 sein Bakka- tet, weil es Einsprüche von Bundesbehörden ebenso
annimmt wie Fälle aus Vorinstanzen.
laureat mit Auszeichnung ablegte.

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Seite 2

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�EXPORTKONTROLLEN
3. Juli 1991

EXPORTKONTROLLEN UND HANDEL
IN DEN NEUNZIGER JAHREN
von Botschafter Allan Wendt
BONN - (AD) - Der Autor ist im US-Außenministerium mit Fragen der strategischen Technologie befaßt. Dieser
Artikel basiert auf einer Rede, die Botschafter Wendt am 11. Juni 1991 zum Thema "US-Exportkontrollen in einer
sich verändernden Welt" beim Symposium der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Irvine (Kalifornien)
gehalten hat.

Kein Ereignis hat in den letzten Jahren das Interesse
und die Hoffnungen der Welt so gefangengenommen
wie die Vorfälle, die dazu geführt haben, daß Europa
das Joch des Kommunismus abgeworfen und die
lange und schwierige Reise zu Demokratie und Marktwirtschaft angetreten hat. Darüber hinaus verändern
Glasnost und Perestrojka die Sowjetunion. Infolgedessen hat eine erhebliche Liberalisierung der Exportkontrollen stattgefunden, insbesondere beim Treffen
hochrangiger Vertreter (High Level Meeting) des
Koordinationsausschusses für ost-westliche Handelspolitik (COCOM) im Juni 1990 und auch beim Treffen
derselben Gruppe am 23. Mai 1991. Bei diesem
letzten Treffen einigte man sich auf eine neue gekürzte
Kernliste eindeutig strategischen Geräts und strategischer Technologie. Diese Kernliste soll ab 1. September dieses Jahres gelten.
Dennoch steht die Welt immer noch vor beängstigenden Herausforderungen, die eine vollständige Abschaffung der Exportkontrollen verhindern. Die Unterdrückung der Baltenstaaten durch die Sowjets beweist
die Notwendigkeit für Vorsicht bei der Erleichterung
von Exportkontrollen für die Sowjetunion. Darüber
hinaus waren die sowjetischen Militärausgaben trotz
der jüngsten Reduzierungen im vergangenen Herbst
noch höher als bei Gorbatschows Amtsantritt. Die
sowjetischen Interkontinentalraketen (ICBM) werden
modernisiert, nach wie vor stationiert ist die silogestützte und schienengestützte ICBM des Typs SS-24,
die straßengestützte SS-25 und eine neue Version der
SS-18 mit 10 Gefechtsköpfen (mit größerer Sprengkraft und Zielgenauigkeit). Bomber der Typen BEAR
H und BLACKJACK werden mit Marschflugkörpern
längerer Reichweite disloziert, und qualitative Verbes-

AMERIKA DIENST 26

serungen erfolgen bei den mit ballistischen Raketen
ausgerüsteten U-Booten vom Typ DELTA IV und
TYPHOON, die jeweils 16 und 20 Atomraketen an
Bord haben. Bei der strategischen Verteidigung haben
die Sowjets ihr zweistufiges Raketenabwehrsystem
um Moskau modernisiert und verfügen weiterhin über
die Fähigkeit zur Zerstörung von Satelliten. Die Forschung über noch modernere Systeme wie etwa Laser
beweist das starke sowjetische Interesse an der militärischen Nutzung des Weltraums.
Noch beunruhigender ist die Tatsache, daß die militärische Modernisierung in der Sowjetunion zu einer Zeit
großer politischer Unberechenbarkeit stattfindet.
Niemand ist sicher, ob die von Gorbatschow eingeleiteten politischen und wirtschaftlichen Reformen von
Dauer oder erfolgreich sein werden, und wir können
auch nicht wissen, wie lange Gorbatschow oder seine
potentiellen Nachfolger die Kontrolle innehaben. Unter diesen Umständen sind Exportkontrollen tatsächlich eine wichtige Form der Versicherung gegen Irrwege.
Unsere Sorge gilt nicht allein der Sowjetunion. Chinas
Politik der Weiterverbreitung von Raketen und Nukleartechnologie fordert ebenfalls Vorsicht und anhaltende Aufmerksamkeit. Ferner bekräftigen die Ereignisse am Persischen Golf die Notwendigkeit effektiver
nationaler und multilateraler Kontrollen von Waren und
Technologien, die zur Verbreitung von Massenvernichtungswaffen beitragen können.
Als Reaktion auf steigende Besorgnis über die Verbreitung solcher Waffen hat die Regierung die Initiative zur
verbesserten Kontrolle der Weiterverbreitung (Enhanced Proliferation Control Initiative - EPCI) ins Leben
Seite 1

�gerufen, um unsere Fähigkeit zur Kontrolle von Gütern
und Technologie zu verbessern, die zu unterschiedlichen Zwecken genutzt werden und für die Herstellung
chemischer und biologischer Waffen und Raketen
nützlich sein können. Erhebliche Fortschritte wurden
beim Treffen der 20 Länder umfassenden AustralienGruppe im Mai erzielt, die sich zum Ziel gesetzt hat, zur
Herstellung chemischer und biologischer Waffen verwendetes Gerät und Material zu kontrollieren und eine
Liste von zu kontrollierendem Mehrzweckgerät aufzustellen. Die Liste der Australien-Gruppe folgt im allgemeinen der Initiative des Präsidenten zur verbesserten
Kontrolle der Weiterverbreitung. Wiederum hat die
Führungsrolle der Vereinigten Staaten die internationale Staatengemeinschaft zum Handeln bewegt.
In ähnlicher Weise wird die US-Initiative zur Erlangung
multilateraler Zustimmung zur Kontrolle von unterschiedlich einsetzbaren Waren und Mehrzwecktechnologie immer stärker akzeptiert. Andauernde Gespräche mit wichtigen Lieferanten entsprechender
Anlagen haben einen zunehmenden Konsens über die
Notwendigkeit zutage gefördert, ein multilaterales
Rahmenwerk einzurichten, um Exporte zu verhindern,
die weiterverbreitenden Ländern bei der Entwicklung
nuklearer Fähigkeiten helfen könnten.
Zum Teil infolge der Ereignisse am Persischen Golf
sind mehrere neue Länder dem Kontrollregime zur
Raketentechnologie beigetreten. Die Bilder von Zivilisten, die im Golfkrieg in Erwartung eines Raketenangriffs mit chemischen Waffen Gasmasken anlegen,
haben die dringende Notwendigkeit unterstrichen, den
Erwerb solcher Raketensysteme durch instabile Regime zu unterbinden.
Im November 1990 forderte Präsident Bush Bestrebungen zur Verbesserung der multilateralen Anwendung von Exportkontrollen für Hochleistungscomputer. Auf der Basis dieser Initiative schlössen die
Vereinigten Staaten und Japan am 6. Juni 1991 Konsultationen über Exportkontrollen für Supercomputer
ab. Das Hauptziel dieser Konsultationen bestand in
der Aufrechterhaltung von Kontrollen für Exporte von
Supercomputern an zweifelhafte Bestimmungsorte,
gleichzeitig sollte aber die Belastung durch Exportlizenzen für seriöse Bestimmungsorte aufgehoben
werden. Für Exporte in Länder, die im Hinblick auf die
nationale Sicherheit oder Verbreitung Anlaß zur Sorge
geben - etwa solche, die den Vertrag über die Nichtverbreitung von Atomwaffen nicht unterzeichnet haben sind strenge Vorschriften gegen Mißbrauch notwendig. Je nach Bestimmungsort und Umständen eines
bestimmten Exports können Bestellungen nicht ausgeführt werden. Darüber hinaus wurden Supercomputer als "jeder Computer mit einer CTP, die 195 Millionen oder mehr theoretische Operationen pro Sekunde
durchführt", definiert.
Das politische Dilemma der Regierung besteht darin,
ein Gleichgewicht zwischen umfangreichen KontrolSeite 2

len, die den legitimen Außenhandel verhindern und
denjenigen Kontrollen zu finden, die die Vereinigten
Staaten und andere wichtige Wettlieferanten für notwendig erachten, um gemeinsame Sicherheitsziele zu
unterstützen.
Ein solches Gleichgewicht ist notwendig, um unser
Exportkontrollsystem an die neuen Realitäten in den
ehemals kommunistischen Ländern anzupassen und
wirksame multilaterale Kontrollen zu erarbeiten, um
die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen in Angriff
zu nehmen.
Nirgends ist der Balanceakt schwieriger als im COCOM, und nirgends war die amerikanische Führungsrolle augenfälliger. Mit den am 23. Mai beim High Level
Meeting des COCOM getroffenen Entscheidungen
haben wir das Versprechen des Präsidenten erfüllt,
eine neue Kernliste wirklich entscheidender Güter und
Technologien zu erarbeiten. Ein Schlüssel zur erfolgreichen Verabschiedung der Kernliste war die uneingeschränkte Beteiligung der US-Industrie an der Erarbeitung amerikanischer Vorschläge für die Kernliste.
Es mag die Frage aufgeworfen werden, warum in
bestimmten Bereichen wie etwa Computer und Werkzeugmaschinen keine größere Liberalisierung erreicht
wurde. Die Antwort ist komplex, ich kann Ihnen jedoch
versichern, daß die von allen betroffenen US-Behörden einschließlich des Gemeinsamen Stabs im Pentagon unterbreiteten Vorschläge zur Kernliste der genauesten und umfassendsten technischen Überprüfung in der jüngeren Geschichte des COCOM unterzogen wurden. Auf Vorschlag des Gemeinsamen Stabs
haben die Vereinigten Staaten eine neue Maßnahme
- eine Art militärischen Gradmesser - verabschiedet,
das Ausmaß, in dem die Beschaffung von Gütern oder
Technologie durch die Sowjets zur Behebung eines
entscheidenden technologischen Gefälles beitragen
würde. Ein gutes Beispiel sind die Nachtsichtgeräte,
die - wie wir im Golfkrieg beobachten konnten - eine
entscheidende Rolle beim Sieg der Koalitionsstreitmacht gespielt haben.
Im Rahmen unserer Überarbeitung der Kemliste haben wir die dem Ausland zur Verfügung stehenden
Technologien von Avionik bis hin zu Lasersystemen
einer genaueren Überprüfung unterzogen. Wo immer
diese Technologien außerhalb des COCOM zur Verfügung standen, haben wir uns bereitwillig auf die Freigabe dieser Güter geeinigt. Wenn wir feststellten, daß
die sowjetischen Fähigkeiten dem bisherigen Kontrollniveau entsprachen oder darüber lagen, haben wir uns
ebenfalls für eine Aufhebung der Kontrolle eingesetzt.
Wo Mehrzweckgüter oder -technologien für die COCOM-Lieferanten jedoch von strategischer Bedeutung
sind und Lücken schließen, haben wir die Verbündeten
gedrängt, die Kontrollen aufrechtzuerhalten.
Die neue Kernliste beinhaltet im allgemeinen bessere
Spezifizierung bei der Beschreibung der kontrollierten

AMERIKA DIENST 26

�Güter, Anpassung der Kontrollkriterien an den derzeitigen technischen Standard der Industrie, Freigabe der
leicht verfügbaren,' 'direkt aus dem Regal" erhältlichen
Güter sowie Angleichung der Zollsysteme.
Im Hinblick auf Computer sind wir zu dem Schluß
gelangt, daß außerhalb von COCOM kein wirklicher
Markt für Computer mit einem CTP von über 23
besteht. Dasselbe gilt für Werkzeugmaschinen mit
einer größeren Genauigkeit als sechs Mikron. Infolgedessen wurde die COCOM-Kontrollgrenze genau
unterhalb dieser Werte angesiedelt. Ich verweise
darauf, daß die Kontrollkriterien für Computer von
PDR (processing data rate - Datenverarbeitungsgeschwindigkeit) zu CTP geändert wurden, weil CTP ein
genaueres Maß für die Leistung eines Computers ist.
Einigung auf eine Kernliste wird zu einer beträchtlichen
Lockerung der Kontrollen für Computer und die dazu
gehörigen Geräte führen. Die Kontrollen für praktisch
alle Personal- und Minicomputer und ihre Peripheriegeräte werden gelockert. Wir werden die Kontrollen für
nahezu alle Peripheriegeräte mit Ausnahme von
Hochgeschwindigkeits-Laufwerken, HochleistungsGraphik- und Messgeräten aufheben.
Auch die Kontrollen für genormte integrierte Schaltkreise wurden erheblich gelockert. Alle DRAM-Chips
(dynamic random access memory) werden ebenso
freigegeben wie die meisten bei Personalcomputern
verwendeten standardisierten 32 Bit-Mikroprozessoren. Die Kontrollen für Geräte zur Herstellung von
integrierten Schaltkreisen und Silikonmaterialien werden entsprechend gelockert. Und schließlich werden
alle zivilen Aufzeichnungsgeräte, die bestimmte internationale Normen erfüllen, freigegeben.
Als abschließende Bemerkung zu den COCOM-Kontrollen möchte ich das Thema der Telekommunikationssysteme und -technologie anschneiden. Die
technischen und politischen Experten haben lange
und hart gearbeitet, um Wege zu erarbeiten, die es
amerikanischen Firmen ebenso wie unseren Verbündeten gestatten werden, moderne Telephonsysteme
in der Sowjetunion und Osteuropa zu installieren. Wir
setzen jedoch unsere Sicherheitsinteressen ernsthaft
aufs Spiel, wenn wir hochmoderne Telekommunikationsgeräte und -technologien für den internen Gebrauch in die Sowjetunion exportieren. Bis sich die
Lage in der Sowjetunion berechenbarer und vielversprechender gestaltet, müssen wir bei Genehmigungen zur Lieferung von Hochgeschwindigkeits-Mikrowellen- und Faseroptiksystemen, mit denen die strategischen Fähigkeiten der Sowjetunion drastisch verbessert werden könnten, während sie gleichzeitig unsere
nachrichtendienstlichen Ermittlungsfähigkeiten erheblich verringern würden, unsere bisherige Politik weiterverfolgen.
Auch im Telekommunikationsbereich gibt es gute
Nachrichten. Die Kontrollen zur Freigabe von Digital-

AMERIKA DIENST 26

schaltem wurden gelockert und gestatten es den Sowjets,
öffentliche Netze zur digitalen Stimmübertragung und
Datennetze aufzubauen, die in ihrer Auslegung und
Funktionsfähigkeit den bereits im Westen installierten
entsprechen. Die Sowjets werden in der Lage sein,
solche Dienste wie Fax, Mobiltelephone, elektronische
Briefkästen und Sprachspeicherdienste auf dem technischen Stand zu beschaffen, dessen sich die Verbraucher im Westen bereits erfreuen.
Im Hinblick auf internationale Verbindungen kam der
COCOM überein, bestimmte Mikrowellensysteme nach
nationalem Ermessen in jedes beliebige Land zu exportieren. Im selben Tenor wurde Einigung erzielt,
unter dem Begünstigungsverfahren (die Zustimmungsvermutung) den Export von Faseroptikleitungen für
den intertnationalen Telefonverkehr in jedes beliebige
Land bis an seine internationalen Grenzen auf einer
bestimmten Laserwellenlänge zu gestatten.
Zusammengenommen werden diese Änderungen eine
enorme Verbesserung der Kommunikation zwischen
der UdSSR und dem Westen bedeuten und damit
sowohl das Unternehmenswachstum als auch persönliche Kontakte fördern und es der Sowjetunion gestatten, ein dem westlichem Standard Anfang bis Mitte der
achtziger Jahre vergleichbares Telekommunikationssystem zu beschaffen.
Für alle Bestimmungsländer mit Ausnahme der Sowjetunion und Nordkoreas wird die Kernliste ebenfalls
den Export - wiederum unter dem Begünstigungsverfahren-von Mikrowellenverbindungen für den internen
Gebrauch (das hei ßt, nicht auf internationalen Verkehr
beschränkt) und, nach nationalem Ermessen, Faseroptikverbindungen auf einer bestimmten Laserwellenlänge gestatten.
Schließlich haben sich die COCOM-Länder in umfassenden Liberalisierungsbestrebungen für Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei geeinigt, daß alle
Telekommunikationsgeräte mit Ausnahme von Veschlüsselungsgeräten nach nationalem Ermessen
exportiert werden können.
Unseres Erachtens stehen diese Liberalisierungsbestrebungen im Einklang mit unseren gemeinsamen
Interessen und gestatten gleichzeitig eine umfassende Handelstätigkeit.
Die COCOM-Partner haben darüber hinaus die Frage
der Streichung Polens, Ungarns und der Tschechoslowakei von der Liste unzulässiger Bestimmungsorte
erörtert. Wir waren uns einig, entscheidende Fortschritte in diese Richtung würden davon abhängen,
daß diese Staaten die Kontrollen ebenso effektiv
handhaben wie die Mitgliedstaaten. Das gilt sowohl für
aus den Mitgliedstaaten importierte Produkte wie auch
für in dem betreffenden Land hergestellte Güter. Darüber
hinaus muß jedes Land eine solide rechtliche Grundlage für die Durchführung seines Exportkontrollsy-

Seite 3

�stems besitzen, um von der Liste verbotener Bestimmungsorte gestrichen zu werden. Für Polen, Ungarn
und die Tschechoslowakei besteht vorläufig ein besonderes Verfahren, das von einer Zustimmungsvermutung für alle außer den sicherheitsempfindlichsten
Gütern zur Lieferung in diese drei Länder ausgeht. Die
von uns vermittelte Botschaft lautet, daß die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten im COCOM verpflichtet sind, diesen drei Ländern bei ihren Bemühungen zu helfen, ihre Volkswirtschaften durch Umgestaltung zu einem marktorientierten System zu modernisieren.
Eine Lockerung der Exportkontrollen kann nicht ohne
parallele Bemühungen zur Verbesserung ihrer Durchführung erlangt werden. Dabei handelt es sich um
höhere Zäune, die um eine geringere Zahl von Gütern
errichtet werden müssen. Beim High Level Meeting
wurde vereinbart, daß der gemeinsame Standard effektiven Schutzes am 1. Januar 1992 in Kraft treten
soll. Mit dem gemeinsamen Standard werden die
Kriterien für ein effektives Durchführungsregime zur
Kontrolle von Gütern und Technologien festgelegt, um
deren Abzweigung für nicht genehmigte Verwendung
oder Bestimmungsorte zu verhindern. Die Anwendung des gemeinsamen Standards wird weitere Fortschritte zur Erleichterung der innerwestlichen Lizenzvergabe gestatten, indem zusätzliche Gegenstände in
die lizenzfreie Handelszone des COCOM aufgenommen werden.
Der rasche technologische Fortschritt, der Gerät binnen weniger Jahre veralten läßt sowie die Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen als brennendes Problem waren wichtige Faktoren bei unseren Überlegungen zur Neudefinition der Kernliste des COCOM. Aber
Präsident Bush und hochrangige Berater in der Administration erkannten darüber hinaus, daß Exportkontrollen entscheidende Auswirkungen auf unsere wirtschaftliche Sicherheit haben. Wenn die Lieferländer
die Exportkontrollen nicht gleichmäßig anwenden und
durchsetzen, dann sind diese Kontrollen nicht nur
ineffektiv sondern wirken sich auch negativ auf unsere
Handelsbilanz und Wettbewerbsfähigkeit aus. Eine
solche potentielle Bedrohung unserer wirtschaftlichen
Sicherheit ist ebenso eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit wie eher traditionelle Anliegen des strategischen Gleichgewichts, regionaler Konflikte oder
der Waffenentwicklung.
Eine unlängst von der Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlichte Studie mit dem Titel "Finding Common Ground" kam zu dem Schluß, daß die
Exportkontrollen weder in der momentanen Euphorie
abgeschafft noch die strenge Anwendung der Vergangenheit wiedereingeführt werden sollten. Die von der
Administration im Rahmen des COCOM im Hinblick
auf Nichtverbreitung ergriffenen Maßnahmen sind
meines Erachtens dieser Herausforderung gerecht
geworden. Obwohl sie vielleicht nicht die Erwartungen
aller interessierten Parteien erfüllen, sind die beim
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letzten High Level Meeting des COCOM verkündeten
Veränderungen ein Schritt nach vorn auf dem Weg zu
einem Gleichgewicht zwischen verstärktem Handel
und der Aufrechterhaltung einer soliden nationalen
Sicherheitspolitik. Wir möchten unser Exportkontrollsystem den neuen Realitäten in ehemaligen kommunistischen Ländern und den Veränderungen in der
Sowjetunion anpassen. Gleichzeitig möchten wir dies
auf eine Art und Weise und in einem Tempo bewerkstelligen, daß unsere nationale Sicherheit weiterhin
vor alten und neuen Gefahren geschützt wird.
Welches sind die nächsten Schritte? Jetzt, da die
Erstellung der Kemliste abgeschlossen ist, muß die
Industrie wissen, welche Art von Exportkontrollsystem
sie erwarten kann. Ich kann Ihnen keinen detaillierten
Leitfaden geben. Ich kann Ihnen jedoch einen Einblick
in die Überlegungen der Administration vermitteln.
Die Kemliste schafft keine rote Linie oder eine absolute
Grenze. Wir werden weiterhin Exporte von Objekten
auf der Kernliste gestatten, wenn sie erwiesenermaßen zivilen Zwecken dienen und für diese geeignet
sind. Wir und unsere Verbündeten im COCOM haben
im Jahr 1990 nahezu 1.600 Lizenzen im Wert von etwa
1,7 Milliarden Dollar für zivile Endverbraucher in der
Sowjetunion erteilt. So haben wir zum Beispiel den
Export von Hochleistungscomputern für die Sicherheit
sowjetischer Kernkraftwerke sowie den Verkauf der
modernsten heute auf dem Markt befindlichen Passagierflugzeuge gestattet. Darüber hinaus hat der Präsident den Sowjets wie auch der Industrie zugesagt,
daß wir Lieferungen von Gütern und Technologien zur
Modernisierung der sowjetischen Energieversorgung
wohlwollend berücksichtigen würden, insbesondere
zur Exploration und Entwicklung von Öl- und Gasvorkommen. Im vergangenen Jahr haben wir etwa 95%
aller allgemeinen Ausnahmefälle genehmigt, und bei
Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei lag die
Genehmigungsquote noch höher. Dem neuen "besonderen Verfahren" zufolge wird für die meisten
Exporte in diese drei Ländereine Zustimmungsvermutung gelten. Sicherlich beruht die Fähigkeit zu exportieren nicht gänzlich auf der Frage, ob ein Gegenstand
Kontrollen unterliegt oder nicht.
Der sowjetische Markt ist nicht der einzige potentielle
neue Geschäftsbereich. Insbesondere Polen, Ungarn
und die Tschechoslowakei streben die vollständige
Integration in das westliche Wirtschaftssystem an. Es
mag vielleicht überraschen, daß es gerade die Vereinigten Staaten waren, die beim Drängen nach einer
durchgreifenden Liberalisierung der Exportkontrollen
für diese Länder die Führungsrolle übernommen haben.
Der COCOM bleibt ein effektives und wichtiges Instrument der nationalen Sicherheit, weil wir in der Lage
waren, ihn den veränderten Umständen anzupassen.
Wir werden dies auch weiterhin tun, da wir erkennen,
daß wir nicht weniger tun und dabei der Unterstützung
AMERIKA DIENST 26

�unserer Verbündeten sowie der Industrie gewiß sein
können. Mit der Fertigstellung der Kernliste haben wir
eine neue internationale Industrieliste geschaffen, die
lediglich die wichtigsten Güter und Technologien kontrolliert, die erforderlich sind, um den bestehenden
technologischen Vorsprung westlicher militärischer
Systeme gegenüber solchen sowjetischen Ursprungs
zu bewahren, einen Vorsprung, der während der
Operation Wüstensturm klar zutage getreten ist. Das
Wirtschaftsministerium schätzt, daß die neue Liste bei
der Anzahl kontrollierter Güter eine 65prozentige
Reduzierung der Liste vom Juni 1990 darstellt. Wir
gehen davon aus, daß es bei Computerexporten allein
eine 70prozentige Reduzierung der Lizenzanträge geben
wird.

Die Zukunft ist sowohl vielversprechend als auch gefahrvoll. Die Veränderungen in Osteuropa und - wie wir
hoffen - in der Sowjetunion bieten Aussichten auf eine
weitere Liberalisierung der Exportkontrollen und zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten für amerikanische
Firmen. Wir engagieren uns weiterhin für ein Gleichgewicht zwischen nationaler Sicherheit und dem Abbau
von Handelsschranken. Zur Herstellung dieses Gleichgewichts möchten wir uns auf die Geschichte des
COCOM sowie die Zusammenarbeit mit der Industrie,
unseren Verbündeten und Partnern stützen.

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AMERIKA DIENST 26

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